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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Die Herrin und ihr Knecht - -Author: Georg Engel - -Release Date: November 28, 2015 [EBook #50283] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HERRIN UND IHR KNECHT *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - -[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ] - - - - - Die Herrin und - ihr Knecht - - Roman - von - Georg Engel - - - Sechstes bis zehntes Tausend - - Grethlein & Co. G. m. b. H. in Leipzig - - [Illustration] - - Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, von der - Verlagsbuchhandlung vorbehalten. - - =Copyright 1917 by Grethlein & Co. G. m. b. H. in Leipzig.= - - Druck von _August Pries_ in Leipzig. - - - - -Erstes Buch. - - - - -I. - - -Das Landhaus der Grothes wurde wieder geweißt. Aber der Blutfleck neben -dem Fenster, das auf den Hof heraus ging, blieb erhalten. Die Maurer hatten -ihn auf strenge Anordnung hin verschonen müssen. Und wenn Johanna Grothe -mit ihren Knechten hier vorüberwandelte, dann verzog sich ihr herrischer -Mund noch stolzer und selbstbewußter, und ihre hohe Gestalt reckte sich -auf, daß ihr Marmorhaupt, wie es Konsul Bark immer genannt hatte, hoch -über die geduckten ostpreußischen Landleute herausragte. Das begab sich -am Tage. Wenn sie jedoch gegen Abend zurückkehrte, um ihren Sitz auf der -Gartenbank hart an der Wiese einzunehmen, dicht an der Stelle, wo unter den -hochaufgeschossenen Eichenbäumen die Hermen der drei römischen Cäsaren -zerbröckelten, dann warf die Vorüberschreitende manchmal einen langen -prüfenden Blick auf das rote Mal, und ihre feste, schmale Hand führte -eine Bewegung aus, als ob ein strenger und geordneter Mensch etwas -Unwillkommenes, Unerhörtes auszustreichen gedachte. Aus der Dorfkirche -von Maritzken läutete dann von dem niedrigen Holzturme das singende -Glöckchen, das auch damals in die Fieberträume der Grotheschen Ältesten -hinein gewimmert hatte. Und der Wind fächelte über das hart getretene -Viereck in dem Kleeacker, das eigentlich ein Grab vorstellte. - -Ja, die Nacht mit ihren Schrecken war vorübergerast, und der Morgen wollte -für die Heimat und die deutsche Menschheit tagen. Und ebenso, wie Johanna -Grothe, so stand ihr ganzes Volk vor der weißen Mauer, die wieder frisch -getüncht war, und sah auf das helle Blutmal, das in der Sonne funkelte. -Ohne Haß, ohne Rachsucht, nur in dem Bewußtsein, daß die Erinnerung -daran nicht wieder fortgelöscht werden könnte, und daß jeder alle -Kräfte daransetzen müsse, die Mauern des großen Hauses bis auf den einen -Fleck weiß und sauber zu erhalten. - - * * * * * - -Jedem Beschauer bot es einen hellen, einen erfreulichen Anblick, als der -leichte, gelbe Jagdwagen, von den beiden wiehernden und schnaubenden Rappen -gezogen, in die ersten Straßen der Provinzialhauptstadt einbog. Grüne und -blaue Frauenschleier wehten in dem frischen Wind hinter dem Gefährt her, -unter den flatternden grauen Staubmänteln blitzten vorüberhuschend weiße -und rosa Sommerkleider auf, und zuweilen wurde das Rasseln der Räder durch -ein plötzlich auffahrendes Mädchenlachen übertönt, das sich ungeniert -und im vollen Genuß des Augenblicks äußerte. Dann streckte mancher -kleine Handwerksmeister den Kopf aus seinem Laden heraus, oder in den -schrägen Spionenspiegeln, die an die schmalen Fenster der Wohnstuben -angeschraubt waren, tauchte das zitternde Konterfei einer nähenden -Bürgersfrau auf, die nach einem Blick auf das strahlende Gefährt -befriedigt feststellte: - -»Aha, die drei Grothe-Marjellen sind wieder da. Hellwig, du bleibst zu -Hause, die Älteste kauft nachher ein.« - -Und nach einer Weile des Herauslugens setzte dann wohl die dicke -Vorkosthändlerin in angenehmer Gewißheit hinzu: - -»Natürlich, die Grotheschen stellen im Deutschen Hause ein. Da hat es -dann Konsul Bark nicht weit. Merkwürdig, sie sollten doch einmal Ernst -machen. Aber bei dieser Art Leuten ist das Herumziehen die Hauptsache. -Freilich, mich geht's nichts an, ich bin ja nicht die Mutter.« - -Und unten aus dem tiefen Kellerloch dröhnte eine verquollene Stimme zur -Antwort herauf: - -»Meines Wissens nicht, Mamachen. Und wehe dir, wenn du nachher Andeutungen -machst.« - -»I wo,« wehrte sich die Dicke und wischte an den Fensterscheiben, damit -sie dem prächtigen Wagen noch etwas länger folgen könnte. »Ich kümmere -mich nicht um die Angelegenheiten fremder Leute. Bloß der Umstand, daß -Konsul Bark, dieser feine Herr, auch mit anderen --« - -In diesem Moment jedoch wurde die Klapptür des Kellers mit solcher Wucht -in ihre Einfassung geschleudert, daß das Häuschen einen Sprung machte und -jedes vernünftige Gespräch verstummen mußte. - -Das war sehr unrecht, man hätte noch allerlei erfahren. - -Unter der Einfahrt des Deutschen Hauses stand Johanna Grothe -- »Hans«, -wie sie sowohl von ihren Schwestern als auch von Freunden genannt wurde --- vor dem gelben Jagdwagen, den die Mädchenschar soeben verlassen, und -während sich die anderen jungen Damen die Staubmäntel schüttelten und -die Toiletten ein wenig in Ordnung brachten, gab die Älteste dem noch auf -dem Bock sitzenden halbwüchsigen Kutscherjungen ihre letzten Befehle. -Sie sprach sehr nachdrücklich mit ihrer festen, ruhigen Stimme, denn -der Bursche da oben war nur schwer seiner polnischen Schläfrigkeit zu -entreißen, und er sah auch jetzt aus blöden Augen apathisch einer Rotte -von Fliegen zu, die den Rücken seiner Tiere peinigte. - -»Stasch, du spannst hier aus.« - -Der Junge rührte sich nicht, sondern schüttelte nur ein wenig verwundert -das Haupt, weil sich immer mehr Bremsen einfanden. Die Tiere schlugen -hinten aus. - -»Ausspannen, Panna?« murmelte er geistesabwesend. - -»Ausspannen,« rief Hans böse hinauf, und dabei versetzte sie dem -Rosselenker einen Ruck gegen den Arm, daß der Junge beinahe sein -Gleichgewicht verloren hätte. - -»Oh Jesus, Panna,« stöhnte er. - -»Und dann soll hier gefuttert werden,« bestimmte die hochgewachsene -Blonde weiter. - -»Gefuttert?« murmelte Stasch in sich hinein, wobei er beinahe Miene -machte, von neuem in seinen slawischen Schlaf zu versinken. - -Die beiden anderen Schwestern lächelten ein bißchen und warfen sich -verständnisinnige Blicke zu. Es lag etwas Überlegenes in dieser -verhaltenen Heiterkeit, und es schien fast, als ob die Jüngeren einen -heimlichen Bund miteinander geschlossen hätten. Die Große jedoch hatte -jetzt völlig ihre Geduld verloren. Hochauf reckte sich die kräftige -Gestalt, die Hüften spannten sich, als ob es einen Gewaltstreich -auszuführen gelte, und im nächsten Augenblick bereits schoß der -weißblonde Pole, einem Zug der in feinem Glacéleder steckenden Frauenhand -folgend, vom Bock. Jetzt schrien die beiden anderen Mädchen auf. Der -rasche Angriff, sowie das Herbeieilen einiger fremder Menschen empörte -sie. Die Herrin von Maritzken aber wandte sich nach ihnen um, und in diesem -Augenblick zeigte ihr Antlitz wieder jene Marmorblässe, die Konsul Bark, -als ein gewählter Frauenkenner, überall so hervorhob. - -»Ihr geht in das Gastzimmer,« herrschte die Älteste die Schwestern an, -als gäbe es gegen ihren Entscheid keinerlei Widerspruch. »Ich habe es -nicht gern, wenn wir hier so in Massen auftreten. Und diesem Bengel möchte -ich das Gespann doch nicht unbeaufsichtigt überlassen. Nun dalli, Ihr -erwartet mich drin. Ich möchte nachher noch einen Gang machen.« - -»Einen Gang?« fragte die brünette Marianne, die zwar erheblich jünger -war wie ihre befehlshaberische Schwester, ihr aber dennoch im Alter am -nächsten kam. »Einen Gang?« forschte sie mit der matten Lässigkeit -ihrer Bewegungen, in denen so viel gefährlicher Reiz wirken konnte, »du -willst dich gewiß mit Konsul Bark treffen, nicht wahr, Hans?« - -Die Große verzog ein wenig die Stirn, denn das vertrauliche Lächeln -des Einverständnisses, das die Jüngeren wieder untereinander tauschten, -gefiel ihr nicht. Laut aber ließ sie nur mit ihrer dunklen Stimme fallen: - -»Ich treffe mich nicht mit ihm, sondern ich suche ihn in seinem Geschäft -auf.« - -»Ah,« echoten die anderen. - -Und der Rotkopf von ihnen, Isa, ein siebzehnjähriges geschmeidiges -Kätzchen, das der mütterlichen Schwester soviel Schwierigkeiten bei der -Erziehung bereitete, sie raschelte auffällig mit ihrem rosa Kleid, verzog -den Mund und kniff spitzbübisch die großen braunen Augen zu. Die dunkle -Marianne aber legte ihren vollen Arm um die schlanke Hüfte der Kleinen und -sagte in ihrer müden Art, die gerade wegen ihrer Leidenschaftslosigkeit -häufig so sehr zum Zorn zu reizen vermochte: - -»Dann wirst du wohl auch nichts dagegen haben, liebster Hans, wenn ich -mich drüben in der Konditorei von Klinkowström auf ein paar Minuten -mit Fritz Harder treffe. Ich habe es ihm versprochen, denn er ist heute -nachmittag dienstfrei.« - -Damit faßten sich die beiden jüngeren Grothe-Marjellen entschlossen unter -den Arm und schritten langsam und furchtlos dem Ausgang zu. Allein sie -gelangten nur bis zu dem kurzen runden Prellstein, vor dem ihr hochragender -Wächter sich aufgepflanzt hatte. Es fiel eigentlich kein lautes Wort, kein -Verbot wurde ausgesprochen und keine hastige Entgegnung vernommen, und doch --- die langjährige Gewohnheit des Sichfügens, wenn es auch ungern -und widerwillig geschah, die Furcht vor der zufahrenden Härte und dem -aufflammenden Zorn der Großen erstickte all die leichten, flatterhaften -Mädchenwünsche im Keim. Ohne daß die Jüngeren recht begriffen, wie es -so schnell geschah, hielten sie allerlei Decken und Schirme in den Händen, -die ihnen von der großen Blonden energisch übergeben waren, und wie von -selbst traten sie mürrisch und bezwungen den Rückzug durch die dunkle -Einfahrt an, um noch auf den drei ausgetretenen Steinstufen, die zu dem -inneren Flur hinaufleiteten, aufzufangen, wie die ältere Schwester laut -und unbekümmert hinter Marianne herrief: - -»Es paßt sich nicht, daß du dich jetzt schon mit dem jungen Offizier -triffst, so weit halten wir noch nicht. Aber wenn ich zurückkomme, -dann werden wir mehr wissen. Und nun benehmt euch dort drinnen nicht zu -ausgelassen.« - -»Ja, ja, wir werden uns Mühe geben,« erwiderte die dunkelhaarige -Marianne achselzuckend; und dann verschwanden die Grothe-Fräulein hinter -der Glastür des Gasthauses, ohne der Ältesten noch einen besonderen Gruß -gegönnt zu haben. - -Johanna aber wartete ruhig ab, bis der halbwüchsige Kutscher die beiden -Rappen ausgespannt und in den Stall geführt hatte. Und erst, nachdem sie -noch angeordnet, welche Zehrung der Junge zu sich nehmen solle und aus -welchen Geschäften Pakete eintreffen würden, da schritt sie endlich mit -ihrem festen, sicheren Gang quer über den Marktplatz herüber. Das -edle griechische Haupt mit den harten, blauen Augen trug sie wieder hoch -aufgerichtet, und unter dem dünnen Schleier leuchtete die weiße Haut, als -ob wirklich ein altes Götterbild auf den Einfall geraten wäre, hier -auf dem ostpreußischen, schlecht gepflasterten Marktplatz majestätisch -dahinzuwandeln. So stolz und selbstsicher mutete das Bild an, daß selbst -ein paar schlanke Gymnasiasten, die auf dem Platz eine wichtige Besprechung -abhielten, hochachtungsvoll an ihren hellblauen Mützen rückten, um -untereinander zu tuscheln: - -»Das ist die Älteste von Maritzken, ein feines Weib! Kuck, sie geht -in den Goldenen Becher zu Konsul Bark. Donnerwetter, wenn man doch -auch -- --« - -Und dann kam die Hochgewachsene ganz nahe, und die Jungen dienerten und -schwenkten ihre Kappen. - - * * * * * - -In dem großen Gewölbe des Goldenen Bechers brannten bereits die -Gasflammen. Sie verlöschten niemals unter den gotischen Bogen. Denn -obwohl über der alten Stadt das Leuchten und Schimmern eines wolkenlosen -Sommertages lag, hier drinnen in den niedrigen Gewölben der ehemaligen -Probstei herrschte eine beständige kühle Dämmerung. In dem Raum selbst -aber schwirrte und summte und knirschte es durcheinander. Achtzehn junge -Leute, alle mit sauberen grünen Schürzen angetan, bedienten die sich -drängenden Kunden, und alle Augenblicke sah man das schneeige Weiß des -aufgeschütteten Salzes blitzen, graue Staubwolken von Mehl schwebten -dahin, der Zucker knirschte, stark gebrannter Kaffee verbreitete seinen -aromatischen Duft, aber auch Weinflaschen verließen ihr stauberfülltes -Lager und ganze Berge von blechernen Konservenbüchsen verschwanden in -den mächtigen Körben der Einholenden. Auf der anderen Seite des -hochgewölbten Torweges, dicht vor den tief zurückliegenden dunklen -Fensterscheiben, die mit dicken Eisenstäben so eng vergittert waren, -als ob es sich um Gefangenenzellen handele, da hielten auf dem Marktplatz -eisenklirrende Rollwagen, über deren herabgelassene Leiterbäume blaue -Petroleumfässer heruntergewälzt wurden. Daneben standen gewaltige -Plangefährte. Unausgesetzt trugen riesige Männer mit Lederschürzen -viereckige, mit Sackleinwand und Eisenblech verschnürte Ballen heraus. Ein -feiner Teegeruch verbreitete sich, als Johanna Grothe dort vorüberschritt. -Und an den kleinen, buntgeschirrten Pferdchen mit den gewaltigen -Messingkummeten um den Hals erkannte ihr geübter Blick, wie diese Wagen -erst vor kurzem von der nahen russischen Grenze angelangt seien. Denn -Konsul Bark war der größte Teeimporteur dieser östlichen Provinz, und -die kleinen roten Päckchen mit dem goldenen Becher als Aufdruck galten -durch das ganze Reich als eine Delikatesse. - -Durch den Schwarm der unbekümmert weiterschaffenden Lederschürzen -hindurch trat Johanna Grothe durch den grob gepflasterten Flur, bis sie -an der rechten Rundwand ein paar ausgetretene grüne Marmorstufen erreicht -hatte. Auf der obersten zogen sich altersverwitterte Bronzebuchstaben -hin, die durch ihren griechischen Text die stolze Angabe des Hausherrn -bekräftigten, daß diese Steine aus einem alten moskowitischen Kloster -einstmals von der siegreichen Hanse dem residierenden Probst der -Handelsstadt zum Geschenk gemacht worden seien. Vor grauen Zeiten leiteten -jene Quadern auch wirklich in das Refektorium der Probstei. Heute -jedoch hatte der Konsul sein Privatkontor hier aufgeschlagen; es war ein -gewaltiger Raum, von schweren flämischen Möbeln umstellt, während die -weißen, splitternden Dielen von einem einzigen orientalischen Teppich in -dunkelbrauner Grundfärbung überspannt waren. Einen seltsamen Eindruck -rief es auf alle hervor, die zuerst hier eintraten, sobald aus den -eingebuchteten Mauerwölbungen immer noch die bunten Mosaikgebilde der -Evangelisten in verdämmerten Farben herausleuchteten. Einen förmlichen -Schrecken aber verursachte es dem Unvorbereiteten, wenn hinter dem -umfangreichen Schreibtisch des Großkaufmanns, nur von dem elektrischen -Licht der grünbeschirmten Arbeitslampe getroffen, die überlebensgroße, -riesenhafte Holzstatue des Apostelfürsten Petrus mit blauem Mantel und -goldenem Heiligenschein auftauchte, genau so, wie sie einstmals an dieser -Stelle das Ziel für die Verehrung unzähliger Frommer gebildet hatte. Die -Holzstatue aber ragte auf ihrem Marmorquader auf, als wolle sie gegen die -neue Zeit und gegen alles, was sie in ihr erblicken mußte, Verwahrung -einlegen. Den goldenen Hirtenstab, der unten abgebrochen war, hielt sie -gegen das zornige, volkstümliche Herz gepreßt und ihren mächtigen -verrosteten Eisenschlüssel streckte sie weit von sich, voll Abscheu und -grobem Eifer. - -Und der Heilige hatte manchen Grund zu seinem Verhalten. Denn obwohl der -neue Besitzer der Probstei ein gewisses feinsinniges Kunstinteresse für -die bunten Zeichen einer innerlicheren Epoche besaß, und obwohl es ihm -schmeichelte, häufig berühmte Sammler und Gelehrte in seinen Räumen zu -empfangen, um ihre Bewunderung für seine Besitztümer zu vernehmen, so -lehnte er es doch auf der anderen Seite entschieden ab, sein eigenes Leben -mit seiner Umgebung in Einklang zu bringen. Dunkle Gerüchte durchflogen -die Stadt, es würden in der alten Probstei unter den Augen der -Evangelisten und des Himmelspförtners gelegentlich erlesene Feste -gefeiert, die weitab von strenger Daseinsführung lagen und die deshalb das -Ziel und die Sehnsucht aller unverheirateten Herren der bevorzugten Kreise -bildeten. Etwas Genaues indessen vermochten selbst die neugierigsten Damen -der Stadt nicht in Erfahrung zu bringen. Man flüsterte wohl hie und da, -daß der Konsul, dieser wohlgepflegte Vierziger mit der schlanken eleganten -Gestalt und den schwärmerischen, lang bewimperten Augen, die so gar nicht -zu den im Grunde kalten Zügen passen wollten, man flüsterte wohl, daß -Konsul Bark in seinem weit ausgreifenden Kunstinteresse auch die Damen des -Theaters mit seinen Einladungen beehrte, allein von den Beteiligten wurde -dies stets mit sonderbarem Lächeln geleugnet. Äußerlich jedoch zeigte -der Goldene Becher dauernd die gleiche patrizische Würde, und da der -Konsul sogar in den Zirkeln der Frau Regierungspräsidentin sichtbar -wurde, wo nur die dreimal Gesiebten verkehrten, so sanken alle unheiligen -Vermutungen immer wieder in sich zusammen. Nur ein einziges Wesen lebte, -das über den Wandel des Hausherrn genauen Aufschluß hätte geben können. -Das war jener merkwürdige Einsasse des Goldenen Bechers, über den in der -Stadt infolge seiner erstaunlichen Vielseitigkeit mindestens ebensoviel -Erzählungen umliefen, als über den eleganten Großkaufmann selbst. Es war -der Kammerdiener des Konsuls, Pawlowitsch, wie er von dem Chef im Scherz -wegen seiner russischen Abkunft genannt wurde. - -Ja, Pawlowitsch besaß das Ohr des Großkaufmanns. In einem weißen -Leinenanzug war er seinem Herrn frühmorgens bei der Toilette behilflich; -er rasierte ihn, und kein Friseur hätte das dunkelbraune Haar des Konsuls -so korrekt zu scheiteln vermocht, wie dieser Halbrusse. Bei solcher -Gelegenheit erfuhr dann der Herr des Goldenen Bechers, was Pawlowitsch für -nützlich hielt, ihm zufließen zu lassen. - -»Herr Konsuhl,« flüsterte der Weißkopf, denn er betonte diesen Titel -auf der letzten Silbe und dabei beugte er sich während des Einseifens -geschmeidig bis zu dem Ohr des Gebieters herab, »die kleine Schwarz vom -Stadttheater hat heute abend ihr Benefiz. -- Rosen?« - -»Jawohl.« - -»Vorzüglich --« alle Anordnungen des Chefs beehrte Pawlowitsch mit -dieser begeisterten Zensur, »vorzüglich -- Teerosen?« - -»Gewiß.« - -Der weiße Kittel verbeugte sich. Es war ja selbstverständlich, daß er -diese gelben Blumen hinter die Bühne zu tragen hatte. Dunkelrote schickte -sein Gebieter nur beim Beginn einer vielbegehrten Bekanntschaft. Die -ruhigere Epoche wurde dann durch die mattere Farbe gekennzeichnet. Und -Pawlowitsch wußte ganz genau, wann die weißen an die Reihe kamen, die den -Rückzug des Konsuls einläuteten. - -»Vorzüglich.« - - * * * * * - -Zu derselben Stunde, als Johanna Grothe in ihrer majestätischen Blondheit -über den Markt wandelte, beherbergte Konsul Bark in dem Refektorium, -aus dessen Mauerhöhlungen noch immer die Mosaikbilder der Evangelisten -hervorschimmerten, einen besonders fröhlichen und lauten Besuch. Zur -Seite des großen Schreibtisches, dicht neben der Riesenstatue des heiligen -Petrus, dessen deutsches Antlitz noch unwilliger als sonst flammte, -lehnte ein gewaltiger, muskulöser Russenoffizier behaglich in dem dunklen -Ledersessel und hob eben sein Weinglas prüfend gegen die grünbeschirmte -Lampe, so daß der gelbe Trank spiegelte und glitzerte. Die Sporen an den -hellgelben Reiterstiefeln, die er vor Vergnügen leise aneinander rieb, -ließen dazu einen feinen silbernen Sang ertönen, und das laute Gelächter -des Fremden schlug schallend gegen die Decke der Wölbung. - -»Ja, was sagen mein bester Freund,« rief er wohlgelaunt und stieß den -Hausherrn mit dem langen Säbel, den er nicht abgelegt hatte, vertraulich -gegen die eleganten schwarzen Lackschuhe, »dumme Tiere von Grenzkosacken -haben sich richtig durch Ihren Agenten von Pflicht -- wie sagt man? -- -abwendig machen lassen.« - -Der Konsul reckte sich und zupfte verärgert an seinem kurzgeschorenen -englischen Schnurrbärtchen. - -»Der Jude handelte auf sein eigenes Risiko,« entgegnete er unmutig, »ich -habe ihm nicht geraten, Ihre Leute zu bestechen.« - -»Bestechen?« Jetzt lachte der Russe noch behaglicher und schüttelte -das blondbebartete Haupt. Seine blauen Augen sahen ganz erstaunt aus. -»Bestechen?« wiederholte er in seinem gebrochenen Deutsch, »nicht -doch. Hat Mann gar nicht beabsichtigt. Ist Gewohnheit bei diesen deutschen -Spitzbuben. Pardon -- pardon,« verbesserte er sich, und die großen -Kinderaugen begannen ihm in der Wirkung des Weins oder aus Verlegenheit -zu tränen, »sehr ehrenwerte Leute. Versuchen es nur immer wieder. Aber -diesmal hat mir heilige Mutter von Kiew beigestanden. Sieben Wagen vor -Brücke zurückgehalten, und zweitausend Rubel in meiner Tasche. Was sagen -bester Freund?« - -Konsul Bark rückte ein wenig mit seinem Stuhl und blickte seinen Gast -zweifelnd von der Seite an. Das Gespräch schien ihm durchaus nicht -zuzusagen. - -»Ich nehme an,« begann er endlich nach einem Moment der Überlegung, -während sein schmales, feingeschnittenes Gesicht durch nichts irgendeine -Bewegung verriet, »ich nehme an, Herr Rittmeister Sassin, daß Sie -gekommen sind, um das Geld wieder an mich abzuliefern.« - -»Oh nein, ist Irrtum. Geld gehört Gossudar, russischen Zaren, unserem -allergnädigsten Herrn.« Der Russe verbeugte sich, so daß seine Stirn -fast die Platte des Schreibtisches berührte. - -»Jawohl, ich kann es mir denken,« meinte der Konsul mißfällig, -»sprechen wir nicht mehr darüber.« - -»Serr gut, ist ganz meine Ansicht, sind hervorragender Kaufmann. -- -Händler erster Gilde!« - -Jetzt warf der Hausherr seinem Gast von neuem einen scharfen Seitenblick -zu. Unwillkürlich faltete sich seine Stirn. Sollte dieser große -ungeschlachte Mensch sich etwa über ihn lustig zu machen gedenken, gerade -jetzt, da der Fremde ihn um eine erhebliche Summe geschädigt? In diesem -Augenblick hatte der kühle Geschäftsmann völlig vergessen, wie oft er -jenseits der Grenze in dem kleinen elenden Fabrikstädtchen die reiche und -ausgelassene Bewirtung des Grenzoffiziers genossen, eine Gastfreundschaft, -die sich manchmal bis zu tobendem Wahnsinn gesteigert hatte. Nein, die -Erinnerung hieran war dem Prinzipal des Goldenen Bechers wie in dunklem -Rauch aufgegangen. Denn Konsul Bark besaß die Fähigkeit, geschehene -Dinge, die ihm nicht mehr behagten, kaltblütig auszustreichen, als wären -sie nie gewesen. Seine dunkelgrauen, lang bewimperten Augen blickten noch -etwas berechnender drein als gewöhnlich, da er sich auf die Huldigung des -Offiziers zu der lässigen Erwiderung anschickte: - -»Ich bin Ihnen für Ihre gute Meinung sehr verbunden, Herr Rittmeister. -Aber gerade, weil ich ein nüchterner Kaufmann bin, so werden Sie es mir -nicht übel deuten, wenn ich mich frage, welche geheime Absicht Sie eben -jetzt zu mir leitet, obwohl Sie vielleicht Ursache zu haben glauben, mir -wegen dieser unangenehmen Zollaffäre zu zürnen.« - -Ganz vorsichtig und diplomatisch hatte der Konsul dies vorgebracht, -während er unausgesetzt einen großen Elfenbeinfalz zwischen seinen -schmalen Fingern hin- und hergleiten ließ. Der Russe jedoch tat seine -hellblauen Kinderaugen noch weiter auf, und auf seinen breiten Zügen -malte sich vollste Verständnislosigkeit. Ungewiß rieb er sich in seinem -stoppligen blonden Kinnbart. - -»Nix Zollaffäre, nix zürnen, keine Spur,« versicherte er eifrig und -verbeugte sich mehrfach in großer Ehrfurcht vor dem Handelsherrn. »Solche -Geschichten alle Tage vorkommen. =Au contraire=, bereiten Spaß, machen -schönes Vergnügen. Leo Konstantinowitsch Sassin bitten Rudolf Bark von -Wertschätzung und innigster Freundschaft überzeugt zu sein.« - -Damit legte er die Linke aufs Herz und hob das Weinglas grüßend zu dem -Hausherrn hinüber. Der Konsul aber, der die Gewohnheiten des Nachbarvolkes -kannte, nickte gleichfalls mit dem Haupt, ohne jedoch seinen Zweck aus dem -Auge zu verlieren. - -»Leo Konstantinowitsch, kann ich Ihnen mit irgend etwas anderem dienen?« - -Der Russe schluckte noch an seinem Wein und setzte das Glas ziemlich -unbekümmert auf die Schreibtischplatte nieder. Dann erhob er lebhaft beide -Hände. - -»=Pas du tout=, mein bester Freund, nix dergleichen. Ja, ist wahr, gab -traurige Zeiten für Offiziere von Gossudar, namentlich wenn so weit fort -von heilige Petersburg. Serr zu kämpfen gegen Einsamkeit, Langweile und -Armut. Da ist Rudolf Bark immer hilfreicher Freund gewesen, serr hilfreich, -Kavalier --« - -»Sehr schön, aber -- --« - -»Kommt, kommt alles. Armut vorbei, durch Gnade von Väterchen bedeutend -besser gestellt. Einnahmen hier, Einnahmen dort, man kann nicht klagen. Und -seit Gouverneur von Wilna Grenzstationen kontrolliert, auch eigene =maison= --- Häuschen.« - -Bei der Erwähnung dieser kleinen ›=maison=‹ flog ein verschmitzter -Schein über die eben noch so ernsten Züge des Kaufmanns. - -»Ja, ich habe gehört, Leo Konstantinowitsch. Man erzählt, daß Ihnen -eine reizende Villa gebaut sei.« - -»Eben fertig,« warf der Russe sehr befriedigt ein. - -»Nun gut, nehmen Sie meinen Glückwunsch. Es fehlt nichts hinein als eine -junge Frau.« - -Der Russe fuchtelte wieder mit den Händen und ließ die Sporen klirren. - -»Oh, fehlt nicht, fehlt nicht, =pas du tout=, man weiß sich zu behelfen. -Und davon gerade, Rudolf Bark, sollen Sie sich überzeugen. Ich bitte serr, -ich bitte inständigst.« - -»Sie meinen doch nicht --?« - -»Ja, meine ich, ein kleines Fest. Eine Einweihung, intim, serr vornehm. -Und wenn Sie mich machen wollen glücklich, dann legen auch ein gutes Wort -ein bei die schönen Damen von Maritzken, die ich neulich so bevorzugt war, -bei Ihnen zu treffen. Wunderschöne Damen, namentlich die große, üppige, -stolze, mit die königliche Gang, und die schwarze mit den roten Lippen. Es -wird werden serr amüsant.« - -So unerwartet traf den Großkaufmann diese letzte Aufforderung, daß er -den Elfenbeinfalz hart auf den Tisch fallen ließ und erst einen -verlegenen Blick auf das Holzantlitz des Apostels warf, bevor er, sich -zusammenraffend, widersprechen konnte: - -»Nein, nein, lieber Rittmeister, dieser Mission fühle ich mich nicht -gewachsen. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber es kommt mir doch höchst -zweifelhaft vor, ob sich die jungen Damen von Maritzken, und namentlich die -Älteste, in dem eigentümlichen« -- der Konsul zögerte einen Augenblick -und suchte nach einem Ausdruck -- »na sagen wir Junggesellenmilieu -wohlfühlen würden.« - -Der Grenzoffizier jedoch sprang klirrend auf und fegte mit seiner Rechten -in sprudelnder Lebhaftigkeit durch die Luft, als müsse er jedes einzelne -Wort seines Gegenübers besonders ausstreichen. - -»Kein Junggesellenmilieu,« schrie er, unbekümmert darum, ob seine Worte -nicht etwa jenseits der Diele verstanden werden könnten, »Sie täuschen -sich, bester Konsul, wir besitzen Takt, =savoir vivre=. Sie kränken uns, -wenn Sie zweifeln daran. Wir sind junges Volk, harmloses Volk, -- aber -galant gegen Damen.« - -Sicherlich gedachte Leo Konstantinowitsch seine nationale Eigenart noch -eingehender zu schildern, aber das leis-ironische Lächeln, das -abermals die Lippen seines Zuhörers umspielte, veranlaßte ihn, sich zu -unterbrechen, um sich beschwörend die mächtige Faust mitten auf die Brust -zu schlagen. Es gab einen dumpfen Widerhall. - -»Diesmal nicht so wie sonst,« brachte er ganz treuherzig hervor, wobei er -immerfort das blonde Haupt schüttelte, »Oberst Geschow aus Mariampol mit -seiner jungen Frau gibt gleichfalls die Ehre. Und alle jungen Frauen von -Kameraden ebenso. Wir werden trinken nur ein Täßchen Tee, essen dazu -ganz dünne Kaviarschnittchen, und die Gattin von Zivilgouverneur -- Frau -Bobscheff, serr fromme Dame -- wird sein Patronesse von das Ganze. Sie -werden sich einlegen Ehre, Rudolf Bark, mit dieser Einladung bei den -jungen Fräulein von Maritzken. Und,« setzte der Russe sehr ernst und -nachdrücklich hinzu, »es ist gut, wenn beide Völker freundschaftlich -verkehren. Ich sage, es ist gut.« - -Noch hatte der Russe nicht völlig seine Erklärungen geschlossen, als die -eisenbeschlagene Eichentür sich geräuschlos in ihren Angeln drehte. Vor -dem lauten Gespräch hatten die beiden Männer völlig überhört, daß -schon zweimal an das harte Holz gepocht wurde. Jetzt stand unter -der Wölbung der Tür eine blaue Hausmeistersuniform mit blanken -Messingknöpfen, und das kurz geschorene weiße Haupt des berühmten -Pawlowitsch neigte sich zu einer demütigen Verbeugung. Beide Arme ließ -der Alte dabei weit gestreckt von sich herunterhängen. - -»Herr Konsuhl,« wisperte eine flehentlich-zerknirschte Stimme, »ich -störe.« - -»Schon gut, was gibt's?« - -Der Alte wandte sich halb nach draußen und ließ eine zweite Verbeugung -nach der Richtung der Diele hin folgen. - -»Das gnädige Fräulein von Maritzken ist soeben angekommen.« - -»Heilige Mutter,« sprudelte der Russe und ließ vor Erstaunen den breiten -Mund mit den tadellosen Zähnen offen. - -Aber auch der Konsul schnellte aus seinem Sessel, und es war sehr -merkwürdig, wie er sich bemühte, in aller Eile ein Aschenkörnchen von -dem Aufschlag seines eleganten braunen Promenadenanzugs fortzustäuben. - -»Ist es das älteste Fräulein?« warf er rasch hin, und eilfertig schritt -er in die Ecke, um selbst die elektrische Leitung aufzudrehen, die die -Lichter des schweren lombardischen Kronleuchters an der mittelsten der -Wölbungen aufstrahlen ließ. »Ist es die Älteste der Damen?« - -Pawlowitsch zwinkerte ein wenig mit den schwarzen Augen. »Fräulein -Johanna« meldete er. - -Der Konsul machte ein paar Schritte bis zur Tür. - -»Stehe sofort zu Diensten.« Er sprach so laut, daß man seine Stimme -sicherlich draußen auf dem Flur vernehmen mußte. »Lieber Herr -Rittmeister -- --,« fuhr er fort, und ohne daß er noch etwas Weiteres -zu äußern brauchte, lag in seiner sprechenden Handbewegung das Bedauern, -die Konferenz mit dem Offizier leider schließen zu müssen. - -Inzwischen hatte auch Rittmeister Sassin seinen gebogenen Säbel enger -an sich gezogen und ergriff nun die breitrandige blaue Mütze. Er schien -vollkommen einzusehen, daß er hier überflüssig würde. Ja, in -seinen groben, verschwommenen Zügen arbeitete sogar eine starke innere -Verlegenheit. Heilige Mutter, diese stolze königliche Deutsche flößte -ihm einen Respekt ein, den er sich nicht zu erklären vermochte. Viele der -deutschen Weiber besaßen etwas Ähnliches. Nein, zum Teufel, die andere, -die Schwarze mit den roten Lippen und der üppigen Lässigkeit war -angenehmer, bequemer. Und in seinem kindlichen Verstand stritten sich -Zweifel, ob es wirklich möglich sein würde, die Damen von Maritzken zu -dem Besuch in der gemütlichen kleinen ›=maison=‹ jenseits der Grenze -zu veranlassen. »Rudolf Bark gestatten, daß holder Dame die Hand küsse. -Und nicht wahr, nicht vergessen an meine Bitte! Überlasse alles Ihnen, -bester Freund, alles Ihnen!« - -Da öffnete sich die Tür, die hohe, schlanke Frauengestalt in dem -cremefarbenen Bastseidenkostüm ragte unter der Wölbung. Die drei Männer -aber verbeugten sich gleichzeitig so tief und ehrfürchtig, daß sie -vielleicht gelächelt haben würden, wenn sie ihre gesenkten Häupter -selbst hätten beobachten können. Dann reichte der Konsul seinem -neuen Gast höflich die Hand, wobei er es jedoch vermied, die schlanken -Fingerspitzen an seine Lippen zu führen. Das hatte sich das Landmädchen -ein für allemal verbeten. Darauf eine kurze Wendung gegen den russischen -Offizier, ein vergebliches Bemühen des Rittmeisters, seine Huldigung -auf den weißen Handschuh der Dame zu hauchen und die verabschiedende -Beteuerung des Russen, daß sein bester Freund Rudolf Bark holden Dame ein -großes Geheimnis mitzuteilen habe. Eine Bitte, ein fußfälliges -Flehen, deren Erfüllung armen Leo Konstantinowitsch in einen Taumel des -Entzückens versetzen würde. - -»Guten Morgen, Rudolf Bark, alle Nothelfer behüten Sie -- Gnädigste, der -Himmel nehme Sie in seinen Schutz.« - -Die silbernen Sporen klirrten zusammen, der Säbel rasselte, und die -wuchtige Gestalt des Grenzoffiziers schritt tönend über die grünen -Marmorstufen. - -Die beiden anderen blieben allein. - -»Liebes Fräulein Johanna, nehmen Sie Platz,« forderte der Konsul auf, -indem er sehr diensteifrig einen neuen Ledersessel an den Schreibtisch -schob. Und nachdem die Älteste von Maritzken sich wortlos niedergelassen, -blieb er geneigt vor ihr stehen, um von neuem zu bitten: »Wollen Sie -nicht, lieber Hans, den Schleier ein wenig zurückschlagen? Damit ich -erkennen kann, ob Sie etwas Gutes, oder, was ich nicht hoffen will, etwas -Schlimmes zu mir führt? Denn leider wird ja der Goldene Becher fast -ausschließlich zu geschäftlichen Beratungen aufgesucht, nicht wahr, -bester Hans?« - -Wie immer, wenn er mit der Ältesten von Maritzken sprach, klang seine -Stimme liebenswürdig und vertrauenerweckend und enthielt nichts von jener -flatterhaften Galanterie, die dem Landmädchen, das die harte Notwendigkeit -zur Arbeit gezwungen hatte, so verleidet war. Gerade diese offene -konventionelle Art hatte dem Geschäftsmann das Vertrauen der Vorsichtigen -erworben, obwohl auch zu ihr allerlei abfällige Urteile über ihren -Freund gedrungen waren. Aber Johanna Grothe verachtete solche heimlich -zugeflüsterten Gerüchte. Ihre unbestechliche Gewissenhaftigkeit verlangte -Beweiskräftiges. Und alles, was sie von Rudolf Bark während jener drei -Jahre erfahren, seitdem die Mutter dort draußen im Schatten der Kirche von -Maritzken ruhte, und auch den Vater eigenes Verschulden oder ein unseliges -Schicksal aus den Reihen der tätig Wirkenden entfernt hatten, nein, -alles was ihr von dem nüchternen klaren Geschäftsmann in selbstloser -Opferwilligkeit während jener schweren Zeit geboten war, es atmete -Sicherheit, Ordnung und ein Gefühl für ihr inneres Bedürfnis nach -Sauberkeit. Und so hatte sich zwischen ihnen nach einer anfänglichen -kühlen Geschäftsverbindung das vertrauliche Verhältnis von Ratgeber und -Schützling gebildet. - -Auch heute drängte es die Selbstsichere, ihre Sorgen gewissermaßen -durchrechnen zu lassen, denn sie fühlte sich entlastet, sobald ihr eigenes -Urteil die Unterstützung des Vielerfahrenen fand. Nicht leicht schien -ihr im Augenblick die Einleitung zu fallen, ja, der Konsul merkte, wie das -große, kräftige Mädchen -- die Heroine, wie er sie manchmal heimlich -nannte -- ihre Blicke befangen vor den seinigen zu dem braunen Teppich -heruntersenkte. Endlich jedoch schlug die Sitzende mit einer raschen -Bewegung ihren Schleier in die Höhe, und wieder entzückte den -Großkaufmann jene merkwürdige Blässe, die er schon so häufig angestaunt -hatte. Ganz eigenartig hoben sich die tiefdunklen blauen Augen von dem -matten weißen Grunde ab. - -»Hören Sie, Herr Konsul,« sprach Johanna endlich, indem sie mit aller -Kraft die Gedanken auf ihr Ziel zu sammeln versuchte, und dabei schlug -sie die dunklen Augen so fest und ehrlich gegen ihn auf, daß der Mann -plötzlich ein eigenes Schwanken spürte. Es blieb immer dasselbe. Diese -große königliche Erscheinung, die sich über die Schwächen und Wünsche -ihres Geschlechtes sicherlich weit erhoben hatte, sie machte es ihm -manchmal wirklich nicht leicht, die gleichgültige Ruhe des kühlen -Geschäftsfreundes zu wahren. Schweigend lehnte er dicht neben ihr gegen -die Platte des Schreibtisches und sah sie aufmerksam an. »Hören Sie, -lieber Konsul,« begann Johanna von neuem, »ich muß Sie schon wieder -einmal mit einer Angelegenheit behelligen, die mir lebhafte Besorgnis -einflößt. Sie wollten es damals nicht glauben, aber ich habe doch recht -behalten.« - -»Sie behalten immer recht, lieber Hans,« sagte der Konsul verbindlich. - -»Nein, nein, scherzen Sie nicht. Diesmal wird es wirklich Ernst. Und da -ich ja keine Mutter und leider auch im eigentlichen Sinne keinen Vater -besitze,« fügte sie mit kurzem Atem an, »so wende ich mich eben an Sie. -Ich habe Vertrauen zu Ihnen.« - -Der Konsul wollte etwas erwidern, aber von ihrem merkwürdig dunklen -Blick getroffen, brachte er es nur dazu, ihr warm und zustimmend die Hand -entgegenzustrecken. Dann forschte er schnell: - -»Also um was handelt es sich, liebster Hans? Spannen Sie mich nicht -länger.« - -Merkwürdig, die Älteste von Maritzken schien keineswegs zu spüren, wie -die Hand des Mannes noch immer auf der ihren ruhte. Sie fuhr unbekümmert -fort: - -»Gestern abend saß ich auf der Wiesenbank vor den drei Statuen der -römischen Kaiser --« - -»Aha,« unterbrach der Zuhörende, »die Stelle muß man sich merken, das -ist offenbar Ihr Lieblingsplatz.« - -»Ja, ich sitze gern dort. Aber gestern wurde mir der Ort auf lange Zeit -verleidet. Denken Sie sich, Konsul Bark, -- es fällt mir sehr schwer, -Ihnen dies alles zu gestehen -- als ich meine Blicke ganz absichtslos -über die weite grüne Wiese richtete, auf der gerade ein junger Hase -seine komischen Männchen machte, da sah ich ganz hinten am Waldsaum meine -Schwester Marianne mit einem Fremden schreiten.« - -»Weiter,« forderte der Konsul interessiert. - -»Die Gestalten waren nur zwerghaft klein, aber ich erkannte den -Eindringling trotz alledem, obwohl er nicht Uniform angelegt hatte.« - -Jetzt richtete sich der Kaufmann schnell auf, zog ein wenig an seinem -braunen Jakett und bewegte dann abschätzend die flache Hand hin und her. - -»Es war natürlich Fritz Harder,« äußerte er bestimmt. - -Das stolze Weib in dem Sessel nickte. Dann aber schlug sie verstört die -Augen nieder, und ihre ganze Gestalt beugte sich zusammen, als ob sie von -einer körperlichen Last zu Boden gedrückt würde. - -»Lächeln Sie nicht, Herr Konsul,« sagte sie matt, »ich bin über das -Alter hinaus, als daß ich gegen eine ehrbare Annäherung etwas einzuwenden -hätte.« Und als der Konsul eine Bewegung machte, wie wenn er sie nicht -verstände, stieß sie plötzlich anmutig hervor, und ihre Stimme tönte -laut und grollend: »Das war es aber nicht. Gegen diese stürmischen -Liebkosungen in der dunklen Stille eines Haselnußhaines muß ich -Einsprache erheben. Das kann und will ich nicht dulden. Denn nach dem, -was schon einmal bei uns geschehen, muß ich mehr wie jede andere darauf -achten, daß unserem Hause der landläufige Respekt entgegengebracht -wird.« - -Die zusammengekauerte Gestalt ließ ihre Arme zwischen die Knie herabsinken -und riß sich alles Weitere matt und dumpf von der Seele los, wie wenn sie -mit sich selbst zürne, daß sie so Verschwiegenes offenbare. - -»Glauben Sie mir, lieber Freund, meine Rolle fällt mir nicht immer -leicht. Ich weiß, die Mädels hassen mich, weil ich ihnen so vieles -versagen, und häufig wie ein Polizist vor ihnen auftauchen muß. Aber -Sie, Konsul Bark, Sie kennen meine Beweggründe. Ich habe es nun einmal -übernommen, aus dem großen Zusammenbruch zu retten, was irgend möglich -war, und bin darüber alt geworden.« - -»Na, na, Hans,« schob hier der Konsul lächelnd ein. - -Er dachte daran, daß diese Achtundzwanzigjährige in ihrer kalten, -abweisenden Schönheit ein Weib sei, das alle Ansprüche aufgegeben habe -zu reizen, zu gefallen und zu bestricken, ein Geschöpf, das in klarer -Erkenntnis seiner harten Fron allmählich sich selbst vergessen hatte. Und -doch -- der schlanke Mann in dem eleganten Promenadenanzug warf unbemerkt -einen spähenden Blick auf seine Besucherin -- ob wirklich alle Wünsche -in diesem stolzen Leib erstorben und verlöscht waren? Und in der -vorüberhastenden Minute, während seine Augen, die Frauenschönheit so -sehr aufzuspüren verstanden, über den gebeugten Mädchennacken glitten, -da gestand sich der reife Mann, daß gerade die starke Neugierde, jenes -tief verschlossene Geheimnis zu lösen, ihn so dauernd an das frostige, -marmorharte Geschöpf da vor ihm fesselte. Und mit einem gewissen Unwillen -empfand er auch, wie schwer und unbequem es sei, sich selbst immer in -so respektvoller Entfernung zu halten. Ja, es war sehr schwer, denn er -erkannte ganz klar, eine einzige unvorsichtige Andeutung, das Verlassen -der unverfänglichen und korrekten Beziehungen mußte die Ahnungslose -dort sofort empört und enttäuscht von dannen treiben. Und vor diesen -Enthüllungen scheute sich der Frauenkenner. Nein, nein, die großen -scharfen Augen der Heroine von Maritzken wollte er nicht im Zorn auf sich -gerichtet fühlen. Ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, hegte er eine -heimliche und ihn doch quälende Abneigung davor, das Unverdorbene, das -Heilig-Jungfräuliche dieses abgeschlossenen Lebens zu stören. So nahm -er auch jetzt nur in verborgener Bewunderung die köstliche Weiße ihres -Nackens wahr, laut aber sprach er sehr ruhig und überlegt zu der in sich -Versunkenen herunter: - -»Also, lieber Hans, mir scheint, Sie sehen da wieder etwas zu dunkel. Wenn -Sie auf mein Urteil irgendein Gewicht legen, so meine ich, was sich da in -der lauschigen Dämmerung des Haselnußhaines abspielte, das waren eben -die landläufigen Vorboten einer regelrechten Verlobung. Oder glauben Sie -berechtigt zu sein, es anders aufzufassen?« - -Auf diese Frage richtete sich Johanna unvermittelt auf und strich sich -die spröde Seide über ihrer Brust zurecht. Zum erstenmal lief über ihre -immer so schneeigen Wangen ein leichtes Rot. - -»Ich weiß nicht,« versetzte sie ungewiß, mit sich selbst kämpfend, -»ich will es hoffen, obwohl meine Schwester Marianne -- ich spreche zu -Ihnen ganz rückhaltslos, lieber Konsul -- für meinen Geschmack etwas viel -zu Nachgiebiges und Entgegenkommendes besitzt. Aber selbst wenn sich Ihre -Ansicht bewahrheitete,« fuhr sie überlegend fort, »dann halte ich es -für schicklich, daß sich der junge Offizier zuerst an mich gewendet -hätte.« - -»Liebe Johanna,« begütigte der Konsul, »Sie klammern sich da an eine -etwas altmodische Auffassung.« - -»Nun ja, Sie mögen recht haben, ich bin eben mißtrauisch und wittere -hinter allen Menschen zuvörderst irgendeine verborgene Absicht. Das Leben -hat mich allmählich so geformt. Sie müssen mir das nicht übel deuten, -lieber Freund, Ihnen gegenüber fällt das ja alles fort. Und nun die -Hauptsache: Glauben Sie wirklich, daß Fritz Harder der geeignete Mann -wäre, um eine so dauernd nach Glück und Glanz verlangende Natur wie -Marianne befriedigen zu können?« - -Der Konsul zuckte die Achseln. - -»Gott, Sie werden nicht leugnen,« versetzte er endlich abschätzend, -»daß er ein hübscher, flotter Bursche ist und, wie ich annehme, auch ein -aussichtsvoller Offizier.« - -Die Älteste von Maritzken rückte hastig mit ihrem Stuhl. - -»Glauben Sie das wirklich?« entgegnete sie mit wenig überzeugtem Ton. -»Das gerade möchte ich bezweifeln. Mir gefallen Männer nicht, die nicht -vollkommen von ihrem Beruf ausgefüllt werden. Sehen Sie, was hat sich ein -junger Leutnant für schweres Geld einen Flügel zu kaufen, um nun halbe -Nächte lang auf ihm herumzuphantasieren? Er komponiert ja auch.« - -»Na, Hans,« beruhigte der Konsul, »die Vergnügungen in einer mittleren -Garnison sind ja nicht allzu abwechslungsreich. Wenn er sich nur mit dieser -Art von Spiel befaßt, so wollen wir ihn deswegen nicht verurteilen.« - -Aber die Gutsherrin war nicht so leicht abzuweisen. - -»Schön,« gab sie zu, »aber der junge Mensch hat leider überhaupt etwas -Dilettierendes. Wie Sie wissen, versucht er sich auch in der Ölmalerei. -Er bringt zwar ganz nette Porträts hervor, aber wie sich dies alles mit -seinem eigentlichen Beruf vereint, das begreife ich nicht. Und um wahr zu -sein, es erregt mir Mißbehagen.« - -Hier wagte es der Konsul, der leidenschaftlich Sprechenden begütigend, -fast väterlich die Wange zu streicheln. Aber diesmal wurde es von der -Besucherin aufgefaßt. Mit einer herben Bewegung schob sie seine Finger -zurück. Dann forderte sie noch einmal: - -»Teilen Sie meine Bedenken?« - -Inzwischen hatte sich der Konsul in seinen Ledersessel niedergelassen, und -nachdem er seiner Gewohnheit gemäß mit einem Blick, wie um Rat fragend, -das Antlitz des Apostels gestreift, da gab er seine Ansicht klug und jedes -Wort wagend, zu erkennen. - -»Liebes Kind,« beschwichtigte er, »mit dem Beruf eines Offiziers ist -es ein eigen Ding. Wir vergessen immer so leicht, daß alle Mühen -und Anstrengungen, die der höhere Militär aufwendet und die in immer -strengerem Maße von ihm gefordert werden, kein in die Augen fallendes -Ergebnis zeitigen können. Sie sind die einzige Menschenklasse in unserem -Staat, die, solang der Friede dauert, nicht den praktischen Beweis von -ihrer Leistungsfähigkeit zu erbringen vermag. Man empfindet ihr ganzes -Tun und Treiben hie und da bereits als spielerisch und überflüssig. -Und dieses Bewußtsein ist es, was viele Soldaten so rastlos nach Dingen -greifen heißt, die jenseits ihres Berufes liegen. Sie suchen sich eben -auszufüllen. Nein, Johanna,« richtete sich der Konsul plötzlich auf und -klopfte ermunternd an die Seitenlehne des anderen Sessels, »daraus wollen -wir dem hübschen Bengel keinen Strick drehen. Und daß er sich in die -knisternde Schönheit von Marianne vergaffte, Gott --« der Kaufmann -zuckte die Achseln -- »dieses Los teilt er gewiß mit manchem jugendlichen -Schwärmer und außerdem, es läßt keinen üblen Rückschluß auf seine -Uneigennützigkeit zu.« - -Bei diesem letzten Wort glitt ein kaltes Lächeln um die Lippen des -Gutsfräuleins. Sie hob ihren Schleier noch etwas mehr, und die blauen -festen Augen suchten scharf und bindend den Blick ihres Beraters. Der -Konsul rückte ein wenig ungemütlich hin und her. - -»Ah, Sie meinen,« nahm die Älteste von Maritzken das Wort des Gefährten -auf, »Sie meinen, daß der junge Mann Lob und Anerkennung verdiene, weil -er sich zu der Angehörigen einer unbegüterten Familie herabläßt, die -ihren Töchtern keine Mitgift auszusetzen vermag?« - -»Hans, Hans,« mahnte hier der Konsul und hob dämpfend die Hand. - -Aber die hohe Blonde fuhr fort: »Ja, ja, man spricht ja so etwas -Ähnliches sowohl in der Stadt, wie in der Umgegend. Und es ist mir ganz -recht,« bestätigte sie sehr ernsthaft, und jener rechnende Schein spielte -von neuem aus ihrem weißen Antlitz, »es ist mir ganz recht, wenn sich -keine Mitgiftjäger um meine Schwestern bemühen, denn ich kann das -Vermögen, das ich uns in achtjähriger Arbeit erworben, noch sehr gut in -meinem landwirtschaftlichen Betriebe gebrauchen. Sie aber, lieber Konsul, -Sie sind ja der einzige, der genau darüber orientiert ist, wie wenig alle -diese Gerüchte der Wahrheit entsprechen. Ja, es ist richtig,« sprach -sie immer heftiger weiter, »ich habe die zwei großen väterlichen Güter -damals in der schweren Zeit aufgeben müssen. Oder besser gesagt, ich habe -sie auf Ihren Rat mit Gewalt zur Versteigerung getrieben. Aber das letzte, -auf dem ich mich festgesetzt hatte, um mich nicht mehr davon vertreiben -zu lassen, unser Maritzken, dieses Stück Erde, halb Bauernhof, halb -Rittergut, das ist doch mit Ihrer Hilfe so bewirtschaftet worden, daß -es sich sehen lassen kann. Und die Summen, die ich hier bereits bei Ihnen -ablieferte, würden immerhin für eine Mitgift für meine Schwestern -genügen, nicht wahr? Lieber Konsul,« fügte sie kalt und unempfindlich -an, als der Mann eine Bewegung ausführte, als ob ihm das Gespräch -peinlich würde, »ich möchte bei dieser Gelegenheit gleich etwas richtig -stellen, was mir schon lange Ihnen gegenüber auf dem Herzen liegt. Wenn -Sie nämlich von diesen Privatgeldern sprechen, dann pflegen Sie die Summe -stets durch drei zu teilen. Es scheint also, als ob Sie auch für mich -ein eigenes Konto angelegt hätten. Das ist ein Irrtum, Konsul Bark. Ich -erkläre hiermit ausdrücklich, daß mein Teil restlos auf meine Schwestern -übergeht. Sehen Sie mich nicht so erstaunt an, damit beleidigen Sie -mich. Ich selbst habe dort draußen in meiner Wirksamkeit vollkommen meine -Befriedigung gefunden und werde darin keine Veränderung mehr eintreten -lassen.« - -Ein Augenblick der Ruhe erhob sich zwischen den Beiden. Der Konsul hatte -sich zurückgelehnt, und seine lang bewimperten Augen umfaßten das ruhige -Frauenbild vor ihm mit unverhohlener Bewunderung. Nie hatte er sie so -begehrenswert gefunden, als jetzt, wo er das leidenschaftslose Gelübde -ihrer Entsagung vernommen hatte. Und er glaubte an den unverbrüchlichen -Ernst dieses Scheidens von den Freuden und Tänzen der Welt. Nichts -Nonnenhaftes lag auf dem edlen Antlitz mit den strengen Marmorzügen, ja, -während der Konsul in ihm las, meinte er beinahe, der wohlgeformte Mund, -der so gemessen über ein abgeschlossenes Schicksal sprach, auf ihm sei das -Lächeln nur eingefroren und es müßte sich herrlich ausnehmen, wenn es -sich wieder einstelle. - -Das Gutsfräulein jedoch, als ob es fühlte, daß die Gedanken des so -auffällig Schweigenden an ihr herumtasteten, schob den Sessel zurück, -stand auf und rüstete sich zum Abschied. - -»Ich wollte Sie bitten, mit Fritz Harder Rücksprache zu nehmen,« -schüttelte sie endlich ihren lang aufgesparten Wunsch von sich ab. - -Der Konsul verbeugte sich leicht. »Ich war auf diesen Befehl vorbereitet, -lieber Hans. Und passen Sie auf, in wenigen Tagen wird der glückliche -Freiersmann nach allen Regeln des Herkommens bei Ihnen anhalten. -Übrigens,« fuhr er fort, »möchte ich doch vorher, wenn Sie gestatten, -auch ein paar Worte mit Marianne über diesen Fall wechseln. Und wissen -Sie, Hänschen,« lachte er plötzlich ganz unvermutet dazwischen, »da -könnten wir eigentlich ein sonderbares Rendezvous verabreden. Sie können -sich gewiß nicht denken, wer mir soeben eine Einladung für Sie und die -Mädels überbracht hat.« - -»Nein,« gestand die Aufbrechende, indem sie sich bereits den Schleier -herabzog, »geht Ihre Vormundschaft über mich schon so weit, daß Sie auch -Ihre Zustimmung für unsere Besuche zu erteilen haben?« - -»Keineswegs, Hänschen, soweit geht sie unglücklicherweise nicht,« -scherzte der Kaufmann und strich seinem Besuch das verschobene Jakett ein -wenig zurecht, »man überschätzt meinen Einfluß leider bedeutend.« - -Und nun erfuhr Johanna Grothe die merkwürdige Bitte des russischen -Rittmeisters, der die drei Damen zu einem Ausflug jenseits der Grenze -veranlassen wollte. Und aus der ganzen Art, wie der Kaufmann diese -Einladung wiedergab, wie er die gewählte Zusammensetzung der Gesellschaft -hervorhob oder Einzelheiten der Bewirtung schilderte, in allem sprach sich -deutlich der Zweifel an der Verwirklichung des Planes aus. Allein es kam -anders. Die Älteste von Maritzken warf plötzlich das Haupt in den Nacken, -wie sie es immer tat, wenn sie nachdachte, dann schlug sie noch einmal den -Schleier zurück und trat an den Schreibtisch, wo sie mit dem Zeigefinger -allerlei Figuren auf das rote Tuch malte. - -»Sie fahren auch mit, Konsul Bark?« fragte sie rasch. - -Der Prinzipal des Goldenen Bechers war sich nicht ganz einig. - -»Ja -- ja allerdings, gegebenenfalls.« - -»Dann ist es selbstverständlich, daß wir dort empfangen werden, wie wir -es erwarten dürfen.« - -»Alle Wetter, Hänschen, was machen Sie für Sätze?« vergaß sich -der Kaufmann, und auf seinem hübschen Gesicht malte sich ein offenes -Erstaunen. - -Die Gutsherrin jedoch wandte ihren klaren Blick nicht von ihm ab; und siehe -da, was der Hausherr sich so gewünscht hatte, es erfüllte sich. Um -den stolzen Mund der Hochragenden spielte unvermutet ein harmloses, ja -verschmitztes Lächeln. Welch ein Wunder! Sie sah plötzlich aus wie eine -gutmütige Zwanzigjährige, die einen derben Streich plant. - -»Hänschen, was haben Sie vor?« - -»Gott, die Sache ist ganz einfach, lieber Freund,« lächelte die -Gefragte verschämt, »es handelt sich dabei natürlich für mich um ein -Geschäft.« - -»Aha!« - -»Sie wissen, ich möchte für die kommende Ernte billigere Landarbeiter -mieten, und da dachte ich, daß die Russen von drüben --« - -»Hans, Sie wollen doch nicht --?« - -»Doch, doch, es nimmt hier ja auch niemand auf mich Rücksicht, und -ich bin keine Wohltäterin. Nur die Grenzstationen drüben machen uns -Schwierigkeiten und halten die gedienten Leute zurück.« - -Jetzt lachte der Konsul hell auf. - -»Ah, und Sie meinen,« rief er wohlgelaunt, »wenn die drei Damen von -Maritzken unseren Nachbarn ein paar hübsche Augen zuwerfen, dann -- --« - -Das Gutsfräulein hielt seinen Blick aus. - -»Das nicht gerade,« sprach sie ruhig, »reden Sie keinen solchen Unsinn, -Konsul Bark. Aber ein Wort gibt das andere, verstehen Sie? Man gelangt -leichter an sein Ziel. Und dann,« fügte sie noch überlegt an, »ich -brauche auch billige Ackerpferde, und dort drüben verkauft man sie halb -umsonst. Man bedarf nur der Protektion.« - -»Die wird Ihnen nicht fehlen,« schloß der Kaufmann, indem er seinen -Gast höflich bis zu den vier Marmorstufen geleitete, »verlassen Sie sich -darauf, bester Hans. Aber wie gesagt, Sie sind ein kapitaler Rechner. Und -über den Ausflug ins Russische reden wir noch. Da ich als Anstandspapa zu -fungieren habe, so will ich mich doch noch genauer über alles orientieren. -Und nun, lieber Hans, leben Sie wohl, und ich danke Ihnen auch für Ihren -lieben Besuch.« - -Die Blonde reichte ihm über die Stufen hinauf die Rechte. Es war ein -Händedruck, wie sie es gewohnt war, fest, kräftig, zupackend. Die -wohlgepflegten Finger des eleganten Mannes empfanden die Umklammerung -beinahe schmerzlich. - -»Wenn ich Sie nur nicht gestört habe,« warf sie noch dankbar zurück. - -Der Mann aber verbeugte sich leicht und entgegnete nachdrücklich: - -»Ich wünschte, Sie kämen öfter.« - -Dann blieb er unter den geöffneten Türflügeln stehen und sah ihr nach, -bis die hohe Gestalt jenseits des Marktplatzes verschwunden war. - - - - -II. - - -Glutrote Abendsonne glitzerte aus allen hochgelegenen Fensterscheiben der -Stadt, selbst an dem schwarzen Schieferdach der Sankt Sebaldus-Kirche floß -es wie von blutigen Strömen hinunter. Hoch oben unter dem First stand in -einer engen Mauerhöhlung die bunte Holzstatue des Schutzheiligen, und auch -aus seinem sonst erloschenen Sternenreif spritzten die roten Lichtflammen. -Es sah aus, als wäre das entblößte heilige Haupt von ein paar -Säbelhieben getroffen und heller Lebenssaft zische aus den Wunden hervor. -Immer mehr verbreiteten sich die funkelnden Lachen auf den schwarzen -Platten. - -Unter dem in Flammengold und angehendem Violett schimmernden Himmel zog -gerade über dem Marktplatz eine Schar weißer Tauben ihre Kreise. Eine -vereinzelte blauschwarze Nachzüglerin flatterte in geringem Abstand hinter -den blitzenden Schwestern her, gleich einem schlimmen Gedanken, den die -guten, beseligenden weit hinter sich gelassen. Ein frischer Abendwind -surrte durch die Gassen, und von den nahen Feldern, die sich hinter der -Stadt in ununterbrochener Weite dehnten, führte er einen süßen Kleeduft -mit sich. - -Gerade als es in rollenden, schleppenden Tönen von der Sebaldus-Kirche die -siebente Stunde schlug, da quoll aus der am Markt liegenden Konditorei von -Klinkowström eine kleine Anzahl junger Offiziere heraus, die sich lachend -und säbelschleifend über dem schmalen Trottoir verbreitete. - -»'n Abend, Harder.« - -»Adieu, Janick. Ihr bleibt im Kasino, wie?« - -»Nirgends anders. Dort soll ja eine kleine Götterberatung stattfinden, -was wir mit dem Onkel aus dem Generalstab anstellen sollen, der den Herren -Offizieren in einiger Zeit zum Vortrag geschickt wird. =A propos=, lieber -Harder, ist dieses wissenschaftliche Huhn, der Major von Siebel, nicht ein -Verwandter von Ihnen?« - -Der junge Offizier mit der saloppen, etwas vorgebeugten Haltung und -dem scharf geschnittenen, bartlosen Antlitz, von dem seine Kameraden -behaupteten, daß es ein Cäsarenkopf wäre, hakte seinen Säbel ein und -blies von dem schwarzen Interimsrock achtlos etwas Zigarettenasche hinweg. - -»Siebel?«, wiederholte er mit einer leisen, wohllautenden Stimme, die gar -nichts Militärisches in sich barg und auch den energischen Zügen seines -dunklen Gesichts nicht zu entsprechen schien. »Was Sie sagen, Janick, -kommt der her? Jawohl, er ist wohl ein Übervetter meiner Mutter. Wir duzen -uns gerade noch. Übrigens ein grundgescheiter Herr.« - -»Na ja,« pflichtete der baumlange Janick bei, indem er einen anderen -Kameraden bereits unter den Arm faßte, »die Weisheit liegt in Eurer -Familie. Na, und Sie, Musikante, ziehen wohl für heute abend wieder zu -Mendelssohn und Beethoven ab? Meinen Segen haben Sie. Viel Erbauung!« - -Der Schlanke griff nachlässig an seine Mütze und wandte sich, um in eine -Seitenstraße einzubiegen: - -»Danke für den frommen Wunsch, meine Herren,« meinte er gleichgültig, -»Sie sind sehr gütig.« - -Seine Schritte hallten schon in dem engen Gäßchen, als der lange Janick -ihm noch nachrief: - -»Fritz, vergessen Sie nicht, morgen früh wieder sechs Uhr -Schützengrabenübung. Das verdammte Buddeln nimmt kein Ende.« - -»Danke,« schallte es von der anderen Seite zurück, »die Ordonnanz war -schon bei mir. Gute Nacht, meine Herren.« - -Langsam, mit seiner vorgebeugten Haltung setzte Fritz Harder seinen Weg -durch die enge Zeile fort. Vor einem Antiquitätenladen, in dessen -dunklem verräucherten Schaufenster neben ein paar Trommeln aus den -Freiheitskriegen auch ein Bild in halb vermodertem Rahmen ausgestellt war, -verharrte der junge Offizier und hob sein Monokel vor das Auge. Eine kleine -Weile betrachtete er die schwärzliche Landschaft. Dann murmelte er etwas -Unverständliches und nahm seinen Weg wieder auf, ohne den jungen Mädchen, -die hier paarweise promenierten, irgendwelche Beachtung zu schenken. Bald -hatte er sein Heim erreicht. Es war ein ganz schmales, spitzgiebliges -Häuschen, das sich zwischen zwei anderen altertümlichen Bauten nur -schüchtern eingeklemmt hatte. Vor Baufälligkeit schien es sich direkt -vorüber zu neigen, und da es außerdem bis zu dem Holzbord des ersten -Stockwerks himmelblau angestrichen war, von dort aber bis unter das Dach -in rosenroter Färbung prangte, so glich es viel mehr einem -Pfefferkuchengebilde vom Weihnachtsmarkt, das man recht lieblich und bunt -herausstaffiert. Kaum begreiflich aber war es, wie die Zwei-Fenster-Front -des Häuschens noch durch eine rot gepflasterte Diele getrennt sein -sollte. Und doch verhielt es sich so. Auf der einen Seite des Flurs ging -es nämlich beständig tick-tack, tick-tack. Hier hauste der Besitzer des -blauen und rosenroten Pfefferkuchens, Herr Nikolaus Adameit, der ehrsame -Zunftmeister der Uhrmachergilde. Ja, hier nistete der alte struwelige Mann, -hochgeehrt und bewundert von der ganzen Handelsstadt, denn es haftete -wohl im Gedenken seiner Mitbürger, daß es ihm allein von allen seinen -Handwerksgenossen vor reichlich vierzig Jahren gelungen war, das verstummte -Glockenspiel der Sebaldus-Kirche zu neuem klingenden Leben zu erwecken. Das -hatte dem damals im kräftigsten Mannesalter stehenden Künstler tausend -preußische Reichstaler eingetragen. Und wozu hatte er diese große, diese -überschwengliche Summe verwendet? - -Wozu? - -Kein Mensch konnte darüber etwas Genaues angeben. Man hörte nur aus den -wütend hingeworfenen Angaben seines stotternden Gehilfen Leiser Bienchen, -eines phantastisch armen Judenjungen, der von den Wohltaten seines Meisters -lebte, alle alten Kleidungsstücke des Uhrmachers bis zum Zerbröckeln -auftrug und trotzdem, aus künstlerischen Gründen, beständig im -heftigsten Streit mit seinem zahnlosen Prinzipal lebte, man vernahm nur -in Augenblicken zitternder Wut von jenem menschenscheuen Gehilfen, daß es -sich um eine Erfindung handele, die einmal Millionen einbringen müßte. -Tief unten in einem triefend feuchten Keller, und immer nur in den -Frühstunden, wurde von den beiden Adepten an dieser merkwürdigen -Maschinerie gearbeitet. Und der letzte Bursche des Leutnants, der sich -einmal bis in den schwarzen Abgrund hinunter verirrte, er hatte entdeckt, -daß bei jenen beglückenden Ideen zweifellos auch ein starkes Uhrwerk im -Spiel sein müsse: - -»Denn in dem Keller, Herr Leutnant, macht es immerfort tick-tack, -tick-tack. Es stinkt mordsmäßig dort unten. Nach Schwefel und Säuren -und all solchem Zeug. Und wenn mich der verfluchte Judenbengel nicht einen -Fußtritt gerade vor den Magen versetzt hätte, Herr Leutnant, ich hätte -die Beiden bei der Teufelsbeschwörung überrascht. Denn um so was handelt -es sich, um nichts anderes!« - - * * * * * - -Als Fritz Harder die eine der von ihm gemieteten Stuben in dem -Pfefferkuchenhäuschen betrat, stand sein Bursche, ein derber, -vierschrötiger Ostpreuße gerade an dem ovalen Tisch, um eine billige -weiße Petroleumlampe zu entzünden. Er machte sofort vor seinem Leutnant -stramm und nahm ihm die Mütze ab, die ihm Fritz herüberreichte. - -»Na, Reddemann,« begrüßte ihn der Offizier, während er sich ein wenig -ermüdet auf einen Korbsessel dicht an dem schmalen Fenster niederließ, -»hast du mir die Sachen besorgt?« - -»Zu Befehl, Herr Leutnant, das Frühlingslied von Mendelssohn. Sehr -schön.« - -»Aha, du hast wohl wieder darin herumgenascht?« - -»Zu Befehl. Herr Leutnant wissen ja, daß wir zu Haus einen Gesangverein -haben.« - -Der am Fenster Sitzende öffnete sich ein wenig den Uniformrock. - -»Na, ob ich das weiß,« warf er gutmütig hin, »du heulst ja -manchmal, mein Junge, daß ich glaubte, Bienchens räudiger Pudel hätte -Leibschmerzen bekommen.« - -Allein trotz dieser etwas derben Charakterisierung seiner Gesangskunst -reckte sich der stämmige Bursche und sah sehr befriedigt aus. - -»Herr Leutnant,« verteidigte er sich, »dann übe ich bloß. Aber bei uns -zu Hause in Pillkallen sagen die Leute, ich hätte die stärkste Stimme.« - -»Jawohl,« lächelte der Leutnant, »das sage ich auch. Und nun, -Reddemann, schwirre mal in das Kasino ab und hole mir meine Menage. Aber -die Tischordonnanz soll alles hübsch warm geben, verstanden?« - -»Zu Befehl, Herr Leutnant. Sonst noch etwas?« - -»Jawohl, bringe mir von nebenan ein paar Zigarren mit, von der billigen -Sorte.« - -»Zu Befehl, Herr Leutnant.« - -Der Ostpreuße bedeckte sich mit seiner Mütze, fuhr noch einmal ordnend -auf dem Tisch herum und stolperte auf die Diele heraus. Gleich darauf sah -ihn sein Gebieter die enge Gasse im Trab durcheilen. Mehrfach noch wandte -sich das plumpe Antlitz aufmerksam zurück, ob auch sein Herr diese -beschleunigte Gangart wahrnehme. - -Fritz Harder jedoch verweilte noch längere Zeit am Fenster und stützte -nachdenklich den feinen Kopf mit den dunklen Haaren auf die Hand. Und wie -schon so oft, überkam ihn, wenn er den Eindruck des ungeheuer niedrigen, -fast kahlen Stübchens mit der verblaßten Blumentapete auf sich wirken -ließ, jenes überwältigende, niederdrückende Einsamkeitsgefühl. Auch -die enge Gasse, durch die kein Wagen fahren durfte, mutete ihn an, als -ob eine Riesenfaust sie zusammengepreßt hätte, damit jede Spur einer -frischen reinen Luft aus ihr entwiche. Dumpf und feucht wie aus einem -Kellerloch wehte es zu ihm herein. Herrgott, hier lebte man wirklich wie -in den Kasematten der Festung, durch hohe Mauern abgesperrt von allem Glanz -des Tages. Und dann das trostlose Einerlei seiner Tätigkeit. Wie ihn -das mit einem ängstlichen Schauer erfüllte, wenn er sich all diese -gleichgültigen und dennoch, wie er zugeben mußte, notwendigen Dinge -zurückrief. Heute und morgen und übermorgen das Rekruten-Einexerzieren, -die ewig geübten und wiederholten Instruktionsstunden, die anstrengenden -Märsche bis weit über das Glacis der ehemaligen Festung, wo er jeden -Baum, jeden Strauch, jeden Hügel und jeden Graben kannte und -beschrieben hatte. Und dazu die Aussicht, die Aussicht in weiter Ferne, -unwahrscheinlich und unerreichbar, jemals sich in dem wissenschaftlichen -und kunstgemäßen Untergrund des Dienstes betätigen zu dürfen. Denn ach, -wie jede praktische Beschäftigung auf Erden, so war ja auch sein Beruf -auf festen Quadern einer historischen, sowie einer technischen Wissenskunde -aufgebaut. Aber in dieses strenge, wohlverschlossene, geheimnisvolle Haus -fanden fast ausschließlich die Mitglieder einer bevorzugten Kaste Einlaß, -und selbst jene harrten wieder vergeblich vor den innersten Kammern, in -denen, wie in dem pochenden Herzen des gewaltigen Körpers, alle feinsten -Adern und Verästelungen zusammenliefen. Wie sollte da der Sohn eines auf -sein schmales Gehalt angewiesenen ostpreußischen Oberförsters hoffen -dürfen? Umsonst blieben die verborgen angesponnenen Versuche, die sein -heiß aufbegehrender Arbeitswille hie und da unternommen. Sie vergilbten -in der Schublade des wackligen Fichtentischchens dort in der Ecke, ja, ihr -Vorhandensein sogar wurde von den fröhlicheren Kameraden -- mit Recht -- -verspottet. Oh, wenn nur der Drang und die Sucht nicht gewesen wären, sich -aus diesen umklammernden Beängstigungen vor der Zukunft zu befreien. Da -gab es nur ein Mittel. Und der Blick des Nachdenklichen schweifte zu dem -geborgten Flügel hinüber, der in seinem schwarzen Glanz fast die -Hälfte des Zimmers ausfüllte. Leuchtend spiegelten sich die Strahlen des -Lämpchens auf der fein polierten Platte. Ja, dort wob sich ein Zaubernetz, -in das er sich träumend strecken konnte, und das dann von klingenden -Genien emporgehoben wurde weit fort über die kleine handeltreibende Stadt, -fort von den zechenden, hasardierenden Kameraden mit ihrer absichtlich zur -Schau getragenen Verachtung alles höheren Bildungsstrebens, weit fort von -Armut und Beschränkung. Aber nein -- -- - -Und der Nachdenkliche am Fenster zuckte zusammen und vergrub jetzt sein -Haupt, auf dem es plötzlich wie in Glut und Feuer aufflammte, in beide -Hände. Vergessen und Beseligung, sie wurden dem Glücklichen noch von -anderer Seite gespendet. Hier wuchs Trost, Erbauung, Andacht, tiefe Demut -vor der göttergebildeten Schönheit, und die verzehrende auflösende -Sehnsucht, sich in ein anderes prangendes Dasein hinüber zu retten, wie -es wohl nur ein Künstler in seinen Träumen fühlen konnte. Das schöne, -gnadenspendende Weib stand lächelnd und reizvoll, zu immer neuen Gaben -bereit, vor den geschlossenen Augen des Kämpfenden, bis sich sein -jugendstarker Körper unter einem fröstelnden Schauer wand. Und doch, wie -entsetzlich, auch hier die Unsicherheit, die sein Leben so wehrlos machte. -In Stunden aufschießender Erkenntnis, empfand er da nicht unumstößlich -gewiß, wie das Beste in ihm, trotz der glückverlangenden, spielerischen, -lustdurchzitterten Zeit um ihn herum, nach Dauer, nach Reinheit und nach -Sicherem verlangte? Ein Begehren, das ihn bei seinen forschen Kameraden -in den Ruf eines sonderbaren Heiligen gebracht. Nein, das ließ sich nicht -wegschwatzen und fortdisputieren. Jene starke Sehnsucht haftete ihm von dem -kleinen beschränkten Elternhause an, von jener Stätte des Friedens, die -dem früh Herausgetretenen stets in einem rührenden Lichte der Innigkeit -und des Behagens herüberleuchtete. Und lebte diese beruhigende Sicherheit -etwa in der schönen, strahlenden Marianne, die wie eine dunkle Verlockung -aus einem orientalischen Märchen in sein Leben getreten war? - -Mitten in seinen Gedanken griff der Träumende um sich, hierhin und -dorthin, als ob er einen Halt suche. Etwas Festes, woran sich ein Wankender -aufrichten konnte. Allein die aufgestörten Bilder seiner Phantasie rissen -ihm Stab und Stütze aus den Händen und jagten ihn weiter. Nein, sein -scharfer Verstand, das Erbteil seiner rechnenden Mutter, bewies es ihm -klar und deutlich, daß dasjenige, was ihm als etwas Hohes und Heiliges -vorschwebte, immer und immer wieder zu einem Spiel entwürdigt wurde. Zu -einem lockenden Haschen und Entflattern, das ihm allmählich die Kräfte -der Seele raubte. Keine Zusicherung war zu erlangen, nichts Bindendes, nur -jenes ewige Reizen und Versagen, in dem er auch alle seine Kameraden -sich herumtummeln sah. Sicherlich, es war die Gewohnheit einer kulturell -verstiegenen Zeit geworden. Das Tiefste, was das Menschentum barg, der -Born, aus dem sich vergangene Geschlechter immer neue Jugend schöpften, -man hatte ihn parfümiert und mit allerlei Reizmitteln verbunden, die die -heiligen Wasser um ihre läuternde Wirkung brachten. Das jetzige schnell -dahinrasende Geschlecht wähnte ohne jene aufpeitschenden Genüsse nicht -mehr das Gleichmaß der Tage überstehen zu können. Aber unten, tief unten -auf dem undurchsichtigen und aufgewühlten Grunde des Borns, da lagerte der -Ekel. - -Als Fritz Harder bis hierher gelangt war, schreckte er plötzlich auf. -War es ein kühlerer Luftzug, der ihn durch das offene Fenster hindurch -anwehte, oder hatte ihn das mißtönende Geschlürf von ein Paar -merkwürdig kreischenden Stiefeln aus seinen Gespinsten verscheucht? Rasch -wandte er das Haupt, knöpfte den Uniformrock zu und zog ihn fester -über der jugendlichen Brust zusammen. Wahrhaftig, er hatte sich nicht -getäuscht. Draußen auf dem Bürgersteig wurde ein unendlich zerbeulter -steifer Filzhut vor ihm gelüftet. Solch ein ehrwürdiges Stück konnte nur -dem mißvergnügten Erfinder Leiser Bienchen gehören, der Punkt halb -acht, seinem Meister, dem alten Adameit, zum Trotz das Pfefferkuchenhaus -verließ, um in einem schockelnden Trabe dreimal die enge Gasse herauf und -herunter zu laufen. - -»Schönen guten Abend, Herr Leutnant,« sagte der knickbeinige Geselle -zu dem Einwohner seines Herrn hinauf und verzog die weit vorstehende -Karpfenschnauze, die ewig beweglich in einem Meer von Runzeln schwamm, zu -einem griesgrämigen Lächeln. »Was hab' ich Ihnen gesagt, was hab' -ich Ihnen schon heut morgen gesagt? Er ist wieder vollständig wild. Ein -Meschuggener, Herr Leutnant, Sie können es mir glauben. Aber einer von -die schlimme Sorte. Besessen. Er wird noch einmal anrichten das größte -Malheur. Heute hat er wieder -- das heißt, das gehört nicht zur -Sache --,« unterbrach sich Leiser Bienchen und bewegte seine verkrümmte -Gestalt in den Hüften hin und her, so daß sein Rockkragen immer -abwechselnd das rechte oder das linke Ohr erreichte; »was ich sagen -wollte, seine Ideen sind gut, aber zu hastig, Herr Leutnant, zu hastig. -Jeden Tag was anderes. Nu, wie gesagt, ich freue mich bloß auf das große -Unglück. Sie werden sehen. Gute Nacht, Herr Leutnant.« - -Fritz Harder nickte der schlottrigen Gestalt zu und verfolgte den -Davontrabenden, bis er ihn in der Einbuchtung des Marktplatzes verschwinden -sah. Was er aber nicht wußte, das bestand darin, daß dieser mit Gott -und den Menschen unzufriedene Geselle in den kargen Abendstunden, die ihm -vergönnt waren, sich fast regelmäßig unter eine äußere Nische der -herrlichen Sebalduskirche mitten auf dem Marktplatz drückte, um gespannt -abzuwarten, bis das berühmte Glockenspiel seinen silbernen Gesang -ertönen ließ. Dann neigte der kleine Jude das Haupt, und während er -sein mächtiges Lippenpaar krampfhaft festhielt, damit es sich nicht gegen -seinen Willen kritisch hin und her bewege, da murmelte er fast immer in -einer seltsamen Rührung: - -»Großartig, ganz, ganz großartig. Wie er das wohl herausgebracht hat? -Was hab' ich immer gesagt? Dieser Adameit is'n Meschuggener und 'n ganz -gemeiner, gewöhnlicher Filz, der mir abzieht bald 'n Groschen hier und -bald 'n Groschen da. Aber was kann ich dafür? Der Mann ist ein Genie, 'n -ganz großes, unerklärliches Genie, und es ist mein Pech, daß ich ihm -nicht ablernen kann, wie man das wird.« Und dann hob er das Haupt und -schockelte sich verzückt in den Hüften hin und her. »Gott, wie ein -Klang. Man möchte tanzen dazu. Wie schön ist doch diese deutsche Musik!« - -Immer grauer kroch die Dämmerung durch die enge Rosenkranzgasse. Schon -traten einzelne Geschäftsleute auf das schmale Trottoir, um die Jalousien -vor ihren Schaufenstern herabzuziehen. In dem kleinen Leutnantszimmer -jedoch merkte man nichts mehr von Dämmerung und Kahlheit. Allgewaltig -herrschte in ihm jener klingende, sorgenlösende Gott, den der kleine -verkümmerte Jude unter seiner Kirchennische so inbrünstig angerufen -hatte. Fritz Harder saß vor seinem Flügel und spielte. Längst hatte er -die vorgezeichneten Bahnen des Musiktextes verlassen, und ohne, daß er -es selbst ahnte, ebneten sich plötzlich helle, weißschimmernde Pfade -vor ihm, die ihn hinaufleiteten auf klare, glashelle Höhen. Je weiter er -aufwärts stieg, desto wunderbarere Prozessionen zogen ihm entgegen. Sie -trugen goldene Kronen, die er sich auf das Haupt setzte, um unter wuchtigen -Klängen den düsteren Schauer der Macht zu spüren. Und hinter seinen -geschlossenen Augen spiegelte es sich deutlich, wie sich die zarten -Luftgebilde ehrfürchtig vor dem armen kleinen Leutnant neigten. Aber das -war noch nicht das Herrlichste, was ihm entgegenquoll. Einsamer und stiller -wurden die verschwiegenen Wege, schwanke, braune Haselnußstauden schlossen -sich über ihm zu einem schattigen Domgang zusammen, und ganz oben auf -der letzten Stufe, da leuchtete wartend und verlangend eine Gestalt von so -üppiger Pracht, daß der Betörte mitten durch seine Melodien dicht über -dem Haupte das betäubende Donnern einer ungeheuren Glocke zu vernehmen -meinte. Aber es waren nur die starken Schläge seines eigenen Herzens, das -die Ströme des Blutes nicht mehr zu bändigen vermochte. - -»Marianne,« flüsterte er ermattet, während seine Hände kraftlos von -den Tasten herabsanken. - -Da -- um Gott, das war doch nicht möglich, -- da lachte etwas hinter ihm. -Genau mit demselben silbernen, etwas müden Ausdruck, wie er es eben in den -verebbenden Phantasien aufgefangen. Undenkbar! Das war noch nie geschehen. -Ein wahnsinniger Spuk, der ihm deutlich zeigte, wie weit seine kräftige -Natur bereits von allem Wirklichen fortgelockt war. Wozu nachgeben? Weshalb -sich erst umwenden? - -Und doch -- dicht neben ihm rauschte es stärker. Ein feiner Resedaduft -schlug auf. Hinter seinem Rücken wähnte der Gebannte etwas Weiches, -Köstliches zu spüren, und dann -- ein züngelnder Blitz -- ein paar warme -Lippen schmiegten sich auf seinen Nacken und blieben dort haften. - -Er sprang in die Höhe, daß die Tasten einen wimmernden Laut aussendeten. -Vor seinen Augen schimmerte es. Er konnte das Unwahrscheinliche nicht -fassen. - -»Marianne,« stammelte er ungläubig, ohne den Klaviersessel, den er -umkrampft hielt, frei zu geben, »bist du es wirklich? Bei mir?« Und er -schickte einen beschwörenden Blick in die Runde, als ob er die -geblümte Tapete, die abgetretenen Dielen, sowie die jämmerlich mürben -Möbelstücke anflehen wollte, sich für die elegante Dame in dem weißen -Sommerkleid zu einem Fürstensaal zu verwandeln. - -Ganz im Gegensatz zu der Befürchtung des jungen Offiziers indessen schien -sich seine Besucherin von diesem Junggesellenheim äußerst angemutet zu -fühlen. Langsam schlug sie ihren blauseidenen Staubmantel auseinander, -beugte das eine Knie auf den einzigen Korblehnstuhl und zeichnete mit -ihrem schlanken weißen Sonnenschirm allerlei Figuren auf den verschossenen -grünen Teppich. - -»Also hier wohnst du, Fritz?« - -Inzwischen hatte der Überraschte Sprache und Besinnung wiedergefunden. Ein -fernes nagendes Gefühl des Unbehagens zehrte in seiner Brust und ließ -ihn einen hastigen Blick auf die niedrige Tür werfen. Die Idee, daß -jene Schwelle in wenigen Minuten von seinem menageschleppenden Burschen -überschritten werden könnte, sie peinigte seine anerzogene Vornehmheit -und zauste in der aufspringenden Freude herum. - -»Liebe, süße Marianne,« begann er befangen, »daß du soviel Mut -besitzt! Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür danken soll.« - -»Oh,« erwiderte das schöne Geschöpf lächelnd, »ich wüßte es -schon. Du könntest zum Beispiel schnell die Vorhänge vor deinem Fenster -schließen. Das würde dich sicherlich von vielen Befürchtungen befreien, -nicht wahr, Fritzchen?« - -Sie sprach es so harmlos und lässig, und ihre schwarzen Augen streiften -dabei so schalkhaft sein Antlitz, daß der Offizier im ersten Moment gar -nicht begriff, warum ihn ihre praktische Anordnung derartig verletzte. -Und nur langsam verstand er sich selbst. Die Sicherheit, mit der sie -hier disponierte, das Vertrautsein mit allerlei abscheulichen kleinen -Kriegslisten, alles das erkältete ihn und ließ ihn verstummen. Schweigend -schritt er zum Fenster und riß den Vorhang zusammen. Dann trat er hinter -ihren Stuhl, den sie noch immer in leise schaukelnder Bewegung hielt. Und -unvermerkt entzündete sich sein Schönheitssinn an der sanften Schwingung, -durch die diese prachtvollen Glieder ihm bald zugebeugt und wieder entfernt -wurden. Ganz sacht und unmerklich. Immer von neuem ein betörendes Haschen -und Entflattern. Die Macht, die sie über ihn ausübte, ohne daß sie viel -sprach oder ihn durch blendende Gedanken zu interessieren vermochte, sie -schlug abermals über dem halb Gewonnenen zusammen. - -»Du siehst so ernst aus, mein Liebling,« sagte sie mit ihrer weichen -Stimme, aus der ein geübteres Ohr freilich leicht einen ganz feinen -Unterton des Spottes herausgehört hätte, »hat dich der Dienst wieder so -mitgenommen? Oder bist du mir vielleicht böse, weil ich dir durch meinen -Besuch -- meinen ersten -- Unannehmlichkeiten bereiten könnte?« - -Sie lag jetzt mit beiden Knien auf dem knarrenden Korbgeflecht, eng und -warm ihm hingegeben, und er fühlte, wie die feine Seide ihres Handschuhs -seine Wange streichelte. Nur die schwanke Lehne des Sessels türmte eine -unmerkliche Grenzscheide zwischen ihnen. - -»Bist du mir böse?« forschte sie noch einmal in einem nachgiebigen Ton, -der ihn durchzitterte. - -Fritz Harder strich sich leicht über die Stirn. Noch war das -Entgegenstehende, das ihn gefangen hielt, nicht gänzlich überwunden. -Und dann -- in dieser Minute der Besinnung bestürmte ihn noch einmal -der ehrliche und klare Wunsch, etwas Dauerndes zu schaffen, rechtlich und -vornehm zu handeln, wie es der kleine vierschrötige Oberförster dort -oben in den masurischen Wäldern unbedingt von ihm verlangt und gefordert -hätte. - -»Ich fürchte nichts für mich,« gab er deshalb ernster, als er -beabsichtigt, zurück, »mich erschreckt nur der Gedanke, Marianne, -daß dich die klatschsüchtigen Leute hier in der Gasse aus meinem Hause -heraustreten sehen könnten.« - -Da versetzte sie ihm einen leichten Schlag auf die Wange und wunderbar -- -sie lachte belustigt auf. - -»Aber du Dummerchen,« beruhigte sie ihn, und wieder wiegte sie sich -leise, »du glaubst doch nicht, daß ich für einen solchen Fall nicht -vorgesorgt hätte? Ja, ich habe meiner Schwester Johanna sogar direkt -mitgeteilt, in welches Haus ich gehe.« - -»Was? Das hast du getan?« - -»Ja, denk mal, wie schrecklich. Herr Nikolaus Adameit repariert nämlich -meine goldene Armbanduhr, und selbst Johanna hielt es für nützlich, -den alten Sonderling zu einiger Eile zu ermuntern. Meine große Schwester -fürchtet ja immer, es könnte ihr irgend jemand etwas fortnehmen. -Nun?« schmeichelte sie und blickte von unten zu ihm herauf, »sind deine -Beklemmungen jetzt verflogen? Wirst du nun tapferer sein?« - -Da enträtselte er zum erstenmal den verborgenen Spott in den Worten des -Mädchens. Eine ferne Geringschätzung, die an seinem unbekümmerten Mut, -an seiner jugendlichen Sorglosigkeit zu zweifeln schien. Das ertrug er -nicht. Und auch diese Augen, die so erwartend und leuchtend schimmerten, -in jenen großen schwarzen Bränden verknisterten all seine Pläne. Immer -kecker lächelte der kleine, sich darbietende Frauenmund. Und da wirbelte -auch schon wieder der Rausch über ihm empor. - -Ein einziges, gewaltsames Ansichreißen, ein gedämpfter Laut der -Überraschung, und dann stürzten die Wände mit den geblümten Tapeten, -der geborgte Flügel, der Korbsessel und all das kahle Gerät in der -wütenden Lohe zusammen. - -Er fand sich wieder, aufwachend, verwirrt, in einer Situation, die er sich -durchaus nicht zu deuten wußte. Wie in aller Welt hatte Marianne ihm den -Degen von der Seite zu entwenden vermocht und weshalb setzte sie ihm die -Spitze der Waffe auf einen Schritt Entfernung gegen die Brust, als ob sie -sich vor ihm schützen wolle? - -»Nun ist es aber wirklich genug, Fritzchen,« hörte er eine überraschend -vernünftige Stimme durch all die Wirrnis hindurchschlagen, »du benimmst -dich immer wieder wie ein kleiner unartiger Junge und hast nicht den -geringsten Begriff davon, wie man mit einer Damentoilette umgeht. Was soll -sich denn Johanna von mir und meiner Konferenz mit Herrn Adameit denken? -Sieh bloß mal an, wie du meinen Staubmantel zerknittert hast!« - -Ach ja, der Staubmantel! Ihm gebührte freilich nach dem Wiederkehren -aus dem von Blutrosen und Dornen umsponnenen Eiland die erste Rücksicht. -Dieser verfluchte, stumpfsinnige, lächerliche Mantel! Im Moment haßte der -sich Zurückfindende das elegante Kleidungsstück, dessen knisternde Seide -er eben noch mit kosenden Fingern gestreichelt. Immer deutlicher nahmen -seine schmerzenden Augen wahr, wie störend sich die Erscheinung des -berückenden Geschöpfes darbot, als Marianne jetzt den Degen achtlos auf -das Sofa warf, um sich darauf vor dem kleinen goldgerahmten Wandspiegel -den dunklen Rosenhut sorgfältig auf ihren Flechten zu befestigen. Erstaunt -blickte er auf die ihm abgewandte Gestalt hinüber. Und doch, wie zart sich -die krausen feinen Härchen von dem matt getönten Nacken abhoben! Herr -des Himmels -- ein leiser Seufzer entfuhr ihm -- nein, das ertrug er nicht -länger. All die widersprechenden Empfindungen, all das Unvereinbare -von Anbetung und scheuem furchtsamen Tasten nach der innersten Seele der -Geliebten, es umgab ihn mit einem dichten betäubenden Nebel, aus dem er -sich unbedingt ins Freie retten mußte. Selbst seine Glieder schmerzten, -als würde sein sich bäumender Körper tatsächlich durch feine mutwillige -Hände von Bergesspitzen in Abgründe geschleudert. Und alles aus Neckerei. -Aus Lust an Aufregung und Spiel. Darunter nahm sein Mannestum Schaden. -Eine dumpfe Hörigkeit umschnürte seinen freien Willen, die ihm in den -Augenblicken der Selbsterkenntnis unwürdig und unerträglich dünkte. -Plötzlich reckte er sich. Er war ganz der klare Soldat, dem von allen -seinen Untergebenen ein unbedingtes Vertrauen entgegengebracht wurde. - -»Marianne,« sagte er unvermittelt klar und bestimmt, »ich habe mit dir -zu reden.« - -Die junge Dame am Spiegel ließ die vollen Arme, die den Schäferhut in -eine anmutig schräge Lage zu bringen trachteten, nicht sinken, sie kehrte -sich auch nicht zu ihm, sondern, während ihre frischen Lippen die lange -Hutnadel in der Schwebe hielten, da suchten ihre Augen verwundert sein Bild -in der blanken Spiegelscheibe auf. - -»Du mußt mir einen Augenblick Gehör schenken, Marianne,« drängte der -Offizier weiter und tat einen Schritt gegen sie. - -»Schon wieder?« murmelte Marianne hinter der blitzenden Nadel undeutlich -hervor. »Fritzchen, daß du ein solches Vergnügen an derartigen -Auseinandersetzungen empfindest. Also was willst du denn, Liebling? Aber -recht rasch, bitte, nicht wahr? Denn sieh mal, von der Sebalduskirche -schlägt es schon halb acht. Johanna hat gewiß bereits wieder ihr -strengstes Gesicht aufgesetzt.« - -Noch hatte sie nicht geendet, als sie betroffen ihre schwarzen Augen bis -zu der kleinen Eingangstür irren ließ, um dann plötzlich aufgescheucht -ihren blauen Mantel ungestüm über sich zusammenzuziehen. Von der Treppe -her drangen schwere, knarrende Tritte herauf. Verstört flüchtete das -schöne Mädchen bis dicht an die Seite ihres verstummten Gefährten. - -»Um Gott, Fritz, du erhältst doch nicht etwa Besuch? -- Dein Bursche? -- -Aber das ist doch sehr unrecht von dir! -- Wo soll ich denn jetzt hin?« - -Erregte Worte fuhren zwischen den Beiden hin und her, dann ein hastiges -Aufraffen des weißen Sonnenschirms, ein Huschen und Flattern, und der -eintretende Reddemann bemerkte mit Erstaunen, wie sein junger Herr in -offenbarer Verwirrung abgewandt vor der Tür des Alkovens verweilte, wo -er im Grunde nichts zu suchen hatte. Auch für die leckere Zubereitung -der Menagengerichte, die noch in ihren Schüsseln dampften, schien sein -Gebieter heute keinen rechten Sinn zu besitzen. Unwirscher als sonst trieb -der Offizier, der merkwürdigerweise seinen Platz vor dem Nebenzimmer nicht -aufgab, zur Eile. - -»Ja, die Serviette muß ich doch wenigstens in den Ring schieben,« -verteidigte sich der Ostpreuße verständnislos, obwohl auch er anfing -aufmerksam nach der niedrigen Verbindungstür zu schielen, »und dann -Messer und Gabel, Herr Leutnant.« - -»Schon gut, schon gut, es ist alles sehr schön, -- nur rasch!« - -»Zu Befehl, darf ich nun noch das Bett aufschlagen?« - -Aber merkwürdig, wie unberechenbar diese Vorgesetzten manchmal werden -konnten. Der noble Herr, der ihn fast niemals fühlen ließ, daß er -zur persönlichen Dienstleistung des Offiziers kommandiert war, er bekam -unvermutet drei schwere Falten über der Nasenwurzel, und während er -nervös nach der leeren Degenscheide griff, schrie er den treu Sorgenden -zum erstenmal rücksichtslos an. - -»Zum Donnerwetter, ich habe genug von dem langweiligen Geplapper. Mach, -daß du fortkommst!« - -Jedoch Reddemann blieb begriffsstutzig. - -»Was, Herr Leutnant, ohne Bett?« stammelte er. - -Und erst als sein Herr die Degenscheide auf den Erdboden stieß, daß alles -klirrte und bebte, da schlug der Bursche blutrot die Hacken zusammen und -stürzte wie behext die enge Treppe herunter. - -»Da stimmt etwas nicht,« glitt es dem pfiffigen Patron durch den -Schädel, »so fein hat es bei uns noch nie gerochen. Donnerwetter ja, die -Vornehmen haben doch alles vom Besten.« - -In dem Zimmer blieb es noch eine kleine Weile still. Erst als der dumpfe -Schlag der Haustür verkündet hatte, daß jede Gefahr der Mitwisserschaft -beseitigt, da raffte sich Fritz Harder zusammen, um mit einem raschen -Entschluß seinen Besuch aus der seltsamen Einkerkerung zu befreien. Und -wie heftig ihm auch das Herz schlug wegen der unwürdigen Rolle, zu der sie -beide durch diese Heimlichkeit verurteilt waren, -- das Bild, das sich ihm -hinter der kleinen Tapetentür darbot, schimmerte in solch bestrickendem -Reiz, daß all die Vorwürfe, die er gegen sich und die Geliebte im stillen -erhob, vor ihm versanken. Da stand Marianne dicht an der Schwelle, das -Haupt mit dem breitrandigen Rosenhut lauschend vorgebeugt, und die Wangen -von Neugierde und Unruhe dunkel überflammt. Die Dämmerung des Alkovens -umgab die matt beleuchtete, weiße Gestalt gleich einem schweren -Ebenholzrahmen. Aufatmend und mit jener Lässigkeit, die den jungen -Offizier schon so häufig betört hatte, trat sie in das helle Wohnzimmer -und knöpfte sich eifriger als sonst die langen weißen Seidenhandschuhe -zu. Offenbar wurde das Mädchen nur von der einen Sucht beherrscht, ihren -Aufbruch so schnell und so unbemerkt als möglich zu vollziehen. - -»Adieu, Fritzchen,« schnitt sie ihm bereits das erste Wort ab, denn sie -fühlte mit Unbehagen, wie ihr aus den Augen des Gefährten schon wieder -allerlei unbequeme Fragen entgegendrohten, »adieu, mein Liebling. -- -Nein, nein, um Gottes willen, rühre mich nicht an, solche ungeschickten -Männerhände sind ja sofort wahrnehmbar. Und Johanna ist der -mißtrauischste Polizist, den du dir denken kannst. Nein, ganz still, ganz -artig« -- und sie preßte ihm rasch die Rechte auf die Lippen, die sich -schon zum Widerspruch oder zu einem Vorwurf geöffnet hatten. »Aber -wenn du recht folgsam bist, komme ich vielleicht einmal auf ein -Viertelstündchen wieder. Adieu, Fritzchen, adieu!« - -Geschickt schmiegte sie sich durch den schmalen Türritz hindurch, allein -jenseits der Schwelle wandte sie sich und warf noch einmal einen lachenden -Blick zurück. Das Geschirr auf dem Tisch schien ihre Aufmerksamkeit zu -fesseln. - -»Wie drollig sich deine Wirtschaft ausnimmt,« flüsterte sie hinein, hob -jedoch sogleich den Finger warnend gegen den Mund, damit er sie nicht durch -eine laute Antwort verriete, »wie schade, daß du mich nicht bewirten -konntest! Warum kommt dir eigentlich niemals solch ein hübscher Einfall? -Überhaupt, du verdienst die große Bevorzugung und auch die Gefahr nicht, -der ich mich deinetwegen aussetze. Sst, -- ganz still, Fritzchen, hier hast -du noch eine Kußhand, so -- und nun schlaf wohl, mein Schatz.« - - * * * * * - -Fritz Harder hatte seine karge Mahlzeit kaum berührt. Ruhelos schritt er -in der engen Stube auf und nieder, und seine verzogene Stirn deutete -darauf hin, wie sehr er sich bemühte, der widerstrebenden Gedanken Herr -zu werden. Zweimal schon hatte er sich an den Flügel gesetzt, allein -unter seinen geübten Händen waren nur ein paar mißtönende Dissonanzen -aufgeschrillt. Und durch einen heftigen Schlag auf die Tasten wurde das -regellose Spiel beendigt. - -Nein, das ging nicht. Er mußte sich sammeln und Klarheit gewinnen. -Ungeduldig riß er die Schublade des roten Fichtentischchens auf und warf -ein blaues Heft auf die Platte. Dies war seine Arbeit, von der er sich -einmal Erfolg versprochen. Jetzt blieben seine Augen wirr auf einer sauber -gezeichneten Terrainkarte haften, und er versuchte sich zu besinnen, -warum er mit roter und grüner Tinte verschiedene sich kreuzende Linien -hineingemalt hatte. - -Alles vergeblich. Der bohrende Gram, die innere Unzufriedenheit mit -sich selbst, sie warfen sein Auffassungsvermögen um, sie schlugen den -stärkeren Menschen in ihm nieder. - -Nein, es war genug. Törichter Hochmut, sich für besser zu halten und -würdiger als seine Kameraden sich gaben. Und dann -- er lachte bitter -auf, bedeckte sich mit der blauen Mütze, und nach ein paar Minuten schon -klirrte sein metallener Säbel über das Trottoir der menschenleeren -Rosenkranzgasse. - -»Ah, Fritz Harder,« rief der lange Janick, als sein Freund das -Spielzimmer des Kasinos betrat; und damit erhob sich der Oberleutnant, -lebhaft winkend, von seinem Sitz, »kommen Sie, Beethoven, hier ist eine -große Neuigkeit eingetroffen. Schieberamsch mit Pauken und Trommeln. -Das müssen Sie lernen, Fritzchen, setzen Sie sich neben mich, so etwas -Anregendes haben wir schon lange nicht erlebt. Prost, Musikante -- prost.« - - * * * * * - -Dunkelheit senkte sich bereits über die Stadt. Aus dem Portal des -Goldenen Bechers trat, dicht in einen schwarzen Hängemantel gehüllt, der -bewegliche Kammerdiener des Konsuls Bark heraus, in der Hand ein ziemlich -umfangreiches Briefkuvert, das er im Auftrage seines Herrn dem Leutnant -Fritz Harder in sein Quartier überbringen sollte. Der weiße Umschlag -leuchtete durch die Nacht, als Pawlowitsch achtlos schlenkernd über den -Marktplatz schritt. Noch war der Diener nicht weit gekommen, als seinen -auch jetzt rastlos umherspähenden Äuglein die Umrisse eines Jagdwagens -auffielen, der, mit drei winzigen Pferdchen bespannt, dicht vor der -Einfahrt des zweiten großen Gasthofes der Stadt »Zum russischen -Großfürsten« wartete. Interessiert und auf unhörbaren Sohlen tänzelte -Pawlowitsch näher. Aus der Dunkelheit tauchten zwei Gestalten auf, die -sich augenscheinlich an dem Hinterrad des Gefährts zu schaffen machten. -Ein paar derbe Flüche in russischer Sprache wurden laut, und der -Kammerdiener erkannte sofort das dröhnende Organ des Grenzoffiziers, der -vor ein paar Stunden seinem Herrn die Ehre seines Besuches geschenkt hatte. - -»Dummes Vieh,« hörte der regungslos Verharrende den Rittmeister Sassin -auf seinen Rosselenker einschimpfen, »hab' ich dir nicht zehnmal gesagt, -daß das Rad quietscht wie eine kranke Katze? Du Hundesohn hast wieder -verschlafen, Fett auf die Achse zu schmieren. Ich schneide dir noch einmal -in Wahrheit beide Ohren ab. Gleich holst du dir von diesen Deutschen etwas -von dem Zeug heraus. Hast du verstanden?« - -Der zusammengekrümmte Kutscher zog seine hohe Schirmmütze. »Jawohl, -guter Herr,« murmelte er demütig und verschränkte seine Arme über der -Brust. »Euer Gnaden, ich gehorche.« - -»Zum Teufel, dann mach, daß du fortkommst! Und wenn du fertig bist, dann -holst du mich dort drüben aus der Konditorei ab. Hast du begriffen?« - -»Ich gehorche, Euer Gnaden.« - -Der Kutscher trottete in die Einfahrt zurück, und der Rittmeister -schlenderte säbelklirrend über das rauhe Pflaster, bis er plötzlich vor -der schweigenden Gestalt des Lauschers zurückschreckte. - -»Was ist?« rief er drohend. - -»Oh nichts, Euer Gnaden,« erwiderte Pawlowitsch sich tief verbeugend, -»ich bin es nur, der Diener des Herrn Konsul Bark.« - -»Aha -- aha -- Diener -- Diener von ausgezeichnetem Freund Rudolf Bark,« -lenkte der Russe ganz widerspruchsvoll ein, und dabei versetzte er dem -zierlichen Männchen einen wohlwollenden Faustschlag auf die Schulter, so -daß der Überraschte, der eine solche Gunstbezeugung wohl kaum erwartet -haben mochte, ein wenig vornüber taumelte. - -»Heilige Mutter!« stöhnte der Getroffene leise. - -Der Russe jedoch ließ von seiner Zärtlichkeit nicht ab, ja, er beugte -seine mächtige Gestalt sogar noch etwas tiefer zu dem Unentschlossenen -herab, als sei es für ihn überaus interessant zu konstatieren, was für -einen weißen Zettel der Diener des ausgezeichneten Rudolf Bark in den -Händen trüge. - -»Pawlowitsch, guter Junge,« rief er wohlgelaunt, und dabei zupfte er nach -russischer Sitte dem weißhaarigen Kerlchen sanft an dem Ohrlappen herum, -»bist fleißigstes Geschöpf, das ich kenne in dieser fleißigen Stadt! -=Toujours en vedette=, früh und spät. Weißt du auch, daß ich dich -deinem Herrn schon längst ausmieten wollte? Sieh einmal, du trägst Brief, -Pawlowitsch!« - -»Oh,« erwiderte der Hausmeister, der einen Augenblick zögerte, bis er -dann doch die Aufschrift des Kuverts nach oben kehrte, »an den Leutnant -Fritz Harder«. - -»Leutnant Fritz Harder,« wiederholte der Dragoner in beglücktem Ton, -»ach, sieh einmal, wirklich an lieben Fritz Harder.« Und nach einer Weile -des Nachdenkens, während deren sich der Russe rasch den blonden -Kinnbart strich, setzte er hinzu: »Mir ist, als ob junger Herr bei der -Festungskommandantur beschäftigt wäre?« - -»Ja,« pflichtete Pawlowitsch immer langsamer bei, indem er den Brief -vorsichtig unter dem herabwallenden Hängemantel vergrub, »der Herr -Leutnant ist seit kurzem dazu kommandiert.« - -»Nun, will nicht aufhalten,« sagte der Russe freundlich, »besorge -Auftrag, Pawlowitsch. Aber warte, -- sollte ich heute nicht vergessen -haben, dir dein gewohntes Trinkgeld zu überreichen?« - -Jetzt schüttelte der Diener heftig abwehrend das Haupt, allein er -konnte es doch nicht verhindern, daß seine schwarzen Äuglein trotz der -Dunkelheit einen höheren Glanz gewannen. - -»Nein, nein, Euer Gnaden, ich habe nichts zu beanspruchen. Der Herr -Rittmeister haben ja nichts bei uns genossen.« - -Der Russe jedoch streckte wiederum seine Faust nach dem Ohrläppchen des -nicht mehr Zurückweichenden aus. - -»Kleiner Galgenvogel,« meinte er gutmütig, »hast du vergessen, daß ich -euch beinahe eine ganze Flasche von wunderschönen klaren und lieblichen -Rheinwein austrank? Ein schöner Wein, ein seltener Wein! Wir Russen -sind dankbar, wir erinnern uns stets der treuen und braven Diener. -Hier, Pawlowitsch, nimm. Macht mir Freude, wenn du an Rittmeister Sassin -denkst.« - -War es Ernst oder bestand alles in einem Irrtum? Gott im hohen Himmel, da -hielt der Mann im Radmantel ein blankes Zwanzigmarkstück in der Hand; der -über dem Markt heraufkommende Mond weckte Funken in dem roten Metall, und -es war ein so einzig schönes Bild, daß Pawlowitsch seine langen Finger -krampfhaft schloß, als gönne er es anderen nicht, sich an dieser -wärmenden Augenweide zu ergötzen. Und doch krümmte sich seine Seele und -wand sich ängstlich hin und her, denn die Güte des Rittmeisters erschien -dem kundigen Mann verdächtig, und ein quälender Zweifel beschlich ihn, ob -jenes Gold nicht vielleicht dazu bestimmt wäre, um die besseren -Mahnungen seines Herzens zu übertönen. Man hatte so viel von den rauhen -Grenznachbarn gehört, sie waren so lüstern nach diesen oder jenen -gleichgültigen Dingen, die den Uneingeweihten gänzlich nebensächlich -erschienen, und die dann doch plötzlich eine besondere Geltung gewinnen -konnten. Und dann -- die Versucher von dort drüben sollten sich im -Besitz von ungeheuerlichen Schätzen befinden, die sie wahllos und -verschwenderisch über die ihnen Ergebenen und Willfährigen ausstreuten. -Hatte sich Pawlowitsch, der Listige und Verschlagene, nicht schon oft -heimliche Gedanken darüber gemacht, wie hübsch es wäre, wenn man die -groben ungeschlachten Kerle von jenseits der Grenze ein wenig necken -würde? Natürlich nur ein bißchen aufziehen, um sie hinters Licht zu -führen, denn man wußte ja eigentlich gar nichts, was die neugierige -Gesellschaft wirklich interessieren könnte. Aber als der Hausmeister jetzt -das kalte Goldstück mit seinen langen Spinnenfingern umschloß, da gab es -ihm doch einen brennenden Stich durch alle Adern hindurch, und einen -Moment schlugen Angst und Feigheit so stark in ihm empor, daß er fast ohne -Überlegung die Hand ausstreckte, um das liebe, das schöne, das reiche -Geschenk wieder von sich zu schleudern. - -»Da -- da -- Panne Rittmeister --« - -»Was willst du, mein lieber Junge?« - -»Ich -- ich« -- das Kerlchen im Radmantel erwachte -- »ich wollte Ihnen -bloß herzlich danken, Herr Rittmeister,« sagte er schmerzlich. - -Der Russe jedoch versetzte ihm einen freundschaftlichen Puff vor die Brust, -so daß dem ohnehin Bedrückten einen Moment lang die Luft fortblieb. - -»Schon gut, Pawlowitsch,« hörte er die dröhnende Stimme dicht vor -seinem Ohr, »das ist nur Kleinigkeit. Du gefällst mir, du gefällst mir -wirklich. Und dann -- wir sind ja auch halbe Landsleute. Wer weiß, was ich -noch alles für dich tun kann? Und nun geh und richte deinen Auftrag aus, -bei lieben Leutnant Fritz Harder. Wo wohnt er doch noch?« - -»Er wohnt Rosenkranzgasse 19,« schlich dem Diener die Stimme mühsam -aus der Kehle. Und sich windschief verbeugend, schlug der Davoneilende -ein Kreuz unter dem langen Mantel, indem er noch erstickt hinterher zu -flüstern versuchte: »Jesus, Maria und Joseph, legt Fürbitte ein!« - -Als Pawlowitsch dies herausstöhnte, schlug es von der Sebalduskirche die -zehnte Stunde. Das Glockenspiel des Meisters Adameit begann wieder seine -glasklaren Melodien zu spielen: »Wer nur den lieben Gott läßt walten.« -Da trat Pawlowitsch der Schweiß auf die Stirn. Fester und gieriger preßte -er die Goldmünze in seiner Hand zusammen, als müsse er sich durchaus an -etwas Irdisches klammern, und doch bröckelte es von seinen Lippen noch -einmal wie vorhin, nur schaudernd und abwehrend: - -»Jesus, Maria und Joseph, wie leicht kann man das Geld auf dieser Erde -verdienen. Wie leicht -- legt Fürbitte ein!« - - - - -III. - - -Durch die langen schmalen Eichen vor dem Herrenhause von Maritzken -raschelte der Frühwind. So eng beschnitten hatte man die dunkelgrünen -saftigen Kronen, daß man die Bäume in der Ferne für hochstrebende -Pappeln halten konnte. Nun wiegten sich die Wipfel im weißen Sonnenlicht -des Julivormittags und warfen schwankende Schatten auf den grob -gepflasterten Hof, der trotz beginnender Ernte und obwohl er von -Leiterwagen und Pflügen besetzt war, so sauber aussah, als wäre er für -eine besondere Feierlichkeit aus vielen Wasserschläuchen überspült -worden. Auch die umgebenden Wirtschaftsgebäude blitzten stets unter einem -weißen Anstrich, denn es machte den Stolz der Herrin von Maritzken aus, -daß sich das von ihr bewirtschaftete Gut immer in weithin leuchtender -Weiße zeige. Unter dem viereckigen Toreingang aber stand Johanna Grothe -selbst, und die Sonnenstrahlen hüllten ihr lockeres Haar in eine Goldhaube -ein. Vor ihr verharrte in Hemdsärmeln die untersetzte Figur ihres -Statthalters, der sein kleines zehnjähriges Töchterchen an der Hand -führte. - -»Nun, Baumgartner,« fragte Johanna den Mann mit der vorzeitig -durchfurchten Stirn freundlich, »wie weit halten wir heute?« - -Da berichtete der treu sorgende Verwalter, der die Angewohnheit aller -älteren Landleute besaß, die Gutsangelegenheiten nicht allzu rosig -darzustellen, wie man bei der Rapsernte auf ganz verfluchte Flecken -gestoßen sei, die mit nichts als Unkraut und Hederich bewachsen wären. - -»Da ist wieder ein toller Hund gelaufen,« sagte der Landmann nach dem -Aberglauben der dortigen Gegend. - -»I, lassen Sie nur, Baumgartner,« tröstete Johanna lächelnd, »unser -Raps selbst steht fett und gut. Es kann einem das Herz im Leibe lachen.« - -Der Mann kraute sich leicht hinter dem Ohr. »Na ja, Fräuleinchen, aber -mit dem Kartoffelumwerfen, da kommen wir nicht richtig vorwärts. Uns -fehlen Pferde. Ponnies müßten wir haben, mit schmalem Tritt.« - -»Da haben Sie recht, Baumgartner,« nahm seine Herrin den Einwurf lebhaft -auf, »aber wissen Sie das Neueste? Heute nachmittag fahre ich mit meinen -Schwestern nach Grabowo.« - -»Was, über die Grenze?« hob hier der Verwalter sein sonnengebräuntes -Haupt und zuckte ein wenig mißtrauisch die Achseln, und als er erfahren, -daß seine Gebieterin dort drüben das vermißte Pferdematerial zu kaufen -beabsichtigte, da klopfte er mit dem Finger noch einmal warnend gegen die -Schärfe seiner Sichel. Es gab einen hellen Ton. »Vorsichtig, gnädiges -Fräulein,« riet er dringend, »die Gesellschaft da drüben geht nicht -immer ehrlich zu Werke.« - -»Oh, Sie können unbesorgt sein, Baumgartner, Herr Konsul Bark begleitet -uns.« - -Da ging ein beifälliger Zug über das ernste Antlitz des Landmannes. - -»Das ist gut,« stellte er fest. »Konsul Bark versteht seine Sache. Er -hat auch mit dem alten Trakehner Hengst bei uns recht behalten. Das Tier -arbeitet drei junge Pferde in Grund und Boden.« Und während sich der -Beamte schon zum Abgang wandte, fragte er noch einmal ehrerbietig: »Und zu -wann befehlen das Fräulein den Wagen?« - -Eine schwere Falte grub sich dabei mitten über die Stirn des Mannes. -Allein Johanna verstand ihn. - -»Nein, nein, Baumgartner,« beruhigte sie. »Sie brauchen sich gar nicht -stören zu lassen, Herr Konsul Bark holt uns in seiner eigenen Equipage ab, -obwohl uns unser Weg ja ohnehin durch die Stadt führen würde. Sie können -Ihre Pferde ruhig bei der Arbeit behalten.« - -»Oh, danke schön, gnädiges Fräulein, das ist gut. Herr Konsul Bark -weiß, was sich gehört. Ich freue mich immer, wenn er auf das Gut kommt. -Nun vorwärts, Tilli.« - -Er gab seiner kleinen Tochter einen Wink, das Kind knixte und beide -schritten rasch bis zum Hoftor. Jedoch sie sollten nicht hinausgelangen. -Von der Chaussee her erhob sich ein scharfes Rollen, Peitschenklang -schwirrte durch die Luft, und gleich darauf sah die Gutsherrin, wie -ihr Verwalter ein Paar mächtigen Rappenhäuptern beruhigend über die -schäumigen Nüstern klopfte. - -Bei Gott, dies Gespann kannte Johannas geübter Blick. Ja sogar den harten, -sausenden Peitschenklang unterschied sie vor allen anderen. So dröhnend -und unbekümmert raste nur der Riese dort drüben von Sorquitten über -die Landstraße. Und richtig, noch hatte sie die Ziegelschwelle unter -der viereckigen Einfahrt nicht verlassen, da schob sich auch bereits eine -mächtige Männerfigur in einem gelben Sportanzug durch die Toröffnung, -und ein grünes Tirolerhütchen mit einer alten verbogenen Hahnenfeder -wurde aus Leibeskräften in der Luft geschwenkt. - -»Morjen, morjen, Johanna, alte Seele,« wetterte das markige Organ des -Vetters Fedor von Stötteritz, und dabei stampfte der ungeheuerliche -Eindringling bald rechts, bald links mit den braunen Schnürstiefeln, aus -denen sich ein paar unförmige Waden herausdrängten, schallend auf -den Steinen des Hofes herum. »Laß mal eiligst so einen kleinen Tritt -herausbringen, liebste Cousine, meine alte Dame will sich nämlich wieder -nicht meinen Armen anvertrauen. Sie behauptet, ich zerbräche ihr immer -ein paar Knochen im Leibe. Also fix, Johanna,« und er führte die beiden -Mittelfinger in den Mund und ließ einen gellenden Pfiff erschallen. -»Vorwärts, wo bleiben die Faulpelze? Meine Frau Mama kann ja bekanntlich -nicht warten.« - -Jetzt wurde es auf dem Hofe lebendig. Eine Magd mit einem Tritt lief -hochaufgeschürzt hinzu, und nachdem auch Johanna bis an den Wagenschlag -geeilt war, da entschloß sich die lang aufragende, hagere Insassin -des Gefährtes endlich, die Expedition auf den sicheren Erdboden zu -unternehmen. Mit einem Krückstock indessen tastete sie erst vorsichtig die -Unebenheiten des Terrains ab. Kurzatmig stand sie dann neben ihrem Sohn, um -ihrem blauroten und doch pergamentartig mageren Antlitz ein wenig kühlende -Luft zuzufächeln. - -»Es ist nichts mit solchen Ausfahrten,« stellte Frau von Stötteritz -grämlich fest, wobei sie der Hausherrin steif ihre Rechte zum Handkuß -darbot. »Guten Tag, liebes Kind. Ich wollte dich gewiß nicht belästigen --- nein, nein, schon gut, wer soll sich denn über eine so alte -anspruchsvolle Frau im Ernst freuen? -- aber mein dummer Junge läßt mir -ja keine Ruhe. Es sollte durchaus ein Besuch bei dir werden. Als ob ich -dich in meinem Leben noch nicht gesehen hätte! -- Nein, nein, schon gut,« -unterbrach die hagere Dame entschieden, als das blonde Mädchen ihr -irgend etwas Liebenswürdiges entgegnen wollte. »Lüge nicht erst, -mein Töchterchen, du schwärmst ja selbst nicht für Komplimente. Die -Hauptsache ist, daß ich möglichst bald eine Fußbank unter mein rechtes -Bein erhalte. Du kannst dir gar nicht denken, wie mich das Rheuma wieder -plagt. Aber paß auf, es gibt Regenwetter. Unsere Rapsernte wird uns -natürlich wieder wegschwimmen.« - -»Du, Hans,« schrie der Sohn aufgeräumt dazwischen, der seine Frau Mama -mit den flachen Händen so sanft wie möglich vor sich her schob, »mein -ganzer Raps an Silberstein da drinnen verkauft. Den verfluchten Juden hab' -ich schön hochgenommen. Wenn das in diesem Jahre so weiter geht, dann bau -ich auf Sorquitten das neue Herrenhaus, das du neulich vorschlugst. Meine -Alte werde ich schon rumkriegen.« - -»Es wäre gut, wenn du mir nicht so in die Ohren schriest, Fedor,« -tadelte die Vorauftappende, schmerzlich ihren Mund verziehend. »Was ich -dieses Brüllen nicht leiden mag -- --« - -»Na, laß man sein, Mutterchen, ich säusele schon wieder. So, und nun -aufgepaßt, hier kommen die Treppen.« Der Besuch wurde in das große -Staatszimmer hinaufgeführt, dessen drei Fenster auf den Park hinausgingen. -Denn Johanna dachte daran, daß ihre Tante, Frau von Stötteritz, eine -unbesiegliche Abneigung hege gegen den Anblick des Wirtschaftshofes sowie -gegen die rauhen Geräusche, die sich von dort möglicherweise erheben -konnten. In einem alten gelben Seidenfauteuil lehnte die alte Dame an einem -der hohen Fensterbogen und zupfte nervös an den seidenen Halbgardinen -herum. Währenddes präsentierte die blonde Hausherrin ihrem kritischen -Besuch ein in Wein abgezogenes Ei, denn dies war die einzige Aufwartung, -welche die kränkliche Dame gnädig aufnahm. Dafür konnte sie von jener -Leckerei auch große Mengen vertilgen. Einen Augenblick hörte man nichts, -als das Klirren des Löffels, den Frau von Stötteritz in dem Glase -herumführte, und dazwischen mischten sich die schallenden Tritte ihres -Sohnes, der, die Hände in den Taschen, ruhelos das Zimmer durchmaß. Er -entbehrte seine Zigarre, die in der Gegenwart der Mutter nicht geraucht -werden durfte. - -Endlich hatte die kränkliche Frau die ihr so wohlmundende Leckerei mit -Andacht zu sich genommen; das behagliche Schlürfen sowie das Kratzen des -Löffels erstarb, und nachdem sich Fedors Mutter umständlich mit ihrem -Taschentuch Mund und Hände gereinigt, da richtete sich die hagere Gestalt -starr in ihrem Sessel auf, alles Vorboten, daß jetzt etwas Wichtiges -erfolgen sollte. Zuerst aber reichte sie mit ihren zitternden Fingern das -Glas zurück, um verurteilend zu klagen: - -»Wenn einem nichts mehr schmeckt, so ist das ein schlimmes Zeichen. Nein, -widersprecht nicht erst, ich bin mir über meinen Zustand ganz im klaren.« - -Als aber ihr herkulischer Sohn unbekümmert seinen dröhnenden Spaziergang -durch das weite Gemach fortsetzte, da nestelte Frau von Stötteritz aus -ihrer schwarzseidenen Handtasche einen mehrfach gefalteten Brief hervor, -strich ihn auf ihrem Schoße glatt und tat einen tiefen, halb seufzenden -Atemzug. - -»Höre, Johanna,« begann sie endlich, indem sie sich den Zeigefinger -netzte, wie wenn sie die Seiten des vertrockneten Briefes umzuschlagen -gedächte, »bekümmerst du dich eigentlich um politische Vorgänge?« - -»Um politische --?« - -Johanna stutzte. Und während sie mit entschlossener Bewegung ihr blondes -Haupt in den Nacken warf, da nahm sie plötzlich jene abwehrende Stellung -ein, die ihrer ganzen Gestalt das Gepräge verlieh. - -Mein Gott, wie unangenehm! Gedachten die beiden herrischen Adelsmenschen, -die in der ganzen Gegend wegen ihrer altpreußischen Gesinnung bekannt -waren, sie, die emsig Schaffende, nun auch zu ihren Lebensanschauungen -zu bekehren? Oh nein, darin täuschten sich die beiden. Sie -- das -Gutsfräulein von Maritzken bewertete die ihr Nahen und Fernen lediglich -nach den Leistungen, durch die Schaffensfreudige und Arbeitskräftige ihr -Dasein, ihre Lebenshaltung zu befestigen oder zu steigern vermochten. Ja, -das war es, dem praktischen Sinn der großen Blonden war der Erwerb, der -anständige und sichere, beinahe etwas moralisch Schönes und Geheiligtes -geworden. Und deshalb lehnte sie gewöhnlich mit einer ihrer entschlossenen -Gesten alles ab, was sich in ihrem Umkreis in politischen Zänkereien -erging. »Wer für sich schafft, schafft auch für das Land,« dachte sie. -Und mit diesem Bekenntnis glaubte sie sich genügend mit den Streitigkeiten -des Tages abgefunden zu haben. - -»Bekümmerst du dich eigentlich um politische Dinge?« hob Frau von -Stötteritz noch einmal an, und es klang bereits, wie immer, ein spitzer -Vorwurf aus dem Ton ihrer Frage. - -Aber gerade diese Art, die so selbstverständlich eine scheue Unterwerfung -forderte, das bedingungslose Zustimmen zu einem durch nichts zu -erschütternden Programm, das rief den starken Drang nach Widerspruch, nach -Verteidigung bei dem eigenwilligen Landfräulein hervor. Und indem Johanna -mit dem Finger leicht auf die Tischplatte pochte, als wollte sie für -jedes ihrer Worte eine besondere Aufmerksamkeit verlangen, da warf sie mit -angenommener Gleichgültigkeit hin: - -»Nein, liebe Tante Adelheid, von Politik verstehe ich zu wenig. Und das -Geringe, das ich manchmal mit meinem Freunde, dem Konsul Bark, bespreche, -das hat irgendwie einen Bezug auf meine Wirtschaft. Aber ein Verdienst oder -etwas Ersprießliches,« setzte sie mit einem kalten Lächeln hinzu, »ist -meines Wissens für mich noch niemals dadurch erzielt worden.« - -Bei der Erwähnung des Namens ›Bark‹ öffneten sich die schmalen Lippen -der Freifrau wie von selbst, und sie ließen ein Paar der großen gelben -Zähne zum Vorschein kommen. Und siehe da, auch ihr mächtiger Sohn gab -seine Wanderung auf und wurzelte so unvermittelt auf dem olivgrünen -Velourteppich fest, daß die alten Porzellantassen in der nahen -Glasservante zu klirren anhoben. Gleich darauf trat auch er an den Tisch -heran, ganz dicht neben das blonde Mädchen, und zwirbelte mit einer -weitausladenden Bewegung den starr sich emporreckenden rotblonden -Schnurrbart zurecht. - -»Konsul Bark?«, nahm er das verdächtige Wort von neuem auf und in seine -tiefe Stimme drang gleichfalls etwas Scharfes und Schnarrendes. »Sag mal, -kommst du mit dem Tütendreher noch immer so häufig zusammen, Johanna?« - -Da war wieder jene Verachtung der kaufmännischen Berufe, die den -praktischen Hans mehr wie alles andere verdroß. Und in ihrem Innern erhob -sich eine heftige Abneigung gegen die junkerliche Überhebung des Vetters. -Zum Teufel, was hatte der Riese von Sorquitten denn Höheres und Besseres -geleistet, als der gewandte Geschäftsmann dort drinnen in der Stadt? Gott -ja, Fedor war ein mit beiden Fäusten durchgreifender Landwirt, praktisch -in jeder Faser und voll derber Freude an seinem Beruf. Seine Leute -duckten sich vor ihm, denn es war nicht ratsam, mit dem Enaksohn im -Ernst anzubinden. Aber bestand denn darin etwas so Gewaltiges, das -große väterliche Gut, das ihm blühend von Generationen von Vorfahren -überliefert war, in einem ertragsreichen Zustand zu erhalten? Wie ganz -anders der Chef des Goldenen Bechers dort drinnen am Marktplatz. In ewig -neuer Anspannung mußte der Kaufmann seine Kapitalien, ja sogar sein ganzes -Geschäft, das durch wechselnde Konjunkturen und Zeitströmungen immer -wieder gefährdet werden konnte, verteidigen, schützen und erweitern. -Über die schnell sich verändernden Beziehungen des Völkerlebens mußte -er sich unterrichtet zeigen, denn jeden Augenblick konnte es nötig werden, -irgendeine der sich erhebenden großen Fragen des Weltgeschehens für -sich günstig auszubeuten. Dazu gehörte doch eine andere geistige -Beweglichkeit, eine männliche Kraft des Entschlusses und daneben auch -eine biegsame und geschmeidige Leichtigkeit, die plötzlich anstürmenden -Gefahren auszuweichen verstand; ja, es gehörte mehr Mut und -Selbstbeherrschung zu einem solchen Tütendrehen, als es das ruhige -Abwarten von Saat und Ernte verlangte. - -So meinte Johanna wenigstens, denn da ihr selbst die schwere, und an -Enttäuschungen reiche Pflicht der Bodenbearbeitung geläufig war, so -neigte sie durchaus dazu, das ihr fremde und imponierende Spiel des Handels -höher als ihre eigene Leistung einzuschätzen. Aber selbst wenn dieser -letzte Grund fortgefallen wäre, so empörte sich die tief in ihr wurzelnde -Dankbarkeit für ihren uneigennützigen Freund dagegen, daß Junkerhochmut -den tätigen Mann seines Gewerbes wegen über die Achsel anschauen dürfe. -Und sehr bestimmt entgegnete sie deshalb auf den etwas spöttischen Einwurf -ihres Vetters: - -»Allerdings, lieber Fedor, ich komme mit Herrn Konsul Bark sehr häufig -zusammen. Ja, unser Freund wird mich und meine Schwestern sogar heute -nachmittag in seinem eigenen Wagen zu einem Besuch jenseits der Grenze -abholen.« - -Noch hatte die Entschlossene nicht völlig geendet, als der Brief auf dem -Schoß der Tante Adelheid seltsam zu rascheln begann. Und während der -mächtige Landwirt vor Überraschung mit der Faust nur einen kräftigen -Luftstoß ausführte, dem sich die empörte Anmerkung beigesellte: »Na, -das ist aber doch -- --,« da schüttelte seine Mutter sehr bestimmt das -pergamentene Haupt, und ihre noch immer schwarzen Augenbrauen schnürten -sich so eng zusammen, als ob damit die Willensäußerung ihrer Nichte ein -für allemal ausgestrichen und aus der Welt geschafft wäre. - -»Mein liebes Kind,« hüstelte sie in ihrer frostigen Art, die keinen -Widerspruch zu kennen schien, »du siehst hier diesen Brief. Mein dummer -Junge behielt doch recht, als er mich zu dem Besuch bei dir veranlaßte. -Ich merke, wir kommen gerade zur rechten Zeit. Kurz und gut, liebe -Johanna, du wirst klug handeln, wenn du deinen Besuch jenseits der Grenze -unterläßt.« - -»Aber warum, beste Tante? Ich sehe gar nicht ein --« - -»Unterbrich mich nicht, Johanna, sonst verliere ich so leicht den -Zusammenhang. Dir wird hoffentlich gleich alles klar werden. Und du kannst -Gott danken, daß man dich noch in letzter Stunde warnt. Weißt du, -was dieser Brief enthält? Er stammt von meinem Bruder, dem Geheimen -Regierungsrat von Roeder aus dem Auswärtigen Amt, und mein Verwandter -richtet die dringende Bitte an mich, die äußerste Vorsicht gegen -alles walten zu lassen, was mit unseren russischen Nachbarn irgendwie in -Beziehung steht.« - -»Aber liebe Tante Adelheid,« rief Johanna eifrig, obwohl sie sich eines -leichten Fröstelns, das über ihre weiße Haut rieselte, nicht erwehren -konnte, »wozu das alles? Wir sind doch auf das große Volk dort drüben -angewiesen. Wir tauschen so vieles von ihnen ein, was wir nirgends besser -und billiger erhalten. Und die Leute von jenseits der Grenzpfähle nahmen -gerade in den letzten Jahren auch von uns nicht allein allerlei praktische -Dinge, sondern sogar manche Sitten und wissenschaftliche Errungenschaften -an, so daß man sich über den lebhaften Verkehr doch nur freuen sollte.« - -»Der Teufel soll den albernen und leichtsinnigen Verkehr holen,« brummte -hier der Riese von Sorquitten dazwischen, dem der Zorn das Antlitz dunkler -färbte, »ich wünschte, man hätte schon längst den Brüdern die Zähne -gewiesen.« - -»Um Gottes willen, Ihr stellt ja die Angelegenheit beinahe so dar, als ob -wir uns mit denen da drüben im Kriegszustande befänden,« lachte Johanna -ärgerlich auf, und ihre Rechte schlug dabei quer durch die Luft, wie wenn -es notwendig wäre, das gefährliche, das unmögliche Wort von vornherein -zu sprengen oder zu zerteilen. - -Allein was war das? Weshalb suchten in diesem Moment die hellblauen -Augen des Riesen, die sonst so lachend, so sorglos und unbekümmert über -Lebendes und Totes fortzugleiten gewohnt waren, weshalb in aller Welt -suchten sie so dringend und ernsthaft die ihren? Warum nickte das blonde -Haupt ein paarmal so schwer und bedächtig, wie wenn ein ungeheures -Schicksal sich mit Wucht auf diesen starren Nacken gebürdet hätte? Und -dann? Täuschte sie sich? Ihr war es, als ob sich die unförmige Gestalt -des Recken in plumper Bewegung näher und näher an die ihre heranschöbe, -und das unsichere Gefühl durchdrang sie, als ob dies alles geschähe, -um ihr bei heranziehender Gefahr nahe zu sein, um sie zu bergen und zu -schützen. Dazu verharrte die Kranke in ihrem gelben Sessel starr und -unbeweglich, kein Wort drang über die fest zusammengepreßten schmalen -Lippen, und nur aus dem nervösen Zittern der schwarzen Augenbrauen -enträtselte die beklommene Beobachterin, welchen beängstigenden -Gedanken die Leidende heimlich preisgegeben sein müsse. Unerträgliche -Schweigsamkeit waltete zwischen den drei aufgescheuchten Menschen. -Endlich ertrug es die Älteste von Maritzken nicht länger. Mit ein paar -unbedachten Schritten näherte sie sich dem Stuhl der Greisin, um ganz -gegen ihre Gewohnheit hastig und aufgeregt die lange welke Hand von Fedors -Mutter zwischen ihre eigenen pulsierenden Finger zu betten. - -»Liebe Tante,« stieß sie ohne weitere Rücksicht hervor, »du mußt -nicht glauben, daß es nur die Unruhe um meine eigene Sicherheit oder -um die ungefährdete Existenz meiner Schwestern ist, die mich jetzt -veranlaßt, dich um weitere rückhaltlose Auskunft zu bitten. Aber nicht -wahr, Fedor, nicht wahr, Tante Adelheid,« fuhr sie dringender fort, »ihr, -als Gutsvorstände, könnt mir das nachfühlen. Ich habe ja so vieles hier -zu verantworten, anvertraute Kapitalien und nicht zuletzt das Leben und das -karge Besitztum meiner Leute. Ich muß also wissen, worum es sich in diesem -Briefe handelt. Ihr könnt es mir ganz ohne Schonung anvertrauen, es wird -mich nicht umwerfen. Und dann --,« sie trat ans Fenster und riß mit -einer hastigen Bewegung die seidenen Halbgardinen fort, so daß die alte -Dame, von einem Sonnenstrahl getroffen, wehleidig zusammensank -- »werft -doch nur einen Blick auf alles, was wir Deutschen hier schufen, auf den -alten Park mit seinen hundertjährigen Stämmen, auf die prachtvollen -Weizenfelder, die wir in rastloser Emsigkeit durch immer neue -wissenschaftliche oder rein praktische Methoden zu ihrer heutigen Reife -und Blüte brachten! Betrachtet dort hinten, jenseits der Chaussee das -reinliche Dörfchen Maritzken mit seinen kleinen Gärten und Lauben und -der wunderhübschen Holzkirche. Das alles hat man seit fünfzig Jahren -aus einem Sumpf herausgehoben. Und alle diese Mühe, so viel Leben und -Daseinsfreude, das sollte man von einem eisernen Hagel zerschmettern -lassen? Für immer? Nein, daran glaube ich nicht,« schloß sie tief atmend -und legte sich wie befreit die flache Hand auf die arbeitende Brust. - -Auf diesen Ausbruch hob die alte Dame den sorgsam behüteten Brief rasch -gegen das Licht, zog aus ihrer schwarzseidenen Tasche gleichzeitig ein -Schildpattlorgnon hervor und hielt sich die Gläser dicht vor die Augen. - -»Liebes Kind,« schnitt sie alle weiteren Erörterungen ab, »wenn du -mehr Umgang in militärischen Kreisen pflegen würdest, was ich für -sehr nützlich hielte, so könntest du wissen, daß jene große -Auseinandersetzung, die dir so unmöglich scheint, von den maßgebenden -Stellen schon seit Jahren befürchtet oder auch erhofft wird. Je nachdem. -Ich halte es deshalb für meine Pflicht, dir ganz reinen Wein einzugießen. -Merke genau auf. Mein Bruder, der es auch mit dir gut meint, schreibt -folgendes.« - -Damit lenkte die starr und aufrecht Sitzende das gelbe Blatt Papier noch -näher an ihr Antlitz, das sie scheinbar nicht beugen konnte, und griff -mitten aus dem Brief folgende Stelle heraus: - -»Seit dem frevelhaften Verbrechen, das dem Thronerben der uns verbündeten -Monarchie das Leben kostete, haben wir hier im Amt eine aufreibende -Arbeitsleistung zu bewältigen. Noch nie war der europäische Himmel -so bewölkt wie jetzt. In den militärischen Zentralen wird fieberhaft -geschafft, und ich kann dir unter der Hand mitteilen, daß die -Sachkundigsten unter uns seit der Überreichung der österreichischen -Forderungen an den rebellischen Balkanstaat die fernere Erhaltung eines -ehrenhaften Friedens beinahe in das Gebiet der Unmöglichkeit verweisen. -Sollte, was Gott verhüten möge, unser großer östlicher Nachbar sich -für das Schwert entscheiden, -- ein Gedanke, zu dessen Erfassung die -Phantasie der meisten unserer in einem verweichlichenden Frieden völlig -aufgegangenen Mitbürger durchaus nicht ausreicht -- dann würde eine -Weltkatastrophe heraufbeschworen, die alles, was jetzt festliegt und -besteht, zerschmettern müßte.« - -Ein widerspruchsvolles Lächeln, das sie sich selbst nicht zu deuten -vermochte, glitt bei dem eben Gehörten über die bleichen Züge der -Landtochter, denn sie gehörte zu denen, deren Einbildungskraft vor der -ungeheuerlichen Prophezeiung machtlos niedersank. Die alte Dame jedoch -verkündete mit scharfer Stimme weiter, und es war, als ob ihre Worte sich -immer stechender und aufreizender formten, je Erbarmungsloseres über ihre -schmalen Lippen floß. - -»Ihr könnt euch die Last und die Qualen dieser Spannung gar nicht -vorstellen. Von Tag zu Tag fliegen neue Vorschläge, Vermittlungen und -geheime Depeschen von Allerhöchster Hand herüber und hinüber. Alles -starrt atemlos auf die Zentnerlast, die an einem Haar über unseren -Häuptern schaukelt. Und nun der Grund, warum ich so ausführlich an dich -berichte, liebe Schwester. Stürzt der Koloß über uns herein, über uns, -die wir in unserem gläubigen Vertrauen namentlich an euren Grenzen -noch lange nicht so unantastbar gerüstet sind, wie es unsere leitenden -Militärs wünschen, dann werden es eure Gegenden sein, die von dem ersten -Ritt unkultivierter Horden überrannt werden. Noch vermögen wir nicht zu -ahnen, welches Entsetzen sich bei einem solchen Zusammenstoß über eure -Gutshöfe, Dörfer und kleinen Städte ausbreiten könnte. Da wir in -den letzten Jahrhunderten immer nur mit uns an Gesinnung gleichgearteten -Volksstämmen die Waffen kreuzten, so fehlen uns alle Anhaltspunkte dafür, -was wir von den Angehörigen einer minderen Kultur zu erwarten haben. Ich -rein persönlich jedoch fürchte, daß es -- selbst den recht zweifelhaften -guten Willen der östlichen Befehlshaber vorausgesetzt -- kaum gelingen -dürfte, unsere Ansiedlungen vor einer bisher unbekannten Zerstörungsgier -zu schützen. Und was den Einwohnern eines freien und geordneten -Staatswesens bevorsteht, sobald die entfesselte Zügellosigkeit dumpfer und -stumpfer Massenschwärme über sie fortprallt, asiatischer Halbwilder, die -an glücklicheren Völkern die Pein ihrer eigenen Sklaverei zu vergelten -gedenken, das sind Dinge, liebe Schwester, die mich vorläufig nur -wie unvorstellbare schwere Träume ängstigen. Zwar noch ist ja eine -Beschwörung der Gefahr nicht gänzlich unmöglich. Doch mein Rat geht -für alle Fälle dahin, dich und die Deinen sowie alle, die dir nahestehen, -schon jetzt in Sicherheit zu bringen. Mit Freuden öffne ich dir mein Haus -in Berlin. Es genügt aber vielleicht auch, wenn du dich einstweilen in -eurer Provinzialhauptstadt einmietest. Aber nimm die Zeit wahr, liebe -Adelheid, denn binnen kurzem dürften auch dort neue Ankömmlinge wegen -der zu befürchtenden Übervölkerung zurückgewiesen werden. Ist es -nicht unfaßbar, sich alle diese ungewohnten Schrecken und Grausamkeiten -vorstellen zu müssen? Gott gebe, liebe Schwester, daß diese wütende -Windsbraut ohne schweren Schaden an dir vorüberbraust.« - -Als Frau von Stötteritz bis hierher in ihrer Lektüre gelangt war, da -faltete sie den Brief emsig und umständlich zusammen, jede Falte in ihre -gewohnte Lage, und schob das Schreiben mit ihrer dürren Hand raschelnd in -den seidenen Beutel. Dann wandte sie das Haupt, und ohne ein weiteres -Wort an diese für sie völlig erschöpfte Angelegenheit zu verschwenden, -richtete sie ihre starren, grauen Augen, die sich plötzlich unnatürlich -weit geöffnet hatten, regungslos und unerbittlich auf das hochgewachsene -blonde Mädchen. Auch Johanna vermochte sich in der abermals herabsinkenden -Stille, die bang und trübselig, beinahe hörbar, durch das weite Zimmer -schlürfte, keiner Bewegung hinzugeben. - -Ungläubig nahm der Riese von Sorquitten, der auch jetzt noch mit hörbar -tiefen Atemzügen neben seiner jungen Verwandten weilte, die merkwürdig -belebte Blässe des sonst so resoluten und durch nichts zu erschütternden -Frauenbildes in sich auf. - -»Kriegt endlich doch das Bibbern,« fuhr es ihm durch den Sinn, und seine -kernige Mannhaftigkeit freute sich darüber, weil das stolze Weib, das ihn -stets wie eine beobachtende Erzieherin behandelte, sich wenigstens vor der -Gefahr genau wie alle anderen Frauenzimmer demütigen lernte. »Na, da wird -sie ja unseren Vorschlag gnädig aufnehmen,« dachte er, »womöglich noch -dankbar sein, weil man sie hübsch fürsorglich aus unserer Pulverecke -fortschafft.« - -Und ohne weitere Überlegung reckte er sich, um seine breite Tatze -herablassend, wohlwollend auf die Schulter der Cousine zu betten. Die in -Gedanken Versunkene jedoch ließ es ruhig geschehen. Es war das erste -Mal, daß sich der Recke ihrer blühenden Körperlichkeit so weit -nähern durfte. Und mitten in dem schweren Druck, den die bängliche Zeit -verbreitete, da empfand der strotzende Gutsherr in seinem derben, allem -Grübeln abgeneigten Sinn etwas von der verschämten Üppigkeit -dieser verhüllten, unberührten Mädchenglieder. Freilich nur eine -vorüberblitzende Sekunde, denn gleich darauf zuckte das entschwundene -Leben durch die völlig entrückte Frauengestalt. Widerwillig schnellte -ihre Schulter empor, schüttelte die fremde Hand als etwas Störendes von -sich ab, und während sie ihren Blick mit ihrer kühlen Sicherheit gegen -seine trotz aller Überhebung gutmütigen Knabenaugen richtete, da stieß -sie kurz und geschäftsmäßig hervor, wie jemand, der endlich auf den Kern -der Dinge dringen will: - -»Na also, Fedor, nur um mich auf alles dies vorzubereiten, deswegen allein -hast du doch deine Mutter nicht zu der Fahrt veranlaßt? Heraus damit, was -führst du noch im Schilde?« - -Verwünscht, da war wieder eine jener niederträchtig kurzen Fragen, auf -die seine schwerfällige Unterhaltungsgabe nicht sofort eine Antwort zu -erteilen wußte. Herrgott ja, man plante ja allerlei Heimliches, sogar seit -Jahren, man trieb sich viel öfter auf dem Hofe von Maritzken herum, als es -eigentlich durch die Verwandtschaft oder eine treue Nachbarlichkeit bedingt -war, weil man eben dachte -- weil man doch zum Schluß wünschte, daß --- daß -- -- Zum Kuckuck, es wurde eben nichts daraus, weil das große -blonde Weib, das in der Statur so hübsch zu einem paßte, nichts, aber -auch gar nichts Entgegenkommendes oder Aufmunterndes zeigte, was einem die -schwere Sprache vielleicht gelöst hätte. Und auch in diesem drängenden -Moment hätte der Riese das, was ihn im Grunde bewegte, und was längst -die Billigung der Frau Mama gefunden hatte, ohne deren Ja und Amen man ja -schließlich nichts unternehmen konnte, ja, er hätte all das Verborgene -gerade jetzt viel sachter und zarter einkleiden können. Aber nun, als man -ihm wieder mit einer solch brüsken Deutlichkeit auf den Leib rückte, da -vermochte sich der Herr von Sorquitten nur auf den alleräußerlichsten -Grund zu besinnen, den man im letzten Ende doch nur als guten Vorwand -aufgespart hatte. - -»Was es gibt -- was ich will --,« murmelte er aufgescheucht, wobei seine -blauen Augen Unterstützung heischend nach dem regungslosen Antlitz seiner -Mutter hinüberirrten. »Herrgott, Hans, das ist doch klar, das ist doch -furchtbar einfach.« - -»Na, dann sag es doch!« - -»Ja, sieh mal, ich meinte -- das heißt, meine alte Dame ist gleichfalls -der Ansicht -- wenn es losgehen sollte, dann könnt ihr Mädels doch -unmöglich in der glatten Feuerzone bleiben. Und da hatten wir so ganz -gemütlich unter uns verabredet, daß es am sichersten wäre, wenn du deine -Schwestern nach Berlin schicktest. Du selbst aber -- --« - -»Nun also?« - -»Herrgott, sieh mal, es wäre doch so einfach --« - -Indessen das Augenpaar der Ältesten von Maritzken ruhte wieder zu scharf, -zu kühl und zu forschend auf dem Männerantlitz, als daß Herr von -Stötteritz, der doch die Charge eines Landwehr-Rittmeisters bei -den Göben-Ulanen bekleidete, die Gewandtheit besitzen konnte, die -wohlausgedachte Attacke zu vollenden. Diese niederträchtigen, komischen -Weibsbilder, was sie einem für Beschwerlichkeiten bereiteten. Es war ein -reines Glück, daß sich jetzt aus dem Seidenfauteuil das bekannte scharfe -Räuspern vernehmen ließ. - -»Liebe Johanna,« sagte die Frau Mama in ihrer unveränderlich starren -Haltung, »mein Junge stottert ja leider. Wahrhaftig, er benimmt sich, -als ob man vor jemandem, dem man zu nützen wünscht, noch einen Fußfall -machen müßte. Kurz und gut, liebes Kind, so schwer es mir fällt, ich -habe mich entschlossen, Sorquitten zu verlassen, um während der nächsten -Zeit in die geschützte Provinzialhauptstadt überzusiedeln. Wir besitzen -ja dort sowieso ein bescheidenes Absteigequartier. Und da wollte ich dir -vorschlagen --« - -»Jawohl, wir wollten dich bitten,« fiel hier der Sohn, dem alles viel zu -lange währte, ohne besondere Umstände ein, »wir wollten dich bitten, ob -du nicht meine Mutter begleiten möchtest.« - -»Um Gottes willen, ich?« - -»Jawohl, was ist da groß zu überlegen und um Gottes willen,« beharrte -nun der Gutsbesitzer bereits etwas erhitzt, weil die Cousine nicht sofort -mit beiden Händen zugriff. »Du bleibst dann für alle Fälle hier in der -Nähe. Und du könntest dich ja vielleicht auch, um dich zu beschäftigen, -ein wenig um die Pflege meiner Mutter kümmern.« - -So, damit war so ziemlich für die Zukunft vorgesorgt. Und während sich -Tante Adelheid dem Fenster zuwandte, um eine blaue Taube zu beobachten, -die auf dem Blech herumstolzierte, da zog sich ihr Sohn gleichfalls den -nächsten gelbseidenen Fauteuil heran und ließ sich krachend in das -Polster fallen, als ob nun das schwierige Geschäft in schönster Ordnung -und beendigt wäre. Gemütlich pfiff er halblaut durch die Zähne, streckte -die gewaltigen Beine von sich und faltete die Hände kreuzweise über der -Brust. Jedenfalls hatte man nun seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit -gegen das störrische, unliebenswürdige Mädel erfüllt. Jetzt konnte sie -tun, was sie Lust hatte. - -Eine lange Zeit erhob sich kein Laut in dem weiten Zimmer, nur ab und -zu vernahmen die drei Menschen, die sich gegenseitig beobachteten, einen -eigentümlichen metallischen Ton. Der rührte von der Taube her, die -draußen auf dem Fensterblech herumpickte. Endlich jedoch wandte sich Frau -von Stötteritz dem schweigenden Mädchen zu, denn sie fand, daß man der -Hausherrin nun genug Zeit zur Überlegung gegönnt hätte. Und ihre Stimme -klang sehr bestimmt und deutlich, als sie sich nun erkundigte, ob ihre -Nichte innerhalb von zwei Tagen die angekündigte Reise antreten würde. -Aber wie erstaunten die beiden Adligen, ja Fedors Mutter entsetzte sich -geradezu, als statt einer Antwort von dem Tisch her ganz plötzlich und -gegen jede Erwartung ein helles Lachen auftönte, das sich in der scharf -dagegen absetzenden Stille immer mehr verstärkte, als ob eine innerliche -Befreiung damit verbunden wäre. - -»Aber liebe Johanna, das finde ich doch in hohem Maße eigenartig,« -suchte sich endlich die alte Dame gegen diese absonderliche Weise zur Wehr -zu setzen. »Was meinst du, Fedor?« - -Jedoch auch der Riese vermochte sich die verletzende Heiterkeit auf einen -so ernsthaften und gut gemeinten Vorschlag natürlich noch viel weniger zu -erklären. Stumm und ungläubig streckte er noch immer die Beine weit -von sich, und nur die gefalteten Hände reckten sich aus, so daß die -gespreizten Finger ein kurzes Knacken vernehmen ließen. - -»Ja, Johanna, Menschenskind, was soll denn das heißen?« vermochte er nur -undeutlich über die Lippen zu bringen. - -Aber jetzt hatte sich endlich die Älteste von Maritzken auf sich selbst -besonnen. Rasch entschlossen schritt sie auf die alte Dame am Fenster -zu, und ehe es die Leidende noch hindern konnte, wurde ihr von -dem Landfräulein kräftig die Rechte gedrückt. Auch eine Art der -Verständigung, die die Edelfrau nicht schätzte. - -»Liebe Tante,« hörte sie dicht vor sich das dunkle Organ ihrer Nichte -anschwellen, das jede Dämpfung der Unruhe verloren zu haben schien, -»wirklich, ich merke sehr genau, wieviel Wohlwollen sich hinter deiner -gütigen Aufforderung verbirgt. Und auch du, bester Vetter,« wandte sie -sich ein wenig zurück, »bist im Grunde ein guter Kerl. Aber ihr dürft es -mir nicht übel deuten, daß ich mir die ganze Situation, die so plötzlich -über mich hereinbricht, nach meiner Gewohnheit im stillen und ungestört -überlegen möchte. Nicht wahr, ihr seid nicht böse,« fügte sie -freundlich an, »wenn ich zu diesem Zweck ein paar Schritte auf meinem Hof -herumlaufe, um mir den Wind ein wenig um den Kopf streichen zu lassen. Dort -unten befindet sich ja seit alters her meine große Ratsstube. Und ich muß -erst mehrfach an die Stalltüren geklopft haben, um ganz mit mir einig zu -sein. Inzwischen schicke ich euch natürlich Marianne oder Isa herein, die -ihr ja ohnehin noch nicht begrüßt habt. Du erlaubst, liebe Tante.« - -Und ohne eine Bestätigung abzuwarten, nickte die bereits Aufbrechende -ihren beiden betroffenen Verwandten zu und verließ mit ihrem festen, -majestätischen Gang das große Gemach. Zwischen den Zurückbleibenden -jedoch entspann sich eine kurze, inhaltsschwere Unterhaltung. - -»Siehst du,« bedeutete die Mutter ihrem Sohn, der seinen Blick noch nicht -von der hohen weißen Tür fortzulenken vermochte, hinter der Johanna eben -verschwunden war, »wie wenig Anhänglichkeit das Mädchen besitzt? Ich -glaube, du täuschst dich in ihr. Ihr seid zwar beide im Alter nicht viel -voneinander geschieden, aber bei ihr erzeugten die Jahre oder auch die -Gewohnheit des Befehlens eine nicht zu brechende Selbstsicherheit, die -nicht immer angenehm anmutet. Manchmal kommt sie mir wie ein Stachelzaun -vor, der jedem Fremden den Weg sperrt.« - -»Liebe Mutter, sie ist ein braves, wahres und aufrechtes Geschöpf,« -verteidigte der Sohn, indem er eine ihm plötzlich über die Stirn -huschende Röte mit der flachen Hand fortzuwischen strebte, »gerade -weil sie alle die Firlefanzereien und Maskeraden verachtet, die andere -Frauenzimmer doch nur anwenden, um anständig unter die Haube zu gelangen, -deswegen hege ich eine entschiedene Achtung vor ihr.« - -»Dagegen habe ich ja auch gar nichts einzuwenden, mein guter Junge, -ich fürchte nur, es wird bei der gegenseitigen Achtung bleiben. Wie?« -richtete sich die alte Dame unvermutet auf und schlug unwillig auf ihre -seidene Tasche, »ein Mann wie du, der Rittmeister von Stötteritz, mein -Sohn, kann es nicht fertig bringen, daß solch eine dumme Pute ihren Willen -dem seinigen unterordnet?« - -Jetzt sprang der Rittmeister plötzlich auf die Füße, daß das ganze -Zimmer zitterte. - -»Herrgott, wieder solch ein Lärm!« klagte die Kranke. - -»Du sollst Johanna nicht immer beschimpfen,« rief der Riese ohne -Übergang laut und völlig unbekümmert darum, ob er nicht durch drei -Zimmer hindurch verstanden werden könnte. »Ich mag das nicht. Und -ob Johanna sich dir anschließen wird oder nicht, das werde ich gleich -erfahren. Und vielleicht noch Verschiedenes mehr.« - -»Gut,« schloß die alte Dame, schlug abermals böse auf ihre Tasche -und nickte hinter dem schallend Davonstürmenden mit einem Zug des -Besserwissens in den kalten grauen Augen her, »dann wird ja dieses Hin- -und Herzerren endlich aufhören. Solche romantischen Unklarheiten hasse ich -auch bis in den Tod. Sie machen mich direkt krank. Überhaupt -- du bist -an meinem ganzen Leiden schuld. Lauf du nur, mein Jungchen, lauf nur hinter -der Marielle drein.« - - * * * * * - -Johanna stand vor dem geschlossenen Tor des Kuhstalles und klopfte -wirklich, wie sie es vorher angekündigt, bald leise, bald etwas lauter an -das altersgeschwärzte Holz. So war sie es immer gewohnt, ihre Gedanken, -wenn es etwas Wichtiges galt, zu sammeln. Und ihre Leute sowohl als ihre -Schwestern wichen scheu aus der Nähe des Gutsfräuleins, sobald das -vielbedeutende Pochen auf dem Anwesen hörbar wurde. - -»Jetzt denkt sie sich etwas aus,« hieß es dann. - -Allein heute gelangte sie nicht zu der doch so nötigen Sichtung der -Wirrnis, die draußen im Lande und auch hier in ihrem friedvollen Gehöft -dicht vor ihren Füßen aufgeschossen war. Gerade die Unruhe, die sie -zu bezwingen strebte, sie schien bereits auf allen Straßen zu jagen und -sprengte auch bis zu ihr durch das gewölbte Hoftor herein. Noch ehe -sie sich über die neue Störung ganz klar werden konnte, fing sie ein -ungewohntes kurzes Trappeln auf, Hufschläge wurden laut und zu ihrem -äußersten Befremden sah die Aufgeschreckte, wie ein Offizier in seiner -Paradeuniform, mit blitzendem Helm und gefolgt von einem ebenfalls -berittenen Burschen, seinen Braunen dicht vor ihr parierte. Eine schlanke -Gestalt beugte sich zur Seite und führte grüßend die Rechte an den Helm. -Gleich darauf sprang der Reiter zur Erde, um sich noch einmal respektvoll -vor der blonden Gutsbesitzerin zu verneigen. Die Sporen klirrten dabei -leise zusammen, und in den dunklen Augen des jungen Offiziers wohnte ein so -deutlich lesbarer Wunsch, ein so unverhülltes, ehrliches Anliegen, wie -es nur Menschen eigen ist, die durch ein paar kurze Worte über ihr ganzes -Schicksal die Entscheidung gefällt zu sehen wünschen. - -Seltsam, auch dem trotzigen, selbstbewußten Landmädchen schlug einen -Moment das Herz höher und voller. Aber es war ein erlösendes Gefühl der -Befriedigung, das sie durchdrang, denn in ihrer Seele blitzte es auf, wie -mit diesem jungen Reitersmanne die Ehre und die Redlichkeit wieder in ihrem -Hause Einzug hielten, die sie in trüben Stunden bereits entwichen wähnte. -Gottlob, ihr war es sofort klar, hier hatte Konsul Bark, der zuverlässige -Freund, sein Versprechen eingelöst, und zum erstenmal seit langer Zeit -würden in dem weißen Gutshofe, der sich im Grunde doch nur so schwer -verwalten und regieren ließ, Glückseligkeit und Jugendwonne aufblühen. -Zuversichtlich, das mußte geschehen. Das verlangte das große kräftige -Geschöpf, das selbst keine Wünsche mehr hegte, als unbedingtes Entgelt -seiner Mühen. Allein, als sie jetzt, ihrer glücklichen Regung folgend, -dem jungen Offizier, der ihr so ernst und erwartungsvoll gegenüberstand, -mit einer herzlichen Bewegung die Rechte darbot, da -- welch merkwürdige -Verkettung -- da verfing sich ihr Blick an dem Goldgefunkel des Adlers -vor seinem Helm. Und ohne jede weitere Überlegung stürzten all die -ängstlichen Sorgen, alle unmöglichen, nie gekannten Befürchtungen, vor -denen ihre klare Vernunft noch eben ins Knie gebrochen, in die eine fast -willenlos hervorgestoßene Frage zusammen: - -»Herr Leutnant, ist es wahr? Gibt es Krieg?« - -Auf diese ganz unerwartete Anrede straffte sich die schlanke Gestalt des -Militärs zusammen, und über sein dunkles, immer von den Schatten des -Nachdenkens umsponnenes Antlitz fuhr ein heller Schein. Nein, das war nicht -die wilde Freude des Kriegsmannes, der sein größtes Glück, ja Macht, -Ehre und eine gesicherte Existenz aus brodelnden Blutdämpfen hervorkochen -sieht. In seinen reinen und für einen jungen Mann dieser Zeit so -merkwürdig unberührten Zügen malte sich vielmehr die helle, felsenfeste -Zuversicht auf das ungetrübte Glück der Menschheit, das sicherlich durch -keinen noch so unbeschränkten Machtwillen in die Glut und die Greuel -eines vernunftwidrigen Mordens hinabgestoßen werden konnte. Wahrlich, eine -innerste Überzeugung strahlte aus seiner warmen, wohltuenden Stimme, als -er trotz seiner so leicht erklärlichen Befangenheit voller Zuversicht -ausrief: - -»Ganz unmöglich, gnädiges Fräulein! Sie brauchen sich nicht im -geringsten zu beunruhigen. Meine Kameraden und ich verfolgen natürlich -gleichfalls die Zeitungsgerüchte, die wieder einmal allerlei Bedrohliches -melden, mit größter Spannung, aber wir sind sämtlich felsenfest davon -überzeugt, daß es sich wie gewöhnlich nur um einen papiernen Feldzug -handelt. Ganz bestimmt, wer den Krieg -- wenigstens durch Studium -- kennt, -so wie wir, der weiß, welche Ungeheuerlichkeit derjenige begehen würde, -der ihn um ganz fernliegender Dinge willen entfesselt.« - -Da war es Johanna, als wenn ein leichter, erfrischender Wind in eine -Wand von Staub und Dampf führe, die ihr bis dahin die Aussicht gesperrt. -Plötzlich tauchte wieder die sonnenbeschienene Gegend vor ihr auf, der -von weißen Scheunen eingefriedete Hof, herübernickend die dunkelgrünen -Kastanien des Parks, und zwischen dem gewölbten Eingangstor -hindurchleuchtend die schmale weiße Landstraße. Selbst das Reitpferd, -das der Bursche des Offiziers in respektvoller Entfernung an den Hofmauern -herumführte, erschien der Aufatmenden wie eine Bürgschaft dafür, daß -das gewohnte Dasein unverändert und ungetrübt an ihr vorüberfließen -müsse. Und in lebhaft aufwallender Dankbarkeit streckte sie dem Boten des -Heils noch einmal ihre Rechte entgegen. Der verbeugte sich stumm über den -dargereichten Fingern. Und da -- welch ein Glück -- das derbe Landmädchen -griff mitten in die so schwer darzustellenden Pläne hinein, die ihn -herleiteten. - -»Lieber Herr Leutnant Harder,« brachte sie rasch und überstürzt -mit einem an ihr seltenen Lächeln hervor, »ich weiß, was Sie von mir -begehren. Wir wollen nicht viel Worte machen. Ich selbst habe Ihren Besuch, -ja sogar Ihr Anliegen gewünscht, und ich nehme an, daß Ihnen unser -gemeinschaftlicher Freund, Herr Konsul Bark, von den Erwartungen, die ich -an Sie stellen zu dürfen glaubte, Mitteilung machte. Verhält sich -das nicht so, Herr Leutnant?« setzte sie leiser, aber nicht weniger -vertraulich hinzu. - -Fritz Harder war von dem warmen Ton und der aus einem ehrlichen Gemüt -hervorquillenden Offenheit völlig hingenommen. So, gerade so stellte er -sich ja ein aufrechtes, unerschrockenes Mädchen vor, das einen glättenden -und aufrichtenden Einfluß auf ein Männerdasein gewinnen müßte. Und zum -erstenmal, da er jetzt das Bild dieser Schwester in sich aufnahm, gewahrte -sein suchender, einfühlender Blick, wie diese hellen blauen Augen -auch wärmer, inniger und treuer strahlen konnten, als er es von jener -gefürchteten und immer mit einiger Scheu betrachteten Wächterin erwartet -hatte. Mein Gott, das war ja eigentlich keineswegs die strenge mütterliche -Beraterin, so wie sie ihm immer vorgeschwebt. Hier stand ja in Wahrheit ein -hohes, blühendes Weib, das nur zu unnahbar, zu abgeschlossen lebte, als -daß sich ein zerstörendes Verlangen bis zu ihr erheben konnte. Und jetzt, -gerade jetzt sprach jene edel gemeißelte, wunschlose Statue zu ihm so -redlich, so erkennend, daß ihm das Herz überfloß. Welch ein Glück, -welch ein teures Pfand für die Zukunft, daß Marianne, diese heiße -zuckende Flamme, die an seinem Leben fraß, eine solche Schwester, eine -derartige Hüterin ihr eigen nannte. Und jäh errötend begann er -sein Anliegen vorzutragen. Um was er eigentlich geworben, in -unzusammenhängenden Worten, die sich nur schwer zu zerhackten Sätzen -fügen wollten, das wußten die beiden, die einen so ehrlichen Handel -miteinander zu schließen gedachten, später kaum mehr anzugeben. Jedem -von ihnen blieb nur das erlösende Bewußtsein, daß endlich etwas -Irrlichterlierendes, das sich gegen alle Ordnung sträubte, eine feste und -redliche Form gewinnen sollte. Plötzlich reichten sich beide noch einmal -stumm die Hände. In diesem Augenblick wurde die Gutsherrin von Maritzken -völlig von der Vorstellung beherrscht, daß sie einem großen treuherzigen -Jungen das begehrte Geschenk mit mütterlicher Sorgsamkeit überreiche. - -»Wir sind einig, mein lieber Herr Leutnant,« schloß sie einfach, indem -noch immer das gute Lächeln um ihre Lippen schwebte. »Und nun eilen Sie -nur, damit Sie auch derjenigen Ihre Wünsche auseinandersetzen können, mit -der Ihnen eine Unterhaltung gewiß viel erfreulicher und amüsanter sein -wird, als mit mir. Nein, nein, lieber Fritz Harder,« sträubte sie sich -beinahe schelmisch, als der junge Offizier ein paar verlegene Komplimente -zu stammeln gedachte, »das ist ja alles so natürlich. Ich weiß -auch, daß Sie mit meiner Schwester Marianne nicht die erste derartige -Besprechung pflegen. Nicht wahr? Aber darüber wollen wir heute nicht -mehr rechten. Um es Ihnen zu erleichtern, werde ich Marianne gleich -herunterbitten lassen.« - -Allein nach einiger Zeit kehrte das zu diesem Zweck ausgesandte Mädchen -zurück und berichtete, daß die Gesuchte weder in ihrem Zimmer noch bei -den Gästen aus Sorquitten zu finden wäre. - -»Das ist merkwürdig,« meinte Johanna sich besinnend, »mir war es doch -so, als wenn ich noch eben hinter den Fenstern des ersten Stockwerks die -dunklen Haare meiner Schwester erkannt hätte.« - -Und als der Offizier, der sich in seiner Hast vergaß, dieselbe Wahrnehmung -bestätigte, da hob das Gutsfräulein ein wenig überlegen die Achsel, um -ihrem neuen Schützling, immer mit derselben Gutmütigkeit, zu raten: - -»Also, lieber Herr Leutnant, dann schlage ich Ihnen vor, sich selbst auf -die Suche zu begeben. Ich darf ja annehmen, daß Sie über die geeigneten -Schlupfwinkel, Waldhänge und Haselnußhaine auf meinem Gute ausreichend -orientiert sind. Nicht wahr?« lachte sie plötzlich ganz offen, wobei -sie sich an der Betroffenheit des Überraschten wie an einem äußerst -gelungenen Scherz zu weiden begann. »Gehen Sie nur, Fritz Harder, ich bin -überzeugt, Sie werden das, was Sie suchen, mit militärischer Sicherheit -finden.« - - * * * * * - -Fritz Harder folgte einem grünen Schatten. Er sah ihn bald durch die -braunscholligen Einschnitte hochstehender Weizenfelder dahinhuschen, -bald glaubte er den flüchtigen Schein wieder rastend an den dunklen -Einbuchtungen eines träumenden Gehölzes hängen zu sehen. Er suchte ihn -zu haschen, ja er rief manchmal leise einen Namen, der sein ganzes Gemüt -ausfüllte, allein immer, sobald er die Stelle erreichte, wo eben die -Ähren wie nach einer entschwundenen Berührung schwankten, dann fand er, -daß er von dem trügerischen grünen Schimmer abermals getäuscht sei. -Allmählich hatte der einsam Wandelnde jene Wiesengrenze erreicht, an -der sich der schmale Haselnußgang dahinschlängelte. Hier an einer -halb verfallenen Moosbank, die so oft Zeugin eines heimlichen kosenden -Geflüsters gewesen, ließ sich der junge Offizier nieder und schickte -seine Blicke noch spähender als bisher durch das dunkle, wild -verschlungene Gestrüpp. - -Nichts. - -Es war wohl nur eine Vorspiegelung seiner nicht mehr nüchternen Sinne, -daß es ihm wieder vorkam, als ob der grüne Schatten, dem er nachjagte, -noch eben geschmeidig durch ein Ästegerank hindurchgeschlüpft sei. - -Nein, nein, hier gab er sicherlich einem völlig unhaltbaren Verdacht -nach, der ihm eigentlich nie und nimmer aufsteigen durfte. Lächerlich, -wie konnte er nur wähnen, daß das Geschöpf, das er für immer an sich -zu ketten trachtete, gerade in dem entscheidenden Augenblick ihres -beiderseitigen Daseins ihm in einer unbegreiflichen Laune zu entweichen -suchte. Ganz sicher, diese ewigen häßlichen Befürchtungen hatten sein -harmloses Gemüt bereits aus der Bahn gerissen. Zu viel und zu eindringlich -war von ihm über seine Zeit nachgegrübelt worden, von der er zweifellos -mit Unrecht argwöhnte, daß sie den oberflächlichen und spielerischen -Bedürfnissen ihrer Kinder zu gefällig entgegenkäme. Fort, fort damit, -das wäre ja keine deutsche Frau, der man im Ernst etwas Derartiges -zutrauen durfte. - -Entschlossen, befreit erhob er sich und verlor sich erhitzt in das tiefe -Gehölz, durch dessen niedriges, eng verschlungenes Dach die Sonnenstrahlen -nur wie winzige goldene Käfer hindurchkrochen. - - * * * * * - -An der rissigen Tür des Kuhstalles lehnte die Hofbesitzerin, und während -über ihr blasses Antlitz noch immer jener still zufriedene Schein -glänzte, da pochte sie von neuem selbstvergessen gegen das trockene Holz. -Diesmal aber klang es munter und beschwingt, und der kecke Trommelschlag -ging allmählich in ein Marschtempo über, so daß jeder erkennen -konnte, wie zuversichtlich und bestimmt die Gedanken der Gutsherrin über -Vergangenes und Zukünftiges schweiften. - -»So, nu laß aber mal das Trommeln,« forderte plötzlich eine energische -Stimme neben ihr, und als sie, aus ihren Träumen gerissen, das blonde -Haupt ein wenig wandte, da mußte sie zu ihrer eigenen Erheiterung -wahrnehmen, wie der Riese von Sorquitten in seinem gelben Sportanzug -ebenfalls den mächtigen Rücken gegen die Stalltür drängte; und nun -stand er mit leicht überschlagenen Beinen da, ohne es jedoch natürlich -für nötig zu halten, die gewaltigen Fäuste aus den Taschen zu ziehen. -»Du stellst dir wohl vor,« fragte er ruhig weiter, »wie das hier -sein wird, wenn das Gesindel von dort drüben auf seinen Kalbsfellen -Generalmarsch schlägt? Die verfluchten Hunde!« Und während er -angelegentlich auf seine gelben Schnürstiefel herunterstarrte, murmelte er -in angenommener Gleichgültigkeit: »Sag mal, Johanna, jetzt könntest du -doch endlich deine weisen Pläne gefaßt haben. Willst du nun meine alte -Dame begleiten?« - -Es klang durchaus nicht so, als ob der große Mensch in Herzensangst um ihr -Schicksal bebte. Darin bestand ja ohnehin nicht seine Art, sobald es -sich um andere handelte. Aber die große Blonde wurde doch von einer -vorüberhuschenden Rührung erfaßt, als sie sich vorstellte, daß sich -überhaupt ein Mensch um ihr Wohlergehen bekümmere. - -»Fedor,« begann sie deshalb zutraulich, »entdecke mir mal ganz offen, -lieber Junge, weshalb du dich so bemühst, mich von hier fortzulocken? -Liegt dir wirklich bloß daran, eine passende Gesellschaft für deine -Mutter zu finden? Oder wäre es dir im Ernst peinlich, wenn ich durch eine -fremde Einquartierung Unannehmlichkeiten erführe?« - -»Na, natürlich wäre es mir peinlich,« brummte Herr von Stötteritz, -zog den einen Schuh noch etwas weiter in die Höhe und klopfte sich -angelegentlich den Staub ab. Und indem er etwas möglichst Gleichgültiges -zu erfassen strebte, stieß er noch hervor: »Vor allen Dingen möchte ich -selbstverständlich den Lumpen den Spaß versalzen, einer mir nahestehenden -Dame hier irgend etwas vorschreiben oder gar befehlen zu wollen.« - -»So so, daran denkst du,« meinte Johanna schon um vieles mehr -ernüchtert. »Wenn ich dir nun aber anvertraue, daß ich an dieses ganze -Kriegsmärchen keineswegs glaube, was dann?« - -Der Riese ließ sich gegen die Stalltür fallen, daß sich ein dumpfes -Dröhnen erhob. - -»Dann erkläre ich dir,« sprudelte er ihr ungehalten entgegen, »daß du -eine halsstarrige Person bist, die für derartige Dinge nicht das richtige -Verständnis besitzt.« - -»Ach, sieh einmal, was du liebenswürdig sein kannst!« - -»Aber ich will ja gar nicht liebenswürdig sein,« schrie jetzt der Riese -außer sich, der völlig vergaß, daß ihn ursprünglich eine viel zartere -Absicht hierher geleitet, »ich will ja bloß, daß hier alles nach Ordnung -und Recht zugeht, damit du keinen Schaden leidest.« - -»Dafür danke ich dir,« versetzte Johanna, indem sie wieder in ihre -kühle und unnahbare Haltung zurückfiel, denn die derbe Weise des -Rittmeisters empörte sie innerlich. »Aber da ich mir einmal angemaßt -habe, meine Wirtschaft nach eigenem Gutdünken zu leiten, so mußt du es -mir auch anheimstellen, ob ich es für richtig halte, mein Anwesen ohne -Aufsicht zu lassen.« - -»Donnerwetter ja,« fuhr jetzt der Riese auf und schlug mit geballter -Faust gegen das Holztor, »mein Inspektor und ich können das doch auch -besorgen?« - -»Ja gewiß,« wollte die Angegriffene hier abermals einlenken, jedoch der -völlige Mangel an Selbstbeherrschung, den der Gutsbesitzer so polternd -bewies, er löschte ihr das Verständnis für die verborgene Gutmütigkeit, -die seinen Absichten zugrunde lag, von neuem aus. »Ja gewiß, Fedor,« gab -sie zu, »ich empfinde dein Anerbieten als sehr uneigennützig, aber meine -Leute sind zu sehr an meine eigene Behandlung gewöhnt, als daß ich sie -gerade in den Zeiten der Not einer schärferen Methode aussetzen möchte.« - -»Aha!« Herr von Stötteritz stieß einen gellenden Pfiff aus. »Daher -geht der Wind,« lachte er ingrimmig, »du hast unausgesetzt an mir etwas -herumzutadeln. Die ganze Richtung paßt dir nicht, wie, Cousinchen? Das -Junkertum, wie du es nennst, das Echt-Preußische? So sage es doch, nicht -wahr, das kannst du nicht leiden?« - -Über der Stirn des Mädchens zogen ein paar Falten auf. Sie sah wieder -sehr herb und ablehnend aus, als sie jetzt kurz hervorbrachte: - -»Ich weiß zwar nicht, was dir an meiner Ansicht liegt, aber wenn du -darauf bestehst -- nun ja, ich kann mir manches anziehender vorstellen, als -die von dir bezeichnete Art.« - -»So, das wollte ich nur wissen,« knurrte der Herr von Sorquitten, dem -es trotz der aufsteigenden Enttäuschung so vorkam, als ob er eine -widerwärtige Schulaufgabe endlich erledigt hätte. »Dann brauchen wir ja -nicht mehr länger das abgeleierte Thema abzuhaspeln. Du glaubst uns -nicht und hast wahrscheinlich Ratgeber, die die Lage viel gründlicher -zu beurteilen vermögen, als solch beschränkte Stoppelhopser. Schön, -Mariellchen, ich wünsche natürlich in unser aller Interesse, daß diese -superklugen Leute recht behalten. Inzwischen wirst du mir wohl beistimmen, -wenn ich für meine alte Dame anspannen lasse. Ich habe vor Tisch nämlich -dort drüben in Sorquitten noch Verschiedenes anzuordnen. In meiner -wenig anziehenden Art, natürlich. Na, mir bleibt wenigstens der Trost, -Cousinchen, daß dir über den schnellen Abschied nicht das Herz brechen -wird, was?« Damit richtete sich Herr von Stötteritz auf, schüttelte -sich, als wenn er in der trockenen Luft von einem Platzregen durchnäßt -wäre, und rief schallend über den Hof nach seinem Kutscher. - -Mächtig ausholenden Schrittes suchte er den Hauseingang zu erreichen, um -seine Mutter von der bevorstehenden Abfahrt zu unterrichten, jedoch mitten -zwischen den Pfosten sah er sich noch einmal zurückgehalten. Dicht -neben ihm stand Johanna, und sie griff jetzt rasch nach dem Arm des sie -Überragenden, um ihn ein wenig hin und her zu zausen, als ob sie den -Unwirschen zur Besinnung zu bringen wünsche. - -»Fedor, du wirst doch wegen einer solch kleinen Meinungsverschiedenheit -nicht böse sein?« mahnte sie eindringlich. - -Der Riese sah sie ungewiß von der Seite an, knurrte etwas -Unverständliches, aber ihr herzlicher Ton verfehlte nicht den -beabsichtigten Eindruck. - -»Fällt mir ja gar nicht ein,« rang er sich noch immer etwas unwillig -ab, obwohl ihm dieses verdammte Schuljungengefühl unter ihren Augen nicht -recht weichen wollte. »Wieso böse? Habe für solche Geschichten wie -Familienfehde oder dergleichen absolut kein Verständnis. Im übrigen -bist du ja auch eine ausgewachsene Person, und meine Mutter sagt immer -›aufgenötigte Suppe schmeckt schlecht‹. Also lassen wir's! -- He,« -rief er laut aus der Tür heraus, »Friedrich, fahr' mal hier vor, -ganz dicht ran. Und du, Hans,« wandte er sich in seinem gewöhnlichen -Befehlshaberton zu seiner Begleiterin, »laß mal auf der Stelle den -Tritt hinsetzen. Meine alte Dame behauptet sonst wieder, sie wäre keine -Seiltänzerin. Also allons, Kinder, ein bißchen Musik in die Knochen, und -dalli, dalli.« - - - - -IV. - - -Dicht an der Chaussee, die sich an Maritzken vorüberschlängelte, hart -an der Grenze eines hochwogenden, schwer nickenden Weizenfeldes, da gab -es einen lauschigen, einen heimlichen Platz. Ein alter, verkrüppelter -Kirschbaum senkte hier sein Geäst so niedrig und struppig herab, daß -unter seinem Dach kühler, wohltuender Schatten wohnte, selbst wenn um ihn -herum das heiße Sonnenlicht in Wogen über die Landstraße fortspülte. -Die astumzäunte Rundung war so recht ein Schlupfwinkel, um sich dort -verkriechen und zwischen den herniederhängenden Zweigen hindurchblinzeln -zu können, auf alles, was sich auf der Landstraße begab. Hier hatte der -Rotkopf der Grothe-Marjellen, die kleine Isa, als sie noch kurze Kleider -trug, oft wie ein Hund zusammengekauert gelegen, und es war ein herrliches -Vergnügen gewesen, wenn sie den vorüberlaufenden Dorfjungen aus ihrem -sicheren Versteck heraus kleine Kieselsteinchen gegen die Mützen -werfen durfte. Hei, und wie gut sie treffen konnte! Ja, das verstand sie -wundervoll. Und so oft eine der plumpen Kopfbedeckungen in den weißen -Sand rollte und vom Wind noch überdies wie ein kurbelndes Rad hinweggefegt -wurde, dann war unter den Kirschbaumzweigen in früheren Zeiten häufig -ein verdecktes Lachen aufgequollen, ein unbestimmbares, schadenfrohes, -kaum vernehmliches Jauchzen, das auf Mitleidsempfindungen der versteckten -Übeltäterin keine allzu bestimmten Rückschlüsse freigab. Inzwischen war -Fräulein Isa jedoch eine junge Dame geworden. Und wenn auch ihre Gewänder -noch manchmal wild und zerknittert an der geschmeidigen, gertenhaften -Gestalt herabflatterten, und obwohl es dem Rotkopf noch immer keine Sorgen -bereitete, sich gelegentlich unter den alten Kirschbaum mit aufgestützten -Ellenbogen auf das grüne Wiesengras zu betten, bis die Feuchtigkeit kalt -an ihrer Brust zitterte, -- seit ein paar Wochen war ihr leider selbst -diese harmlose Erfrischung von der ältesten Schwester, die so gar kein -Verständnis für derartige Freuden besaß, verkümmert worden. Eines -Morgens lehnte nämlich eine grün angestrichene Bretterbank an dem alten -Kirschenstamm, und seit dieser unwillkommenen Entdeckung saß Isa Grothe -zur heißen Mittagszeit lässig vornübergebeugt auf dem neuen Sitz und -ließ ihre braunen Goldaugen gierig auf einem gelben Büchlein in ihrem -Schoße ruhen, das sie ihrer sorglosen Schwester Marianne heimlich -entwendet. Himmel, da standen ganz absonderlich verirrte Dinge drin, die -Fräulein Isa selbstverständlich längst ahnte und billigte, von denen -sie jedoch nie geglaubt hätte, daß sie das Blut so angenehm aufpeitschen -könnten. Selbst hier draußen auf dem langweiligen Lande. - -Langsam röteten sich die Wangen in dem feinen Gesichtchen, und ab und zu -riß das junge Geschöpf halb unbewußt heftig an den herniederhängenden -Zweigen herum, als ob sie unwillig sei oder irgend etwas nicht mehr länger -erwarten könne. Der Kirschbaum rauschte dann über ihr, und hereinfallende -Sonnenstrahlen schossen wie weißglühende Pfeile über das gelbe Buch -fort, bis Fräulein Isa gestört mit der Hand nach ihnen schlug. - -Eben zupfte die wohlgepflegte weiße Hand in den Blättern herum, denn -die Leserin konnte vor fieberhafter Neugier nicht erwarten, die nächsten -Seiten umzuwenden, da knisterte etwas in den Zweigen, ein Schatten fiel -dunkel und verdeckend auf das Buch, und die Emporzuckende erkannte mit -einem leisen Ruf der Überraschung, wie eine Frauengestalt sich eilfertig -von der Seite durch die herabhängenden Äste hindurchdrängte. - -Im nächsten Moment hatte die Kleine zuvörderst das geraubte Buch unter -die Bank geworfen. - -»Marianne!« - -»Jawohl, guten Tag, Isa.« - -»Guten Tag. Wie kommst du hierher?« - -»Ich?« - -Die Brust der sonst so unempfindlichen Marianne atmete stark, es schien, -als hätte sie einen heftigen Lauf hinter sich. Ja sogar der keck -geschnittene enge Lodenrock zeigte Spuren von Gräsern und Kletten, die an -ihm hängen geblieben waren. Dazu blitzten die schwarzen Augen, und aus -den dunklen Haaren hingen ein paar Löckchen regellos in den Nacken hinab. -Hastig stützte sich das schöne Mädchen mit der Rechten auf die Banklehne -und beugte sich spähend vor, so daß ihre weiße Leinenbluse beinahe die -Wange der Schwester streifte. - -»Isa,« flüsterte sie hastig, »dort hinten kommt jemand, der mich -sucht.« - -Jetzt warf auch die Jüngere einen schnellen Blick auf den Feldweg, der -hinter dem Kirschbaum quer auf die Landstraße zustrebte, und ganz fern, -schon in den tanzenden Sonnennebeln, erkannte sie das gleißende Funkeln -einer Uniform. - -»Ich weiß, wer dich sucht,« sagte sie sehr bestimmt, und in den großen -Goldaugen schwamm ein Ausdruck, als ob das junge Ding die sonderbare Lage -durchaus begriffe. - -»Jawohl, Fritz Harder,« fiel hier Marianne ungeduldig ein, »wenn er -dich etwa anreden sollte, dann bitte erzähle nicht, daß du mich gesehen -hättest. Kann ich mich darauf verlassen?« - -Auf diese dringende Frage erteilte die Siebzehnjährige keine Antwort. Aber -über ihre Wangen ging es wie ein Schauer von Röte und Blässe, und in den -weit aufgetanenen Augen schimmerte etwas Ernstes, ja beinahe Ängstliches, -was zu dem schnippischen Wesen der frühreifen jungen Dame kaum zu passen -schien. Ihre Fäuste ballten sich, und es war ein abschätzender Blick, -mit dem sie ihre ältere Schwester, die so völlig ihr Gleichmaß verloren -hatte, vom Kopf bis zu den Zehen musterte. Der kleine zuckende Mund jedoch -öffnete sich nicht, und so dauerte das unerwartete Schweigen fort. - -»Du hast mich wohl nicht verstanden?« drängte Marianne ungehalten -weiter, und indem die Eilfertige den straff herabgestreckten Arm der -Jüngeren schüttelte, als wollte sie ihre eigene Gegenwart dadurch -deutlicher bekunden, schärfte sie der unwillig sich Reckenden mit heißer -Stimme noch einmal ein: »Du wirst also nicht sagen, daß ich hier vorüber -ging.« In jähem Übergang preßte Marianne plötzlich ihre Wange gegen -die der Kleinen, umfing sie mit beiden Armen, drückte sie an sich und -schmeichelte immer noch mit mühsam erkämpftem Atem: »Nicht wahr, mein -Liebling, du tust mir den Gefallen? Es ist alles nur ein Scherz, verstehst -du? Du wirst mich nicht verraten, nicht?« - -Da wand sich Isa los. »Ich werde gar nichts sagen,« erklärte sie kurz, -während sie sich mit einer jugendlich eckigen Bewegung wieder auf die Bank -niederließ. »Was gehen mich deine Spielereien an?« - -Und in einem plötzlichen Rache- und Machtgefühl bückte sich der -geschmeidige Körper, holte das versteckte Buch hervor und indem sie es -recht sichtbarlich ins Sonnenlicht hielt, vertiefte sie sich scheinbar -von neuem eifrig in die unterbrochene Lektüre. Marianne aber zuckte -geringschätzig die Achsel, als bedaure sie es jetzt, an diese -Halbwüchsige soviel Verführungskünste verschwendet zu haben, dann -krümmte auch sie ihre Glieder zusammen, um sich im nächsten Augenblick -geschickt und tief gebeugt in dem ausgetrockneten Graben von dannen zu -schleichen. - -Kaum war sie verschwunden, da riß Isa die Zweige des Kirschbaums -auseinander, und während sie ihren Rotkopf hastig durch die Öffnung -steckte, warf sie der Enteilenden in weitem Schwung ein Erdklümpchen nach, -das sie vorher von der Rasenfläche aufgelesen. Gleich darauf sank sie -freilich auf ihrem Sitz zusammen, schlug die Füße übereinander und ließ -das leuchtende Haupt langsam auf die harte Banklehne sinken. Angestrengt -schien sie über ein nicht lösbares Rätsel nachzusinnen. - -Es waren die Disharmonien des Lebens, die sich vor den Ohren der -Erwachenden noch nicht einfügen wollten in die bald schauerlichen, bald -heiteren Melodien, die heimlich und stark in ihr klangen. - - * * * * * - -Minute auf Minute verrann, die Uniform, auf die die Versteckte harrte, sie -wollte sich nicht zeigen. Längst hatte sich Isa wieder erhoben, um ihre -scharfen Blicke hierhin und dorthin schweifen zu lassen, vergeblich. Feld, -Steg und Wiese blieben leer. Und die Halbwüchsige überlegte. Sollte der -Offizier etwa noch einmal in das Herrenhaus zurückgekehrt sein? Ei, das -wäre geradezu prachtvoll, wenn der ahnungslose junge Mensch dann mit der -anspruchsvollen launenhaften Person womöglich in Gegenwart von Johanna -zusammenstieße. Denn darin glaubte sich der feine Verstand der Jüngsten -von Maritzken nicht zu täuschen, daß ein so in sich versunkener -und ernster Mensch, wie es Fritz Harder war, niemals die verstiegenen -Ansprüche ihrer eitlen Schwester befriedigen könnte. Ein Geschöpf, das -beinahe eine Stunde zu einer Frisur benötigte! Und wie dumm und ungebildet -Marianne im Grunde dahinlebte. Blieb es nicht unbegreiflich, daß ein Mann -wie Fritz Harder, ein Offizier, der sich den höchsten und entlegensten -Dingen so ernst und strebsam hingab, war es faßbar, daß ein solcher wie -bezaubert und entrückt mit brennenden Augen und weit vorgebeugt vor einer -so lockeren und inhaltslosen Kokette sitzen konnte? Darin bestand also doch -wohl die Bestimmung und die höchste Macht der Frau. - -Und wieder rieselte es kalt an den Gliedern der Versonnenen hinab, und sie -griff so heftig in die Zweige des Kirschbaumes, als wollte sie ihr eigenes -sehnsüchtig erwartetes Schicksal auf ihr Kinderhaupt herunterreißen. - -»Sagen Sie mal, verehrungswürdige Jugend, für wen gedenken Sie diese -schönen Weichselkirschen zu pflücken?« schlug plötzlich eine feste -Männerstimme in den schweren Traum des Mädchens hinein. - -Und erschreckt in die Höhe fahrend, erkannte Isa in völliger Verwirrung, -wie dicht vor ihr auf der Chaussee der geräumige Landauer des Konsul Bark -hielt. Auf weichen Gummirädern mußte das Gefährt lautlos bis -hierher gerollt sein, und die beiden Apfelschimmel mit dem strahlenden -Silbergeschirr riefen wie immer das stürmische Wohlgefallen von Fräulein -Isa hervor, die sich heimlich für alles, was ein sicher fundierter -Reichtum bot, begeistern konnte. - -»Herr Konsul Bark,« rief sie so liebenswürdig als möglich, nicht jedoch -bevor sie sich das blaue Leinenkleid halb unbewußt an den schmalen Hüften -zurechtgestrichen hatte. Immer wieder verfiel sie in den Fehler, dem -eleganten älteren Manne, der auch jetzt in seinem fast weißen Staubmantel -und dem grünen Filzhut so überaus gewählt und vornehm aussah, durchaus -ihre Damenhaftigkeit einprägen zu wollen. »Herr Konsul Bark, kommen Sie -uns bereits abholen?« - -»Zu Befehl, wir haben ja noch zwei gute Stunden zu fahren. Und die -Toilettenangelegenheiten« -- er beugte sich vor, legte die Hand quer über -die Augen, um die Sonnenstrahlen abzuwehren, und musterte die Kleine mit -einem ziemlich sorglosen Blick -- »na, die scheinen mir ja auch noch nicht -auf dem höchsten Gipfel der Erreichbarkeit angelangt zu sein. Hören -Sie mal, Rotfüchschen,« meinte er gemütlich weiter, während er an den -Grabenbord heranschritt und ihr über die Breite die Hand entgegenstreckte, -als ob er ihr behilflich sein wolle, »Sie schießen übrigens wie Spargel -in die Höhe!« - -Isa hatte schon zum Sprung angesetzt, jetzt zögerte sie plötzlich. Sie -bettete ihre Hände auf den Rücken, und die Lippen, die so merkwürdig -rot und blühend aus dem blassen Mädchenantlitz hervorleuchteten, zuckten -ungehalten über der Zahnreihe. - -»Herr Konsul, ich finde,« lachte sie über den trennenden Graben -herüber, aber es klang doch deutlich der Unmut heraus, »daß mein Haar -Ihre Phantasie direkt in Aufregung versetzt. Wenn Sie es durchaus nicht -leiden mögen, so könnte ich ja vor Ihnen immer im Hut erscheinen.« - -»Aber liebstes Kleinchen,« beschwichtigte der Konsul ganz verwundert, der -nicht im Traum daran gedacht hatte, die Jüngste von Maritzken verletzen -zu wollen, »Ihr Haar ist ja im Gegenteil von erlesener Kostbarkeit. -Also, wenn ich jünger wäre, würde ich wahrscheinlich Gedichte darauf -verfertigen. So, nun aber hopsen Sie mal hier herüber, Isa, und setzen Sie -sich hübsch artig neben mich in den Wagen, ich bitte es mir nämlich als -besondere Ehre und Vergünstigung aus, die frisch gewaschene, übrigens -sehr appetitliche blaue Leinenbluse im Trab nach Hause fahren zu dürfen.« - -Damit beugte er sich noch etwas schräger über den Graben und ergriff -ohne weitere Umstände die schmale Jungfrauenhand, die sich ihm plötzlich -willig und leicht entgegenstreckte. Mit einem Sprung war das Mädchen im -Wagen. Wohlig schmiegte sie sich in die hellgrauen Tuchkissen und lugte -abermals verstohlen auf den weißen Staubmantel dicht neben sich, der ihr -so kleidsam erschien. Lautlos rollte das Gefährt dahin. Als ob es -über einen Teppich von Samt fortglitte. Es war ein zu eigenartiges und -köstliches Gefühl, diese weiche Bewegung auf sich wirken zu lassen. Allen -Gliedern teilte sie sich angenehm und kosend mit. Träumerisch ließ das -Mädchen die feinen Härchen der Weizenähre, die sie kurz vorher vom -Grabenbord abgepflückt hatte, in ihrem Handteller kreisen, um sich bei -klarem Bewußtsein zu erhalten. Gar zu leicht lief man doch Gefahr, unter -dem wohlig spielenden Sonnenlicht den spinnenden Träumen zu erliegen. Sie -drehte die Ähre stärker und zuckte ein wenig, als sie den leisen Wirbel -der Reibung empfand. Und wie frisch und wohlgepflegt der Mann da neben ihr -aussah! Nur schade, daß seine prüfenden Blicke nicht abließen, musternd -und schätzend über die gelben Weizenfelder und die eben aufknospende -Kleefrucht zu schweifen, über der es bereits lag wie ein rötlicher oder -bläulicher Hauch. Über den Spiegel eines fernen Landsees kreiste im Bogen -eine Schar vom Meer hierher verschlagener Möwen, und ganz in der Nähe -taumelte eine Wolke gelber Zitronenfalter über die süß duftende Flur. - -»Herr Konsul, hören Sie die Spottdrossel?« begann Fräulein Isa -empfindsam. - -Der Mann im weißen Mantel neigte sich zu ihr, so daß ihm die Kleine ganz -verwirrt in das schmale Gesicht starren mußte. Aber gleich darauf empfand -sie, wie seine Finger ihr den gelben Weizenhalm entwanden, um geschickt die -Ähre ihrer Körner zu berauben. - -»Schön,« sagte er befriedigt, »voll und gut schüttend.« - -»Hm --« - -Die junge Dame im Wagen schlug rasch die Füße übereinander und wippte -ein wenig mit den braunen Halbschuhen. Es war klar, besonders zarten -Empfindungen gab sich ein solch älterer Mann nicht hin. Und wie er jetzt -die gelben Körner von seinen festen braunen Fahrglacés abschüttelte, da -fielen seiner Begleiterin all die aufregenden Gerüchte ein, die man sich -schon in der Mädchenschule dort drinnen in der Stadt unweit der Grenze -erschreckt und erwartungsvoll zugleich über den eleganten Besitzer des -Goldenen Bechers zugeraunt hatte. Oh ja, sie konnte sich den Konsul ganz -gut so vorstellen. Und ohne daß sie es selbst ahnte, blieben ihre Augen -immer größer an den feinen gebräunten Männerzügen haften. - -»Na, Kleinchen, ist hier etwas nicht in Ordnung?« erkundigte sich ihr -Begleiter endlich gestört, indem er mit der flachen Hand ein wenig über -seine glatte Wange streifte. - -Da schrak sie zurück. Herrgott, der Geschäftsmann mußte sie tatsächlich -für ein absolut albernes Ding halten. Und sehr kühl erteilte sie die -Antwort: - -»Oh nein, Herr Konsul, ich habe gar nicht an Sie gedacht.« - -»So, so, Isachen, das ist mir aber sehr schmerzlich. Übrigens, sagen Sie -mal, mein Kind, schwatzen etwa Ihre Leute auch soviel dummes Zeug über -einen Kriegsausbruch, der uns nahe bevorstehen soll? Ich hoffe, Ihre -Schwester Johanna verbietet solche Redereien?« - -Als das gefürchtete Wort laut wurde, jene wenigen Silben, die sich gerade -in dieses verwöhnte Mädchen wie ein fressendes Gift hineinbissen, da -steigerte sich die in ihr aufgescheuchte Angst bis zu einer Art sausender -Wahnvorstellung. Kreidebleich mußte sie das Haupt herumwerfen, der -unbestimmten Gegend zu, von woher die langberockten Reiterscharen -hervorbrechen konnten. Sie hörte den donnernden Hufschlag, ein -kreischendes Brüllen schrillte verworren über die ruhigen Wälder, -und ganz hinten auf der Chaussee ballte sich eine schwarze, auf- und -niedertauchende Masse zusammen. Verschwunden, fortgewirbelt waren all die -mädchenhaften Unklarheiten, die sie eben noch so reizend bedrängt -und beschäftigt hatten. Mit einem klagenden Ruf, aus dem nur eine fast -irrsinnige Furcht deutlich wurde, umklammerte sie den Arm des Konsuls, -schmiegte sich ganz dicht an ihn, als ob sie nichts weiter verlange, nichts -weiter, als nur Schutz und Deckung für ihr bedrohtes Leben, und stammelte -vollkommen fassungslos: - -»Nicht wahr, Herr Konsul, liebster, bester Herr Konsul, es ist doch nicht -wahr? Es ist doch nicht möglich, daß so etwas geschehen kann? Sagen Sie -es doch!« - -»Herrgott, liebes Kind -- --« - -Der aus allen Himmeln gerissene Mann empfand ein wirkliches Mitleid mit dem -verschüchterten schmächtigen Geschöpf, das im Moment sein Haupt so fest -und drängend gegen seine Brust bettete, daß er beinahe das Zucken und -Pochen der Stirnadern zu spüren wähnte. Und aus voller Überzeugung -begann er laut zu lachen. Nichts hätte so tröstlich auf die aus ihrer -eingebildeten Überlegenheit Gescheuchte wirken können, wie dieses -unbekümmerte, kräftige Männerlachen. Wie durch Zauberschlag verstummte -das unheimliche Dröhnen hinter dem Wagen, und das wirre Gekreisch, das -eben noch jeden vernünftigen Gedanken niedergeheult, es löste sich auf in -das sanfte Rollen der Räder. - -»Herrgott, bestes Kleinchen,« tröstete sie der Konsul inzwischen in -ehrlicher Besorgnis weiter, und er achtete selbst nicht darauf, wie er bei -seinen Bemühungen den Arm um die Schulter der Zitternden legte und ihr wie -einem kleinen Kinde begütigend die Wangen zu klopfen begann, »hätte ich -doch niemals geglaubt, daß Sie ein solcher Angsthase sind. Ich versichere -Sie, es ist ja alles die reinste Torheit. Lieber Himmel, wie soll ich Ihnen -das nur klar machen? Sehen Sie, Isa, wenn Sie ein Kaufmann wären, wie -ich, dann würden Sie ja selbst wissen, daß unsere Nachbarn direkt -ins Irrenhaus gesperrt werden müßten, wenn sie ihren Handel und ihre -Industrie, die eben erst anfangen sich der allgemeinen Weltwirtschaft zu -nähern, durch eine solch wahnsinnig heraufbeschworene Unternehmung im Keim -zu zertrümmern gedächten. Nein, nein, liebes Kind,« setzte er ärgerlich -über seinen eigenen Ernst hinzu, »das Ganze ist das Geschwätz von ein -paar gewissenlosen Spekulanten. Also nun Kopf hoch, wie kann sich eine -wohlerzogene, weltgewandte junge Dame derartig einschüchtern lassen! -Übrigens,« lenkte er völlig ab, da sie bereits durch das Tor von -Maritzken fuhren, »da kommt Hans. Nun nehmen Sie mal rasch die Ähre -aus dem Feuerbrand da oben, ich habe sie Ihnen nämlich aus Versehen -hineinpraktiziert, denn mir scheint, daß Ihre vortreffliche Schwester -über derartigen Naturschmuck weniger wohlwollend denkt, als ich. Aber wie -gesagt, eine ganz merkwürdige Haarfarbe, Isachen! Ganz merkwürdig.« - - * * * * * - -Zwei Stunden später lenkte der Landauer des Konsul Bark, nachdem er -wiederum die Stadt passiert, durch die letzte heimatliche Ansiedlung. Auf -einer Bodenwelle gelegen, lugten die wenigen niedrigen Häuschen zwischen -allerlei krausem Gestrüpp hindurch, und es war beinahe, als hätte man -diesen letzten Posten so hoch und einsam aufgebaut, damit er von hier aus -Wache halten solle gegen die sich unter ihm dehnende unbegrenzte Fläche. -Drüben, jenseits des schmalen Flusses, der unten an den Ausläufern -des Buschwerks einen Silberbogen zog, war das ganze Land von rauhen, -dunkelgrünen Kohlhäuptern besät. Weiter dahinter wurde der -unbeschreiblich struppige Raum von mächtigen Breiten gelber Weizenfelder -umrahmt, zwischen denen weder Fußwege noch Chausseen eine Unterbrechung -herbeiführten. Nur einzelne Gräben liefen gradlinig durch das Land, und -unter der hellen Sonne blitzte ihre Oberfläche, als wenn klares, weißes -Wasser, den durstigen Äckern zum Trank, durch sie hindurchglitte. Allein -dem war nicht so. Die Näherkommenden schraken förmlich zurück vor den -schwarzen übelriechenden Rußmassen, die mit ihrem undurchdringlichen -Schlamm die wohltätigen Rinnen verstopften. Es waren die Kohlengewässer -der nahen Fabriken, und ein ungeheurer Qualm, von der Hitze -herniedergedrückt, verbarg den Besuchern das winzige Grenzstädtchen, -dem sie zustrebten, wie hinter einer brodelnden Wand. Durch die drohende -schwarze Wolke aber, die am Himmel den Umkreis des Städtchens bezeichnete, -leckten rechts und links, fern und nah lodernde Feuerzungen in den -qualmigen, sich schiebenden Rauch hinauf, und ein ätzender Brandgeruch -erfüllte ringsum die Luft. Ein rastloses Kreischen und Surren, ein Rasseln -und Sausen quoll aus dem unsichtbaren Ort schon aus der Ferne hervor, und -nachdem der Wagen der Deutschen die breite Holzbrücke des Flusses erreicht -hatte, die nur noch bis zur Mitte zur Heimat gehörte, da vernahmen die -Reisenden wie unter lärmendem Poltern knirschende Haufen kleingehackter -Kohle in die an den Ufern liegenden Kähne hinabgeschüttet wurden. - -»Man halte,« schrie etwas mitten von der Brücke. - -Genau auf dem Grenzstrich standen zwei Soldaten in langen grüngelben -Leinenblusen, und dunkelgrüne, breitgerandete Mützen saßen ihnen schräg -und eingebeult auf den haarigen Köpfen. Und während der eine von ihnen -mit seinem Gewehr, auf das ein breites Bajonett gepflanzt war, die weitere -Einfahrt versperrte, indem er die Waffe quer vor seinen Leib hielt, trat -der andere, ein bärtiges Gesicht, dicht an den Schlag heran und schlug zur -Einleitung auf die umgeschnallte Revolvertasche. Dem Konsul, der sich -in seinem Staubmantel herausbeugte, kam es vor, als ob die Grenzwache -mißtrauischer als sonst ihre Revision vorzunehmen gedächte. - -»Hat man Waren im Wagen?« fragte der Wachtmeister in einem schlechten -Deutsch, obwohl der Konsul sich entsann, daß gerade dieser Beamte ihn -schon mehrfach bei seinen Besuchen kontrolliert habe. »Fleisch, Zigarren -oder vielleicht Bücher und Zeitungen?« - -»Was sind das für Umstände?« rief der Chef des Goldenen Bechers -dagegen, der mit Mißbehagen bemerkte, wie in den Zügen seiner -Begleiterinnen ein ängstliches Befremden aufstieg. »Sie kennen mich doch, -ich bin der Konsul Bark, und ich und diese Damen sind von Herrn Rittmeister -Sassin eingeladen.« Und indem er sich mit einer Wendung des Hauptes -blitzschnell vergewisserte, ob er nicht von den anderen beobachtet würde, -da langte er rasch in die Tasche des weißen Mantels, um darauf dem -Grenzsoldaten die Hand zu drücken, als ob es sich um eine besonders innige -Begrüßung handle. - -Der Grenzwächter sah ihm starr ins Gesicht, zuckte die Achsel und wand -sich dennoch hin und her, als ob er sich Rat zu holen suche, wie in diesem -Falle weiter zu verfahren wäre. - -»Es ist gut,« lenkte er endlich mit jener den Russen eigentümlichen -Demut vor den Mächtigen ein, »ich sehe, es liegt nichts im Wagen. Aber -die Herrschaften werden die Gnade haben, mir zu zeigen ihren Paß.« - -Jetzt wurde ein leiser Ruf der Überraschung bei den jungen Damen laut, -und man konnte an den Blicken, die sie sich gegenseitig zuwarfen, sofort -erkennen, daß sich etwas Derartiges wie die geforderten Papiere keineswegs -in ihrem Besitz befände. - -»Ruhig,« beschwichtigte der Konsul abermals sehr bestimmt, und sich -von neuem an den Grenzsoldaten wendend, überreichte er ihm sein eigenes -Ausweisdokument. »Hier, mein Junge,« meinte er begütigend, »hier hast -du, was du verlangst. Und weil du so ein braver Beamter bist, so werde -ich dich dem Herrn Rittmeister Sassin -- meinem Freunde,« setzte er sehr -nachdrücklich hinzu -- »besonders empfehlen. Aber nun halte uns hier -gefälligst nicht länger auf, denn es ist kein angenehmer Aufenthalt in -diesem Kohlenstaub für meine Damen. Verstehst du?« - -Lässig, als wäre alles in Ordnung, gab der Kaufmann seinem Kutscher -das Zeichen zum Weiterfahren. Allein ehe die Pferde sich noch in Bewegung -setzen konnten, faßte der Mann mit dem Revolver zögernd in die Zügel und -schritt noch einmal unter starkem Kopfschütteln an den Wagenschlag. - -»Es sind Vorschriften,« brachte er immer noch mit einer halben Verbeugung -heraus, »die Frauen müssen zurück.« - -»Wie? Ist das Ihr Ernst?« rief der Geschäftsmann, indem er in -aufsteigendem Zorn mit der flachen Hand auf die Fenstereinfassung schlug. - -In dem Wagen fuhren ein paar erregte Frauenstimmen im Wechsel -durcheinander, und zitternde Finger schmiegten sich verstohlen um den Arm -des Konsuls. Sie gehörten Isa, deren schreckhaft erweiterte Augen in immer -stärker sich regender Bangigkeit alles in sich tranken, was sich ihnen -auf der halb zersplitterten Holzbrücke darbot, von den dicken viereckig -zugeschnittenen Haaren der Soldaten angefangen, bis zu dem breiten in einem -fahlen Glanz funkelnden Bajonett des zweiten Grenzwächters, der ihnen noch -immer breitbeinig und ohne eine Miene zu verziehen, den Einlaß sperrte. In -die Stirn des Mannes im weißen Staubmantel war inzwischen eine Blutwelle -gestiegen. Unbewußt zupfte er an dem kurzgeschnittenen braunen Schnurrbart -herum, bis er plötzlich aus dem Wagen sprang, so daß er jetzt ganz dicht, -fast Brust an Brust gegen den Russen aufragte. Der legte abermals unter -einer Verbeugung die Hand an die breite Mütze, zuckte die Achsel und -starrte dann den drei schönen Mädchen halb betrübt und halb bedauernd -ins Gesicht. Ihren Begleiter jedoch durchschnitt zum erstenmal ein -merkwürdig beklommenes Gefühl. Das weite struppige Land vor ihm dehnte -sich so sonderbar schweigend und geheimnisvoll, als wäre es eine riesige -Bühne, die nur deshalb in solch menschenvereinsamter Leere lauerte, weil -über sie hinweg bald ungeheure Züge des Weltgeschehens dahinschreiten -sollten. Dazu die unsichtbare Stadt, das schneidende Sausen und Rollen --- nein, es ließ sich nicht leugnen, eine kurze Sekunde war der Kaufmann -völlig befangen von einer heranschleichenden Ahnung, die sich ihm -bleischwer an alle Sinne hing. Spähend blickte er auf die schwarzen -Gestalten der Kohlenablader hinunter, und auch in ihren schweißigen -und stumpfen Gesichtern glaubte der aus seiner Sicherheit Aufgescheuchte -dasselbe unauffindbare Rätsel zu lesen. - -Verwünscht! - -Wenn ihn die Damen jetzt aufgefordert hätten, den Wagen wenden zu lassen, -um sich in den Schutz der Heimat zu begeben, die ihre letzten grünen -Büsche so vertraulich nah bis an das Flußufer heranschob, in der Tat, er -hätte nicht gezögert. Er wandte sich, und unwillkürlich trafen seine -und Isas Blicke zusammen. In den feinen blassen Zügen des Mädchens schien -wirklich jene unausgesprochene Bitte zu wohnen, ja die sich wie im Frost -bewegenden Lippen wagten vielleicht nur den brennenden Wunsch nicht zu -äußern. - -Da klirrte etwas auf der Brücke. Ein scharfes Sporengeläut begann zu -singen und zu gleicher Zeit schlugen die Grenzwächter auffahrend an -ihre Säbel und führten die rechte Hand salutierend und breit gegen -ihre Mützen. Der Wachtmeister wurde von einer hohen Männergestalt -im dunkelblauen Waffenrock unsanft beiseite geschoben, und vor dem -überraschten Handelsherrn stand säbelrasselnd der Rittmeister Sassin, -lächelnd über das ganze rote Gesicht und unstreitig gewillt, seinen -deutschen Gast in die Arme zu schließen. Schmetternd, aus voller Brust, -klang sein Bewillkommnungsgruß: - -»Rudolf Bark, mein einziger Freund,« schrie der Russe, und dabei klopfte -er dem Ankömmling mit seinen feinen weißen Glacéhandschuhen in einer -halben Umschlingung schallend auf den Rücken, »die zehntausend Heiligen -von Kasan haben mein Gebet erhört. Sie sind da -- ohne Zweifel, sind da --- =à quatre heure=, Punkt vier. Man muß sagen, diese Deutschen wohnen in -einer Uhr.« - -Damit trat der Russe strahlend an das Gefährt heran, fing blitzschnell -auf, wie die begehrte Brünette in ihrer prachtvollen Haltung auf dem -Vordersitz lehnte und verbeugte sich darauf so tief, daß seine breite -blaue Mütze beinahe den Fensterschlag streifte. - -»Ah, meine Damen, Leo Konstantinowitsch Sassin seien Ihr entzückter -Diener. Sie sehen mich =au comble du bonheur=! Ich habe auf meine kleine -=maison= nicht vergebens aufgezogen die grün-weiße Fahne, denn die ganze -Stadt und das gesamte Offizierskorps seien durch einen solchen Besuch -geehrt. Ich werde nie vergessen an so viel Freundlichkeit.« - -Bei den letzten Worten hatte sich der Offizier den mächtigen rotblonden -Schnurrbart zurechtgestrichen, jetzt versuchte er, die auf dem Wagenschlag -ruhende Hand der Ältesten von Maritzken an seine Lippen zu führen. -Allerdings erfolglos. Denn ohne im geringsten verletzend zu wirken, entzog -ihm Johanna die begehrte Rechte und drohte ihrem Gastgeber leicht mit dem -Zeigefinger. - -»Herr Rittmeister,« äußerte sie in ihrer gewohnten liebenswürdigen -Ruhe, »es ist wirklich beinahe ein halbes Wunder, daß Sie uns bei sich -sehen. Denn erstens trug ich, die ich für meine Schwestern verantwortlich -bin, längere Zeit Bedenken, ob wir überhaupt Ihrer freundlichen Einladung -folgen dürften, und zweitens bedeuteten uns soeben Ihre Grenzwächter, -daß Rußland keinen besonderen Wert auf unsere Anwesenheit lege, ja, daß -wir schleunigst wieder zu verschwinden hätten.« - -»Wie? Was? verschwinden?« fuhr der Offizier in die Höhe und dabei packte -er bereits den betroffenen Wachtmeister an der Brust und schüttelte ihn -empfindlich hin und her. »Hast du gehört? bist du nicht die größte -Seuche, die unsere große Mutter befallen hat? Du Moschusochse, weißt du, -was dir bevorsteht?« - -Es mußte eine fürchterliche Zukunft sein, die dem Braven angedroht wurde, -denn er begann am ganzen Leibe zu zittern und faltete demütig die Hände -über der Brust. - -»Väterchen Rittmeister,« stammelte er, »der verschärfte Befehl ist -gestern abend erst vom Herrn Oberst ausgegeben worden.« - -»Ich werde dich gleich bei Väterchen Rittmeister,« schrie Leo Sassin -halb lachend, während er jedoch seinem Soldaten mit geballter Faust einen -Stoß vor die Brust versetzte, daß jener bis an das Brückengeländer -taumelte, »danke Gott, du Hund, daß ich vor diesen Damen, die -du beleidigt, kein Exempel statuieren will.« Und sich zu Johanna -zurückwendend, vor der er sich noch einmal entschuldigend verneigte, -setzte er augenzwinkernd hinzu: »Gnädigste, ich schätze mich -glücklich, daß ich noch zu rechter Zeit kam, um meinen Gästen weitere -Unannehmlichkeiten zu ersparen. Die übrigen Freunde sind bereits in kleine -=maison= versammelt und erwarten ungeduldig das Erscheinen von deutsche -Damen, die uns so viel Ehre schenken wollen. -- Der Wagen passiert,« -schrie er mit furchtbarer Stimme dem zweiten Soldaten zu, der teilnahmslos -diese ganze Szene beobachtete. »Scher' dich aus dem Wege. Meine Damen, -Sie gestatten, daß mit meinem Freunde Rudolf Bark neben Equipage -einherschreite. Wir überqueren hier nur Eisenbahn -- und gleich sind Sie -dann =au milieu de mon logis de garçon célibataire=.« - -Befehlend gab er einen Wink, die Soldaten traten zurück, drückten sich -beinahe scheu gegen das Geländer, und der Landauer setzte sich, von den -beiden Herren zur Rechten geleitet, unter lautlosem Rollen in Bewegung. Und -während der Rittmeister sich unaufhörlich glücklich pries, so erlesene -Fremde in das elende Städtchen -- diesen Schweinekoben, dieses -triefende Gefängnis -- eskortieren zu dürfen, da ging es über breite -Eisenbahnschienen hinweg, die man durch kein Gitter zu schützen versucht -hatte, und tief abschüssig stürzte dann der Weg sofort auf einen -holprigen Platz hinab, der von niedrigen, rauchgeschwärzten Häusern -umstellt war und ebensogut einen großen Hof als einen verunglückten -Marktplatz vorstellen konnte. - -»Der Platz sieht aus wie ein Mund voller Zahnlücken,« flüsterte Isa -sehr treffend ihrer Schwester Marianne zu und wies auf die klaffenden -Höhlungen zwischen den einzelnen Gebäuden, hinter denen bereits wieder -das kohlstruppige Feld sichtbar wurde. - -Das Surren und Sausen der Treibriemen schrillte hier stärker, und die -betroffenen Gäste bemerkten, wie aus dem ersten Stockwerk einer Fabrik, -die sich augenscheinlich mit der Herstellung von Porzellan befaßte, -unausgesetzt eine staubige Mehlmasse herabdampfte. Ohne auf diese -Überschüttung zu achten, durch die ihre Kleidung mit schmutzigem Puder -bestreut wurde, lungerte mitten auf dem Markt eine Schar langberöckter -Männer und Jünglinge herum in hohen Wichsstiefeln und mit niedrigen -schwarzen Tuchmützen auf den Köpfen. Aufgeregt und von allerlei Gesten -begleitet fuhr hier das Gespräch hin und her. Die jüdischen Einwohner, -die man sofort an ihrer lockigen Haartracht erkannte, warfen merkwürdig -befremdete Blicke auf das deutsche Gefährt, als wenn die Ankunft desselben -ein besonders aufregendes Ereignis bildete. Und wieder beschlich den Mann -im weißen Mantel, der anscheinend so heiter plaudernd neben dem russischen -Offizier einherwandelte, jenes unerklärliche nagende Mißtrauen. - -Und dem unerträglichen Zwange unterliegend, griff er plötzlich unter den -Arm seines Begleiters, und indem er alle Zurückhaltung beiseite setzte, -richtete er an den munteren Offizier ohne Übergang die sehr ernste und -nachdrückliche Frage: - -»Leo Konstantinowitsch, verübeln Sie mir meine Neugierde nicht, aber -spricht man hier bei Ihnen gleichfalls von einem Zwist, der zwischen -unseren Völkern in der nächsten Zeit schon durch Waffengewalt entschieden -werden müßte? Sagen Sie mir bitte die Wahrheit, ich fühle mich -verantwortlich für meine Damen.« - -Wie von einem Schlag getroffen machte der Russe halt, zwinkerte heftig -mit den Augen, um gleich darauf kräftig mit dem rechten Arm eine weite -kreisrunde Bewegung zu vollführen, als wünsche er die ganze Stadt zum -Zeugen seiner Antwort aufzurufen. - -»Aber Rudolf Bark, mein einziger Freund,« rief er mit einem ihn -erschütternden Lachen, »ist ja nur Geschwätz von verdammten -Gazettenschreibern, die in der Hölle ihre Strafe finden werden. -Blicken Sie sich doch um, wir verbergen Ihnen nichts. Hier wird überall -gearbeitet, Porzellan wird gemacht, Kohle gefördert und Zigaretten und -Bonbons fabriziert. Wo sehen Truppenansammlungen? Im Vertrauen, unsere -Kasernen stehen halb leer. Und wenn Sie es wissen wollen, ich selbst nehme -in einigen Tagen einen mehrwöchentlichen Urlaub, um in Petersburg meine -angegriffene Gesundheit etwas aufzufrischen. Sieht so Volk aus, das sich -auf Krieg vorbereitet? Und vor allen Dingen, Rudolf Bark, würde ich -mir erlaubt haben, Sie und die wunderschönen Damen von Maritzken zur -Einweihung von meine kleine =maison= zu invitieren, wenn Sie sich dabei -der geringsten Gefahr aussetzen könnten? Kommen Sie, kommen Sie, wir haben -Sprichwort, das lautet: ›Der Säbel schläft‹. Ich hoffe, Sie haben -sich überzeugt, bei uns schläft er so tief, daß er ist gar nicht -aufzuwecken. Deshalb, mein einziger Freund, verderben Sie uns nicht Laune -durch philosophische Untersuchungen. Und hier, Rudolf Bark,« unterbrach er -sich in strahlendem Besitzerstolz, indem er gleichzeitig diensteifrig den -Schlag aufriß, »hier stehen wir vor kleine =maison=, und Sie sehen, auf -Dach ist aufgezogen russische und deutsche Flagge zugleich.« - -Damit wandte er sich, führte zwei Finger der geballten Faust gegen die -Lippen und ließ einen Pfiff erschallen, der einer Lokomotive Ehre gemacht -haben würde. Auf dieses Zeichen stürzten auch sofort zwei in grüne -Halblivreen gekleidete Diener aus dem Hause, denen man ohne große -Mühe die für den Hausdienst kommandierten Soldaten anmerkte. Zwischen -schlotternden weißen Wollhandschuhen schleppten die wohlfrisierten Männer -einen schmalen, nagelneuen Teppichläufer heraus, und auf eine bezeichnende -Fußbewegung des Rittmeisters hin bückten sie sich auf den Erdboden, um -das Gewebe über die schmutzige schwarze Gosse bis dicht an den Tritt der -Equipage auszubreiten. - -»Gegrüßt die Freunde des Herrn,« murmelten beide. - -›Die kleine =maison=‹ war eine allerliebste zierliche Villa, unter -deren rotem, mehrfach unterbrochenem und abgesetzten Ziegeldach leise -Rundungen der Außenwände jenem fast unmerklichen Rokokostil zustrebten, -der so anmutig und spielerisch zugleich wirkt. Zwischen zwei schlanken -Säulen führten einige Stufen empor, und kaum waren diese überschritten, -so befanden sich die deutschen Gäste in einem halbrunden Vestibül, das -ganz in matten weißen Farben gehalten war. Nur wunderlich, daß das -zarte Schmuckkästchen den Eingang zu einem Junggesellenheim bildete, viel -befremdlicher, weil das ganze Haus von der fernen Regierung in Petersburg -errichtet sein sollte. Noch waren den Damen von den Dienern ihre seidenen -Mäntel kaum abgenommen, und eben standen sie vor einem schmalen, in der -Hinterwand einer Nische eingelassenen Spiegel, um ihren Toiletten die -letzte Vollendung zu verleihen, als auch schon ihr militärischer Wirt -in erneute Bewunderung ausbrach. Wortreich versicherte er, wie die -ruhige Eleganz der deutschen Kleider alles überstrahlen müßte, was die -Garnisonsdamen dort drinnen in dem Salon an seidenen Fähnchen auf sich -vereinigt hätten. Und dann diese unnahbare Würde und Strenge! Zweifellos, -man konnte es mit tausend Eiden bekräftigen, jede deutsche Frau eine -Fürstin, nein, weit gefehlt, eine Königin, eine Kaiserin. Es sei direkt -lächerlich, welch ein tiefer Respekt, ja welch knabenhafte Beschämung -selbst den verwegensten Reitersmann in der Nähe solch einer Nemza -heimsuche. Als der Rittmeister in diesem Begeisterungstaumel schwelgte, -hatte er gerade seinen Platz hinter der abgewandten Marianne gefunden, die -ihre wohlgebildete Gestalt selbst mit einem heimlichen Genuß bespiegelte. -Und der weiße Nackenausschnitt, der sich aus der stahlblauen Seide ihres -Gewandes leuchtend erhob, er zog die Blicke des Hausherrn so stark auf -sich, daß alle seine Lobeserhebungen nur noch in wirre Worte ausklangen. - -»Köstlich -- exquisit -- superb!« - -Und Johanna, die mit sich selbst beschäftigt war, sah nicht, wie ihre -dunkle Schwester, entzückt über den berauschenden Eindruck, den sie -hervorrief, dem Spiegelbild ihres Gastgebers mit einem besonders reizenden -Lächeln zunickte. Aber der Konsul und Isa bemerkten es, und sie warfen -sich einen Blick zu, den nur aufeinander abgestimmte Menschen zusammen -austauschen. Es war ganz seltsam, der reife, vielerfahrene Mann, dem die -Frauen die gefährlichsten ihrer Künste längst verraten hatten, und das -ahnende unreife Mädchen, sie wurden durch ihren scharfen Verstand wie -alte Gefährten zusammengeschlossen, die sich auch ohne Worte über die -heikelsten Dinge zu verständigen vermögen. - -»Sagten Sie etwas, Herr Konsul?« fragte Johanna. - -»Nein, lieber Hans.« Er warf dem Rotkopf einen warnenden Blick zu, der -sie zum Schweigen verpflichtete. »Kommen wir.« - - * * * * * - -In dem braun getäfelten Herrenzimmer endigte zu demselben Zeitpunkt, als -der Wagen der Deutschen die Vortreppe der Villa erreichte, ein lebhaft -schwirrendes Gespräch. Die französische Konversation erstarb wie durch -Zauberschlag, und Herren wie Damen zogen sich möglichst unauffällig an -die heruntergelassenen Fenstervorhänge heran, um die Aussteigenden gleich -unter dem ersten Eindruck richtig abschätzen zu können. - -Das war natürlich von höchster Wichtigkeit. - -Als auf dem Tritt der weiße Schuh von Isa sichtbar wurde, warfen sich -die jüngeren Offiziere unwillkürlich in die Brust und strichen ihre -Waffenröcke glatt. Zu einem unverhohlenen Murmeln des Beifalls jedoch -steigerte sich das männliche Interesse erst, wie gleich darauf Marianne, -kaum auf die dargereichte Hand des Konsuls gestützt, mit einer ihrer -lässigen Bewegungen den Wagen verließ. Dies veranlaßte freilich eine -sehr untersetzte rundliche Dame, die Gattin des Zivilgouverneurs Bobscheff, -die über ihre hervorquellenden Pausbacken kaum noch mit heftig zwinkernden -Äuglein herüber zu blinzeln vermochte, ein Urteil zu fällen, von dem sie -infolge ihrer bevorzugten Stellung erwarten durfte, daß es dem gesamten -Kreis fernerhin als Maßstab zu dienen hätte. - -»Gott,« flüsterte sie als eine Art Selbstbekenntnis, indem sie ein -mächtiges Schildplattlorgnon vor die halbgeschlossenen Augenritzen -führte, »sie sieht aus wie die Tänzerin Litwina Dimitrewna aus Moskau.« - -»Ah,« sagte an dem anderen Fenster die junge Frau des Obersten Geschow -aus Mariampol, deren feingliedrige Gestalt noch mehr als ihr zigeunerhaft -gelber Teint oder die schwimmenden braunen Augen ihre tatarische Abkunft -verrieten, »ist das nicht jene Balletteuse, über die ich neulich in der -Nowoje Wremja las, daß sie herrliche Brillantbänder um die Fußknöchel -zu tragen pflegt?« - -»Maria Paulowna,« entgegnete die Zivilgouverneurin mit einem ganz leisen -Verweis, denn der Rang der Obristin war von dem ihren nicht wesentlich -unterschieden, »ich nehme an, daß Sie vor den Extravaganzen solcher -Weiber den gleichen Abscheu hegen wie ich.« - -»Lieber Himmel, man interessiert sich,« verteidigte sich die junge -Tatarin, wiegte sich in den Hüften und gab über ihre Schulter hinweg -einem hinter ihr weilenden jüngeren Offizier ein anmutiges Zeichen, er -möge ihr eine Zigarette reichen. »Man genießt in unseren weltverlorenen -Garnisonstädten ja keine andere Abwechslung, als die Lektüre.« - -Die Offiziere stimmten der geschmeidigen, anziehenden Mariampolerin durch -ein beifälliges Gemurmel unbedingt zu. Frau Bobscheff jedoch, die ihre -lokale Würde gefährdet sah, pustete Luft von sich und lenkte dann etwas -sanfter ein: - -»Man hört jetzt soviel von dem sittlichen Verfall der Jugend in unserem -heiligen Rußland. Über die Ursachen hat eben jeder seine eigene Ansicht. -Nicht wahr, Wladimir Petrowitsch?« wandte sie sich an ihren Gatten, der -lang wie eine Telegraphenstange hinter ihr stand und nun sein von -weißen borstigen Haaren gekröntes Raubvogelantlitz willfährig zu -ihr herunterneigte, »nicht wahr, Wladimir Petrowitsch,« verlangte sie -befehlend, »ich verfechte oft diese Ansichten?« - -Auf diese Aufforderung, der sich der demütige Herr in Gegenwart so vieler -anderer nicht zu entziehen vermochte, räusperte sich der Gouverneur -erst hörbar, dann zog er sein Taschentuch, wischte den Mund und brachte -schließlich in seiner merkwürdig schüchternen, kratzbürstigen -Heiserkeit hervor: - -»Ganz recht, Tatiana. Seitdem du die Kurse in dem Frauenlyzeum besuchst,« --- hier wischte er sich wieder den Mund -- »seitdem ist deine Kenntnis -sozialer Zustände sehr beachtenswert.« Von neuem krächzte er und -suchte mit den dürren Fingern krampfhaft unter dem Frack mit den goldenen -Knöpfen nach einem isländischen Bonbon. »Ich komme leider wegen der -vielen Arbeiten in unserem Kohlenrevier nicht dazu, mich mit derartigen -Dingen zu beschäftigen,« schloß er vollkommen heiser, »aber ich hege -Ehrfurcht vor ihnen.« - -»Gut,« lobte die Gouverneursfrau und richtete sich ein wenig auf -den Zehen empor, »es freut mich, daß du dies äußerst, Wladimir -Petrowitsch.« Und mehr für den ganzen Kreis berechnet, setzte sie noch -hinzu: »Der Mutter Gottes sei Dank, die Harmonie unserer Anschauungen ist -beinahe eine vollkommene.« - -Die anwesenden jüngeren Zivilbeamten, die der Zucht des Herrn Bobscheff, -dieser wandelnden Giraffe, unterstellt waren, verbeugten sich hier -beifällig, nur Alexander Diamantow, ein schwarzhaariger Bergbaustudent, -der hier in den Kohlengruben sein Studium abschließen sollte, und von dem -man behauptete, daß er ein übergetretener Jude sei, er verzog in einer -Ecke sein melancholisches Antlitz zu einem leisen Lächeln. Er erinnerte -sich daran, wie er bei seiner Antrittsvisite bei den Bobscheffs bereits vor -den Türen des Dienstgebäudes ein wildes Gekreisch vernommen, und daß -ihm auf seine Frage ein herumlungernder Polizeibeamter anvertraute, die -Gouverneurin suche im Moment ihren Gatten zu ihren Ansichten zu bekehren. -Und Diamantow wußte, daß eine solche Bekehrung nicht immer leicht -gewesen sein müsse. Denn Herrn Bobscheffs Schwäche gegen wohlgebaute -Bittstellerinnen war im ganzen Gouvernement bekannt. Daher datierten auch -die Ermittlungen, welche die umfangreiche Tatiana über den Verfall der -Sitten im heutigen Rußland angestellt hatte. Der junge Bergbaustudent -stützte an dem verlorenen Tischchen in der Ecke das Haupt in die Hand, -so daß ihm die wirren schwarzen Haarsträhne in die Stirn fielen, und in -seiner unruhigen Seele klangen die Ansichten und Meinungen wieder, die -sich hier noch eben bekämpft hatten, bevor das samtne Rollen des deutschen -Gefährts hörbar wurde. Denn auch vor ihrer Ankunft hatte das Gespräch -bereits den fremden Gästen gegolten. - -»Es wird Zeit,« hatte der Hausherr geäußert, indem er sich nur mühsam -einem Geplänkel mit der hübschen Regimentskommandeuse aus Mariampol -entriß, obwohl Sassin nach Diamantows Ansicht nicht ahnte, daß die -Tatarin den Dragonerrittmeister wegen seiner nur oberflächlich lackierten, -fast dörflichen Unbildung innerlich verachtete, »es wird Zeit, meine -Herrschaften, daß ich den Deutschen bis an die Brücke entgegengehe. Die -kopflosen Hunde, die man dort postiert hat, könnten uns sonst leicht -einen Strich durch die Rechnung ziehen. Außerdem -- der Kaufmann, den ich -erwarte, besitzt verteufelt helle Augen. Sie alle werden gut daran tun, -sich gegen ihn recht vorsichtig zu benehmen.« - -»Ist er jung?« fragte Maria Geschowa. - -»Hm,« erwiderte der Dragoner etwas gestört, denn er ärgerte sich über -die Funken, die in den Zigeuneraugen der jungen Frau aufblitzen konnten, -»er steht so auf der Grenze, wo man selbst nicht weiß, ob man jung oder -bejahrt ist. Jedoch er hat früher viele Abenteuer gehabt.« - -»Von den Deutschen,« meinte Frau Bobscheff betrübt, und sah aus ihren -verkniffenen Augen wie in Scham an ihrer Tonnengestalt herab, »von diesen -verwünschten Heiden sind unsere guten altväterlichen Sitten von Grund aus -verdorben. Gönnen sie selbst der ehrbarsten Frau ihren Frieden? Kennen die -schamlosen Tiere überhaupt die Heiligkeit der Ehe? Was denkst du darüber, -Wladimir Petrowitsch?« - -Die Giraffe schnäuzte sich und wandte den langen Hals hin und her, um -zu beobachten, wie weit die Lächerlichkeit, in die er geriet, von diesen -neugierigen Spionen etwa festgestellt werden könnte. Da sich aber nichts -anderes ereignete, als daß dieser verwünschte heimliche Jude Diamantow -sein verletzendes Räuspern ausstieß, für das der Beamte ihn schon -gelegentlich büßen lassen würde, so fuhr sich der Gouverneur über die -borstigen weißen Haare und erwiderte dem kleinen dicken Ei, das sich so -unangenehm an ihn lehnte, mit ernster Feierlichkeit: - -»Es ist ja bald so weit, meine Liebe, daß wir den unsauberen Stall dort -drüben reinigen werden. Sei überzeugt, unsere Verwaltungsmethoden, die -der heiligen Kirche einen so breiten Platz einräumen, können auch dort -drüben ihre Wirkung nicht verfehlen.« - -Der Rittmeister stand bereits in der offenen Tür, wo ihm von einer der -grünen Livreen die blaue Militärmütze sowie ein paar weißer Handschuhe -gereicht wurde. Während des Aufstreifens der Glacés aber warf er noch -einmal warnend zurück: - -»Nicht wahr, meine Herrschaften, Sie denken daran, nach meiner Rückkehr -nicht die geringsten Andeutungen mehr. Es liegt alles daran, die Nemzows -total zu überraschen. Bitte, Maria Geschowa, wollen Sie diesen meinen Wink -auch untertänigst Seiner Durchlaucht dem Fürsten Fergussow hinterbringen. -Er probiert dort drinnen in dem kleinen Mahagonizimmer zusammen mit Ihrem -Gatten, dem Herrn Oberst, mein neues Billard. Also wie gesagt: Vorsicht! -Und nun, =au revoir, mes chers=!« - -Damit verneigte sich die kräftige Gestalt, und man hört seine Sporen -gleich darauf über die Steinstufen klirren. Allein der Hausherr hatte -das Kommende, Unbestimmte, das in der Luft schwebte und die Stirnen -der Menschen wie mit Geisterhänden schmerzhaft zusammenpreßte, -dieser verwünschte stiernackige Sassin hatte es in seiner bäuerlichen -Ahnungslosigkeit so sicher und ohne die geringsten Skrupel als etwas -Feststehendes hingemalt, daß der klobige Stein nun mitten in der Stube -lag, und jeder sich an ihm die Füße wundstoßen mußte. - -Da waren besonders zwei Herren in schwarzen Gehröcken mit sehr -deplacierten weißen Krawatten, die bei den letzten Worten des Rittmeisters -kreidebleich wurden, um darauf völlig nervös, jeder für sich, durch die -Gesellschaft zu irren. Es waren die Gebrüder Miljutin, Millionäre, denen -die große Porzellanmanufaktur gehörte, wo sie zahlreiche Deutsche in -ihrem Betriebe beschäftigten. Namentlich die Blumenzeichner mußten sie -gezwungenermaßen aus dem Nachbarstaat engagieren, weil die Ideen der -einheimischen Künstler als zu verworren und phantastisch auf dem Weltmarkt -keine Geltung besaßen. Die beiden Gehröcke sprachen bald diesen, bald -jenen an. Immer deutlicher perlte ihren Besitzern der Angstschweiß auf der -Stirn. - -»Ist es denn nun absolut sicher und beschlossen?« fragte der ältere von -ihnen, ein beleibter Herr mit einer goldenen Brille, der etwas hinkte, und -dabei vergaß er sich in seinem Entsetzen so weit, daß er an einem der -metallenen Frackknöpfe des Gouverneurs leichtsinnig zu drehen begann, -ein Versehen, das er freilich durch eine überschwenglich tiefe Verbeugung -sofort wieder sühnte, »ist es denn nun absolut sicher, Exzellenz, daß -unser Reich dieses ungeheure Wagnis unternimmt?« - -Hier wurde von den Offizieren laut gelacht, und selbst die Damen zuckten -mitleidig die Achseln. Ja, gerade die Frauen schienen das rot umnebelte -Abenteuer kaum noch erwarten zu können. Es lag soviel Spannungsvolles -darin. Und dann -- man wurde doch herausgerissen aus der Stille, die -langweilig und drohend zugleich über dem riesigen endlosen Lande -herniederdrückte, von dem ein Ende das andere nicht kannte. Auch die -bohrenden Grübeleien über dies und jenes hörten mit einem Schlage auf, -und vor allen Dingen -- man würde endlich, endlich den hochmütigen, -vielbeneideten Nachbarn beweisen können, wo der junge, der zukunftsfrohe -Gebieter der Welt säße. - -»Stellen Sie sich vor,« gab Herr Miljutin der Ältere dem Gouverneur -Bobscheff ängstlich zu bedenken, indem er beinahe flehend in das -Raubvogelangesicht des anderen hinaufstarrte, »meine Fabrik -- ich werde -sie schließen müssen. Die einheimischen Arbeiter werden eingezogen, und -auf die Frauen und Mädchen ist kein Verlaß.« - -»Oh,« krächzte Herr Bobscheff, und es klang, als ob man eine Handvoll -Glasscherben gegen eine Fensterscheibe drücke, »es befinden sich unter -Ihren jungen Mädchen ein Paar recht kräftige und wohlgebaute.« - -Frau Bobscheff zuckte zusammen, soweit dies ihre unglückliche Figur -zuließ. - -»Wladimir Petrowitsch,« erinnerte sie in erhobenem Ton, »Herr Miljutin -wünscht von dir zu erfahren, ob du die kriegerische Auseinandersetzung mit -den Nemzows für unvermeidlich hältst oder nicht?« - -»Ja, ich halte sie für unvermeidlich, meine Teure,« rang sich die -Giraffe aus dem nervös vornüberschwankenden Halse ab, denn er machte -sich mit Recht Vorwürfe, weil er die Gegenwart seiner gewichtigen -Lebensgefährtin, wenn auch nur für einen Moment, übersehen hatte, »ich -halte sie für völlig unvermeidlich, Herr Miljutin. Ich bin hier der erste -Beamte, und in meinen Bureaus fließen die Stimmungen des Gouvernements -gewissermaßen zusammen. Täglich lese ich zehn bis zwölf Zeitungen. Und -wenn diese die Abrechnung auch nicht laut fordern dürfen, so muß man doch -verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen. Ist Ihnen das nicht aufgefallen?« -examinierte er väterlich wohlwollend weiter. - -Der Porzellanfabrikant rang heimlich die Hände. - -»Ich meinte -- ich hoffte -- ich glaubte --« - -»Tun Sie das nicht, Herr Miljutin,« schluckte der Gouverneur krampfhaft. -»Die öffentliche Meinung ist für den Krieg, und in der Umgebung des -Zaren, den der lebenspendende Christus erhalte --,« hier verbeugten sich -alle anwesenden Offiziere und Beamten -- »gedenkt man nicht länger jede -unverschämte Herausforderung hinzunehmen. Seien Sie nicht kleinmütig, -Herr Miljutin,« fuhr die Giraffe ernst und strafend fort, als sie merkte, -welchen Eindruck ihre Rede erzielte und wie selbst die korpulente Tatiana -in der Schar der Hinzudrängenden sich auf den Zehen erhob, damit sie -besser lauschen könne. »Wir müssen der Welt endlich beweisen, daß -der slawische Riese nicht dauernd auf seinem weichen Stroh liegt und -schläft.« - -»Bravo,« sagten einige Stimmen. »Haben Sie gehört? Weiches Stroh. Das -ist ein ganz vorzügliches Bild. Wladimir Petrowitsch ist der geborene -Redner.« - -»Und dann,« schnaubte der Gouverneur aus seiner einsamen Höhe und -fuhr gewohnheitsmäßig mit dem Taschentuch über die Hakennase, »Herr -Miljutin, ich wundere mich, warum Sie die Hauptsache vergessen. Ist man -nicht auf der ganzen Erde gegen uns in Liebe entbrannt? Die glorreiche -französische Nation schätzt die Originalität unseres Geistes und sieht -in unserer ungebändigten Kraft« -- der Gouverneur erinnerte sich hier -an eine kürzlich gelesene Floskel, warf sich in die Brust und krächzte -schwimmend in Selbstbewunderung und Genuß -- »ja, sie sieht in uns eine -gigantische Dampfwalze, dazu bestimmt, eine breite Straße zu ebnen, auf -der das französische Genie uns entgegeneilt, um uns zu umarmen.« - -Die ganze Gesellschaft applaudierte. Rufe des Entzücken wurden laut, -und die Beamten des Gouverneurs schlürften jene Floskel in sich ein, als -müßten sie eine fette Auster kunstgerecht über die Zunge gleiten lassen. -Die runde Kugel aber, die dem Gouverneur angetraut war, rollte auf -die Gattin des Obersten aus Mariampol zu, umarmte sie, wobei sie ihre -fleischigen Arme freilich nur um die Hüften der Tatarin schlingen konnte, -und küßte die junge Frau auf die Brust. - -»Maria Geschowa,« entlud sie sich stürmisch, »hörten Sie, wie Wladimir -Petrowitsch sich eben über die Lage äußerte? Oh, es ist nichts Kleines -um einen politischen Blick. Wie glücklich müssen Sie sein, Teuerste, weil -Sie in Frankreich Ihre Erziehung genossen. Wie beneide ich Sie!« - -»Darf ich Ihnen ein Glas Tee bereiten, Exzellenz?« warf die Tatarin -ziemlich gleichgültig hin, als ob ihre Gedanken mit etwas ganz anderem -beschäftigt wären. Und wirklich, die dunklen Augen der jungen Frau -flammten über die gepolsterten Schultern der Gouverneurin hinweg und in -eine matt erleuchtete Ecke. Und so gepackt und gefangen beugte sie das -schmale Haupt nach jener Richtung, daß ein großer Teil der anwesenden -Herren, für die Maria Geschowa mit ihrer lächelnden orientalischen -Verführungskunst überhaupt den Mittelpunkt bildete, sich gleichfalls -über den dämmrigen Platz vergewissern mußte. - -Ganz plötzlich trat in dem lebhaften Gespräch eine Stille ein. - -Selbst der Gouverneur Bobscheff stieg aus seinen Weihrauchswolken hinab -und entdeckte mit steigendem Mißbehagen, wie dort hinten an dem einsamen -runden Tisch der Bergbaustudent Alexander Diamantow saß, das Haupt mit den -überquellenden schwarzen Haaren in beide Hände gestützt. Der junge Mann -schien, leidenschaftlich in sich versenkt, das Bild der schwatzenden Menge -absichtlich von sich fernhalten zu wollen. Unbeweglich und tief gebeugt -verharrte er, nur die rasch atmende Brust zeigte, daß ihn etwas quäle. - -»Alexander Isidorowitsch,« krächzte Bobscheff fast kreischend. - -Durch den schmalen Körper des Angerufenen ging ein Zucken. Und -merkwürdig, in der gleichen Sekunde wurde auch der dunkelhäutige Nacken -der Mariampolerin von einem kurzen Schauer überkräuselt. So völlig -vermochte sich die Leidenschaftliche in die Stimmungen der Menschen zu -versetzen, die sie interessierten. - -Langsam ließ der Student seine Rechte sinken, und um seinen -ausdrucksvollen bartlosen Mund spielte ein mattes Lächeln, als er die -gereizte Giraffe jetzt mit einer merkwürdig tiefen und für seine Jugend -ungewöhnlich markigen Stimme fragte: - -»Wünschen Sie etwas, Exzellenz?« - -»Ja -- ja gewiß, Alexander Isidorowitsch, sind Sie krank?« - -»Ich? -- Durchaus nicht -- oder doch nur so, wie die meisten meiner -Altersgenossen.« - -»Was meint er damit?« flüsterten ein Paar der Offiziere verständnislos, -»was meint der verfluchte Jude damit?« - -Man war allgemein empört. Nur Herr Miljutin der Ältere schob seinen -schwarzen Gehrock zögernd neben den Sitz des Studenten, denn in seinem -verängstigten Gemüt dämmerte es, der hagere bartlose Mensch könne -womöglich sein einziger Bundesgenosse in diesem Kreise von Wütenden und -Blutlechzenden sein. Außerdem war Diamantow ein Jude und liebte deshalb -gewiß das Geld und die geschäftliche Sicherheit. - -»Fahren Sie fort, junger Mann,« hauchte der Fabrikant hinter dem Stuhl -des Ingenieurs beinahe unhörbar und begann ermunternd die Lehne des -Sessels zu streicheln. - -Aber auch Maria Geschowa schritt mit ihrem kräftigen wiegenden Gang -geschmeidig an das runde Tischchen heran und setzte ohne Überlegung das -Teeglas, das sie eigentlich für die Gouverneurin bestimmt hatte, vor -Alexander Diamantow nieder. Das dunkle, kräftige Organ des Studenten hatte -etwas in ihren Adern entzündet und brannte dort weiter. Inzwischen hatte -sich der Gouverneur gleichfalls an das Tischchen herangedrängt und pochte -jetzt mit seinen langen Knochenfingern höhnisch auf die Platte: - -»Mir scheint, Alexander Isidorowitsch,« überschlug er sich fast vor -Heiserkeit, »Sie mißbilligen unsere große heilige Sache? Sie haben kein -Herz für sie. Ist es möglich, daß Menschen so denken, die unserem Staate -eigentlich zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet wären? Herr, Sie sind noch -jung, stehen Sie etwa gar in einem militärischen Verhältnis?« - -»Wie gründlich Wladimir Petrowitsch vorgeht,« verkündete Frau Bobscheff -hier mit großer Bewunderung. - -»Ja, ich bin Offizier,« sagte Diamantow ruhig und erhob sich. - -»Er ist Offizier,« echote es im Kreise. »Man denke, -- wie -fürchterlich.« - -»Herr, und in einer solchen Stellung, da fehlt Ihnen die Begeisterung für -die Zukunft unseres Volkes?« schnaubte Herr Bobscheff weiter. - -»Sie fehlt mir nicht,« entgegnete der Student ruhig, indem er seine -Hände in die Seitentaschen seines einfachen Jacketts vergrub, »ich suche -sie nur nicht in kriegerischen Eroberungen.« - -»Und warum nicht?« fragte Maria Geschowa, die ihm jetzt, nur durch das -Tischchen getrennt, dicht gegenüberstand. Ihre heißen Augen tranken dabei -schon im voraus die Antwort von seinen hageren Zügen, und ihre Finger -glitten auf der Tischplatte unmerklich gegen die seinen, als wünsche sie -ihn dadurch zu ermuntern. »Und warum nicht?« - -»Weil ich fürchte -- --,« sagte der von allen Seiten Bedrängte, der -sehr gegen seinen Willen zum Mittelpunkt der Unterhaltung geworden war, -und zu gleicher Zeit wich er dem Blick von Maria Geschowa aus und -starrte unverwandt auf das Muster des persischen Teppichs, »weil ich -fürchte -- -- --« - -»Was fürchten Sie zum Teufel?« inquirierte die Giraffe unbarmherzig -weiter. - -»Ich fürchte,« äußerte Diamantow mit geschlossenen Lidern, wie wenn er -sich dadurch von den anderen abschließen könnte, »daß die spärlichen -Keime einer freien Entwicklung, die von der Jugend hie und da gesät -wurden, durch die Kriegsmaschine entwurzelt, zerstampft und wieder auf -ganze Epochen unterdrückt werden könnten.« - -»Ja,« sprach Maria Geschowa ganz leise. - -Es hörte sie niemand, nur Alexander Diamantow hob die schweren Augenlider -überrascht in die Höhe und sah die junge schöne Frau sonderbar an. Es -lag etwas wie ein Erkennen in diesem kurzen sprechenden Blick, den die -beiden miteinander tauschten. Dann schob sich der Student durch die -widerwillig sich öffnenden Reihen hindurch und gedachte, vornübergebeugt -wie stets, in das Billardzimmer zu treten, aus dem das harte -Aufeinanderprallen der Elfenbeinbälle deutlich herüberklang. Vor -der Schwelle jedoch wurde er noch einmal am Arm von dem Gouverneur -zurückgehalten, der ihm nun in seiner ganzen Länge und zitternd vor -Erregung den Weg vertrat: - -»Alexander Isidorowitsch,« hustete Herr Bobscheff in einem krampfhaften -Anfall, »verwünschte Heiserkeit -- in Momenten der Leidenschaft -übermannt sie mich stets -- als Haupt der Verwaltung fühle ich mich für -die Stimmung innerhalb meines Kreises verantwortlich. Sie würden mich -deshalb sehr beruhigen, -- nein wirklich, junger Mann, sie könnten -außerordentlich viel zu der inneren Fassung der Anwesenden beitragen, wenn -Sie mir jetzt einen offenen und ehrlichen Aufschluß über Ihre Meinung -erteilten. Es ist doch selbstverständlich, Alexander Isidorowitsch, -- -verzeihen Sie, wenn ich mich so in Ihr Vertrauen dränge, allein ich bin -es meiner Stellung schuldig -- ich setze voraus, daß Sie als Offizier Ihre -Pflicht tun werden!« - -Ein Ausruf des Unwillens folgte. Er kam von der Frau des Obersten, die ihre -Hand quer durch die Luft warf, eine Zigarette an sich riß und rasch an -ihren Platz unter dem Fenster zurückkehrte. Der Bergbauingenieur an der -Schwelle jedoch richtete sich hoch auf. Eine Sekunde lang verzerrten sich -seine Züge, und aus den dunklen Augen schoß ein solcher Strahl von -Haß, daß die Offiziere unwillkürlich sich näher um die Giraffe -zusammenscharten. - -»Um Allerheiligen willen,« stammelte Herr Bobscheff und sank in ihrem -Kreise zusammen, denn durch sein verschüchtertes Gemüt blitzte plötzlich -die Erinnerung, daß dieser aufrührerische Jude unter den Kohlenarbeitern -einen zahlreichen Anhang besäße. »Teuerster Freund, Sie werden mich doch -recht verstehen?« - -Inzwischen hatte der Student seine Hände wieder müde in die Taschen -gleiten lassen. Nun neigte sich die gestraffte Gestalt abermals leicht nach -vorn, und um den bartlosen Mund glitt ein kühles, resigniertes Lächeln, -als er mit seiner dunklen Stimme stark und rückhaltlos erwiderte: - -»Wozu wollen wir hier erst Selbstverständliches erörtern? Wir sind es -gewohnt, unseren eigenen Willen unterzuordnen. Ich werde ebenso handeln, -Exzellenz, und gehorchen. Das ist die Stimmung Ihres Kreises.« - -Er nickte noch einmal bekräftigend mit dem schwarzen Haupt, drängte -seine schlanke Gestalt durch die schweren Falten des Vorhangs und -war verschwunden. Nur von nebenan hörten die Zurückbleibenden eine -ungewöhnlich wohlklingende und einschmeichelnde Stimme rufen: - -»Ah, Sie sind es, Alexander Isidorowitsch! Bei den strahlenden Jungfrauen -von Kasan, wie kommen Sie hierher in den Kohlenstaub? Rasch, unser Spiel -ist beendigt, dem Himmel sei Dank, daß sich eine wirkliche, lebende Seele -zu uns verirrt. Wollen Sie eine Zigarette, Alexander Isidorowitsch?« - - * * * * * - -Dies war die Unterhaltung der teuren Freunde, in deren Kreis der -Rittmeister Sassin seine deutschen Gäste, leuchtend vor Unbefangenheit und -Frohsinn, einführte. Wirklich, die Fremden mußten den Eindruck empfangen, -daß der ganzen Gesellschaft durch ihr Erscheinen eine offenkundige, -unbestrittene Ehre widerführe, die sich in heitersten Mienen und jener -fast übertriebenen slawischen Freundlichkeit äußerte. Noch immer -schien das Übergewicht der Germanen dieser Völkerschaft gegenüber -unerschüttert und von allen willig anerkannt. - -»Sehen Sie, sehen Sie,« rief Sassin nach der Vorstellung laut durch das -Zimmer, »die wunderschönen Damen von Maritzken. Aber ist es nicht wahr --- ist es nicht wahr,« wiederholte er beseligt, »welch ein wundervolles -Beispiel die drei Damen und mein bester Freund Rudolf Bark uns allen -in dieser Stunde geben? Sie verachten das widerliche und blödsinnige -Geschwätz, das nur in den Köpfen von ein paar Narren entstanden ist. -Sie leisten damit etwas sehr Wichtiges. Ist es nicht so, Exzellenz?« -erkundigte er sich eindringlich bei der Giraffe, die mit weit vorgeneigtem -Hals die drei deutschen Mädchen betrachtete. - -Und seltsam, es war, als ob in diesen Zimmern, die vor Neuheit und mit -ihrer eben erworbenen Einrichtung wie poliert glänzten, niemals Wut und -Neid und die Freude am Zerstampfen mit lechzenden Wolfszungen geheult -hätten. Äußerst zufrieden blickte sich Herr Bobscheff um. Kaum jemals -zuvor war es der Giraffe so stark wie heute in das Bewußtsein gedrungen, -wie meisterhaft seine Landsleute die Verstellungskunst zu üben wußten -und welchen hohen Grad der allgemeinen Schauspielerei diese Rasse erreicht -hatte. Da stand seine dicke Tatiana -- zum Henker, sie wurde immer -faßähnlicher; wenn man sich vorher an den bestrickenden Linien der -brünetten Deutschen erlabt hatte, da verdarb einem diese unwahrscheinliche -Anhäufung des Fettes jegliche gehobene Stimmung -- da stand die Kugel -neben dem zierlichen deutschen Rotkopf, streichelte dem schmiegsamen -Mädchen unaufhörlich die Wangen und sprudelte aus den Plusterbacken -Lobeserhebungen und Hymnen über die schmalen Füßchen der Kleinen, die -in so allerliebsten weißen Halbschuhen steckten. »Unsere Schuhfabrikation -ist besser und reeller als der Schund da drüben,« dachte der Gouverneur. -»Aber das Reizvolle, das Scharmante steht auf jener Seite. Obwohl auch bei -uns -- ach ja, es gibt schon Frauen -- --,« seufzte er kopfschüttelnd -in sich hinein, und er blickte wie zur Bestätigung auf die schlanke -Gestalt von Maria Geschowa, die, verdeckt durch das Fensterstore, eine -ihrer angeregten und sprudelnden Unterhaltungen mit dem fremden Kaufmann zu -führen schien; »sieh einmal, diese berechnete Intriguantin,« dachte die -Giraffe trauervoll und drückte den Daumen der Linken schmerzhaft in die -rechte Handfläche. »Sie zeigt ihm dort draußen auf der Straße einen -vorübergehenden Kosaken. Zum Teufel, die Kerle sollen doch in ihren -Kasernen bleiben! Aber wozu muß sie sich dabei so eng an seine Schulter -lehnen? Der verwünschte Schmarotzer hält beinahe seinen Arm um ihre -Hüfte geschlungen. Die Vorurteilslosigkeit dieser schönen Frau ist -jedenfalls nicht zu billigen.« - -Die Deutschen bildeten bald den Mittelpunkt der Gesellschaft. Es war, -als ob alle anderen nur eingeladen wären, um den Gästen das Bild eines -harmlos sich vergnügenden Kreises einzuprägen, der weit davon entfernt -war, an eine Unterbrechung seiner gewohnten Zerstreuungen zu glauben. -Überall flogen leichte Scherzworte auf, die Fähigkeit der Slawen, -geschätzte Personen zu ehren und zu bedienen, äußerte sich in jeder -Handreichung. - -Marianne lag in einem Schaukelstuhl und wiegte sich leise auf und nieder. -Um sie herum bewegte sich ein ganzer Troß von Offizieren, die sich den -Wünschen des verführerischen Weibes dienstbar zu machen strebten. Der -eine hielt ihr ein Aschenschälchen, denn sie sog mit Genuß an einer der -ihr angebotenen aromatischen Zigaretten; ein zweiter hütete den silbernen -Untersatz des Teeglases, an dem sie nippte; zwei weitere hielten den Stuhl -in seiner schaukelnden Bewegung, und vor ihr stand der Rittmeister Sassin, -den das Schweben und Gleiten der Brünetten bereits bis zur Tollheit -begeistert hatte. Seine blauen Knabenaugen schwammen vor Erregung, und er -fand es direkt sündhaft, weil sich auch seine Kameraden an den Huldigungen -für das berückende Geschöpf beteiligen durften. Wahrhaftig, dazu hatte -er doch nicht die Kosten dieser so ungewohnt vornehmen Teestunde auf sich -genommen. Ob man es wagen konnte, der Schwarzen einen erläuternden Gang -durch das gesamte Hauswesen anzubieten? Hm, der teure Freund Rudolf Bark, -dem er doch eine so überaus ablenkende Gesellschaft zugewiesen, der -verfluchte Krämer mit den ernsten Augen, er behielt immer noch Zeit, -die Gruppe um den Schaukelstuhl aufmerksam zu verfolgen. Dazu schoß Leo -Konstantinowitsch plötzlich eine ganz widerspruchsvolle Eifersucht durch -den Kopf. Blitzartig fiel ihm ein, wie er bei seinem letzten Besuche in -der deutschen Stadt von allerlei Beziehungen hatte flüstern hören, die -Marianne an einen Offizier der dortigen Garnison knüpften. Sie hatte ein -Verhältnis. Das machte sie nur noch begehrenswerter. Zum Teufel, wie hieß -doch der Dummkopf? Und in diesem Augenblick fiel der Aufgeregte aus der -Rolle und beging eine Torheit. - -»Gnädigste,« sagte er mit seinem lauten Organ, das er um keinen Preis -dämpfen konnte, »ich hatte die Freude, Sie neulich auf den Wallgängen -der Stadt mit dem ganz ausgezeichneten Fritz Harder promenieren zu sehen. -Darf ich mir die Frage erlauben, ob dieser Bevorzugte das Glück besitzt, -Ihre Freundschaft zu genießen?« - -»Gott,« warf Marianne hin, die inmitten so vieler Anbeter die Nähe ihrer -Schwestern vergaß, und sie errötete weder, noch gab sie das angenehme -Wiegen auf, »ein guter Bekannter von mir, wie viele andere. Was bezwecken -Sie übrigens mit der Frage, Herr Rittmeister?« setzte sie gleichgültig -hinzu, schlug die Füße leicht übereinander und blies eine feine -Dampfwolke von sich. - -»Oh,« rief Leo Konstantinowitsch strahlend und mit der ihm angeborenen -Begabung für schlaue Galanterie, »das schafft mir die einzige Feindschaft -vom Halse, die ich einem deutschen Offizier etwa entgegentragen könnte. -=Merci=, mein Fräulein.« - -»Leo Konstantinowitsch ist ein Schlaukopf,« fing Konsul Bark dicht neben -sich das geheimnisvolle Raunen zweier Unterleutnants des Dragonerregiments -auf, um deren weiche Knabengesichter noch kaum der Flaum zu sprossen -begann, »hörst du, Alexei, wie er das schwarze Pferdchen zu einem Gang -durch die Villa antreibt? Ich wette, sie wird sich erbitten lassen?« - -»Wahrscheinlich,« pflichtete der angeredete Fahnenjunker bei und über -sein kränklich blasses Antlitz, das er unausgesetzt dem Schaukelstuhl -zugewendet hielt, flog ein frühreifer, übersättigter Schein, »du hast -recht, da erhebt sie sich.« Aber gleichzeitig zuckten die Lippen in dem -fahlen Gesicht, und unwillig kehrte sich die zarte Jünglingsfigur ab. -»Merkwürdig, wie Leo Konstantinowitsch gerade heute Lust und Neigung -für so etwas aufzubringen vermag,« stieß er noch ungehalten zwischen den -Zähnen hervor. - -»=Mon Dieu=, Alexei, was soll man tun?« - -»Ich habe heut vormittag mein Testament aufgesetzt,« erklärte der -kränkliche Fahnenjunker ganz still. »Man kann nie wissen. Ich schrieb -darin meinem Vater, dem Polizeioberst in Kiew, vieles, was ich bei uns im -Hause, aber auch draußen anders wünschte. Er hätte es sonst nie von mir -hingenommen, denn wir mußten immer schweigen. Freilich, für ein solches -Schriftstück kann man später nicht mehr zur Verantwortung gezogen -werden.« - -»Ja, du machtest dir immer viele Gedanken, Alexei, anstatt dem Leben, wie -wir anderen, ein Paar vergnügte Stunden abzugewinnen. Aber st! -- --, -lieber Bruder, dort unter dem Fenster spitzt man die Ohren. Komm, laß uns -in das Billardzimmer gehen und hören, was Fürst Fergussow aus Petersburg -zu erzählen weiß. Die Entscheidung kann ja nicht mehr lange währen.« - -Damit strichen die beiden Knaben ihre Waffenröcke zurecht und schlenderten -auf den eleganten Lackstiefeln fast unhörbar in den Nebenraum. - -Also doch -- also doch! - -Der Konsul fühlte, wie ihm etwas durch die Stirn schnitt. Es war, wie -wenn man einen klirrenden Pfeil durch sein Gehirn geschossen hätte. Eine -Sekunde lang konnte er sich durchaus nicht mit der Lage vertraut machen, -in der er sich befand. Auch dafür, daß draußen die Welt und alles, was -bisher als feststehend galt, binnen kurzem wie ein mürber Teig in einer -Riesenschüssel von Gigantenfäusten durcheinander gerührt werden konnte, -auch dafür fehlte ihm plötzlich jede Vorstellung. So lähmend war die -Mattigkeit, die seine sonst so geschmeidigen Glieder befiel, daß er -immer noch mit demselben vieldeutigen Lächeln den Fragen Maria Geschowas -lauschen konnte, die zu ihrer Freude in ihm einen Kenner des Theaters -entdeckt hatte. - -»Also Sie kennen die kleine Schwarz?« sagte die Tatarin und schlug die -dunklen Augen, die nie ihren auffordernden Ausdruck verloren, langsam gegen -ihn empor. »Ich sah sie neulich in einem Ihrer modernen Stücke spielen. -Ich vermag die Zustände bei Ihnen natürlich nicht zu beurteilen, aber in -der Darstellung der schönen Person fiel mir die Wichtigkeit auf, die -sie ihrer Bedeutung als Frau, ja darüber hinaus der ganzen weiblichen -Liebeshuld beizumessen schien. Ich glaube, das alles wird in Ihrem -Vaterland sehr überschätzt.« - -»Oh,« entgegnete der Konsul gewohnheitsmäßig, obwohl er sich mit aller -Kraft an dem Messingknopf des Fensters festhalten mußte, »es gibt doch -einzelne Frauen, denen gegenüber die Schätzung nie hoch genug gegriffen -werden kann.« - -Es sollte einschmeichelnd klingen, aber Maria Geschowa mit ihrem feinen -Ohr hörte deutlich heraus, wie weit der Geist des hübschen Mannes von ihr -entfernt weilte. - -»Lassen wir das,« sagte sie hochmütig und wiegte sich ablehnend in den -Hüften, »wir Slawen beschäftigen uns in der Kunst mehr mit sozialen -Verhältnissen. Diese Dinge erfüllen unsere ganze Phantasie. Aber was -haben Sie, lieber Freund?« unterbrach sie sich eifrig, denn sie sah, -wie der Kaufmann starr auf die Straße hinausblickte, wo drei Soldaten in -Kosakentracht singend und brüllend vorüberliefen. - -Jetzt vermochte der Konsul nicht mehr das nervöse Zucken der Mundwinkel -noch den kurzen Atem, der ihm durch den Schrecken eingegeben war, zu -verbergen. Da draußen die drei langröckigen, halbbarbarischen Gesellen, -die unter ihren Pelzmützen dahintaumelten, wie kamen sie hierher? Er -wußte doch, daß in der Grenzstadt kein Kosakenregiment lag. Und diese -hier -- er glaubte es an den sauberen Uniformen und den blitzenden -Silberverschnürungen zu erkennen -- sie gehörten sicher der Petersburger -Garde an. Immer ängstlicher und aufgescheuchter tobten seine Gedanken -gegeneinander. Die Selbstbeherrschung und feste Sammlung, die trotz -seiner leichten Manieren sein ganzes Wesen ausmachten, stoben in diesem -Augenblick, wo er das Rollen eines Völkergewitters schon über seinem -Haupte poltern hörte, von ihm ab. Obwohl der Herr des Goldenen Bechers -genau wußte, daß es töricht sei, die Maske des Vertrauens und der -sicheren Überlegenheit gerade vor der klugen Tatarin, neben der er weilte, -zu lüften, die Spannung, die in ihm zerrte, zerriß jedes Bedenken. Nein, -er mußte hören, wie eine Vollblutrussin den schweren Verdacht, der ihn -überwältigte, entkräften würde. Was diese reizende Person jetzt wohl -zusammenlügen wird? dachte er halb neugierig. - -Und da sprach sie bereits. Sie legte ihm die Spitze des Zeigefingers fest -auf die Brust und fragte mit ihrer warmen, immer leise vibrierenden Stimme: - -»Wie heißen Sie, lieber Freund?« - -»Ich? -- Ich heiße Rudolf Bark.« - -»Nun, Rudolf Bark,« lächelte die Tatarin, indem sie sich geschmeidig -mit dem Rücken gegen das Fenster schob, so daß er jetzt gezwungen in ihr -dunkles Antlitz blicken mußte, »sind Ihnen die drei Kosaken dort auf -der Straße wirklich interessanter, als ich, die ich mir doch soviel Mühe -gebe, Ihnen zu gefallen?« - -Der Angeredete, der so unvorbereitet seine Gedanken erraten sah, erschrak. -Zum Teufel, wie klug doch diese Russin war, viel gescheiter und gebildeter -als die Männer ringsumher. Zu jeder anderen Zeit hätte er das Geplänkel -fortgesetzt, um zu ergründen, wie weit das eigenartige Geschöpf durch -ihre Koketterie geführt werden könnte; allein jetzt -- jetzt -- alle -diese Nichtigkeiten erschienen ihm im Moment widerwärtig und abscheulich. -Er begriff gar nicht, daß er ihnen jemals Bedeutung beigelegt. - -»Es überrascht mich,« entrang es sich ihm ohne jede Vorsicht, die er -doch unter allen Umständen einzuhalten gewillt war, »wie die drei Kosaken -hierher gelangt sind. Nach meiner Kenntnis gab es bis vor kurzem keine -derartigen Truppen hier. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, Gnädigste,« -setzte er rasch hinzu, als er den langen, weichen, fast betrübten Blick -der jungen Frau empfand, »aber sehen Sie, wir Deutschen besitzen nun -einmal die unangenehme Eigenart, alles Militärische besonders stark auf -uns wirken zu lassen.« - -Wie hübsch der elegante schlanke Mann sprach und wie rot sich seine Wangen -vor innerer Aufregung gefärbt hatten. Maria Geschowa schämte sich, daß -sie an dem albernen Komplott, das ja bereits von dem erfahrenen Kaufmann -durchschaut wurde, mitwirken sollte. Daneben aber glühte in ihr die -echt weibliche Begierde auf, einen Mann in den Maschen eines Netzes zu -verstricken, dessen Verschnürungen man selbst fest in der Hand hielt. Im -Grunde war es doch eigentlich ein wohliges Gefühl, zu wissen, daß man -unbeschränkte Macht besäße über das Schicksal so freier und aufrechter -Menschen. Darin lag ein eigenartiger Kitzel, ein ganz neuer Genuß. Und -fortgerissen und lebhaft fand sie sich in die Rolle und zuckte deshalb ein -wenig verächtlich die weichen Schultern: - -»Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Rudolf Bark,« versetzte sie mit -feiner Ironie, und auch die vollen Lippen bekundeten eine gewisse trotzige -Sucht nach Lüge und Intrigue. »Die drei Burschen dort draußen gehören -zur Begleitung meines Mannes. Sie werden selbst sehen, die Wichte verstehen -es viel besser, mir meinen seidenen Mantel umzulegen, als einen Karabiner -loszudrücken.« - -Da war die Unwahrheit heraus. Und seltsam, als Maria Geschowa ihren Blick -jetzt in die kühlen, von Zweifel erfüllten Augen des Mannes richtete, von -dem sie beinahe hoffte, daß er sie durchschauen möge, da malte sich auf -ihren dunklen Bronzezügen ein freches, wildes Flimmern, wie sie es wohl -als Kind den Ihrigen daheim auf dem kaukasischen Gebirgsgut gezeigt, wenn -sie entwendete Äpfel zu verleugnen hatte. Und siehe da, ihr Partner blieb -ihr gewachsen. Es bereitete ihr selbst eine wollüstige Befriedigung, als -er mit seinem gewinnendsten Lächeln entgegnete: - -»Aha, die Begleitung Ihres Mannes -- und sie legen Ihnen den Mantel -um -- --, ich bin leider durchaus zivil, gnädige Frau, aber bei einer -derartigen militärischen Verwendung würde ich mich sofort auf Avancement -melden -- --« - -»Pfui,« atmete Maria Geschowa, bei der der lauernde und gespannte Zug -noch immer nicht entschwunden war, erleichtert auf, »Sie werden unartig, -bester Freund. Darf ich Ihnen nicht lieber eine Tasse Tee bereiten? Solch -ein Trank aus unserem Samowar schwemmt uns alle unnötigen Sorgen fort.« -Und indem sie ihm abermals mit dem Zeigefinger leicht auf die Brust tippte, -forschte sie ungeduldig: »Weshalb sehen Sie so unausgesetzt nach der -großen, blonden Walküre, die Sie mitgebracht? Sind Sie ihr Vormund?« - -Ja, der Prinzipal des Goldenen Bechers hing sich mit allen Sinnen an die -aufrechte Gestalt der Ältesten von Maritzken, weil ihn nicht eine Sekunde -die treibende Furcht verließ, daß er hier unter diesem fremdsprachigen, -auf der Lauer liegenden Volke ihr einziger Schutz und ihre letzte Hilfe -sei. Wenn er doch nur unauffällig an ihre Seite gelangen könnte, um ihr -seine aufkeimenden Bedenken bemerklich zu machen. Allein Johanna weilte -in zwangloser Unterhaltung mit dem Fabrikbesitzer Miljutin an demselben -Tischchen, das der Student Diamantow vor kurzem verlassen, und an ihren -suchenden, manchmal hilflosen Gebärden erkannte Rudolf Bark, wie sie -bei dem russischen Kaufmann sicherlich in der ihr nicht ganz geläufigen -französischen Sprache allerlei geschäftliche Erkundigungen einzog. Ihr -heut leicht gewelltes Blondhaar leuchtete selbst in der dämmrigen Ecke so -voll Glanz und hellem Schimmer, ihre Haltung war so frei und dabei doch -so stolz und straff, daß den Beobachter plötzlich die fast berauschende -Genugtuung durchströmte -- eine deutsche Frau!! - -Wenn er sie nur erreichen könnte! - -Allein Johanna war zu sehr in die praktischen Erläuterungen vertieft, die -ihr Herr Miljutin hinter seiner goldenen Brille, ein wenig stockend und -schüchtern wie immer, angedeihen ließ, als daß sie auf ihren einzigen -wahrhaften Freund in dieser Gesellschaft geachtet hätte. Das Kapitel des -Pferdeeinkaufs war bereits zu ihrer Befriedigung abgehandelt worden, jetzt -berichtete ihr der Fabrikant voll Stolz von seinen eigenen Erzeugnissen, -und daß er auch Decke und Sims des kleinen Billardzimmers mit ganz -neuartigen, perlmutterfarbig irisierenden Kacheln ausgelegt hätte: - -»Als Borten, mein teures gnädiges Fräulein,« lispelte Herr Miljutin, -»sind Goldmajoliken verwandt, und an der Breitseite ist aus lauter kleinen -Mosaik-Porzellanstückchen das Bild unseres erhabenen Zaren als Ritter -Sankt Georg eingelegt. Ja, es ist ein schönes Werk des Friedens,« -murmelte der Fabrikbesitzer mit kaum hörbarem Kummer, und indem er auf -seinem verkürzten Fuß einen Schritt voranhinkte, verneigte er sich an -der Schwelle und vollführte eine einladende Bewegung. »Sie würden mich -außerordentlich ehren, teures Fräulein, wenn Sie meine bescheidenen -Leistungen selbst beaugenscheinigen wollten. Bitte, treten Sie ein.« - -Demütig hob er den Vorhang, und Johanna nickte zustimmend und schritt -über die Schwelle. - -Später erinnerte sie sich unausgesetzt jenes Augenblicks. Es war, wie wenn -eine Nonne die Zelle des Friedens verläßt, um sich in das ihr unbekannte -Getümmel zu verlieren. - - - - -V. - - -Die Portiere schloß sich über den Eintretenden, allein dicht hinter ihr -wurzelte Johanna fest. Ihre Hände suchten nach rückwärts die Falten des -bunten Vorhanges zu gewinnen, als müsse sie sich um jeden Preis an etwas -Irdisches, ihr Gewohntes anklammern. Es war nicht das trauliche und mit -wirklich erlesenem Geschmack eingerichtete Gemach, das das erdgebundene -Wesen des Landmädchens für eine vorüberschnellende Sekunde so sehr -verwirrte, bis es von allem, was sie bisher erlebt, abgelenkt war; es -war auch nicht, wie sich Herr Miljutin vielleicht schmeichelte, der -merkwürdige Meerglanz der Decke, die unwahrscheinliche, feuchtfunkelnde -Strahlen auf sie herabschoß, es war vielmehr die ihrem prosaischen Gemüt -vollständig unerklärliche Vorstellung, ein Götterbild oder ein Heros, -jedenfalls irgend etwas Übermenschliches verkünde sich ihr unvermutet in -ruhiger, selbstverständlicher, beinahe eisiger Schönheit. Aber das war -nicht das richtige Wort. Herr im Himmel, sie fand kein anderes, als sie in -dem ersten Schrecken, der ihre arbeitsame, unempfindliche Natur anfaßte, -dasjenige zu bezeichnen suchte, was ihr so ungeahnt jede Beherrschung -raubte. Da lehnte vor ihr an der schweren Mahagonieinfassung des Billards -eine wunderbar ebenmäßige Männergestalt, breitschultrig und dabei -schlank und wohlgefügt, als wenn ein Künstler den Körper aus Marmor -geformt hätte. Nur bizarrer Eigensinn schien die muskulösen und doch -jugendlich weichen Glieder mit der eleganten dunkelblauen Dragoneruniform -aus feinstem Tuch bekleidet zu haben, um deren Achselbiegung sich ein paar -blitzende Silberschnüre herumzogen. Und nun welch ein Haupt! - -Johannas Nüchternheit war weit davon entfernt gleich nervösen rasch -gewonnenen Genossinnen ihres Geschlechts etwa bei dem ersten Blick in -schwärmerischer Anbetung aufzulodern. Nichts dergleichen empfand ihre -herbe deutsche Fassung dem völlig neuartigen Bild von Männerschönheit -gegenüber, das wie aus dem Himmel gefallen plötzlich vor ihr aufragte. -Nur ein ungeheures kindliches Staunen erfüllt sie ganz und gar. Und mit -einer namenlosen Bewunderung betrachtete sie das Meisterwerk in einer -Andacht, die nicht frei war von künstlerischer Erhebung. Durchaus -natürlich fand sie es ferner, daß auch der fremde Offizier in -vollkommener Bewegungslosigkeit vor ihr verharrte, und nicht der leiseste -Verdacht beschlich sie, der junge strahlende Mann könnte nur deshalb seine -lässig angelehnte Stellung so dauernd beibehalten, weil seine großen -braunen Augen sich in dem hellen Ährenschimmer ihres Haares verfangen -hatten. - -Eine Erinnerung peinigte das Landmädchen. Wo hatte sie doch das feine -schmale Haupt mit der fast griechischen Nase und den sanft überbräunten -Wangen bereits einmal gesehen? Und vor allen Dingen, die wirre Fülle -kurzer, brauner Locken, von denen die hohe Stirn trotzig und widerwillig -umrahmt wurde, mußte sie ihr nicht den Eindruck verstärken, als wenn das -alles ihre Phantasie schon oft beschäftigt hätte? - -Und richtig, ein erlösender Blitz riß ihre Befangenheit auseinander. -Jetzt wußte sie es. In ihrem Schlafzimmer zu Maritzken hing ein -alter, halb verräucherter Buntstich, der die anmutigen und doch -nachdenklich-melancholischen Züge des Preußenprinzen Louis Ferdinand -wiedergab, des edlen Opfers von Saalfeld. Oh, wie seltsam die -schöpferische, vielgestaltige Natur sich wiederholte! Hier saß in jeder -Linie derselbe Mensch, bequem und doch voll anerzogener Eleganz auf der -Umrahmung des Billards, und ohne daß er ein Wort äußerte, sagten die -sanften lächelnden Augen des Offiziers ganz deutlich, daß ihm das große -blonde Mädchen eine erfreuliche Erscheinung böte. - -»Nur reichlich verwöhnt scheint der vornehme Herr mit den silbernen -Achselschnüren zu sein,« dachte die praktische Johanna, die sich -plötzlich ihrer Bewunderung mit einem harten Ruck entriß, weil der -Offizier ein Lebenszeichen von sich gab, indem er sich gefällig gegen sie -verneigte. »Bei uns pflegen sich Militärs zu erheben, wenn sie eine -Dame begrüßen. Wozu schlenkert dieser so anhaltend mit den hohen -Reiterstiefeln aus Lackleder? Und Himmel, trägt er nicht goldene Sporen? -Das muß ein großes Tier sein!« - -»Teures Fräulein,« hauchte neben ihr der Fabrikbesitzer Miljutin und -rückte viel verschüchterter, als sonst, an seiner goldenen Brille, -»bevor ich die Ehre habe, Ihnen das Mosaikbild unseres allergnädigsten -Gossudars zu zeigen, erlauben Sie gütigst eine Vorstellung.« Er verbeugte -sich tief gegen das Billard, als wäre es viel wichtiger, die Zustimmung -des Dragoneroffiziers einzuholen, und fuhr zitternd vor der Bedeutung -seines hohen Bekannten fort: »Dies ist Fürst Dimitri Sergewitsch -Fergussow von den Petersburger Gardedragonern. Er genoß die Ehre, einer -der Adjutanten unseres Zaren gewesen zu sein, den der lebenspendende -Christus erhalten möge. Und dieser Herr hier,« sprach Herr Miljutin -weiter, nachdem Johanna ihr Haupt stolz und gemessen geneigt hatte, als -wollte sie sich selbst durch doppelte Zurückhaltung für ihre anfängliche -kindische Fassungslosigkeit bestrafen, »dieser Herr ist Oberst Geschow -aus Mariampol.« Und mit einer halb wegwerfenden Handbewegung setzte der -Fabrikant noch hinzu: »Ach, richtig --, daß ich es nicht vergesse, dies -hier ist Alexander Diamantow, ein Bergbaustudent.« - -Die Älteste von Maritzken hatte den Fürsten Fergussow mit Unrecht -verdächtigt. Denn während die anderen beiden Herren sich verbeugten, wie -man sich eben vor einer eintretenden Dame verneigt, gab der Aristokrat mit -einer gewissen Hast seine lässige Stellung auf, ganz wie wenn er für die -Zwanglosigkeit, in der man ihn überrascht, lebhaft um Nachsicht zu werben -hätte. Und die Art, wie er nun der blonden Deutschen seine Ehrfurcht -bewies, ließ auf den ersten Blick erkennen, daß der schöne Mensch seine -Erziehung auf dem Parkett des Hofes genossen haben müsse. Ohne das Wort an -die Fremde zu richten, trat der Dragoneroffizier höflich zur Seite, um den -Ankömmlingen den Weg zum Mosaikbilde freizugeben. Kaum hatte ihm Johanna -jedoch den Rücken gekehrt, da folgte ihr ein müder, etwas gleichgültiger -Blick, der dann zu dem Obersten und dem Bergbaustudenten herüberglitt und -von einem Achselzucken begleitet war. Die Gebärde schien auszudrücken: -»Wozu die Unterbrechung?« Trotzdem begaben sich die drei Herren -gleichfalls an die Breitseite der Wand, als wollten sie den Eindruck -beobachten, den das Mosaikbild auf diese kühle, große Frau hervorbringen -würde. - -»Eine echte Nemza,« dachte Dimitri Sergewitsch, der direkt hinter dem -Mädchen verweilte und auf diese Weise, ohne daß sie es merkte, ganz aus -der Nähe ihre reife Blondheit festzustellen vermochte. »Fade,« urteilte -der Fürst abschätzend und ohne eine Spur innerer Achtung, »ein grobes, -starkknochiges Geschöpf.« Und doch bückte er sich katzenhaft, um -dem Mädchen das Taschentuch aufzuheben, das ihr eben aus der Rechten -entglitten war. Mit einer formvollendeten, artigen Verneigung, die die -äußerste Dienstbeflissenheit verriet, reichte er ihr das Gewebe zurück. -»Es ist dick wie ein Scheuertuch,« gestand er sich dabei selbst. »Wie -geschmacklos sich die Deutschen kleiden. Nicht einmal ein Tröpfchen -Parfüm hat sie angewendet. =Fi donc!=« - -Fürst Fergussow schwärmte nicht für die Blonden. Er schwärmte -überhaupt für nichts. Er suchte nur immer. Und der verwöhnte Liebling -der Petersburger Salons grübelte manchmal ernsthaft darüber nach, ob -das Geschenk des Lebens nicht eigentlich eine gemeine und widersinnige -Teufelsgabe wäre. Immer frischer Reizmittel bedurfte man, um diese -abspannende, diese zermürbende Gleichgültigkeit stets von neuem -aufzurütteln. Und in einer jener Stunden der Lethargie oder der nagenden -Selbstzerfleischung, wenn das Daseinsflämmchen verendend zuckte, da war -der bewunderte Dimitri Sergewitsch, der Held so vieler Romane, zuletzt in -einen Kreis junger Studenten und mittelloser, im Avancement übergegangener -Offiziere geraten, die ihre fest geschlossene Vereinigung das »Symposion« -nannten. Unter den Symposiasten aber herrschte die Überzeugung, daß man -das Leid und die Widerwärtigkeiten des Daseins nicht köstlicher betrügen -könne, als durch ein gemeinschaftliches, freiwilliges Ende in voller Kraft -und Rüstigkeit. Nachdem man vorher eine Orgie gefeiert, die alle Blüten -der Kultur, die giftigen sowohl wie die himmlischen, gleich einem Kranz -um die Häupter der Teilnehmer geschlungen. Hier hatte er auch Diamantow -getroffen, dessen soziale Hoffnungen wieder einmal gescheitert waren. Der -Student war allmählich von der verzweifelten Idee befallen worden, im -Grunde fügten die Volkserwecker, die die träumenden Massen aus ihrem -Schlafe aufzurütteln versuchten, den Hindämmernden ein schweres -Unrecht zu. Denn nur Nichtwissen, Traum und Schlummer machten das Dasein -erträglich. Voll zehrender Leidenschaft wurden diese auflösenden -Ansichten verkündet, und alles war bereits für die große Orgie -vorbereitet, als Fürst Fergussow, und mit ihm gerade die Vornehmsten des -Symposions, plötzlich ohne jeden erkennbaren Grund fortblieben, und -der Rest durch die Polizei auseinander gesprengt wurde. Keiner der armen -Mißleiteten warf Dimitri Sergewitsch indessen etwa Feigheit vor. Dazu war -die Tollkühnheit des Gardedragoners in der Hauptstadt zu sehr bekannt, -man wußte überdies, daß er erst im letzten Winter ein paar ertrinkenden -Kindern in die Eisschollen treibende Newa nachgesprungen sei. Also Feigheit -nicht. Die einen meinten, eine sehr, sehr junge Dame aus der höchsten -Aristokratie, kaum dem Kindheitsalter entwachsen, hätte seine launenhafte -Neigung für ein paar Monate entfacht, und die Erde reiche ihm wiederum -ihre heißen Geschenke. Die anderen erzählten gerade das Gegenteil. Bei -Hofe, flüsterten sie sich achselzuckend zu, wäre ein wundertätiger -Mönch aus einem fernen Kloster erschienen, der die Macht bewiesen hätte, -abgeschiedene Geister aus dem Jenseits zu rufen und die Seelen seiner -Vertrauten durch inbrünstige Ekstasen in ein höheres Reich der Wonne zu -heben. Aber Dimitri Sergewitsch! Man schüttelte den Kopf. Sollte wirklich -dieser eiskalte Rationalist zu jenen heiligen Schwärmern gehören? - -Warum nicht? - -Sein rastlos hin und her zuckendes Gemüt, das immerfort die Farbe -wechselte, je nachdem ihn eine neue Laune quälte, es konnte sich gewiß -auch heißhungrig in die Abgründe der Mystik stürzen. Freilich nur, um -jene Klüfte bald darauf wieder, verächtlich lächelnd, mit dem Spieltisch -oder dem Boudoir einer Zirkusreiterin zu vertauschen. - -»Kann die Mosaik Ihren Beifall erringen, teures Fräulein?« fragte Herr -Miljutin der Ältere noch demütiger als sonst. - -Johanna geriet in einige Verlegenheit. Die steifen, eckigen Linien des -eingelegten Ritterbildes sagten ihr keineswegs zu. Auch schien ihr der -weiche Dulderkopf des regierenden Zaren durchaus nicht unter die eiserne -Sturmhaube zu gehören. Aber durfte die Gutsherrin vor den Offizieren -des fremden Herrschers eine so absprechende Meinung äußern? Regungslos -verharrte sie, und in ihre Wangen stieg die Röte der Unsicherheit. - -»Wir haben uns hier bemüht, national-russische Kunst zu geben,« fuhr -Herr Miljutin dringender fort, da sich der sanfte Mann darüber aufzuregen -schien, weil die Nemza seiner Schöpfung gegenüber so empfindungslos -blieb. - -Wie unangenehm! - -Schon wollte sich das ehrliche Landmädchen mit ihrem geringen Verständnis -entschuldigen, als ihr unerwartet eine Hilfe kam, auf die sie niemals -gerechnet hatte. Und wie melodiös und schmeichelnd das Organ ihres -unverhofften Retters klang! Unwillkürlich wandte sich die hohe Blonde -dankbar ihrem Verteidiger zu, und so unverdorben war sie, daß sie -hinter diesen bestrickenden Lauten auch eine reine und aufrichtige Seele -vermutete. - -»Bester Miljutin,« hemmte der Fürst den aufsteigenden Unwillen des -Händlers, indem er ihm mit seiner feinen weißen Hand freundschaftlich auf -die Achsel klopfte, »muten wir dem gnädigen Fräulein nicht zuviel zu. -Unter uns, die Vorliebe für diese Quadrate ist eine Barbarei, die wir -unseren byzantinischen Lehrmeistern hätten lassen sollen. Sie können -mir glauben, unsere herrschsüchtigen Mönche benutzen die von -Totenstarre verkrampften Gelenkpuppen nur, um unseren dummen Bauern -Furcht einzuflößen. Kommen Sie, meine Gnädigste,« fuhr er mit seinem -liebenswürdigen und freimütigen Lächeln fort, als er bemerkte, wie -erleichtert die befangene Deutsche aufatmete, »lassen wir uns hier auf Leo -Konstantinowitschs neuem Klubsofa nieder, denn jetzt werden Sie wirklich -etwas von russischer Kunst empfangen, worin wir unter den Nationen ziemlich -einzig dastehen. Vielleicht, weil den anderen Völkern eine Nachahmung -nicht lohnt. Hören Sie? Dort drinnen singt Frau Oberst Geschow ein -tatarisches Dorflied. Ah, und sie begleitet sich selbst auf der Balalaika. -Wollen Sie mir glauben,« sprach er in seiner zwanglosen und wahrhaft -vornehmen Art weiter, »daß ich selbst jenes Instrument in den -Abendstunden ein wenig spiele? Es hat so etwas von den reinen Klängen der -Kindheit. Und nicht wahr, wir alle retten uns manchmal gern hinüber?« - -Heiß und klagend zugleich begann im Nebenzimmer eine dunkle Frauenstimme -unauffällig zu singen. Ein eigentümlicher Saitenvierklang, hüpfend und -neckisch, tönte dazwischen, als ob das Leben auf die traurige Weise mit -einem unbekümmerten Tanz antworte. - -»Handelt es sich hier vielleicht um einen Abschied?« fragte Johanna -rasch, die den inneren Sinn des Liedes trotz der fremden Worte zu begreifen -meinte. - -Dimitri Sergewitsch rückte respektvoll etwas näher an sie heran. Und zum -erstenmal richtete er seinen sanften Blick gegen die großen blauen Augen -des Landfräuleins und fand zu seiner Verwunderung, daß dort drinnen etwas -leuchte, ehrlich und bestimmt, was zu der gleichgültigen Dummheit, von der -er die Deutsche erfüllt glaubte, nicht recht stimmen wollte. - -»Sie haben ganz recht, Gnädigste,« versicherte er in seiner einnehmenden -Manier, die ihm so wenig Mühe bereitete, »ich mache Ihnen mein -Kompliment, weil Ihnen die Musik scheinbar ihre letzten Geheimnisse -entschleiert. Wenn Sie gestatten, möchte ich Ihnen den Text übersetzen. -Ein tatarisches Bauernmädchen sitzt im Rahmen eines weinübersponnenen -Fensters. Draußen auf der Dorfstraße nimmt ihr Liebster, der mit seiner -Schwadron in den Krieg zieht, von ihr Abschied. Und nun fragen sich die -beiden jungen Leute im Wechselgesang, was sein wird, wenn wiederum der Wein -blüht: - - »Ich küsse dich, Anuschka.« - »Ich küsse dich, Iwan.« - »Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?« - »Ja, was wird sein?« - »Hochzeitsgeschenke werden kommen, und du wirst nicht an mich denken.« - »Ja, Hochzeitsgeschenke werden kommen, aber ich werde an dich denken.« - »Denke nicht an mich, denn ein eisernes Vögelchen flog mir ins Herz.« - -Drinnen tönten die schwermütigen Strophen fort, immer von der hüpfenden -Begleitung durchschlungen und unterbrochen. Der Fürst aber beugte sich -vor, als ob er ein Urteil über das heimatliche Lied erwarte. Allein seine -Zuhörerin war über das rein Poetische des Gedichtes längst hinweggeeilt. -Ihr an das Nächstliegende stets gebundener Sinn stöberte unruhig in den -Gedankenverbindungen herum, die durch ein einziges Wort des Textes in ihr -erregt waren. -- -- Krieg! -- -- Und plötzlich vergaß sie, wer neben -ihr saß. Nichts als die weiche und gütige Stimme des Mannes, der sie -unterhielt, war in ihrem Ohr haften geblieben. So kam es, daß sie sowohl -die fremde, vielleicht feindliche Volksangehörigkeit ihres Nachbarn -außer acht ließ, ja, daß ihr sogar sein hoher Rang entglitt. Wie ein -bekümmerter Mensch, der bei einem anderen lebenden Wesen Trost sucht, -bettete sie ihre Hand ohne jede Absicht auf die Finger des anderen, um -rasch und inständigst zu fragen: - -»Sie sind mir fremd, aber Sie müssen es wissen, -- nicht wahr, es ist -doch unmöglich?« - -»Was ist unmöglich?« wiederholte der Dragoner sich sammelnd, obwohl er -den Sinn ihrer plötzlich ausgestoßenen Bitte recht wohl begriff. - -Wie plump die Nemza war! Man bereitete doch einem Unbekannten, den man -sicherlich nie wiedersehen würde, nicht derartige Verlegenheiten! Doch -während er sich zu ihr wendete, spielte wieder das gewinnende Lächeln des -Gesellschaftsmenschen auf seinen klassisch geformten Zügen. - -»Was beunruhigt Sie, bestes Fräulein? Kann ich vielleicht Ihre Bedenken -zerstreuen? Sie sehen übrigens so aus, als wenn Sie nicht leicht außer -Fassung zu bringen wären.« - -Da zog Johanna, zur Besinnung gelangend, ihre Hand hastig zurück, raffte -sich zusammen und saß wieder so aufrecht und unberührt, den Kopf in -den Nacken geworfen, daß den Fürsten ihre steife Haltung innerlich -belustigte. - -»Sie haben ganz recht,« äußerte sie kalt, und ihr Ton klang so eisig, -wie ihn nur die Herrin von Maritzken, sobald sie sich oder andere auf -einem Fehler ertappte, anzuwenden pflegte. »Wie kämen Sie dazu, mir -Aufschlüsse über etwas zu erteilen, was Ihnen vielleicht dienstlich -verboten ist.« Und sich zu Herrn Miljutin kehrend, begann sie mit dem -Fabrikbesitzer sich wiederum über geschäftliche Dinge zu unterhalten. - -Eingehend erkundigte sie sich bei dem Kaufmann nach dem Preis seiner -eigenen Lastpferde. - -Ein Pferdegespräch also, auch das noch! Ungläubig lauschte Dimitri -Sergewitsch ein paar Sekunden herüber. Dann aber, als sich der schöne -junge Mann daran erinnerte, wie unbändig taktlos es wäre, eine -Unterhaltung so schneidend und kurz abzubrechen, namentlich ihm, dem stets -Höflichen gegenüber, da glitt er fast unhörbar empor und gedachte -sich mit einer seiner anmutigen Verneigungen durch den Vorhang in das -Nebenzimmer zu begeben, um Maria Geschowa ein paar Lobeserhebungen über -ihren Gesang zu Füßen zu legen. -- - -Da geschah etwas. - -Ganz unvermutet und gegen seinen Willen wurzelte er dicht an dem Platz, wo -Johanna saß, fest, so daß sich ihre Gewänder beinahe berührten. - -Was war das? - -An der schmalen Seitenwand des Zimmers öffnete sich eine niedrige -Tür, und auf dem Vorplatz, der mit ein paar Steinstufen auf den Hof -herunterleitete, nahm man eine russische Ordonnanz wahr, die einen Brief -oder eine Depesche in der Hand hielt. Mehrere Offiziere umgaben den -Soldaten, ein halblautes Summen und gedämpfte Rufe schlugen von draußen -herein. - -Johanna griff fest in die Seitenlehne des Klubsofas. Ihr heller Verstand -verriet ihr auf der Stelle, dort auf dem Vorhof spiele sich nichts -Gleichgültiges ab, nein, daß der Bote vielmehr eine Entscheidung -brächte. In das Dunkel, das sie alle umgab, wurde sicherlich in diesem -Augenblick eine Fackel geschleudert, in der nächsten Minute konnte bereits -ein wütender Brand auflodern, wilde Glut mußte Weg und Zukunft erhellen. -Nicht um einen Schlag pochte das Herz der Landtochter schneller. Die -Gewißheit war stets ihre treueste Bundesgenossin. Und nur ein einziger -Gedanke riß klar und blendend durch ihr Bewußtsein. - -Fort! - -Gab es für sie und die Schwestern, die in ihrer Hut standen, noch einen -Rückweg? Das unerschütterliche Vertrauen auf die Standhaftigkeit des -weißen Friedenstempels, unter dessen glattem Marmordach ihr ganzes Leben -verflossen, es war eine Torheit gewesen. Ihre Augen starrten unausgesetzt -auf den offenen Durchgang. Nicht der kleinste Zug in den aufgeregten Mienen -der Männer dort draußen entging ihr. Ihr war es, als verstände sie -plötzlich jede Silbe der fremden Worte, die da so rasch und kurz wie -Flintenkugeln durcheinanderflogen. - -Kein Zweifel, das Fürchterliche war da! - -Und alles, was nun geschah, wirrte wie Schattenbilder um sie her. Fast -lautlos und unhörbar vorübergleitend. - -Stürzte nicht der Bergbaustudent Alexander Diamantow auf den Flur hinaus, -um die schmale Tür sofort hinter sich zu schließen? Eine plötzliche -Stille trat ein. Auch in das Nebenzimmer mußte bereits die geheimnisvolle -Kunde gedrungen sein, denn auch dort war jeder Laut erstorben. Man hörte -nur das leise Klirren der Teetasse, die in der Hand der Gouverneurin -zitterte. Gleich verwunschenen Traumfiguren, leblos, keiner Bewegung -mächtig, verharrten die Männer in Johannas Umgebung. - -Und dann -- die Tür flog auf, -- weiß wie ein Blatt Papier überreichte -der Bergbaustudent dem Obersten Geschow ein geschlossenes Formular. Johanna -sah, wie sich die breite Brust des untersetzten Obersten gewaltsam hob. Die -gutmütigen grauen Augen des Mannes schlossen sich für eine Sekunde, und -seine fleischige Rechte strich schwerfällig über die kurz -geschorenen weißen Haare. Im nächsten Moment freilich stieß er einen -unverständlichen Ruf aus, brach zitternd vor Aufregung das Schreiben -auseinander, und während er sich damit vorgebeugten Hauptes gegen das -Fenster wandte, wehrte er es den anderen nicht, ihm in atemloser Spannung -über die Schultern zu blicken. Ein starkes Atmen ging durch den Raum. - -Gleich darauf kehrte sich der Oberst zurück. Mit einer straffen Bewegung -steckte er sich das Formular in den Ärmelaufschlag, nickte kurz und -warf ein einziges Wort hin. Es pfiff wie ein Säbelhieb. In den Augen des -Kommandeurs aber funkelte ein seltsames Leuchten. - -Da -- vom Hof schallte ein hundertstimmiger Schrei herein. Taumel, Ekstase, -Rachegier oder ein allgemeines begeisterungstrunkenes Gelöbnis mischte -sich in dem langen, die Brust befreienden Aufbrüllen. Oberst Geschow -jedoch, der fast schon unter dem Vorhang weilte, warf energisch die Rechte -zurück, als erteile er den gemessenen Befehl, daß seine Untergebenen -derartige Kundgebungen sofort zu unterdrücken hätten, und ohne Verzug -eilte die Mehrzahl der Offiziere auf den Hof hinaus. Der Rest folgte seinem -Kommandeur in das Gesellschaftszimmer, und bald befand sich die Fremde, die -man vergessen hatte, allein. - -Nein, nicht allein. - -Langsam kehrte das Leben in die Glieder des Fürsten Fergussow zurück. Er -war es, der einzig von allen anderen noch immer neben der Fremden weilte, -und sie sah nun wie der junge Mann aus seinem tiefen Nachdenken zu erwachen -schien. Keine Muskel regte sich in dem reinen kalten Antlitz, als er jetzt -ernst seine sanften braunen Augen auf die Deutsche richtete. Dann verneigte -er sich vor ihr ganz in der Art eines großen Herrn. - -»Meine Gnädigste,« sagte er zuvorkommend, »Oberst Geschow hat -zweifellos im Drang seiner Geschäfte Ihnen gegenüber eine Pflicht -verabsäumt. Es kann ihm nur angenehm sein, wenn ich sie an seiner Statt -erfülle.« - -Noch hatte der Fürst nicht ganz geendet, als hinter dem Vorhang die -laute Stimme des Hausherrn, des Rittmeisters Sassin, in ihr gewöhnliches -polterndes Lachen ausbrach. Augenscheinlich galten seine Beruhigungen den -fremden Gästen, die gewiß durch das zuletzt Erlebte einem hemmungslosen -Schrecken verfallen waren. - -»Aber meine Damen,« hörten die beiden Lauschenden das vollsaftige -Organ des Rittmeisters schmettern, »mein bester Freund Rudolf Bark, welch -unnötige Aufregung! Eine dienstliche Depesche wie hundert andere. Nicht -der geringste Grund, um darüber nachzudenken. Wie? Aufzubrechen wünschen -Sie? Das dulde ich unter keinen Umständen. Das leide ich einfach nicht. -Das Ganze war hier als ein kleiner =thé dansant= gedacht. Jede Minute -müssen die Spielleute unseres Regiments eintreffen. Nein, um dieses -Vergnügen lasse ich uns nicht bringen. Sie befinden sich unter Freunden, -nicht wahr, Oberst Geschow?« - -In dem Billardzimmer jedoch zog Fürst Fergussow die Augenbrauen zusammen. - -»Ich weiß nicht, mein Fräulein,« äußerte er rasch zu seiner -Gefährtin, die ihm nun in ihrer ganzen Größe gegenüber ragte, »warum -Leo Konstantinowitsch so Widersinniges redet. Ich hoffe, es geschieht, um -Ihre Furcht nicht noch zu vermehren. Aber wie gesagt, ich glaube Ihnen die -Wahrheit schuldig zu sein. Hören Sie also: Soeben erfuhren wir, daß -Ihre Regierung an die unsrige ein Ultimatum richtete. Es läuft in -zweiundsiebzig Stunden ab.« - -»Ist das der Krieg?« fragte Johanna ruhig. - -Dimitri Sergewitsch zuckte die Achseln. - -»Wer weiß das?« gab er knapp zurück. »Wir Frontoffiziere vermögen -derartiges am wenigsten zu beurteilen. Aber auf die Gefahr hin, uns Ihrer -Gegenwart zu berauben, möchte ich Sie doch bitten, sich sofort in Ihre -Heimat zurückzubegeben.« - -»Hörten Sie nicht,« warf Johanna mit ihrer gewohnten Umsicht ein, »daß -Ihr Freund, der Rittmeister Sassin, uns nicht fortzulassen wünscht?« - -»Das kann nur ein Scherz sein,« erwiderte der Aristokrat sich -aufrichtend, und in diesem Moment sah man, wie kräftig die Muskeln in -seinen schlanken Gliedern spielten. Er schlug den Vorhang zurück, um seine -Gefährtin in das Gesellschaftszimmer vorantreten zu lassen, und seine -einschmeichelnde Stimme nahm einen Klang an, der vollständig von der -Gewohnheit des Befehlens beherrscht war. »Leo Konstantinowitsch,« rief er -laut, »wir alle bedauern es lebhaft mit Ihnen, weil die Zeit für unsere -deutschen Gäste abgelaufen ist. Die Herrschaften wünschen sich zu Fuß -bis zu der Brücke zu begeben, und Sie werden die Güte haben, dafür Sorge -zu tragen, Herr Kamerad, daß der den Damen gehörige Wagen ihnen sofort -folgt.« - -»Das leide ich nicht,« knurrte Sassin plötzlich händelsüchtig, und -eine rote Blutwelle schoß ihm in die Stirn. »Wozu das alles? Auf der -Straße treibt sich jetzt ohnehin allerlei Fabrikarbeitervolk herum, die -Damen könnten nur Unannehmlichkeiten erfahren.« - -»Es ist vernünftig, Leo Konstantinowitsch, daß Sie darauf aufmerksam -machen,« entgegnete Fürst Fergussow, obwohl er ihn keines Blickes -würdigte. »Aber ich selbst werde die Ehre haben, die Damen sowie den -fremden Herrn bis an die Brücke zu geleiten.« - -»Ah, Sie selbst, Durchlaucht,« murmelte der Hausherr erstickt. - -»Sie gestatten, daß ich mich Ihnen anschließe,« erbot sich Oberst -Geschow. »Ich vermute, daß besondere Brückenbefehle ausgegeben sind, und -ich wünsche, daß unsere Gäste ohne Belästigung hinüber gelangen.« - -Die Gesellschaft sprach laut durcheinander. Jeder suchte sich und -die übrigen davon zu überzeugen, daß all die gewünschten -Vorsichtsmaßregeln völlig grundlos wären, weil sich bei der bekannten -Friedensliebe und Gutmütigkeit des slavischen Volkes niemals etwas -Ernstliches ereignen würde. - -»Wie können in einem Staate, der sich so langsam emporarbeitet, -überhaupt jemals solche das Volksvermögen zerrüttende Gedanken -auftauchen,« ächzte der Gouverneur Bobscheff, indem er, schlau mit den -Augen zwinkernd, seinen Hals weit über die übrigen erhob. »Man wird -einen Ausweg finden. Auf Auswegen beruht die ganze Politik.« - -»Hören Sie es?« machte Tatiana, die Heroldin seines Ruhmes, aufmerksam. -»Mein Gatte verwirft aus nationalökonomischen Bedenken jede kriegerische -Auseinandersetzung.« - -»Leben Sie wohl, Rudolf Bark,« so schritt unbekümmert um die betroffenen -Mienen der anderen die dunkle Tatarin mitten durch den ausweichenden -Kreis hindurch und auf den Kaufmann zu, der wie eine Schutzwehr für seine -bereits in der Diele befindlichen Damen, noch auf der Schwelle verharrte. -Und einer sie durchströmenden Scham nachgebend, streckte Maria Geschowa -dem Konsul warm die Hand entgegen. »Sie wissen jetzt,« sagte sie ganz -laut, als ob sie wünsche, daß es die anderen auffangen sollten, »Sie -wissen jetzt, warum es hier manche Heimlichkeiten gab. Aber das, was ich -Ihnen jetzt sage, das können Sie mir ehrlich und ohne Mißtrauen glauben. -Ich wünsche von Herzen, daß die uns noch zur Überlegung gegönnten drei -Tage eine blutige Entscheidung abwenden möchten. Denn gleich mir, so gibt -es hier unter uns viele,« setzte sie mit erhobener Stimme hinzu, als sie -das eisige Schweigen der Umstehenden bemerkte, »viele gibt es hier, die -nichts so widersinnig, ekelerregend und hündisch finden, als das bewußte -Zerfleischen von Geschöpfen, die sich Menschen nennen. Pfui, möchte es -nie dazu kommen!« - -»Du hast recht, Maria,« pflichtete nach einer Pause des bedrückten -Schweigens der Gatte der Tatarin, Oberst Geschow, sehr ernsthaft bei und -streichelte der erregten Frau billigend und respektvoll über den Arm. -»Hoffen wir, daß das Menschengeschlecht diesen Schritt nach unten nicht -zu wagen braucht; denn nach abwärts wird der Weg führen.« - -In diesem Augenblick öffnete Fürst Fergussow die äußere Tür, und -das Licht des funkelnden Sommertages flutete üppig und hell auf all die -ängstlich zusammengedrängten Menschenköpfe, die ahnungsvoll nach dem -fernen Grollen des Weltenschicksals hinaushorchten. - - * * * * * - -In wenigen Minuten hatte man den Brückenkopf erreicht. Und doch war es den -durch den schwarzen kotigen Kohlenstaub dahineilenden Mädchen gewesen, als -ob sie sich durch andrängende Jahre hätten hindurcharbeiten müssen. -Das rußige Erdreich besudelte ihre hellen Schuhe, die offenen Mäntel -flatterten unordentlich hinter ihnen her: Ganz gleich, nur den Ort -erreichen, von wo man die Heimat sehen konnte, die sichere, die -schützende. - -Da -- gottlob -- da gewahrte man schon den schmalen Fluß, man sah -die langen Kohlenkähne, vor denen die Ablader nun beschäftigungslos -herumlungerten. Und jetzt, -- war das nicht das Getrappel vieler Pferde, -das da hinten von der hölzernen Brücke herüberpolterte? Noch ein paar -Schritte, und die dunkelblauen Uniformen einer Reiterabteilung wurden -sichtbar, die auf unruhigen Pferden dicht vor dem Brückeneingang hielt. -Die gezogenen Säbel blitzten im Licht des Spätnachmittags. - -»Großer Gott,« fuhr Isa auf, während sie die Hand ihrer ältesten -Schwester, die ruhig und aufgerichtet wie immer neben ihr herschritt, in -heftiger Bestürzung umklammerte, »was bedeutet das? Hans, ob man uns hier -gewaltsam zurückzuhalten gedenkt?« - -Über das marmorweiße Antlitz der Großen huschte ein mattes Lächeln. Und -doch richtete sie ihre Augen auskunftheischend auf den Fürsten Fergussow, -der mit seinem leichten, federnden Gang an ihrer Seite geblieben war. -Sofort nickte der Aristokrat verständnisvoll und trat rasch an den jungen -Zugführer heran, der grüßend seinen Degen vor dem Offizier in der -blitzenden Uniform senkte. Ein paar schnelle, den anderen unverständliche -Worte wurden gewechselt. Gleich darauf parierte der Dragonerleutnant seinen -Braunen und rief etwas mit lauter Stimme über die Brücke. Gehorsam traten -auf den Anruf die beiden Grenzsoldaten dicht an das Wachthäuschen heran -und gaben die Durchfahrt frei. - -Da meldete sich ein fernes Rollen. Im Galopp kam der Landauer des Konsuls -über den Marktplatz gerasselt, und schon von weitem erkannte man, daß -der Rittmeister Sassin selbst das Gespann lenkte. Mit klatschenden -Peitschenschlägen trieb er die Pferde die steile Straße hinan. Kaum -hatte er die Brücke erreicht, als er auch schon dem deutschen Kutscher -die Zügel zuwarf und klirrend herabsprang. Unter beständigem betrübten -Kopfschütteln, und während er sich unausgesetzt den starrenden rotblonden -Schnurrbart strich, schritt die mächtige Gestalt bis mitten auf den -Holzweg, wo sich der Konsul, sowie seine Schutzbefohlenen, soeben von ihren -russischen Begleitern verabschiedeten. Laut dröhnte die metallische Stimme -des Rittmeisters zwischen die letzten höflichen Worte der Scheidenden. - -»Rudolf Bark, mein teurer Freund, meine gnädigsten Damen, welch -ein Malheur, welch ein lächerliches Mißverständnis! Nie werde ich -wahnsinnigen Zeitungsschreibern, die an allem schuld sind, vergeben, was -sie an mir verbrochen haben. Einen der schönsten Tage meines Lebens haben -mir die elenden Narren gestohlen. Es ist unbegreiflich, Rudolf Bark, wie -auch Ihre bekannte Kaltblütigkeit sich von solchem Geschwätz beirren -lassen kann.« - -Der Konsul hatte die Mädchen erst über die hölzerne Schwelle geführt, -welche die Grenze der beiden mächtigen Reiche bildete. So merkwürdige -Vorstellungen nisten in den Köpfen auch kluger Menschen, daß der Kaufmann -seine Begleiterinnen erst völlig geschützt wähnte, als sie hinter dieser -eingebildeten Schranke weilten. Er selbst aber trat noch einmal zurück, -nicht nur um seinen Wagen herbeizuwinken, sondern auch in der Absicht, das -Gebaren seines bisherigen Gastgebers, das er deutlich durchschaute, durch -ein paar derbe und offene Worte vor den anderen bloßzustellen. Aber wie -erstaunte er, als er merkte, daß diese Aufgabe bereits von dem vornehmen -Offizier aus Petersburg übernommen sei. Lässig lehnte Dimitri Sergewitsch -an dem Brückengeländer, nur eine heftige Kopfbewegung verriet, wie -widerlich und unanständig ihn das unaufrichtige Verhalten des Kameraden -anmutete. - -»Leo Konstantinowitsch,« bemerkte er kurz, »Sie mögen gewiß Gründe -haben, die gegenwärtige Lage so optimistisch zu beurteilen. Mich selbst -aber, und wie ich glaube auch den Herrn Obersten, befriedigt es ungemein, -weil wir die deutschen Herrschaften in dieser gespannten Zeit dort wissen, -wohin sie gehören.« Und sich noch einmal, ohne die anderen zu beachten, -direkt vor Johanna verbeugend, rief er noch hinüber: »Kommen Sie gut -nach Hause, mein gnädigstes Fräulein; nein bitte, keinen Dank. Was hier -geschehen ist, würde jeder andere genau so verrichtet haben. Übrigens -- -hier kommt Ihr Wagen. Und nun guten Abend.« - -Ein kurzes Gedränge entstand, hastig schlüpften die Mädchen durch den -Schlag, der Konsul zog noch einmal den Hut vor dem salutierenden Obersten, -und fort rollte der deutsche Wagen der Heimat zu. - -Ungefährdet. - -Im Lichte der Abendsonne aber lehnte Fürst Fergussow, so lange er das -Gefährt noch verfolgen konnte, an dem Brückengeländer. Er hatte sich -eine Zigarette entzündet, und die weißen Wolken ringelten sich fröhlich -in den matter werdenden Himmel. - - * * * * * - -Wie anders sah das Land aus, in das der deutsche Wagen auf seinen prallen -Gummireifen hereinrollte, als dasjenige, das seine Insassen eben von Grauen -geschüttelt, verlassen hatten. Dort ein wüstes schmutziges Durcheinander, -grundlose, ungepflasterte Straßen, baufällige Häuser, und eine -Stadt, die von der segensreichen Tochter des Himmels, der Ordnung, nie -durchschritten war. Und hier, kaum daß man den schwarz-weißen Grenzpfahl -passiert, dem man zum erstenmal im Leben wie einem alten schutzbereiten -Wächter aufatmend zugenickt hatte, hier empfing die Heimkehrenden eine -glatte Chaussee aus blauweißen Steinchen, sauber gekehrt und auf beiden -Seiten besetzt von buschigen Kirschbäumen, die bereits der Frucht -zustrebten. - -Gleich vor dem ersten Bauerngehöft stand neben den in der Abendsonne -blitzenden Glaskugeln des Vorgärtchens eine hochgewachsene blonde Frau, -auf dem Arm ihr Töchterchen tragend. Sie rief etwas in das Haus hinein, -als sie den herannahenden Wagen gewahrte. Auf den weithallenden Schrei trat -sofort ein Mann in Lederhosen und Hemdsärmeln aus der Tür, schnallte -sich den Gurt etwas fester, strich sich die düster-blonden Haare aus der -gebräunten Stirn und schritt dann dem heranrollenden Gefährt entgegen. - -Der Konsul beugte sich in seinem weißen Mantel hinaus. Er erinnerte sich -nicht, den jungen Bauern, der offenbar ein Anliegen hatte, jemals gesehen -zu haben. Und doch beherrschte ihn die merkwürdige Empfindung, daß es -jetzt notwendig und angebracht sei, jedem Landsmann Rede und Antwort zu -stehen. - -»Guten Abend, Herr Konsul Bark,« begann der Bauer, indem er freimütig -grüßend an den Schlag herantrat; und sich gewissermaßen vorstellend, -fuhr er fort: »Ich kaufe schon seit langem meinen Kram bei Ihnen -dort drinnen. Aber deswegen halte ich Sie nicht fest. Ich bin hier -Gemeindevorsteher, und die Nachricht ist eben bei mir eingelaufen. Sie -kommen von drüben, Herr Konsul, und da wollte ich fragen, ob wir uns -wirklich fertig machen müssen.« - -Als er dies sprach, reckte sich die gedrungene Gestalt des Mannes und -kehrte sich halb gegen Osten, als ob er irgend etwas von dort Andrängendem -den Weg sperren müsse. Der Konsul aber reichte ihm rasch die Hand heraus -und bestätigte mit einem leisen Seufzer: - -»Ja, ja, ich fürchte es steht schlimm, Herr Gemeindevorsteher.« - -»Schlimm?« wiederholte der andere erstaunt, und in seine braunen Augen -drang ein seltsames Flimmern, »ich stand dort drinnen als Sergeant bei der -Artillerie, Herr Konsul, und ich denke, wir werden auch ein Wort mitzureden -haben. I wo, ich will uns nicht loben, aber wir werden uns nicht lumpen -lassen, Herr Konsul.« - -Es lag etwas so Frisches, Selbstverständliches in der Überzeugung dieses -gedienten Soldaten, daß seine Zuhörer wie von einem heißen, belebenden -Trank durchrieselt wurden. - -»So ist es,« stimmte Johanna zu, innerlich beglückt, nach all dem -französischen Parlieren wieder die derben heimatlichen Laute zu vernehmen, -»wenn wir fest zusammenhalten, kann uns nichts geschehen.« - -Der Landmann aber schüttelte ganz verblüfft das unbedeckte Haupt. Er -schien den Sinn der Anrede durchaus nicht zu begreifen. - -»Zusammenhalten?« wiederholte er langsam und prüfend. »Aber das ist -doch selbstverständlich, Fräulein, -- Ehrensache. Ne, da kennen Sie uns -nicht, die Sache wird gemacht.« - -»Das meine ich auch,« nickte die Älteste von Maritzken, in deren Seele -sich die alte trotzige Widerstandskraft erhob. - -»Und was wird aus Ihrer Wirtschaft?« warf der Konsul dazwischen, »aus -Frau und Kindern?« - -»Ja, deswegen ist bereits vom Landratsamt telephoniert worden. Die -Wirtschaft muß ich vorläufig sich selbst überlassen,« meinte der Mann -stirnrunzelnd, »aber alles, was Beine hat, das bringe ich morgen in die -Stadt. Dort spreche ich mal vor, Herr Konsul.« - -»Ja, tun Sie das,« ermunterte der Herr des Goldenen Bechers so -freundschaftlich, als ob er den einfachen Menschen schon seit vielen -Jahren kennen würde. »Ich werde mich freuen, Sie gesund wiederzusehen. -Vorwärts, Johann.« - -Und als das Gefährt bereits an dem kleinen Gärtchen mit den bunten -Glaskugeln vorüberrollte, da sah Isa, die sich zurückwendete, wie der -Mann in den Lederhosen noch immer mitten auf der Landstraße weilte, das -Haupt gen Osten gekehrt und das rechte Bein trotzig gegen die Muttererde -vorgestemmt. - -»Die Sache wird gemacht,« klang es Johanna durch den befreiten Sinn. - -Weiter ging es. - -Bald hatten sie den winzigen Marktflecken Schorweiten erreicht, der nur -aus einer einzigen langgezogenen Gasse bestand mit einer windschiefen -Einbuchtung für das kleine niedrige Holzkirchlein. Grünmoosig hing das -Rohrdach fast bis zur Erde herab. Hier hielt ein berittener Gendarm -und erteilte, tief von seinem Roß herabgebeugt, den ihn umringenden -Landbewohnern bereitwilligst jede gewünschte Auskunft. Vor der -Kirchenschwelle aber stand eine kleine Schar von Buben und flachsköpfigen -Mädchen. Sie trugen Papierhelme auf den Häuptern, und der kleinste von -ihnen schwenkte eine deutsche Kinderfahne in den Händen. Lustig flatterte -das Schwarz-weiß-rot in dem Abendwind, der von dem nahen Landsee -herüberstrich. Und da hörten die im Schritt Vorbeifahrenden zum erstenmal -jenes Lied, das seit langer Zeit Bedeutung und Sinn für sie verloren -hatte, und das ihnen jetzt mit der brausenden Gewalt eines Orkans ans Herz -fuhr. Aus Kindermund schallte es zu ihnen hin, silberrein und doch trotzig -und voll werdender Mannheit: - - »Lieb Vaterland magst ruhig sein, - Fest steht und treu die Wacht am Rhein.« - -Da konnte sich Johanna nicht länger zurückhalten. Eine Leidenschaft stieg -in ihr auf, von der sie selbst nie geahnt hatte, daß sie in der kühlen -Geschäftigkeit ihrer Tage noch nicht untergegangen wäre. Aber der Anblick -der ruhigen, auf alles gefaßten Landbewohner, der singenden Kinder und -der kleinen strohgedeckten Häuschen, über die sich der friedliche Abend -herabsenkte, das alles zusammen überwältigte sie. Mit einer starken -verbündenden Bewegung streckte sie dem Konsul, dessen Augen gleichfalls -ernsthaft, fast liebevoll, auf den fremden Leuten dort draußen ruhten, -die Hand entgegen, um gleich darauf die weinende Isa fest an ihre Brust zu -raffen, von wo der schluchzende Rotkopf sich nicht mehr erhob. Nur Marianne -saß daneben und lächelte. Sie war furchtlos. Ja, die seltsam schmerzhafte -Aufregung tat ihr wohl. Aber das Ungeheuerliche, das in diesen Augenblicken -aus der ruhigen Heimaterde vor ihr aufstieg, der gerüstete Riese, in -den ein ganzes Volk zusammenwuchs, und der nun schwerfällig, treuherzige -Lieder singend, zur Landesgrenze wandelte, er blieb den geistigen Blicken -der eleganten Dame verborgen. Ihn erkannte sie nicht. Die vergangene Zeit -mit ihren fremden Lüsten und Eitelkeiten ließ sie nicht los. Dazu war -ihr kleines unbedeutendes Frauenschicksal der Gefallsüchtigkeit und -Freudegierigen zu weit überschattend vor alles Geschehen der Umwelt -gewachsen. - -Dicht hinter dem Dorfteich setzte sich der Wagen in schnellere Bewegung. -Fern aus dem graublauen Dämmer des Abends stiegen bereits zerfließend -und verschwimmend die Linien der hohen Kirche auf, deren Schatten sie -zustrebten. Ein kühlerer Luftzug wehte erfrischend über die Felder. - -Da klang über die Chaussee harter Hufschlag. Kurz und regelmäßig, wie -von einem gut galoppierenden Pferde. Und ehe die aufgestörten Reisenden, -die jetzt auf jedes ihnen sonst gleichgültige Geräusch achteten, noch -ihre Meinung über den Herannahenden austauschen konnten, da schwenkte der -eilige Reiter schon ganz dicht um die nächste Wegbiegung. - -»Ein Soldat,« sagte der sich herausbeugende Konsul. - -»Fritz Harder,« rief Marianne zum erstenmal lebhaft dazwischen, und -im gleichen Moment fühlte sie, wie die Augen ihrer ältesten Schwester -mahnend und dringend auf ihrem Antlitz ruhten. - -Aber sie hielt den ernsten Blick, der immer finsterer wurde, mit ihrer -gewohnten überlegenen Lässigkeit aus. Ja, in ihr prickelte das Gefühl -des Wichtigen und des Begehrenswerten so angenehm und erregend, daß es -ihr vor allen Dingen darauf ankam, den seidenen Mantel kleidsam um sich zu -werfen und die weißen Handschuhe etwas höher über den Arm zu streifen. -Was galt ihr das in Fieberschauern zitternde Vaterland, wenn sie an die ihr -eigene geheimnisvolle Macht dachte? - -»Guten Abend, Herr Leutnant,« rief der Konsul, der aufgesprungen war, aus -dem Wagen, »so spät noch im Dienst?« - -Der Reiter zog die Zügel an, das Pferd stieg ein wenig, und an der Art, -wie es seinen Herrn hin und hin schleuderte, da erkannte Marianne -- selbst -eine Meisterin im Sattel -- daß der Infanterist auf diesem Gebiete seine -Lorbeeren nicht zu suchen schien. - -»Nicht im Dienst,« schöpfte Fritz Harder nach dem harten Ritt Luft, und -während er die Hand hastig zum Gruß an die Mütze führte, beugte er sich -vor und ergriff in voller Erregung die Rechte Johannas. Aber seine Augen -hingen unausgesetzt an dem gleichmäßig lächelnden Antlitz seiner -Geliebten. »Ich hörte heute vormittag,« keuchte er noch immer atemlos, -»von Ihrer Fahrt über die Grenze, und da wollte ich mich unter allen -Umständen nach Ihnen umsehen. Sie wissen doch, was hier inzwischen -geschah?« - -»Ja,« entgegnete Johanna, warm berührt von der Herzensangst des jungen -Mannes, indem sie kräftig seinen vertraulichen Handdruck erwiderte. »Wir -wissen es und danken Gott dafür, daß wir wieder im Lande sind. Es war -eine in dieser Zeit etwas absonderliche Unternehmung,« setzte sie mit -einem Blick auf Konsul Bark hinzu. »Wie steht es in der Stadt, lieber -Harder?« - -Der Reiter hatte sein Pferd an die andere Seite des Wagens herangeschwenkt -und begrüßte nun Marianne, die den weiß behandschuhten Arm hob, als ob -sie einen Handkuß erwarte. Allein merkwürdig, auch der junge Offizier -schien gänzlich von dem drängenden Ernst der Stunde erfüllt. Er bemerkte -ihre auffordernde Bewegung gar nicht, sondern berichtete, dicht neben dem -Schlag reitend, in seinem jagenden Tone weiter: - -»Meine Damen, ich bin leider für Sie der Überbringer einer unangenehmen -Botschaft. Nein, nein, es ist nichts Ernstliches,« beruhigte er sofort, -als er sah, wie sich Isa erschreckt zu ihm herumwarf, »nur die Chaussee -nach Maritzken ist für heute nacht durch unsere Pioniere gesperrt.« - -»Ja, aber um Himmels willen, warum denn?« fuhr Johanna auf. - -»Gott, es werden dort allerlei Ehrenpforten für den Empfang der Herren -von dort drüben gebaut, wenn sie etwa den Besuch der Damen zu erwidern -gedenken. Die Herrschaften werden für heute mit ein paar Hotelzimmern -vorlieb nehmen müssen. Und ich bitte jetzt bereits um Vergebung, weil ich -mir erlaubt habe, diese Räume für Sie im ›Deutschen Hause‹ belegen zu -lassen, denn der Andrang war heute nachmittag ein sehr großer.« - -»Wie zartfühlend und freundschaftlich von Ihnen, lieber Herr Leutnant,« -sagte Johanna dankbar. »Wir machen natürlich von Ihrer gütigen -Bestellung Gebrauch.« Und in ihrer Seele legte sie sich wieder prüfend -die Frage vor: »Ob meine Schwester Marianne auch einen solchen -Mann verdient? Und ob sie das Gemüt und das Innenleben eines solch -Nachdenklichen zu würdigen weiß?« - -Ehe sie sich jedoch hierüber die bang zurückgehaltene Antwort erteilen -konnte, da wandte sich jetzt der junge Offizier direkt an sie selbst, und -sein dunkles, ernstes Antlitz nahm den Ausdruck der offenen Sorge an. - -»Liebes gnädiges Fräulein,« bat er, »Sie müssen mir auch ein anderes -Anliegen nicht übel deuten. Die Verhältnisse haben sich leider so -geändert, daß auf eine günstige Wendung, an die wir ja alle noch heute -vormittag glaubten, kaum gerechnet werden darf. Und da wir waffenfähigen -Männer binnen kurzem nicht mehr hier weilen werden, so ist es für mich -und gewiß für viele andere,« setzte er in Beziehung auf den Konsul -hinzu, »ein unerträglicher Gedanke, Sie dort draußen auf Ihrem einsamen -Gute ohne rechten Schutz zu wissen. Nicht wahr, ich darf mich doch der -Hoffnung hingeben, daß die Damen ihren Aufenthalt in der Stadt so lange -ausdehnen, bis die nötige Sicherheit von uns geschaffen wurde? Darin -verrechne ich mich doch hoffentlich nicht?« - -»Ja, Hans,« drängte jetzt auch Konsul Bark auf die Älteste von -Maritzken ein, und der spöttische Gesellschaftston des Lebemannes war -wie weggewischt, »der Bitte unseres Freundes schließe ich mich auf -das dringendste an. In einer solchen Zeit, liebes Kind,« entfuhr es -ihm achtlos, ohne daß er die zärtliche Benennung zu verdecken suchte, -»müßten ja eigentlich all die lächerlichen Bedenklichkeiten zum Teufel -fahren. Mein ganzes Haus steht leer. Ich besitze so viele Zimmer, daß -ich ein Regiment unterbringen könnte. Wäre es nicht das -Allernatürlichste -- --« - -»Nein,« schnitt die große Blonde mit aller Bestimmtheit ab, »das -verstehen Sie nicht, lieber Konsul.« Und leiser fügte sie an: »Sie sind -vielleicht allein daran schuld, daß ich Ihr freundliches Angebot für -meine Schwestern nicht akzeptieren kann. Ich selbst komme ja gar nicht in -Betracht.« - -»Sie selbst nicht?« fragte der Kaufmann mit einem Schatten von -Mißfallen, das der lebhaft aufhorchenden Isa nicht entging. - -»Nein,« beendete die Gutsherrin das Gespräch in der ihr eigenen -entschlossenen Weise, »lieber Freund, Sie wissen ja, wie das gemeint ist, -wir wollen keinen unnötigen Streit darauf verwenden. Nein,« wiederholte -sie völlig entschieden, »ich selbst kehre morgen auf das Gut zurück, um -dort alle Anordnungen zu treffen, die jetzt gewiß sehr nötig werden. -Aber über den ferneren Verbleib meiner Schwestern werde ich gern mit Ihnen -beraten.« - -»Schön, Hans,« erklärte sich der Konsul, der seine Fassung gewaltsam -zurückzwang, in einem nicht ganz frei klingenden Gelächter zufrieden. -»Und hier,« machte er abschweifend seine Schutzbefohlenen aufmerksam, -»fahren wir bereits über die ersten holprigen Straßen. Merken Sie -die Stöße? Weiß Gott, niemals sind sie mir so vertraut und gemütlich -vorgekommen, als heute, seit wir aus dem gottverfluchten Polackennest -- -na ja, über dies und vieles andere unterhalten wir uns bei dem berühmten -Fischgericht im ›Deutschen Hause‹ eingehender. Sie werden mich des -Vergnügens nicht berauben, lieber Hans, die Mitglieder meiner Expedition -noch einmal an dem runden Tisch zu vereinigen. Wer weiß, wann wir wieder -so nach altväterlicher Sitte beieinander sitzen werden! -- Langsam, -Johann, langsam.« - -Und die Mahnung an den Kutscher war berechtigt. In den schmalen, schon von -den Abendschatten verhängten Gassen der ernsthaften Handelsstadt wogte -das Volk durcheinander. Überall Gedränge, überall schwarze Massen auf -Fahrdamm und Trottoiren. In den matt erleuchteten Läden lauter Disput. - -Und dann -- ein merkliches Strömen und Schieben nach der Gegend der -zweistöckigen grauen Häuser hin, wo die öffentliche Meinung des -Platzes gemacht wurde, -- nach den Zeitungen. An der schwarzen Tafel des -Kreisanzeigers ein riesiges weißes Plakat mit Blaustift beschrieben: -»Deutsches Ultimatum an die russische Regierung«. Und nun, je näher man -dem Markt zustrebte, ein dumpfes Schwellen und Brausen, das manchmal sich -zu einem rastlos wirbelnden Trommelschlag verminderte, manchmal aber auch -dem Dröhnen und Toben stürzender Wellen verglichen werden konnte. - -»Horch, sie singen,« sagte Isa erschauernd. - - »Lieb Vaterland magst ruhig sein, - Fest steht und treu die Wacht am Rhein.« - -»Ist das nicht erhaben?« fragte Fritz Harder, dessen Antlitz schneebleich -geworden war, von seinem wiehernden Tier herunter, »die deutsche -Volksseele betet.« - -Machtvoll und zwingend umfaßte dabei sein Blick Mariannens dunkle Züge, -als müsse er sie gewaltsam zu seinen eigenen Erschütterungen reißen. Und -sie? Sie lächelte, lehnte elegant in den Kissen des Wagens und knüpfte -die Bänder ihres breithin schattenden Hutes fester an dem schlanken Hals -zusammen. - - * * * * * - -Eine halbe Stunde später wurde leise an die Tür des Hotelzimmers -geklopft. - -»Bitte einen Augenblick,« rief eine frische Stimme von drinnen. - -Dann ein Hin- und Herhuschen, gleich darauf öffnete sich die hohe weiße -Pforte, und durch den Spalt lugte Marianne auf den von einer flackernden -Gasflamme erleuchteten Gang hinaus. Draußen auf dem Läufer des Flurs -wartete ein junger Offizier, die Mütze in der Linken und die Rechte auf -den Degen gestützt. - -»Ach du bist es, Fritz,« flüsterte Marianne, über die Heimlichkeit der -Szene erfreut, und zog ihren Besucher eilig über die Schwelle. »Ist -das nicht reizend, daß wir hier bleiben mußten? Denke doch, ein so -unverhofftes Stelldichein.« - -»Marianne!« - -»St-- nicht so laut, Ihr Männer könnt Euch niemals an Diskretion -gewöhnen. Hier nebenan sind Johanna und Isa einquartiert, und wenn sich -meine Schwestern auch zum Glück bereits zu Konsul Bark in das Gastzimmer -begeben haben, so darf dich doch auch kein anderer hören. Wie denkst du -dir das eigentlich?« Und dabei schmiegte sie sich an ihn und streichelte -ihm sanft die Wangen. - -Draußen aber von dem Marktplatz hob sich wieder die gewaltige Woge, die -dazu bestimmt war, ein ganzes Volk auf unerkannte Gipfel seines Daseins zu -tragen. Tausendstimmig einten sich Kampfesmut, Vaterlandsliebe, -Seligkeit und Schluchzen immer wieder zu der längst und heiß und -willig beantworteten Schicksalsfrage. Himmelan brauste der wilde, der -beschwörende Gesang, der das eiserne Gelöbnis enthielt. - -Und siehe da, der junge Offizier machte sich schnell von der hingebenden -Umschlingung frei, ja es lag ein Abschütteln in der Bewegung, als er jetzt -rasch unter das Fenster trat. Einen vollen Blick sandte er auf die dunklen -wogenden Häupter dort draußen hinaus, dann wandte er sich entschlossen -zurück, und seine Stimme klang anders als sonst, kurz, gepreßt und voll -innerer Entschiedenheit, da er jetzt zu seiner Geliebten dicht an den Tisch -zurückkehrte. - -»Du irrst, Marianne,« nahm er das Gespräch rasch wieder auf, »ich -besuche dich hier mit Erlaubnis deiner ältesten Schwester.« Und bewußt -setzte er noch hinzu: »Ich möchte dir übrigens gleich bemerken, daß -Johanna, seitdem ich sie näher kenne, meine volle Verehrung genießt.« - -»So?« spottete die Schwarze und ließ sich in dem verblaßten roten -Plüschsessel des Hotelzimmers nieder, so daß ihr Besuch jetzt vor ihr -stand, »das ist ja äußerst schmeichelhaft für die ganze Familie. Darf -man auch erfahren, Fritzchen, was du mir in ihrem Auftrage überbringst?« - -Dabei dehnte sie sich ein wenig und ließ die Spitzen ihrer schwarzen -Lackschuhe leise gegeneinander klappen. Ihr Besucher indessen wurde von den -Lockungen des Bildes nicht eingefangen. Bezwungen horchte er vielmehr -auf den Gesang, der ungeschwächt um die dunklen Umrisse der Häuser -fortbrandete, und ohne sich selbst darüber klar zu sein, so war es dem -Lauschenden doch, als ob das bessere Teil von ihm, seine Seele, gar nicht -hier drinnen in dem Zimmer weile, wo die höchsten Wünsche des Mannes -sich erfüllen sollten, sondern draußen bei den Namenlosen, -Durcheinanderwogenden, die dem in Gefahr befindlichen Vaterlande das -Trostlied sangen. - -»Marianne,« begann er, sich gewaltsam von diesem Gefühl losreißend, -»die Zeit begünstigt keine Neckereien. Hat dir deine Schwester Johanna -nicht mitgeteilt, daß ich heute vormittag bei ihr um deine Hand anhielt?« - -Wie von einem Stoß in den Nacken getroffen flog Marianne empor. Zitternd -vor Schrecken stand sie dicht neben dem Offizier, ihre Augen gruben sich -aus nächster Entfernung ineinander. - -»Nein,« brachte sie bestürzt heraus, und es war, als wenn sie ein -leichtes Frösteln überwände, »das liegt nicht in Johannas Art. Sie hat -mir nicht das geringste verraten. Um Gottes willen, Fritz, wie konntest du -das?« - -»Wie ich das konnte?« - -In dem Manne verwirrte sich jedes Begreifen. Völlig entglitt ihm die -Beherrschung dieser Zwiesprache, die so vollständig den Charakter einer -landläufigen Unterhaltung anzunehmen drohte. Nein, der junge redliche -Mensch vermochte sich durchaus nicht mehr zurechtzufinden. War es denkbar, -die Herrscherin über sein zukünftiges Leben, dieses heiße, glühende -Geschöpf, es jauchzte nicht auf, als all die unwürdigen Heimlichkeiten, -all das böse Versteckspielen von ihnen abgleiten sollten? Sie bekannte -sich nicht sofort bedingungslos zu ihm, sie verstand nicht, daß eine -rechte deutsche Frau in der großen allgemeinen Not jeden Zweifel, jede -Bedenklichkeit von dem Geliebten fortscheuchen und für immer entfernen -müsse? Nein, das ertrug er nicht. Langsam umklammerte er ihren Arm, und -obwohl er fühlte, wie sie schmerzhaft zuckte, fragte er noch einmal mit -aller Zusammenfassung seiner Willensstärke: - -»Marianne, du weißt, mein Dasein ist an das deine geknüpft. Gib -mir deine Hand und bestätige mir noch einmal, daß du mein Leben, so -bescheiden es auch ist, teilen willst.« - -Hilflos schickte Marianne ihren Blick umher, ein rasches Aufatmen hob ihre -Brust, und während sie, wie um ihren Bedränger zu besänftigen, ihm immer -noch mit ihrer zarten, weichen Hand die Wange streichelte, da rang sie sich -kleinlaut ab: - -»Du weißt, Fritz, wie gern ich dich habe.« - -»Gern? Nun gut, Marianne, auch das genügt mir. Aber dann wollen wir -jetzt hinunter gehen, um den Deinen unser Verlöbnis, das sie erwarten, -mitzuteilen. Auch meinen Eltern möchte ich die Freudenkunde nicht länger -vorenthalten.« - -»Aber sieh mal, Fritz,« versuchte sich das blühende Geschöpf zu -entwinden, das die unwillkommene Einzwängung zwischen Beschränkung und -Kleinbürgerlichkeit auf sich einrücken sah, wie die beiden Kneif-Enden -einer riesigen Zange, »ich habe natürlich nichts dagegen -- ich meinte -nur -- --« - -»Was meinst du? -- Gibst du deine Einwilligung?« beharrte der Offizier -mit einer ihm ganz fremden Unerbitterlichkeit. - -Heftig entzog ihm die Gequälte, die sich nicht binden lassen wollte, ihren -Arm, da er ihn noch immer umspannt hielt. Nein, wie konnte solch ein armer, -unbedeutender Leutnant, der beinahe auf nichts, als auf seine Löhnung -angewiesen war, eine derartige Zusage im Ernst von ihr verlangen? Von -ihr, der Glänzenden, Vielbegehrten, deren Zukunft in einem goldigen Nebel -schwamm? O, wenn sie wollte, wenn sie bloß winkte, dann würde -- -- -- -Im Grunde war es eigentlich, -- ja, sie konnte es nicht anders nennen, -- -es war eigentlich eine Anmaßung, daß der hartnäckige, in seine Bücher -verbohrte junge Mensch, der das Leben so wenig kannte, sie veranlassen -wollte, so plötzlich, so unüberlegt eine Entscheidung zu treffen, die sie -für immer von allen glänzenderen Hoffnungen entfernen mußte. Und warum? -Es blieb wirklich halb lächerlich. Weil man einen kleinen ungefährlichen -Flirt getrieben hatte, weil man dem hübschen Menschen mit den ernsten -Zügen ein paar Zärtlichkeiten gestattet, die man eben an irgend jemanden -verschwenden wollte. Warum nicht an ihn, auf dessen Verschwiegenheit man -doch bauen konnte? Und zum Lohn dafür jetzt dieses beinahe unhöfliche -Drängen? Nein, das war sicherlich Johannas Werk, die es nicht erwarten -konnte, die schöne Schwester, deren Eleganz und Damenhaftigkeit sie -natürlich heimlich beneidete, in ein ebensolches Arbeitsdasein zu stoßen, -wie sie es selbst führte. Herrgott, Herrgott, wenn man nur einen Ausweg -fände, ein Entschlüpfen! Und plötzlich warf sie sich in den Sessel -zurück und schlug beide Hände vor ihr Antlitz. Heftig und wild schluchzte -sie auf. Ja, der von einem peinlichen Schrecken durchschlagene Offizier -merkte sogar, wie zwischen den Ritzen ihrer Finger helle Tränen -hindurchtröpfelten. Das hatte er noch nie bei ihr wahrgenommen. Und eine -Sekunde lang war es ihm, als müsse er sich über die Ringende beugen, um -ihr unter tausend guten Worten Trost zuzusprechen. Es war ja eigentlich -alles so natürlich. Dem Unverdorbenen schien es, als ob diese Tränen, -dieses aufgelöste Schluchzen nur ein unverstandenes Abschiednehmen von -Mädchentum und Jungfräulichkeit bedeuteten, ein rührender Kummer, der -ihm sein Mädchen in einer ganz neuen, zarten und demütigen Schwäche -zeigte. - -Wenn nur die Zeit, die machtvoll aufbegehrende Zeit derartige Erwägungen -nicht wie Spreu im Sturm auseinander gesprengt hätte. Horch! Begann -dort draußen nicht mit einem Mal das Glockenwerk von dem Turm der -Sebaldus-Kirche zu läuten? Ein Ton immer eherner und markerschütternder, -als der andere? Fritz Harder begriff nicht, warum die Kunstschöpfung des -alten Uhrmachers Adameit, seines Hauswirtes, in dem allgemeinen Tumult -ihre Stimme erhöbe, aber der seelenumwühlende Donnerton raubte ihm jedes -weichliche Mitleid. Fest und zielsicher trat er an den roten Sessel heran, -um seine Hand noch einmal auf ihre Schulter zu stützen. Doch merkwürdig, -nur ein wenig regte die in sich Versunkene die volle Rundung, aber die -Bewegung genügte, damit die Hand abglitt. Empfand der Betroffene auch die -leise Gereiztheit, die sich hier äußerte, den beleidigten Mißmut und die -schlecht verhehlte Empörung über Zwang und Gehorsam? - -»Marianne,« forschte der junge Mann noch einmal in äußerster -Zurückhaltung, »Marianne, ich begreife deine Tränen nicht. Liegt denn in -meiner Bitte, in meinem Verlangen, eine Beleidigung?« - -Und mit einem plötzlichen Entschluß entfernte er ihre Hände von -ihrem Antlitz. Dann erschrak er. Der braune Samtton war von ihren Wangen -entwichen, und auf ihren erschreckten Zügen lauerte etwas, was er sich -durchaus nicht erklären konnte. Für einen Erfahreneren freilich, für -Konsul Bark, hätte ein Blick genügt, um zu wissen, daß es die Teufel der -Lüge waren, die dort ihre geschäftige Arbeit verrichten wollten. - -Jetzt hatte sie sich auch gefaßt. Ja, ihr Mund lächelte wieder halb -schmollend zu ihm empor. - -»Wie kannst du nur so etwas fragen, Fritz?« widerlegte sie, während die -Tränen immer noch ihre großen schwarzen Augen feuchteten, »ich denke -doch nur darüber nach, daß du jetzt, gerade jetzt, vielleicht morgen -schon, von meiner Seite gerissen wirst.« - -»Ja, das ist wahr,« bestätigte ihr Zuhörer betroffen. - -»Und sieh einmal -- --« - -»Ja, was denn -- was denn -- erkläre dich deutlicher.« - -Sie beugte sich herab und ließ die glänzenden Lackhalbschuhe wieder -leicht gegeneinander schnellen. Noch hatte sie den gewünschten -Schlupfwinkel nicht völlig gefunden, in den sie sich verkriechen wollte. - -»Sieh einmal, Fritz,« suchte sie noch immer unsicher, »du sagst selbst, -es gerät jetzt alles ins Wanken. Kein Mensch weiß, ob er den anderen am -nächsten Tage wieder sehen wird. Meinst du nicht auch, daß man lieber -abwarten sollte, bis sich alles geklärt hat?« - -Noch sprach das schöne Geschöpf ungewiß und zögernd, da fuhr sie -plötzlich erschreckt auf. Woher die ungewohnte atempressende Stille? -Draußen hatte unvermittelt der Gesang der Volksmenge wie mit einem Schlag -ausgesetzt. Eine einzelne ferne Stimme wurde hörbar und dann folgte kurz -und knapp, gleich dem Aufschlagen einer brandenden Welle, ein einziges -vieltausendstimmiges Hurra. Das eigentümlich knirschende Geräusch, das -stets vernehmbar wird, wenn Massen sich in Bewegung setzen, drang zu den -Einsamen empor. Die improvisierte Versammlung auf dem Marktplatz schien ihr -Ende erreicht zu haben. Jedoch die ungewohnte Ruhe war es nicht allein, die -das aus der Fassung gebrachte Mädchen so unheimlich in ihren Bann schlug. - -Jetzt wußte sie es -- die grauen Augen des Offiziers waren es, die sie -festhielten. Lieber Himmel, sie mußten die kleinen betrüglichen -Künste durchschaut haben, sonst hätten sie niemals einen solch kalten, -einbohrenden und doch zugleich verzweifelten Glanz strahlen können. Schon -wollte die Verängstigte aufspringen, um durch eine neue Zärtlichkeit, die -ihr ja leicht fiel, die unbehagliche Situation zu unterbrechen, als sie an -ihrem Platz vollkommen erstarrte. Keiner Bewegung mächtig, mußte sie mit -ansehen, wie ihr Gefährte, ohne sie nur im geringsten zu beachten, an den -Tisch herantrat, von wo er langsam seine Mütze an sich nahm. Dann streifte -sich der junge Mann, immer mit derselben unnatürlichen Ruhe, die weißen -Handschuhe auf und hakte mit einer mechanischen Bewegung den Degen ein. -Eine Sekunde verharrte er wie in Nachdenken. Allein je tiefer ihm das -kurz geschorene Haupt auf die Brust sank, desto deutlicher erkannte die -entsetzte Beobachterin, wie seine dunklen Augenbrauen sich immer finsterer -und entschlossener zusammenzogen. - -»Fritz!« sprang sie empor. - -Er hob das Haupt und sah sie an. - -Es war ein Blick aus so unendlicher Entfernung, ein so fremder und stolz -gefaßter Blick, daß Marianne vor Zorn, Scham und Zurücksetzung hätte -schreien mögen. Im Halse schnürte sich ihr etwas zusammen, sie glaubte -ersticken zu müssen. Als sie ihre Umgebung wieder vollständig zu deuten -wußte, da schloß sich bereits, unhörbar, die hohe weiße Tür, und eine -Scheidewand wuchs empor zwischen ihr und der Vergangenheit voll Spiel und -Kurzweil. - -Wirklich Vergangenheit? - -Pah -- sie hatte sich wiedergefunden. Beflügelt eilte sie vor den -altertümlichen Goldspiegel des Zimmers, um ihr verwirrtes Haar in Ordnung -zu bringen. Und als sie ihre in purpurner Pracht siedenden Wangen gewahrte, -als sie die tadellosen Linien ihrer Gestalt abmaß, da zwang sie etwas, -spöttisch die Achsel zu zucken. Aufatmend trat sie unter die Gardine und -öffnete das Fenster. Von dem großen viereckigen Marktplatz zogen noch -immer die dunklen Scharen ab und marschierten in schwarzen Zügen durch die -Nebengassen. Hoch über ihren Häuptern folgte ihnen das Donnergeläut -des Glockenwerks. Mit tausend Goldaugen beobachtete der Nachthimmel das -Aufbegehren und die Erhebung eines ganzen Volkes. Köstlich reine -Luft strich zu dem Fenster herein und fächelte dem schönen Mädchen -erfrischend die Stirn. Und in diesem Augenblick durchdrang selbst die -Gleichgültige, Unbedachtsame ein zitterndes Nachgefühl von dem, was dort -unten die davonstrebenden Züge der Stadtbürger erfüllt haben mußte. -Ganz sicher, es schwebte etwas Ungeheuerliches, Niegeahntes in der Luft. Es -flog von da und dort heran, schwirrende Möglichkeiten, die man ergreifen -mußte, um sich auf ihren Flügeln von dannen tragen zu lassen. - -In die Höhe. - -Und der verschleierte Abenteurersinn des Mädchens, das da an dem -Eckpfeiler des Fensters lehnte, reckte sich und verlangte gleichfalls -hinaus, fort auf die Wege, die sich weit über die Täler des Alltags -emporschlängelten. - -Dann neigte sie sich weiter vor. Ihr scharfer Blick hatte aufgefangen, -wie das trübe Laternenlicht in einer Degenscheide widerglitzerte. Und sie -erkannte die Gestalt, die langsam und etwas vornübergebeugt dort drüben -in der Dunkelheit der engen Rosenkranzgasse verschwand. - -Ja, dort Finsternis und hier Licht, nichts als Schimmer und goldspinnende -Helligkeit. - -Wahrlich, eine große, eine tolle Zeit. - -Beglückt, heiß, erglühend stützte sich die Fortgerissene nochmals auf -das Marmortischchen des Goldspiegels und starrte sich an, als wenn sie -imstande wäre, sich die Zukunft auf hoch erhobenen Armen entgegenzutragen. - -Ja, das Vaterland befand sich in Gefahr, aber sie selbst war schön, -einfangend schön. - - * * * * * - -Ruhig schritt Fritz Harder seines Weges. Rechts und links von ihm zogen -die Bürger mit ihren Frauen und Kindern dahin, und er mußte manchmal -zur Seite treten, um die Drängenden vorüberzulassen. Dabei fing er immer -wiederkehrende Worte auf: »Der Kaiser -- der Zar -- Frankreich.« Und er -wunderte sich, daß er dies so klar vernahm, daß nichts anderes, nichts -Tieferes in seinem Ohr mitsummen wollte. In der schmalen Rosenkranzgasse -schimmerte aus allen Fenstern noch Licht, und die Einwohner der Häuser -standen vor den Türen und tauschten über die geringe Breite der Straße -hinweg ihre Ansichten miteinander aus. Und wieder schüttelte der in sich -gekehrte Wanderer erstaunt das Haupt, denn er begriff nicht, warum seine -Augen dies alles so scharf, so untrüglich in sich aufnahmen. Einmal blieb -er stehen und sah durch den schmalen Spalt der Gasse zu dem mächtigen -Nachthimmel empor. Nein, er konnte keinen Unterschied entdecken. Dort oben -waltete dieselbe schweigende, ungekünstelte Ruhe, wie hier unten und wie -in seiner eigenen Brust. Eine wundersame, schwere, auf alles vorbereitete -Fassung, die ihre spähende Aufmerksamkeit nur auf das Nächste richtete -und entschlossen war, sich selbst zu vergessen. - -Merkwürdig, er wollte sich zwingen, das formvollendete, das -schönheitgesättigte Bild der Geliebten vor sich erstehen zu lassen, die -ihn aus schneidendem Eigennutz verworfen hatte, aber er vermochte bei aller -Anstrengung das lockende Geschöpf sich nicht mehr als Ganzes vorzustellen. -Aus der trüb durchbrochenen Nacht tauchten wohl ihre Umrisse vor ihm -auf, allein jeder Kopf eines gleichgültigen Bürgers schob sich vor seine -arbeitende Einbildungskraft und überschattete sie. Ja, als die -Ablösung einer Militärwache an ihm vorüberzog, die ihm mit klappenden -Paradetritten die Ehrenbezeugung erwies, da war jedes Gedenken an sein -eigenes Erlebnis von ihm entwichen und, wie alle anderen, so mußte auch er -den funkelnden Helmen nachschauen, während ihm innerlich das Herz bis in -den Hals zu klopfen begann. - -»Prima, Herr Leutnant,« krächzte plötzlich eine gallige Stimme hinter -ihm, und als sich der seinen Träumen Entrissene umwandte, da entdeckte -er hinter sich den schlottrigen und knickbeinigen Uhrmachergesellen seines -Hauswirts, den ewig mit der Welt hadernden Leiser Bienchen, der tief den -zerbeulten Filzhut mit der herabhängenden Krempe vor ihm lüftete, um -dann krampfhaft in die Tasche seiner Beinkleider zu greifen, weil ihm diese -stets herabzufallen versuchten, »prima, Herr Leutnant,« krächzte die -gallige und stets unzufriedene Scherbenstimme, »unsere Soldaten! Ich mag -zwar das verfluchte Pflasterzerreißen nicht leiden, und wenn sie so mit -den Kommißstiefeln aufdonnern, möchte man Kopfschmerzen kriegen. Aber was -tut das, Herr Leutnant? Jetzt sind sie einem ein Trost, ein ganz großer -Trost, der einem die Nachtruhe wiedergibt.« - -Und sich noch näher an den jungen Offizier drängend, umklammerte er mit -der Rechten ängstlich das faltenreiche Kinn, als wolle er verhindern, daß -ihm seine bewegliche Karpfenschnauze, die ihm statt eines Mundes -verliehen war, aus den wild durcheinander fahrenden Runzeln davonliefe. -So fassungslos und erschüttert hatte Fritz Harder den Uhrmacher noch nie -gesehen. - -»Was meinen Sie, was hier geschehen ist, Herr Leutnant?« tuschelte der -kleine Jude seinem vornehmen Hausgenossen unter ewigem Kopfschütteln von -neuem zu. - -»Doch nichts Schlimmes, lieber Bienchen?« - -»Was heißt schlimm?« wehrte sich der andere, die Achseln ganz hoch in -die Höhe ziehend, als wolle er den Himmel für seine traurigen Schicksale -zum Zeugen anrufen. »Unter uns, es kann geben eine fürchterliche -Zerstörung. Aber soll man es ihm übelnehmen, wenn er an einem solchen Tag -mit dem Kopf ins Dunkel fährt? Ich sag' Ihnen ins dunkelste Dunkel, Herr -Leutnant.« - -Fritz Harder mußte lächeln. Er wußte, daß der Gefolgsmann des alten -Adameit mit dem unbestimmten und geheimnisvollen »er« stets seinen Chef -zu bezeichnen pflegte. Und so forschte er denn vorsichtig weiter: - -»Haben Sie wieder Grund zur Unzufriedenheit mit ihm, lieber Bienchen?« - -»Ich habe nicht gesagt unzufrieden,« zuckte der Geselle ärgerlich -zurück und sein Mundgeschirr klappte unendlich oft gegeneinander, »der -unausstehliche Kerl ist ja trotz allem ein Genie. Aber als ich ihm heute -in meiner Aufregung unten in dem Keller, wo wir wir immer sitzen, -- Sie -wissen schon, Herr Leutnant -- die Nachricht überbrachte, können Sie -sich denken, was er getan hat? Dieser zahnlose Unmensch ist plötzlich -aufgestanden, hat die Kapsel an dem Stahlzylinder geschlossen, obwohl die -Sicherung noch immer nicht ganz fertig ist, und hat in seiner vermoderten -Sprache, die nur ich ordentlich versteh', gesagt: Dann schließe ich mit -dem heutigen Tage meine Arbeit ab. Unter der Erde hat sie so lange gelegen -und unter der Erde wird sie auch bleiben. Aber sie wird unserer lieben -Scholle eine Kraft und eine Wut verleihen, wie -- wie -- Ich glaube, er hat -gesagt, wie einer Jungfrau, die sich gegen die Schande wehrt. Und nachdem -er das gesagt hat, hat er mir die Hand gedrückt, was noch nie da war, ist -in die Ecke gegangen, hat sich den Schmutz abgewaschen und schließlich -seinen Bratenrock angezogen. Herr Leutnant, da hab' ich's nicht mehr -länger ausgehalten. Mir ist so feierlich geworden, daß mir die Knie zu -zittern anfingen, und ich mußte aus dem Keller raus und an die frische -Luft. Und was aus ihm geworden ist, das weiß ich nicht. Ich hab' bloß -seine Stimme aus Ihrem Zimmer gehört, Herr Leutnant, wo er bei dem fremden -Herrn sitzt.« - -»Bei einem fremden Herrn?« - -»Wie ich Ihnen sage, Herr Leutnant. Wenn Sie wollen, können Sie auch sein -Zischen und Pusten und Fauchen hören, denn Ihr Fenster steht offen, und -Ihr Bursche hat die Lampe bereits angesteckt.« - -Da riß sich der junge Offizier hastig los, und zu gleicher Zeit -schüttelte er energisch die Traumgespinste ab, die aus dem dämmernden -Keller des alten Adameit geheimnisvoll bis zu ihm emporgekrochen waren. -Ungeduldig drückte er sich in den engen Schlitz hinein, der in dem blauen -und rosigen Pfefferkuchenhäuschen die Haustür vorstellte. Aber der -Uhrmacher hinkte ihm nach, so rasch es seine schlecht befestigten -Beinkleider erlaubten, und hauchte dem Voranstürmenden in seinem heiseren -Krähenton nach: - -»Ein großes Tier, Herr Leutnant, Ihr Besuch, mit roten Streifen an den -Beinen und ein Verwandter dazu. Er hat es ausdrücklich angegeben. Nu, -sehen Sie, habe ich gelogen? Da tritt Herr Nikolaus Adameit gerade aus -Ihrem Zimmer. Gewaschen, gekämmt und in dem schwarzen Bratenrock. Hier -oben kennt er mich nicht. Er kennt mich bloß unten im Keller. Aber es gibt -mir doch ein Gefühl von Hochachtung, weil ich mitgeholfen hab'. Man ist -doch nicht bloß wie Öl in der Kanne gewesen oder wie ein totes Rädchen. -Nu, gute Nacht, Herr Leutnant, und wenn Sie Bedienung benötigen, Sie -brauchen bloß zu klingeln. Ich pass' auf.« - - * * * * * - -Heftig riß Fritz Harder die Tür seines Zimmers auf. Und richtig, im -Schein der kleinen weißen Porzellanlampe, die vor ihm auf dem ovalen Tisch -brannte, saß der Erwartete, Geahnte auf dem grünen Plüschsofa. Spähend -schob sich bei dem Geräusch der Tür das bartlose glatt rasierte Haupt -zur Seite, und unter einem Büschel gänzlich unpreußischer grauer Locken -nahmen ein paar versonnener blauer Augen plötzlich den Glanz einer warmen -Freude an. - -»Gottlob, daß ich dich noch treffe, mein lieber Junge,« sagte eine -freundliche Stimme, während die hohe, breitschultrige und mannbare Figur -sich langsam erhob; und dabei streckten sich dem Eintretenden feine weiße -Gelehrtenhände entgegen. »Ich fürchtete, du könntest bei dem Trubel -schon Gott weiß wohin abkommandiert sein. Deshalb ist es ein rechtes -Glück, daß ich dich noch erreiche. Komm, Fritz, laß dich einmal -anschauen.« - -Die hohe Gestalt mit dem gütigen Gelehrtenhaupt stand jetzt dicht neben -dem jungen Mann und begrüßte ihn durch einen leichten Schlag auf die -Schulter. - -»Onkel Siebel,« wollte Fritz erregt ausbrechen, denn eine unnennbare -Erleichterung überkam ihn, als er unvermutet in dieser Wirrnis ein -verwandtes Herz neben sich wußte, »Onkel Siebel, daß du gerade heute -kommst! Du ahnst gar nicht, was -- --« - -»Doch,« unterbrach der alte Militär, die Augen ein wenig zukneifend, -»doch, mein Junge. Du siehst nicht so aus, wie ich dich erwartete. Was -ist das für eine kränkliche Blässe? Und wohin hast du dein frisches -Jungenlächeln versteckt? Erinnerst du dich, deine liebe Mutter behauptete -ja, du wärest immer anzusehen, als wenn du gerade etwas geschenkt erhalten -hättest? Also was gibt's? Beklemmung vor der großen Weltkatastrophe?« - -»Nein, Onkel.« - -»Ärgernis, Zurücksetzung im Dienst?« - -»Auch das nicht, obwohl --« - -»Na ja, ich weiß schon. So ein junger Leutnant darf dienstlich überhaupt -nicht zufrieden sein, -- wäre ganz reglementswidrig. Aber nun sage mal, -Fritz, bist du krank?« - -Eine leichte Pause entstand. Unschlüssig, mit sich kämpfend, sandte -der Jüngere seinen Blick gegen das Lämpchen, das seine dämmrigen -Friedensstrahlen unverwandt ihm entgegenschickte. Der alte Herr jedoch -wurde ungeduldig, und knöpfte an seinem ziemlich salopp herabhängenden -Waffenrock herum. - -»Na also, offen, offen, mein Kerlchen,« drängte er überredend, »ich -habe nämlich deinen Eltern so eine kleine Inquisition versprochen, sonst -würde ich mich ja nicht so beharrlich in derartige Geheimnisse mischen. -Wir haben, weiß Gott, jetzt anderes zu denken, nicht wahr, Fritz? Aber in -euren kleinen dumpfen Garnisonen wachsen manchmal wunderliche Geschichten -auf. Und da findet solch alter, kalter Bücherwurm wie ich vielleicht -doch besser durch, als so ein feuriges Temperament mit dem bewußten -Napoleon-Gesicht. Also Junge, ich bitte um Vertrauen.« - -Da ermannte sich der Gefragte, und in seinen dunklen Augen, die er zu dem -gütigen Verwandten erhob, stand seine ganze Leidensgeschichte geschrieben, -als er sich stockend abrang: - -»Onkel, du hattest recht. Ich war krank. Ich glaube, ich habe ein böses -Fieber überwunden.« - -Jetzt nahm der Alte den Kopf des Offiziers tröstend, besänftigend, -beinahe liebkosend in seine beiden Hände. Es war unbeschreiblich, welch -eine wackere, mannhafte Güte von dem gelehrten Krieger ausging. - -»Also überwunden, Fritz? Wirklich und wahrhaftig?« fragte er -eindringlich. - -»Ja, Onkel Siebel,« bekräftigte der andere fest, »ich gebe dir mein -Wort.« - -»So, so,« erwiderte der Generalmajor bedächtig und gab langsam den -Eingefangenen frei, »dann ist diese Angelegenheit ja für mich erledigt. -Gottlob. Ich muß dir nämlich gestehen, Fritz, -- da mir Heimlichkeiten -auf der Seele brennen -- daß deine liebe Mutter durch allerlei Klatsch und -Zusteckereien über deine Affäre unterrichtet war. Die alte Dame fühlte -sich innerlich recht beunruhigt, wenn sie es auch nach außen hin tapfer -verschwieg. Aber nun, mein lieber Sohn, komm, setze dich zu mir an den -Tisch und laß uns jetzt über das reden, wovon die Herzen aller deutschen -Menschen voll sind. Ich wurde hierher geschickt, um den hiesigen Herren -Offizieren einen kriegswissenschaftlichen Vortrag zu halten. Daraus wird -natürlich nichts, denn jetzt werden wir ja in der Praxis zu erproben -haben, durch die lebendige Tat, was wir wissen und erlernten. Komm, mein -Junge, die beiden Flaschen Pilsener Trankes genügen für uns. Jetzt wollen -wir Kriegsrat halten.« - -Bis weit nach Mitternacht saßen die Beiden zusammen. Und während draußen -jeder Laut erstarb, während die Stadt, um die ein ferner Feind bereits -seine haarigen Riesenarme klammerte, in schweren, traumerfüllten Schlaf -verfiel, in den letzten vielleicht, dem sie sich ungestört und im Besitz -geheiligter Ruhe und Ordnung hingeben konnte, da zauberte der alte Mann, -dem der Krieg mehr als blutiges Getümmel, tolles Einhersprengen und -fröhliches Waffenklirren bedeutete, da zauberte der Kundige wundersame -befreiende Gebilde vor den aufhorchenden Schüler hin. In blühender, -fortgerissener Sprache schilderte er das Elementarereignis, das nicht -zufällig über den geduckten Menschheitsnacken fortraste, sondern -natürlichen, längst erwarteten, genau zu berechnenden Gesetzen folgte, -die nicht nur Brand und Verderben, sondern auch Sammlung und Auferstehen -mit sich führten. Der Krieg war kein sinnlos tobender Vernichter, sondern -ein weiser, vorbedachter Haushälter unter den Erdenvölkern. Gleich dem -Tod, der den Lebenden aus ihrem engen, arg bedrängten Bezirk immer wieder -Luft und Raum schafft, so war auch der Krieg der grübelnde Gärtner, der -ganze Völkerpflanzungen, auch wenn sie scheinbar noch blühten, umpflügte -und zur Ruhe verdammte. Entweder, weil er in späterer Zeit anders geartete -Früchte von ihnen erwartete, oder weil er dem ungestümen Drang jüngerer -Schößlinge nach Ausbreitung für eine gewisse Dauer nachgeben mußte. Der -Krieg waltete aber auch als der letzte eiserne Schulmeister der Gottheit -auf der Erde. Was früher, solange Gemüt und Körper noch schwerer -bildsam waren, Sintflut, krachende Weltteilabstürze oder eishauchende -Vergletscherungen vollbracht hatten, nämlich die Erziehung ungeheurer, von -den Elementargewalten betroffener Stämme nach einer bestimmten Richtung -hin, zu einem ganz gewissen Ziel, das erst die Spätgeborenen, schaudernd -vor der ewigen Gerechtigkeit, als planvoll und segensreich erkannten, -dafür wurde jetzt unter den verfeinerten Lebensformen, sobald sie zur -morschen Überreife neigten, der Krieg als allgemein verständlicher, -jede Auflehnung erstickender Erzieher über die Erde geschickt. Und er -hat jedesmal seine stählerne Rute gut geschwungen. Noch kennt das -Menschengeschlecht keinen Examinator, der so klar die Talentvollen und -Starken nicht allein über Schwache und Faule, sondern sogar über -die fleißige Mittelmäßigkeit zu setzen wüßte. Und dann, -- seine -Lehrstunde ist nur kurz, denn wenn er gesagt hat, was er weiß, dann -schlägt er die Tür der Schulstube donnernd hinter sich zu und schreitet -in den dichten Wald der Jahrhunderte. Aber das, was er seinen Schülern -vortrug, bleibt eindringlich über Geschlechter hinaus haften und wirkt -unvergeßlich fort bis zu späten Enkeln. - - - - -VI. - - -Zwei Tage des Wartens hinkten über das Land. Auf allen fahrbaren Wegen -knarrten schwer beladene Wagen dahin, deren Besitzer von der gefährdeten -Grenze den Städten zustrebten. Oft stand Johanna aufgerichtet an -den Torpfosten ihres Gehöfts zu Maritzken und sah die traurige -Völkerwanderung, dieses unvorstellbare Elend an sich vorüberwallen. Denn -es war ja nur eilig zusammengeraffter Besitz, zerzaust und gebrechlich, was -die Flüchtenden hier stumm und ohne ein Wort der Klage vorbeischafften. -Kommoden und Schränke, Bettzeug und Vogelbauer, Säcke voll Lebensmittel, -Kleidungsstücke und Kochgeschirr, Kinder und junges Vieh, alles rollte, -wirr zusammengepreßt, in endlosem Zuge dahin. - -Aber auch Militärkolonnen marschierten an der versonnenen Beobachterin -vorüber. Gleichfalls still, in sich gekehrt, ohne Lieder. Denn sie hielten -die Stirnen nicht dem Osten zugewandt, wie es ihr junger Mut ersehnte, -sondern sie folgten höherem Befehl, der sie zu zusammengefaßter Tat -aufsparte. Im Staub und Dämmer des Augusttages verschwanden die lockeren -Kolonnen. - -Einmal löste sich eine Gestalt aus einer der dahinziehenden Kompagnien, -trat schnell auf die Gutsherrin zu und streckte ihr rasch die Hand -entgegen. Zuerst erkannte Johanna den Grüßenden nicht, denn die neue -graue Uniform hatte den gewohnten Eindruck verändert. Aber dann drückte -sie die dargebotene Rechte stark und fest, als ob sie den Offizier, der -keinen Blick auf den weißen Hof warf, überzeugen wolle, daß hier auch -ehrliche und treue Gemüter lebten, Herzen, die den Trommelwirbel der Zeit -nachschlugen und nicht im Walzertakt hüpften. Kein Wort wechselten die -Beiden miteinander. Aber es war doch ein Abschiednehmen über die Dauer -des Seins hinaus. Und in dem Händedruck, mit dem Johanna den Scheidenden -entließ, barg sich ein mütterlicher Segenswunsch. Dann ein stummes -Zurücktreten in die grauen Haufen, und auch diese Scharen wurden -eingesogen von der undurchdringlich sich dahinwälzenden Staubwolke. - -Über die schlängelnden Feldwege aber jagte und raste das Gerücht. -Schattenhaft grau stäubte es dahin, menschlichen Augen manchmal nur als -ein mit gestreckten Läufen flüchtender Hase erkennbar. Doch das lechzende -Tier sollte aus einem brennenden Haferfeld hervorgebrochen sein. - -Barmherzigkeit, war das möglich? Wer hatte es erzählt, wer zuerst -geglaubt? - -An den Kreuzwegen der Felder, an den schmalen Brücken der hellen Bäche, -die durch die sanft gewellten Talmulden blitzten, überall knirschte und -schlürfte es. Greise und alte Weiber, die einzigen Einwohner verlassener -Ansiedlungen, schlichen hier zusammen. Wackelnde Köpfe, erstorbene Stimmen -erzählten sich Gräßliches: - -»Wißt ihr schon? Es ist wahr. Man kann es beschwören. Das Rittergut -Lutheinen ist abgebrannt bis auf den Erdboden. Da, wo das Schloß stand, -liegt ein Kohlenhaufen.« - -»Im Frieden, denkt euch, mitten im Frieden!« - -»Woher sie kamen und wohin sie entschwunden sind, das weiß kein Mensch. -Aber acht Meilen weit ritten sie ins Land hinein. Sie trieben vor sich her, -was vor ihre Lanzen kam. Die Mädchen wurden an die Pferde gebunden, die -Kinder gehetzt, bis sie erstickten.« - -»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!« - -»Ich sah es nicht selbst, aber der Landbriefträger hat es erzählt. Dem -Schmied von Löthau haben sie, als er einen von den Mordbrennern mit dem -großen Hammer totschlug, mit seinem eigenen Viehstempel eine Marke ins -Genick gesengt. Der Mann ist wahnsinnig geworden.« - -»Wehe, wehe, wie wird es uns gehen! Wer wird uns zu essen geben, wenn wir -nicht mehr weiter können?« - -»Lauft zu dem Fräulein von Maritzken, sie hat Milcheimer aufgestellt und -Brote hingelegt.« - -»Herr Jesus, ist sie noch da?« - -»Ja, die Grothe-Marjellen sind noch da. Wir haben ihre hellen Kleider -durch die Büsche gesehen.« - -»Oh, sie muß uns Brot und Milch geben. Und dann weiter, weiter, hier -bleiben wir nicht!« - - * * * * * - -In dem kleinen gemütlichen Eßzimmer zu ebener Erde saßen die beiden -ältesten Grothe-Schwestern, und es schien, als ob sie trotz ihrer -Verlassenheit ruhig die Hefte der Journalmappe durchstöberten, die zum -Teil aufgeschlagen die Platte bedeckten. Über ihnen sandte die grün -verhangene Hängelampe ihr sanftes elektrisches Licht aus, und in dem -kleinen Gemach waltete eine Stille, die man in anderen Zeiten behaglich -genannt hätte. Heute aber war es, als ob der Tag an seiner Rüste beklemmt -den Atem anhielt, bevor er von neuem seinen Mund zu wilden blutrünstigen -Märchen und Erzählungen öffnete. Eben schlug es von dem nahen hölzernen -Kirchturm die neunte Stunde. Durch die Wipfel der hochstrebenden Eichen -vor dem Hause fuhr ein ziehendes Wehen, ein unheimliches Ächzen, das die -innere Unruhe nur vermehren konnte, als die Seitentür knarrte, und Isa -in einem grauen Reisekleid, einem schwarzen Lackhut auf den roten Haaren, -völlig gerüstet hereintrat. In dem feinen Gesicht der Siebzehnjährigen -nistete eine erschreckende Blässe. Ihre großen Goldaugen schienen wie -von Nebel verhängt und irrten unruhig von den beiden älteren Schwestern -hinweg zu dem einzigen Fenster der Stube hin, vor das die Nacht jede -Aussicht sperrend ihr schwarzlockiges Haupt gedrängt hatte. Vergebliches -Mühen, denn die Jüngste der Grothe-Marjellen fing dennoch in ihrer -aufgereizten Einbildungskraft tolle, sich überstürzende Begebnisse auf, -die sich dort draußen unter erstickten schreckhaften Rufen verkündeten. -In nervöser Hast fingerte sie auf der Platte des Tisches herum und zupfte -an den Ecken der Journalhefte, ohne zu empfinden, wie sehr sie dadurch ihre -ruhige Schwester Marianne in ihrer Lektüre beeinträchtigte. - -Da trat Johanna auf das furchtgeschüttelte Mädchen zu und klopfte ihr -leise die Wange. Von der Berührung zu sich selbst gebracht, drängte sich -Isa dicht an die ragende Gestalt ihrer ältesten Schwester heran, und eine -kurze Sekunde war es der Kleinen, als ob hier an den festen Gliedern der -ruhigen und gefaßten Frau auch für sie ein Schutz, eine Zuflucht geboten -werden könnte. Im nächsten Moment freilich flackerten ihre Blicke wieder -begehrlich um die nahe Tür, denn der ungestüme quälende Hang nach Flucht -und Rettung überwältigten das zitternde Geschöpf von neuem. - -»Du willst also wirklich diese Nacht nicht bei uns verbringen?« fragte -Johanna in ihrem gewohnten Ernst, wobei sie es jedoch vermied, irgendeinen -Tadel oder eine Abmahnung mitklingen zu lassen, »du bleibst dabei, zu so -später Stunde zu unserer Tante Adelheid nach Sorquitten zu fahren? Aber -wie, Kind, wenn Fedor Stötteritz und die meisten seiner Leute schon fort -wären? Ich will dich nicht ängstigen, aber es ist doch möglich.« - -Die Jüngste jedoch ließ sich von dem Einwurf nicht treffen, sie -schüttelte das rote Haupt nur bestimmter und sicherer, als ob es für ihre -Pläne kein Hindernis geben könnte. - -»Das wird ja nicht sein,« stammelte sie in der Sucht, sich an einen -irgendwo in der Ferne gaukelnden Rettungsschimmer wie an ein starkes -Seil zu hängen, »das ist ja ganz gewiß nicht der Fall. Fedor, und der -Inspektor, und alle seine Knechte sind noch da. Dort befindet man sich -dann endlich in Sicherheit. Nicht wahr, das meinst du doch auch? Komm mit, -Johanna,« setzte sie plötzlich dringend hinzu, während sie die Hand -der Blonden mit fieberhafter Glut umspannte, »komm mit, ich bitte dich. -Begleite du mich wenigstens, Marianne. Ich kann euch nicht schildern, was -ich hier leide. Wenn wenigstens ein Mann uns zur Seite stände, wenn Konsul -Bark -- --« - -»Laß den Konsul zufrieden,« schnitt Johanna rasch ab. »Er wird jetzt -für sich selbst zu sorgen haben. Und du, mein Kind, fahre in Gottes -Namen. Baumgartner wartet draußen schon mit dem Wagen auf dich. Und um -uns brauchst du dich nicht zu beunruhigen, hörst du? Der Landrat hat mir -versprochen, daß wir sofort durch Depesche benachrichtigt werden, wenn -irgendeine Gefahr im Anzuge sei. Grüße Tante Adelheid und auch Fedor -von mir und sage ihnen, sobald es zum Äußersten kommt, werde ich -selbstverständlich auch an mich denken. Nun geh, mein Kind, mache dir den -Abschied nicht schwer, denn ich denke, wir sehen uns in den nächsten Tagen -wieder. Und Baumgartner soll das Verdeck hochschlagen, verstanden? Denn es -sieht aus, als ob es regnen wollte.« - -Ein paar Minuten später rollte der Wagen mit seiner einsamen Insassin -bereits über die Chaussee. Kühl lag die Nacht auf Feld und Steg. -Schwarzgezackte Wolken segelten an dem sternenlosen Himmel dahin und -schoben sich zu ungeheuren drohenden Gebilden zusammen. Nur ab und zu jagte -ein bleicher Mond aus den gähnenden Klüften dort oben heraus und goß -einen schnell verschwindenden Lichtsturz auf die reifen Felder herab. Ein -paar vereinzelte Regentropfen klatschten hohl auf den Weg. - -Ungeduldig rückte Isa unter dem engen Lederverdeck hin und her. Es war -so dunkel und stickig unter der schwarzen Kappe. Jede Aussicht wurde -versperrt. Und ein unbestimmtes banges Gefühl befahl ihr, noch einmal nach -der entschwindenden Heimat zurückzuschauen. Pochenden Herzens erhob sie -sich, um ihrem Kutscher einen leichten Schlag auf den Rücken zu versetzen. -Überrascht wandte sich der still vor sich hinstarrende Mann zurück. - -»Was wollen Sie, Fräulein?« - -»Baumgartner,« schmeichelte Isa, während ihre Hand immer noch unbewußt -über die Schulter des Statthalters glitt, »es ist so beklommen hier -drinnen; schlagen Sie das Verdeck zurück.« - -Der Mann schüttelte bedenklich das Haupt und zog die Zügel etwas an. - -»Aber Fräuleinchen,« wehrte er sich, »es feuchtet hier draußen. Hören -Sie nicht die Regentropfen?« - -»Das schadet nichts, lieber Baumgartner, ich bitte Sie, tun Sie mir den -Gefallen. Ich kann hier unter dem Leder nicht ordentlich atmen.« - -Jetzt murmelte der treue Verwalter etwas vor sich hin, sprang aber sofort -herab, und gleich darauf faltete sich der dunkle Plan über dem Haupt der -sich Zusammenduckenden, der schwarze Nachthimmel dehnte sich über ihr, und -ein feuchter Windzug pfiff an ihren Wangen vorüber. - -»So, nun aber weiter,« sprach Baumgartner, der inzwischen den Bock -wieder eingenommen hatte, zu der noch immer hinter ihm Stehenden, und dann -murmelte er abermals etwas, was Isa trotz aller Anstrengung nicht verstand, -spähte nach rechts und links über die dunklen Feldwege und ließ -endlich seine Peitsche sausend über die trabenden Pferde dahinklatschen. -»Vorwärts, vorwärts,« trieb er. - -Hinter ihnen verglommen die letzten zuckenden Lichtschimmer, die die Gegend -von Maritzken andeuteten, und immer näher wanderte ihnen die dunkle Linie -eines Tannenschlages. Von fern hörte man bereits das Ächzen und Knarren -der Wipfel. - -»Vorwärts, vorwärts,« drängte Baumgartner abermals und wollte seine -Peitsche weit ausholend durch die Luft streifen lassen. Aber mitten im -Schwung erschrak er und hielt ein. - -»Wir sind doch bald da?« forschte Isa über seine Schulter herüber. - -»Ja -- jawohl -- wir sind bald da. Eine halbe Stunde.« - -Allmählich ließ sich das Mädchen wieder in die Wagenecke zurücksinken, -krampfte die Hände zusammen und saß hochaufgerichtet da. So ausgesetzt, -so allein, so der tröstenden Hilfe bedürftig, wie jetzt inmitten der -farblosen, gestaltenschwangeren Nacht, meinte sie sich noch nie befunden -zu haben. Unwillkürlich hob sie den behandschuhten Finger an ihre bebenden -Lippen, wie sie es als Kind in Not und Bedrängnis getan, und starrte -voraussuchend in die dicke Finsternis, die nur ab und zu durch -vorüberhuschende weiße Chausseesteine unterbrochen wurde. - -O, jetzt ein Schutz, jetzt ein lachendes gutes Wort! - -»Baumgartner, sind wir bald da?« - -»Ja, Fräuleinchen, knapp eine Viertelstunde -- aber -- --« - -Jedoch seine Insassin vernahm die Einschränkung des Mannes auf dem Bock -nicht mehr, denn während ihre Augen furchtsam das dunkle Untergestrüpp -des Waldes durchirrten, dessen schlanke Stämme bis dicht an die Chaussee -herantraten, da lungerte ihre aufgescheuchte Einbildungskraft sehnsüchtig -nach den Rettern aus, von denen sie meinte, daß sie ihr allein Erlösung -und Trost verbürgen könnten. Die muskulöse Riesengestalt des Recken -von Stötteritz tauchte vor ihr auf, dann entsann sie sich der ernsten -Entschlossenheit von Fritz Harder. Aber körperlicher als diese beiden -fühlte sie den um vieles älteren Konsul neben sich lehnen, und ihre -Glieder erwärmten sich beinahe, als sie sich vorstellte, wie spöttisch -und väterlich die Stimme des gereiften Mannes jetzt klingen würde: »Na, -kleines Rotfeuer, man wird ja gleich das Kinderbettchen aufschlagen. Nur -Geduld, es dauert nicht mehr lange.« - -Erschreckt fuhr sie empor, denn in demselben Augenblick hatte wirklich -etwas zu ihr gesprochen. Der Wagen hielt. Mitten in der engen Waldstraße, -nicht hundert Schritt von dem Austritt in das freie Feld entfernt, das im -fahlen Mondenlicht weiß herüberglänzte. - -»Baumgartner, sagten Sie etwas?« - -»Ja, Fräulein.« - -Sie sprang empor, stützte sich auf das eiserne Bockgeländer und brachte -ihr Haupt so nahe an den Verwalter heran, bis sie seinen feuchten Ärmel an -ihrer Wange spürte. - -»Warum halten wir hier?« ging es ihr schwer über die Zunge. Und zugleich -merkte sie, wie sie unfähig wäre, auch nur ein Glied zu bewegen, weil ihr -ganzer Körper von einer starren Lähmung geschlagen war. »Baumgartner, um -Gottes willen, was beobachten Sie dort vorn auf dem Feld?« - -Allein der Mann erteilte keine Antwort. Mit einem einzigen Sprung setzte -er plötzlich vom Wagen, und die Zurückgelassene erkannte wie hinter einem -Flor, daß ihr Schützer in weiten Sprüngen am Waldrand entlang huschte, -immer ängstlich bemüht, das hereinfallende Mondlicht zu meiden. - -Sie wollte schreien, aber die Stimme versagte ihr. - -Seltsam, seltsam! Was waren das für dunkle, bewegliche Schatten dort -hinten am Ende des Waldausschlages? In dichten Massen schienen sie -dahinzugleiten, fremde, unentzifferbare Laute schlugen deutlich durch -das Gehölz. Und jetzt -- nein, sie täuschte sich nicht -- da und dort -blitzten kleine runde Lichter auf. Sie waren dem wandernden Zuge -eingefügt und sandten vorüberschwebende, spähende Lichtkegel durch die -aufgleißenden grünen Nadelzweige. - -Horch und jetzt!? - -Ein Kälteschauer schnitt ihr über die Brust, der Atem stockte der -Entsetzten, denn ohne daß sie das geringste merkte, war plötzlich eine -Gestalt neben dem Wagen aufgewachsen, schwang sich auf den Bock und riß -die Zügel an sich. - -»Baumgartner, um Gottes Barmherzigkeit willen, sind Sie's?« - -Allein der Mann, der die Führung des Wagens übernommen hatte, blieb -stumm. Mit Aufbietung aller Kräfte warf er die Pferde zurück, schlug -ihnen mit dem Peitschenstiel über die Köpfe und ließ das Gefährt über -den Graben hinweg in den Seitenschlag hineinrasen. Von dem Stoß getroffen -wurde das Mädchen in die Polster zurückgeschleudert. In wahnsinniger -Flucht schossen die Baumriesen an ihr vorüber, überhängende Zweige -schlugen ihr ins Gesicht, der Wagen sprang und polterte, daß sie von einer -Ecke in die andere geschleudert wurde, und dazwischen zischte etwas um sie -herum, etwas gänzlich Fremdes, nie Gekanntes, wie vorübersausende Bienen, -die einen bösen pfeifenden Ton ausstießen. Und bei alledem behielt -die Überwältigte noch genügend Besinnung, um ein schwaches Erstaunen -darüber zu empfinden, warum der Pfad vor ihnen so schwarz und unbeleuchtet -blieb. Der Mann auf dem Bock mußte die Laternen gelöscht haben. Und -weiter flog der Wagen über Baumwurzeln und Maulwurfsgruben. Jetzt eine -knirschende Schwenkung, und mitten hinein ging es in ein rauschendes Feld. -Surrend, gleich zischenden Dampfwolken wogten die starken Halme rechts und -links an dem Gefährt vorüber. - -Und dann -- - -Eben meldete sich ein sanfteres Rollen, da schrien mehrere wilde Stimmen -neben ihnen auf. Ein sausender Schlag wie mit einem eisernen Schaft traf -das lederne Verdeck, die Wagenpferde stiegen und wieherten, ein erneutes -tolles Herumschwenken und abermals rauschte und strich das Meer der -wogenden Ähren um die versinkenden Räder herum. - -Allein das Mädchen fürchtete nichts mehr, denn das klare Bewußtsein war -ihr untergegangen. - -Als Isa wieder zu sich kam, da wölbte sich über ihr der mit -Wappenschilden bunt bemalte Torbogen der Stadt. Trüber Mondschein sickerte -noch aus den Wolken. Auf dem Bock saß Baumgartner, und obwohl dem Treuen -über das übernächtigte Antlitz der Schweiß rann, fragte er doch -freundlich, erlöst: - -»Wohin, Fräuleinchen?« - -Isa besann sich nicht: - -»Zu Konsul Bark,« sagte sie rasch. - - * * * * * - -Über den Hof von Maritzken schritt durch die Schwärze der Nacht die hohe -Gestalt eines Weibes. In ein Umschlagetuch gehüllt lehnte Johanna eine -Weile an der Einfahrt und lauschte auf die Chaussee heraus, ob sich noch -immer nicht das Rollen des zurückkehrenden Wagens anmelde. - -Kein Laut. - -Nur das hohle Aufschlagen der vereinzelt dahinstiebenden schweren -Regentropfen fing ihr gespanntes Ohr auf, und dazwischen strich ein -feuchter Wind zischend und raschelnd um die Pfeiler der Einfahrt. Eine -leise Unruhe stieg in der Besonnenen auf. Sollte der Wagen vielleicht -irgendwo eine Beschädigung erlitten haben? Jedenfalls wollte sie wach -bleiben, um das Eintreffen Baumgartners zu erwarten. Fröstelnd hüllte sie -sich tiefer in das warme Tuch und schritt langsam über den Hof zurück. -Überall waltete schwere lastende Ruhe. Aus den Kuhställen drang ein -vereinzeltes Brummen hervor, und aus den vergitterten, halb angelehnten -Fenstern schlug eine bleiche Wolke tierischer Wärme heraus. Dicht vor dem -Hause lösten sich zwei schlanke Schatten ab. Es waren die beiden munteren -Schäferhunde, die jetzt wedelnd an ihrer Herrin in die Höhe sprangen. -Eigentümlich grell leuchteten die Augen der Tiere durch die Finsternis. - -Und weiter schritt Johanna durch das Haus. Hier und da legte die Sorgliche -die Hand auf eine der Türklinken, um zu prüfen, ob auch überall -verschlossen wäre. Dann stieg sie in den ersten Stock hinauf und blieb -vor Mariannes kleinem Gemach stehen. Selbst bei dem trüben Licht des -Petroleumlämpchens, das den schmalen Gang auch in der Nacht erhellte, -konnte man erkennen, wie sich die Stirn der Einsamen verzog, als sie jetzt -die tiefen Atemzüge der dort drinnen gewiß sorglos Schlummernden auffing. -Bedrückt schüttelte sie das Haupt, und ein kurzer Seufzer entrang sich -ihr, bevor sie sich losriß, um ihr eigenes Schlafzimmer aufzusuchen. -Überaus eng und einfach bot sich der weiß gedielte Raum dar. Ein festes -eichenes Bett, darüber an der bläulich getünchten Wand ein Holzkreuz -des Erlösers, ein altertümlich geschnitzter Schrank, eine breite -Eichenkommode, die zugleich als Waschtisch diente, -- sonst nichts. Kein -Schmuck, kein Zierat; nur an der Seitenwand hing der gebräunte Buntstich -des Preußenprinzen Louis Ferdinand, und die dunklen, schwermütigen Augen -des Bildes verfolgten das große blonde Weib, als es sich jetzt hart -auf den Rand seines Bettes niederließ, und verhinderten sie daran, zum -erstenmal an dem Arbeitstage ruhig ihre fleißigen Hände in dem Schoß zu -verschränken. Das einzige Fenster des Zimmerchens stand noch offen, und -die Einsame wandte ihr Haupt und lauschte von neuem. Draußen schüttelten -die schmal geschnittenen Eichen ihre hochragenden Kronen, und die Blätter -wisperten und raunten in scharfer, spitzer Geschwätzigkeit. Müde erhob -sie sich, um das Fenster zu schließen. Dann begann sie, sich gedankenlos -zu entkleiden. Sie löste das reiche blonde Haar, das jetzt, nachdem es -entfesselt war, in lichten Wellen an ihr herniederfiel. Aber die Besitzerin -dieses Schmuckes wandte keinen Blick auf die weiche Pracht, sondern warf -hastig ihre Bluse ab. Und wieder zuckte sie betroffen zusammen, als sie -merkte, wie fröstelnd es ihr am Abend des heißen Augusttages über die -entblößten Arme schnitt. - -Jetzt -- aber mein Gott, was war das? Was bedeutete es, daß die Augen des -toten Prinzen dort oben auf dem Bilde einen immer sprechenderen Ausdruck -annahmen? Ein matter Zug von Sattheit und doch unterdrückter Lebensgier -spielte dabei um die fein geschwungenen Lippen, und es lag etwas -Spöttisches, Wegwerfendes in der Art, wie das Bild ihr auf Schulter und -Nacken herabschaute. - -Minute auf Minute verstrich. Von draußen summte der matte Schlag -der Dorfuhr herein, und dazwischen hämmerten schwere Tropfen, jetzt -ununterbrochen, gegen die Fensterscheiben. Ein unablässiges Spritzen und -Rinnen. Sie wandte sich und sah, wie der weiße Vorhang des Fensters in der -Zugluft, die durch die undichten Fugen schlüpfte, leise hin und her bewegt -wurde. Um das Lämpchen auf dem Waschtisch schwirrte und gaukelte ein -winziger Nachtfalter. Von Zeit zu Zeit vernahm sie das Anschlagen seiner -Flügel. - -Jedoch allmählich vermischten und verwirrten sich die Geräusche. Das -Frösteln über ihrer Brust zwang sie, sich tiefer zu verhüllen, sie griff -in den weißen Bettüberzug, lehnte sich weiter zurück, und noch einmal -war es der Versinkenden, als vermöge ihr drohender und abweisender Blick -das merkwürdige Lächeln von dem Bilde dort oben zu verscheuchen. - -Draußen regnete es heftiger, aber in der kleinen Schlafstube wurde es -still. - -War es das klirrende Summen des Nachtfalters oder wurden in der Tat vor -den Ohren der Dahingesunkenen weiche Saitenklänge laut? Aber wie fern und -fremdartig! »Es ist ein tatarisches Bauernlied,« sagte eine schmeichelnde -Stimme, vor der sich Johanna wie in Schmerzen hin und her wand, »gestatten -Sie, Gnädigste, daß ich Ihnen den Text übersetze: - - »Ich küsse dich, Anuschka. - Ich küsse dich, Iwan. - Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?« - -Gegen die Fenster flog ein Regenguß, dann zitterten die Scheiben, und die -Tür des kleinen Zimmers brach auf. - -»Es bereitet mir aufrichtige Betrübnis, meine Gnädigste, Sie um diese -Zeit wecken zu müssen,« fuhr die wohllautende Stimme fort, und ein Hauch -von Kälte und Feuchtigkeit strömte über das Lager. - -Entsetzen! - -Johanna flog empor. Das Kissen unter ihrem Haupt fiel zu Boden, und ihre -Rechte rieb wild über ihre Augenlider, als sei es nur so möglich, dieses -wahnsinnige Traumbild zu vertreiben. Allein es blieb. Es stand vor ihr in -einem faltenreichen grauen Mantel, von dem der Regen triefte, und sobald -es sich bewegte, klirrten Sporen und Säbel. Die Augen des Phantoms jedoch, -diese halb traurigen, halb begehrlichen Augen, ruhten ohne Erbarmen auf der -von Schrecken und Entsetzen Niedergeworfenen. - -Ungläubig, wild, vor den Ohren ein strömendes Rauschen, so lag sie -kraftlos in ihren Kissen, unfähig, durch die matteste Bewegung ihre -Blöße zu decken, und während ihre gebannte Zunge den Versuch machte, -einen verständlichen Laut hervorzustoßen, da saugten sich ihre -herumirrenden Augen, die noch immer nicht zu unterscheiden vermochten, -an dem matten, schwarzen Lauf eines Revolvers fest, den der Eindringling -gestreckt vor sich hielt, obwohl die Waffe von dem herabwallenden Mantel -halb verborgen wurde. - -Ein paar eilige Sekunden regte sich in dem kleinen Zimmer nichts mehr, -in dumpfem Anschlag hörte man den Falter gegen den glühenden Zylinder -taumeln, die Menschen jedoch schienen an das unerhörte Begebnis wie -festgeschmiedet. Erst als die Atemzüge der Liegenden immer vernehmlicher -röchelten, als ob ein Sterbender von allem Gewohnten Abschied nimmt, da -schüttelte der verhüllte Offizier seine eigene Beklemmung ab und legte -begütigend die Hand auf das Kissen, ohne darauf zu achten, wie die Waffe -sich mit über das weiße Linnen schob. - -»Meine Gnädige,« begann die reine einfangende Stimme von neuem, die das -Deutsche in einem so wunderlich reizvollen Tonfall vortrug, »bitte nehmen -Sie die Situation, wie sie in unserem Falle genommen werden muß. Ich habe -allerdings den Befehl, Ihr Gehöft zu besetzen, aber schon der Umstand, -daß ich den großen Vorzug Ihrer Bekanntschaft genieße, muß Sie von dem -Mangel jeder persönlichen Gefahr überzeugen.« - -Noch redete der Fürst, als die Gutsherrin plötzlich etwas Kaltes, feucht -Durchfröstelndes an ihrem Arm spürte, und mit der Berührung schoß -ihr ihre Lage, ihre rettungslose Auslieferung an eine fremde Gewalt mit -schmerzhafter Klarheit ins Bewußtsein. Zuvorkommend lächelnd sah -der durchnäßte Offizier mit an, wie das blonde Haupt sich mit einer -gewaltsamen Anstrengung erhob, ja, er fühlte eine Art von Bewunderung für -die furchtlose Ruhe, die so unvermutet in den eben noch verstörten Zügen -lebendig wurde. Nur ungemein blaß blieben die Wangen des großen Weibes, -das so hoheitsvoll und unnahbar vor ihm gelegen hatte, und er konnte nicht -umhin, seine zudringlichen Augen niederzuschlagen, als er bemerkte, wie sie -mit rastlosen Händen ihren leinenen Mantel um ihre Schultern zusammenzog. - -»Ist Krieg ausgebrochen?« war das erste, was sich rauh ihrer Kehle -entwand, während sie mit einer raschen Bewegung aus dem Bett glitt. Ganz -nah stand sie dem Manne jetzt gegenüber, von dem sie sich blitzartig -entsann, daß er Dimitri heiße, ihre Hände hielt sie unter dem Hals -zusammengefaltet, und ihre langen hellen Haare fielen ihr über die -Schulter. - -Auch der Russe stand ohne sich zu rühren, nur die Nasenflügel bebten ein -wenig, und in seinen Blick drang etwas Unsicheres, das zu seiner gewohnten -vornehmen Überlegenheit nicht völlig paßte. - -»Ist Krieg ausgebrochen?« stieß Johanna noch einmal hervor, und ihre in -der matten Beleuchtung fast dunklen Augen umspannten aufmerksam die nahe -Tür, als begänne sie bereits jetzt zu berechnen, wie man den Ausgang -gewinnen könne. »Uns ist von einer Erklärung nichts bekannt,« setzte -sie schon etwas anklagender hinzu, denn ihr Gerechtigkeitssinn klammerte -sich selbst in diesem Weltuntergang an Ordnung und Herkommen. - -Der Offizier jedoch zuckte verbindlich die Achseln und riß sich mit einem -entschuldigenden Murmeln die durchnäßte grüngraue Mütze von seinem -Lockenhaupt, denn jetzt, da die große blonde Nemza so kühl und frostig, -wie er sie im Gedächtnis bewahrte, vor ihm aufragte, da erinnerte sich -sein anerzogener Takt daran, daß er immerhin vor einer Dame stände und -zwar in ihrem Schlafgemach. - -»Gnädigste,« sagte er rasch, indem er die kleine Schußwaffe in -die Manteltasche gleiten ließ, um sein Gegenüber nicht unnötig zu -ängstigen, »ich bedaure es außerordentlich, daß ich für Sie der erste -Bote der bereits seit gestern begonnenen Streitigkeiten sein muß. Ob diese -Differenzen vorher angekündigt wurden oder nicht, bin ich leider nicht -in der Lage zu übersehen. Jedenfalls bringt der rasche Einbruch für uns -Vorteile, die ich wahrzunehmen gezwungen bin.« - -In dem Bestreben, die Gutsherrin zu beruhigen, wollte der Dragoner -augenscheinlich noch etwas anfügen, als sich hinter ihm ein Poltern und -Schreien erhob. Ein paar völlig mit Kot bespritzte, vom Regen beinahe -durchweichte Soldaten waren die Treppe heraufgestürmt. Sie hielten -eine brennende Stallaterne vor sich und starrten neugierig in das offene -Stübchen, mit einem heimlichen Schmunzeln, das Johanna, obwohl sie jetzt -erst den vollen Ernst ihrer Bedrängnis erkannte, innerlich empörte. - -»Durchlaucht,« wandte sie sich ohne noch eine Spur von Beängstigung -zu verraten, an den Offizier, und ihre Stimme klang streng und ernst -wie immer, »bitte schicken Sie Ihre Leute fort, denn ich bin nicht so -bekleidet, um mich vor Fremden zeigen zu können. Das gilt auch für -Sie. Und dann bitte sagen Sie mir, was Sie von mir wünschen und welches -Schicksal mich und die Bewohner von Maritzken erwartet.« - -Der Russe wandte sich erst zur Tür, warf die Hand gebieterisch vor und -rief ein einziges fremdartiges Wort. Aber seine Weise, Befehle zu erteilen, -schien von der Gewöhnung diktiert, Gehorsam zu erzwingen. Sofort krümmten -sich die durchnäßten struppigen Gestalten auf dem dunklen Flur zusammen -und tappten lautlos die Treppe herunter. Nur ein starker Mann, der wohl die -Charge eines Wachtmeisters einnahm, raffte den Säbel militärisch an sich -und erstattete eine kurze Meldung. Daraufhin flog ein Schatten über die -Züge des Fürsten, er wandte sich ein paarmal unentschlossen hin und her, -um dann von neuem auf die Besitzerin des Hauses zuzutreten. Diesmal jedoch -klang seine Anrede nicht mehr so devot und rücksichtsvoll, sondern sie -war beherrscht von dem Willen eines Machthabers, der für seine Wünsche -Beachtung zu finden gesonnen ist. - -»Meine Gnädige,« begann er, »ich hätte es sicherlich vorgezogen, Ihnen -erst morgen meine Aufwartung zu machen, wenn ein Unfall uns nicht zwänge, -Ihre tätige Mitwirkung zu erbitten. Ich brauche ein gut eingerichtetes -Zimmer für einen Verwundeten,« fuhr er knapp und berechnend fort. -»Drinnen in der Stadt ist einem meiner Offiziere von einer bekannten -Persönlichkeit ein Empfang bereitet worden, wie wir ihn von einem uns -freundschaftlich nahestehenden Herrn nicht erwarten durften.« - -»Um Gottes willen, von wem reden Sie?« rief Johanna von einer Ahnung -durchschlagen. - -Der Offizier jedoch schüttelte diesmal abweisend das Haupt. »Ich bedaure, -darüber keine Auskunft erteilen zu können,« lehnte er mit einer leichten -Verbeugung ab. »Dagegen muß ich Sie noch einmal ersuchen, für meinen -verwundeten Kameraden die umfassendste Sorge tragen zu wollen. Er glaubte, -hier eine unserer Sanitätskolonnen erreichen zu können, aber dieses -Vorhaben ist uns leider mißgeglückt. Bitte wollen Sie deshalb, mein -Fräulein, sofort ein geräumiges Zimmer aufschließen lassen und uns -sodann die etwa vorhandenen Leinen- und Verbandstoffe anvertrauen.« - -»Darf ich mich erst umkleiden?« drängte die Älteste von Maritzken -gepreßt. - -Der Offizier bewegte bedauernd die Hand. - -»Ich vermag Ihren Unwillen vollkommen zu begreifen,« wandte er immer noch -mit seiner konzilianten Haltung ein, »allein wie ich schon betonte, unser -Fall verlangt die größte Eile. Bitte, wollen Sie vorantreten,« forderte -er dann noch zielbewußter, »und seien Sie überzeugt, Ihnen wird nicht -nur von mir, sondern auch von allen meinen Untergebenen jeder Respekt -entgegengebracht werden!« - -Damit ergriff der Russe ohne weitere Erlaubnis die kleine Petroleumlampe, -trat an die Schwelle der Tür und hob die Leuchte hoch in die Höhe. -Johanna aber durchdrang, während sie schweigend an ihm vorüberschritt, -zum erstenmal das peinigende Gefühl des Unterworfenseins. Es war ja -eigentlich eine ganz lächerliche Veranlassung, aber als der fremde Mann, -der sie doch mit ausgesuchter Höflichkeit behandelte, den Porzellangriff -des Lämpchens umklammerte, mit einer Selbstverständlichkeit, als -hätte von nun an alles, was zu diesem Hause gehörte, unbedingt und ohne -Widerrede seinen Wünschen zu dienen, da schnitt dem Landfräulein etwas -ins Herz. Etwas, das nie wieder heilen sollte und wodurch in ihr Denken -ein Verlangen hineingetragen wurde, das sie sich vorläufig noch nicht -zu deuten vermochte, vor dessen Gewalt aber ihr ruhiges Gleichmaß -schließlich in die Knie brach. Eilfertig, wie ihr geheißen war, stieg sie -die Treppe herunter, ihre Hände zogen noch immer instinktiv die leinene -Hülle fest unter ihrem Halse zusammen, aber während sie bereits kühl -und folgerichtig überlegte, welche Anordnungen nun zunächst zu treffen -wären, und ob nicht etwa Knechten und Mägden bereits ein Unheil -widerfahren sein könnte, da spürte sie in den Tiefen ihres Wesens -ein unheimliches wildes Klopfen und Drängen, ein Fluten, das wie ein -unstillbares Fieber von nun an ihren Leib umhüllte, auch wenn ihr Mund -lächelte. Mit leichten Tritten war ihr Fürst Fergussow gefolgt. Sie -hörte seine Sporen noch auf den Stufen klirren, als sie bereits zu ebener -Erde vor einer breiten Tür stehen blieb, um dann durch einen Schlüssel -des mitgebrachten Bundes das Schloß zu öffnen. Allein noch war das -Räuspern und Winden des Schlüssels nicht ganz verklungen, als hinter -der Abgewandten eine hohle Stimme sich bemerkbar machte, die mit größter -Anstrengung Mark und Tiefe in ihr Organ zu zwingen suchte. - -»Ah =bon soir=, schönstes Fräulein,« röchelte es in gebrochenen -Lauten. - -Johanna kehrte sich betroffen um, und bei dem trüben Lampenlicht, das vor -der einströmenden Luft zuckte und flimmerte, fing sie mit Schauder auf, -wie neben dem Eingang ein bärtiger Mann zusammengesunken auf einem alten -zerfetzten Bauernstuhl hockte, den die Russen scheinbar von weit her -mitgeschleppt hatten. Über dem grauen Mantel hatte sich ein verkrustetes -Blutrinnsal gebildet, und aus dem breiten Gesicht, das einen fahlen -Widerschein von sich gab, leuchteten ein paar funkelnde, bösartige Augen. - -»Diese Schweine,« fuhr die hohle Stimme mit zitternden Schwankungen fort, -»Sie haben mich festgebunden, sonst würde ich aufstehen. Ganz gewiß. Leo -Konstantinowitsch Sassin weiß, was er schönen Damen schuldet.« Und dann -versickerten die schwächlichen Laute, und Johanna fühlte beschämt, -wie die brennenden Augen des Verwundeten spürend an ihrem weißen Gewand -herumtasteten. »Aus dem Bett geholt?«, keuchte der Blutende und richtete -einen seltsamen Blick auf den Fürsten Fergussow. »Dieser verfluchte -Krieg, wir wünschen ihn nicht.« Aber gleich darauf warf sich der -Rittmeister so gut er konnte, zu den ihn umstehenden Soldaten herum und -schrie wütend, so daß es jetzt wirklich durch das Haus gellte: »Schert -euch endlich zu einem Arzt, ihr Müßiggänger. Wollt ihr mich hier noch -länger anstarren? Und Sie, Durchlaucht, verschaffen mir vielleicht durch -Ihre vorzüglichen Verbindungen ein Sofa oder eine Chaiselongue. Ich -brauche nur ein paar Stunden Schlaf. Sie sollen sehen, nichts weiter. Oh, -dieser verwünschte deutsche Heuchler, wenn ihm doch heimgezahlt würde!« - -Wie ein Traum, rasch, schemenhaft, wesenlos, glitt von nun an alles an -der Gutsherrin vorüber. Sie sah, wie der Kranke auf seinem Stuhl von zwei -Soldaten in das geöffnete Zimmer getragen wurde und spürte die schwere -stickige Luft, die aus dem Raum herausschlug, weil es eines jener -Staatsgemächer war, die mit verhängten Fenstern fast das ganze Jahr -unbenutzt in dunklem Schlafe lagen. Ihr war es so, als ob der Verwundete -auf das veilchenblaue Samtsofa gebettet würde, und vorüberfliehend -preßte die Erwägung ihr hausmütterliches Herz zusammen, wie sehr das -kostbare alte Ebenholzmöbel unter der beschmutzten Kleidung des Mannes -sowie vom herabrinnenden Blute leiden müßte. Ihr schien es, als ob die -junge Frau des Verwalters Baumgartner, die ihr halbwüchsiges Töchterlein -an der Hand führte, von ein paar rohen Männerfäusten zur Bedienung des -Kranken über die Schwelle gestoßen wäre, und für einen hinzuckenden -Moment erkannte sie die bleichen Züge der beiden halb Bekleideten, in -denen ein starres Entsetzen lauerte. Dann fand sie sich selbst vor dem -mächtigen Bauernschrank auf dem Flur, aus dem sie Leinenstoffe und -allerlei Verbandzeug herausgab. - -Aber plötzlich wurde alles still, der Lichtschein entschwand hinter -der geschlossenen Tür, und nur ein paar nahe, regelmäßige Atemzüge -verrieten ihrem herumtastenden Bewußtsein, daß sie jetzt mit dem Fürsten -Fergussow allein in der Finsternis weile. Empfindlich schauerte sie -zusammen, denn sie glaubte den fremden Atem ganz dicht an ihrem Nacken zu -spüren. - -Da lief unvermutet ein neuer Lichtbach die Treppe herunter, und in dem -huschenden Schein sah Johanna, wie der Russe sich zusammenraffte, um -grüßend die Hand an die Mütze zu führen. Über die obere Galerie beugte -sich Marianne herab, und aus ihrem Nachtkleid dämmerten die entblößten -Arme voll und wohlgeformt hervor, so daß selbst die widerstrebende -älteste Schwester innerlich zugeben mußte, selten ein lockenderes Bild -erschaut zu haben. Allein nur eine Sekunde konnte bei der Umsichtigen eine -derartige Erwägung dauern, denn kaum hatte sie festgestellt, mit welch -bewunderndem Glanz sich die Augen des fremden Offiziers erfüllten, da -klang es bereits hart aus ihrem herrischen Munde hervor: - -»Marianne!« - -»Was willst du?« - -»Du siehst, wir haben Einquartierung erhalten. Begib dich auf dein Zimmer -zurück und schließe hinter dir zu.« - -Aber der verbindliche Gruß des fremden Offiziers mußte auf das schöne -Geschöpf in dem losen Nachtkleid dort oben durchaus die gewünschte -Wirkung hervorgebracht haben. Um ihren Mund huschte ein wohlgefälliger -Zug, sie schien weit davon entfernt, auch nur die winzigste Vorstellung -von dem Jammer zu besitzen, der nicht allein ihre bisherige Wohnstätte, -sondern doch sicherlich auch die ganze Umgegend betroffen hatte. Mit -einer feinen Biegung verneigte sie sich zum Abschied vor dem fremden -Eindringling, und während sie sich bereits von der Galerie abkehrte, da -warf sie über die Schulter noch einen ihrer samtweichen Blicke zurück. -Es war ganz die Art, wie wenn sich eine Tänzerin nach dem Ball von ihrem -Kavalier zögernd und vielsagend trennt. Gleich darauf klang langsam und -ohne sonderliche Eile die Tür. Es wurde wieder dunkel. - -»Ich werde Licht holen,« äußerte die klare, grobe Stimme Johannas. - -Fürst Fergussow griff in seine Manteltasche, zog eine kleine elektrische -Laterne hervor und drückte den Knopf. Sogleich strahlte ein runder, -goldiger Kreis auf, in dessen Mitte das starre Haupt der Nemza in einer -steinernen Weiße hervorschimmerte. - -Und als der elektrische Blitz sich in den Augen der vom blendenden Licht -Umrahmten spiegelte, da fuhr der Beobachter zurück vor der eisernen -Grausamkeit, die dort unversteckt funkelte und glitzerte. - -»Pfui Teufel, zwei beleuchtete Messer,« dachte der Fürst widerwillig. - -Und seit dieser Erkenntnis hegte er nur den lebhaften Wunsch, die -unwillkommene Gesellschafterin rasch von sich abzuschütteln. Ohne weitere -Überlegung sagte er deshalb in seinem in Höflichkeit erstarrten Ton: - -»Ich würde es mir nie verzeihen, Sie noch länger aufzuhalten. Gute -Nacht.« - -Auch Johanna verbeugte sich und wollte aus der halbangelehnten Eingangstür -in die Dunkelheit herausschreiten, der Offizier jedoch vertrat ihr -plötzlich den Weg. - -»Gestatten Sie, daß ich noch eine Form erfülle. Mein Wachtmeister hier -wird Sie auf Ihren Gängen zu Ihrem Schutz begleiten.« - -»Ich bin also eine Gefangene?« stockte Johanna mit bitterem Lächeln. - -»Wie gesagt, es geschieht nur zu Ihrer Sicherheit. Alles Nähere werden -wir dann morgen erörtern. Bis dahin, gute Nacht, meine Gnädige, und -nochmals verzeihen Sie die Störung Ihrer Ruhe.« Und achselzuckend setzte -er hinzu: »Der Krieg ist leider ein Handwerk, das sehr gegen meinen -Geschmack mit groben Mitteln arbeitet.« - -Er verbeugte sich leicht, und Johanna bemerkte noch im Zurückblicken, wie -die schlanke Gestalt in das bereits erleuchtete Zimmer schritt und achtlos -ihren durchnäßten Mantel über einen Schaukelstuhl schleuderte. Dann -entzündete der Fürst sich eine Zigarette und begann flüchtig in den -auf dem Tisch herumliegenden deutschen Journalen zu blättern. Die weißen -Dampfwolken umschwebten ein apollinisch geschnittenes Antlitz. - - * * * * * - -Die Älteste von Maritzken saß in ihrer leichten Kleidung wieder auf dem -Bettrand, um mit Aufbietung aller Sinne jedem Geräusch nachzuspüren, -das von Hof und Haus zu ihr heraufschlug. Und die Nacht verschärfte und -verzerrte alle Töne, die sonst für die Lauschende keinen Sinn aufgewiesen -hätten und schob ihnen eine schreckhafte Deutung unter. Bald quoll ein -wüstes Ächzen und Fluchen durch die Dielen des Fußbodens empor, und -Johannas aufgeregter Geist malte sich aus, wie der Rittmeister Sassin, -nur durch ein paar dünne Planken von ihr getrennt, jetzt gewiß schon -mit einem tobenden Wundfieber rang. Herrgott, die Frau ihres Verwalters -Baumgartner war ja gezwungen worden, dort unten hilfreiche Hand zu leisten. -Und hatte die notdürftig Bekleidete nicht auch ihr blutjunges Töchterchen -bei sich gehabt? Wenn nun den Beiden von rohen Soldatenfäusten etwas -Beschämendes widerführe!? - -Wild begann ihr das Herz bis in den Hals zu schlagen, jedoch ehe sie diese -aufregende Gedankenreihe noch erschöpfen konnte, da wurde sie durch die -Erinnerung an ihren Verwalter schon wieder auf eine neue Bahn gehetzt. Ob -Baumgartner noch immer nicht zurückgekehrt war? Sie beugte sich über die -kleine Uhr auf dem Nachttisch und fuhr zusammen, als sie bemerkte, daß -bereits die zweite Stunde des Morgens angebrochen sei. Durch die Vorhänge -stahl sich schon ein mattes Grauen und Dämmern herein. Der Frühwind -sauste in den Eichenkronen, und hier und da erhob sich das vorzeitige -Zirpen eines träumenden Vogels. Aber durch all diese Anzeichen des -Erwachens drang etwas anderes hindurch, etwas so Fernes, Verschwommenes, -daß sich die Einsame aufs äußerste anstrengen mußte, um überhaupt -das in der Weite vollkommen versickernde und verschwimmende Geknister -unterscheiden zu können. Abermals griff sie in die Kissen, jedoch mehr um -sich festzuhalten, und starrte unverwandt auf die geschlossene Gardine, als -ob das leise sich bewegende Leinen kein Hindernis für sie böte. Wenn sie -ihr Gehör bis zur Schmerzhaftigkeit spannte, dann schlug von draußen ein -gedämpftes Rasseln bis an ihr Lager, rasch aufeinanderfolgende Laute, die -sich wie das Klappern über Treppenstufen herabrollender Erbsen anhörten. -Großer Gott, das kämpfende Weib begriff plötzlich, was das gleich -bleibende Geknatter zu bedeuten habe. Nun, da sie das weiße Kissen in -ihren arbeitsgewohnten Fäusten zerkrampfte, jetzt, wo sie lauschte und -lauschte, atemlos, jeder Bewegung beraubt, gleich einem Sünder, dem man -die letzte Stunde verkündet, da stürzte es plötzlich zerschmetternd auf -sie herab. Die ganze unnennbare Erkenntnis von Zerfleischen, Untergang, -Mord, Umpflügen und der entsetzlichen Wertlosigkeit des bisher so -ängstlich behüteten Einzeldaseins. Vor Wut und Grauen hätte sie laut -aufheulen mögen. Ihr gestraffter Körper warf und spannte sich, als -müßte sie ihn zur Verteidigung von etwas Letztem, Kostbarstem, einem -anstürmenden Bedränger entgegenschleudern. - -Das erste Mal in ihrem Leben barst der Panzer von Vernunft und Sitte -schallend über ihrer Brust auseinander. Es war ein anderes Weib, das, -ohne eine Ahnung davon, wie es im Moment mit den frei gewordenen, zur Rache -erhobenen Armen gleich einer Verkörperung ihres vergewaltigten Landes -dasaß, es war ein anderes, wutgeschütteltes Geschöpf, das da, keinen -Blutstropfen im Antlitz, mit unheimlich hervorblitzenden Zähnen zu dem -schönen Männerkopf hinaufstierte. - -Das Bild sah mit seinen heißen, lebenshungrigen Augen auf das -frostgeschüttelte Geschöpf herab. Laut aufschreiend strauchelte sie und -stürzte so wie sie war, quer über das Bett. Das letzte, was sie hörte, -war das immer heftiger werdende Zischen und Schwärmen der wilden Bienen, -die mit den Köpfen summend gegen die Fensterscheiben taumelten. - - * * * * * - -Eine Uhr schlug. Und zur gleichen Minute richtete sich Johanna auf, um sich -die Augen zu reiben. So geregelt verfloß ihr Dasein, daß sie sich sogar -aus Schauer und Krampf pünktlich um die fünfte Morgenstunde emporraffte, -denn es war die Zeit, wo sie die Mägde beim Melken zu beaufsichtigen -pflegte. Erstaunt, ungläubig schüttelte sie das Haupt, als sie ihre -sonderbare Lage bemerkte. Im hellen Licht des Tages fehlte ihr bereits -jedes Verständnis für das schwächliche Nachgeben einer überwältigten -Natur. Derartige Dinge verachtete sie heimlich und hatte sie stets für die -Anzeichen einer überfeinerten und kränkelnden Epoche gehalten. Und jetzt -wollten ihre eigenen Nerven versagen? - -Lächerlich! - -Dazu war sie nicht geschaffen. Es traten jetzt soviel neue, eiserne -Aufgaben an sie heran. Mußte sie nicht versuchen, durch das Ansehen ihrer -Person die Zerstörung ihres Besitztums zu verhindern? Bildete sie nicht -den letzten Halt für ihre Untergebenen, die nur im Vertrauen auf ihren -Schutz nicht schon längst ihr Heil in einer eiligen Flucht gesucht hatten? -Während sie sich ankleidete, stieß sie unhörbar das Fenster auf und -beugte sich hinaus. Dort drüben über den dichten Weizenfeldern wallte -ein bläulicher Qualm. Schwer und massig dampfte er über die Flächen, wo -früher das Gewoge der gelben Frucht das Auge der Besitzerin erfreut hatte. -Und Johannas geschärfter Blick entdeckte sofort, daß dies bleigraue -Brodeln nicht die silbernen Gespinste des Frühnebels waren. Nein, dort -draußen unter der dichten Decke verbarg sich etwas, das ihr Herz mit -Grauen, aber auch mit lichter Hoffnung erfüllte. Vielleicht hatten die -Männer ihrer Heimat dort unten auf dem Felde bereits eine furchtbare Ernte -gehalten. Vielleicht war das Unkraut, das über Nacht aufgeschossen war, -von schwieligen Händen ausgejätet und fortgesichelt, und das Stück Erde, -auf dem sie groß geworden, der weiße Hof, dem ihr unermüdliches Wirken -gegolten, sie waren womöglich schon wieder erlöst von ihren unheimlichen, -nächtlichen Gästen. Noch gab sie sich solchen schimmernden Wünschen -hin, als vom Hof ein lautes Gepolter und fremdartiger Lärm zu ihr -heraufdrangen. - -Welch ein Bild! Wie packte es mit rauhem Griff ihr aufpochendes Herz und -stieß es hin und her. Warum hatte sie den tollen Tumult, der dicht unter -ihr fessellos durcheinander quirlte, auch nur für eine Sekunde übersehen -können? Oh nein, die fremden Einlagerer waren weder versprengt noch -abgezogen. In unordentlichen Haufen, die meisten erst halb bekleidet, -standen sie gröhlend und lachend umher, und das Heu, das in Strähnen an -ihren grün-grauen Uniformstücken herumhing, bewies, wo die Mannschaften -diese Nacht eine Ruhestätte gesucht hatten. Schmerzlich verzog die -Hausherrin den Mund, als sie mit ansehen mußte, wie die feste Tür des -Kuhstalles von ein paar herkulischen Gestalten durch derbe Fußtritte -aufgestoßen wurde, und ihre Brust hob sich rascher, als sie sah, wie vier -bis fünf Kälber, jung geborenes Vieh, ohne weiteres aus ihrer warmen -Behausung herausgetrieben wurden. Jämmerlich blökten die Tiere und dann -verschwanden sie unter der dunklen Halle einer Scheune, aus der sich den -Widerstrebenden bereits blutgefärbte Fäuste entgegenreckten. Aus der -Küche erscholl lautes Zetern. Fluchende Männerstimmen schienen dort etwas -zu fordern, was sich in der Eile gewiß nicht so schnell herbeischaffen -ließ, und die Lauscherin zuckte zusammen, als das furchtsame Aufschreien -aus Mädchenkehlen an ihr Ohr schlug. - -Oh, hier war die Hölle los. Alle Ordnung, jeder Respekt vor dem -Hergebrachten, den die Älteste von Maritzken in ihrem Kreise mit soviel -Mühe und Selbstaufopferung errichtet, alles das schien unter Hohnlachen -von fremden Fäusten umgestürzt und in den Kot geworfen, als hätte es -niemals das ganze Sein und Treiben hier beherrscht. Und mit einer Gebärde -des Ekels und der Verachtung stürzte Johanna an ihren Schrank, um sich ein -Gewand überzuwerfen. Eine flüchtige Minute strichen ihre Finger zögernd -und prüfend über das zarte Geriesel eines waschseidenen Stoffes, denn -eine ferne Vorstellung befiel sie von einem vornehmen Herrn und der -möglichen Pflicht, ihr Haus stattlich zu vertreten. Aber gleich darauf -schnürten sich ihre Augenbrauen unwillig zusammen, und mit einem kurzen -Entschluß und ohne auch nur einen Blick an den Spiegel verschwendet -zu haben, streifte sie ihr gewöhnliches blau und weiß gepunktetes -Kattunkleid über, schnallte den schwarzen Ledergürtel fest über den -Hüften zusammen und eilte mit einem einzigen Sprung bis zur Treppe. Allein -schon auf der ersten Stufe besann sie sich. Gewaltsam zwang sie ihre alte -Ruhe und Besonnenheit zurück. Sie strich sich eine Strähne ihres blonden -Haares aus der Stirn und stieg mit ihrem gewohnten gebieterischen Gang -die Treppe hinunter. Unten auf der Diele, dicht neben der Ausgangspforte, -blitzte der Hausherrin im Morgenlicht ein metallischer Schein entgegen. Ein -russischer Infanterist, dessen langer, rötlich-blonder Bart fast bis auf -die Brust herabhing, hielt dort mit aufgepflanztem Bajonett die Wacht, -während er einem struppigen Hund, den er an eiserner Kette hielt, -zärtlich das Fell kraute. - -»Treten Sie hier zurück, damit ich herunter kann,« herrschte Johanna den -Mann mit ihrer festen Stimme an. - -Der Russe hob das verschwommene gutmütige Haupt, und aus seinen -verkniffenen blinzelnden Augen brach ein Strahl von Respekt und -bedingungslosem Gehorsam. Einer solch imponierenden Frauengestalt, die -so befehlend und deutlich ihre Wünsche durch ein Zeichen der Hand -auszudrücken verstand, mußte der Slawe in seinem heimatlichen -Garnisonsnest niemals begegnet sein. Demütig hob er die zerbeulte Mütze -von seinem wilden Schopf, beugte sich und ließ klirrend das Gewehr auf -den Steinen der Diele aufstampfen. Selbst der Hund kroch murrend unter die -Stufe der Treppe. - -»Ist Fürst Fergussow zu sprechen?« fragte die Blonde. - -Verlegen wandte sich der Wachtposten hin und her. Sein Deutsch war so -mangelhaft, daß er sich fast nur durch Zeichen zu verständigen vermochte. -Deshalb hielt er das Bajonett auf den Hof hinaus und zeigte damit durch das -Tor. - -»Weit,« sagte er. - -Johanna atmete auf, und doch ergriff sie ein leichter Schrecken. - -»Ist der Fürst schon abgerückt?« drängte sie weiter. - -Jetzt kraute sich der Wachtsoldat hinter den Ohren, und da seine -Unfähigkeit, sich verständlich zu machen, immer mehr wuchs, so verlegte -er sich völlig auf die den Slawen so geläufige Weise der pantomimischen -Darstellung. Schallend warf er sein Gewehr an die Wange, nahm eine drohende -Miene an und tat so, als ob er mit einem fernen Gegner Schüsse wechsle. -Gleich darauf stach er mit dem Bajonett kräftig in die Luft, warf den -Oberkörper vor und stampfte so schrecklich mit den Füßen, daß sein -zottiger Hund unter dem Treppenabsatz furchtsam aufzuwinseln begann. - -Johanna hatte begriffen. Sie faßte rasch nach dem Geländer der Treppe und -warf hastig hin: - -»Es findet also hier in der Nähe ein Treffen statt, nicht wahr? Ist -Fürst Fergussow dabei?« - -Der Russe nickte lebhaft und befriedigt. - -»Schon zu Ende,« stoppelte er mühsam aneinander. »Nemzows alle hin« -- -er schlug mit dem Kolben auf die Erde, schloß die Augen und streckte die -Zunge heraus -- »spitze Mützen viel zu wenig -- viel zu wenig.« - -Die Gutsherrin ließ ihren Halt fahren und richtete sich auf. Nun wußte -sie, was die geschäftigen Bienen bei Tagesgrauen vor ihren Fensterscheiben -gesummt hatten. Eine kleine Schar deutscher Männer, die es versucht hatte, -die widerrechtlich Eingedrungenen zu vertreiben, sie war der Übermacht, -der stupiden Masse, erlegen. Und Fürst Dimitri, der elegante Liebling der -Petersburger Salons, der Träger der letzten und überfeinertsten Kultur, -hatte es sicherlich nicht verschmäht, seinen Degen in das Blut der halb -Wehrlosen zu tauchen. Wie selbstgefällig und von eigener Bewunderung -geschwellt er jetzt wohl dort draußen über ihr zerstampftes Weizenfeld -reiten mochte, unter dessen Halmen die verstummten Landsleute sich zum -letzten Schlafe verkrochen hatten. - -Ein heftiges Gefühl des Widerwillens durchfuhr die Nachdenkende. Und -mit einer entschiedenen Bewegung wandte sie sich zur Tür, als ob sie den -Infanteristen, dessen darstellerischem Geschick ihr quälender Wissensdurst -soviel verdankte, ohne weiteres beiseite zu schieben gedächte. Indessen -der Russe bewegte wiederum bedauernd sein plumpes Haupt, knickte zusammen -und streckte in seiner kauernden Stellung sein Gewehr quer vor den Eingang. - -»Was heißt das?« widersprach Johanna ungehalten, »sehen Sie nicht, daß -ich auf meinen Hof hinaus will?« - -Der Posten aber schüttelte seine dichte Mähne noch stärker. »Nix,« -suchte er zu erklären, »keiner heraus.« - -Da stieg eine feurige Röte in die sonst so blassen Wangen der -Gutsbesitzerin, und sich verächtlich abwendend, schritt sie ohne ein -weiteres Wort der Entgegnung an die Tür des kleinen Salons, den sie am -verflossenen Abend für den Verwundeten geöffnet, und klopfte laut an -das dunkle Holz. Zu ihrer größten Verwunderung rief Mariannes immer -gleichmäßige und ruhige Stimme: »Herein.« - -Was war das? - -Unwillkürlich lauschte die große Blonde, als wünschte sie den -entschwundenen Laut noch einmal zu erhaschen. Das war doch nicht möglich?! -Wie konnte das unbesonnene Geschöpf es wagen, ohne die Erlaubnis der -Ältesten den verwundeten Krieger in seinem Zimmer aufzusuchen, und zwar zu -einer Zeit, zu der die sonst immer Müde und Phlegmatische noch lange der -Ruhe zu pflegen gewohnt war? Allmächtiger Gott, war denn alles, was bis -dahin als unverbrüchliches Gesetz galt, mit dem Einrücken der Fremden -über den Haufen geworfen? Gab es nichts mehr, was in einer deutschen -Wirtschaft unverrückbar feststand, nichts Solides und Sicheres, dem man -sich williger beugte und unterwarf, als der dummen zufälligen Macht der -Hereingeschneiten? - -Festen Schwunges öffnete Johanna die Tür, und so groß war die Gewalt -ihres Armes, daß das zurückfallende Holz einen schneidenden Luftzug -verursachte, vor dem der Verwundete auf dem Sofa gestört das bärtige -Gesicht verzog. Aber wie seltsam hatten sich die Züge des robusten -Rittmeisters verwandelt. Die glänzende Rundung seiner Wangen dunkelte hohl -und eingefallen, unter der aufgerissenen Uniform hob sich die entblößte -Brust schwer und rasselnd, und der schlaff herabhängende Arm zeigte die -innere Ermattung deutlicher, als alles andere. Nur die großen blauen Augen -blitzten noch ebenso wild und unstet, wie am Abend zuvor. - -Dicht vor ihm, tief in einen mattblauen Samtsessel zurückgelehnt, schlug -Marianne ihre Füße gefällig übereinander und schien eben aus einer -jener leichten Plaudereien aufgestört, die sie so heiter und zugleich -so inhaltslos zu führen wußte. Hinter dem Kopfende des Sofas jedoch -verharrten, wie in wachem Schlaf und mit halb geschlossenen Augen die Frau -des Verwalters Baumgartner sowie ihr halbwüchsiges Töchterchen, obwohl -sie sich vor Mühe, Angst und Anstrengung kaum noch auf den Füßen zu -halten vermochten. Wahrlich, für die Hereintretende lag ein empörender -Unterschied in dem völligen Zerfall dieser beiden arbeitenden und -geplagten Geschöpfe und der unbekümmerten Behaglichkeit ihrer eigenen -Schwester. Jedoch die Verletzte bezwang sich und hob, nachdem sie »guten -Morgen« geboten, nun in ihrer kurzen und sehr verständlichen Weise an: - -»Wie kommt es, daß du heut schon so früh zu sehen bist, Marianne?« - -Die Schwarze lächelte trotzig. Jetzt, da eine andere, eine fremde Gewalt -hier im Hause herrschte, da schien es ihr Vergnügen zu bereiten, sich -dem Willen der älteren Schwester immer mehr zu entziehen. Und in ihrer -spöttischen und selbstbewußten Art versuchte sie, es der Großen, die ihr -so wenig Freiheit ließ, deutlich zu zeigen. Ohne ihre lässige Stellung -aufzugeben, warf sie gleichgültig hin: - -»Oh, ich sitze schon etwa eine Stunde hier. Ich hörte unseren Gast ein -paarmal laut rufen, und da meinte ich -- --« - -Doch die Ältere ließ sie nicht zu Ende gelangen. - -»Unseren Gast?« unterbrach sie scharf und richtete ihre strengen Augen -wenig erfreut auf das blutleere Antlitz des Mannes, der ihr schönes blaues -Samtsofa so unbarmherzig zerdrückte. - -Von dem harten Ton getroffen schlug auch der Rittmeister erstaunt und -weltenfremd seine blauen Augen auf, die er für einen Moment kraftlos -geschlossen. Unwillkürlich stützte er sich mit der Rechten krampfhaft auf -das Polster der Seitenlehne, während er sich bemühte, selbst in -seiner jetzigen traurigen Verfassung eine seiner gewohnten Verneigungen -auszuführen. Allein er brachte es nur bis zu einem ruckartigen Vorstrecken -des zerzausten Hauptes, um gleich darauf in ein nur schwer verhehltes -Stöhnen auszubrechen. - -»=Bon jour=, Gnädigste,« rasselte er in dumpfen Tönen, »hoffe, -daß nicht gestört worden sind. Ich selbst vortrefflich geruht, ganz -vortrefflich,« und er schlug sich mit der flachen Hand auf die nackte -Brust, so daß es ein merkwürdiges fleischiges Geräusch verursachte. -»Pompöses Quartier,« fuhr er fort, wobei er müde und ausdruckslos -seinen Blick über die Samtmöbel fortgleiten ließ, bis er an der -prachtvollen Gestalt von Marianne haften blieb. »Damen bemühen sich um -unbedeutende Unpäßlichkeit gar zu aufopfernd. Darf ich fragen,« hauchte -er und dehnte sich von Schmerzen zerrissen hin und her, »ob Arzt -- -Arzt schon benachrichtigt wurde? Handelt sich zwar nur um Kleinigkeit --- versichere Sie, um absolute Bagatelle -- aber man möchte sich doch -möglichst bald wieder an lustigem Herumstreifen beteiligen.« - -Jetzt gab Marianne ihre ruhende Stellung auf, und während sie sich über -ihr welliges Haar strich, da äußerte sie recht warm und bedauernd, als ob -ihr das Leiden des fremden Reiters besonders nahe ging: - -»Herr Rittmeister, vor einer halben Stunde hat Ihr Wachtmeister bereits -gemeldet, daß Herr Doktor Küster, unser Landarzt, leider nicht mehr -aufzufinden wäre.« Und unbekümmert und ohne auf die schreckensstarre -Schwester zu achten, setzte sie noch hinzu: »Das Haus des Doktors soll -vollständig herabgebrannt sein.« - -»Herabgebrannt?!« stieß Johanna, die ihren Platz an der Tür noch immer -nicht aufgegeben hatte, sich vergessend hervor, und ihre Fäuste ballten -sich. »Herr Rittmeister, haben Sie gehört? Wie wollen Sie eine solche -Schandtat verantworten?« - -Inzwischen hatte sich Leo Konstantinowitsch mühsam in die Höhe gerichtet, -und sein Bewußtsein gelangte allmählich zu größerer Klarheit. Bedauernd -zuckte er die Achseln. - -»Sicherlich nur Zufall, Gnädigste,« beschwichtigte er. »Unter meiner -Führung wäre gewiß nicht geschehen. Aber Fürst Fergussow, der hier -kommandiert,« fuhr er berechnend und immer mehr aufwachend fort, und -ein heimtückischer Zug verbreitete sich um seine groben Lippen, »Fürst -Fergussow von Petersburger Garde steht viel zu hoch und -- wie sage ich --- denkt viel zu liberal, als daß er gemeinen Soldaten ein so harmloses -Pläsier verwehren sollte.« - -»Aber das ist ja nicht möglich,« schnitt Johanna verächtlich ab. »Wie -können Sie einem Aristokraten Ihres Landes Freude oder gar Duldung für -ganz gewöhnliche Brandstifterei, für Raub und Diebstahl nachreden?« - -Der Russe verbeugte sich wieder und schlug mit der Hand abwehrend durch die -Luft. - -»Pah, unsere Aristokraten,« zischte er, und seine unerträglichen -Schmerzen rissen das letzte Bedenken nieder, über dasjenige herzufallen, -was ihm in besseren Zeiten so oft den Weg versperrt hatte. Auch zwang ihn -fressender Neid, jenen schönen Kameraden, von dem er immer argwöhnte, -daß er sich ohne Mühe alle Weiber dienstbar zu machen wisse, gerade vor -diesen beiden prangenden Geschöpfen herunterzureißen und zu besudeln. -»Setzen sich, schöne Damen, -- setzen sich Gnädigste.« Er schob mit dem -freien Fuß krachend und ohne Verständnis für die Unschicklichkeit, der -Ältesten von Maritzken einen Samtsessel hin. »Setzen sich,« schrie er -ungeduldig, als er sie zögern sah. - -Und erst, als Johanna, um den Kranken nicht zu heftigerem Toben zu -reizen, seinen Wunsch befolgt hatte, da sprach der Leidende in gieriger -Verkleinerungssucht weiter. Aus jedem seiner Worte tröpfelte bitterer -Haß. Der Bauernsohn, der todgezeichnete, schlug mit der Faust gegen das -goldene Schild des hoch Gefürsteten, von dem er wußte, daß er selbst -für ihn immer nur ein freigelassener Leibeigener geblieben sei. - -»Oh, Damen kennen nicht,« fiel es giftig und neidisch von seinen Lippen, -und vernehmlich redete sein brennendes Fieber mit: »wie wenig reiche -Hofherren sich um ihre Untergebenen kümmern. Wir existieren gar nicht -für sie. Wir sind nur Namen, Namen, die man in Listen schreibt oder wieder -wegstreicht. Und besonders Dimitri Fergussow. Glauben mir, ich sage Ihnen, -um Sie vor dieser glatten Maske zu warnen. Denn ist ja möglich, daß mich -lächerlicher Ritz dorthin befördert, wohin wir gestern schon eine Anzahl -von uns versteckt haben. Eingeschaufelt, verstehen Sie? Ich bitte um -Vergebung, ist sehr häßlicher Gedanke, aber Teufel hält uns alle am -Halskragen. Ja, besonders dieser Fergussow trägt Stein in der Brust. Wie -könnte er sonst leben, wie könnte er ruhig schlafen? Ist ein Mörder, -glauben Sie mir, ein Frauenschlächter, natürlich nicht mit Messer. Aber -an seinen Händen klebt mehr heißes Blut, als hier an Säbel, den ich -gestern noch munter hin und her tanzen ließ.« - -Da reckte sich Johanna und machte Miene sich zu erheben. - -»Das interessiert mich nicht,« lehnte sie frostig ab. »Mich gehen die -Schicksale Ihres Vorgesetzten nichts an.« - -»Doch, doch,« widersprach Sassin eifrig, als ob er fürchte, der heimlich -gehaßte Kamerad könnte ihm auch jetzt wieder entwischen, »Sie wissen -nicht. Aber ist schändlich, schreit zum Himmel. Ganz Petersburg beklagt -noch heute kleine Kroniatowska.« - -»Lassen Sie das,« befahl Johanna halblaut, und doch rührte sie sich -nicht, ja sie wandte gegen ihren Willen das blonde Haupt dem Liegenden zu, -als Marianne neugierig näher rückte. - -»Wer ist die kleine Kroniatowska?« warf die Schwarze gespannt dazwischen, -und ihr dunkles Antlitz belebte sich. In diesem Augenblick waren die -letzten Reste der Erinnerung an die Not und das Grauen, die sich über -Nacht auf das Land herabgesenkt hatten, von der Leichtsinnigen vergessen. -»Ich erinnere mich, es wurde auch während unseres Besuches bei Ihnen von -der Dame gesprochen. Es muß ein sehr junges Mädchen gewesen sein.« - -»Sehr jung? Sagen Sie Kind?« stieß Leo Konstantinowitsch hervor, und die -Sucht, seinen Gefährten in einem möglichst ungünstigen Lichte erscheinen -zu lassen, verlieh ihm eine vorüberblitzende Spannkraft. »Vollkommenes -Kind, meine Damen,« rief er mit kräftigerem Ton als bisher, -»fünfzehnjährig. Wie man sagt, zweifelhafter Nachkömmling von großer -Katharina.« - -»Bitte, das wünschen wir nicht zu hören,« verwies hier Johanna -ernstlich entrüstet und machte Miene aufzustehen. - -Allein der Kranke faltete beinahe flehend die Hände und stammelte -inbrünstig: - -»Bleiben Sie, bleiben Sie, vergesse mich nicht wieder. Wollte Ihnen nur -erzählen, wie durch betrügerischen Halunken von Mönch guter Dimitri mit -kleiner ahnungslosen Prinzessin bekannt wurde. Eifer von Herrn Adjutanten -soll damals in Glaubenssachen so überwältigend und überzeugend gewesen -sein, daß armes Ding in dem demütigen und zerknirschten Bekenner einen -Erweckten, -- haha -- einen Erleuchteten sah. Ist nicht hübsch? Einem -solchen Heiligen gegenüber durfte man natürlich keinen eigenen Willen -besitzen.« - -»Hören Sie auf,« befahl Johanna von Grauen geschüttelt und starrte ihn -an. - -»Soll brausende Glut zwischen Beiden gewütet haben. Natürlich nur -himmlische. Was weiß ich? Einige Monate später freilich lag Kleine -aufgebahrt zwischen Wald von weißen Lilien. -- Vergiftet. -- Seine -Durchlaucht aber weinte und schluchzte, klagte sich des gräßlichsten -Verbrechens an, und Kammerdiener soll ihm zweimal Revolver entwunden -haben. Ja, ist gutmütige und mitfühlende Seele, und beruht gewiß auf -Verleumdung, wenn Klubgenossen einige Wochen darauf behaupteten, Fürst -Dimitri hätte jeden Zusammenhang mit der fatalen Affäre schroff -abgelehnt, ja achselzuckend geäußert, man könne doch nicht verlangen, -daß zu seinen übrigen Hofämtern noch Charge von Kinderbonne übernehme. -Witzig, meine Damen, nicht wahr? Treffend! Kavalier, dem alle Herzen -zufliegen. Leo Konstantinowitsch Sassin kann sich natürlich nicht -messen, ist nur armer Bauernsohn. Aber Teufel hole all diese wahnsinnigen -Unterschiede! Man bekommt sie satt, wenn man so da liegt, wie ich.« - -Der Rittmeister schwieg und sank zurück. Die übermäßige Anstrengung -brachte ihn um den Genuß, den Erfolg seiner Boudoir-Geschichte beobachten -zu können. Und doch wäre er vielleicht mit der Wirkung, die er bei -den beiden Mädchen erzielt hatte, zufrieden gewesen. Denn Marianne -unterdrückte kaum ihr vielbedeutendes üppiges Lächeln, und ihr Geist, -der nur bei derartigen Intrigen eine Teilnahme verriet, wo es auf den Kampf -zwischen Mann und Weib ankam, er schien durch das Geheimnisvolle dieser -sündigen Affäre angenehm erregt. Auch Johanna lächelte. Aber es war -die kalte Befriedigung eines Menschen, der sich wohl fühlt, weil seine -Abneigung und sein Haß endlich einen gesicherten Grund gefunden. Ein -müdes, schlaffes Schweigen breitete sich in dem kleinen Gemache aus. Man -hörte nur noch das Plätschern des Wassers, so oft das schlaftrunkene Weib -des Verwalters dem Verwundeten eine neue Kühlung auf die Brust legte. -Und eine ganze Weile saß die Älteste von Maritzken, die sonst für jede -Minute des Tages eine besondere Beschäftigung wußte, teilnahmlos und -stumm, gemartert von der unbeschreiblichen Leere der Zwecklosigkeit, da ihr -Wirken und Schaffen von einer brutalen Gewalt unterbunden war. - -Plötzlich fuhr sie auf. Wie lange sie so vor sich hingesonnen, wußte sie -nicht mehr. Jetzt sah sie, wie Marianne eilfertig das Fenster aufriß, und -zu gleicher Zeit klang ein Trompetensignal über den Hof. Das Getrappel -vieler Rosse, sowie das laute Gewirr sich verschlingender Stimmen erfüllte -die Morgenluft. - -»Fürst Fergussow kommt eben durch das Tor,« meldete Marianne, als ob -es sich um einen längst ersehnten Befreier handle, »welch einen schönen -Schimmel er reitet.« - -»Arabische Zucht,« murmelte von seinem Sofa Leo Konstantinowitsch, obwohl -er sich seinem Dämmerzustand nicht mehr entwinden konnte. »Zarengeschenk --- verwünschte Bande!« - -»Komm, Johanna,« drängte Marianne noch einmal und winkte lebhaft mit dem -Finger, »denke nur, Durchlaucht hat mich schon bemerkt und ist schon vom -Pferde herunter. Jetzt wirft er die Zügel einem anderen zu und nähert -sich direkt unserem Fenster. Willst du ihn nicht begrüßen?« - -Von der Lagerstatt des Kranken drang ein Schnauben herüber. Die Blonde -aber regte sich nicht, sie sank nur noch tiefer in ihren Stuhl zurück, -als könnte sie sich auf diese Weise vor den Blicken des jungen -Mannes verbergen, der sich soeben mit einem höflichen Gruß in die -Fensterhöhlung hineinbeugte. - -»Guten Morgen,« rief die wohlklingende Stimme, indem sich der elegante -Reiter über die glatte Mädchenhand neigte, die ihm ohne Zögern -überlassen wurde; in demselben Augenblick jedoch erfaßten seine scharfen -Augen auch schon die hohe Gestalt in dem Dunkel des Zimmers. »Ah, ich -sehe, die Damen betätigen sich bereits in ihrem schönsten Metier, -Sie bringen Trost und Hilfe ohne Ansehung der Person. Ich bin Ihnen zu -größtem Danke verpflichtet, weil Sie sich um den armen Kameraden so -sorgsam bemühen.« - -»Ja, ausgezeichnet, fabelhaft,« rief der Verwundete vom Sofa -aus dazwischen, und man wußte nicht, ob seine Wut oder sein -Dankbarkeitsgefühl überwog, »fühle mich wie im Himmel.« - -»Das ist gut, Leo Konstantinowitsch, das ist gut,« begrüßte ihn der -schlanke Oberst nun mit einem lebhaften Winken der Hand, »Sie sehen schon -viel besser aus, lieber Kamerad.« - -»Ganz sicherlich,« schrie der andere, »Wohlbefinden steigert sich mit -jeder Minute.« - -»Das freut mich, Leo Konstantinowitsch, das freut mich wirklich -ungemein.« Auf seinem schönen Gesicht strahlte es auf, die Besserung in -dem Ergehen des Kameraden bedeutete offenbar für ihn eine Erleichterung. -»Denken Sie, lieber Freund,« fuhr er eifrig fort, indem er sich mit der -Hand auf das Fensterbrett stützte, »ich habe auch endlich einen Stabsarzt -aufgetrieben, einen vortrefflichen Mann, Korsakow mit Namen, den ich von -einem Aufenthalt in der Krim her kenne, wo er sich merkwürdigerweise mit -der Züchtung junger Haifische abgab.« - -»Gut, gut,« stöhnte Sassin, »dann ist er gerade für mich der passende -Mann.« - -Der Fürst mußte lachen, und Johanna, die noch immer unbeweglich in -ihrem blauen Samtsessel verharrte, entdeckte mit einigem Unbehagen, wie -unglaublich frisch und unberührt das Antlitz des Aristokraten leuchtete, -sobald er offen seine Freude äußerte. Es wollte zu ihrem Bilde nicht -stimmen. Und sie schüttelte sich leicht. Dann lauschte sie gespannt -weiter. - -»He, Korsakow,« rief der Fürst inzwischen laut über den Hof, »hier ist -Ihr Patient.« - -Und als sich aus dem Getümmel der zum Teil abgesattelten, zum Teil -vor einer Brunnentränke sich erfrischenden Pferde eine kugelrunde -schwarzbärtige Gestalt mit einer ungeheuren zerbeulten Schirmmütze -abgelöst hatte, da eilte ihm der Oberst elastisch entgegen, um den Arzt -ohne weiteres an der Achselklappe bis dicht vor das Fenster zu ziehen. - -»Hier drinnen, lieber Doktor,« erklärte er, »finden Sie Ihren -Patienten. Machen Sie schnell, daß Sie hereinkommen.« - -Allein zu Johannas Verwunderung rührte sich die dicke Kugel nicht. Der -Mann zupfte vielmehr an seinem verworrenen schwarzen Bartgekräusel, -rückte sich die merkwürdig großen Horngläser auf der plumpen Nase -zurecht und starrte den Verwundeten auf dem Sofa unverwandt an. - -»Was wollen Sie?« schrie Sassin wütend. - -»Wundfieber,« murmelte der andere und zog sich von dem Fenster ein wenig -zurück, als ob er sich vor einer ansteckenden Krankheit zu hüten hätte. -»Der Einschuß sitzt zwei Zentimeter rechts von der Lunge, und die Kugel -behindert die Atmung.« - -»Herr,« sagte Dimitri, ihn verblüfft musternd, »Ihr Kombinationstalent -auf diese Distanz ist erstaunlich. Aber hegen Sie nicht das Verlangen, sich -etwas dichter in die Nähe meines verletzten Freundes zu begeben? Ich bitte -um Verzeihung, wenn ich mich in fremde Angelegenheiten mische, aber -mir scheint, in einem solchen Fall pflegt von Ihren Kollegen die Sonde -angewendet zu werden.« - -»Ganz recht, die Sonde, ganz recht,« stotterte der Schwarzbärtige und -tastete nach einem Instrumententäschchen, das ihm quer über den Bauch -herabhing; als es jedoch drinnen klirrte, erschrak er sichtlich. »Sie -müssen nämlich wissen, Durchlaucht,« offenbarte er sich endlich, -während ihm der Schweiß unter der großen Mütze hervorlief, »daß -ich bisher nur auf dem Katheder stand. Es ist nicht mein Wunsch, mich so -plötzlich in die Praxis versetzt zu sehen. Aber immerhin, immerhin,« -setzte er sich zusammenraffend hinzu, »es wird gehen, man wird sich Mühe -geben. Schließlich« -- er zuckte die Achsel -- »eine gute Natur muß -uns unterstützen, sonst vermögen wir alle nichts. Ich werde den Kranken -untersuchen.« - - * * * * * - -Eine halbe Stunde später war Leo Konstantinowitsch Sassin bereits in das -verlassene Zimmer Isas geschafft. Und nachdem der umfangreiche Stabsarzt -unter Aufbietung des äußersten Mutes zu seinem eigenen Erstaunen die -Kugel leicht und ohne große Hindernisse, nur unterbrochen durch ein -häufiges Aufbrüllen des Verwundeten, aus dem verletzten Körper entfernt -hatte, da lag nun der Rittmeister in dem schneeweiß angestrichenen Bett -des jungen Mädchens und erzählte seinem Helfer zu dessen drückendster -Verlegenheit wirre und krause Geschichten. - -»Verwünschte Bande, am Hofe, lieber Doktor -- wir Bauern nichts als -Leibeigene für die Herren. -- Sagen Sie, Teurer, haben Sie vielleicht -üppige schwarze Nemza gesehen, wie sie unter Wald von Lilien lag? -- Zum -Teufel, halte nicht aus, Durchlaucht.« - -Zu derselben Zeit klopfte Johanna mit harter Hand gegen die Tür des -kleinen Eßzimmers, das Fürst Fergussow sich für seinen persönlichen -Gebrauch vorbehalten hatte. - -»=Entrez=,« rief eine helle, klangreiche Stimme. - -Und als der im Zimmer erregt auf und nieder Wandelnde seine blonde -Gastgeberin in dem einfachen blau und weiß gepunkteten Kattunkleid -gewahrte, da knöpfte er gewandt die halb offene Uniform zusammen, und -blickte hilfsbedürftig nach dem Tisch, wohin er seine Mütze, Säbel, -einen Revolver und mehrere Karten achtlos übereinander geworfen hatte. - -»Sie müssen vergeben,« begann er rasch und schüttelte sich leicht; -»man ist doch ein wenig außer Fassung, wenn man, wie ich, zum erstenmal -mit dem Sensenmann Karten spielte. Das peitscht auf die Nerven zuerst -mächtig ein,« atmete er, trat an den Tisch und ließ die Säbelscheide -verloren durch seine Hand gleiten. Aber gleich darauf hielt er inne, -bezwang die eigene Unrast, und während er energisch sein verwirrtes -braunes Gelock zurückwarf, blieben seine dunklen Augen an der aufrechten -Gestalt der Deutschen haften, und er fragte sich, warum sie wohl so -bestimmt und fordernd vor ihm aufrage. »Darf ich fragen, ob ich Ihnen mit -irgend etwas dienen kann, Gnädigste?« begann er in seinem verbindlichen -Ton, obwohl die Floskel im Moment etwas müde klang. - -»Ja, Fürst Fergussow,« entgegnete Johanna, »Sie müssen mir jetzt -einige Fragen beantworten.« - -»Muß ich? Mit Vergnügen! Bitte sprechen Sie offen.« - -»Nun gut, dann entdecken Sie mir, ob Sie wirklich an Ihre Wachtposten den -Befehl erteilten, mich nicht mehr aus meinem Hause zu lassen.« - -Der Fürst verzog die Augenbrauen und sah in die Luft. Er schien sich auf -seine eigene Anordnung nicht mehr ganz sicher zu besinnen. Dann glitt ein -gewinnendes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund. - -»Ich errate, mein Fräulein,« sagte er liebenswürdig. »Ihre Wirtschaft, -der Sie sich zu meiner Bewunderung so umsichtig widmen, leidet offenbar -Schaden, wenn Sie die Baulichkeiten auf Ihrem sauberen weißen Hof nicht -mehr inspizieren können, nicht wahr?« - -»Jawohl,« nickte Johanna. - -Der Fürst stieß achtlos unter die Generalstabskarten auf den Tisch: »Das -möchte ich selbstverständlich vermeiden. Mir liegt Ihnen gegenüber -jede Härte vollkommen fern. Nein, bitte halten Sie dies nicht für ein -Kompliment, ich tue dies schon aus Respekt vor meiner eigenen Rasse. Ihnen -steht also von heut an der Aufenthalt auf Ihrem Hof frei, vorausgesetzt, -daß Sie auch mir eine kleine Bedingung erfüllen.« - -»Worin besteht die?« forschte Johanna kühl. »Sie haben ja die Macht, -Durchlaucht,« setzte sie bitter hinzu, »alles zu erzwingen.« - -Dimitri Fergussow wurde ungeduldig. Die ernsthafte Unterhaltung schien -seinen vibrierenden Nerven lästig zu fallen. - -»Sie werden mir also das ehrenwörtliche Versprechen geben,« erklärte -er leichthin, »die Grenzen Ihres Hofes auf keinen Fall zu überschreiten. -Auch für Ihre Familienangehörigen sowie für Ihre Angestellten bin ich -gezwungen, von Ihnen diese Bürgschaft zu verlangen.« - -»Ich soll mich verpflichten ...?« rief Johanna zurücktretend. - -Jetzt leuchtete es in den schönen Männerzügen abermals auf. Es war ganz -das sonnige Strahlen, das das arbeitsgewohnte Mädchen so schwer begreifen -konnte. Aber in dem halbdunklen Zimmer wurde es förmlich hell davon. - -»Sie müssen mich nicht mißverstehen,« sagte der Offizier, leicht auf -sie zuschreitend, »ich habe nämlich den Eindruck, als wenn Ihr fester -Wille hier von allen geehrt und gefürchtet würde. Auch von dem Fräulein -Schwester; übrigens ein sehr erfreulich lebhaftes Temperament,« setzte -er hinzu. »Empfangen Sie mein Kompliment zu dieser graziösen, ganz -undeutschen Erscheinung.« - -Da runzelte die Blonde schwer die Stirn, ihre Figur straffte sich, so daß -die kräftigen Glieder hervortraten, und ihre Wangen flößten durch ihre -Marmorblässe dem Beschauer ein erneutes Befremden ein. - -»Das ist mir unlieb zu hören,« warf sie frostig hin. »Aber darüber -schulde ich Ihnen keine Rechenschaft.« - -»Gewiß nicht,« lenkte der Russe betreten ab und schüttelte den Kopf. - -»Im übrigen gebe ich Ihnen, wenn auch ungern, das verlangte Ehrenwort. -Ich werde also den Verkehr mit der Außenwelt vermeiden,« hob sie deutlich -hervor, um ihrem Gegenüber zu zeigen, daß sie seine Absicht verstanden -hätte. Dann aber wurde sie unruhig, und die Finger ihrer Rechten irrten -tastend auf ihrem Gewand herum. »Verzeihen Sie noch eine Frage, Herr -Oberst,« rang sie sich endlich ab, »das Gefährt, das meine Schwester Isa -gestern abend auf das benachbarte Gut Sorquitten bringen sollte, ist nicht -zurückgekehrt. Wäre es Ihnen vielleicht möglich, eine Erkundigung nach -dem Verbleib unserer Jüngsten einzuziehen?« - -Der Fürst blinzelte ein wenig und maß die Gutsherrin, die ihm in ihrer -Sorge weiblicher als bisher erschien, von den Blondhaaren bis zu den -Füßen. - -»Sie sehen mich so an,« stotterte Johanna immer verwirrter, und eine -Ahnung stieg ihr auf, in ihrer Frage könnte für den Russen etwas -Verdächtiges enthalten sein. »Sehen Sie,« suchte sie sich zu entlasten, -»es handelt sich um ein ganz junges, unerfahrenes Ding. Ich vertrete -Mutterstelle bei ihr.« - -Der Fürst wiegte noch immer bedenklich das Haupt, und seine Augen gruben -sich unausgesetzt und prüfend in die des großen Mädchens. Endlich sagte -er vorsichtig: - -»Ich bin in der Tat in der Lage, Ihnen, auch ohne Erkundigung, eine Angabe -über den Verbleib des Fräuleins zu machen, denn ich habe die junge Dame -selbst gesehen.« - -»Sie? Um Gottes willen, Durchlaucht, wo? Ist sie gesund? Ihr ist doch -nichts Schlimmes widerfahren?« - -Jetzt schien der schlanke Offizier mit sich einig zu sein. Er bettete die -Hände leicht auf den Rücken und schritt hinter dem Tisch auf und ab. -Leise klirrend begleiteten die Sporen seinen federnden Gang. - -»Verehrtes Fräulein,« meinte er, -- aber Johanna war es doch, als ob er -jedes seiner Worte besonders prüfe und wäge -- »Sie brauchen sich -über die Lage Ihrer Jüngsten, soweit ich es beurteilen kann, keinen -Befürchtungen hinzugeben. Die junge Dame befindet sich in der Stadt, im -Hause eines befreundeten Herrn -- --« - -»Konsul Bark,« fiel hier Johanna atemlos ein. - -Der Russe nickte und warf ihr einen verständnisinnigen Blick zu. »Ganz -recht, und ich hoffe, daß der Ausfall der kriegsgerichtlichen Untersuchung -es dem Fräulein ermöglichen wird, recht bald in Ihre schützenden Arme -zurückzukehren.« - -»Untersuchung?« - -In Johannas Wesen verwandelte sich etwas. Wo blieb die gemessene frostige -Zurückhaltung, die den eleganten Offizier bisher stets in der Meinung -befestigt, es hier mit etwas ganz Unpersönlichem, Abgestorbenem zu tun zu -haben? Alle Wetter! Dimitri Fergussow wurzelte fest und vergaß im Moment -seine eigene Ermüdung und das zuckende Tanzen seiner Nerven, die das -Fest des Blutes noch immer nicht überwunden hatten. Alle Wetter, wie die -Glieder der Nemza sich dehnten, wie die Fäuste sich ballten und die Arme -schwollen, als wollten sie die enge, blau und weiß gepunktete Hülle -sprengen. Dazu das dunkle Blitzen der Augen, das feine Rosenrot, das über -die weiße Haut jagte, -- der Fürst stand still, atmete tief und verwandte -keinen Blick mehr von der aufgeregten Germanentochter. Ein seltsames -Geschöpf, schoß es ihm durch den Sinn. - -»Fürst Fergussow,« fiel es endlich von den herrischen Lippen Johannas, -und es erregte die Bewunderung des fremden Offiziers, wie die doch von -Leidenschaft Durchbebte ihr Organ in der Gewalt hatte; es klang sicher, -bestimmt und ein wenig befehlshaberisch, wie immer; »Sie werden einsehen, -daß Sie mir jetzt eine weitere Aufklärung nicht mehr verweigern -dürfen.« - -Fürst Dimitri regte fast unmerklich die Hand. Es war eine jener -formvollendeten Bewegungen, die bei diesem äußerlich so gefälligen -Menschen eine deutlich vernehmbare Sprache redeten. Und Johanna begriff sie -sofort. - -»Sie schlagen mir diese natürliche Bitte ab?« fuhr sie auf. - -Der Russe sah ihr starr in das reine Antlitz, dessen Züge ihm immer mehr -wie die einer belebten Marmorstatue erschienen. - -»Es fällt mir sehr schwer,« suchte er sich ihr beinahe schmerzlich -zu entziehen, »Ihnen gegenüber bei meiner Pflicht zu bleiben, -indessen -- -- --« und wieder folgte die Drehung der fein geformten -Hand. - -»Wenn ich Sie nun aber bitte,« stieß Johanna hervor, und sich vergessend -verließ sie zum erstenmal ihren Platz, schritt an den Obersten heran und -streckte den Arm gegen ihn aus, so daß Dimitri Fergussow gar nicht anders -konnte, als diese weißen Finger zu ergreifen; sie waren kalt wie Stein. -»Wenn ich Sie nun aber inständigst bitte?« jagte die große Blonde -weiter. »Nicht wahr, dann werden Sie einsehen, daß ich nichts Unrechtes -verlange? Hier handelt es sich ja gar nicht um die Feindschaft unserer -Länder, um Russen und Deutsche, hier geht es ja lediglich um eine arme -versprengte Familie. Um meine Ruhe, begreifen Sie das?« - -Der Fürst hielt die weißen Finger in seiner Hand, beugte sich und -wollte, einem raschen Trieb nachgebend, seine Lippen auf die festen -Gelenke drücken. Allein mitten in der Bewegung befiel ihn ein Zaudern und -Schwanken. Zu ernst und flammend sprühten die dunklen Augen auf ihn herab, -die sein Vorhaben verständnislos begleiteten. Er wollte scherzen, er -gedachte allerlei flatterhafte Bedingungen zu stellen, doch vor diesem -großen und wahrhaften Geschöpf fiel ihm durchaus nichts Leichtes und -Gewandtes ein. Sehr fatal -- fast schmerzlich verzog er den Mund, als er -sich so von einem fremden Wesen, von einer anderen ihm rätselhaften Kultur -gefangen und verpflichtet sah. Und nur mühsam preßte er zwischen den -Zähnen hervor: - -»Sie dürfen es wirklich als ein Zeichen meiner Achtung nehmen, wenn ich -mich von Ihnen so leicht zu Konfidenzen verleiten lasse, die der Dienst -sonst streng verwehrt. Also kurz: Ihr Fräulein Schwester ist leider Zeuge -gewesen, wie sich Herr Konsul Bark in einem Moment des Zornes oder des -Leichtsinns zu einer unüberlegten Handlung gegen einen unserer Offiziere -hinreißen ließ.« - -»Gegen Rittmeister Sassin,« warf Johanna schwer atmend dazwischen. - -Jetzt zuckte der Oberst ablehnend die Achsel. »Sie müssen sich mit meinen -Andeutungen begnügen. Aber ich füge noch hinzu, da das kleine Fräulein -nach meiner Meinung wahrscheinlich nur die Ursache des Streites war, so -dürfte man sie nach dem Verhör ungekränkt entlassen.« - -»Herr Oberst,« forderte Johanna klar und rasch, die aus ihrem -geschäftlichen Wirken gewöhnt war, alle Vorteile sofort wahrzunehmen, -»würden Sie sich in dieser Richtung selbst für Isa verwenden?« - -»Ich? Nun bei der heiligen Mutter von Kasan --« - -Der schlanke Mann, der sich unmittelbar nach seinem ersten Waffengang -selbst in einem so sprühenden Rausch befand, er stand dicht vor der -Bittenden, und in seinem sprechenden Antlitz, das er im Moment nicht -beherrschte, zuckten die widerstrebendsten Neigungen durcheinander. Die -Sucht, sich nicht zu einer so auffälligen Bevorzugung mißbrauchen zu -lassen, das Mißfallen an der so plump und klar vorgetragenen Bitte, -und daneben doch die heimliche Begierde, diese Vertraulichkeit gegen die -majestätische Göttin auszunützen. Allein plötzlich brach er in ein -helles jugendliches Lachen aus. Gesund klang es, frisch und überzeugt, -hervorgerufen durch den seltsamen Gegensatz, er, der hohe Aristokrat, -der gewesene Adjutant des Zaren, solle für den pikanten Rotkopf an hoher -Stelle ein erlösendes Wort einlegen! Wie man das dort wohl auffassen -würde? Sehr eindeutig. Fraglos. Und er gab sich von neuem seiner -liebenswürdigen Heiterkeit hin, ließ sich in den Stuhl hinter dem Tisch -fallen, und indem er Papier und Feder ergriff, rief er zu der über den -plötzlichen Wechsel Fassungslosen herüber: - -»Ja, was vermag ich gegen die gestrenge Quartiermacht auszurichten? =Rien -du tout!= Es geschieht also auf Ihre Gefahr, mein verehrtes Fräulein! Ich -werde mein eigenes Zeugnis für die Unschuld der jungen Dame anbieten, und -wir wollen hoffen, daß ich für einen unverfänglichen Beobachter gehalten -werde.« - -Seine Feder flog hurtig über das Papier, und von Zeit zu Zeit warf er -von der Seite einen schalkhaften Blick der blonden Nemza zu. Wie warm und -ehrlich sie sprechen konnte, als sie jetzt mit mühsam erkämpfter Fassung -hervorbrachte: - -»Das kann ich Ihnen niemals vergelten, Durchlaucht!« - -»Oh doch, doch, Sie müssen es nur versuchen. Ich wäre zum Beispiel für -einen kleinen Imbiß jetzt ganz besonders dankbar. Und wenn ich hoffen -dürfte, daß die beiden Damen später beim Diner meine etwas« -- er -zeigte auf seine toll übereinander geworfenen Monturstücke -- »meine -etwas wirre Tafel zieren möchten, so würde ich darüber ein ungemessenes -Vergnügen empfinden. Natürlich,« setzte er hinzu und verbeugte sich -höflich, »soll dies nur geschehen, sobald es sich ohne Überwindung -bewerkstelligen läßt. So, meine Gnädigste, jetzt bitte ich noch um etwas -Siegellack. Das von Ihnen mit soviel liebenswürdiger Energie verlangte -Dokument ist fertig. =Voilà!=« - - * * * * * - -Das Dokument aber lautete: - - »Mein lieber Oberst Geschow! - - Ich beglückwünsche Sie zu dem kecken Handstreich, der die erste - Stadt unserer Gegner -- zu dem Worte ›Feinde‹ vermag ich mich - aus Geschmacksrücksichten immer noch nicht aufzuschwingen -- so - überraschend in Ihre Hand spielte. Alle Kriegsgötter schützen Sie - ferner! Auch wir haben hier ein kleineres Detachement Preußen eiligst - still gemacht. Tapfere Leute, von einer wunderbar ausgebildeten - Disziplin, die für mich, offen gesagt, etwas Unheimliches und - Störendes besitzt. Eine fleischgewordene Idee, ein wild gewordener - Schulmeister kämpft gegen uns. Das Einmaleins schlägt gegen den - Analphabeten. Für mich eine sehr lästige Vorstellung. Aber Sie wissen - ja, ich bin auch als Soldat nur Dilettant und schließe mich gern - dem allgemeinen Glauben an, daß die Heuschreckenschwärme auch das - bestbestellteste Feld zu fressen vermögen. - - Und nun, bester Fedor Juliewitsch, lächeln Sie über mich, tadeln Sie - mich, aber bedenken Sie, es ist mein gutes Herz, das mich antreibt, - mitten im männermordenden Streite eine Bitte für eine Dame - auszusprechen. Es handelt sich um das rothaarige Fräulein, das - man, wie auch Ihnen wohl bekannt ist, im Hause des Herrn Konsul - Bark festnahm. Ich kann mir nicht denken, daß die rote Hexe etwas - Ernsthaftes gegen die Sicherheit und das Glück des Zaren ersann. - Und da ich im Hause ihrer Schwester, einer überlebensgroßen blonden - Walküre, hier draußen im Quartier liege, so würde es für mein - Wohlbefinden und meine Verpflegung, die Ihnen als einem Organisator des - Sieges sicherlich auch nicht unwichtig erscheinen, von großem Werte - sein, wenn man das schmale Frauenzimmerchen recht bald wieder laufen - ließe. Könnten Sie zu diesem Zwecke irgend etwas beitragen, so würde - dies meine freundschaftliche Bewunderung für Sie, wenn es möglich - ist, noch erhöhen. Wenn nicht, -- =mon dieu=, dann werde ich der - verminderten Beköstigung seitens der marmornen Landsmännin Richard - Wagners unsere durch alle Welt so berühmte slawische Genügsamkeit - entgegensetzen. - - Herr Oberst, ich bin Ihr Ihnen in unauslöschlicher Freundschaft - verbundener - - Dimitri Sergewitsch Fergussow.« - - * * * * * - -Es gab Johanna einen Stich ins Herz, als sie zuerst den prachtvoll -gedeckten Tisch wahrnahm, für dessen Ausschmückung Marianne zu sorgen -übernommen hatte. Da funkelte das alte schwere Familiensilber, das von der -Ältesten nach dem Zusammenbruch Stück für Stück zurückgekauft war, -um nun von ihr wie ein Heiligtum gehütet zu werden. In schneeiger Weiße -leuchtete das glänzende feine Leinen auf der Tafel. Und als die Blonde -gar noch die schlanken Flaschen des seit Jahren abgelagerten Rheinweins -ins Auge faßte, als sie das Klingen der dünnwandig-geschliffenen Gläser -auffing, da tat es ihr in ihrem grübelnden Sinnen weh, weil sie selbst -an jenem Tisch Platz genommen, der für heute sicherlich nicht ihr eigener -war. Reue und Beschämung befielen sie, weil sie geduldet, daß ihre -sorglose Schwester ein festliches weißes Gewand angelegt, als ob es sich -um eine strahlende Siegesfeier handele. - -Und wahrlich, wurde nicht eine Siegesfeier begangen? - -Horch, von dem halbzerschossenen Holzkirchlein trug der Wind unaufhörlich -zerrissene und unregelmäßige Glockentöne herüber, als ob von -ungeschickten Händen und zum Spiel an den Strängen gezerrt würde. -Und die Gutsbesitzerin erriet mit einem kurzen Zusammenschauern, wie -die fremden Reiter, die in dem Gotteshause ohne Scheu und Achtung ihre -kotbespritzten Rosse untergebracht haben sollten, nun auf diese kindliche -Weise ihrer wilden Freude über das erste blutige Treffen Ausdruck zu -verleihen suchten. - -Ungern hob sie den niedergeschlagenen Blick, um ihren fröhlichen Gast zu -mustern, der so sprudelnd und blendend heiter mit der sichtlich von seiner -vornehmen Art entzückten Marianne plauderte. Nein, die Beobachterin -täuschte sich nicht. Die Melancholie aus seinen Augen war verschwunden. -Ein sprühendes Leuchten und Blitzen lebte in ihnen, ein gesteigertes -Wohlbefinden, ein lachender Übermut, sie bekundeten sich in jeder -Bewegung. Ganz sicher, auch er beging in diesem Augenblick seinen ersten -Sieg, berauscht, hingerissen, und von seinem Erfolg betäubt, wenn er auch -zu viel Erziehung besaß, um seinen Triumph vor den deutschen Damen -nicht soweit als möglich zu verbergen. Allein schon daß er den Wunsch -geäußert, gegen den es ja kein Widerstreben gab, die Angehörigen der -im Moment vor ihm unterlegenen Rasse an seiner heimlichen Siegesfeier -teilnehmen zu lassen, dieser kaltblütige und grausame Sinn empörte -die große Blonde innerlich und ließ es ihr geraten erscheinen, die -erzwungenen Pflichten der Wirtin kühl, abgemessen und beinahe wortlos zu -erfüllen. Sie erteilte dem aufwartenden Mädchen wohl hier und da einen -Wink, dem fremden Offizier diese oder jene Schüssel zu reichen, aber nie -hätte sie es über sich gewonnen, dem strahlenden Mann das Glas mit -dem klaren Wein zu füllen, denn dies hielt sie für ein Zeichen -rückhaltsloser deutscher Bewillkommnung. Und doch mußte sie manchmal an -sich halten, um der hinreißend frischen Unterhaltungskunst des Fremden -nicht doch endlich mit wärmerem Gefühl zu erliegen. Eines war ganz klar, -und die kühle Beobachterin konnte es keineswegs übersehen: an ihrem Tisch -saß ein Hochgeadelter, der Liebling eines Hofes, ein Fürst, der gewiß -über fabelhafte Reichtümer gebot, die mächtige Vorfahren aus dem Fleiß -zahlloser Leibeigener aufgespeichert. Und dieser Verwöhnte versagte es -sich dennoch, den beiden einfachen Mädchen den weiten Abstand seiner -Geburt fühlbar zu machen. Ja noch mehr, ja noch viel erstaunlicher, aus -seinen Urteilen, aus seinen witzigen Bemerkungen konnte man deutlich die -überlegene Kritik eines hohen Herrn heraushören, der die Schwächen und -Schäden weder seiner Umgebung, noch seines Landes zu schonen gewillt war. -Mit welch lässigem Spott der glänzende Offizier gelegentlich die ihm so -wohlbekannten Personen seines Hofes streifte. Mit welchem achselzuckenden -Fatalismus er sich über die Unzuverlässigkeit der Beamtenschaft -aussprach! Das alles zeigte einen Geist, der sich zu hoch dünkte, um -an kleinlichen Unwahrheiten teilzunehmen. Und diese Offenheit, diese -Wahrheitsliebe interessierten die Gutsherrin von Maritzken, denn ihre -eigene Natur wurzelte ja in ähnlichen Neigungen, und ihr schuldloses -Gemüt ahnte nicht, daß der vornehme Herr, der ihr gegenüber saß, -mit demselben gleichgültigen Achselzucken auch seine eigenen Laster und -Verfehlungen entschuldigt haben würde, als Schickungen, gegen die es sich -nicht lohne anzukämpfen. - -Während sie so nachsann, entging es ihr, wie die Unterhaltung der beiden -anderen jungen Menschen immer ungezwungener und entfernter von beengenden -Rücksichten dahinfloß. Die Feuer des Weines hatten die Wangen Mariannes -mit einem dunklen Hauch überglüht, und unter ihren langen Wimpern -spritzten kleine züngelnde Flammen hervor. - -Johanna erschrak. Was mußte sich der Russe von dem sinnlosen, dem -unpassenden Benehmen einer solch Ungebändigten denken!? Und mit Grauen -stürzte plötzlich eine Erinnerung auf sie herab: der Fürst war ja ein -›Frauenschlächter‹, wie der verwundete Rittmeister sich ausgedrückt -hatte. Gewöhnt, mit allen Mitteln seine Opfer zu umstricken. Nein, hier -mußte sie Halt gebieten. - -Während sie sich entschlossen aufrichtete, vernahm sie, wie ihre beiden -Gefährten sich eifrig über deutsche Musik unterhielten. Aber es kam ihr -vor, als ob dies alles nur einen Vorwand bildete, als ob hier ohne laute -Worte über etwas ganz anderes geredet würde. Und mit einer herben -Bewegung erhob sie sich und stand nun in ihrer vollen Höhe da. Das -Mittagsmahl war aufgehoben, und der Fürst, der die Plötzlichkeit dieser -Zeremonie wohl nicht ganz begriff, war liebenswürdig genug, um der Blonden -sein gefülltes Glas entgegenzuhalten, und sich dann in seiner gefälligen -Art vor ihr zu verneigen. - -»Mein Fräulein,« sagte er, »Sie gestatten mir, Ihnen auf diese Weise -meine Dankbarkeit zu bezeigen. Ich würde glücklich sein, wenn ich an -Ihrer Tafel als ein wirklich geladener Gast hätte sitzen dürfen. Wir -wollen hoffen, daß die Begebnisse der Zeit eine solche Möglichkeit nicht -ausschließen.« - -Noch einmal hob er das Glas und trank dann die spiegelnde Flüssigkeit -in langsamen Zügen aus. Noch waltete Schweigen in der so unvorhergesehen -gestörten Runde, als plötzlich hart an die Tür gepocht wurde. Der -herkulische Wachtmeister trat ein, salutierte und überbrachte dem Oberst -ein gestempeltes Schreiben. Dieser erbrach es hastig, las und ließ das -Papier allmählich aus seiner Rechten herabgleiten. Dann atmete er tief, -bis er mit seinem gewohnten Achselzucken eine Last oder zum mindesten etwas -Unwillkommenes von sich abzustreifen schien. - -»Meine Damen,« sagte er ruhig, und doch zitterte seine Stimme leicht, -»ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen, daß mit dem heutigen Morgen die -Kriegserklärung zwischen unseren Regierungen offiziell gewechselt wurde.« -Und mit einem erzwungenen Lächeln setzte er hinzu: »Sie können jedoch -überzeugt sein, daß, soweit es in meiner Macht liegt, diese reine -Förmlichkeit keinerlei Veränderungen in Ihrem jetzigen Dasein hervorrufen -wird. Erlauben Sie gütigst, daß ich mich zu meinen Offizieren begebe. Ich -danke Ihnen.« - - - - -Zweites Buch. - - - - -I. - - -Konsul Bark raffte sich von dem niedrigen Holzschemel empor, auf dem er die -lange finstere Nacht verhockt hatte. Ungläubig ließ er seinen Blick über -die vielen Menschen dahinschweifen, die gleich ihm in der engen Kammer des -Stadtgefängnisses eingepfercht waren, und sein verwöhnter Geruchssinn -empfand mit Schaudern die vergiftete, bleischwere Luft, die bereits in -Fäulnis übergegangen zu sein schien. An allen Gliedern zerschlagen, -richtete sich der Großkaufmann auf, strich sich mit den Händen sein -braunes Haar zurecht, das zum erstenmal seit langer Zeit am frühen Morgen -nicht von seinem Kammerdiener Pawlowitsch mit wohlriechenden Bürsten -geglättet wurde, und gewöhnt, auch den widrigsten Umständen eine -besonnene und überlegte Arbeit entgegenzusetzen, schüttelte er seine -Müdigkeit gewaltsam ab und drängte sich durch die auf dem blanken -Erdboden herumliegenden Leidensgefährten bis an die dunkle, -eisenbeschlagene Tür, gegen die er mit beiden Fäusten zu donnern begann. - -»Um Gottes willen, Herr Konsul Bark,« zischte der fette Tischler -Majunke durch die klaffende Zahnlücke, die ihm der gestrige Nachmittag -eingetragen, und zugleich hob der Handwerker ein paar fleckige Hemdsärmel -in die Höhe, um sich von seinem breiten kahlen Schädel einen Strom -perlenden Schweißes herabzuwischen, »um Gottes willen Herr Konsul Bark, --- Sie entschuldigen wohl, wenn ich als einfacher Mann -- aber die dort -draußen, die verfluchten Breitmützen, sie könnten uns einen solchen -Spektakel übelnehmen.« - -Und aus einer Ecke richtete sich der Pferdehändler Kowalt mit seiner -rot und schwarz karierten Weste auf und schwenkte über den Häuptern -der anderen wütend einen langen Peitschenstock, den man ihm bei seiner -Verhaftung merkwürdigerweise gelassen. - -»Unsinn,« schimpfte er drohend und riß die blutunterlaufenen Augen auf, -»alles mit Ordnung -- Unsinn -- bei dieser Hitze haben wir doch wenigstens -Kaffee oder Wasser oder so was Ähnliches zu verlangen. Habe ich nicht -recht, Herr Konsul Bark, ist es nicht Unsinn?« - -Doch der Kaufmann kümmerte sich um die Meinung seiner Gefährten nicht -im geringsten, er hörte sie wohl gar nicht, sondern hämmerte mit -rücksichtsloser Wut weiter. - -Die Tür rasselte auf. Ein allgemeines Ah und ein Atmen der Erleichterung -folgte. Draußen auf dem halbfinsteren Korridor stand ein untersetzter -Kosak, eine schmutzige Lammfellmütze auf dem plumpen Haupt, und in der -schwieligen Rechten, unachtsam herabhängend, ein Gewehr mit aufgepflanztem -Bajonett. Der Kerl schien sich gleichfalls eben erst seiner Nachtruhe -auf den Steinfliesen entrissen zu haben, denn auf seinen faltigen Röcken -zeichneten sich deutlich die roten Streifen der Ziegel ab. Auch gönnte -sich sein schwülstiger Mund ein umfangreiches Gähnen. - -Der Konsul aber fuhr ihn an, als ob es ganz selbstverständlich wäre, daß -der Kriegsknecht ihm unbedingten Gehorsam schulde. - -»Heda, Sie Mensch, ich verlange sofort Ihrem Höchstkommandierenden -vorgeführt zu werden. Zeigen Sie ihm diese Karte und bringen Sie mir ohne -Aufenthalt Nachricht.« Zu gleicher Zeit griff der so sicher und furchtlos -Sprechende in seine Tasche und warf ein Talerstück klirrend vor den -Wächter auf die roten Ziegel. - -Die anderen horchten hoch auf. Ein Raunen des Beifalls und der Bewunderung -ging durch ihre gedrückten Reihen. Ja, das war die richtige Art, mit -diesen Halbwilden Geschäfte abzuwickeln. Der Konsul verstand's! Ja, wenn -man bloß so in die Tasche zu langen brauchte -- fein, fein! Ein großer -Herr! - -Auch der Kosak billigte diese Form der Verständigung. Umständlich kniete -er in seinen faltigen Gewändern nieder, lehnte das Gewehr an die Wand, und -nachdem er das Talerstück in seine schlappe Hosentasche versenkt, blieb er -liegen und grinste in die offene Tür hinein. - -»Haben Sie nicht gehört, Ihren Höchstkommandierenden wünsche ich zu -sprechen,« rief der Konsul, indem er sich mühsam der russischen Sprache -bediente. - -Der Kniende jedoch schüttelte lebhaft die wirren Haare, dann aber, als -er ernstlicher über das Verlangen seines vornehmen Gefangenen nachgedacht -hatte, streckte er den Zeigefinger vor die Stirn, sprang auf und -schmetterte mit einem Fußtritt die Tür wieder ins Schloß. - -»Solch eine Bande,« keuchte der Pferdehändler Kowalt und führte einen -schallenden Schlag mit dem Peitschenstiel gegen das eisenbeschlagene Holz. -»Unsinn -- wer wird uns hier zu unserem Recht verhelfen? Glauben Sie etwa, -wir werden verhört? I wo, morgen nehmen sie uns zwischen die Pferde und -dann -- hui nach Sibirien. Unsinn!« - -Und der Produktenhändler Manasse, ein Mann, dem noch nach -alttestamentarischer Weise graue Ringellocken über die Ohren fielen, -streichelte unaufhörlich seinen Filzhut, ließ ungeniert dicke Tränen auf -seinen schwarzseidenen Rock herabrinnen und seufzte schwer in sich hinein: - -»Sibirien ganz gut, aber Hände und Füße abschlagen -- Gott, Gott, meine -arme Frau hat -- -- --« - -»Sst, sst, die Hauptsache ist, daß wir uns ruhig verhalten,« begütigte -der ängstliche Tischlermeister Majunke und stellte sich quer vor die Tür, -als wolle er jedes verdächtige Wort abwehren und auffangen. - -Ein allgemeines gedämpftes Gemurmel erhob sich. Nur der Konsul äußerte -nichts mehr. Er verzog die blasse Stirn, dachte nach und schritt mit seinem -elastischen Gang an den verlassenen Holzschemel zurück. Hier schlug er -die Arme untereinander, und während er zum erstenmal seine Gefährten -eingehender musterte, fiel es kühl und geschäftlich wie immer von seinen -Lippen: - -»Bitte wollen Sie mir jetzt der Reihe nach mitteilen, wie Sie hierher -gekommen sind. Da ich alles daran setzen werde, um mir Gehör zu -verschaffen, kann es für Sie nur nützlich sein, wenn ich auch Ihre -Angelegenheiten vor die geeigneten Stellen bringe. Also Herr Kowalt, wie -war's?« - -In dem engen Raum, in dem schon am frühen Morgen eine feuchte brütende -Hitze um die vielen Menschenköpfe herumwogte, zog nun vor aufhorchenden -Ohren Schicksal um Schicksal vorbei. Eintönig und gleichlautend. - -Konsul Bark aber saß und zeichnete über die Anfänge all dieses Trübsals -kurze schlagkräftige Bemerkungen in seinen winzigen goldenen Notizblock. -Immer heißer und stickiger wurde es, Hunger und Durst begannen die eng -Zusammengedrängten empfindlich und quälend zu plagen, und die Unruhe, ob -sie Gehör und Gerechtigkeit bei den fremden Gewalthabern finden würden, -zehrte an ihnen, wie ein gefräßiges Tier. - -Ob sich nun nicht bald die schwere Tür öffnete? Vergebliche Hoffnung. -Stunde auf Stunde verging, und aus den Schlägen der Kirchturmuhr von -St. Sebaldus, die als einzige Stimmen ihrer früheren Welt zu den -Eingekerkerten sich hineinschwangen, erkannten die aus dem lebendigen -Getriebe Herausgerissenen die enteilende Zeit. - -Herrgott, Herrgott, es mußte schon der Nachmittag angebrochen sein. - -»Ruhe, Ruhe, nur nicht laut werden, man darf sie nicht reizen!« - -»Unsinn, -- wenn sie nicht bald was zu trinken bringen, dann stoß ich die -Tür ein. Alles andere ist ja barer Unsinn.« - -»Weh, weh, Herr Nachbar, wie können Sie nur so schreien? Ich sag' Ihnen, -mich haben sie gestern schon mit ihren Knuten geprügelt, und meine arme -Frau hat -- --« - -Unaufhörlich fuhren die Laute aus den vertrockneten Kehlen durcheinander, -als wollten sie sich selbst den schwachen Trost gönnen, daß sie noch -nicht erstorben seien. Dem Konsul jedoch war die klare Erkenntnis für all -diese kleinmütigen Äußerungen längst versunken. Ein Bein lässig über -das andere geschlagen, saß er auf dem einzigen Holzschemel, den ihm die -anderen aus altgewohnter Ehrfurcht willig überlassen, starrte über die -schweißnassen Häupter der kleinen Handwerker hinweg in eine Ecke hinein, -und manchmal kam es ihm vor, als ob er dort hinten an der schmutzigen, -spinnwebigen Wand einen hellen Schein gewahre und auf dieser belichteten -Stelle sich selbst und das rote Mädchen und die verdämmerten -Mosaikgestalten der Evangelisten in dem beleuchteten Refektorium, das -eigentlich sein elegantes Privatkontor war. Und hinter seinem Schreibtisch -sah er, wie die gewaltige bunte Holzstatue des Apostelfürsten Petrus den -halbzerbrochenen goldenen Hirtenstab hob, um ihn, kupferrot vor Zorn, gegen -eine hereinstampfende Russenhorde zu schwingen, die Rittmeister Sassin -befehligte. Er legte sich die Hand vor die Stirn, und ein heftiges -Mißtrauen wurde geweckt. Wie waren die Eindringlinge in das fest -verschlossene Haus hineingelangt? Wer hatte ihnen geöffnet? Und erlaubte -sich sein teurer Freund Leo Konstantinowitsch nicht, in seinem offenbar -trunkenen Zustande den Arm um die Taille des zitternden Mädchens zu -schlingen? Bei Gott, er hob die Zappelnde hoch empor. In den Gedanken und -Bildern des Konsuls überschlug sich etwas. Wirr, trunken tastete er umher, -als ob er nach der kleinen Schießwaffe suche. Dann ein Knall, und ein -grauer Flor umschleierte wieder die sengend-klaren Gestalten. Wollten sie -in ihren Nebel zurückkehren? -- Wie war denn das alles? - - * * * * * - -Unbegreiflich schnell war die slawische Woge in die erste deutsche -Grenzstadt geschlagen. Eben stritt man sich darüber, ob überhaupt eine -ernsthafte Gefahr vorläge. Emsig suchte man nach beruhigenden Gründen, -warum die preußische Garnison an einem Morgen bis auf den letzten Mann -verschwunden war. Noch hielt man in unerschütterlichem Ordnungssinn daran -fest, daß an eine kriegerische Austragung vorläufig gar nicht zu denken -wäre, weil ja über die Grenze keine rechtsmäßige, von dem weißen -Zaren gesendete Absage geschickt sei, noch gab man sich tausenderlei -widersprechenden Vermutungen hin, ob man die großen Speicher, die -Fabriken, die Kontore, Läden und Handwerksstuben räumen und ohne Aufsicht -lassen sollte, da tauchte eines Tages in der Stunde zwischen Nacht und -Dämmerung der Hausmeister Pawlowitsch in seinem blauen Frack mit den -goldenen Knöpfen in dem englischen Schlafgemach seines Gebieters auf und -zupfte hastig an den weißen Kopfkissen. - -»Herr Konsuhl, -- verzeihen Sie -- wachen Sie auf -- auf den Chausseen vor -der Stadt streift russische Kavallerie herum.« - -Der Großkaufmann, dessen Stolz es nicht gelitten hatte, das von den -Vätern ererbte Geschäft zu verlassen, fuhr auf und rückte an dem -eleganten Nachtanzug. - -»Du bist verrückt, Pawlowitsch.« - -Der Frack verbeugte sich. »Vorzüglich, Herr Konsuhl.« - -Selbst in dieser Minute der sichtlichsten Angst, -- denn das schneeweiße -Männchen zitterte auffällig am ganzen Leib -- mußte das Halbblut sein -Entzücken über jede Äußerung des Chefs dartun. Der Kaufmann jedoch -gelangte immer mehr zu klarer Erkenntnis seiner Lage. Er stützte sich auf -den Ellbogen, und seine kühlen Augen hefteten durch die Schatten der -Nacht einen spähenden Blick auf seinen Diener. Dann versuchte er, die -elektrische Flamme über seinem Lager anzudrehen, allein das Licht blieb -aus. - -»Was ist das, Pawlowitsch?« - -»Ich weiß es nicht, Herr Konsuhl,« stotterte das Faktotum, und es war, -als ob seine Zähne leise gegeneinander klapperten, »ich glaube, sie haben -die Drähte bereits zerschnitten.« - -»So, so, -- aber eines ist doch seltsam, wie hast du mitten in der Nacht -die russischen Patrouillen auf der Chaussee feststellen können?« - -Dabei streckte der Liegende seinen Arm aus und faßte kräftig in die -Brustfalte des Alten. Der Herangezogene wandte sich und setzte mehrfach zum -Sprechen an, bevor er auf diese klare Frage eine Antwort erteilen konnte. - -»Verzeihen Sie, Herr Konsuhl -- ich konnte nicht schlafen -- die Hitze --- ich mußte in den letzten Nächten immer spazieren gehen -- die -Angst -- --« - -»Donnerwetter, höre endlich mit dem dummen Zeug auf. Bringe mir sofort -meine Kleider. Wir sind deutsche Kaufleute und haben nach unserem Eigentum -zu sehen.« - -»Ja gewiß, Herr Konsuhl.« - -»Sind dir die Adressen unserer jungen Leute bekannt?« - -»Alle.« - -»Dann begibst du dich jetzt unverzüglich, da dir ja soviel an -nächtlicher Bewegung liegt, zu jedem Einzelnen und bestellst, daß heute -früh, wie an jedem anderen Tage hier gearbeitet wird. Sie sollen sich -durch die Hintergasse in dem Lokal einfinden, denn vorn wirst du sofort -das Tor verschließen und die eisernen Stangen vorlegen. Hast du mich -verstanden, Pawlowitsch?« - -»Vorzüglich, Herr Konsuhl. Hier ist auch schon der Anzug von gestern -abend.« - -Der Kaufmann sprang aus dem Bett. »Gut, gut, du brauchst mir nicht zu -helfen. Aber Licht muß ich haben. Hier hast du die Schlüssel, lauf rasch -in das Detailgeschäft und hole ein paar Pfund Kerzen herauf. Davon stellst -du auch einige in mein Arbeitszimmer. Dalli, dalli!« - -»Herr Konsuhl,« jammerte plötzlich der Hausmeister, der, anstatt sich zu -entfernen, unschlüssig an der mit Fries gepolsterten Tür stehen geblieben -war, um nun krampfhaft die Hände umeinander zu reiben, »Herr Konsuhl,« -rief er in wirklich ausbrechendem Schmerz, »darf ich nicht wenigstens noch -das Service mit heißem Kaffee in das Arbeitszimmer bringen?« - -»Jawohl, du Dummkopf,« gab sein Herr, der so schnell wie noch nie in -seine Kleider gefahren war, etwas versöhnter zurück. »Aber nun, -Mensch, wirf endlich die Beine um die Ohren. Heute ist keine Zeit zu -Rasiergesprächen.« - -»Ja, ja, gewiß, vorzüglich, Herr Konsuhl -- guten Morgen -- die Jungfrau -Maria behüte Sie.« - -Mit wirrem Haupthaar, kaum ein wenig von dem abgestandenen Wasser -befeuchtet und erfrischt, stieg der Prinzipal in sein altertümliches Büro -herab. Merkwürdig, die Kerzen brannten schon überall auf Tischen und -allen erdenkbaren Vorsprüngen und erleuchteten den weiten Raum mit -seltsam schwebenden Schatten. Ein Weben und Gleiten ging unter den weißen -gotischen Bogen dahin, und die starren blassen Gesichter der Evangelisten -in den Mauernischen, sie schienen sich zu neigen und zu drehen, als wenn -auch sie furchtgeschüttelt von dannen schweben wollten. Auf dem Sockel der -großen Petrusstatue stand eine alte Blechlaterne aus dem Geschäft, und -die in ihr brennende Kerze sandte einen flackernden Qualm zu dem hölzernen -Riesen empor. Weihrauch der Angst. - -Als sich der Herr all dieser Schätze umblickte, befiel ihn etwas wie ein -Schütteln und Schneiden, ein nicht abzuwehrender Frost. Es war doch gut, -daß der alte Mann an einen Trunk heißen Kaffee gedacht hatte. Aber wo -blieb Pawlowitsch? Ungeduldig eilte der Konsul an seinen Schreibtisch und -drückte auf den elektrischen Knopf. Die Klingel ließ ihr feines Rasseln -ertönen. Doppelt schrill klang es in dem verlassenen Haus. Allein der -Geforderte ließ sich nicht herbeirufen. Wie war denn das zu verstehen? -Sollte der Hausmeister, der doch ein verschlagener und zäher Patron war, -diesmal wirklich so aus der Fassung gebracht worden sein, daß er sogar -den Wunsch seines Herrn nach einem Morgenimbiß vergessen haben konnte? Von -einer unerklärlichen Ahnung durchschlagen, ergriff der Herr des Goldenen -Bechers die kleine Blechlaterne, um sich über das merkwürdige Fernbleiben -seines Verwalters auf alle Fälle Gewißheit zu verschaffen. Durch die -altertümlichen Gänge des schlafenden Hauses glitt er dahin, geschmeidig, -mit unhörbaren Schritten, über Treppen und schmale Altane, und nichts -Lebendiges fand er, als seinen eigenen Schatten, der ihm überlebensgroß -voraufeilte. So gelangte der Suchende in das Erdgeschoß, wo sich noch von -Klosterszeiten her die geräumige, weiß getünchte Küche befand. Die Tür -stand offen, drinnen alles leer. Ungläubig streckte der Konsul die Laterne -in den verlassenen Raum, bis ihm ein kalter Luftzug das qualmende Lichtlein -zu verlöschen drohte. Dabei nahmen seine leidenschaftslosen Züge einen -immer herberen und kühleren Ausdruck an. Deutlich offenbarte ihm sein -geschäftlicher, von allen Äußerlichkeiten unbeeinflußbarer Sinn, -mit dem Verhalten seines Faktotums müsse es eine ganz eigene Bewandtnis -besitzen. Aber welche? Ein heftig um sich greifendes Mißtrauen erfüllte -ihn ganz und gar. Ob der Alte wenigstens für die Sicherheit des Hauses -gesorgt hatte? In ein paar kurzen Sprüngen fuhr der Chef die breite -knarrende Holztreppe in die Höhe, erreichte sein Arbeitszimmer und lief -über die drei grünen Porphyrstufen auf die pflastersteinbelegte Einfahrt -hinaus, um sich von dem Verschluß der mächtigen Eisentür zu überzeugen. -Im ungewissen Schein der Laterne sah er, wie die beiden mächtigen -Eisenquerbäume ordnungsgemäß vorgelegt waren, auch den ungeheuren -eisernen Schlüssel mit dem wunderlich verschnörkelten Kopf aus einer -frühen Zeit der Technik fand seine fühlende Hand fest im Schloß. -Beruhigt atmete er auf. Durch die oberen eisenvergitterten Butzenscheiben, -die sich wie herausgeschlagene Boden grüner Weinflaschen ausnahmen, -stahl sich bereits ein schwächliches Dämmern des neuen Tages. Schwalben -schossen dort draußen zirpend durch die Luft, und ganz von fern meldete -sich ein eigentümliches Poltern und Rasseln, wie wenn ungefüge Karren -eine Ladung von Eisen über unebene Straßen zu schaffen hätten. Der -Kaufmann zog seine goldene Uhr und hielt sie vor das rauchende Licht: -ein Viertel auf drei. Wer konnte zu dieser frühen Stunde eiserne -Gerätschaften in die Stadt transportieren? Oder sollte sich die Meldung -von Pawlowitsch im Ernst bestätigen? Und der elegante Mann tat etwas, was -er sich vor einer Stunde gewiß noch nicht hätte träumen lassen. Er -legte das Ohr an die kalte Platte der Tür und lauschte angestrengt auf das -nervenerregende Geräusch, das sich dort draußen in der Weite immer mehr -verstärkte. - -Da -- was war das? Ein leichtes Rollen fuhr über den Markt, das -gleichmäßige Getrappel von Wagenpferden verkündete sich und brach -wie auf einen Schlag ab. Unmittelbar vor seiner Tür schien ein Wagen zu -halten. Gleich darauf wurde an dem Schloß der Einfahrt gerüttelt, aber -es klang mehr wie ein hastiges Kratzen und stammte von einer schwächlichen -Hand. Der Konsul räusperte sich. Dann nahm er sich zusammen und rief mit -seinem gemütskalten Ton: - -»Heda, wer ist dort draußen?« - -Wer aber konnte das Erstaunen des Mannes beschreiben, als die -wohlbekannte Stimme des Rotkopfes von Maritzken durch das Schlüsselloch -hindurchflüsterte: - -»Herr Konsul -- ich bin es -- Isa -- schnell machen Sie auf, ich bin in -großer Gefahr.« - -In der nächsten Minute poltern die Querbäume herab, ächzend schiebt -sich ein Spalt des mächtigen Tores auseinander, und im Dämmergrauen des -Morgens wirft sich ein junges Geschöpf, um das ein zerzauster Regenmantel -flattert, völlig haltlos in die Arme des Mannes. - -Draußen wirft der Wagen herum und stäubt wie ein Unwetter davon. - -»Isa, um alles in der Welt, was bedeutet das? Wie kommst du hierher?« - -Der von Schrecken Gepeinigte vergißt im Moment alle Erziehung und -Höflichkeit und sieht in dem bebenden Wesen nur das schutzbedürftige -Kind, dessen fröhliches Heranwachsen er wie ein Vater beobachten -durfte. Jetzt klammert sie sich wortlos an seine Brust, mit einer irren, -befremdlichen Kraft, und ihre feine Hand deutet schwankend auf die nahe -Pforte des Arbeitszimmers. Da besinnt sich der Kaufmann nicht länger. Mit -der Rechten wirft er auf einen Schlag die Querbäume vor das Tor, und ohne -weitere Frage trägt er das Mädchen, das sich nicht mehr rührt, in das -Refektorium. - -Wieder gleiten die Schatten hin und her, die Evangelisten bewegen sich und -schütteln die Häupter, und die blauen Holzaugen des Himmelspförtners -wetterleuchten im Glanz, als sie gewahren, wie unbeholfen der Kaufmann -seine Last in den geräumigsten der Kirchenstühle niedersetzt. Ganz -sacht und behutsam. Er bettet sogar, ohne sich dabei etwas zu denken, den -Regenmantel über die Knie der Kleinen zusammen. Dann zieht der Herr des -Goldenen Bechers für sich selbst einen Klubsessel heran und setzt sich -so, daß er dem Mädchen in das feine blasse Antlitz schauen kann. Geduldig -wartet er, bis sich in dem verstörten Gesicht die dichten Wimpern heben. -Kaum aber trifft ihn der erste Blick aus diesen klugen frühreifen Augen, -da besinnt sich Rudolf Bark auf das eigentümlich väterliche Verhältnis, -das zwischen ihm und dem zusammengekauerten Ding waltet, er entreißt -sich seinen eigenen Sorgen, beugt sich vor und klopft ihr wohlwollend, -herablassend die weiche Wange. - -»Um Gottes willen, Mariellchen, Ihr Besuch ist zwar ehrenvoll, aber doch -leidlich früh. Wenn ich nicht zufällig wie mein eigenes Gespenst durch -das Haus schlürfte, ja, dann hätten Sie mich höchstens aus kummervollen -Träumen wecken müssen. Aber nun im Ernst, liebes Kind, was treibt Sie -her? Wie steht es in Maritzken? Was macht Johanna?« - -Und dann kommt der Moment, wo die Heimatlose seine Hand ergreift und sich -auf die Lehne seines Fauteuils niederläßt, als müsse sie aus Furcht vor -der großen, leeren, fremdartig beleuchteten Stube dem Freunde ihres Hauses -all die Schrecknisse der Nacht ins Ohr raunen. Dicht aneinandergeschmiegt -sitzen sie, und in überstürzter Schilderung entwirft der feine Mund -dem immer gespannter Aufhorchenden die düstern Schattenbilder, die diese -furchtbarste Nacht ihres Daseins durchrast. Knappe Fragen wirft der Mann -zwischen die ängstliche Rede, ihm liegt namentlich daran, die einzelnen -Gegenden zu wissen, an die sich für Isa so schreckhafte Erinnerungen -knüpfen, er wirft ein, daß das Mädchen wohl nur einem Patrouillentrupp -begegnet sein könne, der die Stadt in weitem Bogen umgangen, er fragt nach -Zahl, Bewaffnung und Sprache der Uniformierten, und allmählich quillt -der Verschüchterten aus der gleichgültigen Ruhe des Kaufmannes eine neue -Sicherheit zu. Ganz gewiß, es kann nicht so schlimm stehen, das Ganze -bildet vielleicht nur ein abenteuerliches Mißverständnis, denn Rudolf -Bark lehnt ja vor ihr in seinem modischen Anzug, der nichts von seiner -tadellosen Glätte eingebüßt, und im Vollbesitz seiner sachlichen -Nüchternheit, deren kühles Gleichmaß für den Rotkopf stets das Ziel -einer sie erregenden Bewunderung gewesen. - -»Herr Konsul, glauben Sie, daß nun die Stadt und die Umgegend von diesen -schrecklichen Menschen überschwemmt wird?« - -»Ja, Isachen, damit wird man leider rechnen müssen.« - -Ein schnelles Atmen. - -»Und wird das für Sie und für Johanna und auch für mich mit Gefahr -verknüpft sein? Sie können es mir ruhig sagen. Nach dem, was ich heut -nacht erlebt, bin ich auf alles vorbereitet. Kann es uns ans Leben gehen -oder werden wir verschleppt werden?« - -»Liebes Kind« -- der Kaufmann sah seiner Gewohnheit gemäß auf die -Kappen seiner Lackschuhe, die ihm der Hausmeister, dem langjährigen -Brauch folgend, hingestellt, und blickte dann in das blasse Gesicht -seiner Gefährtin empor; in der gleichen Minute aber war er mit seinen -blitzschnellen Erwägungen auch schon am Ende angelangt -- »liebes Kind, -ich denke, daß die fremden Gewalthaber voraussichtlich alles mögliche -aufbieten werden, um bei der kommenden Besetzung die Ordnung und die -Sicherheit aufrecht zu erhalten. Da man bei unserer Bevölkerung doch einen -guten und harmlosen Eindruck zu erwecken wünschen muß, so werden sie nach -meiner Meinung hier mehr als die guten Naturburschen auftreten, mit denen -es sich leicht und gemütlich verkehren läßt. Ich hoffe also, eine -persönliche Gefahr wird uns nicht drohen. Nur geschäftlich werden -ungeheure Summen verloren gehen.« - -»Auch Ihnen, Herr Konsul?« - -»Auch mir. Da wir für die nächste Zeit abgeschnitten sind, so werden -alle geschäftlichen Beziehungen zerreißen, auf denen der Handel beruht, -und es wird bald eine traurige Lähmung eintreten, eine sehr traurige.« - -Er sieht wieder auf seinen schmalen Fuß herunter und doch verzieht sich in -dem gefaßten Antlitz nicht eine Miene. - -Da fühlt der Rotkopf, es müsse doch noch höhere Interessen geben, als -die unverhüllte Sorge um Leben und Wohlergehen, und urplötzlich fliegt -ein helles, huschendes Rot über ihr verstörtes Gesicht. - -Rasch springt sie auf und zaust geräuschvoll an ihrem steifen Regenmantel: - -»Herr Konsul Bark.« - -Der Ruf klingt in der trüben Gegenwart und mitten in der langsam -vorüberkriechenden Nacht so frisch und lebenshell, daß der Geschäftsmann -unvermutet den ihn umblitzenden Zahlen entrissen wird, um sich ganz -verwundert an seine jetzige Lage zu erinnern. An das befremdliche -Fortbleiben seines Verwalters, an das leere verschlossene Haus voller -Vorräte, und an sein Zusammentreffen mit dem jungen Mädchen, das er -irgendwie behüten muß, wenn ihm auch augenblicklich jedes Machtmittel -dazu fehlt. Draußen klirren die unheimlichen Wagen mit ihrer rasselnden -Eisenladung immer näher. Und als er jetzt seinen Blick umherschweifen -läßt, als er innen hinter den vergitterten Fenstern die fest -geschlossenen Holzläden prüft, und indem er erwägt, wie lange die halb -herabgebrannten Kerzen noch ihr Licht spenden können, da erfaßt ihn die -merkwürdig zerstreuende Erkenntnis, daß mitten in all dieser schlimmen, -eisengeschüttelten Erwartung ein junges hübsches Mädchen steht, mit dem -er sich allein in einem festungsähnlich verbarrikadierten Hause befindet. -Es ist zwar lächerlich, jetzt über derartiges nachzudenken, aber in -dem bangen Harren tanzen die Gedankenreihen so wild und glitzernd -durcheinander, wie sonnenbeschienene Telegraphendrähte, wenn der Zug -donnernd vorüberbraust. Nein, er muß sich auf etwas Wirkliches, auf etwas -Vorhandenes beschränken. Rasch erhebt er sich, und während er fühlt, wie -ihm die Mädchenaugen auf seinem Weg folgen, da unterdrückt er gewaltsam -eine ihn umspinnende Schlaffheit, die wohl von der Aufregung und der -unterbrochenen Nachtruhe herrührt. Und wieder schwingt und glitzert -und sticht eine ganz unvorhergesehene Idee durch das nüchterne Hirn. -Donnerwetter ja, er ist zweiundvierzig Jahre alt. In dem biegsamen Körper, -der wie eine Stahlklinge jedem Druck nachzugeben weiß, ist bisher nie die -Überlegung aufgetaucht von Einhalten und Schonung und herannahendem Alter. -Aber wie er jetzt an dem Schreibtisch steht, um noch einmal entschlossen -auf den elektrischen Knopf zu drücken, in der Hoffnung, sein Hausmeister -könnte sich vielleicht doch wieder eingefunden haben, da muß er, obwohl -ihm ein Ärger dabei aufsteigt, das junge blühende Geschöpf mit den -rotleuchtenden Haaren messen und mitten in der Bedrohung und Not findet er -es dumm und verächtlich, solch albernen Erwägungen nachzuhängen. Er ist -eben ein älterer Mann und hat sich vor allen Dingen darum zu kümmern, -das mit Waren bis unter das Dach vollgestopfte Geschäftshaus, an dem seine -ganze Existenz hängt, zu hüten bis zum Äußersten. Teufel, unten lagern -zum Unglück lauter Waren, die das rohe Volk, das hier bald herrschen -soll, von jeher mit gierigen Augen angestarrt hat. Tee und Wein, Kaffee und -Zucker, Reis, Tabak, Schokolade und ungeheure Mengen lockender Konserven. -Wenn seine Leute nur zur Zeit kämen! Es gibt hier unten in dem ehemaligen -Kloster einige Löcher und Winkel, die man schon nicht mehr Keller, sondern -unterirdische Gänge nennen kann. Dort muß ein großer Teil der Vorräte -verborgen werden. - -Durch das Haus schmettert die Klingel, gellt und schrillt und der Prinzipal -merkt erst jetzt, wie es schon minutenlang vergeblich läutet. Pawlowitsch -bleibt verschwunden, aber der Durst nach etwas Warmem, Stärkendem meldet -sich immer ungestümer. - -Da plötzlich ein befreiender Einfall. Ganz ernsthaft wendet er sich an -seinen Gast und fragt so dringend und kurz, wie er seine Angestellten -anzureden gewohnt ist: - -»Verzeihen Sie eine sonderbare Frage, Isa, können Sie Kaffee kochen?« - -»Ich?« das Mädchen starrt ihn verblüfft an. »Ja gewiß, Herr Konsul -Bark. Wünschen Sie denn zu trinken?« - -Hastig wird die Abwesenheit des alten Dieners zu erklären versucht, und -unmittelbar darauf huscht die Kleine schon, die Laterne in der Hand, über -Treppen und wurmstichige Holzgänge in die Küche hinab. Wie die Furcht -ihre Glieder dabei mit eisiger Hand anfaßt, wie hohl ihre Tritte auf -den alten Dielen schallen, wie kühl die Zugluft um die vorspringenden -Mauerecken herumstreicht, und vor allen Dingen, wie unheimlich ihr eigener -Schatten an den Wänden hin und her hüpft! Und doch -- das ängstliche -Geschöpf hat die Begleitung des Hausherrn weit von sich gewiesen. Was -würde er denken, wenn sie sich jetzt kindisch benähme. Nein, weiter, -weiter, trotz Grauen und häufigem bangen Zurückschauen. - -»Sieh da,« ruft Konsul Bark nach einer Weile, als er den Rotkopf auf -einem gewaltigen Tablett eine ganz unwahrscheinlich irdene Kanne, umgeben -von ein paar eilig zusammengerafften Tassen, daherschleppen sieht, »wo -haben Sie denn diese Kostbarkeiten aufgelesen, Isachen? Aber das tut -nichts, die Hauptsache ist, daß es aus dem braunen Ding hier sehr -vertrauenerweckend dampft.« Er beugt sich ein wenig herab und schnuppert -herum. »Also wirklich ein großartiges Aroma! -- Tischzeug? Nein, mein -Kind, das vermag ich jetzt nicht aufzutreiben. Sehen Sie, ich decke ein -nagelneues Taschentuch hier über dieses Tischchen, und passen Sie auf, der -Trank wird uns auch so munden. Es ist eben Belagerungskaffee.« - -Und nun sitzen die beiden vor dem groben Gesindegeschirr, schlürfen von -dem brennend heißen Getränk und beginnen an ihrer trostlosen Vereinsamung -beinahe ein romantisches Gefallen zu finden. - -Wieder wähnen sich beide auf eine winzige Insel verschlagen, und -hingegeben an den wohligen Schauer der immer näher rückenden Gefahr, -horchen sie auf die wilden Geräusche, von denen draußen die Straße -widerhallt. Es klirrt und rasselt, galloppiert, schreit und tobt, -gröhlende Lieder, in einer fremden Sprache gebrüllt, schlagen zu ihnen -herein, und plötzlich schmettert etwas durch die Eisengitter der Fenster -hindurch, und klirrende Glasscherben spritzen innen gegen die geschlossenen -Holzläden. - -»Ruhig, ruhig,« beschwichtigt der Kaufmann und fährt wieder mechanisch -über die bebende Mädchenhand. - -Doch Isa rührt sich nicht. Still, wie bisher, sitzt sie auf der Lehne des -Stuhles, hält den Atem an, und die Nähe ihres Gefährten wirkt so -stark auf sie, daß sie sogar versucht, das rasche Jagen ihrer Brust zu -bezwingen. - -Ein Augenblick der Stille tritt ein. Scharf und schreckhaft hebt sich -die lähmende Ruhe des großen Gemaches ab von dem dröhnenden Toben -der Straße. Und so schmerzend sicher schlürft das bis aufs Äußerste -angestrengte Gehör der beiden Einsamen jeden Ton in sich hinein, daß -nicht allein die schneidenden Schwingungen der fremdartigen Hornsignale, -die dort draußen den Lärm übergellen, ihr Innerstes durchstoßen, -sondern auch das Knistern und Zucken der vielen Lichter bis an ihre zum -Zerreißen aufmerksamen Sinne dringt. - -Da -- - -»Herr Konsul,« fährt Isa auf. - -Auf den Pflastersteinen der Einfahrt hallt es von unzähligen Fußtritten. - -Ist es möglich? Der Konsul erhebt sich langsam. Ein törichter Kindertraum -däucht ihm das Ganze, denn das schwere Eingangstor ist ja bis jetzt nicht -dem geringsten Angriff ausgesetzt gewesen. Oder sollte etwa -- -- - -Allein alle diese Zweifel und Bedenken gelangen nicht mehr an ihr Ende. - -Sieh -- sieh, es ist wirklich, als ob durch brennende Fiebergesichte alle -möglichen bekannten Gestalten taumeln. Jetzt wird die Tür über den drei -grünen Porphyrstufen aufgerissen, draußen in der gewölbten Einfahrt -drängt sich Kopf an Kopf. Lauter breitrandige Mützen schieben sich -durcheinander, Säbelgehänge, die über den Schultern befestigt -sind, gleiten über grün-graue Uniformen herab, rauhe, unbearbeitete -Reiterstiefel scharren auf den Fliesen. - -Doch wie kann es geschehen, daß sich aus dem dunklen Schwarm eine so -überaus vertraute Figur ablöst? Ja, er ist es, er ist es wirklich! - -Breitspurigen Trittes, mit etwas nachgebenden Knien, drängt sich Rudolf -Barks ›bester Freund‹ Leo Konstantinowitsch Sassin in das Gemach. Ein -kotbespritzter grauer Radmantel hängt schief eingehakt um seine breiten -Schultern, die Mütze sitzt ihm schräg auf dem linken Ohr, und auf dem -brutalen Antlitz glüht eine sonderbare Hitze. Zwischen zwei Brustknöpfen -seines Waffenrockes lugt der schwarze Kolben eines Revolvers hervor. -Als der Russe des Paares ansichtig wird, das fast regungslos unter dem -zersplitterten Fenster weilt, da reißt der Offizier seine hervorquellenden -Kinderaugen auf, und um seine blondumbarteten Lippen fliegt ein sonderbar -befriedigter Schein. Was hier Ausdruck gewinnt, ist nicht die Freude des -Wiedersehens. Es bedeutet vielmehr eine dumm-dreiste Überlegenheit, wie -sie Ungebildeten eignet, wenn sie plötzlich über Höherstehende Macht -erlangen. - -»Ah, guten Abend, Rudolf Bark, mein Kompliment für das junge Fräulein -von Maritzken,« poltert der Dragoner in einem rohen Lachen hervor. »Nicht -fürchten -- keine Ursache -- gut Freund. So lange hier keine Dummheiten -macht, werden Euch vorzüglich behandeln. Was stieren mich so an, Rudolf -Bark? Mein bester Freund?! Wundern sich, wie zu Ihnen hereingekommen? Hehe, -zweiunddreißigsten Dragoner verstehen durchs Schlüsselloch zu reiten. -Haben unsre kleinen Geheimnisse.« - -Damit tritt der Redende nicht ganz sicher an den Tisch, hebt die braune -Kanne in die Höhe und läßt sie aus Ungeschicklichkeit oder mit Absicht -auf den Teppich niederstürzen. In einer breiten Lache ergießt sich -die braune Flüssigkeit aus den zersprungenen Scherben über das dunkle -orientalische Gewebe. - -»Wie, was -- Kaffee? Seit wann, Rudolf Bark, sind Sie ein altes Weib? Es -muß hier doch Wein im Hause sein. Bei der Mutter von Kasan! Tausende von -Flaschen, ganze Fässer. Ich kenne Ihre Gastfreundschaft, bester Freund. -Natürlich, wer sollte sie besser kennen?! Weiß, brennen darauf, arme, -müde Soldaten des Zaren -- wie sagt man -- =à régaler=.« - -Und sich zur Tür und zu den Haufen seiner Reiter wendend, schreit er in -russischer Sprache, die der Prinzipal des »Goldenen Becher« sehr wohl -versteht, hinaus: - -»Lauft, ihr durstigen Kinderchen, sucht, meine braven Söhne! Habt ihr -verstanden, ihr pfiffigen Spitzbuben? Hier unten in den Kellern gibt es -Wein. Alkohol ist euch verboten, aber Wein hat der große Zar erlaubt. Und -mein Freund Rudolf Bark ist kein Knauser. Er ist glücklich, uns bewirten -zu dürfen. Macht, daß ihr fortkommt! Aber nicht betrinken. Hört ihr? Der -Rausch ist für einen russischen Soldaten unanständig.« - -Nach dieser mit wildem Triumph gehaltenen Rede läßt Leo Konstantinowitsch -die Flügeltüren zurückfallen und schwankt ziemlich unsicher an den -Tisch, wo er krachend in den nächsten Stuhl fällt. Seine glitzernden -Augen aber, die bebenden Nasenflügel und der kurze Atem bekunden deutlich, -wie er selbst das Alkoholverbot seines Gossudars durchaus nicht für -verbindlich erachtet hat. Eine müde Handbewegung ladet die beiden anderen -zum Platznehmen ein. - -»Setzen Sie sich, Rudolf Bark,« sprudelt er herablassend, »und hier -neben mich das schöne Fräulein. Ohne Angst. Leo Konstantinowitsch ist -Ihnen freundlich gesinnt. Sie glauben gar nicht, wie gut Sie es bei uns -haben werden. Und nun schaffen Sie ein paar Flaschen Champagner an, Rudolf -Bark, ich schlafe heute bei Ihnen.« - -Und dann rast alles, wie von irrsinnigen Geistern gehetzt vorüber. Von -unten aus den Kellergewölben dringen dumpfe Schläge herauf, ein wildes -Geheul der Freude kreischt dazwischen und ehe noch der Kaufmann Zeit -finden kann, seinem Bedränger auseinanderzusetzen, wie mitten in der Nacht -natürlich keine Dienerschaft vorhanden sei und daß die Schlüssel der -Vorratskammern jetzt ebensowenig aufzutreiben wären, da drängen sich -bereits ohne weitere Förmlichkeiten ein paar russische Dragoner an den -Tisch. Unter den Armen allerhand Weinflaschen und in den Händen eiligst -zusammengerafftes groteskes Trinkgeschirr. Bierseidel, Weingläser, -Kaffeetassen und Milchtöpfe, alles toll und wüst durcheinander. - -»Gut, gut,« schreit Sassin, und dabei schleudert er Mantel und Mütze -mitten in die Stube, »sehen Sie, Rudolf Bark, wie treulos Sie sich -benehmen? Sie verwickeln sich in Widersprüche, bester Freund. Wozu -Dienerschaft? Wozu Schlüssel? Ich habe alles bei mir. Das weite Russland -braucht nichts Fremdes, es besorgt sich alles selbst. Vorwärts, meine -guten Jungen. Jeder drei Flaschen! Rudolf Bark gibt es euch gern. Seht, wie -er sich freut. Fehlt euch noch etwas, meine guten Söhne?« - -»Nein, es lebe Väterchen Rittmeister!« - -»Ich danke euch, ich weiß, daß ihr mich liebt. Und nun packt euch -hinaus, seht ihr nicht, daß ich hier mit vornehmen Nemzows sitze?« - -Wieder befinden sich die drei allein, immer wiehernder schallt das -Gelächter des Trunkenen durch den großen Raum, immer ungebändigter -werden seine Scherze. Empört erhebt sich der Konsul. Er ist kaum noch -imstande, seinen Zorn und seine Verachtung gegen den halb der Besinnung -Beraubten zu unterdrücken. Nur ein Blick auf das Mädchen, das mit weit -aufgerissenen Augen die widerwärtige Trinkorgie verfolgt, flößt dem -Kaufmann noch Beherrschung und Zurückhaltung ein. - -»Herr Rittmeister,« ruft er, indem er mit zusammengekrümmtem Zeigefinger -nervös auf die Tischplatte pocht, »wünschen Sie dies Gelage noch lange -fortzusetzen? Ich finde, Ihr Zustand erfordert es, daß Sie sich eiligst -zur Ruhe begeben.« - -»Ich?« Der Russe spreizt die Beine von sich und lehnt sich weit zurück. -Die stieren blauen Augen quillen ihm dabei immer mehr aus dem Kopf. -»Zustand? Wieso, Rudolf Bark? Pah, ich kenne keinen Zustand. Wenn Sie -wüßten, wie frisch ich mich fühle! Acht Stunden im Sattel gesessen. -Keine Ader schlägt mir danach.« Hier brüllt er laut auf und stößt -mit der Faust vor die Brust. »Solch einen Ritt wünsche ich Ihnen, Rudolf -Bark. Herrlich, herrlich! Grenzwache haben wir überritten, ehe sie sich -besann. Unter meinem Pferd lag etwas Zappelndes. Können Sie sich diese -weichliche Nachgiebigkeit vorstellen, wenn man zum erstenmal über einen -Menschen reitet? Man hört das Aufschmettern des Hufes, man fühlt das -Einsinken -- es ist aufregend!« - -»Hören Sie auf,« ruft der Konsul sich vergessend, »Sie wissen nicht -mehr, was Sie reden.« - -»Wie? Was?« Der Russe versucht sich aufzurichten, allein er vermag es -nicht mehr. Die Geister des verschwenderisch genossenen Weines reißen ihn -auf seinen Sitz zurück. »Wie sprechen mit mir, teurer Freund? Sollten -vielleicht vergessen, daß wir hier als Herren einzogen? Hat ein Ende mit -der Unverschämtheit der Germanen. Wer sind Sie, wenn ich meine Hand jetzt -von Ihnen abziehe? Kein Hahn kräht nach Ihnen. Aber lassen wir diese -Dummheiten.« - -Schwerfällig wendet er sich zu Isa, bemüht, eine Verneigung auszuführen, -allein der Versuch wirft ihn nach vorn, so daß sein flammendes Haupt -haltlos gegen die Schulter des Mädchens sinkt. - -Hei, welche Wärme, welch eine zuckende Haut, welch eine atmende Rundung! -Das betäubte Hirn des ungebildeten Bauern verliert darüber die letzte -Spur angelernter Lebensart. - -»Kommen Sie, =ma chère=,« flüstert er, wobei er der Zurückschaudernden -immer näher rückt und beide Arme um sie schlingt, »wir trinken noch ein -Gläschen. Wissen Sie auch, daß Sie scharmant sind? Der Teufel hole -Ihre Schwestern. Sie sollen leben, ich habe immer für schlanke Glieder -geschwärmt. Nicht wahr, Rudolf Bark, Sie können es bezeugen?« - -Roh, zudringlich, in einer gemeinen Vertraulichkeit schließen sich die -Fäuste des von Gier und Rausch Bezwungenen hinter dem Hals des Mädchens -zusammen. Von Starrheit geschlagen, rührt sich Isa kaum. Keine Bewegung -wagt sie auszuführen aus Scham oder aus Angst, und nur einen einzigen -hilflosen, beschwörenden Blick sendet sie zu dem vor Wut verzerrten -Antlitz des Hausherrn empor. Sie sieht noch, wie sich die Zähne des -Konsuls in seine Unterlippe graben, schauernd fühlt sie, daß das kleine -Tischchen, einem Fußtritt des durch ihn genierten Russen nachgebend, -polternd und klirrend zu Boden stürzt, und gleich darauf zischt etwas vor -ihren Ohren. Ein blendender Strahl zwingt sie, ihre Lider zu schließen, so -daß sie kaum noch merkt, von wessen Hand sie jetzt emporgerissen wird. - -Entsetzen! - -Für eine Sekunde fassen die drei Ernüchterten dasselbe Bild in -schonungsloser, peinigender Klarheit auf. Elegant, geschmeidig, tadellos -angezogen wie immer, lehnt Rudolf Bark hinter dem hohen Kirchenstuhl. In -dem hübschen glatten Gesicht verrät keine Blässe, kein nervöses Zucken -auch nur eine Spur von Abscheu vor seiner eigenen Tat. Nein, neugierig fast -beobachtet der Kaufmann, dessen Finger noch immer die Waffe umspannen, -die er seinem Gastfreunde aus dem Waffenrock gerissen, wie Leo -Konstantinowitsch Sassin mitten in der Stube über seinem eigenen -Mantel auf dem Rücken liegt, um mit der Rechten unter Lachen und -einem schmerzlichen Brüllen an den Uniformknöpfen oberhalb der Brust -herumzureißen. Draußen unter der Einfahrt drängt es sich schon wieder -Kopf an Kopf, obwohl keiner, von der Furchtbarkeit des Geschauten gelähmt, -es wagt, die tolle Stätte dieses blutigen Gerichts zu betreten. Stumm -recken sie die Hälse vor, um auf das zu horchen, was sich niemand -erklären kann. - -»Oh du verfluchter deutscher Hund, du Vieh, du hinterlistiges Schwein, -so behandelst du deinen Freund? Pfui, man möchte weinen! Warte nur, du -widerlicher Affe, wie sauber dir unser Profoß die Schlinge um den Hals -legen wird. Was steht ihr hier und haltet Maulaffen feil? Hat man nicht -euer Väterchen ermordet? Schnell, nehmt ihn fest, die Rothaarige auch. Und -mir gebt zu trinken. Einen Topf Champagner. Mir ist ein wenig schlecht. -Oh, Rudolf Bark, mein bester Freund, ich wollte, ich könnte dich selbst -zappeln lassen. Ich gäbe den ganzen Feldzug darum. Pfui, du treulose, -deutsche Spinne, ich trete dir den Kopf ein.« - - * * * * * - -In der Gefängnistür rasselte ein Schlüssel. Und das Geräusch unterbrach -den auf dem Schemel hockenden Kaufmann in seinen rückwärts gerichteten -Gedanken. Er fuhr auf und sah nach der Uhr: es war hoch am Spätnachmittag. -Aus der Schar der vor Müdigkeit Eingeschlafenen erhob sich der kahle -Schädel des Tischlermeisters Majunke, und seine befleckten Hemdsärmel -sägten aufgeregt durch die Luft. - -»Um Gottes willen, sie kommen,« zischte er durch die Zahnlücke, -»schnarcht nicht, Kinderchen, sie könnten es uns übelnehmen. Herr -Kowalt, verstecken Sie Ihre Peitsche, man kann nicht wissen, was sie dazu -denken.« - -Langsam drehte sich das schwere Holz, und auf dem rot gepflasterten -Ziegelflur stand neben dem ehrfurchtsvoll geduckten Kosaken eine -schmächtige Jünglingsgestalt in grauer Uniform, dessen blasses -kränkliches Antlitz der Konsul sich besann, schon einmal gesehen zu -haben. Richtig, das war einer der beiden Fahnenjunker, der im Hause Sassins -erzählt hatte, welch ein freimütiges Testament er für seinen Vater, den -Polizeioberst in Kiew aufgesetzt hätte. Der glatt rasierte Knabe hielt -einen Bogen Papier in der Hand und sah kurzsichtig und mit blinzelnden -Augen in den dumpfen Raum, aus dem eine Wolke schwüler Hitze herausschlug. -Dann trat er auf die Schwelle, zog sich den grauen Waffenrock zurecht, und -indem er ein wenig mit der Degenscheide klirrte, gab er sich den Anschein -einer amtlichen Würde. - -»Rudolf Bark,« rief er mit seiner gebrochenen Knabenstimme, in die er -vergeblich einen militärischen Kommandoton zu legen suchte, »ist hier der -Konsul Rudolf Bark anwesend?« - -Der Prinzipal des »Goldenen Becher« erhob sich. - -»Was steht zu Diensten?« fragte er kurz. - -»Sie sind es? Ach ja,« erinnerte sich das uniformierte Kind und -errötete leicht; dann aber besann es sich und verbeugte sich förmlich. -»Unterleutnant von Karström,« stellte er sich vor. - -Und Rudolf Bark erriet nicht allein aus dem Namen, sondern vor allem an der -flüssigen Aussprache des Deutschen, daß er einen Balten vor sich habe. - -Der Unterleutnant blinzelte flüchtig in sein Papier und fuhr fort: - -»Sie werden mir folgen. Ich habe den Befehl, Sie auf das Rathaus zu -unserem Kommandanten zu bringen.« Und einen Blick auf den eleganten hellen -Sommeranzug seines Gefangenen heftend, setzte er mit einer Rücksicht, die -er durchaus nicht verleugnen konnte, höflich hinzu: »Bitte bedecken Sie -sich mit Ihrem Hut.« - -Hier zuckte der Konsul die Achsel. Und nachdem er erklärt, daß man ihn -barhäuptig hierher transportiert, da errötete der junge baltische Adlige -von neuem und schüttelte ratlos das schmale, kränkliche Haupt. Selbst den -Konsul rührte diese kindliche Unbeholfenheit. - -»Ich werde mir mit Ihrer Erlaubnis, Herr Unterleutnant,« half er deshalb -rasch ein, »einen Hut von einem meiner Mitgefangenen ausborgen. Nicht -wahr, Herr Kowalt, Sie sind so freundlich?« - -»Ja allerdings, bitte tun Sie das,« atmete der Balte ganz erleichtert -auf. Dabei verbeugte er sich unwillkürlich, als der Kaufmann nun mit -dem abgetragenen fettigen Hut des Pferdehändlers in der Hand an ihm -vorüberschritt. - -Auf der Diele hatte der Kosak inzwischen von einem Stuhl einen handfesten -Strick genommen, mit dem er sich nun dem Konsul geschäftig näherte. - -»Was soll das?« fragte der Leutnant, wobei er sichtlich zusammenschrak. - -Grinsend deutete der Kosak auf die Hände des Gefangenen. Da warf der junge -Offizier wie beschwörend die Rechte vor. - -»Keineswegs,« stammelte er, »davon steht kein Wort in meiner -Instruktion. Der Herr ist nicht fluchtverdächtig. Auf der Stelle wirfst -du den Strick fort.« Und sich zu dem gelassen dastehenden Rudolf Bark -wendend, versuchte der junge Mensch eine Entschuldigung anzubringen. -»Bitte vergeben Sie, mein Herr,« sagte er trotz seiner Kindlichkeit mit -einer Haltung, die ganz zweifelsfrei die gute Erziehung eines halbdeutschen -Adelshauses verriet, »das war keineswegs beabsichtigt.« Und indem er mit -dem Haupte auf den wieder zusammengesunkenen Kosaken deutete, warf er noch -eifrig hin: »Der Mann stammt aus den Donschen Steppen. Die Leute haben -dort eine ganz eigene Gerichtsbarkeit, die von der unsrigen erheblich -abweicht. Sie sollten daraus keine allgemeinen Schlüsse ziehen, mein -Herr.« - -»Gewiß nicht,« beruhigte ihn Rudolf Bark mit einem kaum merklichen -Lächeln. - -Dann schritten sie gemeinsam die Steinstufen herunter und befanden sich -bald in einer der nüchternen Gassen der Vorstadt. Aber wie hatte sich das -Gepräge dieses sonst so regen Handelsplatzes verändert! Es versetzte -dem Kaufmann, in dem doch selbst die Sorge vor der Zukunft brütete, einen -Stich ins Herz, als er die auffallende Verwandlung feststellte. Obwohl -noch lange nicht die Stunde des allgemeinen Ladenschlusses angebrochen -war, hatten die kleinen Gewerbetreibenden überall Jalousien und -Lattenverschläge vor ihre Auslagen gezogen, und die Straßen selbst -schienen von den Eingeborenen wie ausgestorben. Kein bekanntes Gesicht -wollte sich zeigen. Dafür wimmelte jedoch die fremde Soldateska gleich -einem schwarzen Ameisenhaufen durcheinander, immer neue Truppen zogen -singend von den Landstraßen aus herein, und man sah es den befriedigten -Gesichtern an, daß ihnen die Besetzung dieser ehemaligen Festung, die -längst ihre Bedeutung verloren hatte, als ein nicht zu unterschätzender -Erfolg galt. Lange Züge von Infanterie wechselten mit Munitions- und -Artilleriekolonnen, und von dem Klirren der schweren Geschütze auf dem -schlechten Pflaster bebten die kleinen leichtgebauten Häuschen. Aber auch -andere Fuhrwerke kamen ihnen aus der Stadt entgegen, deren Ladung, obwohl -die Wagen von Soldaten gelenkt wurden, durchaus nicht dem kriegerischen -Bedürfnis entsprach und deshalb die regste Verblüffung von Rudolf Bark -hervorrief. Ohne um Erlaubnis zu bitten, hielt der Kaufmann plötzlich in -seinem Weg inne und wies mit der Hand auf einen mächtigen Leiterwagen, -auf dem die tollsten Dinge widerspruchsvoll übereinander gepackt waren. -Seidene Möbel, eiserne Geldschränke, ein umfangreicher Benzinmotor, -ungeheure Berge bescheiden angefertigter Konfektionsanzüge, Mehlsäcke, -ja sogar ein Klavier hatte man zwischen die Leiterbäume gepreßt, und die -drei kutschierenden Soldaten beschäftigten sich eben damit, vorn auf dem -Bock die Keule eines rohen Schinkens gemeinschaftlich mit ihren starken -Zähnen zu benagen und zu zerreißen. - -»Was ist das?« stieß der Prinzipal des »Goldenen Bechers« beinahe der -Sprache beraubt, hervor. - -Doch der junge Russe antwortete nicht. Flammend rot waren seine blassen -Wangen übergossen, und in seiner Scham und Bestürzung vermochte er nur -fast bittend hervorzubringen: - -»Mir sind die Gewohnheiten der Intendantur unbekannt, ich weiß nicht, was -das bedeutet. Aber bitte, mein Herr, wollen Sie mir rasch folgen, denn ich -habe Sie bis um sieben Uhr auf dem Rathause abzuliefern.« - -Eiligst schritt der gedemütigte Knabe voran, und so wild entfernte er -sich durch ein Seitengäßchen von der großen Fahrstraße, daß dem Konsul -bereits der Gedanke an Flucht durch den Kopf schoß. Freilich, ein Blick -auf das viele Militär, das da und dort unbeschäftigt vor den Häusern -herumlungerte, ließ ihn einen solchen Plan als gänzlich aussichtslos -sofort wieder verwerfen. So gelangten sie vor das Gebäude des Magistrats, -das mit seinen mittelalterlichen, im Artus-Stil gehaltenen Lauben und -Bogengängen fast gänzlich die eine Schmalseite des Platzes einnahm. Vor -dem Haupteingang schilderten zwei russische Infanteristen. Sie hatten -ihre Uniformen der noch immer herrschenden Hitze wegen über der Brust -aufgerissen und unterhielten sich laut und ungeniert miteinander. Aber das -war es nicht, was dem Konsul das ungeheure Erlebnis, das seit gestern über -die Stadt dahingebraust war, so schmerzhaft zur Erkenntnis brachte. Es -war etwas anderes. Unwillkürlich zuckte er zurück und griff sich an die -Stirn. Nein, er träumte nicht; -- oben von der Krönung des Torbogens war -das Wappenschild des preußischen Adlers herabgerissen und lag jetzt auf -dem Fahrdamm in der Gosse, wo das schwarzgelbe Spülwasser schwammig über -das Symbol der Staatshoheit hinweggurgelte. Hunderte von Malen war Rudolf -Bark achtlos an dem schwarzen Wappentier vorübergeeilt. Ja, wenn man ihn -genau befragt hätte, so hätte er nicht mit absoluter Sicherheit angeben -können, ob dort oben über den gotisch gerillten Bogen überhaupt -eine derartige Verkörperung des Staates gethront habe. Jetzt aber, wo -absichtliche Geringschätzung, wo eine gemeine Freude an der Erniedrigung -anderer das alte Ideal in den Kot geschleudert, da krampfte es sich in -seiner Brust zusammen, und etwas von jenem ihm bisher ganz fremden Haß -wuchs atemraubend empor, von jenem wilden, unerbittlichen Völkerhaß, der -fortan über den Gemeinschaften der Erde wie ein riesenhafter, alles Licht -überschattender, Geier schweben sollte. Mit geschlossenen Augen schritt -er unter der grün-weißen Fahne hindurch, die jetzt die Stelle des alten -Wappens einnahm, und während er mit seinem jungen Führer die breiten, -ausgetretenen Steinstufen heraufstieg, da errechnete sich sein zählender -Verstand, daß er jetzt selbst an der Pforte der Vernichtung angelangt -sei. Was war da noch lange zu überlegen? Wozu nach Auswegen suchen? In der -ersten Stunde dieses niederträchtigen Überfalls hatte er auf einen bei -ihm einquartierten Offizier der Besatzungstruppen gefeuert. Möglicherweise -war der Verwundete sogar schon seinen Verletzungen erlegen. Da wurde er -eben vor ein Kriegsgericht geschleppt, und wie das in dem Machtbereich -des weißen Zaren seines Amtes zu walten pflegte, darüber gab sich der -Kaufmann keinem Zweifel hin. Vielleicht erwartete ihn schon hier der -fertige Spruch. Nun gut, da nahm er wenigstens die Genugtuung in das -Unbetretene mit hinüber, auch ohne eine militärische Charge seiner -Mannespflicht gegen ein schutzloses deutsches Mädchen genügt zu haben. -Ein wärmendes Gefühl der Befriedigung überkam ihn, als er jetzt vor der -bunten Glastür des Beratungssaales an Isa dachte. Wahrhaftig, er hatte -recht wie ein Vater gehandelt. Wie ein zurückhaltender reifer Mann -einem kleinen zierlichen Mädchen gegenüber. Und er genoß ein seltsam -prickelndes Wohlbehagen, als er sich vorstellte, wie der Rotkopf mit den -leuchtenden Goldaugen später, viel später, wenn er längst unter einem -Galgen vermodert war, Kindern und Kindeskindern dankerfüllt von ihrem -Retter erzählen würde. - -»Herr Konsul Bark, wir sind an der Reihe,« riß Unterleutnant von -Karström den Achtlosen aus seinen Gespinsten. - -Ob man Isa auch hierher transportiert hat? blitzte es Rudolf Bark noch -durch den Sinn. - -Dann reckte er sich, strich, seiner Gewohnheit gemäß, über den gut -sitzenden hellen Anzug und trat an der Seite des jungen Balten in den Saal. -Gemessen verbeugte er sich, dann blickte er sich um. - -In dem mit bunten Holzmalereien geschmückten Raum zogen sich an beiden -Längsseiten, hintereinander ansteigend, die Schranken der Stadtverordneten -hin. Das Kopfende der Halle wurde von den Sitzen des Magistrats -eingenommen, zu dessen Wirkungsstätte drei mit grünem Tuch überspannte -Stufen hinaufführten. Im Moment aber saßen auf den Bänken der -Stadtverordneten, von einem Pikett russischer Feldgendarmen bewacht, -der weißbärtige erste Bürgermeister der Stadt und neben ihm fünf der -angesehensten Senatoren, denen die Niedergeschlagenheit über eine mit dem -Kommandanten soeben geführte Unterhaltung aus den müden, übernächtigten -Gesichtern abzulesen war. Der russische Befehlshaber selbst, dem jetzt an -Stelle der Stadtväter jede Machtbefugnis zustand, wanderte indes in -seiner grau-grünen Uniform mit auf dem Rücken verschränkten Händen -sporenklirrend auf der grünen Plattform des Magistrats auf und ab, hatte -die Stirn gerunzelt und zuckte mehrmals im Selbstgespräch die Achsel, -als wenn es ihm unmöglich wäre, eine soeben getroffene Verfügung wieder -zurückzunehmen. Es war eine untersetzte männliche Gestalt mit schlichtem, -graugescheiteltem Haar. Und trotz der ihm von seinem Amte auferlegten -Kürze, ließen die klugen, hellen Augen doch ahnen, daß er die -unglückliche Lage dieser Stadtbürger nachzuempfinden wisse. Jetzt wandte -sich der Kommandant rasch herum, und in demselben Moment durchzuckte -den Konsul ein kurzer, beinahe freudiger Schreck. Es war Oberst Geschow, -derselbe Offizier, dessen noble Ritterlichkeit Rudolf Bark schon bei seinem -Ausflug über die Grenze schätzen gelernt hatte. Auch der Oberst erkannte -den Kaufmann auf der Stelle. Er spreizte die Beine, setzte die Fäuste in -die Hüften und rief mit kräftiger Stimme herunter: - -»Herr Konsul Bark, welcher Teufel hat Sie geritten? =Mille tonnères=, -sehen Sie denn nicht, Herr, daß Sie sich nicht allein selbst, sondern die -ganze Bürgerschaft durch Ihr wahnsinniges Benehmen ins Unglück gestürzt -haben? --« - -»Herr Oberst -- --« - -»Ruhe, jetzt spreche ich. Ich möchte Ihnen von vornherein bemerken, daß -es für Ihre Handlungsweise keinerlei Entschuldigungen gibt. Muß ich Ihnen -erst sagen, was es auf sich hat, wenn in Kriegszeiten ein Offizier von -einem Zivilisten angefallen wird?« - -»Herr Oberst, bitte mir gütigst eine Frage zu gestatten: Ist für die -junge Dame, die sich gestern abend in meinem Hause befand, gesorgt worden? -Und darf ich hoffen, daß sie als Augenzeugin vernommen wird?« - -Der Oberst gab seine breitbeinige Stellung nicht auf, sondern beugte sich -vielmehr noch etwas weiter nach vorn. Aber die erste Erkundigung seines -Gefangenen schien ihn nicht unangenehm zu berühren. - -»Darüber kann ich Sie beruhigen,« herrschte er den Kaufmann an. »Ihre -Landsleute werden sich schon daran gewöhnen müssen, uns nicht als -Halbwilde zu betrachten. Gleich nachdem mir gestern der Vorfall gemeldet -war, habe ich mich selbst in Ihr Haus zu einer Visitation begeben. Die -junge Dame, die mir persönlich bekannt ist, hat mir an Ort und Stelle ihre -Angaben gemacht, und sie befindet sich noch jetzt in Ihrer Wohnung, -und zwar unter guter Obhut. Sie sehen also, meine Herren,« rief der -untersetzte Befehlshaber auch zu den Stadtvätern auf den Holzbänken -herüber, »daß uns der gute Wille, Sitte und Anstand zu erhalten, -keineswegs fehlt.« - -Bei den Senatoren erhob sich ein gedrücktes Gemurmel. Rudolf Bark jedoch -verbeugte sich leicht. Er atmete auf. Also Isa in verhältnismäßiger -Sicherheit! - -Inzwischen hatte sich Oberst Geschow abgekehrt und begann wieder klirrend -auf der Plattform auf und nieder zu schreiten. Dabei warf er von Zeit zu -Zeit unter seinen grau überbuschten Augenbrauen einen ungehaltenen Blick -auf den Störer jenes bürgerlichen Einvernehmens, an dem dem Kommandanten -augenscheinlich so viel gelegen war. Plötzlich trat er an einen Tisch voll -Akten, Listen und Papieren und riß einen Brief hervor, um das Schreiben, -sobald er es überflogen, heftig in kleine Stücke zu zerreißen. - -»Sie kennen den Fürsten Dimitri Fergussow also persönlich?« warf er -gereizt hin. - -»Ich habe den Vorzug,« entgegnete der Konsul aufhorchend. - -Jetzt klirrte der Oberst die Stufen herunter und pflanzte sich ganz dicht -neben Rudolf Bark auf. Hastig riß er an seinem starren grauen Schnurrbart. - -»Zu unangenehm,« schimpfte er halblaut, und man sah es ihm an, wie sehr -er diese Amtshandlung verwünschte. »Ich mache kein Hehl daraus, verehrter -Herr, mir liegt nichts an dem Wirtschaften mit Pulver und Blei oder mit -Strick und Galgen hinter der Front. Aber ist es nicht schändlich,« -fuhr er grimmig auf und stampfte mit dem Fuß, »daß Sie die kaum warm -gewordene Behörde zu solchen Maßnahmen zwingen? Glauben Sie vielleicht, -Ihre Leute würden anders handeln? Es mag ja möglich sein, daß für Sie -gewisse Milderungsgründe in Betracht kommen -- ich gebe es zu,« schrie -er empört und schlug mit der Faust durch die Luft -- »aber =sacré nom -de dieu=, das alles erspart Ihnen keineswegs das Kriegsgericht. Es tut mir -leid, Herr Konsul, Ihnen das ankündigen zu müssen, und Sie sind sich wohl -auch über die Folgen klar.« - -»Ja,« sagte der Konsul ruhig und sah zu Boden. - -Der Oberst maß ihn eine kurze Weile und riß von neuem an seinem Bart, -bis er endlich, knurrend und fluchend, die drei grünen Stufen abermals -hinaufstieg. Kaum aber war er an dem Aktentischchen angelangt, so schlug -er mit der Faust unter die Papiere und wandte sich ruckartig zurück. Im -nächsten Moment ließ er sich in einen der Magistratssessel sinken, schlug -die Arme untereinander und sah starr nach oben auf die bunt bemalte Decke. - -»Ein weiteres Eingreifen von mir ist ausgeschlossen,« preßte er sich zum -Schluß ab. »Das einzige, was ich in diesem besonderen Falle tun konnte, -das ist bereits erledigt. Ich habe bei unserem Auditoriat veranlaßt, -daß Ihre Angelegenheit hinter der Front, in unserer nächsten -Gouvernements-Stadt verhandelt wird.« Und als er eine stumme Frage in -den Augen des Konsuls wahrzunehmen glaubte, fuhr er in seiner kurzen Weise -fort: »Sie haben dort den Vorteil der gründlicheren Untersuchung, was bei -der Schwere Ihres Vergehens hier nicht möglich ist.« Damit hob er den Arm -und revidierte die kleine Armbanduhr auf seinem Handgelenk. »Es ist -jetzt ein Viertel nach sieben,« stellte er fest. »Ist der Wagen für -die Herrschaften bereits vorgefahren?« wandte er sich an den jungen -Unterleutnant. - -Dieser öffnete die bunte Glastür, rief etwas heraus und meldete darauf, -daß das Gefährt schon vor dem Tor des Rathauses hielte. - -»Nun gut, ich danke Ihnen.« Der Oberst erhob sich, und ohne seinen -gesenkten Blick von den herumliegenden Akten abzulenken, sprach er mit mehr -innerer Bewegung als bisher: »Dann fahren Sie alle mit Gott, meine Herren. -Ich hoffe, daß Sie die Berechtigung meiner Maßnahmen einsehen, und ich -wünsche, wir könnten uns alle als zufriedene Untertanen des Zaren und -als Bürger eines beruhigten Staatswesens wiederfinden. Für Ihre -Verproviantierung ist gesorgt. Sie sind entlassen.« - - * * * * * - -Ein Leiterwagen, dessen beide Innenseiten man mit zwei langen Sitzbrettern -versehen, das war die würdige Equipage, die man für die als Geiseln -bestimmten Magistratsherren ausgesucht hatte. Der Fußboden war kräftig -mit Stroh beschüttet und sowohl vorn neben dem uniformierten Kutscher, -als auch auf dem letzten quergestellten Sitzbrett hockten ein paar -Infanteristen mit aufgepflanztem Bajonett. - -»Bitte, nehmen Sie Ihre Plätze ein, meine Herren,« forderte der junge -Balte auf, der als Führer des Transportes zu dienen schien; und mit einem -gefälligen Lächeln wandte er sich an Rudolf Bark: »Herr Konsul, Sie -wünschen vielleicht neben der Ihnen bekannten jungen Dame zu sitzen? Ich -habe nichts dagegen.« - -Dem Angeredeten schlug das Herz. Herr im Himmel, dort am Ende des Wagens, -direkt vor der Wachmannschaft, da lehnte Isa in ihrem grauen Regenmantel, -und der schwarze Lackhut krönte so kleidsam ihr feines, schmales Haupt, -als ob es Gott weiß zu welcher Lustfahrt ginge. Als sie ihres Freundes -ansichtig wurde, da warf sie sich herum, musterte ihn von Kopf bis zu den -Füßen und winkte dann lebhaft mit der Hand. In dem blassen Antlitz zeigte -sich nicht mehr eine Spur von Furcht oder Bedrückung, ja, sie lächelte -sogar, da der Kaufmann nun auf die Deichsel sprang, um dann über das -raschelnde Stroh bis an ihren Sitz zu gelangen. Und das erste, was der -Rotkopf äußerte, das war in der Tat eine Bemerkung, die darauf -schließen ließ, wie das gestern noch so zitternde Ding sich bereits an -Gefangenschaft, Druck und Gefahr gewöhnt habe. - -Ach, diese ahnungslose Jugend, dachte Rudolf Bark unwillkürlich, als er -sich mit einem herzlichen Händedruck neben dem Mädchen niederließ und -nun gewahrte, wie sie den Zeigefinger ihrer Rechten voller Abscheu gegen -seine Kopfbedeckung ausstreckte. - -»Aber um Gottes willen, Herr Konsul, wie kommen Sie zu diesem -fürchterlich fettigen Schmalztopf?« - -Und wirklich, sie lachte hell auf, was von den drei russischen -Infanteristen hinter ihr mit gutmütigem Kopfnicken begleitet wurde. Allein -der Konsul ging auf den Scherz nicht ein. - -»Isa,« flüsterte er hastig und sah ihr voll in das Gesicht, »sind Sie -heil und gesund? Und hat man Sie ordentlich verpflegt, mein Kind?« - -»Vollkommen, Herr Konsul.« Und ohne die geringste Befangenheit setzte sie -hinzu: »Denken Sie sich, man hat mich sogar in Ihr Bett stecken wollen, -ich habe es aber höflich dankend abgelehnt.« - -Rudolf Bark maß das frische, unbekümmerte Gesicht von neuem. Er wollte -eigentlich so etwas erwidern, wie: »es wäre auch für mich zuviel der -Ehre gewesen,« aber die bange Erwägung, daß er an dem Ungemach der -Kleinen die Hauptschuld trüge, schlug die aufspringende Lebenslust sofort -wieder zu Boden. Zu weiteren Eröffnungen blieb keine Zeit, denn inzwischen -hatten die Geiseln unter der Führung ihres weißbärtigen Bürgermeisters -auf den gegenüberliegenden Bänken Platz genommen, ein Korb mit -Eßvorräten und eine Laterne wurden noch in den Wagen verladen, und -nachdem als letzter Unterleutnant von Karström das Gefährt bestiegen, da -drohte der Soldat, der die beiden kräftigen Pferde lenkte, unter Schreien -und wildem Rufen gegen die Volksmenge, die den traurigen Transport von -Anfang an umlagert hatte. - -»Sehen Sie, Herr Konsul,« zeigte Isa, »da haben sich auch die Frauen und -Verwandten der Senatoren eingefunden. Pfui, sie weinen und schreien. Ich -möchte mir die Ohren zuhalten.« Und sie wandte sich ab und sah starr -und hochmütig auf die Zacken und Giebel der Sebaldus-Kirche, um die das -Abendrot seinen glühenden Mantel schlang. - -Wiehernd zogen die Pferde an, rasselnd und in heftigen Stößen ging es -über den Marktplatz. Aber gerade, als sie in die Hauptverkehrsader der -Stadt einlenkten, wo der Konsul sich noch einmal zurückwandte, um mit -einem ernsten, abschiednehmenden Blick nicht nur sein Geschäftshaus, -sondern auch das herrliche ehrwürdige Bauwerk der Kirche mit ihren -grün-schwarzen Dächern zu umfangen, da bemerkte Isa befremdet, wie der -Gefährte neben ihr plötzlich zusammenschreckte. Unvermittelt beugte er -sich nach rückwärts, legte die Hand über die Augen und spähte aus, wie -jemand, vor dem eine ganz unerwartete, schreckhafte Gestalt emporsteigt. -Nur eine Sekunde. Dann schwenkte der Leiterwagen völlig in die Seitengasse -herum, und Platz und Kirche versanken hinter gleichgültigen Mauern. - -»Lieber Freund,« fragte das Mädchen, das sich nicht länger -zurückhalten konnte, warm, und ihre Stimme klang teilnehmend und -eindringlich, »sahen Sie dort etwas Unangenehmes?« - -Der Kaufmann saß schon wieder ganz ruhig, nur die verzogene Stirn und -das Nagen an der Unterlippe verrieten noch eine nicht überwundene innere -Bedrängnis. Dennoch lächelte er wegwerfend, wie es seine Art war. - -»Nicht das geringste, mein Kind,« versicherte er mit angenommener -Gleichgültigkeit, »ein ganz bedeutungsloser Bekannter fiel mir auf, -nichts weiter.« - -Nach dieser Ausflucht, deren hohle Fadenscheinigkeit das Mädchen sofort -durchschaute, schwiegen beide, und der Konsul beugte sich herab und sah -angelegentlich auf die Strohhaufen zu seinen Füßen nieder. Aber auch auf -den gelben Halmen kehrte die Erscheinung, die den Kaltblütigen so außer -Fassung versetzt hatte, in winzigem Ausmaß und doch grell und farbig -zurück. Eine rote Ziegelnische der Sebaldus-Kirche buchtete sich dort aus, -und hinter einer schwarz verräucherten Ecke tauchte vorsichtig, behutsam -ein weißgescheiteltes Haupt hervor. Trotz der großen Entfernung erkannte -der Herr des »Goldenen Becher« ganz deutlich dieses stechende, schwarze -Augenpaar, das sich sofort betroffen senkte, als es sein Ziel erreicht -zu haben glaubte. Unmutig scharrte der Kaufmann mit dem Fuß über -das raschelnde Stroh, als könnte er seine eigene Beängstigung damit -fortwischen. Allein seine ausschwärmenden Gedanken ließen sich weder -binden noch fesseln. War der Mann hinter der Kirchenmauer wirklich der -Kammerdiener Pawlowitsch gewesen? Gar kein Zweifel. Aber aus welchem Grund -hatte sich der Mensch gerade beim Hereinbrechen der Gefahr aus dem Hause -entfernt, um es nicht wieder zu betreten? Und weshalb suchte er sich auch -jetzt zu verbergen? Nur aus Feigheit? War es denkbar, daß diese Slawen -ihren Rasseverwandten an goldenen Banden zu sich herübergezogen hatten? -Hastig hob Rudolf Bark das Haupt und ließ seinen forschenden Blick eine -kurze Weile auf den plumpen unintelligenten Gesichtern der drei Wächter -auf dem Rücksitz ruhen. - -Die Gesellschaft arbeitete ja mit solchen Mitteln. Aber welche -Gegenleistung konnte ihnen eine so untergeordnete Persönlichkeit wie -Pawlowitsch bieten? Oder sollte die Bestechung und Unterwühlung der -unteren Volksschichten hier bereits ganz gewöhnlich und allgemein geworden -sein? - -Er schauerte ein wenig zusammen, denn ein Luftzug von den nahen Landseen -strich mit plötzlicher Kälte über die Fahrenden dahin. Zu gleicher Zeit -glitt Isas Hand an seinen Arm entlang. - -»Frieren Sie, Herr Konsul?« fragte sie besorgt. - -»Ich?« Der Kaufmann raffte sich zusammen. »Keine Spur, liebes Fräulein, -obwohl eine größere Reichhaltigkeit unserer Toiletten ja nicht ganz von -der Hand zu weisen wäre.« - -Von der langen Seitenbank wurde eine schüchterne Stimme laut: - -»Ich werde an unserem Bestimmungsort für den Bedarf der Herrschaften an -Kleidungsstücken, soweit es mir möglich ist, zu sorgen versuchen,« warf -der russische Unterleutnant, der dem Paar gegenüber saß und das letzte -wohl aufgefangen hatte, höflich dazwischen. - -Und dann hörte man eine lange Zeit nichts als das Rollen der Räder -und das Knallen der Peitsche. Auf den Feldern rechts und links von der -Fahrstraße schwamm noch der Abglanz eines glühenden Sonnenunterganges. -Die hohen reifen Halme senkten ihre schweren Häupter der Erde entgegen, -und ein leichter Nebel tanzte um die Ufer der fernen Landseen. An dem noch -mattblauen Himmel stand die volle goldene Scheibe des Mondes, und aus -den Feldern drang stark und unablässig das tausendfältige Singen und -Schwingen der Heimchen. - -Es war der Friede eines deutschen Sommerabends, wie man ihn oft achtlos -durchwandert und genossen. Aber den Vorüberfahrenden bedrückte all -diese süße Heimlichkeit ahnungsvoll das Herz. Noch eine kurze Weile -des Schweigens und dann durchrasselten sie den kleinen Marktflecken -Schorweiten. Gottlob, all die winzigen schindelgedeckten Häuschen zeigten -sich noch unversehrt, das struppige Strohdach des uralten Kirchleins senkte -sich noch immer fast bis auf den Boden herab, nur statt der spielenden -Kinder liefen auf dem Kirchplatz viele kleine, herrenlose Hunde kläffend -durcheinander. Scheuchend schlug der russische Kutscher mit der Peitsche -nach ihnen. Aber wo waren die Bürger, die bisher hier geweilt hatten? -Nicht ein einziger war mehr zu entdecken. Statt ihrer, die die Windsbraut -des Krieges längst in das Innere der Heimat geschmettert hatte, sah man -überall die russischen Besatzungsmannschaften vor den offenen Türen auf -Bänken und Stühlen sitzen, und die Vorüberfahrenden gewahrten, wie -die Fremden das zurückgebliebene Gerät der Abwesenden rücksichtslos -benutzten. - -Vorbei. - -Dunkler und dunkler wurde es. Aus den Pappeln und den Kirschbäumen des -Weges rief nur noch die Schwarzdrossel ihren vollen kräftigen Schlag, -und im Lichte des Mondes warfen das Gefährt und seine Insassen bereits -huschende Schatten. Seltsam, einer der Ratsherren sprach halblaut ein paar -Strophen aus dem Lenauschen Gedicht »Der Postillon«: - - »Wald und Flur im schnellen Zug - Kaum gegrüßt -- gemieden; - Und vorbei, wie Traumesflug, - Schwand der Dörfer Frieden.« - -Der glattrasierte alte Mann wollte keinerlei Rührseligkeit erzeugen, aber -um so stärker und inniger griffen diese deutschen Laute an das Gemüt der -Gefangenen. - -Ganz eigenartig, dachte Konsul Bark. Anstatt sich in unnütze Vermutungen -über das sie erwartende Los zu ergehen, geben sich diese harten -Geschäftsmenschen der Erinnerung an die halbvergessenen Poesien eines -Dichters hin. Das entspricht wohl am tiefsten unserem Wesen. - -Und davon mitteilsamer gemacht, ergriff die Hand des Kaufmanns unbemerkt -die Finger seiner Gefährtin, und während er sie tröstend drückte, -fragte er sorgsam: - -»Liebes Kind, Sie sehnen sich gewiß nach Haus und Schwestern zurück, -nicht wahr?« - -Aber die Antwort, die ihm wurde, ließ ihn vollkommen verstummen. - -»Oh nein, Herr Konsul, was würde denn aus Ihnen werden, wenn ich jetzt -nicht für Sie reden und eintreten könnte? Ganz gewiß, ich freue mich -furchtbar, daß auch ich einmal eine solche Wichtigkeit habe.« - -Fort ging es über die letzte Bodenwelle der Heimat, tief unter den von -dannen Geführten blinzelten bereits aus dem großen dunklen verschlafenen -Land einzelne Lichter der Fremde herauf. - - »Weiter ging's durch Feld und Hag - Mit verhängtem Zügel; - Lang' mir noch im Ohre lag - Jener Klang vom Hügel.« - - - - -II. - - -Gewitterbange Wolken grollten über Maritzken dahin. Die russische -Invasion, die zuerst nur in stoßweisen Überfällen sich einzelner -Grenzstädte und des dazu gehörigen schmalen Hinterlandes bemächtigt -hatte, schlug nun planmäßig in breiter Woge über das Land und grub -ein weites fruchtbares Gebiet, das von arbeitsamen, ernsthaften und -lernbegierigen Menschen erfüllt war, von seinem natürlichen Zusammenhang -ab. Nicht nur wenige kecke Truppenkörper, sondern eine ganze Armee, -deren Glieder eng miteinander verbunden waren, hatte jetzt ihren Vormarsch -angetreten, und die Bewohner von Maritzken sahen in bunter Folge fast alle -Waffengattungen ihrer Bedränger auf dem Durchzug bei sich einquartiert. In -dem Herrenhause kampierte dann häufig die Generalität mit ihren -Stäben. Elegante Herren, die in blitzenden Equipagen vorfuhren und deren -anspruchsvolle Gewohnheiten noch nicht auf den Krieg eingestellt waren. -Sie tauchten in der Nacht auf, entfesselten ein tolles Gewimmel, -Feldtelegraphen spielten und Flieger senkten sich herab, um am nächsten -Morgen fast spurlos wieder zu verschwinden. Von den deutschen Heerscharen -aber hörte man vorläufig nur, daß sie sich damit begnügten, an den -Grenzen des aufgegebenen Landes eine dünne Kette gezogen zu haben, die -elastisch zurückprallte, sobald der Gegner mit eisernem Stoß gegen sie -ausholte. Aber merkwürdig, nach dem Aufeinandertreffen fanden sich die -metallenen Glieder wieder stets zusammen, und die dünne Kette hing -noch immer störend und drohend vor dem weiteren Wege der Eroberer. Die -vermaledeite eiserne Schnur sperrte auf eine geradezu lächerliche Art die -Straße nach Berlin. - -Daher kam es, daß einzelne Etappen nicht weiter nach vorn geschoben -werden konnten, sondern gezwungen waren, sich an ihren zuerst eingenommenen -Standorten gewissermaßen anzusiedeln. Auch Fürst Fergussow war von diesem -Los betroffen. Und obwohl das Stilliegen auf dem einsamen ostpreußischen -Gutshofe dem verwöhnten Kavalier manchmal langweilig und unerträglich -deuchte, so gab es doch auch Stunden, wo dem Sohne der halbasiatischen -Großstadt das Verweilen in der frischen Landluft und in dieser gut -geordneten Wirtschaft, deren Betrieb er hier und da sogar zu fördern -versuchte, als eine Gesundung und ein Erwachen erschien. Außerdem -- -selbst in diesem weltvergessenen Winkel fanden sich ja für ihn gewisse -heimliche Reizungen, die ihn nun einmal in lieblicher und lockender Gestalt -verfolgten, wo er auch immer sich befand, mochte er sie verschmähen oder -herbeiwünschen. - -Es war an einem Vormittag des Spät-August. Über dem herbstlich reifen -Lande leuchtete einer jener glashellen Tage, wie sie in solch stiller, -lautloser Melancholie und Herbheit nur das östliche Grenzgebiet kennt. -Alles Kriegerische war von dem weißen Gutshofe heute verweht und -abgestreift. Nur ein einzelner Dragoner hatte sein Pferd dicht an die -Tränke gebunden, und während er ein heiteres Liedchen pfiff, striegelte -er dem Tier achtsam das glänzend braune Fell. In der Luft klang ein -Summen vorüberschwärmender Bienen, die blütenträchtig ihren Stöcken -zustrebten, und dazwischen schlug manchmal das seltsame Gurgeln und die -tiefen Kehllaute von ein paar unsichtbaren Lachtauben, die sich irgendwo -unter den vollen Kronen des anstoßenden Gartens verborgen hielten. Hinter -dem allen aber tönte unablässig das silberne Klirren der Sensen, die, von -den fremden Eindringlingen geführt, ihre scharfe Schnittarbeit besorgten. - -Aber es war nicht dieser stille Gesang eines vorgetäuschten Friedens, -der den Fürsten Fergussow so hartnäckig von dem Studium eines Bandes -Hebbelscher Dramen ablenkte, dem er sich bis jetzt mit sichtlichem Genuß -an dem offenen Parterrefenster seines Zimmers hingegeben. Nein, es war ein -Bild, eine Darbietung, eine Szene, von der er mit lächelnder Ironie und -ohne große Überhebung ahnte, daß sie allein für ihn, den einzigen -Beschauer, gestellt würde. Mitten auf dem Hofe, gerade seinem Fenster -gegenüber, war nämlich ein mächtiger blau und weiß gestrichener -Balken eingerammt, und auf ihm erhob sich, fast in der Höhe des ersten -Stockwerks, ein achteckiges Taubenhaus, auf dessen unterer Plattform sich -im Moment die schneeweißen Bewohner drängten und wieder vertrieben. -Wahrlich, die geflügelte Schar besaß einigen Grund dazu, denn unter -ihnen, leicht an den Pfahl gelehnt, streute Marianne aus einem Körbchen -dem beschwingten Volk einen goldgelben Regen von Weizenkörnern und Erbsen -hin. Ein ewiges Flattern und Flügeln rauschte um die ebenmäßige Gestalt -herum, und es bot einen heiteren und lockenden Anblick, wenn sich aus dem -weißen Schneetreiben ein besonders keckes Tierchen auf der Schulter der -blühenden Spenderin niederließ und es sogar duldete, daß sich das -dunkle Haupt des Mädchens für eine Sekunde kosend an das weiche Gefieder -schmiegte. Die goldenen Ströme flossen herab, und immer öfter wagten sich -zwei bis drei zahme Tauben auf den gefällig gebogenen Arm. - -»Der Teufel selbst fürchtet sich vor dem Weibe,« dachte Dimitri -Sergewitsch, indem er sich an ein russisches Sprichwort erinnerte. Er -lehnte sich in seinen Fauteuil zurück und gab sich den Anschein, seine -Lektüre eifrig weiter zu verfolgen. Allein die schwarzen Augen, die durch -das Schneegewimmel hindurchleuchteten, zogen ihn stets von neuem von den -gedruckten Blättern ab und zu sich herüber. »Ein verwünschtes Spiel,« -fuhr es dem Gardeoffizier, der es doch gewohnt war, den ihm gereichten -Becher auf den ersten Zug zu leeren, durch den Sinn. »Wie lange soll -diese Neckerei noch dauern? Ist es wirklich möglich, daß ich die dumme -Ehrfurcht vor der blonden Riesin, die jeden meiner Schritte mit ihren -stahlharten blauen Augen belauert, nicht überwinden kann? Wie oft soll -diese gefällige Hexe da drüben noch rufen? Es ist wahr, die deutsche -Philosophie und die germanische Gründlichkeit machen mich allmählich -bescheiden und mutlos.« - -Und er stützte den Arm auf das Fensterbrett und nickte dem schönen -Geschöpf beifallspendend zu. Marianne grüßte wieder, verzog die Lippen -zu einem Lächeln und wandte das Haupt ein wenig verlegen ab. Vor Männern, -die ihre Einbildungskraft beschäftigten, zeigte sie fast stets ein solch -verschämtes Lächeln, ›als ob sie sich jeden Augenblick zu entschuldigen -hätte‹, dachte Fürst Fergussow, ›weil sie nackt und bloß dastehe‹. -Und von diesem Gedanken entzündet, wurden die Augen des Obersten beredter -und sprechender. Eine jener gefährlichen Unterhaltungen begann, die ohne -Wort noch Zeichen die Urgründe der Natur aufwühlen und eine unverschämte -Vertraulichkeit herbeiführen, die ein späteres Zurückweichen kaum -mehr duldet. Langsam stieg eine feine Röte über die dunklen Wangen -der Abgewandten, und ihre Hand, die das Futter streute, strich manchmal -verstohlen über das durchbrochene weiße Gewand. Jetzt trafen die Blicke -der Beiden für eine Sekunde tief und leuchtend aufeinander. - -»Warte,« dachte der Oberst am Fenster, während er äußerlich wieder -seinen liebenswürdigen Gruß entbot, »diesmal schützt dich deine -Walküre nicht mehr. Es wird ja nicht hinterher gleich ein Weltuntergang -folgen. Nun, und wenn --« er zuckte leichtsinnig die Achseln -- »wer hat -uns hier etwas zu gebieten? Im übrigen, die Schwarze sieht so aus, als -ob sie kleine Geheimnisse zu bewahren verstünde. Nicht wahr, du heißes, -trunkenes Geschöpf?« sprach es deutlich aus seinen Mienen. - -Und Marianne schlug die Augen nieder. - -Da trat etwas aus einem der weißen Wirtschaftsgebäude. Und kaum hatte der -Russe die hohe Gestalt in dem blau und weiß gepunkteten Kleid erkannt, -da versenkte er sich auffallend schnell in das von der Walküre entliehene -Buch und schien von der tiefgründigen dichterischen Kraft, die sich hier -entfesselte, derartig gepackt, daß er kein Wort von dem Disput auffing, -der sich ganz in seiner Nähe zwischen den so verschiedenen Schwestern -erhob. Mit ihrem festen gebieterischen Schritt hatte sich Johanna -genähert. Ihre Rechte umklammerte weit ausgestreckt den hell -angestrichenen Pfahl, und es sah prachtvoll aus, wie sie jetzt ihre Glieder -reckte, um einen Moment finster ihr blondbezopftes Haupt zur Erde zu -neigen. - -»Was soll diese Verschwendung von Futter?« fragte sie nach einer Weile -ungehalten. »Geh, liebes Kind, auf dich wartet eine Arbeit, die du besser -verstehst. Ich habe dir in deinem Zimmer einen Brief an unsere Schwester -Isa niedergelegt, für dessen Besorgung ich Seine Durchlaucht, den Fürsten -Fergussow, zu interessieren hoffe. Es wird dich gewiß drängen, einen -Gruß anzufügen. Mach schnell.« - -»Die ewigen Tinten-Klecksereien,« widersprach Marianne gereizt, »es wird -noch Zeit haben.« - -»Es hat keine Zeit,« damit hob Johanna das Haupt, und während ihr -angespannter Arm noch immer das Holz nicht freigab, sprühte aus den harten -blauen Augen ein Strahl der Verachtung. »Es ist wichtiger, wenn das arme -Kind ein paar Tage früher eine Nachricht von uns erhält, als« -- sie -warf den Kopf geringschätzig zur Seite. - -»Nun, als --?« nahm Marianne in unterdrücktem Zorn auf. - -»Als diese dummen Spielereien hier,« vollendete die Ältere, unbekümmert -darum, ob der fremde Offizier etwa ihre Meinung und ihre Absicht verstehen -könne. - -Da schleuderte die Schwarze das Körbchen mit einer sie entstellenden -Gebärde des Abscheus mitten unter die auseinanderstäubenden Tauben, -raffte ihr Kleid zusammen und lief stürmisch über den Hof. Aber selbst -in diesen Bewegungen einer ungewollten Wildheit verleugnete sich der ihr -eigene Reiz so wenig, daß durch dieses Dahinstürmen sogar ein zweiter -Beobachter, von dem die Enteilende in der Tat gar nichts ahnte, in eine -dumpfe Verzweiflung versetzt wurde. - -Hinter den Gardinen, an einem der Fenster des oberen Stockwerkes, hatte -sich nämlich während dieser ganzen Zeit ein bärtiges Männergesicht -abgezeichnet. Zuweilen war auch an dem durchbrochenen Tüll von einer -Faust heftig gezerrt worden. Jetzt aber wurde der Stoff rücksichtslos -zurückgeworfen, und das krankhaft eingefallene Antlitz des Rittmeisters -Sassin preßte sich hartnäckig gegen das Glas. Dann bog der Kranke seine -Arme nach rückwärts, um in aufspringender Wut auf dem schmerzenden -Rücken herum zu hämmern. - -»Daß man das mit ansehen muß,« hüstelte er und wankte matt durch -die kleine Stube. »Unser großer Suworow hatte recht, die Kugel ist eine -Närrin. Sie trifft immer den Falschen. Nein, nein, mein Anstand sträubt -sich gegen einen solchen Skandal. Man muß ihn abwenden. Man muß ihn -durchaus ans Licht ziehen.« Und er warf sich auf das kleine Sofa, -schleuderte Kissen und Decken mitten auf den Estrich, und aus seinen -großen verzweifelten Kinderaugen perlten wirkliche Tränen. - -Inzwischen klopfte es an die Tür des Fürsten Dimitri. Dieses harte und -energische Pochen kannte Seine Durchlaucht allmählich. Es verursachte ihm -stets einen leichten Schrecken. Beim Zeus, es war zum mindesten seltsam, -wie sehr es dieses blonde Germanenweib verstanden hatte, beständig eine -Art ehrfürchtigen Respekts bei ihm wach zu erhalten. Wenigstens so lange -sie mit ihm in ihrer geschäftlichen, nüchternen Weise sprach. Sie hatte -dann eine solche selbstverständliche abgegrenzte Ruhe, und sie bewegte -sich stets in so sachlichen und dem Tage angehörenden Erörterungen, daß -es dem gewandten Weltmanne schändlich dünkte, diese hausbackene Gradheit -irgendwie zu anderen Gedanken zu drängen. Und doch, manchmal wunderte sich -der Fürst und gestand sich zu, daß jene langweiligen und grundgescheiten -Deutschen doch wohl imstande seien, selbst einem erfahrenen Menschenkenner -einige Rätsel aufzugeben. Wie kam es zum Beispiel, daß ein derartig an -das Praktische und Gewöhnliche gebundenes Geschöpf in den wenigen -Stunden seiner Muße eine Lektüre bevorzugte, die selbst ihm, dem -überall herumschwärmenden Kunstliebhaber, wegen ihrer Tiefe und grausamen -Unerbittlichkeit ein leichtes Frösteln einjagte? - -Zu närrisch. Jedenfalls eines war sicher: zum erstenmal in seinem Leben -ertappte sich der leichtfertige Held der Petersburger Boudoirs darauf, wie -er ängstlich bemüht war, jeden unstatthaften Gedanken gegenüber -diesem Weibe, das ihm doch so nahe weilte, sofort wenn er auftauchte, -zu unterdrücken. Und doch konnte er es nicht hindern, daß in ihrer -Abwesenheit die stolze kraftgebändigte Fülle ihrer Erscheinung -ihn ängstigte und beunruhigte. Ja, in den Träumen dieser heißen -Augustnächte war es dem bedrückt Atmenden schon öfter vorgekommen, als -habe ein entsetzliches Ringen zwischen ihm und den schweren Gliedern der -Germanin angehoben. - -An der weißen Tür wiederholte sich das Pochen, und Fürst Dimitri sprang -auf und legte sorgsam sein Buch auf die aufgeschlagene Seite. Dann rief -seine klangvolle Stimme: »=Entrez=.« - -»Ah, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort, als er die hohe Gestalt -seiner Gastgeberin gewahrte, und sofort sammelte sich auf seinen Zügen -jener sonnige Glanz, der dem ernsthaften Mädchen von Anfang an so -unverständlich geblieben war, »welcher wirtschaftlichen Berechnung -verdanke ich heute das Glück Ihres Besuches? Ich hoffe, es ist nichts -geschehen, was gegen mein Versprechen des strengen Ordnunghaltens -verstößt?« - -»Doch, Durchlaucht,« entgegnete unbeirrt Johanna, die einen kleinen -Zettel hervorzog und dabei die auf einen Sessel deutende Handbewegung des -Offiziers übersah. »Und in diesem Falle wird mir der Weg nicht leicht.« - -»Das bedaure ich außerordentlich, verehrtes Fräulein. Ich denke, ich -habe in meiner schwierigen Position nichts versäumt, was mir Ihr Vertrauen -hätte erwerben können. Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?« - -»Oh danke, Herr Oberst.« - -Dimitri verzog ein wenig den sprechenden Mund. - -»Nun dann offenbaren Sie mir wenigstens Ihre Beschwerden,« sprach er -rascher, denn es verletzte ihn, daß sich diese Nemza eine Verhandlung mit -ihm nie ohne Anklagen denken zu können schien. »Welche Schandtaten haben -wir wieder begangen?« - -Der seltsam betrübte Ton des hübschen Menschen wollte ein Lächeln auf -die Lippen Johannas zaubern -- und der Fürst sah diesen strengen Mund -sehr gern sanfter werden -- aber die Erinnerung daran, wie das Treiben -und Wirken der Fremden in all seiner Verachtung und Verständnislosigkeit -wirklich ein unfaßbares Unglück für ihr Land bedeute, all das verjagte -die aufspringende Heiterkeit vollkommen. Über ihre Stirn legte sich eine -leichte Falte. Und sie sah jetzt älter aus, wie bisher. - -»Es sind durchaus keine Schandtaten, Durchlaucht,« begann sie -gefaßt, »sondern wohl mehr Versäumnisse. Aber da es sich um eine -Geldangelegenheit handelt, -- --« - -»Eine Geldangelegenheit?« rief der Fürst, sie anstarrend, dazwischen. -»Und die wollen Sie mit mir besprechen? =Fi donc!=« - -Aber Johanna ließ sich nicht aus ihrer Ruhe schrecken. - -»Ich habe erwartet,« fuhr sie einfach fort, »daß Sie mein Begehren -wahrscheinlich sehr absonderlich finden würden. Ich bin auch vollkommen -auf eine Abweisung vorbereitet.« -- - -»Oh bitte!« - -»Aber ich bin es der Verwaltung, die ich hier führe, und meinen -Schwestern schuldig, wenn ich mich bis zum Äußersten einer -Benachteiligung widersetze.« Hier hob das blonde Mädchen den Zettel -ein wenig und schien ein paar Zahlenreihen zu durchfliegen. »Durchlaucht -werden sich erinnern,« sprach sie rasch weiter, »daß mir hier gleich zu -Anfang zugesichert wurde, es würde jede Entnahme bar bezahlt werden.« - -Fürst Fergussow ließ sich langsam in seinen Sessel gleiten. Es war nicht -zu leugnen, er fand alles, was die Nemza jetzt vorbrachte, ja ihre ganze -Art, abscheulich. Wie taktlos sich die deutschen Frauen gebärden konnten. -Eine solche Schacherei hätte eine vornehme Russin sich niemals zugemutet. -Und die hölzerne Walküre schien ihr Beginnen zu alledem noch für ein -lobenswertes Werk zu halten. =Fi donc -- fi donc!= - -»Soweit mir erinnerlich,« sammelte er sich endlich, wobei er sein -Mißfallen mühsam zu verbergen suchte, »soweit mir erinnerlich, hat mein -Regimentszahlmeister hier wöchentlich eine Abrechnung gehalten. Sollte -dabei vielleicht etwas übersehen worden sein?« - -»Allerdings, Durchlaucht.« Johanna schritt dicht bis an das Fenster -und legte ihren Zettel gerade auf das Buch. »Es betrifft nicht, wie Sie -vielleicht zu meinen scheinen, Speise und Trank, sondern etwas, was in -einer Landwirtschaft das Wichtigste bedeutet.« - -»Und was ist das?« - -»Getreide. Man hat mir hier fast den größten Teil meiner Hafer- und -Roggenbestände gemäht und fortgefahren, -- ja, noch heute können Sie -Ihre Leute hinter dem Garten sensen hören -- ohne daß man mir auch nur -das Quantum oder die Zentner-Anzahl gemeldet hätte. Dagegen möchte ich -jetzt bei Ihnen Einspruch erheben.« - -»Bei mir! Ah, was Sie sagen!« Der Fürst schlug das Bein leicht über das -andere, sah auf seine glänzenden Lackstiefel herunter und bemühte sich, -seine totale Ahnungslosigkeit nicht allzu sichtbar werden zu lassen. - -»Ich berechne mir meinen Schaden auf etwa 8-10000 Mark.« - -»So, so,« sagte der Fürst gleichgültig, »das bedeutet ja nicht viel.« - -Hier entstand eine Pause. Die blauen Augen der Deutschen vergrößerten -sich immer mehr, und dem ungemütlich hin und her rückenden Offizier -war es so, als hätte er noch nie in seinem Leben eine so derbe Lektion -empfangen, als sie sich in dem hartnäckigen Schweigen der Nemza aussprach. -Endlich rang sich die Blonde eine Erwiderung ab. - -»Durchlaucht,« sagte sie bitter, »ich kann vollkommen begreifen, daß -einem Manne, der vielleicht an einem Abend diese Summe auf eine einzige -Karte setzt, -- -- --« - -Fürst Dimitri vollführte eine lebhafte Bewegung. »Oh =pardon=, Sie -täuschen sich, mein Fräulein,« entgegnete er hastig, »ich huldige dem -Spiel nicht mehr. Längst darüber hinaus. Im Grunde eine geistlose und -alberne Unterhaltung.« - -»Darüber habe ich nicht zu urteilen,« lehnte Johanna frostig ab, »ich -wollte Ihnen nur bemerken, daß in meinem Einkommen dieser Posten eine -bedeutende Rolle spielt.« - -Der Fürst stand auf, blickte ungewiß nach dem Schreibtisch und begann -dort mit dem Schlüssel eines Faches zu spielen. - -»Ich verstehe wirklich nicht,« meinte er endlich unsicher, »warum -sich die Regimentskasse nicht schon längst mit Ihnen abfand. Sie können -überzeugt sein, dieses Hinauszögern entspricht durchaus nicht meinen -Wünschen. Nur müssen Sie entschuldigen,« fuhr er stockend fort, und die -aufrichtige Verlegenheit kleidete den hohen Herrn wirklich allerliebst, -- -»da ich niemals gewohnt war, meine Schatulle selbst zu führen, so weiß -ich eigentlich nicht -- -- obwohl ich im Grunde nicht einsehe, was -es Peinliches für Sie besitzen könnte, wenn ich mir erlaubte, diese -Bagatelle selbst zu regeln. Das heißt, Sie müssen recht verstehen,« -setzte er eifrig hinzu, als er die großen blauen Augen auf sich gerichtet -fühlte, »ich verauslage die paar Rubel natürlich nur. Es ist in der -Tat nicht der Rede wert, und Sie bereiten mir wirklich eine große Freude -damit, den Fehler unserer Verwaltung etwas zu verkleinern. Nicht wahr, ich -darf auf Ihre Zustimmung rechnen?« - -Die geschmeidige Gestalt des jungen Mannes stand jetzt hinter dem -Schreibtisch, wo er langsam und geräuschlos eine der Laden aufzog. Das -helle Sonnenlicht, das in breiter Bahn schräg durch die Seitenfenster -hereinbrach, spielte auf seinen edlen klassischen Zügen und streute grelle -Goldringe auf sein welliges braunes Haar. Betroffen starrte Johanna zu ihm -herüber. - -Da -- da war es wieder! Die einfangende Erscheinung tauchte abermals auf. -Das Bild aus ihrer Schlafkammer hatte Leben gewonnen, und das merkwürdig -werbende, bittende Lächeln dieses feinen Mundes erregte in dem besonnenen -Landfräulein ein solch schreckhaftes Entsetzen, daß ihr alles andre für -eine Weile entglitt. Erst als die schmale Hand des Aristokraten eine Reihe -fremdartiger Kassenscheine aus einem weichen juchtenledernen Portefeuille -zu ziehen begann, da strömte ihr Leben und Überlegung zurück, und ein -Widerstand, den sie sich in ihrer Verwirrung nicht zu deuten vermochte, -lehnte sich gegen die Hilfsbereitschaft des vornehmen Herrn auf. Was -wünschte sie eigentlich? Es war doch so selbstverständlich, daß sie das -Entgelt für ihr entwendetes Eigentum annahm? Und doch, die Abneigung, die -sie widerspruchsvoll erfüllte, litt es nicht. Eine tiefe Röte stieg in -ihre Wangen, als sie mit sich kämpfend hervorstieß: - -»Verzeihen Sie, Fürst Fergussow -- ich möchte mir Ihren Vorschlag erst -noch überlegen. Er verpflichtet mich Ihnen gegenüber so eigenartig, ich -kann mich in die neu geschaffene Lage vorläufig durchaus nicht finden. Sie -werden das begreifen.« - -Damit verneigte sie sich und wandte sich ohne weitere Förmlichkeit zur -Tür. Es war beinahe ein Flüchten. Aber ein helles Lachen, das hinter ihr -aufklang, hielt sie noch einmal zurück. Der Fürst hatte das Portefeuille -achtlos auf den Schreibtisch geworfen, und in seinen dunklen Augen -glitzerte es vor Spott und Ironie, als er jetzt leichtfüßig hinter der -Abgewandten hereilte. Ja, in dem Bestreben, sie nicht völlig entweichen -zu lassen, griff er nach ihrem Arm. Es war das erste Mal, daß er -sie berührte. Und Johanna war es wieder, als dürfe sie eine solche -Beleidigung nicht dulden. Heimlich zitterte sie vor Scham, weil sie vor -diesem eleganten Laffen ihre Sicherheit nicht finden konnte. - -»Aber mein verehrtes Fräulein,« spottete Fürst Dimitri, »was sind das -für spitzfindige Grübeleien? Ganz Ihr Landsmann Hebbel.« Er wies lachend -nach dem Buch auf dem Fensterbrett. »Wer weiß, gegen welches System ich -nun wieder verstoße. Wenn es Sie aber beruhigt, dann werde ich natürlich -den unsichtbaren Zahlmeister herkommandieren, und Sie können sich mit ihm -in die geheimnisvollsten Rechnungen vertiefen.« - -»Ja, es ist mir lieber so,« stimmte Johanna zu. - -»Vortrefflich. Und nun, meine Gnädigste, um nicht ebenfalls in den -Verdacht zu geraten, mit fremdem Eigentum zu liebäugeln, so gestatten Sie -mir wohl, Ihnen Ihren tiefgründigen Poeten wieder auszuhändigen.« Er -griff nach dem Buche auf dem Fensterbrett und reichte den Band mit -einer leichten Verneigung seiner Besitzerin. »Eine eigenartige Affäre -übrigens, diese Judith-Angelegenheit,« sprach er angeregt weiter, und im -Moment überfiel ihn der seltsame Einfall, als ob diese große Nemza -mit einem blinkenden Schwert vor ihm aufrage. »Es ist schauderhaft, mit -welcher philosophischen Gründlichkeit diesem armen Barbaren die Gurgel -abgeschnitten wird. Der verschlafene Tropf kam ja gleichfalls etwa aus -unseren Gegenden. Wenn man sich das so recht überlegt, sollte man sich -vielleicht doch ein wenig mehr vor Ihnen in acht nehmen.« - -Johanna fuhr auf. Und in grenzenlosem Erstaunen kam es aus ihr heraus: -»Vor mir? Welchen Grund hätten Sie dazu? Wir beide haben doch nichts -miteinander abzumachen.« - -»Gott,« -- Dimitri Sergewitsch sah die Unmöglichkeit ein, mit dem -starren Geschöpf zu einer Plauderei gelangen zu können. Die großen -blauen Augen blieben einmal hart und empfindungslos. Offenbar vergaß -sie nie, daß sie einem fremden, im Augenblick überfallenen und -zurückgedrängten Volksstamm angehöre. Man tat zweifellos gut daran, sie -auf ihrer dumpfen, kleinbürgerlichen Bahn zu lassen -- »Gott,« zuckte -der junge Mann bereits etwas abgekühlter die Achseln, »ich bin doch nun -einmal, was man mit einem sehr unvollkommenen Ausdruck ›Landesfeind‹ -nennt. Ich liege hier mitten in Ihrem Machtbereich, wo ich mich übrigens -sehr wohl befinde, und wenn man Sie so sieht, mein Fräulein, so groß, -entschieden und voll nachdenklicher Energie --« - -»Was dann?« - -»Dann könnte man vielleicht zu dem Entschluß gelangen, eine Leibwache zu -halten oder des Nachts das Zimmer fester zu verschließen.« - -Johanna starrte den Sprechenden an. Dann versetzte sie hart und kurz, -während sie bereits die Tür öffnete: - -»Sie scherzen natürlich. Etwas Derartiges haben Sie vorläufig nicht von -mir zu befürchten.« - -»Ah, vorläufig,« wiederholte Dimitri verblüfft und strich spielend -über sein braunes Haar. »Ihre Enthüllung interessiert mich ungeheuer, -gnädiges Fräulein. Sind Sie denn so ganz ohne Haß gegen mich?« - -Die Blonde blieb ernsthaft. - -»Das nicht,« entgegnete sie wahrheitsgemäß und blickte zu Boden, -»aber Sie müssen als Ausländer die Frauengestalt des deutschen Dichters -mißverstanden haben. Mein Urteil ist natürlich gar nicht maßgebend, aber -ich meine doch, die Judith handelte aus anderen Beweggründen.« - -»Und darf man die nicht erfahren?« fragte Fürst Fergussow gespannt. - -»Das hat keinen Zweck,« schnitt das Mädchen entschlossen ab, »ich -könnte auch gar nicht ausdrücken, was ich meine.« Und in ihren gewohnten -und frostigen Ton zurückfallend, forschte sie: »Haben Sie sonst noch -Wünsche oder Befehle für mich, Durchlaucht?« - -Der Russe verschränkte seine Hände und führte mit ihnen eine -verzweifelte Bewegung gen Himmel aus. - -»Ja, liebstes Fräulein,« rief er lebhaft, »Himmel und alle Heiligen, -ich wünschte von Herzen, Sie einmal lächeln zu sehen.« - -Johanna stand schon auf der Schwelle. - -»Dazu habe ich leider keine Ursache,« entgegnete sie unbeirrt. »Guten -Morgen, Durchlaucht.« - -»=Bon jour, bon jour=,« rief der Fürst wie befreit hinter ihr her. - -Und sich in den Schreibtischsessel werfend, riß er eine Karte hervor und -studierte alle Straßen, die von diesem Gut fortführten. Der Aufenthalt -auf Maritzken gehörte nicht immer zu den Annehmlichkeiten des Daseins. -Kurze Zeit darauf rief er nach seinem Pferd, und Johanna, die eben -die Gartentür öffnete, sah, wie er auf dem weißen Tier die -sonnenüberglänzte Chaussee dahinsprengte. Der Säbel mit dem goldenen -Griff, der ihm von der Schulter hing, prallte an die Weichen des Rosses, -und der leicht vorgebeugte Reiter klopfte dem strahlenden Schimmel kosend -den Hals. - -Er hatte immer etwas Schmeichlerisches. - - * * * * * - -Die Hitze lag jetzt wie ein heißer, silberglänzender Schild auf den -trockenen Steinen des Hofes. Man mußte die Augen schließen, um den -herumschwirrenden spitzen Lichtpfeilen zu entgehen. - -Bedrückt atmend schritt das Gutsfräulein tiefer in den Schatten des -Gartens. Sie konnte sich ja jetzt öfter eine Erholung gönnen, seitdem -diese Asiaten ihr geregeltes Tagewerk auseinandergeschlagen hatten. -Mit einer geheimnisvollen Kraft zog es sie bis zu dem dicht umbuschten -Grenzgraben, von wo sie dem Klirren der Sensen lauschen wollte. Es war doch -ein gewohntes Geräusch, wenn es auch nicht mehr auf ihr Geheiß und -zu ihrem Nutzen laut wurde. Dicht an der ausgetrockneten Wasserscheide, -zwischen den braunen schlangenhaften Stämmen eines wild verschlungenen -Haselnußgestrüpps, stand eine Bank. Vom herabdringenden Regen war sie -halb vermorscht, grüne Moosfleckchen hatten sich an der Rücklehne -fest angesiedelt, und Johanna erinnerte sich kaum, daß sie jemals jene -Sitzgelegenheit benutzt. Jetzt aber trat sie unter das schattenspendende -Blätterdach und ließ sich auf dem breiten Brett nieder. Eine Weile -schloß sie die Augen. Sie war müde von all dem Widersprechenden, an das -sie zu denken hatte. Jedoch kaum senkte sie ihre Lider herab, so tauchten -auch schon wie hinter einem grünschwarzen Vorhang jene Gestalten auf, -hinter denen ihre Einbildungskraft beständig herjagte. Sie sah ihre -Schwester Isa und Konsul Bark in der russischen Grenzstadt, in deren -verräucherten Mauern sie selbst noch vor kurzem geweilt, und ihr Herz -schlug laut, wenn sie sich vorstellte, welch ein Schicksal den beiden dort -bereitet werden könnte. Oh, diese Ungewißheit! Ob man jemals wieder von -den Fortgeschleppten etwas hören würde? Vielleicht gelang es doch dem -Fürsten, bei dem Nachdruck, den ihm sein Name verlieh, eine Erkundigung -einzuziehen. Und er, der sich stets so glatt und willfährig zeigte, -der feine Weltmann, der für die Wünsche einer Dame fast niemals eine -Weigerung hatte, obwohl er sich gewiß nicht das geringste dabei dachte, -er würde sicherlich auch ihrem Verlangen mit seiner geschmeidigen -Bereitwilligkeit dienen. Es lag eigentlich etwas Verletzendes in seiner -überhöflichen Art. Etwas bewußt Überhebungsvolles, als lohne es sich -gar nicht, auf die Eigenart fremder Naturen näher einzugehen. Dem großen -Herrn bedeutete es genug, wenn er mit seinem strahlenden Lächeln -und namentlich ohne langen Disput den ihm nahenden Bittstellern eine -Gefälligkeit erweisen konnte, die ihn im Grunde genommen nichts kostete. - -Die Blonde fuhr empor, ihre Augen öffneten sich weit. Sie sagte sich -nicht, daß sie selbst jede Unterscheidung für andere Art und fremdes -Volkstum verloren, sie empfand nur einen brennenden Haß, der immer -stärker über ihr zusammenschlug. Wie geringschätzig der schöne Mann -gelächelt hatte, als er den unpassenden Vergleich zwischen ihr und der -bluttriefenden Jüdin gezogen, die mitten in der schmerzhaftesten Wollust -ihrem Bezwinger, nach dem sie sich doch sehnte, das Haupt nahm. Zu ihrer -eigenen Strafe, um sich selbst und ihre Raserei und ihr ganzes früheres -Leben damit zu töten, dachte die Einsame. - -Der Sitzenden sanken die Arme herunter, mit einem harten Entschluß reckte -sie sich auf, und um ihren Mund lagerte sich ein verächtliches Lächeln. -Also bis zu solchem Widersinn, bis zu solch häßlichen Torheiten konnte -man durch das Gefühl der Bedrückung und des Unterworfenseins getrieben -werden. Es war einfach schmählich, auf den gleichgültigen und fremden -Mann so viel schwächliches Nachdenken zu verschwenden. Was hatte sie -überhaupt hier zu suchen? Ach ja, nach den sensenden Soldaten hatte sie -ausspähen wollen. Langsam bewegte sie sich auf das Erlengestrüpp der -Wasserscheide zu und zog ein paar Zweige auseinander. - -Da fuhr sie heftig zurück. - -Auf dem jenseitigen Ufer, schon auf den abgemähten Stoppeln, lagen fünf -bis sechs Männer auf dem Rücken, kehrten ihre rotflammenden Gesichter der -Sonne zu und schliefen. An ihren zerfetzten, schmutzigen Hemden, die die -verbrannte Brust offen ließen, und den zerlumpten und zerschlissenen -Beinkleidern erkannte der geübte Blick des Landfräuleins sofort eine -zusammengetriebene Horde von Landstreichern oder Knechten, die von den -Russen irgendwie zu ihrer Arbeit ohne großes Entgelt gezwungen wurden. -Aber das, was die Aufmerksamkeit der Gutsbesitzerin so besonders fesselte, -daß sie sich immer weiter vorbeugte, damit ihr nichts mehr entgehen -konnte, das gipfelte in einem Umstand, der auch in harmlosen Friedenszeiten -ihr Befremden erregt hätte. Einer dieser Landstreicher nämlich hatte -gerade in dem Moment, wo Johanna ihre Hand zwischen die Blätterwand -streckte, seinen blank geschorenen Schädel, in dessen Schweiß sich die -Sonne spiegelte, über die Schar seiner schnarchenden Genossen erhoben, und -es dünkte die Beobachterin auffällig, mit welch spähendem Interesse der -Mensch den Schlummer der anderen zu prüfen schien. Was bedeutete das? - -Manchmal pfiff der Bursche ziemlich laut vor sich hin, um gleich darauf -sein Haupt wieder in die Stoppeln einzuwühlen, als wollte er abwarten, ob -seine Gefährten das Geräusch vernommen hätten. Allein nichts regte sich -um ihn, und nach einiger Zeit sah Johanna, wie der Zerlumpte, schlangenhaft -auf dem Boden kriechend, seinen Körper gegen die Wasserscheide zuwälzte. -Einen Augenblick lang wollte sie Furcht beschleichen, aber durch ein ganzes -Leben daran gewöhnt, hier auf ihrem Grund wie ein Mann zu walten, zwang -sie sich ihre alte Fassung ab, um mit immer lauter werdendem Herzklopfen -das weitere Gebaren des Fremden zu verfolgen. Jetzt war der Landstreicher -an dem Graben angelangt. Hier blieb er eine Weile starr und regungslos -liegen, und nur Johanna merkte, wie seine Beine ganz allmählich eine -Schleife ausführten, bis die Gestalt des Burschen sich wagerecht dem -Grabenlauf anschmiegte. Die hohen Halme des Unkrauts, das hier wuchs, -bedeckten ihn fast. - -Plötzlich rollte der Körper in den Schlamm des Grabens herab. - -Johanna schrie leise auf und wartete. Jedoch sei es, daß der Fremde durch -ihren Ruf erschreckt war, oder ob er sich dem weichen Morast nicht leicht -entwinden konnte, jedenfalls dauerte es bange Minuten, bevor die Blonde den -kahlen Schädel, der jetzt vollkommen mit grünen Linsen übersät war, in -scheuer Zurückhaltung in dem Gebüsch zu ihren Füßen auftauchen sah. -Der Landstreicher jedoch schien sie sofort zu erkennen, anders wenigstens -vermochte sich die Sprachlose die warnende Bewegung nicht zu erklären, mit -der der schwarze, triefende Bursche seinen Finger an den Mund hob. - -»Fräulein Grothe,« keuchte eine Stimme, die Johanna sich bestimmt -erinnerte, schon gehört zu haben. - -»Um Gott, wer sind Sie?« - -Inzwischen hatte der Unbekannte seinen Leib völlig durch das Gebüsch -geschoben, so daß er nun auf den Knien vor dem Mädchen lag. Jetzt sprang -er trotz der überstandenen Anstrengung elastisch auf die Füße. Sein -Antlitz war durch den Schmutz des Feldes und den Morast des Grabens -gleichsam mit einer schwarzen Larve bedeckt, und doch schoß Johanna bei -dem Anblick dieser schlanken Glieder eine blitzartige Erinnerung auf. - -»Fritz Harder, sind Sie es?« stammelte sie unentschieden. - -Der Fremde reichte ihr die Hand, zog sie aber im nächsten Moment mit einem -matten Lächeln wieder zurück, als er die Verunreinigung seiner Finger -bemerkte. Dann ließ er sich auf die Bank nieder, und indem er sich -angelegentlich das rechte Knie rieb, das wohl durch das Kriechen einige -Risse und Schürfungen empfangen hatte, fragte er plötzlich, indem er sich -leicht nach der Richtung des Herrenhauses umwandte: - -»Steht alles gut bei Ihnen, Johanna? Sind Sie alle wohlauf? Ist niemand in -dieser schlimmen Zeit etwas Böses zugestoßen?« - -Niemals zuvor war die Gutsbesitzerin von dem nachdenklichen jungen Offizier -mit ihrem Vornamen angeredet worden. Aber als sie jetzt, umgeben von der -nahen Gefahr, in der dunklen verschlungenen Haselnußlaube weilten, fand -die Blonde das Benehmen des jungen Mannes ganz natürlich. Und einer -mütterlichen Wallung unterliegend, und ohne Rücksicht auf ihre saubere -Kleidung, strich sie ihrem atemschöpfenden Gefährten aufmunternd über -die schmutzige Wange. Dann flog die Rede zwischen ihnen hin und her. - -»Nein, Fritz, es ist niemand von uns etwas zugestoßen. Niemand,« setzte -sie mit besonderer Betonung hinzu, da sie die dunklen Augen des Offiziers -so beharrlich ihr Wohnhaus suchen sah, »nur meine Schwester Isa ist -bis jetzt nicht zu uns zurückgekehrt, und wir leben daher in schwerer -Besorgnis.« - -»Das weiß ich, Fräulein Grothe, das weiß ich. Sie müssen nicht -glauben, daß wir uns so ganz ohne Kenntnis über die hiesigen Zustände -befinden. Oh nein, wir wissen weit mehr, als sich diese Eisbären träumen -lassen. Sie sehen ja, wir spazieren hier sogar ganz ungeniert in ihren -Linien herum.« - -»Ja, um alles in der Welt, Fritz, -- verzeihen Sie, wenn ich danach frage --- aber was haben Sie denn hier vor? Was bedeutet Ihr abscheulicher Aufzug? -Sie sind doch nicht etwa als Spion hierher geschickt?« - -Jetzt zuckte der triefende junge Mensch unwillkürlich zusammen. Das -schonungslose Wort schien ihn für eine Weile zu verdüstern. Schwermütig -verzog er die Augenbrauen und starrte eine Zeitlang auf den braunen -Lehmboden zu seinen Füßen. - -»So müssen Sie meine Tätigkeit nicht bezeichnen, liebes Fräulein,« -sagte er endlich ruhig. »Ich habe es mir gründlich überlegt, ehe ich -mich zur Ausführung dieses Befehls meldete. Denn es gehört einer dazu, -der -- --« Hier stockte der Redende, als hätte er schon zu viel -geäußert. - -»Was Fritz, erklären Sie sich deutlicher!« - -Der junge Mann aber warf die Rechte abschneidend durch die Luft. - -»Nichts,« entgegnete er besonnen und lächelte zuversichtlicher. »Ich -darf selbst Ihnen wirklich nicht mehr verraten, liebe Johanna. Es geht ganz -gegen die Ordre. Aber wenn Sie vielleicht eine alte Uhr zum Reparieren für -meinen Quartierwirt Adameit mitzugeben haben,« fuhr er mit gutmütiger -Neckerei fort, »dann will ich sie dem alten Tausendkünstler pünktlich in -die Hände liefern.« - -Johanna traute ihren Ohren nicht. - -»Um Himmels willen,« brachte sie mühsam hervor, und eine jäh -aufspringende Angst veranlaßte sie durch die Lücken des Geästes nach -allen Seiten hinauszuspähen, »Sie glauben doch nicht, daß Sie durch die -vielen Tausende hier ungefährdet bis in die Stadt gelangen werden?« - -»Das hoffe ich allerdings bestimmt,« gab der Sitzende unerschüttert -zurück; »und auf Grund eines von dem hiesigen Etappenkommandanten -ausgestellten Arbeitscheines werde ich sogar mit den größten Ehren -empfangen werden.« Er fuhr in seine Brusttasche und zog einen Fetzen -bestempeltes Papier hervor. »Sehen Sie, Fürst Dimitri Sergewitsch -Fergussow -- hier steht es -- bestätigt dem Arbeiter Paul Bramschek usw. -Wenn es nichts Wichtigeres zu verrichten gäbe, könnte ich sogar -hier bleiben und heute nacht unter Ihrer Obhut diesen russischen -Prinzen -- --« er spreizte beide Hände und machte die Gebärde des -Erwürgens. - -Johanna wurde dunkelrot. - -»Großer Gott,« flüsterte sie, ohne ihre Besinnung wieder erlangt zu -haben, »Sie müssen hier fort. Denken Sie nur, welch ein Unglück Sie auf -uns alle herabbeschwören könnten.« - -Kaum hatte das Mädchen eine Spur von Besorgnis geäußert, als der junge -Mann sofort seinen Platz auf der Bank aufgab und sich zum Gehen anschickte. - -»Sie haben ganz recht, Johanna,« pflichtete er ernsthaft bei, »in der -Freude Sie zu sehen und zu hören, hatte ich ganz vergessen, daß es üble -Folgen haben kann, mit mir in einer Unterhaltung getroffen zu werden. Leben -Sie wohl, Fräulein Grothe, und Sie brauchen keinem zu sagen, daß ich hier -war. Sie verstehen mich, keinem, ohne Ausnahme.« - -Da stieg es heiß in dem großen Mädchen auf. Beide Hände legte sie dem -von Unrat Übergossenen fest auf die Schultern. Und während ihre ehrlichen -Augen die seinen suchten, preßte sie sich ab: - -»Nein, bleiben Sie noch, Fritz; eines müssen und dürfen Sie mir -anvertrauen: wie steht es bei uns dort draußen? Müssen wir jede Hoffnung -aufgeben, in die gewohnten und lieben Zustände zurückzukehren? Wann wird -das Unheil, das sich hier breit macht, fortgefegt? Denn es ist ein Unheil, -Fritz, es ist ein großes Unheil.« - -Der in Lumpen und Fetzen gehüllte junge Mensch wandte sich auf ihren -verzweifelten Ruf plötzlich voll zu ihr, und ein sonderbares Leuchten und -Strahlen überglänzte seine eingefallenen, verhärmten Züge. - -»Fräulein Grothe,« begann er endlich, und er preßte beide Fäuste -zusammen, als könne er die Fülle, die er in sich barg, nicht anders -bändigen, »unsere dünnen Reihen wurden jammervoll zugerichtet, und wir -sind von weiten Landstrichen verdrängt worden. Aber was sich jetzt bei -uns vorbereitet, glauben Sie mir, das wird und kann nicht fehlschlagen. Sie -werden nicht mehr lange mit Ihrem Prinzen an einer Tafel sitzen, verlassen -Sie sich darauf,« stieß er heftig hervor, und aus dem verunreinigten -Gesicht blitzten die weißen Zahnreihen so wild und begierig, daß sich -Johanna, um eine unerklärliche Angst niederzukämpfen, die Hand fest um -den Hals spannte. - -»Fritz, wird es bald sein?« fragte sie verwirrt und wandte ihr Haupt -ungewiß nach dem Herrenhaus. - -Der andere zuckte die Achseln, und seine Stimme wurde immer dunkler und -drohender. »Sie werden von uns hören, Fräulein Grothe, und von mir -auch,« setzte er frohlockend hinzu. »Nein, nein, lassen Sie,« wehrte er -ab, als er merkte, wie das Mädchen noch einmal ihr Drängen nach seinen -Plänen zu wiederholen suchte, »lassen Sie mich hier in dem Graben entlang -waten, so komme ich am besten um das Gut herum.« - -Damit kauerte er sich wieder an der Erde nieder, bis seine Füße über -die Böschung herabhingen, und während Johanna gleich darauf den Morast -aufspritzen hörte, wurde unten das Erlengestrüpp noch einmal zur Seite -geschoben, und der kahl geschorene Schädel tauchte abermals auf. - -»Ich soll noch einen Gruß an Sie bestellen,« klang es aus dem -Wasserlauf empor. »Ich habe Ihren Vetter von Sorquitten vor wenigen Tagen -gesprochen.« - -Da mußte Johanna lächeln. »Ach, Fedor Stötteritz,« meinte sie -gutmütig, »wie geht es dem großen Jungen?« - -»Als ich ihn zuletzt sah, stand er in der Abenddämmerung unter einem -zerschossenen Schuppen neben seinem riesigen Pferde und rief mir nach, -diesmal würden Sie es ihm wohl nicht übelnehmen, wenn er recht bald -mit seinem lauten Wesen in Maritzken nach dem Rechten sähe. Ich bitte um -Verzeihung, Fräulein Grothe, wenn ich den Auftrag wörtlich ausrichte, -doch ich hoffe, daß er Ihnen verständlich sein wird.« - -»Ich danke,« entgegnete Johanna beklommen und sah ernst zu Boden. »Ich -verstehe seine Meinung recht gut.« - -Abermals schlug ihr das Herz, und sie begann unwillkürlich zu lauschen, -ob sich auf den Steinen des weißen Hofes nicht ein silberner Sporenklang -melde. Als sie wieder aufblickte, hatten sich die Zweige zu ihren Füßen -geschlossen, und nichts deutete mehr darauf hin, daß hier vor kurzem -jemand geweilt, der zwischen ihr und der Außenwelt ganz unerwartet ein -paar dünne Fäden geknüpft hatte. - - * * * * * - -Aber die Außenwelt brauste noch auf einem anderen Wege, gleich Gewitter -und Hagelschlag, in den erzwungenen Frieden von Maritzken und schmetterte -die künstlich schlaffe Ruhe, die hier wie eine kranke Blume aufgeschossen -war, für immer zu Boden. - -Ein Geheul und Gekreisch, das sich unmöglich aus Menschenlauten -zusammensetzte, nein, das vielmehr von bösartigen, losgelassenen Geistern -der Tiefe ausgestoßen schien, schrillte, pfiff, heulte und wieherte über -die Landstraße und riß das vergrübelte Weib wie mit krallenden Nägeln -aus der kühlen Haselnußlaube heraus. Entsetzt, unfähig, einen Gedanken -zu fassen, stürzte die Herrin von Maritzken auf ihren Hof. Von allen -Seiten flogen die Fenster auf, scheue, angstvolle Gesichter beugten sich -heraus, und alles starrte auf die Chaussee, wo windschnell ein wüster -schwarzer Haufe vorüberwirbelte. Tier und Mensch ununterscheidbar -durcheinander. Dazwischen Flintenschüsse. Markdurchzitternde, gellende -Hetzrufe. Und alles eingehüllt in eine dicke und doch blinkende -Staubwolke. Gleich darauf schlug hinter den Bäumen des Parkes eine -Feuerlohe in die Höhe. Von dem leichten Wind getrieben, stoben die Funken -über die Dächer des Anwesens. Durch das Tor aber quollen junge Weiber -herein, hoch aufgeschürzt, die meisten mit entblößten sonnengebräunten -Armen; Mägde des Gutes und zurückgebliebene Tagelöhnerfrauen, die sich -wie verzweifelt an die hohe Gestalt Johannas drängten als ob sie hier -ihren letzten Rückhalt witterten. - -»Fräulein -- Kosaken!« - -»Sie sagen, es sei hier geschossen worden.« - -»Den Laden von Kurra haben sie ausgeräumt und angesteckt.« - -»Ja, und Tilly -- Tilly Baumgartner --« - -»Was ist's mit Tilly?« stammelte Johanna betäubt und griff nach der -Schulter einer der Mägde, um sich zu stützen. - -Da drängte sich die Frau des Verwalters, der seit jener Ausfahrt nicht -mehr wiedergekehrt, aus dem Haufen, und das Weib raffte sich ihre blaue -Schürze vor das Gesicht und heulte unter dem Leinen hervor: - -»Weggenommen haben sie sie mir, Fräulein, von meiner Hand gerissen, und -mir selbst einen Schlag über die Augen, daß ich nicht sehen kann.« - -Dann ein Wimmern der Mägde, von draußen herannahendes Galoppieren, Hetzen -und Verwünschungen, und dicker qualmiger Staub, der über die Mauern des -Hofes rauchte. - -Da -- da -- durch die Einfahrt schoß es herein -- kleine Pferde, struppig -wie nasse Hunde, vornübergebeugte Reiter, in ihren faltigen Röcken gleich -bärtigen Frauen auf den Tieren hängend, Lammfellmützen tief auf die -stieren Augen gedrückt, schwingende Fäuste, und von den weißen Mauern -zurückgeworfen das wetternde Knallen unzähliger Peitschen. Jetzt schoß, -sprang, wälzte und purzelte es aus den Sätteln; schon drängte sich -das fremde Gesindel durch alle offenen Türen hinein. Wer ihm in den Weg -geriet, wurde zurückgestoßen, bis er blutend auf das Pflaster taumelte. -Tiefe gurgelnde Laute schienen entsetzliche Drohungen zu verkünden, und -nichts, nichts hemmte die Horde, nichts wirkte dem sie beherrschenden Trieb -entgegen nach Raub und Plünderung, nach Schandtat und Gewalt. Vergebens, -daß sich im ersten Stock ein Fenster öffnete, und der abgezehrte -Rittmeister Sassin mit wütenden Gebärden etwas Unverständliches -herunterbrüllte, ganz umsonst, daß sich Johanna toll vor Wut und Scham -auf einen schwarzhaarigen Riesen stürzte, in dessen Armen die kleine Tilly -zappelte, unwürdigen, schmachvollen Liebkosungen ausgesetzt, umsonst, -vergeblich, die Streitenden wurden voneinander getrennt, alles ging unter -in dem brausenden Strudel, der ungebändigt mit einer irren elementaren -Kraft zwischen den Mauern des eben noch so stillen Anwesens kochte. - -»Scho--i, scho--i,« schrien die Kosaken, traten Zäune und Türen ein und -hieben mit ihren Peitschen lechzend vor Irrsinn und Brunst durch die Luft. - -»Der Fürst,« kreischten mitten in dem Graus ein paar heiser geschriene -Frauenstimmen. - -Unter dem Tor hielt eine einzelne Reitergestalt. Die Rechte hatte sie zum -Schutz gegen die Sonne quer über den Schirm der zerbeulten Mütze gelegt, -die Linke, die den Zügel hielt, spielte gleichzeitig achtlos mit einer -reich vergoldeten Reitpeitsche. Aber die vorgeneigte Haltung und sein -ungläubiges Hinstarren in das quirlende Menschengeschäume bewiesen, wie -auch dem Besitzer des scharrenden Schimmels alles, was sich da vor ihm -abspielte, gleich der tollen Ausgeburt einer dampfenden Phantasie erschien. -Ganz gebannt schüttelte er das Haupt und zuckte die Achseln. Sein Anblick -jedoch verschaffte Johanna, die, umrast von dieser nie geahnten Wildheit, -ihre klare Vernunft völlig eingebüßt hatte, die nebelhafte Überzeugung, -der Mann unter dem Tor müsse und würde sie gegen diese blutdürstigen und -fauchenden Tiere schützen oder verteidigen. Mit übernatürlicher Kraft -streifte sie die jammernden Mägde von sich ab, und es war wirklich die -blonde, furchtlose Walküre, wie sie Dimitri Sergewitsch in den schwülen -Augustnächten immer geahnt, als sie sich mit bebenden Gliedern von neuem -gegen den riesenhaften Bedränger der kleinen Tilly warf. - -»Fürst Fergussow,« schrie sie dabei mit einer vor Wut und Scham -erstickten Stimme. - -»Hund, ich schieße dir dein Spatzengehirn gegen die Mauer,« heulte -der kranke Rittmeister, von Hustenanfällen unterbrochen, aus dem oberen -Fenster, und seine zitternden Hände zogen bereits die Sicherung von einer -Pistole ab. - -Doch er brauchte sich nicht mehr zu bemühen. Mit einem kräftigen Sprung -setzte der Schimmel des Fürsten in den auseinanderstürzenden Schwarm -hinein, eine zielsichere Faust riß dem überraschten Riesen die -Lammfellmütze vom Kopfe, und zu gleicher Zeit sauste ein Reitgertenhieb -dem Aufjammernden quer über das Gesicht. Brüllend vor Schmerz ließ -der struppige Kerl sein Opfer fahren, und es war für alle Zuschauer ein -gräßlicher Anblick, wie der Oberst nun sein Pferd noch einmal gegen den -Gebändigten antrieb, so daß dieser in dumpfem Fall vor die Füße des -Tieres rollte. - -»Du triebst natürlich nur einen kleinen Scherz,« sagte Dimitri böse und -schneidend, und die erwachende Johanna sah mit Entsetzen, welche grausamen -Lichter in den dunkel gewordenen Augen des Reiters zucken konnten, »nicht -wahr, mein Söhnchen, so war es doch?« - -»Ja, einen Scherz, Väterchen,« jammerte der Gefallene und streckte in -sklavischer Demut beide Hände gegen die erhobene Peitsche aus, »nichts -weiter, als einen Scherz.« - -»Dacht ich's mir doch,« meinte Dimitri höhnisch durch die ängstliche -Stille, welche plötzlich auf dem Hof nach all dem Lärm entstanden war. -Und sich im Sattel umwendend, sagte er hell und durchdringend, so daß den -Kosaken, die sich scheu an den Wänden herumdrückten, keines seiner Worte -verloren gehen konnte: »Wehe, ihr Kanaillen, wenn ihr nicht alles, was -ihr gestohlen habt, sofort wieder zurückgebt. Auf den Bäumen dort hat es -Platz für viele von euch. Habt ihr mich verstanden?« - -»Ja, Väterchen, verstanden.« - -»Seid ihr hier einquartiert?« - -»Bis morgen früh,« gurgelte unvermutet eine vor Ingrimm oder Trunk -heisere Stimme in der Nähe des Fürsten. - -Sie gehörte einem Kosakenrittmeister an, der bis jetzt einen Besuch in der -Schenke abgestattet und nun sein klepperartiges Pferd am Zügel hinter sich -herzog. Das erste, was der Mann tat, nachdem er sich durch einige Stöße -in den Kreis hineingeschoben, bestand darin, daß er dem noch immer auf den -Knien verharrenden Kosaken einen heftigen Fußtritt in die Seite versetzte. - -»Was ist hier geschehen?« forschte er und stampfte grob auf den Steinen -herum. »Ich frage, was hier geschehen ist? Ich war dienstlich verhindert, -Herr Kamerad.« - -Der Fürst jedoch schien keinen Wert auf die Zusammengehörigkeit mit dem -Sohn der Donschen Steppe zu legen. Er ließ einen hochmütigen Blick über -das brandrote Habichtsgesicht des Reiters hinweggleiten und sagte sehr -ruhig: - -»Oh nichts, was bei Ihren Formationen zu dem Auffallenden gehört. Aber -ich möchte Ihnen doch empfehlen, Herr Rittmeister, Ihre Leute, so lange -sie uns das Vergnügen schenken, in den Stall zu komplimentieren.« - -»In den Stall?« brummte der andere, die Fäuste ballend; da er aber -nicht wagte, gegen den vorgesetzten Gardeoffizier ausfällig zu werden, so -versetzte er wenigstens dem liegenden Mann einen neuen Stoß, um ihn dann -an den Ohren empor zu reißen. »Pack dich, Wassily, du Schuft! Was liegst -du hier wie ein krankes Schwein herum? Was soll man von dem Beispiel -denken, das ich Euch gegeben? Was soll man denken, frage ich? Warte, mein -Guter, wir sprechen uns noch.« - - - - -III. - - -Die Menge hatte sich verlaufen, das Gutsgesinde war zu seiner gewohnten -Beschäftigung zurückgekehrt, nur Johanna und der Oberst weilten noch auf -dem Hofe. - -»Sie sehen auffallend blaß aus, mein Fräulein,« hörte die Gutsherrin -ihren Gefährten im Ton aufrichtigen Mitgefühls beginnen; und als sie -in ihrer gelähmten Haltung verharrte, fügte er ehrerbietig hinzu: »Sie -können mir glauben, daß mich nur die Besorgnis zu dieser Bemerkung -veranlaßt. Vielleicht würde Ihnen ein Spaziergang hier im nahen Walde -wohltun. Für diesen Fall hebe ich selbstverständlich mit Vergnügen das -Verbot Ihrer Bewegungsfreiheit auf, und um Sie vor weiteren Belästigungen -zu bewahren, biete ich Ihnen gern meine eigene Begleitung an. Sie sollten -es wirklich nicht abschlagen,« vollendete er ganz treuherzig. - -Zum erstenmal hatte dieser in der glatten Rede des Salons verstrickte Mann -wie ein wohlwollender Mensch gesprochen, dem die Not eines Mitgeschöpfes -die Seele erschreckte. Und Johanna atmete auf, und über ihre versteinten -Züge huschte es wie von Befreiung und Erlösung. Gottlob, endlich nach den -langen Tagen der erzwungenen Beschränkung sollte jetzt eine Stunde folgen, -die es ihr ermöglichte, die so schmerzlich entbehrte Wanderung über den -heimatlichen Boden genießen zu können. Oh, welchen Dank sie demjenigen -schuldete, der ihr jenes unerwartete Geschenk darbot. Jedem anderen hätte -sie in leidenschaftlicher Wallung und mit ihrem klaren, unversteckten -Lachen beide Hände geschüttelt. Hier aber wagte sie nur zustimmend das -Haupt zu neigen, und doch berührte es sie eigenartig wohltuend, als sie -bemerkte, mit welcher Freude der fremde Offizier dieses leise Zeichen ihrer -Bereitwilligkeit auffing. - -»Wahrhaftig?« rief der Fürst ganz erstaunt, »Sie hegen keine Bedenken? -Ah, meine Gnädigste, Sie vergeben mir gewiß, wenn ich heimlich denke, -daß Sie sich dann wirklich durch das abscheuliche Gebaren dieser -Steppenreiter im hohen Grade angegriffen fühlen müssen.« - -»Sie dürfen darüber nicht spotten,« entgegnete Johanna befangen, weil -es das erste Mal war, daß sie mit dem schönen jungen Mann andere Dinge -als die des täglichen Unterhalts verhandelte. »Ich war auf die Schrecken -des Krieges gefaßt und bin auch imstande, sie zu ertragen, aber eine -derartige Raserei --« - -»Leider kann ich Ihnen keineswegs widersprechen,« unterbrach Dimitri -Sergewitsch hastig, denn ihm lag alles daran, die Blonde von dem eben -erduldeten Überfall abzulenken. »Sie werden verstehen, was es mich -kostet, wenn ich Ihnen versichere, wie sehr ich und viele andere Kameraden, -die wir den Europäer-Standpunkt nicht aufzugeben gewillt sind, von dem -Treiben jener Stämme innerlich angewidert werden. Aber fort damit,« -suchte er von dem bedenklichen Gegenstand loszukommen, »ich bin heute -früh schon durch Ihre herrlichen Buchenwälder geritten, und es bereitet -mir eine wahrhafte Genugtuung, Ihr Wiedersehen mit diesen frischen und -geheimnisvollen Gründen vermitteln zu dürfen. Sehen Sie, ich kann sogar -schon jetzt die schönsten Grüße von dort an Sie bestellen.« - -Lebhaft riß er aus seinem Wams ein kleines Skizzenbuch hervor, und -Johanna, die einen raschen Blick über seine Schulter warf, stieß -unwillkürlich einen Laut des Erkennens aus. In einer ganz feinen, -schattenhaften Manier, worin Licht und Luft mehr festgehalten waren, als -der darzustellende Gegenstand, erhob sich auf dem Blatt mitten auf einer -dunklen Waldwiese ein ungeheurer geborstener Buchenstamm, an dessen Ästen -unzählige Heiligenbilder, Glasherzen und Kränze als Weihegeschenke -aufgehängt waren. - -»Ah, der Sankt-Annen-Baum,« stellte Johanna überrascht fest. »Wie zart -und fein Sie das getroffen haben.« - -Der Oberst zuckte die Achseln, verbeugte sich jedoch leicht. - -»Was wollen Sie!?« meinte er gleichgültig, »die Frucht und der -Überrest der vielen Lieblingsbeschäftigungen, die eine Petersburger -Wintersaison so mit sich bringt. Man darf gar nicht daran denken, wieviel -Zeit und Jugend man so tatenlos verschleuderte. Aber, mein gnädiges -Fräulein,« entraffte er sich elastisch derartigen Vorstellungen, und -seine edlen Züge strahlten wieder jenen das Gutsfräulein so verwirrenden -Glanz, »wozu Reue und Selbstzerfleischung an einem herrlichen Ferientag? -So fasse ich nämlich unseren Ausflug auf. Benötigen Sie vielleicht noch -einen Sonnenschirm, den man herbeischaffen müßte?« - -Johanna schüttelte das Haupt, doch konnte sie es nicht hindern, daß -ein Lächeln ihre Lippen öffnete. Die Nonne, die ihre Tage der Arbeit -verschrieben, entäußerte sich plötzlich der ihr anhaftenden Herbheit und -sah frisch und gesund und genußfähig aus. Ganz versonnen starrte sie der -Fürst an. - -»Wo denken Sie hin, Durchlaucht,« meinte sie gutmütig, während sie sich -bereits zum Gehen anschickte, »ein Landmädchen, wie ich, das hie und da -selbst mit anfaßt, das fürchtet keinen verbrannten Teint. Übrigens tut -mir die Sonne auch nichts,« setzte sie hinzu und zeigte ihm ein Antlitz, -dessen lichte Reinheit weder durch ein Mal noch durch ein Sonnenpünktchen -verunziert war. »Wollen wir durch das Tor?« fuhr sie innehaltend fort. - -»Nein, bitte nicht dort hinaus,« weigerte sich der Fürst mit -auffallender Lebhaftigkeit. »Sie könnten dort manches sehen, was Sie zu -unangenehm an meine und meiner Landsleute Anwesenheit erinnert. Ich möchte -Ihnen heute gar zu gern ein paar Potemkinsche Dörfer vorspiegeln. Kommen -Sie, wir schreiten lieber hier an dem Graben entlang und wenden uns dann -über die kleine Brücke.« - -Bald darauf war das Paar von den dunklen Schatten des Haselnußgehölzes -umhüllt, und Johanna mußte unwillkürlich den Blick zu Boden senken, als -sie die Bank gewahrte, auf der noch eben der junge verdüsterte Preuße -ihr seine Pläne enthüllt. Ihr fiel wieder die spreizende Bewegung seiner -Hände ein, da er davon gesprochen, wie leicht ein Kühner unter der Obhut -der Hausherrin den hier befehlenden Etappenkommandanten in den ewigen -Schlummer senden könnte. Und unbewußt trieb sie den ahnungslos neben ihr -Schreitenden zu größerer Eile an. - -Wirklich, es war ein erquickendes Wandeln unter dem niedrigen Laubdach -zur Seite des abgemähten Feldes, über dem die Sonnenstrahlen tanzten und -funkelten. Anmutig jeder vorspringenden Baumwurzel ausweichend, schritt ihr -Dimitri Sergewitsch voran, und in einer so selbstvergessenen Lust befand -sich Johanna, daß sie rückhaltslos die elegante Geschmeidigkeit seiner -Glieder bewunderte. Wie sorgsam und mit wieviel Aufwand von Zeit und -Bedienung der vornehme Herr gewiß seinen Körper gepflegt hatte. Wie -blendend weiß und geschont sich auch jetzt mitten im Waffenhandwerk seine -schmalen Hände darboten. Und Johanna empfand fast eine Art von naiver -Hochachtung vor jenen Bevorzugten, die ihrer Gesundheit so unablässig zu -dienen suchten. Und dieser kräftige, unermüdliche Mensch, der wie -ein lebendes Kunstwerk ohne sichtbare Unebenheiten und Fehler durch die -Schöpfung schritt, er sollte nach den häßlichen Geständnissen des -Rittmeisters Sassin ein Frühverdorbener, ein Angefressener und Vergifteter -sein? - -Schaudernd strich sich das Mädchen eine blonde Haarsträhne, die im Winde -flatterte, aus der Stirn, und sie beschloß -- für heute wenigstens -- all -diese unsauberen Gedanken zu verbannen. Ihre alte Willensstärke kam -ihr wieder, als sie sich eingestand, daß es sie ja im Grunde gar -nicht berührte, aus welchen Erfahrungen der Charakter des Fremden -zusammengeschossen sei. Nein, für den Augenblick brauchte sie sich nur -dem frohen Gefühl hinzugeben, aus dem unsichtbaren Kerker, der ihr so -unerwartet geöffnet wurde, mit dankbarem Gemüt herauszuschreiten und sich -der kurzen Stunde der Freiheit mit aufnahmefähigen Sinnen zu freuen. - -Und das tat sie. - -Heute bewunderte sie jedes wilde Brombeergestrüpp, das sich im -Vorbeistreifen an ihr Gewand nistete, und hie und da bückte sie sich, um -eine rötliche Hagebutte neugierig zu mustern. In dem Haselnußdach über -ihr schwirrten junge, grünweiße Meisen herum, sie hingen sich an -die Äste und übten lautlos ihre schwierigen Kletterkünste. Und das -Landfräulein staunte die Tierchen an, als ob sie die wilde Schar heute -das erste Mal sähe. Helle Lichtpunkte tröpfelten durch das Blätterwerk -hindurch und tanzten, glitten und zitterten ihr fröhlich über das Haar -und den unbedeckten Hals. Als sich der Fürst einmal umwandte, erschrak -er fast. Das Weib, das hinter ihm herschritt, leuchtete und funkelte so -eigentümlich, daß ihm das Wort auf der Lippe erstarb. In dem grünen -Dämmer wandelte die hohe Gestalt, umflossen von der ihr anhaftenden -Frische und Reinheit, und wieder schien es dem Beobachter, als ob er dieses -unberührte Menschenkind durchaus nicht in den ihm gewohnten wilden Reigen -einzuordnen vermöchte. Fast beschämt kehrte er sich ab, um ihr von neuem -durch den schmalen Gang voran zu eilen. In weiter Biegung schlängelte sich -der Weg um das Feld herum, um endlich breiter und breiter zu werden, bis -sich das Gebüsch allmählich in den herantretenden Buchenwald verlor. -Hier spürte man nichts mehr von der Hitze des Tages. Zwischen den -matten, grauen Stämmen hing ein unsichtbarer Flor herab, hinter dem alles -Gegenständliche verdämmerte und verschwamm. Geräuschlos flirrte das -feine Spiel der Blätter, rechts und links über die Waldwege zogen sich -die glitzernden Fäden der Spinne, grüne Fliegen hingen in der Luft und -zuckten plötzlich wieder davon, und der ganze ungeheure Wald war erfüllt -von Schläfrigkeit und einem ewig auf- und absteigenden Summen. Von Zeit -zu Zeit aber wichen die Riesenbäume weit auseinander, und hohe, ungeheure -Hallen empfingen die Wanderer unter grünen, leise schwankenden Kuppeln. - -Mitten auf einer der Waldwiesen träumte die Sankt-Annen-Buche, unter -deren weit ausladenden Ästen unzählige Betrübte schon in frommer Einfalt -gekniet hatten. Johanna lehnte sich leicht an den grauen, vielnarbigen -Stamm und blickte zu einem Perlenstern empor, auf dessen grünem Untergrund -eine zitternde Hand nichts als die Worte gezeichnet hatte: »St. Anna hilf -uns!« Nie zuvor war von der Gutsherrin diese Spende gesehen worden. Sie -bedeutete wohl einen Notschrei aus schlimmer Zeit. Wer konnte wissen, zu -welch entwürdigender Arbeit die emsigen Hände von fremden Einlagerern -schon verurteilt waren. - -Johanna atmete schwer und rührte sich nicht. - -So vermochte sie nicht wahrzunehmen, wie Fürst Dimitri, nachdem er -eine geraume Weile die Unbewegliche unter dem grünen Buchenmantel in -künstlerischem Genießen gemustert, verstohlen sein Skizzenbuch hervorzog -und mit fliegenden Strichen das strenge Bild festzuhalten strebte. Erst -eine rasche Bewegung verriet ihn. Sofort trat das Mädchen zurück, jedoch -nur, um sich auf einen abgehauenen Baumstumpf niederzulassen, wo sie den -Blicken des Beobachters nicht mehr ausgesetzt war. Doch mit keinem Wort -tadelte sie die Freiheit, die sich ihr Gefährte genommen. Dazu wurde sie -zu sehr, -- trotz eigener Entfernung von der Kunst, -- durch die Ehrfurcht -vor allem Können beherrscht. - -»Schade,« bedauerte Dimitri Sergewitsch leise. - -Allein auch er kam durch keine Andeutung auf seinen vereitelten Wunsch -zurück. - -Mit ein paar respektvollen Worten bat er, sich auf einer Mooserhöhung -lagern zu dürfen, und als ihm dies freundlich gewährt war, da ließ sich -der Oberst auf dem Erdbuckel nieder, ohne sich jedoch auszustrecken -oder irgendwie eine lässige Haltung anzunehmen. Die Vornehmheit seiner -Gewohnheiten oder Erziehung äußerte sich eben ganz ungezwungen in -jeder Lage. Und doch -- trotz dieser Rücksicht -- empfand es -Johanna schmerzlich, als sich die fremde Uniform mitten zwischen den -Farrenkräutern und Gräsern abzeichnete. Die umfriedete Ruhe des deutschen -Waldes schien ihr dadurch gestört. Und ihr Blick heftete sich gezwungen -auf ein kleines blaues Ordenskreuz, das der Offizier dicht unter dem -Halskragen befestigt trug. - -»Das ist wohl eine hohe Auszeichnung?« fragte sie endlich trotz inneren -Zögerns. - -Der Fürst nahm seine Mütze von den braunen Locken, zuckte die Achseln, -und seine Hand begann mit der blauen Dekoration ohne große Wertschätzung -zu spielen. - -»Ich empfing das Ding,« äußerte er, »zum Fest der heiligen -Wasserweihe. Irgendein Verdienst wurde meines Wissens damit nicht -belohnt.« Und wieder ließ er das blaue Kreuz durch seine Finger -schnellen. - -Heilige Wasserweihe?! Wie unbegreiflich fern und einem anderen Volke -angehörig doch die Bezeichnung jenes Festes hier unter den grünen Buchen -klang. Und dadurch hervorgerufen stieg dem blonden Mädchen die Erinnerung -auf, wie ihr Gefährte ja seinem Glauben nach einem bunten geheimnisvollen -Ritus huldige, der seine Bekenner durch düsteren Pomp viel mehr an Orient -und Osten knüpfte, als an das wunderlose, begriffsscharfe Europäertum. -Ein zu seltsamer Gedanke, wenn man sich den distinguierten Mann -betrachtete, der sich in nichts anderem von den ihr bekannten Herren -unterschied, als durch die edle Regelmäßigkeit seiner Gesichtszüge und -die schwermütige Schönheit, die über ihnen ausgebreitet lag. - -Merkwürdig, auch der Fürst schien sich ähnlichen Vorstellungen über -das, was Völker trennen und verbinden konnte, hinzugeben. Er hielt das -schmale Haupt erhoben und verfolgte die Sprünge eines schwarzbraunen -Eichkätzchens, das ohne einen Begriff von der Heiligkeit der Stätte in -den oberen Ästen der Sankt-Annen-Buche herumturnte. Manchmal auch setzte -es sich, so daß die Ruthe feinfaserig herabhing, um nach den beiden -Menschen zu äugen, die in dieser grauen Ruhe der Baumriesen zu atmen und -zu sprechen wagten. - -»Welch unbegreifliche Grenzscheiden die Menschen sich doch errichten,« -begann der russische Offizier endlich seinen Gedanken Ausdruck zu -verleihen. »Das Trennende liegt mehr in unserem Gehirn und richtet dort -Unheil an. Sehen Sie, verehrtes Fräulein, auf meinen Gütern, die gar -nicht weit von Petersburg liegen, da gibt es Wälder von ganz gleicher -Stille und Unberührtheit wie dieser hier. Ich bin Tage und Nächte -lang durch sie hindurch geritten, und manchmal nach einer töricht -durchschwärmten Zeit konnte ich jubeln gleich unseren kleinen -uniformierten Ferienschülern, denn mich empfing in den stillen Gründen -stets das Gefühl, als ob ich in die reinigenden Arme einer Mutter -zurückkehrte. Und hier --?« Er schüttelte das Haupt und sah sich mit -einem langen verwunderten Blick um. - -»Nun, und hier?« fragte Johanna von ihrem Baumstumpf aus beklommen. - -Er zuckte die Achseln und riß ein paar Halme von seinem Lager aus. - -»Hier ist die Fremde. Ich weiß nicht, wie es kommt -- obwohl ich, wie Sie -vielleicht schon bemerkten, gar keinen so recht innerlichen Anteil nehme an -dieser Völkerabrechnung, weil ich zu jenen gehaßten Kosmopoliten gehöre, -wurzellosen Weltbürgern, von denen die Oberschicht Rußlands voll ist -- -es verschlägt alles nichts, in dem Gehirn sitzt einmal der harte -Begriff: hier ist die Fremde, hier wohnt der Feind, die erklärungslose -Antipathie.« - -Er wartete einen Augenblick, und da Johanna nichts erwiderte, fuhr er ruhig -fort: - -»Ich könnte mir ganz gut vorstellen, daß alle diese bewegungslosen -Stämme um uns herum Ihre Gestalt angenommen hätten, mein Fräulein, und -daß sie einen Arm starr nach mir ausstreckten, um mir zuzurufen: ›Du -gehörst nicht hierher. Wir sind deutsche Bäume und wollen einen -Slawen lieber unter uns begraben sehen, als ihm Schatten und Erquickung -spenden‹. Habe ich das Gefühl Ihres Waldes richtig getroffen?« - -Ein Schrecken durchrann Johannas Glieder, als ihr Gefährte so sicher ihre -heimlichsten Wünsche zerfaserte. - -»Ich dachte nicht immer so,« sagte sie an sich haltend, während ihre -blauen Augen den Hingestreckten mit ihrem glasklaren und doch nicht warmen -Leuchten umspannten. - -Jetzt lächelte der Fürst. Es war ein feines, verständnisvolles Lächeln, -das den Welt- und Menschenkenner verriet. - -»Selbstverständlich,« entgegnete er, »ich zweifle nicht im geringsten -daran, daß Ihre Abneigung gegen uns erst entstand, nachdem Sie die -dunkelsten Seiten unseres Volkstums gegen sich selbst gerichtet spürten. -Unser plumpes Kraftbewußtsein, eine täppische, kindliche Zerstörungswut -und die finstere Nacht unserer erschreckenden Unbildung. Ich weiß, -Germanien betrachtet sich uns gegenüber häufig als eine Herrin und -das umliegende slawische Land als ihren Knecht. Auch Sie sind solch eine -Herrin,« setzte er bedeutungsvoll hinzu. - -Johanna starrte ihn an. Sie begriff durchaus nicht die Gelassenheit, mit -der der fremde Aristokrat mitten in dem großen Streit von seinem eigenen -Volke sprach. War das Falschheit? Oder wollte er ihr einen Fallstrick -legen, weil er ihre leidenschaftliche Hingabe an ein furchtloses -Bekennertum kannte? Wie war solch gleichgültige Kritik überhaupt -möglich? Es klang, wie wenn ein gänzlich Unbeteiligter über -einen Tausende von Meilen entfernten Stamm zu urteilen hätte. Immer -unbegreiflicher wurde ihr der fremde Mann, und sie glaubte, daß jetzt die -letzten von den Banden rissen, die zwei Angehörige derselben Artung sonst -verknüpfen. - -»Fremd -- fremd,« mahnte es in ihr. - -Und dann -- wie furchterregend! Der Fürst schien schon wieder den -versteckten Spuren ihrer Überlegungsreihen gefolgt zu sein. Ohne Zorn, -nur mit einer Bewegung des Besserunterrichteten, erteilte er ihr auf ihre -stillen Einwände die Antwort: - -»Ich merke, Sie finden es verächtlich, mein gnädiges Fräulein, weil ich -Ihnen so schonungslos über meine Volksgenossen berichte. Aber glauben Sie -mir, darin liegt gerade die tiefe Tragik unseres Riesenreiches. Nirgends -in der Welt leben der wirkliche Adel und die Oberschicht derartig von der -dunklen Masse getrennt, ja durch unüberbrückbare Ströme geschieden, -wie bei uns. Wir, die wir das Volk leiten und befehligen, sind im Grunde -wurzellose Menschen; ich möchte beinahe sagen ohne festen Wohnsitz. Unsere -Kleidung ist die englische, unsere Sprache die französische, und unser -Bildungsdrang, wenigstens bei den Besten von uns, geht nach dem Deutschen. -Wir wohnen gewissermaßen nur auf Besuch unter den Unsrigen, denn unsere -größte Anregung und die tiefste Befriedigung unserer Nerven finden wir -in den großen Städten des Westens. Wenn Sie vielleicht einwenden, daß -gerade wir es sind, die eine allumfassende nationale Strömung erweckten, -so muß ich Ihnen hier unter uns und einigermaßen beschämt bekennen, -daß dies im Grunde nur eines der geistigen Mittel ist, durch die wir die -unruhige, an religiösen Qualen leidende Menge am Zügel halten. Uns selbst -aber wäre ein weiteres Überwiegen slawischen Einflusses direkt unbequem. -Denn es würde uns allmählich an dem Auskosten aller feineren Genüsse -hindern. Sie sehen also, mein Fräulein,« schloß der Fürst immer mit -derselben schonungslosen Offenheit, »von welchem Zwiespalt die leitenden -Männer bei uns ergriffen sind und zu welchen peinigenden Lügen sie ihre -Zuflucht nehmen müssen, wenn sie nach außen hin das Gegenteil verkünden. -Glauben Sie mir, mit diesen widersprechenden Gefühlen sind wir auch in den -Krieg gezogen, für den uns das große Schlagwort, die berauschende -Phrase absolut mangelt. Ganz abgesehen davon, daß wir uns aus einer -Reihe unvermischter, meistens unterworfener Stämme zusammensetzen, deren -Wünsche und Ziele weit auseinander streben. Und doch lieben wir diese -unglückselige Heimat und beweinen sie.« - -Johanna schlug das Herz. Ihr war es, als hätte hier ein sehr -Unglücklicher gesprochen. Ein Mensch, der sich im heftigsten Streit -von einer armen, ungebildeten Familie gelöst und der doch die -Zusammengehörigkeit, unter der er litt, nicht vergessen konnte. Und als -ihr norddeutsch kühles Auge jetzt auffing, wie gelassen ihr Gefährte auf -seinem Mooshügel saß, mit der schmalen Hand spielerisch über die -Gräser streichend, als wenn er eben das Allergewöhnlichste und -Selbstverständlichste offenbart, da ergriff sie plötzlich eine stechende -Sorge um den schlanken Mann, mütterlich fast, wie sie immer gewohnt war, -sich mitzuteilen. Daneben aber rang in ihr die Angst, ob es ihrer auch -würdig sei, dem Gegner, der doch bedenkenlos das Schwert geschwungen, ein -Zeichen des Trostes zu gönnen. - -»Gottlob,« sagte sie endlich, »wir können uns in eine solche -Zerrissenheit gar nicht hineindenken.« - -Es sollte eine Teilnahme bedeuten, und sie ahnte nicht, wie preußisch -kühl und überhebungsvoll ihre Rede ausgelegt werden konnte. Über die -Lippen des Russen wehte auch sofort ein leicht mokanter Zug, um jedoch bald -einem trüberen Ausdruck zu weichen. Und jetzt -- das Mädchen griff fest -nach dem Baumstumpf, auf dem es saß -- jetzt schimmerte in den Augen des -Mannes wieder jene Schwermut, die Johanna so oft an dem Bilde in ihrer -Schlafkammer beobachtet. Wenn sie sich an diese Ähnlichkeit erinnerte, -dann schwand jedesmal alle Beherrschung von ihr, und fröstelnd empfand -sie, daß etwas Altes, längst Bekanntes zwischen ihnen beiden walte. Sie -wollte sich dagegen wehren, aber der bindende Zauber spann ungehindert -herüber und hinüber. Dazu strich ein Rauschen durch die Wipfel der -Buchen, rötliche Blätter wirbelten durch die graue Dämmerung, und ganz -hinten in dem jungen Gehölz neigten sich die dünnen, armstarken Stämme -kosend gegeneinander. - -»Wie scharf Sie beobachten können,« kehrte Dimitri fast gewaltsam zu -dem verlassenen Gespräch zurück, und dabei bettete er sich den von der -Schulter herabhängenden Säbel quer über die Knie, »Sie gebrauchen -gerade das richtige Wort, liebes Fräulein: Zerrissenheit. Sie ist unser -schlimmster Feind. Ich meine nicht die politische, sondern die innere, die -leider ein durchgehender Zug unseres Charakters ist und durch Bildung oder -Gelehrsamkeit nur noch verstärkt wird. Ich fürchte fast, daß ich Ihnen -selbst die Grundlage für Ihre Behauptung lieferte.« - -Da erblaßte Johanna. - -»Durchlaucht,« sträubte sie sich, »Sie scherzen wohl nur. Wie hätte -ich mich mit irgend etwas, was Ihre Lebensgewohnheiten oder Ihren Charakter -betrifft, beschäftigen können?« - -Der Russe ließ die goldene Troddel seines Wehrgehenkes achtlos durch seine -Finger gleiten. - -»Ach ja, gewiß. Verzeihen Sie, wenn ich mich einer Täuschung hingab. -Wir betrügen uns alle gern. Aber Sie hätten vollkommen recht. Der innere -Widerspruch verzehrt uns. Und ein Grauen überfällt die meisten, die ihn -zu sehen vermögen. Nehmen Sie an, ich spräche von guten Freunden von mir. -Es sind Leute, die sich beharrlich weigern, auf der Jagd ein Reh oder -einen Hasen zu töten, weil sie in dem Pulsschlag des Wildes den ihrigen -zu vernehmen glauben. Mitleidende in der großen Trauer des Lebens. Und -dieselben Leute fühlen rieselnde Schauer der Wollust, jetzt, da der Krieg -sie zwingt, ihre Säbel durch weiche Gehirne sausen zu lassen.« - -»Nicht doch,« stammelte Johanna, vor deren Augen es dunkelte, und griff -nach dem Stamm der Buche. - -»Doch, doch,« hörte sie ihren Gefährten durch den grauen Dämmer -hindurch beharren. »Es sind dieselben Leute, die sich am Morgen, von einer -jagenden Angst getrieben, in die Untiefen der Religion stürzen. Mittags -hängen sie mit geschlossenen Augen am Seil einer philosophischen -Morallehre, damit sie die unter ihnen schäumenden Wogen des Lebens nicht -zu sehen brauchen, und abends werden jene Menschen von irren Krämpfen -nach Sinnenlust und Ausschweifungen geschüttelt! Können Sie diesen echt -russischen Gegensatz auch nur fassen, mein Fräulein?« - -Der Sprechende stieß die Säbelscheide in den Waldboden, warf kleine -Moosbrocken in die Höhe und wandte sich ab, um die Rufe des Kuckucks zu -zählen. Alles Gebärden eines Menschen, der nichts getan, als daß er -über einen bekannten und keineswegs beunruhigenden Gegenstand geplaudert. -Seine Zuhörerin jedoch wurde von einer auffallenden Blässe bedeckt. -Mehrfach setzte sie an, um sich von ihrem Platze zu entfernen. -Unerträgliche Dinge hatte sie unter dem heiligen Baum gehört, verworfene -Bekenntnisse, die den Redner gewiß näher angingen, als er zugeben wollte. -Der Fürst aber -- als wenn er es geahnt hätte -- riß die Überlegende -sofort wieder in seinen Wirbel zurück. - -»Machen wir es kurz,« meinte er in seinem anmutigen Akzent: »die -Intelligenz Rußlands ist ein ungeheurer Kessel. Schwarz und weiß, -Heiligkeit und Verbrechen, Schlaffheit und Wut, Güte und Bestientum, -Keuschheit und Raserei, alles kocht in ihm durcheinander. Und eines Tages -werden die zischenden Blasen überbrodeln, und der Kessel wird voll Blut -sein. Im ganzen ein widerliches Gericht. Widerlich,« wiederholte er und -machte eine Bewegung mit der Hand, als wenn er von seinem Waffenrock eine -häßliche Spinne abschleudern müßte; »grauenhaft, wenn man ernstlich -daran denkt. Denn es gibt dafür keine Erlösung. =Mon dieu=,« lachte er -plötzlich und breitete beide Arme aus, »bestes Fräulein, können -Sie vergeben, daß ich Sie mit diesen urslawischen Tollheiten so sehr -langweilte?« - -Leichtfüßig schritt er auf sie zu, kreuzte die Arme auf den Rücken -und lehnte sich dann dicht bei ihr an den Stamm der heiligen Buche. Seine -Mütze hatte er auf dem Mooshügel liegen lassen, und so fielen ihm die -braunen Locken wellig über die Stirn. Mit offenem Wohlgefallen glitten -seine Blicke an der kräftigen Gestalt des Mädchens herab. - -»Es ist sonderbar,« sagte er endlich mehr zu sich selbst, »ein so -starkes, unbeirrtes Weib in seiner Nähe zu wissen. Man glaubt förmlich -die Gesetzmäßigkeit eines solchen Lebens zu hören.« - -Er tat noch einen weiteren Schritt gegen sie. Zögernd streckte er die -Hand nach dem Mädchen aus, als ob er bittend ihre Rechte berühren wollte. -Johanna aber, obwohl sie flammend rot wurde, regte sich nicht. Da ließ der -fremde Offizier seinen Arm sinken. - -»Würden Sie mir nicht entdecken,« fuhr er ermunternd fort, ohne die -Abweisung weiter zu berücksichtigen, »wie Sie zu dieser Festigkeit -gelangten? Ihre innere Ruhe wirkt unbeschreiblich wohltuend. Sie sind jung --- ich will Ihnen weiter keine Komplimente machen -- aber wie konnten Sie -so viel drückende Pflichten auf sich nehmen? Die Bewirtschaftung Ihres -Gutes, den Schutz für Ihre Schwestern und jetzt sogar den Widerstand gegen -uns? Soviel Sammlung bei einer Frau ist wohl auch in Ihrer Heimat -selten. Ich wäre außerordentlich dankbar, wenn Sie mir einen Einblick -gestatteten.« - -Aber Johanna verzog die Stirn. - -»Empfinden Sie wirklich ein Interesse für meine Familiengeschichte?« -wies sie ihn ab. »Man wird eben das, wozu die Verhältnisse uns -stempeln.« Und etwas freundlicher setzte sie hinzu: »Ich glaube, Sie -haben dies auch an sich selbst erfahren.« - -Jetzt verschränkte der Fürst die Hände über der Brust und nickte -leicht. - -»Ja,« gab er nachdenklich zurück, »mein Schicksal war Reichtum, -Verwöhnung und Nichtstun.« - -»Und meines,« erwiderte das Mädchen herb, »Not, Widerspruch und Arbeit --- viel Arbeit.« - -»Leben Ihre Eltern noch?« fragte der Russe nach einer langen Pause. - -»Unsere Mutter ist tot. Sie liegt hier auf dem Friedhof, auf dem neulich -Ihre Pferde angebunden standen.« - -»Hm, ich ersehe daraus wenigstens zu meiner Freude, daß Ihr Herr -Vater -- --« - -Johanna ballte die Faust. Wieder riß sie etwas von dannen. Sie war -empört, weil der Fremde keine Ruhe gab. - -»Es ist kein Anlaß zur Freude,« stieß sie im Zorn hervor, »mein -Vater verbringt seine Tage in der Landes-Irrenanstalt, nachdem er vorher -entmündigt wurde.« - -»Ah, =mille pardons=,« versetzte der Russe betreten. - -Mit vorgestreckter Hand zog er sich mehrere Schritte zurück, denn ihn -leitete der Instinkt, er hätte sich schon zu nahe an den Kreis ihrer -Erinnerungen herangedrängt. Geräuschlos raffte er seine Mütze auf, -und als er sich umwandte, hatte sich auch die Blonde erhoben. Ihre Blicke -ruhten noch grübelnd auf dem Moos und den Farrenkräutern des Waldbodens, -als könnte sie sich von dem zuletzt Heraufbeschworenen nicht trennen. - -»Jetzt können Sie sich zusammenreimen, wie alles gekommen ist,« sagte -sie bitter, und dabei schüttelte sie sich unwillig, wie jemand, der nur -gezwungen zu einem Geständnis hingerissen wurde. »Kommen Sie, ich will -nach Hause.« - -Langsam, nebeneinander, verließen sie den grünen Hain. - -Aber es war nicht mehr dieselbe Gegend, die sie vor Stunden, aufatmend -vor der lastenden Hitze, betreten. Und jetzt erkannten sie auch den -Unterschied. Das heitere, tanzende Licht war von ihren Pfaden gewichen. -Ganz allmählich, unmerklich für die noch von Flimmer und Bläue -erfüllten Augen war zuerst ein dunstiger Rauch über den Horizont -geflogen. Tiefer und tiefer hatten sich die grauen Gespinste gesenkt, bis -die Häupter der Bäume in ihre Maschen eingetaucht waren. Die letzten -spielenden Strahlen hafteten nur noch als schwefelgelbe Flecke an den -schweigenden, schwermütigen Stämmen. Allein bald erloschen auch diese -grellen Feuer, und nun lag der Wald in unheimlicher Stille. Reglos starrten -die Blätter einander -- wie verzaubert -- an. Schwarze Streifen von -Ameisenzügen strebten in betäubendem Gewimmel ihren Haufen zu. In -scharfem Flug strichen unerkennbare Vögel durch die grauen Schatten, und -der ganze Wald hauchte plötzlich nichts als Leere und Verlassenheit. - -Die beiden Wanderer aber hielten inne und blickten einander an. Schwer -atmend fühlten sie, wie eine bängliche Beklommenheit ihre Stirnen -einpreßte. Zeit und Pulse schienen hier still zu stehen, und nur das -wiegende Summen der Fliegen und Bienen reizte ihre gespannten Nerven. - -Plötzlich bogen sich in der Ferne die jungen Stämme gegeneinander, -schnellten wieder empor, und durch das verdunkelte Gehölz zischte ein -Windstoß. Ein langes dumpfes Poltern rollte hoch oben über die starren -Baumwipfel dahin. Aber dort!? -- Über der winzigen Waldwiese zuckte es. -Eine feurige Zickzacklinie züngelte durch die dunklen Stämme, hastig -brachen und raschelten einige Äste, und ganz von fern erhoben sich ein -paar dünne, ängstliche Vogelstimmen. Krachend schmetterte der erste -Schlag. Und ohne jeden Übergang prasselten, von einer wütenden Windsbraut -getragen, Regen und Hagelschauer schräg gegen die beiden Wanderer. - -»Treten Sie unter den Baum zurück,« rief der Fürst, auf dessen Mütze -und Schultern die weißen Körner tanzten, und dabei griff er ohne Besinnen -nach dem Arm seiner Begleiterin. - -Jedoch Johanna riß sich los und lief, so schnell sie vermochte, am -Waldesrand entlang. - -»Es ist nicht gut hier unter den Bäumen,« widersprach sie, »schnell, -wir müssen die Lichtungen benutzen.« - -In hastigen Sprüngen setzte das Mädchen vor dem Manne dahin. Graue -Regenströme hüllten sie in einen rauschenden Mantel, rote Wolken welker -Blätter stäubten ihr entgegen; sie ließ sich nicht aufhalten, -sondern stürmte mit vorgeneigtem Leib gegen sie an. Manchmal kam es dem -Nachfolgenden sogar vor, als finge er ein mutiges Lachen auf. Und trotz -seiner halb geblendeten Augen stutzte der Russe. Die germanischen Sagen -fielen ihm ein. Von den Schlachtenmädchen und den Eisriesen. Und im Moment -fand er dieses befremdliche Lachen ganz natürlich. - -Weiter ging es. Besinnungslos rannten sie dahin, nur auf Sekunden in den -Wald lauschend, so oft das Knattern und Knallen sich unmittelbar über -ihren Häuptern entlud. Ein bleierner Rauch begann aus den Büschen zu -quellen. Es war, als ob auch der feste Boden zu brennen und zu fiebern -anfinge. Die Kleider klebten ihnen an den Gliedern. Längst war das -Rascheln von Johannas dünnen Gewändern erstorben, und immer vernehmlicher -klang das kurze Keuchen und Röcheln der Fliehenden. - -Da plötzlich -- Dimitri griff sich an die Stirn, schwankte und umklammerte -einen Ast, an dem er gerade vorüberjagte. Der ganze Wald tanzte und sprang -empor. Ein Zischen, ein bläuliches Schwefeln war um ihn, daß er bis -in die Zunge hinein ein stechendes Rieseln spürte. Dazu flimmerte und -glitzerte es vor seinen Augen, und doch vermochte er nichts zu sehen, -nur Schwärze, blaue Finsternis schwang gestaltlos vor ihm. Schmerzlich -stöhnte er und griff mit den Händen in die Luft, wo er seine Begleiterin -vermutete. Nachempfindend hörte er von neuem den Regen auf ihre Glieder -plätschern und vernahm in seiner Vorstellung das klatschende Geräusch -ihrer nassen Kleider. - -»Fräulein Grothe,« fuhr es ungelenk aus ihm heraus, da er jeden Laut -erst einzeln und neu zu finden suchte, »Fräulein Grothe!« - -Dicht vor ihm, mitten auf dem überschwemmten Moos, lag das Weib, nach dem -er eben gerufen, bewegungslos und starr, und in ihr emporgewandtes Antlitz -stäubten die feuchten Güsse. Keine Wunde verunzierte ihre Haut, und doch -war die ganze Gestalt umfangen von Todesruhe. - -Ein schneidender Schrecken packte den Herabstarrenden. Zaghaft warf er sich -in die Nässe nieder und rüttelte an dem hingestreckten Körper. Allein -die gespannte Brust regte sich nicht, und so angestrengt er lauschte, durch -die leicht geöffneten Lippen wollte sich kein Hauch drängen. Dazu ächzte -das Mark der Bäume, und ganz dicht über den triefenden Boden schoß -es dahin wie der Abglanz einer feurigen Schlange. Da konnte der allen -äußeren Eindrücken nachgebende Nervenmensch nicht länger dem in ihm -wühlenden Grauen widerstehen. Ohne recht zu wissen, was er tat, umschlang -er die Liegende, raffte sie empor und schritt wankend mit ihr durch das -tobende Unwetter. Seine Arme zitterten unter der ungeahnten Last. Schon -manches Mädchen hatte er getragen, aber diese hier schien nicht geschaffen -zu frohem und lockendem Spiel. Nein, starr und wuchtig hingen die schweren -Glieder herab und suchten ihn zu Boden zu drücken. Seine Brust keuchte, -vor den Augen begann es ihm wieder zu blitzen, und immer fester mußte er -das Weib an sich pressen, wenn er nicht einer vollkommenen Erschöpfung -erliegen wollte. In halbem Traum taumelte er dahin. Aber gottlob, jetzt -lichtete sich der Wald. Schon ging es durch den Haselnußgang, auf dessen -Dach es trommelte und rauschte, an der verlassenen Bank vorbei, und jetzt -hatte er den Hof erreicht. Menschenleer lag er unter dem durchweichenden -Regen. Kein Auge erspähte ihn, als er durch die offene Tür hindurch die -schmale Treppe erreichte. Noch ein letztes Zusammenraffen -- und siehe -da, wie zum Lohn regte es sich in seinen Armen. Eine Hand hob sich und -klammerte sich an die Schulter des Heraufsteigenden. Oh, er kannte ihr -Schlafgemach. Oft hatte er im Vorübergehen heimlich über die Armut -des Raumes gespöttelt und die Schmucklosigkeit des Kämmerchens mit dem -herrischen, abweisenden Charakter der Besitzerin in Verbindung gebracht. -Jetzt stieß sein Fuß die halb angelehnte Tür auf, und gleich darauf -ließ der Fürst seine Bürde tiefatmend auf das eingedeckte Bett gleiten. -Dann griff er sich erleichtert an den Hals und unwillkürlich mußte -er seine Umgebung prüfen. Eintönig und fahl wirkte der karge Hausrat, -namentlich jetzt, wo gegen die Fensterscheiben der Regen einschlug. -Einzig das Bild da oben an der Wand lohnte sich der Betrachtung! In der -blaugetünchten Stube war es zu dunkel, um die Unterschrift zu lesen. Aber -diesen Kopf mußte er schon oft gesehen haben. Sehr oft, ein merkwürdig -bekanntes Gesicht, irgend jemandem schreckhaft ähnlich. Doch weshalb -in aller Welt das plötzliche Begegnen dem Beschauer eine so ungeahnte -Verwirrung einflößte? Oder war es nur die Erschöpfung, die sich jetzt -äußerte? Daher kam es wohl auch, daß man sich nicht gegen das Lager -umzukehren wagte, auf dem die Hausherrin in ihren straffen durchnäßten -Kleidern lag! Freilich, man befand sich allein hier und hatte es nur der -Betäubung der Deutschen zu danken, daß man überhaupt in ihrer Gegenwart -einen Blick in diese lächerliche Kammer werfen durfte, die so gar nicht -für die Ruhestätte einer wirklichen Dame paßte. Zum Henker, sie war -doch geradezu unbegreiflich, diese Scheu vor einer Willenlosen, aller Kraft -Beraubten, die noch immer mit geschlossenen Augen lag! - -Mit einem sprunghaften, schmerzlichen Entschluß wandte sich der Fürst und -trat an die Bettstelle. Ja, da war er hingestreckt, der marmorne Körper, -den der Unbefugte, der Eindringling jetzt erblickte, mit Augen, wie nur -der Künstler die Verkörperung eines Traumes in sich eintrinkt. Groß -und majestätisch wölbten sich die Glieder, die sich gewiß zum erstenmal -einem Manne in verdeckten Umrissen verkündeten. Und in welch edler -Meißelung die Brust unter dem nassen Leinen schlief. - -Bei Gott, das alles wirkte rein und erhaben! - -In Dimitris Seele flogen die Lanzen hin und her, wie von brennenden -Fäusten wurde er angetrieben und wieder zurückgestoßen, alles Gute und -Schlichte, das ihm das schutzlose Mädchen eingeflößt, widersetzte sich -gegen die Zerstörungswut, die sein Blut vergiftete, und zwischen Zwang und -Raserei schloß er die Augen und strich schützend und liebkosend zugleich -an den vollen leblosen Armen der ihm Preisgegebenen hinab. - - * * * * * - -Frühzeitig brach die Dämmerung herein, trübes, dunstiges Dunkeln ging -in raschem Umschlag in einen naßkalten Abend über. Nur einzelne Tropfen -schlugen noch auf das Land, und der Wind zerrte heftig in den Bäumen. - -Herbstnacht! - -Längst hatte sich Johanna umgekleidet, aber sie mußte wohl zu lange in -ihren durchnäßten Gewändern verbracht haben, denn, wenn sie auch -am Fenster ihres Schlafzimmers lehnte, um müde in das Unerkennbare -hinauszustarren, durch ihre Glieder schnitt ein Frösteln, immer von neuem -stürzten ihre schleppenden Gedanken wie irgend etwas Tönernes zusammen, -und eine Weile mußte sie sich dann durchs Leere tasten. - -Dazu diese wühlenden, brennenden Kopfschmerzen! Nein, sie war noch nie -krank gewesen und wollte auch diesmal nicht nachgeben. Aber der irre Drang, -der sie umtanzte, der sich aufrichtete und sich an sie hing, er zog ihr den -Boden unter den Füßen fort und ließ ihre Knie zittern. - -Trotzig, mit hocherhobenen Armen, warf sich das Weib, das nicht unterliegen -wollte, auf sein Lager zurück und wühlte die Stirn in die kühlen Kissen -ein. - -Ruhig, ruhig, endlich mußte sich doch das zerstückte Bewußtsein -zurückfinden, man mußte nur den Willen zu Hilfe rufen, den eisernen -Willen, der bis dahin Maritzken jedes Gesetz gegeben, und dann, -- ja ganz -sicher -- dann würden sich all die flatternden Fetzen zu einem sichtbaren -Gewebe verknüpfen; man würde es durch die Hände laufen lassen, man -würde es prüfen, und dann, dann würden Angst und Bedrückung und -Verworrenheit weichen. Alles, was jetzt schemenhaft, als wahnsinnige -Traumgestalten durch ihr Hirn gaukelte, das lebte ja nicht, das hatte -sein flammendes Dasein aus den Feuern des Blitzstrahls gesogen, und mußte -verrauchen und zu Asche sinken, sobald kühle Vernunft dem Spuk in die -funkelnden Augen sah! - -Stöhnend mußte die vor Scham Fiebernde sich eingestehen, daß alle ihre -Gedanken, ihr ganzes Vorstellungsvermögen wie in einer engen, brennenden -Grube eingefangen waren, aus der es für sie keine Möglichkeit gab, zu -entrinnen. Und auch der Umstand, daß der erste müde Blick in die Umwelt -ihr eine fremde Uniform gezeigt hatte, die schattenhaft durch die Tür -entschwand, was bewies er schließlich anderes, als daß ihre Phantasie -bei dem Menschen stehen geblieben war, mit dem sie sich zuletzt bei vollem -Bewußtsein beschäftigt? - -Mit einer wegwerfenden Gebärde erhob sie sich und siehe da, sie stand -fest auf ihren Füßen. Das erste, was sich in ihr regte, war die Absicht, -irgendwo ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Ein rascher Blick auf die Uhr an -ihrem Handgelenk belehrte sie darüber, daß die Abendstunde angebrochen -sei, in der sie sich nach dem Befinden und den Wünschen Sassins zu -erkundigen pflegte. Ruhig strich sich Johanna das Haar aus der Stirn, -ordnete ihre Kleider und entzündete ein Licht, um sich durch den schmalen -Gang voranzuleuchten. Als sie nach kurzem Klopfen bei dem Rittmeister -eintrat, saß der Kranke auf dem einfachen braunen Ripssofa, hielt die Arme -auf den Tisch gestützt, und sein plumpes Gesicht starrte schwermütig -auf die weiße Glocke der vor ihm brennenden Lampe. Kaum erkannte Leo -Konstantinowitsch die Hausherrin, so machte er einen Versuch, sich zu -verneigen, woran er jedoch von der Nähertretenden gehindert wurde. -Aufrecht wie immer blieb das Gutsfräulein an dem Tisch stehen, ohne der -Einladung des Russen, Platz zu nehmen, irgendeine Beachtung zu schenken. -Bald waren die üblichen Fragen erledigt, und nachdem Johanna noch einen -prüfenden Blick in die Runde geschickt, gedachte sie sich eben wieder -zurückzuziehen, da wurde sie durch einen Ausruf des Kranken an ihrer -Absicht gehindert. - -»Bleiben, verehrtes Fräulein, bitte, bitte, bleiben,« rief der Russe so -dringend hinter ihr her, daß sich die Enteilende seinem Verlangen -nicht entziehen mochte. Dazu hüstelte Leo Konstantinowitsch wieder so -mitleiderregend und preßte sich beide Fäuste mit aller Gewalt gegen die -Brust. Er schien seine Schmerzen auf diese Weise dämpfen zu wollen. - -»Ist hier noch etwas versäumt?« erkundigte sich das Mädchen, an den -Tisch zurückkehrend. - -»Nichts versäumt,« bemühte sich der Rittmeister in seiner gewohnten -lebhaften Art hervorzusprudeln, »nicht das Allergeringste.« Und dabei -riß er die Augen auf, um den Grad seiner Bewunderung anzuzeigen. »=Vous -tenez bon ordre=, es geht alles -- wie sage ich: nach dem =règlement=. -Das ist es gerade, Madame, ich wollte Ihnen schon längst für vorzügliche -Behandlung danken, die gar nicht verdiene.« - -»Oh, lassen Sie das,« entgegnete Johanna von einem flüchtigen Mitleiden -ergriffen. - -Der Russe stützte wieder den blonden Kopf in die Hand und streichelte -grübelnd über die weiße Lampenglocke. Durch seine abgezehrten Finger sah -man das Blut schimmern. - -»Oh doch,« sprach er in sich gekehrt weiter, »manche von uns verdienen -Rücksicht nicht. Es ließe sich viel darüber sagen, sehr viel.« - -Während der letzten Worte glitt der unruhige Blick des Kranken nach -der gegenüberliegenden Wand, und es schien, als wenn er zu etwas ganz -Besonderem auszuholen beabsichtige. Indessen auch seine Entschlußkraft -mußte wohl durch seine Leiden gebrochen sein, denn er sank unverrichteter -Sache wieder zusammen und murmelte etwas zur Entschuldigung. Und dennoch -hatte die Andeutung in seiner Hörerin das Gefühl erweckt, als ob sich -seine versteckte Warnung auf den Fürsten Fergussow beziehe. - -Eine Weile blieb es still zwischen den beiden, die sich scheuten, einander -weitere Eröffnungen zu machen. Dann wünschte Johanna dem Rittmeister eine -gute Nacht. Sassin jedoch, als ob er fürchte, jetzt schon allein gelassen -zu werden, streckte die Hand gegen sie aus und klammerte sich an ihr -letztes Wort. - -»=Bonne nuit=,« nickte er schwermütig. »Ja, habe hier gut geschlafen. -Das Bett weiß, das Haus ruhig. Wer kann wissen, wie später einmal finden -werde?« - -»Werden Sie denn von hier fortgehen?« fragte Johanna gepackt. - -Der Russe kratzte wieder an der Glocke herum. Nur schwer rang er sich das -Folgende von der Seele: - -»Im Krieg kommt so etwas schnell,« versetzte er. »Man erzählt sich -jetzt hier allerlei. Und dicker Doktor hinterbrachte mir heute, daß wieder -vorwärts geht.« - -»Dann werden Sie vielleicht alle bald Ihr Quartier verlassen müssen?« -atmete Johanna hörbar. - -Der Russe stöhnte. »Ich nicht -- andere -- ich nicht.« - -»Weiß der Fürst schon von dieser Möglichkeit?« - -Es mußte etwas im Klang ihrer Stimme liegen, was Leo Konstantinowitsch -veranlaßte, inne zu halten. Lauernd schob er seinen Kopf hinter der -Lampenglocke hervor, und seine blauen Knabenaugen flackerten unruhig über -die hohe Gestalt hinweg. - -»Was weiß ich von den =ordres=, die Fürst empfängt?« knurrte er übel -gelaunt. »Hat nicht die Gnade, sie mir mitzuteilen. Zufällig wurde mir -nur durch unseren Wachtmeister bekannt, daß er im Moment bei den anderen -Kameraden in Schenke sitzt. Eine große Herablassung, zu der sich Seine -Durchlaucht sonst nicht hergibt. Muß etwas ganz Besonderes in Luft -liegen.« - -»Das ist nicht meine Sache,« schloß die Hausherrin gleichgültig. »Wohl -zu ruhen.« - -Und sie ging mit einem kurzen Neigen heraus. - - * * * * * - -Je weiter die Nacht vorrückte, desto öfter fand sich Johanna in ihrem -unruhigen Schlummer gestört. Bald rasselte es über die Landstraße, -als ob schwere eisenklirrende Gespanne unter Flüchen vorwärts getrieben -würden, bald drang das eigentümliche Knirschen zu ihr herauf, das -entsteht, wenn unzählige nägelbeschlagene Stiefel die Chaussee treten. -Gleich darauf versank wieder alles in Stille, bis das Fauchen von -Automobilen und das Getrappel größerer Reiterscharen sie von neuem aus -den Gründen der Vergessenheit aufjagten. Die Einsame schlug die Augen auf -und lauschte. In dem kleinen niedrigen Zimmer hing noch tiefe Finsternis, -und gerade jetzt, wo die Hausherrin das wilde Getriebe dort unten -deutlicher zu unterscheiden suchte, da war alles wieder in seine frühere -Lautlosigkeit zurückgesunken. Nichts verkündete sich der Liegenden, als -das hohle Aufspritzen einzelner Tropfen, die mit der Regelmäßigkeit des -Pendelschlags aus der Dachrinne herunterrollten. - -Aber nein -- auf dem schmalen Gang des Stockwerks bewegte sich ein -Türklopfer. - -Johanna wußte nicht, von welcher Gewalt sie emporgerissen wurde. Furcht, -scheue Ahnung eines überwältigenden Unheils und das Nachwirken all der -kranken Grübeleien, die seit ihrem Zusammenbruch ihr nüchternes Urteil -zerrüttet hatten, dieses seltsame Gemisch erhielt eine nicht mehr zu -bannende Gewalt über sie. - -Ein Sprung -- und sie hatte lautlos ihre Tür um eine Linie geöffnet. - -Sie hatte geöffnet und sah draußen in dem ungewissen Dämmer, der -durch das kaum fußhohe Fensterchen am Ende des Ganges fiel, -- sie sah, -zusammengeduckt und atemlos, wie das Bild dort oben an ihrer Wand das -Gemach ihrer Schwester Marianne verließ. Es schlich an ihr vorüber, die -Treppe knarrte, und dann tickte wieder der Pendelschlag aus der Dachrinne. - -Eins -- zwei -- drei. - -Die große Blonde aber, die gewalttätige Walküre, sie stand in ihrem -weißen Hemd und regte sich nicht. Weder schrie sie auf, noch führte sie -mit der geballten Faust einen Schlag gegen den Kupferstich, so daß das -deckende Glas in tausend Scherben zersprang. Langsam, zitternd vielmehr, -führte sie die Finger an den Mund und tat dasjenige, was sie ihr ganzes -Leben hindurch aus dem Zwang der Verhältnisse heraus geübt hatte -- -sie rechnete. Das Exempel war wieder an seinem Ende angelangt. Zuerst den -Leichtsinn des Vaters gebüßt durch ungezählte Jahre, jetzt, nachdem das -Haus mühsam aufgebaut war, da brach die Welt zusammen, und die Schande -kroch heimlich in ihre Nähe. - -Was nun? Mußte jetzt wieder ein unerbittlicher Strich gezogen werden? Wie -fing man das nur an, wenn man so allein war? - -Über ihrem Haupte rollten die Tropfen, und der Pendelschlag tickte weiter. - - * * * * * - -Am nächsten Morgen hatte Fürst Fergussow das Haus ohne Abschied -verlassen. Man brachte Johanna ein Schreiben von ihm. In dem Kuvert lag ein -Schutzbrief des Obersten sowie ein paar Tausendrubelnoten zum Ausgleich des -der Gutsbesitzerin erwachsenen Schadens. Johanna nahm beides, ihre Brust -schien einen Moment still zu stehen, dann senkte sie das Haupt, strich sich -die Haare aus der Stirn und schloß die Sendung umsichtig in ihre Kommode. - - - - -IV. - - -Tiefe Finsternis ruhte über der weiten, russischen Erde, als der -Leiterwagen mit den deutschen Geiseln in der Gouvernementsstadt anlangte. -Ein heftiger Wind sauste über den zahnlückigen Marktplatz und flackerte -ängstlich um die Flammen der wenigen Gaslaternen, die sich aus dem -vermorschten Holzbelag der Bürgersteige erhoben. Und doch schlief die -dunkle Stadt nicht, nein, im Gegensatz zu dem preußischen Gemeinwesen, das -sie vor kurzem verlassen, merkten die Fortgeschleppten voller Befremden, -wie hier die Nacht widerhallte von verstecktem Leben, von Daseinsfreude und -Genuß, als ob diese Regierungsstätte des Zaren sich schon nicht mehr -um den nahen Völkerstreit zu kümmern hätte. Durch die erleuchteten -Fensterscheiben der elenden kleinen Gasthäuser und Kaffees sahen die -Vorüberfahrenden, wie sich an jenen Orten zweifelhafter Geselligkeit eine -dichte Menge drängte. Zahlreiche Offiziere aller Waffengattungen zechten -hier, die Mützen schief auf den Köpfen, neben eleganten Frauen, man -hörte Wiener Walzer aufklingen und dazwischen das Tremolieren vortragender -Chantantkünstlerinnen. Gelächter und Bravorufe belohnten die Darbietungen -der kurzgeschürzten Damen. - -Gefesselt hüllte sich Isa fester in ihren grauen Regenmantel, und sie -versuchte in dem flüchtigen Lichtschimmer, der ab und zu über die -Straße huschte, in den Zügen des neben ihr sitzenden, gänzlich in sich -versunkenen Konsuls Bark zu lesen, welchen Eindruck das unerwartete Treiben -auf ihren Gefährten hervorbrächte. Als sich jedoch, soviel sie erkennen -konnte, der Ausdruck verbissener Entschlossenheit auf dem Antlitz des -Kaufmannes nicht veränderte, da spähte sie wieder neugierig umher, denn -in ihrem jungen, unerfahrenen Gemüt überwog bei jener traurigen Fahrt -noch das Interesse an dem Ungewohnten und Abenteuerlichen. Und der Konsul -ließ sie gewähren, denn er ahnte, wie bald sie den grimmigen Ernst ihrer -Lage begreifen würde. - -Jetzt verlangsamte sich der Trab der Pferde. Sie fuhren an den dunklen -Massen der russischen Militärkirche vorbei, und in dem trüben Flackern -von ein paar Gaslichtern sahen die Deutschen, wie der Metallüberzug der -byzantinischen Kuppeln einen glitzernden Widerschein warf. - -»Man halte,« rief der baltische Unterleutnant, der das Kommando über die -Begleitmannschaft führte, und erhob sich. - -Ganz dicht aus einer der Seitenstraßen vernahm man das Geräusch einer -sich nahenden Volksmenge. Feierlich, dumpf, inbrünstig und wehklagend -erschallte nach dem Takt der Schritte vielhundertstimmiger Gesang, auch -die Soldaten des Transportes entblößten demütig ihre Häupter, und -ehe Geiseln und Gefangene noch recht die Erklärung ihres jungen Adligen -begriffen hatten, daß jenes packende geheimnisvolle Lied die russische -Nationalhymne wäre, da schwenkte der Zug schon auf den Kirchplatz ein. -Voran ein Fackelträger, dicht hinter ihm, zwischen zwei bekränzten -Stangen hängend und unheimlich von der rauchenden Flamme überflutet, das -Bild des gekrönten Zaren, und in seiner Gefolgschaft die unübersehbare, -singende Menge. Fabrikarbeiter, alle Häupter entblößt, alle Hände -gefaltet, und alle, alle von dem einen starren Gedanken beseelt, Sieg, Sieg -für die russischen Waffen zu erflehen. - -So zogen sie dahin, dumpf, taktmäßig, eine inbrünstige Beterschar, und -ihr Weg führte sie an den erleuchteten Fenstern vorüber, hinter denen die -Champagnerkelche klirrten und das Gekreisch der sich wiegenden Soubretten -das Locken der Geigen überschrillte. - -Mitleidig schlug die Nacht ihren Mantel um den grauenhaften Widerstreit, in -dem die russische Seele sich selbst anfiel und zerfleischte. - -Auch Unterleutnant Karström hatte die Mütze vom Haupt gezogen, jetzt -schickte er noch einen trüben Blick hinter dem entschwindenden Fackellicht -her, um dann erwachend seinem Kutscher den Befehl zu erteilen, auf die -entgegengesetzte Seite des Platzes hinüberzulenken. - -Aus der Dunkelheit tauchten die Umrisse eines stattlicheren Gebäudes auf. -Es war das =Hôtel de Moscou=, der vornehmste Gasthof der Stadt. - -»Für die Herren Senatoren ist hier bereits Quartier bestellt,« erklärte -der junge Offizier, als erster von dem Leiterwagen herunterspringend. »Es -steht den Herren selbstverständlich frei, hier zu soupieren. Allerdings -muß ich verlangen, daß keiner der Herrschaften ohne Aufsicht das Hotel -verläßt. Und Sie?« setzte der uniformierte Knabe zögernd hinzu, als -nun in der dunklen Schar der Magistratsmitglieder Konsul Bark sowie -das schlanke Mädchen vor ihm standen, und es war, als ob er sich der -ungewissen Frage ihrer Augen nicht gewachsen fühlte, »Sie? Um offen zu -sein,« flüsterte er beiseite, »ich empfing den Auftrag, Sie beide heute -noch der Polizeimeisterei einzuliefern.« - -»Der Polizeimeisterei?« wiederholte Rudolf Bark finster, und Isa -erschrak, weil der Großkaufmann sich die Lippe nagte, wie wenn er sich -kein weiteres Wort entschlüpfen lassen wollte. - -»Ist denn die Polizeimeisterei ein solch schlimmer Ort?« forschte sie -erblassend. - -Die beiden Männer warfen sich einen bedeutsamen Blick zu, dann aber -schüttelte sich der schmächtige Offizier, und während er die deutschen -Bürger, die sich schon unter dem Hauseingang drängten, durch eine -Handbewegung zum Warten aufforderte, da schien der vornehme junge Mensch -seinen Entschluß gefaßt zu haben: - -»Ich glaube es verantworten zu können,« rang es sich willenskräftig -von seinen zuckenden Lippen, »wenn Sie und die Dame« -- hier verbeugte er -sich leicht -- »die heutige Nacht gleichfalls im Hotel Moscau verbringen. -Ich hoffe, Sie werden mir Ihre Bewachung weder schwer machen,« lächelte -er, »noch verübeln! Morgen freilich --« er zuckte die Achseln -- -- - -»Oh, ich verstehe,« rief Konsul Bark, ganz glücklich, wenigstens noch -für ein paar Stunden der drohenden Einkerkerung entgangen zu sein, von -deren Schrecken er sowohl durch Lektüre, als durch allerlei mündliche -Schilderungen genügend unterrichtet war. Und schon, während er mit -den anderen das kleine Vestibül betrat, da wälzte sein lebhafter und -unternehmender Geist bereits allerlei Pläne, wie er sich und das hübsche, -ahnungslose Mädel allen weiteren Anfechtungen durch ein unbeobachtetes -Entweichen entziehen könnte. Denn eine Flucht mußte er bewerkstelligen, -ganz gleich, ob er dem jungen Balten für die bewiesene Rücksicht -verpflichtet war oder nicht; diesen Versuch schuldete er nicht nur der -eigenen Freude am Dasein, sondern auch hundertfach seiner lieben, frischen -Begleiterin, deren unaufdringliche Heiterkeit ihm zu einem gar nicht mehr -entbehrlichen Trost geworden. Einen bewundernden Blick warf er auf den -Rotkopf, der sich hier in dem unordentlichen Vorraum und umgeben von -den sorgenbeschwerten älteren Herren doppelt anziehend unter seinem -anspruchslosen Lackhut und in seiner schlanken Gertenhaftigkeit ausnahm. - -Dann griff der Kaufmann instinktiv an seine Brust. Gottlob, die Brieftasche -mit ihren knisternden Geldscheinen befand sich noch am rechten Ort. Und -Rudolf Bark wußte, welch ein mächtiger Verbündeter diese bunten Blätter -im Reiche des weißen Zaren zu sein pflegten. - -Sie traten in die Gaststube. - -In dem mit Stuck und Portieren überladenen Raum befanden sich ein paar -lange, weißgedeckte Tafeln, und an ihnen hatten sich eine Anzahl höherer -Offiziere, sowie die Spitzen der Behörden mit ihren Damen gelagert. Eine -Reihe von Zeitungen wanderten von Hand zu Hand, man las sich einzelne -besonders wichtige Nachrichten vor, man stieß auf die Gesundheit des -Großfürsten an, man lachte und strahlte, denn aus all jenen Neuigkeiten -verkündete sich immer wieder die eine felsenfeste Gewißheit -- die Feinde -Mütterchen Rußlands und seiner Verbündeten, sie lagen am Boden, sie -zappelten und verröchelten unter dem Schwert ihrer Bedränger, man schlug -sie einfach »mit Mützen tot«. Dieses Scherzwort hatte besonders ein -untersetzter, stiernackiger Generalleutnant geprägt, der am Kopfende der -größten Tafel präsidierte und dessen von vielen Ringen geschmückte, -fleischige Rechte unaufhörlich verschiedenartig gefärbte Liköre zu -dem von Hitzblattern entstellten Antlitz hob. Seine verkniffenen Augen -schwammen förmlich in Gutmütigkeit und Wohlbehagen, als er die Reihe der -ihn feiernden Damen musternd, in prasselndem Kehlbratenton herunterrief: - -»Sie können es mir glauben, meine Damen, mit den Mützen. Beachten Sie -bitte den tieferen Sinn in diesem Wort. Ich bin stolz darauf, in einem -Rapport an Se. Kaiserliche Hoheit, den Großfürsten, es zuerst angewendet -zu haben.« - -Als der Name des kaiserlichen Verwandten fiel, trat eine feierliche Pause -ein. Die Offiziere streckten ihre Gläser starr vor sich hin, und die Damen -warfen Kußhände. Geschmeichelt verneigte sich die dicke Exzellenz nach -allen Seiten. Dann beugte er seinen kahlen Schädel, auf dem sich der Glanz -der elektrischen Lichter widerspiegelte, tief zu seiner besonders eleganten -Nachbarin hinüber, und seine verkniffenen Augen wiesen deutlich auf die -eintretende Schar der Geiseln, die sich wortlos und gedrückt an einem -kleinen runden Tisch unter der Fensternische niederließ. - -»Ah, Sie, Herr Unterleutnant,« winkte der Fette den jungen Balten darauf -gnädig zu sich heran, nachdem seine unförmliche Rechte nachlässig für -den strammen Gruß des Untergebenen gedankt hatte. Und in einem Rest -von Rücksicht und Lebensart dämpfte die Exzellenz ihre knirschende -Bratenstimme zu einem merkwürdigen Gezische, als sie sich jetzt, für alle -vernehmbar, nach dem Transport des Offiziers erkundigte. - -»Ah so -- Geiseln!? Bürgermeister und Magistratspersonen? Hm, -unbedeutende Physiognomien. Nicht wahr? Finden Sie nicht gleichfalls, -Gnädige? Die Deutschen sind sämtlich Maschinen. Keine Individualitäten. -Wir dagegen sind Künstler, eigenwillige Künstler.« Und die zwinkernden -Äuglein auf Isas anmutige Erscheinung richtend, schien die Exzellenz -nunmehr Bericht über die auffallende Anwesenheit der jungen Nemza -einzufordern. - -Neugierig steckte die ganze Tischgesellschaft die Köpfe zusammen, Ausrufe -des Erstaunens, aber auch des Mißvergnügens, ja der Drohung flogen hin -und her, als der Kreis der Tafelnden den näheren Zusammenhang erfuhr. - -»Wie? Ist es möglich? -- Sassin? -- Ein Attentat auf Leo -Konstantinowitsch? -- Gibt es noch ein gutmütigeres Kind auf der Erde? -- -Ein Mensch, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte? Hat er nicht sein -Geld in Scheffeln zum Fenster hinausgeworfen? -- Hier wird man hoffentlich -die ganze Strenge walten lassen!« - -»Es ist bedauerlich,« schnaufte der General und wischte sich die -wulstigen Lippen, »daß das nächste Kriegsgericht erst in Mariampol -tagt. Nicht wahr, meine Herren, in Mariampol? Wir haben es seiner großen -Überlastung wegen und -- ganz gewiß -- auch, um seine Unparteilichkeit -sicher zu stellen, zurückverlegen müssen. Aber,« fügte er pompös hinzu -und lehnte sich hintenüber, »vielleicht kann hier auch ein kürzerer -Modus Platz greifen.« - -»Habt Ihr es gehört? Dies ist eine vortreffliche Ansicht,« raunte es bei -den Offizieren, aber es trat sofort eine aufmerksame Stille ein, als sich -jetzt eine frische, besonders wohllautende Frauenstimme ganz dicht neben -dem General in die Unterhaltung mischte: »Wollen Sie uns Ihre Idee nicht -erläutern, Exzellenz?« - -»Erläutern? Warum, meine Teuerste?« sträubte sich der Dicke und bekam -einen noch röteren Kopf. Jedoch nachdem er mit seiner fleischigen Hand ein -Paar Zahnstocher geknickt hatte, rückte er ganz nahe an seine blühende -Nachbarin heran, um ihr salbungsvoll und verliebt ins Ohr zu flüstern: -»Wer kann solchen Taubenaugen widerstehen? Aber meine Meinung ist, wir -haben Krieg, meine Liebste, Krieg, verstehen Sie? Da läßt sich ein -solches Verfahren auch sehr vereinfachen. -- Aber nun lassen wir uns von -etwas Hübscherem sprechen! Sie fühlen sich gewiß vereinsamt, Maria -Geschowa? Ist es so?« - -Maria Geschowa? - -Noch ehe der Name der Tatarin gefallen war, ja, im gleichen Moment, da der -Konsul den warmen sinnlichen Klang der wohllautenden Stimme aus dem Gewirr -der anderen sich ablösen hörte, da hatte der Herr des »Goldenen Becher« -seinen Stuhl ein wenig beiseite geschoben, um zu versuchen, ob er die -Aufmerksamkeit der jungen Frau auf sich zu lenken vermöchte, die auch -heute wieder so fremd und vorteilhaft von den übrigen Provinzdamen -abstach. Flüsterte ihm doch eine innere Stimme zu, dieses dunkle, -samtwangige Weib, das sich schon einmal so viel Mühe gegeben hatte, ihm -zu gefallen, es sei das einzige Wesen in der fremden Stadt, das weder -Vergnügen noch Genugtuung bei seinem Untergang empfinden könnte. - -Und bei Gott, sie sah ihm jetzt gerade ins Gesicht! Aber welche -Enttäuschung! Maria Geschowa verzog keine Miene, fremd und leer -betrachtete sie ihn, wie ein Ausstellungsobjekt, wie einen Verbrecher, -bei dem man unter Schauder und Nervenkitzel berechnet, welche Striemen der -Strick um seinen Hals hinterlassen würde, und jetzt hob die schmale -Hand sogar eine Lorgnette vor die Augen, um sie gleich darauf wieder -gleichgültig zusammenzufalten. - -Damit schien ihr Interesse völlig erloschen zu sein, sie streifte noch -einmal abschätzend das rote Geflimmer um Isas Haupt und wandte sich dann -mit ihren schwellenden Bewegungen zu dem alten General zurück, der sich -soeben ein ganz besonderes Glanzstück seiner Rednergabe leistete. Die -Rechte flach von sich gestreckt, so daß er das Funkeln der vielen Ringe -bewundernd einsaugen konnte, ließ er seine fette Stimme braten und -prasseln, als ob hier irgendwo eine Pfanne ans Feuer gerückt wäre. - -»Herr Unterleutnant -- wie war der Name? -- Karström, oh, ich weiß recht -gut -- Sie sind noch ein junger Mann, aber ich billige Ihr Verhalten. Im -Ernst, ich schätze Ihre Noblesse. Ihre Rücksicht gegen die beiden -- hm, -gegen die beiden -- Verdächtigen kann mich nur befriedigen. Sie ist echt -russisch. Warum sollen wir nicht immer und immer wieder ein Beispiel geben -von dem edlen Herzen, das in unserem riesigen Körper schlägt? Ich bin -zufrieden mit Ihnen. Sie sind ein hoffnungsvoller Offizier. Setzen Sie -sich, Karström, und beaufsichtigen Sie die Nemzows.« - -Mehr hörte der Konsul nicht. Er saß neben Isa, hatte den Kopf in die Hand -gestützt und -- schämte sich. Und während seine Nachbarin den inzwischen -aufgetragenen Speisen mit dem ganzen Appetit der Jugend zusprach, während -sie ihm wider alles Herkommen hausmütterlich den Wein einschenkte, -während sie ihre hellen Augen spähend herumschweifen ließ, ob sie für -ihren Freund nicht etwas recht Schmackhaftes erobern könnte, da zehrte -Rudolf Bark an der Demütigung, die ihm eben zuteil geworden, und schalt -sich selbst einen Phantasten, weil er von einem gefallsüchtigen, herzlosen -Weibe Förderung und Hilfe erwartet hatte. Wie tief mußte sich bereits der -Völkerhaß in die verborgenste Wurzel der Nationen herabgefressen haben, -wenn sogar schon die Frauen des Nachbarreiches von der blinden Wut, von -heimlicher Schadenfreude an fremden Schmerzen ergriffen waren. Und diese -Maria Geschowa, diese Weltdame, diese Meisterin der Unterhaltungskunst, -hatte sie nicht noch vor kurzem mit ihrem Verständnis für deutsche Kunst -und westliche Art geprahlt? Der Konsul verzog ein wenig geringschätzig -den Mund, und das, was er soeben über die Treue und Redlichkeit slawischer -Frauen dachte, das klang nicht gerade in einen Lobgesang aus. Dabei wurden -seine Augen wieder hart und berechnend. Nun gut, die Frau des Obersten -Geschow war ausgeschaltet, aber wen, wen konnte er an ihrer Statt für sich -und seine Pläne gewinnen? Denn das stand fest, nur die heutige Nacht, so -lange er noch in dem Hotel weilte, durfte zu dem so ängstlich überdachten -Entweichen benutzt werden. Sobald er erst der russischen Beamtenschaft -verfallen war, dann umwanden ihn tausend Fesseln, sichtbare und -unsichtbare, die Gefängnisse des Landes öffneten sich nicht wieder. -Er griff nach seiner Brusttasche. Ob er mit dem Wirt des Hotels beim -Schlafengehen eine vorsichtige Unterhaltung begann? Oder mit dem Portier -des Hauses? Freilich, diese Dworniks waren sämtlich bezahlte Späher der -Polizeimeisterei. Und doch -- der höher Bietende behielt hier häufig -recht. Wofür sich also entscheiden? Denn die Zeit drängte, der Zeiger der -breiten Standuhr in der Ecke stand hart vor der elften Stunde der Nacht. - -Rudolf Bark versank niemals so völlig in Gedanken und Überlegung, daß -seine Augen von seiner Umgebung abgelenkt werden konnten. So hielt er auch -jetzt plötzlich inne, und eine geheime Unruhe veranlaßte ihn, seine -ganze Aufmerksamkeit auf eine Erscheinung zu richten, die soeben unter -die Portiere des Eingangs trat. Fast im Fluge bemerkte der Konsul, wie der -späte Gast noch unter den Falten des Vorhangs mit dem betreßten -Portier ein paar rasche Worte wechselte, um sich sodann nach Art eines -Platzsuchenden umzuschauen. Es war ein ganz unauffälliger Herr, sehr -schlank, sehr glattgescheitelt, in einem grauen Jakettanzug, in dessen -Seitentaschen ein Paar braune Glacélederhände Eingang suchten, und das -schmale pockennarbige Gesicht würde keinen anderen Grund zum Mißtrauen -geboten haben, wenn der glattrasierte Mund nicht so höflich-verlegen -gelächelt und wenn in den verdeckten Augen nicht im Gegensatz hierzu eine -solche Gewohnheit des Zählens und Feststellens gelauert hätte. - -Sollte das vielleicht -- --? Der Konsul ließ das Messer sinken und -verfolgte den Fremden Schritt für Schritt. Aalglatt, unhörbar wand sich -der schmale Herr mit den braunen Handschuhen weiter in den Saal hinein. -Seine Aufmerksamkeit schien einzig den noch leergebliebenen Stühlen an -den anderen Tischen zu gelten, bis er plötzlich mit einer überraschenden -Wendung vor der Tafel der Deutschen haltmachte, der er bis jetzt nicht die -geringste Beachtung geschenkt. - -Hier verbeugte er sich übermäßig tief und hauchte in einem Flüsterton, -der sich kaum über einen Meter weit Gehör verschaffen konnte, jedoch -voller Rücksicht und Ergebenheit: - -»Ich habe die Ehre, Herrn Konsul Bark zu sehen?« - -»Allerdings,« erwiderte der Kaufmann erblassend. - -»Und dies ist, wie ich vermute, die Dame Ihrer Begleitung?« - -»Ja,« stotterte Isa, die entsetzt auf das pockennarbige Antlitz starrte. - -»Die Herrschaften brauchen sich durchaus nicht zu beunruhigen,« fuhr der -verlegene Herr fort und winkte beschwichtigend mit der braunen Lederhand, -als müßte er von vornherein die Bedeutungslosigkeit seiner Person sowie -seines Auftrags in das gehörige Licht setzen. »Es liegt wahrhaftig nicht -der mindeste Grund zu einer Befürchtung vor. Ich versichere es bei meiner -Ehre. Es handelt sich lediglich um eine reine Formsache.« - -Jetzt erstarb an dem Tische der Verschleppten auch das leiseste Geräusch, -all diese deutschen Männer vergaßen im Moment ihr eigenes Mißgeschick, -und ein heißes Mitgefühl wallte jedem auf, da sie ahnten, wie bald eine -Lücke in ihren kleinen Kreis gerissen sein würde. Nur der knabenhafte -Offizier verlor nicht eine Sekunde sein inneres Gleichgewicht. Unwillig -verzog er die Stirn, und auf den abgezehrten Wangen glühten zwei helle -Punkte auf. - -»Was haben Sie mit den Herrschaften zu schaffen?« fragte er streng. »Sie -sehen ja, daß sie sich unter militärischer Aufsicht befinden. Wer sind -Sie überhaupt?« - -Der Herr im grauen Jackett verbeugte sich wieder. Sei es nun, daß die -drohende Sprache des jungen Balten so stark auf ihn wirkte, oder ob ihn -wirklich die Erkenntnis von der Mißachtung niederschlug, die allgemein -seinem Stande entgegengebracht wurde, jedenfalls klappte er zusammen, bis -die grauen Arme steif herabhingen und den Deutschen für einen Augenblick -nur sein schnurgerader Scheitel sichtbar blieb. - -»Herr Unterleutnant,« hauchte er tonlos, »mein Name ist zu unwichtig -und unbedeutend, als daß ich es wagen dürfte, Ihr Gedächtnis damit zu -beschweren. Und was meine Stellung betrifft,« -- er tauchte vorsichtig in -die Höhe und zuckte schmerzlich mit den Mundwinkeln, -- »ich hatte auch -einmal meine Studienzeit, aber jetzt bin ich seit sechzehn Jahren der -Sekretär Sr. Hochgeboren des Herrn Polizeimeister-Stellvertreters -Tolmin.« - -In dem ganzen Saal war es totenstill geworden. An der Tafel der Offiziere -hatten sich alle Häupter der Gruppe der Fremden zugekehrt, und selbst -der fette General streckte die Beine von sich und ließ die Unterlippe -herabhängen, als sei die Unterhaltung dort drüben eine gut genährte -Auster, die er auf einen Zug in sich hineinschlürfen müsse. - -»Sehen Sie, Maria Geschowa,« knasterte er behaglich, »zweifeln Sie noch -länger an der Zuverlässigkeit unserer Polizei?« - -Inzwischen hatte sich auch die schlanke Jünglingsgestalt des -Unterleutnants Karström von ihrem Sitz erhoben. Niemals während der -ganzen Zeit hatte er so krank und hinfällig ausgesehen, wie jetzt, und -doch klang seine Stimme fest und sicher, als er nun voller Verachtung -hervorstieß: - -»Dann schleichen Sie gefälligst nicht wie die Katze um den Brei! Was -haben Sie an den Konsul Bark und seine Begleiterin für einen Auftrag?« - -»Oh, eine Kleinigkeit,« lächelte der verlegene Herr mit den braunen -Handschuhen und bemühte sich, durch das Entblößen seiner weißen Zähne -alle Anwesenden von seiner vollkommenen Harmlosigkeit zu überzeugen. »Es -ist absolut nichts. Der Dwornik des Hotels de Moscou erstattete nur seiner -Pflicht gemäß Anzeige über die zuletzt eingetroffenen Fremden an -den Pristav des hiesigen Reviers, Se. Hochwohlgeboren der Pristav -telephonierte es ordnungsgemäß an den Herrn Polizeimeister-Stellvertreter -weiter, und Se. Hochwohlgeboren wünscht nun -- --« - -»Zum Teufel, was wünscht er?« schrie der Balte sich vergessend und -stieß mit der Scheide seines Säbels ungeduldig auf den Estrich. - -»Er ist noch sehr jung,« begleitete der fette General bedenklich diesen -Vorgang. - -Der graue Herr aber bebte vor dem Zornesausbruch des Offiziers zurück, -zeigte krampfhaft seine weißen Zähne und streichelte mit der braunen -Glacérechten unaufhörlich in der Luft herum, als gelte es, einen bissigen -Hund zu besänftigen: - -»Oh, Ew. Hochwohlgeboren,« flötete er gleich einem erschreckten Vogel, -»Sie verkennen meine gute Absicht, der Herr Polizeimeister-Stellvertreter -wünscht nur die Personalien der Herrschaften festzustellen. In der -wohlwollendsten Meinung natürlich. Zwar wird jedes Kind begreifen, -daß die Herrschaften gewissermaßen das Eigentum einer hochmögenden -Militärbehörde sind, -- wer dürfte sich dagegen auflehnen? -- aber der -Herr Polizeimeister-Stellvertreter sind leider in der peinlichen Lage, auf -eine persönliche Kontrolle nicht verzichten zu können.« - -Hilflos wandte sich der Unterleutnant an seine Schutzbefohlenen, die sich -langsam und wie von einem drückenden Traum umfangen, erhoben hatten, dann -verfing sich sein Auskunft heischender Blick zwischen den Hitzblattern -der stiernackigen Exzellenz, als räume er dem Vorgesetzten völlig diese -schwere Entscheidung ein. - -»Ja,« schmorte der Fette und scharrte mit den Stulpstiefeln, -»Kompetenzstreitigkeiten -- aber Militär und Zivil müssen sich -gegenseitig ergänzen, wir sind alle Räder eines Uhrwerks, nicht wahr, -teuerste Frau? Man wird sich später nach dem Verbleib der Herrschaften -erkundigen.« - -Einige Minuten nachher bewegte sich eine kleine Schar über den dunklen -Kirchplatz. Voran ein Gendarm der Geheimpolizei, dicht hinter ihm der -Konsul, umschlottert von einem dicken braunen Flausch, den ihm beim -Abschied einer der Senatoren fast mit Gewalt umgehängt, und zum Schluß -der graue Herr mit den braunen Glacéhandschuhen, der trotz aller -Weigerungen darauf bestanden hatte, der jungen Dame den Arm zu reichen. - -»Euer Hochwohlgeboren,« flüsterte er Isa zu, der vor dem -heranstreichenden kalten Wind, sowie vor innerer Unruhe und Angst jedes -Wort hinter den zitternden Lippen erstarb, »ich bin sehr unglücklich -darüber, weil Euer Hochwohlgeboren so beben -- ich fühle es ganz -deutlich -- jedoch es ist völlig grundlos! Sie werden sich selbst davon -überzeugen. Bitte um Entschuldigung, das Pflaster ist hier miserabel, für -zarte Füße eine verwünschte Plage. Ich versichere Sie, im vorigen Sommer -sollten hier schon Holzplatten gelegt werden, aber was werden Sie denken, -es wird immer wieder verschoben. Die Geldfrage läßt sich nicht -regeln! Und dort in der schmalen Seitengasse befindet sich bereits die -Polizeidirektion! Wie Sie sehen, alle Fenster erleuchtet, wir arbeiten hier -die ganze Nacht durch.« - -Vor einem zweistöckigen, grünlich angelaufenen Gebäude hemmte der -Gendarm seine Schritte, stieg drei brüchige Stufen in die Höhe und riß -an einem Klingelzug. Ein rostiges Klirren erhob sich drinnen, das scheinbar -von einer nackten Mauer zurückgeworfen wurde. Aber sonst ereignete sich -nichts. Auch die Tür blieb ruhig in ihren Angeln. - -»Der verwünschte Hund schläft wieder,« knurrte der Gendarm ingrimmig, -dann schlug er mit der Faust mächtig gegen das Holz, bis im Innern des -Gebäudes ein langgezogener Schnarchton abriß und ein Schlüsselbund zu -rasseln anfing. - -»Beim Leib Christi,« schimpfte hinter dem Eingang eine heisere Stimme, -»vierzehn Stunden Dienst und nichts zu essen. Man wird doch wohl den -passenden Schlüssel suchen dürfen. Der Krebs kommt auch an sein Ziel, und -Ungeduld gehört nicht in die Backstube.« - -Bei den letzten Worten bewegte sich schwerfällig die Tür, und ein von -einer flackernden Gasflamme erleuchteter roter Ziegelgang lag vor den -zögernd eintretenden Deutschen. - -»Ist der Herr Polizeimeister noch im Hause?« fragte der Herr im grauen -Rock in die Ecke hinein, denn hinter dem zurückgeschlagenen Torflügel war -im Moment kein menschliches Wesen zu entdecken. - -»Er ist schlafen gegangen,« antwortete die unsichtbare mürrische Person. - -»Sehr schön! Und der Herr Polizeimeister-Stellvertreter?« - -»Zimmer Nr. 2. Se. Hochwohlgeboren ließ sich soeben Essen holen. Ein -Hahn mit weißer Sauce. Es dampfte noch. Einen Teller voll sauren Salats -und eine Flasche roten Wein. Einen Hungrigen und einen Toten sollte man -auch zusammen in einen Sarg legen.« - -»Es ist gut, Vater Wassili, ich danke dir,« entgegnete der höfliche Herr -und entblößte wohlwollend seine Zähne. Und eine seiner aalgeschmeidigen -Verbeugungen ausführend, wies er auf eine enge, eiserne Treppe, die sich -im Zickzack nach oben zog: »Wollen Sie diesen Weg benutzen. Die -Treppe gebührt unseren besseren Gästen, die anderen, die mit den -nägelbeschlagenen Stiefeln werden über den Hof geführt. Und warum? Nun, -nichts zerreißt, wie Sie wissen, die Nerven mehr, als das Kratzen des -Sandes auf den Stufen.« - -Nach dieser ausführlichen Beschreibung der Treppe, die, wie der Konsul -sehr wohl begriff, nur deshalb so umständlich gegeben wurde, um durch das -bedeutungslose Geschwätz die Besorgnis vor dem Kommenden zu zerstreuen, -wurden die beiden Verhafteten in den ersten Stock und in ein kahles -Vorzimmer geleitet, wo zwei Gendarmen an einem Tisch saßen und die -Häupter aufstützten. Hier verabschiedete sich ihr bisheriger Führer von -seinen Schutzbefohlenen, indem er so glücklich lächelte, als habe er zwei -Verirrte endlich auf den sehnsüchtig begehrten Weg gebracht. - -»Hier sind wir,« bestätigte er aufatmend. »Sie befinden sich auf der -Geheimpolizei, was natürlich gar nichts zu bedeuten hat. Der Herr Pristav, -der die Messungsarbeiten versieht, wird Sie sogleich vernehmen.« - -»Die Messungsarbeiten?« fuhr Konsul Bark zurück, wie wenn sein -Gehör ihm etwas Irrsinniges vorgespiegelt hätte, -- »Sie werden doch -unmöglich -- --« Ein verzweifelter Blick glitt zu seiner Gefährtin -hinüber. - -»Aber ich bitte Sie,« widersprach der Herr im grauen Rock und streichelte -in der Luft herum; »wer kann an solchen Kleinigkeiten Anstoß nehmen? Es -ist eine eingeführte Sitte, tut nicht im geringsten weh und beschleunigt -Ihre Angelegenheit ungemein. -- Warten Sie, ich melde Sie sofort an und -hole Sie gleich wieder ab.« - -Devot zusammengekrümmt klopfte er an eine niedrige Seitentür, steckte -auf eine Sekunde den Kopf herein und schob nach ein Paar mit äußerster -Untertänigkeit hingehauchten Worten die beiden Deutschen in das -anstoßende Gemach. - -Es war ein ziemlich großes Zimmer mit einem grünen Teppich belegt, und -ein Paar lederne Klubsessel, sowie ein deckenhoher Spiegel legten -Zeugnis davon ab, daß der Pristav, der die Messungsarbeiten leitete, die -Bequemlichkeiten des Lebens, sowie äußere Eleganz keineswegs außer acht -lasse. Über diese Auffassung wurden die beiden sich stumm Verneigenden -auch sofort eindringlich belehrt, als sich auf ihren Gruß hinter dem -gelben Fichtentisch ein junger, schwarzhaariger Mann erhob, der ganz -offenbar noch immer damit beschäftigt war, seine Toilette für irgendeine -Abendgesellschaft zu vervollständigen. Unter seinem sehr kurzen Smoking -prangte ein blitzendes Oberhemd, ein überhoher Stehkragen hatte ihm -bereits einen roten Rand unter das Kinn geschnitten, und im Augenblick -putzte er gerade mit einem Lederinstrument auf seinen Fingernägeln herum, -obwohl sie bereits einen wundervollen Glanz ausstrahlten. - -»Schon gut,« erwiderte der Pristav auf den Gruß der Eintretenden -flüchtig, »Sie müssen warten. Ich werde alles vorbereiten lassen.« - -Wiegend schritt er an einem kleinen offenen Seitenkabinett vorüber, und es -milderte das schreckhafte Unbehagen der Verschleppten durchaus nicht, als -sie jetzt gleichfalls einen Blick in diese Kammer werfen durften. Unter -einer Art Galgen saß dort ein hagerer Gendarm. Mit bösen, schielenden -Augen glotzte er die Fremden an. Vor ihm auf einem Tisch lagen mehrere -riesenhafte Messingzirkel, eiserne Meßgeräte, und als Hauptstück des -Ganzen zeigte sich auf dem Estrich ein Kupferkessel voll flüssigen Gipses, -in dessen Breimasse der Gendarm ab und zu eine Holzkelle kreisen ließ. - -Das waren sicherlich die nötigen Vorbereitungen für den Empfang der -Verdächtigen, und Rudolf Bark stieg das Blut in den Kopf, als er sich ihre -Anwendung vorstellte. Wie? Man ging in dem entwürdigenden Verfahren gegen -Wehrlose so weit, sie mit ganz gemeinen Verbrechern auf eine Stufe zu -stellen? Man würde es wagen, jene scheußlichen Apparate, die an die -Folterinstrumente des Mittelalters erinnerten, auch um Isas feines Haupt -zu legen? Ein Rauschen klang vor den Ohren des Mannes, ohnmächtige Wut -rüttelte an ihm, er fühlte, wie er jetzt zum zweitenmal für dieses -zerbrechliche Geschöpfchen in einen Akt verzweifelter Selbsthilfe -verfallen würde. Unwillkürlich schlang er seinen Arm unter denjenigen des -Mädchens, und es befestigte ihn nur in seinem Entschluß, als er merkte, -wie eng sich der Rotkopf an ihn drängte. Aber auch der schwarzhaarige -Pristav, der von seiner Abendgesellschaft so ärgerlich ferngehalten wurde, -hatte dieses gegenseitige Suchen wahrgenommen. - -Interessiert klemmte er sich ein Monokel ins Auge, lächelte verschmitzt zu -der jungen Dame herüber, um gleich darauf durch ein wütendes Amtsgesicht -seine Entgleisung zu sühnen! Es war ganz klar, daß er seinen Fehler durch -eine besondere Kälte wieder ausgleichen mußte. In seinem affektierten -Wiegeschritt begab er sich deshalb vor den Spiegel und begann umständlich -an dem schwarzen Schnurrbärtchen zu ordnen. Dann prüfte er die Weiße -seiner Zähne und fing schließlich, auf und ab wandernd, von neuem an, -seine Nägel zu polieren. Alles, ohne sich um die Fremden im geringsten zu -kümmern. Plötzlich jedoch riß er eine silberne Uhr an einer Talmikette -aus der Tasche. - -»Der Teufel weiß, es ist ein Viertel auf elf,« stieß er nervös hervor. -»Weshalb erscheinen Sie so spät?« - -»Diese Frage möchte ich an Sie richten,« antwortete der Konsul aus -seiner Erstarrung erwachend. - -»Wie? -- was? -- Sie richten eine Frage?« Der Pristav unterbrach sein -Poliergeschäft, warf einen verwirrten Blick in den Spiegel, als müsse -er sich erst von dem Fortbestand seiner eigenen Person überzeugen, und -trommelte dann erregt auf seinem steifen Oberhemd herum. Er war über -die Möglichkeit, daß auch er einem Verhör unterworfen werden -könnte, derartig außer Fassung gebracht, daß sich auf seinem Antlitz -Freundlichkeit und Wut wie Sonnenschein und Regen jagten. - -»Mann,« sog er endlich einen tiefen Atemzug und warf sich in den -Stuhl hinter dem Tisch, »ich glaube gar, Sie wissen nicht, wo Sie sich -eigentlich befinden.« - -»Oh doch, man hat es mir eben mitgeteilt, ich möchte jedoch erfahren, was -ich hier zu suchen habe?« - -»=Stoy=« (Halt!), schrie der Russe wütend. »Geben Sie mir Ihre -Papiere.« - -»Ich besitze keine Papiere.« - -»Keine Papiere?« erstarrte der Pristav immer mehr über die Seltsamkeit -dieses Falles. »Wie ist das möglich? Ilija Petrowitsch muß irrsinnig -sein, weil er einen Menschen ohne Papiere zu mir hereinführt. Um elf Uhr -in der Nacht!« ereiferte er sich von neuem, während er die silberne Uhr -abermals herauszerrte. »Was ist hier zu tun?« -- Verärgert fegte er -einige Aktenstöße auf dem Tisch beiseite, bis ihm ein erlösender Einfall -aufzublitzen schien: »Legen Sie Ihre Wertsachen ab,« forderte er, sich -befriedigt zurücklehnend, »Geld, Uhr, Kleinodien, Ringe.« Und als er -gewahrte, wie sein Gegenüber von einem eisigen Schrecken angeflogen wurde, -triumphierte er entzückt über den Verfall des großmäuligen Deutschen -weiter: »Mir steht das Recht zu, Sie und das Mädchen sofort entkleiden zu -lassen, also ich rate Ihnen, nichts zu verheimlichen.« - -Der Konsul griff sich an die Brust, er war unfähig, sich von dem -einzigen Mittel, das vielleicht noch Rettung verhieß, zu trennen. Und der -rauschende Zorn und daneben doch die klare Erkenntnis, wie jeder Widerstand -ihre Lage nur verschlimmern würde, sie versetzten ihn in einen Zustand der -Lähmung und der zähneknirschenden Entschlußlosigkeit. Um so unfaßbarer -mutete es ihn daher an, als er seine Gefährtin ohne Zögern noch Bedenken -an den Tisch herantreten sah, wo sie mit einer hastigen Bewegung nicht -nur ihre Ringe und das Armband abstreifte, sondern auch ihr kleines -seidengestricktes Geldbeutelchen vor den Pristav niederlegte. - -Dieser griff einen zierlichen Kettenreif heraus, versuchte, wie weit er -sich über seinen eigenen kleinen Finger ziehen ließ, und blinzelte -dann in einem abermaligen Anfall von Vergessenheit die hübsche Nemza -verschmitzt an. Als sich jedoch in dem blassen Jungfrauengesicht nicht -eine Muskel regte, besann sich der Pristav überraschend schnell wieder -auf seine Machtfülle und schien entschlossen, sie in ihrem ganzen Umfang -auszukosten. - -»Beeilen Sie sich,« herrschte er den Kaufmann an, der noch immer an -seinem Platz wurzelte. »Weshalb gehorchen Sie nicht? Sie scheinen mir ein -anmaßender Mensch zu sein. Oder haben Sie vielleicht Grund, sich gegen -eine Leibesuntersuchung zu sträuben? -- He, Gendarm, ich meine, hier ist -ein Widerspenstiger.« - -Auf den schrillen Pfiff fuhr der Gendarm drinnen in dem Kabinett aus seiner -gebückten Stellung empor und trat auf die Schwelle. Einen Augenblick -schwebte dunkle, zuckende Gefahr um den Konsul. Doch auch Rudolf Bark -fühlte, wie es gleich einer unsichtbaren Gerte über ihm schnellte. Und, -in einem langen Geschäftsleben daran gewöhnt, noch in der letzten Sekunde -auf die rettende Planke zu springen, verbarg er die in ihm arbeitende -Erregung und trat mit einem so gleichmütigen, geschmeidigen Wesen an den -Tisch, daß nicht allein von Isa der schnürende Bann wich, sondern auch -der Herr in dem kurzen Smoking diese rasche Wandlung augenscheinlich nicht -gleich begriff. Und nun wickelte sich alles wie ein einfaches, glattes -Geschäft ab. Der Konsul legte eine Brieftasche vor dem Pristav nieder, -erklärte, es seien ungefähr 4-5000 Mark in dem Portefeuille vorhanden -- -ungefähr -- und eine Empfangsbescheinigung wäre bei der Sicherheit einer -so hohen Behörde gewiß nicht vonnöten. - -Begierig griff der Pristav nach der Tasche, zuckte jedoch gleich darauf wie -vor einem fressenden Feuer zurück, lächelte und begann geschmeichelt mit -dem roten Leder von neuem zu spielen. - -»Auf Ehre,« versicherte er zuvorkommend und war wieder ganz der -wiegende Gesellschaftsmensch von vorhin, »Sie haben recht. Wozu unnötige -Schreibereien bei der späten Stunde? -- Vier bis fünftausend Mark. -- Nun -gut, man wird aufs peinlichste darüber wachen, ich verspreche es Ihnen. -Übrigens -- ich begreife gar nicht, warum man Ihnen und der Dame mitten in -der Nacht so viel Unbequemlichkeiten verursachte. Es ist lächerlich. Als -ob dies nicht bis morgen früh Zeit gehabt hätte! Freilich die unteren -Beamten! Wozu lungerst du hier herum?« schrie er plötzlich den -schielenden Gendarmen an und wies mit ausgestrecktem Arm befehlend auf -das nahe Kabinett. »Hörtest du nicht, daß die Herrschaften absolut -unverdächtig sind?« - -In diesem Augenblick begann das Tischtelephon heftig zu läuten. - -Aufgeschreckt sprang der Pristav in die Höhe, verzog ingrimmig die Stirn -und während er schon die Hand nach dem Hörer ausstreckte, riß er mit -der Linken noch einmal seine Taschenuhr hervor und gebärdete sich wie ein -Verzweifelter. - -»Oh, du niederträchtiger Leuteschinder,« murmelte er bissig, »du -herzlose Schlafmütze -- ah, Sie selbst, Ew. Hochgeboren, keineswegs -- -macht durchaus nichts, Ihre Befehle gehen allem anderen vorauf. -- Jawohl, -die Deutschen befinden sich bei mir -- gewiß -- sofort -- ich gehorche.« - -Kaum eine Minute nach diesem Gespräch durchmaßen die beiden -Verdächtigen, über die sich bereits bleischwere Müdigkeit herabgesenkt -hatte, abermals einen der langen Korridore, bis ihr Führer, der Pristav, -der sich inzwischen mit einem Zylinder bedeckt hatte, seinen glänzenden -Hut ehrfürchtig vor der friesgefütterten Tür des Zimmers Nr. 2 -lüftete. Noch in dem dunklen Zwischenraum der beiden Eingänge krümmte -der Herr im Smoking seine Gestalt vor Devotion und Anbetung zusammen, -behielt aber doch noch Zeit, den Eintretenden ironisch zuzuflüstern: - -»Sie brauchen nichts zu sprechen. Ich werde alles besorgen. Der Herr -Polizeimeister-Stellvertreter liebt es nämlich nicht, auf Einwendungen zu -stoßen.« - -»Guten Abend, lieber Freund,« kaute in dem saalartigen, hellerleuchteten -Raum eine schmatzende Stimme, und während an dem großen, mit grünen Tuch -ausgeschlagenen Tisch direkt unter dem Kronleuchter zwei Schreiber hingen, -die vor Müdigkeit abwechselnd gähnten, da hockte die Kugelgestalt des -Polizeimeister-Stellvertreters Tolmin selbst in einer Ecke auf einem -Ledersofa, und seine fleischigen Hände fuhren unermüdlich zwischen den -Bestandteilen seines Mahles herum, von dem Huhn zur Weinflasche und von dem -Brot zu der Schüssel voll grünen Salates. Dies alles aber geschah -ganz mechanisch, als ob die dicken Finger des Schmausenden ein eigenes -Sehvermögen besäßen, denn Herr Tolmin hatte vor die Wasserflasche ein -Zeitungsblatt aufgestellt, dessen Inhalt seine kleinen glitzernden -Augen ebenso gierig verschlangen, wie sein Mund die umfangreichen Bissen -herunterwürgte. - -»Ah, guten Abend, Nicolai Feodorowitsch,« stöhnte er wohlbehaglich und -schlug, um sich Luft zu schaffen, die offene grüne Uniform noch etwas -weiter zurück, »da bringst du die beiden Verbrecher. Wir wissen schon -alles. Der Mann hat einen Offizier erschossen. Und das Weib hat ihm -Beihilfe geleistet. Es ist schändlich. Es ist barbarisch.« - -Herr Tolmin vertrieb sein Grauen über die geschilderte Untat durch ein -paar mächtige Züge Rotwein und goß sich einige Tropfen auf die ehemals -weiße Weste. Dann ließ er vor Behagen und Befriedigung die kurzen Beine -in den Stulpstiefeln kräftig gegen die Ledereinfassung des Sofas prallen. - -»Aber alle Umtriebe unserer Feinde,« röchelte er weiter, »erweisen -sich, der heiligen Mutter sei Dank, als vergeblich. Höre, Nicolai -Feodorowitsch, was ich da lese. Es bewegt mein Herz, und es wird auch dich -begeistern. Die Belgier haben die Preußen auseinandergesprengt, haben -die Nemzows über den Rhein geworfen und sind gestern in Köln eingezogen. -200000 Gefangene. Der deutsche Kronprinz ist gefallen. Was sagst du, lieber -Freund? Köstlich -- köstlich, der grüne Salat. Er wird für mich mit -Zitronensäure angerichtet, seitdem der Militärarzt Isaac -- so heißt -der Jude -- den Essigzusatz für mich verboten. -- Aber, wie gesagt, 200000 -Gefangene. Ja, es ist ein köstlicher Genuß.« - -Damit hob Herr Tolmin nach der Art der Kurzsichtigen das Zeitungsblatt -wieder ganz dicht vor sein grauwelliges, unförmiges Haupt, und indem er -sich vollkommen in seine erfreuliche Lektüre versenkte, schlug er sich -wiederholt schallend auf den Leib, und dem Hingerissenen schien jede -Erinnerung an die übrige Mitwelt entschwunden zu sein. - -Schüchtern wagte es der Pristav, der auch für sich selbst die Zeit immer -unwiederbringlicher enteilen sah, mit dem Fuß auf eine freie Stelle des -Estrichs zu scharren. Gestört schüttelte sich der Polizeimeister: - -»Ach ja, was gibt es noch, Nicolai Feodorowitsch?« - -»Ich meinte,« sagte der Pristav sich verbindlich verneigend, »Euer -Hochgeboren hätten den Wunsch geäußert, das Protokoll über diese beiden -Deutschen --« - -»Ach ja, das Protokoll,« warf Herr Tolmin ungnädig dazwischen und -wanderte nun, die fleischigen Hände auf den Rücken gelegt, mehrere Male -keuchend über den Teppich. »Du hast ganz recht, mich daran zu erinnern. -Aber solltest du nicht auch meinen, Nicolai Feodorowitsch,« fuhr er -schließlich fort, wobei er, da er wieder in die Nähe des Tisches gelangt -war, den Resten des Huhnes einen kosenden Blick zuwarf, »solltest du nicht -auch meinen, daß sich diese ganze Prozedur besser auf morgen verschieben -ließe?« - -»Gott -- ich glaubte eigentlich --« - -»Was glaubtest du? Wir sind alle etwas abgearbeitet. Du siehst selbst, -welche Plage es mir macht, diese Murmeltiere von Schreibern wach zu -erhalten. Wie? Sagtest du etwas? Nun gut, wer weiß, wie lange man die -beiden Nemzows noch beaufsichtigen muß? Ich habe sie jetzt gesehen, -das genügt mir. Du kannst sie vorläufig abführen lassen, Nicolai -Feodorowitsch.« - -Der Polizeimeister warf sich wieder auf das Sofa und kehrte hinter seinem -Zeitungsblatt zu dem bedenklich erkalteten Huhn zurück. Bald hörte man -von dem Gewaltigen nur noch ein Klirren und Schnaufen. - -Der Pristav aber wandte sich unentschlossen hin und her. - -»Euer Hochwohlgeboren, wo befehlen Sie, daß die Deutschen untergebracht -werden?« wagte er endlich den Vorgesetzten hinter seiner papiernen Wand -hervorzulocken. »Wäre etwas dagegen einzuwenden, wenn die Gefangenen in -ihr Hotel zurückkehrten?« - -»Ist es möglich? Du bist noch da?« schalt Herr Tolmin und ballte gereizt -das Zeitungsblatt zusammen. »Du siehst, ich denke bereits über etwas -anderes nach. Was zum Henker sprachst du von einem Hotel?« - -Der Pristav setzte die Füße zierlich gegeneinander und schwenkte -untertänig seinen Zylinder. Dann erlaubte er sich, seine Ideen noch einmal -zu erläutern. Allein der Polizeimeister-Stellvertreter, der schon wieder -Messer und Gabel in den Händen hielt und nun endlich wünschen -mochte, seinem Imbiß dauernd den Garaus zu bereiten, er schnitt seinem -Untergebenen ärgerlich das Wort vom Munde ab. - -»Du bist zu rücksichtsvoll, Nicolai Feodorowitsch,« kaute er, »wie oft -soll ich dich noch darauf hinweisen? Das Verbrechen der Deutschen ist -zu niederträchtig, als daß ich geneigt wäre, ihnen irgendwelche -Vergünstigungen zu gönnen. Du mußt wirklich dein gutes Herz bezähmen. -Setze mir den Mann vorläufig in den Turm, und das Weib --,« er klirrte -etwas lauter mit dem Geschirr -- »wir wollen nicht vergessen, was wir -ihrem Geschlechte schulden, -- das Weib kann den Morgen in einem der Büros -erwarten. Und nun gute Nacht, Nicolai Feodorowitsch, ich denke, du wirst es -selbst eilig haben.« - - * * * * * - -Es schlug gerade Mitternacht, als Rudolf Bark in dem Teil des Gebäudes -anlangte, den man sehr mit Unrecht als den Turm bezeichnete. Von Isa hatte -er sich mit einem kurzen, fast gleichgültigen Händedruck getrennt, denn -nur der eine Wunsch beherrschte beide gleichmäßig -- Schlaf und Ruhe. -Auch glaubte der Konsul, daß es sich bei seinem Gewahrsam -wahrscheinlich um ein Zimmer handele, wie es nach deutschen Begriffen den -Voruntersuchungs-Gefangenen gewährt wird. Deshalb taumelte er beinahe -betäubt zurück, als der begleitende Gendarm endlich eine Mauerhöhlung -aufschloß, die der Kaufmann im Vorüberschreiten für einen Vorratskeller -oder eine unterirdische Waschküche gehalten hatte. - -»Du kannst dir diese Laterne mitnehmen,« gähnte der schielende Gendarm -in einem Anfall von Mitleid. »Aber sobald du liegst, bitte ich mir aus, -daß sie ausgelöscht wird. Es ist strenge Verordnung, hier kein Licht zu -brennen, verstehst du?« - -Damit drückte er dem Konsul die Leuchte in die Hand, schob ihn mit -kräftigem Nachdruck in den finsteren Raum hinein und schloß gemächlich -hinter dem Eingekerkerten wieder ab. Dem Konsul aber trat der kalte -Schweiß auf die Stirn. Mit zitternder Hand streckte er die Laterne von -sich und erkannte ein enges, kreisrundes Loch, das über und über mit -Stroh beschüttet war. Ein fauliger, verwesender Geruch stieg aus -den Halmen empor, und der scharfe Dunst eng aneinander gepreßter, -verwahrloster Menschen mischte sich drein. Da lagen sie dicht -nebeneinander, zerlumpte, bettelhafte Gestalten mit grüngrauen, -eingefallenen Gesichtern, und keine Decke, kein Kissen wehrte von den -fröstelnden Leibern den feuchten Dunst ab, der aus den schimmligen -Ziegelsteinmauern herausschlug. Und dennoch füllte lautes Schnarchen -dieses trostlose Gemäuer, und selbst das hereinstrahlende Licht und -der neueintretende Leidensgefährte, sie veranlaßten keinen jener -Ausgestoßenen auch nur das Haupt zu erheben, um sich über die späte -Störung zu vergewissern. - -Unfähig, noch weitere Eindrücke in sich aufzunehmen, ließ Rudolf Bark -die Laterne sachte zu Boden gleiten und kauerte selbst in einer seltsam -verkrümmten Stellung nieder. Die Füße, die er mit den Armen umschlang, -dicht gegen das Kinn gepreßt, so hockte er auf der fauligen Schüttung, -um seine weit geöffneten, ungläubigen Augen um ein entsetzlich besudeltes -Faß kreisen zu lassen, das genau die Mitte des Raumes ausfüllte. -Ein atemlähmender Geruch entströmte diesem Gefäß, und es war dem -Gefangenen, wie wenn ihm eine Faust gegen die Stirn krache, als er endlich -entdeckte, welchem Zweck das runde Gerät in der Mitte diene. - -Ein Flimmern tanzte vor den Blicken des unbeweglich Zusammengekrümmten, -und ein heiseres Stöhnen entrang sich seinen Lippen. Die ungeheure -Demütigung, der prasselnde Sturz von den Höhen des Lebens bis in diese -Höhle voll Aussatz und Verworfenheit, sie wendeten die Seele des sonst -so sicheren und gefaßten Mannes um und schmetterten sie in eine fiebernde -Verzweiflung. In seinem Hirn begann es zu bohren und zu nagen, als wenn -sich Würmer dort Eingang verschafft hätten, die nun langsam ihres Weges -krochen. Er fing an zu überlegen. Seiner Mittel war er beraubt. Von der -Gefährtin hatte man ihn getrennt. Und wer konnte sagen, wie lange er -hier in der finsteren Pesthöhle ausharren müsse? Bei dem stumpfen -Geschehenlassen und der Unordnung, durch die sich russische Gerichte -auszeichneten, konnte es sich -- namentlich in wild bewegten Kriegszeiten --- ereignen, daß Monate, daß Jahre vergingen, bevor man sich seiner -erinnerte. Vielleicht war er längst lebendig verfault, ehe dem -gefräßigen Polizeimeister zwischen Suppe und Braten das Gedächtnis an -das unterlassene Protokoll aufstieg. Beschwerden? Wer würde die aus dem -stinkenden Loch heraustragen und weitergeben, seitdem der Ausgestoßene -nicht mehr imstande war, einen solchen Dienst gebührend zu belohnen? - -Immer emsiger irrten die Würmer durcheinander, einer stets auf der Spur -des Voraufkriechenden, und sie schienen ein Gift auszuspritzen, das den -Grübelnden bis zum Wahnsinn reizte. Wie würde sich das Los von Isa -gestalten? Zum erstenmal in ihrem kurzen Dasein verbrachte das junge, -unerfahrene Geschöpf eine Nacht in einem fremden Hause. Wie, wenn sich nun -der Pristav, um sich für die entgangene Lustbarkeit der Abendgesellschaft -schadlos zu halten, des wehrlosen Mädchens besonders annähme? Ein -furchtbarer Einfall! Grinsend saß das Grauen auf der übelduftenden Tonne -und schüttelte seine Schlangenhaare. - -Da wälzte sich etwas neben dem Konsul, und eine geschwollene Hand näherte -sich der Schraube der Laterne, um das Licht auf einen Zug auszudrehen. -Aus der undurchdringlichen Finsternis aber, die jetzt das unwirtliche Bild -verschlang, knurrte die wüste Heiserkeit eines Trunkenboldes: - -»Sollen wir deinetwegen, du Lump, wieder Prügel kriegen? Wenn du -die Lederriemen das erstemal gespürt hast, wirst du keine solche -Unvorsichtigkeit mehr begehen. Je weniger wir hier sehen, desto besser. -Strecke dich aus und schlafe. Oder dünkst du dich in deinen gestohlenen -Kleidern etwa zu gut dazu? Warte nur, Brüderchen, sobald du erst mit uns -allen aus einer Schüssel gegessen hast, werden dir deine hochmütigen -Grillen schon vergehen. Und nun schnarche.« - - * * * * * - -Es mochte hoch am Tage sein, als der durch die widernatürlichen Dünste -betäubte Schläfer aus der Lähmung seiner Sinne aufgerüttelt wurde. -Zuerst glaubte der emportaumelnde Rudolf Bark, ein holdes Traumbild -entschwirre langsam vor seinen müden Augen, um ihn die Schrecken der -Gegenwart nur noch bitterer spüren zu lassen. Aber nein, nein, was -bedeutete das? War ein solcher Umschwung wirklich zu fassen? Die Tür stand -offen, und ein kalter Lichtschimmer, der ferne Abglanz des ausgesperrten -Tages, kroch durch den breiten Spalt. Aber mitten in dieser für ihn jetzt -überirdischen Beleuchtung stand der pockennarbige Sekretär in seinem -grauen Jakettanzug, ein grünes Jägerhütchen flott auf den dunklen -Haaren, und neben ihm, -- es war wohl doch eine Täuschung, nur die -Ausgeburt brennender Wünsche -- neben ihm hielt sich Isa Grothe mit -ausgestrecktem Arm an der gegenüberliegenden Wand fest, um vorgebeugt -mitten in der schwimmenden Finsternis ihren Freund, den sie suchte, -erkennen zu können. - -»Isa!« - -»Herr Konsul.« - -»Ist Ihnen nichts geschehen? Fühlen Sie sich munter?« - -»Vollständig. Großer Gott, wie sieht es hier aus, wie fürchterlich ist -es hier! Aber denken Sie sich, wir kehren in das Hotel zurück.« - -Und Ilija Petrowitsch, der Sekretär, der sich für den Gang über die -Straße bereits wieder die braunen Glacéhandschuhe aufstreifte, er -erlaubte sich mit seinem verbindlichsten Lächeln den vornehm gekleideten -Gefangenen aus der Pesthöhle herauszuziehen, die gleich darauf, trotz der -Wut und des aufgeregten Gemurmels der Übrigen, von einem mitgebrachten -Gendarm durch einen Fußtritt geschlossen wurde. - -»Kommen Sie, Herr Konsul,« hauchte der höfliche Schreiber, der -sich inzwischen bereits den braunen Flauschüberzieher des Kaufmanns -diensteifrig über den Arm gebettet hatte, »kommen Sie schnell, es wird -Sie drängen, ein Frühstück im Hotel de Moscou einzunehmen.« Und im -heiteren Bewußtsein seiner Weltkenntnis fügte er, während die drei -bereits die Treppe herunterstiegen, siegessicher hinzu: »Sagte ich Ihnen -nicht gleich, daß alles nur eine reine Formsache wäre? He, habe ich mich -darin etwa getäuscht?« - -»Gewiß nicht.« Der Konsul drückte dem Pockennarbigen dankbar die Hand, -was von diesem mit einem unglaublichen Zusammenknicken erwidert wurde. -»Aber erklären Sie nur,« drängte Rudolf Bark weiter, indem er tief -aufatmend die frische Luft der Straße einsog, die sie schon erreicht -hatten, »wie konnten sich die Absichten des Polizeimeisters so schnell -verändern?« - -»Wer weiß?« Der Herr im grauen Rock zuckte vieldeutig die Achsel, und -seine Hand rückte leichthin an dem flotten grünen Hütchen. »Es sprechen -bei uns viele Meinungen mit. Ich darf mir natürlich nicht erlauben, eine -bestimmte Ansicht zu äußern, aber vielleicht blieb der Umstand nicht ohne -Einfluß, daß heute in der Frühe der Geheimkanzlist Sr. Exzellenz -des Gouverneurs Bobscheff einen eigenhändigen Brief an den Herrn -Polizeimeister-Stellvertreter überbrachte.« - -»Bobscheff?« rief Isa in ihrem silbernsten Ton, und ihr fiel die -ewig heisere Giraffe ein, deren Grundsätze trotz aller ethischen -Erziehungsversuche der dicken Gattin in einer gewissen Beziehung leichte -und flatterhafte geblieben waren. - -Der Tag leuchtete so hell, und die Freude, neben dem wiedergefundenen -Freund schreiten zu dürfen, durchströmte sie so übermächtig, daß -der Rotkopf hier in der feindlichen Stadt und dicht neben ihrem Aufseher -ausgelassen in die Hände klatschte. Aber auch der Konsul vermochte sich -die überraschende Teilnahme des Gouverneurs, von dem er alles andere -eher vermutet, keineswegs zu deuten, und so gelangte der kleine Zug in der -Erwartung irgendeiner Aufklärung in das Vestibül des Hotels, von wo ihr -Führer die beiden Deutschen sofort bis an ein Zimmer des ersten Stockwerks -geleitete. Hier schritt ein Soldat mit geschultertem Gewehr vor der Tür -des Gemaches auf und ab, und Konsul Bark begriff, daß sie sich von jetzt -an wieder in militärischem Gewahrsam befänden. Ehe sich jedoch der -Sekretär entfernte, unter zahlreichen Verneigungen und dem festen -Versprechen, sich so oft wie möglich nach den Wünschen der beiden Fremden -zu erkundigen, da zog ihn Rudolf Bark noch einmal beiseite, denn den -nüchternen Geschäftsmann drängte es, nach dem Verbleib seiner Geldtasche -Nachfrage zu halten. Hier aber veränderte sich das Wesen des Herrn im -grauen Rock. Der Mund mit den weißen Zähnen lächelte zwar noch immer -verlegen, aber in seine sanfte Stimme drang eine hörbare Abneigung, als er -vorsichtig und sich windend den Rat erteilte: - -»Darüber weiß ich nichts. Gar nichts. Mein Chef, Se. Hochwohlgeboren -der Pristav, genießt das höchste Vertrauen. Mit Recht, es würde ihn -beleidigen, wenn man sich in seine Angelegenheiten mischte. Beileibe nicht, -wer dürfte das wagen? Guten Morgen, Herr Konsul. Sie können unbesorgt -sein, ganz unbesorgt.« - -Damit schlängelte sich der graue Herr die Treppe herunter, und der Soldat -öffnete für die beiden Eintretenden das Zimmer. Noch hatten sie jedoch -die Schwelle nicht übertreten, als sie in grenzenloser Überraschung -ihren Schritt hemmten. Aus einem Schaukelstuhl, dicht vor einem altmodisch -vergoldeten Spiegel, erhob sich bei ihrem Eintritt eine sehr elegante, tief -verschleierte Dame, die sich leichtfüßig auf den Tisch zu bewegte, wo sie -erwartend und ein wenig unschlüssig stehen blieb. - -Aber diese wiegenden Bewegungen, der feine Parfümduft, der von ihr -ausströmte, und das energische Blitzen der dunklen Augen, ein Feuer, das -auch von der verhüllenden Gaze nicht gedämpft werden konnte, alles das -bestärkte den Konsul in einer aufspringenden Hoffnung. In dieser Stadt gab -es nur eine einzige so formsichere und von einer geheimnisvollen Anziehung -umflossene Frau. Langsam lüftete sie den Schleier, ein roter, lächelnder -Mund kam zum Vorschein, eine kecke, ein wenig aufgestülpte Nase und dunkle -Zigeunerwangen. - -»Ja, ich bin's,« bestätigte Maria Geschowa den beiden Fassungslosen, -obwohl sie einzig und allein den schlanken, biegsamen Mann ins Auge faßte. -»Ich hoffe, Sie werden verstehen,« setzte sie rasch und hastig hinzu, -indem sie ohne Rücksicht auf die Zuschauerin dem Konsul ihre Hand zum Kuß -entgegenstreckte, »ich hoffe, Sie werden verstehen, warum ich Sie hier in -der Einsamkeit Ihres Zimmers aufsuchen muß, obwohl ich doch gestern abend -bereits Gelegenheit gehabt hätte, Sie zu begrüßen.« - -In ihrer Stimme schwang wieder der vibrierende Ton, der den gefährlichsten -Reiz der Tatarin ausmachte. Aber zu seinem eigenen Erstaunen blieb Rudolf -Bark ganz unberührt davon, denn der Kaufmann dachte im Moment an nichts -anderes, als wie er die mutige Frau, die sich seinetwegen doch einer -gewissen Gefahr aussetzte, zu seiner Rettung benutzen könnte. Er verbeugte -sich tief. - -»Die gnädige Frau wußten gestern vor die Freude des Wiedersehens -gleichfalls einen undurchdringlichen Schleier zu ziehen.« - -»Rudolf Bark,« sagte die Tatarin plötzlich hochfahrend, »Sie sind zu -klug, um solche kleine Weiberlist nicht zu durchschauen. Oder glauben Sie -etwa, daß man um Ihrer grauen, kalten Augen willen Ihren Aufenthalt in dem -Turm so liebevoll verkürzte?« - -Bei der Erinnerung an den Ort, dessen Schrecken noch nicht lange hinter -ihm versunken waren, da verging dem Konsul die Neigung zu einem leichten -Geplänkel. Auch verharrte Maria Geschowa so stolz aufgerichtet vor ihm, -ihre blitzenden Augen schienen die seltsame Lage, in die sich die Gattin -des Obersten Geschow begeben, so klar und unverrückt zu durchdringen, daß -Rudolf Bark einen raschen Ausruf nicht unterdrücken konnte. - -»Sie wissen, gnädige Frau? Damit habe ich sicher Ihnen die Intervention -bei dem Gouverneur Bobscheff zu danken.« - -»Ja,« rief Isa fortgerissen dazwischen, »Sie, liebe, gnädige Frau, Sie -allein haben sich ganz gewiß für uns verwendet.« - -Die Russin bewegte sich kaum, und nur ein flüchtiges Achselzucken zeigte -an, daß sie die dankbare Stimme des jungen Mädchens vernommen. Dann -aber trat die eigenartig interessante Erscheinung in ihrem dunkelblauen -Herbstkostüm ganz nahe auf Rudolf Bark zu und, immer als ob sie sich -völlig allein mit ihm befände, versetzte sie ihm mit dem Zeigefinger -einen leichten Schlag gegen die Brust. - -»Nehmen wir an, lieber Freund,« entgegnete sie rasch, und dabei begannen -in dem dunklen Antlitz die Nasenflügel ein wenig nervös zu beben, -»es wäre alles so, wie Sie denken. Stellen Sie sich in Ihrer gewohnten -Scharfsichtigkeit vor, ich wäre durch einen Brief meines Gatten bereits -auf Ihre Ankunft vorbereitet gewesen. Denken Sie darüber, wie Sie -wollen.« - -»Meine Gedanken richten sich im Moment ganz nach Ihren Befehlen.« - -Maria Geschowa maß den Sprecher eine kleine Weile vorüberstreifend von -der Seite. Dann machte sie eine ungeduldige Handbewegung. - -»Gut, gut, Sie bleiben ein Schmeichler, ganz anders, wie sonst die -Deutschen. Zur Belohnung dürfen Sie sich auch ausmalen, wie meine Audienz -beim Gouverneur zu der unwahrscheinlich frühen Morgenstunde verlief. Ich -habe mich zu diesem Zweck so schön wie möglich gemacht, und meine, ich -dürfte seiner Tatiana eine bekümmerte Stunde bereitet haben. Das ist -natürlich alles lächerlich. Aber Sie sollen ja ein großer Frauenkenner -sein und bilden sich nun natürlich ein, dies alles geschah, weil eine -gefallsüchtige Frau Ihr Interesse erregen wollte, nicht wahr? Gott, wir -Russinnen besitzen ja keinen Charakter.« - -Sie wartete seinen höflichen Widerspruch nicht erst ab, sondern streifte -mit dem Finger wieder sehr eindringlich seine Brust. - -»Rudolf Bark,« sprach sie rasch weiter, »vielleicht trifft Ihre Ansicht -zu. Vielleicht aber leitete mich auch nur der Wunsch, der Opposition, dem -Mißfallen an dem meisten, was jetzt um uns herum geschieht, Ausdruck zu -geben. Sie müssen wissen, es gibt noch immer Leute bei uns, denen dieses -widerliche Blutparfüm, das jetzt allem anhaftet, die Nerven verwirrt. -Menschen, die lieber auf den Galgen klettern, als daß sie sich noch tiefer -in eine blutige Nacht hereintreiben lassen. Vielleicht gehöre ich dazu, -vielleicht auch nicht. Wissen Sie übrigens,« sprang sie plötzlich ab, -und um ihren Mund spielte ein flackernd überreizter Zug, »wissen Sie -übrigens, daß der kleine Bergbaustudent Diamantow gleich zu Anfang der -Feindseligkeiten kriegsgerichtlich und ohne viel Federlesens erschossen -wurde? Hochverräterische Umtriebe warf man ihm vor. Seine Seele haßte den -Krieg glühend und hielt ihn für die höllische Lüge, die immer wieder -die Völker betrügt. Er war ein Jude,« setzte die Tatarin in ihrer -sprunghaften Stimmung hinzu und blickte gedankenverloren zu Boden, »ein -schöner Schwärmer und hatte deshalb etwas von dem Erlöser an sich. -Unsere Erde ist voll von solchen Herzen, die noch dort unten im Grabe in -brüderlicher Liebe schlagen.« - -Eine Pause trat ein. Maria Geschowa begab sich mit träumerisch gesenktem -Haupt zu ihrem Schaukelstuhl zurück, wo sie sich leise zu wiegen begann. -Die Sonnenstrahlen, die durch die Gardinen des Fensters fielen, huschten, -der Bewegung angeschmiegt, bald über ihre Stirn sowie über die halb -geschlossenen Augen, um gleich darauf wieder dem nachspülenden Schatten zu -weichen. Die beiden Deutschen aber warteten in beklommener Spannung ab, was -die schöne Frau ihnen noch weiter zu verkünden haben würde. Denn bei der -klaren und tatkräftigen Art der Russin blieb es ausgeschlossen, daß sie -nur gekommen sein sollte, um sich an einem absonderlichen Gespräch zu -ergötzen. Und richtig, plötzlich erwachte die Tatarin, dehnte ihre -Glieder, und während sie einen schnellen Blick auf ihre goldene Armbanduhr -gleiten ließ, da brach sie in ein fast unhörbares Lachen aus. Rudolf -Bark meinte, er hätte noch nie eine so nach innen klingende Heiterkeit -vernommen. Sein Gehör wiegte sich in der Vorstellung, als würden hier -winzige goldene Kugeln in einen Glasbecher geworfen. - -»Wahrhaftig,« winkte nun die junge Frau den Konsul auf einen Stuhl an -ihrer Seite nieder, »die paar Minuten, die man mir für meinen Besuch bei -Ihnen gestattete, sind bald vorüber, und wir philosophieren. Was werden -Sie denken, lieber Freund? Bitte, setzen Sie sich zu mir. Unbesorgt, ich -tue Ihnen nichts. Sie sind also der Ritter dieser jungen Dame geworden, -Rudolf Bark? Wie alt ist sie?« - -Ein wenig verletzt verzog der Angeredete, der inzwischen ihren Befehl -befolgt hatte, die Stirn. Der Ton der Russin gefiel ihm nicht, und er -dachte an seine gereiften Jahre. Statt seiner jedoch übernahm Isa, die -unauffällig am Tisch stehen geblieben war, die Beantwortung. Nichts schien -darauf hinzudeuten, als ob die Kleine das lebhafte Interesse der fremden -Dame für den Konsul begriff oder gar einer Beurteilung zu unterziehen -wagte. Nur Ehrerbietung und Zurückhaltung atmete ihr Ton, als sie -liebenswürdig erwiderte: - -»Ich bin achtzehn Jahre, gnädige Frau.« - -»So, so,« versetzte die Russin gleichgültig. »Es ist gut, mein Kind. -Ich hätte Sie für älter gehalten.« Und ohne jede Befangenheit die Hand -des Mannes streichelnd, sprach sie angeregt weiter: »Rudolf Bark, Sie -denken doch jetzt über nichts anderes nach, als wie Sie den Folgen Ihres -Ritterdienstes, die Sie in Mariampol oder wo anders erwarten, entgehen -können? Nicht wahr? Nein, leugnen Sie nicht, es kleidet Sie nicht, würde -Ihnen auch nichts nützen.« - -Da meldete es sich wieder, dieses spitze Einbohren in die Gedanken eines -anderen, das zu den eigentümlichsten Gaben von Maria Geschowa gehörte. -Und obwohl der Konsul erschrak, weil er nicht wußte, ob hier auch -seinerseits eine rückhaltlose Offenheit am Platz wäre, so hielt er es -doch für geboten, seinen raffinierten Besuch nicht völlig zu täuschen. - -»Maria Geschowa,« sagte er deshalb nach einiger Zeit vorsichtig tastend, -»sollte die Gattin des Obersten Geschow derartige Pläne -- immer -vorausgesetzt, daß sie wirklich existieren --« - -Die Russin wiegte sich lässig und schlug mit der Hand nach ihm: »Sie -existieren,« lächelte sie eindringlich und verstohlen. - -»Sollte die Gattin des Obersten Geschow wirklich ganz gefahrlos und -ohne sich etwas zu vergeben, die Mitwisserin solcher Geheimnisse werden -können?« - -»Ah so!« Unvermittelt hielt der Stuhl in seiner Schaukelbewegung inne, -und ein paar große Augen, die sich langsam mit Zorn füllten, hefteten -sich eine Sekunde gereizt auf den um sein Schicksal besorgten Kaufmann. -Gleich darauf jedoch stieß Maria Geschowa ihren Sitz zurück und strich -sich wie in tiefem Besinnen mit der behandschuhten Rechten über die Stirn. -»Verzeihen Sie, verzeihen Sie,« sprach sie sich mühsam wiederfindend. -»Wie wunderbar klug und besorgt Sie sind, Rudolf Bark. Wirklich, es ist -staunenswert. Sie hegen eine große Sympathie für mich. So etwas ist ja -immer gegenseitig. Aber natürlich, mein kluger Freund, Sie sind völlig im -Recht.« - -Sie kehrte ihm den Rücken, stellte sich ans Fenster und blickte -lange über den struppigen Hintergarten des Hotels zu dem schmalen, -kohlenüberschütteten Fluß herüber, der seine schwarzen Gewässer im -Sonnenschein träge vorüberschleppte. Nach einer Weile trommelte die -elegante Dame leicht gegen die Fensterscheiben und warf sehr kalt und -interesselos, gleichsam nur, um irgend etwas zu äußern, über ihre -Schulter hinweg: - -»Wie gesagt, Sie beurteilen die Lage richtiger als ich. Der Weg aus dem -Hotel wurde Ihnen, wie Sie sich wohl überzeugten, durch militärische -Bewachung gesperrt, und zur Nachtzeit durch den Hintergarten zu entkommen, -das dürfte auch eine verzweifelt phantastische Idee sein.« - -»Durch den Hintergarten?« horchte Rudolf Bark hoch auf, indem er sich an -die Seite der jungen Frau stellte. - -Maria Geschowa jedoch rückte fort und sah an ihrem Arm herunter, als ob -ihr die zufällige Berührung nicht angenehm wäre. - -»Gott,« sprach sie gleichgültig weiter, »Verzweifelte könnten -vielleicht solch einen Versuch erwägen. Aber ich rate Ihnen davon ab, -Rudolf Bark. Dazu müßte der Besitzer des Kohlenkahns, dessen schmutziges -Schiff dort an dem Steg angeschlossen liegt, vorher von befreundeter Seite -nachdrücklich gewonnen sein. Wir wollen ein häßlicheres Wort vermeiden. -Und Sie werden wohl selbst nicht glauben, bester Freund, daß Ihr kühles -und berechnetes Wesen Ihnen hier in der fremden Stadt so viel Teilnahme -erwerben könnte.« - -Als sie das letzte fast feindselig hervorgebracht hatte, kehrte sie sich zu -ihm. Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes. Mit ihrer unnachahmlichen -Grazie hob das junge Weib beide Arme, um dann ihre Finger ohne Hast noch -Aufregung hinter dem Hals des betroffenen Mannes zu verschränken. Trotz -der vertraulichen Nähe, die jetzt zwischen beiden hergestellt war, und -obwohl der glühend rote Frauenmund fast dieselbe Luft wie Rudolf Bark -zu atmen schien, so mutete das Ganze doch keineswegs wie eine peinliche -Aufdringlichkeit an, sondern hier schien sich vielmehr ein Abschied, eine -von Wehmut durchzitterte Trennung vorzubereiten. - -»Rudolf Bark,« sagte die Russin klar und deutlich, als ob sie es -verschmähe, ein Geheimnis aus ihren Empfindungen zu machen, »ich reise -noch heute nach Mariampol zurück, und ich würde Tränen vergießen, wenn -ich Sie dort wiedersähe. Sie gehören zu den Menschen, die leichtfüßig -an einem vorübergehen und von denen man den Schall ihrer Tritte dauernd im -Ohr behält. Ich werde noch oft an Sie denken. Es ist bei dem widerlichen -Haß, der zwischen den beiden Völkern entstand, unwahrscheinlich, daß wir -uns jemals wieder begegnen. Aber wenn Sie, wie ich dies von Ihnen vermute, -später einmal die Bilanz über das Wesen unseres Volkes aufstellen, dann -bitte ich, sich meiner nicht als einer Ausnahme zu erinnern. So, wie ich, -leben hier Millionen, die, wie die Motten um das Licht, um das Europäertum -schwärmen. Ich glaube, Sie mißverstehen mich nicht, lieber Freund. Und -nun leben Sie wohl.« - -Sie ließ ihre Arme langsam herabsinken, zog den Schleier vor das dunkle -Antlitz und nickte Isa, die sich während dieser ganzen Zeit einer -fröstelnden Erstarrung nicht entreißen konnte, flüchtig zu. Dicht -vor der Tür entglitt der schnell schreitenden Gestalt ein blaues -Handtäschchen. Aber ehe der Konsul es noch aufheben konnte, und so oft er -auch hinter der bereits über die Treppe Eilenden herrief, Maria Geschowa -achtete seiner Bemühungen nicht, und das blaue Lederetui, das sie wohl -absichtlich zurückgelassen, blieb in dem Besitz des sofort und dankbar -begreifenden Mannes. - - - - -V. - - -Wochen waren vergangen. Über Maritzken heulte der Wind. Seit Tagen -krümmte er die hohen Eichenbäume zusammen, schlug rote Wolken dürrer -Blätter raschelnd über das Anwesen und brauste mit schneidendem Wehlaut -über die menschenleere, verlassene Gegend. Wenn solch ein ungeheurer -Stoß über die Stoppelfelder fuhr, dann glaubte Johanna Grothe stets eine -schmetternde Posaune zu vernehmen, die zu Weltuntergang und Vernichtung -rief. - -Weißer und verschlossener als je vorher schritt die Gutsherrin durch ihr -verödetes Heim, denn seit den letzten Stunden war ihr Besitztum von jeder -Einlagerung befreit, und nach all dem Lärm und der ewig aufpeitschenden -Unruhe nistete nun eine leere, quälende Einsamkeit zwischen den weißen -Gemäuern. Die fremde Menschenwoge, die so lange alles überschwemmt hatte, -war wie unter einem ungeheuren Druck weiter in das Land hineingetrieben -worden, einer großen Schlacht, einer Entscheidung, einem weltbewegenden -Schicksal entgegen, und die preisgegebenen Fluren atmeten nun in einer -dumpfen zermürbenden Spannung. - -Mehrfach hatte das Landmädchen, dem sonst ein Tag ohne genau geregelte -Arbeit als ein unmöglicher Zustand gegolten, sich aufgerafft, um mitten -unter Trümmern und Verwüstung das gewohnte Tagewerk wieder aufzurichten. -Aber nach kurzem Überlegen brachen alle diese Pläne abermals zusammen. -Draußen aus der gesegneten Erde war alle Frucht durch gierige Hände -aufgewühlt und fortgeschleppt, und durch die leeren Furchen peitschte der -Wind. Die Stalltüren standen offen, und drinnen gähnten die abgeteilten -Stände, aus denen das letzte Pferd und die letzte Kuh von dannen -getrieben waren. Auf den Äckern rosteten die Pflüge, weil sie von -keiner Männerhand mehr geleitet werden konnten, und auf den Vorratsböden -verzehrten die Mäuse die traurigen Reste der Wintersaat. Alles öde und -verkommen, das Land wie das Haus, um das Beste betrogen und bestohlen, und -nichts zurückgeblieben, als jenes schwere, spannungsvolle Atmen, das nach -Vergeltung verlangte. - -Auch in Johanna zuckte manchmal während der erzwungenen -Beschäftigungslosigkeit ganz plötzlich und sprunghaft solch eine wilde -Gier nach ausgleichender Gerechtigkeit auf; oder noch besser die Sehnsucht -nach einem Blitzstrahl, der züngelnd und krachend alles in den Boden -schmettern sollte, was höhnisch und unrein, jede harmlose Regung -überwuchernd, vor ihr aufgeschossen war. Manchmal auch schlug die Scham -in ihr zur Höhe. Und dann segnete sie Gott dafür, daß sie hier wie -ein ausgesetztes Tier verborgen und unerkannt durch das verlorene Anwesen -streifen konnte. In solchen Augenblicken lief ein Zittern über ihren -Körper, und zugleich bangte sie davor, der Neugier der wenigen Mägde -zu begegnen, die noch zurückgeblieben waren. Wie leicht konnte sie solch -unberufenen Spähern das schüttelnde Grauen verraten, das sie vor sich -selbst hegte, seitdem sie von der Furcht verfolgt wurde, auch ihre kühle -Reinheit sei von befleckten Händen entweiht. Die eigene Schwester, -derjenige Mensch, der ihr nach natürlichem Recht der Nächste auf Erden -sein sollte, er hatte ihr das Haus zu einer brennenden Hölle gemacht. -Unmöglich, ganz unfaßbar dünkte es ihr, mit Marianne noch fürderhin -unter einem Dache zu weilen, ihr heiteres Geplauder zu vernehmen oder die -Sorgen der Gefallsüchtigen um die Erhaltung ihrer Schönheit aus der -Nähe mit ansehen zu müssen, seitdem sie die Mitwisserin ihres widerlich -haltlosen Leichtsinns geworden war. Aber warum schrie sie der Schwester in -zornigem Aufflammen nicht ihre Anklagen ins Gesicht? Weshalb jagte sie die -Gesunkene nicht von Heim und Herd, unbekümmert darum, ob der strudelnde -Schwall der Geschehnisse sie verschlinge oder nicht? Großer Gott, aus -welchem Grund erfüllte sie nicht ihre heiße Sehnsucht, zu vereinsamen und -zu verdorren, sobald sie durch ein solches Opfer allen Schmutz und jeden -Unrat von ihrer Schwelle fegen konnte? -- Warum? -- Nein, um alles Elendes -willen, das vermochte sie nicht, das überstieg ihre Kräfte. In der -großen herrschgewohnten Walküre war etwas gebrochen. So sehr die -Verworfenheit ihrer nächsten Angehörigen an ihr zehrte, das schöne -schwarze blühende Geschöpf war doch ein Wesen, auf das sie einmal alle -mütterliche Sorgfalt geworfen und dessen sündhaften Fehltritt sie trotz -rastlosen Nachsinnens noch immer nicht begriff. Vor allen Dingen aber wurde -die Älteste von Maritzken von einer fressenden Scham verzehrt. So oft sie -auch dazu anhob, unter keinen Umständen konnte sie es sich abgewinnen, mit -der harmlos lächelnden Marianne eine kühle und gemessene Abrechnung -über so viel Abscheulichkeit aufzustellen. Nein, -- nein, -- nein, nur das -nicht! Lieber sich noch ärger foltern lassen und dann weiter fliehen wie -ein aufgescheuchtes Gespenst durch die zerstörten Stätten ihrer Pflichten -und Sorgen. - - * * * * * - -Inzwischen erfüllte sich draußen das Verhängnis. - -Nicht als ob irgend eine besondere Kunde in das einsame Gehöft von -Maritzken gedrungen wäre, nicht als ob die Gutsherrin die in einer fremden -Sprache geführten Unterhaltungen hätte belauschen können, die einzelne -zurückbeorderte Offiziere aufgeregt, scheu und in seltsamen Zischlauten -mit dem kranken Rittmeister Sassin pflogen, den man in diesen Tagen -höchster Ungewißheit ohne jede Pflege und ärztliche Aufsicht gelassen -hatte; aber über die menschenleeren Straßen wehte etwas heran. Etwas -Unklärliches, etwas Schicksalflüsterndes, das die Herzen stocken und die -Sinne kochen ließ. Je leerer Wege und Stege wurden, desto deutlicher jagte -das Unsichtbare vorüber, und hinter jeder aufsteigenden Staubwolke suchten -gierige Blicke das Blitzen von Stahl und Eisen. - -Es war an einem trüben Nachmittage. - -Mit unverminderter Gewalt wütete der Sturm um das Haus. Die Türen der -Ställe knallten in kurzen Schlägen auf und zu. Wie eine Nachäffung von -Kampf und Schlacht rollte ein ewiger Donner durch die weißen Gebäude. -Aber mitten durch das Toben des Elementes drang ein schmerzliches Stöhnen, -ein Winseln und Wimmern, das Johanna, die gerade über einen der Gänge -des zweiten Stockwerks schritt, nicht überhören konnte. Ganz sicher, das -markdurchwühlende Ächzen, es stahl sich aus dem Zimmer des verwundeten -Rittmeisters, dessen Verfall in den letzten Tagen auch den unkundigsten -Blicken nicht verborgen geblieben war. Von einem heimlichen Schrecken -durchdrungen und ohne lange abzuwägen, ob ihre Teilnahme einem -Angehörigen der jetzt von ihr so bitter gehaßten Rasse galt, trat Johanna -nach einem kurzen Anklopfen ein. - -Was war das? - -Seit Tagen schon hatte Leo Konstantinowitsch Sassin dauernd seinen zum -Skelett abgemagerten Körper im Bett halten müssen. Jetzt aber saß der -Rittmeister in dem grauen Feldmantel, aus dem sowohl das Einschußloch -als die Blutspuren noch immer nicht getilgt waren, hinter einem mit Karten -bedeckten Tisch, und die tief über die zerwühlten Haare gezogene Mütze -sowie die stark nach Juchten riechenden Reiterstiefel an seinen Füßen -bewiesen, wie der Hinfällige den wahnsinnigen Entschluß gefaßt haben -müsse, der Stätte seines langen Krankenlagers endgültig zu entfliehen. -Als die Tür knarrte, schrak der Kranke zusammen und fuhr mit den dürren -Händen aufgeregt und haltlos über die bunten Blätter. - -»Schönes Fräulein -- schönes Fräulein,« hauchte er kaum noch -vernehmlich, obwohl die sich bäumende Brust eine letzte Anstrengung -hergab, »ich muß fort. Es geht mir überraschend gut, und deshalb muß -ich es riskieren. Wo steckt mein Bursche? Ich habe ihn schon seit drei -Tagen nicht mehr gesehen! Der Hund ist klug, er hat sich auf die Strümpfe -gemacht. Ich will auch nicht länger in dieser Mausefalle sitzen bleiben, -verstehen Sie? Unsere Idioten, diese verschlafenen Strohköpfe haben uns in -nichts als Teiche und Sümpfe geführt. Sind wir Katzen, die man ersäufen -will? Kommen Sie, kommen Sie, ein Blick auf meine Karten genügt. Jedes -Schulmädchen wird das einsehen. Hier -- und hier -- und hier ... Eine -gotteslästerliche Wirtschaft!« Wütend ballte er die Papiere zusammen und -schleuderte sie, zu einer Kugel geformt, in die Ecke. »Jede Nacht habe ich -davon geträumt, ich steckte immer bis zum Hals im Wasser. Aber jetzt ist -es zu spät! Glauben Sie mir, man wird hier etwas Gräßliches erleben.« - -Gewaltsam richtete sich der Russe auf, und es schien, als ob er durch die -Tür von dannen stürzen wollte. Allein in der nächsten Sekunde mußte -er sich mit beiden Händen an den Tisch klammern. Er schwankte, die stark -duftenden Juchtenstiefel suchten vergeblich einen Halt. - -Johanna jedoch, obwohl ihr Herz zu jagen anhob, vergaß, was sie dem -Hilflosen schuldete, und regte sich nicht. In ihrem weißen Antlitz -brannten die sonst so kühlen blauen Augen in einem bösen Feuer. Ein -gieriges Lächeln, ganz widerspruchsvoll und unheimlich, schlängelte -sich um ihre Lippen. Wie sie so aufragte, da hätte sie auch einem minder -Verzweifelten Furcht einflößen können. Und der Kranke, der sich -nicht aufrecht zu erhalten vermochte, beugte den Hals vor und starrte in -plötzlich aufspringendem Entsetzen auf seine unbewegliche Gastgeberin. - -»Was wollen Sie?« keuchte er, »halten Sie mich nicht auf!« - -Aber Johanna sperrte ihm ungerührt den Weg. - -»Herr Rittmeister« brach es mit einem Mal hell und voll versteckter -Wollust aus ihr heraus, »meinen Sie, daß Ihrem Heer irgendeine -Katastrophe bevorsteht?« - -»Das weiß ich nicht, -- das habe ich nicht gesagt -- nicht die leiseste -Andeutung gemacht. Ich bin krank. Meine Gedanken gehorchen mir nicht mehr. -Sie wissen, sie springen herum, wie auf einem Tanzboden. Was lachen -Sie mich so an? Oh, ich weiß, was Sie uns wünschen! Sie sollten sich -hüten!« - -Jedoch die Älteste von Maritzken hütete sich nicht. In ihren Mienen -verkündete sich immer deutlicher eine wilde Wonne. - -»Herr Rittmeister« sog sie förmlich aus dem ihr Unterlegenen heraus, -»nicht wahr, Fürst Fergussow befindet sich gleichfalls auf den Linien, -die Sie vorhin auf der Karte bezeichneten?« - -»Ja, was geht er mich an? Der Teufel soll ihn holen!« - -Die Blonde drängte erbarmungslos weiter. - -»Und Sie vermuten, es werden nur wenige aus den Wasserläufen -entwischen?« - -Jetzt brach dem Rittmeister der Schweiß aus. Er wurde erdfahl und -vermochte seine herunterfallende, wie im Krampf bebende Kinnlade nicht mehr -zu bändigen. - -»Verwünscht,« röchelte er, schlug mit den Armen in die Luft und wankte -haltlos bis zur Tür, »Sie foltern mich! Was habe ich Ihnen getan? Hören -Sie nicht? Hören Sie es nicht? Da ist es wieder, das ungeheure Gurgeln, -Schnaufen und Schmatzen, das mich wahnsinnig macht.« - -Er fiel auf der Treppe nieder und rollte wie ein schweres Bündel die -Stufen herab. Johanna hörte noch einen schrillen Angstschrei, und als sie -ans Fenster eilte, gewahrte sie, wie der Kranke in einer letzten Anspannung -und mit vorgestreckten Händen über den Hof taumelte. Unsichtbare Geißeln -schienen auf seinen Rücken zu klatschen. Der Sturm schmiß ihn hierhin und -dorthin, und wie ein grauer Schemen verschwamm das unselige Menschenbild in -den wirbelnden Staubwolken der Landstraße. - - * * * * * - -Das weiße Haus aber sollte noch einen anderen seiner Bewohner hergeben. - -Draußen auf den Wegen und Stegen fing es an, lebendig zu werden. Zuerst -waren es nur kleine Kosakentrupps, die in einem rasenden Galopp über die -Straße fegten. Die Nachmittagssonne brannte ihnen auf den Rücken, und -es schien, als ob die toll gewordenen Tiere ihren eigenen Schatten -fressen wollten. Mit tief herabhängendem Halse stäubten sie ihrem -vorausfliehenden schwarzen Abbild nach. - -Doch es blieb nicht bei den wenigen. Bald erbebte der Boden unter dem -Gedröhn zusammengeballter Reitermassen. In einer finsteren Gier, fluchend -und tobend, heulten sie vorüber, und nur der Wille, gewaltige Strecken -zwischen sich und irgend etwas Folgendem zu legen, hielt diese Horden -noch zusammen. Voll frohlockenden Entsetzens erkannte Johanna, die jene -fessellose Jagd, weit aus einer der Bodenluken gelehnt, verfolgte, wie -diese zusammengeduckten Reiter Lanzen und Karabiner von sich schleuderten, -so oft sie meinten, einen Vorsprung vor ihren sich stauenden Vordermännern -erreichen zu können. Menschen und Tierleiber waren von einer dicken -schlammigen Kruste bedeckt, und manche der Verfolgten umklammerten noch -immer in vollkommener Bewußtlosigkeit dicke Büschel ausgerissenen -Seegrases, als gelte es, vor allen Dingen diesen letzten Schutz nicht -aus den Fingern zu lassen. Bleich, blutend, gespensterhaft raste alles -vorüber. Die Beobachterin jedoch preßte ihre Hände gegen die -kreisrunde Einfassung ihres Ausguckloches, als müsse sie die Mauern -auseinanderbrechen, um das Bild noch weiter, gesättigter in sich aufnehmen -zu können. - -»So peitscht Fürst Fergussow seinen müden, zusammenbrechenden Schimmel -vielleicht auch über eine unserer Chausseen,« schoß es ihr dann -durch die vom Schauen aufgewühlten Sinne, »blutend, zerfetzt, jeder -Männerwürde beraubt, genau so wie die Geschlagenen, Gedemütigten, die -dort in den dampfenden Staubwolken, umheult und zerzaust vom Winde, ihr -nacktes Leben zu retten trachten.« - -Und ihre Seele erlabte sich an der Vorstellung, wie der glatte glänzende -Kavalier, der ihr die Schande ins Haus getragen, sein Ende vielleicht in -einem Kothaufen gefunden, nachdem der peinlich Saubere vorher alle Qualen -des Ekels vor dem Schmutz seines Grabes durchkostet. Aber nein, nein, wenn -sie ganz wahrhaft gegen sich selbst verfuhr, dann drängte sich noch ein -anderes Bild, ein heißerer Wunsch vor den lodernden Brand ihrer Rache. Er -durfte ja noch gar nicht verkommen und verdorben sein, solche geschmeidigen -Naturen wie dieser im Innern verpestete Aristokrat, sie fanden gewiß -tausend Mittel, um dem auf sie lauernden schimpflichen Verlöschen zu -entweichen. Welch ein Glück, welch eine rasende Wonne, wenn der zu Boden -Geschlagene und alles Hochmutes Entkleidete noch einmal gleich einem -schuldbewußten Dieb oder Bettler vor sie hintreten müßte! Ja, darauf -lauerte sie. Diese Erwartung trug Möglichkeit auf Möglichkeit in ihre -Gedanken, bis die Landtochter nicht einen Moment mehr daran zweifelte, -ihr würde diese erlösende Vergeltung von dem Schicksal, das jetzt über -Staaten und Völker rollte, beschieden sein. - -So stand sie und starrte in die Umgegend hinaus, auf den fernen -Feuerschein, auf die Felder, die von schwarzen Gestalten zu wimmeln -begannen, auf die blauen Gehölze, die zerschossene, verwirrte Gespanne und -rasselnde Züge schwarzer Kanonenrohre von sich ausspien. - -Vorbei, vorbei. Das Klirren, das Sohlenknirschen unzähliger sich -fortwälzender Fußgänger, der Wogenschlag und die Brandung heiserer -vernichteter Menschenstimmen lärmten ununterbrochen an dem weißen Anwesen -vorüber. - -Der Erwartete aber kam nicht. Er kam nicht, wie sehnsüchtig und gierig -auch zügellose Wünsche nach ihm ausschweiften. Und der Gutsherrin -bemächtigte sich die Furcht, Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des -Zaren, der Inbegriff und das Sinnbild einer zerfressenen Kultur, er könnte -von den schwarzen Wellen dort unter ihr bereits unerkannt vorübergetragen -sein. - -Wenn das möglich wäre, wenn er sich so gleichgültig gebärdete, -so rücksichtslos, so bitter feige! Und zum erstenmal in ihrer bangen -Erwartung preßte sich Johanna die Faust auf die Brust, und ein Frösteln -flog über ihre Glieder, weil sie den tiefsten Grund ihres irren Verlangens -nicht mehr unterscheiden konnte. - -Auch ein paar andere Augen wühlten sich beutehungrig hinter einem der nach -der Straße gelegenen Fenster in den vorüberschießenden Menschenstrom -ein. Schwarze, leuchtende Augen, die merkwürdigerweise in einem -sehnsüchtigen Glanz schwammen, obwohl sie doch in Wahrheit nur von -einem heißen, eigensinnigen Begehren erfüllt waren. Gleich Angelhaken -schwankten Mariannes Blicke mit der sturmgdrängten, brüllenden und -schreienden Masse dahin. Immer nur bereit, sich an ein einziges ersehntes -Idol anzuklammern. Nicht eine Spur des Triumphes war in ihr, daß die -eisengepanzerte Faust ihres Heimatlandes mit wuchtigem Schlag die fremden -Bedränger vor sich her stieß, nicht die geringste Erhebung weitete ihre -Brust über die dumpfe Wut und das ohnmächtige Entsetzen, welches die -vorüberstürmenden Slaven empfanden, nachdem sie zum erstenmal in das -gerunzelte deutsche Antlitz geblickt hatten. Nein, ihr abenteuernder und -irrlichterlierender Geist errechnete nur schwindelhafte Möglichkeiten, -wie sie für sich selbst mitten aus dem Zusammenbruch den blassen Schemen -irdischen Glanzes erraffen könnte. Eine goldene Fürstenkrone auf ihr -schwarzes duftendes Haar. Die gebührte ihr, die hatte man ihr zugesichert -unter tausend zärtlichen Eiden. Und die alles Urteils Beraubte und von -ihrer eigenen Schönheit völlig Betörte glaubte unverbrüchlich an diese -ihr zäh im Gedächtnis haftenden, lächerlichen Schwüre. Bald streckte -sich Marianne in dem kleinen Zimmer auf ein Ruhebett aus, um ihre -widerspenstig zuckenden Nerven durch die Lektüre eines Romans zu -beruhigen, bald schleuderte sie das Buch, aufgeschreckt durch das brausende -Toben, das durch die Mauern quoll, verstört und verständnislos wieder von -sich. Eben huschte sie vor den gebräunten Mahagonispiegel, denn in all -dem Graus und Lärm mußte sie sich doch davon überzeugen, ob sich der -schwarze Ledergürtel nicht störend verschoben hätte, da wurde rasch die -Tür geöffnet, und mit hastigen Schritten trat Johanna zu ihr ein. Über -der großen Blonden flammte noch das sonderbare Leuchten, der Abglanz des -unerhörten Begebnisses, und das weiße Antlitz strahlte wieder stolz und -kraftbewußt wie sonst. - -»Marianne,« rief sie mit unterdrückter Stimme, die nur schwer das -geheime Frohlocken bändigte, »siehst du dort draußen, wie diese -schlimmen Tiere von dannen ziehen?« - -»Ja, ich sehe,« versetzte die Schwarze an sich haltend, denn es verdroß -sie, sich ihrer rasenden Hoffnung nicht länger hingeben zu können. - -»Das haben die Unsrigen vollbracht. Oh, jetzt wird hier alles wieder -aufwachen, alles besser werden. In wenigen Stunden müssen unsere Truppen -hier sein. Mir ist es immerfort, wie wenn ich sie schon singen hörte.« - -Da zuckte Marianne widerwillig die Achseln. - -»Was sollen jetzt diese Übertreibungen?« widersprach sie mit der ihr -eigenen aufreizenden Lässigkeit, und die Absicht, den Jubel ihrer älteren -Schwester zu stören, trat feindlich zutage. »Vorläufig hört man doch -nur das Gestampfe und Getrappel der anderen. Was verstehen wir überhaupt -von solchen Dingen?« - -Entsetzt schlug Johanna die Hände zusammen. Länger vermochte sie die -schweigende Spannung, die zwischen ihnen beiden herrschte, nicht zu -ertragen. Es wurde alles klar um sie herum, jetzt mußte unbedingt auch -die Säuberung des verunreinigten Hauses folgen. Jetzt, bevor die Befreier -ihren Einzug hielten. - -»Mir scheint,« begann sie mit erhobener Stimme, indem sie näher auf die -noch immer vor dem Spiegel Weilende zutrat, »daß du mit der Horde, die -unser Dorf plünderte und ansteckte, die unsere Freunde und Verwandten -niederschlug, nachdem sie unsere ganze Provinz bis zur Erschöpfung -ausgesogen, ein überflüssiges Mitleid empfindest.« Voll und ohne -abzuirren ruhten jetzt ihre großen blauen Augen auf den dunklen Zügen der -Schwester, mit der sie ihre Rechnung zu Ende führen wollte. »Marianne« -fuhr sie klar und unerschrocken fort, »ich habe nicht gelernt, Versteck zu -spielen. Nimm an, ich wüßte genau, woher deine Sympathie stammt.« - -»Ich hege keine Sympathie für die da unten« schrie Marianne -ausbrechend und stampfte besinnungslos mit dem Fuß auf, denn die drohende -Auseinandersetzung verstärkte ihren Widerwillen gegen die große, -empfindungslose Blonde, die nicht wußte, in welchen Zwiespalt lodernde und -glückfordernde Seelen geraten können. - -Doch die Älteste von Maritzken blieb unerschütterlich. Ruhig hob sie das -fortgeschleuderte Buch auf, um es sauber geglättet auf den Tisch zu legen, -dann aber richtete sie sich zur Höhe und beharrte mit immer härterem Ton -auf ihrer Meinung. - -»Für die Masse vermagst du dich vielleicht nicht zu ereifern, um so mehr -aber leider für einen Einzelnen.« - -»Wie?« - -Die Angegriffene fuhr empor, stützte sich auf die Tischplatte, und im -Augenblick hatte sie den lange Jahre bewahrten Respekt vor der Großen -völlig vergessen. Spurlos entschwirrte ihr die Erinnerung, wie die Arbeit -dieses nüchternen blonden Weibes Tag auf Tag, Monate auf Monate Not -und Schmach von der gemeinsamen Schwelle ferngehalten, ohne dafür etwas -anderes zu verlangen, als daß auch die anderen Insassen des Hauses sich -ihre eigene spröde Sauberkeit zum Muster nähmen. Nein, das alles entfiel -der Erregten. Einzig und allein wurde sie von der fressenden Vorstellung -geschüttelt, hier stände jemand, aus dem nichts als Haß und Neid -emporschlage über das unerhörte Glück, das schon so nahe, zum Greifen -nahe, über der Jüngeren, Schöneren geschwebt hatte. Und jetzt, gerade -jetzt konnte jene goldene Hoffnung vielleicht dort unten vorübertraben, -während sie gezwungen wurde, die kostbare Zeit durch ein dummes -Familiengeschwätz zu vergeuden! Nie und nimmer! - -»Was sollen deine heimlichen Andeutungen?« rief sie zitternd in der Scham -einer Ertappten und doch voll Erbitterung darüber, daß sie noch immer -wie ein kleines Kind gegängelt werden sollte, »ich bin selbständig und -erwachsen und kann über mein Leben verfügen, wie ich Lust habe.« - -»Ich weiß nicht, ob du das kannst,« entgegnete Johanna, sich noch einmal -mit aller Gewalt bezwingend, »aber eines weiß ich sicher, ich würde -in deinem Fall vor den Männern, die in wenigen Stunden hier sein werden, -nicht die Augen aufzuschlagen wagen.« - -»Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei? Ich bin genau -so erbberechtigt wie du. Aber sei überzeugt, wenn es möglich wäre, hier -fortzukommen, der Abschied würde mir nicht schwer fallen.« - -Jetzt vermochte auch die Ältere den inneren Brand nicht mehr länger zu -zügeln. Vor dieser bodenlosen Undankbarkeit barst ihre Verwandtenliebe -und das erworbene Muttergefühl in Scherben auseinander. Eine Derbheit -bemächtigte sich ihrer, die etwas Bäuerliches an sich hatte. Mit beiden -Fäusten griff sie in die weichen Schultern der anderen und schüttelte sie -hin und her, als wollte sie sich die Ungeratene vor die Füße schleudern. - -»Genug,« kam es dabei ganz klar überlegt aus ihr heraus, »du sollst mir -die Freude an der herrlichen Erhebung nicht vermindern. Du hast auch -ganz recht, es wird Zeit, daß du dich auf eigene Füße stellst und die -Verantwortung für dein Tun allein übernimmst. Ich wenigstens will und mag -sie nicht länger tragen. Ich bin zu dumm und zu zurückgeblieben dazu.« - -»Das bist du, das bist du,« schrie Marianne außer sich hinter der -Schwester her, die bereits die Tür erreicht hatte; und in dem Bestreben, -die Enteilende an einer besonders empfindlichen Stelle zu treffen, setzte -sie die Hände in die Seiten und sprudelte, sich wiegend und in ihrem -scharfen, rücksichtslosen Ton: »Auf eigene Füße soll ich mich stellen? -Was steht mir nicht alles offen? Aber ich weiß schon was ich tue. Wenn -sich mein Wunsch nicht erfüllt, dann -- ja dann werde ich Schauspielerin. -Dazu passe ich. Das haben mir schon viele versichert.« - -Und in befriedigtem Triumph warf sie sich wieder auf das Ruhebett und -langte mit angenommener Gleichgültigkeit nach dem Buch, ganz als ob sie -imstande wäre, das Rollen und Toben, das Galoppieren und Schnaufen, all -die wahnsinnig drohenden Laute der sich hemmungslos vorwärts schiebenden -Massen zu überhören. - -Doch kaum hatte Johanna die Tür mit einem harten Schall zugeworfen, da -sprang Marianne von ihrem Lager, raffte ein Tuch über die Schultern und -stürzte ohne Furcht noch Zagen über den Hof bis an die Einfahrt. Fest -umklammerte ihre schmale Hand hier den viereckigen Pfeiler des Tores. -Dann beugte sie sich hinaus und bohrte ihre Blicke mit einer zähen, -verbissenen, ihr sonst ganz fremden Beharrlichkeit in den aufgescheuchten, -durcheinander quirlenden Zug hinein. - -Da -- und da -- und dort! -- Überall einzelne Reitertrupps, -unzusammenhängend, die verschiedensten Uniformen durcheinander -gemischt, Kosaken, Dragoner, Artilleristen, dazwischen Teile versprengter -Linienregimenter, triefend, kotig, die meisten ohne Waffen. Dahinter wild -in die Voranrückenden hineingeschoben Proviantkolonnen mit flatternden -und zerzausten Plantüchern, die der heulende Sturm hochtrieb und in Fetzen -zerriß. - -Eben noch dämmerte durch das schwerfällige Auffassungsvermögen des -suchenden Mädchens eine dumpfe Ahnung, daß alles, was hier vorüber -floh, ritt und rasselte, sich wie zerbrochene Scherben eines zerschlagenen -Geräts ausnähme, verwüstet und niemals wieder zu einem bestimmten Dienst -zusammenfügbar, -- da geschah das, was den hellen Stern, der so lange -über ihrem Haupte gefunkelt, herunterriß, um ihn in Kot und Schmutz zu -begraben. - -»Hilfe!« schrie Marianne gellend. - -Einer der mit vier Pferden bespannten Bagagewagen war plötzlich durch eine -Verwirrung der Stränge aus der Bahn der übrigen geschleudert. Wild zur -Seite setzend, preschten die Tiere in das offene Tor hinein, krachend -zerschellte das schwere Gefährt an den Mauern der Einfahrt. Und einem -irren Triebe gehorchend, sprang die Hinausstarrende mitten in die -vorüberhetzenden Trümmer der geschlagenen Haufen hinein. - -Ein Stoß -- und noch einer -- ein lauter Schmerzensschrei, -- dann ein -Straucheln und Wiederemporgerissenwerden, -- haarige Fäuste, die sich -roh in die Kleider des Mädchens einkrallten, -- zuletzt ein Schieben und -Hinaufzerren der Bewußtlosen in einen der krachenden und kreischenden -Planwagen. Was sich dort drinnen begab, das schlug zum Glück nur noch -wie der letzte Schein eines Erblindenden gegen ihr Bewußtsein. Auf nassem -Stroh lag sie ausgestreckt, inmitten blutender, stöhnender und fluchender -Menschen, und doch fühlte sie noch im Versinken, wie eine verpestete, -tierische Zudringlichkeit in ihrer ermatteten Schönheit wühlte. - -Das Begehren nach der Huldigung Ungezählter und Namenloser, es hatte sich -erfüllt. Jetzt riß es der Beraubten die goldene Fürstenkrone vom Haupt. - - * * * * * - -Wer sollte der Ältesten von Maritzken eine Aufklärung darüber erteilen, -wann und wohin Marianne verschwunden oder entwichen war? - -Keiner wußte es. - -Die schwarze Faust des Krieges hatte eben nur höhnisch, spielerisch in -den Hof hineingelangt, und es war nichts geschehen, als daß sich die -eisengepanzerten Finger wie in grimmigem Scherz um ein junges, blühendes -Geschöpf geschlossen hatten. Man sah nichts mehr von ihm, es war -zerquetscht. - -Verstört, verständnislos lief Johanna mit den wenigen Mägden in -der Wirtschaft herum, laut hallend rief man den Namen Mariannes in das -herbstliche Gehölz hinein, -- nirgends eine Spur von der Verlorenen. - -»Vorwärts in den Keller,« trieb Johanna an, von der der Glaube nicht -wich, es handle sich bei der Jüngeren nur um eine erklügelte Bosheit, die -sie ersonnen hatte, um sich für die harte Zurechtweisung zu entschädigen. - -Draußen auf der Landstraße kroch die gewaltige, schuppenhäutige Schlange -langsamer, träger dahin. Sie schien ermüdet zu sein, und das Quirlen -und Fauchen, das Heulen und Kreischen, das sie bisher ausgestoßen, wurde -seltener. - -Es war um die fünfte Nachmittagsstunde, als Johanna von ihrem vergeblichen -Abstieg in die unteren Räume des Hauses kopfschüttelnd zurückkehrte. -Schon von dem Flur aus bemerkte sie zurückzuckend, wie auf dem Hof ein -Trupp russischer Kavalleriepferde rings um den blauweißen Pfahl des -Taubenhauses zusammengekoppelt stand. Hochauf rauchte den Tieren das -struppige Fell. Einzelne von den todmüden Kleppern waren vorn in die Knie -gebrochen, andere hingen mit der Halsung bis auf das Pflaster herab, wo -sie gierig die wenigen Haferkörner aufschnupperten, die von den Tauben -übriggelassen waren. Ihre Reiter jedoch drängten sich in wilder Hast -aus den offenen Stalltüren. Dort drinnen wurde zusammengeschlagen und -auseinander gebrochen, was irgendwie einem Futterbehälter ähnlich sah. Es -blieb klar, hier galt es keiner bequemen Einlagerung mehr, hier wurde nur -noch in besinnungsloser Gier geplündert und fortgerissen, was man zur -Erhaltung einer letzten verebbenden Widerstandskraft benötigte. - -Von einer Ahnung durchschlagen, warf die Gutsherrin in hartem Schwung die -Tür des kleinen Wohnzimmers zurück, in dem sie vor kurzem noch mit ihrer -jüngeren Schwester gehadert und gestritten. - -Und dann -- - -Ihre Hand erstarrte auf der Klinke. - -Entsetzen -- nein, dem Himmel sei Dank -- nein, Entsetzen -- wer hatte sich -dort auf das Ruhebett geworfen, um das noch der leichte Duft von Mariannes -Parfüm schwebte? Unmöglich, es war nicht denkbar, daß diese zerrüttete, -halb offene Uniform, daß die herabhängenden Arme, die von Kot -überkrusteten Stiefel, die rücksichtslos über das untere Polster -gebettet lagen, -- nein, ausgeschlossen, dies alles konnte nimmermehr zu -der vollendeten, ebenmäßigen Gestalt gehören, die hier einst wie ein -fremder, aber doch herrlicher und lächelnder Gott einhergeschritten. - -Und doch -- alle Zweifel erwiesen sich als hinfällig, wo die Wirklichkeit -in ihrer grausen Majestät waltete. Wozu noch nach Gründen forschen, -weshalb Verknüpfungen zu verstehen suchen, jetzt, wo der prasselnde -Hagelschlag dort draußen die ganze Giftpflanzung gottlob zu zerschmettern -anhob! Hier lag nur eine einzige verkommene Blüte, ein gefährlicher -Kelch, dessen süße Dünste Gift und Verwesung um sich gestreut hatten. -Und solch ein zerknicktes Unkraut sollte man nicht vollends brechen und -vernichten können? - -Johanna wußte nicht, was sie dachte. Ohne klare Besinnung, wie ein großer -wachsamer Hund, der einen gefährlichen Eindringling umlechzt, schlich sie -näher. Auf Zehen. - -Der zerbrochene, übermüdete und zerschlagene Körper da vor ihr regte -sich nicht. In sich zusammengekrochen, mit schlaff herabhängenden Armen -lag er über die Polster gekrümmt, und als sich Johanna vorsichtig über -ihn beugte, entdeckte sie, wie bleierner Schlaf die sonst so gelenkigen -Glieder des Offiziers wie in einen Schraubstock einpreßte. Zerbeult -hing die Mütze ihm noch auf den wirren, schweißnassen Haaren. Grau -und zerfurcht spannte sich die Haut über die plötzlich hervorstehenden -Backenknochen, und sie drückten dem bekannten Antlitz unvermittelt ein -nicht zu verkennendes slavisches Gepräge auf. Auch der offenstehende Mund -entbehrte jener weichen Anmut, die ihn früher so verlockend umspielt. - -Aber eine unvorsichtige Bewegung ließ das Landmädchen die Schulter des -Hingestreckten streifen. Im gleichen Moment stieß der Schläfer einen -lauten Schrei aus und sprang in so haltlosem Entsetzen auf die Füße, das -rings umher alle leichteren Möbelstücke zitterten und bebten. Lodernd -waren die großen dunklen Augen des Russen aufgerissen, und seine Rechte -zuckte schwankend, betäubt nach einer umgeschnallten Pistolentasche, die -er trotzdem nicht fand. - -Sprachlos starrten die beiden Menschen sich an. Und es dauerte eine -geraume Weile, bis sich Fürst Fergussow auf seine Umgebung und auf -seine Gastgeberin zu besinnen schien, auf das blonde Weib, deren hohe -festgefügte Wucht ihm in dem dunklen Zimmer alle Fassung geraubt hatte. - -Wo waren die Lebensart, die nie versagenden Formen des Hofmannes geblieben? -Er begrüßte die Dame des Hauses nicht, er gab ihr über den Zweck seines -Wiedererscheinens keine Auskunft, er versuchte nicht, sein Hemd über der -nackten Brust zusammenzuziehen. Müde, leer, unwillig, wie jemand, der sich -über einen unwillkommenen Zuschauer ärgert, streifte er das schweigende -Landmädchen mit einem mißtrauischen Blick, bis er sich schließlich -stöhnend und scharrend auf einen Stuhl am Tisch niederließ. Mitten durch -die Dunkelheit verfolgte Johanna, wie Dimitri Sergewitsch dort seinen Kopf -in beide Hände nahm, wobei es ihm endlich auffiel, daß die Feldmütze -noch immer sein Haupt bedeckte. Mit einem Fluch schleuderte er sie auf die -Erde. Und erst durch jene Anstrengung völlig zu sich gebracht, schien er -über sich und seinen Zustand nachzubrüten. - -»Geben Sie mir etwas zu essen,« war das erste, was er forderte. Er -verlangte es in einem Ton, der keinerlei Bekanntschaft mit der Angeredeten -ahnen ließ und der nichts als stummen Gehorsam erwartete. - -»Unsere Vorräte sind ausgeraubt,« erwiderte Johanna trotzig, denn ihr -Triumph über die ungeheure Zerschmetterung der bisherigen Bedränger -verleitete sie zu der Unklugheit, die noch immer vorhandene Macht der -Fremden geringzuschätzen. Auch durchströmte sie ein seltsames Wohlbehagen -dabei, als sie sich jetzt zum erstenmal den Geboten dieses glatten -Machthabers zu widersetzen wagte. - -Doch der Mann am Tisch sprach weiter, als wäre ihr Einspruch spurlos an -ihm vorübergeweht. - -»Machen Sie Licht,« verlangte er, unbehaglich und nervös mit den -Stiefeln scharrend, »und dann bringen Sie mir eine Tasse Tee und Fleisch, -viel Fleisch. Ich bin hungrig.« - -Allein Johanna rührte sich noch immer nicht von der Stelle. - -»Ich sagte Ihnen schon ...« - -»Gehorchen Sie,« schrie der Russe plötzlich in einer Wut, vor der -Johanna wie vor einem Faustschlag zurückfuhr. »Ihre Landsleute haben -uns gelehrt, wie Krieg geführt werden muß. Verstehen Sie? Glauben -Sie vielleicht, daß ich Lust und Zeit habe, Tanzstundenredensarten zu -verschwenden? Danken Sie Gott dafür, daß ich noch immer an Roheiten -keinen Geschmack gewinnen kann. Sonst müßte ich Ihrem Volke gegenüber -meine Wünsche mit anderem Nachdruck vertreten. Und nun, bitte, bringen -Sie, worum ich Sie ersuchte. Auch eine Flasche Wein wünsche ich auf den -Tisch.« - -Er streckte die Hand gegen die Tür wie ein Herr, der seine Untergebene zur -Eile mahnt. Johanna aber warf das blonde Haupt in den Nacken und verließ -aufgerichtet und selbstbewußt das Zimmer. Nicht durch das Zucken einer -Wimper verriet sie dabei, wie schmerzhaft der Schreck über das veränderte -Wesen des früher so zartfühlenden, weichen Menschen in ihr wühlte. -Allein auch jetzt, da die verwüstete Erscheinung hinter ihr versunken war, -sollte die Gutsherrin zu keiner Klarheit über das gelangen, was doch die -nächsten Stunden bringen mußten. Nur eines schwang vor ihren starren -Augen in roten Kreisen herum, er sollte nicht fort von hier, bevor -- ja -bevor -- -- - -Hier jedoch verwirrte sich bereits ihr Verlangen, denn sie schrak vor -ihren eigenen durcheinander rasenden Plänen zurück, weil ihre Absichten -körperlich wie mit schwarzen Flügeln um ihr Haupt taumelten. Auch sollte -sie scheinbar nicht die letzten Grenzen ihrer Wünsche durchmessen, denn -als sie in der Dunkelheit noch eine kurze Weile auf der rot gepflasterten -Diele verweilte, da vernahm sie zusammenfahrend, wie eine vertraute, lang -vermißte Stimme flüsternd ihren Namen nannte. - -Gegen den Pfosten des Eingangs drückte sich eine untersetzte Gestalt. - -»Fräulein!« - -»Ja, wer sind Sie? -- Herr im Himmel, Baumgartner!« - -»Ich bin's,« kam es von der anderen Seite kaum vernehmlich zurück. -»Treten Sie einen Augenblick zu mir auf den Hof, gnädiges Fräulein, denn -ich habe Ihnen etwas auszurichten.« - -Mit einem Sprung, atemlos, fuhr Johanna an die Seite des Verwalters. In der -Aufregung, den Verlorengeglaubten unverletzt wiederzusehen, streckte sie -dem treuen Mann beide Hände entgegen. Der Wirtschafter aber machte ihr mit -der Schulter warnende Zeichen gegen die dunklen Gestalten hin, die den -Hof bevölkerten, und flüsterte in seltsam verhaltener Erregung dasjenige -hervor, was sein erschüttertes Gemüt nicht länger verschließen zu -können meinte. - -»Wie sind Sie hierher gekommen, Baumgartner? Waren Sie gefangen?« - -»Später Fräulein, alles später. Um Gottes willen vorsichtig. Ich habe -ihn gesehen.« - -»Wen?« - -»Unseren Nachbar, Ihren Vetter, Herrn von Stötteritz. Sie streifen dort -hinten schon in den Wäldern herum. Er trug mir auf, Ihnen zu sagen, in -längstens drei Stunden sei er mit den Ulanen hier.« - -»Baumgartner, besinnen Sie sich, ist das wahr?« - -»Es ist so wahr, wie ich meine Frau und meine kleine Marielle gesund -wieder zu treffen hoffe. Ach, Fräulein,« zischte es haßerfüllt und -lauter, als es die Vorsicht gebot, aus dem sonst so stillen Menschen -heraus, »wenn man die Mordbrenner nur so lange hier festhalten könnte! -Dann würde ihnen heimgezahlt werden für alles, was sie uns angetan. Aber -diese Bande hat Lunte gerochen und wird sich verkriechen.« - -Durch Johanna rieselte eine schneidende Kälte. - -»Das werden wir sehen,« sprach sie sich aufrichtend. - - * * * * * - -Die letzten verborgenen Vorräte prangten auf der Tafel des kleinen -Eßzimmers. Leuchtend bedeckte das beste weiße Damastleinen den Tisch. -Statt der elektrischen Birnen, die schon seit langem unterbunden waren, -verbreitete eine hohe altertümliche Porzellanlampe unter einer matten -Milchglocke hervor ihren dämmernden Schein, und sogar das ehrwürdige -Familiensilber hatte unvermutet wieder den Weg aus den Kellern an seine -alte Stätte gefunden. Auch die Hausherrin ließ es sich nicht nehmen, -ihren hochgeborenen Gast selbst zu bedienen. Ohne zu zögern hatte sie -sich ihm gegenüber niedergelassen, und sie wurde es nicht müde, dem halb -Verschmachteten, der so gierige und verlangende Blicke auf Speise und Trank -heftete, das oft geleerte und hastig heruntergestürzte Glas immer von -neuem mit dem schweren dunklen Rotwein zu füllen. - -Kein überflüssiges Wort wurde zwischen ihnen gewechselt, keine -Unterhaltung wollte aufkommen, nur als die Älteste von Maritzken -beiläufig von dem Verschwinden Mariannes berichtete, da fing sie -feindselig auf, mit welch völliger Gleichgültigkeit, ja wie erleichtert -der russische Oberst von der unerklärlichen und beängstigenden Tatsache -Kenntnis nahm. - -»Ah,« murmelte er, sich den Mund wischend, »die junge Dame ist sehr -gewandt. Ich wette, sie wird irgendwie in die Stadt geraten sein.« Und -sich zurücklehnend und langsam seine Uniform zurecht streichend, setzte er -wie in der Rückerinnerung an seine ehemalige hilfreiche Art hinzu: »Ich -werde mir ein Vergnügen daraus machen, dort drinnen in Ihrem Namen eine -Erkundigung einzuziehen.« - -Da glitt ein Schatten über das Antlitz der Wirtin. Und mit Anstrengung und -einem so unsicheren Ton, daß es ihrem verdüsterten Gast auffiel, rang sie -sich ab: - -»Wollen Sie denn heute noch weiter, Durchlaucht?« - -»Ja, ich muß, ich muß,« stieß Fürst Fergussow hervor, der sich -inzwischen erhoben hatte und ans Fenster getreten war. »Dieser -Abschnitt wird von anderen unserer Truppen besetzt werden. Aber seien Sie -unbesorgt,« kehrte er sich langsam zu ihr, und allmählich drang wieder -etwas von seiner einfangenden Höflichkeit in sein Wesen, »ich lasse -Ihnen auch diesmal einen Schutzbrief zurück und hoffe, daß man ihn trotz -unserer mißlichen Umstände beachtet.« - -»Sie sind sehr müde,« sprach Johanna zögernd, und wenn der andere -genauer hingehorcht hätte, dann müßte er unfehlbar die schleppende -Anstrengung aus ihrem Vorschlag herausgefunden haben, »Sie sehen -eingefallen und kränklich aus,« drängte es unwillkürlich aus ihr -weiter, und ohne daß sie es wußte, gewannen für einen Augenblick Angst -und Besorgnis für dieses zerbrochene Menschenbild in ihr die Oberhand. -Eine Verwirrung, eine Umwälzung gärten in ihr, der selbst die kräftige -Walküre nicht gewachsen blieb. »Sie sollten sich hier noch eine Nacht -lang Ruhe gönnen. Ich glaube bestimmt, das wird Sie aufrichten.« - -»Nein, nein, ich danke Ihnen, -- ich danke Ihnen aufrichtig,« wehrte sich -Dimitri Sergewitsch, während er unruhig im Zimmer auf- und niederschritt. - -Wechselnde Schatten huschten dabei über seine verstörten Züge, die das -frühere glatte Lächeln völlig verlernt zu haben schienen. Nervös griff -er mit den Händen hierhin und dorthin. Es war ein Jammer, die fliegende -Unrast dieses gehetzten Mannes beobachten zu müssen. Plötzlich warf er -sich wieder an dem Tisch nieder, strich sich die braunen Locken zurecht und -stützte das Haupt schwermütig auf seine Rechte. - -Johanna bebte. - -Denn die dunklen Augen, die sie jetzt so verzweifelt, so anklagend -umfaßten, es waren dieselben, die Jahre um Jahre wie eine Verkündung -ihres Loses auf sie herabgeschaut hatten. - -»Liebes Fräulein,« begann der Sitzende zu flüstern, und in seinen Augen -sprühte das Entsetzen höher und höher, »wenn Sie wüßten, was wir -verurteilt waren, zu sehen! Nein, ich kann und darf Sie nicht damit -ängstigen. Die menschliche Natur ist in ihren Urzustand zurückgesunken. -Die Bestien heulen sich an, reißen sich mit den Hauern das Fleisch von -den Knochen und saufen ihr Blut. Das Grauen und der Ekel wird zu einer -wollüstigen Unterhaltung. Und doch -- oh, es ist fürchterlich -- -während wir den widerlichen Geschmack auf der Zunge spüren, während alle -Maßstäbe des Menschlichen zwischen unseren Händen zerbrechen, da summt -etwas Irrsinniges, etwas Aufreizendes in unseren Adern. Eine ungezügelte, -wahnsinnige Lust, alle Schrecken von neuem durchzukosten, damit wir unsere -tanzenden Nerven mit noch unvorstellbareren Scheußlichkeiten sättigen.« - -»Wünschen Sie sich gleichfalls etwas Ähnliches?« fragte Johanna hart, -denn bei seinem Ausbruch fiel ihr plötzlich ein, wen sie vor sich hatte. - -»Ich?« Der Fürst sprang auf, preßte die Hände zusammen und schlug -sie verzweifelt gegen seine Stirn. »Wie kann ich Ihnen das beschreiben?« -stieß er unglücklich und zerbrochen hervor, und ein schriller Wehlaut -entrang sich ihm. »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das alles mitteilen soll, -denn was gehen Sie mich im Grunde an? Vielleicht habe ich auch um Sie nicht -viel Gutes verdient, und es ist sehr möglich, daß Sie mich hassen.« - -Jetzt erhob sich auch das große blonde Mädchen. Schwerfällig griff -sie hinter sich an die Decke einer altertümlichen Kommode, um sich zu -stützen. Ihre stählernen blauen Augen folgten unausgesetzt den -wilden Gängen ihres Gastes, ihre Lippen bewegten sich, aber irgendeine -Einwendung, die der aufgescheuchte Offizier zu vernehmen wünschte, sie -vertrocknete ihr auf der Zunge. Und in seiner jagenden Hast hatte der -erregte Mann auch längst wieder vergessen, was er eben noch zu erkunden -begehrte. Oder es schien ihm nebensächlich, gleichgültig. Mit -fliegender Hand zauste er an den Gardinen, die weiß und traulich vor der -hereinbrechenden Nacht hingen, und ohne Rücksicht, ja ohne zu ahnen, wie -grauenhaft es wirkte, preßte er das dünne Gewebe vor seine Stirn, um sich -den perlenden Schweiß zu entfernen. - -»Ich bin vielleicht feige« stöhnte er dabei in einer schneidenden -Entladung, »ich mag auch aus diesem grauen Wams und dem krummen Säbel -kein Gewerbe machen. Aber wenn man mit ansehen muß, wie diejenigen Leute, -die kurz vorher mit einem aßen und tranken, die sich auf dasselbe Stroh -streckten, warm wie ich, hilflos, ja hilflos wie wir alle, wenn man mit -ansehen muß, wie diese Erbarmungswürdigen ihren Verstand verloren, wie -sie mit wütenden Sprüngen in Sumpf und Morast setzten und zu Hunderten, -zu Tausenden, umheult, umzischt von feuerspeienden Geschossen, in dem -weichen, grünen, schwammigen Morast einsanken, Zoll für Zoll, Strich für -Strich, dann -- dann -- --« - -»Was?« kam es von Johanna scharf. - -»Dann,« keuchte der Offizier, und seine Finger kratzten auf den -Brustklappen der Uniform herum, als wolle er sie von neuem aufreißen, -»dann schreit man auf zu der Vernunft oder zu irgend etwas, was besser ist -als wir, und zetert und brüllt um Antwort, warum es zur Verschiebung -von ein paar Kilometer Sprach- oder Kulturgrenzen so vieler aufgeputzter -Mörder bedürfe.« - -Er stand wieder vor den Fensterscheiben, und abermals fuhr der Gehetzte mit -dem Tüll der Gardine über sein gelbes, erdfahles Gesicht. Johanna lehnte -noch immer an der Kommode. Und obwohl irgendein unwiderstehlicher Zwang -sie dazu antrieb, über die Schulter ihres abgekehrten Gefährten in die -Dunkelheit hinauszuspähen, so regte sich gleichzeitig eine unnennbare -widernatürliche Freude in ihr, aus dem angstgeschüttelten Menschen noch -mehr Todesgrauen herauszuziehen. Ihre Hände wurden eiskalt, die Zähne -bebten ihr leise gegeneinander, und ihre Augen maßen unaufhörlich die -wohlgebildete, wenn auch jetzt zusammengesunkene Gestalt des Fürsten, -während ihre Gedanken fortwährend von der Vorstellung durchschnitten -wurden: »Du ruhst auch bald -- du auch -- du auch.« - -»Haben Sie viele von den Ihrigen verloren?« fragte sie unwillkürlich -weiter, und sie konnte nichts dafür, daß es trotz ihres eigenen Bangens -überlegt und berechnet klang. - -Ein tiefes Atmen stöhnte zu ihr herüber. - -»Viele?« stammelte der andere sich schüttelnd, »hören Sie auf. Merken -Sie denn nicht, daß da oben bei mir die Stränge und Fäden reißen? -Daß ich ein jemand bin, der vergessen hat, wie er heißt und wo er -hingehört?« - -Er wandte sich plötzlich zurück, und seine Blicke fuhren aufgescheucht -in den Ecken umher, bis er auf dem Ruhebett seinen abgeschnallten Säbel -entdeckte, auf dem Boden die Feldmütze und auf einem Stuhl die abgelegten, -von Schmutz umkrusteten Handschuhe. - -»In eine Schlächterkammer war ich eingesperrt,« schrie er plötzlich, -»die draußen mit Nägeln zugehämmert war, während drinnen -- --« - -Ohne zu vollenden stürzte er völlig haltlos auf das weiche Polster zu, -warf sich seinen Degen um die Schulter und streifte sich erschöpft und -zitternd die Handschuhe über. Dann riß er das Fenster auf und rief einen -kurzen Befehl zu dem dort draußen haltenden Soldatenpiquet hinaus. Es -klang wie ein Angstschrei. - -»Gute Nacht, gute Nacht, liebes Fräulein,« stotterte er und prüfte -mechanisch die Füllung seiner Pistolentasche, »ich habe mich schon zu -lange aufgehalten. Wer kann wissen, was hinter einem ist? Nichts gehört -einem mehr, selbst der Wille ist uns genommen. Leben Sie wohl. Und wenn Sie -sich zuweilen meiner erinnern, dann, ja dann denken Sie nicht an das, was -aus mir gemacht wurde. Nein, nicht an das,« wiederholte er bitter und -drückte sich die Mütze achtlos auf den Kopf. - -In diesem Augenblick vollführte der Oberst eine Bewegung, die das -Schicksal der Bewohner des weißen Hauses zu Maritzken entschied. -Hinter Johanna, auf der Platte der Kommode, stand ein Bild, das Marianne -vorstellte. Fürst Fergussow ergriff es, warf einen leeren Blick darauf -und stellte es rasch wieder an seinen Platz, eilfertig und voll Scheu, als -wäre das Bild ein Dorn, an dem er sich die Finger blutig gerissen. - -»Gute Nacht,« wiederholte er ohne besondere Bewegung, »gute Nacht.« - -Da regte sich Johanna zum erstenmal. Jedes Bewußtsein war von ihr -gewichen, sie hörte nur immerfort dasselbe wilde Summen, das, solange sie -hier weilte, beständig durch ihr Denken trommelte. Abwehrend griff auch -sie nach dem Rahmen, und die Hände der beiden Menschen schlossen sich -umeinander. - -»Sie sollten diese eine Nacht noch bleiben,« murmelte sie mit einem irren -Lachen. - -Was dann folgte, wußte sie nicht mehr. - -Der Fürst starrte sie eine lange Zeit verständnislos an, dann nahm er -langsam seine Mütze vom Haupt, zuckte die Achseln und ließ sich müde, -geistesabwesend von neuem an dem Tisch nieder. - -Er wartete. - - * * * * * - -An dem Fenster ihres verschlossenen Schlafzimmers lauschte Johanna in -die Dunkelheit. Hinter ihr in dem schmucklosen Raum herrschte vollkommene -Finsternis, denn in ihrer angstgeschüttelten Verwirrung hatte die -Gutsherrin nicht gewagt, ein Licht zu entzünden. Nun fing das harrende -Weib jeden Laut auf, der von dort hinten herüberdrang, wo sich vor ihrem -geistigen Auge die dichte Wand der Wälder dehnte. - -Von dorther mußten sie kommen. - -Die Befreier, die reinen und hellen, die sich selbst zur Bürgschaft -einsetzten für das Gelübde, das sie der Heimat verpfändet. Todesschreie -würden gellen, ein roter Sprühregen zischen, und doch -- ihr Handel war -gut und recht, und das tiefste Empfinden, die heißeste Sehnsucht eines -Volkes sprach ihn heilig. - -Aber sie, die hier am Fenster lauerte, was verübte sie inzwischen? Durfte -sie den Plan, das trügerische Gespinst auch für rein und hell ausgeben, -in dessen Maschen sie einen seiner Kraft und wohl auch halb des Verstandes -Beraubten einzuschnüren suchte? - -Doch, doch, nur jetzt nicht grübeln und zerfasern, um alles in der Welt -nicht. Man würde sie loben, ganz sicher, es handelte sich ja um einen -Fürsten, um einen höheren Offizier, um einen verächtlichen Wicht, der -sich nicht gescheut hatte, das Gewand schuldloser Frauen in Fetzen zu -reißen. - -Schuldlos? - -Draußen strich der Wind über die Strohdächer der Scheunen, und -die Aufgeregte hätte darauf schwören mögen, daß sie soeben ein -geisterhaftes Lachen vernommen. Vorsichtig schloß sie das Fenster und -verschränkte beide Hände gegen die Stirn. Ihre Finger schauerten so kalt -gegen die Schläfen, daß in das Denken der Einsamen eine unerbittliche -Klarheit drang. - -Schuldlos? - -Nein, das war eine bequeme Lüge. Das eine der Mädchen von Maritzken hatte -sich dem Eindringling gewiß jubelnd preisgegeben, denn er war herrlich von -Ansehen, und irdischer Glanz strahlte blendend von ihm aus. Und die andere? - -Ahnte irgend jemand etwas von dem Aufstand und dem Brand geweckter Sinne? -Von dem wahnsinnigen Gewitter einer erträumten Hingebung, das hier in dem -engen Raum einstmals in widerspruchsvoller Einsamkeit gewütet? - -Und wenn nichts als dieses Letzte wahr blieb! Johanna biß sich auf die -Lippen, riß ungestüm ein Zündholz an und beleuchtete das Zifferblatt -der kleinen Standuhr. Die Zahl zuckte auf, es war drei Viertel auf sieben. -Höchstens noch eine Stunde, dann mußte alles vorüber sein. - -Allein, aus dem verendeten Lichtschein sprang plötzlich weiß, -schattenhaft und doch voll zitternden Lebens das Haupt des toten -Preußenprinzen empor. Und Johanna hielt inne und horchte auf die Schläge -ihres sich krampfenden Herzens. - -So fahl und leblos mußte bald ein anderes Antlitz dämmern. - -Und dann dieser letzte Blick, in dem noch die Erkenntnis verendete, daß -hier eine häßliche Spinne gesessen, die beutehungrig Fäden auf Fäden um -einen arglos Vertrauenden gesponnen. Pfui, das war jammervoll. Das ertrug -die aller List Abgewandte nie und nimmer. Dagegen verknisterte die Trauer -um ihre verlorenen und versprengten Angehörigen zu Asche. Und in einer -besinnungslosen Aufwallung rüttelte Johanna an dem Griff der Tür. - -Doch das Holz blieb verschlossen. Ah richtig, sie hatte sich ja selbst in -kühler Berechnung eine Mauer gegen jedes weichliche Mitleid errichtet. -Und mit einem schmerzlichen Stöhnen sank die Hausherrin auf den nächsten -Stuhl, faltete matt die Hände in ihrem Schoß, und zwischen Fieber und -Erschlaffung hörte sie, wie die Zeit mit verhängtem Zügel weiter raste. - - * * * * * - -Zu derselben Frist, da die Älteste von Maritzken ihre unstete Sehnsucht -nach den ihrem Schutz anvertrauten Mädchen ausschickte, da kletterte die -eine von ihnen, Marianne, mitten auf dem Marktplatz der Stadt, verstohlen -und wie im Traum, aus dem Planwagen der Verwundeten herab. Niemand hinderte -sie, keiner hätte sie eine Minute später in dem wütenden Lärm, in dem -Schreien und Toben, das ringsherum wirbelte, zu unterscheiden vermocht. -Eine dicke Finsternis lagerte über dem früher so ordnungerfüllten -Gemeinwesen. Keine Gasflamme warf ihren Schimmer auf die Bürgersteige. -Seit einer Stunde versagten aus einem geheimnisvollen Grunde die -Zuflußrohre der Leitungen. Statt dessen hörte man in kurzen Abständen -aus der fernen Anstalt dumpfe, knatternde Explosionen in die Höhe knallen. -Und doch gab es hie und da eine Art trauriger Beleuchtung. Einzelne Häuser -der Vorstädte oder der weniger betretenen Seitengassen hatten Feuer -gefangen, überall in der Luft wehte ein beizender Dunst von Petroleum und -Benzin, und der Verdacht lag nicht fern, plünderungssüchtige Banden, die -in dieser allgemeinen Auflösung weniger denn je den Namen von Soldaten -verdienten, hätten die gefährlichen Flüssigkeiten selbst über die -kleinen ehrbaren, schiefwinkligen Häuserchen gegossen. - -Aus dem unentwirrbaren Knäuel der Bagagewagen schlich sich Marianne -zur Seite. Hindurch durch Geschützbespannungen, durch schreiende -und brüllende Haufen, die sich aus versprengten Trümmern wieder in -ordnungsmäßige Kompagnien und Regimenter zu schichten suchten. Zwischen -den wilden Schreien der Verwundeten wand sie sich dahin, die unbekümmert -und in Hast mitten auf die Pflastersteine des Marktes ausgeladen wurden. -Vorbei an scheuenden Pferden und hilflos am Boden kauernden Trupps, die -sich niedergeworfen hatten und den Gehorsam zu verweigern schienen. Durch -die Zertrümmerung und das Auseinanderbrechen einer zurückflutenden Armee, -die noch einmal dazu zusammengerafft werden sollte, eine letzte Stellung -zu verteidigen. Durch das Grauenvolle der in allen Rädern zerschmetterten -Maschine, die nur noch sinnlos kreischte, rasselte und surrte. Und wie -schwarz und ameisenhaft es sich um die Davonwankende herumdrängte, welche -lasterhaften Flüche, welche rohen Beschimpfungen in einer fremden Sprache -gegen sie brandeten, das Mädchen in den zerfetzten und blutbesudelten -Kleidern besaß nicht mehr das geringste Verständnis für ihre Umgebung. -Schlürfend tastete sie sich vorwärts, mit der Rechten kraftlos an den -Mauern der dunklen Seitenstraße entlang gleitend. Was sie dort suchte, -wußte sie nicht mehr. Sie wollte nur gehen und gehen und wandern, nachdem -sie vorher schmachvolle Stunden, jeder Bewegung beraubt, auf dem faulenden -Stroh des Planwagens verbracht. Das war gar kein Mensch mehr, sondern ein -Wesen, das sich gedankenlos fortbewegte und nur noch eine stumpfe Freude -darüber empfand, weil ihre verschnürten und gefesselten Glieder -sich trotzalledem dehnten und regten. Zu anderen Zeiten hätte ein -Vorübergehender stehen bleiben können, um der Bettlerin ein Almosen in -die Hand zu drücken. So rasch, so von Grund aus, so irrsinnig hatte -der Krieg, der der Umsturz alles Bestehenden ist, ein blitzendes Leben -ausgelöscht und in den Kot geschleudert. Und gleich ihr Tausende, -Abertausende, die noch atmeten und gar nicht begriffen, daß sie schon -begraben waren. - -Aber jetzt in der pechfinsteren und menschenverlassenen Gasse, da schlugen -Stimmen an das Ohr der Gleichgültigen, von denen getroffen sie ihr müdes -Weitertasten unterbrach, um in fernem Besinnen durch Dunst und Nacht zu -horchen. - -»Sehen Sie sich noch einmal nach ihm um, lieber Bienchen,« klang es -wohllautend und doch zugleich von einer anheimelnden Güte durchdrungen, -»ich werde hier auf Sie warten. Aber dann -- dann muß es sein. Länger -dürfen wir es nicht mehr aufschieben, sonst könnten unsere ganzen Sorgen -und Bemühungen vergeblich gewesen sein. Und das wollen Sie doch nicht?« - -»Nu nein, ich will es nicht,« ertönte bekümmert und kleinmütig eine -kratzbürstige Reibeisenstimme dagegen. »Wie darf ich Sie allein lassen -bei dem Schauderhaften? Ich leb' sowieso nicht mehr. Wahrhaftig, ich stell' -mir immer vor, daß ich mich nur noch auf Kredit, auf Borg hier unten -befind'. Nun also, ich werd' durch den Keller gehen und mich nach ihm -umsehen. Sie werden sich ganz ruhig verhalten und hier warten. Aber bei -meinem Leben, 's ist schrecklich solch ein Geschäft.« - -Während der letzten Worte wurde an einer unsichtbaren Tür geschlossen, -und dann verloren sich hinunterschlürfende Tritte in einem Erdgeschoß. - -Gleich darauf war alles still wie zuvor. Doch nein, hinter dem -Häuservorsprung, den man kaum noch unterscheiden konnte, stahl sich eine -Melodie hervor. Der Zurückgebliebene vertrieb sich die Zeit durch ein -klangreiches Summen, und die feinen Schwingungen wie das zarte Taktgefühl -bekundeten deutlich den geübten Musiker. - -Um Gottes willen, das konnte doch nicht -- --? - -Und so abgerissen die Noten sich auch dem verschleppten Mädchen -einprägten, sie erweckten ihr doch das Bewußtsein, daß sie nicht immer -als eine Entwürdigte und Verstoßene durch die Gassen geirrt sei. Langsam -wachte sie auf, und eine matte Gier nach Ruhe und Schlaf und Vergessenheit -überfiel sie. Mit einem unsicheren Schritt trat sie näher, streckte den -Arm aus und fuhr zurück, als sie in der Dunkelheit ihre Finger auf dem -Stoff einer groben Arbeitsjacke spürte. - -»Ich weiß nicht, -- Fritz -- Fritz Harder, bist du es?« wollte es sich -ihr in einer heiseren, ihr selbst schreckhaften Sprache entringen, da wurde -mit einem festen Griff nach ihrem Arm gefaßt und dadurch jede weitere -Anrede im Keim erstickt. - -»Keinen Namen,« forderte eine Stimme, die allen Widerspruch ausschloß -und die dennoch das vor Erschöpfung strauchelnde Weib mit ihrer bekannten -ehrlichen Wärme ins Leben zurückrief. »Aber du, Marianne, -- Sie -- wie -kommen Sie hierher?« - -Der Angeredeten gebrach es an Atem, sie schwankte und lehnte sich fest -gegen den angebotenen Arm. - -»Sie haben mich verschleppt,« stöhnte sie, und zum erstenmal in ihrem -anspruchsvollen und verwöhnten Dasein stürzten der Zerschmetterten -Tränen der Verzweiflung über die Wangen. - -»Ist Ihnen etwas geschehen?« forschte durch die Dunkelheit hindurch -dieselbe gütige Stimme. - -Keine Antwort. - -»Ist Ihnen etwas geschehen?« - -Da schüttelte die Schluchzende langsam das Haupt. Ein erster Anfang -regte sich in ihr, ein Haschen, ein Besinnen, wie man aus den zerbrochenen -Scherben vielleicht doch wieder die alte leuchtende Pracht aufrichten -könne. Man brauchte ja nur die Kraft zu besitzen, das taumelnde Erlebnis -fest in sich zu verschließen, ihm keine Ausgänge zu gewähren und dem Tag -und der Nacht mit unverändert stolzen Augen ins Antlitz zu schauen. Und -war es nicht ein beredter Zufall, daß sich ihr sofort eine dienende Hand -entgegenstreckte, die gewiß keinen höheren Ehrgeiz kannte als sie zu -stützen? Noch blitzten solche Erwägungen unbestimmt und verwirrend durch -das zerhämmerte Hirn, und doch sprach sie schon etwas gefaßter: - -»Ich muß mich setzen können, Fritz. Du mußt mich in dein Zimmer führen -und -- und bei mir bleiben.« - -Auf der anderen Seite blieb es eine Weile still. Deutlich merkte -Marianne, wie neben ihr in der Finsternis ein heftiges Ringen um Ruhe und -Gelassenheit anhob. Dann aber entgegnete ihr unsichtbarer Gefährte mit -derselben Entschiedenheit, durch die das Mädchen schon zu Anfang in -Erstaunen gesetzt war: - -»Marianne, ich kann Sie nicht begleiten. Das Haus ist von russischen -Offizieren belegt, und nur den Keller haben sie dem Uhrmacher Adameit, -meinem ehemaligen Hauswirt, übrig gelassen. Dort unten liegt er nun -gelähmt, vom Schlage getroffen, zwischen Leben und Sterben. Sie tun gewiß -ein gutes Werk, wenn Sie zu dem Hilflosen hinabsteigen. Auch wird in dem -dumpfen Raum kein Mensch eine Dame, wie Sie, vermuten.« - -»Eine Dame?« - -Die Zurückgewiesene erschrak, als sie die jetzt so wenig zutreffende -Bezeichnung auffing. Auch schwindelte ihr vor der Erkenntnis, wie ihr in -ihrem Unglück selbst der letzte so sicher errechnete Beistand entglitt. -Und dann -- ein feuchter Keller sollte das Prunkgemach bilden, das ihr -Schutz bot? Und ein gelähmter Handwerker ihr zur Gesellschaft dienen? Oh, -es schwirrte durch die zerrissenen Sinne. Jedes Gefühl für Würde und -Stolz entwich der Gedemütigten, und ohne zu ahnen, welche Wirkung sie -hervorbrachte, verlegte sie sich aufs Schmeicheln. - -»Fritz, so kannst du mich nicht behandeln -- denk doch nur, du darfst mich -nicht verlassen. Hast du mich wirklich ganz vergessen?« - -Sanft versuchte sie seine Wange zu streicheln, allein mitten auf dem Wege -wurde ihre feuchte kalte Hand von neuem festgehalten. - -»Ja, Marianne,« beharrte der junge Offizier, der plötzlich so markig -und schwungvoll sprach, wie sie es noch nie von ihm gehört, »es ist -eine Aufgabe auf mich gelegt worden, vor deren Ernst und Wichtigkeit alles -andere zurücktritt. Dem Himmel sei Dank, daß es einen solchen Ruf gibt. -Tausende hören ihn jetzt und begreifen gar nicht mehr, daß sie noch vor -kurzem eigene Wünsche hegten. So geht es auch mir. Ich grolle dir nicht -und zürne dir nicht, ja ich danke dir dafür, weil du mich so frei und -ungebunden für meine einzige Liebe und meine große Sehnsucht werden -ließest.« - -»Wer ist das?«, flüsterte Marianne verletzt und beleidigt. - -Da lachte der Offizier im Arbeiterwams. - -»Das ist der Boden, auf dem du stehst, die Sprache, die du redest und das -Volk, das dich geboren. Du wirst erst wahrhaft leben, wenn du dich zu -dem allen zählen kannst. Und du stirbst, sobald dies Höchste an dir -vorübergeht.« Er brach ab, trat hinter den Mauervorsprung zurück und -sagte ganz ruhig und überlegt: »Hier kommt Herr Leiser Bienchen herauf, -er wird die Kellertür für dich offen lassen. Leb wohl, Marianne, an mich -ergeht der Ruf. Wir ziehen geradeswegs in Glück und Verklärung hinein, -nicht wahr, Herr Bienchen?« - - * * * * * - -Schaudernd sitzt die in den Keller Hinabgeirrte, ihrer selbst ungewiß, wie -ein fremdes seelenloses Wesen, neben der hölzernen Pritsche, auf die man -den alten Handwerker gelagert hat. Voll stummen Grauens trinkt sie die ihr -unverständlichen Reden ein, die der von einer irren Spannung gefolterte -Greis von Zeit zu Zeit ausstößt. Bald ringt er die Hände, bald hebt -er lauschend das Ohr, als müsse und könne er sich nicht von dieser Erde -trennen, bevor er den ersehnten Laut von oben erhascht. - -»Dreißig Jahre daran gearbeitet,« hört sie es aus dem zahnlosen Munde -hervorzischen, »und nun nicht wissen -- nun nicht wissen, ob es von -Unheil oder von Segen sein wird. Und in fremden Händen, die nichts davon -verstehen, die nicht fühlen, wie man jede Schraube aus seiner Seele -hervorgeholt hat. Und die den Zweck nicht ahnen, den letzten Zweck. Hören -Sie nicht etwas, Kind? Hören Sie noch immer nichts?« - -Aber dann geschieht etwas. - -Der Nachthimmel stürzt ein, die Häuser beginnen zu beben und zu -tanzen, ein Donnerschlag wühlt und kracht und rollt, jedem Lebenden ein -erschütterndes Wunder, die Zeit hält an, die Luft preßt sich zusammen, -eine zerschmetterte Menschheit stößt ihren letzten Schrei aus, -- und -dann schleicht Stille heran, gähnende Lautlosigkeit, die die Schläfen der -zitternden Kreaturen in beide Hände nimmt und jedes Begreifen erdrückt. - -Ein paar schreckensstarre Augen richten sich in dem Keller, der nur durch -ein tröpfelndes Talglicht erhellt wird, auf den abgezehrten, zahnlosen -Mann. Der zieht langsam die Lider über die glitzernden Sterne, lächelt -und sinkt von seinem Tagewerk zurück. - -Seine Uhr hat ihre große Stunde geschlagen. - - - - -VI. - - -Silberne Lichter sprangen über die feuchten Schollen des schlafenden -Landes. Kein Geräusch störte die weiche, dunkle Versunkenheit, und -nur die bleichen Schilfwände zu beiden Seiten des Flusses neigten sich -manchmal wispernd gegeneinander, wenn der lange, geisterhaft gleitende Kahn -ein paar stärkere Wellen gegen das Binsengestrüpp drängte. - -Ruhig, gleichmäßig schritt der russische Schiffer die beiden Laufbretter -seines Fahrzeugs ab. Die mächtige Stange, deren Widerhaken im Bett des -Stromes festhaftete, hatte er gegen die Schulter gestemmt, und nun bewegte -er sein Schiff mit unverminderter Kraft durch die Windungen der leuchtenden -Fahrstraße. Einförmig klappten seine Tritte auf dem trockenen Holz, und -nur ein regsames Plätschern antwortete jeder vermehrten Anstrengung. Ein -kleiner weißer Spitz begleitete auf dem gegenüberliegenden Brett treulich -den Weg seines Herrn. Dieweil wurde am Achterende des Kahnes von einem kurz -geschürzten und dick in bunte Tücher vermummten Weiblein das ungefüge -Steuer hin- und hergeschoben. Dies war die Frau des Schiffers. Aber aus den -Lappen, hinter denen sich ihr Gesicht verkrochen hatte, konnte man bei -dem unsicheren Mondenlicht nur eine breite Knollennase entdecken, und man -hörte nichts von ihr als kurze abgerissene Gesangsstrophen und -dazwischen ein unaufhörliches kicherndes Geplapper. Nur schade, daß der -Schifferknecht, der auf ihre Weisung mit ihr zusammen das schwere Holz -drehte, sicher nicht das Geringste von dieser sprudelnden Unterhaltung -verstand. Auch schien der Mann in der zerdrückten blauen Flauschjacke sein -Gewerbe durchaus nicht mit Meisterschaft auszuüben. Denn die Frau in den -vielen Tüchern lachte jedesmal belustigt, so oft sich ihr Genosse mit -aller Kraft gegen das knarrende Holz stemmte. Es blieb auch seltsam, daß -sich ihr dabei niemals ein Tadel entrang, ja, sie fand es offenbar ganz in -der Ordnung, sobald der schlanke Gehilfe sich abwandte, um angestrengt auf -die hinter dem Ufer sich hinziehende Landstraße zu spähen. - -Wahrlich, dort drüben auf dem grauen dampfenden Wege gab es seit ein paar -Stunden aufregende und schreckhafte Dinge zu sehen. Zuerst war von dort -nur der Hufschlag vereinzelter Reiter aufgeklungen. Gleich schwarzen -Schattenbildern sausten sie dahin, weiße Staubwolken sprühten um sie her. -Ein höllisches Bild. Dann rollte und rasselte es, Geschützzüge flogen -unter den finster starrenden Chausseepappeln, aufgewühlte Menschenhaufen -brodelten hinterher, und schließlich wurde ein einziger schwarzer Wurm -daraus, der knurrend und klirrend seines Weges kroch. - -Aber der Kahn glitt weiter. - -Nur das Weib lehnte sich über den Querbaum und wies mit der Hand auf die -sich krümmende Schlange. Auch jetzt noch stieß sie ihr kurzes, fettes -Lachen aus. In ihrem harmlosen, in tiefer Unbildung versunkenen Gemüt -regte sich nicht die leiseste Ahnung, wie durch den schwarzen Wurm dort -drüben Glück, Ruhe und Wohlstand auf Jahre hinaus niedergewälzt wurden. - -Und doch -- unangefochten schwamm der Kahn zwischen den hohen Binsen -stromabwärts. - -In der engen Kajüte, die durch einen roten Fetzen in Schlaf- und -Küchenraum geteilt war, stand inzwischen ein junges Mädchen vor dem -windschiefen eisernen Herd. Über ihrem Haupt schaukelte sich an einem -Draht ein winziges rauchendes Öllämpchen, und bei seinem dunstigen Schein -beschäftigte sich das junge Geschöpf eifrig damit, aus einem Topf voll -stark duftenden Tees die goldgelbe Flüssigkeit in eine bunt bemalte Tasse -zu gießen. Dann zog sie sich aufatmend eine weiße, mit blauen und roten -Sternen bestickte Flanelljacke zurecht, strich glättend über ihren kurzen -roten Wollrock und klapperte endlich auf schweren Holzschuhen die steile -Treppe in die Höhe. Sorgsam hielt sie dabei die Hand über die Tasse, -damit die kühle Nachtluft nichts von der Wärme des Getränkes raube. - -»Hier,« sagte sie über ihr eigenes Werk befriedigt, indem sie an den -Schifferknecht in der blauen Jacke herantrat, »hier bringe ich Ihnen etwas -Feines, lieber Freund. Denken Sie, ich habe sogar Rum gefunden. Natürlich -so gut wie im »Goldenen Becher« wird er nicht schmecken. Aber nun trinken -Sie. Nicht wahr, bei dieser scharfen Luft werden Sie meine Kochkunst nicht -verachten?« - -Durch die helle Stimme wurde der Konsul unvermutet seinen Beobachtungen -entrissen. Überrascht wandte er sich herum und, wie stets, so glitt auch -jetzt wieder ein erstauntes Lächeln um seine Lippen, als er die weiße -Flanelljacke und das kurze rote Röckchen gewahrte. Wie eigenartig blieb -das doch, drüben hinter den weißen Staubwolken, in denen das Mondlicht -dampfte, da wallte Weltgeschehen vorüber, das sicherlich auch sein -Schicksal einschloß. Und doch war es möglich, daß die schweren Sorgen -des Flüchtenden hier durch ein anmutiges Bild auf Augenblicke zerstreut -werden konnten. Die weiße Flanelljacke, der bunte Rock, das schwarze -Tuch über den roten Haaren und die derben Holzpantoffeln auf den kleinen -Füßen, sie redeten keck und lebensvoll mitten in das Stöhnen einer -verzweifelten Völkerklage hinein. - -Rudolf Bark schüttelte sich, aber bevor er die Tasse aus den Händen der -Kleinen empfing, da drängte er erst das Geschirr fast gewaltsam an Isas -eigenen Mund. - -»Nur ein paar Schlucke, mein Kind,« meinte er gutmütig, »so ist -das zwischen uns ausgemacht, und Sie müssen mich auch nicht so sehr -verwöhnen.« - -»Ja, aber Herr Konsul -- --« - -»Schon gut. Nun kommen Sie, Isa, wir wollen uns auf das Brett hinter der -Kajüte niederlassen, denn hier hinten weht es doch zu scharf für Sie. -Auch sehe ich, Sie haben sich den koketten Halsausschnitt von Madame -Krupenski wieder nicht zugesteckt.« - -Da senkte Isa verlegen das Haupt. Sie wußte auch nicht wie es kam, -aber jeder Tadel aus dem Munde des erfahrenen Mannes erschreckte sie und -entwirkte daneben stets die heftige Begierde, seinen Wünschen, noch ehe -sie ausgesprochen, zuvorzukommen. Hastig faltete sie an der gerügten -Stelle herum. - -Dann saßen sie beide auf dem Brett hinter der Kajüte, tranken aus -derselben Tasse und sahen schweigend mit an, wie die Morgendämmerung die -rauchenden Wiesen mit rosigen Fingern zu streicheln begann. Ein blutroter -Bach floß am äußersten Rande des Erreichbaren. Nach einer Weile sprach -Isa nachdenklich: - -»Ob man unsere alten Kleider schon aufgefischt hat, Herr Konsul?« - -Der Kaufmann nickte. »Das ist sehr wahrscheinlich, mein Kind. Herr -Krupenski hat sie so sachgemäß versenkt, daß sie sicherlich schon lange -an dem Wehr angeschwemmt sind. Ich hoffe, unser fetter Freund, der Herr -Polizeimeister-Stellvertreter Tolmin wird längst mit Befriedigung unser -trauriges Ende festgestellt haben.« - -»Wie seltsam,« flüsterte Isa gepackt, und ein bezwingender Gedanke -ergriff unwiderstehlich von ihr Besitz, »da haben wir eigentlich alles -Alte von uns abgestreift und fahren hier wie zwei ganz neue Menschen durch -die Welt. Wissen Sie auch, daß ich das wunderhübsch finde?« fuhr sie -sinnend fort. - -»Warum?« fragte der Konsul und verfolgte den rosigen Dämmer, der sich -auf dem feinen Gesicht seiner Gefährtin zu verbreiten begann. - -»Warum?« wiederholte die Kleine ernsthaft und schauerte im Frühfrost -zusammen, »das kann ich Ihnen nicht sagen. Nein, das kann ich wirklich -nicht, es ist ein sehr dummer Einfall.« - -Noch hatte sich Rudolf Bark nicht von dem Glanz trennen mögen, von dem -die unter dem schwarzen Tuch sich hervorstehlenden Haare des Mädchens -allmählich durchleuchtet wurden, da war es, als ob in der Ferne Erde und -Strom einen Sprung machten. Ein dumpfes Krachen erschütterte die Luft, -der Nachhall eines ungeheuerlichen Donnerschlages fuhr über den bleiernen -Morgenhimmel. - -Betroffen schnellte Isa von ihrem Sitz. - -»Herr Konsul,« vermochte sie nur hervorzustoßen, »bedeutet das ein -Unglück für uns?« - -In ihrem schmalen Gesicht arbeitete es. Trostsuchend lugte sie zu ihrem -Freunde empor. In diesem Augenblick empfand sie nur das eine, wie die -lange Fahrt auf dem schmutzigen Kohlenkahn von allen Schimmern der -Poesie umflossen sei, und das jenes namenlose, aller Regel eines strengen -Bürgertums entbehrende Dahingleiten einen Höhepunkt ihres Daseins -bildete. Sie zitterte vor Hoffnung und vor Spannung. - -»Bedeutet das für uns ein Unglück?« drängte sie noch einmal und -ergriff schutzbedürftig die Hand des Kaufmannes. - -Beschwichtigend zog Rudolf Bark das aufgeregte Mädchen wieder an seinen -Platz hinter der Kajüte zurück. Und als er fühlte, wie die Verängstigte -sich an ihn schmiegte, da streicheln er ermunternd über ihre Wangen. - -»Isachen, es will mir scheinen, es kommt im Moment gar nicht so sehr auf -uns beide an.« - -Allein die Kleine schüttelte unter Tränen lachend das Haupt. - -»Doch, Herr Konsul,« entgegnete sie kleinlaut, -- »Sie müssen -entschuldigen, ich bin natürlich lange nicht so klug wie Sie, -- aber das -Leben kann doch auch etwas sehr Seltenes und Kostbares sein. Es wäre zu -schade, wenn dies alles untergehen sollte.« - -»Oh, der Kahn ist fest,« entgegnete der ältere Mann verständnislos. - -Und dann saßen die beiden wieder und sahen zu, wie der blasse Morgen -über die Felder eilte. Die grauen Dunstwolken zerfaserten sich, über den -Chausseepappeln begannen schwarze Scharen von Krähen zu kreisen, und unter -ihnen wurde die Landstraße einsamer und stiller. Hinter den wallenden -Staubmassen war die brandende Flucht erstorben. Langsam und allmählich -schwirrte von dort ein schüchterner Vogelgesang auf, und auch die Heimchen -der Wiese besannen sich auf ihr Morgenlied. - -Stunde auf Stunde verging. Es wurde immer heller. - - * * * * * - -Der Kahn wurde verankert, denn der russische Schiffer weigerte sich, mitten -durch den leuchtenden Sonnenschein und zumal wo die Grenze so nahe rückte, -noch weiter zu fahren. Auch machte der Herr des Kahnes sehr deutliche -Anspielungen, es wäre an der Zeit, daß seine Gäste nunmehr das Gefährt -verließen. Noch verhandelte Rudolf Bark mit dem Eigentümer, da brach -der Kaufmann mitten in der Rede das Gespräch ab, um ohne ein Wort der -Erklärung in das Boot hinabzuspringen, das neben dem Steuer einhertrieb. -Verstummt, in grenzenloser Überraschung starrte Isa dem Davonrudernden -über die hohe Bordschwelle nach. - -Doch nein, jetzt erkannte sie, was ihren Freund zu so rascher Tat -veranlaßt hatte. Drüben an dem immer flacher werdenden Ufer des Stromes -duckte sich zwischen den Binsen ein dürrer Mensch bis tief auf den Spiegel -des Wassers herab. Der Fremde schien sich zu waschen. Aber als das -Mädchen das Bild schärfer musterte, da wurde es ihr klar, daß sich der -zusammengekauerte Geselle eine frische Stirnwunde spüle. Unaufhörlich -rieselten die roten Tropfen in den Strom. Jetzt hatte ihn Rudolf Bark -erreicht. Ein paar laute Ausrufe fuhren hin und her, das Boot knirschte in -den Sand, und noch immer konnte die Zurückgebliebene nicht fassen, warum -der Konsul jenen so wüst zerschlagenen Verwundeten schließlich -mit rücksichtsloser Gewalt in den Kahn zerrte. Dann wieder einige -Ruderschläge, und über die von dem schweigsamen Herrn Krupenski über die -Schiffswand geworfene Strickleiter kroch scheu und zitternd eine groteske -Gestalt auf das Deck. Nun schlotterte sie vor ihnen, ohne Rock noch Weste, -nur von einem zerzausten Halstuch umflattert und wischte sich beschämt -über das von tausend Runzeln zerrissene Gesicht. Ein unförmiger Mund -bewegte sich, als hätte man einen Fisch soeben aufs Trockene gezogen. - -»Herr Bienchen,« rief Isa verständnislos, denn sie hatte endlich den -verkrümmten kleinen Juden, der ihr so manche Uhr gerichtet, in diesem -blutenden und vor Erschöpfung röchelnden Menschenkind entdeckt. - -»Jetzt sagen Sie, wie kommen Sie hierher?« rüttelte ihn auch der Konsul. - -Allein Leiser Bienchen, der Gehilfe des alten Erfinders Adameit, der letzte -Gefährte von Fritz Harder, schüttelte völlig betäubt sein nasses Haupt. - -»Ich weiß nicht, Herr Konsul, ich weiß wirklich nicht,« gurgelte er -tonlos, während er sich unaufhörlich in einem ölgetränkten Taschentuch -die Hände wischte. - -»Man hat Sie geschlagen?« - -»Ja, ich glaube, -- ich glaube, man wird mich geschlagen haben.« - -»Wer?« - -»Ja, wer?« stöhnte der Uhrmacher, sank auf einem Kohlenhaufen zusammen -und starrte gleichgültig zurück auf die Landstraße, die er soeben -verlassen. - -Es war nichts weiteres aus dem in seine Erinnerungen Zurückkriechenden -herauszubringen. Und erst, als man den wimmernden Gesellen, der dabei wie -ein schweres Bündel zwischen den Armen seiner vornehmen Kundschaft hing, -in die Kajüte heruntergeführt hatte, erst nachdem er dort auf einem -Kasten hockte und unter seltsamen Schmatzlauten ein paar Tassen des -glühend heißen Tees in sich hinabgeschüttet hatte, da fingen seine -schwarzen Augen sich an zu beleben, und er starrte seine Bekannten mit -dem jammervollen Blick eines geschlagenen Hundes an. Dann wickelte er -das zusammengerollte Öltuch auf, schneuzte sich und unternahm es, sich -umständlich die dick herabrollenden Tränen zu trocknen. Der Konsul -jedoch, der ungeduldig vor ihm stand, ließ dem Bekümmerten keine Zeit -mehr, sondern rüttelte ihn abermals ins Leben zurück. - -»Lieber Bienchen, wo kommen Sie her?« - -Der kleine Jude fuhr zusammen. - -»Ich, Herr Konsul? Nun, Sie werden es doch leider nicht glauben, ich komm' -direkt aus der Luft.« - -»Scherzen Sie nicht,« verwies ihn der Kaufmann nachdrücklich. - -Jetzt seufzte der Uhrmacher schwer in sich hinein. Und erst Isas -teilnahmvolles Gesicht schien seine Neigung zu einer größeren -Mitteilsamkeit zu vermehren. - -»Sehe ich aus, wie wenn ich scherze?« klagte er dumpf vor sich hin und -rieb sich wieder die wunde Stirn. »Ich sag' Ihnen, ich komm' aus der Luft -oder auch unter einem Heuwagen hervor, ganz wie Sie wollen. Aber ich -will Ihnen der Reihe nach erzählen,« erholte er sich endlich etwas mehr -gefaßt. »Sie müssen nur entschuldigen, wenn ich nicht alles aus meinem -zerhämmerten Kopf richtig und sauber hervorziehen kann.« Er lehnte sich -zurück an die Schiffswand und holte tief Atem. »Sehen Sie, da hatten wir -die Maschine von dem alten Adameit -- vielleicht hat ihn Gott schon zu sich -genommen -- unter das Dach der Sebalduskirche eingeschmuggelt.« - -»Welch eine Maschine? Besinnen Sie sich, Herr Bienchen,« forderte Rudolf -Bark von neuem. - -»Nun die Uhr. Es war ein grausiges Ding, ich hab' sie nie ansehen mögen. -Aber mein Meister hat damit ein Lebelang verbracht. In der Kirche sah es -die ganze Zeit über fürchterlich aus. Diese Hunde, diese Wilden zeigten -nicht den geringsten Respekt. Weder vor dem herrlichen Bau noch vor dem -wundervollen Glockenspiel, noch vor der gewaltigen Orgel. Ich sag' Ihnen, -sie lachten auch über die vielen Bildwerke und hieben ihnen Nasen und -Ohren ab. Wenn mich auch die Heiligen in den bunten Röcken nichts angehen, -die schöne Frau mit dem Fuß auf der Schlange und der weiße Mann mit dem -goldenen Schlüssel, Sie können mir glauben, es gab mir jedesmal einen -Stich, so oft ich die heillose Schändung mit ansah. Denn es waren doch -kunstvolle Hände, die so prächtige Sachen vor mehr als fünfhundert -Jahren geschnitzt hatten. Aber das war noch nicht alles. Die Breitmützen -hatten einen vollständigen Stall aus den steinernen Gängen gemacht. Die -Kirchenbänke konnte man jeden Abend in die Wachtfeuer wandern sehen, und -statt ihrer lagen nun hunderte von schmutzigen Kerls auf Strohbündeln in -den Gängen und fraßen und schnarchten. In den letzten Tagen wurden es so -viele, daß man sagen konnte, es war kein Winkel mehr von dem Ungeziefer -frei. Nun kam die Nachricht, daß die Fremden da hinten an den Seen ihren -Lohn erhalten hätten. Und wir hörten auch, sie wollten sich in unserer -Stadt, in unserer schönen, sauberen Stadt zur letzten Wehr setzen. -Da sagte der Herr Leutnant Harder, nun wäre es Zeit. Er hatte es so -einzurichten gewußt, daß wir eine Anstellung in dem Dom gefunden hatten. -Werden Sie es für möglich halten, wir fegten nämlich den Schmutz und den -Mist alle Abend aus der Kirche heraus. Für ein paar Pfennige natürlich. -Und gewöhnlich erhielten wir noch einige Lanzenstöße als Trinkgeld -dazu. Nun, es war kein Herrenleben. Aber gestern abend, da sagte der Herr -Leutnant, jetzt dürfe man keine Minute mehr verlieren. Es sollte nämlich -der Horde ein Schreck eingejagt werden, damit sie sich in der Stadt nicht -länger für sicher hielte. Herr Konsul und Fräulein Grothe, was soll ich -Ihnen lange erzählen? Der junge hübsche Mensch, der so verändert in dem -Arbeitsanzug aussah, er stieg auf den Orgelsitz hinauf, und ich mußte die -elektrischen Blasebälge andrehen. Auf diese Weise, nämlich durch sein -Spiel, da wollte er die Halunken von mir und meinem Geschäft ablenken. Ehe -wir uns trennten, reichte er mir noch die Hand und sagte mit einem Gesicht -ganz voller Sonnenschein -- in meinem Leben werd' ich's nicht vergessen --- »Herr Bienchen, Sie sind jetzt auch ein Soldat. Denken Sie daran, -was Ihnen das Vaterland alles geschenkt hat und zahlen Sie es pünktlich -zurück.« Dann stieg ich auf den kleinen Hinterturm hinauf, wo wir den -Knopf angebracht hatten. Ich versichere Sie, alles wie im Traum, Herr -Konsul. Mit einemmal fing die Orgel an zu spielen. So was Schönes, -Herrliches und Erhabenes hab' ich noch nie vernommen. Es hörte sich an, -als wenn der Herr unser Gott leibhaftig in die Kirche getreten wär' und -sänge nun selbst mit seiner ewigen Donnerstimme. Wie schön sind doch -diese deutschen Lieder, es liegt alles darin, was wir an dem Land und -seinen Menschen lieb haben. Ich hatte mich auf einen Fensterbogen gesetzt, -Fräulein Grothe, und konnte das Ohr von der Musik nicht abwenden. Auch -die Russen waren aufgestanden, hielten ihren Atem an und starrten herauf. -Keiner rührte sich. Sie fühlten wohl, wie der Herr schon seine eiserne -Hand auf sie gelegt hatte. Ich hätte noch bis zum nächsten Morgen so -sitzen mögen, aber plötzlich da hob der Herr Leutnant, den ich nur vom -Rücken aus sehen konnte, die Finger seiner Rechten hoch in die Höhe. Und -diese Finger, sie drohten mir und griffen mir geradewegs ins Herz. Was dann -geschah, Herr Konsul, das ist mir alles nur so bewußt, als hätt' ich es -aus einem dunklen Grab heraus belauscht. Das Dach der schönen Kirche flog -in die Höhe, so daß alle Sterne des Nachthimmels für eine Sekunde zu uns -herunterblitzten. Und dann -- es war grauenvoll das Gewinsel und Gewimmer. -Die große Orgel stürzte zusammen, die ungeheuren Zinkpfeifen spießten -sich gegeneinander, und dann brach das ganze Werk in die Tiefe. Mit mir -aber, Herr Konsul, geschah ein Wunder. Ja, ja, als sollte mir gezeigt -werden, wie ich armer kleiner Jud' eigentlich gar nicht in die Kirche -gehörte. Ich sauste nämlich in großem Bogen aus dem Fenster herunter -und mitten in einen Heuwagen hinein. Gleich darauf jagte das Gespann wie -wahnsinnig aus der Stadt heraus. Und erst dicht hier an der Grenze, da -haben mich die Unmenschen heruntergeprügelt. Ein Rad ist noch dazu über -meinen Fuß gefahren, und ich meine, mein Gang wird dadurch nicht schöner -geworden sein. Aber Herr Konsul und Fräulein Grothe« -- und der Uhrmacher -hob die Hände in die Höhe und begann bitterlich zu weinen, -- »was will -das alles heißen? Unser Land hat sich erhoben, unser herrliches Land, und -hat die Heuschrecken von sich abgeschüttelt. Der Herr, der in der Kirche -so schön sang, er hat unsere Feinde geschlagen. Hören Sie, Herr Konsul, -dort draußen blasen schon die preußischen Trompeten? Das Herz geht einem -auf, wenn man es hört! Der Herr singt weiter!« - - * * * * * - -In der dunklen Schlafkammer von Maritzken herrschte noch immer bleierne -Stille. So schwer drückte die Lautlosigkeit herab, daß die an ihren Stuhl -gebannte Gutsherrin das flüchtige Ticken der Uhr wie das unerträgliche -Stampfen einer Maschine empfand. Ängstlich streiften ihre Blicke über die -Fensterscheiben, die unter dem Leuchten des heraufsteigenden Mondes einen -stählernen Glanz annahmen. Manchmal war es auch, als ob ein flackernder -Feuerschein vorüberhusche. Dann vermeinte die Einsame eilende Hufschläge -aufzufangen. Doch wenn sie, zum Sprung bereit, eifriger hinhorchte, so -schlug nichts an ihr Ohr als das Sausen des Nachtwindes. Und immer wieder -sank sie zurück und kämpfte gegen den Sturm und den wilden Tanz ihrer -Nerven. Aber noch mehr gegen das widerstandslose Herabsinken in völlige -Erschöpfung. Zuweilen riß die Nacht vor ihr auseinander. Dann glaubte -sie etwas zu sehen, dann murmelte sie etwas, dann betete sie wirr und -verständnislos darum, daß das, was sie mit vorbereitet, in nichts -zerschellen möge. Um gleich darauf alle Fibern anzustrengen, ob sie aus -dem unteren Zimmer nicht etwa einen Laut des Entweichens auffinge. - -Was mochte ihr Gast, der auf sie wartete, jetzt treiben? Ob er noch immer -zermürbt und zerschlagen am Tisch hockte, ein vor sich hin stierender, -seiner früheren Wesenheit beraubter Mensch? Johanna stöhnte auf, wehrte -und wand sich und rüttelte an ihrem Stuhl, um sich zur Besinnung zu -bringen. - -Stunde auf Stunde vertröpfelte, das Mondlicht schwamm schon in breiter -Bahn zu ihren Füßen, und die Hausherrin hing noch immer regungslos auf -ihrem harten Sitz, hing zwischen Wachen und Traum. Und alles, was um sie -herum geschah, es drang zu ihr wie der Nachhall von etwas Unwirklichem. -Abermals hörte die Schwankende ein dumpfes Klopfen. Doch es klang, wie -wenn man die Hufe eilender Pferde mit Werg und Lappen umwickelt hätte. Und -sie sann darüber nach, ob es die Schläge ihres eigenen Herzens wären? -Dann zischte und knatterte es, und die Blonde konnte es sich in ihrer -Benommenheit nicht anders erklären, als ob blaue puffende Funken aus einem -Holzfeuer in die Höhe knisterten. Und jetzt -- mischten sich jetzt nicht -heiße, trunkene Stimmen zu einem einzigen brausenden Ruf? Nun wieder -Leere, durchwinselt von den aufreizenden Klagen des Windes. Und dann -- -aus den Dielen zu ihren Füßen schien ein dumpfes, trockenes Stöhnen -aufzusteigen. - -Herr im Himmel was geschah hier? Bedeutete das doch mehr als gestaltlos -jagende Traumgesichte? - -Vielleicht war die Jagd, die hinter dem Menschenwild hetzte, schon -hereingebrochen? Wie, wenn das Opfer, das in einem Gehege von List und -Schlauheit zurückgehalten war, bereits verröchelnd am Boden lag, und sein -brechender Blick nach der Hinterlistigen suchte, die den Köder geworfen? -Oh, der Fang war durch dieselben unwürdigen Künste geglückt, welche die -auf ihre Reinheit Stolze bei der jüngeren Schwester so verachtet hatte. -Mischte sich nicht auch bei ihr, wenn sie vor Gott ihr Innerstes auftat, -ein schauererfülltes Wohlgefühl darein, ein nie gekanntes, so oft sie, -sei es auch nur von fern und mit Abscheu sich das Rasende ausmalte, das der -Getäuschte da unten erwartete? Seltsam, zu unerklärlich -- und das blonde -Weib schlug sich die Hände schallend vor die Stirn -- und deswegen setzte -sich der unglückliche Mensch dort unten dem sicheren Tode aus?! So hoch -bewertete er seine Hoffnungen, oder so wenig lag ihm am Dasein? - -Johanna horchte auf. Von unten tönte es wie das Knarren einer Tür. Ihre -Vorstellungen kreuzten durcheinander. Sie wußte nicht mehr, ob sie aus -Scham vor dem Betrug den vertrauensseligen Mann warnen, oder ob sie das -Entweichen des Übeltäters verhindern wollte. - -Und dann -- und dann -- die Uhr tickte so laut -- es war keine Zeit mehr zu -verlieren. - -Ohne Überlegung -- mit wildem Entschluß drehte sie an dem Schlüssel, -stürzte aus der Dunkelheit heraus und fegte die Treppe hinab, wie sie -die Stufen noch nie übersprungen. In ihrem Ungestüm vergaß sie das -Anklopfen. Ohne ein Zeichen trat sie ein. Ihr Atem flog so stoßend über -ihre Lippen, daß sie sich an dem Pfosten des Eingangs eine Stütze suchen -mußte. Dann erst vermochte ihr scheuer Blick sich einige Klarheit zu -verschaffen. - -In dem kleinen Zimmer wiegte sich bange Stille. Unordentlich und achtlos -war der Mantel des Fürsten über einen Stuhl geworfen, seinen Säbel hatte -der Besitzer auf das Ruhebett geschleudert, und Dimitri selbst saß an dem -Tisch, auf dem noch die Reste des Mahles standen. Tief herabgebeugt ruhte -das Haupt des Übermüdeten auf seinen ausgebreiteten Armen, und die -Lauscherin pries den schweren Schlaf, der ihm das Schicksal seines Volkes -sowie sein eigenes für eine Weile wohltätig verhüllte. Allein sie -täuschte sich, denn der Fürst richtete sich langsam auf, und sofort -erfaßte das Landmädchen, wie seine Augen nichts von der Blendung des -Schlummers zeigten. Ihr Gast schien vielmehr angestrengt nachgedacht zu -haben. Kaum erkannte er sie, als auch schon sein zuvorkommendes Lächeln -in seinen gespannten und angestrengten Zügen aufleuchtete. Nur wollte es -Johanna dünken, als wenn eine bittre, entsagungsvolle Schwermut sich über -das auch jetzt noch edle Antlitz verbreitet hätte. Und im Moment zitterte -sie davor, wie sich der Oberst ihr unvermutetes Hereindringen deuten -würde. Aber gottlob, die Haltung des fremden Aristokraten blieb tadellos -und beherrscht. Langsam erhob er sich, und während er ein paar Schritte -gegen sie tat, verbeugte er sich leicht. Wieder verursachte es der -Beobachterin einen stechenden Schmerz, als sie vernahm, wie schwer sich ihr -Gast über den Estrich schleppte. - -»Es ist sehr gütig von Ihnen, mich nicht zu lange meiner eigenen -Gesellschaft zu überlassen,« begann Dimitri Sergewitsch in seinem -schmeichelnden Tonfall. »Ich versichere Sie, sie ist nicht die beste. In -diesen Stunden habe ich so manches an mir vorüberziehen lassen. Und wenn -es noch einen Zweck hätte, dann könnte ich darüber trauern, weil ich so -wenig bleibende und lohnende Erinnerungen besitze. Aber wozu? Es hat keinen -Zweck.« - -Er stand jetzt vor ihr und ließ seinen Blick flüchtig über sie -fortgleiten. Das schimmernde Blondhaar der Preußin schien ihn besonders -einzufangen. Allein auch jetzt noch eignete ihm Erziehung genug, um nicht -eine einzige verletzende Gebärde der Vertraulichkeit zu wagen. Und Johanna -dankte Gott dafür, daß dieser immerhin vornehme Herr die Formen bis zum -letzten zu wahren verstand. Dafür wollte sie sich erkenntlich zeigen, -dafür alles andere vergessen. - -»Fürst Fergussow,« stieß sie plötzlich hervor, nachdem sie einen -Blick der Angst durch das dunkle Fenster geschickt hatte, »ich fühle -mich verpflichtet, es Ihnen zu entdecken, obwohl -- obwohl -- nein, das -tut nichts zur Sache -- es lauert hier Gefahr auf Sie. Hören Sie? Sie -sind hier nicht mehr eine Stunde sicher. Rufen Sie Ihre Leute zusammen -und verlassen Sie schleunigst den Hof. In höchster Eile, Herr Oberst, in -allerhöchster. Sonst ist es zu spät.« - -Als sie dies hervorstieß, taten sich die harten blauen Augen der -Gutsherrin erschreckend weit auf, ihre Hände verschlossen sich über der -Brust, und in ihrer Stimme bebte etwas so Schmerzliches, als ob sie selbst -mit einem Messer gegen sich gestoßen hätte. Sie fühlte, daß sie dies -alles nicht sagen durfte, und daneben verging sie beinahe in dem Rausch, -daß ihre Überwindung doch etwas Schönes, Zärtliches und Menschliches -berge. Auch der Fürst stand eine Weile regungslos. Er schien mehr dem -heiß erregten, unerwarteten Tonfall zu lauschen als dem Sinn jener -Warnung. Dann zuckte er leicht die Achseln, wandte sich ein wenig und -zeigte durch das Fenster. - -»Meine Leute soll ich rufen, liebes Fräulein?« entgegnete er müde. -»Überzeugen Sie sich selbst. Die dort draußen waren klüger, als ich. -Oder auch dümmer, denn sie glauben noch nicht an die Wertlosigkeit, an -den absoluten Zufall des menschlichen Auf und Ab, und haben mich längst im -Stich gelassen. Ich bin allein hier.« - -»Ihre Leute sind fort?« stammelte Johanna erblassend und griff wieder -nach dem Pfosten der Tür. - -Es tat ihr nicht gut, unausgesetzt die ebenmäßige Reitergestalt -zu umspannen. Unvermerkt, stärker und stärker bildete sich eine -Zusammengehörigkeit heraus, die mächtiger war als der Widerwille -der Völker, als Familienehre und alle Gesetze von Gut und Böse. Ihr -schwindelte, und nur das Sträuben gegen ihre Schwachheit hielt sie noch -aufrecht. - -»Dann gehen Sie allein,« forderte sie trotzdem herrisch. - -Der Fürst stand wieder vor ihr, hatte die Hände auf den Rücken gelegt, -und auch er sann wohl in dumpfer Verwunderung über die Weichherzigkeit der -straffen Nemza nach. - -»Sie lehren mich wenigstens etwas kennen,« gestand er endlich, obwohl er -keine Miene machte, dem dringenden Befehl zu gehorchen, »das mir bisher -recht fremd blieb. Sie sorgen sich um mich.« Er schlug ein leichtes -Gelächter auf. »Ist es nicht eigenartig, daß ich etwas Ähnliches erst -bei dieser Gelegenheit erfahre? Und von der Angehörigen einer von uns so -entfernten Rasse? =Mon dieu=,« setzte er mit einem verächtlichen Zucken -der Mundwinkel hinzu, »man hat sich viel um mich gekümmert. Ich leugne -es nicht, auch Frauen taten dies. Doch ich müßte lügen, wenn sich mir -gegenüber jemals eine mütterliche Teilnahme äußerte. Ich glaube, -gerade die kennt Ihr Deutschen. Und die tut wohl, sehr wohl.« Und wieder -verbeugte er sich, wie es die Slaven stets befolgen, wenn sie etwas Liebes, -Schmeichelndes verkünden wollen. - -Da schrie Johanna auf. Halb vor Zorn und halb weil sie fühlte, wie sie dem -reuigen Schmerz dieses zerbrochenen Lebens unterlag. - -»Warum gehen Sie dann nicht?« stieß sie noch einmal rauh hervor, -und ihre Hand zeigte auf die Tür, »warum bringen Sie sich nicht in -Sicherheit, wie ich Ihnen vorschlug?« - -Jetzt regte sich der Fürst, zögerte einen Moment, und seine sprechenden -Augen suchten den Boden, als er tastend und verlegen hervorbrachte: - -»Ich glaubte Ihre Meinung vorhin so deuten zu dürfen, daß Sie mir noch -eine Nacht eine sichere Zufluchtsstätte anboten.« - -Die wenigen Worte waren mit größter Mühe zusammengesucht und verrieten -die deutliche Absicht, weder anzustoßen noch zu verletzen. Johannas -Antlitz jedoch flammte auf. - -»Ich verlange aber jetzt von Ihnen, daß Sie gehen,« rief sie -erbittert und konnte es doch nicht hindern, daß sich ihre Hände flehend -zusammenpreßten. »Ich will nicht -- --« - -»Was wollen Sie nicht?« - -»Ich will nicht,« stammelte das Mädchen wild, »daß Ihnen gerade in -meinem Hause ein Unheil widerfährt. Mir graut davor.« - -Der Oberst trat ihr noch etwas näher. Dabei vollführte er eine Bewegung, -als wolle er ihre Hand ergreifen. - -»Das fürchte ich keineswegs,« gab er nachdenklich zurück, »soweit -werden sich unsere Verfolger schwerlich vorwagen. Und dann, mein Fräulein, -woher wissen Sie, daß das Dasein für mich noch einen besonderen Reiz -enthält?« - -Er hob seinen Blick zu ihr empor und siehe da, es waren wieder die -schwermütigen Sterne des alten Kupferstichs, die ein Leben lang auf ihr -gleichgültiges Wirken herabgeschaut. Jetzt starrte sie entgeistert in sie -hinein. - -»Spielen Sie nicht mit so etwas,« verwies sie herb, obwohl sie nicht mehr -den richtigen Begriff von all dem spürte, was hier geschah. »Es stirbt -kein Mensch gern.« - -»Wer weiß?!« flüsterte der Russe mehr für sich, »wir Slaven lieben -die Selbstvernichtung. Können Sie sich nicht denken, wie jemand, der an -dem ungeheuren Grab seines Volkes, an der Gruft alles Menschlichen und an -dem Abgrund jeder erträumten Entwicklung stand, sich voller Widerwillen in -Schwärze und Vergessenheit hinabstürzt? Nur müßte auch darin Schönheit -liegen. Die Alten kannten das. Heiter riefen sie den Tod zu Gast und -feierten ihn unter Kränzen und mit huldreichen Frauen.« - -Vor den Ohren des Landmädchens summte es. Sie hatte ihre Lider fest -zusammengepreßt, und so geschah es, daß sie erst jetzt merkte, wie ihr -Gefährte sacht über ihr blondes Haar streichelte. - -Hölle und Entsetzen! Dieser eine Augenblick genügte, um alle Besinnung, -alle Klarheit auf sie herabzuzerren. Die erste Berührung der fremden Hand -riß jede heimliche Zuneigung wie ein üppiges Gewand von ihrem Körper, -nichts blieb übrig als der Schauder vor dem Fremden und seinem Wesen. -Ein Schlag hätte die Gutsherrin nicht mehr reizen können, als jenes -verborgene Langen nach ihrer Würde. Voller Verachtung straffte sie ihre -Arme, und dann -- -- die beiden Menschen hielten inne und starrten sich -an. - -Ganz in der Nähe schmetterte ein Trompetensignal. Die Hofmauern warfen es -zurück, ein helles Wiehern prallte gegen die Fensterscheiben, und wie -in einem rasenden, dahintaumelnden Wahn begannen Traum und Irrsinn in dem -kleinen Zimmer umherzuhüpfen. - -Keiner Bewegung mächtig lehnte Johanna noch immer an der Tür. Sie sah, -wie der Fürst ohne Aufregung eine Pistole aus der umgegurteten Tasche -lüftete, sie fing auf, wie er von ihr abließ, blitzschnell das Fenster -öffnete und sich rittlings auf das weiße Brett schwang. - -Draußen auf dem Flur knirschten viele Tritte. - -Laternenschein durchbrach auf dem Hof die Finsternis und spiegelte sich in -den todbleichen Zügen des Obersten. - -»Zurück,« schrie Johanna besinnungslos und wollte die Arme in die Luft -werfen. Aber sie fielen ihr unkörperlich, gleich leblosem Eisen gegen den -Leib. - -Der auf dem Fensterbrett Reitende schien den weiteren Sprung aufgegeben zu -haben. Mit einer Gebärde des Widerwillens hob er die Pistole, und -zweimal begleiteten draußen grelle Schreie das Aufzucken der beiden roten -Feuerfunken. - -Johanna reckte sich. Sie taumelte nicht, sie brach nicht zusammen, eine -steinerne Figur hätte nicht starrer ragen können wie sie. Ein dicker -roter Qualm wallte vor ihren Augen, und durch seine Nebel hindurch sah -sie, wie Fürst Dimitri sich zu ihr zurückwandte, um ihr mit seinem alten -gewinnenden Lächeln zuzunicken. - -Der Gruß rüttelte an ihr wie eine Faust. Gleich darauf schrie Johanna -auf. Ihr schnellte es vor den Blicken, als ob der Oberst die Waffe gegen -seine eigene Schläfe gerichtet hätte. Noch einmal zischte es, und das -letzte, was in die steinerne Bildsäule hineinschlug, war der Nachhall -eines dumpfen Falles. - -Dann war alles leer, sie stand allein in der Stube. - - * * * * * - -Dicht vor der weißen Mauer wartete eine Schar deutscher Ulanenoffiziere -in respektvollem Schweigen, bis sich die Gutsherrin von der hingestreckten -Gestalt abwendete, deren Umrisse man kaum noch unterschied. Dann schüttete -einer von ihnen ein Bündel Stroh über den Gefällten. Ernst und -schweigsam suchten die Herren die erleuchtete Stube auf, und nur ihr -riesenhafter Rittmeister blieb draußen in der Dunkelheit bei seiner -Verwandten zurück. Auch zwischen ihnen wollte sich kein Wort einstellen. -Unbeweglich, gesenkten Hauptes verweilte Johanna. Übermächtig wühlte -in ihr die Vorstellung, ein gräßliches Wahnbild wäre eben für immer -zersprungen, und erwachend überfiel sie die Qual, ob sie wirklich in -dieses grause Ende verstrickt sei. - -Da streckte ihr der Riese von Sorquitten die Hand entgegen. Es war eine -Bewegung so voll Treue und Ehrlichkeit, daß das Mädchen aus ihrem -Hinbrüten emporfuhr. Zögernd verbarg sie ihre Finger unter ihrer dunklen -Schürze. - -»Es klebt Blut daran,« sagte sie tonlos. - -Aber Herr von Stötteritz ließ sich nicht abschrecken. Seine Rechte suchte -und fand die kalten Finger, die sich vor ihm versteckten, und überzeugt -und markig, ungekünstelt und mit wuchtiger Gewißheit tönte die -kräftige, allen Spuk vertreibende Männerstimme: - -»Schadet nicht, Hans. Was von dir kommt, kann nur brav und richtig sein. -Mach' dir keine unnötigen Gedanken, Kind.« - -Und er nahm ihren Arm und führte die Widerstrebende voller Stolz zu -seinen Kameraden in das erleuchtete Zimmer. Die Befriedigung, der nächste -Verwandte einer deutschen Frau zu sein, die willensstark und kräftig -mitten in dem tödlichen Gebrause standgehalten, strahlte von seinem -wettergebräunten Gesicht. Auf dem Tisch standen noch ein paar Flaschen -Rotwein. Ohne zu fragen hatten die Offiziere sich eingegossen und harrten -nun, die Gläser in der Hand, wie auf Verabredung auf die Dame des Hauses. -Aber diese sprach nichts. Ihr Geist verkehrte noch mit dem Schatten, der -unsichtbar, lächelnd und schwermütig durch den Raum schwebte. Statt ihrer -ergriff der Riese von Sorquitten einen Kelch, schwenkte ihn und sagte kurz -und bestimmt: - -»Meine Herren, dies war nur der Anfang. Wir haben keine Zeit uns -auszuruhen, sondern müssen für das Ende sorgen. Das Feiern kommt -später.« - -Ein paar Minuten nachher hörte man bereits das Scharren und Trappeln der -Ulanenpferde. Nur Herr von Stötteritz zögerte noch bei seiner Verwandten -und ließ seine Hand noch immer wuchtig auf ihrer Schulter ruhen. - -»Hans,« kam es ein wenig beschämt aus ihm heraus, »ich bin die dummen -Gedanken nicht los geworden. Man soll natürlich keine Pläne machen, denn -man weiß nicht, wie alles kommen kann. Und uns bleibt noch ein tüchtiges -Stück zu tun. Aber weißt Du, Marielle, es wäre mir doch lieb, wenn ich -zu dir zurück käme. Man muß eben vertrauen und warten.« - -Dabei rüttelte er sie kräftig, drückte ihr klammerfest die Hand und -schritt klirrend und ohne sich noch einmal umzuschauen hinaus. - -Und die Älteste von Maritzken wartete. - -Das ganze Land glaubte und harrte, spann Hoffnungen und richtete sich auf. -Was in den Familien und bei den Zurückgebliebenen geschah, das glitt nur -wie unwirkliche Schatten unter der glutroten Sonne des Völkerherbstes -dahin. Man hörte es, man schüttelte den Kopf und lauschte auf das Sausen -des großen Sturmes. - -So durfte die Gutsherrin von Maritzken die kleine Isa umarmen und von ihr -das Wunder erfahren, daß der Rotkopf in den »Goldenen Becher« drinnen in -der befreiten Stadt einziehen würde. Und Johanna lächelte und schüttelte -das Haupt. Sie hörte auch von den Bühnenstudien flüstern und raunen, die -ihre Schwester Marianne mitten in Not und Gewühl in der fernen Hauptstadt -betreiben sollte. Und wieder lächelte sie matt, und um ihren Mund spielte -der alte herbe und verurteilende Zug. - -Knechte und Mägde wurden angeworben, das Anwesen erstand unter ihrer -Führung aus Schutt und Vernachlässigung, die Wintersaat wurde versenkt, -und ein neuer Frühling sproßte empor. - -Längst sind die Mauern des Gehöftes geweißt und gestrichen, und nur der -Blutfleck unter dem Fenster leuchtet noch mahnend und klagend über den -Hof. Und wenn die Gutsherrin im Abendschein auf der Bank vor der grünen -Wiese rastet, dann streift ihr Auge manchmal über den kaum merklichen -Erdbuckel, der schmucklos und ohne Kennzeichen ein Grab überwölbt. Aber -in ihren weißen Zügen regt sich nichts mehr. Sie fühlt gleich all den -Tausenden und Millionen ihrer Landsleute, daß jeder Deutsche allein und -auf sich gestellt in der Welt steht. Kein schwächliches und bewunderndes -über-die-Grenze-Spähen gibt es mehr. Der Deutsche wird den Nachbarn von -rechts und links wohl ohne Haß und Groll die Hand hinstrecken, wird mit -ihnen aufwärts wandern und handeln und tauschen, aber das Tiefste, das -Herz an Herzen bindet, das höchste Gefühl der Glückseligkeit, daß er -nicht gänzlich vereinsamt im Wirbel des Geschehens treibe, das findet er -nur bei dem deutschen Bruder. - -Und wie die Älteste von Maritzken, so sinnt nun das ganze weite Land, -beseelt von dieser starken Gewißheit, und harrt und wartet. - - - _Ende._ - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription -werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= -hervorgehoben (jedoch nicht römische Zahlen). - -Der Halbtitel wurde entfernt. - -Punkt und Komma am Ende von Anführungszeichen wurden generell geändert -von "«." in ".«" und von "«," in ",«". - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, -einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise -"Sebalduskirche" -- "Sebaldus-Kirche", "slavisch" -- "slawisch", - -mit folgenden Ausnahmen, - - Seite 57: - "sprochen" geändert in "versprochen" - (von der er sich einmal Erfolg versprochen) - - Seite 60: - " »" geändert in "« " - (wirklich an lieben Fritz Harder.« Und nach einer Weile) - - Seite 69: - "ihrere" geändert in "ihrer" - (wegen ihrer altpreußischen Gesinnung bekannt) - - Seite 72: - "Entttäuschungen" geändert in "Enttäuschungen" - (und an Enttäuschungen reiche Pflicht) - - Seite 79: - "«" eingefügt - (fürsorglich aus unserer Pulverecke fortschafft.«) - - Seite 93: - "«" eingefügt - (etwas vorschreiben oder gar befehlen zu wollen.«) - - Seite 131: - "Zigarrette" geändert in "Zigarette" - (eine Zigarette an sich riß und rasch) - - Seite 173: - "sein" geändert in "seine" - (das bessere Teil von ihm, seine Seele) - - Seite 180: - "Wandrer" geändert in "Wanderer" - (der in sich gekehrte Wanderer) - - Seite 190: - "«" eingefügt - (»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«) - - Seite 191: - "Haft" geändert in "Hast" - (In nervöser Hast fingerte sie auf der Platte) - - Seite 233: - "«" hinter "Sinn." entfernt - (schoß es ihm durch den Sinn.) - - Seite 255: - "aberteuerliches" geändert in "abenteuerliches" - (vielleicht nur ein abenteuerliches Mißverständnis) - - Seite 260: - "großes" geändert in "großen" - (die lähmende Ruhe des großen Gemaches) - - Seite 304: - "etwas" geändert in "etwa" - (Sie sind doch nicht etwa als Spion) - - Seite 304: - "alles" geändert in "allen" - (nach allen Seiten hinauszuspähen) - - Seite 312: - "gelähmter" geändert in "gelähmten" - (als sie in ihrer gelähmten Haltung verharrte) - - Seite 323: - "nordddeutsch" geändert in "norddeutsch" - (als ihr norddeutsch kühles Auge jetzt auffing) - - Seite 359: - "«" hinter "vonnöten." entfernt - (einer so hohen Behörde gewiß nicht vonnöten.) - - Seite 383: - "einflössen" geändert in "einflößen" - (auch einem minder Verzweifelten Furcht einflößen können) - - Seite 386: - "Dimirti" geändert in "Dimitri" - (Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des Zaren) - - Seite 390: - "etwas" geändert in "etwa" - (Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei?) - - Seite 392: - "zersausten" geändert in "zerzausten" - (mit flatternden und zerzausten Plantüchern) - - Seite 400: - "-" eingefügt - (während er unruhig im Zimmer auf- und niederschritt) - - Seite 401: - "," geändert in "." - (ich kann und darf Sie nicht damit ängstigen.) - - Seite 403: - "Anwort" geändert in "Antwort" - (und zetert und brüllt um Antwort) - - Seite 412: - "den" geändert in "dem" - (Auch wird in dem dumpfen Raum kein Mensch) - - Seite 419: - Zeilen 7 und 8 vertauscht - - Seite 422: - "«" eingefügt - (richtig und sauber hervorziehen kann.«) - - Seite 430: - "Er" geändert in "Es" - (Es tat ihr nicht gut) - - sowie - Seite 339: "III." geändert in "IV." - Seite 378: "IV." geändert in "V." - Seite 414: "V." geändert in "VI."] - - - - - - - -End of Project Gutenberg's Die Herrin und ihr Knecht, by Georg Engel - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HERRIN UND IHR KNECHT *** - -***** This file should be named 50283-0.txt or 50283-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/2/8/50283/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Die Herrin und ihr Knecht - -Author: Georg Engel - -Release Date: November 28, 2015 [EBook #50283] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HERRIN UND IHR KNECHT *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - - - -<h1><b>Die Herrin und -ihr Knecht</b></h1> - -<p class="ce mt2 lh2"><span class="fsl"><b>Roman</b></span><br /> -<span class="fss"><b>von</b></span><br /> -<span class="fsxl ge"><b>Georg Engel</b></span></p> - - -<p class="ce mt4 fss">Sechstes bis zehntes Tausend</p> - -<p class="ce"><span class="ge">Grethlein & Co. G. m. b. H. in Leipzig</span></p> - -<div class="il mt2"> - <img src="images/p003i.jpg" alt="" /> -</div> - -<p class="ce mt2 fsxs">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, von der -Verlagsbuchhandlung vorbehalten.</p> - -<p class="ce fsxs"><i>Copyright 1917 by Grethlein & Co. G. m. b. H. in Leipzig.</i></p> - -<p class="ce mt2 fsxs">Druck von <em class="ge">August Pries</em> in Leipzig.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -Erstes Buch.</h2> - - - - -<h3>I.</h3> - - -<p>Das Landhaus der Grothes wurde wieder geweißt. Aber -der Blutfleck neben dem Fenster, das auf den Hof heraus -ging, blieb erhalten. Die Maurer hatten ihn auf -strenge Anordnung hin verschonen müssen. Und wenn Johanna -Grothe mit ihren Knechten hier vorüberwandelte, -dann verzog sich ihr herrischer Mund noch stolzer und selbstbewußter, -und ihre hohe Gestalt reckte sich auf, daß -ihr Marmorhaupt, wie es Konsul Bark immer genannt -hatte, hoch über die geduckten ostpreußischen Landleute -herausragte. Das begab sich am Tage. Wenn sie jedoch -gegen Abend zurückkehrte, um ihren Sitz auf der Gartenbank -hart an der Wiese einzunehmen, dicht an der Stelle, -wo unter den hochaufgeschossenen Eichenbäumen die Hermen -der drei römischen Cäsaren zerbröckelten, dann warf -die Vorüberschreitende manchmal einen langen prüfenden -Blick auf das rote Mal, und ihre feste, schmale Hand -führte eine Bewegung aus, als ob ein strenger und geordneter -Mensch etwas Unwillkommenes, Unerhörtes auszustreichen -gedachte. Aus der Dorfkirche von Maritzken -läutete dann von dem niedrigen Holzturme das singende -Glöckchen, das auch damals in die Fieberträume der -Grotheschen Ältesten hinein gewimmert hatte. Und der -Wind fächelte über das hart getretene Viereck in dem Kleeacker, -das eigentlich ein Grab vorstellte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -Ja, die Nacht mit ihren Schrecken war vorübergerast, -und der Morgen wollte für die Heimat und die deutsche -Menschheit tagen. Und ebenso, wie Johanna Grothe, so -stand ihr ganzes Volk vor der weißen Mauer, die wieder -frisch getüncht war, und sah auf das helle Blutmal, das -in der Sonne funkelte. Ohne Haß, ohne Rachsucht, nur -in dem Bewußtsein, daß die Erinnerung daran nicht wieder -fortgelöscht werden könnte, und daß jeder alle Kräfte -daransetzen müsse, die Mauern des großen Hauses bis -auf den einen Fleck weiß und sauber zu erhalten.</p> - -<hr /> - -<p>Jedem Beschauer bot es einen hellen, einen erfreulichen -Anblick, als der leichte, gelbe Jagdwagen, von den beiden -wiehernden und schnaubenden Rappen gezogen, in die -ersten Straßen der Provinzialhauptstadt einbog. Grüne -und blaue Frauenschleier wehten in dem frischen Wind -hinter dem Gefährt her, unter den flatternden grauen -Staubmänteln blitzten vorüberhuschend weiße und rosa -Sommerkleider auf, und zuweilen wurde das Rasseln der -Räder durch ein plötzlich auffahrendes Mädchenlachen übertönt, -das sich ungeniert und im vollen Genuß des Augenblicks -äußerte. Dann streckte mancher kleine Handwerksmeister -den Kopf aus seinem Laden heraus, oder in den -schrägen Spionenspiegeln, die an die schmalen Fenster der -Wohnstuben angeschraubt waren, tauchte das zitternde -Konterfei einer nähenden Bürgersfrau auf, die nach einem -Blick auf das strahlende Gefährt befriedigt feststellte:</p> - -<p>»Aha, die drei Grothe-Marjellen sind wieder da. Hellwig, -du bleibst zu Hause, die Älteste kauft nachher ein.«</p> - -<p>Und nach einer Weile des Herauslugens setzte dann wohl -die dicke Vorkosthändlerin in angenehmer Gewißheit hinzu:</p> - -<p>»Natürlich, die Grotheschen stellen im Deutschen Hause -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -ein. Da hat es dann Konsul Bark nicht weit. Merkwürdig, -sie sollten doch einmal Ernst machen. Aber bei -dieser Art Leuten ist das Herumziehen die Hauptsache. Freilich, -mich geht's nichts an, ich bin ja nicht die Mutter.«</p> - -<p>Und unten aus dem tiefen Kellerloch dröhnte eine verquollene -Stimme zur Antwort herauf:</p> - -<p>»Meines Wissens nicht, Mamachen. Und wehe dir, -wenn du nachher Andeutungen machst.«</p> - -<p>»I wo,« wehrte sich die Dicke und wischte an den -Fensterscheiben, damit sie dem prächtigen Wagen noch etwas -länger folgen könnte. »Ich kümmere mich nicht um die -Angelegenheiten fremder Leute. Bloß der Umstand, daß -Konsul Bark, dieser feine Herr, auch mit anderen –«</p> - -<p>In diesem Moment jedoch wurde die Klapptür des -Kellers mit solcher Wucht in ihre Einfassung geschleudert, -daß das Häuschen einen Sprung machte und jedes vernünftige -Gespräch verstummen mußte.</p> - -<p>Das war sehr unrecht, man hätte noch allerlei erfahren.</p> - -<p>Unter der Einfahrt des Deutschen Hauses stand Johanna -Grothe – »Hans«, wie sie sowohl von ihren Schwestern -als auch von Freunden genannt wurde – vor dem gelben -Jagdwagen, den die Mädchenschar soeben verlassen, und -während sich die anderen jungen Damen die Staubmäntel -schüttelten und die Toiletten ein wenig in Ordnung brachten, -gab die Älteste dem noch auf dem Bock sitzenden halbwüchsigen -Kutscherjungen ihre letzten Befehle. Sie sprach -sehr nachdrücklich mit ihrer festen, ruhigen Stimme, denn -der Bursche da oben war nur schwer seiner polnischen -Schläfrigkeit zu entreißen, und er sah auch jetzt aus blöden -Augen apathisch einer Rotte von Fliegen zu, die den -Rücken seiner Tiere peinigte.</p> - -<p>»Stasch, du spannst hier aus.«</p> - -<p>Der Junge rührte sich nicht, sondern schüttelte nur ein -<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -wenig verwundert das Haupt, weil sich immer mehr -Bremsen einfanden. Die Tiere schlugen hinten aus.</p> - -<p>»Ausspannen, Panna?« murmelte er geistesabwesend.</p> - -<p>»Ausspannen,« rief Hans böse hinauf, und dabei versetzte -sie dem Rosselenker einen Ruck gegen den Arm, daß -der Junge beinahe sein Gleichgewicht verloren hätte.</p> - -<p>»Oh Jesus, Panna,« stöhnte er.</p> - -<p>»Und dann soll hier gefuttert werden,« bestimmte die -hochgewachsene Blonde weiter.</p> - -<p>»Gefuttert?« murmelte Stasch in sich hinein, wobei er -beinahe Miene machte, von neuem in seinen slawischen -Schlaf zu versinken.</p> - -<p>Die beiden anderen Schwestern lächelten ein bißchen -und warfen sich verständnisinnige Blicke zu. Es lag -etwas Überlegenes in dieser verhaltenen Heiterkeit, und es -schien fast, als ob die Jüngeren einen heimlichen Bund -miteinander geschlossen hätten. Die Große jedoch hatte -jetzt völlig ihre Geduld verloren. Hochauf reckte sich die -kräftige Gestalt, die Hüften spannten sich, als ob es einen -Gewaltstreich auszuführen gelte, und im nächsten Augenblick -bereits schoß der weißblonde Pole, einem Zug der -in feinem Glacéleder steckenden Frauenhand folgend, vom -Bock. Jetzt schrien die beiden anderen Mädchen auf. Der -rasche Angriff, sowie das Herbeieilen einiger fremder Menschen -empörte sie. Die Herrin von Maritzken aber wandte -sich nach ihnen um, und in diesem Augenblick zeigte ihr -Antlitz wieder jene Marmorblässe, die Konsul Bark, als ein -gewählter Frauenkenner, überall so hervorhob.</p> - -<p>»Ihr geht in das Gastzimmer,« herrschte die Älteste -die Schwestern an, als gäbe es gegen ihren Entscheid -keinerlei Widerspruch. »Ich habe es nicht gern, wenn wir -hier so in Massen auftreten. Und diesem Bengel möchte -ich das Gespann doch nicht unbeaufsichtigt überlassen. -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -Nun dalli, Ihr erwartet mich drin. Ich möchte nachher -noch einen Gang machen.«</p> - -<p>»Einen Gang?« fragte die brünette Marianne, die zwar -erheblich jünger war wie ihre befehlshaberische Schwester, -ihr aber dennoch im Alter am nächsten kam. »Einen -Gang?« forschte sie mit der matten Lässigkeit ihrer Bewegungen, -in denen so viel gefährlicher Reiz wirken konnte, -»du willst dich gewiß mit Konsul Bark treffen, nicht -wahr, Hans?«</p> - -<p>Die Große verzog ein wenig die Stirn, denn das vertrauliche -Lächeln des Einverständnisses, das die Jüngeren -wieder untereinander tauschten, gefiel ihr nicht. Laut aber -ließ sie nur mit ihrer dunklen Stimme fallen:</p> - -<p>»Ich treffe mich nicht mit ihm, sondern ich suche ihn -in seinem Geschäft auf.«</p> - -<p>»Ah,« echoten die anderen.</p> - -<p>Und der Rotkopf von ihnen, Isa, ein siebzehnjähriges -geschmeidiges Kätzchen, das der mütterlichen Schwester soviel -Schwierigkeiten bei der Erziehung bereitete, sie raschelte -auffällig mit ihrem rosa Kleid, verzog den Mund und kniff -spitzbübisch die großen braunen Augen zu. Die dunkle -Marianne aber legte ihren vollen Arm um die schlanke -Hüfte der Kleinen und sagte in ihrer müden Art, die gerade -wegen ihrer Leidenschaftslosigkeit häufig so sehr zum Zorn -zu reizen vermochte:</p> - -<p>»Dann wirst du wohl auch nichts dagegen haben, liebster -Hans, wenn ich mich drüben in der Konditorei von Klinkowström -auf ein paar Minuten mit Fritz Harder treffe. -Ich habe es ihm versprochen, denn er ist heute nachmittag -dienstfrei.«</p> - -<p>Damit faßten sich die beiden jüngeren Grothe-Marjellen -entschlossen unter den Arm und schritten langsam und -furchtlos dem Ausgang zu. Allein sie gelangten nur bis zu -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -dem kurzen runden Prellstein, vor dem ihr hochragender -Wächter sich aufgepflanzt hatte. Es fiel eigentlich kein -lautes Wort, kein Verbot wurde ausgesprochen und keine -hastige Entgegnung vernommen, und doch – die langjährige -Gewohnheit des Sichfügens, wenn es auch ungern -und widerwillig geschah, die Furcht vor der zufahrenden -Härte und dem aufflammenden Zorn der Großen erstickte -all die leichten, flatterhaften Mädchenwünsche im -Keim. Ohne daß die Jüngeren recht begriffen, wie es so -schnell geschah, hielten sie allerlei Decken und Schirme -in den Händen, die ihnen von der großen Blonden energisch -übergeben waren, und wie von selbst traten sie mürrisch -und bezwungen den Rückzug durch die dunkle Einfahrt -an, um noch auf den drei ausgetretenen Steinstufen, die -zu dem inneren Flur hinaufleiteten, aufzufangen, wie die -ältere Schwester laut und unbekümmert hinter Marianne -herrief:</p> - -<p>»Es paßt sich nicht, daß du dich jetzt schon mit dem -jungen Offizier triffst, so weit halten wir noch nicht. Aber -wenn ich zurückkomme, dann werden wir mehr wissen. -Und nun benehmt euch dort drinnen nicht zu ausgelassen.«</p> - -<p>»Ja, ja, wir werden uns Mühe geben,« erwiderte die -dunkelhaarige Marianne achselzuckend; und dann verschwanden -die Grothe-Fräulein hinter der Glastür des -Gasthauses, ohne der Ältesten noch einen besonderen Gruß -gegönnt zu haben.</p> - -<p>Johanna aber wartete ruhig ab, bis der halbwüchsige -Kutscher die beiden Rappen ausgespannt und in den Stall -geführt hatte. Und erst, nachdem sie noch angeordnet, welche -Zehrung der Junge zu sich nehmen solle und aus welchen -Geschäften Pakete eintreffen würden, da schritt sie endlich -mit ihrem festen, sicheren Gang quer über den Marktplatz -herüber. Das edle griechische Haupt mit den harten, -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -blauen Augen trug sie wieder hoch aufgerichtet, und unter -dem dünnen Schleier leuchtete die weiße Haut, als ob -wirklich ein altes Götterbild auf den Einfall geraten wäre, -hier auf dem ostpreußischen, schlecht gepflasterten Marktplatz -majestätisch dahinzuwandeln. So stolz und selbstsicher -mutete das Bild an, daß selbst ein paar schlanke -Gymnasiasten, die auf dem Platz eine wichtige Besprechung -abhielten, hochachtungsvoll an ihren hellblauen Mützen -rückten, um untereinander zu tuscheln:</p> - -<p>»Das ist die Älteste von Maritzken, ein feines Weib! -Kuck, sie geht in den Goldenen Becher zu Konsul Bark. -Donnerwetter, wenn man doch auch – –«</p> - -<p>Und dann kam die Hochgewachsene ganz nahe, und die -Jungen dienerten und schwenkten ihre Kappen.</p> - -<hr /> - -<p>In dem großen Gewölbe des Goldenen Bechers brannten -bereits die Gasflammen. Sie verlöschten niemals unter -den gotischen Bogen. Denn obwohl über der alten Stadt -das Leuchten und Schimmern eines wolkenlosen Sommertages -lag, hier drinnen in den niedrigen Gewölben der ehemaligen -Probstei herrschte eine beständige kühle Dämmerung. -In dem Raum selbst aber schwirrte und summte -und knirschte es durcheinander. Achtzehn junge Leute, alle -mit sauberen grünen Schürzen angetan, bedienten die sich -drängenden Kunden, und alle Augenblicke sah man das -schneeige Weiß des aufgeschütteten Salzes blitzen, graue -Staubwolken von Mehl schwebten dahin, der Zucker -knirschte, stark gebrannter Kaffee verbreitete seinen aromatischen -Duft, aber auch Weinflaschen verließen ihr stauberfülltes -Lager und ganze Berge von blechernen Konservenbüchsen -verschwanden in den mächtigen Körben der Einholenden. -Auf der anderen Seite des hochgewölbten Torweges, -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -dicht vor den tief zurückliegenden dunklen Fensterscheiben, -die mit dicken Eisenstäben so eng vergittert waren, -als ob es sich um Gefangenenzellen handele, da hielten -auf dem Marktplatz eisenklirrende Rollwagen, über deren -herabgelassene Leiterbäume blaue Petroleumfässer heruntergewälzt -wurden. Daneben standen gewaltige Plangefährte. -Unausgesetzt trugen riesige Männer mit Lederschürzen viereckige, -mit Sackleinwand und Eisenblech verschnürte Ballen -heraus. Ein feiner Teegeruch verbreitete sich, als Johanna -Grothe dort vorüberschritt. Und an den kleinen, -buntgeschirrten Pferdchen mit den gewaltigen Messingkummeten -um den Hals erkannte ihr geübter Blick, wie -diese Wagen erst vor kurzem von der nahen russischen -Grenze angelangt seien. Denn Konsul Bark war der größte -Teeimporteur dieser östlichen Provinz, und die kleinen roten -Päckchen mit dem goldenen Becher als Aufdruck galten -durch das ganze Reich als eine Delikatesse.</p> - -<p>Durch den Schwarm der unbekümmert weiterschaffenden -Lederschürzen hindurch trat Johanna Grothe durch den -grob gepflasterten Flur, bis sie an der rechten Rundwand -ein paar ausgetretene grüne Marmorstufen erreicht hatte. -Auf der obersten zogen sich altersverwitterte Bronzebuchstaben -hin, die durch ihren griechischen Text die stolze Angabe -des Hausherrn bekräftigten, daß diese Steine aus -einem alten moskowitischen Kloster einstmals von der -siegreichen Hanse dem residierenden Probst der Handelsstadt -zum Geschenk gemacht worden seien. Vor grauen -Zeiten leiteten jene Quadern auch wirklich in das Refektorium -der Probstei. Heute jedoch hatte der Konsul sein -Privatkontor hier aufgeschlagen; es war ein gewaltiger -Raum, von schweren flämischen Möbeln umstellt, während -die weißen, splitternden Dielen von einem einzigen orientalischen -Teppich in dunkelbrauner Grundfärbung überspannt -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -waren. Einen seltsamen Eindruck rief es auf alle -hervor, die zuerst hier eintraten, sobald aus den eingebuchteten -Mauerwölbungen immer noch die bunten Mosaikgebilde -der Evangelisten in verdämmerten Farben herausleuchteten. -Einen förmlichen Schrecken aber verursachte es -dem Unvorbereiteten, wenn hinter dem umfangreichen -Schreibtisch des Großkaufmanns, nur von dem elektrischen -Licht der grünbeschirmten Arbeitslampe getroffen, die überlebensgroße, -riesenhafte Holzstatue des Apostelfürsten -Petrus mit blauem Mantel und goldenem Heiligenschein -auftauchte, genau so, wie sie einstmals an dieser Stelle das -Ziel für die Verehrung unzähliger Frommer gebildet hatte. -Die Holzstatue aber ragte auf ihrem Marmorquader auf, -als wolle sie gegen die neue Zeit und gegen alles, was sie -in ihr erblicken mußte, Verwahrung einlegen. Den goldenen -Hirtenstab, der unten abgebrochen war, hielt sie -gegen das zornige, volkstümliche Herz gepreßt und ihren -mächtigen verrosteten Eisenschlüssel streckte sie weit von sich, -voll Abscheu und grobem Eifer.</p> - -<p>Und der Heilige hatte manchen Grund zu seinem Verhalten. -Denn obwohl der neue Besitzer der Probstei ein -gewisses feinsinniges Kunstinteresse für die bunten Zeichen -einer innerlicheren Epoche besaß, und obwohl es ihm -schmeichelte, häufig berühmte Sammler und Gelehrte in -seinen Räumen zu empfangen, um ihre Bewunderung für -seine Besitztümer zu vernehmen, so lehnte er es doch auf -der anderen Seite entschieden ab, sein eigenes Leben mit -seiner Umgebung in Einklang zu bringen. Dunkle Gerüchte -durchflogen die Stadt, es würden in der alten Probstei -unter den Augen der Evangelisten und des Himmelspförtners -gelegentlich erlesene Feste gefeiert, die weitab von -strenger Daseinsführung lagen und die deshalb das Ziel -und die Sehnsucht aller unverheirateten Herren der bevorzugten -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -Kreise bildeten. Etwas Genaues indessen vermochten -selbst die neugierigsten Damen der Stadt nicht in Erfahrung -zu bringen. Man flüsterte wohl hie und da, daß -der Konsul, dieser wohlgepflegte Vierziger mit der schlanken -eleganten Gestalt und den schwärmerischen, lang bewimperten -Augen, die so gar nicht zu den im Grunde kalten -Zügen passen wollten, man flüsterte wohl, daß Konsul -Bark in seinem weit ausgreifenden Kunstinteresse auch -die Damen des Theaters mit seinen Einladungen beehrte, -allein von den Beteiligten wurde dies stets mit sonderbarem -Lächeln geleugnet. Äußerlich jedoch zeigte der Goldene -Becher dauernd die gleiche patrizische Würde, und da der -Konsul sogar in den Zirkeln der Frau Regierungspräsidentin -sichtbar wurde, wo nur die dreimal Gesiebten verkehrten, -so sanken alle unheiligen Vermutungen immer wieder in -sich zusammen. Nur ein einziges Wesen lebte, das über -den Wandel des Hausherrn genauen Aufschluß hätte geben -können. Das war jener merkwürdige Einsasse des Goldenen -Bechers, über den in der Stadt infolge seiner erstaunlichen -Vielseitigkeit mindestens ebensoviel Erzählungen -umliefen, als über den eleganten Großkaufmann selbst. -Es war der Kammerdiener des Konsuls, Pawlowitsch, wie -er von dem Chef im Scherz wegen seiner russischen Abkunft -genannt wurde.</p> - -<p>Ja, Pawlowitsch besaß das Ohr des Großkaufmanns. -In einem weißen Leinenanzug war er seinem Herrn frühmorgens -bei der Toilette behilflich; er rasierte ihn, und -kein Friseur hätte das dunkelbraune Haar des Konsuls so -korrekt zu scheiteln vermocht, wie dieser Halbrusse. Bei -solcher Gelegenheit erfuhr dann der Herr des Goldenen -Bechers, was Pawlowitsch für nützlich hielt, ihm zufließen -zu lassen.</p> - -<p>»Herr Konsuhl,« flüsterte der Weißkopf, denn er betonte -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -diesen Titel auf der letzten Silbe und dabei beugte -er sich während des Einseifens geschmeidig bis zu dem -Ohr des Gebieters herab, »die kleine Schwarz vom Stadttheater -hat heute abend ihr Benefiz. – Rosen?«</p> - -<p>»Jawohl.«</p> - -<p>»Vorzüglich –« alle Anordnungen des Chefs beehrte -Pawlowitsch mit dieser begeisterten Zensur, »vorzüglich – -Teerosen?«</p> - -<p>»Gewiß.«</p> - -<p>Der weiße Kittel verbeugte sich. Es war ja selbstverständlich, -daß er diese gelben Blumen hinter die Bühne -zu tragen hatte. Dunkelrote schickte sein Gebieter nur beim -Beginn einer vielbegehrten Bekanntschaft. Die ruhigere -Epoche wurde dann durch die mattere Farbe gekennzeichnet. -Und Pawlowitsch wußte ganz genau, wann die weißen an -die Reihe kamen, die den Rückzug des Konsuls einläuteten.</p> - -<p>»Vorzüglich.«</p> - -<hr /> - -<p>Zu derselben Stunde, als Johanna Grothe in ihrer majestätischen -Blondheit über den Markt wandelte, beherbergte -Konsul Bark in dem Refektorium, aus dessen Mauerhöhlungen -noch immer die Mosaikbilder der Evangelisten -hervorschimmerten, einen besonders fröhlichen und lauten -Besuch. Zur Seite des großen Schreibtisches, dicht neben -der Riesenstatue des heiligen Petrus, dessen deutsches Antlitz -noch unwilliger als sonst flammte, lehnte ein gewaltiger, -muskulöser Russenoffizier behaglich in dem dunklen Ledersessel -und hob eben sein Weinglas prüfend gegen die -grünbeschirmte Lampe, so daß der gelbe Trank spiegelte -und glitzerte. Die Sporen an den hellgelben Reiterstiefeln, -die er vor Vergnügen leise aneinander rieb, ließen dazu -einen feinen silbernen Sang ertönen, und das laute Gelächter -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -des Fremden schlug schallend gegen die Decke der -Wölbung.</p> - -<p>»Ja, was sagen mein bester Freund,« rief er wohlgelaunt -und stieß den Hausherrn mit dem langen Säbel, -den er nicht abgelegt hatte, vertraulich gegen die eleganten -schwarzen Lackschuhe, »dumme Tiere von Grenzkosacken -haben sich richtig durch Ihren Agenten von Pflicht – -wie sagt man? – abwendig machen lassen.«</p> - -<p>Der Konsul reckte sich und zupfte verärgert an seinem -kurzgeschorenen englischen Schnurrbärtchen.</p> - -<p>»Der Jude handelte auf sein eigenes Risiko,« entgegnete -er unmutig, »ich habe ihm nicht geraten, Ihre Leute zu -bestechen.«</p> - -<p>»Bestechen?« Jetzt lachte der Russe noch behaglicher -und schüttelte das blondbebartete Haupt. Seine blauen -Augen sahen ganz erstaunt aus. »Bestechen?« wiederholte -er in seinem gebrochenen Deutsch, »nicht doch. Hat Mann -gar nicht beabsichtigt. Ist Gewohnheit bei diesen deutschen -Spitzbuben. Pardon – pardon,« verbesserte er sich, und -die großen Kinderaugen begannen ihm in der Wirkung des -Weins oder aus Verlegenheit zu tränen, »sehr ehrenwerte -Leute. Versuchen es nur immer wieder. Aber diesmal hat -mir heilige Mutter von Kiew beigestanden. Sieben Wagen -vor Brücke zurückgehalten, und zweitausend Rubel in -meiner Tasche. Was sagen bester Freund?«</p> - -<p>Konsul Bark rückte ein wenig mit seinem Stuhl und -blickte seinen Gast zweifelnd von der Seite an. Das Gespräch -schien ihm durchaus nicht zuzusagen.</p> - -<p>»Ich nehme an,« begann er endlich nach einem Moment -der Überlegung, während sein schmales, feingeschnittenes -Gesicht durch nichts irgendeine Bewegung verriet, »ich -nehme an, Herr Rittmeister Sassin, daß Sie gekommen -sind, um das Geld wieder an mich abzuliefern.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -»Oh nein, ist Irrtum. Geld gehört Gossudar, russischen -Zaren, unserem allergnädigsten Herrn.« Der Russe verbeugte -sich, so daß seine Stirn fast die Platte des Schreibtisches -berührte.</p> - -<p>»Jawohl, ich kann es mir denken,« meinte der Konsul -mißfällig, »sprechen wir nicht mehr darüber.«</p> - -<p>»Serr gut, ist ganz meine Ansicht, sind hervorragender -Kaufmann. – Händler erster Gilde!«</p> - -<p>Jetzt warf der Hausherr seinem Gast von neuem einen -scharfen Seitenblick zu. Unwillkürlich faltete sich seine -Stirn. Sollte dieser große ungeschlachte Mensch sich etwa -über ihn lustig zu machen gedenken, gerade jetzt, da der -Fremde ihn um eine erhebliche Summe geschädigt? In -diesem Augenblick hatte der kühle Geschäftsmann völlig -vergessen, wie oft er jenseits der Grenze in dem kleinen -elenden Fabrikstädtchen die reiche und ausgelassene Bewirtung -des Grenzoffiziers genossen, eine Gastfreundschaft, -die sich manchmal bis zu tobendem Wahnsinn gesteigert -hatte. Nein, die Erinnerung hieran war dem Prinzipal -des Goldenen Bechers wie in dunklem Rauch aufgegangen. -Denn Konsul Bark besaß die Fähigkeit, geschehene Dinge, -die ihm nicht mehr behagten, kaltblütig auszustreichen, als -wären sie nie gewesen. Seine dunkelgrauen, lang bewimperten -Augen blickten noch etwas berechnender drein als gewöhnlich, -da er sich auf die Huldigung des Offiziers zu der -lässigen Erwiderung anschickte:</p> - -<p>»Ich bin Ihnen für Ihre gute Meinung sehr verbunden, -Herr Rittmeister. Aber gerade, weil ich ein nüchterner -Kaufmann bin, so werden Sie es mir nicht übel deuten, -wenn ich mich frage, welche geheime Absicht Sie eben -jetzt zu mir leitet, obwohl Sie vielleicht Ursache zu haben -glauben, mir wegen dieser unangenehmen Zollaffäre zu -zürnen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -Ganz vorsichtig und diplomatisch hatte der Konsul dies -vorgebracht, während er unausgesetzt einen großen Elfenbeinfalz -zwischen seinen schmalen Fingern hin- und hergleiten -ließ. Der Russe jedoch tat seine hellblauen Kinderaugen -noch weiter auf, und auf seinen breiten Zügen malte -sich vollste Verständnislosigkeit. Ungewiß rieb er sich in -seinem stoppligen blonden Kinnbart.</p> - -<p>»Nix Zollaffäre, nix zürnen, keine Spur,« versicherte -er eifrig und verbeugte sich mehrfach in großer Ehrfurcht -vor dem Handelsherrn. »Solche Geschichten alle Tage -vorkommen. <i>Au contraire</i>, bereiten Spaß, machen schönes -Vergnügen. Leo Konstantinowitsch Sassin bitten Rudolf -Bark von Wertschätzung und innigster Freundschaft überzeugt -zu sein.«</p> - -<p>Damit legte er die Linke aufs Herz und hob das Weinglas -grüßend zu dem Hausherrn hinüber. Der Konsul -aber, der die Gewohnheiten des Nachbarvolkes kannte, nickte -gleichfalls mit dem Haupt, ohne jedoch seinen Zweck aus -dem Auge zu verlieren.</p> - -<p>»Leo Konstantinowitsch, kann ich Ihnen mit irgend -etwas anderem dienen?«</p> - -<p>Der Russe schluckte noch an seinem Wein und setzte das -Glas ziemlich unbekümmert auf die Schreibtischplatte -nieder. Dann erhob er lebhaft beide Hände.</p> - -<p>»<i>Pas du tout</i>, mein bester Freund, nix dergleichen. -Ja, ist wahr, gab traurige Zeiten für Offiziere von Gossudar, -namentlich wenn so weit fort von heilige Petersburg. -Serr zu kämpfen gegen Einsamkeit, Langweile und Armut. -Da ist Rudolf Bark immer hilfreicher Freund gewesen, -serr hilfreich, Kavalier –«</p> - -<p>»Sehr schön, aber – –«</p> - -<p>»Kommt, kommt alles. Armut vorbei, durch Gnade -von Väterchen bedeutend besser gestellt. Einnahmen hier, -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -Einnahmen dort, man kann nicht klagen. Und seit Gouverneur -von Wilna Grenzstationen kontrolliert, auch eigene -<i>maison</i> – Häuschen.«</p> - -<p>Bei der Erwähnung dieser kleinen ›<i>maison</i>‹ flog ein -verschmitzter Schein über die eben noch so ernsten Züge -des Kaufmanns.</p> - -<p>»Ja, ich habe gehört, Leo Konstantinowitsch. Man erzählt, -daß Ihnen eine reizende Villa gebaut sei.«</p> - -<p>»Eben fertig,« warf der Russe sehr befriedigt ein.</p> - -<p>»Nun gut, nehmen Sie meinen Glückwunsch. Es fehlt -nichts hinein als eine junge Frau.«</p> - -<p>Der Russe fuchtelte wieder mit den Händen und ließ die -Sporen klirren.</p> - -<p>»Oh, fehlt nicht, fehlt nicht, <i>pas du tout</i>, man weiß -sich zu behelfen. Und davon gerade, Rudolf Bark, sollen -Sie sich überzeugen. Ich bitte serr, ich bitte inständigst.«</p> - -<p>»Sie meinen doch nicht –?«</p> - -<p>»Ja, meine ich, ein kleines Fest. Eine Einweihung, -intim, serr vornehm. Und wenn Sie mich machen wollen -glücklich, dann legen auch ein gutes Wort ein bei die -schönen Damen von Maritzken, die ich neulich so bevorzugt -war, bei Ihnen zu treffen. Wunderschöne Damen, namentlich -die große, üppige, stolze, mit die königliche Gang, und -die schwarze mit den roten Lippen. Es wird werden serr -amüsant.«</p> - -<p>So unerwartet traf den Großkaufmann diese letzte Aufforderung, -daß er den Elfenbeinfalz hart auf den Tisch -fallen ließ und erst einen verlegenen Blick auf das Holzantlitz -des Apostels warf, bevor er, sich zusammenraffend, -widersprechen konnte:</p> - -<p>»Nein, nein, lieber Rittmeister, dieser Mission fühle -ich mich nicht gewachsen. Nehmen Sie es mir nicht übel, -aber es kommt mir doch höchst zweifelhaft vor, ob sich die -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -jungen Damen von Maritzken, und namentlich die Älteste, -in dem eigentümlichen« – der Konsul zögerte einen Augenblick -und suchte nach einem Ausdruck – »na sagen wir -Junggesellenmilieu wohlfühlen würden.«</p> - -<p>Der Grenzoffizier jedoch sprang klirrend auf und fegte -mit seiner Rechten in sprudelnder Lebhaftigkeit durch die -Luft, als müsse er jedes einzelne Wort seines Gegenübers -besonders ausstreichen.</p> - -<p>»Kein Junggesellenmilieu,« schrie er, unbekümmert -darum, ob seine Worte nicht etwa jenseits der Diele verstanden -werden könnten, »Sie täuschen sich, bester Konsul, -wir besitzen Takt, <i>savoir vivre</i>. Sie kränken uns, wenn -Sie zweifeln daran. Wir sind junges Volk, harmloses -Volk, – aber galant gegen Damen.«</p> - -<p>Sicherlich gedachte Leo Konstantinowitsch seine nationale -Eigenart noch eingehender zu schildern, aber das leis-ironische -Lächeln, das abermals die Lippen seines Zuhörers -umspielte, veranlaßte ihn, sich zu unterbrechen, um sich -beschwörend die mächtige Faust mitten auf die Brust zu -schlagen. Es gab einen dumpfen Widerhall.</p> - -<p>»Diesmal nicht so wie sonst,« brachte er ganz treuherzig -hervor, wobei er immerfort das blonde Haupt schüttelte, -»Oberst Geschow aus Mariampol mit seiner jungen Frau -gibt gleichfalls die Ehre. Und alle jungen Frauen von -Kameraden ebenso. Wir werden trinken nur ein Täßchen -Tee, essen dazu ganz dünne Kaviarschnittchen, und die -Gattin von Zivilgouverneur – Frau Bobscheff, serr -fromme Dame – wird sein Patronesse von das Ganze. -Sie werden sich einlegen Ehre, Rudolf Bark, mit dieser -Einladung bei den jungen Fräulein von Maritzken. Und,« -setzte der Russe sehr ernst und nachdrücklich hinzu, »es ist -gut, wenn beide Völker freundschaftlich verkehren. Ich -sage, es ist gut.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -Noch hatte der Russe nicht völlig seine Erklärungen geschlossen, -als die eisenbeschlagene Eichentür sich geräuschlos -in ihren Angeln drehte. Vor dem lauten Gespräch -hatten die beiden Männer völlig überhört, daß schon zweimal -an das harte Holz gepocht wurde. Jetzt stand unter -der Wölbung der Tür eine blaue Hausmeistersuniform mit -blanken Messingknöpfen, und das kurz geschorene weiße -Haupt des berühmten Pawlowitsch neigte sich zu einer -demütigen Verbeugung. Beide Arme ließ der Alte dabei -weit gestreckt von sich herunterhängen.</p> - -<p>»Herr Konsuhl,« wisperte eine flehentlich-zerknirschte -Stimme, »ich störe.«</p> - -<p>»Schon gut, was gibt's?«</p> - -<p>Der Alte wandte sich halb nach draußen und ließ eine -zweite Verbeugung nach der Richtung der Diele hin folgen.</p> - -<p>»Das gnädige Fräulein von Maritzken ist soeben angekommen.«</p> - -<p>»Heilige Mutter,« sprudelte der Russe und ließ vor Erstaunen -den breiten Mund mit den tadellosen Zähnen -offen.</p> - -<p>Aber auch der Konsul schnellte aus seinem Sessel, und -es war sehr merkwürdig, wie er sich bemühte, in aller Eile -ein Aschenkörnchen von dem Aufschlag seines eleganten -braunen Promenadenanzugs fortzustäuben.</p> - -<p>»Ist es das älteste Fräulein?« warf er rasch hin, und -eilfertig schritt er in die Ecke, um selbst die elektrische -Leitung aufzudrehen, die die Lichter des schweren lombardischen -Kronleuchters an der mittelsten der Wölbungen aufstrahlen -ließ. »Ist es die Älteste der Damen?«</p> - -<p>Pawlowitsch zwinkerte ein wenig mit den schwarzen -Augen. »Fräulein Johanna« meldete er.</p> - -<p>Der Konsul machte ein paar Schritte bis zur Tür.</p> - -<p>»Stehe sofort zu Diensten.« Er sprach so laut, daß man -<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -seine Stimme sicherlich draußen auf dem Flur vernehmen -mußte. »Lieber Herr Rittmeister – –,« fuhr er fort, und -ohne daß er noch etwas Weiteres zu äußern brauchte, lag -in seiner sprechenden Handbewegung das Bedauern, die -Konferenz mit dem Offizier leider schließen zu müssen.</p> - -<p>Inzwischen hatte auch Rittmeister Sassin seinen gebogenen -Säbel enger an sich gezogen und ergriff nun die -breitrandige blaue Mütze. Er schien vollkommen einzusehen, -daß er hier überflüssig würde. Ja, in seinen groben, verschwommenen -Zügen arbeitete sogar eine starke innere Verlegenheit. -Heilige Mutter, diese stolze königliche Deutsche -flößte ihm einen Respekt ein, den er sich nicht zu erklären -vermochte. Viele der deutschen Weiber besaßen etwas Ähnliches. -Nein, zum Teufel, die andere, die Schwarze mit -den roten Lippen und der üppigen Lässigkeit war angenehmer, -bequemer. Und in seinem kindlichen Verstand -stritten sich Zweifel, ob es wirklich möglich sein würde, die -Damen von Maritzken zu dem Besuch in der gemütlichen -kleinen ›<i>maison</i>‹ jenseits der Grenze zu veranlassen. -»Rudolf Bark gestatten, daß holder Dame die Hand küsse. -Und nicht wahr, nicht vergessen an meine Bitte! Überlasse -alles Ihnen, bester Freund, alles Ihnen!«</p> - -<p>Da öffnete sich die Tür, die hohe, schlanke Frauengestalt -in dem cremefarbenen Bastseidenkostüm ragte unter der -Wölbung. Die drei Männer aber verbeugten sich gleichzeitig -so tief und ehrfürchtig, daß sie vielleicht gelächelt haben -würden, wenn sie ihre gesenkten Häupter selbst hätten beobachten -können. Dann reichte der Konsul seinem neuen -Gast höflich die Hand, wobei er es jedoch vermied, die -schlanken Fingerspitzen an seine Lippen zu führen. Das -hatte sich das Landmädchen ein für allemal verbeten. Darauf -eine kurze Wendung gegen den russischen Offizier, ein -vergebliches Bemühen des Rittmeisters, seine Huldigung -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -auf den weißen Handschuh der Dame zu hauchen und die -verabschiedende Beteuerung des Russen, daß sein bester -Freund Rudolf Bark holden Dame ein großes Geheimnis -mitzuteilen habe. Eine Bitte, ein fußfälliges Flehen, -deren Erfüllung armen Leo Konstantinowitsch in einen -Taumel des Entzückens versetzen würde.</p> - -<p>»Guten Morgen, Rudolf Bark, alle Nothelfer behüten -Sie – Gnädigste, der Himmel nehme Sie in seinen -Schutz.«</p> - -<p>Die silbernen Sporen klirrten zusammen, der Säbel rasselte, -und die wuchtige Gestalt des Grenzoffiziers schritt -tönend über die grünen Marmorstufen.</p> - -<p>Die beiden anderen blieben allein.</p> - -<p>»Liebes Fräulein Johanna, nehmen Sie Platz,« forderte -der Konsul auf, indem er sehr diensteifrig einen neuen Ledersessel -an den Schreibtisch schob. Und nachdem die Älteste -von Maritzken sich wortlos niedergelassen, blieb er geneigt -vor ihr stehen, um von neuem zu bitten: »Wollen Sie -nicht, lieber Hans, den Schleier ein wenig zurückschlagen? -Damit ich erkennen kann, ob Sie etwas Gutes, oder, was -ich nicht hoffen will, etwas Schlimmes zu mir führt? -Denn leider wird ja der Goldene Becher fast ausschließlich -zu geschäftlichen Beratungen aufgesucht, nicht wahr, bester -Hans?«</p> - -<p>Wie immer, wenn er mit der Ältesten von Maritzken -sprach, klang seine Stimme liebenswürdig und vertrauenerweckend -und enthielt nichts von jener flatterhaften Galanterie, -die dem Landmädchen, das die harte Notwendigkeit -zur Arbeit gezwungen hatte, so verleidet war. Gerade -diese offene konventionelle Art hatte dem Geschäftsmann -das Vertrauen der Vorsichtigen erworben, obwohl auch zu -ihr allerlei abfällige Urteile über ihren Freund gedrungen -waren. Aber Johanna Grothe verachtete solche heimlich -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -zugeflüsterten Gerüchte. Ihre unbestechliche Gewissenhaftigkeit -verlangte Beweiskräftiges. Und alles, was sie von -Rudolf Bark während jener drei Jahre erfahren, seitdem -die Mutter dort draußen im Schatten der Kirche von Maritzken -ruhte, und auch den Vater eigenes Verschulden oder -ein unseliges Schicksal aus den Reihen der tätig Wirkenden -entfernt hatten, nein, alles was ihr von dem nüchternen -klaren Geschäftsmann in selbstloser Opferwilligkeit -während jener schweren Zeit geboten war, es atmete Sicherheit, -Ordnung und ein Gefühl für ihr inneres Bedürfnis -nach Sauberkeit. Und so hatte sich zwischen ihnen nach -einer anfänglichen kühlen Geschäftsverbindung das vertrauliche -Verhältnis von Ratgeber und Schützling gebildet.</p> - -<p>Auch heute drängte es die Selbstsichere, ihre Sorgen -gewissermaßen durchrechnen zu lassen, denn sie fühlte sich -entlastet, sobald ihr eigenes Urteil die Unterstützung des -Vielerfahrenen fand. Nicht leicht schien ihr im Augenblick -die Einleitung zu fallen, ja, der Konsul merkte, wie das -große, kräftige Mädchen – die Heroine, wie er sie manchmal -heimlich nannte – ihre Blicke befangen vor den -seinigen zu dem braunen Teppich heruntersenkte. Endlich -jedoch schlug die Sitzende mit einer raschen Bewegung -ihren Schleier in die Höhe, und wieder entzückte den Großkaufmann -jene merkwürdige Blässe, die er schon so häufig -angestaunt hatte. Ganz eigenartig hoben sich die tiefdunklen -blauen Augen von dem matten weißen Grunde ab.</p> - -<p>»Hören Sie, Herr Konsul,« sprach Johanna endlich, -indem sie mit aller Kraft die Gedanken auf ihr Ziel zu -sammeln versuchte, und dabei schlug sie die dunklen Augen -so fest und ehrlich gegen ihn auf, daß der Mann plötzlich -ein eigenes Schwanken spürte. Es blieb immer dasselbe. -Diese große königliche Erscheinung, die sich über die -Schwächen und Wünsche ihres Geschlechtes sicherlich weit -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -erhoben hatte, sie machte es ihm manchmal wirklich nicht -leicht, die gleichgültige Ruhe des kühlen Geschäftsfreundes -zu wahren. Schweigend lehnte er dicht neben ihr gegen die -Platte des Schreibtisches und sah sie aufmerksam an. -»Hören Sie, lieber Konsul,« begann Johanna von neuem, -»ich muß Sie schon wieder einmal mit einer Angelegenheit -behelligen, die mir lebhafte Besorgnis einflößt. Sie -wollten es damals nicht glauben, aber ich habe doch recht -behalten.«</p> - -<p>»Sie behalten immer recht, lieber Hans,« sagte der -Konsul verbindlich.</p> - -<p>»Nein, nein, scherzen Sie nicht. Diesmal wird es wirklich -Ernst. Und da ich ja keine Mutter und leider auch im -eigentlichen Sinne keinen Vater besitze,« fügte sie mit -kurzem Atem an, »so wende ich mich eben an Sie. Ich habe -Vertrauen zu Ihnen.«</p> - -<p>Der Konsul wollte etwas erwidern, aber von ihrem merkwürdig -dunklen Blick getroffen, brachte er es nur dazu, -ihr warm und zustimmend die Hand entgegenzustrecken. -Dann forschte er schnell:</p> - -<p>»Also um was handelt es sich, liebster Hans? Spannen -Sie mich nicht länger.«</p> - -<p>Merkwürdig, die Älteste von Maritzken schien keineswegs -zu spüren, wie die Hand des Mannes noch immer auf der -ihren ruhte. Sie fuhr unbekümmert fort:</p> - -<p>»Gestern abend saß ich auf der Wiesenbank vor den drei -Statuen der römischen Kaiser –«</p> - -<p>»Aha,« unterbrach der Zuhörende, »die Stelle muß man -sich merken, das ist offenbar Ihr Lieblingsplatz.«</p> - -<p>»Ja, ich sitze gern dort. Aber gestern wurde mir der -Ort auf lange Zeit verleidet. Denken Sie sich, Konsul Bark, -– es fällt mir sehr schwer, Ihnen dies alles zu gestehen – -als ich meine Blicke ganz absichtslos über die weite grüne -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -Wiese richtete, auf der gerade ein junger Hase seine komischen -Männchen machte, da sah ich ganz hinten am Waldsaum -meine Schwester Marianne mit einem Fremden -schreiten.«</p> - -<p>»Weiter,« forderte der Konsul interessiert.</p> - -<p>»Die Gestalten waren nur zwerghaft klein, aber ich erkannte -den Eindringling trotz alledem, obwohl er nicht -Uniform angelegt hatte.«</p> - -<p>Jetzt richtete sich der Kaufmann schnell auf, zog ein -wenig an seinem braunen Jakett und bewegte dann abschätzend -die flache Hand hin und her.</p> - -<p>»Es war natürlich Fritz Harder,« äußerte er bestimmt.</p> - -<p>Das stolze Weib in dem Sessel nickte. Dann aber schlug -sie verstört die Augen nieder, und ihre ganze Gestalt beugte -sich zusammen, als ob sie von einer körperlichen Last zu -Boden gedrückt würde.</p> - -<p>»Lächeln Sie nicht, Herr Konsul,« sagte sie matt, »ich -bin über das Alter hinaus, als daß ich gegen eine ehrbare -Annäherung etwas einzuwenden hätte.« Und als der Konsul -eine Bewegung machte, wie wenn er sie nicht verstände, -stieß sie plötzlich anmutig hervor, und ihre Stimme tönte -laut und grollend: »Das war es aber nicht. Gegen diese -stürmischen Liebkosungen in der dunklen Stille eines Haselnußhaines -muß ich Einsprache erheben. Das kann und -will ich nicht dulden. Denn nach dem, was schon einmal -bei uns geschehen, muß ich mehr wie jede andere darauf -achten, daß unserem Hause der landläufige Respekt entgegengebracht -wird.«</p> - -<p>Die zusammengekauerte Gestalt ließ ihre Arme zwischen -die Knie herabsinken und riß sich alles Weitere matt und -dumpf von der Seele los, wie wenn sie mit sich selbst zürne, -daß sie so Verschwiegenes offenbare.</p> - -<p>»Glauben Sie mir, lieber Freund, meine Rolle fällt mir -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -nicht immer leicht. Ich weiß, die Mädels hassen mich, weil -ich ihnen so vieles versagen, und häufig wie ein Polizist -vor ihnen auftauchen muß. Aber Sie, Konsul Bark, Sie -kennen meine Beweggründe. Ich habe es nun einmal -übernommen, aus dem großen Zusammenbruch zu retten, -was irgend möglich war, und bin darüber alt geworden.«</p> - -<p>»Na, na, Hans,« schob hier der Konsul lächelnd ein.</p> - -<p>Er dachte daran, daß diese Achtundzwanzigjährige in -ihrer kalten, abweisenden Schönheit ein Weib sei, das alle -Ansprüche aufgegeben habe zu reizen, zu gefallen und zu -bestricken, ein Geschöpf, das in klarer Erkenntnis seiner -harten Fron allmählich sich selbst vergessen hatte. Und doch -– der schlanke Mann in dem eleganten Promenadenanzug -warf unbemerkt einen spähenden Blick auf seine Besucherin -– ob wirklich alle Wünsche in diesem stolzen Leib erstorben -und verlöscht waren? Und in der vorüberhastenden -Minute, während seine Augen, die Frauenschönheit so sehr -aufzuspüren verstanden, über den gebeugten Mädchennacken -glitten, da gestand sich der reife Mann, daß gerade die -starke Neugierde, jenes tief verschlossene Geheimnis zu -lösen, ihn so dauernd an das frostige, marmorharte Geschöpf -da vor ihm fesselte. Und mit einem gewissen Unwillen -empfand er auch, wie schwer und unbequem es sei, -sich selbst immer in so respektvoller Entfernung zu halten. -Ja, es war sehr schwer, denn er erkannte ganz klar, eine -einzige unvorsichtige Andeutung, das Verlassen der unverfänglichen -und korrekten Beziehungen mußte die Ahnungslose -dort sofort empört und enttäuscht von dannen treiben. -Und vor diesen Enthüllungen scheute sich der Frauenkenner. -Nein, nein, die großen scharfen Augen der Heroine von -Maritzken wollte er nicht im Zorn auf sich gerichtet fühlen. -Ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, hegte er eine -heimliche und ihn doch quälende Abneigung davor, das -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -Unverdorbene, das Heilig-Jungfräuliche dieses abgeschlossenen -Lebens zu stören. So nahm er auch jetzt nur in verborgener -Bewunderung die köstliche Weiße ihres Nackens -wahr, laut aber sprach er sehr ruhig und überlegt zu der -in sich Versunkenen herunter:</p> - -<p>»Also, lieber Hans, mir scheint, Sie sehen da wieder -etwas zu dunkel. Wenn Sie auf mein Urteil irgendein -Gewicht legen, so meine ich, was sich da in der lauschigen -Dämmerung des Haselnußhaines abspielte, das waren -eben die landläufigen Vorboten einer regelrechten Verlobung. -Oder glauben Sie berechtigt zu sein, es anders aufzufassen?«</p> - -<p>Auf diese Frage richtete sich Johanna unvermittelt auf -und strich sich die spröde Seide über ihrer Brust zurecht. -Zum erstenmal lief über ihre immer so schneeigen Wangen -ein leichtes Rot.</p> - -<p>»Ich weiß nicht,« versetzte sie ungewiß, mit sich selbst -kämpfend, »ich will es hoffen, obwohl meine Schwester -Marianne – ich spreche zu Ihnen ganz rückhaltslos, -lieber Konsul – für meinen Geschmack etwas viel zu Nachgiebiges -und Entgegenkommendes besitzt. Aber selbst wenn -sich Ihre Ansicht bewahrheitete,« fuhr sie überlegend fort, -»dann halte ich es für schicklich, daß sich der junge Offizier -zuerst an mich gewendet hätte.«</p> - -<p>»Liebe Johanna,« begütigte der Konsul, »Sie klammern -sich da an eine etwas altmodische Auffassung.«</p> - -<p>»Nun ja, Sie mögen recht haben, ich bin eben mißtrauisch -und wittere hinter allen Menschen zuvörderst irgendeine -verborgene Absicht. Das Leben hat mich allmählich so geformt. -Sie müssen mir das nicht übel deuten, lieber -Freund, Ihnen gegenüber fällt das ja alles fort. Und nun -die Hauptsache: Glauben Sie wirklich, daß Fritz Harder -der geeignete Mann wäre, um eine so dauernd nach Glück -<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -und Glanz verlangende Natur wie Marianne befriedigen -zu können?«</p> - -<p>Der Konsul zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Gott, Sie werden nicht leugnen,« versetzte er endlich -abschätzend, »daß er ein hübscher, flotter Bursche ist und, -wie ich annehme, auch ein aussichtsvoller Offizier.«</p> - -<p>Die Älteste von Maritzken rückte hastig mit ihrem Stuhl.</p> - -<p>»Glauben Sie das wirklich?« entgegnete sie mit wenig -überzeugtem Ton. »Das gerade möchte ich bezweifeln. Mir -gefallen Männer nicht, die nicht vollkommen von ihrem -Beruf ausgefüllt werden. Sehen Sie, was hat sich ein -junger Leutnant für schweres Geld einen Flügel zu kaufen, -um nun halbe Nächte lang auf ihm herumzuphantasieren? -Er komponiert ja auch.«</p> - -<p>»Na, Hans,« beruhigte der Konsul, »die Vergnügungen -in einer mittleren Garnison sind ja nicht allzu abwechslungsreich. -Wenn er sich nur mit dieser Art von Spiel befaßt, -so wollen wir ihn deswegen nicht verurteilen.«</p> - -<p>Aber die Gutsherrin war nicht so leicht abzuweisen.</p> - -<p>»Schön,« gab sie zu, »aber der junge Mensch hat leider -überhaupt etwas Dilettierendes. Wie Sie wissen, versucht -er sich auch in der Ölmalerei. Er bringt zwar ganz nette -Porträts hervor, aber wie sich dies alles mit seinem -eigentlichen Beruf vereint, das begreife ich nicht. Und -um wahr zu sein, es erregt mir Mißbehagen.«</p> - -<p>Hier wagte es der Konsul, der leidenschaftlich Sprechenden -begütigend, fast väterlich die Wange zu streicheln. Aber -diesmal wurde es von der Besucherin aufgefaßt. Mit einer -herben Bewegung schob sie seine Finger zurück. Dann -forderte sie noch einmal:</p> - -<p>»Teilen Sie meine Bedenken?«</p> - -<p>Inzwischen hatte sich der Konsul in seinen Ledersessel -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -niedergelassen, und nachdem er seiner Gewohnheit gemäß -mit einem Blick, wie um Rat fragend, das Antlitz des Apostels -gestreift, da gab er seine Ansicht klug und jedes Wort -wagend, zu erkennen.</p> - -<p>»Liebes Kind,« beschwichtigte er, »mit dem Beruf eines -Offiziers ist es ein eigen Ding. Wir vergessen immer so -leicht, daß alle Mühen und Anstrengungen, die der höhere -Militär aufwendet und die in immer strengerem Maße -von ihm gefordert werden, kein in die Augen fallendes -Ergebnis zeitigen können. Sie sind die einzige Menschenklasse -in unserem Staat, die, solang der Friede dauert, -nicht den praktischen Beweis von ihrer Leistungsfähigkeit -zu erbringen vermag. Man empfindet ihr ganzes Tun und -Treiben hie und da bereits als spielerisch und überflüssig. -Und dieses Bewußtsein ist es, was viele Soldaten so rastlos -nach Dingen greifen heißt, die jenseits ihres Berufes -liegen. Sie suchen sich eben auszufüllen. Nein, Johanna,« -richtete sich der Konsul plötzlich auf und klopfte ermunternd an -die Seitenlehne des anderen Sessels, »daraus wollen -wir dem hübschen Bengel keinen Strick drehen. Und daß -er sich in die knisternde Schönheit von Marianne vergaffte, -Gott –« der Kaufmann zuckte die Achseln – »dieses Los -teilt er gewiß mit manchem jugendlichen Schwärmer und -außerdem, es läßt keinen üblen Rückschluß auf seine Uneigennützigkeit -zu.«</p> - -<p>Bei diesem letzten Wort glitt ein kaltes Lächeln um die -Lippen des Gutsfräuleins. Sie hob ihren Schleier noch -etwas mehr, und die blauen festen Augen suchten scharf -und bindend den Blick ihres Beraters. Der Konsul rückte -ein wenig ungemütlich hin und her.</p> - -<p>»Ah, Sie meinen,« nahm die Älteste von Maritzken das -Wort des Gefährten auf, »Sie meinen, daß der junge -Mann Lob und Anerkennung verdiene, weil er sich zu der -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -Angehörigen einer unbegüterten Familie herabläßt, die ihren -Töchtern keine Mitgift auszusetzen vermag?«</p> - -<p>»Hans, Hans,« mahnte hier der Konsul und hob dämpfend -die Hand.</p> - -<p>Aber die hohe Blonde fuhr fort: »Ja, ja, man spricht -ja so etwas Ähnliches sowohl in der Stadt, wie in der Umgegend. -Und es ist mir ganz recht,« bestätigte sie sehr ernsthaft, -und jener rechnende Schein spielte von neuem aus -ihrem weißen Antlitz, »es ist mir ganz recht, wenn sich keine -Mitgiftjäger um meine Schwestern bemühen, denn ich kann -das Vermögen, das ich uns in achtjähriger Arbeit erworben, -noch sehr gut in meinem landwirtschaftlichen Betriebe gebrauchen. -Sie aber, lieber Konsul, Sie sind ja der einzige, -der genau darüber orientiert ist, wie wenig alle diese Gerüchte -der Wahrheit entsprechen. Ja, es ist richtig,« sprach -sie immer heftiger weiter, »ich habe die zwei großen väterlichen -Güter damals in der schweren Zeit aufgeben müssen. -Oder besser gesagt, ich habe sie auf Ihren Rat mit Gewalt -zur Versteigerung getrieben. Aber das letzte, auf dem ich -mich festgesetzt hatte, um mich nicht mehr davon vertreiben -zu lassen, unser Maritzken, dieses Stück Erde, halb Bauernhof, -halb Rittergut, das ist doch mit Ihrer Hilfe so bewirtschaftet -worden, daß es sich sehen lassen kann. Und die -Summen, die ich hier bereits bei Ihnen ablieferte, würden -immerhin für eine Mitgift für meine Schwestern genügen, -nicht wahr? Lieber Konsul,« fügte sie kalt und unempfindlich -an, als der Mann eine Bewegung ausführte, als ob ihm -das Gespräch peinlich würde, »ich möchte bei dieser Gelegenheit -gleich etwas richtig stellen, was mir schon lange -Ihnen gegenüber auf dem Herzen liegt. Wenn Sie nämlich -von diesen Privatgeldern sprechen, dann pflegen Sie -die Summe stets durch drei zu teilen. Es scheint also, als -ob Sie auch für mich ein eigenes Konto angelegt hätten. -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -Das ist ein Irrtum, Konsul Bark. Ich erkläre hiermit ausdrücklich, -daß mein Teil restlos auf meine Schwestern übergeht. -Sehen Sie mich nicht so erstaunt an, damit beleidigen -Sie mich. Ich selbst habe dort draußen in meiner Wirksamkeit -vollkommen meine Befriedigung gefunden und -werde darin keine Veränderung mehr eintreten lassen.«</p> - -<p>Ein Augenblick der Ruhe erhob sich zwischen den Beiden. -Der Konsul hatte sich zurückgelehnt, und seine lang bewimperten -Augen umfaßten das ruhige Frauenbild vor -ihm mit unverhohlener Bewunderung. Nie hatte er sie so -begehrenswert gefunden, als jetzt, wo er das leidenschaftslose -Gelübde ihrer Entsagung vernommen hatte. Und er -glaubte an den unverbrüchlichen Ernst dieses Scheidens -von den Freuden und Tänzen der Welt. Nichts Nonnenhaftes -lag auf dem edlen Antlitz mit den strengen Marmorzügen, -ja, während der Konsul in ihm las, meinte er beinahe, -der wohlgeformte Mund, der so gemessen über ein -abgeschlossenes Schicksal sprach, auf ihm sei das Lächeln -nur eingefroren und es müßte sich herrlich ausnehmen, -wenn es sich wieder einstelle.</p> - -<p>Das Gutsfräulein jedoch, als ob es fühlte, daß die Gedanken -des so auffällig Schweigenden an ihr herumtasteten, -schob den Sessel zurück, stand auf und rüstete sich zum Abschied.</p> - -<p>»Ich wollte Sie bitten, mit Fritz Harder Rücksprache -zu nehmen,« schüttelte sie endlich ihren lang aufgesparten -Wunsch von sich ab.</p> - -<p>Der Konsul verbeugte sich leicht. »Ich war auf diesen -Befehl vorbereitet, lieber Hans. Und passen Sie auf, in -wenigen Tagen wird der glückliche Freiersmann nach allen -Regeln des Herkommens bei Ihnen anhalten. Übrigens,« -fuhr er fort, »möchte ich doch vorher, wenn Sie gestatten, -auch ein paar Worte mit Marianne über diesen Fall wechseln. -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -Und wissen Sie, Hänschen,« lachte er plötzlich ganz -unvermutet dazwischen, »da könnten wir eigentlich ein -sonderbares Rendezvous verabreden. Sie können sich gewiß -nicht denken, wer mir soeben eine Einladung für Sie -und die Mädels überbracht hat.«</p> - -<p>»Nein,« gestand die Aufbrechende, indem sie sich bereits -den Schleier herabzog, »geht Ihre Vormundschaft über -mich schon so weit, daß Sie auch Ihre Zustimmung für -unsere Besuche zu erteilen haben?«</p> - -<p>»Keineswegs, Hänschen, soweit geht sie unglücklicherweise -nicht,« scherzte der Kaufmann und strich seinem -Besuch das verschobene Jakett ein wenig zurecht, »man -überschätzt meinen Einfluß leider bedeutend.«</p> - -<p>Und nun erfuhr Johanna Grothe die merkwürdige Bitte -des russischen Rittmeisters, der die drei Damen zu einem -Ausflug jenseits der Grenze veranlassen wollte. Und aus -der ganzen Art, wie der Kaufmann diese Einladung wiedergab, -wie er die gewählte Zusammensetzung der Gesellschaft -hervorhob oder Einzelheiten der Bewirtung schilderte, in -allem sprach sich deutlich der Zweifel an der Verwirklichung -des Planes aus. Allein es kam anders. Die Älteste von -Maritzken warf plötzlich das Haupt in den Nacken, wie sie -es immer tat, wenn sie nachdachte, dann schlug sie noch einmal -den Schleier zurück und trat an den Schreibtisch, wo -sie mit dem Zeigefinger allerlei Figuren auf das rote Tuch -malte.</p> - -<p>»Sie fahren auch mit, Konsul Bark?« fragte sie rasch.</p> - -<p>Der Prinzipal des Goldenen Bechers war sich nicht ganz -einig.</p> - -<p>»Ja – ja allerdings, gegebenenfalls.«</p> - -<p>»Dann ist es selbstverständlich, daß wir dort empfangen -werden, wie wir es erwarten dürfen.«</p> - -<p>»Alle Wetter, Hänschen, was machen Sie für Sätze?« -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -vergaß sich der Kaufmann, und auf seinem hübschen Gesicht -malte sich ein offenes Erstaunen.</p> - -<p>Die Gutsherrin jedoch wandte ihren klaren Blick nicht -von ihm ab; und siehe da, was der Hausherr sich so gewünscht -hatte, es erfüllte sich. Um den stolzen Mund der -Hochragenden spielte unvermutet ein harmloses, ja verschmitztes -Lächeln. Welch ein Wunder! Sie sah plötzlich -aus wie eine gutmütige Zwanzigjährige, die einen derben -Streich plant.</p> - -<p>»Hänschen, was haben Sie vor?«</p> - -<p>»Gott, die Sache ist ganz einfach, lieber Freund,« lächelte -die Gefragte verschämt, »es handelt sich dabei natürlich -für mich um ein Geschäft.«</p> - -<p>»Aha!«</p> - -<p>»Sie wissen, ich möchte für die kommende Ernte billigere -Landarbeiter mieten, und da dachte ich, daß die Russen -von drüben –«</p> - -<p>»Hans, Sie wollen doch nicht –?«</p> - -<p>»Doch, doch, es nimmt hier ja auch niemand auf mich -Rücksicht, und ich bin keine Wohltäterin. Nur die Grenzstationen -drüben machen uns Schwierigkeiten und halten die -gedienten Leute zurück.«</p> - -<p>Jetzt lachte der Konsul hell auf.</p> - -<p>»Ah, und Sie meinen,« rief er wohlgelaunt, »wenn die -drei Damen von Maritzken unseren Nachbarn ein paar -hübsche Augen zuwerfen, dann – –«</p> - -<p>Das Gutsfräulein hielt seinen Blick aus.</p> - -<p>»Das nicht gerade,« sprach sie ruhig, »reden Sie keinen -solchen Unsinn, Konsul Bark. Aber ein Wort gibt das -andere, verstehen Sie? Man gelangt leichter an sein Ziel. -Und dann,« fügte sie noch überlegt an, »ich brauche auch -billige Ackerpferde, und dort drüben verkauft man sie halb -umsonst. Man bedarf nur der Protektion.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -»Die wird Ihnen nicht fehlen,« schloß der Kaufmann, -indem er seinen Gast höflich bis zu den vier Marmorstufen -geleitete, »verlassen Sie sich darauf, bester Hans. Aber -wie gesagt, Sie sind ein kapitaler Rechner. Und über den -Ausflug ins Russische reden wir noch. Da ich als Anstandspapa -zu fungieren habe, so will ich mich doch noch genauer -über alles orientieren. Und nun, lieber Hans, leben Sie -wohl, und ich danke Ihnen auch für Ihren lieben Besuch.«</p> - -<p>Die Blonde reichte ihm über die Stufen hinauf die -Rechte. Es war ein Händedruck, wie sie es gewohnt war, -fest, kräftig, zupackend. Die wohlgepflegten Finger des -eleganten Mannes empfanden die Umklammerung beinahe -schmerzlich.</p> - -<p>»Wenn ich Sie nur nicht gestört habe,« warf sie noch -dankbar zurück.</p> - -<p>Der Mann aber verbeugte sich leicht und entgegnete -nachdrücklich:</p> - -<p>»Ich wünschte, Sie kämen öfter.«</p> - -<p>Dann blieb er unter den geöffneten Türflügeln stehen -und sah ihr nach, bis die hohe Gestalt jenseits des Marktplatzes -verschwunden war.</p> - - - - -<h3>II.</h3> - - -<p>Glutrote Abendsonne glitzerte aus allen hochgelegenen -Fensterscheiben der Stadt, selbst an dem schwarzen Schieferdach -der Sankt Sebaldus-Kirche floß es wie von blutigen -Strömen hinunter. Hoch oben unter dem First stand in -einer engen Mauerhöhlung die bunte Holzstatue des Schutzheiligen, -und auch aus seinem sonst erloschenen Sternenreif -spritzten die roten Lichtflammen. Es sah aus, als -wäre das entblößte heilige Haupt von ein paar Säbelhieben -getroffen und heller Lebenssaft zische aus den -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -Wunden hervor. Immer mehr verbreiteten sich die funkelnden -Lachen auf den schwarzen Platten.</p> - -<p>Unter dem in Flammengold und angehendem Violett -schimmernden Himmel zog gerade über dem Marktplatz -eine Schar weißer Tauben ihre Kreise. Eine vereinzelte -blauschwarze Nachzüglerin flatterte in geringem Abstand -hinter den blitzenden Schwestern her, gleich einem schlimmen -Gedanken, den die guten, beseligenden weit hinter sich gelassen. -Ein frischer Abendwind surrte durch die Gassen, -und von den nahen Feldern, die sich hinter der Stadt in -ununterbrochener Weite dehnten, führte er einen süßen -Kleeduft mit sich.</p> - -<p>Gerade als es in rollenden, schleppenden Tönen von der -Sebaldus-Kirche die siebente Stunde schlug, da quoll aus -der am Markt liegenden Konditorei von Klinkowström eine -kleine Anzahl junger Offiziere heraus, die sich lachend und -säbelschleifend über dem schmalen Trottoir verbreitete.</p> - -<p>»'n Abend, Harder.«</p> - -<p>»Adieu, Janick. Ihr bleibt im Kasino, wie?«</p> - -<p>»Nirgends anders. Dort soll ja eine kleine Götterberatung -stattfinden, was wir mit dem Onkel aus dem -Generalstab anstellen sollen, der den Herren Offizieren in -einiger Zeit zum Vortrag geschickt wird. <i>A propos</i>, lieber -Harder, ist dieses wissenschaftliche Huhn, der Major von -Siebel, nicht ein Verwandter von Ihnen?«</p> - -<p>Der junge Offizier mit der saloppen, etwas vorgebeugten -Haltung und dem scharf geschnittenen, bartlosen Antlitz, -von dem seine Kameraden behaupteten, daß es ein Cäsarenkopf -wäre, hakte seinen Säbel ein und blies von dem -schwarzen Interimsrock achtlos etwas Zigarettenasche -hinweg.</p> - -<p>»Siebel?«, wiederholte er mit einer leisen, wohllautenden -Stimme, die gar nichts Militärisches in sich barg und -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -auch den energischen Zügen seines dunklen Gesichts nicht -zu entsprechen schien. »Was Sie sagen, Janick, kommt der -her? Jawohl, er ist wohl ein Übervetter meiner Mutter. Wir -duzen uns gerade noch. Übrigens ein grundgescheiter Herr.«</p> - -<p>»Na ja,« pflichtete der baumlange Janick bei, indem er -einen anderen Kameraden bereits unter den Arm faßte, -»die Weisheit liegt in Eurer Familie. Na, und Sie, Musikante, -ziehen wohl für heute abend wieder zu Mendelssohn -und Beethoven ab? Meinen Segen haben Sie. Viel Erbauung!«</p> - -<p>Der Schlanke griff nachlässig an seine Mütze und wandte -sich, um in eine Seitenstraße einzubiegen:</p> - -<p>»Danke für den frommen Wunsch, meine Herren,« -meinte er gleichgültig, »Sie sind sehr gütig.«</p> - -<p>Seine Schritte hallten schon in dem engen Gäßchen, als -der lange Janick ihm noch nachrief:</p> - -<p>»Fritz, vergessen Sie nicht, morgen früh wieder sechs -Uhr Schützengrabenübung. Das verdammte Buddeln -nimmt kein Ende.«</p> - -<p>»Danke,« schallte es von der anderen Seite zurück, »die -Ordonnanz war schon bei mir. Gute Nacht, meine Herren.«</p> - -<p>Langsam, mit seiner vorgebeugten Haltung setzte Fritz -Harder seinen Weg durch die enge Zeile fort. Vor einem -Antiquitätenladen, in dessen dunklem verräucherten Schaufenster -neben ein paar Trommeln aus den Freiheitskriegen -auch ein Bild in halb vermodertem Rahmen ausgestellt -war, verharrte der junge Offizier und hob sein Monokel -vor das Auge. Eine kleine Weile betrachtete er die schwärzliche -Landschaft. Dann murmelte er etwas Unverständliches -und nahm seinen Weg wieder auf, ohne den jungen Mädchen, -die hier paarweise promenierten, irgendwelche Beachtung -zu schenken. Bald hatte er sein Heim erreicht. Es -war ein ganz schmales, spitzgiebliges Häuschen, das sich -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -zwischen zwei anderen altertümlichen Bauten nur schüchtern -eingeklemmt hatte. Vor Baufälligkeit schien es sich direkt -vorüber zu neigen, und da es außerdem bis zu dem Holzbord -des ersten Stockwerks himmelblau angestrichen war, -von dort aber bis unter das Dach in rosenroter Färbung -prangte, so glich es viel mehr einem Pfefferkuchengebilde -vom Weihnachtsmarkt, das man recht lieblich und bunt -herausstaffiert. Kaum begreiflich aber war es, wie -die Zwei-Fenster-Front des Häuschens noch durch eine rot -gepflasterte Diele getrennt sein sollte. Und doch verhielt -es sich so. Auf der einen Seite des Flurs ging es nämlich -beständig tick-tack, tick-tack. Hier hauste der Besitzer des -blauen und rosenroten Pfefferkuchens, Herr Nikolaus Adameit, -der ehrsame Zunftmeister der Uhrmachergilde. Ja, -hier nistete der alte struwelige Mann, hochgeehrt und bewundert -von der ganzen Handelsstadt, denn es haftete wohl -im Gedenken seiner Mitbürger, daß es ihm allein von allen -seinen Handwerksgenossen vor reichlich vierzig Jahren gelungen -war, das verstummte Glockenspiel der Sebaldus-Kirche -zu neuem klingenden Leben zu erwecken. Das hatte -dem damals im kräftigsten Mannesalter stehenden Künstler -tausend preußische Reichstaler eingetragen. Und wozu hatte -er diese große, diese überschwengliche Summe verwendet?</p> - -<p>Wozu?</p> - -<p>Kein Mensch konnte darüber etwas Genaues angeben. -Man hörte nur aus den wütend hingeworfenen Angaben -seines stotternden Gehilfen Leiser Bienchen, eines phantastisch -armen Judenjungen, der von den Wohltaten seines -Meisters lebte, alle alten Kleidungsstücke des Uhrmachers -bis zum Zerbröckeln auftrug und trotzdem, aus künstlerischen -Gründen, beständig im heftigsten Streit mit seinem -zahnlosen Prinzipal lebte, man vernahm nur in Augenblicken -zitternder Wut von jenem menschenscheuen Gehilfen, -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -daß es sich um eine Erfindung handele, die einmal Millionen -einbringen müßte. Tief unten in einem triefend feuchten -Keller, und immer nur in den Frühstunden, wurde von -den beiden Adepten an dieser merkwürdigen Maschinerie -gearbeitet. Und der letzte Bursche des Leutnants, der sich -einmal bis in den schwarzen Abgrund hinunter verirrte, -er hatte entdeckt, daß bei jenen beglückenden Ideen zweifellos -auch ein starkes Uhrwerk im Spiel sein müsse:</p> - -<p>»Denn in dem Keller, Herr Leutnant, macht es immerfort -tick-tack, tick-tack. Es stinkt mordsmäßig dort unten. -Nach Schwefel und Säuren und all solchem Zeug. Und -wenn mich der verfluchte Judenbengel nicht einen Fußtritt -gerade vor den Magen versetzt hätte, Herr Leutnant, ich -hätte die Beiden bei der Teufelsbeschwörung überrascht. -Denn um so was handelt es sich, um nichts anderes!«</p> - -<hr /> - -<p>Als Fritz Harder die eine der von ihm gemieteten Stuben -in dem Pfefferkuchenhäuschen betrat, stand sein Bursche, ein -derber, vierschrötiger Ostpreuße gerade an dem ovalen Tisch, -um eine billige weiße Petroleumlampe zu entzünden. Er -machte sofort vor seinem Leutnant stramm und nahm ihm -die Mütze ab, die ihm Fritz herüberreichte.</p> - -<p>»Na, Reddemann,« begrüßte ihn der Offizier, während -er sich ein wenig ermüdet auf einen Korbsessel dicht an -dem schmalen Fenster niederließ, »hast du mir die Sachen -besorgt?«</p> - -<p>»Zu Befehl, Herr Leutnant, das Frühlingslied von -Mendelssohn. Sehr schön.«</p> - -<p>»Aha, du hast wohl wieder darin herumgenascht?«</p> - -<p>»Zu Befehl. Herr Leutnant wissen ja, daß wir zu Haus -einen Gesangverein haben.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -Der am Fenster Sitzende öffnete sich ein wenig den Uniformrock.</p> - -<p>»Na, ob ich das weiß,« warf er gutmütig hin, »du -heulst ja manchmal, mein Junge, daß ich glaubte, Bienchens -räudiger Pudel hätte Leibschmerzen bekommen.«</p> - -<p>Allein trotz dieser etwas derben Charakterisierung seiner -Gesangskunst reckte sich der stämmige Bursche und sah -sehr befriedigt aus.</p> - -<p>»Herr Leutnant,« verteidigte er sich, »dann übe ich bloß. -Aber bei uns zu Hause in Pillkallen sagen die Leute, ich -hätte die stärkste Stimme.«</p> - -<p>»Jawohl,« lächelte der Leutnant, »das sage ich auch. -Und nun, Reddemann, schwirre mal in das Kasino ab -und hole mir meine Menage. Aber die Tischordonnanz -soll alles hübsch warm geben, verstanden?«</p> - -<p>»Zu Befehl, Herr Leutnant. Sonst noch etwas?«</p> - -<p>»Jawohl, bringe mir von nebenan ein paar Zigarren -mit, von der billigen Sorte.«</p> - -<p>»Zu Befehl, Herr Leutnant.«</p> - -<p>Der Ostpreuße bedeckte sich mit seiner Mütze, fuhr noch -einmal ordnend auf dem Tisch herum und stolperte auf -die Diele heraus. Gleich darauf sah ihn sein Gebieter die -enge Gasse im Trab durcheilen. Mehrfach noch wandte -sich das plumpe Antlitz aufmerksam zurück, ob auch sein -Herr diese beschleunigte Gangart wahrnehme.</p> - -<p>Fritz Harder jedoch verweilte noch längere Zeit am -Fenster und stützte nachdenklich den feinen Kopf mit den -dunklen Haaren auf die Hand. Und wie schon so oft, -überkam ihn, wenn er den Eindruck des ungeheuer niedrigen, -fast kahlen Stübchens mit der verblaßten Blumentapete -auf sich wirken ließ, jenes überwältigende, niederdrückende -Einsamkeitsgefühl. Auch die enge Gasse, durch die kein -Wagen fahren durfte, mutete ihn an, als ob eine Riesenfaust -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -sie zusammengepreßt hätte, damit jede Spur einer -frischen reinen Luft aus ihr entwiche. Dumpf und feucht -wie aus einem Kellerloch wehte es zu ihm herein. Herrgott, -hier lebte man wirklich wie in den Kasematten der -Festung, durch hohe Mauern abgesperrt von allem Glanz -des Tages. Und dann das trostlose Einerlei seiner Tätigkeit. -Wie ihn das mit einem ängstlichen Schauer erfüllte, -wenn er sich all diese gleichgültigen und dennoch, wie er -zugeben mußte, notwendigen Dinge zurückrief. Heute und -morgen und übermorgen das Rekruten-Einexerzieren, die -ewig geübten und wiederholten Instruktionsstunden, die -anstrengenden Märsche bis weit über das Glacis der ehemaligen -Festung, wo er jeden Baum, jeden Strauch, jeden -Hügel und jeden Graben kannte und beschrieben hatte. -Und dazu die Aussicht, die Aussicht in weiter Ferne, unwahrscheinlich -und unerreichbar, jemals sich in dem wissenschaftlichen -und kunstgemäßen Untergrund des Dienstes -betätigen zu dürfen. Denn ach, wie jede praktische Beschäftigung -auf Erden, so war ja auch sein Beruf auf festen -Quadern einer historischen, sowie einer technischen Wissenskunde -aufgebaut. Aber in dieses strenge, wohlverschlossene, -geheimnisvolle Haus fanden fast ausschließlich die Mitglieder -einer bevorzugten Kaste Einlaß, und selbst jene -harrten wieder vergeblich vor den innersten Kammern, in -denen, wie in dem pochenden Herzen des gewaltigen Körpers, -alle feinsten Adern und Verästelungen zusammenliefen. -Wie sollte da der Sohn eines auf sein schmales -Gehalt angewiesenen ostpreußischen Oberförsters hoffen -dürfen? Umsonst blieben die verborgen angesponnenen -Versuche, die sein heiß aufbegehrender Arbeitswille hie -und da unternommen. Sie vergilbten in der Schublade des -wackligen Fichtentischchens dort in der Ecke, ja, ihr Vorhandensein -sogar wurde von den fröhlicheren Kameraden – -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -mit Recht – verspottet. Oh, wenn nur der Drang und die -Sucht nicht gewesen wären, sich aus diesen umklammernden -Beängstigungen vor der Zukunft zu befreien. Da -gab es nur ein Mittel. Und der Blick des Nachdenklichen -schweifte zu dem geborgten Flügel hinüber, der in seinem -schwarzen Glanz fast die Hälfte des Zimmers ausfüllte. -Leuchtend spiegelten sich die Strahlen des Lämpchens auf -der fein polierten Platte. Ja, dort wob sich ein Zaubernetz, -in das er sich träumend strecken konnte, und das dann -von klingenden Genien emporgehoben wurde weit fort -über die kleine handeltreibende Stadt, fort von den zechenden, -hasardierenden Kameraden mit ihrer absichtlich zur -Schau getragenen Verachtung alles höheren Bildungsstrebens, -weit fort von Armut und Beschränkung. Aber -nein – –</p> - -<p>Und der Nachdenkliche am Fenster zuckte zusammen und -vergrub jetzt sein Haupt, auf dem es plötzlich wie in Glut -und Feuer aufflammte, in beide Hände. Vergessen und -Beseligung, sie wurden dem Glücklichen noch von anderer -Seite gespendet. Hier wuchs Trost, Erbauung, Andacht, -tiefe Demut vor der göttergebildeten Schönheit, und die verzehrende -auflösende Sehnsucht, sich in ein anderes prangendes -Dasein hinüber zu retten, wie es wohl nur ein -Künstler in seinen Träumen fühlen konnte. Das schöne, -gnadenspendende Weib stand lächelnd und reizvoll, zu -immer neuen Gaben bereit, vor den geschlossenen Augen des -Kämpfenden, bis sich sein jugendstarker Körper unter -einem fröstelnden Schauer wand. Und doch, wie entsetzlich, -auch hier die Unsicherheit, die sein Leben so wehrlos -machte. In Stunden aufschießender Erkenntnis, empfand -er da nicht unumstößlich gewiß, wie das Beste in -ihm, trotz der glückverlangenden, spielerischen, lustdurchzitterten -Zeit um ihn herum, nach Dauer, nach Reinheit -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -und nach Sicherem verlangte? Ein Begehren, das ihn -bei seinen forschen Kameraden in den Ruf eines sonderbaren -Heiligen gebracht. Nein, das ließ sich nicht wegschwatzen -und fortdisputieren. Jene starke Sehnsucht haftete -ihm von dem kleinen beschränkten Elternhause an, von -jener Stätte des Friedens, die dem früh Herausgetretenen -stets in einem rührenden Lichte der Innigkeit und -des Behagens herüberleuchtete. Und lebte diese beruhigende -Sicherheit etwa in der schönen, strahlenden Marianne, die -wie eine dunkle Verlockung aus einem orientalischen Märchen -in sein Leben getreten war?</p> - -<p>Mitten in seinen Gedanken griff der Träumende um sich, -hierhin und dorthin, als ob er einen Halt suche. Etwas -Festes, woran sich ein Wankender aufrichten konnte. Allein -die aufgestörten Bilder seiner Phantasie rissen ihm Stab -und Stütze aus den Händen und jagten ihn weiter. Nein, -sein scharfer Verstand, das Erbteil seiner rechnenden Mutter, -bewies es ihm klar und deutlich, daß dasjenige, was -ihm als etwas Hohes und Heiliges vorschwebte, immer -und immer wieder zu einem Spiel entwürdigt wurde. Zu -einem lockenden Haschen und Entflattern, das ihm allmählich -die Kräfte der Seele raubte. Keine Zusicherung -war zu erlangen, nichts Bindendes, nur jenes ewige Reizen -und Versagen, in dem er auch alle seine Kameraden sich -herumtummeln sah. Sicherlich, es war die Gewohnheit -einer kulturell verstiegenen Zeit geworden. Das Tiefste, -was das Menschentum barg, der Born, aus dem sich vergangene -Geschlechter immer neue Jugend schöpften, man -hatte ihn parfümiert und mit allerlei Reizmitteln verbunden, -die die heiligen Wasser um ihre läuternde Wirkung -brachten. Das jetzige schnell dahinrasende Geschlecht wähnte -ohne jene aufpeitschenden Genüsse nicht mehr das Gleichmaß -der Tage überstehen zu können. Aber unten, tief -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -unten auf dem undurchsichtigen und aufgewühlten Grunde -des Borns, da lagerte der Ekel.</p> - -<p>Als Fritz Harder bis hierher gelangt war, schreckte er -plötzlich auf. War es ein kühlerer Luftzug, der ihn durch -das offene Fenster hindurch anwehte, oder hatte ihn das -mißtönende Geschlürf von ein Paar merkwürdig kreischenden -Stiefeln aus seinen Gespinsten verscheucht? Rasch -wandte er das Haupt, knöpfte den Uniformrock zu und -zog ihn fester über der jugendlichen Brust zusammen. -Wahrhaftig, er hatte sich nicht getäuscht. Draußen auf dem -Bürgersteig wurde ein unendlich zerbeulter steifer Filzhut -vor ihm gelüftet. Solch ein ehrwürdiges Stück konnte nur -dem mißvergnügten Erfinder Leiser Bienchen gehören, der -Punkt halb acht, seinem Meister, dem alten Adameit, zum -Trotz das Pfefferkuchenhaus verließ, um in einem -schockelnden Trabe dreimal die enge Gasse herauf und herunter -zu laufen.</p> - -<p>»Schönen guten Abend, Herr Leutnant,« sagte der knickbeinige -Geselle zu dem Einwohner seines Herrn hinauf -und verzog die weit vorstehende Karpfenschnauze, die ewig -beweglich in einem Meer von Runzeln schwamm, zu einem -griesgrämigen Lächeln. »Was hab' ich Ihnen gesagt, was -hab' ich Ihnen schon heut morgen gesagt? Er ist wieder -vollständig wild. Ein Meschuggener, Herr Leutnant, Sie -können es mir glauben. Aber einer von die schlimme Sorte. -Besessen. Er wird noch einmal anrichten das größte Malheur. -Heute hat er wieder – das heißt, das gehört nicht -zur Sache –,« unterbrach sich Leiser Bienchen und bewegte -seine verkrümmte Gestalt in den Hüften hin und -her, so daß sein Rockkragen immer abwechselnd das rechte -oder das linke Ohr erreichte; »was ich sagen wollte, seine -Ideen sind gut, aber zu hastig, Herr Leutnant, zu hastig. -Jeden Tag was anderes. Nu, wie gesagt, ich freue mich -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -bloß auf das große Unglück. Sie werden sehen. Gute -Nacht, Herr Leutnant.«</p> - -<p>Fritz Harder nickte der schlottrigen Gestalt zu und verfolgte -den Davontrabenden, bis er ihn in der Einbuchtung -des Marktplatzes verschwinden sah. Was er aber -nicht wußte, das bestand darin, daß dieser mit Gott und -den Menschen unzufriedene Geselle in den kargen Abendstunden, -die ihm vergönnt waren, sich fast regelmäßig -unter eine äußere Nische der herrlichen Sebalduskirche -mitten auf dem Marktplatz drückte, um gespannt abzuwarten, -bis das berühmte Glockenspiel seinen silbernen -Gesang ertönen ließ. Dann neigte der kleine Jude das -Haupt, und während er sein mächtiges Lippenpaar krampfhaft -festhielt, damit es sich nicht gegen seinen Willen kritisch -hin und her bewege, da murmelte er fast immer in einer -seltsamen Rührung:</p> - -<p>»Großartig, ganz, ganz großartig. Wie er das wohl -herausgebracht hat? Was hab' ich immer gesagt? Dieser -Adameit is'n Meschuggener und 'n ganz gemeiner, gewöhnlicher -Filz, der mir abzieht bald 'n Groschen hier und bald -'n Groschen da. Aber was kann ich dafür? Der Mann ist -ein Genie, 'n ganz großes, unerklärliches Genie, und es -ist mein Pech, daß ich ihm nicht ablernen kann, wie man -das wird.« Und dann hob er das Haupt und schockelte sich -verzückt in den Hüften hin und her. »Gott, wie ein Klang. -Man möchte tanzen dazu. Wie schön ist doch diese deutsche -Musik!«</p> - -<p>Immer grauer kroch die Dämmerung durch die enge -Rosenkranzgasse. Schon traten einzelne Geschäftsleute auf -das schmale Trottoir, um die Jalousien vor ihren Schaufenstern -herabzuziehen. In dem kleinen Leutnantszimmer -jedoch merkte man nichts mehr von Dämmerung und Kahlheit. -Allgewaltig herrschte in ihm jener klingende, sorgenlösende -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -Gott, den der kleine verkümmerte Jude unter seiner -Kirchennische so inbrünstig angerufen hatte. Fritz Harder -saß vor seinem Flügel und spielte. Längst hatte er die -vorgezeichneten Bahnen des Musiktextes verlassen, und -ohne, daß er es selbst ahnte, ebneten sich plötzlich helle, -weißschimmernde Pfade vor ihm, die ihn hinaufleiteten -auf klare, glashelle Höhen. Je weiter er aufwärts stieg, -desto wunderbarere Prozessionen zogen ihm entgegen. Sie -trugen goldene Kronen, die er sich auf das Haupt setzte, -um unter wuchtigen Klängen den düsteren Schauer der -Macht zu spüren. Und hinter seinen geschlossenen Augen -spiegelte es sich deutlich, wie sich die zarten Luftgebilde -ehrfürchtig vor dem armen kleinen Leutnant neigten. Aber -das war noch nicht das Herrlichste, was ihm entgegenquoll. -Einsamer und stiller wurden die verschwiegenen Wege, -schwanke, braune Haselnußstauden schlossen sich über ihm -zu einem schattigen Domgang zusammen, und ganz oben -auf der letzten Stufe, da leuchtete wartend und verlangend -eine Gestalt von so üppiger Pracht, daß der Betörte mitten -durch seine Melodien dicht über dem Haupte das betäubende -Donnern einer ungeheuren Glocke zu vernehmen -meinte. Aber es waren nur die starken Schläge seines -eigenen Herzens, das die Ströme des Blutes nicht mehr -zu bändigen vermochte.</p> - -<p>»Marianne,« flüsterte er ermattet, während seine Hände -kraftlos von den Tasten herabsanken.</p> - -<p>Da – um Gott, das war doch nicht möglich, – da -lachte etwas hinter ihm. Genau mit demselben silbernen, -etwas müden Ausdruck, wie er es eben in den verebbenden -Phantasien aufgefangen. Undenkbar! Das war noch nie -geschehen. Ein wahnsinniger Spuk, der ihm deutlich zeigte, -wie weit seine kräftige Natur bereits von allem Wirklichen fortgelockt -war. Wozu nachgeben? Weshalb sich erst umwenden?</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -Und doch – dicht neben ihm rauschte es stärker. Ein -feiner Resedaduft schlug auf. Hinter seinem Rücken wähnte -der Gebannte etwas Weiches, Köstliches zu spüren, und -dann – ein züngelnder Blitz – ein paar warme Lippen -schmiegten sich auf seinen Nacken und blieben dort haften.</p> - -<p>Er sprang in die Höhe, daß die Tasten einen wimmernden -Laut aussendeten. Vor seinen Augen schimmerte es. -Er konnte das Unwahrscheinliche nicht fassen.</p> - -<p>»Marianne,« stammelte er ungläubig, ohne den Klaviersessel, -den er umkrampft hielt, frei zu geben, »bist du es -wirklich? Bei mir?« Und er schickte einen beschwörenden -Blick in die Runde, als ob er die geblümte Tapete, die -abgetretenen Dielen, sowie die jämmerlich mürben Möbelstücke -anflehen wollte, sich für die elegante Dame in dem -weißen Sommerkleid zu einem Fürstensaal zu verwandeln.</p> - -<p>Ganz im Gegensatz zu der Befürchtung des jungen Offiziers -indessen schien sich seine Besucherin von diesem -Junggesellenheim äußerst angemutet zu fühlen. Langsam -schlug sie ihren blauseidenen Staubmantel auseinander, -beugte das eine Knie auf den einzigen Korblehnstuhl und -zeichnete mit ihrem schlanken weißen Sonnenschirm allerlei -Figuren auf den verschossenen grünen Teppich.</p> - -<p>»Also hier wohnst du, Fritz?«</p> - -<p>Inzwischen hatte der Überraschte Sprache und Besinnung -wiedergefunden. Ein fernes nagendes Gefühl des -Unbehagens zehrte in seiner Brust und ließ ihn einen -hastigen Blick auf die niedrige Tür werfen. Die Idee, daß -jene Schwelle in wenigen Minuten von seinem menageschleppenden -Burschen überschritten werden könnte, sie peinigte -seine anerzogene Vornehmheit und zauste in der aufspringenden -Freude herum.</p> - -<p>»Liebe, süße Marianne,« begann er befangen, »daß du -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -soviel Mut besitzt! Ich weiß gar nicht, wie ich dir -dafür danken soll.«</p> - -<p>»Oh,« erwiderte das schöne Geschöpf lächelnd, »ich -wüßte es schon. Du könntest zum Beispiel schnell die -Vorhänge vor deinem Fenster schließen. Das würde dich -sicherlich von vielen Befürchtungen befreien, nicht wahr, -Fritzchen?«</p> - -<p>Sie sprach es so harmlos und lässig, und ihre schwarzen -Augen streiften dabei so schalkhaft sein Antlitz, daß der -Offizier im ersten Moment gar nicht begriff, warum ihn -ihre praktische Anordnung derartig verletzte. Und nur langsam -verstand er sich selbst. Die Sicherheit, mit der sie hier -disponierte, das Vertrautsein mit allerlei abscheulichen -kleinen Kriegslisten, alles das erkältete ihn und ließ ihn -verstummen. Schweigend schritt er zum Fenster und riß -den Vorhang zusammen. Dann trat er hinter ihren Stuhl, -den sie noch immer in leise schaukelnder Bewegung hielt. -Und unvermerkt entzündete sich sein Schönheitssinn an -der sanften Schwingung, durch die diese prachtvollen Glieder -ihm bald zugebeugt und wieder entfernt wurden. Ganz -sacht und unmerklich. Immer von neuem ein betörendes -Haschen und Entflattern. Die Macht, die sie über ihn ausübte, -ohne daß sie viel sprach oder ihn durch blendende -Gedanken zu interessieren vermochte, sie schlug abermals -über dem halb Gewonnenen zusammen.</p> - -<p>»Du siehst so ernst aus, mein Liebling,« sagte sie mit -ihrer weichen Stimme, aus der ein geübteres Ohr freilich -leicht einen ganz feinen Unterton des Spottes herausgehört -hätte, »hat dich der Dienst wieder so mitgenommen? -Oder bist du mir vielleicht böse, weil ich dir durch meinen -Besuch – meinen ersten – Unannehmlichkeiten bereiten -könnte?«</p> - -<p>Sie lag jetzt mit beiden Knien auf dem knarrenden Korbgeflecht, -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -eng und warm ihm hingegeben, und er fühlte, -wie die feine Seide ihres Handschuhs seine Wange streichelte. -Nur die schwanke Lehne des Sessels türmte eine -unmerkliche Grenzscheide zwischen ihnen.</p> - -<p>»Bist du mir böse?« forschte sie noch einmal in einem -nachgiebigen Ton, der ihn durchzitterte.</p> - -<p>Fritz Harder strich sich leicht über die Stirn. Noch war -das Entgegenstehende, das ihn gefangen hielt, nicht gänzlich -überwunden. Und dann – in dieser Minute der Besinnung -bestürmte ihn noch einmal der ehrliche und klare -Wunsch, etwas Dauerndes zu schaffen, rechtlich und vornehm -zu handeln, wie es der kleine vierschrötige Oberförster -dort oben in den masurischen Wäldern unbedingt -von ihm verlangt und gefordert hätte.</p> - -<p>»Ich fürchte nichts für mich,« gab er deshalb ernster, -als er beabsichtigt, zurück, »mich erschreckt nur der Gedanke, -Marianne, daß dich die klatschsüchtigen Leute hier -in der Gasse aus meinem Hause heraustreten sehen könnten.«</p> - -<p>Da versetzte sie ihm einen leichten Schlag auf die Wange -und wunderbar – sie lachte belustigt auf.</p> - -<p>»Aber du Dummerchen,« beruhigte sie ihn, und wieder -wiegte sie sich leise, »du glaubst doch nicht, daß ich für -einen solchen Fall nicht vorgesorgt hätte? Ja, ich habe -meiner Schwester Johanna sogar direkt mitgeteilt, in -welches Haus ich gehe.«</p> - -<p>»Was? Das hast du getan?«</p> - -<p>»Ja, denk mal, wie schrecklich. Herr Nikolaus Adameit -repariert nämlich meine goldene Armbanduhr, und selbst -Johanna hielt es für nützlich, den alten Sonderling zu -einiger Eile zu ermuntern. Meine große Schwester fürchtet -ja immer, es könnte ihr irgend jemand etwas fortnehmen. -Nun?« schmeichelte sie und blickte von unten zu ihm herauf, -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -»sind deine Beklemmungen jetzt verflogen? Wirst -du nun tapferer sein?«</p> - -<p>Da enträtselte er zum erstenmal den verborgenen Spott -in den Worten des Mädchens. Eine ferne Geringschätzung, -die an seinem unbekümmerten Mut, an seiner jugendlichen -Sorglosigkeit zu zweifeln schien. Das ertrug er nicht. Und -auch diese Augen, die so erwartend und leuchtend schimmerten, -in jenen großen schwarzen Bränden verknisterten -all seine Pläne. Immer kecker lächelte der kleine, sich darbietende -Frauenmund. Und da wirbelte auch schon wieder -der Rausch über ihm empor.</p> - -<p>Ein einziges, gewaltsames Ansichreißen, ein gedämpfter -Laut der Überraschung, und dann stürzten die Wände mit -den geblümten Tapeten, der geborgte Flügel, der Korbsessel -und all das kahle Gerät in der wütenden Lohe zusammen.</p> - -<p>Er fand sich wieder, aufwachend, verwirrt, in einer -Situation, die er sich durchaus nicht zu deuten wußte. -Wie in aller Welt hatte Marianne ihm den Degen von -der Seite zu entwenden vermocht und weshalb setzte sie -ihm die Spitze der Waffe auf einen Schritt Entfernung -gegen die Brust, als ob sie sich vor ihm schützen wolle?</p> - -<p>»Nun ist es aber wirklich genug, Fritzchen,« hörte er -eine überraschend vernünftige Stimme durch all die Wirrnis -hindurchschlagen, »du benimmst dich immer wieder wie -ein kleiner unartiger Junge und hast nicht den geringsten -Begriff davon, wie man mit einer Damentoilette umgeht. -Was soll sich denn Johanna von mir und meiner -Konferenz mit Herrn Adameit denken? Sieh bloß mal -an, wie du meinen Staubmantel zerknittert hast!«</p> - -<p>Ach ja, der Staubmantel! Ihm gebührte freilich nach -dem Wiederkehren aus dem von Blutrosen und Dornen -umsponnenen Eiland die erste Rücksicht. Dieser verfluchte, -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -stumpfsinnige, lächerliche Mantel! Im Moment haßte -der sich Zurückfindende das elegante Kleidungsstück, dessen -knisternde Seide er eben noch mit kosenden Fingern gestreichelt. -Immer deutlicher nahmen seine schmerzenden -Augen wahr, wie störend sich die Erscheinung des berückenden -Geschöpfes darbot, als Marianne jetzt den Degen -achtlos auf das Sofa warf, um sich darauf vor dem -kleinen goldgerahmten Wandspiegel den dunklen Rosenhut -sorgfältig auf ihren Flechten zu befestigen. Erstaunt -blickte er auf die ihm abgewandte Gestalt hinüber. Und -doch, wie zart sich die krausen feinen Härchen von dem -matt getönten Nacken abhoben! Herr des Himmels – -ein leiser Seufzer entfuhr ihm – nein, das ertrug er nicht -länger. All die widersprechenden Empfindungen, all das -Unvereinbare von Anbetung und scheuem furchtsamen -Tasten nach der innersten Seele der Geliebten, es umgab -ihn mit einem dichten betäubenden Nebel, aus dem er sich -unbedingt ins Freie retten mußte. Selbst seine Glieder -schmerzten, als würde sein sich bäumender Körper tatsächlich -durch feine mutwillige Hände von Bergesspitzen -in Abgründe geschleudert. Und alles aus Neckerei. Aus -Lust an Aufregung und Spiel. Darunter nahm sein -Mannestum Schaden. Eine dumpfe Hörigkeit umschnürte -seinen freien Willen, die ihm in den Augenblicken der -Selbsterkenntnis unwürdig und unerträglich dünkte. Plötzlich -reckte er sich. Er war ganz der klare Soldat, dem -von allen seinen Untergebenen ein unbedingtes Vertrauen -entgegengebracht wurde.</p> - -<p>»Marianne,« sagte er unvermittelt klar und bestimmt, -»ich habe mit dir zu reden.«</p> - -<p>Die junge Dame am Spiegel ließ die vollen Arme, die -den Schäferhut in eine anmutig schräge Lage zu bringen -trachteten, nicht sinken, sie kehrte sich auch nicht zu ihm, -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -sondern, während ihre frischen Lippen die lange Hutnadel -in der Schwebe hielten, da suchten ihre Augen verwundert -sein Bild in der blanken Spiegelscheibe auf.</p> - -<p>»Du mußt mir einen Augenblick Gehör schenken, Marianne,« -drängte der Offizier weiter und tat einen Schritt -gegen sie.</p> - -<p>»Schon wieder?« murmelte Marianne hinter der blitzenden -Nadel undeutlich hervor. »Fritzchen, daß du ein solches -Vergnügen an derartigen Auseinandersetzungen empfindest. -Also was willst du denn, Liebling? Aber recht rasch, bitte, -nicht wahr? Denn sieh mal, von der Sebalduskirche -schlägt es schon halb acht. Johanna hat gewiß bereits -wieder ihr strengstes Gesicht aufgesetzt.«</p> - -<p>Noch hatte sie nicht geendet, als sie betroffen ihre -schwarzen Augen bis zu der kleinen Eingangstür irren ließ, -um dann plötzlich aufgescheucht ihren blauen Mantel ungestüm -über sich zusammenzuziehen. Von der Treppe her -drangen schwere, knarrende Tritte herauf. Verstört flüchtete -das schöne Mädchen bis dicht an die Seite ihres verstummten -Gefährten.</p> - -<p>»Um Gott, Fritz, du erhältst doch nicht etwa Besuch? -– Dein Bursche? – Aber das ist doch sehr unrecht von -dir! – Wo soll ich denn jetzt hin?«</p> - -<p>Erregte Worte fuhren zwischen den Beiden hin und her, -dann ein hastiges Aufraffen des weißen Sonnenschirms, -ein Huschen und Flattern, und der eintretende Reddemann -bemerkte mit Erstaunen, wie sein junger Herr in offenbarer -Verwirrung abgewandt vor der Tür des Alkovens -verweilte, wo er im Grunde nichts zu suchen hatte. Auch -für die leckere Zubereitung der Menagengerichte, die noch -in ihren Schüsseln dampften, schien sein Gebieter heute -keinen rechten Sinn zu besitzen. Unwirscher als sonst trieb -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -der Offizier, der merkwürdigerweise seinen Platz vor dem -Nebenzimmer nicht aufgab, zur Eile.</p> - -<p>»Ja, die Serviette muß ich doch wenigstens in den Ring -schieben,« verteidigte sich der Ostpreuße verständnislos, -obwohl auch er anfing aufmerksam nach der niedrigen -Verbindungstür zu schielen, »und dann Messer und Gabel, -Herr Leutnant.«</p> - -<p>»Schon gut, schon gut, es ist alles sehr schön, – nur -rasch!«</p> - -<p>»Zu Befehl, darf ich nun noch das Bett aufschlagen?«</p> - -<p>Aber merkwürdig, wie unberechenbar diese Vorgesetzten -manchmal werden konnten. Der noble Herr, der ihn fast -niemals fühlen ließ, daß er zur persönlichen Dienstleistung -des Offiziers kommandiert war, er bekam unvermutet -drei schwere Falten über der Nasenwurzel, und während -er nervös nach der leeren Degenscheide griff, schrie er den -treu Sorgenden zum erstenmal rücksichtslos an.</p> - -<p>»Zum Donnerwetter, ich habe genug von dem langweiligen -Geplapper. Mach, daß du fortkommst!«</p> - -<p>Jedoch Reddemann blieb begriffsstutzig.</p> - -<p>»Was, Herr Leutnant, ohne Bett?« stammelte er.</p> - -<p>Und erst als sein Herr die Degenscheide auf den Erdboden -stieß, daß alles klirrte und bebte, da schlug der -Bursche blutrot die Hacken zusammen und stürzte wie behext -die enge Treppe herunter.</p> - -<p>»Da stimmt etwas nicht,« glitt es dem pfiffigen Patron -durch den Schädel, »so fein hat es bei uns noch nie gerochen. -Donnerwetter ja, die Vornehmen haben doch alles -vom Besten.«</p> - -<p>In dem Zimmer blieb es noch eine kleine Weile still. -Erst als der dumpfe Schlag der Haustür verkündet hatte, -daß jede Gefahr der Mitwisserschaft beseitigt, da raffte -sich Fritz Harder zusammen, um mit einem raschen Entschluß -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -seinen Besuch aus der seltsamen Einkerkerung zu -befreien. Und wie heftig ihm auch das Herz schlug wegen -der unwürdigen Rolle, zu der sie beide durch diese Heimlichkeit -verurteilt waren, – das Bild, das sich ihm hinter -der kleinen Tapetentür darbot, schimmerte in solch bestrickendem -Reiz, daß all die Vorwürfe, die er gegen sich -und die Geliebte im stillen erhob, vor ihm versanken. Da -stand Marianne dicht an der Schwelle, das Haupt mit -dem breitrandigen Rosenhut lauschend vorgebeugt, und -die Wangen von Neugierde und Unruhe dunkel überflammt. -Die Dämmerung des Alkovens umgab die matt -beleuchtete, weiße Gestalt gleich einem schweren Ebenholzrahmen. -Aufatmend und mit jener Lässigkeit, die den -jungen Offizier schon so häufig betört hatte, trat sie in das -helle Wohnzimmer und knöpfte sich eifriger als sonst die -langen weißen Seidenhandschuhe zu. Offenbar wurde das -Mädchen nur von der einen Sucht beherrscht, ihren Aufbruch -so schnell und so unbemerkt als möglich zu vollziehen.</p> - -<p>»Adieu, Fritzchen,« schnitt sie ihm bereits das erste -Wort ab, denn sie fühlte mit Unbehagen, wie ihr aus den -Augen des Gefährten schon wieder allerlei unbequeme -Fragen entgegendrohten, »adieu, mein Liebling. – Nein, -nein, um Gottes willen, rühre mich nicht an, solche ungeschickten -Männerhände sind ja sofort wahrnehmbar. Und -Johanna ist der mißtrauischste Polizist, den du dir denken -kannst. Nein, ganz still, ganz artig« – und sie preßte -ihm rasch die Rechte auf die Lippen, die sich schon zum -Widerspruch oder zu einem Vorwurf geöffnet hatten. -»Aber wenn du recht folgsam bist, komme ich vielleicht -einmal auf ein Viertelstündchen wieder. Adieu, Fritzchen, -adieu!«</p> - -<p>Geschickt schmiegte sie sich durch den schmalen Türritz -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -hindurch, allein jenseits der Schwelle wandte sie sich und -warf noch einmal einen lachenden Blick zurück. Das Geschirr -auf dem Tisch schien ihre Aufmerksamkeit zu fesseln.</p> - -<p>»Wie drollig sich deine Wirtschaft ausnimmt,« flüsterte -sie hinein, hob jedoch sogleich den Finger warnend gegen -den Mund, damit er sie nicht durch eine laute Antwort -verriete, »wie schade, daß du mich nicht bewirten konntest! -Warum kommt dir eigentlich niemals solch ein hübscher -Einfall? Überhaupt, du verdienst die große Bevorzugung -und auch die Gefahr nicht, der ich mich deinetwegen aussetze. -Sst, – ganz still, Fritzchen, hier hast du noch eine -Kußhand, so – und nun schlaf wohl, mein Schatz.«</p> - -<hr /> - -<p>Fritz Harder hatte seine karge Mahlzeit kaum berührt. -Ruhelos schritt er in der engen Stube auf und nieder, und -seine verzogene Stirn deutete darauf hin, wie sehr er sich -bemühte, der widerstrebenden Gedanken Herr zu werden. -Zweimal schon hatte er sich an den Flügel gesetzt, allein -unter seinen geübten Händen waren nur ein paar mißtönende -Dissonanzen aufgeschrillt. Und durch einen heftigen -Schlag auf die Tasten wurde das regellose Spiel beendigt.</p> - -<p>Nein, das ging nicht. Er mußte sich sammeln und Klarheit -gewinnen. Ungeduldig riß er die Schublade des roten -Fichtentischchens auf und warf ein blaues Heft auf die -Platte. Dies war seine Arbeit, von der er sich einmal Erfolg -versprochen. Jetzt blieben seine Augen wirr auf einer sauber -gezeichneten Terrainkarte haften, und er versuchte sich zu -besinnen, warum er mit roter und grüner Tinte verschiedene -sich kreuzende Linien hineingemalt hatte.</p> - -<p>Alles vergeblich. Der bohrende Gram, die innere Unzufriedenheit -mit sich selbst, sie warfen sein Auffassungsvermögen -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -um, sie schlugen den stärkeren Menschen in ihm -nieder.</p> - -<p>Nein, es war genug. Törichter Hochmut, sich für besser -zu halten und würdiger als seine Kameraden sich gaben. -Und dann – er lachte bitter auf, bedeckte sich mit der -blauen Mütze, und nach ein paar Minuten schon klirrte -sein metallener Säbel über das Trottoir der menschenleeren -Rosenkranzgasse.</p> - -<p>»Ah, Fritz Harder,« rief der lange Janick, als sein -Freund das Spielzimmer des Kasinos betrat; und damit -erhob sich der Oberleutnant, lebhaft winkend, von seinem -Sitz, »kommen Sie, Beethoven, hier ist eine große Neuigkeit -eingetroffen. Schieberamsch mit Pauken und Trommeln. -Das müssen Sie lernen, Fritzchen, setzen Sie sich -neben mich, so etwas Anregendes haben wir schon lange -nicht erlebt. Prost, Musikante – prost.«</p> - -<hr /> - -<p>Dunkelheit senkte sich bereits über die Stadt. Aus -dem Portal des Goldenen Bechers trat, dicht in einen -schwarzen Hängemantel gehüllt, der bewegliche Kammerdiener -des Konsuls Bark heraus, in der Hand ein ziemlich -umfangreiches Briefkuvert, das er im Auftrage seines -Herrn dem Leutnant Fritz Harder in sein Quartier überbringen -sollte. Der weiße Umschlag leuchtete durch die -Nacht, als Pawlowitsch achtlos schlenkernd über den Marktplatz -schritt. Noch war der Diener nicht weit gekommen, -als seinen auch jetzt rastlos umherspähenden Äuglein die -Umrisse eines Jagdwagens auffielen, der, mit drei winzigen -Pferdchen bespannt, dicht vor der Einfahrt des -zweiten großen Gasthofes der Stadt »Zum russischen Großfürsten« -wartete. Interessiert und auf unhörbaren Sohlen -tänzelte Pawlowitsch näher. Aus der Dunkelheit tauchten -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -zwei Gestalten auf, die sich augenscheinlich an dem Hinterrad -des Gefährts zu schaffen machten. Ein paar derbe -Flüche in russischer Sprache wurden laut, und der Kammerdiener -erkannte sofort das dröhnende Organ des Grenzoffiziers, -der vor ein paar Stunden seinem Herrn die -Ehre seines Besuches geschenkt hatte.</p> - -<p>»Dummes Vieh,« hörte der regungslos Verharrende den -Rittmeister Sassin auf seinen Rosselenker einschimpfen, -»hab' ich dir nicht zehnmal gesagt, daß das Rad quietscht wie -eine kranke Katze? Du Hundesohn hast wieder verschlafen, -Fett auf die Achse zu schmieren. Ich schneide dir noch -einmal in Wahrheit beide Ohren ab. Gleich holst du dir von -diesen Deutschen etwas von dem Zeug heraus. Hast du -verstanden?«</p> - -<p>Der zusammengekrümmte Kutscher zog seine hohe -Schirmmütze. »Jawohl, guter Herr,« murmelte er demütig -und verschränkte seine Arme über der Brust. »Euer -Gnaden, ich gehorche.«</p> - -<p>»Zum Teufel, dann mach, daß du fortkommst! Und -wenn du fertig bist, dann holst du mich dort drüben aus -der Konditorei ab. Hast du begriffen?«</p> - -<p>»Ich gehorche, Euer Gnaden.«</p> - -<p>Der Kutscher trottete in die Einfahrt zurück, und der -Rittmeister schlenderte säbelklirrend über das rauhe Pflaster, -bis er plötzlich vor der schweigenden Gestalt des Lauschers -zurückschreckte.</p> - -<p>»Was ist?« rief er drohend.</p> - -<p>»Oh nichts, Euer Gnaden,« erwiderte Pawlowitsch sich -tief verbeugend, »ich bin es nur, der Diener des Herrn -Konsul Bark.«</p> - -<p>»Aha – aha – Diener – Diener von ausgezeichnetem -Freund Rudolf Bark,« lenkte der Russe ganz widerspruchsvoll -ein, und dabei versetzte er dem zierlichen Männchen -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -einen wohlwollenden Faustschlag auf die Schulter, so daß -der Überraschte, der eine solche Gunstbezeugung wohl kaum -erwartet haben mochte, ein wenig vornüber taumelte.</p> - -<p>»Heilige Mutter!« stöhnte der Getroffene leise.</p> - -<p>Der Russe jedoch ließ von seiner Zärtlichkeit nicht ab, -ja, er beugte seine mächtige Gestalt sogar noch etwas -tiefer zu dem Unentschlossenen herab, als sei es für ihn -überaus interessant zu konstatieren, was für einen weißen -Zettel der Diener des ausgezeichneten Rudolf Bark in den -Händen trüge.</p> - -<p>»Pawlowitsch, guter Junge,« rief er wohlgelaunt, und -dabei zupfte er nach russischer Sitte dem weißhaarigen -Kerlchen sanft an dem Ohrlappen herum, »bist fleißigstes -Geschöpf, das ich kenne in dieser fleißigen Stadt! <i>Toujours -en vedette</i>, früh und spät. Weißt du auch, daß ich -dich deinem Herrn schon längst ausmieten wollte? Sieh -einmal, du trägst Brief, Pawlowitsch!«</p> - -<p>»Oh,« erwiderte der Hausmeister, der einen Augenblick -zögerte, bis er dann doch die Aufschrift des Kuverts nach -oben kehrte, »an den Leutnant Fritz Harder«.</p> - -<p>»Leutnant Fritz Harder,« wiederholte der Dragoner in -beglücktem Ton, »ach, sieh einmal, wirklich an lieben -Fritz Harder.« Und nach einer Weile des Nachdenkens, -während deren sich der Russe rasch den blonden Kinnbart -strich, setzte er hinzu: »Mir ist, als ob junger Herr bei der -Festungskommandantur beschäftigt wäre?«</p> - -<p>»Ja,« pflichtete Pawlowitsch immer langsamer bei, -indem er den Brief vorsichtig unter dem herabwallenden -Hängemantel vergrub, »der Herr Leutnant ist seit kurzem -dazu kommandiert.«</p> - -<p>»Nun, will nicht aufhalten,« sagte der Russe freundlich, -»besorge Auftrag, Pawlowitsch. Aber warte, – sollte -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -ich heute nicht vergessen haben, dir dein gewohntes Trinkgeld -zu überreichen?«</p> - -<p>Jetzt schüttelte der Diener heftig abwehrend das Haupt, -allein er konnte es doch nicht verhindern, daß seine schwarzen -Äuglein trotz der Dunkelheit einen höheren Glanz gewannen.</p> - -<p>»Nein, nein, Euer Gnaden, ich habe nichts zu beanspruchen. -Der Herr Rittmeister haben ja nichts bei uns -genossen.«</p> - -<p>Der Russe jedoch streckte wiederum seine Faust nach -dem Ohrläppchen des nicht mehr Zurückweichenden aus.</p> - -<p>»Kleiner Galgenvogel,« meinte er gutmütig, »hast du -vergessen, daß ich euch beinahe eine ganze Flasche von -wunderschönen klaren und lieblichen Rheinwein austrank? -Ein schöner Wein, ein seltener Wein! Wir Russen sind -dankbar, wir erinnern uns stets der treuen und braven -Diener. Hier, Pawlowitsch, nimm. Macht mir Freude, -wenn du an Rittmeister Sassin denkst.«</p> - -<p>War es Ernst oder bestand alles in einem Irrtum? Gott -im hohen Himmel, da hielt der Mann im Radmantel ein -blankes Zwanzigmarkstück in der Hand; der über dem -Markt heraufkommende Mond weckte Funken in dem roten -Metall, und es war ein so einzig schönes Bild, daß -Pawlowitsch seine langen Finger krampfhaft schloß, als -gönne er es anderen nicht, sich an dieser wärmenden Augenweide -zu ergötzen. Und doch krümmte sich seine Seele und -wand sich ängstlich hin und her, denn die Güte des Rittmeisters -erschien dem kundigen Mann verdächtig, und ein -quälender Zweifel beschlich ihn, ob jenes Gold nicht vielleicht -dazu bestimmt wäre, um die besseren Mahnungen -seines Herzens zu übertönen. Man hatte so viel von den -rauhen Grenznachbarn gehört, sie waren so lüstern nach -diesen oder jenen gleichgültigen Dingen, die den Uneingeweihten -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -gänzlich nebensächlich erschienen, und die dann -doch plötzlich eine besondere Geltung gewinnen konnten. -Und dann – die Versucher von dort drüben sollten sich -im Besitz von ungeheuerlichen Schätzen befinden, die sie -wahllos und verschwenderisch über die ihnen Ergebenen -und Willfährigen ausstreuten. Hatte sich Pawlowitsch, -der Listige und Verschlagene, nicht schon oft heimliche Gedanken -darüber gemacht, wie hübsch es wäre, wenn man -die groben ungeschlachten Kerle von jenseits der Grenze -ein wenig necken würde? Natürlich nur ein bißchen aufziehen, -um sie hinters Licht zu führen, denn man wußte -ja eigentlich gar nichts, was die neugierige Gesellschaft -wirklich interessieren könnte. Aber als der Hausmeister -jetzt das kalte Goldstück mit seinen langen Spinnenfingern -umschloß, da gab es ihm doch einen brennenden Stich -durch alle Adern hindurch, und einen Moment schlugen -Angst und Feigheit so stark in ihm empor, daß er fast -ohne Überlegung die Hand ausstreckte, um das liebe, das -schöne, das reiche Geschenk wieder von sich zu schleudern.</p> - -<p>»Da – da – Panne Rittmeister –«</p> - -<p>»Was willst du, mein lieber Junge?«</p> - -<p>»Ich – ich« – das Kerlchen im Radmantel erwachte -– »ich wollte Ihnen bloß herzlich danken, Herr Rittmeister,« -sagte er schmerzlich.</p> - -<p>Der Russe jedoch versetzte ihm einen freundschaftlichen -Puff vor die Brust, so daß dem ohnehin Bedrückten einen -Moment lang die Luft fortblieb.</p> - -<p>»Schon gut, Pawlowitsch,« hörte er die dröhnende -Stimme dicht vor seinem Ohr, »das ist nur Kleinigkeit. -Du gefällst mir, du gefällst mir wirklich. Und dann – -wir sind ja auch halbe Landsleute. Wer weiß, was ich -noch alles für dich tun kann? Und nun geh und richte -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -deinen Auftrag aus, bei lieben Leutnant Fritz Harder. Wo -wohnt er doch noch?«</p> - -<p>»Er wohnt Rosenkranzgasse 19,« schlich dem Diener -die Stimme mühsam aus der Kehle. Und sich windschief -verbeugend, schlug der Davoneilende ein Kreuz unter dem -langen Mantel, indem er noch erstickt hinterher zu flüstern -versuchte: »Jesus, Maria und Joseph, legt Fürbitte ein!«</p> - -<p>Als Pawlowitsch dies herausstöhnte, schlug es von der -Sebalduskirche die zehnte Stunde. Das Glockenspiel des -Meisters Adameit begann wieder seine glasklaren Melodien -zu spielen: »Wer nur den lieben Gott läßt walten.« Da -trat Pawlowitsch der Schweiß auf die Stirn. Fester und -gieriger preßte er die Goldmünze in seiner Hand zusammen, -als müsse er sich durchaus an etwas Irdisches klammern, -und doch bröckelte es von seinen Lippen noch einmal wie -vorhin, nur schaudernd und abwehrend:</p> - -<p>»Jesus, Maria und Joseph, wie leicht kann man das -Geld auf dieser Erde verdienen. Wie leicht – legt Fürbitte -ein!«</p> - - - - -<h3>III.</h3> - - -<p>Durch die langen schmalen Eichen vor dem Herrenhause -von Maritzken raschelte der Frühwind. So eng beschnitten -hatte man die dunkelgrünen saftigen Kronen, daß man die -Bäume in der Ferne für hochstrebende Pappeln halten -konnte. Nun wiegten sich die Wipfel im weißen Sonnenlicht -des Julivormittags und warfen schwankende Schatten -auf den grob gepflasterten Hof, der trotz beginnender Ernte -und obwohl er von Leiterwagen und Pflügen besetzt war, -so sauber aussah, als wäre er für eine besondere Feierlichkeit -aus vielen Wasserschläuchen überspült worden. Auch -die umgebenden Wirtschaftsgebäude blitzten stets unter -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -einem weißen Anstrich, denn es machte den Stolz der -Herrin von Maritzken aus, daß sich das von ihr bewirtschaftete -Gut immer in weithin leuchtender Weiße zeige. Unter -dem viereckigen Toreingang aber stand Johanna Grothe -selbst, und die Sonnenstrahlen hüllten ihr lockeres Haar -in eine Goldhaube ein. Vor ihr verharrte in Hemdsärmeln -die untersetzte Figur ihres Statthalters, der sein -kleines zehnjähriges Töchterchen an der Hand führte.</p> - -<p>»Nun, Baumgartner,« fragte Johanna den Mann mit -der vorzeitig durchfurchten Stirn freundlich, »wie weit -halten wir heute?«</p> - -<p>Da berichtete der treu sorgende Verwalter, der die Angewohnheit -aller älteren Landleute besaß, die Gutsangelegenheiten -nicht allzu rosig darzustellen, wie man bei -der Rapsernte auf ganz verfluchte Flecken gestoßen sei, -die mit nichts als Unkraut und Hederich bewachsen wären.</p> - -<p>»Da ist wieder ein toller Hund gelaufen,« sagte der -Landmann nach dem Aberglauben der dortigen Gegend.</p> - -<p>»I, lassen Sie nur, Baumgartner,« tröstete Johanna -lächelnd, »unser Raps selbst steht fett und gut. Es kann -einem das Herz im Leibe lachen.«</p> - -<p>Der Mann kraute sich leicht hinter dem Ohr. »Na ja, -Fräuleinchen, aber mit dem Kartoffelumwerfen, da kommen -wir nicht richtig vorwärts. Uns fehlen Pferde. Ponnies -müßten wir haben, mit schmalem Tritt.«</p> - -<p>»Da haben Sie recht, Baumgartner,« nahm seine Herrin -den Einwurf lebhaft auf, »aber wissen Sie das Neueste? -Heute nachmittag fahre ich mit meinen Schwestern nach -Grabowo.«</p> - -<p>»Was, über die Grenze?« hob hier der Verwalter sein -sonnengebräuntes Haupt und zuckte ein wenig mißtrauisch -die Achseln, und als er erfahren, daß seine Gebieterin -dort drüben das vermißte Pferdematerial zu kaufen beabsichtigte, -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -da klopfte er mit dem Finger noch einmal warnend -gegen die Schärfe seiner Sichel. Es gab einen hellen -Ton. »Vorsichtig, gnädiges Fräulein,« riet er dringend, -»die Gesellschaft da drüben geht nicht immer ehrlich zu -Werke.«</p> - -<p>»Oh, Sie können unbesorgt sein, Baumgartner, Herr -Konsul Bark begleitet uns.«</p> - -<p>Da ging ein beifälliger Zug über das ernste Antlitz des -Landmannes.</p> - -<p>»Das ist gut,« stellte er fest. »Konsul Bark versteht -seine Sache. Er hat auch mit dem alten Trakehner Hengst -bei uns recht behalten. Das Tier arbeitet drei junge Pferde -in Grund und Boden.« Und während sich der Beamte -schon zum Abgang wandte, fragte er noch einmal ehrerbietig: -»Und zu wann befehlen das Fräulein den Wagen?«</p> - -<p>Eine schwere Falte grub sich dabei mitten über die Stirn -des Mannes. Allein Johanna verstand ihn.</p> - -<p>»Nein, nein, Baumgartner,« beruhigte sie. »Sie -brauchen sich gar nicht stören zu lassen, Herr Konsul Bark -holt uns in seiner eigenen Equipage ab, obwohl uns unser -Weg ja ohnehin durch die Stadt führen würde. Sie -können Ihre Pferde ruhig bei der Arbeit behalten.«</p> - -<p>»Oh, danke schön, gnädiges Fräulein, das ist gut. Herr -Konsul Bark weiß, was sich gehört. Ich freue mich immer, -wenn er auf das Gut kommt. Nun vorwärts, Tilli.«</p> - -<p>Er gab seiner kleinen Tochter einen Wink, das Kind -knixte und beide schritten rasch bis zum Hoftor. Jedoch -sie sollten nicht hinausgelangen. Von der Chaussee her erhob -sich ein scharfes Rollen, Peitschenklang schwirrte durch -die Luft, und gleich darauf sah die Gutsherrin, wie ihr -Verwalter ein Paar mächtigen Rappenhäuptern beruhigend -über die schäumigen Nüstern klopfte.</p> - -<p>Bei Gott, dies Gespann kannte Johannas geübter Blick. -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -Ja sogar den harten, sausenden Peitschenklang unterschied -sie vor allen anderen. So dröhnend und unbekümmert -raste nur der Riese dort drüben von Sorquitten über die -Landstraße. Und richtig, noch hatte sie die Ziegelschwelle -unter der viereckigen Einfahrt nicht verlassen, da schob -sich auch bereits eine mächtige Männerfigur in einem gelben -Sportanzug durch die Toröffnung, und ein grünes Tirolerhütchen -mit einer alten verbogenen Hahnenfeder wurde aus -Leibeskräften in der Luft geschwenkt.</p> - -<p>»Morjen, morjen, Johanna, alte Seele,« wetterte das -markige Organ des Vetters Fedor von Stötteritz, und dabei -stampfte der ungeheuerliche Eindringling bald rechts, -bald links mit den braunen Schnürstiefeln, aus denen sich -ein paar unförmige Waden herausdrängten, schallend auf -den Steinen des Hofes herum. »Laß mal eiligst so einen -kleinen Tritt herausbringen, liebste Cousine, meine alte -Dame will sich nämlich wieder nicht meinen Armen anvertrauen. -Sie behauptet, ich zerbräche ihr immer ein -paar Knochen im Leibe. Also fix, Johanna,« und er führte -die beiden Mittelfinger in den Mund und ließ einen gellenden -Pfiff erschallen. »Vorwärts, wo bleiben die Faulpelze? -Meine Frau Mama kann ja bekanntlich nicht warten.«</p> - -<p>Jetzt wurde es auf dem Hofe lebendig. Eine Magd mit -einem Tritt lief hochaufgeschürzt hinzu, und nachdem auch -Johanna bis an den Wagenschlag geeilt war, da entschloß -sich die lang aufragende, hagere Insassin des Gefährtes -endlich, die Expedition auf den sicheren Erdboden zu unternehmen. -Mit einem Krückstock indessen tastete sie erst vorsichtig -die Unebenheiten des Terrains ab. Kurzatmig stand -sie dann neben ihrem Sohn, um ihrem blauroten und doch -pergamentartig mageren Antlitz ein wenig kühlende Luft -zuzufächeln.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -»Es ist nichts mit solchen Ausfahrten,« stellte Frau -von Stötteritz grämlich fest, wobei sie der Hausherrin -steif ihre Rechte zum Handkuß darbot. »Guten Tag, liebes -Kind. Ich wollte dich gewiß nicht belästigen – nein, -nein, schon gut, wer soll sich denn über eine so alte anspruchsvolle -Frau im Ernst freuen? – aber mein dummer -Junge läßt mir ja keine Ruhe. Es sollte durchaus ein -Besuch bei dir werden. Als ob ich dich in meinem Leben -noch nicht gesehen hätte! – Nein, nein, schon gut,« -unterbrach die hagere Dame entschieden, als das blonde -Mädchen ihr irgend etwas Liebenswürdiges entgegnen -wollte. »Lüge nicht erst, mein Töchterchen, du schwärmst -ja selbst nicht für Komplimente. Die Hauptsache ist, daß -ich möglichst bald eine Fußbank unter mein rechtes Bein -erhalte. Du kannst dir gar nicht denken, wie mich das -Rheuma wieder plagt. Aber paß auf, es gibt Regenwetter. -Unsere Rapsernte wird uns natürlich wieder wegschwimmen.«</p> - -<p>»Du, Hans,« schrie der Sohn aufgeräumt dazwischen, -der seine Frau Mama mit den flachen Händen so sanft -wie möglich vor sich her schob, »mein ganzer Raps an -Silberstein da drinnen verkauft. Den verfluchten Juden -hab' ich schön hochgenommen. Wenn das in diesem Jahre -so weiter geht, dann bau ich auf Sorquitten das neue -Herrenhaus, das du neulich vorschlugst. Meine Alte werde -ich schon rumkriegen.«</p> - -<p>»Es wäre gut, wenn du mir nicht so in die Ohren -schriest, Fedor,« tadelte die Vorauftappende, schmerzlich -ihren Mund verziehend. »Was ich dieses Brüllen nicht -leiden mag – –«</p> - -<p>»Na, laß man sein, Mutterchen, ich säusele schon -wieder. So, und nun aufgepaßt, hier kommen die Treppen.« -Der Besuch wurde in das große Staatszimmer hinaufgeführt, -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -dessen drei Fenster auf den Park hinausgingen. -Denn Johanna dachte daran, daß ihre Tante, Frau von -Stötteritz, eine unbesiegliche Abneigung hege gegen den -Anblick des Wirtschaftshofes sowie gegen die rauhen Geräusche, -die sich von dort möglicherweise erheben konnten. -In einem alten gelben Seidenfauteuil lehnte die alte Dame -an einem der hohen Fensterbogen und zupfte nervös an -den seidenen Halbgardinen herum. Währenddes präsentierte -die blonde Hausherrin ihrem kritischen Besuch ein -in Wein abgezogenes Ei, denn dies war die einzige Aufwartung, -welche die kränkliche Dame gnädig aufnahm. -Dafür konnte sie von jener Leckerei auch große Mengen -vertilgen. Einen Augenblick hörte man nichts, als das -Klirren des Löffels, den Frau von Stötteritz in dem Glase -herumführte, und dazwischen mischten sich die schallenden -Tritte ihres Sohnes, der, die Hände in den Taschen, -ruhelos das Zimmer durchmaß. Er entbehrte seine Zigarre, -die in der Gegenwart der Mutter nicht geraucht -werden durfte.</p> - -<p>Endlich hatte die kränkliche Frau die ihr so wohlmundende -Leckerei mit Andacht zu sich genommen; das behagliche -Schlürfen sowie das Kratzen des Löffels erstarb, und -nachdem sich Fedors Mutter umständlich mit ihrem -Taschentuch Mund und Hände gereinigt, da richtete sich -die hagere Gestalt starr in ihrem Sessel auf, alles Vorboten, -daß jetzt etwas Wichtiges erfolgen sollte. Zuerst -aber reichte sie mit ihren zitternden Fingern das Glas zurück, -um verurteilend zu klagen:</p> - -<p>»Wenn einem nichts mehr schmeckt, so ist das ein -schlimmes Zeichen. Nein, widersprecht nicht erst, ich bin -mir über meinen Zustand ganz im klaren.«</p> - -<p>Als aber ihr herkulischer Sohn unbekümmert seinen -dröhnenden Spaziergang durch das weite Gemach fortsetzte, -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -da nestelte Frau von Stötteritz aus ihrer schwarzseidenen -Handtasche einen mehrfach gefalteten Brief hervor, strich -ihn auf ihrem Schoße glatt und tat einen tiefen, halb -seufzenden Atemzug.</p> - -<p>»Höre, Johanna,« begann sie endlich, indem sie sich -den Zeigefinger netzte, wie wenn sie die Seiten des vertrockneten -Briefes umzuschlagen gedächte, »bekümmerst du -dich eigentlich um politische Vorgänge?«</p> - -<p>»Um politische –?«</p> - -<p>Johanna stutzte. Und während sie mit entschlossener Bewegung -ihr blondes Haupt in den Nacken warf, da nahm -sie plötzlich jene abwehrende Stellung ein, die ihrer ganzen -Gestalt das Gepräge verlieh.</p> - -<p>Mein Gott, wie unangenehm! Gedachten die beiden -herrischen Adelsmenschen, die in der ganzen Gegend wegen -ihrer altpreußischen Gesinnung bekannt waren, sie, die -emsig Schaffende, nun auch zu ihren Lebensanschauungen -zu bekehren? Oh nein, darin täuschten sich die beiden. Sie -– das Gutsfräulein von Maritzken bewertete die ihr -Nahen und Fernen lediglich nach den Leistungen, durch -die Schaffensfreudige und Arbeitskräftige ihr Dasein, -ihre Lebenshaltung zu befestigen oder zu steigern vermochten. -Ja, das war es, dem praktischen Sinn -der großen Blonden war der Erwerb, der anständige -und sichere, beinahe etwas moralisch Schönes und Geheiligtes -geworden. Und deshalb lehnte sie gewöhnlich -mit einer ihrer entschlossenen Gesten alles ab, was sich -in ihrem Umkreis in politischen Zänkereien erging. »Wer -für sich schafft, schafft auch für das Land,« dachte sie. -Und mit diesem Bekenntnis glaubte sie sich genügend mit -den Streitigkeiten des Tages abgefunden zu haben.</p> - -<p>»Bekümmerst du dich eigentlich um politische Dinge?« -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -hob Frau von Stötteritz noch einmal an, und es klang -bereits, wie immer, ein spitzer Vorwurf aus dem Ton -ihrer Frage.</p> - -<p>Aber gerade diese Art, die so selbstverständlich eine -scheue Unterwerfung forderte, das bedingungslose Zustimmen -zu einem durch nichts zu erschütternden Programm, -das rief den starken Drang nach Widerspruch, nach Verteidigung -bei dem eigenwilligen Landfräulein hervor. Und -indem Johanna mit dem Finger leicht auf die Tischplatte -pochte, als wollte sie für jedes ihrer Worte eine besondere -Aufmerksamkeit verlangen, da warf sie mit angenommener -Gleichgültigkeit hin:</p> - -<p>»Nein, liebe Tante Adelheid, von Politik verstehe ich -zu wenig. Und das Geringe, das ich manchmal mit meinem -Freunde, dem Konsul Bark, bespreche, das hat irgendwie -einen Bezug auf meine Wirtschaft. Aber ein Verdienst -oder etwas Ersprießliches,« setzte sie mit einem kalten -Lächeln hinzu, »ist meines Wissens für mich noch niemals -dadurch erzielt worden.«</p> - -<p>Bei der Erwähnung des Namens ›Bark‹ öffneten sich -die schmalen Lippen der Freifrau wie von selbst, und sie -ließen ein Paar der großen gelben Zähne zum Vorschein -kommen. Und siehe da, auch ihr mächtiger Sohn gab -seine Wanderung auf und wurzelte so unvermittelt auf -dem olivgrünen Velourteppich fest, daß die alten Porzellantassen -in der nahen Glasservante zu klirren anhoben. -Gleich darauf trat auch er an den Tisch heran, ganz dicht -neben das blonde Mädchen, und zwirbelte mit einer weitausladenden -Bewegung den starr sich emporreckenden rotblonden -Schnurrbart zurecht.</p> - -<p>»Konsul Bark?«, nahm er das verdächtige Wort von -neuem auf und in seine tiefe Stimme drang gleichfalls -etwas Scharfes und Schnarrendes. »Sag mal, kommst -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -du mit dem Tütendreher noch immer so häufig zusammen, -Johanna?«</p> - -<p>Da war wieder jene Verachtung der kaufmännischen Berufe, -die den praktischen Hans mehr wie alles andere verdroß. -Und in ihrem Innern erhob sich eine heftige Abneigung -gegen die junkerliche Überhebung des Vetters. -Zum Teufel, was hatte der Riese von Sorquitten denn -Höheres und Besseres geleistet, als der gewandte Geschäftsmann -dort drinnen in der Stadt? Gott ja, Fedor -war ein mit beiden Fäusten durchgreifender Landwirt, praktisch -in jeder Faser und voll derber Freude an seinem Beruf. -Seine Leute duckten sich vor ihm, denn es war nicht -ratsam, mit dem Enaksohn im Ernst anzubinden. Aber -bestand denn darin etwas so Gewaltiges, das große väterliche -Gut, das ihm blühend von Generationen von Vorfahren -überliefert war, in einem ertragsreichen Zustand -zu erhalten? Wie ganz anders der Chef des Goldenen -Bechers dort drinnen am Marktplatz. In ewig neuer Anspannung -mußte der Kaufmann seine Kapitalien, ja sogar -sein ganzes Geschäft, das durch wechselnde Konjunkturen -und Zeitströmungen immer wieder gefährdet werden konnte, -verteidigen, schützen und erweitern. Über die schnell sich -verändernden Beziehungen des Völkerlebens mußte er sich -unterrichtet zeigen, denn jeden Augenblick konnte es nötig -werden, irgendeine der sich erhebenden großen Fragen -des Weltgeschehens für sich günstig auszubeuten. Dazu -gehörte doch eine andere geistige Beweglichkeit, eine männliche -Kraft des Entschlusses und daneben auch eine biegsame -und geschmeidige Leichtigkeit, die plötzlich anstürmenden -Gefahren auszuweichen verstand; ja, es gehörte mehr -Mut und Selbstbeherrschung zu einem solchen Tütendrehen, -als es das ruhige Abwarten von Saat und -Ernte verlangte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -So meinte Johanna wenigstens, denn da ihr selbst die -schwere, und an Enttäuschungen reiche Pflicht der Bodenbearbeitung -geläufig war, so neigte sie durchaus dazu, das -ihr fremde und imponierende Spiel des Handels höher -als ihre eigene Leistung einzuschätzen. Aber selbst wenn -dieser letzte Grund fortgefallen wäre, so empörte sich die -tief in ihr wurzelnde Dankbarkeit für ihren uneigennützigen -Freund dagegen, daß Junkerhochmut den tätigen -Mann seines Gewerbes wegen über die Achsel anschauen -dürfe. Und sehr bestimmt entgegnete sie deshalb auf den -etwas spöttischen Einwurf ihres Vetters:</p> - -<p>»Allerdings, lieber Fedor, ich komme mit Herrn Konsul -Bark sehr häufig zusammen. Ja, unser Freund wird mich -und meine Schwestern sogar heute nachmittag in seinem -eigenen Wagen zu einem Besuch jenseits der Grenze abholen.«</p> - -<p>Noch hatte die Entschlossene nicht völlig geendet, als der -Brief auf dem Schoß der Tante Adelheid seltsam zu -rascheln begann. Und während der mächtige Landwirt vor -Überraschung mit der Faust nur einen kräftigen Luftstoß -ausführte, dem sich die empörte Anmerkung beigesellte: -»Na, das ist aber doch – –,« da schüttelte seine Mutter -sehr bestimmt das pergamentene Haupt, und ihre -noch immer schwarzen Augenbrauen schnürten sich so eng -zusammen, als ob damit die Willensäußerung ihrer Nichte -ein für allemal ausgestrichen und aus der Welt geschafft -wäre.</p> - -<p>»Mein liebes Kind,« hüstelte sie in ihrer frostigen Art, -die keinen Widerspruch zu kennen schien, »du siehst hier -diesen Brief. Mein dummer Junge behielt doch recht, als -er mich zu dem Besuch bei dir veranlaßte. Ich merke, -wir kommen gerade zur rechten Zeit. Kurz und gut, liebe -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -Johanna, du wirst klug handeln, wenn du deinen Besuch -jenseits der Grenze unterläßt.«</p> - -<p>»Aber warum, beste Tante? Ich sehe gar nicht ein –«</p> - -<p>»Unterbrich mich nicht, Johanna, sonst verliere ich so -leicht den Zusammenhang. Dir wird hoffentlich gleich -alles klar werden. Und du kannst Gott danken, daß man -dich noch in letzter Stunde warnt. Weißt du, was dieser -Brief enthält? Er stammt von meinem Bruder, dem Geheimen -Regierungsrat von Roeder aus dem Auswärtigen -Amt, und mein Verwandter richtet die dringende Bitte -an mich, die äußerste Vorsicht gegen alles walten zu lassen, -was mit unseren russischen Nachbarn irgendwie in Beziehung -steht.«</p> - -<p>»Aber liebe Tante Adelheid,« rief Johanna eifrig, obwohl -sie sich eines leichten Fröstelns, das über ihre weiße -Haut rieselte, nicht erwehren konnte, »wozu das alles? -Wir sind doch auf das große Volk dort drüben angewiesen. -Wir tauschen so vieles von ihnen ein, was wir nirgends -besser und billiger erhalten. Und die Leute von jenseits -der Grenzpfähle nahmen gerade in den letzten Jahren auch -von uns nicht allein allerlei praktische Dinge, sondern -sogar manche Sitten und wissenschaftliche Errungenschaften -an, so daß man sich über den lebhaften Verkehr doch nur -freuen sollte.«</p> - -<p>»Der Teufel soll den albernen und leichtsinnigen Verkehr -holen,« brummte hier der Riese von Sorquitten dazwischen, -dem der Zorn das Antlitz dunkler färbte, »ich -wünschte, man hätte schon längst den Brüdern die Zähne -gewiesen.«</p> - -<p>»Um Gottes willen, Ihr stellt ja die Angelegenheit beinahe -so dar, als ob wir uns mit denen da drüben im -Kriegszustande befänden,« lachte Johanna ärgerlich auf, -und ihre Rechte schlug dabei quer durch die Luft, wie wenn -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -es notwendig wäre, das gefährliche, das unmögliche Wort -von vornherein zu sprengen oder zu zerteilen.</p> - -<p>Allein was war das? Weshalb suchten in diesem Moment -die hellblauen Augen des Riesen, die sonst so lachend, -so sorglos und unbekümmert über Lebendes und Totes -fortzugleiten gewohnt waren, weshalb in aller Welt suchten -sie so dringend und ernsthaft die ihren? Warum nickte das -blonde Haupt ein paarmal so schwer und bedächtig, wie -wenn ein ungeheures Schicksal sich mit Wucht auf diesen -starren Nacken gebürdet hätte? Und dann? Täuschte sie -sich? Ihr war es, als ob sich die unförmige Gestalt des -Recken in plumper Bewegung näher und näher an die -ihre heranschöbe, und das unsichere Gefühl durchdrang sie, -als ob dies alles geschähe, um ihr bei heranziehender Gefahr -nahe zu sein, um sie zu bergen und zu schützen. Dazu -verharrte die Kranke in ihrem gelben Sessel starr und unbeweglich, -kein Wort drang über die fest zusammengepreßten -schmalen Lippen, und nur aus dem nervösen Zittern -der schwarzen Augenbrauen enträtselte die beklommene -Beobachterin, welchen beängstigenden Gedanken die Leidende -heimlich preisgegeben sein müsse. Unerträgliche -Schweigsamkeit waltete zwischen den drei aufgescheuchten -Menschen. Endlich ertrug es die Älteste von Maritzken -nicht länger. Mit ein paar unbedachten Schritten näherte sie -sich dem Stuhl der Greisin, um ganz gegen ihre Gewohnheit -hastig und aufgeregt die lange welke Hand von Fedors -Mutter zwischen ihre eigenen pulsierenden Finger zu betten.</p> - -<p>»Liebe Tante,« stieß sie ohne weitere Rücksicht hervor, -»du mußt nicht glauben, daß es nur die Unruhe um -meine eigene Sicherheit oder um die ungefährdete Existenz -meiner Schwestern ist, die mich jetzt veranlaßt, dich um -weitere rückhaltlose Auskunft zu bitten. Aber nicht wahr, -Fedor, nicht wahr, Tante Adelheid,« fuhr sie dringender -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -fort, »ihr, als Gutsvorstände, könnt mir das nachfühlen. -Ich habe ja so vieles hier zu verantworten, anvertraute -Kapitalien und nicht zuletzt das Leben und das karge Besitztum -meiner Leute. Ich muß also wissen, worum es sich -in diesem Briefe handelt. Ihr könnt es mir ganz ohne -Schonung anvertrauen, es wird mich nicht umwerfen. Und -dann –,« sie trat ans Fenster und riß mit einer hastigen -Bewegung die seidenen Halbgardinen fort, so daß die alte -Dame, von einem Sonnenstrahl getroffen, wehleidig zusammensank -– »werft doch nur einen Blick auf alles, was -wir Deutschen hier schufen, auf den alten Park mit seinen -hundertjährigen Stämmen, auf die prachtvollen Weizenfelder, -die wir in rastloser Emsigkeit durch immer neue -wissenschaftliche oder rein praktische Methoden zu ihrer -heutigen Reife und Blüte brachten! Betrachtet dort hinten, -jenseits der Chaussee das reinliche Dörfchen Maritzken mit -seinen kleinen Gärten und Lauben und der wunderhübschen -Holzkirche. Das alles hat man seit fünfzig Jahren aus -einem Sumpf herausgehoben. Und alle diese Mühe, so -viel Leben und Daseinsfreude, das sollte man von einem -eisernen Hagel zerschmettern lassen? Für immer? Nein, -daran glaube ich nicht,« schloß sie tief atmend und legte -sich wie befreit die flache Hand auf die arbeitende Brust.</p> - -<p>Auf diesen Ausbruch hob die alte Dame den sorgsam -behüteten Brief rasch gegen das Licht, zog aus ihrer schwarzseidenen -Tasche gleichzeitig ein Schildpattlorgnon hervor -und hielt sich die Gläser dicht vor die Augen.</p> - -<p>»Liebes Kind,« schnitt sie alle weiteren Erörterungen -ab, »wenn du mehr Umgang in militärischen Kreisen -pflegen würdest, was ich für sehr nützlich hielte, so könntest -du wissen, daß jene große Auseinandersetzung, die dir so -unmöglich scheint, von den maßgebenden Stellen schon seit -Jahren befürchtet oder auch erhofft wird. Je nachdem. -<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -Ich halte es deshalb für meine Pflicht, dir ganz reinen -Wein einzugießen. Merke genau auf. Mein Bruder, der -es auch mit dir gut meint, schreibt folgendes.«</p> - -<p>Damit lenkte die starr und aufrecht Sitzende das gelbe -Blatt Papier noch näher an ihr Antlitz, das sie scheinbar -nicht beugen konnte, und griff mitten aus dem Brief folgende -Stelle heraus:</p> - -<p>»Seit dem frevelhaften Verbrechen, das dem Thronerben -der uns verbündeten Monarchie das Leben kostete, -haben wir hier im Amt eine aufreibende Arbeitsleistung -zu bewältigen. Noch nie war der europäische Himmel so -bewölkt wie jetzt. In den militärischen Zentralen wird fieberhaft -geschafft, und ich kann dir unter der Hand mitteilen, -daß die Sachkundigsten unter uns seit der Überreichung der -österreichischen Forderungen an den rebellischen Balkanstaat -die fernere Erhaltung eines ehrenhaften Friedens beinahe -in das Gebiet der Unmöglichkeit verweisen. Sollte, -was Gott verhüten möge, unser großer östlicher Nachbar -sich für das Schwert entscheiden, – ein Gedanke, zu -dessen Erfassung die Phantasie der meisten unserer in einem -verweichlichenden Frieden völlig aufgegangenen Mitbürger -durchaus nicht ausreicht – dann würde eine Weltkatastrophe -heraufbeschworen, die alles, was jetzt festliegt und -besteht, zerschmettern müßte.«</p> - -<p>Ein widerspruchsvolles Lächeln, das sie sich selbst nicht -zu deuten vermochte, glitt bei dem eben Gehörten über die -bleichen Züge der Landtochter, denn sie gehörte zu denen, -deren Einbildungskraft vor der ungeheuerlichen Prophezeiung -machtlos niedersank. Die alte Dame jedoch verkündete -mit scharfer Stimme weiter, und es war, als ob -ihre Worte sich immer stechender und aufreizender formten, -je Erbarmungsloseres über ihre schmalen Lippen floß.</p> - -<p>»Ihr könnt euch die Last und die Qualen dieser Spannung -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -gar nicht vorstellen. Von Tag zu Tag fliegen neue -Vorschläge, Vermittlungen und geheime Depeschen von -Allerhöchster Hand herüber und hinüber. Alles starrt atemlos -auf die Zentnerlast, die an einem Haar über unseren -Häuptern schaukelt. Und nun der Grund, warum ich so ausführlich -an dich berichte, liebe Schwester. Stürzt der Koloß -über uns herein, über uns, die wir in unserem gläubigen -Vertrauen namentlich an euren Grenzen noch lange nicht so -unantastbar gerüstet sind, wie es unsere leitenden Militärs -wünschen, dann werden es eure Gegenden sein, die von -dem ersten Ritt unkultivierter Horden überrannt werden. -Noch vermögen wir nicht zu ahnen, welches Entsetzen sich -bei einem solchen Zusammenstoß über eure Gutshöfe, -Dörfer und kleinen Städte ausbreiten könnte. Da wir in -den letzten Jahrhunderten immer nur mit uns an Gesinnung -gleichgearteten Volksstämmen die Waffen kreuzten, -so fehlen uns alle Anhaltspunkte dafür, was wir von den -Angehörigen einer minderen Kultur zu erwarten haben. -Ich rein persönlich jedoch fürchte, daß es – selbst den recht -zweifelhaften guten Willen der östlichen Befehlshaber vorausgesetzt -– kaum gelingen dürfte, unsere Ansiedlungen -vor einer bisher unbekannten Zerstörungsgier zu schützen. -Und was den Einwohnern eines freien und geordneten -Staatswesens bevorsteht, sobald die entfesselte Zügellosigkeit -dumpfer und stumpfer Massenschwärme über sie fortprallt, -asiatischer Halbwilder, die an glücklicheren Völkern -die Pein ihrer eigenen Sklaverei zu vergelten gedenken, -das sind Dinge, liebe Schwester, die mich vorläufig nur -wie unvorstellbare schwere Träume ängstigen. Zwar noch -ist ja eine Beschwörung der Gefahr nicht gänzlich unmöglich. -Doch mein Rat geht für alle Fälle dahin, dich und -die Deinen sowie alle, die dir nahestehen, schon jetzt in Sicherheit -zu bringen. Mit Freuden öffne ich dir mein Haus in -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -Berlin. Es genügt aber vielleicht auch, wenn du dich einstweilen -in eurer Provinzialhauptstadt einmietest. Aber nimm -die Zeit wahr, liebe Adelheid, denn binnen kurzem dürften -auch dort neue Ankömmlinge wegen der zu befürchtenden -Übervölkerung zurückgewiesen werden. Ist es nicht unfaßbar, -sich alle diese ungewohnten Schrecken und Grausamkeiten -vorstellen zu müssen? Gott gebe, liebe Schwester, -daß diese wütende Windsbraut ohne schweren Schaden an -dir vorüberbraust.«</p> - -<p>Als Frau von Stötteritz bis hierher in ihrer Lektüre -gelangt war, da faltete sie den Brief emsig und umständlich -zusammen, jede Falte in ihre gewohnte Lage, und schob -das Schreiben mit ihrer dürren Hand raschelnd in den -seidenen Beutel. Dann wandte sie das Haupt, und ohne -ein weiteres Wort an diese für sie völlig erschöpfte Angelegenheit -zu verschwenden, richtete sie ihre starren, grauen -Augen, die sich plötzlich unnatürlich weit geöffnet hatten, -regungslos und unerbittlich auf das hochgewachsene blonde -Mädchen. Auch Johanna vermochte sich in der abermals -herabsinkenden Stille, die bang und trübselig, beinahe hörbar, -durch das weite Zimmer schlürfte, keiner Bewegung -hinzugeben.</p> - -<p>Ungläubig nahm der Riese von Sorquitten, der auch -jetzt noch mit hörbar tiefen Atemzügen neben seiner jungen -Verwandten weilte, die merkwürdig belebte Blässe des -sonst so resoluten und durch nichts zu erschütternden -Frauenbildes in sich auf.</p> - -<p>»Kriegt endlich doch das Bibbern,« fuhr es ihm durch -den Sinn, und seine kernige Mannhaftigkeit freute sich -darüber, weil das stolze Weib, das ihn stets wie eine -beobachtende Erzieherin behandelte, sich wenigstens vor der -Gefahr genau wie alle anderen Frauenzimmer demütigen -lernte. »Na, da wird sie ja unseren Vorschlag gnädig aufnehmen,« -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -dachte er, »womöglich noch dankbar sein, weil -man sie hübsch fürsorglich aus unserer Pulverecke fortschafft.«</p> - -<p>Und ohne weitere Überlegung reckte er sich, um seine -breite Tatze herablassend, wohlwollend auf die Schulter -der Cousine zu betten. Die in Gedanken Versunkene jedoch -ließ es ruhig geschehen. Es war das erste Mal, daß sich -der Recke ihrer blühenden Körperlichkeit so weit nähern -durfte. Und mitten in dem schweren Druck, den die bängliche -Zeit verbreitete, da empfand der strotzende Gutsherr -in seinem derben, allem Grübeln abgeneigten Sinn etwas -von der verschämten Üppigkeit dieser verhüllten, unberührten -Mädchenglieder. Freilich nur eine vorüberblitzende Sekunde, -denn gleich darauf zuckte das entschwundene Leben -durch die völlig entrückte Frauengestalt. Widerwillig -schnellte ihre Schulter empor, schüttelte die fremde Hand -als etwas Störendes von sich ab, und während sie ihren -Blick mit ihrer kühlen Sicherheit gegen seine trotz aller -Überhebung gutmütigen Knabenaugen richtete, da stieß sie -kurz und geschäftsmäßig hervor, wie jemand, der endlich -auf den Kern der Dinge dringen will:</p> - -<p>»Na also, Fedor, nur um mich auf alles dies vorzubereiten, -deswegen allein hast du doch deine Mutter nicht -zu der Fahrt veranlaßt? Heraus damit, was führst du -noch im Schilde?«</p> - -<p>Verwünscht, da war wieder eine jener niederträchtig -kurzen Fragen, auf die seine schwerfällige Unterhaltungsgabe -nicht sofort eine Antwort zu erteilen wußte. Herrgott -ja, man plante ja allerlei Heimliches, sogar seit Jahren, -man trieb sich viel öfter auf dem Hofe von Maritzken -herum, als es eigentlich durch die Verwandtschaft oder eine -treue Nachbarlichkeit bedingt war, weil man eben dachte – -weil man doch zum Schluß wünschte, daß – daß – – -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -Zum Kuckuck, es wurde eben nichts daraus, weil das -große blonde Weib, das in der Statur so hübsch zu einem -paßte, nichts, aber auch gar nichts Entgegenkommendes -oder Aufmunterndes zeigte, was einem die schwere Sprache -vielleicht gelöst hätte. Und auch in diesem drängenden Moment -hätte der Riese das, was ihn im Grunde bewegte, -und was längst die Billigung der Frau Mama gefunden -hatte, ohne deren Ja und Amen man ja schließlich nichts -unternehmen konnte, ja, er hätte all das Verborgene gerade -jetzt viel sachter und zarter einkleiden können. Aber -nun, als man ihm wieder mit einer solch brüsken Deutlichkeit -auf den Leib rückte, da vermochte sich der Herr von -Sorquitten nur auf den alleräußerlichsten Grund zu besinnen, -den man im letzten Ende doch nur als guten -Vorwand aufgespart hatte.</p> - -<p>»Was es gibt – was ich will –,« murmelte er aufgescheucht, -wobei seine blauen Augen Unterstützung heischend -nach dem regungslosen Antlitz seiner Mutter hinüberirrten. -»Herrgott, Hans, das ist doch klar, das ist -doch furchtbar einfach.«</p> - -<p>»Na, dann sag es doch!«</p> - -<p>»Ja, sieh mal, ich meinte – das heißt, meine alte -Dame ist gleichfalls der Ansicht – wenn es losgehen sollte, -dann könnt ihr Mädels doch unmöglich in der glatten -Feuerzone bleiben. Und da hatten wir so ganz gemütlich -unter uns verabredet, daß es am sichersten wäre, wenn -du deine Schwestern nach Berlin schicktest. Du selbst -aber – –«</p> - -<p>»Nun also?«</p> - -<p>»Herrgott, sieh mal, es wäre doch so einfach –«</p> - -<p>Indessen das Augenpaar der Ältesten von Maritzken -ruhte wieder zu scharf, zu kühl und zu forschend auf dem -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -Männerantlitz, als daß Herr von Stötteritz, der doch die -Charge eines Landwehr-Rittmeisters bei den Göben-Ulanen -bekleidete, die Gewandtheit besitzen konnte, die wohlausgedachte -Attacke zu vollenden. Diese niederträchtigen, komischen -Weibsbilder, was sie einem für Beschwerlichkeiten -bereiteten. Es war ein reines Glück, daß sich jetzt aus -dem Seidenfauteuil das bekannte scharfe Räuspern vernehmen -ließ.</p> - -<p>»Liebe Johanna,« sagte die Frau Mama in ihrer unveränderlich -starren Haltung, »mein Junge stottert ja -leider. Wahrhaftig, er benimmt sich, als ob man vor -jemandem, dem man zu nützen wünscht, noch einen Fußfall -machen müßte. Kurz und gut, liebes Kind, so schwer -es mir fällt, ich habe mich entschlossen, Sorquitten zu verlassen, -um während der nächsten Zeit in die geschützte -Provinzialhauptstadt überzusiedeln. Wir besitzen ja dort -sowieso ein bescheidenes Absteigequartier. Und da wollte -ich dir vorschlagen –«</p> - -<p>»Jawohl, wir wollten dich bitten,« fiel hier der Sohn, -dem alles viel zu lange währte, ohne besondere Umstände -ein, »wir wollten dich bitten, ob du nicht meine Mutter -begleiten möchtest.«</p> - -<p>»Um Gottes willen, ich?«</p> - -<p>»Jawohl, was ist da groß zu überlegen und um Gottes -willen,« beharrte nun der Gutsbesitzer bereits etwas erhitzt, -weil die Cousine nicht sofort mit beiden Händen zugriff. -»Du bleibst dann für alle Fälle hier in der Nähe. -Und du könntest dich ja vielleicht auch, um dich zu beschäftigen, -ein wenig um die Pflege meiner Mutter kümmern.«</p> - -<p>So, damit war so ziemlich für die Zukunft vorgesorgt. -Und während sich Tante Adelheid dem Fenster zuwandte, -um eine blaue Taube zu beobachten, die auf dem Blech -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -herumstolzierte, da zog sich ihr Sohn gleichfalls den nächsten -gelbseidenen Fauteuil heran und ließ sich krachend in -das Polster fallen, als ob nun das schwierige Geschäft in -schönster Ordnung und beendigt wäre. Gemütlich pfiff er -halblaut durch die Zähne, streckte die gewaltigen Beine von -sich und faltete die Hände kreuzweise über der Brust. -Jedenfalls hatte man nun seine verfluchte Pflicht und -Schuldigkeit gegen das störrische, unliebenswürdige Mädel -erfüllt. Jetzt konnte sie tun, was sie Lust hatte.</p> - -<p>Eine lange Zeit erhob sich kein Laut in dem weiten -Zimmer, nur ab und zu vernahmen die drei Menschen, die -sich gegenseitig beobachteten, einen eigentümlichen metallischen -Ton. Der rührte von der Taube her, die draußen -auf dem Fensterblech herumpickte. Endlich jedoch wandte -sich Frau von Stötteritz dem schweigenden Mädchen zu, -denn sie fand, daß man der Hausherrin nun genug Zeit zur -Überlegung gegönnt hätte. Und ihre Stimme klang sehr -bestimmt und deutlich, als sie sich nun erkundigte, ob ihre -Nichte innerhalb von zwei Tagen die angekündigte Reise -antreten würde. Aber wie erstaunten die beiden Adligen, -ja Fedors Mutter entsetzte sich geradezu, als statt einer Antwort -von dem Tisch her ganz plötzlich und gegen jede Erwartung -ein helles Lachen auftönte, das sich in der scharf -dagegen absetzenden Stille immer mehr verstärkte, als ob -eine innerliche Befreiung damit verbunden wäre.</p> - -<p>»Aber liebe Johanna, das finde ich doch in hohem -Maße eigenartig,« suchte sich endlich die alte Dame gegen -diese absonderliche Weise zur Wehr zu setzen. »Was meinst -du, Fedor?«</p> - -<p>Jedoch auch der Riese vermochte sich die verletzende -Heiterkeit auf einen so ernsthaften und gut gemeinten Vorschlag -natürlich noch viel weniger zu erklären. Stumm -und ungläubig streckte er noch immer die Beine weit von -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -sich, und nur die gefalteten Hände reckten sich aus, so -daß die gespreizten Finger ein kurzes Knacken vernehmen -ließen.</p> - -<p>»Ja, Johanna, Menschenskind, was soll denn das -heißen?« vermochte er nur undeutlich über die Lippen zu -bringen.</p> - -<p>Aber jetzt hatte sich endlich die Älteste von Maritzken auf -sich selbst besonnen. Rasch entschlossen schritt sie auf die -alte Dame am Fenster zu, und ehe es die Leidende noch -hindern konnte, wurde ihr von dem Landfräulein kräftig -die Rechte gedrückt. Auch eine Art der Verständigung, die -die Edelfrau nicht schätzte.</p> - -<p>»Liebe Tante,« hörte sie dicht vor sich das dunkle Organ -ihrer Nichte anschwellen, das jede Dämpfung der Unruhe -verloren zu haben schien, »wirklich, ich merke sehr -genau, wieviel Wohlwollen sich hinter deiner gütigen Aufforderung -verbirgt. Und auch du, bester Vetter,« wandte -sie sich ein wenig zurück, »bist im Grunde ein guter Kerl. -Aber ihr dürft es mir nicht übel deuten, daß ich mir die -ganze Situation, die so plötzlich über mich hereinbricht, -nach meiner Gewohnheit im stillen und ungestört überlegen -möchte. Nicht wahr, ihr seid nicht böse,« fügte sie -freundlich an, »wenn ich zu diesem Zweck ein paar Schritte -auf meinem Hof herumlaufe, um mir den Wind ein wenig -um den Kopf streichen zu lassen. Dort unten befindet sich -ja seit alters her meine große Ratsstube. Und ich muß erst -mehrfach an die Stalltüren geklopft haben, um ganz mit -mir einig zu sein. Inzwischen schicke ich euch natürlich -Marianne oder Isa herein, die ihr ja ohnehin noch nicht -begrüßt habt. Du erlaubst, liebe Tante.«</p> - -<p>Und ohne eine Bestätigung abzuwarten, nickte die bereits -Aufbrechende ihren beiden betroffenen Verwandten zu und -verließ mit ihrem festen, majestätischen Gang das große -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -Gemach. Zwischen den Zurückbleibenden jedoch entspann -sich eine kurze, inhaltsschwere Unterhaltung.</p> - -<p>»Siehst du,« bedeutete die Mutter ihrem Sohn, der -seinen Blick noch nicht von der hohen weißen Tür fortzulenken -vermochte, hinter der Johanna eben verschwunden -war, »wie wenig Anhänglichkeit das Mädchen besitzt? Ich -glaube, du täuschst dich in ihr. Ihr seid zwar beide im -Alter nicht viel voneinander geschieden, aber bei ihr -erzeugten die Jahre oder auch die Gewohnheit des Befehlens -eine nicht zu brechende Selbstsicherheit, die nicht -immer angenehm anmutet. Manchmal kommt sie mir wie -ein Stachelzaun vor, der jedem Fremden den Weg sperrt.«</p> - -<p>»Liebe Mutter, sie ist ein braves, wahres und aufrechtes -Geschöpf,« verteidigte der Sohn, indem er eine -ihm plötzlich über die Stirn huschende Röte mit der flachen -Hand fortzuwischen strebte, »gerade weil sie alle die Firlefanzereien -und Maskeraden verachtet, die andere Frauenzimmer -doch nur anwenden, um anständig unter die Haube -zu gelangen, deswegen hege ich eine entschiedene Achtung -vor ihr.«</p> - -<p>»Dagegen habe ich ja auch gar nichts einzuwenden, mein -guter Junge, ich fürchte nur, es wird bei der gegenseitigen -Achtung bleiben. Wie?« richtete sich die alte Dame unvermutet -auf und schlug unwillig auf ihre seidene Tasche, -»ein Mann wie du, der Rittmeister von Stötteritz, mein -Sohn, kann es nicht fertig bringen, daß solch eine dumme -Pute ihren Willen dem seinigen unterordnet?«</p> - -<p>Jetzt sprang der Rittmeister plötzlich auf die Füße, daß -das ganze Zimmer zitterte.</p> - -<p>»Herrgott, wieder solch ein Lärm!« klagte die Kranke.</p> - -<p>»Du sollst Johanna nicht immer beschimpfen,« rief der -Riese ohne Übergang laut und völlig unbekümmert darum, -ob er nicht durch drei Zimmer hindurch verstanden werden -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -könnte. »Ich mag das nicht. Und ob Johanna sich dir anschließen -wird oder nicht, das werde ich gleich erfahren. -Und vielleicht noch Verschiedenes mehr.«</p> - -<p>»Gut,« schloß die alte Dame, schlug abermals böse auf -ihre Tasche und nickte hinter dem schallend Davonstürmenden -mit einem Zug des Besserwissens in den kalten grauen -Augen her, »dann wird ja dieses Hin- und Herzerren endlich -aufhören. Solche romantischen Unklarheiten hasse ich -auch bis in den Tod. Sie machen mich direkt krank. Überhaupt -– du bist an meinem ganzen Leiden schuld. Lauf -du nur, mein Jungchen, lauf nur hinter der Marielle -drein.«</p> - -<hr /> - -<p>Johanna stand vor dem geschlossenen Tor des Kuhstalles -und klopfte wirklich, wie sie es vorher angekündigt, bald -leise, bald etwas lauter an das altersgeschwärzte Holz. -So war sie es immer gewohnt, ihre Gedanken, wenn es -etwas Wichtiges galt, zu sammeln. Und ihre Leute sowohl -als ihre Schwestern wichen scheu aus der Nähe des Gutsfräuleins, -sobald das vielbedeutende Pochen auf dem Anwesen -hörbar wurde.</p> - -<p>»Jetzt denkt sie sich etwas aus,« hieß es dann.</p> - -<p>Allein heute gelangte sie nicht zu der doch so nötigen -Sichtung der Wirrnis, die draußen im Lande und auch hier -in ihrem friedvollen Gehöft dicht vor ihren Füßen aufgeschossen -war. Gerade die Unruhe, die sie zu bezwingen -strebte, sie schien bereits auf allen Straßen zu jagen und -sprengte auch bis zu ihr durch das gewölbte Hoftor herein. -Noch ehe sie sich über die neue Störung ganz klar werden -konnte, fing sie ein ungewohntes kurzes Trappeln auf, -Hufschläge wurden laut und zu ihrem äußersten Befremden -sah die Aufgeschreckte, wie ein Offizier in seiner Paradeuniform, -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -mit blitzendem Helm und gefolgt von einem -ebenfalls berittenen Burschen, seinen Braunen dicht vor -ihr parierte. Eine schlanke Gestalt beugte sich zur Seite und -führte grüßend die Rechte an den Helm. Gleich darauf -sprang der Reiter zur Erde, um sich noch einmal respektvoll -vor der blonden Gutsbesitzerin zu verneigen. Die -Sporen klirrten dabei leise zusammen, und in den dunklen -Augen des jungen Offiziers wohnte ein so deutlich lesbarer -Wunsch, ein so unverhülltes, ehrliches Anliegen, wie es -nur Menschen eigen ist, die durch ein paar kurze Worte über -ihr ganzes Schicksal die Entscheidung gefällt zu sehen -wünschen.</p> - -<p>Seltsam, auch dem trotzigen, selbstbewußten Landmädchen -schlug einen Moment das Herz höher und voller. Aber -es war ein erlösendes Gefühl der Befriedigung, das sie -durchdrang, denn in ihrer Seele blitzte es auf, wie mit -diesem jungen Reitersmanne die Ehre und die Redlichkeit -wieder in ihrem Hause Einzug hielten, die sie in trüben -Stunden bereits entwichen wähnte. Gottlob, ihr war es -sofort klar, hier hatte Konsul Bark, der zuverlässige Freund, -sein Versprechen eingelöst, und zum erstenmal seit langer -Zeit würden in dem weißen Gutshofe, der sich im Grunde -doch nur so schwer verwalten und regieren ließ, Glückseligkeit -und Jugendwonne aufblühen. Zuversichtlich, das -mußte geschehen. Das verlangte das große kräftige Geschöpf, -das selbst keine Wünsche mehr hegte, als unbedingtes -Entgelt seiner Mühen. Allein, als sie jetzt, ihrer glücklichen -Regung folgend, dem jungen Offizier, der ihr so -ernst und erwartungsvoll gegenüberstand, mit einer herzlichen -Bewegung die Rechte darbot, da – welch merkwürdige -Verkettung – da verfing sich ihr Blick an dem Goldgefunkel -des Adlers vor seinem Helm. Und ohne jede -weitere Überlegung stürzten all die ängstlichen Sorgen, alle -<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -unmöglichen, nie gekannten Befürchtungen, vor denen -ihre klare Vernunft noch eben ins Knie gebrochen, in die -eine fast willenlos hervorgestoßene Frage zusammen:</p> - -<p>»Herr Leutnant, ist es wahr? Gibt es Krieg?«</p> - -<p>Auf diese ganz unerwartete Anrede straffte sich die -schlanke Gestalt des Militärs zusammen, und über sein -dunkles, immer von den Schatten des Nachdenkens umsponnenes -Antlitz fuhr ein heller Schein. Nein, das war -nicht die wilde Freude des Kriegsmannes, der sein größtes -Glück, ja Macht, Ehre und eine gesicherte Existenz aus -brodelnden Blutdämpfen hervorkochen sieht. In seinen -reinen und für einen jungen Mann dieser Zeit so merkwürdig -unberührten Zügen malte sich vielmehr die helle, -felsenfeste Zuversicht auf das ungetrübte Glück der Menschheit, -das sicherlich durch keinen noch so unbeschränkten -Machtwillen in die Glut und die Greuel eines vernunftwidrigen -Mordens hinabgestoßen werden konnte. Wahrlich, -eine innerste Überzeugung strahlte aus seiner warmen, -wohltuenden Stimme, als er trotz seiner so leicht erklärlichen -Befangenheit voller Zuversicht ausrief:</p> - -<p>»Ganz unmöglich, gnädiges Fräulein! Sie brauchen sich -nicht im geringsten zu beunruhigen. Meine Kameraden und -ich verfolgen natürlich gleichfalls die Zeitungsgerüchte, die -wieder einmal allerlei Bedrohliches melden, mit größter -Spannung, aber wir sind sämtlich felsenfest davon überzeugt, -daß es sich wie gewöhnlich nur um einen papiernen -Feldzug handelt. Ganz bestimmt, wer den Krieg – wenigstens -durch Studium – kennt, so wie wir, der weiß, welche -Ungeheuerlichkeit derjenige begehen würde, der ihn um -ganz fernliegender Dinge willen entfesselt.«</p> - -<p>Da war es Johanna, als wenn ein leichter, erfrischender -Wind in eine Wand von Staub und Dampf führe, die ihr -bis dahin die Aussicht gesperrt. Plötzlich tauchte wieder -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -die sonnenbeschienene Gegend vor ihr auf, der von weißen -Scheunen eingefriedete Hof, herübernickend die dunkelgrünen -Kastanien des Parks, und zwischen dem gewölbten -Eingangstor hindurchleuchtend die schmale weiße Landstraße. -Selbst das Reitpferd, das der Bursche des Offiziers -in respektvoller Entfernung an den Hofmauern herumführte, -erschien der Aufatmenden wie eine Bürgschaft dafür, -daß das gewohnte Dasein unverändert und ungetrübt -an ihr vorüberfließen müsse. Und in lebhaft aufwallender -Dankbarkeit streckte sie dem Boten des Heils noch einmal -ihre Rechte entgegen. Der verbeugte sich stumm über den -dargereichten Fingern. Und da – welch ein Glück – das -derbe Landmädchen griff mitten in die so schwer darzustellenden -Pläne hinein, die ihn herleiteten.</p> - -<p>»Lieber Herr Leutnant Harder,« brachte sie rasch und -überstürzt mit einem an ihr seltenen Lächeln hervor, »ich -weiß, was Sie von mir begehren. Wir wollen nicht viel -Worte machen. Ich selbst habe Ihren Besuch, ja sogar Ihr -Anliegen gewünscht, und ich nehme an, daß Ihnen unser -gemeinschaftlicher Freund, Herr Konsul Bark, von den -Erwartungen, die ich an Sie stellen zu dürfen glaubte, Mitteilung -machte. Verhält sich das nicht so, Herr Leutnant?« -setzte sie leiser, aber nicht weniger vertraulich hinzu.</p> - -<p>Fritz Harder war von dem warmen Ton und der aus -einem ehrlichen Gemüt hervorquillenden Offenheit völlig -hingenommen. So, gerade so stellte er sich ja ein aufrechtes, -unerschrockenes Mädchen vor, das einen glättenden -und aufrichtenden Einfluß auf ein Männerdasein gewinnen -müßte. Und zum erstenmal, da er jetzt das Bild -dieser Schwester in sich aufnahm, gewahrte sein suchender, -einfühlender Blick, wie diese hellen blauen Augen auch -wärmer, inniger und treuer strahlen konnten, als er es -von jener gefürchteten und immer mit einiger Scheu betrachteten -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -Wächterin erwartet hatte. Mein Gott, das -war ja eigentlich keineswegs die strenge mütterliche Beraterin, -so wie sie ihm immer vorgeschwebt. Hier stand -ja in Wahrheit ein hohes, blühendes Weib, das nur zu -unnahbar, zu abgeschlossen lebte, als daß sich ein zerstörendes -Verlangen bis zu ihr erheben konnte. Und jetzt, -gerade jetzt sprach jene edel gemeißelte, wunschlose Statue -zu ihm so redlich, so erkennend, daß ihm das Herz überfloß. -Welch ein Glück, welch ein teures Pfand für die -Zukunft, daß Marianne, diese heiße zuckende Flamme, die -an seinem Leben fraß, eine solche Schwester, eine derartige -Hüterin ihr eigen nannte. Und jäh errötend begann er sein -Anliegen vorzutragen. Um was er eigentlich geworben, in -unzusammenhängenden Worten, die sich nur schwer zu -zerhackten Sätzen fügen wollten, das wußten die beiden, -die einen so ehrlichen Handel miteinander zu schließen gedachten, -später kaum mehr anzugeben. Jedem von ihnen -blieb nur das erlösende Bewußtsein, daß endlich etwas -Irrlichterlierendes, das sich gegen alle Ordnung sträubte, -eine feste und redliche Form gewinnen sollte. Plötzlich -reichten sich beide noch einmal stumm die Hände. In -diesem Augenblick wurde die Gutsherrin von Maritzken -völlig von der Vorstellung beherrscht, daß sie einem großen -treuherzigen Jungen das begehrte Geschenk mit mütterlicher -Sorgsamkeit überreiche.</p> - -<p>»Wir sind einig, mein lieber Herr Leutnant,« schloß sie -einfach, indem noch immer das gute Lächeln um ihre -Lippen schwebte. »Und nun eilen Sie nur, damit Sie -auch derjenigen Ihre Wünsche auseinandersetzen können, -mit der Ihnen eine Unterhaltung gewiß viel erfreulicher -und amüsanter sein wird, als mit mir. Nein, nein, lieber -Fritz Harder,« sträubte sie sich beinahe schelmisch, als der -junge Offizier ein paar verlegene Komplimente zu stammeln -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -gedachte, »das ist ja alles so natürlich. Ich weiß -auch, daß Sie mit meiner Schwester Marianne nicht die -erste derartige Besprechung pflegen. Nicht wahr? Aber -darüber wollen wir heute nicht mehr rechten. Um es Ihnen -zu erleichtern, werde ich Marianne gleich herunterbitten -lassen.«</p> - -<p>Allein nach einiger Zeit kehrte das zu diesem Zweck ausgesandte -Mädchen zurück und berichtete, daß die Gesuchte -weder in ihrem Zimmer noch bei den Gästen aus Sorquitten -zu finden wäre.</p> - -<p>»Das ist merkwürdig,« meinte Johanna sich besinnend, -»mir war es doch so, als wenn ich noch eben hinter den -Fenstern des ersten Stockwerks die dunklen Haare meiner -Schwester erkannt hätte.«</p> - -<p>Und als der Offizier, der sich in seiner Hast vergaß, dieselbe -Wahrnehmung bestätigte, da hob das Gutsfräulein -ein wenig überlegen die Achsel, um ihrem neuen Schützling, -immer mit derselben Gutmütigkeit, zu raten:</p> - -<p>»Also, lieber Herr Leutnant, dann schlage ich Ihnen -vor, sich selbst auf die Suche zu begeben. Ich darf ja annehmen, -daß Sie über die geeigneten Schlupfwinkel, -Waldhänge und Haselnußhaine auf meinem Gute ausreichend -orientiert sind. Nicht wahr?« lachte sie plötzlich -ganz offen, wobei sie sich an der Betroffenheit des Überraschten -wie an einem äußerst gelungenen Scherz zu weiden -begann. »Gehen Sie nur, Fritz Harder, ich bin überzeugt, -Sie werden das, was Sie suchen, mit militärischer Sicherheit -finden.«</p> - -<hr /> - -<p>Fritz Harder folgte einem grünen Schatten. Er sah ihn -bald durch die braunscholligen Einschnitte hochstehender -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -Weizenfelder dahinhuschen, bald glaubte er den flüchtigen -Schein wieder rastend an den dunklen Einbuchtungen eines -träumenden Gehölzes hängen zu sehen. Er suchte ihn zu -haschen, ja er rief manchmal leise einen Namen, der sein -ganzes Gemüt ausfüllte, allein immer, sobald er die Stelle -erreichte, wo eben die Ähren wie nach einer entschwundenen -Berührung schwankten, dann fand er, daß er von dem -trügerischen grünen Schimmer abermals getäuscht sei. Allmählich -hatte der einsam Wandelnde jene Wiesengrenze erreicht, -an der sich der schmale Haselnußgang dahinschlängelte. -Hier an einer halb verfallenen Moosbank, die so oft -Zeugin eines heimlichen kosenden Geflüsters gewesen, ließ -sich der junge Offizier nieder und schickte seine Blicke noch -spähender als bisher durch das dunkle, wild verschlungene -Gestrüpp.</p> - -<p>Nichts.</p> - -<p>Es war wohl nur eine Vorspiegelung seiner nicht mehr -nüchternen Sinne, daß es ihm wieder vorkam, als ob der -grüne Schatten, dem er nachjagte, noch eben geschmeidig -durch ein Ästegerank hindurchgeschlüpft sei.</p> - -<p>Nein, nein, hier gab er sicherlich einem völlig unhaltbaren -Verdacht nach, der ihm eigentlich nie und nimmer -aufsteigen durfte. Lächerlich, wie konnte er nur wähnen, -daß das Geschöpf, das er für immer an sich zu ketten -trachtete, gerade in dem entscheidenden Augenblick ihres -beiderseitigen Daseins ihm in einer unbegreiflichen Laune -zu entweichen suchte. Ganz sicher, diese ewigen häßlichen -Befürchtungen hatten sein harmloses Gemüt bereits aus -der Bahn gerissen. Zu viel und zu eindringlich war von -ihm über seine Zeit nachgegrübelt worden, von der er -zweifellos mit Unrecht argwöhnte, daß sie den oberflächlichen -und spielerischen Bedürfnissen ihrer Kinder zu gefällig -entgegenkäme. Fort, fort damit, das wäre ja keine -<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -deutsche Frau, der man im Ernst etwas Derartiges zutrauen -durfte.</p> - -<p>Entschlossen, befreit erhob er sich und verlor sich erhitzt -in das tiefe Gehölz, durch dessen niedriges, eng verschlungenes -Dach die Sonnenstrahlen nur wie winzige -goldene Käfer hindurchkrochen.</p> - -<hr /> - -<p>An der rissigen Tür des Kuhstalles lehnte die Hofbesitzerin, -und während über ihr blasses Antlitz noch immer -jener still zufriedene Schein glänzte, da pochte sie von -neuem selbstvergessen gegen das trockene Holz. Diesmal -aber klang es munter und beschwingt, und der kecke Trommelschlag -ging allmählich in ein Marschtempo über, so -daß jeder erkennen konnte, wie zuversichtlich und bestimmt -die Gedanken der Gutsherrin über Vergangenes und Zukünftiges -schweiften.</p> - -<p>»So, nu laß aber mal das Trommeln,« forderte plötzlich -eine energische Stimme neben ihr, und als sie, aus -ihren Träumen gerissen, das blonde Haupt ein wenig -wandte, da mußte sie zu ihrer eigenen Erheiterung wahrnehmen, -wie der Riese von Sorquitten in seinem gelben -Sportanzug ebenfalls den mächtigen Rücken gegen die -Stalltür drängte; und nun stand er mit leicht überschlagenen -Beinen da, ohne es jedoch natürlich für nötig zu -halten, die gewaltigen Fäuste aus den Taschen zu ziehen. -»Du stellst dir wohl vor,« fragte er ruhig weiter, »wie -das hier sein wird, wenn das Gesindel von dort drüben -auf seinen Kalbsfellen Generalmarsch schlägt? Die verfluchten -Hunde!« Und während er angelegentlich auf seine -gelben Schnürstiefel herunterstarrte, murmelte er in angenommener -Gleichgültigkeit: »Sag mal, Johanna, jetzt -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -könntest du doch endlich deine weisen Pläne gefaßt haben. -Willst du nun meine alte Dame begleiten?«</p> - -<p>Es klang durchaus nicht so, als ob der große Mensch -in Herzensangst um ihr Schicksal bebte. Darin bestand ja -ohnehin nicht seine Art, sobald es sich um andere handelte. -Aber die große Blonde wurde doch von einer vorüberhuschenden -Rührung erfaßt, als sie sich vorstellte, daß sich -überhaupt ein Mensch um ihr Wohlergehen bekümmere.</p> - -<p>»Fedor,« begann sie deshalb zutraulich, »entdecke mir -mal ganz offen, lieber Junge, weshalb du dich so bemühst, -mich von hier fortzulocken? Liegt dir wirklich bloß daran, -eine passende Gesellschaft für deine Mutter zu finden? -Oder wäre es dir im Ernst peinlich, wenn ich durch eine -fremde Einquartierung Unannehmlichkeiten erführe?«</p> - -<p>»Na, natürlich wäre es mir peinlich,« brummte Herr -von Stötteritz, zog den einen Schuh noch etwas weiter in -die Höhe und klopfte sich angelegentlich den Staub ab. -Und indem er etwas möglichst Gleichgültiges zu erfassen -strebte, stieß er noch hervor: »Vor allen Dingen möchte -ich selbstverständlich den Lumpen den Spaß versalzen, -einer mir nahestehenden Dame hier irgend etwas vorschreiben -oder gar befehlen zu wollen.«</p> - -<p>»So so, daran denkst du,« meinte Johanna schon um -vieles mehr ernüchtert. »Wenn ich dir nun aber anvertraue, -daß ich an dieses ganze Kriegsmärchen keineswegs -glaube, was dann?«</p> - -<p>Der Riese ließ sich gegen die Stalltür fallen, daß sich -ein dumpfes Dröhnen erhob.</p> - -<p>»Dann erkläre ich dir,« sprudelte er ihr ungehalten -entgegen, »daß du eine halsstarrige Person bist, die für -derartige Dinge nicht das richtige Verständnis besitzt.«</p> - -<p>»Ach, sieh einmal, was du liebenswürdig sein kannst!«</p> - -<p>»Aber ich will ja gar nicht liebenswürdig sein,« schrie -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -jetzt der Riese außer sich, der völlig vergaß, daß ihn ursprünglich -eine viel zartere Absicht hierher geleitet, »ich -will ja bloß, daß hier alles nach Ordnung und Recht zugeht, -damit du keinen Schaden leidest.«</p> - -<p>»Dafür danke ich dir,« versetzte Johanna, indem sie -wieder in ihre kühle und unnahbare Haltung zurückfiel, -denn die derbe Weise des Rittmeisters empörte sie innerlich. -»Aber da ich mir einmal angemaßt habe, meine -Wirtschaft nach eigenem Gutdünken zu leiten, so mußt du -es mir auch anheimstellen, ob ich es für richtig halte, mein -Anwesen ohne Aufsicht zu lassen.«</p> - -<p>»Donnerwetter ja,« fuhr jetzt der Riese auf und schlug -mit geballter Faust gegen das Holztor, »mein Inspektor -und ich können das doch auch besorgen?«</p> - -<p>»Ja gewiß,« wollte die Angegriffene hier abermals -einlenken, jedoch der völlige Mangel an Selbstbeherrschung, -den der Gutsbesitzer so polternd bewies, er löschte ihr das -Verständnis für die verborgene Gutmütigkeit, die seinen -Absichten zugrunde lag, von neuem aus. »Ja gewiß, -Fedor,« gab sie zu, »ich empfinde dein Anerbieten als -sehr uneigennützig, aber meine Leute sind zu sehr an meine -eigene Behandlung gewöhnt, als daß ich sie gerade in den -Zeiten der Not einer schärferen Methode aussetzen möchte.«</p> - -<p>»Aha!« Herr von Stötteritz stieß einen gellenden -Pfiff aus. »Daher geht der Wind,« lachte er ingrimmig, -»du hast unausgesetzt an mir etwas herumzutadeln. Die -ganze Richtung paßt dir nicht, wie, Cousinchen? Das -Junkertum, wie du es nennst, das Echt-Preußische? So -sage es doch, nicht wahr, das kannst du nicht leiden?«</p> - -<p>Über der Stirn des Mädchens zogen ein paar Falten -auf. Sie sah wieder sehr herb und ablehnend aus, als -sie jetzt kurz hervorbrachte:</p> - -<p>»Ich weiß zwar nicht, was dir an meiner Ansicht liegt, -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -aber wenn du darauf bestehst – nun ja, ich kann mir -manches anziehender vorstellen, als die von dir bezeichnete -Art.«</p> - -<p>»So, das wollte ich nur wissen,« knurrte der Herr -von Sorquitten, dem es trotz der aufsteigenden Enttäuschung -so vorkam, als ob er eine widerwärtige Schulaufgabe -endlich erledigt hätte. »Dann brauchen wir ja nicht -mehr länger das abgeleierte Thema abzuhaspeln. Du -glaubst uns nicht und hast wahrscheinlich Ratgeber, die -die Lage viel gründlicher zu beurteilen vermögen, als solch -beschränkte Stoppelhopser. Schön, Mariellchen, ich wünsche -natürlich in unser aller Interesse, daß diese superklugen -Leute recht behalten. Inzwischen wirst du mir wohl beistimmen, -wenn ich für meine alte Dame anspannen lasse. -Ich habe vor Tisch nämlich dort drüben in Sorquitten -noch Verschiedenes anzuordnen. In meiner wenig anziehenden -Art, natürlich. Na, mir bleibt wenigstens der -Trost, Cousinchen, daß dir über den schnellen Abschied -nicht das Herz brechen wird, was?« Damit richtete sich -Herr von Stötteritz auf, schüttelte sich, als wenn er in -der trockenen Luft von einem Platzregen durchnäßt wäre, -und rief schallend über den Hof nach seinem Kutscher.</p> - -<p>Mächtig ausholenden Schrittes suchte er den Hauseingang -zu erreichen, um seine Mutter von der bevorstehenden -Abfahrt zu unterrichten, jedoch mitten zwischen den -Pfosten sah er sich noch einmal zurückgehalten. Dicht neben -ihm stand Johanna, und sie griff jetzt rasch nach dem -Arm des sie Überragenden, um ihn ein wenig hin und her -zu zausen, als ob sie den Unwirschen zur Besinnung zu -bringen wünsche.</p> - -<p>»Fedor, du wirst doch wegen einer solch kleinen Meinungsverschiedenheit -nicht böse sein?« mahnte sie eindringlich.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -Der Riese sah sie ungewiß von der Seite an, knurrte -etwas Unverständliches, aber ihr herzlicher Ton verfehlte -nicht den beabsichtigten Eindruck.</p> - -<p>»Fällt mir ja gar nicht ein,« rang er sich noch immer -etwas unwillig ab, obwohl ihm dieses verdammte Schuljungengefühl -unter ihren Augen nicht recht weichen wollte. -»Wieso böse? Habe für solche Geschichten wie Familienfehde -oder dergleichen absolut kein Verständnis. Im -übrigen bist du ja auch eine ausgewachsene Person, und -meine Mutter sagt immer ›aufgenötigte Suppe schmeckt -schlecht‹. Also lassen wir's! – He,« rief er laut aus der -Tür heraus, »Friedrich, fahr' mal hier vor, ganz dicht ran. -Und du, Hans,« wandte er sich in seinem gewöhnlichen -Befehlshaberton zu seiner Begleiterin, »laß mal auf der -Stelle den Tritt hinsetzen. Meine alte Dame behauptet -sonst wieder, sie wäre keine Seiltänzerin. Also allons, -Kinder, ein bißchen Musik in die Knochen, und dalli, -dalli.«</p> - - - - -<h3>IV.</h3> - - -<p>Dicht an der Chaussee, die sich an Maritzken vorüberschlängelte, -hart an der Grenze eines hochwogenden, schwer -nickenden Weizenfeldes, da gab es einen lauschigen, einen -heimlichen Platz. Ein alter, verkrüppelter Kirschbaum -senkte hier sein Geäst so niedrig und struppig herab, daß -unter seinem Dach kühler, wohltuender Schatten wohnte, -selbst wenn um ihn herum das heiße Sonnenlicht in -Wogen über die Landstraße fortspülte. Die astumzäunte -Rundung war so recht ein Schlupfwinkel, um sich dort verkriechen -und zwischen den herniederhängenden Zweigen hindurchblinzeln -zu können, auf alles, was sich auf der Landstraße -begab. Hier hatte der Rotkopf der Grothe-Marjellen, -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -die kleine Isa, als sie noch kurze Kleider trug, oft -wie ein Hund zusammengekauert gelegen, und es war ein -herrliches Vergnügen gewesen, wenn sie den vorüberlaufenden -Dorfjungen aus ihrem sicheren Versteck heraus kleine -Kieselsteinchen gegen die Mützen werfen durfte. Hei, und -wie gut sie treffen konnte! Ja, das verstand sie wundervoll. -Und so oft eine der plumpen Kopfbedeckungen in den -weißen Sand rollte und vom Wind noch überdies wie -ein kurbelndes Rad hinweggefegt wurde, dann war unter -den Kirschbaumzweigen in früheren Zeiten häufig ein -verdecktes Lachen aufgequollen, ein unbestimmbares, schadenfrohes, -kaum vernehmliches Jauchzen, das auf Mitleidsempfindungen -der versteckten Übeltäterin keine allzu -bestimmten Rückschlüsse freigab. Inzwischen war Fräulein -Isa jedoch eine junge Dame geworden. Und wenn auch ihre -Gewänder noch manchmal wild und zerknittert an der geschmeidigen, -gertenhaften Gestalt herabflatterten, und obwohl -es dem Rotkopf noch immer keine Sorgen bereitete, -sich gelegentlich unter den alten Kirschbaum mit aufgestützten -Ellenbogen auf das grüne Wiesengras zu betten, -bis die Feuchtigkeit kalt an ihrer Brust zitterte, – seit ein -paar Wochen war ihr leider selbst diese harmlose Erfrischung -von der ältesten Schwester, die so gar kein Verständnis für -derartige Freuden besaß, verkümmert worden. Eines Morgens -lehnte nämlich eine grün angestrichene Bretterbank -an dem alten Kirschenstamm, und seit dieser unwillkommenen -Entdeckung saß Isa Grothe zur heißen Mittagszeit -lässig vornübergebeugt auf dem neuen Sitz und ließ ihre -braunen Goldaugen gierig auf einem gelben Büchlein in -ihrem Schoße ruhen, das sie ihrer sorglosen Schwester Marianne -heimlich entwendet. Himmel, da standen ganz -absonderlich verirrte Dinge drin, die Fräulein Isa selbstverständlich -längst ahnte und billigte, von denen sie -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -jedoch nie geglaubt hätte, daß sie das Blut so angenehm -aufpeitschen könnten. Selbst hier draußen auf dem langweiligen -Lande.</p> - -<p>Langsam röteten sich die Wangen in dem feinen Gesichtchen, -und ab und zu riß das junge Geschöpf halb unbewußt -heftig an den herniederhängenden Zweigen herum, als ob -sie unwillig sei oder irgend etwas nicht mehr länger erwarten -könne. Der Kirschbaum rauschte dann über ihr, und -hereinfallende Sonnenstrahlen schossen wie weißglühende -Pfeile über das gelbe Buch fort, bis Fräulein Isa gestört -mit der Hand nach ihnen schlug.</p> - -<p>Eben zupfte die wohlgepflegte weiße Hand in den Blättern -herum, denn die Leserin konnte vor fieberhafter Neugier -nicht erwarten, die nächsten Seiten umzuwenden, da -knisterte etwas in den Zweigen, ein Schatten fiel dunkel -und verdeckend auf das Buch, und die Emporzuckende erkannte -mit einem leisen Ruf der Überraschung, wie eine -Frauengestalt sich eilfertig von der Seite durch die herabhängenden -Äste hindurchdrängte.</p> - -<p>Im nächsten Moment hatte die Kleine zuvörderst das -geraubte Buch unter die Bank geworfen.</p> - -<p>»Marianne!«</p> - -<p>»Jawohl, guten Tag, Isa.«</p> - -<p>»Guten Tag. Wie kommst du hierher?«</p> - -<p>»Ich?«</p> - -<p>Die Brust der sonst so unempfindlichen Marianne atmete -stark, es schien, als hätte sie einen heftigen Lauf hinter -sich. Ja sogar der keck geschnittene enge Lodenrock zeigte -Spuren von Gräsern und Kletten, die an ihm hängen -geblieben waren. Dazu blitzten die schwarzen Augen, und -aus den dunklen Haaren hingen ein paar Löckchen regellos -in den Nacken hinab. Hastig stützte sich das schöne Mädchen -mit der Rechten auf die Banklehne und beugte sich spähend -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -vor, so daß ihre weiße Leinenbluse beinahe die Wange der -Schwester streifte.</p> - -<p>»Isa,« flüsterte sie hastig, »dort hinten kommt jemand, -der mich sucht.«</p> - -<p>Jetzt warf auch die Jüngere einen schnellen Blick auf -den Feldweg, der hinter dem Kirschbaum quer auf die -Landstraße zustrebte, und ganz fern, schon in den tanzenden -Sonnennebeln, erkannte sie das gleißende Funkeln einer -Uniform.</p> - -<p>»Ich weiß, wer dich sucht,« sagte sie sehr bestimmt, -und in den großen Goldaugen schwamm ein Ausdruck, als -ob das junge Ding die sonderbare Lage durchaus begriffe.</p> - -<p>»Jawohl, Fritz Harder,« fiel hier Marianne ungeduldig -ein, »wenn er dich etwa anreden sollte, dann bitte erzähle -nicht, daß du mich gesehen hättest. Kann ich mich darauf -verlassen?«</p> - -<p>Auf diese dringende Frage erteilte die Siebzehnjährige -keine Antwort. Aber über ihre Wangen ging es wie ein -Schauer von Röte und Blässe, und in den weit aufgetanenen -Augen schimmerte etwas Ernstes, ja beinahe -Ängstliches, was zu dem schnippischen Wesen der frühreifen -jungen Dame kaum zu passen schien. Ihre Fäuste -ballten sich, und es war ein abschätzender Blick, mit dem -sie ihre ältere Schwester, die so völlig ihr Gleichmaß verloren -hatte, vom Kopf bis zu den Zehen musterte. Der -kleine zuckende Mund jedoch öffnete sich nicht, und so -dauerte das unerwartete Schweigen fort.</p> - -<p>»Du hast mich wohl nicht verstanden?« drängte Marianne -ungehalten weiter, und indem die Eilfertige den -straff herabgestreckten Arm der Jüngeren schüttelte, als -wollte sie ihre eigene Gegenwart dadurch deutlicher -bekunden, schärfte sie der unwillig sich Reckenden mit -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -heißer Stimme noch einmal ein: »Du wirst also nicht -sagen, daß ich hier vorüber ging.« In jähem Übergang -preßte Marianne plötzlich ihre Wange gegen die der Kleinen, -umfing sie mit beiden Armen, drückte sie an sich und schmeichelte -immer noch mit mühsam erkämpftem Atem: »Nicht -wahr, mein Liebling, du tust mir den Gefallen? Es ist -alles nur ein Scherz, verstehst du? Du wirst mich nicht -verraten, nicht?«</p> - -<p>Da wand sich Isa los. »Ich werde gar nichts sagen,« -erklärte sie kurz, während sie sich mit einer jugendlich eckigen -Bewegung wieder auf die Bank niederließ. »Was gehen -mich deine Spielereien an?«</p> - -<p>Und in einem plötzlichen Rache- und Machtgefühl bückte -sich der geschmeidige Körper, holte das versteckte Buch -hervor und indem sie es recht sichtbarlich ins Sonnenlicht -hielt, vertiefte sie sich scheinbar von neuem eifrig in die -unterbrochene Lektüre. Marianne aber zuckte geringschätzig -die Achsel, als bedaure sie es jetzt, an diese Halbwüchsige -soviel Verführungskünste verschwendet zu haben, dann -krümmte auch sie ihre Glieder zusammen, um sich im -nächsten Augenblick geschickt und tief gebeugt in dem ausgetrockneten -Graben von dannen zu schleichen.</p> - -<p>Kaum war sie verschwunden, da riß Isa die Zweige des -Kirschbaums auseinander, und während sie ihren Rotkopf -hastig durch die Öffnung steckte, warf sie der Enteilenden -in weitem Schwung ein Erdklümpchen nach, das -sie vorher von der Rasenfläche aufgelesen. Gleich darauf -sank sie freilich auf ihrem Sitz zusammen, schlug die Füße -übereinander und ließ das leuchtende Haupt langsam auf -die harte Banklehne sinken. Angestrengt schien sie über -ein nicht lösbares Rätsel nachzusinnen.</p> - -<p>Es waren die Disharmonien des Lebens, die sich vor -den Ohren der Erwachenden noch nicht einfügen wollten -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -in die bald schauerlichen, bald heiteren Melodien, die heimlich -und stark in ihr klangen.</p> - -<hr /> - -<p>Minute auf Minute verrann, die Uniform, auf die die -Versteckte harrte, sie wollte sich nicht zeigen. Längst hatte -sich Isa wieder erhoben, um ihre scharfen Blicke hierhin -und dorthin schweifen zu lassen, vergeblich. Feld, Steg -und Wiese blieben leer. Und die Halbwüchsige überlegte. -Sollte der Offizier etwa noch einmal in das Herrenhaus -zurückgekehrt sein? Ei, das wäre geradezu prachtvoll, -wenn der ahnungslose junge Mensch dann mit der anspruchsvollen -launenhaften Person womöglich in Gegenwart -von Johanna zusammenstieße. Denn darin glaubte -sich der feine Verstand der Jüngsten von Maritzken nicht -zu täuschen, daß ein so in sich versunkener und ernster -Mensch, wie es Fritz Harder war, niemals die verstiegenen -Ansprüche ihrer eitlen Schwester befriedigen könnte. Ein -Geschöpf, das beinahe eine Stunde zu einer Frisur benötigte! -Und wie dumm und ungebildet Marianne im -Grunde dahinlebte. Blieb es nicht unbegreiflich, daß ein -Mann wie Fritz Harder, ein Offizier, der sich den höchsten -und entlegensten Dingen so ernst und strebsam hingab, -war es faßbar, daß ein solcher wie bezaubert und entrückt -mit brennenden Augen und weit vorgebeugt vor einer so -lockeren und inhaltslosen Kokette sitzen konnte? Darin -bestand also doch wohl die Bestimmung und die höchste -Macht der Frau.</p> - -<p>Und wieder rieselte es kalt an den Gliedern der Versonnenen -hinab, und sie griff so heftig in die Zweige -des Kirschbaumes, als wollte sie ihr eigenes sehnsüchtig -erwartetes Schicksal auf ihr Kinderhaupt herunterreißen.</p> - -<p>»Sagen Sie mal, verehrungswürdige Jugend, für wen -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -gedenken Sie diese schönen Weichselkirschen zu pflücken?« -schlug plötzlich eine feste Männerstimme in den schweren -Traum des Mädchens hinein.</p> - -<p>Und erschreckt in die Höhe fahrend, erkannte Isa in -völliger Verwirrung, wie dicht vor ihr auf der Chaussee -der geräumige Landauer des Konsul Bark hielt. Auf -weichen Gummirädern mußte das Gefährt lautlos bis -hierher gerollt sein, und die beiden Apfelschimmel mit dem -strahlenden Silbergeschirr riefen wie immer das stürmische -Wohlgefallen von Fräulein Isa hervor, die sich heimlich -für alles, was ein sicher fundierter Reichtum bot, begeistern -konnte.</p> - -<p>»Herr Konsul Bark,« rief sie so liebenswürdig als möglich, -nicht jedoch bevor sie sich das blaue Leinenkleid halb -unbewußt an den schmalen Hüften zurechtgestrichen hatte. -Immer wieder verfiel sie in den Fehler, dem eleganten -älteren Manne, der auch jetzt in seinem fast weißen Staubmantel -und dem grünen Filzhut so überaus gewählt und -vornehm aussah, durchaus ihre Damenhaftigkeit einprägen -zu wollen. »Herr Konsul Bark, kommen Sie uns bereits -abholen?«</p> - -<p>»Zu Befehl, wir haben ja noch zwei gute Stunden zu -fahren. Und die Toilettenangelegenheiten« – er beugte -sich vor, legte die Hand quer über die Augen, um die -Sonnenstrahlen abzuwehren, und musterte die Kleine mit -einem ziemlich sorglosen Blick – »na, die scheinen mir -ja auch noch nicht auf dem höchsten Gipfel der Erreichbarkeit -angelangt zu sein. Hören Sie mal, Rotfüchschen,« -meinte er gemütlich weiter, während er an den Grabenbord -heranschritt und ihr über die Breite die Hand entgegenstreckte, -als ob er ihr behilflich sein wolle, »Sie -schießen übrigens wie Spargel in die Höhe!«</p> - -<p>Isa hatte schon zum Sprung angesetzt, jetzt zögerte sie -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -plötzlich. Sie bettete ihre Hände auf den Rücken, und die -Lippen, die so merkwürdig rot und blühend aus dem -blassen Mädchenantlitz hervorleuchteten, zuckten ungehalten -über der Zahnreihe.</p> - -<p>»Herr Konsul, ich finde,« lachte sie über den trennenden -Graben herüber, aber es klang doch deutlich der Unmut -heraus, »daß mein Haar Ihre Phantasie direkt in Aufregung -versetzt. Wenn Sie es durchaus nicht leiden mögen, -so könnte ich ja vor Ihnen immer im Hut erscheinen.«</p> - -<p>»Aber liebstes Kleinchen,« beschwichtigte der Konsul -ganz verwundert, der nicht im Traum daran gedacht hatte, -die Jüngste von Maritzken verletzen zu wollen, »Ihr Haar -ist ja im Gegenteil von erlesener Kostbarkeit. Also, wenn -ich jünger wäre, würde ich wahrscheinlich Gedichte darauf -verfertigen. So, nun aber hopsen Sie mal hier herüber, -Isa, und setzen Sie sich hübsch artig neben mich in den -Wagen, ich bitte es mir nämlich als besondere Ehre und -Vergünstigung aus, die frisch gewaschene, übrigens sehr -appetitliche blaue Leinenbluse im Trab nach Hause fahren -zu dürfen.«</p> - -<p>Damit beugte er sich noch etwas schräger über den -Graben und ergriff ohne weitere Umstände die schmale -Jungfrauenhand, die sich ihm plötzlich willig und leicht -entgegenstreckte. Mit einem Sprung war das Mädchen -im Wagen. Wohlig schmiegte sie sich in die hellgrauen -Tuchkissen und lugte abermals verstohlen auf den weißen -Staubmantel dicht neben sich, der ihr so kleidsam erschien. -Lautlos rollte das Gefährt dahin. Als ob es über -einen Teppich von Samt fortglitte. Es war ein zu -eigenartiges und köstliches Gefühl, diese weiche Bewegung -auf sich wirken zu lassen. Allen Gliedern teilte sie sich angenehm -und kosend mit. Träumerisch ließ das Mädchen -die feinen Härchen der Weizenähre, die sie kurz vorher -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -vom Grabenbord abgepflückt hatte, in ihrem Handteller -kreisen, um sich bei klarem Bewußtsein zu erhalten. Gar -zu leicht lief man doch Gefahr, unter dem wohlig spielenden -Sonnenlicht den spinnenden Träumen zu erliegen. Sie -drehte die Ähre stärker und zuckte ein wenig, als sie den -leisen Wirbel der Reibung empfand. Und wie frisch und -wohlgepflegt der Mann da neben ihr aussah! Nur schade, -daß seine prüfenden Blicke nicht abließen, musternd und -schätzend über die gelben Weizenfelder und die eben aufknospende -Kleefrucht zu schweifen, über der es bereits -lag wie ein rötlicher oder bläulicher Hauch. Über den -Spiegel eines fernen Landsees kreiste im Bogen eine Schar -vom Meer hierher verschlagener Möwen, und ganz in der -Nähe taumelte eine Wolke gelber Zitronenfalter über die -süß duftende Flur.</p> - -<p>»Herr Konsul, hören Sie die Spottdrossel?« begann -Fräulein Isa empfindsam.</p> - -<p>Der Mann im weißen Mantel neigte sich zu ihr, so daß -ihm die Kleine ganz verwirrt in das schmale Gesicht starren -mußte. Aber gleich darauf empfand sie, wie seine Finger -ihr den gelben Weizenhalm entwanden, um geschickt die -Ähre ihrer Körner zu berauben.</p> - -<p>»Schön,« sagte er befriedigt, »voll und gut schüttend.«</p> - -<p>»Hm –«</p> - -<p>Die junge Dame im Wagen schlug rasch die Füße übereinander -und wippte ein wenig mit den braunen Halbschuhen. -Es war klar, besonders zarten Empfindungen -gab sich ein solch älterer Mann nicht hin. Und wie er -jetzt die gelben Körner von seinen festen braunen Fahrglacés -abschüttelte, da fielen seiner Begleiterin all die aufregenden -Gerüchte ein, die man sich schon in der Mädchenschule -dort drinnen in der Stadt unweit der Grenze erschreckt -und erwartungsvoll zugleich über den eleganten -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -Besitzer des Goldenen Bechers zugeraunt hatte. Oh ja, -sie konnte sich den Konsul ganz gut so vorstellen. Und -ohne daß sie es selbst ahnte, blieben ihre Augen immer -größer an den feinen gebräunten Männerzügen haften.</p> - -<p>»Na, Kleinchen, ist hier etwas nicht in Ordnung?« erkundigte -sich ihr Begleiter endlich gestört, indem er mit -der flachen Hand ein wenig über seine glatte Wange -streifte.</p> - -<p>Da schrak sie zurück. Herrgott, der Geschäftsmann -mußte sie tatsächlich für ein absolut albernes Ding halten. -Und sehr kühl erteilte sie die Antwort:</p> - -<p>»Oh nein, Herr Konsul, ich habe gar nicht an Sie gedacht.«</p> - -<p>»So, so, Isachen, das ist mir aber sehr schmerzlich. -Übrigens, sagen Sie mal, mein Kind, schwatzen etwa Ihre -Leute auch soviel dummes Zeug über einen Kriegsausbruch, -der uns nahe bevorstehen soll? Ich hoffe, Ihre Schwester -Johanna verbietet solche Redereien?«</p> - -<p>Als das gefürchtete Wort laut wurde, jene wenigen -Silben, die sich gerade in dieses verwöhnte Mädchen wie -ein fressendes Gift hineinbissen, da steigerte sich die in -ihr aufgescheuchte Angst bis zu einer Art sausender Wahnvorstellung. -Kreidebleich mußte sie das Haupt herumwerfen, -der unbestimmten Gegend zu, von woher die langberockten -Reiterscharen hervorbrechen konnten. Sie hörte -den donnernden Hufschlag, ein kreischendes Brüllen schrillte -verworren über die ruhigen Wälder, und ganz hinten auf -der Chaussee ballte sich eine schwarze, auf- und niedertauchende -Masse zusammen. Verschwunden, fortgewirbelt -waren all die mädchenhaften Unklarheiten, die sie eben noch -so reizend bedrängt und beschäftigt hatten. Mit einem -klagenden Ruf, aus dem nur eine fast irrsinnige Furcht -deutlich wurde, umklammerte sie den Arm des Konsuls, -<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -schmiegte sich ganz dicht an ihn, als ob sie nichts weiter -verlange, nichts weiter, als nur Schutz und Deckung für -ihr bedrohtes Leben, und stammelte vollkommen fassungslos:</p> - -<p>»Nicht wahr, Herr Konsul, liebster, bester Herr Konsul, -es ist doch nicht wahr? Es ist doch nicht möglich, daß so -etwas geschehen kann? Sagen Sie es doch!«</p> - -<p>»Herrgott, liebes Kind – –«</p> - -<p>Der aus allen Himmeln gerissene Mann empfand ein -wirkliches Mitleid mit dem verschüchterten schmächtigen -Geschöpf, das im Moment sein Haupt so fest und drängend -gegen seine Brust bettete, daß er beinahe das Zucken und -Pochen der Stirnadern zu spüren wähnte. Und aus voller -Überzeugung begann er laut zu lachen. Nichts hätte so -tröstlich auf die aus ihrer eingebildeten Überlegenheit Gescheuchte -wirken können, wie dieses unbekümmerte, kräftige -Männerlachen. Wie durch Zauberschlag verstummte das -unheimliche Dröhnen hinter dem Wagen, und das wirre -Gekreisch, das eben noch jeden vernünftigen Gedanken -niedergeheult, es löste sich auf in das sanfte Rollen der -Räder.</p> - -<p>»Herrgott, bestes Kleinchen,« tröstete sie der Konsul inzwischen -in ehrlicher Besorgnis weiter, und er achtete selbst -nicht darauf, wie er bei seinen Bemühungen den Arm um -die Schulter der Zitternden legte und ihr wie einem kleinen -Kinde begütigend die Wangen zu klopfen begann, »hätte -ich doch niemals geglaubt, daß Sie ein solcher Angsthase -sind. Ich versichere Sie, es ist ja alles die reinste Torheit. -Lieber Himmel, wie soll ich Ihnen das nur klar -machen? Sehen Sie, Isa, wenn Sie ein Kaufmann wären, -wie ich, dann würden Sie ja selbst wissen, daß unsere Nachbarn -direkt ins Irrenhaus gesperrt werden müßten, wenn -sie ihren Handel und ihre Industrie, die eben erst anfangen -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -sich der allgemeinen Weltwirtschaft zu nähern, durch eine -solch wahnsinnig heraufbeschworene Unternehmung im -Keim zu zertrümmern gedächten. Nein, nein, liebes Kind,« -setzte er ärgerlich über seinen eigenen Ernst hinzu, »das -Ganze ist das Geschwätz von ein paar gewissenlosen Spekulanten. -Also nun Kopf hoch, wie kann sich eine wohlerzogene, -weltgewandte junge Dame derartig einschüchtern -lassen! Übrigens,« lenkte er völlig ab, da sie bereits durch -das Tor von Maritzken fuhren, »da kommt Hans. Nun -nehmen Sie mal rasch die Ähre aus dem Feuerbrand da -oben, ich habe sie Ihnen nämlich aus Versehen hineinpraktiziert, -denn mir scheint, daß Ihre vortreffliche -Schwester über derartigen Naturschmuck weniger wohlwollend -denkt, als ich. Aber wie gesagt, eine ganz merkwürdige -Haarfarbe, Isachen! Ganz merkwürdig.«</p> - -<hr /> - -<p>Zwei Stunden später lenkte der Landauer des Konsul -Bark, nachdem er wiederum die Stadt passiert, durch die -letzte heimatliche Ansiedlung. Auf einer Bodenwelle gelegen, -lugten die wenigen niedrigen Häuschen zwischen -allerlei krausem Gestrüpp hindurch, und es war beinahe, -als hätte man diesen letzten Posten so hoch und einsam -aufgebaut, damit er von hier aus Wache halten solle gegen -die sich unter ihm dehnende unbegrenzte Fläche. Drüben, -jenseits des schmalen Flusses, der unten an den Ausläufern -des Buschwerks einen Silberbogen zog, war das ganze -Land von rauhen, dunkelgrünen Kohlhäuptern besät. Weiter -dahinter wurde der unbeschreiblich struppige Raum von -mächtigen Breiten gelber Weizenfelder umrahmt, zwischen -denen weder Fußwege noch Chausseen eine Unterbrechung -herbeiführten. Nur einzelne Gräben liefen gradlinig durch -das Land, und unter der hellen Sonne blitzte ihre Oberfläche, -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -als wenn klares, weißes Wasser, den durstigen -Äckern zum Trank, durch sie hindurchglitte. Allein dem -war nicht so. Die Näherkommenden schraken förmlich -zurück vor den schwarzen übelriechenden Rußmassen, die -mit ihrem undurchdringlichen Schlamm die wohltätigen -Rinnen verstopften. Es waren die Kohlengewässer der -nahen Fabriken, und ein ungeheurer Qualm, von der Hitze -herniedergedrückt, verbarg den Besuchern das winzige -Grenzstädtchen, dem sie zustrebten, wie hinter einer brodelnden -Wand. Durch die drohende schwarze Wolke aber, die -am Himmel den Umkreis des Städtchens bezeichnete, -leckten rechts und links, fern und nah lodernde Feuerzungen -in den qualmigen, sich schiebenden Rauch hinauf, -und ein ätzender Brandgeruch erfüllte ringsum die Luft. -Ein rastloses Kreischen und Surren, ein Rasseln und -Sausen quoll aus dem unsichtbaren Ort schon aus der -Ferne hervor, und nachdem der Wagen der Deutschen die -breite Holzbrücke des Flusses erreicht hatte, die nur noch -bis zur Mitte zur Heimat gehörte, da vernahmen die -Reisenden wie unter lärmendem Poltern knirschende Haufen -kleingehackter Kohle in die an den Ufern liegenden Kähne -hinabgeschüttet wurden.</p> - -<p>»Man halte,« schrie etwas mitten von der Brücke.</p> - -<p>Genau auf dem Grenzstrich standen zwei Soldaten in -langen grüngelben Leinenblusen, und dunkelgrüne, breitgerandete -Mützen saßen ihnen schräg und eingebeult auf -den haarigen Köpfen. Und während der eine von ihnen -mit seinem Gewehr, auf das ein breites Bajonett gepflanzt -war, die weitere Einfahrt versperrte, indem er die Waffe -quer vor seinen Leib hielt, trat der andere, ein bärtiges Gesicht, -dicht an den Schlag heran und schlug zur Einleitung -auf die umgeschnallte Revolvertasche. Dem Konsul, der sich -in seinem Staubmantel herausbeugte, kam es vor, als -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -ob die Grenzwache mißtrauischer als sonst ihre Revision -vorzunehmen gedächte.</p> - -<p>»Hat man Waren im Wagen?« fragte der Wachtmeister -in einem schlechten Deutsch, obwohl der Konsul sich entsann, -daß gerade dieser Beamte ihn schon mehrfach bei -seinen Besuchen kontrolliert habe. »Fleisch, Zigarren oder -vielleicht Bücher und Zeitungen?«</p> - -<p>»Was sind das für Umstände?« rief der Chef des -Goldenen Bechers dagegen, der mit Mißbehagen bemerkte, -wie in den Zügen seiner Begleiterinnen ein ängstliches -Befremden aufstieg. »Sie kennen mich doch, ich bin der -Konsul Bark, und ich und diese Damen sind von Herrn -Rittmeister Sassin eingeladen.« Und indem er sich mit -einer Wendung des Hauptes blitzschnell vergewisserte, ob -er nicht von den anderen beobachtet würde, da langte er -rasch in die Tasche des weißen Mantels, um darauf dem -Grenzsoldaten die Hand zu drücken, als ob es sich um eine -besonders innige Begrüßung handle.</p> - -<p>Der Grenzwächter sah ihm starr ins Gesicht, zuckte die -Achsel und wand sich dennoch hin und her, als ob er sich -Rat zu holen suche, wie in diesem Falle weiter zu verfahren -wäre.</p> - -<p>»Es ist gut,« lenkte er endlich mit jener den Russen -eigentümlichen Demut vor den Mächtigen ein, »ich sehe, -es liegt nichts im Wagen. Aber die Herrschaften werden -die Gnade haben, mir zu zeigen ihren Paß.«</p> - -<p>Jetzt wurde ein leiser Ruf der Überraschung bei den -jungen Damen laut, und man konnte an den Blicken, die sie -sich gegenseitig zuwarfen, sofort erkennen, daß sich etwas -Derartiges wie die geforderten Papiere keineswegs in ihrem -Besitz befände.</p> - -<p>»Ruhig,« beschwichtigte der Konsul abermals sehr bestimmt, -und sich von neuem an den Grenzsoldaten wendend, -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -überreichte er ihm sein eigenes Ausweisdokument. »Hier, -mein Junge,« meinte er begütigend, »hier hast du, was -du verlangst. Und weil du so ein braver Beamter bist, so -werde ich dich dem Herrn Rittmeister Sassin – meinem -Freunde,« setzte er sehr nachdrücklich hinzu – »besonders -empfehlen. Aber nun halte uns hier gefälligst nicht länger -auf, denn es ist kein angenehmer Aufenthalt in diesem -Kohlenstaub für meine Damen. Verstehst du?«</p> - -<p>Lässig, als wäre alles in Ordnung, gab der Kaufmann -seinem Kutscher das Zeichen zum Weiterfahren. Allein -ehe die Pferde sich noch in Bewegung setzen konnten, faßte -der Mann mit dem Revolver zögernd in die Zügel und -schritt noch einmal unter starkem Kopfschütteln an den -Wagenschlag.</p> - -<p>»Es sind Vorschriften,« brachte er immer noch mit einer -halben Verbeugung heraus, »die Frauen müssen zurück.«</p> - -<p>»Wie? Ist das Ihr Ernst?« rief der Geschäftsmann, -indem er in aufsteigendem Zorn mit der flachen Hand auf -die Fenstereinfassung schlug.</p> - -<p>In dem Wagen fuhren ein paar erregte Frauenstimmen -im Wechsel durcheinander, und zitternde Finger schmiegten -sich verstohlen um den Arm des Konsuls. Sie gehörten -Isa, deren schreckhaft erweiterte Augen in immer stärker -sich regender Bangigkeit alles in sich tranken, was sich -ihnen auf der halb zersplitterten Holzbrücke darbot, von -den dicken viereckig zugeschnittenen Haaren der Soldaten -angefangen, bis zu dem breiten in einem fahlen Glanz -funkelnden Bajonett des zweiten Grenzwächters, der ihnen -noch immer breitbeinig und ohne eine Miene zu verziehen, -den Einlaß sperrte. In die Stirn des Mannes im weißen -Staubmantel war inzwischen eine Blutwelle gestiegen. -Unbewußt zupfte er an dem kurzgeschnittenen braunen -Schnurrbart herum, bis er plötzlich aus dem Wagen sprang, -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -so daß er jetzt ganz dicht, fast Brust an Brust gegen den -Russen aufragte. Der legte abermals unter einer Verbeugung -die Hand an die breite Mütze, zuckte die Achsel -und starrte dann den drei schönen Mädchen halb betrübt -und halb bedauernd ins Gesicht. Ihren Begleiter jedoch -durchschnitt zum erstenmal ein merkwürdig beklommenes -Gefühl. Das weite struppige Land vor ihm dehnte sich -so sonderbar schweigend und geheimnisvoll, als wäre es -eine riesige Bühne, die nur deshalb in solch menschenvereinsamter -Leere lauerte, weil über sie hinweg bald ungeheure -Züge des Weltgeschehens dahinschreiten sollten. Dazu die -unsichtbare Stadt, das schneidende Sausen und Rollen – -nein, es ließ sich nicht leugnen, eine kurze Sekunde war -der Kaufmann völlig befangen von einer heranschleichenden -Ahnung, die sich ihm bleischwer an alle Sinne hing. -Spähend blickte er auf die schwarzen Gestalten der Kohlenablader -hinunter, und auch in ihren schweißigen und -stumpfen Gesichtern glaubte der aus seiner Sicherheit Aufgescheuchte -dasselbe unauffindbare Rätsel zu lesen.</p> - -<p>Verwünscht!</p> - -<p>Wenn ihn die Damen jetzt aufgefordert hätten, den -Wagen wenden zu lassen, um sich in den Schutz der Heimat -zu begeben, die ihre letzten grünen Büsche so vertraulich -nah bis an das Flußufer heranschob, in der Tat, er -hätte nicht gezögert. Er wandte sich, und unwillkürlich -trafen seine und Isas Blicke zusammen. In den feinen -blassen Zügen des Mädchens schien wirklich jene unausgesprochene -Bitte zu wohnen, ja die sich wie im Frost bewegenden -Lippen wagten vielleicht nur den brennenden -Wunsch nicht zu äußern.</p> - -<p>Da klirrte etwas auf der Brücke. Ein scharfes Sporengeläut -begann zu singen und zu gleicher Zeit schlugen die -Grenzwächter auffahrend an ihre Säbel und führten die -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -rechte Hand salutierend und breit gegen ihre Mützen. Der -Wachtmeister wurde von einer hohen Männergestalt im -dunkelblauen Waffenrock unsanft beiseite geschoben, und -vor dem überraschten Handelsherrn stand säbelrasselnd -der Rittmeister Sassin, lächelnd über das ganze rote Gesicht -und unstreitig gewillt, seinen deutschen Gast in die Arme -zu schließen. Schmetternd, aus voller Brust, klang sein -Bewillkommnungsgruß:</p> - -<p>»Rudolf Bark, mein einziger Freund,« schrie der Russe, -und dabei klopfte er dem Ankömmling mit seinen feinen -weißen Glacéhandschuhen in einer halben Umschlingung -schallend auf den Rücken, »die zehntausend Heiligen von -Kasan haben mein Gebet erhört. Sie sind da – ohne -Zweifel, sind da – <i>à quatre heure</i>, Punkt vier. Man -muß sagen, diese Deutschen wohnen in einer Uhr.«</p> - -<p>Damit trat der Russe strahlend an das Gefährt heran, -fing blitzschnell auf, wie die begehrte Brünette in ihrer -prachtvollen Haltung auf dem Vordersitz lehnte und verbeugte -sich darauf so tief, daß seine breite blaue Mütze -beinahe den Fensterschlag streifte.</p> - -<p>»Ah, meine Damen, Leo Konstantinowitsch Sassin seien -Ihr entzückter Diener. Sie sehen mich <i>au comble du -bonheur</i>! Ich habe auf meine kleine <i>maison</i> nicht vergebens -aufgezogen die grün-weiße Fahne, denn die ganze -Stadt und das gesamte Offizierskorps seien durch einen -solchen Besuch geehrt. Ich werde nie vergessen an so viel -Freundlichkeit.«</p> - -<p>Bei den letzten Worten hatte sich der Offizier den mächtigen -rotblonden Schnurrbart zurechtgestrichen, jetzt versuchte -er, die auf dem Wagenschlag ruhende Hand der -Ältesten von Maritzken an seine Lippen zu führen. Allerdings -erfolglos. Denn ohne im geringsten verletzend zu -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -wirken, entzog ihm Johanna die begehrte Rechte und drohte -ihrem Gastgeber leicht mit dem Zeigefinger.</p> - -<p>»Herr Rittmeister,« äußerte sie in ihrer gewohnten -liebenswürdigen Ruhe, »es ist wirklich beinahe ein halbes -Wunder, daß Sie uns bei sich sehen. Denn erstens trug -ich, die ich für meine Schwestern verantwortlich bin, -längere Zeit Bedenken, ob wir überhaupt Ihrer freundlichen -Einladung folgen dürften, und zweitens bedeuteten uns -soeben Ihre Grenzwächter, daß Rußland keinen besonderen -Wert auf unsere Anwesenheit lege, ja, daß wir schleunigst -wieder zu verschwinden hätten.«</p> - -<p>»Wie? Was? verschwinden?« fuhr der Offizier in -die Höhe und dabei packte er bereits den betroffenen -Wachtmeister an der Brust und schüttelte ihn empfindlich -hin und her. »Hast du gehört? bist du nicht die größte -Seuche, die unsere große Mutter befallen hat? Du -Moschusochse, weißt du, was dir bevorsteht?«</p> - -<p>Es mußte eine fürchterliche Zukunft sein, die dem Braven -angedroht wurde, denn er begann am ganzen Leibe zu -zittern und faltete demütig die Hände über der Brust.</p> - -<p>»Väterchen Rittmeister,« stammelte er, »der verschärfte -Befehl ist gestern abend erst vom Herrn Oberst ausgegeben -worden.«</p> - -<p>»Ich werde dich gleich bei Väterchen Rittmeister,« schrie -Leo Sassin halb lachend, während er jedoch seinem Soldaten -mit geballter Faust einen Stoß vor die Brust versetzte, -daß jener bis an das Brückengeländer taumelte, -»danke Gott, du Hund, daß ich vor diesen Damen, die -du beleidigt, kein Exempel statuieren will.« Und sich zu -Johanna zurückwendend, vor der er sich noch einmal entschuldigend -verneigte, setzte er augenzwinkernd hinzu: -»Gnädigste, ich schätze mich glücklich, daß ich noch zu -rechter Zeit kam, um meinen Gästen weitere Unannehmlichkeiten -<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -zu ersparen. Die übrigen Freunde sind bereits -in kleine <i>maison</i> versammelt und erwarten ungeduldig -das Erscheinen von deutsche Damen, die uns so viel Ehre -schenken wollen. – Der Wagen passiert,« schrie er mit -furchtbarer Stimme dem zweiten Soldaten zu, der teilnahmslos -diese ganze Szene beobachtete. »Scher' dich aus -dem Wege. Meine Damen, Sie gestatten, daß mit -meinem Freunde Rudolf Bark neben Equipage einherschreite. -Wir überqueren hier nur Eisenbahn – und gleich -sind Sie dann <i>au milieu de mon logis de garçon -célibataire</i>.«</p> - -<p>Befehlend gab er einen Wink, die Soldaten traten zurück, -drückten sich beinahe scheu gegen das Geländer, und der -Landauer setzte sich, von den beiden Herren zur Rechten -geleitet, unter lautlosem Rollen in Bewegung. Und während -der Rittmeister sich unaufhörlich glücklich pries, so -erlesene Fremde in das elende Städtchen – diesen -Schweinekoben, dieses triefende Gefängnis – eskortieren -zu dürfen, da ging es über breite Eisenbahnschienen hinweg, -die man durch kein Gitter zu schützen versucht hatte, -und tief abschüssig stürzte dann der Weg sofort auf einen -holprigen Platz hinab, der von niedrigen, rauchgeschwärzten -Häusern umstellt war und ebensogut einen großen Hof -als einen verunglückten Marktplatz vorstellen konnte.</p> - -<p>»Der Platz sieht aus wie ein Mund voller Zahnlücken,« -flüsterte Isa sehr treffend ihrer Schwester Marianne zu -und wies auf die klaffenden Höhlungen zwischen den einzelnen -Gebäuden, hinter denen bereits wieder das kohlstruppige -Feld sichtbar wurde.</p> - -<p>Das Surren und Sausen der Treibriemen schrillte hier -stärker, und die betroffenen Gäste bemerkten, wie aus dem -ersten Stockwerk einer Fabrik, die sich augenscheinlich -mit der Herstellung von Porzellan befaßte, unausgesetzt -<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -eine staubige Mehlmasse herabdampfte. Ohne auf diese -Überschüttung zu achten, durch die ihre Kleidung mit -schmutzigem Puder bestreut wurde, lungerte mitten auf -dem Markt eine Schar langberöckter Männer und Jünglinge -herum in hohen Wichsstiefeln und mit niedrigen -schwarzen Tuchmützen auf den Köpfen. Aufgeregt und -von allerlei Gesten begleitet fuhr hier das Gespräch hin -und her. Die jüdischen Einwohner, die man sofort an -ihrer lockigen Haartracht erkannte, warfen merkwürdig -befremdete Blicke auf das deutsche Gefährt, als wenn die -Ankunft desselben ein besonders aufregendes Ereignis bildete. -Und wieder beschlich den Mann im weißen Mantel, -der anscheinend so heiter plaudernd neben dem russischen -Offizier einherwandelte, jenes unerklärliche nagende Mißtrauen.</p> - -<p>Und dem unerträglichen Zwange unterliegend, griff er -plötzlich unter den Arm seines Begleiters, und indem er -alle Zurückhaltung beiseite setzte, richtete er an den munteren -Offizier ohne Übergang die sehr ernste und nachdrückliche -Frage:</p> - -<p>»Leo Konstantinowitsch, verübeln Sie mir meine Neugierde -nicht, aber spricht man hier bei Ihnen gleichfalls -von einem Zwist, der zwischen unseren Völkern in der -nächsten Zeit schon durch Waffengewalt entschieden werden -müßte? Sagen Sie mir bitte die Wahrheit, ich fühle -mich verantwortlich für meine Damen.«</p> - -<p>Wie von einem Schlag getroffen machte der Russe -halt, zwinkerte heftig mit den Augen, um gleich darauf -kräftig mit dem rechten Arm eine weite kreisrunde Bewegung -zu vollführen, als wünsche er die ganze Stadt -zum Zeugen seiner Antwort aufzurufen.</p> - -<p>»Aber Rudolf Bark, mein einziger Freund,« rief er -mit einem ihn erschütternden Lachen, »ist ja nur Geschwätz -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -von verdammten Gazettenschreibern, die in der -Hölle ihre Strafe finden werden. Blicken Sie sich -doch um, wir verbergen Ihnen nichts. Hier wird überall -gearbeitet, Porzellan wird gemacht, Kohle gefördert und -Zigaretten und Bonbons fabriziert. Wo sehen Truppenansammlungen? -Im Vertrauen, unsere Kasernen stehen -halb leer. Und wenn Sie es wissen wollen, ich selbst -nehme in einigen Tagen einen mehrwöchentlichen Urlaub, um -in Petersburg meine angegriffene Gesundheit etwas aufzufrischen. -Sieht so Volk aus, das sich auf Krieg vorbereitet? -Und vor allen Dingen, Rudolf Bark, würde ich -mir erlaubt haben, Sie und die wunderschönen Damen -von Maritzken zur Einweihung von meine kleine <i>maison</i> -zu invitieren, wenn Sie sich dabei der geringsten Gefahr -aussetzen könnten? Kommen Sie, kommen Sie, wir haben -Sprichwort, das lautet: ›Der Säbel schläft‹. Ich hoffe, -Sie haben sich überzeugt, bei uns schläft er so tief, daß -er ist gar nicht aufzuwecken. Deshalb, mein einziger -Freund, verderben Sie uns nicht Laune durch philosophische -Untersuchungen. Und hier, Rudolf Bark,« unterbrach er -sich in strahlendem Besitzerstolz, indem er gleichzeitig diensteifrig -den Schlag aufriß, »hier stehen wir vor kleine -<i>maison</i>, und Sie sehen, auf Dach ist aufgezogen russische -und deutsche Flagge zugleich.«</p> - -<p>Damit wandte er sich, führte zwei Finger der geballten -Faust gegen die Lippen und ließ einen Pfiff erschallen, -der einer Lokomotive Ehre gemacht haben würde. Auf -dieses Zeichen stürzten auch sofort zwei in grüne Halblivreen -gekleidete Diener aus dem Hause, denen man ohne -große Mühe die für den Hausdienst kommandierten Soldaten -anmerkte. Zwischen schlotternden weißen Wollhandschuhen -schleppten die wohlfrisierten Männer einen schmalen, -nagelneuen Teppichläufer heraus, und auf eine bezeichnende -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -Fußbewegung des Rittmeisters hin bückten sie -sich auf den Erdboden, um das Gewebe über die schmutzige -schwarze Gosse bis dicht an den Tritt der Equipage auszubreiten.</p> - -<p>»Gegrüßt die Freunde des Herrn,« murmelten beide.</p> - -<p>›Die kleine <i>maison</i>‹ war eine allerliebste zierliche Villa, -unter deren rotem, mehrfach unterbrochenem und abgesetzten -Ziegeldach leise Rundungen der Außenwände jenem -fast unmerklichen Rokokostil zustrebten, der so anmutig -und spielerisch zugleich wirkt. Zwischen zwei schlanken -Säulen führten einige Stufen empor, und kaum waren -diese überschritten, so befanden sich die deutschen Gäste in -einem halbrunden Vestibül, das ganz in matten weißen -Farben gehalten war. Nur wunderlich, daß das zarte -Schmuckkästchen den Eingang zu einem Junggesellenheim -bildete, viel befremdlicher, weil das ganze Haus von der -fernen Regierung in Petersburg errichtet sein sollte. Noch -waren den Damen von den Dienern ihre seidenen -Mäntel kaum abgenommen, und eben standen sie vor -einem schmalen, in der Hinterwand einer Nische eingelassenen -Spiegel, um ihren Toiletten die letzte Vollendung -zu verleihen, als auch schon ihr militärischer Wirt -in erneute Bewunderung ausbrach. Wortreich versicherte -er, wie die ruhige Eleganz der deutschen Kleider alles überstrahlen -müßte, was die Garnisonsdamen dort drinnen -in dem Salon an seidenen Fähnchen auf sich vereinigt -hätten. Und dann diese unnahbare Würde und Strenge! -Zweifellos, man konnte es mit tausend Eiden bekräftigen, -jede deutsche Frau eine Fürstin, nein, weit gefehlt, eine -Königin, eine Kaiserin. Es sei direkt lächerlich, welch ein -tiefer Respekt, ja welch knabenhafte Beschämung selbst den -verwegensten Reitersmann in der Nähe solch einer Nemza -heimsuche. Als der Rittmeister in diesem Begeisterungstaumel -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -schwelgte, hatte er gerade seinen Platz hinter der -abgewandten Marianne gefunden, die ihre wohlgebildete -Gestalt selbst mit einem heimlichen Genuß bespiegelte. Und -der weiße Nackenausschnitt, der sich aus der stahlblauen -Seide ihres Gewandes leuchtend erhob, er zog die Blicke -des Hausherrn so stark auf sich, daß alle seine Lobeserhebungen -nur noch in wirre Worte ausklangen.</p> - -<p>»Köstlich – exquisit – superb!«</p> - -<p>Und Johanna, die mit sich selbst beschäftigt war, sah -nicht, wie ihre dunkle Schwester, entzückt über den berauschenden -Eindruck, den sie hervorrief, dem Spiegelbild -ihres Gastgebers mit einem besonders reizenden -Lächeln zunickte. Aber der Konsul und Isa bemerkten es, -und sie warfen sich einen Blick zu, den nur aufeinander abgestimmte -Menschen zusammen austauschen. Es war ganz -seltsam, der reife, vielerfahrene Mann, dem die Frauen -die gefährlichsten ihrer Künste längst verraten hatten, und -das ahnende unreife Mädchen, sie wurden durch ihren -scharfen Verstand wie alte Gefährten zusammengeschlossen, -die sich auch ohne Worte über die heikelsten Dinge zu -verständigen vermögen.</p> - -<p>»Sagten Sie etwas, Herr Konsul?« fragte Johanna.</p> - -<p>»Nein, lieber Hans.« Er warf dem Rotkopf einen warnenden -Blick zu, der sie zum Schweigen verpflichtete. -»Kommen wir.«</p> - -<hr /> - -<p>In dem braun getäfelten Herrenzimmer endigte zu demselben -Zeitpunkt, als der Wagen der Deutschen die Vortreppe -der Villa erreichte, ein lebhaft schwirrendes Gespräch. -Die französische Konversation erstarb wie durch -Zauberschlag, und Herren wie Damen zogen sich möglichst -unauffällig an die heruntergelassenen Fenstervorhänge -<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -heran, um die Aussteigenden gleich unter dem ersten Eindruck -richtig abschätzen zu können.</p> - -<p>Das war natürlich von höchster Wichtigkeit.</p> - -<p>Als auf dem Tritt der weiße Schuh von Isa sichtbar -wurde, warfen sich die jüngeren Offiziere unwillkürlich -in die Brust und strichen ihre Waffenröcke glatt. Zu -einem unverhohlenen Murmeln des Beifalls jedoch steigerte -sich das männliche Interesse erst, wie gleich darauf -Marianne, kaum auf die dargereichte Hand des Konsuls -gestützt, mit einer ihrer lässigen Bewegungen den Wagen -verließ. Dies veranlaßte freilich eine sehr untersetzte rundliche -Dame, die Gattin des Zivilgouverneurs Bobscheff, -die über ihre hervorquellenden Pausbacken kaum noch mit -heftig zwinkernden Äuglein herüber zu blinzeln vermochte, -ein Urteil zu fällen, von dem sie infolge ihrer bevorzugten -Stellung erwarten durfte, daß es dem gesamten Kreis -fernerhin als Maßstab zu dienen hätte.</p> - -<p>»Gott,« flüsterte sie als eine Art Selbstbekenntnis, indem -sie ein mächtiges Schildplattlorgnon vor die halbgeschlossenen -Augenritzen führte, »sie sieht aus wie die -Tänzerin Litwina Dimitrewna aus Moskau.«</p> - -<p>»Ah,« sagte an dem anderen Fenster die junge Frau -des Obersten Geschow aus Mariampol, deren feingliedrige -Gestalt noch mehr als ihr zigeunerhaft gelber Teint oder -die schwimmenden braunen Augen ihre tatarische Abkunft -verrieten, »ist das nicht jene Balletteuse, über die ich -neulich in der Nowoje Wremja las, daß sie herrliche Brillantbänder -um die Fußknöchel zu tragen pflegt?«</p> - -<p>»Maria Paulowna,« entgegnete die Zivilgouverneurin -mit einem ganz leisen Verweis, denn der Rang der Obristin -war von dem ihren nicht wesentlich unterschieden, »ich -nehme an, daß Sie vor den Extravaganzen solcher Weiber -den gleichen Abscheu hegen wie ich.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -»Lieber Himmel, man interessiert sich,« verteidigte sich -die junge Tatarin, wiegte sich in den Hüften und gab über -ihre Schulter hinweg einem hinter ihr weilenden jüngeren -Offizier ein anmutiges Zeichen, er möge ihr eine Zigarette -reichen. »Man genießt in unseren weltverlorenen Garnisonstädten -ja keine andere Abwechslung, als die Lektüre.«</p> - -<p>Die Offiziere stimmten der geschmeidigen, anziehenden -Mariampolerin durch ein beifälliges Gemurmel unbedingt -zu. Frau Bobscheff jedoch, die ihre lokale Würde gefährdet -sah, pustete Luft von sich und lenkte dann etwas sanfter ein:</p> - -<p>»Man hört jetzt soviel von dem sittlichen Verfall der -Jugend in unserem heiligen Rußland. Über die Ursachen -hat eben jeder seine eigene Ansicht. Nicht wahr, Wladimir -Petrowitsch?« wandte sie sich an ihren Gatten, der lang -wie eine Telegraphenstange hinter ihr stand und nun sein -von weißen borstigen Haaren gekröntes Raubvogelantlitz -willfährig zu ihr herunterneigte, »nicht wahr, Wladimir -Petrowitsch,« verlangte sie befehlend, »ich verfechte oft -diese Ansichten?«</p> - -<p>Auf diese Aufforderung, der sich der demütige Herr in -Gegenwart so vieler anderer nicht zu entziehen vermochte, -räusperte sich der Gouverneur erst hörbar, dann zog er -sein Taschentuch, wischte den Mund und brachte schließlich -in seiner merkwürdig schüchternen, kratzbürstigen Heiserkeit -hervor:</p> - -<p>»Ganz recht, Tatiana. Seitdem du die Kurse in dem -Frauenlyzeum besuchst,« – hier wischte er sich wieder den -Mund – »seitdem ist deine Kenntnis sozialer Zustände -sehr beachtenswert.« Von neuem krächzte er und suchte -mit den dürren Fingern krampfhaft unter dem Frack mit -den goldenen Knöpfen nach einem isländischen Bonbon. -»Ich komme leider wegen der vielen Arbeiten in unserem -Kohlenrevier nicht dazu, mich mit derartigen Dingen zu -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -beschäftigen,« schloß er vollkommen heiser, »aber ich hege -Ehrfurcht vor ihnen.«</p> - -<p>»Gut,« lobte die Gouverneursfrau und richtete sich ein -wenig auf den Zehen empor, »es freut mich, daß du dies -äußerst, Wladimir Petrowitsch.« Und mehr für den ganzen -Kreis berechnet, setzte sie noch hinzu: »Der Mutter Gottes -sei Dank, die Harmonie unserer Anschauungen ist beinahe -eine vollkommene.«</p> - -<p>Die anwesenden jüngeren Zivilbeamten, die der Zucht -des Herrn Bobscheff, dieser wandelnden Giraffe, unterstellt -waren, verbeugten sich hier beifällig, nur Alexander -Diamantow, ein schwarzhaariger Bergbaustudent, der hier -in den Kohlengruben sein Studium abschließen sollte, -und von dem man behauptete, daß er ein übergetretener -Jude sei, er verzog in einer Ecke sein melancholisches Antlitz -zu einem leisen Lächeln. Er erinnerte sich daran, wie -er bei seiner Antrittsvisite bei den Bobscheffs bereits vor -den Türen des Dienstgebäudes ein wildes Gekreisch vernommen, -und daß ihm auf seine Frage ein herumlungernder -Polizeibeamter anvertraute, die Gouverneurin suche -im Moment ihren Gatten zu ihren Ansichten zu bekehren. -Und Diamantow wußte, daß eine solche Bekehrung nicht -immer leicht gewesen sein müsse. Denn Herrn Bobscheffs -Schwäche gegen wohlgebaute Bittstellerinnen war im ganzen -Gouvernement bekannt. Daher datierten auch die Ermittlungen, -welche die umfangreiche Tatiana über den -Verfall der Sitten im heutigen Rußland angestellt hatte. -Der junge Bergbaustudent stützte an dem verlorenen Tischchen -in der Ecke das Haupt in die Hand, so daß ihm die -wirren schwarzen Haarsträhne in die Stirn fielen, und -in seiner unruhigen Seele klangen die Ansichten und Meinungen -wieder, die sich hier noch eben bekämpft hatten, -bevor das samtne Rollen des deutschen Gefährts hörbar -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -wurde. Denn auch vor ihrer Ankunft hatte das Gespräch -bereits den fremden Gästen gegolten.</p> - -<p>»Es wird Zeit,« hatte der Hausherr geäußert, indem er -sich nur mühsam einem Geplänkel mit der hübschen Regimentskommandeuse -aus Mariampol entriß, obwohl Sassin -nach Diamantows Ansicht nicht ahnte, daß die Tatarin -den Dragonerrittmeister wegen seiner nur oberflächlich -lackierten, fast dörflichen Unbildung innerlich verachtete, -»es wird Zeit, meine Herrschaften, daß ich den Deutschen -bis an die Brücke entgegengehe. Die kopflosen Hunde, -die man dort postiert hat, könnten uns sonst leicht einen -Strich durch die Rechnung ziehen. Außerdem – der -Kaufmann, den ich erwarte, besitzt verteufelt helle Augen. -Sie alle werden gut daran tun, sich gegen ihn recht vorsichtig -zu benehmen.«</p> - -<p>»Ist er jung?« fragte Maria Geschowa.</p> - -<p>»Hm,« erwiderte der Dragoner etwas gestört, denn er -ärgerte sich über die Funken, die in den Zigeuneraugen -der jungen Frau aufblitzen konnten, »er steht so auf der -Grenze, wo man selbst nicht weiß, ob man jung oder bejahrt -ist. Jedoch er hat früher viele Abenteuer gehabt.«</p> - -<p>»Von den Deutschen,« meinte Frau Bobscheff betrübt, -und sah aus ihren verkniffenen Augen wie in Scham an -ihrer Tonnengestalt herab, »von diesen verwünschten Heiden -sind unsere guten altväterlichen Sitten von Grund -aus verdorben. Gönnen sie selbst der ehrbarsten Frau -ihren Frieden? Kennen die schamlosen Tiere überhaupt -die Heiligkeit der Ehe? Was denkst du darüber, Wladimir -Petrowitsch?«</p> - -<p>Die Giraffe schnäuzte sich und wandte den langen Hals -hin und her, um zu beobachten, wie weit die Lächerlichkeit, -in die er geriet, von diesen neugierigen Spionen etwa -festgestellt werden könnte. Da sich aber nichts anderes ereignete, -<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -als daß dieser verwünschte heimliche Jude Diamantow -sein verletzendes Räuspern ausstieß, für das der -Beamte ihn schon gelegentlich büßen lassen würde, so -fuhr sich der Gouverneur über die borstigen weißen Haare -und erwiderte dem kleinen dicken Ei, das sich so unangenehm -an ihn lehnte, mit ernster Feierlichkeit:</p> - -<p>»Es ist ja bald so weit, meine Liebe, daß wir den unsauberen -Stall dort drüben reinigen werden. Sei überzeugt, -unsere Verwaltungsmethoden, die der heiligen Kirche -einen so breiten Platz einräumen, können auch dort drüben -ihre Wirkung nicht verfehlen.«</p> - -<p>Der Rittmeister stand bereits in der offenen Tür, wo -ihm von einer der grünen Livreen die blaue Militärmütze -sowie ein paar weißer Handschuhe gereicht wurde. Während -des Aufstreifens der Glacés aber warf er noch einmal -warnend zurück:</p> - -<p>»Nicht wahr, meine Herrschaften, Sie denken daran, -nach meiner Rückkehr nicht die geringsten Andeutungen -mehr. Es liegt alles daran, die Nemzows total zu überraschen. -Bitte, Maria Geschowa, wollen Sie diesen meinen -Wink auch untertänigst Seiner Durchlaucht dem Fürsten -Fergussow hinterbringen. Er probiert dort drinnen in -dem kleinen Mahagonizimmer zusammen mit Ihrem Gatten, -dem Herrn Oberst, mein neues Billard. Also wie -gesagt: Vorsicht! Und nun, <i>au revoir, mes chers</i>!«</p> - -<p>Damit verneigte sich die kräftige Gestalt, und man hört -seine Sporen gleich darauf über die Steinstufen klirren. -Allein der Hausherr hatte das Kommende, Unbestimmte, -das in der Luft schwebte und die Stirnen der Menschen -wie mit Geisterhänden schmerzhaft zusammenpreßte, dieser -verwünschte stiernackige Sassin hatte es in seiner bäuerlichen -Ahnungslosigkeit so sicher und ohne die geringsten -Skrupel als etwas Feststehendes hingemalt, daß der klobige -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -Stein nun mitten in der Stube lag, und jeder sich an ihm -die Füße wundstoßen mußte.</p> - -<p>Da waren besonders zwei Herren in schwarzen Gehröcken -mit sehr deplacierten weißen Krawatten, die bei den -letzten Worten des Rittmeisters kreidebleich wurden, um -darauf völlig nervös, jeder für sich, durch die Gesellschaft -zu irren. Es waren die Gebrüder Miljutin, Millionäre, -denen die große Porzellanmanufaktur gehörte, wo sie zahlreiche -Deutsche in ihrem Betriebe beschäftigten. Namentlich -die Blumenzeichner mußten sie gezwungenermaßen -aus dem Nachbarstaat engagieren, weil die Ideen der einheimischen -Künstler als zu verworren und phantastisch auf -dem Weltmarkt keine Geltung besaßen. Die beiden Gehröcke -sprachen bald diesen, bald jenen an. Immer deutlicher -perlte ihren Besitzern der Angstschweiß auf der -Stirn.</p> - -<p>»Ist es denn nun absolut sicher und beschlossen?« fragte -der ältere von ihnen, ein beleibter Herr mit einer goldenen -Brille, der etwas hinkte, und dabei vergaß er sich in seinem -Entsetzen so weit, daß er an einem der metallenen Frackknöpfe -des Gouverneurs leichtsinnig zu drehen begann, -ein Versehen, das er freilich durch eine überschwenglich tiefe -Verbeugung sofort wieder sühnte, »ist es denn nun absolut -sicher, Exzellenz, daß unser Reich dieses ungeheure Wagnis -unternimmt?«</p> - -<p>Hier wurde von den Offizieren laut gelacht, und selbst -die Damen zuckten mitleidig die Achseln. Ja, gerade die -Frauen schienen das rot umnebelte Abenteuer kaum noch -erwarten zu können. Es lag soviel Spannungsvolles darin. -Und dann – man wurde doch herausgerissen aus der -Stille, die langweilig und drohend zugleich über dem -riesigen endlosen Lande herniederdrückte, von dem ein Ende -das andere nicht kannte. Auch die bohrenden Grübeleien -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -über dies und jenes hörten mit einem Schlage auf, und -vor allen Dingen – man würde endlich, endlich den hochmütigen, -vielbeneideten Nachbarn beweisen können, wo -der junge, der zukunftsfrohe Gebieter der Welt säße.</p> - -<p>»Stellen Sie sich vor,« gab Herr Miljutin der Ältere -dem Gouverneur Bobscheff ängstlich zu bedenken, indem -er beinahe flehend in das Raubvogelangesicht des anderen -hinaufstarrte, »meine Fabrik – ich werde sie schließen -müssen. Die einheimischen Arbeiter werden eingezogen, -und auf die Frauen und Mädchen ist kein Verlaß.«</p> - -<p>»Oh,« krächzte Herr Bobscheff, und es klang, als ob -man eine Handvoll Glasscherben gegen eine Fensterscheibe -drücke, »es befinden sich unter Ihren jungen Mädchen -ein Paar recht kräftige und wohlgebaute.«</p> - -<p>Frau Bobscheff zuckte zusammen, soweit dies ihre unglückliche -Figur zuließ.</p> - -<p>»Wladimir Petrowitsch,« erinnerte sie in erhobenem -Ton, »Herr Miljutin wünscht von dir zu erfahren, ob du -die kriegerische Auseinandersetzung mit den Nemzows für -unvermeidlich hältst oder nicht?«</p> - -<p>»Ja, ich halte sie für unvermeidlich, meine Teure,« rang -sich die Giraffe aus dem nervös vornüberschwankenden -Halse ab, denn er machte sich mit Recht Vorwürfe, weil -er die Gegenwart seiner gewichtigen Lebensgefährtin, wenn -auch nur für einen Moment, übersehen hatte, »ich halte sie -für völlig unvermeidlich, Herr Miljutin. Ich bin hier der -erste Beamte, und in meinen Bureaus fließen die Stimmungen -des Gouvernements gewissermaßen zusammen. -Täglich lese ich zehn bis zwölf Zeitungen. Und wenn diese -die Abrechnung auch nicht laut fordern dürfen, so muß man -doch verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen. Ist Ihnen -das nicht aufgefallen?« examinierte er väterlich wohlwollend -weiter.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -Der Porzellanfabrikant rang heimlich die Hände.</p> - -<p>»Ich meinte – ich hoffte – ich glaubte –«</p> - -<p>»Tun Sie das nicht, Herr Miljutin,« schluckte der -Gouverneur krampfhaft. »Die öffentliche Meinung ist -für den Krieg, und in der Umgebung des Zaren, den der -lebenspendende Christus erhalte –,« hier verbeugten sich -alle anwesenden Offiziere und Beamten – »gedenkt man -nicht länger jede unverschämte Herausforderung hinzunehmen. -Seien Sie nicht kleinmütig, Herr Miljutin,« -fuhr die Giraffe ernst und strafend fort, als sie merkte, -welchen Eindruck ihre Rede erzielte und wie selbst die -korpulente Tatiana in der Schar der Hinzudrängenden -sich auf den Zehen erhob, damit sie besser lauschen könne. -»Wir müssen der Welt endlich beweisen, daß der slawische -Riese nicht dauernd auf seinem weichen Stroh liegt und -schläft.«</p> - -<p>»Bravo,« sagten einige Stimmen. »Haben Sie gehört? -Weiches Stroh. Das ist ein ganz vorzügliches Bild. Wladimir -Petrowitsch ist der geborene Redner.«</p> - -<p>»Und dann,« schnaubte der Gouverneur aus seiner einsamen -Höhe und fuhr gewohnheitsmäßig mit dem Taschentuch -über die Hakennase, »Herr Miljutin, ich wundere -mich, warum Sie die Hauptsache vergessen. Ist man nicht -auf der ganzen Erde gegen uns in Liebe entbrannt? Die -glorreiche französische Nation schätzt die Originalität unseres -Geistes und sieht in unserer ungebändigten Kraft« – -der Gouverneur erinnerte sich hier an eine kürzlich gelesene -Floskel, warf sich in die Brust und krächzte schwimmend -in Selbstbewunderung und Genuß – »ja, sie sieht in -uns eine gigantische Dampfwalze, dazu bestimmt, eine -breite Straße zu ebnen, auf der das französische Genie -uns entgegeneilt, um uns zu umarmen.«</p> - -<p>Die ganze Gesellschaft applaudierte. Rufe des Entzücken -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -wurden laut, und die Beamten des Gouverneurs -schlürften jene Floskel in sich ein, als müßten sie eine fette -Auster kunstgerecht über die Zunge gleiten lassen. Die runde -Kugel aber, die dem Gouverneur angetraut war, rollte auf -die Gattin des Obersten aus Mariampol zu, umarmte sie, -wobei sie ihre fleischigen Arme freilich nur um die Hüften -der Tatarin schlingen konnte, und küßte die junge Frau -auf die Brust.</p> - -<p>»Maria Geschowa,« entlud sie sich stürmisch, »hörten -Sie, wie Wladimir Petrowitsch sich eben über die Lage -äußerte? Oh, es ist nichts Kleines um einen politischen -Blick. Wie glücklich müssen Sie sein, Teuerste, weil Sie -in Frankreich Ihre Erziehung genossen. Wie beneide ich -Sie!«</p> - -<p>»Darf ich Ihnen ein Glas Tee bereiten, Exzellenz?« -warf die Tatarin ziemlich gleichgültig hin, als ob ihre Gedanken -mit etwas ganz anderem beschäftigt wären. Und -wirklich, die dunklen Augen der jungen Frau flammten -über die gepolsterten Schultern der Gouverneurin hinweg -und in eine matt erleuchtete Ecke. Und so gepackt und gefangen -beugte sie das schmale Haupt nach jener Richtung, -daß ein großer Teil der anwesenden Herren, für die -Maria Geschowa mit ihrer lächelnden orientalischen Verführungskunst -überhaupt den Mittelpunkt bildete, sich -gleichfalls über den dämmrigen Platz vergewissern mußte.</p> - -<p>Ganz plötzlich trat in dem lebhaften Gespräch eine -Stille ein.</p> - -<p>Selbst der Gouverneur Bobscheff stieg aus seinen Weihrauchswolken -hinab und entdeckte mit steigendem Mißbehagen, -wie dort hinten an dem einsamen runden Tisch -der Bergbaustudent Alexander Diamantow saß, das Haupt -mit den überquellenden schwarzen Haaren in beide Hände -gestützt. Der junge Mann schien, leidenschaftlich in sich -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -versenkt, das Bild der schwatzenden Menge absichtlich von -sich fernhalten zu wollen. Unbeweglich und tief gebeugt -verharrte er, nur die rasch atmende Brust zeigte, daß ihn -etwas quäle.</p> - -<p>»Alexander Isidorowitsch,« krächzte Bobscheff fast kreischend.</p> - -<p>Durch den schmalen Körper des Angerufenen ging ein -Zucken. Und merkwürdig, in der gleichen Sekunde wurde -auch der dunkelhäutige Nacken der Mariampolerin von einem -kurzen Schauer überkräuselt. So völlig vermochte sich die -Leidenschaftliche in die Stimmungen der Menschen zu -versetzen, die sie interessierten.</p> - -<p>Langsam ließ der Student seine Rechte sinken, und -um seinen ausdrucksvollen bartlosen Mund spielte ein -mattes Lächeln, als er die gereizte Giraffe jetzt mit einer -merkwürdig tiefen und für seine Jugend ungewöhnlich -markigen Stimme fragte:</p> - -<p>»Wünschen Sie etwas, Exzellenz?«</p> - -<p>»Ja – ja gewiß, Alexander Isidorowitsch, sind Sie -krank?«</p> - -<p>»Ich? – Durchaus nicht – oder doch nur so, wie -die meisten meiner Altersgenossen.«</p> - -<p>»Was meint er damit?« flüsterten ein Paar der Offiziere -verständnislos, »was meint der verfluchte Jude damit?«</p> - -<p>Man war allgemein empört. Nur Herr Miljutin der -Ältere schob seinen schwarzen Gehrock zögernd neben den -Sitz des Studenten, denn in seinem verängstigten Gemüt -dämmerte es, der hagere bartlose Mensch könne womöglich -sein einziger Bundesgenosse in diesem Kreise von -Wütenden und Blutlechzenden sein. Außerdem war Diamantow -ein Jude und liebte deshalb gewiß das Geld und -die geschäftliche Sicherheit.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -»Fahren Sie fort, junger Mann,« hauchte der Fabrikant -hinter dem Stuhl des Ingenieurs beinahe unhörbar -und begann ermunternd die Lehne des Sessels zu streicheln.</p> - -<p>Aber auch Maria Geschowa schritt mit ihrem kräftigen -wiegenden Gang geschmeidig an das runde Tischchen heran -und setzte ohne Überlegung das Teeglas, das sie eigentlich -für die Gouverneurin bestimmt hatte, vor Alexander Diamantow -nieder. Das dunkle, kräftige Organ des Studenten -hatte etwas in ihren Adern entzündet und brannte dort weiter. -Inzwischen hatte sich der Gouverneur gleichfalls an das -Tischchen herangedrängt und pochte jetzt mit seinen langen -Knochenfingern höhnisch auf die Platte:</p> - -<p>»Mir scheint, Alexander Isidorowitsch,« überschlug er -sich fast vor Heiserkeit, »Sie mißbilligen unsere große -heilige Sache? Sie haben kein Herz für sie. Ist es möglich, -daß Menschen so denken, die unserem Staate eigentlich -zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet wären? Herr, -Sie sind noch jung, stehen Sie etwa gar in einem militärischen -Verhältnis?«</p> - -<p>»Wie gründlich Wladimir Petrowitsch vorgeht,« verkündete -Frau Bobscheff hier mit großer Bewunderung.</p> - -<p>»Ja, ich bin Offizier,« sagte Diamantow ruhig und erhob -sich.</p> - -<p>»Er ist Offizier,« echote es im Kreise. »Man denke, -– wie fürchterlich.«</p> - -<p>»Herr, und in einer solchen Stellung, da fehlt Ihnen -die Begeisterung für die Zukunft unseres Volkes?« -schnaubte Herr Bobscheff weiter.</p> - -<p>»Sie fehlt mir nicht,« entgegnete der Student ruhig, -indem er seine Hände in die Seitentaschen seines einfachen -Jacketts vergrub, »ich suche sie nur nicht in kriegerischen -Eroberungen.«</p> - -<p>»Und warum nicht?« fragte Maria Geschowa, die ihm -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -jetzt, nur durch das Tischchen getrennt, dicht gegenüberstand. -Ihre heißen Augen tranken dabei schon im voraus -die Antwort von seinen hageren Zügen, und ihre Finger -glitten auf der Tischplatte unmerklich gegen die seinen, -als wünsche sie ihn dadurch zu ermuntern. »Und warum -nicht?«</p> - -<p>»Weil ich fürchte – –,« sagte der von allen Seiten -Bedrängte, der sehr gegen seinen Willen zum Mittelpunkt -der Unterhaltung geworden war, und zu gleicher Zeit wich -er dem Blick von Maria Geschowa aus und starrte unverwandt -auf das Muster des persischen Teppichs, »weil ich -fürchte – – –«</p> - -<p>»Was fürchten Sie zum Teufel?« inquirierte die Giraffe -unbarmherzig weiter.</p> - -<p>»Ich fürchte,« äußerte Diamantow mit geschlossenen -Lidern, wie wenn er sich dadurch von den anderen abschließen -könnte, »daß die spärlichen Keime einer freien -Entwicklung, die von der Jugend hie und da gesät wurden, -durch die Kriegsmaschine entwurzelt, zerstampft und wieder -auf ganze Epochen unterdrückt werden könnten.«</p> - -<p>»Ja,« sprach Maria Geschowa ganz leise.</p> - -<p>Es hörte sie niemand, nur Alexander Diamantow hob -die schweren Augenlider überrascht in die Höhe und sah -die junge schöne Frau sonderbar an. Es lag etwas wie ein -Erkennen in diesem kurzen sprechenden Blick, den die beiden -miteinander tauschten. Dann schob sich der Student durch -die widerwillig sich öffnenden Reihen hindurch und gedachte, -vornübergebeugt wie stets, in das Billardzimmer -zu treten, aus dem das harte Aufeinanderprallen der -Elfenbeinbälle deutlich herüberklang. Vor der Schwelle -jedoch wurde er noch einmal am Arm von dem Gouverneur -zurückgehalten, der ihm nun in seiner ganzen Länge und -zitternd vor Erregung den Weg vertrat:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -»Alexander Isidorowitsch,« hustete Herr Bobscheff in -einem krampfhaften Anfall, »verwünschte Heiserkeit – -in Momenten der Leidenschaft übermannt sie mich stets – -als Haupt der Verwaltung fühle ich mich für die Stimmung -innerhalb meines Kreises verantwortlich. Sie würden -mich deshalb sehr beruhigen, – nein wirklich, junger -Mann, sie könnten außerordentlich viel zu der inneren -Fassung der Anwesenden beitragen, wenn Sie mir jetzt -einen offenen und ehrlichen Aufschluß über Ihre Meinung -erteilten. Es ist doch selbstverständlich, Alexander -Isidorowitsch, – verzeihen Sie, wenn ich mich so in Ihr -Vertrauen dränge, allein ich bin es meiner Stellung schuldig -– ich setze voraus, daß Sie als Offizier Ihre Pflicht -tun werden!«</p> - -<p>Ein Ausruf des Unwillens folgte. Er kam von der -Frau des Obersten, die ihre Hand quer durch die Luft -warf, eine Zigarette an sich riß und rasch an ihren Platz -unter dem Fenster zurückkehrte. Der Bergbauingenieur an -der Schwelle jedoch richtete sich hoch auf. Eine Sekunde -lang verzerrten sich seine Züge, und aus den dunklen Augen -schoß ein solcher Strahl von Haß, daß die Offiziere unwillkürlich -sich näher um die Giraffe zusammenscharten.</p> - -<p>»Um Allerheiligen willen,« stammelte Herr Bobscheff -und sank in ihrem Kreise zusammen, denn durch sein verschüchtertes -Gemüt blitzte plötzlich die Erinnerung, daß -dieser aufrührerische Jude unter den Kohlenarbeitern einen -zahlreichen Anhang besäße. »Teuerster Freund, Sie werden -mich doch recht verstehen?«</p> - -<p>Inzwischen hatte der Student seine Hände wieder müde -in die Taschen gleiten lassen. Nun neigte sich die gestraffte -Gestalt abermals leicht nach vorn, und um den bartlosen -Mund glitt ein kühles, resigniertes Lächeln, als er mit -seiner dunklen Stimme stark und rückhaltlos erwiderte:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -»Wozu wollen wir hier erst Selbstverständliches erörtern? -Wir sind es gewohnt, unseren eigenen Willen -unterzuordnen. Ich werde ebenso handeln, Exzellenz, und -gehorchen. Das ist die Stimmung Ihres Kreises.«</p> - -<p>Er nickte noch einmal bekräftigend mit dem schwarzen -Haupt, drängte seine schlanke Gestalt durch die schweren -Falten des Vorhangs und war verschwunden. Nur von -nebenan hörten die Zurückbleibenden eine ungewöhnlich -wohlklingende und einschmeichelnde Stimme rufen:</p> - -<p>»Ah, Sie sind es, Alexander Isidorowitsch! Bei den -strahlenden Jungfrauen von Kasan, wie kommen Sie hierher -in den Kohlenstaub? Rasch, unser Spiel ist beendigt, -dem Himmel sei Dank, daß sich eine wirkliche, lebende -Seele zu uns verirrt. Wollen Sie eine Zigarette, Alexander -Isidorowitsch?«</p> - -<hr /> - -<p>Dies war die Unterhaltung der teuren Freunde, in deren -Kreis der Rittmeister Sassin seine deutschen Gäste, leuchtend -vor Unbefangenheit und Frohsinn, einführte. Wirklich, -die Fremden mußten den Eindruck empfangen, daß -der ganzen Gesellschaft durch ihr Erscheinen eine offenkundige, -unbestrittene Ehre widerführe, die sich in heitersten -Mienen und jener fast übertriebenen slawischen Freundlichkeit -äußerte. Noch immer schien das Übergewicht der -Germanen dieser Völkerschaft gegenüber unerschüttert und -von allen willig anerkannt.</p> - -<p>»Sehen Sie, sehen Sie,« rief Sassin nach der Vorstellung -laut durch das Zimmer, »die wunderschönen -Damen von Maritzken. Aber ist es nicht wahr – ist es -nicht wahr,« wiederholte er beseligt, »welch ein wundervolles -Beispiel die drei Damen und mein bester Freund -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -Rudolf Bark uns allen in dieser Stunde geben? Sie verachten -das widerliche und blödsinnige Geschwätz, das nur -in den Köpfen von ein paar Narren entstanden ist. Sie -leisten damit etwas sehr Wichtiges. Ist es nicht so, -Exzellenz?« erkundigte er sich eindringlich bei der Giraffe, -die mit weit vorgeneigtem Hals die drei deutschen Mädchen -betrachtete.</p> - -<p>Und seltsam, es war, als ob in diesen Zimmern, die -vor Neuheit und mit ihrer eben erworbenen Einrichtung -wie poliert glänzten, niemals Wut und Neid und die -Freude am Zerstampfen mit lechzenden Wolfszungen geheult -hätten. Äußerst zufrieden blickte sich Herr Bobscheff -um. Kaum jemals zuvor war es der Giraffe so stark wie -heute in das Bewußtsein gedrungen, wie meisterhaft seine -Landsleute die Verstellungskunst zu üben wußten und -welchen hohen Grad der allgemeinen Schauspielerei diese -Rasse erreicht hatte. Da stand seine dicke Tatiana – zum -Henker, sie wurde immer faßähnlicher; wenn man sich -vorher an den bestrickenden Linien der brünetten Deutschen -erlabt hatte, da verdarb einem diese unwahrscheinliche Anhäufung -des Fettes jegliche gehobene Stimmung – da -stand die Kugel neben dem zierlichen deutschen Rotkopf, -streichelte dem schmiegsamen Mädchen unaufhörlich die -Wangen und sprudelte aus den Plusterbacken Lobeserhebungen -und Hymnen über die schmalen Füßchen der Kleinen, -die in so allerliebsten weißen Halbschuhen steckten. »Unsere -Schuhfabrikation ist besser und reeller als der Schund da -drüben,« dachte der Gouverneur. »Aber das Reizvolle, das -Scharmante steht auf jener Seite. Obwohl auch bei uns – -ach ja, es gibt schon Frauen – –,« seufzte er kopfschüttelnd -in sich hinein, und er blickte wie zur Bestätigung auf -die schlanke Gestalt von Maria Geschowa, die, verdeckt -durch das Fensterstore, eine ihrer angeregten und sprudelnden -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -Unterhaltungen mit dem fremden Kaufmann zu führen -schien; »sieh einmal, diese berechnete Intriguantin,« dachte -die Giraffe trauervoll und drückte den Daumen der Linken -schmerzhaft in die rechte Handfläche. »Sie zeigt ihm -dort draußen auf der Straße einen vorübergehenden Kosaken. -Zum Teufel, die Kerle sollen doch in ihren Kasernen -bleiben! Aber wozu muß sie sich dabei so eng an -seine Schulter lehnen? Der verwünschte Schmarotzer hält -beinahe seinen Arm um ihre Hüfte geschlungen. Die Vorurteilslosigkeit -dieser schönen Frau ist jedenfalls nicht zu -billigen.«</p> - -<p>Die Deutschen bildeten bald den Mittelpunkt der Gesellschaft. -Es war, als ob alle anderen nur eingeladen wären, -um den Gästen das Bild eines harmlos sich vergnügenden -Kreises einzuprägen, der weit davon entfernt war, an eine -Unterbrechung seiner gewohnten Zerstreuungen zu glauben. -Überall flogen leichte Scherzworte auf, die Fähigkeit der -Slawen, geschätzte Personen zu ehren und zu bedienen, -äußerte sich in jeder Handreichung.</p> - -<p>Marianne lag in einem Schaukelstuhl und wiegte sich -leise auf und nieder. Um sie herum bewegte sich ein -ganzer Troß von Offizieren, die sich den Wünschen des -verführerischen Weibes dienstbar zu machen strebten. Der -eine hielt ihr ein Aschenschälchen, denn sie sog mit Genuß -an einer der ihr angebotenen aromatischen Zigaretten; ein -zweiter hütete den silbernen Untersatz des Teeglases, an -dem sie nippte; zwei weitere hielten den Stuhl in seiner -schaukelnden Bewegung, und vor ihr stand der Rittmeister -Sassin, den das Schweben und Gleiten der Brünetten -bereits bis zur Tollheit begeistert hatte. Seine blauen -Knabenaugen schwammen vor Erregung, und er fand es -direkt sündhaft, weil sich auch seine Kameraden an den -Huldigungen für das berückende Geschöpf beteiligen durften. -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -Wahrhaftig, dazu hatte er doch nicht die Kosten dieser -so ungewohnt vornehmen Teestunde auf sich genommen. -Ob man es wagen konnte, der Schwarzen einen erläuternden -Gang durch das gesamte Hauswesen anzubieten? -Hm, der teure Freund Rudolf Bark, dem er doch -eine so überaus ablenkende Gesellschaft zugewiesen, der -verfluchte Krämer mit den ernsten Augen, er behielt immer -noch Zeit, die Gruppe um den Schaukelstuhl aufmerksam -zu verfolgen. Dazu schoß Leo Konstantinowitsch plötzlich -eine ganz widerspruchsvolle Eifersucht durch den Kopf. -Blitzartig fiel ihm ein, wie er bei seinem letzten Besuche in -der deutschen Stadt von allerlei Beziehungen hatte flüstern -hören, die Marianne an einen Offizier der dortigen Garnison -knüpften. Sie hatte ein Verhältnis. Das machte sie -nur noch begehrenswerter. Zum Teufel, wie hieß doch -der Dummkopf? Und in diesem Augenblick fiel der Aufgeregte -aus der Rolle und beging eine Torheit.</p> - -<p>»Gnädigste,« sagte er mit seinem lauten Organ, das er -um keinen Preis dämpfen konnte, »ich hatte die Freude, -Sie neulich auf den Wallgängen der Stadt mit dem ganz -ausgezeichneten Fritz Harder promenieren zu sehen. Darf -ich mir die Frage erlauben, ob dieser Bevorzugte das Glück -besitzt, Ihre Freundschaft zu genießen?«</p> - -<p>»Gott,« warf Marianne hin, die inmitten so vieler Anbeter -die Nähe ihrer Schwestern vergaß, und sie errötete -weder, noch gab sie das angenehme Wiegen auf, »ein guter -Bekannter von mir, wie viele andere. Was bezwecken Sie -übrigens mit der Frage, Herr Rittmeister?« setzte sie -gleichgültig hinzu, schlug die Füße leicht übereinander und -blies eine feine Dampfwolke von sich.</p> - -<p>»Oh,« rief Leo Konstantinowitsch strahlend und mit der -ihm angeborenen Begabung für schlaue Galanterie, »das -schafft mir die einzige Feindschaft vom Halse, die ich einem -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -deutschen Offizier etwa entgegentragen könnte. <i>Merci</i>, -mein Fräulein.«</p> - -<p>»Leo Konstantinowitsch ist ein Schlaukopf,« fing Konsul -Bark dicht neben sich das geheimnisvolle Raunen -zweier Unterleutnants des Dragonerregiments auf, um -deren weiche Knabengesichter noch kaum der Flaum zu -sprossen begann, »hörst du, Alexei, wie er das schwarze -Pferdchen zu einem Gang durch die Villa antreibt? Ich -wette, sie wird sich erbitten lassen?«</p> - -<p>»Wahrscheinlich,« pflichtete der angeredete Fahnenjunker -bei und über sein kränklich blasses Antlitz, das er unausgesetzt -dem Schaukelstuhl zugewendet hielt, flog ein frühreifer, -übersättigter Schein, »du hast recht, da erhebt sie sich.« -Aber gleichzeitig zuckten die Lippen in dem fahlen Gesicht, -und unwillig kehrte sich die zarte Jünglingsfigur ab. -»Merkwürdig, wie Leo Konstantinowitsch gerade heute -Lust und Neigung für so etwas aufzubringen vermag,« -stieß er noch ungehalten zwischen den Zähnen hervor.</p> - -<p>»<i>Mon Dieu</i>, Alexei, was soll man tun?«</p> - -<p>»Ich habe heut vormittag mein Testament aufgesetzt,« -erklärte der kränkliche Fahnenjunker ganz still. »Man -kann nie wissen. Ich schrieb darin meinem Vater, dem -Polizeioberst in Kiew, vieles, was ich bei uns im Hause, -aber auch draußen anders wünschte. Er hätte es sonst nie -von mir hingenommen, denn wir mußten immer schweigen. -Freilich, für ein solches Schriftstück kann man später -nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.«</p> - -<p>»Ja, du machtest dir immer viele Gedanken, Alexei, -anstatt dem Leben, wie wir anderen, ein Paar vergnügte -Stunden abzugewinnen. Aber st! – –, lieber Bruder, -dort unter dem Fenster spitzt man die Ohren. Komm, laß -uns in das Billardzimmer gehen und hören, was -<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -Fürst Fergussow aus Petersburg zu erzählen weiß. Die -Entscheidung kann ja nicht mehr lange währen.«</p> - -<p>Damit strichen die beiden Knaben ihre Waffenröcke zurecht -und schlenderten auf den eleganten Lackstiefeln fast unhörbar -in den Nebenraum.</p> - -<p>Also doch – also doch!</p> - -<p>Der Konsul fühlte, wie ihm etwas durch die Stirn -schnitt. Es war, wie wenn man einen klirrenden Pfeil -durch sein Gehirn geschossen hätte. Eine Sekunde lang -konnte er sich durchaus nicht mit der Lage vertraut machen, -in der er sich befand. Auch dafür, daß draußen die -Welt und alles, was bisher als feststehend galt, binnen -kurzem wie ein mürber Teig in einer Riesenschüssel von -Gigantenfäusten durcheinander gerührt werden konnte, auch -dafür fehlte ihm plötzlich jede Vorstellung. So lähmend -war die Mattigkeit, die seine sonst so geschmeidigen Glieder -befiel, daß er immer noch mit demselben vieldeutigen -Lächeln den Fragen Maria Geschowas lauschen konnte, -die zu ihrer Freude in ihm einen Kenner des Theaters -entdeckt hatte.</p> - -<p>»Also Sie kennen die kleine Schwarz?« sagte die Tatarin -und schlug die dunklen Augen, die nie ihren auffordernden -Ausdruck verloren, langsam gegen ihn empor. -»Ich sah sie neulich in einem Ihrer modernen Stücke -spielen. Ich vermag die Zustände bei Ihnen natürlich nicht -zu beurteilen, aber in der Darstellung der schönen Person -fiel mir die Wichtigkeit auf, die sie ihrer Bedeutung als -Frau, ja darüber hinaus der ganzen weiblichen Liebeshuld -beizumessen schien. Ich glaube, das alles wird in Ihrem -Vaterland sehr überschätzt.«</p> - -<p>»Oh,« entgegnete der Konsul gewohnheitsmäßig, obwohl -er sich mit aller Kraft an dem Messingknopf des Fensters -festhalten mußte, »es gibt doch einzelne Frauen, denen -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -gegenüber die Schätzung nie hoch genug gegriffen werden -kann.«</p> - -<p>Es sollte einschmeichelnd klingen, aber Maria Geschowa -mit ihrem feinen Ohr hörte deutlich heraus, wie weit der -Geist des hübschen Mannes von ihr entfernt weilte.</p> - -<p>»Lassen wir das,« sagte sie hochmütig und wiegte sich -ablehnend in den Hüften, »wir Slawen beschäftigen uns -in der Kunst mehr mit sozialen Verhältnissen. Diese Dinge -erfüllen unsere ganze Phantasie. Aber was haben Sie, -lieber Freund?« unterbrach sie sich eifrig, denn sie sah, -wie der Kaufmann starr auf die Straße hinausblickte, wo -drei Soldaten in Kosakentracht singend und brüllend vorüberliefen.</p> - -<p>Jetzt vermochte der Konsul nicht mehr das nervöse Zucken -der Mundwinkel noch den kurzen Atem, der ihm durch -den Schrecken eingegeben war, zu verbergen. Da draußen -die drei langröckigen, halbbarbarischen Gesellen, die unter -ihren Pelzmützen dahintaumelten, wie kamen sie hierher? -Er wußte doch, daß in der Grenzstadt kein Kosakenregiment -lag. Und diese hier – er glaubte es an den sauberen Uniformen -und den blitzenden Silberverschnürungen zu erkennen -– sie gehörten sicher der Petersburger Garde an. -Immer ängstlicher und aufgescheuchter tobten seine Gedanken -gegeneinander. Die Selbstbeherrschung und feste -Sammlung, die trotz seiner leichten Manieren sein ganzes -Wesen ausmachten, stoben in diesem Augenblick, wo er -das Rollen eines Völkergewitters schon über seinem Haupte -poltern hörte, von ihm ab. Obwohl der Herr des Goldenen -Bechers genau wußte, daß es töricht sei, die Maske des -Vertrauens und der sicheren Überlegenheit gerade vor der -klugen Tatarin, neben der er weilte, zu lüften, die Spannung, -die in ihm zerrte, zerriß jedes Bedenken. Nein, er -mußte hören, wie eine Vollblutrussin den schweren Verdacht, -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -der ihn überwältigte, entkräften würde. Was diese -reizende Person jetzt wohl zusammenlügen wird? dachte -er halb neugierig.</p> - -<p>Und da sprach sie bereits. Sie legte ihm die Spitze des -Zeigefingers fest auf die Brust und fragte mit ihrer warmen, -immer leise vibrierenden Stimme:</p> - -<p>»Wie heißen Sie, lieber Freund?«</p> - -<p>»Ich? – Ich heiße Rudolf Bark.«</p> - -<p>»Nun, Rudolf Bark,« lächelte die Tatarin, indem sie -sich geschmeidig mit dem Rücken gegen das Fenster schob, -so daß er jetzt gezwungen in ihr dunkles Antlitz blicken -mußte, »sind Ihnen die drei Kosaken dort auf der Straße -wirklich interessanter, als ich, die ich mir doch soviel -Mühe gebe, Ihnen zu gefallen?«</p> - -<p>Der Angeredete, der so unvorbereitet seine Gedanken erraten -sah, erschrak. Zum Teufel, wie klug doch diese Russin -war, viel gescheiter und gebildeter als die Männer ringsumher. -Zu jeder anderen Zeit hätte er das Geplänkel fortgesetzt, -um zu ergründen, wie weit das eigenartige Geschöpf -durch ihre Koketterie geführt werden könnte; allein jetzt -– jetzt – alle diese Nichtigkeiten erschienen ihm im Moment -widerwärtig und abscheulich. Er begriff gar nicht, -daß er ihnen jemals Bedeutung beigelegt.</p> - -<p>»Es überrascht mich,« entrang es sich ihm ohne jede -Vorsicht, die er doch unter allen Umständen einzuhalten -gewillt war, »wie die drei Kosaken hierher gelangt sind. -Nach meiner Kenntnis gab es bis vor kurzem keine derartigen -Truppen hier. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, Gnädigste,« -setzte er rasch hinzu, als er den langen, weichen, -fast betrübten Blick der jungen Frau empfand, »aber -sehen Sie, wir Deutschen besitzen nun einmal die unangenehme -Eigenart, alles Militärische besonders stark auf -uns wirken zu lassen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -Wie hübsch der elegante schlanke Mann sprach und wie -rot sich seine Wangen vor innerer Aufregung gefärbt hatten. -Maria Geschowa schämte sich, daß sie an dem albernen -Komplott, das ja bereits von dem erfahrenen Kaufmann -durchschaut wurde, mitwirken sollte. Daneben aber glühte -in ihr die echt weibliche Begierde auf, einen Mann in den -Maschen eines Netzes zu verstricken, dessen Verschnürungen -man selbst fest in der Hand hielt. Im Grunde war es doch -eigentlich ein wohliges Gefühl, zu wissen, daß man unbeschränkte -Macht besäße über das Schicksal so freier und -aufrechter Menschen. Darin lag ein eigenartiger Kitzel, ein -ganz neuer Genuß. Und fortgerissen und lebhaft fand sie -sich in die Rolle und zuckte deshalb ein wenig verächtlich -die weichen Schultern:</p> - -<p>»Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Rudolf Bark,« -versetzte sie mit feiner Ironie, und auch die vollen Lippen -bekundeten eine gewisse trotzige Sucht nach Lüge und Intrigue. -»Die drei Burschen dort draußen gehören zur Begleitung -meines Mannes. Sie werden selbst sehen, die -Wichte verstehen es viel besser, mir meinen seidenen Mantel -umzulegen, als einen Karabiner loszudrücken.«</p> - -<p>Da war die Unwahrheit heraus. Und seltsam, als Maria -Geschowa ihren Blick jetzt in die kühlen, von Zweifel erfüllten -Augen des Mannes richtete, von dem sie beinahe -hoffte, daß er sie durchschauen möge, da malte sich auf -ihren dunklen Bronzezügen ein freches, wildes Flimmern, -wie sie es wohl als Kind den Ihrigen daheim auf dem -kaukasischen Gebirgsgut gezeigt, wenn sie entwendete Äpfel -zu verleugnen hatte. Und siehe da, ihr Partner blieb ihr -gewachsen. Es bereitete ihr selbst eine wollüstige Befriedigung, -als er mit seinem gewinnendsten Lächeln entgegnete:</p> - -<p>»Aha, die Begleitung Ihres Mannes – und sie legen -Ihnen den Mantel um – –, ich bin leider durchaus zivil, -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -gnädige Frau, aber bei einer derartigen militärischen Verwendung -würde ich mich sofort auf Avancement melden – –«</p> - -<p>»Pfui,« atmete Maria Geschowa, bei der der lauernde -und gespannte Zug noch immer nicht entschwunden war, -erleichtert auf, »Sie werden unartig, bester Freund. Darf -ich Ihnen nicht lieber eine Tasse Tee bereiten? Solch -ein Trank aus unserem Samowar schwemmt uns alle -unnötigen Sorgen fort.« Und indem sie ihm abermals mit -dem Zeigefinger leicht auf die Brust tippte, forschte sie ungeduldig: -»Weshalb sehen Sie so unausgesetzt nach der -großen, blonden Walküre, die Sie mitgebracht? Sind Sie -ihr Vormund?«</p> - -<p>Ja, der Prinzipal des Goldenen Bechers hing sich mit -allen Sinnen an die aufrechte Gestalt der Ältesten von -Maritzken, weil ihn nicht eine Sekunde die treibende Furcht -verließ, daß er hier unter diesem fremdsprachigen, auf der -Lauer liegenden Volke ihr einziger Schutz und ihre letzte -Hilfe sei. Wenn er doch nur unauffällig an ihre Seite -gelangen könnte, um ihr seine aufkeimenden Bedenken bemerklich -zu machen. Allein Johanna weilte in zwangloser -Unterhaltung mit dem Fabrikbesitzer Miljutin an demselben -Tischchen, das der Student Diamantow vor kurzem verlassen, -und an ihren suchenden, manchmal hilflosen Gebärden -erkannte Rudolf Bark, wie sie bei dem russischen -Kaufmann sicherlich in der ihr nicht ganz geläufigen französischen -Sprache allerlei geschäftliche Erkundigungen einzog. -Ihr heut leicht gewelltes Blondhaar leuchtete selbst -in der dämmrigen Ecke so voll Glanz und hellem Schimmer, -ihre Haltung war so frei und dabei doch so stolz und -straff, daß den Beobachter plötzlich die fast berauschende -Genugtuung durchströmte – eine deutsche Frau!!</p> - -<p>Wenn er sie nur erreichen könnte!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -Allein Johanna war zu sehr in die praktischen Erläuterungen -vertieft, die ihr Herr Miljutin hinter seiner goldenen -Brille, ein wenig stockend und schüchtern wie immer, -angedeihen ließ, als daß sie auf ihren einzigen wahrhaften -Freund in dieser Gesellschaft geachtet hätte. Das Kapitel -des Pferdeeinkaufs war bereits zu ihrer Befriedigung abgehandelt -worden, jetzt berichtete ihr der Fabrikant voll -Stolz von seinen eigenen Erzeugnissen, und daß er auch -Decke und Sims des kleinen Billardzimmers mit ganz -neuartigen, perlmutterfarbig irisierenden Kacheln ausgelegt -hätte:</p> - -<p>»Als Borten, mein teures gnädiges Fräulein,« lispelte -Herr Miljutin, »sind Goldmajoliken verwandt, und an -der Breitseite ist aus lauter kleinen Mosaik-Porzellanstückchen -das Bild unseres erhabenen Zaren als Ritter Sankt Georg -eingelegt. Ja, es ist ein schönes Werk des Friedens,« murmelte -der Fabrikbesitzer mit kaum hörbarem Kummer, und -indem er auf seinem verkürzten Fuß einen Schritt voranhinkte, -verneigte er sich an der Schwelle und vollführte -eine einladende Bewegung. »Sie würden mich außerordentlich -ehren, teures Fräulein, wenn Sie meine bescheidenen -Leistungen selbst beaugenscheinigen wollten. Bitte, treten -Sie ein.«</p> - -<p>Demütig hob er den Vorhang, und Johanna nickte zustimmend -und schritt über die Schwelle.</p> - -<p>Später erinnerte sie sich unausgesetzt jenes Augenblicks. -Es war, wie wenn eine Nonne die Zelle des Friedens -verläßt, um sich in das ihr unbekannte Getümmel zu verlieren.</p> - - - - -<h3>V.</h3> - - -<p>Die Portiere schloß sich über den Eintretenden, allein -dicht hinter ihr wurzelte Johanna fest. Ihre Hände suchten -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -nach rückwärts die Falten des bunten Vorhanges zu gewinnen, -als müsse sie sich um jeden Preis an etwas Irdisches, -ihr Gewohntes anklammern. Es war nicht das -trauliche und mit wirklich erlesenem Geschmack eingerichtete -Gemach, das das erdgebundene Wesen des Landmädchens -für eine vorüberschnellende Sekunde so sehr verwirrte, bis -es von allem, was sie bisher erlebt, abgelenkt war; es -war auch nicht, wie sich Herr Miljutin vielleicht schmeichelte, -der merkwürdige Meerglanz der Decke, die unwahrscheinliche, -feuchtfunkelnde Strahlen auf sie herabschoß, -es war vielmehr die ihrem prosaischen Gemüt vollständig -unerklärliche Vorstellung, ein Götterbild oder ein Heros, -jedenfalls irgend etwas Übermenschliches verkünde sich ihr -unvermutet in ruhiger, selbstverständlicher, beinahe eisiger -Schönheit. Aber das war nicht das richtige Wort. Herr im -Himmel, sie fand kein anderes, als sie in dem ersten -Schrecken, der ihre arbeitsame, unempfindliche Natur anfaßte, -dasjenige zu bezeichnen suchte, was ihr so ungeahnt -jede Beherrschung raubte. Da lehnte vor ihr an der schweren -Mahagonieinfassung des Billards eine wunderbar ebenmäßige -Männergestalt, breitschultrig und dabei schlank und -wohlgefügt, als wenn ein Künstler den Körper aus Marmor -geformt hätte. Nur bizarrer Eigensinn schien die -muskulösen und doch jugendlich weichen Glieder mit der -eleganten dunkelblauen Dragoneruniform aus feinstem -Tuch bekleidet zu haben, um deren Achselbiegung sich ein -paar blitzende Silberschnüre herumzogen. Und nun welch -ein Haupt!</p> - -<p>Johannas Nüchternheit war weit davon entfernt gleich -nervösen rasch gewonnenen Genossinnen ihres Geschlechts -etwa bei dem ersten Blick in schwärmerischer Anbetung -aufzulodern. Nichts dergleichen empfand ihre herbe deutsche -Fassung dem völlig neuartigen Bild von Männerschönheit -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -gegenüber, das wie aus dem Himmel gefallen plötzlich -vor ihr aufragte. Nur ein ungeheures kindliches -Staunen erfüllt sie ganz und gar. Und mit einer namenlosen -Bewunderung betrachtete sie das Meisterwerk in einer -Andacht, die nicht frei war von künstlerischer Erhebung. -Durchaus natürlich fand sie es ferner, daß auch der fremde -Offizier in vollkommener Bewegungslosigkeit vor ihr verharrte, -und nicht der leiseste Verdacht beschlich sie, der -junge strahlende Mann könnte nur deshalb seine lässig -angelehnte Stellung so dauernd beibehalten, weil seine -großen braunen Augen sich in dem hellen Ährenschimmer -ihres Haares verfangen hatten.</p> - -<p>Eine Erinnerung peinigte das Landmädchen. Wo hatte -sie doch das feine schmale Haupt mit der fast griechischen -Nase und den sanft überbräunten Wangen bereits einmal -gesehen? Und vor allen Dingen, die wirre Fülle kurzer, -brauner Locken, von denen die hohe Stirn trotzig und widerwillig -umrahmt wurde, mußte sie ihr nicht den Eindruck -verstärken, als wenn das alles ihre Phantasie schon oft -beschäftigt hätte?</p> - -<p>Und richtig, ein erlösender Blitz riß ihre Befangenheit -auseinander. Jetzt wußte sie es. In ihrem Schlafzimmer -zu Maritzken hing ein alter, halb verräucherter Buntstich, -der die anmutigen und doch nachdenklich-melancholischen -Züge des Preußenprinzen Louis Ferdinand wiedergab, des -edlen Opfers von Saalfeld. Oh, wie seltsam die -schöpferische, vielgestaltige Natur sich wiederholte! Hier -saß in jeder Linie derselbe Mensch, bequem und doch -voll anerzogener Eleganz auf der Umrahmung des Billards, -und ohne daß er ein Wort äußerte, sagten die -sanften lächelnden Augen des Offiziers ganz deutlich, daß -ihm das große blonde Mädchen eine erfreuliche Erscheinung -böte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -»Nur reichlich verwöhnt scheint der vornehme Herr mit -den silbernen Achselschnüren zu sein,« dachte die praktische -Johanna, die sich plötzlich ihrer Bewunderung mit einem -harten Ruck entriß, weil der Offizier ein Lebenszeichen von -sich gab, indem er sich gefällig gegen sie verneigte. »Bei -uns pflegen sich Militärs zu erheben, wenn sie eine Dame -begrüßen. Wozu schlenkert dieser so anhaltend mit den -hohen Reiterstiefeln aus Lackleder? Und Himmel, trägt er -nicht goldene Sporen? Das muß ein großes Tier sein!«</p> - -<p>»Teures Fräulein,« hauchte neben ihr der Fabrikbesitzer -Miljutin und rückte viel verschüchterter, als sonst, an seiner -goldenen Brille, »bevor ich die Ehre habe, Ihnen das -Mosaikbild unseres allergnädigsten Gossudars zu zeigen, -erlauben Sie gütigst eine Vorstellung.« Er verbeugte sich -tief gegen das Billard, als wäre es viel wichtiger, die Zustimmung -des Dragoneroffiziers einzuholen, und fuhr zitternd -vor der Bedeutung seines hohen Bekannten fort: -»Dies ist Fürst Dimitri Sergewitsch Fergussow von den -Petersburger Gardedragonern. Er genoß die Ehre, einer -der Adjutanten unseres Zaren gewesen zu sein, den der -lebenspendende Christus erhalten möge. Und dieser Herr -hier,« sprach Herr Miljutin weiter, nachdem Johanna ihr -Haupt stolz und gemessen geneigt hatte, als wollte sie sich -selbst durch doppelte Zurückhaltung für ihre anfängliche -kindische Fassungslosigkeit bestrafen, »dieser Herr ist Oberst -Geschow aus Mariampol.« Und mit einer halb wegwerfenden -Handbewegung setzte der Fabrikant noch hinzu: -»Ach, richtig –, daß ich es nicht vergesse, dies hier ist -Alexander Diamantow, ein Bergbaustudent.«</p> - -<p>Die Älteste von Maritzken hatte den Fürsten Fergussow -mit Unrecht verdächtigt. Denn während die anderen beiden -Herren sich verbeugten, wie man sich eben vor einer eintretenden -Dame verneigt, gab der Aristokrat mit einer -<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -gewissen Hast seine lässige Stellung auf, ganz wie wenn er -für die Zwanglosigkeit, in der man ihn überrascht, lebhaft -um Nachsicht zu werben hätte. Und die Art, wie er nun -der blonden Deutschen seine Ehrfurcht bewies, ließ auf -den ersten Blick erkennen, daß der schöne Mensch seine Erziehung -auf dem Parkett des Hofes genossen haben müsse. -Ohne das Wort an die Fremde zu richten, trat der Dragoneroffizier -höflich zur Seite, um den Ankömmlingen -den Weg zum Mosaikbilde freizugeben. Kaum hatte ihm -Johanna jedoch den Rücken gekehrt, da folgte ihr ein -müder, etwas gleichgültiger Blick, der dann zu dem -Obersten und dem Bergbaustudenten herüberglitt und von -einem Achselzucken begleitet war. Die Gebärde schien auszudrücken: -»Wozu die Unterbrechung?« Trotzdem begaben -sich die drei Herren gleichfalls an die Breitseite der -Wand, als wollten sie den Eindruck beobachten, den das -Mosaikbild auf diese kühle, große Frau hervorbringen -würde.</p> - -<p>»Eine echte Nemza,« dachte Dimitri Sergewitsch, der -direkt hinter dem Mädchen verweilte und auf diese Weise, -ohne daß sie es merkte, ganz aus der Nähe ihre reife -Blondheit festzustellen vermochte. »Fade,« urteilte der -Fürst abschätzend und ohne eine Spur innerer Achtung, -»ein grobes, starkknochiges Geschöpf.« Und doch bückte -er sich katzenhaft, um dem Mädchen das Taschentuch aufzuheben, -das ihr eben aus der Rechten entglitten war. Mit -einer formvollendeten, artigen Verneigung, die die äußerste -Dienstbeflissenheit verriet, reichte er ihr das Gewebe -zurück. »Es ist dick wie ein Scheuertuch,« gestand er sich -dabei selbst. »Wie geschmacklos sich die Deutschen kleiden. -Nicht einmal ein Tröpfchen Parfüm hat sie angewendet. -<i>Fi donc!</i>«</p> - -<p>Fürst Fergussow schwärmte nicht für die Blonden. Er -<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -schwärmte überhaupt für nichts. Er suchte nur immer. -Und der verwöhnte Liebling der Petersburger Salons grübelte -manchmal ernsthaft darüber nach, ob das Geschenk -des Lebens nicht eigentlich eine gemeine und widersinnige -Teufelsgabe wäre. Immer frischer Reizmittel bedurfte man, -um diese abspannende, diese zermürbende Gleichgültigkeit -stets von neuem aufzurütteln. Und in einer jener Stunden -der Lethargie oder der nagenden Selbstzerfleischung, wenn das -Daseinsflämmchen verendend zuckte, da war der bewunderte -Dimitri Sergewitsch, der Held so vieler Romane, zuletzt -in einen Kreis junger Studenten und mittelloser, im -Avancement übergegangener Offiziere geraten, die ihre -fest geschlossene Vereinigung das »Symposion« nannten. -Unter den Symposiasten aber herrschte die Überzeugung, -daß man das Leid und die Widerwärtigkeiten des Daseins -nicht köstlicher betrügen könne, als durch ein gemeinschaftliches, -freiwilliges Ende in voller Kraft und Rüstigkeit. -Nachdem man vorher eine Orgie gefeiert, die alle Blüten -der Kultur, die giftigen sowohl wie die himmlischen, gleich -einem Kranz um die Häupter der Teilnehmer geschlungen. -Hier hatte er auch Diamantow getroffen, dessen soziale -Hoffnungen wieder einmal gescheitert waren. Der Student -war allmählich von der verzweifelten Idee befallen worden, -im Grunde fügten die Volkserwecker, die die träumenden -Massen aus ihrem Schlafe aufzurütteln versuchten, den -Hindämmernden ein schweres Unrecht zu. Denn nur Nichtwissen, -Traum und Schlummer machten das Dasein erträglich. -Voll zehrender Leidenschaft wurden diese auflösenden -Ansichten verkündet, und alles war bereits für -die große Orgie vorbereitet, als Fürst Fergussow, und mit -ihm gerade die Vornehmsten des Symposions, plötzlich -ohne jeden erkennbaren Grund fortblieben, und der Rest -durch die Polizei auseinander gesprengt wurde. Keiner der -<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -armen Mißleiteten warf Dimitri Sergewitsch indessen etwa -Feigheit vor. Dazu war die Tollkühnheit des Gardedragoners -in der Hauptstadt zu sehr bekannt, man wußte -überdies, daß er erst im letzten Winter ein paar ertrinkenden -Kindern in die Eisschollen treibende Newa nachgesprungen -sei. Also Feigheit nicht. Die einen meinten, eine sehr, sehr -junge Dame aus der höchsten Aristokratie, kaum dem Kindheitsalter -entwachsen, hätte seine launenhafte Neigung für -ein paar Monate entfacht, und die Erde reiche ihm wiederum -ihre heißen Geschenke. Die anderen erzählten gerade das -Gegenteil. Bei Hofe, flüsterten sie sich achselzuckend zu, -wäre ein wundertätiger Mönch aus einem fernen Kloster -erschienen, der die Macht bewiesen hätte, abgeschiedene -Geister aus dem Jenseits zu rufen und die Seelen seiner -Vertrauten durch inbrünstige Ekstasen in ein höheres Reich -der Wonne zu heben. Aber Dimitri Sergewitsch! Man -schüttelte den Kopf. Sollte wirklich dieser eiskalte Rationalist -zu jenen heiligen Schwärmern gehören?</p> - -<p>Warum nicht?</p> - -<p>Sein rastlos hin und her zuckendes Gemüt, das immerfort -die Farbe wechselte, je nachdem ihn eine neue Laune -quälte, es konnte sich gewiß auch heißhungrig in die Abgründe -der Mystik stürzen. Freilich nur, um jene Klüfte -bald darauf wieder, verächtlich lächelnd, mit dem Spieltisch -oder dem Boudoir einer Zirkusreiterin zu vertauschen.</p> - -<p>»Kann die Mosaik Ihren Beifall erringen, teures Fräulein?« -fragte Herr Miljutin der Ältere noch demütiger -als sonst.</p> - -<p>Johanna geriet in einige Verlegenheit. Die steifen, eckigen -Linien des eingelegten Ritterbildes sagten ihr keineswegs zu. -Auch schien ihr der weiche Dulderkopf des regierenden Zaren -durchaus nicht unter die eiserne Sturmhaube zu gehören. -Aber durfte die Gutsherrin vor den Offizieren des fremden -<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -Herrschers eine so absprechende Meinung äußern? Regungslos -verharrte sie, und in ihre Wangen stieg die Röte der -Unsicherheit.</p> - -<p>»Wir haben uns hier bemüht, national-russische Kunst -zu geben,« fuhr Herr Miljutin dringender fort, da sich -der sanfte Mann darüber aufzuregen schien, weil die Nemza -seiner Schöpfung gegenüber so empfindungslos blieb.</p> - -<p>Wie unangenehm!</p> - -<p>Schon wollte sich das ehrliche Landmädchen mit ihrem -geringen Verständnis entschuldigen, als ihr unerwartet eine -Hilfe kam, auf die sie niemals gerechnet hatte. Und wie -melodiös und schmeichelnd das Organ ihres unverhofften -Retters klang! Unwillkürlich wandte sich die hohe Blonde -dankbar ihrem Verteidiger zu, und so unverdorben war sie, -daß sie hinter diesen bestrickenden Lauten auch eine reine -und aufrichtige Seele vermutete.</p> - -<p>»Bester Miljutin,« hemmte der Fürst den aufsteigenden -Unwillen des Händlers, indem er ihm mit seiner feinen -weißen Hand freundschaftlich auf die Achsel klopfte, »muten -wir dem gnädigen Fräulein nicht zuviel zu. Unter uns, -die Vorliebe für diese Quadrate ist eine Barbarei, die wir -unseren byzantinischen Lehrmeistern hätten lassen sollen. -Sie können mir glauben, unsere herrschsüchtigen Mönche -benutzen die von Totenstarre verkrampften Gelenkpuppen -nur, um unseren dummen Bauern Furcht einzuflößen. -Kommen Sie, meine Gnädigste,« fuhr er mit seinem -liebenswürdigen und freimütigen Lächeln fort, als er bemerkte, -wie erleichtert die befangene Deutsche aufatmete, -»lassen wir uns hier auf Leo Konstantinowitschs neuem -Klubsofa nieder, denn jetzt werden Sie wirklich etwas von -russischer Kunst empfangen, worin wir unter den Nationen -ziemlich einzig dastehen. Vielleicht, weil den anderen Völkern -eine Nachahmung nicht lohnt. Hören Sie? Dort drinnen -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -singt Frau Oberst Geschow ein tatarisches Dorflied. Ah, -und sie begleitet sich selbst auf der Balalaika. Wollen Sie -mir glauben,« sprach er in seiner zwanglosen und wahrhaft -vornehmen Art weiter, »daß ich selbst jenes Instrument -in den Abendstunden ein wenig spiele? Es hat so etwas -von den reinen Klängen der Kindheit. Und nicht wahr, -wir alle retten uns manchmal gern hinüber?«</p> - -<p>Heiß und klagend zugleich begann im Nebenzimmer eine -dunkle Frauenstimme unauffällig zu singen. Ein eigentümlicher -Saitenvierklang, hüpfend und neckisch, tönte dazwischen, -als ob das Leben auf die traurige Weise mit -einem unbekümmerten Tanz antworte.</p> - -<p>»Handelt es sich hier vielleicht um einen Abschied?« -fragte Johanna rasch, die den inneren Sinn des Liedes -trotz der fremden Worte zu begreifen meinte.</p> - -<p>Dimitri Sergewitsch rückte respektvoll etwas näher an -sie heran. Und zum erstenmal richtete er seinen sanften -Blick gegen die großen blauen Augen des Landfräuleins -und fand zu seiner Verwunderung, daß dort drinnen etwas -leuchte, ehrlich und bestimmt, was zu der gleichgültigen -Dummheit, von der er die Deutsche erfüllt glaubte, nicht -recht stimmen wollte.</p> - -<p>»Sie haben ganz recht, Gnädigste,« versicherte er in -seiner einnehmenden Manier, die ihm so wenig Mühe -bereitete, »ich mache Ihnen mein Kompliment, weil Ihnen -die Musik scheinbar ihre letzten Geheimnisse entschleiert. -Wenn Sie gestatten, möchte ich Ihnen den Text übersetzen. -Ein tatarisches Bauernmädchen sitzt im Rahmen eines -weinübersponnenen Fensters. Draußen auf der Dorfstraße -nimmt ihr Liebster, der mit seiner Schwadron in den -Krieg zieht, von ihr Abschied. Und nun fragen sich die -beiden jungen Leute im Wechselgesang, was sein wird, -wenn wiederum der Wein blüht:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Ich küsse dich, Anuschka.«<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a></div> - <div class="verse">»Ich küsse dich, Iwan.«</div> - <div class="verse">»Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«</div> - <div class="verse">»Ja, was wird sein?«</div> - <div class="verse">»Hochzeitsgeschenke werden kommen, und du wirst nicht an mich denken.«</div> - <div class="verse">»Ja, Hochzeitsgeschenke werden kommen, aber ich werde an dich denken.«</div> - <div class="verse">»Denke nicht an mich, denn ein eisernes Vögelchen flog mir ins Herz.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Drinnen tönten die schwermütigen Strophen fort, immer -von der hüpfenden Begleitung durchschlungen und unterbrochen. -Der Fürst aber beugte sich vor, als ob er ein Urteil -über das heimatliche Lied erwarte. Allein seine Zuhörerin -war über das rein Poetische des Gedichtes längst hinweggeeilt. -Ihr an das Nächstliegende stets gebundener Sinn -stöberte unruhig in den Gedankenverbindungen herum, die -durch ein einziges Wort des Textes in ihr erregt waren. -– – Krieg! – – Und plötzlich vergaß sie, wer neben -ihr saß. Nichts als die weiche und gütige Stimme des -Mannes, der sie unterhielt, war in ihrem Ohr haften -geblieben. So kam es, daß sie sowohl die fremde, vielleicht -feindliche Volksangehörigkeit ihres Nachbarn außer -acht ließ, ja, daß ihr sogar sein hoher Rang entglitt. Wie -ein bekümmerter Mensch, der bei einem anderen lebenden -Wesen Trost sucht, bettete sie ihre Hand ohne jede Absicht auf -die Finger des anderen, um rasch und inständigst zu fragen:</p> - -<p>»Sie sind mir fremd, aber Sie müssen es wissen, – -nicht wahr, es ist doch unmöglich?«</p> - -<p>»Was ist unmöglich?« wiederholte der Dragoner sich -sammelnd, obwohl er den Sinn ihrer plötzlich ausgestoßenen -Bitte recht wohl begriff.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -Wie plump die Nemza war! Man bereitete doch einem -Unbekannten, den man sicherlich nie wiedersehen würde, -nicht derartige Verlegenheiten! Doch während er sich zu -ihr wendete, spielte wieder das gewinnende Lächeln des -Gesellschaftsmenschen auf seinen klassisch geformten Zügen.</p> - -<p>»Was beunruhigt Sie, bestes Fräulein? Kann ich vielleicht -Ihre Bedenken zerstreuen? Sie sehen übrigens so -aus, als wenn Sie nicht leicht außer Fassung zu bringen -wären.«</p> - -<p>Da zog Johanna, zur Besinnung gelangend, ihre Hand -hastig zurück, raffte sich zusammen und saß wieder so aufrecht -und unberührt, den Kopf in den Nacken geworfen, -daß den Fürsten ihre steife Haltung innerlich belustigte.</p> - -<p>»Sie haben ganz recht,« äußerte sie kalt, und ihr Ton -klang so eisig, wie ihn nur die Herrin von Maritzken, sobald -sie sich oder andere auf einem Fehler ertappte, anzuwenden -pflegte. »Wie kämen Sie dazu, mir Aufschlüsse über etwas -zu erteilen, was Ihnen vielleicht dienstlich verboten ist.« -Und sich zu Herrn Miljutin kehrend, begann sie mit dem -Fabrikbesitzer sich wiederum über geschäftliche Dinge zu -unterhalten.</p> - -<p>Eingehend erkundigte sie sich bei dem Kaufmann nach -dem Preis seiner eigenen Lastpferde.</p> - -<p>Ein Pferdegespräch also, auch das noch! Ungläubig -lauschte Dimitri Sergewitsch ein paar Sekunden herüber. -Dann aber, als sich der schöne junge Mann daran erinnerte, -wie unbändig taktlos es wäre, eine Unterhaltung so schneidend -und kurz abzubrechen, namentlich ihm, dem stets -Höflichen gegenüber, da glitt er fast unhörbar empor und -gedachte sich mit einer seiner anmutigen Verneigungen -durch den Vorhang in das Nebenzimmer zu begeben, um -Maria Geschowa ein paar Lobeserhebungen über ihren -Gesang zu Füßen zu legen. –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -Da geschah etwas.</p> - -<p>Ganz unvermutet und gegen seinen Willen wurzelte er -dicht an dem Platz, wo Johanna saß, fest, so daß sich ihre -Gewänder beinahe berührten.</p> - -<p>Was war das?</p> - -<p>An der schmalen Seitenwand des Zimmers öffnete sich -eine niedrige Tür, und auf dem Vorplatz, der mit ein paar -Steinstufen auf den Hof herunterleitete, nahm man eine -russische Ordonnanz wahr, die einen Brief oder eine Depesche -in der Hand hielt. Mehrere Offiziere umgaben den Soldaten, -ein halblautes Summen und gedämpfte Rufe schlugen -von draußen herein.</p> - -<p>Johanna griff fest in die Seitenlehne des Klubsofas. -Ihr heller Verstand verriet ihr auf der Stelle, dort auf dem -Vorhof spiele sich nichts Gleichgültiges ab, nein, daß der -Bote vielmehr eine Entscheidung brächte. In das Dunkel, -das sie alle umgab, wurde sicherlich in diesem Augenblick -eine Fackel geschleudert, in der nächsten Minute konnte bereits -ein wütender Brand auflodern, wilde Glut mußte -Weg und Zukunft erhellen. Nicht um einen Schlag pochte -das Herz der Landtochter schneller. Die Gewißheit war stets -ihre treueste Bundesgenossin. Und nur ein einziger Gedanke -riß klar und blendend durch ihr Bewußtsein.</p> - -<p>Fort!</p> - -<p>Gab es für sie und die Schwestern, die in ihrer Hut -standen, noch einen Rückweg? Das unerschütterliche Vertrauen -auf die Standhaftigkeit des weißen Friedenstempels, -unter dessen glattem Marmordach ihr ganzes -Leben verflossen, es war eine Torheit gewesen. Ihre Augen -starrten unausgesetzt auf den offenen Durchgang. Nicht der -kleinste Zug in den aufgeregten Mienen der Männer dort -draußen entging ihr. Ihr war es, als verstände sie plötzlich -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -jede Silbe der fremden Worte, die da so rasch und kurz wie -Flintenkugeln durcheinanderflogen.</p> - -<p>Kein Zweifel, das Fürchterliche war da!</p> - -<p>Und alles, was nun geschah, wirrte wie Schattenbilder -um sie her. Fast lautlos und unhörbar vorübergleitend.</p> - -<p>Stürzte nicht der Bergbaustudent Alexander Diamantow -auf den Flur hinaus, um die schmale Tür sofort hinter sich -zu schließen? Eine plötzliche Stille trat ein. Auch in das -Nebenzimmer mußte bereits die geheimnisvolle Kunde gedrungen -sein, denn auch dort war jeder Laut erstorben. Man -hörte nur das leise Klirren der Teetasse, die in der Hand -der Gouverneurin zitterte. Gleich verwunschenen Traumfiguren, -leblos, keiner Bewegung mächtig, verharrten die -Männer in Johannas Umgebung.</p> - -<p>Und dann – die Tür flog auf, – weiß wie ein Blatt -Papier überreichte der Bergbaustudent dem Obersten Geschow -ein geschlossenes Formular. Johanna sah, wie sich die breite -Brust des untersetzten Obersten gewaltsam hob. Die gutmütigen -grauen Augen des Mannes schlossen sich für eine -Sekunde, und seine fleischige Rechte strich schwerfällig -über die kurz geschorenen weißen Haare. Im nächsten -Moment freilich stieß er einen unverständlichen Ruf aus, -brach zitternd vor Aufregung das Schreiben auseinander, -und während er sich damit vorgebeugten Hauptes gegen -das Fenster wandte, wehrte er es den anderen nicht, ihm -in atemloser Spannung über die Schultern zu blicken. Ein -starkes Atmen ging durch den Raum.</p> - -<p>Gleich darauf kehrte sich der Oberst zurück. Mit einer -straffen Bewegung steckte er sich das Formular in den -Ärmelaufschlag, nickte kurz und warf ein einziges Wort hin. -Es pfiff wie ein Säbelhieb. In den Augen des Kommandeurs -aber funkelte ein seltsames Leuchten.</p> - -<p>Da – vom Hof schallte ein hundertstimmiger Schrei -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -herein. Taumel, Ekstase, Rachegier oder ein allgemeines -begeisterungstrunkenes Gelöbnis mischte sich in dem langen, -die Brust befreienden Aufbrüllen. Oberst Geschow jedoch, -der fast schon unter dem Vorhang weilte, warf energisch -die Rechte zurück, als erteile er den gemessenen Befehl, -daß seine Untergebenen derartige Kundgebungen sofort zu -unterdrücken hätten, und ohne Verzug eilte die Mehrzahl -der Offiziere auf den Hof hinaus. Der Rest folgte seinem -Kommandeur in das Gesellschaftszimmer, und bald befand -sich die Fremde, die man vergessen hatte, allein.</p> - -<p>Nein, nicht allein.</p> - -<p>Langsam kehrte das Leben in die Glieder des Fürsten -Fergussow zurück. Er war es, der einzig von allen anderen -noch immer neben der Fremden weilte, und sie sah nun -wie der junge Mann aus seinem tiefen Nachdenken zu -erwachen schien. Keine Muskel regte sich in dem reinen -kalten Antlitz, als er jetzt ernst seine sanften braunen Augen -auf die Deutsche richtete. Dann verneigte er sich vor ihr -ganz in der Art eines großen Herrn.</p> - -<p>»Meine Gnädigste,« sagte er zuvorkommend, »Oberst -Geschow hat zweifellos im Drang seiner Geschäfte Ihnen -gegenüber eine Pflicht verabsäumt. Es kann ihm nur angenehm -sein, wenn ich sie an seiner Statt erfülle.«</p> - -<p>Noch hatte der Fürst nicht ganz geendet, als hinter dem -Vorhang die laute Stimme des Hausherrn, des Rittmeisters -Sassin, in ihr gewöhnliches polterndes Lachen ausbrach. -Augenscheinlich galten seine Beruhigungen den fremden -Gästen, die gewiß durch das zuletzt Erlebte einem hemmungslosen -Schrecken verfallen waren.</p> - -<p>»Aber meine Damen,« hörten die beiden Lauschenden das -vollsaftige Organ des Rittmeisters schmettern, »mein bester -Freund Rudolf Bark, welch unnötige Aufregung! Eine -dienstliche Depesche wie hundert andere. Nicht der geringste -<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -Grund, um darüber nachzudenken. Wie? Aufzubrechen -wünschen Sie? Das dulde ich unter keinen Umständen. -Das leide ich einfach nicht. Das Ganze war hier -als ein kleiner <i>thé dansant</i> gedacht. Jede Minute müssen -die Spielleute unseres Regiments eintreffen. Nein, um -dieses Vergnügen lasse ich uns nicht bringen. Sie befinden -sich unter Freunden, nicht wahr, Oberst Geschow?«</p> - -<p>In dem Billardzimmer jedoch zog Fürst Fergussow die -Augenbrauen zusammen.</p> - -<p>»Ich weiß nicht, mein Fräulein,« äußerte er rasch zu -seiner Gefährtin, die ihm nun in ihrer ganzen Größe gegenüber -ragte, »warum Leo Konstantinowitsch so Widersinniges -redet. Ich hoffe, es geschieht, um Ihre Furcht nicht noch zu -vermehren. Aber wie gesagt, ich glaube Ihnen die Wahrheit -schuldig zu sein. Hören Sie also: Soeben erfuhren wir, -daß Ihre Regierung an die unsrige ein Ultimatum richtete. -Es läuft in zweiundsiebzig Stunden ab.«</p> - -<p>»Ist das der Krieg?« fragte Johanna ruhig.</p> - -<p>Dimitri Sergewitsch zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Wer weiß das?« gab er knapp zurück. »Wir Frontoffiziere -vermögen derartiges am wenigsten zu beurteilen. -Aber auf die Gefahr hin, uns Ihrer Gegenwart zu berauben, -möchte ich Sie doch bitten, sich sofort in Ihre -Heimat zurückzubegeben.«</p> - -<p>»Hörten Sie nicht,« warf Johanna mit ihrer gewohnten -Umsicht ein, »daß Ihr Freund, der Rittmeister Sassin, -uns nicht fortzulassen wünscht?«</p> - -<p>»Das kann nur ein Scherz sein,« erwiderte der Aristokrat -sich aufrichtend, und in diesem Moment sah man, wie -kräftig die Muskeln in seinen schlanken Gliedern spielten. -Er schlug den Vorhang zurück, um seine Gefährtin in das -Gesellschaftszimmer vorantreten zu lassen, und seine einschmeichelnde -Stimme nahm einen Klang an, der vollständig -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -von der Gewohnheit des Befehlens beherrscht war. -»Leo Konstantinowitsch,« rief er laut, »wir alle bedauern -es lebhaft mit Ihnen, weil die Zeit für unsere deutschen -Gäste abgelaufen ist. Die Herrschaften wünschen sich zu -Fuß bis zu der Brücke zu begeben, und Sie werden die -Güte haben, dafür Sorge zu tragen, Herr Kamerad, daß -der den Damen gehörige Wagen ihnen sofort folgt.«</p> - -<p>»Das leide ich nicht,« knurrte Sassin plötzlich händelsüchtig, -und eine rote Blutwelle schoß ihm in die Stirn. -»Wozu das alles? Auf der Straße treibt sich jetzt ohnehin -allerlei Fabrikarbeitervolk herum, die Damen könnten nur -Unannehmlichkeiten erfahren.«</p> - -<p>»Es ist vernünftig, Leo Konstantinowitsch, daß Sie -darauf aufmerksam machen,« entgegnete Fürst Fergussow, -obwohl er ihn keines Blickes würdigte. »Aber ich selbst -werde die Ehre haben, die Damen sowie den fremden Herrn -bis an die Brücke zu geleiten.«</p> - -<p>»Ah, Sie selbst, Durchlaucht,« murmelte der Hausherr -erstickt.</p> - -<p>»Sie gestatten, daß ich mich Ihnen anschließe,« -erbot sich Oberst Geschow. »Ich vermute, daß besondere -Brückenbefehle ausgegeben sind, und ich wünsche, daß -unsere Gäste ohne Belästigung hinüber gelangen.«</p> - -<p>Die Gesellschaft sprach laut durcheinander. Jeder suchte -sich und die übrigen davon zu überzeugen, daß all die -gewünschten Vorsichtsmaßregeln völlig grundlos wären, -weil sich bei der bekannten Friedensliebe und Gutmütigkeit -des slavischen Volkes niemals etwas Ernstliches ereignen -würde.</p> - -<p>»Wie können in einem Staate, der sich so langsam -emporarbeitet, überhaupt jemals solche das Volksvermögen -zerrüttende Gedanken auftauchen,« ächzte der Gouverneur -Bobscheff, indem er, schlau mit den Augen zwinkernd, -<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -seinen Hals weit über die übrigen erhob. »Man wird -einen Ausweg finden. Auf Auswegen beruht die ganze -Politik.«</p> - -<p>»Hören Sie es?« machte Tatiana, die Heroldin seines -Ruhmes, aufmerksam. »Mein Gatte verwirft aus nationalökonomischen -Bedenken jede kriegerische Auseinandersetzung.«</p> - -<p>»Leben Sie wohl, Rudolf Bark,« so schritt unbekümmert -um die betroffenen Mienen der anderen die dunkle Tatarin -mitten durch den ausweichenden Kreis hindurch und auf -den Kaufmann zu, der wie eine Schutzwehr für seine bereits -in der Diele befindlichen Damen, noch auf der Schwelle -verharrte. Und einer sie durchströmenden Scham nachgebend, -streckte Maria Geschowa dem Konsul warm die -Hand entgegen. »Sie wissen jetzt,« sagte sie ganz laut, -als ob sie wünsche, daß es die anderen auffangen sollten, -»Sie wissen jetzt, warum es hier manche Heimlichkeiten -gab. Aber das, was ich Ihnen jetzt sage, das können Sie -mir ehrlich und ohne Mißtrauen glauben. Ich wünsche -von Herzen, daß die uns noch zur Überlegung gegönnten -drei Tage eine blutige Entscheidung abwenden möchten. -Denn gleich mir, so gibt es hier unter uns viele,« setzte sie -mit erhobener Stimme hinzu, als sie das eisige Schweigen -der Umstehenden bemerkte, »viele gibt es hier, die nichts -so widersinnig, ekelerregend und hündisch finden, als das -bewußte Zerfleischen von Geschöpfen, die sich Menschen -nennen. Pfui, möchte es nie dazu kommen!«</p> - -<p>»Du hast recht, Maria,« pflichtete nach einer Pause des -bedrückten Schweigens der Gatte der Tatarin, Oberst Geschow, -sehr ernsthaft bei und streichelte der erregten Frau -billigend und respektvoll über den Arm. »Hoffen wir, -daß das Menschengeschlecht diesen Schritt nach unten nicht -zu wagen braucht; denn nach abwärts wird der Weg -führen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -In diesem Augenblick öffnete Fürst Fergussow die äußere -Tür, und das Licht des funkelnden Sommertages flutete -üppig und hell auf all die ängstlich zusammengedrängten -Menschenköpfe, die ahnungsvoll nach dem fernen Grollen -des Weltenschicksals hinaushorchten.</p> - -<hr /> - -<p>In wenigen Minuten hatte man den Brückenkopf erreicht. -Und doch war es den durch den schwarzen kotigen Kohlenstaub -dahineilenden Mädchen gewesen, als ob sie sich durch -andrängende Jahre hätten hindurcharbeiten müssen. Das -rußige Erdreich besudelte ihre hellen Schuhe, die offenen -Mäntel flatterten unordentlich hinter ihnen her: Ganz -gleich, nur den Ort erreichen, von wo man die Heimat sehen -konnte, die sichere, die schützende.</p> - -<p>Da – gottlob – da gewahrte man schon den schmalen -Fluß, man sah die langen Kohlenkähne, vor denen die Ablader -nun beschäftigungslos herumlungerten. Und jetzt, – -war das nicht das Getrappel vieler Pferde, das da hinten -von der hölzernen Brücke herüberpolterte? Noch ein paar -Schritte, und die dunkelblauen Uniformen einer Reiterabteilung -wurden sichtbar, die auf unruhigen Pferden dicht -vor dem Brückeneingang hielt. Die gezogenen Säbel blitzten -im Licht des Spätnachmittags.</p> - -<p>»Großer Gott,« fuhr Isa auf, während sie die Hand -ihrer ältesten Schwester, die ruhig und aufgerichtet wie -immer neben ihr herschritt, in heftiger Bestürzung umklammerte, -»was bedeutet das? Hans, ob man uns hier -gewaltsam zurückzuhalten gedenkt?«</p> - -<p>Über das marmorweiße Antlitz der Großen huschte ein -mattes Lächeln. Und doch richtete sie ihre Augen auskunftheischend -auf den Fürsten Fergussow, der mit seinem -leichten, federnden Gang an ihrer Seite geblieben war. -<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a> -Sofort nickte der Aristokrat verständnisvoll und trat rasch -an den jungen Zugführer heran, der grüßend seinen Degen -vor dem Offizier in der blitzenden Uniform senkte. Ein -paar schnelle, den anderen unverständliche Worte wurden -gewechselt. Gleich darauf parierte der Dragonerleutnant -seinen Braunen und rief etwas mit lauter Stimme über -die Brücke. Gehorsam traten auf den Anruf die beiden -Grenzsoldaten dicht an das Wachthäuschen heran und gaben -die Durchfahrt frei.</p> - -<p>Da meldete sich ein fernes Rollen. Im Galopp kam der -Landauer des Konsuls über den Marktplatz gerasselt, und -schon von weitem erkannte man, daß der Rittmeister Sassin -selbst das Gespann lenkte. Mit klatschenden Peitschenschlägen -trieb er die Pferde die steile Straße hinan. Kaum hatte er -die Brücke erreicht, als er auch schon dem deutschen Kutscher -die Zügel zuwarf und klirrend herabsprang. Unter beständigem -betrübten Kopfschütteln, und während er sich unausgesetzt -den starrenden rotblonden Schnurrbart strich, schritt -die mächtige Gestalt bis mitten auf den Holzweg, wo sich -der Konsul, sowie seine Schutzbefohlenen, soeben von ihren -russischen Begleitern verabschiedeten. Laut dröhnte die metallische -Stimme des Rittmeisters zwischen die letzten höflichen -Worte der Scheidenden.</p> - -<p>»Rudolf Bark, mein teurer Freund, meine gnädigsten -Damen, welch ein Malheur, welch ein lächerliches Mißverständnis! -Nie werde ich wahnsinnigen Zeitungsschreibern, -die an allem schuld sind, vergeben, was sie an mir verbrochen -haben. Einen der schönsten Tage meines Lebens -haben mir die elenden Narren gestohlen. Es ist unbegreiflich, -Rudolf Bark, wie auch Ihre bekannte Kaltblütigkeit sich von -solchem Geschwätz beirren lassen kann.«</p> - -<p>Der Konsul hatte die Mädchen erst über die hölzerne -Schwelle geführt, welche die Grenze der beiden mächtigen -<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -Reiche bildete. So merkwürdige Vorstellungen nisten in -den Köpfen auch kluger Menschen, daß der Kaufmann seine -Begleiterinnen erst völlig geschützt wähnte, als sie hinter -dieser eingebildeten Schranke weilten. Er selbst aber trat -noch einmal zurück, nicht nur um seinen Wagen herbeizuwinken, -sondern auch in der Absicht, das Gebaren seines -bisherigen Gastgebers, das er deutlich durchschaute, durch -ein paar derbe und offene Worte vor den anderen bloßzustellen. -Aber wie erstaunte er, als er merkte, daß diese -Aufgabe bereits von dem vornehmen Offizier aus Petersburg -übernommen sei. Lässig lehnte Dimitri Sergewitsch -an dem Brückengeländer, nur eine heftige Kopfbewegung -verriet, wie widerlich und unanständig ihn das unaufrichtige -Verhalten des Kameraden anmutete.</p> - -<p>»Leo Konstantinowitsch,« bemerkte er kurz, »Sie mögen -gewiß Gründe haben, die gegenwärtige Lage so optimistisch -zu beurteilen. Mich selbst aber, und wie ich glaube auch den -Herrn Obersten, befriedigt es ungemein, weil wir die -deutschen Herrschaften in dieser gespannten Zeit dort wissen, -wohin sie gehören.« Und sich noch einmal, ohne die anderen -zu beachten, direkt vor Johanna verbeugend, rief er noch -hinüber: »Kommen Sie gut nach Hause, mein gnädigstes -Fräulein; nein bitte, keinen Dank. Was hier geschehen ist, -würde jeder andere genau so verrichtet haben. Übrigens – -hier kommt Ihr Wagen. Und nun guten Abend.«</p> - -<p>Ein kurzes Gedränge entstand, hastig schlüpften die Mädchen -durch den Schlag, der Konsul zog noch einmal den Hut -vor dem salutierenden Obersten, und fort rollte der deutsche -Wagen der Heimat zu.</p> - -<p>Ungefährdet.</p> - -<p>Im Lichte der Abendsonne aber lehnte Fürst Fergussow, -so lange er das Gefährt noch verfolgen konnte, an dem -Brückengeländer. Er hatte sich eine Zigarette entzündet, und -<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -die weißen Wolken ringelten sich fröhlich in den matter -werdenden Himmel.</p> - -<hr /> - -<p>Wie anders sah das Land aus, in das der deutsche Wagen -auf seinen prallen Gummireifen hereinrollte, als dasjenige, -das seine Insassen eben von Grauen geschüttelt, verlassen -hatten. Dort ein wüstes schmutziges Durcheinander, grundlose, -ungepflasterte Straßen, baufällige Häuser, und eine -Stadt, die von der segensreichen Tochter des Himmels, der -Ordnung, nie durchschritten war. Und hier, kaum daß man -den schwarz-weißen Grenzpfahl passiert, dem man zum -erstenmal im Leben wie einem alten schutzbereiten Wächter -aufatmend zugenickt hatte, hier empfing die Heimkehrenden -eine glatte Chaussee aus blauweißen Steinchen, sauber gekehrt -und auf beiden Seiten besetzt von buschigen Kirschbäumen, -die bereits der Frucht zustrebten.</p> - -<p>Gleich vor dem ersten Bauerngehöft stand neben den in -der Abendsonne blitzenden Glaskugeln des Vorgärtchens eine -hochgewachsene blonde Frau, auf dem Arm ihr Töchterchen -tragend. Sie rief etwas in das Haus hinein, als sie den -herannahenden Wagen gewahrte. Auf den weithallenden -Schrei trat sofort ein Mann in Lederhosen und Hemdsärmeln -aus der Tür, schnallte sich den Gurt etwas fester, -strich sich die düster-blonden Haare aus der gebräunten -Stirn und schritt dann dem heranrollenden Gefährt entgegen.</p> - -<p>Der Konsul beugte sich in seinem weißen Mantel hinaus. -Er erinnerte sich nicht, den jungen Bauern, der offenbar ein -Anliegen hatte, jemals gesehen zu haben. Und doch beherrschte -ihn die merkwürdige Empfindung, daß es jetzt -notwendig und angebracht sei, jedem Landsmann Rede und -Antwort zu stehen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -»Guten Abend, Herr Konsul Bark,« begann der Bauer, -indem er freimütig grüßend an den Schlag herantrat; und -sich gewissermaßen vorstellend, fuhr er fort: »Ich kaufe -schon seit langem meinen Kram bei Ihnen dort drinnen. -Aber deswegen halte ich Sie nicht fest. Ich bin hier Gemeindevorsteher, -und die Nachricht ist eben bei mir eingelaufen. -Sie kommen von drüben, Herr Konsul, und da -wollte ich fragen, ob wir uns wirklich fertig machen -müssen.«</p> - -<p>Als er dies sprach, reckte sich die gedrungene Gestalt des -Mannes und kehrte sich halb gegen Osten, als ob er irgend -etwas von dort Andrängendem den Weg sperren müsse. -Der Konsul aber reichte ihm rasch die Hand heraus und -bestätigte mit einem leisen Seufzer:</p> - -<p>»Ja, ja, ich fürchte es steht schlimm, Herr Gemeindevorsteher.«</p> - -<p>»Schlimm?« wiederholte der andere erstaunt, und in -seine braunen Augen drang ein seltsames Flimmern, »ich -stand dort drinnen als Sergeant bei der Artillerie, Herr -Konsul, und ich denke, wir werden auch ein Wort mitzureden -haben. I wo, ich will uns nicht loben, aber wir -werden uns nicht lumpen lassen, Herr Konsul.«</p> - -<p>Es lag etwas so Frisches, Selbstverständliches in der -Überzeugung dieses gedienten Soldaten, daß seine Zuhörer -wie von einem heißen, belebenden Trank durchrieselt wurden.</p> - -<p>»So ist es,« stimmte Johanna zu, innerlich beglückt, -nach all dem französischen Parlieren wieder die derben -heimatlichen Laute zu vernehmen, »wenn wir fest zusammenhalten, -kann uns nichts geschehen.«</p> - -<p>Der Landmann aber schüttelte ganz verblüfft das unbedeckte -Haupt. Er schien den Sinn der Anrede durchaus -nicht zu begreifen.</p> - -<p>»Zusammenhalten?« wiederholte er langsam und prüfend. -<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -»Aber das ist doch selbstverständlich, Fräulein, – -Ehrensache. Ne, da kennen Sie uns nicht, die Sache wird -gemacht.«</p> - -<p>»Das meine ich auch,« nickte die Älteste von Maritzken, -in deren Seele sich die alte trotzige Widerstandskraft erhob.</p> - -<p>»Und was wird aus Ihrer Wirtschaft?« warf der Konsul -dazwischen, »aus Frau und Kindern?«</p> - -<p>»Ja, deswegen ist bereits vom Landratsamt telephoniert -worden. Die Wirtschaft muß ich vorläufig sich selbst überlassen,« -meinte der Mann stirnrunzelnd, »aber alles, was -Beine hat, das bringe ich morgen in die Stadt. Dort spreche -ich mal vor, Herr Konsul.«</p> - -<p>»Ja, tun Sie das,« ermunterte der Herr des Goldenen -Bechers so freundschaftlich, als ob er den einfachen Menschen -schon seit vielen Jahren kennen würde. »Ich werde mich -freuen, Sie gesund wiederzusehen. Vorwärts, Johann.«</p> - -<p>Und als das Gefährt bereits an dem kleinen Gärtchen mit -den bunten Glaskugeln vorüberrollte, da sah Isa, die sich -zurückwendete, wie der Mann in den Lederhosen noch immer -mitten auf der Landstraße weilte, das Haupt gen Osten gekehrt -und das rechte Bein trotzig gegen die Muttererde vorgestemmt.</p> - -<p>»Die Sache wird gemacht,« klang es Johanna durch den -befreiten Sinn.</p> - -<p>Weiter ging es.</p> - -<p>Bald hatten sie den winzigen Marktflecken Schorweiten -erreicht, der nur aus einer einzigen langgezogenen Gasse -bestand mit einer windschiefen Einbuchtung für das kleine -niedrige Holzkirchlein. Grünmoosig hing das Rohrdach fast -bis zur Erde herab. Hier hielt ein berittener Gendarm und -erteilte, tief von seinem Roß herabgebeugt, den ihn umringenden -Landbewohnern bereitwilligst jede gewünschte -Auskunft. Vor der Kirchenschwelle aber stand eine kleine -<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -Schar von Buben und flachsköpfigen Mädchen. Sie trugen -Papierhelme auf den Häuptern, und der kleinste von ihnen -schwenkte eine deutsche Kinderfahne in den Händen. Lustig -flatterte das Schwarz-weiß-rot in dem Abendwind, der von -dem nahen Landsee herüberstrich. Und da hörten die im -Schritt Vorbeifahrenden zum erstenmal jenes Lied, das seit -langer Zeit Bedeutung und Sinn für sie verloren hatte, -und das ihnen jetzt mit der brausenden Gewalt eines Orkans -ans Herz fuhr. Aus Kindermund schallte es zu ihnen hin, -silberrein und doch trotzig und voll werdender Mannheit:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Lieb Vaterland magst ruhig sein,</div> - <div class="verse">Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Da konnte sich Johanna nicht länger zurückhalten. Eine -Leidenschaft stieg in ihr auf, von der sie selbst nie geahnt -hatte, daß sie in der kühlen Geschäftigkeit ihrer Tage noch -nicht untergegangen wäre. Aber der Anblick der ruhigen, -auf alles gefaßten Landbewohner, der singenden Kinder und -der kleinen strohgedeckten Häuschen, über die sich der friedliche -Abend herabsenkte, das alles zusammen überwältigte -sie. Mit einer starken verbündenden Bewegung streckte sie -dem Konsul, dessen Augen gleichfalls ernsthaft, fast liebevoll, -auf den fremden Leuten dort draußen ruhten, die -Hand entgegen, um gleich darauf die weinende Isa fest an -ihre Brust zu raffen, von wo der schluchzende Rotkopf sich -nicht mehr erhob. Nur Marianne saß daneben und lächelte. -Sie war furchtlos. Ja, die seltsam schmerzhafte Aufregung -tat ihr wohl. Aber das Ungeheuerliche, das in diesen Augenblicken -aus der ruhigen Heimaterde vor ihr aufstieg, der -gerüstete Riese, in den ein ganzes Volk zusammenwuchs, -und der nun schwerfällig, treuherzige Lieder singend, zur -Landesgrenze wandelte, er blieb den geistigen Blicken der -eleganten Dame verborgen. Ihn erkannte sie nicht. Die -<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -vergangene Zeit mit ihren fremden Lüsten und Eitelkeiten -ließ sie nicht los. Dazu war ihr kleines unbedeutendes -Frauenschicksal der Gefallsüchtigkeit und Freudegierigen zu weit -überschattend vor alles Geschehen der Umwelt gewachsen.</p> - -<p>Dicht hinter dem Dorfteich setzte sich der Wagen in -schnellere Bewegung. Fern aus dem graublauen Dämmer -des Abends stiegen bereits zerfließend und verschwimmend die -Linien der hohen Kirche auf, deren Schatten sie zustrebten. -Ein kühlerer Luftzug wehte erfrischend über die Felder.</p> - -<p>Da klang über die Chaussee harter Hufschlag. Kurz und -regelmäßig, wie von einem gut galoppierenden Pferde. -Und ehe die aufgestörten Reisenden, die jetzt auf jedes ihnen -sonst gleichgültige Geräusch achteten, noch ihre Meinung -über den Herannahenden austauschen konnten, da schwenkte -der eilige Reiter schon ganz dicht um die nächste Wegbiegung.</p> - -<p>»Ein Soldat,« sagte der sich herausbeugende Konsul.</p> - -<p>»Fritz Harder,« rief Marianne zum erstenmal lebhaft -dazwischen, und im gleichen Moment fühlte sie, wie die -Augen ihrer ältesten Schwester mahnend und dringend auf -ihrem Antlitz ruhten.</p> - -<p>Aber sie hielt den ernsten Blick, der immer finsterer -wurde, mit ihrer gewohnten überlegenen Lässigkeit aus. -Ja, in ihr prickelte das Gefühl des Wichtigen und des -Begehrenswerten so angenehm und erregend, daß es ihr -vor allen Dingen darauf ankam, den seidenen Mantel -kleidsam um sich zu werfen und die weißen Handschuhe -etwas höher über den Arm zu streifen. Was galt ihr das in -Fieberschauern zitternde Vaterland, wenn sie an die ihr -eigene geheimnisvolle Macht dachte?</p> - -<p>»Guten Abend, Herr Leutnant,« rief der Konsul, der -aufgesprungen war, aus dem Wagen, »so spät noch im -Dienst?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -Der Reiter zog die Zügel an, das Pferd stieg ein wenig, -und an der Art, wie es seinen Herrn hin und hin schleuderte, -da erkannte Marianne – selbst eine Meisterin im Sattel – -daß der Infanterist auf diesem Gebiete seine Lorbeeren nicht -zu suchen schien.</p> - -<p>»Nicht im Dienst,« schöpfte Fritz Harder nach dem harten -Ritt Luft, und während er die Hand hastig zum Gruß an -die Mütze führte, beugte er sich vor und ergriff in voller -Erregung die Rechte Johannas. Aber seine Augen hingen -unausgesetzt an dem gleichmäßig lächelnden Antlitz seiner -Geliebten. »Ich hörte heute vormittag,« keuchte er noch -immer atemlos, »von Ihrer Fahrt über die Grenze, und -da wollte ich mich unter allen Umständen nach Ihnen umsehen. -Sie wissen doch, was hier inzwischen geschah?«</p> - -<p>»Ja,« entgegnete Johanna, warm berührt von der -Herzensangst des jungen Mannes, indem sie kräftig seinen -vertraulichen Handdruck erwiderte. »Wir wissen es und -danken Gott dafür, daß wir wieder im Lande sind. Es -war eine in dieser Zeit etwas absonderliche Unternehmung,« -setzte sie mit einem Blick auf Konsul Bark hinzu. »Wie -steht es in der Stadt, lieber Harder?«</p> - -<p>Der Reiter hatte sein Pferd an die andere Seite des -Wagens herangeschwenkt und begrüßte nun Marianne, die -den weiß behandschuhten Arm hob, als ob sie einen Handkuß -erwarte. Allein merkwürdig, auch der junge Offizier -schien gänzlich von dem drängenden Ernst der Stunde erfüllt. -Er bemerkte ihre auffordernde Bewegung gar nicht, -sondern berichtete, dicht neben dem Schlag reitend, in seinem -jagenden Tone weiter:</p> - -<p>»Meine Damen, ich bin leider für Sie der Überbringer -einer unangenehmen Botschaft. Nein, nein, es ist nichts -Ernstliches,« beruhigte er sofort, als er sah, wie sich Isa -erschreckt zu ihm herumwarf, »nur die Chaussee nach -<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -Maritzken ist für heute nacht durch unsere Pioniere gesperrt.«</p> - -<p>»Ja, aber um Himmels willen, warum denn?« fuhr -Johanna auf.</p> - -<p>»Gott, es werden dort allerlei Ehrenpforten für den -Empfang der Herren von dort drüben gebaut, wenn sie -etwa den Besuch der Damen zu erwidern gedenken. Die -Herrschaften werden für heute mit ein paar Hotelzimmern -vorlieb nehmen müssen. Und ich bitte jetzt bereits um Vergebung, -weil ich mir erlaubt habe, diese Räume für Sie -im ›Deutschen Hause‹ belegen zu lassen, denn der Andrang -war heute nachmittag ein sehr großer.«</p> - -<p>»Wie zartfühlend und freundschaftlich von Ihnen, lieber -Herr Leutnant,« sagte Johanna dankbar. »Wir machen -natürlich von Ihrer gütigen Bestellung Gebrauch.« Und -in ihrer Seele legte sie sich wieder prüfend die Frage vor: -»Ob meine Schwester Marianne auch einen solchen Mann -verdient? Und ob sie das Gemüt und das Innenleben -eines solch Nachdenklichen zu würdigen weiß?«</p> - -<p>Ehe sie sich jedoch hierüber die bang zurückgehaltene -Antwort erteilen konnte, da wandte sich jetzt der junge -Offizier direkt an sie selbst, und sein dunkles, ernstes -Antlitz nahm den Ausdruck der offenen Sorge an.</p> - -<p>»Liebes gnädiges Fräulein,« bat er, »Sie müssen mir -auch ein anderes Anliegen nicht übel deuten. Die Verhältnisse -haben sich leider so geändert, daß auf eine günstige -Wendung, an die wir ja alle noch heute vormittag glaubten, -kaum gerechnet werden darf. Und da wir waffenfähigen -Männer binnen kurzem nicht mehr hier weilen werden, so -ist es für mich und gewiß für viele andere,« setzte er in -Beziehung auf den Konsul hinzu, »ein unerträglicher Gedanke, -Sie dort draußen auf Ihrem einsamen Gute ohne -rechten Schutz zu wissen. Nicht wahr, ich darf mich doch -<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -der Hoffnung hingeben, daß die Damen ihren Aufenthalt -in der Stadt so lange ausdehnen, bis die nötige Sicherheit -von uns geschaffen wurde? Darin verrechne ich mich doch -hoffentlich nicht?«</p> - -<p>»Ja, Hans,« drängte jetzt auch Konsul Bark auf die -Älteste von Maritzken ein, und der spöttische Gesellschaftston -des Lebemannes war wie weggewischt, »der Bitte -unseres Freundes schließe ich mich auf das dringendste an. -In einer solchen Zeit, liebes Kind,« entfuhr es ihm achtlos, -ohne daß er die zärtliche Benennung zu verdecken suchte, -»müßten ja eigentlich all die lächerlichen Bedenklichkeiten -zum Teufel fahren. Mein ganzes Haus steht leer. Ich -besitze so viele Zimmer, daß ich ein Regiment unterbringen -könnte. Wäre es nicht das Allernatürlichste – –«</p> - -<p>»Nein,« schnitt die große Blonde mit aller Bestimmtheit -ab, »das verstehen Sie nicht, lieber Konsul.« Und leiser -fügte sie an: »Sie sind vielleicht allein daran schuld, daß -ich Ihr freundliches Angebot für meine Schwestern nicht -akzeptieren kann. Ich selbst komme ja gar nicht in Betracht.«</p> - -<p>»Sie selbst nicht?« fragte der Kaufmann mit einem -Schatten von Mißfallen, das der lebhaft aufhorchenden -Isa nicht entging.</p> - -<p>»Nein,« beendete die Gutsherrin das Gespräch in der ihr -eigenen entschlossenen Weise, »lieber Freund, Sie wissen -ja, wie das gemeint ist, wir wollen keinen unnötigen Streit -darauf verwenden. Nein,« wiederholte sie völlig entschieden, -»ich selbst kehre morgen auf das Gut zurück, um dort alle -Anordnungen zu treffen, die jetzt gewiß sehr nötig werden. -Aber über den ferneren Verbleib meiner Schwestern werde -ich gern mit Ihnen beraten.«</p> - -<p>»Schön, Hans,« erklärte sich der Konsul, der seine -Fassung gewaltsam zurückzwang, in einem nicht ganz frei -klingenden Gelächter zufrieden. »Und hier,« machte er abschweifend -<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -seine Schutzbefohlenen aufmerksam, »fahren -wir bereits über die ersten holprigen Straßen. Merken -Sie die Stöße? Weiß Gott, niemals sind sie mir so vertraut -und gemütlich vorgekommen, als heute, seit wir -aus dem gottverfluchten Polackennest – na ja, über dies -und vieles andere unterhalten wir uns bei dem berühmten -Fischgericht im ›Deutschen Hause‹ eingehender. Sie werden -mich des Vergnügens nicht berauben, lieber Hans, die -Mitglieder meiner Expedition noch einmal an dem runden -Tisch zu vereinigen. Wer weiß, wann wir wieder so nach -altväterlicher Sitte beieinander sitzen werden! – Langsam, -Johann, langsam.«</p> - -<p>Und die Mahnung an den Kutscher war berechtigt. In -den schmalen, schon von den Abendschatten verhängten -Gassen der ernsthaften Handelsstadt wogte das Volk durcheinander. -Überall Gedränge, überall schwarze Massen auf -Fahrdamm und Trottoiren. In den matt erleuchteten -Läden lauter Disput.</p> - -<p>Und dann – ein merkliches Strömen und Schieben nach -der Gegend der zweistöckigen grauen Häuser hin, wo die -öffentliche Meinung des Platzes gemacht wurde, – nach -den Zeitungen. An der schwarzen Tafel des Kreisanzeigers -ein riesiges weißes Plakat mit Blaustift beschrieben: -»Deutsches Ultimatum an die russische Regierung«. Und -nun, je näher man dem Markt zustrebte, ein dumpfes -Schwellen und Brausen, das manchmal sich zu einem -rastlos wirbelnden Trommelschlag verminderte, manchmal -aber auch dem Dröhnen und Toben stürzender Wellen -verglichen werden konnte.</p> - -<p>»Horch, sie singen,« sagte Isa erschauernd.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Lieb Vaterland magst ruhig sein,</div> - <div class="verse">Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -»Ist das nicht erhaben?« fragte Fritz Harder, dessen -Antlitz schneebleich geworden war, von seinem wiehernden -Tier herunter, »die deutsche Volksseele betet.«</p> - -<p>Machtvoll und zwingend umfaßte dabei sein Blick -Mariannens dunkle Züge, als müsse er sie gewaltsam -zu seinen eigenen Erschütterungen reißen. Und sie? Sie -lächelte, lehnte elegant in den Kissen des Wagens und -knüpfte die Bänder ihres breithin schattenden Hutes fester -an dem schlanken Hals zusammen.</p> - -<hr /> - -<p>Eine halbe Stunde später wurde leise an die Tür des -Hotelzimmers geklopft.</p> - -<p>»Bitte einen Augenblick,« rief eine frische Stimme von -drinnen.</p> - -<p>Dann ein Hin- und Herhuschen, gleich darauf öffnete -sich die hohe weiße Pforte, und durch den Spalt lugte -Marianne auf den von einer flackernden Gasflamme erleuchteten -Gang hinaus. Draußen auf dem Läufer des -Flurs wartete ein junger Offizier, die Mütze in der Linken -und die Rechte auf den Degen gestützt.</p> - -<p>»Ach du bist es, Fritz,« flüsterte Marianne, über die -Heimlichkeit der Szene erfreut, und zog ihren Besucher -eilig über die Schwelle. »Ist das nicht reizend, daß wir -hier bleiben mußten? Denke doch, ein so unverhofftes -Stelldichein.«</p> - -<p>»Marianne!«</p> - -<p>»St– nicht so laut, Ihr Männer könnt Euch niemals -an Diskretion gewöhnen. Hier nebenan sind Johanna -und Isa einquartiert, und wenn sich meine Schwestern -auch zum Glück bereits zu Konsul Bark in das Gastzimmer -begeben haben, so darf dich doch auch kein anderer hören. -<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -Wie denkst du dir das eigentlich?« Und dabei schmiegte -sie sich an ihn und streichelte ihm sanft die Wangen.</p> - -<p>Draußen aber von dem Marktplatz hob sich wieder die -gewaltige Woge, die dazu bestimmt war, ein ganzes Volk -auf unerkannte Gipfel seines Daseins zu tragen. Tausendstimmig -einten sich Kampfesmut, Vaterlandsliebe, Seligkeit -und Schluchzen immer wieder zu der längst und heiß und -willig beantworteten Schicksalsfrage. Himmelan brauste -der wilde, der beschwörende Gesang, der das eiserne Gelöbnis -enthielt.</p> - -<p>Und siehe da, der junge Offizier machte sich schnell -von der hingebenden Umschlingung frei, ja es lag ein -Abschütteln in der Bewegung, als er jetzt rasch unter das -Fenster trat. Einen vollen Blick sandte er auf die dunklen -wogenden Häupter dort draußen hinaus, dann wandte er -sich entschlossen zurück, und seine Stimme klang anders -als sonst, kurz, gepreßt und voll innerer Entschiedenheit, -da er jetzt zu seiner Geliebten dicht an den Tisch zurückkehrte.</p> - -<p>»Du irrst, Marianne,« nahm er das Gespräch rasch -wieder auf, »ich besuche dich hier mit Erlaubnis deiner -ältesten Schwester.« Und bewußt setzte er noch hinzu: -»Ich möchte dir übrigens gleich bemerken, daß Johanna, -seitdem ich sie näher kenne, meine volle Verehrung genießt.«</p> - -<p>»So?« spottete die Schwarze und ließ sich in dem verblaßten -roten Plüschsessel des Hotelzimmers nieder, so daß -ihr Besuch jetzt vor ihr stand, »das ist ja äußerst schmeichelhaft -für die ganze Familie. Darf man auch erfahren, -Fritzchen, was du mir in ihrem Auftrage überbringst?«</p> - -<p>Dabei dehnte sie sich ein wenig und ließ die Spitzen ihrer -schwarzen Lackschuhe leise gegeneinander klappen. Ihr Besucher -indessen wurde von den Lockungen des Bildes nicht -eingefangen. Bezwungen horchte er vielmehr auf den Gesang, -der ungeschwächt um die dunklen Umrisse der Häuser -<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -fortbrandete, und ohne sich selbst darüber klar zu sein, so -war es dem Lauschenden doch, als ob das bessere Teil von -ihm, seine Seele, gar nicht hier drinnen in dem Zimmer weile, -wo die höchsten Wünsche des Mannes sich erfüllen sollten, -sondern draußen bei den Namenlosen, Durcheinanderwogenden, -die dem in Gefahr befindlichen Vaterlande das Trostlied -sangen.</p> - -<p>»Marianne,« begann er, sich gewaltsam von diesem Gefühl -losreißend, »die Zeit begünstigt keine Neckereien. Hat -dir deine Schwester Johanna nicht mitgeteilt, daß ich -heute vormittag bei ihr um deine Hand anhielt?«</p> - -<p>Wie von einem Stoß in den Nacken getroffen flog -Marianne empor. Zitternd vor Schrecken stand sie dicht -neben dem Offizier, ihre Augen gruben sich aus nächster -Entfernung ineinander.</p> - -<p>»Nein,« brachte sie bestürzt heraus, und es war, als -wenn sie ein leichtes Frösteln überwände, »das liegt nicht -in Johannas Art. Sie hat mir nicht das geringste verraten. -Um Gottes willen, Fritz, wie konntest du das?«</p> - -<p>»Wie ich das konnte?«</p> - -<p>In dem Manne verwirrte sich jedes Begreifen. Völlig -entglitt ihm die Beherrschung dieser Zwiesprache, die so -vollständig den Charakter einer landläufigen Unterhaltung -anzunehmen drohte. Nein, der junge redliche Mensch vermochte -sich durchaus nicht mehr zurechtzufinden. War -es denkbar, die Herrscherin über sein zukünftiges Leben, -dieses heiße, glühende Geschöpf, es jauchzte nicht auf, -als all die unwürdigen Heimlichkeiten, all das böse Versteckspielen -von ihnen abgleiten sollten? Sie bekannte sich -nicht sofort bedingungslos zu ihm, sie verstand nicht, daß -eine rechte deutsche Frau in der großen allgemeinen Not -jeden Zweifel, jede Bedenklichkeit von dem Geliebten fortscheuchen -und für immer entfernen müsse? Nein, das -<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -ertrug er nicht. Langsam umklammerte er ihren Arm, -und obwohl er fühlte, wie sie schmerzhaft zuckte, fragte -er noch einmal mit aller Zusammenfassung seiner Willensstärke:</p> - -<p>»Marianne, du weißt, mein Dasein ist an das deine -geknüpft. Gib mir deine Hand und bestätige mir noch -einmal, daß du mein Leben, so bescheiden es auch ist, -teilen willst.«</p> - -<p>Hilflos schickte Marianne ihren Blick umher, ein rasches -Aufatmen hob ihre Brust, und während sie, wie um ihren -Bedränger zu besänftigen, ihm immer noch mit ihrer zarten, -weichen Hand die Wange streichelte, da rang sie sich kleinlaut -ab:</p> - -<p>»Du weißt, Fritz, wie gern ich dich habe.«</p> - -<p>»Gern? Nun gut, Marianne, auch das genügt mir. -Aber dann wollen wir jetzt hinunter gehen, um den Deinen -unser Verlöbnis, das sie erwarten, mitzuteilen. Auch meinen -Eltern möchte ich die Freudenkunde nicht länger vorenthalten.«</p> - -<p>»Aber sieh mal, Fritz,« versuchte sich das blühende -Geschöpf zu entwinden, das die unwillkommene Einzwängung -zwischen Beschränkung und Kleinbürgerlichkeit auf sich -einrücken sah, wie die beiden Kneif-Enden einer riesigen -Zange, »ich habe natürlich nichts dagegen – ich meinte -nur – –«</p> - -<p>»Was meinst du? – Gibst du deine Einwilligung?« -beharrte der Offizier mit einer ihm ganz fremden Unerbitterlichkeit.</p> - -<p>Heftig entzog ihm die Gequälte, die sich nicht binden -lassen wollte, ihren Arm, da er ihn noch immer umspannt -hielt. Nein, wie konnte solch ein armer, unbedeutender -Leutnant, der beinahe auf nichts, als auf seine Löhnung -angewiesen war, eine derartige Zusage im Ernst von ihr -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -verlangen? Von ihr, der Glänzenden, Vielbegehrten, deren -Zukunft in einem goldigen Nebel schwamm? O, wenn sie -wollte, wenn sie bloß winkte, dann würde – – – Im -Grunde war es eigentlich, – ja, sie konnte es nicht anders -nennen, – es war eigentlich eine Anmaßung, daß der -hartnäckige, in seine Bücher verbohrte junge Mensch, der -das Leben so wenig kannte, sie veranlassen wollte, so -plötzlich, so unüberlegt eine Entscheidung zu treffen, die -sie für immer von allen glänzenderen Hoffnungen entfernen -mußte. Und warum? Es blieb wirklich halb lächerlich. -Weil man einen kleinen ungefährlichen Flirt getrieben hatte, -weil man dem hübschen Menschen mit den ernsten Zügen -ein paar Zärtlichkeiten gestattet, die man eben an irgend -jemanden verschwenden wollte. Warum nicht an ihn, auf -dessen Verschwiegenheit man doch bauen konnte? Und -zum Lohn dafür jetzt dieses beinahe unhöfliche Drängen? -Nein, das war sicherlich Johannas Werk, die es nicht -erwarten konnte, die schöne Schwester, deren Eleganz und -Damenhaftigkeit sie natürlich heimlich beneidete, in ein -ebensolches Arbeitsdasein zu stoßen, wie sie es selbst führte. -Herrgott, Herrgott, wenn man nur einen Ausweg fände, -ein Entschlüpfen! Und plötzlich warf sie sich in den Sessel -zurück und schlug beide Hände vor ihr Antlitz. Heftig und -wild schluchzte sie auf. Ja, der von einem peinlichen -Schrecken durchschlagene Offizier merkte sogar, wie zwischen -den Ritzen ihrer Finger helle Tränen hindurchtröpfelten. -Das hatte er noch nie bei ihr wahrgenommen. Und eine -Sekunde lang war es ihm, als müsse er sich über die -Ringende beugen, um ihr unter tausend guten Worten Trost -zuzusprechen. Es war ja eigentlich alles so natürlich. Dem -Unverdorbenen schien es, als ob diese Tränen, dieses aufgelöste -Schluchzen nur ein unverstandenes Abschiednehmen -von Mädchentum und Jungfräulichkeit bedeuteten, ein -<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -rührender Kummer, der ihm sein Mädchen in einer ganz -neuen, zarten und demütigen Schwäche zeigte.</p> - -<p>Wenn nur die Zeit, die machtvoll aufbegehrende Zeit -derartige Erwägungen nicht wie Spreu im Sturm auseinander -gesprengt hätte. Horch! Begann dort draußen -nicht mit einem Mal das Glockenwerk von dem Turm der -Sebaldus-Kirche zu läuten? Ein Ton immer eherner und -markerschütternder, als der andere? Fritz Harder begriff -nicht, warum die Kunstschöpfung des alten Uhrmachers -Adameit, seines Hauswirtes, in dem allgemeinen Tumult -ihre Stimme erhöbe, aber der seelenumwühlende Donnerton -raubte ihm jedes weichliche Mitleid. Fest und zielsicher -trat er an den roten Sessel heran, um seine Hand -noch einmal auf ihre Schulter zu stützen. Doch merkwürdig, -nur ein wenig regte die in sich Versunkene die volle Rundung, -aber die Bewegung genügte, damit die Hand abglitt. -Empfand der Betroffene auch die leise Gereiztheit, die -sich hier äußerte, den beleidigten Mißmut und die schlecht -verhehlte Empörung über Zwang und Gehorsam?</p> - -<p>»Marianne,« forschte der junge Mann noch einmal in -äußerster Zurückhaltung, »Marianne, ich begreife deine -Tränen nicht. Liegt denn in meiner Bitte, in meinem -Verlangen, eine Beleidigung?«</p> - -<p>Und mit einem plötzlichen Entschluß entfernte er ihre -Hände von ihrem Antlitz. Dann erschrak er. Der braune -Samtton war von ihren Wangen entwichen, und auf -ihren erschreckten Zügen lauerte etwas, was er sich durchaus -nicht erklären konnte. Für einen Erfahreneren freilich, -für Konsul Bark, hätte ein Blick genügt, um zu wissen, -daß es die Teufel der Lüge waren, die dort ihre geschäftige -Arbeit verrichten wollten.</p> - -<p>Jetzt hatte sie sich auch gefaßt. Ja, ihr Mund lächelte -wieder halb schmollend zu ihm empor.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -»Wie kannst du nur so etwas fragen, Fritz?« widerlegte -sie, während die Tränen immer noch ihre großen -schwarzen Augen feuchteten, »ich denke doch nur darüber -nach, daß du jetzt, gerade jetzt, vielleicht morgen schon, -von meiner Seite gerissen wirst.«</p> - -<p>»Ja, das ist wahr,« bestätigte ihr Zuhörer betroffen.</p> - -<p>»Und sieh einmal – –«</p> - -<p>»Ja, was denn – was denn – erkläre dich -deutlicher.«</p> - -<p>Sie beugte sich herab und ließ die glänzenden Lackhalbschuhe -wieder leicht gegeneinander schnellen. Noch hatte -sie den gewünschten Schlupfwinkel nicht völlig gefunden, -in den sie sich verkriechen wollte.</p> - -<p>»Sieh einmal, Fritz,« suchte sie noch immer unsicher, -»du sagst selbst, es gerät jetzt alles ins Wanken. Kein -Mensch weiß, ob er den anderen am nächsten Tage wieder -sehen wird. Meinst du nicht auch, daß man lieber abwarten -sollte, bis sich alles geklärt hat?«</p> - -<p>Noch sprach das schöne Geschöpf ungewiß und zögernd, -da fuhr sie plötzlich erschreckt auf. Woher die ungewohnte -atempressende Stille? Draußen hatte unvermittelt der Gesang -der Volksmenge wie mit einem Schlag ausgesetzt. -Eine einzelne ferne Stimme wurde hörbar und dann folgte -kurz und knapp, gleich dem Aufschlagen einer brandenden -Welle, ein einziges vieltausendstimmiges Hurra. Das eigentümlich -knirschende Geräusch, das stets vernehmbar wird, -wenn Massen sich in Bewegung setzen, drang zu den Einsamen -empor. Die improvisierte Versammlung auf dem -Marktplatz schien ihr Ende erreicht zu haben. Jedoch die -ungewohnte Ruhe war es nicht allein, die das aus der -Fassung gebrachte Mädchen so unheimlich in ihren Bann -schlug.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -Jetzt wußte sie es – die grauen Augen des Offiziers -waren es, die sie festhielten. Lieber Himmel, sie mußten -die kleinen betrüglichen Künste durchschaut haben, sonst -hätten sie niemals einen solch kalten, einbohrenden und -doch zugleich verzweifelten Glanz strahlen können. Schon -wollte die Verängstigte aufspringen, um durch eine neue -Zärtlichkeit, die ihr ja leicht fiel, die unbehagliche Situation -zu unterbrechen, als sie an ihrem Platz vollkommen erstarrte. -Keiner Bewegung mächtig, mußte sie mit ansehen, -wie ihr Gefährte, ohne sie nur im geringsten zu beachten, -an den Tisch herantrat, von wo er langsam seine Mütze an -sich nahm. Dann streifte sich der junge Mann, immer mit -derselben unnatürlichen Ruhe, die weißen Handschuhe -auf und hakte mit einer mechanischen Bewegung den Degen -ein. Eine Sekunde verharrte er wie in Nachdenken. Allein -je tiefer ihm das kurz geschorene Haupt auf die Brust sank, -desto deutlicher erkannte die entsetzte Beobachterin, wie seine -dunklen Augenbrauen sich immer finsterer und entschlossener -zusammenzogen.</p> - -<p>»Fritz!« sprang sie empor.</p> - -<p>Er hob das Haupt und sah sie an.</p> - -<p>Es war ein Blick aus so unendlicher Entfernung, ein so -fremder und stolz gefaßter Blick, daß Marianne vor Zorn, -Scham und Zurücksetzung hätte schreien mögen. Im Halse -schnürte sich ihr etwas zusammen, sie glaubte ersticken zu -müssen. Als sie ihre Umgebung wieder vollständig zu -deuten wußte, da schloß sich bereits, unhörbar, die hohe -weiße Tür, und eine Scheidewand wuchs empor zwischen -ihr und der Vergangenheit voll Spiel und Kurzweil.</p> - -<p>Wirklich Vergangenheit?</p> - -<p>Pah – sie hatte sich wiedergefunden. Beflügelt eilte -sie vor den altertümlichen Goldspiegel des Zimmers, um ihr -verwirrtes Haar in Ordnung zu bringen. Und als sie ihre -<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> -in purpurner Pracht siedenden Wangen gewahrte, als sie -die tadellosen Linien ihrer Gestalt abmaß, da zwang sie -etwas, spöttisch die Achsel zu zucken. Aufatmend trat sie -unter die Gardine und öffnete das Fenster. Von dem -großen viereckigen Marktplatz zogen noch immer die dunklen -Scharen ab und marschierten in schwarzen Zügen durch die -Nebengassen. Hoch über ihren Häuptern folgte ihnen das -Donnergeläut des Glockenwerks. Mit tausend Goldaugen -beobachtete der Nachthimmel das Aufbegehren und die -Erhebung eines ganzen Volkes. Köstlich reine Luft strich -zu dem Fenster herein und fächelte dem schönen Mädchen -erfrischend die Stirn. Und in diesem Augenblick durchdrang -selbst die Gleichgültige, Unbedachtsame ein zitterndes Nachgefühl -von dem, was dort unten die davonstrebenden Züge -der Stadtbürger erfüllt haben mußte. Ganz sicher, es -schwebte etwas Ungeheuerliches, Niegeahntes in der Luft. -Es flog von da und dort heran, schwirrende Möglichkeiten, -die man ergreifen mußte, um sich auf ihren Flügeln von -dannen tragen zu lassen.</p> - -<p>In die Höhe.</p> - -<p>Und der verschleierte Abenteurersinn des Mädchens, das -da an dem Eckpfeiler des Fensters lehnte, reckte sich und -verlangte gleichfalls hinaus, fort auf die Wege, die sich weit -über die Täler des Alltags emporschlängelten.</p> - -<p>Dann neigte sie sich weiter vor. Ihr scharfer Blick hatte -aufgefangen, wie das trübe Laternenlicht in einer Degenscheide -widerglitzerte. Und sie erkannte die Gestalt, die langsam -und etwas vornübergebeugt dort drüben in der Dunkelheit -der engen Rosenkranzgasse verschwand.</p> - -<p>Ja, dort Finsternis und hier Licht, nichts als Schimmer -und goldspinnende Helligkeit.</p> - -<p>Wahrlich, eine große, eine tolle Zeit.</p> - -<p>Beglückt, heiß, erglühend stützte sich die Fortgerissene -<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -nochmals auf das Marmortischchen des Goldspiegels und -starrte sich an, als wenn sie imstande wäre, sich die Zukunft -auf hoch erhobenen Armen entgegenzutragen.</p> - -<p>Ja, das Vaterland befand sich in Gefahr, aber sie selbst -war schön, einfangend schön.</p> - -<hr /> - -<p>Ruhig schritt Fritz Harder seines Weges. Rechts und -links von ihm zogen die Bürger mit ihren Frauen und -Kindern dahin, und er mußte manchmal zur Seite treten, -um die Drängenden vorüberzulassen. Dabei fing er immer -wiederkehrende Worte auf: »Der Kaiser – der Zar – -Frankreich.« Und er wunderte sich, daß er dies so klar -vernahm, daß nichts anderes, nichts Tieferes in seinem -Ohr mitsummen wollte. In der schmalen Rosenkranzgasse -schimmerte aus allen Fenstern noch Licht, und die Einwohner -der Häuser standen vor den Türen und tauschten -über die geringe Breite der Straße hinweg ihre Ansichten -miteinander aus. Und wieder schüttelte der in sich gekehrte -Wanderer erstaunt das Haupt, denn er begriff nicht, warum -seine Augen dies alles so scharf, so untrüglich in sich aufnahmen. -Einmal blieb er stehen und sah durch den schmalen -Spalt der Gasse zu dem mächtigen Nachthimmel empor. -Nein, er konnte keinen Unterschied entdecken. Dort oben -waltete dieselbe schweigende, ungekünstelte Ruhe, wie hier -unten und wie in seiner eigenen Brust. Eine wundersame, -schwere, auf alles vorbereitete Fassung, die ihre spähende -Aufmerksamkeit nur auf das Nächste richtete und entschlossen -war, sich selbst zu vergessen.</p> - -<p>Merkwürdig, er wollte sich zwingen, das formvollendete, -das schönheitgesättigte Bild der Geliebten vor sich erstehen -zu lassen, die ihn aus schneidendem Eigennutz verworfen -<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -hatte, aber er vermochte bei aller Anstrengung das lockende -Geschöpf sich nicht mehr als Ganzes vorzustellen. Aus der -trüb durchbrochenen Nacht tauchten wohl ihre Umrisse vor -ihm auf, allein jeder Kopf eines gleichgültigen Bürgers -schob sich vor seine arbeitende Einbildungskraft und überschattete -sie. Ja, als die Ablösung einer Militärwache an -ihm vorüberzog, die ihm mit klappenden Paradetritten die -Ehrenbezeugung erwies, da war jedes Gedenken an sein -eigenes Erlebnis von ihm entwichen und, wie alle anderen, so -mußte auch er den funkelnden Helmen nachschauen, während -ihm innerlich das Herz bis in den Hals zu klopfen begann.</p> - -<p>»Prima, Herr Leutnant,« krächzte plötzlich eine gallige -Stimme hinter ihm, und als sich der seinen Träumen Entrissene -umwandte, da entdeckte er hinter sich den schlottrigen -und knickbeinigen Uhrmachergesellen seines Hauswirts, den -ewig mit der Welt hadernden Leiser Bienchen, der tief den -zerbeulten Filzhut mit der herabhängenden Krempe vor -ihm lüftete, um dann krampfhaft in die Tasche seiner Beinkleider -zu greifen, weil ihm diese stets herabzufallen versuchten, -»prima, Herr Leutnant,« krächzte die gallige und -stets unzufriedene Scherbenstimme, »unsere Soldaten! Ich -mag zwar das verfluchte Pflasterzerreißen nicht leiden, und -wenn sie so mit den Kommißstiefeln aufdonnern, möchte -man Kopfschmerzen kriegen. Aber was tut das, Herr -Leutnant? Jetzt sind sie einem ein Trost, ein ganz großer -Trost, der einem die Nachtruhe wiedergibt.«</p> - -<p>Und sich noch näher an den jungen Offizier drängend, -umklammerte er mit der Rechten ängstlich das faltenreiche -Kinn, als wolle er verhindern, daß ihm seine bewegliche -Karpfenschnauze, die ihm statt eines Mundes verliehen war, -aus den wild durcheinander fahrenden Runzeln davonliefe. -So fassungslos und erschüttert hatte Fritz Harder den Uhrmacher -noch nie gesehen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -»Was meinen Sie, was hier geschehen ist, Herr Leutnant?« -tuschelte der kleine Jude seinem vornehmen Hausgenossen -unter ewigem Kopfschütteln von neuem zu.</p> - -<p>»Doch nichts Schlimmes, lieber Bienchen?«</p> - -<p>»Was heißt schlimm?« wehrte sich der andere, die -Achseln ganz hoch in die Höhe ziehend, als wolle er den -Himmel für seine traurigen Schicksale zum Zeugen anrufen. -»Unter uns, es kann geben eine fürchterliche Zerstörung. -Aber soll man es ihm übelnehmen, wenn er an einem -solchen Tag mit dem Kopf ins Dunkel fährt? Ich sag' -Ihnen ins dunkelste Dunkel, Herr Leutnant.«</p> - -<p>Fritz Harder mußte lächeln. Er wußte, daß der Gefolgsmann -des alten Adameit mit dem unbestimmten und geheimnisvollen -»er« stets seinen Chef zu bezeichnen pflegte. -Und so forschte er denn vorsichtig weiter:</p> - -<p>»Haben Sie wieder Grund zur Unzufriedenheit mit ihm, -lieber Bienchen?«</p> - -<p>»Ich habe nicht gesagt unzufrieden,« zuckte der Geselle -ärgerlich zurück und sein Mundgeschirr klappte unendlich -oft gegeneinander, »der unausstehliche Kerl ist ja trotz -allem ein Genie. Aber als ich ihm heute in meiner Aufregung -unten in dem Keller, wo wir wir immer sitzen, – -Sie wissen schon, Herr Leutnant – die Nachricht überbrachte, -können Sie sich denken, was er getan hat? -Dieser zahnlose Unmensch ist plötzlich aufgestanden, hat -die Kapsel an dem Stahlzylinder geschlossen, obwohl die -Sicherung noch immer nicht ganz fertig ist, und hat in -seiner vermoderten Sprache, die nur ich ordentlich versteh', -gesagt: Dann schließe ich mit dem heutigen Tage meine -Arbeit ab. Unter der Erde hat sie so lange gelegen und -unter der Erde wird sie auch bleiben. Aber sie wird unserer -lieben Scholle eine Kraft und eine Wut verleihen, wie – -wie – Ich glaube, er hat gesagt, wie einer Jungfrau, die -<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -sich gegen die Schande wehrt. Und nachdem er das gesagt -hat, hat er mir die Hand gedrückt, was noch nie da war, -ist in die Ecke gegangen, hat sich den Schmutz abgewaschen -und schließlich seinen Bratenrock angezogen. Herr Leutnant, -da hab' ich's nicht mehr länger ausgehalten. Mir ist so feierlich -geworden, daß mir die Knie zu zittern anfingen, und ich -mußte aus dem Keller raus und an die frische Luft. Und -was aus ihm geworden ist, das weiß ich nicht. Ich hab' -bloß seine Stimme aus Ihrem Zimmer gehört, Herr Leutnant, -wo er bei dem fremden Herrn sitzt.«</p> - -<p>»Bei einem fremden Herrn?«</p> - -<p>»Wie ich Ihnen sage, Herr Leutnant. Wenn Sie wollen, -können Sie auch sein Zischen und Pusten und Fauchen -hören, denn Ihr Fenster steht offen, und Ihr Bursche hat -die Lampe bereits angesteckt.«</p> - -<p>Da riß sich der junge Offizier hastig los, und zu gleicher -Zeit schüttelte er energisch die Traumgespinste ab, die aus -dem dämmernden Keller des alten Adameit geheimnisvoll -bis zu ihm emporgekrochen waren. Ungeduldig drückte er -sich in den engen Schlitz hinein, der in dem blauen und -rosigen Pfefferkuchenhäuschen die Haustür vorstellte. Aber -der Uhrmacher hinkte ihm nach, so rasch es seine schlecht -befestigten Beinkleider erlaubten, und hauchte dem Voranstürmenden -in seinem heiseren Krähenton nach:</p> - -<p>»Ein großes Tier, Herr Leutnant, Ihr Besuch, mit roten -Streifen an den Beinen und ein Verwandter dazu. Er hat -es ausdrücklich angegeben. Nu, sehen Sie, habe ich gelogen? -Da tritt Herr Nikolaus Adameit gerade aus Ihrem Zimmer. -Gewaschen, gekämmt und in dem schwarzen Bratenrock. -Hier oben kennt er mich nicht. Er kennt mich bloß unten -im Keller. Aber es gibt mir doch ein Gefühl von Hochachtung, -weil ich mitgeholfen hab'. Man ist doch nicht -bloß wie Öl in der Kanne gewesen oder wie ein totes -<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -Rädchen. Nu, gute Nacht, Herr Leutnant, und wenn Sie -Bedienung benötigen, Sie brauchen bloß zu klingeln. Ich -pass' auf.«</p> - -<hr /> - -<p>Heftig riß Fritz Harder die Tür seines Zimmers auf. -Und richtig, im Schein der kleinen weißen Porzellanlampe, -die vor ihm auf dem ovalen Tisch brannte, saß der Erwartete, -Geahnte auf dem grünen Plüschsofa. Spähend -schob sich bei dem Geräusch der Tür das bartlose glatt -rasierte Haupt zur Seite, und unter einem Büschel gänzlich -unpreußischer grauer Locken nahmen ein paar versonnener -blauer Augen plötzlich den Glanz einer warmen Freude an.</p> - -<p>»Gottlob, daß ich dich noch treffe, mein lieber Junge,« -sagte eine freundliche Stimme, während die hohe, breitschultrige -und mannbare Figur sich langsam erhob; und -dabei streckten sich dem Eintretenden feine weiße Gelehrtenhände -entgegen. »Ich fürchtete, du könntest bei dem Trubel -schon Gott weiß wohin abkommandiert sein. Deshalb ist -es ein rechtes Glück, daß ich dich noch erreiche. Komm, -Fritz, laß dich einmal anschauen.«</p> - -<p>Die hohe Gestalt mit dem gütigen Gelehrtenhaupt stand -jetzt dicht neben dem jungen Mann und begrüßte ihn durch -einen leichten Schlag auf die Schulter.</p> - -<p>»Onkel Siebel,« wollte Fritz erregt ausbrechen, denn eine -unnennbare Erleichterung überkam ihn, als er unvermutet in -dieser Wirrnis ein verwandtes Herz neben sich wußte, -»Onkel Siebel, daß du gerade heute kommst! Du ahnst -gar nicht, was – –«</p> - -<p>»Doch,« unterbrach der alte Militär, die Augen ein wenig -zukneifend, »doch, mein Junge. Du siehst nicht so aus, wie -ich dich erwartete. Was ist das für eine kränkliche Blässe? -<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -Und wohin hast du dein frisches Jungenlächeln versteckt? -Erinnerst du dich, deine liebe Mutter behauptete ja, du -wärest immer anzusehen, als wenn du gerade etwas geschenkt -erhalten hättest? Also was gibt's? Beklemmung -vor der großen Weltkatastrophe?«</p> - -<p>»Nein, Onkel.«</p> - -<p>»Ärgernis, Zurücksetzung im Dienst?«</p> - -<p>»Auch das nicht, obwohl –«</p> - -<p>»Na ja, ich weiß schon. So ein junger Leutnant darf -dienstlich überhaupt nicht zufrieden sein, – wäre ganz -reglementswidrig. Aber nun sage mal, Fritz, bist du -krank?«</p> - -<p>Eine leichte Pause entstand. Unschlüssig, mit sich kämpfend, -sandte der Jüngere seinen Blick gegen das Lämpchen, -das seine dämmrigen Friedensstrahlen unverwandt ihm -entgegenschickte. Der alte Herr jedoch wurde ungeduldig, -und knöpfte an seinem ziemlich salopp herabhängenden -Waffenrock herum.</p> - -<p>»Na also, offen, offen, mein Kerlchen,« drängte er -überredend, »ich habe nämlich deinen Eltern so eine kleine -Inquisition versprochen, sonst würde ich mich ja nicht so -beharrlich in derartige Geheimnisse mischen. Wir haben, -weiß Gott, jetzt anderes zu denken, nicht wahr, Fritz? -Aber in euren kleinen dumpfen Garnisonen wachsen manchmal -wunderliche Geschichten auf. Und da findet solch -alter, kalter Bücherwurm wie ich vielleicht doch besser durch, -als so ein feuriges Temperament mit dem bewußten Napoleon-Gesicht. -Also Junge, ich bitte um Vertrauen.«</p> - -<p>Da ermannte sich der Gefragte, und in seinen dunklen -Augen, die er zu dem gütigen Verwandten erhob, stand seine -ganze Leidensgeschichte geschrieben, als er sich stockend abrang:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> -»Onkel, du hattest recht. Ich war krank. Ich glaube, -ich habe ein böses Fieber überwunden.«</p> - -<p>Jetzt nahm der Alte den Kopf des Offiziers tröstend, -besänftigend, beinahe liebkosend in seine beiden Hände. -Es war unbeschreiblich, welch eine wackere, mannhafte -Güte von dem gelehrten Krieger ausging.</p> - -<p>»Also überwunden, Fritz? Wirklich und wahrhaftig?« -fragte er eindringlich.</p> - -<p>»Ja, Onkel Siebel,« bekräftigte der andere fest, »ich -gebe dir mein Wort.«</p> - -<p>»So, so,« erwiderte der Generalmajor bedächtig und -gab langsam den Eingefangenen frei, »dann ist diese Angelegenheit -ja für mich erledigt. Gottlob. Ich muß dir -nämlich gestehen, Fritz, – da mir Heimlichkeiten auf der -Seele brennen – daß deine liebe Mutter durch allerlei -Klatsch und Zusteckereien über deine Affäre unterrichtet -war. Die alte Dame fühlte sich innerlich recht beunruhigt, -wenn sie es auch nach außen hin tapfer verschwieg. Aber -nun, mein lieber Sohn, komm, setze dich zu mir an den -Tisch und laß uns jetzt über das reden, wovon die Herzen -aller deutschen Menschen voll sind. Ich wurde hierher geschickt, -um den hiesigen Herren Offizieren einen kriegswissenschaftlichen -Vortrag zu halten. Daraus wird natürlich -nichts, denn jetzt werden wir ja in der Praxis zu erproben -haben, durch die lebendige Tat, was wir wissen und erlernten. -Komm, mein Junge, die beiden Flaschen Pilsener -Trankes genügen für uns. Jetzt wollen wir Kriegsrat -halten.«</p> - -<p>Bis weit nach Mitternacht saßen die Beiden zusammen. -Und während draußen jeder Laut erstarb, während die -Stadt, um die ein ferner Feind bereits seine haarigen -Riesenarme klammerte, in schweren, traumerfüllten Schlaf -verfiel, in den letzten vielleicht, dem sie sich ungestört und -<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> -im Besitz geheiligter Ruhe und Ordnung hingeben konnte, -da zauberte der alte Mann, dem der Krieg mehr als -blutiges Getümmel, tolles Einhersprengen und fröhliches -Waffenklirren bedeutete, da zauberte der Kundige wundersame -befreiende Gebilde vor den aufhorchenden Schüler hin. -In blühender, fortgerissener Sprache schilderte er das Elementarereignis, -das nicht zufällig über den geduckten -Menschheitsnacken fortraste, sondern natürlichen, längst erwarteten, -genau zu berechnenden Gesetzen folgte, die nicht -nur Brand und Verderben, sondern auch Sammlung und -Auferstehen mit sich führten. Der Krieg war kein sinnlos -tobender Vernichter, sondern ein weiser, vorbedachter Haushälter -unter den Erdenvölkern. Gleich dem Tod, der den -Lebenden aus ihrem engen, arg bedrängten Bezirk immer -wieder Luft und Raum schafft, so war auch der Krieg der -grübelnde Gärtner, der ganze Völkerpflanzungen, auch wenn -sie scheinbar noch blühten, umpflügte und zur Ruhe verdammte. -Entweder, weil er in späterer Zeit anders geartete -Früchte von ihnen erwartete, oder weil er dem ungestümen -Drang jüngerer Schößlinge nach Ausbreitung für eine -gewisse Dauer nachgeben mußte. Der Krieg waltete aber -auch als der letzte eiserne Schulmeister der Gottheit auf der -Erde. Was früher, solange Gemüt und Körper noch schwerer -bildsam waren, Sintflut, krachende Weltteilabstürze oder -eishauchende Vergletscherungen vollbracht hatten, nämlich -die Erziehung ungeheurer, von den Elementargewalten betroffener -Stämme nach einer bestimmten Richtung hin, -zu einem ganz gewissen Ziel, das erst die Spätgeborenen, -schaudernd vor der ewigen Gerechtigkeit, als planvoll und -segensreich erkannten, dafür wurde jetzt unter den verfeinerten -Lebensformen, sobald sie zur morschen Überreife -neigten, der Krieg als allgemein verständlicher, jede Auflehnung -erstickender Erzieher über die Erde geschickt. Und -<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a> -er hat jedesmal seine stählerne Rute gut geschwungen. Noch -kennt das Menschengeschlecht keinen Examinator, der so klar -die Talentvollen und Starken nicht allein über Schwache -und Faule, sondern sogar über die fleißige Mittelmäßigkeit -zu setzen wüßte. Und dann, – seine Lehrstunde ist nur kurz, -denn wenn er gesagt hat, was er weiß, dann schlägt er die -Tür der Schulstube donnernd hinter sich zu und schreitet in -den dichten Wald der Jahrhunderte. Aber das, was er -seinen Schülern vortrug, bleibt eindringlich über Geschlechter -hinaus haften und wirkt unvergeßlich fort bis zu späten -Enkeln.</p> - - - - -<h3>VI.</h3> - - -<p>Zwei Tage des Wartens hinkten über das Land. Auf -allen fahrbaren Wegen knarrten schwer beladene Wagen -dahin, deren Besitzer von der gefährdeten Grenze den -Städten zustrebten. Oft stand Johanna aufgerichtet an den -Torpfosten ihres Gehöfts zu Maritzken und sah die traurige -Völkerwanderung, dieses unvorstellbare Elend an sich vorüberwallen. -Denn es war ja nur eilig zusammengeraffter -Besitz, zerzaust und gebrechlich, was die Flüchtenden hier -stumm und ohne ein Wort der Klage vorbeischafften. -Kommoden und Schränke, Bettzeug und Vogelbauer, Säcke -voll Lebensmittel, Kleidungsstücke und Kochgeschirr, Kinder -und junges Vieh, alles rollte, wirr zusammengepreßt, in -endlosem Zuge dahin.</p> - -<p>Aber auch Militärkolonnen marschierten an der versonnenen -Beobachterin vorüber. Gleichfalls still, in sich -gekehrt, ohne Lieder. Denn sie hielten die Stirnen nicht -dem Osten zugewandt, wie es ihr junger Mut ersehnte, -sondern sie folgten höherem Befehl, der sie zu zusammengefaßter -<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -Tat aufsparte. Im Staub und Dämmer des -Augusttages verschwanden die lockeren Kolonnen.</p> - -<p>Einmal löste sich eine Gestalt aus einer der dahinziehenden -Kompagnien, trat schnell auf die Gutsherrin zu und -streckte ihr rasch die Hand entgegen. Zuerst erkannte Johanna -den Grüßenden nicht, denn die neue graue Uniform -hatte den gewohnten Eindruck verändert. Aber dann drückte -sie die dargebotene Rechte stark und fest, als ob sie den -Offizier, der keinen Blick auf den weißen Hof warf, überzeugen -wolle, daß hier auch ehrliche und treue Gemüter -lebten, Herzen, die den Trommelwirbel der Zeit nachschlugen -und nicht im Walzertakt hüpften. Kein Wort wechselten die -Beiden miteinander. Aber es war doch ein Abschiednehmen -über die Dauer des Seins hinaus. Und in dem Händedruck, -mit dem Johanna den Scheidenden entließ, barg sich ein -mütterlicher Segenswunsch. Dann ein stummes Zurücktreten -in die grauen Haufen, und auch diese Scharen -wurden eingesogen von der undurchdringlich sich dahinwälzenden -Staubwolke.</p> - -<p>Über die schlängelnden Feldwege aber jagte und raste das -Gerücht. Schattenhaft grau stäubte es dahin, menschlichen -Augen manchmal nur als ein mit gestreckten Läufen flüchtender -Hase erkennbar. Doch das lechzende Tier sollte -aus einem brennenden Haferfeld hervorgebrochen sein.</p> - -<p>Barmherzigkeit, war das möglich? Wer hatte es erzählt, -wer zuerst geglaubt?</p> - -<p>An den Kreuzwegen der Felder, an den schmalen Brücken -der hellen Bäche, die durch die sanft gewellten Talmulden -blitzten, überall knirschte und schlürfte es. Greise und alte -Weiber, die einzigen Einwohner verlassener Ansiedlungen, -schlichen hier zusammen. Wackelnde Köpfe, erstorbene -Stimmen erzählten sich Gräßliches:</p> - -<p>»Wißt ihr schon? Es ist wahr. Man kann es beschwören. -<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a> -Das Rittergut Lutheinen ist abgebrannt bis auf den Erdboden. -Da, wo das Schloß stand, liegt ein Kohlenhaufen.«</p> - -<p>»Im Frieden, denkt euch, mitten im Frieden!«</p> - -<p>»Woher sie kamen und wohin sie entschwunden sind, das -weiß kein Mensch. Aber acht Meilen weit ritten sie ins Land -hinein. Sie trieben vor sich her, was vor ihre Lanzen kam. -Die Mädchen wurden an die Pferde gebunden, die Kinder -gehetzt, bis sie erstickten.«</p> - -<p>»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«</p> - -<p>»Ich sah es nicht selbst, aber der Landbriefträger hat -es erzählt. Dem Schmied von Löthau haben sie, als er einen -von den Mordbrennern mit dem großen Hammer totschlug, -mit seinem eigenen Viehstempel eine Marke ins Genick gesengt. -Der Mann ist wahnsinnig geworden.«</p> - -<p>»Wehe, wehe, wie wird es uns gehen! Wer wird uns -zu essen geben, wenn wir nicht mehr weiter können?«</p> - -<p>»Lauft zu dem Fräulein von Maritzken, sie hat Milcheimer -aufgestellt und Brote hingelegt.«</p> - -<p>»Herr Jesus, ist sie noch da?«</p> - -<p>»Ja, die Grothe-Marjellen sind noch da. Wir haben ihre -hellen Kleider durch die Büsche gesehen.«</p> - -<p>»Oh, sie muß uns Brot und Milch geben. Und dann -weiter, weiter, hier bleiben wir nicht!«</p> - -<hr /> - -<p>In dem kleinen gemütlichen Eßzimmer zu ebener Erde -saßen die beiden ältesten Grothe-Schwestern, und es schien, -als ob sie trotz ihrer Verlassenheit ruhig die Hefte der -Journalmappe durchstöberten, die zum Teil aufgeschlagen -die Platte bedeckten. Über ihnen sandte die grün verhangene -Hängelampe ihr sanftes elektrisches Licht aus, und in dem -kleinen Gemach waltete eine Stille, die man in anderen -<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -Zeiten behaglich genannt hätte. Heute aber war es, als -ob der Tag an seiner Rüste beklemmt den Atem anhielt, -bevor er von neuem seinen Mund zu wilden blutrünstigen -Märchen und Erzählungen öffnete. Eben schlug es von dem -nahen hölzernen Kirchturm die neunte Stunde. Durch die -Wipfel der hochstrebenden Eichen vor dem Hause fuhr ein -ziehendes Wehen, ein unheimliches Ächzen, das die innere -Unruhe nur vermehren konnte, als die Seitentür knarrte, -und Isa in einem grauen Reisekleid, einem schwarzen Lackhut -auf den roten Haaren, völlig gerüstet hereintrat. In -dem feinen Gesicht der Siebzehnjährigen nistete eine erschreckende -Blässe. Ihre großen Goldaugen schienen wie -von Nebel verhängt und irrten unruhig von den beiden -älteren Schwestern hinweg zu dem einzigen Fenster der -Stube hin, vor das die Nacht jede Aussicht sperrend ihr -schwarzlockiges Haupt gedrängt hatte. Vergebliches Mühen, -denn die Jüngste der Grothe-Marjellen fing dennoch in -ihrer aufgereizten Einbildungskraft tolle, sich überstürzende -Begebnisse auf, die sich dort draußen unter erstickten schreckhaften -Rufen verkündeten. In nervöser Hast fingerte sie -auf der Platte des Tisches herum und zupfte an den Ecken -der Journalhefte, ohne zu empfinden, wie sehr sie dadurch -ihre ruhige Schwester Marianne in ihrer Lektüre beeinträchtigte.</p> - -<p>Da trat Johanna auf das furchtgeschüttelte Mädchen zu -und klopfte ihr leise die Wange. Von der Berührung zu -sich selbst gebracht, drängte sich Isa dicht an die ragende -Gestalt ihrer ältesten Schwester heran, und eine kurze -Sekunde war es der Kleinen, als ob hier an den festen -Gliedern der ruhigen und gefaßten Frau auch für sie ein -Schutz, eine Zuflucht geboten werden könnte. Im nächsten -Moment freilich flackerten ihre Blicke wieder begehrlich um -die nahe Tür, denn der ungestüme quälende Hang nach -<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -Flucht und Rettung überwältigten das zitternde Geschöpf -von neuem.</p> - -<p>»Du willst also wirklich diese Nacht nicht bei uns verbringen?« -fragte Johanna in ihrem gewohnten Ernst, wobei -sie es jedoch vermied, irgendeinen Tadel oder eine Abmahnung -mitklingen zu lassen, »du bleibst dabei, zu so -später Stunde zu unserer Tante Adelheid nach Sorquitten -zu fahren? Aber wie, Kind, wenn Fedor Stötteritz und -die meisten seiner Leute schon fort wären? Ich will dich -nicht ängstigen, aber es ist doch möglich.«</p> - -<p>Die Jüngste jedoch ließ sich von dem Einwurf nicht -treffen, sie schüttelte das rote Haupt nur bestimmter und -sicherer, als ob es für ihre Pläne kein Hindernis geben könnte.</p> - -<p>»Das wird ja nicht sein,« stammelte sie in der Sucht, -sich an einen irgendwo in der Ferne gaukelnden Rettungsschimmer -wie an ein starkes Seil zu hängen, »das ist ja -ganz gewiß nicht der Fall. Fedor, und der Inspektor, und -alle seine Knechte sind noch da. Dort befindet man sich -dann endlich in Sicherheit. Nicht wahr, das meinst du doch -auch? Komm mit, Johanna,« setzte sie plötzlich dringend -hinzu, während sie die Hand der Blonden mit fieberhafter -Glut umspannte, »komm mit, ich bitte dich. Begleite du -mich wenigstens, Marianne. Ich kann euch nicht schildern, -was ich hier leide. Wenn wenigstens ein Mann uns zur -Seite stände, wenn Konsul Bark – –«</p> - -<p>»Laß den Konsul zufrieden,« schnitt Johanna rasch ab. -»Er wird jetzt für sich selbst zu sorgen haben. Und du, -mein Kind, fahre in Gottes Namen. Baumgartner wartet -draußen schon mit dem Wagen auf dich. Und um uns -brauchst du dich nicht zu beunruhigen, hörst du? Der -Landrat hat mir versprochen, daß wir sofort durch Depesche -benachrichtigt werden, wenn irgendeine Gefahr im Anzuge -sei. Grüße Tante Adelheid und auch Fedor von mir und -<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -sage ihnen, sobald es zum Äußersten kommt, werde ich -selbstverständlich auch an mich denken. Nun geh, mein -Kind, mache dir den Abschied nicht schwer, denn ich denke, -wir sehen uns in den nächsten Tagen wieder. Und Baumgartner -soll das Verdeck hochschlagen, verstanden? Denn -es sieht aus, als ob es regnen wollte.«</p> - -<p>Ein paar Minuten später rollte der Wagen mit seiner -einsamen Insassin bereits über die Chaussee. Kühl lag die -Nacht auf Feld und Steg. Schwarzgezackte Wolken segelten -an dem sternenlosen Himmel dahin und schoben sich zu ungeheuren -drohenden Gebilden zusammen. Nur ab und zu -jagte ein bleicher Mond aus den gähnenden Klüften dort -oben heraus und goß einen schnell verschwindenden Lichtsturz -auf die reifen Felder herab. Ein paar vereinzelte Regentropfen -klatschten hohl auf den Weg.</p> - -<p>Ungeduldig rückte Isa unter dem engen Lederverdeck hin -und her. Es war so dunkel und stickig unter der schwarzen -Kappe. Jede Aussicht wurde versperrt. Und ein unbestimmtes -banges Gefühl befahl ihr, noch einmal nach der entschwindenden -Heimat zurückzuschauen. Pochenden Herzens -erhob sie sich, um ihrem Kutscher einen leichten Schlag -auf den Rücken zu versetzen. Überrascht wandte sich der -still vor sich hinstarrende Mann zurück.</p> - -<p>»Was wollen Sie, Fräulein?«</p> - -<p>»Baumgartner,« schmeichelte Isa, während ihre Hand -immer noch unbewußt über die Schulter des Statthalters -glitt, »es ist so beklommen hier drinnen; schlagen Sie das -Verdeck zurück.«</p> - -<p>Der Mann schüttelte bedenklich das Haupt und zog die -Zügel etwas an.</p> - -<p>»Aber Fräuleinchen,« wehrte er sich, »es feuchtet hier -draußen. Hören Sie nicht die Regentropfen?«</p> - -<p>»Das schadet nichts, lieber Baumgartner, ich bitte Sie, -<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -tun Sie mir den Gefallen. Ich kann hier unter dem Leder -nicht ordentlich atmen.«</p> - -<p>Jetzt murmelte der treue Verwalter etwas vor sich hin, -sprang aber sofort herab, und gleich darauf faltete sich der -dunkle Plan über dem Haupt der sich Zusammenduckenden, -der schwarze Nachthimmel dehnte sich über ihr, und ein -feuchter Windzug pfiff an ihren Wangen vorüber.</p> - -<p>»So, nun aber weiter,« sprach Baumgartner, der inzwischen -den Bock wieder eingenommen hatte, zu der noch -immer hinter ihm Stehenden, und dann murmelte er abermals -etwas, was Isa trotz aller Anstrengung nicht verstand, -spähte nach rechts und links über die dunklen Feldwege und -ließ endlich seine Peitsche sausend über die trabenden Pferde -dahinklatschen. »Vorwärts, vorwärts,« trieb er.</p> - -<p>Hinter ihnen verglommen die letzten zuckenden Lichtschimmer, -die die Gegend von Maritzken andeuteten, und -immer näher wanderte ihnen die dunkle Linie eines Tannenschlages. -Von fern hörte man bereits das Ächzen und -Knarren der Wipfel.</p> - -<p>»Vorwärts, vorwärts,« drängte Baumgartner abermals -und wollte seine Peitsche weit ausholend durch die Luft -streifen lassen. Aber mitten im Schwung erschrak er und -hielt ein.</p> - -<p>»Wir sind doch bald da?« forschte Isa über seine -Schulter herüber.</p> - -<p>»Ja – jawohl – wir sind bald da. Eine halbe Stunde.«</p> - -<p>Allmählich ließ sich das Mädchen wieder in die Wagenecke -zurücksinken, krampfte die Hände zusammen und saß -hochaufgerichtet da. So ausgesetzt, so allein, so der tröstenden -Hilfe bedürftig, wie jetzt inmitten der farblosen, gestaltenschwangeren -Nacht, meinte sie sich noch nie befunden zu -haben. Unwillkürlich hob sie den behandschuhten Finger an -ihre bebenden Lippen, wie sie es als Kind in Not und Bedrängnis -<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -getan, und starrte voraussuchend in die dicke -Finsternis, die nur ab und zu durch vorüberhuschende weiße -Chausseesteine unterbrochen wurde.</p> - -<p>O, jetzt ein Schutz, jetzt ein lachendes gutes Wort!</p> - -<p>»Baumgartner, sind wir bald da?«</p> - -<p>»Ja, Fräuleinchen, knapp eine Viertelstunde – -aber – –«</p> - -<p>Jedoch seine Insassin vernahm die Einschränkung des -Mannes auf dem Bock nicht mehr, denn während ihre -Augen furchtsam das dunkle Untergestrüpp des Waldes -durchirrten, dessen schlanke Stämme bis dicht an die -Chaussee herantraten, da lungerte ihre aufgescheuchte Einbildungskraft -sehnsüchtig nach den Rettern aus, von denen -sie meinte, daß sie ihr allein Erlösung und Trost verbürgen -könnten. Die muskulöse Riesengestalt des Recken von -Stötteritz tauchte vor ihr auf, dann entsann sie sich der -ernsten Entschlossenheit von Fritz Harder. Aber körperlicher -als diese beiden fühlte sie den um vieles älteren Konsul -neben sich lehnen, und ihre Glieder erwärmten sich beinahe, -als sie sich vorstellte, wie spöttisch und väterlich die Stimme -des gereiften Mannes jetzt klingen würde: »Na, kleines -Rotfeuer, man wird ja gleich das Kinderbettchen aufschlagen. -Nur Geduld, es dauert nicht mehr lange.«</p> - -<p>Erschreckt fuhr sie empor, denn in demselben Augenblick -hatte wirklich etwas zu ihr gesprochen. Der Wagen hielt. -Mitten in der engen Waldstraße, nicht hundert Schritt von -dem Austritt in das freie Feld entfernt, das im fahlen -Mondenlicht weiß herüberglänzte.</p> - -<p>»Baumgartner, sagten Sie etwas?«</p> - -<p>»Ja, Fräulein.«</p> - -<p>Sie sprang empor, stützte sich auf das eiserne Bockgeländer -und brachte ihr Haupt so nahe an den Verwalter -heran, bis sie seinen feuchten Ärmel an ihrer Wange spürte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -»Warum halten wir hier?« ging es ihr schwer über die -Zunge. Und zugleich merkte sie, wie sie unfähig wäre, auch -nur ein Glied zu bewegen, weil ihr ganzer Körper von einer -starren Lähmung geschlagen war. »Baumgartner, um -Gottes willen, was beobachten Sie dort vorn auf dem Feld?«</p> - -<p>Allein der Mann erteilte keine Antwort. Mit einem einzigen -Sprung setzte er plötzlich vom Wagen, und die Zurückgelassene -erkannte wie hinter einem Flor, daß ihr Schützer -in weiten Sprüngen am Waldrand entlang huschte, immer -ängstlich bemüht, das hereinfallende Mondlicht zu meiden.</p> - -<p>Sie wollte schreien, aber die Stimme versagte ihr.</p> - -<p>Seltsam, seltsam! Was waren das für dunkle, bewegliche -Schatten dort hinten am Ende des Waldausschlages? -In dichten Massen schienen sie dahinzugleiten, fremde, -unentzifferbare Laute schlugen deutlich durch das Gehölz. -Und jetzt – nein, sie täuschte sich nicht – da und dort -blitzten kleine runde Lichter auf. Sie waren dem wandernden -Zuge eingefügt und sandten vorüberschwebende, spähende -Lichtkegel durch die aufgleißenden grünen Nadelzweige.</p> - -<p>Horch und jetzt!?</p> - -<p>Ein Kälteschauer schnitt ihr über die Brust, der Atem -stockte der Entsetzten, denn ohne daß sie das geringste -merkte, war plötzlich eine Gestalt neben dem Wagen aufgewachsen, -schwang sich auf den Bock und riß die Zügel -an sich.</p> - -<p>»Baumgartner, um Gottes Barmherzigkeit willen, sind -Sie's?«</p> - -<p>Allein der Mann, der die Führung des Wagens übernommen -hatte, blieb stumm. Mit Aufbietung aller Kräfte -warf er die Pferde zurück, schlug ihnen mit dem Peitschenstiel -über die Köpfe und ließ das Gefährt über den Graben -hinweg in den Seitenschlag hineinrasen. Von dem Stoß -getroffen wurde das Mädchen in die Polster zurückgeschleudert. -<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -In wahnsinniger Flucht schossen die Baumriesen -an ihr vorüber, überhängende Zweige schlugen ihr -ins Gesicht, der Wagen sprang und polterte, daß sie von -einer Ecke in die andere geschleudert wurde, und dazwischen -zischte etwas um sie herum, etwas gänzlich Fremdes, nie -Gekanntes, wie vorübersausende Bienen, die einen bösen -pfeifenden Ton ausstießen. Und bei alledem behielt die -Überwältigte noch genügend Besinnung, um ein schwaches -Erstaunen darüber zu empfinden, warum der Pfad vor -ihnen so schwarz und unbeleuchtet blieb. Der Mann auf -dem Bock mußte die Laternen gelöscht haben. Und weiter -flog der Wagen über Baumwurzeln und Maulwurfsgruben. -Jetzt eine knirschende Schwenkung, und mitten hinein ging -es in ein rauschendes Feld. Surrend, gleich zischenden -Dampfwolken wogten die starken Halme rechts und links -an dem Gefährt vorüber.</p> - -<p>Und dann –</p> - -<p>Eben meldete sich ein sanfteres Rollen, da schrien mehrere -wilde Stimmen neben ihnen auf. Ein sausender Schlag wie -mit einem eisernen Schaft traf das lederne Verdeck, die -Wagenpferde stiegen und wieherten, ein erneutes tolles -Herumschwenken und abermals rauschte und strich das -Meer der wogenden Ähren um die versinkenden Räder -herum.</p> - -<p>Allein das Mädchen fürchtete nichts mehr, denn das klare -Bewußtsein war ihr untergegangen.</p> - -<p>Als Isa wieder zu sich kam, da wölbte sich über ihr der -mit Wappenschilden bunt bemalte Torbogen der Stadt. -Trüber Mondschein sickerte noch aus den Wolken. Auf dem -Bock saß Baumgartner, und obwohl dem Treuen über das -übernächtigte Antlitz der Schweiß rann, fragte er doch -freundlich, erlöst:</p> - -<p>»Wohin, Fräuleinchen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -Isa besann sich nicht:</p> - -<p>»Zu Konsul Bark,« sagte sie rasch.</p> - -<hr /> - -<p>Über den Hof von Maritzken schritt durch die Schwärze -der Nacht die hohe Gestalt eines Weibes. In ein Umschlagetuch -gehüllt lehnte Johanna eine Weile an der Einfahrt -und lauschte auf die Chaussee heraus, ob sich noch -immer nicht das Rollen des zurückkehrenden Wagens anmelde.</p> - -<p>Kein Laut.</p> - -<p>Nur das hohle Aufschlagen der vereinzelt dahinstiebenden -schweren Regentropfen fing ihr gespanntes Ohr auf, und -dazwischen strich ein feuchter Wind zischend und raschelnd -um die Pfeiler der Einfahrt. Eine leise Unruhe stieg in der -Besonnenen auf. Sollte der Wagen vielleicht irgendwo eine -Beschädigung erlitten haben? Jedenfalls wollte sie wach -bleiben, um das Eintreffen Baumgartners zu erwarten. -Fröstelnd hüllte sie sich tiefer in das warme Tuch und schritt -langsam über den Hof zurück. Überall waltete schwere -lastende Ruhe. Aus den Kuhställen drang ein vereinzeltes -Brummen hervor, und aus den vergitterten, halb angelehnten -Fenstern schlug eine bleiche Wolke tierischer Wärme -heraus. Dicht vor dem Hause lösten sich zwei schlanke -Schatten ab. Es waren die beiden munteren Schäferhunde, -die jetzt wedelnd an ihrer Herrin in die Höhe sprangen. -Eigentümlich grell leuchteten die Augen der Tiere durch die -Finsternis.</p> - -<p>Und weiter schritt Johanna durch das Haus. Hier und da -legte die Sorgliche die Hand auf eine der Türklinken, um zu -prüfen, ob auch überall verschlossen wäre. Dann stieg sie -in den ersten Stock hinauf und blieb vor Mariannes kleinem -<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -Gemach stehen. Selbst bei dem trüben Licht des Petroleumlämpchens, -das den schmalen Gang auch in der Nacht erhellte, -konnte man erkennen, wie sich die Stirn der Einsamen -verzog, als sie jetzt die tiefen Atemzüge der dort -drinnen gewiß sorglos Schlummernden auffing. Bedrückt -schüttelte sie das Haupt, und ein kurzer Seufzer entrang -sich ihr, bevor sie sich losriß, um ihr eigenes Schlafzimmer -aufzusuchen. Überaus eng und einfach bot sich der weiß -gedielte Raum dar. Ein festes eichenes Bett, darüber an -der bläulich getünchten Wand ein Holzkreuz des Erlösers, -ein altertümlich geschnitzter Schrank, eine breite Eichenkommode, -die zugleich als Waschtisch diente, – sonst nichts. -Kein Schmuck, kein Zierat; nur an der Seitenwand hing -der gebräunte Buntstich des Preußenprinzen Louis Ferdinand, -und die dunklen, schwermütigen Augen des Bildes -verfolgten das große blonde Weib, als es sich jetzt hart -auf den Rand seines Bettes niederließ, und verhinderten sie -daran, zum erstenmal an dem Arbeitstage ruhig ihre -fleißigen Hände in dem Schoß zu verschränken. Das einzige -Fenster des Zimmerchens stand noch offen, und die Einsame -wandte ihr Haupt und lauschte von neuem. Draußen -schüttelten die schmal geschnittenen Eichen ihre hochragenden -Kronen, und die Blätter wisperten und raunten in scharfer, -spitzer Geschwätzigkeit. Müde erhob sie sich, um das Fenster -zu schließen. Dann begann sie, sich gedankenlos zu entkleiden. -Sie löste das reiche blonde Haar, das jetzt, nachdem -es entfesselt war, in lichten Wellen an ihr herniederfiel. -Aber die Besitzerin dieses Schmuckes wandte keinen Blick -auf die weiche Pracht, sondern warf hastig ihre Bluse ab. -Und wieder zuckte sie betroffen zusammen, als sie merkte, -wie fröstelnd es ihr am Abend des heißen Augusttages über -die entblößten Arme schnitt.</p> - -<p>Jetzt – aber mein Gott, was war das? Was bedeutete -<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -es, daß die Augen des toten Prinzen dort oben auf dem Bilde -einen immer sprechenderen Ausdruck annahmen? Ein -matter Zug von Sattheit und doch unterdrückter Lebensgier -spielte dabei um die fein geschwungenen Lippen, und es lag -etwas Spöttisches, Wegwerfendes in der Art, wie das Bild -ihr auf Schulter und Nacken herabschaute.</p> - -<p>Minute auf Minute verstrich. Von draußen summte der -matte Schlag der Dorfuhr herein, und dazwischen hämmerten -schwere Tropfen, jetzt ununterbrochen, gegen die Fensterscheiben. -Ein unablässiges Spritzen und Rinnen. Sie -wandte sich und sah, wie der weiße Vorhang des Fensters -in der Zugluft, die durch die undichten Fugen schlüpfte, -leise hin und her bewegt wurde. Um das Lämpchen auf -dem Waschtisch schwirrte und gaukelte ein winziger Nachtfalter. -Von Zeit zu Zeit vernahm sie das Anschlagen seiner -Flügel.</p> - -<p>Jedoch allmählich vermischten und verwirrten sich die -Geräusche. Das Frösteln über ihrer Brust zwang sie, sich -tiefer zu verhüllen, sie griff in den weißen Bettüberzug, -lehnte sich weiter zurück, und noch einmal war es der -Versinkenden, als vermöge ihr drohender und abweisender -Blick das merkwürdige Lächeln von dem Bilde dort oben -zu verscheuchen.</p> - -<p>Draußen regnete es heftiger, aber in der kleinen Schlafstube -wurde es still.</p> - -<p>War es das klirrende Summen des Nachtfalters oder -wurden in der Tat vor den Ohren der Dahingesunkenen -weiche Saitenklänge laut? Aber wie fern und fremdartig! -»Es ist ein tatarisches Bauernlied,« sagte eine schmeichelnde -Stimme, vor der sich Johanna wie in Schmerzen hin -und her wand, »gestatten Sie, Gnädigste, daß ich Ihnen -den Text übersetze:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Ich küsse dich, Anuschka.<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a></div> - <div class="verse">Ich küsse dich, Iwan.</div> - <div class="verse">Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Gegen die Fenster flog ein Regenguß, dann zitterten die -Scheiben, und die Tür des kleinen Zimmers brach auf.</p> - -<p>»Es bereitet mir aufrichtige Betrübnis, meine Gnädigste, -Sie um diese Zeit wecken zu müssen,« fuhr die wohllautende -Stimme fort, und ein Hauch von Kälte und Feuchtigkeit -strömte über das Lager.</p> - -<p>Entsetzen!</p> - -<p>Johanna flog empor. Das Kissen unter ihrem Haupt -fiel zu Boden, und ihre Rechte rieb wild über ihre Augenlider, -als sei es nur so möglich, dieses wahnsinnige Traumbild -zu vertreiben. Allein es blieb. Es stand vor ihr in -einem faltenreichen grauen Mantel, von dem der Regen -triefte, und sobald es sich bewegte, klirrten Sporen und -Säbel. Die Augen des Phantoms jedoch, diese halb traurigen, -halb begehrlichen Augen, ruhten ohne Erbarmen -auf der von Schrecken und Entsetzen Niedergeworfenen.</p> - -<p>Ungläubig, wild, vor den Ohren ein strömendes Rauschen, -so lag sie kraftlos in ihren Kissen, unfähig, durch die -matteste Bewegung ihre Blöße zu decken, und während ihre -gebannte Zunge den Versuch machte, einen verständlichen -Laut hervorzustoßen, da saugten sich ihre herumirrenden -Augen, die noch immer nicht zu unterscheiden vermochten, -an dem matten, schwarzen Lauf eines Revolvers fest, den -der Eindringling gestreckt vor sich hielt, obwohl die Waffe -von dem herabwallenden Mantel halb verborgen wurde.</p> - -<p>Ein paar eilige Sekunden regte sich in dem kleinen -Zimmer nichts mehr, in dumpfem Anschlag hörte man den -Falter gegen den glühenden Zylinder taumeln, die Menschen -jedoch schienen an das unerhörte Begebnis wie festgeschmiedet. -<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -Erst als die Atemzüge der Liegenden immer vernehmlicher -röchelten, als ob ein Sterbender von allem -Gewohnten Abschied nimmt, da schüttelte der verhüllte -Offizier seine eigene Beklemmung ab und legte begütigend -die Hand auf das Kissen, ohne darauf zu achten, wie -die Waffe sich mit über das weiße Linnen schob.</p> - -<p>»Meine Gnädige,« begann die reine einfangende Stimme -von neuem, die das Deutsche in einem so wunderlich reizvollen -Tonfall vortrug, »bitte nehmen Sie die Situation, -wie sie in unserem Falle genommen werden muß. Ich habe -allerdings den Befehl, Ihr Gehöft zu besetzen, aber schon -der Umstand, daß ich den großen Vorzug Ihrer Bekanntschaft -genieße, muß Sie von dem Mangel jeder persönlichen -Gefahr überzeugen.«</p> - -<p>Noch redete der Fürst, als die Gutsherrin plötzlich etwas -Kaltes, feucht Durchfröstelndes an ihrem Arm spürte, und -mit der Berührung schoß ihr ihre Lage, ihre rettungslose -Auslieferung an eine fremde Gewalt mit schmerzhafter -Klarheit ins Bewußtsein. Zuvorkommend lächelnd sah der -durchnäßte Offizier mit an, wie das blonde Haupt sich mit -einer gewaltsamen Anstrengung erhob, ja, er fühlte eine -Art von Bewunderung für die furchtlose Ruhe, die so unvermutet -in den eben noch verstörten Zügen lebendig wurde. -Nur ungemein blaß blieben die Wangen des großen Weibes, -das so hoheitsvoll und unnahbar vor ihm gelegen hatte, -und er konnte nicht umhin, seine zudringlichen Augen -niederzuschlagen, als er bemerkte, wie sie mit rastlosen -Händen ihren leinenen Mantel um ihre Schultern zusammenzog.</p> - -<p>»Ist Krieg ausgebrochen?« war das erste, was sich rauh -ihrer Kehle entwand, während sie mit einer raschen Bewegung -aus dem Bett glitt. Ganz nah stand sie dem Manne -jetzt gegenüber, von dem sie sich blitzartig entsann, daß er -<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -Dimitri heiße, ihre Hände hielt sie unter dem Hals zusammengefaltet, -und ihre langen hellen Haare fielen ihr -über die Schulter.</p> - -<p>Auch der Russe stand ohne sich zu rühren, nur die Nasenflügel -bebten ein wenig, und in seinen Blick drang etwas -Unsicheres, das zu seiner gewohnten vornehmen Überlegenheit -nicht völlig paßte.</p> - -<p>»Ist Krieg ausgebrochen?« stieß Johanna noch einmal -hervor, und ihre in der matten Beleuchtung fast dunklen -Augen umspannten aufmerksam die nahe Tür, als begänne -sie bereits jetzt zu berechnen, wie man den Ausgang gewinnen -könne. »Uns ist von einer Erklärung nichts bekannt,« -setzte sie schon etwas anklagender hinzu, denn ihr -Gerechtigkeitssinn klammerte sich selbst in diesem Weltuntergang -an Ordnung und Herkommen.</p> - -<p>Der Offizier jedoch zuckte verbindlich die Achseln und riß -sich mit einem entschuldigenden Murmeln die durchnäßte -grüngraue Mütze von seinem Lockenhaupt, denn jetzt, da die -große blonde Nemza so kühl und frostig, wie er sie im Gedächtnis -bewahrte, vor ihm aufragte, da erinnerte sich sein -anerzogener Takt daran, daß er immerhin vor einer Dame -stände und zwar in ihrem Schlafgemach.</p> - -<p>»Gnädigste,« sagte er rasch, indem er die kleine Schußwaffe -in die Manteltasche gleiten ließ, um sein Gegenüber -nicht unnötig zu ängstigen, »ich bedaure es außerordentlich, -daß ich für Sie der erste Bote der bereits seit gestern begonnenen -Streitigkeiten sein muß. Ob diese Differenzen -vorher angekündigt wurden oder nicht, bin ich leider nicht -in der Lage zu übersehen. Jedenfalls bringt der rasche Einbruch -für uns Vorteile, die ich wahrzunehmen gezwungen -bin.«</p> - -<p>In dem Bestreben, die Gutsherrin zu beruhigen, wollte -der Dragoner augenscheinlich noch etwas anfügen, als sich -<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -hinter ihm ein Poltern und Schreien erhob. Ein paar -völlig mit Kot bespritzte, vom Regen beinahe durchweichte -Soldaten waren die Treppe heraufgestürmt. Sie hielten -eine brennende Stallaterne vor sich und starrten neugierig -in das offene Stübchen, mit einem heimlichen Schmunzeln, -das Johanna, obwohl sie jetzt erst den vollen Ernst ihrer -Bedrängnis erkannte, innerlich empörte.</p> - -<p>»Durchlaucht,« wandte sie sich ohne noch eine Spur von -Beängstigung zu verraten, an den Offizier, und ihre Stimme -klang streng und ernst wie immer, »bitte schicken Sie Ihre -Leute fort, denn ich bin nicht so bekleidet, um mich vor -Fremden zeigen zu können. Das gilt auch für Sie. Und -dann bitte sagen Sie mir, was Sie von mir wünschen und -welches Schicksal mich und die Bewohner von Maritzken -erwartet.«</p> - -<p>Der Russe wandte sich erst zur Tür, warf die Hand gebieterisch -vor und rief ein einziges fremdartiges Wort. Aber -seine Weise, Befehle zu erteilen, schien von der Gewöhnung -diktiert, Gehorsam zu erzwingen. Sofort krümmten sich -die durchnäßten struppigen Gestalten auf dem dunklen -Flur zusammen und tappten lautlos die Treppe herunter. -Nur ein starker Mann, der wohl die Charge eines Wachtmeisters -einnahm, raffte den Säbel militärisch an sich und -erstattete eine kurze Meldung. Daraufhin flog ein Schatten -über die Züge des Fürsten, er wandte sich ein paarmal -unentschlossen hin und her, um dann von neuem auf die -Besitzerin des Hauses zuzutreten. Diesmal jedoch klang -seine Anrede nicht mehr so devot und rücksichtsvoll, sondern -sie war beherrscht von dem Willen eines Machthabers, der -für seine Wünsche Beachtung zu finden gesonnen ist.</p> - -<p>»Meine Gnädige,« begann er, »ich hätte es sicherlich vorgezogen, -Ihnen erst morgen meine Aufwartung zu machen, -wenn ein Unfall uns nicht zwänge, Ihre tätige Mitwirkung -<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -zu erbitten. Ich brauche ein gut eingerichtetes Zimmer für -einen Verwundeten,« fuhr er knapp und berechnend fort. -»Drinnen in der Stadt ist einem meiner Offiziere von einer -bekannten Persönlichkeit ein Empfang bereitet worden, wie -wir ihn von einem uns freundschaftlich nahestehenden Herrn -nicht erwarten durften.«</p> - -<p>»Um Gottes willen, von wem reden Sie?« rief Johanna -von einer Ahnung durchschlagen.</p> - -<p>Der Offizier jedoch schüttelte diesmal abweisend das -Haupt. »Ich bedaure, darüber keine Auskunft erteilen -zu können,« lehnte er mit einer leichten Verbeugung ab. -»Dagegen muß ich Sie noch einmal ersuchen, für meinen -verwundeten Kameraden die umfassendste Sorge tragen zu -wollen. Er glaubte, hier eine unserer Sanitätskolonnen -erreichen zu können, aber dieses Vorhaben ist uns leider -mißgeglückt. Bitte wollen Sie deshalb, mein Fräulein, -sofort ein geräumiges Zimmer aufschließen lassen und uns -sodann die etwa vorhandenen Leinen- und Verbandstoffe -anvertrauen.«</p> - -<p>»Darf ich mich erst umkleiden?« drängte die Älteste von -Maritzken gepreßt.</p> - -<p>Der Offizier bewegte bedauernd die Hand.</p> - -<p>»Ich vermag Ihren Unwillen vollkommen zu begreifen,« -wandte er immer noch mit seiner konzilianten Haltung ein, -»allein wie ich schon betonte, unser Fall verlangt die größte -Eile. Bitte, wollen Sie vorantreten,« forderte er dann noch -zielbewußter, »und seien Sie überzeugt, Ihnen wird nicht -nur von mir, sondern auch von allen meinen Untergebenen -jeder Respekt entgegengebracht werden!«</p> - -<p>Damit ergriff der Russe ohne weitere Erlaubnis die -kleine Petroleumlampe, trat an die Schwelle der Tür und -hob die Leuchte hoch in die Höhe. Johanna aber durchdrang, -während sie schweigend an ihm vorüberschritt, zum erstenmal -<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -das peinigende Gefühl des Unterworfenseins. Es war -ja eigentlich eine ganz lächerliche Veranlassung, aber als -der fremde Mann, der sie doch mit ausgesuchter Höflichkeit -behandelte, den Porzellangriff des Lämpchens umklammerte, -mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte von nun -an alles, was zu diesem Hause gehörte, unbedingt und -ohne Widerrede seinen Wünschen zu dienen, da schnitt dem -Landfräulein etwas ins Herz. Etwas, das nie wieder -heilen sollte und wodurch in ihr Denken ein Verlangen -hineingetragen wurde, das sie sich vorläufig noch nicht zu -deuten vermochte, vor dessen Gewalt aber ihr ruhiges -Gleichmaß schließlich in die Knie brach. Eilfertig, wie ihr -geheißen war, stieg sie die Treppe herunter, ihre Hände -zogen noch immer instinktiv die leinene Hülle fest unter -ihrem Halse zusammen, aber während sie bereits kühl und -folgerichtig überlegte, welche Anordnungen nun zunächst zu -treffen wären, und ob nicht etwa Knechten und Mägden -bereits ein Unheil widerfahren sein könnte, da spürte sie -in den Tiefen ihres Wesens ein unheimliches wildes -Klopfen und Drängen, ein Fluten, das wie ein unstillbares -Fieber von nun an ihren Leib umhüllte, auch wenn -ihr Mund lächelte. Mit leichten Tritten war ihr Fürst -Fergussow gefolgt. Sie hörte seine Sporen noch auf den -Stufen klirren, als sie bereits zu ebener Erde vor einer -breiten Tür stehen blieb, um dann durch einen Schlüssel des -mitgebrachten Bundes das Schloß zu öffnen. Allein noch -war das Räuspern und Winden des Schlüssels nicht ganz -verklungen, als hinter der Abgewandten eine hohle Stimme -sich bemerkbar machte, die mit größter Anstrengung Mark -und Tiefe in ihr Organ zu zwingen suchte.</p> - -<p>»Ah <i>bon soir</i>, schönstes Fräulein,« röchelte es in gebrochenen -Lauten.</p> - -<p>Johanna kehrte sich betroffen um, und bei dem trüben -<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -Lampenlicht, das vor der einströmenden Luft zuckte und -flimmerte, fing sie mit Schauder auf, wie neben dem -Eingang ein bärtiger Mann zusammengesunken auf einem -alten zerfetzten Bauernstuhl hockte, den die Russen scheinbar -von weit her mitgeschleppt hatten. Über dem grauen Mantel -hatte sich ein verkrustetes Blutrinnsal gebildet, und aus -dem breiten Gesicht, das einen fahlen Widerschein von -sich gab, leuchteten ein paar funkelnde, bösartige Augen.</p> - -<p>»Diese Schweine,« fuhr die hohle Stimme mit zitternden -Schwankungen fort, »Sie haben mich festgebunden, sonst -würde ich aufstehen. Ganz gewiß. Leo Konstantinowitsch -Sassin weiß, was er schönen Damen schuldet.« Und dann -versickerten die schwächlichen Laute, und Johanna fühlte -beschämt, wie die brennenden Augen des Verwundeten -spürend an ihrem weißen Gewand herumtasteten. »Aus -dem Bett geholt?«, keuchte der Blutende und richtete -einen seltsamen Blick auf den Fürsten Fergussow. »Dieser -verfluchte Krieg, wir wünschen ihn nicht.« Aber gleich -darauf warf sich der Rittmeister so gut er konnte, zu den -ihn umstehenden Soldaten herum und schrie wütend, so -daß es jetzt wirklich durch das Haus gellte: »Schert euch -endlich zu einem Arzt, ihr Müßiggänger. Wollt ihr mich -hier noch länger anstarren? Und Sie, Durchlaucht, verschaffen -mir vielleicht durch Ihre vorzüglichen Verbindungen -ein Sofa oder eine Chaiselongue. Ich brauche nur ein -paar Stunden Schlaf. Sie sollen sehen, nichts weiter. -Oh, dieser verwünschte deutsche Heuchler, wenn ihm doch -heimgezahlt würde!«</p> - -<p>Wie ein Traum, rasch, schemenhaft, wesenlos, glitt von -nun an alles an der Gutsherrin vorüber. Sie sah, wie der -Kranke auf seinem Stuhl von zwei Soldaten in das geöffnete -Zimmer getragen wurde und spürte die schwere -stickige Luft, die aus dem Raum herausschlug, weil es eines -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -jener Staatsgemächer war, die mit verhängten Fenstern -fast das ganze Jahr unbenutzt in dunklem Schlafe lagen. -Ihr war es so, als ob der Verwundete auf das veilchenblaue -Samtsofa gebettet würde, und vorüberfliehend preßte die -Erwägung ihr hausmütterliches Herz zusammen, wie sehr -das kostbare alte Ebenholzmöbel unter der beschmutzten -Kleidung des Mannes sowie vom herabrinnenden Blute -leiden müßte. Ihr schien es, als ob die junge Frau des -Verwalters Baumgartner, die ihr halbwüchsiges Töchterlein -an der Hand führte, von ein paar rohen Männerfäusten -zur Bedienung des Kranken über die Schwelle gestoßen -wäre, und für einen hinzuckenden Moment erkannte sie -die bleichen Züge der beiden halb Bekleideten, in denen ein -starres Entsetzen lauerte. Dann fand sie sich selbst vor dem -mächtigen Bauernschrank auf dem Flur, aus dem sie Leinenstoffe -und allerlei Verbandzeug herausgab.</p> - -<p>Aber plötzlich wurde alles still, der Lichtschein entschwand -hinter der geschlossenen Tür, und nur ein paar nahe, regelmäßige -Atemzüge verrieten ihrem herumtastenden Bewußtsein, -daß sie jetzt mit dem Fürsten Fergussow allein in der -Finsternis weile. Empfindlich schauerte sie zusammen, denn -sie glaubte den fremden Atem ganz dicht an ihrem Nacken -zu spüren.</p> - -<p>Da lief unvermutet ein neuer Lichtbach die Treppe herunter, -und in dem huschenden Schein sah Johanna, wie der -Russe sich zusammenraffte, um grüßend die Hand an die -Mütze zu führen. Über die obere Galerie beugte sich -Marianne herab, und aus ihrem Nachtkleid dämmerten -die entblößten Arme voll und wohlgeformt hervor, so daß -selbst die widerstrebende älteste Schwester innerlich zugeben -mußte, selten ein lockenderes Bild erschaut zu haben. Allein -nur eine Sekunde konnte bei der Umsichtigen eine derartige -Erwägung dauern, denn kaum hatte sie festgestellt, mit -<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -welch bewunderndem Glanz sich die Augen des fremden -Offiziers erfüllten, da klang es bereits hart aus ihrem -herrischen Munde hervor:</p> - -<p>»Marianne!«</p> - -<p>»Was willst du?«</p> - -<p>»Du siehst, wir haben Einquartierung erhalten. Begib -dich auf dein Zimmer zurück und schließe hinter dir zu.«</p> - -<p>Aber der verbindliche Gruß des fremden Offiziers mußte -auf das schöne Geschöpf in dem losen Nachtkleid dort oben -durchaus die gewünschte Wirkung hervorgebracht haben. -Um ihren Mund huschte ein wohlgefälliger Zug, sie schien -weit davon entfernt, auch nur die winzigste Vorstellung -von dem Jammer zu besitzen, der nicht allein ihre bisherige -Wohnstätte, sondern doch sicherlich auch die ganze Umgegend -betroffen hatte. Mit einer feinen Biegung verneigte sie sich -zum Abschied vor dem fremden Eindringling, und während -sie sich bereits von der Galerie abkehrte, da warf sie über -die Schulter noch einen ihrer samtweichen Blicke zurück. -Es war ganz die Art, wie wenn sich eine Tänzerin nach dem -Ball von ihrem Kavalier zögernd und vielsagend trennt. -Gleich darauf klang langsam und ohne sonderliche Eile die -Tür. Es wurde wieder dunkel.</p> - -<p>»Ich werde Licht holen,« äußerte die klare, grobe Stimme -Johannas.</p> - -<p>Fürst Fergussow griff in seine Manteltasche, zog eine -kleine elektrische Laterne hervor und drückte den Knopf. -Sogleich strahlte ein runder, goldiger Kreis auf, in dessen -Mitte das starre Haupt der Nemza in einer steinernen -Weiße hervorschimmerte.</p> - -<p>Und als der elektrische Blitz sich in den Augen der vom -blendenden Licht Umrahmten spiegelte, da fuhr der Beobachter -zurück vor der eisernen Grausamkeit, die dort unversteckt -funkelte und glitzerte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -»Pfui Teufel, zwei beleuchtete Messer,« dachte der Fürst -widerwillig.</p> - -<p>Und seit dieser Erkenntnis hegte er nur den lebhaften -Wunsch, die unwillkommene Gesellschafterin rasch von sich -abzuschütteln. Ohne weitere Überlegung sagte er deshalb -in seinem in Höflichkeit erstarrten Ton:</p> - -<p>»Ich würde es mir nie verzeihen, Sie noch länger aufzuhalten. -Gute Nacht.«</p> - -<p>Auch Johanna verbeugte sich und wollte aus der halbangelehnten -Eingangstür in die Dunkelheit herausschreiten, -der Offizier jedoch vertrat ihr plötzlich den Weg.</p> - -<p>»Gestatten Sie, daß ich noch eine Form erfülle. Mein -Wachtmeister hier wird Sie auf Ihren Gängen zu Ihrem -Schutz begleiten.«</p> - -<p>»Ich bin also eine Gefangene?« stockte Johanna mit -bitterem Lächeln.</p> - -<p>»Wie gesagt, es geschieht nur zu Ihrer Sicherheit. Alles -Nähere werden wir dann morgen erörtern. Bis dahin, gute -Nacht, meine Gnädige, und nochmals verzeihen Sie die -Störung Ihrer Ruhe.« Und achselzuckend setzte er hinzu: -»Der Krieg ist leider ein Handwerk, das sehr gegen meinen -Geschmack mit groben Mitteln arbeitet.«</p> - -<p>Er verbeugte sich leicht, und Johanna bemerkte noch im -Zurückblicken, wie die schlanke Gestalt in das bereits erleuchtete -Zimmer schritt und achtlos ihren durchnäßten -Mantel über einen Schaukelstuhl schleuderte. Dann entzündete -der Fürst sich eine Zigarette und begann flüchtig -in den auf dem Tisch herumliegenden deutschen Journalen -zu blättern. Die weißen Dampfwolken umschwebten ein -apollinisch geschnittenes Antlitz.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -Die Älteste von Maritzken saß in ihrer leichten Kleidung -wieder auf dem Bettrand, um mit Aufbietung aller Sinne -jedem Geräusch nachzuspüren, das von Hof und Haus zu -ihr heraufschlug. Und die Nacht verschärfte und verzerrte -alle Töne, die sonst für die Lauschende keinen Sinn aufgewiesen -hätten und schob ihnen eine schreckhafte Deutung -unter. Bald quoll ein wüstes Ächzen und Fluchen durch die -Dielen des Fußbodens empor, und Johannas aufgeregter -Geist malte sich aus, wie der Rittmeister Sassin, nur durch -ein paar dünne Planken von ihr getrennt, jetzt gewiß schon -mit einem tobenden Wundfieber rang. Herrgott, die Frau -ihres Verwalters Baumgartner war ja gezwungen worden, -dort unten hilfreiche Hand zu leisten. Und hatte die notdürftig -Bekleidete nicht auch ihr blutjunges Töchterchen -bei sich gehabt? Wenn nun den Beiden von rohen Soldatenfäusten -etwas Beschämendes widerführe!?</p> - -<p>Wild begann ihr das Herz bis in den Hals zu schlagen, -jedoch ehe sie diese aufregende Gedankenreihe noch erschöpfen -konnte, da wurde sie durch die Erinnerung an -ihren Verwalter schon wieder auf eine neue Bahn gehetzt. -Ob Baumgartner noch immer nicht zurückgekehrt war? -Sie beugte sich über die kleine Uhr auf dem Nachttisch und -fuhr zusammen, als sie bemerkte, daß bereits die zweite -Stunde des Morgens angebrochen sei. Durch die Vorhänge -stahl sich schon ein mattes Grauen und Dämmern herein. -Der Frühwind sauste in den Eichenkronen, und hier und da -erhob sich das vorzeitige Zirpen eines träumenden Vogels. -Aber durch all diese Anzeichen des Erwachens drang etwas -anderes hindurch, etwas so Fernes, Verschwommenes, daß -sich die Einsame aufs äußerste anstrengen mußte, um -überhaupt das in der Weite vollkommen versickernde und -verschwimmende Geknister unterscheiden zu können. Abermals -griff sie in die Kissen, jedoch mehr um sich festzuhalten, -<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a> -und starrte unverwandt auf die geschlossene Gardine, -als ob das leise sich bewegende Leinen kein Hindernis -für sie böte. Wenn sie ihr Gehör bis zur Schmerzhaftigkeit -spannte, dann schlug von draußen ein gedämpftes Rasseln -bis an ihr Lager, rasch aufeinanderfolgende Laute, die sich -wie das Klappern über Treppenstufen herabrollender Erbsen -anhörten. Großer Gott, das kämpfende Weib begriff plötzlich, -was das gleich bleibende Geknatter zu bedeuten habe. -Nun, da sie das weiße Kissen in ihren arbeitsgewohnten -Fäusten zerkrampfte, jetzt, wo sie lauschte und lauschte, -atemlos, jeder Bewegung beraubt, gleich einem Sünder, -dem man die letzte Stunde verkündet, da stürzte es plötzlich -zerschmetternd auf sie herab. Die ganze unnennbare Erkenntnis -von Zerfleischen, Untergang, Mord, Umpflügen -und der entsetzlichen Wertlosigkeit des bisher so ängstlich -behüteten Einzeldaseins. Vor Wut und Grauen hätte sie -laut aufheulen mögen. Ihr gestraffter Körper warf und -spannte sich, als müßte sie ihn zur Verteidigung von etwas -Letztem, Kostbarstem, einem anstürmenden Bedränger entgegenschleudern.</p> - -<p>Das erste Mal in ihrem Leben barst der Panzer von Vernunft -und Sitte schallend über ihrer Brust auseinander. -Es war ein anderes Weib, das, ohne eine Ahnung davon, -wie es im Moment mit den frei gewordenen, zur Rache -erhobenen Armen gleich einer Verkörperung ihres vergewaltigten -Landes dasaß, es war ein anderes, wutgeschütteltes -Geschöpf, das da, keinen Blutstropfen im Antlitz, mit unheimlich -hervorblitzenden Zähnen zu dem schönen Männerkopf -hinaufstierte.</p> - -<p>Das Bild sah mit seinen heißen, lebenshungrigen Augen -auf das frostgeschüttelte Geschöpf herab. Laut aufschreiend -strauchelte sie und stürzte so wie sie war, quer über das -Bett. Das letzte, was sie hörte, war das immer heftiger -<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a> -werdende Zischen und Schwärmen der wilden Bienen, die -mit den Köpfen summend gegen die Fensterscheiben taumelten.</p> - -<hr /> - -<p>Eine Uhr schlug. Und zur gleichen Minute richtete sich -Johanna auf, um sich die Augen zu reiben. So geregelt -verfloß ihr Dasein, daß sie sich sogar aus Schauer und -Krampf pünktlich um die fünfte Morgenstunde emporraffte, -denn es war die Zeit, wo sie die Mägde beim -Melken zu beaufsichtigen pflegte. Erstaunt, ungläubig -schüttelte sie das Haupt, als sie ihre sonderbare Lage -bemerkte. Im hellen Licht des Tages fehlte ihr bereits -jedes Verständnis für das schwächliche Nachgeben einer -überwältigten Natur. Derartige Dinge verachtete sie heimlich -und hatte sie stets für die Anzeichen einer überfeinerten -und kränkelnden Epoche gehalten. Und jetzt wollten ihre -eigenen Nerven versagen?</p> - -<p>Lächerlich!</p> - -<p>Dazu war sie nicht geschaffen. Es traten jetzt soviel -neue, eiserne Aufgaben an sie heran. Mußte sie nicht -versuchen, durch das Ansehen ihrer Person die Zerstörung -ihres Besitztums zu verhindern? Bildete sie nicht den letzten -Halt für ihre Untergebenen, die nur im Vertrauen auf -ihren Schutz nicht schon längst ihr Heil in einer eiligen -Flucht gesucht hatten? Während sie sich ankleidete, stieß -sie unhörbar das Fenster auf und beugte sich hinaus. Dort -drüben über den dichten Weizenfeldern wallte ein bläulicher -Qualm. Schwer und massig dampfte er über die Flächen, -wo früher das Gewoge der gelben Frucht das Auge der -Besitzerin erfreut hatte. Und Johannas geschärfter Blick -entdeckte sofort, daß dies bleigraue Brodeln nicht die -silbernen Gespinste des Frühnebels waren. Nein, dort -<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -draußen unter der dichten Decke verbarg sich etwas, das -ihr Herz mit Grauen, aber auch mit lichter Hoffnung erfüllte. -Vielleicht hatten die Männer ihrer Heimat dort -unten auf dem Felde bereits eine furchtbare Ernte gehalten. -Vielleicht war das Unkraut, das über Nacht aufgeschossen -war, von schwieligen Händen ausgejätet und fortgesichelt, -und das Stück Erde, auf dem sie groß geworden, der weiße -Hof, dem ihr unermüdliches Wirken gegolten, sie waren -womöglich schon wieder erlöst von ihren unheimlichen, nächtlichen -Gästen. Noch gab sie sich solchen schimmernden Wünschen -hin, als vom Hof ein lautes Gepolter und fremdartiger -Lärm zu ihr heraufdrangen.</p> - -<p>Welch ein Bild! Wie packte es mit rauhem Griff ihr -aufpochendes Herz und stieß es hin und her. Warum hatte -sie den tollen Tumult, der dicht unter ihr fessellos durcheinander -quirlte, auch nur für eine Sekunde übersehen -können? Oh nein, die fremden Einlagerer waren weder -versprengt noch abgezogen. In unordentlichen Haufen, die -meisten erst halb bekleidet, standen sie gröhlend und lachend -umher, und das Heu, das in Strähnen an ihren grün-grauen -Uniformstücken herumhing, bewies, wo die Mannschaften -diese Nacht eine Ruhestätte gesucht hatten. Schmerzlich -verzog die Hausherrin den Mund, als sie mit ansehen -mußte, wie die feste Tür des Kuhstalles von ein paar -herkulischen Gestalten durch derbe Fußtritte aufgestoßen -wurde, und ihre Brust hob sich rascher, als sie sah, wie -vier bis fünf Kälber, jung geborenes Vieh, ohne weiteres -aus ihrer warmen Behausung herausgetrieben wurden. -Jämmerlich blökten die Tiere und dann verschwanden sie -unter der dunklen Halle einer Scheune, aus der sich den -Widerstrebenden bereits blutgefärbte Fäuste entgegenreckten. -Aus der Küche erscholl lautes Zetern. Fluchende Männerstimmen -schienen dort etwas zu fordern, was sich in der -<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a> -Eile gewiß nicht so schnell herbeischaffen ließ, und die -Lauscherin zuckte zusammen, als das furchtsame Aufschreien -aus Mädchenkehlen an ihr Ohr schlug.</p> - -<p>Oh, hier war die Hölle los. Alle Ordnung, jeder Respekt -vor dem Hergebrachten, den die Älteste von Maritzken in -ihrem Kreise mit soviel Mühe und Selbstaufopferung -errichtet, alles das schien unter Hohnlachen von fremden -Fäusten umgestürzt und in den Kot geworfen, als hätte -es niemals das ganze Sein und Treiben hier beherrscht. -Und mit einer Gebärde des Ekels und der Verachtung stürzte -Johanna an ihren Schrank, um sich ein Gewand überzuwerfen. -Eine flüchtige Minute strichen ihre Finger zögernd -und prüfend über das zarte Geriesel eines waschseidenen -Stoffes, denn eine ferne Vorstellung befiel sie von einem -vornehmen Herrn und der möglichen Pflicht, ihr Haus -stattlich zu vertreten. Aber gleich darauf schnürten sich ihre -Augenbrauen unwillig zusammen, und mit einem kurzen -Entschluß und ohne auch nur einen Blick an den Spiegel -verschwendet zu haben, streifte sie ihr gewöhnliches blau -und weiß gepunktetes Kattunkleid über, schnallte den -schwarzen Ledergürtel fest über den Hüften zusammen und -eilte mit einem einzigen Sprung bis zur Treppe. Allein -schon auf der ersten Stufe besann sie sich. Gewaltsam -zwang sie ihre alte Ruhe und Besonnenheit zurück. Sie -strich sich eine Strähne ihres blonden Haares aus der Stirn -und stieg mit ihrem gewohnten gebieterischen Gang die -Treppe hinunter. Unten auf der Diele, dicht neben der -Ausgangspforte, blitzte der Hausherrin im Morgenlicht -ein metallischer Schein entgegen. Ein russischer Infanterist, -dessen langer, rötlich-blonder Bart fast bis auf die Brust -herabhing, hielt dort mit aufgepflanztem Bajonett die -Wacht, während er einem struppigen Hund, den er an -eiserner Kette hielt, zärtlich das Fell kraute.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -»Treten Sie hier zurück, damit ich herunter kann,« -herrschte Johanna den Mann mit ihrer festen Stimme an.</p> - -<p>Der Russe hob das verschwommene gutmütige Haupt, -und aus seinen verkniffenen blinzelnden Augen brach ein -Strahl von Respekt und bedingungslosem Gehorsam. Einer -solch imponierenden Frauengestalt, die so befehlend und -deutlich ihre Wünsche durch ein Zeichen der Hand auszudrücken -verstand, mußte der Slawe in seinem heimatlichen -Garnisonsnest niemals begegnet sein. Demütig hob er die -zerbeulte Mütze von seinem wilden Schopf, beugte sich und -ließ klirrend das Gewehr auf den Steinen der Diele aufstampfen. -Selbst der Hund kroch murrend unter die Stufe -der Treppe.</p> - -<p>»Ist Fürst Fergussow zu sprechen?« fragte die Blonde.</p> - -<p>Verlegen wandte sich der Wachtposten hin und her. Sein -Deutsch war so mangelhaft, daß er sich fast nur durch -Zeichen zu verständigen vermochte. Deshalb hielt er das -Bajonett auf den Hof hinaus und zeigte damit durch das Tor.</p> - -<p>»Weit,« sagte er.</p> - -<p>Johanna atmete auf, und doch ergriff sie ein leichter -Schrecken.</p> - -<p>»Ist der Fürst schon abgerückt?« drängte sie weiter.</p> - -<p>Jetzt kraute sich der Wachtsoldat hinter den Ohren, und -da seine Unfähigkeit, sich verständlich zu machen, immer -mehr wuchs, so verlegte er sich völlig auf die den Slawen -so geläufige Weise der pantomimischen Darstellung. -Schallend warf er sein Gewehr an die Wange, nahm -eine drohende Miene an und tat so, als ob er mit einem -fernen Gegner Schüsse wechsle. Gleich darauf stach er mit -dem Bajonett kräftig in die Luft, warf den Oberkörper vor -und stampfte so schrecklich mit den Füßen, daß sein zottiger -Hund unter dem Treppenabsatz furchtsam aufzuwinseln -begann.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a> -Johanna hatte begriffen. Sie faßte rasch nach dem Geländer -der Treppe und warf hastig hin:</p> - -<p>»Es findet also hier in der Nähe ein Treffen statt, nicht -wahr? Ist Fürst Fergussow dabei?«</p> - -<p>Der Russe nickte lebhaft und befriedigt.</p> - -<p>»Schon zu Ende,« stoppelte er mühsam aneinander. -»Nemzows alle hin« – er schlug mit dem Kolben auf -die Erde, schloß die Augen und streckte die Zunge heraus – -»spitze Mützen viel zu wenig – viel zu wenig.«</p> - -<p>Die Gutsherrin ließ ihren Halt fahren und richtete sich -auf. Nun wußte sie, was die geschäftigen Bienen bei Tagesgrauen -vor ihren Fensterscheiben gesummt hatten. Eine -kleine Schar deutscher Männer, die es versucht hatte, die -widerrechtlich Eingedrungenen zu vertreiben, sie war der -Übermacht, der stupiden Masse, erlegen. Und Fürst Dimitri, -der elegante Liebling der Petersburger Salons, der Träger -der letzten und überfeinertsten Kultur, hatte es sicherlich -nicht verschmäht, seinen Degen in das Blut der halb Wehrlosen -zu tauchen. Wie selbstgefällig und von eigener Bewunderung -geschwellt er jetzt wohl dort draußen über ihr -zerstampftes Weizenfeld reiten mochte, unter dessen Halmen -die verstummten Landsleute sich zum letzten Schlafe verkrochen -hatten.</p> - -<p>Ein heftiges Gefühl des Widerwillens durchfuhr die -Nachdenkende. Und mit einer entschiedenen Bewegung -wandte sie sich zur Tür, als ob sie den Infanteristen, -dessen darstellerischem Geschick ihr quälender Wissensdurst -soviel verdankte, ohne weiteres beiseite zu schieben gedächte. -Indessen der Russe bewegte wiederum bedauernd sein -plumpes Haupt, knickte zusammen und streckte in seiner -kauernden Stellung sein Gewehr quer vor den Eingang.</p> - -<p>»Was heißt das?« widersprach Johanna ungehalten, -»sehen Sie nicht, daß ich auf meinen Hof hinaus will?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a> -Der Posten aber schüttelte seine dichte Mähne noch stärker. -»Nix,« suchte er zu erklären, »keiner heraus.«</p> - -<p>Da stieg eine feurige Röte in die sonst so blassen Wangen -der Gutsbesitzerin, und sich verächtlich abwendend, schritt -sie ohne ein weiteres Wort der Entgegnung an die Tür des -kleinen Salons, den sie am verflossenen Abend für den -Verwundeten geöffnet, und klopfte laut an das dunkle -Holz. Zu ihrer größten Verwunderung rief Mariannes -immer gleichmäßige und ruhige Stimme: »Herein.«</p> - -<p>Was war das?</p> - -<p>Unwillkürlich lauschte die große Blonde, als wünschte -sie den entschwundenen Laut noch einmal zu erhaschen. Das -war doch nicht möglich?! Wie konnte das unbesonnene -Geschöpf es wagen, ohne die Erlaubnis der Ältesten den -verwundeten Krieger in seinem Zimmer aufzusuchen, und -zwar zu einer Zeit, zu der die sonst immer Müde und -Phlegmatische noch lange der Ruhe zu pflegen gewohnt -war? Allmächtiger Gott, war denn alles, was bis dahin -als unverbrüchliches Gesetz galt, mit dem Einrücken der -Fremden über den Haufen geworfen? Gab es nichts mehr, -was in einer deutschen Wirtschaft unverrückbar feststand, -nichts Solides und Sicheres, dem man sich williger beugte -und unterwarf, als der dummen zufälligen Macht der -Hereingeschneiten?</p> - -<p>Festen Schwunges öffnete Johanna die Tür, und so groß -war die Gewalt ihres Armes, daß das zurückfallende Holz -einen schneidenden Luftzug verursachte, vor dem der Verwundete -auf dem Sofa gestört das bärtige Gesicht verzog. -Aber wie seltsam hatten sich die Züge des robusten Rittmeisters -verwandelt. Die glänzende Rundung seiner -Wangen dunkelte hohl und eingefallen, unter der aufgerissenen -Uniform hob sich die entblößte Brust schwer -und rasselnd, und der schlaff herabhängende Arm zeigte -<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a> -die innere Ermattung deutlicher, als alles andere. Nur die -großen blauen Augen blitzten noch ebenso wild und unstet, -wie am Abend zuvor.</p> - -<p>Dicht vor ihm, tief in einen mattblauen Samtsessel -zurückgelehnt, schlug Marianne ihre Füße gefällig übereinander -und schien eben aus einer jener leichten Plaudereien -aufgestört, die sie so heiter und zugleich so inhaltslos -zu führen wußte. Hinter dem Kopfende des Sofas -jedoch verharrten, wie in wachem Schlaf und mit halb -geschlossenen Augen die Frau des Verwalters Baumgartner -sowie ihr halbwüchsiges Töchterchen, obwohl sie sich vor -Mühe, Angst und Anstrengung kaum noch auf den Füßen -zu halten vermochten. Wahrlich, für die Hereintretende -lag ein empörender Unterschied in dem völligen Zerfall dieser -beiden arbeitenden und geplagten Geschöpfe und der unbekümmerten -Behaglichkeit ihrer eigenen Schwester. Jedoch -die Verletzte bezwang sich und hob, nachdem sie »guten -Morgen« geboten, nun in ihrer kurzen und sehr verständlichen -Weise an:</p> - -<p>»Wie kommt es, daß du heut schon so früh zu sehen bist, -Marianne?«</p> - -<p>Die Schwarze lächelte trotzig. Jetzt, da eine andere, -eine fremde Gewalt hier im Hause herrschte, da schien es -ihr Vergnügen zu bereiten, sich dem Willen der älteren -Schwester immer mehr zu entziehen. Und in ihrer spöttischen -und selbstbewußten Art versuchte sie, es der Großen, -die ihr so wenig Freiheit ließ, deutlich zu zeigen. Ohne -ihre lässige Stellung aufzugeben, warf sie gleichgültig hin:</p> - -<p>»Oh, ich sitze schon etwa eine Stunde hier. Ich hörte -unseren Gast ein paarmal laut rufen, und da meinte -ich – –«</p> - -<p>Doch die Ältere ließ sie nicht zu Ende gelangen.</p> - -<p>»Unseren Gast?« unterbrach sie scharf und richtete ihre -<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a> -strengen Augen wenig erfreut auf das blutleere Antlitz des -Mannes, der ihr schönes blaues Samtsofa so unbarmherzig -zerdrückte.</p> - -<p>Von dem harten Ton getroffen schlug auch der Rittmeister -erstaunt und weltenfremd seine blauen Augen auf, -die er für einen Moment kraftlos geschlossen. Unwillkürlich -stützte er sich mit der Rechten krampfhaft auf das Polster -der Seitenlehne, während er sich bemühte, selbst in seiner -jetzigen traurigen Verfassung eine seiner gewohnten Verneigungen -auszuführen. Allein er brachte es nur bis zu -einem ruckartigen Vorstrecken des zerzausten Hauptes, um -gleich darauf in ein nur schwer verhehltes Stöhnen auszubrechen.</p> - -<p>»<i>Bon jour</i>, Gnädigste,« rasselte er in dumpfen Tönen, -»hoffe, daß nicht gestört worden sind. Ich selbst vortrefflich -geruht, ganz vortrefflich,« und er schlug sich mit der flachen -Hand auf die nackte Brust, so daß es ein merkwürdiges -fleischiges Geräusch verursachte. »Pompöses Quartier,« -fuhr er fort, wobei er müde und ausdruckslos seinen -Blick über die Samtmöbel fortgleiten ließ, bis er an der -prachtvollen Gestalt von Marianne haften blieb. »Damen -bemühen sich um unbedeutende Unpäßlichkeit gar zu -aufopfernd. Darf ich fragen,« hauchte er und dehnte sich -von Schmerzen zerrissen hin und her, »ob Arzt – Arzt -schon benachrichtigt wurde? Handelt sich zwar nur um -Kleinigkeit – versichere Sie, um absolute Bagatelle – -aber man möchte sich doch möglichst bald wieder an -lustigem Herumstreifen beteiligen.«</p> - -<p>Jetzt gab Marianne ihre ruhende Stellung auf, und -während sie sich über ihr welliges Haar strich, da äußerte -sie recht warm und bedauernd, als ob ihr das Leiden des -fremden Reiters besonders nahe ging:</p> - -<p>»Herr Rittmeister, vor einer halben Stunde hat Ihr -<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a> -Wachtmeister bereits gemeldet, daß Herr Doktor Küster, -unser Landarzt, leider nicht mehr aufzufinden wäre.« Und -unbekümmert und ohne auf die schreckensstarre Schwester -zu achten, setzte sie noch hinzu: »Das Haus des Doktors -soll vollständig herabgebrannt sein.«</p> - -<p>»Herabgebrannt?!« stieß Johanna, die ihren Platz an -der Tür noch immer nicht aufgegeben hatte, sich vergessend -hervor, und ihre Fäuste ballten sich. »Herr Rittmeister, -haben Sie gehört? Wie wollen Sie eine solche Schandtat -verantworten?«</p> - -<p>Inzwischen hatte sich Leo Konstantinowitsch mühsam in -die Höhe gerichtet, und sein Bewußtsein gelangte allmählich -zu größerer Klarheit. Bedauernd zuckte er die Achseln.</p> - -<p>»Sicherlich nur Zufall, Gnädigste,« beschwichtigte er. -»Unter meiner Führung wäre gewiß nicht geschehen. Aber -Fürst Fergussow, der hier kommandiert,« fuhr er berechnend -und immer mehr aufwachend fort, und ein heimtückischer -Zug verbreitete sich um seine groben Lippen, »Fürst Fergussow -von Petersburger Garde steht viel zu hoch und – -wie sage ich – denkt viel zu liberal, als daß er gemeinen -Soldaten ein so harmloses Pläsier verwehren sollte.«</p> - -<p>»Aber das ist ja nicht möglich,« schnitt Johanna verächtlich -ab. »Wie können Sie einem Aristokraten Ihres -Landes Freude oder gar Duldung für ganz gewöhnliche -Brandstifterei, für Raub und Diebstahl nachreden?«</p> - -<p>Der Russe verbeugte sich wieder und schlug mit der Hand -abwehrend durch die Luft.</p> - -<p>»Pah, unsere Aristokraten,« zischte er, und seine unerträglichen -Schmerzen rissen das letzte Bedenken nieder, über -dasjenige herzufallen, was ihm in besseren Zeiten so oft -den Weg versperrt hatte. Auch zwang ihn fressender Neid, -jenen schönen Kameraden, von dem er immer argwöhnte, -daß er sich ohne Mühe alle Weiber dienstbar zu machen -<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a> -wisse, gerade vor diesen beiden prangenden Geschöpfen -herunterzureißen und zu besudeln. »Setzen sich, schöne -Damen, – setzen sich Gnädigste.« Er schob mit dem freien -Fuß krachend und ohne Verständnis für die Unschicklichkeit, -der Ältesten von Maritzken einen Samtsessel hin. »Setzen -sich,« schrie er ungeduldig, als er sie zögern sah.</p> - -<p>Und erst, als Johanna, um den Kranken nicht zu heftigerem -Toben zu reizen, seinen Wunsch befolgt hatte, -da sprach der Leidende in gieriger Verkleinerungssucht -weiter. Aus jedem seiner Worte tröpfelte bitterer Haß. -Der Bauernsohn, der todgezeichnete, schlug mit der Faust -gegen das goldene Schild des hoch Gefürsteten, von dem -er wußte, daß er selbst für ihn immer nur ein freigelassener -Leibeigener geblieben sei.</p> - -<p>»Oh, Damen kennen nicht,« fiel es giftig und neidisch von -seinen Lippen, und vernehmlich redete sein brennendes Fieber -mit: »wie wenig reiche Hofherren sich um ihre Untergebenen -kümmern. Wir existieren gar nicht für sie. Wir -sind nur Namen, Namen, die man in Listen schreibt oder -wieder wegstreicht. Und besonders Dimitri Fergussow. -Glauben mir, ich sage Ihnen, um Sie vor dieser glatten -Maske zu warnen. Denn ist ja möglich, daß mich lächerlicher -Ritz dorthin befördert, wohin wir gestern schon -eine Anzahl von uns versteckt haben. Eingeschaufelt, -verstehen Sie? Ich bitte um Vergebung, ist sehr -häßlicher Gedanke, aber Teufel hält uns alle am -Halskragen. Ja, besonders dieser Fergussow trägt Stein -in der Brust. Wie könnte er sonst leben, wie könnte -er ruhig schlafen? Ist ein Mörder, glauben Sie mir, ein -Frauenschlächter, natürlich nicht mit Messer. Aber an -seinen Händen klebt mehr heißes Blut, als hier an Säbel, -den ich gestern noch munter hin und her tanzen ließ.«</p> - -<p>Da reckte sich Johanna und machte Miene sich zu erheben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a> -»Das interessiert mich nicht,« lehnte sie frostig ab. -»Mich gehen die Schicksale Ihres Vorgesetzten nichts an.«</p> - -<p>»Doch, doch,« widersprach Sassin eifrig, als ob er -fürchte, der heimlich gehaßte Kamerad könnte ihm auch -jetzt wieder entwischen, »Sie wissen nicht. Aber ist schändlich, -schreit zum Himmel. Ganz Petersburg beklagt noch -heute kleine Kroniatowska.«</p> - -<p>»Lassen Sie das,« befahl Johanna halblaut, und doch -rührte sie sich nicht, ja sie wandte gegen ihren Willen das -blonde Haupt dem Liegenden zu, als Marianne neugierig -näher rückte.</p> - -<p>»Wer ist die kleine Kroniatowska?« warf die Schwarze -gespannt dazwischen, und ihr dunkles Antlitz belebte sich. -In diesem Augenblick waren die letzten Reste der Erinnerung -an die Not und das Grauen, die sich über Nacht auf das -Land herabgesenkt hatten, von der Leichtsinnigen vergessen. -»Ich erinnere mich, es wurde auch während unseres Besuches -bei Ihnen von der Dame gesprochen. Es muß ein -sehr junges Mädchen gewesen sein.«</p> - -<p>»Sehr jung? Sagen Sie Kind?« stieß Leo Konstantinowitsch -hervor, und die Sucht, seinen Gefährten in einem -möglichst ungünstigen Lichte erscheinen zu lassen, verlieh ihm -eine vorüberblitzende Spannkraft. »Vollkommenes Kind, -meine Damen,« rief er mit kräftigerem Ton als bisher, -»fünfzehnjährig. Wie man sagt, zweifelhafter Nachkömmling -von großer Katharina.«</p> - -<p>»Bitte, das wünschen wir nicht zu hören,« verwies hier -Johanna ernstlich entrüstet und machte Miene aufzustehen.</p> - -<p>Allein der Kranke faltete beinahe flehend die Hände und -stammelte inbrünstig:</p> - -<p>»Bleiben Sie, bleiben Sie, vergesse mich nicht wieder. -Wollte Ihnen nur erzählen, wie durch betrügerischen Halunken -von Mönch guter Dimitri mit kleiner ahnungslosen -<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a> -Prinzessin bekannt wurde. Eifer von Herrn Adjutanten -soll damals in Glaubenssachen so überwältigend und überzeugend -gewesen sein, daß armes Ding in dem demütigen -und zerknirschten Bekenner einen Erweckten, – haha – -einen Erleuchteten sah. Ist nicht hübsch? Einem solchen -Heiligen gegenüber durfte man natürlich keinen eigenen -Willen besitzen.«</p> - -<p>»Hören Sie auf,« befahl Johanna von Grauen geschüttelt -und starrte ihn an.</p> - -<p>»Soll brausende Glut zwischen Beiden gewütet haben. -Natürlich nur himmlische. Was weiß ich? Einige Monate -später freilich lag Kleine aufgebahrt zwischen Wald -von weißen Lilien. – Vergiftet. – Seine Durchlaucht -aber weinte und schluchzte, klagte sich des gräßlichsten Verbrechens -an, und Kammerdiener soll ihm zweimal Revolver -entwunden haben. Ja, ist gutmütige und mitfühlende -Seele, und beruht gewiß auf Verleumdung, wenn Klubgenossen -einige Wochen darauf behaupteten, Fürst Dimitri -hätte jeden Zusammenhang mit der fatalen Affäre schroff -abgelehnt, ja achselzuckend geäußert, man könne doch nicht -verlangen, daß zu seinen übrigen Hofämtern noch Charge -von Kinderbonne übernehme. Witzig, meine Damen, nicht -wahr? Treffend! Kavalier, dem alle Herzen zufliegen. -Leo Konstantinowitsch Sassin kann sich natürlich nicht -messen, ist nur armer Bauernsohn. Aber Teufel hole all -diese wahnsinnigen Unterschiede! Man bekommt sie satt, -wenn man so da liegt, wie ich.«</p> - -<p>Der Rittmeister schwieg und sank zurück. Die übermäßige -Anstrengung brachte ihn um den Genuß, den Erfolg seiner -Boudoir-Geschichte beobachten zu können. Und doch wäre er -vielleicht mit der Wirkung, die er bei den beiden Mädchen -erzielt hatte, zufrieden gewesen. Denn Marianne unterdrückte -kaum ihr vielbedeutendes üppiges Lächeln, und -<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a> -ihr Geist, der nur bei derartigen Intrigen eine Teilnahme -verriet, wo es auf den Kampf zwischen Mann und Weib -ankam, er schien durch das Geheimnisvolle dieser sündigen -Affäre angenehm erregt. Auch Johanna lächelte. Aber -es war die kalte Befriedigung eines Menschen, der sich -wohl fühlt, weil seine Abneigung und sein Haß endlich -einen gesicherten Grund gefunden. Ein müdes, schlaffes -Schweigen breitete sich in dem kleinen Gemache aus. Man -hörte nur noch das Plätschern des Wassers, so oft das -schlaftrunkene Weib des Verwalters dem Verwundeten eine -neue Kühlung auf die Brust legte. Und eine ganze Weile -saß die Älteste von Maritzken, die sonst für jede Minute -des Tages eine besondere Beschäftigung wußte, teilnahmlos -und stumm, gemartert von der unbeschreiblichen Leere der -Zwecklosigkeit, da ihr Wirken und Schaffen von einer -brutalen Gewalt unterbunden war.</p> - -<p>Plötzlich fuhr sie auf. Wie lange sie so vor sich hingesonnen, -wußte sie nicht mehr. Jetzt sah sie, wie Marianne -eilfertig das Fenster aufriß, und zu gleicher Zeit klang ein -Trompetensignal über den Hof. Das Getrappel vieler Rosse, -sowie das laute Gewirr sich verschlingender Stimmen erfüllte -die Morgenluft.</p> - -<p>»Fürst Fergussow kommt eben durch das Tor,« meldete -Marianne, als ob es sich um einen längst ersehnten Befreier -handle, »welch einen schönen Schimmel er reitet.«</p> - -<p>»Arabische Zucht,« murmelte von seinem Sofa Leo Konstantinowitsch, -obwohl er sich seinem Dämmerzustand nicht -mehr entwinden konnte. »Zarengeschenk – verwünschte -Bande!«</p> - -<p>»Komm, Johanna,« drängte Marianne noch einmal -und winkte lebhaft mit dem Finger, »denke nur, -Durchlaucht hat mich schon bemerkt und ist schon vom -Pferde herunter. Jetzt wirft er die Zügel einem anderen -<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a> -zu und nähert sich direkt unserem Fenster. Willst du ihn -nicht begrüßen?«</p> - -<p>Von der Lagerstatt des Kranken drang ein Schnauben -herüber. Die Blonde aber regte sich nicht, sie sank nur -noch tiefer in ihren Stuhl zurück, als könnte sie sich -auf diese Weise vor den Blicken des jungen Mannes verbergen, -der sich soeben mit einem höflichen Gruß in die -Fensterhöhlung hineinbeugte.</p> - -<p>»Guten Morgen,« rief die wohlklingende Stimme, indem -sich der elegante Reiter über die glatte Mädchenhand -neigte, die ihm ohne Zögern überlassen wurde; in demselben -Augenblick jedoch erfaßten seine scharfen Augen auch -schon die hohe Gestalt in dem Dunkel des Zimmers. »Ah, -ich sehe, die Damen betätigen sich bereits in ihrem schönsten -Metier, Sie bringen Trost und Hilfe ohne Ansehung der -Person. Ich bin Ihnen zu größtem Danke verpflichtet, weil -Sie sich um den armen Kameraden so sorgsam bemühen.«</p> - -<p>»Ja, ausgezeichnet, fabelhaft,« rief der Verwundete vom -Sofa aus dazwischen, und man wußte nicht, ob seine Wut -oder sein Dankbarkeitsgefühl überwog, »fühle mich wie -im Himmel.«</p> - -<p>»Das ist gut, Leo Konstantinowitsch, das ist gut,« begrüßte -ihn der schlanke Oberst nun mit einem lebhaften -Winken der Hand, »Sie sehen schon viel besser aus, lieber -Kamerad.«</p> - -<p>»Ganz sicherlich,« schrie der andere, »Wohlbefinden steigert -sich mit jeder Minute.«</p> - -<p>»Das freut mich, Leo Konstantinowitsch, das freut mich -wirklich ungemein.« Auf seinem schönen Gesicht strahlte -es auf, die Besserung in dem Ergehen des Kameraden bedeutete -offenbar für ihn eine Erleichterung. »Denken Sie, -lieber Freund,« fuhr er eifrig fort, indem er sich mit der -Hand auf das Fensterbrett stützte, »ich habe auch endlich -<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a> -einen Stabsarzt aufgetrieben, einen vortrefflichen Mann, -Korsakow mit Namen, den ich von einem Aufenthalt in -der Krim her kenne, wo er sich merkwürdigerweise mit -der Züchtung junger Haifische abgab.«</p> - -<p>»Gut, gut,« stöhnte Sassin, »dann ist er gerade für -mich der passende Mann.«</p> - -<p>Der Fürst mußte lachen, und Johanna, die noch immer -unbeweglich in ihrem blauen Samtsessel verharrte, entdeckte -mit einigem Unbehagen, wie unglaublich frisch und -unberührt das Antlitz des Aristokraten leuchtete, sobald er -offen seine Freude äußerte. Es wollte zu ihrem Bilde nicht -stimmen. Und sie schüttelte sich leicht. Dann lauschte sie -gespannt weiter.</p> - -<p>»He, Korsakow,« rief der Fürst inzwischen laut über -den Hof, »hier ist Ihr Patient.«</p> - -<p>Und als sich aus dem Getümmel der zum Teil abgesattelten, -zum Teil vor einer Brunnentränke sich erfrischenden -Pferde eine kugelrunde schwarzbärtige Gestalt mit einer -ungeheuren zerbeulten Schirmmütze abgelöst hatte, da eilte -ihm der Oberst elastisch entgegen, um den Arzt ohne weiteres -an der Achselklappe bis dicht vor das Fenster zu ziehen.</p> - -<p>»Hier drinnen, lieber Doktor,« erklärte er, »finden -Sie Ihren Patienten. Machen Sie schnell, daß Sie hereinkommen.«</p> - -<p>Allein zu Johannas Verwunderung rührte sich die dicke -Kugel nicht. Der Mann zupfte vielmehr an seinem verworrenen -schwarzen Bartgekräusel, rückte sich die merkwürdig -großen Horngläser auf der plumpen Nase zurecht -und starrte den Verwundeten auf dem Sofa unverwandt an.</p> - -<p>»Was wollen Sie?« schrie Sassin wütend.</p> - -<p>»Wundfieber,« murmelte der andere und zog sich von -dem Fenster ein wenig zurück, als ob er sich vor einer -ansteckenden Krankheit zu hüten hätte. »Der Einschuß -<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a> -sitzt zwei Zentimeter rechts von der Lunge, und die Kugel -behindert die Atmung.«</p> - -<p>»Herr,« sagte Dimitri, ihn verblüfft musternd, »Ihr -Kombinationstalent auf diese Distanz ist erstaunlich. Aber -hegen Sie nicht das Verlangen, sich etwas dichter in die -Nähe meines verletzten Freundes zu begeben? Ich bitte -um Verzeihung, wenn ich mich in fremde Angelegenheiten -mische, aber mir scheint, in einem solchen Fall pflegt von -Ihren Kollegen die Sonde angewendet zu werden.«</p> - -<p>»Ganz recht, die Sonde, ganz recht,« stotterte der -Schwarzbärtige und tastete nach einem Instrumententäschchen, -das ihm quer über den Bauch herabhing; als es -jedoch drinnen klirrte, erschrak er sichtlich. »Sie müssen -nämlich wissen, Durchlaucht,« offenbarte er sich endlich, -während ihm der Schweiß unter der großen Mütze hervorlief, -»daß ich bisher nur auf dem Katheder stand. Es -ist nicht mein Wunsch, mich so plötzlich in die Praxis versetzt -zu sehen. Aber immerhin, immerhin,« setzte er sich zusammenraffend -hinzu, »es wird gehen, man wird sich -Mühe geben. Schließlich« – er zuckte die Achsel – »eine -gute Natur muß uns unterstützen, sonst vermögen wir alle -nichts. Ich werde den Kranken untersuchen.«</p> - -<hr /> - -<p>Eine halbe Stunde später war Leo Konstantinowitsch -Sassin bereits in das verlassene Zimmer Isas geschafft. -Und nachdem der umfangreiche Stabsarzt unter Aufbietung -des äußersten Mutes zu seinem eigenen Erstaunen die -Kugel leicht und ohne große Hindernisse, nur unterbrochen -durch ein häufiges Aufbrüllen des Verwundeten, aus dem -verletzten Körper entfernt hatte, da lag nun der Rittmeister -in dem schneeweiß angestrichenen Bett des jungen Mädchens -<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a> -und erzählte seinem Helfer zu dessen drückendster Verlegenheit -wirre und krause Geschichten.</p> - -<p>»Verwünschte Bande, am Hofe, lieber Doktor – wir -Bauern nichts als Leibeigene für die Herren. – Sagen -Sie, Teurer, haben Sie vielleicht üppige schwarze Nemza -gesehen, wie sie unter Wald von Lilien lag? – Zum -Teufel, halte nicht aus, Durchlaucht.«</p> - -<p>Zu derselben Zeit klopfte Johanna mit harter Hand -gegen die Tür des kleinen Eßzimmers, das Fürst Fergussow -sich für seinen persönlichen Gebrauch vorbehalten hatte.</p> - -<p>»<i>Entrez</i>,« rief eine helle, klangreiche Stimme.</p> - -<p>Und als der im Zimmer erregt auf und nieder Wandelnde -seine blonde Gastgeberin in dem einfachen blau und weiß -gepunkteten Kattunkleid gewahrte, da knöpfte er gewandt -die halb offene Uniform zusammen, und blickte hilfsbedürftig -nach dem Tisch, wohin er seine Mütze, Säbel, -einen Revolver und mehrere Karten achtlos übereinander -geworfen hatte.</p> - -<p>»Sie müssen vergeben,« begann er rasch und schüttelte -sich leicht; »man ist doch ein wenig außer Fassung, wenn -man, wie ich, zum erstenmal mit dem Sensenmann Karten -spielte. Das peitscht auf die Nerven zuerst mächtig ein,« -atmete er, trat an den Tisch und ließ die Säbelscheide -verloren durch seine Hand gleiten. Aber gleich darauf hielt -er inne, bezwang die eigene Unrast, und während er energisch -sein verwirrtes braunes Gelock zurückwarf, blieben seine -dunklen Augen an der aufrechten Gestalt der Deutschen -haften, und er fragte sich, warum sie wohl so bestimmt und -fordernd vor ihm aufrage. »Darf ich fragen, ob ich Ihnen -mit irgend etwas dienen kann, Gnädigste?« begann er in -seinem verbindlichen Ton, obwohl die Floskel im Moment -etwas müde klang.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a> -»Ja, Fürst Fergussow,« entgegnete Johanna, »Sie -müssen mir jetzt einige Fragen beantworten.«</p> - -<p>»Muß ich? Mit Vergnügen! Bitte sprechen Sie offen.«</p> - -<p>»Nun gut, dann entdecken Sie mir, ob Sie wirklich an -Ihre Wachtposten den Befehl erteilten, mich nicht mehr -aus meinem Hause zu lassen.«</p> - -<p>Der Fürst verzog die Augenbrauen und sah in die Luft. -Er schien sich auf seine eigene Anordnung nicht mehr ganz -sicher zu besinnen. Dann glitt ein gewinnendes Lächeln um -seinen fein geschnittenen Mund.</p> - -<p>»Ich errate, mein Fräulein,« sagte er liebenswürdig. -»Ihre Wirtschaft, der Sie sich zu meiner Bewunderung so -umsichtig widmen, leidet offenbar Schaden, wenn Sie die -Baulichkeiten auf Ihrem sauberen weißen Hof nicht mehr -inspizieren können, nicht wahr?«</p> - -<p>»Jawohl,« nickte Johanna.</p> - -<p>Der Fürst stieß achtlos unter die Generalstabskarten auf -den Tisch: »Das möchte ich selbstverständlich vermeiden. -Mir liegt Ihnen gegenüber jede Härte vollkommen fern. -Nein, bitte halten Sie dies nicht für ein Kompliment, ich -tue dies schon aus Respekt vor meiner eigenen Rasse. Ihnen -steht also von heut an der Aufenthalt auf Ihrem Hof frei, -vorausgesetzt, daß Sie auch mir eine kleine Bedingung -erfüllen.«</p> - -<p>»Worin besteht die?« forschte Johanna kühl. »Sie haben -ja die Macht, Durchlaucht,« setzte sie bitter hinzu, »alles -zu erzwingen.«</p> - -<p>Dimitri Fergussow wurde ungeduldig. Die ernsthafte -Unterhaltung schien seinen vibrierenden Nerven lästig zu -fallen.</p> - -<p>»Sie werden mir also das ehrenwörtliche Versprechen -geben,« erklärte er leichthin, »die Grenzen Ihres Hofes -auf keinen Fall zu überschreiten. Auch für Ihre Familienangehörigen -<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a> -sowie für Ihre Angestellten bin ich gezwungen, -von Ihnen diese Bürgschaft zu verlangen.«</p> - -<p>»Ich soll mich verpflichten ...?« rief Johanna zurücktretend.</p> - -<p>Jetzt leuchtete es in den schönen Männerzügen abermals -auf. Es war ganz das sonnige Strahlen, das das arbeitsgewohnte -Mädchen so schwer begreifen konnte. Aber in dem -halbdunklen Zimmer wurde es förmlich hell davon.</p> - -<p>»Sie müssen mich nicht mißverstehen,« sagte der Offizier, -leicht auf sie zuschreitend, »ich habe nämlich den Eindruck, -als wenn Ihr fester Wille hier von allen geehrt und gefürchtet -würde. Auch von dem Fräulein Schwester; übrigens -ein sehr erfreulich lebhaftes Temperament,« setzte -er hinzu. »Empfangen Sie mein Kompliment zu dieser -graziösen, ganz undeutschen Erscheinung.«</p> - -<p>Da runzelte die Blonde schwer die Stirn, ihre Figur -straffte sich, so daß die kräftigen Glieder hervortraten, und -ihre Wangen flößten durch ihre Marmorblässe dem Beschauer -ein erneutes Befremden ein.</p> - -<p>»Das ist mir unlieb zu hören,« warf sie frostig hin. -»Aber darüber schulde ich Ihnen keine Rechenschaft.«</p> - -<p>»Gewiß nicht,« lenkte der Russe betreten ab und schüttelte -den Kopf.</p> - -<p>»Im übrigen gebe ich Ihnen, wenn auch ungern, das -verlangte Ehrenwort. Ich werde also den Verkehr mit der -Außenwelt vermeiden,« hob sie deutlich hervor, um ihrem -Gegenüber zu zeigen, daß sie seine Absicht verstanden hätte. -Dann aber wurde sie unruhig, und die Finger ihrer Rechten -irrten tastend auf ihrem Gewand herum. »Verzeihen Sie -noch eine Frage, Herr Oberst,« rang sie sich endlich ab, -»das Gefährt, das meine Schwester Isa gestern abend auf -das benachbarte Gut Sorquitten bringen sollte, ist nicht -zurückgekehrt. Wäre es Ihnen vielleicht möglich, eine Erkundigung -<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a> -nach dem Verbleib unserer Jüngsten einzuziehen?«</p> - -<p>Der Fürst blinzelte ein wenig und maß die Gutsherrin, -die ihm in ihrer Sorge weiblicher als bisher erschien, von -den Blondhaaren bis zu den Füßen.</p> - -<p>»Sie sehen mich so an,« stotterte Johanna immer verwirrter, -und eine Ahnung stieg ihr auf, in ihrer Frage -könnte für den Russen etwas Verdächtiges enthalten sein. -»Sehen Sie,« suchte sie sich zu entlasten, »es handelt sich -um ein ganz junges, unerfahrenes Ding. Ich vertrete -Mutterstelle bei ihr.«</p> - -<p>Der Fürst wiegte noch immer bedenklich das Haupt, -und seine Augen gruben sich unausgesetzt und prüfend in -die des großen Mädchens. Endlich sagte er vorsichtig:</p> - -<p>»Ich bin in der Tat in der Lage, Ihnen, auch ohne Erkundigung, -eine Angabe über den Verbleib des Fräuleins -zu machen, denn ich habe die junge Dame selbst gesehen.«</p> - -<p>»Sie? Um Gottes willen, Durchlaucht, wo? Ist sie -gesund? Ihr ist doch nichts Schlimmes widerfahren?«</p> - -<p>Jetzt schien der schlanke Offizier mit sich einig zu sein. -Er bettete die Hände leicht auf den Rücken und schritt hinter -dem Tisch auf und ab. Leise klirrend begleiteten die Sporen -seinen federnden Gang.</p> - -<p>»Verehrtes Fräulein,« meinte er, – aber Johanna war -es doch, als ob er jedes seiner Worte besonders prüfe und -wäge – »Sie brauchen sich über die Lage Ihrer Jüngsten, -soweit ich es beurteilen kann, keinen Befürchtungen hinzugeben. -Die junge Dame befindet sich in der Stadt, im Hause -eines befreundeten Herrn – –«</p> - -<p>»Konsul Bark,« fiel hier Johanna atemlos ein.</p> - -<p>Der Russe nickte und warf ihr einen verständnisinnigen -Blick zu. »Ganz recht, und ich hoffe, daß der Ausfall der -kriegsgerichtlichen Untersuchung es dem Fräulein ermöglichen -<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a> -wird, recht bald in Ihre schützenden Arme zurückzukehren.«</p> - -<p>»Untersuchung?«</p> - -<p>In Johannas Wesen verwandelte sich etwas. Wo blieb -die gemessene frostige Zurückhaltung, die den eleganten -Offizier bisher stets in der Meinung befestigt, es hier mit -etwas ganz Unpersönlichem, Abgestorbenem zu tun zu -haben? Alle Wetter! Dimitri Fergussow wurzelte fest -und vergaß im Moment seine eigene Ermüdung und das -zuckende Tanzen seiner Nerven, die das Fest des Blutes -noch immer nicht überwunden hatten. Alle Wetter, wie -die Glieder der Nemza sich dehnten, wie die Fäuste sich -ballten und die Arme schwollen, als wollten sie die enge, -blau und weiß gepunktete Hülle sprengen. Dazu das dunkle -Blitzen der Augen, das feine Rosenrot, das über die weiße -Haut jagte, – der Fürst stand still, atmete tief und verwandte -keinen Blick mehr von der aufgeregten Germanentochter. -Ein seltsames Geschöpf, schoß es ihm durch den -Sinn.</p> - -<p>»Fürst Fergussow,« fiel es endlich von den herrischen -Lippen Johannas, und es erregte die Bewunderung des -fremden Offiziers, wie die doch von Leidenschaft Durchbebte -ihr Organ in der Gewalt hatte; es klang sicher, bestimmt -und ein wenig befehlshaberisch, wie immer; »Sie werden -einsehen, daß Sie mir jetzt eine weitere Aufklärung nicht -mehr verweigern dürfen.«</p> - -<p>Fürst Dimitri regte fast unmerklich die Hand. Es war -eine jener formvollendeten Bewegungen, die bei diesem -äußerlich so gefälligen Menschen eine deutlich vernehmbare -Sprache redeten. Und Johanna begriff sie sofort.</p> - -<p>»Sie schlagen mir diese natürliche Bitte ab?« fuhr sie -auf.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a> -Der Russe sah ihr starr in das reine Antlitz, dessen Züge -ihm immer mehr wie die einer belebten Marmorstatue -erschienen.</p> - -<p>»Es fällt mir sehr schwer,« suchte er sich ihr beinahe -schmerzlich zu entziehen, »Ihnen gegenüber bei meiner -Pflicht zu bleiben, indessen – – –« und wieder folgte -die Drehung der fein geformten Hand.</p> - -<p>»Wenn ich Sie nun aber bitte,« stieß Johanna hervor, -und sich vergessend verließ sie zum erstenmal ihren Platz, -schritt an den Obersten heran und streckte den Arm gegen -ihn aus, so daß Dimitri Fergussow gar nicht anders konnte, -als diese weißen Finger zu ergreifen; sie waren kalt wie -Stein. »Wenn ich Sie nun aber inständigst bitte?« jagte -die große Blonde weiter. »Nicht wahr, dann werden Sie -einsehen, daß ich nichts Unrechtes verlange? Hier handelt -es sich ja gar nicht um die Feindschaft unserer Länder, um -Russen und Deutsche, hier geht es ja lediglich um eine -arme versprengte Familie. Um meine Ruhe, begreifen -Sie das?«</p> - -<p>Der Fürst hielt die weißen Finger in seiner Hand, beugte -sich und wollte, einem raschen Trieb nachgebend, seine -Lippen auf die festen Gelenke drücken. Allein mitten in der -Bewegung befiel ihn ein Zaudern und Schwanken. Zu ernst -und flammend sprühten die dunklen Augen auf ihn herab, -die sein Vorhaben verständnislos begleiteten. Er wollte -scherzen, er gedachte allerlei flatterhafte Bedingungen zu -stellen, doch vor diesem großen und wahrhaften Geschöpf -fiel ihm durchaus nichts Leichtes und Gewandtes ein. -Sehr fatal – fast schmerzlich verzog er den Mund, als -er sich so von einem fremden Wesen, von einer anderen -ihm rätselhaften Kultur gefangen und verpflichtet sah. -Und nur mühsam preßte er zwischen den Zähnen hervor:</p> - -<p>»Sie dürfen es wirklich als ein Zeichen meiner Achtung -<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a> -nehmen, wenn ich mich von Ihnen so leicht zu Konfidenzen -verleiten lasse, die der Dienst sonst streng verwehrt. Also -kurz: Ihr Fräulein Schwester ist leider Zeuge gewesen, -wie sich Herr Konsul Bark in einem Moment des Zornes -oder des Leichtsinns zu einer unüberlegten Handlung gegen -einen unserer Offiziere hinreißen ließ.«</p> - -<p>»Gegen Rittmeister Sassin,« warf Johanna schwer -atmend dazwischen.</p> - -<p>Jetzt zuckte der Oberst ablehnend die Achsel. »Sie müssen -sich mit meinen Andeutungen begnügen. Aber ich füge noch -hinzu, da das kleine Fräulein nach meiner Meinung wahrscheinlich -nur die Ursache des Streites war, so dürfte man -sie nach dem Verhör ungekränkt entlassen.«</p> - -<p>»Herr Oberst,« forderte Johanna klar und rasch, die aus -ihrem geschäftlichen Wirken gewöhnt war, alle Vorteile -sofort wahrzunehmen, »würden Sie sich in dieser Richtung -selbst für Isa verwenden?«</p> - -<p>»Ich? Nun bei der heiligen Mutter von Kasan –«</p> - -<p>Der schlanke Mann, der sich unmittelbar nach seinem -ersten Waffengang selbst in einem so sprühenden Rausch -befand, er stand dicht vor der Bittenden, und in seinem -sprechenden Antlitz, das er im Moment nicht beherrschte, -zuckten die widerstrebendsten Neigungen durcheinander. Die -Sucht, sich nicht zu einer so auffälligen Bevorzugung mißbrauchen -zu lassen, das Mißfallen an der so plump und -klar vorgetragenen Bitte, und daneben doch die heimliche -Begierde, diese Vertraulichkeit gegen die majestätische Göttin -auszunützen. Allein plötzlich brach er in ein helles jugendliches -Lachen aus. Gesund klang es, frisch und überzeugt, -hervorgerufen durch den seltsamen Gegensatz, er, der hohe -Aristokrat, der gewesene Adjutant des Zaren, solle für den -pikanten Rotkopf an hoher Stelle ein erlösendes Wort einlegen! -<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a> -Wie man das dort wohl auffassen würde? Sehr -eindeutig. Fraglos. Und er gab sich von neuem seiner -liebenswürdigen Heiterkeit hin, ließ sich in den Stuhl hinter -dem Tisch fallen, und indem er Papier und Feder ergriff, -rief er zu der über den plötzlichen Wechsel Fassungslosen -herüber:</p> - -<p>»Ja, was vermag ich gegen die gestrenge Quartiermacht -auszurichten? <i>Rien du tout!</i> Es geschieht also auf Ihre -Gefahr, mein verehrtes Fräulein! Ich werde mein eigenes -Zeugnis für die Unschuld der jungen Dame anbieten, und -wir wollen hoffen, daß ich für einen unverfänglichen Beobachter -gehalten werde.«</p> - -<p>Seine Feder flog hurtig über das Papier, und von Zeit -zu Zeit warf er von der Seite einen schalkhaften Blick der -blonden Nemza zu. Wie warm und ehrlich sie sprechen -konnte, als sie jetzt mit mühsam erkämpfter Fassung hervorbrachte:</p> - -<p>»Das kann ich Ihnen niemals vergelten, Durchlaucht!«</p> - -<p>»Oh doch, doch, Sie müssen es nur versuchen. Ich wäre -zum Beispiel für einen kleinen Imbiß jetzt ganz besonders -dankbar. Und wenn ich hoffen dürfte, daß die beiden -Damen später beim Diner meine etwas« – er zeigte auf -seine toll übereinander geworfenen Monturstücke – »meine -etwas wirre Tafel zieren möchten, so würde ich darüber -ein ungemessenes Vergnügen empfinden. Natürlich,« -setzte er hinzu und verbeugte sich höflich, »soll dies nur -geschehen, sobald es sich ohne Überwindung bewerkstelligen -läßt. So, meine Gnädigste, jetzt bitte ich noch um etwas -Siegellack. Das von Ihnen mit soviel liebenswürdiger -Energie verlangte Dokument ist fertig. <i>Voilà!</i>«</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a> -Das Dokument aber lautete:</p> - -<p class="an mt1">»Mein lieber Oberst Geschow!</p> - -<p>Ich beglückwünsche Sie zu dem kecken Handstreich, der -die erste Stadt unserer Gegner – zu dem Worte ›Feinde‹ -vermag ich mich aus Geschmacksrücksichten immer noch -nicht aufzuschwingen – so überraschend in Ihre Hand -spielte. Alle Kriegsgötter schützen Sie ferner! Auch wir -haben hier ein kleineres Detachement Preußen eiligst still -gemacht. Tapfere Leute, von einer wunderbar ausgebildeten -Disziplin, die für mich, offen gesagt, etwas Unheimliches -und Störendes besitzt. Eine fleischgewordene Idee, ein -wild gewordener Schulmeister kämpft gegen uns. Das -Einmaleins schlägt gegen den Analphabeten. Für mich eine -sehr lästige Vorstellung. Aber Sie wissen ja, ich bin auch -als Soldat nur Dilettant und schließe mich gern dem allgemeinen -Glauben an, daß die Heuschreckenschwärme auch -das bestbestellteste Feld zu fressen vermögen.</p> - -<p>Und nun, bester Fedor Juliewitsch, lächeln Sie über mich, -tadeln Sie mich, aber bedenken Sie, es ist mein gutes Herz, -das mich antreibt, mitten im männermordenden Streite eine -Bitte für eine Dame auszusprechen. Es handelt sich um -das rothaarige Fräulein, das man, wie auch Ihnen wohl -bekannt ist, im Hause des Herrn Konsul Bark festnahm. -Ich kann mir nicht denken, daß die rote Hexe etwas Ernsthaftes -gegen die Sicherheit und das Glück des Zaren ersann. -Und da ich im Hause ihrer Schwester, einer überlebensgroßen -blonden Walküre, hier draußen im Quartier liege, -so würde es für mein Wohlbefinden und meine Verpflegung, -die Ihnen als einem Organisator des Sieges -sicherlich auch nicht unwichtig erscheinen, von großem Werte -sein, wenn man das schmale Frauenzimmerchen recht bald -wieder laufen ließe. Könnten Sie zu diesem Zwecke irgend -<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a> -etwas beitragen, so würde dies meine freundschaftliche Bewunderung -für Sie, wenn es möglich ist, noch erhöhen. -Wenn nicht, – <i>mon dieu</i>, dann werde ich der verminderten -Beköstigung seitens der marmornen Landsmännin -Richard Wagners unsere durch alle Welt so berühmte -slawische Genügsamkeit entgegensetzen.</p> - -<p>Herr Oberst, ich bin Ihr Ihnen in unauslöschlicher -Freundschaft verbundener</p> - -<p class="si">Dimitri Sergewitsch Fergussow.«</p> - -<hr /> - -<p>Es gab Johanna einen Stich ins Herz, als sie zuerst den -prachtvoll gedeckten Tisch wahrnahm, für dessen Ausschmückung -Marianne zu sorgen übernommen hatte. Da funkelte -das alte schwere Familiensilber, das von der Ältesten nach -dem Zusammenbruch Stück für Stück zurückgekauft war, -um nun von ihr wie ein Heiligtum gehütet zu werden. -In schneeiger Weiße leuchtete das glänzende feine Leinen -auf der Tafel. Und als die Blonde gar noch die schlanken -Flaschen des seit Jahren abgelagerten Rheinweins ins Auge -faßte, als sie das Klingen der dünnwandig-geschliffenen -Gläser auffing, da tat es ihr in ihrem grübelnden Sinnen -weh, weil sie selbst an jenem Tisch Platz genommen, der -für heute sicherlich nicht ihr eigener war. Reue und Beschämung -befielen sie, weil sie geduldet, daß ihre sorglose -Schwester ein festliches weißes Gewand angelegt, als ob -es sich um eine strahlende Siegesfeier handele.</p> - -<p>Und wahrlich, wurde nicht eine Siegesfeier begangen?</p> - -<p>Horch, von dem halbzerschossenen Holzkirchlein trug der -Wind unaufhörlich zerrissene und unregelmäßige Glockentöne -herüber, als ob von ungeschickten Händen und zum -Spiel an den Strängen gezerrt würde. Und die Gutsbesitzerin -<a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a> -erriet mit einem kurzen Zusammenschauern, wie die -fremden Reiter, die in dem Gotteshause ohne Scheu und -Achtung ihre kotbespritzten Rosse untergebracht haben sollten, -nun auf diese kindliche Weise ihrer wilden Freude über das -erste blutige Treffen Ausdruck zu verleihen suchten.</p> - -<p>Ungern hob sie den niedergeschlagenen Blick, um ihren -fröhlichen Gast zu mustern, der so sprudelnd und blendend -heiter mit der sichtlich von seiner vornehmen Art entzückten -Marianne plauderte. Nein, die Beobachterin täuschte sich -nicht. Die Melancholie aus seinen Augen war verschwunden. -Ein sprühendes Leuchten und Blitzen lebte in ihnen, ein gesteigertes -Wohlbefinden, ein lachender Übermut, sie bekundeten -sich in jeder Bewegung. Ganz sicher, auch er -beging in diesem Augenblick seinen ersten Sieg, berauscht, -hingerissen, und von seinem Erfolg betäubt, wenn er auch -zu viel Erziehung besaß, um seinen Triumph vor den -deutschen Damen nicht soweit als möglich zu verbergen. Allein -schon daß er den Wunsch geäußert, gegen den es ja kein -Widerstreben gab, die Angehörigen der im Moment vor -ihm unterlegenen Rasse an seiner heimlichen Siegesfeier -teilnehmen zu lassen, dieser kaltblütige und grausame Sinn -empörte die große Blonde innerlich und ließ es ihr geraten -erscheinen, die erzwungenen Pflichten der Wirtin kühl, -abgemessen und beinahe wortlos zu erfüllen. Sie erteilte -dem aufwartenden Mädchen wohl hier und da einen Wink, -dem fremden Offizier diese oder jene Schüssel zu reichen, -aber nie hätte sie es über sich gewonnen, dem strahlenden -Mann das Glas mit dem klaren Wein zu füllen, denn dies -hielt sie für ein Zeichen rückhaltsloser deutscher Bewillkommnung. -Und doch mußte sie manchmal an sich halten, -um der hinreißend frischen Unterhaltungskunst des Fremden -nicht doch endlich mit wärmerem Gefühl zu erliegen. Eines -war ganz klar, und die kühle Beobachterin konnte es keineswegs -<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a> -übersehen: an ihrem Tisch saß ein Hochgeadelter, -der Liebling eines Hofes, ein Fürst, der gewiß über fabelhafte -Reichtümer gebot, die mächtige Vorfahren aus dem -Fleiß zahlloser Leibeigener aufgespeichert. Und dieser Verwöhnte -versagte es sich dennoch, den beiden einfachen Mädchen -den weiten Abstand seiner Geburt fühlbar zu machen. -Ja noch mehr, ja noch viel erstaunlicher, aus seinen Urteilen, -aus seinen witzigen Bemerkungen konnte man deutlich -die überlegene Kritik eines hohen Herrn heraushören, -der die Schwächen und Schäden weder seiner Umgebung, -noch seines Landes zu schonen gewillt war. Mit welch -lässigem Spott der glänzende Offizier gelegentlich die ihm -so wohlbekannten Personen seines Hofes streifte. Mit -welchem achselzuckenden Fatalismus er sich über die Unzuverlässigkeit -der Beamtenschaft aussprach! Das alles -zeigte einen Geist, der sich zu hoch dünkte, um an kleinlichen -Unwahrheiten teilzunehmen. Und diese Offenheit, -diese Wahrheitsliebe interessierten die Gutsherrin von -Maritzken, denn ihre eigene Natur wurzelte ja in ähnlichen -Neigungen, und ihr schuldloses Gemüt ahnte nicht, -daß der vornehme Herr, der ihr gegenüber saß, mit demselben -gleichgültigen Achselzucken auch seine eigenen Laster -und Verfehlungen entschuldigt haben würde, als Schickungen, -gegen die es sich nicht lohne anzukämpfen.</p> - -<p>Während sie so nachsann, entging es ihr, wie die Unterhaltung -der beiden anderen jungen Menschen immer ungezwungener -und entfernter von beengenden Rücksichten -dahinfloß. Die Feuer des Weines hatten die Wangen -Mariannes mit einem dunklen Hauch überglüht, und unter -ihren langen Wimpern spritzten kleine züngelnde Flammen -hervor.</p> - -<p>Johanna erschrak. Was mußte sich der Russe von dem -sinnlosen, dem unpassenden Benehmen einer solch Ungebändigten -<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a> -denken!? Und mit Grauen stürzte plötzlich -eine Erinnerung auf sie herab: der Fürst war ja ein -›Frauenschlächter‹, wie der verwundete Rittmeister sich ausgedrückt -hatte. Gewöhnt, mit allen Mitteln seine Opfer -zu umstricken. Nein, hier mußte sie Halt gebieten.</p> - -<p>Während sie sich entschlossen aufrichtete, vernahm sie, -wie ihre beiden Gefährten sich eifrig über deutsche Musik -unterhielten. Aber es kam ihr vor, als ob dies alles nur -einen Vorwand bildete, als ob hier ohne laute Worte über -etwas ganz anderes geredet würde. Und mit einer herben -Bewegung erhob sie sich und stand nun in ihrer vollen -Höhe da. Das Mittagsmahl war aufgehoben, und der -Fürst, der die Plötzlichkeit dieser Zeremonie wohl nicht -ganz begriff, war liebenswürdig genug, um der Blonden -sein gefülltes Glas entgegenzuhalten, und sich dann in -seiner gefälligen Art vor ihr zu verneigen.</p> - -<p>»Mein Fräulein,« sagte er, »Sie gestatten mir, Ihnen -auf diese Weise meine Dankbarkeit zu bezeigen. Ich würde -glücklich sein, wenn ich an Ihrer Tafel als ein wirklich -geladener Gast hätte sitzen dürfen. Wir wollen hoffen, -daß die Begebnisse der Zeit eine solche Möglichkeit nicht -ausschließen.«</p> - -<p>Noch einmal hob er das Glas und trank dann die spiegelnde -Flüssigkeit in langsamen Zügen aus. Noch waltete -Schweigen in der so unvorhergesehen gestörten Runde, -als plötzlich hart an die Tür gepocht wurde. Der herkulische -Wachtmeister trat ein, salutierte und überbrachte -dem Oberst ein gestempeltes Schreiben. Dieser erbrach es -hastig, las und ließ das Papier allmählich aus seiner -Rechten herabgleiten. Dann atmete er tief, bis er mit -seinem gewohnten Achselzucken eine Last oder zum -mindesten etwas Unwillkommenes von sich abzustreifen -schien.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a> -»Meine Damen,« sagte er ruhig, und doch zitterte seine -Stimme leicht, »ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen, -daß mit dem heutigen Morgen die Kriegserklärung zwischen -unseren Regierungen offiziell gewechselt wurde.« Und mit -einem erzwungenen Lächeln setzte er hinzu: »Sie können -jedoch überzeugt sein, daß, soweit es in meiner Macht liegt, -diese reine Förmlichkeit keinerlei Veränderungen in Ihrem -jetzigen Dasein hervorrufen wird. Erlauben Sie gütigst, -daß ich mich zu meinen Offizieren begebe. -Ich danke Ihnen.«</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a> -Zweites Buch.</h2> - - - - -<h3>I.</h3> - - -<p>Konsul Bark raffte sich von dem niedrigen Holzschemel -empor, auf dem er die lange finstere Nacht verhockt hatte. -Ungläubig ließ er seinen Blick über die vielen Menschen -dahinschweifen, die gleich ihm in der engen Kammer des -Stadtgefängnisses eingepfercht waren, und sein verwöhnter -Geruchssinn empfand mit Schaudern die vergiftete, bleischwere -Luft, die bereits in Fäulnis übergegangen zu sein -schien. An allen Gliedern zerschlagen, richtete sich der Großkaufmann -auf, strich sich mit den Händen sein braunes -Haar zurecht, das zum erstenmal seit langer Zeit am frühen -Morgen nicht von seinem Kammerdiener Pawlowitsch mit -wohlriechenden Bürsten geglättet wurde, und gewöhnt, auch -den widrigsten Umständen eine besonnene und überlegte -Arbeit entgegenzusetzen, schüttelte er seine Müdigkeit gewaltsam -ab und drängte sich durch die auf dem blanken Erdboden -herumliegenden Leidensgefährten bis an die dunkle, -eisenbeschlagene Tür, gegen die er mit beiden Fäusten zu -donnern begann.</p> - -<p>»Um Gottes willen, Herr Konsul Bark,« zischte der -fette Tischler Majunke durch die klaffende Zahnlücke, die -ihm der gestrige Nachmittag eingetragen, und zugleich hob -der Handwerker ein paar fleckige Hemdsärmel in die Höhe, -um sich von seinem breiten kahlen Schädel einen Strom -perlenden Schweißes herabzuwischen, »um Gottes willen -<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a> -Herr Konsul Bark, – Sie entschuldigen wohl, wenn ich -als einfacher Mann – aber die dort draußen, die verfluchten -Breitmützen, sie könnten uns einen solchen Spektakel -übelnehmen.«</p> - -<p>Und aus einer Ecke richtete sich der Pferdehändler -Kowalt mit seiner rot und schwarz karierten Weste auf -und schwenkte über den Häuptern der anderen wütend -einen langen Peitschenstock, den man ihm bei seiner Verhaftung -merkwürdigerweise gelassen.</p> - -<p>»Unsinn,« schimpfte er drohend und riß die blutunterlaufenen -Augen auf, »alles mit Ordnung – Unsinn – -bei dieser Hitze haben wir doch wenigstens Kaffee oder -Wasser oder so was Ähnliches zu verlangen. Habe ich -nicht recht, Herr Konsul Bark, ist es nicht Unsinn?«</p> - -<p>Doch der Kaufmann kümmerte sich um die Meinung -seiner Gefährten nicht im geringsten, er hörte sie wohl -gar nicht, sondern hämmerte mit rücksichtsloser Wut weiter.</p> - -<p>Die Tür rasselte auf. Ein allgemeines Ah und ein Atmen -der Erleichterung folgte. Draußen auf dem halbfinsteren -Korridor stand ein untersetzter Kosak, eine schmutzige -Lammfellmütze auf dem plumpen Haupt, und in der -schwieligen Rechten, unachtsam herabhängend, ein Gewehr -mit aufgepflanztem Bajonett. Der Kerl schien sich gleichfalls -eben erst seiner Nachtruhe auf den Steinfliesen entrissen -zu haben, denn auf seinen faltigen Röcken zeichneten -sich deutlich die roten Streifen der Ziegel ab. Auch gönnte -sich sein schwülstiger Mund ein umfangreiches Gähnen.</p> - -<p>Der Konsul aber fuhr ihn an, als ob es ganz selbstverständlich -wäre, daß der Kriegsknecht ihm unbedingten -Gehorsam schulde.</p> - -<p>»Heda, Sie Mensch, ich verlange sofort Ihrem Höchstkommandierenden -vorgeführt zu werden. Zeigen Sie ihm -diese Karte und bringen Sie mir ohne Aufenthalt Nachricht.« -<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a> -Zu gleicher Zeit griff der so sicher und furchtlos -Sprechende in seine Tasche und warf ein Talerstück klirrend -vor den Wächter auf die roten Ziegel.</p> - -<p>Die anderen horchten hoch auf. Ein Raunen des Beifalls -und der Bewunderung ging durch ihre gedrückten Reihen. -Ja, das war die richtige Art, mit diesen Halbwilden Geschäfte -abzuwickeln. Der Konsul verstand's! Ja, wenn man -bloß so in die Tasche zu langen brauchte – fein, fein! -Ein großer Herr!</p> - -<p>Auch der Kosak billigte diese Form der Verständigung. -Umständlich kniete er in seinen faltigen Gewändern nieder, -lehnte das Gewehr an die Wand, und nachdem er das -Talerstück in seine schlappe Hosentasche versenkt, blieb er -liegen und grinste in die offene Tür hinein.</p> - -<p>»Haben Sie nicht gehört, Ihren Höchstkommandierenden -wünsche ich zu sprechen,« rief der Konsul, indem er sich -mühsam der russischen Sprache bediente.</p> - -<p>Der Kniende jedoch schüttelte lebhaft die wirren Haare, -dann aber, als er ernstlicher über das Verlangen seines -vornehmen Gefangenen nachgedacht hatte, streckte er den -Zeigefinger vor die Stirn, sprang auf und schmetterte mit -einem Fußtritt die Tür wieder ins Schloß.</p> - -<p>»Solch eine Bande,« keuchte der Pferdehändler Kowalt -und führte einen schallenden Schlag mit dem Peitschenstiel -gegen das eisenbeschlagene Holz. »Unsinn – wer wird uns -hier zu unserem Recht verhelfen? Glauben Sie etwa, -wir werden verhört? I wo, morgen nehmen sie uns -zwischen die Pferde und dann – hui nach Sibirien. Unsinn!«</p> - -<p>Und der Produktenhändler Manasse, ein Mann, dem noch -nach alttestamentarischer Weise graue Ringellocken über die -Ohren fielen, streichelte unaufhörlich seinen Filzhut, ließ -<a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a> -ungeniert dicke Tränen auf seinen schwarzseidenen Rock -herabrinnen und seufzte schwer in sich hinein:</p> - -<p>»Sibirien ganz gut, aber Hände und Füße abschlagen – -Gott, Gott, meine arme Frau hat – – –«</p> - -<p>»Sst, sst, die Hauptsache ist, daß wir uns ruhig verhalten,« -begütigte der ängstliche Tischlermeister Majunke -und stellte sich quer vor die Tür, als wolle er jedes verdächtige -Wort abwehren und auffangen.</p> - -<p>Ein allgemeines gedämpftes Gemurmel erhob sich. Nur -der Konsul äußerte nichts mehr. Er verzog die blasse Stirn, -dachte nach und schritt mit seinem elastischen Gang an den -verlassenen Holzschemel zurück. Hier schlug er die Arme -untereinander, und während er zum erstenmal seine Gefährten -eingehender musterte, fiel es kühl und geschäftlich -wie immer von seinen Lippen:</p> - -<p>»Bitte wollen Sie mir jetzt der Reihe nach mitteilen, -wie Sie hierher gekommen sind. Da ich alles daran setzen -werde, um mir Gehör zu verschaffen, kann es für Sie nur -nützlich sein, wenn ich auch Ihre Angelegenheiten vor die -geeigneten Stellen bringe. Also Herr Kowalt, wie war's?«</p> - -<p>In dem engen Raum, in dem schon am frühen Morgen -eine feuchte brütende Hitze um die vielen Menschenköpfe -herumwogte, zog nun vor aufhorchenden Ohren Schicksal -um Schicksal vorbei. Eintönig und gleichlautend.</p> - -<p>Konsul Bark aber saß und zeichnete über die Anfänge -all dieses Trübsals kurze schlagkräftige Bemerkungen in -seinen winzigen goldenen Notizblock. Immer heißer und -stickiger wurde es, Hunger und Durst begannen die eng -Zusammengedrängten empfindlich und quälend zu plagen, -und die Unruhe, ob sie Gehör und Gerechtigkeit bei den -fremden Gewalthabern finden würden, zehrte an ihnen, wie -ein gefräßiges Tier.</p> - -<p>Ob sich nun nicht bald die schwere Tür öffnete? Vergebliche -<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a> -Hoffnung. Stunde auf Stunde verging, und aus -den Schlägen der Kirchturmuhr von St. Sebaldus, die -als einzige Stimmen ihrer früheren Welt zu den Eingekerkerten -sich hineinschwangen, erkannten die aus dem -lebendigen Getriebe Herausgerissenen die enteilende Zeit.</p> - -<p>Herrgott, Herrgott, es mußte schon der Nachmittag -angebrochen sein.</p> - -<p>»Ruhe, Ruhe, nur nicht laut werden, man darf sie -nicht reizen!«</p> - -<p>»Unsinn, – wenn sie nicht bald was zu trinken bringen, -dann stoß ich die Tür ein. Alles andere ist ja barer Unsinn.«</p> - -<p>»Weh, weh, Herr Nachbar, wie können Sie nur so -schreien? Ich sag' Ihnen, mich haben sie gestern schon mit -ihren Knuten geprügelt, und meine arme Frau hat – –«</p> - -<p>Unaufhörlich fuhren die Laute aus den vertrockneten -Kehlen durcheinander, als wollten sie sich selbst den -schwachen Trost gönnen, daß sie noch nicht erstorben seien. -Dem Konsul jedoch war die klare Erkenntnis für all diese -kleinmütigen Äußerungen längst versunken. Ein Bein lässig -über das andere geschlagen, saß er auf dem einzigen Holzschemel, -den ihm die anderen aus altgewohnter Ehrfurcht -willig überlassen, starrte über die schweißnassen Häupter -der kleinen Handwerker hinweg in eine Ecke hinein, und -manchmal kam es ihm vor, als ob er dort hinten an der -schmutzigen, spinnwebigen Wand einen hellen Schein gewahre -und auf dieser belichteten Stelle sich selbst und das -rote Mädchen und die verdämmerten Mosaikgestalten der -Evangelisten in dem beleuchteten Refektorium, das eigentlich -sein elegantes Privatkontor war. Und hinter seinem -Schreibtisch sah er, wie die gewaltige bunte Holzstatue -des Apostelfürsten Petrus den halbzerbrochenen goldenen -Hirtenstab hob, um ihn, kupferrot vor Zorn, gegen eine -hereinstampfende Russenhorde zu schwingen, die Rittmeister -<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a> -Sassin befehligte. Er legte sich die Hand vor die Stirn, -und ein heftiges Mißtrauen wurde geweckt. Wie waren -die Eindringlinge in das fest verschlossene Haus hineingelangt? -Wer hatte ihnen geöffnet? Und erlaubte sich -sein teurer Freund Leo Konstantinowitsch nicht, in seinem -offenbar trunkenen Zustande den Arm um die Taille des -zitternden Mädchens zu schlingen? Bei Gott, er hob die -Zappelnde hoch empor. In den Gedanken und Bildern des -Konsuls überschlug sich etwas. Wirr, trunken tastete er -umher, als ob er nach der kleinen Schießwaffe suche. -Dann ein Knall, und ein grauer Flor umschleierte wieder -die sengend-klaren Gestalten. Wollten sie in ihren Nebel -zurückkehren? – Wie war denn das alles?</p> - -<hr /> - -<p>Unbegreiflich schnell war die slawische Woge in die erste -deutsche Grenzstadt geschlagen. Eben stritt man sich darüber, -ob überhaupt eine ernsthafte Gefahr vorläge. Emsig -suchte man nach beruhigenden Gründen, warum die preußische -Garnison an einem Morgen bis auf den letzten Mann -verschwunden war. Noch hielt man in unerschütterlichem -Ordnungssinn daran fest, daß an eine kriegerische Austragung -vorläufig gar nicht zu denken wäre, weil ja über -die Grenze keine rechtsmäßige, von dem weißen Zaren -gesendete Absage geschickt sei, noch gab man sich tausenderlei -widersprechenden Vermutungen hin, ob man die großen -Speicher, die Fabriken, die Kontore, Läden und Handwerksstuben -räumen und ohne Aufsicht lassen sollte, da tauchte -eines Tages in der Stunde zwischen Nacht und Dämmerung -der Hausmeister Pawlowitsch in seinem blauen Frack mit -den goldenen Knöpfen in dem englischen Schlafgemach -seines Gebieters auf und zupfte hastig an den weißen -Kopfkissen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a> -»Herr Konsuhl, – verzeihen Sie – wachen Sie auf – -auf den Chausseen vor der Stadt streift russische Kavallerie -herum.«</p> - -<p>Der Großkaufmann, dessen Stolz es nicht gelitten hatte, -das von den Vätern ererbte Geschäft zu verlassen, fuhr auf -und rückte an dem eleganten Nachtanzug.</p> - -<p>»Du bist verrückt, Pawlowitsch.«</p> - -<p>Der Frack verbeugte sich. »Vorzüglich, Herr Konsuhl.«</p> - -<p>Selbst in dieser Minute der sichtlichsten Angst, – denn -das schneeweiße Männchen zitterte auffällig am ganzen -Leib – mußte das Halbblut sein Entzücken über jede -Äußerung des Chefs dartun. Der Kaufmann jedoch gelangte -immer mehr zu klarer Erkenntnis seiner Lage. Er -stützte sich auf den Ellbogen, und seine kühlen Augen -hefteten durch die Schatten der Nacht einen spähenden -Blick auf seinen Diener. Dann versuchte er, die elektrische -Flamme über seinem Lager anzudrehen, allein das Licht -blieb aus.</p> - -<p>»Was ist das, Pawlowitsch?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht, Herr Konsuhl,« stotterte das Faktotum, -und es war, als ob seine Zähne leise gegeneinander -klapperten, »ich glaube, sie haben die Drähte bereits zerschnitten.«</p> - -<p>»So, so, – aber eines ist doch seltsam, wie hast du -mitten in der Nacht die russischen Patrouillen auf der -Chaussee feststellen können?«</p> - -<p>Dabei streckte der Liegende seinen Arm aus und faßte -kräftig in die Brustfalte des Alten. Der Herangezogene -wandte sich und setzte mehrfach zum Sprechen an, bevor -er auf diese klare Frage eine Antwort erteilen konnte.</p> - -<p>»Verzeihen Sie, Herr Konsuhl – ich konnte nicht schlafen -– die Hitze – ich mußte in den letzten Nächten immer -spazieren gehen – die Angst – –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a> -»Donnerwetter, höre endlich mit dem dummen Zeug auf. -Bringe mir sofort meine Kleider. Wir sind deutsche Kaufleute -und haben nach unserem Eigentum zu sehen.«</p> - -<p>»Ja gewiß, Herr Konsuhl.«</p> - -<p>»Sind dir die Adressen unserer jungen Leute bekannt?«</p> - -<p>»Alle.«</p> - -<p>»Dann begibst du dich jetzt unverzüglich, da dir ja soviel -an nächtlicher Bewegung liegt, zu jedem Einzelnen und -bestellst, daß heute früh, wie an jedem anderen Tage hier -gearbeitet wird. Sie sollen sich durch die Hintergasse in -dem Lokal einfinden, denn vorn wirst du sofort das Tor -verschließen und die eisernen Stangen vorlegen. Hast du -mich verstanden, Pawlowitsch?«</p> - -<p>»Vorzüglich, Herr Konsuhl. Hier ist auch schon der Anzug -von gestern abend.«</p> - -<p>Der Kaufmann sprang aus dem Bett. »Gut, gut, du -brauchst mir nicht zu helfen. Aber Licht muß ich haben. -Hier hast du die Schlüssel, lauf rasch in das Detailgeschäft -und hole ein paar Pfund Kerzen herauf. Davon stellst -du auch einige in mein Arbeitszimmer. Dalli, dalli!«</p> - -<p>»Herr Konsuhl,« jammerte plötzlich der Hausmeister, -der, anstatt sich zu entfernen, unschlüssig an der mit Fries -gepolsterten Tür stehen geblieben war, um nun krampfhaft -die Hände umeinander zu reiben, »Herr Konsuhl,« rief -er in wirklich ausbrechendem Schmerz, »darf ich nicht -wenigstens noch das Service mit heißem Kaffee in das -Arbeitszimmer bringen?«</p> - -<p>»Jawohl, du Dummkopf,« gab sein Herr, der so schnell -wie noch nie in seine Kleider gefahren war, etwas versöhnter -zurück. »Aber nun, Mensch, wirf endlich die Beine -um die Ohren. Heute ist keine Zeit zu Rasiergesprächen.«</p> - -<p>»Ja, ja, gewiß, vorzüglich, Herr Konsuhl – guten -Morgen – die Jungfrau Maria behüte Sie.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a> -Mit wirrem Haupthaar, kaum ein wenig von dem abgestandenen -Wasser befeuchtet und erfrischt, stieg der Prinzipal -in sein altertümliches Büro herab. Merkwürdig, die -Kerzen brannten schon überall auf Tischen und allen erdenkbaren -Vorsprüngen und erleuchteten den weiten Raum mit -seltsam schwebenden Schatten. Ein Weben und Gleiten -ging unter den weißen gotischen Bogen dahin, und die -starren blassen Gesichter der Evangelisten in den Mauernischen, -sie schienen sich zu neigen und zu drehen, als wenn -auch sie furchtgeschüttelt von dannen schweben wollten. -Auf dem Sockel der großen Petrusstatue stand eine alte -Blechlaterne aus dem Geschäft, und die in ihr brennende -Kerze sandte einen flackernden Qualm zu dem hölzernen -Riesen empor. Weihrauch der Angst.</p> - -<p>Als sich der Herr all dieser Schätze umblickte, befiel ihn -etwas wie ein Schütteln und Schneiden, ein nicht abzuwehrender -Frost. Es war doch gut, daß der alte Mann -an einen Trunk heißen Kaffee gedacht hatte. Aber wo -blieb Pawlowitsch? Ungeduldig eilte der Konsul an seinen -Schreibtisch und drückte auf den elektrischen Knopf. Die -Klingel ließ ihr feines Rasseln ertönen. Doppelt schrill -klang es in dem verlassenen Haus. Allein der Geforderte -ließ sich nicht herbeirufen. Wie war denn das zu verstehen? -Sollte der Hausmeister, der doch ein verschlagener -und zäher Patron war, diesmal wirklich so aus der Fassung -gebracht worden sein, daß er sogar den Wunsch seines -Herrn nach einem Morgenimbiß vergessen haben konnte? -Von einer unerklärlichen Ahnung durchschlagen, ergriff der -Herr des Goldenen Bechers die kleine Blechlaterne, um -sich über das merkwürdige Fernbleiben seines Verwalters -auf alle Fälle Gewißheit zu verschaffen. Durch die altertümlichen -Gänge des schlafenden Hauses glitt er dahin, -geschmeidig, mit unhörbaren Schritten, über Treppen und -<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a> -schmale Altane, und nichts Lebendiges fand er, als seinen -eigenen Schatten, der ihm überlebensgroß voraufeilte. So -gelangte der Suchende in das Erdgeschoß, wo sich noch von -Klosterszeiten her die geräumige, weiß getünchte Küche -befand. Die Tür stand offen, drinnen alles leer. Ungläubig -streckte der Konsul die Laterne in den verlassenen -Raum, bis ihm ein kalter Luftzug das qualmende Lichtlein -zu verlöschen drohte. Dabei nahmen seine leidenschaftslosen -Züge einen immer herberen und kühleren Ausdruck an. -Deutlich offenbarte ihm sein geschäftlicher, von allen -Äußerlichkeiten unbeeinflußbarer Sinn, mit dem Verhalten -seines Faktotums müsse es eine ganz eigene Bewandtnis -besitzen. Aber welche? Ein heftig um sich greifendes Mißtrauen -erfüllte ihn ganz und gar. Ob der Alte wenigstens -für die Sicherheit des Hauses gesorgt hatte? In ein paar -kurzen Sprüngen fuhr der Chef die breite knarrende Holztreppe -in die Höhe, erreichte sein Arbeitszimmer und lief -über die drei grünen Porphyrstufen auf die pflastersteinbelegte -Einfahrt hinaus, um sich von dem Verschluß der -mächtigen Eisentür zu überzeugen. Im ungewissen Schein -der Laterne sah er, wie die beiden mächtigen Eisenquerbäume -ordnungsgemäß vorgelegt waren, auch den ungeheuren -eisernen Schlüssel mit dem wunderlich verschnörkelten -Kopf aus einer frühen Zeit der Technik fand seine -fühlende Hand fest im Schloß. Beruhigt atmete er auf. -Durch die oberen eisenvergitterten Butzenscheiben, die sich -wie herausgeschlagene Boden grüner Weinflaschen ausnahmen, -stahl sich bereits ein schwächliches Dämmern des -neuen Tages. Schwalben schossen dort draußen zirpend -durch die Luft, und ganz von fern meldete sich ein eigentümliches -Poltern und Rasseln, wie wenn ungefüge Karren -eine Ladung von Eisen über unebene Straßen zu schaffen -hätten. Der Kaufmann zog seine goldene Uhr und hielt sie -<a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a> -vor das rauchende Licht: ein Viertel auf drei. Wer konnte -zu dieser frühen Stunde eiserne Gerätschaften in die Stadt -transportieren? Oder sollte sich die Meldung von Pawlowitsch -im Ernst bestätigen? Und der elegante Mann tat -etwas, was er sich vor einer Stunde gewiß noch nicht hätte -träumen lassen. Er legte das Ohr an die kalte Platte der -Tür und lauschte angestrengt auf das nervenerregende Geräusch, -das sich dort draußen in der Weite immer mehr -verstärkte.</p> - -<p>Da – was war das? Ein leichtes Rollen fuhr über -den Markt, das gleichmäßige Getrappel von Wagenpferden -verkündete sich und brach wie auf einen Schlag ab. Unmittelbar -vor seiner Tür schien ein Wagen zu halten. Gleich -darauf wurde an dem Schloß der Einfahrt gerüttelt, aber -es klang mehr wie ein hastiges Kratzen und stammte von -einer schwächlichen Hand. Der Konsul räusperte sich. Dann -nahm er sich zusammen und rief mit seinem gemütskalten -Ton:</p> - -<p>»Heda, wer ist dort draußen?«</p> - -<p>Wer aber konnte das Erstaunen des Mannes beschreiben, -als die wohlbekannte Stimme des Rotkopfes von Maritzken -durch das Schlüsselloch hindurchflüsterte:</p> - -<p>»Herr Konsul – ich bin es – Isa – schnell machen Sie -auf, ich bin in großer Gefahr.«</p> - -<p>In der nächsten Minute poltern die Querbäume herab, -ächzend schiebt sich ein Spalt des mächtigen Tores auseinander, -und im Dämmergrauen des Morgens wirft sich -ein junges Geschöpf, um das ein zerzauster Regenmantel -flattert, völlig haltlos in die Arme des Mannes.</p> - -<p>Draußen wirft der Wagen herum und stäubt wie ein -Unwetter davon.</p> - -<p>»Isa, um alles in der Welt, was bedeutet das? Wie -kommst du hierher?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a> -Der von Schrecken Gepeinigte vergißt im Moment alle -Erziehung und Höflichkeit und sieht in dem bebenden Wesen -nur das schutzbedürftige Kind, dessen fröhliches Heranwachsen -er wie ein Vater beobachten durfte. Jetzt klammert -sie sich wortlos an seine Brust, mit einer irren, befremdlichen -Kraft, und ihre feine Hand deutet schwankend auf -die nahe Pforte des Arbeitszimmers. Da besinnt sich der -Kaufmann nicht länger. Mit der Rechten wirft er auf einen -Schlag die Querbäume vor das Tor, und ohne weitere -Frage trägt er das Mädchen, das sich nicht mehr rührt, -in das Refektorium.</p> - -<p>Wieder gleiten die Schatten hin und her, die Evangelisten -bewegen sich und schütteln die Häupter, und die blauen -Holzaugen des Himmelspförtners wetterleuchten im Glanz, -als sie gewahren, wie unbeholfen der Kaufmann seine Last -in den geräumigsten der Kirchenstühle niedersetzt. Ganz sacht -und behutsam. Er bettet sogar, ohne sich dabei etwas zu -denken, den Regenmantel über die Knie der Kleinen zusammen. -Dann zieht der Herr des Goldenen Bechers für -sich selbst einen Klubsessel heran und setzt sich so, daß er -dem Mädchen in das feine blasse Antlitz schauen kann. -Geduldig wartet er, bis sich in dem verstörten Gesicht die -dichten Wimpern heben. Kaum aber trifft ihn der erste -Blick aus diesen klugen frühreifen Augen, da besinnt sich -Rudolf Bark auf das eigentümlich väterliche Verhältnis, -das zwischen ihm und dem zusammengekauerten Ding -waltet, er entreißt sich seinen eigenen Sorgen, beugt sich -vor und klopft ihr wohlwollend, herablassend die weiche -Wange.</p> - -<p>»Um Gottes willen, Mariellchen, Ihr Besuch ist zwar -ehrenvoll, aber doch leidlich früh. Wenn ich nicht zufällig -wie mein eigenes Gespenst durch das Haus schlürfte, ja, -dann hätten Sie mich höchstens aus kummervollen Träumen -<a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a> -wecken müssen. Aber nun im Ernst, liebes Kind, was -treibt Sie her? Wie steht es in Maritzken? Was macht -Johanna?«</p> - -<p>Und dann kommt der Moment, wo die Heimatlose seine -Hand ergreift und sich auf die Lehne seines Fauteuils niederläßt, -als müsse sie aus Furcht vor der großen, leeren, -fremdartig beleuchteten Stube dem Freunde ihres Hauses -all die Schrecknisse der Nacht ins Ohr raunen. Dicht aneinandergeschmiegt -sitzen sie, und in überstürzter Schilderung -entwirft der feine Mund dem immer gespannter -Aufhorchenden die düstern Schattenbilder, die diese furchtbarste -Nacht ihres Daseins durchrast. Knappe Fragen wirft -der Mann zwischen die ängstliche Rede, ihm liegt namentlich -daran, die einzelnen Gegenden zu wissen, an die sich -für Isa so schreckhafte Erinnerungen knüpfen, er wirft -ein, daß das Mädchen wohl nur einem Patrouillentrupp -begegnet sein könne, der die Stadt in weitem Bogen -umgangen, er fragt nach Zahl, Bewaffnung und Sprache -der Uniformierten, und allmählich quillt der Verschüchterten -aus der gleichgültigen Ruhe des Kaufmannes eine -neue Sicherheit zu. Ganz gewiß, es kann nicht so schlimm -stehen, das Ganze bildet vielleicht nur ein abenteuerliches -Mißverständnis, denn Rudolf Bark lehnt ja vor ihr in -seinem modischen Anzug, der nichts von seiner tadellosen -Glätte eingebüßt, und im Vollbesitz seiner sachlichen Nüchternheit, -deren kühles Gleichmaß für den Rotkopf stets -das Ziel einer sie erregenden Bewunderung gewesen.</p> - -<p>»Herr Konsul, glauben Sie, daß nun die Stadt und die -Umgegend von diesen schrecklichen Menschen überschwemmt -wird?«</p> - -<p>»Ja, Isachen, damit wird man leider rechnen müssen.«</p> - -<p>Ein schnelles Atmen.</p> - -<p>»Und wird das für Sie und für Johanna und auch -<a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a> -für mich mit Gefahr verknüpft sein? Sie können es -mir ruhig sagen. Nach dem, was ich heut nacht erlebt, -bin ich auf alles vorbereitet. Kann es uns ans Leben -gehen oder werden wir verschleppt werden?«</p> - -<p>»Liebes Kind« – der Kaufmann sah seiner Gewohnheit -gemäß auf die Kappen seiner Lackschuhe, die ihm der Hausmeister, -dem langjährigen Brauch folgend, hingestellt, und -blickte dann in das blasse Gesicht seiner Gefährtin empor; -in der gleichen Minute aber war er mit seinen blitzschnellen -Erwägungen auch schon am Ende angelangt – »liebes -Kind, ich denke, daß die fremden Gewalthaber voraussichtlich -alles mögliche aufbieten werden, um bei der kommenden -Besetzung die Ordnung und die Sicherheit aufrecht -zu erhalten. Da man bei unserer Bevölkerung doch einen -guten und harmlosen Eindruck zu erwecken wünschen muß, -so werden sie nach meiner Meinung hier mehr als die -guten Naturburschen auftreten, mit denen es sich leicht -und gemütlich verkehren läßt. Ich hoffe also, eine persönliche -Gefahr wird uns nicht drohen. Nur geschäftlich werden -ungeheure Summen verloren gehen.«</p> - -<p>»Auch Ihnen, Herr Konsul?«</p> - -<p>»Auch mir. Da wir für die nächste Zeit abgeschnitten -sind, so werden alle geschäftlichen Beziehungen zerreißen, -auf denen der Handel beruht, und es wird bald eine traurige -Lähmung eintreten, eine sehr traurige.«</p> - -<p>Er sieht wieder auf seinen schmalen Fuß herunter und -doch verzieht sich in dem gefaßten Antlitz nicht eine Miene.</p> - -<p>Da fühlt der Rotkopf, es müsse doch noch höhere Interessen -geben, als die unverhüllte Sorge um Leben und -Wohlergehen, und urplötzlich fliegt ein helles, huschendes -Rot über ihr verstörtes Gesicht.</p> - -<p>Rasch springt sie auf und zaust geräuschvoll an ihrem -steifen Regenmantel:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a> -»Herr Konsul Bark.«</p> - -<p>Der Ruf klingt in der trüben Gegenwart und mitten -in der langsam vorüberkriechenden Nacht so frisch und -lebenshell, daß der Geschäftsmann unvermutet den ihn -umblitzenden Zahlen entrissen wird, um sich ganz verwundert -an seine jetzige Lage zu erinnern. An das befremdliche -Fortbleiben seines Verwalters, an das leere -verschlossene Haus voller Vorräte, und an sein Zusammentreffen -mit dem jungen Mädchen, das er irgendwie behüten -muß, wenn ihm auch augenblicklich jedes Machtmittel dazu -fehlt. Draußen klirren die unheimlichen Wagen mit ihrer -rasselnden Eisenladung immer näher. Und als er jetzt -seinen Blick umherschweifen läßt, als er innen hinter den -vergitterten Fenstern die fest geschlossenen Holzläden prüft, -und indem er erwägt, wie lange die halb herabgebrannten -Kerzen noch ihr Licht spenden können, da erfaßt ihn die -merkwürdig zerstreuende Erkenntnis, daß mitten in all dieser -schlimmen, eisengeschüttelten Erwartung ein junges hübsches -Mädchen steht, mit dem er sich allein in einem festungsähnlich -verbarrikadierten Hause befindet. Es ist zwar lächerlich, -jetzt über derartiges nachzudenken, aber in dem bangen -Harren tanzen die Gedankenreihen so wild und glitzernd -durcheinander, wie sonnenbeschienene Telegraphendrähte, -wenn der Zug donnernd vorüberbraust. Nein, er muß -sich auf etwas Wirkliches, auf etwas Vorhandenes beschränken. -Rasch erhebt er sich, und während er fühlt, -wie ihm die Mädchenaugen auf seinem Weg folgen, da -unterdrückt er gewaltsam eine ihn umspinnende Schlaffheit, -die wohl von der Aufregung und der unterbrochenen -Nachtruhe herrührt. Und wieder schwingt und glitzert und -sticht eine ganz unvorhergesehene Idee durch das nüchterne -Hirn. Donnerwetter ja, er ist zweiundvierzig Jahre alt. -In dem biegsamen Körper, der wie eine Stahlklinge jedem -<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a> -Druck nachzugeben weiß, ist bisher nie die Überlegung aufgetaucht -von Einhalten und Schonung und herannahendem -Alter. Aber wie er jetzt an dem Schreibtisch steht, um noch -einmal entschlossen auf den elektrischen Knopf zu drücken, -in der Hoffnung, sein Hausmeister könnte sich vielleicht -doch wieder eingefunden haben, da muß er, obwohl ihm -ein Ärger dabei aufsteigt, das junge blühende Geschöpf -mit den rotleuchtenden Haaren messen und mitten in der Bedrohung -und Not findet er es dumm und verächtlich, -solch albernen Erwägungen nachzuhängen. Er ist eben -ein älterer Mann und hat sich vor allen Dingen darum -zu kümmern, das mit Waren bis unter das Dach vollgestopfte -Geschäftshaus, an dem seine ganze Existenz hängt, -zu hüten bis zum Äußersten. Teufel, unten lagern zum -Unglück lauter Waren, die das rohe Volk, das hier bald -herrschen soll, von jeher mit gierigen Augen angestarrt hat. -Tee und Wein, Kaffee und Zucker, Reis, Tabak, Schokolade -und ungeheure Mengen lockender Konserven. Wenn -seine Leute nur zur Zeit kämen! Es gibt hier unten in dem -ehemaligen Kloster einige Löcher und Winkel, die man schon -nicht mehr Keller, sondern unterirdische Gänge nennen kann. -Dort muß ein großer Teil der Vorräte verborgen werden.</p> - -<p>Durch das Haus schmettert die Klingel, gellt und schrillt -und der Prinzipal merkt erst jetzt, wie es schon minutenlang -vergeblich läutet. Pawlowitsch bleibt verschwunden, aber -der Durst nach etwas Warmem, Stärkendem meldet sich -immer ungestümer.</p> - -<p>Da plötzlich ein befreiender Einfall. Ganz ernsthaft -wendet er sich an seinen Gast und fragt so dringend und -kurz, wie er seine Angestellten anzureden gewohnt ist:</p> - -<p>»Verzeihen Sie eine sonderbare Frage, Isa, können Sie -Kaffee kochen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a> -»Ich?« das Mädchen starrt ihn verblüfft an. »Ja gewiß, -Herr Konsul Bark. Wünschen Sie denn zu trinken?«</p> - -<p>Hastig wird die Abwesenheit des alten Dieners zu erklären -versucht, und unmittelbar darauf huscht die Kleine -schon, die Laterne in der Hand, über Treppen und wurmstichige -Holzgänge in die Küche hinab. Wie die Furcht -ihre Glieder dabei mit eisiger Hand anfaßt, wie hohl ihre -Tritte auf den alten Dielen schallen, wie kühl die Zugluft -um die vorspringenden Mauerecken herumstreicht, und -vor allen Dingen, wie unheimlich ihr eigener Schatten an -den Wänden hin und her hüpft! Und doch – das ängstliche -Geschöpf hat die Begleitung des Hausherrn weit von sich -gewiesen. Was würde er denken, wenn sie sich jetzt kindisch -benähme. Nein, weiter, weiter, trotz Grauen und häufigem -bangen Zurückschauen.</p> - -<p>»Sieh da,« ruft Konsul Bark nach einer Weile, als er -den Rotkopf auf einem gewaltigen Tablett eine ganz unwahrscheinlich -irdene Kanne, umgeben von ein paar eilig -zusammengerafften Tassen, daherschleppen sieht, »wo haben -Sie denn diese Kostbarkeiten aufgelesen, Isachen? Aber das -tut nichts, die Hauptsache ist, daß es aus dem braunen Ding -hier sehr vertrauenerweckend dampft.« Er beugt sich ein -wenig herab und schnuppert herum. »Also wirklich ein großartiges -Aroma! – Tischzeug? Nein, mein Kind, das vermag -ich jetzt nicht aufzutreiben. Sehen Sie, ich decke ein -nagelneues Taschentuch hier über dieses Tischchen, und passen -Sie auf, der Trank wird uns auch so munden. Es ist eben -Belagerungskaffee.«</p> - -<p>Und nun sitzen die beiden vor dem groben Gesindegeschirr, -schlürfen von dem brennend heißen Getränk und beginnen -an ihrer trostlosen Vereinsamung beinahe ein romantisches -Gefallen zu finden.</p> - -<p>Wieder wähnen sich beide auf eine winzige Insel verschlagen, -<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a> -und hingegeben an den wohligen Schauer der -immer näher rückenden Gefahr, horchen sie auf die wilden -Geräusche, von denen draußen die Straße widerhallt. -Es klirrt und rasselt, galloppiert, schreit und tobt, gröhlende -Lieder, in einer fremden Sprache gebrüllt, schlagen zu ihnen -herein, und plötzlich schmettert etwas durch die Eisengitter -der Fenster hindurch, und klirrende Glasscherben spritzen -innen gegen die geschlossenen Holzläden.</p> - -<p>»Ruhig, ruhig,« beschwichtigt der Kaufmann und fährt -wieder mechanisch über die bebende Mädchenhand.</p> - -<p>Doch Isa rührt sich nicht. Still, wie bisher, sitzt sie auf -der Lehne des Stuhles, hält den Atem an, und die Nähe -ihres Gefährten wirkt so stark auf sie, daß sie sogar versucht, -das rasche Jagen ihrer Brust zu bezwingen.</p> - -<p>Ein Augenblick der Stille tritt ein. Scharf und schreckhaft -hebt sich die lähmende Ruhe des großen Gemaches -ab von dem dröhnenden Toben der Straße. Und so -schmerzend sicher schlürft das bis aufs Äußerste angestrengte -Gehör der beiden Einsamen jeden Ton in sich -hinein, daß nicht allein die schneidenden Schwingungen -der fremdartigen Hornsignale, die dort draußen den Lärm -übergellen, ihr Innerstes durchstoßen, sondern auch das -Knistern und Zucken der vielen Lichter bis an ihre zum -Zerreißen aufmerksamen Sinne dringt.</p> - -<p>Da –</p> - -<p>»Herr Konsul,« fährt Isa auf.</p> - -<p>Auf den Pflastersteinen der Einfahrt hallt es von unzähligen -Fußtritten.</p> - -<p>Ist es möglich? Der Konsul erhebt sich langsam. Ein -törichter Kindertraum däucht ihm das Ganze, denn das -schwere Eingangstor ist ja bis jetzt nicht dem geringsten -Angriff ausgesetzt gewesen. Oder sollte etwa – –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a> -Allein alle diese Zweifel und Bedenken gelangen nicht -mehr an ihr Ende.</p> - -<p>Sieh – sieh, es ist wirklich, als ob durch brennende -Fiebergesichte alle möglichen bekannten Gestalten taumeln. -Jetzt wird die Tür über den drei grünen Porphyrstufen -aufgerissen, draußen in der gewölbten Einfahrt drängt -sich Kopf an Kopf. Lauter breitrandige Mützen schieben -sich durcheinander, Säbelgehänge, die über den Schultern -befestigt sind, gleiten über grün-graue Uniformen herab, -rauhe, unbearbeitete Reiterstiefel scharren auf den Fliesen.</p> - -<p>Doch wie kann es geschehen, daß sich aus dem dunklen -Schwarm eine so überaus vertraute Figur ablöst? Ja, -er ist es, er ist es wirklich!</p> - -<p>Breitspurigen Trittes, mit etwas nachgebenden Knien, -drängt sich Rudolf Barks ›bester Freund‹ Leo Konstantinowitsch -Sassin in das Gemach. Ein kotbespritzter grauer -Radmantel hängt schief eingehakt um seine breiten Schultern, -die Mütze sitzt ihm schräg auf dem linken Ohr, und -auf dem brutalen Antlitz glüht eine sonderbare Hitze. -Zwischen zwei Brustknöpfen seines Waffenrockes lugt der -schwarze Kolben eines Revolvers hervor. Als der Russe -des Paares ansichtig wird, das fast regungslos unter -dem zersplitterten Fenster weilt, da reißt der Offizier -seine hervorquellenden Kinderaugen auf, und um seine -blondumbarteten Lippen fliegt ein sonderbar befriedigter -Schein. Was hier Ausdruck gewinnt, ist nicht die Freude -des Wiedersehens. Es bedeutet vielmehr eine dumm-dreiste -Überlegenheit, wie sie Ungebildeten eignet, wenn sie plötzlich -über Höherstehende Macht erlangen.</p> - -<p>»Ah, guten Abend, Rudolf Bark, mein Kompliment -für das junge Fräulein von Maritzken,« poltert der -Dragoner in einem rohen Lachen hervor. »Nicht fürchten -– keine Ursache – gut Freund. So lange hier keine -<a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a> -Dummheiten macht, werden Euch vorzüglich behandeln. -Was stieren mich so an, Rudolf Bark? Mein bester -Freund?! Wundern sich, wie zu Ihnen hereingekommen? -Hehe, zweiunddreißigsten Dragoner verstehen durchs Schlüsselloch -zu reiten. Haben unsre kleinen Geheimnisse.«</p> - -<p>Damit tritt der Redende nicht ganz sicher an den Tisch, -hebt die braune Kanne in die Höhe und läßt sie aus Ungeschicklichkeit -oder mit Absicht auf den Teppich niederstürzen. -In einer breiten Lache ergießt sich die braune -Flüssigkeit aus den zersprungenen Scherben über das -dunkle orientalische Gewebe.</p> - -<p>»Wie, was – Kaffee? Seit wann, Rudolf Bark, -sind Sie ein altes Weib? Es muß hier doch Wein im -Hause sein. Bei der Mutter von Kasan! Tausende von -Flaschen, ganze Fässer. Ich kenne Ihre Gastfreundschaft, -bester Freund. Natürlich, wer sollte sie besser kennen?! -Weiß, brennen darauf, arme, müde Soldaten des Zaren -– wie sagt man – <i>à régaler</i>.«</p> - -<p>Und sich zur Tür und zu den Haufen seiner Reiter -wendend, schreit er in russischer Sprache, die der Prinzipal -des »Goldenen Becher« sehr wohl versteht, hinaus:</p> - -<p>»Lauft, ihr durstigen Kinderchen, sucht, meine braven -Söhne! Habt ihr verstanden, ihr pfiffigen Spitzbuben? -Hier unten in den Kellern gibt es Wein. Alkohol ist euch -verboten, aber Wein hat der große Zar erlaubt. Und mein -Freund Rudolf Bark ist kein Knauser. Er ist glücklich, uns -bewirten zu dürfen. Macht, daß ihr fortkommt! Aber -nicht betrinken. Hört ihr? Der Rausch ist für einen russischen -Soldaten unanständig.«</p> - -<p>Nach dieser mit wildem Triumph gehaltenen Rede läßt -Leo Konstantinowitsch die Flügeltüren zurückfallen und -schwankt ziemlich unsicher an den Tisch, wo er krachend in -den nächsten Stuhl fällt. Seine glitzernden Augen aber, -<a class="pagenum" id="page_263" title="263"> </a> -die bebenden Nasenflügel und der kurze Atem bekunden -deutlich, wie er selbst das Alkoholverbot seines Gossudars -durchaus nicht für verbindlich erachtet hat. Eine müde -Handbewegung ladet die beiden anderen zum Platznehmen -ein.</p> - -<p>»Setzen Sie sich, Rudolf Bark,« sprudelt er herablassend, -»und hier neben mich das schöne Fräulein. Ohne -Angst. Leo Konstantinowitsch ist Ihnen freundlich gesinnt. -Sie glauben gar nicht, wie gut Sie es bei uns haben -werden. Und nun schaffen Sie ein paar Flaschen Champagner -an, Rudolf Bark, ich schlafe heute bei Ihnen.«</p> - -<p>Und dann rast alles, wie von irrsinnigen Geistern gehetzt -vorüber. Von unten aus den Kellergewölben dringen -dumpfe Schläge herauf, ein wildes Geheul der Freude -kreischt dazwischen und ehe noch der Kaufmann Zeit finden -kann, seinem Bedränger auseinanderzusetzen, wie mitten -in der Nacht natürlich keine Dienerschaft vorhanden sei -und daß die Schlüssel der Vorratskammern jetzt ebensowenig -aufzutreiben wären, da drängen sich bereits ohne -weitere Förmlichkeiten ein paar russische Dragoner an den -Tisch. Unter den Armen allerhand Weinflaschen und in -den Händen eiligst zusammengerafftes groteskes Trinkgeschirr. -Bierseidel, Weingläser, Kaffeetassen und Milchtöpfe, -alles toll und wüst durcheinander.</p> - -<p>»Gut, gut,« schreit Sassin, und dabei schleudert er Mantel -und Mütze mitten in die Stube, »sehen Sie, Rudolf Bark, -wie treulos Sie sich benehmen? Sie verwickeln sich in -Widersprüche, bester Freund. Wozu Dienerschaft? Wozu -Schlüssel? Ich habe alles bei mir. Das weite Russland -braucht nichts Fremdes, es besorgt sich alles selbst. Vorwärts, -meine guten Jungen. Jeder drei Flaschen! Rudolf -Bark gibt es euch gern. Seht, wie er sich freut. Fehlt -euch noch etwas, meine guten Söhne?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_264" title="264"> </a> -»Nein, es lebe Väterchen Rittmeister!«</p> - -<p>»Ich danke euch, ich weiß, daß ihr mich liebt. Und -nun packt euch hinaus, seht ihr nicht, daß ich hier mit -vornehmen Nemzows sitze?«</p> - -<p>Wieder befinden sich die drei allein, immer wiehernder -schallt das Gelächter des Trunkenen durch den großen -Raum, immer ungebändigter werden seine Scherze. Empört -erhebt sich der Konsul. Er ist kaum noch imstande, seinen -Zorn und seine Verachtung gegen den halb der Besinnung -Beraubten zu unterdrücken. Nur ein Blick auf das Mädchen, -das mit weit aufgerissenen Augen die widerwärtige -Trinkorgie verfolgt, flößt dem Kaufmann noch Beherrschung -und Zurückhaltung ein.</p> - -<p>»Herr Rittmeister,« ruft er, indem er mit zusammengekrümmtem -Zeigefinger nervös auf die Tischplatte pocht, -»wünschen Sie dies Gelage noch lange fortzusetzen? Ich -finde, Ihr Zustand erfordert es, daß Sie sich eiligst zur -Ruhe begeben.«</p> - -<p>»Ich?« Der Russe spreizt die Beine von sich und lehnt -sich weit zurück. Die stieren blauen Augen quillen ihm dabei -immer mehr aus dem Kopf. »Zustand? Wieso, Rudolf -Bark? Pah, ich kenne keinen Zustand. Wenn Sie wüßten, -wie frisch ich mich fühle! Acht Stunden im Sattel gesessen. -Keine Ader schlägt mir danach.« Hier brüllt er laut -auf und stößt mit der Faust vor die Brust. »Solch einen -Ritt wünsche ich Ihnen, Rudolf Bark. Herrlich, herrlich! -Grenzwache haben wir überritten, ehe sie sich besann. -Unter meinem Pferd lag etwas Zappelndes. Können Sie -sich diese weichliche Nachgiebigkeit vorstellen, wenn man zum -erstenmal über einen Menschen reitet? Man hört das Aufschmettern -des Hufes, man fühlt das Einsinken – es ist -aufregend!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_265" title="265"> </a> -»Hören Sie auf,« ruft der Konsul sich vergessend, -»Sie wissen nicht mehr, was Sie reden.«</p> - -<p>»Wie? Was?« Der Russe versucht sich aufzurichten, -allein er vermag es nicht mehr. Die Geister des verschwenderisch -genossenen Weines reißen ihn auf seinen Sitz -zurück. »Wie sprechen mit mir, teurer Freund? Sollten -vielleicht vergessen, daß wir hier als Herren einzogen? -Hat ein Ende mit der Unverschämtheit der Germanen. -Wer sind Sie, wenn ich meine Hand jetzt von Ihnen abziehe? -Kein Hahn kräht nach Ihnen. Aber lassen wir -diese Dummheiten.«</p> - -<p>Schwerfällig wendet er sich zu Isa, bemüht, eine Verneigung -auszuführen, allein der Versuch wirft ihn nach -vorn, so daß sein flammendes Haupt haltlos gegen die -Schulter des Mädchens sinkt.</p> - -<p>Hei, welche Wärme, welch eine zuckende Haut, welch -eine atmende Rundung! Das betäubte Hirn des ungebildeten -Bauern verliert darüber die letzte Spur angelernter -Lebensart.</p> - -<p>»Kommen Sie, <i>ma chère</i>,« flüstert er, wobei er der -Zurückschaudernden immer näher rückt und beide Arme um -sie schlingt, »wir trinken noch ein Gläschen. Wissen Sie -auch, daß Sie scharmant sind? Der Teufel hole Ihre -Schwestern. Sie sollen leben, ich habe immer für schlanke -Glieder geschwärmt. Nicht wahr, Rudolf Bark, Sie können -es bezeugen?«</p> - -<p>Roh, zudringlich, in einer gemeinen Vertraulichkeit -schließen sich die Fäuste des von Gier und Rausch Bezwungenen -hinter dem Hals des Mädchens zusammen. -Von Starrheit geschlagen, rührt sich Isa kaum. Keine -Bewegung wagt sie auszuführen aus Scham oder aus -Angst, und nur einen einzigen hilflosen, beschwörenden -Blick sendet sie zu dem vor Wut verzerrten Antlitz des -<a class="pagenum" id="page_266" title="266"> </a> -Hausherrn empor. Sie sieht noch, wie sich die Zähne -des Konsuls in seine Unterlippe graben, schauernd fühlt -sie, daß das kleine Tischchen, einem Fußtritt des durch -ihn genierten Russen nachgebend, polternd und klirrend -zu Boden stürzt, und gleich darauf zischt etwas vor ihren -Ohren. Ein blendender Strahl zwingt sie, ihre Lider zu -schließen, so daß sie kaum noch merkt, von wessen Hand -sie jetzt emporgerissen wird.</p> - -<p>Entsetzen!</p> - -<p>Für eine Sekunde fassen die drei Ernüchterten dasselbe -Bild in schonungsloser, peinigender Klarheit auf. Elegant, -geschmeidig, tadellos angezogen wie immer, lehnt Rudolf -Bark hinter dem hohen Kirchenstuhl. In dem hübschen -glatten Gesicht verrät keine Blässe, kein nervöses Zucken -auch nur eine Spur von Abscheu vor seiner eigenen Tat. -Nein, neugierig fast beobachtet der Kaufmann, dessen -Finger noch immer die Waffe umspannen, die er seinem -Gastfreunde aus dem Waffenrock gerissen, wie Leo Konstantinowitsch -Sassin mitten in der Stube über seinem -eigenen Mantel auf dem Rücken liegt, um mit der Rechten -unter Lachen und einem schmerzlichen Brüllen an den -Uniformknöpfen oberhalb der Brust herumzureißen. Draußen -unter der Einfahrt drängt es sich schon wieder Kopf -an Kopf, obwohl keiner, von der Furchtbarkeit des Geschauten -gelähmt, es wagt, die tolle Stätte dieses blutigen -Gerichts zu betreten. Stumm recken sie die Hälse vor, -um auf das zu horchen, was sich niemand erklären kann.</p> - -<p>»Oh du verfluchter deutscher Hund, du Vieh, du hinterlistiges -Schwein, so behandelst du deinen Freund? Pfui, -man möchte weinen! Warte nur, du widerlicher Affe, -wie sauber dir unser Profoß die Schlinge um den Hals -legen wird. Was steht ihr hier und haltet Maulaffen -feil? Hat man nicht euer Väterchen ermordet? Schnell, -<a class="pagenum" id="page_267" title="267"> </a> -nehmt ihn fest, die Rothaarige auch. Und mir gebt zu -trinken. Einen Topf Champagner. Mir ist ein wenig -schlecht. Oh, Rudolf Bark, mein bester Freund, ich wollte, -ich könnte dich selbst zappeln lassen. Ich gäbe den ganzen -Feldzug darum. Pfui, du treulose, deutsche Spinne, ich -trete dir den Kopf ein.«</p> - -<hr /> - -<p>In der Gefängnistür rasselte ein Schlüssel. Und das -Geräusch unterbrach den auf dem Schemel hockenden Kaufmann -in seinen rückwärts gerichteten Gedanken. Er fuhr -auf und sah nach der Uhr: es war hoch am Spätnachmittag. -Aus der Schar der vor Müdigkeit Eingeschlafenen erhob -sich der kahle Schädel des Tischlermeisters Majunke, und -seine befleckten Hemdsärmel sägten aufgeregt durch die -Luft.</p> - -<p>»Um Gottes willen, sie kommen,« zischte er durch die -Zahnlücke, »schnarcht nicht, Kinderchen, sie könnten es uns -übelnehmen. Herr Kowalt, verstecken Sie Ihre Peitsche, -man kann nicht wissen, was sie dazu denken.«</p> - -<p>Langsam drehte sich das schwere Holz, und auf dem rot -gepflasterten Ziegelflur stand neben dem ehrfurchtsvoll geduckten -Kosaken eine schmächtige Jünglingsgestalt in grauer -Uniform, dessen blasses kränkliches Antlitz der Konsul sich -besann, schon einmal gesehen zu haben. Richtig, das war -einer der beiden Fahnenjunker, der im Hause Sassins erzählt -hatte, welch ein freimütiges Testament er für seinen -Vater, den Polizeioberst in Kiew aufgesetzt hätte. Der -glatt rasierte Knabe hielt einen Bogen Papier in der Hand -und sah kurzsichtig und mit blinzelnden Augen in den -dumpfen Raum, aus dem eine Wolke schwüler Hitze herausschlug. -Dann trat er auf die Schwelle, zog sich den grauen -Waffenrock zurecht, und indem er ein wenig mit der -<a class="pagenum" id="page_268" title="268"> </a> -Degenscheide klirrte, gab er sich den Anschein einer amtlichen -Würde.</p> - -<p>»Rudolf Bark,« rief er mit seiner gebrochenen Knabenstimme, -in die er vergeblich einen militärischen Kommandoton -zu legen suchte, »ist hier der Konsul Rudolf Bark -anwesend?«</p> - -<p>Der Prinzipal des »Goldenen Becher« erhob sich.</p> - -<p>»Was steht zu Diensten?« fragte er kurz.</p> - -<p>»Sie sind es? Ach ja,« erinnerte sich das uniformierte -Kind und errötete leicht; dann aber besann es sich und verbeugte -sich förmlich. »Unterleutnant von Karström,« stellte -er sich vor.</p> - -<p>Und Rudolf Bark erriet nicht allein aus dem Namen, -sondern vor allem an der flüssigen Aussprache des Deutschen, -daß er einen Balten vor sich habe.</p> - -<p>Der Unterleutnant blinzelte flüchtig in sein Papier und -fuhr fort:</p> - -<p>»Sie werden mir folgen. Ich habe den Befehl, Sie -auf das Rathaus zu unserem Kommandanten zu bringen.« -Und einen Blick auf den eleganten hellen Sommeranzug -seines Gefangenen heftend, setzte er mit einer Rücksicht, -die er durchaus nicht verleugnen konnte, höflich hinzu: -»Bitte bedecken Sie sich mit Ihrem Hut.«</p> - -<p>Hier zuckte der Konsul die Achsel. Und nachdem er -erklärt, daß man ihn barhäuptig hierher transportiert, -da errötete der junge baltische Adlige von neuem und -schüttelte ratlos das schmale, kränkliche Haupt. Selbst -den Konsul rührte diese kindliche Unbeholfenheit.</p> - -<p>»Ich werde mir mit Ihrer Erlaubnis, Herr Unterleutnant,« -half er deshalb rasch ein, »einen Hut von -einem meiner Mitgefangenen ausborgen. Nicht wahr, Herr -Kowalt, Sie sind so freundlich?«</p> - -<p>»Ja allerdings, bitte tun Sie das,« atmete der Balte -<a class="pagenum" id="page_269" title="269"> </a> -ganz erleichtert auf. Dabei verbeugte er sich unwillkürlich, -als der Kaufmann nun mit dem abgetragenen fettigen -Hut des Pferdehändlers in der Hand an ihm vorüberschritt.</p> - -<p>Auf der Diele hatte der Kosak inzwischen von einem -Stuhl einen handfesten Strick genommen, mit dem er -sich nun dem Konsul geschäftig näherte.</p> - -<p>»Was soll das?« fragte der Leutnant, wobei er sichtlich -zusammenschrak.</p> - -<p>Grinsend deutete der Kosak auf die Hände des Gefangenen. -Da warf der junge Offizier wie beschwörend -die Rechte vor.</p> - -<p>»Keineswegs,« stammelte er, »davon steht kein Wort -in meiner Instruktion. Der Herr ist nicht fluchtverdächtig. -Auf der Stelle wirfst du den Strick fort.« Und sich zu -dem gelassen dastehenden Rudolf Bark wendend, versuchte -der junge Mensch eine Entschuldigung anzubringen. »Bitte -vergeben Sie, mein Herr,« sagte er trotz seiner Kindlichkeit -mit einer Haltung, die ganz zweifelsfrei die gute Erziehung -eines halbdeutschen Adelshauses verriet, »das war keineswegs -beabsichtigt.« Und indem er mit dem Haupte auf -den wieder zusammengesunkenen Kosaken deutete, warf -er noch eifrig hin: »Der Mann stammt aus den Donschen -Steppen. Die Leute haben dort eine ganz eigene Gerichtsbarkeit, -die von der unsrigen erheblich abweicht. Sie sollten -daraus keine allgemeinen Schlüsse ziehen, mein Herr.«</p> - -<p>»Gewiß nicht,« beruhigte ihn Rudolf Bark mit einem -kaum merklichen Lächeln.</p> - -<p>Dann schritten sie gemeinsam die Steinstufen herunter -und befanden sich bald in einer der nüchternen Gassen -der Vorstadt. Aber wie hatte sich das Gepräge dieses -sonst so regen Handelsplatzes verändert! Es versetzte dem -Kaufmann, in dem doch selbst die Sorge vor der Zukunft -brütete, einen Stich ins Herz, als er die auffallende Verwandlung -<a class="pagenum" id="page_270" title="270"> </a> -feststellte. Obwohl noch lange nicht die Stunde -des allgemeinen Ladenschlusses angebrochen war, hatten -die kleinen Gewerbetreibenden überall Jalousien und Lattenverschläge -vor ihre Auslagen gezogen, und die Straßen -selbst schienen von den Eingeborenen wie ausgestorben. -Kein bekanntes Gesicht wollte sich zeigen. Dafür wimmelte -jedoch die fremde Soldateska gleich einem schwarzen -Ameisenhaufen durcheinander, immer neue Truppen zogen -singend von den Landstraßen aus herein, und man sah -es den befriedigten Gesichtern an, daß ihnen die Besetzung -dieser ehemaligen Festung, die längst ihre Bedeutung -verloren hatte, als ein nicht zu unterschätzender -Erfolg galt. Lange Züge von Infanterie wechselten mit -Munitions- und Artilleriekolonnen, und von dem Klirren -der schweren Geschütze auf dem schlechten Pflaster bebten -die kleinen leichtgebauten Häuschen. Aber auch andere -Fuhrwerke kamen ihnen aus der Stadt entgegen, deren -Ladung, obwohl die Wagen von Soldaten gelenkt wurden, -durchaus nicht dem kriegerischen Bedürfnis entsprach und -deshalb die regste Verblüffung von Rudolf Bark hervorrief. -Ohne um Erlaubnis zu bitten, hielt der Kaufmann -plötzlich in seinem Weg inne und wies mit der Hand auf -einen mächtigen Leiterwagen, auf dem die tollsten Dinge -widerspruchsvoll übereinander gepackt waren. Seidene Möbel, -eiserne Geldschränke, ein umfangreicher Benzinmotor, ungeheure -Berge bescheiden angefertigter Konfektionsanzüge, -Mehlsäcke, ja sogar ein Klavier hatte man zwischen die -Leiterbäume gepreßt, und die drei kutschierenden Soldaten -beschäftigten sich eben damit, vorn auf dem Bock die Keule -eines rohen Schinkens gemeinschaftlich mit ihren starken -Zähnen zu benagen und zu zerreißen.</p> - -<p>»Was ist das?« stieß der Prinzipal des »Goldenen -Bechers« beinahe der Sprache beraubt, hervor.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_271" title="271"> </a> -Doch der junge Russe antwortete nicht. Flammend rot -waren seine blassen Wangen übergossen, und in seiner -Scham und Bestürzung vermochte er nur fast bittend -hervorzubringen:</p> - -<p>»Mir sind die Gewohnheiten der Intendantur unbekannt, -ich weiß nicht, was das bedeutet. Aber bitte, mein Herr, -wollen Sie mir rasch folgen, denn ich habe Sie bis um -sieben Uhr auf dem Rathause abzuliefern.«</p> - -<p>Eiligst schritt der gedemütigte Knabe voran, und so wild -entfernte er sich durch ein Seitengäßchen von der großen -Fahrstraße, daß dem Konsul bereits der Gedanke an Flucht -durch den Kopf schoß. Freilich, ein Blick auf das viele -Militär, das da und dort unbeschäftigt vor den Häusern -herumlungerte, ließ ihn einen solchen Plan als gänzlich -aussichtslos sofort wieder verwerfen. So gelangten sie -vor das Gebäude des Magistrats, das mit seinen mittelalterlichen, -im Artus-Stil gehaltenen Lauben und Bogengängen -fast gänzlich die eine Schmalseite des Platzes einnahm. -Vor dem Haupteingang schilderten zwei russische -Infanteristen. Sie hatten ihre Uniformen der noch immer -herrschenden Hitze wegen über der Brust aufgerissen und -unterhielten sich laut und ungeniert miteinander. Aber -das war es nicht, was dem Konsul das ungeheure Erlebnis, -das seit gestern über die Stadt dahingebraust war, so -schmerzhaft zur Erkenntnis brachte. Es war etwas anderes. -Unwillkürlich zuckte er zurück und griff sich an die Stirn. -Nein, er träumte nicht; – oben von der Krönung des -Torbogens war das Wappenschild des preußischen Adlers -herabgerissen und lag jetzt auf dem Fahrdamm in der -Gosse, wo das schwarzgelbe Spülwasser schwammig über -das Symbol der Staatshoheit hinweggurgelte. Hunderte -von Malen war Rudolf Bark achtlos an dem schwarzen -Wappentier vorübergeeilt. Ja, wenn man ihn genau befragt -<a class="pagenum" id="page_272" title="272"> </a> -hätte, so hätte er nicht mit absoluter Sicherheit angeben -können, ob dort oben über den gotisch gerillten Bogen -überhaupt eine derartige Verkörperung des Staates gethront -habe. Jetzt aber, wo absichtliche Geringschätzung, -wo eine gemeine Freude an der Erniedrigung anderer -das alte Ideal in den Kot geschleudert, da krampfte es -sich in seiner Brust zusammen, und etwas von jenem -ihm bisher ganz fremden Haß wuchs atemraubend empor, -von jenem wilden, unerbittlichen Völkerhaß, der fortan -über den Gemeinschaften der Erde wie ein riesenhafter, -alles Licht überschattender, Geier schweben sollte. Mit geschlossenen -Augen schritt er unter der grün-weißen Fahne -hindurch, die jetzt die Stelle des alten Wappens einnahm, -und während er mit seinem jungen Führer die breiten, -ausgetretenen Steinstufen heraufstieg, da errechnete sich sein -zählender Verstand, daß er jetzt selbst an der Pforte der -Vernichtung angelangt sei. Was war da noch lange zu -überlegen? Wozu nach Auswegen suchen? In der ersten -Stunde dieses niederträchtigen Überfalls hatte er auf einen -bei ihm einquartierten Offizier der Besatzungstruppen gefeuert. -Möglicherweise war der Verwundete sogar schon -seinen Verletzungen erlegen. Da wurde er eben vor ein -Kriegsgericht geschleppt, und wie das in dem Machtbereich -des weißen Zaren seines Amtes zu walten pflegte, darüber -gab sich der Kaufmann keinem Zweifel hin. Vielleicht erwartete -ihn schon hier der fertige Spruch. Nun gut, da -nahm er wenigstens die Genugtuung in das Unbetretene -mit hinüber, auch ohne eine militärische Charge seiner -Mannespflicht gegen ein schutzloses deutsches Mädchen genügt -zu haben. Ein wärmendes Gefühl der Befriedigung -überkam ihn, als er jetzt vor der bunten Glastür des -Beratungssaales an Isa dachte. Wahrhaftig, er hatte recht -wie ein Vater gehandelt. Wie ein zurückhaltender reifer -<a class="pagenum" id="page_273" title="273"> </a> -Mann einem kleinen zierlichen Mädchen gegenüber. Und -er genoß ein seltsam prickelndes Wohlbehagen, als er sich -vorstellte, wie der Rotkopf mit den leuchtenden Goldaugen -später, viel später, wenn er längst unter einem Galgen -vermodert war, Kindern und Kindeskindern dankerfüllt -von ihrem Retter erzählen würde.</p> - -<p>»Herr Konsul Bark, wir sind an der Reihe,« riß Unterleutnant -von Karström den Achtlosen aus seinen Gespinsten.</p> - -<p>Ob man Isa auch hierher transportiert hat? blitzte es -Rudolf Bark noch durch den Sinn.</p> - -<p>Dann reckte er sich, strich, seiner Gewohnheit gemäß, -über den gut sitzenden hellen Anzug und trat an der Seite -des jungen Balten in den Saal. Gemessen verbeugte er -sich, dann blickte er sich um.</p> - -<p>In dem mit bunten Holzmalereien geschmückten Raum -zogen sich an beiden Längsseiten, hintereinander ansteigend, -die Schranken der Stadtverordneten hin. Das Kopfende -der Halle wurde von den Sitzen des Magistrats eingenommen, -zu dessen Wirkungsstätte drei mit grünem Tuch -überspannte Stufen hinaufführten. Im Moment aber saßen -auf den Bänken der Stadtverordneten, von einem Pikett -russischer Feldgendarmen bewacht, der weißbärtige erste -Bürgermeister der Stadt und neben ihm fünf der angesehensten -Senatoren, denen die Niedergeschlagenheit über -eine mit dem Kommandanten soeben geführte Unterhaltung -aus den müden, übernächtigten Gesichtern abzulesen war. -Der russische Befehlshaber selbst, dem jetzt an Stelle der -Stadtväter jede Machtbefugnis zustand, wanderte indes -in seiner grau-grünen Uniform mit auf dem Rücken verschränkten -Händen sporenklirrend auf der grünen Plattform -des Magistrats auf und ab, hatte die Stirn gerunzelt und -zuckte mehrmals im Selbstgespräch die Achsel, als wenn -es ihm unmöglich wäre, eine soeben getroffene Verfügung -<a class="pagenum" id="page_274" title="274"> </a> -wieder zurückzunehmen. Es war eine untersetzte männliche -Gestalt mit schlichtem, graugescheiteltem Haar. Und trotz der -ihm von seinem Amte auferlegten Kürze, ließen die klugen, -hellen Augen doch ahnen, daß er die unglückliche Lage dieser -Stadtbürger nachzuempfinden wisse. Jetzt wandte sich der -Kommandant rasch herum, und in demselben Moment -durchzuckte den Konsul ein kurzer, beinahe freudiger Schreck. -Es war Oberst Geschow, derselbe Offizier, dessen noble -Ritterlichkeit Rudolf Bark schon bei seinem Ausflug über -die Grenze schätzen gelernt hatte. Auch der Oberst erkannte -den Kaufmann auf der Stelle. Er spreizte die Beine, setzte -die Fäuste in die Hüften und rief mit kräftiger Stimme -herunter:</p> - -<p>»Herr Konsul Bark, welcher Teufel hat Sie geritten? -<i>Mille tonnères</i>, sehen Sie denn nicht, Herr, daß Sie -sich nicht allein selbst, sondern die ganze Bürgerschaft durch -Ihr wahnsinniges Benehmen ins Unglück gestürzt -haben? –«</p> - -<p>»Herr Oberst – –«</p> - -<p>»Ruhe, jetzt spreche ich. Ich möchte Ihnen von vornherein -bemerken, daß es für Ihre Handlungsweise keinerlei -Entschuldigungen gibt. Muß ich Ihnen erst sagen, was es -auf sich hat, wenn in Kriegszeiten ein Offizier von einem -Zivilisten angefallen wird?«</p> - -<p>»Herr Oberst, bitte mir gütigst eine Frage zu gestatten: -Ist für die junge Dame, die sich gestern abend in meinem -Hause befand, gesorgt worden? Und darf ich hoffen, daß -sie als Augenzeugin vernommen wird?«</p> - -<p>Der Oberst gab seine breitbeinige Stellung nicht auf, -sondern beugte sich vielmehr noch etwas weiter nach vorn. -Aber die erste Erkundigung seines Gefangenen schien ihn -nicht unangenehm zu berühren.</p> - -<p>»Darüber kann ich Sie beruhigen,« herrschte er den -<a class="pagenum" id="page_275" title="275"> </a> -Kaufmann an. »Ihre Landsleute werden sich schon daran -gewöhnen müssen, uns nicht als Halbwilde zu betrachten. -Gleich nachdem mir gestern der Vorfall gemeldet war, -habe ich mich selbst in Ihr Haus zu einer Visitation -begeben. Die junge Dame, die mir persönlich bekannt ist, -hat mir an Ort und Stelle ihre Angaben gemacht, und -sie befindet sich noch jetzt in Ihrer Wohnung, und zwar -unter guter Obhut. Sie sehen also, meine Herren,« rief -der untersetzte Befehlshaber auch zu den Stadtvätern auf -den Holzbänken herüber, »daß uns der gute Wille, Sitte -und Anstand zu erhalten, keineswegs fehlt.«</p> - -<p>Bei den Senatoren erhob sich ein gedrücktes Gemurmel. -Rudolf Bark jedoch verbeugte sich leicht. Er atmete auf. -Also Isa in verhältnismäßiger Sicherheit!</p> - -<p>Inzwischen hatte sich Oberst Geschow abgekehrt und -begann wieder klirrend auf der Plattform auf und nieder -zu schreiten. Dabei warf er von Zeit zu Zeit unter seinen -grau überbuschten Augenbrauen einen ungehaltenen Blick -auf den Störer jenes bürgerlichen Einvernehmens, an -dem dem Kommandanten augenscheinlich so viel gelegen -war. Plötzlich trat er an einen Tisch voll Akten, Listen -und Papieren und riß einen Brief hervor, um das Schreiben, -sobald er es überflogen, heftig in kleine Stücke zu zerreißen.</p> - -<p>»Sie kennen den Fürsten Dimitri Fergussow also persönlich?« -warf er gereizt hin.</p> - -<p>»Ich habe den Vorzug,« entgegnete der Konsul aufhorchend.</p> - -<p>Jetzt klirrte der Oberst die Stufen herunter und pflanzte -sich ganz dicht neben Rudolf Bark auf. Hastig riß er -an seinem starren grauen Schnurrbart.</p> - -<p>»Zu unangenehm,« schimpfte er halblaut, und man -sah es ihm an, wie sehr er diese Amtshandlung verwünschte. -<a class="pagenum" id="page_276" title="276"> </a> -»Ich mache kein Hehl daraus, verehrter Herr, -mir liegt nichts an dem Wirtschaften mit Pulver und Blei -oder mit Strick und Galgen hinter der Front. Aber ist -es nicht schändlich,« fuhr er grimmig auf und stampfte -mit dem Fuß, »daß Sie die kaum warm gewordene Behörde -zu solchen Maßnahmen zwingen? Glauben Sie -vielleicht, Ihre Leute würden anders handeln? Es mag -ja möglich sein, daß für Sie gewisse Milderungsgründe -in Betracht kommen – ich gebe es zu,« schrie er empört -und schlug mit der Faust durch die Luft – »aber -<i>sacré nom de dieu</i>, das alles erspart Ihnen keineswegs -das Kriegsgericht. Es tut mir leid, Herr Konsul, -Ihnen das ankündigen zu müssen, und Sie sind sich wohl -auch über die Folgen klar.«</p> - -<p>»Ja,« sagte der Konsul ruhig und sah zu Boden.</p> - -<p>Der Oberst maß ihn eine kurze Weile und riß von neuem -an seinem Bart, bis er endlich, knurrend und fluchend, -die drei grünen Stufen abermals hinaufstieg. Kaum aber -war er an dem Aktentischchen angelangt, so schlug er mit -der Faust unter die Papiere und wandte sich ruckartig -zurück. Im nächsten Moment ließ er sich in einen der -Magistratssessel sinken, schlug die Arme untereinander und -sah starr nach oben auf die bunt bemalte Decke.</p> - -<p>»Ein weiteres Eingreifen von mir ist ausgeschlossen,« -preßte er sich zum Schluß ab. »Das einzige, was ich in -diesem besonderen Falle tun konnte, das ist bereits erledigt. -Ich habe bei unserem Auditoriat veranlaßt, daß -Ihre Angelegenheit hinter der Front, in unserer nächsten -Gouvernements-Stadt verhandelt wird.« Und als er eine -stumme Frage in den Augen des Konsuls wahrzunehmen -glaubte, fuhr er in seiner kurzen Weise fort: »Sie haben -dort den Vorteil der gründlicheren Untersuchung, was -bei der Schwere Ihres Vergehens hier nicht möglich ist.« -<a class="pagenum" id="page_277" title="277"> </a> -Damit hob er den Arm und revidierte die kleine Armbanduhr -auf seinem Handgelenk. »Es ist jetzt ein Viertel -nach sieben,« stellte er fest. »Ist der Wagen für die -Herrschaften bereits vorgefahren?« wandte er sich an den -jungen Unterleutnant.</p> - -<p>Dieser öffnete die bunte Glastür, rief etwas heraus -und meldete darauf, daß das Gefährt schon vor dem Tor -des Rathauses hielte.</p> - -<p>»Nun gut, ich danke Ihnen.« Der Oberst erhob sich, -und ohne seinen gesenkten Blick von den herumliegenden -Akten abzulenken, sprach er mit mehr innerer Bewegung -als bisher: »Dann fahren Sie alle mit Gott, meine -Herren. Ich hoffe, daß Sie die Berechtigung meiner -Maßnahmen einsehen, und ich wünsche, wir könnten uns -alle als zufriedene Untertanen des Zaren und als Bürger -eines beruhigten Staatswesens wiederfinden. Für Ihre -Verproviantierung ist gesorgt. Sie sind entlassen.«</p> - -<hr /> - -<p>Ein Leiterwagen, dessen beide Innenseiten man mit -zwei langen Sitzbrettern versehen, das war die würdige -Equipage, die man für die als Geiseln bestimmten Magistratsherren -ausgesucht hatte. Der Fußboden war kräftig -mit Stroh beschüttet und sowohl vorn neben dem uniformierten -Kutscher, als auch auf dem letzten quergestellten -Sitzbrett hockten ein paar Infanteristen mit aufgepflanztem -Bajonett.</p> - -<p>»Bitte, nehmen Sie Ihre Plätze ein, meine Herren,« -forderte der junge Balte auf, der als Führer des Transportes -zu dienen schien; und mit einem gefälligen Lächeln -wandte er sich an Rudolf Bark: »Herr Konsul, Sie -wünschen vielleicht neben der Ihnen bekannten jungen -Dame zu sitzen? Ich habe nichts dagegen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_278" title="278"> </a> -Dem Angeredeten schlug das Herz. Herr im Himmel, -dort am Ende des Wagens, direkt vor der Wachmannschaft, -da lehnte Isa in ihrem grauen Regenmantel, und der -schwarze Lackhut krönte so kleidsam ihr feines, schmales -Haupt, als ob es Gott weiß zu welcher Lustfahrt ginge. -Als sie ihres Freundes ansichtig wurde, da warf sie sich -herum, musterte ihn von Kopf bis zu den Füßen und -winkte dann lebhaft mit der Hand. In dem blassen Antlitz -zeigte sich nicht mehr eine Spur von Furcht oder Bedrückung, -ja, sie lächelte sogar, da der Kaufmann nun auf -die Deichsel sprang, um dann über das raschelnde Stroh -bis an ihren Sitz zu gelangen. Und das erste, was der -Rotkopf äußerte, das war in der Tat eine Bemerkung, -die darauf schließen ließ, wie das gestern noch so zitternde -Ding sich bereits an Gefangenschaft, Druck und Gefahr -gewöhnt habe.</p> - -<p>Ach, diese ahnungslose Jugend, dachte Rudolf Bark -unwillkürlich, als er sich mit einem herzlichen Händedruck -neben dem Mädchen niederließ und nun gewahrte, -wie sie den Zeigefinger ihrer Rechten voller Abscheu gegen -seine Kopfbedeckung ausstreckte.</p> - -<p>»Aber um Gottes willen, Herr Konsul, wie kommen Sie -zu diesem fürchterlich fettigen Schmalztopf?«</p> - -<p>Und wirklich, sie lachte hell auf, was von den drei -russischen Infanteristen hinter ihr mit gutmütigem Kopfnicken -begleitet wurde. Allein der Konsul ging auf den -Scherz nicht ein.</p> - -<p>»Isa,« flüsterte er hastig und sah ihr voll in das Gesicht, -»sind Sie heil und gesund? Und hat man Sie -ordentlich verpflegt, mein Kind?«</p> - -<p>»Vollkommen, Herr Konsul.« Und ohne die geringste -Befangenheit setzte sie hinzu: »Denken Sie sich, man hat -<a class="pagenum" id="page_279" title="279"> </a> -mich sogar in Ihr Bett stecken wollen, ich habe es aber -höflich dankend abgelehnt.«</p> - -<p>Rudolf Bark maß das frische, unbekümmerte Gesicht -von neuem. Er wollte eigentlich so etwas erwidern, wie: -»es wäre auch für mich zuviel der Ehre gewesen,« aber -die bange Erwägung, daß er an dem Ungemach der Kleinen -die Hauptschuld trüge, schlug die aufspringende Lebenslust -sofort wieder zu Boden. Zu weiteren Eröffnungen blieb -keine Zeit, denn inzwischen hatten die Geiseln unter der -Führung ihres weißbärtigen Bürgermeisters auf den gegenüberliegenden -Bänken Platz genommen, ein Korb mit -Eßvorräten und eine Laterne wurden noch in den Wagen -verladen, und nachdem als letzter Unterleutnant von Karström -das Gefährt bestiegen, da drohte der Soldat, der -die beiden kräftigen Pferde lenkte, unter Schreien und -wildem Rufen gegen die Volksmenge, die den traurigen -Transport von Anfang an umlagert hatte.</p> - -<p>»Sehen Sie, Herr Konsul,« zeigte Isa, »da haben -sich auch die Frauen und Verwandten der Senatoren eingefunden. -Pfui, sie weinen und schreien. Ich möchte mir -die Ohren zuhalten.« Und sie wandte sich ab und sah starr -und hochmütig auf die Zacken und Giebel der Sebaldus-Kirche, -um die das Abendrot seinen glühenden Mantel -schlang.</p> - -<p>Wiehernd zogen die Pferde an, rasselnd und in heftigen -Stößen ging es über den Marktplatz. Aber gerade, als -sie in die Hauptverkehrsader der Stadt einlenkten, wo der -Konsul sich noch einmal zurückwandte, um mit einem -ernsten, abschiednehmenden Blick nicht nur sein Geschäftshaus, -sondern auch das herrliche ehrwürdige Bauwerk der -Kirche mit ihren grün-schwarzen Dächern zu umfangen, -da bemerkte Isa befremdet, wie der Gefährte neben ihr -plötzlich zusammenschreckte. Unvermittelt beugte er sich -<a class="pagenum" id="page_280" title="280"> </a> -nach rückwärts, legte die Hand über die Augen und spähte -aus, wie jemand, vor dem eine ganz unerwartete, schreckhafte -Gestalt emporsteigt. Nur eine Sekunde. Dann -schwenkte der Leiterwagen völlig in die Seitengasse herum, -und Platz und Kirche versanken hinter gleichgültigen -Mauern.</p> - -<p>»Lieber Freund,« fragte das Mädchen, das sich nicht -länger zurückhalten konnte, warm, und ihre Stimme klang -teilnehmend und eindringlich, »sahen Sie dort etwas Unangenehmes?«</p> - -<p>Der Kaufmann saß schon wieder ganz ruhig, nur die -verzogene Stirn und das Nagen an der Unterlippe verrieten -noch eine nicht überwundene innere Bedrängnis. -Dennoch lächelte er wegwerfend, wie es seine Art war.</p> - -<p>»Nicht das geringste, mein Kind,« versicherte er mit -angenommener Gleichgültigkeit, »ein ganz bedeutungsloser -Bekannter fiel mir auf, nichts weiter.«</p> - -<p>Nach dieser Ausflucht, deren hohle Fadenscheinigkeit das -Mädchen sofort durchschaute, schwiegen beide, und der Konsul -beugte sich herab und sah angelegentlich auf die Strohhaufen -zu seinen Füßen nieder. Aber auch auf den gelben -Halmen kehrte die Erscheinung, die den Kaltblütigen so -außer Fassung versetzt hatte, in winzigem Ausmaß und -doch grell und farbig zurück. Eine rote Ziegelnische der -Sebaldus-Kirche buchtete sich dort aus, und hinter einer -schwarz verräucherten Ecke tauchte vorsichtig, behutsam ein -weißgescheiteltes Haupt hervor. Trotz der großen Entfernung -erkannte der Herr des »Goldenen Becher« ganz -deutlich dieses stechende, schwarze Augenpaar, das sich -sofort betroffen senkte, als es sein Ziel erreicht zu haben -glaubte. Unmutig scharrte der Kaufmann mit dem Fuß -über das raschelnde Stroh, als könnte er seine eigene Beängstigung -damit fortwischen. Allein seine ausschwärmenden -<a class="pagenum" id="page_281" title="281"> </a> -Gedanken ließen sich weder binden noch fesseln. War der -Mann hinter der Kirchenmauer wirklich der Kammerdiener -Pawlowitsch gewesen? Gar kein Zweifel. Aber aus welchem -Grund hatte sich der Mensch gerade beim Hereinbrechen der -Gefahr aus dem Hause entfernt, um es nicht wieder zu -betreten? Und weshalb suchte er sich auch jetzt zu verbergen? -Nur aus Feigheit? War es denkbar, daß diese Slawen ihren -Rasseverwandten an goldenen Banden zu sich herübergezogen -hatten? Hastig hob Rudolf Bark das Haupt und ließ -seinen forschenden Blick eine kurze Weile auf den plumpen -unintelligenten Gesichtern der drei Wächter auf dem Rücksitz -ruhen.</p> - -<p>Die Gesellschaft arbeitete ja mit solchen Mitteln. Aber -welche Gegenleistung konnte ihnen eine so untergeordnete -Persönlichkeit wie Pawlowitsch bieten? Oder sollte die -Bestechung und Unterwühlung der unteren Volksschichten -hier bereits ganz gewöhnlich und allgemein geworden sein?</p> - -<p>Er schauerte ein wenig zusammen, denn ein Luftzug von -den nahen Landseen strich mit plötzlicher Kälte über die -Fahrenden dahin. Zu gleicher Zeit glitt Isas Hand an -seinen Arm entlang.</p> - -<p>»Frieren Sie, Herr Konsul?« fragte sie besorgt.</p> - -<p>»Ich?« Der Kaufmann raffte sich zusammen. »Keine -Spur, liebes Fräulein, obwohl eine größere Reichhaltigkeit -unserer Toiletten ja nicht ganz von der Hand zu weisen -wäre.«</p> - -<p>Von der langen Seitenbank wurde eine schüchterne -Stimme laut:</p> - -<p>»Ich werde an unserem Bestimmungsort für den Bedarf -der Herrschaften an Kleidungsstücken, soweit es mir möglich -ist, zu sorgen versuchen,« warf der russische Unterleutnant, -der dem Paar gegenüber saß und das letzte wohl -aufgefangen hatte, höflich dazwischen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_282" title="282"> </a> -Und dann hörte man eine lange Zeit nichts als das Rollen -der Räder und das Knallen der Peitsche. Auf den Feldern -rechts und links von der Fahrstraße schwamm noch der -Abglanz eines glühenden Sonnenunterganges. Die hohen -reifen Halme senkten ihre schweren Häupter der Erde entgegen, -und ein leichter Nebel tanzte um die Ufer der fernen -Landseen. An dem noch mattblauen Himmel stand die volle -goldene Scheibe des Mondes, und aus den Feldern drang -stark und unablässig das tausendfältige Singen und Schwingen -der Heimchen.</p> - -<p>Es war der Friede eines deutschen Sommerabends, wie -man ihn oft achtlos durchwandert und genossen. Aber den -Vorüberfahrenden bedrückte all diese süße Heimlichkeit -ahnungsvoll das Herz. Noch eine kurze Weile des Schweigens -und dann durchrasselten sie den kleinen Marktflecken -Schorweiten. Gottlob, all die winzigen schindelgedeckten -Häuschen zeigten sich noch unversehrt, das struppige Strohdach -des uralten Kirchleins senkte sich noch immer fast bis -auf den Boden herab, nur statt der spielenden Kinder liefen -auf dem Kirchplatz viele kleine, herrenlose Hunde kläffend -durcheinander. Scheuchend schlug der russische Kutscher mit -der Peitsche nach ihnen. Aber wo waren die Bürger, die -bisher hier geweilt hatten? Nicht ein einziger war mehr -zu entdecken. Statt ihrer, die die Windsbraut des Krieges -längst in das Innere der Heimat geschmettert hatte, sah man -überall die russischen Besatzungsmannschaften vor den -offenen Türen auf Bänken und Stühlen sitzen, und die -Vorüberfahrenden gewahrten, wie die Fremden das zurückgebliebene -Gerät der Abwesenden rücksichtslos benutzten.</p> - -<p>Vorbei.</p> - -<p>Dunkler und dunkler wurde es. Aus den Pappeln und -den Kirschbäumen des Weges rief nur noch die Schwarzdrossel -ihren vollen kräftigen Schlag, und im Lichte des -<a class="pagenum" id="page_283" title="283"> </a> -Mondes warfen das Gefährt und seine Insassen bereits -huschende Schatten. Seltsam, einer der Ratsherren sprach -halblaut ein paar Strophen aus dem Lenauschen Gedicht -»Der Postillon«:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Wald und Flur im schnellen Zug</div> - <div class="verse">Kaum gegrüßt – gemieden;</div> - <div class="verse">Und vorbei, wie Traumesflug,</div> - <div class="verse">Schwand der Dörfer Frieden.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Der glattrasierte alte Mann wollte keinerlei Rührseligkeit -erzeugen, aber um so stärker und inniger griffen diese -deutschen Laute an das Gemüt der Gefangenen.</p> - -<p>Ganz eigenartig, dachte Konsul Bark. Anstatt sich in -unnütze Vermutungen über das sie erwartende Los zu -ergehen, geben sich diese harten Geschäftsmenschen der Erinnerung -an die halbvergessenen Poesien eines Dichters -hin. Das entspricht wohl am tiefsten unserem Wesen.</p> - -<p>Und davon mitteilsamer gemacht, ergriff die Hand des -Kaufmanns unbemerkt die Finger seiner Gefährtin, und -während er sie tröstend drückte, fragte er sorgsam:</p> - -<p>»Liebes Kind, Sie sehnen sich gewiß nach Haus und -Schwestern zurück, nicht wahr?«</p> - -<p>Aber die Antwort, die ihm wurde, ließ ihn vollkommen -verstummen.</p> - -<p>»Oh nein, Herr Konsul, was würde denn aus Ihnen -werden, wenn ich jetzt nicht für Sie reden und eintreten -könnte? Ganz gewiß, ich freue mich furchtbar, daß auch -ich einmal eine solche Wichtigkeit habe.«</p> - -<p>Fort ging es über die letzte Bodenwelle der Heimat, -tief unter den von dannen Geführten blinzelten bereits -aus dem großen dunklen verschlafenen Land einzelne Lichter -der Fremde herauf.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Weiter ging's durch Feld und Hag<a class="pagenum" id="page_284" title="284"> </a></div> - <div class="verse">Mit verhängtem Zügel;</div> - <div class="verse">Lang' mir noch im Ohre lag</div> - <div class="verse">Jener Klang vom Hügel.«</div> - </div> - </div> -</div> - - - - -<h3>II.</h3> - - -<p>Gewitterbange Wolken grollten über Maritzken dahin. -Die russische Invasion, die zuerst nur in stoßweisen Überfällen -sich einzelner Grenzstädte und des dazu gehörigen -schmalen Hinterlandes bemächtigt hatte, schlug nun planmäßig -in breiter Woge über das Land und grub ein weites -fruchtbares Gebiet, das von arbeitsamen, ernsthaften und -lernbegierigen Menschen erfüllt war, von seinem natürlichen -Zusammenhang ab. Nicht nur wenige kecke Truppenkörper, -sondern eine ganze Armee, deren Glieder eng miteinander -verbunden waren, hatte jetzt ihren Vormarsch angetreten, -und die Bewohner von Maritzken sahen in bunter -Folge fast alle Waffengattungen ihrer Bedränger auf dem -Durchzug bei sich einquartiert. In dem Herrenhause kampierte -dann häufig die Generalität mit ihren Stäben. Elegante -Herren, die in blitzenden Equipagen vorfuhren und -deren anspruchsvolle Gewohnheiten noch nicht auf den -Krieg eingestellt waren. Sie tauchten in der Nacht auf, -entfesselten ein tolles Gewimmel, Feldtelegraphen spielten -und Flieger senkten sich herab, um am nächsten Morgen -fast spurlos wieder zu verschwinden. Von den deutschen -Heerscharen aber hörte man vorläufig nur, daß sie sich damit -begnügten, an den Grenzen des aufgegebenen Landes -eine dünne Kette gezogen zu haben, die elastisch zurückprallte, -sobald der Gegner mit eisernem Stoß gegen sie -ausholte. Aber merkwürdig, nach dem Aufeinandertreffen -fanden sich die metallenen Glieder wieder stets zusammen, -<a class="pagenum" id="page_285" title="285"> </a> -und die dünne Kette hing noch immer störend und drohend -vor dem weiteren Wege der Eroberer. Die vermaledeite -eiserne Schnur sperrte auf eine geradezu lächerliche Art die -Straße nach Berlin.</p> - -<p>Daher kam es, daß einzelne Etappen nicht weiter nach -vorn geschoben werden konnten, sondern gezwungen waren, -sich an ihren zuerst eingenommenen Standorten gewissermaßen -anzusiedeln. Auch Fürst Fergussow war von diesem -Los betroffen. Und obwohl das Stilliegen auf dem einsamen -ostpreußischen Gutshofe dem verwöhnten Kavalier -manchmal langweilig und unerträglich deuchte, so gab es -doch auch Stunden, wo dem Sohne der halbasiatischen -Großstadt das Verweilen in der frischen Landluft und in -dieser gut geordneten Wirtschaft, deren Betrieb er hier und -da sogar zu fördern versuchte, als eine Gesundung und ein -Erwachen erschien. Außerdem – selbst in diesem weltvergessenen -Winkel fanden sich ja für ihn gewisse heimliche -Reizungen, die ihn nun einmal in lieblicher und lockender -Gestalt verfolgten, wo er auch immer sich befand, mochte -er sie verschmähen oder herbeiwünschen.</p> - -<p>Es war an einem Vormittag des Spät-August. Über dem -herbstlich reifen Lande leuchtete einer jener glashellen Tage, -wie sie in solch stiller, lautloser Melancholie und Herbheit -nur das östliche Grenzgebiet kennt. Alles Kriegerische war -von dem weißen Gutshofe heute verweht und abgestreift. -Nur ein einzelner Dragoner hatte sein Pferd dicht an die -Tränke gebunden, und während er ein heiteres Liedchen -pfiff, striegelte er dem Tier achtsam das glänzend braune -Fell. In der Luft klang ein Summen vorüberschwärmender -Bienen, die blütenträchtig ihren Stöcken zustrebten, und -dazwischen schlug manchmal das seltsame Gurgeln und die -tiefen Kehllaute von ein paar unsichtbaren Lachtauben, die -sich irgendwo unter den vollen Kronen des anstoßenden -<a class="pagenum" id="page_286" title="286"> </a> -Gartens verborgen hielten. Hinter dem allen aber tönte -unablässig das silberne Klirren der Sensen, die, von den -fremden Eindringlingen geführt, ihre scharfe Schnittarbeit -besorgten.</p> - -<p>Aber es war nicht dieser stille Gesang eines vorgetäuschten -Friedens, der den Fürsten Fergussow so hartnäckig von dem -Studium eines Bandes Hebbelscher Dramen ablenkte, dem -er sich bis jetzt mit sichtlichem Genuß an dem offenen Parterrefenster -seines Zimmers hingegeben. Nein, es war ein -Bild, eine Darbietung, eine Szene, von der er mit lächelnder -Ironie und ohne große Überhebung ahnte, daß sie allein -für ihn, den einzigen Beschauer, gestellt würde. Mitten auf -dem Hofe, gerade seinem Fenster gegenüber, war nämlich -ein mächtiger blau und weiß gestrichener Balken eingerammt, -und auf ihm erhob sich, fast in der Höhe des ersten -Stockwerks, ein achteckiges Taubenhaus, auf dessen unterer -Plattform sich im Moment die schneeweißen Bewohner -drängten und wieder vertrieben. Wahrlich, die geflügelte -Schar besaß einigen Grund dazu, denn unter ihnen, leicht -an den Pfahl gelehnt, streute Marianne aus einem Körbchen -dem beschwingten Volk einen goldgelben Regen von -Weizenkörnern und Erbsen hin. Ein ewiges Flattern und -Flügeln rauschte um die ebenmäßige Gestalt herum, und es -bot einen heiteren und lockenden Anblick, wenn sich aus -dem weißen Schneetreiben ein besonders keckes Tierchen -auf der Schulter der blühenden Spenderin niederließ und -es sogar duldete, daß sich das dunkle Haupt des Mädchens -für eine Sekunde kosend an das weiche Gefieder schmiegte. -Die goldenen Ströme flossen herab, und immer öfter -wagten sich zwei bis drei zahme Tauben auf den gefällig -gebogenen Arm.</p> - -<p>»Der Teufel selbst fürchtet sich vor dem Weibe,« dachte -Dimitri Sergewitsch, indem er sich an ein russisches Sprichwort -<a class="pagenum" id="page_287" title="287"> </a> -erinnerte. Er lehnte sich in seinen Fauteuil zurück und -gab sich den Anschein, seine Lektüre eifrig weiter zu verfolgen. -Allein die schwarzen Augen, die durch das Schneegewimmel -hindurchleuchteten, zogen ihn stets von neuem -von den gedruckten Blättern ab und zu sich herüber. »Ein -verwünschtes Spiel,« fuhr es dem Gardeoffizier, der es -doch gewohnt war, den ihm gereichten Becher auf den ersten -Zug zu leeren, durch den Sinn. »Wie lange soll diese -Neckerei noch dauern? Ist es wirklich möglich, daß ich die -dumme Ehrfurcht vor der blonden Riesin, die jeden meiner -Schritte mit ihren stahlharten blauen Augen belauert, nicht -überwinden kann? Wie oft soll diese gefällige Hexe da -drüben noch rufen? Es ist wahr, die deutsche Philosophie -und die germanische Gründlichkeit machen mich allmählich -bescheiden und mutlos.«</p> - -<p>Und er stützte den Arm auf das Fensterbrett und nickte -dem schönen Geschöpf beifallspendend zu. Marianne grüßte -wieder, verzog die Lippen zu einem Lächeln und wandte das -Haupt ein wenig verlegen ab. Vor Männern, die ihre Einbildungskraft -beschäftigten, zeigte sie fast stets ein solch verschämtes -Lächeln, ›als ob sie sich jeden Augenblick zu entschuldigen -hätte‹, dachte Fürst Fergussow, ›weil sie nackt -und bloß dastehe‹. Und von diesem Gedanken entzündet, -wurden die Augen des Obersten beredter und sprechender. -Eine jener gefährlichen Unterhaltungen begann, die ohne -Wort noch Zeichen die Urgründe der Natur aufwühlen und -eine unverschämte Vertraulichkeit herbeiführen, die ein späteres -Zurückweichen kaum mehr duldet. Langsam stieg eine -feine Röte über die dunklen Wangen der Abgewandten, und -ihre Hand, die das Futter streute, strich manchmal verstohlen -über das durchbrochene weiße Gewand. Jetzt trafen -die Blicke der Beiden für eine Sekunde tief und leuchtend -aufeinander.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_288" title="288"> </a> -»Warte,« dachte der Oberst am Fenster, während er -äußerlich wieder seinen liebenswürdigen Gruß entbot, »diesmal -schützt dich deine Walküre nicht mehr. Es wird ja nicht -hinterher gleich ein Weltuntergang folgen. Nun, und -wenn –« er zuckte leichtsinnig die Achseln – »wer hat -uns hier etwas zu gebieten? Im übrigen, die Schwarze -sieht so aus, als ob sie kleine Geheimnisse zu bewahren -verstünde. Nicht wahr, du heißes, trunkenes Geschöpf?« -sprach es deutlich aus seinen Mienen.</p> - -<p>Und Marianne schlug die Augen nieder.</p> - -<p>Da trat etwas aus einem der weißen Wirtschaftsgebäude. -Und kaum hatte der Russe die hohe Gestalt in dem blau -und weiß gepunkteten Kleid erkannt, da versenkte er sich -auffallend schnell in das von der Walküre entliehene Buch -und schien von der tiefgründigen dichterischen Kraft, die sich -hier entfesselte, derartig gepackt, daß er kein Wort von dem -Disput auffing, der sich ganz in seiner Nähe zwischen den -so verschiedenen Schwestern erhob. Mit ihrem festen gebieterischen -Schritt hatte sich Johanna genähert. Ihre -Rechte umklammerte weit ausgestreckt den hell angestrichenen -Pfahl, und es sah prachtvoll aus, wie sie jetzt ihre -Glieder reckte, um einen Moment finster ihr blondbezopftes -Haupt zur Erde zu neigen.</p> - -<p>»Was soll diese Verschwendung von Futter?« fragte sie -nach einer Weile ungehalten. »Geh, liebes Kind, auf dich -wartet eine Arbeit, die du besser verstehst. Ich habe dir in -deinem Zimmer einen Brief an unsere Schwester Isa niedergelegt, -für dessen Besorgung ich Seine Durchlaucht, den -Fürsten Fergussow, zu interessieren hoffe. Es wird dich -gewiß drängen, einen Gruß anzufügen. Mach schnell.«</p> - -<p>»Die ewigen Tinten-Klecksereien,« widersprach Marianne -gereizt, »es wird noch Zeit haben.«</p> - -<p>»Es hat keine Zeit,« damit hob Johanna das Haupt, -<a class="pagenum" id="page_289" title="289"> </a> -und während ihr angespannter Arm noch immer das Holz -nicht freigab, sprühte aus den harten blauen Augen ein -Strahl der Verachtung. »Es ist wichtiger, wenn das arme -Kind ein paar Tage früher eine Nachricht von uns erhält, -als« – sie warf den Kopf geringschätzig zur Seite.</p> - -<p>»Nun, als –?« nahm Marianne in unterdrücktem Zorn -auf.</p> - -<p>»Als diese dummen Spielereien hier,« vollendete die -Ältere, unbekümmert darum, ob der fremde Offizier etwa -ihre Meinung und ihre Absicht verstehen könne.</p> - -<p>Da schleuderte die Schwarze das Körbchen mit einer sie -entstellenden Gebärde des Abscheus mitten unter die auseinanderstäubenden -Tauben, raffte ihr Kleid zusammen -und lief stürmisch über den Hof. Aber selbst in diesen -Bewegungen einer ungewollten Wildheit verleugnete sich -der ihr eigene Reiz so wenig, daß durch dieses Dahinstürmen -sogar ein zweiter Beobachter, von dem die Enteilende -in der Tat gar nichts ahnte, in eine dumpfe Verzweiflung -versetzt wurde.</p> - -<p>Hinter den Gardinen, an einem der Fenster des oberen -Stockwerkes, hatte sich nämlich während dieser ganzen Zeit -ein bärtiges Männergesicht abgezeichnet. Zuweilen war auch -an dem durchbrochenen Tüll von einer Faust heftig gezerrt -worden. Jetzt aber wurde der Stoff rücksichtslos zurückgeworfen, -und das krankhaft eingefallene Antlitz des Rittmeisters -Sassin preßte sich hartnäckig gegen das Glas. -Dann bog der Kranke seine Arme nach rückwärts, um in -aufspringender Wut auf dem schmerzenden Rücken herum -zu hämmern.</p> - -<p>»Daß man das mit ansehen muß,« hüstelte er und -wankte matt durch die kleine Stube. »Unser großer Suworow -hatte recht, die Kugel ist eine Närrin. Sie trifft -immer den Falschen. Nein, nein, mein Anstand sträubt sich -<a class="pagenum" id="page_290" title="290"> </a> -gegen einen solchen Skandal. Man muß ihn abwenden. -Man muß ihn durchaus ans Licht ziehen.« Und er warf -sich auf das kleine Sofa, schleuderte Kissen und Decken -mitten auf den Estrich, und aus seinen großen verzweifelten -Kinderaugen perlten wirkliche Tränen.</p> - -<p>Inzwischen klopfte es an die Tür des Fürsten Dimitri. -Dieses harte und energische Pochen kannte Seine Durchlaucht -allmählich. Es verursachte ihm stets einen leichten -Schrecken. Beim Zeus, es war zum mindesten seltsam, -wie sehr es dieses blonde Germanenweib verstanden hatte, -beständig eine Art ehrfürchtigen Respekts bei ihm wach zu -erhalten. Wenigstens so lange sie mit ihm in ihrer geschäftlichen, -nüchternen Weise sprach. Sie hatte dann eine -solche selbstverständliche abgegrenzte Ruhe, und sie bewegte -sich stets in so sachlichen und dem Tage angehörenden Erörterungen, -daß es dem gewandten Weltmanne schändlich -dünkte, diese hausbackene Gradheit irgendwie zu anderen -Gedanken zu drängen. Und doch, manchmal wunderte sich -der Fürst und gestand sich zu, daß jene langweiligen und -grundgescheiten Deutschen doch wohl imstande seien, selbst -einem erfahrenen Menschenkenner einige Rätsel aufzugeben. -Wie kam es zum Beispiel, daß ein derartig an das Praktische -und Gewöhnliche gebundenes Geschöpf in den wenigen -Stunden seiner Muße eine Lektüre bevorzugte, die selbst -ihm, dem überall herumschwärmenden Kunstliebhaber, -wegen ihrer Tiefe und grausamen Unerbittlichkeit ein -leichtes Frösteln einjagte?</p> - -<p>Zu närrisch. Jedenfalls eines war sicher: zum erstenmal -in seinem Leben ertappte sich der leichtfertige Held der -Petersburger Boudoirs darauf, wie er ängstlich bemüht -war, jeden unstatthaften Gedanken gegenüber diesem Weibe, -das ihm doch so nahe weilte, sofort wenn er auftauchte, -zu unterdrücken. Und doch konnte er es nicht hindern, daß -<a class="pagenum" id="page_291" title="291"> </a> -in ihrer Abwesenheit die stolze kraftgebändigte Fülle ihrer -Erscheinung ihn ängstigte und beunruhigte. Ja, in den -Träumen dieser heißen Augustnächte war es dem bedrückt -Atmenden schon öfter vorgekommen, als habe ein entsetzliches -Ringen zwischen ihm und den schweren Gliedern der -Germanin angehoben.</p> - -<p>An der weißen Tür wiederholte sich das Pochen, und -Fürst Dimitri sprang auf und legte sorgsam sein Buch auf -die aufgeschlagene Seite. Dann rief seine klangvolle Stimme: -»<i>Entrez</i>.«</p> - -<p>»Ah, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort, als er die -hohe Gestalt seiner Gastgeberin gewahrte, und sofort sammelte -sich auf seinen Zügen jener sonnige Glanz, der dem -ernsthaften Mädchen von Anfang an so unverständlich geblieben -war, »welcher wirtschaftlichen Berechnung verdanke -ich heute das Glück Ihres Besuches? Ich hoffe, es ist -nichts geschehen, was gegen mein Versprechen des strengen -Ordnunghaltens verstößt?«</p> - -<p>»Doch, Durchlaucht,« entgegnete unbeirrt Johanna, die -einen kleinen Zettel hervorzog und dabei die auf einen -Sessel deutende Handbewegung des Offiziers übersah. »Und -in diesem Falle wird mir der Weg nicht leicht.«</p> - -<p>»Das bedaure ich außerordentlich, verehrtes Fräulein. -Ich denke, ich habe in meiner schwierigen Position nichts -versäumt, was mir Ihr Vertrauen hätte erwerben können. -Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«</p> - -<p>»Oh danke, Herr Oberst.«</p> - -<p>Dimitri verzog ein wenig den sprechenden Mund.</p> - -<p>»Nun dann offenbaren Sie mir wenigstens Ihre Beschwerden,« -sprach er rascher, denn es verletzte ihn, daß -sich diese Nemza eine Verhandlung mit ihm nie ohne Anklagen -denken zu können schien. »Welche Schandtaten -haben wir wieder begangen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_292" title="292"> </a> -Der seltsam betrübte Ton des hübschen Menschen wollte -ein Lächeln auf die Lippen Johannas zaubern – und der -Fürst sah diesen strengen Mund sehr gern sanfter werden – -aber die Erinnerung daran, wie das Treiben und Wirken der -Fremden in all seiner Verachtung und Verständnislosigkeit -wirklich ein unfaßbares Unglück für ihr Land bedeute, all das -verjagte die aufspringende Heiterkeit vollkommen. Über -ihre Stirn legte sich eine leichte Falte. Und sie sah jetzt -älter aus, wie bisher.</p> - -<p>»Es sind durchaus keine Schandtaten, Durchlaucht,« -begann sie gefaßt, »sondern wohl mehr Versäumnisse. -Aber da es sich um eine Geldangelegenheit handelt, – –«</p> - -<p>»Eine Geldangelegenheit?« rief der Fürst, sie anstarrend, -dazwischen. »Und die wollen Sie mit mir besprechen? -<i>Fi donc!</i>«</p> - -<p>Aber Johanna ließ sich nicht aus ihrer Ruhe schrecken.</p> - -<p>»Ich habe erwartet,« fuhr sie einfach fort, »daß Sie -mein Begehren wahrscheinlich sehr absonderlich finden würden. -Ich bin auch vollkommen auf eine Abweisung vorbereitet.« –</p> - -<p>»Oh bitte!«</p> - -<p>»Aber ich bin es der Verwaltung, die ich hier führe, und -meinen Schwestern schuldig, wenn ich mich bis zum Äußersten -einer Benachteiligung widersetze.« Hier hob das blonde -Mädchen den Zettel ein wenig und schien ein paar Zahlenreihen -zu durchfliegen. »Durchlaucht werden sich erinnern,« -sprach sie rasch weiter, »daß mir hier gleich zu Anfang -zugesichert wurde, es würde jede Entnahme bar bezahlt -werden.«</p> - -<p>Fürst Fergussow ließ sich langsam in seinen Sessel gleiten. -Es war nicht zu leugnen, er fand alles, was die Nemza -jetzt vorbrachte, ja ihre ganze Art, abscheulich. Wie taktlos -sich die deutschen Frauen gebärden konnten. Eine solche -<a class="pagenum" id="page_293" title="293"> </a> -Schacherei hätte eine vornehme Russin sich niemals zugemutet. -Und die hölzerne Walküre schien ihr Beginnen -zu alledem noch für ein lobenswertes Werk zu halten. -<i>Fi donc – fi donc!</i></p> - -<p>»Soweit mir erinnerlich,« sammelte er sich endlich, -wobei er sein Mißfallen mühsam zu verbergen suchte, »soweit -mir erinnerlich, hat mein Regimentszahlmeister hier -wöchentlich eine Abrechnung gehalten. Sollte dabei vielleicht -etwas übersehen worden sein?«</p> - -<p>»Allerdings, Durchlaucht.« Johanna schritt dicht bis -an das Fenster und legte ihren Zettel gerade auf das Buch. -»Es betrifft nicht, wie Sie vielleicht zu meinen scheinen, -Speise und Trank, sondern etwas, was in einer Landwirtschaft -das Wichtigste bedeutet.«</p> - -<p>»Und was ist das?«</p> - -<p>»Getreide. Man hat mir hier fast den größten Teil -meiner Hafer- und Roggenbestände gemäht und fortgefahren, -– ja, noch heute können Sie Ihre Leute hinter -dem Garten sensen hören – ohne daß man mir auch nur -das Quantum oder die Zentner-Anzahl gemeldet hätte. Dagegen -möchte ich jetzt bei Ihnen Einspruch erheben.«</p> - -<p>»Bei mir! Ah, was Sie sagen!« Der Fürst schlug das -Bein leicht über das andere, sah auf seine glänzenden -Lackstiefel herunter und bemühte sich, seine totale Ahnungslosigkeit -nicht allzu sichtbar werden zu lassen.</p> - -<p>»Ich berechne mir meinen Schaden auf etwa 8-10 000 -Mark.«</p> - -<p>»So, so,« sagte der Fürst gleichgültig, »das bedeutet ja -nicht viel.«</p> - -<p>Hier entstand eine Pause. Die blauen Augen der Deutschen -vergrößerten sich immer mehr, und dem ungemütlich -hin und her rückenden Offizier war es so, als hätte er -noch nie in seinem Leben eine so derbe Lektion empfangen, -<a class="pagenum" id="page_294" title="294"> </a> -als sie sich in dem hartnäckigen Schweigen der Nemza -aussprach. Endlich rang sich die Blonde eine Erwiderung ab.</p> - -<p>»Durchlaucht,« sagte sie bitter, »ich kann vollkommen -begreifen, daß einem Manne, der vielleicht an einem Abend -diese Summe auf eine einzige Karte setzt, – – –«</p> - -<p>Fürst Dimitri vollführte eine lebhafte Bewegung. »Oh -<i>pardon</i>, Sie täuschen sich, mein Fräulein,« entgegnete er -hastig, »ich huldige dem Spiel nicht mehr. Längst darüber -hinaus. Im Grunde eine geistlose und alberne Unterhaltung.«</p> - -<p>»Darüber habe ich nicht zu urteilen,« lehnte Johanna -frostig ab, »ich wollte Ihnen nur bemerken, daß in meinem -Einkommen dieser Posten eine bedeutende Rolle spielt.«</p> - -<p>Der Fürst stand auf, blickte ungewiß nach dem Schreibtisch -und begann dort mit dem Schlüssel eines Faches zu -spielen.</p> - -<p>»Ich verstehe wirklich nicht,« meinte er endlich unsicher, -»warum sich die Regimentskasse nicht schon längst mit -Ihnen abfand. Sie können überzeugt sein, dieses Hinauszögern -entspricht durchaus nicht meinen Wünschen. Nur -müssen Sie entschuldigen,« fuhr er stockend fort, und die -aufrichtige Verlegenheit kleidete den hohen Herrn wirklich -allerliebst, – »da ich niemals gewohnt war, meine Schatulle -selbst zu führen, so weiß ich eigentlich nicht – – -obwohl ich im Grunde nicht einsehe, was es Peinliches -für Sie besitzen könnte, wenn ich mir erlaubte, diese Bagatelle -selbst zu regeln. Das heißt, Sie müssen recht verstehen,« -setzte er eifrig hinzu, als er die großen blauen -Augen auf sich gerichtet fühlte, »ich verauslage die paar -Rubel natürlich nur. Es ist in der Tat nicht der Rede wert, -und Sie bereiten mir wirklich eine große Freude damit, -den Fehler unserer Verwaltung etwas zu verkleinern. Nicht -wahr, ich darf auf Ihre Zustimmung rechnen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_295" title="295"> </a> -Die geschmeidige Gestalt des jungen Mannes stand jetzt -hinter dem Schreibtisch, wo er langsam und geräuschlos eine -der Laden aufzog. Das helle Sonnenlicht, das in breiter -Bahn schräg durch die Seitenfenster hereinbrach, spielte -auf seinen edlen klassischen Zügen und streute grelle Goldringe -auf sein welliges braunes Haar. Betroffen starrte -Johanna zu ihm herüber.</p> - -<p>Da – da war es wieder! Die einfangende Erscheinung -tauchte abermals auf. Das Bild aus ihrer Schlafkammer -hatte Leben gewonnen, und das merkwürdig werbende, -bittende Lächeln dieses feinen Mundes erregte in dem besonnenen -Landfräulein ein solch schreckhaftes Entsetzen, daß -ihr alles andre für eine Weile entglitt. Erst als die schmale -Hand des Aristokraten eine Reihe fremdartiger Kassenscheine -aus einem weichen juchtenledernen Portefeuille zu ziehen -begann, da strömte ihr Leben und Überlegung zurück, und -ein Widerstand, den sie sich in ihrer Verwirrung nicht zu -deuten vermochte, lehnte sich gegen die Hilfsbereitschaft -des vornehmen Herrn auf. Was wünschte sie eigentlich? -Es war doch so selbstverständlich, daß sie das Entgelt für -ihr entwendetes Eigentum annahm? Und doch, die Abneigung, -die sie widerspruchsvoll erfüllte, litt es nicht. -Eine tiefe Röte stieg in ihre Wangen, als sie mit sich -kämpfend hervorstieß:</p> - -<p>»Verzeihen Sie, Fürst Fergussow – ich möchte mir -Ihren Vorschlag erst noch überlegen. Er verpflichtet mich -Ihnen gegenüber so eigenartig, ich kann mich in die neu -geschaffene Lage vorläufig durchaus nicht finden. Sie werden -das begreifen.«</p> - -<p>Damit verneigte sie sich und wandte sich ohne weitere -Förmlichkeit zur Tür. Es war beinahe ein Flüchten. Aber -ein helles Lachen, das hinter ihr aufklang, hielt sie noch -einmal zurück. Der Fürst hatte das Portefeuille achtlos -<a class="pagenum" id="page_296" title="296"> </a> -auf den Schreibtisch geworfen, und in seinen dunklen -Augen glitzerte es vor Spott und Ironie, als er jetzt leichtfüßig -hinter der Abgewandten hereilte. Ja, in dem Bestreben, -sie nicht völlig entweichen zu lassen, griff er nach -ihrem Arm. Es war das erste Mal, daß er sie berührte. -Und Johanna war es wieder, als dürfe sie eine solche Beleidigung -nicht dulden. Heimlich zitterte sie vor Scham, -weil sie vor diesem eleganten Laffen ihre Sicherheit nicht -finden konnte.</p> - -<p>»Aber mein verehrtes Fräulein,« spottete Fürst Dimitri, -»was sind das für spitzfindige Grübeleien? Ganz Ihr -Landsmann Hebbel.« Er wies lachend nach dem Buch auf -dem Fensterbrett. »Wer weiß, gegen welches System ich -nun wieder verstoße. Wenn es Sie aber beruhigt, dann -werde ich natürlich den unsichtbaren Zahlmeister herkommandieren, -und Sie können sich mit ihm in die geheimnisvollsten -Rechnungen vertiefen.«</p> - -<p>»Ja, es ist mir lieber so,« stimmte Johanna zu.</p> - -<p>»Vortrefflich. Und nun, meine Gnädigste, um nicht -ebenfalls in den Verdacht zu geraten, mit fremdem Eigentum -zu liebäugeln, so gestatten Sie mir wohl, Ihnen Ihren -tiefgründigen Poeten wieder auszuhändigen.« Er griff -nach dem Buche auf dem Fensterbrett und reichte den Band -mit einer leichten Verneigung seiner Besitzerin. »Eine eigenartige -Affäre übrigens, diese Judith-Angelegenheit,« sprach -er angeregt weiter, und im Moment überfiel ihn der seltsame -Einfall, als ob diese große Nemza mit einem blinkenden -Schwert vor ihm aufrage. »Es ist schauderhaft, mit -welcher philosophischen Gründlichkeit diesem armen Barbaren -die Gurgel abgeschnitten wird. Der verschlafene Tropf -kam ja gleichfalls etwa aus unseren Gegenden. Wenn man -sich das so recht überlegt, sollte man sich vielleicht doch ein -wenig mehr vor Ihnen in acht nehmen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_297" title="297"> </a> -Johanna fuhr auf. Und in grenzenlosem Erstaunen kam -es aus ihr heraus: »Vor mir? Welchen Grund hätten Sie -dazu? Wir beide haben doch nichts miteinander abzumachen.«</p> - -<p>»Gott,« – Dimitri Sergewitsch sah die Unmöglichkeit -ein, mit dem starren Geschöpf zu einer Plauderei gelangen -zu können. Die großen blauen Augen blieben einmal hart -und empfindungslos. Offenbar vergaß sie nie, daß sie -einem fremden, im Augenblick überfallenen und zurückgedrängten -Volksstamm angehöre. Man tat zweifellos -gut daran, sie auf ihrer dumpfen, kleinbürgerlichen Bahn -zu lassen – »Gott,« zuckte der junge Mann bereits etwas -abgekühlter die Achseln, »ich bin doch nun einmal, was -man mit einem sehr unvollkommenen Ausdruck ›Landesfeind‹ -nennt. Ich liege hier mitten in Ihrem Machtbereich, -wo ich mich übrigens sehr wohl befinde, und wenn man -Sie so sieht, mein Fräulein, so groß, entschieden und voll -nachdenklicher Energie –«</p> - -<p>»Was dann?«</p> - -<p>»Dann könnte man vielleicht zu dem Entschluß gelangen, -eine Leibwache zu halten oder des Nachts das Zimmer -fester zu verschließen.«</p> - -<p>Johanna starrte den Sprechenden an. Dann versetzte sie -hart und kurz, während sie bereits die Tür öffnete:</p> - -<p>»Sie scherzen natürlich. Etwas Derartiges haben Sie -vorläufig nicht von mir zu befürchten.«</p> - -<p>»Ah, vorläufig,« wiederholte Dimitri verblüfft und strich -spielend über sein braunes Haar. »Ihre Enthüllung interessiert -mich ungeheuer, gnädiges Fräulein. Sind Sie -denn so ganz ohne Haß gegen mich?«</p> - -<p>Die Blonde blieb ernsthaft.</p> - -<p>»Das nicht,« entgegnete sie wahrheitsgemäß und blickte -zu Boden, »aber Sie müssen als Ausländer die Frauengestalt -<a class="pagenum" id="page_298" title="298"> </a> -des deutschen Dichters mißverstanden haben. Mein -Urteil ist natürlich gar nicht maßgebend, aber ich meine -doch, die Judith handelte aus anderen Beweggründen.«</p> - -<p>»Und darf man die nicht erfahren?« fragte Fürst Fergussow -gespannt.</p> - -<p>»Das hat keinen Zweck,« schnitt das Mädchen entschlossen -ab, »ich könnte auch gar nicht ausdrücken, was ich meine.« -Und in ihren gewohnten und frostigen Ton zurückfallend, -forschte sie: »Haben Sie sonst noch Wünsche oder Befehle -für mich, Durchlaucht?«</p> - -<p>Der Russe verschränkte seine Hände und führte mit ihnen -eine verzweifelte Bewegung gen Himmel aus.</p> - -<p>»Ja, liebstes Fräulein,« rief er lebhaft, »Himmel und -alle Heiligen, ich wünschte von Herzen, Sie einmal lächeln -zu sehen.«</p> - -<p>Johanna stand schon auf der Schwelle.</p> - -<p>»Dazu habe ich leider keine Ursache,« entgegnete sie unbeirrt. -»Guten Morgen, Durchlaucht.«</p> - -<p>»<i>Bon jour, bon jour</i>,« rief der Fürst wie befreit hinter -ihr her.</p> - -<p>Und sich in den Schreibtischsessel werfend, riß er eine -Karte hervor und studierte alle Straßen, die von diesem -Gut fortführten. Der Aufenthalt auf Maritzken gehörte -nicht immer zu den Annehmlichkeiten des Daseins. Kurze -Zeit darauf rief er nach seinem Pferd, und Johanna, die -eben die Gartentür öffnete, sah, wie er auf dem weißen Tier -die sonnenüberglänzte Chaussee dahinsprengte. Der Säbel -mit dem goldenen Griff, der ihm von der Schulter hing, -prallte an die Weichen des Rosses, und der leicht vorgebeugte -Reiter klopfte dem strahlenden Schimmel kosend den Hals.</p> - -<p>Er hatte immer etwas Schmeichlerisches.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_299" title="299"> </a> -Die Hitze lag jetzt wie ein heißer, silberglänzender Schild -auf den trockenen Steinen des Hofes. Man mußte die -Augen schließen, um den herumschwirrenden spitzen Lichtpfeilen -zu entgehen.</p> - -<p>Bedrückt atmend schritt das Gutsfräulein tiefer in den -Schatten des Gartens. Sie konnte sich ja jetzt öfter eine -Erholung gönnen, seitdem diese Asiaten ihr geregeltes Tagewerk -auseinandergeschlagen hatten. Mit einer geheimnisvollen -Kraft zog es sie bis zu dem dicht umbuschten Grenzgraben, -von wo sie dem Klirren der Sensen lauschen wollte. -Es war doch ein gewohntes Geräusch, wenn es auch nicht -mehr auf ihr Geheiß und zu ihrem Nutzen laut wurde. -Dicht an der ausgetrockneten Wasserscheide, zwischen den -braunen schlangenhaften Stämmen eines wild verschlungenen -Haselnußgestrüpps, stand eine Bank. Vom herabdringenden -Regen war sie halb vermorscht, grüne Moosfleckchen -hatten sich an der Rücklehne fest angesiedelt, und Johanna -erinnerte sich kaum, daß sie jemals jene Sitzgelegenheit -benutzt. Jetzt aber trat sie unter das schattenspendende -Blätterdach und ließ sich auf dem breiten Brett nieder. -Eine Weile schloß sie die Augen. Sie war müde von all -dem Widersprechenden, an das sie zu denken hatte. Jedoch -kaum senkte sie ihre Lider herab, so tauchten auch schon wie -hinter einem grünschwarzen Vorhang jene Gestalten auf, -hinter denen ihre Einbildungskraft beständig herjagte. Sie -sah ihre Schwester Isa und Konsul Bark in der russischen -Grenzstadt, in deren verräucherten Mauern sie selbst noch -vor kurzem geweilt, und ihr Herz schlug laut, wenn sie sich -vorstellte, welch ein Schicksal den beiden dort bereitet werden -könnte. Oh, diese Ungewißheit! Ob man jemals wieder -von den Fortgeschleppten etwas hören würde? Vielleicht -gelang es doch dem Fürsten, bei dem Nachdruck, den ihm -sein Name verlieh, eine Erkundigung einzuziehen. Und er, -<a class="pagenum" id="page_300" title="300"> </a> -der sich stets so glatt und willfährig zeigte, der feine Weltmann, -der für die Wünsche einer Dame fast niemals eine -Weigerung hatte, obwohl er sich gewiß nicht das geringste -dabei dachte, er würde sicherlich auch ihrem Verlangen mit -seiner geschmeidigen Bereitwilligkeit dienen. Es lag eigentlich -etwas Verletzendes in seiner überhöflichen Art. Etwas -bewußt Überhebungsvolles, als lohne es sich gar nicht, auf -die Eigenart fremder Naturen näher einzugehen. Dem -großen Herrn bedeutete es genug, wenn er mit seinem -strahlenden Lächeln und namentlich ohne langen Disput -den ihm nahenden Bittstellern eine Gefälligkeit erweisen -konnte, die ihn im Grunde genommen nichts kostete.</p> - -<p>Die Blonde fuhr empor, ihre Augen öffneten sich weit. -Sie sagte sich nicht, daß sie selbst jede Unterscheidung für -andere Art und fremdes Volkstum verloren, sie empfand -nur einen brennenden Haß, der immer stärker über ihr -zusammenschlug. Wie geringschätzig der schöne Mann gelächelt -hatte, als er den unpassenden Vergleich zwischen -ihr und der bluttriefenden Jüdin gezogen, die mitten in -der schmerzhaftesten Wollust ihrem Bezwinger, nach dem -sie sich doch sehnte, das Haupt nahm. Zu ihrer eigenen -Strafe, um sich selbst und ihre Raserei und ihr ganzes -früheres Leben damit zu töten, dachte die Einsame.</p> - -<p>Der Sitzenden sanken die Arme herunter, mit einem -harten Entschluß reckte sie sich auf, und um ihren Mund -lagerte sich ein verächtliches Lächeln. Also bis zu solchem -Widersinn, bis zu solch häßlichen Torheiten konnte man -durch das Gefühl der Bedrückung und des Unterworfenseins -getrieben werden. Es war einfach schmählich, auf den gleichgültigen -und fremden Mann so viel schwächliches Nachdenken -zu verschwenden. Was hatte sie überhaupt hier zu suchen? -Ach ja, nach den sensenden Soldaten hatte sie ausspähen -<a class="pagenum" id="page_301" title="301"> </a> -wollen. Langsam bewegte sie sich auf das Erlengestrüpp -der Wasserscheide zu und zog ein paar Zweige auseinander.</p> - -<p>Da fuhr sie heftig zurück.</p> - -<p>Auf dem jenseitigen Ufer, schon auf den abgemähten -Stoppeln, lagen fünf bis sechs Männer auf dem Rücken, -kehrten ihre rotflammenden Gesichter der Sonne zu und -schliefen. An ihren zerfetzten, schmutzigen Hemden, die die -verbrannte Brust offen ließen, und den zerlumpten und -zerschlissenen Beinkleidern erkannte der geübte Blick des -Landfräuleins sofort eine zusammengetriebene Horde von -Landstreichern oder Knechten, die von den Russen irgendwie -zu ihrer Arbeit ohne großes Entgelt gezwungen wurden. -Aber das, was die Aufmerksamkeit der Gutsbesitzerin so -besonders fesselte, daß sie sich immer weiter vorbeugte, -damit ihr nichts mehr entgehen konnte, das gipfelte in -einem Umstand, der auch in harmlosen Friedenszeiten ihr -Befremden erregt hätte. Einer dieser Landstreicher nämlich -hatte gerade in dem Moment, wo Johanna ihre Hand -zwischen die Blätterwand streckte, seinen blank geschorenen -Schädel, in dessen Schweiß sich die Sonne spiegelte, über -die Schar seiner schnarchenden Genossen erhoben, und es -dünkte die Beobachterin auffällig, mit welch spähendem -Interesse der Mensch den Schlummer der anderen zu -prüfen schien. Was bedeutete das?</p> - -<p>Manchmal pfiff der Bursche ziemlich laut vor sich hin, -um gleich darauf sein Haupt wieder in die Stoppeln einzuwühlen, -als wollte er abwarten, ob seine Gefährten das -Geräusch vernommen hätten. Allein nichts regte sich um -ihn, und nach einiger Zeit sah Johanna, wie der Zerlumpte, -schlangenhaft auf dem Boden kriechend, seinen Körper -gegen die Wasserscheide zuwälzte. Einen Augenblick lang -wollte sie Furcht beschleichen, aber durch ein ganzes Leben -daran gewöhnt, hier auf ihrem Grund wie ein Mann zu -<a class="pagenum" id="page_302" title="302"> </a> -walten, zwang sie sich ihre alte Fassung ab, um mit immer -lauter werdendem Herzklopfen das weitere Gebaren des -Fremden zu verfolgen. Jetzt war der Landstreicher an dem -Graben angelangt. Hier blieb er eine Weile starr und -regungslos liegen, und nur Johanna merkte, wie seine -Beine ganz allmählich eine Schleife ausführten, bis die -Gestalt des Burschen sich wagerecht dem Grabenlauf anschmiegte. -Die hohen Halme des Unkrauts, das hier wuchs, -bedeckten ihn fast.</p> - -<p>Plötzlich rollte der Körper in den Schlamm des Grabens -herab.</p> - -<p>Johanna schrie leise auf und wartete. Jedoch sei es, daß -der Fremde durch ihren Ruf erschreckt war, oder ob er sich -dem weichen Morast nicht leicht entwinden konnte, jedenfalls -dauerte es bange Minuten, bevor die Blonde den kahlen -Schädel, der jetzt vollkommen mit grünen Linsen übersät -war, in scheuer Zurückhaltung in dem Gebüsch zu ihren -Füßen auftauchen sah. Der Landstreicher jedoch schien sie -sofort zu erkennen, anders wenigstens vermochte sich die -Sprachlose die warnende Bewegung nicht zu erklären, mit -der der schwarze, triefende Bursche seinen Finger an den -Mund hob.</p> - -<p>»Fräulein Grothe,« keuchte eine Stimme, die Johanna -sich bestimmt erinnerte, schon gehört zu haben.</p> - -<p>»Um Gott, wer sind Sie?«</p> - -<p>Inzwischen hatte der Unbekannte seinen Leib völlig durch -das Gebüsch geschoben, so daß er nun auf den Knien vor -dem Mädchen lag. Jetzt sprang er trotz der überstandenen -Anstrengung elastisch auf die Füße. Sein Antlitz war durch -den Schmutz des Feldes und den Morast des Grabens -gleichsam mit einer schwarzen Larve bedeckt, und doch schoß -Johanna bei dem Anblick dieser schlanken Glieder eine blitzartige -Erinnerung auf.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_303" title="303"> </a> -»Fritz Harder, sind Sie es?« stammelte sie unentschieden.</p> - -<p>Der Fremde reichte ihr die Hand, zog sie aber im nächsten -Moment mit einem matten Lächeln wieder zurück, als er -die Verunreinigung seiner Finger bemerkte. Dann ließ er -sich auf die Bank nieder, und indem er sich angelegentlich -das rechte Knie rieb, das wohl durch das Kriechen einige -Risse und Schürfungen empfangen hatte, fragte er plötzlich, -indem er sich leicht nach der Richtung des Herrenhauses -umwandte:</p> - -<p>»Steht alles gut bei Ihnen, Johanna? Sind Sie alle -wohlauf? Ist niemand in dieser schlimmen Zeit etwas -Böses zugestoßen?«</p> - -<p>Niemals zuvor war die Gutsbesitzerin von dem nachdenklichen -jungen Offizier mit ihrem Vornamen angeredet -worden. Aber als sie jetzt, umgeben von der nahen Gefahr, -in der dunklen verschlungenen Haselnußlaube weilten, fand -die Blonde das Benehmen des jungen Mannes ganz natürlich. -Und einer mütterlichen Wallung unterliegend, und ohne -Rücksicht auf ihre saubere Kleidung, strich sie ihrem atemschöpfenden -Gefährten aufmunternd über die schmutzige -Wange. Dann flog die Rede zwischen ihnen hin und her.</p> - -<p>»Nein, Fritz, es ist niemand von uns etwas zugestoßen. -Niemand,« setzte sie mit besonderer Betonung hinzu, da -sie die dunklen Augen des Offiziers so beharrlich ihr -Wohnhaus suchen sah, »nur meine Schwester Isa ist bis -jetzt nicht zu uns zurückgekehrt, und wir leben daher in -schwerer Besorgnis.«</p> - -<p>»Das weiß ich, Fräulein Grothe, das weiß ich. Sie -müssen nicht glauben, daß wir uns so ganz ohne Kenntnis -über die hiesigen Zustände befinden. Oh nein, wir wissen -weit mehr, als sich diese Eisbären träumen lassen. Sie -sehen ja, wir spazieren hier sogar ganz ungeniert in ihren -Linien herum.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_304" title="304"> </a> -»Ja, um alles in der Welt, Fritz, – verzeihen Sie, -wenn ich danach frage – aber was haben Sie denn hier -vor? Was bedeutet Ihr abscheulicher Aufzug? Sie sind -doch nicht etwa als Spion hierher geschickt?«</p> - -<p>Jetzt zuckte der triefende junge Mensch unwillkürlich zusammen. -Das schonungslose Wort schien ihn für eine Weile -zu verdüstern. Schwermütig verzog er die Augenbrauen -und starrte eine Zeitlang auf den braunen Lehmboden zu -seinen Füßen.</p> - -<p>»So müssen Sie meine Tätigkeit nicht bezeichnen, liebes -Fräulein,« sagte er endlich ruhig. »Ich habe es mir gründlich -überlegt, ehe ich mich zur Ausführung dieses Befehls -meldete. Denn es gehört einer dazu, der – –« Hier -stockte der Redende, als hätte er schon zu viel geäußert.</p> - -<p>»Was Fritz, erklären Sie sich deutlicher!«</p> - -<p>Der junge Mann aber warf die Rechte abschneidend durch -die Luft.</p> - -<p>»Nichts,« entgegnete er besonnen und lächelte zuversichtlicher. -»Ich darf selbst Ihnen wirklich nicht mehr verraten, -liebe Johanna. Es geht ganz gegen die Ordre. Aber wenn -Sie vielleicht eine alte Uhr zum Reparieren für meinen -Quartierwirt Adameit mitzugeben haben,« fuhr er mit -gutmütiger Neckerei fort, »dann will ich sie dem alten -Tausendkünstler pünktlich in die Hände liefern.«</p> - -<p>Johanna traute ihren Ohren nicht.</p> - -<p>»Um Himmels willen,« brachte sie mühsam hervor, und -eine jäh aufspringende Angst veranlaßte sie durch die -Lücken des Geästes nach allen Seiten hinauszuspähen, »Sie -glauben doch nicht, daß Sie durch die vielen Tausende hier -ungefährdet bis in die Stadt gelangen werden?«</p> - -<p>»Das hoffe ich allerdings bestimmt,« gab der Sitzende -unerschüttert zurück; »und auf Grund eines von dem -hiesigen Etappenkommandanten ausgestellten Arbeitscheines -<a class="pagenum" id="page_305" title="305"> </a> -werde ich sogar mit den größten Ehren empfangen werden.« -Er fuhr in seine Brusttasche und zog einen Fetzen bestempeltes -Papier hervor. »Sehen Sie, Fürst Dimitri Sergewitsch -Fergussow – hier steht es – bestätigt dem Arbeiter -Paul Bramschek usw. Wenn es nichts Wichtigeres zu verrichten -gäbe, könnte ich sogar hier bleiben und heute nacht -unter Ihrer Obhut diesen russischen Prinzen – –« er -spreizte beide Hände und machte die Gebärde des Erwürgens.</p> - -<p>Johanna wurde dunkelrot.</p> - -<p>»Großer Gott,« flüsterte sie, ohne ihre Besinnung wieder -erlangt zu haben, »Sie müssen hier fort. Denken Sie nur, -welch ein Unglück Sie auf uns alle herabbeschwören könnten.«</p> - -<p>Kaum hatte das Mädchen eine Spur von Besorgnis geäußert, -als der junge Mann sofort seinen Platz auf der -Bank aufgab und sich zum Gehen anschickte.</p> - -<p>»Sie haben ganz recht, Johanna,« pflichtete er ernsthaft -bei, »in der Freude Sie zu sehen und zu hören, hatte ich -ganz vergessen, daß es üble Folgen haben kann, mit mir -in einer Unterhaltung getroffen zu werden. Leben Sie wohl, -Fräulein Grothe, und Sie brauchen keinem zu sagen, daß -ich hier war. Sie verstehen mich, keinem, ohne Ausnahme.«</p> - -<p>Da stieg es heiß in dem großen Mädchen auf. Beide -Hände legte sie dem von Unrat Übergossenen fest auf die -Schultern. Und während ihre ehrlichen Augen die seinen -suchten, preßte sie sich ab:</p> - -<p>»Nein, bleiben Sie noch, Fritz; eines müssen und dürfen -Sie mir anvertrauen: wie steht es bei uns dort draußen? -Müssen wir jede Hoffnung aufgeben, in die gewohnten und -lieben Zustände zurückzukehren? Wann wird das Unheil, -das sich hier breit macht, fortgefegt? Denn es ist ein -Unheil, Fritz, es ist ein großes Unheil.«</p> - -<p>Der in Lumpen und Fetzen gehüllte junge Mensch wandte -sich auf ihren verzweifelten Ruf plötzlich voll zu ihr, und -<a class="pagenum" id="page_306" title="306"> </a> -ein sonderbares Leuchten und Strahlen überglänzte seine -eingefallenen, verhärmten Züge.</p> - -<p>»Fräulein Grothe,« begann er endlich, und er preßte beide -Fäuste zusammen, als könne er die Fülle, die er in sich barg, -nicht anders bändigen, »unsere dünnen Reihen wurden -jammervoll zugerichtet, und wir sind von weiten Landstrichen -verdrängt worden. Aber was sich jetzt bei uns vorbereitet, -glauben Sie mir, das wird und kann nicht fehlschlagen. -Sie werden nicht mehr lange mit Ihrem Prinzen -an einer Tafel sitzen, verlassen Sie sich darauf,« stieß er -heftig hervor, und aus dem verunreinigten Gesicht blitzten -die weißen Zahnreihen so wild und begierig, daß sich Johanna, -um eine unerklärliche Angst niederzukämpfen, die -Hand fest um den Hals spannte.</p> - -<p>»Fritz, wird es bald sein?« fragte sie verwirrt und wandte -ihr Haupt ungewiß nach dem Herrenhaus.</p> - -<p>Der andere zuckte die Achseln, und seine Stimme wurde -immer dunkler und drohender. »Sie werden von uns -hören, Fräulein Grothe, und von mir auch,« setzte er frohlockend -hinzu. »Nein, nein, lassen Sie,« wehrte er ab, -als er merkte, wie das Mädchen noch einmal ihr Drängen -nach seinen Plänen zu wiederholen suchte, »lassen Sie -mich hier in dem Graben entlang waten, so komme ich -am besten um das Gut herum.«</p> - -<p>Damit kauerte er sich wieder an der Erde nieder, bis -seine Füße über die Böschung herabhingen, und während -Johanna gleich darauf den Morast aufspritzen hörte, -wurde unten das Erlengestrüpp noch einmal zur Seite -geschoben, und der kahl geschorene Schädel tauchte abermals -auf.</p> - -<p>»Ich soll noch einen Gruß an Sie bestellen,« klang es -aus dem Wasserlauf empor. »Ich habe Ihren Vetter von -Sorquitten vor wenigen Tagen gesprochen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_307" title="307"> </a> -Da mußte Johanna lächeln. »Ach, Fedor Stötteritz,« -meinte sie gutmütig, »wie geht es dem großen Jungen?«</p> - -<p>»Als ich ihn zuletzt sah, stand er in der Abenddämmerung -unter einem zerschossenen Schuppen neben seinem riesigen -Pferde und rief mir nach, diesmal würden Sie es ihm -wohl nicht übelnehmen, wenn er recht bald mit seinem -lauten Wesen in Maritzken nach dem Rechten sähe. Ich -bitte um Verzeihung, Fräulein Grothe, wenn ich den -Auftrag wörtlich ausrichte, doch ich hoffe, daß er Ihnen -verständlich sein wird.«</p> - -<p>»Ich danke,« entgegnete Johanna beklommen und sah -ernst zu Boden. »Ich verstehe seine Meinung recht gut.«</p> - -<p>Abermals schlug ihr das Herz, und sie begann unwillkürlich -zu lauschen, ob sich auf den Steinen des weißen -Hofes nicht ein silberner Sporenklang melde. Als sie wieder -aufblickte, hatten sich die Zweige zu ihren Füßen geschlossen, -und nichts deutete mehr darauf hin, daß hier vor kurzem -jemand geweilt, der zwischen ihr und der Außenwelt ganz -unerwartet ein paar dünne Fäden geknüpft hatte.</p> - -<hr /> - -<p>Aber die Außenwelt brauste noch auf einem anderen -Wege, gleich Gewitter und Hagelschlag, in den erzwungenen -Frieden von Maritzken und schmetterte die künstlich schlaffe -Ruhe, die hier wie eine kranke Blume aufgeschossen war, -für immer zu Boden.</p> - -<p>Ein Geheul und Gekreisch, das sich unmöglich aus -Menschenlauten zusammensetzte, nein, das vielmehr von bösartigen, -losgelassenen Geistern der Tiefe ausgestoßen schien, -schrillte, pfiff, heulte und wieherte über die Landstraße -und riß das vergrübelte Weib wie mit krallenden Nägeln -aus der kühlen Haselnußlaube heraus. Entsetzt, unfähig, -einen Gedanken zu fassen, stürzte die Herrin von Maritzken -<a class="pagenum" id="page_308" title="308"> </a> -auf ihren Hof. Von allen Seiten flogen die Fenster auf, -scheue, angstvolle Gesichter beugten sich heraus, und alles -starrte auf die Chaussee, wo windschnell ein wüster schwarzer -Haufe vorüberwirbelte. Tier und Mensch ununterscheidbar -durcheinander. Dazwischen Flintenschüsse. Markdurchzitternde, -gellende Hetzrufe. Und alles eingehüllt in eine -dicke und doch blinkende Staubwolke. Gleich darauf schlug -hinter den Bäumen des Parkes eine Feuerlohe in die Höhe. -Von dem leichten Wind getrieben, stoben die Funken über -die Dächer des Anwesens. Durch das Tor aber quollen -junge Weiber herein, hoch aufgeschürzt, die meisten mit entblößten -sonnengebräunten Armen; Mägde des Gutes und -zurückgebliebene Tagelöhnerfrauen, die sich wie verzweifelt -an die hohe Gestalt Johannas drängten als ob sie hier -ihren letzten Rückhalt witterten.</p> - -<p>»Fräulein – Kosaken!«</p> - -<p>»Sie sagen, es sei hier geschossen worden.«</p> - -<p>»Den Laden von Kurra haben sie ausgeräumt und angesteckt.«</p> - -<p>»Ja, und Tilly – Tilly Baumgartner –«</p> - -<p>»Was ist's mit Tilly?« stammelte Johanna betäubt -und griff nach der Schulter einer der Mägde, um sich zu -stützen.</p> - -<p>Da drängte sich die Frau des Verwalters, der seit jener -Ausfahrt nicht mehr wiedergekehrt, aus dem Haufen, -und das Weib raffte sich ihre blaue Schürze vor das Gesicht -und heulte unter dem Leinen hervor:</p> - -<p>»Weggenommen haben sie sie mir, Fräulein, von meiner -Hand gerissen, und mir selbst einen Schlag über die Augen, -daß ich nicht sehen kann.«</p> - -<p>Dann ein Wimmern der Mägde, von draußen herannahendes -Galoppieren, Hetzen und Verwünschungen, und -<a class="pagenum" id="page_309" title="309"> </a> -dicker qualmiger Staub, der über die Mauern des Hofes -rauchte.</p> - -<p>Da – da – durch die Einfahrt schoß es herein – -kleine Pferde, struppig wie nasse Hunde, vornübergebeugte -Reiter, in ihren faltigen Röcken gleich bärtigen Frauen auf -den Tieren hängend, Lammfellmützen tief auf die stieren -Augen gedrückt, schwingende Fäuste, und von den weißen -Mauern zurückgeworfen das wetternde Knallen unzähliger -Peitschen. Jetzt schoß, sprang, wälzte und purzelte es aus -den Sätteln; schon drängte sich das fremde Gesindel durch -alle offenen Türen hinein. Wer ihm in den Weg geriet, -wurde zurückgestoßen, bis er blutend auf das Pflaster taumelte. -Tiefe gurgelnde Laute schienen entsetzliche Drohungen -zu verkünden, und nichts, nichts hemmte die Horde, nichts -wirkte dem sie beherrschenden Trieb entgegen nach Raub -und Plünderung, nach Schandtat und Gewalt. Vergebens, -daß sich im ersten Stock ein Fenster öffnete, und der abgezehrte -Rittmeister Sassin mit wütenden Gebärden etwas -Unverständliches herunterbrüllte, ganz umsonst, daß sich -Johanna toll vor Wut und Scham auf einen schwarzhaarigen -Riesen stürzte, in dessen Armen die kleine Tilly -zappelte, unwürdigen, schmachvollen Liebkosungen ausgesetzt, -umsonst, vergeblich, die Streitenden wurden voneinander -getrennt, alles ging unter in dem brausenden -Strudel, der ungebändigt mit einer irren elementaren Kraft -zwischen den Mauern des eben noch so stillen Anwesens -kochte.</p> - -<p>»Scho–i, scho–i,« schrien die Kosaken, traten Zäune -und Türen ein und hieben mit ihren Peitschen lechzend vor -Irrsinn und Brunst durch die Luft.</p> - -<p>»Der Fürst,« kreischten mitten in dem Graus ein paar -heiser geschriene Frauenstimmen.</p> - -<p>Unter dem Tor hielt eine einzelne Reitergestalt. Die -<a class="pagenum" id="page_310" title="310"> </a> -Rechte hatte sie zum Schutz gegen die Sonne quer über -den Schirm der zerbeulten Mütze gelegt, die Linke, die -den Zügel hielt, spielte gleichzeitig achtlos mit einer reich -vergoldeten Reitpeitsche. Aber die vorgeneigte Haltung und -sein ungläubiges Hinstarren in das quirlende Menschengeschäume -bewiesen, wie auch dem Besitzer des scharrenden -Schimmels alles, was sich da vor ihm abspielte, gleich -der tollen Ausgeburt einer dampfenden Phantasie erschien. -Ganz gebannt schüttelte er das Haupt und zuckte die -Achseln. Sein Anblick jedoch verschaffte Johanna, die, -umrast von dieser nie geahnten Wildheit, ihre klare Vernunft -völlig eingebüßt hatte, die nebelhafte Überzeugung, -der Mann unter dem Tor müsse und würde sie gegen diese -blutdürstigen und fauchenden Tiere schützen oder verteidigen. -Mit übernatürlicher Kraft streifte sie die jammernden Mägde -von sich ab, und es war wirklich die blonde, furchtlose -Walküre, wie sie Dimitri Sergewitsch in den schwülen -Augustnächten immer geahnt, als sie sich mit bebenden -Gliedern von neuem gegen den riesenhaften Bedränger der -kleinen Tilly warf.</p> - -<p>»Fürst Fergussow,« schrie sie dabei mit einer vor Wut -und Scham erstickten Stimme.</p> - -<p>»Hund, ich schieße dir dein Spatzengehirn gegen die -Mauer,« heulte der kranke Rittmeister, von Hustenanfällen -unterbrochen, aus dem oberen Fenster, und seine zitternden -Hände zogen bereits die Sicherung von einer Pistole ab.</p> - -<p>Doch er brauchte sich nicht mehr zu bemühen. Mit einem -kräftigen Sprung setzte der Schimmel des Fürsten in den -auseinanderstürzenden Schwarm hinein, eine zielsichere -Faust riß dem überraschten Riesen die Lammfellmütze vom -Kopfe, und zu gleicher Zeit sauste ein Reitgertenhieb dem -Aufjammernden quer über das Gesicht. Brüllend vor -Schmerz ließ der struppige Kerl sein Opfer fahren, und -<a class="pagenum" id="page_311" title="311"> </a> -es war für alle Zuschauer ein gräßlicher Anblick, wie der -Oberst nun sein Pferd noch einmal gegen den Gebändigten -antrieb, so daß dieser in dumpfem Fall vor die Füße des -Tieres rollte.</p> - -<p>»Du triebst natürlich nur einen kleinen Scherz,« sagte -Dimitri böse und schneidend, und die erwachende Johanna -sah mit Entsetzen, welche grausamen Lichter in den dunkel -gewordenen Augen des Reiters zucken konnten, »nicht -wahr, mein Söhnchen, so war es doch?«</p> - -<p>»Ja, einen Scherz, Väterchen,« jammerte der Gefallene -und streckte in sklavischer Demut beide Hände gegen die -erhobene Peitsche aus, »nichts weiter, als einen Scherz.«</p> - -<p>»Dacht ich's mir doch,« meinte Dimitri höhnisch durch -die ängstliche Stille, welche plötzlich auf dem Hof nach all -dem Lärm entstanden war. Und sich im Sattel umwendend, -sagte er hell und durchdringend, so daß den Kosaken, die -sich scheu an den Wänden herumdrückten, keines seiner -Worte verloren gehen konnte: »Wehe, ihr Kanaillen, wenn -ihr nicht alles, was ihr gestohlen habt, sofort wieder -zurückgebt. Auf den Bäumen dort hat es Platz für viele -von euch. Habt ihr mich verstanden?«</p> - -<p>»Ja, Väterchen, verstanden.«</p> - -<p>»Seid ihr hier einquartiert?«</p> - -<p>»Bis morgen früh,« gurgelte unvermutet eine vor Ingrimm -oder Trunk heisere Stimme in der Nähe des -Fürsten.</p> - -<p>Sie gehörte einem Kosakenrittmeister an, der bis jetzt -einen Besuch in der Schenke abgestattet und nun sein -klepperartiges Pferd am Zügel hinter sich herzog. Das -erste, was der Mann tat, nachdem er sich durch einige -Stöße in den Kreis hineingeschoben, bestand darin, daß -er dem noch immer auf den Knien verharrenden Kosaken -einen heftigen Fußtritt in die Seite versetzte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_312" title="312"> </a> -»Was ist hier geschehen?« forschte er und stampfte grob -auf den Steinen herum. »Ich frage, was hier geschehen -ist? Ich war dienstlich verhindert, Herr Kamerad.«</p> - -<p>Der Fürst jedoch schien keinen Wert auf die Zusammengehörigkeit -mit dem Sohn der Donschen Steppe zu legen. -Er ließ einen hochmütigen Blick über das brandrote Habichtsgesicht -des Reiters hinweggleiten und sagte sehr ruhig:</p> - -<p>»Oh nichts, was bei Ihren Formationen zu dem Auffallenden -gehört. Aber ich möchte Ihnen doch empfehlen, -Herr Rittmeister, Ihre Leute, so lange sie uns das Vergnügen -schenken, in den Stall zu komplimentieren.«</p> - -<p>»In den Stall?« brummte der andere, die Fäuste -ballend; da er aber nicht wagte, gegen den vorgesetzten -Gardeoffizier ausfällig zu werden, so versetzte er wenigstens -dem liegenden Mann einen neuen Stoß, um ihn dann an -den Ohren empor zu reißen. »Pack dich, Wassily, du -Schuft! Was liegst du hier wie ein krankes Schwein -herum? Was soll man von dem Beispiel denken, das -ich Euch gegeben? Was soll man denken, frage ich? Warte, -mein Guter, wir sprechen uns noch.«</p> - - - - -<h3>III.</h3> - - -<p>Die Menge hatte sich verlaufen, das Gutsgesinde war -zu seiner gewohnten Beschäftigung zurückgekehrt, nur Johanna -und der Oberst weilten noch auf dem Hofe.</p> - -<p>»Sie sehen auffallend blaß aus, mein Fräulein,« hörte -die Gutsherrin ihren Gefährten im Ton aufrichtigen Mitgefühls -beginnen; und als sie in ihrer gelähmten Haltung -verharrte, fügte er ehrerbietig hinzu: »Sie können mir -glauben, daß mich nur die Besorgnis zu dieser Bemerkung -veranlaßt. Vielleicht würde Ihnen ein Spaziergang hier -im nahen Walde wohltun. Für diesen Fall hebe ich selbstverständlich -<a class="pagenum" id="page_313" title="313"> </a> -mit Vergnügen das Verbot Ihrer Bewegungsfreiheit -auf, und um Sie vor weiteren Belästigungen zu -bewahren, biete ich Ihnen gern meine eigene Begleitung -an. Sie sollten es wirklich nicht abschlagen,« vollendete -er ganz treuherzig.</p> - -<p>Zum erstenmal hatte dieser in der glatten Rede des -Salons verstrickte Mann wie ein wohlwollender Mensch -gesprochen, dem die Not eines Mitgeschöpfes die Seele -erschreckte. Und Johanna atmete auf, und über ihre versteinten -Züge huschte es wie von Befreiung und Erlösung. -Gottlob, endlich nach den langen Tagen der erzwungenen -Beschränkung sollte jetzt eine Stunde folgen, die es ihr -ermöglichte, die so schmerzlich entbehrte Wanderung über -den heimatlichen Boden genießen zu können. Oh, welchen -Dank sie demjenigen schuldete, der ihr jenes unerwartete -Geschenk darbot. Jedem anderen hätte sie in leidenschaftlicher -Wallung und mit ihrem klaren, unversteckten Lachen beide -Hände geschüttelt. Hier aber wagte sie nur zustimmend das -Haupt zu neigen, und doch berührte es sie eigenartig wohltuend, -als sie bemerkte, mit welcher Freude der fremde -Offizier dieses leise Zeichen ihrer Bereitwilligkeit auffing.</p> - -<p>»Wahrhaftig?« rief der Fürst ganz erstaunt, »Sie hegen -keine Bedenken? Ah, meine Gnädigste, Sie vergeben mir -gewiß, wenn ich heimlich denke, daß Sie sich dann wirklich -durch das abscheuliche Gebaren dieser Steppenreiter im -hohen Grade angegriffen fühlen müssen.«</p> - -<p>»Sie dürfen darüber nicht spotten,« entgegnete Johanna -befangen, weil es das erste Mal war, daß sie mit dem -schönen jungen Mann andere Dinge als die des täglichen -Unterhalts verhandelte. »Ich war auf die Schrecken des -Krieges gefaßt und bin auch imstande, sie zu ertragen, -aber eine derartige Raserei –«</p> - -<p>»Leider kann ich Ihnen keineswegs widersprechen,« unterbrach -<a class="pagenum" id="page_314" title="314"> </a> -Dimitri Sergewitsch hastig, denn ihm lag alles daran, -die Blonde von dem eben erduldeten Überfall abzulenken. -»Sie werden verstehen, was es mich kostet, wenn ich Ihnen -versichere, wie sehr ich und viele andere Kameraden, die -wir den Europäer-Standpunkt nicht aufzugeben gewillt -sind, von dem Treiben jener Stämme innerlich angewidert -werden. Aber fort damit,« suchte er von dem bedenklichen -Gegenstand loszukommen, »ich bin heute früh schon durch -Ihre herrlichen Buchenwälder geritten, und es bereitet mir -eine wahrhafte Genugtuung, Ihr Wiedersehen mit diesen -frischen und geheimnisvollen Gründen vermitteln zu dürfen. -Sehen Sie, ich kann sogar schon jetzt die schönsten Grüße -von dort an Sie bestellen.«</p> - -<p>Lebhaft riß er aus seinem Wams ein kleines Skizzenbuch -hervor, und Johanna, die einen raschen Blick über seine -Schulter warf, stieß unwillkürlich einen Laut des Erkennens -aus. In einer ganz feinen, schattenhaften Manier, worin -Licht und Luft mehr festgehalten waren, als der darzustellende -Gegenstand, erhob sich auf dem Blatt mitten auf -einer dunklen Waldwiese ein ungeheurer geborstener Buchenstamm, -an dessen Ästen unzählige Heiligenbilder, Glasherzen -und Kränze als Weihegeschenke aufgehängt waren.</p> - -<p>»Ah, der Sankt-Annen-Baum,« stellte Johanna überrascht -fest. »Wie zart und fein Sie das getroffen haben.«</p> - -<p>Der Oberst zuckte die Achseln, verbeugte sich jedoch leicht.</p> - -<p>»Was wollen Sie!?« meinte er gleichgültig, »die Frucht -und der Überrest der vielen Lieblingsbeschäftigungen, die -eine Petersburger Wintersaison so mit sich bringt. Man -darf gar nicht daran denken, wieviel Zeit und Jugend man -so tatenlos verschleuderte. Aber, mein gnädiges Fräulein,« -entraffte er sich elastisch derartigen Vorstellungen, und seine -edlen Züge strahlten wieder jenen das Gutsfräulein so -verwirrenden Glanz, »wozu Reue und Selbstzerfleischung -<a class="pagenum" id="page_315" title="315"> </a> -an einem herrlichen Ferientag? So fasse ich nämlich unseren -Ausflug auf. Benötigen Sie vielleicht noch einen Sonnenschirm, -den man herbeischaffen müßte?«</p> - -<p>Johanna schüttelte das Haupt, doch konnte sie es nicht -hindern, daß ein Lächeln ihre Lippen öffnete. Die Nonne, -die ihre Tage der Arbeit verschrieben, entäußerte sich plötzlich -der ihr anhaftenden Herbheit und sah frisch und gesund und -genußfähig aus. Ganz versonnen starrte sie der Fürst an.</p> - -<p>»Wo denken Sie hin, Durchlaucht,« meinte sie gutmütig, -während sie sich bereits zum Gehen anschickte, »ein Landmädchen, -wie ich, das hie und da selbst mit anfaßt, das -fürchtet keinen verbrannten Teint. Übrigens tut mir die -Sonne auch nichts,« setzte sie hinzu und zeigte ihm ein -Antlitz, dessen lichte Reinheit weder durch ein Mal noch durch -ein Sonnenpünktchen verunziert war. »Wollen wir durch -das Tor?« fuhr sie innehaltend fort.</p> - -<p>»Nein, bitte nicht dort hinaus,« weigerte sich der Fürst -mit auffallender Lebhaftigkeit. »Sie könnten dort manches -sehen, was Sie zu unangenehm an meine und meiner Landsleute -Anwesenheit erinnert. Ich möchte Ihnen heute gar -zu gern ein paar Potemkinsche Dörfer vorspiegeln. Kommen -Sie, wir schreiten lieber hier an dem Graben entlang und -wenden uns dann über die kleine Brücke.«</p> - -<p>Bald darauf war das Paar von den dunklen Schatten -des Haselnußgehölzes umhüllt, und Johanna mußte unwillkürlich -den Blick zu Boden senken, als sie die Bank -gewahrte, auf der noch eben der junge verdüsterte Preuße -ihr seine Pläne enthüllt. Ihr fiel wieder die spreizende Bewegung -seiner Hände ein, da er davon gesprochen, wie leicht -ein Kühner unter der Obhut der Hausherrin den hier befehlenden -Etappenkommandanten in den ewigen Schlummer -senden könnte. Und unbewußt trieb sie den ahnungslos -neben ihr Schreitenden zu größerer Eile an.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_316" title="316"> </a> -Wirklich, es war ein erquickendes Wandeln unter dem -niedrigen Laubdach zur Seite des abgemähten Feldes, über -dem die Sonnenstrahlen tanzten und funkelten. Anmutig -jeder vorspringenden Baumwurzel ausweichend, schritt ihr -Dimitri Sergewitsch voran, und in einer so selbstvergessenen -Lust befand sich Johanna, daß sie rückhaltslos die elegante -Geschmeidigkeit seiner Glieder bewunderte. Wie sorgsam -und mit wieviel Aufwand von Zeit und Bedienung der -vornehme Herr gewiß seinen Körper gepflegt hatte. Wie -blendend weiß und geschont sich auch jetzt mitten im Waffenhandwerk -seine schmalen Hände darboten. Und Johanna -empfand fast eine Art von naiver Hochachtung vor jenen -Bevorzugten, die ihrer Gesundheit so unablässig zu dienen -suchten. Und dieser kräftige, unermüdliche Mensch, der wie -ein lebendes Kunstwerk ohne sichtbare Unebenheiten und -Fehler durch die Schöpfung schritt, er sollte nach den häßlichen -Geständnissen des Rittmeisters Sassin ein Frühverdorbener, -ein Angefressener und Vergifteter sein?</p> - -<p>Schaudernd strich sich das Mädchen eine blonde Haarsträhne, -die im Winde flatterte, aus der Stirn, und sie -beschloß – für heute wenigstens – all diese unsauberen -Gedanken zu verbannen. Ihre alte Willensstärke kam -ihr wieder, als sie sich eingestand, daß es sie ja im Grunde -gar nicht berührte, aus welchen Erfahrungen der Charakter -des Fremden zusammengeschossen sei. Nein, für den Augenblick -brauchte sie sich nur dem frohen Gefühl hinzugeben, -aus dem unsichtbaren Kerker, der ihr so unerwartet geöffnet -wurde, mit dankbarem Gemüt herauszuschreiten und -sich der kurzen Stunde der Freiheit mit aufnahmefähigen -Sinnen zu freuen.</p> - -<p>Und das tat sie.</p> - -<p>Heute bewunderte sie jedes wilde Brombeergestrüpp, das -sich im Vorbeistreifen an ihr Gewand nistete, und hie -<a class="pagenum" id="page_317" title="317"> </a> -und da bückte sie sich, um eine rötliche Hagebutte neugierig -zu mustern. In dem Haselnußdach über ihr schwirrten -junge, grünweiße Meisen herum, sie hingen sich an die -Äste und übten lautlos ihre schwierigen Kletterkünste. Und -das Landfräulein staunte die Tierchen an, als ob sie die -wilde Schar heute das erste Mal sähe. Helle Lichtpunkte -tröpfelten durch das Blätterwerk hindurch und tanzten, -glitten und zitterten ihr fröhlich über das Haar und den -unbedeckten Hals. Als sich der Fürst einmal umwandte, -erschrak er fast. Das Weib, das hinter ihm herschritt, -leuchtete und funkelte so eigentümlich, daß ihm das Wort -auf der Lippe erstarb. In dem grünen Dämmer wandelte -die hohe Gestalt, umflossen von der ihr anhaftenden Frische -und Reinheit, und wieder schien es dem Beobachter, als -ob er dieses unberührte Menschenkind durchaus nicht in -den ihm gewohnten wilden Reigen einzuordnen vermöchte. -Fast beschämt kehrte er sich ab, um ihr von neuem durch -den schmalen Gang voran zu eilen. In weiter Biegung -schlängelte sich der Weg um das Feld herum, um endlich -breiter und breiter zu werden, bis sich das Gebüsch allmählich -in den herantretenden Buchenwald verlor. Hier -spürte man nichts mehr von der Hitze des Tages. Zwischen -den matten, grauen Stämmen hing ein unsichtbarer Flor -herab, hinter dem alles Gegenständliche verdämmerte und -verschwamm. Geräuschlos flirrte das feine Spiel der -Blätter, rechts und links über die Waldwege zogen sich -die glitzernden Fäden der Spinne, grüne Fliegen hingen in -der Luft und zuckten plötzlich wieder davon, und der ganze -ungeheure Wald war erfüllt von Schläfrigkeit und einem -ewig auf- und absteigenden Summen. Von Zeit zu Zeit aber -wichen die Riesenbäume weit auseinander, und hohe, ungeheure -Hallen empfingen die Wanderer unter grünen, -leise schwankenden Kuppeln.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_318" title="318"> </a> -Mitten auf einer der Waldwiesen träumte die Sankt-Annen-Buche, -unter deren weit ausladenden Ästen unzählige -Betrübte schon in frommer Einfalt gekniet hatten. -Johanna lehnte sich leicht an den grauen, vielnarbigen -Stamm und blickte zu einem Perlenstern empor, auf dessen -grünem Untergrund eine zitternde Hand nichts als die -Worte gezeichnet hatte: »St. Anna hilf uns!« Nie zuvor -war von der Gutsherrin diese Spende gesehen worden. -Sie bedeutete wohl einen Notschrei aus schlimmer Zeit. -Wer konnte wissen, zu welch entwürdigender Arbeit die -emsigen Hände von fremden Einlagerern schon verurteilt -waren.</p> - -<p>Johanna atmete schwer und rührte sich nicht.</p> - -<p>So vermochte sie nicht wahrzunehmen, wie Fürst Dimitri, -nachdem er eine geraume Weile die Unbewegliche unter -dem grünen Buchenmantel in künstlerischem Genießen gemustert, -verstohlen sein Skizzenbuch hervorzog und mit -fliegenden Strichen das strenge Bild festzuhalten strebte. -Erst eine rasche Bewegung verriet ihn. Sofort trat das -Mädchen zurück, jedoch nur, um sich auf einen abgehauenen -Baumstumpf niederzulassen, wo sie den Blicken des Beobachters -nicht mehr ausgesetzt war. Doch mit keinem -Wort tadelte sie die Freiheit, die sich ihr Gefährte genommen. -Dazu wurde sie zu sehr, – trotz eigener Entfernung -von der Kunst, – durch die Ehrfurcht vor allem -Können beherrscht.</p> - -<p>»Schade,« bedauerte Dimitri Sergewitsch leise.</p> - -<p>Allein auch er kam durch keine Andeutung auf seinen -vereitelten Wunsch zurück.</p> - -<p>Mit ein paar respektvollen Worten bat er, sich auf einer -Mooserhöhung lagern zu dürfen, und als ihm dies freundlich -gewährt war, da ließ sich der Oberst auf dem Erdbuckel -nieder, ohne sich jedoch auszustrecken oder irgendwie eine -<a class="pagenum" id="page_319" title="319"> </a> -lässige Haltung anzunehmen. Die Vornehmheit seiner Gewohnheiten -oder Erziehung äußerte sich eben ganz ungezwungen -in jeder Lage. Und doch – trotz dieser Rücksicht -– empfand es Johanna schmerzlich, als sich die -fremde Uniform mitten zwischen den Farrenkräutern und -Gräsern abzeichnete. Die umfriedete Ruhe des deutschen -Waldes schien ihr dadurch gestört. Und ihr Blick heftete -sich gezwungen auf ein kleines blaues Ordenskreuz, das -der Offizier dicht unter dem Halskragen befestigt trug.</p> - -<p>»Das ist wohl eine hohe Auszeichnung?« fragte sie -endlich trotz inneren Zögerns.</p> - -<p>Der Fürst nahm seine Mütze von den braunen Locken, -zuckte die Achseln, und seine Hand begann mit der blauen -Dekoration ohne große Wertschätzung zu spielen.</p> - -<p>»Ich empfing das Ding,« äußerte er, »zum Fest der -heiligen Wasserweihe. Irgendein Verdienst wurde meines -Wissens damit nicht belohnt.« Und wieder ließ er das -blaue Kreuz durch seine Finger schnellen.</p> - -<p>Heilige Wasserweihe?! Wie unbegreiflich fern und einem -anderen Volke angehörig doch die Bezeichnung jenes Festes -hier unter den grünen Buchen klang. Und dadurch hervorgerufen -stieg dem blonden Mädchen die Erinnerung auf, -wie ihr Gefährte ja seinem Glauben nach einem bunten -geheimnisvollen Ritus huldige, der seine Bekenner durch -düsteren Pomp viel mehr an Orient und Osten knüpfte, -als an das wunderlose, begriffsscharfe Europäertum. Ein -zu seltsamer Gedanke, wenn man sich den distinguierten -Mann betrachtete, der sich in nichts anderem von den ihr -bekannten Herren unterschied, als durch die edle Regelmäßigkeit -seiner Gesichtszüge und die schwermütige Schönheit, -die über ihnen ausgebreitet lag.</p> - -<p>Merkwürdig, auch der Fürst schien sich ähnlichen Vorstellungen -über das, was Völker trennen und verbinden -<a class="pagenum" id="page_320" title="320"> </a> -konnte, hinzugeben. Er hielt das schmale Haupt erhoben -und verfolgte die Sprünge eines schwarzbraunen Eichkätzchens, -das ohne einen Begriff von der Heiligkeit der -Stätte in den oberen Ästen der Sankt-Annen-Buche herumturnte. -Manchmal auch setzte es sich, so daß die Ruthe feinfaserig -herabhing, um nach den beiden Menschen zu äugen, -die in dieser grauen Ruhe der Baumriesen zu atmen und zu -sprechen wagten.</p> - -<p>»Welch unbegreifliche Grenzscheiden die Menschen sich -doch errichten,« begann der russische Offizier endlich seinen -Gedanken Ausdruck zu verleihen. »Das Trennende liegt -mehr in unserem Gehirn und richtet dort Unheil an. Sehen -Sie, verehrtes Fräulein, auf meinen Gütern, die gar nicht -weit von Petersburg liegen, da gibt es Wälder von ganz -gleicher Stille und Unberührtheit wie dieser hier. Ich bin -Tage und Nächte lang durch sie hindurch geritten, und -manchmal nach einer töricht durchschwärmten Zeit konnte -ich jubeln gleich unseren kleinen uniformierten Ferienschülern, -denn mich empfing in den stillen Gründen stets -das Gefühl, als ob ich in die reinigenden Arme einer -Mutter zurückkehrte. Und hier –?« Er schüttelte das -Haupt und sah sich mit einem langen verwunderten -Blick um.</p> - -<p>»Nun, und hier?« fragte Johanna von ihrem Baumstumpf -aus beklommen.</p> - -<p>Er zuckte die Achseln und riß ein paar Halme von seinem -Lager aus.</p> - -<p>»Hier ist die Fremde. Ich weiß nicht, wie es kommt – -obwohl ich, wie Sie vielleicht schon bemerkten, gar keinen -so recht innerlichen Anteil nehme an dieser Völkerabrechnung, -weil ich zu jenen gehaßten Kosmopoliten gehöre, wurzellosen -Weltbürgern, von denen die Oberschicht Rußlands -voll ist – es verschlägt alles nichts, in dem Gehirn sitzt -<a class="pagenum" id="page_321" title="321"> </a> -einmal der harte Begriff: hier ist die Fremde, hier wohnt -der Feind, die erklärungslose Antipathie.«</p> - -<p>Er wartete einen Augenblick, und da Johanna nichts -erwiderte, fuhr er ruhig fort:</p> - -<p>»Ich könnte mir ganz gut vorstellen, daß alle diese -bewegungslosen Stämme um uns herum Ihre Gestalt angenommen -hätten, mein Fräulein, und daß sie einen Arm -starr nach mir ausstreckten, um mir zuzurufen: ›Du gehörst -nicht hierher. Wir sind deutsche Bäume und wollen einen -Slawen lieber unter uns begraben sehen, als ihm Schatten -und Erquickung spenden‹. Habe ich das Gefühl Ihres -Waldes richtig getroffen?«</p> - -<p>Ein Schrecken durchrann Johannas Glieder, als ihr -Gefährte so sicher ihre heimlichsten Wünsche zerfaserte.</p> - -<p>»Ich dachte nicht immer so,« sagte sie an sich haltend, -während ihre blauen Augen den Hingestreckten mit ihrem -glasklaren und doch nicht warmen Leuchten umspannten.</p> - -<p>Jetzt lächelte der Fürst. Es war ein feines, verständnisvolles -Lächeln, das den Welt- und Menschenkenner verriet.</p> - -<p>»Selbstverständlich,« entgegnete er, »ich zweifle nicht -im geringsten daran, daß Ihre Abneigung gegen uns -erst entstand, nachdem Sie die dunkelsten Seiten unseres -Volkstums gegen sich selbst gerichtet spürten. Unser plumpes -Kraftbewußtsein, eine täppische, kindliche Zerstörungswut -und die finstere Nacht unserer erschreckenden Unbildung. -Ich weiß, Germanien betrachtet sich uns gegenüber häufig -als eine Herrin und das umliegende slawische Land als -ihren Knecht. Auch Sie sind solch eine Herrin,« setzte -er bedeutungsvoll hinzu.</p> - -<p>Johanna starrte ihn an. Sie begriff durchaus nicht die -Gelassenheit, mit der der fremde Aristokrat mitten in dem -großen Streit von seinem eigenen Volke sprach. War das -Falschheit? Oder wollte er ihr einen Fallstrick legen, weil -<a class="pagenum" id="page_322" title="322"> </a> -er ihre leidenschaftliche Hingabe an ein furchtloses Bekennertum -kannte? Wie war solch gleichgültige Kritik überhaupt -möglich? Es klang, wie wenn ein gänzlich Unbeteiligter -über einen Tausende von Meilen entfernten Stamm zu urteilen -hätte. Immer unbegreiflicher wurde ihr der fremde -Mann, und sie glaubte, daß jetzt die letzten von den Banden -rissen, die zwei Angehörige derselben Artung sonst verknüpfen.</p> - -<p>»Fremd – fremd,« mahnte es in ihr.</p> - -<p>Und dann – wie furchterregend! Der Fürst schien schon -wieder den versteckten Spuren ihrer Überlegungsreihen gefolgt -zu sein. Ohne Zorn, nur mit einer Bewegung des -Besserunterrichteten, erteilte er ihr auf ihre stillen Einwände -die Antwort:</p> - -<p>»Ich merke, Sie finden es verächtlich, mein gnädiges -Fräulein, weil ich Ihnen so schonungslos über meine -Volksgenossen berichte. Aber glauben Sie mir, darin liegt -gerade die tiefe Tragik unseres Riesenreiches. Nirgends in der -Welt leben der wirkliche Adel und die Oberschicht derartig -von der dunklen Masse getrennt, ja durch unüberbrückbare -Ströme geschieden, wie bei uns. Wir, die wir das Volk -leiten und befehligen, sind im Grunde wurzellose Menschen; -ich möchte beinahe sagen ohne festen Wohnsitz. Unsere -Kleidung ist die englische, unsere Sprache die französische, -und unser Bildungsdrang, wenigstens bei den Besten von -uns, geht nach dem Deutschen. Wir wohnen gewissermaßen -nur auf Besuch unter den Unsrigen, denn unsere -größte Anregung und die tiefste Befriedigung unserer Nerven -finden wir in den großen Städten des Westens. Wenn -Sie vielleicht einwenden, daß gerade wir es sind, die eine -allumfassende nationale Strömung erweckten, so muß ich -Ihnen hier unter uns und einigermaßen beschämt bekennen, -daß dies im Grunde nur eines der geistigen Mittel -<a class="pagenum" id="page_323" title="323"> </a> -ist, durch die wir die unruhige, an religiösen Qualen leidende -Menge am Zügel halten. Uns selbst aber wäre ein -weiteres Überwiegen slawischen Einflusses direkt unbequem. -Denn es würde uns allmählich an dem Auskosten aller -feineren Genüsse hindern. Sie sehen also, mein Fräulein,« -schloß der Fürst immer mit derselben schonungslosen -Offenheit, »von welchem Zwiespalt die leitenden Männer -bei uns ergriffen sind und zu welchen peinigenden Lügen -sie ihre Zuflucht nehmen müssen, wenn sie nach außen hin -das Gegenteil verkünden. Glauben Sie mir, mit diesen -widersprechenden Gefühlen sind wir auch in den Krieg -gezogen, für den uns das große Schlagwort, die berauschende -Phrase absolut mangelt. Ganz abgesehen davon, -daß wir uns aus einer Reihe unvermischter, meistens -unterworfener Stämme zusammensetzen, deren Wünsche -und Ziele weit auseinander streben. Und doch lieben wir -diese unglückselige Heimat und beweinen sie.«</p> - -<p>Johanna schlug das Herz. Ihr war es, als hätte hier -ein sehr Unglücklicher gesprochen. Ein Mensch, der sich im -heftigsten Streit von einer armen, ungebildeten Familie -gelöst und der doch die Zusammengehörigkeit, unter der -er litt, nicht vergessen konnte. Und als ihr norddeutsch -kühles Auge jetzt auffing, wie gelassen ihr Gefährte auf -seinem Mooshügel saß, mit der schmalen Hand spielerisch -über die Gräser streichend, als wenn er eben das Allergewöhnlichste -und Selbstverständlichste offenbart, da ergriff -sie plötzlich eine stechende Sorge um den schlanken Mann, -mütterlich fast, wie sie immer gewohnt war, sich mitzuteilen. -Daneben aber rang in ihr die Angst, ob es ihrer -auch würdig sei, dem Gegner, der doch bedenkenlos das -Schwert geschwungen, ein Zeichen des Trostes zu gönnen.</p> - -<p>»Gottlob,« sagte sie endlich, »wir können uns in eine -solche Zerrissenheit gar nicht hineindenken.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_324" title="324"> </a> -Es sollte eine Teilnahme bedeuten, und sie ahnte nicht, -wie preußisch kühl und überhebungsvoll ihre Rede ausgelegt -werden konnte. Über die Lippen des Russen wehte -auch sofort ein leicht mokanter Zug, um jedoch bald einem -trüberen Ausdruck zu weichen. Und jetzt – das Mädchen -griff fest nach dem Baumstumpf, auf dem es saß – jetzt -schimmerte in den Augen des Mannes wieder jene -Schwermut, die Johanna so oft an dem Bilde in ihrer -Schlafkammer beobachtet. Wenn sie sich an diese Ähnlichkeit -erinnerte, dann schwand jedesmal alle Beherrschung -von ihr, und fröstelnd empfand sie, daß etwas Altes, längst -Bekanntes zwischen ihnen beiden walte. Sie wollte sich dagegen -wehren, aber der bindende Zauber spann ungehindert -herüber und hinüber. Dazu strich ein Rauschen durch die -Wipfel der Buchen, rötliche Blätter wirbelten durch die -graue Dämmerung, und ganz hinten in dem jungen Gehölz -neigten sich die dünnen, armstarken Stämme kosend -gegeneinander.</p> - -<p>»Wie scharf Sie beobachten können,« kehrte Dimitri -fast gewaltsam zu dem verlassenen Gespräch zurück, und -dabei bettete er sich den von der Schulter herabhängenden -Säbel quer über die Knie, »Sie gebrauchen gerade das -richtige Wort, liebes Fräulein: Zerrissenheit. Sie ist unser -schlimmster Feind. Ich meine nicht die politische, sondern -die innere, die leider ein durchgehender Zug unseres Charakters -ist und durch Bildung oder Gelehrsamkeit nur noch -verstärkt wird. Ich fürchte fast, daß ich Ihnen selbst die -Grundlage für Ihre Behauptung lieferte.«</p> - -<p>Da erblaßte Johanna.</p> - -<p>»Durchlaucht,« sträubte sie sich, »Sie scherzen wohl nur. -Wie hätte ich mich mit irgend etwas, was Ihre Lebensgewohnheiten -oder Ihren Charakter betrifft, beschäftigen -können?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_325" title="325"> </a> -Der Russe ließ die goldene Troddel seines Wehrgehenkes -achtlos durch seine Finger gleiten.</p> - -<p>»Ach ja, gewiß. Verzeihen Sie, wenn ich mich einer -Täuschung hingab. Wir betrügen uns alle gern. Aber Sie -hätten vollkommen recht. Der innere Widerspruch verzehrt -uns. Und ein Grauen überfällt die meisten, die ihn zu sehen -vermögen. Nehmen Sie an, ich spräche von guten Freunden -von mir. Es sind Leute, die sich beharrlich weigern, -auf der Jagd ein Reh oder einen Hasen zu töten, weil sie -in dem Pulsschlag des Wildes den ihrigen zu vernehmen -glauben. Mitleidende in der großen Trauer des Lebens. -Und dieselben Leute fühlen rieselnde Schauer der Wollust, -jetzt, da der Krieg sie zwingt, ihre Säbel durch weiche -Gehirne sausen zu lassen.«</p> - -<p>»Nicht doch,« stammelte Johanna, vor deren Augen -es dunkelte, und griff nach dem Stamm der Buche.</p> - -<p>»Doch, doch,« hörte sie ihren Gefährten durch den grauen -Dämmer hindurch beharren. »Es sind dieselben Leute, die -sich am Morgen, von einer jagenden Angst getrieben, in -die Untiefen der Religion stürzen. Mittags hängen sie mit -geschlossenen Augen am Seil einer philosophischen Morallehre, -damit sie die unter ihnen schäumenden Wogen des -Lebens nicht zu sehen brauchen, und abends werden jene -Menschen von irren Krämpfen nach Sinnenlust und Ausschweifungen -geschüttelt! Können Sie diesen echt russischen -Gegensatz auch nur fassen, mein Fräulein?«</p> - -<p>Der Sprechende stieß die Säbelscheide in den Waldboden, -warf kleine Moosbrocken in die Höhe und wandte sich ab, -um die Rufe des Kuckucks zu zählen. Alles Gebärden eines -Menschen, der nichts getan, als daß er über einen bekannten -und keineswegs beunruhigenden Gegenstand geplaudert. -Seine Zuhörerin jedoch wurde von einer auffallenden Blässe -bedeckt. Mehrfach setzte sie an, um sich von ihrem Platze -<a class="pagenum" id="page_326" title="326"> </a> -zu entfernen. Unerträgliche Dinge hatte sie unter dem heiligen -Baum gehört, verworfene Bekenntnisse, die den Redner -gewiß näher angingen, als er zugeben wollte. Der Fürst -aber – als wenn er es geahnt hätte – riß die Überlegende -sofort wieder in seinen Wirbel zurück.</p> - -<p>»Machen wir es kurz,« meinte er in seinem anmutigen -Akzent: »die Intelligenz Rußlands ist ein ungeheurer -Kessel. Schwarz und weiß, Heiligkeit und Verbrechen, -Schlaffheit und Wut, Güte und Bestientum, Keuschheit -und Raserei, alles kocht in ihm durcheinander. Und eines -Tages werden die zischenden Blasen überbrodeln, und der -Kessel wird voll Blut sein. Im ganzen ein widerliches -Gericht. Widerlich,« wiederholte er und machte eine Bewegung -mit der Hand, als wenn er von seinem Waffenrock -eine häßliche Spinne abschleudern müßte; »grauenhaft, -wenn man ernstlich daran denkt. Denn es gibt dafür -keine Erlösung. <i>Mon dieu</i>,« lachte er plötzlich und breitete -beide Arme aus, »bestes Fräulein, können Sie vergeben, -daß ich Sie mit diesen urslawischen Tollheiten so sehr -langweilte?«</p> - -<p>Leichtfüßig schritt er auf sie zu, kreuzte die Arme auf -den Rücken und lehnte sich dann dicht bei ihr an den -Stamm der heiligen Buche. Seine Mütze hatte er auf -dem Mooshügel liegen lassen, und so fielen ihm die braunen -Locken wellig über die Stirn. Mit offenem Wohlgefallen -glitten seine Blicke an der kräftigen Gestalt des Mädchens -herab.</p> - -<p>»Es ist sonderbar,« sagte er endlich mehr zu sich selbst, -»ein so starkes, unbeirrtes Weib in seiner Nähe zu wissen. -Man glaubt förmlich die Gesetzmäßigkeit eines solchen -Lebens zu hören.«</p> - -<p>Er tat noch einen weiteren Schritt gegen sie. Zögernd -streckte er die Hand nach dem Mädchen aus, als ob er -<a class="pagenum" id="page_327" title="327"> </a> -bittend ihre Rechte berühren wollte. Johanna aber, obwohl -sie flammend rot wurde, regte sich nicht. Da ließ der -fremde Offizier seinen Arm sinken.</p> - -<p>»Würden Sie mir nicht entdecken,« fuhr er ermunternd -fort, ohne die Abweisung weiter zu berücksichtigen, »wie -Sie zu dieser Festigkeit gelangten? Ihre innere Ruhe -wirkt unbeschreiblich wohltuend. Sie sind jung – ich -will Ihnen weiter keine Komplimente machen – aber wie -konnten Sie so viel drückende Pflichten auf sich nehmen? -Die Bewirtschaftung Ihres Gutes, den Schutz für Ihre -Schwestern und jetzt sogar den Widerstand gegen uns? -Soviel Sammlung bei einer Frau ist wohl auch in Ihrer -Heimat selten. Ich wäre außerordentlich dankbar, wenn -Sie mir einen Einblick gestatteten.«</p> - -<p>Aber Johanna verzog die Stirn.</p> - -<p>»Empfinden Sie wirklich ein Interesse für meine Familiengeschichte?« -wies sie ihn ab. »Man wird eben das, -wozu die Verhältnisse uns stempeln.« Und etwas freundlicher -setzte sie hinzu: »Ich glaube, Sie haben dies auch -an sich selbst erfahren.«</p> - -<p>Jetzt verschränkte der Fürst die Hände über der Brust -und nickte leicht.</p> - -<p>»Ja,« gab er nachdenklich zurück, »mein Schicksal war -Reichtum, Verwöhnung und Nichtstun.«</p> - -<p>»Und meines,« erwiderte das Mädchen herb, »Not, -Widerspruch und Arbeit – viel Arbeit.«</p> - -<p>»Leben Ihre Eltern noch?« fragte der Russe nach einer -langen Pause.</p> - -<p>»Unsere Mutter ist tot. Sie liegt hier auf dem Friedhof, -auf dem neulich Ihre Pferde angebunden standen.«</p> - -<p>»Hm, ich ersehe daraus wenigstens zu meiner Freude, -daß Ihr Herr Vater – –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_328" title="328"> </a> -Johanna ballte die Faust. Wieder riß sie etwas von -dannen. Sie war empört, weil der Fremde keine Ruhe gab.</p> - -<p>»Es ist kein Anlaß zur Freude,« stieß sie im Zorn hervor, -»mein Vater verbringt seine Tage in der Landes-Irrenanstalt, -nachdem er vorher entmündigt wurde.«</p> - -<p>»Ah, <i>mille pardons</i>,« versetzte der Russe betreten.</p> - -<p>Mit vorgestreckter Hand zog er sich mehrere Schritte -zurück, denn ihn leitete der Instinkt, er hätte sich schon zu -nahe an den Kreis ihrer Erinnerungen herangedrängt. Geräuschlos -raffte er seine Mütze auf, und als er sich umwandte, -hatte sich auch die Blonde erhoben. Ihre Blicke -ruhten noch grübelnd auf dem Moos und den Farrenkräutern -des Waldbodens, als könnte sie sich von dem -zuletzt Heraufbeschworenen nicht trennen.</p> - -<p>»Jetzt können Sie sich zusammenreimen, wie alles gekommen -ist,« sagte sie bitter, und dabei schüttelte sie sich -unwillig, wie jemand, der nur gezwungen zu einem Geständnis -hingerissen wurde. »Kommen Sie, ich will nach -Hause.«</p> - -<p>Langsam, nebeneinander, verließen sie den grünen Hain.</p> - -<p>Aber es war nicht mehr dieselbe Gegend, die sie vor -Stunden, aufatmend vor der lastenden Hitze, betreten. Und -jetzt erkannten sie auch den Unterschied. Das heitere, tanzende -Licht war von ihren Pfaden gewichen. Ganz allmählich, -unmerklich für die noch von Flimmer und Bläue -erfüllten Augen war zuerst ein dunstiger Rauch über den -Horizont geflogen. Tiefer und tiefer hatten sich die -grauen Gespinste gesenkt, bis die Häupter der Bäume in -ihre Maschen eingetaucht waren. Die letzten spielenden -Strahlen hafteten nur noch als schwefelgelbe Flecke an -den schweigenden, schwermütigen Stämmen. Allein bald -erloschen auch diese grellen Feuer, und nun lag der Wald -in unheimlicher Stille. Reglos starrten die Blätter einander -<a class="pagenum" id="page_329" title="329"> </a> -– wie verzaubert – an. Schwarze Streifen von -Ameisenzügen strebten in betäubendem Gewimmel ihren -Haufen zu. In scharfem Flug strichen unerkennbare Vögel -durch die grauen Schatten, und der ganze Wald hauchte -plötzlich nichts als Leere und Verlassenheit.</p> - -<p>Die beiden Wanderer aber hielten inne und blickten einander -an. Schwer atmend fühlten sie, wie eine bängliche -Beklommenheit ihre Stirnen einpreßte. Zeit und Pulse -schienen hier still zu stehen, und nur das wiegende Summen -der Fliegen und Bienen reizte ihre gespannten Nerven.</p> - -<p>Plötzlich bogen sich in der Ferne die jungen Stämme -gegeneinander, schnellten wieder empor, und durch das -verdunkelte Gehölz zischte ein Windstoß. Ein langes -dumpfes Poltern rollte hoch oben über die starren Baumwipfel -dahin. Aber dort!? – Über der winzigen Waldwiese -zuckte es. Eine feurige Zickzacklinie züngelte durch die dunklen -Stämme, hastig brachen und raschelten einige Äste, und -ganz von fern erhoben sich ein paar dünne, ängstliche Vogelstimmen. -Krachend schmetterte der erste Schlag. Und ohne -jeden Übergang prasselten, von einer wütenden Windsbraut -getragen, Regen und Hagelschauer schräg gegen die -beiden Wanderer.</p> - -<p>»Treten Sie unter den Baum zurück,« rief der Fürst, auf -dessen Mütze und Schultern die weißen Körner tanzten, -und dabei griff er ohne Besinnen nach dem Arm seiner -Begleiterin.</p> - -<p>Jedoch Johanna riß sich los und lief, so schnell sie vermochte, -am Waldesrand entlang.</p> - -<p>»Es ist nicht gut hier unter den Bäumen,« widersprach -sie, »schnell, wir müssen die Lichtungen benutzen.«</p> - -<p>In hastigen Sprüngen setzte das Mädchen vor dem -Manne dahin. Graue Regenströme hüllten sie in einen -rauschenden Mantel, rote Wolken welker Blätter stäubten -<a class="pagenum" id="page_330" title="330"> </a> -ihr entgegen; sie ließ sich nicht aufhalten, sondern stürmte -mit vorgeneigtem Leib gegen sie an. Manchmal kam es -dem Nachfolgenden sogar vor, als finge er ein mutiges -Lachen auf. Und trotz seiner halb geblendeten Augen stutzte -der Russe. Die germanischen Sagen fielen ihm ein. Von -den Schlachtenmädchen und den Eisriesen. Und im Moment -fand er dieses befremdliche Lachen ganz natürlich.</p> - -<p>Weiter ging es. Besinnungslos rannten sie dahin, nur -auf Sekunden in den Wald lauschend, so oft das Knattern -und Knallen sich unmittelbar über ihren Häuptern entlud. -Ein bleierner Rauch begann aus den Büschen zu -quellen. Es war, als ob auch der feste Boden zu brennen -und zu fiebern anfinge. Die Kleider klebten ihnen an den -Gliedern. Längst war das Rascheln von Johannas dünnen -Gewändern erstorben, und immer vernehmlicher klang das -kurze Keuchen und Röcheln der Fliehenden.</p> - -<p>Da plötzlich – Dimitri griff sich an die Stirn, schwankte -und umklammerte einen Ast, an dem er gerade vorüberjagte. -Der ganze Wald tanzte und sprang empor. Ein -Zischen, ein bläuliches Schwefeln war um ihn, daß er bis -in die Zunge hinein ein stechendes Rieseln spürte. Dazu -flimmerte und glitzerte es vor seinen Augen, und doch vermochte -er nichts zu sehen, nur Schwärze, blaue Finsternis -schwang gestaltlos vor ihm. Schmerzlich stöhnte er und -griff mit den Händen in die Luft, wo er seine Begleiterin -vermutete. Nachempfindend hörte er von neuem den Regen -auf ihre Glieder plätschern und vernahm in seiner Vorstellung -das klatschende Geräusch ihrer nassen Kleider.</p> - -<p>»Fräulein Grothe,« fuhr es ungelenk aus ihm heraus, -da er jeden Laut erst einzeln und neu zu finden suchte, -»Fräulein Grothe!«</p> - -<p>Dicht vor ihm, mitten auf dem überschwemmten Moos, -lag das Weib, nach dem er eben gerufen, bewegungslos und -<a class="pagenum" id="page_331" title="331"> </a> -starr, und in ihr emporgewandtes Antlitz stäubten die -feuchten Güsse. Keine Wunde verunzierte ihre Haut, und -doch war die ganze Gestalt umfangen von Todesruhe.</p> - -<p>Ein schneidender Schrecken packte den Herabstarrenden. -Zaghaft warf er sich in die Nässe nieder und rüttelte an -dem hingestreckten Körper. Allein die gespannte Brust regte -sich nicht, und so angestrengt er lauschte, durch die leicht geöffneten -Lippen wollte sich kein Hauch drängen. Dazu -ächzte das Mark der Bäume, und ganz dicht über den -triefenden Boden schoß es dahin wie der Abglanz einer -feurigen Schlange. Da konnte der allen äußeren Eindrücken -nachgebende Nervenmensch nicht länger dem in ihm wühlenden -Grauen widerstehen. Ohne recht zu wissen, was er tat, -umschlang er die Liegende, raffte sie empor und schritt wankend -mit ihr durch das tobende Unwetter. Seine Arme -zitterten unter der ungeahnten Last. Schon manches Mädchen -hatte er getragen, aber diese hier schien nicht geschaffen -zu frohem und lockendem Spiel. Nein, starr und wuchtig -hingen die schweren Glieder herab und suchten ihn zu -Boden zu drücken. Seine Brust keuchte, vor den Augen begann -es ihm wieder zu blitzen, und immer fester mußte -er das Weib an sich pressen, wenn er nicht einer vollkommenen -Erschöpfung erliegen wollte. In halbem Traum -taumelte er dahin. Aber gottlob, jetzt lichtete sich der Wald. -Schon ging es durch den Haselnußgang, auf dessen Dach -es trommelte und rauschte, an der verlassenen Bank vorbei, -und jetzt hatte er den Hof erreicht. Menschenleer lag -er unter dem durchweichenden Regen. Kein Auge erspähte -ihn, als er durch die offene Tür hindurch die schmale -Treppe erreichte. Noch ein letztes Zusammenraffen – und -siehe da, wie zum Lohn regte es sich in seinen Armen. -Eine Hand hob sich und klammerte sich an die Schulter des -Heraufsteigenden. Oh, er kannte ihr Schlafgemach. Oft -<a class="pagenum" id="page_332" title="332"> </a> -hatte er im Vorübergehen heimlich über die Armut des -Raumes gespöttelt und die Schmucklosigkeit des Kämmerchens -mit dem herrischen, abweisenden Charakter der Besitzerin -in Verbindung gebracht. Jetzt stieß sein Fuß die -halb angelehnte Tür auf, und gleich darauf ließ der Fürst -seine Bürde tiefatmend auf das eingedeckte Bett gleiten. -Dann griff er sich erleichtert an den Hals und unwillkürlich -mußte er seine Umgebung prüfen. Eintönig und fahl -wirkte der karge Hausrat, namentlich jetzt, wo gegen die -Fensterscheiben der Regen einschlug. Einzig das Bild da -oben an der Wand lohnte sich der Betrachtung! In der -blaugetünchten Stube war es zu dunkel, um die Unterschrift -zu lesen. Aber diesen Kopf mußte er schon oft gesehen -haben. Sehr oft, ein merkwürdig bekanntes Gesicht, -irgend jemandem schreckhaft ähnlich. Doch weshalb in -aller Welt das plötzliche Begegnen dem Beschauer eine so -ungeahnte Verwirrung einflößte? Oder war es nur die -Erschöpfung, die sich jetzt äußerte? Daher kam es wohl -auch, daß man sich nicht gegen das Lager umzukehren -wagte, auf dem die Hausherrin in ihren straffen durchnäßten -Kleidern lag! Freilich, man befand sich allein -hier und hatte es nur der Betäubung der Deutschen zu -danken, daß man überhaupt in ihrer Gegenwart einen -Blick in diese lächerliche Kammer werfen durfte, die so -gar nicht für die Ruhestätte einer wirklichen Dame paßte. -Zum Henker, sie war doch geradezu unbegreiflich, diese -Scheu vor einer Willenlosen, aller Kraft Beraubten, die -noch immer mit geschlossenen Augen lag!</p> - -<p>Mit einem sprunghaften, schmerzlichen Entschluß wandte -sich der Fürst und trat an die Bettstelle. Ja, da war er -hingestreckt, der marmorne Körper, den der Unbefugte, -der Eindringling jetzt erblickte, mit Augen, wie nur der -Künstler die Verkörperung eines Traumes in sich eintrinkt. -<a class="pagenum" id="page_333" title="333"> </a> -Groß und majestätisch wölbten sich die Glieder, die sich -gewiß zum erstenmal einem Manne in verdeckten Umrissen -verkündeten. Und in welch edler Meißelung die Brust -unter dem nassen Leinen schlief.</p> - -<p>Bei Gott, das alles wirkte rein und erhaben!</p> - -<p>In Dimitris Seele flogen die Lanzen hin und her, wie -von brennenden Fäusten wurde er angetrieben und wieder -zurückgestoßen, alles Gute und Schlichte, das ihm das -schutzlose Mädchen eingeflößt, widersetzte sich gegen die Zerstörungswut, -die sein Blut vergiftete, und zwischen Zwang -und Raserei schloß er die Augen und strich schützend und -liebkosend zugleich an den vollen leblosen Armen der ihm -Preisgegebenen hinab.</p> - -<hr /> - -<p>Frühzeitig brach die Dämmerung herein, trübes, dunstiges -Dunkeln ging in raschem Umschlag in einen naßkalten -Abend über. Nur einzelne Tropfen schlugen noch -auf das Land, und der Wind zerrte heftig in den Bäumen.</p> - -<p>Herbstnacht!</p> - -<p>Längst hatte sich Johanna umgekleidet, aber sie mußte -wohl zu lange in ihren durchnäßten Gewändern verbracht -haben, denn, wenn sie auch am Fenster ihres Schlafzimmers -lehnte, um müde in das Unerkennbare hinauszustarren, -durch ihre Glieder schnitt ein Frösteln, immer -von neuem stürzten ihre schleppenden Gedanken wie irgend -etwas Tönernes zusammen, und eine Weile mußte sie sich -dann durchs Leere tasten.</p> - -<p>Dazu diese wühlenden, brennenden Kopfschmerzen! Nein, -sie war noch nie krank gewesen und wollte auch diesmal -nicht nachgeben. Aber der irre Drang, der sie umtanzte, -der sich aufrichtete und sich an sie hing, er zog ihr den -Boden unter den Füßen fort und ließ ihre Knie zittern.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_334" title="334"> </a> -Trotzig, mit hocherhobenen Armen, warf sich das Weib, -das nicht unterliegen wollte, auf sein Lager zurück und -wühlte die Stirn in die kühlen Kissen ein.</p> - -<p>Ruhig, ruhig, endlich mußte sich doch das zerstückte -Bewußtsein zurückfinden, man mußte nur den Willen zu -Hilfe rufen, den eisernen Willen, der bis dahin Maritzken -jedes Gesetz gegeben, und dann, – ja ganz sicher – dann -würden sich all die flatternden Fetzen zu einem sichtbaren -Gewebe verknüpfen; man würde es durch die Hände laufen -lassen, man würde es prüfen, und dann, dann würden -Angst und Bedrückung und Verworrenheit weichen. Alles, -was jetzt schemenhaft, als wahnsinnige Traumgestalten -durch ihr Hirn gaukelte, das lebte ja nicht, das hatte sein -flammendes Dasein aus den Feuern des Blitzstrahls gesogen, -und mußte verrauchen und zu Asche sinken, sobald kühle -Vernunft dem Spuk in die funkelnden Augen sah!</p> - -<p>Stöhnend mußte die vor Scham Fiebernde sich eingestehen, -daß alle ihre Gedanken, ihr ganzes Vorstellungsvermögen -wie in einer engen, brennenden Grube eingefangen -waren, aus der es für sie keine Möglichkeit gab, zu -entrinnen. Und auch der Umstand, daß der erste müde Blick -in die Umwelt ihr eine fremde Uniform gezeigt hatte, die -schattenhaft durch die Tür entschwand, was bewies er -schließlich anderes, als daß ihre Phantasie bei dem Menschen -stehen geblieben war, mit dem sie sich zuletzt bei vollem -Bewußtsein beschäftigt?</p> - -<p>Mit einer wegwerfenden Gebärde erhob sie sich und siehe -da, sie stand fest auf ihren Füßen. Das erste, was sich -in ihr regte, war die Absicht, irgendwo ihre Arbeit wieder -aufzunehmen. Ein rascher Blick auf die Uhr an ihrem -Handgelenk belehrte sie darüber, daß die Abendstunde angebrochen -sei, in der sie sich nach dem Befinden und den -Wünschen Sassins zu erkundigen pflegte. Ruhig strich sich -<a class="pagenum" id="page_335" title="335"> </a> -Johanna das Haar aus der Stirn, ordnete ihre Kleider und -entzündete ein Licht, um sich durch den schmalen Gang -voranzuleuchten. Als sie nach kurzem Klopfen bei dem -Rittmeister eintrat, saß der Kranke auf dem einfachen -braunen Ripssofa, hielt die Arme auf den Tisch gestützt, -und sein plumpes Gesicht starrte schwermütig auf die weiße -Glocke der vor ihm brennenden Lampe. Kaum erkannte Leo -Konstantinowitsch die Hausherrin, so machte er einen Versuch, -sich zu verneigen, woran er jedoch von der Nähertretenden -gehindert wurde. Aufrecht wie immer blieb das -Gutsfräulein an dem Tisch stehen, ohne der Einladung des -Russen, Platz zu nehmen, irgendeine Beachtung zu schenken. -Bald waren die üblichen Fragen erledigt, und nachdem -Johanna noch einen prüfenden Blick in die Runde geschickt, -gedachte sie sich eben wieder zurückzuziehen, da wurde sie -durch einen Ausruf des Kranken an ihrer Absicht gehindert.</p> - -<p>»Bleiben, verehrtes Fräulein, bitte, bitte, bleiben,« -rief der Russe so dringend hinter ihr her, daß sich -die Enteilende seinem Verlangen nicht entziehen mochte. -Dazu hüstelte Leo Konstantinowitsch wieder so mitleiderregend -und preßte sich beide Fäuste mit aller Gewalt -gegen die Brust. Er schien seine Schmerzen auf diese -Weise dämpfen zu wollen.</p> - -<p>»Ist hier noch etwas versäumt?« erkundigte sich das -Mädchen, an den Tisch zurückkehrend.</p> - -<p>»Nichts versäumt,« bemühte sich der Rittmeister in -seiner gewohnten lebhaften Art hervorzusprudeln, »nicht -das Allergeringste.« Und dabei riß er die Augen auf, um -den Grad seiner Bewunderung anzuzeigen. »<i>Vous tenez -bon ordre</i>, es geht alles – wie sage ich: nach dem <i>règlement</i>. -Das ist es gerade, Madame, ich wollte Ihnen schon -längst für vorzügliche Behandlung danken, die gar nicht -verdiene.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_336" title="336"> </a> -»Oh, lassen Sie das,« entgegnete Johanna von einem -flüchtigen Mitleiden ergriffen.</p> - -<p>Der Russe stützte wieder den blonden Kopf in die Hand -und streichelte grübelnd über die weiße Lampenglocke. Durch -seine abgezehrten Finger sah man das Blut schimmern.</p> - -<p>»Oh doch,« sprach er in sich gekehrt weiter, »manche -von uns verdienen Rücksicht nicht. Es ließe sich viel darüber -sagen, sehr viel.«</p> - -<p>Während der letzten Worte glitt der unruhige Blick des -Kranken nach der gegenüberliegenden Wand, und es schien, -als wenn er zu etwas ganz Besonderem auszuholen beabsichtige. -Indessen auch seine Entschlußkraft mußte wohl -durch seine Leiden gebrochen sein, denn er sank unverrichteter -Sache wieder zusammen und murmelte etwas zur -Entschuldigung. Und dennoch hatte die Andeutung in seiner -Hörerin das Gefühl erweckt, als ob sich seine versteckte -Warnung auf den Fürsten Fergussow beziehe.</p> - -<p>Eine Weile blieb es still zwischen den beiden, die sich -scheuten, einander weitere Eröffnungen zu machen. Dann -wünschte Johanna dem Rittmeister eine gute Nacht. Sassin -jedoch, als ob er fürchte, jetzt schon allein gelassen zu -werden, streckte die Hand gegen sie aus und klammerte sich -an ihr letztes Wort.</p> - -<p>»<i>Bonne nuit</i>,« nickte er schwermütig. »Ja, habe hier -gut geschlafen. Das Bett weiß, das Haus ruhig. Wer -kann wissen, wie später einmal finden werde?«</p> - -<p>»Werden Sie denn von hier fortgehen?« fragte Johanna -gepackt.</p> - -<p>Der Russe kratzte wieder an der Glocke herum. Nur -schwer rang er sich das Folgende von der Seele:</p> - -<p>»Im Krieg kommt so etwas schnell,« versetzte er. »Man -erzählt sich jetzt hier allerlei. Und dicker Doktor hinterbrachte -mir heute, daß wieder vorwärts geht.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_337" title="337"> </a> -»Dann werden Sie vielleicht alle bald Ihr Quartier -verlassen müssen?« atmete Johanna hörbar.</p> - -<p>Der Russe stöhnte. »Ich nicht – andere – ich nicht.«</p> - -<p>»Weiß der Fürst schon von dieser Möglichkeit?«</p> - -<p>Es mußte etwas im Klang ihrer Stimme liegen, was -Leo Konstantinowitsch veranlaßte, inne zu halten. Lauernd -schob er seinen Kopf hinter der Lampenglocke hervor, und -seine blauen Knabenaugen flackerten unruhig über die hohe -Gestalt hinweg.</p> - -<p>»Was weiß ich von den <i>ordres</i>, die Fürst empfängt?« -knurrte er übel gelaunt. »Hat nicht die Gnade, -sie mir mitzuteilen. Zufällig wurde mir nur durch unseren -Wachtmeister bekannt, daß er im Moment bei den anderen -Kameraden in Schenke sitzt. Eine große Herablassung, -zu der sich Seine Durchlaucht sonst nicht hergibt. Muß -etwas ganz Besonderes in Luft liegen.«</p> - -<p>»Das ist nicht meine Sache,« schloß die Hausherrin -gleichgültig. »Wohl zu ruhen.«</p> - -<p>Und sie ging mit einem kurzen Neigen heraus.</p> - -<hr /> - -<p>Je weiter die Nacht vorrückte, desto öfter fand sich Johanna -in ihrem unruhigen Schlummer gestört. Bald rasselte -es über die Landstraße, als ob schwere eisenklirrende -Gespanne unter Flüchen vorwärts getrieben würden, bald -drang das eigentümliche Knirschen zu ihr herauf, das entsteht, -wenn unzählige nägelbeschlagene Stiefel die Chaussee -treten. Gleich darauf versank wieder alles in Stille, bis -das Fauchen von Automobilen und das Getrappel größerer -Reiterscharen sie von neuem aus den Gründen der Vergessenheit -aufjagten. Die Einsame schlug die Augen auf -und lauschte. In dem kleinen niedrigen Zimmer hing noch -tiefe Finsternis, und gerade jetzt, wo die Hausherrin das -<a class="pagenum" id="page_338" title="338"> </a> -wilde Getriebe dort unten deutlicher zu unterscheiden suchte, -da war alles wieder in seine frühere Lautlosigkeit zurückgesunken. -Nichts verkündete sich der Liegenden, als das -hohle Aufspritzen einzelner Tropfen, die mit der Regelmäßigkeit -des Pendelschlags aus der Dachrinne herunterrollten.</p> - -<p>Aber nein – auf dem schmalen Gang des Stockwerks -bewegte sich ein Türklopfer.</p> - -<p>Johanna wußte nicht, von welcher Gewalt sie emporgerissen -wurde. Furcht, scheue Ahnung eines überwältigenden -Unheils und das Nachwirken all der kranken Grübeleien, -die seit ihrem Zusammenbruch ihr nüchternes Urteil -zerrüttet hatten, dieses seltsame Gemisch erhielt eine nicht -mehr zu bannende Gewalt über sie.</p> - -<p>Ein Sprung – und sie hatte lautlos ihre Tür um -eine Linie geöffnet.</p> - -<p>Sie hatte geöffnet und sah draußen in dem ungewissen -Dämmer, der durch das kaum fußhohe Fensterchen am -Ende des Ganges fiel, – sie sah, zusammengeduckt und -atemlos, wie das Bild dort oben an ihrer Wand das -Gemach ihrer Schwester Marianne verließ. Es schlich an -ihr vorüber, die Treppe knarrte, und dann tickte wieder der -Pendelschlag aus der Dachrinne.</p> - -<p>Eins – zwei – drei.</p> - -<p>Die große Blonde aber, die gewalttätige Walküre, sie -stand in ihrem weißen Hemd und regte sich nicht. Weder -schrie sie auf, noch führte sie mit der geballten Faust -einen Schlag gegen den Kupferstich, so daß das deckende -Glas in tausend Scherben zersprang. Langsam, zitternd -vielmehr, führte sie die Finger an den Mund und tat dasjenige, -was sie ihr ganzes Leben hindurch aus dem Zwang -der Verhältnisse heraus geübt hatte – sie rechnete. Das -Exempel war wieder an seinem Ende angelangt. Zuerst den -<a class="pagenum" id="page_339" title="339"> </a> -Leichtsinn des Vaters gebüßt durch ungezählte Jahre, jetzt, -nachdem das Haus mühsam aufgebaut war, da brach die -Welt zusammen, und die Schande kroch heimlich in ihre -Nähe.</p> - -<p>Was nun? Mußte jetzt wieder ein unerbittlicher Strich -gezogen werden? Wie fing man das nur an, wenn man -so allein war?</p> - -<p>Über ihrem Haupte rollten die Tropfen, und der Pendelschlag -tickte weiter.</p> - -<hr /> - -<p>Am nächsten Morgen hatte Fürst Fergussow das Haus -ohne Abschied verlassen. Man brachte Johanna ein Schreiben -von ihm. In dem Kuvert lag ein Schutzbrief des Obersten -sowie ein paar Tausendrubelnoten zum Ausgleich des der -Gutsbesitzerin erwachsenen Schadens. Johanna nahm -beides, ihre Brust schien einen Moment still zu stehen, -dann senkte sie das Haupt, strich sich die Haare aus der -Stirn und schloß die Sendung umsichtig in ihre Kommode.</p> - - - - -<h3>IV.</h3> - - -<p>Tiefe Finsternis ruhte über der weiten, russischen Erde, -als der Leiterwagen mit den deutschen Geiseln in der Gouvernementsstadt -anlangte. Ein heftiger Wind sauste über -den zahnlückigen Marktplatz und flackerte ängstlich um die -Flammen der wenigen Gaslaternen, die sich aus dem vermorschten -Holzbelag der Bürgersteige erhoben. Und doch -schlief die dunkle Stadt nicht, nein, im Gegensatz zu dem -preußischen Gemeinwesen, das sie vor kurzem verlassen, -merkten die Fortgeschleppten voller Befremden, wie hier die -Nacht widerhallte von verstecktem Leben, von Daseinsfreude -und Genuß, als ob diese Regierungsstätte des Zaren sich -<a class="pagenum" id="page_340" title="340"> </a> -schon nicht mehr um den nahen Völkerstreit zu kümmern -hätte. Durch die erleuchteten Fensterscheiben der elenden -kleinen Gasthäuser und Kaffees sahen die Vorüberfahrenden, -wie sich an jenen Orten zweifelhafter Geselligkeit eine -dichte Menge drängte. Zahlreiche Offiziere aller Waffengattungen -zechten hier, die Mützen schief auf den Köpfen, -neben eleganten Frauen, man hörte Wiener Walzer aufklingen -und dazwischen das Tremolieren vortragender -Chantantkünstlerinnen. Gelächter und Bravorufe belohnten -die Darbietungen der kurzgeschürzten Damen.</p> - -<p>Gefesselt hüllte sich Isa fester in ihren grauen Regenmantel, -und sie versuchte in dem flüchtigen Lichtschimmer, -der ab und zu über die Straße huschte, in den Zügen des -neben ihr sitzenden, gänzlich in sich versunkenen Konsuls -Bark zu lesen, welchen Eindruck das unerwartete Treiben -auf ihren Gefährten hervorbrächte. Als sich jedoch, soviel -sie erkennen konnte, der Ausdruck verbissener Entschlossenheit -auf dem Antlitz des Kaufmannes nicht veränderte, da -spähte sie wieder neugierig umher, denn in ihrem jungen, -unerfahrenen Gemüt überwog bei jener traurigen Fahrt -noch das Interesse an dem Ungewohnten und Abenteuerlichen. -Und der Konsul ließ sie gewähren, denn er ahnte, -wie bald sie den grimmigen Ernst ihrer Lage begreifen -würde.</p> - -<p>Jetzt verlangsamte sich der Trab der Pferde. Sie fuhren -an den dunklen Massen der russischen Militärkirche vorbei, -und in dem trüben Flackern von ein paar Gaslichtern -sahen die Deutschen, wie der Metallüberzug der byzantinischen -Kuppeln einen glitzernden Widerschein warf.</p> - -<p>»Man halte,« rief der baltische Unterleutnant, der das -Kommando über die Begleitmannschaft führte, und erhob -sich.</p> - -<p>Ganz dicht aus einer der Seitenstraßen vernahm man -<a class="pagenum" id="page_341" title="341"> </a> -das Geräusch einer sich nahenden Volksmenge. Feierlich, -dumpf, inbrünstig und wehklagend erschallte nach dem -Takt der Schritte vielhundertstimmiger Gesang, auch die -Soldaten des Transportes entblößten demütig ihre Häupter, -und ehe Geiseln und Gefangene noch recht die Erklärung -ihres jungen Adligen begriffen hatten, daß jenes packende -geheimnisvolle Lied die russische Nationalhymne wäre, da -schwenkte der Zug schon auf den Kirchplatz ein. Voran ein -Fackelträger, dicht hinter ihm, zwischen zwei bekränzten -Stangen hängend und unheimlich von der rauchenden -Flamme überflutet, das Bild des gekrönten Zaren, und in -seiner Gefolgschaft die unübersehbare, singende Menge. -Fabrikarbeiter, alle Häupter entblößt, alle Hände gefaltet, -und alle, alle von dem einen starren Gedanken beseelt, -Sieg, Sieg für die russischen Waffen zu erflehen.</p> - -<p>So zogen sie dahin, dumpf, taktmäßig, eine inbrünstige -Beterschar, und ihr Weg führte sie an den erleuchteten -Fenstern vorüber, hinter denen die Champagnerkelche klirrten -und das Gekreisch der sich wiegenden Soubretten das -Locken der Geigen überschrillte.</p> - -<p>Mitleidig schlug die Nacht ihren Mantel um den grauenhaften -Widerstreit, in dem die russische Seele sich selbst anfiel -und zerfleischte.</p> - -<p>Auch Unterleutnant Karström hatte die Mütze vom Haupt -gezogen, jetzt schickte er noch einen trüben Blick hinter -dem entschwindenden Fackellicht her, um dann erwachend -seinem Kutscher den Befehl zu erteilen, auf die entgegengesetzte -Seite des Platzes hinüberzulenken.</p> - -<p>Aus der Dunkelheit tauchten die Umrisse eines stattlicheren -Gebäudes auf. Es war das <i>Hôtel de Moscou</i>, -der vornehmste Gasthof der Stadt.</p> - -<p>»Für die Herren Senatoren ist hier bereits Quartier -bestellt,« erklärte der junge Offizier, als erster von dem -<a class="pagenum" id="page_342" title="342"> </a> -Leiterwagen herunterspringend. »Es steht den Herren selbstverständlich -frei, hier zu soupieren. Allerdings muß ich -verlangen, daß keiner der Herrschaften ohne Aufsicht das -Hotel verläßt. Und Sie?« setzte der uniformierte Knabe -zögernd hinzu, als nun in der dunklen Schar der Magistratsmitglieder -Konsul Bark sowie das schlanke Mädchen -vor ihm standen, und es war, als ob er sich der ungewissen -Frage ihrer Augen nicht gewachsen fühlte, »Sie? Um -offen zu sein,« flüsterte er beiseite, »ich empfing den Auftrag, -Sie beide heute noch der Polizeimeisterei einzuliefern.«</p> - -<p>»Der Polizeimeisterei?« wiederholte Rudolf Bark finster, -und Isa erschrak, weil der Großkaufmann sich die Lippe -nagte, wie wenn er sich kein weiteres Wort entschlüpfen -lassen wollte.</p> - -<p>»Ist denn die Polizeimeisterei ein solch schlimmer Ort?« -forschte sie erblassend.</p> - -<p>Die beiden Männer warfen sich einen bedeutsamen Blick -zu, dann aber schüttelte sich der schmächtige Offizier, und -während er die deutschen Bürger, die sich schon unter dem -Hauseingang drängten, durch eine Handbewegung zum -Warten aufforderte, da schien der vornehme junge Mensch -seinen Entschluß gefaßt zu haben:</p> - -<p>»Ich glaube es verantworten zu können,« rang es sich -willenskräftig von seinen zuckenden Lippen, »wenn Sie -und die Dame« – hier verbeugte er sich leicht – »die -heutige Nacht gleichfalls im Hotel Moscau verbringen. -Ich hoffe, Sie werden mir Ihre Bewachung weder schwer -machen,« lächelte er, »noch verübeln! Morgen freilich –« -er zuckte die Achseln – –</p> - -<p>»Oh, ich verstehe,« rief Konsul Bark, ganz glücklich, -wenigstens noch für ein paar Stunden der drohenden Einkerkerung -entgangen zu sein, von deren Schrecken er sowohl -<a class="pagenum" id="page_343" title="343"> </a> -durch Lektüre, als durch allerlei mündliche Schilderungen -genügend unterrichtet war. Und schon, während er mit den -anderen das kleine Vestibül betrat, da wälzte sein lebhafter -und unternehmender Geist bereits allerlei Pläne, wie er -sich und das hübsche, ahnungslose Mädel allen weiteren -Anfechtungen durch ein unbeobachtetes Entweichen entziehen -könnte. Denn eine Flucht mußte er bewerkstelligen, ganz -gleich, ob er dem jungen Balten für die bewiesene Rücksicht -verpflichtet war oder nicht; diesen Versuch schuldete -er nicht nur der eigenen Freude am Dasein, sondern auch -hundertfach seiner lieben, frischen Begleiterin, deren unaufdringliche -Heiterkeit ihm zu einem gar nicht mehr entbehrlichen -Trost geworden. Einen bewundernden Blick warf -er auf den Rotkopf, der sich hier in dem unordentlichen -Vorraum und umgeben von den sorgenbeschwerten älteren -Herren doppelt anziehend unter seinem anspruchslosen Lackhut -und in seiner schlanken Gertenhaftigkeit ausnahm.</p> - -<p>Dann griff der Kaufmann instinktiv an seine Brust. -Gottlob, die Brieftasche mit ihren knisternden Geldscheinen -befand sich noch am rechten Ort. Und Rudolf Bark wußte, -welch ein mächtiger Verbündeter diese bunten Blätter im -Reiche des weißen Zaren zu sein pflegten.</p> - -<p>Sie traten in die Gaststube.</p> - -<p>In dem mit Stuck und Portieren überladenen Raum -befanden sich ein paar lange, weißgedeckte Tafeln, und an -ihnen hatten sich eine Anzahl höherer Offiziere, sowie die -Spitzen der Behörden mit ihren Damen gelagert. Eine Reihe -von Zeitungen wanderten von Hand zu Hand, man las sich -einzelne besonders wichtige Nachrichten vor, man stieß auf -die Gesundheit des Großfürsten an, man lachte und strahlte, -denn aus all jenen Neuigkeiten verkündete sich immer -wieder die eine felsenfeste Gewißheit – die Feinde Mütterchen -Rußlands und seiner Verbündeten, sie lagen am -<a class="pagenum" id="page_344" title="344"> </a> -Boden, sie zappelten und verröchelten unter dem Schwert -ihrer Bedränger, man schlug sie einfach »mit Mützen tot«. -Dieses Scherzwort hatte besonders ein untersetzter, stiernackiger -Generalleutnant geprägt, der am Kopfende der -größten Tafel präsidierte und dessen von vielen Ringen geschmückte, -fleischige Rechte unaufhörlich verschiedenartig -gefärbte Liköre zu dem von Hitzblattern entstellten Antlitz -hob. Seine verkniffenen Augen schwammen förmlich in -Gutmütigkeit und Wohlbehagen, als er die Reihe der ihn -feiernden Damen musternd, in prasselndem Kehlbratenton -herunterrief:</p> - -<p>»Sie können es mir glauben, meine Damen, mit den -Mützen. Beachten Sie bitte den tieferen Sinn in diesem -Wort. Ich bin stolz darauf, in einem Rapport an Se. Kaiserliche -Hoheit, den Großfürsten, es zuerst angewendet zu -haben.«</p> - -<p>Als der Name des kaiserlichen Verwandten fiel, trat -eine feierliche Pause ein. Die Offiziere streckten ihre Gläser -starr vor sich hin, und die Damen warfen Kußhände. Geschmeichelt -verneigte sich die dicke Exzellenz nach allen Seiten. -Dann beugte er seinen kahlen Schädel, auf dem sich der -Glanz der elektrischen Lichter widerspiegelte, tief zu seiner -besonders eleganten Nachbarin hinüber, und seine verkniffenen -Augen wiesen deutlich auf die eintretende Schar -der Geiseln, die sich wortlos und gedrückt an einem kleinen -runden Tisch unter der Fensternische niederließ.</p> - -<p>»Ah, Sie, Herr Unterleutnant,« winkte der Fette den -jungen Balten darauf gnädig zu sich heran, nachdem seine -unförmliche Rechte nachlässig für den strammen Gruß des -Untergebenen gedankt hatte. Und in einem Rest von Rücksicht -und Lebensart dämpfte die Exzellenz ihre knirschende -Bratenstimme zu einem merkwürdigen Gezische, als -<a class="pagenum" id="page_345" title="345"> </a> -sie sich jetzt, für alle vernehmbar, nach dem Transport -des Offiziers erkundigte.</p> - -<p>»Ah so – Geiseln!? Bürgermeister und Magistratspersonen? -Hm, unbedeutende Physiognomien. Nicht wahr? -Finden Sie nicht gleichfalls, Gnädige? Die Deutschen sind -sämtlich Maschinen. Keine Individualitäten. Wir dagegen -sind Künstler, eigenwillige Künstler.« Und die zwinkernden -Äuglein auf Isas anmutige Erscheinung richtend, -schien die Exzellenz nunmehr Bericht über die auffallende -Anwesenheit der jungen Nemza einzufordern.</p> - -<p>Neugierig steckte die ganze Tischgesellschaft die Köpfe -zusammen, Ausrufe des Erstaunens, aber auch des Mißvergnügens, -ja der Drohung flogen hin und her, als der -Kreis der Tafelnden den näheren Zusammenhang erfuhr.</p> - -<p>»Wie? Ist es möglich? – Sassin? – Ein Attentat -auf Leo Konstantinowitsch? – Gibt es noch ein gutmütigeres -Kind auf der Erde? – Ein Mensch, der keiner -Fliege etwas zuleide tun konnte? Hat er nicht sein Geld -in Scheffeln zum Fenster hinausgeworfen? – Hier wird -man hoffentlich die ganze Strenge walten lassen!«</p> - -<p>»Es ist bedauerlich,« schnaufte der General und wischte -sich die wulstigen Lippen, »daß das nächste Kriegsgericht -erst in Mariampol tagt. Nicht wahr, meine Herren, in -Mariampol? Wir haben es seiner großen Überlastung -wegen und – ganz gewiß – auch, um seine Unparteilichkeit -sicher zu stellen, zurückverlegen müssen. Aber,« fügte -er pompös hinzu und lehnte sich hintenüber, »vielleicht -kann hier auch ein kürzerer Modus Platz greifen.«</p> - -<p>»Habt Ihr es gehört? Dies ist eine vortreffliche Ansicht,« -raunte es bei den Offizieren, aber es trat sofort eine -aufmerksame Stille ein, als sich jetzt eine frische, besonders -wohllautende Frauenstimme ganz dicht neben dem General -<a class="pagenum" id="page_346" title="346"> </a> -in die Unterhaltung mischte: »Wollen Sie uns Ihre Idee -nicht erläutern, Exzellenz?«</p> - -<p>»Erläutern? Warum, meine Teuerste?« sträubte sich der -Dicke und bekam einen noch röteren Kopf. Jedoch nachdem -er mit seiner fleischigen Hand ein Paar Zahnstocher geknickt -hatte, rückte er ganz nahe an seine blühende Nachbarin heran, -um ihr salbungsvoll und verliebt ins Ohr zu flüstern: »Wer -kann solchen Taubenaugen widerstehen? Aber meine Meinung -ist, wir haben Krieg, meine Liebste, Krieg, verstehen -Sie? Da läßt sich ein solches Verfahren auch sehr vereinfachen. -– Aber nun lassen wir uns von etwas Hübscherem -sprechen! Sie fühlen sich gewiß vereinsamt, Maria -Geschowa? Ist es so?«</p> - -<p>Maria Geschowa?</p> - -<p>Noch ehe der Name der Tatarin gefallen war, ja, im -gleichen Moment, da der Konsul den warmen sinnlichen -Klang der wohllautenden Stimme aus dem Gewirr der -anderen sich ablösen hörte, da hatte der Herr des »Goldenen -Becher« seinen Stuhl ein wenig beiseite geschoben, um zu -versuchen, ob er die Aufmerksamkeit der jungen Frau auf -sich zu lenken vermöchte, die auch heute wieder so fremd -und vorteilhaft von den übrigen Provinzdamen abstach. -Flüsterte ihm doch eine innere Stimme zu, dieses dunkle, -samtwangige Weib, das sich schon einmal so viel Mühe -gegeben hatte, ihm zu gefallen, es sei das einzige Wesen -in der fremden Stadt, das weder Vergnügen noch Genugtuung -bei seinem Untergang empfinden könnte.</p> - -<p>Und bei Gott, sie sah ihm jetzt gerade ins Gesicht! Aber -welche Enttäuschung! Maria Geschowa verzog keine Miene, -fremd und leer betrachtete sie ihn, wie ein Ausstellungsobjekt, -wie einen Verbrecher, bei dem man unter Schauder -und Nervenkitzel berechnet, welche Striemen der Strick um -seinen Hals hinterlassen würde, und jetzt hob die schmale -<a class="pagenum" id="page_347" title="347"> </a> -Hand sogar eine Lorgnette vor die Augen, um sie gleich -darauf wieder gleichgültig zusammenzufalten.</p> - -<p>Damit schien ihr Interesse völlig erloschen zu sein, sie -streifte noch einmal abschätzend das rote Geflimmer um -Isas Haupt und wandte sich dann mit ihren schwellenden -Bewegungen zu dem alten General zurück, der sich soeben -ein ganz besonderes Glanzstück seiner Rednergabe leistete. -Die Rechte flach von sich gestreckt, so daß er das Funkeln -der vielen Ringe bewundernd einsaugen konnte, ließ er -seine fette Stimme braten und prasseln, als ob hier irgendwo -eine Pfanne ans Feuer gerückt wäre.</p> - -<p>»Herr Unterleutnant – wie war der Name? – -Karström, oh, ich weiß recht gut – Sie sind noch ein -junger Mann, aber ich billige Ihr Verhalten. Im Ernst, -ich schätze Ihre Noblesse. Ihre Rücksicht gegen die beiden -– hm, gegen die beiden – Verdächtigen kann mich nur -befriedigen. Sie ist echt russisch. Warum sollen wir nicht -immer und immer wieder ein Beispiel geben von dem -edlen Herzen, das in unserem riesigen Körper schlägt? Ich -bin zufrieden mit Ihnen. Sie sind ein hoffnungsvoller -Offizier. Setzen Sie sich, Karström, und beaufsichtigen Sie -die Nemzows.«</p> - -<p>Mehr hörte der Konsul nicht. Er saß neben Isa, hatte -den Kopf in die Hand gestützt und – schämte sich. Und -während seine Nachbarin den inzwischen aufgetragenen -Speisen mit dem ganzen Appetit der Jugend zusprach, -während sie ihm wider alles Herkommen hausmütterlich -den Wein einschenkte, während sie ihre hellen Augen spähend -herumschweifen ließ, ob sie für ihren Freund nicht etwas -recht Schmackhaftes erobern könnte, da zehrte Rudolf Bark -an der Demütigung, die ihm eben zuteil geworden, und -schalt sich selbst einen Phantasten, weil er von einem gefallsüchtigen, -herzlosen Weibe Förderung und Hilfe erwartet -<a class="pagenum" id="page_348" title="348"> </a> -hatte. Wie tief mußte sich bereits der Völkerhaß in -die verborgenste Wurzel der Nationen herabgefressen haben, -wenn sogar schon die Frauen des Nachbarreiches von der -blinden Wut, von heimlicher Schadenfreude an fremden -Schmerzen ergriffen waren. Und diese Maria Geschowa, -diese Weltdame, diese Meisterin der Unterhaltungskunst, -hatte sie nicht noch vor kurzem mit ihrem Verständnis -für deutsche Kunst und westliche Art geprahlt? Der Konsul -verzog ein wenig geringschätzig den Mund, und das, was -er soeben über die Treue und Redlichkeit slawischer Frauen -dachte, das klang nicht gerade in einen Lobgesang aus. -Dabei wurden seine Augen wieder hart und berechnend. -Nun gut, die Frau des Obersten Geschow war ausgeschaltet, -aber wen, wen konnte er an ihrer Statt für sich und seine -Pläne gewinnen? Denn das stand fest, nur die heutige -Nacht, so lange er noch in dem Hotel weilte, durfte zu -dem so ängstlich überdachten Entweichen benutzt werden. -Sobald er erst der russischen Beamtenschaft verfallen war, -dann umwanden ihn tausend Fesseln, sichtbare und unsichtbare, -die Gefängnisse des Landes öffneten sich nicht -wieder. Er griff nach seiner Brusttasche. Ob er mit dem -Wirt des Hotels beim Schlafengehen eine vorsichtige Unterhaltung -begann? Oder mit dem Portier des Hauses? Freilich, -diese Dworniks waren sämtlich bezahlte Späher der -Polizeimeisterei. Und doch – der höher Bietende behielt -hier häufig recht. Wofür sich also entscheiden? Denn die -Zeit drängte, der Zeiger der breiten Standuhr in der Ecke -stand hart vor der elften Stunde der Nacht.</p> - -<p>Rudolf Bark versank niemals so völlig in Gedanken und -Überlegung, daß seine Augen von seiner Umgebung abgelenkt -werden konnten. So hielt er auch jetzt plötzlich -inne, und eine geheime Unruhe veranlaßte ihn, seine ganze -Aufmerksamkeit auf eine Erscheinung zu richten, die soeben -<a class="pagenum" id="page_349" title="349"> </a> -unter die Portiere des Eingangs trat. Fast im Fluge -bemerkte der Konsul, wie der späte Gast noch unter den -Falten des Vorhangs mit dem betreßten Portier ein paar -rasche Worte wechselte, um sich sodann nach Art eines -Platzsuchenden umzuschauen. Es war ein ganz unauffälliger -Herr, sehr schlank, sehr glattgescheitelt, in einem -grauen Jakettanzug, in dessen Seitentaschen ein Paar -braune Glacélederhände Eingang suchten, und das schmale -pockennarbige Gesicht würde keinen anderen Grund zum -Mißtrauen geboten haben, wenn der glattrasierte Mund -nicht so höflich-verlegen gelächelt und wenn in den verdeckten -Augen nicht im Gegensatz hierzu eine solche Gewohnheit -des Zählens und Feststellens gelauert hätte.</p> - -<p>Sollte das vielleicht – –? Der Konsul ließ das -Messer sinken und verfolgte den Fremden Schritt für -Schritt. Aalglatt, unhörbar wand sich der schmale Herr -mit den braunen Handschuhen weiter in den Saal hinein. -Seine Aufmerksamkeit schien einzig den noch leergebliebenen -Stühlen an den anderen Tischen zu gelten, bis er -plötzlich mit einer überraschenden Wendung vor der Tafel -der Deutschen haltmachte, der er bis jetzt nicht die geringste -Beachtung geschenkt.</p> - -<p>Hier verbeugte er sich übermäßig tief und hauchte in -einem Flüsterton, der sich kaum über einen Meter weit -Gehör verschaffen konnte, jedoch voller Rücksicht und Ergebenheit:</p> - -<p>»Ich habe die Ehre, Herrn Konsul Bark zu sehen?«</p> - -<p>»Allerdings,« erwiderte der Kaufmann erblassend.</p> - -<p>»Und dies ist, wie ich vermute, die Dame Ihrer Begleitung?«</p> - -<p>»Ja,« stotterte Isa, die entsetzt auf das pockennarbige -Antlitz starrte.</p> - -<p>»Die Herrschaften brauchen sich durchaus nicht zu beunruhigen,« -<a class="pagenum" id="page_350" title="350"> </a> -fuhr der verlegene Herr fort und winkte beschwichtigend -mit der braunen Lederhand, als müßte er -von vornherein die Bedeutungslosigkeit seiner Person sowie -seines Auftrags in das gehörige Licht setzen. »Es liegt -wahrhaftig nicht der mindeste Grund zu einer Befürchtung -vor. Ich versichere es bei meiner Ehre. Es handelt sich -lediglich um eine reine Formsache.«</p> - -<p>Jetzt erstarb an dem Tische der Verschleppten auch das -leiseste Geräusch, all diese deutschen Männer vergaßen -im Moment ihr eigenes Mißgeschick, und ein heißes -Mitgefühl wallte jedem auf, da sie ahnten, wie bald eine -Lücke in ihren kleinen Kreis gerissen sein würde. Nur der -knabenhafte Offizier verlor nicht eine Sekunde sein inneres -Gleichgewicht. Unwillig verzog er die Stirn, und auf den -abgezehrten Wangen glühten zwei helle Punkte auf.</p> - -<p>»Was haben Sie mit den Herrschaften zu schaffen?« -fragte er streng. »Sie sehen ja, daß sie sich unter militärischer -Aufsicht befinden. Wer sind Sie überhaupt?«</p> - -<p>Der Herr im grauen Jackett verbeugte sich wieder. Sei -es nun, daß die drohende Sprache des jungen Balten so -stark auf ihn wirkte, oder ob ihn wirklich die Erkenntnis -von der Mißachtung niederschlug, die allgemein seinem -Stande entgegengebracht wurde, jedenfalls klappte er zusammen, -bis die grauen Arme steif herabhingen und den -Deutschen für einen Augenblick nur sein schnurgerader Scheitel -sichtbar blieb.</p> - -<p>»Herr Unterleutnant,« hauchte er tonlos, »mein Name -ist zu unwichtig und unbedeutend, als daß ich es wagen -dürfte, Ihr Gedächtnis damit zu beschweren. Und was -meine Stellung betrifft,« – er tauchte vorsichtig in die -Höhe und zuckte schmerzlich mit den Mundwinkeln, – -»ich hatte auch einmal meine Studienzeit, aber jetzt bin -<a class="pagenum" id="page_351" title="351"> </a> -ich seit sechzehn Jahren der Sekretär Sr. Hochgeboren des -Herrn Polizeimeister-Stellvertreters Tolmin.«</p> - -<p>In dem ganzen Saal war es totenstill geworden. An -der Tafel der Offiziere hatten sich alle Häupter der Gruppe -der Fremden zugekehrt, und selbst der fette General streckte -die Beine von sich und ließ die Unterlippe herabhängen, -als sei die Unterhaltung dort drüben eine gut genährte -Auster, die er auf einen Zug in sich hineinschlürfen müsse.</p> - -<p>»Sehen Sie, Maria Geschowa,« knasterte er behaglich, -»zweifeln Sie noch länger an der Zuverlässigkeit unserer -Polizei?«</p> - -<p>Inzwischen hatte sich auch die schlanke Jünglingsgestalt -des Unterleutnants Karström von ihrem Sitz erhoben. Niemals -während der ganzen Zeit hatte er so krank und hinfällig -ausgesehen, wie jetzt, und doch klang seine Stimme -fest und sicher, als er nun voller Verachtung hervorstieß:</p> - -<p>»Dann schleichen Sie gefälligst nicht wie die Katze um -den Brei! Was haben Sie an den Konsul Bark und seine -Begleiterin für einen Auftrag?«</p> - -<p>»Oh, eine Kleinigkeit,« lächelte der verlegene Herr mit -den braunen Handschuhen und bemühte sich, durch das -Entblößen seiner weißen Zähne alle Anwesenden von seiner -vollkommenen Harmlosigkeit zu überzeugen. »Es ist absolut -nichts. Der Dwornik des Hotels de Moscou erstattete -nur seiner Pflicht gemäß Anzeige über die zuletzt eingetroffenen -Fremden an den Pristav des hiesigen Reviers, -Se. Hochwohlgeboren der Pristav telephonierte es ordnungsgemäß -an den Herrn Polizeimeister-Stellvertreter weiter, -und Se. Hochwohlgeboren wünscht nun – –«</p> - -<p>»Zum Teufel, was wünscht er?« schrie der Balte sich -vergessend und stieß mit der Scheide seines Säbels ungeduldig -auf den Estrich.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_352" title="352"> </a> -»Er ist noch sehr jung,« begleitete der fette General -bedenklich diesen Vorgang.</p> - -<p>Der graue Herr aber bebte vor dem Zornesausbruch des -Offiziers zurück, zeigte krampfhaft seine weißen Zähne -und streichelte mit der braunen Glacérechten unaufhörlich -in der Luft herum, als gelte es, einen bissigen Hund zu -besänftigen:</p> - -<p>»Oh, Ew. Hochwohlgeboren,« flötete er gleich einem erschreckten -Vogel, »Sie verkennen meine gute Absicht, der -Herr Polizeimeister-Stellvertreter wünscht nur die Personalien -der Herrschaften festzustellen. In der wohlwollendsten -Meinung natürlich. Zwar wird jedes Kind begreifen, -daß die Herrschaften gewissermaßen das Eigentum einer -hochmögenden Militärbehörde sind, – wer dürfte sich dagegen -auflehnen? – aber der Herr Polizeimeister-Stellvertreter -sind leider in der peinlichen Lage, auf eine persönliche -Kontrolle nicht verzichten zu können.«</p> - -<p>Hilflos wandte sich der Unterleutnant an seine Schutzbefohlenen, -die sich langsam und wie von einem drückenden -Traum umfangen, erhoben hatten, dann verfing sich sein -Auskunft heischender Blick zwischen den Hitzblattern der -stiernackigen Exzellenz, als räume er dem Vorgesetzten -völlig diese schwere Entscheidung ein.</p> - -<p>»Ja,« schmorte der Fette und scharrte mit den Stulpstiefeln, -»Kompetenzstreitigkeiten – aber Militär und Zivil -müssen sich gegenseitig ergänzen, wir sind alle Räder eines -Uhrwerks, nicht wahr, teuerste Frau? Man wird sich -später nach dem Verbleib der Herrschaften erkundigen.«</p> - -<p>Einige Minuten nachher bewegte sich eine kleine Schar -über den dunklen Kirchplatz. Voran ein Gendarm der -Geheimpolizei, dicht hinter ihm der Konsul, umschlottert -von einem dicken braunen Flausch, den ihm beim Abschied -einer der Senatoren fast mit Gewalt umgehängt, und zum -<a class="pagenum" id="page_353" title="353"> </a> -Schluß der graue Herr mit den braunen Glacéhandschuhen, -der trotz aller Weigerungen darauf bestanden hatte, der -jungen Dame den Arm zu reichen.</p> - -<p>»Euer Hochwohlgeboren,« flüsterte er Isa zu, der vor -dem heranstreichenden kalten Wind, sowie vor innerer Unruhe -und Angst jedes Wort hinter den zitternden Lippen -erstarb, »ich bin sehr unglücklich darüber, weil Euer Hochwohlgeboren -so beben – ich fühle es ganz deutlich – -jedoch es ist völlig grundlos! Sie werden sich selbst davon -überzeugen. Bitte um Entschuldigung, das Pflaster ist hier -miserabel, für zarte Füße eine verwünschte Plage. Ich -versichere Sie, im vorigen Sommer sollten hier schon Holzplatten -gelegt werden, aber was werden Sie denken, es -wird immer wieder verschoben. Die Geldfrage läßt sich -nicht regeln! Und dort in der schmalen Seitengasse befindet -sich bereits die Polizeidirektion! Wie Sie sehen, alle Fenster -erleuchtet, wir arbeiten hier die ganze Nacht durch.«</p> - -<p>Vor einem zweistöckigen, grünlich angelaufenen Gebäude -hemmte der Gendarm seine Schritte, stieg drei brüchige -Stufen in die Höhe und riß an einem Klingelzug. Ein -rostiges Klirren erhob sich drinnen, das scheinbar von einer -nackten Mauer zurückgeworfen wurde. Aber sonst ereignete -sich nichts. Auch die Tür blieb ruhig in ihren Angeln.</p> - -<p>»Der verwünschte Hund schläft wieder,« knurrte der -Gendarm ingrimmig, dann schlug er mit der Faust mächtig -gegen das Holz, bis im Innern des Gebäudes ein langgezogener -Schnarchton abriß und ein Schlüsselbund zu -rasseln anfing.</p> - -<p>»Beim Leib Christi,« schimpfte hinter dem Eingang eine -heisere Stimme, »vierzehn Stunden Dienst und nichts zu -essen. Man wird doch wohl den passenden Schlüssel suchen -dürfen. Der Krebs kommt auch an sein Ziel, und Ungeduld -gehört nicht in die Backstube.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_354" title="354"> </a> -Bei den letzten Worten bewegte sich schwerfällig die Tür, -und ein von einer flackernden Gasflamme erleuchteter roter -Ziegelgang lag vor den zögernd eintretenden Deutschen.</p> - -<p>»Ist der Herr Polizeimeister noch im Hause?« fragte -der Herr im grauen Rock in die Ecke hinein, denn hinter -dem zurückgeschlagenen Torflügel war im Moment kein -menschliches Wesen zu entdecken.</p> - -<p>»Er ist schlafen gegangen,« antwortete die unsichtbare -mürrische Person.</p> - -<p>»Sehr schön! Und der Herr Polizeimeister-Stellvertreter?«</p> - -<p>»Zimmer Nr. 2. Se. Hochwohlgeboren ließ sich soeben -Essen holen. Ein Hahn mit weißer Sauce. Es dampfte -noch. Einen Teller voll sauren Salats und eine Flasche -roten Wein. Einen Hungrigen und einen Toten sollte man -auch zusammen in einen Sarg legen.«</p> - -<p>»Es ist gut, Vater Wassili, ich danke dir,« entgegnete -der höfliche Herr und entblößte wohlwollend seine Zähne. -Und eine seiner aalgeschmeidigen Verbeugungen ausführend, -wies er auf eine enge, eiserne Treppe, die sich im -Zickzack nach oben zog: »Wollen Sie diesen Weg benutzen. -Die Treppe gebührt unseren besseren Gästen, die anderen, -die mit den nägelbeschlagenen Stiefeln werden über den -Hof geführt. Und warum? Nun, nichts zerreißt, wie Sie -wissen, die Nerven mehr, als das Kratzen des Sandes auf -den Stufen.«</p> - -<p>Nach dieser ausführlichen Beschreibung der Treppe, die, -wie der Konsul sehr wohl begriff, nur deshalb so umständlich -gegeben wurde, um durch das bedeutungslose Geschwätz -die Besorgnis vor dem Kommenden zu zerstreuen, wurden -die beiden Verhafteten in den ersten Stock und in ein kahles -Vorzimmer geleitet, wo zwei Gendarmen an einem Tisch -saßen und die Häupter aufstützten. Hier verabschiedete -<a class="pagenum" id="page_355" title="355"> </a> -sich ihr bisheriger Führer von seinen Schutzbefohlenen, indem -er so glücklich lächelte, als habe er zwei Verirrte -endlich auf den sehnsüchtig begehrten Weg gebracht.</p> - -<p>»Hier sind wir,« bestätigte er aufatmend. »Sie befinden -sich auf der Geheimpolizei, was natürlich gar nichts zu -bedeuten hat. Der Herr Pristav, der die Messungsarbeiten -versieht, wird Sie sogleich vernehmen.«</p> - -<p>»Die Messungsarbeiten?« fuhr Konsul Bark zurück, -wie wenn sein Gehör ihm etwas Irrsinniges vorgespiegelt -hätte, – »Sie werden doch unmöglich – –« Ein verzweifelter -Blick glitt zu seiner Gefährtin hinüber.</p> - -<p>»Aber ich bitte Sie,« widersprach der Herr im grauen -Rock und streichelte in der Luft herum; »wer kann an -solchen Kleinigkeiten Anstoß nehmen? Es ist eine eingeführte -Sitte, tut nicht im geringsten weh und beschleunigt -Ihre Angelegenheit ungemein. – Warten Sie, ich melde -Sie sofort an und hole Sie gleich wieder ab.«</p> - -<p>Devot zusammengekrümmt klopfte er an eine niedrige -Seitentür, steckte auf eine Sekunde den Kopf herein und -schob nach ein Paar mit äußerster Untertänigkeit hingehauchten -Worten die beiden Deutschen in das anstoßende -Gemach.</p> - -<p>Es war ein ziemlich großes Zimmer mit einem grünen -Teppich belegt, und ein Paar lederne Klubsessel, sowie ein -deckenhoher Spiegel legten Zeugnis davon ab, daß der -Pristav, der die Messungsarbeiten leitete, die Bequemlichkeiten -des Lebens, sowie äußere Eleganz keineswegs außer -acht lasse. Über diese Auffassung wurden die beiden sich -stumm Verneigenden auch sofort eindringlich belehrt, als -sich auf ihren Gruß hinter dem gelben Fichtentisch ein -junger, schwarzhaariger Mann erhob, der ganz offenbar -noch immer damit beschäftigt war, seine Toilette für irgendeine -Abendgesellschaft zu vervollständigen. Unter seinem -<a class="pagenum" id="page_356" title="356"> </a> -sehr kurzen Smoking prangte ein blitzendes Oberhemd, ein -überhoher Stehkragen hatte ihm bereits einen roten Rand -unter das Kinn geschnitten, und im Augenblick putzte er -gerade mit einem Lederinstrument auf seinen Fingernägeln -herum, obwohl sie bereits einen wundervollen Glanz ausstrahlten.</p> - -<p>»Schon gut,« erwiderte der Pristav auf den Gruß der -Eintretenden flüchtig, »Sie müssen warten. Ich werde -alles vorbereiten lassen.«</p> - -<p>Wiegend schritt er an einem kleinen offenen Seitenkabinett -vorüber, und es milderte das schreckhafte Unbehagen -der Verschleppten durchaus nicht, als sie jetzt gleichfalls -einen Blick in diese Kammer werfen durften. Unter -einer Art Galgen saß dort ein hagerer Gendarm. Mit -bösen, schielenden Augen glotzte er die Fremden an. Vor -ihm auf einem Tisch lagen mehrere riesenhafte Messingzirkel, -eiserne Meßgeräte, und als Hauptstück des Ganzen -zeigte sich auf dem Estrich ein Kupferkessel voll flüssigen -Gipses, in dessen Breimasse der Gendarm ab und zu eine -Holzkelle kreisen ließ.</p> - -<p>Das waren sicherlich die nötigen Vorbereitungen für -den Empfang der Verdächtigen, und Rudolf Bark stieg -das Blut in den Kopf, als er sich ihre Anwendung vorstellte. -Wie? Man ging in dem entwürdigenden Verfahren -gegen Wehrlose so weit, sie mit ganz gemeinen Verbrechern -auf eine Stufe zu stellen? Man würde es wagen, jene -scheußlichen Apparate, die an die Folterinstrumente des -Mittelalters erinnerten, auch um Isas feines Haupt zu -legen? Ein Rauschen klang vor den Ohren des Mannes, -ohnmächtige Wut rüttelte an ihm, er fühlte, wie er jetzt zum -zweitenmal für dieses zerbrechliche Geschöpfchen in einen -Akt verzweifelter Selbsthilfe verfallen würde. Unwillkürlich -schlang er seinen Arm unter denjenigen des Mädchens, -<a class="pagenum" id="page_357" title="357"> </a> -und es befestigte ihn nur in seinem Entschluß, als er -merkte, wie eng sich der Rotkopf an ihn drängte. Aber -auch der schwarzhaarige Pristav, der von seiner Abendgesellschaft -so ärgerlich ferngehalten wurde, hatte dieses gegenseitige -Suchen wahrgenommen.</p> - -<p>Interessiert klemmte er sich ein Monokel ins Auge, -lächelte verschmitzt zu der jungen Dame herüber, um -gleich darauf durch ein wütendes Amtsgesicht seine Entgleisung -zu sühnen! Es war ganz klar, daß er seinen -Fehler durch eine besondere Kälte wieder ausgleichen mußte. -In seinem affektierten Wiegeschritt begab er sich deshalb -vor den Spiegel und begann umständlich an dem schwarzen -Schnurrbärtchen zu ordnen. Dann prüfte er die Weiße -seiner Zähne und fing schließlich, auf und ab wandernd, -von neuem an, seine Nägel zu polieren. Alles, ohne sich -um die Fremden im geringsten zu kümmern. Plötzlich jedoch -riß er eine silberne Uhr an einer Talmikette aus der Tasche.</p> - -<p>»Der Teufel weiß, es ist ein Viertel auf elf,« stieß er -nervös hervor. »Weshalb erscheinen Sie so spät?«</p> - -<p>»Diese Frage möchte ich an Sie richten,« antwortete der -Konsul aus seiner Erstarrung erwachend.</p> - -<p>»Wie? – was? – Sie richten eine Frage?« Der -Pristav unterbrach sein Poliergeschäft, warf einen verwirrten -Blick in den Spiegel, als müsse er sich erst von -dem Fortbestand seiner eigenen Person überzeugen, und -trommelte dann erregt auf seinem steifen Oberhemd herum. -Er war über die Möglichkeit, daß auch er einem Verhör -unterworfen werden könnte, derartig außer Fassung gebracht, -daß sich auf seinem Antlitz Freundlichkeit und Wut -wie Sonnenschein und Regen jagten.</p> - -<p>»Mann,« sog er endlich einen tiefen Atemzug und warf -sich in den Stuhl hinter dem Tisch, »ich glaube gar, Sie -wissen nicht, wo Sie sich eigentlich befinden.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_358" title="358"> </a> -»Oh doch, man hat es mir eben mitgeteilt, ich möchte -jedoch erfahren, was ich hier zu suchen habe?«</p> - -<p>»<i>Stoy</i>« (Halt!), schrie der Russe wütend. »Geben -Sie mir Ihre Papiere.«</p> - -<p>»Ich besitze keine Papiere.«</p> - -<p>»Keine Papiere?« erstarrte der Pristav immer mehr über -die Seltsamkeit dieses Falles. »Wie ist das möglich? Ilija -Petrowitsch muß irrsinnig sein, weil er einen Menschen -ohne Papiere zu mir hereinführt. Um elf Uhr in der Nacht!« -ereiferte er sich von neuem, während er die silberne Uhr -abermals herauszerrte. »Was ist hier zu tun?« – Verärgert -fegte er einige Aktenstöße auf dem Tisch beiseite, bis -ihm ein erlösender Einfall aufzublitzen schien: »Legen Sie -Ihre Wertsachen ab,« forderte er, sich befriedigt zurücklehnend, -»Geld, Uhr, Kleinodien, Ringe.« Und als er gewahrte, -wie sein Gegenüber von einem eisigen Schrecken -angeflogen wurde, triumphierte er entzückt über den Verfall -des großmäuligen Deutschen weiter: »Mir steht das -Recht zu, Sie und das Mädchen sofort entkleiden zu lassen, -also ich rate Ihnen, nichts zu verheimlichen.«</p> - -<p>Der Konsul griff sich an die Brust, er war unfähig, sich -von dem einzigen Mittel, das vielleicht noch Rettung verhieß, -zu trennen. Und der rauschende Zorn und daneben -doch die klare Erkenntnis, wie jeder Widerstand ihre Lage -nur verschlimmern würde, sie versetzten ihn in einen Zustand -der Lähmung und der zähneknirschenden Entschlußlosigkeit. -Um so unfaßbarer mutete es ihn daher an, als er seine Gefährtin -ohne Zögern noch Bedenken an den Tisch herantreten -sah, wo sie mit einer hastigen Bewegung nicht nur ihre -Ringe und das Armband abstreifte, sondern auch ihr kleines -seidengestricktes Geldbeutelchen vor den Pristav niederlegte.</p> - -<p>Dieser griff einen zierlichen Kettenreif heraus, versuchte, -wie weit er sich über seinen eigenen kleinen Finger -<a class="pagenum" id="page_359" title="359"> </a> -ziehen ließ, und blinzelte dann in einem abermaligen Anfall -von Vergessenheit die hübsche Nemza verschmitzt an. -Als sich jedoch in dem blassen Jungfrauengesicht nicht eine -Muskel regte, besann sich der Pristav überraschend schnell -wieder auf seine Machtfülle und schien entschlossen, sie in -ihrem ganzen Umfang auszukosten.</p> - -<p>»Beeilen Sie sich,« herrschte er den Kaufmann an, der -noch immer an seinem Platz wurzelte. »Weshalb gehorchen -Sie nicht? Sie scheinen mir ein anmaßender Mensch zu -sein. Oder haben Sie vielleicht Grund, sich gegen eine -Leibesuntersuchung zu sträuben? – He, Gendarm, ich -meine, hier ist ein Widerspenstiger.«</p> - -<p>Auf den schrillen Pfiff fuhr der Gendarm drinnen in -dem Kabinett aus seiner gebückten Stellung empor und -trat auf die Schwelle. Einen Augenblick schwebte dunkle, -zuckende Gefahr um den Konsul. Doch auch Rudolf Bark -fühlte, wie es gleich einer unsichtbaren Gerte über ihm -schnellte. Und, in einem langen Geschäftsleben daran gewöhnt, -noch in der letzten Sekunde auf die rettende Planke -zu springen, verbarg er die in ihm arbeitende Erregung -und trat mit einem so gleichmütigen, geschmeidigen Wesen -an den Tisch, daß nicht allein von Isa der schnürende Bann -wich, sondern auch der Herr in dem kurzen Smoking diese -rasche Wandlung augenscheinlich nicht gleich begriff. Und -nun wickelte sich alles wie ein einfaches, glattes Geschäft -ab. Der Konsul legte eine Brieftasche vor dem Pristav -nieder, erklärte, es seien ungefähr 4-5000 Mark in dem -Portefeuille vorhanden – ungefähr – und eine Empfangsbescheinigung -wäre bei der Sicherheit einer so hohen -Behörde gewiß nicht vonnöten.</p> - -<p>Begierig griff der Pristav nach der Tasche, zuckte jedoch -gleich darauf wie vor einem fressenden Feuer zurück, -<a class="pagenum" id="page_360" title="360"> </a> -lächelte und begann geschmeichelt mit dem roten Leder von -neuem zu spielen.</p> - -<p>»Auf Ehre,« versicherte er zuvorkommend und war -wieder ganz der wiegende Gesellschaftsmensch von vorhin, -»Sie haben recht. Wozu unnötige Schreibereien bei -der späten Stunde? – Vier bis fünftausend Mark. – Nun -gut, man wird aufs peinlichste darüber wachen, ich verspreche -es Ihnen. Übrigens – ich begreife gar nicht, -warum man Ihnen und der Dame mitten in der Nacht so -viel Unbequemlichkeiten verursachte. Es ist lächerlich. Als -ob dies nicht bis morgen früh Zeit gehabt hätte! Freilich -die unteren Beamten! Wozu lungerst du hier herum?« -schrie er plötzlich den schielenden Gendarmen an und wies -mit ausgestrecktem Arm befehlend auf das nahe Kabinett. -»Hörtest du nicht, daß die Herrschaften absolut unverdächtig -sind?«</p> - -<p>In diesem Augenblick begann das Tischtelephon heftig -zu läuten.</p> - -<p>Aufgeschreckt sprang der Pristav in die Höhe, verzog ingrimmig -die Stirn und während er schon die Hand nach -dem Hörer ausstreckte, riß er mit der Linken noch einmal -seine Taschenuhr hervor und gebärdete sich wie ein Verzweifelter.</p> - -<p>»Oh, du niederträchtiger Leuteschinder,« murmelte er -bissig, »du herzlose Schlafmütze – ah, Sie selbst, Ew. Hochgeboren, -keineswegs – macht durchaus nichts, Ihre Befehle -gehen allem anderen vorauf. – Jawohl, die Deutschen -befinden sich bei mir – gewiß – sofort – ich gehorche.«</p> - -<p>Kaum eine Minute nach diesem Gespräch durchmaßen die -beiden Verdächtigen, über die sich bereits bleischwere Müdigkeit -herabgesenkt hatte, abermals einen der langen Korridore, -bis ihr Führer, der Pristav, der sich inzwischen mit einem -Zylinder bedeckt hatte, seinen glänzenden Hut ehrfürchtig -<a class="pagenum" id="page_361" title="361"> </a> -vor der friesgefütterten Tür des Zimmers Nr. 2 lüftete. -Noch in dem dunklen Zwischenraum der beiden Eingänge -krümmte der Herr im Smoking seine Gestalt vor Devotion -und Anbetung zusammen, behielt aber doch noch Zeit, den -Eintretenden ironisch zuzuflüstern:</p> - -<p>»Sie brauchen nichts zu sprechen. Ich werde alles besorgen. -Der Herr Polizeimeister-Stellvertreter liebt es nämlich -nicht, auf Einwendungen zu stoßen.«</p> - -<p>»Guten Abend, lieber Freund,« kaute in dem saalartigen, -hellerleuchteten Raum eine schmatzende Stimme, und während -an dem großen, mit grünen Tuch ausgeschlagenen -Tisch direkt unter dem Kronleuchter zwei Schreiber hingen, -die vor Müdigkeit abwechselnd gähnten, da hockte die -Kugelgestalt des Polizeimeister-Stellvertreters Tolmin selbst -in einer Ecke auf einem Ledersofa, und seine fleischigen -Hände fuhren unermüdlich zwischen den Bestandteilen seines -Mahles herum, von dem Huhn zur Weinflasche und von -dem Brot zu der Schüssel voll grünen Salates. Dies alles -aber geschah ganz mechanisch, als ob die dicken Finger -des Schmausenden ein eigenes Sehvermögen besäßen, denn -Herr Tolmin hatte vor die Wasserflasche ein Zeitungsblatt -aufgestellt, dessen Inhalt seine kleinen glitzernden -Augen ebenso gierig verschlangen, wie sein Mund die umfangreichen -Bissen herunterwürgte.</p> - -<p>»Ah, guten Abend, Nicolai Feodorowitsch,« stöhnte er -wohlbehaglich und schlug, um sich Luft zu schaffen, die -offene grüne Uniform noch etwas weiter zurück, »da -bringst du die beiden Verbrecher. Wir wissen schon alles. -Der Mann hat einen Offizier erschossen. Und das Weib -hat ihm Beihilfe geleistet. Es ist schändlich. Es ist barbarisch.«</p> - -<p>Herr Tolmin vertrieb sein Grauen über die geschilderte -Untat durch ein paar mächtige Züge Rotwein und goß sich -<a class="pagenum" id="page_362" title="362"> </a> -einige Tropfen auf die ehemals weiße Weste. Dann ließ er -vor Behagen und Befriedigung die kurzen Beine in den -Stulpstiefeln kräftig gegen die Ledereinfassung des Sofas -prallen.</p> - -<p>»Aber alle Umtriebe unserer Feinde,« röchelte er -weiter, »erweisen sich, der heiligen Mutter sei Dank, als -vergeblich. Höre, Nicolai Feodorowitsch, was ich da lese. -Es bewegt mein Herz, und es wird auch dich begeistern. -Die Belgier haben die Preußen auseinandergesprengt, haben -die Nemzows über den Rhein geworfen und sind gestern -in Köln eingezogen. 200 000 Gefangene. Der deutsche -Kronprinz ist gefallen. Was sagst du, lieber Freund? Köstlich -– köstlich, der grüne Salat. Er wird für mich mit -Zitronensäure angerichtet, seitdem der Militärarzt Isaac – -so heißt der Jude – den Essigzusatz für mich verboten. – -Aber, wie gesagt, 200 000 Gefangene. Ja, es ist ein köstlicher -Genuß.«</p> - -<p>Damit hob Herr Tolmin nach der Art der Kurzsichtigen -das Zeitungsblatt wieder ganz dicht vor sein grauwelliges, -unförmiges Haupt, und indem er sich vollkommen in seine -erfreuliche Lektüre versenkte, schlug er sich wiederholt schallend -auf den Leib, und dem Hingerissenen schien jede Erinnerung -an die übrige Mitwelt entschwunden zu sein.</p> - -<p>Schüchtern wagte es der Pristav, der auch für sich selbst -die Zeit immer unwiederbringlicher enteilen sah, mit dem -Fuß auf eine freie Stelle des Estrichs zu scharren. Gestört -schüttelte sich der Polizeimeister:</p> - -<p>»Ach ja, was gibt es noch, Nicolai Feodorowitsch?«</p> - -<p>»Ich meinte,« sagte der Pristav sich verbindlich verneigend, -»Euer Hochgeboren hätten den Wunsch geäußert, -das Protokoll über diese beiden Deutschen –«</p> - -<p>»Ach ja, das Protokoll,« warf Herr Tolmin ungnädig -dazwischen und wanderte nun, die fleischigen Hände auf -<a class="pagenum" id="page_363" title="363"> </a> -den Rücken gelegt, mehrere Male keuchend über den Teppich. -»Du hast ganz recht, mich daran zu erinnern. Aber -solltest du nicht auch meinen, Nicolai Feodorowitsch,« fuhr -er schließlich fort, wobei er, da er wieder in die Nähe des -Tisches gelangt war, den Resten des Huhnes einen kosenden -Blick zuwarf, »solltest du nicht auch meinen, daß sich -diese ganze Prozedur besser auf morgen verschieben ließe?«</p> - -<p>»Gott – ich glaubte eigentlich –«</p> - -<p>»Was glaubtest du? Wir sind alle etwas abgearbeitet. -Du siehst selbst, welche Plage es mir macht, diese Murmeltiere -von Schreibern wach zu erhalten. Wie? Sagtest du -etwas? Nun gut, wer weiß, wie lange man die beiden -Nemzows noch beaufsichtigen muß? Ich habe sie jetzt gesehen, -das genügt mir. Du kannst sie vorläufig abführen -lassen, Nicolai Feodorowitsch.«</p> - -<p>Der Polizeimeister warf sich wieder auf das Sofa und -kehrte hinter seinem Zeitungsblatt zu dem bedenklich erkalteten -Huhn zurück. Bald hörte man von dem Gewaltigen -nur noch ein Klirren und Schnaufen.</p> - -<p>Der Pristav aber wandte sich unentschlossen hin und her.</p> - -<p>»Euer Hochwohlgeboren, wo befehlen Sie, daß die -Deutschen untergebracht werden?« wagte er endlich den -Vorgesetzten hinter seiner papiernen Wand hervorzulocken. -»Wäre etwas dagegen einzuwenden, wenn die Gefangenen -in ihr Hotel zurückkehrten?«</p> - -<p>»Ist es möglich? Du bist noch da?« schalt Herr Tolmin -und ballte gereizt das Zeitungsblatt zusammen. »Du siehst, -ich denke bereits über etwas anderes nach. Was zum -Henker sprachst du von einem Hotel?«</p> - -<p>Der Pristav setzte die Füße zierlich gegeneinander und -schwenkte untertänig seinen Zylinder. Dann erlaubte er sich, -seine Ideen noch einmal zu erläutern. Allein der Polizeimeister-Stellvertreter, -der schon wieder Messer und Gabel -<a class="pagenum" id="page_364" title="364"> </a> -in den Händen hielt und nun endlich wünschen mochte, -seinem Imbiß dauernd den Garaus zu bereiten, er schnitt -seinem Untergebenen ärgerlich das Wort vom Munde ab.</p> - -<p>»Du bist zu rücksichtsvoll, Nicolai Feodorowitsch,« kaute -er, »wie oft soll ich dich noch darauf hinweisen? Das -Verbrechen der Deutschen ist zu niederträchtig, als daß ich -geneigt wäre, ihnen irgendwelche Vergünstigungen zu -gönnen. Du mußt wirklich dein gutes Herz bezähmen. -Setze mir den Mann vorläufig in den Turm, und das -Weib –,« er klirrte etwas lauter mit dem Geschirr – -»wir wollen nicht vergessen, was wir ihrem Geschlechte -schulden, – das Weib kann den Morgen in einem der -Büros erwarten. Und nun gute Nacht, Nicolai Feodorowitsch, -ich denke, du wirst es selbst eilig haben.«</p> - -<hr /> - -<p>Es schlug gerade Mitternacht, als Rudolf Bark in dem -Teil des Gebäudes anlangte, den man sehr mit Unrecht -als den Turm bezeichnete. Von Isa hatte er sich mit -einem kurzen, fast gleichgültigen Händedruck getrennt, denn -nur der eine Wunsch beherrschte beide gleichmäßig – Schlaf -und Ruhe. Auch glaubte der Konsul, daß es sich bei seinem -Gewahrsam wahrscheinlich um ein Zimmer handele, wie es -nach deutschen Begriffen den Voruntersuchungs-Gefangenen -gewährt wird. Deshalb taumelte er beinahe betäubt -zurück, als der begleitende Gendarm endlich eine Mauerhöhlung -aufschloß, die der Kaufmann im Vorüberschreiten -für einen Vorratskeller oder eine unterirdische Waschküche -gehalten hatte.</p> - -<p>»Du kannst dir diese Laterne mitnehmen,« gähnte der -schielende Gendarm in einem Anfall von Mitleid. »Aber -sobald du liegst, bitte ich mir aus, daß sie ausgelöscht -<a class="pagenum" id="page_365" title="365"> </a> -wird. Es ist strenge Verordnung, hier kein Licht zu brennen, -verstehst du?«</p> - -<p>Damit drückte er dem Konsul die Leuchte in die Hand, -schob ihn mit kräftigem Nachdruck in den finsteren Raum -hinein und schloß gemächlich hinter dem Eingekerkerten -wieder ab. Dem Konsul aber trat der kalte Schweiß auf -die Stirn. Mit zitternder Hand streckte er die Laterne von -sich und erkannte ein enges, kreisrundes Loch, das über -und über mit Stroh beschüttet war. Ein fauliger, verwesender -Geruch stieg aus den Halmen empor, und der -scharfe Dunst eng aneinander gepreßter, verwahrloster Menschen -mischte sich drein. Da lagen sie dicht nebeneinander, -zerlumpte, bettelhafte Gestalten mit grüngrauen, eingefallenen -Gesichtern, und keine Decke, kein Kissen wehrte von -den fröstelnden Leibern den feuchten Dunst ab, der aus den -schimmligen Ziegelsteinmauern herausschlug. Und dennoch -füllte lautes Schnarchen dieses trostlose Gemäuer, und -selbst das hereinstrahlende Licht und der neueintretende Leidensgefährte, -sie veranlaßten keinen jener Ausgestoßenen -auch nur das Haupt zu erheben, um sich über die späte -Störung zu vergewissern.</p> - -<p>Unfähig, noch weitere Eindrücke in sich aufzunehmen, -ließ Rudolf Bark die Laterne sachte zu Boden gleiten und -kauerte selbst in einer seltsam verkrümmten Stellung nieder. -Die Füße, die er mit den Armen umschlang, dicht gegen -das Kinn gepreßt, so hockte er auf der fauligen Schüttung, -um seine weit geöffneten, ungläubigen Augen um -ein entsetzlich besudeltes Faß kreisen zu lassen, das genau -die Mitte des Raumes ausfüllte. Ein atemlähmender Geruch -entströmte diesem Gefäß, und es war dem Gefangenen, -wie wenn ihm eine Faust gegen die Stirn krache, -als er endlich entdeckte, welchem Zweck das runde Gerät -in der Mitte diene.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_366" title="366"> </a> -Ein Flimmern tanzte vor den Blicken des unbeweglich -Zusammengekrümmten, und ein heiseres Stöhnen entrang -sich seinen Lippen. Die ungeheure Demütigung, der prasselnde -Sturz von den Höhen des Lebens bis in diese -Höhle voll Aussatz und Verworfenheit, sie wendeten die -Seele des sonst so sicheren und gefaßten Mannes um und -schmetterten sie in eine fiebernde Verzweiflung. In seinem -Hirn begann es zu bohren und zu nagen, als wenn sich -Würmer dort Eingang verschafft hätten, die nun langsam -ihres Weges krochen. Er fing an zu überlegen. Seiner -Mittel war er beraubt. Von der Gefährtin hatte man ihn -getrennt. Und wer konnte sagen, wie lange er hier in der -finsteren Pesthöhle ausharren müsse? Bei dem stumpfen -Geschehenlassen und der Unordnung, durch die sich russische -Gerichte auszeichneten, konnte es sich – namentlich in -wild bewegten Kriegszeiten – ereignen, daß Monate, daß -Jahre vergingen, bevor man sich seiner erinnerte. Vielleicht -war er längst lebendig verfault, ehe dem gefräßigen -Polizeimeister zwischen Suppe und Braten das Gedächtnis -an das unterlassene Protokoll aufstieg. Beschwerden? Wer -würde die aus dem stinkenden Loch heraustragen und -weitergeben, seitdem der Ausgestoßene nicht mehr imstande -war, einen solchen Dienst gebührend zu belohnen?</p> - -<p>Immer emsiger irrten die Würmer durcheinander, einer -stets auf der Spur des Voraufkriechenden, und sie schienen -ein Gift auszuspritzen, das den Grübelnden bis zum -Wahnsinn reizte. Wie würde sich das Los von Isa gestalten? -Zum erstenmal in ihrem kurzen Dasein verbrachte -das junge, unerfahrene Geschöpf eine Nacht in einem -fremden Hause. Wie, wenn sich nun der Pristav, um sich -für die entgangene Lustbarkeit der Abendgesellschaft schadlos -zu halten, des wehrlosen Mädchens besonders annähme? -Ein furchtbarer Einfall! Grinsend saß das Grauen auf -<a class="pagenum" id="page_367" title="367"> </a> -der übelduftenden Tonne und schüttelte seine Schlangenhaare.</p> - -<p>Da wälzte sich etwas neben dem Konsul, und eine geschwollene -Hand näherte sich der Schraube der Laterne, -um das Licht auf einen Zug auszudrehen. Aus der undurchdringlichen -Finsternis aber, die jetzt das unwirtliche -Bild verschlang, knurrte die wüste Heiserkeit eines Trunkenboldes:</p> - -<p>»Sollen wir deinetwegen, du Lump, wieder Prügel -kriegen? Wenn du die Lederriemen das erstemal gespürt -hast, wirst du keine solche Unvorsichtigkeit mehr begehen. -Je weniger wir hier sehen, desto besser. Strecke dich aus -und schlafe. Oder dünkst du dich in deinen gestohlenen -Kleidern etwa zu gut dazu? Warte nur, Brüderchen, sobald -du erst mit uns allen aus einer Schüssel gegessen -hast, werden dir deine hochmütigen Grillen schon vergehen. -Und nun schnarche.«</p> - -<hr /> - -<p>Es mochte hoch am Tage sein, als der durch die widernatürlichen -Dünste betäubte Schläfer aus der Lähmung -seiner Sinne aufgerüttelt wurde. Zuerst glaubte der emportaumelnde -Rudolf Bark, ein holdes Traumbild entschwirre -langsam vor seinen müden Augen, um ihn die Schrecken -der Gegenwart nur noch bitterer spüren zu lassen. Aber -nein, nein, was bedeutete das? War ein solcher Umschwung -wirklich zu fassen? Die Tür stand offen, und -ein kalter Lichtschimmer, der ferne Abglanz des ausgesperrten -Tages, kroch durch den breiten Spalt. Aber mitten -in dieser für ihn jetzt überirdischen Beleuchtung stand der -pockennarbige Sekretär in seinem grauen Jakettanzug, ein -grünes Jägerhütchen flott auf den dunklen Haaren, und -<a class="pagenum" id="page_368" title="368"> </a> -neben ihm, – es war wohl doch eine Täuschung, nur die -Ausgeburt brennender Wünsche – neben ihm hielt sich -Isa Grothe mit ausgestrecktem Arm an der gegenüberliegenden -Wand fest, um vorgebeugt mitten in der schwimmenden -Finsternis ihren Freund, den sie suchte, erkennen -zu können.</p> - -<p>»Isa!«</p> - -<p>»Herr Konsul.«</p> - -<p>»Ist Ihnen nichts geschehen? Fühlen Sie sich munter?«</p> - -<p>»Vollständig. Großer Gott, wie sieht es hier aus, wie -fürchterlich ist es hier! Aber denken Sie sich, wir kehren -in das Hotel zurück.«</p> - -<p>Und Ilija Petrowitsch, der Sekretär, der sich für den -Gang über die Straße bereits wieder die braunen Glacéhandschuhe -aufstreifte, er erlaubte sich mit seinem verbindlichsten -Lächeln den vornehm gekleideten Gefangenen aus -der Pesthöhle herauszuziehen, die gleich darauf, trotz der -Wut und des aufgeregten Gemurmels der Übrigen, von -einem mitgebrachten Gendarm durch einen Fußtritt geschlossen -wurde.</p> - -<p>»Kommen Sie, Herr Konsul,« hauchte der höfliche -Schreiber, der sich inzwischen bereits den braunen Flauschüberzieher -des Kaufmanns diensteifrig über den Arm gebettet -hatte, »kommen Sie schnell, es wird Sie drängen, -ein Frühstück im Hotel de Moscou einzunehmen.« Und -im heiteren Bewußtsein seiner Weltkenntnis fügte er, während -die drei bereits die Treppe herunterstiegen, siegessicher -hinzu: »Sagte ich Ihnen nicht gleich, daß alles nur -eine reine Formsache wäre? He, habe ich mich darin etwa -getäuscht?«</p> - -<p>»Gewiß nicht.« Der Konsul drückte dem Pockennarbigen -dankbar die Hand, was von diesem mit einem unglaublichen -Zusammenknicken erwidert wurde. »Aber erklären Sie -<a class="pagenum" id="page_369" title="369"> </a> -nur,« drängte Rudolf Bark weiter, indem er tief aufatmend -die frische Luft der Straße einsog, die sie schon -erreicht hatten, »wie konnten sich die Absichten des Polizeimeisters -so schnell verändern?«</p> - -<p>»Wer weiß?« Der Herr im grauen Rock zuckte vieldeutig -die Achsel, und seine Hand rückte leichthin an dem -flotten grünen Hütchen. »Es sprechen bei uns viele Meinungen -mit. Ich darf mir natürlich nicht erlauben, eine -bestimmte Ansicht zu äußern, aber vielleicht blieb der Umstand -nicht ohne Einfluß, daß heute in der Frühe der -Geheimkanzlist Sr. Exzellenz des Gouverneurs Bobscheff -einen eigenhändigen Brief an den Herrn Polizeimeister-Stellvertreter -überbrachte.«</p> - -<p>»Bobscheff?« rief Isa in ihrem silbernsten Ton, und -ihr fiel die ewig heisere Giraffe ein, deren Grundsätze -trotz aller ethischen Erziehungsversuche der dicken Gattin -in einer gewissen Beziehung leichte und flatterhafte geblieben -waren.</p> - -<p>Der Tag leuchtete so hell, und die Freude, neben dem -wiedergefundenen Freund schreiten zu dürfen, durchströmte -sie so übermächtig, daß der Rotkopf hier in der feindlichen -Stadt und dicht neben ihrem Aufseher ausgelassen -in die Hände klatschte. Aber auch der Konsul vermochte sich -die überraschende Teilnahme des Gouverneurs, von dem -er alles andere eher vermutet, keineswegs zu deuten, und -so gelangte der kleine Zug in der Erwartung irgendeiner -Aufklärung in das Vestibül des Hotels, von wo ihr Führer -die beiden Deutschen sofort bis an ein Zimmer des ersten -Stockwerks geleitete. Hier schritt ein Soldat mit geschultertem -Gewehr vor der Tür des Gemaches auf und ab, -und Konsul Bark begriff, daß sie sich von jetzt an wieder -in militärischem Gewahrsam befänden. Ehe sich jedoch der -Sekretär entfernte, unter zahlreichen Verneigungen und -<a class="pagenum" id="page_370" title="370"> </a> -dem festen Versprechen, sich so oft wie möglich nach den -Wünschen der beiden Fremden zu erkundigen, da zog ihn -Rudolf Bark noch einmal beiseite, denn den nüchternen -Geschäftsmann drängte es, nach dem Verbleib seiner Geldtasche -Nachfrage zu halten. Hier aber veränderte sich das -Wesen des Herrn im grauen Rock. Der Mund mit den -weißen Zähnen lächelte zwar noch immer verlegen, aber -in seine sanfte Stimme drang eine hörbare Abneigung, als -er vorsichtig und sich windend den Rat erteilte:</p> - -<p>»Darüber weiß ich nichts. Gar nichts. Mein Chef, -Se. Hochwohlgeboren der Pristav, genießt das höchste -Vertrauen. Mit Recht, es würde ihn beleidigen, wenn -man sich in seine Angelegenheiten mischte. Beileibe nicht, -wer dürfte das wagen? Guten Morgen, Herr Konsul. -Sie können unbesorgt sein, ganz unbesorgt.«</p> - -<p>Damit schlängelte sich der graue Herr die Treppe herunter, -und der Soldat öffnete für die beiden Eintretenden -das Zimmer. Noch hatten sie jedoch die Schwelle nicht übertreten, -als sie in grenzenloser Überraschung ihren Schritt -hemmten. Aus einem Schaukelstuhl, dicht vor einem altmodisch -vergoldeten Spiegel, erhob sich bei ihrem Eintritt -eine sehr elegante, tief verschleierte Dame, die sich leichtfüßig -auf den Tisch zu bewegte, wo sie erwartend und -ein wenig unschlüssig stehen blieb.</p> - -<p>Aber diese wiegenden Bewegungen, der feine Parfümduft, -der von ihr ausströmte, und das energische Blitzen -der dunklen Augen, ein Feuer, das auch von der verhüllenden -Gaze nicht gedämpft werden konnte, alles das bestärkte -den Konsul in einer aufspringenden Hoffnung. In dieser -Stadt gab es nur eine einzige so formsichere und von einer -geheimnisvollen Anziehung umflossene Frau. Langsam lüftete -sie den Schleier, ein roter, lächelnder Mund kam zum -<a class="pagenum" id="page_371" title="371"> </a> -Vorschein, eine kecke, ein wenig aufgestülpte Nase und dunkle -Zigeunerwangen.</p> - -<p>»Ja, ich bin's,« bestätigte Maria Geschowa den beiden -Fassungslosen, obwohl sie einzig und allein den schlanken, -biegsamen Mann ins Auge faßte. »Ich hoffe, Sie werden -verstehen,« setzte sie rasch und hastig hinzu, indem sie ohne -Rücksicht auf die Zuschauerin dem Konsul ihre Hand zum -Kuß entgegenstreckte, »ich hoffe, Sie werden verstehen, -warum ich Sie hier in der Einsamkeit Ihres Zimmers aufsuchen -muß, obwohl ich doch gestern abend bereits Gelegenheit -gehabt hätte, Sie zu begrüßen.«</p> - -<p>In ihrer Stimme schwang wieder der vibrierende Ton, -der den gefährlichsten Reiz der Tatarin ausmachte. Aber -zu seinem eigenen Erstaunen blieb Rudolf Bark ganz unberührt -davon, denn der Kaufmann dachte im Moment an -nichts anderes, als wie er die mutige Frau, die sich seinetwegen -doch einer gewissen Gefahr aussetzte, zu seiner Rettung -benutzen könnte. Er verbeugte sich tief.</p> - -<p>»Die gnädige Frau wußten gestern vor die Freude des -Wiedersehens gleichfalls einen undurchdringlichen Schleier -zu ziehen.«</p> - -<p>»Rudolf Bark,« sagte die Tatarin plötzlich hochfahrend, -»Sie sind zu klug, um solche kleine Weiberlist nicht zu -durchschauen. Oder glauben Sie etwa, daß man um Ihrer -grauen, kalten Augen willen Ihren Aufenthalt in dem -Turm so liebevoll verkürzte?«</p> - -<p>Bei der Erinnerung an den Ort, dessen Schrecken noch -nicht lange hinter ihm versunken waren, da verging dem -Konsul die Neigung zu einem leichten Geplänkel. Auch -verharrte Maria Geschowa so stolz aufgerichtet vor ihm, -ihre blitzenden Augen schienen die seltsame Lage, in die sich -die Gattin des Obersten Geschow begeben, so klar und -<a class="pagenum" id="page_372" title="372"> </a> -unverrückt zu durchdringen, daß Rudolf Bark einen raschen -Ausruf nicht unterdrücken konnte.</p> - -<p>»Sie wissen, gnädige Frau? Damit habe ich sicher Ihnen -die Intervention bei dem Gouverneur Bobscheff zu danken.«</p> - -<p>»Ja,« rief Isa fortgerissen dazwischen, »Sie, liebe, -gnädige Frau, Sie allein haben sich ganz gewiß für uns -verwendet.«</p> - -<p>Die Russin bewegte sich kaum, und nur ein flüchtiges -Achselzucken zeigte an, daß sie die dankbare Stimme des -jungen Mädchens vernommen. Dann aber trat die eigenartig -interessante Erscheinung in ihrem dunkelblauen Herbstkostüm -ganz nahe auf Rudolf Bark zu und, immer als ob -sie sich völlig allein mit ihm befände, versetzte sie ihm mit -dem Zeigefinger einen leichten Schlag gegen die Brust.</p> - -<p>»Nehmen wir an, lieber Freund,« entgegnete sie rasch, -und dabei begannen in dem dunklen Antlitz die Nasenflügel -ein wenig nervös zu beben, »es wäre alles so, wie Sie -denken. Stellen Sie sich in Ihrer gewohnten Scharfsichtigkeit -vor, ich wäre durch einen Brief meines Gatten bereits -auf Ihre Ankunft vorbereitet gewesen. Denken Sie darüber, -wie Sie wollen.«</p> - -<p>»Meine Gedanken richten sich im Moment ganz nach -Ihren Befehlen.«</p> - -<p>Maria Geschowa maß den Sprecher eine kleine Weile -vorüberstreifend von der Seite. Dann machte sie eine ungeduldige -Handbewegung.</p> - -<p>»Gut, gut, Sie bleiben ein Schmeichler, ganz anders, -wie sonst die Deutschen. Zur Belohnung dürfen Sie sich auch -ausmalen, wie meine Audienz beim Gouverneur zu der -unwahrscheinlich frühen Morgenstunde verlief. Ich habe -mich zu diesem Zweck so schön wie möglich gemacht, und -meine, ich dürfte seiner Tatiana eine bekümmerte Stunde -bereitet haben. Das ist natürlich alles lächerlich. Aber -<a class="pagenum" id="page_373" title="373"> </a> -Sie sollen ja ein großer Frauenkenner sein und bilden sich -nun natürlich ein, dies alles geschah, weil eine gefallsüchtige -Frau Ihr Interesse erregen wollte, nicht wahr? Gott, wir -Russinnen besitzen ja keinen Charakter.«</p> - -<p>Sie wartete seinen höflichen Widerspruch nicht erst ab, -sondern streifte mit dem Finger wieder sehr eindringlich -seine Brust.</p> - -<p>»Rudolf Bark,« sprach sie rasch weiter, »vielleicht trifft -Ihre Ansicht zu. Vielleicht aber leitete mich auch nur -der Wunsch, der Opposition, dem Mißfallen an dem meisten, -was jetzt um uns herum geschieht, Ausdruck zu geben. Sie -müssen wissen, es gibt noch immer Leute bei uns, denen -dieses widerliche Blutparfüm, das jetzt allem anhaftet, die -Nerven verwirrt. Menschen, die lieber auf den Galgen -klettern, als daß sie sich noch tiefer in eine blutige Nacht -hereintreiben lassen. Vielleicht gehöre ich dazu, vielleicht -auch nicht. Wissen Sie übrigens,« sprang sie plötzlich ab, -und um ihren Mund spielte ein flackernd überreizter Zug, -»wissen Sie übrigens, daß der kleine Bergbaustudent Diamantow -gleich zu Anfang der Feindseligkeiten kriegsgerichtlich -und ohne viel Federlesens erschossen wurde? Hochverräterische -Umtriebe warf man ihm vor. Seine Seele -haßte den Krieg glühend und hielt ihn für die höllische -Lüge, die immer wieder die Völker betrügt. Er war ein -Jude,« setzte die Tatarin in ihrer sprunghaften Stimmung -hinzu und blickte gedankenverloren zu Boden, »ein schöner -Schwärmer und hatte deshalb etwas von dem Erlöser an -sich. Unsere Erde ist voll von solchen Herzen, die noch dort -unten im Grabe in brüderlicher Liebe schlagen.«</p> - -<p>Eine Pause trat ein. Maria Geschowa begab sich mit -träumerisch gesenktem Haupt zu ihrem Schaukelstuhl zurück, -wo sie sich leise zu wiegen begann. Die Sonnenstrahlen, -die durch die Gardinen des Fensters fielen, huschten, -<a class="pagenum" id="page_374" title="374"> </a> -der Bewegung angeschmiegt, bald über ihre Stirn -sowie über die halb geschlossenen Augen, um gleich darauf -wieder dem nachspülenden Schatten zu weichen. Die beiden -Deutschen aber warteten in beklommener Spannung -ab, was die schöne Frau ihnen noch weiter zu verkünden -haben würde. Denn bei der klaren und tatkräftigen Art der -Russin blieb es ausgeschlossen, daß sie nur gekommen sein -sollte, um sich an einem absonderlichen Gespräch zu ergötzen. -Und richtig, plötzlich erwachte die Tatarin, dehnte ihre Glieder, -und während sie einen schnellen Blick auf ihre goldene -Armbanduhr gleiten ließ, da brach sie in ein fast unhörbares -Lachen aus. Rudolf Bark meinte, er hätte noch -nie eine so nach innen klingende Heiterkeit vernommen. -Sein Gehör wiegte sich in der Vorstellung, als würden hier -winzige goldene Kugeln in einen Glasbecher geworfen.</p> - -<p>»Wahrhaftig,« winkte nun die junge Frau den Konsul -auf einen Stuhl an ihrer Seite nieder, »die paar Minuten, -die man mir für meinen Besuch bei Ihnen gestattete, sind -bald vorüber, und wir philosophieren. Was werden Sie -denken, lieber Freund? Bitte, setzen Sie sich zu mir. Unbesorgt, -ich tue Ihnen nichts. Sie sind also der Ritter -dieser jungen Dame geworden, Rudolf Bark? Wie alt -ist sie?«</p> - -<p>Ein wenig verletzt verzog der Angeredete, der inzwischen -ihren Befehl befolgt hatte, die Stirn. Der Ton der Russin -gefiel ihm nicht, und er dachte an seine gereiften Jahre. -Statt seiner jedoch übernahm Isa, die unauffällig am Tisch -stehen geblieben war, die Beantwortung. Nichts schien -darauf hinzudeuten, als ob die Kleine das lebhafte Interesse -der fremden Dame für den Konsul begriff oder gar -einer Beurteilung zu unterziehen wagte. Nur Ehrerbietung -und Zurückhaltung atmete ihr Ton, als sie liebenswürdig -erwiderte:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_375" title="375"> </a> -»Ich bin achtzehn Jahre, gnädige Frau.«</p> - -<p>»So, so,« versetzte die Russin gleichgültig. »Es ist gut, -mein Kind. Ich hätte Sie für älter gehalten.« Und ohne -jede Befangenheit die Hand des Mannes streichelnd, sprach -sie angeregt weiter: »Rudolf Bark, Sie denken doch jetzt -über nichts anderes nach, als wie Sie den Folgen Ihres -Ritterdienstes, die Sie in Mariampol oder wo anders erwarten, -entgehen können? Nicht wahr? Nein, leugnen Sie -nicht, es kleidet Sie nicht, würde Ihnen auch nichts -nützen.«</p> - -<p>Da meldete es sich wieder, dieses spitze Einbohren in -die Gedanken eines anderen, das zu den eigentümlichsten -Gaben von Maria Geschowa gehörte. Und obwohl der Konsul -erschrak, weil er nicht wußte, ob hier auch seinerseits -eine rückhaltlose Offenheit am Platz wäre, so hielt er es -doch für geboten, seinen raffinierten Besuch nicht völlig -zu täuschen.</p> - -<p>»Maria Geschowa,« sagte er deshalb nach einiger Zeit -vorsichtig tastend, »sollte die Gattin des Obersten Geschow -derartige Pläne – immer vorausgesetzt, daß sie wirklich -existieren –«</p> - -<p>Die Russin wiegte sich lässig und schlug mit der Hand -nach ihm: »Sie existieren,« lächelte sie eindringlich und -verstohlen.</p> - -<p>»Sollte die Gattin des Obersten Geschow wirklich ganz -gefahrlos und ohne sich etwas zu vergeben, die Mitwisserin -solcher Geheimnisse werden können?«</p> - -<p>»Ah so!« Unvermittelt hielt der Stuhl in seiner Schaukelbewegung -inne, und ein paar große Augen, die sich langsam -mit Zorn füllten, hefteten sich eine Sekunde gereizt -auf den um sein Schicksal besorgten Kaufmann. Gleich -darauf jedoch stieß Maria Geschowa ihren Sitz zurück und -strich sich wie in tiefem Besinnen mit der behandschuhten -<a class="pagenum" id="page_376" title="376"> </a> -Rechten über die Stirn. »Verzeihen Sie, verzeihen Sie,« -sprach sie sich mühsam wiederfindend. »Wie wunderbar -klug und besorgt Sie sind, Rudolf Bark. Wirklich, es ist -staunenswert. Sie hegen eine große Sympathie für mich. -So etwas ist ja immer gegenseitig. Aber natürlich, mein -kluger Freund, Sie sind völlig im Recht.«</p> - -<p>Sie kehrte ihm den Rücken, stellte sich ans Fenster und -blickte lange über den struppigen Hintergarten des Hotels -zu dem schmalen, kohlenüberschütteten Fluß herüber, der -seine schwarzen Gewässer im Sonnenschein träge vorüberschleppte. -Nach einer Weile trommelte die elegante Dame -leicht gegen die Fensterscheiben und warf sehr kalt und -interesselos, gleichsam nur, um irgend etwas zu äußern, -über ihre Schulter hinweg:</p> - -<p>»Wie gesagt, Sie beurteilen die Lage richtiger als ich. -Der Weg aus dem Hotel wurde Ihnen, wie Sie sich wohl -überzeugten, durch militärische Bewachung gesperrt, und -zur Nachtzeit durch den Hintergarten zu entkommen, das -dürfte auch eine verzweifelt phantastische Idee sein.«</p> - -<p>»Durch den Hintergarten?« horchte Rudolf Bark hoch -auf, indem er sich an die Seite der jungen Frau stellte.</p> - -<p>Maria Geschowa jedoch rückte fort und sah an ihrem Arm -herunter, als ob ihr die zufällige Berührung nicht angenehm -wäre.</p> - -<p>»Gott,« sprach sie gleichgültig weiter, »Verzweifelte -könnten vielleicht solch einen Versuch erwägen. Aber ich -rate Ihnen davon ab, Rudolf Bark. Dazu müßte der Besitzer -des Kohlenkahns, dessen schmutziges Schiff dort an -dem Steg angeschlossen liegt, vorher von befreundeter Seite -nachdrücklich gewonnen sein. Wir wollen ein häßlicheres -Wort vermeiden. Und Sie werden wohl selbst nicht glauben, -bester Freund, daß Ihr kühles und berechnetes Wesen Ihnen -<a class="pagenum" id="page_377" title="377"> </a> -hier in der fremden Stadt so viel Teilnahme erwerben -könnte.«</p> - -<p>Als sie das letzte fast feindselig hervorgebracht hatte, -kehrte sie sich zu ihm. Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes. -Mit ihrer unnachahmlichen Grazie hob das -junge Weib beide Arme, um dann ihre Finger ohne Hast -noch Aufregung hinter dem Hals des betroffenen Mannes -zu verschränken. Trotz der vertraulichen Nähe, die jetzt -zwischen beiden hergestellt war, und obwohl der glühend -rote Frauenmund fast dieselbe Luft wie Rudolf Bark zu -atmen schien, so mutete das Ganze doch keineswegs wie -eine peinliche Aufdringlichkeit an, sondern hier schien sich -vielmehr ein Abschied, eine von Wehmut durchzitterte Trennung -vorzubereiten.</p> - -<p>»Rudolf Bark,« sagte die Russin klar und deutlich, als -ob sie es verschmähe, ein Geheimnis aus ihren Empfindungen -zu machen, »ich reise noch heute nach Mariampol -zurück, und ich würde Tränen vergießen, wenn ich Sie -dort wiedersähe. Sie gehören zu den Menschen, die leichtfüßig -an einem vorübergehen und von denen man den -Schall ihrer Tritte dauernd im Ohr behält. Ich werde noch -oft an Sie denken. Es ist bei dem widerlichen Haß, der -zwischen den beiden Völkern entstand, unwahrscheinlich, -daß wir uns jemals wieder begegnen. Aber wenn Sie, wie -ich dies von Ihnen vermute, später einmal die Bilanz über -das Wesen unseres Volkes aufstellen, dann bitte ich, sich -meiner nicht als einer Ausnahme zu erinnern. So, wie -ich, leben hier Millionen, die, wie die Motten um das -Licht, um das Europäertum schwärmen. Ich glaube, Sie -mißverstehen mich nicht, lieber Freund. Und nun leben -Sie wohl.«</p> - -<p>Sie ließ ihre Arme langsam herabsinken, zog den Schleier -vor das dunkle Antlitz und nickte Isa, die sich während -<a class="pagenum" id="page_378" title="378"> </a> -dieser ganzen Zeit einer fröstelnden Erstarrung nicht entreißen -konnte, flüchtig zu. Dicht vor der Tür entglitt der -schnell schreitenden Gestalt ein blaues Handtäschchen. Aber -ehe der Konsul es noch aufheben konnte, und so oft er -auch hinter der bereits über die Treppe Eilenden herrief, -Maria Geschowa achtete seiner Bemühungen nicht, und -das blaue Lederetui, das sie wohl absichtlich zurückgelassen, -blieb in dem Besitz des sofort und dankbar begreifenden -Mannes.</p> - - - - -<h3>V.</h3> - - -<p>Wochen waren vergangen. Über Maritzken heulte der -Wind. Seit Tagen krümmte er die hohen Eichenbäume -zusammen, schlug rote Wolken dürrer Blätter raschelnd -über das Anwesen und brauste mit schneidendem Wehlaut -über die menschenleere, verlassene Gegend. Wenn solch -ein ungeheurer Stoß über die Stoppelfelder fuhr, dann -glaubte Johanna Grothe stets eine schmetternde Posaune -zu vernehmen, die zu Weltuntergang und Vernichtung rief.</p> - -<p>Weißer und verschlossener als je vorher schritt die -Gutsherrin durch ihr verödetes Heim, denn seit den -letzten Stunden war ihr Besitztum von jeder Einlagerung -befreit, und nach all dem Lärm und der ewig aufpeitschenden -Unruhe nistete nun eine leere, quälende Einsamkeit -zwischen den weißen Gemäuern. Die fremde Menschenwoge, -die so lange alles überschwemmt hatte, war wie -unter einem ungeheuren Druck weiter in das Land hineingetrieben -worden, einer großen Schlacht, einer Entscheidung, -einem weltbewegenden Schicksal entgegen, und die -preisgegebenen Fluren atmeten nun in einer dumpfen zermürbenden -Spannung.</p> - -<p>Mehrfach hatte das Landmädchen, dem sonst ein Tag -ohne genau geregelte Arbeit als ein unmöglicher Zustand -gegolten, sich aufgerafft, um mitten unter Trümmern und -<a class="pagenum" id="page_379" title="379"> </a> -Verwüstung das gewohnte Tagewerk wieder aufzurichten. -Aber nach kurzem Überlegen brachen alle diese Pläne abermals -zusammen. Draußen aus der gesegneten Erde war -alle Frucht durch gierige Hände aufgewühlt und fortgeschleppt, -und durch die leeren Furchen peitschte der Wind. -Die Stalltüren standen offen, und drinnen gähnten die -abgeteilten Stände, aus denen das letzte Pferd und die letzte -Kuh von dannen getrieben waren. Auf den Äckern rosteten -die Pflüge, weil sie von keiner Männerhand mehr geleitet -werden konnten, und auf den Vorratsböden verzehrten die -Mäuse die traurigen Reste der Wintersaat. Alles öde und verkommen, -das Land wie das Haus, um das Beste betrogen -und bestohlen, und nichts zurückgeblieben, als jenes schwere, -spannungsvolle Atmen, das nach Vergeltung verlangte.</p> - -<p>Auch in Johanna zuckte manchmal während der erzwungenen -Beschäftigungslosigkeit ganz plötzlich und sprunghaft -solch eine wilde Gier nach ausgleichender Gerechtigkeit auf; -oder noch besser die Sehnsucht nach einem Blitzstrahl, der -züngelnd und krachend alles in den Boden schmettern sollte, -was höhnisch und unrein, jede harmlose Regung überwuchernd, -vor ihr aufgeschossen war. Manchmal auch -schlug die Scham in ihr zur Höhe. Und dann segnete sie -Gott dafür, daß sie hier wie ein ausgesetztes Tier verborgen -und unerkannt durch das verlorene Anwesen streifen -konnte. In solchen Augenblicken lief ein Zittern über ihren -Körper, und zugleich bangte sie davor, der Neugier der -wenigen Mägde zu begegnen, die noch zurückgeblieben -waren. Wie leicht konnte sie solch unberufenen Spähern -das schüttelnde Grauen verraten, das sie vor sich selbst -hegte, seitdem sie von der Furcht verfolgt wurde, auch ihre -kühle Reinheit sei von befleckten Händen entweiht. Die -eigene Schwester, derjenige Mensch, der ihr nach natürlichem -Recht der Nächste auf Erden sein sollte, er hatte ihr -<a class="pagenum" id="page_380" title="380"> </a> -das Haus zu einer brennenden Hölle gemacht. Unmöglich, -ganz unfaßbar dünkte es ihr, mit Marianne noch fürderhin -unter einem Dache zu weilen, ihr heiteres Geplauder zu -vernehmen oder die Sorgen der Gefallsüchtigen um die -Erhaltung ihrer Schönheit aus der Nähe mit ansehen zu -müssen, seitdem sie die Mitwisserin ihres widerlich haltlosen -Leichtsinns geworden war. Aber warum schrie sie der -Schwester in zornigem Aufflammen nicht ihre Anklagen -ins Gesicht? Weshalb jagte sie die Gesunkene nicht von -Heim und Herd, unbekümmert darum, ob der strudelnde -Schwall der Geschehnisse sie verschlinge oder nicht? Großer -Gott, aus welchem Grund erfüllte sie nicht ihre heiße Sehnsucht, -zu vereinsamen und zu verdorren, sobald sie durch -ein solches Opfer allen Schmutz und jeden Unrat von -ihrer Schwelle fegen konnte? – Warum? – Nein, um -alles Elendes willen, das vermochte sie nicht, das überstieg -ihre Kräfte. In der großen herrschgewohnten Walküre -war etwas gebrochen. So sehr die Verworfenheit ihrer -nächsten Angehörigen an ihr zehrte, das schöne schwarze -blühende Geschöpf war doch ein Wesen, auf das sie einmal -alle mütterliche Sorgfalt geworfen und dessen sündhaften -Fehltritt sie trotz rastlosen Nachsinnens noch immer nicht -begriff. Vor allen Dingen aber wurde die Älteste von -Maritzken von einer fressenden Scham verzehrt. So oft sie -auch dazu anhob, unter keinen Umständen konnte sie es -sich abgewinnen, mit der harmlos lächelnden Marianne eine -kühle und gemessene Abrechnung über so viel Abscheulichkeit -aufzustellen. Nein, – nein, – nein, nur das nicht! -Lieber sich noch ärger foltern lassen und dann weiter fliehen -wie ein aufgescheuchtes Gespenst durch die zerstörten Stätten -ihrer Pflichten und Sorgen.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_381" title="381"> </a> -Inzwischen erfüllte sich draußen das Verhängnis.</p> - -<p>Nicht als ob irgend eine besondere Kunde in das einsame -Gehöft von Maritzken gedrungen wäre, nicht als ob die -Gutsherrin die in einer fremden Sprache geführten Unterhaltungen -hätte belauschen können, die einzelne zurückbeorderte -Offiziere aufgeregt, scheu und in seltsamen Zischlauten -mit dem kranken Rittmeister Sassin pflogen, den -man in diesen Tagen höchster Ungewißheit ohne jede Pflege -und ärztliche Aufsicht gelassen hatte; aber über die menschenleeren -Straßen wehte etwas heran. Etwas Unklärliches, -etwas Schicksalflüsterndes, das die Herzen stocken und die -Sinne kochen ließ. Je leerer Wege und Stege wurden, -desto deutlicher jagte das Unsichtbare vorüber, und hinter -jeder aufsteigenden Staubwolke suchten gierige Blicke das -Blitzen von Stahl und Eisen.</p> - -<p>Es war an einem trüben Nachmittage.</p> - -<p>Mit unverminderter Gewalt wütete der Sturm um das -Haus. Die Türen der Ställe knallten in kurzen Schlägen -auf und zu. Wie eine Nachäffung von Kampf und Schlacht -rollte ein ewiger Donner durch die weißen Gebäude. Aber -mitten durch das Toben des Elementes drang ein schmerzliches -Stöhnen, ein Winseln und Wimmern, das Johanna, -die gerade über einen der Gänge des zweiten Stockwerks -schritt, nicht überhören konnte. Ganz sicher, das markdurchwühlende -Ächzen, es stahl sich aus dem Zimmer des -verwundeten Rittmeisters, dessen Verfall in den letzten -Tagen auch den unkundigsten Blicken nicht verborgen geblieben -war. Von einem heimlichen Schrecken durchdrungen -und ohne lange abzuwägen, ob ihre Teilnahme einem Angehörigen -der jetzt von ihr so bitter gehaßten Rasse galt, -trat Johanna nach einem kurzen Anklopfen ein.</p> - -<p>Was war das?</p> - -<p>Seit Tagen schon hatte Leo Konstantinowitsch Sassin -<a class="pagenum" id="page_382" title="382"> </a> -dauernd seinen zum Skelett abgemagerten Körper im Bett -halten müssen. Jetzt aber saß der Rittmeister in dem -grauen Feldmantel, aus dem sowohl das Einschußloch als -die Blutspuren noch immer nicht getilgt waren, hinter einem -mit Karten bedeckten Tisch, und die tief über die zerwühlten -Haare gezogene Mütze sowie die stark nach Juchten riechenden -Reiterstiefel an seinen Füßen bewiesen, wie der Hinfällige -den wahnsinnigen Entschluß gefaßt haben müsse, -der Stätte seines langen Krankenlagers endgültig zu entfliehen. -Als die Tür knarrte, schrak der Kranke zusammen -und fuhr mit den dürren Händen aufgeregt und haltlos -über die bunten Blätter.</p> - -<p>»Schönes Fräulein – schönes Fräulein,« hauchte er -kaum noch vernehmlich, obwohl die sich bäumende Brust -eine letzte Anstrengung hergab, »ich muß fort. Es geht mir -überraschend gut, und deshalb muß ich es riskieren. Wo -steckt mein Bursche? Ich habe ihn schon seit drei Tagen -nicht mehr gesehen! Der Hund ist klug, er hat sich auf die -Strümpfe gemacht. Ich will auch nicht länger in dieser -Mausefalle sitzen bleiben, verstehen Sie? Unsere Idioten, -diese verschlafenen Strohköpfe haben uns in nichts als -Teiche und Sümpfe geführt. Sind wir Katzen, die man -ersäufen will? Kommen Sie, kommen Sie, ein Blick auf -meine Karten genügt. Jedes Schulmädchen wird das einsehen. -Hier – und hier – und hier ... Eine gotteslästerliche -Wirtschaft!« Wütend ballte er die Papiere zusammen -und schleuderte sie, zu einer Kugel geformt, in die -Ecke. »Jede Nacht habe ich davon geträumt, ich steckte -immer bis zum Hals im Wasser. Aber jetzt ist es zu spät! -Glauben Sie mir, man wird hier etwas Gräßliches erleben.«</p> - -<p>Gewaltsam richtete sich der Russe auf, und es schien, -als ob er durch die Tür von dannen stürzen wollte. Allein -<a class="pagenum" id="page_383" title="383"> </a> -in der nächsten Sekunde mußte er sich mit beiden Händen -an den Tisch klammern. Er schwankte, die stark duftenden -Juchtenstiefel suchten vergeblich einen Halt.</p> - -<p>Johanna jedoch, obwohl ihr Herz zu jagen anhob, vergaß, -was sie dem Hilflosen schuldete, und regte sich nicht. -In ihrem weißen Antlitz brannten die sonst so kühlen -blauen Augen in einem bösen Feuer. Ein gieriges Lächeln, -ganz widerspruchsvoll und unheimlich, schlängelte sich um -ihre Lippen. Wie sie so aufragte, da hätte sie auch einem -minder Verzweifelten Furcht einflößen können. Und der -Kranke, der sich nicht aufrecht zu erhalten vermochte, -beugte den Hals vor und starrte in plötzlich aufspringendem -Entsetzen auf seine unbewegliche Gastgeberin.</p> - -<p>»Was wollen Sie?« keuchte er, »halten Sie mich nicht -auf!«</p> - -<p>Aber Johanna sperrte ihm ungerührt den Weg.</p> - -<p>»Herr Rittmeister« brach es mit einem Mal hell und voll -versteckter Wollust aus ihr heraus, »meinen Sie, daß -Ihrem Heer irgendeine Katastrophe bevorsteht?«</p> - -<p>»Das weiß ich nicht, – das habe ich nicht gesagt – nicht -die leiseste Andeutung gemacht. Ich bin krank. Meine Gedanken -gehorchen mir nicht mehr. Sie wissen, sie springen -herum, wie auf einem Tanzboden. Was lachen Sie mich -so an? Oh, ich weiß, was Sie uns wünschen! Sie sollten -sich hüten!«</p> - -<p>Jedoch die Älteste von Maritzken hütete sich nicht. In -ihren Mienen verkündete sich immer deutlicher eine wilde -Wonne.</p> - -<p>»Herr Rittmeister« sog sie förmlich aus dem ihr Unterlegenen -heraus, »nicht wahr, Fürst Fergussow befindet sich -gleichfalls auf den Linien, die Sie vorhin auf der Karte -bezeichneten?«</p> - -<p>»Ja, was geht er mich an? Der Teufel soll ihn holen!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_384" title="384"> </a> -Die Blonde drängte erbarmungslos weiter.</p> - -<p>»Und Sie vermuten, es werden nur wenige aus den -Wasserläufen entwischen?«</p> - -<p>Jetzt brach dem Rittmeister der Schweiß aus. Er wurde -erdfahl und vermochte seine herunterfallende, wie im -Krampf bebende Kinnlade nicht mehr zu bändigen.</p> - -<p>»Verwünscht,« röchelte er, schlug mit den Armen in die -Luft und wankte haltlos bis zur Tür, »Sie foltern mich! -Was habe ich Ihnen getan? Hören Sie nicht? Hören Sie -es nicht? Da ist es wieder, das ungeheure Gurgeln, -Schnaufen und Schmatzen, das mich wahnsinnig macht.«</p> - -<p>Er fiel auf der Treppe nieder und rollte wie ein schweres -Bündel die Stufen herab. Johanna hörte noch einen schrillen -Angstschrei, und als sie ans Fenster eilte, gewahrte sie, -wie der Kranke in einer letzten Anspannung und mit vorgestreckten -Händen über den Hof taumelte. Unsichtbare -Geißeln schienen auf seinen Rücken zu klatschen. Der -Sturm schmiß ihn hierhin und dorthin, und wie ein -grauer Schemen verschwamm das unselige Menschenbild -in den wirbelnden Staubwolken der Landstraße.</p> - -<hr /> - -<p>Das weiße Haus aber sollte noch einen anderen seiner -Bewohner hergeben.</p> - -<p>Draußen auf den Wegen und Stegen fing es an, lebendig -zu werden. Zuerst waren es nur kleine Kosakentrupps, -die in einem rasenden Galopp über die Straße fegten. Die -Nachmittagssonne brannte ihnen auf den Rücken, und es -schien, als ob die toll gewordenen Tiere ihren eigenen -Schatten fressen wollten. Mit tief herabhängendem Halse -stäubten sie ihrem vorausfliehenden schwarzen Abbild nach.</p> - -<p>Doch es blieb nicht bei den wenigen. Bald erbebte der -<a class="pagenum" id="page_385" title="385"> </a> -Boden unter dem Gedröhn zusammengeballter Reitermassen. -In einer finsteren Gier, fluchend und tobend, heulten sie -vorüber, und nur der Wille, gewaltige Strecken zwischen -sich und irgend etwas Folgendem zu legen, hielt diese Horden -noch zusammen. Voll frohlockenden Entsetzens erkannte -Johanna, die jene fessellose Jagd, weit aus einer der Bodenluken -gelehnt, verfolgte, wie diese zusammengeduckten Reiter -Lanzen und Karabiner von sich schleuderten, so oft sie -meinten, einen Vorsprung vor ihren sich stauenden Vordermännern -erreichen zu können. Menschen und Tierleiber -waren von einer dicken schlammigen Kruste bedeckt, und -manche der Verfolgten umklammerten noch immer in vollkommener -Bewußtlosigkeit dicke Büschel ausgerissenen Seegrases, -als gelte es, vor allen Dingen diesen letzten Schutz -nicht aus den Fingern zu lassen. Bleich, blutend, gespensterhaft -raste alles vorüber. Die Beobachterin jedoch preßte -ihre Hände gegen die kreisrunde Einfassung ihres Ausguckloches, -als müsse sie die Mauern auseinanderbrechen, um -das Bild noch weiter, gesättigter in sich aufnehmen zu -können.</p> - -<p>»So peitscht Fürst Fergussow seinen müden, zusammenbrechenden -Schimmel vielleicht auch über eine unserer -Chausseen,« schoß es ihr dann durch die vom Schauen aufgewühlten -Sinne, »blutend, zerfetzt, jeder Männerwürde -beraubt, genau so wie die Geschlagenen, Gedemütigten, die -dort in den dampfenden Staubwolken, umheult und zerzaust -vom Winde, ihr nacktes Leben zu retten trachten.«</p> - -<p>Und ihre Seele erlabte sich an der Vorstellung, wie der -glatte glänzende Kavalier, der ihr die Schande ins Haus -getragen, sein Ende vielleicht in einem Kothaufen gefunden, -nachdem der peinlich Saubere vorher alle Qualen -des Ekels vor dem Schmutz seines Grabes durchkostet. Aber -nein, nein, wenn sie ganz wahrhaft gegen sich selbst verfuhr, -<a class="pagenum" id="page_386" title="386"> </a> -dann drängte sich noch ein anderes Bild, ein heißerer Wunsch -vor den lodernden Brand ihrer Rache. Er durfte ja noch -gar nicht verkommen und verdorben sein, solche geschmeidigen -Naturen wie dieser im Innern verpestete Aristokrat, sie -fanden gewiß tausend Mittel, um dem auf sie lauernden -schimpflichen Verlöschen zu entweichen. Welch ein Glück, -welch eine rasende Wonne, wenn der zu Boden Geschlagene -und alles Hochmutes Entkleidete noch einmal gleich einem -schuldbewußten Dieb oder Bettler vor sie hintreten müßte! -Ja, darauf lauerte sie. Diese Erwartung trug Möglichkeit -auf Möglichkeit in ihre Gedanken, bis die Landtochter nicht -einen Moment mehr daran zweifelte, ihr würde diese -erlösende Vergeltung von dem Schicksal, das jetzt über -Staaten und Völker rollte, beschieden sein.</p> - -<p>So stand sie und starrte in die Umgegend hinaus, auf den -fernen Feuerschein, auf die Felder, die von schwarzen Gestalten -zu wimmeln begannen, auf die blauen Gehölze, die -zerschossene, verwirrte Gespanne und rasselnde Züge schwarzer -Kanonenrohre von sich ausspien.</p> - -<p>Vorbei, vorbei. Das Klirren, das Sohlenknirschen unzähliger -sich fortwälzender Fußgänger, der Wogenschlag -und die Brandung heiserer vernichteter Menschenstimmen -lärmten ununterbrochen an dem weißen Anwesen vorüber.</p> - -<p>Der Erwartete aber kam nicht. Er kam nicht, wie sehnsüchtig -und gierig auch zügellose Wünsche nach ihm ausschweiften. -Und der Gutsherrin bemächtigte sich die Furcht, -Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des Zaren, der Inbegriff -und das Sinnbild einer zerfressenen Kultur, er könnte -von den schwarzen Wellen dort unter ihr bereits unerkannt -vorübergetragen sein.</p> - -<p>Wenn das möglich wäre, wenn er sich so gleichgültig gebärdete, -so rücksichtslos, so bitter feige! Und zum erstenmal -in ihrer bangen Erwartung preßte sich Johanna die -<a class="pagenum" id="page_387" title="387"> </a> -Faust auf die Brust, und ein Frösteln flog über ihre Glieder, -weil sie den tiefsten Grund ihres irren Verlangens nicht -mehr unterscheiden konnte.</p> - -<p>Auch ein paar andere Augen wühlten sich beutehungrig -hinter einem der nach der Straße gelegenen Fenster in den -vorüberschießenden Menschenstrom ein. Schwarze, leuchtende -Augen, die merkwürdigerweise in einem sehnsüchtigen -Glanz schwammen, obwohl sie doch in Wahrheit nur von -einem heißen, eigensinnigen Begehren erfüllt waren. Gleich -Angelhaken schwankten Mariannes Blicke mit der sturmgdrängten, -brüllenden und schreienden Masse dahin. Immer -nur bereit, sich an ein einziges ersehntes Idol anzuklammern. -Nicht eine Spur des Triumphes war in ihr, daß die eisengepanzerte -Faust ihres Heimatlandes mit wuchtigem Schlag -die fremden Bedränger vor sich her stieß, nicht die geringste -Erhebung weitete ihre Brust über die dumpfe Wut und das -ohnmächtige Entsetzen, welches die vorüberstürmenden -Slaven empfanden, nachdem sie zum erstenmal in das gerunzelte -deutsche Antlitz geblickt hatten. Nein, ihr abenteuernder -und irrlichterlierender Geist errechnete nur schwindelhafte -Möglichkeiten, wie sie für sich selbst mitten aus dem -Zusammenbruch den blassen Schemen irdischen Glanzes -erraffen könnte. Eine goldene Fürstenkrone auf ihr schwarzes -duftendes Haar. Die gebührte ihr, die hatte man ihr zugesichert -unter tausend zärtlichen Eiden. Und die alles Urteils -Beraubte und von ihrer eigenen Schönheit völlig Betörte -glaubte unverbrüchlich an diese ihr zäh im Gedächtnis haftenden, -lächerlichen Schwüre. Bald streckte sich Marianne -in dem kleinen Zimmer auf ein Ruhebett aus, um ihre -widerspenstig zuckenden Nerven durch die Lektüre eines -Romans zu beruhigen, bald schleuderte sie das Buch, aufgeschreckt -durch das brausende Toben, das durch die Mauern -quoll, verstört und verständnislos wieder von sich. Eben -<a class="pagenum" id="page_388" title="388"> </a> -huschte sie vor den gebräunten Mahagonispiegel, denn in -all dem Graus und Lärm mußte sie sich doch davon überzeugen, -ob sich der schwarze Ledergürtel nicht störend verschoben -hätte, da wurde rasch die Tür geöffnet, und mit -hastigen Schritten trat Johanna zu ihr ein. Über der -großen Blonden flammte noch das sonderbare Leuchten, -der Abglanz des unerhörten Begebnisses, und das weiße -Antlitz strahlte wieder stolz und kraftbewußt wie sonst.</p> - -<p>»Marianne,« rief sie mit unterdrückter Stimme, die nur -schwer das geheime Frohlocken bändigte, »siehst du dort -draußen, wie diese schlimmen Tiere von dannen ziehen?«</p> - -<p>»Ja, ich sehe,« versetzte die Schwarze an sich haltend, -denn es verdroß sie, sich ihrer rasenden Hoffnung nicht -länger hingeben zu können.</p> - -<p>»Das haben die Unsrigen vollbracht. Oh, jetzt wird hier -alles wieder aufwachen, alles besser werden. In wenigen -Stunden müssen unsere Truppen hier sein. Mir ist es -immerfort, wie wenn ich sie schon singen hörte.«</p> - -<p>Da zuckte Marianne widerwillig die Achseln.</p> - -<p>»Was sollen jetzt diese Übertreibungen?« widersprach -sie mit der ihr eigenen aufreizenden Lässigkeit, und die Absicht, -den Jubel ihrer älteren Schwester zu stören, trat -feindlich zutage. »Vorläufig hört man doch nur das -Gestampfe und Getrappel der anderen. Was verstehen -wir überhaupt von solchen Dingen?«</p> - -<p>Entsetzt schlug Johanna die Hände zusammen. Länger -vermochte sie die schweigende Spannung, die zwischen -ihnen beiden herrschte, nicht zu ertragen. Es wurde alles -klar um sie herum, jetzt mußte unbedingt auch die Säuberung -des verunreinigten Hauses folgen. Jetzt, bevor die -Befreier ihren Einzug hielten.</p> - -<p>»Mir scheint,« begann sie mit erhobener Stimme, indem -sie näher auf die noch immer vor dem Spiegel Weilende -<a class="pagenum" id="page_389" title="389"> </a> -zutrat, »daß du mit der Horde, die unser Dorf plünderte -und ansteckte, die unsere Freunde und Verwandten niederschlug, -nachdem sie unsere ganze Provinz bis zur Erschöpfung -ausgesogen, ein überflüssiges Mitleid empfindest.« -Voll und ohne abzuirren ruhten jetzt ihre großen blauen -Augen auf den dunklen Zügen der Schwester, mit der sie -ihre Rechnung zu Ende führen wollte. »Marianne« fuhr -sie klar und unerschrocken fort, »ich habe nicht gelernt, -Versteck zu spielen. Nimm an, ich wüßte genau, woher -deine Sympathie stammt.«</p> - -<p>»Ich hege keine Sympathie für die da unten« schrie -Marianne ausbrechend und stampfte besinnungslos mit dem -Fuß auf, denn die drohende Auseinandersetzung verstärkte -ihren Widerwillen gegen die große, empfindungslose Blonde, -die nicht wußte, in welchen Zwiespalt lodernde und glückfordernde -Seelen geraten können.</p> - -<p>Doch die Älteste von Maritzken blieb unerschütterlich. -Ruhig hob sie das fortgeschleuderte Buch auf, um es sauber -geglättet auf den Tisch zu legen, dann aber richtete sie sich -zur Höhe und beharrte mit immer härterem Ton auf ihrer -Meinung.</p> - -<p>»Für die Masse vermagst du dich vielleicht nicht zu -ereifern, um so mehr aber leider für einen Einzelnen.«</p> - -<p>»Wie?«</p> - -<p>Die Angegriffene fuhr empor, stützte sich auf die Tischplatte, -und im Augenblick hatte sie den lange Jahre bewahrten -Respekt vor der Großen völlig vergessen. Spurlos -entschwirrte ihr die Erinnerung, wie die Arbeit dieses -nüchternen blonden Weibes Tag auf Tag, Monate auf -Monate Not und Schmach von der gemeinsamen Schwelle -ferngehalten, ohne dafür etwas anderes zu verlangen, als -daß auch die anderen Insassen des Hauses sich ihre eigene -spröde Sauberkeit zum Muster nähmen. Nein, das alles -<a class="pagenum" id="page_390" title="390"> </a> -entfiel der Erregten. Einzig und allein wurde sie von der -fressenden Vorstellung geschüttelt, hier stände jemand, aus -dem nichts als Haß und Neid emporschlage über das unerhörte -Glück, das schon so nahe, zum Greifen nahe, über der -Jüngeren, Schöneren geschwebt hatte. Und jetzt, gerade jetzt -konnte jene goldene Hoffnung vielleicht dort unten vorübertraben, -während sie gezwungen wurde, die kostbare Zeit -durch ein dummes Familiengeschwätz zu vergeuden! Nie -und nimmer!</p> - -<p>»Was sollen deine heimlichen Andeutungen?« rief sie -zitternd in der Scham einer Ertappten und doch voll Erbitterung -darüber, daß sie noch immer wie ein kleines -Kind gegängelt werden sollte, »ich bin selbständig und -erwachsen und kann über mein Leben verfügen, wie ich Lust -habe.«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, ob du das kannst,« entgegnete Johanna, -sich noch einmal mit aller Gewalt bezwingend, »aber eines -weiß ich sicher, ich würde in deinem Fall vor den Männern, -die in wenigen Stunden hier sein werden, nicht die Augen -aufzuschlagen wagen.«</p> - -<p>»Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei? -Ich bin genau so erbberechtigt wie du. Aber sei überzeugt, -wenn es möglich wäre, hier fortzukommen, der Abschied -würde mir nicht schwer fallen.«</p> - -<p>Jetzt vermochte auch die Ältere den inneren Brand nicht -mehr länger zu zügeln. Vor dieser bodenlosen Undankbarkeit -barst ihre Verwandtenliebe und das erworbene Muttergefühl -in Scherben auseinander. Eine Derbheit bemächtigte -sich ihrer, die etwas Bäuerliches an sich hatte. Mit beiden -Fäusten griff sie in die weichen Schultern der anderen und -schüttelte sie hin und her, als wollte sie sich die Ungeratene -vor die Füße schleudern.</p> - -<p>»Genug,« kam es dabei ganz klar überlegt aus ihr heraus, -<a class="pagenum" id="page_391" title="391"> </a> -»du sollst mir die Freude an der herrlichen Erhebung -nicht vermindern. Du hast auch ganz recht, es wird Zeit, daß -du dich auf eigene Füße stellst und die Verantwortung für -dein Tun allein übernimmst. Ich wenigstens will und mag -sie nicht länger tragen. Ich bin zu dumm und zu zurückgeblieben -dazu.«</p> - -<p>»Das bist du, das bist du,« schrie Marianne außer -sich hinter der Schwester her, die bereits die Tür erreicht -hatte; und in dem Bestreben, die Enteilende an einer besonders -empfindlichen Stelle zu treffen, setzte sie die Hände -in die Seiten und sprudelte, sich wiegend und in ihrem -scharfen, rücksichtslosen Ton: »Auf eigene Füße soll ich -mich stellen? Was steht mir nicht alles offen? Aber ich -weiß schon was ich tue. Wenn sich mein Wunsch nicht erfüllt, -dann – ja dann werde ich Schauspielerin. Dazu -passe ich. Das haben mir schon viele versichert.«</p> - -<p>Und in befriedigtem Triumph warf sie sich wieder auf -das Ruhebett und langte mit angenommener Gleichgültigkeit -nach dem Buch, ganz als ob sie imstande wäre, das -Rollen und Toben, das Galoppieren und Schnaufen, all -die wahnsinnig drohenden Laute der sich hemmungslos -vorwärts schiebenden Massen zu überhören.</p> - -<p>Doch kaum hatte Johanna die Tür mit einem harten -Schall zugeworfen, da sprang Marianne von ihrem Lager, -raffte ein Tuch über die Schultern und stürzte ohne Furcht -noch Zagen über den Hof bis an die Einfahrt. Fest umklammerte -ihre schmale Hand hier den viereckigen Pfeiler des -Tores. Dann beugte sie sich hinaus und bohrte ihre Blicke -mit einer zähen, verbissenen, ihr sonst ganz fremden Beharrlichkeit -in den aufgescheuchten, durcheinander quirlenden -Zug hinein.</p> - -<p>Da – und da – und dort! – Überall einzelne Reitertrupps, -unzusammenhängend, die verschiedensten Uniformen -<a class="pagenum" id="page_392" title="392"> </a> -durcheinander gemischt, Kosaken, Dragoner, Artilleristen, -dazwischen Teile versprengter Linienregimenter, triefend, -kotig, die meisten ohne Waffen. Dahinter wild in die Voranrückenden -hineingeschoben Proviantkolonnen mit flatternden -und zerzausten Plantüchern, die der heulende Sturm -hochtrieb und in Fetzen zerriß.</p> - -<p>Eben noch dämmerte durch das schwerfällige Auffassungsvermögen -des suchenden Mädchens eine dumpfe Ahnung, -daß alles, was hier vorüber floh, ritt und rasselte, sich wie -zerbrochene Scherben eines zerschlagenen Geräts ausnähme, -verwüstet und niemals wieder zu einem bestimmten Dienst -zusammenfügbar, – da geschah das, was den hellen Stern, -der so lange über ihrem Haupte gefunkelt, herunterriß, -um ihn in Kot und Schmutz zu begraben.</p> - -<p>»Hilfe!« schrie Marianne gellend.</p> - -<p>Einer der mit vier Pferden bespannten Bagagewagen war -plötzlich durch eine Verwirrung der Stränge aus der Bahn -der übrigen geschleudert. Wild zur Seite setzend, preschten -die Tiere in das offene Tor hinein, krachend zerschellte das -schwere Gefährt an den Mauern der Einfahrt. Und einem -irren Triebe gehorchend, sprang die Hinausstarrende mitten -in die vorüberhetzenden Trümmer der geschlagenen Haufen -hinein.</p> - -<p>Ein Stoß – und noch einer – ein lauter Schmerzensschrei, -– dann ein Straucheln und Wiederemporgerissenwerden, -– haarige Fäuste, die sich roh in die Kleider des -Mädchens einkrallten, – zuletzt ein Schieben und Hinaufzerren -der Bewußtlosen in einen der krachenden und kreischenden -Planwagen. Was sich dort drinnen begab, das -schlug zum Glück nur noch wie der letzte Schein eines Erblindenden -gegen ihr Bewußtsein. Auf nassem Stroh lag -sie ausgestreckt, inmitten blutender, stöhnender und fluchender -Menschen, und doch fühlte sie noch im Versinken, wie -<a class="pagenum" id="page_393" title="393"> </a> -eine verpestete, tierische Zudringlichkeit in ihrer ermatteten -Schönheit wühlte.</p> - -<p>Das Begehren nach der Huldigung Ungezählter und -Namenloser, es hatte sich erfüllt. Jetzt riß es der Beraubten -die goldene Fürstenkrone vom Haupt.</p> - -<hr /> - -<p>Wer sollte der Ältesten von Maritzken eine Aufklärung -darüber erteilen, wann und wohin Marianne verschwunden -oder entwichen war?</p> - -<p>Keiner wußte es.</p> - -<p>Die schwarze Faust des Krieges hatte eben nur höhnisch, -spielerisch in den Hof hineingelangt, und es war nichts -geschehen, als daß sich die eisengepanzerten Finger wie in -grimmigem Scherz um ein junges, blühendes Geschöpf geschlossen -hatten. Man sah nichts mehr von ihm, es war -zerquetscht.</p> - -<p>Verstört, verständnislos lief Johanna mit den wenigen -Mägden in der Wirtschaft herum, laut hallend rief man -den Namen Mariannes in das herbstliche Gehölz hinein, – -nirgends eine Spur von der Verlorenen.</p> - -<p>»Vorwärts in den Keller,« trieb Johanna an, von der der -Glaube nicht wich, es handle sich bei der Jüngeren nur um -eine erklügelte Bosheit, die sie ersonnen hatte, um sich für -die harte Zurechtweisung zu entschädigen.</p> - -<p>Draußen auf der Landstraße kroch die gewaltige, schuppenhäutige -Schlange langsamer, träger dahin. Sie schien -ermüdet zu sein, und das Quirlen und Fauchen, das Heulen -und Kreischen, das sie bisher ausgestoßen, wurde seltener.</p> - -<p>Es war um die fünfte Nachmittagsstunde, als Johanna -von ihrem vergeblichen Abstieg in die unteren Räume des -Hauses kopfschüttelnd zurückkehrte. Schon von dem Flur -<a class="pagenum" id="page_394" title="394"> </a> -aus bemerkte sie zurückzuckend, wie auf dem Hof ein Trupp -russischer Kavalleriepferde rings um den blauweißen Pfahl -des Taubenhauses zusammengekoppelt stand. Hochauf -rauchte den Tieren das struppige Fell. Einzelne von den -todmüden Kleppern waren vorn in die Knie gebrochen, -andere hingen mit der Halsung bis auf das Pflaster herab, -wo sie gierig die wenigen Haferkörner aufschnupperten, -die von den Tauben übriggelassen waren. Ihre Reiter -jedoch drängten sich in wilder Hast aus den offenen Stalltüren. -Dort drinnen wurde zusammengeschlagen und auseinander -gebrochen, was irgendwie einem Futterbehälter -ähnlich sah. Es blieb klar, hier galt es keiner bequemen -Einlagerung mehr, hier wurde nur noch in besinnungsloser -Gier geplündert und fortgerissen, was man zur Erhaltung -einer letzten verebbenden Widerstandskraft benötigte.</p> - -<p>Von einer Ahnung durchschlagen, warf die Gutsherrin in -hartem Schwung die Tür des kleinen Wohnzimmers zurück, -in dem sie vor kurzem noch mit ihrer jüngeren Schwester -gehadert und gestritten.</p> - -<p>Und dann –</p> - -<p>Ihre Hand erstarrte auf der Klinke.</p> - -<p>Entsetzen – nein, dem Himmel sei Dank – nein, Entsetzen -– wer hatte sich dort auf das Ruhebett geworfen, -um das noch der leichte Duft von Mariannes Parfüm -schwebte? Unmöglich, es war nicht denkbar, daß diese zerrüttete, -halb offene Uniform, daß die herabhängenden -Arme, die von Kot überkrusteten Stiefel, die rücksichtslos -über das untere Polster gebettet lagen, – nein, ausgeschlossen, -dies alles konnte nimmermehr zu der vollendeten, -ebenmäßigen Gestalt gehören, die hier einst wie ein fremder, -aber doch herrlicher und lächelnder Gott einhergeschritten.</p> - -<p>Und doch – alle Zweifel erwiesen sich als hinfällig, -wo die Wirklichkeit in ihrer grausen Majestät waltete. -<a class="pagenum" id="page_395" title="395"> </a> -Wozu noch nach Gründen forschen, weshalb Verknüpfungen -zu verstehen suchen, jetzt, wo der prasselnde Hagelschlag -dort draußen die ganze Giftpflanzung gottlob zu zerschmettern -anhob! Hier lag nur eine einzige verkommene Blüte, ein -gefährlicher Kelch, dessen süße Dünste Gift und Verwesung -um sich gestreut hatten. Und solch ein zerknicktes Unkraut -sollte man nicht vollends brechen und vernichten können?</p> - -<p>Johanna wußte nicht, was sie dachte. Ohne klare Besinnung, -wie ein großer wachsamer Hund, der einen gefährlichen -Eindringling umlechzt, schlich sie näher. Auf -Zehen.</p> - -<p>Der zerbrochene, übermüdete und zerschlagene Körper -da vor ihr regte sich nicht. In sich zusammengekrochen, -mit schlaff herabhängenden Armen lag er über die Polster -gekrümmt, und als sich Johanna vorsichtig über ihn beugte, -entdeckte sie, wie bleierner Schlaf die sonst so gelenkigen -Glieder des Offiziers wie in einen Schraubstock einpreßte. -Zerbeult hing die Mütze ihm noch auf den wirren, schweißnassen -Haaren. Grau und zerfurcht spannte sich die Haut -über die plötzlich hervorstehenden Backenknochen, und sie -drückten dem bekannten Antlitz unvermittelt ein nicht zu -verkennendes slavisches Gepräge auf. Auch der offenstehende -Mund entbehrte jener weichen Anmut, die ihn früher -so verlockend umspielt.</p> - -<p>Aber eine unvorsichtige Bewegung ließ das Landmädchen -die Schulter des Hingestreckten streifen. Im gleichen Moment -stieß der Schläfer einen lauten Schrei aus und sprang -in so haltlosem Entsetzen auf die Füße, das rings umher -alle leichteren Möbelstücke zitterten und bebten. Lodernd -waren die großen dunklen Augen des Russen aufgerissen, -und seine Rechte zuckte schwankend, betäubt nach einer -umgeschnallten Pistolentasche, die er trotzdem nicht fand.</p> - -<p>Sprachlos starrten die beiden Menschen sich an. Und es -<a class="pagenum" id="page_396" title="396"> </a> -dauerte eine geraume Weile, bis sich Fürst Fergussow auf -seine Umgebung und auf seine Gastgeberin zu besinnen -schien, auf das blonde Weib, deren hohe festgefügte Wucht -ihm in dem dunklen Zimmer alle Fassung geraubt hatte.</p> - -<p>Wo waren die Lebensart, die nie versagenden Formen -des Hofmannes geblieben? Er begrüßte die Dame des -Hauses nicht, er gab ihr über den Zweck seines Wiedererscheinens -keine Auskunft, er versuchte nicht, sein Hemd -über der nackten Brust zusammenzuziehen. Müde, leer, -unwillig, wie jemand, der sich über einen unwillkommenen -Zuschauer ärgert, streifte er das schweigende Landmädchen -mit einem mißtrauischen Blick, bis er sich schließlich stöhnend -und scharrend auf einen Stuhl am Tisch niederließ. Mitten -durch die Dunkelheit verfolgte Johanna, wie Dimitri Sergewitsch -dort seinen Kopf in beide Hände nahm, wobei es ihm -endlich auffiel, daß die Feldmütze noch immer sein Haupt -bedeckte. Mit einem Fluch schleuderte er sie auf die Erde. -Und erst durch jene Anstrengung völlig zu sich gebracht, schien -er über sich und seinen Zustand nachzubrüten.</p> - -<p>»Geben Sie mir etwas zu essen,« war das erste, was er -forderte. Er verlangte es in einem Ton, der keinerlei Bekanntschaft -mit der Angeredeten ahnen ließ und der nichts -als stummen Gehorsam erwartete.</p> - -<p>»Unsere Vorräte sind ausgeraubt,« erwiderte Johanna -trotzig, denn ihr Triumph über die ungeheure Zerschmetterung -der bisherigen Bedränger verleitete sie zu der Unklugheit, -die noch immer vorhandene Macht der Fremden geringzuschätzen. -Auch durchströmte sie ein seltsames Wohlbehagen -dabei, als sie sich jetzt zum erstenmal den Geboten dieses -glatten Machthabers zu widersetzen wagte.</p> - -<p>Doch der Mann am Tisch sprach weiter, als wäre ihr -Einspruch spurlos an ihm vorübergeweht.</p> - -<p>»Machen Sie Licht,« verlangte er, unbehaglich und nervös -<a class="pagenum" id="page_397" title="397"> </a> -mit den Stiefeln scharrend, »und dann bringen Sie mir -eine Tasse Tee und Fleisch, viel Fleisch. Ich bin hungrig.«</p> - -<p>Allein Johanna rührte sich noch immer nicht von der -Stelle.</p> - -<p>»Ich sagte Ihnen schon ...«</p> - -<p>»Gehorchen Sie,« schrie der Russe plötzlich in einer -Wut, vor der Johanna wie vor einem Faustschlag zurückfuhr. -»Ihre Landsleute haben uns gelehrt, wie Krieg geführt -werden muß. Verstehen Sie? Glauben Sie vielleicht, -daß ich Lust und Zeit habe, Tanzstundenredensarten zu verschwenden? -Danken Sie Gott dafür, daß ich noch immer an -Roheiten keinen Geschmack gewinnen kann. Sonst müßte -ich Ihrem Volke gegenüber meine Wünsche mit anderem -Nachdruck vertreten. Und nun, bitte, bringen Sie, worum -ich Sie ersuchte. Auch eine Flasche Wein wünsche ich auf -den Tisch.«</p> - -<p>Er streckte die Hand gegen die Tür wie ein Herr, der -seine Untergebene zur Eile mahnt. Johanna aber warf -das blonde Haupt in den Nacken und verließ aufgerichtet -und selbstbewußt das Zimmer. Nicht durch das Zucken einer -Wimper verriet sie dabei, wie schmerzhaft der Schreck über -das veränderte Wesen des früher so zartfühlenden, weichen -Menschen in ihr wühlte. Allein auch jetzt, da die verwüstete -Erscheinung hinter ihr versunken war, sollte die Gutsherrin -zu keiner Klarheit über das gelangen, was doch die nächsten -Stunden bringen mußten. Nur eines schwang vor ihren -starren Augen in roten Kreisen herum, er sollte nicht fort -von hier, bevor – ja bevor – –</p> - -<p>Hier jedoch verwirrte sich bereits ihr Verlangen, denn -sie schrak vor ihren eigenen durcheinander rasenden Plänen -zurück, weil ihre Absichten körperlich wie mit schwarzen -Flügeln um ihr Haupt taumelten. Auch sollte sie scheinbar -nicht die letzten Grenzen ihrer Wünsche durchmessen, denn -<a class="pagenum" id="page_398" title="398"> </a> -als sie in der Dunkelheit noch eine kurze Weile auf der rot -gepflasterten Diele verweilte, da vernahm sie zusammenfahrend, -wie eine vertraute, lang vermißte Stimme flüsternd -ihren Namen nannte.</p> - -<p>Gegen den Pfosten des Eingangs drückte sich eine untersetzte -Gestalt.</p> - -<p>»Fräulein!«</p> - -<p>»Ja, wer sind Sie? – Herr im Himmel, Baumgartner!«</p> - -<p>»Ich bin's,« kam es von der anderen Seite kaum vernehmlich -zurück. »Treten Sie einen Augenblick zu mir auf -den Hof, gnädiges Fräulein, denn ich habe Ihnen etwas -auszurichten.«</p> - -<p>Mit einem Sprung, atemlos, fuhr Johanna an die Seite -des Verwalters. In der Aufregung, den Verlorengeglaubten -unverletzt wiederzusehen, streckte sie dem treuen -Mann beide Hände entgegen. Der Wirtschafter aber machte -ihr mit der Schulter warnende Zeichen gegen die dunklen -Gestalten hin, die den Hof bevölkerten, und flüsterte in -seltsam verhaltener Erregung dasjenige hervor, was sein -erschüttertes Gemüt nicht länger verschließen zu können -meinte.</p> - -<p>»Wie sind Sie hierher gekommen, Baumgartner? Waren -Sie gefangen?«</p> - -<p>»Später Fräulein, alles später. Um Gottes willen vorsichtig. -Ich habe ihn gesehen.«</p> - -<p>»Wen?«</p> - -<p>»Unseren Nachbar, Ihren Vetter, Herrn von Stötteritz. -Sie streifen dort hinten schon in den Wäldern herum. Er -trug mir auf, Ihnen zu sagen, in längstens drei Stunden -sei er mit den Ulanen hier.«</p> - -<p>»Baumgartner, besinnen Sie sich, ist das wahr?«</p> - -<p>»Es ist so wahr, wie ich meine Frau und meine kleine -Marielle gesund wieder zu treffen hoffe. Ach, Fräulein,« -<a class="pagenum" id="page_399" title="399"> </a> -zischte es haßerfüllt und lauter, als es die Vorsicht gebot, -aus dem sonst so stillen Menschen heraus, »wenn man die -Mordbrenner nur so lange hier festhalten könnte! Dann -würde ihnen heimgezahlt werden für alles, was sie uns -angetan. Aber diese Bande hat Lunte gerochen und wird sich -verkriechen.«</p> - -<p>Durch Johanna rieselte eine schneidende Kälte.</p> - -<p>»Das werden wir sehen,« sprach sie sich aufrichtend.</p> - -<hr /> - -<p>Die letzten verborgenen Vorräte prangten auf der Tafel -des kleinen Eßzimmers. Leuchtend bedeckte das beste weiße -Damastleinen den Tisch. Statt der elektrischen Birnen, die -schon seit langem unterbunden waren, verbreitete eine hohe -altertümliche Porzellanlampe unter einer matten Milchglocke -hervor ihren dämmernden Schein, und sogar das -ehrwürdige Familiensilber hatte unvermutet wieder den -Weg aus den Kellern an seine alte Stätte gefunden. Auch -die Hausherrin ließ es sich nicht nehmen, ihren hochgeborenen -Gast selbst zu bedienen. Ohne zu zögern hatte sie sich ihm -gegenüber niedergelassen, und sie wurde es nicht müde, dem -halb Verschmachteten, der so gierige und verlangende Blicke -auf Speise und Trank heftete, das oft geleerte und hastig -heruntergestürzte Glas immer von neuem mit dem schweren -dunklen Rotwein zu füllen.</p> - -<p>Kein überflüssiges Wort wurde zwischen ihnen gewechselt, -keine Unterhaltung wollte aufkommen, nur als die Älteste -von Maritzken beiläufig von dem Verschwinden Mariannes -berichtete, da fing sie feindselig auf, mit welch völliger -Gleichgültigkeit, ja wie erleichtert der russische Oberst von -der unerklärlichen und beängstigenden Tatsache Kenntnis -nahm.</p> - -<p>»Ah,« murmelte er, sich den Mund wischend, »die junge -<a class="pagenum" id="page_400" title="400"> </a> -Dame ist sehr gewandt. Ich wette, sie wird irgendwie in -die Stadt geraten sein.« Und sich zurücklehnend und langsam -seine Uniform zurecht streichend, setzte er wie in der -Rückerinnerung an seine ehemalige hilfreiche Art hinzu: -»Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, dort drinnen -in Ihrem Namen eine Erkundigung einzuziehen.«</p> - -<p>Da glitt ein Schatten über das Antlitz der Wirtin. Und -mit Anstrengung und einem so unsicheren Ton, daß es -ihrem verdüsterten Gast auffiel, rang sie sich ab:</p> - -<p>»Wollen Sie denn heute noch weiter, Durchlaucht?«</p> - -<p>»Ja, ich muß, ich muß,« stieß Fürst Fergussow hervor, -der sich inzwischen erhoben hatte und ans Fenster getreten -war. »Dieser Abschnitt wird von anderen unserer Truppen -besetzt werden. Aber seien Sie unbesorgt,« kehrte er sich -langsam zu ihr, und allmählich drang wieder etwas von -seiner einfangenden Höflichkeit in sein Wesen, »ich lasse -Ihnen auch diesmal einen Schutzbrief zurück und hoffe, -daß man ihn trotz unserer mißlichen Umstände beachtet.«</p> - -<p>»Sie sind sehr müde,« sprach Johanna zögernd, und -wenn der andere genauer hingehorcht hätte, dann müßte -er unfehlbar die schleppende Anstrengung aus ihrem Vorschlag -herausgefunden haben, »Sie sehen eingefallen und -kränklich aus,« drängte es unwillkürlich aus ihr weiter, -und ohne daß sie es wußte, gewannen für einen Augenblick -Angst und Besorgnis für dieses zerbrochene Menschenbild in -ihr die Oberhand. Eine Verwirrung, eine Umwälzung -gärten in ihr, der selbst die kräftige Walküre nicht gewachsen -blieb. »Sie sollten sich hier noch eine Nacht lang -Ruhe gönnen. Ich glaube bestimmt, das wird Sie aufrichten.«</p> - -<p>»Nein, nein, ich danke Ihnen, – ich danke Ihnen aufrichtig,« -wehrte sich Dimitri Sergewitsch, während er unruhig -im Zimmer auf- und niederschritt.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_401" title="401"> </a> -Wechselnde Schatten huschten dabei über seine verstörten -Züge, die das frühere glatte Lächeln völlig verlernt zu haben -schienen. Nervös griff er mit den Händen hierhin und -dorthin. Es war ein Jammer, die fliegende Unrast dieses -gehetzten Mannes beobachten zu müssen. Plötzlich warf -er sich wieder an dem Tisch nieder, strich sich die braunen -Locken zurecht und stützte das Haupt schwermütig auf seine -Rechte.</p> - -<p>Johanna bebte.</p> - -<p>Denn die dunklen Augen, die sie jetzt so verzweifelt, -so anklagend umfaßten, es waren dieselben, die Jahre um -Jahre wie eine Verkündung ihres Loses auf sie herabgeschaut -hatten.</p> - -<p>»Liebes Fräulein,« begann der Sitzende zu flüstern, und -in seinen Augen sprühte das Entsetzen höher und höher, -»wenn Sie wüßten, was wir verurteilt waren, zu sehen! -Nein, ich kann und darf Sie nicht damit ängstigen. Die -menschliche Natur ist in ihren Urzustand zurückgesunken. -Die Bestien heulen sich an, reißen sich mit den Hauern das -Fleisch von den Knochen und saufen ihr Blut. Das Grauen -und der Ekel wird zu einer wollüstigen Unterhaltung. Und -doch – oh, es ist fürchterlich – während wir den widerlichen -Geschmack auf der Zunge spüren, während alle Maßstäbe -des Menschlichen zwischen unseren Händen zerbrechen, da -summt etwas Irrsinniges, etwas Aufreizendes in unseren -Adern. Eine ungezügelte, wahnsinnige Lust, alle Schrecken -von neuem durchzukosten, damit wir unsere tanzenden -Nerven mit noch unvorstellbareren Scheußlichkeiten sättigen.«</p> - -<p>»Wünschen Sie sich gleichfalls etwas Ähnliches?« fragte -Johanna hart, denn bei seinem Ausbruch fiel ihr plötzlich -ein, wen sie vor sich hatte.</p> - -<p>»Ich?« Der Fürst sprang auf, preßte die Hände zusammen -<a class="pagenum" id="page_402" title="402"> </a> -und schlug sie verzweifelt gegen seine Stirn. »Wie -kann ich Ihnen das beschreiben?« stieß er unglücklich und -zerbrochen hervor, und ein schriller Wehlaut entrang sich -ihm. »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das alles mitteilen -soll, denn was gehen Sie mich im Grunde an? Vielleicht -habe ich auch um Sie nicht viel Gutes verdient, und es ist -sehr möglich, daß Sie mich hassen.«</p> - -<p>Jetzt erhob sich auch das große blonde Mädchen. Schwerfällig -griff sie hinter sich an die Decke einer altertümlichen -Kommode, um sich zu stützen. Ihre stählernen blauen Augen -folgten unausgesetzt den wilden Gängen ihres Gastes, -ihre Lippen bewegten sich, aber irgendeine Einwendung, -die der aufgescheuchte Offizier zu vernehmen wünschte, -sie vertrocknete ihr auf der Zunge. Und in seiner jagenden -Hast hatte der erregte Mann auch längst wieder vergessen, -was er eben noch zu erkunden begehrte. Oder es schien ihm -nebensächlich, gleichgültig. Mit fliegender Hand zauste er -an den Gardinen, die weiß und traulich vor der hereinbrechenden -Nacht hingen, und ohne Rücksicht, ja ohne zu ahnen, -wie grauenhaft es wirkte, preßte er das dünne Gewebe vor -seine Stirn, um sich den perlenden Schweiß zu entfernen.</p> - -<p>»Ich bin vielleicht feige« stöhnte er dabei in einer schneidenden -Entladung, »ich mag auch aus diesem grauen Wams -und dem krummen Säbel kein Gewerbe machen. Aber wenn -man mit ansehen muß, wie diejenigen Leute, die kurz vorher -mit einem aßen und tranken, die sich auf dasselbe Stroh -streckten, warm wie ich, hilflos, ja hilflos wie wir alle, -wenn man mit ansehen muß, wie diese Erbarmungswürdigen -ihren Verstand verloren, wie sie mit wütenden Sprüngen -in Sumpf und Morast setzten und zu Hunderten, zu -Tausenden, umheult, umzischt von feuerspeienden Geschossen, -in dem weichen, grünen, schwammigen Morast einsanken, -Zoll für Zoll, Strich für Strich, dann – dann – –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_403" title="403"> </a> -»Was?« kam es von Johanna scharf.</p> - -<p>»Dann,« keuchte der Offizier, und seine Finger kratzten -auf den Brustklappen der Uniform herum, als wolle er sie -von neuem aufreißen, »dann schreit man auf zu der Vernunft -oder zu irgend etwas, was besser ist als wir, und -zetert und brüllt um Antwort, warum es zur Verschiebung -von ein paar Kilometer Sprach- oder Kulturgrenzen so -vieler aufgeputzter Mörder bedürfe.«</p> - -<p>Er stand wieder vor den Fensterscheiben, und abermals -fuhr der Gehetzte mit dem Tüll der Gardine über sein -gelbes, erdfahles Gesicht. Johanna lehnte noch immer an -der Kommode. Und obwohl irgendein unwiderstehlicher -Zwang sie dazu antrieb, über die Schulter ihres abgekehrten -Gefährten in die Dunkelheit hinauszuspähen, so regte sich -gleichzeitig eine unnennbare widernatürliche Freude in ihr, -aus dem angstgeschüttelten Menschen noch mehr Todesgrauen -herauszuziehen. Ihre Hände wurden eiskalt, die -Zähne bebten ihr leise gegeneinander, und ihre Augen -maßen unaufhörlich die wohlgebildete, wenn auch jetzt zusammengesunkene -Gestalt des Fürsten, während ihre Gedanken -fortwährend von der Vorstellung durchschnitten -wurden: »Du ruhst auch bald – du auch – du auch.«</p> - -<p>»Haben Sie viele von den Ihrigen verloren?« fragte -sie unwillkürlich weiter, und sie konnte nichts dafür, daß es -trotz ihres eigenen Bangens überlegt und berechnet klang.</p> - -<p>Ein tiefes Atmen stöhnte zu ihr herüber.</p> - -<p>»Viele?« stammelte der andere sich schüttelnd, »hören -Sie auf. Merken Sie denn nicht, daß da oben bei mir die -Stränge und Fäden reißen? Daß ich ein jemand bin, der -vergessen hat, wie er heißt und wo er hingehört?«</p> - -<p>Er wandte sich plötzlich zurück, und seine Blicke fuhren -aufgescheucht in den Ecken umher, bis er auf dem Ruhebett -seinen abgeschnallten Säbel entdeckte, auf dem Boden die -<a class="pagenum" id="page_404" title="404"> </a> -Feldmütze und auf einem Stuhl die abgelegten, von Schmutz -umkrusteten Handschuhe.</p> - -<p>»In eine Schlächterkammer war ich eingesperrt,« schrie -er plötzlich, »die draußen mit Nägeln zugehämmert war, -während drinnen – –«</p> - -<p>Ohne zu vollenden stürzte er völlig haltlos auf das weiche -Polster zu, warf sich seinen Degen um die Schulter und -streifte sich erschöpft und zitternd die Handschuhe über. Dann -riß er das Fenster auf und rief einen kurzen Befehl zu dem -dort draußen haltenden Soldatenpiquet hinaus. Es klang -wie ein Angstschrei.</p> - -<p>»Gute Nacht, gute Nacht, liebes Fräulein,« stotterte er -und prüfte mechanisch die Füllung seiner Pistolentasche, -»ich habe mich schon zu lange aufgehalten. Wer kann wissen, -was hinter einem ist? Nichts gehört einem mehr, selbst -der Wille ist uns genommen. Leben Sie wohl. Und wenn -Sie sich zuweilen meiner erinnern, dann, ja dann denken Sie -nicht an das, was aus mir gemacht wurde. Nein, nicht -an das,« wiederholte er bitter und drückte sich die Mütze -achtlos auf den Kopf.</p> - -<p>In diesem Augenblick vollführte der Oberst eine Bewegung, -die das Schicksal der Bewohner des weißen Hauses -zu Maritzken entschied. Hinter Johanna, auf der Platte der -Kommode, stand ein Bild, das Marianne vorstellte. Fürst -Fergussow ergriff es, warf einen leeren Blick darauf und -stellte es rasch wieder an seinen Platz, eilfertig und voll -Scheu, als wäre das Bild ein Dorn, an dem er sich die -Finger blutig gerissen.</p> - -<p>»Gute Nacht,« wiederholte er ohne besondere Bewegung, -»gute Nacht.«</p> - -<p>Da regte sich Johanna zum erstenmal. Jedes Bewußtsein -war von ihr gewichen, sie hörte nur immerfort dasselbe wilde -Summen, das, solange sie hier weilte, beständig durch ihr -<a class="pagenum" id="page_405" title="405"> </a> -Denken trommelte. Abwehrend griff auch sie nach dem -Rahmen, und die Hände der beiden Menschen schlossen sich -umeinander.</p> - -<p>»Sie sollten diese eine Nacht noch bleiben,« murmelte sie -mit einem irren Lachen.</p> - -<p>Was dann folgte, wußte sie nicht mehr.</p> - -<p>Der Fürst starrte sie eine lange Zeit verständnislos an, -dann nahm er langsam seine Mütze vom Haupt, zuckte die -Achseln und ließ sich müde, geistesabwesend von neuem an -dem Tisch nieder.</p> - -<p>Er wartete.</p> - -<hr /> - -<p>An dem Fenster ihres verschlossenen Schlafzimmers -lauschte Johanna in die Dunkelheit. Hinter ihr in dem -schmucklosen Raum herrschte vollkommene Finsternis, denn -in ihrer angstgeschüttelten Verwirrung hatte die Gutsherrin -nicht gewagt, ein Licht zu entzünden. Nun fing das harrende -Weib jeden Laut auf, der von dort hinten herüberdrang, -wo sich vor ihrem geistigen Auge die dichte Wand der -Wälder dehnte.</p> - -<p>Von dorther mußten sie kommen.</p> - -<p>Die Befreier, die reinen und hellen, die sich selbst -zur Bürgschaft einsetzten für das Gelübde, das sie -der Heimat verpfändet. Todesschreie würden gellen, ein -roter Sprühregen zischen, und doch – ihr Handel war gut -und recht, und das tiefste Empfinden, die heißeste Sehnsucht -eines Volkes sprach ihn heilig.</p> - -<p>Aber sie, die hier am Fenster lauerte, was verübte sie -inzwischen? Durfte sie den Plan, das trügerische Gespinst -auch für rein und hell ausgeben, in dessen Maschen sie -einen seiner Kraft und wohl auch halb des Verstandes Beraubten -einzuschnüren suchte?</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_406" title="406"> </a> -Doch, doch, nur jetzt nicht grübeln und zerfasern, um -alles in der Welt nicht. Man würde sie loben, ganz sicher, -es handelte sich ja um einen Fürsten, um einen höheren -Offizier, um einen verächtlichen Wicht, der sich nicht gescheut -hatte, das Gewand schuldloser Frauen in Fetzen zu -reißen.</p> - -<p>Schuldlos?</p> - -<p>Draußen strich der Wind über die Strohdächer der -Scheunen, und die Aufgeregte hätte darauf schwören mögen, -daß sie soeben ein geisterhaftes Lachen vernommen. Vorsichtig -schloß sie das Fenster und verschränkte beide Hände -gegen die Stirn. Ihre Finger schauerten so kalt gegen die -Schläfen, daß in das Denken der Einsamen eine unerbittliche -Klarheit drang.</p> - -<p>Schuldlos?</p> - -<p>Nein, das war eine bequeme Lüge. Das eine der Mädchen -von Maritzken hatte sich dem Eindringling gewiß jubelnd -preisgegeben, denn er war herrlich von Ansehen, und irdischer -Glanz strahlte blendend von ihm aus. Und die andere?</p> - -<p>Ahnte irgend jemand etwas von dem Aufstand und dem -Brand geweckter Sinne? Von dem wahnsinnigen Gewitter -einer erträumten Hingebung, das hier in dem engen -Raum einstmals in widerspruchsvoller Einsamkeit gewütet?</p> - -<p>Und wenn nichts als dieses Letzte wahr blieb! Johanna -biß sich auf die Lippen, riß ungestüm ein Zündholz an und -beleuchtete das Zifferblatt der kleinen Standuhr. Die Zahl -zuckte auf, es war drei Viertel auf sieben. Höchstens noch -eine Stunde, dann mußte alles vorüber sein.</p> - -<p>Allein, aus dem verendeten Lichtschein sprang plötzlich -weiß, schattenhaft und doch voll zitternden Lebens das -Haupt des toten Preußenprinzen empor. Und Johanna -hielt inne und horchte auf die Schläge ihres sich krampfenden -Herzens.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_407" title="407"> </a> -So fahl und leblos mußte bald ein anderes Antlitz -dämmern.</p> - -<p>Und dann dieser letzte Blick, in dem noch die Erkenntnis -verendete, daß hier eine häßliche Spinne gesessen, die -beutehungrig Fäden auf Fäden um einen arglos Vertrauenden -gesponnen. Pfui, das war jammervoll. Das ertrug -die aller List Abgewandte nie und nimmer. Dagegen verknisterte -die Trauer um ihre verlorenen und versprengten -Angehörigen zu Asche. Und in einer besinnungslosen Aufwallung -rüttelte Johanna an dem Griff der Tür.</p> - -<p>Doch das Holz blieb verschlossen. Ah richtig, sie hatte -sich ja selbst in kühler Berechnung eine Mauer gegen jedes -weichliche Mitleid errichtet. Und mit einem schmerzlichen -Stöhnen sank die Hausherrin auf den nächsten Stuhl, faltete -matt die Hände in ihrem Schoß, und zwischen Fieber -und Erschlaffung hörte sie, wie die Zeit mit verhängtem -Zügel weiter raste.</p> - -<hr /> - -<p>Zu derselben Frist, da die Älteste von Maritzken ihre -unstete Sehnsucht nach den ihrem Schutz anvertrauten -Mädchen ausschickte, da kletterte die eine von ihnen, Marianne, -mitten auf dem Marktplatz der Stadt, verstohlen und -wie im Traum, aus dem Planwagen der Verwundeten -herab. Niemand hinderte sie, keiner hätte sie eine Minute -später in dem wütenden Lärm, in dem Schreien und Toben, -das ringsherum wirbelte, zu unterscheiden vermocht. Eine -dicke Finsternis lagerte über dem früher so ordnungerfüllten -Gemeinwesen. Keine Gasflamme warf ihren Schimmer -auf die Bürgersteige. Seit einer Stunde versagten aus -einem geheimnisvollen Grunde die Zuflußrohre der Leitungen. -<a class="pagenum" id="page_408" title="408"> </a> -Statt dessen hörte man in kurzen Abständen aus -der fernen Anstalt dumpfe, knatternde Explosionen in die -Höhe knallen. Und doch gab es hie und da eine Art trauriger -Beleuchtung. Einzelne Häuser der Vorstädte oder der -weniger betretenen Seitengassen hatten Feuer gefangen, -überall in der Luft wehte ein beizender Dunst von Petroleum -und Benzin, und der Verdacht lag nicht fern, plünderungssüchtige -Banden, die in dieser allgemeinen Auflösung -weniger denn je den Namen von Soldaten verdienten, -hätten die gefährlichen Flüssigkeiten selbst über die kleinen -ehrbaren, schiefwinkligen Häuserchen gegossen.</p> - -<p>Aus dem unentwirrbaren Knäuel der Bagagewagen schlich -sich Marianne zur Seite. Hindurch durch Geschützbespannungen, -durch schreiende und brüllende Haufen, die sich -aus versprengten Trümmern wieder in ordnungsmäßige -Kompagnien und Regimenter zu schichten suchten. Zwischen -den wilden Schreien der Verwundeten wand sie sich dahin, -die unbekümmert und in Hast mitten auf die Pflastersteine -des Marktes ausgeladen wurden. Vorbei an scheuenden -Pferden und hilflos am Boden kauernden Trupps, die sich -niedergeworfen hatten und den Gehorsam zu verweigern -schienen. Durch die Zertrümmerung und das Auseinanderbrechen -einer zurückflutenden Armee, die noch einmal dazu -zusammengerafft werden sollte, eine letzte Stellung zu -verteidigen. Durch das Grauenvolle der in allen Rädern zerschmetterten -Maschine, die nur noch sinnlos kreischte, rasselte -und surrte. Und wie schwarz und ameisenhaft es sich um die -Davonwankende herumdrängte, welche lasterhaften Flüche, -welche rohen Beschimpfungen in einer fremden Sprache -gegen sie brandeten, das Mädchen in den zerfetzten und -blutbesudelten Kleidern besaß nicht mehr das geringste -Verständnis für ihre Umgebung. Schlürfend tastete sie sich -vorwärts, mit der Rechten kraftlos an den Mauern der -<a class="pagenum" id="page_409" title="409"> </a> -dunklen Seitenstraße entlang gleitend. Was sie dort suchte, -wußte sie nicht mehr. Sie wollte nur gehen und gehen und -wandern, nachdem sie vorher schmachvolle Stunden, jeder -Bewegung beraubt, auf dem faulenden Stroh des Planwagens -verbracht. Das war gar kein Mensch mehr, sondern -ein Wesen, das sich gedankenlos fortbewegte und nur noch -eine stumpfe Freude darüber empfand, weil ihre verschnürten -und gefesselten Glieder sich trotzalledem dehnten und regten. -Zu anderen Zeiten hätte ein Vorübergehender stehen bleiben -können, um der Bettlerin ein Almosen in die Hand zu -drücken. So rasch, so von Grund aus, so irrsinnig hatte der -Krieg, der der Umsturz alles Bestehenden ist, ein blitzendes -Leben ausgelöscht und in den Kot geschleudert. Und gleich -ihr Tausende, Abertausende, die noch atmeten und gar nicht -begriffen, daß sie schon begraben waren.</p> - -<p>Aber jetzt in der pechfinsteren und menschenverlassenen -Gasse, da schlugen Stimmen an das Ohr der Gleichgültigen, -von denen getroffen sie ihr müdes Weitertasten unterbrach, -um in fernem Besinnen durch Dunst und Nacht -zu horchen.</p> - -<p>»Sehen Sie sich noch einmal nach ihm um, lieber Bienchen,« -klang es wohllautend und doch zugleich von einer -anheimelnden Güte durchdrungen, »ich werde hier auf -Sie warten. Aber dann – dann muß es sein. Länger dürfen -wir es nicht mehr aufschieben, sonst könnten unsere ganzen -Sorgen und Bemühungen vergeblich gewesen sein. Und -das wollen Sie doch nicht?«</p> - -<p>»Nu nein, ich will es nicht,« ertönte bekümmert und -kleinmütig eine kratzbürstige Reibeisenstimme dagegen. »Wie -darf ich Sie allein lassen bei dem Schauderhaften? Ich leb' -sowieso nicht mehr. Wahrhaftig, ich stell' mir immer vor, -daß ich mich nur noch auf Kredit, auf Borg hier unten -befind'. Nun also, ich werd' durch den Keller gehen und -<a class="pagenum" id="page_410" title="410"> </a> -mich nach ihm umsehen. Sie werden sich ganz ruhig verhalten -und hier warten. Aber bei meinem Leben, 's ist schrecklich -solch ein Geschäft.«</p> - -<p>Während der letzten Worte wurde an einer unsichtbaren -Tür geschlossen, und dann verloren sich hinunterschlürfende -Tritte in einem Erdgeschoß.</p> - -<p>Gleich darauf war alles still wie zuvor. Doch nein, hinter -dem Häuservorsprung, den man kaum noch unterscheiden -konnte, stahl sich eine Melodie hervor. Der Zurückgebliebene -vertrieb sich die Zeit durch ein klangreiches Summen, und -die feinen Schwingungen wie das zarte Taktgefühl bekundeten -deutlich den geübten Musiker.</p> - -<p>Um Gottes willen, das konnte doch nicht – –?</p> - -<p>Und so abgerissen die Noten sich auch dem verschleppten -Mädchen einprägten, sie erweckten ihr doch das Bewußtsein, -daß sie nicht immer als eine Entwürdigte und Verstoßene -durch die Gassen geirrt sei. Langsam wachte sie auf, und -eine matte Gier nach Ruhe und Schlaf und Vergessenheit -überfiel sie. Mit einem unsicheren Schritt trat sie näher, -streckte den Arm aus und fuhr zurück, als sie in der Dunkelheit -ihre Finger auf dem Stoff einer groben Arbeitsjacke -spürte.</p> - -<p>»Ich weiß nicht, – Fritz – Fritz Harder, bist du es?« -wollte es sich ihr in einer heiseren, ihr selbst schreckhaften -Sprache entringen, da wurde mit einem festen Griff nach -ihrem Arm gefaßt und dadurch jede weitere Anrede im -Keim erstickt.</p> - -<p>»Keinen Namen,« forderte eine Stimme, die allen Widerspruch -ausschloß und die dennoch das vor Erschöpfung -strauchelnde Weib mit ihrer bekannten ehrlichen Wärme ins -Leben zurückrief. »Aber du, Marianne, – Sie – wie -kommen Sie hierher?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_411" title="411"> </a> -Der Angeredeten gebrach es an Atem, sie schwankte und -lehnte sich fest gegen den angebotenen Arm.</p> - -<p>»Sie haben mich verschleppt,« stöhnte sie, und zum -erstenmal in ihrem anspruchsvollen und verwöhnten Dasein -stürzten der Zerschmetterten Tränen der Verzweiflung über -die Wangen.</p> - -<p>»Ist Ihnen etwas geschehen?« forschte durch die Dunkelheit -hindurch dieselbe gütige Stimme.</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>»Ist Ihnen etwas geschehen?«</p> - -<p>Da schüttelte die Schluchzende langsam das Haupt. Ein -erster Anfang regte sich in ihr, ein Haschen, ein Besinnen, -wie man aus den zerbrochenen Scherben vielleicht doch wieder -die alte leuchtende Pracht aufrichten könne. Man brauchte -ja nur die Kraft zu besitzen, das taumelnde Erlebnis fest -in sich zu verschließen, ihm keine Ausgänge zu gewähren -und dem Tag und der Nacht mit unverändert stolzen Augen -ins Antlitz zu schauen. Und war es nicht ein beredter Zufall, -daß sich ihr sofort eine dienende Hand entgegenstreckte, die -gewiß keinen höheren Ehrgeiz kannte als sie zu stützen? Noch -blitzten solche Erwägungen unbestimmt und verwirrend -durch das zerhämmerte Hirn, und doch sprach sie schon -etwas gefaßter:</p> - -<p>»Ich muß mich setzen können, Fritz. Du mußt mich in -dein Zimmer führen und – und bei mir bleiben.«</p> - -<p>Auf der anderen Seite blieb es eine Weile still. Deutlich -merkte Marianne, wie neben ihr in der Finsternis ein heftiges -Ringen um Ruhe und Gelassenheit anhob. Dann aber entgegnete -ihr unsichtbarer Gefährte mit derselben Entschiedenheit, -durch die das Mädchen schon zu Anfang in Erstaunen -gesetzt war:</p> - -<p>»Marianne, ich kann Sie nicht begleiten. Das Haus ist -von russischen Offizieren belegt, und nur den Keller haben -<a class="pagenum" id="page_412" title="412"> </a> -sie dem Uhrmacher Adameit, meinem ehemaligen Hauswirt, -übrig gelassen. Dort unten liegt er nun gelähmt, vom -Schlage getroffen, zwischen Leben und Sterben. Sie tun -gewiß ein gutes Werk, wenn Sie zu dem Hilflosen hinabsteigen. -Auch wird in dem dumpfen Raum kein Mensch -eine Dame, wie Sie, vermuten.«</p> - -<p>»Eine Dame?«</p> - -<p>Die Zurückgewiesene erschrak, als sie die jetzt so wenig -zutreffende Bezeichnung auffing. Auch schwindelte ihr vor -der Erkenntnis, wie ihr in ihrem Unglück selbst der letzte -so sicher errechnete Beistand entglitt. Und dann – ein -feuchter Keller sollte das Prunkgemach bilden, das ihr -Schutz bot? Und ein gelähmter Handwerker ihr zur Gesellschaft -dienen? Oh, es schwirrte durch die zerrissenen -Sinne. Jedes Gefühl für Würde und Stolz entwich der -Gedemütigten, und ohne zu ahnen, welche Wirkung sie -hervorbrachte, verlegte sie sich aufs Schmeicheln.</p> - -<p>»Fritz, so kannst du mich nicht behandeln – denk doch -nur, du darfst mich nicht verlassen. Hast du mich wirklich -ganz vergessen?«</p> - -<p>Sanft versuchte sie seine Wange zu streicheln, allein -mitten auf dem Wege wurde ihre feuchte kalte Hand von -neuem festgehalten.</p> - -<p>»Ja, Marianne,« beharrte der junge Offizier, der plötzlich -so markig und schwungvoll sprach, wie sie es noch nie -von ihm gehört, »es ist eine Aufgabe auf mich gelegt worden, -vor deren Ernst und Wichtigkeit alles andere zurücktritt. -Dem Himmel sei Dank, daß es einen solchen Ruf gibt. -Tausende hören ihn jetzt und begreifen gar nicht mehr, -daß sie noch vor kurzem eigene Wünsche hegten. So geht -es auch mir. Ich grolle dir nicht und zürne dir nicht, ja -ich danke dir dafür, weil du mich so frei und ungebunden -<a class="pagenum" id="page_413" title="413"> </a> -für meine einzige Liebe und meine große Sehnsucht werden -ließest.«</p> - -<p>»Wer ist das?«, flüsterte Marianne verletzt und beleidigt.</p> - -<p>Da lachte der Offizier im Arbeiterwams.</p> - -<p>»Das ist der Boden, auf dem du stehst, die Sprache, -die du redest und das Volk, das dich geboren. Du wirst -erst wahrhaft leben, wenn du dich zu dem allen zählen -kannst. Und du stirbst, sobald dies Höchste an dir vorübergeht.« -Er brach ab, trat hinter den Mauervorsprung -zurück und sagte ganz ruhig und überlegt: »Hier kommt -Herr Leiser Bienchen herauf, er wird die Kellertür für dich -offen lassen. Leb wohl, Marianne, an mich ergeht der Ruf. -Wir ziehen geradeswegs in Glück und Verklärung hinein, -nicht wahr, Herr Bienchen?«</p> - -<hr /> - -<p>Schaudernd sitzt die in den Keller Hinabgeirrte, ihrer -selbst ungewiß, wie ein fremdes seelenloses Wesen, neben -der hölzernen Pritsche, auf die man den alten Handwerker -gelagert hat. Voll stummen Grauens trinkt sie die -ihr unverständlichen Reden ein, die der von einer irren -Spannung gefolterte Greis von Zeit zu Zeit ausstößt. Bald -ringt er die Hände, bald hebt er lauschend das Ohr, als -müsse und könne er sich nicht von dieser Erde trennen, bevor -er den ersehnten Laut von oben erhascht.</p> - -<p>»Dreißig Jahre daran gearbeitet,« hört sie es aus dem -zahnlosen Munde hervorzischen, »und nun nicht wissen – -nun nicht wissen, ob es von Unheil oder von Segen sein -wird. Und in fremden Händen, die nichts davon verstehen, -die nicht fühlen, wie man jede Schraube aus seiner Seele -hervorgeholt hat. Und die den Zweck nicht ahnen, den letzten -<a class="pagenum" id="page_414" title="414"> </a> -Zweck. Hören Sie nicht etwas, Kind? Hören Sie noch -immer nichts?«</p> - -<p>Aber dann geschieht etwas.</p> - -<p>Der Nachthimmel stürzt ein, die Häuser beginnen zu -beben und zu tanzen, ein Donnerschlag wühlt und kracht -und rollt, jedem Lebenden ein erschütterndes Wunder, die -Zeit hält an, die Luft preßt sich zusammen, eine zerschmetterte -Menschheit stößt ihren letzten Schrei aus, – und dann -schleicht Stille heran, gähnende Lautlosigkeit, die die Schläfen -der zitternden Kreaturen in beide Hände nimmt und -jedes Begreifen erdrückt.</p> - -<p>Ein paar schreckensstarre Augen richten sich in dem Keller, -der nur durch ein tröpfelndes Talglicht erhellt wird, auf -den abgezehrten, zahnlosen Mann. Der zieht langsam die -Lider über die glitzernden Sterne, lächelt und sinkt von -seinem Tagewerk zurück.</p> - -<p>Seine Uhr hat ihre große Stunde geschlagen.</p> - - - - -<h3>VI.</h3> - - -<p>Silberne Lichter sprangen über die feuchten Schollen -des schlafenden Landes. Kein Geräusch störte die weiche, -dunkle Versunkenheit, und nur die bleichen Schilfwände zu -beiden Seiten des Flusses neigten sich manchmal wispernd -gegeneinander, wenn der lange, geisterhaft gleitende Kahn -ein paar stärkere Wellen gegen das Binsengestrüpp drängte.</p> - -<p>Ruhig, gleichmäßig schritt der russische Schiffer die -beiden Laufbretter seines Fahrzeugs ab. Die mächtige -Stange, deren Widerhaken im Bett des Stromes festhaftete, -hatte er gegen die Schulter gestemmt, und nun bewegte -er sein Schiff mit unverminderter Kraft durch die Windungen -der leuchtenden Fahrstraße. Einförmig klappten -seine Tritte auf dem trockenen Holz, und nur ein regsames -<a class="pagenum" id="page_415" title="415"> </a> -Plätschern antwortete jeder vermehrten Anstrengung. Ein -kleiner weißer Spitz begleitete auf dem gegenüberliegenden -Brett treulich den Weg seines Herrn. Dieweil wurde -am Achterende des Kahnes von einem kurz geschürzten und -dick in bunte Tücher vermummten Weiblein das ungefüge -Steuer hin- und hergeschoben. Dies war die Frau des -Schiffers. Aber aus den Lappen, hinter denen sich ihr -Gesicht verkrochen hatte, konnte man bei dem unsicheren -Mondenlicht nur eine breite Knollennase entdecken, und -man hörte nichts von ihr als kurze abgerissene Gesangsstrophen -und dazwischen ein unaufhörliches kicherndes Geplapper. -Nur schade, daß der Schifferknecht, der auf ihre -Weisung mit ihr zusammen das schwere Holz drehte, sicher -nicht das Geringste von dieser sprudelnden Unterhaltung -verstand. Auch schien der Mann in der zerdrückten blauen -Flauschjacke sein Gewerbe durchaus nicht mit Meisterschaft -auszuüben. Denn die Frau in den vielen Tüchern -lachte jedesmal belustigt, so oft sich ihr Genosse mit aller -Kraft gegen das knarrende Holz stemmte. Es blieb auch -seltsam, daß sich ihr dabei niemals ein Tadel entrang, ja, -sie fand es offenbar ganz in der Ordnung, sobald der schlanke -Gehilfe sich abwandte, um angestrengt auf die hinter dem -Ufer sich hinziehende Landstraße zu spähen.</p> - -<p>Wahrlich, dort drüben auf dem grauen dampfenden -Wege gab es seit ein paar Stunden aufregende und schreckhafte -Dinge zu sehen. Zuerst war von dort nur der Hufschlag -vereinzelter Reiter aufgeklungen. Gleich schwarzen -Schattenbildern sausten sie dahin, weiße Staubwolken sprühten -um sie her. Ein höllisches Bild. Dann rollte und rasselte -es, Geschützzüge flogen unter den finster starrenden Chausseepappeln, -aufgewühlte Menschenhaufen brodelten hinterher, -und schließlich wurde ein einziger schwarzer Wurm -daraus, der knurrend und klirrend seines Weges kroch.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_416" title="416"> </a> -Aber der Kahn glitt weiter.</p> - -<p>Nur das Weib lehnte sich über den Querbaum und wies -mit der Hand auf die sich krümmende Schlange. Auch jetzt -noch stieß sie ihr kurzes, fettes Lachen aus. In ihrem -harmlosen, in tiefer Unbildung versunkenen Gemüt regte -sich nicht die leiseste Ahnung, wie durch den schwarzen Wurm -dort drüben Glück, Ruhe und Wohlstand auf Jahre hinaus -niedergewälzt wurden.</p> - -<p>Und doch – unangefochten schwamm der Kahn zwischen -den hohen Binsen stromabwärts.</p> - -<p>In der engen Kajüte, die durch einen roten Fetzen in -Schlaf- und Küchenraum geteilt war, stand inzwischen ein -junges Mädchen vor dem windschiefen eisernen Herd. Über -ihrem Haupt schaukelte sich an einem Draht ein winziges -rauchendes Öllämpchen, und bei seinem dunstigen Schein beschäftigte -sich das junge Geschöpf eifrig damit, aus einem -Topf voll stark duftenden Tees die goldgelbe Flüssigkeit -in eine bunt bemalte Tasse zu gießen. Dann zog sie sich -aufatmend eine weiße, mit blauen und roten Sternen bestickte -Flanelljacke zurecht, strich glättend über ihren kurzen -roten Wollrock und klapperte endlich auf schweren Holzschuhen -die steile Treppe in die Höhe. Sorgsam hielt sie dabei -die Hand über die Tasse, damit die kühle Nachtluft nichts -von der Wärme des Getränkes raube.</p> - -<p>»Hier,« sagte sie über ihr eigenes Werk befriedigt, -indem sie an den Schifferknecht in der blauen Jacke herantrat, -»hier bringe ich Ihnen etwas Feines, lieber Freund. -Denken Sie, ich habe sogar Rum gefunden. Natürlich so -gut wie im »Goldenen Becher« wird er nicht schmecken. Aber -nun trinken Sie. Nicht wahr, bei dieser scharfen Luft werden -Sie meine Kochkunst nicht verachten?«</p> - -<p>Durch die helle Stimme wurde der Konsul unvermutet -seinen Beobachtungen entrissen. Überrascht wandte er sich -<a class="pagenum" id="page_417" title="417"> </a> -herum und, wie stets, so glitt auch jetzt wieder ein erstauntes -Lächeln um seine Lippen, als er die weiße Flanelljacke und -das kurze rote Röckchen gewahrte. Wie eigenartig blieb -das doch, drüben hinter den weißen Staubwolken, in denen -das Mondlicht dampfte, da wallte Weltgeschehen vorüber, -das sicherlich auch sein Schicksal einschloß. Und doch war -es möglich, daß die schweren Sorgen des Flüchtenden hier -durch ein anmutiges Bild auf Augenblicke zerstreut werden -konnten. Die weiße Flanelljacke, der bunte Rock, das -schwarze Tuch über den roten Haaren und die derben Holzpantoffeln -auf den kleinen Füßen, sie redeten keck und -lebensvoll mitten in das Stöhnen einer verzweifelten Völkerklage -hinein.</p> - -<p>Rudolf Bark schüttelte sich, aber bevor er die Tasse aus -den Händen der Kleinen empfing, da drängte er erst das -Geschirr fast gewaltsam an Isas eigenen Mund.</p> - -<p>»Nur ein paar Schlucke, mein Kind,« meinte er gutmütig, -»so ist das zwischen uns ausgemacht, und Sie -müssen mich auch nicht so sehr verwöhnen.«</p> - -<p>»Ja, aber Herr Konsul – –«</p> - -<p>»Schon gut. Nun kommen Sie, Isa, wir wollen uns auf -das Brett hinter der Kajüte niederlassen, denn hier hinten -weht es doch zu scharf für Sie. Auch sehe ich, Sie haben -sich den koketten Halsausschnitt von Madame Krupenski -wieder nicht zugesteckt.«</p> - -<p>Da senkte Isa verlegen das Haupt. Sie wußte auch nicht -wie es kam, aber jeder Tadel aus dem Munde des erfahrenen -Mannes erschreckte sie und entwirkte daneben stets die -heftige Begierde, seinen Wünschen, noch ehe sie ausgesprochen, -zuvorzukommen. Hastig faltete sie an der gerügten -Stelle herum.</p> - -<p>Dann saßen sie beide auf dem Brett hinter der Kajüte, -tranken aus derselben Tasse und sahen schweigend mit an, -<a class="pagenum" id="page_418" title="418"> </a> -wie die Morgendämmerung die rauchenden Wiesen mit -rosigen Fingern zu streicheln begann. Ein blutroter Bach -floß am äußersten Rande des Erreichbaren. Nach einer -Weile sprach Isa nachdenklich:</p> - -<p>»Ob man unsere alten Kleider schon aufgefischt hat, -Herr Konsul?«</p> - -<p>Der Kaufmann nickte. »Das ist sehr wahrscheinlich, -mein Kind. Herr Krupenski hat sie so sachgemäß versenkt, -daß sie sicherlich schon lange an dem Wehr angeschwemmt -sind. Ich hoffe, unser fetter Freund, der Herr Polizeimeister-Stellvertreter -Tolmin wird längst mit Befriedigung -unser trauriges Ende festgestellt haben.«</p> - -<p>»Wie seltsam,« flüsterte Isa gepackt, und ein bezwingender -Gedanke ergriff unwiderstehlich von ihr Besitz, »da -haben wir eigentlich alles Alte von uns abgestreift und -fahren hier wie zwei ganz neue Menschen durch die Welt. -Wissen Sie auch, daß ich das wunderhübsch finde?« fuhr sie -sinnend fort.</p> - -<p>»Warum?« fragte der Konsul und verfolgte den rosigen -Dämmer, der sich auf dem feinen Gesicht seiner Gefährtin -zu verbreiten begann.</p> - -<p>»Warum?« wiederholte die Kleine ernsthaft und schauerte -im Frühfrost zusammen, »das kann ich Ihnen nicht sagen. -Nein, das kann ich wirklich nicht, es ist ein sehr dummer -Einfall.«</p> - -<p>Noch hatte sich Rudolf Bark nicht von dem Glanz trennen -mögen, von dem die unter dem schwarzen Tuch sich hervorstehlenden -Haare des Mädchens allmählich durchleuchtet -wurden, da war es, als ob in der Ferne Erde und Strom -einen Sprung machten. Ein dumpfes Krachen erschütterte -die Luft, der Nachhall eines ungeheuerlichen Donnerschlages -fuhr über den bleiernen Morgenhimmel.</p> - -<p>Betroffen schnellte Isa von ihrem Sitz.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_419" title="419"> </a> -»Herr Konsul,« vermochte sie nur hervorzustoßen, »bedeutet -das ein Unglück für uns?«</p> - -<p>In ihrem schmalen Gesicht arbeitete es. Trostsuchend -lugte sie zu ihrem Freunde empor. In diesem Augenblick -empfand sie nur das eine, wie die lange Fahrt auf dem -schmutzigen Kohlenkahn von allen Schimmern der Poesie -umflossen sei, und das jenes namenlose, aller Regel eines -strengen Bürgertums entbehrende Dahingleiten einen Höhepunkt -ihres Daseins bildete. Sie zitterte vor Hoffnung und -vor Spannung.</p> - -<p>»Bedeutet das für uns ein Unglück?« drängte sie noch -einmal und ergriff schutzbedürftig die Hand des Kaufmannes.</p> - -<p>Beschwichtigend zog Rudolf Bark das aufgeregte Mädchen -wieder an seinen Platz hinter der Kajüte zurück. Und als -er fühlte, wie die Verängstigte sich an ihn schmiegte, da -streicheln er ermunternd über ihre Wangen.</p> - -<p>»Isachen, es will mir scheinen, es kommt im Moment -gar nicht so sehr auf uns beide an.«</p> - -<p>Allein die Kleine schüttelte unter Tränen lachend das -Haupt.</p> - -<p>»Doch, Herr Konsul,« entgegnete sie kleinlaut, – »Sie -müssen entschuldigen, ich bin natürlich lange nicht so klug -wie Sie, – aber das Leben kann doch auch etwas sehr -Seltenes und Kostbares sein. Es wäre zu schade, wenn dies -alles untergehen sollte.«</p> - -<p>»Oh, der Kahn ist fest,« entgegnete der ältere Mann -verständnislos.</p> - -<p>Und dann saßen die beiden wieder und sahen zu, wie -der blasse Morgen über die Felder eilte. Die grauen Dunstwolken -zerfaserten sich, über den Chausseepappeln begannen -schwarze Scharen von Krähen zu kreisen, und unter ihnen -wurde die Landstraße einsamer und stiller. Hinter den -<a class="pagenum" id="page_420" title="420"> </a> -wallenden Staubmassen war die brandende Flucht erstorben. -Langsam und allmählich schwirrte von dort ein schüchterner -Vogelgesang auf, und auch die Heimchen der Wiese besannen -sich auf ihr Morgenlied.</p> - -<p>Stunde auf Stunde verging. Es wurde immer heller.</p> - -<hr /> - -<p>Der Kahn wurde verankert, denn der russische Schiffer -weigerte sich, mitten durch den leuchtenden Sonnenschein -und zumal wo die Grenze so nahe rückte, noch weiter zu -fahren. Auch machte der Herr des Kahnes sehr deutliche -Anspielungen, es wäre an der Zeit, daß seine Gäste nunmehr -das Gefährt verließen. Noch verhandelte Rudolf Bark mit -dem Eigentümer, da brach der Kaufmann mitten in der -Rede das Gespräch ab, um ohne ein Wort der Erklärung -in das Boot hinabzuspringen, das neben dem Steuer einhertrieb. -Verstummt, in grenzenloser Überraschung starrte Isa -dem Davonrudernden über die hohe Bordschwelle nach.</p> - -<p>Doch nein, jetzt erkannte sie, was ihren Freund zu so -rascher Tat veranlaßt hatte. Drüben an dem immer flacher -werdenden Ufer des Stromes duckte sich zwischen den Binsen -ein dürrer Mensch bis tief auf den Spiegel des Wassers -herab. Der Fremde schien sich zu waschen. Aber als das -Mädchen das Bild schärfer musterte, da wurde es ihr klar, -daß sich der zusammengekauerte Geselle eine frische Stirnwunde -spüle. Unaufhörlich rieselten die roten Tropfen -in den Strom. Jetzt hatte ihn Rudolf Bark erreicht. Ein -paar laute Ausrufe fuhren hin und her, das Boot knirschte -in den Sand, und noch immer konnte die Zurückgebliebene -nicht fassen, warum der Konsul jenen so wüst zerschlagenen -Verwundeten schließlich mit rücksichtsloser Gewalt in den -Kahn zerrte. Dann wieder einige Ruderschläge, und über die -<a class="pagenum" id="page_421" title="421"> </a> -von dem schweigsamen Herrn Krupenski über die Schiffswand -geworfene Strickleiter kroch scheu und zitternd eine -groteske Gestalt auf das Deck. Nun schlotterte sie vor ihnen, -ohne Rock noch Weste, nur von einem zerzausten Halstuch -umflattert und wischte sich beschämt über das von tausend -Runzeln zerrissene Gesicht. Ein unförmiger Mund bewegte -sich, als hätte man einen Fisch soeben aufs Trockene gezogen.</p> - -<p>»Herr Bienchen,« rief Isa verständnislos, denn sie -hatte endlich den verkrümmten kleinen Juden, der ihr so -manche Uhr gerichtet, in diesem blutenden und vor Erschöpfung -röchelnden Menschenkind entdeckt.</p> - -<p>»Jetzt sagen Sie, wie kommen Sie hierher?« rüttelte -ihn auch der Konsul.</p> - -<p>Allein Leiser Bienchen, der Gehilfe des alten Erfinders -Adameit, der letzte Gefährte von Fritz Harder, schüttelte -völlig betäubt sein nasses Haupt.</p> - -<p>»Ich weiß nicht, Herr Konsul, ich weiß wirklich nicht,« -gurgelte er tonlos, während er sich unaufhörlich in einem -ölgetränkten Taschentuch die Hände wischte.</p> - -<p>»Man hat Sie geschlagen?«</p> - -<p>»Ja, ich glaube, – ich glaube, man wird mich geschlagen -haben.«</p> - -<p>»Wer?«</p> - -<p>»Ja, wer?« stöhnte der Uhrmacher, sank auf einem -Kohlenhaufen zusammen und starrte gleichgültig zurück auf -die Landstraße, die er soeben verlassen.</p> - -<p>Es war nichts weiteres aus dem in seine Erinnerungen -Zurückkriechenden herauszubringen. Und erst, als man -den wimmernden Gesellen, der dabei wie ein schweres -Bündel zwischen den Armen seiner vornehmen Kundschaft -hing, in die Kajüte heruntergeführt hatte, erst nachdem er -dort auf einem Kasten hockte und unter seltsamen Schmatzlauten -<a class="pagenum" id="page_422" title="422"> </a> -ein paar Tassen des glühend heißen Tees in sich -hinabgeschüttet hatte, da fingen seine schwarzen Augen -sich an zu beleben, und er starrte seine Bekannten mit dem -jammervollen Blick eines geschlagenen Hundes an. Dann -wickelte er das zusammengerollte Öltuch auf, schneuzte sich -und unternahm es, sich umständlich die dick herabrollenden -Tränen zu trocknen. Der Konsul jedoch, der ungeduldig -vor ihm stand, ließ dem Bekümmerten keine Zeit mehr, -sondern rüttelte ihn abermals ins Leben zurück.</p> - -<p>»Lieber Bienchen, wo kommen Sie her?«</p> - -<p>Der kleine Jude fuhr zusammen.</p> - -<p>»Ich, Herr Konsul? Nun, Sie werden es doch leider -nicht glauben, ich komm' direkt aus der Luft.«</p> - -<p>»Scherzen Sie nicht,« verwies ihn der Kaufmann nachdrücklich.</p> - -<p>Jetzt seufzte der Uhrmacher schwer in sich hinein. Und -erst Isas teilnahmvolles Gesicht schien seine Neigung zu -einer größeren Mitteilsamkeit zu vermehren.</p> - -<p>»Sehe ich aus, wie wenn ich scherze?« klagte er dumpf -vor sich hin und rieb sich wieder die wunde Stirn. »Ich sag' -Ihnen, ich komm' aus der Luft oder auch unter einem Heuwagen -hervor, ganz wie Sie wollen. Aber ich will Ihnen der -Reihe nach erzählen,« erholte er sich endlich etwas mehr -gefaßt. »Sie müssen nur entschuldigen, wenn ich nicht -alles aus meinem zerhämmerten Kopf richtig und sauber -hervorziehen kann.« Er lehnte sich zurück an die Schiffswand -und holte tief Atem. »Sehen Sie, da hatten wir die Maschine -von dem alten Adameit – vielleicht hat ihn Gott schon zu -sich genommen – unter das Dach der Sebalduskirche -eingeschmuggelt.«</p> - -<p>»Welch eine Maschine? Besinnen Sie sich, Herr Bienchen,« -forderte Rudolf Bark von neuem.</p> - -<p>»Nun die Uhr. Es war ein grausiges Ding, ich hab' -<a class="pagenum" id="page_423" title="423"> </a> -sie nie ansehen mögen. Aber mein Meister hat damit ein -Lebelang verbracht. In der Kirche sah es die ganze Zeit -über fürchterlich aus. Diese Hunde, diese Wilden zeigten -nicht den geringsten Respekt. Weder vor dem herrlichen -Bau noch vor dem wundervollen Glockenspiel, noch vor der -gewaltigen Orgel. Ich sag' Ihnen, sie lachten auch über -die vielen Bildwerke und hieben ihnen Nasen und Ohren -ab. Wenn mich auch die Heiligen in den bunten Röcken -nichts angehen, die schöne Frau mit dem Fuß auf der -Schlange und der weiße Mann mit dem goldenen Schlüssel, -Sie können mir glauben, es gab mir jedesmal einen Stich, -so oft ich die heillose Schändung mit ansah. Denn es waren -doch kunstvolle Hände, die so prächtige Sachen vor mehr als -fünfhundert Jahren geschnitzt hatten. Aber das war noch -nicht alles. Die Breitmützen hatten einen vollständigen -Stall aus den steinernen Gängen gemacht. Die Kirchenbänke -konnte man jeden Abend in die Wachtfeuer wandern -sehen, und statt ihrer lagen nun hunderte von schmutzigen -Kerls auf Strohbündeln in den Gängen und fraßen und -schnarchten. In den letzten Tagen wurden es so viele, daß -man sagen konnte, es war kein Winkel mehr von dem Ungeziefer -frei. Nun kam die Nachricht, daß die Fremden da -hinten an den Seen ihren Lohn erhalten hätten. Und wir -hörten auch, sie wollten sich in unserer Stadt, in unserer -schönen, sauberen Stadt zur letzten Wehr setzen. Da sagte -der Herr Leutnant Harder, nun wäre es Zeit. Er hatte es -so einzurichten gewußt, daß wir eine Anstellung in dem Dom -gefunden hatten. Werden Sie es für möglich halten, wir -fegten nämlich den Schmutz und den Mist alle Abend aus -der Kirche heraus. Für ein paar Pfennige natürlich. Und -gewöhnlich erhielten wir noch einige Lanzenstöße als Trinkgeld -dazu. Nun, es war kein Herrenleben. Aber gestern -abend, da sagte der Herr Leutnant, jetzt dürfe man keine -<a class="pagenum" id="page_424" title="424"> </a> -Minute mehr verlieren. Es sollte nämlich der Horde ein -Schreck eingejagt werden, damit sie sich in der Stadt nicht -länger für sicher hielte. Herr Konsul und Fräulein Grothe, -was soll ich Ihnen lange erzählen? Der junge hübsche -Mensch, der so verändert in dem Arbeitsanzug aussah, er -stieg auf den Orgelsitz hinauf, und ich mußte die elektrischen -Blasebälge andrehen. Auf diese Weise, nämlich durch sein -Spiel, da wollte er die Halunken von mir und meinem -Geschäft ablenken. Ehe wir uns trennten, reichte er mir noch -die Hand und sagte mit einem Gesicht ganz voller Sonnenschein -– in meinem Leben werd' ich's nicht vergessen – -»Herr Bienchen, Sie sind jetzt auch ein Soldat. Denken -Sie daran, was Ihnen das Vaterland alles geschenkt hat -und zahlen Sie es pünktlich zurück.« Dann stieg ich auf -den kleinen Hinterturm hinauf, wo wir den Knopf angebracht -hatten. Ich versichere Sie, alles wie im Traum, Herr -Konsul. Mit einemmal fing die Orgel an zu spielen. So -was Schönes, Herrliches und Erhabenes hab' ich noch nie -vernommen. Es hörte sich an, als wenn der Herr unser -Gott leibhaftig in die Kirche getreten wär' und sänge nun -selbst mit seiner ewigen Donnerstimme. Wie schön sind doch -diese deutschen Lieder, es liegt alles darin, was wir an dem -Land und seinen Menschen lieb haben. Ich hatte mich auf -einen Fensterbogen gesetzt, Fräulein Grothe, und konnte -das Ohr von der Musik nicht abwenden. Auch die Russen -waren aufgestanden, hielten ihren Atem an und starrten -herauf. Keiner rührte sich. Sie fühlten wohl, wie der Herr -schon seine eiserne Hand auf sie gelegt hatte. Ich hätte -noch bis zum nächsten Morgen so sitzen mögen, aber plötzlich -da hob der Herr Leutnant, den ich nur vom Rücken aus -sehen konnte, die Finger seiner Rechten hoch in die Höhe. -Und diese Finger, sie drohten mir und griffen mir geradewegs -ins Herz. Was dann geschah, Herr Konsul, das ist mir -<a class="pagenum" id="page_425" title="425"> </a> -alles nur so bewußt, als hätt' ich es aus einem dunklen -Grab heraus belauscht. Das Dach der schönen Kirche flog -in die Höhe, so daß alle Sterne des Nachthimmels für eine -Sekunde zu uns herunterblitzten. Und dann – es war -grauenvoll das Gewinsel und Gewimmer. Die große Orgel -stürzte zusammen, die ungeheuren Zinkpfeifen spießten sich -gegeneinander, und dann brach das ganze Werk in die Tiefe. -Mit mir aber, Herr Konsul, geschah ein Wunder. Ja, ja, -als sollte mir gezeigt werden, wie ich armer kleiner Jud' -eigentlich gar nicht in die Kirche gehörte. Ich sauste nämlich -in großem Bogen aus dem Fenster herunter und mitten -in einen Heuwagen hinein. Gleich darauf jagte das Gespann -wie wahnsinnig aus der Stadt heraus. Und erst dicht hier -an der Grenze, da haben mich die Unmenschen heruntergeprügelt. -Ein Rad ist noch dazu über meinen Fuß gefahren, -und ich meine, mein Gang wird dadurch nicht schöner geworden -sein. Aber Herr Konsul und Fräulein Grothe« – -und der Uhrmacher hob die Hände in die Höhe und begann -bitterlich zu weinen, – »was will das alles heißen? -Unser Land hat sich erhoben, unser herrliches Land, und hat -die Heuschrecken von sich abgeschüttelt. Der Herr, der -in der Kirche so schön sang, er hat unsere Feinde geschlagen. -Hören Sie, Herr Konsul, dort draußen blasen -schon die preußischen Trompeten? Das Herz geht einem -auf, wenn man es hört! Der Herr singt weiter!«</p> - -<hr /> - -<p>In der dunklen Schlafkammer von Maritzken herrschte -noch immer bleierne Stille. So schwer drückte die Lautlosigkeit -herab, daß die an ihren Stuhl gebannte Gutsherrin -das flüchtige Ticken der Uhr wie das unerträgliche -Stampfen einer Maschine empfand. Ängstlich streiften -<a class="pagenum" id="page_426" title="426"> </a> -ihre Blicke über die Fensterscheiben, die unter dem Leuchten -des heraufsteigenden Mondes einen stählernen Glanz annahmen. -Manchmal war es auch, als ob ein flackernder -Feuerschein vorüberhusche. Dann vermeinte die Einsame -eilende Hufschläge aufzufangen. Doch wenn sie, zum -Sprung bereit, eifriger hinhorchte, so schlug nichts an ihr -Ohr als das Sausen des Nachtwindes. Und immer wieder -sank sie zurück und kämpfte gegen den Sturm und den -wilden Tanz ihrer Nerven. Aber noch mehr gegen das widerstandslose -Herabsinken in völlige Erschöpfung. Zuweilen -riß die Nacht vor ihr auseinander. Dann glaubte sie etwas -zu sehen, dann murmelte sie etwas, dann betete sie wirr -und verständnislos darum, daß das, was sie mit vorbereitet, -in nichts zerschellen möge. Um gleich darauf alle -Fibern anzustrengen, ob sie aus dem unteren Zimmer nicht -etwa einen Laut des Entweichens auffinge.</p> - -<p>Was mochte ihr Gast, der auf sie wartete, jetzt treiben? -Ob er noch immer zermürbt und zerschlagen am Tisch hockte, -ein vor sich hin stierender, seiner früheren Wesenheit beraubter -Mensch? Johanna stöhnte auf, wehrte und wand -sich und rüttelte an ihrem Stuhl, um sich zur Besinnung zu -bringen.</p> - -<p>Stunde auf Stunde vertröpfelte, das Mondlicht schwamm -schon in breiter Bahn zu ihren Füßen, und die Hausherrin -hing noch immer regungslos auf ihrem harten Sitz, hing -zwischen Wachen und Traum. Und alles, was um sie herum -geschah, es drang zu ihr wie der Nachhall von etwas Unwirklichem. -Abermals hörte die Schwankende ein dumpfes -Klopfen. Doch es klang, wie wenn man die Hufe eilender -Pferde mit Werg und Lappen umwickelt hätte. Und sie sann -darüber nach, ob es die Schläge ihres eigenen Herzens -wären? Dann zischte und knatterte es, und die Blonde -konnte es sich in ihrer Benommenheit nicht anders erklären, -<a class="pagenum" id="page_427" title="427"> </a> -als ob blaue puffende Funken aus einem Holzfeuer in die -Höhe knisterten. Und jetzt – mischten sich jetzt nicht heiße, -trunkene Stimmen zu einem einzigen brausenden Ruf? Nun -wieder Leere, durchwinselt von den aufreizenden Klagen -des Windes. Und dann – aus den Dielen zu ihren Füßen -schien ein dumpfes, trockenes Stöhnen aufzusteigen.</p> - -<p>Herr im Himmel was geschah hier? Bedeutete das doch -mehr als gestaltlos jagende Traumgesichte?</p> - -<p>Vielleicht war die Jagd, die hinter dem Menschenwild -hetzte, schon hereingebrochen? Wie, wenn das Opfer, das -in einem Gehege von List und Schlauheit zurückgehalten war, -bereits verröchelnd am Boden lag, und sein brechender -Blick nach der Hinterlistigen suchte, die den Köder geworfen? -Oh, der Fang war durch dieselben unwürdigen Künste geglückt, -welche die auf ihre Reinheit Stolze bei der jüngeren -Schwester so verachtet hatte. Mischte sich nicht auch bei ihr, -wenn sie vor Gott ihr Innerstes auftat, ein schauererfülltes -Wohlgefühl darein, ein nie gekanntes, so oft sie, sei es auch -nur von fern und mit Abscheu sich das Rasende ausmalte, -das der Getäuschte da unten erwartete? Seltsam, zu unerklärlich -– und das blonde Weib schlug sich die Hände schallend -vor die Stirn – und deswegen setzte sich der unglückliche -Mensch dort unten dem sicheren Tode aus?! So hoch -bewertete er seine Hoffnungen, oder so wenig lag ihm am -Dasein?</p> - -<p>Johanna horchte auf. Von unten tönte es wie das -Knarren einer Tür. Ihre Vorstellungen kreuzten durcheinander. -Sie wußte nicht mehr, ob sie aus Scham vor -dem Betrug den vertrauensseligen Mann warnen, oder ob -sie das Entweichen des Übeltäters verhindern wollte.</p> - -<p>Und dann – und dann – die Uhr tickte so laut – es -war keine Zeit mehr zu verlieren.</p> - -<p>Ohne Überlegung – mit wildem Entschluß drehte sie an -<a class="pagenum" id="page_428" title="428"> </a> -dem Schlüssel, stürzte aus der Dunkelheit heraus und fegte -die Treppe hinab, wie sie die Stufen noch nie übersprungen. -In ihrem Ungestüm vergaß sie das Anklopfen. Ohne ein -Zeichen trat sie ein. Ihr Atem flog so stoßend über ihre -Lippen, daß sie sich an dem Pfosten des Eingangs eine -Stütze suchen mußte. Dann erst vermochte ihr scheuer Blick -sich einige Klarheit zu verschaffen.</p> - -<p>In dem kleinen Zimmer wiegte sich bange Stille. Unordentlich -und achtlos war der Mantel des Fürsten über -einen Stuhl geworfen, seinen Säbel hatte der Besitzer auf -das Ruhebett geschleudert, und Dimitri selbst saß an dem -Tisch, auf dem noch die Reste des Mahles standen. Tief -herabgebeugt ruhte das Haupt des Übermüdeten auf seinen -ausgebreiteten Armen, und die Lauscherin pries den schweren -Schlaf, der ihm das Schicksal seines Volkes sowie sein -eigenes für eine Weile wohltätig verhüllte. Allein sie -täuschte sich, denn der Fürst richtete sich langsam auf, und -sofort erfaßte das Landmädchen, wie seine Augen nichts von -der Blendung des Schlummers zeigten. Ihr Gast schien -vielmehr angestrengt nachgedacht zu haben. Kaum erkannte -er sie, als auch schon sein zuvorkommendes Lächeln in seinen -gespannten und angestrengten Zügen aufleuchtete. Nur -wollte es Johanna dünken, als wenn eine bittre, entsagungsvolle -Schwermut sich über das auch jetzt noch edle Antlitz -verbreitet hätte. Und im Moment zitterte sie davor, wie -sich der Oberst ihr unvermutetes Hereindringen deuten -würde. Aber gottlob, die Haltung des fremden Aristokraten -blieb tadellos und beherrscht. Langsam erhob er sich, und -während er ein paar Schritte gegen sie tat, verbeugte er -sich leicht. Wieder verursachte es der Beobachterin einen -stechenden Schmerz, als sie vernahm, wie schwer sich ihr -Gast über den Estrich schleppte.</p> - -<p>»Es ist sehr gütig von Ihnen, mich nicht zu lange meiner -<a class="pagenum" id="page_429" title="429"> </a> -eigenen Gesellschaft zu überlassen,« begann Dimitri Sergewitsch -in seinem schmeichelnden Tonfall. »Ich versichere -Sie, sie ist nicht die beste. In diesen Stunden habe ich so -manches an mir vorüberziehen lassen. Und wenn es noch -einen Zweck hätte, dann könnte ich darüber trauern, weil -ich so wenig bleibende und lohnende Erinnerungen besitze. -Aber wozu? Es hat keinen Zweck.«</p> - -<p>Er stand jetzt vor ihr und ließ seinen Blick flüchtig über -sie fortgleiten. Das schimmernde Blondhaar der Preußin -schien ihn besonders einzufangen. Allein auch jetzt noch -eignete ihm Erziehung genug, um nicht eine einzige verletzende -Gebärde der Vertraulichkeit zu wagen. Und Johanna dankte -Gott dafür, daß dieser immerhin vornehme Herr die Formen -bis zum letzten zu wahren verstand. Dafür wollte sie sich -erkenntlich zeigen, dafür alles andere vergessen.</p> - -<p>»Fürst Fergussow,« stieß sie plötzlich hervor, nachdem -sie einen Blick der Angst durch das dunkle Fenster geschickt -hatte, »ich fühle mich verpflichtet, es Ihnen zu entdecken, -obwohl – obwohl – nein, das tut nichts zur Sache – es -lauert hier Gefahr auf Sie. Hören Sie? Sie sind hier -nicht mehr eine Stunde sicher. Rufen Sie Ihre Leute zusammen -und verlassen Sie schleunigst den Hof. In höchster -Eile, Herr Oberst, in allerhöchster. Sonst ist es zu spät.«</p> - -<p>Als sie dies hervorstieß, taten sich die harten blauen -Augen der Gutsherrin erschreckend weit auf, ihre Hände -verschlossen sich über der Brust, und in ihrer Stimme -bebte etwas so Schmerzliches, als ob sie selbst mit einem -Messer gegen sich gestoßen hätte. Sie fühlte, daß sie dies -alles nicht sagen durfte, und daneben verging sie beinahe -in dem Rausch, daß ihre Überwindung doch etwas Schönes, -Zärtliches und Menschliches berge. Auch der Fürst stand eine -Weile regungslos. Er schien mehr dem heiß erregten, unerwarteten -Tonfall zu lauschen als dem Sinn jener Warnung. -<a class="pagenum" id="page_430" title="430"> </a> -Dann zuckte er leicht die Achseln, wandte sich ein wenig -und zeigte durch das Fenster.</p> - -<p>»Meine Leute soll ich rufen, liebes Fräulein?« entgegnete -er müde. »Überzeugen Sie sich selbst. Die dort draußen -waren klüger, als ich. Oder auch dümmer, denn sie glauben -noch nicht an die Wertlosigkeit, an den absoluten Zufall des -menschlichen Auf und Ab, und haben mich längst im Stich -gelassen. Ich bin allein hier.«</p> - -<p>»Ihre Leute sind fort?« stammelte Johanna erblassend -und griff wieder nach dem Pfosten der Tür.</p> - -<p>Es tat ihr nicht gut, unausgesetzt die ebenmäßige Reitergestalt -zu umspannen. Unvermerkt, stärker und stärker -bildete sich eine Zusammengehörigkeit heraus, die mächtiger -war als der Widerwille der Völker, als Familienehre und -alle Gesetze von Gut und Böse. Ihr schwindelte, und nur -das Sträuben gegen ihre Schwachheit hielt sie noch aufrecht.</p> - -<p>»Dann gehen Sie allein,« forderte sie trotzdem herrisch.</p> - -<p>Der Fürst stand wieder vor ihr, hatte die Hände auf -den Rücken gelegt, und auch er sann wohl in dumpfer Verwunderung -über die Weichherzigkeit der straffen Nemza nach.</p> - -<p>»Sie lehren mich wenigstens etwas kennen,« gestand er -endlich, obwohl er keine Miene machte, dem dringenden -Befehl zu gehorchen, »das mir bisher recht fremd blieb. -Sie sorgen sich um mich.« Er schlug ein leichtes Gelächter -auf. »Ist es nicht eigenartig, daß ich etwas Ähnliches -erst bei dieser Gelegenheit erfahre? Und von der Angehörigen -einer von uns so entfernten Rasse? <i>Mon dieu</i>,« -setzte er mit einem verächtlichen Zucken der Mundwinkel -hinzu, »man hat sich viel um mich gekümmert. Ich -leugne es nicht, auch Frauen taten dies. Doch ich müßte -lügen, wenn sich mir gegenüber jemals eine mütterliche -Teilnahme äußerte. Ich glaube, gerade die kennt Ihr -<a class="pagenum" id="page_431" title="431"> </a> -Deutschen. Und die tut wohl, sehr wohl.« Und wieder verbeugte -er sich, wie es die Slaven stets befolgen, wenn sie -etwas Liebes, Schmeichelndes verkünden wollen.</p> - -<p>Da schrie Johanna auf. Halb vor Zorn und halb weil sie -fühlte, wie sie dem reuigen Schmerz dieses zerbrochenen -Lebens unterlag.</p> - -<p>»Warum gehen Sie dann nicht?« stieß sie noch einmal -rauh hervor, und ihre Hand zeigte auf die Tür, »warum -bringen Sie sich nicht in Sicherheit, wie ich Ihnen vorschlug?«</p> - -<p>Jetzt regte sich der Fürst, zögerte einen Moment, und -seine sprechenden Augen suchten den Boden, als er tastend -und verlegen hervorbrachte:</p> - -<p>»Ich glaubte Ihre Meinung vorhin so deuten zu dürfen, -daß Sie mir noch eine Nacht eine sichere Zufluchtsstätte -anboten.«</p> - -<p>Die wenigen Worte waren mit größter Mühe zusammengesucht -und verrieten die deutliche Absicht, weder anzustoßen -noch zu verletzen. Johannas Antlitz jedoch flammte -auf.</p> - -<p>»Ich verlange aber jetzt von Ihnen, daß Sie gehen,« rief -sie erbittert und konnte es doch nicht hindern, daß sich ihre -Hände flehend zusammenpreßten. »Ich will nicht – –«</p> - -<p>»Was wollen Sie nicht?«</p> - -<p>»Ich will nicht,« stammelte das Mädchen wild, »daß -Ihnen gerade in meinem Hause ein Unheil widerfährt. -Mir graut davor.«</p> - -<p>Der Oberst trat ihr noch etwas näher. Dabei vollführte -er eine Bewegung, als wolle er ihre Hand ergreifen.</p> - -<p>»Das fürchte ich keineswegs,« gab er nachdenklich zurück, -»soweit werden sich unsere Verfolger schwerlich vorwagen. -Und dann, mein Fräulein, woher wissen Sie, daß das -Dasein für mich noch einen besonderen Reiz enthält?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_432" title="432"> </a> -Er hob seinen Blick zu ihr empor und siehe da, es waren -wieder die schwermütigen Sterne des alten Kupferstichs, die -ein Leben lang auf ihr gleichgültiges Wirken herabgeschaut. -Jetzt starrte sie entgeistert in sie hinein.</p> - -<p>»Spielen Sie nicht mit so etwas,« verwies sie herb, -obwohl sie nicht mehr den richtigen Begriff von all dem -spürte, was hier geschah. »Es stirbt kein Mensch gern.«</p> - -<p>»Wer weiß?!« flüsterte der Russe mehr für sich, »wir -Slaven lieben die Selbstvernichtung. Können Sie sich nicht -denken, wie jemand, der an dem ungeheuren Grab seines -Volkes, an der Gruft alles Menschlichen und an dem Abgrund -jeder erträumten Entwicklung stand, sich voller Widerwillen -in Schwärze und Vergessenheit hinabstürzt? Nur -müßte auch darin Schönheit liegen. Die Alten kannten -das. Heiter riefen sie den Tod zu Gast und feierten ihn -unter Kränzen und mit huldreichen Frauen.«</p> - -<p>Vor den Ohren des Landmädchens summte es. Sie hatte -ihre Lider fest zusammengepreßt, und so geschah es, daß sie -erst jetzt merkte, wie ihr Gefährte sacht über ihr blondes -Haar streichelte.</p> - -<p>Hölle und Entsetzen! Dieser eine Augenblick genügte, -um alle Besinnung, alle Klarheit auf sie herabzuzerren. -Die erste Berührung der fremden Hand riß jede heimliche -Zuneigung wie ein üppiges Gewand von ihrem Körper, -nichts blieb übrig als der Schauder vor dem Fremden und -seinem Wesen. Ein Schlag hätte die Gutsherrin nicht mehr -reizen können, als jenes verborgene Langen nach ihrer -Würde. Voller Verachtung straffte sie ihre Arme, und -dann – – die beiden Menschen hielten inne und starrten -sich an.</p> - -<p>Ganz in der Nähe schmetterte ein Trompetensignal. -Die Hofmauern warfen es zurück, ein helles Wiehern -prallte gegen die Fensterscheiben, und wie in einem rasenden, -<a class="pagenum" id="page_433" title="433"> </a> -dahintaumelnden Wahn begannen Traum und Irrsinn in -dem kleinen Zimmer umherzuhüpfen.</p> - -<p>Keiner Bewegung mächtig lehnte Johanna noch immer -an der Tür. Sie sah, wie der Fürst ohne Aufregung eine -Pistole aus der umgegurteten Tasche lüftete, sie fing auf, -wie er von ihr abließ, blitzschnell das Fenster öffnete und -sich rittlings auf das weiße Brett schwang.</p> - -<p>Draußen auf dem Flur knirschten viele Tritte.</p> - -<p>Laternenschein durchbrach auf dem Hof die Finsternis und -spiegelte sich in den todbleichen Zügen des Obersten.</p> - -<p>»Zurück,« schrie Johanna besinnungslos und wollte die -Arme in die Luft werfen. Aber sie fielen ihr unkörperlich, -gleich leblosem Eisen gegen den Leib.</p> - -<p>Der auf dem Fensterbrett Reitende schien den weiteren -Sprung aufgegeben zu haben. Mit einer Gebärde des -Widerwillens hob er die Pistole, und zweimal begleiteten -draußen grelle Schreie das Aufzucken der beiden roten -Feuerfunken.</p> - -<p>Johanna reckte sich. Sie taumelte nicht, sie brach nicht -zusammen, eine steinerne Figur hätte nicht starrer ragen -können wie sie. Ein dicker roter Qualm wallte vor ihren -Augen, und durch seine Nebel hindurch sah sie, wie Fürst -Dimitri sich zu ihr zurückwandte, um ihr mit seinem alten -gewinnenden Lächeln zuzunicken.</p> - -<p>Der Gruß rüttelte an ihr wie eine Faust. Gleich darauf -schrie Johanna auf. Ihr schnellte es vor den Blicken, als -ob der Oberst die Waffe gegen seine eigene Schläfe gerichtet -hätte. Noch einmal zischte es, und das letzte, was in die -steinerne Bildsäule hineinschlug, war der Nachhall eines -dumpfen Falles.</p> - -<p>Dann war alles leer, sie stand allein in der Stube.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_434" title="434"> </a> -Dicht vor der weißen Mauer wartete eine Schar deutscher -Ulanenoffiziere in respektvollem Schweigen, bis sich die -Gutsherrin von der hingestreckten Gestalt abwendete, deren -Umrisse man kaum noch unterschied. Dann schüttete einer -von ihnen ein Bündel Stroh über den Gefällten. Ernst und -schweigsam suchten die Herren die erleuchtete Stube auf, -und nur ihr riesenhafter Rittmeister blieb draußen in der -Dunkelheit bei seiner Verwandten zurück. Auch zwischen -ihnen wollte sich kein Wort einstellen. Unbeweglich, gesenkten -Hauptes verweilte Johanna. Übermächtig wühlte -in ihr die Vorstellung, ein gräßliches Wahnbild wäre eben -für immer zersprungen, und erwachend überfiel sie die -Qual, ob sie wirklich in dieses grause Ende verstrickt sei.</p> - -<p>Da streckte ihr der Riese von Sorquitten die Hand entgegen. -Es war eine Bewegung so voll Treue und Ehrlichkeit, -daß das Mädchen aus ihrem Hinbrüten emporfuhr. Zögernd -verbarg sie ihre Finger unter ihrer dunklen Schürze.</p> - -<p>»Es klebt Blut daran,« sagte sie tonlos.</p> - -<p>Aber Herr von Stötteritz ließ sich nicht abschrecken. Seine -Rechte suchte und fand die kalten Finger, die sich vor ihm -versteckten, und überzeugt und markig, ungekünstelt und -mit wuchtiger Gewißheit tönte die kräftige, allen Spuk -vertreibende Männerstimme:</p> - -<p>»Schadet nicht, Hans. Was von dir kommt, kann nur -brav und richtig sein. Mach' dir keine unnötigen Gedanken, -Kind.«</p> - -<p>Und er nahm ihren Arm und führte die Widerstrebende -voller Stolz zu seinen Kameraden in das erleuchtete Zimmer. -Die Befriedigung, der nächste Verwandte einer deutschen -Frau zu sein, die willensstark und kräftig mitten in dem -tödlichen Gebrause standgehalten, strahlte von seinem -wettergebräunten Gesicht. Auf dem Tisch standen noch ein -paar Flaschen Rotwein. Ohne zu fragen hatten die Offiziere -<a class="pagenum" id="page_435" title="435"> </a> -sich eingegossen und harrten nun, die Gläser in der Hand, -wie auf Verabredung auf die Dame des Hauses. Aber diese -sprach nichts. Ihr Geist verkehrte noch mit dem Schatten, -der unsichtbar, lächelnd und schwermütig durch den Raum -schwebte. Statt ihrer ergriff der Riese von Sorquitten -einen Kelch, schwenkte ihn und sagte kurz und bestimmt:</p> - -<p>»Meine Herren, dies war nur der Anfang. Wir haben -keine Zeit uns auszuruhen, sondern müssen für das Ende -sorgen. Das Feiern kommt später.«</p> - -<p>Ein paar Minuten nachher hörte man bereits das Scharren -und Trappeln der Ulanenpferde. Nur Herr von Stötteritz -zögerte noch bei seiner Verwandten und ließ seine Hand -noch immer wuchtig auf ihrer Schulter ruhen.</p> - -<p>»Hans,« kam es ein wenig beschämt aus ihm heraus, -»ich bin die dummen Gedanken nicht los geworden. Man -soll natürlich keine Pläne machen, denn man weiß nicht, -wie alles kommen kann. Und uns bleibt noch ein tüchtiges -Stück zu tun. Aber weißt Du, Marielle, es wäre mir doch -lieb, wenn ich zu dir zurück käme. Man muß eben vertrauen -und warten.«</p> - -<p>Dabei rüttelte er sie kräftig, drückte ihr klammerfest die -Hand und schritt klirrend und ohne sich noch einmal umzuschauen -hinaus.</p> - -<p>Und die Älteste von Maritzken wartete.</p> - -<p>Das ganze Land glaubte und harrte, spann Hoffnungen -und richtete sich auf. Was in den Familien und bei den -Zurückgebliebenen geschah, das glitt nur wie unwirkliche -Schatten unter der glutroten Sonne des Völkerherbstes -dahin. Man hörte es, man schüttelte den Kopf und lauschte -auf das Sausen des großen Sturmes.</p> - -<p>So durfte die Gutsherrin von Maritzken die kleine Isa -umarmen und von ihr das Wunder erfahren, daß der Rotkopf -in den »Goldenen Becher« drinnen in der befreiten Stadt -<a class="pagenum" id="page_436" title="436"> </a> -einziehen würde. Und Johanna lächelte und schüttelte das -Haupt. Sie hörte auch von den Bühnenstudien flüstern und -raunen, die ihre Schwester Marianne mitten in Not und -Gewühl in der fernen Hauptstadt betreiben sollte. Und -wieder lächelte sie matt, und um ihren Mund spielte der -alte herbe und verurteilende Zug.</p> - -<p>Knechte und Mägde wurden angeworben, das Anwesen -erstand unter ihrer Führung aus Schutt und Vernachlässigung, -die Wintersaat wurde versenkt, und ein neuer Frühling -sproßte empor.</p> - -<p>Längst sind die Mauern des Gehöftes geweißt und gestrichen, -und nur der Blutfleck unter dem Fenster leuchtet -noch mahnend und klagend über den Hof. Und wenn die -Gutsherrin im Abendschein auf der Bank vor der grünen -Wiese rastet, dann streift ihr Auge manchmal über den -kaum merklichen Erdbuckel, der schmucklos und ohne Kennzeichen -ein Grab überwölbt. Aber in ihren weißen Zügen -regt sich nichts mehr. Sie fühlt gleich all den Tausenden -und Millionen ihrer Landsleute, daß jeder Deutsche allein -und auf sich gestellt in der Welt steht. Kein schwächliches -und bewunderndes über-die-Grenze-Spähen gibt es mehr. -Der Deutsche wird den Nachbarn von rechts und links wohl -ohne Haß und Groll die Hand hinstrecken, wird mit ihnen -aufwärts wandern und handeln und tauschen, aber das -Tiefste, das Herz an Herzen bindet, das höchste Gefühl der -Glückseligkeit, daß er nicht gänzlich vereinsamt im Wirbel -des Geschehens treibe, das findet er nur bei dem deutschen -Bruder.</p> - -<p>Und wie die Älteste von Maritzken, so sinnt nun das -ganze weite Land, beseelt von dieser starken Gewißheit, und -harrt und wartet.</p> - - -<p class="ce mt2"><span class="ge">Ende.</span></p> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription -werden <em class="ge">gesperrt</em> gesetzte Schrift sowie Textanteile in <i>Antiqua-Schrift</i> -hervorgehoben (jedoch nicht römische Zahlen).</p> - -<p class="in0">Der Halbtitel wurde entfernt.</p> - -<p class="in0">Punkt und Komma am Ende von Anführungszeichen wurden generell -geändert von "«." in ".«" und von "«," in ",«".</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise -"Sebalduskirche" – "Sebaldus-Kirche", "slavisch" – "slawisch",</p> - -<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_057">57</a>:<br /> -"sprochen" geändert in "versprochen"<br /> -(von der er sich einmal Erfolg versprochen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_060">60</a>:<br /> -" »" geändert in "« "<br /> -(wirklich an lieben Fritz Harder.« Und nach einer Weile)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_069">69</a>:<br /> -"ihrere" geändert in "ihrer"<br /> -(wegen ihrer altpreußischen Gesinnung bekannt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_072">72</a>:<br /> -"Entttäuschungen" geändert in "Enttäuschungen"<br /> -(und an Enttäuschungen reiche Pflicht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_079">79</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(fürsorglich aus unserer Pulverecke fortschafft.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_093">93</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(etwas vorschreiben oder gar befehlen zu wollen.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_131">131</a>:<br /> -"Zigarrette" geändert in "Zigarette"<br /> -(eine Zigarette an sich riß und rasch)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_173">173</a>:<br /> -"sein" geändert in "seine"<br /> -(das bessere Teil von ihm, seine Seele)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_180">180</a>:<br /> -"Wandrer" geändert in "Wanderer"<br /> -(der in sich gekehrte Wanderer)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_190">190</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_191">191</a>:<br /> -"Haft" geändert in "Hast"<br /> -(In nervöser Hast fingerte sie auf der Platte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_233">233</a>:<br /> -"«" hinter "Sinn." entfernt<br /> -(schoß es ihm durch den Sinn.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_255">255</a>:<br /> -"aberteuerliches" geändert in "abenteuerliches"<br /> -(vielleicht nur ein abenteuerliches Mißverständnis)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_260">260</a>:<br /> -"großes" geändert in "großen"<br /> -(die lähmende Ruhe des großen Gemaches)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_304">304</a>:<br /> -"etwas" geändert in "etwa"<br /> -(Sie sind doch nicht etwa als Spion)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_304">304</a>:<br /> -"alles" geändert in "allen"<br /> -(nach allen Seiten hinauszuspähen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_312">312</a>:<br /> -"gelähmter" geändert in "gelähmten"<br /> -(als sie in ihrer gelähmten Haltung verharrte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_323">323</a>:<br /> -"nordddeutsch" geändert in "norddeutsch"<br /> -(als ihr norddeutsch kühles Auge jetzt auffing)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_359">359</a>:<br /> -"«" hinter "vonnöten." entfernt<br /> -(einer so hohen Behörde gewiß nicht vonnöten.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_383">383</a>:<br /> -"einflössen" geändert in "einflößen"<br /> -(auch einem minder Verzweifelten Furcht einflößen können)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_386">386</a>:<br /> -"Dimirti" geändert in "Dimitri"<br /> -(Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des Zaren)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_390">390</a>:<br /> -"etwas" geändert in "etwa"<br /> -(Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei?)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_392">392</a>:<br /> -"zersausten" geändert in "zerzausten"<br /> -(mit flatternden und zerzausten Plantüchern)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_400">400</a>:<br /> -"-" eingefügt<br /> -(während er unruhig im Zimmer auf- und niederschritt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_401">401</a>:<br /> -"," geändert in "."<br /> -(ich kann und darf Sie nicht damit ängstigen.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_403">403</a>:<br /> -"Anwort" geändert in "Antwort"<br /> -(und zetert und brüllt um Antwort)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_412">412</a>:<br /> -"den" geändert in "dem"<br /> -(Auch wird in dem dumpfen Raum kein Mensch)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_419">419</a>:<br /> -Zeilen 7 und 8 vertauscht</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_422">422</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(richtig und sauber hervorziehen kann.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_430">430</a>:<br /> -"Er" geändert in "Es"<br /> -(Es tat ihr nicht gut)</p> - -<p class="ci">sowie<br /> -Seite <a class="nd" href="#page_339">339</a>: "III." geändert in "IV."<br /> -Seite <a class="nd" href="#page_378">378</a>: "IV." geändert in "V."<br /> -Seite <a class="nd" href="#page_414">414</a>: "V." geändert in "VI."</p> - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Die Herrin und ihr Knecht, by Georg Engel - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HERRIN UND IHR KNECHT *** - -***** This file should be named 50283-h.htm or 50283-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/2/8/50283/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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