summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/50283-0.txt13899
-rw-r--r--old/50283-0.zipbin306528 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50283-h.zipbin362315 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50283-h/50283-h.htm17178
-rw-r--r--old/50283-h/images/cover.jpgbin44143 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50283-h/images/p003i.jpgbin5179 -> 0 bytes
9 files changed, 17 insertions, 31077 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..afc98ce
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #50283 (https://www.gutenberg.org/ebooks/50283)
diff --git a/old/50283-0.txt b/old/50283-0.txt
deleted file mode 100644
index 9806444..0000000
--- a/old/50283-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,13899 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Die Herrin und ihr Knecht, by Georg Engel
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die Herrin und ihr Knecht
-
-Author: Georg Engel
-
-Release Date: November 28, 2015 [EBook #50283]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HERRIN UND IHR KNECHT ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-
-[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]
-
-
-
-
- Die Herrin und
- ihr Knecht
-
- Roman
- von
- Georg Engel
-
-
- Sechstes bis zehntes Tausend
-
- Grethlein & Co. G. m. b. H. in Leipzig
-
- [Illustration]
-
- Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, von der
- Verlagsbuchhandlung vorbehalten.
-
- =Copyright 1917 by Grethlein & Co. G. m. b. H. in Leipzig.=
-
- Druck von _August Pries_ in Leipzig.
-
-
-
-
-Erstes Buch.
-
-
-
-
-I.
-
-
-Das Landhaus der Grothes wurde wieder geweißt. Aber der Blutfleck neben
-dem Fenster, das auf den Hof heraus ging, blieb erhalten. Die Maurer hatten
-ihn auf strenge Anordnung hin verschonen müssen. Und wenn Johanna Grothe
-mit ihren Knechten hier vorüberwandelte, dann verzog sich ihr herrischer
-Mund noch stolzer und selbstbewußter, und ihre hohe Gestalt reckte sich
-auf, daß ihr Marmorhaupt, wie es Konsul Bark immer genannt hatte, hoch
-über die geduckten ostpreußischen Landleute herausragte. Das begab sich
-am Tage. Wenn sie jedoch gegen Abend zurückkehrte, um ihren Sitz auf der
-Gartenbank hart an der Wiese einzunehmen, dicht an der Stelle, wo unter den
-hochaufgeschossenen Eichenbäumen die Hermen der drei römischen Cäsaren
-zerbröckelten, dann warf die Vorüberschreitende manchmal einen langen
-prüfenden Blick auf das rote Mal, und ihre feste, schmale Hand führte
-eine Bewegung aus, als ob ein strenger und geordneter Mensch etwas
-Unwillkommenes, Unerhörtes auszustreichen gedachte. Aus der Dorfkirche
-von Maritzken läutete dann von dem niedrigen Holzturme das singende
-Glöckchen, das auch damals in die Fieberträume der Grotheschen Ältesten
-hinein gewimmert hatte. Und der Wind fächelte über das hart getretene
-Viereck in dem Kleeacker, das eigentlich ein Grab vorstellte.
-
-Ja, die Nacht mit ihren Schrecken war vorübergerast, und der Morgen wollte
-für die Heimat und die deutsche Menschheit tagen. Und ebenso, wie Johanna
-Grothe, so stand ihr ganzes Volk vor der weißen Mauer, die wieder frisch
-getüncht war, und sah auf das helle Blutmal, das in der Sonne funkelte.
-Ohne Haß, ohne Rachsucht, nur in dem Bewußtsein, daß die Erinnerung
-daran nicht wieder fortgelöscht werden könnte, und daß jeder alle
-Kräfte daransetzen müsse, die Mauern des großen Hauses bis auf den einen
-Fleck weiß und sauber zu erhalten.
-
- * * * * *
-
-Jedem Beschauer bot es einen hellen, einen erfreulichen Anblick, als der
-leichte, gelbe Jagdwagen, von den beiden wiehernden und schnaubenden Rappen
-gezogen, in die ersten Straßen der Provinzialhauptstadt einbog. Grüne und
-blaue Frauenschleier wehten in dem frischen Wind hinter dem Gefährt her,
-unter den flatternden grauen Staubmänteln blitzten vorüberhuschend weiße
-und rosa Sommerkleider auf, und zuweilen wurde das Rasseln der Räder durch
-ein plötzlich auffahrendes Mädchenlachen übertönt, das sich ungeniert
-und im vollen Genuß des Augenblicks äußerte. Dann streckte mancher
-kleine Handwerksmeister den Kopf aus seinem Laden heraus, oder in den
-schrägen Spionenspiegeln, die an die schmalen Fenster der Wohnstuben
-angeschraubt waren, tauchte das zitternde Konterfei einer nähenden
-Bürgersfrau auf, die nach einem Blick auf das strahlende Gefährt
-befriedigt feststellte:
-
-»Aha, die drei Grothe-Marjellen sind wieder da. Hellwig, du bleibst zu
-Hause, die Älteste kauft nachher ein.«
-
-Und nach einer Weile des Herauslugens setzte dann wohl die dicke
-Vorkosthändlerin in angenehmer Gewißheit hinzu:
-
-»Natürlich, die Grotheschen stellen im Deutschen Hause ein. Da hat es
-dann Konsul Bark nicht weit. Merkwürdig, sie sollten doch einmal Ernst
-machen. Aber bei dieser Art Leuten ist das Herumziehen die Hauptsache.
-Freilich, mich geht's nichts an, ich bin ja nicht die Mutter.«
-
-Und unten aus dem tiefen Kellerloch dröhnte eine verquollene Stimme zur
-Antwort herauf:
-
-»Meines Wissens nicht, Mamachen. Und wehe dir, wenn du nachher Andeutungen
-machst.«
-
-»I wo,« wehrte sich die Dicke und wischte an den Fensterscheiben, damit
-sie dem prächtigen Wagen noch etwas länger folgen könnte. »Ich kümmere
-mich nicht um die Angelegenheiten fremder Leute. Bloß der Umstand, daß
-Konsul Bark, dieser feine Herr, auch mit anderen --«
-
-In diesem Moment jedoch wurde die Klapptür des Kellers mit solcher Wucht
-in ihre Einfassung geschleudert, daß das Häuschen einen Sprung machte und
-jedes vernünftige Gespräch verstummen mußte.
-
-Das war sehr unrecht, man hätte noch allerlei erfahren.
-
-Unter der Einfahrt des Deutschen Hauses stand Johanna Grothe -- »Hans«,
-wie sie sowohl von ihren Schwestern als auch von Freunden genannt wurde
--- vor dem gelben Jagdwagen, den die Mädchenschar soeben verlassen, und
-während sich die anderen jungen Damen die Staubmäntel schüttelten und
-die Toiletten ein wenig in Ordnung brachten, gab die Älteste dem noch auf
-dem Bock sitzenden halbwüchsigen Kutscherjungen ihre letzten Befehle.
-Sie sprach sehr nachdrücklich mit ihrer festen, ruhigen Stimme, denn
-der Bursche da oben war nur schwer seiner polnischen Schläfrigkeit zu
-entreißen, und er sah auch jetzt aus blöden Augen apathisch einer Rotte
-von Fliegen zu, die den Rücken seiner Tiere peinigte.
-
-»Stasch, du spannst hier aus.«
-
-Der Junge rührte sich nicht, sondern schüttelte nur ein wenig verwundert
-das Haupt, weil sich immer mehr Bremsen einfanden. Die Tiere schlugen
-hinten aus.
-
-»Ausspannen, Panna?« murmelte er geistesabwesend.
-
-»Ausspannen,« rief Hans böse hinauf, und dabei versetzte sie dem
-Rosselenker einen Ruck gegen den Arm, daß der Junge beinahe sein
-Gleichgewicht verloren hätte.
-
-»Oh Jesus, Panna,« stöhnte er.
-
-»Und dann soll hier gefuttert werden,« bestimmte die hochgewachsene
-Blonde weiter.
-
-»Gefuttert?« murmelte Stasch in sich hinein, wobei er beinahe Miene
-machte, von neuem in seinen slawischen Schlaf zu versinken.
-
-Die beiden anderen Schwestern lächelten ein bißchen und warfen sich
-verständnisinnige Blicke zu. Es lag etwas Überlegenes in dieser
-verhaltenen Heiterkeit, und es schien fast, als ob die Jüngeren einen
-heimlichen Bund miteinander geschlossen hätten. Die Große jedoch hatte
-jetzt völlig ihre Geduld verloren. Hochauf reckte sich die kräftige
-Gestalt, die Hüften spannten sich, als ob es einen Gewaltstreich
-auszuführen gelte, und im nächsten Augenblick bereits schoß der
-weißblonde Pole, einem Zug der in feinem Glacéleder steckenden Frauenhand
-folgend, vom Bock. Jetzt schrien die beiden anderen Mädchen auf. Der
-rasche Angriff, sowie das Herbeieilen einiger fremder Menschen empörte
-sie. Die Herrin von Maritzken aber wandte sich nach ihnen um, und in diesem
-Augenblick zeigte ihr Antlitz wieder jene Marmorblässe, die Konsul Bark,
-als ein gewählter Frauenkenner, überall so hervorhob.
-
-»Ihr geht in das Gastzimmer,« herrschte die Älteste die Schwestern an,
-als gäbe es gegen ihren Entscheid keinerlei Widerspruch. »Ich habe es
-nicht gern, wenn wir hier so in Massen auftreten. Und diesem Bengel möchte
-ich das Gespann doch nicht unbeaufsichtigt überlassen. Nun dalli, Ihr
-erwartet mich drin. Ich möchte nachher noch einen Gang machen.«
-
-»Einen Gang?« fragte die brünette Marianne, die zwar erheblich jünger
-war wie ihre befehlshaberische Schwester, ihr aber dennoch im Alter am
-nächsten kam. »Einen Gang?« forschte sie mit der matten Lässigkeit
-ihrer Bewegungen, in denen so viel gefährlicher Reiz wirken konnte, »du
-willst dich gewiß mit Konsul Bark treffen, nicht wahr, Hans?«
-
-Die Große verzog ein wenig die Stirn, denn das vertrauliche Lächeln
-des Einverständnisses, das die Jüngeren wieder untereinander tauschten,
-gefiel ihr nicht. Laut aber ließ sie nur mit ihrer dunklen Stimme fallen:
-
-»Ich treffe mich nicht mit ihm, sondern ich suche ihn in seinem Geschäft
-auf.«
-
-»Ah,« echoten die anderen.
-
-Und der Rotkopf von ihnen, Isa, ein siebzehnjähriges geschmeidiges
-Kätzchen, das der mütterlichen Schwester soviel Schwierigkeiten bei der
-Erziehung bereitete, sie raschelte auffällig mit ihrem rosa Kleid, verzog
-den Mund und kniff spitzbübisch die großen braunen Augen zu. Die dunkle
-Marianne aber legte ihren vollen Arm um die schlanke Hüfte der Kleinen und
-sagte in ihrer müden Art, die gerade wegen ihrer Leidenschaftslosigkeit
-häufig so sehr zum Zorn zu reizen vermochte:
-
-»Dann wirst du wohl auch nichts dagegen haben, liebster Hans, wenn ich
-mich drüben in der Konditorei von Klinkowström auf ein paar Minuten
-mit Fritz Harder treffe. Ich habe es ihm versprochen, denn er ist heute
-nachmittag dienstfrei.«
-
-Damit faßten sich die beiden jüngeren Grothe-Marjellen entschlossen unter
-den Arm und schritten langsam und furchtlos dem Ausgang zu. Allein sie
-gelangten nur bis zu dem kurzen runden Prellstein, vor dem ihr hochragender
-Wächter sich aufgepflanzt hatte. Es fiel eigentlich kein lautes Wort, kein
-Verbot wurde ausgesprochen und keine hastige Entgegnung vernommen, und doch
--- die langjährige Gewohnheit des Sichfügens, wenn es auch ungern
-und widerwillig geschah, die Furcht vor der zufahrenden Härte und dem
-aufflammenden Zorn der Großen erstickte all die leichten, flatterhaften
-Mädchenwünsche im Keim. Ohne daß die Jüngeren recht begriffen, wie es
-so schnell geschah, hielten sie allerlei Decken und Schirme in den Händen,
-die ihnen von der großen Blonden energisch übergeben waren, und wie von
-selbst traten sie mürrisch und bezwungen den Rückzug durch die dunkle
-Einfahrt an, um noch auf den drei ausgetretenen Steinstufen, die zu dem
-inneren Flur hinaufleiteten, aufzufangen, wie die ältere Schwester laut
-und unbekümmert hinter Marianne herrief:
-
-»Es paßt sich nicht, daß du dich jetzt schon mit dem jungen Offizier
-triffst, so weit halten wir noch nicht. Aber wenn ich zurückkomme,
-dann werden wir mehr wissen. Und nun benehmt euch dort drinnen nicht zu
-ausgelassen.«
-
-»Ja, ja, wir werden uns Mühe geben,« erwiderte die dunkelhaarige
-Marianne achselzuckend; und dann verschwanden die Grothe-Fräulein hinter
-der Glastür des Gasthauses, ohne der Ältesten noch einen besonderen Gruß
-gegönnt zu haben.
-
-Johanna aber wartete ruhig ab, bis der halbwüchsige Kutscher die beiden
-Rappen ausgespannt und in den Stall geführt hatte. Und erst, nachdem sie
-noch angeordnet, welche Zehrung der Junge zu sich nehmen solle und aus
-welchen Geschäften Pakete eintreffen würden, da schritt sie endlich mit
-ihrem festen, sicheren Gang quer über den Marktplatz herüber. Das
-edle griechische Haupt mit den harten, blauen Augen trug sie wieder hoch
-aufgerichtet, und unter dem dünnen Schleier leuchtete die weiße Haut, als
-ob wirklich ein altes Götterbild auf den Einfall geraten wäre, hier
-auf dem ostpreußischen, schlecht gepflasterten Marktplatz majestätisch
-dahinzuwandeln. So stolz und selbstsicher mutete das Bild an, daß selbst
-ein paar schlanke Gymnasiasten, die auf dem Platz eine wichtige Besprechung
-abhielten, hochachtungsvoll an ihren hellblauen Mützen rückten, um
-untereinander zu tuscheln:
-
-»Das ist die Älteste von Maritzken, ein feines Weib! Kuck, sie geht
-in den Goldenen Becher zu Konsul Bark. Donnerwetter, wenn man doch
-auch -- --«
-
-Und dann kam die Hochgewachsene ganz nahe, und die Jungen dienerten und
-schwenkten ihre Kappen.
-
- * * * * *
-
-In dem großen Gewölbe des Goldenen Bechers brannten bereits die
-Gasflammen. Sie verlöschten niemals unter den gotischen Bogen. Denn
-obwohl über der alten Stadt das Leuchten und Schimmern eines wolkenlosen
-Sommertages lag, hier drinnen in den niedrigen Gewölben der ehemaligen
-Probstei herrschte eine beständige kühle Dämmerung. In dem Raum selbst
-aber schwirrte und summte und knirschte es durcheinander. Achtzehn junge
-Leute, alle mit sauberen grünen Schürzen angetan, bedienten die sich
-drängenden Kunden, und alle Augenblicke sah man das schneeige Weiß des
-aufgeschütteten Salzes blitzen, graue Staubwolken von Mehl schwebten
-dahin, der Zucker knirschte, stark gebrannter Kaffee verbreitete seinen
-aromatischen Duft, aber auch Weinflaschen verließen ihr stauberfülltes
-Lager und ganze Berge von blechernen Konservenbüchsen verschwanden in
-den mächtigen Körben der Einholenden. Auf der anderen Seite des
-hochgewölbten Torweges, dicht vor den tief zurückliegenden dunklen
-Fensterscheiben, die mit dicken Eisenstäben so eng vergittert waren,
-als ob es sich um Gefangenenzellen handele, da hielten auf dem Marktplatz
-eisenklirrende Rollwagen, über deren herabgelassene Leiterbäume blaue
-Petroleumfässer heruntergewälzt wurden. Daneben standen gewaltige
-Plangefährte. Unausgesetzt trugen riesige Männer mit Lederschürzen
-viereckige, mit Sackleinwand und Eisenblech verschnürte Ballen heraus. Ein
-feiner Teegeruch verbreitete sich, als Johanna Grothe dort vorüberschritt.
-Und an den kleinen, buntgeschirrten Pferdchen mit den gewaltigen
-Messingkummeten um den Hals erkannte ihr geübter Blick, wie diese Wagen
-erst vor kurzem von der nahen russischen Grenze angelangt seien. Denn
-Konsul Bark war der größte Teeimporteur dieser östlichen Provinz, und
-die kleinen roten Päckchen mit dem goldenen Becher als Aufdruck galten
-durch das ganze Reich als eine Delikatesse.
-
-Durch den Schwarm der unbekümmert weiterschaffenden Lederschürzen
-hindurch trat Johanna Grothe durch den grob gepflasterten Flur, bis sie
-an der rechten Rundwand ein paar ausgetretene grüne Marmorstufen erreicht
-hatte. Auf der obersten zogen sich altersverwitterte Bronzebuchstaben
-hin, die durch ihren griechischen Text die stolze Angabe des Hausherrn
-bekräftigten, daß diese Steine aus einem alten moskowitischen Kloster
-einstmals von der siegreichen Hanse dem residierenden Probst der
-Handelsstadt zum Geschenk gemacht worden seien. Vor grauen Zeiten leiteten
-jene Quadern auch wirklich in das Refektorium der Probstei. Heute
-jedoch hatte der Konsul sein Privatkontor hier aufgeschlagen; es war ein
-gewaltiger Raum, von schweren flämischen Möbeln umstellt, während die
-weißen, splitternden Dielen von einem einzigen orientalischen Teppich in
-dunkelbrauner Grundfärbung überspannt waren. Einen seltsamen Eindruck
-rief es auf alle hervor, die zuerst hier eintraten, sobald aus den
-eingebuchteten Mauerwölbungen immer noch die bunten Mosaikgebilde der
-Evangelisten in verdämmerten Farben herausleuchteten. Einen förmlichen
-Schrecken aber verursachte es dem Unvorbereiteten, wenn hinter dem
-umfangreichen Schreibtisch des Großkaufmanns, nur von dem elektrischen
-Licht der grünbeschirmten Arbeitslampe getroffen, die überlebensgroße,
-riesenhafte Holzstatue des Apostelfürsten Petrus mit blauem Mantel und
-goldenem Heiligenschein auftauchte, genau so, wie sie einstmals an dieser
-Stelle das Ziel für die Verehrung unzähliger Frommer gebildet hatte. Die
-Holzstatue aber ragte auf ihrem Marmorquader auf, als wolle sie gegen die
-neue Zeit und gegen alles, was sie in ihr erblicken mußte, Verwahrung
-einlegen. Den goldenen Hirtenstab, der unten abgebrochen war, hielt sie
-gegen das zornige, volkstümliche Herz gepreßt und ihren mächtigen
-verrosteten Eisenschlüssel streckte sie weit von sich, voll Abscheu und
-grobem Eifer.
-
-Und der Heilige hatte manchen Grund zu seinem Verhalten. Denn obwohl der
-neue Besitzer der Probstei ein gewisses feinsinniges Kunstinteresse für
-die bunten Zeichen einer innerlicheren Epoche besaß, und obwohl es ihm
-schmeichelte, häufig berühmte Sammler und Gelehrte in seinen Räumen zu
-empfangen, um ihre Bewunderung für seine Besitztümer zu vernehmen, so
-lehnte er es doch auf der anderen Seite entschieden ab, sein eigenes Leben
-mit seiner Umgebung in Einklang zu bringen. Dunkle Gerüchte durchflogen
-die Stadt, es würden in der alten Probstei unter den Augen der
-Evangelisten und des Himmelspförtners gelegentlich erlesene Feste
-gefeiert, die weitab von strenger Daseinsführung lagen und die deshalb das
-Ziel und die Sehnsucht aller unverheirateten Herren der bevorzugten Kreise
-bildeten. Etwas Genaues indessen vermochten selbst die neugierigsten Damen
-der Stadt nicht in Erfahrung zu bringen. Man flüsterte wohl hie und da,
-daß der Konsul, dieser wohlgepflegte Vierziger mit der schlanken eleganten
-Gestalt und den schwärmerischen, lang bewimperten Augen, die so gar nicht
-zu den im Grunde kalten Zügen passen wollten, man flüsterte wohl, daß
-Konsul Bark in seinem weit ausgreifenden Kunstinteresse auch die Damen des
-Theaters mit seinen Einladungen beehrte, allein von den Beteiligten wurde
-dies stets mit sonderbarem Lächeln geleugnet. Äußerlich jedoch zeigte
-der Goldene Becher dauernd die gleiche patrizische Würde, und da der
-Konsul sogar in den Zirkeln der Frau Regierungspräsidentin sichtbar
-wurde, wo nur die dreimal Gesiebten verkehrten, so sanken alle unheiligen
-Vermutungen immer wieder in sich zusammen. Nur ein einziges Wesen lebte,
-das über den Wandel des Hausherrn genauen Aufschluß hätte geben können.
-Das war jener merkwürdige Einsasse des Goldenen Bechers, über den in der
-Stadt infolge seiner erstaunlichen Vielseitigkeit mindestens ebensoviel
-Erzählungen umliefen, als über den eleganten Großkaufmann selbst. Es war
-der Kammerdiener des Konsuls, Pawlowitsch, wie er von dem Chef im Scherz
-wegen seiner russischen Abkunft genannt wurde.
-
-Ja, Pawlowitsch besaß das Ohr des Großkaufmanns. In einem weißen
-Leinenanzug war er seinem Herrn frühmorgens bei der Toilette behilflich;
-er rasierte ihn, und kein Friseur hätte das dunkelbraune Haar des Konsuls
-so korrekt zu scheiteln vermocht, wie dieser Halbrusse. Bei solcher
-Gelegenheit erfuhr dann der Herr des Goldenen Bechers, was Pawlowitsch für
-nützlich hielt, ihm zufließen zu lassen.
-
-»Herr Konsuhl,« flüsterte der Weißkopf, denn er betonte diesen Titel
-auf der letzten Silbe und dabei beugte er sich während des Einseifens
-geschmeidig bis zu dem Ohr des Gebieters herab, »die kleine Schwarz vom
-Stadttheater hat heute abend ihr Benefiz. -- Rosen?«
-
-»Jawohl.«
-
-»Vorzüglich --« alle Anordnungen des Chefs beehrte Pawlowitsch mit
-dieser begeisterten Zensur, »vorzüglich -- Teerosen?«
-
-»Gewiß.«
-
-Der weiße Kittel verbeugte sich. Es war ja selbstverständlich, daß er
-diese gelben Blumen hinter die Bühne zu tragen hatte. Dunkelrote schickte
-sein Gebieter nur beim Beginn einer vielbegehrten Bekanntschaft. Die
-ruhigere Epoche wurde dann durch die mattere Farbe gekennzeichnet. Und
-Pawlowitsch wußte ganz genau, wann die weißen an die Reihe kamen, die den
-Rückzug des Konsuls einläuteten.
-
-»Vorzüglich.«
-
- * * * * *
-
-Zu derselben Stunde, als Johanna Grothe in ihrer majestätischen Blondheit
-über den Markt wandelte, beherbergte Konsul Bark in dem Refektorium,
-aus dessen Mauerhöhlungen noch immer die Mosaikbilder der Evangelisten
-hervorschimmerten, einen besonders fröhlichen und lauten Besuch. Zur
-Seite des großen Schreibtisches, dicht neben der Riesenstatue des heiligen
-Petrus, dessen deutsches Antlitz noch unwilliger als sonst flammte,
-lehnte ein gewaltiger, muskulöser Russenoffizier behaglich in dem dunklen
-Ledersessel und hob eben sein Weinglas prüfend gegen die grünbeschirmte
-Lampe, so daß der gelbe Trank spiegelte und glitzerte. Die Sporen an den
-hellgelben Reiterstiefeln, die er vor Vergnügen leise aneinander rieb,
-ließen dazu einen feinen silbernen Sang ertönen, und das laute Gelächter
-des Fremden schlug schallend gegen die Decke der Wölbung.
-
-»Ja, was sagen mein bester Freund,« rief er wohlgelaunt und stieß den
-Hausherrn mit dem langen Säbel, den er nicht abgelegt hatte, vertraulich
-gegen die eleganten schwarzen Lackschuhe, »dumme Tiere von Grenzkosacken
-haben sich richtig durch Ihren Agenten von Pflicht -- wie sagt man? --
-abwendig machen lassen.«
-
-Der Konsul reckte sich und zupfte verärgert an seinem kurzgeschorenen
-englischen Schnurrbärtchen.
-
-»Der Jude handelte auf sein eigenes Risiko,« entgegnete er unmutig, »ich
-habe ihm nicht geraten, Ihre Leute zu bestechen.«
-
-»Bestechen?« Jetzt lachte der Russe noch behaglicher und schüttelte
-das blondbebartete Haupt. Seine blauen Augen sahen ganz erstaunt aus.
-»Bestechen?« wiederholte er in seinem gebrochenen Deutsch, »nicht
-doch. Hat Mann gar nicht beabsichtigt. Ist Gewohnheit bei diesen deutschen
-Spitzbuben. Pardon -- pardon,« verbesserte er sich, und die großen
-Kinderaugen begannen ihm in der Wirkung des Weins oder aus Verlegenheit
-zu tränen, »sehr ehrenwerte Leute. Versuchen es nur immer wieder. Aber
-diesmal hat mir heilige Mutter von Kiew beigestanden. Sieben Wagen vor
-Brücke zurückgehalten, und zweitausend Rubel in meiner Tasche. Was sagen
-bester Freund?«
-
-Konsul Bark rückte ein wenig mit seinem Stuhl und blickte seinen Gast
-zweifelnd von der Seite an. Das Gespräch schien ihm durchaus nicht
-zuzusagen.
-
-»Ich nehme an,« begann er endlich nach einem Moment der Überlegung,
-während sein schmales, feingeschnittenes Gesicht durch nichts irgendeine
-Bewegung verriet, »ich nehme an, Herr Rittmeister Sassin, daß Sie
-gekommen sind, um das Geld wieder an mich abzuliefern.«
-
-»Oh nein, ist Irrtum. Geld gehört Gossudar, russischen Zaren, unserem
-allergnädigsten Herrn.« Der Russe verbeugte sich, so daß seine Stirn
-fast die Platte des Schreibtisches berührte.
-
-»Jawohl, ich kann es mir denken,« meinte der Konsul mißfällig,
-»sprechen wir nicht mehr darüber.«
-
-»Serr gut, ist ganz meine Ansicht, sind hervorragender Kaufmann. --
-Händler erster Gilde!«
-
-Jetzt warf der Hausherr seinem Gast von neuem einen scharfen Seitenblick
-zu. Unwillkürlich faltete sich seine Stirn. Sollte dieser große
-ungeschlachte Mensch sich etwa über ihn lustig zu machen gedenken, gerade
-jetzt, da der Fremde ihn um eine erhebliche Summe geschädigt? In diesem
-Augenblick hatte der kühle Geschäftsmann völlig vergessen, wie oft er
-jenseits der Grenze in dem kleinen elenden Fabrikstädtchen die reiche und
-ausgelassene Bewirtung des Grenzoffiziers genossen, eine Gastfreundschaft,
-die sich manchmal bis zu tobendem Wahnsinn gesteigert hatte. Nein, die
-Erinnerung hieran war dem Prinzipal des Goldenen Bechers wie in dunklem
-Rauch aufgegangen. Denn Konsul Bark besaß die Fähigkeit, geschehene
-Dinge, die ihm nicht mehr behagten, kaltblütig auszustreichen, als wären
-sie nie gewesen. Seine dunkelgrauen, lang bewimperten Augen blickten noch
-etwas berechnender drein als gewöhnlich, da er sich auf die Huldigung des
-Offiziers zu der lässigen Erwiderung anschickte:
-
-»Ich bin Ihnen für Ihre gute Meinung sehr verbunden, Herr Rittmeister.
-Aber gerade, weil ich ein nüchterner Kaufmann bin, so werden Sie es mir
-nicht übel deuten, wenn ich mich frage, welche geheime Absicht Sie eben
-jetzt zu mir leitet, obwohl Sie vielleicht Ursache zu haben glauben, mir
-wegen dieser unangenehmen Zollaffäre zu zürnen.«
-
-Ganz vorsichtig und diplomatisch hatte der Konsul dies vorgebracht,
-während er unausgesetzt einen großen Elfenbeinfalz zwischen seinen
-schmalen Fingern hin- und hergleiten ließ. Der Russe jedoch tat seine
-hellblauen Kinderaugen noch weiter auf, und auf seinen breiten Zügen
-malte sich vollste Verständnislosigkeit. Ungewiß rieb er sich in seinem
-stoppligen blonden Kinnbart.
-
-»Nix Zollaffäre, nix zürnen, keine Spur,« versicherte er eifrig und
-verbeugte sich mehrfach in großer Ehrfurcht vor dem Handelsherrn. »Solche
-Geschichten alle Tage vorkommen. =Au contraire=, bereiten Spaß, machen
-schönes Vergnügen. Leo Konstantinowitsch Sassin bitten Rudolf Bark von
-Wertschätzung und innigster Freundschaft überzeugt zu sein.«
-
-Damit legte er die Linke aufs Herz und hob das Weinglas grüßend zu dem
-Hausherrn hinüber. Der Konsul aber, der die Gewohnheiten des Nachbarvolkes
-kannte, nickte gleichfalls mit dem Haupt, ohne jedoch seinen Zweck aus dem
-Auge zu verlieren.
-
-»Leo Konstantinowitsch, kann ich Ihnen mit irgend etwas anderem dienen?«
-
-Der Russe schluckte noch an seinem Wein und setzte das Glas ziemlich
-unbekümmert auf die Schreibtischplatte nieder. Dann erhob er lebhaft beide
-Hände.
-
-»=Pas du tout=, mein bester Freund, nix dergleichen. Ja, ist wahr, gab
-traurige Zeiten für Offiziere von Gossudar, namentlich wenn so weit fort
-von heilige Petersburg. Serr zu kämpfen gegen Einsamkeit, Langweile und
-Armut. Da ist Rudolf Bark immer hilfreicher Freund gewesen, serr hilfreich,
-Kavalier --«
-
-»Sehr schön, aber -- --«
-
-»Kommt, kommt alles. Armut vorbei, durch Gnade von Väterchen bedeutend
-besser gestellt. Einnahmen hier, Einnahmen dort, man kann nicht klagen. Und
-seit Gouverneur von Wilna Grenzstationen kontrolliert, auch eigene =maison=
--- Häuschen.«
-
-Bei der Erwähnung dieser kleinen ›=maison=‹ flog ein verschmitzter
-Schein über die eben noch so ernsten Züge des Kaufmanns.
-
-»Ja, ich habe gehört, Leo Konstantinowitsch. Man erzählt, daß Ihnen
-eine reizende Villa gebaut sei.«
-
-»Eben fertig,« warf der Russe sehr befriedigt ein.
-
-»Nun gut, nehmen Sie meinen Glückwunsch. Es fehlt nichts hinein als eine
-junge Frau.«
-
-Der Russe fuchtelte wieder mit den Händen und ließ die Sporen klirren.
-
-»Oh, fehlt nicht, fehlt nicht, =pas du tout=, man weiß sich zu behelfen.
-Und davon gerade, Rudolf Bark, sollen Sie sich überzeugen. Ich bitte serr,
-ich bitte inständigst.«
-
-»Sie meinen doch nicht --?«
-
-»Ja, meine ich, ein kleines Fest. Eine Einweihung, intim, serr vornehm.
-Und wenn Sie mich machen wollen glücklich, dann legen auch ein gutes Wort
-ein bei die schönen Damen von Maritzken, die ich neulich so bevorzugt war,
-bei Ihnen zu treffen. Wunderschöne Damen, namentlich die große, üppige,
-stolze, mit die königliche Gang, und die schwarze mit den roten Lippen. Es
-wird werden serr amüsant.«
-
-So unerwartet traf den Großkaufmann diese letzte Aufforderung, daß er
-den Elfenbeinfalz hart auf den Tisch fallen ließ und erst einen
-verlegenen Blick auf das Holzantlitz des Apostels warf, bevor er, sich
-zusammenraffend, widersprechen konnte:
-
-»Nein, nein, lieber Rittmeister, dieser Mission fühle ich mich nicht
-gewachsen. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber es kommt mir doch höchst
-zweifelhaft vor, ob sich die jungen Damen von Maritzken, und namentlich die
-Älteste, in dem eigentümlichen« -- der Konsul zögerte einen Augenblick
-und suchte nach einem Ausdruck -- »na sagen wir Junggesellenmilieu
-wohlfühlen würden.«
-
-Der Grenzoffizier jedoch sprang klirrend auf und fegte mit seiner Rechten
-in sprudelnder Lebhaftigkeit durch die Luft, als müsse er jedes einzelne
-Wort seines Gegenübers besonders ausstreichen.
-
-»Kein Junggesellenmilieu,« schrie er, unbekümmert darum, ob seine Worte
-nicht etwa jenseits der Diele verstanden werden könnten, »Sie täuschen
-sich, bester Konsul, wir besitzen Takt, =savoir vivre=. Sie kränken uns,
-wenn Sie zweifeln daran. Wir sind junges Volk, harmloses Volk, -- aber
-galant gegen Damen.«
-
-Sicherlich gedachte Leo Konstantinowitsch seine nationale Eigenart noch
-eingehender zu schildern, aber das leis-ironische Lächeln, das
-abermals die Lippen seines Zuhörers umspielte, veranlaßte ihn, sich zu
-unterbrechen, um sich beschwörend die mächtige Faust mitten auf die Brust
-zu schlagen. Es gab einen dumpfen Widerhall.
-
-»Diesmal nicht so wie sonst,« brachte er ganz treuherzig hervor, wobei er
-immerfort das blonde Haupt schüttelte, »Oberst Geschow aus Mariampol mit
-seiner jungen Frau gibt gleichfalls die Ehre. Und alle jungen Frauen von
-Kameraden ebenso. Wir werden trinken nur ein Täßchen Tee, essen dazu
-ganz dünne Kaviarschnittchen, und die Gattin von Zivilgouverneur -- Frau
-Bobscheff, serr fromme Dame -- wird sein Patronesse von das Ganze. Sie
-werden sich einlegen Ehre, Rudolf Bark, mit dieser Einladung bei den
-jungen Fräulein von Maritzken. Und,« setzte der Russe sehr ernst und
-nachdrücklich hinzu, »es ist gut, wenn beide Völker freundschaftlich
-verkehren. Ich sage, es ist gut.«
-
-Noch hatte der Russe nicht völlig seine Erklärungen geschlossen, als die
-eisenbeschlagene Eichentür sich geräuschlos in ihren Angeln drehte. Vor
-dem lauten Gespräch hatten die beiden Männer völlig überhört, daß
-schon zweimal an das harte Holz gepocht wurde. Jetzt stand unter
-der Wölbung der Tür eine blaue Hausmeistersuniform mit blanken
-Messingknöpfen, und das kurz geschorene weiße Haupt des berühmten
-Pawlowitsch neigte sich zu einer demütigen Verbeugung. Beide Arme ließ
-der Alte dabei weit gestreckt von sich herunterhängen.
-
-»Herr Konsuhl,« wisperte eine flehentlich-zerknirschte Stimme, »ich
-störe.«
-
-»Schon gut, was gibt's?«
-
-Der Alte wandte sich halb nach draußen und ließ eine zweite Verbeugung
-nach der Richtung der Diele hin folgen.
-
-»Das gnädige Fräulein von Maritzken ist soeben angekommen.«
-
-»Heilige Mutter,« sprudelte der Russe und ließ vor Erstaunen den breiten
-Mund mit den tadellosen Zähnen offen.
-
-Aber auch der Konsul schnellte aus seinem Sessel, und es war sehr
-merkwürdig, wie er sich bemühte, in aller Eile ein Aschenkörnchen von
-dem Aufschlag seines eleganten braunen Promenadenanzugs fortzustäuben.
-
-»Ist es das älteste Fräulein?« warf er rasch hin, und eilfertig schritt
-er in die Ecke, um selbst die elektrische Leitung aufzudrehen, die die
-Lichter des schweren lombardischen Kronleuchters an der mittelsten der
-Wölbungen aufstrahlen ließ. »Ist es die Älteste der Damen?«
-
-Pawlowitsch zwinkerte ein wenig mit den schwarzen Augen. »Fräulein
-Johanna« meldete er.
-
-Der Konsul machte ein paar Schritte bis zur Tür.
-
-»Stehe sofort zu Diensten.« Er sprach so laut, daß man seine Stimme
-sicherlich draußen auf dem Flur vernehmen mußte. »Lieber Herr
-Rittmeister -- --,« fuhr er fort, und ohne daß er noch etwas Weiteres
-zu äußern brauchte, lag in seiner sprechenden Handbewegung das Bedauern,
-die Konferenz mit dem Offizier leider schließen zu müssen.
-
-Inzwischen hatte auch Rittmeister Sassin seinen gebogenen Säbel enger
-an sich gezogen und ergriff nun die breitrandige blaue Mütze. Er schien
-vollkommen einzusehen, daß er hier überflüssig würde. Ja, in
-seinen groben, verschwommenen Zügen arbeitete sogar eine starke innere
-Verlegenheit. Heilige Mutter, diese stolze königliche Deutsche flößte
-ihm einen Respekt ein, den er sich nicht zu erklären vermochte. Viele der
-deutschen Weiber besaßen etwas Ähnliches. Nein, zum Teufel, die andere,
-die Schwarze mit den roten Lippen und der üppigen Lässigkeit war
-angenehmer, bequemer. Und in seinem kindlichen Verstand stritten sich
-Zweifel, ob es wirklich möglich sein würde, die Damen von Maritzken zu
-dem Besuch in der gemütlichen kleinen ›=maison=‹ jenseits der Grenze
-zu veranlassen. »Rudolf Bark gestatten, daß holder Dame die Hand küsse.
-Und nicht wahr, nicht vergessen an meine Bitte! Überlasse alles Ihnen,
-bester Freund, alles Ihnen!«
-
-Da öffnete sich die Tür, die hohe, schlanke Frauengestalt in dem
-cremefarbenen Bastseidenkostüm ragte unter der Wölbung. Die drei Männer
-aber verbeugten sich gleichzeitig so tief und ehrfürchtig, daß sie
-vielleicht gelächelt haben würden, wenn sie ihre gesenkten Häupter
-selbst hätten beobachten können. Dann reichte der Konsul seinem
-neuen Gast höflich die Hand, wobei er es jedoch vermied, die schlanken
-Fingerspitzen an seine Lippen zu führen. Das hatte sich das Landmädchen
-ein für allemal verbeten. Darauf eine kurze Wendung gegen den russischen
-Offizier, ein vergebliches Bemühen des Rittmeisters, seine Huldigung
-auf den weißen Handschuh der Dame zu hauchen und die verabschiedende
-Beteuerung des Russen, daß sein bester Freund Rudolf Bark holden Dame ein
-großes Geheimnis mitzuteilen habe. Eine Bitte, ein fußfälliges
-Flehen, deren Erfüllung armen Leo Konstantinowitsch in einen Taumel des
-Entzückens versetzen würde.
-
-»Guten Morgen, Rudolf Bark, alle Nothelfer behüten Sie -- Gnädigste, der
-Himmel nehme Sie in seinen Schutz.«
-
-Die silbernen Sporen klirrten zusammen, der Säbel rasselte, und die
-wuchtige Gestalt des Grenzoffiziers schritt tönend über die grünen
-Marmorstufen.
-
-Die beiden anderen blieben allein.
-
-»Liebes Fräulein Johanna, nehmen Sie Platz,« forderte der Konsul auf,
-indem er sehr diensteifrig einen neuen Ledersessel an den Schreibtisch
-schob. Und nachdem die Älteste von Maritzken sich wortlos niedergelassen,
-blieb er geneigt vor ihr stehen, um von neuem zu bitten: »Wollen Sie
-nicht, lieber Hans, den Schleier ein wenig zurückschlagen? Damit ich
-erkennen kann, ob Sie etwas Gutes, oder, was ich nicht hoffen will, etwas
-Schlimmes zu mir führt? Denn leider wird ja der Goldene Becher fast
-ausschließlich zu geschäftlichen Beratungen aufgesucht, nicht wahr,
-bester Hans?«
-
-Wie immer, wenn er mit der Ältesten von Maritzken sprach, klang seine
-Stimme liebenswürdig und vertrauenerweckend und enthielt nichts von jener
-flatterhaften Galanterie, die dem Landmädchen, das die harte Notwendigkeit
-zur Arbeit gezwungen hatte, so verleidet war. Gerade diese offene
-konventionelle Art hatte dem Geschäftsmann das Vertrauen der Vorsichtigen
-erworben, obwohl auch zu ihr allerlei abfällige Urteile über ihren
-Freund gedrungen waren. Aber Johanna Grothe verachtete solche heimlich
-zugeflüsterten Gerüchte. Ihre unbestechliche Gewissenhaftigkeit verlangte
-Beweiskräftiges. Und alles, was sie von Rudolf Bark während jener drei
-Jahre erfahren, seitdem die Mutter dort draußen im Schatten der Kirche von
-Maritzken ruhte, und auch den Vater eigenes Verschulden oder ein unseliges
-Schicksal aus den Reihen der tätig Wirkenden entfernt hatten, nein,
-alles was ihr von dem nüchternen klaren Geschäftsmann in selbstloser
-Opferwilligkeit während jener schweren Zeit geboten war, es atmete
-Sicherheit, Ordnung und ein Gefühl für ihr inneres Bedürfnis nach
-Sauberkeit. Und so hatte sich zwischen ihnen nach einer anfänglichen
-kühlen Geschäftsverbindung das vertrauliche Verhältnis von Ratgeber und
-Schützling gebildet.
-
-Auch heute drängte es die Selbstsichere, ihre Sorgen gewissermaßen
-durchrechnen zu lassen, denn sie fühlte sich entlastet, sobald ihr eigenes
-Urteil die Unterstützung des Vielerfahrenen fand. Nicht leicht schien
-ihr im Augenblick die Einleitung zu fallen, ja, der Konsul merkte, wie das
-große, kräftige Mädchen -- die Heroine, wie er sie manchmal heimlich
-nannte -- ihre Blicke befangen vor den seinigen zu dem braunen Teppich
-heruntersenkte. Endlich jedoch schlug die Sitzende mit einer raschen
-Bewegung ihren Schleier in die Höhe, und wieder entzückte den
-Großkaufmann jene merkwürdige Blässe, die er schon so häufig angestaunt
-hatte. Ganz eigenartig hoben sich die tiefdunklen blauen Augen von dem
-matten weißen Grunde ab.
-
-»Hören Sie, Herr Konsul,« sprach Johanna endlich, indem sie mit aller
-Kraft die Gedanken auf ihr Ziel zu sammeln versuchte, und dabei schlug
-sie die dunklen Augen so fest und ehrlich gegen ihn auf, daß der Mann
-plötzlich ein eigenes Schwanken spürte. Es blieb immer dasselbe. Diese
-große königliche Erscheinung, die sich über die Schwächen und Wünsche
-ihres Geschlechtes sicherlich weit erhoben hatte, sie machte es ihm
-manchmal wirklich nicht leicht, die gleichgültige Ruhe des kühlen
-Geschäftsfreundes zu wahren. Schweigend lehnte er dicht neben ihr gegen
-die Platte des Schreibtisches und sah sie aufmerksam an. »Hören Sie,
-lieber Konsul,« begann Johanna von neuem, »ich muß Sie schon wieder
-einmal mit einer Angelegenheit behelligen, die mir lebhafte Besorgnis
-einflößt. Sie wollten es damals nicht glauben, aber ich habe doch recht
-behalten.«
-
-»Sie behalten immer recht, lieber Hans,« sagte der Konsul verbindlich.
-
-»Nein, nein, scherzen Sie nicht. Diesmal wird es wirklich Ernst. Und da
-ich ja keine Mutter und leider auch im eigentlichen Sinne keinen Vater
-besitze,« fügte sie mit kurzem Atem an, »so wende ich mich eben an Sie.
-Ich habe Vertrauen zu Ihnen.«
-
-Der Konsul wollte etwas erwidern, aber von ihrem merkwürdig dunklen
-Blick getroffen, brachte er es nur dazu, ihr warm und zustimmend die Hand
-entgegenzustrecken. Dann forschte er schnell:
-
-»Also um was handelt es sich, liebster Hans? Spannen Sie mich nicht
-länger.«
-
-Merkwürdig, die Älteste von Maritzken schien keineswegs zu spüren, wie
-die Hand des Mannes noch immer auf der ihren ruhte. Sie fuhr unbekümmert
-fort:
-
-»Gestern abend saß ich auf der Wiesenbank vor den drei Statuen der
-römischen Kaiser --«
-
-»Aha,« unterbrach der Zuhörende, »die Stelle muß man sich merken, das
-ist offenbar Ihr Lieblingsplatz.«
-
-»Ja, ich sitze gern dort. Aber gestern wurde mir der Ort auf lange Zeit
-verleidet. Denken Sie sich, Konsul Bark, -- es fällt mir sehr schwer,
-Ihnen dies alles zu gestehen -- als ich meine Blicke ganz absichtslos
-über die weite grüne Wiese richtete, auf der gerade ein junger Hase
-seine komischen Männchen machte, da sah ich ganz hinten am Waldsaum meine
-Schwester Marianne mit einem Fremden schreiten.«
-
-»Weiter,« forderte der Konsul interessiert.
-
-»Die Gestalten waren nur zwerghaft klein, aber ich erkannte den
-Eindringling trotz alledem, obwohl er nicht Uniform angelegt hatte.«
-
-Jetzt richtete sich der Kaufmann schnell auf, zog ein wenig an seinem
-braunen Jakett und bewegte dann abschätzend die flache Hand hin und her.
-
-»Es war natürlich Fritz Harder,« äußerte er bestimmt.
-
-Das stolze Weib in dem Sessel nickte. Dann aber schlug sie verstört die
-Augen nieder, und ihre ganze Gestalt beugte sich zusammen, als ob sie von
-einer körperlichen Last zu Boden gedrückt würde.
-
-»Lächeln Sie nicht, Herr Konsul,« sagte sie matt, »ich bin über das
-Alter hinaus, als daß ich gegen eine ehrbare Annäherung etwas einzuwenden
-hätte.« Und als der Konsul eine Bewegung machte, wie wenn er sie nicht
-verstände, stieß sie plötzlich anmutig hervor, und ihre Stimme tönte
-laut und grollend: »Das war es aber nicht. Gegen diese stürmischen
-Liebkosungen in der dunklen Stille eines Haselnußhaines muß ich
-Einsprache erheben. Das kann und will ich nicht dulden. Denn nach dem,
-was schon einmal bei uns geschehen, muß ich mehr wie jede andere darauf
-achten, daß unserem Hause der landläufige Respekt entgegengebracht
-wird.«
-
-Die zusammengekauerte Gestalt ließ ihre Arme zwischen die Knie herabsinken
-und riß sich alles Weitere matt und dumpf von der Seele los, wie wenn sie
-mit sich selbst zürne, daß sie so Verschwiegenes offenbare.
-
-»Glauben Sie mir, lieber Freund, meine Rolle fällt mir nicht immer
-leicht. Ich weiß, die Mädels hassen mich, weil ich ihnen so vieles
-versagen, und häufig wie ein Polizist vor ihnen auftauchen muß. Aber
-Sie, Konsul Bark, Sie kennen meine Beweggründe. Ich habe es nun einmal
-übernommen, aus dem großen Zusammenbruch zu retten, was irgend möglich
-war, und bin darüber alt geworden.«
-
-»Na, na, Hans,« schob hier der Konsul lächelnd ein.
-
-Er dachte daran, daß diese Achtundzwanzigjährige in ihrer kalten,
-abweisenden Schönheit ein Weib sei, das alle Ansprüche aufgegeben habe
-zu reizen, zu gefallen und zu bestricken, ein Geschöpf, das in klarer
-Erkenntnis seiner harten Fron allmählich sich selbst vergessen hatte. Und
-doch -- der schlanke Mann in dem eleganten Promenadenanzug warf unbemerkt
-einen spähenden Blick auf seine Besucherin -- ob wirklich alle Wünsche
-in diesem stolzen Leib erstorben und verlöscht waren? Und in der
-vorüberhastenden Minute, während seine Augen, die Frauenschönheit so
-sehr aufzuspüren verstanden, über den gebeugten Mädchennacken glitten,
-da gestand sich der reife Mann, daß gerade die starke Neugierde, jenes
-tief verschlossene Geheimnis zu lösen, ihn so dauernd an das frostige,
-marmorharte Geschöpf da vor ihm fesselte. Und mit einem gewissen Unwillen
-empfand er auch, wie schwer und unbequem es sei, sich selbst immer in
-so respektvoller Entfernung zu halten. Ja, es war sehr schwer, denn er
-erkannte ganz klar, eine einzige unvorsichtige Andeutung, das Verlassen
-der unverfänglichen und korrekten Beziehungen mußte die Ahnungslose
-dort sofort empört und enttäuscht von dannen treiben. Und vor diesen
-Enthüllungen scheute sich der Frauenkenner. Nein, nein, die großen
-scharfen Augen der Heroine von Maritzken wollte er nicht im Zorn auf sich
-gerichtet fühlen. Ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, hegte er eine
-heimliche und ihn doch quälende Abneigung davor, das Unverdorbene, das
-Heilig-Jungfräuliche dieses abgeschlossenen Lebens zu stören. So nahm
-er auch jetzt nur in verborgener Bewunderung die köstliche Weiße ihres
-Nackens wahr, laut aber sprach er sehr ruhig und überlegt zu der in sich
-Versunkenen herunter:
-
-»Also, lieber Hans, mir scheint, Sie sehen da wieder etwas zu dunkel. Wenn
-Sie auf mein Urteil irgendein Gewicht legen, so meine ich, was sich da in
-der lauschigen Dämmerung des Haselnußhaines abspielte, das waren eben
-die landläufigen Vorboten einer regelrechten Verlobung. Oder glauben Sie
-berechtigt zu sein, es anders aufzufassen?«
-
-Auf diese Frage richtete sich Johanna unvermittelt auf und strich sich
-die spröde Seide über ihrer Brust zurecht. Zum erstenmal lief über ihre
-immer so schneeigen Wangen ein leichtes Rot.
-
-»Ich weiß nicht,« versetzte sie ungewiß, mit sich selbst kämpfend,
-»ich will es hoffen, obwohl meine Schwester Marianne -- ich spreche zu
-Ihnen ganz rückhaltslos, lieber Konsul -- für meinen Geschmack etwas viel
-zu Nachgiebiges und Entgegenkommendes besitzt. Aber selbst wenn sich Ihre
-Ansicht bewahrheitete,« fuhr sie überlegend fort, »dann halte ich es
-für schicklich, daß sich der junge Offizier zuerst an mich gewendet
-hätte.«
-
-»Liebe Johanna,« begütigte der Konsul, »Sie klammern sich da an eine
-etwas altmodische Auffassung.«
-
-»Nun ja, Sie mögen recht haben, ich bin eben mißtrauisch und wittere
-hinter allen Menschen zuvörderst irgendeine verborgene Absicht. Das Leben
-hat mich allmählich so geformt. Sie müssen mir das nicht übel deuten,
-lieber Freund, Ihnen gegenüber fällt das ja alles fort. Und nun die
-Hauptsache: Glauben Sie wirklich, daß Fritz Harder der geeignete Mann
-wäre, um eine so dauernd nach Glück und Glanz verlangende Natur wie
-Marianne befriedigen zu können?«
-
-Der Konsul zuckte die Achseln.
-
-»Gott, Sie werden nicht leugnen,« versetzte er endlich abschätzend,
-»daß er ein hübscher, flotter Bursche ist und, wie ich annehme, auch ein
-aussichtsvoller Offizier.«
-
-Die Älteste von Maritzken rückte hastig mit ihrem Stuhl.
-
-»Glauben Sie das wirklich?« entgegnete sie mit wenig überzeugtem Ton.
-»Das gerade möchte ich bezweifeln. Mir gefallen Männer nicht, die nicht
-vollkommen von ihrem Beruf ausgefüllt werden. Sehen Sie, was hat sich ein
-junger Leutnant für schweres Geld einen Flügel zu kaufen, um nun halbe
-Nächte lang auf ihm herumzuphantasieren? Er komponiert ja auch.«
-
-»Na, Hans,« beruhigte der Konsul, »die Vergnügungen in einer mittleren
-Garnison sind ja nicht allzu abwechslungsreich. Wenn er sich nur mit dieser
-Art von Spiel befaßt, so wollen wir ihn deswegen nicht verurteilen.«
-
-Aber die Gutsherrin war nicht so leicht abzuweisen.
-
-»Schön,« gab sie zu, »aber der junge Mensch hat leider überhaupt etwas
-Dilettierendes. Wie Sie wissen, versucht er sich auch in der Ölmalerei.
-Er bringt zwar ganz nette Porträts hervor, aber wie sich dies alles mit
-seinem eigentlichen Beruf vereint, das begreife ich nicht. Und um wahr zu
-sein, es erregt mir Mißbehagen.«
-
-Hier wagte es der Konsul, der leidenschaftlich Sprechenden begütigend,
-fast väterlich die Wange zu streicheln. Aber diesmal wurde es von der
-Besucherin aufgefaßt. Mit einer herben Bewegung schob sie seine Finger
-zurück. Dann forderte sie noch einmal:
-
-»Teilen Sie meine Bedenken?«
-
-Inzwischen hatte sich der Konsul in seinen Ledersessel niedergelassen, und
-nachdem er seiner Gewohnheit gemäß mit einem Blick, wie um Rat fragend,
-das Antlitz des Apostels gestreift, da gab er seine Ansicht klug und jedes
-Wort wagend, zu erkennen.
-
-»Liebes Kind,« beschwichtigte er, »mit dem Beruf eines Offiziers ist
-es ein eigen Ding. Wir vergessen immer so leicht, daß alle Mühen
-und Anstrengungen, die der höhere Militär aufwendet und die in immer
-strengerem Maße von ihm gefordert werden, kein in die Augen fallendes
-Ergebnis zeitigen können. Sie sind die einzige Menschenklasse in unserem
-Staat, die, solang der Friede dauert, nicht den praktischen Beweis von
-ihrer Leistungsfähigkeit zu erbringen vermag. Man empfindet ihr ganzes
-Tun und Treiben hie und da bereits als spielerisch und überflüssig.
-Und dieses Bewußtsein ist es, was viele Soldaten so rastlos nach Dingen
-greifen heißt, die jenseits ihres Berufes liegen. Sie suchen sich eben
-auszufüllen. Nein, Johanna,« richtete sich der Konsul plötzlich auf und
-klopfte ermunternd an die Seitenlehne des anderen Sessels, »daraus wollen
-wir dem hübschen Bengel keinen Strick drehen. Und daß er sich in die
-knisternde Schönheit von Marianne vergaffte, Gott --« der Kaufmann
-zuckte die Achseln -- »dieses Los teilt er gewiß mit manchem jugendlichen
-Schwärmer und außerdem, es läßt keinen üblen Rückschluß auf seine
-Uneigennützigkeit zu.«
-
-Bei diesem letzten Wort glitt ein kaltes Lächeln um die Lippen des
-Gutsfräuleins. Sie hob ihren Schleier noch etwas mehr, und die blauen
-festen Augen suchten scharf und bindend den Blick ihres Beraters. Der
-Konsul rückte ein wenig ungemütlich hin und her.
-
-»Ah, Sie meinen,« nahm die Älteste von Maritzken das Wort des Gefährten
-auf, »Sie meinen, daß der junge Mann Lob und Anerkennung verdiene, weil
-er sich zu der Angehörigen einer unbegüterten Familie herabläßt, die
-ihren Töchtern keine Mitgift auszusetzen vermag?«
-
-»Hans, Hans,« mahnte hier der Konsul und hob dämpfend die Hand.
-
-Aber die hohe Blonde fuhr fort: »Ja, ja, man spricht ja so etwas
-Ähnliches sowohl in der Stadt, wie in der Umgegend. Und es ist mir ganz
-recht,« bestätigte sie sehr ernsthaft, und jener rechnende Schein spielte
-von neuem aus ihrem weißen Antlitz, »es ist mir ganz recht, wenn sich
-keine Mitgiftjäger um meine Schwestern bemühen, denn ich kann das
-Vermögen, das ich uns in achtjähriger Arbeit erworben, noch sehr gut in
-meinem landwirtschaftlichen Betriebe gebrauchen. Sie aber, lieber Konsul,
-Sie sind ja der einzige, der genau darüber orientiert ist, wie wenig alle
-diese Gerüchte der Wahrheit entsprechen. Ja, es ist richtig,« sprach
-sie immer heftiger weiter, »ich habe die zwei großen väterlichen Güter
-damals in der schweren Zeit aufgeben müssen. Oder besser gesagt, ich habe
-sie auf Ihren Rat mit Gewalt zur Versteigerung getrieben. Aber das letzte,
-auf dem ich mich festgesetzt hatte, um mich nicht mehr davon vertreiben
-zu lassen, unser Maritzken, dieses Stück Erde, halb Bauernhof, halb
-Rittergut, das ist doch mit Ihrer Hilfe so bewirtschaftet worden, daß
-es sich sehen lassen kann. Und die Summen, die ich hier bereits bei Ihnen
-ablieferte, würden immerhin für eine Mitgift für meine Schwestern
-genügen, nicht wahr? Lieber Konsul,« fügte sie kalt und unempfindlich
-an, als der Mann eine Bewegung ausführte, als ob ihm das Gespräch
-peinlich würde, »ich möchte bei dieser Gelegenheit gleich etwas richtig
-stellen, was mir schon lange Ihnen gegenüber auf dem Herzen liegt. Wenn
-Sie nämlich von diesen Privatgeldern sprechen, dann pflegen Sie die Summe
-stets durch drei zu teilen. Es scheint also, als ob Sie auch für mich
-ein eigenes Konto angelegt hätten. Das ist ein Irrtum, Konsul Bark. Ich
-erkläre hiermit ausdrücklich, daß mein Teil restlos auf meine Schwestern
-übergeht. Sehen Sie mich nicht so erstaunt an, damit beleidigen Sie
-mich. Ich selbst habe dort draußen in meiner Wirksamkeit vollkommen meine
-Befriedigung gefunden und werde darin keine Veränderung mehr eintreten
-lassen.«
-
-Ein Augenblick der Ruhe erhob sich zwischen den Beiden. Der Konsul hatte
-sich zurückgelehnt, und seine lang bewimperten Augen umfaßten das ruhige
-Frauenbild vor ihm mit unverhohlener Bewunderung. Nie hatte er sie so
-begehrenswert gefunden, als jetzt, wo er das leidenschaftslose Gelübde
-ihrer Entsagung vernommen hatte. Und er glaubte an den unverbrüchlichen
-Ernst dieses Scheidens von den Freuden und Tänzen der Welt. Nichts
-Nonnenhaftes lag auf dem edlen Antlitz mit den strengen Marmorzügen, ja,
-während der Konsul in ihm las, meinte er beinahe, der wohlgeformte Mund,
-der so gemessen über ein abgeschlossenes Schicksal sprach, auf ihm sei das
-Lächeln nur eingefroren und es müßte sich herrlich ausnehmen, wenn es
-sich wieder einstelle.
-
-Das Gutsfräulein jedoch, als ob es fühlte, daß die Gedanken des so
-auffällig Schweigenden an ihr herumtasteten, schob den Sessel zurück,
-stand auf und rüstete sich zum Abschied.
-
-»Ich wollte Sie bitten, mit Fritz Harder Rücksprache zu nehmen,«
-schüttelte sie endlich ihren lang aufgesparten Wunsch von sich ab.
-
-Der Konsul verbeugte sich leicht. »Ich war auf diesen Befehl vorbereitet,
-lieber Hans. Und passen Sie auf, in wenigen Tagen wird der glückliche
-Freiersmann nach allen Regeln des Herkommens bei Ihnen anhalten.
-Übrigens,« fuhr er fort, »möchte ich doch vorher, wenn Sie gestatten,
-auch ein paar Worte mit Marianne über diesen Fall wechseln. Und wissen
-Sie, Hänschen,« lachte er plötzlich ganz unvermutet dazwischen, »da
-könnten wir eigentlich ein sonderbares Rendezvous verabreden. Sie können
-sich gewiß nicht denken, wer mir soeben eine Einladung für Sie und die
-Mädels überbracht hat.«
-
-»Nein,« gestand die Aufbrechende, indem sie sich bereits den Schleier
-herabzog, »geht Ihre Vormundschaft über mich schon so weit, daß Sie auch
-Ihre Zustimmung für unsere Besuche zu erteilen haben?«
-
-»Keineswegs, Hänschen, soweit geht sie unglücklicherweise nicht,«
-scherzte der Kaufmann und strich seinem Besuch das verschobene Jakett ein
-wenig zurecht, »man überschätzt meinen Einfluß leider bedeutend.«
-
-Und nun erfuhr Johanna Grothe die merkwürdige Bitte des russischen
-Rittmeisters, der die drei Damen zu einem Ausflug jenseits der Grenze
-veranlassen wollte. Und aus der ganzen Art, wie der Kaufmann diese
-Einladung wiedergab, wie er die gewählte Zusammensetzung der Gesellschaft
-hervorhob oder Einzelheiten der Bewirtung schilderte, in allem sprach sich
-deutlich der Zweifel an der Verwirklichung des Planes aus. Allein es kam
-anders. Die Älteste von Maritzken warf plötzlich das Haupt in den Nacken,
-wie sie es immer tat, wenn sie nachdachte, dann schlug sie noch einmal den
-Schleier zurück und trat an den Schreibtisch, wo sie mit dem Zeigefinger
-allerlei Figuren auf das rote Tuch malte.
-
-»Sie fahren auch mit, Konsul Bark?« fragte sie rasch.
-
-Der Prinzipal des Goldenen Bechers war sich nicht ganz einig.
-
-»Ja -- ja allerdings, gegebenenfalls.«
-
-»Dann ist es selbstverständlich, daß wir dort empfangen werden, wie wir
-es erwarten dürfen.«
-
-»Alle Wetter, Hänschen, was machen Sie für Sätze?« vergaß sich
-der Kaufmann, und auf seinem hübschen Gesicht malte sich ein offenes
-Erstaunen.
-
-Die Gutsherrin jedoch wandte ihren klaren Blick nicht von ihm ab; und siehe
-da, was der Hausherr sich so gewünscht hatte, es erfüllte sich. Um
-den stolzen Mund der Hochragenden spielte unvermutet ein harmloses, ja
-verschmitztes Lächeln. Welch ein Wunder! Sie sah plötzlich aus wie eine
-gutmütige Zwanzigjährige, die einen derben Streich plant.
-
-»Hänschen, was haben Sie vor?«
-
-»Gott, die Sache ist ganz einfach, lieber Freund,« lächelte die
-Gefragte verschämt, »es handelt sich dabei natürlich für mich um ein
-Geschäft.«
-
-»Aha!«
-
-»Sie wissen, ich möchte für die kommende Ernte billigere Landarbeiter
-mieten, und da dachte ich, daß die Russen von drüben --«
-
-»Hans, Sie wollen doch nicht --?«
-
-»Doch, doch, es nimmt hier ja auch niemand auf mich Rücksicht, und
-ich bin keine Wohltäterin. Nur die Grenzstationen drüben machen uns
-Schwierigkeiten und halten die gedienten Leute zurück.«
-
-Jetzt lachte der Konsul hell auf.
-
-»Ah, und Sie meinen,« rief er wohlgelaunt, »wenn die drei Damen von
-Maritzken unseren Nachbarn ein paar hübsche Augen zuwerfen, dann -- --«
-
-Das Gutsfräulein hielt seinen Blick aus.
-
-»Das nicht gerade,« sprach sie ruhig, »reden Sie keinen solchen Unsinn,
-Konsul Bark. Aber ein Wort gibt das andere, verstehen Sie? Man gelangt
-leichter an sein Ziel. Und dann,« fügte sie noch überlegt an, »ich
-brauche auch billige Ackerpferde, und dort drüben verkauft man sie halb
-umsonst. Man bedarf nur der Protektion.«
-
-»Die wird Ihnen nicht fehlen,« schloß der Kaufmann, indem er seinen
-Gast höflich bis zu den vier Marmorstufen geleitete, »verlassen Sie sich
-darauf, bester Hans. Aber wie gesagt, Sie sind ein kapitaler Rechner. Und
-über den Ausflug ins Russische reden wir noch. Da ich als Anstandspapa zu
-fungieren habe, so will ich mich doch noch genauer über alles orientieren.
-Und nun, lieber Hans, leben Sie wohl, und ich danke Ihnen auch für Ihren
-lieben Besuch.«
-
-Die Blonde reichte ihm über die Stufen hinauf die Rechte. Es war ein
-Händedruck, wie sie es gewohnt war, fest, kräftig, zupackend. Die
-wohlgepflegten Finger des eleganten Mannes empfanden die Umklammerung
-beinahe schmerzlich.
-
-»Wenn ich Sie nur nicht gestört habe,« warf sie noch dankbar zurück.
-
-Der Mann aber verbeugte sich leicht und entgegnete nachdrücklich:
-
-»Ich wünschte, Sie kämen öfter.«
-
-Dann blieb er unter den geöffneten Türflügeln stehen und sah ihr nach,
-bis die hohe Gestalt jenseits des Marktplatzes verschwunden war.
-
-
-
-
-II.
-
-
-Glutrote Abendsonne glitzerte aus allen hochgelegenen Fensterscheiben der
-Stadt, selbst an dem schwarzen Schieferdach der Sankt Sebaldus-Kirche floß
-es wie von blutigen Strömen hinunter. Hoch oben unter dem First stand in
-einer engen Mauerhöhlung die bunte Holzstatue des Schutzheiligen, und auch
-aus seinem sonst erloschenen Sternenreif spritzten die roten Lichtflammen.
-Es sah aus, als wäre das entblößte heilige Haupt von ein paar
-Säbelhieben getroffen und heller Lebenssaft zische aus den Wunden hervor.
-Immer mehr verbreiteten sich die funkelnden Lachen auf den schwarzen
-Platten.
-
-Unter dem in Flammengold und angehendem Violett schimmernden Himmel zog
-gerade über dem Marktplatz eine Schar weißer Tauben ihre Kreise. Eine
-vereinzelte blauschwarze Nachzüglerin flatterte in geringem Abstand hinter
-den blitzenden Schwestern her, gleich einem schlimmen Gedanken, den die
-guten, beseligenden weit hinter sich gelassen. Ein frischer Abendwind
-surrte durch die Gassen, und von den nahen Feldern, die sich hinter der
-Stadt in ununterbrochener Weite dehnten, führte er einen süßen Kleeduft
-mit sich.
-
-Gerade als es in rollenden, schleppenden Tönen von der Sebaldus-Kirche die
-siebente Stunde schlug, da quoll aus der am Markt liegenden Konditorei von
-Klinkowström eine kleine Anzahl junger Offiziere heraus, die sich lachend
-und säbelschleifend über dem schmalen Trottoir verbreitete.
-
-»'n Abend, Harder.«
-
-»Adieu, Janick. Ihr bleibt im Kasino, wie?«
-
-»Nirgends anders. Dort soll ja eine kleine Götterberatung stattfinden,
-was wir mit dem Onkel aus dem Generalstab anstellen sollen, der den Herren
-Offizieren in einiger Zeit zum Vortrag geschickt wird. =A propos=, lieber
-Harder, ist dieses wissenschaftliche Huhn, der Major von Siebel, nicht ein
-Verwandter von Ihnen?«
-
-Der junge Offizier mit der saloppen, etwas vorgebeugten Haltung und
-dem scharf geschnittenen, bartlosen Antlitz, von dem seine Kameraden
-behaupteten, daß es ein Cäsarenkopf wäre, hakte seinen Säbel ein und
-blies von dem schwarzen Interimsrock achtlos etwas Zigarettenasche hinweg.
-
-»Siebel?«, wiederholte er mit einer leisen, wohllautenden Stimme, die gar
-nichts Militärisches in sich barg und auch den energischen Zügen seines
-dunklen Gesichts nicht zu entsprechen schien. »Was Sie sagen, Janick,
-kommt der her? Jawohl, er ist wohl ein Übervetter meiner Mutter. Wir duzen
-uns gerade noch. Übrigens ein grundgescheiter Herr.«
-
-»Na ja,« pflichtete der baumlange Janick bei, indem er einen anderen
-Kameraden bereits unter den Arm faßte, »die Weisheit liegt in Eurer
-Familie. Na, und Sie, Musikante, ziehen wohl für heute abend wieder zu
-Mendelssohn und Beethoven ab? Meinen Segen haben Sie. Viel Erbauung!«
-
-Der Schlanke griff nachlässig an seine Mütze und wandte sich, um in eine
-Seitenstraße einzubiegen:
-
-»Danke für den frommen Wunsch, meine Herren,« meinte er gleichgültig,
-»Sie sind sehr gütig.«
-
-Seine Schritte hallten schon in dem engen Gäßchen, als der lange Janick
-ihm noch nachrief:
-
-»Fritz, vergessen Sie nicht, morgen früh wieder sechs Uhr
-Schützengrabenübung. Das verdammte Buddeln nimmt kein Ende.«
-
-»Danke,« schallte es von der anderen Seite zurück, »die Ordonnanz war
-schon bei mir. Gute Nacht, meine Herren.«
-
-Langsam, mit seiner vorgebeugten Haltung setzte Fritz Harder seinen Weg
-durch die enge Zeile fort. Vor einem Antiquitätenladen, in dessen
-dunklem verräucherten Schaufenster neben ein paar Trommeln aus den
-Freiheitskriegen auch ein Bild in halb vermodertem Rahmen ausgestellt war,
-verharrte der junge Offizier und hob sein Monokel vor das Auge. Eine kleine
-Weile betrachtete er die schwärzliche Landschaft. Dann murmelte er etwas
-Unverständliches und nahm seinen Weg wieder auf, ohne den jungen Mädchen,
-die hier paarweise promenierten, irgendwelche Beachtung zu schenken. Bald
-hatte er sein Heim erreicht. Es war ein ganz schmales, spitzgiebliges
-Häuschen, das sich zwischen zwei anderen altertümlichen Bauten nur
-schüchtern eingeklemmt hatte. Vor Baufälligkeit schien es sich direkt
-vorüber zu neigen, und da es außerdem bis zu dem Holzbord des ersten
-Stockwerks himmelblau angestrichen war, von dort aber bis unter das Dach
-in rosenroter Färbung prangte, so glich es viel mehr einem
-Pfefferkuchengebilde vom Weihnachtsmarkt, das man recht lieblich und bunt
-herausstaffiert. Kaum begreiflich aber war es, wie die Zwei-Fenster-Front
-des Häuschens noch durch eine rot gepflasterte Diele getrennt sein
-sollte. Und doch verhielt es sich so. Auf der einen Seite des Flurs ging
-es nämlich beständig tick-tack, tick-tack. Hier hauste der Besitzer des
-blauen und rosenroten Pfefferkuchens, Herr Nikolaus Adameit, der ehrsame
-Zunftmeister der Uhrmachergilde. Ja, hier nistete der alte struwelige Mann,
-hochgeehrt und bewundert von der ganzen Handelsstadt, denn es haftete
-wohl im Gedenken seiner Mitbürger, daß es ihm allein von allen seinen
-Handwerksgenossen vor reichlich vierzig Jahren gelungen war, das verstummte
-Glockenspiel der Sebaldus-Kirche zu neuem klingenden Leben zu erwecken. Das
-hatte dem damals im kräftigsten Mannesalter stehenden Künstler tausend
-preußische Reichstaler eingetragen. Und wozu hatte er diese große, diese
-überschwengliche Summe verwendet?
-
-Wozu?
-
-Kein Mensch konnte darüber etwas Genaues angeben. Man hörte nur aus den
-wütend hingeworfenen Angaben seines stotternden Gehilfen Leiser Bienchen,
-eines phantastisch armen Judenjungen, der von den Wohltaten seines Meisters
-lebte, alle alten Kleidungsstücke des Uhrmachers bis zum Zerbröckeln
-auftrug und trotzdem, aus künstlerischen Gründen, beständig im
-heftigsten Streit mit seinem zahnlosen Prinzipal lebte, man vernahm nur
-in Augenblicken zitternder Wut von jenem menschenscheuen Gehilfen, daß es
-sich um eine Erfindung handele, die einmal Millionen einbringen müßte.
-Tief unten in einem triefend feuchten Keller, und immer nur in den
-Frühstunden, wurde von den beiden Adepten an dieser merkwürdigen
-Maschinerie gearbeitet. Und der letzte Bursche des Leutnants, der sich
-einmal bis in den schwarzen Abgrund hinunter verirrte, er hatte entdeckt,
-daß bei jenen beglückenden Ideen zweifellos auch ein starkes Uhrwerk im
-Spiel sein müsse:
-
-»Denn in dem Keller, Herr Leutnant, macht es immerfort tick-tack,
-tick-tack. Es stinkt mordsmäßig dort unten. Nach Schwefel und Säuren
-und all solchem Zeug. Und wenn mich der verfluchte Judenbengel nicht einen
-Fußtritt gerade vor den Magen versetzt hätte, Herr Leutnant, ich hätte
-die Beiden bei der Teufelsbeschwörung überrascht. Denn um so was handelt
-es sich, um nichts anderes!«
-
- * * * * *
-
-Als Fritz Harder die eine der von ihm gemieteten Stuben in dem
-Pfefferkuchenhäuschen betrat, stand sein Bursche, ein derber,
-vierschrötiger Ostpreuße gerade an dem ovalen Tisch, um eine billige
-weiße Petroleumlampe zu entzünden. Er machte sofort vor seinem Leutnant
-stramm und nahm ihm die Mütze ab, die ihm Fritz herüberreichte.
-
-»Na, Reddemann,« begrüßte ihn der Offizier, während er sich ein wenig
-ermüdet auf einen Korbsessel dicht an dem schmalen Fenster niederließ,
-»hast du mir die Sachen besorgt?«
-
-»Zu Befehl, Herr Leutnant, das Frühlingslied von Mendelssohn. Sehr
-schön.«
-
-»Aha, du hast wohl wieder darin herumgenascht?«
-
-»Zu Befehl. Herr Leutnant wissen ja, daß wir zu Haus einen Gesangverein
-haben.«
-
-Der am Fenster Sitzende öffnete sich ein wenig den Uniformrock.
-
-»Na, ob ich das weiß,« warf er gutmütig hin, »du heulst ja
-manchmal, mein Junge, daß ich glaubte, Bienchens räudiger Pudel hätte
-Leibschmerzen bekommen.«
-
-Allein trotz dieser etwas derben Charakterisierung seiner Gesangskunst
-reckte sich der stämmige Bursche und sah sehr befriedigt aus.
-
-»Herr Leutnant,« verteidigte er sich, »dann übe ich bloß. Aber bei uns
-zu Hause in Pillkallen sagen die Leute, ich hätte die stärkste Stimme.«
-
-»Jawohl,« lächelte der Leutnant, »das sage ich auch. Und nun,
-Reddemann, schwirre mal in das Kasino ab und hole mir meine Menage. Aber
-die Tischordonnanz soll alles hübsch warm geben, verstanden?«
-
-»Zu Befehl, Herr Leutnant. Sonst noch etwas?«
-
-»Jawohl, bringe mir von nebenan ein paar Zigarren mit, von der billigen
-Sorte.«
-
-»Zu Befehl, Herr Leutnant.«
-
-Der Ostpreuße bedeckte sich mit seiner Mütze, fuhr noch einmal ordnend
-auf dem Tisch herum und stolperte auf die Diele heraus. Gleich darauf sah
-ihn sein Gebieter die enge Gasse im Trab durcheilen. Mehrfach noch wandte
-sich das plumpe Antlitz aufmerksam zurück, ob auch sein Herr diese
-beschleunigte Gangart wahrnehme.
-
-Fritz Harder jedoch verweilte noch längere Zeit am Fenster und stützte
-nachdenklich den feinen Kopf mit den dunklen Haaren auf die Hand. Und wie
-schon so oft, überkam ihn, wenn er den Eindruck des ungeheuer niedrigen,
-fast kahlen Stübchens mit der verblaßten Blumentapete auf sich wirken
-ließ, jenes überwältigende, niederdrückende Einsamkeitsgefühl. Auch
-die enge Gasse, durch die kein Wagen fahren durfte, mutete ihn an, als
-ob eine Riesenfaust sie zusammengepreßt hätte, damit jede Spur einer
-frischen reinen Luft aus ihr entwiche. Dumpf und feucht wie aus einem
-Kellerloch wehte es zu ihm herein. Herrgott, hier lebte man wirklich wie
-in den Kasematten der Festung, durch hohe Mauern abgesperrt von allem Glanz
-des Tages. Und dann das trostlose Einerlei seiner Tätigkeit. Wie ihn
-das mit einem ängstlichen Schauer erfüllte, wenn er sich all diese
-gleichgültigen und dennoch, wie er zugeben mußte, notwendigen Dinge
-zurückrief. Heute und morgen und übermorgen das Rekruten-Einexerzieren,
-die ewig geübten und wiederholten Instruktionsstunden, die anstrengenden
-Märsche bis weit über das Glacis der ehemaligen Festung, wo er jeden
-Baum, jeden Strauch, jeden Hügel und jeden Graben kannte und
-beschrieben hatte. Und dazu die Aussicht, die Aussicht in weiter Ferne,
-unwahrscheinlich und unerreichbar, jemals sich in dem wissenschaftlichen
-und kunstgemäßen Untergrund des Dienstes betätigen zu dürfen. Denn ach,
-wie jede praktische Beschäftigung auf Erden, so war ja auch sein Beruf
-auf festen Quadern einer historischen, sowie einer technischen Wissenskunde
-aufgebaut. Aber in dieses strenge, wohlverschlossene, geheimnisvolle Haus
-fanden fast ausschließlich die Mitglieder einer bevorzugten Kaste Einlaß,
-und selbst jene harrten wieder vergeblich vor den innersten Kammern, in
-denen, wie in dem pochenden Herzen des gewaltigen Körpers, alle feinsten
-Adern und Verästelungen zusammenliefen. Wie sollte da der Sohn eines auf
-sein schmales Gehalt angewiesenen ostpreußischen Oberförsters hoffen
-dürfen? Umsonst blieben die verborgen angesponnenen Versuche, die sein
-heiß aufbegehrender Arbeitswille hie und da unternommen. Sie vergilbten
-in der Schublade des wackligen Fichtentischchens dort in der Ecke, ja, ihr
-Vorhandensein sogar wurde von den fröhlicheren Kameraden -- mit Recht --
-verspottet. Oh, wenn nur der Drang und die Sucht nicht gewesen wären, sich
-aus diesen umklammernden Beängstigungen vor der Zukunft zu befreien. Da
-gab es nur ein Mittel. Und der Blick des Nachdenklichen schweifte zu dem
-geborgten Flügel hinüber, der in seinem schwarzen Glanz fast die
-Hälfte des Zimmers ausfüllte. Leuchtend spiegelten sich die Strahlen des
-Lämpchens auf der fein polierten Platte. Ja, dort wob sich ein Zaubernetz,
-in das er sich träumend strecken konnte, und das dann von klingenden
-Genien emporgehoben wurde weit fort über die kleine handeltreibende Stadt,
-fort von den zechenden, hasardierenden Kameraden mit ihrer absichtlich zur
-Schau getragenen Verachtung alles höheren Bildungsstrebens, weit fort von
-Armut und Beschränkung. Aber nein -- --
-
-Und der Nachdenkliche am Fenster zuckte zusammen und vergrub jetzt sein
-Haupt, auf dem es plötzlich wie in Glut und Feuer aufflammte, in beide
-Hände. Vergessen und Beseligung, sie wurden dem Glücklichen noch von
-anderer Seite gespendet. Hier wuchs Trost, Erbauung, Andacht, tiefe Demut
-vor der göttergebildeten Schönheit, und die verzehrende auflösende
-Sehnsucht, sich in ein anderes prangendes Dasein hinüber zu retten, wie
-es wohl nur ein Künstler in seinen Träumen fühlen konnte. Das schöne,
-gnadenspendende Weib stand lächelnd und reizvoll, zu immer neuen Gaben
-bereit, vor den geschlossenen Augen des Kämpfenden, bis sich sein
-jugendstarker Körper unter einem fröstelnden Schauer wand. Und doch, wie
-entsetzlich, auch hier die Unsicherheit, die sein Leben so wehrlos machte.
-In Stunden aufschießender Erkenntnis, empfand er da nicht unumstößlich
-gewiß, wie das Beste in ihm, trotz der glückverlangenden, spielerischen,
-lustdurchzitterten Zeit um ihn herum, nach Dauer, nach Reinheit und nach
-Sicherem verlangte? Ein Begehren, das ihn bei seinen forschen Kameraden
-in den Ruf eines sonderbaren Heiligen gebracht. Nein, das ließ sich nicht
-wegschwatzen und fortdisputieren. Jene starke Sehnsucht haftete ihm von dem
-kleinen beschränkten Elternhause an, von jener Stätte des Friedens, die
-dem früh Herausgetretenen stets in einem rührenden Lichte der Innigkeit
-und des Behagens herüberleuchtete. Und lebte diese beruhigende Sicherheit
-etwa in der schönen, strahlenden Marianne, die wie eine dunkle Verlockung
-aus einem orientalischen Märchen in sein Leben getreten war?
-
-Mitten in seinen Gedanken griff der Träumende um sich, hierhin und
-dorthin, als ob er einen Halt suche. Etwas Festes, woran sich ein Wankender
-aufrichten konnte. Allein die aufgestörten Bilder seiner Phantasie rissen
-ihm Stab und Stütze aus den Händen und jagten ihn weiter. Nein, sein
-scharfer Verstand, das Erbteil seiner rechnenden Mutter, bewies es ihm
-klar und deutlich, daß dasjenige, was ihm als etwas Hohes und Heiliges
-vorschwebte, immer und immer wieder zu einem Spiel entwürdigt wurde. Zu
-einem lockenden Haschen und Entflattern, das ihm allmählich die Kräfte
-der Seele raubte. Keine Zusicherung war zu erlangen, nichts Bindendes, nur
-jenes ewige Reizen und Versagen, in dem er auch alle seine Kameraden
-sich herumtummeln sah. Sicherlich, es war die Gewohnheit einer kulturell
-verstiegenen Zeit geworden. Das Tiefste, was das Menschentum barg, der
-Born, aus dem sich vergangene Geschlechter immer neue Jugend schöpften,
-man hatte ihn parfümiert und mit allerlei Reizmitteln verbunden, die die
-heiligen Wasser um ihre läuternde Wirkung brachten. Das jetzige schnell
-dahinrasende Geschlecht wähnte ohne jene aufpeitschenden Genüsse nicht
-mehr das Gleichmaß der Tage überstehen zu können. Aber unten, tief unten
-auf dem undurchsichtigen und aufgewühlten Grunde des Borns, da lagerte der
-Ekel.
-
-Als Fritz Harder bis hierher gelangt war, schreckte er plötzlich auf.
-War es ein kühlerer Luftzug, der ihn durch das offene Fenster hindurch
-anwehte, oder hatte ihn das mißtönende Geschlürf von ein Paar
-merkwürdig kreischenden Stiefeln aus seinen Gespinsten verscheucht? Rasch
-wandte er das Haupt, knöpfte den Uniformrock zu und zog ihn fester
-über der jugendlichen Brust zusammen. Wahrhaftig, er hatte sich nicht
-getäuscht. Draußen auf dem Bürgersteig wurde ein unendlich zerbeulter
-steifer Filzhut vor ihm gelüftet. Solch ein ehrwürdiges Stück konnte nur
-dem mißvergnügten Erfinder Leiser Bienchen gehören, der Punkt halb
-acht, seinem Meister, dem alten Adameit, zum Trotz das Pfefferkuchenhaus
-verließ, um in einem schockelnden Trabe dreimal die enge Gasse herauf und
-herunter zu laufen.
-
-»Schönen guten Abend, Herr Leutnant,« sagte der knickbeinige Geselle
-zu dem Einwohner seines Herrn hinauf und verzog die weit vorstehende
-Karpfenschnauze, die ewig beweglich in einem Meer von Runzeln schwamm, zu
-einem griesgrämigen Lächeln. »Was hab' ich Ihnen gesagt, was hab'
-ich Ihnen schon heut morgen gesagt? Er ist wieder vollständig wild. Ein
-Meschuggener, Herr Leutnant, Sie können es mir glauben. Aber einer von
-die schlimme Sorte. Besessen. Er wird noch einmal anrichten das größte
-Malheur. Heute hat er wieder -- das heißt, das gehört nicht zur
-Sache --,« unterbrach sich Leiser Bienchen und bewegte seine verkrümmte
-Gestalt in den Hüften hin und her, so daß sein Rockkragen immer
-abwechselnd das rechte oder das linke Ohr erreichte; »was ich sagen
-wollte, seine Ideen sind gut, aber zu hastig, Herr Leutnant, zu hastig.
-Jeden Tag was anderes. Nu, wie gesagt, ich freue mich bloß auf das große
-Unglück. Sie werden sehen. Gute Nacht, Herr Leutnant.«
-
-Fritz Harder nickte der schlottrigen Gestalt zu und verfolgte den
-Davontrabenden, bis er ihn in der Einbuchtung des Marktplatzes verschwinden
-sah. Was er aber nicht wußte, das bestand darin, daß dieser mit Gott
-und den Menschen unzufriedene Geselle in den kargen Abendstunden, die ihm
-vergönnt waren, sich fast regelmäßig unter eine äußere Nische der
-herrlichen Sebalduskirche mitten auf dem Marktplatz drückte, um gespannt
-abzuwarten, bis das berühmte Glockenspiel seinen silbernen Gesang
-ertönen ließ. Dann neigte der kleine Jude das Haupt, und während er
-sein mächtiges Lippenpaar krampfhaft festhielt, damit es sich nicht gegen
-seinen Willen kritisch hin und her bewege, da murmelte er fast immer in
-einer seltsamen Rührung:
-
-»Großartig, ganz, ganz großartig. Wie er das wohl herausgebracht hat?
-Was hab' ich immer gesagt? Dieser Adameit is'n Meschuggener und 'n ganz
-gemeiner, gewöhnlicher Filz, der mir abzieht bald 'n Groschen hier und
-bald 'n Groschen da. Aber was kann ich dafür? Der Mann ist ein Genie, 'n
-ganz großes, unerklärliches Genie, und es ist mein Pech, daß ich ihm
-nicht ablernen kann, wie man das wird.« Und dann hob er das Haupt und
-schockelte sich verzückt in den Hüften hin und her. »Gott, wie ein
-Klang. Man möchte tanzen dazu. Wie schön ist doch diese deutsche Musik!«
-
-Immer grauer kroch die Dämmerung durch die enge Rosenkranzgasse. Schon
-traten einzelne Geschäftsleute auf das schmale Trottoir, um die Jalousien
-vor ihren Schaufenstern herabzuziehen. In dem kleinen Leutnantszimmer
-jedoch merkte man nichts mehr von Dämmerung und Kahlheit. Allgewaltig
-herrschte in ihm jener klingende, sorgenlösende Gott, den der kleine
-verkümmerte Jude unter seiner Kirchennische so inbrünstig angerufen
-hatte. Fritz Harder saß vor seinem Flügel und spielte. Längst hatte er
-die vorgezeichneten Bahnen des Musiktextes verlassen, und ohne, daß er
-es selbst ahnte, ebneten sich plötzlich helle, weißschimmernde Pfade
-vor ihm, die ihn hinaufleiteten auf klare, glashelle Höhen. Je weiter er
-aufwärts stieg, desto wunderbarere Prozessionen zogen ihm entgegen. Sie
-trugen goldene Kronen, die er sich auf das Haupt setzte, um unter wuchtigen
-Klängen den düsteren Schauer der Macht zu spüren. Und hinter seinen
-geschlossenen Augen spiegelte es sich deutlich, wie sich die zarten
-Luftgebilde ehrfürchtig vor dem armen kleinen Leutnant neigten. Aber das
-war noch nicht das Herrlichste, was ihm entgegenquoll. Einsamer und stiller
-wurden die verschwiegenen Wege, schwanke, braune Haselnußstauden schlossen
-sich über ihm zu einem schattigen Domgang zusammen, und ganz oben auf
-der letzten Stufe, da leuchtete wartend und verlangend eine Gestalt von so
-üppiger Pracht, daß der Betörte mitten durch seine Melodien dicht über
-dem Haupte das betäubende Donnern einer ungeheuren Glocke zu vernehmen
-meinte. Aber es waren nur die starken Schläge seines eigenen Herzens, das
-die Ströme des Blutes nicht mehr zu bändigen vermochte.
-
-»Marianne,« flüsterte er ermattet, während seine Hände kraftlos von
-den Tasten herabsanken.
-
-Da -- um Gott, das war doch nicht möglich, -- da lachte etwas hinter ihm.
-Genau mit demselben silbernen, etwas müden Ausdruck, wie er es eben in den
-verebbenden Phantasien aufgefangen. Undenkbar! Das war noch nie geschehen.
-Ein wahnsinniger Spuk, der ihm deutlich zeigte, wie weit seine kräftige
-Natur bereits von allem Wirklichen fortgelockt war. Wozu nachgeben? Weshalb
-sich erst umwenden?
-
-Und doch -- dicht neben ihm rauschte es stärker. Ein feiner Resedaduft
-schlug auf. Hinter seinem Rücken wähnte der Gebannte etwas Weiches,
-Köstliches zu spüren, und dann -- ein züngelnder Blitz -- ein paar warme
-Lippen schmiegten sich auf seinen Nacken und blieben dort haften.
-
-Er sprang in die Höhe, daß die Tasten einen wimmernden Laut aussendeten.
-Vor seinen Augen schimmerte es. Er konnte das Unwahrscheinliche nicht
-fassen.
-
-»Marianne,« stammelte er ungläubig, ohne den Klaviersessel, den er
-umkrampft hielt, frei zu geben, »bist du es wirklich? Bei mir?« Und er
-schickte einen beschwörenden Blick in die Runde, als ob er die
-geblümte Tapete, die abgetretenen Dielen, sowie die jämmerlich mürben
-Möbelstücke anflehen wollte, sich für die elegante Dame in dem weißen
-Sommerkleid zu einem Fürstensaal zu verwandeln.
-
-Ganz im Gegensatz zu der Befürchtung des jungen Offiziers indessen schien
-sich seine Besucherin von diesem Junggesellenheim äußerst angemutet zu
-fühlen. Langsam schlug sie ihren blauseidenen Staubmantel auseinander,
-beugte das eine Knie auf den einzigen Korblehnstuhl und zeichnete mit
-ihrem schlanken weißen Sonnenschirm allerlei Figuren auf den verschossenen
-grünen Teppich.
-
-»Also hier wohnst du, Fritz?«
-
-Inzwischen hatte der Überraschte Sprache und Besinnung wiedergefunden. Ein
-fernes nagendes Gefühl des Unbehagens zehrte in seiner Brust und ließ
-ihn einen hastigen Blick auf die niedrige Tür werfen. Die Idee, daß
-jene Schwelle in wenigen Minuten von seinem menageschleppenden Burschen
-überschritten werden könnte, sie peinigte seine anerzogene Vornehmheit
-und zauste in der aufspringenden Freude herum.
-
-»Liebe, süße Marianne,« begann er befangen, »daß du soviel Mut
-besitzt! Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür danken soll.«
-
-»Oh,« erwiderte das schöne Geschöpf lächelnd, »ich wüßte es
-schon. Du könntest zum Beispiel schnell die Vorhänge vor deinem Fenster
-schließen. Das würde dich sicherlich von vielen Befürchtungen befreien,
-nicht wahr, Fritzchen?«
-
-Sie sprach es so harmlos und lässig, und ihre schwarzen Augen streiften
-dabei so schalkhaft sein Antlitz, daß der Offizier im ersten Moment gar
-nicht begriff, warum ihn ihre praktische Anordnung derartig verletzte.
-Und nur langsam verstand er sich selbst. Die Sicherheit, mit der sie
-hier disponierte, das Vertrautsein mit allerlei abscheulichen kleinen
-Kriegslisten, alles das erkältete ihn und ließ ihn verstummen. Schweigend
-schritt er zum Fenster und riß den Vorhang zusammen. Dann trat er hinter
-ihren Stuhl, den sie noch immer in leise schaukelnder Bewegung hielt. Und
-unvermerkt entzündete sich sein Schönheitssinn an der sanften Schwingung,
-durch die diese prachtvollen Glieder ihm bald zugebeugt und wieder entfernt
-wurden. Ganz sacht und unmerklich. Immer von neuem ein betörendes Haschen
-und Entflattern. Die Macht, die sie über ihn ausübte, ohne daß sie viel
-sprach oder ihn durch blendende Gedanken zu interessieren vermochte, sie
-schlug abermals über dem halb Gewonnenen zusammen.
-
-»Du siehst so ernst aus, mein Liebling,« sagte sie mit ihrer weichen
-Stimme, aus der ein geübteres Ohr freilich leicht einen ganz feinen
-Unterton des Spottes herausgehört hätte, »hat dich der Dienst wieder so
-mitgenommen? Oder bist du mir vielleicht böse, weil ich dir durch meinen
-Besuch -- meinen ersten -- Unannehmlichkeiten bereiten könnte?«
-
-Sie lag jetzt mit beiden Knien auf dem knarrenden Korbgeflecht, eng und
-warm ihm hingegeben, und er fühlte, wie die feine Seide ihres Handschuhs
-seine Wange streichelte. Nur die schwanke Lehne des Sessels türmte eine
-unmerkliche Grenzscheide zwischen ihnen.
-
-»Bist du mir böse?« forschte sie noch einmal in einem nachgiebigen Ton,
-der ihn durchzitterte.
-
-Fritz Harder strich sich leicht über die Stirn. Noch war das
-Entgegenstehende, das ihn gefangen hielt, nicht gänzlich überwunden.
-Und dann -- in dieser Minute der Besinnung bestürmte ihn noch einmal
-der ehrliche und klare Wunsch, etwas Dauerndes zu schaffen, rechtlich und
-vornehm zu handeln, wie es der kleine vierschrötige Oberförster dort
-oben in den masurischen Wäldern unbedingt von ihm verlangt und gefordert
-hätte.
-
-»Ich fürchte nichts für mich,« gab er deshalb ernster, als er
-beabsichtigt, zurück, »mich erschreckt nur der Gedanke, Marianne,
-daß dich die klatschsüchtigen Leute hier in der Gasse aus meinem Hause
-heraustreten sehen könnten.«
-
-Da versetzte sie ihm einen leichten Schlag auf die Wange und wunderbar --
-sie lachte belustigt auf.
-
-»Aber du Dummerchen,« beruhigte sie ihn, und wieder wiegte sie sich
-leise, »du glaubst doch nicht, daß ich für einen solchen Fall nicht
-vorgesorgt hätte? Ja, ich habe meiner Schwester Johanna sogar direkt
-mitgeteilt, in welches Haus ich gehe.«
-
-»Was? Das hast du getan?«
-
-»Ja, denk mal, wie schrecklich. Herr Nikolaus Adameit repariert nämlich
-meine goldene Armbanduhr, und selbst Johanna hielt es für nützlich,
-den alten Sonderling zu einiger Eile zu ermuntern. Meine große Schwester
-fürchtet ja immer, es könnte ihr irgend jemand etwas fortnehmen.
-Nun?« schmeichelte sie und blickte von unten zu ihm herauf, »sind deine
-Beklemmungen jetzt verflogen? Wirst du nun tapferer sein?«
-
-Da enträtselte er zum erstenmal den verborgenen Spott in den Worten des
-Mädchens. Eine ferne Geringschätzung, die an seinem unbekümmerten Mut,
-an seiner jugendlichen Sorglosigkeit zu zweifeln schien. Das ertrug er
-nicht. Und auch diese Augen, die so erwartend und leuchtend schimmerten,
-in jenen großen schwarzen Bränden verknisterten all seine Pläne. Immer
-kecker lächelte der kleine, sich darbietende Frauenmund. Und da wirbelte
-auch schon wieder der Rausch über ihm empor.
-
-Ein einziges, gewaltsames Ansichreißen, ein gedämpfter Laut der
-Überraschung, und dann stürzten die Wände mit den geblümten Tapeten,
-der geborgte Flügel, der Korbsessel und all das kahle Gerät in der
-wütenden Lohe zusammen.
-
-Er fand sich wieder, aufwachend, verwirrt, in einer Situation, die er sich
-durchaus nicht zu deuten wußte. Wie in aller Welt hatte Marianne ihm den
-Degen von der Seite zu entwenden vermocht und weshalb setzte sie ihm die
-Spitze der Waffe auf einen Schritt Entfernung gegen die Brust, als ob sie
-sich vor ihm schützen wolle?
-
-»Nun ist es aber wirklich genug, Fritzchen,« hörte er eine überraschend
-vernünftige Stimme durch all die Wirrnis hindurchschlagen, »du benimmst
-dich immer wieder wie ein kleiner unartiger Junge und hast nicht den
-geringsten Begriff davon, wie man mit einer Damentoilette umgeht. Was soll
-sich denn Johanna von mir und meiner Konferenz mit Herrn Adameit denken?
-Sieh bloß mal an, wie du meinen Staubmantel zerknittert hast!«
-
-Ach ja, der Staubmantel! Ihm gebührte freilich nach dem Wiederkehren
-aus dem von Blutrosen und Dornen umsponnenen Eiland die erste Rücksicht.
-Dieser verfluchte, stumpfsinnige, lächerliche Mantel! Im Moment haßte der
-sich Zurückfindende das elegante Kleidungsstück, dessen knisternde Seide
-er eben noch mit kosenden Fingern gestreichelt. Immer deutlicher nahmen
-seine schmerzenden Augen wahr, wie störend sich die Erscheinung des
-berückenden Geschöpfes darbot, als Marianne jetzt den Degen achtlos auf
-das Sofa warf, um sich darauf vor dem kleinen goldgerahmten Wandspiegel
-den dunklen Rosenhut sorgfältig auf ihren Flechten zu befestigen. Erstaunt
-blickte er auf die ihm abgewandte Gestalt hinüber. Und doch, wie zart sich
-die krausen feinen Härchen von dem matt getönten Nacken abhoben! Herr
-des Himmels -- ein leiser Seufzer entfuhr ihm -- nein, das ertrug er nicht
-länger. All die widersprechenden Empfindungen, all das Unvereinbare
-von Anbetung und scheuem furchtsamen Tasten nach der innersten Seele der
-Geliebten, es umgab ihn mit einem dichten betäubenden Nebel, aus dem er
-sich unbedingt ins Freie retten mußte. Selbst seine Glieder schmerzten,
-als würde sein sich bäumender Körper tatsächlich durch feine mutwillige
-Hände von Bergesspitzen in Abgründe geschleudert. Und alles aus Neckerei.
-Aus Lust an Aufregung und Spiel. Darunter nahm sein Mannestum Schaden.
-Eine dumpfe Hörigkeit umschnürte seinen freien Willen, die ihm in den
-Augenblicken der Selbsterkenntnis unwürdig und unerträglich dünkte.
-Plötzlich reckte er sich. Er war ganz der klare Soldat, dem von allen
-seinen Untergebenen ein unbedingtes Vertrauen entgegengebracht wurde.
-
-»Marianne,« sagte er unvermittelt klar und bestimmt, »ich habe mit dir
-zu reden.«
-
-Die junge Dame am Spiegel ließ die vollen Arme, die den Schäferhut in
-eine anmutig schräge Lage zu bringen trachteten, nicht sinken, sie kehrte
-sich auch nicht zu ihm, sondern, während ihre frischen Lippen die lange
-Hutnadel in der Schwebe hielten, da suchten ihre Augen verwundert sein Bild
-in der blanken Spiegelscheibe auf.
-
-»Du mußt mir einen Augenblick Gehör schenken, Marianne,« drängte der
-Offizier weiter und tat einen Schritt gegen sie.
-
-»Schon wieder?« murmelte Marianne hinter der blitzenden Nadel undeutlich
-hervor. »Fritzchen, daß du ein solches Vergnügen an derartigen
-Auseinandersetzungen empfindest. Also was willst du denn, Liebling? Aber
-recht rasch, bitte, nicht wahr? Denn sieh mal, von der Sebalduskirche
-schlägt es schon halb acht. Johanna hat gewiß bereits wieder ihr
-strengstes Gesicht aufgesetzt.«
-
-Noch hatte sie nicht geendet, als sie betroffen ihre schwarzen Augen bis
-zu der kleinen Eingangstür irren ließ, um dann plötzlich aufgescheucht
-ihren blauen Mantel ungestüm über sich zusammenzuziehen. Von der Treppe
-her drangen schwere, knarrende Tritte herauf. Verstört flüchtete das
-schöne Mädchen bis dicht an die Seite ihres verstummten Gefährten.
-
-»Um Gott, Fritz, du erhältst doch nicht etwa Besuch? -- Dein Bursche? --
-Aber das ist doch sehr unrecht von dir! -- Wo soll ich denn jetzt hin?«
-
-Erregte Worte fuhren zwischen den Beiden hin und her, dann ein hastiges
-Aufraffen des weißen Sonnenschirms, ein Huschen und Flattern, und der
-eintretende Reddemann bemerkte mit Erstaunen, wie sein junger Herr in
-offenbarer Verwirrung abgewandt vor der Tür des Alkovens verweilte, wo
-er im Grunde nichts zu suchen hatte. Auch für die leckere Zubereitung
-der Menagengerichte, die noch in ihren Schüsseln dampften, schien sein
-Gebieter heute keinen rechten Sinn zu besitzen. Unwirscher als sonst trieb
-der Offizier, der merkwürdigerweise seinen Platz vor dem Nebenzimmer nicht
-aufgab, zur Eile.
-
-»Ja, die Serviette muß ich doch wenigstens in den Ring schieben,«
-verteidigte sich der Ostpreuße verständnislos, obwohl auch er anfing
-aufmerksam nach der niedrigen Verbindungstür zu schielen, »und dann
-Messer und Gabel, Herr Leutnant.«
-
-»Schon gut, schon gut, es ist alles sehr schön, -- nur rasch!«
-
-»Zu Befehl, darf ich nun noch das Bett aufschlagen?«
-
-Aber merkwürdig, wie unberechenbar diese Vorgesetzten manchmal werden
-konnten. Der noble Herr, der ihn fast niemals fühlen ließ, daß er
-zur persönlichen Dienstleistung des Offiziers kommandiert war, er bekam
-unvermutet drei schwere Falten über der Nasenwurzel, und während er
-nervös nach der leeren Degenscheide griff, schrie er den treu Sorgenden
-zum erstenmal rücksichtslos an.
-
-»Zum Donnerwetter, ich habe genug von dem langweiligen Geplapper. Mach,
-daß du fortkommst!«
-
-Jedoch Reddemann blieb begriffsstutzig.
-
-»Was, Herr Leutnant, ohne Bett?« stammelte er.
-
-Und erst als sein Herr die Degenscheide auf den Erdboden stieß, daß alles
-klirrte und bebte, da schlug der Bursche blutrot die Hacken zusammen und
-stürzte wie behext die enge Treppe herunter.
-
-»Da stimmt etwas nicht,« glitt es dem pfiffigen Patron durch den
-Schädel, »so fein hat es bei uns noch nie gerochen. Donnerwetter ja, die
-Vornehmen haben doch alles vom Besten.«
-
-In dem Zimmer blieb es noch eine kleine Weile still. Erst als der dumpfe
-Schlag der Haustür verkündet hatte, daß jede Gefahr der Mitwisserschaft
-beseitigt, da raffte sich Fritz Harder zusammen, um mit einem raschen
-Entschluß seinen Besuch aus der seltsamen Einkerkerung zu befreien. Und
-wie heftig ihm auch das Herz schlug wegen der unwürdigen Rolle, zu der sie
-beide durch diese Heimlichkeit verurteilt waren, -- das Bild, das sich ihm
-hinter der kleinen Tapetentür darbot, schimmerte in solch bestrickendem
-Reiz, daß all die Vorwürfe, die er gegen sich und die Geliebte im stillen
-erhob, vor ihm versanken. Da stand Marianne dicht an der Schwelle, das
-Haupt mit dem breitrandigen Rosenhut lauschend vorgebeugt, und die Wangen
-von Neugierde und Unruhe dunkel überflammt. Die Dämmerung des Alkovens
-umgab die matt beleuchtete, weiße Gestalt gleich einem schweren
-Ebenholzrahmen. Aufatmend und mit jener Lässigkeit, die den jungen
-Offizier schon so häufig betört hatte, trat sie in das helle Wohnzimmer
-und knöpfte sich eifriger als sonst die langen weißen Seidenhandschuhe
-zu. Offenbar wurde das Mädchen nur von der einen Sucht beherrscht, ihren
-Aufbruch so schnell und so unbemerkt als möglich zu vollziehen.
-
-»Adieu, Fritzchen,« schnitt sie ihm bereits das erste Wort ab, denn sie
-fühlte mit Unbehagen, wie ihr aus den Augen des Gefährten schon wieder
-allerlei unbequeme Fragen entgegendrohten, »adieu, mein Liebling. --
-Nein, nein, um Gottes willen, rühre mich nicht an, solche ungeschickten
-Männerhände sind ja sofort wahrnehmbar. Und Johanna ist der
-mißtrauischste Polizist, den du dir denken kannst. Nein, ganz still, ganz
-artig« -- und sie preßte ihm rasch die Rechte auf die Lippen, die sich
-schon zum Widerspruch oder zu einem Vorwurf geöffnet hatten. »Aber
-wenn du recht folgsam bist, komme ich vielleicht einmal auf ein
-Viertelstündchen wieder. Adieu, Fritzchen, adieu!«
-
-Geschickt schmiegte sie sich durch den schmalen Türritz hindurch, allein
-jenseits der Schwelle wandte sie sich und warf noch einmal einen lachenden
-Blick zurück. Das Geschirr auf dem Tisch schien ihre Aufmerksamkeit zu
-fesseln.
-
-»Wie drollig sich deine Wirtschaft ausnimmt,« flüsterte sie hinein, hob
-jedoch sogleich den Finger warnend gegen den Mund, damit er sie nicht durch
-eine laute Antwort verriete, »wie schade, daß du mich nicht bewirten
-konntest! Warum kommt dir eigentlich niemals solch ein hübscher Einfall?
-Überhaupt, du verdienst die große Bevorzugung und auch die Gefahr nicht,
-der ich mich deinetwegen aussetze. Sst, -- ganz still, Fritzchen, hier hast
-du noch eine Kußhand, so -- und nun schlaf wohl, mein Schatz.«
-
- * * * * *
-
-Fritz Harder hatte seine karge Mahlzeit kaum berührt. Ruhelos schritt er
-in der engen Stube auf und nieder, und seine verzogene Stirn deutete
-darauf hin, wie sehr er sich bemühte, der widerstrebenden Gedanken Herr
-zu werden. Zweimal schon hatte er sich an den Flügel gesetzt, allein
-unter seinen geübten Händen waren nur ein paar mißtönende Dissonanzen
-aufgeschrillt. Und durch einen heftigen Schlag auf die Tasten wurde das
-regellose Spiel beendigt.
-
-Nein, das ging nicht. Er mußte sich sammeln und Klarheit gewinnen.
-Ungeduldig riß er die Schublade des roten Fichtentischchens auf und warf
-ein blaues Heft auf die Platte. Dies war seine Arbeit, von der er sich
-einmal Erfolg versprochen. Jetzt blieben seine Augen wirr auf einer sauber
-gezeichneten Terrainkarte haften, und er versuchte sich zu besinnen,
-warum er mit roter und grüner Tinte verschiedene sich kreuzende Linien
-hineingemalt hatte.
-
-Alles vergeblich. Der bohrende Gram, die innere Unzufriedenheit mit
-sich selbst, sie warfen sein Auffassungsvermögen um, sie schlugen den
-stärkeren Menschen in ihm nieder.
-
-Nein, es war genug. Törichter Hochmut, sich für besser zu halten und
-würdiger als seine Kameraden sich gaben. Und dann -- er lachte bitter
-auf, bedeckte sich mit der blauen Mütze, und nach ein paar Minuten schon
-klirrte sein metallener Säbel über das Trottoir der menschenleeren
-Rosenkranzgasse.
-
-»Ah, Fritz Harder,« rief der lange Janick, als sein Freund das
-Spielzimmer des Kasinos betrat; und damit erhob sich der Oberleutnant,
-lebhaft winkend, von seinem Sitz, »kommen Sie, Beethoven, hier ist eine
-große Neuigkeit eingetroffen. Schieberamsch mit Pauken und Trommeln.
-Das müssen Sie lernen, Fritzchen, setzen Sie sich neben mich, so etwas
-Anregendes haben wir schon lange nicht erlebt. Prost, Musikante -- prost.«
-
- * * * * *
-
-Dunkelheit senkte sich bereits über die Stadt. Aus dem Portal des
-Goldenen Bechers trat, dicht in einen schwarzen Hängemantel gehüllt, der
-bewegliche Kammerdiener des Konsuls Bark heraus, in der Hand ein ziemlich
-umfangreiches Briefkuvert, das er im Auftrage seines Herrn dem Leutnant
-Fritz Harder in sein Quartier überbringen sollte. Der weiße Umschlag
-leuchtete durch die Nacht, als Pawlowitsch achtlos schlenkernd über den
-Marktplatz schritt. Noch war der Diener nicht weit gekommen, als seinen
-auch jetzt rastlos umherspähenden Äuglein die Umrisse eines Jagdwagens
-auffielen, der, mit drei winzigen Pferdchen bespannt, dicht vor der
-Einfahrt des zweiten großen Gasthofes der Stadt »Zum russischen
-Großfürsten« wartete. Interessiert und auf unhörbaren Sohlen tänzelte
-Pawlowitsch näher. Aus der Dunkelheit tauchten zwei Gestalten auf, die
-sich augenscheinlich an dem Hinterrad des Gefährts zu schaffen machten.
-Ein paar derbe Flüche in russischer Sprache wurden laut, und der
-Kammerdiener erkannte sofort das dröhnende Organ des Grenzoffiziers, der
-vor ein paar Stunden seinem Herrn die Ehre seines Besuches geschenkt hatte.
-
-»Dummes Vieh,« hörte der regungslos Verharrende den Rittmeister Sassin
-auf seinen Rosselenker einschimpfen, »hab' ich dir nicht zehnmal gesagt,
-daß das Rad quietscht wie eine kranke Katze? Du Hundesohn hast wieder
-verschlafen, Fett auf die Achse zu schmieren. Ich schneide dir noch einmal
-in Wahrheit beide Ohren ab. Gleich holst du dir von diesen Deutschen etwas
-von dem Zeug heraus. Hast du verstanden?«
-
-Der zusammengekrümmte Kutscher zog seine hohe Schirmmütze. »Jawohl,
-guter Herr,« murmelte er demütig und verschränkte seine Arme über der
-Brust. »Euer Gnaden, ich gehorche.«
-
-»Zum Teufel, dann mach, daß du fortkommst! Und wenn du fertig bist, dann
-holst du mich dort drüben aus der Konditorei ab. Hast du begriffen?«
-
-»Ich gehorche, Euer Gnaden.«
-
-Der Kutscher trottete in die Einfahrt zurück, und der Rittmeister
-schlenderte säbelklirrend über das rauhe Pflaster, bis er plötzlich vor
-der schweigenden Gestalt des Lauschers zurückschreckte.
-
-»Was ist?« rief er drohend.
-
-»Oh nichts, Euer Gnaden,« erwiderte Pawlowitsch sich tief verbeugend,
-»ich bin es nur, der Diener des Herrn Konsul Bark.«
-
-»Aha -- aha -- Diener -- Diener von ausgezeichnetem Freund Rudolf Bark,«
-lenkte der Russe ganz widerspruchsvoll ein, und dabei versetzte er dem
-zierlichen Männchen einen wohlwollenden Faustschlag auf die Schulter, so
-daß der Überraschte, der eine solche Gunstbezeugung wohl kaum erwartet
-haben mochte, ein wenig vornüber taumelte.
-
-»Heilige Mutter!« stöhnte der Getroffene leise.
-
-Der Russe jedoch ließ von seiner Zärtlichkeit nicht ab, ja, er beugte
-seine mächtige Gestalt sogar noch etwas tiefer zu dem Unentschlossenen
-herab, als sei es für ihn überaus interessant zu konstatieren, was für
-einen weißen Zettel der Diener des ausgezeichneten Rudolf Bark in den
-Händen trüge.
-
-»Pawlowitsch, guter Junge,« rief er wohlgelaunt, und dabei zupfte er nach
-russischer Sitte dem weißhaarigen Kerlchen sanft an dem Ohrlappen herum,
-»bist fleißigstes Geschöpf, das ich kenne in dieser fleißigen Stadt!
-=Toujours en vedette=, früh und spät. Weißt du auch, daß ich dich
-deinem Herrn schon längst ausmieten wollte? Sieh einmal, du trägst Brief,
-Pawlowitsch!«
-
-»Oh,« erwiderte der Hausmeister, der einen Augenblick zögerte, bis er
-dann doch die Aufschrift des Kuverts nach oben kehrte, »an den Leutnant
-Fritz Harder«.
-
-»Leutnant Fritz Harder,« wiederholte der Dragoner in beglücktem Ton,
-»ach, sieh einmal, wirklich an lieben Fritz Harder.« Und nach einer Weile
-des Nachdenkens, während deren sich der Russe rasch den blonden
-Kinnbart strich, setzte er hinzu: »Mir ist, als ob junger Herr bei der
-Festungskommandantur beschäftigt wäre?«
-
-»Ja,« pflichtete Pawlowitsch immer langsamer bei, indem er den Brief
-vorsichtig unter dem herabwallenden Hängemantel vergrub, »der Herr
-Leutnant ist seit kurzem dazu kommandiert.«
-
-»Nun, will nicht aufhalten,« sagte der Russe freundlich, »besorge
-Auftrag, Pawlowitsch. Aber warte, -- sollte ich heute nicht vergessen
-haben, dir dein gewohntes Trinkgeld zu überreichen?«
-
-Jetzt schüttelte der Diener heftig abwehrend das Haupt, allein er
-konnte es doch nicht verhindern, daß seine schwarzen Äuglein trotz der
-Dunkelheit einen höheren Glanz gewannen.
-
-»Nein, nein, Euer Gnaden, ich habe nichts zu beanspruchen. Der Herr
-Rittmeister haben ja nichts bei uns genossen.«
-
-Der Russe jedoch streckte wiederum seine Faust nach dem Ohrläppchen des
-nicht mehr Zurückweichenden aus.
-
-»Kleiner Galgenvogel,« meinte er gutmütig, »hast du vergessen, daß ich
-euch beinahe eine ganze Flasche von wunderschönen klaren und lieblichen
-Rheinwein austrank? Ein schöner Wein, ein seltener Wein! Wir Russen
-sind dankbar, wir erinnern uns stets der treuen und braven Diener.
-Hier, Pawlowitsch, nimm. Macht mir Freude, wenn du an Rittmeister Sassin
-denkst.«
-
-War es Ernst oder bestand alles in einem Irrtum? Gott im hohen Himmel, da
-hielt der Mann im Radmantel ein blankes Zwanzigmarkstück in der Hand; der
-über dem Markt heraufkommende Mond weckte Funken in dem roten Metall, und
-es war ein so einzig schönes Bild, daß Pawlowitsch seine langen Finger
-krampfhaft schloß, als gönne er es anderen nicht, sich an dieser
-wärmenden Augenweide zu ergötzen. Und doch krümmte sich seine Seele und
-wand sich ängstlich hin und her, denn die Güte des Rittmeisters erschien
-dem kundigen Mann verdächtig, und ein quälender Zweifel beschlich ihn, ob
-jenes Gold nicht vielleicht dazu bestimmt wäre, um die besseren
-Mahnungen seines Herzens zu übertönen. Man hatte so viel von den rauhen
-Grenznachbarn gehört, sie waren so lüstern nach diesen oder jenen
-gleichgültigen Dingen, die den Uneingeweihten gänzlich nebensächlich
-erschienen, und die dann doch plötzlich eine besondere Geltung gewinnen
-konnten. Und dann -- die Versucher von dort drüben sollten sich im
-Besitz von ungeheuerlichen Schätzen befinden, die sie wahllos und
-verschwenderisch über die ihnen Ergebenen und Willfährigen ausstreuten.
-Hatte sich Pawlowitsch, der Listige und Verschlagene, nicht schon oft
-heimliche Gedanken darüber gemacht, wie hübsch es wäre, wenn man die
-groben ungeschlachten Kerle von jenseits der Grenze ein wenig necken
-würde? Natürlich nur ein bißchen aufziehen, um sie hinters Licht zu
-führen, denn man wußte ja eigentlich gar nichts, was die neugierige
-Gesellschaft wirklich interessieren könnte. Aber als der Hausmeister jetzt
-das kalte Goldstück mit seinen langen Spinnenfingern umschloß, da gab es
-ihm doch einen brennenden Stich durch alle Adern hindurch, und einen
-Moment schlugen Angst und Feigheit so stark in ihm empor, daß er fast ohne
-Überlegung die Hand ausstreckte, um das liebe, das schöne, das reiche
-Geschenk wieder von sich zu schleudern.
-
-»Da -- da -- Panne Rittmeister --«
-
-»Was willst du, mein lieber Junge?«
-
-»Ich -- ich« -- das Kerlchen im Radmantel erwachte -- »ich wollte Ihnen
-bloß herzlich danken, Herr Rittmeister,« sagte er schmerzlich.
-
-Der Russe jedoch versetzte ihm einen freundschaftlichen Puff vor die Brust,
-so daß dem ohnehin Bedrückten einen Moment lang die Luft fortblieb.
-
-»Schon gut, Pawlowitsch,« hörte er die dröhnende Stimme dicht vor
-seinem Ohr, »das ist nur Kleinigkeit. Du gefällst mir, du gefällst mir
-wirklich. Und dann -- wir sind ja auch halbe Landsleute. Wer weiß, was ich
-noch alles für dich tun kann? Und nun geh und richte deinen Auftrag aus,
-bei lieben Leutnant Fritz Harder. Wo wohnt er doch noch?«
-
-»Er wohnt Rosenkranzgasse 19,« schlich dem Diener die Stimme mühsam
-aus der Kehle. Und sich windschief verbeugend, schlug der Davoneilende
-ein Kreuz unter dem langen Mantel, indem er noch erstickt hinterher zu
-flüstern versuchte: »Jesus, Maria und Joseph, legt Fürbitte ein!«
-
-Als Pawlowitsch dies herausstöhnte, schlug es von der Sebalduskirche die
-zehnte Stunde. Das Glockenspiel des Meisters Adameit begann wieder seine
-glasklaren Melodien zu spielen: »Wer nur den lieben Gott läßt walten.«
-Da trat Pawlowitsch der Schweiß auf die Stirn. Fester und gieriger preßte
-er die Goldmünze in seiner Hand zusammen, als müsse er sich durchaus an
-etwas Irdisches klammern, und doch bröckelte es von seinen Lippen noch
-einmal wie vorhin, nur schaudernd und abwehrend:
-
-»Jesus, Maria und Joseph, wie leicht kann man das Geld auf dieser Erde
-verdienen. Wie leicht -- legt Fürbitte ein!«
-
-
-
-
-III.
-
-
-Durch die langen schmalen Eichen vor dem Herrenhause von Maritzken
-raschelte der Frühwind. So eng beschnitten hatte man die dunkelgrünen
-saftigen Kronen, daß man die Bäume in der Ferne für hochstrebende
-Pappeln halten konnte. Nun wiegten sich die Wipfel im weißen Sonnenlicht
-des Julivormittags und warfen schwankende Schatten auf den grob
-gepflasterten Hof, der trotz beginnender Ernte und obwohl er von
-Leiterwagen und Pflügen besetzt war, so sauber aussah, als wäre er für
-eine besondere Feierlichkeit aus vielen Wasserschläuchen überspült
-worden. Auch die umgebenden Wirtschaftsgebäude blitzten stets unter einem
-weißen Anstrich, denn es machte den Stolz der Herrin von Maritzken aus,
-daß sich das von ihr bewirtschaftete Gut immer in weithin leuchtender
-Weiße zeige. Unter dem viereckigen Toreingang aber stand Johanna Grothe
-selbst, und die Sonnenstrahlen hüllten ihr lockeres Haar in eine Goldhaube
-ein. Vor ihr verharrte in Hemdsärmeln die untersetzte Figur ihres
-Statthalters, der sein kleines zehnjähriges Töchterchen an der Hand
-führte.
-
-»Nun, Baumgartner,« fragte Johanna den Mann mit der vorzeitig
-durchfurchten Stirn freundlich, »wie weit halten wir heute?«
-
-Da berichtete der treu sorgende Verwalter, der die Angewohnheit aller
-älteren Landleute besaß, die Gutsangelegenheiten nicht allzu rosig
-darzustellen, wie man bei der Rapsernte auf ganz verfluchte Flecken
-gestoßen sei, die mit nichts als Unkraut und Hederich bewachsen wären.
-
-»Da ist wieder ein toller Hund gelaufen,« sagte der Landmann nach dem
-Aberglauben der dortigen Gegend.
-
-»I, lassen Sie nur, Baumgartner,« tröstete Johanna lächelnd, »unser
-Raps selbst steht fett und gut. Es kann einem das Herz im Leibe lachen.«
-
-Der Mann kraute sich leicht hinter dem Ohr. »Na ja, Fräuleinchen, aber
-mit dem Kartoffelumwerfen, da kommen wir nicht richtig vorwärts. Uns
-fehlen Pferde. Ponnies müßten wir haben, mit schmalem Tritt.«
-
-»Da haben Sie recht, Baumgartner,« nahm seine Herrin den Einwurf lebhaft
-auf, »aber wissen Sie das Neueste? Heute nachmittag fahre ich mit meinen
-Schwestern nach Grabowo.«
-
-»Was, über die Grenze?« hob hier der Verwalter sein sonnengebräuntes
-Haupt und zuckte ein wenig mißtrauisch die Achseln, und als er erfahren,
-daß seine Gebieterin dort drüben das vermißte Pferdematerial zu kaufen
-beabsichtigte, da klopfte er mit dem Finger noch einmal warnend gegen die
-Schärfe seiner Sichel. Es gab einen hellen Ton. »Vorsichtig, gnädiges
-Fräulein,« riet er dringend, »die Gesellschaft da drüben geht nicht
-immer ehrlich zu Werke.«
-
-»Oh, Sie können unbesorgt sein, Baumgartner, Herr Konsul Bark begleitet
-uns.«
-
-Da ging ein beifälliger Zug über das ernste Antlitz des Landmannes.
-
-»Das ist gut,« stellte er fest. »Konsul Bark versteht seine Sache. Er
-hat auch mit dem alten Trakehner Hengst bei uns recht behalten. Das Tier
-arbeitet drei junge Pferde in Grund und Boden.« Und während sich der
-Beamte schon zum Abgang wandte, fragte er noch einmal ehrerbietig: »Und zu
-wann befehlen das Fräulein den Wagen?«
-
-Eine schwere Falte grub sich dabei mitten über die Stirn des Mannes.
-Allein Johanna verstand ihn.
-
-»Nein, nein, Baumgartner,« beruhigte sie. »Sie brauchen sich gar nicht
-stören zu lassen, Herr Konsul Bark holt uns in seiner eigenen Equipage ab,
-obwohl uns unser Weg ja ohnehin durch die Stadt führen würde. Sie können
-Ihre Pferde ruhig bei der Arbeit behalten.«
-
-»Oh, danke schön, gnädiges Fräulein, das ist gut. Herr Konsul Bark
-weiß, was sich gehört. Ich freue mich immer, wenn er auf das Gut kommt.
-Nun vorwärts, Tilli.«
-
-Er gab seiner kleinen Tochter einen Wink, das Kind knixte und beide
-schritten rasch bis zum Hoftor. Jedoch sie sollten nicht hinausgelangen.
-Von der Chaussee her erhob sich ein scharfes Rollen, Peitschenklang
-schwirrte durch die Luft, und gleich darauf sah die Gutsherrin, wie
-ihr Verwalter ein Paar mächtigen Rappenhäuptern beruhigend über die
-schäumigen Nüstern klopfte.
-
-Bei Gott, dies Gespann kannte Johannas geübter Blick. Ja sogar den harten,
-sausenden Peitschenklang unterschied sie vor allen anderen. So dröhnend
-und unbekümmert raste nur der Riese dort drüben von Sorquitten über
-die Landstraße. Und richtig, noch hatte sie die Ziegelschwelle unter
-der viereckigen Einfahrt nicht verlassen, da schob sich auch bereits eine
-mächtige Männerfigur in einem gelben Sportanzug durch die Toröffnung,
-und ein grünes Tirolerhütchen mit einer alten verbogenen Hahnenfeder
-wurde aus Leibeskräften in der Luft geschwenkt.
-
-»Morjen, morjen, Johanna, alte Seele,« wetterte das markige Organ des
-Vetters Fedor von Stötteritz, und dabei stampfte der ungeheuerliche
-Eindringling bald rechts, bald links mit den braunen Schnürstiefeln, aus
-denen sich ein paar unförmige Waden herausdrängten, schallend auf
-den Steinen des Hofes herum. »Laß mal eiligst so einen kleinen Tritt
-herausbringen, liebste Cousine, meine alte Dame will sich nämlich wieder
-nicht meinen Armen anvertrauen. Sie behauptet, ich zerbräche ihr immer
-ein paar Knochen im Leibe. Also fix, Johanna,« und er führte die beiden
-Mittelfinger in den Mund und ließ einen gellenden Pfiff erschallen.
-»Vorwärts, wo bleiben die Faulpelze? Meine Frau Mama kann ja bekanntlich
-nicht warten.«
-
-Jetzt wurde es auf dem Hofe lebendig. Eine Magd mit einem Tritt lief
-hochaufgeschürzt hinzu, und nachdem auch Johanna bis an den Wagenschlag
-geeilt war, da entschloß sich die lang aufragende, hagere Insassin
-des Gefährtes endlich, die Expedition auf den sicheren Erdboden zu
-unternehmen. Mit einem Krückstock indessen tastete sie erst vorsichtig die
-Unebenheiten des Terrains ab. Kurzatmig stand sie dann neben ihrem Sohn, um
-ihrem blauroten und doch pergamentartig mageren Antlitz ein wenig kühlende
-Luft zuzufächeln.
-
-»Es ist nichts mit solchen Ausfahrten,« stellte Frau von Stötteritz
-grämlich fest, wobei sie der Hausherrin steif ihre Rechte zum Handkuß
-darbot. »Guten Tag, liebes Kind. Ich wollte dich gewiß nicht belästigen
--- nein, nein, schon gut, wer soll sich denn über eine so alte
-anspruchsvolle Frau im Ernst freuen? -- aber mein dummer Junge läßt mir
-ja keine Ruhe. Es sollte durchaus ein Besuch bei dir werden. Als ob ich
-dich in meinem Leben noch nicht gesehen hätte! -- Nein, nein, schon gut,«
-unterbrach die hagere Dame entschieden, als das blonde Mädchen ihr
-irgend etwas Liebenswürdiges entgegnen wollte. »Lüge nicht erst,
-mein Töchterchen, du schwärmst ja selbst nicht für Komplimente. Die
-Hauptsache ist, daß ich möglichst bald eine Fußbank unter mein rechtes
-Bein erhalte. Du kannst dir gar nicht denken, wie mich das Rheuma wieder
-plagt. Aber paß auf, es gibt Regenwetter. Unsere Rapsernte wird uns
-natürlich wieder wegschwimmen.«
-
-»Du, Hans,« schrie der Sohn aufgeräumt dazwischen, der seine Frau Mama
-mit den flachen Händen so sanft wie möglich vor sich her schob, »mein
-ganzer Raps an Silberstein da drinnen verkauft. Den verfluchten Juden hab'
-ich schön hochgenommen. Wenn das in diesem Jahre so weiter geht, dann bau
-ich auf Sorquitten das neue Herrenhaus, das du neulich vorschlugst. Meine
-Alte werde ich schon rumkriegen.«
-
-»Es wäre gut, wenn du mir nicht so in die Ohren schriest, Fedor,«
-tadelte die Vorauftappende, schmerzlich ihren Mund verziehend. »Was ich
-dieses Brüllen nicht leiden mag -- --«
-
-»Na, laß man sein, Mutterchen, ich säusele schon wieder. So, und nun
-aufgepaßt, hier kommen die Treppen.« Der Besuch wurde in das große
-Staatszimmer hinaufgeführt, dessen drei Fenster auf den Park hinausgingen.
-Denn Johanna dachte daran, daß ihre Tante, Frau von Stötteritz, eine
-unbesiegliche Abneigung hege gegen den Anblick des Wirtschaftshofes sowie
-gegen die rauhen Geräusche, die sich von dort möglicherweise erheben
-konnten. In einem alten gelben Seidenfauteuil lehnte die alte Dame an einem
-der hohen Fensterbogen und zupfte nervös an den seidenen Halbgardinen
-herum. Währenddes präsentierte die blonde Hausherrin ihrem kritischen
-Besuch ein in Wein abgezogenes Ei, denn dies war die einzige Aufwartung,
-welche die kränkliche Dame gnädig aufnahm. Dafür konnte sie von jener
-Leckerei auch große Mengen vertilgen. Einen Augenblick hörte man nichts,
-als das Klirren des Löffels, den Frau von Stötteritz in dem Glase
-herumführte, und dazwischen mischten sich die schallenden Tritte ihres
-Sohnes, der, die Hände in den Taschen, ruhelos das Zimmer durchmaß. Er
-entbehrte seine Zigarre, die in der Gegenwart der Mutter nicht geraucht
-werden durfte.
-
-Endlich hatte die kränkliche Frau die ihr so wohlmundende Leckerei mit
-Andacht zu sich genommen; das behagliche Schlürfen sowie das Kratzen des
-Löffels erstarb, und nachdem sich Fedors Mutter umständlich mit ihrem
-Taschentuch Mund und Hände gereinigt, da richtete sich die hagere Gestalt
-starr in ihrem Sessel auf, alles Vorboten, daß jetzt etwas Wichtiges
-erfolgen sollte. Zuerst aber reichte sie mit ihren zitternden Fingern das
-Glas zurück, um verurteilend zu klagen:
-
-»Wenn einem nichts mehr schmeckt, so ist das ein schlimmes Zeichen. Nein,
-widersprecht nicht erst, ich bin mir über meinen Zustand ganz im klaren.«
-
-Als aber ihr herkulischer Sohn unbekümmert seinen dröhnenden Spaziergang
-durch das weite Gemach fortsetzte, da nestelte Frau von Stötteritz aus
-ihrer schwarzseidenen Handtasche einen mehrfach gefalteten Brief hervor,
-strich ihn auf ihrem Schoße glatt und tat einen tiefen, halb seufzenden
-Atemzug.
-
-»Höre, Johanna,« begann sie endlich, indem sie sich den Zeigefinger
-netzte, wie wenn sie die Seiten des vertrockneten Briefes umzuschlagen
-gedächte, »bekümmerst du dich eigentlich um politische Vorgänge?«
-
-»Um politische --?«
-
-Johanna stutzte. Und während sie mit entschlossener Bewegung ihr blondes
-Haupt in den Nacken warf, da nahm sie plötzlich jene abwehrende Stellung
-ein, die ihrer ganzen Gestalt das Gepräge verlieh.
-
-Mein Gott, wie unangenehm! Gedachten die beiden herrischen Adelsmenschen,
-die in der ganzen Gegend wegen ihrer altpreußischen Gesinnung bekannt
-waren, sie, die emsig Schaffende, nun auch zu ihren Lebensanschauungen
-zu bekehren? Oh nein, darin täuschten sich die beiden. Sie -- das
-Gutsfräulein von Maritzken bewertete die ihr Nahen und Fernen lediglich
-nach den Leistungen, durch die Schaffensfreudige und Arbeitskräftige ihr
-Dasein, ihre Lebenshaltung zu befestigen oder zu steigern vermochten. Ja,
-das war es, dem praktischen Sinn der großen Blonden war der Erwerb, der
-anständige und sichere, beinahe etwas moralisch Schönes und Geheiligtes
-geworden. Und deshalb lehnte sie gewöhnlich mit einer ihrer entschlossenen
-Gesten alles ab, was sich in ihrem Umkreis in politischen Zänkereien
-erging. »Wer für sich schafft, schafft auch für das Land,« dachte sie.
-Und mit diesem Bekenntnis glaubte sie sich genügend mit den Streitigkeiten
-des Tages abgefunden zu haben.
-
-»Bekümmerst du dich eigentlich um politische Dinge?« hob Frau von
-Stötteritz noch einmal an, und es klang bereits, wie immer, ein spitzer
-Vorwurf aus dem Ton ihrer Frage.
-
-Aber gerade diese Art, die so selbstverständlich eine scheue Unterwerfung
-forderte, das bedingungslose Zustimmen zu einem durch nichts zu
-erschütternden Programm, das rief den starken Drang nach Widerspruch, nach
-Verteidigung bei dem eigenwilligen Landfräulein hervor. Und indem Johanna
-mit dem Finger leicht auf die Tischplatte pochte, als wollte sie für
-jedes ihrer Worte eine besondere Aufmerksamkeit verlangen, da warf sie mit
-angenommener Gleichgültigkeit hin:
-
-»Nein, liebe Tante Adelheid, von Politik verstehe ich zu wenig. Und das
-Geringe, das ich manchmal mit meinem Freunde, dem Konsul Bark, bespreche,
-das hat irgendwie einen Bezug auf meine Wirtschaft. Aber ein Verdienst oder
-etwas Ersprießliches,« setzte sie mit einem kalten Lächeln hinzu, »ist
-meines Wissens für mich noch niemals dadurch erzielt worden.«
-
-Bei der Erwähnung des Namens ›Bark‹ öffneten sich die schmalen Lippen
-der Freifrau wie von selbst, und sie ließen ein Paar der großen gelben
-Zähne zum Vorschein kommen. Und siehe da, auch ihr mächtiger Sohn gab
-seine Wanderung auf und wurzelte so unvermittelt auf dem olivgrünen
-Velourteppich fest, daß die alten Porzellantassen in der nahen
-Glasservante zu klirren anhoben. Gleich darauf trat auch er an den Tisch
-heran, ganz dicht neben das blonde Mädchen, und zwirbelte mit einer
-weitausladenden Bewegung den starr sich emporreckenden rotblonden
-Schnurrbart zurecht.
-
-»Konsul Bark?«, nahm er das verdächtige Wort von neuem auf und in seine
-tiefe Stimme drang gleichfalls etwas Scharfes und Schnarrendes. »Sag mal,
-kommst du mit dem Tütendreher noch immer so häufig zusammen, Johanna?«
-
-Da war wieder jene Verachtung der kaufmännischen Berufe, die den
-praktischen Hans mehr wie alles andere verdroß. Und in ihrem Innern erhob
-sich eine heftige Abneigung gegen die junkerliche Überhebung des Vetters.
-Zum Teufel, was hatte der Riese von Sorquitten denn Höheres und Besseres
-geleistet, als der gewandte Geschäftsmann dort drinnen in der Stadt? Gott
-ja, Fedor war ein mit beiden Fäusten durchgreifender Landwirt, praktisch
-in jeder Faser und voll derber Freude an seinem Beruf. Seine Leute
-duckten sich vor ihm, denn es war nicht ratsam, mit dem Enaksohn im
-Ernst anzubinden. Aber bestand denn darin etwas so Gewaltiges, das
-große väterliche Gut, das ihm blühend von Generationen von Vorfahren
-überliefert war, in einem ertragsreichen Zustand zu erhalten? Wie ganz
-anders der Chef des Goldenen Bechers dort drinnen am Marktplatz. In ewig
-neuer Anspannung mußte der Kaufmann seine Kapitalien, ja sogar sein ganzes
-Geschäft, das durch wechselnde Konjunkturen und Zeitströmungen immer
-wieder gefährdet werden konnte, verteidigen, schützen und erweitern.
-Über die schnell sich verändernden Beziehungen des Völkerlebens mußte
-er sich unterrichtet zeigen, denn jeden Augenblick konnte es nötig werden,
-irgendeine der sich erhebenden großen Fragen des Weltgeschehens für
-sich günstig auszubeuten. Dazu gehörte doch eine andere geistige
-Beweglichkeit, eine männliche Kraft des Entschlusses und daneben auch
-eine biegsame und geschmeidige Leichtigkeit, die plötzlich anstürmenden
-Gefahren auszuweichen verstand; ja, es gehörte mehr Mut und
-Selbstbeherrschung zu einem solchen Tütendrehen, als es das ruhige
-Abwarten von Saat und Ernte verlangte.
-
-So meinte Johanna wenigstens, denn da ihr selbst die schwere, und an
-Enttäuschungen reiche Pflicht der Bodenbearbeitung geläufig war, so
-neigte sie durchaus dazu, das ihr fremde und imponierende Spiel des Handels
-höher als ihre eigene Leistung einzuschätzen. Aber selbst wenn dieser
-letzte Grund fortgefallen wäre, so empörte sich die tief in ihr wurzelnde
-Dankbarkeit für ihren uneigennützigen Freund dagegen, daß Junkerhochmut
-den tätigen Mann seines Gewerbes wegen über die Achsel anschauen dürfe.
-Und sehr bestimmt entgegnete sie deshalb auf den etwas spöttischen Einwurf
-ihres Vetters:
-
-»Allerdings, lieber Fedor, ich komme mit Herrn Konsul Bark sehr häufig
-zusammen. Ja, unser Freund wird mich und meine Schwestern sogar heute
-nachmittag in seinem eigenen Wagen zu einem Besuch jenseits der Grenze
-abholen.«
-
-Noch hatte die Entschlossene nicht völlig geendet, als der Brief auf dem
-Schoß der Tante Adelheid seltsam zu rascheln begann. Und während der
-mächtige Landwirt vor Überraschung mit der Faust nur einen kräftigen
-Luftstoß ausführte, dem sich die empörte Anmerkung beigesellte: »Na,
-das ist aber doch -- --,« da schüttelte seine Mutter sehr bestimmt das
-pergamentene Haupt, und ihre noch immer schwarzen Augenbrauen schnürten
-sich so eng zusammen, als ob damit die Willensäußerung ihrer Nichte ein
-für allemal ausgestrichen und aus der Welt geschafft wäre.
-
-»Mein liebes Kind,« hüstelte sie in ihrer frostigen Art, die keinen
-Widerspruch zu kennen schien, »du siehst hier diesen Brief. Mein dummer
-Junge behielt doch recht, als er mich zu dem Besuch bei dir veranlaßte.
-Ich merke, wir kommen gerade zur rechten Zeit. Kurz und gut, liebe
-Johanna, du wirst klug handeln, wenn du deinen Besuch jenseits der Grenze
-unterläßt.«
-
-»Aber warum, beste Tante? Ich sehe gar nicht ein --«
-
-»Unterbrich mich nicht, Johanna, sonst verliere ich so leicht den
-Zusammenhang. Dir wird hoffentlich gleich alles klar werden. Und du kannst
-Gott danken, daß man dich noch in letzter Stunde warnt. Weißt du,
-was dieser Brief enthält? Er stammt von meinem Bruder, dem Geheimen
-Regierungsrat von Roeder aus dem Auswärtigen Amt, und mein Verwandter
-richtet die dringende Bitte an mich, die äußerste Vorsicht gegen
-alles walten zu lassen, was mit unseren russischen Nachbarn irgendwie in
-Beziehung steht.«
-
-»Aber liebe Tante Adelheid,« rief Johanna eifrig, obwohl sie sich eines
-leichten Fröstelns, das über ihre weiße Haut rieselte, nicht erwehren
-konnte, »wozu das alles? Wir sind doch auf das große Volk dort drüben
-angewiesen. Wir tauschen so vieles von ihnen ein, was wir nirgends besser
-und billiger erhalten. Und die Leute von jenseits der Grenzpfähle nahmen
-gerade in den letzten Jahren auch von uns nicht allein allerlei praktische
-Dinge, sondern sogar manche Sitten und wissenschaftliche Errungenschaften
-an, so daß man sich über den lebhaften Verkehr doch nur freuen sollte.«
-
-»Der Teufel soll den albernen und leichtsinnigen Verkehr holen,« brummte
-hier der Riese von Sorquitten dazwischen, dem der Zorn das Antlitz dunkler
-färbte, »ich wünschte, man hätte schon längst den Brüdern die Zähne
-gewiesen.«
-
-»Um Gottes willen, Ihr stellt ja die Angelegenheit beinahe so dar, als ob
-wir uns mit denen da drüben im Kriegszustande befänden,« lachte Johanna
-ärgerlich auf, und ihre Rechte schlug dabei quer durch die Luft, wie wenn
-es notwendig wäre, das gefährliche, das unmögliche Wort von vornherein
-zu sprengen oder zu zerteilen.
-
-Allein was war das? Weshalb suchten in diesem Moment die hellblauen
-Augen des Riesen, die sonst so lachend, so sorglos und unbekümmert über
-Lebendes und Totes fortzugleiten gewohnt waren, weshalb in aller Welt
-suchten sie so dringend und ernsthaft die ihren? Warum nickte das blonde
-Haupt ein paarmal so schwer und bedächtig, wie wenn ein ungeheures
-Schicksal sich mit Wucht auf diesen starren Nacken gebürdet hätte? Und
-dann? Täuschte sie sich? Ihr war es, als ob sich die unförmige Gestalt
-des Recken in plumper Bewegung näher und näher an die ihre heranschöbe,
-und das unsichere Gefühl durchdrang sie, als ob dies alles geschähe,
-um ihr bei heranziehender Gefahr nahe zu sein, um sie zu bergen und zu
-schützen. Dazu verharrte die Kranke in ihrem gelben Sessel starr und
-unbeweglich, kein Wort drang über die fest zusammengepreßten schmalen
-Lippen, und nur aus dem nervösen Zittern der schwarzen Augenbrauen
-enträtselte die beklommene Beobachterin, welchen beängstigenden
-Gedanken die Leidende heimlich preisgegeben sein müsse. Unerträgliche
-Schweigsamkeit waltete zwischen den drei aufgescheuchten Menschen.
-Endlich ertrug es die Älteste von Maritzken nicht länger. Mit ein paar
-unbedachten Schritten näherte sie sich dem Stuhl der Greisin, um ganz
-gegen ihre Gewohnheit hastig und aufgeregt die lange welke Hand von Fedors
-Mutter zwischen ihre eigenen pulsierenden Finger zu betten.
-
-»Liebe Tante,« stieß sie ohne weitere Rücksicht hervor, »du mußt
-nicht glauben, daß es nur die Unruhe um meine eigene Sicherheit oder
-um die ungefährdete Existenz meiner Schwestern ist, die mich jetzt
-veranlaßt, dich um weitere rückhaltlose Auskunft zu bitten. Aber nicht
-wahr, Fedor, nicht wahr, Tante Adelheid,« fuhr sie dringender fort, »ihr,
-als Gutsvorstände, könnt mir das nachfühlen. Ich habe ja so vieles hier
-zu verantworten, anvertraute Kapitalien und nicht zuletzt das Leben und das
-karge Besitztum meiner Leute. Ich muß also wissen, worum es sich in diesem
-Briefe handelt. Ihr könnt es mir ganz ohne Schonung anvertrauen, es wird
-mich nicht umwerfen. Und dann --,« sie trat ans Fenster und riß mit
-einer hastigen Bewegung die seidenen Halbgardinen fort, so daß die alte
-Dame, von einem Sonnenstrahl getroffen, wehleidig zusammensank -- »werft
-doch nur einen Blick auf alles, was wir Deutschen hier schufen, auf den
-alten Park mit seinen hundertjährigen Stämmen, auf die prachtvollen
-Weizenfelder, die wir in rastloser Emsigkeit durch immer neue
-wissenschaftliche oder rein praktische Methoden zu ihrer heutigen Reife
-und Blüte brachten! Betrachtet dort hinten, jenseits der Chaussee das
-reinliche Dörfchen Maritzken mit seinen kleinen Gärten und Lauben und
-der wunderhübschen Holzkirche. Das alles hat man seit fünfzig Jahren
-aus einem Sumpf herausgehoben. Und alle diese Mühe, so viel Leben und
-Daseinsfreude, das sollte man von einem eisernen Hagel zerschmettern
-lassen? Für immer? Nein, daran glaube ich nicht,« schloß sie tief atmend
-und legte sich wie befreit die flache Hand auf die arbeitende Brust.
-
-Auf diesen Ausbruch hob die alte Dame den sorgsam behüteten Brief rasch
-gegen das Licht, zog aus ihrer schwarzseidenen Tasche gleichzeitig ein
-Schildpattlorgnon hervor und hielt sich die Gläser dicht vor die Augen.
-
-»Liebes Kind,« schnitt sie alle weiteren Erörterungen ab, »wenn du
-mehr Umgang in militärischen Kreisen pflegen würdest, was ich für
-sehr nützlich hielte, so könntest du wissen, daß jene große
-Auseinandersetzung, die dir so unmöglich scheint, von den maßgebenden
-Stellen schon seit Jahren befürchtet oder auch erhofft wird. Je nachdem.
-Ich halte es deshalb für meine Pflicht, dir ganz reinen Wein einzugießen.
-Merke genau auf. Mein Bruder, der es auch mit dir gut meint, schreibt
-folgendes.«
-
-Damit lenkte die starr und aufrecht Sitzende das gelbe Blatt Papier noch
-näher an ihr Antlitz, das sie scheinbar nicht beugen konnte, und griff
-mitten aus dem Brief folgende Stelle heraus:
-
-»Seit dem frevelhaften Verbrechen, das dem Thronerben der uns verbündeten
-Monarchie das Leben kostete, haben wir hier im Amt eine aufreibende
-Arbeitsleistung zu bewältigen. Noch nie war der europäische Himmel
-so bewölkt wie jetzt. In den militärischen Zentralen wird fieberhaft
-geschafft, und ich kann dir unter der Hand mitteilen, daß die
-Sachkundigsten unter uns seit der Überreichung der österreichischen
-Forderungen an den rebellischen Balkanstaat die fernere Erhaltung eines
-ehrenhaften Friedens beinahe in das Gebiet der Unmöglichkeit verweisen.
-Sollte, was Gott verhüten möge, unser großer östlicher Nachbar sich
-für das Schwert entscheiden, -- ein Gedanke, zu dessen Erfassung die
-Phantasie der meisten unserer in einem verweichlichenden Frieden völlig
-aufgegangenen Mitbürger durchaus nicht ausreicht -- dann würde eine
-Weltkatastrophe heraufbeschworen, die alles, was jetzt festliegt und
-besteht, zerschmettern müßte.«
-
-Ein widerspruchsvolles Lächeln, das sie sich selbst nicht zu deuten
-vermochte, glitt bei dem eben Gehörten über die bleichen Züge der
-Landtochter, denn sie gehörte zu denen, deren Einbildungskraft vor der
-ungeheuerlichen Prophezeiung machtlos niedersank. Die alte Dame jedoch
-verkündete mit scharfer Stimme weiter, und es war, als ob ihre Worte sich
-immer stechender und aufreizender formten, je Erbarmungsloseres über ihre
-schmalen Lippen floß.
-
-»Ihr könnt euch die Last und die Qualen dieser Spannung gar nicht
-vorstellen. Von Tag zu Tag fliegen neue Vorschläge, Vermittlungen und
-geheime Depeschen von Allerhöchster Hand herüber und hinüber. Alles
-starrt atemlos auf die Zentnerlast, die an einem Haar über unseren
-Häuptern schaukelt. Und nun der Grund, warum ich so ausführlich an dich
-berichte, liebe Schwester. Stürzt der Koloß über uns herein, über uns,
-die wir in unserem gläubigen Vertrauen namentlich an euren Grenzen
-noch lange nicht so unantastbar gerüstet sind, wie es unsere leitenden
-Militärs wünschen, dann werden es eure Gegenden sein, die von dem ersten
-Ritt unkultivierter Horden überrannt werden. Noch vermögen wir nicht zu
-ahnen, welches Entsetzen sich bei einem solchen Zusammenstoß über eure
-Gutshöfe, Dörfer und kleinen Städte ausbreiten könnte. Da wir in
-den letzten Jahrhunderten immer nur mit uns an Gesinnung gleichgearteten
-Volksstämmen die Waffen kreuzten, so fehlen uns alle Anhaltspunkte dafür,
-was wir von den Angehörigen einer minderen Kultur zu erwarten haben. Ich
-rein persönlich jedoch fürchte, daß es -- selbst den recht zweifelhaften
-guten Willen der östlichen Befehlshaber vorausgesetzt -- kaum gelingen
-dürfte, unsere Ansiedlungen vor einer bisher unbekannten Zerstörungsgier
-zu schützen. Und was den Einwohnern eines freien und geordneten
-Staatswesens bevorsteht, sobald die entfesselte Zügellosigkeit dumpfer und
-stumpfer Massenschwärme über sie fortprallt, asiatischer Halbwilder, die
-an glücklicheren Völkern die Pein ihrer eigenen Sklaverei zu vergelten
-gedenken, das sind Dinge, liebe Schwester, die mich vorläufig nur
-wie unvorstellbare schwere Träume ängstigen. Zwar noch ist ja eine
-Beschwörung der Gefahr nicht gänzlich unmöglich. Doch mein Rat geht
-für alle Fälle dahin, dich und die Deinen sowie alle, die dir nahestehen,
-schon jetzt in Sicherheit zu bringen. Mit Freuden öffne ich dir mein Haus
-in Berlin. Es genügt aber vielleicht auch, wenn du dich einstweilen in
-eurer Provinzialhauptstadt einmietest. Aber nimm die Zeit wahr, liebe
-Adelheid, denn binnen kurzem dürften auch dort neue Ankömmlinge wegen
-der zu befürchtenden Übervölkerung zurückgewiesen werden. Ist es
-nicht unfaßbar, sich alle diese ungewohnten Schrecken und Grausamkeiten
-vorstellen zu müssen? Gott gebe, liebe Schwester, daß diese wütende
-Windsbraut ohne schweren Schaden an dir vorüberbraust.«
-
-Als Frau von Stötteritz bis hierher in ihrer Lektüre gelangt war, da
-faltete sie den Brief emsig und umständlich zusammen, jede Falte in ihre
-gewohnte Lage, und schob das Schreiben mit ihrer dürren Hand raschelnd in
-den seidenen Beutel. Dann wandte sie das Haupt, und ohne ein weiteres
-Wort an diese für sie völlig erschöpfte Angelegenheit zu verschwenden,
-richtete sie ihre starren, grauen Augen, die sich plötzlich unnatürlich
-weit geöffnet hatten, regungslos und unerbittlich auf das hochgewachsene
-blonde Mädchen. Auch Johanna vermochte sich in der abermals herabsinkenden
-Stille, die bang und trübselig, beinahe hörbar, durch das weite Zimmer
-schlürfte, keiner Bewegung hinzugeben.
-
-Ungläubig nahm der Riese von Sorquitten, der auch jetzt noch mit hörbar
-tiefen Atemzügen neben seiner jungen Verwandten weilte, die merkwürdig
-belebte Blässe des sonst so resoluten und durch nichts zu erschütternden
-Frauenbildes in sich auf.
-
-»Kriegt endlich doch das Bibbern,« fuhr es ihm durch den Sinn, und seine
-kernige Mannhaftigkeit freute sich darüber, weil das stolze Weib, das ihn
-stets wie eine beobachtende Erzieherin behandelte, sich wenigstens vor der
-Gefahr genau wie alle anderen Frauenzimmer demütigen lernte. »Na, da wird
-sie ja unseren Vorschlag gnädig aufnehmen,« dachte er, »womöglich noch
-dankbar sein, weil man sie hübsch fürsorglich aus unserer Pulverecke
-fortschafft.«
-
-Und ohne weitere Überlegung reckte er sich, um seine breite Tatze
-herablassend, wohlwollend auf die Schulter der Cousine zu betten. Die in
-Gedanken Versunkene jedoch ließ es ruhig geschehen. Es war das erste
-Mal, daß sich der Recke ihrer blühenden Körperlichkeit so weit
-nähern durfte. Und mitten in dem schweren Druck, den die bängliche Zeit
-verbreitete, da empfand der strotzende Gutsherr in seinem derben, allem
-Grübeln abgeneigten Sinn etwas von der verschämten Üppigkeit
-dieser verhüllten, unberührten Mädchenglieder. Freilich nur eine
-vorüberblitzende Sekunde, denn gleich darauf zuckte das entschwundene
-Leben durch die völlig entrückte Frauengestalt. Widerwillig schnellte
-ihre Schulter empor, schüttelte die fremde Hand als etwas Störendes von
-sich ab, und während sie ihren Blick mit ihrer kühlen Sicherheit gegen
-seine trotz aller Überhebung gutmütigen Knabenaugen richtete, da stieß
-sie kurz und geschäftsmäßig hervor, wie jemand, der endlich auf den Kern
-der Dinge dringen will:
-
-»Na also, Fedor, nur um mich auf alles dies vorzubereiten, deswegen allein
-hast du doch deine Mutter nicht zu der Fahrt veranlaßt? Heraus damit, was
-führst du noch im Schilde?«
-
-Verwünscht, da war wieder eine jener niederträchtig kurzen Fragen, auf
-die seine schwerfällige Unterhaltungsgabe nicht sofort eine Antwort zu
-erteilen wußte. Herrgott ja, man plante ja allerlei Heimliches, sogar seit
-Jahren, man trieb sich viel öfter auf dem Hofe von Maritzken herum, als es
-eigentlich durch die Verwandtschaft oder eine treue Nachbarlichkeit bedingt
-war, weil man eben dachte -- weil man doch zum Schluß wünschte, daß
--- daß -- -- Zum Kuckuck, es wurde eben nichts daraus, weil das große
-blonde Weib, das in der Statur so hübsch zu einem paßte, nichts, aber
-auch gar nichts Entgegenkommendes oder Aufmunterndes zeigte, was einem die
-schwere Sprache vielleicht gelöst hätte. Und auch in diesem drängenden
-Moment hätte der Riese das, was ihn im Grunde bewegte, und was längst
-die Billigung der Frau Mama gefunden hatte, ohne deren Ja und Amen man ja
-schließlich nichts unternehmen konnte, ja, er hätte all das Verborgene
-gerade jetzt viel sachter und zarter einkleiden können. Aber nun, als man
-ihm wieder mit einer solch brüsken Deutlichkeit auf den Leib rückte, da
-vermochte sich der Herr von Sorquitten nur auf den alleräußerlichsten
-Grund zu besinnen, den man im letzten Ende doch nur als guten Vorwand
-aufgespart hatte.
-
-»Was es gibt -- was ich will --,« murmelte er aufgescheucht, wobei seine
-blauen Augen Unterstützung heischend nach dem regungslosen Antlitz seiner
-Mutter hinüberirrten. »Herrgott, Hans, das ist doch klar, das ist doch
-furchtbar einfach.«
-
-»Na, dann sag es doch!«
-
-»Ja, sieh mal, ich meinte -- das heißt, meine alte Dame ist gleichfalls
-der Ansicht -- wenn es losgehen sollte, dann könnt ihr Mädels doch
-unmöglich in der glatten Feuerzone bleiben. Und da hatten wir so ganz
-gemütlich unter uns verabredet, daß es am sichersten wäre, wenn du deine
-Schwestern nach Berlin schicktest. Du selbst aber -- --«
-
-»Nun also?«
-
-»Herrgott, sieh mal, es wäre doch so einfach --«
-
-Indessen das Augenpaar der Ältesten von Maritzken ruhte wieder zu scharf,
-zu kühl und zu forschend auf dem Männerantlitz, als daß Herr von
-Stötteritz, der doch die Charge eines Landwehr-Rittmeisters bei
-den Göben-Ulanen bekleidete, die Gewandtheit besitzen konnte, die
-wohlausgedachte Attacke zu vollenden. Diese niederträchtigen, komischen
-Weibsbilder, was sie einem für Beschwerlichkeiten bereiteten. Es war ein
-reines Glück, daß sich jetzt aus dem Seidenfauteuil das bekannte scharfe
-Räuspern vernehmen ließ.
-
-»Liebe Johanna,« sagte die Frau Mama in ihrer unveränderlich starren
-Haltung, »mein Junge stottert ja leider. Wahrhaftig, er benimmt sich,
-als ob man vor jemandem, dem man zu nützen wünscht, noch einen Fußfall
-machen müßte. Kurz und gut, liebes Kind, so schwer es mir fällt, ich
-habe mich entschlossen, Sorquitten zu verlassen, um während der nächsten
-Zeit in die geschützte Provinzialhauptstadt überzusiedeln. Wir besitzen
-ja dort sowieso ein bescheidenes Absteigequartier. Und da wollte ich dir
-vorschlagen --«
-
-»Jawohl, wir wollten dich bitten,« fiel hier der Sohn, dem alles viel zu
-lange währte, ohne besondere Umstände ein, »wir wollten dich bitten, ob
-du nicht meine Mutter begleiten möchtest.«
-
-»Um Gottes willen, ich?«
-
-»Jawohl, was ist da groß zu überlegen und um Gottes willen,« beharrte
-nun der Gutsbesitzer bereits etwas erhitzt, weil die Cousine nicht sofort
-mit beiden Händen zugriff. »Du bleibst dann für alle Fälle hier in der
-Nähe. Und du könntest dich ja vielleicht auch, um dich zu beschäftigen,
-ein wenig um die Pflege meiner Mutter kümmern.«
-
-So, damit war so ziemlich für die Zukunft vorgesorgt. Und während sich
-Tante Adelheid dem Fenster zuwandte, um eine blaue Taube zu beobachten,
-die auf dem Blech herumstolzierte, da zog sich ihr Sohn gleichfalls den
-nächsten gelbseidenen Fauteuil heran und ließ sich krachend in das
-Polster fallen, als ob nun das schwierige Geschäft in schönster Ordnung
-und beendigt wäre. Gemütlich pfiff er halblaut durch die Zähne, streckte
-die gewaltigen Beine von sich und faltete die Hände kreuzweise über der
-Brust. Jedenfalls hatte man nun seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit
-gegen das störrische, unliebenswürdige Mädel erfüllt. Jetzt konnte sie
-tun, was sie Lust hatte.
-
-Eine lange Zeit erhob sich kein Laut in dem weiten Zimmer, nur ab und
-zu vernahmen die drei Menschen, die sich gegenseitig beobachteten, einen
-eigentümlichen metallischen Ton. Der rührte von der Taube her, die
-draußen auf dem Fensterblech herumpickte. Endlich jedoch wandte sich Frau
-von Stötteritz dem schweigenden Mädchen zu, denn sie fand, daß man der
-Hausherrin nun genug Zeit zur Überlegung gegönnt hätte. Und ihre Stimme
-klang sehr bestimmt und deutlich, als sie sich nun erkundigte, ob ihre
-Nichte innerhalb von zwei Tagen die angekündigte Reise antreten würde.
-Aber wie erstaunten die beiden Adligen, ja Fedors Mutter entsetzte sich
-geradezu, als statt einer Antwort von dem Tisch her ganz plötzlich und
-gegen jede Erwartung ein helles Lachen auftönte, das sich in der scharf
-dagegen absetzenden Stille immer mehr verstärkte, als ob eine innerliche
-Befreiung damit verbunden wäre.
-
-»Aber liebe Johanna, das finde ich doch in hohem Maße eigenartig,«
-suchte sich endlich die alte Dame gegen diese absonderliche Weise zur Wehr
-zu setzen. »Was meinst du, Fedor?«
-
-Jedoch auch der Riese vermochte sich die verletzende Heiterkeit auf einen
-so ernsthaften und gut gemeinten Vorschlag natürlich noch viel weniger zu
-erklären. Stumm und ungläubig streckte er noch immer die Beine weit
-von sich, und nur die gefalteten Hände reckten sich aus, so daß die
-gespreizten Finger ein kurzes Knacken vernehmen ließen.
-
-»Ja, Johanna, Menschenskind, was soll denn das heißen?« vermochte er nur
-undeutlich über die Lippen zu bringen.
-
-Aber jetzt hatte sich endlich die Älteste von Maritzken auf sich selbst
-besonnen. Rasch entschlossen schritt sie auf die alte Dame am Fenster
-zu, und ehe es die Leidende noch hindern konnte, wurde ihr von
-dem Landfräulein kräftig die Rechte gedrückt. Auch eine Art der
-Verständigung, die die Edelfrau nicht schätzte.
-
-»Liebe Tante,« hörte sie dicht vor sich das dunkle Organ ihrer Nichte
-anschwellen, das jede Dämpfung der Unruhe verloren zu haben schien,
-»wirklich, ich merke sehr genau, wieviel Wohlwollen sich hinter deiner
-gütigen Aufforderung verbirgt. Und auch du, bester Vetter,« wandte sie
-sich ein wenig zurück, »bist im Grunde ein guter Kerl. Aber ihr dürft es
-mir nicht übel deuten, daß ich mir die ganze Situation, die so plötzlich
-über mich hereinbricht, nach meiner Gewohnheit im stillen und ungestört
-überlegen möchte. Nicht wahr, ihr seid nicht böse,« fügte sie
-freundlich an, »wenn ich zu diesem Zweck ein paar Schritte auf meinem Hof
-herumlaufe, um mir den Wind ein wenig um den Kopf streichen zu lassen. Dort
-unten befindet sich ja seit alters her meine große Ratsstube. Und ich muß
-erst mehrfach an die Stalltüren geklopft haben, um ganz mit mir einig zu
-sein. Inzwischen schicke ich euch natürlich Marianne oder Isa herein, die
-ihr ja ohnehin noch nicht begrüßt habt. Du erlaubst, liebe Tante.«
-
-Und ohne eine Bestätigung abzuwarten, nickte die bereits Aufbrechende
-ihren beiden betroffenen Verwandten zu und verließ mit ihrem festen,
-majestätischen Gang das große Gemach. Zwischen den Zurückbleibenden
-jedoch entspann sich eine kurze, inhaltsschwere Unterhaltung.
-
-»Siehst du,« bedeutete die Mutter ihrem Sohn, der seinen Blick noch nicht
-von der hohen weißen Tür fortzulenken vermochte, hinter der Johanna eben
-verschwunden war, »wie wenig Anhänglichkeit das Mädchen besitzt? Ich
-glaube, du täuschst dich in ihr. Ihr seid zwar beide im Alter nicht viel
-voneinander geschieden, aber bei ihr erzeugten die Jahre oder auch die
-Gewohnheit des Befehlens eine nicht zu brechende Selbstsicherheit, die
-nicht immer angenehm anmutet. Manchmal kommt sie mir wie ein Stachelzaun
-vor, der jedem Fremden den Weg sperrt.«
-
-»Liebe Mutter, sie ist ein braves, wahres und aufrechtes Geschöpf,«
-verteidigte der Sohn, indem er eine ihm plötzlich über die Stirn
-huschende Röte mit der flachen Hand fortzuwischen strebte, »gerade
-weil sie alle die Firlefanzereien und Maskeraden verachtet, die andere
-Frauenzimmer doch nur anwenden, um anständig unter die Haube zu gelangen,
-deswegen hege ich eine entschiedene Achtung vor ihr.«
-
-»Dagegen habe ich ja auch gar nichts einzuwenden, mein guter Junge,
-ich fürchte nur, es wird bei der gegenseitigen Achtung bleiben. Wie?«
-richtete sich die alte Dame unvermutet auf und schlug unwillig auf ihre
-seidene Tasche, »ein Mann wie du, der Rittmeister von Stötteritz, mein
-Sohn, kann es nicht fertig bringen, daß solch eine dumme Pute ihren Willen
-dem seinigen unterordnet?«
-
-Jetzt sprang der Rittmeister plötzlich auf die Füße, daß das ganze
-Zimmer zitterte.
-
-»Herrgott, wieder solch ein Lärm!« klagte die Kranke.
-
-»Du sollst Johanna nicht immer beschimpfen,« rief der Riese ohne
-Übergang laut und völlig unbekümmert darum, ob er nicht durch drei
-Zimmer hindurch verstanden werden könnte. »Ich mag das nicht. Und
-ob Johanna sich dir anschließen wird oder nicht, das werde ich gleich
-erfahren. Und vielleicht noch Verschiedenes mehr.«
-
-»Gut,« schloß die alte Dame, schlug abermals böse auf ihre Tasche
-und nickte hinter dem schallend Davonstürmenden mit einem Zug des
-Besserwissens in den kalten grauen Augen her, »dann wird ja dieses Hin-
-und Herzerren endlich aufhören. Solche romantischen Unklarheiten hasse ich
-auch bis in den Tod. Sie machen mich direkt krank. Überhaupt -- du bist
-an meinem ganzen Leiden schuld. Lauf du nur, mein Jungchen, lauf nur hinter
-der Marielle drein.«
-
- * * * * *
-
-Johanna stand vor dem geschlossenen Tor des Kuhstalles und klopfte
-wirklich, wie sie es vorher angekündigt, bald leise, bald etwas lauter an
-das altersgeschwärzte Holz. So war sie es immer gewohnt, ihre Gedanken,
-wenn es etwas Wichtiges galt, zu sammeln. Und ihre Leute sowohl als ihre
-Schwestern wichen scheu aus der Nähe des Gutsfräuleins, sobald das
-vielbedeutende Pochen auf dem Anwesen hörbar wurde.
-
-»Jetzt denkt sie sich etwas aus,« hieß es dann.
-
-Allein heute gelangte sie nicht zu der doch so nötigen Sichtung der
-Wirrnis, die draußen im Lande und auch hier in ihrem friedvollen Gehöft
-dicht vor ihren Füßen aufgeschossen war. Gerade die Unruhe, die sie
-zu bezwingen strebte, sie schien bereits auf allen Straßen zu jagen und
-sprengte auch bis zu ihr durch das gewölbte Hoftor herein. Noch ehe
-sie sich über die neue Störung ganz klar werden konnte, fing sie ein
-ungewohntes kurzes Trappeln auf, Hufschläge wurden laut und zu ihrem
-äußersten Befremden sah die Aufgeschreckte, wie ein Offizier in seiner
-Paradeuniform, mit blitzendem Helm und gefolgt von einem ebenfalls
-berittenen Burschen, seinen Braunen dicht vor ihr parierte. Eine schlanke
-Gestalt beugte sich zur Seite und führte grüßend die Rechte an den Helm.
-Gleich darauf sprang der Reiter zur Erde, um sich noch einmal respektvoll
-vor der blonden Gutsbesitzerin zu verneigen. Die Sporen klirrten dabei
-leise zusammen, und in den dunklen Augen des jungen Offiziers wohnte ein so
-deutlich lesbarer Wunsch, ein so unverhülltes, ehrliches Anliegen, wie
-es nur Menschen eigen ist, die durch ein paar kurze Worte über ihr ganzes
-Schicksal die Entscheidung gefällt zu sehen wünschen.
-
-Seltsam, auch dem trotzigen, selbstbewußten Landmädchen schlug einen
-Moment das Herz höher und voller. Aber es war ein erlösendes Gefühl der
-Befriedigung, das sie durchdrang, denn in ihrer Seele blitzte es auf, wie
-mit diesem jungen Reitersmanne die Ehre und die Redlichkeit wieder in ihrem
-Hause Einzug hielten, die sie in trüben Stunden bereits entwichen wähnte.
-Gottlob, ihr war es sofort klar, hier hatte Konsul Bark, der zuverlässige
-Freund, sein Versprechen eingelöst, und zum erstenmal seit langer Zeit
-würden in dem weißen Gutshofe, der sich im Grunde doch nur so schwer
-verwalten und regieren ließ, Glückseligkeit und Jugendwonne aufblühen.
-Zuversichtlich, das mußte geschehen. Das verlangte das große kräftige
-Geschöpf, das selbst keine Wünsche mehr hegte, als unbedingtes Entgelt
-seiner Mühen. Allein, als sie jetzt, ihrer glücklichen Regung folgend,
-dem jungen Offizier, der ihr so ernst und erwartungsvoll gegenüberstand,
-mit einer herzlichen Bewegung die Rechte darbot, da -- welch merkwürdige
-Verkettung -- da verfing sich ihr Blick an dem Goldgefunkel des Adlers
-vor seinem Helm. Und ohne jede weitere Überlegung stürzten all die
-ängstlichen Sorgen, alle unmöglichen, nie gekannten Befürchtungen, vor
-denen ihre klare Vernunft noch eben ins Knie gebrochen, in die eine fast
-willenlos hervorgestoßene Frage zusammen:
-
-»Herr Leutnant, ist es wahr? Gibt es Krieg?«
-
-Auf diese ganz unerwartete Anrede straffte sich die schlanke Gestalt des
-Militärs zusammen, und über sein dunkles, immer von den Schatten des
-Nachdenkens umsponnenes Antlitz fuhr ein heller Schein. Nein, das war nicht
-die wilde Freude des Kriegsmannes, der sein größtes Glück, ja Macht,
-Ehre und eine gesicherte Existenz aus brodelnden Blutdämpfen hervorkochen
-sieht. In seinen reinen und für einen jungen Mann dieser Zeit so
-merkwürdig unberührten Zügen malte sich vielmehr die helle, felsenfeste
-Zuversicht auf das ungetrübte Glück der Menschheit, das sicherlich durch
-keinen noch so unbeschränkten Machtwillen in die Glut und die Greuel
-eines vernunftwidrigen Mordens hinabgestoßen werden konnte. Wahrlich, eine
-innerste Überzeugung strahlte aus seiner warmen, wohltuenden Stimme, als
-er trotz seiner so leicht erklärlichen Befangenheit voller Zuversicht
-ausrief:
-
-»Ganz unmöglich, gnädiges Fräulein! Sie brauchen sich nicht im
-geringsten zu beunruhigen. Meine Kameraden und ich verfolgen natürlich
-gleichfalls die Zeitungsgerüchte, die wieder einmal allerlei Bedrohliches
-melden, mit größter Spannung, aber wir sind sämtlich felsenfest davon
-überzeugt, daß es sich wie gewöhnlich nur um einen papiernen Feldzug
-handelt. Ganz bestimmt, wer den Krieg -- wenigstens durch Studium -- kennt,
-so wie wir, der weiß, welche Ungeheuerlichkeit derjenige begehen würde,
-der ihn um ganz fernliegender Dinge willen entfesselt.«
-
-Da war es Johanna, als wenn ein leichter, erfrischender Wind in eine
-Wand von Staub und Dampf führe, die ihr bis dahin die Aussicht gesperrt.
-Plötzlich tauchte wieder die sonnenbeschienene Gegend vor ihr auf, der
-von weißen Scheunen eingefriedete Hof, herübernickend die dunkelgrünen
-Kastanien des Parks, und zwischen dem gewölbten Eingangstor
-hindurchleuchtend die schmale weiße Landstraße. Selbst das Reitpferd,
-das der Bursche des Offiziers in respektvoller Entfernung an den Hofmauern
-herumführte, erschien der Aufatmenden wie eine Bürgschaft dafür, daß
-das gewohnte Dasein unverändert und ungetrübt an ihr vorüberfließen
-müsse. Und in lebhaft aufwallender Dankbarkeit streckte sie dem Boten des
-Heils noch einmal ihre Rechte entgegen. Der verbeugte sich stumm über den
-dargereichten Fingern. Und da -- welch ein Glück -- das derbe Landmädchen
-griff mitten in die so schwer darzustellenden Pläne hinein, die ihn
-herleiteten.
-
-»Lieber Herr Leutnant Harder,« brachte sie rasch und überstürzt
-mit einem an ihr seltenen Lächeln hervor, »ich weiß, was Sie von mir
-begehren. Wir wollen nicht viel Worte machen. Ich selbst habe Ihren Besuch,
-ja sogar Ihr Anliegen gewünscht, und ich nehme an, daß Ihnen unser
-gemeinschaftlicher Freund, Herr Konsul Bark, von den Erwartungen, die ich
-an Sie stellen zu dürfen glaubte, Mitteilung machte. Verhält sich
-das nicht so, Herr Leutnant?« setzte sie leiser, aber nicht weniger
-vertraulich hinzu.
-
-Fritz Harder war von dem warmen Ton und der aus einem ehrlichen Gemüt
-hervorquillenden Offenheit völlig hingenommen. So, gerade so stellte er
-sich ja ein aufrechtes, unerschrockenes Mädchen vor, das einen glättenden
-und aufrichtenden Einfluß auf ein Männerdasein gewinnen müßte. Und zum
-erstenmal, da er jetzt das Bild dieser Schwester in sich aufnahm, gewahrte
-sein suchender, einfühlender Blick, wie diese hellen blauen Augen
-auch wärmer, inniger und treuer strahlen konnten, als er es von jener
-gefürchteten und immer mit einiger Scheu betrachteten Wächterin erwartet
-hatte. Mein Gott, das war ja eigentlich keineswegs die strenge mütterliche
-Beraterin, so wie sie ihm immer vorgeschwebt. Hier stand ja in Wahrheit ein
-hohes, blühendes Weib, das nur zu unnahbar, zu abgeschlossen lebte, als
-daß sich ein zerstörendes Verlangen bis zu ihr erheben konnte. Und jetzt,
-gerade jetzt sprach jene edel gemeißelte, wunschlose Statue zu ihm so
-redlich, so erkennend, daß ihm das Herz überfloß. Welch ein Glück,
-welch ein teures Pfand für die Zukunft, daß Marianne, diese heiße
-zuckende Flamme, die an seinem Leben fraß, eine solche Schwester, eine
-derartige Hüterin ihr eigen nannte. Und jäh errötend begann er
-sein Anliegen vorzutragen. Um was er eigentlich geworben, in
-unzusammenhängenden Worten, die sich nur schwer zu zerhackten Sätzen
-fügen wollten, das wußten die beiden, die einen so ehrlichen Handel
-miteinander zu schließen gedachten, später kaum mehr anzugeben. Jedem
-von ihnen blieb nur das erlösende Bewußtsein, daß endlich etwas
-Irrlichterlierendes, das sich gegen alle Ordnung sträubte, eine feste und
-redliche Form gewinnen sollte. Plötzlich reichten sich beide noch einmal
-stumm die Hände. In diesem Augenblick wurde die Gutsherrin von Maritzken
-völlig von der Vorstellung beherrscht, daß sie einem großen treuherzigen
-Jungen das begehrte Geschenk mit mütterlicher Sorgsamkeit überreiche.
-
-»Wir sind einig, mein lieber Herr Leutnant,« schloß sie einfach, indem
-noch immer das gute Lächeln um ihre Lippen schwebte. »Und nun eilen Sie
-nur, damit Sie auch derjenigen Ihre Wünsche auseinandersetzen können, mit
-der Ihnen eine Unterhaltung gewiß viel erfreulicher und amüsanter sein
-wird, als mit mir. Nein, nein, lieber Fritz Harder,« sträubte sie sich
-beinahe schelmisch, als der junge Offizier ein paar verlegene Komplimente
-zu stammeln gedachte, »das ist ja alles so natürlich. Ich weiß
-auch, daß Sie mit meiner Schwester Marianne nicht die erste derartige
-Besprechung pflegen. Nicht wahr? Aber darüber wollen wir heute nicht
-mehr rechten. Um es Ihnen zu erleichtern, werde ich Marianne gleich
-herunterbitten lassen.«
-
-Allein nach einiger Zeit kehrte das zu diesem Zweck ausgesandte Mädchen
-zurück und berichtete, daß die Gesuchte weder in ihrem Zimmer noch bei
-den Gästen aus Sorquitten zu finden wäre.
-
-»Das ist merkwürdig,« meinte Johanna sich besinnend, »mir war es doch
-so, als wenn ich noch eben hinter den Fenstern des ersten Stockwerks die
-dunklen Haare meiner Schwester erkannt hätte.«
-
-Und als der Offizier, der sich in seiner Hast vergaß, dieselbe Wahrnehmung
-bestätigte, da hob das Gutsfräulein ein wenig überlegen die Achsel, um
-ihrem neuen Schützling, immer mit derselben Gutmütigkeit, zu raten:
-
-»Also, lieber Herr Leutnant, dann schlage ich Ihnen vor, sich selbst auf
-die Suche zu begeben. Ich darf ja annehmen, daß Sie über die geeigneten
-Schlupfwinkel, Waldhänge und Haselnußhaine auf meinem Gute ausreichend
-orientiert sind. Nicht wahr?« lachte sie plötzlich ganz offen, wobei
-sie sich an der Betroffenheit des Überraschten wie an einem äußerst
-gelungenen Scherz zu weiden begann. »Gehen Sie nur, Fritz Harder, ich bin
-überzeugt, Sie werden das, was Sie suchen, mit militärischer Sicherheit
-finden.«
-
- * * * * *
-
-Fritz Harder folgte einem grünen Schatten. Er sah ihn bald durch die
-braunscholligen Einschnitte hochstehender Weizenfelder dahinhuschen,
-bald glaubte er den flüchtigen Schein wieder rastend an den dunklen
-Einbuchtungen eines träumenden Gehölzes hängen zu sehen. Er suchte ihn
-zu haschen, ja er rief manchmal leise einen Namen, der sein ganzes Gemüt
-ausfüllte, allein immer, sobald er die Stelle erreichte, wo eben die
-Ähren wie nach einer entschwundenen Berührung schwankten, dann fand er,
-daß er von dem trügerischen grünen Schimmer abermals getäuscht sei.
-Allmählich hatte der einsam Wandelnde jene Wiesengrenze erreicht, an
-der sich der schmale Haselnußgang dahinschlängelte. Hier an einer
-halb verfallenen Moosbank, die so oft Zeugin eines heimlichen kosenden
-Geflüsters gewesen, ließ sich der junge Offizier nieder und schickte
-seine Blicke noch spähender als bisher durch das dunkle, wild
-verschlungene Gestrüpp.
-
-Nichts.
-
-Es war wohl nur eine Vorspiegelung seiner nicht mehr nüchternen Sinne,
-daß es ihm wieder vorkam, als ob der grüne Schatten, dem er nachjagte,
-noch eben geschmeidig durch ein Ästegerank hindurchgeschlüpft sei.
-
-Nein, nein, hier gab er sicherlich einem völlig unhaltbaren Verdacht
-nach, der ihm eigentlich nie und nimmer aufsteigen durfte. Lächerlich,
-wie konnte er nur wähnen, daß das Geschöpf, das er für immer an sich
-zu ketten trachtete, gerade in dem entscheidenden Augenblick ihres
-beiderseitigen Daseins ihm in einer unbegreiflichen Laune zu entweichen
-suchte. Ganz sicher, diese ewigen häßlichen Befürchtungen hatten sein
-harmloses Gemüt bereits aus der Bahn gerissen. Zu viel und zu eindringlich
-war von ihm über seine Zeit nachgegrübelt worden, von der er zweifellos
-mit Unrecht argwöhnte, daß sie den oberflächlichen und spielerischen
-Bedürfnissen ihrer Kinder zu gefällig entgegenkäme. Fort, fort damit,
-das wäre ja keine deutsche Frau, der man im Ernst etwas Derartiges
-zutrauen durfte.
-
-Entschlossen, befreit erhob er sich und verlor sich erhitzt in das tiefe
-Gehölz, durch dessen niedriges, eng verschlungenes Dach die Sonnenstrahlen
-nur wie winzige goldene Käfer hindurchkrochen.
-
- * * * * *
-
-An der rissigen Tür des Kuhstalles lehnte die Hofbesitzerin, und während
-über ihr blasses Antlitz noch immer jener still zufriedene Schein
-glänzte, da pochte sie von neuem selbstvergessen gegen das trockene Holz.
-Diesmal aber klang es munter und beschwingt, und der kecke Trommelschlag
-ging allmählich in ein Marschtempo über, so daß jeder erkennen
-konnte, wie zuversichtlich und bestimmt die Gedanken der Gutsherrin über
-Vergangenes und Zukünftiges schweiften.
-
-»So, nu laß aber mal das Trommeln,« forderte plötzlich eine energische
-Stimme neben ihr, und als sie, aus ihren Träumen gerissen, das blonde
-Haupt ein wenig wandte, da mußte sie zu ihrer eigenen Erheiterung
-wahrnehmen, wie der Riese von Sorquitten in seinem gelben Sportanzug
-ebenfalls den mächtigen Rücken gegen die Stalltür drängte; und nun
-stand er mit leicht überschlagenen Beinen da, ohne es jedoch natürlich
-für nötig zu halten, die gewaltigen Fäuste aus den Taschen zu ziehen.
-»Du stellst dir wohl vor,« fragte er ruhig weiter, »wie das hier
-sein wird, wenn das Gesindel von dort drüben auf seinen Kalbsfellen
-Generalmarsch schlägt? Die verfluchten Hunde!« Und während er
-angelegentlich auf seine gelben Schnürstiefel herunterstarrte, murmelte er
-in angenommener Gleichgültigkeit: »Sag mal, Johanna, jetzt könntest du
-doch endlich deine weisen Pläne gefaßt haben. Willst du nun meine alte
-Dame begleiten?«
-
-Es klang durchaus nicht so, als ob der große Mensch in Herzensangst um ihr
-Schicksal bebte. Darin bestand ja ohnehin nicht seine Art, sobald es
-sich um andere handelte. Aber die große Blonde wurde doch von einer
-vorüberhuschenden Rührung erfaßt, als sie sich vorstellte, daß sich
-überhaupt ein Mensch um ihr Wohlergehen bekümmere.
-
-»Fedor,« begann sie deshalb zutraulich, »entdecke mir mal ganz offen,
-lieber Junge, weshalb du dich so bemühst, mich von hier fortzulocken?
-Liegt dir wirklich bloß daran, eine passende Gesellschaft für deine
-Mutter zu finden? Oder wäre es dir im Ernst peinlich, wenn ich durch eine
-fremde Einquartierung Unannehmlichkeiten erführe?«
-
-»Na, natürlich wäre es mir peinlich,« brummte Herr von Stötteritz,
-zog den einen Schuh noch etwas weiter in die Höhe und klopfte sich
-angelegentlich den Staub ab. Und indem er etwas möglichst Gleichgültiges
-zu erfassen strebte, stieß er noch hervor: »Vor allen Dingen möchte ich
-selbstverständlich den Lumpen den Spaß versalzen, einer mir nahestehenden
-Dame hier irgend etwas vorschreiben oder gar befehlen zu wollen.«
-
-»So so, daran denkst du,« meinte Johanna schon um vieles mehr
-ernüchtert. »Wenn ich dir nun aber anvertraue, daß ich an dieses ganze
-Kriegsmärchen keineswegs glaube, was dann?«
-
-Der Riese ließ sich gegen die Stalltür fallen, daß sich ein dumpfes
-Dröhnen erhob.
-
-»Dann erkläre ich dir,« sprudelte er ihr ungehalten entgegen, »daß du
-eine halsstarrige Person bist, die für derartige Dinge nicht das richtige
-Verständnis besitzt.«
-
-»Ach, sieh einmal, was du liebenswürdig sein kannst!«
-
-»Aber ich will ja gar nicht liebenswürdig sein,« schrie jetzt der Riese
-außer sich, der völlig vergaß, daß ihn ursprünglich eine viel zartere
-Absicht hierher geleitet, »ich will ja bloß, daß hier alles nach Ordnung
-und Recht zugeht, damit du keinen Schaden leidest.«
-
-»Dafür danke ich dir,« versetzte Johanna, indem sie wieder in ihre
-kühle und unnahbare Haltung zurückfiel, denn die derbe Weise des
-Rittmeisters empörte sie innerlich. »Aber da ich mir einmal angemaßt
-habe, meine Wirtschaft nach eigenem Gutdünken zu leiten, so mußt du es
-mir auch anheimstellen, ob ich es für richtig halte, mein Anwesen ohne
-Aufsicht zu lassen.«
-
-»Donnerwetter ja,« fuhr jetzt der Riese auf und schlug mit geballter
-Faust gegen das Holztor, »mein Inspektor und ich können das doch auch
-besorgen?«
-
-»Ja gewiß,« wollte die Angegriffene hier abermals einlenken, jedoch der
-völlige Mangel an Selbstbeherrschung, den der Gutsbesitzer so polternd
-bewies, er löschte ihr das Verständnis für die verborgene Gutmütigkeit,
-die seinen Absichten zugrunde lag, von neuem aus. »Ja gewiß, Fedor,« gab
-sie zu, »ich empfinde dein Anerbieten als sehr uneigennützig, aber meine
-Leute sind zu sehr an meine eigene Behandlung gewöhnt, als daß ich sie
-gerade in den Zeiten der Not einer schärferen Methode aussetzen möchte.«
-
-»Aha!« Herr von Stötteritz stieß einen gellenden Pfiff aus. »Daher
-geht der Wind,« lachte er ingrimmig, »du hast unausgesetzt an mir etwas
-herumzutadeln. Die ganze Richtung paßt dir nicht, wie, Cousinchen? Das
-Junkertum, wie du es nennst, das Echt-Preußische? So sage es doch, nicht
-wahr, das kannst du nicht leiden?«
-
-Über der Stirn des Mädchens zogen ein paar Falten auf. Sie sah wieder
-sehr herb und ablehnend aus, als sie jetzt kurz hervorbrachte:
-
-»Ich weiß zwar nicht, was dir an meiner Ansicht liegt, aber wenn du
-darauf bestehst -- nun ja, ich kann mir manches anziehender vorstellen, als
-die von dir bezeichnete Art.«
-
-»So, das wollte ich nur wissen,« knurrte der Herr von Sorquitten, dem
-es trotz der aufsteigenden Enttäuschung so vorkam, als ob er eine
-widerwärtige Schulaufgabe endlich erledigt hätte. »Dann brauchen wir ja
-nicht mehr länger das abgeleierte Thema abzuhaspeln. Du glaubst uns
-nicht und hast wahrscheinlich Ratgeber, die die Lage viel gründlicher
-zu beurteilen vermögen, als solch beschränkte Stoppelhopser. Schön,
-Mariellchen, ich wünsche natürlich in unser aller Interesse, daß diese
-superklugen Leute recht behalten. Inzwischen wirst du mir wohl beistimmen,
-wenn ich für meine alte Dame anspannen lasse. Ich habe vor Tisch nämlich
-dort drüben in Sorquitten noch Verschiedenes anzuordnen. In meiner
-wenig anziehenden Art, natürlich. Na, mir bleibt wenigstens der Trost,
-Cousinchen, daß dir über den schnellen Abschied nicht das Herz brechen
-wird, was?« Damit richtete sich Herr von Stötteritz auf, schüttelte
-sich, als wenn er in der trockenen Luft von einem Platzregen durchnäßt
-wäre, und rief schallend über den Hof nach seinem Kutscher.
-
-Mächtig ausholenden Schrittes suchte er den Hauseingang zu erreichen, um
-seine Mutter von der bevorstehenden Abfahrt zu unterrichten, jedoch mitten
-zwischen den Pfosten sah er sich noch einmal zurückgehalten. Dicht
-neben ihm stand Johanna, und sie griff jetzt rasch nach dem Arm des sie
-Überragenden, um ihn ein wenig hin und her zu zausen, als ob sie den
-Unwirschen zur Besinnung zu bringen wünsche.
-
-»Fedor, du wirst doch wegen einer solch kleinen Meinungsverschiedenheit
-nicht böse sein?« mahnte sie eindringlich.
-
-Der Riese sah sie ungewiß von der Seite an, knurrte etwas
-Unverständliches, aber ihr herzlicher Ton verfehlte nicht den
-beabsichtigten Eindruck.
-
-»Fällt mir ja gar nicht ein,« rang er sich noch immer etwas unwillig
-ab, obwohl ihm dieses verdammte Schuljungengefühl unter ihren Augen nicht
-recht weichen wollte. »Wieso böse? Habe für solche Geschichten wie
-Familienfehde oder dergleichen absolut kein Verständnis. Im übrigen
-bist du ja auch eine ausgewachsene Person, und meine Mutter sagt immer
-›aufgenötigte Suppe schmeckt schlecht‹. Also lassen wir's! -- He,«
-rief er laut aus der Tür heraus, »Friedrich, fahr' mal hier vor,
-ganz dicht ran. Und du, Hans,« wandte er sich in seinem gewöhnlichen
-Befehlshaberton zu seiner Begleiterin, »laß mal auf der Stelle den
-Tritt hinsetzen. Meine alte Dame behauptet sonst wieder, sie wäre keine
-Seiltänzerin. Also allons, Kinder, ein bißchen Musik in die Knochen, und
-dalli, dalli.«
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Dicht an der Chaussee, die sich an Maritzken vorüberschlängelte, hart
-an der Grenze eines hochwogenden, schwer nickenden Weizenfeldes, da gab
-es einen lauschigen, einen heimlichen Platz. Ein alter, verkrüppelter
-Kirschbaum senkte hier sein Geäst so niedrig und struppig herab, daß
-unter seinem Dach kühler, wohltuender Schatten wohnte, selbst wenn um ihn
-herum das heiße Sonnenlicht in Wogen über die Landstraße fortspülte.
-Die astumzäunte Rundung war so recht ein Schlupfwinkel, um sich dort
-verkriechen und zwischen den herniederhängenden Zweigen hindurchblinzeln
-zu können, auf alles, was sich auf der Landstraße begab. Hier hatte der
-Rotkopf der Grothe-Marjellen, die kleine Isa, als sie noch kurze Kleider
-trug, oft wie ein Hund zusammengekauert gelegen, und es war ein herrliches
-Vergnügen gewesen, wenn sie den vorüberlaufenden Dorfjungen aus ihrem
-sicheren Versteck heraus kleine Kieselsteinchen gegen die Mützen
-werfen durfte. Hei, und wie gut sie treffen konnte! Ja, das verstand sie
-wundervoll. Und so oft eine der plumpen Kopfbedeckungen in den weißen
-Sand rollte und vom Wind noch überdies wie ein kurbelndes Rad hinweggefegt
-wurde, dann war unter den Kirschbaumzweigen in früheren Zeiten häufig
-ein verdecktes Lachen aufgequollen, ein unbestimmbares, schadenfrohes,
-kaum vernehmliches Jauchzen, das auf Mitleidsempfindungen der versteckten
-Übeltäterin keine allzu bestimmten Rückschlüsse freigab. Inzwischen war
-Fräulein Isa jedoch eine junge Dame geworden. Und wenn auch ihre Gewänder
-noch manchmal wild und zerknittert an der geschmeidigen, gertenhaften
-Gestalt herabflatterten, und obwohl es dem Rotkopf noch immer keine Sorgen
-bereitete, sich gelegentlich unter den alten Kirschbaum mit aufgestützten
-Ellenbogen auf das grüne Wiesengras zu betten, bis die Feuchtigkeit kalt
-an ihrer Brust zitterte, -- seit ein paar Wochen war ihr leider selbst
-diese harmlose Erfrischung von der ältesten Schwester, die so gar kein
-Verständnis für derartige Freuden besaß, verkümmert worden. Eines
-Morgens lehnte nämlich eine grün angestrichene Bretterbank an dem alten
-Kirschenstamm, und seit dieser unwillkommenen Entdeckung saß Isa Grothe
-zur heißen Mittagszeit lässig vornübergebeugt auf dem neuen Sitz und
-ließ ihre braunen Goldaugen gierig auf einem gelben Büchlein in ihrem
-Schoße ruhen, das sie ihrer sorglosen Schwester Marianne heimlich
-entwendet. Himmel, da standen ganz absonderlich verirrte Dinge drin, die
-Fräulein Isa selbstverständlich längst ahnte und billigte, von denen
-sie jedoch nie geglaubt hätte, daß sie das Blut so angenehm aufpeitschen
-könnten. Selbst hier draußen auf dem langweiligen Lande.
-
-Langsam röteten sich die Wangen in dem feinen Gesichtchen, und ab und zu
-riß das junge Geschöpf halb unbewußt heftig an den herniederhängenden
-Zweigen herum, als ob sie unwillig sei oder irgend etwas nicht mehr länger
-erwarten könne. Der Kirschbaum rauschte dann über ihr, und hereinfallende
-Sonnenstrahlen schossen wie weißglühende Pfeile über das gelbe Buch
-fort, bis Fräulein Isa gestört mit der Hand nach ihnen schlug.
-
-Eben zupfte die wohlgepflegte weiße Hand in den Blättern herum, denn
-die Leserin konnte vor fieberhafter Neugier nicht erwarten, die nächsten
-Seiten umzuwenden, da knisterte etwas in den Zweigen, ein Schatten fiel
-dunkel und verdeckend auf das Buch, und die Emporzuckende erkannte mit
-einem leisen Ruf der Überraschung, wie eine Frauengestalt sich eilfertig
-von der Seite durch die herabhängenden Äste hindurchdrängte.
-
-Im nächsten Moment hatte die Kleine zuvörderst das geraubte Buch unter
-die Bank geworfen.
-
-»Marianne!«
-
-»Jawohl, guten Tag, Isa.«
-
-»Guten Tag. Wie kommst du hierher?«
-
-»Ich?«
-
-Die Brust der sonst so unempfindlichen Marianne atmete stark, es schien,
-als hätte sie einen heftigen Lauf hinter sich. Ja sogar der keck
-geschnittene enge Lodenrock zeigte Spuren von Gräsern und Kletten, die an
-ihm hängen geblieben waren. Dazu blitzten die schwarzen Augen, und aus
-den dunklen Haaren hingen ein paar Löckchen regellos in den Nacken hinab.
-Hastig stützte sich das schöne Mädchen mit der Rechten auf die Banklehne
-und beugte sich spähend vor, so daß ihre weiße Leinenbluse beinahe die
-Wange der Schwester streifte.
-
-»Isa,« flüsterte sie hastig, »dort hinten kommt jemand, der mich
-sucht.«
-
-Jetzt warf auch die Jüngere einen schnellen Blick auf den Feldweg, der
-hinter dem Kirschbaum quer auf die Landstraße zustrebte, und ganz fern,
-schon in den tanzenden Sonnennebeln, erkannte sie das gleißende Funkeln
-einer Uniform.
-
-»Ich weiß, wer dich sucht,« sagte sie sehr bestimmt, und in den großen
-Goldaugen schwamm ein Ausdruck, als ob das junge Ding die sonderbare Lage
-durchaus begriffe.
-
-»Jawohl, Fritz Harder,« fiel hier Marianne ungeduldig ein, »wenn er
-dich etwa anreden sollte, dann bitte erzähle nicht, daß du mich gesehen
-hättest. Kann ich mich darauf verlassen?«
-
-Auf diese dringende Frage erteilte die Siebzehnjährige keine Antwort. Aber
-über ihre Wangen ging es wie ein Schauer von Röte und Blässe, und in den
-weit aufgetanenen Augen schimmerte etwas Ernstes, ja beinahe Ängstliches,
-was zu dem schnippischen Wesen der frühreifen jungen Dame kaum zu passen
-schien. Ihre Fäuste ballten sich, und es war ein abschätzender Blick,
-mit dem sie ihre ältere Schwester, die so völlig ihr Gleichmaß verloren
-hatte, vom Kopf bis zu den Zehen musterte. Der kleine zuckende Mund jedoch
-öffnete sich nicht, und so dauerte das unerwartete Schweigen fort.
-
-»Du hast mich wohl nicht verstanden?« drängte Marianne ungehalten
-weiter, und indem die Eilfertige den straff herabgestreckten Arm der
-Jüngeren schüttelte, als wollte sie ihre eigene Gegenwart dadurch
-deutlicher bekunden, schärfte sie der unwillig sich Reckenden mit heißer
-Stimme noch einmal ein: »Du wirst also nicht sagen, daß ich hier vorüber
-ging.« In jähem Übergang preßte Marianne plötzlich ihre Wange gegen
-die der Kleinen, umfing sie mit beiden Armen, drückte sie an sich und
-schmeichelte immer noch mit mühsam erkämpftem Atem: »Nicht wahr, mein
-Liebling, du tust mir den Gefallen? Es ist alles nur ein Scherz, verstehst
-du? Du wirst mich nicht verraten, nicht?«
-
-Da wand sich Isa los. »Ich werde gar nichts sagen,« erklärte sie kurz,
-während sie sich mit einer jugendlich eckigen Bewegung wieder auf die Bank
-niederließ. »Was gehen mich deine Spielereien an?«
-
-Und in einem plötzlichen Rache- und Machtgefühl bückte sich der
-geschmeidige Körper, holte das versteckte Buch hervor und indem sie es
-recht sichtbarlich ins Sonnenlicht hielt, vertiefte sie sich scheinbar
-von neuem eifrig in die unterbrochene Lektüre. Marianne aber zuckte
-geringschätzig die Achsel, als bedaure sie es jetzt, an diese
-Halbwüchsige soviel Verführungskünste verschwendet zu haben, dann
-krümmte auch sie ihre Glieder zusammen, um sich im nächsten Augenblick
-geschickt und tief gebeugt in dem ausgetrockneten Graben von dannen zu
-schleichen.
-
-Kaum war sie verschwunden, da riß Isa die Zweige des Kirschbaums
-auseinander, und während sie ihren Rotkopf hastig durch die Öffnung
-steckte, warf sie der Enteilenden in weitem Schwung ein Erdklümpchen nach,
-das sie vorher von der Rasenfläche aufgelesen. Gleich darauf sank sie
-freilich auf ihrem Sitz zusammen, schlug die Füße übereinander und ließ
-das leuchtende Haupt langsam auf die harte Banklehne sinken. Angestrengt
-schien sie über ein nicht lösbares Rätsel nachzusinnen.
-
-Es waren die Disharmonien des Lebens, die sich vor den Ohren der
-Erwachenden noch nicht einfügen wollten in die bald schauerlichen, bald
-heiteren Melodien, die heimlich und stark in ihr klangen.
-
- * * * * *
-
-Minute auf Minute verrann, die Uniform, auf die die Versteckte harrte, sie
-wollte sich nicht zeigen. Längst hatte sich Isa wieder erhoben, um ihre
-scharfen Blicke hierhin und dorthin schweifen zu lassen, vergeblich. Feld,
-Steg und Wiese blieben leer. Und die Halbwüchsige überlegte. Sollte der
-Offizier etwa noch einmal in das Herrenhaus zurückgekehrt sein? Ei, das
-wäre geradezu prachtvoll, wenn der ahnungslose junge Mensch dann mit der
-anspruchsvollen launenhaften Person womöglich in Gegenwart von Johanna
-zusammenstieße. Denn darin glaubte sich der feine Verstand der Jüngsten
-von Maritzken nicht zu täuschen, daß ein so in sich versunkener
-und ernster Mensch, wie es Fritz Harder war, niemals die verstiegenen
-Ansprüche ihrer eitlen Schwester befriedigen könnte. Ein Geschöpf, das
-beinahe eine Stunde zu einer Frisur benötigte! Und wie dumm und ungebildet
-Marianne im Grunde dahinlebte. Blieb es nicht unbegreiflich, daß ein Mann
-wie Fritz Harder, ein Offizier, der sich den höchsten und entlegensten
-Dingen so ernst und strebsam hingab, war es faßbar, daß ein solcher wie
-bezaubert und entrückt mit brennenden Augen und weit vorgebeugt vor einer
-so lockeren und inhaltslosen Kokette sitzen konnte? Darin bestand also doch
-wohl die Bestimmung und die höchste Macht der Frau.
-
-Und wieder rieselte es kalt an den Gliedern der Versonnenen hinab, und sie
-griff so heftig in die Zweige des Kirschbaumes, als wollte sie ihr eigenes
-sehnsüchtig erwartetes Schicksal auf ihr Kinderhaupt herunterreißen.
-
-»Sagen Sie mal, verehrungswürdige Jugend, für wen gedenken Sie diese
-schönen Weichselkirschen zu pflücken?« schlug plötzlich eine feste
-Männerstimme in den schweren Traum des Mädchens hinein.
-
-Und erschreckt in die Höhe fahrend, erkannte Isa in völliger Verwirrung,
-wie dicht vor ihr auf der Chaussee der geräumige Landauer des Konsul Bark
-hielt. Auf weichen Gummirädern mußte das Gefährt lautlos bis
-hierher gerollt sein, und die beiden Apfelschimmel mit dem strahlenden
-Silbergeschirr riefen wie immer das stürmische Wohlgefallen von Fräulein
-Isa hervor, die sich heimlich für alles, was ein sicher fundierter
-Reichtum bot, begeistern konnte.
-
-»Herr Konsul Bark,« rief sie so liebenswürdig als möglich, nicht jedoch
-bevor sie sich das blaue Leinenkleid halb unbewußt an den schmalen Hüften
-zurechtgestrichen hatte. Immer wieder verfiel sie in den Fehler, dem
-eleganten älteren Manne, der auch jetzt in seinem fast weißen Staubmantel
-und dem grünen Filzhut so überaus gewählt und vornehm aussah, durchaus
-ihre Damenhaftigkeit einprägen zu wollen. »Herr Konsul Bark, kommen Sie
-uns bereits abholen?«
-
-»Zu Befehl, wir haben ja noch zwei gute Stunden zu fahren. Und die
-Toilettenangelegenheiten« -- er beugte sich vor, legte die Hand quer über
-die Augen, um die Sonnenstrahlen abzuwehren, und musterte die Kleine mit
-einem ziemlich sorglosen Blick -- »na, die scheinen mir ja auch noch nicht
-auf dem höchsten Gipfel der Erreichbarkeit angelangt zu sein. Hören
-Sie mal, Rotfüchschen,« meinte er gemütlich weiter, während er an den
-Grabenbord heranschritt und ihr über die Breite die Hand entgegenstreckte,
-als ob er ihr behilflich sein wolle, »Sie schießen übrigens wie Spargel
-in die Höhe!«
-
-Isa hatte schon zum Sprung angesetzt, jetzt zögerte sie plötzlich. Sie
-bettete ihre Hände auf den Rücken, und die Lippen, die so merkwürdig
-rot und blühend aus dem blassen Mädchenantlitz hervorleuchteten, zuckten
-ungehalten über der Zahnreihe.
-
-»Herr Konsul, ich finde,« lachte sie über den trennenden Graben
-herüber, aber es klang doch deutlich der Unmut heraus, »daß mein Haar
-Ihre Phantasie direkt in Aufregung versetzt. Wenn Sie es durchaus nicht
-leiden mögen, so könnte ich ja vor Ihnen immer im Hut erscheinen.«
-
-»Aber liebstes Kleinchen,« beschwichtigte der Konsul ganz verwundert, der
-nicht im Traum daran gedacht hatte, die Jüngste von Maritzken verletzen
-zu wollen, »Ihr Haar ist ja im Gegenteil von erlesener Kostbarkeit.
-Also, wenn ich jünger wäre, würde ich wahrscheinlich Gedichte darauf
-verfertigen. So, nun aber hopsen Sie mal hier herüber, Isa, und setzen Sie
-sich hübsch artig neben mich in den Wagen, ich bitte es mir nämlich als
-besondere Ehre und Vergünstigung aus, die frisch gewaschene, übrigens
-sehr appetitliche blaue Leinenbluse im Trab nach Hause fahren zu dürfen.«
-
-Damit beugte er sich noch etwas schräger über den Graben und ergriff
-ohne weitere Umstände die schmale Jungfrauenhand, die sich ihm plötzlich
-willig und leicht entgegenstreckte. Mit einem Sprung war das Mädchen im
-Wagen. Wohlig schmiegte sie sich in die hellgrauen Tuchkissen und lugte
-abermals verstohlen auf den weißen Staubmantel dicht neben sich, der ihr
-so kleidsam erschien. Lautlos rollte das Gefährt dahin. Als ob es
-über einen Teppich von Samt fortglitte. Es war ein zu eigenartiges und
-köstliches Gefühl, diese weiche Bewegung auf sich wirken zu lassen. Allen
-Gliedern teilte sie sich angenehm und kosend mit. Träumerisch ließ das
-Mädchen die feinen Härchen der Weizenähre, die sie kurz vorher vom
-Grabenbord abgepflückt hatte, in ihrem Handteller kreisen, um sich bei
-klarem Bewußtsein zu erhalten. Gar zu leicht lief man doch Gefahr, unter
-dem wohlig spielenden Sonnenlicht den spinnenden Träumen zu erliegen. Sie
-drehte die Ähre stärker und zuckte ein wenig, als sie den leisen Wirbel
-der Reibung empfand. Und wie frisch und wohlgepflegt der Mann da neben ihr
-aussah! Nur schade, daß seine prüfenden Blicke nicht abließen, musternd
-und schätzend über die gelben Weizenfelder und die eben aufknospende
-Kleefrucht zu schweifen, über der es bereits lag wie ein rötlicher oder
-bläulicher Hauch. Über den Spiegel eines fernen Landsees kreiste im Bogen
-eine Schar vom Meer hierher verschlagener Möwen, und ganz in der Nähe
-taumelte eine Wolke gelber Zitronenfalter über die süß duftende Flur.
-
-»Herr Konsul, hören Sie die Spottdrossel?« begann Fräulein Isa
-empfindsam.
-
-Der Mann im weißen Mantel neigte sich zu ihr, so daß ihm die Kleine ganz
-verwirrt in das schmale Gesicht starren mußte. Aber gleich darauf empfand
-sie, wie seine Finger ihr den gelben Weizenhalm entwanden, um geschickt die
-Ähre ihrer Körner zu berauben.
-
-»Schön,« sagte er befriedigt, »voll und gut schüttend.«
-
-»Hm --«
-
-Die junge Dame im Wagen schlug rasch die Füße übereinander und wippte
-ein wenig mit den braunen Halbschuhen. Es war klar, besonders zarten
-Empfindungen gab sich ein solch älterer Mann nicht hin. Und wie er jetzt
-die gelben Körner von seinen festen braunen Fahrglacés abschüttelte, da
-fielen seiner Begleiterin all die aufregenden Gerüchte ein, die man sich
-schon in der Mädchenschule dort drinnen in der Stadt unweit der Grenze
-erschreckt und erwartungsvoll zugleich über den eleganten Besitzer des
-Goldenen Bechers zugeraunt hatte. Oh ja, sie konnte sich den Konsul ganz
-gut so vorstellen. Und ohne daß sie es selbst ahnte, blieben ihre Augen
-immer größer an den feinen gebräunten Männerzügen haften.
-
-»Na, Kleinchen, ist hier etwas nicht in Ordnung?« erkundigte sich ihr
-Begleiter endlich gestört, indem er mit der flachen Hand ein wenig über
-seine glatte Wange streifte.
-
-Da schrak sie zurück. Herrgott, der Geschäftsmann mußte sie tatsächlich
-für ein absolut albernes Ding halten. Und sehr kühl erteilte sie die
-Antwort:
-
-»Oh nein, Herr Konsul, ich habe gar nicht an Sie gedacht.«
-
-»So, so, Isachen, das ist mir aber sehr schmerzlich. Übrigens, sagen Sie
-mal, mein Kind, schwatzen etwa Ihre Leute auch soviel dummes Zeug über
-einen Kriegsausbruch, der uns nahe bevorstehen soll? Ich hoffe, Ihre
-Schwester Johanna verbietet solche Redereien?«
-
-Als das gefürchtete Wort laut wurde, jene wenigen Silben, die sich gerade
-in dieses verwöhnte Mädchen wie ein fressendes Gift hineinbissen, da
-steigerte sich die in ihr aufgescheuchte Angst bis zu einer Art sausender
-Wahnvorstellung. Kreidebleich mußte sie das Haupt herumwerfen, der
-unbestimmten Gegend zu, von woher die langberockten Reiterscharen
-hervorbrechen konnten. Sie hörte den donnernden Hufschlag, ein
-kreischendes Brüllen schrillte verworren über die ruhigen Wälder,
-und ganz hinten auf der Chaussee ballte sich eine schwarze, auf- und
-niedertauchende Masse zusammen. Verschwunden, fortgewirbelt waren all die
-mädchenhaften Unklarheiten, die sie eben noch so reizend bedrängt
-und beschäftigt hatten. Mit einem klagenden Ruf, aus dem nur eine fast
-irrsinnige Furcht deutlich wurde, umklammerte sie den Arm des Konsuls,
-schmiegte sich ganz dicht an ihn, als ob sie nichts weiter verlange, nichts
-weiter, als nur Schutz und Deckung für ihr bedrohtes Leben, und stammelte
-vollkommen fassungslos:
-
-»Nicht wahr, Herr Konsul, liebster, bester Herr Konsul, es ist doch nicht
-wahr? Es ist doch nicht möglich, daß so etwas geschehen kann? Sagen Sie
-es doch!«
-
-»Herrgott, liebes Kind -- --«
-
-Der aus allen Himmeln gerissene Mann empfand ein wirkliches Mitleid mit dem
-verschüchterten schmächtigen Geschöpf, das im Moment sein Haupt so fest
-und drängend gegen seine Brust bettete, daß er beinahe das Zucken und
-Pochen der Stirnadern zu spüren wähnte. Und aus voller Überzeugung
-begann er laut zu lachen. Nichts hätte so tröstlich auf die aus ihrer
-eingebildeten Überlegenheit Gescheuchte wirken können, wie dieses
-unbekümmerte, kräftige Männerlachen. Wie durch Zauberschlag verstummte
-das unheimliche Dröhnen hinter dem Wagen, und das wirre Gekreisch, das
-eben noch jeden vernünftigen Gedanken niedergeheult, es löste sich auf in
-das sanfte Rollen der Räder.
-
-»Herrgott, bestes Kleinchen,« tröstete sie der Konsul inzwischen in
-ehrlicher Besorgnis weiter, und er achtete selbst nicht darauf, wie er bei
-seinen Bemühungen den Arm um die Schulter der Zitternden legte und ihr wie
-einem kleinen Kinde begütigend die Wangen zu klopfen begann, »hätte ich
-doch niemals geglaubt, daß Sie ein solcher Angsthase sind. Ich versichere
-Sie, es ist ja alles die reinste Torheit. Lieber Himmel, wie soll ich Ihnen
-das nur klar machen? Sehen Sie, Isa, wenn Sie ein Kaufmann wären, wie
-ich, dann würden Sie ja selbst wissen, daß unsere Nachbarn direkt
-ins Irrenhaus gesperrt werden müßten, wenn sie ihren Handel und ihre
-Industrie, die eben erst anfangen sich der allgemeinen Weltwirtschaft zu
-nähern, durch eine solch wahnsinnig heraufbeschworene Unternehmung im Keim
-zu zertrümmern gedächten. Nein, nein, liebes Kind,« setzte er ärgerlich
-über seinen eigenen Ernst hinzu, »das Ganze ist das Geschwätz von ein
-paar gewissenlosen Spekulanten. Also nun Kopf hoch, wie kann sich eine
-wohlerzogene, weltgewandte junge Dame derartig einschüchtern lassen!
-Übrigens,« lenkte er völlig ab, da sie bereits durch das Tor von
-Maritzken fuhren, »da kommt Hans. Nun nehmen Sie mal rasch die Ähre
-aus dem Feuerbrand da oben, ich habe sie Ihnen nämlich aus Versehen
-hineinpraktiziert, denn mir scheint, daß Ihre vortreffliche Schwester
-über derartigen Naturschmuck weniger wohlwollend denkt, als ich. Aber wie
-gesagt, eine ganz merkwürdige Haarfarbe, Isachen! Ganz merkwürdig.«
-
- * * * * *
-
-Zwei Stunden später lenkte der Landauer des Konsul Bark, nachdem er
-wiederum die Stadt passiert, durch die letzte heimatliche Ansiedlung. Auf
-einer Bodenwelle gelegen, lugten die wenigen niedrigen Häuschen zwischen
-allerlei krausem Gestrüpp hindurch, und es war beinahe, als hätte man
-diesen letzten Posten so hoch und einsam aufgebaut, damit er von hier aus
-Wache halten solle gegen die sich unter ihm dehnende unbegrenzte Fläche.
-Drüben, jenseits des schmalen Flusses, der unten an den Ausläufern
-des Buschwerks einen Silberbogen zog, war das ganze Land von rauhen,
-dunkelgrünen Kohlhäuptern besät. Weiter dahinter wurde der
-unbeschreiblich struppige Raum von mächtigen Breiten gelber Weizenfelder
-umrahmt, zwischen denen weder Fußwege noch Chausseen eine Unterbrechung
-herbeiführten. Nur einzelne Gräben liefen gradlinig durch das Land, und
-unter der hellen Sonne blitzte ihre Oberfläche, als wenn klares, weißes
-Wasser, den durstigen Äckern zum Trank, durch sie hindurchglitte. Allein
-dem war nicht so. Die Näherkommenden schraken förmlich zurück vor den
-schwarzen übelriechenden Rußmassen, die mit ihrem undurchdringlichen
-Schlamm die wohltätigen Rinnen verstopften. Es waren die Kohlengewässer
-der nahen Fabriken, und ein ungeheurer Qualm, von der Hitze
-herniedergedrückt, verbarg den Besuchern das winzige Grenzstädtchen,
-dem sie zustrebten, wie hinter einer brodelnden Wand. Durch die drohende
-schwarze Wolke aber, die am Himmel den Umkreis des Städtchens bezeichnete,
-leckten rechts und links, fern und nah lodernde Feuerzungen in den
-qualmigen, sich schiebenden Rauch hinauf, und ein ätzender Brandgeruch
-erfüllte ringsum die Luft. Ein rastloses Kreischen und Surren, ein Rasseln
-und Sausen quoll aus dem unsichtbaren Ort schon aus der Ferne hervor, und
-nachdem der Wagen der Deutschen die breite Holzbrücke des Flusses erreicht
-hatte, die nur noch bis zur Mitte zur Heimat gehörte, da vernahmen die
-Reisenden wie unter lärmendem Poltern knirschende Haufen kleingehackter
-Kohle in die an den Ufern liegenden Kähne hinabgeschüttet wurden.
-
-»Man halte,« schrie etwas mitten von der Brücke.
-
-Genau auf dem Grenzstrich standen zwei Soldaten in langen grüngelben
-Leinenblusen, und dunkelgrüne, breitgerandete Mützen saßen ihnen schräg
-und eingebeult auf den haarigen Köpfen. Und während der eine von ihnen
-mit seinem Gewehr, auf das ein breites Bajonett gepflanzt war, die weitere
-Einfahrt versperrte, indem er die Waffe quer vor seinen Leib hielt, trat
-der andere, ein bärtiges Gesicht, dicht an den Schlag heran und schlug zur
-Einleitung auf die umgeschnallte Revolvertasche. Dem Konsul, der sich
-in seinem Staubmantel herausbeugte, kam es vor, als ob die Grenzwache
-mißtrauischer als sonst ihre Revision vorzunehmen gedächte.
-
-»Hat man Waren im Wagen?« fragte der Wachtmeister in einem schlechten
-Deutsch, obwohl der Konsul sich entsann, daß gerade dieser Beamte ihn
-schon mehrfach bei seinen Besuchen kontrolliert habe. »Fleisch, Zigarren
-oder vielleicht Bücher und Zeitungen?«
-
-»Was sind das für Umstände?« rief der Chef des Goldenen Bechers
-dagegen, der mit Mißbehagen bemerkte, wie in den Zügen seiner
-Begleiterinnen ein ängstliches Befremden aufstieg. »Sie kennen mich doch,
-ich bin der Konsul Bark, und ich und diese Damen sind von Herrn Rittmeister
-Sassin eingeladen.« Und indem er sich mit einer Wendung des Hauptes
-blitzschnell vergewisserte, ob er nicht von den anderen beobachtet würde,
-da langte er rasch in die Tasche des weißen Mantels, um darauf dem
-Grenzsoldaten die Hand zu drücken, als ob es sich um eine besonders innige
-Begrüßung handle.
-
-Der Grenzwächter sah ihm starr ins Gesicht, zuckte die Achsel und wand
-sich dennoch hin und her, als ob er sich Rat zu holen suche, wie in diesem
-Falle weiter zu verfahren wäre.
-
-»Es ist gut,« lenkte er endlich mit jener den Russen eigentümlichen
-Demut vor den Mächtigen ein, »ich sehe, es liegt nichts im Wagen. Aber
-die Herrschaften werden die Gnade haben, mir zu zeigen ihren Paß.«
-
-Jetzt wurde ein leiser Ruf der Überraschung bei den jungen Damen laut,
-und man konnte an den Blicken, die sie sich gegenseitig zuwarfen, sofort
-erkennen, daß sich etwas Derartiges wie die geforderten Papiere keineswegs
-in ihrem Besitz befände.
-
-»Ruhig,« beschwichtigte der Konsul abermals sehr bestimmt, und sich
-von neuem an den Grenzsoldaten wendend, überreichte er ihm sein eigenes
-Ausweisdokument. »Hier, mein Junge,« meinte er begütigend, »hier hast
-du, was du verlangst. Und weil du so ein braver Beamter bist, so werde
-ich dich dem Herrn Rittmeister Sassin -- meinem Freunde,« setzte er sehr
-nachdrücklich hinzu -- »besonders empfehlen. Aber nun halte uns hier
-gefälligst nicht länger auf, denn es ist kein angenehmer Aufenthalt in
-diesem Kohlenstaub für meine Damen. Verstehst du?«
-
-Lässig, als wäre alles in Ordnung, gab der Kaufmann seinem Kutscher
-das Zeichen zum Weiterfahren. Allein ehe die Pferde sich noch in Bewegung
-setzen konnten, faßte der Mann mit dem Revolver zögernd in die Zügel und
-schritt noch einmal unter starkem Kopfschütteln an den Wagenschlag.
-
-»Es sind Vorschriften,« brachte er immer noch mit einer halben Verbeugung
-heraus, »die Frauen müssen zurück.«
-
-»Wie? Ist das Ihr Ernst?« rief der Geschäftsmann, indem er in
-aufsteigendem Zorn mit der flachen Hand auf die Fenstereinfassung schlug.
-
-In dem Wagen fuhren ein paar erregte Frauenstimmen im Wechsel
-durcheinander, und zitternde Finger schmiegten sich verstohlen um den Arm
-des Konsuls. Sie gehörten Isa, deren schreckhaft erweiterte Augen in immer
-stärker sich regender Bangigkeit alles in sich tranken, was sich ihnen
-auf der halb zersplitterten Holzbrücke darbot, von den dicken viereckig
-zugeschnittenen Haaren der Soldaten angefangen, bis zu dem breiten in einem
-fahlen Glanz funkelnden Bajonett des zweiten Grenzwächters, der ihnen noch
-immer breitbeinig und ohne eine Miene zu verziehen, den Einlaß sperrte. In
-die Stirn des Mannes im weißen Staubmantel war inzwischen eine Blutwelle
-gestiegen. Unbewußt zupfte er an dem kurzgeschnittenen braunen Schnurrbart
-herum, bis er plötzlich aus dem Wagen sprang, so daß er jetzt ganz dicht,
-fast Brust an Brust gegen den Russen aufragte. Der legte abermals unter
-einer Verbeugung die Hand an die breite Mütze, zuckte die Achsel und
-starrte dann den drei schönen Mädchen halb betrübt und halb bedauernd
-ins Gesicht. Ihren Begleiter jedoch durchschnitt zum erstenmal ein
-merkwürdig beklommenes Gefühl. Das weite struppige Land vor ihm dehnte
-sich so sonderbar schweigend und geheimnisvoll, als wäre es eine riesige
-Bühne, die nur deshalb in solch menschenvereinsamter Leere lauerte, weil
-über sie hinweg bald ungeheure Züge des Weltgeschehens dahinschreiten
-sollten. Dazu die unsichtbare Stadt, das schneidende Sausen und Rollen
--- nein, es ließ sich nicht leugnen, eine kurze Sekunde war der Kaufmann
-völlig befangen von einer heranschleichenden Ahnung, die sich ihm
-bleischwer an alle Sinne hing. Spähend blickte er auf die schwarzen
-Gestalten der Kohlenablader hinunter, und auch in ihren schweißigen
-und stumpfen Gesichtern glaubte der aus seiner Sicherheit Aufgescheuchte
-dasselbe unauffindbare Rätsel zu lesen.
-
-Verwünscht!
-
-Wenn ihn die Damen jetzt aufgefordert hätten, den Wagen wenden zu lassen,
-um sich in den Schutz der Heimat zu begeben, die ihre letzten grünen
-Büsche so vertraulich nah bis an das Flußufer heranschob, in der Tat, er
-hätte nicht gezögert. Er wandte sich, und unwillkürlich trafen seine
-und Isas Blicke zusammen. In den feinen blassen Zügen des Mädchens schien
-wirklich jene unausgesprochene Bitte zu wohnen, ja die sich wie im Frost
-bewegenden Lippen wagten vielleicht nur den brennenden Wunsch nicht zu
-äußern.
-
-Da klirrte etwas auf der Brücke. Ein scharfes Sporengeläut begann zu
-singen und zu gleicher Zeit schlugen die Grenzwächter auffahrend an
-ihre Säbel und führten die rechte Hand salutierend und breit gegen
-ihre Mützen. Der Wachtmeister wurde von einer hohen Männergestalt
-im dunkelblauen Waffenrock unsanft beiseite geschoben, und vor dem
-überraschten Handelsherrn stand säbelrasselnd der Rittmeister Sassin,
-lächelnd über das ganze rote Gesicht und unstreitig gewillt, seinen
-deutschen Gast in die Arme zu schließen. Schmetternd, aus voller Brust,
-klang sein Bewillkommnungsgruß:
-
-»Rudolf Bark, mein einziger Freund,« schrie der Russe, und dabei klopfte
-er dem Ankömmling mit seinen feinen weißen Glacéhandschuhen in einer
-halben Umschlingung schallend auf den Rücken, »die zehntausend Heiligen
-von Kasan haben mein Gebet erhört. Sie sind da -- ohne Zweifel, sind da
--- =à quatre heure=, Punkt vier. Man muß sagen, diese Deutschen wohnen in
-einer Uhr.«
-
-Damit trat der Russe strahlend an das Gefährt heran, fing blitzschnell
-auf, wie die begehrte Brünette in ihrer prachtvollen Haltung auf dem
-Vordersitz lehnte und verbeugte sich darauf so tief, daß seine breite
-blaue Mütze beinahe den Fensterschlag streifte.
-
-»Ah, meine Damen, Leo Konstantinowitsch Sassin seien Ihr entzückter
-Diener. Sie sehen mich =au comble du bonheur=! Ich habe auf meine kleine
-=maison= nicht vergebens aufgezogen die grün-weiße Fahne, denn die ganze
-Stadt und das gesamte Offizierskorps seien durch einen solchen Besuch
-geehrt. Ich werde nie vergessen an so viel Freundlichkeit.«
-
-Bei den letzten Worten hatte sich der Offizier den mächtigen rotblonden
-Schnurrbart zurechtgestrichen, jetzt versuchte er, die auf dem Wagenschlag
-ruhende Hand der Ältesten von Maritzken an seine Lippen zu führen.
-Allerdings erfolglos. Denn ohne im geringsten verletzend zu wirken, entzog
-ihm Johanna die begehrte Rechte und drohte ihrem Gastgeber leicht mit dem
-Zeigefinger.
-
-»Herr Rittmeister,« äußerte sie in ihrer gewohnten liebenswürdigen
-Ruhe, »es ist wirklich beinahe ein halbes Wunder, daß Sie uns bei sich
-sehen. Denn erstens trug ich, die ich für meine Schwestern verantwortlich
-bin, längere Zeit Bedenken, ob wir überhaupt Ihrer freundlichen Einladung
-folgen dürften, und zweitens bedeuteten uns soeben Ihre Grenzwächter,
-daß Rußland keinen besonderen Wert auf unsere Anwesenheit lege, ja, daß
-wir schleunigst wieder zu verschwinden hätten.«
-
-»Wie? Was? verschwinden?« fuhr der Offizier in die Höhe und dabei packte
-er bereits den betroffenen Wachtmeister an der Brust und schüttelte ihn
-empfindlich hin und her. »Hast du gehört? bist du nicht die größte
-Seuche, die unsere große Mutter befallen hat? Du Moschusochse, weißt du,
-was dir bevorsteht?«
-
-Es mußte eine fürchterliche Zukunft sein, die dem Braven angedroht wurde,
-denn er begann am ganzen Leibe zu zittern und faltete demütig die Hände
-über der Brust.
-
-»Väterchen Rittmeister,« stammelte er, »der verschärfte Befehl ist
-gestern abend erst vom Herrn Oberst ausgegeben worden.«
-
-»Ich werde dich gleich bei Väterchen Rittmeister,« schrie Leo Sassin
-halb lachend, während er jedoch seinem Soldaten mit geballter Faust einen
-Stoß vor die Brust versetzte, daß jener bis an das Brückengeländer
-taumelte, »danke Gott, du Hund, daß ich vor diesen Damen, die
-du beleidigt, kein Exempel statuieren will.« Und sich zu Johanna
-zurückwendend, vor der er sich noch einmal entschuldigend verneigte,
-setzte er augenzwinkernd hinzu: »Gnädigste, ich schätze mich
-glücklich, daß ich noch zu rechter Zeit kam, um meinen Gästen weitere
-Unannehmlichkeiten zu ersparen. Die übrigen Freunde sind bereits in kleine
-=maison= versammelt und erwarten ungeduldig das Erscheinen von deutsche
-Damen, die uns so viel Ehre schenken wollen. -- Der Wagen passiert,«
-schrie er mit furchtbarer Stimme dem zweiten Soldaten zu, der teilnahmslos
-diese ganze Szene beobachtete. »Scher' dich aus dem Wege. Meine Damen,
-Sie gestatten, daß mit meinem Freunde Rudolf Bark neben Equipage
-einherschreite. Wir überqueren hier nur Eisenbahn -- und gleich sind Sie
-dann =au milieu de mon logis de garçon célibataire=.«
-
-Befehlend gab er einen Wink, die Soldaten traten zurück, drückten sich
-beinahe scheu gegen das Geländer, und der Landauer setzte sich, von den
-beiden Herren zur Rechten geleitet, unter lautlosem Rollen in Bewegung. Und
-während der Rittmeister sich unaufhörlich glücklich pries, so erlesene
-Fremde in das elende Städtchen -- diesen Schweinekoben, dieses
-triefende Gefängnis -- eskortieren zu dürfen, da ging es über breite
-Eisenbahnschienen hinweg, die man durch kein Gitter zu schützen versucht
-hatte, und tief abschüssig stürzte dann der Weg sofort auf einen
-holprigen Platz hinab, der von niedrigen, rauchgeschwärzten Häusern
-umstellt war und ebensogut einen großen Hof als einen verunglückten
-Marktplatz vorstellen konnte.
-
-»Der Platz sieht aus wie ein Mund voller Zahnlücken,« flüsterte Isa
-sehr treffend ihrer Schwester Marianne zu und wies auf die klaffenden
-Höhlungen zwischen den einzelnen Gebäuden, hinter denen bereits wieder
-das kohlstruppige Feld sichtbar wurde.
-
-Das Surren und Sausen der Treibriemen schrillte hier stärker, und die
-betroffenen Gäste bemerkten, wie aus dem ersten Stockwerk einer Fabrik,
-die sich augenscheinlich mit der Herstellung von Porzellan befaßte,
-unausgesetzt eine staubige Mehlmasse herabdampfte. Ohne auf diese
-Überschüttung zu achten, durch die ihre Kleidung mit schmutzigem Puder
-bestreut wurde, lungerte mitten auf dem Markt eine Schar langberöckter
-Männer und Jünglinge herum in hohen Wichsstiefeln und mit niedrigen
-schwarzen Tuchmützen auf den Köpfen. Aufgeregt und von allerlei Gesten
-begleitet fuhr hier das Gespräch hin und her. Die jüdischen Einwohner,
-die man sofort an ihrer lockigen Haartracht erkannte, warfen merkwürdig
-befremdete Blicke auf das deutsche Gefährt, als wenn die Ankunft desselben
-ein besonders aufregendes Ereignis bildete. Und wieder beschlich den Mann
-im weißen Mantel, der anscheinend so heiter plaudernd neben dem russischen
-Offizier einherwandelte, jenes unerklärliche nagende Mißtrauen.
-
-Und dem unerträglichen Zwange unterliegend, griff er plötzlich unter den
-Arm seines Begleiters, und indem er alle Zurückhaltung beiseite setzte,
-richtete er an den munteren Offizier ohne Übergang die sehr ernste und
-nachdrückliche Frage:
-
-»Leo Konstantinowitsch, verübeln Sie mir meine Neugierde nicht, aber
-spricht man hier bei Ihnen gleichfalls von einem Zwist, der zwischen
-unseren Völkern in der nächsten Zeit schon durch Waffengewalt entschieden
-werden müßte? Sagen Sie mir bitte die Wahrheit, ich fühle mich
-verantwortlich für meine Damen.«
-
-Wie von einem Schlag getroffen machte der Russe halt, zwinkerte heftig
-mit den Augen, um gleich darauf kräftig mit dem rechten Arm eine weite
-kreisrunde Bewegung zu vollführen, als wünsche er die ganze Stadt zum
-Zeugen seiner Antwort aufzurufen.
-
-»Aber Rudolf Bark, mein einziger Freund,« rief er mit einem ihn
-erschütternden Lachen, »ist ja nur Geschwätz von verdammten
-Gazettenschreibern, die in der Hölle ihre Strafe finden werden.
-Blicken Sie sich doch um, wir verbergen Ihnen nichts. Hier wird überall
-gearbeitet, Porzellan wird gemacht, Kohle gefördert und Zigaretten und
-Bonbons fabriziert. Wo sehen Truppenansammlungen? Im Vertrauen, unsere
-Kasernen stehen halb leer. Und wenn Sie es wissen wollen, ich selbst nehme
-in einigen Tagen einen mehrwöchentlichen Urlaub, um in Petersburg meine
-angegriffene Gesundheit etwas aufzufrischen. Sieht so Volk aus, das sich
-auf Krieg vorbereitet? Und vor allen Dingen, Rudolf Bark, würde ich
-mir erlaubt haben, Sie und die wunderschönen Damen von Maritzken zur
-Einweihung von meine kleine =maison= zu invitieren, wenn Sie sich dabei
-der geringsten Gefahr aussetzen könnten? Kommen Sie, kommen Sie, wir haben
-Sprichwort, das lautet: ›Der Säbel schläft‹. Ich hoffe, Sie haben
-sich überzeugt, bei uns schläft er so tief, daß er ist gar nicht
-aufzuwecken. Deshalb, mein einziger Freund, verderben Sie uns nicht Laune
-durch philosophische Untersuchungen. Und hier, Rudolf Bark,« unterbrach er
-sich in strahlendem Besitzerstolz, indem er gleichzeitig diensteifrig den
-Schlag aufriß, »hier stehen wir vor kleine =maison=, und Sie sehen, auf
-Dach ist aufgezogen russische und deutsche Flagge zugleich.«
-
-Damit wandte er sich, führte zwei Finger der geballten Faust gegen die
-Lippen und ließ einen Pfiff erschallen, der einer Lokomotive Ehre gemacht
-haben würde. Auf dieses Zeichen stürzten auch sofort zwei in grüne
-Halblivreen gekleidete Diener aus dem Hause, denen man ohne große
-Mühe die für den Hausdienst kommandierten Soldaten anmerkte. Zwischen
-schlotternden weißen Wollhandschuhen schleppten die wohlfrisierten Männer
-einen schmalen, nagelneuen Teppichläufer heraus, und auf eine bezeichnende
-Fußbewegung des Rittmeisters hin bückten sie sich auf den Erdboden, um
-das Gewebe über die schmutzige schwarze Gosse bis dicht an den Tritt der
-Equipage auszubreiten.
-
-»Gegrüßt die Freunde des Herrn,« murmelten beide.
-
-›Die kleine =maison=‹ war eine allerliebste zierliche Villa, unter
-deren rotem, mehrfach unterbrochenem und abgesetzten Ziegeldach leise
-Rundungen der Außenwände jenem fast unmerklichen Rokokostil zustrebten,
-der so anmutig und spielerisch zugleich wirkt. Zwischen zwei schlanken
-Säulen führten einige Stufen empor, und kaum waren diese überschritten,
-so befanden sich die deutschen Gäste in einem halbrunden Vestibül, das
-ganz in matten weißen Farben gehalten war. Nur wunderlich, daß das
-zarte Schmuckkästchen den Eingang zu einem Junggesellenheim bildete, viel
-befremdlicher, weil das ganze Haus von der fernen Regierung in Petersburg
-errichtet sein sollte. Noch waren den Damen von den Dienern ihre seidenen
-Mäntel kaum abgenommen, und eben standen sie vor einem schmalen, in der
-Hinterwand einer Nische eingelassenen Spiegel, um ihren Toiletten die
-letzte Vollendung zu verleihen, als auch schon ihr militärischer Wirt
-in erneute Bewunderung ausbrach. Wortreich versicherte er, wie die
-ruhige Eleganz der deutschen Kleider alles überstrahlen müßte, was die
-Garnisonsdamen dort drinnen in dem Salon an seidenen Fähnchen auf sich
-vereinigt hätten. Und dann diese unnahbare Würde und Strenge! Zweifellos,
-man konnte es mit tausend Eiden bekräftigen, jede deutsche Frau eine
-Fürstin, nein, weit gefehlt, eine Königin, eine Kaiserin. Es sei direkt
-lächerlich, welch ein tiefer Respekt, ja welch knabenhafte Beschämung
-selbst den verwegensten Reitersmann in der Nähe solch einer Nemza
-heimsuche. Als der Rittmeister in diesem Begeisterungstaumel schwelgte,
-hatte er gerade seinen Platz hinter der abgewandten Marianne gefunden, die
-ihre wohlgebildete Gestalt selbst mit einem heimlichen Genuß bespiegelte.
-Und der weiße Nackenausschnitt, der sich aus der stahlblauen Seide ihres
-Gewandes leuchtend erhob, er zog die Blicke des Hausherrn so stark auf
-sich, daß alle seine Lobeserhebungen nur noch in wirre Worte ausklangen.
-
-»Köstlich -- exquisit -- superb!«
-
-Und Johanna, die mit sich selbst beschäftigt war, sah nicht, wie ihre
-dunkle Schwester, entzückt über den berauschenden Eindruck, den sie
-hervorrief, dem Spiegelbild ihres Gastgebers mit einem besonders reizenden
-Lächeln zunickte. Aber der Konsul und Isa bemerkten es, und sie warfen
-sich einen Blick zu, den nur aufeinander abgestimmte Menschen zusammen
-austauschen. Es war ganz seltsam, der reife, vielerfahrene Mann, dem die
-Frauen die gefährlichsten ihrer Künste längst verraten hatten, und das
-ahnende unreife Mädchen, sie wurden durch ihren scharfen Verstand wie
-alte Gefährten zusammengeschlossen, die sich auch ohne Worte über die
-heikelsten Dinge zu verständigen vermögen.
-
-»Sagten Sie etwas, Herr Konsul?« fragte Johanna.
-
-»Nein, lieber Hans.« Er warf dem Rotkopf einen warnenden Blick zu, der
-sie zum Schweigen verpflichtete. »Kommen wir.«
-
- * * * * *
-
-In dem braun getäfelten Herrenzimmer endigte zu demselben Zeitpunkt, als
-der Wagen der Deutschen die Vortreppe der Villa erreichte, ein lebhaft
-schwirrendes Gespräch. Die französische Konversation erstarb wie durch
-Zauberschlag, und Herren wie Damen zogen sich möglichst unauffällig an
-die heruntergelassenen Fenstervorhänge heran, um die Aussteigenden gleich
-unter dem ersten Eindruck richtig abschätzen zu können.
-
-Das war natürlich von höchster Wichtigkeit.
-
-Als auf dem Tritt der weiße Schuh von Isa sichtbar wurde, warfen sich
-die jüngeren Offiziere unwillkürlich in die Brust und strichen ihre
-Waffenröcke glatt. Zu einem unverhohlenen Murmeln des Beifalls jedoch
-steigerte sich das männliche Interesse erst, wie gleich darauf Marianne,
-kaum auf die dargereichte Hand des Konsuls gestützt, mit einer ihrer
-lässigen Bewegungen den Wagen verließ. Dies veranlaßte freilich eine
-sehr untersetzte rundliche Dame, die Gattin des Zivilgouverneurs Bobscheff,
-die über ihre hervorquellenden Pausbacken kaum noch mit heftig zwinkernden
-Äuglein herüber zu blinzeln vermochte, ein Urteil zu fällen, von dem sie
-infolge ihrer bevorzugten Stellung erwarten durfte, daß es dem gesamten
-Kreis fernerhin als Maßstab zu dienen hätte.
-
-»Gott,« flüsterte sie als eine Art Selbstbekenntnis, indem sie ein
-mächtiges Schildplattlorgnon vor die halbgeschlossenen Augenritzen
-führte, »sie sieht aus wie die Tänzerin Litwina Dimitrewna aus Moskau.«
-
-»Ah,« sagte an dem anderen Fenster die junge Frau des Obersten Geschow
-aus Mariampol, deren feingliedrige Gestalt noch mehr als ihr zigeunerhaft
-gelber Teint oder die schwimmenden braunen Augen ihre tatarische Abkunft
-verrieten, »ist das nicht jene Balletteuse, über die ich neulich in der
-Nowoje Wremja las, daß sie herrliche Brillantbänder um die Fußknöchel
-zu tragen pflegt?«
-
-»Maria Paulowna,« entgegnete die Zivilgouverneurin mit einem ganz leisen
-Verweis, denn der Rang der Obristin war von dem ihren nicht wesentlich
-unterschieden, »ich nehme an, daß Sie vor den Extravaganzen solcher
-Weiber den gleichen Abscheu hegen wie ich.«
-
-»Lieber Himmel, man interessiert sich,« verteidigte sich die junge
-Tatarin, wiegte sich in den Hüften und gab über ihre Schulter hinweg
-einem hinter ihr weilenden jüngeren Offizier ein anmutiges Zeichen, er
-möge ihr eine Zigarette reichen. »Man genießt in unseren weltverlorenen
-Garnisonstädten ja keine andere Abwechslung, als die Lektüre.«
-
-Die Offiziere stimmten der geschmeidigen, anziehenden Mariampolerin durch
-ein beifälliges Gemurmel unbedingt zu. Frau Bobscheff jedoch, die ihre
-lokale Würde gefährdet sah, pustete Luft von sich und lenkte dann etwas
-sanfter ein:
-
-»Man hört jetzt soviel von dem sittlichen Verfall der Jugend in unserem
-heiligen Rußland. Über die Ursachen hat eben jeder seine eigene Ansicht.
-Nicht wahr, Wladimir Petrowitsch?« wandte sie sich an ihren Gatten, der
-lang wie eine Telegraphenstange hinter ihr stand und nun sein von
-weißen borstigen Haaren gekröntes Raubvogelantlitz willfährig zu
-ihr herunterneigte, »nicht wahr, Wladimir Petrowitsch,« verlangte sie
-befehlend, »ich verfechte oft diese Ansichten?«
-
-Auf diese Aufforderung, der sich der demütige Herr in Gegenwart so vieler
-anderer nicht zu entziehen vermochte, räusperte sich der Gouverneur
-erst hörbar, dann zog er sein Taschentuch, wischte den Mund und brachte
-schließlich in seiner merkwürdig schüchternen, kratzbürstigen
-Heiserkeit hervor:
-
-»Ganz recht, Tatiana. Seitdem du die Kurse in dem Frauenlyzeum besuchst,«
--- hier wischte er sich wieder den Mund -- »seitdem ist deine Kenntnis
-sozialer Zustände sehr beachtenswert.« Von neuem krächzte er und
-suchte mit den dürren Fingern krampfhaft unter dem Frack mit den goldenen
-Knöpfen nach einem isländischen Bonbon. »Ich komme leider wegen der
-vielen Arbeiten in unserem Kohlenrevier nicht dazu, mich mit derartigen
-Dingen zu beschäftigen,« schloß er vollkommen heiser, »aber ich hege
-Ehrfurcht vor ihnen.«
-
-»Gut,« lobte die Gouverneursfrau und richtete sich ein wenig auf
-den Zehen empor, »es freut mich, daß du dies äußerst, Wladimir
-Petrowitsch.« Und mehr für den ganzen Kreis berechnet, setzte sie noch
-hinzu: »Der Mutter Gottes sei Dank, die Harmonie unserer Anschauungen ist
-beinahe eine vollkommene.«
-
-Die anwesenden jüngeren Zivilbeamten, die der Zucht des Herrn Bobscheff,
-dieser wandelnden Giraffe, unterstellt waren, verbeugten sich hier
-beifällig, nur Alexander Diamantow, ein schwarzhaariger Bergbaustudent,
-der hier in den Kohlengruben sein Studium abschließen sollte, und von dem
-man behauptete, daß er ein übergetretener Jude sei, er verzog in einer
-Ecke sein melancholisches Antlitz zu einem leisen Lächeln. Er erinnerte
-sich daran, wie er bei seiner Antrittsvisite bei den Bobscheffs bereits vor
-den Türen des Dienstgebäudes ein wildes Gekreisch vernommen, und daß
-ihm auf seine Frage ein herumlungernder Polizeibeamter anvertraute, die
-Gouverneurin suche im Moment ihren Gatten zu ihren Ansichten zu bekehren.
-Und Diamantow wußte, daß eine solche Bekehrung nicht immer leicht
-gewesen sein müsse. Denn Herrn Bobscheffs Schwäche gegen wohlgebaute
-Bittstellerinnen war im ganzen Gouvernement bekannt. Daher datierten auch
-die Ermittlungen, welche die umfangreiche Tatiana über den Verfall der
-Sitten im heutigen Rußland angestellt hatte. Der junge Bergbaustudent
-stützte an dem verlorenen Tischchen in der Ecke das Haupt in die Hand,
-so daß ihm die wirren schwarzen Haarsträhne in die Stirn fielen, und in
-seiner unruhigen Seele klangen die Ansichten und Meinungen wieder, die
-sich hier noch eben bekämpft hatten, bevor das samtne Rollen des deutschen
-Gefährts hörbar wurde. Denn auch vor ihrer Ankunft hatte das Gespräch
-bereits den fremden Gästen gegolten.
-
-»Es wird Zeit,« hatte der Hausherr geäußert, indem er sich nur mühsam
-einem Geplänkel mit der hübschen Regimentskommandeuse aus Mariampol
-entriß, obwohl Sassin nach Diamantows Ansicht nicht ahnte, daß die
-Tatarin den Dragonerrittmeister wegen seiner nur oberflächlich lackierten,
-fast dörflichen Unbildung innerlich verachtete, »es wird Zeit, meine
-Herrschaften, daß ich den Deutschen bis an die Brücke entgegengehe. Die
-kopflosen Hunde, die man dort postiert hat, könnten uns sonst leicht
-einen Strich durch die Rechnung ziehen. Außerdem -- der Kaufmann, den ich
-erwarte, besitzt verteufelt helle Augen. Sie alle werden gut daran tun,
-sich gegen ihn recht vorsichtig zu benehmen.«
-
-»Ist er jung?« fragte Maria Geschowa.
-
-»Hm,« erwiderte der Dragoner etwas gestört, denn er ärgerte sich über
-die Funken, die in den Zigeuneraugen der jungen Frau aufblitzen konnten,
-»er steht so auf der Grenze, wo man selbst nicht weiß, ob man jung oder
-bejahrt ist. Jedoch er hat früher viele Abenteuer gehabt.«
-
-»Von den Deutschen,« meinte Frau Bobscheff betrübt, und sah aus ihren
-verkniffenen Augen wie in Scham an ihrer Tonnengestalt herab, »von diesen
-verwünschten Heiden sind unsere guten altväterlichen Sitten von Grund aus
-verdorben. Gönnen sie selbst der ehrbarsten Frau ihren Frieden? Kennen die
-schamlosen Tiere überhaupt die Heiligkeit der Ehe? Was denkst du darüber,
-Wladimir Petrowitsch?«
-
-Die Giraffe schnäuzte sich und wandte den langen Hals hin und her, um
-zu beobachten, wie weit die Lächerlichkeit, in die er geriet, von diesen
-neugierigen Spionen etwa festgestellt werden könnte. Da sich aber nichts
-anderes ereignete, als daß dieser verwünschte heimliche Jude Diamantow
-sein verletzendes Räuspern ausstieß, für das der Beamte ihn schon
-gelegentlich büßen lassen würde, so fuhr sich der Gouverneur über die
-borstigen weißen Haare und erwiderte dem kleinen dicken Ei, das sich so
-unangenehm an ihn lehnte, mit ernster Feierlichkeit:
-
-»Es ist ja bald so weit, meine Liebe, daß wir den unsauberen Stall dort
-drüben reinigen werden. Sei überzeugt, unsere Verwaltungsmethoden, die
-der heiligen Kirche einen so breiten Platz einräumen, können auch dort
-drüben ihre Wirkung nicht verfehlen.«
-
-Der Rittmeister stand bereits in der offenen Tür, wo ihm von einer der
-grünen Livreen die blaue Militärmütze sowie ein paar weißer Handschuhe
-gereicht wurde. Während des Aufstreifens der Glacés aber warf er noch
-einmal warnend zurück:
-
-»Nicht wahr, meine Herrschaften, Sie denken daran, nach meiner Rückkehr
-nicht die geringsten Andeutungen mehr. Es liegt alles daran, die Nemzows
-total zu überraschen. Bitte, Maria Geschowa, wollen Sie diesen meinen Wink
-auch untertänigst Seiner Durchlaucht dem Fürsten Fergussow hinterbringen.
-Er probiert dort drinnen in dem kleinen Mahagonizimmer zusammen mit Ihrem
-Gatten, dem Herrn Oberst, mein neues Billard. Also wie gesagt: Vorsicht!
-Und nun, =au revoir, mes chers=!«
-
-Damit verneigte sich die kräftige Gestalt, und man hört seine Sporen
-gleich darauf über die Steinstufen klirren. Allein der Hausherr hatte
-das Kommende, Unbestimmte, das in der Luft schwebte und die Stirnen
-der Menschen wie mit Geisterhänden schmerzhaft zusammenpreßte,
-dieser verwünschte stiernackige Sassin hatte es in seiner bäuerlichen
-Ahnungslosigkeit so sicher und ohne die geringsten Skrupel als etwas
-Feststehendes hingemalt, daß der klobige Stein nun mitten in der Stube
-lag, und jeder sich an ihm die Füße wundstoßen mußte.
-
-Da waren besonders zwei Herren in schwarzen Gehröcken mit sehr
-deplacierten weißen Krawatten, die bei den letzten Worten des Rittmeisters
-kreidebleich wurden, um darauf völlig nervös, jeder für sich, durch die
-Gesellschaft zu irren. Es waren die Gebrüder Miljutin, Millionäre, denen
-die große Porzellanmanufaktur gehörte, wo sie zahlreiche Deutsche in
-ihrem Betriebe beschäftigten. Namentlich die Blumenzeichner mußten sie
-gezwungenermaßen aus dem Nachbarstaat engagieren, weil die Ideen der
-einheimischen Künstler als zu verworren und phantastisch auf dem Weltmarkt
-keine Geltung besaßen. Die beiden Gehröcke sprachen bald diesen, bald
-jenen an. Immer deutlicher perlte ihren Besitzern der Angstschweiß auf der
-Stirn.
-
-»Ist es denn nun absolut sicher und beschlossen?« fragte der ältere von
-ihnen, ein beleibter Herr mit einer goldenen Brille, der etwas hinkte, und
-dabei vergaß er sich in seinem Entsetzen so weit, daß er an einem der
-metallenen Frackknöpfe des Gouverneurs leichtsinnig zu drehen begann,
-ein Versehen, das er freilich durch eine überschwenglich tiefe Verbeugung
-sofort wieder sühnte, »ist es denn nun absolut sicher, Exzellenz, daß
-unser Reich dieses ungeheure Wagnis unternimmt?«
-
-Hier wurde von den Offizieren laut gelacht, und selbst die Damen zuckten
-mitleidig die Achseln. Ja, gerade die Frauen schienen das rot umnebelte
-Abenteuer kaum noch erwarten zu können. Es lag soviel Spannungsvolles
-darin. Und dann -- man wurde doch herausgerissen aus der Stille, die
-langweilig und drohend zugleich über dem riesigen endlosen Lande
-herniederdrückte, von dem ein Ende das andere nicht kannte. Auch die
-bohrenden Grübeleien über dies und jenes hörten mit einem Schlage auf,
-und vor allen Dingen -- man würde endlich, endlich den hochmütigen,
-vielbeneideten Nachbarn beweisen können, wo der junge, der zukunftsfrohe
-Gebieter der Welt säße.
-
-»Stellen Sie sich vor,« gab Herr Miljutin der Ältere dem Gouverneur
-Bobscheff ängstlich zu bedenken, indem er beinahe flehend in das
-Raubvogelangesicht des anderen hinaufstarrte, »meine Fabrik -- ich werde
-sie schließen müssen. Die einheimischen Arbeiter werden eingezogen, und
-auf die Frauen und Mädchen ist kein Verlaß.«
-
-»Oh,« krächzte Herr Bobscheff, und es klang, als ob man eine Handvoll
-Glasscherben gegen eine Fensterscheibe drücke, »es befinden sich unter
-Ihren jungen Mädchen ein Paar recht kräftige und wohlgebaute.«
-
-Frau Bobscheff zuckte zusammen, soweit dies ihre unglückliche Figur
-zuließ.
-
-»Wladimir Petrowitsch,« erinnerte sie in erhobenem Ton, »Herr Miljutin
-wünscht von dir zu erfahren, ob du die kriegerische Auseinandersetzung mit
-den Nemzows für unvermeidlich hältst oder nicht?«
-
-»Ja, ich halte sie für unvermeidlich, meine Teure,« rang sich die
-Giraffe aus dem nervös vornüberschwankenden Halse ab, denn er machte
-sich mit Recht Vorwürfe, weil er die Gegenwart seiner gewichtigen
-Lebensgefährtin, wenn auch nur für einen Moment, übersehen hatte, »ich
-halte sie für völlig unvermeidlich, Herr Miljutin. Ich bin hier der erste
-Beamte, und in meinen Bureaus fließen die Stimmungen des Gouvernements
-gewissermaßen zusammen. Täglich lese ich zehn bis zwölf Zeitungen. Und
-wenn diese die Abrechnung auch nicht laut fordern dürfen, so muß man doch
-verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen. Ist Ihnen das nicht aufgefallen?«
-examinierte er väterlich wohlwollend weiter.
-
-Der Porzellanfabrikant rang heimlich die Hände.
-
-»Ich meinte -- ich hoffte -- ich glaubte --«
-
-»Tun Sie das nicht, Herr Miljutin,« schluckte der Gouverneur krampfhaft.
-»Die öffentliche Meinung ist für den Krieg, und in der Umgebung des
-Zaren, den der lebenspendende Christus erhalte --,« hier verbeugten sich
-alle anwesenden Offiziere und Beamten -- »gedenkt man nicht länger jede
-unverschämte Herausforderung hinzunehmen. Seien Sie nicht kleinmütig,
-Herr Miljutin,« fuhr die Giraffe ernst und strafend fort, als sie merkte,
-welchen Eindruck ihre Rede erzielte und wie selbst die korpulente Tatiana
-in der Schar der Hinzudrängenden sich auf den Zehen erhob, damit sie
-besser lauschen könne. »Wir müssen der Welt endlich beweisen, daß
-der slawische Riese nicht dauernd auf seinem weichen Stroh liegt und
-schläft.«
-
-»Bravo,« sagten einige Stimmen. »Haben Sie gehört? Weiches Stroh. Das
-ist ein ganz vorzügliches Bild. Wladimir Petrowitsch ist der geborene
-Redner.«
-
-»Und dann,« schnaubte der Gouverneur aus seiner einsamen Höhe und
-fuhr gewohnheitsmäßig mit dem Taschentuch über die Hakennase, »Herr
-Miljutin, ich wundere mich, warum Sie die Hauptsache vergessen. Ist man
-nicht auf der ganzen Erde gegen uns in Liebe entbrannt? Die glorreiche
-französische Nation schätzt die Originalität unseres Geistes und sieht
-in unserer ungebändigten Kraft« -- der Gouverneur erinnerte sich hier
-an eine kürzlich gelesene Floskel, warf sich in die Brust und krächzte
-schwimmend in Selbstbewunderung und Genuß -- »ja, sie sieht in uns eine
-gigantische Dampfwalze, dazu bestimmt, eine breite Straße zu ebnen, auf
-der das französische Genie uns entgegeneilt, um uns zu umarmen.«
-
-Die ganze Gesellschaft applaudierte. Rufe des Entzücken wurden laut,
-und die Beamten des Gouverneurs schlürften jene Floskel in sich ein, als
-müßten sie eine fette Auster kunstgerecht über die Zunge gleiten lassen.
-Die runde Kugel aber, die dem Gouverneur angetraut war, rollte auf
-die Gattin des Obersten aus Mariampol zu, umarmte sie, wobei sie ihre
-fleischigen Arme freilich nur um die Hüften der Tatarin schlingen konnte,
-und küßte die junge Frau auf die Brust.
-
-»Maria Geschowa,« entlud sie sich stürmisch, »hörten Sie, wie Wladimir
-Petrowitsch sich eben über die Lage äußerte? Oh, es ist nichts Kleines
-um einen politischen Blick. Wie glücklich müssen Sie sein, Teuerste, weil
-Sie in Frankreich Ihre Erziehung genossen. Wie beneide ich Sie!«
-
-»Darf ich Ihnen ein Glas Tee bereiten, Exzellenz?« warf die Tatarin
-ziemlich gleichgültig hin, als ob ihre Gedanken mit etwas ganz anderem
-beschäftigt wären. Und wirklich, die dunklen Augen der jungen Frau
-flammten über die gepolsterten Schultern der Gouverneurin hinweg und in
-eine matt erleuchtete Ecke. Und so gepackt und gefangen beugte sie das
-schmale Haupt nach jener Richtung, daß ein großer Teil der anwesenden
-Herren, für die Maria Geschowa mit ihrer lächelnden orientalischen
-Verführungskunst überhaupt den Mittelpunkt bildete, sich gleichfalls
-über den dämmrigen Platz vergewissern mußte.
-
-Ganz plötzlich trat in dem lebhaften Gespräch eine Stille ein.
-
-Selbst der Gouverneur Bobscheff stieg aus seinen Weihrauchswolken hinab
-und entdeckte mit steigendem Mißbehagen, wie dort hinten an dem einsamen
-runden Tisch der Bergbaustudent Alexander Diamantow saß, das Haupt mit den
-überquellenden schwarzen Haaren in beide Hände gestützt. Der junge Mann
-schien, leidenschaftlich in sich versenkt, das Bild der schwatzenden Menge
-absichtlich von sich fernhalten zu wollen. Unbeweglich und tief gebeugt
-verharrte er, nur die rasch atmende Brust zeigte, daß ihn etwas quäle.
-
-»Alexander Isidorowitsch,« krächzte Bobscheff fast kreischend.
-
-Durch den schmalen Körper des Angerufenen ging ein Zucken. Und
-merkwürdig, in der gleichen Sekunde wurde auch der dunkelhäutige Nacken
-der Mariampolerin von einem kurzen Schauer überkräuselt. So völlig
-vermochte sich die Leidenschaftliche in die Stimmungen der Menschen zu
-versetzen, die sie interessierten.
-
-Langsam ließ der Student seine Rechte sinken, und um seinen
-ausdrucksvollen bartlosen Mund spielte ein mattes Lächeln, als er die
-gereizte Giraffe jetzt mit einer merkwürdig tiefen und für seine Jugend
-ungewöhnlich markigen Stimme fragte:
-
-»Wünschen Sie etwas, Exzellenz?«
-
-»Ja -- ja gewiß, Alexander Isidorowitsch, sind Sie krank?«
-
-»Ich? -- Durchaus nicht -- oder doch nur so, wie die meisten meiner
-Altersgenossen.«
-
-»Was meint er damit?« flüsterten ein Paar der Offiziere verständnislos,
-»was meint der verfluchte Jude damit?«
-
-Man war allgemein empört. Nur Herr Miljutin der Ältere schob seinen
-schwarzen Gehrock zögernd neben den Sitz des Studenten, denn in seinem
-verängstigten Gemüt dämmerte es, der hagere bartlose Mensch könne
-womöglich sein einziger Bundesgenosse in diesem Kreise von Wütenden und
-Blutlechzenden sein. Außerdem war Diamantow ein Jude und liebte deshalb
-gewiß das Geld und die geschäftliche Sicherheit.
-
-»Fahren Sie fort, junger Mann,« hauchte der Fabrikant hinter dem Stuhl
-des Ingenieurs beinahe unhörbar und begann ermunternd die Lehne des
-Sessels zu streicheln.
-
-Aber auch Maria Geschowa schritt mit ihrem kräftigen wiegenden Gang
-geschmeidig an das runde Tischchen heran und setzte ohne Überlegung das
-Teeglas, das sie eigentlich für die Gouverneurin bestimmt hatte, vor
-Alexander Diamantow nieder. Das dunkle, kräftige Organ des Studenten hatte
-etwas in ihren Adern entzündet und brannte dort weiter. Inzwischen hatte
-sich der Gouverneur gleichfalls an das Tischchen herangedrängt und pochte
-jetzt mit seinen langen Knochenfingern höhnisch auf die Platte:
-
-»Mir scheint, Alexander Isidorowitsch,« überschlug er sich fast vor
-Heiserkeit, »Sie mißbilligen unsere große heilige Sache? Sie haben kein
-Herz für sie. Ist es möglich, daß Menschen so denken, die unserem Staate
-eigentlich zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet wären? Herr, Sie sind noch
-jung, stehen Sie etwa gar in einem militärischen Verhältnis?«
-
-»Wie gründlich Wladimir Petrowitsch vorgeht,« verkündete Frau Bobscheff
-hier mit großer Bewunderung.
-
-»Ja, ich bin Offizier,« sagte Diamantow ruhig und erhob sich.
-
-»Er ist Offizier,« echote es im Kreise. »Man denke, -- wie
-fürchterlich.«
-
-»Herr, und in einer solchen Stellung, da fehlt Ihnen die Begeisterung für
-die Zukunft unseres Volkes?« schnaubte Herr Bobscheff weiter.
-
-»Sie fehlt mir nicht,« entgegnete der Student ruhig, indem er seine
-Hände in die Seitentaschen seines einfachen Jacketts vergrub, »ich suche
-sie nur nicht in kriegerischen Eroberungen.«
-
-»Und warum nicht?« fragte Maria Geschowa, die ihm jetzt, nur durch das
-Tischchen getrennt, dicht gegenüberstand. Ihre heißen Augen tranken dabei
-schon im voraus die Antwort von seinen hageren Zügen, und ihre Finger
-glitten auf der Tischplatte unmerklich gegen die seinen, als wünsche sie
-ihn dadurch zu ermuntern. »Und warum nicht?«
-
-»Weil ich fürchte -- --,« sagte der von allen Seiten Bedrängte, der
-sehr gegen seinen Willen zum Mittelpunkt der Unterhaltung geworden war,
-und zu gleicher Zeit wich er dem Blick von Maria Geschowa aus und
-starrte unverwandt auf das Muster des persischen Teppichs, »weil ich
-fürchte -- -- --«
-
-»Was fürchten Sie zum Teufel?« inquirierte die Giraffe unbarmherzig
-weiter.
-
-»Ich fürchte,« äußerte Diamantow mit geschlossenen Lidern, wie wenn er
-sich dadurch von den anderen abschließen könnte, »daß die spärlichen
-Keime einer freien Entwicklung, die von der Jugend hie und da gesät
-wurden, durch die Kriegsmaschine entwurzelt, zerstampft und wieder auf
-ganze Epochen unterdrückt werden könnten.«
-
-»Ja,« sprach Maria Geschowa ganz leise.
-
-Es hörte sie niemand, nur Alexander Diamantow hob die schweren Augenlider
-überrascht in die Höhe und sah die junge schöne Frau sonderbar an. Es
-lag etwas wie ein Erkennen in diesem kurzen sprechenden Blick, den die
-beiden miteinander tauschten. Dann schob sich der Student durch die
-widerwillig sich öffnenden Reihen hindurch und gedachte, vornübergebeugt
-wie stets, in das Billardzimmer zu treten, aus dem das harte
-Aufeinanderprallen der Elfenbeinbälle deutlich herüberklang. Vor
-der Schwelle jedoch wurde er noch einmal am Arm von dem Gouverneur
-zurückgehalten, der ihm nun in seiner ganzen Länge und zitternd vor
-Erregung den Weg vertrat:
-
-»Alexander Isidorowitsch,« hustete Herr Bobscheff in einem krampfhaften
-Anfall, »verwünschte Heiserkeit -- in Momenten der Leidenschaft
-übermannt sie mich stets -- als Haupt der Verwaltung fühle ich mich für
-die Stimmung innerhalb meines Kreises verantwortlich. Sie würden mich
-deshalb sehr beruhigen, -- nein wirklich, junger Mann, sie könnten
-außerordentlich viel zu der inneren Fassung der Anwesenden beitragen, wenn
-Sie mir jetzt einen offenen und ehrlichen Aufschluß über Ihre Meinung
-erteilten. Es ist doch selbstverständlich, Alexander Isidorowitsch, --
-verzeihen Sie, wenn ich mich so in Ihr Vertrauen dränge, allein ich bin
-es meiner Stellung schuldig -- ich setze voraus, daß Sie als Offizier Ihre
-Pflicht tun werden!«
-
-Ein Ausruf des Unwillens folgte. Er kam von der Frau des Obersten, die ihre
-Hand quer durch die Luft warf, eine Zigarette an sich riß und rasch an
-ihren Platz unter dem Fenster zurückkehrte. Der Bergbauingenieur an der
-Schwelle jedoch richtete sich hoch auf. Eine Sekunde lang verzerrten sich
-seine Züge, und aus den dunklen Augen schoß ein solcher Strahl von
-Haß, daß die Offiziere unwillkürlich sich näher um die Giraffe
-zusammenscharten.
-
-»Um Allerheiligen willen,« stammelte Herr Bobscheff und sank in ihrem
-Kreise zusammen, denn durch sein verschüchtertes Gemüt blitzte plötzlich
-die Erinnerung, daß dieser aufrührerische Jude unter den Kohlenarbeitern
-einen zahlreichen Anhang besäße. »Teuerster Freund, Sie werden mich doch
-recht verstehen?«
-
-Inzwischen hatte der Student seine Hände wieder müde in die Taschen
-gleiten lassen. Nun neigte sich die gestraffte Gestalt abermals leicht nach
-vorn, und um den bartlosen Mund glitt ein kühles, resigniertes Lächeln,
-als er mit seiner dunklen Stimme stark und rückhaltlos erwiderte:
-
-»Wozu wollen wir hier erst Selbstverständliches erörtern? Wir sind es
-gewohnt, unseren eigenen Willen unterzuordnen. Ich werde ebenso handeln,
-Exzellenz, und gehorchen. Das ist die Stimmung Ihres Kreises.«
-
-Er nickte noch einmal bekräftigend mit dem schwarzen Haupt, drängte
-seine schlanke Gestalt durch die schweren Falten des Vorhangs und
-war verschwunden. Nur von nebenan hörten die Zurückbleibenden eine
-ungewöhnlich wohlklingende und einschmeichelnde Stimme rufen:
-
-»Ah, Sie sind es, Alexander Isidorowitsch! Bei den strahlenden Jungfrauen
-von Kasan, wie kommen Sie hierher in den Kohlenstaub? Rasch, unser Spiel
-ist beendigt, dem Himmel sei Dank, daß sich eine wirkliche, lebende Seele
-zu uns verirrt. Wollen Sie eine Zigarette, Alexander Isidorowitsch?«
-
- * * * * *
-
-Dies war die Unterhaltung der teuren Freunde, in deren Kreis der
-Rittmeister Sassin seine deutschen Gäste, leuchtend vor Unbefangenheit und
-Frohsinn, einführte. Wirklich, die Fremden mußten den Eindruck empfangen,
-daß der ganzen Gesellschaft durch ihr Erscheinen eine offenkundige,
-unbestrittene Ehre widerführe, die sich in heitersten Mienen und jener
-fast übertriebenen slawischen Freundlichkeit äußerte. Noch immer
-schien das Übergewicht der Germanen dieser Völkerschaft gegenüber
-unerschüttert und von allen willig anerkannt.
-
-»Sehen Sie, sehen Sie,« rief Sassin nach der Vorstellung laut durch das
-Zimmer, »die wunderschönen Damen von Maritzken. Aber ist es nicht wahr
--- ist es nicht wahr,« wiederholte er beseligt, »welch ein wundervolles
-Beispiel die drei Damen und mein bester Freund Rudolf Bark uns allen
-in dieser Stunde geben? Sie verachten das widerliche und blödsinnige
-Geschwätz, das nur in den Köpfen von ein paar Narren entstanden ist.
-Sie leisten damit etwas sehr Wichtiges. Ist es nicht so, Exzellenz?«
-erkundigte er sich eindringlich bei der Giraffe, die mit weit vorgeneigtem
-Hals die drei deutschen Mädchen betrachtete.
-
-Und seltsam, es war, als ob in diesen Zimmern, die vor Neuheit und mit
-ihrer eben erworbenen Einrichtung wie poliert glänzten, niemals Wut und
-Neid und die Freude am Zerstampfen mit lechzenden Wolfszungen geheult
-hätten. Äußerst zufrieden blickte sich Herr Bobscheff um. Kaum jemals
-zuvor war es der Giraffe so stark wie heute in das Bewußtsein gedrungen,
-wie meisterhaft seine Landsleute die Verstellungskunst zu üben wußten
-und welchen hohen Grad der allgemeinen Schauspielerei diese Rasse erreicht
-hatte. Da stand seine dicke Tatiana -- zum Henker, sie wurde immer
-faßähnlicher; wenn man sich vorher an den bestrickenden Linien der
-brünetten Deutschen erlabt hatte, da verdarb einem diese unwahrscheinliche
-Anhäufung des Fettes jegliche gehobene Stimmung -- da stand die Kugel
-neben dem zierlichen deutschen Rotkopf, streichelte dem schmiegsamen
-Mädchen unaufhörlich die Wangen und sprudelte aus den Plusterbacken
-Lobeserhebungen und Hymnen über die schmalen Füßchen der Kleinen, die
-in so allerliebsten weißen Halbschuhen steckten. »Unsere Schuhfabrikation
-ist besser und reeller als der Schund da drüben,« dachte der Gouverneur.
-»Aber das Reizvolle, das Scharmante steht auf jener Seite. Obwohl auch bei
-uns -- ach ja, es gibt schon Frauen -- --,« seufzte er kopfschüttelnd
-in sich hinein, und er blickte wie zur Bestätigung auf die schlanke
-Gestalt von Maria Geschowa, die, verdeckt durch das Fensterstore, eine
-ihrer angeregten und sprudelnden Unterhaltungen mit dem fremden Kaufmann zu
-führen schien; »sieh einmal, diese berechnete Intriguantin,« dachte die
-Giraffe trauervoll und drückte den Daumen der Linken schmerzhaft in die
-rechte Handfläche. »Sie zeigt ihm dort draußen auf der Straße einen
-vorübergehenden Kosaken. Zum Teufel, die Kerle sollen doch in ihren
-Kasernen bleiben! Aber wozu muß sie sich dabei so eng an seine Schulter
-lehnen? Der verwünschte Schmarotzer hält beinahe seinen Arm um ihre
-Hüfte geschlungen. Die Vorurteilslosigkeit dieser schönen Frau ist
-jedenfalls nicht zu billigen.«
-
-Die Deutschen bildeten bald den Mittelpunkt der Gesellschaft. Es war,
-als ob alle anderen nur eingeladen wären, um den Gästen das Bild eines
-harmlos sich vergnügenden Kreises einzuprägen, der weit davon entfernt
-war, an eine Unterbrechung seiner gewohnten Zerstreuungen zu glauben.
-Überall flogen leichte Scherzworte auf, die Fähigkeit der Slawen,
-geschätzte Personen zu ehren und zu bedienen, äußerte sich in jeder
-Handreichung.
-
-Marianne lag in einem Schaukelstuhl und wiegte sich leise auf und nieder.
-Um sie herum bewegte sich ein ganzer Troß von Offizieren, die sich den
-Wünschen des verführerischen Weibes dienstbar zu machen strebten. Der
-eine hielt ihr ein Aschenschälchen, denn sie sog mit Genuß an einer der
-ihr angebotenen aromatischen Zigaretten; ein zweiter hütete den silbernen
-Untersatz des Teeglases, an dem sie nippte; zwei weitere hielten den Stuhl
-in seiner schaukelnden Bewegung, und vor ihr stand der Rittmeister Sassin,
-den das Schweben und Gleiten der Brünetten bereits bis zur Tollheit
-begeistert hatte. Seine blauen Knabenaugen schwammen vor Erregung, und er
-fand es direkt sündhaft, weil sich auch seine Kameraden an den Huldigungen
-für das berückende Geschöpf beteiligen durften. Wahrhaftig, dazu hatte
-er doch nicht die Kosten dieser so ungewohnt vornehmen Teestunde auf sich
-genommen. Ob man es wagen konnte, der Schwarzen einen erläuternden Gang
-durch das gesamte Hauswesen anzubieten? Hm, der teure Freund Rudolf Bark,
-dem er doch eine so überaus ablenkende Gesellschaft zugewiesen, der
-verfluchte Krämer mit den ernsten Augen, er behielt immer noch Zeit,
-die Gruppe um den Schaukelstuhl aufmerksam zu verfolgen. Dazu schoß Leo
-Konstantinowitsch plötzlich eine ganz widerspruchsvolle Eifersucht durch
-den Kopf. Blitzartig fiel ihm ein, wie er bei seinem letzten Besuche in
-der deutschen Stadt von allerlei Beziehungen hatte flüstern hören, die
-Marianne an einen Offizier der dortigen Garnison knüpften. Sie hatte ein
-Verhältnis. Das machte sie nur noch begehrenswerter. Zum Teufel, wie hieß
-doch der Dummkopf? Und in diesem Augenblick fiel der Aufgeregte aus der
-Rolle und beging eine Torheit.
-
-»Gnädigste,« sagte er mit seinem lauten Organ, das er um keinen Preis
-dämpfen konnte, »ich hatte die Freude, Sie neulich auf den Wallgängen
-der Stadt mit dem ganz ausgezeichneten Fritz Harder promenieren zu sehen.
-Darf ich mir die Frage erlauben, ob dieser Bevorzugte das Glück besitzt,
-Ihre Freundschaft zu genießen?«
-
-»Gott,« warf Marianne hin, die inmitten so vieler Anbeter die Nähe ihrer
-Schwestern vergaß, und sie errötete weder, noch gab sie das angenehme
-Wiegen auf, »ein guter Bekannter von mir, wie viele andere. Was bezwecken
-Sie übrigens mit der Frage, Herr Rittmeister?« setzte sie gleichgültig
-hinzu, schlug die Füße leicht übereinander und blies eine feine
-Dampfwolke von sich.
-
-»Oh,« rief Leo Konstantinowitsch strahlend und mit der ihm angeborenen
-Begabung für schlaue Galanterie, »das schafft mir die einzige Feindschaft
-vom Halse, die ich einem deutschen Offizier etwa entgegentragen könnte.
-=Merci=, mein Fräulein.«
-
-»Leo Konstantinowitsch ist ein Schlaukopf,« fing Konsul Bark dicht neben
-sich das geheimnisvolle Raunen zweier Unterleutnants des Dragonerregiments
-auf, um deren weiche Knabengesichter noch kaum der Flaum zu sprossen
-begann, »hörst du, Alexei, wie er das schwarze Pferdchen zu einem Gang
-durch die Villa antreibt? Ich wette, sie wird sich erbitten lassen?«
-
-»Wahrscheinlich,« pflichtete der angeredete Fahnenjunker bei und über
-sein kränklich blasses Antlitz, das er unausgesetzt dem Schaukelstuhl
-zugewendet hielt, flog ein frühreifer, übersättigter Schein, »du hast
-recht, da erhebt sie sich.« Aber gleichzeitig zuckten die Lippen in dem
-fahlen Gesicht, und unwillig kehrte sich die zarte Jünglingsfigur ab.
-»Merkwürdig, wie Leo Konstantinowitsch gerade heute Lust und Neigung
-für so etwas aufzubringen vermag,« stieß er noch ungehalten zwischen den
-Zähnen hervor.
-
-»=Mon Dieu=, Alexei, was soll man tun?«
-
-»Ich habe heut vormittag mein Testament aufgesetzt,« erklärte der
-kränkliche Fahnenjunker ganz still. »Man kann nie wissen. Ich schrieb
-darin meinem Vater, dem Polizeioberst in Kiew, vieles, was ich bei uns im
-Hause, aber auch draußen anders wünschte. Er hätte es sonst nie von mir
-hingenommen, denn wir mußten immer schweigen. Freilich, für ein solches
-Schriftstück kann man später nicht mehr zur Verantwortung gezogen
-werden.«
-
-»Ja, du machtest dir immer viele Gedanken, Alexei, anstatt dem Leben, wie
-wir anderen, ein Paar vergnügte Stunden abzugewinnen. Aber st! -- --,
-lieber Bruder, dort unter dem Fenster spitzt man die Ohren. Komm, laß uns
-in das Billardzimmer gehen und hören, was Fürst Fergussow aus Petersburg
-zu erzählen weiß. Die Entscheidung kann ja nicht mehr lange währen.«
-
-Damit strichen die beiden Knaben ihre Waffenröcke zurecht und schlenderten
-auf den eleganten Lackstiefeln fast unhörbar in den Nebenraum.
-
-Also doch -- also doch!
-
-Der Konsul fühlte, wie ihm etwas durch die Stirn schnitt. Es war, wie
-wenn man einen klirrenden Pfeil durch sein Gehirn geschossen hätte. Eine
-Sekunde lang konnte er sich durchaus nicht mit der Lage vertraut machen,
-in der er sich befand. Auch dafür, daß draußen die Welt und alles, was
-bisher als feststehend galt, binnen kurzem wie ein mürber Teig in einer
-Riesenschüssel von Gigantenfäusten durcheinander gerührt werden konnte,
-auch dafür fehlte ihm plötzlich jede Vorstellung. So lähmend war die
-Mattigkeit, die seine sonst so geschmeidigen Glieder befiel, daß er
-immer noch mit demselben vieldeutigen Lächeln den Fragen Maria Geschowas
-lauschen konnte, die zu ihrer Freude in ihm einen Kenner des Theaters
-entdeckt hatte.
-
-»Also Sie kennen die kleine Schwarz?« sagte die Tatarin und schlug die
-dunklen Augen, die nie ihren auffordernden Ausdruck verloren, langsam gegen
-ihn empor. »Ich sah sie neulich in einem Ihrer modernen Stücke spielen.
-Ich vermag die Zustände bei Ihnen natürlich nicht zu beurteilen, aber in
-der Darstellung der schönen Person fiel mir die Wichtigkeit auf, die
-sie ihrer Bedeutung als Frau, ja darüber hinaus der ganzen weiblichen
-Liebeshuld beizumessen schien. Ich glaube, das alles wird in Ihrem
-Vaterland sehr überschätzt.«
-
-»Oh,« entgegnete der Konsul gewohnheitsmäßig, obwohl er sich mit aller
-Kraft an dem Messingknopf des Fensters festhalten mußte, »es gibt doch
-einzelne Frauen, denen gegenüber die Schätzung nie hoch genug gegriffen
-werden kann.«
-
-Es sollte einschmeichelnd klingen, aber Maria Geschowa mit ihrem feinen
-Ohr hörte deutlich heraus, wie weit der Geist des hübschen Mannes von ihr
-entfernt weilte.
-
-»Lassen wir das,« sagte sie hochmütig und wiegte sich ablehnend in den
-Hüften, »wir Slawen beschäftigen uns in der Kunst mehr mit sozialen
-Verhältnissen. Diese Dinge erfüllen unsere ganze Phantasie. Aber was
-haben Sie, lieber Freund?« unterbrach sie sich eifrig, denn sie sah,
-wie der Kaufmann starr auf die Straße hinausblickte, wo drei Soldaten in
-Kosakentracht singend und brüllend vorüberliefen.
-
-Jetzt vermochte der Konsul nicht mehr das nervöse Zucken der Mundwinkel
-noch den kurzen Atem, der ihm durch den Schrecken eingegeben war, zu
-verbergen. Da draußen die drei langröckigen, halbbarbarischen Gesellen,
-die unter ihren Pelzmützen dahintaumelten, wie kamen sie hierher? Er
-wußte doch, daß in der Grenzstadt kein Kosakenregiment lag. Und diese
-hier -- er glaubte es an den sauberen Uniformen und den blitzenden
-Silberverschnürungen zu erkennen -- sie gehörten sicher der Petersburger
-Garde an. Immer ängstlicher und aufgescheuchter tobten seine Gedanken
-gegeneinander. Die Selbstbeherrschung und feste Sammlung, die trotz
-seiner leichten Manieren sein ganzes Wesen ausmachten, stoben in diesem
-Augenblick, wo er das Rollen eines Völkergewitters schon über seinem
-Haupte poltern hörte, von ihm ab. Obwohl der Herr des Goldenen Bechers
-genau wußte, daß es töricht sei, die Maske des Vertrauens und der
-sicheren Überlegenheit gerade vor der klugen Tatarin, neben der er weilte,
-zu lüften, die Spannung, die in ihm zerrte, zerriß jedes Bedenken. Nein,
-er mußte hören, wie eine Vollblutrussin den schweren Verdacht, der ihn
-überwältigte, entkräften würde. Was diese reizende Person jetzt wohl
-zusammenlügen wird? dachte er halb neugierig.
-
-Und da sprach sie bereits. Sie legte ihm die Spitze des Zeigefingers fest
-auf die Brust und fragte mit ihrer warmen, immer leise vibrierenden Stimme:
-
-»Wie heißen Sie, lieber Freund?«
-
-»Ich? -- Ich heiße Rudolf Bark.«
-
-»Nun, Rudolf Bark,« lächelte die Tatarin, indem sie sich geschmeidig
-mit dem Rücken gegen das Fenster schob, so daß er jetzt gezwungen in ihr
-dunkles Antlitz blicken mußte, »sind Ihnen die drei Kosaken dort auf
-der Straße wirklich interessanter, als ich, die ich mir doch soviel Mühe
-gebe, Ihnen zu gefallen?«
-
-Der Angeredete, der so unvorbereitet seine Gedanken erraten sah, erschrak.
-Zum Teufel, wie klug doch diese Russin war, viel gescheiter und gebildeter
-als die Männer ringsumher. Zu jeder anderen Zeit hätte er das Geplänkel
-fortgesetzt, um zu ergründen, wie weit das eigenartige Geschöpf durch
-ihre Koketterie geführt werden könnte; allein jetzt -- jetzt -- alle
-diese Nichtigkeiten erschienen ihm im Moment widerwärtig und abscheulich.
-Er begriff gar nicht, daß er ihnen jemals Bedeutung beigelegt.
-
-»Es überrascht mich,« entrang es sich ihm ohne jede Vorsicht, die er
-doch unter allen Umständen einzuhalten gewillt war, »wie die drei Kosaken
-hierher gelangt sind. Nach meiner Kenntnis gab es bis vor kurzem keine
-derartigen Truppen hier. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, Gnädigste,«
-setzte er rasch hinzu, als er den langen, weichen, fast betrübten Blick
-der jungen Frau empfand, »aber sehen Sie, wir Deutschen besitzen nun
-einmal die unangenehme Eigenart, alles Militärische besonders stark auf
-uns wirken zu lassen.«
-
-Wie hübsch der elegante schlanke Mann sprach und wie rot sich seine Wangen
-vor innerer Aufregung gefärbt hatten. Maria Geschowa schämte sich, daß
-sie an dem albernen Komplott, das ja bereits von dem erfahrenen Kaufmann
-durchschaut wurde, mitwirken sollte. Daneben aber glühte in ihr die
-echt weibliche Begierde auf, einen Mann in den Maschen eines Netzes zu
-verstricken, dessen Verschnürungen man selbst fest in der Hand hielt. Im
-Grunde war es doch eigentlich ein wohliges Gefühl, zu wissen, daß man
-unbeschränkte Macht besäße über das Schicksal so freier und aufrechter
-Menschen. Darin lag ein eigenartiger Kitzel, ein ganz neuer Genuß. Und
-fortgerissen und lebhaft fand sie sich in die Rolle und zuckte deshalb ein
-wenig verächtlich die weichen Schultern:
-
-»Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Rudolf Bark,« versetzte sie mit
-feiner Ironie, und auch die vollen Lippen bekundeten eine gewisse trotzige
-Sucht nach Lüge und Intrigue. »Die drei Burschen dort draußen gehören
-zur Begleitung meines Mannes. Sie werden selbst sehen, die Wichte verstehen
-es viel besser, mir meinen seidenen Mantel umzulegen, als einen Karabiner
-loszudrücken.«
-
-Da war die Unwahrheit heraus. Und seltsam, als Maria Geschowa ihren Blick
-jetzt in die kühlen, von Zweifel erfüllten Augen des Mannes richtete, von
-dem sie beinahe hoffte, daß er sie durchschauen möge, da malte sich auf
-ihren dunklen Bronzezügen ein freches, wildes Flimmern, wie sie es wohl
-als Kind den Ihrigen daheim auf dem kaukasischen Gebirgsgut gezeigt, wenn
-sie entwendete Äpfel zu verleugnen hatte. Und siehe da, ihr Partner blieb
-ihr gewachsen. Es bereitete ihr selbst eine wollüstige Befriedigung, als
-er mit seinem gewinnendsten Lächeln entgegnete:
-
-»Aha, die Begleitung Ihres Mannes -- und sie legen Ihnen den Mantel
-um -- --, ich bin leider durchaus zivil, gnädige Frau, aber bei einer
-derartigen militärischen Verwendung würde ich mich sofort auf Avancement
-melden -- --«
-
-»Pfui,« atmete Maria Geschowa, bei der der lauernde und gespannte Zug
-noch immer nicht entschwunden war, erleichtert auf, »Sie werden unartig,
-bester Freund. Darf ich Ihnen nicht lieber eine Tasse Tee bereiten? Solch
-ein Trank aus unserem Samowar schwemmt uns alle unnötigen Sorgen fort.«
-Und indem sie ihm abermals mit dem Zeigefinger leicht auf die Brust tippte,
-forschte sie ungeduldig: »Weshalb sehen Sie so unausgesetzt nach der
-großen, blonden Walküre, die Sie mitgebracht? Sind Sie ihr Vormund?«
-
-Ja, der Prinzipal des Goldenen Bechers hing sich mit allen Sinnen an die
-aufrechte Gestalt der Ältesten von Maritzken, weil ihn nicht eine Sekunde
-die treibende Furcht verließ, daß er hier unter diesem fremdsprachigen,
-auf der Lauer liegenden Volke ihr einziger Schutz und ihre letzte Hilfe
-sei. Wenn er doch nur unauffällig an ihre Seite gelangen könnte, um ihr
-seine aufkeimenden Bedenken bemerklich zu machen. Allein Johanna weilte
-in zwangloser Unterhaltung mit dem Fabrikbesitzer Miljutin an demselben
-Tischchen, das der Student Diamantow vor kurzem verlassen, und an ihren
-suchenden, manchmal hilflosen Gebärden erkannte Rudolf Bark, wie sie
-bei dem russischen Kaufmann sicherlich in der ihr nicht ganz geläufigen
-französischen Sprache allerlei geschäftliche Erkundigungen einzog. Ihr
-heut leicht gewelltes Blondhaar leuchtete selbst in der dämmrigen Ecke so
-voll Glanz und hellem Schimmer, ihre Haltung war so frei und dabei doch
-so stolz und straff, daß den Beobachter plötzlich die fast berauschende
-Genugtuung durchströmte -- eine deutsche Frau!!
-
-Wenn er sie nur erreichen könnte!
-
-Allein Johanna war zu sehr in die praktischen Erläuterungen vertieft, die
-ihr Herr Miljutin hinter seiner goldenen Brille, ein wenig stockend und
-schüchtern wie immer, angedeihen ließ, als daß sie auf ihren einzigen
-wahrhaften Freund in dieser Gesellschaft geachtet hätte. Das Kapitel des
-Pferdeeinkaufs war bereits zu ihrer Befriedigung abgehandelt worden, jetzt
-berichtete ihr der Fabrikant voll Stolz von seinen eigenen Erzeugnissen,
-und daß er auch Decke und Sims des kleinen Billardzimmers mit ganz
-neuartigen, perlmutterfarbig irisierenden Kacheln ausgelegt hätte:
-
-»Als Borten, mein teures gnädiges Fräulein,« lispelte Herr Miljutin,
-»sind Goldmajoliken verwandt, und an der Breitseite ist aus lauter kleinen
-Mosaik-Porzellanstückchen das Bild unseres erhabenen Zaren als Ritter
-Sankt Georg eingelegt. Ja, es ist ein schönes Werk des Friedens,«
-murmelte der Fabrikbesitzer mit kaum hörbarem Kummer, und indem er auf
-seinem verkürzten Fuß einen Schritt voranhinkte, verneigte er sich an
-der Schwelle und vollführte eine einladende Bewegung. »Sie würden mich
-außerordentlich ehren, teures Fräulein, wenn Sie meine bescheidenen
-Leistungen selbst beaugenscheinigen wollten. Bitte, treten Sie ein.«
-
-Demütig hob er den Vorhang, und Johanna nickte zustimmend und schritt
-über die Schwelle.
-
-Später erinnerte sie sich unausgesetzt jenes Augenblicks. Es war, wie wenn
-eine Nonne die Zelle des Friedens verläßt, um sich in das ihr unbekannte
-Getümmel zu verlieren.
-
-
-
-
-V.
-
-
-Die Portiere schloß sich über den Eintretenden, allein dicht hinter ihr
-wurzelte Johanna fest. Ihre Hände suchten nach rückwärts die Falten des
-bunten Vorhanges zu gewinnen, als müsse sie sich um jeden Preis an etwas
-Irdisches, ihr Gewohntes anklammern. Es war nicht das trauliche und mit
-wirklich erlesenem Geschmack eingerichtete Gemach, das das erdgebundene
-Wesen des Landmädchens für eine vorüberschnellende Sekunde so sehr
-verwirrte, bis es von allem, was sie bisher erlebt, abgelenkt war; es
-war auch nicht, wie sich Herr Miljutin vielleicht schmeichelte, der
-merkwürdige Meerglanz der Decke, die unwahrscheinliche, feuchtfunkelnde
-Strahlen auf sie herabschoß, es war vielmehr die ihrem prosaischen Gemüt
-vollständig unerklärliche Vorstellung, ein Götterbild oder ein Heros,
-jedenfalls irgend etwas Übermenschliches verkünde sich ihr unvermutet in
-ruhiger, selbstverständlicher, beinahe eisiger Schönheit. Aber das war
-nicht das richtige Wort. Herr im Himmel, sie fand kein anderes, als sie in
-dem ersten Schrecken, der ihre arbeitsame, unempfindliche Natur anfaßte,
-dasjenige zu bezeichnen suchte, was ihr so ungeahnt jede Beherrschung
-raubte. Da lehnte vor ihr an der schweren Mahagonieinfassung des Billards
-eine wunderbar ebenmäßige Männergestalt, breitschultrig und dabei
-schlank und wohlgefügt, als wenn ein Künstler den Körper aus Marmor
-geformt hätte. Nur bizarrer Eigensinn schien die muskulösen und doch
-jugendlich weichen Glieder mit der eleganten dunkelblauen Dragoneruniform
-aus feinstem Tuch bekleidet zu haben, um deren Achselbiegung sich ein paar
-blitzende Silberschnüre herumzogen. Und nun welch ein Haupt!
-
-Johannas Nüchternheit war weit davon entfernt gleich nervösen rasch
-gewonnenen Genossinnen ihres Geschlechts etwa bei dem ersten Blick in
-schwärmerischer Anbetung aufzulodern. Nichts dergleichen empfand ihre
-herbe deutsche Fassung dem völlig neuartigen Bild von Männerschönheit
-gegenüber, das wie aus dem Himmel gefallen plötzlich vor ihr aufragte.
-Nur ein ungeheures kindliches Staunen erfüllt sie ganz und gar. Und mit
-einer namenlosen Bewunderung betrachtete sie das Meisterwerk in einer
-Andacht, die nicht frei war von künstlerischer Erhebung. Durchaus
-natürlich fand sie es ferner, daß auch der fremde Offizier in
-vollkommener Bewegungslosigkeit vor ihr verharrte, und nicht der leiseste
-Verdacht beschlich sie, der junge strahlende Mann könnte nur deshalb seine
-lässig angelehnte Stellung so dauernd beibehalten, weil seine großen
-braunen Augen sich in dem hellen Ährenschimmer ihres Haares verfangen
-hatten.
-
-Eine Erinnerung peinigte das Landmädchen. Wo hatte sie doch das feine
-schmale Haupt mit der fast griechischen Nase und den sanft überbräunten
-Wangen bereits einmal gesehen? Und vor allen Dingen, die wirre Fülle
-kurzer, brauner Locken, von denen die hohe Stirn trotzig und widerwillig
-umrahmt wurde, mußte sie ihr nicht den Eindruck verstärken, als wenn das
-alles ihre Phantasie schon oft beschäftigt hätte?
-
-Und richtig, ein erlösender Blitz riß ihre Befangenheit auseinander.
-Jetzt wußte sie es. In ihrem Schlafzimmer zu Maritzken hing ein
-alter, halb verräucherter Buntstich, der die anmutigen und doch
-nachdenklich-melancholischen Züge des Preußenprinzen Louis Ferdinand
-wiedergab, des edlen Opfers von Saalfeld. Oh, wie seltsam die
-schöpferische, vielgestaltige Natur sich wiederholte! Hier saß in jeder
-Linie derselbe Mensch, bequem und doch voll anerzogener Eleganz auf der
-Umrahmung des Billards, und ohne daß er ein Wort äußerte, sagten die
-sanften lächelnden Augen des Offiziers ganz deutlich, daß ihm das große
-blonde Mädchen eine erfreuliche Erscheinung böte.
-
-»Nur reichlich verwöhnt scheint der vornehme Herr mit den silbernen
-Achselschnüren zu sein,« dachte die praktische Johanna, die sich
-plötzlich ihrer Bewunderung mit einem harten Ruck entriß, weil der
-Offizier ein Lebenszeichen von sich gab, indem er sich gefällig gegen sie
-verneigte. »Bei uns pflegen sich Militärs zu erheben, wenn sie eine
-Dame begrüßen. Wozu schlenkert dieser so anhaltend mit den hohen
-Reiterstiefeln aus Lackleder? Und Himmel, trägt er nicht goldene Sporen?
-Das muß ein großes Tier sein!«
-
-»Teures Fräulein,« hauchte neben ihr der Fabrikbesitzer Miljutin und
-rückte viel verschüchterter, als sonst, an seiner goldenen Brille,
-»bevor ich die Ehre habe, Ihnen das Mosaikbild unseres allergnädigsten
-Gossudars zu zeigen, erlauben Sie gütigst eine Vorstellung.« Er verbeugte
-sich tief gegen das Billard, als wäre es viel wichtiger, die Zustimmung
-des Dragoneroffiziers einzuholen, und fuhr zitternd vor der Bedeutung
-seines hohen Bekannten fort: »Dies ist Fürst Dimitri Sergewitsch
-Fergussow von den Petersburger Gardedragonern. Er genoß die Ehre, einer
-der Adjutanten unseres Zaren gewesen zu sein, den der lebenspendende
-Christus erhalten möge. Und dieser Herr hier,« sprach Herr Miljutin
-weiter, nachdem Johanna ihr Haupt stolz und gemessen geneigt hatte, als
-wollte sie sich selbst durch doppelte Zurückhaltung für ihre anfängliche
-kindische Fassungslosigkeit bestrafen, »dieser Herr ist Oberst Geschow
-aus Mariampol.« Und mit einer halb wegwerfenden Handbewegung setzte der
-Fabrikant noch hinzu: »Ach, richtig --, daß ich es nicht vergesse, dies
-hier ist Alexander Diamantow, ein Bergbaustudent.«
-
-Die Älteste von Maritzken hatte den Fürsten Fergussow mit Unrecht
-verdächtigt. Denn während die anderen beiden Herren sich verbeugten, wie
-man sich eben vor einer eintretenden Dame verneigt, gab der Aristokrat mit
-einer gewissen Hast seine lässige Stellung auf, ganz wie wenn er für die
-Zwanglosigkeit, in der man ihn überrascht, lebhaft um Nachsicht zu werben
-hätte. Und die Art, wie er nun der blonden Deutschen seine Ehrfurcht
-bewies, ließ auf den ersten Blick erkennen, daß der schöne Mensch seine
-Erziehung auf dem Parkett des Hofes genossen haben müsse. Ohne das Wort an
-die Fremde zu richten, trat der Dragoneroffizier höflich zur Seite, um den
-Ankömmlingen den Weg zum Mosaikbilde freizugeben. Kaum hatte ihm Johanna
-jedoch den Rücken gekehrt, da folgte ihr ein müder, etwas gleichgültiger
-Blick, der dann zu dem Obersten und dem Bergbaustudenten herüberglitt und
-von einem Achselzucken begleitet war. Die Gebärde schien auszudrücken:
-»Wozu die Unterbrechung?« Trotzdem begaben sich die drei Herren
-gleichfalls an die Breitseite der Wand, als wollten sie den Eindruck
-beobachten, den das Mosaikbild auf diese kühle, große Frau hervorbringen
-würde.
-
-»Eine echte Nemza,« dachte Dimitri Sergewitsch, der direkt hinter dem
-Mädchen verweilte und auf diese Weise, ohne daß sie es merkte, ganz aus
-der Nähe ihre reife Blondheit festzustellen vermochte. »Fade,« urteilte
-der Fürst abschätzend und ohne eine Spur innerer Achtung, »ein grobes,
-starkknochiges Geschöpf.« Und doch bückte er sich katzenhaft, um
-dem Mädchen das Taschentuch aufzuheben, das ihr eben aus der Rechten
-entglitten war. Mit einer formvollendeten, artigen Verneigung, die die
-äußerste Dienstbeflissenheit verriet, reichte er ihr das Gewebe zurück.
-»Es ist dick wie ein Scheuertuch,« gestand er sich dabei selbst. »Wie
-geschmacklos sich die Deutschen kleiden. Nicht einmal ein Tröpfchen
-Parfüm hat sie angewendet. =Fi donc!=«
-
-Fürst Fergussow schwärmte nicht für die Blonden. Er schwärmte
-überhaupt für nichts. Er suchte nur immer. Und der verwöhnte Liebling
-der Petersburger Salons grübelte manchmal ernsthaft darüber nach, ob
-das Geschenk des Lebens nicht eigentlich eine gemeine und widersinnige
-Teufelsgabe wäre. Immer frischer Reizmittel bedurfte man, um diese
-abspannende, diese zermürbende Gleichgültigkeit stets von neuem
-aufzurütteln. Und in einer jener Stunden der Lethargie oder der nagenden
-Selbstzerfleischung, wenn das Daseinsflämmchen verendend zuckte, da war
-der bewunderte Dimitri Sergewitsch, der Held so vieler Romane, zuletzt in
-einen Kreis junger Studenten und mittelloser, im Avancement übergegangener
-Offiziere geraten, die ihre fest geschlossene Vereinigung das »Symposion«
-nannten. Unter den Symposiasten aber herrschte die Überzeugung, daß man
-das Leid und die Widerwärtigkeiten des Daseins nicht köstlicher betrügen
-könne, als durch ein gemeinschaftliches, freiwilliges Ende in voller Kraft
-und Rüstigkeit. Nachdem man vorher eine Orgie gefeiert, die alle Blüten
-der Kultur, die giftigen sowohl wie die himmlischen, gleich einem Kranz
-um die Häupter der Teilnehmer geschlungen. Hier hatte er auch Diamantow
-getroffen, dessen soziale Hoffnungen wieder einmal gescheitert waren. Der
-Student war allmählich von der verzweifelten Idee befallen worden, im
-Grunde fügten die Volkserwecker, die die träumenden Massen aus ihrem
-Schlafe aufzurütteln versuchten, den Hindämmernden ein schweres
-Unrecht zu. Denn nur Nichtwissen, Traum und Schlummer machten das Dasein
-erträglich. Voll zehrender Leidenschaft wurden diese auflösenden
-Ansichten verkündet, und alles war bereits für die große Orgie
-vorbereitet, als Fürst Fergussow, und mit ihm gerade die Vornehmsten des
-Symposions, plötzlich ohne jeden erkennbaren Grund fortblieben, und
-der Rest durch die Polizei auseinander gesprengt wurde. Keiner der armen
-Mißleiteten warf Dimitri Sergewitsch indessen etwa Feigheit vor. Dazu war
-die Tollkühnheit des Gardedragoners in der Hauptstadt zu sehr bekannt,
-man wußte überdies, daß er erst im letzten Winter ein paar ertrinkenden
-Kindern in die Eisschollen treibende Newa nachgesprungen sei. Also Feigheit
-nicht. Die einen meinten, eine sehr, sehr junge Dame aus der höchsten
-Aristokratie, kaum dem Kindheitsalter entwachsen, hätte seine launenhafte
-Neigung für ein paar Monate entfacht, und die Erde reiche ihm wiederum
-ihre heißen Geschenke. Die anderen erzählten gerade das Gegenteil. Bei
-Hofe, flüsterten sie sich achselzuckend zu, wäre ein wundertätiger
-Mönch aus einem fernen Kloster erschienen, der die Macht bewiesen hätte,
-abgeschiedene Geister aus dem Jenseits zu rufen und die Seelen seiner
-Vertrauten durch inbrünstige Ekstasen in ein höheres Reich der Wonne zu
-heben. Aber Dimitri Sergewitsch! Man schüttelte den Kopf. Sollte wirklich
-dieser eiskalte Rationalist zu jenen heiligen Schwärmern gehören?
-
-Warum nicht?
-
-Sein rastlos hin und her zuckendes Gemüt, das immerfort die Farbe
-wechselte, je nachdem ihn eine neue Laune quälte, es konnte sich gewiß
-auch heißhungrig in die Abgründe der Mystik stürzen. Freilich nur, um
-jene Klüfte bald darauf wieder, verächtlich lächelnd, mit dem Spieltisch
-oder dem Boudoir einer Zirkusreiterin zu vertauschen.
-
-»Kann die Mosaik Ihren Beifall erringen, teures Fräulein?« fragte Herr
-Miljutin der Ältere noch demütiger als sonst.
-
-Johanna geriet in einige Verlegenheit. Die steifen, eckigen Linien des
-eingelegten Ritterbildes sagten ihr keineswegs zu. Auch schien ihr der
-weiche Dulderkopf des regierenden Zaren durchaus nicht unter die eiserne
-Sturmhaube zu gehören. Aber durfte die Gutsherrin vor den Offizieren
-des fremden Herrschers eine so absprechende Meinung äußern? Regungslos
-verharrte sie, und in ihre Wangen stieg die Röte der Unsicherheit.
-
-»Wir haben uns hier bemüht, national-russische Kunst zu geben,« fuhr
-Herr Miljutin dringender fort, da sich der sanfte Mann darüber aufzuregen
-schien, weil die Nemza seiner Schöpfung gegenüber so empfindungslos
-blieb.
-
-Wie unangenehm!
-
-Schon wollte sich das ehrliche Landmädchen mit ihrem geringen Verständnis
-entschuldigen, als ihr unerwartet eine Hilfe kam, auf die sie niemals
-gerechnet hatte. Und wie melodiös und schmeichelnd das Organ ihres
-unverhofften Retters klang! Unwillkürlich wandte sich die hohe Blonde
-dankbar ihrem Verteidiger zu, und so unverdorben war sie, daß sie
-hinter diesen bestrickenden Lauten auch eine reine und aufrichtige Seele
-vermutete.
-
-»Bester Miljutin,« hemmte der Fürst den aufsteigenden Unwillen des
-Händlers, indem er ihm mit seiner feinen weißen Hand freundschaftlich auf
-die Achsel klopfte, »muten wir dem gnädigen Fräulein nicht zuviel zu.
-Unter uns, die Vorliebe für diese Quadrate ist eine Barbarei, die wir
-unseren byzantinischen Lehrmeistern hätten lassen sollen. Sie können
-mir glauben, unsere herrschsüchtigen Mönche benutzen die von
-Totenstarre verkrampften Gelenkpuppen nur, um unseren dummen Bauern
-Furcht einzuflößen. Kommen Sie, meine Gnädigste,« fuhr er mit seinem
-liebenswürdigen und freimütigen Lächeln fort, als er bemerkte, wie
-erleichtert die befangene Deutsche aufatmete, »lassen wir uns hier auf Leo
-Konstantinowitschs neuem Klubsofa nieder, denn jetzt werden Sie wirklich
-etwas von russischer Kunst empfangen, worin wir unter den Nationen ziemlich
-einzig dastehen. Vielleicht, weil den anderen Völkern eine Nachahmung
-nicht lohnt. Hören Sie? Dort drinnen singt Frau Oberst Geschow ein
-tatarisches Dorflied. Ah, und sie begleitet sich selbst auf der Balalaika.
-Wollen Sie mir glauben,« sprach er in seiner zwanglosen und wahrhaft
-vornehmen Art weiter, »daß ich selbst jenes Instrument in den
-Abendstunden ein wenig spiele? Es hat so etwas von den reinen Klängen der
-Kindheit. Und nicht wahr, wir alle retten uns manchmal gern hinüber?«
-
-Heiß und klagend zugleich begann im Nebenzimmer eine dunkle Frauenstimme
-unauffällig zu singen. Ein eigentümlicher Saitenvierklang, hüpfend und
-neckisch, tönte dazwischen, als ob das Leben auf die traurige Weise mit
-einem unbekümmerten Tanz antworte.
-
-»Handelt es sich hier vielleicht um einen Abschied?« fragte Johanna
-rasch, die den inneren Sinn des Liedes trotz der fremden Worte zu begreifen
-meinte.
-
-Dimitri Sergewitsch rückte respektvoll etwas näher an sie heran. Und zum
-erstenmal richtete er seinen sanften Blick gegen die großen blauen Augen
-des Landfräuleins und fand zu seiner Verwunderung, daß dort drinnen etwas
-leuchte, ehrlich und bestimmt, was zu der gleichgültigen Dummheit, von der
-er die Deutsche erfüllt glaubte, nicht recht stimmen wollte.
-
-»Sie haben ganz recht, Gnädigste,« versicherte er in seiner einnehmenden
-Manier, die ihm so wenig Mühe bereitete, »ich mache Ihnen mein
-Kompliment, weil Ihnen die Musik scheinbar ihre letzten Geheimnisse
-entschleiert. Wenn Sie gestatten, möchte ich Ihnen den Text übersetzen.
-Ein tatarisches Bauernmädchen sitzt im Rahmen eines weinübersponnenen
-Fensters. Draußen auf der Dorfstraße nimmt ihr Liebster, der mit seiner
-Schwadron in den Krieg zieht, von ihr Abschied. Und nun fragen sich die
-beiden jungen Leute im Wechselgesang, was sein wird, wenn wiederum der Wein
-blüht:
-
- »Ich küsse dich, Anuschka.«
- »Ich küsse dich, Iwan.«
- »Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«
- »Ja, was wird sein?«
- »Hochzeitsgeschenke werden kommen, und du wirst nicht an mich denken.«
- »Ja, Hochzeitsgeschenke werden kommen, aber ich werde an dich denken.«
- »Denke nicht an mich, denn ein eisernes Vögelchen flog mir ins Herz.«
-
-Drinnen tönten die schwermütigen Strophen fort, immer von der hüpfenden
-Begleitung durchschlungen und unterbrochen. Der Fürst aber beugte sich
-vor, als ob er ein Urteil über das heimatliche Lied erwarte. Allein seine
-Zuhörerin war über das rein Poetische des Gedichtes längst hinweggeeilt.
-Ihr an das Nächstliegende stets gebundener Sinn stöberte unruhig in den
-Gedankenverbindungen herum, die durch ein einziges Wort des Textes in ihr
-erregt waren. -- -- Krieg! -- -- Und plötzlich vergaß sie, wer neben
-ihr saß. Nichts als die weiche und gütige Stimme des Mannes, der sie
-unterhielt, war in ihrem Ohr haften geblieben. So kam es, daß sie sowohl
-die fremde, vielleicht feindliche Volksangehörigkeit ihres Nachbarn
-außer acht ließ, ja, daß ihr sogar sein hoher Rang entglitt. Wie ein
-bekümmerter Mensch, der bei einem anderen lebenden Wesen Trost sucht,
-bettete sie ihre Hand ohne jede Absicht auf die Finger des anderen, um
-rasch und inständigst zu fragen:
-
-»Sie sind mir fremd, aber Sie müssen es wissen, -- nicht wahr, es ist
-doch unmöglich?«
-
-»Was ist unmöglich?« wiederholte der Dragoner sich sammelnd, obwohl er
-den Sinn ihrer plötzlich ausgestoßenen Bitte recht wohl begriff.
-
-Wie plump die Nemza war! Man bereitete doch einem Unbekannten, den man
-sicherlich nie wiedersehen würde, nicht derartige Verlegenheiten! Doch
-während er sich zu ihr wendete, spielte wieder das gewinnende Lächeln des
-Gesellschaftsmenschen auf seinen klassisch geformten Zügen.
-
-»Was beunruhigt Sie, bestes Fräulein? Kann ich vielleicht Ihre Bedenken
-zerstreuen? Sie sehen übrigens so aus, als wenn Sie nicht leicht außer
-Fassung zu bringen wären.«
-
-Da zog Johanna, zur Besinnung gelangend, ihre Hand hastig zurück, raffte
-sich zusammen und saß wieder so aufrecht und unberührt, den Kopf in
-den Nacken geworfen, daß den Fürsten ihre steife Haltung innerlich
-belustigte.
-
-»Sie haben ganz recht,« äußerte sie kalt, und ihr Ton klang so eisig,
-wie ihn nur die Herrin von Maritzken, sobald sie sich oder andere auf
-einem Fehler ertappte, anzuwenden pflegte. »Wie kämen Sie dazu, mir
-Aufschlüsse über etwas zu erteilen, was Ihnen vielleicht dienstlich
-verboten ist.« Und sich zu Herrn Miljutin kehrend, begann sie mit dem
-Fabrikbesitzer sich wiederum über geschäftliche Dinge zu unterhalten.
-
-Eingehend erkundigte sie sich bei dem Kaufmann nach dem Preis seiner
-eigenen Lastpferde.
-
-Ein Pferdegespräch also, auch das noch! Ungläubig lauschte Dimitri
-Sergewitsch ein paar Sekunden herüber. Dann aber, als sich der schöne
-junge Mann daran erinnerte, wie unbändig taktlos es wäre, eine
-Unterhaltung so schneidend und kurz abzubrechen, namentlich ihm, dem stets
-Höflichen gegenüber, da glitt er fast unhörbar empor und gedachte
-sich mit einer seiner anmutigen Verneigungen durch den Vorhang in das
-Nebenzimmer zu begeben, um Maria Geschowa ein paar Lobeserhebungen über
-ihren Gesang zu Füßen zu legen. --
-
-Da geschah etwas.
-
-Ganz unvermutet und gegen seinen Willen wurzelte er dicht an dem Platz, wo
-Johanna saß, fest, so daß sich ihre Gewänder beinahe berührten.
-
-Was war das?
-
-An der schmalen Seitenwand des Zimmers öffnete sich eine niedrige
-Tür, und auf dem Vorplatz, der mit ein paar Steinstufen auf den Hof
-herunterleitete, nahm man eine russische Ordonnanz wahr, die einen Brief
-oder eine Depesche in der Hand hielt. Mehrere Offiziere umgaben den
-Soldaten, ein halblautes Summen und gedämpfte Rufe schlugen von draußen
-herein.
-
-Johanna griff fest in die Seitenlehne des Klubsofas. Ihr heller Verstand
-verriet ihr auf der Stelle, dort auf dem Vorhof spiele sich nichts
-Gleichgültiges ab, nein, daß der Bote vielmehr eine Entscheidung
-brächte. In das Dunkel, das sie alle umgab, wurde sicherlich in diesem
-Augenblick eine Fackel geschleudert, in der nächsten Minute konnte bereits
-ein wütender Brand auflodern, wilde Glut mußte Weg und Zukunft erhellen.
-Nicht um einen Schlag pochte das Herz der Landtochter schneller. Die
-Gewißheit war stets ihre treueste Bundesgenossin. Und nur ein einziger
-Gedanke riß klar und blendend durch ihr Bewußtsein.
-
-Fort!
-
-Gab es für sie und die Schwestern, die in ihrer Hut standen, noch einen
-Rückweg? Das unerschütterliche Vertrauen auf die Standhaftigkeit des
-weißen Friedenstempels, unter dessen glattem Marmordach ihr ganzes Leben
-verflossen, es war eine Torheit gewesen. Ihre Augen starrten unausgesetzt
-auf den offenen Durchgang. Nicht der kleinste Zug in den aufgeregten Mienen
-der Männer dort draußen entging ihr. Ihr war es, als verstände sie
-plötzlich jede Silbe der fremden Worte, die da so rasch und kurz wie
-Flintenkugeln durcheinanderflogen.
-
-Kein Zweifel, das Fürchterliche war da!
-
-Und alles, was nun geschah, wirrte wie Schattenbilder um sie her. Fast
-lautlos und unhörbar vorübergleitend.
-
-Stürzte nicht der Bergbaustudent Alexander Diamantow auf den Flur hinaus,
-um die schmale Tür sofort hinter sich zu schließen? Eine plötzliche
-Stille trat ein. Auch in das Nebenzimmer mußte bereits die geheimnisvolle
-Kunde gedrungen sein, denn auch dort war jeder Laut erstorben. Man hörte
-nur das leise Klirren der Teetasse, die in der Hand der Gouverneurin
-zitterte. Gleich verwunschenen Traumfiguren, leblos, keiner Bewegung
-mächtig, verharrten die Männer in Johannas Umgebung.
-
-Und dann -- die Tür flog auf, -- weiß wie ein Blatt Papier überreichte
-der Bergbaustudent dem Obersten Geschow ein geschlossenes Formular. Johanna
-sah, wie sich die breite Brust des untersetzten Obersten gewaltsam hob. Die
-gutmütigen grauen Augen des Mannes schlossen sich für eine Sekunde, und
-seine fleischige Rechte strich schwerfällig über die kurz
-geschorenen weißen Haare. Im nächsten Moment freilich stieß er einen
-unverständlichen Ruf aus, brach zitternd vor Aufregung das Schreiben
-auseinander, und während er sich damit vorgebeugten Hauptes gegen das
-Fenster wandte, wehrte er es den anderen nicht, ihm in atemloser Spannung
-über die Schultern zu blicken. Ein starkes Atmen ging durch den Raum.
-
-Gleich darauf kehrte sich der Oberst zurück. Mit einer straffen Bewegung
-steckte er sich das Formular in den Ärmelaufschlag, nickte kurz und
-warf ein einziges Wort hin. Es pfiff wie ein Säbelhieb. In den Augen des
-Kommandeurs aber funkelte ein seltsames Leuchten.
-
-Da -- vom Hof schallte ein hundertstimmiger Schrei herein. Taumel, Ekstase,
-Rachegier oder ein allgemeines begeisterungstrunkenes Gelöbnis mischte
-sich in dem langen, die Brust befreienden Aufbrüllen. Oberst Geschow
-jedoch, der fast schon unter dem Vorhang weilte, warf energisch die Rechte
-zurück, als erteile er den gemessenen Befehl, daß seine Untergebenen
-derartige Kundgebungen sofort zu unterdrücken hätten, und ohne Verzug
-eilte die Mehrzahl der Offiziere auf den Hof hinaus. Der Rest folgte seinem
-Kommandeur in das Gesellschaftszimmer, und bald befand sich die Fremde, die
-man vergessen hatte, allein.
-
-Nein, nicht allein.
-
-Langsam kehrte das Leben in die Glieder des Fürsten Fergussow zurück. Er
-war es, der einzig von allen anderen noch immer neben der Fremden weilte,
-und sie sah nun wie der junge Mann aus seinem tiefen Nachdenken zu erwachen
-schien. Keine Muskel regte sich in dem reinen kalten Antlitz, als er jetzt
-ernst seine sanften braunen Augen auf die Deutsche richtete. Dann verneigte
-er sich vor ihr ganz in der Art eines großen Herrn.
-
-»Meine Gnädigste,« sagte er zuvorkommend, »Oberst Geschow hat
-zweifellos im Drang seiner Geschäfte Ihnen gegenüber eine Pflicht
-verabsäumt. Es kann ihm nur angenehm sein, wenn ich sie an seiner Statt
-erfülle.«
-
-Noch hatte der Fürst nicht ganz geendet, als hinter dem Vorhang die
-laute Stimme des Hausherrn, des Rittmeisters Sassin, in ihr gewöhnliches
-polterndes Lachen ausbrach. Augenscheinlich galten seine Beruhigungen den
-fremden Gästen, die gewiß durch das zuletzt Erlebte einem hemmungslosen
-Schrecken verfallen waren.
-
-»Aber meine Damen,« hörten die beiden Lauschenden das vollsaftige
-Organ des Rittmeisters schmettern, »mein bester Freund Rudolf Bark, welch
-unnötige Aufregung! Eine dienstliche Depesche wie hundert andere. Nicht
-der geringste Grund, um darüber nachzudenken. Wie? Aufzubrechen wünschen
-Sie? Das dulde ich unter keinen Umständen. Das leide ich einfach nicht.
-Das Ganze war hier als ein kleiner =thé dansant= gedacht. Jede Minute
-müssen die Spielleute unseres Regiments eintreffen. Nein, um dieses
-Vergnügen lasse ich uns nicht bringen. Sie befinden sich unter Freunden,
-nicht wahr, Oberst Geschow?«
-
-In dem Billardzimmer jedoch zog Fürst Fergussow die Augenbrauen zusammen.
-
-»Ich weiß nicht, mein Fräulein,« äußerte er rasch zu seiner
-Gefährtin, die ihm nun in ihrer ganzen Größe gegenüber ragte, »warum
-Leo Konstantinowitsch so Widersinniges redet. Ich hoffe, es geschieht, um
-Ihre Furcht nicht noch zu vermehren. Aber wie gesagt, ich glaube Ihnen die
-Wahrheit schuldig zu sein. Hören Sie also: Soeben erfuhren wir, daß
-Ihre Regierung an die unsrige ein Ultimatum richtete. Es läuft in
-zweiundsiebzig Stunden ab.«
-
-»Ist das der Krieg?« fragte Johanna ruhig.
-
-Dimitri Sergewitsch zuckte die Achseln.
-
-»Wer weiß das?« gab er knapp zurück. »Wir Frontoffiziere vermögen
-derartiges am wenigsten zu beurteilen. Aber auf die Gefahr hin, uns Ihrer
-Gegenwart zu berauben, möchte ich Sie doch bitten, sich sofort in Ihre
-Heimat zurückzubegeben.«
-
-»Hörten Sie nicht,« warf Johanna mit ihrer gewohnten Umsicht ein, »daß
-Ihr Freund, der Rittmeister Sassin, uns nicht fortzulassen wünscht?«
-
-»Das kann nur ein Scherz sein,« erwiderte der Aristokrat sich
-aufrichtend, und in diesem Moment sah man, wie kräftig die Muskeln in
-seinen schlanken Gliedern spielten. Er schlug den Vorhang zurück, um seine
-Gefährtin in das Gesellschaftszimmer vorantreten zu lassen, und seine
-einschmeichelnde Stimme nahm einen Klang an, der vollständig von der
-Gewohnheit des Befehlens beherrscht war. »Leo Konstantinowitsch,« rief er
-laut, »wir alle bedauern es lebhaft mit Ihnen, weil die Zeit für unsere
-deutschen Gäste abgelaufen ist. Die Herrschaften wünschen sich zu Fuß
-bis zu der Brücke zu begeben, und Sie werden die Güte haben, dafür Sorge
-zu tragen, Herr Kamerad, daß der den Damen gehörige Wagen ihnen sofort
-folgt.«
-
-»Das leide ich nicht,« knurrte Sassin plötzlich händelsüchtig, und
-eine rote Blutwelle schoß ihm in die Stirn. »Wozu das alles? Auf der
-Straße treibt sich jetzt ohnehin allerlei Fabrikarbeitervolk herum, die
-Damen könnten nur Unannehmlichkeiten erfahren.«
-
-»Es ist vernünftig, Leo Konstantinowitsch, daß Sie darauf aufmerksam
-machen,« entgegnete Fürst Fergussow, obwohl er ihn keines Blickes
-würdigte. »Aber ich selbst werde die Ehre haben, die Damen sowie den
-fremden Herrn bis an die Brücke zu geleiten.«
-
-»Ah, Sie selbst, Durchlaucht,« murmelte der Hausherr erstickt.
-
-»Sie gestatten, daß ich mich Ihnen anschließe,« erbot sich Oberst
-Geschow. »Ich vermute, daß besondere Brückenbefehle ausgegeben sind, und
-ich wünsche, daß unsere Gäste ohne Belästigung hinüber gelangen.«
-
-Die Gesellschaft sprach laut durcheinander. Jeder suchte sich und
-die übrigen davon zu überzeugen, daß all die gewünschten
-Vorsichtsmaßregeln völlig grundlos wären, weil sich bei der bekannten
-Friedensliebe und Gutmütigkeit des slavischen Volkes niemals etwas
-Ernstliches ereignen würde.
-
-»Wie können in einem Staate, der sich so langsam emporarbeitet,
-überhaupt jemals solche das Volksvermögen zerrüttende Gedanken
-auftauchen,« ächzte der Gouverneur Bobscheff, indem er, schlau mit den
-Augen zwinkernd, seinen Hals weit über die übrigen erhob. »Man wird
-einen Ausweg finden. Auf Auswegen beruht die ganze Politik.«
-
-»Hören Sie es?« machte Tatiana, die Heroldin seines Ruhmes, aufmerksam.
-»Mein Gatte verwirft aus nationalökonomischen Bedenken jede kriegerische
-Auseinandersetzung.«
-
-»Leben Sie wohl, Rudolf Bark,« so schritt unbekümmert um die betroffenen
-Mienen der anderen die dunkle Tatarin mitten durch den ausweichenden
-Kreis hindurch und auf den Kaufmann zu, der wie eine Schutzwehr für seine
-bereits in der Diele befindlichen Damen, noch auf der Schwelle verharrte.
-Und einer sie durchströmenden Scham nachgebend, streckte Maria Geschowa
-dem Konsul warm die Hand entgegen. »Sie wissen jetzt,« sagte sie ganz
-laut, als ob sie wünsche, daß es die anderen auffangen sollten, »Sie
-wissen jetzt, warum es hier manche Heimlichkeiten gab. Aber das, was ich
-Ihnen jetzt sage, das können Sie mir ehrlich und ohne Mißtrauen glauben.
-Ich wünsche von Herzen, daß die uns noch zur Überlegung gegönnten drei
-Tage eine blutige Entscheidung abwenden möchten. Denn gleich mir, so gibt
-es hier unter uns viele,« setzte sie mit erhobener Stimme hinzu, als sie
-das eisige Schweigen der Umstehenden bemerkte, »viele gibt es hier, die
-nichts so widersinnig, ekelerregend und hündisch finden, als das bewußte
-Zerfleischen von Geschöpfen, die sich Menschen nennen. Pfui, möchte es
-nie dazu kommen!«
-
-»Du hast recht, Maria,« pflichtete nach einer Pause des bedrückten
-Schweigens der Gatte der Tatarin, Oberst Geschow, sehr ernsthaft bei und
-streichelte der erregten Frau billigend und respektvoll über den Arm.
-»Hoffen wir, daß das Menschengeschlecht diesen Schritt nach unten nicht
-zu wagen braucht; denn nach abwärts wird der Weg führen.«
-
-In diesem Augenblick öffnete Fürst Fergussow die äußere Tür, und
-das Licht des funkelnden Sommertages flutete üppig und hell auf all die
-ängstlich zusammengedrängten Menschenköpfe, die ahnungsvoll nach dem
-fernen Grollen des Weltenschicksals hinaushorchten.
-
- * * * * *
-
-In wenigen Minuten hatte man den Brückenkopf erreicht. Und doch war es den
-durch den schwarzen kotigen Kohlenstaub dahineilenden Mädchen gewesen, als
-ob sie sich durch andrängende Jahre hätten hindurcharbeiten müssen.
-Das rußige Erdreich besudelte ihre hellen Schuhe, die offenen Mäntel
-flatterten unordentlich hinter ihnen her: Ganz gleich, nur den Ort
-erreichen, von wo man die Heimat sehen konnte, die sichere, die
-schützende.
-
-Da -- gottlob -- da gewahrte man schon den schmalen Fluß, man sah
-die langen Kohlenkähne, vor denen die Ablader nun beschäftigungslos
-herumlungerten. Und jetzt, -- war das nicht das Getrappel vieler Pferde,
-das da hinten von der hölzernen Brücke herüberpolterte? Noch ein paar
-Schritte, und die dunkelblauen Uniformen einer Reiterabteilung wurden
-sichtbar, die auf unruhigen Pferden dicht vor dem Brückeneingang hielt.
-Die gezogenen Säbel blitzten im Licht des Spätnachmittags.
-
-»Großer Gott,« fuhr Isa auf, während sie die Hand ihrer ältesten
-Schwester, die ruhig und aufgerichtet wie immer neben ihr herschritt, in
-heftiger Bestürzung umklammerte, »was bedeutet das? Hans, ob man uns hier
-gewaltsam zurückzuhalten gedenkt?«
-
-Über das marmorweiße Antlitz der Großen huschte ein mattes Lächeln. Und
-doch richtete sie ihre Augen auskunftheischend auf den Fürsten Fergussow,
-der mit seinem leichten, federnden Gang an ihrer Seite geblieben war.
-Sofort nickte der Aristokrat verständnisvoll und trat rasch an den jungen
-Zugführer heran, der grüßend seinen Degen vor dem Offizier in der
-blitzenden Uniform senkte. Ein paar schnelle, den anderen unverständliche
-Worte wurden gewechselt. Gleich darauf parierte der Dragonerleutnant seinen
-Braunen und rief etwas mit lauter Stimme über die Brücke. Gehorsam traten
-auf den Anruf die beiden Grenzsoldaten dicht an das Wachthäuschen heran
-und gaben die Durchfahrt frei.
-
-Da meldete sich ein fernes Rollen. Im Galopp kam der Landauer des Konsuls
-über den Marktplatz gerasselt, und schon von weitem erkannte man, daß
-der Rittmeister Sassin selbst das Gespann lenkte. Mit klatschenden
-Peitschenschlägen trieb er die Pferde die steile Straße hinan. Kaum
-hatte er die Brücke erreicht, als er auch schon dem deutschen Kutscher
-die Zügel zuwarf und klirrend herabsprang. Unter beständigem betrübten
-Kopfschütteln, und während er sich unausgesetzt den starrenden rotblonden
-Schnurrbart strich, schritt die mächtige Gestalt bis mitten auf den
-Holzweg, wo sich der Konsul, sowie seine Schutzbefohlenen, soeben von ihren
-russischen Begleitern verabschiedeten. Laut dröhnte die metallische Stimme
-des Rittmeisters zwischen die letzten höflichen Worte der Scheidenden.
-
-»Rudolf Bark, mein teurer Freund, meine gnädigsten Damen, welch
-ein Malheur, welch ein lächerliches Mißverständnis! Nie werde ich
-wahnsinnigen Zeitungsschreibern, die an allem schuld sind, vergeben, was
-sie an mir verbrochen haben. Einen der schönsten Tage meines Lebens haben
-mir die elenden Narren gestohlen. Es ist unbegreiflich, Rudolf Bark, wie
-auch Ihre bekannte Kaltblütigkeit sich von solchem Geschwätz beirren
-lassen kann.«
-
-Der Konsul hatte die Mädchen erst über die hölzerne Schwelle geführt,
-welche die Grenze der beiden mächtigen Reiche bildete. So merkwürdige
-Vorstellungen nisten in den Köpfen auch kluger Menschen, daß der Kaufmann
-seine Begleiterinnen erst völlig geschützt wähnte, als sie hinter dieser
-eingebildeten Schranke weilten. Er selbst aber trat noch einmal zurück,
-nicht nur um seinen Wagen herbeizuwinken, sondern auch in der Absicht, das
-Gebaren seines bisherigen Gastgebers, das er deutlich durchschaute, durch
-ein paar derbe und offene Worte vor den anderen bloßzustellen. Aber wie
-erstaunte er, als er merkte, daß diese Aufgabe bereits von dem vornehmen
-Offizier aus Petersburg übernommen sei. Lässig lehnte Dimitri Sergewitsch
-an dem Brückengeländer, nur eine heftige Kopfbewegung verriet, wie
-widerlich und unanständig ihn das unaufrichtige Verhalten des Kameraden
-anmutete.
-
-»Leo Konstantinowitsch,« bemerkte er kurz, »Sie mögen gewiß Gründe
-haben, die gegenwärtige Lage so optimistisch zu beurteilen. Mich selbst
-aber, und wie ich glaube auch den Herrn Obersten, befriedigt es ungemein,
-weil wir die deutschen Herrschaften in dieser gespannten Zeit dort wissen,
-wohin sie gehören.« Und sich noch einmal, ohne die anderen zu beachten,
-direkt vor Johanna verbeugend, rief er noch hinüber: »Kommen Sie gut
-nach Hause, mein gnädigstes Fräulein; nein bitte, keinen Dank. Was hier
-geschehen ist, würde jeder andere genau so verrichtet haben. Übrigens --
-hier kommt Ihr Wagen. Und nun guten Abend.«
-
-Ein kurzes Gedränge entstand, hastig schlüpften die Mädchen durch den
-Schlag, der Konsul zog noch einmal den Hut vor dem salutierenden Obersten,
-und fort rollte der deutsche Wagen der Heimat zu.
-
-Ungefährdet.
-
-Im Lichte der Abendsonne aber lehnte Fürst Fergussow, so lange er das
-Gefährt noch verfolgen konnte, an dem Brückengeländer. Er hatte sich
-eine Zigarette entzündet, und die weißen Wolken ringelten sich fröhlich
-in den matter werdenden Himmel.
-
- * * * * *
-
-Wie anders sah das Land aus, in das der deutsche Wagen auf seinen prallen
-Gummireifen hereinrollte, als dasjenige, das seine Insassen eben von Grauen
-geschüttelt, verlassen hatten. Dort ein wüstes schmutziges Durcheinander,
-grundlose, ungepflasterte Straßen, baufällige Häuser, und eine
-Stadt, die von der segensreichen Tochter des Himmels, der Ordnung, nie
-durchschritten war. Und hier, kaum daß man den schwarz-weißen Grenzpfahl
-passiert, dem man zum erstenmal im Leben wie einem alten schutzbereiten
-Wächter aufatmend zugenickt hatte, hier empfing die Heimkehrenden eine
-glatte Chaussee aus blauweißen Steinchen, sauber gekehrt und auf beiden
-Seiten besetzt von buschigen Kirschbäumen, die bereits der Frucht
-zustrebten.
-
-Gleich vor dem ersten Bauerngehöft stand neben den in der Abendsonne
-blitzenden Glaskugeln des Vorgärtchens eine hochgewachsene blonde Frau,
-auf dem Arm ihr Töchterchen tragend. Sie rief etwas in das Haus hinein,
-als sie den herannahenden Wagen gewahrte. Auf den weithallenden Schrei trat
-sofort ein Mann in Lederhosen und Hemdsärmeln aus der Tür, schnallte
-sich den Gurt etwas fester, strich sich die düster-blonden Haare aus der
-gebräunten Stirn und schritt dann dem heranrollenden Gefährt entgegen.
-
-Der Konsul beugte sich in seinem weißen Mantel hinaus. Er erinnerte sich
-nicht, den jungen Bauern, der offenbar ein Anliegen hatte, jemals gesehen
-zu haben. Und doch beherrschte ihn die merkwürdige Empfindung, daß es
-jetzt notwendig und angebracht sei, jedem Landsmann Rede und Antwort zu
-stehen.
-
-»Guten Abend, Herr Konsul Bark,« begann der Bauer, indem er freimütig
-grüßend an den Schlag herantrat; und sich gewissermaßen vorstellend,
-fuhr er fort: »Ich kaufe schon seit langem meinen Kram bei Ihnen
-dort drinnen. Aber deswegen halte ich Sie nicht fest. Ich bin hier
-Gemeindevorsteher, und die Nachricht ist eben bei mir eingelaufen. Sie
-kommen von drüben, Herr Konsul, und da wollte ich fragen, ob wir uns
-wirklich fertig machen müssen.«
-
-Als er dies sprach, reckte sich die gedrungene Gestalt des Mannes und
-kehrte sich halb gegen Osten, als ob er irgend etwas von dort Andrängendem
-den Weg sperren müsse. Der Konsul aber reichte ihm rasch die Hand heraus
-und bestätigte mit einem leisen Seufzer:
-
-»Ja, ja, ich fürchte es steht schlimm, Herr Gemeindevorsteher.«
-
-»Schlimm?« wiederholte der andere erstaunt, und in seine braunen Augen
-drang ein seltsames Flimmern, »ich stand dort drinnen als Sergeant bei der
-Artillerie, Herr Konsul, und ich denke, wir werden auch ein Wort mitzureden
-haben. I wo, ich will uns nicht loben, aber wir werden uns nicht lumpen
-lassen, Herr Konsul.«
-
-Es lag etwas so Frisches, Selbstverständliches in der Überzeugung dieses
-gedienten Soldaten, daß seine Zuhörer wie von einem heißen, belebenden
-Trank durchrieselt wurden.
-
-»So ist es,« stimmte Johanna zu, innerlich beglückt, nach all dem
-französischen Parlieren wieder die derben heimatlichen Laute zu vernehmen,
-»wenn wir fest zusammenhalten, kann uns nichts geschehen.«
-
-Der Landmann aber schüttelte ganz verblüfft das unbedeckte Haupt. Er
-schien den Sinn der Anrede durchaus nicht zu begreifen.
-
-»Zusammenhalten?« wiederholte er langsam und prüfend. »Aber das ist
-doch selbstverständlich, Fräulein, -- Ehrensache. Ne, da kennen Sie uns
-nicht, die Sache wird gemacht.«
-
-»Das meine ich auch,« nickte die Älteste von Maritzken, in deren Seele
-sich die alte trotzige Widerstandskraft erhob.
-
-»Und was wird aus Ihrer Wirtschaft?« warf der Konsul dazwischen, »aus
-Frau und Kindern?«
-
-»Ja, deswegen ist bereits vom Landratsamt telephoniert worden. Die
-Wirtschaft muß ich vorläufig sich selbst überlassen,« meinte der Mann
-stirnrunzelnd, »aber alles, was Beine hat, das bringe ich morgen in die
-Stadt. Dort spreche ich mal vor, Herr Konsul.«
-
-»Ja, tun Sie das,« ermunterte der Herr des Goldenen Bechers so
-freundschaftlich, als ob er den einfachen Menschen schon seit vielen
-Jahren kennen würde. »Ich werde mich freuen, Sie gesund wiederzusehen.
-Vorwärts, Johann.«
-
-Und als das Gefährt bereits an dem kleinen Gärtchen mit den bunten
-Glaskugeln vorüberrollte, da sah Isa, die sich zurückwendete, wie der
-Mann in den Lederhosen noch immer mitten auf der Landstraße weilte, das
-Haupt gen Osten gekehrt und das rechte Bein trotzig gegen die Muttererde
-vorgestemmt.
-
-»Die Sache wird gemacht,« klang es Johanna durch den befreiten Sinn.
-
-Weiter ging es.
-
-Bald hatten sie den winzigen Marktflecken Schorweiten erreicht, der nur
-aus einer einzigen langgezogenen Gasse bestand mit einer windschiefen
-Einbuchtung für das kleine niedrige Holzkirchlein. Grünmoosig hing das
-Rohrdach fast bis zur Erde herab. Hier hielt ein berittener Gendarm
-und erteilte, tief von seinem Roß herabgebeugt, den ihn umringenden
-Landbewohnern bereitwilligst jede gewünschte Auskunft. Vor der
-Kirchenschwelle aber stand eine kleine Schar von Buben und flachsköpfigen
-Mädchen. Sie trugen Papierhelme auf den Häuptern, und der kleinste von
-ihnen schwenkte eine deutsche Kinderfahne in den Händen. Lustig flatterte
-das Schwarz-weiß-rot in dem Abendwind, der von dem nahen Landsee
-herüberstrich. Und da hörten die im Schritt Vorbeifahrenden zum erstenmal
-jenes Lied, das seit langer Zeit Bedeutung und Sinn für sie verloren
-hatte, und das ihnen jetzt mit der brausenden Gewalt eines Orkans ans Herz
-fuhr. Aus Kindermund schallte es zu ihnen hin, silberrein und doch trotzig
-und voll werdender Mannheit:
-
- »Lieb Vaterland magst ruhig sein,
- Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«
-
-Da konnte sich Johanna nicht länger zurückhalten. Eine Leidenschaft stieg
-in ihr auf, von der sie selbst nie geahnt hatte, daß sie in der kühlen
-Geschäftigkeit ihrer Tage noch nicht untergegangen wäre. Aber der Anblick
-der ruhigen, auf alles gefaßten Landbewohner, der singenden Kinder und
-der kleinen strohgedeckten Häuschen, über die sich der friedliche Abend
-herabsenkte, das alles zusammen überwältigte sie. Mit einer starken
-verbündenden Bewegung streckte sie dem Konsul, dessen Augen gleichfalls
-ernsthaft, fast liebevoll, auf den fremden Leuten dort draußen ruhten,
-die Hand entgegen, um gleich darauf die weinende Isa fest an ihre Brust zu
-raffen, von wo der schluchzende Rotkopf sich nicht mehr erhob. Nur Marianne
-saß daneben und lächelte. Sie war furchtlos. Ja, die seltsam schmerzhafte
-Aufregung tat ihr wohl. Aber das Ungeheuerliche, das in diesen Augenblicken
-aus der ruhigen Heimaterde vor ihr aufstieg, der gerüstete Riese, in
-den ein ganzes Volk zusammenwuchs, und der nun schwerfällig, treuherzige
-Lieder singend, zur Landesgrenze wandelte, er blieb den geistigen Blicken
-der eleganten Dame verborgen. Ihn erkannte sie nicht. Die vergangene Zeit
-mit ihren fremden Lüsten und Eitelkeiten ließ sie nicht los. Dazu war
-ihr kleines unbedeutendes Frauenschicksal der Gefallsüchtigkeit und
-Freudegierigen zu weit überschattend vor alles Geschehen der Umwelt
-gewachsen.
-
-Dicht hinter dem Dorfteich setzte sich der Wagen in schnellere Bewegung.
-Fern aus dem graublauen Dämmer des Abends stiegen bereits zerfließend
-und verschwimmend die Linien der hohen Kirche auf, deren Schatten sie
-zustrebten. Ein kühlerer Luftzug wehte erfrischend über die Felder.
-
-Da klang über die Chaussee harter Hufschlag. Kurz und regelmäßig, wie
-von einem gut galoppierenden Pferde. Und ehe die aufgestörten Reisenden,
-die jetzt auf jedes ihnen sonst gleichgültige Geräusch achteten, noch
-ihre Meinung über den Herannahenden austauschen konnten, da schwenkte der
-eilige Reiter schon ganz dicht um die nächste Wegbiegung.
-
-»Ein Soldat,« sagte der sich herausbeugende Konsul.
-
-»Fritz Harder,« rief Marianne zum erstenmal lebhaft dazwischen, und
-im gleichen Moment fühlte sie, wie die Augen ihrer ältesten Schwester
-mahnend und dringend auf ihrem Antlitz ruhten.
-
-Aber sie hielt den ernsten Blick, der immer finsterer wurde, mit ihrer
-gewohnten überlegenen Lässigkeit aus. Ja, in ihr prickelte das Gefühl
-des Wichtigen und des Begehrenswerten so angenehm und erregend, daß es
-ihr vor allen Dingen darauf ankam, den seidenen Mantel kleidsam um sich zu
-werfen und die weißen Handschuhe etwas höher über den Arm zu streifen.
-Was galt ihr das in Fieberschauern zitternde Vaterland, wenn sie an die ihr
-eigene geheimnisvolle Macht dachte?
-
-»Guten Abend, Herr Leutnant,« rief der Konsul, der aufgesprungen war, aus
-dem Wagen, »so spät noch im Dienst?«
-
-Der Reiter zog die Zügel an, das Pferd stieg ein wenig, und an der Art,
-wie es seinen Herrn hin und hin schleuderte, da erkannte Marianne -- selbst
-eine Meisterin im Sattel -- daß der Infanterist auf diesem Gebiete seine
-Lorbeeren nicht zu suchen schien.
-
-»Nicht im Dienst,« schöpfte Fritz Harder nach dem harten Ritt Luft, und
-während er die Hand hastig zum Gruß an die Mütze führte, beugte er sich
-vor und ergriff in voller Erregung die Rechte Johannas. Aber seine Augen
-hingen unausgesetzt an dem gleichmäßig lächelnden Antlitz seiner
-Geliebten. »Ich hörte heute vormittag,« keuchte er noch immer atemlos,
-»von Ihrer Fahrt über die Grenze, und da wollte ich mich unter allen
-Umständen nach Ihnen umsehen. Sie wissen doch, was hier inzwischen
-geschah?«
-
-»Ja,« entgegnete Johanna, warm berührt von der Herzensangst des jungen
-Mannes, indem sie kräftig seinen vertraulichen Handdruck erwiderte. »Wir
-wissen es und danken Gott dafür, daß wir wieder im Lande sind. Es war
-eine in dieser Zeit etwas absonderliche Unternehmung,« setzte sie mit
-einem Blick auf Konsul Bark hinzu. »Wie steht es in der Stadt, lieber
-Harder?«
-
-Der Reiter hatte sein Pferd an die andere Seite des Wagens herangeschwenkt
-und begrüßte nun Marianne, die den weiß behandschuhten Arm hob, als ob
-sie einen Handkuß erwarte. Allein merkwürdig, auch der junge Offizier
-schien gänzlich von dem drängenden Ernst der Stunde erfüllt. Er bemerkte
-ihre auffordernde Bewegung gar nicht, sondern berichtete, dicht neben dem
-Schlag reitend, in seinem jagenden Tone weiter:
-
-»Meine Damen, ich bin leider für Sie der Überbringer einer unangenehmen
-Botschaft. Nein, nein, es ist nichts Ernstliches,« beruhigte er sofort,
-als er sah, wie sich Isa erschreckt zu ihm herumwarf, »nur die Chaussee
-nach Maritzken ist für heute nacht durch unsere Pioniere gesperrt.«
-
-»Ja, aber um Himmels willen, warum denn?« fuhr Johanna auf.
-
-»Gott, es werden dort allerlei Ehrenpforten für den Empfang der Herren
-von dort drüben gebaut, wenn sie etwa den Besuch der Damen zu erwidern
-gedenken. Die Herrschaften werden für heute mit ein paar Hotelzimmern
-vorlieb nehmen müssen. Und ich bitte jetzt bereits um Vergebung, weil ich
-mir erlaubt habe, diese Räume für Sie im ›Deutschen Hause‹ belegen zu
-lassen, denn der Andrang war heute nachmittag ein sehr großer.«
-
-»Wie zartfühlend und freundschaftlich von Ihnen, lieber Herr Leutnant,«
-sagte Johanna dankbar. »Wir machen natürlich von Ihrer gütigen
-Bestellung Gebrauch.« Und in ihrer Seele legte sie sich wieder prüfend
-die Frage vor: »Ob meine Schwester Marianne auch einen solchen
-Mann verdient? Und ob sie das Gemüt und das Innenleben eines solch
-Nachdenklichen zu würdigen weiß?«
-
-Ehe sie sich jedoch hierüber die bang zurückgehaltene Antwort erteilen
-konnte, da wandte sich jetzt der junge Offizier direkt an sie selbst, und
-sein dunkles, ernstes Antlitz nahm den Ausdruck der offenen Sorge an.
-
-»Liebes gnädiges Fräulein,« bat er, »Sie müssen mir auch ein anderes
-Anliegen nicht übel deuten. Die Verhältnisse haben sich leider so
-geändert, daß auf eine günstige Wendung, an die wir ja alle noch heute
-vormittag glaubten, kaum gerechnet werden darf. Und da wir waffenfähigen
-Männer binnen kurzem nicht mehr hier weilen werden, so ist es für mich
-und gewiß für viele andere,« setzte er in Beziehung auf den Konsul
-hinzu, »ein unerträglicher Gedanke, Sie dort draußen auf Ihrem einsamen
-Gute ohne rechten Schutz zu wissen. Nicht wahr, ich darf mich doch der
-Hoffnung hingeben, daß die Damen ihren Aufenthalt in der Stadt so lange
-ausdehnen, bis die nötige Sicherheit von uns geschaffen wurde? Darin
-verrechne ich mich doch hoffentlich nicht?«
-
-»Ja, Hans,« drängte jetzt auch Konsul Bark auf die Älteste von
-Maritzken ein, und der spöttische Gesellschaftston des Lebemannes war
-wie weggewischt, »der Bitte unseres Freundes schließe ich mich auf
-das dringendste an. In einer solchen Zeit, liebes Kind,« entfuhr es
-ihm achtlos, ohne daß er die zärtliche Benennung zu verdecken suchte,
-»müßten ja eigentlich all die lächerlichen Bedenklichkeiten zum Teufel
-fahren. Mein ganzes Haus steht leer. Ich besitze so viele Zimmer, daß
-ich ein Regiment unterbringen könnte. Wäre es nicht das
-Allernatürlichste -- --«
-
-»Nein,« schnitt die große Blonde mit aller Bestimmtheit ab, »das
-verstehen Sie nicht, lieber Konsul.« Und leiser fügte sie an: »Sie sind
-vielleicht allein daran schuld, daß ich Ihr freundliches Angebot für
-meine Schwestern nicht akzeptieren kann. Ich selbst komme ja gar nicht in
-Betracht.«
-
-»Sie selbst nicht?« fragte der Kaufmann mit einem Schatten von
-Mißfallen, das der lebhaft aufhorchenden Isa nicht entging.
-
-»Nein,« beendete die Gutsherrin das Gespräch in der ihr eigenen
-entschlossenen Weise, »lieber Freund, Sie wissen ja, wie das gemeint ist,
-wir wollen keinen unnötigen Streit darauf verwenden. Nein,« wiederholte
-sie völlig entschieden, »ich selbst kehre morgen auf das Gut zurück, um
-dort alle Anordnungen zu treffen, die jetzt gewiß sehr nötig werden.
-Aber über den ferneren Verbleib meiner Schwestern werde ich gern mit Ihnen
-beraten.«
-
-»Schön, Hans,« erklärte sich der Konsul, der seine Fassung gewaltsam
-zurückzwang, in einem nicht ganz frei klingenden Gelächter zufrieden.
-»Und hier,« machte er abschweifend seine Schutzbefohlenen aufmerksam,
-»fahren wir bereits über die ersten holprigen Straßen. Merken Sie
-die Stöße? Weiß Gott, niemals sind sie mir so vertraut und gemütlich
-vorgekommen, als heute, seit wir aus dem gottverfluchten Polackennest --
-na ja, über dies und vieles andere unterhalten wir uns bei dem berühmten
-Fischgericht im ›Deutschen Hause‹ eingehender. Sie werden mich des
-Vergnügens nicht berauben, lieber Hans, die Mitglieder meiner Expedition
-noch einmal an dem runden Tisch zu vereinigen. Wer weiß, wann wir wieder
-so nach altväterlicher Sitte beieinander sitzen werden! -- Langsam,
-Johann, langsam.«
-
-Und die Mahnung an den Kutscher war berechtigt. In den schmalen, schon von
-den Abendschatten verhängten Gassen der ernsthaften Handelsstadt wogte
-das Volk durcheinander. Überall Gedränge, überall schwarze Massen auf
-Fahrdamm und Trottoiren. In den matt erleuchteten Läden lauter Disput.
-
-Und dann -- ein merkliches Strömen und Schieben nach der Gegend der
-zweistöckigen grauen Häuser hin, wo die öffentliche Meinung des
-Platzes gemacht wurde, -- nach den Zeitungen. An der schwarzen Tafel des
-Kreisanzeigers ein riesiges weißes Plakat mit Blaustift beschrieben:
-»Deutsches Ultimatum an die russische Regierung«. Und nun, je näher man
-dem Markt zustrebte, ein dumpfes Schwellen und Brausen, das manchmal sich
-zu einem rastlos wirbelnden Trommelschlag verminderte, manchmal aber auch
-dem Dröhnen und Toben stürzender Wellen verglichen werden konnte.
-
-»Horch, sie singen,« sagte Isa erschauernd.
-
- »Lieb Vaterland magst ruhig sein,
- Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«
-
-»Ist das nicht erhaben?« fragte Fritz Harder, dessen Antlitz schneebleich
-geworden war, von seinem wiehernden Tier herunter, »die deutsche
-Volksseele betet.«
-
-Machtvoll und zwingend umfaßte dabei sein Blick Mariannens dunkle Züge,
-als müsse er sie gewaltsam zu seinen eigenen Erschütterungen reißen. Und
-sie? Sie lächelte, lehnte elegant in den Kissen des Wagens und knüpfte
-die Bänder ihres breithin schattenden Hutes fester an dem schlanken Hals
-zusammen.
-
- * * * * *
-
-Eine halbe Stunde später wurde leise an die Tür des Hotelzimmers
-geklopft.
-
-»Bitte einen Augenblick,« rief eine frische Stimme von drinnen.
-
-Dann ein Hin- und Herhuschen, gleich darauf öffnete sich die hohe weiße
-Pforte, und durch den Spalt lugte Marianne auf den von einer flackernden
-Gasflamme erleuchteten Gang hinaus. Draußen auf dem Läufer des Flurs
-wartete ein junger Offizier, die Mütze in der Linken und die Rechte auf
-den Degen gestützt.
-
-»Ach du bist es, Fritz,« flüsterte Marianne, über die Heimlichkeit der
-Szene erfreut, und zog ihren Besucher eilig über die Schwelle. »Ist
-das nicht reizend, daß wir hier bleiben mußten? Denke doch, ein so
-unverhofftes Stelldichein.«
-
-»Marianne!«
-
-»St-- nicht so laut, Ihr Männer könnt Euch niemals an Diskretion
-gewöhnen. Hier nebenan sind Johanna und Isa einquartiert, und wenn sich
-meine Schwestern auch zum Glück bereits zu Konsul Bark in das Gastzimmer
-begeben haben, so darf dich doch auch kein anderer hören. Wie denkst du
-dir das eigentlich?« Und dabei schmiegte sie sich an ihn und streichelte
-ihm sanft die Wangen.
-
-Draußen aber von dem Marktplatz hob sich wieder die gewaltige Woge, die
-dazu bestimmt war, ein ganzes Volk auf unerkannte Gipfel seines Daseins zu
-tragen. Tausendstimmig einten sich Kampfesmut, Vaterlandsliebe,
-Seligkeit und Schluchzen immer wieder zu der längst und heiß und
-willig beantworteten Schicksalsfrage. Himmelan brauste der wilde, der
-beschwörende Gesang, der das eiserne Gelöbnis enthielt.
-
-Und siehe da, der junge Offizier machte sich schnell von der hingebenden
-Umschlingung frei, ja es lag ein Abschütteln in der Bewegung, als er jetzt
-rasch unter das Fenster trat. Einen vollen Blick sandte er auf die dunklen
-wogenden Häupter dort draußen hinaus, dann wandte er sich entschlossen
-zurück, und seine Stimme klang anders als sonst, kurz, gepreßt und voll
-innerer Entschiedenheit, da er jetzt zu seiner Geliebten dicht an den Tisch
-zurückkehrte.
-
-»Du irrst, Marianne,« nahm er das Gespräch rasch wieder auf, »ich
-besuche dich hier mit Erlaubnis deiner ältesten Schwester.« Und bewußt
-setzte er noch hinzu: »Ich möchte dir übrigens gleich bemerken, daß
-Johanna, seitdem ich sie näher kenne, meine volle Verehrung genießt.«
-
-»So?« spottete die Schwarze und ließ sich in dem verblaßten roten
-Plüschsessel des Hotelzimmers nieder, so daß ihr Besuch jetzt vor ihr
-stand, »das ist ja äußerst schmeichelhaft für die ganze Familie. Darf
-man auch erfahren, Fritzchen, was du mir in ihrem Auftrage überbringst?«
-
-Dabei dehnte sie sich ein wenig und ließ die Spitzen ihrer schwarzen
-Lackschuhe leise gegeneinander klappen. Ihr Besucher indessen wurde von den
-Lockungen des Bildes nicht eingefangen. Bezwungen horchte er vielmehr
-auf den Gesang, der ungeschwächt um die dunklen Umrisse der Häuser
-fortbrandete, und ohne sich selbst darüber klar zu sein, so war es dem
-Lauschenden doch, als ob das bessere Teil von ihm, seine Seele, gar nicht
-hier drinnen in dem Zimmer weile, wo die höchsten Wünsche des Mannes
-sich erfüllen sollten, sondern draußen bei den Namenlosen,
-Durcheinanderwogenden, die dem in Gefahr befindlichen Vaterlande das
-Trostlied sangen.
-
-»Marianne,« begann er, sich gewaltsam von diesem Gefühl losreißend,
-»die Zeit begünstigt keine Neckereien. Hat dir deine Schwester Johanna
-nicht mitgeteilt, daß ich heute vormittag bei ihr um deine Hand anhielt?«
-
-Wie von einem Stoß in den Nacken getroffen flog Marianne empor. Zitternd
-vor Schrecken stand sie dicht neben dem Offizier, ihre Augen gruben sich
-aus nächster Entfernung ineinander.
-
-»Nein,« brachte sie bestürzt heraus, und es war, als wenn sie ein
-leichtes Frösteln überwände, »das liegt nicht in Johannas Art. Sie hat
-mir nicht das geringste verraten. Um Gottes willen, Fritz, wie konntest du
-das?«
-
-»Wie ich das konnte?«
-
-In dem Manne verwirrte sich jedes Begreifen. Völlig entglitt ihm die
-Beherrschung dieser Zwiesprache, die so vollständig den Charakter einer
-landläufigen Unterhaltung anzunehmen drohte. Nein, der junge redliche
-Mensch vermochte sich durchaus nicht mehr zurechtzufinden. War es denkbar,
-die Herrscherin über sein zukünftiges Leben, dieses heiße, glühende
-Geschöpf, es jauchzte nicht auf, als all die unwürdigen Heimlichkeiten,
-all das böse Versteckspielen von ihnen abgleiten sollten? Sie bekannte
-sich nicht sofort bedingungslos zu ihm, sie verstand nicht, daß eine
-rechte deutsche Frau in der großen allgemeinen Not jeden Zweifel, jede
-Bedenklichkeit von dem Geliebten fortscheuchen und für immer entfernen
-müsse? Nein, das ertrug er nicht. Langsam umklammerte er ihren Arm, und
-obwohl er fühlte, wie sie schmerzhaft zuckte, fragte er noch einmal mit
-aller Zusammenfassung seiner Willensstärke:
-
-»Marianne, du weißt, mein Dasein ist an das deine geknüpft. Gib
-mir deine Hand und bestätige mir noch einmal, daß du mein Leben, so
-bescheiden es auch ist, teilen willst.«
-
-Hilflos schickte Marianne ihren Blick umher, ein rasches Aufatmen hob ihre
-Brust, und während sie, wie um ihren Bedränger zu besänftigen, ihm immer
-noch mit ihrer zarten, weichen Hand die Wange streichelte, da rang sie sich
-kleinlaut ab:
-
-»Du weißt, Fritz, wie gern ich dich habe.«
-
-»Gern? Nun gut, Marianne, auch das genügt mir. Aber dann wollen wir
-jetzt hinunter gehen, um den Deinen unser Verlöbnis, das sie erwarten,
-mitzuteilen. Auch meinen Eltern möchte ich die Freudenkunde nicht länger
-vorenthalten.«
-
-»Aber sieh mal, Fritz,« versuchte sich das blühende Geschöpf zu
-entwinden, das die unwillkommene Einzwängung zwischen Beschränkung und
-Kleinbürgerlichkeit auf sich einrücken sah, wie die beiden Kneif-Enden
-einer riesigen Zange, »ich habe natürlich nichts dagegen -- ich meinte
-nur -- --«
-
-»Was meinst du? -- Gibst du deine Einwilligung?« beharrte der Offizier
-mit einer ihm ganz fremden Unerbitterlichkeit.
-
-Heftig entzog ihm die Gequälte, die sich nicht binden lassen wollte, ihren
-Arm, da er ihn noch immer umspannt hielt. Nein, wie konnte solch ein armer,
-unbedeutender Leutnant, der beinahe auf nichts, als auf seine Löhnung
-angewiesen war, eine derartige Zusage im Ernst von ihr verlangen? Von
-ihr, der Glänzenden, Vielbegehrten, deren Zukunft in einem goldigen Nebel
-schwamm? O, wenn sie wollte, wenn sie bloß winkte, dann würde -- -- --
-Im Grunde war es eigentlich, -- ja, sie konnte es nicht anders nennen, --
-es war eigentlich eine Anmaßung, daß der hartnäckige, in seine Bücher
-verbohrte junge Mensch, der das Leben so wenig kannte, sie veranlassen
-wollte, so plötzlich, so unüberlegt eine Entscheidung zu treffen, die sie
-für immer von allen glänzenderen Hoffnungen entfernen mußte. Und warum?
-Es blieb wirklich halb lächerlich. Weil man einen kleinen ungefährlichen
-Flirt getrieben hatte, weil man dem hübschen Menschen mit den ernsten
-Zügen ein paar Zärtlichkeiten gestattet, die man eben an irgend jemanden
-verschwenden wollte. Warum nicht an ihn, auf dessen Verschwiegenheit man
-doch bauen konnte? Und zum Lohn dafür jetzt dieses beinahe unhöfliche
-Drängen? Nein, das war sicherlich Johannas Werk, die es nicht erwarten
-konnte, die schöne Schwester, deren Eleganz und Damenhaftigkeit sie
-natürlich heimlich beneidete, in ein ebensolches Arbeitsdasein zu stoßen,
-wie sie es selbst führte. Herrgott, Herrgott, wenn man nur einen Ausweg
-fände, ein Entschlüpfen! Und plötzlich warf sie sich in den Sessel
-zurück und schlug beide Hände vor ihr Antlitz. Heftig und wild schluchzte
-sie auf. Ja, der von einem peinlichen Schrecken durchschlagene Offizier
-merkte sogar, wie zwischen den Ritzen ihrer Finger helle Tränen
-hindurchtröpfelten. Das hatte er noch nie bei ihr wahrgenommen. Und eine
-Sekunde lang war es ihm, als müsse er sich über die Ringende beugen, um
-ihr unter tausend guten Worten Trost zuzusprechen. Es war ja eigentlich
-alles so natürlich. Dem Unverdorbenen schien es, als ob diese Tränen,
-dieses aufgelöste Schluchzen nur ein unverstandenes Abschiednehmen von
-Mädchentum und Jungfräulichkeit bedeuteten, ein rührender Kummer, der
-ihm sein Mädchen in einer ganz neuen, zarten und demütigen Schwäche
-zeigte.
-
-Wenn nur die Zeit, die machtvoll aufbegehrende Zeit derartige Erwägungen
-nicht wie Spreu im Sturm auseinander gesprengt hätte. Horch! Begann
-dort draußen nicht mit einem Mal das Glockenwerk von dem Turm der
-Sebaldus-Kirche zu läuten? Ein Ton immer eherner und markerschütternder,
-als der andere? Fritz Harder begriff nicht, warum die Kunstschöpfung des
-alten Uhrmachers Adameit, seines Hauswirtes, in dem allgemeinen Tumult
-ihre Stimme erhöbe, aber der seelenumwühlende Donnerton raubte ihm jedes
-weichliche Mitleid. Fest und zielsicher trat er an den roten Sessel heran,
-um seine Hand noch einmal auf ihre Schulter zu stützen. Doch merkwürdig,
-nur ein wenig regte die in sich Versunkene die volle Rundung, aber die
-Bewegung genügte, damit die Hand abglitt. Empfand der Betroffene auch die
-leise Gereiztheit, die sich hier äußerte, den beleidigten Mißmut und die
-schlecht verhehlte Empörung über Zwang und Gehorsam?
-
-»Marianne,« forschte der junge Mann noch einmal in äußerster
-Zurückhaltung, »Marianne, ich begreife deine Tränen nicht. Liegt denn in
-meiner Bitte, in meinem Verlangen, eine Beleidigung?«
-
-Und mit einem plötzlichen Entschluß entfernte er ihre Hände von
-ihrem Antlitz. Dann erschrak er. Der braune Samtton war von ihren Wangen
-entwichen, und auf ihren erschreckten Zügen lauerte etwas, was er sich
-durchaus nicht erklären konnte. Für einen Erfahreneren freilich, für
-Konsul Bark, hätte ein Blick genügt, um zu wissen, daß es die Teufel der
-Lüge waren, die dort ihre geschäftige Arbeit verrichten wollten.
-
-Jetzt hatte sie sich auch gefaßt. Ja, ihr Mund lächelte wieder halb
-schmollend zu ihm empor.
-
-»Wie kannst du nur so etwas fragen, Fritz?« widerlegte sie, während die
-Tränen immer noch ihre großen schwarzen Augen feuchteten, »ich denke
-doch nur darüber nach, daß du jetzt, gerade jetzt, vielleicht morgen
-schon, von meiner Seite gerissen wirst.«
-
-»Ja, das ist wahr,« bestätigte ihr Zuhörer betroffen.
-
-»Und sieh einmal -- --«
-
-»Ja, was denn -- was denn -- erkläre dich deutlicher.«
-
-Sie beugte sich herab und ließ die glänzenden Lackhalbschuhe wieder
-leicht gegeneinander schnellen. Noch hatte sie den gewünschten
-Schlupfwinkel nicht völlig gefunden, in den sie sich verkriechen wollte.
-
-»Sieh einmal, Fritz,« suchte sie noch immer unsicher, »du sagst selbst,
-es gerät jetzt alles ins Wanken. Kein Mensch weiß, ob er den anderen am
-nächsten Tage wieder sehen wird. Meinst du nicht auch, daß man lieber
-abwarten sollte, bis sich alles geklärt hat?«
-
-Noch sprach das schöne Geschöpf ungewiß und zögernd, da fuhr sie
-plötzlich erschreckt auf. Woher die ungewohnte atempressende Stille?
-Draußen hatte unvermittelt der Gesang der Volksmenge wie mit einem Schlag
-ausgesetzt. Eine einzelne ferne Stimme wurde hörbar und dann folgte kurz
-und knapp, gleich dem Aufschlagen einer brandenden Welle, ein einziges
-vieltausendstimmiges Hurra. Das eigentümlich knirschende Geräusch, das
-stets vernehmbar wird, wenn Massen sich in Bewegung setzen, drang zu den
-Einsamen empor. Die improvisierte Versammlung auf dem Marktplatz schien ihr
-Ende erreicht zu haben. Jedoch die ungewohnte Ruhe war es nicht allein, die
-das aus der Fassung gebrachte Mädchen so unheimlich in ihren Bann schlug.
-
-Jetzt wußte sie es -- die grauen Augen des Offiziers waren es, die sie
-festhielten. Lieber Himmel, sie mußten die kleinen betrüglichen
-Künste durchschaut haben, sonst hätten sie niemals einen solch kalten,
-einbohrenden und doch zugleich verzweifelten Glanz strahlen können. Schon
-wollte die Verängstigte aufspringen, um durch eine neue Zärtlichkeit, die
-ihr ja leicht fiel, die unbehagliche Situation zu unterbrechen, als sie an
-ihrem Platz vollkommen erstarrte. Keiner Bewegung mächtig, mußte sie mit
-ansehen, wie ihr Gefährte, ohne sie nur im geringsten zu beachten, an den
-Tisch herantrat, von wo er langsam seine Mütze an sich nahm. Dann streifte
-sich der junge Mann, immer mit derselben unnatürlichen Ruhe, die weißen
-Handschuhe auf und hakte mit einer mechanischen Bewegung den Degen ein.
-Eine Sekunde verharrte er wie in Nachdenken. Allein je tiefer ihm das
-kurz geschorene Haupt auf die Brust sank, desto deutlicher erkannte die
-entsetzte Beobachterin, wie seine dunklen Augenbrauen sich immer finsterer
-und entschlossener zusammenzogen.
-
-»Fritz!« sprang sie empor.
-
-Er hob das Haupt und sah sie an.
-
-Es war ein Blick aus so unendlicher Entfernung, ein so fremder und stolz
-gefaßter Blick, daß Marianne vor Zorn, Scham und Zurücksetzung hätte
-schreien mögen. Im Halse schnürte sich ihr etwas zusammen, sie glaubte
-ersticken zu müssen. Als sie ihre Umgebung wieder vollständig zu deuten
-wußte, da schloß sich bereits, unhörbar, die hohe weiße Tür, und eine
-Scheidewand wuchs empor zwischen ihr und der Vergangenheit voll Spiel und
-Kurzweil.
-
-Wirklich Vergangenheit?
-
-Pah -- sie hatte sich wiedergefunden. Beflügelt eilte sie vor den
-altertümlichen Goldspiegel des Zimmers, um ihr verwirrtes Haar in Ordnung
-zu bringen. Und als sie ihre in purpurner Pracht siedenden Wangen gewahrte,
-als sie die tadellosen Linien ihrer Gestalt abmaß, da zwang sie etwas,
-spöttisch die Achsel zu zucken. Aufatmend trat sie unter die Gardine und
-öffnete das Fenster. Von dem großen viereckigen Marktplatz zogen noch
-immer die dunklen Scharen ab und marschierten in schwarzen Zügen durch die
-Nebengassen. Hoch über ihren Häuptern folgte ihnen das Donnergeläut
-des Glockenwerks. Mit tausend Goldaugen beobachtete der Nachthimmel das
-Aufbegehren und die Erhebung eines ganzen Volkes. Köstlich reine
-Luft strich zu dem Fenster herein und fächelte dem schönen Mädchen
-erfrischend die Stirn. Und in diesem Augenblick durchdrang selbst die
-Gleichgültige, Unbedachtsame ein zitterndes Nachgefühl von dem, was dort
-unten die davonstrebenden Züge der Stadtbürger erfüllt haben mußte.
-Ganz sicher, es schwebte etwas Ungeheuerliches, Niegeahntes in der Luft. Es
-flog von da und dort heran, schwirrende Möglichkeiten, die man ergreifen
-mußte, um sich auf ihren Flügeln von dannen tragen zu lassen.
-
-In die Höhe.
-
-Und der verschleierte Abenteurersinn des Mädchens, das da an dem
-Eckpfeiler des Fensters lehnte, reckte sich und verlangte gleichfalls
-hinaus, fort auf die Wege, die sich weit über die Täler des Alltags
-emporschlängelten.
-
-Dann neigte sie sich weiter vor. Ihr scharfer Blick hatte aufgefangen,
-wie das trübe Laternenlicht in einer Degenscheide widerglitzerte. Und sie
-erkannte die Gestalt, die langsam und etwas vornübergebeugt dort drüben
-in der Dunkelheit der engen Rosenkranzgasse verschwand.
-
-Ja, dort Finsternis und hier Licht, nichts als Schimmer und goldspinnende
-Helligkeit.
-
-Wahrlich, eine große, eine tolle Zeit.
-
-Beglückt, heiß, erglühend stützte sich die Fortgerissene nochmals auf
-das Marmortischchen des Goldspiegels und starrte sich an, als wenn sie
-imstande wäre, sich die Zukunft auf hoch erhobenen Armen entgegenzutragen.
-
-Ja, das Vaterland befand sich in Gefahr, aber sie selbst war schön,
-einfangend schön.
-
- * * * * *
-
-Ruhig schritt Fritz Harder seines Weges. Rechts und links von ihm zogen
-die Bürger mit ihren Frauen und Kindern dahin, und er mußte manchmal
-zur Seite treten, um die Drängenden vorüberzulassen. Dabei fing er immer
-wiederkehrende Worte auf: »Der Kaiser -- der Zar -- Frankreich.« Und er
-wunderte sich, daß er dies so klar vernahm, daß nichts anderes, nichts
-Tieferes in seinem Ohr mitsummen wollte. In der schmalen Rosenkranzgasse
-schimmerte aus allen Fenstern noch Licht, und die Einwohner der Häuser
-standen vor den Türen und tauschten über die geringe Breite der Straße
-hinweg ihre Ansichten miteinander aus. Und wieder schüttelte der in sich
-gekehrte Wanderer erstaunt das Haupt, denn er begriff nicht, warum seine
-Augen dies alles so scharf, so untrüglich in sich aufnahmen. Einmal blieb
-er stehen und sah durch den schmalen Spalt der Gasse zu dem mächtigen
-Nachthimmel empor. Nein, er konnte keinen Unterschied entdecken. Dort oben
-waltete dieselbe schweigende, ungekünstelte Ruhe, wie hier unten und wie
-in seiner eigenen Brust. Eine wundersame, schwere, auf alles vorbereitete
-Fassung, die ihre spähende Aufmerksamkeit nur auf das Nächste richtete
-und entschlossen war, sich selbst zu vergessen.
-
-Merkwürdig, er wollte sich zwingen, das formvollendete, das
-schönheitgesättigte Bild der Geliebten vor sich erstehen zu lassen, die
-ihn aus schneidendem Eigennutz verworfen hatte, aber er vermochte bei aller
-Anstrengung das lockende Geschöpf sich nicht mehr als Ganzes vorzustellen.
-Aus der trüb durchbrochenen Nacht tauchten wohl ihre Umrisse vor ihm
-auf, allein jeder Kopf eines gleichgültigen Bürgers schob sich vor seine
-arbeitende Einbildungskraft und überschattete sie. Ja, als die
-Ablösung einer Militärwache an ihm vorüberzog, die ihm mit klappenden
-Paradetritten die Ehrenbezeugung erwies, da war jedes Gedenken an sein
-eigenes Erlebnis von ihm entwichen und, wie alle anderen, so mußte auch er
-den funkelnden Helmen nachschauen, während ihm innerlich das Herz bis in
-den Hals zu klopfen begann.
-
-»Prima, Herr Leutnant,« krächzte plötzlich eine gallige Stimme hinter
-ihm, und als sich der seinen Träumen Entrissene umwandte, da entdeckte
-er hinter sich den schlottrigen und knickbeinigen Uhrmachergesellen seines
-Hauswirts, den ewig mit der Welt hadernden Leiser Bienchen, der tief den
-zerbeulten Filzhut mit der herabhängenden Krempe vor ihm lüftete, um
-dann krampfhaft in die Tasche seiner Beinkleider zu greifen, weil ihm diese
-stets herabzufallen versuchten, »prima, Herr Leutnant,« krächzte die
-gallige und stets unzufriedene Scherbenstimme, »unsere Soldaten! Ich mag
-zwar das verfluchte Pflasterzerreißen nicht leiden, und wenn sie so mit
-den Kommißstiefeln aufdonnern, möchte man Kopfschmerzen kriegen. Aber was
-tut das, Herr Leutnant? Jetzt sind sie einem ein Trost, ein ganz großer
-Trost, der einem die Nachtruhe wiedergibt.«
-
-Und sich noch näher an den jungen Offizier drängend, umklammerte er mit
-der Rechten ängstlich das faltenreiche Kinn, als wolle er verhindern, daß
-ihm seine bewegliche Karpfenschnauze, die ihm statt eines Mundes
-verliehen war, aus den wild durcheinander fahrenden Runzeln davonliefe.
-So fassungslos und erschüttert hatte Fritz Harder den Uhrmacher noch nie
-gesehen.
-
-»Was meinen Sie, was hier geschehen ist, Herr Leutnant?« tuschelte der
-kleine Jude seinem vornehmen Hausgenossen unter ewigem Kopfschütteln von
-neuem zu.
-
-»Doch nichts Schlimmes, lieber Bienchen?«
-
-»Was heißt schlimm?« wehrte sich der andere, die Achseln ganz hoch in
-die Höhe ziehend, als wolle er den Himmel für seine traurigen Schicksale
-zum Zeugen anrufen. »Unter uns, es kann geben eine fürchterliche
-Zerstörung. Aber soll man es ihm übelnehmen, wenn er an einem solchen Tag
-mit dem Kopf ins Dunkel fährt? Ich sag' Ihnen ins dunkelste Dunkel, Herr
-Leutnant.«
-
-Fritz Harder mußte lächeln. Er wußte, daß der Gefolgsmann des alten
-Adameit mit dem unbestimmten und geheimnisvollen »er« stets seinen Chef
-zu bezeichnen pflegte. Und so forschte er denn vorsichtig weiter:
-
-»Haben Sie wieder Grund zur Unzufriedenheit mit ihm, lieber Bienchen?«
-
-»Ich habe nicht gesagt unzufrieden,« zuckte der Geselle ärgerlich
-zurück und sein Mundgeschirr klappte unendlich oft gegeneinander, »der
-unausstehliche Kerl ist ja trotz allem ein Genie. Aber als ich ihm heute
-in meiner Aufregung unten in dem Keller, wo wir wir immer sitzen, -- Sie
-wissen schon, Herr Leutnant -- die Nachricht überbrachte, können Sie
-sich denken, was er getan hat? Dieser zahnlose Unmensch ist plötzlich
-aufgestanden, hat die Kapsel an dem Stahlzylinder geschlossen, obwohl die
-Sicherung noch immer nicht ganz fertig ist, und hat in seiner vermoderten
-Sprache, die nur ich ordentlich versteh', gesagt: Dann schließe ich mit
-dem heutigen Tage meine Arbeit ab. Unter der Erde hat sie so lange gelegen
-und unter der Erde wird sie auch bleiben. Aber sie wird unserer lieben
-Scholle eine Kraft und eine Wut verleihen, wie -- wie -- Ich glaube, er hat
-gesagt, wie einer Jungfrau, die sich gegen die Schande wehrt. Und nachdem
-er das gesagt hat, hat er mir die Hand gedrückt, was noch nie da war, ist
-in die Ecke gegangen, hat sich den Schmutz abgewaschen und schließlich
-seinen Bratenrock angezogen. Herr Leutnant, da hab' ich's nicht mehr
-länger ausgehalten. Mir ist so feierlich geworden, daß mir die Knie zu
-zittern anfingen, und ich mußte aus dem Keller raus und an die frische
-Luft. Und was aus ihm geworden ist, das weiß ich nicht. Ich hab' bloß
-seine Stimme aus Ihrem Zimmer gehört, Herr Leutnant, wo er bei dem fremden
-Herrn sitzt.«
-
-»Bei einem fremden Herrn?«
-
-»Wie ich Ihnen sage, Herr Leutnant. Wenn Sie wollen, können Sie auch sein
-Zischen und Pusten und Fauchen hören, denn Ihr Fenster steht offen, und
-Ihr Bursche hat die Lampe bereits angesteckt.«
-
-Da riß sich der junge Offizier hastig los, und zu gleicher Zeit
-schüttelte er energisch die Traumgespinste ab, die aus dem dämmernden
-Keller des alten Adameit geheimnisvoll bis zu ihm emporgekrochen waren.
-Ungeduldig drückte er sich in den engen Schlitz hinein, der in dem blauen
-und rosigen Pfefferkuchenhäuschen die Haustür vorstellte. Aber der
-Uhrmacher hinkte ihm nach, so rasch es seine schlecht befestigten
-Beinkleider erlaubten, und hauchte dem Voranstürmenden in seinem heiseren
-Krähenton nach:
-
-»Ein großes Tier, Herr Leutnant, Ihr Besuch, mit roten Streifen an den
-Beinen und ein Verwandter dazu. Er hat es ausdrücklich angegeben. Nu,
-sehen Sie, habe ich gelogen? Da tritt Herr Nikolaus Adameit gerade aus
-Ihrem Zimmer. Gewaschen, gekämmt und in dem schwarzen Bratenrock. Hier
-oben kennt er mich nicht. Er kennt mich bloß unten im Keller. Aber es gibt
-mir doch ein Gefühl von Hochachtung, weil ich mitgeholfen hab'. Man ist
-doch nicht bloß wie Öl in der Kanne gewesen oder wie ein totes Rädchen.
-Nu, gute Nacht, Herr Leutnant, und wenn Sie Bedienung benötigen, Sie
-brauchen bloß zu klingeln. Ich pass' auf.«
-
- * * * * *
-
-Heftig riß Fritz Harder die Tür seines Zimmers auf. Und richtig, im
-Schein der kleinen weißen Porzellanlampe, die vor ihm auf dem ovalen Tisch
-brannte, saß der Erwartete, Geahnte auf dem grünen Plüschsofa. Spähend
-schob sich bei dem Geräusch der Tür das bartlose glatt rasierte Haupt
-zur Seite, und unter einem Büschel gänzlich unpreußischer grauer Locken
-nahmen ein paar versonnener blauer Augen plötzlich den Glanz einer warmen
-Freude an.
-
-»Gottlob, daß ich dich noch treffe, mein lieber Junge,« sagte eine
-freundliche Stimme, während die hohe, breitschultrige und mannbare Figur
-sich langsam erhob; und dabei streckten sich dem Eintretenden feine weiße
-Gelehrtenhände entgegen. »Ich fürchtete, du könntest bei dem Trubel
-schon Gott weiß wohin abkommandiert sein. Deshalb ist es ein rechtes
-Glück, daß ich dich noch erreiche. Komm, Fritz, laß dich einmal
-anschauen.«
-
-Die hohe Gestalt mit dem gütigen Gelehrtenhaupt stand jetzt dicht neben
-dem jungen Mann und begrüßte ihn durch einen leichten Schlag auf die
-Schulter.
-
-»Onkel Siebel,« wollte Fritz erregt ausbrechen, denn eine unnennbare
-Erleichterung überkam ihn, als er unvermutet in dieser Wirrnis ein
-verwandtes Herz neben sich wußte, »Onkel Siebel, daß du gerade heute
-kommst! Du ahnst gar nicht, was -- --«
-
-»Doch,« unterbrach der alte Militär, die Augen ein wenig zukneifend,
-»doch, mein Junge. Du siehst nicht so aus, wie ich dich erwartete. Was
-ist das für eine kränkliche Blässe? Und wohin hast du dein frisches
-Jungenlächeln versteckt? Erinnerst du dich, deine liebe Mutter behauptete
-ja, du wärest immer anzusehen, als wenn du gerade etwas geschenkt erhalten
-hättest? Also was gibt's? Beklemmung vor der großen Weltkatastrophe?«
-
-»Nein, Onkel.«
-
-»Ärgernis, Zurücksetzung im Dienst?«
-
-»Auch das nicht, obwohl --«
-
-»Na ja, ich weiß schon. So ein junger Leutnant darf dienstlich überhaupt
-nicht zufrieden sein, -- wäre ganz reglementswidrig. Aber nun sage mal,
-Fritz, bist du krank?«
-
-Eine leichte Pause entstand. Unschlüssig, mit sich kämpfend, sandte
-der Jüngere seinen Blick gegen das Lämpchen, das seine dämmrigen
-Friedensstrahlen unverwandt ihm entgegenschickte. Der alte Herr jedoch
-wurde ungeduldig, und knöpfte an seinem ziemlich salopp herabhängenden
-Waffenrock herum.
-
-»Na also, offen, offen, mein Kerlchen,« drängte er überredend, »ich
-habe nämlich deinen Eltern so eine kleine Inquisition versprochen, sonst
-würde ich mich ja nicht so beharrlich in derartige Geheimnisse mischen.
-Wir haben, weiß Gott, jetzt anderes zu denken, nicht wahr, Fritz? Aber in
-euren kleinen dumpfen Garnisonen wachsen manchmal wunderliche Geschichten
-auf. Und da findet solch alter, kalter Bücherwurm wie ich vielleicht
-doch besser durch, als so ein feuriges Temperament mit dem bewußten
-Napoleon-Gesicht. Also Junge, ich bitte um Vertrauen.«
-
-Da ermannte sich der Gefragte, und in seinen dunklen Augen, die er zu dem
-gütigen Verwandten erhob, stand seine ganze Leidensgeschichte geschrieben,
-als er sich stockend abrang:
-
-»Onkel, du hattest recht. Ich war krank. Ich glaube, ich habe ein böses
-Fieber überwunden.«
-
-Jetzt nahm der Alte den Kopf des Offiziers tröstend, besänftigend,
-beinahe liebkosend in seine beiden Hände. Es war unbeschreiblich, welch
-eine wackere, mannhafte Güte von dem gelehrten Krieger ausging.
-
-»Also überwunden, Fritz? Wirklich und wahrhaftig?« fragte er
-eindringlich.
-
-»Ja, Onkel Siebel,« bekräftigte der andere fest, »ich gebe dir mein
-Wort.«
-
-»So, so,« erwiderte der Generalmajor bedächtig und gab langsam den
-Eingefangenen frei, »dann ist diese Angelegenheit ja für mich erledigt.
-Gottlob. Ich muß dir nämlich gestehen, Fritz, -- da mir Heimlichkeiten
-auf der Seele brennen -- daß deine liebe Mutter durch allerlei Klatsch und
-Zusteckereien über deine Affäre unterrichtet war. Die alte Dame fühlte
-sich innerlich recht beunruhigt, wenn sie es auch nach außen hin tapfer
-verschwieg. Aber nun, mein lieber Sohn, komm, setze dich zu mir an den
-Tisch und laß uns jetzt über das reden, wovon die Herzen aller deutschen
-Menschen voll sind. Ich wurde hierher geschickt, um den hiesigen Herren
-Offizieren einen kriegswissenschaftlichen Vortrag zu halten. Daraus wird
-natürlich nichts, denn jetzt werden wir ja in der Praxis zu erproben
-haben, durch die lebendige Tat, was wir wissen und erlernten. Komm, mein
-Junge, die beiden Flaschen Pilsener Trankes genügen für uns. Jetzt wollen
-wir Kriegsrat halten.«
-
-Bis weit nach Mitternacht saßen die Beiden zusammen. Und während draußen
-jeder Laut erstarb, während die Stadt, um die ein ferner Feind bereits
-seine haarigen Riesenarme klammerte, in schweren, traumerfüllten Schlaf
-verfiel, in den letzten vielleicht, dem sie sich ungestört und im Besitz
-geheiligter Ruhe und Ordnung hingeben konnte, da zauberte der alte Mann,
-dem der Krieg mehr als blutiges Getümmel, tolles Einhersprengen und
-fröhliches Waffenklirren bedeutete, da zauberte der Kundige wundersame
-befreiende Gebilde vor den aufhorchenden Schüler hin. In blühender,
-fortgerissener Sprache schilderte er das Elementarereignis, das nicht
-zufällig über den geduckten Menschheitsnacken fortraste, sondern
-natürlichen, längst erwarteten, genau zu berechnenden Gesetzen folgte,
-die nicht nur Brand und Verderben, sondern auch Sammlung und Auferstehen
-mit sich führten. Der Krieg war kein sinnlos tobender Vernichter, sondern
-ein weiser, vorbedachter Haushälter unter den Erdenvölkern. Gleich dem
-Tod, der den Lebenden aus ihrem engen, arg bedrängten Bezirk immer wieder
-Luft und Raum schafft, so war auch der Krieg der grübelnde Gärtner, der
-ganze Völkerpflanzungen, auch wenn sie scheinbar noch blühten, umpflügte
-und zur Ruhe verdammte. Entweder, weil er in späterer Zeit anders geartete
-Früchte von ihnen erwartete, oder weil er dem ungestümen Drang jüngerer
-Schößlinge nach Ausbreitung für eine gewisse Dauer nachgeben mußte. Der
-Krieg waltete aber auch als der letzte eiserne Schulmeister der Gottheit
-auf der Erde. Was früher, solange Gemüt und Körper noch schwerer
-bildsam waren, Sintflut, krachende Weltteilabstürze oder eishauchende
-Vergletscherungen vollbracht hatten, nämlich die Erziehung ungeheurer, von
-den Elementargewalten betroffener Stämme nach einer bestimmten Richtung
-hin, zu einem ganz gewissen Ziel, das erst die Spätgeborenen, schaudernd
-vor der ewigen Gerechtigkeit, als planvoll und segensreich erkannten,
-dafür wurde jetzt unter den verfeinerten Lebensformen, sobald sie zur
-morschen Überreife neigten, der Krieg als allgemein verständlicher,
-jede Auflehnung erstickender Erzieher über die Erde geschickt. Und er
-hat jedesmal seine stählerne Rute gut geschwungen. Noch kennt das
-Menschengeschlecht keinen Examinator, der so klar die Talentvollen und
-Starken nicht allein über Schwache und Faule, sondern sogar über
-die fleißige Mittelmäßigkeit zu setzen wüßte. Und dann, -- seine
-Lehrstunde ist nur kurz, denn wenn er gesagt hat, was er weiß, dann
-schlägt er die Tür der Schulstube donnernd hinter sich zu und schreitet
-in den dichten Wald der Jahrhunderte. Aber das, was er seinen Schülern
-vortrug, bleibt eindringlich über Geschlechter hinaus haften und wirkt
-unvergeßlich fort bis zu späten Enkeln.
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Zwei Tage des Wartens hinkten über das Land. Auf allen fahrbaren Wegen
-knarrten schwer beladene Wagen dahin, deren Besitzer von der gefährdeten
-Grenze den Städten zustrebten. Oft stand Johanna aufgerichtet an
-den Torpfosten ihres Gehöfts zu Maritzken und sah die traurige
-Völkerwanderung, dieses unvorstellbare Elend an sich vorüberwallen. Denn
-es war ja nur eilig zusammengeraffter Besitz, zerzaust und gebrechlich, was
-die Flüchtenden hier stumm und ohne ein Wort der Klage vorbeischafften.
-Kommoden und Schränke, Bettzeug und Vogelbauer, Säcke voll Lebensmittel,
-Kleidungsstücke und Kochgeschirr, Kinder und junges Vieh, alles rollte,
-wirr zusammengepreßt, in endlosem Zuge dahin.
-
-Aber auch Militärkolonnen marschierten an der versonnenen Beobachterin
-vorüber. Gleichfalls still, in sich gekehrt, ohne Lieder. Denn sie hielten
-die Stirnen nicht dem Osten zugewandt, wie es ihr junger Mut ersehnte,
-sondern sie folgten höherem Befehl, der sie zu zusammengefaßter Tat
-aufsparte. Im Staub und Dämmer des Augusttages verschwanden die lockeren
-Kolonnen.
-
-Einmal löste sich eine Gestalt aus einer der dahinziehenden Kompagnien,
-trat schnell auf die Gutsherrin zu und streckte ihr rasch die Hand
-entgegen. Zuerst erkannte Johanna den Grüßenden nicht, denn die neue
-graue Uniform hatte den gewohnten Eindruck verändert. Aber dann drückte
-sie die dargebotene Rechte stark und fest, als ob sie den Offizier, der
-keinen Blick auf den weißen Hof warf, überzeugen wolle, daß hier auch
-ehrliche und treue Gemüter lebten, Herzen, die den Trommelwirbel der Zeit
-nachschlugen und nicht im Walzertakt hüpften. Kein Wort wechselten die
-Beiden miteinander. Aber es war doch ein Abschiednehmen über die Dauer
-des Seins hinaus. Und in dem Händedruck, mit dem Johanna den Scheidenden
-entließ, barg sich ein mütterlicher Segenswunsch. Dann ein stummes
-Zurücktreten in die grauen Haufen, und auch diese Scharen wurden
-eingesogen von der undurchdringlich sich dahinwälzenden Staubwolke.
-
-Über die schlängelnden Feldwege aber jagte und raste das Gerücht.
-Schattenhaft grau stäubte es dahin, menschlichen Augen manchmal nur als
-ein mit gestreckten Läufen flüchtender Hase erkennbar. Doch das lechzende
-Tier sollte aus einem brennenden Haferfeld hervorgebrochen sein.
-
-Barmherzigkeit, war das möglich? Wer hatte es erzählt, wer zuerst
-geglaubt?
-
-An den Kreuzwegen der Felder, an den schmalen Brücken der hellen Bäche,
-die durch die sanft gewellten Talmulden blitzten, überall knirschte und
-schlürfte es. Greise und alte Weiber, die einzigen Einwohner verlassener
-Ansiedlungen, schlichen hier zusammen. Wackelnde Köpfe, erstorbene Stimmen
-erzählten sich Gräßliches:
-
-»Wißt ihr schon? Es ist wahr. Man kann es beschwören. Das Rittergut
-Lutheinen ist abgebrannt bis auf den Erdboden. Da, wo das Schloß stand,
-liegt ein Kohlenhaufen.«
-
-»Im Frieden, denkt euch, mitten im Frieden!«
-
-»Woher sie kamen und wohin sie entschwunden sind, das weiß kein Mensch.
-Aber acht Meilen weit ritten sie ins Land hinein. Sie trieben vor sich her,
-was vor ihre Lanzen kam. Die Mädchen wurden an die Pferde gebunden, die
-Kinder gehetzt, bis sie erstickten.«
-
-»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«
-
-»Ich sah es nicht selbst, aber der Landbriefträger hat es erzählt. Dem
-Schmied von Löthau haben sie, als er einen von den Mordbrennern mit dem
-großen Hammer totschlug, mit seinem eigenen Viehstempel eine Marke ins
-Genick gesengt. Der Mann ist wahnsinnig geworden.«
-
-»Wehe, wehe, wie wird es uns gehen! Wer wird uns zu essen geben, wenn wir
-nicht mehr weiter können?«
-
-»Lauft zu dem Fräulein von Maritzken, sie hat Milcheimer aufgestellt und
-Brote hingelegt.«
-
-»Herr Jesus, ist sie noch da?«
-
-»Ja, die Grothe-Marjellen sind noch da. Wir haben ihre hellen Kleider
-durch die Büsche gesehen.«
-
-»Oh, sie muß uns Brot und Milch geben. Und dann weiter, weiter, hier
-bleiben wir nicht!«
-
- * * * * *
-
-In dem kleinen gemütlichen Eßzimmer zu ebener Erde saßen die beiden
-ältesten Grothe-Schwestern, und es schien, als ob sie trotz ihrer
-Verlassenheit ruhig die Hefte der Journalmappe durchstöberten, die zum
-Teil aufgeschlagen die Platte bedeckten. Über ihnen sandte die grün
-verhangene Hängelampe ihr sanftes elektrisches Licht aus, und in dem
-kleinen Gemach waltete eine Stille, die man in anderen Zeiten behaglich
-genannt hätte. Heute aber war es, als ob der Tag an seiner Rüste beklemmt
-den Atem anhielt, bevor er von neuem seinen Mund zu wilden blutrünstigen
-Märchen und Erzählungen öffnete. Eben schlug es von dem nahen hölzernen
-Kirchturm die neunte Stunde. Durch die Wipfel der hochstrebenden Eichen
-vor dem Hause fuhr ein ziehendes Wehen, ein unheimliches Ächzen, das die
-innere Unruhe nur vermehren konnte, als die Seitentür knarrte, und Isa
-in einem grauen Reisekleid, einem schwarzen Lackhut auf den roten Haaren,
-völlig gerüstet hereintrat. In dem feinen Gesicht der Siebzehnjährigen
-nistete eine erschreckende Blässe. Ihre großen Goldaugen schienen wie
-von Nebel verhängt und irrten unruhig von den beiden älteren Schwestern
-hinweg zu dem einzigen Fenster der Stube hin, vor das die Nacht jede
-Aussicht sperrend ihr schwarzlockiges Haupt gedrängt hatte. Vergebliches
-Mühen, denn die Jüngste der Grothe-Marjellen fing dennoch in ihrer
-aufgereizten Einbildungskraft tolle, sich überstürzende Begebnisse auf,
-die sich dort draußen unter erstickten schreckhaften Rufen verkündeten.
-In nervöser Hast fingerte sie auf der Platte des Tisches herum und zupfte
-an den Ecken der Journalhefte, ohne zu empfinden, wie sehr sie dadurch ihre
-ruhige Schwester Marianne in ihrer Lektüre beeinträchtigte.
-
-Da trat Johanna auf das furchtgeschüttelte Mädchen zu und klopfte ihr
-leise die Wange. Von der Berührung zu sich selbst gebracht, drängte sich
-Isa dicht an die ragende Gestalt ihrer ältesten Schwester heran, und eine
-kurze Sekunde war es der Kleinen, als ob hier an den festen Gliedern der
-ruhigen und gefaßten Frau auch für sie ein Schutz, eine Zuflucht geboten
-werden könnte. Im nächsten Moment freilich flackerten ihre Blicke wieder
-begehrlich um die nahe Tür, denn der ungestüme quälende Hang nach Flucht
-und Rettung überwältigten das zitternde Geschöpf von neuem.
-
-»Du willst also wirklich diese Nacht nicht bei uns verbringen?« fragte
-Johanna in ihrem gewohnten Ernst, wobei sie es jedoch vermied, irgendeinen
-Tadel oder eine Abmahnung mitklingen zu lassen, »du bleibst dabei, zu so
-später Stunde zu unserer Tante Adelheid nach Sorquitten zu fahren? Aber
-wie, Kind, wenn Fedor Stötteritz und die meisten seiner Leute schon fort
-wären? Ich will dich nicht ängstigen, aber es ist doch möglich.«
-
-Die Jüngste jedoch ließ sich von dem Einwurf nicht treffen, sie
-schüttelte das rote Haupt nur bestimmter und sicherer, als ob es für ihre
-Pläne kein Hindernis geben könnte.
-
-»Das wird ja nicht sein,« stammelte sie in der Sucht, sich an einen
-irgendwo in der Ferne gaukelnden Rettungsschimmer wie an ein starkes
-Seil zu hängen, »das ist ja ganz gewiß nicht der Fall. Fedor, und der
-Inspektor, und alle seine Knechte sind noch da. Dort befindet man sich
-dann endlich in Sicherheit. Nicht wahr, das meinst du doch auch? Komm mit,
-Johanna,« setzte sie plötzlich dringend hinzu, während sie die Hand
-der Blonden mit fieberhafter Glut umspannte, »komm mit, ich bitte dich.
-Begleite du mich wenigstens, Marianne. Ich kann euch nicht schildern, was
-ich hier leide. Wenn wenigstens ein Mann uns zur Seite stände, wenn Konsul
-Bark -- --«
-
-»Laß den Konsul zufrieden,« schnitt Johanna rasch ab. »Er wird jetzt
-für sich selbst zu sorgen haben. Und du, mein Kind, fahre in Gottes
-Namen. Baumgartner wartet draußen schon mit dem Wagen auf dich. Und um
-uns brauchst du dich nicht zu beunruhigen, hörst du? Der Landrat hat mir
-versprochen, daß wir sofort durch Depesche benachrichtigt werden, wenn
-irgendeine Gefahr im Anzuge sei. Grüße Tante Adelheid und auch Fedor
-von mir und sage ihnen, sobald es zum Äußersten kommt, werde ich
-selbstverständlich auch an mich denken. Nun geh, mein Kind, mache dir den
-Abschied nicht schwer, denn ich denke, wir sehen uns in den nächsten Tagen
-wieder. Und Baumgartner soll das Verdeck hochschlagen, verstanden? Denn es
-sieht aus, als ob es regnen wollte.«
-
-Ein paar Minuten später rollte der Wagen mit seiner einsamen Insassin
-bereits über die Chaussee. Kühl lag die Nacht auf Feld und Steg.
-Schwarzgezackte Wolken segelten an dem sternenlosen Himmel dahin und
-schoben sich zu ungeheuren drohenden Gebilden zusammen. Nur ab und zu jagte
-ein bleicher Mond aus den gähnenden Klüften dort oben heraus und goß
-einen schnell verschwindenden Lichtsturz auf die reifen Felder herab. Ein
-paar vereinzelte Regentropfen klatschten hohl auf den Weg.
-
-Ungeduldig rückte Isa unter dem engen Lederverdeck hin und her. Es war
-so dunkel und stickig unter der schwarzen Kappe. Jede Aussicht wurde
-versperrt. Und ein unbestimmtes banges Gefühl befahl ihr, noch einmal nach
-der entschwindenden Heimat zurückzuschauen. Pochenden Herzens erhob sie
-sich, um ihrem Kutscher einen leichten Schlag auf den Rücken zu versetzen.
-Überrascht wandte sich der still vor sich hinstarrende Mann zurück.
-
-»Was wollen Sie, Fräulein?«
-
-»Baumgartner,« schmeichelte Isa, während ihre Hand immer noch unbewußt
-über die Schulter des Statthalters glitt, »es ist so beklommen hier
-drinnen; schlagen Sie das Verdeck zurück.«
-
-Der Mann schüttelte bedenklich das Haupt und zog die Zügel etwas an.
-
-»Aber Fräuleinchen,« wehrte er sich, »es feuchtet hier draußen. Hören
-Sie nicht die Regentropfen?«
-
-»Das schadet nichts, lieber Baumgartner, ich bitte Sie, tun Sie mir den
-Gefallen. Ich kann hier unter dem Leder nicht ordentlich atmen.«
-
-Jetzt murmelte der treue Verwalter etwas vor sich hin, sprang aber sofort
-herab, und gleich darauf faltete sich der dunkle Plan über dem Haupt der
-sich Zusammenduckenden, der schwarze Nachthimmel dehnte sich über ihr, und
-ein feuchter Windzug pfiff an ihren Wangen vorüber.
-
-»So, nun aber weiter,« sprach Baumgartner, der inzwischen den Bock
-wieder eingenommen hatte, zu der noch immer hinter ihm Stehenden, und dann
-murmelte er abermals etwas, was Isa trotz aller Anstrengung nicht verstand,
-spähte nach rechts und links über die dunklen Feldwege und ließ
-endlich seine Peitsche sausend über die trabenden Pferde dahinklatschen.
-»Vorwärts, vorwärts,« trieb er.
-
-Hinter ihnen verglommen die letzten zuckenden Lichtschimmer, die die Gegend
-von Maritzken andeuteten, und immer näher wanderte ihnen die dunkle Linie
-eines Tannenschlages. Von fern hörte man bereits das Ächzen und Knarren
-der Wipfel.
-
-»Vorwärts, vorwärts,« drängte Baumgartner abermals und wollte seine
-Peitsche weit ausholend durch die Luft streifen lassen. Aber mitten im
-Schwung erschrak er und hielt ein.
-
-»Wir sind doch bald da?« forschte Isa über seine Schulter herüber.
-
-»Ja -- jawohl -- wir sind bald da. Eine halbe Stunde.«
-
-Allmählich ließ sich das Mädchen wieder in die Wagenecke zurücksinken,
-krampfte die Hände zusammen und saß hochaufgerichtet da. So ausgesetzt,
-so allein, so der tröstenden Hilfe bedürftig, wie jetzt inmitten der
-farblosen, gestaltenschwangeren Nacht, meinte sie sich noch nie befunden
-zu haben. Unwillkürlich hob sie den behandschuhten Finger an ihre bebenden
-Lippen, wie sie es als Kind in Not und Bedrängnis getan, und starrte
-voraussuchend in die dicke Finsternis, die nur ab und zu durch
-vorüberhuschende weiße Chausseesteine unterbrochen wurde.
-
-O, jetzt ein Schutz, jetzt ein lachendes gutes Wort!
-
-»Baumgartner, sind wir bald da?«
-
-»Ja, Fräuleinchen, knapp eine Viertelstunde -- aber -- --«
-
-Jedoch seine Insassin vernahm die Einschränkung des Mannes auf dem Bock
-nicht mehr, denn während ihre Augen furchtsam das dunkle Untergestrüpp
-des Waldes durchirrten, dessen schlanke Stämme bis dicht an die Chaussee
-herantraten, da lungerte ihre aufgescheuchte Einbildungskraft sehnsüchtig
-nach den Rettern aus, von denen sie meinte, daß sie ihr allein Erlösung
-und Trost verbürgen könnten. Die muskulöse Riesengestalt des Recken
-von Stötteritz tauchte vor ihr auf, dann entsann sie sich der ernsten
-Entschlossenheit von Fritz Harder. Aber körperlicher als diese beiden
-fühlte sie den um vieles älteren Konsul neben sich lehnen, und ihre
-Glieder erwärmten sich beinahe, als sie sich vorstellte, wie spöttisch
-und väterlich die Stimme des gereiften Mannes jetzt klingen würde: »Na,
-kleines Rotfeuer, man wird ja gleich das Kinderbettchen aufschlagen. Nur
-Geduld, es dauert nicht mehr lange.«
-
-Erschreckt fuhr sie empor, denn in demselben Augenblick hatte wirklich
-etwas zu ihr gesprochen. Der Wagen hielt. Mitten in der engen Waldstraße,
-nicht hundert Schritt von dem Austritt in das freie Feld entfernt, das im
-fahlen Mondenlicht weiß herüberglänzte.
-
-»Baumgartner, sagten Sie etwas?«
-
-»Ja, Fräulein.«
-
-Sie sprang empor, stützte sich auf das eiserne Bockgeländer und brachte
-ihr Haupt so nahe an den Verwalter heran, bis sie seinen feuchten Ärmel an
-ihrer Wange spürte.
-
-»Warum halten wir hier?« ging es ihr schwer über die Zunge. Und zugleich
-merkte sie, wie sie unfähig wäre, auch nur ein Glied zu bewegen, weil ihr
-ganzer Körper von einer starren Lähmung geschlagen war. »Baumgartner, um
-Gottes willen, was beobachten Sie dort vorn auf dem Feld?«
-
-Allein der Mann erteilte keine Antwort. Mit einem einzigen Sprung setzte
-er plötzlich vom Wagen, und die Zurückgelassene erkannte wie hinter einem
-Flor, daß ihr Schützer in weiten Sprüngen am Waldrand entlang huschte,
-immer ängstlich bemüht, das hereinfallende Mondlicht zu meiden.
-
-Sie wollte schreien, aber die Stimme versagte ihr.
-
-Seltsam, seltsam! Was waren das für dunkle, bewegliche Schatten dort
-hinten am Ende des Waldausschlages? In dichten Massen schienen sie
-dahinzugleiten, fremde, unentzifferbare Laute schlugen deutlich durch
-das Gehölz. Und jetzt -- nein, sie täuschte sich nicht -- da und dort
-blitzten kleine runde Lichter auf. Sie waren dem wandernden Zuge
-eingefügt und sandten vorüberschwebende, spähende Lichtkegel durch die
-aufgleißenden grünen Nadelzweige.
-
-Horch und jetzt!?
-
-Ein Kälteschauer schnitt ihr über die Brust, der Atem stockte der
-Entsetzten, denn ohne daß sie das geringste merkte, war plötzlich eine
-Gestalt neben dem Wagen aufgewachsen, schwang sich auf den Bock und riß
-die Zügel an sich.
-
-»Baumgartner, um Gottes Barmherzigkeit willen, sind Sie's?«
-
-Allein der Mann, der die Führung des Wagens übernommen hatte, blieb
-stumm. Mit Aufbietung aller Kräfte warf er die Pferde zurück, schlug
-ihnen mit dem Peitschenstiel über die Köpfe und ließ das Gefährt über
-den Graben hinweg in den Seitenschlag hineinrasen. Von dem Stoß getroffen
-wurde das Mädchen in die Polster zurückgeschleudert. In wahnsinniger
-Flucht schossen die Baumriesen an ihr vorüber, überhängende Zweige
-schlugen ihr ins Gesicht, der Wagen sprang und polterte, daß sie von einer
-Ecke in die andere geschleudert wurde, und dazwischen zischte etwas um sie
-herum, etwas gänzlich Fremdes, nie Gekanntes, wie vorübersausende Bienen,
-die einen bösen pfeifenden Ton ausstießen. Und bei alledem behielt
-die Überwältigte noch genügend Besinnung, um ein schwaches Erstaunen
-darüber zu empfinden, warum der Pfad vor ihnen so schwarz und unbeleuchtet
-blieb. Der Mann auf dem Bock mußte die Laternen gelöscht haben. Und
-weiter flog der Wagen über Baumwurzeln und Maulwurfsgruben. Jetzt eine
-knirschende Schwenkung, und mitten hinein ging es in ein rauschendes Feld.
-Surrend, gleich zischenden Dampfwolken wogten die starken Halme rechts und
-links an dem Gefährt vorüber.
-
-Und dann --
-
-Eben meldete sich ein sanfteres Rollen, da schrien mehrere wilde Stimmen
-neben ihnen auf. Ein sausender Schlag wie mit einem eisernen Schaft traf
-das lederne Verdeck, die Wagenpferde stiegen und wieherten, ein erneutes
-tolles Herumschwenken und abermals rauschte und strich das Meer der
-wogenden Ähren um die versinkenden Räder herum.
-
-Allein das Mädchen fürchtete nichts mehr, denn das klare Bewußtsein war
-ihr untergegangen.
-
-Als Isa wieder zu sich kam, da wölbte sich über ihr der mit
-Wappenschilden bunt bemalte Torbogen der Stadt. Trüber Mondschein sickerte
-noch aus den Wolken. Auf dem Bock saß Baumgartner, und obwohl dem Treuen
-über das übernächtigte Antlitz der Schweiß rann, fragte er doch
-freundlich, erlöst:
-
-»Wohin, Fräuleinchen?«
-
-Isa besann sich nicht:
-
-»Zu Konsul Bark,« sagte sie rasch.
-
- * * * * *
-
-Über den Hof von Maritzken schritt durch die Schwärze der Nacht die hohe
-Gestalt eines Weibes. In ein Umschlagetuch gehüllt lehnte Johanna eine
-Weile an der Einfahrt und lauschte auf die Chaussee heraus, ob sich noch
-immer nicht das Rollen des zurückkehrenden Wagens anmelde.
-
-Kein Laut.
-
-Nur das hohle Aufschlagen der vereinzelt dahinstiebenden schweren
-Regentropfen fing ihr gespanntes Ohr auf, und dazwischen strich ein
-feuchter Wind zischend und raschelnd um die Pfeiler der Einfahrt. Eine
-leise Unruhe stieg in der Besonnenen auf. Sollte der Wagen vielleicht
-irgendwo eine Beschädigung erlitten haben? Jedenfalls wollte sie wach
-bleiben, um das Eintreffen Baumgartners zu erwarten. Fröstelnd hüllte sie
-sich tiefer in das warme Tuch und schritt langsam über den Hof zurück.
-Überall waltete schwere lastende Ruhe. Aus den Kuhställen drang ein
-vereinzeltes Brummen hervor, und aus den vergitterten, halb angelehnten
-Fenstern schlug eine bleiche Wolke tierischer Wärme heraus. Dicht vor dem
-Hause lösten sich zwei schlanke Schatten ab. Es waren die beiden munteren
-Schäferhunde, die jetzt wedelnd an ihrer Herrin in die Höhe sprangen.
-Eigentümlich grell leuchteten die Augen der Tiere durch die Finsternis.
-
-Und weiter schritt Johanna durch das Haus. Hier und da legte die Sorgliche
-die Hand auf eine der Türklinken, um zu prüfen, ob auch überall
-verschlossen wäre. Dann stieg sie in den ersten Stock hinauf und blieb
-vor Mariannes kleinem Gemach stehen. Selbst bei dem trüben Licht des
-Petroleumlämpchens, das den schmalen Gang auch in der Nacht erhellte,
-konnte man erkennen, wie sich die Stirn der Einsamen verzog, als sie jetzt
-die tiefen Atemzüge der dort drinnen gewiß sorglos Schlummernden auffing.
-Bedrückt schüttelte sie das Haupt, und ein kurzer Seufzer entrang sich
-ihr, bevor sie sich losriß, um ihr eigenes Schlafzimmer aufzusuchen.
-Überaus eng und einfach bot sich der weiß gedielte Raum dar. Ein festes
-eichenes Bett, darüber an der bläulich getünchten Wand ein Holzkreuz
-des Erlösers, ein altertümlich geschnitzter Schrank, eine breite
-Eichenkommode, die zugleich als Waschtisch diente, -- sonst nichts. Kein
-Schmuck, kein Zierat; nur an der Seitenwand hing der gebräunte Buntstich
-des Preußenprinzen Louis Ferdinand, und die dunklen, schwermütigen Augen
-des Bildes verfolgten das große blonde Weib, als es sich jetzt hart
-auf den Rand seines Bettes niederließ, und verhinderten sie daran, zum
-erstenmal an dem Arbeitstage ruhig ihre fleißigen Hände in dem Schoß zu
-verschränken. Das einzige Fenster des Zimmerchens stand noch offen, und
-die Einsame wandte ihr Haupt und lauschte von neuem. Draußen schüttelten
-die schmal geschnittenen Eichen ihre hochragenden Kronen, und die Blätter
-wisperten und raunten in scharfer, spitzer Geschwätzigkeit. Müde erhob
-sie sich, um das Fenster zu schließen. Dann begann sie, sich gedankenlos
-zu entkleiden. Sie löste das reiche blonde Haar, das jetzt, nachdem es
-entfesselt war, in lichten Wellen an ihr herniederfiel. Aber die Besitzerin
-dieses Schmuckes wandte keinen Blick auf die weiche Pracht, sondern warf
-hastig ihre Bluse ab. Und wieder zuckte sie betroffen zusammen, als sie
-merkte, wie fröstelnd es ihr am Abend des heißen Augusttages über die
-entblößten Arme schnitt.
-
-Jetzt -- aber mein Gott, was war das? Was bedeutete es, daß die Augen des
-toten Prinzen dort oben auf dem Bilde einen immer sprechenderen Ausdruck
-annahmen? Ein matter Zug von Sattheit und doch unterdrückter Lebensgier
-spielte dabei um die fein geschwungenen Lippen, und es lag etwas
-Spöttisches, Wegwerfendes in der Art, wie das Bild ihr auf Schulter und
-Nacken herabschaute.
-
-Minute auf Minute verstrich. Von draußen summte der matte Schlag
-der Dorfuhr herein, und dazwischen hämmerten schwere Tropfen, jetzt
-ununterbrochen, gegen die Fensterscheiben. Ein unablässiges Spritzen und
-Rinnen. Sie wandte sich und sah, wie der weiße Vorhang des Fensters in der
-Zugluft, die durch die undichten Fugen schlüpfte, leise hin und her bewegt
-wurde. Um das Lämpchen auf dem Waschtisch schwirrte und gaukelte ein
-winziger Nachtfalter. Von Zeit zu Zeit vernahm sie das Anschlagen seiner
-Flügel.
-
-Jedoch allmählich vermischten und verwirrten sich die Geräusche. Das
-Frösteln über ihrer Brust zwang sie, sich tiefer zu verhüllen, sie griff
-in den weißen Bettüberzug, lehnte sich weiter zurück, und noch einmal
-war es der Versinkenden, als vermöge ihr drohender und abweisender Blick
-das merkwürdige Lächeln von dem Bilde dort oben zu verscheuchen.
-
-Draußen regnete es heftiger, aber in der kleinen Schlafstube wurde es
-still.
-
-War es das klirrende Summen des Nachtfalters oder wurden in der Tat vor
-den Ohren der Dahingesunkenen weiche Saitenklänge laut? Aber wie fern und
-fremdartig! »Es ist ein tatarisches Bauernlied,« sagte eine schmeichelnde
-Stimme, vor der sich Johanna wie in Schmerzen hin und her wand, »gestatten
-Sie, Gnädigste, daß ich Ihnen den Text übersetze:
-
- »Ich küsse dich, Anuschka.
- Ich küsse dich, Iwan.
- Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«
-
-Gegen die Fenster flog ein Regenguß, dann zitterten die Scheiben, und die
-Tür des kleinen Zimmers brach auf.
-
-»Es bereitet mir aufrichtige Betrübnis, meine Gnädigste, Sie um diese
-Zeit wecken zu müssen,« fuhr die wohllautende Stimme fort, und ein Hauch
-von Kälte und Feuchtigkeit strömte über das Lager.
-
-Entsetzen!
-
-Johanna flog empor. Das Kissen unter ihrem Haupt fiel zu Boden, und ihre
-Rechte rieb wild über ihre Augenlider, als sei es nur so möglich, dieses
-wahnsinnige Traumbild zu vertreiben. Allein es blieb. Es stand vor ihr in
-einem faltenreichen grauen Mantel, von dem der Regen triefte, und sobald
-es sich bewegte, klirrten Sporen und Säbel. Die Augen des Phantoms jedoch,
-diese halb traurigen, halb begehrlichen Augen, ruhten ohne Erbarmen auf der
-von Schrecken und Entsetzen Niedergeworfenen.
-
-Ungläubig, wild, vor den Ohren ein strömendes Rauschen, so lag sie
-kraftlos in ihren Kissen, unfähig, durch die matteste Bewegung ihre
-Blöße zu decken, und während ihre gebannte Zunge den Versuch machte,
-einen verständlichen Laut hervorzustoßen, da saugten sich ihre
-herumirrenden Augen, die noch immer nicht zu unterscheiden vermochten,
-an dem matten, schwarzen Lauf eines Revolvers fest, den der Eindringling
-gestreckt vor sich hielt, obwohl die Waffe von dem herabwallenden Mantel
-halb verborgen wurde.
-
-Ein paar eilige Sekunden regte sich in dem kleinen Zimmer nichts mehr,
-in dumpfem Anschlag hörte man den Falter gegen den glühenden Zylinder
-taumeln, die Menschen jedoch schienen an das unerhörte Begebnis wie
-festgeschmiedet. Erst als die Atemzüge der Liegenden immer vernehmlicher
-röchelten, als ob ein Sterbender von allem Gewohnten Abschied nimmt, da
-schüttelte der verhüllte Offizier seine eigene Beklemmung ab und legte
-begütigend die Hand auf das Kissen, ohne darauf zu achten, wie die Waffe
-sich mit über das weiße Linnen schob.
-
-»Meine Gnädige,« begann die reine einfangende Stimme von neuem, die das
-Deutsche in einem so wunderlich reizvollen Tonfall vortrug, »bitte nehmen
-Sie die Situation, wie sie in unserem Falle genommen werden muß. Ich habe
-allerdings den Befehl, Ihr Gehöft zu besetzen, aber schon der Umstand,
-daß ich den großen Vorzug Ihrer Bekanntschaft genieße, muß Sie von dem
-Mangel jeder persönlichen Gefahr überzeugen.«
-
-Noch redete der Fürst, als die Gutsherrin plötzlich etwas Kaltes, feucht
-Durchfröstelndes an ihrem Arm spürte, und mit der Berührung schoß
-ihr ihre Lage, ihre rettungslose Auslieferung an eine fremde Gewalt mit
-schmerzhafter Klarheit ins Bewußtsein. Zuvorkommend lächelnd sah
-der durchnäßte Offizier mit an, wie das blonde Haupt sich mit einer
-gewaltsamen Anstrengung erhob, ja, er fühlte eine Art von Bewunderung für
-die furchtlose Ruhe, die so unvermutet in den eben noch verstörten Zügen
-lebendig wurde. Nur ungemein blaß blieben die Wangen des großen Weibes,
-das so hoheitsvoll und unnahbar vor ihm gelegen hatte, und er konnte nicht
-umhin, seine zudringlichen Augen niederzuschlagen, als er bemerkte, wie sie
-mit rastlosen Händen ihren leinenen Mantel um ihre Schultern zusammenzog.
-
-»Ist Krieg ausgebrochen?« war das erste, was sich rauh ihrer Kehle
-entwand, während sie mit einer raschen Bewegung aus dem Bett glitt. Ganz
-nah stand sie dem Manne jetzt gegenüber, von dem sie sich blitzartig
-entsann, daß er Dimitri heiße, ihre Hände hielt sie unter dem Hals
-zusammengefaltet, und ihre langen hellen Haare fielen ihr über die
-Schulter.
-
-Auch der Russe stand ohne sich zu rühren, nur die Nasenflügel bebten ein
-wenig, und in seinen Blick drang etwas Unsicheres, das zu seiner gewohnten
-vornehmen Überlegenheit nicht völlig paßte.
-
-»Ist Krieg ausgebrochen?« stieß Johanna noch einmal hervor, und ihre in
-der matten Beleuchtung fast dunklen Augen umspannten aufmerksam die nahe
-Tür, als begänne sie bereits jetzt zu berechnen, wie man den Ausgang
-gewinnen könne. »Uns ist von einer Erklärung nichts bekannt,« setzte
-sie schon etwas anklagender hinzu, denn ihr Gerechtigkeitssinn klammerte
-sich selbst in diesem Weltuntergang an Ordnung und Herkommen.
-
-Der Offizier jedoch zuckte verbindlich die Achseln und riß sich mit einem
-entschuldigenden Murmeln die durchnäßte grüngraue Mütze von seinem
-Lockenhaupt, denn jetzt, da die große blonde Nemza so kühl und frostig,
-wie er sie im Gedächtnis bewahrte, vor ihm aufragte, da erinnerte sich
-sein anerzogener Takt daran, daß er immerhin vor einer Dame stände und
-zwar in ihrem Schlafgemach.
-
-»Gnädigste,« sagte er rasch, indem er die kleine Schußwaffe in
-die Manteltasche gleiten ließ, um sein Gegenüber nicht unnötig zu
-ängstigen, »ich bedaure es außerordentlich, daß ich für Sie der erste
-Bote der bereits seit gestern begonnenen Streitigkeiten sein muß. Ob diese
-Differenzen vorher angekündigt wurden oder nicht, bin ich leider nicht
-in der Lage zu übersehen. Jedenfalls bringt der rasche Einbruch für uns
-Vorteile, die ich wahrzunehmen gezwungen bin.«
-
-In dem Bestreben, die Gutsherrin zu beruhigen, wollte der Dragoner
-augenscheinlich noch etwas anfügen, als sich hinter ihm ein Poltern und
-Schreien erhob. Ein paar völlig mit Kot bespritzte, vom Regen beinahe
-durchweichte Soldaten waren die Treppe heraufgestürmt. Sie hielten
-eine brennende Stallaterne vor sich und starrten neugierig in das offene
-Stübchen, mit einem heimlichen Schmunzeln, das Johanna, obwohl sie jetzt
-erst den vollen Ernst ihrer Bedrängnis erkannte, innerlich empörte.
-
-»Durchlaucht,« wandte sie sich ohne noch eine Spur von Beängstigung
-zu verraten, an den Offizier, und ihre Stimme klang streng und ernst
-wie immer, »bitte schicken Sie Ihre Leute fort, denn ich bin nicht so
-bekleidet, um mich vor Fremden zeigen zu können. Das gilt auch für
-Sie. Und dann bitte sagen Sie mir, was Sie von mir wünschen und welches
-Schicksal mich und die Bewohner von Maritzken erwartet.«
-
-Der Russe wandte sich erst zur Tür, warf die Hand gebieterisch vor und
-rief ein einziges fremdartiges Wort. Aber seine Weise, Befehle zu erteilen,
-schien von der Gewöhnung diktiert, Gehorsam zu erzwingen. Sofort krümmten
-sich die durchnäßten struppigen Gestalten auf dem dunklen Flur zusammen
-und tappten lautlos die Treppe herunter. Nur ein starker Mann, der wohl die
-Charge eines Wachtmeisters einnahm, raffte den Säbel militärisch an sich
-und erstattete eine kurze Meldung. Daraufhin flog ein Schatten über die
-Züge des Fürsten, er wandte sich ein paarmal unentschlossen hin und her,
-um dann von neuem auf die Besitzerin des Hauses zuzutreten. Diesmal jedoch
-klang seine Anrede nicht mehr so devot und rücksichtsvoll, sondern sie
-war beherrscht von dem Willen eines Machthabers, der für seine Wünsche
-Beachtung zu finden gesonnen ist.
-
-»Meine Gnädige,« begann er, »ich hätte es sicherlich vorgezogen, Ihnen
-erst morgen meine Aufwartung zu machen, wenn ein Unfall uns nicht zwänge,
-Ihre tätige Mitwirkung zu erbitten. Ich brauche ein gut eingerichtetes
-Zimmer für einen Verwundeten,« fuhr er knapp und berechnend fort.
-»Drinnen in der Stadt ist einem meiner Offiziere von einer bekannten
-Persönlichkeit ein Empfang bereitet worden, wie wir ihn von einem uns
-freundschaftlich nahestehenden Herrn nicht erwarten durften.«
-
-»Um Gottes willen, von wem reden Sie?« rief Johanna von einer Ahnung
-durchschlagen.
-
-Der Offizier jedoch schüttelte diesmal abweisend das Haupt. »Ich bedaure,
-darüber keine Auskunft erteilen zu können,« lehnte er mit einer leichten
-Verbeugung ab. »Dagegen muß ich Sie noch einmal ersuchen, für meinen
-verwundeten Kameraden die umfassendste Sorge tragen zu wollen. Er glaubte,
-hier eine unserer Sanitätskolonnen erreichen zu können, aber dieses
-Vorhaben ist uns leider mißgeglückt. Bitte wollen Sie deshalb, mein
-Fräulein, sofort ein geräumiges Zimmer aufschließen lassen und uns
-sodann die etwa vorhandenen Leinen- und Verbandstoffe anvertrauen.«
-
-»Darf ich mich erst umkleiden?« drängte die Älteste von Maritzken
-gepreßt.
-
-Der Offizier bewegte bedauernd die Hand.
-
-»Ich vermag Ihren Unwillen vollkommen zu begreifen,« wandte er immer noch
-mit seiner konzilianten Haltung ein, »allein wie ich schon betonte, unser
-Fall verlangt die größte Eile. Bitte, wollen Sie vorantreten,« forderte
-er dann noch zielbewußter, »und seien Sie überzeugt, Ihnen wird nicht
-nur von mir, sondern auch von allen meinen Untergebenen jeder Respekt
-entgegengebracht werden!«
-
-Damit ergriff der Russe ohne weitere Erlaubnis die kleine Petroleumlampe,
-trat an die Schwelle der Tür und hob die Leuchte hoch in die Höhe.
-Johanna aber durchdrang, während sie schweigend an ihm vorüberschritt,
-zum erstenmal das peinigende Gefühl des Unterworfenseins. Es war ja
-eigentlich eine ganz lächerliche Veranlassung, aber als der fremde Mann,
-der sie doch mit ausgesuchter Höflichkeit behandelte, den Porzellangriff
-des Lämpchens umklammerte, mit einer Selbstverständlichkeit, als
-hätte von nun an alles, was zu diesem Hause gehörte, unbedingt und ohne
-Widerrede seinen Wünschen zu dienen, da schnitt dem Landfräulein etwas
-ins Herz. Etwas, das nie wieder heilen sollte und wodurch in ihr Denken
-ein Verlangen hineingetragen wurde, das sie sich vorläufig noch nicht
-zu deuten vermochte, vor dessen Gewalt aber ihr ruhiges Gleichmaß
-schließlich in die Knie brach. Eilfertig, wie ihr geheißen war, stieg sie
-die Treppe herunter, ihre Hände zogen noch immer instinktiv die leinene
-Hülle fest unter ihrem Halse zusammen, aber während sie bereits kühl
-und folgerichtig überlegte, welche Anordnungen nun zunächst zu treffen
-wären, und ob nicht etwa Knechten und Mägden bereits ein Unheil
-widerfahren sein könnte, da spürte sie in den Tiefen ihres Wesens
-ein unheimliches wildes Klopfen und Drängen, ein Fluten, das wie ein
-unstillbares Fieber von nun an ihren Leib umhüllte, auch wenn ihr Mund
-lächelte. Mit leichten Tritten war ihr Fürst Fergussow gefolgt. Sie
-hörte seine Sporen noch auf den Stufen klirren, als sie bereits zu ebener
-Erde vor einer breiten Tür stehen blieb, um dann durch einen Schlüssel
-des mitgebrachten Bundes das Schloß zu öffnen. Allein noch war das
-Räuspern und Winden des Schlüssels nicht ganz verklungen, als hinter
-der Abgewandten eine hohle Stimme sich bemerkbar machte, die mit größter
-Anstrengung Mark und Tiefe in ihr Organ zu zwingen suchte.
-
-»Ah =bon soir=, schönstes Fräulein,« röchelte es in gebrochenen
-Lauten.
-
-Johanna kehrte sich betroffen um, und bei dem trüben Lampenlicht, das vor
-der einströmenden Luft zuckte und flimmerte, fing sie mit Schauder auf,
-wie neben dem Eingang ein bärtiger Mann zusammengesunken auf einem alten
-zerfetzten Bauernstuhl hockte, den die Russen scheinbar von weit her
-mitgeschleppt hatten. Über dem grauen Mantel hatte sich ein verkrustetes
-Blutrinnsal gebildet, und aus dem breiten Gesicht, das einen fahlen
-Widerschein von sich gab, leuchteten ein paar funkelnde, bösartige Augen.
-
-»Diese Schweine,« fuhr die hohle Stimme mit zitternden Schwankungen fort,
-»Sie haben mich festgebunden, sonst würde ich aufstehen. Ganz gewiß. Leo
-Konstantinowitsch Sassin weiß, was er schönen Damen schuldet.« Und dann
-versickerten die schwächlichen Laute, und Johanna fühlte beschämt,
-wie die brennenden Augen des Verwundeten spürend an ihrem weißen Gewand
-herumtasteten. »Aus dem Bett geholt?«, keuchte der Blutende und richtete
-einen seltsamen Blick auf den Fürsten Fergussow. »Dieser verfluchte
-Krieg, wir wünschen ihn nicht.« Aber gleich darauf warf sich der
-Rittmeister so gut er konnte, zu den ihn umstehenden Soldaten herum und
-schrie wütend, so daß es jetzt wirklich durch das Haus gellte: »Schert
-euch endlich zu einem Arzt, ihr Müßiggänger. Wollt ihr mich hier noch
-länger anstarren? Und Sie, Durchlaucht, verschaffen mir vielleicht durch
-Ihre vorzüglichen Verbindungen ein Sofa oder eine Chaiselongue. Ich
-brauche nur ein paar Stunden Schlaf. Sie sollen sehen, nichts weiter. Oh,
-dieser verwünschte deutsche Heuchler, wenn ihm doch heimgezahlt würde!«
-
-Wie ein Traum, rasch, schemenhaft, wesenlos, glitt von nun an alles an
-der Gutsherrin vorüber. Sie sah, wie der Kranke auf seinem Stuhl von zwei
-Soldaten in das geöffnete Zimmer getragen wurde und spürte die schwere
-stickige Luft, die aus dem Raum herausschlug, weil es eines jener
-Staatsgemächer war, die mit verhängten Fenstern fast das ganze Jahr
-unbenutzt in dunklem Schlafe lagen. Ihr war es so, als ob der Verwundete
-auf das veilchenblaue Samtsofa gebettet würde, und vorüberfliehend
-preßte die Erwägung ihr hausmütterliches Herz zusammen, wie sehr das
-kostbare alte Ebenholzmöbel unter der beschmutzten Kleidung des Mannes
-sowie vom herabrinnenden Blute leiden müßte. Ihr schien es, als ob die
-junge Frau des Verwalters Baumgartner, die ihr halbwüchsiges Töchterlein
-an der Hand führte, von ein paar rohen Männerfäusten zur Bedienung des
-Kranken über die Schwelle gestoßen wäre, und für einen hinzuckenden
-Moment erkannte sie die bleichen Züge der beiden halb Bekleideten, in
-denen ein starres Entsetzen lauerte. Dann fand sie sich selbst vor dem
-mächtigen Bauernschrank auf dem Flur, aus dem sie Leinenstoffe und
-allerlei Verbandzeug herausgab.
-
-Aber plötzlich wurde alles still, der Lichtschein entschwand hinter
-der geschlossenen Tür, und nur ein paar nahe, regelmäßige Atemzüge
-verrieten ihrem herumtastenden Bewußtsein, daß sie jetzt mit dem Fürsten
-Fergussow allein in der Finsternis weile. Empfindlich schauerte sie
-zusammen, denn sie glaubte den fremden Atem ganz dicht an ihrem Nacken zu
-spüren.
-
-Da lief unvermutet ein neuer Lichtbach die Treppe herunter, und in dem
-huschenden Schein sah Johanna, wie der Russe sich zusammenraffte, um
-grüßend die Hand an die Mütze zu führen. Über die obere Galerie beugte
-sich Marianne herab, und aus ihrem Nachtkleid dämmerten die entblößten
-Arme voll und wohlgeformt hervor, so daß selbst die widerstrebende
-älteste Schwester innerlich zugeben mußte, selten ein lockenderes Bild
-erschaut zu haben. Allein nur eine Sekunde konnte bei der Umsichtigen eine
-derartige Erwägung dauern, denn kaum hatte sie festgestellt, mit welch
-bewunderndem Glanz sich die Augen des fremden Offiziers erfüllten, da
-klang es bereits hart aus ihrem herrischen Munde hervor:
-
-»Marianne!«
-
-»Was willst du?«
-
-»Du siehst, wir haben Einquartierung erhalten. Begib dich auf dein Zimmer
-zurück und schließe hinter dir zu.«
-
-Aber der verbindliche Gruß des fremden Offiziers mußte auf das schöne
-Geschöpf in dem losen Nachtkleid dort oben durchaus die gewünschte
-Wirkung hervorgebracht haben. Um ihren Mund huschte ein wohlgefälliger
-Zug, sie schien weit davon entfernt, auch nur die winzigste Vorstellung
-von dem Jammer zu besitzen, der nicht allein ihre bisherige Wohnstätte,
-sondern doch sicherlich auch die ganze Umgegend betroffen hatte. Mit
-einer feinen Biegung verneigte sie sich zum Abschied vor dem fremden
-Eindringling, und während sie sich bereits von der Galerie abkehrte, da
-warf sie über die Schulter noch einen ihrer samtweichen Blicke zurück.
-Es war ganz die Art, wie wenn sich eine Tänzerin nach dem Ball von ihrem
-Kavalier zögernd und vielsagend trennt. Gleich darauf klang langsam und
-ohne sonderliche Eile die Tür. Es wurde wieder dunkel.
-
-»Ich werde Licht holen,« äußerte die klare, grobe Stimme Johannas.
-
-Fürst Fergussow griff in seine Manteltasche, zog eine kleine elektrische
-Laterne hervor und drückte den Knopf. Sogleich strahlte ein runder,
-goldiger Kreis auf, in dessen Mitte das starre Haupt der Nemza in einer
-steinernen Weiße hervorschimmerte.
-
-Und als der elektrische Blitz sich in den Augen der vom blendenden Licht
-Umrahmten spiegelte, da fuhr der Beobachter zurück vor der eisernen
-Grausamkeit, die dort unversteckt funkelte und glitzerte.
-
-»Pfui Teufel, zwei beleuchtete Messer,« dachte der Fürst widerwillig.
-
-Und seit dieser Erkenntnis hegte er nur den lebhaften Wunsch, die
-unwillkommene Gesellschafterin rasch von sich abzuschütteln. Ohne weitere
-Überlegung sagte er deshalb in seinem in Höflichkeit erstarrten Ton:
-
-»Ich würde es mir nie verzeihen, Sie noch länger aufzuhalten. Gute
-Nacht.«
-
-Auch Johanna verbeugte sich und wollte aus der halbangelehnten Eingangstür
-in die Dunkelheit herausschreiten, der Offizier jedoch vertrat ihr
-plötzlich den Weg.
-
-»Gestatten Sie, daß ich noch eine Form erfülle. Mein Wachtmeister hier
-wird Sie auf Ihren Gängen zu Ihrem Schutz begleiten.«
-
-»Ich bin also eine Gefangene?« stockte Johanna mit bitterem Lächeln.
-
-»Wie gesagt, es geschieht nur zu Ihrer Sicherheit. Alles Nähere werden
-wir dann morgen erörtern. Bis dahin, gute Nacht, meine Gnädige, und
-nochmals verzeihen Sie die Störung Ihrer Ruhe.« Und achselzuckend setzte
-er hinzu: »Der Krieg ist leider ein Handwerk, das sehr gegen meinen
-Geschmack mit groben Mitteln arbeitet.«
-
-Er verbeugte sich leicht, und Johanna bemerkte noch im Zurückblicken, wie
-die schlanke Gestalt in das bereits erleuchtete Zimmer schritt und achtlos
-ihren durchnäßten Mantel über einen Schaukelstuhl schleuderte. Dann
-entzündete der Fürst sich eine Zigarette und begann flüchtig in den
-auf dem Tisch herumliegenden deutschen Journalen zu blättern. Die weißen
-Dampfwolken umschwebten ein apollinisch geschnittenes Antlitz.
-
- * * * * *
-
-Die Älteste von Maritzken saß in ihrer leichten Kleidung wieder auf dem
-Bettrand, um mit Aufbietung aller Sinne jedem Geräusch nachzuspüren,
-das von Hof und Haus zu ihr heraufschlug. Und die Nacht verschärfte und
-verzerrte alle Töne, die sonst für die Lauschende keinen Sinn aufgewiesen
-hätten und schob ihnen eine schreckhafte Deutung unter. Bald quoll ein
-wüstes Ächzen und Fluchen durch die Dielen des Fußbodens empor, und
-Johannas aufgeregter Geist malte sich aus, wie der Rittmeister Sassin,
-nur durch ein paar dünne Planken von ihr getrennt, jetzt gewiß schon
-mit einem tobenden Wundfieber rang. Herrgott, die Frau ihres Verwalters
-Baumgartner war ja gezwungen worden, dort unten hilfreiche Hand zu leisten.
-Und hatte die notdürftig Bekleidete nicht auch ihr blutjunges Töchterchen
-bei sich gehabt? Wenn nun den Beiden von rohen Soldatenfäusten etwas
-Beschämendes widerführe!?
-
-Wild begann ihr das Herz bis in den Hals zu schlagen, jedoch ehe sie diese
-aufregende Gedankenreihe noch erschöpfen konnte, da wurde sie durch die
-Erinnerung an ihren Verwalter schon wieder auf eine neue Bahn gehetzt. Ob
-Baumgartner noch immer nicht zurückgekehrt war? Sie beugte sich über die
-kleine Uhr auf dem Nachttisch und fuhr zusammen, als sie bemerkte, daß
-bereits die zweite Stunde des Morgens angebrochen sei. Durch die Vorhänge
-stahl sich schon ein mattes Grauen und Dämmern herein. Der Frühwind
-sauste in den Eichenkronen, und hier und da erhob sich das vorzeitige
-Zirpen eines träumenden Vogels. Aber durch all diese Anzeichen des
-Erwachens drang etwas anderes hindurch, etwas so Fernes, Verschwommenes,
-daß sich die Einsame aufs äußerste anstrengen mußte, um überhaupt
-das in der Weite vollkommen versickernde und verschwimmende Geknister
-unterscheiden zu können. Abermals griff sie in die Kissen, jedoch mehr um
-sich festzuhalten, und starrte unverwandt auf die geschlossene Gardine, als
-ob das leise sich bewegende Leinen kein Hindernis für sie böte. Wenn sie
-ihr Gehör bis zur Schmerzhaftigkeit spannte, dann schlug von draußen ein
-gedämpftes Rasseln bis an ihr Lager, rasch aufeinanderfolgende Laute, die
-sich wie das Klappern über Treppenstufen herabrollender Erbsen anhörten.
-Großer Gott, das kämpfende Weib begriff plötzlich, was das gleich
-bleibende Geknatter zu bedeuten habe. Nun, da sie das weiße Kissen in
-ihren arbeitsgewohnten Fäusten zerkrampfte, jetzt, wo sie lauschte und
-lauschte, atemlos, jeder Bewegung beraubt, gleich einem Sünder, dem man
-die letzte Stunde verkündet, da stürzte es plötzlich zerschmetternd auf
-sie herab. Die ganze unnennbare Erkenntnis von Zerfleischen, Untergang,
-Mord, Umpflügen und der entsetzlichen Wertlosigkeit des bisher so
-ängstlich behüteten Einzeldaseins. Vor Wut und Grauen hätte sie laut
-aufheulen mögen. Ihr gestraffter Körper warf und spannte sich, als
-müßte sie ihn zur Verteidigung von etwas Letztem, Kostbarstem, einem
-anstürmenden Bedränger entgegenschleudern.
-
-Das erste Mal in ihrem Leben barst der Panzer von Vernunft und Sitte
-schallend über ihrer Brust auseinander. Es war ein anderes Weib, das,
-ohne eine Ahnung davon, wie es im Moment mit den frei gewordenen, zur Rache
-erhobenen Armen gleich einer Verkörperung ihres vergewaltigten Landes
-dasaß, es war ein anderes, wutgeschütteltes Geschöpf, das da, keinen
-Blutstropfen im Antlitz, mit unheimlich hervorblitzenden Zähnen zu dem
-schönen Männerkopf hinaufstierte.
-
-Das Bild sah mit seinen heißen, lebenshungrigen Augen auf das
-frostgeschüttelte Geschöpf herab. Laut aufschreiend strauchelte sie und
-stürzte so wie sie war, quer über das Bett. Das letzte, was sie hörte,
-war das immer heftiger werdende Zischen und Schwärmen der wilden Bienen,
-die mit den Köpfen summend gegen die Fensterscheiben taumelten.
-
- * * * * *
-
-Eine Uhr schlug. Und zur gleichen Minute richtete sich Johanna auf, um sich
-die Augen zu reiben. So geregelt verfloß ihr Dasein, daß sie sich sogar
-aus Schauer und Krampf pünktlich um die fünfte Morgenstunde emporraffte,
-denn es war die Zeit, wo sie die Mägde beim Melken zu beaufsichtigen
-pflegte. Erstaunt, ungläubig schüttelte sie das Haupt, als sie ihre
-sonderbare Lage bemerkte. Im hellen Licht des Tages fehlte ihr bereits
-jedes Verständnis für das schwächliche Nachgeben einer überwältigten
-Natur. Derartige Dinge verachtete sie heimlich und hatte sie stets für die
-Anzeichen einer überfeinerten und kränkelnden Epoche gehalten. Und jetzt
-wollten ihre eigenen Nerven versagen?
-
-Lächerlich!
-
-Dazu war sie nicht geschaffen. Es traten jetzt soviel neue, eiserne
-Aufgaben an sie heran. Mußte sie nicht versuchen, durch das Ansehen ihrer
-Person die Zerstörung ihres Besitztums zu verhindern? Bildete sie nicht
-den letzten Halt für ihre Untergebenen, die nur im Vertrauen auf ihren
-Schutz nicht schon längst ihr Heil in einer eiligen Flucht gesucht hatten?
-Während sie sich ankleidete, stieß sie unhörbar das Fenster auf und
-beugte sich hinaus. Dort drüben über den dichten Weizenfeldern wallte
-ein bläulicher Qualm. Schwer und massig dampfte er über die Flächen, wo
-früher das Gewoge der gelben Frucht das Auge der Besitzerin erfreut hatte.
-Und Johannas geschärfter Blick entdeckte sofort, daß dies bleigraue
-Brodeln nicht die silbernen Gespinste des Frühnebels waren. Nein, dort
-draußen unter der dichten Decke verbarg sich etwas, das ihr Herz mit
-Grauen, aber auch mit lichter Hoffnung erfüllte. Vielleicht hatten die
-Männer ihrer Heimat dort unten auf dem Felde bereits eine furchtbare Ernte
-gehalten. Vielleicht war das Unkraut, das über Nacht aufgeschossen war,
-von schwieligen Händen ausgejätet und fortgesichelt, und das Stück Erde,
-auf dem sie groß geworden, der weiße Hof, dem ihr unermüdliches Wirken
-gegolten, sie waren womöglich schon wieder erlöst von ihren unheimlichen,
-nächtlichen Gästen. Noch gab sie sich solchen schimmernden Wünschen
-hin, als vom Hof ein lautes Gepolter und fremdartiger Lärm zu ihr
-heraufdrangen.
-
-Welch ein Bild! Wie packte es mit rauhem Griff ihr aufpochendes Herz und
-stieß es hin und her. Warum hatte sie den tollen Tumult, der dicht unter
-ihr fessellos durcheinander quirlte, auch nur für eine Sekunde übersehen
-können? Oh nein, die fremden Einlagerer waren weder versprengt noch
-abgezogen. In unordentlichen Haufen, die meisten erst halb bekleidet,
-standen sie gröhlend und lachend umher, und das Heu, das in Strähnen an
-ihren grün-grauen Uniformstücken herumhing, bewies, wo die Mannschaften
-diese Nacht eine Ruhestätte gesucht hatten. Schmerzlich verzog die
-Hausherrin den Mund, als sie mit ansehen mußte, wie die feste Tür des
-Kuhstalles von ein paar herkulischen Gestalten durch derbe Fußtritte
-aufgestoßen wurde, und ihre Brust hob sich rascher, als sie sah, wie vier
-bis fünf Kälber, jung geborenes Vieh, ohne weiteres aus ihrer warmen
-Behausung herausgetrieben wurden. Jämmerlich blökten die Tiere und dann
-verschwanden sie unter der dunklen Halle einer Scheune, aus der sich den
-Widerstrebenden bereits blutgefärbte Fäuste entgegenreckten. Aus der
-Küche erscholl lautes Zetern. Fluchende Männerstimmen schienen dort etwas
-zu fordern, was sich in der Eile gewiß nicht so schnell herbeischaffen
-ließ, und die Lauscherin zuckte zusammen, als das furchtsame Aufschreien
-aus Mädchenkehlen an ihr Ohr schlug.
-
-Oh, hier war die Hölle los. Alle Ordnung, jeder Respekt vor dem
-Hergebrachten, den die Älteste von Maritzken in ihrem Kreise mit soviel
-Mühe und Selbstaufopferung errichtet, alles das schien unter Hohnlachen
-von fremden Fäusten umgestürzt und in den Kot geworfen, als hätte es
-niemals das ganze Sein und Treiben hier beherrscht. Und mit einer Gebärde
-des Ekels und der Verachtung stürzte Johanna an ihren Schrank, um sich ein
-Gewand überzuwerfen. Eine flüchtige Minute strichen ihre Finger zögernd
-und prüfend über das zarte Geriesel eines waschseidenen Stoffes, denn
-eine ferne Vorstellung befiel sie von einem vornehmen Herrn und der
-möglichen Pflicht, ihr Haus stattlich zu vertreten. Aber gleich darauf
-schnürten sich ihre Augenbrauen unwillig zusammen, und mit einem kurzen
-Entschluß und ohne auch nur einen Blick an den Spiegel verschwendet
-zu haben, streifte sie ihr gewöhnliches blau und weiß gepunktetes
-Kattunkleid über, schnallte den schwarzen Ledergürtel fest über den
-Hüften zusammen und eilte mit einem einzigen Sprung bis zur Treppe. Allein
-schon auf der ersten Stufe besann sie sich. Gewaltsam zwang sie ihre alte
-Ruhe und Besonnenheit zurück. Sie strich sich eine Strähne ihres blonden
-Haares aus der Stirn und stieg mit ihrem gewohnten gebieterischen Gang
-die Treppe hinunter. Unten auf der Diele, dicht neben der Ausgangspforte,
-blitzte der Hausherrin im Morgenlicht ein metallischer Schein entgegen. Ein
-russischer Infanterist, dessen langer, rötlich-blonder Bart fast bis auf
-die Brust herabhing, hielt dort mit aufgepflanztem Bajonett die Wacht,
-während er einem struppigen Hund, den er an eiserner Kette hielt,
-zärtlich das Fell kraute.
-
-»Treten Sie hier zurück, damit ich herunter kann,« herrschte Johanna den
-Mann mit ihrer festen Stimme an.
-
-Der Russe hob das verschwommene gutmütige Haupt, und aus seinen
-verkniffenen blinzelnden Augen brach ein Strahl von Respekt und
-bedingungslosem Gehorsam. Einer solch imponierenden Frauengestalt, die
-so befehlend und deutlich ihre Wünsche durch ein Zeichen der Hand
-auszudrücken verstand, mußte der Slawe in seinem heimatlichen
-Garnisonsnest niemals begegnet sein. Demütig hob er die zerbeulte Mütze
-von seinem wilden Schopf, beugte sich und ließ klirrend das Gewehr auf
-den Steinen der Diele aufstampfen. Selbst der Hund kroch murrend unter die
-Stufe der Treppe.
-
-»Ist Fürst Fergussow zu sprechen?« fragte die Blonde.
-
-Verlegen wandte sich der Wachtposten hin und her. Sein Deutsch war so
-mangelhaft, daß er sich fast nur durch Zeichen zu verständigen vermochte.
-Deshalb hielt er das Bajonett auf den Hof hinaus und zeigte damit durch das
-Tor.
-
-»Weit,« sagte er.
-
-Johanna atmete auf, und doch ergriff sie ein leichter Schrecken.
-
-»Ist der Fürst schon abgerückt?« drängte sie weiter.
-
-Jetzt kraute sich der Wachtsoldat hinter den Ohren, und da seine
-Unfähigkeit, sich verständlich zu machen, immer mehr wuchs, so verlegte
-er sich völlig auf die den Slawen so geläufige Weise der pantomimischen
-Darstellung. Schallend warf er sein Gewehr an die Wange, nahm eine drohende
-Miene an und tat so, als ob er mit einem fernen Gegner Schüsse wechsle.
-Gleich darauf stach er mit dem Bajonett kräftig in die Luft, warf den
-Oberkörper vor und stampfte so schrecklich mit den Füßen, daß sein
-zottiger Hund unter dem Treppenabsatz furchtsam aufzuwinseln begann.
-
-Johanna hatte begriffen. Sie faßte rasch nach dem Geländer der Treppe und
-warf hastig hin:
-
-»Es findet also hier in der Nähe ein Treffen statt, nicht wahr? Ist
-Fürst Fergussow dabei?«
-
-Der Russe nickte lebhaft und befriedigt.
-
-»Schon zu Ende,« stoppelte er mühsam aneinander. »Nemzows alle hin« --
-er schlug mit dem Kolben auf die Erde, schloß die Augen und streckte die
-Zunge heraus -- »spitze Mützen viel zu wenig -- viel zu wenig.«
-
-Die Gutsherrin ließ ihren Halt fahren und richtete sich auf. Nun wußte
-sie, was die geschäftigen Bienen bei Tagesgrauen vor ihren Fensterscheiben
-gesummt hatten. Eine kleine Schar deutscher Männer, die es versucht hatte,
-die widerrechtlich Eingedrungenen zu vertreiben, sie war der Übermacht,
-der stupiden Masse, erlegen. Und Fürst Dimitri, der elegante Liebling der
-Petersburger Salons, der Träger der letzten und überfeinertsten Kultur,
-hatte es sicherlich nicht verschmäht, seinen Degen in das Blut der halb
-Wehrlosen zu tauchen. Wie selbstgefällig und von eigener Bewunderung
-geschwellt er jetzt wohl dort draußen über ihr zerstampftes Weizenfeld
-reiten mochte, unter dessen Halmen die verstummten Landsleute sich zum
-letzten Schlafe verkrochen hatten.
-
-Ein heftiges Gefühl des Widerwillens durchfuhr die Nachdenkende. Und
-mit einer entschiedenen Bewegung wandte sie sich zur Tür, als ob sie den
-Infanteristen, dessen darstellerischem Geschick ihr quälender Wissensdurst
-soviel verdankte, ohne weiteres beiseite zu schieben gedächte. Indessen
-der Russe bewegte wiederum bedauernd sein plumpes Haupt, knickte zusammen
-und streckte in seiner kauernden Stellung sein Gewehr quer vor den Eingang.
-
-»Was heißt das?« widersprach Johanna ungehalten, »sehen Sie nicht, daß
-ich auf meinen Hof hinaus will?«
-
-Der Posten aber schüttelte seine dichte Mähne noch stärker. »Nix,«
-suchte er zu erklären, »keiner heraus.«
-
-Da stieg eine feurige Röte in die sonst so blassen Wangen der
-Gutsbesitzerin, und sich verächtlich abwendend, schritt sie ohne ein
-weiteres Wort der Entgegnung an die Tür des kleinen Salons, den sie am
-verflossenen Abend für den Verwundeten geöffnet, und klopfte laut an
-das dunkle Holz. Zu ihrer größten Verwunderung rief Mariannes immer
-gleichmäßige und ruhige Stimme: »Herein.«
-
-Was war das?
-
-Unwillkürlich lauschte die große Blonde, als wünschte sie den
-entschwundenen Laut noch einmal zu erhaschen. Das war doch nicht möglich?!
-Wie konnte das unbesonnene Geschöpf es wagen, ohne die Erlaubnis der
-Ältesten den verwundeten Krieger in seinem Zimmer aufzusuchen, und zwar zu
-einer Zeit, zu der die sonst immer Müde und Phlegmatische noch lange der
-Ruhe zu pflegen gewohnt war? Allmächtiger Gott, war denn alles, was bis
-dahin als unverbrüchliches Gesetz galt, mit dem Einrücken der Fremden
-über den Haufen geworfen? Gab es nichts mehr, was in einer deutschen
-Wirtschaft unverrückbar feststand, nichts Solides und Sicheres, dem man
-sich williger beugte und unterwarf, als der dummen zufälligen Macht der
-Hereingeschneiten?
-
-Festen Schwunges öffnete Johanna die Tür, und so groß war die Gewalt
-ihres Armes, daß das zurückfallende Holz einen schneidenden Luftzug
-verursachte, vor dem der Verwundete auf dem Sofa gestört das bärtige
-Gesicht verzog. Aber wie seltsam hatten sich die Züge des robusten
-Rittmeisters verwandelt. Die glänzende Rundung seiner Wangen dunkelte hohl
-und eingefallen, unter der aufgerissenen Uniform hob sich die entblößte
-Brust schwer und rasselnd, und der schlaff herabhängende Arm zeigte die
-innere Ermattung deutlicher, als alles andere. Nur die großen blauen Augen
-blitzten noch ebenso wild und unstet, wie am Abend zuvor.
-
-Dicht vor ihm, tief in einen mattblauen Samtsessel zurückgelehnt, schlug
-Marianne ihre Füße gefällig übereinander und schien eben aus einer
-jener leichten Plaudereien aufgestört, die sie so heiter und zugleich
-so inhaltslos zu führen wußte. Hinter dem Kopfende des Sofas jedoch
-verharrten, wie in wachem Schlaf und mit halb geschlossenen Augen die Frau
-des Verwalters Baumgartner sowie ihr halbwüchsiges Töchterchen, obwohl
-sie sich vor Mühe, Angst und Anstrengung kaum noch auf den Füßen zu
-halten vermochten. Wahrlich, für die Hereintretende lag ein empörender
-Unterschied in dem völligen Zerfall dieser beiden arbeitenden und
-geplagten Geschöpfe und der unbekümmerten Behaglichkeit ihrer eigenen
-Schwester. Jedoch die Verletzte bezwang sich und hob, nachdem sie »guten
-Morgen« geboten, nun in ihrer kurzen und sehr verständlichen Weise an:
-
-»Wie kommt es, daß du heut schon so früh zu sehen bist, Marianne?«
-
-Die Schwarze lächelte trotzig. Jetzt, da eine andere, eine fremde Gewalt
-hier im Hause herrschte, da schien es ihr Vergnügen zu bereiten, sich
-dem Willen der älteren Schwester immer mehr zu entziehen. Und in ihrer
-spöttischen und selbstbewußten Art versuchte sie, es der Großen, die ihr
-so wenig Freiheit ließ, deutlich zu zeigen. Ohne ihre lässige Stellung
-aufzugeben, warf sie gleichgültig hin:
-
-»Oh, ich sitze schon etwa eine Stunde hier. Ich hörte unseren Gast ein
-paarmal laut rufen, und da meinte ich -- --«
-
-Doch die Ältere ließ sie nicht zu Ende gelangen.
-
-»Unseren Gast?« unterbrach sie scharf und richtete ihre strengen Augen
-wenig erfreut auf das blutleere Antlitz des Mannes, der ihr schönes blaues
-Samtsofa so unbarmherzig zerdrückte.
-
-Von dem harten Ton getroffen schlug auch der Rittmeister erstaunt und
-weltenfremd seine blauen Augen auf, die er für einen Moment kraftlos
-geschlossen. Unwillkürlich stützte er sich mit der Rechten krampfhaft auf
-das Polster der Seitenlehne, während er sich bemühte, selbst in
-seiner jetzigen traurigen Verfassung eine seiner gewohnten Verneigungen
-auszuführen. Allein er brachte es nur bis zu einem ruckartigen Vorstrecken
-des zerzausten Hauptes, um gleich darauf in ein nur schwer verhehltes
-Stöhnen auszubrechen.
-
-»=Bon jour=, Gnädigste,« rasselte er in dumpfen Tönen, »hoffe,
-daß nicht gestört worden sind. Ich selbst vortrefflich geruht, ganz
-vortrefflich,« und er schlug sich mit der flachen Hand auf die nackte
-Brust, so daß es ein merkwürdiges fleischiges Geräusch verursachte.
-»Pompöses Quartier,« fuhr er fort, wobei er müde und ausdruckslos
-seinen Blick über die Samtmöbel fortgleiten ließ, bis er an der
-prachtvollen Gestalt von Marianne haften blieb. »Damen bemühen sich um
-unbedeutende Unpäßlichkeit gar zu aufopfernd. Darf ich fragen,« hauchte
-er und dehnte sich von Schmerzen zerrissen hin und her, »ob Arzt --
-Arzt schon benachrichtigt wurde? Handelt sich zwar nur um Kleinigkeit
--- versichere Sie, um absolute Bagatelle -- aber man möchte sich doch
-möglichst bald wieder an lustigem Herumstreifen beteiligen.«
-
-Jetzt gab Marianne ihre ruhende Stellung auf, und während sie sich über
-ihr welliges Haar strich, da äußerte sie recht warm und bedauernd, als ob
-ihr das Leiden des fremden Reiters besonders nahe ging:
-
-»Herr Rittmeister, vor einer halben Stunde hat Ihr Wachtmeister bereits
-gemeldet, daß Herr Doktor Küster, unser Landarzt, leider nicht mehr
-aufzufinden wäre.« Und unbekümmert und ohne auf die schreckensstarre
-Schwester zu achten, setzte sie noch hinzu: »Das Haus des Doktors soll
-vollständig herabgebrannt sein.«
-
-»Herabgebrannt?!« stieß Johanna, die ihren Platz an der Tür noch immer
-nicht aufgegeben hatte, sich vergessend hervor, und ihre Fäuste ballten
-sich. »Herr Rittmeister, haben Sie gehört? Wie wollen Sie eine solche
-Schandtat verantworten?«
-
-Inzwischen hatte sich Leo Konstantinowitsch mühsam in die Höhe gerichtet,
-und sein Bewußtsein gelangte allmählich zu größerer Klarheit. Bedauernd
-zuckte er die Achseln.
-
-»Sicherlich nur Zufall, Gnädigste,« beschwichtigte er. »Unter meiner
-Führung wäre gewiß nicht geschehen. Aber Fürst Fergussow, der hier
-kommandiert,« fuhr er berechnend und immer mehr aufwachend fort, und
-ein heimtückischer Zug verbreitete sich um seine groben Lippen, »Fürst
-Fergussow von Petersburger Garde steht viel zu hoch und -- wie sage ich
--- denkt viel zu liberal, als daß er gemeinen Soldaten ein so harmloses
-Pläsier verwehren sollte.«
-
-»Aber das ist ja nicht möglich,« schnitt Johanna verächtlich ab. »Wie
-können Sie einem Aristokraten Ihres Landes Freude oder gar Duldung für
-ganz gewöhnliche Brandstifterei, für Raub und Diebstahl nachreden?«
-
-Der Russe verbeugte sich wieder und schlug mit der Hand abwehrend durch die
-Luft.
-
-»Pah, unsere Aristokraten,« zischte er, und seine unerträglichen
-Schmerzen rissen das letzte Bedenken nieder, über dasjenige herzufallen,
-was ihm in besseren Zeiten so oft den Weg versperrt hatte. Auch zwang ihn
-fressender Neid, jenen schönen Kameraden, von dem er immer argwöhnte,
-daß er sich ohne Mühe alle Weiber dienstbar zu machen wisse, gerade vor
-diesen beiden prangenden Geschöpfen herunterzureißen und zu besudeln.
-»Setzen sich, schöne Damen, -- setzen sich Gnädigste.« Er schob mit dem
-freien Fuß krachend und ohne Verständnis für die Unschicklichkeit, der
-Ältesten von Maritzken einen Samtsessel hin. »Setzen sich,« schrie er
-ungeduldig, als er sie zögern sah.
-
-Und erst, als Johanna, um den Kranken nicht zu heftigerem Toben zu
-reizen, seinen Wunsch befolgt hatte, da sprach der Leidende in gieriger
-Verkleinerungssucht weiter. Aus jedem seiner Worte tröpfelte bitterer
-Haß. Der Bauernsohn, der todgezeichnete, schlug mit der Faust gegen das
-goldene Schild des hoch Gefürsteten, von dem er wußte, daß er selbst
-für ihn immer nur ein freigelassener Leibeigener geblieben sei.
-
-»Oh, Damen kennen nicht,« fiel es giftig und neidisch von seinen Lippen,
-und vernehmlich redete sein brennendes Fieber mit: »wie wenig reiche
-Hofherren sich um ihre Untergebenen kümmern. Wir existieren gar nicht
-für sie. Wir sind nur Namen, Namen, die man in Listen schreibt oder wieder
-wegstreicht. Und besonders Dimitri Fergussow. Glauben mir, ich sage Ihnen,
-um Sie vor dieser glatten Maske zu warnen. Denn ist ja möglich, daß mich
-lächerlicher Ritz dorthin befördert, wohin wir gestern schon eine Anzahl
-von uns versteckt haben. Eingeschaufelt, verstehen Sie? Ich bitte um
-Vergebung, ist sehr häßlicher Gedanke, aber Teufel hält uns alle am
-Halskragen. Ja, besonders dieser Fergussow trägt Stein in der Brust. Wie
-könnte er sonst leben, wie könnte er ruhig schlafen? Ist ein Mörder,
-glauben Sie mir, ein Frauenschlächter, natürlich nicht mit Messer. Aber
-an seinen Händen klebt mehr heißes Blut, als hier an Säbel, den ich
-gestern noch munter hin und her tanzen ließ.«
-
-Da reckte sich Johanna und machte Miene sich zu erheben.
-
-»Das interessiert mich nicht,« lehnte sie frostig ab. »Mich gehen die
-Schicksale Ihres Vorgesetzten nichts an.«
-
-»Doch, doch,« widersprach Sassin eifrig, als ob er fürchte, der heimlich
-gehaßte Kamerad könnte ihm auch jetzt wieder entwischen, »Sie wissen
-nicht. Aber ist schändlich, schreit zum Himmel. Ganz Petersburg beklagt
-noch heute kleine Kroniatowska.«
-
-»Lassen Sie das,« befahl Johanna halblaut, und doch rührte sie sich
-nicht, ja sie wandte gegen ihren Willen das blonde Haupt dem Liegenden zu,
-als Marianne neugierig näher rückte.
-
-»Wer ist die kleine Kroniatowska?« warf die Schwarze gespannt dazwischen,
-und ihr dunkles Antlitz belebte sich. In diesem Augenblick waren die
-letzten Reste der Erinnerung an die Not und das Grauen, die sich über
-Nacht auf das Land herabgesenkt hatten, von der Leichtsinnigen vergessen.
-»Ich erinnere mich, es wurde auch während unseres Besuches bei Ihnen von
-der Dame gesprochen. Es muß ein sehr junges Mädchen gewesen sein.«
-
-»Sehr jung? Sagen Sie Kind?« stieß Leo Konstantinowitsch hervor, und die
-Sucht, seinen Gefährten in einem möglichst ungünstigen Lichte erscheinen
-zu lassen, verlieh ihm eine vorüberblitzende Spannkraft. »Vollkommenes
-Kind, meine Damen,« rief er mit kräftigerem Ton als bisher,
-»fünfzehnjährig. Wie man sagt, zweifelhafter Nachkömmling von großer
-Katharina.«
-
-»Bitte, das wünschen wir nicht zu hören,« verwies hier Johanna
-ernstlich entrüstet und machte Miene aufzustehen.
-
-Allein der Kranke faltete beinahe flehend die Hände und stammelte
-inbrünstig:
-
-»Bleiben Sie, bleiben Sie, vergesse mich nicht wieder. Wollte Ihnen nur
-erzählen, wie durch betrügerischen Halunken von Mönch guter Dimitri mit
-kleiner ahnungslosen Prinzessin bekannt wurde. Eifer von Herrn Adjutanten
-soll damals in Glaubenssachen so überwältigend und überzeugend gewesen
-sein, daß armes Ding in dem demütigen und zerknirschten Bekenner einen
-Erweckten, -- haha -- einen Erleuchteten sah. Ist nicht hübsch? Einem
-solchen Heiligen gegenüber durfte man natürlich keinen eigenen Willen
-besitzen.«
-
-»Hören Sie auf,« befahl Johanna von Grauen geschüttelt und starrte ihn
-an.
-
-»Soll brausende Glut zwischen Beiden gewütet haben. Natürlich nur
-himmlische. Was weiß ich? Einige Monate später freilich lag Kleine
-aufgebahrt zwischen Wald von weißen Lilien. -- Vergiftet. -- Seine
-Durchlaucht aber weinte und schluchzte, klagte sich des gräßlichsten
-Verbrechens an, und Kammerdiener soll ihm zweimal Revolver entwunden
-haben. Ja, ist gutmütige und mitfühlende Seele, und beruht gewiß auf
-Verleumdung, wenn Klubgenossen einige Wochen darauf behaupteten, Fürst
-Dimitri hätte jeden Zusammenhang mit der fatalen Affäre schroff
-abgelehnt, ja achselzuckend geäußert, man könne doch nicht verlangen,
-daß zu seinen übrigen Hofämtern noch Charge von Kinderbonne übernehme.
-Witzig, meine Damen, nicht wahr? Treffend! Kavalier, dem alle Herzen
-zufliegen. Leo Konstantinowitsch Sassin kann sich natürlich nicht
-messen, ist nur armer Bauernsohn. Aber Teufel hole all diese wahnsinnigen
-Unterschiede! Man bekommt sie satt, wenn man so da liegt, wie ich.«
-
-Der Rittmeister schwieg und sank zurück. Die übermäßige Anstrengung
-brachte ihn um den Genuß, den Erfolg seiner Boudoir-Geschichte beobachten
-zu können. Und doch wäre er vielleicht mit der Wirkung, die er bei
-den beiden Mädchen erzielt hatte, zufrieden gewesen. Denn Marianne
-unterdrückte kaum ihr vielbedeutendes üppiges Lächeln, und ihr Geist,
-der nur bei derartigen Intrigen eine Teilnahme verriet, wo es auf den Kampf
-zwischen Mann und Weib ankam, er schien durch das Geheimnisvolle dieser
-sündigen Affäre angenehm erregt. Auch Johanna lächelte. Aber es war
-die kalte Befriedigung eines Menschen, der sich wohl fühlt, weil seine
-Abneigung und sein Haß endlich einen gesicherten Grund gefunden. Ein
-müdes, schlaffes Schweigen breitete sich in dem kleinen Gemache aus. Man
-hörte nur noch das Plätschern des Wassers, so oft das schlaftrunkene Weib
-des Verwalters dem Verwundeten eine neue Kühlung auf die Brust legte.
-Und eine ganze Weile saß die Älteste von Maritzken, die sonst für jede
-Minute des Tages eine besondere Beschäftigung wußte, teilnahmlos und
-stumm, gemartert von der unbeschreiblichen Leere der Zwecklosigkeit, da ihr
-Wirken und Schaffen von einer brutalen Gewalt unterbunden war.
-
-Plötzlich fuhr sie auf. Wie lange sie so vor sich hingesonnen, wußte sie
-nicht mehr. Jetzt sah sie, wie Marianne eilfertig das Fenster aufriß, und
-zu gleicher Zeit klang ein Trompetensignal über den Hof. Das Getrappel
-vieler Rosse, sowie das laute Gewirr sich verschlingender Stimmen erfüllte
-die Morgenluft.
-
-»Fürst Fergussow kommt eben durch das Tor,« meldete Marianne, als ob
-es sich um einen längst ersehnten Befreier handle, »welch einen schönen
-Schimmel er reitet.«
-
-»Arabische Zucht,« murmelte von seinem Sofa Leo Konstantinowitsch, obwohl
-er sich seinem Dämmerzustand nicht mehr entwinden konnte. »Zarengeschenk
--- verwünschte Bande!«
-
-»Komm, Johanna,« drängte Marianne noch einmal und winkte lebhaft mit dem
-Finger, »denke nur, Durchlaucht hat mich schon bemerkt und ist schon vom
-Pferde herunter. Jetzt wirft er die Zügel einem anderen zu und nähert
-sich direkt unserem Fenster. Willst du ihn nicht begrüßen?«
-
-Von der Lagerstatt des Kranken drang ein Schnauben herüber. Die Blonde
-aber regte sich nicht, sie sank nur noch tiefer in ihren Stuhl zurück,
-als könnte sie sich auf diese Weise vor den Blicken des jungen
-Mannes verbergen, der sich soeben mit einem höflichen Gruß in die
-Fensterhöhlung hineinbeugte.
-
-»Guten Morgen,« rief die wohlklingende Stimme, indem sich der elegante
-Reiter über die glatte Mädchenhand neigte, die ihm ohne Zögern
-überlassen wurde; in demselben Augenblick jedoch erfaßten seine scharfen
-Augen auch schon die hohe Gestalt in dem Dunkel des Zimmers. »Ah, ich
-sehe, die Damen betätigen sich bereits in ihrem schönsten Metier,
-Sie bringen Trost und Hilfe ohne Ansehung der Person. Ich bin Ihnen zu
-größtem Danke verpflichtet, weil Sie sich um den armen Kameraden so
-sorgsam bemühen.«
-
-»Ja, ausgezeichnet, fabelhaft,« rief der Verwundete vom Sofa
-aus dazwischen, und man wußte nicht, ob seine Wut oder sein
-Dankbarkeitsgefühl überwog, »fühle mich wie im Himmel.«
-
-»Das ist gut, Leo Konstantinowitsch, das ist gut,« begrüßte ihn der
-schlanke Oberst nun mit einem lebhaften Winken der Hand, »Sie sehen schon
-viel besser aus, lieber Kamerad.«
-
-»Ganz sicherlich,« schrie der andere, »Wohlbefinden steigert sich mit
-jeder Minute.«
-
-»Das freut mich, Leo Konstantinowitsch, das freut mich wirklich
-ungemein.« Auf seinem schönen Gesicht strahlte es auf, die Besserung in
-dem Ergehen des Kameraden bedeutete offenbar für ihn eine Erleichterung.
-»Denken Sie, lieber Freund,« fuhr er eifrig fort, indem er sich mit der
-Hand auf das Fensterbrett stützte, »ich habe auch endlich einen Stabsarzt
-aufgetrieben, einen vortrefflichen Mann, Korsakow mit Namen, den ich von
-einem Aufenthalt in der Krim her kenne, wo er sich merkwürdigerweise mit
-der Züchtung junger Haifische abgab.«
-
-»Gut, gut,« stöhnte Sassin, »dann ist er gerade für mich der passende
-Mann.«
-
-Der Fürst mußte lachen, und Johanna, die noch immer unbeweglich in
-ihrem blauen Samtsessel verharrte, entdeckte mit einigem Unbehagen, wie
-unglaublich frisch und unberührt das Antlitz des Aristokraten leuchtete,
-sobald er offen seine Freude äußerte. Es wollte zu ihrem Bilde nicht
-stimmen. Und sie schüttelte sich leicht. Dann lauschte sie gespannt
-weiter.
-
-»He, Korsakow,« rief der Fürst inzwischen laut über den Hof, »hier ist
-Ihr Patient.«
-
-Und als sich aus dem Getümmel der zum Teil abgesattelten, zum Teil
-vor einer Brunnentränke sich erfrischenden Pferde eine kugelrunde
-schwarzbärtige Gestalt mit einer ungeheuren zerbeulten Schirmmütze
-abgelöst hatte, da eilte ihm der Oberst elastisch entgegen, um den Arzt
-ohne weiteres an der Achselklappe bis dicht vor das Fenster zu ziehen.
-
-»Hier drinnen, lieber Doktor,« erklärte er, »finden Sie Ihren
-Patienten. Machen Sie schnell, daß Sie hereinkommen.«
-
-Allein zu Johannas Verwunderung rührte sich die dicke Kugel nicht. Der
-Mann zupfte vielmehr an seinem verworrenen schwarzen Bartgekräusel,
-rückte sich die merkwürdig großen Horngläser auf der plumpen Nase
-zurecht und starrte den Verwundeten auf dem Sofa unverwandt an.
-
-»Was wollen Sie?« schrie Sassin wütend.
-
-»Wundfieber,« murmelte der andere und zog sich von dem Fenster ein wenig
-zurück, als ob er sich vor einer ansteckenden Krankheit zu hüten hätte.
-»Der Einschuß sitzt zwei Zentimeter rechts von der Lunge, und die Kugel
-behindert die Atmung.«
-
-»Herr,« sagte Dimitri, ihn verblüfft musternd, »Ihr Kombinationstalent
-auf diese Distanz ist erstaunlich. Aber hegen Sie nicht das Verlangen, sich
-etwas dichter in die Nähe meines verletzten Freundes zu begeben? Ich bitte
-um Verzeihung, wenn ich mich in fremde Angelegenheiten mische, aber
-mir scheint, in einem solchen Fall pflegt von Ihren Kollegen die Sonde
-angewendet zu werden.«
-
-»Ganz recht, die Sonde, ganz recht,« stotterte der Schwarzbärtige und
-tastete nach einem Instrumententäschchen, das ihm quer über den Bauch
-herabhing; als es jedoch drinnen klirrte, erschrak er sichtlich. »Sie
-müssen nämlich wissen, Durchlaucht,« offenbarte er sich endlich,
-während ihm der Schweiß unter der großen Mütze hervorlief, »daß
-ich bisher nur auf dem Katheder stand. Es ist nicht mein Wunsch, mich so
-plötzlich in die Praxis versetzt zu sehen. Aber immerhin, immerhin,«
-setzte er sich zusammenraffend hinzu, »es wird gehen, man wird sich Mühe
-geben. Schließlich« -- er zuckte die Achsel -- »eine gute Natur muß
-uns unterstützen, sonst vermögen wir alle nichts. Ich werde den Kranken
-untersuchen.«
-
- * * * * *
-
-Eine halbe Stunde später war Leo Konstantinowitsch Sassin bereits in das
-verlassene Zimmer Isas geschafft. Und nachdem der umfangreiche Stabsarzt
-unter Aufbietung des äußersten Mutes zu seinem eigenen Erstaunen die
-Kugel leicht und ohne große Hindernisse, nur unterbrochen durch ein
-häufiges Aufbrüllen des Verwundeten, aus dem verletzten Körper entfernt
-hatte, da lag nun der Rittmeister in dem schneeweiß angestrichenen Bett
-des jungen Mädchens und erzählte seinem Helfer zu dessen drückendster
-Verlegenheit wirre und krause Geschichten.
-
-»Verwünschte Bande, am Hofe, lieber Doktor -- wir Bauern nichts als
-Leibeigene für die Herren. -- Sagen Sie, Teurer, haben Sie vielleicht
-üppige schwarze Nemza gesehen, wie sie unter Wald von Lilien lag? -- Zum
-Teufel, halte nicht aus, Durchlaucht.«
-
-Zu derselben Zeit klopfte Johanna mit harter Hand gegen die Tür des
-kleinen Eßzimmers, das Fürst Fergussow sich für seinen persönlichen
-Gebrauch vorbehalten hatte.
-
-»=Entrez=,« rief eine helle, klangreiche Stimme.
-
-Und als der im Zimmer erregt auf und nieder Wandelnde seine blonde
-Gastgeberin in dem einfachen blau und weiß gepunkteten Kattunkleid
-gewahrte, da knöpfte er gewandt die halb offene Uniform zusammen, und
-blickte hilfsbedürftig nach dem Tisch, wohin er seine Mütze, Säbel,
-einen Revolver und mehrere Karten achtlos übereinander geworfen hatte.
-
-»Sie müssen vergeben,« begann er rasch und schüttelte sich leicht;
-»man ist doch ein wenig außer Fassung, wenn man, wie ich, zum erstenmal
-mit dem Sensenmann Karten spielte. Das peitscht auf die Nerven zuerst
-mächtig ein,« atmete er, trat an den Tisch und ließ die Säbelscheide
-verloren durch seine Hand gleiten. Aber gleich darauf hielt er inne,
-bezwang die eigene Unrast, und während er energisch sein verwirrtes
-braunes Gelock zurückwarf, blieben seine dunklen Augen an der aufrechten
-Gestalt der Deutschen haften, und er fragte sich, warum sie wohl so
-bestimmt und fordernd vor ihm aufrage. »Darf ich fragen, ob ich Ihnen mit
-irgend etwas dienen kann, Gnädigste?« begann er in seinem verbindlichen
-Ton, obwohl die Floskel im Moment etwas müde klang.
-
-»Ja, Fürst Fergussow,« entgegnete Johanna, »Sie müssen mir jetzt
-einige Fragen beantworten.«
-
-»Muß ich? Mit Vergnügen! Bitte sprechen Sie offen.«
-
-»Nun gut, dann entdecken Sie mir, ob Sie wirklich an Ihre Wachtposten den
-Befehl erteilten, mich nicht mehr aus meinem Hause zu lassen.«
-
-Der Fürst verzog die Augenbrauen und sah in die Luft. Er schien sich auf
-seine eigene Anordnung nicht mehr ganz sicher zu besinnen. Dann glitt ein
-gewinnendes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund.
-
-»Ich errate, mein Fräulein,« sagte er liebenswürdig. »Ihre Wirtschaft,
-der Sie sich zu meiner Bewunderung so umsichtig widmen, leidet offenbar
-Schaden, wenn Sie die Baulichkeiten auf Ihrem sauberen weißen Hof nicht
-mehr inspizieren können, nicht wahr?«
-
-»Jawohl,« nickte Johanna.
-
-Der Fürst stieß achtlos unter die Generalstabskarten auf den Tisch: »Das
-möchte ich selbstverständlich vermeiden. Mir liegt Ihnen gegenüber
-jede Härte vollkommen fern. Nein, bitte halten Sie dies nicht für ein
-Kompliment, ich tue dies schon aus Respekt vor meiner eigenen Rasse. Ihnen
-steht also von heut an der Aufenthalt auf Ihrem Hof frei, vorausgesetzt,
-daß Sie auch mir eine kleine Bedingung erfüllen.«
-
-»Worin besteht die?« forschte Johanna kühl. »Sie haben ja die Macht,
-Durchlaucht,« setzte sie bitter hinzu, »alles zu erzwingen.«
-
-Dimitri Fergussow wurde ungeduldig. Die ernsthafte Unterhaltung schien
-seinen vibrierenden Nerven lästig zu fallen.
-
-»Sie werden mir also das ehrenwörtliche Versprechen geben,« erklärte
-er leichthin, »die Grenzen Ihres Hofes auf keinen Fall zu überschreiten.
-Auch für Ihre Familienangehörigen sowie für Ihre Angestellten bin ich
-gezwungen, von Ihnen diese Bürgschaft zu verlangen.«
-
-»Ich soll mich verpflichten ...?« rief Johanna zurücktretend.
-
-Jetzt leuchtete es in den schönen Männerzügen abermals auf. Es war ganz
-das sonnige Strahlen, das das arbeitsgewohnte Mädchen so schwer begreifen
-konnte. Aber in dem halbdunklen Zimmer wurde es förmlich hell davon.
-
-»Sie müssen mich nicht mißverstehen,« sagte der Offizier, leicht auf
-sie zuschreitend, »ich habe nämlich den Eindruck, als wenn Ihr fester
-Wille hier von allen geehrt und gefürchtet würde. Auch von dem Fräulein
-Schwester; übrigens ein sehr erfreulich lebhaftes Temperament,« setzte
-er hinzu. »Empfangen Sie mein Kompliment zu dieser graziösen, ganz
-undeutschen Erscheinung.«
-
-Da runzelte die Blonde schwer die Stirn, ihre Figur straffte sich, so daß
-die kräftigen Glieder hervortraten, und ihre Wangen flößten durch ihre
-Marmorblässe dem Beschauer ein erneutes Befremden ein.
-
-»Das ist mir unlieb zu hören,« warf sie frostig hin. »Aber darüber
-schulde ich Ihnen keine Rechenschaft.«
-
-»Gewiß nicht,« lenkte der Russe betreten ab und schüttelte den Kopf.
-
-»Im übrigen gebe ich Ihnen, wenn auch ungern, das verlangte Ehrenwort.
-Ich werde also den Verkehr mit der Außenwelt vermeiden,« hob sie deutlich
-hervor, um ihrem Gegenüber zu zeigen, daß sie seine Absicht verstanden
-hätte. Dann aber wurde sie unruhig, und die Finger ihrer Rechten irrten
-tastend auf ihrem Gewand herum. »Verzeihen Sie noch eine Frage, Herr
-Oberst,« rang sie sich endlich ab, »das Gefährt, das meine Schwester Isa
-gestern abend auf das benachbarte Gut Sorquitten bringen sollte, ist nicht
-zurückgekehrt. Wäre es Ihnen vielleicht möglich, eine Erkundigung nach
-dem Verbleib unserer Jüngsten einzuziehen?«
-
-Der Fürst blinzelte ein wenig und maß die Gutsherrin, die ihm in ihrer
-Sorge weiblicher als bisher erschien, von den Blondhaaren bis zu den
-Füßen.
-
-»Sie sehen mich so an,« stotterte Johanna immer verwirrter, und eine
-Ahnung stieg ihr auf, in ihrer Frage könnte für den Russen etwas
-Verdächtiges enthalten sein. »Sehen Sie,« suchte sie sich zu entlasten,
-»es handelt sich um ein ganz junges, unerfahrenes Ding. Ich vertrete
-Mutterstelle bei ihr.«
-
-Der Fürst wiegte noch immer bedenklich das Haupt, und seine Augen gruben
-sich unausgesetzt und prüfend in die des großen Mädchens. Endlich sagte
-er vorsichtig:
-
-»Ich bin in der Tat in der Lage, Ihnen, auch ohne Erkundigung, eine Angabe
-über den Verbleib des Fräuleins zu machen, denn ich habe die junge Dame
-selbst gesehen.«
-
-»Sie? Um Gottes willen, Durchlaucht, wo? Ist sie gesund? Ihr ist doch
-nichts Schlimmes widerfahren?«
-
-Jetzt schien der schlanke Offizier mit sich einig zu sein. Er bettete die
-Hände leicht auf den Rücken und schritt hinter dem Tisch auf und ab.
-Leise klirrend begleiteten die Sporen seinen federnden Gang.
-
-»Verehrtes Fräulein,« meinte er, -- aber Johanna war es doch, als ob er
-jedes seiner Worte besonders prüfe und wäge -- »Sie brauchen sich
-über die Lage Ihrer Jüngsten, soweit ich es beurteilen kann, keinen
-Befürchtungen hinzugeben. Die junge Dame befindet sich in der Stadt, im
-Hause eines befreundeten Herrn -- --«
-
-»Konsul Bark,« fiel hier Johanna atemlos ein.
-
-Der Russe nickte und warf ihr einen verständnisinnigen Blick zu. »Ganz
-recht, und ich hoffe, daß der Ausfall der kriegsgerichtlichen Untersuchung
-es dem Fräulein ermöglichen wird, recht bald in Ihre schützenden Arme
-zurückzukehren.«
-
-»Untersuchung?«
-
-In Johannas Wesen verwandelte sich etwas. Wo blieb die gemessene frostige
-Zurückhaltung, die den eleganten Offizier bisher stets in der Meinung
-befestigt, es hier mit etwas ganz Unpersönlichem, Abgestorbenem zu tun zu
-haben? Alle Wetter! Dimitri Fergussow wurzelte fest und vergaß im Moment
-seine eigene Ermüdung und das zuckende Tanzen seiner Nerven, die das
-Fest des Blutes noch immer nicht überwunden hatten. Alle Wetter, wie die
-Glieder der Nemza sich dehnten, wie die Fäuste sich ballten und die Arme
-schwollen, als wollten sie die enge, blau und weiß gepunktete Hülle
-sprengen. Dazu das dunkle Blitzen der Augen, das feine Rosenrot, das über
-die weiße Haut jagte, -- der Fürst stand still, atmete tief und verwandte
-keinen Blick mehr von der aufgeregten Germanentochter. Ein seltsames
-Geschöpf, schoß es ihm durch den Sinn.
-
-»Fürst Fergussow,« fiel es endlich von den herrischen Lippen Johannas,
-und es erregte die Bewunderung des fremden Offiziers, wie die doch von
-Leidenschaft Durchbebte ihr Organ in der Gewalt hatte; es klang sicher,
-bestimmt und ein wenig befehlshaberisch, wie immer; »Sie werden einsehen,
-daß Sie mir jetzt eine weitere Aufklärung nicht mehr verweigern
-dürfen.«
-
-Fürst Dimitri regte fast unmerklich die Hand. Es war eine jener
-formvollendeten Bewegungen, die bei diesem äußerlich so gefälligen
-Menschen eine deutlich vernehmbare Sprache redeten. Und Johanna begriff sie
-sofort.
-
-»Sie schlagen mir diese natürliche Bitte ab?« fuhr sie auf.
-
-Der Russe sah ihr starr in das reine Antlitz, dessen Züge ihm immer mehr
-wie die einer belebten Marmorstatue erschienen.
-
-»Es fällt mir sehr schwer,« suchte er sich ihr beinahe schmerzlich
-zu entziehen, »Ihnen gegenüber bei meiner Pflicht zu bleiben,
-indessen -- -- --« und wieder folgte die Drehung der fein geformten
-Hand.
-
-»Wenn ich Sie nun aber bitte,« stieß Johanna hervor, und sich vergessend
-verließ sie zum erstenmal ihren Platz, schritt an den Obersten heran und
-streckte den Arm gegen ihn aus, so daß Dimitri Fergussow gar nicht anders
-konnte, als diese weißen Finger zu ergreifen; sie waren kalt wie Stein.
-»Wenn ich Sie nun aber inständigst bitte?« jagte die große Blonde
-weiter. »Nicht wahr, dann werden Sie einsehen, daß ich nichts Unrechtes
-verlange? Hier handelt es sich ja gar nicht um die Feindschaft unserer
-Länder, um Russen und Deutsche, hier geht es ja lediglich um eine arme
-versprengte Familie. Um meine Ruhe, begreifen Sie das?«
-
-Der Fürst hielt die weißen Finger in seiner Hand, beugte sich und
-wollte, einem raschen Trieb nachgebend, seine Lippen auf die festen
-Gelenke drücken. Allein mitten in der Bewegung befiel ihn ein Zaudern und
-Schwanken. Zu ernst und flammend sprühten die dunklen Augen auf ihn herab,
-die sein Vorhaben verständnislos begleiteten. Er wollte scherzen, er
-gedachte allerlei flatterhafte Bedingungen zu stellen, doch vor diesem
-großen und wahrhaften Geschöpf fiel ihm durchaus nichts Leichtes und
-Gewandtes ein. Sehr fatal -- fast schmerzlich verzog er den Mund, als er
-sich so von einem fremden Wesen, von einer anderen ihm rätselhaften Kultur
-gefangen und verpflichtet sah. Und nur mühsam preßte er zwischen den
-Zähnen hervor:
-
-»Sie dürfen es wirklich als ein Zeichen meiner Achtung nehmen, wenn ich
-mich von Ihnen so leicht zu Konfidenzen verleiten lasse, die der Dienst
-sonst streng verwehrt. Also kurz: Ihr Fräulein Schwester ist leider Zeuge
-gewesen, wie sich Herr Konsul Bark in einem Moment des Zornes oder des
-Leichtsinns zu einer unüberlegten Handlung gegen einen unserer Offiziere
-hinreißen ließ.«
-
-»Gegen Rittmeister Sassin,« warf Johanna schwer atmend dazwischen.
-
-Jetzt zuckte der Oberst ablehnend die Achsel. »Sie müssen sich mit meinen
-Andeutungen begnügen. Aber ich füge noch hinzu, da das kleine Fräulein
-nach meiner Meinung wahrscheinlich nur die Ursache des Streites war, so
-dürfte man sie nach dem Verhör ungekränkt entlassen.«
-
-»Herr Oberst,« forderte Johanna klar und rasch, die aus ihrem
-geschäftlichen Wirken gewöhnt war, alle Vorteile sofort wahrzunehmen,
-»würden Sie sich in dieser Richtung selbst für Isa verwenden?«
-
-»Ich? Nun bei der heiligen Mutter von Kasan --«
-
-Der schlanke Mann, der sich unmittelbar nach seinem ersten Waffengang
-selbst in einem so sprühenden Rausch befand, er stand dicht vor der
-Bittenden, und in seinem sprechenden Antlitz, das er im Moment nicht
-beherrschte, zuckten die widerstrebendsten Neigungen durcheinander. Die
-Sucht, sich nicht zu einer so auffälligen Bevorzugung mißbrauchen zu
-lassen, das Mißfallen an der so plump und klar vorgetragenen Bitte,
-und daneben doch die heimliche Begierde, diese Vertraulichkeit gegen die
-majestätische Göttin auszunützen. Allein plötzlich brach er in ein
-helles jugendliches Lachen aus. Gesund klang es, frisch und überzeugt,
-hervorgerufen durch den seltsamen Gegensatz, er, der hohe Aristokrat,
-der gewesene Adjutant des Zaren, solle für den pikanten Rotkopf an hoher
-Stelle ein erlösendes Wort einlegen! Wie man das dort wohl auffassen
-würde? Sehr eindeutig. Fraglos. Und er gab sich von neuem seiner
-liebenswürdigen Heiterkeit hin, ließ sich in den Stuhl hinter dem Tisch
-fallen, und indem er Papier und Feder ergriff, rief er zu der über den
-plötzlichen Wechsel Fassungslosen herüber:
-
-»Ja, was vermag ich gegen die gestrenge Quartiermacht auszurichten? =Rien
-du tout!= Es geschieht also auf Ihre Gefahr, mein verehrtes Fräulein! Ich
-werde mein eigenes Zeugnis für die Unschuld der jungen Dame anbieten, und
-wir wollen hoffen, daß ich für einen unverfänglichen Beobachter gehalten
-werde.«
-
-Seine Feder flog hurtig über das Papier, und von Zeit zu Zeit warf er
-von der Seite einen schalkhaften Blick der blonden Nemza zu. Wie warm und
-ehrlich sie sprechen konnte, als sie jetzt mit mühsam erkämpfter Fassung
-hervorbrachte:
-
-»Das kann ich Ihnen niemals vergelten, Durchlaucht!«
-
-»Oh doch, doch, Sie müssen es nur versuchen. Ich wäre zum Beispiel für
-einen kleinen Imbiß jetzt ganz besonders dankbar. Und wenn ich hoffen
-dürfte, daß die beiden Damen später beim Diner meine etwas« -- er
-zeigte auf seine toll übereinander geworfenen Monturstücke -- »meine
-etwas wirre Tafel zieren möchten, so würde ich darüber ein ungemessenes
-Vergnügen empfinden. Natürlich,« setzte er hinzu und verbeugte sich
-höflich, »soll dies nur geschehen, sobald es sich ohne Überwindung
-bewerkstelligen läßt. So, meine Gnädigste, jetzt bitte ich noch um etwas
-Siegellack. Das von Ihnen mit soviel liebenswürdiger Energie verlangte
-Dokument ist fertig. =Voilà!=«
-
- * * * * *
-
-Das Dokument aber lautete:
-
- »Mein lieber Oberst Geschow!
-
- Ich beglückwünsche Sie zu dem kecken Handstreich, der die erste
- Stadt unserer Gegner -- zu dem Worte ›Feinde‹ vermag ich mich
- aus Geschmacksrücksichten immer noch nicht aufzuschwingen -- so
- überraschend in Ihre Hand spielte. Alle Kriegsgötter schützen Sie
- ferner! Auch wir haben hier ein kleineres Detachement Preußen eiligst
- still gemacht. Tapfere Leute, von einer wunderbar ausgebildeten
- Disziplin, die für mich, offen gesagt, etwas Unheimliches und
- Störendes besitzt. Eine fleischgewordene Idee, ein wild gewordener
- Schulmeister kämpft gegen uns. Das Einmaleins schlägt gegen den
- Analphabeten. Für mich eine sehr lästige Vorstellung. Aber Sie wissen
- ja, ich bin auch als Soldat nur Dilettant und schließe mich gern
- dem allgemeinen Glauben an, daß die Heuschreckenschwärme auch das
- bestbestellteste Feld zu fressen vermögen.
-
- Und nun, bester Fedor Juliewitsch, lächeln Sie über mich, tadeln Sie
- mich, aber bedenken Sie, es ist mein gutes Herz, das mich antreibt,
- mitten im männermordenden Streite eine Bitte für eine Dame
- auszusprechen. Es handelt sich um das rothaarige Fräulein, das
- man, wie auch Ihnen wohl bekannt ist, im Hause des Herrn Konsul
- Bark festnahm. Ich kann mir nicht denken, daß die rote Hexe etwas
- Ernsthaftes gegen die Sicherheit und das Glück des Zaren ersann.
- Und da ich im Hause ihrer Schwester, einer überlebensgroßen blonden
- Walküre, hier draußen im Quartier liege, so würde es für mein
- Wohlbefinden und meine Verpflegung, die Ihnen als einem Organisator des
- Sieges sicherlich auch nicht unwichtig erscheinen, von großem Werte
- sein, wenn man das schmale Frauenzimmerchen recht bald wieder laufen
- ließe. Könnten Sie zu diesem Zwecke irgend etwas beitragen, so würde
- dies meine freundschaftliche Bewunderung für Sie, wenn es möglich
- ist, noch erhöhen. Wenn nicht, -- =mon dieu=, dann werde ich der
- verminderten Beköstigung seitens der marmornen Landsmännin Richard
- Wagners unsere durch alle Welt so berühmte slawische Genügsamkeit
- entgegensetzen.
-
- Herr Oberst, ich bin Ihr Ihnen in unauslöschlicher Freundschaft
- verbundener
-
- Dimitri Sergewitsch Fergussow.«
-
- * * * * *
-
-Es gab Johanna einen Stich ins Herz, als sie zuerst den prachtvoll
-gedeckten Tisch wahrnahm, für dessen Ausschmückung Marianne zu sorgen
-übernommen hatte. Da funkelte das alte schwere Familiensilber, das von der
-Ältesten nach dem Zusammenbruch Stück für Stück zurückgekauft war,
-um nun von ihr wie ein Heiligtum gehütet zu werden. In schneeiger Weiße
-leuchtete das glänzende feine Leinen auf der Tafel. Und als die Blonde
-gar noch die schlanken Flaschen des seit Jahren abgelagerten Rheinweins
-ins Auge faßte, als sie das Klingen der dünnwandig-geschliffenen Gläser
-auffing, da tat es ihr in ihrem grübelnden Sinnen weh, weil sie selbst
-an jenem Tisch Platz genommen, der für heute sicherlich nicht ihr eigener
-war. Reue und Beschämung befielen sie, weil sie geduldet, daß ihre
-sorglose Schwester ein festliches weißes Gewand angelegt, als ob es sich
-um eine strahlende Siegesfeier handele.
-
-Und wahrlich, wurde nicht eine Siegesfeier begangen?
-
-Horch, von dem halbzerschossenen Holzkirchlein trug der Wind unaufhörlich
-zerrissene und unregelmäßige Glockentöne herüber, als ob von
-ungeschickten Händen und zum Spiel an den Strängen gezerrt würde.
-Und die Gutsbesitzerin erriet mit einem kurzen Zusammenschauern, wie
-die fremden Reiter, die in dem Gotteshause ohne Scheu und Achtung ihre
-kotbespritzten Rosse untergebracht haben sollten, nun auf diese kindliche
-Weise ihrer wilden Freude über das erste blutige Treffen Ausdruck zu
-verleihen suchten.
-
-Ungern hob sie den niedergeschlagenen Blick, um ihren fröhlichen Gast zu
-mustern, der so sprudelnd und blendend heiter mit der sichtlich von seiner
-vornehmen Art entzückten Marianne plauderte. Nein, die Beobachterin
-täuschte sich nicht. Die Melancholie aus seinen Augen war verschwunden.
-Ein sprühendes Leuchten und Blitzen lebte in ihnen, ein gesteigertes
-Wohlbefinden, ein lachender Übermut, sie bekundeten sich in jeder
-Bewegung. Ganz sicher, auch er beging in diesem Augenblick seinen ersten
-Sieg, berauscht, hingerissen, und von seinem Erfolg betäubt, wenn er auch
-zu viel Erziehung besaß, um seinen Triumph vor den deutschen Damen
-nicht soweit als möglich zu verbergen. Allein schon daß er den Wunsch
-geäußert, gegen den es ja kein Widerstreben gab, die Angehörigen der
-im Moment vor ihm unterlegenen Rasse an seiner heimlichen Siegesfeier
-teilnehmen zu lassen, dieser kaltblütige und grausame Sinn empörte
-die große Blonde innerlich und ließ es ihr geraten erscheinen, die
-erzwungenen Pflichten der Wirtin kühl, abgemessen und beinahe wortlos zu
-erfüllen. Sie erteilte dem aufwartenden Mädchen wohl hier und da einen
-Wink, dem fremden Offizier diese oder jene Schüssel zu reichen, aber nie
-hätte sie es über sich gewonnen, dem strahlenden Mann das Glas mit
-dem klaren Wein zu füllen, denn dies hielt sie für ein Zeichen
-rückhaltsloser deutscher Bewillkommnung. Und doch mußte sie manchmal an
-sich halten, um der hinreißend frischen Unterhaltungskunst des Fremden
-nicht doch endlich mit wärmerem Gefühl zu erliegen. Eines war ganz klar,
-und die kühle Beobachterin konnte es keineswegs übersehen: an ihrem Tisch
-saß ein Hochgeadelter, der Liebling eines Hofes, ein Fürst, der gewiß
-über fabelhafte Reichtümer gebot, die mächtige Vorfahren aus dem Fleiß
-zahlloser Leibeigener aufgespeichert. Und dieser Verwöhnte versagte es
-sich dennoch, den beiden einfachen Mädchen den weiten Abstand seiner
-Geburt fühlbar zu machen. Ja noch mehr, ja noch viel erstaunlicher, aus
-seinen Urteilen, aus seinen witzigen Bemerkungen konnte man deutlich die
-überlegene Kritik eines hohen Herrn heraushören, der die Schwächen und
-Schäden weder seiner Umgebung, noch seines Landes zu schonen gewillt war.
-Mit welch lässigem Spott der glänzende Offizier gelegentlich die ihm so
-wohlbekannten Personen seines Hofes streifte. Mit welchem achselzuckenden
-Fatalismus er sich über die Unzuverlässigkeit der Beamtenschaft
-aussprach! Das alles zeigte einen Geist, der sich zu hoch dünkte, um
-an kleinlichen Unwahrheiten teilzunehmen. Und diese Offenheit, diese
-Wahrheitsliebe interessierten die Gutsherrin von Maritzken, denn ihre
-eigene Natur wurzelte ja in ähnlichen Neigungen, und ihr schuldloses
-Gemüt ahnte nicht, daß der vornehme Herr, der ihr gegenüber saß,
-mit demselben gleichgültigen Achselzucken auch seine eigenen Laster und
-Verfehlungen entschuldigt haben würde, als Schickungen, gegen die es sich
-nicht lohne anzukämpfen.
-
-Während sie so nachsann, entging es ihr, wie die Unterhaltung der beiden
-anderen jungen Menschen immer ungezwungener und entfernter von beengenden
-Rücksichten dahinfloß. Die Feuer des Weines hatten die Wangen Mariannes
-mit einem dunklen Hauch überglüht, und unter ihren langen Wimpern
-spritzten kleine züngelnde Flammen hervor.
-
-Johanna erschrak. Was mußte sich der Russe von dem sinnlosen, dem
-unpassenden Benehmen einer solch Ungebändigten denken!? Und mit Grauen
-stürzte plötzlich eine Erinnerung auf sie herab: der Fürst war ja ein
-›Frauenschlächter‹, wie der verwundete Rittmeister sich ausgedrückt
-hatte. Gewöhnt, mit allen Mitteln seine Opfer zu umstricken. Nein, hier
-mußte sie Halt gebieten.
-
-Während sie sich entschlossen aufrichtete, vernahm sie, wie ihre beiden
-Gefährten sich eifrig über deutsche Musik unterhielten. Aber es kam ihr
-vor, als ob dies alles nur einen Vorwand bildete, als ob hier ohne laute
-Worte über etwas ganz anderes geredet würde. Und mit einer herben
-Bewegung erhob sie sich und stand nun in ihrer vollen Höhe da. Das
-Mittagsmahl war aufgehoben, und der Fürst, der die Plötzlichkeit dieser
-Zeremonie wohl nicht ganz begriff, war liebenswürdig genug, um der Blonden
-sein gefülltes Glas entgegenzuhalten, und sich dann in seiner gefälligen
-Art vor ihr zu verneigen.
-
-»Mein Fräulein,« sagte er, »Sie gestatten mir, Ihnen auf diese Weise
-meine Dankbarkeit zu bezeigen. Ich würde glücklich sein, wenn ich an
-Ihrer Tafel als ein wirklich geladener Gast hätte sitzen dürfen. Wir
-wollen hoffen, daß die Begebnisse der Zeit eine solche Möglichkeit nicht
-ausschließen.«
-
-Noch einmal hob er das Glas und trank dann die spiegelnde Flüssigkeit
-in langsamen Zügen aus. Noch waltete Schweigen in der so unvorhergesehen
-gestörten Runde, als plötzlich hart an die Tür gepocht wurde. Der
-herkulische Wachtmeister trat ein, salutierte und überbrachte dem Oberst
-ein gestempeltes Schreiben. Dieser erbrach es hastig, las und ließ das
-Papier allmählich aus seiner Rechten herabgleiten. Dann atmete er tief,
-bis er mit seinem gewohnten Achselzucken eine Last oder zum mindesten etwas
-Unwillkommenes von sich abzustreifen schien.
-
-»Meine Damen,« sagte er ruhig, und doch zitterte seine Stimme leicht,
-»ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen, daß mit dem heutigen Morgen die
-Kriegserklärung zwischen unseren Regierungen offiziell gewechselt wurde.«
-Und mit einem erzwungenen Lächeln setzte er hinzu: »Sie können jedoch
-überzeugt sein, daß, soweit es in meiner Macht liegt, diese reine
-Förmlichkeit keinerlei Veränderungen in Ihrem jetzigen Dasein hervorrufen
-wird. Erlauben Sie gütigst, daß ich mich zu meinen Offizieren begebe. Ich
-danke Ihnen.«
-
-
-
-
-Zweites Buch.
-
-
-
-
-I.
-
-
-Konsul Bark raffte sich von dem niedrigen Holzschemel empor, auf dem er die
-lange finstere Nacht verhockt hatte. Ungläubig ließ er seinen Blick über
-die vielen Menschen dahinschweifen, die gleich ihm in der engen Kammer des
-Stadtgefängnisses eingepfercht waren, und sein verwöhnter Geruchssinn
-empfand mit Schaudern die vergiftete, bleischwere Luft, die bereits in
-Fäulnis übergegangen zu sein schien. An allen Gliedern zerschlagen,
-richtete sich der Großkaufmann auf, strich sich mit den Händen sein
-braunes Haar zurecht, das zum erstenmal seit langer Zeit am frühen Morgen
-nicht von seinem Kammerdiener Pawlowitsch mit wohlriechenden Bürsten
-geglättet wurde, und gewöhnt, auch den widrigsten Umständen eine
-besonnene und überlegte Arbeit entgegenzusetzen, schüttelte er seine
-Müdigkeit gewaltsam ab und drängte sich durch die auf dem blanken
-Erdboden herumliegenden Leidensgefährten bis an die dunkle,
-eisenbeschlagene Tür, gegen die er mit beiden Fäusten zu donnern begann.
-
-»Um Gottes willen, Herr Konsul Bark,« zischte der fette Tischler
-Majunke durch die klaffende Zahnlücke, die ihm der gestrige Nachmittag
-eingetragen, und zugleich hob der Handwerker ein paar fleckige Hemdsärmel
-in die Höhe, um sich von seinem breiten kahlen Schädel einen Strom
-perlenden Schweißes herabzuwischen, »um Gottes willen Herr Konsul Bark,
--- Sie entschuldigen wohl, wenn ich als einfacher Mann -- aber die dort
-draußen, die verfluchten Breitmützen, sie könnten uns einen solchen
-Spektakel übelnehmen.«
-
-Und aus einer Ecke richtete sich der Pferdehändler Kowalt mit seiner
-rot und schwarz karierten Weste auf und schwenkte über den Häuptern
-der anderen wütend einen langen Peitschenstock, den man ihm bei seiner
-Verhaftung merkwürdigerweise gelassen.
-
-»Unsinn,« schimpfte er drohend und riß die blutunterlaufenen Augen auf,
-»alles mit Ordnung -- Unsinn -- bei dieser Hitze haben wir doch wenigstens
-Kaffee oder Wasser oder so was Ähnliches zu verlangen. Habe ich nicht
-recht, Herr Konsul Bark, ist es nicht Unsinn?«
-
-Doch der Kaufmann kümmerte sich um die Meinung seiner Gefährten nicht
-im geringsten, er hörte sie wohl gar nicht, sondern hämmerte mit
-rücksichtsloser Wut weiter.
-
-Die Tür rasselte auf. Ein allgemeines Ah und ein Atmen der Erleichterung
-folgte. Draußen auf dem halbfinsteren Korridor stand ein untersetzter
-Kosak, eine schmutzige Lammfellmütze auf dem plumpen Haupt, und in der
-schwieligen Rechten, unachtsam herabhängend, ein Gewehr mit aufgepflanztem
-Bajonett. Der Kerl schien sich gleichfalls eben erst seiner Nachtruhe
-auf den Steinfliesen entrissen zu haben, denn auf seinen faltigen Röcken
-zeichneten sich deutlich die roten Streifen der Ziegel ab. Auch gönnte
-sich sein schwülstiger Mund ein umfangreiches Gähnen.
-
-Der Konsul aber fuhr ihn an, als ob es ganz selbstverständlich wäre, daß
-der Kriegsknecht ihm unbedingten Gehorsam schulde.
-
-»Heda, Sie Mensch, ich verlange sofort Ihrem Höchstkommandierenden
-vorgeführt zu werden. Zeigen Sie ihm diese Karte und bringen Sie mir ohne
-Aufenthalt Nachricht.« Zu gleicher Zeit griff der so sicher und furchtlos
-Sprechende in seine Tasche und warf ein Talerstück klirrend vor den
-Wächter auf die roten Ziegel.
-
-Die anderen horchten hoch auf. Ein Raunen des Beifalls und der Bewunderung
-ging durch ihre gedrückten Reihen. Ja, das war die richtige Art, mit
-diesen Halbwilden Geschäfte abzuwickeln. Der Konsul verstand's! Ja, wenn
-man bloß so in die Tasche zu langen brauchte -- fein, fein! Ein großer
-Herr!
-
-Auch der Kosak billigte diese Form der Verständigung. Umständlich kniete
-er in seinen faltigen Gewändern nieder, lehnte das Gewehr an die Wand, und
-nachdem er das Talerstück in seine schlappe Hosentasche versenkt, blieb er
-liegen und grinste in die offene Tür hinein.
-
-»Haben Sie nicht gehört, Ihren Höchstkommandierenden wünsche ich zu
-sprechen,« rief der Konsul, indem er sich mühsam der russischen Sprache
-bediente.
-
-Der Kniende jedoch schüttelte lebhaft die wirren Haare, dann aber, als
-er ernstlicher über das Verlangen seines vornehmen Gefangenen nachgedacht
-hatte, streckte er den Zeigefinger vor die Stirn, sprang auf und
-schmetterte mit einem Fußtritt die Tür wieder ins Schloß.
-
-»Solch eine Bande,« keuchte der Pferdehändler Kowalt und führte einen
-schallenden Schlag mit dem Peitschenstiel gegen das eisenbeschlagene Holz.
-»Unsinn -- wer wird uns hier zu unserem Recht verhelfen? Glauben Sie etwa,
-wir werden verhört? I wo, morgen nehmen sie uns zwischen die Pferde und
-dann -- hui nach Sibirien. Unsinn!«
-
-Und der Produktenhändler Manasse, ein Mann, dem noch nach
-alttestamentarischer Weise graue Ringellocken über die Ohren fielen,
-streichelte unaufhörlich seinen Filzhut, ließ ungeniert dicke Tränen auf
-seinen schwarzseidenen Rock herabrinnen und seufzte schwer in sich hinein:
-
-»Sibirien ganz gut, aber Hände und Füße abschlagen -- Gott, Gott, meine
-arme Frau hat -- -- --«
-
-»Sst, sst, die Hauptsache ist, daß wir uns ruhig verhalten,« begütigte
-der ängstliche Tischlermeister Majunke und stellte sich quer vor die Tür,
-als wolle er jedes verdächtige Wort abwehren und auffangen.
-
-Ein allgemeines gedämpftes Gemurmel erhob sich. Nur der Konsul äußerte
-nichts mehr. Er verzog die blasse Stirn, dachte nach und schritt mit seinem
-elastischen Gang an den verlassenen Holzschemel zurück. Hier schlug er
-die Arme untereinander, und während er zum erstenmal seine Gefährten
-eingehender musterte, fiel es kühl und geschäftlich wie immer von seinen
-Lippen:
-
-»Bitte wollen Sie mir jetzt der Reihe nach mitteilen, wie Sie hierher
-gekommen sind. Da ich alles daran setzen werde, um mir Gehör zu
-verschaffen, kann es für Sie nur nützlich sein, wenn ich auch Ihre
-Angelegenheiten vor die geeigneten Stellen bringe. Also Herr Kowalt, wie
-war's?«
-
-In dem engen Raum, in dem schon am frühen Morgen eine feuchte brütende
-Hitze um die vielen Menschenköpfe herumwogte, zog nun vor aufhorchenden
-Ohren Schicksal um Schicksal vorbei. Eintönig und gleichlautend.
-
-Konsul Bark aber saß und zeichnete über die Anfänge all dieses Trübsals
-kurze schlagkräftige Bemerkungen in seinen winzigen goldenen Notizblock.
-Immer heißer und stickiger wurde es, Hunger und Durst begannen die eng
-Zusammengedrängten empfindlich und quälend zu plagen, und die Unruhe, ob
-sie Gehör und Gerechtigkeit bei den fremden Gewalthabern finden würden,
-zehrte an ihnen, wie ein gefräßiges Tier.
-
-Ob sich nun nicht bald die schwere Tür öffnete? Vergebliche Hoffnung.
-Stunde auf Stunde verging, und aus den Schlägen der Kirchturmuhr von
-St. Sebaldus, die als einzige Stimmen ihrer früheren Welt zu den
-Eingekerkerten sich hineinschwangen, erkannten die aus dem lebendigen
-Getriebe Herausgerissenen die enteilende Zeit.
-
-Herrgott, Herrgott, es mußte schon der Nachmittag angebrochen sein.
-
-»Ruhe, Ruhe, nur nicht laut werden, man darf sie nicht reizen!«
-
-»Unsinn, -- wenn sie nicht bald was zu trinken bringen, dann stoß ich die
-Tür ein. Alles andere ist ja barer Unsinn.«
-
-»Weh, weh, Herr Nachbar, wie können Sie nur so schreien? Ich sag' Ihnen,
-mich haben sie gestern schon mit ihren Knuten geprügelt, und meine arme
-Frau hat -- --«
-
-Unaufhörlich fuhren die Laute aus den vertrockneten Kehlen durcheinander,
-als wollten sie sich selbst den schwachen Trost gönnen, daß sie noch
-nicht erstorben seien. Dem Konsul jedoch war die klare Erkenntnis für all
-diese kleinmütigen Äußerungen längst versunken. Ein Bein lässig über
-das andere geschlagen, saß er auf dem einzigen Holzschemel, den ihm die
-anderen aus altgewohnter Ehrfurcht willig überlassen, starrte über die
-schweißnassen Häupter der kleinen Handwerker hinweg in eine Ecke hinein,
-und manchmal kam es ihm vor, als ob er dort hinten an der schmutzigen,
-spinnwebigen Wand einen hellen Schein gewahre und auf dieser belichteten
-Stelle sich selbst und das rote Mädchen und die verdämmerten
-Mosaikgestalten der Evangelisten in dem beleuchteten Refektorium, das
-eigentlich sein elegantes Privatkontor war. Und hinter seinem Schreibtisch
-sah er, wie die gewaltige bunte Holzstatue des Apostelfürsten Petrus den
-halbzerbrochenen goldenen Hirtenstab hob, um ihn, kupferrot vor Zorn, gegen
-eine hereinstampfende Russenhorde zu schwingen, die Rittmeister Sassin
-befehligte. Er legte sich die Hand vor die Stirn, und ein heftiges
-Mißtrauen wurde geweckt. Wie waren die Eindringlinge in das fest
-verschlossene Haus hineingelangt? Wer hatte ihnen geöffnet? Und erlaubte
-sich sein teurer Freund Leo Konstantinowitsch nicht, in seinem offenbar
-trunkenen Zustande den Arm um die Taille des zitternden Mädchens zu
-schlingen? Bei Gott, er hob die Zappelnde hoch empor. In den Gedanken und
-Bildern des Konsuls überschlug sich etwas. Wirr, trunken tastete er umher,
-als ob er nach der kleinen Schießwaffe suche. Dann ein Knall, und ein
-grauer Flor umschleierte wieder die sengend-klaren Gestalten. Wollten sie
-in ihren Nebel zurückkehren? -- Wie war denn das alles?
-
- * * * * *
-
-Unbegreiflich schnell war die slawische Woge in die erste deutsche
-Grenzstadt geschlagen. Eben stritt man sich darüber, ob überhaupt eine
-ernsthafte Gefahr vorläge. Emsig suchte man nach beruhigenden Gründen,
-warum die preußische Garnison an einem Morgen bis auf den letzten Mann
-verschwunden war. Noch hielt man in unerschütterlichem Ordnungssinn daran
-fest, daß an eine kriegerische Austragung vorläufig gar nicht zu denken
-wäre, weil ja über die Grenze keine rechtsmäßige, von dem weißen
-Zaren gesendete Absage geschickt sei, noch gab man sich tausenderlei
-widersprechenden Vermutungen hin, ob man die großen Speicher, die
-Fabriken, die Kontore, Läden und Handwerksstuben räumen und ohne Aufsicht
-lassen sollte, da tauchte eines Tages in der Stunde zwischen Nacht und
-Dämmerung der Hausmeister Pawlowitsch in seinem blauen Frack mit den
-goldenen Knöpfen in dem englischen Schlafgemach seines Gebieters auf und
-zupfte hastig an den weißen Kopfkissen.
-
-»Herr Konsuhl, -- verzeihen Sie -- wachen Sie auf -- auf den Chausseen vor
-der Stadt streift russische Kavallerie herum.«
-
-Der Großkaufmann, dessen Stolz es nicht gelitten hatte, das von den
-Vätern ererbte Geschäft zu verlassen, fuhr auf und rückte an dem
-eleganten Nachtanzug.
-
-»Du bist verrückt, Pawlowitsch.«
-
-Der Frack verbeugte sich. »Vorzüglich, Herr Konsuhl.«
-
-Selbst in dieser Minute der sichtlichsten Angst, -- denn das schneeweiße
-Männchen zitterte auffällig am ganzen Leib -- mußte das Halbblut sein
-Entzücken über jede Äußerung des Chefs dartun. Der Kaufmann jedoch
-gelangte immer mehr zu klarer Erkenntnis seiner Lage. Er stützte sich auf
-den Ellbogen, und seine kühlen Augen hefteten durch die Schatten der
-Nacht einen spähenden Blick auf seinen Diener. Dann versuchte er, die
-elektrische Flamme über seinem Lager anzudrehen, allein das Licht blieb
-aus.
-
-»Was ist das, Pawlowitsch?«
-
-»Ich weiß es nicht, Herr Konsuhl,« stotterte das Faktotum, und es war,
-als ob seine Zähne leise gegeneinander klapperten, »ich glaube, sie haben
-die Drähte bereits zerschnitten.«
-
-»So, so, -- aber eines ist doch seltsam, wie hast du mitten in der Nacht
-die russischen Patrouillen auf der Chaussee feststellen können?«
-
-Dabei streckte der Liegende seinen Arm aus und faßte kräftig in die
-Brustfalte des Alten. Der Herangezogene wandte sich und setzte mehrfach zum
-Sprechen an, bevor er auf diese klare Frage eine Antwort erteilen konnte.
-
-»Verzeihen Sie, Herr Konsuhl -- ich konnte nicht schlafen -- die Hitze
--- ich mußte in den letzten Nächten immer spazieren gehen -- die
-Angst -- --«
-
-»Donnerwetter, höre endlich mit dem dummen Zeug auf. Bringe mir sofort
-meine Kleider. Wir sind deutsche Kaufleute und haben nach unserem Eigentum
-zu sehen.«
-
-»Ja gewiß, Herr Konsuhl.«
-
-»Sind dir die Adressen unserer jungen Leute bekannt?«
-
-»Alle.«
-
-»Dann begibst du dich jetzt unverzüglich, da dir ja soviel an
-nächtlicher Bewegung liegt, zu jedem Einzelnen und bestellst, daß heute
-früh, wie an jedem anderen Tage hier gearbeitet wird. Sie sollen sich
-durch die Hintergasse in dem Lokal einfinden, denn vorn wirst du sofort
-das Tor verschließen und die eisernen Stangen vorlegen. Hast du mich
-verstanden, Pawlowitsch?«
-
-»Vorzüglich, Herr Konsuhl. Hier ist auch schon der Anzug von gestern
-abend.«
-
-Der Kaufmann sprang aus dem Bett. »Gut, gut, du brauchst mir nicht zu
-helfen. Aber Licht muß ich haben. Hier hast du die Schlüssel, lauf rasch
-in das Detailgeschäft und hole ein paar Pfund Kerzen herauf. Davon stellst
-du auch einige in mein Arbeitszimmer. Dalli, dalli!«
-
-»Herr Konsuhl,« jammerte plötzlich der Hausmeister, der, anstatt sich zu
-entfernen, unschlüssig an der mit Fries gepolsterten Tür stehen geblieben
-war, um nun krampfhaft die Hände umeinander zu reiben, »Herr Konsuhl,«
-rief er in wirklich ausbrechendem Schmerz, »darf ich nicht wenigstens noch
-das Service mit heißem Kaffee in das Arbeitszimmer bringen?«
-
-»Jawohl, du Dummkopf,« gab sein Herr, der so schnell wie noch nie in
-seine Kleider gefahren war, etwas versöhnter zurück. »Aber nun,
-Mensch, wirf endlich die Beine um die Ohren. Heute ist keine Zeit zu
-Rasiergesprächen.«
-
-»Ja, ja, gewiß, vorzüglich, Herr Konsuhl -- guten Morgen -- die Jungfrau
-Maria behüte Sie.«
-
-Mit wirrem Haupthaar, kaum ein wenig von dem abgestandenen Wasser
-befeuchtet und erfrischt, stieg der Prinzipal in sein altertümliches Büro
-herab. Merkwürdig, die Kerzen brannten schon überall auf Tischen und
-allen erdenkbaren Vorsprüngen und erleuchteten den weiten Raum mit
-seltsam schwebenden Schatten. Ein Weben und Gleiten ging unter den weißen
-gotischen Bogen dahin, und die starren blassen Gesichter der Evangelisten
-in den Mauernischen, sie schienen sich zu neigen und zu drehen, als wenn
-auch sie furchtgeschüttelt von dannen schweben wollten. Auf dem Sockel der
-großen Petrusstatue stand eine alte Blechlaterne aus dem Geschäft, und
-die in ihr brennende Kerze sandte einen flackernden Qualm zu dem hölzernen
-Riesen empor. Weihrauch der Angst.
-
-Als sich der Herr all dieser Schätze umblickte, befiel ihn etwas wie ein
-Schütteln und Schneiden, ein nicht abzuwehrender Frost. Es war doch gut,
-daß der alte Mann an einen Trunk heißen Kaffee gedacht hatte. Aber wo
-blieb Pawlowitsch? Ungeduldig eilte der Konsul an seinen Schreibtisch und
-drückte auf den elektrischen Knopf. Die Klingel ließ ihr feines Rasseln
-ertönen. Doppelt schrill klang es in dem verlassenen Haus. Allein der
-Geforderte ließ sich nicht herbeirufen. Wie war denn das zu verstehen?
-Sollte der Hausmeister, der doch ein verschlagener und zäher Patron war,
-diesmal wirklich so aus der Fassung gebracht worden sein, daß er sogar
-den Wunsch seines Herrn nach einem Morgenimbiß vergessen haben konnte? Von
-einer unerklärlichen Ahnung durchschlagen, ergriff der Herr des Goldenen
-Bechers die kleine Blechlaterne, um sich über das merkwürdige Fernbleiben
-seines Verwalters auf alle Fälle Gewißheit zu verschaffen. Durch die
-altertümlichen Gänge des schlafenden Hauses glitt er dahin, geschmeidig,
-mit unhörbaren Schritten, über Treppen und schmale Altane, und nichts
-Lebendiges fand er, als seinen eigenen Schatten, der ihm überlebensgroß
-voraufeilte. So gelangte der Suchende in das Erdgeschoß, wo sich noch von
-Klosterszeiten her die geräumige, weiß getünchte Küche befand. Die Tür
-stand offen, drinnen alles leer. Ungläubig streckte der Konsul die Laterne
-in den verlassenen Raum, bis ihm ein kalter Luftzug das qualmende Lichtlein
-zu verlöschen drohte. Dabei nahmen seine leidenschaftslosen Züge einen
-immer herberen und kühleren Ausdruck an. Deutlich offenbarte ihm sein
-geschäftlicher, von allen Äußerlichkeiten unbeeinflußbarer Sinn,
-mit dem Verhalten seines Faktotums müsse es eine ganz eigene Bewandtnis
-besitzen. Aber welche? Ein heftig um sich greifendes Mißtrauen erfüllte
-ihn ganz und gar. Ob der Alte wenigstens für die Sicherheit des Hauses
-gesorgt hatte? In ein paar kurzen Sprüngen fuhr der Chef die breite
-knarrende Holztreppe in die Höhe, erreichte sein Arbeitszimmer und lief
-über die drei grünen Porphyrstufen auf die pflastersteinbelegte Einfahrt
-hinaus, um sich von dem Verschluß der mächtigen Eisentür zu überzeugen.
-Im ungewissen Schein der Laterne sah er, wie die beiden mächtigen
-Eisenquerbäume ordnungsgemäß vorgelegt waren, auch den ungeheuren
-eisernen Schlüssel mit dem wunderlich verschnörkelten Kopf aus einer
-frühen Zeit der Technik fand seine fühlende Hand fest im Schloß.
-Beruhigt atmete er auf. Durch die oberen eisenvergitterten Butzenscheiben,
-die sich wie herausgeschlagene Boden grüner Weinflaschen ausnahmen,
-stahl sich bereits ein schwächliches Dämmern des neuen Tages. Schwalben
-schossen dort draußen zirpend durch die Luft, und ganz von fern meldete
-sich ein eigentümliches Poltern und Rasseln, wie wenn ungefüge Karren
-eine Ladung von Eisen über unebene Straßen zu schaffen hätten. Der
-Kaufmann zog seine goldene Uhr und hielt sie vor das rauchende Licht:
-ein Viertel auf drei. Wer konnte zu dieser frühen Stunde eiserne
-Gerätschaften in die Stadt transportieren? Oder sollte sich die Meldung
-von Pawlowitsch im Ernst bestätigen? Und der elegante Mann tat etwas, was
-er sich vor einer Stunde gewiß noch nicht hätte träumen lassen. Er
-legte das Ohr an die kalte Platte der Tür und lauschte angestrengt auf das
-nervenerregende Geräusch, das sich dort draußen in der Weite immer mehr
-verstärkte.
-
-Da -- was war das? Ein leichtes Rollen fuhr über den Markt, das
-gleichmäßige Getrappel von Wagenpferden verkündete sich und brach
-wie auf einen Schlag ab. Unmittelbar vor seiner Tür schien ein Wagen zu
-halten. Gleich darauf wurde an dem Schloß der Einfahrt gerüttelt, aber
-es klang mehr wie ein hastiges Kratzen und stammte von einer schwächlichen
-Hand. Der Konsul räusperte sich. Dann nahm er sich zusammen und rief mit
-seinem gemütskalten Ton:
-
-»Heda, wer ist dort draußen?«
-
-Wer aber konnte das Erstaunen des Mannes beschreiben, als die
-wohlbekannte Stimme des Rotkopfes von Maritzken durch das Schlüsselloch
-hindurchflüsterte:
-
-»Herr Konsul -- ich bin es -- Isa -- schnell machen Sie auf, ich bin in
-großer Gefahr.«
-
-In der nächsten Minute poltern die Querbäume herab, ächzend schiebt
-sich ein Spalt des mächtigen Tores auseinander, und im Dämmergrauen des
-Morgens wirft sich ein junges Geschöpf, um das ein zerzauster Regenmantel
-flattert, völlig haltlos in die Arme des Mannes.
-
-Draußen wirft der Wagen herum und stäubt wie ein Unwetter davon.
-
-»Isa, um alles in der Welt, was bedeutet das? Wie kommst du hierher?«
-
-Der von Schrecken Gepeinigte vergißt im Moment alle Erziehung und
-Höflichkeit und sieht in dem bebenden Wesen nur das schutzbedürftige
-Kind, dessen fröhliches Heranwachsen er wie ein Vater beobachten
-durfte. Jetzt klammert sie sich wortlos an seine Brust, mit einer irren,
-befremdlichen Kraft, und ihre feine Hand deutet schwankend auf die nahe
-Pforte des Arbeitszimmers. Da besinnt sich der Kaufmann nicht länger. Mit
-der Rechten wirft er auf einen Schlag die Querbäume vor das Tor, und ohne
-weitere Frage trägt er das Mädchen, das sich nicht mehr rührt, in das
-Refektorium.
-
-Wieder gleiten die Schatten hin und her, die Evangelisten bewegen sich und
-schütteln die Häupter, und die blauen Holzaugen des Himmelspförtners
-wetterleuchten im Glanz, als sie gewahren, wie unbeholfen der Kaufmann
-seine Last in den geräumigsten der Kirchenstühle niedersetzt. Ganz
-sacht und behutsam. Er bettet sogar, ohne sich dabei etwas zu denken, den
-Regenmantel über die Knie der Kleinen zusammen. Dann zieht der Herr des
-Goldenen Bechers für sich selbst einen Klubsessel heran und setzt sich
-so, daß er dem Mädchen in das feine blasse Antlitz schauen kann. Geduldig
-wartet er, bis sich in dem verstörten Gesicht die dichten Wimpern heben.
-Kaum aber trifft ihn der erste Blick aus diesen klugen frühreifen Augen,
-da besinnt sich Rudolf Bark auf das eigentümlich väterliche Verhältnis,
-das zwischen ihm und dem zusammengekauerten Ding waltet, er entreißt
-sich seinen eigenen Sorgen, beugt sich vor und klopft ihr wohlwollend,
-herablassend die weiche Wange.
-
-»Um Gottes willen, Mariellchen, Ihr Besuch ist zwar ehrenvoll, aber doch
-leidlich früh. Wenn ich nicht zufällig wie mein eigenes Gespenst durch
-das Haus schlürfte, ja, dann hätten Sie mich höchstens aus kummervollen
-Träumen wecken müssen. Aber nun im Ernst, liebes Kind, was treibt Sie
-her? Wie steht es in Maritzken? Was macht Johanna?«
-
-Und dann kommt der Moment, wo die Heimatlose seine Hand ergreift und sich
-auf die Lehne seines Fauteuils niederläßt, als müsse sie aus Furcht vor
-der großen, leeren, fremdartig beleuchteten Stube dem Freunde ihres Hauses
-all die Schrecknisse der Nacht ins Ohr raunen. Dicht aneinandergeschmiegt
-sitzen sie, und in überstürzter Schilderung entwirft der feine Mund
-dem immer gespannter Aufhorchenden die düstern Schattenbilder, die diese
-furchtbarste Nacht ihres Daseins durchrast. Knappe Fragen wirft der Mann
-zwischen die ängstliche Rede, ihm liegt namentlich daran, die einzelnen
-Gegenden zu wissen, an die sich für Isa so schreckhafte Erinnerungen
-knüpfen, er wirft ein, daß das Mädchen wohl nur einem Patrouillentrupp
-begegnet sein könne, der die Stadt in weitem Bogen umgangen, er fragt nach
-Zahl, Bewaffnung und Sprache der Uniformierten, und allmählich quillt
-der Verschüchterten aus der gleichgültigen Ruhe des Kaufmannes eine neue
-Sicherheit zu. Ganz gewiß, es kann nicht so schlimm stehen, das Ganze
-bildet vielleicht nur ein abenteuerliches Mißverständnis, denn Rudolf
-Bark lehnt ja vor ihr in seinem modischen Anzug, der nichts von seiner
-tadellosen Glätte eingebüßt, und im Vollbesitz seiner sachlichen
-Nüchternheit, deren kühles Gleichmaß für den Rotkopf stets das Ziel
-einer sie erregenden Bewunderung gewesen.
-
-»Herr Konsul, glauben Sie, daß nun die Stadt und die Umgegend von diesen
-schrecklichen Menschen überschwemmt wird?«
-
-»Ja, Isachen, damit wird man leider rechnen müssen.«
-
-Ein schnelles Atmen.
-
-»Und wird das für Sie und für Johanna und auch für mich mit Gefahr
-verknüpft sein? Sie können es mir ruhig sagen. Nach dem, was ich heut
-nacht erlebt, bin ich auf alles vorbereitet. Kann es uns ans Leben gehen
-oder werden wir verschleppt werden?«
-
-»Liebes Kind« -- der Kaufmann sah seiner Gewohnheit gemäß auf die
-Kappen seiner Lackschuhe, die ihm der Hausmeister, dem langjährigen
-Brauch folgend, hingestellt, und blickte dann in das blasse Gesicht
-seiner Gefährtin empor; in der gleichen Minute aber war er mit seinen
-blitzschnellen Erwägungen auch schon am Ende angelangt -- »liebes Kind,
-ich denke, daß die fremden Gewalthaber voraussichtlich alles mögliche
-aufbieten werden, um bei der kommenden Besetzung die Ordnung und die
-Sicherheit aufrecht zu erhalten. Da man bei unserer Bevölkerung doch einen
-guten und harmlosen Eindruck zu erwecken wünschen muß, so werden sie nach
-meiner Meinung hier mehr als die guten Naturburschen auftreten, mit denen
-es sich leicht und gemütlich verkehren läßt. Ich hoffe also, eine
-persönliche Gefahr wird uns nicht drohen. Nur geschäftlich werden
-ungeheure Summen verloren gehen.«
-
-»Auch Ihnen, Herr Konsul?«
-
-»Auch mir. Da wir für die nächste Zeit abgeschnitten sind, so werden
-alle geschäftlichen Beziehungen zerreißen, auf denen der Handel beruht,
-und es wird bald eine traurige Lähmung eintreten, eine sehr traurige.«
-
-Er sieht wieder auf seinen schmalen Fuß herunter und doch verzieht sich in
-dem gefaßten Antlitz nicht eine Miene.
-
-Da fühlt der Rotkopf, es müsse doch noch höhere Interessen geben, als
-die unverhüllte Sorge um Leben und Wohlergehen, und urplötzlich fliegt
-ein helles, huschendes Rot über ihr verstörtes Gesicht.
-
-Rasch springt sie auf und zaust geräuschvoll an ihrem steifen Regenmantel:
-
-»Herr Konsul Bark.«
-
-Der Ruf klingt in der trüben Gegenwart und mitten in der langsam
-vorüberkriechenden Nacht so frisch und lebenshell, daß der Geschäftsmann
-unvermutet den ihn umblitzenden Zahlen entrissen wird, um sich ganz
-verwundert an seine jetzige Lage zu erinnern. An das befremdliche
-Fortbleiben seines Verwalters, an das leere verschlossene Haus voller
-Vorräte, und an sein Zusammentreffen mit dem jungen Mädchen, das er
-irgendwie behüten muß, wenn ihm auch augenblicklich jedes Machtmittel
-dazu fehlt. Draußen klirren die unheimlichen Wagen mit ihrer rasselnden
-Eisenladung immer näher. Und als er jetzt seinen Blick umherschweifen
-läßt, als er innen hinter den vergitterten Fenstern die fest
-geschlossenen Holzläden prüft, und indem er erwägt, wie lange die halb
-herabgebrannten Kerzen noch ihr Licht spenden können, da erfaßt ihn die
-merkwürdig zerstreuende Erkenntnis, daß mitten in all dieser schlimmen,
-eisengeschüttelten Erwartung ein junges hübsches Mädchen steht, mit dem
-er sich allein in einem festungsähnlich verbarrikadierten Hause befindet.
-Es ist zwar lächerlich, jetzt über derartiges nachzudenken, aber in
-dem bangen Harren tanzen die Gedankenreihen so wild und glitzernd
-durcheinander, wie sonnenbeschienene Telegraphendrähte, wenn der Zug
-donnernd vorüberbraust. Nein, er muß sich auf etwas Wirkliches, auf etwas
-Vorhandenes beschränken. Rasch erhebt er sich, und während er fühlt, wie
-ihm die Mädchenaugen auf seinem Weg folgen, da unterdrückt er gewaltsam
-eine ihn umspinnende Schlaffheit, die wohl von der Aufregung und der
-unterbrochenen Nachtruhe herrührt. Und wieder schwingt und glitzert
-und sticht eine ganz unvorhergesehene Idee durch das nüchterne Hirn.
-Donnerwetter ja, er ist zweiundvierzig Jahre alt. In dem biegsamen Körper,
-der wie eine Stahlklinge jedem Druck nachzugeben weiß, ist bisher nie die
-Überlegung aufgetaucht von Einhalten und Schonung und herannahendem Alter.
-Aber wie er jetzt an dem Schreibtisch steht, um noch einmal entschlossen
-auf den elektrischen Knopf zu drücken, in der Hoffnung, sein Hausmeister
-könnte sich vielleicht doch wieder eingefunden haben, da muß er, obwohl
-ihm ein Ärger dabei aufsteigt, das junge blühende Geschöpf mit den
-rotleuchtenden Haaren messen und mitten in der Bedrohung und Not findet er
-es dumm und verächtlich, solch albernen Erwägungen nachzuhängen. Er ist
-eben ein älterer Mann und hat sich vor allen Dingen darum zu kümmern,
-das mit Waren bis unter das Dach vollgestopfte Geschäftshaus, an dem seine
-ganze Existenz hängt, zu hüten bis zum Äußersten. Teufel, unten lagern
-zum Unglück lauter Waren, die das rohe Volk, das hier bald herrschen
-soll, von jeher mit gierigen Augen angestarrt hat. Tee und Wein, Kaffee und
-Zucker, Reis, Tabak, Schokolade und ungeheure Mengen lockender Konserven.
-Wenn seine Leute nur zur Zeit kämen! Es gibt hier unten in dem ehemaligen
-Kloster einige Löcher und Winkel, die man schon nicht mehr Keller, sondern
-unterirdische Gänge nennen kann. Dort muß ein großer Teil der Vorräte
-verborgen werden.
-
-Durch das Haus schmettert die Klingel, gellt und schrillt und der Prinzipal
-merkt erst jetzt, wie es schon minutenlang vergeblich läutet. Pawlowitsch
-bleibt verschwunden, aber der Durst nach etwas Warmem, Stärkendem meldet
-sich immer ungestümer.
-
-Da plötzlich ein befreiender Einfall. Ganz ernsthaft wendet er sich an
-seinen Gast und fragt so dringend und kurz, wie er seine Angestellten
-anzureden gewohnt ist:
-
-»Verzeihen Sie eine sonderbare Frage, Isa, können Sie Kaffee kochen?«
-
-»Ich?« das Mädchen starrt ihn verblüfft an. »Ja gewiß, Herr Konsul
-Bark. Wünschen Sie denn zu trinken?«
-
-Hastig wird die Abwesenheit des alten Dieners zu erklären versucht, und
-unmittelbar darauf huscht die Kleine schon, die Laterne in der Hand, über
-Treppen und wurmstichige Holzgänge in die Küche hinab. Wie die Furcht
-ihre Glieder dabei mit eisiger Hand anfaßt, wie hohl ihre Tritte auf
-den alten Dielen schallen, wie kühl die Zugluft um die vorspringenden
-Mauerecken herumstreicht, und vor allen Dingen, wie unheimlich ihr eigener
-Schatten an den Wänden hin und her hüpft! Und doch -- das ängstliche
-Geschöpf hat die Begleitung des Hausherrn weit von sich gewiesen. Was
-würde er denken, wenn sie sich jetzt kindisch benähme. Nein, weiter,
-weiter, trotz Grauen und häufigem bangen Zurückschauen.
-
-»Sieh da,« ruft Konsul Bark nach einer Weile, als er den Rotkopf auf
-einem gewaltigen Tablett eine ganz unwahrscheinlich irdene Kanne, umgeben
-von ein paar eilig zusammengerafften Tassen, daherschleppen sieht, »wo
-haben Sie denn diese Kostbarkeiten aufgelesen, Isachen? Aber das tut
-nichts, die Hauptsache ist, daß es aus dem braunen Ding hier sehr
-vertrauenerweckend dampft.« Er beugt sich ein wenig herab und schnuppert
-herum. »Also wirklich ein großartiges Aroma! -- Tischzeug? Nein, mein
-Kind, das vermag ich jetzt nicht aufzutreiben. Sehen Sie, ich decke ein
-nagelneues Taschentuch hier über dieses Tischchen, und passen Sie auf, der
-Trank wird uns auch so munden. Es ist eben Belagerungskaffee.«
-
-Und nun sitzen die beiden vor dem groben Gesindegeschirr, schlürfen von
-dem brennend heißen Getränk und beginnen an ihrer trostlosen Vereinsamung
-beinahe ein romantisches Gefallen zu finden.
-
-Wieder wähnen sich beide auf eine winzige Insel verschlagen, und
-hingegeben an den wohligen Schauer der immer näher rückenden Gefahr,
-horchen sie auf die wilden Geräusche, von denen draußen die Straße
-widerhallt. Es klirrt und rasselt, galloppiert, schreit und tobt,
-gröhlende Lieder, in einer fremden Sprache gebrüllt, schlagen zu ihnen
-herein, und plötzlich schmettert etwas durch die Eisengitter der Fenster
-hindurch, und klirrende Glasscherben spritzen innen gegen die geschlossenen
-Holzläden.
-
-»Ruhig, ruhig,« beschwichtigt der Kaufmann und fährt wieder mechanisch
-über die bebende Mädchenhand.
-
-Doch Isa rührt sich nicht. Still, wie bisher, sitzt sie auf der Lehne des
-Stuhles, hält den Atem an, und die Nähe ihres Gefährten wirkt so
-stark auf sie, daß sie sogar versucht, das rasche Jagen ihrer Brust zu
-bezwingen.
-
-Ein Augenblick der Stille tritt ein. Scharf und schreckhaft hebt sich
-die lähmende Ruhe des großen Gemaches ab von dem dröhnenden Toben
-der Straße. Und so schmerzend sicher schlürft das bis aufs Äußerste
-angestrengte Gehör der beiden Einsamen jeden Ton in sich hinein, daß
-nicht allein die schneidenden Schwingungen der fremdartigen Hornsignale,
-die dort draußen den Lärm übergellen, ihr Innerstes durchstoßen,
-sondern auch das Knistern und Zucken der vielen Lichter bis an ihre zum
-Zerreißen aufmerksamen Sinne dringt.
-
-Da --
-
-»Herr Konsul,« fährt Isa auf.
-
-Auf den Pflastersteinen der Einfahrt hallt es von unzähligen Fußtritten.
-
-Ist es möglich? Der Konsul erhebt sich langsam. Ein törichter Kindertraum
-däucht ihm das Ganze, denn das schwere Eingangstor ist ja bis jetzt nicht
-dem geringsten Angriff ausgesetzt gewesen. Oder sollte etwa -- --
-
-Allein alle diese Zweifel und Bedenken gelangen nicht mehr an ihr Ende.
-
-Sieh -- sieh, es ist wirklich, als ob durch brennende Fiebergesichte alle
-möglichen bekannten Gestalten taumeln. Jetzt wird die Tür über den drei
-grünen Porphyrstufen aufgerissen, draußen in der gewölbten Einfahrt
-drängt sich Kopf an Kopf. Lauter breitrandige Mützen schieben sich
-durcheinander, Säbelgehänge, die über den Schultern befestigt
-sind, gleiten über grün-graue Uniformen herab, rauhe, unbearbeitete
-Reiterstiefel scharren auf den Fliesen.
-
-Doch wie kann es geschehen, daß sich aus dem dunklen Schwarm eine so
-überaus vertraute Figur ablöst? Ja, er ist es, er ist es wirklich!
-
-Breitspurigen Trittes, mit etwas nachgebenden Knien, drängt sich Rudolf
-Barks ›bester Freund‹ Leo Konstantinowitsch Sassin in das Gemach. Ein
-kotbespritzter grauer Radmantel hängt schief eingehakt um seine breiten
-Schultern, die Mütze sitzt ihm schräg auf dem linken Ohr, und auf dem
-brutalen Antlitz glüht eine sonderbare Hitze. Zwischen zwei Brustknöpfen
-seines Waffenrockes lugt der schwarze Kolben eines Revolvers hervor.
-Als der Russe des Paares ansichtig wird, das fast regungslos unter dem
-zersplitterten Fenster weilt, da reißt der Offizier seine hervorquellenden
-Kinderaugen auf, und um seine blondumbarteten Lippen fliegt ein sonderbar
-befriedigter Schein. Was hier Ausdruck gewinnt, ist nicht die Freude des
-Wiedersehens. Es bedeutet vielmehr eine dumm-dreiste Überlegenheit, wie
-sie Ungebildeten eignet, wenn sie plötzlich über Höherstehende Macht
-erlangen.
-
-»Ah, guten Abend, Rudolf Bark, mein Kompliment für das junge Fräulein
-von Maritzken,« poltert der Dragoner in einem rohen Lachen hervor. »Nicht
-fürchten -- keine Ursache -- gut Freund. So lange hier keine Dummheiten
-macht, werden Euch vorzüglich behandeln. Was stieren mich so an, Rudolf
-Bark? Mein bester Freund?! Wundern sich, wie zu Ihnen hereingekommen? Hehe,
-zweiunddreißigsten Dragoner verstehen durchs Schlüsselloch zu reiten.
-Haben unsre kleinen Geheimnisse.«
-
-Damit tritt der Redende nicht ganz sicher an den Tisch, hebt die braune
-Kanne in die Höhe und läßt sie aus Ungeschicklichkeit oder mit Absicht
-auf den Teppich niederstürzen. In einer breiten Lache ergießt sich
-die braune Flüssigkeit aus den zersprungenen Scherben über das dunkle
-orientalische Gewebe.
-
-»Wie, was -- Kaffee? Seit wann, Rudolf Bark, sind Sie ein altes Weib? Es
-muß hier doch Wein im Hause sein. Bei der Mutter von Kasan! Tausende von
-Flaschen, ganze Fässer. Ich kenne Ihre Gastfreundschaft, bester Freund.
-Natürlich, wer sollte sie besser kennen?! Weiß, brennen darauf, arme,
-müde Soldaten des Zaren -- wie sagt man -- =à régaler=.«
-
-Und sich zur Tür und zu den Haufen seiner Reiter wendend, schreit er in
-russischer Sprache, die der Prinzipal des »Goldenen Becher« sehr wohl
-versteht, hinaus:
-
-»Lauft, ihr durstigen Kinderchen, sucht, meine braven Söhne! Habt ihr
-verstanden, ihr pfiffigen Spitzbuben? Hier unten in den Kellern gibt es
-Wein. Alkohol ist euch verboten, aber Wein hat der große Zar erlaubt. Und
-mein Freund Rudolf Bark ist kein Knauser. Er ist glücklich, uns bewirten
-zu dürfen. Macht, daß ihr fortkommt! Aber nicht betrinken. Hört ihr? Der
-Rausch ist für einen russischen Soldaten unanständig.«
-
-Nach dieser mit wildem Triumph gehaltenen Rede läßt Leo Konstantinowitsch
-die Flügeltüren zurückfallen und schwankt ziemlich unsicher an den
-Tisch, wo er krachend in den nächsten Stuhl fällt. Seine glitzernden
-Augen aber, die bebenden Nasenflügel und der kurze Atem bekunden deutlich,
-wie er selbst das Alkoholverbot seines Gossudars durchaus nicht für
-verbindlich erachtet hat. Eine müde Handbewegung ladet die beiden anderen
-zum Platznehmen ein.
-
-»Setzen Sie sich, Rudolf Bark,« sprudelt er herablassend, »und hier
-neben mich das schöne Fräulein. Ohne Angst. Leo Konstantinowitsch ist
-Ihnen freundlich gesinnt. Sie glauben gar nicht, wie gut Sie es bei uns
-haben werden. Und nun schaffen Sie ein paar Flaschen Champagner an, Rudolf
-Bark, ich schlafe heute bei Ihnen.«
-
-Und dann rast alles, wie von irrsinnigen Geistern gehetzt vorüber. Von
-unten aus den Kellergewölben dringen dumpfe Schläge herauf, ein wildes
-Geheul der Freude kreischt dazwischen und ehe noch der Kaufmann Zeit
-finden kann, seinem Bedränger auseinanderzusetzen, wie mitten in der Nacht
-natürlich keine Dienerschaft vorhanden sei und daß die Schlüssel der
-Vorratskammern jetzt ebensowenig aufzutreiben wären, da drängen sich
-bereits ohne weitere Förmlichkeiten ein paar russische Dragoner an den
-Tisch. Unter den Armen allerhand Weinflaschen und in den Händen eiligst
-zusammengerafftes groteskes Trinkgeschirr. Bierseidel, Weingläser,
-Kaffeetassen und Milchtöpfe, alles toll und wüst durcheinander.
-
-»Gut, gut,« schreit Sassin, und dabei schleudert er Mantel und Mütze
-mitten in die Stube, »sehen Sie, Rudolf Bark, wie treulos Sie sich
-benehmen? Sie verwickeln sich in Widersprüche, bester Freund. Wozu
-Dienerschaft? Wozu Schlüssel? Ich habe alles bei mir. Das weite Russland
-braucht nichts Fremdes, es besorgt sich alles selbst. Vorwärts, meine
-guten Jungen. Jeder drei Flaschen! Rudolf Bark gibt es euch gern. Seht, wie
-er sich freut. Fehlt euch noch etwas, meine guten Söhne?«
-
-»Nein, es lebe Väterchen Rittmeister!«
-
-»Ich danke euch, ich weiß, daß ihr mich liebt. Und nun packt euch
-hinaus, seht ihr nicht, daß ich hier mit vornehmen Nemzows sitze?«
-
-Wieder befinden sich die drei allein, immer wiehernder schallt das
-Gelächter des Trunkenen durch den großen Raum, immer ungebändigter
-werden seine Scherze. Empört erhebt sich der Konsul. Er ist kaum noch
-imstande, seinen Zorn und seine Verachtung gegen den halb der Besinnung
-Beraubten zu unterdrücken. Nur ein Blick auf das Mädchen, das mit weit
-aufgerissenen Augen die widerwärtige Trinkorgie verfolgt, flößt dem
-Kaufmann noch Beherrschung und Zurückhaltung ein.
-
-»Herr Rittmeister,« ruft er, indem er mit zusammengekrümmtem Zeigefinger
-nervös auf die Tischplatte pocht, »wünschen Sie dies Gelage noch lange
-fortzusetzen? Ich finde, Ihr Zustand erfordert es, daß Sie sich eiligst
-zur Ruhe begeben.«
-
-»Ich?« Der Russe spreizt die Beine von sich und lehnt sich weit zurück.
-Die stieren blauen Augen quillen ihm dabei immer mehr aus dem Kopf.
-»Zustand? Wieso, Rudolf Bark? Pah, ich kenne keinen Zustand. Wenn Sie
-wüßten, wie frisch ich mich fühle! Acht Stunden im Sattel gesessen.
-Keine Ader schlägt mir danach.« Hier brüllt er laut auf und stößt
-mit der Faust vor die Brust. »Solch einen Ritt wünsche ich Ihnen, Rudolf
-Bark. Herrlich, herrlich! Grenzwache haben wir überritten, ehe sie sich
-besann. Unter meinem Pferd lag etwas Zappelndes. Können Sie sich diese
-weichliche Nachgiebigkeit vorstellen, wenn man zum erstenmal über einen
-Menschen reitet? Man hört das Aufschmettern des Hufes, man fühlt das
-Einsinken -- es ist aufregend!«
-
-»Hören Sie auf,« ruft der Konsul sich vergessend, »Sie wissen nicht
-mehr, was Sie reden.«
-
-»Wie? Was?« Der Russe versucht sich aufzurichten, allein er vermag es
-nicht mehr. Die Geister des verschwenderisch genossenen Weines reißen ihn
-auf seinen Sitz zurück. »Wie sprechen mit mir, teurer Freund? Sollten
-vielleicht vergessen, daß wir hier als Herren einzogen? Hat ein Ende mit
-der Unverschämtheit der Germanen. Wer sind Sie, wenn ich meine Hand jetzt
-von Ihnen abziehe? Kein Hahn kräht nach Ihnen. Aber lassen wir diese
-Dummheiten.«
-
-Schwerfällig wendet er sich zu Isa, bemüht, eine Verneigung auszuführen,
-allein der Versuch wirft ihn nach vorn, so daß sein flammendes Haupt
-haltlos gegen die Schulter des Mädchens sinkt.
-
-Hei, welche Wärme, welch eine zuckende Haut, welch eine atmende Rundung!
-Das betäubte Hirn des ungebildeten Bauern verliert darüber die letzte
-Spur angelernter Lebensart.
-
-»Kommen Sie, =ma chère=,« flüstert er, wobei er der Zurückschaudernden
-immer näher rückt und beide Arme um sie schlingt, »wir trinken noch ein
-Gläschen. Wissen Sie auch, daß Sie scharmant sind? Der Teufel hole
-Ihre Schwestern. Sie sollen leben, ich habe immer für schlanke Glieder
-geschwärmt. Nicht wahr, Rudolf Bark, Sie können es bezeugen?«
-
-Roh, zudringlich, in einer gemeinen Vertraulichkeit schließen sich die
-Fäuste des von Gier und Rausch Bezwungenen hinter dem Hals des Mädchens
-zusammen. Von Starrheit geschlagen, rührt sich Isa kaum. Keine Bewegung
-wagt sie auszuführen aus Scham oder aus Angst, und nur einen einzigen
-hilflosen, beschwörenden Blick sendet sie zu dem vor Wut verzerrten
-Antlitz des Hausherrn empor. Sie sieht noch, wie sich die Zähne des
-Konsuls in seine Unterlippe graben, schauernd fühlt sie, daß das kleine
-Tischchen, einem Fußtritt des durch ihn genierten Russen nachgebend,
-polternd und klirrend zu Boden stürzt, und gleich darauf zischt etwas vor
-ihren Ohren. Ein blendender Strahl zwingt sie, ihre Lider zu schließen, so
-daß sie kaum noch merkt, von wessen Hand sie jetzt emporgerissen wird.
-
-Entsetzen!
-
-Für eine Sekunde fassen die drei Ernüchterten dasselbe Bild in
-schonungsloser, peinigender Klarheit auf. Elegant, geschmeidig, tadellos
-angezogen wie immer, lehnt Rudolf Bark hinter dem hohen Kirchenstuhl. In
-dem hübschen glatten Gesicht verrät keine Blässe, kein nervöses Zucken
-auch nur eine Spur von Abscheu vor seiner eigenen Tat. Nein, neugierig fast
-beobachtet der Kaufmann, dessen Finger noch immer die Waffe umspannen,
-die er seinem Gastfreunde aus dem Waffenrock gerissen, wie Leo
-Konstantinowitsch Sassin mitten in der Stube über seinem eigenen
-Mantel auf dem Rücken liegt, um mit der Rechten unter Lachen und
-einem schmerzlichen Brüllen an den Uniformknöpfen oberhalb der Brust
-herumzureißen. Draußen unter der Einfahrt drängt es sich schon wieder
-Kopf an Kopf, obwohl keiner, von der Furchtbarkeit des Geschauten gelähmt,
-es wagt, die tolle Stätte dieses blutigen Gerichts zu betreten. Stumm
-recken sie die Hälse vor, um auf das zu horchen, was sich niemand
-erklären kann.
-
-»Oh du verfluchter deutscher Hund, du Vieh, du hinterlistiges Schwein,
-so behandelst du deinen Freund? Pfui, man möchte weinen! Warte nur, du
-widerlicher Affe, wie sauber dir unser Profoß die Schlinge um den Hals
-legen wird. Was steht ihr hier und haltet Maulaffen feil? Hat man nicht
-euer Väterchen ermordet? Schnell, nehmt ihn fest, die Rothaarige auch. Und
-mir gebt zu trinken. Einen Topf Champagner. Mir ist ein wenig schlecht.
-Oh, Rudolf Bark, mein bester Freund, ich wollte, ich könnte dich selbst
-zappeln lassen. Ich gäbe den ganzen Feldzug darum. Pfui, du treulose,
-deutsche Spinne, ich trete dir den Kopf ein.«
-
- * * * * *
-
-In der Gefängnistür rasselte ein Schlüssel. Und das Geräusch unterbrach
-den auf dem Schemel hockenden Kaufmann in seinen rückwärts gerichteten
-Gedanken. Er fuhr auf und sah nach der Uhr: es war hoch am Spätnachmittag.
-Aus der Schar der vor Müdigkeit Eingeschlafenen erhob sich der kahle
-Schädel des Tischlermeisters Majunke, und seine befleckten Hemdsärmel
-sägten aufgeregt durch die Luft.
-
-»Um Gottes willen, sie kommen,« zischte er durch die Zahnlücke,
-»schnarcht nicht, Kinderchen, sie könnten es uns übelnehmen. Herr
-Kowalt, verstecken Sie Ihre Peitsche, man kann nicht wissen, was sie dazu
-denken.«
-
-Langsam drehte sich das schwere Holz, und auf dem rot gepflasterten
-Ziegelflur stand neben dem ehrfurchtsvoll geduckten Kosaken eine
-schmächtige Jünglingsgestalt in grauer Uniform, dessen blasses
-kränkliches Antlitz der Konsul sich besann, schon einmal gesehen zu
-haben. Richtig, das war einer der beiden Fahnenjunker, der im Hause Sassins
-erzählt hatte, welch ein freimütiges Testament er für seinen Vater, den
-Polizeioberst in Kiew aufgesetzt hätte. Der glatt rasierte Knabe hielt
-einen Bogen Papier in der Hand und sah kurzsichtig und mit blinzelnden
-Augen in den dumpfen Raum, aus dem eine Wolke schwüler Hitze herausschlug.
-Dann trat er auf die Schwelle, zog sich den grauen Waffenrock zurecht, und
-indem er ein wenig mit der Degenscheide klirrte, gab er sich den Anschein
-einer amtlichen Würde.
-
-»Rudolf Bark,« rief er mit seiner gebrochenen Knabenstimme, in die er
-vergeblich einen militärischen Kommandoton zu legen suchte, »ist hier der
-Konsul Rudolf Bark anwesend?«
-
-Der Prinzipal des »Goldenen Becher« erhob sich.
-
-»Was steht zu Diensten?« fragte er kurz.
-
-»Sie sind es? Ach ja,« erinnerte sich das uniformierte Kind und
-errötete leicht; dann aber besann es sich und verbeugte sich förmlich.
-»Unterleutnant von Karström,« stellte er sich vor.
-
-Und Rudolf Bark erriet nicht allein aus dem Namen, sondern vor allem an der
-flüssigen Aussprache des Deutschen, daß er einen Balten vor sich habe.
-
-Der Unterleutnant blinzelte flüchtig in sein Papier und fuhr fort:
-
-»Sie werden mir folgen. Ich habe den Befehl, Sie auf das Rathaus zu
-unserem Kommandanten zu bringen.« Und einen Blick auf den eleganten hellen
-Sommeranzug seines Gefangenen heftend, setzte er mit einer Rücksicht, die
-er durchaus nicht verleugnen konnte, höflich hinzu: »Bitte bedecken Sie
-sich mit Ihrem Hut.«
-
-Hier zuckte der Konsul die Achsel. Und nachdem er erklärt, daß man ihn
-barhäuptig hierher transportiert, da errötete der junge baltische Adlige
-von neuem und schüttelte ratlos das schmale, kränkliche Haupt. Selbst den
-Konsul rührte diese kindliche Unbeholfenheit.
-
-»Ich werde mir mit Ihrer Erlaubnis, Herr Unterleutnant,« half er deshalb
-rasch ein, »einen Hut von einem meiner Mitgefangenen ausborgen. Nicht
-wahr, Herr Kowalt, Sie sind so freundlich?«
-
-»Ja allerdings, bitte tun Sie das,« atmete der Balte ganz erleichtert
-auf. Dabei verbeugte er sich unwillkürlich, als der Kaufmann nun mit
-dem abgetragenen fettigen Hut des Pferdehändlers in der Hand an ihm
-vorüberschritt.
-
-Auf der Diele hatte der Kosak inzwischen von einem Stuhl einen handfesten
-Strick genommen, mit dem er sich nun dem Konsul geschäftig näherte.
-
-»Was soll das?« fragte der Leutnant, wobei er sichtlich zusammenschrak.
-
-Grinsend deutete der Kosak auf die Hände des Gefangenen. Da warf der junge
-Offizier wie beschwörend die Rechte vor.
-
-»Keineswegs,« stammelte er, »davon steht kein Wort in meiner
-Instruktion. Der Herr ist nicht fluchtverdächtig. Auf der Stelle wirfst
-du den Strick fort.« Und sich zu dem gelassen dastehenden Rudolf Bark
-wendend, versuchte der junge Mensch eine Entschuldigung anzubringen.
-»Bitte vergeben Sie, mein Herr,« sagte er trotz seiner Kindlichkeit mit
-einer Haltung, die ganz zweifelsfrei die gute Erziehung eines halbdeutschen
-Adelshauses verriet, »das war keineswegs beabsichtigt.« Und indem er mit
-dem Haupte auf den wieder zusammengesunkenen Kosaken deutete, warf er noch
-eifrig hin: »Der Mann stammt aus den Donschen Steppen. Die Leute haben
-dort eine ganz eigene Gerichtsbarkeit, die von der unsrigen erheblich
-abweicht. Sie sollten daraus keine allgemeinen Schlüsse ziehen, mein
-Herr.«
-
-»Gewiß nicht,« beruhigte ihn Rudolf Bark mit einem kaum merklichen
-Lächeln.
-
-Dann schritten sie gemeinsam die Steinstufen herunter und befanden sich
-bald in einer der nüchternen Gassen der Vorstadt. Aber wie hatte sich das
-Gepräge dieses sonst so regen Handelsplatzes verändert! Es versetzte
-dem Kaufmann, in dem doch selbst die Sorge vor der Zukunft brütete, einen
-Stich ins Herz, als er die auffallende Verwandlung feststellte. Obwohl
-noch lange nicht die Stunde des allgemeinen Ladenschlusses angebrochen
-war, hatten die kleinen Gewerbetreibenden überall Jalousien und
-Lattenverschläge vor ihre Auslagen gezogen, und die Straßen selbst
-schienen von den Eingeborenen wie ausgestorben. Kein bekanntes Gesicht
-wollte sich zeigen. Dafür wimmelte jedoch die fremde Soldateska gleich
-einem schwarzen Ameisenhaufen durcheinander, immer neue Truppen zogen
-singend von den Landstraßen aus herein, und man sah es den befriedigten
-Gesichtern an, daß ihnen die Besetzung dieser ehemaligen Festung, die
-längst ihre Bedeutung verloren hatte, als ein nicht zu unterschätzender
-Erfolg galt. Lange Züge von Infanterie wechselten mit Munitions- und
-Artilleriekolonnen, und von dem Klirren der schweren Geschütze auf dem
-schlechten Pflaster bebten die kleinen leichtgebauten Häuschen. Aber auch
-andere Fuhrwerke kamen ihnen aus der Stadt entgegen, deren Ladung, obwohl
-die Wagen von Soldaten gelenkt wurden, durchaus nicht dem kriegerischen
-Bedürfnis entsprach und deshalb die regste Verblüffung von Rudolf Bark
-hervorrief. Ohne um Erlaubnis zu bitten, hielt der Kaufmann plötzlich in
-seinem Weg inne und wies mit der Hand auf einen mächtigen Leiterwagen,
-auf dem die tollsten Dinge widerspruchsvoll übereinander gepackt waren.
-Seidene Möbel, eiserne Geldschränke, ein umfangreicher Benzinmotor,
-ungeheure Berge bescheiden angefertigter Konfektionsanzüge, Mehlsäcke,
-ja sogar ein Klavier hatte man zwischen die Leiterbäume gepreßt, und die
-drei kutschierenden Soldaten beschäftigten sich eben damit, vorn auf dem
-Bock die Keule eines rohen Schinkens gemeinschaftlich mit ihren starken
-Zähnen zu benagen und zu zerreißen.
-
-»Was ist das?« stieß der Prinzipal des »Goldenen Bechers« beinahe der
-Sprache beraubt, hervor.
-
-Doch der junge Russe antwortete nicht. Flammend rot waren seine blassen
-Wangen übergossen, und in seiner Scham und Bestürzung vermochte er nur
-fast bittend hervorzubringen:
-
-»Mir sind die Gewohnheiten der Intendantur unbekannt, ich weiß nicht, was
-das bedeutet. Aber bitte, mein Herr, wollen Sie mir rasch folgen, denn ich
-habe Sie bis um sieben Uhr auf dem Rathause abzuliefern.«
-
-Eiligst schritt der gedemütigte Knabe voran, und so wild entfernte er
-sich durch ein Seitengäßchen von der großen Fahrstraße, daß dem Konsul
-bereits der Gedanke an Flucht durch den Kopf schoß. Freilich, ein Blick
-auf das viele Militär, das da und dort unbeschäftigt vor den Häusern
-herumlungerte, ließ ihn einen solchen Plan als gänzlich aussichtslos
-sofort wieder verwerfen. So gelangten sie vor das Gebäude des Magistrats,
-das mit seinen mittelalterlichen, im Artus-Stil gehaltenen Lauben und
-Bogengängen fast gänzlich die eine Schmalseite des Platzes einnahm. Vor
-dem Haupteingang schilderten zwei russische Infanteristen. Sie hatten
-ihre Uniformen der noch immer herrschenden Hitze wegen über der Brust
-aufgerissen und unterhielten sich laut und ungeniert miteinander. Aber das
-war es nicht, was dem Konsul das ungeheure Erlebnis, das seit gestern über
-die Stadt dahingebraust war, so schmerzhaft zur Erkenntnis brachte. Es
-war etwas anderes. Unwillkürlich zuckte er zurück und griff sich an die
-Stirn. Nein, er träumte nicht; -- oben von der Krönung des Torbogens war
-das Wappenschild des preußischen Adlers herabgerissen und lag jetzt auf
-dem Fahrdamm in der Gosse, wo das schwarzgelbe Spülwasser schwammig über
-das Symbol der Staatshoheit hinweggurgelte. Hunderte von Malen war Rudolf
-Bark achtlos an dem schwarzen Wappentier vorübergeeilt. Ja, wenn man ihn
-genau befragt hätte, so hätte er nicht mit absoluter Sicherheit angeben
-können, ob dort oben über den gotisch gerillten Bogen überhaupt
-eine derartige Verkörperung des Staates gethront habe. Jetzt aber, wo
-absichtliche Geringschätzung, wo eine gemeine Freude an der Erniedrigung
-anderer das alte Ideal in den Kot geschleudert, da krampfte es sich in
-seiner Brust zusammen, und etwas von jenem ihm bisher ganz fremden Haß
-wuchs atemraubend empor, von jenem wilden, unerbittlichen Völkerhaß, der
-fortan über den Gemeinschaften der Erde wie ein riesenhafter, alles Licht
-überschattender, Geier schweben sollte. Mit geschlossenen Augen schritt
-er unter der grün-weißen Fahne hindurch, die jetzt die Stelle des alten
-Wappens einnahm, und während er mit seinem jungen Führer die breiten,
-ausgetretenen Steinstufen heraufstieg, da errechnete sich sein zählender
-Verstand, daß er jetzt selbst an der Pforte der Vernichtung angelangt
-sei. Was war da noch lange zu überlegen? Wozu nach Auswegen suchen? In der
-ersten Stunde dieses niederträchtigen Überfalls hatte er auf einen bei
-ihm einquartierten Offizier der Besatzungstruppen gefeuert. Möglicherweise
-war der Verwundete sogar schon seinen Verletzungen erlegen. Da wurde er
-eben vor ein Kriegsgericht geschleppt, und wie das in dem Machtbereich
-des weißen Zaren seines Amtes zu walten pflegte, darüber gab sich der
-Kaufmann keinem Zweifel hin. Vielleicht erwartete ihn schon hier der
-fertige Spruch. Nun gut, da nahm er wenigstens die Genugtuung in das
-Unbetretene mit hinüber, auch ohne eine militärische Charge seiner
-Mannespflicht gegen ein schutzloses deutsches Mädchen genügt zu haben.
-Ein wärmendes Gefühl der Befriedigung überkam ihn, als er jetzt vor der
-bunten Glastür des Beratungssaales an Isa dachte. Wahrhaftig, er hatte
-recht wie ein Vater gehandelt. Wie ein zurückhaltender reifer Mann
-einem kleinen zierlichen Mädchen gegenüber. Und er genoß ein seltsam
-prickelndes Wohlbehagen, als er sich vorstellte, wie der Rotkopf mit den
-leuchtenden Goldaugen später, viel später, wenn er längst unter einem
-Galgen vermodert war, Kindern und Kindeskindern dankerfüllt von ihrem
-Retter erzählen würde.
-
-»Herr Konsul Bark, wir sind an der Reihe,« riß Unterleutnant von
-Karström den Achtlosen aus seinen Gespinsten.
-
-Ob man Isa auch hierher transportiert hat? blitzte es Rudolf Bark noch
-durch den Sinn.
-
-Dann reckte er sich, strich, seiner Gewohnheit gemäß, über den gut
-sitzenden hellen Anzug und trat an der Seite des jungen Balten in den Saal.
-Gemessen verbeugte er sich, dann blickte er sich um.
-
-In dem mit bunten Holzmalereien geschmückten Raum zogen sich an beiden
-Längsseiten, hintereinander ansteigend, die Schranken der Stadtverordneten
-hin. Das Kopfende der Halle wurde von den Sitzen des Magistrats
-eingenommen, zu dessen Wirkungsstätte drei mit grünem Tuch überspannte
-Stufen hinaufführten. Im Moment aber saßen auf den Bänken der
-Stadtverordneten, von einem Pikett russischer Feldgendarmen bewacht,
-der weißbärtige erste Bürgermeister der Stadt und neben ihm fünf der
-angesehensten Senatoren, denen die Niedergeschlagenheit über eine mit dem
-Kommandanten soeben geführte Unterhaltung aus den müden, übernächtigten
-Gesichtern abzulesen war. Der russische Befehlshaber selbst, dem jetzt an
-Stelle der Stadtväter jede Machtbefugnis zustand, wanderte indes in
-seiner grau-grünen Uniform mit auf dem Rücken verschränkten Händen
-sporenklirrend auf der grünen Plattform des Magistrats auf und ab, hatte
-die Stirn gerunzelt und zuckte mehrmals im Selbstgespräch die Achsel,
-als wenn es ihm unmöglich wäre, eine soeben getroffene Verfügung wieder
-zurückzunehmen. Es war eine untersetzte männliche Gestalt mit schlichtem,
-graugescheiteltem Haar. Und trotz der ihm von seinem Amte auferlegten
-Kürze, ließen die klugen, hellen Augen doch ahnen, daß er die
-unglückliche Lage dieser Stadtbürger nachzuempfinden wisse. Jetzt wandte
-sich der Kommandant rasch herum, und in demselben Moment durchzuckte
-den Konsul ein kurzer, beinahe freudiger Schreck. Es war Oberst Geschow,
-derselbe Offizier, dessen noble Ritterlichkeit Rudolf Bark schon bei seinem
-Ausflug über die Grenze schätzen gelernt hatte. Auch der Oberst erkannte
-den Kaufmann auf der Stelle. Er spreizte die Beine, setzte die Fäuste in
-die Hüften und rief mit kräftiger Stimme herunter:
-
-»Herr Konsul Bark, welcher Teufel hat Sie geritten? =Mille tonnères=,
-sehen Sie denn nicht, Herr, daß Sie sich nicht allein selbst, sondern die
-ganze Bürgerschaft durch Ihr wahnsinniges Benehmen ins Unglück gestürzt
-haben? --«
-
-»Herr Oberst -- --«
-
-»Ruhe, jetzt spreche ich. Ich möchte Ihnen von vornherein bemerken, daß
-es für Ihre Handlungsweise keinerlei Entschuldigungen gibt. Muß ich Ihnen
-erst sagen, was es auf sich hat, wenn in Kriegszeiten ein Offizier von
-einem Zivilisten angefallen wird?«
-
-»Herr Oberst, bitte mir gütigst eine Frage zu gestatten: Ist für die
-junge Dame, die sich gestern abend in meinem Hause befand, gesorgt worden?
-Und darf ich hoffen, daß sie als Augenzeugin vernommen wird?«
-
-Der Oberst gab seine breitbeinige Stellung nicht auf, sondern beugte sich
-vielmehr noch etwas weiter nach vorn. Aber die erste Erkundigung seines
-Gefangenen schien ihn nicht unangenehm zu berühren.
-
-»Darüber kann ich Sie beruhigen,« herrschte er den Kaufmann an. »Ihre
-Landsleute werden sich schon daran gewöhnen müssen, uns nicht als
-Halbwilde zu betrachten. Gleich nachdem mir gestern der Vorfall gemeldet
-war, habe ich mich selbst in Ihr Haus zu einer Visitation begeben. Die
-junge Dame, die mir persönlich bekannt ist, hat mir an Ort und Stelle ihre
-Angaben gemacht, und sie befindet sich noch jetzt in Ihrer Wohnung,
-und zwar unter guter Obhut. Sie sehen also, meine Herren,« rief der
-untersetzte Befehlshaber auch zu den Stadtvätern auf den Holzbänken
-herüber, »daß uns der gute Wille, Sitte und Anstand zu erhalten,
-keineswegs fehlt.«
-
-Bei den Senatoren erhob sich ein gedrücktes Gemurmel. Rudolf Bark jedoch
-verbeugte sich leicht. Er atmete auf. Also Isa in verhältnismäßiger
-Sicherheit!
-
-Inzwischen hatte sich Oberst Geschow abgekehrt und begann wieder klirrend
-auf der Plattform auf und nieder zu schreiten. Dabei warf er von Zeit zu
-Zeit unter seinen grau überbuschten Augenbrauen einen ungehaltenen Blick
-auf den Störer jenes bürgerlichen Einvernehmens, an dem dem Kommandanten
-augenscheinlich so viel gelegen war. Plötzlich trat er an einen Tisch voll
-Akten, Listen und Papieren und riß einen Brief hervor, um das Schreiben,
-sobald er es überflogen, heftig in kleine Stücke zu zerreißen.
-
-»Sie kennen den Fürsten Dimitri Fergussow also persönlich?« warf er
-gereizt hin.
-
-»Ich habe den Vorzug,« entgegnete der Konsul aufhorchend.
-
-Jetzt klirrte der Oberst die Stufen herunter und pflanzte sich ganz dicht
-neben Rudolf Bark auf. Hastig riß er an seinem starren grauen Schnurrbart.
-
-»Zu unangenehm,« schimpfte er halblaut, und man sah es ihm an, wie sehr
-er diese Amtshandlung verwünschte. »Ich mache kein Hehl daraus, verehrter
-Herr, mir liegt nichts an dem Wirtschaften mit Pulver und Blei oder mit
-Strick und Galgen hinter der Front. Aber ist es nicht schändlich,«
-fuhr er grimmig auf und stampfte mit dem Fuß, »daß Sie die kaum warm
-gewordene Behörde zu solchen Maßnahmen zwingen? Glauben Sie vielleicht,
-Ihre Leute würden anders handeln? Es mag ja möglich sein, daß für Sie
-gewisse Milderungsgründe in Betracht kommen -- ich gebe es zu,« schrie
-er empört und schlug mit der Faust durch die Luft -- »aber =sacré nom
-de dieu=, das alles erspart Ihnen keineswegs das Kriegsgericht. Es tut mir
-leid, Herr Konsul, Ihnen das ankündigen zu müssen, und Sie sind sich wohl
-auch über die Folgen klar.«
-
-»Ja,« sagte der Konsul ruhig und sah zu Boden.
-
-Der Oberst maß ihn eine kurze Weile und riß von neuem an seinem Bart,
-bis er endlich, knurrend und fluchend, die drei grünen Stufen abermals
-hinaufstieg. Kaum aber war er an dem Aktentischchen angelangt, so schlug
-er mit der Faust unter die Papiere und wandte sich ruckartig zurück. Im
-nächsten Moment ließ er sich in einen der Magistratssessel sinken, schlug
-die Arme untereinander und sah starr nach oben auf die bunt bemalte Decke.
-
-»Ein weiteres Eingreifen von mir ist ausgeschlossen,« preßte er sich zum
-Schluß ab. »Das einzige, was ich in diesem besonderen Falle tun konnte,
-das ist bereits erledigt. Ich habe bei unserem Auditoriat veranlaßt,
-daß Ihre Angelegenheit hinter der Front, in unserer nächsten
-Gouvernements-Stadt verhandelt wird.« Und als er eine stumme Frage in
-den Augen des Konsuls wahrzunehmen glaubte, fuhr er in seiner kurzen Weise
-fort: »Sie haben dort den Vorteil der gründlicheren Untersuchung, was bei
-der Schwere Ihres Vergehens hier nicht möglich ist.« Damit hob er den Arm
-und revidierte die kleine Armbanduhr auf seinem Handgelenk. »Es ist
-jetzt ein Viertel nach sieben,« stellte er fest. »Ist der Wagen für
-die Herrschaften bereits vorgefahren?« wandte er sich an den jungen
-Unterleutnant.
-
-Dieser öffnete die bunte Glastür, rief etwas heraus und meldete darauf,
-daß das Gefährt schon vor dem Tor des Rathauses hielte.
-
-»Nun gut, ich danke Ihnen.« Der Oberst erhob sich, und ohne seinen
-gesenkten Blick von den herumliegenden Akten abzulenken, sprach er mit mehr
-innerer Bewegung als bisher: »Dann fahren Sie alle mit Gott, meine Herren.
-Ich hoffe, daß Sie die Berechtigung meiner Maßnahmen einsehen, und ich
-wünsche, wir könnten uns alle als zufriedene Untertanen des Zaren und
-als Bürger eines beruhigten Staatswesens wiederfinden. Für Ihre
-Verproviantierung ist gesorgt. Sie sind entlassen.«
-
- * * * * *
-
-Ein Leiterwagen, dessen beide Innenseiten man mit zwei langen Sitzbrettern
-versehen, das war die würdige Equipage, die man für die als Geiseln
-bestimmten Magistratsherren ausgesucht hatte. Der Fußboden war kräftig
-mit Stroh beschüttet und sowohl vorn neben dem uniformierten Kutscher,
-als auch auf dem letzten quergestellten Sitzbrett hockten ein paar
-Infanteristen mit aufgepflanztem Bajonett.
-
-»Bitte, nehmen Sie Ihre Plätze ein, meine Herren,« forderte der junge
-Balte auf, der als Führer des Transportes zu dienen schien; und mit einem
-gefälligen Lächeln wandte er sich an Rudolf Bark: »Herr Konsul, Sie
-wünschen vielleicht neben der Ihnen bekannten jungen Dame zu sitzen? Ich
-habe nichts dagegen.«
-
-Dem Angeredeten schlug das Herz. Herr im Himmel, dort am Ende des Wagens,
-direkt vor der Wachmannschaft, da lehnte Isa in ihrem grauen Regenmantel,
-und der schwarze Lackhut krönte so kleidsam ihr feines, schmales Haupt,
-als ob es Gott weiß zu welcher Lustfahrt ginge. Als sie ihres Freundes
-ansichtig wurde, da warf sie sich herum, musterte ihn von Kopf bis zu den
-Füßen und winkte dann lebhaft mit der Hand. In dem blassen Antlitz zeigte
-sich nicht mehr eine Spur von Furcht oder Bedrückung, ja, sie lächelte
-sogar, da der Kaufmann nun auf die Deichsel sprang, um dann über das
-raschelnde Stroh bis an ihren Sitz zu gelangen. Und das erste, was der
-Rotkopf äußerte, das war in der Tat eine Bemerkung, die darauf
-schließen ließ, wie das gestern noch so zitternde Ding sich bereits an
-Gefangenschaft, Druck und Gefahr gewöhnt habe.
-
-Ach, diese ahnungslose Jugend, dachte Rudolf Bark unwillkürlich, als er
-sich mit einem herzlichen Händedruck neben dem Mädchen niederließ und
-nun gewahrte, wie sie den Zeigefinger ihrer Rechten voller Abscheu gegen
-seine Kopfbedeckung ausstreckte.
-
-»Aber um Gottes willen, Herr Konsul, wie kommen Sie zu diesem
-fürchterlich fettigen Schmalztopf?«
-
-Und wirklich, sie lachte hell auf, was von den drei russischen
-Infanteristen hinter ihr mit gutmütigem Kopfnicken begleitet wurde. Allein
-der Konsul ging auf den Scherz nicht ein.
-
-»Isa,« flüsterte er hastig und sah ihr voll in das Gesicht, »sind Sie
-heil und gesund? Und hat man Sie ordentlich verpflegt, mein Kind?«
-
-»Vollkommen, Herr Konsul.« Und ohne die geringste Befangenheit setzte sie
-hinzu: »Denken Sie sich, man hat mich sogar in Ihr Bett stecken wollen,
-ich habe es aber höflich dankend abgelehnt.«
-
-Rudolf Bark maß das frische, unbekümmerte Gesicht von neuem. Er wollte
-eigentlich so etwas erwidern, wie: »es wäre auch für mich zuviel der
-Ehre gewesen,« aber die bange Erwägung, daß er an dem Ungemach der
-Kleinen die Hauptschuld trüge, schlug die aufspringende Lebenslust sofort
-wieder zu Boden. Zu weiteren Eröffnungen blieb keine Zeit, denn inzwischen
-hatten die Geiseln unter der Führung ihres weißbärtigen Bürgermeisters
-auf den gegenüberliegenden Bänken Platz genommen, ein Korb mit
-Eßvorräten und eine Laterne wurden noch in den Wagen verladen, und
-nachdem als letzter Unterleutnant von Karström das Gefährt bestiegen, da
-drohte der Soldat, der die beiden kräftigen Pferde lenkte, unter Schreien
-und wildem Rufen gegen die Volksmenge, die den traurigen Transport von
-Anfang an umlagert hatte.
-
-»Sehen Sie, Herr Konsul,« zeigte Isa, »da haben sich auch die Frauen und
-Verwandten der Senatoren eingefunden. Pfui, sie weinen und schreien. Ich
-möchte mir die Ohren zuhalten.« Und sie wandte sich ab und sah starr
-und hochmütig auf die Zacken und Giebel der Sebaldus-Kirche, um die das
-Abendrot seinen glühenden Mantel schlang.
-
-Wiehernd zogen die Pferde an, rasselnd und in heftigen Stößen ging es
-über den Marktplatz. Aber gerade, als sie in die Hauptverkehrsader der
-Stadt einlenkten, wo der Konsul sich noch einmal zurückwandte, um mit
-einem ernsten, abschiednehmenden Blick nicht nur sein Geschäftshaus,
-sondern auch das herrliche ehrwürdige Bauwerk der Kirche mit ihren
-grün-schwarzen Dächern zu umfangen, da bemerkte Isa befremdet, wie der
-Gefährte neben ihr plötzlich zusammenschreckte. Unvermittelt beugte er
-sich nach rückwärts, legte die Hand über die Augen und spähte aus, wie
-jemand, vor dem eine ganz unerwartete, schreckhafte Gestalt emporsteigt.
-Nur eine Sekunde. Dann schwenkte der Leiterwagen völlig in die Seitengasse
-herum, und Platz und Kirche versanken hinter gleichgültigen Mauern.
-
-»Lieber Freund,« fragte das Mädchen, das sich nicht länger
-zurückhalten konnte, warm, und ihre Stimme klang teilnehmend und
-eindringlich, »sahen Sie dort etwas Unangenehmes?«
-
-Der Kaufmann saß schon wieder ganz ruhig, nur die verzogene Stirn und
-das Nagen an der Unterlippe verrieten noch eine nicht überwundene innere
-Bedrängnis. Dennoch lächelte er wegwerfend, wie es seine Art war.
-
-»Nicht das geringste, mein Kind,« versicherte er mit angenommener
-Gleichgültigkeit, »ein ganz bedeutungsloser Bekannter fiel mir auf,
-nichts weiter.«
-
-Nach dieser Ausflucht, deren hohle Fadenscheinigkeit das Mädchen sofort
-durchschaute, schwiegen beide, und der Konsul beugte sich herab und sah
-angelegentlich auf die Strohhaufen zu seinen Füßen nieder. Aber auch auf
-den gelben Halmen kehrte die Erscheinung, die den Kaltblütigen so außer
-Fassung versetzt hatte, in winzigem Ausmaß und doch grell und farbig
-zurück. Eine rote Ziegelnische der Sebaldus-Kirche buchtete sich dort aus,
-und hinter einer schwarz verräucherten Ecke tauchte vorsichtig, behutsam
-ein weißgescheiteltes Haupt hervor. Trotz der großen Entfernung erkannte
-der Herr des »Goldenen Becher« ganz deutlich dieses stechende, schwarze
-Augenpaar, das sich sofort betroffen senkte, als es sein Ziel erreicht
-zu haben glaubte. Unmutig scharrte der Kaufmann mit dem Fuß über
-das raschelnde Stroh, als könnte er seine eigene Beängstigung damit
-fortwischen. Allein seine ausschwärmenden Gedanken ließen sich weder
-binden noch fesseln. War der Mann hinter der Kirchenmauer wirklich der
-Kammerdiener Pawlowitsch gewesen? Gar kein Zweifel. Aber aus welchem Grund
-hatte sich der Mensch gerade beim Hereinbrechen der Gefahr aus dem Hause
-entfernt, um es nicht wieder zu betreten? Und weshalb suchte er sich auch
-jetzt zu verbergen? Nur aus Feigheit? War es denkbar, daß diese Slawen
-ihren Rasseverwandten an goldenen Banden zu sich herübergezogen hatten?
-Hastig hob Rudolf Bark das Haupt und ließ seinen forschenden Blick eine
-kurze Weile auf den plumpen unintelligenten Gesichtern der drei Wächter
-auf dem Rücksitz ruhen.
-
-Die Gesellschaft arbeitete ja mit solchen Mitteln. Aber welche
-Gegenleistung konnte ihnen eine so untergeordnete Persönlichkeit wie
-Pawlowitsch bieten? Oder sollte die Bestechung und Unterwühlung der
-unteren Volksschichten hier bereits ganz gewöhnlich und allgemein geworden
-sein?
-
-Er schauerte ein wenig zusammen, denn ein Luftzug von den nahen Landseen
-strich mit plötzlicher Kälte über die Fahrenden dahin. Zu gleicher Zeit
-glitt Isas Hand an seinen Arm entlang.
-
-»Frieren Sie, Herr Konsul?« fragte sie besorgt.
-
-»Ich?« Der Kaufmann raffte sich zusammen. »Keine Spur, liebes Fräulein,
-obwohl eine größere Reichhaltigkeit unserer Toiletten ja nicht ganz von
-der Hand zu weisen wäre.«
-
-Von der langen Seitenbank wurde eine schüchterne Stimme laut:
-
-»Ich werde an unserem Bestimmungsort für den Bedarf der Herrschaften an
-Kleidungsstücken, soweit es mir möglich ist, zu sorgen versuchen,« warf
-der russische Unterleutnant, der dem Paar gegenüber saß und das letzte
-wohl aufgefangen hatte, höflich dazwischen.
-
-Und dann hörte man eine lange Zeit nichts als das Rollen der Räder
-und das Knallen der Peitsche. Auf den Feldern rechts und links von der
-Fahrstraße schwamm noch der Abglanz eines glühenden Sonnenunterganges.
-Die hohen reifen Halme senkten ihre schweren Häupter der Erde entgegen,
-und ein leichter Nebel tanzte um die Ufer der fernen Landseen. An dem noch
-mattblauen Himmel stand die volle goldene Scheibe des Mondes, und aus
-den Feldern drang stark und unablässig das tausendfältige Singen und
-Schwingen der Heimchen.
-
-Es war der Friede eines deutschen Sommerabends, wie man ihn oft achtlos
-durchwandert und genossen. Aber den Vorüberfahrenden bedrückte all
-diese süße Heimlichkeit ahnungsvoll das Herz. Noch eine kurze Weile
-des Schweigens und dann durchrasselten sie den kleinen Marktflecken
-Schorweiten. Gottlob, all die winzigen schindelgedeckten Häuschen zeigten
-sich noch unversehrt, das struppige Strohdach des uralten Kirchleins senkte
-sich noch immer fast bis auf den Boden herab, nur statt der spielenden
-Kinder liefen auf dem Kirchplatz viele kleine, herrenlose Hunde kläffend
-durcheinander. Scheuchend schlug der russische Kutscher mit der Peitsche
-nach ihnen. Aber wo waren die Bürger, die bisher hier geweilt hatten?
-Nicht ein einziger war mehr zu entdecken. Statt ihrer, die die Windsbraut
-des Krieges längst in das Innere der Heimat geschmettert hatte, sah man
-überall die russischen Besatzungsmannschaften vor den offenen Türen auf
-Bänken und Stühlen sitzen, und die Vorüberfahrenden gewahrten, wie
-die Fremden das zurückgebliebene Gerät der Abwesenden rücksichtslos
-benutzten.
-
-Vorbei.
-
-Dunkler und dunkler wurde es. Aus den Pappeln und den Kirschbäumen des
-Weges rief nur noch die Schwarzdrossel ihren vollen kräftigen Schlag,
-und im Lichte des Mondes warfen das Gefährt und seine Insassen bereits
-huschende Schatten. Seltsam, einer der Ratsherren sprach halblaut ein paar
-Strophen aus dem Lenauschen Gedicht »Der Postillon«:
-
- »Wald und Flur im schnellen Zug
- Kaum gegrüßt -- gemieden;
- Und vorbei, wie Traumesflug,
- Schwand der Dörfer Frieden.«
-
-Der glattrasierte alte Mann wollte keinerlei Rührseligkeit erzeugen, aber
-um so stärker und inniger griffen diese deutschen Laute an das Gemüt der
-Gefangenen.
-
-Ganz eigenartig, dachte Konsul Bark. Anstatt sich in unnütze Vermutungen
-über das sie erwartende Los zu ergehen, geben sich diese harten
-Geschäftsmenschen der Erinnerung an die halbvergessenen Poesien eines
-Dichters hin. Das entspricht wohl am tiefsten unserem Wesen.
-
-Und davon mitteilsamer gemacht, ergriff die Hand des Kaufmanns unbemerkt
-die Finger seiner Gefährtin, und während er sie tröstend drückte,
-fragte er sorgsam:
-
-»Liebes Kind, Sie sehnen sich gewiß nach Haus und Schwestern zurück,
-nicht wahr?«
-
-Aber die Antwort, die ihm wurde, ließ ihn vollkommen verstummen.
-
-»Oh nein, Herr Konsul, was würde denn aus Ihnen werden, wenn ich jetzt
-nicht für Sie reden und eintreten könnte? Ganz gewiß, ich freue mich
-furchtbar, daß auch ich einmal eine solche Wichtigkeit habe.«
-
-Fort ging es über die letzte Bodenwelle der Heimat, tief unter den von
-dannen Geführten blinzelten bereits aus dem großen dunklen verschlafenen
-Land einzelne Lichter der Fremde herauf.
-
- »Weiter ging's durch Feld und Hag
- Mit verhängtem Zügel;
- Lang' mir noch im Ohre lag
- Jener Klang vom Hügel.«
-
-
-
-
-II.
-
-
-Gewitterbange Wolken grollten über Maritzken dahin. Die russische
-Invasion, die zuerst nur in stoßweisen Überfällen sich einzelner
-Grenzstädte und des dazu gehörigen schmalen Hinterlandes bemächtigt
-hatte, schlug nun planmäßig in breiter Woge über das Land und grub
-ein weites fruchtbares Gebiet, das von arbeitsamen, ernsthaften und
-lernbegierigen Menschen erfüllt war, von seinem natürlichen Zusammenhang
-ab. Nicht nur wenige kecke Truppenkörper, sondern eine ganze Armee,
-deren Glieder eng miteinander verbunden waren, hatte jetzt ihren Vormarsch
-angetreten, und die Bewohner von Maritzken sahen in bunter Folge fast alle
-Waffengattungen ihrer Bedränger auf dem Durchzug bei sich einquartiert. In
-dem Herrenhause kampierte dann häufig die Generalität mit ihren
-Stäben. Elegante Herren, die in blitzenden Equipagen vorfuhren und deren
-anspruchsvolle Gewohnheiten noch nicht auf den Krieg eingestellt waren.
-Sie tauchten in der Nacht auf, entfesselten ein tolles Gewimmel,
-Feldtelegraphen spielten und Flieger senkten sich herab, um am nächsten
-Morgen fast spurlos wieder zu verschwinden. Von den deutschen Heerscharen
-aber hörte man vorläufig nur, daß sie sich damit begnügten, an den
-Grenzen des aufgegebenen Landes eine dünne Kette gezogen zu haben, die
-elastisch zurückprallte, sobald der Gegner mit eisernem Stoß gegen sie
-ausholte. Aber merkwürdig, nach dem Aufeinandertreffen fanden sich die
-metallenen Glieder wieder stets zusammen, und die dünne Kette hing
-noch immer störend und drohend vor dem weiteren Wege der Eroberer. Die
-vermaledeite eiserne Schnur sperrte auf eine geradezu lächerliche Art die
-Straße nach Berlin.
-
-Daher kam es, daß einzelne Etappen nicht weiter nach vorn geschoben
-werden konnten, sondern gezwungen waren, sich an ihren zuerst eingenommenen
-Standorten gewissermaßen anzusiedeln. Auch Fürst Fergussow war von diesem
-Los betroffen. Und obwohl das Stilliegen auf dem einsamen ostpreußischen
-Gutshofe dem verwöhnten Kavalier manchmal langweilig und unerträglich
-deuchte, so gab es doch auch Stunden, wo dem Sohne der halbasiatischen
-Großstadt das Verweilen in der frischen Landluft und in dieser gut
-geordneten Wirtschaft, deren Betrieb er hier und da sogar zu fördern
-versuchte, als eine Gesundung und ein Erwachen erschien. Außerdem --
-selbst in diesem weltvergessenen Winkel fanden sich ja für ihn gewisse
-heimliche Reizungen, die ihn nun einmal in lieblicher und lockender Gestalt
-verfolgten, wo er auch immer sich befand, mochte er sie verschmähen oder
-herbeiwünschen.
-
-Es war an einem Vormittag des Spät-August. Über dem herbstlich reifen
-Lande leuchtete einer jener glashellen Tage, wie sie in solch stiller,
-lautloser Melancholie und Herbheit nur das östliche Grenzgebiet kennt.
-Alles Kriegerische war von dem weißen Gutshofe heute verweht und
-abgestreift. Nur ein einzelner Dragoner hatte sein Pferd dicht an die
-Tränke gebunden, und während er ein heiteres Liedchen pfiff, striegelte
-er dem Tier achtsam das glänzend braune Fell. In der Luft klang ein
-Summen vorüberschwärmender Bienen, die blütenträchtig ihren Stöcken
-zustrebten, und dazwischen schlug manchmal das seltsame Gurgeln und die
-tiefen Kehllaute von ein paar unsichtbaren Lachtauben, die sich irgendwo
-unter den vollen Kronen des anstoßenden Gartens verborgen hielten. Hinter
-dem allen aber tönte unablässig das silberne Klirren der Sensen, die, von
-den fremden Eindringlingen geführt, ihre scharfe Schnittarbeit besorgten.
-
-Aber es war nicht dieser stille Gesang eines vorgetäuschten Friedens,
-der den Fürsten Fergussow so hartnäckig von dem Studium eines Bandes
-Hebbelscher Dramen ablenkte, dem er sich bis jetzt mit sichtlichem Genuß
-an dem offenen Parterrefenster seines Zimmers hingegeben. Nein, es war ein
-Bild, eine Darbietung, eine Szene, von der er mit lächelnder Ironie und
-ohne große Überhebung ahnte, daß sie allein für ihn, den einzigen
-Beschauer, gestellt würde. Mitten auf dem Hofe, gerade seinem Fenster
-gegenüber, war nämlich ein mächtiger blau und weiß gestrichener
-Balken eingerammt, und auf ihm erhob sich, fast in der Höhe des ersten
-Stockwerks, ein achteckiges Taubenhaus, auf dessen unterer Plattform sich
-im Moment die schneeweißen Bewohner drängten und wieder vertrieben.
-Wahrlich, die geflügelte Schar besaß einigen Grund dazu, denn unter
-ihnen, leicht an den Pfahl gelehnt, streute Marianne aus einem Körbchen
-dem beschwingten Volk einen goldgelben Regen von Weizenkörnern und Erbsen
-hin. Ein ewiges Flattern und Flügeln rauschte um die ebenmäßige Gestalt
-herum, und es bot einen heiteren und lockenden Anblick, wenn sich aus dem
-weißen Schneetreiben ein besonders keckes Tierchen auf der Schulter der
-blühenden Spenderin niederließ und es sogar duldete, daß sich das
-dunkle Haupt des Mädchens für eine Sekunde kosend an das weiche Gefieder
-schmiegte. Die goldenen Ströme flossen herab, und immer öfter wagten sich
-zwei bis drei zahme Tauben auf den gefällig gebogenen Arm.
-
-»Der Teufel selbst fürchtet sich vor dem Weibe,« dachte Dimitri
-Sergewitsch, indem er sich an ein russisches Sprichwort erinnerte. Er
-lehnte sich in seinen Fauteuil zurück und gab sich den Anschein, seine
-Lektüre eifrig weiter zu verfolgen. Allein die schwarzen Augen, die durch
-das Schneegewimmel hindurchleuchteten, zogen ihn stets von neuem von den
-gedruckten Blättern ab und zu sich herüber. »Ein verwünschtes Spiel,«
-fuhr es dem Gardeoffizier, der es doch gewohnt war, den ihm gereichten
-Becher auf den ersten Zug zu leeren, durch den Sinn. »Wie lange soll
-diese Neckerei noch dauern? Ist es wirklich möglich, daß ich die dumme
-Ehrfurcht vor der blonden Riesin, die jeden meiner Schritte mit ihren
-stahlharten blauen Augen belauert, nicht überwinden kann? Wie oft soll
-diese gefällige Hexe da drüben noch rufen? Es ist wahr, die deutsche
-Philosophie und die germanische Gründlichkeit machen mich allmählich
-bescheiden und mutlos.«
-
-Und er stützte den Arm auf das Fensterbrett und nickte dem schönen
-Geschöpf beifallspendend zu. Marianne grüßte wieder, verzog die Lippen
-zu einem Lächeln und wandte das Haupt ein wenig verlegen ab. Vor Männern,
-die ihre Einbildungskraft beschäftigten, zeigte sie fast stets ein solch
-verschämtes Lächeln, ›als ob sie sich jeden Augenblick zu entschuldigen
-hätte‹, dachte Fürst Fergussow, ›weil sie nackt und bloß dastehe‹.
-Und von diesem Gedanken entzündet, wurden die Augen des Obersten beredter
-und sprechender. Eine jener gefährlichen Unterhaltungen begann, die ohne
-Wort noch Zeichen die Urgründe der Natur aufwühlen und eine unverschämte
-Vertraulichkeit herbeiführen, die ein späteres Zurückweichen kaum
-mehr duldet. Langsam stieg eine feine Röte über die dunklen Wangen
-der Abgewandten, und ihre Hand, die das Futter streute, strich manchmal
-verstohlen über das durchbrochene weiße Gewand. Jetzt trafen die Blicke
-der Beiden für eine Sekunde tief und leuchtend aufeinander.
-
-»Warte,« dachte der Oberst am Fenster, während er äußerlich wieder
-seinen liebenswürdigen Gruß entbot, »diesmal schützt dich deine
-Walküre nicht mehr. Es wird ja nicht hinterher gleich ein Weltuntergang
-folgen. Nun, und wenn --« er zuckte leichtsinnig die Achseln -- »wer hat
-uns hier etwas zu gebieten? Im übrigen, die Schwarze sieht so aus, als
-ob sie kleine Geheimnisse zu bewahren verstünde. Nicht wahr, du heißes,
-trunkenes Geschöpf?« sprach es deutlich aus seinen Mienen.
-
-Und Marianne schlug die Augen nieder.
-
-Da trat etwas aus einem der weißen Wirtschaftsgebäude. Und kaum hatte der
-Russe die hohe Gestalt in dem blau und weiß gepunkteten Kleid erkannt,
-da versenkte er sich auffallend schnell in das von der Walküre entliehene
-Buch und schien von der tiefgründigen dichterischen Kraft, die sich hier
-entfesselte, derartig gepackt, daß er kein Wort von dem Disput auffing,
-der sich ganz in seiner Nähe zwischen den so verschiedenen Schwestern
-erhob. Mit ihrem festen gebieterischen Schritt hatte sich Johanna
-genähert. Ihre Rechte umklammerte weit ausgestreckt den hell
-angestrichenen Pfahl, und es sah prachtvoll aus, wie sie jetzt ihre Glieder
-reckte, um einen Moment finster ihr blondbezopftes Haupt zur Erde zu
-neigen.
-
-»Was soll diese Verschwendung von Futter?« fragte sie nach einer Weile
-ungehalten. »Geh, liebes Kind, auf dich wartet eine Arbeit, die du besser
-verstehst. Ich habe dir in deinem Zimmer einen Brief an unsere Schwester
-Isa niedergelegt, für dessen Besorgung ich Seine Durchlaucht, den Fürsten
-Fergussow, zu interessieren hoffe. Es wird dich gewiß drängen, einen
-Gruß anzufügen. Mach schnell.«
-
-»Die ewigen Tinten-Klecksereien,« widersprach Marianne gereizt, »es wird
-noch Zeit haben.«
-
-»Es hat keine Zeit,« damit hob Johanna das Haupt, und während ihr
-angespannter Arm noch immer das Holz nicht freigab, sprühte aus den harten
-blauen Augen ein Strahl der Verachtung. »Es ist wichtiger, wenn das arme
-Kind ein paar Tage früher eine Nachricht von uns erhält, als« -- sie
-warf den Kopf geringschätzig zur Seite.
-
-»Nun, als --?« nahm Marianne in unterdrücktem Zorn auf.
-
-»Als diese dummen Spielereien hier,« vollendete die Ältere, unbekümmert
-darum, ob der fremde Offizier etwa ihre Meinung und ihre Absicht verstehen
-könne.
-
-Da schleuderte die Schwarze das Körbchen mit einer sie entstellenden
-Gebärde des Abscheus mitten unter die auseinanderstäubenden Tauben,
-raffte ihr Kleid zusammen und lief stürmisch über den Hof. Aber selbst
-in diesen Bewegungen einer ungewollten Wildheit verleugnete sich der ihr
-eigene Reiz so wenig, daß durch dieses Dahinstürmen sogar ein zweiter
-Beobachter, von dem die Enteilende in der Tat gar nichts ahnte, in eine
-dumpfe Verzweiflung versetzt wurde.
-
-Hinter den Gardinen, an einem der Fenster des oberen Stockwerkes, hatte
-sich nämlich während dieser ganzen Zeit ein bärtiges Männergesicht
-abgezeichnet. Zuweilen war auch an dem durchbrochenen Tüll von einer
-Faust heftig gezerrt worden. Jetzt aber wurde der Stoff rücksichtslos
-zurückgeworfen, und das krankhaft eingefallene Antlitz des Rittmeisters
-Sassin preßte sich hartnäckig gegen das Glas. Dann bog der Kranke seine
-Arme nach rückwärts, um in aufspringender Wut auf dem schmerzenden
-Rücken herum zu hämmern.
-
-»Daß man das mit ansehen muß,« hüstelte er und wankte matt durch
-die kleine Stube. »Unser großer Suworow hatte recht, die Kugel ist eine
-Närrin. Sie trifft immer den Falschen. Nein, nein, mein Anstand sträubt
-sich gegen einen solchen Skandal. Man muß ihn abwenden. Man muß ihn
-durchaus ans Licht ziehen.« Und er warf sich auf das kleine Sofa,
-schleuderte Kissen und Decken mitten auf den Estrich, und aus seinen
-großen verzweifelten Kinderaugen perlten wirkliche Tränen.
-
-Inzwischen klopfte es an die Tür des Fürsten Dimitri. Dieses harte und
-energische Pochen kannte Seine Durchlaucht allmählich. Es verursachte ihm
-stets einen leichten Schrecken. Beim Zeus, es war zum mindesten seltsam,
-wie sehr es dieses blonde Germanenweib verstanden hatte, beständig eine
-Art ehrfürchtigen Respekts bei ihm wach zu erhalten. Wenigstens so lange
-sie mit ihm in ihrer geschäftlichen, nüchternen Weise sprach. Sie hatte
-dann eine solche selbstverständliche abgegrenzte Ruhe, und sie bewegte
-sich stets in so sachlichen und dem Tage angehörenden Erörterungen, daß
-es dem gewandten Weltmanne schändlich dünkte, diese hausbackene Gradheit
-irgendwie zu anderen Gedanken zu drängen. Und doch, manchmal wunderte sich
-der Fürst und gestand sich zu, daß jene langweiligen und grundgescheiten
-Deutschen doch wohl imstande seien, selbst einem erfahrenen Menschenkenner
-einige Rätsel aufzugeben. Wie kam es zum Beispiel, daß ein derartig an
-das Praktische und Gewöhnliche gebundenes Geschöpf in den wenigen
-Stunden seiner Muße eine Lektüre bevorzugte, die selbst ihm, dem
-überall herumschwärmenden Kunstliebhaber, wegen ihrer Tiefe und grausamen
-Unerbittlichkeit ein leichtes Frösteln einjagte?
-
-Zu närrisch. Jedenfalls eines war sicher: zum erstenmal in seinem Leben
-ertappte sich der leichtfertige Held der Petersburger Boudoirs darauf, wie
-er ängstlich bemüht war, jeden unstatthaften Gedanken gegenüber
-diesem Weibe, das ihm doch so nahe weilte, sofort wenn er auftauchte,
-zu unterdrücken. Und doch konnte er es nicht hindern, daß in ihrer
-Abwesenheit die stolze kraftgebändigte Fülle ihrer Erscheinung
-ihn ängstigte und beunruhigte. Ja, in den Träumen dieser heißen
-Augustnächte war es dem bedrückt Atmenden schon öfter vorgekommen, als
-habe ein entsetzliches Ringen zwischen ihm und den schweren Gliedern der
-Germanin angehoben.
-
-An der weißen Tür wiederholte sich das Pochen, und Fürst Dimitri sprang
-auf und legte sorgsam sein Buch auf die aufgeschlagene Seite. Dann rief
-seine klangvolle Stimme: »=Entrez=.«
-
-»Ah, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort, als er die hohe Gestalt
-seiner Gastgeberin gewahrte, und sofort sammelte sich auf seinen Zügen
-jener sonnige Glanz, der dem ernsthaften Mädchen von Anfang an so
-unverständlich geblieben war, »welcher wirtschaftlichen Berechnung
-verdanke ich heute das Glück Ihres Besuches? Ich hoffe, es ist nichts
-geschehen, was gegen mein Versprechen des strengen Ordnunghaltens
-verstößt?«
-
-»Doch, Durchlaucht,« entgegnete unbeirrt Johanna, die einen kleinen
-Zettel hervorzog und dabei die auf einen Sessel deutende Handbewegung des
-Offiziers übersah. »Und in diesem Falle wird mir der Weg nicht leicht.«
-
-»Das bedaure ich außerordentlich, verehrtes Fräulein. Ich denke, ich
-habe in meiner schwierigen Position nichts versäumt, was mir Ihr Vertrauen
-hätte erwerben können. Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«
-
-»Oh danke, Herr Oberst.«
-
-Dimitri verzog ein wenig den sprechenden Mund.
-
-»Nun dann offenbaren Sie mir wenigstens Ihre Beschwerden,« sprach er
-rascher, denn es verletzte ihn, daß sich diese Nemza eine Verhandlung mit
-ihm nie ohne Anklagen denken zu können schien. »Welche Schandtaten haben
-wir wieder begangen?«
-
-Der seltsam betrübte Ton des hübschen Menschen wollte ein Lächeln auf
-die Lippen Johannas zaubern -- und der Fürst sah diesen strengen Mund
-sehr gern sanfter werden -- aber die Erinnerung daran, wie das Treiben
-und Wirken der Fremden in all seiner Verachtung und Verständnislosigkeit
-wirklich ein unfaßbares Unglück für ihr Land bedeute, all das verjagte
-die aufspringende Heiterkeit vollkommen. Über ihre Stirn legte sich eine
-leichte Falte. Und sie sah jetzt älter aus, wie bisher.
-
-»Es sind durchaus keine Schandtaten, Durchlaucht,« begann sie
-gefaßt, »sondern wohl mehr Versäumnisse. Aber da es sich um eine
-Geldangelegenheit handelt, -- --«
-
-»Eine Geldangelegenheit?« rief der Fürst, sie anstarrend, dazwischen.
-»Und die wollen Sie mit mir besprechen? =Fi donc!=«
-
-Aber Johanna ließ sich nicht aus ihrer Ruhe schrecken.
-
-»Ich habe erwartet,« fuhr sie einfach fort, »daß Sie mein Begehren
-wahrscheinlich sehr absonderlich finden würden. Ich bin auch vollkommen
-auf eine Abweisung vorbereitet.« --
-
-»Oh bitte!«
-
-»Aber ich bin es der Verwaltung, die ich hier führe, und meinen
-Schwestern schuldig, wenn ich mich bis zum Äußersten einer
-Benachteiligung widersetze.« Hier hob das blonde Mädchen den Zettel
-ein wenig und schien ein paar Zahlenreihen zu durchfliegen. »Durchlaucht
-werden sich erinnern,« sprach sie rasch weiter, »daß mir hier gleich zu
-Anfang zugesichert wurde, es würde jede Entnahme bar bezahlt werden.«
-
-Fürst Fergussow ließ sich langsam in seinen Sessel gleiten. Es war nicht
-zu leugnen, er fand alles, was die Nemza jetzt vorbrachte, ja ihre ganze
-Art, abscheulich. Wie taktlos sich die deutschen Frauen gebärden konnten.
-Eine solche Schacherei hätte eine vornehme Russin sich niemals zugemutet.
-Und die hölzerne Walküre schien ihr Beginnen zu alledem noch für ein
-lobenswertes Werk zu halten. =Fi donc -- fi donc!=
-
-»Soweit mir erinnerlich,« sammelte er sich endlich, wobei er sein
-Mißfallen mühsam zu verbergen suchte, »soweit mir erinnerlich, hat mein
-Regimentszahlmeister hier wöchentlich eine Abrechnung gehalten. Sollte
-dabei vielleicht etwas übersehen worden sein?«
-
-»Allerdings, Durchlaucht.« Johanna schritt dicht bis an das Fenster
-und legte ihren Zettel gerade auf das Buch. »Es betrifft nicht, wie Sie
-vielleicht zu meinen scheinen, Speise und Trank, sondern etwas, was in
-einer Landwirtschaft das Wichtigste bedeutet.«
-
-»Und was ist das?«
-
-»Getreide. Man hat mir hier fast den größten Teil meiner Hafer- und
-Roggenbestände gemäht und fortgefahren, -- ja, noch heute können Sie
-Ihre Leute hinter dem Garten sensen hören -- ohne daß man mir auch nur
-das Quantum oder die Zentner-Anzahl gemeldet hätte. Dagegen möchte ich
-jetzt bei Ihnen Einspruch erheben.«
-
-»Bei mir! Ah, was Sie sagen!« Der Fürst schlug das Bein leicht über das
-andere, sah auf seine glänzenden Lackstiefel herunter und bemühte sich,
-seine totale Ahnungslosigkeit nicht allzu sichtbar werden zu lassen.
-
-»Ich berechne mir meinen Schaden auf etwa 8-10000 Mark.«
-
-»So, so,« sagte der Fürst gleichgültig, »das bedeutet ja nicht viel.«
-
-Hier entstand eine Pause. Die blauen Augen der Deutschen vergrößerten
-sich immer mehr, und dem ungemütlich hin und her rückenden Offizier
-war es so, als hätte er noch nie in seinem Leben eine so derbe Lektion
-empfangen, als sie sich in dem hartnäckigen Schweigen der Nemza aussprach.
-Endlich rang sich die Blonde eine Erwiderung ab.
-
-»Durchlaucht,« sagte sie bitter, »ich kann vollkommen begreifen, daß
-einem Manne, der vielleicht an einem Abend diese Summe auf eine einzige
-Karte setzt, -- -- --«
-
-Fürst Dimitri vollführte eine lebhafte Bewegung. »Oh =pardon=, Sie
-täuschen sich, mein Fräulein,« entgegnete er hastig, »ich huldige dem
-Spiel nicht mehr. Längst darüber hinaus. Im Grunde eine geistlose und
-alberne Unterhaltung.«
-
-»Darüber habe ich nicht zu urteilen,« lehnte Johanna frostig ab, »ich
-wollte Ihnen nur bemerken, daß in meinem Einkommen dieser Posten eine
-bedeutende Rolle spielt.«
-
-Der Fürst stand auf, blickte ungewiß nach dem Schreibtisch und begann
-dort mit dem Schlüssel eines Faches zu spielen.
-
-»Ich verstehe wirklich nicht,« meinte er endlich unsicher, »warum
-sich die Regimentskasse nicht schon längst mit Ihnen abfand. Sie können
-überzeugt sein, dieses Hinauszögern entspricht durchaus nicht meinen
-Wünschen. Nur müssen Sie entschuldigen,« fuhr er stockend fort, und die
-aufrichtige Verlegenheit kleidete den hohen Herrn wirklich allerliebst, --
-»da ich niemals gewohnt war, meine Schatulle selbst zu führen, so weiß
-ich eigentlich nicht -- -- obwohl ich im Grunde nicht einsehe, was
-es Peinliches für Sie besitzen könnte, wenn ich mir erlaubte, diese
-Bagatelle selbst zu regeln. Das heißt, Sie müssen recht verstehen,«
-setzte er eifrig hinzu, als er die großen blauen Augen auf sich gerichtet
-fühlte, »ich verauslage die paar Rubel natürlich nur. Es ist in der
-Tat nicht der Rede wert, und Sie bereiten mir wirklich eine große Freude
-damit, den Fehler unserer Verwaltung etwas zu verkleinern. Nicht wahr, ich
-darf auf Ihre Zustimmung rechnen?«
-
-Die geschmeidige Gestalt des jungen Mannes stand jetzt hinter dem
-Schreibtisch, wo er langsam und geräuschlos eine der Laden aufzog. Das
-helle Sonnenlicht, das in breiter Bahn schräg durch die Seitenfenster
-hereinbrach, spielte auf seinen edlen klassischen Zügen und streute grelle
-Goldringe auf sein welliges braunes Haar. Betroffen starrte Johanna zu ihm
-herüber.
-
-Da -- da war es wieder! Die einfangende Erscheinung tauchte abermals auf.
-Das Bild aus ihrer Schlafkammer hatte Leben gewonnen, und das merkwürdig
-werbende, bittende Lächeln dieses feinen Mundes erregte in dem besonnenen
-Landfräulein ein solch schreckhaftes Entsetzen, daß ihr alles andre für
-eine Weile entglitt. Erst als die schmale Hand des Aristokraten eine Reihe
-fremdartiger Kassenscheine aus einem weichen juchtenledernen Portefeuille
-zu ziehen begann, da strömte ihr Leben und Überlegung zurück, und ein
-Widerstand, den sie sich in ihrer Verwirrung nicht zu deuten vermochte,
-lehnte sich gegen die Hilfsbereitschaft des vornehmen Herrn auf. Was
-wünschte sie eigentlich? Es war doch so selbstverständlich, daß sie das
-Entgelt für ihr entwendetes Eigentum annahm? Und doch, die Abneigung, die
-sie widerspruchsvoll erfüllte, litt es nicht. Eine tiefe Röte stieg in
-ihre Wangen, als sie mit sich kämpfend hervorstieß:
-
-»Verzeihen Sie, Fürst Fergussow -- ich möchte mir Ihren Vorschlag erst
-noch überlegen. Er verpflichtet mich Ihnen gegenüber so eigenartig, ich
-kann mich in die neu geschaffene Lage vorläufig durchaus nicht finden. Sie
-werden das begreifen.«
-
-Damit verneigte sie sich und wandte sich ohne weitere Förmlichkeit zur
-Tür. Es war beinahe ein Flüchten. Aber ein helles Lachen, das hinter ihr
-aufklang, hielt sie noch einmal zurück. Der Fürst hatte das Portefeuille
-achtlos auf den Schreibtisch geworfen, und in seinen dunklen Augen
-glitzerte es vor Spott und Ironie, als er jetzt leichtfüßig hinter der
-Abgewandten hereilte. Ja, in dem Bestreben, sie nicht völlig entweichen
-zu lassen, griff er nach ihrem Arm. Es war das erste Mal, daß er
-sie berührte. Und Johanna war es wieder, als dürfe sie eine solche
-Beleidigung nicht dulden. Heimlich zitterte sie vor Scham, weil sie vor
-diesem eleganten Laffen ihre Sicherheit nicht finden konnte.
-
-»Aber mein verehrtes Fräulein,« spottete Fürst Dimitri, »was sind das
-für spitzfindige Grübeleien? Ganz Ihr Landsmann Hebbel.« Er wies lachend
-nach dem Buch auf dem Fensterbrett. »Wer weiß, gegen welches System ich
-nun wieder verstoße. Wenn es Sie aber beruhigt, dann werde ich natürlich
-den unsichtbaren Zahlmeister herkommandieren, und Sie können sich mit ihm
-in die geheimnisvollsten Rechnungen vertiefen.«
-
-»Ja, es ist mir lieber so,« stimmte Johanna zu.
-
-»Vortrefflich. Und nun, meine Gnädigste, um nicht ebenfalls in den
-Verdacht zu geraten, mit fremdem Eigentum zu liebäugeln, so gestatten Sie
-mir wohl, Ihnen Ihren tiefgründigen Poeten wieder auszuhändigen.« Er
-griff nach dem Buche auf dem Fensterbrett und reichte den Band mit
-einer leichten Verneigung seiner Besitzerin. »Eine eigenartige Affäre
-übrigens, diese Judith-Angelegenheit,« sprach er angeregt weiter, und im
-Moment überfiel ihn der seltsame Einfall, als ob diese große Nemza
-mit einem blinkenden Schwert vor ihm aufrage. »Es ist schauderhaft, mit
-welcher philosophischen Gründlichkeit diesem armen Barbaren die Gurgel
-abgeschnitten wird. Der verschlafene Tropf kam ja gleichfalls etwa aus
-unseren Gegenden. Wenn man sich das so recht überlegt, sollte man sich
-vielleicht doch ein wenig mehr vor Ihnen in acht nehmen.«
-
-Johanna fuhr auf. Und in grenzenlosem Erstaunen kam es aus ihr heraus:
-»Vor mir? Welchen Grund hätten Sie dazu? Wir beide haben doch nichts
-miteinander abzumachen.«
-
-»Gott,« -- Dimitri Sergewitsch sah die Unmöglichkeit ein, mit dem
-starren Geschöpf zu einer Plauderei gelangen zu können. Die großen
-blauen Augen blieben einmal hart und empfindungslos. Offenbar vergaß
-sie nie, daß sie einem fremden, im Augenblick überfallenen und
-zurückgedrängten Volksstamm angehöre. Man tat zweifellos gut daran, sie
-auf ihrer dumpfen, kleinbürgerlichen Bahn zu lassen -- »Gott,« zuckte
-der junge Mann bereits etwas abgekühlter die Achseln, »ich bin doch nun
-einmal, was man mit einem sehr unvollkommenen Ausdruck ›Landesfeind‹
-nennt. Ich liege hier mitten in Ihrem Machtbereich, wo ich mich übrigens
-sehr wohl befinde, und wenn man Sie so sieht, mein Fräulein, so groß,
-entschieden und voll nachdenklicher Energie --«
-
-»Was dann?«
-
-»Dann könnte man vielleicht zu dem Entschluß gelangen, eine Leibwache zu
-halten oder des Nachts das Zimmer fester zu verschließen.«
-
-Johanna starrte den Sprechenden an. Dann versetzte sie hart und kurz,
-während sie bereits die Tür öffnete:
-
-»Sie scherzen natürlich. Etwas Derartiges haben Sie vorläufig nicht von
-mir zu befürchten.«
-
-»Ah, vorläufig,« wiederholte Dimitri verblüfft und strich spielend
-über sein braunes Haar. »Ihre Enthüllung interessiert mich ungeheuer,
-gnädiges Fräulein. Sind Sie denn so ganz ohne Haß gegen mich?«
-
-Die Blonde blieb ernsthaft.
-
-»Das nicht,« entgegnete sie wahrheitsgemäß und blickte zu Boden,
-»aber Sie müssen als Ausländer die Frauengestalt des deutschen Dichters
-mißverstanden haben. Mein Urteil ist natürlich gar nicht maßgebend, aber
-ich meine doch, die Judith handelte aus anderen Beweggründen.«
-
-»Und darf man die nicht erfahren?« fragte Fürst Fergussow gespannt.
-
-»Das hat keinen Zweck,« schnitt das Mädchen entschlossen ab, »ich
-könnte auch gar nicht ausdrücken, was ich meine.« Und in ihren gewohnten
-und frostigen Ton zurückfallend, forschte sie: »Haben Sie sonst noch
-Wünsche oder Befehle für mich, Durchlaucht?«
-
-Der Russe verschränkte seine Hände und führte mit ihnen eine
-verzweifelte Bewegung gen Himmel aus.
-
-»Ja, liebstes Fräulein,« rief er lebhaft, »Himmel und alle Heiligen,
-ich wünschte von Herzen, Sie einmal lächeln zu sehen.«
-
-Johanna stand schon auf der Schwelle.
-
-»Dazu habe ich leider keine Ursache,« entgegnete sie unbeirrt. »Guten
-Morgen, Durchlaucht.«
-
-»=Bon jour, bon jour=,« rief der Fürst wie befreit hinter ihr her.
-
-Und sich in den Schreibtischsessel werfend, riß er eine Karte hervor und
-studierte alle Straßen, die von diesem Gut fortführten. Der Aufenthalt
-auf Maritzken gehörte nicht immer zu den Annehmlichkeiten des Daseins.
-Kurze Zeit darauf rief er nach seinem Pferd, und Johanna, die eben
-die Gartentür öffnete, sah, wie er auf dem weißen Tier die
-sonnenüberglänzte Chaussee dahinsprengte. Der Säbel mit dem goldenen
-Griff, der ihm von der Schulter hing, prallte an die Weichen des Rosses,
-und der leicht vorgebeugte Reiter klopfte dem strahlenden Schimmel kosend
-den Hals.
-
-Er hatte immer etwas Schmeichlerisches.
-
- * * * * *
-
-Die Hitze lag jetzt wie ein heißer, silberglänzender Schild auf den
-trockenen Steinen des Hofes. Man mußte die Augen schließen, um den
-herumschwirrenden spitzen Lichtpfeilen zu entgehen.
-
-Bedrückt atmend schritt das Gutsfräulein tiefer in den Schatten des
-Gartens. Sie konnte sich ja jetzt öfter eine Erholung gönnen, seitdem
-diese Asiaten ihr geregeltes Tagewerk auseinandergeschlagen hatten.
-Mit einer geheimnisvollen Kraft zog es sie bis zu dem dicht umbuschten
-Grenzgraben, von wo sie dem Klirren der Sensen lauschen wollte. Es war doch
-ein gewohntes Geräusch, wenn es auch nicht mehr auf ihr Geheiß und
-zu ihrem Nutzen laut wurde. Dicht an der ausgetrockneten Wasserscheide,
-zwischen den braunen schlangenhaften Stämmen eines wild verschlungenen
-Haselnußgestrüpps, stand eine Bank. Vom herabdringenden Regen war sie
-halb vermorscht, grüne Moosfleckchen hatten sich an der Rücklehne
-fest angesiedelt, und Johanna erinnerte sich kaum, daß sie jemals jene
-Sitzgelegenheit benutzt. Jetzt aber trat sie unter das schattenspendende
-Blätterdach und ließ sich auf dem breiten Brett nieder. Eine Weile
-schloß sie die Augen. Sie war müde von all dem Widersprechenden, an das
-sie zu denken hatte. Jedoch kaum senkte sie ihre Lider herab, so tauchten
-auch schon wie hinter einem grünschwarzen Vorhang jene Gestalten auf,
-hinter denen ihre Einbildungskraft beständig herjagte. Sie sah ihre
-Schwester Isa und Konsul Bark in der russischen Grenzstadt, in deren
-verräucherten Mauern sie selbst noch vor kurzem geweilt, und ihr Herz
-schlug laut, wenn sie sich vorstellte, welch ein Schicksal den beiden dort
-bereitet werden könnte. Oh, diese Ungewißheit! Ob man jemals wieder von
-den Fortgeschleppten etwas hören würde? Vielleicht gelang es doch dem
-Fürsten, bei dem Nachdruck, den ihm sein Name verlieh, eine Erkundigung
-einzuziehen. Und er, der sich stets so glatt und willfährig zeigte,
-der feine Weltmann, der für die Wünsche einer Dame fast niemals eine
-Weigerung hatte, obwohl er sich gewiß nicht das geringste dabei dachte,
-er würde sicherlich auch ihrem Verlangen mit seiner geschmeidigen
-Bereitwilligkeit dienen. Es lag eigentlich etwas Verletzendes in seiner
-überhöflichen Art. Etwas bewußt Überhebungsvolles, als lohne es sich
-gar nicht, auf die Eigenart fremder Naturen näher einzugehen. Dem großen
-Herrn bedeutete es genug, wenn er mit seinem strahlenden Lächeln
-und namentlich ohne langen Disput den ihm nahenden Bittstellern eine
-Gefälligkeit erweisen konnte, die ihn im Grunde genommen nichts kostete.
-
-Die Blonde fuhr empor, ihre Augen öffneten sich weit. Sie sagte sich
-nicht, daß sie selbst jede Unterscheidung für andere Art und fremdes
-Volkstum verloren, sie empfand nur einen brennenden Haß, der immer
-stärker über ihr zusammenschlug. Wie geringschätzig der schöne Mann
-gelächelt hatte, als er den unpassenden Vergleich zwischen ihr und der
-bluttriefenden Jüdin gezogen, die mitten in der schmerzhaftesten Wollust
-ihrem Bezwinger, nach dem sie sich doch sehnte, das Haupt nahm. Zu ihrer
-eigenen Strafe, um sich selbst und ihre Raserei und ihr ganzes früheres
-Leben damit zu töten, dachte die Einsame.
-
-Der Sitzenden sanken die Arme herunter, mit einem harten Entschluß reckte
-sie sich auf, und um ihren Mund lagerte sich ein verächtliches Lächeln.
-Also bis zu solchem Widersinn, bis zu solch häßlichen Torheiten konnte
-man durch das Gefühl der Bedrückung und des Unterworfenseins getrieben
-werden. Es war einfach schmählich, auf den gleichgültigen und fremden
-Mann so viel schwächliches Nachdenken zu verschwenden. Was hatte sie
-überhaupt hier zu suchen? Ach ja, nach den sensenden Soldaten hatte sie
-ausspähen wollen. Langsam bewegte sie sich auf das Erlengestrüpp der
-Wasserscheide zu und zog ein paar Zweige auseinander.
-
-Da fuhr sie heftig zurück.
-
-Auf dem jenseitigen Ufer, schon auf den abgemähten Stoppeln, lagen fünf
-bis sechs Männer auf dem Rücken, kehrten ihre rotflammenden Gesichter der
-Sonne zu und schliefen. An ihren zerfetzten, schmutzigen Hemden, die die
-verbrannte Brust offen ließen, und den zerlumpten und zerschlissenen
-Beinkleidern erkannte der geübte Blick des Landfräuleins sofort eine
-zusammengetriebene Horde von Landstreichern oder Knechten, die von den
-Russen irgendwie zu ihrer Arbeit ohne großes Entgelt gezwungen wurden.
-Aber das, was die Aufmerksamkeit der Gutsbesitzerin so besonders fesselte,
-daß sie sich immer weiter vorbeugte, damit ihr nichts mehr entgehen
-konnte, das gipfelte in einem Umstand, der auch in harmlosen Friedenszeiten
-ihr Befremden erregt hätte. Einer dieser Landstreicher nämlich hatte
-gerade in dem Moment, wo Johanna ihre Hand zwischen die Blätterwand
-streckte, seinen blank geschorenen Schädel, in dessen Schweiß sich die
-Sonne spiegelte, über die Schar seiner schnarchenden Genossen erhoben, und
-es dünkte die Beobachterin auffällig, mit welch spähendem Interesse der
-Mensch den Schlummer der anderen zu prüfen schien. Was bedeutete das?
-
-Manchmal pfiff der Bursche ziemlich laut vor sich hin, um gleich darauf
-sein Haupt wieder in die Stoppeln einzuwühlen, als wollte er abwarten, ob
-seine Gefährten das Geräusch vernommen hätten. Allein nichts regte sich
-um ihn, und nach einiger Zeit sah Johanna, wie der Zerlumpte, schlangenhaft
-auf dem Boden kriechend, seinen Körper gegen die Wasserscheide zuwälzte.
-Einen Augenblick lang wollte sie Furcht beschleichen, aber durch ein ganzes
-Leben daran gewöhnt, hier auf ihrem Grund wie ein Mann zu walten, zwang
-sie sich ihre alte Fassung ab, um mit immer lauter werdendem Herzklopfen
-das weitere Gebaren des Fremden zu verfolgen. Jetzt war der Landstreicher
-an dem Graben angelangt. Hier blieb er eine Weile starr und regungslos
-liegen, und nur Johanna merkte, wie seine Beine ganz allmählich eine
-Schleife ausführten, bis die Gestalt des Burschen sich wagerecht dem
-Grabenlauf anschmiegte. Die hohen Halme des Unkrauts, das hier wuchs,
-bedeckten ihn fast.
-
-Plötzlich rollte der Körper in den Schlamm des Grabens herab.
-
-Johanna schrie leise auf und wartete. Jedoch sei es, daß der Fremde durch
-ihren Ruf erschreckt war, oder ob er sich dem weichen Morast nicht leicht
-entwinden konnte, jedenfalls dauerte es bange Minuten, bevor die Blonde den
-kahlen Schädel, der jetzt vollkommen mit grünen Linsen übersät war, in
-scheuer Zurückhaltung in dem Gebüsch zu ihren Füßen auftauchen sah.
-Der Landstreicher jedoch schien sie sofort zu erkennen, anders wenigstens
-vermochte sich die Sprachlose die warnende Bewegung nicht zu erklären, mit
-der der schwarze, triefende Bursche seinen Finger an den Mund hob.
-
-»Fräulein Grothe,« keuchte eine Stimme, die Johanna sich bestimmt
-erinnerte, schon gehört zu haben.
-
-»Um Gott, wer sind Sie?«
-
-Inzwischen hatte der Unbekannte seinen Leib völlig durch das Gebüsch
-geschoben, so daß er nun auf den Knien vor dem Mädchen lag. Jetzt sprang
-er trotz der überstandenen Anstrengung elastisch auf die Füße. Sein
-Antlitz war durch den Schmutz des Feldes und den Morast des Grabens
-gleichsam mit einer schwarzen Larve bedeckt, und doch schoß Johanna bei
-dem Anblick dieser schlanken Glieder eine blitzartige Erinnerung auf.
-
-»Fritz Harder, sind Sie es?« stammelte sie unentschieden.
-
-Der Fremde reichte ihr die Hand, zog sie aber im nächsten Moment mit einem
-matten Lächeln wieder zurück, als er die Verunreinigung seiner Finger
-bemerkte. Dann ließ er sich auf die Bank nieder, und indem er sich
-angelegentlich das rechte Knie rieb, das wohl durch das Kriechen einige
-Risse und Schürfungen empfangen hatte, fragte er plötzlich, indem er sich
-leicht nach der Richtung des Herrenhauses umwandte:
-
-»Steht alles gut bei Ihnen, Johanna? Sind Sie alle wohlauf? Ist niemand in
-dieser schlimmen Zeit etwas Böses zugestoßen?«
-
-Niemals zuvor war die Gutsbesitzerin von dem nachdenklichen jungen Offizier
-mit ihrem Vornamen angeredet worden. Aber als sie jetzt, umgeben von der
-nahen Gefahr, in der dunklen verschlungenen Haselnußlaube weilten, fand
-die Blonde das Benehmen des jungen Mannes ganz natürlich. Und einer
-mütterlichen Wallung unterliegend, und ohne Rücksicht auf ihre saubere
-Kleidung, strich sie ihrem atemschöpfenden Gefährten aufmunternd über
-die schmutzige Wange. Dann flog die Rede zwischen ihnen hin und her.
-
-»Nein, Fritz, es ist niemand von uns etwas zugestoßen. Niemand,« setzte
-sie mit besonderer Betonung hinzu, da sie die dunklen Augen des Offiziers
-so beharrlich ihr Wohnhaus suchen sah, »nur meine Schwester Isa ist
-bis jetzt nicht zu uns zurückgekehrt, und wir leben daher in schwerer
-Besorgnis.«
-
-»Das weiß ich, Fräulein Grothe, das weiß ich. Sie müssen nicht
-glauben, daß wir uns so ganz ohne Kenntnis über die hiesigen Zustände
-befinden. Oh nein, wir wissen weit mehr, als sich diese Eisbären träumen
-lassen. Sie sehen ja, wir spazieren hier sogar ganz ungeniert in ihren
-Linien herum.«
-
-»Ja, um alles in der Welt, Fritz, -- verzeihen Sie, wenn ich danach frage
--- aber was haben Sie denn hier vor? Was bedeutet Ihr abscheulicher Aufzug?
-Sie sind doch nicht etwa als Spion hierher geschickt?«
-
-Jetzt zuckte der triefende junge Mensch unwillkürlich zusammen. Das
-schonungslose Wort schien ihn für eine Weile zu verdüstern. Schwermütig
-verzog er die Augenbrauen und starrte eine Zeitlang auf den braunen
-Lehmboden zu seinen Füßen.
-
-»So müssen Sie meine Tätigkeit nicht bezeichnen, liebes Fräulein,«
-sagte er endlich ruhig. »Ich habe es mir gründlich überlegt, ehe ich
-mich zur Ausführung dieses Befehls meldete. Denn es gehört einer dazu,
-der -- --« Hier stockte der Redende, als hätte er schon zu viel
-geäußert.
-
-»Was Fritz, erklären Sie sich deutlicher!«
-
-Der junge Mann aber warf die Rechte abschneidend durch die Luft.
-
-»Nichts,« entgegnete er besonnen und lächelte zuversichtlicher. »Ich
-darf selbst Ihnen wirklich nicht mehr verraten, liebe Johanna. Es geht ganz
-gegen die Ordre. Aber wenn Sie vielleicht eine alte Uhr zum Reparieren für
-meinen Quartierwirt Adameit mitzugeben haben,« fuhr er mit gutmütiger
-Neckerei fort, »dann will ich sie dem alten Tausendkünstler pünktlich in
-die Hände liefern.«
-
-Johanna traute ihren Ohren nicht.
-
-»Um Himmels willen,« brachte sie mühsam hervor, und eine jäh
-aufspringende Angst veranlaßte sie durch die Lücken des Geästes nach
-allen Seiten hinauszuspähen, »Sie glauben doch nicht, daß Sie durch die
-vielen Tausende hier ungefährdet bis in die Stadt gelangen werden?«
-
-»Das hoffe ich allerdings bestimmt,« gab der Sitzende unerschüttert
-zurück; »und auf Grund eines von dem hiesigen Etappenkommandanten
-ausgestellten Arbeitscheines werde ich sogar mit den größten Ehren
-empfangen werden.« Er fuhr in seine Brusttasche und zog einen Fetzen
-bestempeltes Papier hervor. »Sehen Sie, Fürst Dimitri Sergewitsch
-Fergussow -- hier steht es -- bestätigt dem Arbeiter Paul Bramschek usw.
-Wenn es nichts Wichtigeres zu verrichten gäbe, könnte ich sogar
-hier bleiben und heute nacht unter Ihrer Obhut diesen russischen
-Prinzen -- --« er spreizte beide Hände und machte die Gebärde des
-Erwürgens.
-
-Johanna wurde dunkelrot.
-
-»Großer Gott,« flüsterte sie, ohne ihre Besinnung wieder erlangt zu
-haben, »Sie müssen hier fort. Denken Sie nur, welch ein Unglück Sie auf
-uns alle herabbeschwören könnten.«
-
-Kaum hatte das Mädchen eine Spur von Besorgnis geäußert, als der junge
-Mann sofort seinen Platz auf der Bank aufgab und sich zum Gehen anschickte.
-
-»Sie haben ganz recht, Johanna,« pflichtete er ernsthaft bei, »in der
-Freude Sie zu sehen und zu hören, hatte ich ganz vergessen, daß es üble
-Folgen haben kann, mit mir in einer Unterhaltung getroffen zu werden. Leben
-Sie wohl, Fräulein Grothe, und Sie brauchen keinem zu sagen, daß ich hier
-war. Sie verstehen mich, keinem, ohne Ausnahme.«
-
-Da stieg es heiß in dem großen Mädchen auf. Beide Hände legte sie dem
-von Unrat Übergossenen fest auf die Schultern. Und während ihre ehrlichen
-Augen die seinen suchten, preßte sie sich ab:
-
-»Nein, bleiben Sie noch, Fritz; eines müssen und dürfen Sie mir
-anvertrauen: wie steht es bei uns dort draußen? Müssen wir jede Hoffnung
-aufgeben, in die gewohnten und lieben Zustände zurückzukehren? Wann wird
-das Unheil, das sich hier breit macht, fortgefegt? Denn es ist ein Unheil,
-Fritz, es ist ein großes Unheil.«
-
-Der in Lumpen und Fetzen gehüllte junge Mensch wandte sich auf ihren
-verzweifelten Ruf plötzlich voll zu ihr, und ein sonderbares Leuchten und
-Strahlen überglänzte seine eingefallenen, verhärmten Züge.
-
-»Fräulein Grothe,« begann er endlich, und er preßte beide Fäuste
-zusammen, als könne er die Fülle, die er in sich barg, nicht anders
-bändigen, »unsere dünnen Reihen wurden jammervoll zugerichtet, und wir
-sind von weiten Landstrichen verdrängt worden. Aber was sich jetzt bei
-uns vorbereitet, glauben Sie mir, das wird und kann nicht fehlschlagen. Sie
-werden nicht mehr lange mit Ihrem Prinzen an einer Tafel sitzen, verlassen
-Sie sich darauf,« stieß er heftig hervor, und aus dem verunreinigten
-Gesicht blitzten die weißen Zahnreihen so wild und begierig, daß sich
-Johanna, um eine unerklärliche Angst niederzukämpfen, die Hand fest um
-den Hals spannte.
-
-»Fritz, wird es bald sein?« fragte sie verwirrt und wandte ihr Haupt
-ungewiß nach dem Herrenhaus.
-
-Der andere zuckte die Achseln, und seine Stimme wurde immer dunkler und
-drohender. »Sie werden von uns hören, Fräulein Grothe, und von mir
-auch,« setzte er frohlockend hinzu. »Nein, nein, lassen Sie,« wehrte er
-ab, als er merkte, wie das Mädchen noch einmal ihr Drängen nach seinen
-Plänen zu wiederholen suchte, »lassen Sie mich hier in dem Graben entlang
-waten, so komme ich am besten um das Gut herum.«
-
-Damit kauerte er sich wieder an der Erde nieder, bis seine Füße über
-die Böschung herabhingen, und während Johanna gleich darauf den Morast
-aufspritzen hörte, wurde unten das Erlengestrüpp noch einmal zur Seite
-geschoben, und der kahl geschorene Schädel tauchte abermals auf.
-
-»Ich soll noch einen Gruß an Sie bestellen,« klang es aus dem
-Wasserlauf empor. »Ich habe Ihren Vetter von Sorquitten vor wenigen Tagen
-gesprochen.«
-
-Da mußte Johanna lächeln. »Ach, Fedor Stötteritz,« meinte sie
-gutmütig, »wie geht es dem großen Jungen?«
-
-»Als ich ihn zuletzt sah, stand er in der Abenddämmerung unter einem
-zerschossenen Schuppen neben seinem riesigen Pferde und rief mir nach,
-diesmal würden Sie es ihm wohl nicht übelnehmen, wenn er recht bald
-mit seinem lauten Wesen in Maritzken nach dem Rechten sähe. Ich bitte um
-Verzeihung, Fräulein Grothe, wenn ich den Auftrag wörtlich ausrichte,
-doch ich hoffe, daß er Ihnen verständlich sein wird.«
-
-»Ich danke,« entgegnete Johanna beklommen und sah ernst zu Boden. »Ich
-verstehe seine Meinung recht gut.«
-
-Abermals schlug ihr das Herz, und sie begann unwillkürlich zu lauschen,
-ob sich auf den Steinen des weißen Hofes nicht ein silberner Sporenklang
-melde. Als sie wieder aufblickte, hatten sich die Zweige zu ihren Füßen
-geschlossen, und nichts deutete mehr darauf hin, daß hier vor kurzem
-jemand geweilt, der zwischen ihr und der Außenwelt ganz unerwartet ein
-paar dünne Fäden geknüpft hatte.
-
- * * * * *
-
-Aber die Außenwelt brauste noch auf einem anderen Wege, gleich Gewitter
-und Hagelschlag, in den erzwungenen Frieden von Maritzken und schmetterte
-die künstlich schlaffe Ruhe, die hier wie eine kranke Blume aufgeschossen
-war, für immer zu Boden.
-
-Ein Geheul und Gekreisch, das sich unmöglich aus Menschenlauten
-zusammensetzte, nein, das vielmehr von bösartigen, losgelassenen Geistern
-der Tiefe ausgestoßen schien, schrillte, pfiff, heulte und wieherte über
-die Landstraße und riß das vergrübelte Weib wie mit krallenden Nägeln
-aus der kühlen Haselnußlaube heraus. Entsetzt, unfähig, einen Gedanken
-zu fassen, stürzte die Herrin von Maritzken auf ihren Hof. Von allen
-Seiten flogen die Fenster auf, scheue, angstvolle Gesichter beugten sich
-heraus, und alles starrte auf die Chaussee, wo windschnell ein wüster
-schwarzer Haufe vorüberwirbelte. Tier und Mensch ununterscheidbar
-durcheinander. Dazwischen Flintenschüsse. Markdurchzitternde, gellende
-Hetzrufe. Und alles eingehüllt in eine dicke und doch blinkende
-Staubwolke. Gleich darauf schlug hinter den Bäumen des Parkes eine
-Feuerlohe in die Höhe. Von dem leichten Wind getrieben, stoben die Funken
-über die Dächer des Anwesens. Durch das Tor aber quollen junge Weiber
-herein, hoch aufgeschürzt, die meisten mit entblößten sonnengebräunten
-Armen; Mägde des Gutes und zurückgebliebene Tagelöhnerfrauen, die sich
-wie verzweifelt an die hohe Gestalt Johannas drängten als ob sie hier
-ihren letzten Rückhalt witterten.
-
-»Fräulein -- Kosaken!«
-
-»Sie sagen, es sei hier geschossen worden.«
-
-»Den Laden von Kurra haben sie ausgeräumt und angesteckt.«
-
-»Ja, und Tilly -- Tilly Baumgartner --«
-
-»Was ist's mit Tilly?« stammelte Johanna betäubt und griff nach der
-Schulter einer der Mägde, um sich zu stützen.
-
-Da drängte sich die Frau des Verwalters, der seit jener Ausfahrt nicht
-mehr wiedergekehrt, aus dem Haufen, und das Weib raffte sich ihre blaue
-Schürze vor das Gesicht und heulte unter dem Leinen hervor:
-
-»Weggenommen haben sie sie mir, Fräulein, von meiner Hand gerissen, und
-mir selbst einen Schlag über die Augen, daß ich nicht sehen kann.«
-
-Dann ein Wimmern der Mägde, von draußen herannahendes Galoppieren, Hetzen
-und Verwünschungen, und dicker qualmiger Staub, der über die Mauern des
-Hofes rauchte.
-
-Da -- da -- durch die Einfahrt schoß es herein -- kleine Pferde, struppig
-wie nasse Hunde, vornübergebeugte Reiter, in ihren faltigen Röcken gleich
-bärtigen Frauen auf den Tieren hängend, Lammfellmützen tief auf die
-stieren Augen gedrückt, schwingende Fäuste, und von den weißen Mauern
-zurückgeworfen das wetternde Knallen unzähliger Peitschen. Jetzt schoß,
-sprang, wälzte und purzelte es aus den Sätteln; schon drängte sich
-das fremde Gesindel durch alle offenen Türen hinein. Wer ihm in den Weg
-geriet, wurde zurückgestoßen, bis er blutend auf das Pflaster taumelte.
-Tiefe gurgelnde Laute schienen entsetzliche Drohungen zu verkünden, und
-nichts, nichts hemmte die Horde, nichts wirkte dem sie beherrschenden Trieb
-entgegen nach Raub und Plünderung, nach Schandtat und Gewalt. Vergebens,
-daß sich im ersten Stock ein Fenster öffnete, und der abgezehrte
-Rittmeister Sassin mit wütenden Gebärden etwas Unverständliches
-herunterbrüllte, ganz umsonst, daß sich Johanna toll vor Wut und Scham
-auf einen schwarzhaarigen Riesen stürzte, in dessen Armen die kleine Tilly
-zappelte, unwürdigen, schmachvollen Liebkosungen ausgesetzt, umsonst,
-vergeblich, die Streitenden wurden voneinander getrennt, alles ging unter
-in dem brausenden Strudel, der ungebändigt mit einer irren elementaren
-Kraft zwischen den Mauern des eben noch so stillen Anwesens kochte.
-
-»Scho--i, scho--i,« schrien die Kosaken, traten Zäune und Türen ein und
-hieben mit ihren Peitschen lechzend vor Irrsinn und Brunst durch die Luft.
-
-»Der Fürst,« kreischten mitten in dem Graus ein paar heiser geschriene
-Frauenstimmen.
-
-Unter dem Tor hielt eine einzelne Reitergestalt. Die Rechte hatte sie zum
-Schutz gegen die Sonne quer über den Schirm der zerbeulten Mütze gelegt,
-die Linke, die den Zügel hielt, spielte gleichzeitig achtlos mit einer
-reich vergoldeten Reitpeitsche. Aber die vorgeneigte Haltung und sein
-ungläubiges Hinstarren in das quirlende Menschengeschäume bewiesen, wie
-auch dem Besitzer des scharrenden Schimmels alles, was sich da vor ihm
-abspielte, gleich der tollen Ausgeburt einer dampfenden Phantasie erschien.
-Ganz gebannt schüttelte er das Haupt und zuckte die Achseln. Sein Anblick
-jedoch verschaffte Johanna, die, umrast von dieser nie geahnten Wildheit,
-ihre klare Vernunft völlig eingebüßt hatte, die nebelhafte Überzeugung,
-der Mann unter dem Tor müsse und würde sie gegen diese blutdürstigen und
-fauchenden Tiere schützen oder verteidigen. Mit übernatürlicher Kraft
-streifte sie die jammernden Mägde von sich ab, und es war wirklich die
-blonde, furchtlose Walküre, wie sie Dimitri Sergewitsch in den schwülen
-Augustnächten immer geahnt, als sie sich mit bebenden Gliedern von neuem
-gegen den riesenhaften Bedränger der kleinen Tilly warf.
-
-»Fürst Fergussow,« schrie sie dabei mit einer vor Wut und Scham
-erstickten Stimme.
-
-»Hund, ich schieße dir dein Spatzengehirn gegen die Mauer,« heulte
-der kranke Rittmeister, von Hustenanfällen unterbrochen, aus dem oberen
-Fenster, und seine zitternden Hände zogen bereits die Sicherung von einer
-Pistole ab.
-
-Doch er brauchte sich nicht mehr zu bemühen. Mit einem kräftigen Sprung
-setzte der Schimmel des Fürsten in den auseinanderstürzenden Schwarm
-hinein, eine zielsichere Faust riß dem überraschten Riesen die
-Lammfellmütze vom Kopfe, und zu gleicher Zeit sauste ein Reitgertenhieb
-dem Aufjammernden quer über das Gesicht. Brüllend vor Schmerz ließ
-der struppige Kerl sein Opfer fahren, und es war für alle Zuschauer ein
-gräßlicher Anblick, wie der Oberst nun sein Pferd noch einmal gegen den
-Gebändigten antrieb, so daß dieser in dumpfem Fall vor die Füße des
-Tieres rollte.
-
-»Du triebst natürlich nur einen kleinen Scherz,« sagte Dimitri böse und
-schneidend, und die erwachende Johanna sah mit Entsetzen, welche grausamen
-Lichter in den dunkel gewordenen Augen des Reiters zucken konnten, »nicht
-wahr, mein Söhnchen, so war es doch?«
-
-»Ja, einen Scherz, Väterchen,« jammerte der Gefallene und streckte in
-sklavischer Demut beide Hände gegen die erhobene Peitsche aus, »nichts
-weiter, als einen Scherz.«
-
-»Dacht ich's mir doch,« meinte Dimitri höhnisch durch die ängstliche
-Stille, welche plötzlich auf dem Hof nach all dem Lärm entstanden war.
-Und sich im Sattel umwendend, sagte er hell und durchdringend, so daß den
-Kosaken, die sich scheu an den Wänden herumdrückten, keines seiner Worte
-verloren gehen konnte: »Wehe, ihr Kanaillen, wenn ihr nicht alles, was
-ihr gestohlen habt, sofort wieder zurückgebt. Auf den Bäumen dort hat es
-Platz für viele von euch. Habt ihr mich verstanden?«
-
-»Ja, Väterchen, verstanden.«
-
-»Seid ihr hier einquartiert?«
-
-»Bis morgen früh,« gurgelte unvermutet eine vor Ingrimm oder Trunk
-heisere Stimme in der Nähe des Fürsten.
-
-Sie gehörte einem Kosakenrittmeister an, der bis jetzt einen Besuch in der
-Schenke abgestattet und nun sein klepperartiges Pferd am Zügel hinter sich
-herzog. Das erste, was der Mann tat, nachdem er sich durch einige Stöße
-in den Kreis hineingeschoben, bestand darin, daß er dem noch immer auf den
-Knien verharrenden Kosaken einen heftigen Fußtritt in die Seite versetzte.
-
-»Was ist hier geschehen?« forschte er und stampfte grob auf den Steinen
-herum. »Ich frage, was hier geschehen ist? Ich war dienstlich verhindert,
-Herr Kamerad.«
-
-Der Fürst jedoch schien keinen Wert auf die Zusammengehörigkeit mit dem
-Sohn der Donschen Steppe zu legen. Er ließ einen hochmütigen Blick über
-das brandrote Habichtsgesicht des Reiters hinweggleiten und sagte sehr
-ruhig:
-
-»Oh nichts, was bei Ihren Formationen zu dem Auffallenden gehört. Aber
-ich möchte Ihnen doch empfehlen, Herr Rittmeister, Ihre Leute, so lange
-sie uns das Vergnügen schenken, in den Stall zu komplimentieren.«
-
-»In den Stall?« brummte der andere, die Fäuste ballend; da er aber
-nicht wagte, gegen den vorgesetzten Gardeoffizier ausfällig zu werden, so
-versetzte er wenigstens dem liegenden Mann einen neuen Stoß, um ihn dann
-an den Ohren empor zu reißen. »Pack dich, Wassily, du Schuft! Was liegst
-du hier wie ein krankes Schwein herum? Was soll man von dem Beispiel
-denken, das ich Euch gegeben? Was soll man denken, frage ich? Warte, mein
-Guter, wir sprechen uns noch.«
-
-
-
-
-III.
-
-
-Die Menge hatte sich verlaufen, das Gutsgesinde war zu seiner gewohnten
-Beschäftigung zurückgekehrt, nur Johanna und der Oberst weilten noch auf
-dem Hofe.
-
-»Sie sehen auffallend blaß aus, mein Fräulein,« hörte die Gutsherrin
-ihren Gefährten im Ton aufrichtigen Mitgefühls beginnen; und als sie
-in ihrer gelähmten Haltung verharrte, fügte er ehrerbietig hinzu: »Sie
-können mir glauben, daß mich nur die Besorgnis zu dieser Bemerkung
-veranlaßt. Vielleicht würde Ihnen ein Spaziergang hier im nahen Walde
-wohltun. Für diesen Fall hebe ich selbstverständlich mit Vergnügen das
-Verbot Ihrer Bewegungsfreiheit auf, und um Sie vor weiteren Belästigungen
-zu bewahren, biete ich Ihnen gern meine eigene Begleitung an. Sie sollten
-es wirklich nicht abschlagen,« vollendete er ganz treuherzig.
-
-Zum erstenmal hatte dieser in der glatten Rede des Salons verstrickte Mann
-wie ein wohlwollender Mensch gesprochen, dem die Not eines Mitgeschöpfes
-die Seele erschreckte. Und Johanna atmete auf, und über ihre versteinten
-Züge huschte es wie von Befreiung und Erlösung. Gottlob, endlich nach den
-langen Tagen der erzwungenen Beschränkung sollte jetzt eine Stunde folgen,
-die es ihr ermöglichte, die so schmerzlich entbehrte Wanderung über den
-heimatlichen Boden genießen zu können. Oh, welchen Dank sie demjenigen
-schuldete, der ihr jenes unerwartete Geschenk darbot. Jedem anderen hätte
-sie in leidenschaftlicher Wallung und mit ihrem klaren, unversteckten
-Lachen beide Hände geschüttelt. Hier aber wagte sie nur zustimmend das
-Haupt zu neigen, und doch berührte es sie eigenartig wohltuend, als sie
-bemerkte, mit welcher Freude der fremde Offizier dieses leise Zeichen ihrer
-Bereitwilligkeit auffing.
-
-»Wahrhaftig?« rief der Fürst ganz erstaunt, »Sie hegen keine Bedenken?
-Ah, meine Gnädigste, Sie vergeben mir gewiß, wenn ich heimlich denke,
-daß Sie sich dann wirklich durch das abscheuliche Gebaren dieser
-Steppenreiter im hohen Grade angegriffen fühlen müssen.«
-
-»Sie dürfen darüber nicht spotten,« entgegnete Johanna befangen, weil
-es das erste Mal war, daß sie mit dem schönen jungen Mann andere Dinge
-als die des täglichen Unterhalts verhandelte. »Ich war auf die Schrecken
-des Krieges gefaßt und bin auch imstande, sie zu ertragen, aber eine
-derartige Raserei --«
-
-»Leider kann ich Ihnen keineswegs widersprechen,« unterbrach Dimitri
-Sergewitsch hastig, denn ihm lag alles daran, die Blonde von dem eben
-erduldeten Überfall abzulenken. »Sie werden verstehen, was es mich
-kostet, wenn ich Ihnen versichere, wie sehr ich und viele andere Kameraden,
-die wir den Europäer-Standpunkt nicht aufzugeben gewillt sind, von dem
-Treiben jener Stämme innerlich angewidert werden. Aber fort damit,«
-suchte er von dem bedenklichen Gegenstand loszukommen, »ich bin heute
-früh schon durch Ihre herrlichen Buchenwälder geritten, und es bereitet
-mir eine wahrhafte Genugtuung, Ihr Wiedersehen mit diesen frischen und
-geheimnisvollen Gründen vermitteln zu dürfen. Sehen Sie, ich kann sogar
-schon jetzt die schönsten Grüße von dort an Sie bestellen.«
-
-Lebhaft riß er aus seinem Wams ein kleines Skizzenbuch hervor, und
-Johanna, die einen raschen Blick über seine Schulter warf, stieß
-unwillkürlich einen Laut des Erkennens aus. In einer ganz feinen,
-schattenhaften Manier, worin Licht und Luft mehr festgehalten waren, als
-der darzustellende Gegenstand, erhob sich auf dem Blatt mitten auf einer
-dunklen Waldwiese ein ungeheurer geborstener Buchenstamm, an dessen Ästen
-unzählige Heiligenbilder, Glasherzen und Kränze als Weihegeschenke
-aufgehängt waren.
-
-»Ah, der Sankt-Annen-Baum,« stellte Johanna überrascht fest. »Wie zart
-und fein Sie das getroffen haben.«
-
-Der Oberst zuckte die Achseln, verbeugte sich jedoch leicht.
-
-»Was wollen Sie!?« meinte er gleichgültig, »die Frucht und der
-Überrest der vielen Lieblingsbeschäftigungen, die eine Petersburger
-Wintersaison so mit sich bringt. Man darf gar nicht daran denken, wieviel
-Zeit und Jugend man so tatenlos verschleuderte. Aber, mein gnädiges
-Fräulein,« entraffte er sich elastisch derartigen Vorstellungen, und
-seine edlen Züge strahlten wieder jenen das Gutsfräulein so verwirrenden
-Glanz, »wozu Reue und Selbstzerfleischung an einem herrlichen Ferientag?
-So fasse ich nämlich unseren Ausflug auf. Benötigen Sie vielleicht noch
-einen Sonnenschirm, den man herbeischaffen müßte?«
-
-Johanna schüttelte das Haupt, doch konnte sie es nicht hindern, daß
-ein Lächeln ihre Lippen öffnete. Die Nonne, die ihre Tage der Arbeit
-verschrieben, entäußerte sich plötzlich der ihr anhaftenden Herbheit und
-sah frisch und gesund und genußfähig aus. Ganz versonnen starrte sie der
-Fürst an.
-
-»Wo denken Sie hin, Durchlaucht,« meinte sie gutmütig, während sie sich
-bereits zum Gehen anschickte, »ein Landmädchen, wie ich, das hie und da
-selbst mit anfaßt, das fürchtet keinen verbrannten Teint. Übrigens tut
-mir die Sonne auch nichts,« setzte sie hinzu und zeigte ihm ein Antlitz,
-dessen lichte Reinheit weder durch ein Mal noch durch ein Sonnenpünktchen
-verunziert war. »Wollen wir durch das Tor?« fuhr sie innehaltend fort.
-
-»Nein, bitte nicht dort hinaus,« weigerte sich der Fürst mit
-auffallender Lebhaftigkeit. »Sie könnten dort manches sehen, was Sie zu
-unangenehm an meine und meiner Landsleute Anwesenheit erinnert. Ich möchte
-Ihnen heute gar zu gern ein paar Potemkinsche Dörfer vorspiegeln. Kommen
-Sie, wir schreiten lieber hier an dem Graben entlang und wenden uns dann
-über die kleine Brücke.«
-
-Bald darauf war das Paar von den dunklen Schatten des Haselnußgehölzes
-umhüllt, und Johanna mußte unwillkürlich den Blick zu Boden senken, als
-sie die Bank gewahrte, auf der noch eben der junge verdüsterte Preuße
-ihr seine Pläne enthüllt. Ihr fiel wieder die spreizende Bewegung seiner
-Hände ein, da er davon gesprochen, wie leicht ein Kühner unter der Obhut
-der Hausherrin den hier befehlenden Etappenkommandanten in den ewigen
-Schlummer senden könnte. Und unbewußt trieb sie den ahnungslos neben ihr
-Schreitenden zu größerer Eile an.
-
-Wirklich, es war ein erquickendes Wandeln unter dem niedrigen Laubdach
-zur Seite des abgemähten Feldes, über dem die Sonnenstrahlen tanzten und
-funkelten. Anmutig jeder vorspringenden Baumwurzel ausweichend, schritt ihr
-Dimitri Sergewitsch voran, und in einer so selbstvergessenen Lust befand
-sich Johanna, daß sie rückhaltslos die elegante Geschmeidigkeit seiner
-Glieder bewunderte. Wie sorgsam und mit wieviel Aufwand von Zeit und
-Bedienung der vornehme Herr gewiß seinen Körper gepflegt hatte. Wie
-blendend weiß und geschont sich auch jetzt mitten im Waffenhandwerk seine
-schmalen Hände darboten. Und Johanna empfand fast eine Art von naiver
-Hochachtung vor jenen Bevorzugten, die ihrer Gesundheit so unablässig zu
-dienen suchten. Und dieser kräftige, unermüdliche Mensch, der wie
-ein lebendes Kunstwerk ohne sichtbare Unebenheiten und Fehler durch die
-Schöpfung schritt, er sollte nach den häßlichen Geständnissen des
-Rittmeisters Sassin ein Frühverdorbener, ein Angefressener und Vergifteter
-sein?
-
-Schaudernd strich sich das Mädchen eine blonde Haarsträhne, die im Winde
-flatterte, aus der Stirn, und sie beschloß -- für heute wenigstens -- all
-diese unsauberen Gedanken zu verbannen. Ihre alte Willensstärke kam
-ihr wieder, als sie sich eingestand, daß es sie ja im Grunde gar
-nicht berührte, aus welchen Erfahrungen der Charakter des Fremden
-zusammengeschossen sei. Nein, für den Augenblick brauchte sie sich nur
-dem frohen Gefühl hinzugeben, aus dem unsichtbaren Kerker, der ihr so
-unerwartet geöffnet wurde, mit dankbarem Gemüt herauszuschreiten und sich
-der kurzen Stunde der Freiheit mit aufnahmefähigen Sinnen zu freuen.
-
-Und das tat sie.
-
-Heute bewunderte sie jedes wilde Brombeergestrüpp, das sich im
-Vorbeistreifen an ihr Gewand nistete, und hie und da bückte sie sich, um
-eine rötliche Hagebutte neugierig zu mustern. In dem Haselnußdach über
-ihr schwirrten junge, grünweiße Meisen herum, sie hingen sich an
-die Äste und übten lautlos ihre schwierigen Kletterkünste. Und das
-Landfräulein staunte die Tierchen an, als ob sie die wilde Schar heute
-das erste Mal sähe. Helle Lichtpunkte tröpfelten durch das Blätterwerk
-hindurch und tanzten, glitten und zitterten ihr fröhlich über das Haar
-und den unbedeckten Hals. Als sich der Fürst einmal umwandte, erschrak
-er fast. Das Weib, das hinter ihm herschritt, leuchtete und funkelte so
-eigentümlich, daß ihm das Wort auf der Lippe erstarb. In dem grünen
-Dämmer wandelte die hohe Gestalt, umflossen von der ihr anhaftenden
-Frische und Reinheit, und wieder schien es dem Beobachter, als ob er dieses
-unberührte Menschenkind durchaus nicht in den ihm gewohnten wilden Reigen
-einzuordnen vermöchte. Fast beschämt kehrte er sich ab, um ihr von neuem
-durch den schmalen Gang voran zu eilen. In weiter Biegung schlängelte sich
-der Weg um das Feld herum, um endlich breiter und breiter zu werden, bis
-sich das Gebüsch allmählich in den herantretenden Buchenwald verlor.
-Hier spürte man nichts mehr von der Hitze des Tages. Zwischen den
-matten, grauen Stämmen hing ein unsichtbarer Flor herab, hinter dem alles
-Gegenständliche verdämmerte und verschwamm. Geräuschlos flirrte das
-feine Spiel der Blätter, rechts und links über die Waldwege zogen sich
-die glitzernden Fäden der Spinne, grüne Fliegen hingen in der Luft und
-zuckten plötzlich wieder davon, und der ganze ungeheure Wald war erfüllt
-von Schläfrigkeit und einem ewig auf- und absteigenden Summen. Von Zeit
-zu Zeit aber wichen die Riesenbäume weit auseinander, und hohe, ungeheure
-Hallen empfingen die Wanderer unter grünen, leise schwankenden Kuppeln.
-
-Mitten auf einer der Waldwiesen träumte die Sankt-Annen-Buche, unter
-deren weit ausladenden Ästen unzählige Betrübte schon in frommer Einfalt
-gekniet hatten. Johanna lehnte sich leicht an den grauen, vielnarbigen
-Stamm und blickte zu einem Perlenstern empor, auf dessen grünem Untergrund
-eine zitternde Hand nichts als die Worte gezeichnet hatte: »St. Anna hilf
-uns!« Nie zuvor war von der Gutsherrin diese Spende gesehen worden. Sie
-bedeutete wohl einen Notschrei aus schlimmer Zeit. Wer konnte wissen, zu
-welch entwürdigender Arbeit die emsigen Hände von fremden Einlagerern
-schon verurteilt waren.
-
-Johanna atmete schwer und rührte sich nicht.
-
-So vermochte sie nicht wahrzunehmen, wie Fürst Dimitri, nachdem er
-eine geraume Weile die Unbewegliche unter dem grünen Buchenmantel in
-künstlerischem Genießen gemustert, verstohlen sein Skizzenbuch hervorzog
-und mit fliegenden Strichen das strenge Bild festzuhalten strebte. Erst
-eine rasche Bewegung verriet ihn. Sofort trat das Mädchen zurück, jedoch
-nur, um sich auf einen abgehauenen Baumstumpf niederzulassen, wo sie den
-Blicken des Beobachters nicht mehr ausgesetzt war. Doch mit keinem Wort
-tadelte sie die Freiheit, die sich ihr Gefährte genommen. Dazu wurde sie
-zu sehr, -- trotz eigener Entfernung von der Kunst, -- durch die Ehrfurcht
-vor allem Können beherrscht.
-
-»Schade,« bedauerte Dimitri Sergewitsch leise.
-
-Allein auch er kam durch keine Andeutung auf seinen vereitelten Wunsch
-zurück.
-
-Mit ein paar respektvollen Worten bat er, sich auf einer Mooserhöhung
-lagern zu dürfen, und als ihm dies freundlich gewährt war, da ließ sich
-der Oberst auf dem Erdbuckel nieder, ohne sich jedoch auszustrecken
-oder irgendwie eine lässige Haltung anzunehmen. Die Vornehmheit seiner
-Gewohnheiten oder Erziehung äußerte sich eben ganz ungezwungen in
-jeder Lage. Und doch -- trotz dieser Rücksicht -- empfand es
-Johanna schmerzlich, als sich die fremde Uniform mitten zwischen den
-Farrenkräutern und Gräsern abzeichnete. Die umfriedete Ruhe des deutschen
-Waldes schien ihr dadurch gestört. Und ihr Blick heftete sich gezwungen
-auf ein kleines blaues Ordenskreuz, das der Offizier dicht unter dem
-Halskragen befestigt trug.
-
-»Das ist wohl eine hohe Auszeichnung?« fragte sie endlich trotz inneren
-Zögerns.
-
-Der Fürst nahm seine Mütze von den braunen Locken, zuckte die Achseln,
-und seine Hand begann mit der blauen Dekoration ohne große Wertschätzung
-zu spielen.
-
-»Ich empfing das Ding,« äußerte er, »zum Fest der heiligen
-Wasserweihe. Irgendein Verdienst wurde meines Wissens damit nicht
-belohnt.« Und wieder ließ er das blaue Kreuz durch seine Finger
-schnellen.
-
-Heilige Wasserweihe?! Wie unbegreiflich fern und einem anderen Volke
-angehörig doch die Bezeichnung jenes Festes hier unter den grünen Buchen
-klang. Und dadurch hervorgerufen stieg dem blonden Mädchen die Erinnerung
-auf, wie ihr Gefährte ja seinem Glauben nach einem bunten geheimnisvollen
-Ritus huldige, der seine Bekenner durch düsteren Pomp viel mehr an Orient
-und Osten knüpfte, als an das wunderlose, begriffsscharfe Europäertum.
-Ein zu seltsamer Gedanke, wenn man sich den distinguierten Mann
-betrachtete, der sich in nichts anderem von den ihr bekannten Herren
-unterschied, als durch die edle Regelmäßigkeit seiner Gesichtszüge und
-die schwermütige Schönheit, die über ihnen ausgebreitet lag.
-
-Merkwürdig, auch der Fürst schien sich ähnlichen Vorstellungen über
-das, was Völker trennen und verbinden konnte, hinzugeben. Er hielt das
-schmale Haupt erhoben und verfolgte die Sprünge eines schwarzbraunen
-Eichkätzchens, das ohne einen Begriff von der Heiligkeit der Stätte in
-den oberen Ästen der Sankt-Annen-Buche herumturnte. Manchmal auch setzte
-es sich, so daß die Ruthe feinfaserig herabhing, um nach den beiden
-Menschen zu äugen, die in dieser grauen Ruhe der Baumriesen zu atmen und
-zu sprechen wagten.
-
-»Welch unbegreifliche Grenzscheiden die Menschen sich doch errichten,«
-begann der russische Offizier endlich seinen Gedanken Ausdruck zu
-verleihen. »Das Trennende liegt mehr in unserem Gehirn und richtet dort
-Unheil an. Sehen Sie, verehrtes Fräulein, auf meinen Gütern, die gar
-nicht weit von Petersburg liegen, da gibt es Wälder von ganz gleicher
-Stille und Unberührtheit wie dieser hier. Ich bin Tage und Nächte
-lang durch sie hindurch geritten, und manchmal nach einer töricht
-durchschwärmten Zeit konnte ich jubeln gleich unseren kleinen
-uniformierten Ferienschülern, denn mich empfing in den stillen Gründen
-stets das Gefühl, als ob ich in die reinigenden Arme einer Mutter
-zurückkehrte. Und hier --?« Er schüttelte das Haupt und sah sich mit
-einem langen verwunderten Blick um.
-
-»Nun, und hier?« fragte Johanna von ihrem Baumstumpf aus beklommen.
-
-Er zuckte die Achseln und riß ein paar Halme von seinem Lager aus.
-
-»Hier ist die Fremde. Ich weiß nicht, wie es kommt -- obwohl ich, wie Sie
-vielleicht schon bemerkten, gar keinen so recht innerlichen Anteil nehme an
-dieser Völkerabrechnung, weil ich zu jenen gehaßten Kosmopoliten gehöre,
-wurzellosen Weltbürgern, von denen die Oberschicht Rußlands voll ist --
-es verschlägt alles nichts, in dem Gehirn sitzt einmal der harte
-Begriff: hier ist die Fremde, hier wohnt der Feind, die erklärungslose
-Antipathie.«
-
-Er wartete einen Augenblick, und da Johanna nichts erwiderte, fuhr er ruhig
-fort:
-
-»Ich könnte mir ganz gut vorstellen, daß alle diese bewegungslosen
-Stämme um uns herum Ihre Gestalt angenommen hätten, mein Fräulein, und
-daß sie einen Arm starr nach mir ausstreckten, um mir zuzurufen: ›Du
-gehörst nicht hierher. Wir sind deutsche Bäume und wollen einen
-Slawen lieber unter uns begraben sehen, als ihm Schatten und Erquickung
-spenden‹. Habe ich das Gefühl Ihres Waldes richtig getroffen?«
-
-Ein Schrecken durchrann Johannas Glieder, als ihr Gefährte so sicher ihre
-heimlichsten Wünsche zerfaserte.
-
-»Ich dachte nicht immer so,« sagte sie an sich haltend, während ihre
-blauen Augen den Hingestreckten mit ihrem glasklaren und doch nicht warmen
-Leuchten umspannten.
-
-Jetzt lächelte der Fürst. Es war ein feines, verständnisvolles Lächeln,
-das den Welt- und Menschenkenner verriet.
-
-»Selbstverständlich,« entgegnete er, »ich zweifle nicht im geringsten
-daran, daß Ihre Abneigung gegen uns erst entstand, nachdem Sie die
-dunkelsten Seiten unseres Volkstums gegen sich selbst gerichtet spürten.
-Unser plumpes Kraftbewußtsein, eine täppische, kindliche Zerstörungswut
-und die finstere Nacht unserer erschreckenden Unbildung. Ich weiß,
-Germanien betrachtet sich uns gegenüber häufig als eine Herrin und
-das umliegende slawische Land als ihren Knecht. Auch Sie sind solch eine
-Herrin,« setzte er bedeutungsvoll hinzu.
-
-Johanna starrte ihn an. Sie begriff durchaus nicht die Gelassenheit, mit
-der der fremde Aristokrat mitten in dem großen Streit von seinem eigenen
-Volke sprach. War das Falschheit? Oder wollte er ihr einen Fallstrick
-legen, weil er ihre leidenschaftliche Hingabe an ein furchtloses
-Bekennertum kannte? Wie war solch gleichgültige Kritik überhaupt
-möglich? Es klang, wie wenn ein gänzlich Unbeteiligter über
-einen Tausende von Meilen entfernten Stamm zu urteilen hätte. Immer
-unbegreiflicher wurde ihr der fremde Mann, und sie glaubte, daß jetzt die
-letzten von den Banden rissen, die zwei Angehörige derselben Artung sonst
-verknüpfen.
-
-»Fremd -- fremd,« mahnte es in ihr.
-
-Und dann -- wie furchterregend! Der Fürst schien schon wieder den
-versteckten Spuren ihrer Überlegungsreihen gefolgt zu sein. Ohne Zorn,
-nur mit einer Bewegung des Besserunterrichteten, erteilte er ihr auf ihre
-stillen Einwände die Antwort:
-
-»Ich merke, Sie finden es verächtlich, mein gnädiges Fräulein, weil ich
-Ihnen so schonungslos über meine Volksgenossen berichte. Aber glauben Sie
-mir, darin liegt gerade die tiefe Tragik unseres Riesenreiches. Nirgends
-in der Welt leben der wirkliche Adel und die Oberschicht derartig von der
-dunklen Masse getrennt, ja durch unüberbrückbare Ströme geschieden,
-wie bei uns. Wir, die wir das Volk leiten und befehligen, sind im Grunde
-wurzellose Menschen; ich möchte beinahe sagen ohne festen Wohnsitz. Unsere
-Kleidung ist die englische, unsere Sprache die französische, und unser
-Bildungsdrang, wenigstens bei den Besten von uns, geht nach dem Deutschen.
-Wir wohnen gewissermaßen nur auf Besuch unter den Unsrigen, denn unsere
-größte Anregung und die tiefste Befriedigung unserer Nerven finden wir
-in den großen Städten des Westens. Wenn Sie vielleicht einwenden, daß
-gerade wir es sind, die eine allumfassende nationale Strömung erweckten,
-so muß ich Ihnen hier unter uns und einigermaßen beschämt bekennen,
-daß dies im Grunde nur eines der geistigen Mittel ist, durch die wir die
-unruhige, an religiösen Qualen leidende Menge am Zügel halten. Uns selbst
-aber wäre ein weiteres Überwiegen slawischen Einflusses direkt unbequem.
-Denn es würde uns allmählich an dem Auskosten aller feineren Genüsse
-hindern. Sie sehen also, mein Fräulein,« schloß der Fürst immer mit
-derselben schonungslosen Offenheit, »von welchem Zwiespalt die leitenden
-Männer bei uns ergriffen sind und zu welchen peinigenden Lügen sie ihre
-Zuflucht nehmen müssen, wenn sie nach außen hin das Gegenteil verkünden.
-Glauben Sie mir, mit diesen widersprechenden Gefühlen sind wir auch in den
-Krieg gezogen, für den uns das große Schlagwort, die berauschende
-Phrase absolut mangelt. Ganz abgesehen davon, daß wir uns aus einer
-Reihe unvermischter, meistens unterworfener Stämme zusammensetzen, deren
-Wünsche und Ziele weit auseinander streben. Und doch lieben wir diese
-unglückselige Heimat und beweinen sie.«
-
-Johanna schlug das Herz. Ihr war es, als hätte hier ein sehr
-Unglücklicher gesprochen. Ein Mensch, der sich im heftigsten Streit
-von einer armen, ungebildeten Familie gelöst und der doch die
-Zusammengehörigkeit, unter der er litt, nicht vergessen konnte. Und als
-ihr norddeutsch kühles Auge jetzt auffing, wie gelassen ihr Gefährte auf
-seinem Mooshügel saß, mit der schmalen Hand spielerisch über die
-Gräser streichend, als wenn er eben das Allergewöhnlichste und
-Selbstverständlichste offenbart, da ergriff sie plötzlich eine stechende
-Sorge um den schlanken Mann, mütterlich fast, wie sie immer gewohnt war,
-sich mitzuteilen. Daneben aber rang in ihr die Angst, ob es ihrer auch
-würdig sei, dem Gegner, der doch bedenkenlos das Schwert geschwungen, ein
-Zeichen des Trostes zu gönnen.
-
-»Gottlob,« sagte sie endlich, »wir können uns in eine solche
-Zerrissenheit gar nicht hineindenken.«
-
-Es sollte eine Teilnahme bedeuten, und sie ahnte nicht, wie preußisch
-kühl und überhebungsvoll ihre Rede ausgelegt werden konnte. Über die
-Lippen des Russen wehte auch sofort ein leicht mokanter Zug, um jedoch bald
-einem trüberen Ausdruck zu weichen. Und jetzt -- das Mädchen griff fest
-nach dem Baumstumpf, auf dem es saß -- jetzt schimmerte in den Augen des
-Mannes wieder jene Schwermut, die Johanna so oft an dem Bilde in ihrer
-Schlafkammer beobachtet. Wenn sie sich an diese Ähnlichkeit erinnerte,
-dann schwand jedesmal alle Beherrschung von ihr, und fröstelnd empfand
-sie, daß etwas Altes, längst Bekanntes zwischen ihnen beiden walte. Sie
-wollte sich dagegen wehren, aber der bindende Zauber spann ungehindert
-herüber und hinüber. Dazu strich ein Rauschen durch die Wipfel der
-Buchen, rötliche Blätter wirbelten durch die graue Dämmerung, und ganz
-hinten in dem jungen Gehölz neigten sich die dünnen, armstarken Stämme
-kosend gegeneinander.
-
-»Wie scharf Sie beobachten können,« kehrte Dimitri fast gewaltsam zu
-dem verlassenen Gespräch zurück, und dabei bettete er sich den von der
-Schulter herabhängenden Säbel quer über die Knie, »Sie gebrauchen
-gerade das richtige Wort, liebes Fräulein: Zerrissenheit. Sie ist unser
-schlimmster Feind. Ich meine nicht die politische, sondern die innere, die
-leider ein durchgehender Zug unseres Charakters ist und durch Bildung oder
-Gelehrsamkeit nur noch verstärkt wird. Ich fürchte fast, daß ich Ihnen
-selbst die Grundlage für Ihre Behauptung lieferte.«
-
-Da erblaßte Johanna.
-
-»Durchlaucht,« sträubte sie sich, »Sie scherzen wohl nur. Wie hätte
-ich mich mit irgend etwas, was Ihre Lebensgewohnheiten oder Ihren Charakter
-betrifft, beschäftigen können?«
-
-Der Russe ließ die goldene Troddel seines Wehrgehenkes achtlos durch seine
-Finger gleiten.
-
-»Ach ja, gewiß. Verzeihen Sie, wenn ich mich einer Täuschung hingab.
-Wir betrügen uns alle gern. Aber Sie hätten vollkommen recht. Der innere
-Widerspruch verzehrt uns. Und ein Grauen überfällt die meisten, die ihn
-zu sehen vermögen. Nehmen Sie an, ich spräche von guten Freunden von mir.
-Es sind Leute, die sich beharrlich weigern, auf der Jagd ein Reh oder
-einen Hasen zu töten, weil sie in dem Pulsschlag des Wildes den ihrigen
-zu vernehmen glauben. Mitleidende in der großen Trauer des Lebens. Und
-dieselben Leute fühlen rieselnde Schauer der Wollust, jetzt, da der Krieg
-sie zwingt, ihre Säbel durch weiche Gehirne sausen zu lassen.«
-
-»Nicht doch,« stammelte Johanna, vor deren Augen es dunkelte, und griff
-nach dem Stamm der Buche.
-
-»Doch, doch,« hörte sie ihren Gefährten durch den grauen Dämmer
-hindurch beharren. »Es sind dieselben Leute, die sich am Morgen, von einer
-jagenden Angst getrieben, in die Untiefen der Religion stürzen. Mittags
-hängen sie mit geschlossenen Augen am Seil einer philosophischen
-Morallehre, damit sie die unter ihnen schäumenden Wogen des Lebens nicht
-zu sehen brauchen, und abends werden jene Menschen von irren Krämpfen
-nach Sinnenlust und Ausschweifungen geschüttelt! Können Sie diesen echt
-russischen Gegensatz auch nur fassen, mein Fräulein?«
-
-Der Sprechende stieß die Säbelscheide in den Waldboden, warf kleine
-Moosbrocken in die Höhe und wandte sich ab, um die Rufe des Kuckucks zu
-zählen. Alles Gebärden eines Menschen, der nichts getan, als daß er
-über einen bekannten und keineswegs beunruhigenden Gegenstand geplaudert.
-Seine Zuhörerin jedoch wurde von einer auffallenden Blässe bedeckt.
-Mehrfach setzte sie an, um sich von ihrem Platze zu entfernen.
-Unerträgliche Dinge hatte sie unter dem heiligen Baum gehört, verworfene
-Bekenntnisse, die den Redner gewiß näher angingen, als er zugeben wollte.
-Der Fürst aber -- als wenn er es geahnt hätte -- riß die Überlegende
-sofort wieder in seinen Wirbel zurück.
-
-»Machen wir es kurz,« meinte er in seinem anmutigen Akzent: »die
-Intelligenz Rußlands ist ein ungeheurer Kessel. Schwarz und weiß,
-Heiligkeit und Verbrechen, Schlaffheit und Wut, Güte und Bestientum,
-Keuschheit und Raserei, alles kocht in ihm durcheinander. Und eines Tages
-werden die zischenden Blasen überbrodeln, und der Kessel wird voll Blut
-sein. Im ganzen ein widerliches Gericht. Widerlich,« wiederholte er und
-machte eine Bewegung mit der Hand, als wenn er von seinem Waffenrock eine
-häßliche Spinne abschleudern müßte; »grauenhaft, wenn man ernstlich
-daran denkt. Denn es gibt dafür keine Erlösung. =Mon dieu=,« lachte er
-plötzlich und breitete beide Arme aus, »bestes Fräulein, können
-Sie vergeben, daß ich Sie mit diesen urslawischen Tollheiten so sehr
-langweilte?«
-
-Leichtfüßig schritt er auf sie zu, kreuzte die Arme auf den Rücken
-und lehnte sich dann dicht bei ihr an den Stamm der heiligen Buche. Seine
-Mütze hatte er auf dem Mooshügel liegen lassen, und so fielen ihm die
-braunen Locken wellig über die Stirn. Mit offenem Wohlgefallen glitten
-seine Blicke an der kräftigen Gestalt des Mädchens herab.
-
-»Es ist sonderbar,« sagte er endlich mehr zu sich selbst, »ein so
-starkes, unbeirrtes Weib in seiner Nähe zu wissen. Man glaubt förmlich
-die Gesetzmäßigkeit eines solchen Lebens zu hören.«
-
-Er tat noch einen weiteren Schritt gegen sie. Zögernd streckte er die
-Hand nach dem Mädchen aus, als ob er bittend ihre Rechte berühren wollte.
-Johanna aber, obwohl sie flammend rot wurde, regte sich nicht. Da ließ der
-fremde Offizier seinen Arm sinken.
-
-»Würden Sie mir nicht entdecken,« fuhr er ermunternd fort, ohne die
-Abweisung weiter zu berücksichtigen, »wie Sie zu dieser Festigkeit
-gelangten? Ihre innere Ruhe wirkt unbeschreiblich wohltuend. Sie sind jung
--- ich will Ihnen weiter keine Komplimente machen -- aber wie konnten Sie
-so viel drückende Pflichten auf sich nehmen? Die Bewirtschaftung Ihres
-Gutes, den Schutz für Ihre Schwestern und jetzt sogar den Widerstand gegen
-uns? Soviel Sammlung bei einer Frau ist wohl auch in Ihrer Heimat
-selten. Ich wäre außerordentlich dankbar, wenn Sie mir einen Einblick
-gestatteten.«
-
-Aber Johanna verzog die Stirn.
-
-»Empfinden Sie wirklich ein Interesse für meine Familiengeschichte?«
-wies sie ihn ab. »Man wird eben das, wozu die Verhältnisse uns
-stempeln.« Und etwas freundlicher setzte sie hinzu: »Ich glaube, Sie
-haben dies auch an sich selbst erfahren.«
-
-Jetzt verschränkte der Fürst die Hände über der Brust und nickte
-leicht.
-
-»Ja,« gab er nachdenklich zurück, »mein Schicksal war Reichtum,
-Verwöhnung und Nichtstun.«
-
-»Und meines,« erwiderte das Mädchen herb, »Not, Widerspruch und Arbeit
--- viel Arbeit.«
-
-»Leben Ihre Eltern noch?« fragte der Russe nach einer langen Pause.
-
-»Unsere Mutter ist tot. Sie liegt hier auf dem Friedhof, auf dem neulich
-Ihre Pferde angebunden standen.«
-
-»Hm, ich ersehe daraus wenigstens zu meiner Freude, daß Ihr Herr
-Vater -- --«
-
-Johanna ballte die Faust. Wieder riß sie etwas von dannen. Sie war
-empört, weil der Fremde keine Ruhe gab.
-
-»Es ist kein Anlaß zur Freude,« stieß sie im Zorn hervor, »mein
-Vater verbringt seine Tage in der Landes-Irrenanstalt, nachdem er vorher
-entmündigt wurde.«
-
-»Ah, =mille pardons=,« versetzte der Russe betreten.
-
-Mit vorgestreckter Hand zog er sich mehrere Schritte zurück, denn ihn
-leitete der Instinkt, er hätte sich schon zu nahe an den Kreis ihrer
-Erinnerungen herangedrängt. Geräuschlos raffte er seine Mütze auf,
-und als er sich umwandte, hatte sich auch die Blonde erhoben. Ihre Blicke
-ruhten noch grübelnd auf dem Moos und den Farrenkräutern des Waldbodens,
-als könnte sie sich von dem zuletzt Heraufbeschworenen nicht trennen.
-
-»Jetzt können Sie sich zusammenreimen, wie alles gekommen ist,« sagte
-sie bitter, und dabei schüttelte sie sich unwillig, wie jemand, der nur
-gezwungen zu einem Geständnis hingerissen wurde. »Kommen Sie, ich will
-nach Hause.«
-
-Langsam, nebeneinander, verließen sie den grünen Hain.
-
-Aber es war nicht mehr dieselbe Gegend, die sie vor Stunden, aufatmend
-vor der lastenden Hitze, betreten. Und jetzt erkannten sie auch den
-Unterschied. Das heitere, tanzende Licht war von ihren Pfaden gewichen.
-Ganz allmählich, unmerklich für die noch von Flimmer und Bläue
-erfüllten Augen war zuerst ein dunstiger Rauch über den Horizont
-geflogen. Tiefer und tiefer hatten sich die grauen Gespinste gesenkt, bis
-die Häupter der Bäume in ihre Maschen eingetaucht waren. Die letzten
-spielenden Strahlen hafteten nur noch als schwefelgelbe Flecke an den
-schweigenden, schwermütigen Stämmen. Allein bald erloschen auch diese
-grellen Feuer, und nun lag der Wald in unheimlicher Stille. Reglos starrten
-die Blätter einander -- wie verzaubert -- an. Schwarze Streifen von
-Ameisenzügen strebten in betäubendem Gewimmel ihren Haufen zu. In
-scharfem Flug strichen unerkennbare Vögel durch die grauen Schatten, und
-der ganze Wald hauchte plötzlich nichts als Leere und Verlassenheit.
-
-Die beiden Wanderer aber hielten inne und blickten einander an. Schwer
-atmend fühlten sie, wie eine bängliche Beklommenheit ihre Stirnen
-einpreßte. Zeit und Pulse schienen hier still zu stehen, und nur das
-wiegende Summen der Fliegen und Bienen reizte ihre gespannten Nerven.
-
-Plötzlich bogen sich in der Ferne die jungen Stämme gegeneinander,
-schnellten wieder empor, und durch das verdunkelte Gehölz zischte ein
-Windstoß. Ein langes dumpfes Poltern rollte hoch oben über die starren
-Baumwipfel dahin. Aber dort!? -- Über der winzigen Waldwiese zuckte es.
-Eine feurige Zickzacklinie züngelte durch die dunklen Stämme, hastig
-brachen und raschelten einige Äste, und ganz von fern erhoben sich ein
-paar dünne, ängstliche Vogelstimmen. Krachend schmetterte der erste
-Schlag. Und ohne jeden Übergang prasselten, von einer wütenden Windsbraut
-getragen, Regen und Hagelschauer schräg gegen die beiden Wanderer.
-
-»Treten Sie unter den Baum zurück,« rief der Fürst, auf dessen Mütze
-und Schultern die weißen Körner tanzten, und dabei griff er ohne Besinnen
-nach dem Arm seiner Begleiterin.
-
-Jedoch Johanna riß sich los und lief, so schnell sie vermochte, am
-Waldesrand entlang.
-
-»Es ist nicht gut hier unter den Bäumen,« widersprach sie, »schnell,
-wir müssen die Lichtungen benutzen.«
-
-In hastigen Sprüngen setzte das Mädchen vor dem Manne dahin. Graue
-Regenströme hüllten sie in einen rauschenden Mantel, rote Wolken welker
-Blätter stäubten ihr entgegen; sie ließ sich nicht aufhalten,
-sondern stürmte mit vorgeneigtem Leib gegen sie an. Manchmal kam es dem
-Nachfolgenden sogar vor, als finge er ein mutiges Lachen auf. Und trotz
-seiner halb geblendeten Augen stutzte der Russe. Die germanischen Sagen
-fielen ihm ein. Von den Schlachtenmädchen und den Eisriesen. Und im Moment
-fand er dieses befremdliche Lachen ganz natürlich.
-
-Weiter ging es. Besinnungslos rannten sie dahin, nur auf Sekunden in den
-Wald lauschend, so oft das Knattern und Knallen sich unmittelbar über
-ihren Häuptern entlud. Ein bleierner Rauch begann aus den Büschen zu
-quellen. Es war, als ob auch der feste Boden zu brennen und zu fiebern
-anfinge. Die Kleider klebten ihnen an den Gliedern. Längst war das
-Rascheln von Johannas dünnen Gewändern erstorben, und immer vernehmlicher
-klang das kurze Keuchen und Röcheln der Fliehenden.
-
-Da plötzlich -- Dimitri griff sich an die Stirn, schwankte und umklammerte
-einen Ast, an dem er gerade vorüberjagte. Der ganze Wald tanzte und sprang
-empor. Ein Zischen, ein bläuliches Schwefeln war um ihn, daß er bis
-in die Zunge hinein ein stechendes Rieseln spürte. Dazu flimmerte und
-glitzerte es vor seinen Augen, und doch vermochte er nichts zu sehen,
-nur Schwärze, blaue Finsternis schwang gestaltlos vor ihm. Schmerzlich
-stöhnte er und griff mit den Händen in die Luft, wo er seine Begleiterin
-vermutete. Nachempfindend hörte er von neuem den Regen auf ihre Glieder
-plätschern und vernahm in seiner Vorstellung das klatschende Geräusch
-ihrer nassen Kleider.
-
-»Fräulein Grothe,« fuhr es ungelenk aus ihm heraus, da er jeden Laut
-erst einzeln und neu zu finden suchte, »Fräulein Grothe!«
-
-Dicht vor ihm, mitten auf dem überschwemmten Moos, lag das Weib, nach dem
-er eben gerufen, bewegungslos und starr, und in ihr emporgewandtes Antlitz
-stäubten die feuchten Güsse. Keine Wunde verunzierte ihre Haut, und doch
-war die ganze Gestalt umfangen von Todesruhe.
-
-Ein schneidender Schrecken packte den Herabstarrenden. Zaghaft warf er sich
-in die Nässe nieder und rüttelte an dem hingestreckten Körper. Allein
-die gespannte Brust regte sich nicht, und so angestrengt er lauschte, durch
-die leicht geöffneten Lippen wollte sich kein Hauch drängen. Dazu ächzte
-das Mark der Bäume, und ganz dicht über den triefenden Boden schoß
-es dahin wie der Abglanz einer feurigen Schlange. Da konnte der allen
-äußeren Eindrücken nachgebende Nervenmensch nicht länger dem in ihm
-wühlenden Grauen widerstehen. Ohne recht zu wissen, was er tat, umschlang
-er die Liegende, raffte sie empor und schritt wankend mit ihr durch das
-tobende Unwetter. Seine Arme zitterten unter der ungeahnten Last. Schon
-manches Mädchen hatte er getragen, aber diese hier schien nicht geschaffen
-zu frohem und lockendem Spiel. Nein, starr und wuchtig hingen die schweren
-Glieder herab und suchten ihn zu Boden zu drücken. Seine Brust keuchte,
-vor den Augen begann es ihm wieder zu blitzen, und immer fester mußte er
-das Weib an sich pressen, wenn er nicht einer vollkommenen Erschöpfung
-erliegen wollte. In halbem Traum taumelte er dahin. Aber gottlob, jetzt
-lichtete sich der Wald. Schon ging es durch den Haselnußgang, auf dessen
-Dach es trommelte und rauschte, an der verlassenen Bank vorbei, und jetzt
-hatte er den Hof erreicht. Menschenleer lag er unter dem durchweichenden
-Regen. Kein Auge erspähte ihn, als er durch die offene Tür hindurch die
-schmale Treppe erreichte. Noch ein letztes Zusammenraffen -- und siehe
-da, wie zum Lohn regte es sich in seinen Armen. Eine Hand hob sich und
-klammerte sich an die Schulter des Heraufsteigenden. Oh, er kannte ihr
-Schlafgemach. Oft hatte er im Vorübergehen heimlich über die Armut
-des Raumes gespöttelt und die Schmucklosigkeit des Kämmerchens mit dem
-herrischen, abweisenden Charakter der Besitzerin in Verbindung gebracht.
-Jetzt stieß sein Fuß die halb angelehnte Tür auf, und gleich darauf
-ließ der Fürst seine Bürde tiefatmend auf das eingedeckte Bett gleiten.
-Dann griff er sich erleichtert an den Hals und unwillkürlich mußte
-er seine Umgebung prüfen. Eintönig und fahl wirkte der karge Hausrat,
-namentlich jetzt, wo gegen die Fensterscheiben der Regen einschlug.
-Einzig das Bild da oben an der Wand lohnte sich der Betrachtung! In der
-blaugetünchten Stube war es zu dunkel, um die Unterschrift zu lesen. Aber
-diesen Kopf mußte er schon oft gesehen haben. Sehr oft, ein merkwürdig
-bekanntes Gesicht, irgend jemandem schreckhaft ähnlich. Doch weshalb
-in aller Welt das plötzliche Begegnen dem Beschauer eine so ungeahnte
-Verwirrung einflößte? Oder war es nur die Erschöpfung, die sich jetzt
-äußerte? Daher kam es wohl auch, daß man sich nicht gegen das Lager
-umzukehren wagte, auf dem die Hausherrin in ihren straffen durchnäßten
-Kleidern lag! Freilich, man befand sich allein hier und hatte es nur der
-Betäubung der Deutschen zu danken, daß man überhaupt in ihrer Gegenwart
-einen Blick in diese lächerliche Kammer werfen durfte, die so gar nicht
-für die Ruhestätte einer wirklichen Dame paßte. Zum Henker, sie war
-doch geradezu unbegreiflich, diese Scheu vor einer Willenlosen, aller Kraft
-Beraubten, die noch immer mit geschlossenen Augen lag!
-
-Mit einem sprunghaften, schmerzlichen Entschluß wandte sich der Fürst und
-trat an die Bettstelle. Ja, da war er hingestreckt, der marmorne Körper,
-den der Unbefugte, der Eindringling jetzt erblickte, mit Augen, wie nur
-der Künstler die Verkörperung eines Traumes in sich eintrinkt. Groß
-und majestätisch wölbten sich die Glieder, die sich gewiß zum erstenmal
-einem Manne in verdeckten Umrissen verkündeten. Und in welch edler
-Meißelung die Brust unter dem nassen Leinen schlief.
-
-Bei Gott, das alles wirkte rein und erhaben!
-
-In Dimitris Seele flogen die Lanzen hin und her, wie von brennenden
-Fäusten wurde er angetrieben und wieder zurückgestoßen, alles Gute und
-Schlichte, das ihm das schutzlose Mädchen eingeflößt, widersetzte sich
-gegen die Zerstörungswut, die sein Blut vergiftete, und zwischen Zwang und
-Raserei schloß er die Augen und strich schützend und liebkosend zugleich
-an den vollen leblosen Armen der ihm Preisgegebenen hinab.
-
- * * * * *
-
-Frühzeitig brach die Dämmerung herein, trübes, dunstiges Dunkeln ging
-in raschem Umschlag in einen naßkalten Abend über. Nur einzelne Tropfen
-schlugen noch auf das Land, und der Wind zerrte heftig in den Bäumen.
-
-Herbstnacht!
-
-Längst hatte sich Johanna umgekleidet, aber sie mußte wohl zu lange in
-ihren durchnäßten Gewändern verbracht haben, denn, wenn sie auch
-am Fenster ihres Schlafzimmers lehnte, um müde in das Unerkennbare
-hinauszustarren, durch ihre Glieder schnitt ein Frösteln, immer von neuem
-stürzten ihre schleppenden Gedanken wie irgend etwas Tönernes zusammen,
-und eine Weile mußte sie sich dann durchs Leere tasten.
-
-Dazu diese wühlenden, brennenden Kopfschmerzen! Nein, sie war noch nie
-krank gewesen und wollte auch diesmal nicht nachgeben. Aber der irre Drang,
-der sie umtanzte, der sich aufrichtete und sich an sie hing, er zog ihr den
-Boden unter den Füßen fort und ließ ihre Knie zittern.
-
-Trotzig, mit hocherhobenen Armen, warf sich das Weib, das nicht unterliegen
-wollte, auf sein Lager zurück und wühlte die Stirn in die kühlen Kissen
-ein.
-
-Ruhig, ruhig, endlich mußte sich doch das zerstückte Bewußtsein
-zurückfinden, man mußte nur den Willen zu Hilfe rufen, den eisernen
-Willen, der bis dahin Maritzken jedes Gesetz gegeben, und dann, -- ja ganz
-sicher -- dann würden sich all die flatternden Fetzen zu einem sichtbaren
-Gewebe verknüpfen; man würde es durch die Hände laufen lassen, man
-würde es prüfen, und dann, dann würden Angst und Bedrückung und
-Verworrenheit weichen. Alles, was jetzt schemenhaft, als wahnsinnige
-Traumgestalten durch ihr Hirn gaukelte, das lebte ja nicht, das hatte
-sein flammendes Dasein aus den Feuern des Blitzstrahls gesogen, und mußte
-verrauchen und zu Asche sinken, sobald kühle Vernunft dem Spuk in die
-funkelnden Augen sah!
-
-Stöhnend mußte die vor Scham Fiebernde sich eingestehen, daß alle ihre
-Gedanken, ihr ganzes Vorstellungsvermögen wie in einer engen, brennenden
-Grube eingefangen waren, aus der es für sie keine Möglichkeit gab, zu
-entrinnen. Und auch der Umstand, daß der erste müde Blick in die Umwelt
-ihr eine fremde Uniform gezeigt hatte, die schattenhaft durch die Tür
-entschwand, was bewies er schließlich anderes, als daß ihre Phantasie
-bei dem Menschen stehen geblieben war, mit dem sie sich zuletzt bei vollem
-Bewußtsein beschäftigt?
-
-Mit einer wegwerfenden Gebärde erhob sie sich und siehe da, sie stand
-fest auf ihren Füßen. Das erste, was sich in ihr regte, war die Absicht,
-irgendwo ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Ein rascher Blick auf die Uhr an
-ihrem Handgelenk belehrte sie darüber, daß die Abendstunde angebrochen
-sei, in der sie sich nach dem Befinden und den Wünschen Sassins zu
-erkundigen pflegte. Ruhig strich sich Johanna das Haar aus der Stirn,
-ordnete ihre Kleider und entzündete ein Licht, um sich durch den schmalen
-Gang voranzuleuchten. Als sie nach kurzem Klopfen bei dem Rittmeister
-eintrat, saß der Kranke auf dem einfachen braunen Ripssofa, hielt die Arme
-auf den Tisch gestützt, und sein plumpes Gesicht starrte schwermütig
-auf die weiße Glocke der vor ihm brennenden Lampe. Kaum erkannte Leo
-Konstantinowitsch die Hausherrin, so machte er einen Versuch, sich zu
-verneigen, woran er jedoch von der Nähertretenden gehindert wurde.
-Aufrecht wie immer blieb das Gutsfräulein an dem Tisch stehen, ohne der
-Einladung des Russen, Platz zu nehmen, irgendeine Beachtung zu schenken.
-Bald waren die üblichen Fragen erledigt, und nachdem Johanna noch einen
-prüfenden Blick in die Runde geschickt, gedachte sie sich eben wieder
-zurückzuziehen, da wurde sie durch einen Ausruf des Kranken an ihrer
-Absicht gehindert.
-
-»Bleiben, verehrtes Fräulein, bitte, bitte, bleiben,« rief der Russe so
-dringend hinter ihr her, daß sich die Enteilende seinem Verlangen
-nicht entziehen mochte. Dazu hüstelte Leo Konstantinowitsch wieder so
-mitleiderregend und preßte sich beide Fäuste mit aller Gewalt gegen die
-Brust. Er schien seine Schmerzen auf diese Weise dämpfen zu wollen.
-
-»Ist hier noch etwas versäumt?« erkundigte sich das Mädchen, an den
-Tisch zurückkehrend.
-
-»Nichts versäumt,« bemühte sich der Rittmeister in seiner gewohnten
-lebhaften Art hervorzusprudeln, »nicht das Allergeringste.« Und dabei
-riß er die Augen auf, um den Grad seiner Bewunderung anzuzeigen. »=Vous
-tenez bon ordre=, es geht alles -- wie sage ich: nach dem =règlement=.
-Das ist es gerade, Madame, ich wollte Ihnen schon längst für vorzügliche
-Behandlung danken, die gar nicht verdiene.«
-
-»Oh, lassen Sie das,« entgegnete Johanna von einem flüchtigen Mitleiden
-ergriffen.
-
-Der Russe stützte wieder den blonden Kopf in die Hand und streichelte
-grübelnd über die weiße Lampenglocke. Durch seine abgezehrten Finger sah
-man das Blut schimmern.
-
-»Oh doch,« sprach er in sich gekehrt weiter, »manche von uns verdienen
-Rücksicht nicht. Es ließe sich viel darüber sagen, sehr viel.«
-
-Während der letzten Worte glitt der unruhige Blick des Kranken nach
-der gegenüberliegenden Wand, und es schien, als wenn er zu etwas ganz
-Besonderem auszuholen beabsichtige. Indessen auch seine Entschlußkraft
-mußte wohl durch seine Leiden gebrochen sein, denn er sank unverrichteter
-Sache wieder zusammen und murmelte etwas zur Entschuldigung. Und dennoch
-hatte die Andeutung in seiner Hörerin das Gefühl erweckt, als ob sich
-seine versteckte Warnung auf den Fürsten Fergussow beziehe.
-
-Eine Weile blieb es still zwischen den beiden, die sich scheuten, einander
-weitere Eröffnungen zu machen. Dann wünschte Johanna dem Rittmeister eine
-gute Nacht. Sassin jedoch, als ob er fürchte, jetzt schon allein gelassen
-zu werden, streckte die Hand gegen sie aus und klammerte sich an ihr
-letztes Wort.
-
-»=Bonne nuit=,« nickte er schwermütig. »Ja, habe hier gut geschlafen.
-Das Bett weiß, das Haus ruhig. Wer kann wissen, wie später einmal finden
-werde?«
-
-»Werden Sie denn von hier fortgehen?« fragte Johanna gepackt.
-
-Der Russe kratzte wieder an der Glocke herum. Nur schwer rang er sich das
-Folgende von der Seele:
-
-»Im Krieg kommt so etwas schnell,« versetzte er. »Man erzählt sich
-jetzt hier allerlei. Und dicker Doktor hinterbrachte mir heute, daß wieder
-vorwärts geht.«
-
-»Dann werden Sie vielleicht alle bald Ihr Quartier verlassen müssen?«
-atmete Johanna hörbar.
-
-Der Russe stöhnte. »Ich nicht -- andere -- ich nicht.«
-
-»Weiß der Fürst schon von dieser Möglichkeit?«
-
-Es mußte etwas im Klang ihrer Stimme liegen, was Leo Konstantinowitsch
-veranlaßte, inne zu halten. Lauernd schob er seinen Kopf hinter der
-Lampenglocke hervor, und seine blauen Knabenaugen flackerten unruhig über
-die hohe Gestalt hinweg.
-
-»Was weiß ich von den =ordres=, die Fürst empfängt?« knurrte er übel
-gelaunt. »Hat nicht die Gnade, sie mir mitzuteilen. Zufällig wurde mir
-nur durch unseren Wachtmeister bekannt, daß er im Moment bei den anderen
-Kameraden in Schenke sitzt. Eine große Herablassung, zu der sich Seine
-Durchlaucht sonst nicht hergibt. Muß etwas ganz Besonderes in Luft
-liegen.«
-
-»Das ist nicht meine Sache,« schloß die Hausherrin gleichgültig. »Wohl
-zu ruhen.«
-
-Und sie ging mit einem kurzen Neigen heraus.
-
- * * * * *
-
-Je weiter die Nacht vorrückte, desto öfter fand sich Johanna in ihrem
-unruhigen Schlummer gestört. Bald rasselte es über die Landstraße,
-als ob schwere eisenklirrende Gespanne unter Flüchen vorwärts getrieben
-würden, bald drang das eigentümliche Knirschen zu ihr herauf, das
-entsteht, wenn unzählige nägelbeschlagene Stiefel die Chaussee treten.
-Gleich darauf versank wieder alles in Stille, bis das Fauchen von
-Automobilen und das Getrappel größerer Reiterscharen sie von neuem aus
-den Gründen der Vergessenheit aufjagten. Die Einsame schlug die Augen auf
-und lauschte. In dem kleinen niedrigen Zimmer hing noch tiefe Finsternis,
-und gerade jetzt, wo die Hausherrin das wilde Getriebe dort unten
-deutlicher zu unterscheiden suchte, da war alles wieder in seine frühere
-Lautlosigkeit zurückgesunken. Nichts verkündete sich der Liegenden, als
-das hohle Aufspritzen einzelner Tropfen, die mit der Regelmäßigkeit des
-Pendelschlags aus der Dachrinne herunterrollten.
-
-Aber nein -- auf dem schmalen Gang des Stockwerks bewegte sich ein
-Türklopfer.
-
-Johanna wußte nicht, von welcher Gewalt sie emporgerissen wurde. Furcht,
-scheue Ahnung eines überwältigenden Unheils und das Nachwirken all der
-kranken Grübeleien, die seit ihrem Zusammenbruch ihr nüchternes Urteil
-zerrüttet hatten, dieses seltsame Gemisch erhielt eine nicht mehr zu
-bannende Gewalt über sie.
-
-Ein Sprung -- und sie hatte lautlos ihre Tür um eine Linie geöffnet.
-
-Sie hatte geöffnet und sah draußen in dem ungewissen Dämmer, der
-durch das kaum fußhohe Fensterchen am Ende des Ganges fiel, -- sie sah,
-zusammengeduckt und atemlos, wie das Bild dort oben an ihrer Wand das
-Gemach ihrer Schwester Marianne verließ. Es schlich an ihr vorüber, die
-Treppe knarrte, und dann tickte wieder der Pendelschlag aus der Dachrinne.
-
-Eins -- zwei -- drei.
-
-Die große Blonde aber, die gewalttätige Walküre, sie stand in ihrem
-weißen Hemd und regte sich nicht. Weder schrie sie auf, noch führte sie
-mit der geballten Faust einen Schlag gegen den Kupferstich, so daß das
-deckende Glas in tausend Scherben zersprang. Langsam, zitternd vielmehr,
-führte sie die Finger an den Mund und tat dasjenige, was sie ihr ganzes
-Leben hindurch aus dem Zwang der Verhältnisse heraus geübt hatte --
-sie rechnete. Das Exempel war wieder an seinem Ende angelangt. Zuerst den
-Leichtsinn des Vaters gebüßt durch ungezählte Jahre, jetzt, nachdem das
-Haus mühsam aufgebaut war, da brach die Welt zusammen, und die Schande
-kroch heimlich in ihre Nähe.
-
-Was nun? Mußte jetzt wieder ein unerbittlicher Strich gezogen werden? Wie
-fing man das nur an, wenn man so allein war?
-
-Über ihrem Haupte rollten die Tropfen, und der Pendelschlag tickte weiter.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Morgen hatte Fürst Fergussow das Haus ohne Abschied
-verlassen. Man brachte Johanna ein Schreiben von ihm. In dem Kuvert lag ein
-Schutzbrief des Obersten sowie ein paar Tausendrubelnoten zum Ausgleich des
-der Gutsbesitzerin erwachsenen Schadens. Johanna nahm beides, ihre Brust
-schien einen Moment still zu stehen, dann senkte sie das Haupt, strich sich
-die Haare aus der Stirn und schloß die Sendung umsichtig in ihre Kommode.
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Tiefe Finsternis ruhte über der weiten, russischen Erde, als der
-Leiterwagen mit den deutschen Geiseln in der Gouvernementsstadt anlangte.
-Ein heftiger Wind sauste über den zahnlückigen Marktplatz und flackerte
-ängstlich um die Flammen der wenigen Gaslaternen, die sich aus dem
-vermorschten Holzbelag der Bürgersteige erhoben. Und doch schlief die
-dunkle Stadt nicht, nein, im Gegensatz zu dem preußischen Gemeinwesen, das
-sie vor kurzem verlassen, merkten die Fortgeschleppten voller Befremden,
-wie hier die Nacht widerhallte von verstecktem Leben, von Daseinsfreude und
-Genuß, als ob diese Regierungsstätte des Zaren sich schon nicht mehr
-um den nahen Völkerstreit zu kümmern hätte. Durch die erleuchteten
-Fensterscheiben der elenden kleinen Gasthäuser und Kaffees sahen die
-Vorüberfahrenden, wie sich an jenen Orten zweifelhafter Geselligkeit eine
-dichte Menge drängte. Zahlreiche Offiziere aller Waffengattungen zechten
-hier, die Mützen schief auf den Köpfen, neben eleganten Frauen, man
-hörte Wiener Walzer aufklingen und dazwischen das Tremolieren vortragender
-Chantantkünstlerinnen. Gelächter und Bravorufe belohnten die Darbietungen
-der kurzgeschürzten Damen.
-
-Gefesselt hüllte sich Isa fester in ihren grauen Regenmantel, und sie
-versuchte in dem flüchtigen Lichtschimmer, der ab und zu über die
-Straße huschte, in den Zügen des neben ihr sitzenden, gänzlich in sich
-versunkenen Konsuls Bark zu lesen, welchen Eindruck das unerwartete Treiben
-auf ihren Gefährten hervorbrächte. Als sich jedoch, soviel sie erkennen
-konnte, der Ausdruck verbissener Entschlossenheit auf dem Antlitz des
-Kaufmannes nicht veränderte, da spähte sie wieder neugierig umher, denn
-in ihrem jungen, unerfahrenen Gemüt überwog bei jener traurigen Fahrt
-noch das Interesse an dem Ungewohnten und Abenteuerlichen. Und der Konsul
-ließ sie gewähren, denn er ahnte, wie bald sie den grimmigen Ernst ihrer
-Lage begreifen würde.
-
-Jetzt verlangsamte sich der Trab der Pferde. Sie fuhren an den dunklen
-Massen der russischen Militärkirche vorbei, und in dem trüben Flackern
-von ein paar Gaslichtern sahen die Deutschen, wie der Metallüberzug der
-byzantinischen Kuppeln einen glitzernden Widerschein warf.
-
-»Man halte,« rief der baltische Unterleutnant, der das Kommando über die
-Begleitmannschaft führte, und erhob sich.
-
-Ganz dicht aus einer der Seitenstraßen vernahm man das Geräusch einer
-sich nahenden Volksmenge. Feierlich, dumpf, inbrünstig und wehklagend
-erschallte nach dem Takt der Schritte vielhundertstimmiger Gesang, auch
-die Soldaten des Transportes entblößten demütig ihre Häupter, und
-ehe Geiseln und Gefangene noch recht die Erklärung ihres jungen Adligen
-begriffen hatten, daß jenes packende geheimnisvolle Lied die russische
-Nationalhymne wäre, da schwenkte der Zug schon auf den Kirchplatz ein.
-Voran ein Fackelträger, dicht hinter ihm, zwischen zwei bekränzten
-Stangen hängend und unheimlich von der rauchenden Flamme überflutet, das
-Bild des gekrönten Zaren, und in seiner Gefolgschaft die unübersehbare,
-singende Menge. Fabrikarbeiter, alle Häupter entblößt, alle Hände
-gefaltet, und alle, alle von dem einen starren Gedanken beseelt, Sieg, Sieg
-für die russischen Waffen zu erflehen.
-
-So zogen sie dahin, dumpf, taktmäßig, eine inbrünstige Beterschar, und
-ihr Weg führte sie an den erleuchteten Fenstern vorüber, hinter denen die
-Champagnerkelche klirrten und das Gekreisch der sich wiegenden Soubretten
-das Locken der Geigen überschrillte.
-
-Mitleidig schlug die Nacht ihren Mantel um den grauenhaften Widerstreit, in
-dem die russische Seele sich selbst anfiel und zerfleischte.
-
-Auch Unterleutnant Karström hatte die Mütze vom Haupt gezogen, jetzt
-schickte er noch einen trüben Blick hinter dem entschwindenden Fackellicht
-her, um dann erwachend seinem Kutscher den Befehl zu erteilen, auf die
-entgegengesetzte Seite des Platzes hinüberzulenken.
-
-Aus der Dunkelheit tauchten die Umrisse eines stattlicheren Gebäudes auf.
-Es war das =Hôtel de Moscou=, der vornehmste Gasthof der Stadt.
-
-»Für die Herren Senatoren ist hier bereits Quartier bestellt,« erklärte
-der junge Offizier, als erster von dem Leiterwagen herunterspringend. »Es
-steht den Herren selbstverständlich frei, hier zu soupieren. Allerdings
-muß ich verlangen, daß keiner der Herrschaften ohne Aufsicht das Hotel
-verläßt. Und Sie?« setzte der uniformierte Knabe zögernd hinzu, als
-nun in der dunklen Schar der Magistratsmitglieder Konsul Bark sowie
-das schlanke Mädchen vor ihm standen, und es war, als ob er sich der
-ungewissen Frage ihrer Augen nicht gewachsen fühlte, »Sie? Um offen zu
-sein,« flüsterte er beiseite, »ich empfing den Auftrag, Sie beide heute
-noch der Polizeimeisterei einzuliefern.«
-
-»Der Polizeimeisterei?« wiederholte Rudolf Bark finster, und Isa
-erschrak, weil der Großkaufmann sich die Lippe nagte, wie wenn er sich
-kein weiteres Wort entschlüpfen lassen wollte.
-
-»Ist denn die Polizeimeisterei ein solch schlimmer Ort?« forschte sie
-erblassend.
-
-Die beiden Männer warfen sich einen bedeutsamen Blick zu, dann aber
-schüttelte sich der schmächtige Offizier, und während er die deutschen
-Bürger, die sich schon unter dem Hauseingang drängten, durch eine
-Handbewegung zum Warten aufforderte, da schien der vornehme junge Mensch
-seinen Entschluß gefaßt zu haben:
-
-»Ich glaube es verantworten zu können,« rang es sich willenskräftig
-von seinen zuckenden Lippen, »wenn Sie und die Dame« -- hier verbeugte er
-sich leicht -- »die heutige Nacht gleichfalls im Hotel Moscau verbringen.
-Ich hoffe, Sie werden mir Ihre Bewachung weder schwer machen,« lächelte
-er, »noch verübeln! Morgen freilich --« er zuckte die Achseln -- --
-
-»Oh, ich verstehe,« rief Konsul Bark, ganz glücklich, wenigstens noch
-für ein paar Stunden der drohenden Einkerkerung entgangen zu sein, von
-deren Schrecken er sowohl durch Lektüre, als durch allerlei mündliche
-Schilderungen genügend unterrichtet war. Und schon, während er mit
-den anderen das kleine Vestibül betrat, da wälzte sein lebhafter und
-unternehmender Geist bereits allerlei Pläne, wie er sich und das hübsche,
-ahnungslose Mädel allen weiteren Anfechtungen durch ein unbeobachtetes
-Entweichen entziehen könnte. Denn eine Flucht mußte er bewerkstelligen,
-ganz gleich, ob er dem jungen Balten für die bewiesene Rücksicht
-verpflichtet war oder nicht; diesen Versuch schuldete er nicht nur der
-eigenen Freude am Dasein, sondern auch hundertfach seiner lieben, frischen
-Begleiterin, deren unaufdringliche Heiterkeit ihm zu einem gar nicht mehr
-entbehrlichen Trost geworden. Einen bewundernden Blick warf er auf den
-Rotkopf, der sich hier in dem unordentlichen Vorraum und umgeben von
-den sorgenbeschwerten älteren Herren doppelt anziehend unter seinem
-anspruchslosen Lackhut und in seiner schlanken Gertenhaftigkeit ausnahm.
-
-Dann griff der Kaufmann instinktiv an seine Brust. Gottlob, die Brieftasche
-mit ihren knisternden Geldscheinen befand sich noch am rechten Ort. Und
-Rudolf Bark wußte, welch ein mächtiger Verbündeter diese bunten Blätter
-im Reiche des weißen Zaren zu sein pflegten.
-
-Sie traten in die Gaststube.
-
-In dem mit Stuck und Portieren überladenen Raum befanden sich ein paar
-lange, weißgedeckte Tafeln, und an ihnen hatten sich eine Anzahl höherer
-Offiziere, sowie die Spitzen der Behörden mit ihren Damen gelagert. Eine
-Reihe von Zeitungen wanderten von Hand zu Hand, man las sich einzelne
-besonders wichtige Nachrichten vor, man stieß auf die Gesundheit des
-Großfürsten an, man lachte und strahlte, denn aus all jenen Neuigkeiten
-verkündete sich immer wieder die eine felsenfeste Gewißheit -- die Feinde
-Mütterchen Rußlands und seiner Verbündeten, sie lagen am Boden, sie
-zappelten und verröchelten unter dem Schwert ihrer Bedränger, man schlug
-sie einfach »mit Mützen tot«. Dieses Scherzwort hatte besonders ein
-untersetzter, stiernackiger Generalleutnant geprägt, der am Kopfende der
-größten Tafel präsidierte und dessen von vielen Ringen geschmückte,
-fleischige Rechte unaufhörlich verschiedenartig gefärbte Liköre zu
-dem von Hitzblattern entstellten Antlitz hob. Seine verkniffenen Augen
-schwammen förmlich in Gutmütigkeit und Wohlbehagen, als er die Reihe der
-ihn feiernden Damen musternd, in prasselndem Kehlbratenton herunterrief:
-
-»Sie können es mir glauben, meine Damen, mit den Mützen. Beachten Sie
-bitte den tieferen Sinn in diesem Wort. Ich bin stolz darauf, in einem
-Rapport an Se. Kaiserliche Hoheit, den Großfürsten, es zuerst angewendet
-zu haben.«
-
-Als der Name des kaiserlichen Verwandten fiel, trat eine feierliche Pause
-ein. Die Offiziere streckten ihre Gläser starr vor sich hin, und die Damen
-warfen Kußhände. Geschmeichelt verneigte sich die dicke Exzellenz nach
-allen Seiten. Dann beugte er seinen kahlen Schädel, auf dem sich der Glanz
-der elektrischen Lichter widerspiegelte, tief zu seiner besonders eleganten
-Nachbarin hinüber, und seine verkniffenen Augen wiesen deutlich auf die
-eintretende Schar der Geiseln, die sich wortlos und gedrückt an einem
-kleinen runden Tisch unter der Fensternische niederließ.
-
-»Ah, Sie, Herr Unterleutnant,« winkte der Fette den jungen Balten darauf
-gnädig zu sich heran, nachdem seine unförmliche Rechte nachlässig für
-den strammen Gruß des Untergebenen gedankt hatte. Und in einem Rest
-von Rücksicht und Lebensart dämpfte die Exzellenz ihre knirschende
-Bratenstimme zu einem merkwürdigen Gezische, als sie sich jetzt, für alle
-vernehmbar, nach dem Transport des Offiziers erkundigte.
-
-»Ah so -- Geiseln!? Bürgermeister und Magistratspersonen? Hm,
-unbedeutende Physiognomien. Nicht wahr? Finden Sie nicht gleichfalls,
-Gnädige? Die Deutschen sind sämtlich Maschinen. Keine Individualitäten.
-Wir dagegen sind Künstler, eigenwillige Künstler.« Und die zwinkernden
-Äuglein auf Isas anmutige Erscheinung richtend, schien die Exzellenz
-nunmehr Bericht über die auffallende Anwesenheit der jungen Nemza
-einzufordern.
-
-Neugierig steckte die ganze Tischgesellschaft die Köpfe zusammen, Ausrufe
-des Erstaunens, aber auch des Mißvergnügens, ja der Drohung flogen hin
-und her, als der Kreis der Tafelnden den näheren Zusammenhang erfuhr.
-
-»Wie? Ist es möglich? -- Sassin? -- Ein Attentat auf Leo
-Konstantinowitsch? -- Gibt es noch ein gutmütigeres Kind auf der Erde? --
-Ein Mensch, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte? Hat er nicht sein
-Geld in Scheffeln zum Fenster hinausgeworfen? -- Hier wird man hoffentlich
-die ganze Strenge walten lassen!«
-
-»Es ist bedauerlich,« schnaufte der General und wischte sich die
-wulstigen Lippen, »daß das nächste Kriegsgericht erst in Mariampol
-tagt. Nicht wahr, meine Herren, in Mariampol? Wir haben es seiner großen
-Überlastung wegen und -- ganz gewiß -- auch, um seine Unparteilichkeit
-sicher zu stellen, zurückverlegen müssen. Aber,« fügte er pompös hinzu
-und lehnte sich hintenüber, »vielleicht kann hier auch ein kürzerer
-Modus Platz greifen.«
-
-»Habt Ihr es gehört? Dies ist eine vortreffliche Ansicht,« raunte es bei
-den Offizieren, aber es trat sofort eine aufmerksame Stille ein, als sich
-jetzt eine frische, besonders wohllautende Frauenstimme ganz dicht neben
-dem General in die Unterhaltung mischte: »Wollen Sie uns Ihre Idee nicht
-erläutern, Exzellenz?«
-
-»Erläutern? Warum, meine Teuerste?« sträubte sich der Dicke und bekam
-einen noch röteren Kopf. Jedoch nachdem er mit seiner fleischigen Hand ein
-Paar Zahnstocher geknickt hatte, rückte er ganz nahe an seine blühende
-Nachbarin heran, um ihr salbungsvoll und verliebt ins Ohr zu flüstern:
-»Wer kann solchen Taubenaugen widerstehen? Aber meine Meinung ist, wir
-haben Krieg, meine Liebste, Krieg, verstehen Sie? Da läßt sich ein
-solches Verfahren auch sehr vereinfachen. -- Aber nun lassen wir uns von
-etwas Hübscherem sprechen! Sie fühlen sich gewiß vereinsamt, Maria
-Geschowa? Ist es so?«
-
-Maria Geschowa?
-
-Noch ehe der Name der Tatarin gefallen war, ja, im gleichen Moment, da der
-Konsul den warmen sinnlichen Klang der wohllautenden Stimme aus dem Gewirr
-der anderen sich ablösen hörte, da hatte der Herr des »Goldenen Becher«
-seinen Stuhl ein wenig beiseite geschoben, um zu versuchen, ob er die
-Aufmerksamkeit der jungen Frau auf sich zu lenken vermöchte, die auch
-heute wieder so fremd und vorteilhaft von den übrigen Provinzdamen
-abstach. Flüsterte ihm doch eine innere Stimme zu, dieses dunkle,
-samtwangige Weib, das sich schon einmal so viel Mühe gegeben hatte, ihm
-zu gefallen, es sei das einzige Wesen in der fremden Stadt, das weder
-Vergnügen noch Genugtuung bei seinem Untergang empfinden könnte.
-
-Und bei Gott, sie sah ihm jetzt gerade ins Gesicht! Aber welche
-Enttäuschung! Maria Geschowa verzog keine Miene, fremd und leer
-betrachtete sie ihn, wie ein Ausstellungsobjekt, wie einen Verbrecher,
-bei dem man unter Schauder und Nervenkitzel berechnet, welche Striemen der
-Strick um seinen Hals hinterlassen würde, und jetzt hob die schmale
-Hand sogar eine Lorgnette vor die Augen, um sie gleich darauf wieder
-gleichgültig zusammenzufalten.
-
-Damit schien ihr Interesse völlig erloschen zu sein, sie streifte noch
-einmal abschätzend das rote Geflimmer um Isas Haupt und wandte sich dann
-mit ihren schwellenden Bewegungen zu dem alten General zurück, der sich
-soeben ein ganz besonderes Glanzstück seiner Rednergabe leistete. Die
-Rechte flach von sich gestreckt, so daß er das Funkeln der vielen Ringe
-bewundernd einsaugen konnte, ließ er seine fette Stimme braten und
-prasseln, als ob hier irgendwo eine Pfanne ans Feuer gerückt wäre.
-
-»Herr Unterleutnant -- wie war der Name? -- Karström, oh, ich weiß recht
-gut -- Sie sind noch ein junger Mann, aber ich billige Ihr Verhalten. Im
-Ernst, ich schätze Ihre Noblesse. Ihre Rücksicht gegen die beiden -- hm,
-gegen die beiden -- Verdächtigen kann mich nur befriedigen. Sie ist echt
-russisch. Warum sollen wir nicht immer und immer wieder ein Beispiel geben
-von dem edlen Herzen, das in unserem riesigen Körper schlägt? Ich bin
-zufrieden mit Ihnen. Sie sind ein hoffnungsvoller Offizier. Setzen Sie
-sich, Karström, und beaufsichtigen Sie die Nemzows.«
-
-Mehr hörte der Konsul nicht. Er saß neben Isa, hatte den Kopf in die Hand
-gestützt und -- schämte sich. Und während seine Nachbarin den inzwischen
-aufgetragenen Speisen mit dem ganzen Appetit der Jugend zusprach, während
-sie ihm wider alles Herkommen hausmütterlich den Wein einschenkte,
-während sie ihre hellen Augen spähend herumschweifen ließ, ob sie für
-ihren Freund nicht etwas recht Schmackhaftes erobern könnte, da zehrte
-Rudolf Bark an der Demütigung, die ihm eben zuteil geworden, und schalt
-sich selbst einen Phantasten, weil er von einem gefallsüchtigen, herzlosen
-Weibe Förderung und Hilfe erwartet hatte. Wie tief mußte sich bereits der
-Völkerhaß in die verborgenste Wurzel der Nationen herabgefressen haben,
-wenn sogar schon die Frauen des Nachbarreiches von der blinden Wut, von
-heimlicher Schadenfreude an fremden Schmerzen ergriffen waren. Und diese
-Maria Geschowa, diese Weltdame, diese Meisterin der Unterhaltungskunst,
-hatte sie nicht noch vor kurzem mit ihrem Verständnis für deutsche Kunst
-und westliche Art geprahlt? Der Konsul verzog ein wenig geringschätzig
-den Mund, und das, was er soeben über die Treue und Redlichkeit slawischer
-Frauen dachte, das klang nicht gerade in einen Lobgesang aus. Dabei wurden
-seine Augen wieder hart und berechnend. Nun gut, die Frau des Obersten
-Geschow war ausgeschaltet, aber wen, wen konnte er an ihrer Statt für sich
-und seine Pläne gewinnen? Denn das stand fest, nur die heutige Nacht, so
-lange er noch in dem Hotel weilte, durfte zu dem so ängstlich überdachten
-Entweichen benutzt werden. Sobald er erst der russischen Beamtenschaft
-verfallen war, dann umwanden ihn tausend Fesseln, sichtbare und
-unsichtbare, die Gefängnisse des Landes öffneten sich nicht wieder.
-Er griff nach seiner Brusttasche. Ob er mit dem Wirt des Hotels beim
-Schlafengehen eine vorsichtige Unterhaltung begann? Oder mit dem Portier
-des Hauses? Freilich, diese Dworniks waren sämtlich bezahlte Späher der
-Polizeimeisterei. Und doch -- der höher Bietende behielt hier häufig
-recht. Wofür sich also entscheiden? Denn die Zeit drängte, der Zeiger der
-breiten Standuhr in der Ecke stand hart vor der elften Stunde der Nacht.
-
-Rudolf Bark versank niemals so völlig in Gedanken und Überlegung, daß
-seine Augen von seiner Umgebung abgelenkt werden konnten. So hielt er auch
-jetzt plötzlich inne, und eine geheime Unruhe veranlaßte ihn, seine
-ganze Aufmerksamkeit auf eine Erscheinung zu richten, die soeben unter
-die Portiere des Eingangs trat. Fast im Fluge bemerkte der Konsul, wie der
-späte Gast noch unter den Falten des Vorhangs mit dem betreßten
-Portier ein paar rasche Worte wechselte, um sich sodann nach Art eines
-Platzsuchenden umzuschauen. Es war ein ganz unauffälliger Herr, sehr
-schlank, sehr glattgescheitelt, in einem grauen Jakettanzug, in dessen
-Seitentaschen ein Paar braune Glacélederhände Eingang suchten, und das
-schmale pockennarbige Gesicht würde keinen anderen Grund zum Mißtrauen
-geboten haben, wenn der glattrasierte Mund nicht so höflich-verlegen
-gelächelt und wenn in den verdeckten Augen nicht im Gegensatz hierzu eine
-solche Gewohnheit des Zählens und Feststellens gelauert hätte.
-
-Sollte das vielleicht -- --? Der Konsul ließ das Messer sinken und
-verfolgte den Fremden Schritt für Schritt. Aalglatt, unhörbar wand sich
-der schmale Herr mit den braunen Handschuhen weiter in den Saal hinein.
-Seine Aufmerksamkeit schien einzig den noch leergebliebenen Stühlen an
-den anderen Tischen zu gelten, bis er plötzlich mit einer überraschenden
-Wendung vor der Tafel der Deutschen haltmachte, der er bis jetzt nicht die
-geringste Beachtung geschenkt.
-
-Hier verbeugte er sich übermäßig tief und hauchte in einem Flüsterton,
-der sich kaum über einen Meter weit Gehör verschaffen konnte, jedoch
-voller Rücksicht und Ergebenheit:
-
-»Ich habe die Ehre, Herrn Konsul Bark zu sehen?«
-
-»Allerdings,« erwiderte der Kaufmann erblassend.
-
-»Und dies ist, wie ich vermute, die Dame Ihrer Begleitung?«
-
-»Ja,« stotterte Isa, die entsetzt auf das pockennarbige Antlitz starrte.
-
-»Die Herrschaften brauchen sich durchaus nicht zu beunruhigen,« fuhr der
-verlegene Herr fort und winkte beschwichtigend mit der braunen Lederhand,
-als müßte er von vornherein die Bedeutungslosigkeit seiner Person sowie
-seines Auftrags in das gehörige Licht setzen. »Es liegt wahrhaftig nicht
-der mindeste Grund zu einer Befürchtung vor. Ich versichere es bei meiner
-Ehre. Es handelt sich lediglich um eine reine Formsache.«
-
-Jetzt erstarb an dem Tische der Verschleppten auch das leiseste Geräusch,
-all diese deutschen Männer vergaßen im Moment ihr eigenes Mißgeschick,
-und ein heißes Mitgefühl wallte jedem auf, da sie ahnten, wie bald eine
-Lücke in ihren kleinen Kreis gerissen sein würde. Nur der knabenhafte
-Offizier verlor nicht eine Sekunde sein inneres Gleichgewicht. Unwillig
-verzog er die Stirn, und auf den abgezehrten Wangen glühten zwei helle
-Punkte auf.
-
-»Was haben Sie mit den Herrschaften zu schaffen?« fragte er streng. »Sie
-sehen ja, daß sie sich unter militärischer Aufsicht befinden. Wer sind
-Sie überhaupt?«
-
-Der Herr im grauen Jackett verbeugte sich wieder. Sei es nun, daß die
-drohende Sprache des jungen Balten so stark auf ihn wirkte, oder ob ihn
-wirklich die Erkenntnis von der Mißachtung niederschlug, die allgemein
-seinem Stande entgegengebracht wurde, jedenfalls klappte er zusammen, bis
-die grauen Arme steif herabhingen und den Deutschen für einen Augenblick
-nur sein schnurgerader Scheitel sichtbar blieb.
-
-»Herr Unterleutnant,« hauchte er tonlos, »mein Name ist zu unwichtig
-und unbedeutend, als daß ich es wagen dürfte, Ihr Gedächtnis damit zu
-beschweren. Und was meine Stellung betrifft,« -- er tauchte vorsichtig in
-die Höhe und zuckte schmerzlich mit den Mundwinkeln, -- »ich hatte auch
-einmal meine Studienzeit, aber jetzt bin ich seit sechzehn Jahren der
-Sekretär Sr. Hochgeboren des Herrn Polizeimeister-Stellvertreters
-Tolmin.«
-
-In dem ganzen Saal war es totenstill geworden. An der Tafel der Offiziere
-hatten sich alle Häupter der Gruppe der Fremden zugekehrt, und selbst
-der fette General streckte die Beine von sich und ließ die Unterlippe
-herabhängen, als sei die Unterhaltung dort drüben eine gut genährte
-Auster, die er auf einen Zug in sich hineinschlürfen müsse.
-
-»Sehen Sie, Maria Geschowa,« knasterte er behaglich, »zweifeln Sie noch
-länger an der Zuverlässigkeit unserer Polizei?«
-
-Inzwischen hatte sich auch die schlanke Jünglingsgestalt des
-Unterleutnants Karström von ihrem Sitz erhoben. Niemals während der
-ganzen Zeit hatte er so krank und hinfällig ausgesehen, wie jetzt, und
-doch klang seine Stimme fest und sicher, als er nun voller Verachtung
-hervorstieß:
-
-»Dann schleichen Sie gefälligst nicht wie die Katze um den Brei! Was
-haben Sie an den Konsul Bark und seine Begleiterin für einen Auftrag?«
-
-»Oh, eine Kleinigkeit,« lächelte der verlegene Herr mit den braunen
-Handschuhen und bemühte sich, durch das Entblößen seiner weißen Zähne
-alle Anwesenden von seiner vollkommenen Harmlosigkeit zu überzeugen. »Es
-ist absolut nichts. Der Dwornik des Hotels de Moscou erstattete nur seiner
-Pflicht gemäß Anzeige über die zuletzt eingetroffenen Fremden an
-den Pristav des hiesigen Reviers, Se. Hochwohlgeboren der Pristav
-telephonierte es ordnungsgemäß an den Herrn Polizeimeister-Stellvertreter
-weiter, und Se. Hochwohlgeboren wünscht nun -- --«
-
-»Zum Teufel, was wünscht er?« schrie der Balte sich vergessend und
-stieß mit der Scheide seines Säbels ungeduldig auf den Estrich.
-
-»Er ist noch sehr jung,« begleitete der fette General bedenklich diesen
-Vorgang.
-
-Der graue Herr aber bebte vor dem Zornesausbruch des Offiziers zurück,
-zeigte krampfhaft seine weißen Zähne und streichelte mit der braunen
-Glacérechten unaufhörlich in der Luft herum, als gelte es, einen bissigen
-Hund zu besänftigen:
-
-»Oh, Ew. Hochwohlgeboren,« flötete er gleich einem erschreckten Vogel,
-»Sie verkennen meine gute Absicht, der Herr Polizeimeister-Stellvertreter
-wünscht nur die Personalien der Herrschaften festzustellen. In der
-wohlwollendsten Meinung natürlich. Zwar wird jedes Kind begreifen,
-daß die Herrschaften gewissermaßen das Eigentum einer hochmögenden
-Militärbehörde sind, -- wer dürfte sich dagegen auflehnen? -- aber der
-Herr Polizeimeister-Stellvertreter sind leider in der peinlichen Lage, auf
-eine persönliche Kontrolle nicht verzichten zu können.«
-
-Hilflos wandte sich der Unterleutnant an seine Schutzbefohlenen, die sich
-langsam und wie von einem drückenden Traum umfangen, erhoben hatten, dann
-verfing sich sein Auskunft heischender Blick zwischen den Hitzblattern
-der stiernackigen Exzellenz, als räume er dem Vorgesetzten völlig diese
-schwere Entscheidung ein.
-
-»Ja,« schmorte der Fette und scharrte mit den Stulpstiefeln,
-»Kompetenzstreitigkeiten -- aber Militär und Zivil müssen sich
-gegenseitig ergänzen, wir sind alle Räder eines Uhrwerks, nicht wahr,
-teuerste Frau? Man wird sich später nach dem Verbleib der Herrschaften
-erkundigen.«
-
-Einige Minuten nachher bewegte sich eine kleine Schar über den dunklen
-Kirchplatz. Voran ein Gendarm der Geheimpolizei, dicht hinter ihm der
-Konsul, umschlottert von einem dicken braunen Flausch, den ihm beim
-Abschied einer der Senatoren fast mit Gewalt umgehängt, und zum Schluß
-der graue Herr mit den braunen Glacéhandschuhen, der trotz aller
-Weigerungen darauf bestanden hatte, der jungen Dame den Arm zu reichen.
-
-»Euer Hochwohlgeboren,« flüsterte er Isa zu, der vor dem
-heranstreichenden kalten Wind, sowie vor innerer Unruhe und Angst jedes
-Wort hinter den zitternden Lippen erstarb, »ich bin sehr unglücklich
-darüber, weil Euer Hochwohlgeboren so beben -- ich fühle es ganz
-deutlich -- jedoch es ist völlig grundlos! Sie werden sich selbst davon
-überzeugen. Bitte um Entschuldigung, das Pflaster ist hier miserabel, für
-zarte Füße eine verwünschte Plage. Ich versichere Sie, im vorigen Sommer
-sollten hier schon Holzplatten gelegt werden, aber was werden Sie denken,
-es wird immer wieder verschoben. Die Geldfrage läßt sich nicht
-regeln! Und dort in der schmalen Seitengasse befindet sich bereits die
-Polizeidirektion! Wie Sie sehen, alle Fenster erleuchtet, wir arbeiten hier
-die ganze Nacht durch.«
-
-Vor einem zweistöckigen, grünlich angelaufenen Gebäude hemmte der
-Gendarm seine Schritte, stieg drei brüchige Stufen in die Höhe und riß
-an einem Klingelzug. Ein rostiges Klirren erhob sich drinnen, das scheinbar
-von einer nackten Mauer zurückgeworfen wurde. Aber sonst ereignete sich
-nichts. Auch die Tür blieb ruhig in ihren Angeln.
-
-»Der verwünschte Hund schläft wieder,« knurrte der Gendarm ingrimmig,
-dann schlug er mit der Faust mächtig gegen das Holz, bis im Innern des
-Gebäudes ein langgezogener Schnarchton abriß und ein Schlüsselbund zu
-rasseln anfing.
-
-»Beim Leib Christi,« schimpfte hinter dem Eingang eine heisere Stimme,
-»vierzehn Stunden Dienst und nichts zu essen. Man wird doch wohl den
-passenden Schlüssel suchen dürfen. Der Krebs kommt auch an sein Ziel, und
-Ungeduld gehört nicht in die Backstube.«
-
-Bei den letzten Worten bewegte sich schwerfällig die Tür, und ein von
-einer flackernden Gasflamme erleuchteter roter Ziegelgang lag vor den
-zögernd eintretenden Deutschen.
-
-»Ist der Herr Polizeimeister noch im Hause?« fragte der Herr im grauen
-Rock in die Ecke hinein, denn hinter dem zurückgeschlagenen Torflügel war
-im Moment kein menschliches Wesen zu entdecken.
-
-»Er ist schlafen gegangen,« antwortete die unsichtbare mürrische Person.
-
-»Sehr schön! Und der Herr Polizeimeister-Stellvertreter?«
-
-»Zimmer Nr. 2. Se. Hochwohlgeboren ließ sich soeben Essen holen. Ein
-Hahn mit weißer Sauce. Es dampfte noch. Einen Teller voll sauren Salats
-und eine Flasche roten Wein. Einen Hungrigen und einen Toten sollte man
-auch zusammen in einen Sarg legen.«
-
-»Es ist gut, Vater Wassili, ich danke dir,« entgegnete der höfliche Herr
-und entblößte wohlwollend seine Zähne. Und eine seiner aalgeschmeidigen
-Verbeugungen ausführend, wies er auf eine enge, eiserne Treppe, die sich
-im Zickzack nach oben zog: »Wollen Sie diesen Weg benutzen. Die
-Treppe gebührt unseren besseren Gästen, die anderen, die mit den
-nägelbeschlagenen Stiefeln werden über den Hof geführt. Und warum? Nun,
-nichts zerreißt, wie Sie wissen, die Nerven mehr, als das Kratzen des
-Sandes auf den Stufen.«
-
-Nach dieser ausführlichen Beschreibung der Treppe, die, wie der Konsul
-sehr wohl begriff, nur deshalb so umständlich gegeben wurde, um durch das
-bedeutungslose Geschwätz die Besorgnis vor dem Kommenden zu zerstreuen,
-wurden die beiden Verhafteten in den ersten Stock und in ein kahles
-Vorzimmer geleitet, wo zwei Gendarmen an einem Tisch saßen und die
-Häupter aufstützten. Hier verabschiedete sich ihr bisheriger Führer von
-seinen Schutzbefohlenen, indem er so glücklich lächelte, als habe er zwei
-Verirrte endlich auf den sehnsüchtig begehrten Weg gebracht.
-
-»Hier sind wir,« bestätigte er aufatmend. »Sie befinden sich auf der
-Geheimpolizei, was natürlich gar nichts zu bedeuten hat. Der Herr Pristav,
-der die Messungsarbeiten versieht, wird Sie sogleich vernehmen.«
-
-»Die Messungsarbeiten?« fuhr Konsul Bark zurück, wie wenn sein
-Gehör ihm etwas Irrsinniges vorgespiegelt hätte, -- »Sie werden doch
-unmöglich -- --« Ein verzweifelter Blick glitt zu seiner Gefährtin
-hinüber.
-
-»Aber ich bitte Sie,« widersprach der Herr im grauen Rock und streichelte
-in der Luft herum; »wer kann an solchen Kleinigkeiten Anstoß nehmen? Es
-ist eine eingeführte Sitte, tut nicht im geringsten weh und beschleunigt
-Ihre Angelegenheit ungemein. -- Warten Sie, ich melde Sie sofort an und
-hole Sie gleich wieder ab.«
-
-Devot zusammengekrümmt klopfte er an eine niedrige Seitentür, steckte
-auf eine Sekunde den Kopf herein und schob nach ein Paar mit äußerster
-Untertänigkeit hingehauchten Worten die beiden Deutschen in das
-anstoßende Gemach.
-
-Es war ein ziemlich großes Zimmer mit einem grünen Teppich belegt, und
-ein Paar lederne Klubsessel, sowie ein deckenhoher Spiegel legten
-Zeugnis davon ab, daß der Pristav, der die Messungsarbeiten leitete, die
-Bequemlichkeiten des Lebens, sowie äußere Eleganz keineswegs außer acht
-lasse. Über diese Auffassung wurden die beiden sich stumm Verneigenden
-auch sofort eindringlich belehrt, als sich auf ihren Gruß hinter dem
-gelben Fichtentisch ein junger, schwarzhaariger Mann erhob, der ganz
-offenbar noch immer damit beschäftigt war, seine Toilette für irgendeine
-Abendgesellschaft zu vervollständigen. Unter seinem sehr kurzen Smoking
-prangte ein blitzendes Oberhemd, ein überhoher Stehkragen hatte ihm
-bereits einen roten Rand unter das Kinn geschnitten, und im Augenblick
-putzte er gerade mit einem Lederinstrument auf seinen Fingernägeln herum,
-obwohl sie bereits einen wundervollen Glanz ausstrahlten.
-
-»Schon gut,« erwiderte der Pristav auf den Gruß der Eintretenden
-flüchtig, »Sie müssen warten. Ich werde alles vorbereiten lassen.«
-
-Wiegend schritt er an einem kleinen offenen Seitenkabinett vorüber, und es
-milderte das schreckhafte Unbehagen der Verschleppten durchaus nicht, als
-sie jetzt gleichfalls einen Blick in diese Kammer werfen durften. Unter
-einer Art Galgen saß dort ein hagerer Gendarm. Mit bösen, schielenden
-Augen glotzte er die Fremden an. Vor ihm auf einem Tisch lagen mehrere
-riesenhafte Messingzirkel, eiserne Meßgeräte, und als Hauptstück des
-Ganzen zeigte sich auf dem Estrich ein Kupferkessel voll flüssigen Gipses,
-in dessen Breimasse der Gendarm ab und zu eine Holzkelle kreisen ließ.
-
-Das waren sicherlich die nötigen Vorbereitungen für den Empfang der
-Verdächtigen, und Rudolf Bark stieg das Blut in den Kopf, als er sich ihre
-Anwendung vorstellte. Wie? Man ging in dem entwürdigenden Verfahren gegen
-Wehrlose so weit, sie mit ganz gemeinen Verbrechern auf eine Stufe zu
-stellen? Man würde es wagen, jene scheußlichen Apparate, die an die
-Folterinstrumente des Mittelalters erinnerten, auch um Isas feines Haupt
-zu legen? Ein Rauschen klang vor den Ohren des Mannes, ohnmächtige Wut
-rüttelte an ihm, er fühlte, wie er jetzt zum zweitenmal für dieses
-zerbrechliche Geschöpfchen in einen Akt verzweifelter Selbsthilfe
-verfallen würde. Unwillkürlich schlang er seinen Arm unter denjenigen des
-Mädchens, und es befestigte ihn nur in seinem Entschluß, als er merkte,
-wie eng sich der Rotkopf an ihn drängte. Aber auch der schwarzhaarige
-Pristav, der von seiner Abendgesellschaft so ärgerlich ferngehalten wurde,
-hatte dieses gegenseitige Suchen wahrgenommen.
-
-Interessiert klemmte er sich ein Monokel ins Auge, lächelte verschmitzt zu
-der jungen Dame herüber, um gleich darauf durch ein wütendes Amtsgesicht
-seine Entgleisung zu sühnen! Es war ganz klar, daß er seinen Fehler durch
-eine besondere Kälte wieder ausgleichen mußte. In seinem affektierten
-Wiegeschritt begab er sich deshalb vor den Spiegel und begann umständlich
-an dem schwarzen Schnurrbärtchen zu ordnen. Dann prüfte er die Weiße
-seiner Zähne und fing schließlich, auf und ab wandernd, von neuem an,
-seine Nägel zu polieren. Alles, ohne sich um die Fremden im geringsten zu
-kümmern. Plötzlich jedoch riß er eine silberne Uhr an einer Talmikette
-aus der Tasche.
-
-»Der Teufel weiß, es ist ein Viertel auf elf,« stieß er nervös hervor.
-»Weshalb erscheinen Sie so spät?«
-
-»Diese Frage möchte ich an Sie richten,« antwortete der Konsul aus
-seiner Erstarrung erwachend.
-
-»Wie? -- was? -- Sie richten eine Frage?« Der Pristav unterbrach sein
-Poliergeschäft, warf einen verwirrten Blick in den Spiegel, als müsse
-er sich erst von dem Fortbestand seiner eigenen Person überzeugen, und
-trommelte dann erregt auf seinem steifen Oberhemd herum. Er war über
-die Möglichkeit, daß auch er einem Verhör unterworfen werden
-könnte, derartig außer Fassung gebracht, daß sich auf seinem Antlitz
-Freundlichkeit und Wut wie Sonnenschein und Regen jagten.
-
-»Mann,« sog er endlich einen tiefen Atemzug und warf sich in den
-Stuhl hinter dem Tisch, »ich glaube gar, Sie wissen nicht, wo Sie sich
-eigentlich befinden.«
-
-»Oh doch, man hat es mir eben mitgeteilt, ich möchte jedoch erfahren, was
-ich hier zu suchen habe?«
-
-»=Stoy=« (Halt!), schrie der Russe wütend. »Geben Sie mir Ihre
-Papiere.«
-
-»Ich besitze keine Papiere.«
-
-»Keine Papiere?« erstarrte der Pristav immer mehr über die Seltsamkeit
-dieses Falles. »Wie ist das möglich? Ilija Petrowitsch muß irrsinnig
-sein, weil er einen Menschen ohne Papiere zu mir hereinführt. Um elf Uhr
-in der Nacht!« ereiferte er sich von neuem, während er die silberne Uhr
-abermals herauszerrte. »Was ist hier zu tun?« -- Verärgert fegte er
-einige Aktenstöße auf dem Tisch beiseite, bis ihm ein erlösender Einfall
-aufzublitzen schien: »Legen Sie Ihre Wertsachen ab,« forderte er, sich
-befriedigt zurücklehnend, »Geld, Uhr, Kleinodien, Ringe.« Und als er
-gewahrte, wie sein Gegenüber von einem eisigen Schrecken angeflogen wurde,
-triumphierte er entzückt über den Verfall des großmäuligen Deutschen
-weiter: »Mir steht das Recht zu, Sie und das Mädchen sofort entkleiden zu
-lassen, also ich rate Ihnen, nichts zu verheimlichen.«
-
-Der Konsul griff sich an die Brust, er war unfähig, sich von dem
-einzigen Mittel, das vielleicht noch Rettung verhieß, zu trennen. Und der
-rauschende Zorn und daneben doch die klare Erkenntnis, wie jeder Widerstand
-ihre Lage nur verschlimmern würde, sie versetzten ihn in einen Zustand der
-Lähmung und der zähneknirschenden Entschlußlosigkeit. Um so unfaßbarer
-mutete es ihn daher an, als er seine Gefährtin ohne Zögern noch Bedenken
-an den Tisch herantreten sah, wo sie mit einer hastigen Bewegung nicht
-nur ihre Ringe und das Armband abstreifte, sondern auch ihr kleines
-seidengestricktes Geldbeutelchen vor den Pristav niederlegte.
-
-Dieser griff einen zierlichen Kettenreif heraus, versuchte, wie weit er
-sich über seinen eigenen kleinen Finger ziehen ließ, und blinzelte
-dann in einem abermaligen Anfall von Vergessenheit die hübsche Nemza
-verschmitzt an. Als sich jedoch in dem blassen Jungfrauengesicht nicht
-eine Muskel regte, besann sich der Pristav überraschend schnell wieder
-auf seine Machtfülle und schien entschlossen, sie in ihrem ganzen Umfang
-auszukosten.
-
-»Beeilen Sie sich,« herrschte er den Kaufmann an, der noch immer an
-seinem Platz wurzelte. »Weshalb gehorchen Sie nicht? Sie scheinen mir ein
-anmaßender Mensch zu sein. Oder haben Sie vielleicht Grund, sich gegen
-eine Leibesuntersuchung zu sträuben? -- He, Gendarm, ich meine, hier ist
-ein Widerspenstiger.«
-
-Auf den schrillen Pfiff fuhr der Gendarm drinnen in dem Kabinett aus seiner
-gebückten Stellung empor und trat auf die Schwelle. Einen Augenblick
-schwebte dunkle, zuckende Gefahr um den Konsul. Doch auch Rudolf Bark
-fühlte, wie es gleich einer unsichtbaren Gerte über ihm schnellte. Und,
-in einem langen Geschäftsleben daran gewöhnt, noch in der letzten Sekunde
-auf die rettende Planke zu springen, verbarg er die in ihm arbeitende
-Erregung und trat mit einem so gleichmütigen, geschmeidigen Wesen an den
-Tisch, daß nicht allein von Isa der schnürende Bann wich, sondern auch
-der Herr in dem kurzen Smoking diese rasche Wandlung augenscheinlich nicht
-gleich begriff. Und nun wickelte sich alles wie ein einfaches, glattes
-Geschäft ab. Der Konsul legte eine Brieftasche vor dem Pristav nieder,
-erklärte, es seien ungefähr 4-5000 Mark in dem Portefeuille vorhanden --
-ungefähr -- und eine Empfangsbescheinigung wäre bei der Sicherheit einer
-so hohen Behörde gewiß nicht vonnöten.
-
-Begierig griff der Pristav nach der Tasche, zuckte jedoch gleich darauf wie
-vor einem fressenden Feuer zurück, lächelte und begann geschmeichelt mit
-dem roten Leder von neuem zu spielen.
-
-»Auf Ehre,« versicherte er zuvorkommend und war wieder ganz der
-wiegende Gesellschaftsmensch von vorhin, »Sie haben recht. Wozu unnötige
-Schreibereien bei der späten Stunde? -- Vier bis fünftausend Mark. -- Nun
-gut, man wird aufs peinlichste darüber wachen, ich verspreche es Ihnen.
-Übrigens -- ich begreife gar nicht, warum man Ihnen und der Dame mitten in
-der Nacht so viel Unbequemlichkeiten verursachte. Es ist lächerlich. Als
-ob dies nicht bis morgen früh Zeit gehabt hätte! Freilich die unteren
-Beamten! Wozu lungerst du hier herum?« schrie er plötzlich den
-schielenden Gendarmen an und wies mit ausgestrecktem Arm befehlend auf
-das nahe Kabinett. »Hörtest du nicht, daß die Herrschaften absolut
-unverdächtig sind?«
-
-In diesem Augenblick begann das Tischtelephon heftig zu läuten.
-
-Aufgeschreckt sprang der Pristav in die Höhe, verzog ingrimmig die Stirn
-und während er schon die Hand nach dem Hörer ausstreckte, riß er mit
-der Linken noch einmal seine Taschenuhr hervor und gebärdete sich wie ein
-Verzweifelter.
-
-»Oh, du niederträchtiger Leuteschinder,« murmelte er bissig, »du
-herzlose Schlafmütze -- ah, Sie selbst, Ew. Hochgeboren, keineswegs --
-macht durchaus nichts, Ihre Befehle gehen allem anderen vorauf. -- Jawohl,
-die Deutschen befinden sich bei mir -- gewiß -- sofort -- ich gehorche.«
-
-Kaum eine Minute nach diesem Gespräch durchmaßen die beiden
-Verdächtigen, über die sich bereits bleischwere Müdigkeit herabgesenkt
-hatte, abermals einen der langen Korridore, bis ihr Führer, der Pristav,
-der sich inzwischen mit einem Zylinder bedeckt hatte, seinen glänzenden
-Hut ehrfürchtig vor der friesgefütterten Tür des Zimmers Nr. 2
-lüftete. Noch in dem dunklen Zwischenraum der beiden Eingänge krümmte
-der Herr im Smoking seine Gestalt vor Devotion und Anbetung zusammen,
-behielt aber doch noch Zeit, den Eintretenden ironisch zuzuflüstern:
-
-»Sie brauchen nichts zu sprechen. Ich werde alles besorgen. Der Herr
-Polizeimeister-Stellvertreter liebt es nämlich nicht, auf Einwendungen zu
-stoßen.«
-
-»Guten Abend, lieber Freund,« kaute in dem saalartigen, hellerleuchteten
-Raum eine schmatzende Stimme, und während an dem großen, mit grünen Tuch
-ausgeschlagenen Tisch direkt unter dem Kronleuchter zwei Schreiber hingen,
-die vor Müdigkeit abwechselnd gähnten, da hockte die Kugelgestalt des
-Polizeimeister-Stellvertreters Tolmin selbst in einer Ecke auf einem
-Ledersofa, und seine fleischigen Hände fuhren unermüdlich zwischen den
-Bestandteilen seines Mahles herum, von dem Huhn zur Weinflasche und von dem
-Brot zu der Schüssel voll grünen Salates. Dies alles aber geschah
-ganz mechanisch, als ob die dicken Finger des Schmausenden ein eigenes
-Sehvermögen besäßen, denn Herr Tolmin hatte vor die Wasserflasche ein
-Zeitungsblatt aufgestellt, dessen Inhalt seine kleinen glitzernden
-Augen ebenso gierig verschlangen, wie sein Mund die umfangreichen Bissen
-herunterwürgte.
-
-»Ah, guten Abend, Nicolai Feodorowitsch,« stöhnte er wohlbehaglich und
-schlug, um sich Luft zu schaffen, die offene grüne Uniform noch etwas
-weiter zurück, »da bringst du die beiden Verbrecher. Wir wissen schon
-alles. Der Mann hat einen Offizier erschossen. Und das Weib hat ihm
-Beihilfe geleistet. Es ist schändlich. Es ist barbarisch.«
-
-Herr Tolmin vertrieb sein Grauen über die geschilderte Untat durch ein
-paar mächtige Züge Rotwein und goß sich einige Tropfen auf die ehemals
-weiße Weste. Dann ließ er vor Behagen und Befriedigung die kurzen Beine
-in den Stulpstiefeln kräftig gegen die Ledereinfassung des Sofas prallen.
-
-»Aber alle Umtriebe unserer Feinde,« röchelte er weiter, »erweisen
-sich, der heiligen Mutter sei Dank, als vergeblich. Höre, Nicolai
-Feodorowitsch, was ich da lese. Es bewegt mein Herz, und es wird auch dich
-begeistern. Die Belgier haben die Preußen auseinandergesprengt, haben
-die Nemzows über den Rhein geworfen und sind gestern in Köln eingezogen.
-200000 Gefangene. Der deutsche Kronprinz ist gefallen. Was sagst du, lieber
-Freund? Köstlich -- köstlich, der grüne Salat. Er wird für mich mit
-Zitronensäure angerichtet, seitdem der Militärarzt Isaac -- so heißt
-der Jude -- den Essigzusatz für mich verboten. -- Aber, wie gesagt, 200000
-Gefangene. Ja, es ist ein köstlicher Genuß.«
-
-Damit hob Herr Tolmin nach der Art der Kurzsichtigen das Zeitungsblatt
-wieder ganz dicht vor sein grauwelliges, unförmiges Haupt, und indem er
-sich vollkommen in seine erfreuliche Lektüre versenkte, schlug er sich
-wiederholt schallend auf den Leib, und dem Hingerissenen schien jede
-Erinnerung an die übrige Mitwelt entschwunden zu sein.
-
-Schüchtern wagte es der Pristav, der auch für sich selbst die Zeit immer
-unwiederbringlicher enteilen sah, mit dem Fuß auf eine freie Stelle des
-Estrichs zu scharren. Gestört schüttelte sich der Polizeimeister:
-
-»Ach ja, was gibt es noch, Nicolai Feodorowitsch?«
-
-»Ich meinte,« sagte der Pristav sich verbindlich verneigend, »Euer
-Hochgeboren hätten den Wunsch geäußert, das Protokoll über diese beiden
-Deutschen --«
-
-»Ach ja, das Protokoll,« warf Herr Tolmin ungnädig dazwischen und
-wanderte nun, die fleischigen Hände auf den Rücken gelegt, mehrere Male
-keuchend über den Teppich. »Du hast ganz recht, mich daran zu erinnern.
-Aber solltest du nicht auch meinen, Nicolai Feodorowitsch,« fuhr er
-schließlich fort, wobei er, da er wieder in die Nähe des Tisches gelangt
-war, den Resten des Huhnes einen kosenden Blick zuwarf, »solltest du nicht
-auch meinen, daß sich diese ganze Prozedur besser auf morgen verschieben
-ließe?«
-
-»Gott -- ich glaubte eigentlich --«
-
-»Was glaubtest du? Wir sind alle etwas abgearbeitet. Du siehst selbst,
-welche Plage es mir macht, diese Murmeltiere von Schreibern wach zu
-erhalten. Wie? Sagtest du etwas? Nun gut, wer weiß, wie lange man die
-beiden Nemzows noch beaufsichtigen muß? Ich habe sie jetzt gesehen,
-das genügt mir. Du kannst sie vorläufig abführen lassen, Nicolai
-Feodorowitsch.«
-
-Der Polizeimeister warf sich wieder auf das Sofa und kehrte hinter seinem
-Zeitungsblatt zu dem bedenklich erkalteten Huhn zurück. Bald hörte man
-von dem Gewaltigen nur noch ein Klirren und Schnaufen.
-
-Der Pristav aber wandte sich unentschlossen hin und her.
-
-»Euer Hochwohlgeboren, wo befehlen Sie, daß die Deutschen untergebracht
-werden?« wagte er endlich den Vorgesetzten hinter seiner papiernen Wand
-hervorzulocken. »Wäre etwas dagegen einzuwenden, wenn die Gefangenen in
-ihr Hotel zurückkehrten?«
-
-»Ist es möglich? Du bist noch da?« schalt Herr Tolmin und ballte gereizt
-das Zeitungsblatt zusammen. »Du siehst, ich denke bereits über etwas
-anderes nach. Was zum Henker sprachst du von einem Hotel?«
-
-Der Pristav setzte die Füße zierlich gegeneinander und schwenkte
-untertänig seinen Zylinder. Dann erlaubte er sich, seine Ideen noch einmal
-zu erläutern. Allein der Polizeimeister-Stellvertreter, der schon wieder
-Messer und Gabel in den Händen hielt und nun endlich wünschen
-mochte, seinem Imbiß dauernd den Garaus zu bereiten, er schnitt seinem
-Untergebenen ärgerlich das Wort vom Munde ab.
-
-»Du bist zu rücksichtsvoll, Nicolai Feodorowitsch,« kaute er, »wie oft
-soll ich dich noch darauf hinweisen? Das Verbrechen der Deutschen ist
-zu niederträchtig, als daß ich geneigt wäre, ihnen irgendwelche
-Vergünstigungen zu gönnen. Du mußt wirklich dein gutes Herz bezähmen.
-Setze mir den Mann vorläufig in den Turm, und das Weib --,« er klirrte
-etwas lauter mit dem Geschirr -- »wir wollen nicht vergessen, was wir
-ihrem Geschlechte schulden, -- das Weib kann den Morgen in einem der Büros
-erwarten. Und nun gute Nacht, Nicolai Feodorowitsch, ich denke, du wirst es
-selbst eilig haben.«
-
- * * * * *
-
-Es schlug gerade Mitternacht, als Rudolf Bark in dem Teil des Gebäudes
-anlangte, den man sehr mit Unrecht als den Turm bezeichnete. Von Isa hatte
-er sich mit einem kurzen, fast gleichgültigen Händedruck getrennt, denn
-nur der eine Wunsch beherrschte beide gleichmäßig -- Schlaf und Ruhe.
-Auch glaubte der Konsul, daß es sich bei seinem Gewahrsam
-wahrscheinlich um ein Zimmer handele, wie es nach deutschen Begriffen den
-Voruntersuchungs-Gefangenen gewährt wird. Deshalb taumelte er beinahe
-betäubt zurück, als der begleitende Gendarm endlich eine Mauerhöhlung
-aufschloß, die der Kaufmann im Vorüberschreiten für einen Vorratskeller
-oder eine unterirdische Waschküche gehalten hatte.
-
-»Du kannst dir diese Laterne mitnehmen,« gähnte der schielende Gendarm
-in einem Anfall von Mitleid. »Aber sobald du liegst, bitte ich mir aus,
-daß sie ausgelöscht wird. Es ist strenge Verordnung, hier kein Licht zu
-brennen, verstehst du?«
-
-Damit drückte er dem Konsul die Leuchte in die Hand, schob ihn mit
-kräftigem Nachdruck in den finsteren Raum hinein und schloß gemächlich
-hinter dem Eingekerkerten wieder ab. Dem Konsul aber trat der kalte
-Schweiß auf die Stirn. Mit zitternder Hand streckte er die Laterne von
-sich und erkannte ein enges, kreisrundes Loch, das über und über mit
-Stroh beschüttet war. Ein fauliger, verwesender Geruch stieg aus
-den Halmen empor, und der scharfe Dunst eng aneinander gepreßter,
-verwahrloster Menschen mischte sich drein. Da lagen sie dicht
-nebeneinander, zerlumpte, bettelhafte Gestalten mit grüngrauen,
-eingefallenen Gesichtern, und keine Decke, kein Kissen wehrte von den
-fröstelnden Leibern den feuchten Dunst ab, der aus den schimmligen
-Ziegelsteinmauern herausschlug. Und dennoch füllte lautes Schnarchen
-dieses trostlose Gemäuer, und selbst das hereinstrahlende Licht und
-der neueintretende Leidensgefährte, sie veranlaßten keinen jener
-Ausgestoßenen auch nur das Haupt zu erheben, um sich über die späte
-Störung zu vergewissern.
-
-Unfähig, noch weitere Eindrücke in sich aufzunehmen, ließ Rudolf Bark
-die Laterne sachte zu Boden gleiten und kauerte selbst in einer seltsam
-verkrümmten Stellung nieder. Die Füße, die er mit den Armen umschlang,
-dicht gegen das Kinn gepreßt, so hockte er auf der fauligen Schüttung,
-um seine weit geöffneten, ungläubigen Augen um ein entsetzlich besudeltes
-Faß kreisen zu lassen, das genau die Mitte des Raumes ausfüllte.
-Ein atemlähmender Geruch entströmte diesem Gefäß, und es war dem
-Gefangenen, wie wenn ihm eine Faust gegen die Stirn krache, als er endlich
-entdeckte, welchem Zweck das runde Gerät in der Mitte diene.
-
-Ein Flimmern tanzte vor den Blicken des unbeweglich Zusammengekrümmten,
-und ein heiseres Stöhnen entrang sich seinen Lippen. Die ungeheure
-Demütigung, der prasselnde Sturz von den Höhen des Lebens bis in diese
-Höhle voll Aussatz und Verworfenheit, sie wendeten die Seele des sonst
-so sicheren und gefaßten Mannes um und schmetterten sie in eine fiebernde
-Verzweiflung. In seinem Hirn begann es zu bohren und zu nagen, als wenn
-sich Würmer dort Eingang verschafft hätten, die nun langsam ihres Weges
-krochen. Er fing an zu überlegen. Seiner Mittel war er beraubt. Von der
-Gefährtin hatte man ihn getrennt. Und wer konnte sagen, wie lange er
-hier in der finsteren Pesthöhle ausharren müsse? Bei dem stumpfen
-Geschehenlassen und der Unordnung, durch die sich russische Gerichte
-auszeichneten, konnte es sich -- namentlich in wild bewegten Kriegszeiten
--- ereignen, daß Monate, daß Jahre vergingen, bevor man sich seiner
-erinnerte. Vielleicht war er längst lebendig verfault, ehe dem
-gefräßigen Polizeimeister zwischen Suppe und Braten das Gedächtnis an
-das unterlassene Protokoll aufstieg. Beschwerden? Wer würde die aus dem
-stinkenden Loch heraustragen und weitergeben, seitdem der Ausgestoßene
-nicht mehr imstande war, einen solchen Dienst gebührend zu belohnen?
-
-Immer emsiger irrten die Würmer durcheinander, einer stets auf der Spur
-des Voraufkriechenden, und sie schienen ein Gift auszuspritzen, das den
-Grübelnden bis zum Wahnsinn reizte. Wie würde sich das Los von Isa
-gestalten? Zum erstenmal in ihrem kurzen Dasein verbrachte das junge,
-unerfahrene Geschöpf eine Nacht in einem fremden Hause. Wie, wenn sich nun
-der Pristav, um sich für die entgangene Lustbarkeit der Abendgesellschaft
-schadlos zu halten, des wehrlosen Mädchens besonders annähme? Ein
-furchtbarer Einfall! Grinsend saß das Grauen auf der übelduftenden Tonne
-und schüttelte seine Schlangenhaare.
-
-Da wälzte sich etwas neben dem Konsul, und eine geschwollene Hand näherte
-sich der Schraube der Laterne, um das Licht auf einen Zug auszudrehen.
-Aus der undurchdringlichen Finsternis aber, die jetzt das unwirtliche Bild
-verschlang, knurrte die wüste Heiserkeit eines Trunkenboldes:
-
-»Sollen wir deinetwegen, du Lump, wieder Prügel kriegen? Wenn du
-die Lederriemen das erstemal gespürt hast, wirst du keine solche
-Unvorsichtigkeit mehr begehen. Je weniger wir hier sehen, desto besser.
-Strecke dich aus und schlafe. Oder dünkst du dich in deinen gestohlenen
-Kleidern etwa zu gut dazu? Warte nur, Brüderchen, sobald du erst mit uns
-allen aus einer Schüssel gegessen hast, werden dir deine hochmütigen
-Grillen schon vergehen. Und nun schnarche.«
-
- * * * * *
-
-Es mochte hoch am Tage sein, als der durch die widernatürlichen Dünste
-betäubte Schläfer aus der Lähmung seiner Sinne aufgerüttelt wurde.
-Zuerst glaubte der emportaumelnde Rudolf Bark, ein holdes Traumbild
-entschwirre langsam vor seinen müden Augen, um ihn die Schrecken der
-Gegenwart nur noch bitterer spüren zu lassen. Aber nein, nein, was
-bedeutete das? War ein solcher Umschwung wirklich zu fassen? Die Tür stand
-offen, und ein kalter Lichtschimmer, der ferne Abglanz des ausgesperrten
-Tages, kroch durch den breiten Spalt. Aber mitten in dieser für ihn jetzt
-überirdischen Beleuchtung stand der pockennarbige Sekretär in seinem
-grauen Jakettanzug, ein grünes Jägerhütchen flott auf den dunklen
-Haaren, und neben ihm, -- es war wohl doch eine Täuschung, nur die
-Ausgeburt brennender Wünsche -- neben ihm hielt sich Isa Grothe mit
-ausgestrecktem Arm an der gegenüberliegenden Wand fest, um vorgebeugt
-mitten in der schwimmenden Finsternis ihren Freund, den sie suchte,
-erkennen zu können.
-
-»Isa!«
-
-»Herr Konsul.«
-
-»Ist Ihnen nichts geschehen? Fühlen Sie sich munter?«
-
-»Vollständig. Großer Gott, wie sieht es hier aus, wie fürchterlich ist
-es hier! Aber denken Sie sich, wir kehren in das Hotel zurück.«
-
-Und Ilija Petrowitsch, der Sekretär, der sich für den Gang über die
-Straße bereits wieder die braunen Glacéhandschuhe aufstreifte, er
-erlaubte sich mit seinem verbindlichsten Lächeln den vornehm gekleideten
-Gefangenen aus der Pesthöhle herauszuziehen, die gleich darauf, trotz der
-Wut und des aufgeregten Gemurmels der Übrigen, von einem mitgebrachten
-Gendarm durch einen Fußtritt geschlossen wurde.
-
-»Kommen Sie, Herr Konsul,« hauchte der höfliche Schreiber, der
-sich inzwischen bereits den braunen Flauschüberzieher des Kaufmanns
-diensteifrig über den Arm gebettet hatte, »kommen Sie schnell, es wird
-Sie drängen, ein Frühstück im Hotel de Moscou einzunehmen.« Und im
-heiteren Bewußtsein seiner Weltkenntnis fügte er, während die drei
-bereits die Treppe herunterstiegen, siegessicher hinzu: »Sagte ich Ihnen
-nicht gleich, daß alles nur eine reine Formsache wäre? He, habe ich mich
-darin etwa getäuscht?«
-
-»Gewiß nicht.« Der Konsul drückte dem Pockennarbigen dankbar die Hand,
-was von diesem mit einem unglaublichen Zusammenknicken erwidert wurde.
-»Aber erklären Sie nur,« drängte Rudolf Bark weiter, indem er tief
-aufatmend die frische Luft der Straße einsog, die sie schon erreicht
-hatten, »wie konnten sich die Absichten des Polizeimeisters so schnell
-verändern?«
-
-»Wer weiß?« Der Herr im grauen Rock zuckte vieldeutig die Achsel, und
-seine Hand rückte leichthin an dem flotten grünen Hütchen. »Es sprechen
-bei uns viele Meinungen mit. Ich darf mir natürlich nicht erlauben, eine
-bestimmte Ansicht zu äußern, aber vielleicht blieb der Umstand nicht ohne
-Einfluß, daß heute in der Frühe der Geheimkanzlist Sr. Exzellenz
-des Gouverneurs Bobscheff einen eigenhändigen Brief an den Herrn
-Polizeimeister-Stellvertreter überbrachte.«
-
-»Bobscheff?« rief Isa in ihrem silbernsten Ton, und ihr fiel die
-ewig heisere Giraffe ein, deren Grundsätze trotz aller ethischen
-Erziehungsversuche der dicken Gattin in einer gewissen Beziehung leichte
-und flatterhafte geblieben waren.
-
-Der Tag leuchtete so hell, und die Freude, neben dem wiedergefundenen
-Freund schreiten zu dürfen, durchströmte sie so übermächtig, daß
-der Rotkopf hier in der feindlichen Stadt und dicht neben ihrem Aufseher
-ausgelassen in die Hände klatschte. Aber auch der Konsul vermochte sich
-die überraschende Teilnahme des Gouverneurs, von dem er alles andere
-eher vermutet, keineswegs zu deuten, und so gelangte der kleine Zug in der
-Erwartung irgendeiner Aufklärung in das Vestibül des Hotels, von wo ihr
-Führer die beiden Deutschen sofort bis an ein Zimmer des ersten Stockwerks
-geleitete. Hier schritt ein Soldat mit geschultertem Gewehr vor der Tür
-des Gemaches auf und ab, und Konsul Bark begriff, daß sie sich von jetzt
-an wieder in militärischem Gewahrsam befänden. Ehe sich jedoch der
-Sekretär entfernte, unter zahlreichen Verneigungen und dem festen
-Versprechen, sich so oft wie möglich nach den Wünschen der beiden Fremden
-zu erkundigen, da zog ihn Rudolf Bark noch einmal beiseite, denn den
-nüchternen Geschäftsmann drängte es, nach dem Verbleib seiner Geldtasche
-Nachfrage zu halten. Hier aber veränderte sich das Wesen des Herrn im
-grauen Rock. Der Mund mit den weißen Zähnen lächelte zwar noch immer
-verlegen, aber in seine sanfte Stimme drang eine hörbare Abneigung, als er
-vorsichtig und sich windend den Rat erteilte:
-
-»Darüber weiß ich nichts. Gar nichts. Mein Chef, Se. Hochwohlgeboren
-der Pristav, genießt das höchste Vertrauen. Mit Recht, es würde ihn
-beleidigen, wenn man sich in seine Angelegenheiten mischte. Beileibe nicht,
-wer dürfte das wagen? Guten Morgen, Herr Konsul. Sie können unbesorgt
-sein, ganz unbesorgt.«
-
-Damit schlängelte sich der graue Herr die Treppe herunter, und der Soldat
-öffnete für die beiden Eintretenden das Zimmer. Noch hatten sie jedoch
-die Schwelle nicht übertreten, als sie in grenzenloser Überraschung
-ihren Schritt hemmten. Aus einem Schaukelstuhl, dicht vor einem altmodisch
-vergoldeten Spiegel, erhob sich bei ihrem Eintritt eine sehr elegante, tief
-verschleierte Dame, die sich leichtfüßig auf den Tisch zu bewegte, wo sie
-erwartend und ein wenig unschlüssig stehen blieb.
-
-Aber diese wiegenden Bewegungen, der feine Parfümduft, der von ihr
-ausströmte, und das energische Blitzen der dunklen Augen, ein Feuer, das
-auch von der verhüllenden Gaze nicht gedämpft werden konnte, alles das
-bestärkte den Konsul in einer aufspringenden Hoffnung. In dieser Stadt gab
-es nur eine einzige so formsichere und von einer geheimnisvollen Anziehung
-umflossene Frau. Langsam lüftete sie den Schleier, ein roter, lächelnder
-Mund kam zum Vorschein, eine kecke, ein wenig aufgestülpte Nase und dunkle
-Zigeunerwangen.
-
-»Ja, ich bin's,« bestätigte Maria Geschowa den beiden Fassungslosen,
-obwohl sie einzig und allein den schlanken, biegsamen Mann ins Auge faßte.
-»Ich hoffe, Sie werden verstehen,« setzte sie rasch und hastig hinzu,
-indem sie ohne Rücksicht auf die Zuschauerin dem Konsul ihre Hand zum Kuß
-entgegenstreckte, »ich hoffe, Sie werden verstehen, warum ich Sie hier in
-der Einsamkeit Ihres Zimmers aufsuchen muß, obwohl ich doch gestern abend
-bereits Gelegenheit gehabt hätte, Sie zu begrüßen.«
-
-In ihrer Stimme schwang wieder der vibrierende Ton, der den gefährlichsten
-Reiz der Tatarin ausmachte. Aber zu seinem eigenen Erstaunen blieb Rudolf
-Bark ganz unberührt davon, denn der Kaufmann dachte im Moment an nichts
-anderes, als wie er die mutige Frau, die sich seinetwegen doch einer
-gewissen Gefahr aussetzte, zu seiner Rettung benutzen könnte. Er verbeugte
-sich tief.
-
-»Die gnädige Frau wußten gestern vor die Freude des Wiedersehens
-gleichfalls einen undurchdringlichen Schleier zu ziehen.«
-
-»Rudolf Bark,« sagte die Tatarin plötzlich hochfahrend, »Sie sind zu
-klug, um solche kleine Weiberlist nicht zu durchschauen. Oder glauben Sie
-etwa, daß man um Ihrer grauen, kalten Augen willen Ihren Aufenthalt in dem
-Turm so liebevoll verkürzte?«
-
-Bei der Erinnerung an den Ort, dessen Schrecken noch nicht lange hinter
-ihm versunken waren, da verging dem Konsul die Neigung zu einem leichten
-Geplänkel. Auch verharrte Maria Geschowa so stolz aufgerichtet vor ihm,
-ihre blitzenden Augen schienen die seltsame Lage, in die sich die Gattin
-des Obersten Geschow begeben, so klar und unverrückt zu durchdringen, daß
-Rudolf Bark einen raschen Ausruf nicht unterdrücken konnte.
-
-»Sie wissen, gnädige Frau? Damit habe ich sicher Ihnen die Intervention
-bei dem Gouverneur Bobscheff zu danken.«
-
-»Ja,« rief Isa fortgerissen dazwischen, »Sie, liebe, gnädige Frau, Sie
-allein haben sich ganz gewiß für uns verwendet.«
-
-Die Russin bewegte sich kaum, und nur ein flüchtiges Achselzucken zeigte
-an, daß sie die dankbare Stimme des jungen Mädchens vernommen. Dann
-aber trat die eigenartig interessante Erscheinung in ihrem dunkelblauen
-Herbstkostüm ganz nahe auf Rudolf Bark zu und, immer als ob sie sich
-völlig allein mit ihm befände, versetzte sie ihm mit dem Zeigefinger
-einen leichten Schlag gegen die Brust.
-
-»Nehmen wir an, lieber Freund,« entgegnete sie rasch, und dabei begannen
-in dem dunklen Antlitz die Nasenflügel ein wenig nervös zu beben,
-»es wäre alles so, wie Sie denken. Stellen Sie sich in Ihrer gewohnten
-Scharfsichtigkeit vor, ich wäre durch einen Brief meines Gatten bereits
-auf Ihre Ankunft vorbereitet gewesen. Denken Sie darüber, wie Sie
-wollen.«
-
-»Meine Gedanken richten sich im Moment ganz nach Ihren Befehlen.«
-
-Maria Geschowa maß den Sprecher eine kleine Weile vorüberstreifend von
-der Seite. Dann machte sie eine ungeduldige Handbewegung.
-
-»Gut, gut, Sie bleiben ein Schmeichler, ganz anders, wie sonst die
-Deutschen. Zur Belohnung dürfen Sie sich auch ausmalen, wie meine Audienz
-beim Gouverneur zu der unwahrscheinlich frühen Morgenstunde verlief. Ich
-habe mich zu diesem Zweck so schön wie möglich gemacht, und meine, ich
-dürfte seiner Tatiana eine bekümmerte Stunde bereitet haben. Das ist
-natürlich alles lächerlich. Aber Sie sollen ja ein großer Frauenkenner
-sein und bilden sich nun natürlich ein, dies alles geschah, weil eine
-gefallsüchtige Frau Ihr Interesse erregen wollte, nicht wahr? Gott, wir
-Russinnen besitzen ja keinen Charakter.«
-
-Sie wartete seinen höflichen Widerspruch nicht erst ab, sondern streifte
-mit dem Finger wieder sehr eindringlich seine Brust.
-
-»Rudolf Bark,« sprach sie rasch weiter, »vielleicht trifft Ihre Ansicht
-zu. Vielleicht aber leitete mich auch nur der Wunsch, der Opposition, dem
-Mißfallen an dem meisten, was jetzt um uns herum geschieht, Ausdruck zu
-geben. Sie müssen wissen, es gibt noch immer Leute bei uns, denen dieses
-widerliche Blutparfüm, das jetzt allem anhaftet, die Nerven verwirrt.
-Menschen, die lieber auf den Galgen klettern, als daß sie sich noch tiefer
-in eine blutige Nacht hereintreiben lassen. Vielleicht gehöre ich dazu,
-vielleicht auch nicht. Wissen Sie übrigens,« sprang sie plötzlich ab,
-und um ihren Mund spielte ein flackernd überreizter Zug, »wissen Sie
-übrigens, daß der kleine Bergbaustudent Diamantow gleich zu Anfang der
-Feindseligkeiten kriegsgerichtlich und ohne viel Federlesens erschossen
-wurde? Hochverräterische Umtriebe warf man ihm vor. Seine Seele haßte den
-Krieg glühend und hielt ihn für die höllische Lüge, die immer wieder
-die Völker betrügt. Er war ein Jude,« setzte die Tatarin in ihrer
-sprunghaften Stimmung hinzu und blickte gedankenverloren zu Boden, »ein
-schöner Schwärmer und hatte deshalb etwas von dem Erlöser an sich.
-Unsere Erde ist voll von solchen Herzen, die noch dort unten im Grabe in
-brüderlicher Liebe schlagen.«
-
-Eine Pause trat ein. Maria Geschowa begab sich mit träumerisch gesenktem
-Haupt zu ihrem Schaukelstuhl zurück, wo sie sich leise zu wiegen begann.
-Die Sonnenstrahlen, die durch die Gardinen des Fensters fielen, huschten,
-der Bewegung angeschmiegt, bald über ihre Stirn sowie über die halb
-geschlossenen Augen, um gleich darauf wieder dem nachspülenden Schatten zu
-weichen. Die beiden Deutschen aber warteten in beklommener Spannung ab, was
-die schöne Frau ihnen noch weiter zu verkünden haben würde. Denn bei der
-klaren und tatkräftigen Art der Russin blieb es ausgeschlossen, daß sie
-nur gekommen sein sollte, um sich an einem absonderlichen Gespräch zu
-ergötzen. Und richtig, plötzlich erwachte die Tatarin, dehnte ihre
-Glieder, und während sie einen schnellen Blick auf ihre goldene Armbanduhr
-gleiten ließ, da brach sie in ein fast unhörbares Lachen aus. Rudolf
-Bark meinte, er hätte noch nie eine so nach innen klingende Heiterkeit
-vernommen. Sein Gehör wiegte sich in der Vorstellung, als würden hier
-winzige goldene Kugeln in einen Glasbecher geworfen.
-
-»Wahrhaftig,« winkte nun die junge Frau den Konsul auf einen Stuhl an
-ihrer Seite nieder, »die paar Minuten, die man mir für meinen Besuch bei
-Ihnen gestattete, sind bald vorüber, und wir philosophieren. Was werden
-Sie denken, lieber Freund? Bitte, setzen Sie sich zu mir. Unbesorgt, ich
-tue Ihnen nichts. Sie sind also der Ritter dieser jungen Dame geworden,
-Rudolf Bark? Wie alt ist sie?«
-
-Ein wenig verletzt verzog der Angeredete, der inzwischen ihren Befehl
-befolgt hatte, die Stirn. Der Ton der Russin gefiel ihm nicht, und er
-dachte an seine gereiften Jahre. Statt seiner jedoch übernahm Isa, die
-unauffällig am Tisch stehen geblieben war, die Beantwortung. Nichts schien
-darauf hinzudeuten, als ob die Kleine das lebhafte Interesse der fremden
-Dame für den Konsul begriff oder gar einer Beurteilung zu unterziehen
-wagte. Nur Ehrerbietung und Zurückhaltung atmete ihr Ton, als sie
-liebenswürdig erwiderte:
-
-»Ich bin achtzehn Jahre, gnädige Frau.«
-
-»So, so,« versetzte die Russin gleichgültig. »Es ist gut, mein Kind.
-Ich hätte Sie für älter gehalten.« Und ohne jede Befangenheit die Hand
-des Mannes streichelnd, sprach sie angeregt weiter: »Rudolf Bark, Sie
-denken doch jetzt über nichts anderes nach, als wie Sie den Folgen Ihres
-Ritterdienstes, die Sie in Mariampol oder wo anders erwarten, entgehen
-können? Nicht wahr? Nein, leugnen Sie nicht, es kleidet Sie nicht, würde
-Ihnen auch nichts nützen.«
-
-Da meldete es sich wieder, dieses spitze Einbohren in die Gedanken eines
-anderen, das zu den eigentümlichsten Gaben von Maria Geschowa gehörte.
-Und obwohl der Konsul erschrak, weil er nicht wußte, ob hier auch
-seinerseits eine rückhaltlose Offenheit am Platz wäre, so hielt er es
-doch für geboten, seinen raffinierten Besuch nicht völlig zu täuschen.
-
-»Maria Geschowa,« sagte er deshalb nach einiger Zeit vorsichtig tastend,
-»sollte die Gattin des Obersten Geschow derartige Pläne -- immer
-vorausgesetzt, daß sie wirklich existieren --«
-
-Die Russin wiegte sich lässig und schlug mit der Hand nach ihm: »Sie
-existieren,« lächelte sie eindringlich und verstohlen.
-
-»Sollte die Gattin des Obersten Geschow wirklich ganz gefahrlos und
-ohne sich etwas zu vergeben, die Mitwisserin solcher Geheimnisse werden
-können?«
-
-»Ah so!« Unvermittelt hielt der Stuhl in seiner Schaukelbewegung inne,
-und ein paar große Augen, die sich langsam mit Zorn füllten, hefteten
-sich eine Sekunde gereizt auf den um sein Schicksal besorgten Kaufmann.
-Gleich darauf jedoch stieß Maria Geschowa ihren Sitz zurück und strich
-sich wie in tiefem Besinnen mit der behandschuhten Rechten über die Stirn.
-»Verzeihen Sie, verzeihen Sie,« sprach sie sich mühsam wiederfindend.
-»Wie wunderbar klug und besorgt Sie sind, Rudolf Bark. Wirklich, es ist
-staunenswert. Sie hegen eine große Sympathie für mich. So etwas ist ja
-immer gegenseitig. Aber natürlich, mein kluger Freund, Sie sind völlig im
-Recht.«
-
-Sie kehrte ihm den Rücken, stellte sich ans Fenster und blickte
-lange über den struppigen Hintergarten des Hotels zu dem schmalen,
-kohlenüberschütteten Fluß herüber, der seine schwarzen Gewässer im
-Sonnenschein träge vorüberschleppte. Nach einer Weile trommelte die
-elegante Dame leicht gegen die Fensterscheiben und warf sehr kalt und
-interesselos, gleichsam nur, um irgend etwas zu äußern, über ihre
-Schulter hinweg:
-
-»Wie gesagt, Sie beurteilen die Lage richtiger als ich. Der Weg aus dem
-Hotel wurde Ihnen, wie Sie sich wohl überzeugten, durch militärische
-Bewachung gesperrt, und zur Nachtzeit durch den Hintergarten zu entkommen,
-das dürfte auch eine verzweifelt phantastische Idee sein.«
-
-»Durch den Hintergarten?« horchte Rudolf Bark hoch auf, indem er sich an
-die Seite der jungen Frau stellte.
-
-Maria Geschowa jedoch rückte fort und sah an ihrem Arm herunter, als ob
-ihr die zufällige Berührung nicht angenehm wäre.
-
-»Gott,« sprach sie gleichgültig weiter, »Verzweifelte könnten
-vielleicht solch einen Versuch erwägen. Aber ich rate Ihnen davon ab,
-Rudolf Bark. Dazu müßte der Besitzer des Kohlenkahns, dessen schmutziges
-Schiff dort an dem Steg angeschlossen liegt, vorher von befreundeter Seite
-nachdrücklich gewonnen sein. Wir wollen ein häßlicheres Wort vermeiden.
-Und Sie werden wohl selbst nicht glauben, bester Freund, daß Ihr kühles
-und berechnetes Wesen Ihnen hier in der fremden Stadt so viel Teilnahme
-erwerben könnte.«
-
-Als sie das letzte fast feindselig hervorgebracht hatte, kehrte sie sich zu
-ihm. Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes. Mit ihrer unnachahmlichen
-Grazie hob das junge Weib beide Arme, um dann ihre Finger ohne Hast noch
-Aufregung hinter dem Hals des betroffenen Mannes zu verschränken. Trotz
-der vertraulichen Nähe, die jetzt zwischen beiden hergestellt war, und
-obwohl der glühend rote Frauenmund fast dieselbe Luft wie Rudolf Bark
-zu atmen schien, so mutete das Ganze doch keineswegs wie eine peinliche
-Aufdringlichkeit an, sondern hier schien sich vielmehr ein Abschied, eine
-von Wehmut durchzitterte Trennung vorzubereiten.
-
-»Rudolf Bark,« sagte die Russin klar und deutlich, als ob sie es
-verschmähe, ein Geheimnis aus ihren Empfindungen zu machen, »ich reise
-noch heute nach Mariampol zurück, und ich würde Tränen vergießen, wenn
-ich Sie dort wiedersähe. Sie gehören zu den Menschen, die leichtfüßig
-an einem vorübergehen und von denen man den Schall ihrer Tritte dauernd im
-Ohr behält. Ich werde noch oft an Sie denken. Es ist bei dem widerlichen
-Haß, der zwischen den beiden Völkern entstand, unwahrscheinlich, daß wir
-uns jemals wieder begegnen. Aber wenn Sie, wie ich dies von Ihnen vermute,
-später einmal die Bilanz über das Wesen unseres Volkes aufstellen, dann
-bitte ich, sich meiner nicht als einer Ausnahme zu erinnern. So, wie ich,
-leben hier Millionen, die, wie die Motten um das Licht, um das Europäertum
-schwärmen. Ich glaube, Sie mißverstehen mich nicht, lieber Freund. Und
-nun leben Sie wohl.«
-
-Sie ließ ihre Arme langsam herabsinken, zog den Schleier vor das dunkle
-Antlitz und nickte Isa, die sich während dieser ganzen Zeit einer
-fröstelnden Erstarrung nicht entreißen konnte, flüchtig zu. Dicht
-vor der Tür entglitt der schnell schreitenden Gestalt ein blaues
-Handtäschchen. Aber ehe der Konsul es noch aufheben konnte, und so oft er
-auch hinter der bereits über die Treppe Eilenden herrief, Maria Geschowa
-achtete seiner Bemühungen nicht, und das blaue Lederetui, das sie wohl
-absichtlich zurückgelassen, blieb in dem Besitz des sofort und dankbar
-begreifenden Mannes.
-
-
-
-
-V.
-
-
-Wochen waren vergangen. Über Maritzken heulte der Wind. Seit Tagen
-krümmte er die hohen Eichenbäume zusammen, schlug rote Wolken dürrer
-Blätter raschelnd über das Anwesen und brauste mit schneidendem Wehlaut
-über die menschenleere, verlassene Gegend. Wenn solch ein ungeheurer
-Stoß über die Stoppelfelder fuhr, dann glaubte Johanna Grothe stets eine
-schmetternde Posaune zu vernehmen, die zu Weltuntergang und Vernichtung
-rief.
-
-Weißer und verschlossener als je vorher schritt die Gutsherrin durch ihr
-verödetes Heim, denn seit den letzten Stunden war ihr Besitztum von jeder
-Einlagerung befreit, und nach all dem Lärm und der ewig aufpeitschenden
-Unruhe nistete nun eine leere, quälende Einsamkeit zwischen den weißen
-Gemäuern. Die fremde Menschenwoge, die so lange alles überschwemmt hatte,
-war wie unter einem ungeheuren Druck weiter in das Land hineingetrieben
-worden, einer großen Schlacht, einer Entscheidung, einem weltbewegenden
-Schicksal entgegen, und die preisgegebenen Fluren atmeten nun in einer
-dumpfen zermürbenden Spannung.
-
-Mehrfach hatte das Landmädchen, dem sonst ein Tag ohne genau geregelte
-Arbeit als ein unmöglicher Zustand gegolten, sich aufgerafft, um mitten
-unter Trümmern und Verwüstung das gewohnte Tagewerk wieder aufzurichten.
-Aber nach kurzem Überlegen brachen alle diese Pläne abermals zusammen.
-Draußen aus der gesegneten Erde war alle Frucht durch gierige Hände
-aufgewühlt und fortgeschleppt, und durch die leeren Furchen peitschte der
-Wind. Die Stalltüren standen offen, und drinnen gähnten die abgeteilten
-Stände, aus denen das letzte Pferd und die letzte Kuh von dannen
-getrieben waren. Auf den Äckern rosteten die Pflüge, weil sie von
-keiner Männerhand mehr geleitet werden konnten, und auf den Vorratsböden
-verzehrten die Mäuse die traurigen Reste der Wintersaat. Alles öde und
-verkommen, das Land wie das Haus, um das Beste betrogen und bestohlen, und
-nichts zurückgeblieben, als jenes schwere, spannungsvolle Atmen, das nach
-Vergeltung verlangte.
-
-Auch in Johanna zuckte manchmal während der erzwungenen
-Beschäftigungslosigkeit ganz plötzlich und sprunghaft solch eine wilde
-Gier nach ausgleichender Gerechtigkeit auf; oder noch besser die Sehnsucht
-nach einem Blitzstrahl, der züngelnd und krachend alles in den Boden
-schmettern sollte, was höhnisch und unrein, jede harmlose Regung
-überwuchernd, vor ihr aufgeschossen war. Manchmal auch schlug die Scham
-in ihr zur Höhe. Und dann segnete sie Gott dafür, daß sie hier wie
-ein ausgesetztes Tier verborgen und unerkannt durch das verlorene Anwesen
-streifen konnte. In solchen Augenblicken lief ein Zittern über ihren
-Körper, und zugleich bangte sie davor, der Neugier der wenigen Mägde
-zu begegnen, die noch zurückgeblieben waren. Wie leicht konnte sie solch
-unberufenen Spähern das schüttelnde Grauen verraten, das sie vor sich
-selbst hegte, seitdem sie von der Furcht verfolgt wurde, auch ihre kühle
-Reinheit sei von befleckten Händen entweiht. Die eigene Schwester,
-derjenige Mensch, der ihr nach natürlichem Recht der Nächste auf Erden
-sein sollte, er hatte ihr das Haus zu einer brennenden Hölle gemacht.
-Unmöglich, ganz unfaßbar dünkte es ihr, mit Marianne noch fürderhin
-unter einem Dache zu weilen, ihr heiteres Geplauder zu vernehmen oder die
-Sorgen der Gefallsüchtigen um die Erhaltung ihrer Schönheit aus der
-Nähe mit ansehen zu müssen, seitdem sie die Mitwisserin ihres widerlich
-haltlosen Leichtsinns geworden war. Aber warum schrie sie der Schwester in
-zornigem Aufflammen nicht ihre Anklagen ins Gesicht? Weshalb jagte sie die
-Gesunkene nicht von Heim und Herd, unbekümmert darum, ob der strudelnde
-Schwall der Geschehnisse sie verschlinge oder nicht? Großer Gott, aus
-welchem Grund erfüllte sie nicht ihre heiße Sehnsucht, zu vereinsamen und
-zu verdorren, sobald sie durch ein solches Opfer allen Schmutz und jeden
-Unrat von ihrer Schwelle fegen konnte? -- Warum? -- Nein, um alles Elendes
-willen, das vermochte sie nicht, das überstieg ihre Kräfte. In der
-großen herrschgewohnten Walküre war etwas gebrochen. So sehr die
-Verworfenheit ihrer nächsten Angehörigen an ihr zehrte, das schöne
-schwarze blühende Geschöpf war doch ein Wesen, auf das sie einmal alle
-mütterliche Sorgfalt geworfen und dessen sündhaften Fehltritt sie trotz
-rastlosen Nachsinnens noch immer nicht begriff. Vor allen Dingen aber wurde
-die Älteste von Maritzken von einer fressenden Scham verzehrt. So oft sie
-auch dazu anhob, unter keinen Umständen konnte sie es sich abgewinnen, mit
-der harmlos lächelnden Marianne eine kühle und gemessene Abrechnung
-über so viel Abscheulichkeit aufzustellen. Nein, -- nein, -- nein, nur das
-nicht! Lieber sich noch ärger foltern lassen und dann weiter fliehen wie
-ein aufgescheuchtes Gespenst durch die zerstörten Stätten ihrer Pflichten
-und Sorgen.
-
- * * * * *
-
-Inzwischen erfüllte sich draußen das Verhängnis.
-
-Nicht als ob irgend eine besondere Kunde in das einsame Gehöft von
-Maritzken gedrungen wäre, nicht als ob die Gutsherrin die in einer fremden
-Sprache geführten Unterhaltungen hätte belauschen können, die einzelne
-zurückbeorderte Offiziere aufgeregt, scheu und in seltsamen Zischlauten
-mit dem kranken Rittmeister Sassin pflogen, den man in diesen Tagen
-höchster Ungewißheit ohne jede Pflege und ärztliche Aufsicht gelassen
-hatte; aber über die menschenleeren Straßen wehte etwas heran. Etwas
-Unklärliches, etwas Schicksalflüsterndes, das die Herzen stocken und die
-Sinne kochen ließ. Je leerer Wege und Stege wurden, desto deutlicher jagte
-das Unsichtbare vorüber, und hinter jeder aufsteigenden Staubwolke suchten
-gierige Blicke das Blitzen von Stahl und Eisen.
-
-Es war an einem trüben Nachmittage.
-
-Mit unverminderter Gewalt wütete der Sturm um das Haus. Die Türen der
-Ställe knallten in kurzen Schlägen auf und zu. Wie eine Nachäffung von
-Kampf und Schlacht rollte ein ewiger Donner durch die weißen Gebäude.
-Aber mitten durch das Toben des Elementes drang ein schmerzliches Stöhnen,
-ein Winseln und Wimmern, das Johanna, die gerade über einen der Gänge
-des zweiten Stockwerks schritt, nicht überhören konnte. Ganz sicher, das
-markdurchwühlende Ächzen, es stahl sich aus dem Zimmer des verwundeten
-Rittmeisters, dessen Verfall in den letzten Tagen auch den unkundigsten
-Blicken nicht verborgen geblieben war. Von einem heimlichen Schrecken
-durchdrungen und ohne lange abzuwägen, ob ihre Teilnahme einem
-Angehörigen der jetzt von ihr so bitter gehaßten Rasse galt, trat Johanna
-nach einem kurzen Anklopfen ein.
-
-Was war das?
-
-Seit Tagen schon hatte Leo Konstantinowitsch Sassin dauernd seinen zum
-Skelett abgemagerten Körper im Bett halten müssen. Jetzt aber saß der
-Rittmeister in dem grauen Feldmantel, aus dem sowohl das Einschußloch
-als die Blutspuren noch immer nicht getilgt waren, hinter einem mit Karten
-bedeckten Tisch, und die tief über die zerwühlten Haare gezogene Mütze
-sowie die stark nach Juchten riechenden Reiterstiefel an seinen Füßen
-bewiesen, wie der Hinfällige den wahnsinnigen Entschluß gefaßt haben
-müsse, der Stätte seines langen Krankenlagers endgültig zu entfliehen.
-Als die Tür knarrte, schrak der Kranke zusammen und fuhr mit den dürren
-Händen aufgeregt und haltlos über die bunten Blätter.
-
-»Schönes Fräulein -- schönes Fräulein,« hauchte er kaum noch
-vernehmlich, obwohl die sich bäumende Brust eine letzte Anstrengung
-hergab, »ich muß fort. Es geht mir überraschend gut, und deshalb muß
-ich es riskieren. Wo steckt mein Bursche? Ich habe ihn schon seit drei
-Tagen nicht mehr gesehen! Der Hund ist klug, er hat sich auf die Strümpfe
-gemacht. Ich will auch nicht länger in dieser Mausefalle sitzen bleiben,
-verstehen Sie? Unsere Idioten, diese verschlafenen Strohköpfe haben uns in
-nichts als Teiche und Sümpfe geführt. Sind wir Katzen, die man ersäufen
-will? Kommen Sie, kommen Sie, ein Blick auf meine Karten genügt. Jedes
-Schulmädchen wird das einsehen. Hier -- und hier -- und hier ... Eine
-gotteslästerliche Wirtschaft!« Wütend ballte er die Papiere zusammen und
-schleuderte sie, zu einer Kugel geformt, in die Ecke. »Jede Nacht habe ich
-davon geträumt, ich steckte immer bis zum Hals im Wasser. Aber jetzt ist
-es zu spät! Glauben Sie mir, man wird hier etwas Gräßliches erleben.«
-
-Gewaltsam richtete sich der Russe auf, und es schien, als ob er durch die
-Tür von dannen stürzen wollte. Allein in der nächsten Sekunde mußte
-er sich mit beiden Händen an den Tisch klammern. Er schwankte, die stark
-duftenden Juchtenstiefel suchten vergeblich einen Halt.
-
-Johanna jedoch, obwohl ihr Herz zu jagen anhob, vergaß, was sie dem
-Hilflosen schuldete, und regte sich nicht. In ihrem weißen Antlitz
-brannten die sonst so kühlen blauen Augen in einem bösen Feuer. Ein
-gieriges Lächeln, ganz widerspruchsvoll und unheimlich, schlängelte
-sich um ihre Lippen. Wie sie so aufragte, da hätte sie auch einem minder
-Verzweifelten Furcht einflößen können. Und der Kranke, der sich
-nicht aufrecht zu erhalten vermochte, beugte den Hals vor und starrte in
-plötzlich aufspringendem Entsetzen auf seine unbewegliche Gastgeberin.
-
-»Was wollen Sie?« keuchte er, »halten Sie mich nicht auf!«
-
-Aber Johanna sperrte ihm ungerührt den Weg.
-
-»Herr Rittmeister« brach es mit einem Mal hell und voll versteckter
-Wollust aus ihr heraus, »meinen Sie, daß Ihrem Heer irgendeine
-Katastrophe bevorsteht?«
-
-»Das weiß ich nicht, -- das habe ich nicht gesagt -- nicht die leiseste
-Andeutung gemacht. Ich bin krank. Meine Gedanken gehorchen mir nicht mehr.
-Sie wissen, sie springen herum, wie auf einem Tanzboden. Was lachen
-Sie mich so an? Oh, ich weiß, was Sie uns wünschen! Sie sollten sich
-hüten!«
-
-Jedoch die Älteste von Maritzken hütete sich nicht. In ihren Mienen
-verkündete sich immer deutlicher eine wilde Wonne.
-
-»Herr Rittmeister« sog sie förmlich aus dem ihr Unterlegenen heraus,
-»nicht wahr, Fürst Fergussow befindet sich gleichfalls auf den Linien,
-die Sie vorhin auf der Karte bezeichneten?«
-
-»Ja, was geht er mich an? Der Teufel soll ihn holen!«
-
-Die Blonde drängte erbarmungslos weiter.
-
-»Und Sie vermuten, es werden nur wenige aus den Wasserläufen
-entwischen?«
-
-Jetzt brach dem Rittmeister der Schweiß aus. Er wurde erdfahl und
-vermochte seine herunterfallende, wie im Krampf bebende Kinnlade nicht mehr
-zu bändigen.
-
-»Verwünscht,« röchelte er, schlug mit den Armen in die Luft und wankte
-haltlos bis zur Tür, »Sie foltern mich! Was habe ich Ihnen getan? Hören
-Sie nicht? Hören Sie es nicht? Da ist es wieder, das ungeheure Gurgeln,
-Schnaufen und Schmatzen, das mich wahnsinnig macht.«
-
-Er fiel auf der Treppe nieder und rollte wie ein schweres Bündel die
-Stufen herab. Johanna hörte noch einen schrillen Angstschrei, und als sie
-ans Fenster eilte, gewahrte sie, wie der Kranke in einer letzten Anspannung
-und mit vorgestreckten Händen über den Hof taumelte. Unsichtbare Geißeln
-schienen auf seinen Rücken zu klatschen. Der Sturm schmiß ihn hierhin und
-dorthin, und wie ein grauer Schemen verschwamm das unselige Menschenbild in
-den wirbelnden Staubwolken der Landstraße.
-
- * * * * *
-
-Das weiße Haus aber sollte noch einen anderen seiner Bewohner hergeben.
-
-Draußen auf den Wegen und Stegen fing es an, lebendig zu werden. Zuerst
-waren es nur kleine Kosakentrupps, die in einem rasenden Galopp über die
-Straße fegten. Die Nachmittagssonne brannte ihnen auf den Rücken, und
-es schien, als ob die toll gewordenen Tiere ihren eigenen Schatten
-fressen wollten. Mit tief herabhängendem Halse stäubten sie ihrem
-vorausfliehenden schwarzen Abbild nach.
-
-Doch es blieb nicht bei den wenigen. Bald erbebte der Boden unter dem
-Gedröhn zusammengeballter Reitermassen. In einer finsteren Gier, fluchend
-und tobend, heulten sie vorüber, und nur der Wille, gewaltige Strecken
-zwischen sich und irgend etwas Folgendem zu legen, hielt diese Horden
-noch zusammen. Voll frohlockenden Entsetzens erkannte Johanna, die jene
-fessellose Jagd, weit aus einer der Bodenluken gelehnt, verfolgte, wie
-diese zusammengeduckten Reiter Lanzen und Karabiner von sich schleuderten,
-so oft sie meinten, einen Vorsprung vor ihren sich stauenden Vordermännern
-erreichen zu können. Menschen und Tierleiber waren von einer dicken
-schlammigen Kruste bedeckt, und manche der Verfolgten umklammerten noch
-immer in vollkommener Bewußtlosigkeit dicke Büschel ausgerissenen
-Seegrases, als gelte es, vor allen Dingen diesen letzten Schutz nicht
-aus den Fingern zu lassen. Bleich, blutend, gespensterhaft raste alles
-vorüber. Die Beobachterin jedoch preßte ihre Hände gegen die
-kreisrunde Einfassung ihres Ausguckloches, als müsse sie die Mauern
-auseinanderbrechen, um das Bild noch weiter, gesättigter in sich aufnehmen
-zu können.
-
-»So peitscht Fürst Fergussow seinen müden, zusammenbrechenden Schimmel
-vielleicht auch über eine unserer Chausseen,« schoß es ihr dann
-durch die vom Schauen aufgewühlten Sinne, »blutend, zerfetzt, jeder
-Männerwürde beraubt, genau so wie die Geschlagenen, Gedemütigten, die
-dort in den dampfenden Staubwolken, umheult und zerzaust vom Winde, ihr
-nacktes Leben zu retten trachten.«
-
-Und ihre Seele erlabte sich an der Vorstellung, wie der glatte glänzende
-Kavalier, der ihr die Schande ins Haus getragen, sein Ende vielleicht in
-einem Kothaufen gefunden, nachdem der peinlich Saubere vorher alle Qualen
-des Ekels vor dem Schmutz seines Grabes durchkostet. Aber nein, nein, wenn
-sie ganz wahrhaft gegen sich selbst verfuhr, dann drängte sich noch ein
-anderes Bild, ein heißerer Wunsch vor den lodernden Brand ihrer Rache. Er
-durfte ja noch gar nicht verkommen und verdorben sein, solche geschmeidigen
-Naturen wie dieser im Innern verpestete Aristokrat, sie fanden gewiß
-tausend Mittel, um dem auf sie lauernden schimpflichen Verlöschen zu
-entweichen. Welch ein Glück, welch eine rasende Wonne, wenn der zu Boden
-Geschlagene und alles Hochmutes Entkleidete noch einmal gleich einem
-schuldbewußten Dieb oder Bettler vor sie hintreten müßte! Ja, darauf
-lauerte sie. Diese Erwartung trug Möglichkeit auf Möglichkeit in ihre
-Gedanken, bis die Landtochter nicht einen Moment mehr daran zweifelte,
-ihr würde diese erlösende Vergeltung von dem Schicksal, das jetzt über
-Staaten und Völker rollte, beschieden sein.
-
-So stand sie und starrte in die Umgegend hinaus, auf den fernen
-Feuerschein, auf die Felder, die von schwarzen Gestalten zu wimmeln
-begannen, auf die blauen Gehölze, die zerschossene, verwirrte Gespanne und
-rasselnde Züge schwarzer Kanonenrohre von sich ausspien.
-
-Vorbei, vorbei. Das Klirren, das Sohlenknirschen unzähliger sich
-fortwälzender Fußgänger, der Wogenschlag und die Brandung heiserer
-vernichteter Menschenstimmen lärmten ununterbrochen an dem weißen Anwesen
-vorüber.
-
-Der Erwartete aber kam nicht. Er kam nicht, wie sehnsüchtig und gierig
-auch zügellose Wünsche nach ihm ausschweiften. Und der Gutsherrin
-bemächtigte sich die Furcht, Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des
-Zaren, der Inbegriff und das Sinnbild einer zerfressenen Kultur, er könnte
-von den schwarzen Wellen dort unter ihr bereits unerkannt vorübergetragen
-sein.
-
-Wenn das möglich wäre, wenn er sich so gleichgültig gebärdete,
-so rücksichtslos, so bitter feige! Und zum erstenmal in ihrer bangen
-Erwartung preßte sich Johanna die Faust auf die Brust, und ein Frösteln
-flog über ihre Glieder, weil sie den tiefsten Grund ihres irren Verlangens
-nicht mehr unterscheiden konnte.
-
-Auch ein paar andere Augen wühlten sich beutehungrig hinter einem der nach
-der Straße gelegenen Fenster in den vorüberschießenden Menschenstrom
-ein. Schwarze, leuchtende Augen, die merkwürdigerweise in einem
-sehnsüchtigen Glanz schwammen, obwohl sie doch in Wahrheit nur von
-einem heißen, eigensinnigen Begehren erfüllt waren. Gleich Angelhaken
-schwankten Mariannes Blicke mit der sturmgdrängten, brüllenden und
-schreienden Masse dahin. Immer nur bereit, sich an ein einziges ersehntes
-Idol anzuklammern. Nicht eine Spur des Triumphes war in ihr, daß die
-eisengepanzerte Faust ihres Heimatlandes mit wuchtigem Schlag die fremden
-Bedränger vor sich her stieß, nicht die geringste Erhebung weitete ihre
-Brust über die dumpfe Wut und das ohnmächtige Entsetzen, welches die
-vorüberstürmenden Slaven empfanden, nachdem sie zum erstenmal in das
-gerunzelte deutsche Antlitz geblickt hatten. Nein, ihr abenteuernder und
-irrlichterlierender Geist errechnete nur schwindelhafte Möglichkeiten,
-wie sie für sich selbst mitten aus dem Zusammenbruch den blassen Schemen
-irdischen Glanzes erraffen könnte. Eine goldene Fürstenkrone auf ihr
-schwarzes duftendes Haar. Die gebührte ihr, die hatte man ihr zugesichert
-unter tausend zärtlichen Eiden. Und die alles Urteils Beraubte und von
-ihrer eigenen Schönheit völlig Betörte glaubte unverbrüchlich an diese
-ihr zäh im Gedächtnis haftenden, lächerlichen Schwüre. Bald streckte
-sich Marianne in dem kleinen Zimmer auf ein Ruhebett aus, um ihre
-widerspenstig zuckenden Nerven durch die Lektüre eines Romans zu
-beruhigen, bald schleuderte sie das Buch, aufgeschreckt durch das brausende
-Toben, das durch die Mauern quoll, verstört und verständnislos wieder von
-sich. Eben huschte sie vor den gebräunten Mahagonispiegel, denn in all
-dem Graus und Lärm mußte sie sich doch davon überzeugen, ob sich der
-schwarze Ledergürtel nicht störend verschoben hätte, da wurde rasch die
-Tür geöffnet, und mit hastigen Schritten trat Johanna zu ihr ein. Über
-der großen Blonden flammte noch das sonderbare Leuchten, der Abglanz des
-unerhörten Begebnisses, und das weiße Antlitz strahlte wieder stolz und
-kraftbewußt wie sonst.
-
-»Marianne,« rief sie mit unterdrückter Stimme, die nur schwer das
-geheime Frohlocken bändigte, »siehst du dort draußen, wie diese
-schlimmen Tiere von dannen ziehen?«
-
-»Ja, ich sehe,« versetzte die Schwarze an sich haltend, denn es verdroß
-sie, sich ihrer rasenden Hoffnung nicht länger hingeben zu können.
-
-»Das haben die Unsrigen vollbracht. Oh, jetzt wird hier alles wieder
-aufwachen, alles besser werden. In wenigen Stunden müssen unsere Truppen
-hier sein. Mir ist es immerfort, wie wenn ich sie schon singen hörte.«
-
-Da zuckte Marianne widerwillig die Achseln.
-
-»Was sollen jetzt diese Übertreibungen?« widersprach sie mit der ihr
-eigenen aufreizenden Lässigkeit, und die Absicht, den Jubel ihrer älteren
-Schwester zu stören, trat feindlich zutage. »Vorläufig hört man doch
-nur das Gestampfe und Getrappel der anderen. Was verstehen wir überhaupt
-von solchen Dingen?«
-
-Entsetzt schlug Johanna die Hände zusammen. Länger vermochte sie die
-schweigende Spannung, die zwischen ihnen beiden herrschte, nicht zu
-ertragen. Es wurde alles klar um sie herum, jetzt mußte unbedingt auch
-die Säuberung des verunreinigten Hauses folgen. Jetzt, bevor die Befreier
-ihren Einzug hielten.
-
-»Mir scheint,« begann sie mit erhobener Stimme, indem sie näher auf die
-noch immer vor dem Spiegel Weilende zutrat, »daß du mit der Horde, die
-unser Dorf plünderte und ansteckte, die unsere Freunde und Verwandten
-niederschlug, nachdem sie unsere ganze Provinz bis zur Erschöpfung
-ausgesogen, ein überflüssiges Mitleid empfindest.« Voll und ohne
-abzuirren ruhten jetzt ihre großen blauen Augen auf den dunklen Zügen der
-Schwester, mit der sie ihre Rechnung zu Ende führen wollte. »Marianne«
-fuhr sie klar und unerschrocken fort, »ich habe nicht gelernt, Versteck zu
-spielen. Nimm an, ich wüßte genau, woher deine Sympathie stammt.«
-
-»Ich hege keine Sympathie für die da unten« schrie Marianne
-ausbrechend und stampfte besinnungslos mit dem Fuß auf, denn die drohende
-Auseinandersetzung verstärkte ihren Widerwillen gegen die große,
-empfindungslose Blonde, die nicht wußte, in welchen Zwiespalt lodernde und
-glückfordernde Seelen geraten können.
-
-Doch die Älteste von Maritzken blieb unerschütterlich. Ruhig hob sie das
-fortgeschleuderte Buch auf, um es sauber geglättet auf den Tisch zu legen,
-dann aber richtete sie sich zur Höhe und beharrte mit immer härterem Ton
-auf ihrer Meinung.
-
-»Für die Masse vermagst du dich vielleicht nicht zu ereifern, um so mehr
-aber leider für einen Einzelnen.«
-
-»Wie?«
-
-Die Angegriffene fuhr empor, stützte sich auf die Tischplatte, und im
-Augenblick hatte sie den lange Jahre bewahrten Respekt vor der Großen
-völlig vergessen. Spurlos entschwirrte ihr die Erinnerung, wie die Arbeit
-dieses nüchternen blonden Weibes Tag auf Tag, Monate auf Monate Not
-und Schmach von der gemeinsamen Schwelle ferngehalten, ohne dafür etwas
-anderes zu verlangen, als daß auch die anderen Insassen des Hauses sich
-ihre eigene spröde Sauberkeit zum Muster nähmen. Nein, das alles entfiel
-der Erregten. Einzig und allein wurde sie von der fressenden Vorstellung
-geschüttelt, hier stände jemand, aus dem nichts als Haß und Neid
-emporschlage über das unerhörte Glück, das schon so nahe, zum Greifen
-nahe, über der Jüngeren, Schöneren geschwebt hatte. Und jetzt, gerade
-jetzt konnte jene goldene Hoffnung vielleicht dort unten vorübertraben,
-während sie gezwungen wurde, die kostbare Zeit durch ein dummes
-Familiengeschwätz zu vergeuden! Nie und nimmer!
-
-»Was sollen deine heimlichen Andeutungen?« rief sie zitternd in der Scham
-einer Ertappten und doch voll Erbitterung darüber, daß sie noch immer
-wie ein kleines Kind gegängelt werden sollte, »ich bin selbständig und
-erwachsen und kann über mein Leben verfügen, wie ich Lust habe.«
-
-»Ich weiß nicht, ob du das kannst,« entgegnete Johanna, sich noch einmal
-mit aller Gewalt bezwingend, »aber eines weiß ich sicher, ich würde
-in deinem Fall vor den Männern, die in wenigen Stunden hier sein werden,
-nicht die Augen aufzuschlagen wagen.«
-
-»Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei? Ich bin genau
-so erbberechtigt wie du. Aber sei überzeugt, wenn es möglich wäre, hier
-fortzukommen, der Abschied würde mir nicht schwer fallen.«
-
-Jetzt vermochte auch die Ältere den inneren Brand nicht mehr länger zu
-zügeln. Vor dieser bodenlosen Undankbarkeit barst ihre Verwandtenliebe
-und das erworbene Muttergefühl in Scherben auseinander. Eine Derbheit
-bemächtigte sich ihrer, die etwas Bäuerliches an sich hatte. Mit beiden
-Fäusten griff sie in die weichen Schultern der anderen und schüttelte sie
-hin und her, als wollte sie sich die Ungeratene vor die Füße schleudern.
-
-»Genug,« kam es dabei ganz klar überlegt aus ihr heraus, »du sollst mir
-die Freude an der herrlichen Erhebung nicht vermindern. Du hast auch
-ganz recht, es wird Zeit, daß du dich auf eigene Füße stellst und die
-Verantwortung für dein Tun allein übernimmst. Ich wenigstens will und mag
-sie nicht länger tragen. Ich bin zu dumm und zu zurückgeblieben dazu.«
-
-»Das bist du, das bist du,« schrie Marianne außer sich hinter der
-Schwester her, die bereits die Tür erreicht hatte; und in dem Bestreben,
-die Enteilende an einer besonders empfindlichen Stelle zu treffen, setzte
-sie die Hände in die Seiten und sprudelte, sich wiegend und in ihrem
-scharfen, rücksichtslosen Ton: »Auf eigene Füße soll ich mich stellen?
-Was steht mir nicht alles offen? Aber ich weiß schon was ich tue. Wenn
-sich mein Wunsch nicht erfüllt, dann -- ja dann werde ich Schauspielerin.
-Dazu passe ich. Das haben mir schon viele versichert.«
-
-Und in befriedigtem Triumph warf sie sich wieder auf das Ruhebett und
-langte mit angenommener Gleichgültigkeit nach dem Buch, ganz als ob sie
-imstande wäre, das Rollen und Toben, das Galoppieren und Schnaufen, all
-die wahnsinnig drohenden Laute der sich hemmungslos vorwärts schiebenden
-Massen zu überhören.
-
-Doch kaum hatte Johanna die Tür mit einem harten Schall zugeworfen, da
-sprang Marianne von ihrem Lager, raffte ein Tuch über die Schultern und
-stürzte ohne Furcht noch Zagen über den Hof bis an die Einfahrt. Fest
-umklammerte ihre schmale Hand hier den viereckigen Pfeiler des Tores.
-Dann beugte sie sich hinaus und bohrte ihre Blicke mit einer zähen,
-verbissenen, ihr sonst ganz fremden Beharrlichkeit in den aufgescheuchten,
-durcheinander quirlenden Zug hinein.
-
-Da -- und da -- und dort! -- Überall einzelne Reitertrupps,
-unzusammenhängend, die verschiedensten Uniformen durcheinander
-gemischt, Kosaken, Dragoner, Artilleristen, dazwischen Teile versprengter
-Linienregimenter, triefend, kotig, die meisten ohne Waffen. Dahinter wild
-in die Voranrückenden hineingeschoben Proviantkolonnen mit flatternden
-und zerzausten Plantüchern, die der heulende Sturm hochtrieb und in Fetzen
-zerriß.
-
-Eben noch dämmerte durch das schwerfällige Auffassungsvermögen des
-suchenden Mädchens eine dumpfe Ahnung, daß alles, was hier vorüber
-floh, ritt und rasselte, sich wie zerbrochene Scherben eines zerschlagenen
-Geräts ausnähme, verwüstet und niemals wieder zu einem bestimmten Dienst
-zusammenfügbar, -- da geschah das, was den hellen Stern, der so lange
-über ihrem Haupte gefunkelt, herunterriß, um ihn in Kot und Schmutz zu
-begraben.
-
-»Hilfe!« schrie Marianne gellend.
-
-Einer der mit vier Pferden bespannten Bagagewagen war plötzlich durch eine
-Verwirrung der Stränge aus der Bahn der übrigen geschleudert. Wild zur
-Seite setzend, preschten die Tiere in das offene Tor hinein, krachend
-zerschellte das schwere Gefährt an den Mauern der Einfahrt. Und einem
-irren Triebe gehorchend, sprang die Hinausstarrende mitten in die
-vorüberhetzenden Trümmer der geschlagenen Haufen hinein.
-
-Ein Stoß -- und noch einer -- ein lauter Schmerzensschrei, -- dann ein
-Straucheln und Wiederemporgerissenwerden, -- haarige Fäuste, die sich
-roh in die Kleider des Mädchens einkrallten, -- zuletzt ein Schieben und
-Hinaufzerren der Bewußtlosen in einen der krachenden und kreischenden
-Planwagen. Was sich dort drinnen begab, das schlug zum Glück nur noch
-wie der letzte Schein eines Erblindenden gegen ihr Bewußtsein. Auf nassem
-Stroh lag sie ausgestreckt, inmitten blutender, stöhnender und fluchender
-Menschen, und doch fühlte sie noch im Versinken, wie eine verpestete,
-tierische Zudringlichkeit in ihrer ermatteten Schönheit wühlte.
-
-Das Begehren nach der Huldigung Ungezählter und Namenloser, es hatte sich
-erfüllt. Jetzt riß es der Beraubten die goldene Fürstenkrone vom Haupt.
-
- * * * * *
-
-Wer sollte der Ältesten von Maritzken eine Aufklärung darüber erteilen,
-wann und wohin Marianne verschwunden oder entwichen war?
-
-Keiner wußte es.
-
-Die schwarze Faust des Krieges hatte eben nur höhnisch, spielerisch in
-den Hof hineingelangt, und es war nichts geschehen, als daß sich die
-eisengepanzerten Finger wie in grimmigem Scherz um ein junges, blühendes
-Geschöpf geschlossen hatten. Man sah nichts mehr von ihm, es war
-zerquetscht.
-
-Verstört, verständnislos lief Johanna mit den wenigen Mägden in
-der Wirtschaft herum, laut hallend rief man den Namen Mariannes in das
-herbstliche Gehölz hinein, -- nirgends eine Spur von der Verlorenen.
-
-»Vorwärts in den Keller,« trieb Johanna an, von der der Glaube nicht
-wich, es handle sich bei der Jüngeren nur um eine erklügelte Bosheit, die
-sie ersonnen hatte, um sich für die harte Zurechtweisung zu entschädigen.
-
-Draußen auf der Landstraße kroch die gewaltige, schuppenhäutige Schlange
-langsamer, träger dahin. Sie schien ermüdet zu sein, und das Quirlen
-und Fauchen, das Heulen und Kreischen, das sie bisher ausgestoßen, wurde
-seltener.
-
-Es war um die fünfte Nachmittagsstunde, als Johanna von ihrem vergeblichen
-Abstieg in die unteren Räume des Hauses kopfschüttelnd zurückkehrte.
-Schon von dem Flur aus bemerkte sie zurückzuckend, wie auf dem Hof ein
-Trupp russischer Kavalleriepferde rings um den blauweißen Pfahl des
-Taubenhauses zusammengekoppelt stand. Hochauf rauchte den Tieren das
-struppige Fell. Einzelne von den todmüden Kleppern waren vorn in die Knie
-gebrochen, andere hingen mit der Halsung bis auf das Pflaster herab, wo
-sie gierig die wenigen Haferkörner aufschnupperten, die von den Tauben
-übriggelassen waren. Ihre Reiter jedoch drängten sich in wilder Hast
-aus den offenen Stalltüren. Dort drinnen wurde zusammengeschlagen und
-auseinander gebrochen, was irgendwie einem Futterbehälter ähnlich sah. Es
-blieb klar, hier galt es keiner bequemen Einlagerung mehr, hier wurde nur
-noch in besinnungsloser Gier geplündert und fortgerissen, was man zur
-Erhaltung einer letzten verebbenden Widerstandskraft benötigte.
-
-Von einer Ahnung durchschlagen, warf die Gutsherrin in hartem Schwung die
-Tür des kleinen Wohnzimmers zurück, in dem sie vor kurzem noch mit ihrer
-jüngeren Schwester gehadert und gestritten.
-
-Und dann --
-
-Ihre Hand erstarrte auf der Klinke.
-
-Entsetzen -- nein, dem Himmel sei Dank -- nein, Entsetzen -- wer hatte sich
-dort auf das Ruhebett geworfen, um das noch der leichte Duft von Mariannes
-Parfüm schwebte? Unmöglich, es war nicht denkbar, daß diese zerrüttete,
-halb offene Uniform, daß die herabhängenden Arme, die von Kot
-überkrusteten Stiefel, die rücksichtslos über das untere Polster
-gebettet lagen, -- nein, ausgeschlossen, dies alles konnte nimmermehr zu
-der vollendeten, ebenmäßigen Gestalt gehören, die hier einst wie ein
-fremder, aber doch herrlicher und lächelnder Gott einhergeschritten.
-
-Und doch -- alle Zweifel erwiesen sich als hinfällig, wo die Wirklichkeit
-in ihrer grausen Majestät waltete. Wozu noch nach Gründen forschen,
-weshalb Verknüpfungen zu verstehen suchen, jetzt, wo der prasselnde
-Hagelschlag dort draußen die ganze Giftpflanzung gottlob zu zerschmettern
-anhob! Hier lag nur eine einzige verkommene Blüte, ein gefährlicher
-Kelch, dessen süße Dünste Gift und Verwesung um sich gestreut hatten.
-Und solch ein zerknicktes Unkraut sollte man nicht vollends brechen und
-vernichten können?
-
-Johanna wußte nicht, was sie dachte. Ohne klare Besinnung, wie ein großer
-wachsamer Hund, der einen gefährlichen Eindringling umlechzt, schlich sie
-näher. Auf Zehen.
-
-Der zerbrochene, übermüdete und zerschlagene Körper da vor ihr regte
-sich nicht. In sich zusammengekrochen, mit schlaff herabhängenden Armen
-lag er über die Polster gekrümmt, und als sich Johanna vorsichtig über
-ihn beugte, entdeckte sie, wie bleierner Schlaf die sonst so gelenkigen
-Glieder des Offiziers wie in einen Schraubstock einpreßte. Zerbeult
-hing die Mütze ihm noch auf den wirren, schweißnassen Haaren. Grau
-und zerfurcht spannte sich die Haut über die plötzlich hervorstehenden
-Backenknochen, und sie drückten dem bekannten Antlitz unvermittelt ein
-nicht zu verkennendes slavisches Gepräge auf. Auch der offenstehende Mund
-entbehrte jener weichen Anmut, die ihn früher so verlockend umspielt.
-
-Aber eine unvorsichtige Bewegung ließ das Landmädchen die Schulter des
-Hingestreckten streifen. Im gleichen Moment stieß der Schläfer einen
-lauten Schrei aus und sprang in so haltlosem Entsetzen auf die Füße, das
-rings umher alle leichteren Möbelstücke zitterten und bebten. Lodernd
-waren die großen dunklen Augen des Russen aufgerissen, und seine Rechte
-zuckte schwankend, betäubt nach einer umgeschnallten Pistolentasche, die
-er trotzdem nicht fand.
-
-Sprachlos starrten die beiden Menschen sich an. Und es dauerte eine
-geraume Weile, bis sich Fürst Fergussow auf seine Umgebung und auf
-seine Gastgeberin zu besinnen schien, auf das blonde Weib, deren hohe
-festgefügte Wucht ihm in dem dunklen Zimmer alle Fassung geraubt hatte.
-
-Wo waren die Lebensart, die nie versagenden Formen des Hofmannes geblieben?
-Er begrüßte die Dame des Hauses nicht, er gab ihr über den Zweck seines
-Wiedererscheinens keine Auskunft, er versuchte nicht, sein Hemd über der
-nackten Brust zusammenzuziehen. Müde, leer, unwillig, wie jemand, der sich
-über einen unwillkommenen Zuschauer ärgert, streifte er das schweigende
-Landmädchen mit einem mißtrauischen Blick, bis er sich schließlich
-stöhnend und scharrend auf einen Stuhl am Tisch niederließ. Mitten durch
-die Dunkelheit verfolgte Johanna, wie Dimitri Sergewitsch dort seinen Kopf
-in beide Hände nahm, wobei es ihm endlich auffiel, daß die Feldmütze
-noch immer sein Haupt bedeckte. Mit einem Fluch schleuderte er sie auf die
-Erde. Und erst durch jene Anstrengung völlig zu sich gebracht, schien er
-über sich und seinen Zustand nachzubrüten.
-
-»Geben Sie mir etwas zu essen,« war das erste, was er forderte. Er
-verlangte es in einem Ton, der keinerlei Bekanntschaft mit der Angeredeten
-ahnen ließ und der nichts als stummen Gehorsam erwartete.
-
-»Unsere Vorräte sind ausgeraubt,« erwiderte Johanna trotzig, denn ihr
-Triumph über die ungeheure Zerschmetterung der bisherigen Bedränger
-verleitete sie zu der Unklugheit, die noch immer vorhandene Macht der
-Fremden geringzuschätzen. Auch durchströmte sie ein seltsames Wohlbehagen
-dabei, als sie sich jetzt zum erstenmal den Geboten dieses glatten
-Machthabers zu widersetzen wagte.
-
-Doch der Mann am Tisch sprach weiter, als wäre ihr Einspruch spurlos an
-ihm vorübergeweht.
-
-»Machen Sie Licht,« verlangte er, unbehaglich und nervös mit den
-Stiefeln scharrend, »und dann bringen Sie mir eine Tasse Tee und Fleisch,
-viel Fleisch. Ich bin hungrig.«
-
-Allein Johanna rührte sich noch immer nicht von der Stelle.
-
-»Ich sagte Ihnen schon ...«
-
-»Gehorchen Sie,« schrie der Russe plötzlich in einer Wut, vor der
-Johanna wie vor einem Faustschlag zurückfuhr. »Ihre Landsleute haben
-uns gelehrt, wie Krieg geführt werden muß. Verstehen Sie? Glauben
-Sie vielleicht, daß ich Lust und Zeit habe, Tanzstundenredensarten zu
-verschwenden? Danken Sie Gott dafür, daß ich noch immer an Roheiten
-keinen Geschmack gewinnen kann. Sonst müßte ich Ihrem Volke gegenüber
-meine Wünsche mit anderem Nachdruck vertreten. Und nun, bitte, bringen
-Sie, worum ich Sie ersuchte. Auch eine Flasche Wein wünsche ich auf den
-Tisch.«
-
-Er streckte die Hand gegen die Tür wie ein Herr, der seine Untergebene zur
-Eile mahnt. Johanna aber warf das blonde Haupt in den Nacken und verließ
-aufgerichtet und selbstbewußt das Zimmer. Nicht durch das Zucken einer
-Wimper verriet sie dabei, wie schmerzhaft der Schreck über das veränderte
-Wesen des früher so zartfühlenden, weichen Menschen in ihr wühlte.
-Allein auch jetzt, da die verwüstete Erscheinung hinter ihr versunken war,
-sollte die Gutsherrin zu keiner Klarheit über das gelangen, was doch die
-nächsten Stunden bringen mußten. Nur eines schwang vor ihren starren
-Augen in roten Kreisen herum, er sollte nicht fort von hier, bevor -- ja
-bevor -- --
-
-Hier jedoch verwirrte sich bereits ihr Verlangen, denn sie schrak vor
-ihren eigenen durcheinander rasenden Plänen zurück, weil ihre Absichten
-körperlich wie mit schwarzen Flügeln um ihr Haupt taumelten. Auch sollte
-sie scheinbar nicht die letzten Grenzen ihrer Wünsche durchmessen, denn
-als sie in der Dunkelheit noch eine kurze Weile auf der rot gepflasterten
-Diele verweilte, da vernahm sie zusammenfahrend, wie eine vertraute, lang
-vermißte Stimme flüsternd ihren Namen nannte.
-
-Gegen den Pfosten des Eingangs drückte sich eine untersetzte Gestalt.
-
-»Fräulein!«
-
-»Ja, wer sind Sie? -- Herr im Himmel, Baumgartner!«
-
-»Ich bin's,« kam es von der anderen Seite kaum vernehmlich zurück.
-»Treten Sie einen Augenblick zu mir auf den Hof, gnädiges Fräulein, denn
-ich habe Ihnen etwas auszurichten.«
-
-Mit einem Sprung, atemlos, fuhr Johanna an die Seite des Verwalters. In der
-Aufregung, den Verlorengeglaubten unverletzt wiederzusehen, streckte sie
-dem treuen Mann beide Hände entgegen. Der Wirtschafter aber machte ihr mit
-der Schulter warnende Zeichen gegen die dunklen Gestalten hin, die den
-Hof bevölkerten, und flüsterte in seltsam verhaltener Erregung dasjenige
-hervor, was sein erschüttertes Gemüt nicht länger verschließen zu
-können meinte.
-
-»Wie sind Sie hierher gekommen, Baumgartner? Waren Sie gefangen?«
-
-»Später Fräulein, alles später. Um Gottes willen vorsichtig. Ich habe
-ihn gesehen.«
-
-»Wen?«
-
-»Unseren Nachbar, Ihren Vetter, Herrn von Stötteritz. Sie streifen dort
-hinten schon in den Wäldern herum. Er trug mir auf, Ihnen zu sagen, in
-längstens drei Stunden sei er mit den Ulanen hier.«
-
-»Baumgartner, besinnen Sie sich, ist das wahr?«
-
-»Es ist so wahr, wie ich meine Frau und meine kleine Marielle gesund
-wieder zu treffen hoffe. Ach, Fräulein,« zischte es haßerfüllt und
-lauter, als es die Vorsicht gebot, aus dem sonst so stillen Menschen
-heraus, »wenn man die Mordbrenner nur so lange hier festhalten könnte!
-Dann würde ihnen heimgezahlt werden für alles, was sie uns angetan. Aber
-diese Bande hat Lunte gerochen und wird sich verkriechen.«
-
-Durch Johanna rieselte eine schneidende Kälte.
-
-»Das werden wir sehen,« sprach sie sich aufrichtend.
-
- * * * * *
-
-Die letzten verborgenen Vorräte prangten auf der Tafel des kleinen
-Eßzimmers. Leuchtend bedeckte das beste weiße Damastleinen den Tisch.
-Statt der elektrischen Birnen, die schon seit langem unterbunden waren,
-verbreitete eine hohe altertümliche Porzellanlampe unter einer matten
-Milchglocke hervor ihren dämmernden Schein, und sogar das ehrwürdige
-Familiensilber hatte unvermutet wieder den Weg aus den Kellern an seine
-alte Stätte gefunden. Auch die Hausherrin ließ es sich nicht nehmen,
-ihren hochgeborenen Gast selbst zu bedienen. Ohne zu zögern hatte sie
-sich ihm gegenüber niedergelassen, und sie wurde es nicht müde, dem halb
-Verschmachteten, der so gierige und verlangende Blicke auf Speise und Trank
-heftete, das oft geleerte und hastig heruntergestürzte Glas immer von
-neuem mit dem schweren dunklen Rotwein zu füllen.
-
-Kein überflüssiges Wort wurde zwischen ihnen gewechselt, keine
-Unterhaltung wollte aufkommen, nur als die Älteste von Maritzken
-beiläufig von dem Verschwinden Mariannes berichtete, da fing sie
-feindselig auf, mit welch völliger Gleichgültigkeit, ja wie erleichtert
-der russische Oberst von der unerklärlichen und beängstigenden Tatsache
-Kenntnis nahm.
-
-»Ah,« murmelte er, sich den Mund wischend, »die junge Dame ist sehr
-gewandt. Ich wette, sie wird irgendwie in die Stadt geraten sein.« Und
-sich zurücklehnend und langsam seine Uniform zurecht streichend, setzte er
-wie in der Rückerinnerung an seine ehemalige hilfreiche Art hinzu: »Ich
-werde mir ein Vergnügen daraus machen, dort drinnen in Ihrem Namen eine
-Erkundigung einzuziehen.«
-
-Da glitt ein Schatten über das Antlitz der Wirtin. Und mit Anstrengung und
-einem so unsicheren Ton, daß es ihrem verdüsterten Gast auffiel, rang sie
-sich ab:
-
-»Wollen Sie denn heute noch weiter, Durchlaucht?«
-
-»Ja, ich muß, ich muß,« stieß Fürst Fergussow hervor, der sich
-inzwischen erhoben hatte und ans Fenster getreten war. »Dieser
-Abschnitt wird von anderen unserer Truppen besetzt werden. Aber seien Sie
-unbesorgt,« kehrte er sich langsam zu ihr, und allmählich drang wieder
-etwas von seiner einfangenden Höflichkeit in sein Wesen, »ich lasse
-Ihnen auch diesmal einen Schutzbrief zurück und hoffe, daß man ihn trotz
-unserer mißlichen Umstände beachtet.«
-
-»Sie sind sehr müde,« sprach Johanna zögernd, und wenn der andere
-genauer hingehorcht hätte, dann müßte er unfehlbar die schleppende
-Anstrengung aus ihrem Vorschlag herausgefunden haben, »Sie sehen
-eingefallen und kränklich aus,« drängte es unwillkürlich aus ihr
-weiter, und ohne daß sie es wußte, gewannen für einen Augenblick Angst
-und Besorgnis für dieses zerbrochene Menschenbild in ihr die Oberhand.
-Eine Verwirrung, eine Umwälzung gärten in ihr, der selbst die kräftige
-Walküre nicht gewachsen blieb. »Sie sollten sich hier noch eine Nacht
-lang Ruhe gönnen. Ich glaube bestimmt, das wird Sie aufrichten.«
-
-»Nein, nein, ich danke Ihnen, -- ich danke Ihnen aufrichtig,« wehrte sich
-Dimitri Sergewitsch, während er unruhig im Zimmer auf- und niederschritt.
-
-Wechselnde Schatten huschten dabei über seine verstörten Züge, die das
-frühere glatte Lächeln völlig verlernt zu haben schienen. Nervös griff
-er mit den Händen hierhin und dorthin. Es war ein Jammer, die fliegende
-Unrast dieses gehetzten Mannes beobachten zu müssen. Plötzlich warf er
-sich wieder an dem Tisch nieder, strich sich die braunen Locken zurecht und
-stützte das Haupt schwermütig auf seine Rechte.
-
-Johanna bebte.
-
-Denn die dunklen Augen, die sie jetzt so verzweifelt, so anklagend
-umfaßten, es waren dieselben, die Jahre um Jahre wie eine Verkündung
-ihres Loses auf sie herabgeschaut hatten.
-
-»Liebes Fräulein,« begann der Sitzende zu flüstern, und in seinen Augen
-sprühte das Entsetzen höher und höher, »wenn Sie wüßten, was wir
-verurteilt waren, zu sehen! Nein, ich kann und darf Sie nicht damit
-ängstigen. Die menschliche Natur ist in ihren Urzustand zurückgesunken.
-Die Bestien heulen sich an, reißen sich mit den Hauern das Fleisch von
-den Knochen und saufen ihr Blut. Das Grauen und der Ekel wird zu einer
-wollüstigen Unterhaltung. Und doch -- oh, es ist fürchterlich --
-während wir den widerlichen Geschmack auf der Zunge spüren, während alle
-Maßstäbe des Menschlichen zwischen unseren Händen zerbrechen, da summt
-etwas Irrsinniges, etwas Aufreizendes in unseren Adern. Eine ungezügelte,
-wahnsinnige Lust, alle Schrecken von neuem durchzukosten, damit wir unsere
-tanzenden Nerven mit noch unvorstellbareren Scheußlichkeiten sättigen.«
-
-»Wünschen Sie sich gleichfalls etwas Ähnliches?« fragte Johanna hart,
-denn bei seinem Ausbruch fiel ihr plötzlich ein, wen sie vor sich hatte.
-
-»Ich?« Der Fürst sprang auf, preßte die Hände zusammen und schlug
-sie verzweifelt gegen seine Stirn. »Wie kann ich Ihnen das beschreiben?«
-stieß er unglücklich und zerbrochen hervor, und ein schriller Wehlaut
-entrang sich ihm. »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das alles mitteilen soll,
-denn was gehen Sie mich im Grunde an? Vielleicht habe ich auch um Sie nicht
-viel Gutes verdient, und es ist sehr möglich, daß Sie mich hassen.«
-
-Jetzt erhob sich auch das große blonde Mädchen. Schwerfällig griff
-sie hinter sich an die Decke einer altertümlichen Kommode, um sich zu
-stützen. Ihre stählernen blauen Augen folgten unausgesetzt den
-wilden Gängen ihres Gastes, ihre Lippen bewegten sich, aber irgendeine
-Einwendung, die der aufgescheuchte Offizier zu vernehmen wünschte, sie
-vertrocknete ihr auf der Zunge. Und in seiner jagenden Hast hatte der
-erregte Mann auch längst wieder vergessen, was er eben noch zu erkunden
-begehrte. Oder es schien ihm nebensächlich, gleichgültig. Mit
-fliegender Hand zauste er an den Gardinen, die weiß und traulich vor der
-hereinbrechenden Nacht hingen, und ohne Rücksicht, ja ohne zu ahnen, wie
-grauenhaft es wirkte, preßte er das dünne Gewebe vor seine Stirn, um sich
-den perlenden Schweiß zu entfernen.
-
-»Ich bin vielleicht feige« stöhnte er dabei in einer schneidenden
-Entladung, »ich mag auch aus diesem grauen Wams und dem krummen Säbel
-kein Gewerbe machen. Aber wenn man mit ansehen muß, wie diejenigen Leute,
-die kurz vorher mit einem aßen und tranken, die sich auf dasselbe Stroh
-streckten, warm wie ich, hilflos, ja hilflos wie wir alle, wenn man mit
-ansehen muß, wie diese Erbarmungswürdigen ihren Verstand verloren, wie
-sie mit wütenden Sprüngen in Sumpf und Morast setzten und zu Hunderten,
-zu Tausenden, umheult, umzischt von feuerspeienden Geschossen, in dem
-weichen, grünen, schwammigen Morast einsanken, Zoll für Zoll, Strich für
-Strich, dann -- dann -- --«
-
-»Was?« kam es von Johanna scharf.
-
-»Dann,« keuchte der Offizier, und seine Finger kratzten auf den
-Brustklappen der Uniform herum, als wolle er sie von neuem aufreißen,
-»dann schreit man auf zu der Vernunft oder zu irgend etwas, was besser ist
-als wir, und zetert und brüllt um Antwort, warum es zur Verschiebung
-von ein paar Kilometer Sprach- oder Kulturgrenzen so vieler aufgeputzter
-Mörder bedürfe.«
-
-Er stand wieder vor den Fensterscheiben, und abermals fuhr der Gehetzte mit
-dem Tüll der Gardine über sein gelbes, erdfahles Gesicht. Johanna lehnte
-noch immer an der Kommode. Und obwohl irgendein unwiderstehlicher Zwang
-sie dazu antrieb, über die Schulter ihres abgekehrten Gefährten in die
-Dunkelheit hinauszuspähen, so regte sich gleichzeitig eine unnennbare
-widernatürliche Freude in ihr, aus dem angstgeschüttelten Menschen noch
-mehr Todesgrauen herauszuziehen. Ihre Hände wurden eiskalt, die Zähne
-bebten ihr leise gegeneinander, und ihre Augen maßen unaufhörlich die
-wohlgebildete, wenn auch jetzt zusammengesunkene Gestalt des Fürsten,
-während ihre Gedanken fortwährend von der Vorstellung durchschnitten
-wurden: »Du ruhst auch bald -- du auch -- du auch.«
-
-»Haben Sie viele von den Ihrigen verloren?« fragte sie unwillkürlich
-weiter, und sie konnte nichts dafür, daß es trotz ihres eigenen Bangens
-überlegt und berechnet klang.
-
-Ein tiefes Atmen stöhnte zu ihr herüber.
-
-»Viele?« stammelte der andere sich schüttelnd, »hören Sie auf. Merken
-Sie denn nicht, daß da oben bei mir die Stränge und Fäden reißen?
-Daß ich ein jemand bin, der vergessen hat, wie er heißt und wo er
-hingehört?«
-
-Er wandte sich plötzlich zurück, und seine Blicke fuhren aufgescheucht
-in den Ecken umher, bis er auf dem Ruhebett seinen abgeschnallten Säbel
-entdeckte, auf dem Boden die Feldmütze und auf einem Stuhl die abgelegten,
-von Schmutz umkrusteten Handschuhe.
-
-»In eine Schlächterkammer war ich eingesperrt,« schrie er plötzlich,
-»die draußen mit Nägeln zugehämmert war, während drinnen -- --«
-
-Ohne zu vollenden stürzte er völlig haltlos auf das weiche Polster zu,
-warf sich seinen Degen um die Schulter und streifte sich erschöpft und
-zitternd die Handschuhe über. Dann riß er das Fenster auf und rief einen
-kurzen Befehl zu dem dort draußen haltenden Soldatenpiquet hinaus. Es
-klang wie ein Angstschrei.
-
-»Gute Nacht, gute Nacht, liebes Fräulein,« stotterte er und prüfte
-mechanisch die Füllung seiner Pistolentasche, »ich habe mich schon zu
-lange aufgehalten. Wer kann wissen, was hinter einem ist? Nichts gehört
-einem mehr, selbst der Wille ist uns genommen. Leben Sie wohl. Und wenn Sie
-sich zuweilen meiner erinnern, dann, ja dann denken Sie nicht an das, was
-aus mir gemacht wurde. Nein, nicht an das,« wiederholte er bitter und
-drückte sich die Mütze achtlos auf den Kopf.
-
-In diesem Augenblick vollführte der Oberst eine Bewegung, die das
-Schicksal der Bewohner des weißen Hauses zu Maritzken entschied.
-Hinter Johanna, auf der Platte der Kommode, stand ein Bild, das Marianne
-vorstellte. Fürst Fergussow ergriff es, warf einen leeren Blick darauf
-und stellte es rasch wieder an seinen Platz, eilfertig und voll Scheu, als
-wäre das Bild ein Dorn, an dem er sich die Finger blutig gerissen.
-
-»Gute Nacht,« wiederholte er ohne besondere Bewegung, »gute Nacht.«
-
-Da regte sich Johanna zum erstenmal. Jedes Bewußtsein war von ihr
-gewichen, sie hörte nur immerfort dasselbe wilde Summen, das, solange sie
-hier weilte, beständig durch ihr Denken trommelte. Abwehrend griff auch
-sie nach dem Rahmen, und die Hände der beiden Menschen schlossen sich
-umeinander.
-
-»Sie sollten diese eine Nacht noch bleiben,« murmelte sie mit einem irren
-Lachen.
-
-Was dann folgte, wußte sie nicht mehr.
-
-Der Fürst starrte sie eine lange Zeit verständnislos an, dann nahm er
-langsam seine Mütze vom Haupt, zuckte die Achseln und ließ sich müde,
-geistesabwesend von neuem an dem Tisch nieder.
-
-Er wartete.
-
- * * * * *
-
-An dem Fenster ihres verschlossenen Schlafzimmers lauschte Johanna in
-die Dunkelheit. Hinter ihr in dem schmucklosen Raum herrschte vollkommene
-Finsternis, denn in ihrer angstgeschüttelten Verwirrung hatte die
-Gutsherrin nicht gewagt, ein Licht zu entzünden. Nun fing das harrende
-Weib jeden Laut auf, der von dort hinten herüberdrang, wo sich vor ihrem
-geistigen Auge die dichte Wand der Wälder dehnte.
-
-Von dorther mußten sie kommen.
-
-Die Befreier, die reinen und hellen, die sich selbst zur Bürgschaft
-einsetzten für das Gelübde, das sie der Heimat verpfändet. Todesschreie
-würden gellen, ein roter Sprühregen zischen, und doch -- ihr Handel war
-gut und recht, und das tiefste Empfinden, die heißeste Sehnsucht eines
-Volkes sprach ihn heilig.
-
-Aber sie, die hier am Fenster lauerte, was verübte sie inzwischen? Durfte
-sie den Plan, das trügerische Gespinst auch für rein und hell ausgeben,
-in dessen Maschen sie einen seiner Kraft und wohl auch halb des Verstandes
-Beraubten einzuschnüren suchte?
-
-Doch, doch, nur jetzt nicht grübeln und zerfasern, um alles in der Welt
-nicht. Man würde sie loben, ganz sicher, es handelte sich ja um einen
-Fürsten, um einen höheren Offizier, um einen verächtlichen Wicht, der
-sich nicht gescheut hatte, das Gewand schuldloser Frauen in Fetzen zu
-reißen.
-
-Schuldlos?
-
-Draußen strich der Wind über die Strohdächer der Scheunen, und
-die Aufgeregte hätte darauf schwören mögen, daß sie soeben ein
-geisterhaftes Lachen vernommen. Vorsichtig schloß sie das Fenster und
-verschränkte beide Hände gegen die Stirn. Ihre Finger schauerten so kalt
-gegen die Schläfen, daß in das Denken der Einsamen eine unerbittliche
-Klarheit drang.
-
-Schuldlos?
-
-Nein, das war eine bequeme Lüge. Das eine der Mädchen von Maritzken hatte
-sich dem Eindringling gewiß jubelnd preisgegeben, denn er war herrlich von
-Ansehen, und irdischer Glanz strahlte blendend von ihm aus. Und die andere?
-
-Ahnte irgend jemand etwas von dem Aufstand und dem Brand geweckter Sinne?
-Von dem wahnsinnigen Gewitter einer erträumten Hingebung, das hier in dem
-engen Raum einstmals in widerspruchsvoller Einsamkeit gewütet?
-
-Und wenn nichts als dieses Letzte wahr blieb! Johanna biß sich auf die
-Lippen, riß ungestüm ein Zündholz an und beleuchtete das Zifferblatt
-der kleinen Standuhr. Die Zahl zuckte auf, es war drei Viertel auf sieben.
-Höchstens noch eine Stunde, dann mußte alles vorüber sein.
-
-Allein, aus dem verendeten Lichtschein sprang plötzlich weiß,
-schattenhaft und doch voll zitternden Lebens das Haupt des toten
-Preußenprinzen empor. Und Johanna hielt inne und horchte auf die Schläge
-ihres sich krampfenden Herzens.
-
-So fahl und leblos mußte bald ein anderes Antlitz dämmern.
-
-Und dann dieser letzte Blick, in dem noch die Erkenntnis verendete, daß
-hier eine häßliche Spinne gesessen, die beutehungrig Fäden auf Fäden um
-einen arglos Vertrauenden gesponnen. Pfui, das war jammervoll. Das ertrug
-die aller List Abgewandte nie und nimmer. Dagegen verknisterte die Trauer
-um ihre verlorenen und versprengten Angehörigen zu Asche. Und in einer
-besinnungslosen Aufwallung rüttelte Johanna an dem Griff der Tür.
-
-Doch das Holz blieb verschlossen. Ah richtig, sie hatte sich ja selbst in
-kühler Berechnung eine Mauer gegen jedes weichliche Mitleid errichtet.
-Und mit einem schmerzlichen Stöhnen sank die Hausherrin auf den nächsten
-Stuhl, faltete matt die Hände in ihrem Schoß, und zwischen Fieber und
-Erschlaffung hörte sie, wie die Zeit mit verhängtem Zügel weiter raste.
-
- * * * * *
-
-Zu derselben Frist, da die Älteste von Maritzken ihre unstete Sehnsucht
-nach den ihrem Schutz anvertrauten Mädchen ausschickte, da kletterte die
-eine von ihnen, Marianne, mitten auf dem Marktplatz der Stadt, verstohlen
-und wie im Traum, aus dem Planwagen der Verwundeten herab. Niemand hinderte
-sie, keiner hätte sie eine Minute später in dem wütenden Lärm, in dem
-Schreien und Toben, das ringsherum wirbelte, zu unterscheiden vermocht.
-Eine dicke Finsternis lagerte über dem früher so ordnungerfüllten
-Gemeinwesen. Keine Gasflamme warf ihren Schimmer auf die Bürgersteige.
-Seit einer Stunde versagten aus einem geheimnisvollen Grunde die
-Zuflußrohre der Leitungen. Statt dessen hörte man in kurzen Abständen
-aus der fernen Anstalt dumpfe, knatternde Explosionen in die Höhe knallen.
-Und doch gab es hie und da eine Art trauriger Beleuchtung. Einzelne Häuser
-der Vorstädte oder der weniger betretenen Seitengassen hatten Feuer
-gefangen, überall in der Luft wehte ein beizender Dunst von Petroleum und
-Benzin, und der Verdacht lag nicht fern, plünderungssüchtige Banden, die
-in dieser allgemeinen Auflösung weniger denn je den Namen von Soldaten
-verdienten, hätten die gefährlichen Flüssigkeiten selbst über die
-kleinen ehrbaren, schiefwinkligen Häuserchen gegossen.
-
-Aus dem unentwirrbaren Knäuel der Bagagewagen schlich sich Marianne
-zur Seite. Hindurch durch Geschützbespannungen, durch schreiende
-und brüllende Haufen, die sich aus versprengten Trümmern wieder in
-ordnungsmäßige Kompagnien und Regimenter zu schichten suchten. Zwischen
-den wilden Schreien der Verwundeten wand sie sich dahin, die unbekümmert
-und in Hast mitten auf die Pflastersteine des Marktes ausgeladen wurden.
-Vorbei an scheuenden Pferden und hilflos am Boden kauernden Trupps, die
-sich niedergeworfen hatten und den Gehorsam zu verweigern schienen. Durch
-die Zertrümmerung und das Auseinanderbrechen einer zurückflutenden Armee,
-die noch einmal dazu zusammengerafft werden sollte, eine letzte Stellung
-zu verteidigen. Durch das Grauenvolle der in allen Rädern zerschmetterten
-Maschine, die nur noch sinnlos kreischte, rasselte und surrte. Und wie
-schwarz und ameisenhaft es sich um die Davonwankende herumdrängte, welche
-lasterhaften Flüche, welche rohen Beschimpfungen in einer fremden Sprache
-gegen sie brandeten, das Mädchen in den zerfetzten und blutbesudelten
-Kleidern besaß nicht mehr das geringste Verständnis für ihre Umgebung.
-Schlürfend tastete sie sich vorwärts, mit der Rechten kraftlos an den
-Mauern der dunklen Seitenstraße entlang gleitend. Was sie dort suchte,
-wußte sie nicht mehr. Sie wollte nur gehen und gehen und wandern, nachdem
-sie vorher schmachvolle Stunden, jeder Bewegung beraubt, auf dem faulenden
-Stroh des Planwagens verbracht. Das war gar kein Mensch mehr, sondern ein
-Wesen, das sich gedankenlos fortbewegte und nur noch eine stumpfe Freude
-darüber empfand, weil ihre verschnürten und gefesselten Glieder
-sich trotzalledem dehnten und regten. Zu anderen Zeiten hätte ein
-Vorübergehender stehen bleiben können, um der Bettlerin ein Almosen in
-die Hand zu drücken. So rasch, so von Grund aus, so irrsinnig hatte
-der Krieg, der der Umsturz alles Bestehenden ist, ein blitzendes Leben
-ausgelöscht und in den Kot geschleudert. Und gleich ihr Tausende,
-Abertausende, die noch atmeten und gar nicht begriffen, daß sie schon
-begraben waren.
-
-Aber jetzt in der pechfinsteren und menschenverlassenen Gasse, da schlugen
-Stimmen an das Ohr der Gleichgültigen, von denen getroffen sie ihr müdes
-Weitertasten unterbrach, um in fernem Besinnen durch Dunst und Nacht zu
-horchen.
-
-»Sehen Sie sich noch einmal nach ihm um, lieber Bienchen,« klang es
-wohllautend und doch zugleich von einer anheimelnden Güte durchdrungen,
-»ich werde hier auf Sie warten. Aber dann -- dann muß es sein. Länger
-dürfen wir es nicht mehr aufschieben, sonst könnten unsere ganzen Sorgen
-und Bemühungen vergeblich gewesen sein. Und das wollen Sie doch nicht?«
-
-»Nu nein, ich will es nicht,« ertönte bekümmert und kleinmütig eine
-kratzbürstige Reibeisenstimme dagegen. »Wie darf ich Sie allein lassen
-bei dem Schauderhaften? Ich leb' sowieso nicht mehr. Wahrhaftig, ich stell'
-mir immer vor, daß ich mich nur noch auf Kredit, auf Borg hier unten
-befind'. Nun also, ich werd' durch den Keller gehen und mich nach ihm
-umsehen. Sie werden sich ganz ruhig verhalten und hier warten. Aber bei
-meinem Leben, 's ist schrecklich solch ein Geschäft.«
-
-Während der letzten Worte wurde an einer unsichtbaren Tür geschlossen,
-und dann verloren sich hinunterschlürfende Tritte in einem Erdgeschoß.
-
-Gleich darauf war alles still wie zuvor. Doch nein, hinter dem
-Häuservorsprung, den man kaum noch unterscheiden konnte, stahl sich eine
-Melodie hervor. Der Zurückgebliebene vertrieb sich die Zeit durch ein
-klangreiches Summen, und die feinen Schwingungen wie das zarte Taktgefühl
-bekundeten deutlich den geübten Musiker.
-
-Um Gottes willen, das konnte doch nicht -- --?
-
-Und so abgerissen die Noten sich auch dem verschleppten Mädchen
-einprägten, sie erweckten ihr doch das Bewußtsein, daß sie nicht immer
-als eine Entwürdigte und Verstoßene durch die Gassen geirrt sei. Langsam
-wachte sie auf, und eine matte Gier nach Ruhe und Schlaf und Vergessenheit
-überfiel sie. Mit einem unsicheren Schritt trat sie näher, streckte den
-Arm aus und fuhr zurück, als sie in der Dunkelheit ihre Finger auf dem
-Stoff einer groben Arbeitsjacke spürte.
-
-»Ich weiß nicht, -- Fritz -- Fritz Harder, bist du es?« wollte es sich
-ihr in einer heiseren, ihr selbst schreckhaften Sprache entringen, da wurde
-mit einem festen Griff nach ihrem Arm gefaßt und dadurch jede weitere
-Anrede im Keim erstickt.
-
-»Keinen Namen,« forderte eine Stimme, die allen Widerspruch ausschloß
-und die dennoch das vor Erschöpfung strauchelnde Weib mit ihrer bekannten
-ehrlichen Wärme ins Leben zurückrief. »Aber du, Marianne, -- Sie -- wie
-kommen Sie hierher?«
-
-Der Angeredeten gebrach es an Atem, sie schwankte und lehnte sich fest
-gegen den angebotenen Arm.
-
-»Sie haben mich verschleppt,« stöhnte sie, und zum erstenmal in ihrem
-anspruchsvollen und verwöhnten Dasein stürzten der Zerschmetterten
-Tränen der Verzweiflung über die Wangen.
-
-»Ist Ihnen etwas geschehen?« forschte durch die Dunkelheit hindurch
-dieselbe gütige Stimme.
-
-Keine Antwort.
-
-»Ist Ihnen etwas geschehen?«
-
-Da schüttelte die Schluchzende langsam das Haupt. Ein erster Anfang
-regte sich in ihr, ein Haschen, ein Besinnen, wie man aus den zerbrochenen
-Scherben vielleicht doch wieder die alte leuchtende Pracht aufrichten
-könne. Man brauchte ja nur die Kraft zu besitzen, das taumelnde Erlebnis
-fest in sich zu verschließen, ihm keine Ausgänge zu gewähren und dem Tag
-und der Nacht mit unverändert stolzen Augen ins Antlitz zu schauen. Und
-war es nicht ein beredter Zufall, daß sich ihr sofort eine dienende Hand
-entgegenstreckte, die gewiß keinen höheren Ehrgeiz kannte als sie zu
-stützen? Noch blitzten solche Erwägungen unbestimmt und verwirrend durch
-das zerhämmerte Hirn, und doch sprach sie schon etwas gefaßter:
-
-»Ich muß mich setzen können, Fritz. Du mußt mich in dein Zimmer führen
-und -- und bei mir bleiben.«
-
-Auf der anderen Seite blieb es eine Weile still. Deutlich merkte
-Marianne, wie neben ihr in der Finsternis ein heftiges Ringen um Ruhe und
-Gelassenheit anhob. Dann aber entgegnete ihr unsichtbarer Gefährte mit
-derselben Entschiedenheit, durch die das Mädchen schon zu Anfang in
-Erstaunen gesetzt war:
-
-»Marianne, ich kann Sie nicht begleiten. Das Haus ist von russischen
-Offizieren belegt, und nur den Keller haben sie dem Uhrmacher Adameit,
-meinem ehemaligen Hauswirt, übrig gelassen. Dort unten liegt er nun
-gelähmt, vom Schlage getroffen, zwischen Leben und Sterben. Sie tun gewiß
-ein gutes Werk, wenn Sie zu dem Hilflosen hinabsteigen. Auch wird in dem
-dumpfen Raum kein Mensch eine Dame, wie Sie, vermuten.«
-
-»Eine Dame?«
-
-Die Zurückgewiesene erschrak, als sie die jetzt so wenig zutreffende
-Bezeichnung auffing. Auch schwindelte ihr vor der Erkenntnis, wie ihr in
-ihrem Unglück selbst der letzte so sicher errechnete Beistand entglitt.
-Und dann -- ein feuchter Keller sollte das Prunkgemach bilden, das ihr
-Schutz bot? Und ein gelähmter Handwerker ihr zur Gesellschaft dienen? Oh,
-es schwirrte durch die zerrissenen Sinne. Jedes Gefühl für Würde und
-Stolz entwich der Gedemütigten, und ohne zu ahnen, welche Wirkung sie
-hervorbrachte, verlegte sie sich aufs Schmeicheln.
-
-»Fritz, so kannst du mich nicht behandeln -- denk doch nur, du darfst mich
-nicht verlassen. Hast du mich wirklich ganz vergessen?«
-
-Sanft versuchte sie seine Wange zu streicheln, allein mitten auf dem Wege
-wurde ihre feuchte kalte Hand von neuem festgehalten.
-
-»Ja, Marianne,« beharrte der junge Offizier, der plötzlich so markig
-und schwungvoll sprach, wie sie es noch nie von ihm gehört, »es ist
-eine Aufgabe auf mich gelegt worden, vor deren Ernst und Wichtigkeit alles
-andere zurücktritt. Dem Himmel sei Dank, daß es einen solchen Ruf gibt.
-Tausende hören ihn jetzt und begreifen gar nicht mehr, daß sie noch vor
-kurzem eigene Wünsche hegten. So geht es auch mir. Ich grolle dir nicht
-und zürne dir nicht, ja ich danke dir dafür, weil du mich so frei und
-ungebunden für meine einzige Liebe und meine große Sehnsucht werden
-ließest.«
-
-»Wer ist das?«, flüsterte Marianne verletzt und beleidigt.
-
-Da lachte der Offizier im Arbeiterwams.
-
-»Das ist der Boden, auf dem du stehst, die Sprache, die du redest und das
-Volk, das dich geboren. Du wirst erst wahrhaft leben, wenn du dich zu
-dem allen zählen kannst. Und du stirbst, sobald dies Höchste an dir
-vorübergeht.« Er brach ab, trat hinter den Mauervorsprung zurück und
-sagte ganz ruhig und überlegt: »Hier kommt Herr Leiser Bienchen herauf,
-er wird die Kellertür für dich offen lassen. Leb wohl, Marianne, an mich
-ergeht der Ruf. Wir ziehen geradeswegs in Glück und Verklärung hinein,
-nicht wahr, Herr Bienchen?«
-
- * * * * *
-
-Schaudernd sitzt die in den Keller Hinabgeirrte, ihrer selbst ungewiß, wie
-ein fremdes seelenloses Wesen, neben der hölzernen Pritsche, auf die man
-den alten Handwerker gelagert hat. Voll stummen Grauens trinkt sie die ihr
-unverständlichen Reden ein, die der von einer irren Spannung gefolterte
-Greis von Zeit zu Zeit ausstößt. Bald ringt er die Hände, bald hebt
-er lauschend das Ohr, als müsse und könne er sich nicht von dieser Erde
-trennen, bevor er den ersehnten Laut von oben erhascht.
-
-»Dreißig Jahre daran gearbeitet,« hört sie es aus dem zahnlosen Munde
-hervorzischen, »und nun nicht wissen -- nun nicht wissen, ob es von
-Unheil oder von Segen sein wird. Und in fremden Händen, die nichts davon
-verstehen, die nicht fühlen, wie man jede Schraube aus seiner Seele
-hervorgeholt hat. Und die den Zweck nicht ahnen, den letzten Zweck. Hören
-Sie nicht etwas, Kind? Hören Sie noch immer nichts?«
-
-Aber dann geschieht etwas.
-
-Der Nachthimmel stürzt ein, die Häuser beginnen zu beben und zu
-tanzen, ein Donnerschlag wühlt und kracht und rollt, jedem Lebenden ein
-erschütterndes Wunder, die Zeit hält an, die Luft preßt sich zusammen,
-eine zerschmetterte Menschheit stößt ihren letzten Schrei aus, -- und
-dann schleicht Stille heran, gähnende Lautlosigkeit, die die Schläfen der
-zitternden Kreaturen in beide Hände nimmt und jedes Begreifen erdrückt.
-
-Ein paar schreckensstarre Augen richten sich in dem Keller, der nur durch
-ein tröpfelndes Talglicht erhellt wird, auf den abgezehrten, zahnlosen
-Mann. Der zieht langsam die Lider über die glitzernden Sterne, lächelt
-und sinkt von seinem Tagewerk zurück.
-
-Seine Uhr hat ihre große Stunde geschlagen.
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Silberne Lichter sprangen über die feuchten Schollen des schlafenden
-Landes. Kein Geräusch störte die weiche, dunkle Versunkenheit, und
-nur die bleichen Schilfwände zu beiden Seiten des Flusses neigten sich
-manchmal wispernd gegeneinander, wenn der lange, geisterhaft gleitende Kahn
-ein paar stärkere Wellen gegen das Binsengestrüpp drängte.
-
-Ruhig, gleichmäßig schritt der russische Schiffer die beiden Laufbretter
-seines Fahrzeugs ab. Die mächtige Stange, deren Widerhaken im Bett des
-Stromes festhaftete, hatte er gegen die Schulter gestemmt, und nun bewegte
-er sein Schiff mit unverminderter Kraft durch die Windungen der leuchtenden
-Fahrstraße. Einförmig klappten seine Tritte auf dem trockenen Holz, und
-nur ein regsames Plätschern antwortete jeder vermehrten Anstrengung. Ein
-kleiner weißer Spitz begleitete auf dem gegenüberliegenden Brett treulich
-den Weg seines Herrn. Dieweil wurde am Achterende des Kahnes von einem kurz
-geschürzten und dick in bunte Tücher vermummten Weiblein das ungefüge
-Steuer hin- und hergeschoben. Dies war die Frau des Schiffers. Aber aus den
-Lappen, hinter denen sich ihr Gesicht verkrochen hatte, konnte man bei
-dem unsicheren Mondenlicht nur eine breite Knollennase entdecken, und man
-hörte nichts von ihr als kurze abgerissene Gesangsstrophen und
-dazwischen ein unaufhörliches kicherndes Geplapper. Nur schade, daß der
-Schifferknecht, der auf ihre Weisung mit ihr zusammen das schwere Holz
-drehte, sicher nicht das Geringste von dieser sprudelnden Unterhaltung
-verstand. Auch schien der Mann in der zerdrückten blauen Flauschjacke sein
-Gewerbe durchaus nicht mit Meisterschaft auszuüben. Denn die Frau in den
-vielen Tüchern lachte jedesmal belustigt, so oft sich ihr Genosse mit
-aller Kraft gegen das knarrende Holz stemmte. Es blieb auch seltsam, daß
-sich ihr dabei niemals ein Tadel entrang, ja, sie fand es offenbar ganz in
-der Ordnung, sobald der schlanke Gehilfe sich abwandte, um angestrengt auf
-die hinter dem Ufer sich hinziehende Landstraße zu spähen.
-
-Wahrlich, dort drüben auf dem grauen dampfenden Wege gab es seit ein paar
-Stunden aufregende und schreckhafte Dinge zu sehen. Zuerst war von dort
-nur der Hufschlag vereinzelter Reiter aufgeklungen. Gleich schwarzen
-Schattenbildern sausten sie dahin, weiße Staubwolken sprühten um sie her.
-Ein höllisches Bild. Dann rollte und rasselte es, Geschützzüge flogen
-unter den finster starrenden Chausseepappeln, aufgewühlte Menschenhaufen
-brodelten hinterher, und schließlich wurde ein einziger schwarzer Wurm
-daraus, der knurrend und klirrend seines Weges kroch.
-
-Aber der Kahn glitt weiter.
-
-Nur das Weib lehnte sich über den Querbaum und wies mit der Hand auf die
-sich krümmende Schlange. Auch jetzt noch stieß sie ihr kurzes, fettes
-Lachen aus. In ihrem harmlosen, in tiefer Unbildung versunkenen Gemüt
-regte sich nicht die leiseste Ahnung, wie durch den schwarzen Wurm dort
-drüben Glück, Ruhe und Wohlstand auf Jahre hinaus niedergewälzt wurden.
-
-Und doch -- unangefochten schwamm der Kahn zwischen den hohen Binsen
-stromabwärts.
-
-In der engen Kajüte, die durch einen roten Fetzen in Schlaf- und
-Küchenraum geteilt war, stand inzwischen ein junges Mädchen vor dem
-windschiefen eisernen Herd. Über ihrem Haupt schaukelte sich an einem
-Draht ein winziges rauchendes Öllämpchen, und bei seinem dunstigen Schein
-beschäftigte sich das junge Geschöpf eifrig damit, aus einem Topf voll
-stark duftenden Tees die goldgelbe Flüssigkeit in eine bunt bemalte Tasse
-zu gießen. Dann zog sie sich aufatmend eine weiße, mit blauen und roten
-Sternen bestickte Flanelljacke zurecht, strich glättend über ihren kurzen
-roten Wollrock und klapperte endlich auf schweren Holzschuhen die steile
-Treppe in die Höhe. Sorgsam hielt sie dabei die Hand über die Tasse,
-damit die kühle Nachtluft nichts von der Wärme des Getränkes raube.
-
-»Hier,« sagte sie über ihr eigenes Werk befriedigt, indem sie an den
-Schifferknecht in der blauen Jacke herantrat, »hier bringe ich Ihnen etwas
-Feines, lieber Freund. Denken Sie, ich habe sogar Rum gefunden. Natürlich
-so gut wie im »Goldenen Becher« wird er nicht schmecken. Aber nun trinken
-Sie. Nicht wahr, bei dieser scharfen Luft werden Sie meine Kochkunst nicht
-verachten?«
-
-Durch die helle Stimme wurde der Konsul unvermutet seinen Beobachtungen
-entrissen. Überrascht wandte er sich herum und, wie stets, so glitt auch
-jetzt wieder ein erstauntes Lächeln um seine Lippen, als er die weiße
-Flanelljacke und das kurze rote Röckchen gewahrte. Wie eigenartig blieb
-das doch, drüben hinter den weißen Staubwolken, in denen das Mondlicht
-dampfte, da wallte Weltgeschehen vorüber, das sicherlich auch sein
-Schicksal einschloß. Und doch war es möglich, daß die schweren Sorgen
-des Flüchtenden hier durch ein anmutiges Bild auf Augenblicke zerstreut
-werden konnten. Die weiße Flanelljacke, der bunte Rock, das schwarze
-Tuch über den roten Haaren und die derben Holzpantoffeln auf den kleinen
-Füßen, sie redeten keck und lebensvoll mitten in das Stöhnen einer
-verzweifelten Völkerklage hinein.
-
-Rudolf Bark schüttelte sich, aber bevor er die Tasse aus den Händen der
-Kleinen empfing, da drängte er erst das Geschirr fast gewaltsam an Isas
-eigenen Mund.
-
-»Nur ein paar Schlucke, mein Kind,« meinte er gutmütig, »so ist
-das zwischen uns ausgemacht, und Sie müssen mich auch nicht so sehr
-verwöhnen.«
-
-»Ja, aber Herr Konsul -- --«
-
-»Schon gut. Nun kommen Sie, Isa, wir wollen uns auf das Brett hinter der
-Kajüte niederlassen, denn hier hinten weht es doch zu scharf für Sie.
-Auch sehe ich, Sie haben sich den koketten Halsausschnitt von Madame
-Krupenski wieder nicht zugesteckt.«
-
-Da senkte Isa verlegen das Haupt. Sie wußte auch nicht wie es kam,
-aber jeder Tadel aus dem Munde des erfahrenen Mannes erschreckte sie und
-entwirkte daneben stets die heftige Begierde, seinen Wünschen, noch ehe
-sie ausgesprochen, zuvorzukommen. Hastig faltete sie an der gerügten
-Stelle herum.
-
-Dann saßen sie beide auf dem Brett hinter der Kajüte, tranken aus
-derselben Tasse und sahen schweigend mit an, wie die Morgendämmerung die
-rauchenden Wiesen mit rosigen Fingern zu streicheln begann. Ein blutroter
-Bach floß am äußersten Rande des Erreichbaren. Nach einer Weile sprach
-Isa nachdenklich:
-
-»Ob man unsere alten Kleider schon aufgefischt hat, Herr Konsul?«
-
-Der Kaufmann nickte. »Das ist sehr wahrscheinlich, mein Kind. Herr
-Krupenski hat sie so sachgemäß versenkt, daß sie sicherlich schon lange
-an dem Wehr angeschwemmt sind. Ich hoffe, unser fetter Freund, der Herr
-Polizeimeister-Stellvertreter Tolmin wird längst mit Befriedigung unser
-trauriges Ende festgestellt haben.«
-
-»Wie seltsam,« flüsterte Isa gepackt, und ein bezwingender Gedanke
-ergriff unwiderstehlich von ihr Besitz, »da haben wir eigentlich alles
-Alte von uns abgestreift und fahren hier wie zwei ganz neue Menschen durch
-die Welt. Wissen Sie auch, daß ich das wunderhübsch finde?« fuhr sie
-sinnend fort.
-
-»Warum?« fragte der Konsul und verfolgte den rosigen Dämmer, der sich
-auf dem feinen Gesicht seiner Gefährtin zu verbreiten begann.
-
-»Warum?« wiederholte die Kleine ernsthaft und schauerte im Frühfrost
-zusammen, »das kann ich Ihnen nicht sagen. Nein, das kann ich wirklich
-nicht, es ist ein sehr dummer Einfall.«
-
-Noch hatte sich Rudolf Bark nicht von dem Glanz trennen mögen, von dem
-die unter dem schwarzen Tuch sich hervorstehlenden Haare des Mädchens
-allmählich durchleuchtet wurden, da war es, als ob in der Ferne Erde und
-Strom einen Sprung machten. Ein dumpfes Krachen erschütterte die Luft,
-der Nachhall eines ungeheuerlichen Donnerschlages fuhr über den bleiernen
-Morgenhimmel.
-
-Betroffen schnellte Isa von ihrem Sitz.
-
-»Herr Konsul,« vermochte sie nur hervorzustoßen, »bedeutet das ein
-Unglück für uns?«
-
-In ihrem schmalen Gesicht arbeitete es. Trostsuchend lugte sie zu ihrem
-Freunde empor. In diesem Augenblick empfand sie nur das eine, wie die
-lange Fahrt auf dem schmutzigen Kohlenkahn von allen Schimmern der
-Poesie umflossen sei, und das jenes namenlose, aller Regel eines strengen
-Bürgertums entbehrende Dahingleiten einen Höhepunkt ihres Daseins
-bildete. Sie zitterte vor Hoffnung und vor Spannung.
-
-»Bedeutet das für uns ein Unglück?« drängte sie noch einmal und
-ergriff schutzbedürftig die Hand des Kaufmannes.
-
-Beschwichtigend zog Rudolf Bark das aufgeregte Mädchen wieder an seinen
-Platz hinter der Kajüte zurück. Und als er fühlte, wie die Verängstigte
-sich an ihn schmiegte, da streicheln er ermunternd über ihre Wangen.
-
-»Isachen, es will mir scheinen, es kommt im Moment gar nicht so sehr auf
-uns beide an.«
-
-Allein die Kleine schüttelte unter Tränen lachend das Haupt.
-
-»Doch, Herr Konsul,« entgegnete sie kleinlaut, -- »Sie müssen
-entschuldigen, ich bin natürlich lange nicht so klug wie Sie, -- aber das
-Leben kann doch auch etwas sehr Seltenes und Kostbares sein. Es wäre zu
-schade, wenn dies alles untergehen sollte.«
-
-»Oh, der Kahn ist fest,« entgegnete der ältere Mann verständnislos.
-
-Und dann saßen die beiden wieder und sahen zu, wie der blasse Morgen
-über die Felder eilte. Die grauen Dunstwolken zerfaserten sich, über den
-Chausseepappeln begannen schwarze Scharen von Krähen zu kreisen, und unter
-ihnen wurde die Landstraße einsamer und stiller. Hinter den wallenden
-Staubmassen war die brandende Flucht erstorben. Langsam und allmählich
-schwirrte von dort ein schüchterner Vogelgesang auf, und auch die Heimchen
-der Wiese besannen sich auf ihr Morgenlied.
-
-Stunde auf Stunde verging. Es wurde immer heller.
-
- * * * * *
-
-Der Kahn wurde verankert, denn der russische Schiffer weigerte sich, mitten
-durch den leuchtenden Sonnenschein und zumal wo die Grenze so nahe rückte,
-noch weiter zu fahren. Auch machte der Herr des Kahnes sehr deutliche
-Anspielungen, es wäre an der Zeit, daß seine Gäste nunmehr das Gefährt
-verließen. Noch verhandelte Rudolf Bark mit dem Eigentümer, da brach
-der Kaufmann mitten in der Rede das Gespräch ab, um ohne ein Wort der
-Erklärung in das Boot hinabzuspringen, das neben dem Steuer einhertrieb.
-Verstummt, in grenzenloser Überraschung starrte Isa dem Davonrudernden
-über die hohe Bordschwelle nach.
-
-Doch nein, jetzt erkannte sie, was ihren Freund zu so rascher Tat
-veranlaßt hatte. Drüben an dem immer flacher werdenden Ufer des Stromes
-duckte sich zwischen den Binsen ein dürrer Mensch bis tief auf den Spiegel
-des Wassers herab. Der Fremde schien sich zu waschen. Aber als das
-Mädchen das Bild schärfer musterte, da wurde es ihr klar, daß sich der
-zusammengekauerte Geselle eine frische Stirnwunde spüle. Unaufhörlich
-rieselten die roten Tropfen in den Strom. Jetzt hatte ihn Rudolf Bark
-erreicht. Ein paar laute Ausrufe fuhren hin und her, das Boot knirschte in
-den Sand, und noch immer konnte die Zurückgebliebene nicht fassen, warum
-der Konsul jenen so wüst zerschlagenen Verwundeten schließlich
-mit rücksichtsloser Gewalt in den Kahn zerrte. Dann wieder einige
-Ruderschläge, und über die von dem schweigsamen Herrn Krupenski über die
-Schiffswand geworfene Strickleiter kroch scheu und zitternd eine groteske
-Gestalt auf das Deck. Nun schlotterte sie vor ihnen, ohne Rock noch Weste,
-nur von einem zerzausten Halstuch umflattert und wischte sich beschämt
-über das von tausend Runzeln zerrissene Gesicht. Ein unförmiger Mund
-bewegte sich, als hätte man einen Fisch soeben aufs Trockene gezogen.
-
-»Herr Bienchen,« rief Isa verständnislos, denn sie hatte endlich den
-verkrümmten kleinen Juden, der ihr so manche Uhr gerichtet, in diesem
-blutenden und vor Erschöpfung röchelnden Menschenkind entdeckt.
-
-»Jetzt sagen Sie, wie kommen Sie hierher?« rüttelte ihn auch der Konsul.
-
-Allein Leiser Bienchen, der Gehilfe des alten Erfinders Adameit, der letzte
-Gefährte von Fritz Harder, schüttelte völlig betäubt sein nasses Haupt.
-
-»Ich weiß nicht, Herr Konsul, ich weiß wirklich nicht,« gurgelte er
-tonlos, während er sich unaufhörlich in einem ölgetränkten Taschentuch
-die Hände wischte.
-
-»Man hat Sie geschlagen?«
-
-»Ja, ich glaube, -- ich glaube, man wird mich geschlagen haben.«
-
-»Wer?«
-
-»Ja, wer?« stöhnte der Uhrmacher, sank auf einem Kohlenhaufen zusammen
-und starrte gleichgültig zurück auf die Landstraße, die er soeben
-verlassen.
-
-Es war nichts weiteres aus dem in seine Erinnerungen Zurückkriechenden
-herauszubringen. Und erst, als man den wimmernden Gesellen, der dabei wie
-ein schweres Bündel zwischen den Armen seiner vornehmen Kundschaft hing,
-in die Kajüte heruntergeführt hatte, erst nachdem er dort auf einem
-Kasten hockte und unter seltsamen Schmatzlauten ein paar Tassen des
-glühend heißen Tees in sich hinabgeschüttet hatte, da fingen seine
-schwarzen Augen sich an zu beleben, und er starrte seine Bekannten mit
-dem jammervollen Blick eines geschlagenen Hundes an. Dann wickelte er
-das zusammengerollte Öltuch auf, schneuzte sich und unternahm es, sich
-umständlich die dick herabrollenden Tränen zu trocknen. Der Konsul
-jedoch, der ungeduldig vor ihm stand, ließ dem Bekümmerten keine Zeit
-mehr, sondern rüttelte ihn abermals ins Leben zurück.
-
-»Lieber Bienchen, wo kommen Sie her?«
-
-Der kleine Jude fuhr zusammen.
-
-»Ich, Herr Konsul? Nun, Sie werden es doch leider nicht glauben, ich komm'
-direkt aus der Luft.«
-
-»Scherzen Sie nicht,« verwies ihn der Kaufmann nachdrücklich.
-
-Jetzt seufzte der Uhrmacher schwer in sich hinein. Und erst Isas
-teilnahmvolles Gesicht schien seine Neigung zu einer größeren
-Mitteilsamkeit zu vermehren.
-
-»Sehe ich aus, wie wenn ich scherze?« klagte er dumpf vor sich hin und
-rieb sich wieder die wunde Stirn. »Ich sag' Ihnen, ich komm' aus der Luft
-oder auch unter einem Heuwagen hervor, ganz wie Sie wollen. Aber ich
-will Ihnen der Reihe nach erzählen,« erholte er sich endlich etwas mehr
-gefaßt. »Sie müssen nur entschuldigen, wenn ich nicht alles aus meinem
-zerhämmerten Kopf richtig und sauber hervorziehen kann.« Er lehnte sich
-zurück an die Schiffswand und holte tief Atem. »Sehen Sie, da hatten wir
-die Maschine von dem alten Adameit -- vielleicht hat ihn Gott schon zu sich
-genommen -- unter das Dach der Sebalduskirche eingeschmuggelt.«
-
-»Welch eine Maschine? Besinnen Sie sich, Herr Bienchen,« forderte Rudolf
-Bark von neuem.
-
-»Nun die Uhr. Es war ein grausiges Ding, ich hab' sie nie ansehen mögen.
-Aber mein Meister hat damit ein Lebelang verbracht. In der Kirche sah es
-die ganze Zeit über fürchterlich aus. Diese Hunde, diese Wilden zeigten
-nicht den geringsten Respekt. Weder vor dem herrlichen Bau noch vor dem
-wundervollen Glockenspiel, noch vor der gewaltigen Orgel. Ich sag' Ihnen,
-sie lachten auch über die vielen Bildwerke und hieben ihnen Nasen und
-Ohren ab. Wenn mich auch die Heiligen in den bunten Röcken nichts angehen,
-die schöne Frau mit dem Fuß auf der Schlange und der weiße Mann mit dem
-goldenen Schlüssel, Sie können mir glauben, es gab mir jedesmal einen
-Stich, so oft ich die heillose Schändung mit ansah. Denn es waren doch
-kunstvolle Hände, die so prächtige Sachen vor mehr als fünfhundert
-Jahren geschnitzt hatten. Aber das war noch nicht alles. Die Breitmützen
-hatten einen vollständigen Stall aus den steinernen Gängen gemacht. Die
-Kirchenbänke konnte man jeden Abend in die Wachtfeuer wandern sehen, und
-statt ihrer lagen nun hunderte von schmutzigen Kerls auf Strohbündeln in
-den Gängen und fraßen und schnarchten. In den letzten Tagen wurden es so
-viele, daß man sagen konnte, es war kein Winkel mehr von dem Ungeziefer
-frei. Nun kam die Nachricht, daß die Fremden da hinten an den Seen ihren
-Lohn erhalten hätten. Und wir hörten auch, sie wollten sich in unserer
-Stadt, in unserer schönen, sauberen Stadt zur letzten Wehr setzen.
-Da sagte der Herr Leutnant Harder, nun wäre es Zeit. Er hatte es so
-einzurichten gewußt, daß wir eine Anstellung in dem Dom gefunden hatten.
-Werden Sie es für möglich halten, wir fegten nämlich den Schmutz und den
-Mist alle Abend aus der Kirche heraus. Für ein paar Pfennige natürlich.
-Und gewöhnlich erhielten wir noch einige Lanzenstöße als Trinkgeld
-dazu. Nun, es war kein Herrenleben. Aber gestern abend, da sagte der Herr
-Leutnant, jetzt dürfe man keine Minute mehr verlieren. Es sollte nämlich
-der Horde ein Schreck eingejagt werden, damit sie sich in der Stadt nicht
-länger für sicher hielte. Herr Konsul und Fräulein Grothe, was soll ich
-Ihnen lange erzählen? Der junge hübsche Mensch, der so verändert in dem
-Arbeitsanzug aussah, er stieg auf den Orgelsitz hinauf, und ich mußte die
-elektrischen Blasebälge andrehen. Auf diese Weise, nämlich durch sein
-Spiel, da wollte er die Halunken von mir und meinem Geschäft ablenken. Ehe
-wir uns trennten, reichte er mir noch die Hand und sagte mit einem Gesicht
-ganz voller Sonnenschein -- in meinem Leben werd' ich's nicht vergessen
--- »Herr Bienchen, Sie sind jetzt auch ein Soldat. Denken Sie daran,
-was Ihnen das Vaterland alles geschenkt hat und zahlen Sie es pünktlich
-zurück.« Dann stieg ich auf den kleinen Hinterturm hinauf, wo wir den
-Knopf angebracht hatten. Ich versichere Sie, alles wie im Traum, Herr
-Konsul. Mit einemmal fing die Orgel an zu spielen. So was Schönes,
-Herrliches und Erhabenes hab' ich noch nie vernommen. Es hörte sich an,
-als wenn der Herr unser Gott leibhaftig in die Kirche getreten wär' und
-sänge nun selbst mit seiner ewigen Donnerstimme. Wie schön sind doch
-diese deutschen Lieder, es liegt alles darin, was wir an dem Land und
-seinen Menschen lieb haben. Ich hatte mich auf einen Fensterbogen gesetzt,
-Fräulein Grothe, und konnte das Ohr von der Musik nicht abwenden. Auch
-die Russen waren aufgestanden, hielten ihren Atem an und starrten herauf.
-Keiner rührte sich. Sie fühlten wohl, wie der Herr schon seine eiserne
-Hand auf sie gelegt hatte. Ich hätte noch bis zum nächsten Morgen so
-sitzen mögen, aber plötzlich da hob der Herr Leutnant, den ich nur vom
-Rücken aus sehen konnte, die Finger seiner Rechten hoch in die Höhe. Und
-diese Finger, sie drohten mir und griffen mir geradewegs ins Herz. Was dann
-geschah, Herr Konsul, das ist mir alles nur so bewußt, als hätt' ich es
-aus einem dunklen Grab heraus belauscht. Das Dach der schönen Kirche flog
-in die Höhe, so daß alle Sterne des Nachthimmels für eine Sekunde zu uns
-herunterblitzten. Und dann -- es war grauenvoll das Gewinsel und Gewimmer.
-Die große Orgel stürzte zusammen, die ungeheuren Zinkpfeifen spießten
-sich gegeneinander, und dann brach das ganze Werk in die Tiefe. Mit mir
-aber, Herr Konsul, geschah ein Wunder. Ja, ja, als sollte mir gezeigt
-werden, wie ich armer kleiner Jud' eigentlich gar nicht in die Kirche
-gehörte. Ich sauste nämlich in großem Bogen aus dem Fenster herunter
-und mitten in einen Heuwagen hinein. Gleich darauf jagte das Gespann wie
-wahnsinnig aus der Stadt heraus. Und erst dicht hier an der Grenze, da
-haben mich die Unmenschen heruntergeprügelt. Ein Rad ist noch dazu über
-meinen Fuß gefahren, und ich meine, mein Gang wird dadurch nicht schöner
-geworden sein. Aber Herr Konsul und Fräulein Grothe« -- und der Uhrmacher
-hob die Hände in die Höhe und begann bitterlich zu weinen, -- »was will
-das alles heißen? Unser Land hat sich erhoben, unser herrliches Land, und
-hat die Heuschrecken von sich abgeschüttelt. Der Herr, der in der Kirche
-so schön sang, er hat unsere Feinde geschlagen. Hören Sie, Herr Konsul,
-dort draußen blasen schon die preußischen Trompeten? Das Herz geht einem
-auf, wenn man es hört! Der Herr singt weiter!«
-
- * * * * *
-
-In der dunklen Schlafkammer von Maritzken herrschte noch immer bleierne
-Stille. So schwer drückte die Lautlosigkeit herab, daß die an ihren Stuhl
-gebannte Gutsherrin das flüchtige Ticken der Uhr wie das unerträgliche
-Stampfen einer Maschine empfand. Ängstlich streiften ihre Blicke über die
-Fensterscheiben, die unter dem Leuchten des heraufsteigenden Mondes einen
-stählernen Glanz annahmen. Manchmal war es auch, als ob ein flackernder
-Feuerschein vorüberhusche. Dann vermeinte die Einsame eilende Hufschläge
-aufzufangen. Doch wenn sie, zum Sprung bereit, eifriger hinhorchte, so
-schlug nichts an ihr Ohr als das Sausen des Nachtwindes. Und immer wieder
-sank sie zurück und kämpfte gegen den Sturm und den wilden Tanz ihrer
-Nerven. Aber noch mehr gegen das widerstandslose Herabsinken in völlige
-Erschöpfung. Zuweilen riß die Nacht vor ihr auseinander. Dann glaubte
-sie etwas zu sehen, dann murmelte sie etwas, dann betete sie wirr und
-verständnislos darum, daß das, was sie mit vorbereitet, in nichts
-zerschellen möge. Um gleich darauf alle Fibern anzustrengen, ob sie aus
-dem unteren Zimmer nicht etwa einen Laut des Entweichens auffinge.
-
-Was mochte ihr Gast, der auf sie wartete, jetzt treiben? Ob er noch immer
-zermürbt und zerschlagen am Tisch hockte, ein vor sich hin stierender,
-seiner früheren Wesenheit beraubter Mensch? Johanna stöhnte auf, wehrte
-und wand sich und rüttelte an ihrem Stuhl, um sich zur Besinnung zu
-bringen.
-
-Stunde auf Stunde vertröpfelte, das Mondlicht schwamm schon in breiter
-Bahn zu ihren Füßen, und die Hausherrin hing noch immer regungslos auf
-ihrem harten Sitz, hing zwischen Wachen und Traum. Und alles, was um sie
-herum geschah, es drang zu ihr wie der Nachhall von etwas Unwirklichem.
-Abermals hörte die Schwankende ein dumpfes Klopfen. Doch es klang, wie
-wenn man die Hufe eilender Pferde mit Werg und Lappen umwickelt hätte. Und
-sie sann darüber nach, ob es die Schläge ihres eigenen Herzens wären?
-Dann zischte und knatterte es, und die Blonde konnte es sich in ihrer
-Benommenheit nicht anders erklären, als ob blaue puffende Funken aus einem
-Holzfeuer in die Höhe knisterten. Und jetzt -- mischten sich jetzt nicht
-heiße, trunkene Stimmen zu einem einzigen brausenden Ruf? Nun wieder
-Leere, durchwinselt von den aufreizenden Klagen des Windes. Und dann --
-aus den Dielen zu ihren Füßen schien ein dumpfes, trockenes Stöhnen
-aufzusteigen.
-
-Herr im Himmel was geschah hier? Bedeutete das doch mehr als gestaltlos
-jagende Traumgesichte?
-
-Vielleicht war die Jagd, die hinter dem Menschenwild hetzte, schon
-hereingebrochen? Wie, wenn das Opfer, das in einem Gehege von List und
-Schlauheit zurückgehalten war, bereits verröchelnd am Boden lag, und sein
-brechender Blick nach der Hinterlistigen suchte, die den Köder geworfen?
-Oh, der Fang war durch dieselben unwürdigen Künste geglückt, welche die
-auf ihre Reinheit Stolze bei der jüngeren Schwester so verachtet hatte.
-Mischte sich nicht auch bei ihr, wenn sie vor Gott ihr Innerstes auftat,
-ein schauererfülltes Wohlgefühl darein, ein nie gekanntes, so oft sie,
-sei es auch nur von fern und mit Abscheu sich das Rasende ausmalte, das der
-Getäuschte da unten erwartete? Seltsam, zu unerklärlich -- und das blonde
-Weib schlug sich die Hände schallend vor die Stirn -- und deswegen setzte
-sich der unglückliche Mensch dort unten dem sicheren Tode aus?! So hoch
-bewertete er seine Hoffnungen, oder so wenig lag ihm am Dasein?
-
-Johanna horchte auf. Von unten tönte es wie das Knarren einer Tür. Ihre
-Vorstellungen kreuzten durcheinander. Sie wußte nicht mehr, ob sie aus
-Scham vor dem Betrug den vertrauensseligen Mann warnen, oder ob sie das
-Entweichen des Übeltäters verhindern wollte.
-
-Und dann -- und dann -- die Uhr tickte so laut -- es war keine Zeit mehr zu
-verlieren.
-
-Ohne Überlegung -- mit wildem Entschluß drehte sie an dem Schlüssel,
-stürzte aus der Dunkelheit heraus und fegte die Treppe hinab, wie sie
-die Stufen noch nie übersprungen. In ihrem Ungestüm vergaß sie das
-Anklopfen. Ohne ein Zeichen trat sie ein. Ihr Atem flog so stoßend über
-ihre Lippen, daß sie sich an dem Pfosten des Eingangs eine Stütze suchen
-mußte. Dann erst vermochte ihr scheuer Blick sich einige Klarheit zu
-verschaffen.
-
-In dem kleinen Zimmer wiegte sich bange Stille. Unordentlich und achtlos
-war der Mantel des Fürsten über einen Stuhl geworfen, seinen Säbel hatte
-der Besitzer auf das Ruhebett geschleudert, und Dimitri selbst saß an dem
-Tisch, auf dem noch die Reste des Mahles standen. Tief herabgebeugt ruhte
-das Haupt des Übermüdeten auf seinen ausgebreiteten Armen, und die
-Lauscherin pries den schweren Schlaf, der ihm das Schicksal seines Volkes
-sowie sein eigenes für eine Weile wohltätig verhüllte. Allein sie
-täuschte sich, denn der Fürst richtete sich langsam auf, und sofort
-erfaßte das Landmädchen, wie seine Augen nichts von der Blendung des
-Schlummers zeigten. Ihr Gast schien vielmehr angestrengt nachgedacht zu
-haben. Kaum erkannte er sie, als auch schon sein zuvorkommendes Lächeln
-in seinen gespannten und angestrengten Zügen aufleuchtete. Nur wollte es
-Johanna dünken, als wenn eine bittre, entsagungsvolle Schwermut sich über
-das auch jetzt noch edle Antlitz verbreitet hätte. Und im Moment zitterte
-sie davor, wie sich der Oberst ihr unvermutetes Hereindringen deuten
-würde. Aber gottlob, die Haltung des fremden Aristokraten blieb tadellos
-und beherrscht. Langsam erhob er sich, und während er ein paar Schritte
-gegen sie tat, verbeugte er sich leicht. Wieder verursachte es der
-Beobachterin einen stechenden Schmerz, als sie vernahm, wie schwer sich ihr
-Gast über den Estrich schleppte.
-
-»Es ist sehr gütig von Ihnen, mich nicht zu lange meiner eigenen
-Gesellschaft zu überlassen,« begann Dimitri Sergewitsch in seinem
-schmeichelnden Tonfall. »Ich versichere Sie, sie ist nicht die beste. In
-diesen Stunden habe ich so manches an mir vorüberziehen lassen. Und wenn
-es noch einen Zweck hätte, dann könnte ich darüber trauern, weil ich so
-wenig bleibende und lohnende Erinnerungen besitze. Aber wozu? Es hat keinen
-Zweck.«
-
-Er stand jetzt vor ihr und ließ seinen Blick flüchtig über sie
-fortgleiten. Das schimmernde Blondhaar der Preußin schien ihn besonders
-einzufangen. Allein auch jetzt noch eignete ihm Erziehung genug, um nicht
-eine einzige verletzende Gebärde der Vertraulichkeit zu wagen. Und Johanna
-dankte Gott dafür, daß dieser immerhin vornehme Herr die Formen bis zum
-letzten zu wahren verstand. Dafür wollte sie sich erkenntlich zeigen,
-dafür alles andere vergessen.
-
-»Fürst Fergussow,« stieß sie plötzlich hervor, nachdem sie einen
-Blick der Angst durch das dunkle Fenster geschickt hatte, »ich fühle
-mich verpflichtet, es Ihnen zu entdecken, obwohl -- obwohl -- nein, das
-tut nichts zur Sache -- es lauert hier Gefahr auf Sie. Hören Sie? Sie
-sind hier nicht mehr eine Stunde sicher. Rufen Sie Ihre Leute zusammen
-und verlassen Sie schleunigst den Hof. In höchster Eile, Herr Oberst, in
-allerhöchster. Sonst ist es zu spät.«
-
-Als sie dies hervorstieß, taten sich die harten blauen Augen der
-Gutsherrin erschreckend weit auf, ihre Hände verschlossen sich über der
-Brust, und in ihrer Stimme bebte etwas so Schmerzliches, als ob sie selbst
-mit einem Messer gegen sich gestoßen hätte. Sie fühlte, daß sie dies
-alles nicht sagen durfte, und daneben verging sie beinahe in dem Rausch,
-daß ihre Überwindung doch etwas Schönes, Zärtliches und Menschliches
-berge. Auch der Fürst stand eine Weile regungslos. Er schien mehr dem
-heiß erregten, unerwarteten Tonfall zu lauschen als dem Sinn jener
-Warnung. Dann zuckte er leicht die Achseln, wandte sich ein wenig und
-zeigte durch das Fenster.
-
-»Meine Leute soll ich rufen, liebes Fräulein?« entgegnete er müde.
-»Überzeugen Sie sich selbst. Die dort draußen waren klüger, als ich.
-Oder auch dümmer, denn sie glauben noch nicht an die Wertlosigkeit, an
-den absoluten Zufall des menschlichen Auf und Ab, und haben mich längst im
-Stich gelassen. Ich bin allein hier.«
-
-»Ihre Leute sind fort?« stammelte Johanna erblassend und griff wieder
-nach dem Pfosten der Tür.
-
-Es tat ihr nicht gut, unausgesetzt die ebenmäßige Reitergestalt
-zu umspannen. Unvermerkt, stärker und stärker bildete sich eine
-Zusammengehörigkeit heraus, die mächtiger war als der Widerwille
-der Völker, als Familienehre und alle Gesetze von Gut und Böse. Ihr
-schwindelte, und nur das Sträuben gegen ihre Schwachheit hielt sie noch
-aufrecht.
-
-»Dann gehen Sie allein,« forderte sie trotzdem herrisch.
-
-Der Fürst stand wieder vor ihr, hatte die Hände auf den Rücken gelegt,
-und auch er sann wohl in dumpfer Verwunderung über die Weichherzigkeit der
-straffen Nemza nach.
-
-»Sie lehren mich wenigstens etwas kennen,« gestand er endlich, obwohl er
-keine Miene machte, dem dringenden Befehl zu gehorchen, »das mir bisher
-recht fremd blieb. Sie sorgen sich um mich.« Er schlug ein leichtes
-Gelächter auf. »Ist es nicht eigenartig, daß ich etwas Ähnliches erst
-bei dieser Gelegenheit erfahre? Und von der Angehörigen einer von uns so
-entfernten Rasse? =Mon dieu=,« setzte er mit einem verächtlichen Zucken
-der Mundwinkel hinzu, »man hat sich viel um mich gekümmert. Ich leugne
-es nicht, auch Frauen taten dies. Doch ich müßte lügen, wenn sich mir
-gegenüber jemals eine mütterliche Teilnahme äußerte. Ich glaube,
-gerade die kennt Ihr Deutschen. Und die tut wohl, sehr wohl.« Und wieder
-verbeugte er sich, wie es die Slaven stets befolgen, wenn sie etwas Liebes,
-Schmeichelndes verkünden wollen.
-
-Da schrie Johanna auf. Halb vor Zorn und halb weil sie fühlte, wie sie dem
-reuigen Schmerz dieses zerbrochenen Lebens unterlag.
-
-»Warum gehen Sie dann nicht?« stieß sie noch einmal rauh hervor,
-und ihre Hand zeigte auf die Tür, »warum bringen Sie sich nicht in
-Sicherheit, wie ich Ihnen vorschlug?«
-
-Jetzt regte sich der Fürst, zögerte einen Moment, und seine sprechenden
-Augen suchten den Boden, als er tastend und verlegen hervorbrachte:
-
-»Ich glaubte Ihre Meinung vorhin so deuten zu dürfen, daß Sie mir noch
-eine Nacht eine sichere Zufluchtsstätte anboten.«
-
-Die wenigen Worte waren mit größter Mühe zusammengesucht und verrieten
-die deutliche Absicht, weder anzustoßen noch zu verletzen. Johannas
-Antlitz jedoch flammte auf.
-
-»Ich verlange aber jetzt von Ihnen, daß Sie gehen,« rief sie
-erbittert und konnte es doch nicht hindern, daß sich ihre Hände flehend
-zusammenpreßten. »Ich will nicht -- --«
-
-»Was wollen Sie nicht?«
-
-»Ich will nicht,« stammelte das Mädchen wild, »daß Ihnen gerade in
-meinem Hause ein Unheil widerfährt. Mir graut davor.«
-
-Der Oberst trat ihr noch etwas näher. Dabei vollführte er eine Bewegung,
-als wolle er ihre Hand ergreifen.
-
-»Das fürchte ich keineswegs,« gab er nachdenklich zurück, »soweit
-werden sich unsere Verfolger schwerlich vorwagen. Und dann, mein Fräulein,
-woher wissen Sie, daß das Dasein für mich noch einen besonderen Reiz
-enthält?«
-
-Er hob seinen Blick zu ihr empor und siehe da, es waren wieder die
-schwermütigen Sterne des alten Kupferstichs, die ein Leben lang auf ihr
-gleichgültiges Wirken herabgeschaut. Jetzt starrte sie entgeistert in sie
-hinein.
-
-»Spielen Sie nicht mit so etwas,« verwies sie herb, obwohl sie nicht mehr
-den richtigen Begriff von all dem spürte, was hier geschah. »Es stirbt
-kein Mensch gern.«
-
-»Wer weiß?!« flüsterte der Russe mehr für sich, »wir Slaven lieben
-die Selbstvernichtung. Können Sie sich nicht denken, wie jemand, der an
-dem ungeheuren Grab seines Volkes, an der Gruft alles Menschlichen und an
-dem Abgrund jeder erträumten Entwicklung stand, sich voller Widerwillen in
-Schwärze und Vergessenheit hinabstürzt? Nur müßte auch darin Schönheit
-liegen. Die Alten kannten das. Heiter riefen sie den Tod zu Gast und
-feierten ihn unter Kränzen und mit huldreichen Frauen.«
-
-Vor den Ohren des Landmädchens summte es. Sie hatte ihre Lider fest
-zusammengepreßt, und so geschah es, daß sie erst jetzt merkte, wie ihr
-Gefährte sacht über ihr blondes Haar streichelte.
-
-Hölle und Entsetzen! Dieser eine Augenblick genügte, um alle Besinnung,
-alle Klarheit auf sie herabzuzerren. Die erste Berührung der fremden Hand
-riß jede heimliche Zuneigung wie ein üppiges Gewand von ihrem Körper,
-nichts blieb übrig als der Schauder vor dem Fremden und seinem Wesen.
-Ein Schlag hätte die Gutsherrin nicht mehr reizen können, als jenes
-verborgene Langen nach ihrer Würde. Voller Verachtung straffte sie ihre
-Arme, und dann -- -- die beiden Menschen hielten inne und starrten sich
-an.
-
-Ganz in der Nähe schmetterte ein Trompetensignal. Die Hofmauern warfen es
-zurück, ein helles Wiehern prallte gegen die Fensterscheiben, und wie
-in einem rasenden, dahintaumelnden Wahn begannen Traum und Irrsinn in dem
-kleinen Zimmer umherzuhüpfen.
-
-Keiner Bewegung mächtig lehnte Johanna noch immer an der Tür. Sie sah,
-wie der Fürst ohne Aufregung eine Pistole aus der umgegurteten Tasche
-lüftete, sie fing auf, wie er von ihr abließ, blitzschnell das Fenster
-öffnete und sich rittlings auf das weiße Brett schwang.
-
-Draußen auf dem Flur knirschten viele Tritte.
-
-Laternenschein durchbrach auf dem Hof die Finsternis und spiegelte sich in
-den todbleichen Zügen des Obersten.
-
-»Zurück,« schrie Johanna besinnungslos und wollte die Arme in die Luft
-werfen. Aber sie fielen ihr unkörperlich, gleich leblosem Eisen gegen den
-Leib.
-
-Der auf dem Fensterbrett Reitende schien den weiteren Sprung aufgegeben zu
-haben. Mit einer Gebärde des Widerwillens hob er die Pistole, und
-zweimal begleiteten draußen grelle Schreie das Aufzucken der beiden roten
-Feuerfunken.
-
-Johanna reckte sich. Sie taumelte nicht, sie brach nicht zusammen, eine
-steinerne Figur hätte nicht starrer ragen können wie sie. Ein dicker
-roter Qualm wallte vor ihren Augen, und durch seine Nebel hindurch sah
-sie, wie Fürst Dimitri sich zu ihr zurückwandte, um ihr mit seinem alten
-gewinnenden Lächeln zuzunicken.
-
-Der Gruß rüttelte an ihr wie eine Faust. Gleich darauf schrie Johanna
-auf. Ihr schnellte es vor den Blicken, als ob der Oberst die Waffe gegen
-seine eigene Schläfe gerichtet hätte. Noch einmal zischte es, und das
-letzte, was in die steinerne Bildsäule hineinschlug, war der Nachhall
-eines dumpfen Falles.
-
-Dann war alles leer, sie stand allein in der Stube.
-
- * * * * *
-
-Dicht vor der weißen Mauer wartete eine Schar deutscher Ulanenoffiziere
-in respektvollem Schweigen, bis sich die Gutsherrin von der hingestreckten
-Gestalt abwendete, deren Umrisse man kaum noch unterschied. Dann schüttete
-einer von ihnen ein Bündel Stroh über den Gefällten. Ernst und
-schweigsam suchten die Herren die erleuchtete Stube auf, und nur ihr
-riesenhafter Rittmeister blieb draußen in der Dunkelheit bei seiner
-Verwandten zurück. Auch zwischen ihnen wollte sich kein Wort einstellen.
-Unbeweglich, gesenkten Hauptes verweilte Johanna. Übermächtig wühlte
-in ihr die Vorstellung, ein gräßliches Wahnbild wäre eben für immer
-zersprungen, und erwachend überfiel sie die Qual, ob sie wirklich in
-dieses grause Ende verstrickt sei.
-
-Da streckte ihr der Riese von Sorquitten die Hand entgegen. Es war eine
-Bewegung so voll Treue und Ehrlichkeit, daß das Mädchen aus ihrem
-Hinbrüten emporfuhr. Zögernd verbarg sie ihre Finger unter ihrer dunklen
-Schürze.
-
-»Es klebt Blut daran,« sagte sie tonlos.
-
-Aber Herr von Stötteritz ließ sich nicht abschrecken. Seine Rechte suchte
-und fand die kalten Finger, die sich vor ihm versteckten, und überzeugt
-und markig, ungekünstelt und mit wuchtiger Gewißheit tönte die
-kräftige, allen Spuk vertreibende Männerstimme:
-
-»Schadet nicht, Hans. Was von dir kommt, kann nur brav und richtig sein.
-Mach' dir keine unnötigen Gedanken, Kind.«
-
-Und er nahm ihren Arm und führte die Widerstrebende voller Stolz zu
-seinen Kameraden in das erleuchtete Zimmer. Die Befriedigung, der nächste
-Verwandte einer deutschen Frau zu sein, die willensstark und kräftig
-mitten in dem tödlichen Gebrause standgehalten, strahlte von seinem
-wettergebräunten Gesicht. Auf dem Tisch standen noch ein paar Flaschen
-Rotwein. Ohne zu fragen hatten die Offiziere sich eingegossen und harrten
-nun, die Gläser in der Hand, wie auf Verabredung auf die Dame des Hauses.
-Aber diese sprach nichts. Ihr Geist verkehrte noch mit dem Schatten, der
-unsichtbar, lächelnd und schwermütig durch den Raum schwebte. Statt ihrer
-ergriff der Riese von Sorquitten einen Kelch, schwenkte ihn und sagte kurz
-und bestimmt:
-
-»Meine Herren, dies war nur der Anfang. Wir haben keine Zeit uns
-auszuruhen, sondern müssen für das Ende sorgen. Das Feiern kommt
-später.«
-
-Ein paar Minuten nachher hörte man bereits das Scharren und Trappeln der
-Ulanenpferde. Nur Herr von Stötteritz zögerte noch bei seiner Verwandten
-und ließ seine Hand noch immer wuchtig auf ihrer Schulter ruhen.
-
-»Hans,« kam es ein wenig beschämt aus ihm heraus, »ich bin die dummen
-Gedanken nicht los geworden. Man soll natürlich keine Pläne machen, denn
-man weiß nicht, wie alles kommen kann. Und uns bleibt noch ein tüchtiges
-Stück zu tun. Aber weißt Du, Marielle, es wäre mir doch lieb, wenn ich
-zu dir zurück käme. Man muß eben vertrauen und warten.«
-
-Dabei rüttelte er sie kräftig, drückte ihr klammerfest die Hand und
-schritt klirrend und ohne sich noch einmal umzuschauen hinaus.
-
-Und die Älteste von Maritzken wartete.
-
-Das ganze Land glaubte und harrte, spann Hoffnungen und richtete sich auf.
-Was in den Familien und bei den Zurückgebliebenen geschah, das glitt nur
-wie unwirkliche Schatten unter der glutroten Sonne des Völkerherbstes
-dahin. Man hörte es, man schüttelte den Kopf und lauschte auf das Sausen
-des großen Sturmes.
-
-So durfte die Gutsherrin von Maritzken die kleine Isa umarmen und von ihr
-das Wunder erfahren, daß der Rotkopf in den »Goldenen Becher« drinnen in
-der befreiten Stadt einziehen würde. Und Johanna lächelte und schüttelte
-das Haupt. Sie hörte auch von den Bühnenstudien flüstern und raunen, die
-ihre Schwester Marianne mitten in Not und Gewühl in der fernen Hauptstadt
-betreiben sollte. Und wieder lächelte sie matt, und um ihren Mund spielte
-der alte herbe und verurteilende Zug.
-
-Knechte und Mägde wurden angeworben, das Anwesen erstand unter ihrer
-Führung aus Schutt und Vernachlässigung, die Wintersaat wurde versenkt,
-und ein neuer Frühling sproßte empor.
-
-Längst sind die Mauern des Gehöftes geweißt und gestrichen, und nur der
-Blutfleck unter dem Fenster leuchtet noch mahnend und klagend über den
-Hof. Und wenn die Gutsherrin im Abendschein auf der Bank vor der grünen
-Wiese rastet, dann streift ihr Auge manchmal über den kaum merklichen
-Erdbuckel, der schmucklos und ohne Kennzeichen ein Grab überwölbt. Aber
-in ihren weißen Zügen regt sich nichts mehr. Sie fühlt gleich all den
-Tausenden und Millionen ihrer Landsleute, daß jeder Deutsche allein und
-auf sich gestellt in der Welt steht. Kein schwächliches und bewunderndes
-über-die-Grenze-Spähen gibt es mehr. Der Deutsche wird den Nachbarn von
-rechts und links wohl ohne Haß und Groll die Hand hinstrecken, wird mit
-ihnen aufwärts wandern und handeln und tauschen, aber das Tiefste, das
-Herz an Herzen bindet, das höchste Gefühl der Glückseligkeit, daß er
-nicht gänzlich vereinsamt im Wirbel des Geschehens treibe, das findet er
-nur bei dem deutschen Bruder.
-
-Und wie die Älteste von Maritzken, so sinnt nun das ganze weite Land,
-beseelt von dieser starken Gewißheit, und harrt und wartet.
-
-
- _Ende._
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
-hervorgehoben (jedoch nicht römische Zahlen).
-
-Der Halbtitel wurde entfernt.
-
-Punkt und Komma am Ende von Anführungszeichen wurden generell geändert
-von "«." in ".«" und von "«," in ",«".
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
-"Sebalduskirche" -- "Sebaldus-Kirche", "slavisch" -- "slawisch",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 57:
- "sprochen" geändert in "versprochen"
- (von der er sich einmal Erfolg versprochen)
-
- Seite 60:
- " »" geändert in "« "
- (wirklich an lieben Fritz Harder.« Und nach einer Weile)
-
- Seite 69:
- "ihrere" geändert in "ihrer"
- (wegen ihrer altpreußischen Gesinnung bekannt)
-
- Seite 72:
- "Entttäuschungen" geändert in "Enttäuschungen"
- (und an Enttäuschungen reiche Pflicht)
-
- Seite 79:
- "«" eingefügt
- (fürsorglich aus unserer Pulverecke fortschafft.«)
-
- Seite 93:
- "«" eingefügt
- (etwas vorschreiben oder gar befehlen zu wollen.«)
-
- Seite 131:
- "Zigarrette" geändert in "Zigarette"
- (eine Zigarette an sich riß und rasch)
-
- Seite 173:
- "sein" geändert in "seine"
- (das bessere Teil von ihm, seine Seele)
-
- Seite 180:
- "Wandrer" geändert in "Wanderer"
- (der in sich gekehrte Wanderer)
-
- Seite 190:
- "«" eingefügt
- (»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«)
-
- Seite 191:
- "Haft" geändert in "Hast"
- (In nervöser Hast fingerte sie auf der Platte)
-
- Seite 233:
- "«" hinter "Sinn." entfernt
- (schoß es ihm durch den Sinn.)
-
- Seite 255:
- "aberteuerliches" geändert in "abenteuerliches"
- (vielleicht nur ein abenteuerliches Mißverständnis)
-
- Seite 260:
- "großes" geändert in "großen"
- (die lähmende Ruhe des großen Gemaches)
-
- Seite 304:
- "etwas" geändert in "etwa"
- (Sie sind doch nicht etwa als Spion)
-
- Seite 304:
- "alles" geändert in "allen"
- (nach allen Seiten hinauszuspähen)
-
- Seite 312:
- "gelähmter" geändert in "gelähmten"
- (als sie in ihrer gelähmten Haltung verharrte)
-
- Seite 323:
- "nordddeutsch" geändert in "norddeutsch"
- (als ihr norddeutsch kühles Auge jetzt auffing)
-
- Seite 359:
- "«" hinter "vonnöten." entfernt
- (einer so hohen Behörde gewiß nicht vonnöten.)
-
- Seite 383:
- "einflössen" geändert in "einflößen"
- (auch einem minder Verzweifelten Furcht einflößen können)
-
- Seite 386:
- "Dimirti" geändert in "Dimitri"
- (Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des Zaren)
-
- Seite 390:
- "etwas" geändert in "etwa"
- (Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei?)
-
- Seite 392:
- "zersausten" geändert in "zerzausten"
- (mit flatternden und zerzausten Plantüchern)
-
- Seite 400:
- "-" eingefügt
- (während er unruhig im Zimmer auf- und niederschritt)
-
- Seite 401:
- "," geändert in "."
- (ich kann und darf Sie nicht damit ängstigen.)
-
- Seite 403:
- "Anwort" geändert in "Antwort"
- (und zetert und brüllt um Antwort)
-
- Seite 412:
- "den" geändert in "dem"
- (Auch wird in dem dumpfen Raum kein Mensch)
-
- Seite 419:
- Zeilen 7 und 8 vertauscht
-
- Seite 422:
- "«" eingefügt
- (richtig und sauber hervorziehen kann.«)
-
- Seite 430:
- "Er" geändert in "Es"
- (Es tat ihr nicht gut)
-
- sowie
- Seite 339: "III." geändert in "IV."
- Seite 378: "IV." geändert in "V."
- Seite 414: "V." geändert in "VI."]
-
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Die Herrin und ihr Knecht, by Georg Engel
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HERRIN UND IHR KNECHT ***
-
-***** This file should be named 50283-0.txt or 50283-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/0/2/8/50283/
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/50283-0.zip b/old/50283-0.zip
deleted file mode 100644
index 0e88f2c..0000000
--- a/old/50283-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50283-h.zip b/old/50283-h.zip
deleted file mode 100644
index 7aa8050..0000000
--- a/old/50283-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50283-h/50283-h.htm b/old/50283-h/50283-h.htm
deleted file mode 100644
index e693f2d..0000000
--- a/old/50283-h/50283-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,17178 +0,0 @@
-
-
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
-
-<head>
-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=utf-8" />
-<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
-
-<title>The Project Gutenberg eBook of
-Die Herrin und ihr Knecht,
-by Georg Engel</title>
-
-<link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
-<style type="text/css">
-
-body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;}
-
-h1 {font-size: 200%; text-align: center; font-weight: normal; margin-top: 2em; line-height: 1.5;}
-h2 {font-size: 125%; text-align: center; font-weight: bold; margin-top: 6em; line-height: 1.5;}
-h3 {font-size: 110%; text-align: center; font-weight: bold; margin-top: 4em; line-height: 1.5; page-break-after: avoid;}
-
-p {text-indent: 1em; text-align: justify; margin-top: 0.75em; margin-bottom: 0.75em;}
-
-hr {width: 10%; margin-top: 1.5em; margin-bottom: 1.5em; page-break-before: avoid;}
-
-.ce {text-align: center; text-indent: 0;}
-.ci {margin-left: 5%; margin-right: 5%; text-indent: 0;}
-.an {text-align: left; text-indent: 0; margin-left: 4em; page-break-after: avoid;}
-.si {text-align: right; text-indent: 0; margin-right: 1em; page-break-before: avoid;}
-.ge {font-style: normal; letter-spacing: .12em; padding-left: .12em;}
-.in0 {text-indent: 0;}
-.nd {text-decoration: none;}
-.lh2 {line-height: 1.5;}
-
-.il {page-break-inside: avoid; text-align: center; margin-top: 1.5em; margin-bottom: 1em;}
-img {padding: 0;}
-
-.fsxl {font-size: 140%;}
-.fsl {font-size: 125%;}
-.fss {font-size: 85%;}
-.fsxs {font-size: 70%;}
-
-.mt1 {margin-top: 1.5em;}
-.mt2 {margin-top: 2em;}
-.mt4 {margin-top: 4em;}
-
-.poetry-container {text-align: center; margin-top: 1em;}
-.poetry {display: inline-block; text-align: left;}
-@media handheld {.poetry {display: block; margin-left: 2em; text-align: left;}}
-.stanza {line-height: 1.3; font-size: 100%; margin-bottom: 0.7em; page-break-inside: avoid;}
-.verse {text-align: left; text-indent: -2em; padding-left: 2em;}
-
-a[title].pagenum {position: absolute; right:3%;}
-
-a[title].pagenum:after {
- content: attr(title);
- border: 1px solid silver;
- display: inline;
- font-size: x-small;
- text-align: right;
- color: #808080;
- background-color: inherit;
- font-style: normal;
- padding: 1px 4px 1px 4px;
- font-variant: normal;
- font-weight: normal;
- text-decoration: none;
- text-indent: 0;
- letter-spacing: 0;}
-
-</style>
-</head>
-
-
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die Herrin und ihr Knecht, by Georg Engel
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die Herrin und ihr Knecht
-
-Author: Georg Engel
-
-Release Date: November 28, 2015 [EBook #50283]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HERRIN UND IHR KNECHT ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<h1><b>Die Herrin und
-ihr Knecht</b></h1>
-
-<p class="ce mt2 lh2"><span class="fsl"><b>Roman</b></span><br />
-<span class="fss"><b>von</b></span><br />
-<span class="fsxl ge"><b>Georg Engel</b></span></p>
-
-
-<p class="ce mt4 fss">Sechstes bis zehntes Tausend</p>
-
-<p class="ce"><span class="ge">Grethlein &amp; Co. G.&nbsp;m.&nbsp;b.&nbsp;H. in Leipzig</span></p>
-
-<div class="il mt2">
- <img src="images/p003i.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p class="ce mt2 fsxs">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, von der
-Verlagsbuchhandlung vorbehalten.</p>
-
-<p class="ce fsxs"><i>Copyright 1917 by Grethlein &amp; Co. G.&nbsp;m.&nbsp;b.&nbsp;H. in Leipzig.</i></p>
-
-<p class="ce mt2 fsxs">Druck von <em class="ge">August Pries</em> in Leipzig.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Erstes Buch.</h2>
-
-
-
-
-<h3>I.</h3>
-
-
-<p>Das Landhaus der Grothes wurde wieder geweißt. Aber
-der Blutfleck neben dem Fenster, das auf den Hof heraus
-ging, blieb erhalten. Die Maurer hatten ihn auf
-strenge Anordnung hin verschonen müssen. Und wenn Johanna
-Grothe mit ihren Knechten hier vorüberwandelte,
-dann verzog sich ihr herrischer Mund noch stolzer und selbstbewußter,
-und ihre hohe Gestalt reckte sich auf, daß
-ihr Marmorhaupt, wie es Konsul Bark immer genannt
-hatte, hoch über die geduckten ostpreußischen Landleute
-herausragte. Das begab sich am Tage. Wenn sie jedoch
-gegen Abend zurückkehrte, um ihren Sitz auf der Gartenbank
-hart an der Wiese einzunehmen, dicht an der Stelle,
-wo unter den hochaufgeschossenen Eichenbäumen die Hermen
-der drei römischen Cäsaren zerbröckelten, dann warf
-die Vorüberschreitende manchmal einen langen prüfenden
-Blick auf das rote Mal, und ihre feste, schmale Hand
-führte eine Bewegung aus, als ob ein strenger und geordneter
-Mensch etwas Unwillkommenes, Unerhörtes auszustreichen
-gedachte. Aus der Dorfkirche von Maritzken
-läutete dann von dem niedrigen Holzturme das singende
-Glöckchen, das auch damals in die Fieberträume der
-Grotheschen Ältesten hinein gewimmert hatte. Und der
-Wind fächelte über das hart getretene Viereck in dem Kleeacker,
-das eigentlich ein Grab vorstellte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-Ja, die Nacht mit ihren Schrecken war vorübergerast,
-und der Morgen wollte für die Heimat und die deutsche
-Menschheit tagen. Und ebenso, wie Johanna Grothe, so
-stand ihr ganzes Volk vor der weißen Mauer, die wieder
-frisch getüncht war, und sah auf das helle Blutmal, das
-in der Sonne funkelte. Ohne Haß, ohne Rachsucht, nur
-in dem Bewußtsein, daß die Erinnerung daran nicht wieder
-fortgelöscht werden könnte, und daß jeder alle Kräfte
-daransetzen müsse, die Mauern des großen Hauses bis
-auf den einen Fleck weiß und sauber zu erhalten.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Jedem Beschauer bot es einen hellen, einen erfreulichen
-Anblick, als der leichte, gelbe Jagdwagen, von den beiden
-wiehernden und schnaubenden Rappen gezogen, in die
-ersten Straßen der Provinzialhauptstadt einbog. Grüne
-und blaue Frauenschleier wehten in dem frischen Wind
-hinter dem Gefährt her, unter den flatternden grauen
-Staubmänteln blitzten vorüberhuschend weiße und rosa
-Sommerkleider auf, und zuweilen wurde das Rasseln der
-Räder durch ein plötzlich auffahrendes Mädchenlachen übertönt,
-das sich ungeniert und im vollen Genuß des Augenblicks
-äußerte. Dann streckte mancher kleine Handwerksmeister
-den Kopf aus seinem Laden heraus, oder in den
-schrägen Spionenspiegeln, die an die schmalen Fenster der
-Wohnstuben angeschraubt waren, tauchte das zitternde
-Konterfei einer nähenden Bürgersfrau auf, die nach einem
-Blick auf das strahlende Gefährt befriedigt feststellte:</p>
-
-<p>»Aha, die drei Grothe-Marjellen sind wieder da. Hellwig,
-du bleibst zu Hause, die Älteste kauft nachher ein.«</p>
-
-<p>Und nach einer Weile des Herauslugens setzte dann wohl
-die dicke Vorkosthändlerin in angenehmer Gewißheit hinzu:</p>
-
-<p>»Natürlich, die Grotheschen stellen im Deutschen Hause
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-ein. Da hat es dann Konsul Bark nicht weit. Merkwürdig,
-sie sollten doch einmal Ernst machen. Aber bei
-dieser Art Leuten ist das Herumziehen die Hauptsache. Freilich,
-mich geht's nichts an, ich bin ja nicht die Mutter.«</p>
-
-<p>Und unten aus dem tiefen Kellerloch dröhnte eine verquollene
-Stimme zur Antwort herauf:</p>
-
-<p>»Meines Wissens nicht, Mamachen. Und wehe dir,
-wenn du nachher Andeutungen machst.«</p>
-
-<p>»I wo,« wehrte sich die Dicke und wischte an den
-Fensterscheiben, damit sie dem prächtigen Wagen noch etwas
-länger folgen könnte. »Ich kümmere mich nicht um die
-Angelegenheiten fremder Leute. Bloß der Umstand, daß
-Konsul Bark, dieser feine Herr, auch mit anderen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>In diesem Moment jedoch wurde die Klapptür des
-Kellers mit solcher Wucht in ihre Einfassung geschleudert,
-daß das Häuschen einen Sprung machte und jedes vernünftige
-Gespräch verstummen mußte.</p>
-
-<p>Das war sehr unrecht, man hätte noch allerlei erfahren.</p>
-
-<p>Unter der Einfahrt des Deutschen Hauses stand Johanna
-Grothe &ndash; »Hans«, wie sie sowohl von ihren Schwestern
-als auch von Freunden genannt wurde &ndash; vor dem gelben
-Jagdwagen, den die Mädchenschar soeben verlassen, und
-während sich die anderen jungen Damen die Staubmäntel
-schüttelten und die Toiletten ein wenig in Ordnung brachten,
-gab die Älteste dem noch auf dem Bock sitzenden halbwüchsigen
-Kutscherjungen ihre letzten Befehle. Sie sprach
-sehr nachdrücklich mit ihrer festen, ruhigen Stimme, denn
-der Bursche da oben war nur schwer seiner polnischen
-Schläfrigkeit zu entreißen, und er sah auch jetzt aus blöden
-Augen apathisch einer Rotte von Fliegen zu, die den
-Rücken seiner Tiere peinigte.</p>
-
-<p>»Stasch, du spannst hier aus.«</p>
-
-<p>Der Junge rührte sich nicht, sondern schüttelte nur ein
-<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-wenig verwundert das Haupt, weil sich immer mehr
-Bremsen einfanden. Die Tiere schlugen hinten aus.</p>
-
-<p>»Ausspannen, Panna?« murmelte er geistesabwesend.</p>
-
-<p>»Ausspannen,« rief Hans böse hinauf, und dabei versetzte
-sie dem Rosselenker einen Ruck gegen den Arm, daß
-der Junge beinahe sein Gleichgewicht verloren hätte.</p>
-
-<p>»Oh Jesus, Panna,« stöhnte er.</p>
-
-<p>»Und dann soll hier gefuttert werden,« bestimmte die
-hochgewachsene Blonde weiter.</p>
-
-<p>»Gefuttert?« murmelte Stasch in sich hinein, wobei er
-beinahe Miene machte, von neuem in seinen slawischen
-Schlaf zu versinken.</p>
-
-<p>Die beiden anderen Schwestern lächelten ein bißchen
-und warfen sich verständnisinnige Blicke zu. Es lag
-etwas Überlegenes in dieser verhaltenen Heiterkeit, und es
-schien fast, als ob die Jüngeren einen heimlichen Bund
-miteinander geschlossen hätten. Die Große jedoch hatte
-jetzt völlig ihre Geduld verloren. Hochauf reckte sich die
-kräftige Gestalt, die Hüften spannten sich, als ob es einen
-Gewaltstreich auszuführen gelte, und im nächsten Augenblick
-bereits schoß der weißblonde Pole, einem Zug der
-in feinem Glacéleder steckenden Frauenhand folgend, vom
-Bock. Jetzt schrien die beiden anderen Mädchen auf. Der
-rasche Angriff, sowie das Herbeieilen einiger fremder Menschen
-empörte sie. Die Herrin von Maritzken aber wandte
-sich nach ihnen um, und in diesem Augenblick zeigte ihr
-Antlitz wieder jene Marmorblässe, die Konsul Bark, als ein
-gewählter Frauenkenner, überall so hervorhob.</p>
-
-<p>»Ihr geht in das Gastzimmer,« herrschte die Älteste
-die Schwestern an, als gäbe es gegen ihren Entscheid
-keinerlei Widerspruch. »Ich habe es nicht gern, wenn wir
-hier so in Massen auftreten. Und diesem Bengel möchte
-ich das Gespann doch nicht unbeaufsichtigt überlassen.
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-Nun dalli, Ihr erwartet mich drin. Ich möchte nachher
-noch einen Gang machen.«</p>
-
-<p>»Einen Gang?« fragte die brünette Marianne, die zwar
-erheblich jünger war wie ihre befehlshaberische Schwester,
-ihr aber dennoch im Alter am nächsten kam. »Einen
-Gang?« forschte sie mit der matten Lässigkeit ihrer Bewegungen,
-in denen so viel gefährlicher Reiz wirken konnte,
-»du willst dich gewiß mit Konsul Bark treffen, nicht
-wahr, Hans?«</p>
-
-<p>Die Große verzog ein wenig die Stirn, denn das vertrauliche
-Lächeln des Einverständnisses, das die Jüngeren
-wieder untereinander tauschten, gefiel ihr nicht. Laut aber
-ließ sie nur mit ihrer dunklen Stimme fallen:</p>
-
-<p>»Ich treffe mich nicht mit ihm, sondern ich suche ihn
-in seinem Geschäft auf.«</p>
-
-<p>»Ah,« echoten die anderen.</p>
-
-<p>Und der Rotkopf von ihnen, Isa, ein siebzehnjähriges
-geschmeidiges Kätzchen, das der mütterlichen Schwester soviel
-Schwierigkeiten bei der Erziehung bereitete, sie raschelte
-auffällig mit ihrem rosa Kleid, verzog den Mund und kniff
-spitzbübisch die großen braunen Augen zu. Die dunkle
-Marianne aber legte ihren vollen Arm um die schlanke
-Hüfte der Kleinen und sagte in ihrer müden Art, die gerade
-wegen ihrer Leidenschaftslosigkeit häufig so sehr zum Zorn
-zu reizen vermochte:</p>
-
-<p>»Dann wirst du wohl auch nichts dagegen haben, liebster
-Hans, wenn ich mich drüben in der Konditorei von Klinkowström
-auf ein paar Minuten mit Fritz Harder treffe.
-Ich habe es ihm versprochen, denn er ist heute nachmittag
-dienstfrei.«</p>
-
-<p>Damit faßten sich die beiden jüngeren Grothe-Marjellen
-entschlossen unter den Arm und schritten langsam und
-furchtlos dem Ausgang zu. Allein sie gelangten nur bis zu
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-dem kurzen runden Prellstein, vor dem ihr hochragender
-Wächter sich aufgepflanzt hatte. Es fiel eigentlich kein
-lautes Wort, kein Verbot wurde ausgesprochen und keine
-hastige Entgegnung vernommen, und doch &ndash; die langjährige
-Gewohnheit des Sichfügens, wenn es auch ungern
-und widerwillig geschah, die Furcht vor der zufahrenden
-Härte und dem aufflammenden Zorn der Großen erstickte
-all die leichten, flatterhaften Mädchenwünsche im
-Keim. Ohne daß die Jüngeren recht begriffen, wie es so
-schnell geschah, hielten sie allerlei Decken und Schirme
-in den Händen, die ihnen von der großen Blonden energisch
-übergeben waren, und wie von selbst traten sie mürrisch
-und bezwungen den Rückzug durch die dunkle Einfahrt
-an, um noch auf den drei ausgetretenen Steinstufen, die
-zu dem inneren Flur hinaufleiteten, aufzufangen, wie die
-ältere Schwester laut und unbekümmert hinter Marianne
-herrief:</p>
-
-<p>»Es paßt sich nicht, daß du dich jetzt schon mit dem
-jungen Offizier triffst, so weit halten wir noch nicht. Aber
-wenn ich zurückkomme, dann werden wir mehr wissen.
-Und nun benehmt euch dort drinnen nicht zu ausgelassen.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, wir werden uns Mühe geben,« erwiderte die
-dunkelhaarige Marianne achselzuckend; und dann verschwanden
-die Grothe-Fräulein hinter der Glastür des
-Gasthauses, ohne der Ältesten noch einen besonderen Gruß
-gegönnt zu haben.</p>
-
-<p>Johanna aber wartete ruhig ab, bis der halbwüchsige
-Kutscher die beiden Rappen ausgespannt und in den Stall
-geführt hatte. Und erst, nachdem sie noch angeordnet, welche
-Zehrung der Junge zu sich nehmen solle und aus welchen
-Geschäften Pakete eintreffen würden, da schritt sie endlich
-mit ihrem festen, sicheren Gang quer über den Marktplatz
-herüber. Das edle griechische Haupt mit den harten,
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-blauen Augen trug sie wieder hoch aufgerichtet, und unter
-dem dünnen Schleier leuchtete die weiße Haut, als ob
-wirklich ein altes Götterbild auf den Einfall geraten wäre,
-hier auf dem ostpreußischen, schlecht gepflasterten Marktplatz
-majestätisch dahinzuwandeln. So stolz und selbstsicher
-mutete das Bild an, daß selbst ein paar schlanke
-Gymnasiasten, die auf dem Platz eine wichtige Besprechung
-abhielten, hochachtungsvoll an ihren hellblauen Mützen
-rückten, um untereinander zu tuscheln:</p>
-
-<p>»Das ist die Älteste von Maritzken, ein feines Weib!
-Kuck, sie geht in den Goldenen Becher zu Konsul Bark.
-Donnerwetter, wenn man doch auch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Und dann kam die Hochgewachsene ganz nahe, und die
-Jungen dienerten und schwenkten ihre Kappen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>In dem großen Gewölbe des Goldenen Bechers brannten
-bereits die Gasflammen. Sie verlöschten niemals unter
-den gotischen Bogen. Denn obwohl über der alten Stadt
-das Leuchten und Schimmern eines wolkenlosen Sommertages
-lag, hier drinnen in den niedrigen Gewölben der ehemaligen
-Probstei herrschte eine beständige kühle Dämmerung.
-In dem Raum selbst aber schwirrte und summte
-und knirschte es durcheinander. Achtzehn junge Leute, alle
-mit sauberen grünen Schürzen angetan, bedienten die sich
-drängenden Kunden, und alle Augenblicke sah man das
-schneeige Weiß des aufgeschütteten Salzes blitzen, graue
-Staubwolken von Mehl schwebten dahin, der Zucker
-knirschte, stark gebrannter Kaffee verbreitete seinen aromatischen
-Duft, aber auch Weinflaschen verließen ihr stauberfülltes
-Lager und ganze Berge von blechernen Konservenbüchsen
-verschwanden in den mächtigen Körben der Einholenden.
-Auf der anderen Seite des hochgewölbten Torweges,
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-dicht vor den tief zurückliegenden dunklen Fensterscheiben,
-die mit dicken Eisenstäben so eng vergittert waren,
-als ob es sich um Gefangenenzellen handele, da hielten
-auf dem Marktplatz eisenklirrende Rollwagen, über deren
-herabgelassene Leiterbäume blaue Petroleumfässer heruntergewälzt
-wurden. Daneben standen gewaltige Plangefährte.
-Unausgesetzt trugen riesige Männer mit Lederschürzen viereckige,
-mit Sackleinwand und Eisenblech verschnürte Ballen
-heraus. Ein feiner Teegeruch verbreitete sich, als Johanna
-Grothe dort vorüberschritt. Und an den kleinen,
-buntgeschirrten Pferdchen mit den gewaltigen Messingkummeten
-um den Hals erkannte ihr geübter Blick, wie
-diese Wagen erst vor kurzem von der nahen russischen
-Grenze angelangt seien. Denn Konsul Bark war der größte
-Teeimporteur dieser östlichen Provinz, und die kleinen roten
-Päckchen mit dem goldenen Becher als Aufdruck galten
-durch das ganze Reich als eine Delikatesse.</p>
-
-<p>Durch den Schwarm der unbekümmert weiterschaffenden
-Lederschürzen hindurch trat Johanna Grothe durch den
-grob gepflasterten Flur, bis sie an der rechten Rundwand
-ein paar ausgetretene grüne Marmorstufen erreicht hatte.
-Auf der obersten zogen sich altersverwitterte Bronzebuchstaben
-hin, die durch ihren griechischen Text die stolze Angabe
-des Hausherrn bekräftigten, daß diese Steine aus
-einem alten moskowitischen Kloster einstmals von der
-siegreichen Hanse dem residierenden Probst der Handelsstadt
-zum Geschenk gemacht worden seien. Vor grauen
-Zeiten leiteten jene Quadern auch wirklich in das Refektorium
-der Probstei. Heute jedoch hatte der Konsul sein
-Privatkontor hier aufgeschlagen; es war ein gewaltiger
-Raum, von schweren flämischen Möbeln umstellt, während
-die weißen, splitternden Dielen von einem einzigen orientalischen
-Teppich in dunkelbrauner Grundfärbung überspannt
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-waren. Einen seltsamen Eindruck rief es auf alle
-hervor, die zuerst hier eintraten, sobald aus den eingebuchteten
-Mauerwölbungen immer noch die bunten Mosaikgebilde
-der Evangelisten in verdämmerten Farben herausleuchteten.
-Einen förmlichen Schrecken aber verursachte es
-dem Unvorbereiteten, wenn hinter dem umfangreichen
-Schreibtisch des Großkaufmanns, nur von dem elektrischen
-Licht der grünbeschirmten Arbeitslampe getroffen, die überlebensgroße,
-riesenhafte Holzstatue des Apostelfürsten
-Petrus mit blauem Mantel und goldenem Heiligenschein
-auftauchte, genau so, wie sie einstmals an dieser Stelle das
-Ziel für die Verehrung unzähliger Frommer gebildet hatte.
-Die Holzstatue aber ragte auf ihrem Marmorquader auf,
-als wolle sie gegen die neue Zeit und gegen alles, was sie
-in ihr erblicken mußte, Verwahrung einlegen. Den goldenen
-Hirtenstab, der unten abgebrochen war, hielt sie
-gegen das zornige, volkstümliche Herz gepreßt und ihren
-mächtigen verrosteten Eisenschlüssel streckte sie weit von sich,
-voll Abscheu und grobem Eifer.</p>
-
-<p>Und der Heilige hatte manchen Grund zu seinem Verhalten.
-Denn obwohl der neue Besitzer der Probstei ein
-gewisses feinsinniges Kunstinteresse für die bunten Zeichen
-einer innerlicheren Epoche besaß, und obwohl es ihm
-schmeichelte, häufig berühmte Sammler und Gelehrte in
-seinen Räumen zu empfangen, um ihre Bewunderung für
-seine Besitztümer zu vernehmen, so lehnte er es doch auf
-der anderen Seite entschieden ab, sein eigenes Leben mit
-seiner Umgebung in Einklang zu bringen. Dunkle Gerüchte
-durchflogen die Stadt, es würden in der alten Probstei
-unter den Augen der Evangelisten und des Himmelspförtners
-gelegentlich erlesene Feste gefeiert, die weitab von
-strenger Daseinsführung lagen und die deshalb das Ziel
-und die Sehnsucht aller unverheirateten Herren der bevorzugten
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-Kreise bildeten. Etwas Genaues indessen vermochten
-selbst die neugierigsten Damen der Stadt nicht in Erfahrung
-zu bringen. Man flüsterte wohl hie und da, daß
-der Konsul, dieser wohlgepflegte Vierziger mit der schlanken
-eleganten Gestalt und den schwärmerischen, lang bewimperten
-Augen, die so gar nicht zu den im Grunde kalten
-Zügen passen wollten, man flüsterte wohl, daß Konsul
-Bark in seinem weit ausgreifenden Kunstinteresse auch
-die Damen des Theaters mit seinen Einladungen beehrte,
-allein von den Beteiligten wurde dies stets mit sonderbarem
-Lächeln geleugnet. Äußerlich jedoch zeigte der Goldene
-Becher dauernd die gleiche patrizische Würde, und da der
-Konsul sogar in den Zirkeln der Frau Regierungspräsidentin
-sichtbar wurde, wo nur die dreimal Gesiebten verkehrten,
-so sanken alle unheiligen Vermutungen immer wieder in
-sich zusammen. Nur ein einziges Wesen lebte, das über
-den Wandel des Hausherrn genauen Aufschluß hätte geben
-können. Das war jener merkwürdige Einsasse des Goldenen
-Bechers, über den in der Stadt infolge seiner erstaunlichen
-Vielseitigkeit mindestens ebensoviel Erzählungen
-umliefen, als über den eleganten Großkaufmann selbst.
-Es war der Kammerdiener des Konsuls, Pawlowitsch, wie
-er von dem Chef im Scherz wegen seiner russischen Abkunft
-genannt wurde.</p>
-
-<p>Ja, Pawlowitsch besaß das Ohr des Großkaufmanns.
-In einem weißen Leinenanzug war er seinem Herrn frühmorgens
-bei der Toilette behilflich; er rasierte ihn, und
-kein Friseur hätte das dunkelbraune Haar des Konsuls so
-korrekt zu scheiteln vermocht, wie dieser Halbrusse. Bei
-solcher Gelegenheit erfuhr dann der Herr des Goldenen
-Bechers, was Pawlowitsch für nützlich hielt, ihm zufließen
-zu lassen.</p>
-
-<p>»Herr Konsuhl,« flüsterte der Weißkopf, denn er betonte
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-diesen Titel auf der letzten Silbe und dabei beugte
-er sich während des Einseifens geschmeidig bis zu dem
-Ohr des Gebieters herab, »die kleine Schwarz vom Stadttheater
-hat heute abend ihr Benefiz. &ndash; Rosen?«</p>
-
-<p>»Jawohl.«</p>
-
-<p>»Vorzüglich&nbsp;&ndash;« alle Anordnungen des Chefs beehrte
-Pawlowitsch mit dieser begeisterten Zensur, »vorzüglich &ndash;
-Teerosen?«</p>
-
-<p>»Gewiß.«</p>
-
-<p>Der weiße Kittel verbeugte sich. Es war ja selbstverständlich,
-daß er diese gelben Blumen hinter die Bühne
-zu tragen hatte. Dunkelrote schickte sein Gebieter nur beim
-Beginn einer vielbegehrten Bekanntschaft. Die ruhigere
-Epoche wurde dann durch die mattere Farbe gekennzeichnet.
-Und Pawlowitsch wußte ganz genau, wann die weißen an
-die Reihe kamen, die den Rückzug des Konsuls einläuteten.</p>
-
-<p>»Vorzüglich.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Zu derselben Stunde, als Johanna Grothe in ihrer majestätischen
-Blondheit über den Markt wandelte, beherbergte
-Konsul Bark in dem Refektorium, aus dessen Mauerhöhlungen
-noch immer die Mosaikbilder der Evangelisten
-hervorschimmerten, einen besonders fröhlichen und lauten
-Besuch. Zur Seite des großen Schreibtisches, dicht neben
-der Riesenstatue des heiligen Petrus, dessen deutsches Antlitz
-noch unwilliger als sonst flammte, lehnte ein gewaltiger,
-muskulöser Russenoffizier behaglich in dem dunklen Ledersessel
-und hob eben sein Weinglas prüfend gegen die
-grünbeschirmte Lampe, so daß der gelbe Trank spiegelte
-und glitzerte. Die Sporen an den hellgelben Reiterstiefeln,
-die er vor Vergnügen leise aneinander rieb, ließen dazu
-einen feinen silbernen Sang ertönen, und das laute Gelächter
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-des Fremden schlug schallend gegen die Decke der
-Wölbung.</p>
-
-<p>»Ja, was sagen mein bester Freund,« rief er wohlgelaunt
-und stieß den Hausherrn mit dem langen Säbel,
-den er nicht abgelegt hatte, vertraulich gegen die eleganten
-schwarzen Lackschuhe, »dumme Tiere von Grenzkosacken
-haben sich richtig durch Ihren Agenten von Pflicht &ndash;
-wie sagt man? &ndash; abwendig machen lassen.«</p>
-
-<p>Der Konsul reckte sich und zupfte verärgert an seinem
-kurzgeschorenen englischen Schnurrbärtchen.</p>
-
-<p>»Der Jude handelte auf sein eigenes Risiko,« entgegnete
-er unmutig, »ich habe ihm nicht geraten, Ihre Leute zu
-bestechen.«</p>
-
-<p>»Bestechen?« Jetzt lachte der Russe noch behaglicher
-und schüttelte das blondbebartete Haupt. Seine blauen
-Augen sahen ganz erstaunt aus. »Bestechen?« wiederholte
-er in seinem gebrochenen Deutsch, »nicht doch. Hat Mann
-gar nicht beabsichtigt. Ist Gewohnheit bei diesen deutschen
-Spitzbuben. Pardon &ndash; pardon,« verbesserte er sich, und
-die großen Kinderaugen begannen ihm in der Wirkung des
-Weins oder aus Verlegenheit zu tränen, »sehr ehrenwerte
-Leute. Versuchen es nur immer wieder. Aber diesmal hat
-mir heilige Mutter von Kiew beigestanden. Sieben Wagen
-vor Brücke zurückgehalten, und zweitausend Rubel in
-meiner Tasche. Was sagen bester Freund?«</p>
-
-<p>Konsul Bark rückte ein wenig mit seinem Stuhl und
-blickte seinen Gast zweifelnd von der Seite an. Das Gespräch
-schien ihm durchaus nicht zuzusagen.</p>
-
-<p>»Ich nehme an,« begann er endlich nach einem Moment
-der Überlegung, während sein schmales, feingeschnittenes
-Gesicht durch nichts irgendeine Bewegung verriet, »ich
-nehme an, Herr Rittmeister Sassin, daß Sie gekommen
-sind, um das Geld wieder an mich abzuliefern.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-»Oh nein, ist Irrtum. Geld gehört Gossudar, russischen
-Zaren, unserem allergnädigsten Herrn.« Der Russe verbeugte
-sich, so daß seine Stirn fast die Platte des Schreibtisches
-berührte.</p>
-
-<p>»Jawohl, ich kann es mir denken,« meinte der Konsul
-mißfällig, »sprechen wir nicht mehr darüber.«</p>
-
-<p>»Serr gut, ist ganz meine Ansicht, sind hervorragender
-Kaufmann. &ndash; Händler erster Gilde!«</p>
-
-<p>Jetzt warf der Hausherr seinem Gast von neuem einen
-scharfen Seitenblick zu. Unwillkürlich faltete sich seine
-Stirn. Sollte dieser große ungeschlachte Mensch sich etwa
-über ihn lustig zu machen gedenken, gerade jetzt, da der
-Fremde ihn um eine erhebliche Summe geschädigt? In
-diesem Augenblick hatte der kühle Geschäftsmann völlig
-vergessen, wie oft er jenseits der Grenze in dem kleinen
-elenden Fabrikstädtchen die reiche und ausgelassene Bewirtung
-des Grenzoffiziers genossen, eine Gastfreundschaft,
-die sich manchmal bis zu tobendem Wahnsinn gesteigert
-hatte. Nein, die Erinnerung hieran war dem Prinzipal
-des Goldenen Bechers wie in dunklem Rauch aufgegangen.
-Denn Konsul Bark besaß die Fähigkeit, geschehene Dinge,
-die ihm nicht mehr behagten, kaltblütig auszustreichen, als
-wären sie nie gewesen. Seine dunkelgrauen, lang bewimperten
-Augen blickten noch etwas berechnender drein als gewöhnlich,
-da er sich auf die Huldigung des Offiziers zu der
-lässigen Erwiderung anschickte:</p>
-
-<p>»Ich bin Ihnen für Ihre gute Meinung sehr verbunden,
-Herr Rittmeister. Aber gerade, weil ich ein nüchterner
-Kaufmann bin, so werden Sie es mir nicht übel deuten,
-wenn ich mich frage, welche geheime Absicht Sie eben
-jetzt zu mir leitet, obwohl Sie vielleicht Ursache zu haben
-glauben, mir wegen dieser unangenehmen Zollaffäre zu
-zürnen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-Ganz vorsichtig und diplomatisch hatte der Konsul dies
-vorgebracht, während er unausgesetzt einen großen Elfenbeinfalz
-zwischen seinen schmalen Fingern hin- und hergleiten
-ließ. Der Russe jedoch tat seine hellblauen Kinderaugen
-noch weiter auf, und auf seinen breiten Zügen malte
-sich vollste Verständnislosigkeit. Ungewiß rieb er sich in
-seinem stoppligen blonden Kinnbart.</p>
-
-<p>»Nix Zollaffäre, nix zürnen, keine Spur,« versicherte
-er eifrig und verbeugte sich mehrfach in großer Ehrfurcht
-vor dem Handelsherrn. »Solche Geschichten alle Tage
-vorkommen. <i>Au contraire</i>, bereiten Spaß, machen schönes
-Vergnügen. Leo Konstantinowitsch Sassin bitten Rudolf
-Bark von Wertschätzung und innigster Freundschaft überzeugt
-zu sein.«</p>
-
-<p>Damit legte er die Linke aufs Herz und hob das Weinglas
-grüßend zu dem Hausherrn hinüber. Der Konsul
-aber, der die Gewohnheiten des Nachbarvolkes kannte, nickte
-gleichfalls mit dem Haupt, ohne jedoch seinen Zweck aus
-dem Auge zu verlieren.</p>
-
-<p>»Leo Konstantinowitsch, kann ich Ihnen mit irgend
-etwas anderem dienen?«</p>
-
-<p>Der Russe schluckte noch an seinem Wein und setzte das
-Glas ziemlich unbekümmert auf die Schreibtischplatte
-nieder. Dann erhob er lebhaft beide Hände.</p>
-
-<p>»<i>Pas du tout</i>, mein bester Freund, nix dergleichen.
-Ja, ist wahr, gab traurige Zeiten für Offiziere von Gossudar,
-namentlich wenn so weit fort von heilige Petersburg.
-Serr zu kämpfen gegen Einsamkeit, Langweile und Armut.
-Da ist Rudolf Bark immer hilfreicher Freund gewesen,
-serr hilfreich, Kavalier&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sehr schön, aber&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Kommt, kommt alles. Armut vorbei, durch Gnade
-von Väterchen bedeutend besser gestellt. Einnahmen hier,
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-Einnahmen dort, man kann nicht klagen. Und seit Gouverneur
-von Wilna Grenzstationen kontrolliert, auch eigene
-<i>maison</i> &ndash; Häuschen.«</p>
-
-<p>Bei der Erwähnung dieser kleinen ›<i>maison</i>‹ flog ein
-verschmitzter Schein über die eben noch so ernsten Züge
-des Kaufmanns.</p>
-
-<p>»Ja, ich habe gehört, Leo Konstantinowitsch. Man erzählt,
-daß Ihnen eine reizende Villa gebaut sei.«</p>
-
-<p>»Eben fertig,« warf der Russe sehr befriedigt ein.</p>
-
-<p>»Nun gut, nehmen Sie meinen Glückwunsch. Es fehlt
-nichts hinein als eine junge Frau.«</p>
-
-<p>Der Russe fuchtelte wieder mit den Händen und ließ die
-Sporen klirren.</p>
-
-<p>»Oh, fehlt nicht, fehlt nicht, <i>pas du tout</i>, man weiß
-sich zu behelfen. Und davon gerade, Rudolf Bark, sollen
-Sie sich überzeugen. Ich bitte serr, ich bitte inständigst.«</p>
-
-<p>»Sie meinen doch nicht&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Ja, meine ich, ein kleines Fest. Eine Einweihung,
-intim, serr vornehm. Und wenn Sie mich machen wollen
-glücklich, dann legen auch ein gutes Wort ein bei die
-schönen Damen von Maritzken, die ich neulich so bevorzugt
-war, bei Ihnen zu treffen. Wunderschöne Damen, namentlich
-die große, üppige, stolze, mit die königliche Gang, und
-die schwarze mit den roten Lippen. Es wird werden serr
-amüsant.«</p>
-
-<p>So unerwartet traf den Großkaufmann diese letzte Aufforderung,
-daß er den Elfenbeinfalz hart auf den Tisch
-fallen ließ und erst einen verlegenen Blick auf das Holzantlitz
-des Apostels warf, bevor er, sich zusammenraffend,
-widersprechen konnte:</p>
-
-<p>»Nein, nein, lieber Rittmeister, dieser Mission fühle
-ich mich nicht gewachsen. Nehmen Sie es mir nicht übel,
-aber es kommt mir doch höchst zweifelhaft vor, ob sich die
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-jungen Damen von Maritzken, und namentlich die Älteste,
-in dem eigentümlichen« &ndash; der Konsul zögerte einen Augenblick
-und suchte nach einem Ausdruck &ndash; »na sagen wir
-Junggesellenmilieu wohlfühlen würden.«</p>
-
-<p>Der Grenzoffizier jedoch sprang klirrend auf und fegte
-mit seiner Rechten in sprudelnder Lebhaftigkeit durch die
-Luft, als müsse er jedes einzelne Wort seines Gegenübers
-besonders ausstreichen.</p>
-
-<p>»Kein Junggesellenmilieu,« schrie er, unbekümmert
-darum, ob seine Worte nicht etwa jenseits der Diele verstanden
-werden könnten, »Sie täuschen sich, bester Konsul,
-wir besitzen Takt, <i>savoir vivre</i>. Sie kränken uns, wenn
-Sie zweifeln daran. Wir sind junges Volk, harmloses
-Volk, &ndash; aber galant gegen Damen.«</p>
-
-<p>Sicherlich gedachte Leo Konstantinowitsch seine nationale
-Eigenart noch eingehender zu schildern, aber das leis-ironische
-Lächeln, das abermals die Lippen seines Zuhörers
-umspielte, veranlaßte ihn, sich zu unterbrechen, um sich
-beschwörend die mächtige Faust mitten auf die Brust zu
-schlagen. Es gab einen dumpfen Widerhall.</p>
-
-<p>»Diesmal nicht so wie sonst,« brachte er ganz treuherzig
-hervor, wobei er immerfort das blonde Haupt schüttelte,
-»Oberst Geschow aus Mariampol mit seiner jungen Frau
-gibt gleichfalls die Ehre. Und alle jungen Frauen von
-Kameraden ebenso. Wir werden trinken nur ein Täßchen
-Tee, essen dazu ganz dünne Kaviarschnittchen, und die
-Gattin von Zivilgouverneur &ndash; Frau Bobscheff, serr
-fromme Dame &ndash; wird sein Patronesse von das Ganze.
-Sie werden sich einlegen Ehre, Rudolf Bark, mit dieser
-Einladung bei den jungen Fräulein von Maritzken. Und,«
-setzte der Russe sehr ernst und nachdrücklich hinzu, »es ist
-gut, wenn beide Völker freundschaftlich verkehren. Ich
-sage, es ist gut.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-Noch hatte der Russe nicht völlig seine Erklärungen geschlossen,
-als die eisenbeschlagene Eichentür sich geräuschlos
-in ihren Angeln drehte. Vor dem lauten Gespräch
-hatten die beiden Männer völlig überhört, daß schon zweimal
-an das harte Holz gepocht wurde. Jetzt stand unter
-der Wölbung der Tür eine blaue Hausmeistersuniform mit
-blanken Messingknöpfen, und das kurz geschorene weiße
-Haupt des berühmten Pawlowitsch neigte sich zu einer
-demütigen Verbeugung. Beide Arme ließ der Alte dabei
-weit gestreckt von sich herunterhängen.</p>
-
-<p>»Herr Konsuhl,« wisperte eine flehentlich-zerknirschte
-Stimme, »ich störe.«</p>
-
-<p>»Schon gut, was gibt's?«</p>
-
-<p>Der Alte wandte sich halb nach draußen und ließ eine
-zweite Verbeugung nach der Richtung der Diele hin folgen.</p>
-
-<p>»Das gnädige Fräulein von Maritzken ist soeben angekommen.«</p>
-
-<p>»Heilige Mutter,« sprudelte der Russe und ließ vor Erstaunen
-den breiten Mund mit den tadellosen Zähnen
-offen.</p>
-
-<p>Aber auch der Konsul schnellte aus seinem Sessel, und
-es war sehr merkwürdig, wie er sich bemühte, in aller Eile
-ein Aschenkörnchen von dem Aufschlag seines eleganten
-braunen Promenadenanzugs fortzustäuben.</p>
-
-<p>»Ist es das älteste Fräulein?« warf er rasch hin, und
-eilfertig schritt er in die Ecke, um selbst die elektrische
-Leitung aufzudrehen, die die Lichter des schweren lombardischen
-Kronleuchters an der mittelsten der Wölbungen aufstrahlen
-ließ. »Ist es die Älteste der Damen?«</p>
-
-<p>Pawlowitsch zwinkerte ein wenig mit den schwarzen
-Augen. »Fräulein Johanna« meldete er.</p>
-
-<p>Der Konsul machte ein paar Schritte bis zur Tür.</p>
-
-<p>»Stehe sofort zu Diensten.« Er sprach so laut, daß man
-<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-seine Stimme sicherlich draußen auf dem Flur vernehmen
-mußte. »Lieber Herr Rittmeister&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;,« fuhr er fort, und
-ohne daß er noch etwas Weiteres zu äußern brauchte, lag
-in seiner sprechenden Handbewegung das Bedauern, die
-Konferenz mit dem Offizier leider schließen zu müssen.</p>
-
-<p>Inzwischen hatte auch Rittmeister Sassin seinen gebogenen
-Säbel enger an sich gezogen und ergriff nun die
-breitrandige blaue Mütze. Er schien vollkommen einzusehen,
-daß er hier überflüssig würde. Ja, in seinen groben, verschwommenen
-Zügen arbeitete sogar eine starke innere Verlegenheit.
-Heilige Mutter, diese stolze königliche Deutsche
-flößte ihm einen Respekt ein, den er sich nicht zu erklären
-vermochte. Viele der deutschen Weiber besaßen etwas Ähnliches.
-Nein, zum Teufel, die andere, die Schwarze mit
-den roten Lippen und der üppigen Lässigkeit war angenehmer,
-bequemer. Und in seinem kindlichen Verstand
-stritten sich Zweifel, ob es wirklich möglich sein würde, die
-Damen von Maritzken zu dem Besuch in der gemütlichen
-kleinen ›<i>maison</i>‹ jenseits der Grenze zu veranlassen.
-»Rudolf Bark gestatten, daß holder Dame die Hand küsse.
-Und nicht wahr, nicht vergessen an meine Bitte! Überlasse
-alles Ihnen, bester Freund, alles Ihnen!«</p>
-
-<p>Da öffnete sich die Tür, die hohe, schlanke Frauengestalt
-in dem cremefarbenen Bastseidenkostüm ragte unter der
-Wölbung. Die drei Männer aber verbeugten sich gleichzeitig
-so tief und ehrfürchtig, daß sie vielleicht gelächelt haben
-würden, wenn sie ihre gesenkten Häupter selbst hätten beobachten
-können. Dann reichte der Konsul seinem neuen
-Gast höflich die Hand, wobei er es jedoch vermied, die
-schlanken Fingerspitzen an seine Lippen zu führen. Das
-hatte sich das Landmädchen ein für allemal verbeten. Darauf
-eine kurze Wendung gegen den russischen Offizier, ein
-vergebliches Bemühen des Rittmeisters, seine Huldigung
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-auf den weißen Handschuh der Dame zu hauchen und die
-verabschiedende Beteuerung des Russen, daß sein bester
-Freund Rudolf Bark holden Dame ein großes Geheimnis
-mitzuteilen habe. Eine Bitte, ein fußfälliges Flehen,
-deren Erfüllung armen Leo Konstantinowitsch in einen
-Taumel des Entzückens versetzen würde.</p>
-
-<p>»Guten Morgen, Rudolf Bark, alle Nothelfer behüten
-Sie &ndash; Gnädigste, der Himmel nehme Sie in seinen
-Schutz.«</p>
-
-<p>Die silbernen Sporen klirrten zusammen, der Säbel rasselte,
-und die wuchtige Gestalt des Grenzoffiziers schritt
-tönend über die grünen Marmorstufen.</p>
-
-<p>Die beiden anderen blieben allein.</p>
-
-<p>»Liebes Fräulein Johanna, nehmen Sie Platz,« forderte
-der Konsul auf, indem er sehr diensteifrig einen neuen Ledersessel
-an den Schreibtisch schob. Und nachdem die Älteste
-von Maritzken sich wortlos niedergelassen, blieb er geneigt
-vor ihr stehen, um von neuem zu bitten: »Wollen Sie
-nicht, lieber Hans, den Schleier ein wenig zurückschlagen?
-Damit ich erkennen kann, ob Sie etwas Gutes, oder, was
-ich nicht hoffen will, etwas Schlimmes zu mir führt?
-Denn leider wird ja der Goldene Becher fast ausschließlich
-zu geschäftlichen Beratungen aufgesucht, nicht wahr, bester
-Hans?«</p>
-
-<p>Wie immer, wenn er mit der Ältesten von Maritzken
-sprach, klang seine Stimme liebenswürdig und vertrauenerweckend
-und enthielt nichts von jener flatterhaften Galanterie,
-die dem Landmädchen, das die harte Notwendigkeit
-zur Arbeit gezwungen hatte, so verleidet war. Gerade
-diese offene konventionelle Art hatte dem Geschäftsmann
-das Vertrauen der Vorsichtigen erworben, obwohl auch zu
-ihr allerlei abfällige Urteile über ihren Freund gedrungen
-waren. Aber Johanna Grothe verachtete solche heimlich
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-zugeflüsterten Gerüchte. Ihre unbestechliche Gewissenhaftigkeit
-verlangte Beweiskräftiges. Und alles, was sie von
-Rudolf Bark während jener drei Jahre erfahren, seitdem
-die Mutter dort draußen im Schatten der Kirche von Maritzken
-ruhte, und auch den Vater eigenes Verschulden oder
-ein unseliges Schicksal aus den Reihen der tätig Wirkenden
-entfernt hatten, nein, alles was ihr von dem nüchternen
-klaren Geschäftsmann in selbstloser Opferwilligkeit
-während jener schweren Zeit geboten war, es atmete Sicherheit,
-Ordnung und ein Gefühl für ihr inneres Bedürfnis
-nach Sauberkeit. Und so hatte sich zwischen ihnen nach
-einer anfänglichen kühlen Geschäftsverbindung das vertrauliche
-Verhältnis von Ratgeber und Schützling gebildet.</p>
-
-<p>Auch heute drängte es die Selbstsichere, ihre Sorgen
-gewissermaßen durchrechnen zu lassen, denn sie fühlte sich
-entlastet, sobald ihr eigenes Urteil die Unterstützung des
-Vielerfahrenen fand. Nicht leicht schien ihr im Augenblick
-die Einleitung zu fallen, ja, der Konsul merkte, wie das
-große, kräftige Mädchen &ndash; die Heroine, wie er sie manchmal
-heimlich nannte &ndash; ihre Blicke befangen vor den
-seinigen zu dem braunen Teppich heruntersenkte. Endlich
-jedoch schlug die Sitzende mit einer raschen Bewegung
-ihren Schleier in die Höhe, und wieder entzückte den Großkaufmann
-jene merkwürdige Blässe, die er schon so häufig
-angestaunt hatte. Ganz eigenartig hoben sich die tiefdunklen
-blauen Augen von dem matten weißen Grunde ab.</p>
-
-<p>»Hören Sie, Herr Konsul,« sprach Johanna endlich,
-indem sie mit aller Kraft die Gedanken auf ihr Ziel zu
-sammeln versuchte, und dabei schlug sie die dunklen Augen
-so fest und ehrlich gegen ihn auf, daß der Mann plötzlich
-ein eigenes Schwanken spürte. Es blieb immer dasselbe.
-Diese große königliche Erscheinung, die sich über die
-Schwächen und Wünsche ihres Geschlechtes sicherlich weit
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-erhoben hatte, sie machte es ihm manchmal wirklich nicht
-leicht, die gleichgültige Ruhe des kühlen Geschäftsfreundes
-zu wahren. Schweigend lehnte er dicht neben ihr gegen die
-Platte des Schreibtisches und sah sie aufmerksam an.
-»Hören Sie, lieber Konsul,« begann Johanna von neuem,
-»ich muß Sie schon wieder einmal mit einer Angelegenheit
-behelligen, die mir lebhafte Besorgnis einflößt. Sie
-wollten es damals nicht glauben, aber ich habe doch recht
-behalten.«</p>
-
-<p>»Sie behalten immer recht, lieber Hans,« sagte der
-Konsul verbindlich.</p>
-
-<p>»Nein, nein, scherzen Sie nicht. Diesmal wird es wirklich
-Ernst. Und da ich ja keine Mutter und leider auch im
-eigentlichen Sinne keinen Vater besitze,« fügte sie mit
-kurzem Atem an, »so wende ich mich eben an Sie. Ich habe
-Vertrauen zu Ihnen.«</p>
-
-<p>Der Konsul wollte etwas erwidern, aber von ihrem merkwürdig
-dunklen Blick getroffen, brachte er es nur dazu,
-ihr warm und zustimmend die Hand entgegenzustrecken.
-Dann forschte er schnell:</p>
-
-<p>»Also um was handelt es sich, liebster Hans? Spannen
-Sie mich nicht länger.«</p>
-
-<p>Merkwürdig, die Älteste von Maritzken schien keineswegs
-zu spüren, wie die Hand des Mannes noch immer auf der
-ihren ruhte. Sie fuhr unbekümmert fort:</p>
-
-<p>»Gestern abend saß ich auf der Wiesenbank vor den drei
-Statuen der römischen Kaiser&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aha,« unterbrach der Zuhörende, »die Stelle muß man
-sich merken, das ist offenbar Ihr Lieblingsplatz.«</p>
-
-<p>»Ja, ich sitze gern dort. Aber gestern wurde mir der
-Ort auf lange Zeit verleidet. Denken Sie sich, Konsul Bark,
-&ndash; es fällt mir sehr schwer, Ihnen dies alles zu gestehen &ndash;
-als ich meine Blicke ganz absichtslos über die weite grüne
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-Wiese richtete, auf der gerade ein junger Hase seine komischen
-Männchen machte, da sah ich ganz hinten am Waldsaum
-meine Schwester Marianne mit einem Fremden
-schreiten.«</p>
-
-<p>»Weiter,« forderte der Konsul interessiert.</p>
-
-<p>»Die Gestalten waren nur zwerghaft klein, aber ich erkannte
-den Eindringling trotz alledem, obwohl er nicht
-Uniform angelegt hatte.«</p>
-
-<p>Jetzt richtete sich der Kaufmann schnell auf, zog ein
-wenig an seinem braunen Jakett und bewegte dann abschätzend
-die flache Hand hin und her.</p>
-
-<p>»Es war natürlich Fritz Harder,« äußerte er bestimmt.</p>
-
-<p>Das stolze Weib in dem Sessel nickte. Dann aber schlug
-sie verstört die Augen nieder, und ihre ganze Gestalt beugte
-sich zusammen, als ob sie von einer körperlichen Last zu
-Boden gedrückt würde.</p>
-
-<p>»Lächeln Sie nicht, Herr Konsul,« sagte sie matt, »ich
-bin über das Alter hinaus, als daß ich gegen eine ehrbare
-Annäherung etwas einzuwenden hätte.« Und als der Konsul
-eine Bewegung machte, wie wenn er sie nicht verstände,
-stieß sie plötzlich anmutig hervor, und ihre Stimme tönte
-laut und grollend: »Das war es aber nicht. Gegen diese
-stürmischen Liebkosungen in der dunklen Stille eines Haselnußhaines
-muß ich Einsprache erheben. Das kann und
-will ich nicht dulden. Denn nach dem, was schon einmal
-bei uns geschehen, muß ich mehr wie jede andere darauf
-achten, daß unserem Hause der landläufige Respekt entgegengebracht
-wird.«</p>
-
-<p>Die zusammengekauerte Gestalt ließ ihre Arme zwischen
-die Knie herabsinken und riß sich alles Weitere matt und
-dumpf von der Seele los, wie wenn sie mit sich selbst zürne,
-daß sie so Verschwiegenes offenbare.</p>
-
-<p>»Glauben Sie mir, lieber Freund, meine Rolle fällt mir
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-nicht immer leicht. Ich weiß, die Mädels hassen mich, weil
-ich ihnen so vieles versagen, und häufig wie ein Polizist
-vor ihnen auftauchen muß. Aber Sie, Konsul Bark, Sie
-kennen meine Beweggründe. Ich habe es nun einmal
-übernommen, aus dem großen Zusammenbruch zu retten,
-was irgend möglich war, und bin darüber alt geworden.«</p>
-
-<p>»Na, na, Hans,« schob hier der Konsul lächelnd ein.</p>
-
-<p>Er dachte daran, daß diese Achtundzwanzigjährige in
-ihrer kalten, abweisenden Schönheit ein Weib sei, das alle
-Ansprüche aufgegeben habe zu reizen, zu gefallen und zu
-bestricken, ein Geschöpf, das in klarer Erkenntnis seiner
-harten Fron allmählich sich selbst vergessen hatte. Und doch
-&ndash; der schlanke Mann in dem eleganten Promenadenanzug
-warf unbemerkt einen spähenden Blick auf seine Besucherin
-&ndash; ob wirklich alle Wünsche in diesem stolzen Leib erstorben
-und verlöscht waren? Und in der vorüberhastenden
-Minute, während seine Augen, die Frauenschönheit so sehr
-aufzuspüren verstanden, über den gebeugten Mädchennacken
-glitten, da gestand sich der reife Mann, daß gerade die
-starke Neugierde, jenes tief verschlossene Geheimnis zu
-lösen, ihn so dauernd an das frostige, marmorharte Geschöpf
-da vor ihm fesselte. Und mit einem gewissen Unwillen
-empfand er auch, wie schwer und unbequem es sei,
-sich selbst immer in so respektvoller Entfernung zu halten.
-Ja, es war sehr schwer, denn er erkannte ganz klar, eine
-einzige unvorsichtige Andeutung, das Verlassen der unverfänglichen
-und korrekten Beziehungen mußte die Ahnungslose
-dort sofort empört und enttäuscht von dannen treiben.
-Und vor diesen Enthüllungen scheute sich der Frauenkenner.
-Nein, nein, die großen scharfen Augen der Heroine von
-Maritzken wollte er nicht im Zorn auf sich gerichtet fühlen.
-Ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, hegte er eine
-heimliche und ihn doch quälende Abneigung davor, das
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-Unverdorbene, das Heilig-Jungfräuliche dieses abgeschlossenen
-Lebens zu stören. So nahm er auch jetzt nur in verborgener
-Bewunderung die köstliche Weiße ihres Nackens
-wahr, laut aber sprach er sehr ruhig und überlegt zu der
-in sich Versunkenen herunter:</p>
-
-<p>»Also, lieber Hans, mir scheint, Sie sehen da wieder
-etwas zu dunkel. Wenn Sie auf mein Urteil irgendein
-Gewicht legen, so meine ich, was sich da in der lauschigen
-Dämmerung des Haselnußhaines abspielte, das waren
-eben die landläufigen Vorboten einer regelrechten Verlobung.
-Oder glauben Sie berechtigt zu sein, es anders aufzufassen?«</p>
-
-<p>Auf diese Frage richtete sich Johanna unvermittelt auf
-und strich sich die spröde Seide über ihrer Brust zurecht.
-Zum erstenmal lief über ihre immer so schneeigen Wangen
-ein leichtes Rot.</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht,« versetzte sie ungewiß, mit sich selbst
-kämpfend, »ich will es hoffen, obwohl meine Schwester
-Marianne &ndash; ich spreche zu Ihnen ganz rückhaltslos,
-lieber Konsul &ndash; für meinen Geschmack etwas viel zu Nachgiebiges
-und Entgegenkommendes besitzt. Aber selbst wenn
-sich Ihre Ansicht bewahrheitete,« fuhr sie überlegend fort,
-»dann halte ich es für schicklich, daß sich der junge Offizier
-zuerst an mich gewendet hätte.«</p>
-
-<p>»Liebe Johanna,« begütigte der Konsul, »Sie klammern
-sich da an eine etwas altmodische Auffassung.«</p>
-
-<p>»Nun ja, Sie mögen recht haben, ich bin eben mißtrauisch
-und wittere hinter allen Menschen zuvörderst irgendeine
-verborgene Absicht. Das Leben hat mich allmählich so geformt.
-Sie müssen mir das nicht übel deuten, lieber
-Freund, Ihnen gegenüber fällt das ja alles fort. Und nun
-die Hauptsache: Glauben Sie wirklich, daß Fritz Harder
-der geeignete Mann wäre, um eine so dauernd nach Glück
-<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-und Glanz verlangende Natur wie Marianne befriedigen
-zu können?«</p>
-
-<p>Der Konsul zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>»Gott, Sie werden nicht leugnen,« versetzte er endlich
-abschätzend, »daß er ein hübscher, flotter Bursche ist und,
-wie ich annehme, auch ein aussichtsvoller Offizier.«</p>
-
-<p>Die Älteste von Maritzken rückte hastig mit ihrem Stuhl.</p>
-
-<p>»Glauben Sie das wirklich?« entgegnete sie mit wenig
-überzeugtem Ton. »Das gerade möchte ich bezweifeln. Mir
-gefallen Männer nicht, die nicht vollkommen von ihrem
-Beruf ausgefüllt werden. Sehen Sie, was hat sich ein
-junger Leutnant für schweres Geld einen Flügel zu kaufen,
-um nun halbe Nächte lang auf ihm herumzuphantasieren?
-Er komponiert ja auch.«</p>
-
-<p>»Na, Hans,« beruhigte der Konsul, »die Vergnügungen
-in einer mittleren Garnison sind ja nicht allzu abwechslungsreich.
-Wenn er sich nur mit dieser Art von Spiel befaßt,
-so wollen wir ihn deswegen nicht verurteilen.«</p>
-
-<p>Aber die Gutsherrin war nicht so leicht abzuweisen.</p>
-
-<p>»Schön,« gab sie zu, »aber der junge Mensch hat leider
-überhaupt etwas Dilettierendes. Wie Sie wissen, versucht
-er sich auch in der Ölmalerei. Er bringt zwar ganz nette
-Porträts hervor, aber wie sich dies alles mit seinem
-eigentlichen Beruf vereint, das begreife ich nicht. Und
-um wahr zu sein, es erregt mir Mißbehagen.«</p>
-
-<p>Hier wagte es der Konsul, der leidenschaftlich Sprechenden
-begütigend, fast väterlich die Wange zu streicheln. Aber
-diesmal wurde es von der Besucherin aufgefaßt. Mit einer
-herben Bewegung schob sie seine Finger zurück. Dann
-forderte sie noch einmal:</p>
-
-<p>»Teilen Sie meine Bedenken?«</p>
-
-<p>Inzwischen hatte sich der Konsul in seinen Ledersessel
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-niedergelassen, und nachdem er seiner Gewohnheit gemäß
-mit einem Blick, wie um Rat fragend, das Antlitz des Apostels
-gestreift, da gab er seine Ansicht klug und jedes Wort
-wagend, zu erkennen.</p>
-
-<p>»Liebes Kind,« beschwichtigte er, »mit dem Beruf eines
-Offiziers ist es ein eigen Ding. Wir vergessen immer so
-leicht, daß alle Mühen und Anstrengungen, die der höhere
-Militär aufwendet und die in immer strengerem Maße
-von ihm gefordert werden, kein in die Augen fallendes
-Ergebnis zeitigen können. Sie sind die einzige Menschenklasse
-in unserem Staat, die, solang der Friede dauert,
-nicht den praktischen Beweis von ihrer Leistungsfähigkeit
-zu erbringen vermag. Man empfindet ihr ganzes Tun und
-Treiben hie und da bereits als spielerisch und überflüssig.
-Und dieses Bewußtsein ist es, was viele Soldaten so rastlos
-nach Dingen greifen heißt, die jenseits ihres Berufes
-liegen. Sie suchen sich eben auszufüllen. Nein, Johanna,«
-richtete sich der Konsul plötzlich auf und klopfte ermunternd an
-die Seitenlehne des anderen Sessels, »daraus wollen
-wir dem hübschen Bengel keinen Strick drehen. Und daß
-er sich in die knisternde Schönheit von Marianne vergaffte,
-Gott&nbsp;&ndash;« der Kaufmann zuckte die Achseln &ndash; »dieses Los
-teilt er gewiß mit manchem jugendlichen Schwärmer und
-außerdem, es läßt keinen üblen Rückschluß auf seine Uneigennützigkeit
-zu.«</p>
-
-<p>Bei diesem letzten Wort glitt ein kaltes Lächeln um die
-Lippen des Gutsfräuleins. Sie hob ihren Schleier noch
-etwas mehr, und die blauen festen Augen suchten scharf
-und bindend den Blick ihres Beraters. Der Konsul rückte
-ein wenig ungemütlich hin und her.</p>
-
-<p>»Ah, Sie meinen,« nahm die Älteste von Maritzken das
-Wort des Gefährten auf, »Sie meinen, daß der junge
-Mann Lob und Anerkennung verdiene, weil er sich zu der
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-Angehörigen einer unbegüterten Familie herabläßt, die ihren
-Töchtern keine Mitgift auszusetzen vermag?«</p>
-
-<p>»Hans, Hans,« mahnte hier der Konsul und hob dämpfend
-die Hand.</p>
-
-<p>Aber die hohe Blonde fuhr fort: »Ja, ja, man spricht
-ja so etwas Ähnliches sowohl in der Stadt, wie in der Umgegend.
-Und es ist mir ganz recht,« bestätigte sie sehr ernsthaft,
-und jener rechnende Schein spielte von neuem aus
-ihrem weißen Antlitz, »es ist mir ganz recht, wenn sich keine
-Mitgiftjäger um meine Schwestern bemühen, denn ich kann
-das Vermögen, das ich uns in achtjähriger Arbeit erworben,
-noch sehr gut in meinem landwirtschaftlichen Betriebe gebrauchen.
-Sie aber, lieber Konsul, Sie sind ja der einzige,
-der genau darüber orientiert ist, wie wenig alle diese Gerüchte
-der Wahrheit entsprechen. Ja, es ist richtig,« sprach
-sie immer heftiger weiter, »ich habe die zwei großen väterlichen
-Güter damals in der schweren Zeit aufgeben müssen.
-Oder besser gesagt, ich habe sie auf Ihren Rat mit Gewalt
-zur Versteigerung getrieben. Aber das letzte, auf dem ich
-mich festgesetzt hatte, um mich nicht mehr davon vertreiben
-zu lassen, unser Maritzken, dieses Stück Erde, halb Bauernhof,
-halb Rittergut, das ist doch mit Ihrer Hilfe so bewirtschaftet
-worden, daß es sich sehen lassen kann. Und die
-Summen, die ich hier bereits bei Ihnen ablieferte, würden
-immerhin für eine Mitgift für meine Schwestern genügen,
-nicht wahr? Lieber Konsul,« fügte sie kalt und unempfindlich
-an, als der Mann eine Bewegung ausführte, als ob ihm
-das Gespräch peinlich würde, »ich möchte bei dieser Gelegenheit
-gleich etwas richtig stellen, was mir schon lange
-Ihnen gegenüber auf dem Herzen liegt. Wenn Sie nämlich
-von diesen Privatgeldern sprechen, dann pflegen Sie
-die Summe stets durch drei zu teilen. Es scheint also, als
-ob Sie auch für mich ein eigenes Konto angelegt hätten.
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-Das ist ein Irrtum, Konsul Bark. Ich erkläre hiermit ausdrücklich,
-daß mein Teil restlos auf meine Schwestern übergeht.
-Sehen Sie mich nicht so erstaunt an, damit beleidigen
-Sie mich. Ich selbst habe dort draußen in meiner Wirksamkeit
-vollkommen meine Befriedigung gefunden und
-werde darin keine Veränderung mehr eintreten lassen.«</p>
-
-<p>Ein Augenblick der Ruhe erhob sich zwischen den Beiden.
-Der Konsul hatte sich zurückgelehnt, und seine lang bewimperten
-Augen umfaßten das ruhige Frauenbild vor
-ihm mit unverhohlener Bewunderung. Nie hatte er sie so
-begehrenswert gefunden, als jetzt, wo er das leidenschaftslose
-Gelübde ihrer Entsagung vernommen hatte. Und er
-glaubte an den unverbrüchlichen Ernst dieses Scheidens
-von den Freuden und Tänzen der Welt. Nichts Nonnenhaftes
-lag auf dem edlen Antlitz mit den strengen Marmorzügen,
-ja, während der Konsul in ihm las, meinte er beinahe,
-der wohlgeformte Mund, der so gemessen über ein
-abgeschlossenes Schicksal sprach, auf ihm sei das Lächeln
-nur eingefroren und es müßte sich herrlich ausnehmen,
-wenn es sich wieder einstelle.</p>
-
-<p>Das Gutsfräulein jedoch, als ob es fühlte, daß die Gedanken
-des so auffällig Schweigenden an ihr herumtasteten,
-schob den Sessel zurück, stand auf und rüstete sich zum Abschied.</p>
-
-<p>»Ich wollte Sie bitten, mit Fritz Harder Rücksprache
-zu nehmen,« schüttelte sie endlich ihren lang aufgesparten
-Wunsch von sich ab.</p>
-
-<p>Der Konsul verbeugte sich leicht. »Ich war auf diesen
-Befehl vorbereitet, lieber Hans. Und passen Sie auf, in
-wenigen Tagen wird der glückliche Freiersmann nach allen
-Regeln des Herkommens bei Ihnen anhalten. Übrigens,«
-fuhr er fort, »möchte ich doch vorher, wenn Sie gestatten,
-auch ein paar Worte mit Marianne über diesen Fall wechseln.
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-Und wissen Sie, Hänschen,« lachte er plötzlich ganz
-unvermutet dazwischen, »da könnten wir eigentlich ein
-sonderbares Rendezvous verabreden. Sie können sich gewiß
-nicht denken, wer mir soeben eine Einladung für Sie
-und die Mädels überbracht hat.«</p>
-
-<p>»Nein,« gestand die Aufbrechende, indem sie sich bereits
-den Schleier herabzog, »geht Ihre Vormundschaft über
-mich schon so weit, daß Sie auch Ihre Zustimmung für
-unsere Besuche zu erteilen haben?«</p>
-
-<p>»Keineswegs, Hänschen, soweit geht sie unglücklicherweise
-nicht,« scherzte der Kaufmann und strich seinem
-Besuch das verschobene Jakett ein wenig zurecht, »man
-überschätzt meinen Einfluß leider bedeutend.«</p>
-
-<p>Und nun erfuhr Johanna Grothe die merkwürdige Bitte
-des russischen Rittmeisters, der die drei Damen zu einem
-Ausflug jenseits der Grenze veranlassen wollte. Und aus
-der ganzen Art, wie der Kaufmann diese Einladung wiedergab,
-wie er die gewählte Zusammensetzung der Gesellschaft
-hervorhob oder Einzelheiten der Bewirtung schilderte, in
-allem sprach sich deutlich der Zweifel an der Verwirklichung
-des Planes aus. Allein es kam anders. Die Älteste von
-Maritzken warf plötzlich das Haupt in den Nacken, wie sie
-es immer tat, wenn sie nachdachte, dann schlug sie noch einmal
-den Schleier zurück und trat an den Schreibtisch, wo
-sie mit dem Zeigefinger allerlei Figuren auf das rote Tuch
-malte.</p>
-
-<p>»Sie fahren auch mit, Konsul Bark?« fragte sie rasch.</p>
-
-<p>Der Prinzipal des Goldenen Bechers war sich nicht ganz
-einig.</p>
-
-<p>»Ja &ndash; ja allerdings, gegebenenfalls.«</p>
-
-<p>»Dann ist es selbstverständlich, daß wir dort empfangen
-werden, wie wir es erwarten dürfen.«</p>
-
-<p>»Alle Wetter, Hänschen, was machen Sie für Sätze?«
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-vergaß sich der Kaufmann, und auf seinem hübschen Gesicht
-malte sich ein offenes Erstaunen.</p>
-
-<p>Die Gutsherrin jedoch wandte ihren klaren Blick nicht
-von ihm ab; und siehe da, was der Hausherr sich so gewünscht
-hatte, es erfüllte sich. Um den stolzen Mund der
-Hochragenden spielte unvermutet ein harmloses, ja verschmitztes
-Lächeln. Welch ein Wunder! Sie sah plötzlich
-aus wie eine gutmütige Zwanzigjährige, die einen derben
-Streich plant.</p>
-
-<p>»Hänschen, was haben Sie vor?«</p>
-
-<p>»Gott, die Sache ist ganz einfach, lieber Freund,« lächelte
-die Gefragte verschämt, »es handelt sich dabei natürlich
-für mich um ein Geschäft.«</p>
-
-<p>»Aha!«</p>
-
-<p>»Sie wissen, ich möchte für die kommende Ernte billigere
-Landarbeiter mieten, und da dachte ich, daß die Russen
-von drüben&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Hans, Sie wollen doch nicht&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Doch, doch, es nimmt hier ja auch niemand auf mich
-Rücksicht, und ich bin keine Wohltäterin. Nur die Grenzstationen
-drüben machen uns Schwierigkeiten und halten die
-gedienten Leute zurück.«</p>
-
-<p>Jetzt lachte der Konsul hell auf.</p>
-
-<p>»Ah, und Sie meinen,« rief er wohlgelaunt, »wenn die
-drei Damen von Maritzken unseren Nachbarn ein paar
-hübsche Augen zuwerfen, dann&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Das Gutsfräulein hielt seinen Blick aus.</p>
-
-<p>»Das nicht gerade,« sprach sie ruhig, »reden Sie keinen
-solchen Unsinn, Konsul Bark. Aber ein Wort gibt das
-andere, verstehen Sie? Man gelangt leichter an sein Ziel.
-Und dann,« fügte sie noch überlegt an, »ich brauche auch
-billige Ackerpferde, und dort drüben verkauft man sie halb
-umsonst. Man bedarf nur der Protektion.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-»Die wird Ihnen nicht fehlen,« schloß der Kaufmann,
-indem er seinen Gast höflich bis zu den vier Marmorstufen
-geleitete, »verlassen Sie sich darauf, bester Hans. Aber
-wie gesagt, Sie sind ein kapitaler Rechner. Und über den
-Ausflug ins Russische reden wir noch. Da ich als Anstandspapa
-zu fungieren habe, so will ich mich doch noch genauer
-über alles orientieren. Und nun, lieber Hans, leben Sie
-wohl, und ich danke Ihnen auch für Ihren lieben Besuch.«</p>
-
-<p>Die Blonde reichte ihm über die Stufen hinauf die
-Rechte. Es war ein Händedruck, wie sie es gewohnt war,
-fest, kräftig, zupackend. Die wohlgepflegten Finger des
-eleganten Mannes empfanden die Umklammerung beinahe
-schmerzlich.</p>
-
-<p>»Wenn ich Sie nur nicht gestört habe,« warf sie noch
-dankbar zurück.</p>
-
-<p>Der Mann aber verbeugte sich leicht und entgegnete
-nachdrücklich:</p>
-
-<p>»Ich wünschte, Sie kämen öfter.«</p>
-
-<p>Dann blieb er unter den geöffneten Türflügeln stehen
-und sah ihr nach, bis die hohe Gestalt jenseits des Marktplatzes
-verschwunden war.</p>
-
-
-
-
-<h3>II.</h3>
-
-
-<p>Glutrote Abendsonne glitzerte aus allen hochgelegenen
-Fensterscheiben der Stadt, selbst an dem schwarzen Schieferdach
-der Sankt Sebaldus-Kirche floß es wie von blutigen
-Strömen hinunter. Hoch oben unter dem First stand in
-einer engen Mauerhöhlung die bunte Holzstatue des Schutzheiligen,
-und auch aus seinem sonst erloschenen Sternenreif
-spritzten die roten Lichtflammen. Es sah aus, als
-wäre das entblößte heilige Haupt von ein paar Säbelhieben
-getroffen und heller Lebenssaft zische aus den
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-Wunden hervor. Immer mehr verbreiteten sich die funkelnden
-Lachen auf den schwarzen Platten.</p>
-
-<p>Unter dem in Flammengold und angehendem Violett
-schimmernden Himmel zog gerade über dem Marktplatz
-eine Schar weißer Tauben ihre Kreise. Eine vereinzelte
-blauschwarze Nachzüglerin flatterte in geringem Abstand
-hinter den blitzenden Schwestern her, gleich einem schlimmen
-Gedanken, den die guten, beseligenden weit hinter sich gelassen.
-Ein frischer Abendwind surrte durch die Gassen,
-und von den nahen Feldern, die sich hinter der Stadt in
-ununterbrochener Weite dehnten, führte er einen süßen
-Kleeduft mit sich.</p>
-
-<p>Gerade als es in rollenden, schleppenden Tönen von der
-Sebaldus-Kirche die siebente Stunde schlug, da quoll aus
-der am Markt liegenden Konditorei von Klinkowström eine
-kleine Anzahl junger Offiziere heraus, die sich lachend und
-säbelschleifend über dem schmalen Trottoir verbreitete.</p>
-
-<p>»'n Abend, Harder.«</p>
-
-<p>»Adieu, Janick. Ihr bleibt im Kasino, wie?«</p>
-
-<p>»Nirgends anders. Dort soll ja eine kleine Götterberatung
-stattfinden, was wir mit dem Onkel aus dem
-Generalstab anstellen sollen, der den Herren Offizieren in
-einiger Zeit zum Vortrag geschickt wird. <i>A propos</i>, lieber
-Harder, ist dieses wissenschaftliche Huhn, der Major von
-Siebel, nicht ein Verwandter von Ihnen?«</p>
-
-<p>Der junge Offizier mit der saloppen, etwas vorgebeugten
-Haltung und dem scharf geschnittenen, bartlosen Antlitz,
-von dem seine Kameraden behaupteten, daß es ein Cäsarenkopf
-wäre, hakte seinen Säbel ein und blies von dem
-schwarzen Interimsrock achtlos etwas Zigarettenasche
-hinweg.</p>
-
-<p>»Siebel?«, wiederholte er mit einer leisen, wohllautenden
-Stimme, die gar nichts Militärisches in sich barg und
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-auch den energischen Zügen seines dunklen Gesichts nicht
-zu entsprechen schien. »Was Sie sagen, Janick, kommt der
-her? Jawohl, er ist wohl ein Übervetter meiner Mutter. Wir
-duzen uns gerade noch. Übrigens ein grundgescheiter Herr.«</p>
-
-<p>»Na ja,« pflichtete der baumlange Janick bei, indem er
-einen anderen Kameraden bereits unter den Arm faßte,
-»die Weisheit liegt in Eurer Familie. Na, und Sie, Musikante,
-ziehen wohl für heute abend wieder zu Mendelssohn
-und Beethoven ab? Meinen Segen haben Sie. Viel Erbauung!«</p>
-
-<p>Der Schlanke griff nachlässig an seine Mütze und wandte
-sich, um in eine Seitenstraße einzubiegen:</p>
-
-<p>»Danke für den frommen Wunsch, meine Herren,«
-meinte er gleichgültig, »Sie sind sehr gütig.«</p>
-
-<p>Seine Schritte hallten schon in dem engen Gäßchen, als
-der lange Janick ihm noch nachrief:</p>
-
-<p>»Fritz, vergessen Sie nicht, morgen früh wieder sechs
-Uhr Schützengrabenübung. Das verdammte Buddeln
-nimmt kein Ende.«</p>
-
-<p>»Danke,« schallte es von der anderen Seite zurück, »die
-Ordonnanz war schon bei mir. Gute Nacht, meine Herren.«</p>
-
-<p>Langsam, mit seiner vorgebeugten Haltung setzte Fritz
-Harder seinen Weg durch die enge Zeile fort. Vor einem
-Antiquitätenladen, in dessen dunklem verräucherten Schaufenster
-neben ein paar Trommeln aus den Freiheitskriegen
-auch ein Bild in halb vermodertem Rahmen ausgestellt
-war, verharrte der junge Offizier und hob sein Monokel
-vor das Auge. Eine kleine Weile betrachtete er die schwärzliche
-Landschaft. Dann murmelte er etwas Unverständliches
-und nahm seinen Weg wieder auf, ohne den jungen Mädchen,
-die hier paarweise promenierten, irgendwelche Beachtung
-zu schenken. Bald hatte er sein Heim erreicht. Es
-war ein ganz schmales, spitzgiebliges Häuschen, das sich
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-zwischen zwei anderen altertümlichen Bauten nur schüchtern
-eingeklemmt hatte. Vor Baufälligkeit schien es sich direkt
-vorüber zu neigen, und da es außerdem bis zu dem Holzbord
-des ersten Stockwerks himmelblau angestrichen war,
-von dort aber bis unter das Dach in rosenroter Färbung
-prangte, so glich es viel mehr einem Pfefferkuchengebilde
-vom Weihnachtsmarkt, das man recht lieblich und bunt
-herausstaffiert. Kaum begreiflich aber war es, wie
-die Zwei-Fenster-Front des Häuschens noch durch eine rot
-gepflasterte Diele getrennt sein sollte. Und doch verhielt
-es sich so. Auf der einen Seite des Flurs ging es nämlich
-beständig tick-tack, tick-tack. Hier hauste der Besitzer des
-blauen und rosenroten Pfefferkuchens, Herr Nikolaus Adameit,
-der ehrsame Zunftmeister der Uhrmachergilde. Ja,
-hier nistete der alte struwelige Mann, hochgeehrt und bewundert
-von der ganzen Handelsstadt, denn es haftete wohl
-im Gedenken seiner Mitbürger, daß es ihm allein von allen
-seinen Handwerksgenossen vor reichlich vierzig Jahren gelungen
-war, das verstummte Glockenspiel der Sebaldus-Kirche
-zu neuem klingenden Leben zu erwecken. Das hatte
-dem damals im kräftigsten Mannesalter stehenden Künstler
-tausend preußische Reichstaler eingetragen. Und wozu hatte
-er diese große, diese überschwengliche Summe verwendet?</p>
-
-<p>Wozu?</p>
-
-<p>Kein Mensch konnte darüber etwas Genaues angeben.
-Man hörte nur aus den wütend hingeworfenen Angaben
-seines stotternden Gehilfen Leiser Bienchen, eines phantastisch
-armen Judenjungen, der von den Wohltaten seines
-Meisters lebte, alle alten Kleidungsstücke des Uhrmachers
-bis zum Zerbröckeln auftrug und trotzdem, aus künstlerischen
-Gründen, beständig im heftigsten Streit mit seinem
-zahnlosen Prinzipal lebte, man vernahm nur in Augenblicken
-zitternder Wut von jenem menschenscheuen Gehilfen,
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-daß es sich um eine Erfindung handele, die einmal Millionen
-einbringen müßte. Tief unten in einem triefend feuchten
-Keller, und immer nur in den Frühstunden, wurde von
-den beiden Adepten an dieser merkwürdigen Maschinerie
-gearbeitet. Und der letzte Bursche des Leutnants, der sich
-einmal bis in den schwarzen Abgrund hinunter verirrte,
-er hatte entdeckt, daß bei jenen beglückenden Ideen zweifellos
-auch ein starkes Uhrwerk im Spiel sein müsse:</p>
-
-<p>»Denn in dem Keller, Herr Leutnant, macht es immerfort
-tick-tack, tick-tack. Es stinkt mordsmäßig dort unten.
-Nach Schwefel und Säuren und all solchem Zeug. Und
-wenn mich der verfluchte Judenbengel nicht einen Fußtritt
-gerade vor den Magen versetzt hätte, Herr Leutnant, ich
-hätte die Beiden bei der Teufelsbeschwörung überrascht.
-Denn um so was handelt es sich, um nichts anderes!«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Als Fritz Harder die eine der von ihm gemieteten Stuben
-in dem Pfefferkuchenhäuschen betrat, stand sein Bursche, ein
-derber, vierschrötiger Ostpreuße gerade an dem ovalen Tisch,
-um eine billige weiße Petroleumlampe zu entzünden. Er
-machte sofort vor seinem Leutnant stramm und nahm ihm
-die Mütze ab, die ihm Fritz herüberreichte.</p>
-
-<p>»Na, Reddemann,« begrüßte ihn der Offizier, während
-er sich ein wenig ermüdet auf einen Korbsessel dicht an
-dem schmalen Fenster niederließ, »hast du mir die Sachen
-besorgt?«</p>
-
-<p>»Zu Befehl, Herr Leutnant, das Frühlingslied von
-Mendelssohn. Sehr schön.«</p>
-
-<p>»Aha, du hast wohl wieder darin herumgenascht?«</p>
-
-<p>»Zu Befehl. Herr Leutnant wissen ja, daß wir zu Haus
-einen Gesangverein haben.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-Der am Fenster Sitzende öffnete sich ein wenig den Uniformrock.</p>
-
-<p>»Na, ob ich das weiß,« warf er gutmütig hin, »du
-heulst ja manchmal, mein Junge, daß ich glaubte, Bienchens
-räudiger Pudel hätte Leibschmerzen bekommen.«</p>
-
-<p>Allein trotz dieser etwas derben Charakterisierung seiner
-Gesangskunst reckte sich der stämmige Bursche und sah
-sehr befriedigt aus.</p>
-
-<p>»Herr Leutnant,« verteidigte er sich, »dann übe ich bloß.
-Aber bei uns zu Hause in Pillkallen sagen die Leute, ich
-hätte die stärkste Stimme.«</p>
-
-<p>»Jawohl,« lächelte der Leutnant, »das sage ich auch.
-Und nun, Reddemann, schwirre mal in das Kasino ab
-und hole mir meine Menage. Aber die Tischordonnanz
-soll alles hübsch warm geben, verstanden?«</p>
-
-<p>»Zu Befehl, Herr Leutnant. Sonst noch etwas?«</p>
-
-<p>»Jawohl, bringe mir von nebenan ein paar Zigarren
-mit, von der billigen Sorte.«</p>
-
-<p>»Zu Befehl, Herr Leutnant.«</p>
-
-<p>Der Ostpreuße bedeckte sich mit seiner Mütze, fuhr noch
-einmal ordnend auf dem Tisch herum und stolperte auf
-die Diele heraus. Gleich darauf sah ihn sein Gebieter die
-enge Gasse im Trab durcheilen. Mehrfach noch wandte
-sich das plumpe Antlitz aufmerksam zurück, ob auch sein
-Herr diese beschleunigte Gangart wahrnehme.</p>
-
-<p>Fritz Harder jedoch verweilte noch längere Zeit am
-Fenster und stützte nachdenklich den feinen Kopf mit den
-dunklen Haaren auf die Hand. Und wie schon so oft,
-überkam ihn, wenn er den Eindruck des ungeheuer niedrigen,
-fast kahlen Stübchens mit der verblaßten Blumentapete
-auf sich wirken ließ, jenes überwältigende, niederdrückende
-Einsamkeitsgefühl. Auch die enge Gasse, durch die kein
-Wagen fahren durfte, mutete ihn an, als ob eine Riesenfaust
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-sie zusammengepreßt hätte, damit jede Spur einer
-frischen reinen Luft aus ihr entwiche. Dumpf und feucht
-wie aus einem Kellerloch wehte es zu ihm herein. Herrgott,
-hier lebte man wirklich wie in den Kasematten der
-Festung, durch hohe Mauern abgesperrt von allem Glanz
-des Tages. Und dann das trostlose Einerlei seiner Tätigkeit.
-Wie ihn das mit einem ängstlichen Schauer erfüllte,
-wenn er sich all diese gleichgültigen und dennoch, wie er
-zugeben mußte, notwendigen Dinge zurückrief. Heute und
-morgen und übermorgen das Rekruten-Einexerzieren, die
-ewig geübten und wiederholten Instruktionsstunden, die
-anstrengenden Märsche bis weit über das Glacis der ehemaligen
-Festung, wo er jeden Baum, jeden Strauch, jeden
-Hügel und jeden Graben kannte und beschrieben hatte.
-Und dazu die Aussicht, die Aussicht in weiter Ferne, unwahrscheinlich
-und unerreichbar, jemals sich in dem wissenschaftlichen
-und kunstgemäßen Untergrund des Dienstes
-betätigen zu dürfen. Denn ach, wie jede praktische Beschäftigung
-auf Erden, so war ja auch sein Beruf auf festen
-Quadern einer historischen, sowie einer technischen Wissenskunde
-aufgebaut. Aber in dieses strenge, wohlverschlossene,
-geheimnisvolle Haus fanden fast ausschließlich die Mitglieder
-einer bevorzugten Kaste Einlaß, und selbst jene
-harrten wieder vergeblich vor den innersten Kammern, in
-denen, wie in dem pochenden Herzen des gewaltigen Körpers,
-alle feinsten Adern und Verästelungen zusammenliefen.
-Wie sollte da der Sohn eines auf sein schmales
-Gehalt angewiesenen ostpreußischen Oberförsters hoffen
-dürfen? Umsonst blieben die verborgen angesponnenen
-Versuche, die sein heiß aufbegehrender Arbeitswille hie
-und da unternommen. Sie vergilbten in der Schublade des
-wackligen Fichtentischchens dort in der Ecke, ja, ihr Vorhandensein
-sogar wurde von den fröhlicheren Kameraden &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-mit Recht &ndash; verspottet. Oh, wenn nur der Drang und die
-Sucht nicht gewesen wären, sich aus diesen umklammernden
-Beängstigungen vor der Zukunft zu befreien. Da
-gab es nur ein Mittel. Und der Blick des Nachdenklichen
-schweifte zu dem geborgten Flügel hinüber, der in seinem
-schwarzen Glanz fast die Hälfte des Zimmers ausfüllte.
-Leuchtend spiegelten sich die Strahlen des Lämpchens auf
-der fein polierten Platte. Ja, dort wob sich ein Zaubernetz,
-in das er sich träumend strecken konnte, und das dann
-von klingenden Genien emporgehoben wurde weit fort
-über die kleine handeltreibende Stadt, fort von den zechenden,
-hasardierenden Kameraden mit ihrer absichtlich zur
-Schau getragenen Verachtung alles höheren Bildungsstrebens,
-weit fort von Armut und Beschränkung. Aber
-nein&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und der Nachdenkliche am Fenster zuckte zusammen und
-vergrub jetzt sein Haupt, auf dem es plötzlich wie in Glut
-und Feuer aufflammte, in beide Hände. Vergessen und
-Beseligung, sie wurden dem Glücklichen noch von anderer
-Seite gespendet. Hier wuchs Trost, Erbauung, Andacht,
-tiefe Demut vor der göttergebildeten Schönheit, und die verzehrende
-auflösende Sehnsucht, sich in ein anderes prangendes
-Dasein hinüber zu retten, wie es wohl nur ein
-Künstler in seinen Träumen fühlen konnte. Das schöne,
-gnadenspendende Weib stand lächelnd und reizvoll, zu
-immer neuen Gaben bereit, vor den geschlossenen Augen des
-Kämpfenden, bis sich sein jugendstarker Körper unter
-einem fröstelnden Schauer wand. Und doch, wie entsetzlich,
-auch hier die Unsicherheit, die sein Leben so wehrlos
-machte. In Stunden aufschießender Erkenntnis, empfand
-er da nicht unumstößlich gewiß, wie das Beste in
-ihm, trotz der glückverlangenden, spielerischen, lustdurchzitterten
-Zeit um ihn herum, nach Dauer, nach Reinheit
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-und nach Sicherem verlangte? Ein Begehren, das ihn
-bei seinen forschen Kameraden in den Ruf eines sonderbaren
-Heiligen gebracht. Nein, das ließ sich nicht wegschwatzen
-und fortdisputieren. Jene starke Sehnsucht haftete
-ihm von dem kleinen beschränkten Elternhause an, von
-jener Stätte des Friedens, die dem früh Herausgetretenen
-stets in einem rührenden Lichte der Innigkeit und
-des Behagens herüberleuchtete. Und lebte diese beruhigende
-Sicherheit etwa in der schönen, strahlenden Marianne, die
-wie eine dunkle Verlockung aus einem orientalischen Märchen
-in sein Leben getreten war?</p>
-
-<p>Mitten in seinen Gedanken griff der Träumende um sich,
-hierhin und dorthin, als ob er einen Halt suche. Etwas
-Festes, woran sich ein Wankender aufrichten konnte. Allein
-die aufgestörten Bilder seiner Phantasie rissen ihm Stab
-und Stütze aus den Händen und jagten ihn weiter. Nein,
-sein scharfer Verstand, das Erbteil seiner rechnenden Mutter,
-bewies es ihm klar und deutlich, daß dasjenige, was
-ihm als etwas Hohes und Heiliges vorschwebte, immer
-und immer wieder zu einem Spiel entwürdigt wurde. Zu
-einem lockenden Haschen und Entflattern, das ihm allmählich
-die Kräfte der Seele raubte. Keine Zusicherung
-war zu erlangen, nichts Bindendes, nur jenes ewige Reizen
-und Versagen, in dem er auch alle seine Kameraden sich
-herumtummeln sah. Sicherlich, es war die Gewohnheit
-einer kulturell verstiegenen Zeit geworden. Das Tiefste,
-was das Menschentum barg, der Born, aus dem sich vergangene
-Geschlechter immer neue Jugend schöpften, man
-hatte ihn parfümiert und mit allerlei Reizmitteln verbunden,
-die die heiligen Wasser um ihre läuternde Wirkung
-brachten. Das jetzige schnell dahinrasende Geschlecht wähnte
-ohne jene aufpeitschenden Genüsse nicht mehr das Gleichmaß
-der Tage überstehen zu können. Aber unten, tief
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-unten auf dem undurchsichtigen und aufgewühlten Grunde
-des Borns, da lagerte der Ekel.</p>
-
-<p>Als Fritz Harder bis hierher gelangt war, schreckte er
-plötzlich auf. War es ein kühlerer Luftzug, der ihn durch
-das offene Fenster hindurch anwehte, oder hatte ihn das
-mißtönende Geschlürf von ein Paar merkwürdig kreischenden
-Stiefeln aus seinen Gespinsten verscheucht? Rasch
-wandte er das Haupt, knöpfte den Uniformrock zu und
-zog ihn fester über der jugendlichen Brust zusammen.
-Wahrhaftig, er hatte sich nicht getäuscht. Draußen auf dem
-Bürgersteig wurde ein unendlich zerbeulter steifer Filzhut
-vor ihm gelüftet. Solch ein ehrwürdiges Stück konnte nur
-dem mißvergnügten Erfinder Leiser Bienchen gehören, der
-Punkt halb acht, seinem Meister, dem alten Adameit, zum
-Trotz das Pfefferkuchenhaus verließ, um in einem
-schockelnden Trabe dreimal die enge Gasse herauf und herunter
-zu laufen.</p>
-
-<p>»Schönen guten Abend, Herr Leutnant,« sagte der knickbeinige
-Geselle zu dem Einwohner seines Herrn hinauf
-und verzog die weit vorstehende Karpfenschnauze, die ewig
-beweglich in einem Meer von Runzeln schwamm, zu einem
-griesgrämigen Lächeln. »Was hab' ich Ihnen gesagt, was
-hab' ich Ihnen schon heut morgen gesagt? Er ist wieder
-vollständig wild. Ein Meschuggener, Herr Leutnant, Sie
-können es mir glauben. Aber einer von die schlimme Sorte.
-Besessen. Er wird noch einmal anrichten das größte Malheur.
-Heute hat er wieder &ndash; das heißt, das gehört nicht
-zur Sache&nbsp;&ndash;,« unterbrach sich Leiser Bienchen und bewegte
-seine verkrümmte Gestalt in den Hüften hin und
-her, so daß sein Rockkragen immer abwechselnd das rechte
-oder das linke Ohr erreichte; »was ich sagen wollte, seine
-Ideen sind gut, aber zu hastig, Herr Leutnant, zu hastig.
-Jeden Tag was anderes. Nu, wie gesagt, ich freue mich
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-bloß auf das große Unglück. Sie werden sehen. Gute
-Nacht, Herr Leutnant.«</p>
-
-<p>Fritz Harder nickte der schlottrigen Gestalt zu und verfolgte
-den Davontrabenden, bis er ihn in der Einbuchtung
-des Marktplatzes verschwinden sah. Was er aber
-nicht wußte, das bestand darin, daß dieser mit Gott und
-den Menschen unzufriedene Geselle in den kargen Abendstunden,
-die ihm vergönnt waren, sich fast regelmäßig
-unter eine äußere Nische der herrlichen Sebalduskirche
-mitten auf dem Marktplatz drückte, um gespannt abzuwarten,
-bis das berühmte Glockenspiel seinen silbernen
-Gesang ertönen ließ. Dann neigte der kleine Jude das
-Haupt, und während er sein mächtiges Lippenpaar krampfhaft
-festhielt, damit es sich nicht gegen seinen Willen kritisch
-hin und her bewege, da murmelte er fast immer in einer
-seltsamen Rührung:</p>
-
-<p>»Großartig, ganz, ganz großartig. Wie er das wohl
-herausgebracht hat? Was hab' ich immer gesagt? Dieser
-Adameit is'n Meschuggener und 'n ganz gemeiner, gewöhnlicher
-Filz, der mir abzieht bald 'n Groschen hier und bald
-'n Groschen da. Aber was kann ich dafür? Der Mann ist
-ein Genie, 'n ganz großes, unerklärliches Genie, und es
-ist mein Pech, daß ich ihm nicht ablernen kann, wie man
-das wird.« Und dann hob er das Haupt und schockelte sich
-verzückt in den Hüften hin und her. »Gott, wie ein Klang.
-Man möchte tanzen dazu. Wie schön ist doch diese deutsche
-Musik!«</p>
-
-<p>Immer grauer kroch die Dämmerung durch die enge
-Rosenkranzgasse. Schon traten einzelne Geschäftsleute auf
-das schmale Trottoir, um die Jalousien vor ihren Schaufenstern
-herabzuziehen. In dem kleinen Leutnantszimmer
-jedoch merkte man nichts mehr von Dämmerung und Kahlheit.
-Allgewaltig herrschte in ihm jener klingende, sorgenlösende
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-Gott, den der kleine verkümmerte Jude unter seiner
-Kirchennische so inbrünstig angerufen hatte. Fritz Harder
-saß vor seinem Flügel und spielte. Längst hatte er die
-vorgezeichneten Bahnen des Musiktextes verlassen, und
-ohne, daß er es selbst ahnte, ebneten sich plötzlich helle,
-weißschimmernde Pfade vor ihm, die ihn hinaufleiteten
-auf klare, glashelle Höhen. Je weiter er aufwärts stieg,
-desto wunderbarere Prozessionen zogen ihm entgegen. Sie
-trugen goldene Kronen, die er sich auf das Haupt setzte,
-um unter wuchtigen Klängen den düsteren Schauer der
-Macht zu spüren. Und hinter seinen geschlossenen Augen
-spiegelte es sich deutlich, wie sich die zarten Luftgebilde
-ehrfürchtig vor dem armen kleinen Leutnant neigten. Aber
-das war noch nicht das Herrlichste, was ihm entgegenquoll.
-Einsamer und stiller wurden die verschwiegenen Wege,
-schwanke, braune Haselnußstauden schlossen sich über ihm
-zu einem schattigen Domgang zusammen, und ganz oben
-auf der letzten Stufe, da leuchtete wartend und verlangend
-eine Gestalt von so üppiger Pracht, daß der Betörte mitten
-durch seine Melodien dicht über dem Haupte das betäubende
-Donnern einer ungeheuren Glocke zu vernehmen
-meinte. Aber es waren nur die starken Schläge seines
-eigenen Herzens, das die Ströme des Blutes nicht mehr
-zu bändigen vermochte.</p>
-
-<p>»Marianne,« flüsterte er ermattet, während seine Hände
-kraftlos von den Tasten herabsanken.</p>
-
-<p>Da &ndash; um Gott, das war doch nicht möglich, &ndash; da
-lachte etwas hinter ihm. Genau mit demselben silbernen,
-etwas müden Ausdruck, wie er es eben in den verebbenden
-Phantasien aufgefangen. Undenkbar! Das war noch nie
-geschehen. Ein wahnsinniger Spuk, der ihm deutlich zeigte,
-wie weit seine kräftige Natur bereits von allem Wirklichen fortgelockt
-war. Wozu nachgeben? Weshalb sich erst umwenden?</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-Und doch &ndash; dicht neben ihm rauschte es stärker. Ein
-feiner Resedaduft schlug auf. Hinter seinem Rücken wähnte
-der Gebannte etwas Weiches, Köstliches zu spüren, und
-dann &ndash; ein züngelnder Blitz &ndash; ein paar warme Lippen
-schmiegten sich auf seinen Nacken und blieben dort haften.</p>
-
-<p>Er sprang in die Höhe, daß die Tasten einen wimmernden
-Laut aussendeten. Vor seinen Augen schimmerte es.
-Er konnte das Unwahrscheinliche nicht fassen.</p>
-
-<p>»Marianne,« stammelte er ungläubig, ohne den Klaviersessel,
-den er umkrampft hielt, frei zu geben, »bist du es
-wirklich? Bei mir?« Und er schickte einen beschwörenden
-Blick in die Runde, als ob er die geblümte Tapete, die
-abgetretenen Dielen, sowie die jämmerlich mürben Möbelstücke
-anflehen wollte, sich für die elegante Dame in dem
-weißen Sommerkleid zu einem Fürstensaal zu verwandeln.</p>
-
-<p>Ganz im Gegensatz zu der Befürchtung des jungen Offiziers
-indessen schien sich seine Besucherin von diesem
-Junggesellenheim äußerst angemutet zu fühlen. Langsam
-schlug sie ihren blauseidenen Staubmantel auseinander,
-beugte das eine Knie auf den einzigen Korblehnstuhl und
-zeichnete mit ihrem schlanken weißen Sonnenschirm allerlei
-Figuren auf den verschossenen grünen Teppich.</p>
-
-<p>»Also hier wohnst du, Fritz?«</p>
-
-<p>Inzwischen hatte der Überraschte Sprache und Besinnung
-wiedergefunden. Ein fernes nagendes Gefühl des
-Unbehagens zehrte in seiner Brust und ließ ihn einen
-hastigen Blick auf die niedrige Tür werfen. Die Idee, daß
-jene Schwelle in wenigen Minuten von seinem menageschleppenden
-Burschen überschritten werden könnte, sie peinigte
-seine anerzogene Vornehmheit und zauste in der aufspringenden
-Freude herum.</p>
-
-<p>»Liebe, süße Marianne,« begann er befangen, »daß du
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-soviel Mut besitzt! Ich weiß gar nicht, wie ich dir
-dafür danken soll.«</p>
-
-<p>»Oh,« erwiderte das schöne Geschöpf lächelnd, »ich
-wüßte es schon. Du könntest zum Beispiel schnell die
-Vorhänge vor deinem Fenster schließen. Das würde dich
-sicherlich von vielen Befürchtungen befreien, nicht wahr,
-Fritzchen?«</p>
-
-<p>Sie sprach es so harmlos und lässig, und ihre schwarzen
-Augen streiften dabei so schalkhaft sein Antlitz, daß der
-Offizier im ersten Moment gar nicht begriff, warum ihn
-ihre praktische Anordnung derartig verletzte. Und nur langsam
-verstand er sich selbst. Die Sicherheit, mit der sie hier
-disponierte, das Vertrautsein mit allerlei abscheulichen
-kleinen Kriegslisten, alles das erkältete ihn und ließ ihn
-verstummen. Schweigend schritt er zum Fenster und riß
-den Vorhang zusammen. Dann trat er hinter ihren Stuhl,
-den sie noch immer in leise schaukelnder Bewegung hielt.
-Und unvermerkt entzündete sich sein Schönheitssinn an
-der sanften Schwingung, durch die diese prachtvollen Glieder
-ihm bald zugebeugt und wieder entfernt wurden. Ganz
-sacht und unmerklich. Immer von neuem ein betörendes
-Haschen und Entflattern. Die Macht, die sie über ihn ausübte,
-ohne daß sie viel sprach oder ihn durch blendende
-Gedanken zu interessieren vermochte, sie schlug abermals
-über dem halb Gewonnenen zusammen.</p>
-
-<p>»Du siehst so ernst aus, mein Liebling,« sagte sie mit
-ihrer weichen Stimme, aus der ein geübteres Ohr freilich
-leicht einen ganz feinen Unterton des Spottes herausgehört
-hätte, »hat dich der Dienst wieder so mitgenommen?
-Oder bist du mir vielleicht böse, weil ich dir durch meinen
-Besuch &ndash; meinen ersten &ndash; Unannehmlichkeiten bereiten
-könnte?«</p>
-
-<p>Sie lag jetzt mit beiden Knien auf dem knarrenden Korbgeflecht,
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-eng und warm ihm hingegeben, und er fühlte,
-wie die feine Seide ihres Handschuhs seine Wange streichelte.
-Nur die schwanke Lehne des Sessels türmte eine
-unmerkliche Grenzscheide zwischen ihnen.</p>
-
-<p>»Bist du mir böse?« forschte sie noch einmal in einem
-nachgiebigen Ton, der ihn durchzitterte.</p>
-
-<p>Fritz Harder strich sich leicht über die Stirn. Noch war
-das Entgegenstehende, das ihn gefangen hielt, nicht gänzlich
-überwunden. Und dann &ndash; in dieser Minute der Besinnung
-bestürmte ihn noch einmal der ehrliche und klare
-Wunsch, etwas Dauerndes zu schaffen, rechtlich und vornehm
-zu handeln, wie es der kleine vierschrötige Oberförster
-dort oben in den masurischen Wäldern unbedingt
-von ihm verlangt und gefordert hätte.</p>
-
-<p>»Ich fürchte nichts für mich,« gab er deshalb ernster,
-als er beabsichtigt, zurück, »mich erschreckt nur der Gedanke,
-Marianne, daß dich die klatschsüchtigen Leute hier
-in der Gasse aus meinem Hause heraustreten sehen könnten.«</p>
-
-<p>Da versetzte sie ihm einen leichten Schlag auf die Wange
-und wunderbar &ndash; sie lachte belustigt auf.</p>
-
-<p>»Aber du Dummerchen,« beruhigte sie ihn, und wieder
-wiegte sie sich leise, »du glaubst doch nicht, daß ich für
-einen solchen Fall nicht vorgesorgt hätte? Ja, ich habe
-meiner Schwester Johanna sogar direkt mitgeteilt, in
-welches Haus ich gehe.«</p>
-
-<p>»Was? Das hast du getan?«</p>
-
-<p>»Ja, denk mal, wie schrecklich. Herr Nikolaus Adameit
-repariert nämlich meine goldene Armbanduhr, und selbst
-Johanna hielt es für nützlich, den alten Sonderling zu
-einiger Eile zu ermuntern. Meine große Schwester fürchtet
-ja immer, es könnte ihr irgend jemand etwas fortnehmen.
-Nun?« schmeichelte sie und blickte von unten zu ihm herauf,
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-»sind deine Beklemmungen jetzt verflogen? Wirst
-du nun tapferer sein?«</p>
-
-<p>Da enträtselte er zum erstenmal den verborgenen Spott
-in den Worten des Mädchens. Eine ferne Geringschätzung,
-die an seinem unbekümmerten Mut, an seiner jugendlichen
-Sorglosigkeit zu zweifeln schien. Das ertrug er nicht. Und
-auch diese Augen, die so erwartend und leuchtend schimmerten,
-in jenen großen schwarzen Bränden verknisterten
-all seine Pläne. Immer kecker lächelte der kleine, sich darbietende
-Frauenmund. Und da wirbelte auch schon wieder
-der Rausch über ihm empor.</p>
-
-<p>Ein einziges, gewaltsames Ansichreißen, ein gedämpfter
-Laut der Überraschung, und dann stürzten die Wände mit
-den geblümten Tapeten, der geborgte Flügel, der Korbsessel
-und all das kahle Gerät in der wütenden Lohe zusammen.</p>
-
-<p>Er fand sich wieder, aufwachend, verwirrt, in einer
-Situation, die er sich durchaus nicht zu deuten wußte.
-Wie in aller Welt hatte Marianne ihm den Degen von
-der Seite zu entwenden vermocht und weshalb setzte sie
-ihm die Spitze der Waffe auf einen Schritt Entfernung
-gegen die Brust, als ob sie sich vor ihm schützen wolle?</p>
-
-<p>»Nun ist es aber wirklich genug, Fritzchen,« hörte er
-eine überraschend vernünftige Stimme durch all die Wirrnis
-hindurchschlagen, »du benimmst dich immer wieder wie
-ein kleiner unartiger Junge und hast nicht den geringsten
-Begriff davon, wie man mit einer Damentoilette umgeht.
-Was soll sich denn Johanna von mir und meiner
-Konferenz mit Herrn Adameit denken? Sieh bloß mal
-an, wie du meinen Staubmantel zerknittert hast!«</p>
-
-<p>Ach ja, der Staubmantel! Ihm gebührte freilich nach
-dem Wiederkehren aus dem von Blutrosen und Dornen
-umsponnenen Eiland die erste Rücksicht. Dieser verfluchte,
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-stumpfsinnige, lächerliche Mantel! Im Moment haßte
-der sich Zurückfindende das elegante Kleidungsstück, dessen
-knisternde Seide er eben noch mit kosenden Fingern gestreichelt.
-Immer deutlicher nahmen seine schmerzenden
-Augen wahr, wie störend sich die Erscheinung des berückenden
-Geschöpfes darbot, als Marianne jetzt den Degen
-achtlos auf das Sofa warf, um sich darauf vor dem
-kleinen goldgerahmten Wandspiegel den dunklen Rosenhut
-sorgfältig auf ihren Flechten zu befestigen. Erstaunt
-blickte er auf die ihm abgewandte Gestalt hinüber. Und
-doch, wie zart sich die krausen feinen Härchen von dem
-matt getönten Nacken abhoben! Herr des Himmels &ndash;
-ein leiser Seufzer entfuhr ihm &ndash; nein, das ertrug er nicht
-länger. All die widersprechenden Empfindungen, all das
-Unvereinbare von Anbetung und scheuem furchtsamen
-Tasten nach der innersten Seele der Geliebten, es umgab
-ihn mit einem dichten betäubenden Nebel, aus dem er sich
-unbedingt ins Freie retten mußte. Selbst seine Glieder
-schmerzten, als würde sein sich bäumender Körper tatsächlich
-durch feine mutwillige Hände von Bergesspitzen
-in Abgründe geschleudert. Und alles aus Neckerei. Aus
-Lust an Aufregung und Spiel. Darunter nahm sein
-Mannestum Schaden. Eine dumpfe Hörigkeit umschnürte
-seinen freien Willen, die ihm in den Augenblicken der
-Selbsterkenntnis unwürdig und unerträglich dünkte. Plötzlich
-reckte er sich. Er war ganz der klare Soldat, dem
-von allen seinen Untergebenen ein unbedingtes Vertrauen
-entgegengebracht wurde.</p>
-
-<p>»Marianne,« sagte er unvermittelt klar und bestimmt,
-»ich habe mit dir zu reden.«</p>
-
-<p>Die junge Dame am Spiegel ließ die vollen Arme, die
-den Schäferhut in eine anmutig schräge Lage zu bringen
-trachteten, nicht sinken, sie kehrte sich auch nicht zu ihm,
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-sondern, während ihre frischen Lippen die lange Hutnadel
-in der Schwebe hielten, da suchten ihre Augen verwundert
-sein Bild in der blanken Spiegelscheibe auf.</p>
-
-<p>»Du mußt mir einen Augenblick Gehör schenken, Marianne,«
-drängte der Offizier weiter und tat einen Schritt
-gegen sie.</p>
-
-<p>»Schon wieder?« murmelte Marianne hinter der blitzenden
-Nadel undeutlich hervor. »Fritzchen, daß du ein solches
-Vergnügen an derartigen Auseinandersetzungen empfindest.
-Also was willst du denn, Liebling? Aber recht rasch, bitte,
-nicht wahr? Denn sieh mal, von der Sebalduskirche
-schlägt es schon halb acht. Johanna hat gewiß bereits
-wieder ihr strengstes Gesicht aufgesetzt.«</p>
-
-<p>Noch hatte sie nicht geendet, als sie betroffen ihre
-schwarzen Augen bis zu der kleinen Eingangstür irren ließ,
-um dann plötzlich aufgescheucht ihren blauen Mantel ungestüm
-über sich zusammenzuziehen. Von der Treppe her
-drangen schwere, knarrende Tritte herauf. Verstört flüchtete
-das schöne Mädchen bis dicht an die Seite ihres verstummten
-Gefährten.</p>
-
-<p>»Um Gott, Fritz, du erhältst doch nicht etwa Besuch?
-&ndash; Dein Bursche? &ndash; Aber das ist doch sehr unrecht von
-dir! &ndash; Wo soll ich denn jetzt hin?«</p>
-
-<p>Erregte Worte fuhren zwischen den Beiden hin und her,
-dann ein hastiges Aufraffen des weißen Sonnenschirms,
-ein Huschen und Flattern, und der eintretende Reddemann
-bemerkte mit Erstaunen, wie sein junger Herr in offenbarer
-Verwirrung abgewandt vor der Tür des Alkovens
-verweilte, wo er im Grunde nichts zu suchen hatte. Auch
-für die leckere Zubereitung der Menagengerichte, die noch
-in ihren Schüsseln dampften, schien sein Gebieter heute
-keinen rechten Sinn zu besitzen. Unwirscher als sonst trieb
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-der Offizier, der merkwürdigerweise seinen Platz vor dem
-Nebenzimmer nicht aufgab, zur Eile.</p>
-
-<p>»Ja, die Serviette muß ich doch wenigstens in den Ring
-schieben,« verteidigte sich der Ostpreuße verständnislos,
-obwohl auch er anfing aufmerksam nach der niedrigen
-Verbindungstür zu schielen, »und dann Messer und Gabel,
-Herr Leutnant.«</p>
-
-<p>»Schon gut, schon gut, es ist alles sehr schön, &ndash; nur
-rasch!«</p>
-
-<p>»Zu Befehl, darf ich nun noch das Bett aufschlagen?«</p>
-
-<p>Aber merkwürdig, wie unberechenbar diese Vorgesetzten
-manchmal werden konnten. Der noble Herr, der ihn fast
-niemals fühlen ließ, daß er zur persönlichen Dienstleistung
-des Offiziers kommandiert war, er bekam unvermutet
-drei schwere Falten über der Nasenwurzel, und während
-er nervös nach der leeren Degenscheide griff, schrie er den
-treu Sorgenden zum erstenmal rücksichtslos an.</p>
-
-<p>»Zum Donnerwetter, ich habe genug von dem langweiligen
-Geplapper. Mach, daß du fortkommst!«</p>
-
-<p>Jedoch Reddemann blieb begriffsstutzig.</p>
-
-<p>»Was, Herr Leutnant, ohne Bett?« stammelte er.</p>
-
-<p>Und erst als sein Herr die Degenscheide auf den Erdboden
-stieß, daß alles klirrte und bebte, da schlug der
-Bursche blutrot die Hacken zusammen und stürzte wie behext
-die enge Treppe herunter.</p>
-
-<p>»Da stimmt etwas nicht,« glitt es dem pfiffigen Patron
-durch den Schädel, »so fein hat es bei uns noch nie gerochen.
-Donnerwetter ja, die Vornehmen haben doch alles
-vom Besten.«</p>
-
-<p>In dem Zimmer blieb es noch eine kleine Weile still.
-Erst als der dumpfe Schlag der Haustür verkündet hatte,
-daß jede Gefahr der Mitwisserschaft beseitigt, da raffte
-sich Fritz Harder zusammen, um mit einem raschen Entschluß
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-seinen Besuch aus der seltsamen Einkerkerung zu
-befreien. Und wie heftig ihm auch das Herz schlug wegen
-der unwürdigen Rolle, zu der sie beide durch diese Heimlichkeit
-verurteilt waren, &ndash; das Bild, das sich ihm hinter
-der kleinen Tapetentür darbot, schimmerte in solch bestrickendem
-Reiz, daß all die Vorwürfe, die er gegen sich
-und die Geliebte im stillen erhob, vor ihm versanken. Da
-stand Marianne dicht an der Schwelle, das Haupt mit
-dem breitrandigen Rosenhut lauschend vorgebeugt, und
-die Wangen von Neugierde und Unruhe dunkel überflammt.
-Die Dämmerung des Alkovens umgab die matt
-beleuchtete, weiße Gestalt gleich einem schweren Ebenholzrahmen.
-Aufatmend und mit jener Lässigkeit, die den
-jungen Offizier schon so häufig betört hatte, trat sie in das
-helle Wohnzimmer und knöpfte sich eifriger als sonst die
-langen weißen Seidenhandschuhe zu. Offenbar wurde das
-Mädchen nur von der einen Sucht beherrscht, ihren Aufbruch
-so schnell und so unbemerkt als möglich zu vollziehen.</p>
-
-<p>»Adieu, Fritzchen,« schnitt sie ihm bereits das erste
-Wort ab, denn sie fühlte mit Unbehagen, wie ihr aus den
-Augen des Gefährten schon wieder allerlei unbequeme
-Fragen entgegendrohten, »adieu, mein Liebling. &ndash; Nein,
-nein, um Gottes willen, rühre mich nicht an, solche ungeschickten
-Männerhände sind ja sofort wahrnehmbar. Und
-Johanna ist der mißtrauischste Polizist, den du dir denken
-kannst. Nein, ganz still, ganz artig« &ndash; und sie preßte
-ihm rasch die Rechte auf die Lippen, die sich schon zum
-Widerspruch oder zu einem Vorwurf geöffnet hatten.
-»Aber wenn du recht folgsam bist, komme ich vielleicht
-einmal auf ein Viertelstündchen wieder. Adieu, Fritzchen,
-adieu!«</p>
-
-<p>Geschickt schmiegte sie sich durch den schmalen Türritz
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-hindurch, allein jenseits der Schwelle wandte sie sich und
-warf noch einmal einen lachenden Blick zurück. Das Geschirr
-auf dem Tisch schien ihre Aufmerksamkeit zu fesseln.</p>
-
-<p>»Wie drollig sich deine Wirtschaft ausnimmt,« flüsterte
-sie hinein, hob jedoch sogleich den Finger warnend gegen
-den Mund, damit er sie nicht durch eine laute Antwort
-verriete, »wie schade, daß du mich nicht bewirten konntest!
-Warum kommt dir eigentlich niemals solch ein hübscher
-Einfall? Überhaupt, du verdienst die große Bevorzugung
-und auch die Gefahr nicht, der ich mich deinetwegen aussetze.
-Sst, &ndash; ganz still, Fritzchen, hier hast du noch eine
-Kußhand, so &ndash; und nun schlaf wohl, mein Schatz.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Fritz Harder hatte seine karge Mahlzeit kaum berührt.
-Ruhelos schritt er in der engen Stube auf und nieder, und
-seine verzogene Stirn deutete darauf hin, wie sehr er sich
-bemühte, der widerstrebenden Gedanken Herr zu werden.
-Zweimal schon hatte er sich an den Flügel gesetzt, allein
-unter seinen geübten Händen waren nur ein paar mißtönende
-Dissonanzen aufgeschrillt. Und durch einen heftigen
-Schlag auf die Tasten wurde das regellose Spiel beendigt.</p>
-
-<p>Nein, das ging nicht. Er mußte sich sammeln und Klarheit
-gewinnen. Ungeduldig riß er die Schublade des roten
-Fichtentischchens auf und warf ein blaues Heft auf die
-Platte. Dies war seine Arbeit, von der er sich einmal Erfolg
-versprochen. Jetzt blieben seine Augen wirr auf einer sauber
-gezeichneten Terrainkarte haften, und er versuchte sich zu
-besinnen, warum er mit roter und grüner Tinte verschiedene
-sich kreuzende Linien hineingemalt hatte.</p>
-
-<p>Alles vergeblich. Der bohrende Gram, die innere Unzufriedenheit
-mit sich selbst, sie warfen sein Auffassungsvermögen
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-um, sie schlugen den stärkeren Menschen in ihm
-nieder.</p>
-
-<p>Nein, es war genug. Törichter Hochmut, sich für besser
-zu halten und würdiger als seine Kameraden sich gaben.
-Und dann &ndash; er lachte bitter auf, bedeckte sich mit der
-blauen Mütze, und nach ein paar Minuten schon klirrte
-sein metallener Säbel über das Trottoir der menschenleeren
-Rosenkranzgasse.</p>
-
-<p>»Ah, Fritz Harder,« rief der lange Janick, als sein
-Freund das Spielzimmer des Kasinos betrat; und damit
-erhob sich der Oberleutnant, lebhaft winkend, von seinem
-Sitz, »kommen Sie, Beethoven, hier ist eine große Neuigkeit
-eingetroffen. Schieberamsch mit Pauken und Trommeln.
-Das müssen Sie lernen, Fritzchen, setzen Sie sich
-neben mich, so etwas Anregendes haben wir schon lange
-nicht erlebt. Prost, Musikante &ndash; prost.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dunkelheit senkte sich bereits über die Stadt. Aus
-dem Portal des Goldenen Bechers trat, dicht in einen
-schwarzen Hängemantel gehüllt, der bewegliche Kammerdiener
-des Konsuls Bark heraus, in der Hand ein ziemlich
-umfangreiches Briefkuvert, das er im Auftrage seines
-Herrn dem Leutnant Fritz Harder in sein Quartier überbringen
-sollte. Der weiße Umschlag leuchtete durch die
-Nacht, als Pawlowitsch achtlos schlenkernd über den Marktplatz
-schritt. Noch war der Diener nicht weit gekommen,
-als seinen auch jetzt rastlos umherspähenden Äuglein die
-Umrisse eines Jagdwagens auffielen, der, mit drei winzigen
-Pferdchen bespannt, dicht vor der Einfahrt des
-zweiten großen Gasthofes der Stadt »Zum russischen Großfürsten«
-wartete. Interessiert und auf unhörbaren Sohlen
-tänzelte Pawlowitsch näher. Aus der Dunkelheit tauchten
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-zwei Gestalten auf, die sich augenscheinlich an dem Hinterrad
-des Gefährts zu schaffen machten. Ein paar derbe
-Flüche in russischer Sprache wurden laut, und der Kammerdiener
-erkannte sofort das dröhnende Organ des Grenzoffiziers,
-der vor ein paar Stunden seinem Herrn die
-Ehre seines Besuches geschenkt hatte.</p>
-
-<p>»Dummes Vieh,« hörte der regungslos Verharrende den
-Rittmeister Sassin auf seinen Rosselenker einschimpfen,
-»hab' ich dir nicht zehnmal gesagt, daß das Rad quietscht wie
-eine kranke Katze? Du Hundesohn hast wieder verschlafen,
-Fett auf die Achse zu schmieren. Ich schneide dir noch
-einmal in Wahrheit beide Ohren ab. Gleich holst du dir von
-diesen Deutschen etwas von dem Zeug heraus. Hast du
-verstanden?«</p>
-
-<p>Der zusammengekrümmte Kutscher zog seine hohe
-Schirmmütze. »Jawohl, guter Herr,« murmelte er demütig
-und verschränkte seine Arme über der Brust. »Euer
-Gnaden, ich gehorche.«</p>
-
-<p>»Zum Teufel, dann mach, daß du fortkommst! Und
-wenn du fertig bist, dann holst du mich dort drüben aus
-der Konditorei ab. Hast du begriffen?«</p>
-
-<p>»Ich gehorche, Euer Gnaden.«</p>
-
-<p>Der Kutscher trottete in die Einfahrt zurück, und der
-Rittmeister schlenderte säbelklirrend über das rauhe Pflaster,
-bis er plötzlich vor der schweigenden Gestalt des Lauschers
-zurückschreckte.</p>
-
-<p>»Was ist?« rief er drohend.</p>
-
-<p>»Oh nichts, Euer Gnaden,« erwiderte Pawlowitsch sich
-tief verbeugend, »ich bin es nur, der Diener des Herrn
-Konsul Bark.«</p>
-
-<p>»Aha &ndash; aha &ndash; Diener &ndash; Diener von ausgezeichnetem
-Freund Rudolf Bark,« lenkte der Russe ganz widerspruchsvoll
-ein, und dabei versetzte er dem zierlichen Männchen
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-einen wohlwollenden Faustschlag auf die Schulter, so daß
-der Überraschte, der eine solche Gunstbezeugung wohl kaum
-erwartet haben mochte, ein wenig vornüber taumelte.</p>
-
-<p>»Heilige Mutter!« stöhnte der Getroffene leise.</p>
-
-<p>Der Russe jedoch ließ von seiner Zärtlichkeit nicht ab,
-ja, er beugte seine mächtige Gestalt sogar noch etwas
-tiefer zu dem Unentschlossenen herab, als sei es für ihn
-überaus interessant zu konstatieren, was für einen weißen
-Zettel der Diener des ausgezeichneten Rudolf Bark in den
-Händen trüge.</p>
-
-<p>»Pawlowitsch, guter Junge,« rief er wohlgelaunt, und
-dabei zupfte er nach russischer Sitte dem weißhaarigen
-Kerlchen sanft an dem Ohrlappen herum, »bist fleißigstes
-Geschöpf, das ich kenne in dieser fleißigen Stadt! <i>Toujours
-en vedette</i>, früh und spät. Weißt du auch, daß ich
-dich deinem Herrn schon längst ausmieten wollte? Sieh
-einmal, du trägst Brief, Pawlowitsch!«</p>
-
-<p>»Oh,« erwiderte der Hausmeister, der einen Augenblick
-zögerte, bis er dann doch die Aufschrift des Kuverts nach
-oben kehrte, »an den Leutnant Fritz Harder«.</p>
-
-<p>»Leutnant Fritz Harder,« wiederholte der Dragoner in
-beglücktem Ton, »ach, sieh einmal, wirklich an lieben
-Fritz Harder.« Und nach einer Weile des Nachdenkens,
-während deren sich der Russe rasch den blonden Kinnbart
-strich, setzte er hinzu: »Mir ist, als ob junger Herr bei der
-Festungskommandantur beschäftigt wäre?«</p>
-
-<p>»Ja,« pflichtete Pawlowitsch immer langsamer bei,
-indem er den Brief vorsichtig unter dem herabwallenden
-Hängemantel vergrub, »der Herr Leutnant ist seit kurzem
-dazu kommandiert.«</p>
-
-<p>»Nun, will nicht aufhalten,« sagte der Russe freundlich,
-»besorge Auftrag, Pawlowitsch. Aber warte, &ndash; sollte
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-ich heute nicht vergessen haben, dir dein gewohntes Trinkgeld
-zu überreichen?«</p>
-
-<p>Jetzt schüttelte der Diener heftig abwehrend das Haupt,
-allein er konnte es doch nicht verhindern, daß seine schwarzen
-Äuglein trotz der Dunkelheit einen höheren Glanz gewannen.</p>
-
-<p>»Nein, nein, Euer Gnaden, ich habe nichts zu beanspruchen.
-Der Herr Rittmeister haben ja nichts bei uns
-genossen.«</p>
-
-<p>Der Russe jedoch streckte wiederum seine Faust nach
-dem Ohrläppchen des nicht mehr Zurückweichenden aus.</p>
-
-<p>»Kleiner Galgenvogel,« meinte er gutmütig, »hast du
-vergessen, daß ich euch beinahe eine ganze Flasche von
-wunderschönen klaren und lieblichen Rheinwein austrank?
-Ein schöner Wein, ein seltener Wein! Wir Russen sind
-dankbar, wir erinnern uns stets der treuen und braven
-Diener. Hier, Pawlowitsch, nimm. Macht mir Freude,
-wenn du an Rittmeister Sassin denkst.«</p>
-
-<p>War es Ernst oder bestand alles in einem Irrtum? Gott
-im hohen Himmel, da hielt der Mann im Radmantel ein
-blankes Zwanzigmarkstück in der Hand; der über dem
-Markt heraufkommende Mond weckte Funken in dem roten
-Metall, und es war ein so einzig schönes Bild, daß
-Pawlowitsch seine langen Finger krampfhaft schloß, als
-gönne er es anderen nicht, sich an dieser wärmenden Augenweide
-zu ergötzen. Und doch krümmte sich seine Seele und
-wand sich ängstlich hin und her, denn die Güte des Rittmeisters
-erschien dem kundigen Mann verdächtig, und ein
-quälender Zweifel beschlich ihn, ob jenes Gold nicht vielleicht
-dazu bestimmt wäre, um die besseren Mahnungen
-seines Herzens zu übertönen. Man hatte so viel von den
-rauhen Grenznachbarn gehört, sie waren so lüstern nach
-diesen oder jenen gleichgültigen Dingen, die den Uneingeweihten
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-gänzlich nebensächlich erschienen, und die dann
-doch plötzlich eine besondere Geltung gewinnen konnten.
-Und dann &ndash; die Versucher von dort drüben sollten sich
-im Besitz von ungeheuerlichen Schätzen befinden, die sie
-wahllos und verschwenderisch über die ihnen Ergebenen
-und Willfährigen ausstreuten. Hatte sich Pawlowitsch,
-der Listige und Verschlagene, nicht schon oft heimliche Gedanken
-darüber gemacht, wie hübsch es wäre, wenn man
-die groben ungeschlachten Kerle von jenseits der Grenze
-ein wenig necken würde? Natürlich nur ein bißchen aufziehen,
-um sie hinters Licht zu führen, denn man wußte
-ja eigentlich gar nichts, was die neugierige Gesellschaft
-wirklich interessieren könnte. Aber als der Hausmeister
-jetzt das kalte Goldstück mit seinen langen Spinnenfingern
-umschloß, da gab es ihm doch einen brennenden Stich
-durch alle Adern hindurch, und einen Moment schlugen
-Angst und Feigheit so stark in ihm empor, daß er fast
-ohne Überlegung die Hand ausstreckte, um das liebe, das
-schöne, das reiche Geschenk wieder von sich zu schleudern.</p>
-
-<p>»Da &ndash; da &ndash; Panne Rittmeister&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was willst du, mein lieber Junge?«</p>
-
-<p>»Ich &ndash; ich« &ndash; das Kerlchen im Radmantel erwachte
-&ndash; »ich wollte Ihnen bloß herzlich danken, Herr Rittmeister,«
-sagte er schmerzlich.</p>
-
-<p>Der Russe jedoch versetzte ihm einen freundschaftlichen
-Puff vor die Brust, so daß dem ohnehin Bedrückten einen
-Moment lang die Luft fortblieb.</p>
-
-<p>»Schon gut, Pawlowitsch,« hörte er die dröhnende
-Stimme dicht vor seinem Ohr, »das ist nur Kleinigkeit.
-Du gefällst mir, du gefällst mir wirklich. Und dann &ndash;
-wir sind ja auch halbe Landsleute. Wer weiß, was ich
-noch alles für dich tun kann? Und nun geh und richte
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-deinen Auftrag aus, bei lieben Leutnant Fritz Harder. Wo
-wohnt er doch noch?«</p>
-
-<p>»Er wohnt Rosenkranzgasse 19,« schlich dem Diener
-die Stimme mühsam aus der Kehle. Und sich windschief
-verbeugend, schlug der Davoneilende ein Kreuz unter dem
-langen Mantel, indem er noch erstickt hinterher zu flüstern
-versuchte: »Jesus, Maria und Joseph, legt Fürbitte ein!«</p>
-
-<p>Als Pawlowitsch dies herausstöhnte, schlug es von der
-Sebalduskirche die zehnte Stunde. Das Glockenspiel des
-Meisters Adameit begann wieder seine glasklaren Melodien
-zu spielen: »Wer nur den lieben Gott läßt walten.« Da
-trat Pawlowitsch der Schweiß auf die Stirn. Fester und
-gieriger preßte er die Goldmünze in seiner Hand zusammen,
-als müsse er sich durchaus an etwas Irdisches klammern,
-und doch bröckelte es von seinen Lippen noch einmal wie
-vorhin, nur schaudernd und abwehrend:</p>
-
-<p>»Jesus, Maria und Joseph, wie leicht kann man das
-Geld auf dieser Erde verdienen. Wie leicht &ndash; legt Fürbitte
-ein!«</p>
-
-
-
-
-<h3>III.</h3>
-
-
-<p>Durch die langen schmalen Eichen vor dem Herrenhause
-von Maritzken raschelte der Frühwind. So eng beschnitten
-hatte man die dunkelgrünen saftigen Kronen, daß man die
-Bäume in der Ferne für hochstrebende Pappeln halten
-konnte. Nun wiegten sich die Wipfel im weißen Sonnenlicht
-des Julivormittags und warfen schwankende Schatten
-auf den grob gepflasterten Hof, der trotz beginnender Ernte
-und obwohl er von Leiterwagen und Pflügen besetzt war,
-so sauber aussah, als wäre er für eine besondere Feierlichkeit
-aus vielen Wasserschläuchen überspült worden. Auch
-die umgebenden Wirtschaftsgebäude blitzten stets unter
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-einem weißen Anstrich, denn es machte den Stolz der
-Herrin von Maritzken aus, daß sich das von ihr bewirtschaftete
-Gut immer in weithin leuchtender Weiße zeige. Unter
-dem viereckigen Toreingang aber stand Johanna Grothe
-selbst, und die Sonnenstrahlen hüllten ihr lockeres Haar
-in eine Goldhaube ein. Vor ihr verharrte in Hemdsärmeln
-die untersetzte Figur ihres Statthalters, der sein
-kleines zehnjähriges Töchterchen an der Hand führte.</p>
-
-<p>»Nun, Baumgartner,« fragte Johanna den Mann mit
-der vorzeitig durchfurchten Stirn freundlich, »wie weit
-halten wir heute?«</p>
-
-<p>Da berichtete der treu sorgende Verwalter, der die Angewohnheit
-aller älteren Landleute besaß, die Gutsangelegenheiten
-nicht allzu rosig darzustellen, wie man bei
-der Rapsernte auf ganz verfluchte Flecken gestoßen sei,
-die mit nichts als Unkraut und Hederich bewachsen wären.</p>
-
-<p>»Da ist wieder ein toller Hund gelaufen,« sagte der
-Landmann nach dem Aberglauben der dortigen Gegend.</p>
-
-<p>»I, lassen Sie nur, Baumgartner,« tröstete Johanna
-lächelnd, »unser Raps selbst steht fett und gut. Es kann
-einem das Herz im Leibe lachen.«</p>
-
-<p>Der Mann kraute sich leicht hinter dem Ohr. »Na ja,
-Fräuleinchen, aber mit dem Kartoffelumwerfen, da kommen
-wir nicht richtig vorwärts. Uns fehlen Pferde. Ponnies
-müßten wir haben, mit schmalem Tritt.«</p>
-
-<p>»Da haben Sie recht, Baumgartner,« nahm seine Herrin
-den Einwurf lebhaft auf, »aber wissen Sie das Neueste?
-Heute nachmittag fahre ich mit meinen Schwestern nach
-Grabowo.«</p>
-
-<p>»Was, über die Grenze?« hob hier der Verwalter sein
-sonnengebräuntes Haupt und zuckte ein wenig mißtrauisch
-die Achseln, und als er erfahren, daß seine Gebieterin
-dort drüben das vermißte Pferdematerial zu kaufen beabsichtigte,
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-da klopfte er mit dem Finger noch einmal warnend
-gegen die Schärfe seiner Sichel. Es gab einen hellen
-Ton. »Vorsichtig, gnädiges Fräulein,« riet er dringend,
-»die Gesellschaft da drüben geht nicht immer ehrlich zu
-Werke.«</p>
-
-<p>»Oh, Sie können unbesorgt sein, Baumgartner, Herr
-Konsul Bark begleitet uns.«</p>
-
-<p>Da ging ein beifälliger Zug über das ernste Antlitz des
-Landmannes.</p>
-
-<p>»Das ist gut,« stellte er fest. »Konsul Bark versteht
-seine Sache. Er hat auch mit dem alten Trakehner Hengst
-bei uns recht behalten. Das Tier arbeitet drei junge Pferde
-in Grund und Boden.« Und während sich der Beamte
-schon zum Abgang wandte, fragte er noch einmal ehrerbietig:
-»Und zu wann befehlen das Fräulein den Wagen?«</p>
-
-<p>Eine schwere Falte grub sich dabei mitten über die Stirn
-des Mannes. Allein Johanna verstand ihn.</p>
-
-<p>»Nein, nein, Baumgartner,« beruhigte sie. »Sie
-brauchen sich gar nicht stören zu lassen, Herr Konsul Bark
-holt uns in seiner eigenen Equipage ab, obwohl uns unser
-Weg ja ohnehin durch die Stadt führen würde. Sie
-können Ihre Pferde ruhig bei der Arbeit behalten.«</p>
-
-<p>»Oh, danke schön, gnädiges Fräulein, das ist gut. Herr
-Konsul Bark weiß, was sich gehört. Ich freue mich immer,
-wenn er auf das Gut kommt. Nun vorwärts, Tilli.«</p>
-
-<p>Er gab seiner kleinen Tochter einen Wink, das Kind
-knixte und beide schritten rasch bis zum Hoftor. Jedoch
-sie sollten nicht hinausgelangen. Von der Chaussee her erhob
-sich ein scharfes Rollen, Peitschenklang schwirrte durch
-die Luft, und gleich darauf sah die Gutsherrin, wie ihr
-Verwalter ein Paar mächtigen Rappenhäuptern beruhigend
-über die schäumigen Nüstern klopfte.</p>
-
-<p>Bei Gott, dies Gespann kannte Johannas geübter Blick.
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-Ja sogar den harten, sausenden Peitschenklang unterschied
-sie vor allen anderen. So dröhnend und unbekümmert
-raste nur der Riese dort drüben von Sorquitten über die
-Landstraße. Und richtig, noch hatte sie die Ziegelschwelle
-unter der viereckigen Einfahrt nicht verlassen, da schob
-sich auch bereits eine mächtige Männerfigur in einem gelben
-Sportanzug durch die Toröffnung, und ein grünes Tirolerhütchen
-mit einer alten verbogenen Hahnenfeder wurde aus
-Leibeskräften in der Luft geschwenkt.</p>
-
-<p>»Morjen, morjen, Johanna, alte Seele,« wetterte das
-markige Organ des Vetters Fedor von Stötteritz, und dabei
-stampfte der ungeheuerliche Eindringling bald rechts,
-bald links mit den braunen Schnürstiefeln, aus denen sich
-ein paar unförmige Waden herausdrängten, schallend auf
-den Steinen des Hofes herum. »Laß mal eiligst so einen
-kleinen Tritt herausbringen, liebste Cousine, meine alte
-Dame will sich nämlich wieder nicht meinen Armen anvertrauen.
-Sie behauptet, ich zerbräche ihr immer ein
-paar Knochen im Leibe. Also fix, Johanna,« und er führte
-die beiden Mittelfinger in den Mund und ließ einen gellenden
-Pfiff erschallen. »Vorwärts, wo bleiben die Faulpelze?
-Meine Frau Mama kann ja bekanntlich nicht warten.«</p>
-
-<p>Jetzt wurde es auf dem Hofe lebendig. Eine Magd mit
-einem Tritt lief hochaufgeschürzt hinzu, und nachdem auch
-Johanna bis an den Wagenschlag geeilt war, da entschloß
-sich die lang aufragende, hagere Insassin des Gefährtes
-endlich, die Expedition auf den sicheren Erdboden zu unternehmen.
-Mit einem Krückstock indessen tastete sie erst vorsichtig
-die Unebenheiten des Terrains ab. Kurzatmig stand
-sie dann neben ihrem Sohn, um ihrem blauroten und doch
-pergamentartig mageren Antlitz ein wenig kühlende Luft
-zuzufächeln.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-»Es ist nichts mit solchen Ausfahrten,« stellte Frau
-von Stötteritz grämlich fest, wobei sie der Hausherrin
-steif ihre Rechte zum Handkuß darbot. »Guten Tag, liebes
-Kind. Ich wollte dich gewiß nicht belästigen &ndash; nein,
-nein, schon gut, wer soll sich denn über eine so alte anspruchsvolle
-Frau im Ernst freuen? &ndash; aber mein dummer
-Junge läßt mir ja keine Ruhe. Es sollte durchaus ein
-Besuch bei dir werden. Als ob ich dich in meinem Leben
-noch nicht gesehen hätte! &ndash; Nein, nein, schon gut,«
-unterbrach die hagere Dame entschieden, als das blonde
-Mädchen ihr irgend etwas Liebenswürdiges entgegnen
-wollte. »Lüge nicht erst, mein Töchterchen, du schwärmst
-ja selbst nicht für Komplimente. Die Hauptsache ist, daß
-ich möglichst bald eine Fußbank unter mein rechtes Bein
-erhalte. Du kannst dir gar nicht denken, wie mich das
-Rheuma wieder plagt. Aber paß auf, es gibt Regenwetter.
-Unsere Rapsernte wird uns natürlich wieder wegschwimmen.«</p>
-
-<p>»Du, Hans,« schrie der Sohn aufgeräumt dazwischen,
-der seine Frau Mama mit den flachen Händen so sanft
-wie möglich vor sich her schob, »mein ganzer Raps an
-Silberstein da drinnen verkauft. Den verfluchten Juden
-hab' ich schön hochgenommen. Wenn das in diesem Jahre
-so weiter geht, dann bau ich auf Sorquitten das neue
-Herrenhaus, das du neulich vorschlugst. Meine Alte werde
-ich schon rumkriegen.«</p>
-
-<p>»Es wäre gut, wenn du mir nicht so in die Ohren
-schriest, Fedor,« tadelte die Vorauftappende, schmerzlich
-ihren Mund verziehend. »Was ich dieses Brüllen nicht
-leiden mag&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Na, laß man sein, Mutterchen, ich säusele schon
-wieder. So, und nun aufgepaßt, hier kommen die Treppen.«
-Der Besuch wurde in das große Staatszimmer hinaufgeführt,
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-dessen drei Fenster auf den Park hinausgingen.
-Denn Johanna dachte daran, daß ihre Tante, Frau von
-Stötteritz, eine unbesiegliche Abneigung hege gegen den
-Anblick des Wirtschaftshofes sowie gegen die rauhen Geräusche,
-die sich von dort möglicherweise erheben konnten.
-In einem alten gelben Seidenfauteuil lehnte die alte Dame
-an einem der hohen Fensterbogen und zupfte nervös an
-den seidenen Halbgardinen herum. Währenddes präsentierte
-die blonde Hausherrin ihrem kritischen Besuch ein
-in Wein abgezogenes Ei, denn dies war die einzige Aufwartung,
-welche die kränkliche Dame gnädig aufnahm.
-Dafür konnte sie von jener Leckerei auch große Mengen
-vertilgen. Einen Augenblick hörte man nichts, als das
-Klirren des Löffels, den Frau von Stötteritz in dem Glase
-herumführte, und dazwischen mischten sich die schallenden
-Tritte ihres Sohnes, der, die Hände in den Taschen,
-ruhelos das Zimmer durchmaß. Er entbehrte seine Zigarre,
-die in der Gegenwart der Mutter nicht geraucht
-werden durfte.</p>
-
-<p>Endlich hatte die kränkliche Frau die ihr so wohlmundende
-Leckerei mit Andacht zu sich genommen; das behagliche
-Schlürfen sowie das Kratzen des Löffels erstarb, und
-nachdem sich Fedors Mutter umständlich mit ihrem
-Taschentuch Mund und Hände gereinigt, da richtete sich
-die hagere Gestalt starr in ihrem Sessel auf, alles Vorboten,
-daß jetzt etwas Wichtiges erfolgen sollte. Zuerst
-aber reichte sie mit ihren zitternden Fingern das Glas zurück,
-um verurteilend zu klagen:</p>
-
-<p>»Wenn einem nichts mehr schmeckt, so ist das ein
-schlimmes Zeichen. Nein, widersprecht nicht erst, ich bin
-mir über meinen Zustand ganz im klaren.«</p>
-
-<p>Als aber ihr herkulischer Sohn unbekümmert seinen
-dröhnenden Spaziergang durch das weite Gemach fortsetzte,
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-da nestelte Frau von Stötteritz aus ihrer schwarzseidenen
-Handtasche einen mehrfach gefalteten Brief hervor, strich
-ihn auf ihrem Schoße glatt und tat einen tiefen, halb
-seufzenden Atemzug.</p>
-
-<p>»Höre, Johanna,« begann sie endlich, indem sie sich
-den Zeigefinger netzte, wie wenn sie die Seiten des vertrockneten
-Briefes umzuschlagen gedächte, »bekümmerst du
-dich eigentlich um politische Vorgänge?«</p>
-
-<p>»Um politische&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>Johanna stutzte. Und während sie mit entschlossener Bewegung
-ihr blondes Haupt in den Nacken warf, da nahm
-sie plötzlich jene abwehrende Stellung ein, die ihrer ganzen
-Gestalt das Gepräge verlieh.</p>
-
-<p>Mein Gott, wie unangenehm! Gedachten die beiden
-herrischen Adelsmenschen, die in der ganzen Gegend wegen
-ihrer altpreußischen Gesinnung bekannt waren, sie, die
-emsig Schaffende, nun auch zu ihren Lebensanschauungen
-zu bekehren? Oh nein, darin täuschten sich die beiden. Sie
-&ndash; das Gutsfräulein von Maritzken bewertete die ihr
-Nahen und Fernen lediglich nach den Leistungen, durch
-die Schaffensfreudige und Arbeitskräftige ihr Dasein,
-ihre Lebenshaltung zu befestigen oder zu steigern vermochten.
-Ja, das war es, dem praktischen Sinn
-der großen Blonden war der Erwerb, der anständige
-und sichere, beinahe etwas moralisch Schönes und Geheiligtes
-geworden. Und deshalb lehnte sie gewöhnlich
-mit einer ihrer entschlossenen Gesten alles ab, was sich
-in ihrem Umkreis in politischen Zänkereien erging. »Wer
-für sich schafft, schafft auch für das Land,« dachte sie.
-Und mit diesem Bekenntnis glaubte sie sich genügend mit
-den Streitigkeiten des Tages abgefunden zu haben.</p>
-
-<p>»Bekümmerst du dich eigentlich um politische Dinge?«
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-hob Frau von Stötteritz noch einmal an, und es klang
-bereits, wie immer, ein spitzer Vorwurf aus dem Ton
-ihrer Frage.</p>
-
-<p>Aber gerade diese Art, die so selbstverständlich eine
-scheue Unterwerfung forderte, das bedingungslose Zustimmen
-zu einem durch nichts zu erschütternden Programm,
-das rief den starken Drang nach Widerspruch, nach Verteidigung
-bei dem eigenwilligen Landfräulein hervor. Und
-indem Johanna mit dem Finger leicht auf die Tischplatte
-pochte, als wollte sie für jedes ihrer Worte eine besondere
-Aufmerksamkeit verlangen, da warf sie mit angenommener
-Gleichgültigkeit hin:</p>
-
-<p>»Nein, liebe Tante Adelheid, von Politik verstehe ich
-zu wenig. Und das Geringe, das ich manchmal mit meinem
-Freunde, dem Konsul Bark, bespreche, das hat irgendwie
-einen Bezug auf meine Wirtschaft. Aber ein Verdienst
-oder etwas Ersprießliches,« setzte sie mit einem kalten
-Lächeln hinzu, »ist meines Wissens für mich noch niemals
-dadurch erzielt worden.«</p>
-
-<p>Bei der Erwähnung des Namens ›Bark‹ öffneten sich
-die schmalen Lippen der Freifrau wie von selbst, und sie
-ließen ein Paar der großen gelben Zähne zum Vorschein
-kommen. Und siehe da, auch ihr mächtiger Sohn gab
-seine Wanderung auf und wurzelte so unvermittelt auf
-dem olivgrünen Velourteppich fest, daß die alten Porzellantassen
-in der nahen Glasservante zu klirren anhoben.
-Gleich darauf trat auch er an den Tisch heran, ganz dicht
-neben das blonde Mädchen, und zwirbelte mit einer weitausladenden
-Bewegung den starr sich emporreckenden rotblonden
-Schnurrbart zurecht.</p>
-
-<p>»Konsul Bark?«, nahm er das verdächtige Wort von
-neuem auf und in seine tiefe Stimme drang gleichfalls
-etwas Scharfes und Schnarrendes. »Sag mal, kommst
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-du mit dem Tütendreher noch immer so häufig zusammen,
-Johanna?«</p>
-
-<p>Da war wieder jene Verachtung der kaufmännischen Berufe,
-die den praktischen Hans mehr wie alles andere verdroß.
-Und in ihrem Innern erhob sich eine heftige Abneigung
-gegen die junkerliche Überhebung des Vetters.
-Zum Teufel, was hatte der Riese von Sorquitten denn
-Höheres und Besseres geleistet, als der gewandte Geschäftsmann
-dort drinnen in der Stadt? Gott ja, Fedor
-war ein mit beiden Fäusten durchgreifender Landwirt, praktisch
-in jeder Faser und voll derber Freude an seinem Beruf.
-Seine Leute duckten sich vor ihm, denn es war nicht
-ratsam, mit dem Enaksohn im Ernst anzubinden. Aber
-bestand denn darin etwas so Gewaltiges, das große väterliche
-Gut, das ihm blühend von Generationen von Vorfahren
-überliefert war, in einem ertragsreichen Zustand
-zu erhalten? Wie ganz anders der Chef des Goldenen
-Bechers dort drinnen am Marktplatz. In ewig neuer Anspannung
-mußte der Kaufmann seine Kapitalien, ja sogar
-sein ganzes Geschäft, das durch wechselnde Konjunkturen
-und Zeitströmungen immer wieder gefährdet werden konnte,
-verteidigen, schützen und erweitern. Über die schnell sich
-verändernden Beziehungen des Völkerlebens mußte er sich
-unterrichtet zeigen, denn jeden Augenblick konnte es nötig
-werden, irgendeine der sich erhebenden großen Fragen
-des Weltgeschehens für sich günstig auszubeuten. Dazu
-gehörte doch eine andere geistige Beweglichkeit, eine männliche
-Kraft des Entschlusses und daneben auch eine biegsame
-und geschmeidige Leichtigkeit, die plötzlich anstürmenden
-Gefahren auszuweichen verstand; ja, es gehörte mehr
-Mut und Selbstbeherrschung zu einem solchen Tütendrehen,
-als es das ruhige Abwarten von Saat und
-Ernte verlangte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-So meinte Johanna wenigstens, denn da ihr selbst die
-schwere, und an Enttäuschungen reiche Pflicht der Bodenbearbeitung
-geläufig war, so neigte sie durchaus dazu, das
-ihr fremde und imponierende Spiel des Handels höher
-als ihre eigene Leistung einzuschätzen. Aber selbst wenn
-dieser letzte Grund fortgefallen wäre, so empörte sich die
-tief in ihr wurzelnde Dankbarkeit für ihren uneigennützigen
-Freund dagegen, daß Junkerhochmut den tätigen
-Mann seines Gewerbes wegen über die Achsel anschauen
-dürfe. Und sehr bestimmt entgegnete sie deshalb auf den
-etwas spöttischen Einwurf ihres Vetters:</p>
-
-<p>»Allerdings, lieber Fedor, ich komme mit Herrn Konsul
-Bark sehr häufig zusammen. Ja, unser Freund wird mich
-und meine Schwestern sogar heute nachmittag in seinem
-eigenen Wagen zu einem Besuch jenseits der Grenze abholen.«</p>
-
-<p>Noch hatte die Entschlossene nicht völlig geendet, als der
-Brief auf dem Schoß der Tante Adelheid seltsam zu
-rascheln begann. Und während der mächtige Landwirt vor
-Überraschung mit der Faust nur einen kräftigen Luftstoß
-ausführte, dem sich die empörte Anmerkung beigesellte:
-»Na, das ist aber doch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;,« da schüttelte seine Mutter
-sehr bestimmt das pergamentene Haupt, und ihre
-noch immer schwarzen Augenbrauen schnürten sich so eng
-zusammen, als ob damit die Willensäußerung ihrer Nichte
-ein für allemal ausgestrichen und aus der Welt geschafft
-wäre.</p>
-
-<p>»Mein liebes Kind,« hüstelte sie in ihrer frostigen Art,
-die keinen Widerspruch zu kennen schien, »du siehst hier
-diesen Brief. Mein dummer Junge behielt doch recht, als
-er mich zu dem Besuch bei dir veranlaßte. Ich merke,
-wir kommen gerade zur rechten Zeit. Kurz und gut, liebe
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-Johanna, du wirst klug handeln, wenn du deinen Besuch
-jenseits der Grenze unterläßt.«</p>
-
-<p>»Aber warum, beste Tante? Ich sehe gar nicht ein&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Unterbrich mich nicht, Johanna, sonst verliere ich so
-leicht den Zusammenhang. Dir wird hoffentlich gleich
-alles klar werden. Und du kannst Gott danken, daß man
-dich noch in letzter Stunde warnt. Weißt du, was dieser
-Brief enthält? Er stammt von meinem Bruder, dem Geheimen
-Regierungsrat von Roeder aus dem Auswärtigen
-Amt, und mein Verwandter richtet die dringende Bitte
-an mich, die äußerste Vorsicht gegen alles walten zu lassen,
-was mit unseren russischen Nachbarn irgendwie in Beziehung
-steht.«</p>
-
-<p>»Aber liebe Tante Adelheid,« rief Johanna eifrig, obwohl
-sie sich eines leichten Fröstelns, das über ihre weiße
-Haut rieselte, nicht erwehren konnte, »wozu das alles?
-Wir sind doch auf das große Volk dort drüben angewiesen.
-Wir tauschen so vieles von ihnen ein, was wir nirgends
-besser und billiger erhalten. Und die Leute von jenseits
-der Grenzpfähle nahmen gerade in den letzten Jahren auch
-von uns nicht allein allerlei praktische Dinge, sondern
-sogar manche Sitten und wissenschaftliche Errungenschaften
-an, so daß man sich über den lebhaften Verkehr doch nur
-freuen sollte.«</p>
-
-<p>»Der Teufel soll den albernen und leichtsinnigen Verkehr
-holen,« brummte hier der Riese von Sorquitten dazwischen,
-dem der Zorn das Antlitz dunkler färbte, »ich
-wünschte, man hätte schon längst den Brüdern die Zähne
-gewiesen.«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, Ihr stellt ja die Angelegenheit beinahe
-so dar, als ob wir uns mit denen da drüben im
-Kriegszustande befänden,« lachte Johanna ärgerlich auf,
-und ihre Rechte schlug dabei quer durch die Luft, wie wenn
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-es notwendig wäre, das gefährliche, das unmögliche Wort
-von vornherein zu sprengen oder zu zerteilen.</p>
-
-<p>Allein was war das? Weshalb suchten in diesem Moment
-die hellblauen Augen des Riesen, die sonst so lachend,
-so sorglos und unbekümmert über Lebendes und Totes
-fortzugleiten gewohnt waren, weshalb in aller Welt suchten
-sie so dringend und ernsthaft die ihren? Warum nickte das
-blonde Haupt ein paarmal so schwer und bedächtig, wie
-wenn ein ungeheures Schicksal sich mit Wucht auf diesen
-starren Nacken gebürdet hätte? Und dann? Täuschte sie
-sich? Ihr war es, als ob sich die unförmige Gestalt des
-Recken in plumper Bewegung näher und näher an die
-ihre heranschöbe, und das unsichere Gefühl durchdrang sie,
-als ob dies alles geschähe, um ihr bei heranziehender Gefahr
-nahe zu sein, um sie zu bergen und zu schützen. Dazu
-verharrte die Kranke in ihrem gelben Sessel starr und unbeweglich,
-kein Wort drang über die fest zusammengepreßten
-schmalen Lippen, und nur aus dem nervösen Zittern
-der schwarzen Augenbrauen enträtselte die beklommene
-Beobachterin, welchen beängstigenden Gedanken die Leidende
-heimlich preisgegeben sein müsse. Unerträgliche
-Schweigsamkeit waltete zwischen den drei aufgescheuchten
-Menschen. Endlich ertrug es die Älteste von Maritzken
-nicht länger. Mit ein paar unbedachten Schritten näherte sie
-sich dem Stuhl der Greisin, um ganz gegen ihre Gewohnheit
-hastig und aufgeregt die lange welke Hand von Fedors
-Mutter zwischen ihre eigenen pulsierenden Finger zu betten.</p>
-
-<p>»Liebe Tante,« stieß sie ohne weitere Rücksicht hervor,
-»du mußt nicht glauben, daß es nur die Unruhe um
-meine eigene Sicherheit oder um die ungefährdete Existenz
-meiner Schwestern ist, die mich jetzt veranlaßt, dich um
-weitere rückhaltlose Auskunft zu bitten. Aber nicht wahr,
-Fedor, nicht wahr, Tante Adelheid,« fuhr sie dringender
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-fort, »ihr, als Gutsvorstände, könnt mir das nachfühlen.
-Ich habe ja so vieles hier zu verantworten, anvertraute
-Kapitalien und nicht zuletzt das Leben und das karge Besitztum
-meiner Leute. Ich muß also wissen, worum es sich
-in diesem Briefe handelt. Ihr könnt es mir ganz ohne
-Schonung anvertrauen, es wird mich nicht umwerfen. Und
-dann&nbsp;&ndash;,« sie trat ans Fenster und riß mit einer hastigen
-Bewegung die seidenen Halbgardinen fort, so daß die alte
-Dame, von einem Sonnenstrahl getroffen, wehleidig zusammensank
-&ndash; »werft doch nur einen Blick auf alles, was
-wir Deutschen hier schufen, auf den alten Park mit seinen
-hundertjährigen Stämmen, auf die prachtvollen Weizenfelder,
-die wir in rastloser Emsigkeit durch immer neue
-wissenschaftliche oder rein praktische Methoden zu ihrer
-heutigen Reife und Blüte brachten! Betrachtet dort hinten,
-jenseits der Chaussee das reinliche Dörfchen Maritzken mit
-seinen kleinen Gärten und Lauben und der wunderhübschen
-Holzkirche. Das alles hat man seit fünfzig Jahren aus
-einem Sumpf herausgehoben. Und alle diese Mühe, so
-viel Leben und Daseinsfreude, das sollte man von einem
-eisernen Hagel zerschmettern lassen? Für immer? Nein,
-daran glaube ich nicht,« schloß sie tief atmend und legte
-sich wie befreit die flache Hand auf die arbeitende Brust.</p>
-
-<p>Auf diesen Ausbruch hob die alte Dame den sorgsam
-behüteten Brief rasch gegen das Licht, zog aus ihrer schwarzseidenen
-Tasche gleichzeitig ein Schildpattlorgnon hervor
-und hielt sich die Gläser dicht vor die Augen.</p>
-
-<p>»Liebes Kind,« schnitt sie alle weiteren Erörterungen
-ab, »wenn du mehr Umgang in militärischen Kreisen
-pflegen würdest, was ich für sehr nützlich hielte, so könntest
-du wissen, daß jene große Auseinandersetzung, die dir so
-unmöglich scheint, von den maßgebenden Stellen schon seit
-Jahren befürchtet oder auch erhofft wird. Je nachdem.
-<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-Ich halte es deshalb für meine Pflicht, dir ganz reinen
-Wein einzugießen. Merke genau auf. Mein Bruder, der
-es auch mit dir gut meint, schreibt folgendes.«</p>
-
-<p>Damit lenkte die starr und aufrecht Sitzende das gelbe
-Blatt Papier noch näher an ihr Antlitz, das sie scheinbar
-nicht beugen konnte, und griff mitten aus dem Brief folgende
-Stelle heraus:</p>
-
-<p>»Seit dem frevelhaften Verbrechen, das dem Thronerben
-der uns verbündeten Monarchie das Leben kostete,
-haben wir hier im Amt eine aufreibende Arbeitsleistung
-zu bewältigen. Noch nie war der europäische Himmel so
-bewölkt wie jetzt. In den militärischen Zentralen wird fieberhaft
-geschafft, und ich kann dir unter der Hand mitteilen,
-daß die Sachkundigsten unter uns seit der Überreichung der
-österreichischen Forderungen an den rebellischen Balkanstaat
-die fernere Erhaltung eines ehrenhaften Friedens beinahe
-in das Gebiet der Unmöglichkeit verweisen. Sollte,
-was Gott verhüten möge, unser großer östlicher Nachbar
-sich für das Schwert entscheiden, &ndash; ein Gedanke, zu
-dessen Erfassung die Phantasie der meisten unserer in einem
-verweichlichenden Frieden völlig aufgegangenen Mitbürger
-durchaus nicht ausreicht &ndash; dann würde eine Weltkatastrophe
-heraufbeschworen, die alles, was jetzt festliegt und
-besteht, zerschmettern müßte.«</p>
-
-<p>Ein widerspruchsvolles Lächeln, das sie sich selbst nicht
-zu deuten vermochte, glitt bei dem eben Gehörten über die
-bleichen Züge der Landtochter, denn sie gehörte zu denen,
-deren Einbildungskraft vor der ungeheuerlichen Prophezeiung
-machtlos niedersank. Die alte Dame jedoch verkündete
-mit scharfer Stimme weiter, und es war, als ob
-ihre Worte sich immer stechender und aufreizender formten,
-je Erbarmungsloseres über ihre schmalen Lippen floß.</p>
-
-<p>»Ihr könnt euch die Last und die Qualen dieser Spannung
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-gar nicht vorstellen. Von Tag zu Tag fliegen neue
-Vorschläge, Vermittlungen und geheime Depeschen von
-Allerhöchster Hand herüber und hinüber. Alles starrt atemlos
-auf die Zentnerlast, die an einem Haar über unseren
-Häuptern schaukelt. Und nun der Grund, warum ich so ausführlich
-an dich berichte, liebe Schwester. Stürzt der Koloß
-über uns herein, über uns, die wir in unserem gläubigen
-Vertrauen namentlich an euren Grenzen noch lange nicht so
-unantastbar gerüstet sind, wie es unsere leitenden Militärs
-wünschen, dann werden es eure Gegenden sein, die von
-dem ersten Ritt unkultivierter Horden überrannt werden.
-Noch vermögen wir nicht zu ahnen, welches Entsetzen sich
-bei einem solchen Zusammenstoß über eure Gutshöfe,
-Dörfer und kleinen Städte ausbreiten könnte. Da wir in
-den letzten Jahrhunderten immer nur mit uns an Gesinnung
-gleichgearteten Volksstämmen die Waffen kreuzten,
-so fehlen uns alle Anhaltspunkte dafür, was wir von den
-Angehörigen einer minderen Kultur zu erwarten haben.
-Ich rein persönlich jedoch fürchte, daß es &ndash; selbst den recht
-zweifelhaften guten Willen der östlichen Befehlshaber vorausgesetzt
-&ndash; kaum gelingen dürfte, unsere Ansiedlungen
-vor einer bisher unbekannten Zerstörungsgier zu schützen.
-Und was den Einwohnern eines freien und geordneten
-Staatswesens bevorsteht, sobald die entfesselte Zügellosigkeit
-dumpfer und stumpfer Massenschwärme über sie fortprallt,
-asiatischer Halbwilder, die an glücklicheren Völkern
-die Pein ihrer eigenen Sklaverei zu vergelten gedenken,
-das sind Dinge, liebe Schwester, die mich vorläufig nur
-wie unvorstellbare schwere Träume ängstigen. Zwar noch
-ist ja eine Beschwörung der Gefahr nicht gänzlich unmöglich.
-Doch mein Rat geht für alle Fälle dahin, dich und
-die Deinen sowie alle, die dir nahestehen, schon jetzt in Sicherheit
-zu bringen. Mit Freuden öffne ich dir mein Haus in
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-Berlin. Es genügt aber vielleicht auch, wenn du dich einstweilen
-in eurer Provinzialhauptstadt einmietest. Aber nimm
-die Zeit wahr, liebe Adelheid, denn binnen kurzem dürften
-auch dort neue Ankömmlinge wegen der zu befürchtenden
-Übervölkerung zurückgewiesen werden. Ist es nicht unfaßbar,
-sich alle diese ungewohnten Schrecken und Grausamkeiten
-vorstellen zu müssen? Gott gebe, liebe Schwester,
-daß diese wütende Windsbraut ohne schweren Schaden an
-dir vorüberbraust.«</p>
-
-<p>Als Frau von Stötteritz bis hierher in ihrer Lektüre
-gelangt war, da faltete sie den Brief emsig und umständlich
-zusammen, jede Falte in ihre gewohnte Lage, und schob
-das Schreiben mit ihrer dürren Hand raschelnd in den
-seidenen Beutel. Dann wandte sie das Haupt, und ohne
-ein weiteres Wort an diese für sie völlig erschöpfte Angelegenheit
-zu verschwenden, richtete sie ihre starren, grauen
-Augen, die sich plötzlich unnatürlich weit geöffnet hatten,
-regungslos und unerbittlich auf das hochgewachsene blonde
-Mädchen. Auch Johanna vermochte sich in der abermals
-herabsinkenden Stille, die bang und trübselig, beinahe hörbar,
-durch das weite Zimmer schlürfte, keiner Bewegung
-hinzugeben.</p>
-
-<p>Ungläubig nahm der Riese von Sorquitten, der auch
-jetzt noch mit hörbar tiefen Atemzügen neben seiner jungen
-Verwandten weilte, die merkwürdig belebte Blässe des
-sonst so resoluten und durch nichts zu erschütternden
-Frauenbildes in sich auf.</p>
-
-<p>»Kriegt endlich doch das Bibbern,« fuhr es ihm durch
-den Sinn, und seine kernige Mannhaftigkeit freute sich
-darüber, weil das stolze Weib, das ihn stets wie eine
-beobachtende Erzieherin behandelte, sich wenigstens vor der
-Gefahr genau wie alle anderen Frauenzimmer demütigen
-lernte. »Na, da wird sie ja unseren Vorschlag gnädig aufnehmen,«
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-dachte er, »womöglich noch dankbar sein, weil
-man sie hübsch fürsorglich aus unserer Pulverecke fortschafft.«</p>
-
-<p>Und ohne weitere Überlegung reckte er sich, um seine
-breite Tatze herablassend, wohlwollend auf die Schulter
-der Cousine zu betten. Die in Gedanken Versunkene jedoch
-ließ es ruhig geschehen. Es war das erste Mal, daß sich
-der Recke ihrer blühenden Körperlichkeit so weit nähern
-durfte. Und mitten in dem schweren Druck, den die bängliche
-Zeit verbreitete, da empfand der strotzende Gutsherr
-in seinem derben, allem Grübeln abgeneigten Sinn etwas
-von der verschämten Üppigkeit dieser verhüllten, unberührten
-Mädchenglieder. Freilich nur eine vorüberblitzende Sekunde,
-denn gleich darauf zuckte das entschwundene Leben
-durch die völlig entrückte Frauengestalt. Widerwillig
-schnellte ihre Schulter empor, schüttelte die fremde Hand
-als etwas Störendes von sich ab, und während sie ihren
-Blick mit ihrer kühlen Sicherheit gegen seine trotz aller
-Überhebung gutmütigen Knabenaugen richtete, da stieß sie
-kurz und geschäftsmäßig hervor, wie jemand, der endlich
-auf den Kern der Dinge dringen will:</p>
-
-<p>»Na also, Fedor, nur um mich auf alles dies vorzubereiten,
-deswegen allein hast du doch deine Mutter nicht
-zu der Fahrt veranlaßt? Heraus damit, was führst du
-noch im Schilde?«</p>
-
-<p>Verwünscht, da war wieder eine jener niederträchtig
-kurzen Fragen, auf die seine schwerfällige Unterhaltungsgabe
-nicht sofort eine Antwort zu erteilen wußte. Herrgott
-ja, man plante ja allerlei Heimliches, sogar seit Jahren,
-man trieb sich viel öfter auf dem Hofe von Maritzken
-herum, als es eigentlich durch die Verwandtschaft oder eine
-treue Nachbarlichkeit bedingt war, weil man eben dachte &ndash;
-weil man doch zum Schluß wünschte, daß &ndash; daß&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-Zum Kuckuck, es wurde eben nichts daraus, weil das
-große blonde Weib, das in der Statur so hübsch zu einem
-paßte, nichts, aber auch gar nichts Entgegenkommendes
-oder Aufmunterndes zeigte, was einem die schwere Sprache
-vielleicht gelöst hätte. Und auch in diesem drängenden Moment
-hätte der Riese das, was ihn im Grunde bewegte,
-und was längst die Billigung der Frau Mama gefunden
-hatte, ohne deren Ja und Amen man ja schließlich nichts
-unternehmen konnte, ja, er hätte all das Verborgene gerade
-jetzt viel sachter und zarter einkleiden können. Aber
-nun, als man ihm wieder mit einer solch brüsken Deutlichkeit
-auf den Leib rückte, da vermochte sich der Herr von
-Sorquitten nur auf den alleräußerlichsten Grund zu besinnen,
-den man im letzten Ende doch nur als guten
-Vorwand aufgespart hatte.</p>
-
-<p>»Was es gibt &ndash; was ich will&nbsp;&ndash;,« murmelte er aufgescheucht,
-wobei seine blauen Augen Unterstützung heischend
-nach dem regungslosen Antlitz seiner Mutter hinüberirrten.
-»Herrgott, Hans, das ist doch klar, das ist
-doch furchtbar einfach.«</p>
-
-<p>»Na, dann sag es doch!«</p>
-
-<p>»Ja, sieh mal, ich meinte &ndash; das heißt, meine alte
-Dame ist gleichfalls der Ansicht &ndash; wenn es losgehen sollte,
-dann könnt ihr Mädels doch unmöglich in der glatten
-Feuerzone bleiben. Und da hatten wir so ganz gemütlich
-unter uns verabredet, daß es am sichersten wäre, wenn
-du deine Schwestern nach Berlin schicktest. Du selbst
-aber&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun also?«</p>
-
-<p>»Herrgott, sieh mal, es wäre doch so einfach&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Indessen das Augenpaar der Ältesten von Maritzken
-ruhte wieder zu scharf, zu kühl und zu forschend auf dem
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-Männerantlitz, als daß Herr von Stötteritz, der doch die
-Charge eines Landwehr-Rittmeisters bei den Göben-Ulanen
-bekleidete, die Gewandtheit besitzen konnte, die wohlausgedachte
-Attacke zu vollenden. Diese niederträchtigen, komischen
-Weibsbilder, was sie einem für Beschwerlichkeiten
-bereiteten. Es war ein reines Glück, daß sich jetzt aus
-dem Seidenfauteuil das bekannte scharfe Räuspern vernehmen
-ließ.</p>
-
-<p>»Liebe Johanna,« sagte die Frau Mama in ihrer unveränderlich
-starren Haltung, »mein Junge stottert ja
-leider. Wahrhaftig, er benimmt sich, als ob man vor
-jemandem, dem man zu nützen wünscht, noch einen Fußfall
-machen müßte. Kurz und gut, liebes Kind, so schwer
-es mir fällt, ich habe mich entschlossen, Sorquitten zu verlassen,
-um während der nächsten Zeit in die geschützte
-Provinzialhauptstadt überzusiedeln. Wir besitzen ja dort
-sowieso ein bescheidenes Absteigequartier. Und da wollte
-ich dir vorschlagen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Jawohl, wir wollten dich bitten,« fiel hier der Sohn,
-dem alles viel zu lange währte, ohne besondere Umstände
-ein, »wir wollten dich bitten, ob du nicht meine Mutter
-begleiten möchtest.«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, ich?«</p>
-
-<p>»Jawohl, was ist da groß zu überlegen und um Gottes
-willen,« beharrte nun der Gutsbesitzer bereits etwas erhitzt,
-weil die Cousine nicht sofort mit beiden Händen zugriff.
-»Du bleibst dann für alle Fälle hier in der Nähe.
-Und du könntest dich ja vielleicht auch, um dich zu beschäftigen,
-ein wenig um die Pflege meiner Mutter kümmern.«</p>
-
-<p>So, damit war so ziemlich für die Zukunft vorgesorgt.
-Und während sich Tante Adelheid dem Fenster zuwandte,
-um eine blaue Taube zu beobachten, die auf dem Blech
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-herumstolzierte, da zog sich ihr Sohn gleichfalls den nächsten
-gelbseidenen Fauteuil heran und ließ sich krachend in
-das Polster fallen, als ob nun das schwierige Geschäft in
-schönster Ordnung und beendigt wäre. Gemütlich pfiff er
-halblaut durch die Zähne, streckte die gewaltigen Beine von
-sich und faltete die Hände kreuzweise über der Brust.
-Jedenfalls hatte man nun seine verfluchte Pflicht und
-Schuldigkeit gegen das störrische, unliebenswürdige Mädel
-erfüllt. Jetzt konnte sie tun, was sie Lust hatte.</p>
-
-<p>Eine lange Zeit erhob sich kein Laut in dem weiten
-Zimmer, nur ab und zu vernahmen die drei Menschen, die
-sich gegenseitig beobachteten, einen eigentümlichen metallischen
-Ton. Der rührte von der Taube her, die draußen
-auf dem Fensterblech herumpickte. Endlich jedoch wandte
-sich Frau von Stötteritz dem schweigenden Mädchen zu,
-denn sie fand, daß man der Hausherrin nun genug Zeit zur
-Überlegung gegönnt hätte. Und ihre Stimme klang sehr
-bestimmt und deutlich, als sie sich nun erkundigte, ob ihre
-Nichte innerhalb von zwei Tagen die angekündigte Reise
-antreten würde. Aber wie erstaunten die beiden Adligen,
-ja Fedors Mutter entsetzte sich geradezu, als statt einer Antwort
-von dem Tisch her ganz plötzlich und gegen jede Erwartung
-ein helles Lachen auftönte, das sich in der scharf
-dagegen absetzenden Stille immer mehr verstärkte, als ob
-eine innerliche Befreiung damit verbunden wäre.</p>
-
-<p>»Aber liebe Johanna, das finde ich doch in hohem
-Maße eigenartig,« suchte sich endlich die alte Dame gegen
-diese absonderliche Weise zur Wehr zu setzen. »Was meinst
-du, Fedor?«</p>
-
-<p>Jedoch auch der Riese vermochte sich die verletzende
-Heiterkeit auf einen so ernsthaften und gut gemeinten Vorschlag
-natürlich noch viel weniger zu erklären. Stumm
-und ungläubig streckte er noch immer die Beine weit von
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-sich, und nur die gefalteten Hände reckten sich aus, so
-daß die gespreizten Finger ein kurzes Knacken vernehmen
-ließen.</p>
-
-<p>»Ja, Johanna, Menschenskind, was soll denn das
-heißen?« vermochte er nur undeutlich über die Lippen zu
-bringen.</p>
-
-<p>Aber jetzt hatte sich endlich die Älteste von Maritzken auf
-sich selbst besonnen. Rasch entschlossen schritt sie auf die
-alte Dame am Fenster zu, und ehe es die Leidende noch
-hindern konnte, wurde ihr von dem Landfräulein kräftig
-die Rechte gedrückt. Auch eine Art der Verständigung, die
-die Edelfrau nicht schätzte.</p>
-
-<p>»Liebe Tante,« hörte sie dicht vor sich das dunkle Organ
-ihrer Nichte anschwellen, das jede Dämpfung der Unruhe
-verloren zu haben schien, »wirklich, ich merke sehr
-genau, wieviel Wohlwollen sich hinter deiner gütigen Aufforderung
-verbirgt. Und auch du, bester Vetter,« wandte
-sie sich ein wenig zurück, »bist im Grunde ein guter Kerl.
-Aber ihr dürft es mir nicht übel deuten, daß ich mir die
-ganze Situation, die so plötzlich über mich hereinbricht,
-nach meiner Gewohnheit im stillen und ungestört überlegen
-möchte. Nicht wahr, ihr seid nicht böse,« fügte sie
-freundlich an, »wenn ich zu diesem Zweck ein paar Schritte
-auf meinem Hof herumlaufe, um mir den Wind ein wenig
-um den Kopf streichen zu lassen. Dort unten befindet sich
-ja seit alters her meine große Ratsstube. Und ich muß erst
-mehrfach an die Stalltüren geklopft haben, um ganz mit
-mir einig zu sein. Inzwischen schicke ich euch natürlich
-Marianne oder Isa herein, die ihr ja ohnehin noch nicht
-begrüßt habt. Du erlaubst, liebe Tante.«</p>
-
-<p>Und ohne eine Bestätigung abzuwarten, nickte die bereits
-Aufbrechende ihren beiden betroffenen Verwandten zu und
-verließ mit ihrem festen, majestätischen Gang das große
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-Gemach. Zwischen den Zurückbleibenden jedoch entspann
-sich eine kurze, inhaltsschwere Unterhaltung.</p>
-
-<p>»Siehst du,« bedeutete die Mutter ihrem Sohn, der
-seinen Blick noch nicht von der hohen weißen Tür fortzulenken
-vermochte, hinter der Johanna eben verschwunden
-war, »wie wenig Anhänglichkeit das Mädchen besitzt? Ich
-glaube, du täuschst dich in ihr. Ihr seid zwar beide im
-Alter nicht viel voneinander geschieden, aber bei ihr
-erzeugten die Jahre oder auch die Gewohnheit des Befehlens
-eine nicht zu brechende Selbstsicherheit, die nicht
-immer angenehm anmutet. Manchmal kommt sie mir wie
-ein Stachelzaun vor, der jedem Fremden den Weg sperrt.«</p>
-
-<p>»Liebe Mutter, sie ist ein braves, wahres und aufrechtes
-Geschöpf,« verteidigte der Sohn, indem er eine
-ihm plötzlich über die Stirn huschende Röte mit der flachen
-Hand fortzuwischen strebte, »gerade weil sie alle die Firlefanzereien
-und Maskeraden verachtet, die andere Frauenzimmer
-doch nur anwenden, um anständig unter die Haube
-zu gelangen, deswegen hege ich eine entschiedene Achtung
-vor ihr.«</p>
-
-<p>»Dagegen habe ich ja auch gar nichts einzuwenden, mein
-guter Junge, ich fürchte nur, es wird bei der gegenseitigen
-Achtung bleiben. Wie?« richtete sich die alte Dame unvermutet
-auf und schlug unwillig auf ihre seidene Tasche,
-»ein Mann wie du, der Rittmeister von Stötteritz, mein
-Sohn, kann es nicht fertig bringen, daß solch eine dumme
-Pute ihren Willen dem seinigen unterordnet?«</p>
-
-<p>Jetzt sprang der Rittmeister plötzlich auf die Füße, daß
-das ganze Zimmer zitterte.</p>
-
-<p>»Herrgott, wieder solch ein Lärm!« klagte die Kranke.</p>
-
-<p>»Du sollst Johanna nicht immer beschimpfen,« rief der
-Riese ohne Übergang laut und völlig unbekümmert darum,
-ob er nicht durch drei Zimmer hindurch verstanden werden
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-könnte. »Ich mag das nicht. Und ob Johanna sich dir anschließen
-wird oder nicht, das werde ich gleich erfahren.
-Und vielleicht noch Verschiedenes mehr.«</p>
-
-<p>»Gut,« schloß die alte Dame, schlug abermals böse auf
-ihre Tasche und nickte hinter dem schallend Davonstürmenden
-mit einem Zug des Besserwissens in den kalten grauen
-Augen her, »dann wird ja dieses Hin- und Herzerren endlich
-aufhören. Solche romantischen Unklarheiten hasse ich
-auch bis in den Tod. Sie machen mich direkt krank. Überhaupt
-&ndash; du bist an meinem ganzen Leiden schuld. Lauf
-du nur, mein Jungchen, lauf nur hinter der Marielle
-drein.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Johanna stand vor dem geschlossenen Tor des Kuhstalles
-und klopfte wirklich, wie sie es vorher angekündigt, bald
-leise, bald etwas lauter an das altersgeschwärzte Holz.
-So war sie es immer gewohnt, ihre Gedanken, wenn es
-etwas Wichtiges galt, zu sammeln. Und ihre Leute sowohl
-als ihre Schwestern wichen scheu aus der Nähe des Gutsfräuleins,
-sobald das vielbedeutende Pochen auf dem Anwesen
-hörbar wurde.</p>
-
-<p>»Jetzt denkt sie sich etwas aus,« hieß es dann.</p>
-
-<p>Allein heute gelangte sie nicht zu der doch so nötigen
-Sichtung der Wirrnis, die draußen im Lande und auch hier
-in ihrem friedvollen Gehöft dicht vor ihren Füßen aufgeschossen
-war. Gerade die Unruhe, die sie zu bezwingen
-strebte, sie schien bereits auf allen Straßen zu jagen und
-sprengte auch bis zu ihr durch das gewölbte Hoftor herein.
-Noch ehe sie sich über die neue Störung ganz klar werden
-konnte, fing sie ein ungewohntes kurzes Trappeln auf,
-Hufschläge wurden laut und zu ihrem äußersten Befremden
-sah die Aufgeschreckte, wie ein Offizier in seiner Paradeuniform,
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-mit blitzendem Helm und gefolgt von einem
-ebenfalls berittenen Burschen, seinen Braunen dicht vor
-ihr parierte. Eine schlanke Gestalt beugte sich zur Seite und
-führte grüßend die Rechte an den Helm. Gleich darauf
-sprang der Reiter zur Erde, um sich noch einmal respektvoll
-vor der blonden Gutsbesitzerin zu verneigen. Die
-Sporen klirrten dabei leise zusammen, und in den dunklen
-Augen des jungen Offiziers wohnte ein so deutlich lesbarer
-Wunsch, ein so unverhülltes, ehrliches Anliegen, wie es
-nur Menschen eigen ist, die durch ein paar kurze Worte über
-ihr ganzes Schicksal die Entscheidung gefällt zu sehen
-wünschen.</p>
-
-<p>Seltsam, auch dem trotzigen, selbstbewußten Landmädchen
-schlug einen Moment das Herz höher und voller. Aber
-es war ein erlösendes Gefühl der Befriedigung, das sie
-durchdrang, denn in ihrer Seele blitzte es auf, wie mit
-diesem jungen Reitersmanne die Ehre und die Redlichkeit
-wieder in ihrem Hause Einzug hielten, die sie in trüben
-Stunden bereits entwichen wähnte. Gottlob, ihr war es
-sofort klar, hier hatte Konsul Bark, der zuverlässige Freund,
-sein Versprechen eingelöst, und zum erstenmal seit langer
-Zeit würden in dem weißen Gutshofe, der sich im Grunde
-doch nur so schwer verwalten und regieren ließ, Glückseligkeit
-und Jugendwonne aufblühen. Zuversichtlich, das
-mußte geschehen. Das verlangte das große kräftige Geschöpf,
-das selbst keine Wünsche mehr hegte, als unbedingtes
-Entgelt seiner Mühen. Allein, als sie jetzt, ihrer glücklichen
-Regung folgend, dem jungen Offizier, der ihr so
-ernst und erwartungsvoll gegenüberstand, mit einer herzlichen
-Bewegung die Rechte darbot, da &ndash; welch merkwürdige
-Verkettung &ndash; da verfing sich ihr Blick an dem Goldgefunkel
-des Adlers vor seinem Helm. Und ohne jede
-weitere Überlegung stürzten all die ängstlichen Sorgen, alle
-<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-unmöglichen, nie gekannten Befürchtungen, vor denen
-ihre klare Vernunft noch eben ins Knie gebrochen, in die
-eine fast willenlos hervorgestoßene Frage zusammen:</p>
-
-<p>»Herr Leutnant, ist es wahr? Gibt es Krieg?«</p>
-
-<p>Auf diese ganz unerwartete Anrede straffte sich die
-schlanke Gestalt des Militärs zusammen, und über sein
-dunkles, immer von den Schatten des Nachdenkens umsponnenes
-Antlitz fuhr ein heller Schein. Nein, das war
-nicht die wilde Freude des Kriegsmannes, der sein größtes
-Glück, ja Macht, Ehre und eine gesicherte Existenz aus
-brodelnden Blutdämpfen hervorkochen sieht. In seinen
-reinen und für einen jungen Mann dieser Zeit so merkwürdig
-unberührten Zügen malte sich vielmehr die helle,
-felsenfeste Zuversicht auf das ungetrübte Glück der Menschheit,
-das sicherlich durch keinen noch so unbeschränkten
-Machtwillen in die Glut und die Greuel eines vernunftwidrigen
-Mordens hinabgestoßen werden konnte. Wahrlich,
-eine innerste Überzeugung strahlte aus seiner warmen,
-wohltuenden Stimme, als er trotz seiner so leicht erklärlichen
-Befangenheit voller Zuversicht ausrief:</p>
-
-<p>»Ganz unmöglich, gnädiges Fräulein! Sie brauchen sich
-nicht im geringsten zu beunruhigen. Meine Kameraden und
-ich verfolgen natürlich gleichfalls die Zeitungsgerüchte, die
-wieder einmal allerlei Bedrohliches melden, mit größter
-Spannung, aber wir sind sämtlich felsenfest davon überzeugt,
-daß es sich wie gewöhnlich nur um einen papiernen
-Feldzug handelt. Ganz bestimmt, wer den Krieg &ndash; wenigstens
-durch Studium &ndash; kennt, so wie wir, der weiß, welche
-Ungeheuerlichkeit derjenige begehen würde, der ihn um
-ganz fernliegender Dinge willen entfesselt.«</p>
-
-<p>Da war es Johanna, als wenn ein leichter, erfrischender
-Wind in eine Wand von Staub und Dampf führe, die ihr
-bis dahin die Aussicht gesperrt. Plötzlich tauchte wieder
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-die sonnenbeschienene Gegend vor ihr auf, der von weißen
-Scheunen eingefriedete Hof, herübernickend die dunkelgrünen
-Kastanien des Parks, und zwischen dem gewölbten
-Eingangstor hindurchleuchtend die schmale weiße Landstraße.
-Selbst das Reitpferd, das der Bursche des Offiziers
-in respektvoller Entfernung an den Hofmauern herumführte,
-erschien der Aufatmenden wie eine Bürgschaft dafür,
-daß das gewohnte Dasein unverändert und ungetrübt
-an ihr vorüberfließen müsse. Und in lebhaft aufwallender
-Dankbarkeit streckte sie dem Boten des Heils noch einmal
-ihre Rechte entgegen. Der verbeugte sich stumm über den
-dargereichten Fingern. Und da &ndash; welch ein Glück &ndash; das
-derbe Landmädchen griff mitten in die so schwer darzustellenden
-Pläne hinein, die ihn herleiteten.</p>
-
-<p>»Lieber Herr Leutnant Harder,« brachte sie rasch und
-überstürzt mit einem an ihr seltenen Lächeln hervor, »ich
-weiß, was Sie von mir begehren. Wir wollen nicht viel
-Worte machen. Ich selbst habe Ihren Besuch, ja sogar Ihr
-Anliegen gewünscht, und ich nehme an, daß Ihnen unser
-gemeinschaftlicher Freund, Herr Konsul Bark, von den
-Erwartungen, die ich an Sie stellen zu dürfen glaubte, Mitteilung
-machte. Verhält sich das nicht so, Herr Leutnant?«
-setzte sie leiser, aber nicht weniger vertraulich hinzu.</p>
-
-<p>Fritz Harder war von dem warmen Ton und der aus
-einem ehrlichen Gemüt hervorquillenden Offenheit völlig
-hingenommen. So, gerade so stellte er sich ja ein aufrechtes,
-unerschrockenes Mädchen vor, das einen glättenden
-und aufrichtenden Einfluß auf ein Männerdasein gewinnen
-müßte. Und zum erstenmal, da er jetzt das Bild
-dieser Schwester in sich aufnahm, gewahrte sein suchender,
-einfühlender Blick, wie diese hellen blauen Augen auch
-wärmer, inniger und treuer strahlen konnten, als er es
-von jener gefürchteten und immer mit einiger Scheu betrachteten
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-Wächterin erwartet hatte. Mein Gott, das
-war ja eigentlich keineswegs die strenge mütterliche Beraterin,
-so wie sie ihm immer vorgeschwebt. Hier stand
-ja in Wahrheit ein hohes, blühendes Weib, das nur zu
-unnahbar, zu abgeschlossen lebte, als daß sich ein zerstörendes
-Verlangen bis zu ihr erheben konnte. Und jetzt,
-gerade jetzt sprach jene edel gemeißelte, wunschlose Statue
-zu ihm so redlich, so erkennend, daß ihm das Herz überfloß.
-Welch ein Glück, welch ein teures Pfand für die
-Zukunft, daß Marianne, diese heiße zuckende Flamme, die
-an seinem Leben fraß, eine solche Schwester, eine derartige
-Hüterin ihr eigen nannte. Und jäh errötend begann er sein
-Anliegen vorzutragen. Um was er eigentlich geworben, in
-unzusammenhängenden Worten, die sich nur schwer zu
-zerhackten Sätzen fügen wollten, das wußten die beiden,
-die einen so ehrlichen Handel miteinander zu schließen gedachten,
-später kaum mehr anzugeben. Jedem von ihnen
-blieb nur das erlösende Bewußtsein, daß endlich etwas
-Irrlichterlierendes, das sich gegen alle Ordnung sträubte,
-eine feste und redliche Form gewinnen sollte. Plötzlich
-reichten sich beide noch einmal stumm die Hände. In
-diesem Augenblick wurde die Gutsherrin von Maritzken
-völlig von der Vorstellung beherrscht, daß sie einem großen
-treuherzigen Jungen das begehrte Geschenk mit mütterlicher
-Sorgsamkeit überreiche.</p>
-
-<p>»Wir sind einig, mein lieber Herr Leutnant,« schloß sie
-einfach, indem noch immer das gute Lächeln um ihre
-Lippen schwebte. »Und nun eilen Sie nur, damit Sie
-auch derjenigen Ihre Wünsche auseinandersetzen können,
-mit der Ihnen eine Unterhaltung gewiß viel erfreulicher
-und amüsanter sein wird, als mit mir. Nein, nein, lieber
-Fritz Harder,« sträubte sie sich beinahe schelmisch, als der
-junge Offizier ein paar verlegene Komplimente zu stammeln
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-gedachte, »das ist ja alles so natürlich. Ich weiß
-auch, daß Sie mit meiner Schwester Marianne nicht die
-erste derartige Besprechung pflegen. Nicht wahr? Aber
-darüber wollen wir heute nicht mehr rechten. Um es Ihnen
-zu erleichtern, werde ich Marianne gleich herunterbitten
-lassen.«</p>
-
-<p>Allein nach einiger Zeit kehrte das zu diesem Zweck ausgesandte
-Mädchen zurück und berichtete, daß die Gesuchte
-weder in ihrem Zimmer noch bei den Gästen aus Sorquitten
-zu finden wäre.</p>
-
-<p>»Das ist merkwürdig,« meinte Johanna sich besinnend,
-»mir war es doch so, als wenn ich noch eben hinter den
-Fenstern des ersten Stockwerks die dunklen Haare meiner
-Schwester erkannt hätte.«</p>
-
-<p>Und als der Offizier, der sich in seiner Hast vergaß, dieselbe
-Wahrnehmung bestätigte, da hob das Gutsfräulein
-ein wenig überlegen die Achsel, um ihrem neuen Schützling,
-immer mit derselben Gutmütigkeit, zu raten:</p>
-
-<p>»Also, lieber Herr Leutnant, dann schlage ich Ihnen
-vor, sich selbst auf die Suche zu begeben. Ich darf ja annehmen,
-daß Sie über die geeigneten Schlupfwinkel,
-Waldhänge und Haselnußhaine auf meinem Gute ausreichend
-orientiert sind. Nicht wahr?« lachte sie plötzlich
-ganz offen, wobei sie sich an der Betroffenheit des Überraschten
-wie an einem äußerst gelungenen Scherz zu weiden
-begann. »Gehen Sie nur, Fritz Harder, ich bin überzeugt,
-Sie werden das, was Sie suchen, mit militärischer Sicherheit
-finden.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Fritz Harder folgte einem grünen Schatten. Er sah ihn
-bald durch die braunscholligen Einschnitte hochstehender
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-Weizenfelder dahinhuschen, bald glaubte er den flüchtigen
-Schein wieder rastend an den dunklen Einbuchtungen eines
-träumenden Gehölzes hängen zu sehen. Er suchte ihn zu
-haschen, ja er rief manchmal leise einen Namen, der sein
-ganzes Gemüt ausfüllte, allein immer, sobald er die Stelle
-erreichte, wo eben die Ähren wie nach einer entschwundenen
-Berührung schwankten, dann fand er, daß er von dem
-trügerischen grünen Schimmer abermals getäuscht sei. Allmählich
-hatte der einsam Wandelnde jene Wiesengrenze erreicht,
-an der sich der schmale Haselnußgang dahinschlängelte.
-Hier an einer halb verfallenen Moosbank, die so oft
-Zeugin eines heimlichen kosenden Geflüsters gewesen, ließ
-sich der junge Offizier nieder und schickte seine Blicke noch
-spähender als bisher durch das dunkle, wild verschlungene
-Gestrüpp.</p>
-
-<p>Nichts.</p>
-
-<p>Es war wohl nur eine Vorspiegelung seiner nicht mehr
-nüchternen Sinne, daß es ihm wieder vorkam, als ob der
-grüne Schatten, dem er nachjagte, noch eben geschmeidig
-durch ein Ästegerank hindurchgeschlüpft sei.</p>
-
-<p>Nein, nein, hier gab er sicherlich einem völlig unhaltbaren
-Verdacht nach, der ihm eigentlich nie und nimmer
-aufsteigen durfte. Lächerlich, wie konnte er nur wähnen,
-daß das Geschöpf, das er für immer an sich zu ketten
-trachtete, gerade in dem entscheidenden Augenblick ihres
-beiderseitigen Daseins ihm in einer unbegreiflichen Laune
-zu entweichen suchte. Ganz sicher, diese ewigen häßlichen
-Befürchtungen hatten sein harmloses Gemüt bereits aus
-der Bahn gerissen. Zu viel und zu eindringlich war von
-ihm über seine Zeit nachgegrübelt worden, von der er
-zweifellos mit Unrecht argwöhnte, daß sie den oberflächlichen
-und spielerischen Bedürfnissen ihrer Kinder zu gefällig
-entgegenkäme. Fort, fort damit, das wäre ja keine
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-deutsche Frau, der man im Ernst etwas Derartiges zutrauen
-durfte.</p>
-
-<p>Entschlossen, befreit erhob er sich und verlor sich erhitzt
-in das tiefe Gehölz, durch dessen niedriges, eng verschlungenes
-Dach die Sonnenstrahlen nur wie winzige
-goldene Käfer hindurchkrochen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>An der rissigen Tür des Kuhstalles lehnte die Hofbesitzerin,
-und während über ihr blasses Antlitz noch immer
-jener still zufriedene Schein glänzte, da pochte sie von
-neuem selbstvergessen gegen das trockene Holz. Diesmal
-aber klang es munter und beschwingt, und der kecke Trommelschlag
-ging allmählich in ein Marschtempo über, so
-daß jeder erkennen konnte, wie zuversichtlich und bestimmt
-die Gedanken der Gutsherrin über Vergangenes und Zukünftiges
-schweiften.</p>
-
-<p>»So, nu laß aber mal das Trommeln,« forderte plötzlich
-eine energische Stimme neben ihr, und als sie, aus
-ihren Träumen gerissen, das blonde Haupt ein wenig
-wandte, da mußte sie zu ihrer eigenen Erheiterung wahrnehmen,
-wie der Riese von Sorquitten in seinem gelben
-Sportanzug ebenfalls den mächtigen Rücken gegen die
-Stalltür drängte; und nun stand er mit leicht überschlagenen
-Beinen da, ohne es jedoch natürlich für nötig zu
-halten, die gewaltigen Fäuste aus den Taschen zu ziehen.
-»Du stellst dir wohl vor,« fragte er ruhig weiter, »wie
-das hier sein wird, wenn das Gesindel von dort drüben
-auf seinen Kalbsfellen Generalmarsch schlägt? Die verfluchten
-Hunde!« Und während er angelegentlich auf seine
-gelben Schnürstiefel herunterstarrte, murmelte er in angenommener
-Gleichgültigkeit: »Sag mal, Johanna, jetzt
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-könntest du doch endlich deine weisen Pläne gefaßt haben.
-Willst du nun meine alte Dame begleiten?«</p>
-
-<p>Es klang durchaus nicht so, als ob der große Mensch
-in Herzensangst um ihr Schicksal bebte. Darin bestand ja
-ohnehin nicht seine Art, sobald es sich um andere handelte.
-Aber die große Blonde wurde doch von einer vorüberhuschenden
-Rührung erfaßt, als sie sich vorstellte, daß sich
-überhaupt ein Mensch um ihr Wohlergehen bekümmere.</p>
-
-<p>»Fedor,« begann sie deshalb zutraulich, »entdecke mir
-mal ganz offen, lieber Junge, weshalb du dich so bemühst,
-mich von hier fortzulocken? Liegt dir wirklich bloß daran,
-eine passende Gesellschaft für deine Mutter zu finden?
-Oder wäre es dir im Ernst peinlich, wenn ich durch eine
-fremde Einquartierung Unannehmlichkeiten erführe?«</p>
-
-<p>»Na, natürlich wäre es mir peinlich,« brummte Herr
-von Stötteritz, zog den einen Schuh noch etwas weiter in
-die Höhe und klopfte sich angelegentlich den Staub ab.
-Und indem er etwas möglichst Gleichgültiges zu erfassen
-strebte, stieß er noch hervor: »Vor allen Dingen möchte
-ich selbstverständlich den Lumpen den Spaß versalzen,
-einer mir nahestehenden Dame hier irgend etwas vorschreiben
-oder gar befehlen zu wollen.«</p>
-
-<p>»So so, daran denkst du,« meinte Johanna schon um
-vieles mehr ernüchtert. »Wenn ich dir nun aber anvertraue,
-daß ich an dieses ganze Kriegsmärchen keineswegs
-glaube, was dann?«</p>
-
-<p>Der Riese ließ sich gegen die Stalltür fallen, daß sich
-ein dumpfes Dröhnen erhob.</p>
-
-<p>»Dann erkläre ich dir,« sprudelte er ihr ungehalten
-entgegen, »daß du eine halsstarrige Person bist, die für
-derartige Dinge nicht das richtige Verständnis besitzt.«</p>
-
-<p>»Ach, sieh einmal, was du liebenswürdig sein kannst!«</p>
-
-<p>»Aber ich will ja gar nicht liebenswürdig sein,« schrie
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-jetzt der Riese außer sich, der völlig vergaß, daß ihn ursprünglich
-eine viel zartere Absicht hierher geleitet, »ich
-will ja bloß, daß hier alles nach Ordnung und Recht zugeht,
-damit du keinen Schaden leidest.«</p>
-
-<p>»Dafür danke ich dir,« versetzte Johanna, indem sie
-wieder in ihre kühle und unnahbare Haltung zurückfiel,
-denn die derbe Weise des Rittmeisters empörte sie innerlich.
-»Aber da ich mir einmal angemaßt habe, meine
-Wirtschaft nach eigenem Gutdünken zu leiten, so mußt du
-es mir auch anheimstellen, ob ich es für richtig halte, mein
-Anwesen ohne Aufsicht zu lassen.«</p>
-
-<p>»Donnerwetter ja,« fuhr jetzt der Riese auf und schlug
-mit geballter Faust gegen das Holztor, »mein Inspektor
-und ich können das doch auch besorgen?«</p>
-
-<p>»Ja gewiß,« wollte die Angegriffene hier abermals
-einlenken, jedoch der völlige Mangel an Selbstbeherrschung,
-den der Gutsbesitzer so polternd bewies, er löschte ihr das
-Verständnis für die verborgene Gutmütigkeit, die seinen
-Absichten zugrunde lag, von neuem aus. »Ja gewiß,
-Fedor,« gab sie zu, »ich empfinde dein Anerbieten als
-sehr uneigennützig, aber meine Leute sind zu sehr an meine
-eigene Behandlung gewöhnt, als daß ich sie gerade in den
-Zeiten der Not einer schärferen Methode aussetzen möchte.«</p>
-
-<p>»Aha!« Herr von Stötteritz stieß einen gellenden
-Pfiff aus. »Daher geht der Wind,« lachte er ingrimmig,
-»du hast unausgesetzt an mir etwas herumzutadeln. Die
-ganze Richtung paßt dir nicht, wie, Cousinchen? Das
-Junkertum, wie du es nennst, das Echt-Preußische? So
-sage es doch, nicht wahr, das kannst du nicht leiden?«</p>
-
-<p>Über der Stirn des Mädchens zogen ein paar Falten
-auf. Sie sah wieder sehr herb und ablehnend aus, als
-sie jetzt kurz hervorbrachte:</p>
-
-<p>»Ich weiß zwar nicht, was dir an meiner Ansicht liegt,
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-aber wenn du darauf bestehst &ndash; nun ja, ich kann mir
-manches anziehender vorstellen, als die von dir bezeichnete
-Art.«</p>
-
-<p>»So, das wollte ich nur wissen,« knurrte der Herr
-von Sorquitten, dem es trotz der aufsteigenden Enttäuschung
-so vorkam, als ob er eine widerwärtige Schulaufgabe
-endlich erledigt hätte. »Dann brauchen wir ja nicht
-mehr länger das abgeleierte Thema abzuhaspeln. Du
-glaubst uns nicht und hast wahrscheinlich Ratgeber, die
-die Lage viel gründlicher zu beurteilen vermögen, als solch
-beschränkte Stoppelhopser. Schön, Mariellchen, ich wünsche
-natürlich in unser aller Interesse, daß diese superklugen
-Leute recht behalten. Inzwischen wirst du mir wohl beistimmen,
-wenn ich für meine alte Dame anspannen lasse.
-Ich habe vor Tisch nämlich dort drüben in Sorquitten
-noch Verschiedenes anzuordnen. In meiner wenig anziehenden
-Art, natürlich. Na, mir bleibt wenigstens der
-Trost, Cousinchen, daß dir über den schnellen Abschied
-nicht das Herz brechen wird, was?« Damit richtete sich
-Herr von Stötteritz auf, schüttelte sich, als wenn er in
-der trockenen Luft von einem Platzregen durchnäßt wäre,
-und rief schallend über den Hof nach seinem Kutscher.</p>
-
-<p>Mächtig ausholenden Schrittes suchte er den Hauseingang
-zu erreichen, um seine Mutter von der bevorstehenden
-Abfahrt zu unterrichten, jedoch mitten zwischen den
-Pfosten sah er sich noch einmal zurückgehalten. Dicht neben
-ihm stand Johanna, und sie griff jetzt rasch nach dem
-Arm des sie Überragenden, um ihn ein wenig hin und her
-zu zausen, als ob sie den Unwirschen zur Besinnung zu
-bringen wünsche.</p>
-
-<p>»Fedor, du wirst doch wegen einer solch kleinen Meinungsverschiedenheit
-nicht böse sein?« mahnte sie eindringlich.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-Der Riese sah sie ungewiß von der Seite an, knurrte
-etwas Unverständliches, aber ihr herzlicher Ton verfehlte
-nicht den beabsichtigten Eindruck.</p>
-
-<p>»Fällt mir ja gar nicht ein,« rang er sich noch immer
-etwas unwillig ab, obwohl ihm dieses verdammte Schuljungengefühl
-unter ihren Augen nicht recht weichen wollte.
-»Wieso böse? Habe für solche Geschichten wie Familienfehde
-oder dergleichen absolut kein Verständnis. Im
-übrigen bist du ja auch eine ausgewachsene Person, und
-meine Mutter sagt immer ›aufgenötigte Suppe schmeckt
-schlecht‹. Also lassen wir's! &ndash; He,« rief er laut aus der
-Tür heraus, »Friedrich, fahr' mal hier vor, ganz dicht ran.
-Und du, Hans,« wandte er sich in seinem gewöhnlichen
-Befehlshaberton zu seiner Begleiterin, »laß mal auf der
-Stelle den Tritt hinsetzen. Meine alte Dame behauptet
-sonst wieder, sie wäre keine Seiltänzerin. Also allons,
-Kinder, ein bißchen Musik in die Knochen, und dalli,
-dalli.«</p>
-
-
-
-
-<h3>IV.</h3>
-
-
-<p>Dicht an der Chaussee, die sich an Maritzken vorüberschlängelte,
-hart an der Grenze eines hochwogenden, schwer
-nickenden Weizenfeldes, da gab es einen lauschigen, einen
-heimlichen Platz. Ein alter, verkrüppelter Kirschbaum
-senkte hier sein Geäst so niedrig und struppig herab, daß
-unter seinem Dach kühler, wohltuender Schatten wohnte,
-selbst wenn um ihn herum das heiße Sonnenlicht in
-Wogen über die Landstraße fortspülte. Die astumzäunte
-Rundung war so recht ein Schlupfwinkel, um sich dort verkriechen
-und zwischen den herniederhängenden Zweigen hindurchblinzeln
-zu können, auf alles, was sich auf der Landstraße
-begab. Hier hatte der Rotkopf der Grothe-Marjellen,
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-die kleine Isa, als sie noch kurze Kleider trug, oft
-wie ein Hund zusammengekauert gelegen, und es war ein
-herrliches Vergnügen gewesen, wenn sie den vorüberlaufenden
-Dorfjungen aus ihrem sicheren Versteck heraus kleine
-Kieselsteinchen gegen die Mützen werfen durfte. Hei, und
-wie gut sie treffen konnte! Ja, das verstand sie wundervoll.
-Und so oft eine der plumpen Kopfbedeckungen in den
-weißen Sand rollte und vom Wind noch überdies wie
-ein kurbelndes Rad hinweggefegt wurde, dann war unter
-den Kirschbaumzweigen in früheren Zeiten häufig ein
-verdecktes Lachen aufgequollen, ein unbestimmbares, schadenfrohes,
-kaum vernehmliches Jauchzen, das auf Mitleidsempfindungen
-der versteckten Übeltäterin keine allzu
-bestimmten Rückschlüsse freigab. Inzwischen war Fräulein
-Isa jedoch eine junge Dame geworden. Und wenn auch ihre
-Gewänder noch manchmal wild und zerknittert an der geschmeidigen,
-gertenhaften Gestalt herabflatterten, und obwohl
-es dem Rotkopf noch immer keine Sorgen bereitete,
-sich gelegentlich unter den alten Kirschbaum mit aufgestützten
-Ellenbogen auf das grüne Wiesengras zu betten,
-bis die Feuchtigkeit kalt an ihrer Brust zitterte, &ndash; seit ein
-paar Wochen war ihr leider selbst diese harmlose Erfrischung
-von der ältesten Schwester, die so gar kein Verständnis für
-derartige Freuden besaß, verkümmert worden. Eines Morgens
-lehnte nämlich eine grün angestrichene Bretterbank
-an dem alten Kirschenstamm, und seit dieser unwillkommenen
-Entdeckung saß Isa Grothe zur heißen Mittagszeit
-lässig vornübergebeugt auf dem neuen Sitz und ließ ihre
-braunen Goldaugen gierig auf einem gelben Büchlein in
-ihrem Schoße ruhen, das sie ihrer sorglosen Schwester Marianne
-heimlich entwendet. Himmel, da standen ganz
-absonderlich verirrte Dinge drin, die Fräulein Isa selbstverständlich
-längst ahnte und billigte, von denen sie
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-jedoch nie geglaubt hätte, daß sie das Blut so angenehm
-aufpeitschen könnten. Selbst hier draußen auf dem langweiligen
-Lande.</p>
-
-<p>Langsam röteten sich die Wangen in dem feinen Gesichtchen,
-und ab und zu riß das junge Geschöpf halb unbewußt
-heftig an den herniederhängenden Zweigen herum, als ob
-sie unwillig sei oder irgend etwas nicht mehr länger erwarten
-könne. Der Kirschbaum rauschte dann über ihr, und
-hereinfallende Sonnenstrahlen schossen wie weißglühende
-Pfeile über das gelbe Buch fort, bis Fräulein Isa gestört
-mit der Hand nach ihnen schlug.</p>
-
-<p>Eben zupfte die wohlgepflegte weiße Hand in den Blättern
-herum, denn die Leserin konnte vor fieberhafter Neugier
-nicht erwarten, die nächsten Seiten umzuwenden, da
-knisterte etwas in den Zweigen, ein Schatten fiel dunkel
-und verdeckend auf das Buch, und die Emporzuckende erkannte
-mit einem leisen Ruf der Überraschung, wie eine
-Frauengestalt sich eilfertig von der Seite durch die herabhängenden
-Äste hindurchdrängte.</p>
-
-<p>Im nächsten Moment hatte die Kleine zuvörderst das
-geraubte Buch unter die Bank geworfen.</p>
-
-<p>»Marianne!«</p>
-
-<p>»Jawohl, guten Tag, Isa.«</p>
-
-<p>»Guten Tag. Wie kommst du hierher?«</p>
-
-<p>»Ich?«</p>
-
-<p>Die Brust der sonst so unempfindlichen Marianne atmete
-stark, es schien, als hätte sie einen heftigen Lauf hinter
-sich. Ja sogar der keck geschnittene enge Lodenrock zeigte
-Spuren von Gräsern und Kletten, die an ihm hängen
-geblieben waren. Dazu blitzten die schwarzen Augen, und
-aus den dunklen Haaren hingen ein paar Löckchen regellos
-in den Nacken hinab. Hastig stützte sich das schöne Mädchen
-mit der Rechten auf die Banklehne und beugte sich spähend
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-vor, so daß ihre weiße Leinenbluse beinahe die Wange der
-Schwester streifte.</p>
-
-<p>»Isa,« flüsterte sie hastig, »dort hinten kommt jemand,
-der mich sucht.«</p>
-
-<p>Jetzt warf auch die Jüngere einen schnellen Blick auf
-den Feldweg, der hinter dem Kirschbaum quer auf die
-Landstraße zustrebte, und ganz fern, schon in den tanzenden
-Sonnennebeln, erkannte sie das gleißende Funkeln einer
-Uniform.</p>
-
-<p>»Ich weiß, wer dich sucht,« sagte sie sehr bestimmt,
-und in den großen Goldaugen schwamm ein Ausdruck, als
-ob das junge Ding die sonderbare Lage durchaus begriffe.</p>
-
-<p>»Jawohl, Fritz Harder,« fiel hier Marianne ungeduldig
-ein, »wenn er dich etwa anreden sollte, dann bitte erzähle
-nicht, daß du mich gesehen hättest. Kann ich mich darauf
-verlassen?«</p>
-
-<p>Auf diese dringende Frage erteilte die Siebzehnjährige
-keine Antwort. Aber über ihre Wangen ging es wie ein
-Schauer von Röte und Blässe, und in den weit aufgetanenen
-Augen schimmerte etwas Ernstes, ja beinahe
-Ängstliches, was zu dem schnippischen Wesen der frühreifen
-jungen Dame kaum zu passen schien. Ihre Fäuste
-ballten sich, und es war ein abschätzender Blick, mit dem
-sie ihre ältere Schwester, die so völlig ihr Gleichmaß verloren
-hatte, vom Kopf bis zu den Zehen musterte. Der
-kleine zuckende Mund jedoch öffnete sich nicht, und so
-dauerte das unerwartete Schweigen fort.</p>
-
-<p>»Du hast mich wohl nicht verstanden?« drängte Marianne
-ungehalten weiter, und indem die Eilfertige den
-straff herabgestreckten Arm der Jüngeren schüttelte, als
-wollte sie ihre eigene Gegenwart dadurch deutlicher
-bekunden, schärfte sie der unwillig sich Reckenden mit
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-heißer Stimme noch einmal ein: »Du wirst also nicht
-sagen, daß ich hier vorüber ging.« In jähem Übergang
-preßte Marianne plötzlich ihre Wange gegen die der Kleinen,
-umfing sie mit beiden Armen, drückte sie an sich und schmeichelte
-immer noch mit mühsam erkämpftem Atem: »Nicht
-wahr, mein Liebling, du tust mir den Gefallen? Es ist
-alles nur ein Scherz, verstehst du? Du wirst mich nicht
-verraten, nicht?«</p>
-
-<p>Da wand sich Isa los. »Ich werde gar nichts sagen,«
-erklärte sie kurz, während sie sich mit einer jugendlich eckigen
-Bewegung wieder auf die Bank niederließ. »Was gehen
-mich deine Spielereien an?«</p>
-
-<p>Und in einem plötzlichen Rache- und Machtgefühl bückte
-sich der geschmeidige Körper, holte das versteckte Buch
-hervor und indem sie es recht sichtbarlich ins Sonnenlicht
-hielt, vertiefte sie sich scheinbar von neuem eifrig in die
-unterbrochene Lektüre. Marianne aber zuckte geringschätzig
-die Achsel, als bedaure sie es jetzt, an diese Halbwüchsige
-soviel Verführungskünste verschwendet zu haben, dann
-krümmte auch sie ihre Glieder zusammen, um sich im
-nächsten Augenblick geschickt und tief gebeugt in dem ausgetrockneten
-Graben von dannen zu schleichen.</p>
-
-<p>Kaum war sie verschwunden, da riß Isa die Zweige des
-Kirschbaums auseinander, und während sie ihren Rotkopf
-hastig durch die Öffnung steckte, warf sie der Enteilenden
-in weitem Schwung ein Erdklümpchen nach, das
-sie vorher von der Rasenfläche aufgelesen. Gleich darauf
-sank sie freilich auf ihrem Sitz zusammen, schlug die Füße
-übereinander und ließ das leuchtende Haupt langsam auf
-die harte Banklehne sinken. Angestrengt schien sie über
-ein nicht lösbares Rätsel nachzusinnen.</p>
-
-<p>Es waren die Disharmonien des Lebens, die sich vor
-den Ohren der Erwachenden noch nicht einfügen wollten
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-in die bald schauerlichen, bald heiteren Melodien, die heimlich
-und stark in ihr klangen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Minute auf Minute verrann, die Uniform, auf die die
-Versteckte harrte, sie wollte sich nicht zeigen. Längst hatte
-sich Isa wieder erhoben, um ihre scharfen Blicke hierhin
-und dorthin schweifen zu lassen, vergeblich. Feld, Steg
-und Wiese blieben leer. Und die Halbwüchsige überlegte.
-Sollte der Offizier etwa noch einmal in das Herrenhaus
-zurückgekehrt sein? Ei, das wäre geradezu prachtvoll,
-wenn der ahnungslose junge Mensch dann mit der anspruchsvollen
-launenhaften Person womöglich in Gegenwart
-von Johanna zusammenstieße. Denn darin glaubte
-sich der feine Verstand der Jüngsten von Maritzken nicht
-zu täuschen, daß ein so in sich versunkener und ernster
-Mensch, wie es Fritz Harder war, niemals die verstiegenen
-Ansprüche ihrer eitlen Schwester befriedigen könnte. Ein
-Geschöpf, das beinahe eine Stunde zu einer Frisur benötigte!
-Und wie dumm und ungebildet Marianne im
-Grunde dahinlebte. Blieb es nicht unbegreiflich, daß ein
-Mann wie Fritz Harder, ein Offizier, der sich den höchsten
-und entlegensten Dingen so ernst und strebsam hingab,
-war es faßbar, daß ein solcher wie bezaubert und entrückt
-mit brennenden Augen und weit vorgebeugt vor einer so
-lockeren und inhaltslosen Kokette sitzen konnte? Darin
-bestand also doch wohl die Bestimmung und die höchste
-Macht der Frau.</p>
-
-<p>Und wieder rieselte es kalt an den Gliedern der Versonnenen
-hinab, und sie griff so heftig in die Zweige
-des Kirschbaumes, als wollte sie ihr eigenes sehnsüchtig
-erwartetes Schicksal auf ihr Kinderhaupt herunterreißen.</p>
-
-<p>»Sagen Sie mal, verehrungswürdige Jugend, für wen
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-gedenken Sie diese schönen Weichselkirschen zu pflücken?«
-schlug plötzlich eine feste Männerstimme in den schweren
-Traum des Mädchens hinein.</p>
-
-<p>Und erschreckt in die Höhe fahrend, erkannte Isa in
-völliger Verwirrung, wie dicht vor ihr auf der Chaussee
-der geräumige Landauer des Konsul Bark hielt. Auf
-weichen Gummirädern mußte das Gefährt lautlos bis
-hierher gerollt sein, und die beiden Apfelschimmel mit dem
-strahlenden Silbergeschirr riefen wie immer das stürmische
-Wohlgefallen von Fräulein Isa hervor, die sich heimlich
-für alles, was ein sicher fundierter Reichtum bot, begeistern
-konnte.</p>
-
-<p>»Herr Konsul Bark,« rief sie so liebenswürdig als möglich,
-nicht jedoch bevor sie sich das blaue Leinenkleid halb
-unbewußt an den schmalen Hüften zurechtgestrichen hatte.
-Immer wieder verfiel sie in den Fehler, dem eleganten
-älteren Manne, der auch jetzt in seinem fast weißen Staubmantel
-und dem grünen Filzhut so überaus gewählt und
-vornehm aussah, durchaus ihre Damenhaftigkeit einprägen
-zu wollen. »Herr Konsul Bark, kommen Sie uns bereits
-abholen?«</p>
-
-<p>»Zu Befehl, wir haben ja noch zwei gute Stunden zu
-fahren. Und die Toilettenangelegenheiten« &ndash; er beugte
-sich vor, legte die Hand quer über die Augen, um die
-Sonnenstrahlen abzuwehren, und musterte die Kleine mit
-einem ziemlich sorglosen Blick &ndash; »na, die scheinen mir
-ja auch noch nicht auf dem höchsten Gipfel der Erreichbarkeit
-angelangt zu sein. Hören Sie mal, Rotfüchschen,«
-meinte er gemütlich weiter, während er an den Grabenbord
-heranschritt und ihr über die Breite die Hand entgegenstreckte,
-als ob er ihr behilflich sein wolle, »Sie
-schießen übrigens wie Spargel in die Höhe!«</p>
-
-<p>Isa hatte schon zum Sprung angesetzt, jetzt zögerte sie
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-plötzlich. Sie bettete ihre Hände auf den Rücken, und die
-Lippen, die so merkwürdig rot und blühend aus dem
-blassen Mädchenantlitz hervorleuchteten, zuckten ungehalten
-über der Zahnreihe.</p>
-
-<p>»Herr Konsul, ich finde,« lachte sie über den trennenden
-Graben herüber, aber es klang doch deutlich der Unmut
-heraus, »daß mein Haar Ihre Phantasie direkt in Aufregung
-versetzt. Wenn Sie es durchaus nicht leiden mögen,
-so könnte ich ja vor Ihnen immer im Hut erscheinen.«</p>
-
-<p>»Aber liebstes Kleinchen,« beschwichtigte der Konsul
-ganz verwundert, der nicht im Traum daran gedacht hatte,
-die Jüngste von Maritzken verletzen zu wollen, »Ihr Haar
-ist ja im Gegenteil von erlesener Kostbarkeit. Also, wenn
-ich jünger wäre, würde ich wahrscheinlich Gedichte darauf
-verfertigen. So, nun aber hopsen Sie mal hier herüber,
-Isa, und setzen Sie sich hübsch artig neben mich in den
-Wagen, ich bitte es mir nämlich als besondere Ehre und
-Vergünstigung aus, die frisch gewaschene, übrigens sehr
-appetitliche blaue Leinenbluse im Trab nach Hause fahren
-zu dürfen.«</p>
-
-<p>Damit beugte er sich noch etwas schräger über den
-Graben und ergriff ohne weitere Umstände die schmale
-Jungfrauenhand, die sich ihm plötzlich willig und leicht
-entgegenstreckte. Mit einem Sprung war das Mädchen
-im Wagen. Wohlig schmiegte sie sich in die hellgrauen
-Tuchkissen und lugte abermals verstohlen auf den weißen
-Staubmantel dicht neben sich, der ihr so kleidsam erschien.
-Lautlos rollte das Gefährt dahin. Als ob es über
-einen Teppich von Samt fortglitte. Es war ein zu
-eigenartiges und köstliches Gefühl, diese weiche Bewegung
-auf sich wirken zu lassen. Allen Gliedern teilte sie sich angenehm
-und kosend mit. Träumerisch ließ das Mädchen
-die feinen Härchen der Weizenähre, die sie kurz vorher
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-vom Grabenbord abgepflückt hatte, in ihrem Handteller
-kreisen, um sich bei klarem Bewußtsein zu erhalten. Gar
-zu leicht lief man doch Gefahr, unter dem wohlig spielenden
-Sonnenlicht den spinnenden Träumen zu erliegen. Sie
-drehte die Ähre stärker und zuckte ein wenig, als sie den
-leisen Wirbel der Reibung empfand. Und wie frisch und
-wohlgepflegt der Mann da neben ihr aussah! Nur schade,
-daß seine prüfenden Blicke nicht abließen, musternd und
-schätzend über die gelben Weizenfelder und die eben aufknospende
-Kleefrucht zu schweifen, über der es bereits
-lag wie ein rötlicher oder bläulicher Hauch. Über den
-Spiegel eines fernen Landsees kreiste im Bogen eine Schar
-vom Meer hierher verschlagener Möwen, und ganz in der
-Nähe taumelte eine Wolke gelber Zitronenfalter über die
-süß duftende Flur.</p>
-
-<p>»Herr Konsul, hören Sie die Spottdrossel?« begann
-Fräulein Isa empfindsam.</p>
-
-<p>Der Mann im weißen Mantel neigte sich zu ihr, so daß
-ihm die Kleine ganz verwirrt in das schmale Gesicht starren
-mußte. Aber gleich darauf empfand sie, wie seine Finger
-ihr den gelben Weizenhalm entwanden, um geschickt die
-Ähre ihrer Körner zu berauben.</p>
-
-<p>»Schön,« sagte er befriedigt, »voll und gut schüttend.«</p>
-
-<p>»Hm&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die junge Dame im Wagen schlug rasch die Füße übereinander
-und wippte ein wenig mit den braunen Halbschuhen.
-Es war klar, besonders zarten Empfindungen
-gab sich ein solch älterer Mann nicht hin. Und wie er
-jetzt die gelben Körner von seinen festen braunen Fahrglacés
-abschüttelte, da fielen seiner Begleiterin all die aufregenden
-Gerüchte ein, die man sich schon in der Mädchenschule
-dort drinnen in der Stadt unweit der Grenze erschreckt
-und erwartungsvoll zugleich über den eleganten
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-Besitzer des Goldenen Bechers zugeraunt hatte. Oh ja,
-sie konnte sich den Konsul ganz gut so vorstellen. Und
-ohne daß sie es selbst ahnte, blieben ihre Augen immer
-größer an den feinen gebräunten Männerzügen haften.</p>
-
-<p>»Na, Kleinchen, ist hier etwas nicht in Ordnung?« erkundigte
-sich ihr Begleiter endlich gestört, indem er mit
-der flachen Hand ein wenig über seine glatte Wange
-streifte.</p>
-
-<p>Da schrak sie zurück. Herrgott, der Geschäftsmann
-mußte sie tatsächlich für ein absolut albernes Ding halten.
-Und sehr kühl erteilte sie die Antwort:</p>
-
-<p>»Oh nein, Herr Konsul, ich habe gar nicht an Sie gedacht.«</p>
-
-<p>»So, so, Isachen, das ist mir aber sehr schmerzlich.
-Übrigens, sagen Sie mal, mein Kind, schwatzen etwa Ihre
-Leute auch soviel dummes Zeug über einen Kriegsausbruch,
-der uns nahe bevorstehen soll? Ich hoffe, Ihre Schwester
-Johanna verbietet solche Redereien?«</p>
-
-<p>Als das gefürchtete Wort laut wurde, jene wenigen
-Silben, die sich gerade in dieses verwöhnte Mädchen wie
-ein fressendes Gift hineinbissen, da steigerte sich die in
-ihr aufgescheuchte Angst bis zu einer Art sausender Wahnvorstellung.
-Kreidebleich mußte sie das Haupt herumwerfen,
-der unbestimmten Gegend zu, von woher die langberockten
-Reiterscharen hervorbrechen konnten. Sie hörte
-den donnernden Hufschlag, ein kreischendes Brüllen schrillte
-verworren über die ruhigen Wälder, und ganz hinten auf
-der Chaussee ballte sich eine schwarze, auf- und niedertauchende
-Masse zusammen. Verschwunden, fortgewirbelt
-waren all die mädchenhaften Unklarheiten, die sie eben noch
-so reizend bedrängt und beschäftigt hatten. Mit einem
-klagenden Ruf, aus dem nur eine fast irrsinnige Furcht
-deutlich wurde, umklammerte sie den Arm des Konsuls,
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-schmiegte sich ganz dicht an ihn, als ob sie nichts weiter
-verlange, nichts weiter, als nur Schutz und Deckung für
-ihr bedrohtes Leben, und stammelte vollkommen fassungslos:</p>
-
-<p>»Nicht wahr, Herr Konsul, liebster, bester Herr Konsul,
-es ist doch nicht wahr? Es ist doch nicht möglich, daß so
-etwas geschehen kann? Sagen Sie es doch!«</p>
-
-<p>»Herrgott, liebes Kind&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der aus allen Himmeln gerissene Mann empfand ein
-wirkliches Mitleid mit dem verschüchterten schmächtigen
-Geschöpf, das im Moment sein Haupt so fest und drängend
-gegen seine Brust bettete, daß er beinahe das Zucken und
-Pochen der Stirnadern zu spüren wähnte. Und aus voller
-Überzeugung begann er laut zu lachen. Nichts hätte so
-tröstlich auf die aus ihrer eingebildeten Überlegenheit Gescheuchte
-wirken können, wie dieses unbekümmerte, kräftige
-Männerlachen. Wie durch Zauberschlag verstummte das
-unheimliche Dröhnen hinter dem Wagen, und das wirre
-Gekreisch, das eben noch jeden vernünftigen Gedanken
-niedergeheult, es löste sich auf in das sanfte Rollen der
-Räder.</p>
-
-<p>»Herrgott, bestes Kleinchen,« tröstete sie der Konsul inzwischen
-in ehrlicher Besorgnis weiter, und er achtete selbst
-nicht darauf, wie er bei seinen Bemühungen den Arm um
-die Schulter der Zitternden legte und ihr wie einem kleinen
-Kinde begütigend die Wangen zu klopfen begann, »hätte
-ich doch niemals geglaubt, daß Sie ein solcher Angsthase
-sind. Ich versichere Sie, es ist ja alles die reinste Torheit.
-Lieber Himmel, wie soll ich Ihnen das nur klar
-machen? Sehen Sie, Isa, wenn Sie ein Kaufmann wären,
-wie ich, dann würden Sie ja selbst wissen, daß unsere Nachbarn
-direkt ins Irrenhaus gesperrt werden müßten, wenn
-sie ihren Handel und ihre Industrie, die eben erst anfangen
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-sich der allgemeinen Weltwirtschaft zu nähern, durch eine
-solch wahnsinnig heraufbeschworene Unternehmung im
-Keim zu zertrümmern gedächten. Nein, nein, liebes Kind,«
-setzte er ärgerlich über seinen eigenen Ernst hinzu, »das
-Ganze ist das Geschwätz von ein paar gewissenlosen Spekulanten.
-Also nun Kopf hoch, wie kann sich eine wohlerzogene,
-weltgewandte junge Dame derartig einschüchtern
-lassen! Übrigens,« lenkte er völlig ab, da sie bereits durch
-das Tor von Maritzken fuhren, »da kommt Hans. Nun
-nehmen Sie mal rasch die Ähre aus dem Feuerbrand da
-oben, ich habe sie Ihnen nämlich aus Versehen hineinpraktiziert,
-denn mir scheint, daß Ihre vortreffliche
-Schwester über derartigen Naturschmuck weniger wohlwollend
-denkt, als ich. Aber wie gesagt, eine ganz merkwürdige
-Haarfarbe, Isachen! Ganz merkwürdig.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Zwei Stunden später lenkte der Landauer des Konsul
-Bark, nachdem er wiederum die Stadt passiert, durch die
-letzte heimatliche Ansiedlung. Auf einer Bodenwelle gelegen,
-lugten die wenigen niedrigen Häuschen zwischen
-allerlei krausem Gestrüpp hindurch, und es war beinahe,
-als hätte man diesen letzten Posten so hoch und einsam
-aufgebaut, damit er von hier aus Wache halten solle gegen
-die sich unter ihm dehnende unbegrenzte Fläche. Drüben,
-jenseits des schmalen Flusses, der unten an den Ausläufern
-des Buschwerks einen Silberbogen zog, war das ganze
-Land von rauhen, dunkelgrünen Kohlhäuptern besät. Weiter
-dahinter wurde der unbeschreiblich struppige Raum von
-mächtigen Breiten gelber Weizenfelder umrahmt, zwischen
-denen weder Fußwege noch Chausseen eine Unterbrechung
-herbeiführten. Nur einzelne Gräben liefen gradlinig durch
-das Land, und unter der hellen Sonne blitzte ihre Oberfläche,
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-als wenn klares, weißes Wasser, den durstigen
-Äckern zum Trank, durch sie hindurchglitte. Allein dem
-war nicht so. Die Näherkommenden schraken förmlich
-zurück vor den schwarzen übelriechenden Rußmassen, die
-mit ihrem undurchdringlichen Schlamm die wohltätigen
-Rinnen verstopften. Es waren die Kohlengewässer der
-nahen Fabriken, und ein ungeheurer Qualm, von der Hitze
-herniedergedrückt, verbarg den Besuchern das winzige
-Grenzstädtchen, dem sie zustrebten, wie hinter einer brodelnden
-Wand. Durch die drohende schwarze Wolke aber, die
-am Himmel den Umkreis des Städtchens bezeichnete,
-leckten rechts und links, fern und nah lodernde Feuerzungen
-in den qualmigen, sich schiebenden Rauch hinauf,
-und ein ätzender Brandgeruch erfüllte ringsum die Luft.
-Ein rastloses Kreischen und Surren, ein Rasseln und
-Sausen quoll aus dem unsichtbaren Ort schon aus der
-Ferne hervor, und nachdem der Wagen der Deutschen die
-breite Holzbrücke des Flusses erreicht hatte, die nur noch
-bis zur Mitte zur Heimat gehörte, da vernahmen die
-Reisenden wie unter lärmendem Poltern knirschende Haufen
-kleingehackter Kohle in die an den Ufern liegenden Kähne
-hinabgeschüttet wurden.</p>
-
-<p>»Man halte,« schrie etwas mitten von der Brücke.</p>
-
-<p>Genau auf dem Grenzstrich standen zwei Soldaten in
-langen grüngelben Leinenblusen, und dunkelgrüne, breitgerandete
-Mützen saßen ihnen schräg und eingebeult auf
-den haarigen Köpfen. Und während der eine von ihnen
-mit seinem Gewehr, auf das ein breites Bajonett gepflanzt
-war, die weitere Einfahrt versperrte, indem er die Waffe
-quer vor seinen Leib hielt, trat der andere, ein bärtiges Gesicht,
-dicht an den Schlag heran und schlug zur Einleitung
-auf die umgeschnallte Revolvertasche. Dem Konsul, der sich
-in seinem Staubmantel herausbeugte, kam es vor, als
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-ob die Grenzwache mißtrauischer als sonst ihre Revision
-vorzunehmen gedächte.</p>
-
-<p>»Hat man Waren im Wagen?« fragte der Wachtmeister
-in einem schlechten Deutsch, obwohl der Konsul sich entsann,
-daß gerade dieser Beamte ihn schon mehrfach bei
-seinen Besuchen kontrolliert habe. »Fleisch, Zigarren oder
-vielleicht Bücher und Zeitungen?«</p>
-
-<p>»Was sind das für Umstände?« rief der Chef des
-Goldenen Bechers dagegen, der mit Mißbehagen bemerkte,
-wie in den Zügen seiner Begleiterinnen ein ängstliches
-Befremden aufstieg. »Sie kennen mich doch, ich bin der
-Konsul Bark, und ich und diese Damen sind von Herrn
-Rittmeister Sassin eingeladen.« Und indem er sich mit
-einer Wendung des Hauptes blitzschnell vergewisserte, ob
-er nicht von den anderen beobachtet würde, da langte er
-rasch in die Tasche des weißen Mantels, um darauf dem
-Grenzsoldaten die Hand zu drücken, als ob es sich um eine
-besonders innige Begrüßung handle.</p>
-
-<p>Der Grenzwächter sah ihm starr ins Gesicht, zuckte die
-Achsel und wand sich dennoch hin und her, als ob er sich
-Rat zu holen suche, wie in diesem Falle weiter zu verfahren
-wäre.</p>
-
-<p>»Es ist gut,« lenkte er endlich mit jener den Russen
-eigentümlichen Demut vor den Mächtigen ein, »ich sehe,
-es liegt nichts im Wagen. Aber die Herrschaften werden
-die Gnade haben, mir zu zeigen ihren Paß.«</p>
-
-<p>Jetzt wurde ein leiser Ruf der Überraschung bei den
-jungen Damen laut, und man konnte an den Blicken, die sie
-sich gegenseitig zuwarfen, sofort erkennen, daß sich etwas
-Derartiges wie die geforderten Papiere keineswegs in ihrem
-Besitz befände.</p>
-
-<p>»Ruhig,« beschwichtigte der Konsul abermals sehr bestimmt,
-und sich von neuem an den Grenzsoldaten wendend,
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-überreichte er ihm sein eigenes Ausweisdokument. »Hier,
-mein Junge,« meinte er begütigend, »hier hast du, was
-du verlangst. Und weil du so ein braver Beamter bist, so
-werde ich dich dem Herrn Rittmeister Sassin &ndash; meinem
-Freunde,« setzte er sehr nachdrücklich hinzu &ndash; »besonders
-empfehlen. Aber nun halte uns hier gefälligst nicht länger
-auf, denn es ist kein angenehmer Aufenthalt in diesem
-Kohlenstaub für meine Damen. Verstehst du?«</p>
-
-<p>Lässig, als wäre alles in Ordnung, gab der Kaufmann
-seinem Kutscher das Zeichen zum Weiterfahren. Allein
-ehe die Pferde sich noch in Bewegung setzen konnten, faßte
-der Mann mit dem Revolver zögernd in die Zügel und
-schritt noch einmal unter starkem Kopfschütteln an den
-Wagenschlag.</p>
-
-<p>»Es sind Vorschriften,« brachte er immer noch mit einer
-halben Verbeugung heraus, »die Frauen müssen zurück.«</p>
-
-<p>»Wie? Ist das Ihr Ernst?« rief der Geschäftsmann,
-indem er in aufsteigendem Zorn mit der flachen Hand auf
-die Fenstereinfassung schlug.</p>
-
-<p>In dem Wagen fuhren ein paar erregte Frauenstimmen
-im Wechsel durcheinander, und zitternde Finger schmiegten
-sich verstohlen um den Arm des Konsuls. Sie gehörten
-Isa, deren schreckhaft erweiterte Augen in immer stärker
-sich regender Bangigkeit alles in sich tranken, was sich
-ihnen auf der halb zersplitterten Holzbrücke darbot, von
-den dicken viereckig zugeschnittenen Haaren der Soldaten
-angefangen, bis zu dem breiten in einem fahlen Glanz
-funkelnden Bajonett des zweiten Grenzwächters, der ihnen
-noch immer breitbeinig und ohne eine Miene zu verziehen,
-den Einlaß sperrte. In die Stirn des Mannes im weißen
-Staubmantel war inzwischen eine Blutwelle gestiegen.
-Unbewußt zupfte er an dem kurzgeschnittenen braunen
-Schnurrbart herum, bis er plötzlich aus dem Wagen sprang,
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-so daß er jetzt ganz dicht, fast Brust an Brust gegen den
-Russen aufragte. Der legte abermals unter einer Verbeugung
-die Hand an die breite Mütze, zuckte die Achsel
-und starrte dann den drei schönen Mädchen halb betrübt
-und halb bedauernd ins Gesicht. Ihren Begleiter jedoch
-durchschnitt zum erstenmal ein merkwürdig beklommenes
-Gefühl. Das weite struppige Land vor ihm dehnte sich
-so sonderbar schweigend und geheimnisvoll, als wäre es
-eine riesige Bühne, die nur deshalb in solch menschenvereinsamter
-Leere lauerte, weil über sie hinweg bald ungeheure
-Züge des Weltgeschehens dahinschreiten sollten. Dazu die
-unsichtbare Stadt, das schneidende Sausen und Rollen &ndash;
-nein, es ließ sich nicht leugnen, eine kurze Sekunde war
-der Kaufmann völlig befangen von einer heranschleichenden
-Ahnung, die sich ihm bleischwer an alle Sinne hing.
-Spähend blickte er auf die schwarzen Gestalten der Kohlenablader
-hinunter, und auch in ihren schweißigen und
-stumpfen Gesichtern glaubte der aus seiner Sicherheit Aufgescheuchte
-dasselbe unauffindbare Rätsel zu lesen.</p>
-
-<p>Verwünscht!</p>
-
-<p>Wenn ihn die Damen jetzt aufgefordert hätten, den
-Wagen wenden zu lassen, um sich in den Schutz der Heimat
-zu begeben, die ihre letzten grünen Büsche so vertraulich
-nah bis an das Flußufer heranschob, in der Tat, er
-hätte nicht gezögert. Er wandte sich, und unwillkürlich
-trafen seine und Isas Blicke zusammen. In den feinen
-blassen Zügen des Mädchens schien wirklich jene unausgesprochene
-Bitte zu wohnen, ja die sich wie im Frost bewegenden
-Lippen wagten vielleicht nur den brennenden
-Wunsch nicht zu äußern.</p>
-
-<p>Da klirrte etwas auf der Brücke. Ein scharfes Sporengeläut
-begann zu singen und zu gleicher Zeit schlugen die
-Grenzwächter auffahrend an ihre Säbel und führten die
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-rechte Hand salutierend und breit gegen ihre Mützen. Der
-Wachtmeister wurde von einer hohen Männergestalt im
-dunkelblauen Waffenrock unsanft beiseite geschoben, und
-vor dem überraschten Handelsherrn stand säbelrasselnd
-der Rittmeister Sassin, lächelnd über das ganze rote Gesicht
-und unstreitig gewillt, seinen deutschen Gast in die Arme
-zu schließen. Schmetternd, aus voller Brust, klang sein
-Bewillkommnungsgruß:</p>
-
-<p>»Rudolf Bark, mein einziger Freund,« schrie der Russe,
-und dabei klopfte er dem Ankömmling mit seinen feinen
-weißen Glacéhandschuhen in einer halben Umschlingung
-schallend auf den Rücken, »die zehntausend Heiligen von
-Kasan haben mein Gebet erhört. Sie sind da &ndash; ohne
-Zweifel, sind da &ndash; <i>à quatre heure</i>, Punkt vier. Man
-muß sagen, diese Deutschen wohnen in einer Uhr.«</p>
-
-<p>Damit trat der Russe strahlend an das Gefährt heran,
-fing blitzschnell auf, wie die begehrte Brünette in ihrer
-prachtvollen Haltung auf dem Vordersitz lehnte und verbeugte
-sich darauf so tief, daß seine breite blaue Mütze
-beinahe den Fensterschlag streifte.</p>
-
-<p>»Ah, meine Damen, Leo Konstantinowitsch Sassin seien
-Ihr entzückter Diener. Sie sehen mich <i>au comble du
-bonheur</i>! Ich habe auf meine kleine <i>maison</i> nicht vergebens
-aufgezogen die grün-weiße Fahne, denn die ganze
-Stadt und das gesamte Offizierskorps seien durch einen
-solchen Besuch geehrt. Ich werde nie vergessen an so viel
-Freundlichkeit.«</p>
-
-<p>Bei den letzten Worten hatte sich der Offizier den mächtigen
-rotblonden Schnurrbart zurechtgestrichen, jetzt versuchte
-er, die auf dem Wagenschlag ruhende Hand der
-Ältesten von Maritzken an seine Lippen zu führen. Allerdings
-erfolglos. Denn ohne im geringsten verletzend zu
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-wirken, entzog ihm Johanna die begehrte Rechte und drohte
-ihrem Gastgeber leicht mit dem Zeigefinger.</p>
-
-<p>»Herr Rittmeister,« äußerte sie in ihrer gewohnten
-liebenswürdigen Ruhe, »es ist wirklich beinahe ein halbes
-Wunder, daß Sie uns bei sich sehen. Denn erstens trug
-ich, die ich für meine Schwestern verantwortlich bin,
-längere Zeit Bedenken, ob wir überhaupt Ihrer freundlichen
-Einladung folgen dürften, und zweitens bedeuteten uns
-soeben Ihre Grenzwächter, daß Rußland keinen besonderen
-Wert auf unsere Anwesenheit lege, ja, daß wir schleunigst
-wieder zu verschwinden hätten.«</p>
-
-<p>»Wie? Was? verschwinden?« fuhr der Offizier in
-die Höhe und dabei packte er bereits den betroffenen
-Wachtmeister an der Brust und schüttelte ihn empfindlich
-hin und her. »Hast du gehört? bist du nicht die größte
-Seuche, die unsere große Mutter befallen hat? Du
-Moschusochse, weißt du, was dir bevorsteht?«</p>
-
-<p>Es mußte eine fürchterliche Zukunft sein, die dem Braven
-angedroht wurde, denn er begann am ganzen Leibe zu
-zittern und faltete demütig die Hände über der Brust.</p>
-
-<p>»Väterchen Rittmeister,« stammelte er, »der verschärfte
-Befehl ist gestern abend erst vom Herrn Oberst ausgegeben
-worden.«</p>
-
-<p>»Ich werde dich gleich bei Väterchen Rittmeister,« schrie
-Leo Sassin halb lachend, während er jedoch seinem Soldaten
-mit geballter Faust einen Stoß vor die Brust versetzte,
-daß jener bis an das Brückengeländer taumelte,
-»danke Gott, du Hund, daß ich vor diesen Damen, die
-du beleidigt, kein Exempel statuieren will.« Und sich zu
-Johanna zurückwendend, vor der er sich noch einmal entschuldigend
-verneigte, setzte er augenzwinkernd hinzu:
-»Gnädigste, ich schätze mich glücklich, daß ich noch zu
-rechter Zeit kam, um meinen Gästen weitere Unannehmlichkeiten
-<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-zu ersparen. Die übrigen Freunde sind bereits
-in kleine <i>maison</i> versammelt und erwarten ungeduldig
-das Erscheinen von deutsche Damen, die uns so viel Ehre
-schenken wollen. &ndash; Der Wagen passiert,« schrie er mit
-furchtbarer Stimme dem zweiten Soldaten zu, der teilnahmslos
-diese ganze Szene beobachtete. »Scher' dich aus
-dem Wege. Meine Damen, Sie gestatten, daß mit
-meinem Freunde Rudolf Bark neben Equipage einherschreite.
-Wir überqueren hier nur Eisenbahn &ndash; und gleich
-sind Sie dann <i>au milieu de mon logis de garçon
-célibataire</i>.«</p>
-
-<p>Befehlend gab er einen Wink, die Soldaten traten zurück,
-drückten sich beinahe scheu gegen das Geländer, und der
-Landauer setzte sich, von den beiden Herren zur Rechten
-geleitet, unter lautlosem Rollen in Bewegung. Und während
-der Rittmeister sich unaufhörlich glücklich pries, so
-erlesene Fremde in das elende Städtchen &ndash; diesen
-Schweinekoben, dieses triefende Gefängnis &ndash; eskortieren
-zu dürfen, da ging es über breite Eisenbahnschienen hinweg,
-die man durch kein Gitter zu schützen versucht hatte,
-und tief abschüssig stürzte dann der Weg sofort auf einen
-holprigen Platz hinab, der von niedrigen, rauchgeschwärzten
-Häusern umstellt war und ebensogut einen großen Hof
-als einen verunglückten Marktplatz vorstellen konnte.</p>
-
-<p>»Der Platz sieht aus wie ein Mund voller Zahnlücken,«
-flüsterte Isa sehr treffend ihrer Schwester Marianne zu
-und wies auf die klaffenden Höhlungen zwischen den einzelnen
-Gebäuden, hinter denen bereits wieder das kohlstruppige
-Feld sichtbar wurde.</p>
-
-<p>Das Surren und Sausen der Treibriemen schrillte hier
-stärker, und die betroffenen Gäste bemerkten, wie aus dem
-ersten Stockwerk einer Fabrik, die sich augenscheinlich
-mit der Herstellung von Porzellan befaßte, unausgesetzt
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-eine staubige Mehlmasse herabdampfte. Ohne auf diese
-Überschüttung zu achten, durch die ihre Kleidung mit
-schmutzigem Puder bestreut wurde, lungerte mitten auf
-dem Markt eine Schar langberöckter Männer und Jünglinge
-herum in hohen Wichsstiefeln und mit niedrigen
-schwarzen Tuchmützen auf den Köpfen. Aufgeregt und
-von allerlei Gesten begleitet fuhr hier das Gespräch hin
-und her. Die jüdischen Einwohner, die man sofort an
-ihrer lockigen Haartracht erkannte, warfen merkwürdig
-befremdete Blicke auf das deutsche Gefährt, als wenn die
-Ankunft desselben ein besonders aufregendes Ereignis bildete.
-Und wieder beschlich den Mann im weißen Mantel,
-der anscheinend so heiter plaudernd neben dem russischen
-Offizier einherwandelte, jenes unerklärliche nagende Mißtrauen.</p>
-
-<p>Und dem unerträglichen Zwange unterliegend, griff er
-plötzlich unter den Arm seines Begleiters, und indem er
-alle Zurückhaltung beiseite setzte, richtete er an den munteren
-Offizier ohne Übergang die sehr ernste und nachdrückliche
-Frage:</p>
-
-<p>»Leo Konstantinowitsch, verübeln Sie mir meine Neugierde
-nicht, aber spricht man hier bei Ihnen gleichfalls
-von einem Zwist, der zwischen unseren Völkern in der
-nächsten Zeit schon durch Waffengewalt entschieden werden
-müßte? Sagen Sie mir bitte die Wahrheit, ich fühle
-mich verantwortlich für meine Damen.«</p>
-
-<p>Wie von einem Schlag getroffen machte der Russe
-halt, zwinkerte heftig mit den Augen, um gleich darauf
-kräftig mit dem rechten Arm eine weite kreisrunde Bewegung
-zu vollführen, als wünsche er die ganze Stadt
-zum Zeugen seiner Antwort aufzurufen.</p>
-
-<p>»Aber Rudolf Bark, mein einziger Freund,« rief er
-mit einem ihn erschütternden Lachen, »ist ja nur Geschwätz
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-von verdammten Gazettenschreibern, die in der
-Hölle ihre Strafe finden werden. Blicken Sie sich
-doch um, wir verbergen Ihnen nichts. Hier wird überall
-gearbeitet, Porzellan wird gemacht, Kohle gefördert und
-Zigaretten und Bonbons fabriziert. Wo sehen Truppenansammlungen?
-Im Vertrauen, unsere Kasernen stehen
-halb leer. Und wenn Sie es wissen wollen, ich selbst
-nehme in einigen Tagen einen mehrwöchentlichen Urlaub, um
-in Petersburg meine angegriffene Gesundheit etwas aufzufrischen.
-Sieht so Volk aus, das sich auf Krieg vorbereitet?
-Und vor allen Dingen, Rudolf Bark, würde ich
-mir erlaubt haben, Sie und die wunderschönen Damen
-von Maritzken zur Einweihung von meine kleine <i>maison</i>
-zu invitieren, wenn Sie sich dabei der geringsten Gefahr
-aussetzen könnten? Kommen Sie, kommen Sie, wir haben
-Sprichwort, das lautet: ›Der Säbel schläft‹. Ich hoffe,
-Sie haben sich überzeugt, bei uns schläft er so tief, daß
-er ist gar nicht aufzuwecken. Deshalb, mein einziger
-Freund, verderben Sie uns nicht Laune durch philosophische
-Untersuchungen. Und hier, Rudolf Bark,« unterbrach er
-sich in strahlendem Besitzerstolz, indem er gleichzeitig diensteifrig
-den Schlag aufriß, »hier stehen wir vor kleine
-<i>maison</i>, und Sie sehen, auf Dach ist aufgezogen russische
-und deutsche Flagge zugleich.«</p>
-
-<p>Damit wandte er sich, führte zwei Finger der geballten
-Faust gegen die Lippen und ließ einen Pfiff erschallen,
-der einer Lokomotive Ehre gemacht haben würde. Auf
-dieses Zeichen stürzten auch sofort zwei in grüne Halblivreen
-gekleidete Diener aus dem Hause, denen man ohne
-große Mühe die für den Hausdienst kommandierten Soldaten
-anmerkte. Zwischen schlotternden weißen Wollhandschuhen
-schleppten die wohlfrisierten Männer einen schmalen,
-nagelneuen Teppichläufer heraus, und auf eine bezeichnende
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-Fußbewegung des Rittmeisters hin bückten sie
-sich auf den Erdboden, um das Gewebe über die schmutzige
-schwarze Gosse bis dicht an den Tritt der Equipage auszubreiten.</p>
-
-<p>»Gegrüßt die Freunde des Herrn,« murmelten beide.</p>
-
-<p>›Die kleine <i>maison</i>‹ war eine allerliebste zierliche Villa,
-unter deren rotem, mehrfach unterbrochenem und abgesetzten
-Ziegeldach leise Rundungen der Außenwände jenem
-fast unmerklichen Rokokostil zustrebten, der so anmutig
-und spielerisch zugleich wirkt. Zwischen zwei schlanken
-Säulen führten einige Stufen empor, und kaum waren
-diese überschritten, so befanden sich die deutschen Gäste in
-einem halbrunden Vestibül, das ganz in matten weißen
-Farben gehalten war. Nur wunderlich, daß das zarte
-Schmuckkästchen den Eingang zu einem Junggesellenheim
-bildete, viel befremdlicher, weil das ganze Haus von der
-fernen Regierung in Petersburg errichtet sein sollte. Noch
-waren den Damen von den Dienern ihre seidenen
-Mäntel kaum abgenommen, und eben standen sie vor
-einem schmalen, in der Hinterwand einer Nische eingelassenen
-Spiegel, um ihren Toiletten die letzte Vollendung
-zu verleihen, als auch schon ihr militärischer Wirt
-in erneute Bewunderung ausbrach. Wortreich versicherte
-er, wie die ruhige Eleganz der deutschen Kleider alles überstrahlen
-müßte, was die Garnisonsdamen dort drinnen
-in dem Salon an seidenen Fähnchen auf sich vereinigt
-hätten. Und dann diese unnahbare Würde und Strenge!
-Zweifellos, man konnte es mit tausend Eiden bekräftigen,
-jede deutsche Frau eine Fürstin, nein, weit gefehlt, eine
-Königin, eine Kaiserin. Es sei direkt lächerlich, welch ein
-tiefer Respekt, ja welch knabenhafte Beschämung selbst den
-verwegensten Reitersmann in der Nähe solch einer Nemza
-heimsuche. Als der Rittmeister in diesem Begeisterungstaumel
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-schwelgte, hatte er gerade seinen Platz hinter der
-abgewandten Marianne gefunden, die ihre wohlgebildete
-Gestalt selbst mit einem heimlichen Genuß bespiegelte. Und
-der weiße Nackenausschnitt, der sich aus der stahlblauen
-Seide ihres Gewandes leuchtend erhob, er zog die Blicke
-des Hausherrn so stark auf sich, daß alle seine Lobeserhebungen
-nur noch in wirre Worte ausklangen.</p>
-
-<p>»Köstlich &ndash; exquisit &ndash; superb!«</p>
-
-<p>Und Johanna, die mit sich selbst beschäftigt war, sah
-nicht, wie ihre dunkle Schwester, entzückt über den berauschenden
-Eindruck, den sie hervorrief, dem Spiegelbild
-ihres Gastgebers mit einem besonders reizenden
-Lächeln zunickte. Aber der Konsul und Isa bemerkten es,
-und sie warfen sich einen Blick zu, den nur aufeinander abgestimmte
-Menschen zusammen austauschen. Es war ganz
-seltsam, der reife, vielerfahrene Mann, dem die Frauen
-die gefährlichsten ihrer Künste längst verraten hatten, und
-das ahnende unreife Mädchen, sie wurden durch ihren
-scharfen Verstand wie alte Gefährten zusammengeschlossen,
-die sich auch ohne Worte über die heikelsten Dinge zu
-verständigen vermögen.</p>
-
-<p>»Sagten Sie etwas, Herr Konsul?« fragte Johanna.</p>
-
-<p>»Nein, lieber Hans.« Er warf dem Rotkopf einen warnenden
-Blick zu, der sie zum Schweigen verpflichtete.
-»Kommen wir.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>In dem braun getäfelten Herrenzimmer endigte zu demselben
-Zeitpunkt, als der Wagen der Deutschen die Vortreppe
-der Villa erreichte, ein lebhaft schwirrendes Gespräch.
-Die französische Konversation erstarb wie durch
-Zauberschlag, und Herren wie Damen zogen sich möglichst
-unauffällig an die heruntergelassenen Fenstervorhänge
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-heran, um die Aussteigenden gleich unter dem ersten Eindruck
-richtig abschätzen zu können.</p>
-
-<p>Das war natürlich von höchster Wichtigkeit.</p>
-
-<p>Als auf dem Tritt der weiße Schuh von Isa sichtbar
-wurde, warfen sich die jüngeren Offiziere unwillkürlich
-in die Brust und strichen ihre Waffenröcke glatt. Zu
-einem unverhohlenen Murmeln des Beifalls jedoch steigerte
-sich das männliche Interesse erst, wie gleich darauf
-Marianne, kaum auf die dargereichte Hand des Konsuls
-gestützt, mit einer ihrer lässigen Bewegungen den Wagen
-verließ. Dies veranlaßte freilich eine sehr untersetzte rundliche
-Dame, die Gattin des Zivilgouverneurs Bobscheff,
-die über ihre hervorquellenden Pausbacken kaum noch mit
-heftig zwinkernden Äuglein herüber zu blinzeln vermochte,
-ein Urteil zu fällen, von dem sie infolge ihrer bevorzugten
-Stellung erwarten durfte, daß es dem gesamten Kreis
-fernerhin als Maßstab zu dienen hätte.</p>
-
-<p>»Gott,« flüsterte sie als eine Art Selbstbekenntnis, indem
-sie ein mächtiges Schildplattlorgnon vor die halbgeschlossenen
-Augenritzen führte, »sie sieht aus wie die
-Tänzerin Litwina Dimitrewna aus Moskau.«</p>
-
-<p>»Ah,« sagte an dem anderen Fenster die junge Frau
-des Obersten Geschow aus Mariampol, deren feingliedrige
-Gestalt noch mehr als ihr zigeunerhaft gelber Teint oder
-die schwimmenden braunen Augen ihre tatarische Abkunft
-verrieten, »ist das nicht jene Balletteuse, über die ich
-neulich in der Nowoje Wremja las, daß sie herrliche Brillantbänder
-um die Fußknöchel zu tragen pflegt?«</p>
-
-<p>»Maria Paulowna,« entgegnete die Zivilgouverneurin
-mit einem ganz leisen Verweis, denn der Rang der Obristin
-war von dem ihren nicht wesentlich unterschieden, »ich
-nehme an, daß Sie vor den Extravaganzen solcher Weiber
-den gleichen Abscheu hegen wie ich.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-»Lieber Himmel, man interessiert sich,« verteidigte sich
-die junge Tatarin, wiegte sich in den Hüften und gab über
-ihre Schulter hinweg einem hinter ihr weilenden jüngeren
-Offizier ein anmutiges Zeichen, er möge ihr eine Zigarette
-reichen. »Man genießt in unseren weltverlorenen Garnisonstädten
-ja keine andere Abwechslung, als die Lektüre.«</p>
-
-<p>Die Offiziere stimmten der geschmeidigen, anziehenden
-Mariampolerin durch ein beifälliges Gemurmel unbedingt
-zu. Frau Bobscheff jedoch, die ihre lokale Würde gefährdet
-sah, pustete Luft von sich und lenkte dann etwas sanfter ein:</p>
-
-<p>»Man hört jetzt soviel von dem sittlichen Verfall der
-Jugend in unserem heiligen Rußland. Über die Ursachen
-hat eben jeder seine eigene Ansicht. Nicht wahr, Wladimir
-Petrowitsch?« wandte sie sich an ihren Gatten, der lang
-wie eine Telegraphenstange hinter ihr stand und nun sein
-von weißen borstigen Haaren gekröntes Raubvogelantlitz
-willfährig zu ihr herunterneigte, »nicht wahr, Wladimir
-Petrowitsch,« verlangte sie befehlend, »ich verfechte oft
-diese Ansichten?«</p>
-
-<p>Auf diese Aufforderung, der sich der demütige Herr in
-Gegenwart so vieler anderer nicht zu entziehen vermochte,
-räusperte sich der Gouverneur erst hörbar, dann zog er
-sein Taschentuch, wischte den Mund und brachte schließlich
-in seiner merkwürdig schüchternen, kratzbürstigen Heiserkeit
-hervor:</p>
-
-<p>»Ganz recht, Tatiana. Seitdem du die Kurse in dem
-Frauenlyzeum besuchst,« &ndash; hier wischte er sich wieder den
-Mund &ndash; »seitdem ist deine Kenntnis sozialer Zustände
-sehr beachtenswert.« Von neuem krächzte er und suchte
-mit den dürren Fingern krampfhaft unter dem Frack mit
-den goldenen Knöpfen nach einem isländischen Bonbon.
-»Ich komme leider wegen der vielen Arbeiten in unserem
-Kohlenrevier nicht dazu, mich mit derartigen Dingen zu
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-beschäftigen,« schloß er vollkommen heiser, »aber ich hege
-Ehrfurcht vor ihnen.«</p>
-
-<p>»Gut,« lobte die Gouverneursfrau und richtete sich ein
-wenig auf den Zehen empor, »es freut mich, daß du dies
-äußerst, Wladimir Petrowitsch.« Und mehr für den ganzen
-Kreis berechnet, setzte sie noch hinzu: »Der Mutter Gottes
-sei Dank, die Harmonie unserer Anschauungen ist beinahe
-eine vollkommene.«</p>
-
-<p>Die anwesenden jüngeren Zivilbeamten, die der Zucht
-des Herrn Bobscheff, dieser wandelnden Giraffe, unterstellt
-waren, verbeugten sich hier beifällig, nur Alexander
-Diamantow, ein schwarzhaariger Bergbaustudent, der hier
-in den Kohlengruben sein Studium abschließen sollte,
-und von dem man behauptete, daß er ein übergetretener
-Jude sei, er verzog in einer Ecke sein melancholisches Antlitz
-zu einem leisen Lächeln. Er erinnerte sich daran, wie
-er bei seiner Antrittsvisite bei den Bobscheffs bereits vor
-den Türen des Dienstgebäudes ein wildes Gekreisch vernommen,
-und daß ihm auf seine Frage ein herumlungernder
-Polizeibeamter anvertraute, die Gouverneurin suche
-im Moment ihren Gatten zu ihren Ansichten zu bekehren.
-Und Diamantow wußte, daß eine solche Bekehrung nicht
-immer leicht gewesen sein müsse. Denn Herrn Bobscheffs
-Schwäche gegen wohlgebaute Bittstellerinnen war im ganzen
-Gouvernement bekannt. Daher datierten auch die Ermittlungen,
-welche die umfangreiche Tatiana über den
-Verfall der Sitten im heutigen Rußland angestellt hatte.
-Der junge Bergbaustudent stützte an dem verlorenen Tischchen
-in der Ecke das Haupt in die Hand, so daß ihm die
-wirren schwarzen Haarsträhne in die Stirn fielen, und
-in seiner unruhigen Seele klangen die Ansichten und Meinungen
-wieder, die sich hier noch eben bekämpft hatten,
-bevor das samtne Rollen des deutschen Gefährts hörbar
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-wurde. Denn auch vor ihrer Ankunft hatte das Gespräch
-bereits den fremden Gästen gegolten.</p>
-
-<p>»Es wird Zeit,« hatte der Hausherr geäußert, indem er
-sich nur mühsam einem Geplänkel mit der hübschen Regimentskommandeuse
-aus Mariampol entriß, obwohl Sassin
-nach Diamantows Ansicht nicht ahnte, daß die Tatarin
-den Dragonerrittmeister wegen seiner nur oberflächlich
-lackierten, fast dörflichen Unbildung innerlich verachtete,
-»es wird Zeit, meine Herrschaften, daß ich den Deutschen
-bis an die Brücke entgegengehe. Die kopflosen Hunde,
-die man dort postiert hat, könnten uns sonst leicht einen
-Strich durch die Rechnung ziehen. Außerdem &ndash; der
-Kaufmann, den ich erwarte, besitzt verteufelt helle Augen.
-Sie alle werden gut daran tun, sich gegen ihn recht vorsichtig
-zu benehmen.«</p>
-
-<p>»Ist er jung?« fragte Maria Geschowa.</p>
-
-<p>»Hm,« erwiderte der Dragoner etwas gestört, denn er
-ärgerte sich über die Funken, die in den Zigeuneraugen
-der jungen Frau aufblitzen konnten, »er steht so auf der
-Grenze, wo man selbst nicht weiß, ob man jung oder bejahrt
-ist. Jedoch er hat früher viele Abenteuer gehabt.«</p>
-
-<p>»Von den Deutschen,« meinte Frau Bobscheff betrübt,
-und sah aus ihren verkniffenen Augen wie in Scham an
-ihrer Tonnengestalt herab, »von diesen verwünschten Heiden
-sind unsere guten altväterlichen Sitten von Grund
-aus verdorben. Gönnen sie selbst der ehrbarsten Frau
-ihren Frieden? Kennen die schamlosen Tiere überhaupt
-die Heiligkeit der Ehe? Was denkst du darüber, Wladimir
-Petrowitsch?«</p>
-
-<p>Die Giraffe schnäuzte sich und wandte den langen Hals
-hin und her, um zu beobachten, wie weit die Lächerlichkeit,
-in die er geriet, von diesen neugierigen Spionen etwa
-festgestellt werden könnte. Da sich aber nichts anderes ereignete,
-<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-als daß dieser verwünschte heimliche Jude Diamantow
-sein verletzendes Räuspern ausstieß, für das der
-Beamte ihn schon gelegentlich büßen lassen würde, so
-fuhr sich der Gouverneur über die borstigen weißen Haare
-und erwiderte dem kleinen dicken Ei, das sich so unangenehm
-an ihn lehnte, mit ernster Feierlichkeit:</p>
-
-<p>»Es ist ja bald so weit, meine Liebe, daß wir den unsauberen
-Stall dort drüben reinigen werden. Sei überzeugt,
-unsere Verwaltungsmethoden, die der heiligen Kirche
-einen so breiten Platz einräumen, können auch dort drüben
-ihre Wirkung nicht verfehlen.«</p>
-
-<p>Der Rittmeister stand bereits in der offenen Tür, wo
-ihm von einer der grünen Livreen die blaue Militärmütze
-sowie ein paar weißer Handschuhe gereicht wurde. Während
-des Aufstreifens der Glacés aber warf er noch einmal
-warnend zurück:</p>
-
-<p>»Nicht wahr, meine Herrschaften, Sie denken daran,
-nach meiner Rückkehr nicht die geringsten Andeutungen
-mehr. Es liegt alles daran, die Nemzows total zu überraschen.
-Bitte, Maria Geschowa, wollen Sie diesen meinen
-Wink auch untertänigst Seiner Durchlaucht dem Fürsten
-Fergussow hinterbringen. Er probiert dort drinnen in
-dem kleinen Mahagonizimmer zusammen mit Ihrem Gatten,
-dem Herrn Oberst, mein neues Billard. Also wie
-gesagt: Vorsicht! Und nun, <i>au revoir, mes chers</i>!«</p>
-
-<p>Damit verneigte sich die kräftige Gestalt, und man hört
-seine Sporen gleich darauf über die Steinstufen klirren.
-Allein der Hausherr hatte das Kommende, Unbestimmte,
-das in der Luft schwebte und die Stirnen der Menschen
-wie mit Geisterhänden schmerzhaft zusammenpreßte, dieser
-verwünschte stiernackige Sassin hatte es in seiner bäuerlichen
-Ahnungslosigkeit so sicher und ohne die geringsten
-Skrupel als etwas Feststehendes hingemalt, daß der klobige
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-Stein nun mitten in der Stube lag, und jeder sich an ihm
-die Füße wundstoßen mußte.</p>
-
-<p>Da waren besonders zwei Herren in schwarzen Gehröcken
-mit sehr deplacierten weißen Krawatten, die bei den
-letzten Worten des Rittmeisters kreidebleich wurden, um
-darauf völlig nervös, jeder für sich, durch die Gesellschaft
-zu irren. Es waren die Gebrüder Miljutin, Millionäre,
-denen die große Porzellanmanufaktur gehörte, wo sie zahlreiche
-Deutsche in ihrem Betriebe beschäftigten. Namentlich
-die Blumenzeichner mußten sie gezwungenermaßen
-aus dem Nachbarstaat engagieren, weil die Ideen der einheimischen
-Künstler als zu verworren und phantastisch auf
-dem Weltmarkt keine Geltung besaßen. Die beiden Gehröcke
-sprachen bald diesen, bald jenen an. Immer deutlicher
-perlte ihren Besitzern der Angstschweiß auf der
-Stirn.</p>
-
-<p>»Ist es denn nun absolut sicher und beschlossen?« fragte
-der ältere von ihnen, ein beleibter Herr mit einer goldenen
-Brille, der etwas hinkte, und dabei vergaß er sich in seinem
-Entsetzen so weit, daß er an einem der metallenen Frackknöpfe
-des Gouverneurs leichtsinnig zu drehen begann,
-ein Versehen, das er freilich durch eine überschwenglich tiefe
-Verbeugung sofort wieder sühnte, »ist es denn nun absolut
-sicher, Exzellenz, daß unser Reich dieses ungeheure Wagnis
-unternimmt?«</p>
-
-<p>Hier wurde von den Offizieren laut gelacht, und selbst
-die Damen zuckten mitleidig die Achseln. Ja, gerade die
-Frauen schienen das rot umnebelte Abenteuer kaum noch
-erwarten zu können. Es lag soviel Spannungsvolles darin.
-Und dann &ndash; man wurde doch herausgerissen aus der
-Stille, die langweilig und drohend zugleich über dem
-riesigen endlosen Lande herniederdrückte, von dem ein Ende
-das andere nicht kannte. Auch die bohrenden Grübeleien
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-über dies und jenes hörten mit einem Schlage auf, und
-vor allen Dingen &ndash; man würde endlich, endlich den hochmütigen,
-vielbeneideten Nachbarn beweisen können, wo
-der junge, der zukunftsfrohe Gebieter der Welt säße.</p>
-
-<p>»Stellen Sie sich vor,« gab Herr Miljutin der Ältere
-dem Gouverneur Bobscheff ängstlich zu bedenken, indem
-er beinahe flehend in das Raubvogelangesicht des anderen
-hinaufstarrte, »meine Fabrik &ndash; ich werde sie schließen
-müssen. Die einheimischen Arbeiter werden eingezogen,
-und auf die Frauen und Mädchen ist kein Verlaß.«</p>
-
-<p>»Oh,« krächzte Herr Bobscheff, und es klang, als ob
-man eine Handvoll Glasscherben gegen eine Fensterscheibe
-drücke, »es befinden sich unter Ihren jungen Mädchen
-ein Paar recht kräftige und wohlgebaute.«</p>
-
-<p>Frau Bobscheff zuckte zusammen, soweit dies ihre unglückliche
-Figur zuließ.</p>
-
-<p>»Wladimir Petrowitsch,« erinnerte sie in erhobenem
-Ton, »Herr Miljutin wünscht von dir zu erfahren, ob du
-die kriegerische Auseinandersetzung mit den Nemzows für
-unvermeidlich hältst oder nicht?«</p>
-
-<p>»Ja, ich halte sie für unvermeidlich, meine Teure,« rang
-sich die Giraffe aus dem nervös vornüberschwankenden
-Halse ab, denn er machte sich mit Recht Vorwürfe, weil
-er die Gegenwart seiner gewichtigen Lebensgefährtin, wenn
-auch nur für einen Moment, übersehen hatte, »ich halte sie
-für völlig unvermeidlich, Herr Miljutin. Ich bin hier der
-erste Beamte, und in meinen Bureaus fließen die Stimmungen
-des Gouvernements gewissermaßen zusammen.
-Täglich lese ich zehn bis zwölf Zeitungen. Und wenn diese
-die Abrechnung auch nicht laut fordern dürfen, so muß man
-doch verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen. Ist Ihnen
-das nicht aufgefallen?« examinierte er väterlich wohlwollend
-weiter.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-Der Porzellanfabrikant rang heimlich die Hände.</p>
-
-<p>»Ich meinte &ndash; ich hoffte &ndash; ich glaubte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Tun Sie das nicht, Herr Miljutin,« schluckte der
-Gouverneur krampfhaft. »Die öffentliche Meinung ist
-für den Krieg, und in der Umgebung des Zaren, den der
-lebenspendende Christus erhalte&nbsp;&ndash;,« hier verbeugten sich
-alle anwesenden Offiziere und Beamten &ndash; »gedenkt man
-nicht länger jede unverschämte Herausforderung hinzunehmen.
-Seien Sie nicht kleinmütig, Herr Miljutin,«
-fuhr die Giraffe ernst und strafend fort, als sie merkte,
-welchen Eindruck ihre Rede erzielte und wie selbst die
-korpulente Tatiana in der Schar der Hinzudrängenden
-sich auf den Zehen erhob, damit sie besser lauschen könne.
-»Wir müssen der Welt endlich beweisen, daß der slawische
-Riese nicht dauernd auf seinem weichen Stroh liegt und
-schläft.«</p>
-
-<p>»Bravo,« sagten einige Stimmen. »Haben Sie gehört?
-Weiches Stroh. Das ist ein ganz vorzügliches Bild. Wladimir
-Petrowitsch ist der geborene Redner.«</p>
-
-<p>»Und dann,« schnaubte der Gouverneur aus seiner einsamen
-Höhe und fuhr gewohnheitsmäßig mit dem Taschentuch
-über die Hakennase, »Herr Miljutin, ich wundere
-mich, warum Sie die Hauptsache vergessen. Ist man nicht
-auf der ganzen Erde gegen uns in Liebe entbrannt? Die
-glorreiche französische Nation schätzt die Originalität unseres
-Geistes und sieht in unserer ungebändigten Kraft« &ndash;
-der Gouverneur erinnerte sich hier an eine kürzlich gelesene
-Floskel, warf sich in die Brust und krächzte schwimmend
-in Selbstbewunderung und Genuß &ndash; »ja, sie sieht in
-uns eine gigantische Dampfwalze, dazu bestimmt, eine
-breite Straße zu ebnen, auf der das französische Genie
-uns entgegeneilt, um uns zu umarmen.«</p>
-
-<p>Die ganze Gesellschaft applaudierte. Rufe des Entzücken
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-wurden laut, und die Beamten des Gouverneurs
-schlürften jene Floskel in sich ein, als müßten sie eine fette
-Auster kunstgerecht über die Zunge gleiten lassen. Die runde
-Kugel aber, die dem Gouverneur angetraut war, rollte auf
-die Gattin des Obersten aus Mariampol zu, umarmte sie,
-wobei sie ihre fleischigen Arme freilich nur um die Hüften
-der Tatarin schlingen konnte, und küßte die junge Frau
-auf die Brust.</p>
-
-<p>»Maria Geschowa,« entlud sie sich stürmisch, »hörten
-Sie, wie Wladimir Petrowitsch sich eben über die Lage
-äußerte? Oh, es ist nichts Kleines um einen politischen
-Blick. Wie glücklich müssen Sie sein, Teuerste, weil Sie
-in Frankreich Ihre Erziehung genossen. Wie beneide ich
-Sie!«</p>
-
-<p>»Darf ich Ihnen ein Glas Tee bereiten, Exzellenz?«
-warf die Tatarin ziemlich gleichgültig hin, als ob ihre Gedanken
-mit etwas ganz anderem beschäftigt wären. Und
-wirklich, die dunklen Augen der jungen Frau flammten
-über die gepolsterten Schultern der Gouverneurin hinweg
-und in eine matt erleuchtete Ecke. Und so gepackt und gefangen
-beugte sie das schmale Haupt nach jener Richtung,
-daß ein großer Teil der anwesenden Herren, für die
-Maria Geschowa mit ihrer lächelnden orientalischen Verführungskunst
-überhaupt den Mittelpunkt bildete, sich
-gleichfalls über den dämmrigen Platz vergewissern mußte.</p>
-
-<p>Ganz plötzlich trat in dem lebhaften Gespräch eine
-Stille ein.</p>
-
-<p>Selbst der Gouverneur Bobscheff stieg aus seinen Weihrauchswolken
-hinab und entdeckte mit steigendem Mißbehagen,
-wie dort hinten an dem einsamen runden Tisch
-der Bergbaustudent Alexander Diamantow saß, das Haupt
-mit den überquellenden schwarzen Haaren in beide Hände
-gestützt. Der junge Mann schien, leidenschaftlich in sich
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-versenkt, das Bild der schwatzenden Menge absichtlich von
-sich fernhalten zu wollen. Unbeweglich und tief gebeugt
-verharrte er, nur die rasch atmende Brust zeigte, daß ihn
-etwas quäle.</p>
-
-<p>»Alexander Isidorowitsch,« krächzte Bobscheff fast kreischend.</p>
-
-<p>Durch den schmalen Körper des Angerufenen ging ein
-Zucken. Und merkwürdig, in der gleichen Sekunde wurde
-auch der dunkelhäutige Nacken der Mariampolerin von einem
-kurzen Schauer überkräuselt. So völlig vermochte sich die
-Leidenschaftliche in die Stimmungen der Menschen zu
-versetzen, die sie interessierten.</p>
-
-<p>Langsam ließ der Student seine Rechte sinken, und
-um seinen ausdrucksvollen bartlosen Mund spielte ein
-mattes Lächeln, als er die gereizte Giraffe jetzt mit einer
-merkwürdig tiefen und für seine Jugend ungewöhnlich
-markigen Stimme fragte:</p>
-
-<p>»Wünschen Sie etwas, Exzellenz?«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; ja gewiß, Alexander Isidorowitsch, sind Sie
-krank?«</p>
-
-<p>»Ich? &ndash; Durchaus nicht &ndash; oder doch nur so, wie
-die meisten meiner Altersgenossen.«</p>
-
-<p>»Was meint er damit?« flüsterten ein Paar der Offiziere
-verständnislos, »was meint der verfluchte Jude damit?«</p>
-
-<p>Man war allgemein empört. Nur Herr Miljutin der
-Ältere schob seinen schwarzen Gehrock zögernd neben den
-Sitz des Studenten, denn in seinem verängstigten Gemüt
-dämmerte es, der hagere bartlose Mensch könne womöglich
-sein einziger Bundesgenosse in diesem Kreise von
-Wütenden und Blutlechzenden sein. Außerdem war Diamantow
-ein Jude und liebte deshalb gewiß das Geld und
-die geschäftliche Sicherheit.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-»Fahren Sie fort, junger Mann,« hauchte der Fabrikant
-hinter dem Stuhl des Ingenieurs beinahe unhörbar
-und begann ermunternd die Lehne des Sessels zu streicheln.</p>
-
-<p>Aber auch Maria Geschowa schritt mit ihrem kräftigen
-wiegenden Gang geschmeidig an das runde Tischchen heran
-und setzte ohne Überlegung das Teeglas, das sie eigentlich
-für die Gouverneurin bestimmt hatte, vor Alexander Diamantow
-nieder. Das dunkle, kräftige Organ des Studenten
-hatte etwas in ihren Adern entzündet und brannte dort weiter.
-Inzwischen hatte sich der Gouverneur gleichfalls an das
-Tischchen herangedrängt und pochte jetzt mit seinen langen
-Knochenfingern höhnisch auf die Platte:</p>
-
-<p>»Mir scheint, Alexander Isidorowitsch,« überschlug er
-sich fast vor Heiserkeit, »Sie mißbilligen unsere große
-heilige Sache? Sie haben kein Herz für sie. Ist es möglich,
-daß Menschen so denken, die unserem Staate eigentlich
-zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet wären? Herr,
-Sie sind noch jung, stehen Sie etwa gar in einem militärischen
-Verhältnis?«</p>
-
-<p>»Wie gründlich Wladimir Petrowitsch vorgeht,« verkündete
-Frau Bobscheff hier mit großer Bewunderung.</p>
-
-<p>»Ja, ich bin Offizier,« sagte Diamantow ruhig und erhob
-sich.</p>
-
-<p>»Er ist Offizier,« echote es im Kreise. »Man denke,
-&ndash; wie fürchterlich.«</p>
-
-<p>»Herr, und in einer solchen Stellung, da fehlt Ihnen
-die Begeisterung für die Zukunft unseres Volkes?«
-schnaubte Herr Bobscheff weiter.</p>
-
-<p>»Sie fehlt mir nicht,« entgegnete der Student ruhig,
-indem er seine Hände in die Seitentaschen seines einfachen
-Jacketts vergrub, »ich suche sie nur nicht in kriegerischen
-Eroberungen.«</p>
-
-<p>»Und warum nicht?« fragte Maria Geschowa, die ihm
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-jetzt, nur durch das Tischchen getrennt, dicht gegenüberstand.
-Ihre heißen Augen tranken dabei schon im voraus
-die Antwort von seinen hageren Zügen, und ihre Finger
-glitten auf der Tischplatte unmerklich gegen die seinen,
-als wünsche sie ihn dadurch zu ermuntern. »Und warum
-nicht?«</p>
-
-<p>»Weil ich fürchte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;,« sagte der von allen Seiten
-Bedrängte, der sehr gegen seinen Willen zum Mittelpunkt
-der Unterhaltung geworden war, und zu gleicher Zeit wich
-er dem Blick von Maria Geschowa aus und starrte unverwandt
-auf das Muster des persischen Teppichs, »weil ich
-fürchte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was fürchten Sie zum Teufel?« inquirierte die Giraffe
-unbarmherzig weiter.</p>
-
-<p>»Ich fürchte,« äußerte Diamantow mit geschlossenen
-Lidern, wie wenn er sich dadurch von den anderen abschließen
-könnte, »daß die spärlichen Keime einer freien
-Entwicklung, die von der Jugend hie und da gesät wurden,
-durch die Kriegsmaschine entwurzelt, zerstampft und wieder
-auf ganze Epochen unterdrückt werden könnten.«</p>
-
-<p>»Ja,« sprach Maria Geschowa ganz leise.</p>
-
-<p>Es hörte sie niemand, nur Alexander Diamantow hob
-die schweren Augenlider überrascht in die Höhe und sah
-die junge schöne Frau sonderbar an. Es lag etwas wie ein
-Erkennen in diesem kurzen sprechenden Blick, den die beiden
-miteinander tauschten. Dann schob sich der Student durch
-die widerwillig sich öffnenden Reihen hindurch und gedachte,
-vornübergebeugt wie stets, in das Billardzimmer
-zu treten, aus dem das harte Aufeinanderprallen der
-Elfenbeinbälle deutlich herüberklang. Vor der Schwelle
-jedoch wurde er noch einmal am Arm von dem Gouverneur
-zurückgehalten, der ihm nun in seiner ganzen Länge und
-zitternd vor Erregung den Weg vertrat:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-»Alexander Isidorowitsch,« hustete Herr Bobscheff in
-einem krampfhaften Anfall, »verwünschte Heiserkeit &ndash;
-in Momenten der Leidenschaft übermannt sie mich stets &ndash;
-als Haupt der Verwaltung fühle ich mich für die Stimmung
-innerhalb meines Kreises verantwortlich. Sie würden
-mich deshalb sehr beruhigen, &ndash; nein wirklich, junger
-Mann, sie könnten außerordentlich viel zu der inneren
-Fassung der Anwesenden beitragen, wenn Sie mir jetzt
-einen offenen und ehrlichen Aufschluß über Ihre Meinung
-erteilten. Es ist doch selbstverständlich, Alexander
-Isidorowitsch, &ndash; verzeihen Sie, wenn ich mich so in Ihr
-Vertrauen dränge, allein ich bin es meiner Stellung schuldig
-&ndash; ich setze voraus, daß Sie als Offizier Ihre Pflicht
-tun werden!«</p>
-
-<p>Ein Ausruf des Unwillens folgte. Er kam von der
-Frau des Obersten, die ihre Hand quer durch die Luft
-warf, eine Zigarette an sich riß und rasch an ihren Platz
-unter dem Fenster zurückkehrte. Der Bergbauingenieur an
-der Schwelle jedoch richtete sich hoch auf. Eine Sekunde
-lang verzerrten sich seine Züge, und aus den dunklen Augen
-schoß ein solcher Strahl von Haß, daß die Offiziere unwillkürlich
-sich näher um die Giraffe zusammenscharten.</p>
-
-<p>»Um Allerheiligen willen,« stammelte Herr Bobscheff
-und sank in ihrem Kreise zusammen, denn durch sein verschüchtertes
-Gemüt blitzte plötzlich die Erinnerung, daß
-dieser aufrührerische Jude unter den Kohlenarbeitern einen
-zahlreichen Anhang besäße. »Teuerster Freund, Sie werden
-mich doch recht verstehen?«</p>
-
-<p>Inzwischen hatte der Student seine Hände wieder müde
-in die Taschen gleiten lassen. Nun neigte sich die gestraffte
-Gestalt abermals leicht nach vorn, und um den bartlosen
-Mund glitt ein kühles, resigniertes Lächeln, als er mit
-seiner dunklen Stimme stark und rückhaltlos erwiderte:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-»Wozu wollen wir hier erst Selbstverständliches erörtern?
-Wir sind es gewohnt, unseren eigenen Willen
-unterzuordnen. Ich werde ebenso handeln, Exzellenz, und
-gehorchen. Das ist die Stimmung Ihres Kreises.«</p>
-
-<p>Er nickte noch einmal bekräftigend mit dem schwarzen
-Haupt, drängte seine schlanke Gestalt durch die schweren
-Falten des Vorhangs und war verschwunden. Nur von
-nebenan hörten die Zurückbleibenden eine ungewöhnlich
-wohlklingende und einschmeichelnde Stimme rufen:</p>
-
-<p>»Ah, Sie sind es, Alexander Isidorowitsch! Bei den
-strahlenden Jungfrauen von Kasan, wie kommen Sie hierher
-in den Kohlenstaub? Rasch, unser Spiel ist beendigt,
-dem Himmel sei Dank, daß sich eine wirkliche, lebende
-Seele zu uns verirrt. Wollen Sie eine Zigarette, Alexander
-Isidorowitsch?«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Dies war die Unterhaltung der teuren Freunde, in deren
-Kreis der Rittmeister Sassin seine deutschen Gäste, leuchtend
-vor Unbefangenheit und Frohsinn, einführte. Wirklich,
-die Fremden mußten den Eindruck empfangen, daß
-der ganzen Gesellschaft durch ihr Erscheinen eine offenkundige,
-unbestrittene Ehre widerführe, die sich in heitersten
-Mienen und jener fast übertriebenen slawischen Freundlichkeit
-äußerte. Noch immer schien das Übergewicht der
-Germanen dieser Völkerschaft gegenüber unerschüttert und
-von allen willig anerkannt.</p>
-
-<p>»Sehen Sie, sehen Sie,« rief Sassin nach der Vorstellung
-laut durch das Zimmer, »die wunderschönen
-Damen von Maritzken. Aber ist es nicht wahr &ndash; ist es
-nicht wahr,« wiederholte er beseligt, »welch ein wundervolles
-Beispiel die drei Damen und mein bester Freund
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-Rudolf Bark uns allen in dieser Stunde geben? Sie verachten
-das widerliche und blödsinnige Geschwätz, das nur
-in den Köpfen von ein paar Narren entstanden ist. Sie
-leisten damit etwas sehr Wichtiges. Ist es nicht so,
-Exzellenz?« erkundigte er sich eindringlich bei der Giraffe,
-die mit weit vorgeneigtem Hals die drei deutschen Mädchen
-betrachtete.</p>
-
-<p>Und seltsam, es war, als ob in diesen Zimmern, die
-vor Neuheit und mit ihrer eben erworbenen Einrichtung
-wie poliert glänzten, niemals Wut und Neid und die
-Freude am Zerstampfen mit lechzenden Wolfszungen geheult
-hätten. Äußerst zufrieden blickte sich Herr Bobscheff
-um. Kaum jemals zuvor war es der Giraffe so stark wie
-heute in das Bewußtsein gedrungen, wie meisterhaft seine
-Landsleute die Verstellungskunst zu üben wußten und
-welchen hohen Grad der allgemeinen Schauspielerei diese
-Rasse erreicht hatte. Da stand seine dicke Tatiana &ndash; zum
-Henker, sie wurde immer faßähnlicher; wenn man sich
-vorher an den bestrickenden Linien der brünetten Deutschen
-erlabt hatte, da verdarb einem diese unwahrscheinliche Anhäufung
-des Fettes jegliche gehobene Stimmung &ndash; da
-stand die Kugel neben dem zierlichen deutschen Rotkopf,
-streichelte dem schmiegsamen Mädchen unaufhörlich die
-Wangen und sprudelte aus den Plusterbacken Lobeserhebungen
-und Hymnen über die schmalen Füßchen der Kleinen,
-die in so allerliebsten weißen Halbschuhen steckten. »Unsere
-Schuhfabrikation ist besser und reeller als der Schund da
-drüben,« dachte der Gouverneur. »Aber das Reizvolle, das
-Scharmante steht auf jener Seite. Obwohl auch bei uns &ndash;
-ach ja, es gibt schon Frauen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;,« seufzte er kopfschüttelnd
-in sich hinein, und er blickte wie zur Bestätigung auf
-die schlanke Gestalt von Maria Geschowa, die, verdeckt
-durch das Fensterstore, eine ihrer angeregten und sprudelnden
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-Unterhaltungen mit dem fremden Kaufmann zu führen
-schien; »sieh einmal, diese berechnete Intriguantin,« dachte
-die Giraffe trauervoll und drückte den Daumen der Linken
-schmerzhaft in die rechte Handfläche. »Sie zeigt ihm
-dort draußen auf der Straße einen vorübergehenden Kosaken.
-Zum Teufel, die Kerle sollen doch in ihren Kasernen
-bleiben! Aber wozu muß sie sich dabei so eng an
-seine Schulter lehnen? Der verwünschte Schmarotzer hält
-beinahe seinen Arm um ihre Hüfte geschlungen. Die Vorurteilslosigkeit
-dieser schönen Frau ist jedenfalls nicht zu
-billigen.«</p>
-
-<p>Die Deutschen bildeten bald den Mittelpunkt der Gesellschaft.
-Es war, als ob alle anderen nur eingeladen wären,
-um den Gästen das Bild eines harmlos sich vergnügenden
-Kreises einzuprägen, der weit davon entfernt war, an eine
-Unterbrechung seiner gewohnten Zerstreuungen zu glauben.
-Überall flogen leichte Scherzworte auf, die Fähigkeit der
-Slawen, geschätzte Personen zu ehren und zu bedienen,
-äußerte sich in jeder Handreichung.</p>
-
-<p>Marianne lag in einem Schaukelstuhl und wiegte sich
-leise auf und nieder. Um sie herum bewegte sich ein
-ganzer Troß von Offizieren, die sich den Wünschen des
-verführerischen Weibes dienstbar zu machen strebten. Der
-eine hielt ihr ein Aschenschälchen, denn sie sog mit Genuß
-an einer der ihr angebotenen aromatischen Zigaretten; ein
-zweiter hütete den silbernen Untersatz des Teeglases, an
-dem sie nippte; zwei weitere hielten den Stuhl in seiner
-schaukelnden Bewegung, und vor ihr stand der Rittmeister
-Sassin, den das Schweben und Gleiten der Brünetten
-bereits bis zur Tollheit begeistert hatte. Seine blauen
-Knabenaugen schwammen vor Erregung, und er fand es
-direkt sündhaft, weil sich auch seine Kameraden an den
-Huldigungen für das berückende Geschöpf beteiligen durften.
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-Wahrhaftig, dazu hatte er doch nicht die Kosten dieser
-so ungewohnt vornehmen Teestunde auf sich genommen.
-Ob man es wagen konnte, der Schwarzen einen erläuternden
-Gang durch das gesamte Hauswesen anzubieten?
-Hm, der teure Freund Rudolf Bark, dem er doch
-eine so überaus ablenkende Gesellschaft zugewiesen, der
-verfluchte Krämer mit den ernsten Augen, er behielt immer
-noch Zeit, die Gruppe um den Schaukelstuhl aufmerksam
-zu verfolgen. Dazu schoß Leo Konstantinowitsch plötzlich
-eine ganz widerspruchsvolle Eifersucht durch den Kopf.
-Blitzartig fiel ihm ein, wie er bei seinem letzten Besuche in
-der deutschen Stadt von allerlei Beziehungen hatte flüstern
-hören, die Marianne an einen Offizier der dortigen Garnison
-knüpften. Sie hatte ein Verhältnis. Das machte sie
-nur noch begehrenswerter. Zum Teufel, wie hieß doch
-der Dummkopf? Und in diesem Augenblick fiel der Aufgeregte
-aus der Rolle und beging eine Torheit.</p>
-
-<p>»Gnädigste,« sagte er mit seinem lauten Organ, das er
-um keinen Preis dämpfen konnte, »ich hatte die Freude,
-Sie neulich auf den Wallgängen der Stadt mit dem ganz
-ausgezeichneten Fritz Harder promenieren zu sehen. Darf
-ich mir die Frage erlauben, ob dieser Bevorzugte das Glück
-besitzt, Ihre Freundschaft zu genießen?«</p>
-
-<p>»Gott,« warf Marianne hin, die inmitten so vieler Anbeter
-die Nähe ihrer Schwestern vergaß, und sie errötete
-weder, noch gab sie das angenehme Wiegen auf, »ein guter
-Bekannter von mir, wie viele andere. Was bezwecken Sie
-übrigens mit der Frage, Herr Rittmeister?« setzte sie
-gleichgültig hinzu, schlug die Füße leicht übereinander und
-blies eine feine Dampfwolke von sich.</p>
-
-<p>»Oh,« rief Leo Konstantinowitsch strahlend und mit der
-ihm angeborenen Begabung für schlaue Galanterie, »das
-schafft mir die einzige Feindschaft vom Halse, die ich einem
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-deutschen Offizier etwa entgegentragen könnte. <i>Merci</i>,
-mein Fräulein.«</p>
-
-<p>»Leo Konstantinowitsch ist ein Schlaukopf,« fing Konsul
-Bark dicht neben sich das geheimnisvolle Raunen
-zweier Unterleutnants des Dragonerregiments auf, um
-deren weiche Knabengesichter noch kaum der Flaum zu
-sprossen begann, »hörst du, Alexei, wie er das schwarze
-Pferdchen zu einem Gang durch die Villa antreibt? Ich
-wette, sie wird sich erbitten lassen?«</p>
-
-<p>»Wahrscheinlich,« pflichtete der angeredete Fahnenjunker
-bei und über sein kränklich blasses Antlitz, das er unausgesetzt
-dem Schaukelstuhl zugewendet hielt, flog ein frühreifer,
-übersättigter Schein, »du hast recht, da erhebt sie sich.«
-Aber gleichzeitig zuckten die Lippen in dem fahlen Gesicht,
-und unwillig kehrte sich die zarte Jünglingsfigur ab.
-»Merkwürdig, wie Leo Konstantinowitsch gerade heute
-Lust und Neigung für so etwas aufzubringen vermag,«
-stieß er noch ungehalten zwischen den Zähnen hervor.</p>
-
-<p>»<i>Mon Dieu</i>, Alexei, was soll man tun?«</p>
-
-<p>»Ich habe heut vormittag mein Testament aufgesetzt,«
-erklärte der kränkliche Fahnenjunker ganz still. »Man
-kann nie wissen. Ich schrieb darin meinem Vater, dem
-Polizeioberst in Kiew, vieles, was ich bei uns im Hause,
-aber auch draußen anders wünschte. Er hätte es sonst nie
-von mir hingenommen, denn wir mußten immer schweigen.
-Freilich, für ein solches Schriftstück kann man später
-nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.«</p>
-
-<p>»Ja, du machtest dir immer viele Gedanken, Alexei,
-anstatt dem Leben, wie wir anderen, ein Paar vergnügte
-Stunden abzugewinnen. Aber st!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;, lieber Bruder,
-dort unter dem Fenster spitzt man die Ohren. Komm, laß
-uns in das Billardzimmer gehen und hören, was
-<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-Fürst Fergussow aus Petersburg zu erzählen weiß. Die
-Entscheidung kann ja nicht mehr lange währen.«</p>
-
-<p>Damit strichen die beiden Knaben ihre Waffenröcke zurecht
-und schlenderten auf den eleganten Lackstiefeln fast unhörbar
-in den Nebenraum.</p>
-
-<p>Also doch &ndash; also doch!</p>
-
-<p>Der Konsul fühlte, wie ihm etwas durch die Stirn
-schnitt. Es war, wie wenn man einen klirrenden Pfeil
-durch sein Gehirn geschossen hätte. Eine Sekunde lang
-konnte er sich durchaus nicht mit der Lage vertraut machen,
-in der er sich befand. Auch dafür, daß draußen die
-Welt und alles, was bisher als feststehend galt, binnen
-kurzem wie ein mürber Teig in einer Riesenschüssel von
-Gigantenfäusten durcheinander gerührt werden konnte, auch
-dafür fehlte ihm plötzlich jede Vorstellung. So lähmend
-war die Mattigkeit, die seine sonst so geschmeidigen Glieder
-befiel, daß er immer noch mit demselben vieldeutigen
-Lächeln den Fragen Maria Geschowas lauschen konnte,
-die zu ihrer Freude in ihm einen Kenner des Theaters
-entdeckt hatte.</p>
-
-<p>»Also Sie kennen die kleine Schwarz?« sagte die Tatarin
-und schlug die dunklen Augen, die nie ihren auffordernden
-Ausdruck verloren, langsam gegen ihn empor.
-»Ich sah sie neulich in einem Ihrer modernen Stücke
-spielen. Ich vermag die Zustände bei Ihnen natürlich nicht
-zu beurteilen, aber in der Darstellung der schönen Person
-fiel mir die Wichtigkeit auf, die sie ihrer Bedeutung als
-Frau, ja darüber hinaus der ganzen weiblichen Liebeshuld
-beizumessen schien. Ich glaube, das alles wird in Ihrem
-Vaterland sehr überschätzt.«</p>
-
-<p>»Oh,« entgegnete der Konsul gewohnheitsmäßig, obwohl
-er sich mit aller Kraft an dem Messingknopf des Fensters
-festhalten mußte, »es gibt doch einzelne Frauen, denen
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-gegenüber die Schätzung nie hoch genug gegriffen werden
-kann.«</p>
-
-<p>Es sollte einschmeichelnd klingen, aber Maria Geschowa
-mit ihrem feinen Ohr hörte deutlich heraus, wie weit der
-Geist des hübschen Mannes von ihr entfernt weilte.</p>
-
-<p>»Lassen wir das,« sagte sie hochmütig und wiegte sich
-ablehnend in den Hüften, »wir Slawen beschäftigen uns
-in der Kunst mehr mit sozialen Verhältnissen. Diese Dinge
-erfüllen unsere ganze Phantasie. Aber was haben Sie,
-lieber Freund?« unterbrach sie sich eifrig, denn sie sah,
-wie der Kaufmann starr auf die Straße hinausblickte, wo
-drei Soldaten in Kosakentracht singend und brüllend vorüberliefen.</p>
-
-<p>Jetzt vermochte der Konsul nicht mehr das nervöse Zucken
-der Mundwinkel noch den kurzen Atem, der ihm durch
-den Schrecken eingegeben war, zu verbergen. Da draußen
-die drei langröckigen, halbbarbarischen Gesellen, die unter
-ihren Pelzmützen dahintaumelten, wie kamen sie hierher?
-Er wußte doch, daß in der Grenzstadt kein Kosakenregiment
-lag. Und diese hier &ndash; er glaubte es an den sauberen Uniformen
-und den blitzenden Silberverschnürungen zu erkennen
-&ndash; sie gehörten sicher der Petersburger Garde an.
-Immer ängstlicher und aufgescheuchter tobten seine Gedanken
-gegeneinander. Die Selbstbeherrschung und feste
-Sammlung, die trotz seiner leichten Manieren sein ganzes
-Wesen ausmachten, stoben in diesem Augenblick, wo er
-das Rollen eines Völkergewitters schon über seinem Haupte
-poltern hörte, von ihm ab. Obwohl der Herr des Goldenen
-Bechers genau wußte, daß es töricht sei, die Maske des
-Vertrauens und der sicheren Überlegenheit gerade vor der
-klugen Tatarin, neben der er weilte, zu lüften, die Spannung,
-die in ihm zerrte, zerriß jedes Bedenken. Nein, er
-mußte hören, wie eine Vollblutrussin den schweren Verdacht,
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-der ihn überwältigte, entkräften würde. Was diese
-reizende Person jetzt wohl zusammenlügen wird? dachte
-er halb neugierig.</p>
-
-<p>Und da sprach sie bereits. Sie legte ihm die Spitze des
-Zeigefingers fest auf die Brust und fragte mit ihrer warmen,
-immer leise vibrierenden Stimme:</p>
-
-<p>»Wie heißen Sie, lieber Freund?«</p>
-
-<p>»Ich? &ndash; Ich heiße Rudolf Bark.«</p>
-
-<p>»Nun, Rudolf Bark,« lächelte die Tatarin, indem sie
-sich geschmeidig mit dem Rücken gegen das Fenster schob,
-so daß er jetzt gezwungen in ihr dunkles Antlitz blicken
-mußte, »sind Ihnen die drei Kosaken dort auf der Straße
-wirklich interessanter, als ich, die ich mir doch soviel
-Mühe gebe, Ihnen zu gefallen?«</p>
-
-<p>Der Angeredete, der so unvorbereitet seine Gedanken erraten
-sah, erschrak. Zum Teufel, wie klug doch diese Russin
-war, viel gescheiter und gebildeter als die Männer ringsumher.
-Zu jeder anderen Zeit hätte er das Geplänkel fortgesetzt,
-um zu ergründen, wie weit das eigenartige Geschöpf
-durch ihre Koketterie geführt werden könnte; allein jetzt
-&ndash; jetzt &ndash; alle diese Nichtigkeiten erschienen ihm im Moment
-widerwärtig und abscheulich. Er begriff gar nicht,
-daß er ihnen jemals Bedeutung beigelegt.</p>
-
-<p>»Es überrascht mich,« entrang es sich ihm ohne jede
-Vorsicht, die er doch unter allen Umständen einzuhalten
-gewillt war, »wie die drei Kosaken hierher gelangt sind.
-Nach meiner Kenntnis gab es bis vor kurzem keine derartigen
-Truppen hier. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, Gnädigste,«
-setzte er rasch hinzu, als er den langen, weichen,
-fast betrübten Blick der jungen Frau empfand, »aber
-sehen Sie, wir Deutschen besitzen nun einmal die unangenehme
-Eigenart, alles Militärische besonders stark auf
-uns wirken zu lassen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-Wie hübsch der elegante schlanke Mann sprach und wie
-rot sich seine Wangen vor innerer Aufregung gefärbt hatten.
-Maria Geschowa schämte sich, daß sie an dem albernen
-Komplott, das ja bereits von dem erfahrenen Kaufmann
-durchschaut wurde, mitwirken sollte. Daneben aber glühte
-in ihr die echt weibliche Begierde auf, einen Mann in den
-Maschen eines Netzes zu verstricken, dessen Verschnürungen
-man selbst fest in der Hand hielt. Im Grunde war es doch
-eigentlich ein wohliges Gefühl, zu wissen, daß man unbeschränkte
-Macht besäße über das Schicksal so freier und
-aufrechter Menschen. Darin lag ein eigenartiger Kitzel, ein
-ganz neuer Genuß. Und fortgerissen und lebhaft fand sie
-sich in die Rolle und zuckte deshalb ein wenig verächtlich
-die weichen Schultern:</p>
-
-<p>»Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Rudolf Bark,«
-versetzte sie mit feiner Ironie, und auch die vollen Lippen
-bekundeten eine gewisse trotzige Sucht nach Lüge und Intrigue.
-»Die drei Burschen dort draußen gehören zur Begleitung
-meines Mannes. Sie werden selbst sehen, die
-Wichte verstehen es viel besser, mir meinen seidenen Mantel
-umzulegen, als einen Karabiner loszudrücken.«</p>
-
-<p>Da war die Unwahrheit heraus. Und seltsam, als Maria
-Geschowa ihren Blick jetzt in die kühlen, von Zweifel erfüllten
-Augen des Mannes richtete, von dem sie beinahe
-hoffte, daß er sie durchschauen möge, da malte sich auf
-ihren dunklen Bronzezügen ein freches, wildes Flimmern,
-wie sie es wohl als Kind den Ihrigen daheim auf dem
-kaukasischen Gebirgsgut gezeigt, wenn sie entwendete Äpfel
-zu verleugnen hatte. Und siehe da, ihr Partner blieb ihr
-gewachsen. Es bereitete ihr selbst eine wollüstige Befriedigung,
-als er mit seinem gewinnendsten Lächeln entgegnete:</p>
-
-<p>»Aha, die Begleitung Ihres Mannes &ndash; und sie legen
-Ihnen den Mantel um&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;, ich bin leider durchaus zivil,
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-gnädige Frau, aber bei einer derartigen militärischen Verwendung
-würde ich mich sofort auf Avancement melden&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Pfui,« atmete Maria Geschowa, bei der der lauernde
-und gespannte Zug noch immer nicht entschwunden war,
-erleichtert auf, »Sie werden unartig, bester Freund. Darf
-ich Ihnen nicht lieber eine Tasse Tee bereiten? Solch
-ein Trank aus unserem Samowar schwemmt uns alle
-unnötigen Sorgen fort.« Und indem sie ihm abermals mit
-dem Zeigefinger leicht auf die Brust tippte, forschte sie ungeduldig:
-»Weshalb sehen Sie so unausgesetzt nach der
-großen, blonden Walküre, die Sie mitgebracht? Sind Sie
-ihr Vormund?«</p>
-
-<p>Ja, der Prinzipal des Goldenen Bechers hing sich mit
-allen Sinnen an die aufrechte Gestalt der Ältesten von
-Maritzken, weil ihn nicht eine Sekunde die treibende Furcht
-verließ, daß er hier unter diesem fremdsprachigen, auf der
-Lauer liegenden Volke ihr einziger Schutz und ihre letzte
-Hilfe sei. Wenn er doch nur unauffällig an ihre Seite
-gelangen könnte, um ihr seine aufkeimenden Bedenken bemerklich
-zu machen. Allein Johanna weilte in zwangloser
-Unterhaltung mit dem Fabrikbesitzer Miljutin an demselben
-Tischchen, das der Student Diamantow vor kurzem verlassen,
-und an ihren suchenden, manchmal hilflosen Gebärden
-erkannte Rudolf Bark, wie sie bei dem russischen
-Kaufmann sicherlich in der ihr nicht ganz geläufigen französischen
-Sprache allerlei geschäftliche Erkundigungen einzog.
-Ihr heut leicht gewelltes Blondhaar leuchtete selbst
-in der dämmrigen Ecke so voll Glanz und hellem Schimmer,
-ihre Haltung war so frei und dabei doch so stolz und
-straff, daß den Beobachter plötzlich die fast berauschende
-Genugtuung durchströmte &ndash; eine deutsche Frau!!</p>
-
-<p>Wenn er sie nur erreichen könnte!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-Allein Johanna war zu sehr in die praktischen Erläuterungen
-vertieft, die ihr Herr Miljutin hinter seiner goldenen
-Brille, ein wenig stockend und schüchtern wie immer,
-angedeihen ließ, als daß sie auf ihren einzigen wahrhaften
-Freund in dieser Gesellschaft geachtet hätte. Das Kapitel
-des Pferdeeinkaufs war bereits zu ihrer Befriedigung abgehandelt
-worden, jetzt berichtete ihr der Fabrikant voll
-Stolz von seinen eigenen Erzeugnissen, und daß er auch
-Decke und Sims des kleinen Billardzimmers mit ganz
-neuartigen, perlmutterfarbig irisierenden Kacheln ausgelegt
-hätte:</p>
-
-<p>»Als Borten, mein teures gnädiges Fräulein,« lispelte
-Herr Miljutin, »sind Goldmajoliken verwandt, und an
-der Breitseite ist aus lauter kleinen Mosaik-Porzellanstückchen
-das Bild unseres erhabenen Zaren als Ritter Sankt Georg
-eingelegt. Ja, es ist ein schönes Werk des Friedens,« murmelte
-der Fabrikbesitzer mit kaum hörbarem Kummer, und
-indem er auf seinem verkürzten Fuß einen Schritt voranhinkte,
-verneigte er sich an der Schwelle und vollführte
-eine einladende Bewegung. »Sie würden mich außerordentlich
-ehren, teures Fräulein, wenn Sie meine bescheidenen
-Leistungen selbst beaugenscheinigen wollten. Bitte, treten
-Sie ein.«</p>
-
-<p>Demütig hob er den Vorhang, und Johanna nickte zustimmend
-und schritt über die Schwelle.</p>
-
-<p>Später erinnerte sie sich unausgesetzt jenes Augenblicks.
-Es war, wie wenn eine Nonne die Zelle des Friedens
-verläßt, um sich in das ihr unbekannte Getümmel zu verlieren.</p>
-
-
-
-
-<h3>V.</h3>
-
-
-<p>Die Portiere schloß sich über den Eintretenden, allein
-dicht hinter ihr wurzelte Johanna fest. Ihre Hände suchten
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-nach rückwärts die Falten des bunten Vorhanges zu gewinnen,
-als müsse sie sich um jeden Preis an etwas Irdisches,
-ihr Gewohntes anklammern. Es war nicht das
-trauliche und mit wirklich erlesenem Geschmack eingerichtete
-Gemach, das das erdgebundene Wesen des Landmädchens
-für eine vorüberschnellende Sekunde so sehr verwirrte, bis
-es von allem, was sie bisher erlebt, abgelenkt war; es
-war auch nicht, wie sich Herr Miljutin vielleicht schmeichelte,
-der merkwürdige Meerglanz der Decke, die unwahrscheinliche,
-feuchtfunkelnde Strahlen auf sie herabschoß,
-es war vielmehr die ihrem prosaischen Gemüt vollständig
-unerklärliche Vorstellung, ein Götterbild oder ein Heros,
-jedenfalls irgend etwas Übermenschliches verkünde sich ihr
-unvermutet in ruhiger, selbstverständlicher, beinahe eisiger
-Schönheit. Aber das war nicht das richtige Wort. Herr im
-Himmel, sie fand kein anderes, als sie in dem ersten
-Schrecken, der ihre arbeitsame, unempfindliche Natur anfaßte,
-dasjenige zu bezeichnen suchte, was ihr so ungeahnt
-jede Beherrschung raubte. Da lehnte vor ihr an der schweren
-Mahagonieinfassung des Billards eine wunderbar ebenmäßige
-Männergestalt, breitschultrig und dabei schlank und
-wohlgefügt, als wenn ein Künstler den Körper aus Marmor
-geformt hätte. Nur bizarrer Eigensinn schien die
-muskulösen und doch jugendlich weichen Glieder mit der
-eleganten dunkelblauen Dragoneruniform aus feinstem
-Tuch bekleidet zu haben, um deren Achselbiegung sich ein
-paar blitzende Silberschnüre herumzogen. Und nun welch
-ein Haupt!</p>
-
-<p>Johannas Nüchternheit war weit davon entfernt gleich
-nervösen rasch gewonnenen Genossinnen ihres Geschlechts
-etwa bei dem ersten Blick in schwärmerischer Anbetung
-aufzulodern. Nichts dergleichen empfand ihre herbe deutsche
-Fassung dem völlig neuartigen Bild von Männerschönheit
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-gegenüber, das wie aus dem Himmel gefallen plötzlich
-vor ihr aufragte. Nur ein ungeheures kindliches
-Staunen erfüllt sie ganz und gar. Und mit einer namenlosen
-Bewunderung betrachtete sie das Meisterwerk in einer
-Andacht, die nicht frei war von künstlerischer Erhebung.
-Durchaus natürlich fand sie es ferner, daß auch der fremde
-Offizier in vollkommener Bewegungslosigkeit vor ihr verharrte,
-und nicht der leiseste Verdacht beschlich sie, der
-junge strahlende Mann könnte nur deshalb seine lässig
-angelehnte Stellung so dauernd beibehalten, weil seine
-großen braunen Augen sich in dem hellen Ährenschimmer
-ihres Haares verfangen hatten.</p>
-
-<p>Eine Erinnerung peinigte das Landmädchen. Wo hatte
-sie doch das feine schmale Haupt mit der fast griechischen
-Nase und den sanft überbräunten Wangen bereits einmal
-gesehen? Und vor allen Dingen, die wirre Fülle kurzer,
-brauner Locken, von denen die hohe Stirn trotzig und widerwillig
-umrahmt wurde, mußte sie ihr nicht den Eindruck
-verstärken, als wenn das alles ihre Phantasie schon oft
-beschäftigt hätte?</p>
-
-<p>Und richtig, ein erlösender Blitz riß ihre Befangenheit
-auseinander. Jetzt wußte sie es. In ihrem Schlafzimmer
-zu Maritzken hing ein alter, halb verräucherter Buntstich,
-der die anmutigen und doch nachdenklich-melancholischen
-Züge des Preußenprinzen Louis Ferdinand wiedergab, des
-edlen Opfers von Saalfeld. Oh, wie seltsam die
-schöpferische, vielgestaltige Natur sich wiederholte! Hier
-saß in jeder Linie derselbe Mensch, bequem und doch
-voll anerzogener Eleganz auf der Umrahmung des Billards,
-und ohne daß er ein Wort äußerte, sagten die
-sanften lächelnden Augen des Offiziers ganz deutlich, daß
-ihm das große blonde Mädchen eine erfreuliche Erscheinung
-böte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-»Nur reichlich verwöhnt scheint der vornehme Herr mit
-den silbernen Achselschnüren zu sein,« dachte die praktische
-Johanna, die sich plötzlich ihrer Bewunderung mit einem
-harten Ruck entriß, weil der Offizier ein Lebenszeichen von
-sich gab, indem er sich gefällig gegen sie verneigte. »Bei
-uns pflegen sich Militärs zu erheben, wenn sie eine Dame
-begrüßen. Wozu schlenkert dieser so anhaltend mit den
-hohen Reiterstiefeln aus Lackleder? Und Himmel, trägt er
-nicht goldene Sporen? Das muß ein großes Tier sein!«</p>
-
-<p>»Teures Fräulein,« hauchte neben ihr der Fabrikbesitzer
-Miljutin und rückte viel verschüchterter, als sonst, an seiner
-goldenen Brille, »bevor ich die Ehre habe, Ihnen das
-Mosaikbild unseres allergnädigsten Gossudars zu zeigen,
-erlauben Sie gütigst eine Vorstellung.« Er verbeugte sich
-tief gegen das Billard, als wäre es viel wichtiger, die Zustimmung
-des Dragoneroffiziers einzuholen, und fuhr zitternd
-vor der Bedeutung seines hohen Bekannten fort:
-»Dies ist Fürst Dimitri Sergewitsch Fergussow von den
-Petersburger Gardedragonern. Er genoß die Ehre, einer
-der Adjutanten unseres Zaren gewesen zu sein, den der
-lebenspendende Christus erhalten möge. Und dieser Herr
-hier,« sprach Herr Miljutin weiter, nachdem Johanna ihr
-Haupt stolz und gemessen geneigt hatte, als wollte sie sich
-selbst durch doppelte Zurückhaltung für ihre anfängliche
-kindische Fassungslosigkeit bestrafen, »dieser Herr ist Oberst
-Geschow aus Mariampol.« Und mit einer halb wegwerfenden
-Handbewegung setzte der Fabrikant noch hinzu:
-»Ach, richtig&nbsp;&ndash;, daß ich es nicht vergesse, dies hier ist
-Alexander Diamantow, ein Bergbaustudent.«</p>
-
-<p>Die Älteste von Maritzken hatte den Fürsten Fergussow
-mit Unrecht verdächtigt. Denn während die anderen beiden
-Herren sich verbeugten, wie man sich eben vor einer eintretenden
-Dame verneigt, gab der Aristokrat mit einer
-<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-gewissen Hast seine lässige Stellung auf, ganz wie wenn er
-für die Zwanglosigkeit, in der man ihn überrascht, lebhaft
-um Nachsicht zu werben hätte. Und die Art, wie er nun
-der blonden Deutschen seine Ehrfurcht bewies, ließ auf
-den ersten Blick erkennen, daß der schöne Mensch seine Erziehung
-auf dem Parkett des Hofes genossen haben müsse.
-Ohne das Wort an die Fremde zu richten, trat der Dragoneroffizier
-höflich zur Seite, um den Ankömmlingen
-den Weg zum Mosaikbilde freizugeben. Kaum hatte ihm
-Johanna jedoch den Rücken gekehrt, da folgte ihr ein
-müder, etwas gleichgültiger Blick, der dann zu dem
-Obersten und dem Bergbaustudenten herüberglitt und von
-einem Achselzucken begleitet war. Die Gebärde schien auszudrücken:
-»Wozu die Unterbrechung?« Trotzdem begaben
-sich die drei Herren gleichfalls an die Breitseite der
-Wand, als wollten sie den Eindruck beobachten, den das
-Mosaikbild auf diese kühle, große Frau hervorbringen
-würde.</p>
-
-<p>»Eine echte Nemza,« dachte Dimitri Sergewitsch, der
-direkt hinter dem Mädchen verweilte und auf diese Weise,
-ohne daß sie es merkte, ganz aus der Nähe ihre reife
-Blondheit festzustellen vermochte. »Fade,« urteilte der
-Fürst abschätzend und ohne eine Spur innerer Achtung,
-»ein grobes, starkknochiges Geschöpf.« Und doch bückte
-er sich katzenhaft, um dem Mädchen das Taschentuch aufzuheben,
-das ihr eben aus der Rechten entglitten war. Mit
-einer formvollendeten, artigen Verneigung, die die äußerste
-Dienstbeflissenheit verriet, reichte er ihr das Gewebe
-zurück. »Es ist dick wie ein Scheuertuch,« gestand er sich
-dabei selbst. »Wie geschmacklos sich die Deutschen kleiden.
-Nicht einmal ein Tröpfchen Parfüm hat sie angewendet.
-<i>Fi donc!</i>«</p>
-
-<p>Fürst Fergussow schwärmte nicht für die Blonden. Er
-<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-schwärmte überhaupt für nichts. Er suchte nur immer.
-Und der verwöhnte Liebling der Petersburger Salons grübelte
-manchmal ernsthaft darüber nach, ob das Geschenk
-des Lebens nicht eigentlich eine gemeine und widersinnige
-Teufelsgabe wäre. Immer frischer Reizmittel bedurfte man,
-um diese abspannende, diese zermürbende Gleichgültigkeit
-stets von neuem aufzurütteln. Und in einer jener Stunden
-der Lethargie oder der nagenden Selbstzerfleischung, wenn das
-Daseinsflämmchen verendend zuckte, da war der bewunderte
-Dimitri Sergewitsch, der Held so vieler Romane, zuletzt
-in einen Kreis junger Studenten und mittelloser, im
-Avancement übergegangener Offiziere geraten, die ihre
-fest geschlossene Vereinigung das »Symposion« nannten.
-Unter den Symposiasten aber herrschte die Überzeugung,
-daß man das Leid und die Widerwärtigkeiten des Daseins
-nicht köstlicher betrügen könne, als durch ein gemeinschaftliches,
-freiwilliges Ende in voller Kraft und Rüstigkeit.
-Nachdem man vorher eine Orgie gefeiert, die alle Blüten
-der Kultur, die giftigen sowohl wie die himmlischen, gleich
-einem Kranz um die Häupter der Teilnehmer geschlungen.
-Hier hatte er auch Diamantow getroffen, dessen soziale
-Hoffnungen wieder einmal gescheitert waren. Der Student
-war allmählich von der verzweifelten Idee befallen worden,
-im Grunde fügten die Volkserwecker, die die träumenden
-Massen aus ihrem Schlafe aufzurütteln versuchten, den
-Hindämmernden ein schweres Unrecht zu. Denn nur Nichtwissen,
-Traum und Schlummer machten das Dasein erträglich.
-Voll zehrender Leidenschaft wurden diese auflösenden
-Ansichten verkündet, und alles war bereits für
-die große Orgie vorbereitet, als Fürst Fergussow, und mit
-ihm gerade die Vornehmsten des Symposions, plötzlich
-ohne jeden erkennbaren Grund fortblieben, und der Rest
-durch die Polizei auseinander gesprengt wurde. Keiner der
-<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-armen Mißleiteten warf Dimitri Sergewitsch indessen etwa
-Feigheit vor. Dazu war die Tollkühnheit des Gardedragoners
-in der Hauptstadt zu sehr bekannt, man wußte
-überdies, daß er erst im letzten Winter ein paar ertrinkenden
-Kindern in die Eisschollen treibende Newa nachgesprungen
-sei. Also Feigheit nicht. Die einen meinten, eine sehr, sehr
-junge Dame aus der höchsten Aristokratie, kaum dem Kindheitsalter
-entwachsen, hätte seine launenhafte Neigung für
-ein paar Monate entfacht, und die Erde reiche ihm wiederum
-ihre heißen Geschenke. Die anderen erzählten gerade das
-Gegenteil. Bei Hofe, flüsterten sie sich achselzuckend zu,
-wäre ein wundertätiger Mönch aus einem fernen Kloster
-erschienen, der die Macht bewiesen hätte, abgeschiedene
-Geister aus dem Jenseits zu rufen und die Seelen seiner
-Vertrauten durch inbrünstige Ekstasen in ein höheres Reich
-der Wonne zu heben. Aber Dimitri Sergewitsch! Man
-schüttelte den Kopf. Sollte wirklich dieser eiskalte Rationalist
-zu jenen heiligen Schwärmern gehören?</p>
-
-<p>Warum nicht?</p>
-
-<p>Sein rastlos hin und her zuckendes Gemüt, das immerfort
-die Farbe wechselte, je nachdem ihn eine neue Laune
-quälte, es konnte sich gewiß auch heißhungrig in die Abgründe
-der Mystik stürzen. Freilich nur, um jene Klüfte
-bald darauf wieder, verächtlich lächelnd, mit dem Spieltisch
-oder dem Boudoir einer Zirkusreiterin zu vertauschen.</p>
-
-<p>»Kann die Mosaik Ihren Beifall erringen, teures Fräulein?«
-fragte Herr Miljutin der Ältere noch demütiger
-als sonst.</p>
-
-<p>Johanna geriet in einige Verlegenheit. Die steifen, eckigen
-Linien des eingelegten Ritterbildes sagten ihr keineswegs zu.
-Auch schien ihr der weiche Dulderkopf des regierenden Zaren
-durchaus nicht unter die eiserne Sturmhaube zu gehören.
-Aber durfte die Gutsherrin vor den Offizieren des fremden
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-Herrschers eine so absprechende Meinung äußern? Regungslos
-verharrte sie, und in ihre Wangen stieg die Röte der
-Unsicherheit.</p>
-
-<p>»Wir haben uns hier bemüht, national-russische Kunst
-zu geben,« fuhr Herr Miljutin dringender fort, da sich
-der sanfte Mann darüber aufzuregen schien, weil die Nemza
-seiner Schöpfung gegenüber so empfindungslos blieb.</p>
-
-<p>Wie unangenehm!</p>
-
-<p>Schon wollte sich das ehrliche Landmädchen mit ihrem
-geringen Verständnis entschuldigen, als ihr unerwartet eine
-Hilfe kam, auf die sie niemals gerechnet hatte. Und wie
-melodiös und schmeichelnd das Organ ihres unverhofften
-Retters klang! Unwillkürlich wandte sich die hohe Blonde
-dankbar ihrem Verteidiger zu, und so unverdorben war sie,
-daß sie hinter diesen bestrickenden Lauten auch eine reine
-und aufrichtige Seele vermutete.</p>
-
-<p>»Bester Miljutin,« hemmte der Fürst den aufsteigenden
-Unwillen des Händlers, indem er ihm mit seiner feinen
-weißen Hand freundschaftlich auf die Achsel klopfte, »muten
-wir dem gnädigen Fräulein nicht zuviel zu. Unter uns,
-die Vorliebe für diese Quadrate ist eine Barbarei, die wir
-unseren byzantinischen Lehrmeistern hätten lassen sollen.
-Sie können mir glauben, unsere herrschsüchtigen Mönche
-benutzen die von Totenstarre verkrampften Gelenkpuppen
-nur, um unseren dummen Bauern Furcht einzuflößen.
-Kommen Sie, meine Gnädigste,« fuhr er mit seinem
-liebenswürdigen und freimütigen Lächeln fort, als er bemerkte,
-wie erleichtert die befangene Deutsche aufatmete,
-»lassen wir uns hier auf Leo Konstantinowitschs neuem
-Klubsofa nieder, denn jetzt werden Sie wirklich etwas von
-russischer Kunst empfangen, worin wir unter den Nationen
-ziemlich einzig dastehen. Vielleicht, weil den anderen Völkern
-eine Nachahmung nicht lohnt. Hören Sie? Dort drinnen
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-singt Frau Oberst Geschow ein tatarisches Dorflied. Ah,
-und sie begleitet sich selbst auf der Balalaika. Wollen Sie
-mir glauben,« sprach er in seiner zwanglosen und wahrhaft
-vornehmen Art weiter, »daß ich selbst jenes Instrument
-in den Abendstunden ein wenig spiele? Es hat so etwas
-von den reinen Klängen der Kindheit. Und nicht wahr,
-wir alle retten uns manchmal gern hinüber?«</p>
-
-<p>Heiß und klagend zugleich begann im Nebenzimmer eine
-dunkle Frauenstimme unauffällig zu singen. Ein eigentümlicher
-Saitenvierklang, hüpfend und neckisch, tönte dazwischen,
-als ob das Leben auf die traurige Weise mit
-einem unbekümmerten Tanz antworte.</p>
-
-<p>»Handelt es sich hier vielleicht um einen Abschied?«
-fragte Johanna rasch, die den inneren Sinn des Liedes
-trotz der fremden Worte zu begreifen meinte.</p>
-
-<p>Dimitri Sergewitsch rückte respektvoll etwas näher an
-sie heran. Und zum erstenmal richtete er seinen sanften
-Blick gegen die großen blauen Augen des Landfräuleins
-und fand zu seiner Verwunderung, daß dort drinnen etwas
-leuchte, ehrlich und bestimmt, was zu der gleichgültigen
-Dummheit, von der er die Deutsche erfüllt glaubte, nicht
-recht stimmen wollte.</p>
-
-<p>»Sie haben ganz recht, Gnädigste,« versicherte er in
-seiner einnehmenden Manier, die ihm so wenig Mühe
-bereitete, »ich mache Ihnen mein Kompliment, weil Ihnen
-die Musik scheinbar ihre letzten Geheimnisse entschleiert.
-Wenn Sie gestatten, möchte ich Ihnen den Text übersetzen.
-Ein tatarisches Bauernmädchen sitzt im Rahmen eines
-weinübersponnenen Fensters. Draußen auf der Dorfstraße
-nimmt ihr Liebster, der mit seiner Schwadron in den
-Krieg zieht, von ihr Abschied. Und nun fragen sich die
-beiden jungen Leute im Wechselgesang, was sein wird,
-wenn wiederum der Wein blüht:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Ich küsse dich, Anuschka.«<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a></div>
- <div class="verse">»Ich küsse dich, Iwan.«</div>
- <div class="verse">»Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«</div>
- <div class="verse">»Ja, was wird sein?«</div>
- <div class="verse">»Hochzeitsgeschenke werden kommen, und du wirst nicht an mich denken.«</div>
- <div class="verse">»Ja, Hochzeitsgeschenke werden kommen, aber ich werde an dich denken.«</div>
- <div class="verse">»Denke nicht an mich, denn ein eisernes Vögelchen flog mir ins Herz.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Drinnen tönten die schwermütigen Strophen fort, immer
-von der hüpfenden Begleitung durchschlungen und unterbrochen.
-Der Fürst aber beugte sich vor, als ob er ein Urteil
-über das heimatliche Lied erwarte. Allein seine Zuhörerin
-war über das rein Poetische des Gedichtes längst hinweggeeilt.
-Ihr an das Nächstliegende stets gebundener Sinn
-stöberte unruhig in den Gedankenverbindungen herum, die
-durch ein einziges Wort des Textes in ihr erregt waren.
-&ndash;&nbsp;&ndash; Krieg! &ndash;&nbsp;&ndash; Und plötzlich vergaß sie, wer neben
-ihr saß. Nichts als die weiche und gütige Stimme des
-Mannes, der sie unterhielt, war in ihrem Ohr haften
-geblieben. So kam es, daß sie sowohl die fremde, vielleicht
-feindliche Volksangehörigkeit ihres Nachbarn außer
-acht ließ, ja, daß ihr sogar sein hoher Rang entglitt. Wie
-ein bekümmerter Mensch, der bei einem anderen lebenden
-Wesen Trost sucht, bettete sie ihre Hand ohne jede Absicht auf
-die Finger des anderen, um rasch und inständigst zu fragen:</p>
-
-<p>»Sie sind mir fremd, aber Sie müssen es wissen, &ndash;
-nicht wahr, es ist doch unmöglich?«</p>
-
-<p>»Was ist unmöglich?« wiederholte der Dragoner sich
-sammelnd, obwohl er den Sinn ihrer plötzlich ausgestoßenen
-Bitte recht wohl begriff.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-Wie plump die Nemza war! Man bereitete doch einem
-Unbekannten, den man sicherlich nie wiedersehen würde,
-nicht derartige Verlegenheiten! Doch während er sich zu
-ihr wendete, spielte wieder das gewinnende Lächeln des
-Gesellschaftsmenschen auf seinen klassisch geformten Zügen.</p>
-
-<p>»Was beunruhigt Sie, bestes Fräulein? Kann ich vielleicht
-Ihre Bedenken zerstreuen? Sie sehen übrigens so
-aus, als wenn Sie nicht leicht außer Fassung zu bringen
-wären.«</p>
-
-<p>Da zog Johanna, zur Besinnung gelangend, ihre Hand
-hastig zurück, raffte sich zusammen und saß wieder so aufrecht
-und unberührt, den Kopf in den Nacken geworfen,
-daß den Fürsten ihre steife Haltung innerlich belustigte.</p>
-
-<p>»Sie haben ganz recht,« äußerte sie kalt, und ihr Ton
-klang so eisig, wie ihn nur die Herrin von Maritzken, sobald
-sie sich oder andere auf einem Fehler ertappte, anzuwenden
-pflegte. »Wie kämen Sie dazu, mir Aufschlüsse über etwas
-zu erteilen, was Ihnen vielleicht dienstlich verboten ist.«
-Und sich zu Herrn Miljutin kehrend, begann sie mit dem
-Fabrikbesitzer sich wiederum über geschäftliche Dinge zu
-unterhalten.</p>
-
-<p>Eingehend erkundigte sie sich bei dem Kaufmann nach
-dem Preis seiner eigenen Lastpferde.</p>
-
-<p>Ein Pferdegespräch also, auch das noch! Ungläubig
-lauschte Dimitri Sergewitsch ein paar Sekunden herüber.
-Dann aber, als sich der schöne junge Mann daran erinnerte,
-wie unbändig taktlos es wäre, eine Unterhaltung so schneidend
-und kurz abzubrechen, namentlich ihm, dem stets
-Höflichen gegenüber, da glitt er fast unhörbar empor und
-gedachte sich mit einer seiner anmutigen Verneigungen
-durch den Vorhang in das Nebenzimmer zu begeben, um
-Maria Geschowa ein paar Lobeserhebungen über ihren
-Gesang zu Füßen zu legen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-Da geschah etwas.</p>
-
-<p>Ganz unvermutet und gegen seinen Willen wurzelte er
-dicht an dem Platz, wo Johanna saß, fest, so daß sich ihre
-Gewänder beinahe berührten.</p>
-
-<p>Was war das?</p>
-
-<p>An der schmalen Seitenwand des Zimmers öffnete sich
-eine niedrige Tür, und auf dem Vorplatz, der mit ein paar
-Steinstufen auf den Hof herunterleitete, nahm man eine
-russische Ordonnanz wahr, die einen Brief oder eine Depesche
-in der Hand hielt. Mehrere Offiziere umgaben den Soldaten,
-ein halblautes Summen und gedämpfte Rufe schlugen
-von draußen herein.</p>
-
-<p>Johanna griff fest in die Seitenlehne des Klubsofas.
-Ihr heller Verstand verriet ihr auf der Stelle, dort auf dem
-Vorhof spiele sich nichts Gleichgültiges ab, nein, daß der
-Bote vielmehr eine Entscheidung brächte. In das Dunkel,
-das sie alle umgab, wurde sicherlich in diesem Augenblick
-eine Fackel geschleudert, in der nächsten Minute konnte bereits
-ein wütender Brand auflodern, wilde Glut mußte
-Weg und Zukunft erhellen. Nicht um einen Schlag pochte
-das Herz der Landtochter schneller. Die Gewißheit war stets
-ihre treueste Bundesgenossin. Und nur ein einziger Gedanke
-riß klar und blendend durch ihr Bewußtsein.</p>
-
-<p>Fort!</p>
-
-<p>Gab es für sie und die Schwestern, die in ihrer Hut
-standen, noch einen Rückweg? Das unerschütterliche Vertrauen
-auf die Standhaftigkeit des weißen Friedenstempels,
-unter dessen glattem Marmordach ihr ganzes
-Leben verflossen, es war eine Torheit gewesen. Ihre Augen
-starrten unausgesetzt auf den offenen Durchgang. Nicht der
-kleinste Zug in den aufgeregten Mienen der Männer dort
-draußen entging ihr. Ihr war es, als verstände sie plötzlich
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-jede Silbe der fremden Worte, die da so rasch und kurz wie
-Flintenkugeln durcheinanderflogen.</p>
-
-<p>Kein Zweifel, das Fürchterliche war da!</p>
-
-<p>Und alles, was nun geschah, wirrte wie Schattenbilder
-um sie her. Fast lautlos und unhörbar vorübergleitend.</p>
-
-<p>Stürzte nicht der Bergbaustudent Alexander Diamantow
-auf den Flur hinaus, um die schmale Tür sofort hinter sich
-zu schließen? Eine plötzliche Stille trat ein. Auch in das
-Nebenzimmer mußte bereits die geheimnisvolle Kunde gedrungen
-sein, denn auch dort war jeder Laut erstorben. Man
-hörte nur das leise Klirren der Teetasse, die in der Hand
-der Gouverneurin zitterte. Gleich verwunschenen Traumfiguren,
-leblos, keiner Bewegung mächtig, verharrten die
-Männer in Johannas Umgebung.</p>
-
-<p>Und dann &ndash; die Tür flog auf, &ndash; weiß wie ein Blatt
-Papier überreichte der Bergbaustudent dem Obersten Geschow
-ein geschlossenes Formular. Johanna sah, wie sich die breite
-Brust des untersetzten Obersten gewaltsam hob. Die gutmütigen
-grauen Augen des Mannes schlossen sich für eine
-Sekunde, und seine fleischige Rechte strich schwerfällig
-über die kurz geschorenen weißen Haare. Im nächsten
-Moment freilich stieß er einen unverständlichen Ruf aus,
-brach zitternd vor Aufregung das Schreiben auseinander,
-und während er sich damit vorgebeugten Hauptes gegen
-das Fenster wandte, wehrte er es den anderen nicht, ihm
-in atemloser Spannung über die Schultern zu blicken. Ein
-starkes Atmen ging durch den Raum.</p>
-
-<p>Gleich darauf kehrte sich der Oberst zurück. Mit einer
-straffen Bewegung steckte er sich das Formular in den
-Ärmelaufschlag, nickte kurz und warf ein einziges Wort hin.
-Es pfiff wie ein Säbelhieb. In den Augen des Kommandeurs
-aber funkelte ein seltsames Leuchten.</p>
-
-<p>Da &ndash; vom Hof schallte ein hundertstimmiger Schrei
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-herein. Taumel, Ekstase, Rachegier oder ein allgemeines
-begeisterungstrunkenes Gelöbnis mischte sich in dem langen,
-die Brust befreienden Aufbrüllen. Oberst Geschow jedoch,
-der fast schon unter dem Vorhang weilte, warf energisch
-die Rechte zurück, als erteile er den gemessenen Befehl,
-daß seine Untergebenen derartige Kundgebungen sofort zu
-unterdrücken hätten, und ohne Verzug eilte die Mehrzahl
-der Offiziere auf den Hof hinaus. Der Rest folgte seinem
-Kommandeur in das Gesellschaftszimmer, und bald befand
-sich die Fremde, die man vergessen hatte, allein.</p>
-
-<p>Nein, nicht allein.</p>
-
-<p>Langsam kehrte das Leben in die Glieder des Fürsten
-Fergussow zurück. Er war es, der einzig von allen anderen
-noch immer neben der Fremden weilte, und sie sah nun
-wie der junge Mann aus seinem tiefen Nachdenken zu
-erwachen schien. Keine Muskel regte sich in dem reinen
-kalten Antlitz, als er jetzt ernst seine sanften braunen Augen
-auf die Deutsche richtete. Dann verneigte er sich vor ihr
-ganz in der Art eines großen Herrn.</p>
-
-<p>»Meine Gnädigste,« sagte er zuvorkommend, »Oberst
-Geschow hat zweifellos im Drang seiner Geschäfte Ihnen
-gegenüber eine Pflicht verabsäumt. Es kann ihm nur angenehm
-sein, wenn ich sie an seiner Statt erfülle.«</p>
-
-<p>Noch hatte der Fürst nicht ganz geendet, als hinter dem
-Vorhang die laute Stimme des Hausherrn, des Rittmeisters
-Sassin, in ihr gewöhnliches polterndes Lachen ausbrach.
-Augenscheinlich galten seine Beruhigungen den fremden
-Gästen, die gewiß durch das zuletzt Erlebte einem hemmungslosen
-Schrecken verfallen waren.</p>
-
-<p>»Aber meine Damen,« hörten die beiden Lauschenden das
-vollsaftige Organ des Rittmeisters schmettern, »mein bester
-Freund Rudolf Bark, welch unnötige Aufregung! Eine
-dienstliche Depesche wie hundert andere. Nicht der geringste
-<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-Grund, um darüber nachzudenken. Wie? Aufzubrechen
-wünschen Sie? Das dulde ich unter keinen Umständen.
-Das leide ich einfach nicht. Das Ganze war hier
-als ein kleiner <i>thé dansant</i> gedacht. Jede Minute müssen
-die Spielleute unseres Regiments eintreffen. Nein, um
-dieses Vergnügen lasse ich uns nicht bringen. Sie befinden
-sich unter Freunden, nicht wahr, Oberst Geschow?«</p>
-
-<p>In dem Billardzimmer jedoch zog Fürst Fergussow die
-Augenbrauen zusammen.</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, mein Fräulein,« äußerte er rasch zu
-seiner Gefährtin, die ihm nun in ihrer ganzen Größe gegenüber
-ragte, »warum Leo Konstantinowitsch so Widersinniges
-redet. Ich hoffe, es geschieht, um Ihre Furcht nicht noch zu
-vermehren. Aber wie gesagt, ich glaube Ihnen die Wahrheit
-schuldig zu sein. Hören Sie also: Soeben erfuhren wir,
-daß Ihre Regierung an die unsrige ein Ultimatum richtete.
-Es läuft in zweiundsiebzig Stunden ab.«</p>
-
-<p>»Ist das der Krieg?« fragte Johanna ruhig.</p>
-
-<p>Dimitri Sergewitsch zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>»Wer weiß das?« gab er knapp zurück. »Wir Frontoffiziere
-vermögen derartiges am wenigsten zu beurteilen.
-Aber auf die Gefahr hin, uns Ihrer Gegenwart zu berauben,
-möchte ich Sie doch bitten, sich sofort in Ihre
-Heimat zurückzubegeben.«</p>
-
-<p>»Hörten Sie nicht,« warf Johanna mit ihrer gewohnten
-Umsicht ein, »daß Ihr Freund, der Rittmeister Sassin,
-uns nicht fortzulassen wünscht?«</p>
-
-<p>»Das kann nur ein Scherz sein,« erwiderte der Aristokrat
-sich aufrichtend, und in diesem Moment sah man, wie
-kräftig die Muskeln in seinen schlanken Gliedern spielten.
-Er schlug den Vorhang zurück, um seine Gefährtin in das
-Gesellschaftszimmer vorantreten zu lassen, und seine einschmeichelnde
-Stimme nahm einen Klang an, der vollständig
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-von der Gewohnheit des Befehlens beherrscht war.
-»Leo Konstantinowitsch,« rief er laut, »wir alle bedauern
-es lebhaft mit Ihnen, weil die Zeit für unsere deutschen
-Gäste abgelaufen ist. Die Herrschaften wünschen sich zu
-Fuß bis zu der Brücke zu begeben, und Sie werden die
-Güte haben, dafür Sorge zu tragen, Herr Kamerad, daß
-der den Damen gehörige Wagen ihnen sofort folgt.«</p>
-
-<p>»Das leide ich nicht,« knurrte Sassin plötzlich händelsüchtig,
-und eine rote Blutwelle schoß ihm in die Stirn.
-»Wozu das alles? Auf der Straße treibt sich jetzt ohnehin
-allerlei Fabrikarbeitervolk herum, die Damen könnten nur
-Unannehmlichkeiten erfahren.«</p>
-
-<p>»Es ist vernünftig, Leo Konstantinowitsch, daß Sie
-darauf aufmerksam machen,« entgegnete Fürst Fergussow,
-obwohl er ihn keines Blickes würdigte. »Aber ich selbst
-werde die Ehre haben, die Damen sowie den fremden Herrn
-bis an die Brücke zu geleiten.«</p>
-
-<p>»Ah, Sie selbst, Durchlaucht,« murmelte der Hausherr
-erstickt.</p>
-
-<p>»Sie gestatten, daß ich mich Ihnen anschließe,«
-erbot sich Oberst Geschow. »Ich vermute, daß besondere
-Brückenbefehle ausgegeben sind, und ich wünsche, daß
-unsere Gäste ohne Belästigung hinüber gelangen.«</p>
-
-<p>Die Gesellschaft sprach laut durcheinander. Jeder suchte
-sich und die übrigen davon zu überzeugen, daß all die
-gewünschten Vorsichtsmaßregeln völlig grundlos wären,
-weil sich bei der bekannten Friedensliebe und Gutmütigkeit
-des slavischen Volkes niemals etwas Ernstliches ereignen
-würde.</p>
-
-<p>»Wie können in einem Staate, der sich so langsam
-emporarbeitet, überhaupt jemals solche das Volksvermögen
-zerrüttende Gedanken auftauchen,« ächzte der Gouverneur
-Bobscheff, indem er, schlau mit den Augen zwinkernd,
-<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-seinen Hals weit über die übrigen erhob. »Man wird
-einen Ausweg finden. Auf Auswegen beruht die ganze
-Politik.«</p>
-
-<p>»Hören Sie es?« machte Tatiana, die Heroldin seines
-Ruhmes, aufmerksam. »Mein Gatte verwirft aus nationalökonomischen
-Bedenken jede kriegerische Auseinandersetzung.«</p>
-
-<p>»Leben Sie wohl, Rudolf Bark,« so schritt unbekümmert
-um die betroffenen Mienen der anderen die dunkle Tatarin
-mitten durch den ausweichenden Kreis hindurch und auf
-den Kaufmann zu, der wie eine Schutzwehr für seine bereits
-in der Diele befindlichen Damen, noch auf der Schwelle
-verharrte. Und einer sie durchströmenden Scham nachgebend,
-streckte Maria Geschowa dem Konsul warm die
-Hand entgegen. »Sie wissen jetzt,« sagte sie ganz laut,
-als ob sie wünsche, daß es die anderen auffangen sollten,
-»Sie wissen jetzt, warum es hier manche Heimlichkeiten
-gab. Aber das, was ich Ihnen jetzt sage, das können Sie
-mir ehrlich und ohne Mißtrauen glauben. Ich wünsche
-von Herzen, daß die uns noch zur Überlegung gegönnten
-drei Tage eine blutige Entscheidung abwenden möchten.
-Denn gleich mir, so gibt es hier unter uns viele,« setzte sie
-mit erhobener Stimme hinzu, als sie das eisige Schweigen
-der Umstehenden bemerkte, »viele gibt es hier, die nichts
-so widersinnig, ekelerregend und hündisch finden, als das
-bewußte Zerfleischen von Geschöpfen, die sich Menschen
-nennen. Pfui, möchte es nie dazu kommen!«</p>
-
-<p>»Du hast recht, Maria,« pflichtete nach einer Pause des
-bedrückten Schweigens der Gatte der Tatarin, Oberst Geschow,
-sehr ernsthaft bei und streichelte der erregten Frau
-billigend und respektvoll über den Arm. »Hoffen wir,
-daß das Menschengeschlecht diesen Schritt nach unten nicht
-zu wagen braucht; denn nach abwärts wird der Weg
-führen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-In diesem Augenblick öffnete Fürst Fergussow die äußere
-Tür, und das Licht des funkelnden Sommertages flutete
-üppig und hell auf all die ängstlich zusammengedrängten
-Menschenköpfe, die ahnungsvoll nach dem fernen Grollen
-des Weltenschicksals hinaushorchten.</p>
-
-<hr />
-
-<p>In wenigen Minuten hatte man den Brückenkopf erreicht.
-Und doch war es den durch den schwarzen kotigen Kohlenstaub
-dahineilenden Mädchen gewesen, als ob sie sich durch
-andrängende Jahre hätten hindurcharbeiten müssen. Das
-rußige Erdreich besudelte ihre hellen Schuhe, die offenen
-Mäntel flatterten unordentlich hinter ihnen her: Ganz
-gleich, nur den Ort erreichen, von wo man die Heimat sehen
-konnte, die sichere, die schützende.</p>
-
-<p>Da &ndash; gottlob &ndash; da gewahrte man schon den schmalen
-Fluß, man sah die langen Kohlenkähne, vor denen die Ablader
-nun beschäftigungslos herumlungerten. Und jetzt, &ndash;
-war das nicht das Getrappel vieler Pferde, das da hinten
-von der hölzernen Brücke herüberpolterte? Noch ein paar
-Schritte, und die dunkelblauen Uniformen einer Reiterabteilung
-wurden sichtbar, die auf unruhigen Pferden dicht
-vor dem Brückeneingang hielt. Die gezogenen Säbel blitzten
-im Licht des Spätnachmittags.</p>
-
-<p>»Großer Gott,« fuhr Isa auf, während sie die Hand
-ihrer ältesten Schwester, die ruhig und aufgerichtet wie
-immer neben ihr herschritt, in heftiger Bestürzung umklammerte,
-»was bedeutet das? Hans, ob man uns hier
-gewaltsam zurückzuhalten gedenkt?«</p>
-
-<p>Über das marmorweiße Antlitz der Großen huschte ein
-mattes Lächeln. Und doch richtete sie ihre Augen auskunftheischend
-auf den Fürsten Fergussow, der mit seinem
-leichten, federnden Gang an ihrer Seite geblieben war.
-<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-Sofort nickte der Aristokrat verständnisvoll und trat rasch
-an den jungen Zugführer heran, der grüßend seinen Degen
-vor dem Offizier in der blitzenden Uniform senkte. Ein
-paar schnelle, den anderen unverständliche Worte wurden
-gewechselt. Gleich darauf parierte der Dragonerleutnant
-seinen Braunen und rief etwas mit lauter Stimme über
-die Brücke. Gehorsam traten auf den Anruf die beiden
-Grenzsoldaten dicht an das Wachthäuschen heran und gaben
-die Durchfahrt frei.</p>
-
-<p>Da meldete sich ein fernes Rollen. Im Galopp kam der
-Landauer des Konsuls über den Marktplatz gerasselt, und
-schon von weitem erkannte man, daß der Rittmeister Sassin
-selbst das Gespann lenkte. Mit klatschenden Peitschenschlägen
-trieb er die Pferde die steile Straße hinan. Kaum hatte er
-die Brücke erreicht, als er auch schon dem deutschen Kutscher
-die Zügel zuwarf und klirrend herabsprang. Unter beständigem
-betrübten Kopfschütteln, und während er sich unausgesetzt
-den starrenden rotblonden Schnurrbart strich, schritt
-die mächtige Gestalt bis mitten auf den Holzweg, wo sich
-der Konsul, sowie seine Schutzbefohlenen, soeben von ihren
-russischen Begleitern verabschiedeten. Laut dröhnte die metallische
-Stimme des Rittmeisters zwischen die letzten höflichen
-Worte der Scheidenden.</p>
-
-<p>»Rudolf Bark, mein teurer Freund, meine gnädigsten
-Damen, welch ein Malheur, welch ein lächerliches Mißverständnis!
-Nie werde ich wahnsinnigen Zeitungsschreibern,
-die an allem schuld sind, vergeben, was sie an mir verbrochen
-haben. Einen der schönsten Tage meines Lebens
-haben mir die elenden Narren gestohlen. Es ist unbegreiflich,
-Rudolf Bark, wie auch Ihre bekannte Kaltblütigkeit sich von
-solchem Geschwätz beirren lassen kann.«</p>
-
-<p>Der Konsul hatte die Mädchen erst über die hölzerne
-Schwelle geführt, welche die Grenze der beiden mächtigen
-<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-Reiche bildete. So merkwürdige Vorstellungen nisten in
-den Köpfen auch kluger Menschen, daß der Kaufmann seine
-Begleiterinnen erst völlig geschützt wähnte, als sie hinter
-dieser eingebildeten Schranke weilten. Er selbst aber trat
-noch einmal zurück, nicht nur um seinen Wagen herbeizuwinken,
-sondern auch in der Absicht, das Gebaren seines
-bisherigen Gastgebers, das er deutlich durchschaute, durch
-ein paar derbe und offene Worte vor den anderen bloßzustellen.
-Aber wie erstaunte er, als er merkte, daß diese
-Aufgabe bereits von dem vornehmen Offizier aus Petersburg
-übernommen sei. Lässig lehnte Dimitri Sergewitsch
-an dem Brückengeländer, nur eine heftige Kopfbewegung
-verriet, wie widerlich und unanständig ihn das unaufrichtige
-Verhalten des Kameraden anmutete.</p>
-
-<p>»Leo Konstantinowitsch,« bemerkte er kurz, »Sie mögen
-gewiß Gründe haben, die gegenwärtige Lage so optimistisch
-zu beurteilen. Mich selbst aber, und wie ich glaube auch den
-Herrn Obersten, befriedigt es ungemein, weil wir die
-deutschen Herrschaften in dieser gespannten Zeit dort wissen,
-wohin sie gehören.« Und sich noch einmal, ohne die anderen
-zu beachten, direkt vor Johanna verbeugend, rief er noch
-hinüber: »Kommen Sie gut nach Hause, mein gnädigstes
-Fräulein; nein bitte, keinen Dank. Was hier geschehen ist,
-würde jeder andere genau so verrichtet haben. Übrigens &ndash;
-hier kommt Ihr Wagen. Und nun guten Abend.«</p>
-
-<p>Ein kurzes Gedränge entstand, hastig schlüpften die Mädchen
-durch den Schlag, der Konsul zog noch einmal den Hut
-vor dem salutierenden Obersten, und fort rollte der deutsche
-Wagen der Heimat zu.</p>
-
-<p>Ungefährdet.</p>
-
-<p>Im Lichte der Abendsonne aber lehnte Fürst Fergussow,
-so lange er das Gefährt noch verfolgen konnte, an dem
-Brückengeländer. Er hatte sich eine Zigarette entzündet, und
-<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-die weißen Wolken ringelten sich fröhlich in den matter
-werdenden Himmel.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wie anders sah das Land aus, in das der deutsche Wagen
-auf seinen prallen Gummireifen hereinrollte, als dasjenige,
-das seine Insassen eben von Grauen geschüttelt, verlassen
-hatten. Dort ein wüstes schmutziges Durcheinander, grundlose,
-ungepflasterte Straßen, baufällige Häuser, und eine
-Stadt, die von der segensreichen Tochter des Himmels, der
-Ordnung, nie durchschritten war. Und hier, kaum daß man
-den schwarz-weißen Grenzpfahl passiert, dem man zum
-erstenmal im Leben wie einem alten schutzbereiten Wächter
-aufatmend zugenickt hatte, hier empfing die Heimkehrenden
-eine glatte Chaussee aus blauweißen Steinchen, sauber gekehrt
-und auf beiden Seiten besetzt von buschigen Kirschbäumen,
-die bereits der Frucht zustrebten.</p>
-
-<p>Gleich vor dem ersten Bauerngehöft stand neben den in
-der Abendsonne blitzenden Glaskugeln des Vorgärtchens eine
-hochgewachsene blonde Frau, auf dem Arm ihr Töchterchen
-tragend. Sie rief etwas in das Haus hinein, als sie den
-herannahenden Wagen gewahrte. Auf den weithallenden
-Schrei trat sofort ein Mann in Lederhosen und Hemdsärmeln
-aus der Tür, schnallte sich den Gurt etwas fester,
-strich sich die düster-blonden Haare aus der gebräunten
-Stirn und schritt dann dem heranrollenden Gefährt entgegen.</p>
-
-<p>Der Konsul beugte sich in seinem weißen Mantel hinaus.
-Er erinnerte sich nicht, den jungen Bauern, der offenbar ein
-Anliegen hatte, jemals gesehen zu haben. Und doch beherrschte
-ihn die merkwürdige Empfindung, daß es jetzt
-notwendig und angebracht sei, jedem Landsmann Rede und
-Antwort zu stehen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-»Guten Abend, Herr Konsul Bark,« begann der Bauer,
-indem er freimütig grüßend an den Schlag herantrat; und
-sich gewissermaßen vorstellend, fuhr er fort: »Ich kaufe
-schon seit langem meinen Kram bei Ihnen dort drinnen.
-Aber deswegen halte ich Sie nicht fest. Ich bin hier Gemeindevorsteher,
-und die Nachricht ist eben bei mir eingelaufen.
-Sie kommen von drüben, Herr Konsul, und da
-wollte ich fragen, ob wir uns wirklich fertig machen
-müssen.«</p>
-
-<p>Als er dies sprach, reckte sich die gedrungene Gestalt des
-Mannes und kehrte sich halb gegen Osten, als ob er irgend
-etwas von dort Andrängendem den Weg sperren müsse.
-Der Konsul aber reichte ihm rasch die Hand heraus und
-bestätigte mit einem leisen Seufzer:</p>
-
-<p>»Ja, ja, ich fürchte es steht schlimm, Herr Gemeindevorsteher.«</p>
-
-<p>»Schlimm?« wiederholte der andere erstaunt, und in
-seine braunen Augen drang ein seltsames Flimmern, »ich
-stand dort drinnen als Sergeant bei der Artillerie, Herr
-Konsul, und ich denke, wir werden auch ein Wort mitzureden
-haben. I wo, ich will uns nicht loben, aber wir
-werden uns nicht lumpen lassen, Herr Konsul.«</p>
-
-<p>Es lag etwas so Frisches, Selbstverständliches in der
-Überzeugung dieses gedienten Soldaten, daß seine Zuhörer
-wie von einem heißen, belebenden Trank durchrieselt wurden.</p>
-
-<p>»So ist es,« stimmte Johanna zu, innerlich beglückt,
-nach all dem französischen Parlieren wieder die derben
-heimatlichen Laute zu vernehmen, »wenn wir fest zusammenhalten,
-kann uns nichts geschehen.«</p>
-
-<p>Der Landmann aber schüttelte ganz verblüfft das unbedeckte
-Haupt. Er schien den Sinn der Anrede durchaus
-nicht zu begreifen.</p>
-
-<p>»Zusammenhalten?« wiederholte er langsam und prüfend.
-<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-»Aber das ist doch selbstverständlich, Fräulein, &ndash;
-Ehrensache. Ne, da kennen Sie uns nicht, die Sache wird
-gemacht.«</p>
-
-<p>»Das meine ich auch,« nickte die Älteste von Maritzken,
-in deren Seele sich die alte trotzige Widerstandskraft erhob.</p>
-
-<p>»Und was wird aus Ihrer Wirtschaft?« warf der Konsul
-dazwischen, »aus Frau und Kindern?«</p>
-
-<p>»Ja, deswegen ist bereits vom Landratsamt telephoniert
-worden. Die Wirtschaft muß ich vorläufig sich selbst überlassen,«
-meinte der Mann stirnrunzelnd, »aber alles, was
-Beine hat, das bringe ich morgen in die Stadt. Dort spreche
-ich mal vor, Herr Konsul.«</p>
-
-<p>»Ja, tun Sie das,« ermunterte der Herr des Goldenen
-Bechers so freundschaftlich, als ob er den einfachen Menschen
-schon seit vielen Jahren kennen würde. »Ich werde mich
-freuen, Sie gesund wiederzusehen. Vorwärts, Johann.«</p>
-
-<p>Und als das Gefährt bereits an dem kleinen Gärtchen mit
-den bunten Glaskugeln vorüberrollte, da sah Isa, die sich
-zurückwendete, wie der Mann in den Lederhosen noch immer
-mitten auf der Landstraße weilte, das Haupt gen Osten gekehrt
-und das rechte Bein trotzig gegen die Muttererde vorgestemmt.</p>
-
-<p>»Die Sache wird gemacht,« klang es Johanna durch den
-befreiten Sinn.</p>
-
-<p>Weiter ging es.</p>
-
-<p>Bald hatten sie den winzigen Marktflecken Schorweiten
-erreicht, der nur aus einer einzigen langgezogenen Gasse
-bestand mit einer windschiefen Einbuchtung für das kleine
-niedrige Holzkirchlein. Grünmoosig hing das Rohrdach fast
-bis zur Erde herab. Hier hielt ein berittener Gendarm und
-erteilte, tief von seinem Roß herabgebeugt, den ihn umringenden
-Landbewohnern bereitwilligst jede gewünschte
-Auskunft. Vor der Kirchenschwelle aber stand eine kleine
-<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-Schar von Buben und flachsköpfigen Mädchen. Sie trugen
-Papierhelme auf den Häuptern, und der kleinste von ihnen
-schwenkte eine deutsche Kinderfahne in den Händen. Lustig
-flatterte das Schwarz-weiß-rot in dem Abendwind, der von
-dem nahen Landsee herüberstrich. Und da hörten die im
-Schritt Vorbeifahrenden zum erstenmal jenes Lied, das seit
-langer Zeit Bedeutung und Sinn für sie verloren hatte,
-und das ihnen jetzt mit der brausenden Gewalt eines Orkans
-ans Herz fuhr. Aus Kindermund schallte es zu ihnen hin,
-silberrein und doch trotzig und voll werdender Mannheit:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Lieb Vaterland magst ruhig sein,</div>
- <div class="verse">Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Da konnte sich Johanna nicht länger zurückhalten. Eine
-Leidenschaft stieg in ihr auf, von der sie selbst nie geahnt
-hatte, daß sie in der kühlen Geschäftigkeit ihrer Tage noch
-nicht untergegangen wäre. Aber der Anblick der ruhigen,
-auf alles gefaßten Landbewohner, der singenden Kinder und
-der kleinen strohgedeckten Häuschen, über die sich der friedliche
-Abend herabsenkte, das alles zusammen überwältigte
-sie. Mit einer starken verbündenden Bewegung streckte sie
-dem Konsul, dessen Augen gleichfalls ernsthaft, fast liebevoll,
-auf den fremden Leuten dort draußen ruhten, die
-Hand entgegen, um gleich darauf die weinende Isa fest an
-ihre Brust zu raffen, von wo der schluchzende Rotkopf sich
-nicht mehr erhob. Nur Marianne saß daneben und lächelte.
-Sie war furchtlos. Ja, die seltsam schmerzhafte Aufregung
-tat ihr wohl. Aber das Ungeheuerliche, das in diesen Augenblicken
-aus der ruhigen Heimaterde vor ihr aufstieg, der
-gerüstete Riese, in den ein ganzes Volk zusammenwuchs,
-und der nun schwerfällig, treuherzige Lieder singend, zur
-Landesgrenze wandelte, er blieb den geistigen Blicken der
-eleganten Dame verborgen. Ihn erkannte sie nicht. Die
-<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-vergangene Zeit mit ihren fremden Lüsten und Eitelkeiten
-ließ sie nicht los. Dazu war ihr kleines unbedeutendes
-Frauenschicksal der Gefallsüchtigkeit und Freudegierigen zu weit
-überschattend vor alles Geschehen der Umwelt gewachsen.</p>
-
-<p>Dicht hinter dem Dorfteich setzte sich der Wagen in
-schnellere Bewegung. Fern aus dem graublauen Dämmer
-des Abends stiegen bereits zerfließend und verschwimmend die
-Linien der hohen Kirche auf, deren Schatten sie zustrebten.
-Ein kühlerer Luftzug wehte erfrischend über die Felder.</p>
-
-<p>Da klang über die Chaussee harter Hufschlag. Kurz und
-regelmäßig, wie von einem gut galoppierenden Pferde.
-Und ehe die aufgestörten Reisenden, die jetzt auf jedes ihnen
-sonst gleichgültige Geräusch achteten, noch ihre Meinung
-über den Herannahenden austauschen konnten, da schwenkte
-der eilige Reiter schon ganz dicht um die nächste Wegbiegung.</p>
-
-<p>»Ein Soldat,« sagte der sich herausbeugende Konsul.</p>
-
-<p>»Fritz Harder,« rief Marianne zum erstenmal lebhaft
-dazwischen, und im gleichen Moment fühlte sie, wie die
-Augen ihrer ältesten Schwester mahnend und dringend auf
-ihrem Antlitz ruhten.</p>
-
-<p>Aber sie hielt den ernsten Blick, der immer finsterer
-wurde, mit ihrer gewohnten überlegenen Lässigkeit aus.
-Ja, in ihr prickelte das Gefühl des Wichtigen und des
-Begehrenswerten so angenehm und erregend, daß es ihr
-vor allen Dingen darauf ankam, den seidenen Mantel
-kleidsam um sich zu werfen und die weißen Handschuhe
-etwas höher über den Arm zu streifen. Was galt ihr das in
-Fieberschauern zitternde Vaterland, wenn sie an die ihr
-eigene geheimnisvolle Macht dachte?</p>
-
-<p>»Guten Abend, Herr Leutnant,« rief der Konsul, der
-aufgesprungen war, aus dem Wagen, »so spät noch im
-Dienst?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-Der Reiter zog die Zügel an, das Pferd stieg ein wenig,
-und an der Art, wie es seinen Herrn hin und hin schleuderte,
-da erkannte Marianne &ndash; selbst eine Meisterin im Sattel &ndash;
-daß der Infanterist auf diesem Gebiete seine Lorbeeren nicht
-zu suchen schien.</p>
-
-<p>»Nicht im Dienst,« schöpfte Fritz Harder nach dem harten
-Ritt Luft, und während er die Hand hastig zum Gruß an
-die Mütze führte, beugte er sich vor und ergriff in voller
-Erregung die Rechte Johannas. Aber seine Augen hingen
-unausgesetzt an dem gleichmäßig lächelnden Antlitz seiner
-Geliebten. »Ich hörte heute vormittag,« keuchte er noch
-immer atemlos, »von Ihrer Fahrt über die Grenze, und
-da wollte ich mich unter allen Umständen nach Ihnen umsehen.
-Sie wissen doch, was hier inzwischen geschah?«</p>
-
-<p>»Ja,« entgegnete Johanna, warm berührt von der
-Herzensangst des jungen Mannes, indem sie kräftig seinen
-vertraulichen Handdruck erwiderte. »Wir wissen es und
-danken Gott dafür, daß wir wieder im Lande sind. Es
-war eine in dieser Zeit etwas absonderliche Unternehmung,«
-setzte sie mit einem Blick auf Konsul Bark hinzu. »Wie
-steht es in der Stadt, lieber Harder?«</p>
-
-<p>Der Reiter hatte sein Pferd an die andere Seite des
-Wagens herangeschwenkt und begrüßte nun Marianne, die
-den weiß behandschuhten Arm hob, als ob sie einen Handkuß
-erwarte. Allein merkwürdig, auch der junge Offizier
-schien gänzlich von dem drängenden Ernst der Stunde erfüllt.
-Er bemerkte ihre auffordernde Bewegung gar nicht,
-sondern berichtete, dicht neben dem Schlag reitend, in seinem
-jagenden Tone weiter:</p>
-
-<p>»Meine Damen, ich bin leider für Sie der Überbringer
-einer unangenehmen Botschaft. Nein, nein, es ist nichts
-Ernstliches,« beruhigte er sofort, als er sah, wie sich Isa
-erschreckt zu ihm herumwarf, »nur die Chaussee nach
-<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-Maritzken ist für heute nacht durch unsere Pioniere gesperrt.«</p>
-
-<p>»Ja, aber um Himmels willen, warum denn?« fuhr
-Johanna auf.</p>
-
-<p>»Gott, es werden dort allerlei Ehrenpforten für den
-Empfang der Herren von dort drüben gebaut, wenn sie
-etwa den Besuch der Damen zu erwidern gedenken. Die
-Herrschaften werden für heute mit ein paar Hotelzimmern
-vorlieb nehmen müssen. Und ich bitte jetzt bereits um Vergebung,
-weil ich mir erlaubt habe, diese Räume für Sie
-im ›Deutschen Hause‹ belegen zu lassen, denn der Andrang
-war heute nachmittag ein sehr großer.«</p>
-
-<p>»Wie zartfühlend und freundschaftlich von Ihnen, lieber
-Herr Leutnant,« sagte Johanna dankbar. »Wir machen
-natürlich von Ihrer gütigen Bestellung Gebrauch.« Und
-in ihrer Seele legte sie sich wieder prüfend die Frage vor:
-»Ob meine Schwester Marianne auch einen solchen Mann
-verdient? Und ob sie das Gemüt und das Innenleben
-eines solch Nachdenklichen zu würdigen weiß?«</p>
-
-<p>Ehe sie sich jedoch hierüber die bang zurückgehaltene
-Antwort erteilen konnte, da wandte sich jetzt der junge
-Offizier direkt an sie selbst, und sein dunkles, ernstes
-Antlitz nahm den Ausdruck der offenen Sorge an.</p>
-
-<p>»Liebes gnädiges Fräulein,« bat er, »Sie müssen mir
-auch ein anderes Anliegen nicht übel deuten. Die Verhältnisse
-haben sich leider so geändert, daß auf eine günstige
-Wendung, an die wir ja alle noch heute vormittag glaubten,
-kaum gerechnet werden darf. Und da wir waffenfähigen
-Männer binnen kurzem nicht mehr hier weilen werden, so
-ist es für mich und gewiß für viele andere,« setzte er in
-Beziehung auf den Konsul hinzu, »ein unerträglicher Gedanke,
-Sie dort draußen auf Ihrem einsamen Gute ohne
-rechten Schutz zu wissen. Nicht wahr, ich darf mich doch
-<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-der Hoffnung hingeben, daß die Damen ihren Aufenthalt
-in der Stadt so lange ausdehnen, bis die nötige Sicherheit
-von uns geschaffen wurde? Darin verrechne ich mich doch
-hoffentlich nicht?«</p>
-
-<p>»Ja, Hans,« drängte jetzt auch Konsul Bark auf die
-Älteste von Maritzken ein, und der spöttische Gesellschaftston
-des Lebemannes war wie weggewischt, »der Bitte
-unseres Freundes schließe ich mich auf das dringendste an.
-In einer solchen Zeit, liebes Kind,« entfuhr es ihm achtlos,
-ohne daß er die zärtliche Benennung zu verdecken suchte,
-»müßten ja eigentlich all die lächerlichen Bedenklichkeiten
-zum Teufel fahren. Mein ganzes Haus steht leer. Ich
-besitze so viele Zimmer, daß ich ein Regiment unterbringen
-könnte. Wäre es nicht das Allernatürlichste&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein,« schnitt die große Blonde mit aller Bestimmtheit
-ab, »das verstehen Sie nicht, lieber Konsul.« Und leiser
-fügte sie an: »Sie sind vielleicht allein daran schuld, daß
-ich Ihr freundliches Angebot für meine Schwestern nicht
-akzeptieren kann. Ich selbst komme ja gar nicht in Betracht.«</p>
-
-<p>»Sie selbst nicht?« fragte der Kaufmann mit einem
-Schatten von Mißfallen, das der lebhaft aufhorchenden
-Isa nicht entging.</p>
-
-<p>»Nein,« beendete die Gutsherrin das Gespräch in der ihr
-eigenen entschlossenen Weise, »lieber Freund, Sie wissen
-ja, wie das gemeint ist, wir wollen keinen unnötigen Streit
-darauf verwenden. Nein,« wiederholte sie völlig entschieden,
-»ich selbst kehre morgen auf das Gut zurück, um dort alle
-Anordnungen zu treffen, die jetzt gewiß sehr nötig werden.
-Aber über den ferneren Verbleib meiner Schwestern werde
-ich gern mit Ihnen beraten.«</p>
-
-<p>»Schön, Hans,« erklärte sich der Konsul, der seine
-Fassung gewaltsam zurückzwang, in einem nicht ganz frei
-klingenden Gelächter zufrieden. »Und hier,« machte er abschweifend
-<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-seine Schutzbefohlenen aufmerksam, »fahren
-wir bereits über die ersten holprigen Straßen. Merken
-Sie die Stöße? Weiß Gott, niemals sind sie mir so vertraut
-und gemütlich vorgekommen, als heute, seit wir
-aus dem gottverfluchten Polackennest &ndash; na ja, über dies
-und vieles andere unterhalten wir uns bei dem berühmten
-Fischgericht im ›Deutschen Hause‹ eingehender. Sie werden
-mich des Vergnügens nicht berauben, lieber Hans, die
-Mitglieder meiner Expedition noch einmal an dem runden
-Tisch zu vereinigen. Wer weiß, wann wir wieder so nach
-altväterlicher Sitte beieinander sitzen werden! &ndash; Langsam,
-Johann, langsam.«</p>
-
-<p>Und die Mahnung an den Kutscher war berechtigt. In
-den schmalen, schon von den Abendschatten verhängten
-Gassen der ernsthaften Handelsstadt wogte das Volk durcheinander.
-Überall Gedränge, überall schwarze Massen auf
-Fahrdamm und Trottoiren. In den matt erleuchteten
-Läden lauter Disput.</p>
-
-<p>Und dann &ndash; ein merkliches Strömen und Schieben nach
-der Gegend der zweistöckigen grauen Häuser hin, wo die
-öffentliche Meinung des Platzes gemacht wurde, &ndash; nach
-den Zeitungen. An der schwarzen Tafel des Kreisanzeigers
-ein riesiges weißes Plakat mit Blaustift beschrieben:
-»Deutsches Ultimatum an die russische Regierung«. Und
-nun, je näher man dem Markt zustrebte, ein dumpfes
-Schwellen und Brausen, das manchmal sich zu einem
-rastlos wirbelnden Trommelschlag verminderte, manchmal
-aber auch dem Dröhnen und Toben stürzender Wellen
-verglichen werden konnte.</p>
-
-<p>»Horch, sie singen,« sagte Isa erschauernd.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Lieb Vaterland magst ruhig sein,</div>
- <div class="verse">Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-»Ist das nicht erhaben?« fragte Fritz Harder, dessen
-Antlitz schneebleich geworden war, von seinem wiehernden
-Tier herunter, »die deutsche Volksseele betet.«</p>
-
-<p>Machtvoll und zwingend umfaßte dabei sein Blick
-Mariannens dunkle Züge, als müsse er sie gewaltsam
-zu seinen eigenen Erschütterungen reißen. Und sie? Sie
-lächelte, lehnte elegant in den Kissen des Wagens und
-knüpfte die Bänder ihres breithin schattenden Hutes fester
-an dem schlanken Hals zusammen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Eine halbe Stunde später wurde leise an die Tür des
-Hotelzimmers geklopft.</p>
-
-<p>»Bitte einen Augenblick,« rief eine frische Stimme von
-drinnen.</p>
-
-<p>Dann ein Hin- und Herhuschen, gleich darauf öffnete
-sich die hohe weiße Pforte, und durch den Spalt lugte
-Marianne auf den von einer flackernden Gasflamme erleuchteten
-Gang hinaus. Draußen auf dem Läufer des
-Flurs wartete ein junger Offizier, die Mütze in der Linken
-und die Rechte auf den Degen gestützt.</p>
-
-<p>»Ach du bist es, Fritz,« flüsterte Marianne, über die
-Heimlichkeit der Szene erfreut, und zog ihren Besucher
-eilig über die Schwelle. »Ist das nicht reizend, daß wir
-hier bleiben mußten? Denke doch, ein so unverhofftes
-Stelldichein.«</p>
-
-<p>»Marianne!«</p>
-
-<p>»St&ndash; nicht so laut, Ihr Männer könnt Euch niemals
-an Diskretion gewöhnen. Hier nebenan sind Johanna
-und Isa einquartiert, und wenn sich meine Schwestern
-auch zum Glück bereits zu Konsul Bark in das Gastzimmer
-begeben haben, so darf dich doch auch kein anderer hören.
-<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-Wie denkst du dir das eigentlich?« Und dabei schmiegte
-sie sich an ihn und streichelte ihm sanft die Wangen.</p>
-
-<p>Draußen aber von dem Marktplatz hob sich wieder die
-gewaltige Woge, die dazu bestimmt war, ein ganzes Volk
-auf unerkannte Gipfel seines Daseins zu tragen. Tausendstimmig
-einten sich Kampfesmut, Vaterlandsliebe, Seligkeit
-und Schluchzen immer wieder zu der längst und heiß und
-willig beantworteten Schicksalsfrage. Himmelan brauste
-der wilde, der beschwörende Gesang, der das eiserne Gelöbnis
-enthielt.</p>
-
-<p>Und siehe da, der junge Offizier machte sich schnell
-von der hingebenden Umschlingung frei, ja es lag ein
-Abschütteln in der Bewegung, als er jetzt rasch unter das
-Fenster trat. Einen vollen Blick sandte er auf die dunklen
-wogenden Häupter dort draußen hinaus, dann wandte er
-sich entschlossen zurück, und seine Stimme klang anders
-als sonst, kurz, gepreßt und voll innerer Entschiedenheit,
-da er jetzt zu seiner Geliebten dicht an den Tisch zurückkehrte.</p>
-
-<p>»Du irrst, Marianne,« nahm er das Gespräch rasch
-wieder auf, »ich besuche dich hier mit Erlaubnis deiner
-ältesten Schwester.« Und bewußt setzte er noch hinzu:
-»Ich möchte dir übrigens gleich bemerken, daß Johanna,
-seitdem ich sie näher kenne, meine volle Verehrung genießt.«</p>
-
-<p>»So?« spottete die Schwarze und ließ sich in dem verblaßten
-roten Plüschsessel des Hotelzimmers nieder, so daß
-ihr Besuch jetzt vor ihr stand, »das ist ja äußerst schmeichelhaft
-für die ganze Familie. Darf man auch erfahren,
-Fritzchen, was du mir in ihrem Auftrage überbringst?«</p>
-
-<p>Dabei dehnte sie sich ein wenig und ließ die Spitzen ihrer
-schwarzen Lackschuhe leise gegeneinander klappen. Ihr Besucher
-indessen wurde von den Lockungen des Bildes nicht
-eingefangen. Bezwungen horchte er vielmehr auf den Gesang,
-der ungeschwächt um die dunklen Umrisse der Häuser
-<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-fortbrandete, und ohne sich selbst darüber klar zu sein, so
-war es dem Lauschenden doch, als ob das bessere Teil von
-ihm, seine Seele, gar nicht hier drinnen in dem Zimmer weile,
-wo die höchsten Wünsche des Mannes sich erfüllen sollten,
-sondern draußen bei den Namenlosen, Durcheinanderwogenden,
-die dem in Gefahr befindlichen Vaterlande das Trostlied
-sangen.</p>
-
-<p>»Marianne,« begann er, sich gewaltsam von diesem Gefühl
-losreißend, »die Zeit begünstigt keine Neckereien. Hat
-dir deine Schwester Johanna nicht mitgeteilt, daß ich
-heute vormittag bei ihr um deine Hand anhielt?«</p>
-
-<p>Wie von einem Stoß in den Nacken getroffen flog
-Marianne empor. Zitternd vor Schrecken stand sie dicht
-neben dem Offizier, ihre Augen gruben sich aus nächster
-Entfernung ineinander.</p>
-
-<p>»Nein,« brachte sie bestürzt heraus, und es war, als
-wenn sie ein leichtes Frösteln überwände, »das liegt nicht
-in Johannas Art. Sie hat mir nicht das geringste verraten.
-Um Gottes willen, Fritz, wie konntest du das?«</p>
-
-<p>»Wie ich das konnte?«</p>
-
-<p>In dem Manne verwirrte sich jedes Begreifen. Völlig
-entglitt ihm die Beherrschung dieser Zwiesprache, die so
-vollständig den Charakter einer landläufigen Unterhaltung
-anzunehmen drohte. Nein, der junge redliche Mensch vermochte
-sich durchaus nicht mehr zurechtzufinden. War
-es denkbar, die Herrscherin über sein zukünftiges Leben,
-dieses heiße, glühende Geschöpf, es jauchzte nicht auf,
-als all die unwürdigen Heimlichkeiten, all das böse Versteckspielen
-von ihnen abgleiten sollten? Sie bekannte sich
-nicht sofort bedingungslos zu ihm, sie verstand nicht, daß
-eine rechte deutsche Frau in der großen allgemeinen Not
-jeden Zweifel, jede Bedenklichkeit von dem Geliebten fortscheuchen
-und für immer entfernen müsse? Nein, das
-<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-ertrug er nicht. Langsam umklammerte er ihren Arm,
-und obwohl er fühlte, wie sie schmerzhaft zuckte, fragte
-er noch einmal mit aller Zusammenfassung seiner Willensstärke:</p>
-
-<p>»Marianne, du weißt, mein Dasein ist an das deine
-geknüpft. Gib mir deine Hand und bestätige mir noch
-einmal, daß du mein Leben, so bescheiden es auch ist,
-teilen willst.«</p>
-
-<p>Hilflos schickte Marianne ihren Blick umher, ein rasches
-Aufatmen hob ihre Brust, und während sie, wie um ihren
-Bedränger zu besänftigen, ihm immer noch mit ihrer zarten,
-weichen Hand die Wange streichelte, da rang sie sich kleinlaut
-ab:</p>
-
-<p>»Du weißt, Fritz, wie gern ich dich habe.«</p>
-
-<p>»Gern? Nun gut, Marianne, auch das genügt mir.
-Aber dann wollen wir jetzt hinunter gehen, um den Deinen
-unser Verlöbnis, das sie erwarten, mitzuteilen. Auch meinen
-Eltern möchte ich die Freudenkunde nicht länger vorenthalten.«</p>
-
-<p>»Aber sieh mal, Fritz,« versuchte sich das blühende
-Geschöpf zu entwinden, das die unwillkommene Einzwängung
-zwischen Beschränkung und Kleinbürgerlichkeit auf sich
-einrücken sah, wie die beiden Kneif-Enden einer riesigen
-Zange, »ich habe natürlich nichts dagegen &ndash; ich meinte
-nur&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was meinst du? &ndash; Gibst du deine Einwilligung?«
-beharrte der Offizier mit einer ihm ganz fremden Unerbitterlichkeit.</p>
-
-<p>Heftig entzog ihm die Gequälte, die sich nicht binden
-lassen wollte, ihren Arm, da er ihn noch immer umspannt
-hielt. Nein, wie konnte solch ein armer, unbedeutender
-Leutnant, der beinahe auf nichts, als auf seine Löhnung
-angewiesen war, eine derartige Zusage im Ernst von ihr
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-verlangen? Von ihr, der Glänzenden, Vielbegehrten, deren
-Zukunft in einem goldigen Nebel schwamm? O, wenn sie
-wollte, wenn sie bloß winkte, dann würde &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Im
-Grunde war es eigentlich, &ndash; ja, sie konnte es nicht anders
-nennen, &ndash; es war eigentlich eine Anmaßung, daß der
-hartnäckige, in seine Bücher verbohrte junge Mensch, der
-das Leben so wenig kannte, sie veranlassen wollte, so
-plötzlich, so unüberlegt eine Entscheidung zu treffen, die
-sie für immer von allen glänzenderen Hoffnungen entfernen
-mußte. Und warum? Es blieb wirklich halb lächerlich.
-Weil man einen kleinen ungefährlichen Flirt getrieben hatte,
-weil man dem hübschen Menschen mit den ernsten Zügen
-ein paar Zärtlichkeiten gestattet, die man eben an irgend
-jemanden verschwenden wollte. Warum nicht an ihn, auf
-dessen Verschwiegenheit man doch bauen konnte? Und
-zum Lohn dafür jetzt dieses beinahe unhöfliche Drängen?
-Nein, das war sicherlich Johannas Werk, die es nicht
-erwarten konnte, die schöne Schwester, deren Eleganz und
-Damenhaftigkeit sie natürlich heimlich beneidete, in ein
-ebensolches Arbeitsdasein zu stoßen, wie sie es selbst führte.
-Herrgott, Herrgott, wenn man nur einen Ausweg fände,
-ein Entschlüpfen! Und plötzlich warf sie sich in den Sessel
-zurück und schlug beide Hände vor ihr Antlitz. Heftig und
-wild schluchzte sie auf. Ja, der von einem peinlichen
-Schrecken durchschlagene Offizier merkte sogar, wie zwischen
-den Ritzen ihrer Finger helle Tränen hindurchtröpfelten.
-Das hatte er noch nie bei ihr wahrgenommen. Und eine
-Sekunde lang war es ihm, als müsse er sich über die
-Ringende beugen, um ihr unter tausend guten Worten Trost
-zuzusprechen. Es war ja eigentlich alles so natürlich. Dem
-Unverdorbenen schien es, als ob diese Tränen, dieses aufgelöste
-Schluchzen nur ein unverstandenes Abschiednehmen
-von Mädchentum und Jungfräulichkeit bedeuteten, ein
-<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-rührender Kummer, der ihm sein Mädchen in einer ganz
-neuen, zarten und demütigen Schwäche zeigte.</p>
-
-<p>Wenn nur die Zeit, die machtvoll aufbegehrende Zeit
-derartige Erwägungen nicht wie Spreu im Sturm auseinander
-gesprengt hätte. Horch! Begann dort draußen
-nicht mit einem Mal das Glockenwerk von dem Turm der
-Sebaldus-Kirche zu läuten? Ein Ton immer eherner und
-markerschütternder, als der andere? Fritz Harder begriff
-nicht, warum die Kunstschöpfung des alten Uhrmachers
-Adameit, seines Hauswirtes, in dem allgemeinen Tumult
-ihre Stimme erhöbe, aber der seelenumwühlende Donnerton
-raubte ihm jedes weichliche Mitleid. Fest und zielsicher
-trat er an den roten Sessel heran, um seine Hand
-noch einmal auf ihre Schulter zu stützen. Doch merkwürdig,
-nur ein wenig regte die in sich Versunkene die volle Rundung,
-aber die Bewegung genügte, damit die Hand abglitt.
-Empfand der Betroffene auch die leise Gereiztheit, die
-sich hier äußerte, den beleidigten Mißmut und die schlecht
-verhehlte Empörung über Zwang und Gehorsam?</p>
-
-<p>»Marianne,« forschte der junge Mann noch einmal in
-äußerster Zurückhaltung, »Marianne, ich begreife deine
-Tränen nicht. Liegt denn in meiner Bitte, in meinem
-Verlangen, eine Beleidigung?«</p>
-
-<p>Und mit einem plötzlichen Entschluß entfernte er ihre
-Hände von ihrem Antlitz. Dann erschrak er. Der braune
-Samtton war von ihren Wangen entwichen, und auf
-ihren erschreckten Zügen lauerte etwas, was er sich durchaus
-nicht erklären konnte. Für einen Erfahreneren freilich,
-für Konsul Bark, hätte ein Blick genügt, um zu wissen,
-daß es die Teufel der Lüge waren, die dort ihre geschäftige
-Arbeit verrichten wollten.</p>
-
-<p>Jetzt hatte sie sich auch gefaßt. Ja, ihr Mund lächelte
-wieder halb schmollend zu ihm empor.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-»Wie kannst du nur so etwas fragen, Fritz?« widerlegte
-sie, während die Tränen immer noch ihre großen
-schwarzen Augen feuchteten, »ich denke doch nur darüber
-nach, daß du jetzt, gerade jetzt, vielleicht morgen schon,
-von meiner Seite gerissen wirst.«</p>
-
-<p>»Ja, das ist wahr,« bestätigte ihr Zuhörer betroffen.</p>
-
-<p>»Und sieh einmal&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ja, was denn &ndash; was denn &ndash; erkläre dich
-deutlicher.«</p>
-
-<p>Sie beugte sich herab und ließ die glänzenden Lackhalbschuhe
-wieder leicht gegeneinander schnellen. Noch hatte
-sie den gewünschten Schlupfwinkel nicht völlig gefunden,
-in den sie sich verkriechen wollte.</p>
-
-<p>»Sieh einmal, Fritz,« suchte sie noch immer unsicher,
-»du sagst selbst, es gerät jetzt alles ins Wanken. Kein
-Mensch weiß, ob er den anderen am nächsten Tage wieder
-sehen wird. Meinst du nicht auch, daß man lieber abwarten
-sollte, bis sich alles geklärt hat?«</p>
-
-<p>Noch sprach das schöne Geschöpf ungewiß und zögernd,
-da fuhr sie plötzlich erschreckt auf. Woher die ungewohnte
-atempressende Stille? Draußen hatte unvermittelt der Gesang
-der Volksmenge wie mit einem Schlag ausgesetzt.
-Eine einzelne ferne Stimme wurde hörbar und dann folgte
-kurz und knapp, gleich dem Aufschlagen einer brandenden
-Welle, ein einziges vieltausendstimmiges Hurra. Das eigentümlich
-knirschende Geräusch, das stets vernehmbar wird,
-wenn Massen sich in Bewegung setzen, drang zu den Einsamen
-empor. Die improvisierte Versammlung auf dem
-Marktplatz schien ihr Ende erreicht zu haben. Jedoch die
-ungewohnte Ruhe war es nicht allein, die das aus der
-Fassung gebrachte Mädchen so unheimlich in ihren Bann
-schlug.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-Jetzt wußte sie es &ndash; die grauen Augen des Offiziers
-waren es, die sie festhielten. Lieber Himmel, sie mußten
-die kleinen betrüglichen Künste durchschaut haben, sonst
-hätten sie niemals einen solch kalten, einbohrenden und
-doch zugleich verzweifelten Glanz strahlen können. Schon
-wollte die Verängstigte aufspringen, um durch eine neue
-Zärtlichkeit, die ihr ja leicht fiel, die unbehagliche Situation
-zu unterbrechen, als sie an ihrem Platz vollkommen erstarrte.
-Keiner Bewegung mächtig, mußte sie mit ansehen,
-wie ihr Gefährte, ohne sie nur im geringsten zu beachten,
-an den Tisch herantrat, von wo er langsam seine Mütze an
-sich nahm. Dann streifte sich der junge Mann, immer mit
-derselben unnatürlichen Ruhe, die weißen Handschuhe
-auf und hakte mit einer mechanischen Bewegung den Degen
-ein. Eine Sekunde verharrte er wie in Nachdenken. Allein
-je tiefer ihm das kurz geschorene Haupt auf die Brust sank,
-desto deutlicher erkannte die entsetzte Beobachterin, wie seine
-dunklen Augenbrauen sich immer finsterer und entschlossener
-zusammenzogen.</p>
-
-<p>»Fritz!« sprang sie empor.</p>
-
-<p>Er hob das Haupt und sah sie an.</p>
-
-<p>Es war ein Blick aus so unendlicher Entfernung, ein so
-fremder und stolz gefaßter Blick, daß Marianne vor Zorn,
-Scham und Zurücksetzung hätte schreien mögen. Im Halse
-schnürte sich ihr etwas zusammen, sie glaubte ersticken zu
-müssen. Als sie ihre Umgebung wieder vollständig zu
-deuten wußte, da schloß sich bereits, unhörbar, die hohe
-weiße Tür, und eine Scheidewand wuchs empor zwischen
-ihr und der Vergangenheit voll Spiel und Kurzweil.</p>
-
-<p>Wirklich Vergangenheit?</p>
-
-<p>Pah &ndash; sie hatte sich wiedergefunden. Beflügelt eilte
-sie vor den altertümlichen Goldspiegel des Zimmers, um ihr
-verwirrtes Haar in Ordnung zu bringen. Und als sie ihre
-<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-in purpurner Pracht siedenden Wangen gewahrte, als sie
-die tadellosen Linien ihrer Gestalt abmaß, da zwang sie
-etwas, spöttisch die Achsel zu zucken. Aufatmend trat sie
-unter die Gardine und öffnete das Fenster. Von dem
-großen viereckigen Marktplatz zogen noch immer die dunklen
-Scharen ab und marschierten in schwarzen Zügen durch die
-Nebengassen. Hoch über ihren Häuptern folgte ihnen das
-Donnergeläut des Glockenwerks. Mit tausend Goldaugen
-beobachtete der Nachthimmel das Aufbegehren und die
-Erhebung eines ganzen Volkes. Köstlich reine Luft strich
-zu dem Fenster herein und fächelte dem schönen Mädchen
-erfrischend die Stirn. Und in diesem Augenblick durchdrang
-selbst die Gleichgültige, Unbedachtsame ein zitterndes Nachgefühl
-von dem, was dort unten die davonstrebenden Züge
-der Stadtbürger erfüllt haben mußte. Ganz sicher, es
-schwebte etwas Ungeheuerliches, Niegeahntes in der Luft.
-Es flog von da und dort heran, schwirrende Möglichkeiten,
-die man ergreifen mußte, um sich auf ihren Flügeln von
-dannen tragen zu lassen.</p>
-
-<p>In die Höhe.</p>
-
-<p>Und der verschleierte Abenteurersinn des Mädchens, das
-da an dem Eckpfeiler des Fensters lehnte, reckte sich und
-verlangte gleichfalls hinaus, fort auf die Wege, die sich weit
-über die Täler des Alltags emporschlängelten.</p>
-
-<p>Dann neigte sie sich weiter vor. Ihr scharfer Blick hatte
-aufgefangen, wie das trübe Laternenlicht in einer Degenscheide
-widerglitzerte. Und sie erkannte die Gestalt, die langsam
-und etwas vornübergebeugt dort drüben in der Dunkelheit
-der engen Rosenkranzgasse verschwand.</p>
-
-<p>Ja, dort Finsternis und hier Licht, nichts als Schimmer
-und goldspinnende Helligkeit.</p>
-
-<p>Wahrlich, eine große, eine tolle Zeit.</p>
-
-<p>Beglückt, heiß, erglühend stützte sich die Fortgerissene
-<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-nochmals auf das Marmortischchen des Goldspiegels und
-starrte sich an, als wenn sie imstande wäre, sich die Zukunft
-auf hoch erhobenen Armen entgegenzutragen.</p>
-
-<p>Ja, das Vaterland befand sich in Gefahr, aber sie selbst
-war schön, einfangend schön.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ruhig schritt Fritz Harder seines Weges. Rechts und
-links von ihm zogen die Bürger mit ihren Frauen und
-Kindern dahin, und er mußte manchmal zur Seite treten,
-um die Drängenden vorüberzulassen. Dabei fing er immer
-wiederkehrende Worte auf: »Der Kaiser &ndash; der Zar &ndash;
-Frankreich.« Und er wunderte sich, daß er dies so klar
-vernahm, daß nichts anderes, nichts Tieferes in seinem
-Ohr mitsummen wollte. In der schmalen Rosenkranzgasse
-schimmerte aus allen Fenstern noch Licht, und die Einwohner
-der Häuser standen vor den Türen und tauschten
-über die geringe Breite der Straße hinweg ihre Ansichten
-miteinander aus. Und wieder schüttelte der in sich gekehrte
-Wanderer erstaunt das Haupt, denn er begriff nicht, warum
-seine Augen dies alles so scharf, so untrüglich in sich aufnahmen.
-Einmal blieb er stehen und sah durch den schmalen
-Spalt der Gasse zu dem mächtigen Nachthimmel empor.
-Nein, er konnte keinen Unterschied entdecken. Dort oben
-waltete dieselbe schweigende, ungekünstelte Ruhe, wie hier
-unten und wie in seiner eigenen Brust. Eine wundersame,
-schwere, auf alles vorbereitete Fassung, die ihre spähende
-Aufmerksamkeit nur auf das Nächste richtete und entschlossen
-war, sich selbst zu vergessen.</p>
-
-<p>Merkwürdig, er wollte sich zwingen, das formvollendete,
-das schönheitgesättigte Bild der Geliebten vor sich erstehen
-zu lassen, die ihn aus schneidendem Eigennutz verworfen
-<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-hatte, aber er vermochte bei aller Anstrengung das lockende
-Geschöpf sich nicht mehr als Ganzes vorzustellen. Aus der
-trüb durchbrochenen Nacht tauchten wohl ihre Umrisse vor
-ihm auf, allein jeder Kopf eines gleichgültigen Bürgers
-schob sich vor seine arbeitende Einbildungskraft und überschattete
-sie. Ja, als die Ablösung einer Militärwache an
-ihm vorüberzog, die ihm mit klappenden Paradetritten die
-Ehrenbezeugung erwies, da war jedes Gedenken an sein
-eigenes Erlebnis von ihm entwichen und, wie alle anderen, so
-mußte auch er den funkelnden Helmen nachschauen, während
-ihm innerlich das Herz bis in den Hals zu klopfen begann.</p>
-
-<p>»Prima, Herr Leutnant,« krächzte plötzlich eine gallige
-Stimme hinter ihm, und als sich der seinen Träumen Entrissene
-umwandte, da entdeckte er hinter sich den schlottrigen
-und knickbeinigen Uhrmachergesellen seines Hauswirts, den
-ewig mit der Welt hadernden Leiser Bienchen, der tief den
-zerbeulten Filzhut mit der herabhängenden Krempe vor
-ihm lüftete, um dann krampfhaft in die Tasche seiner Beinkleider
-zu greifen, weil ihm diese stets herabzufallen versuchten,
-»prima, Herr Leutnant,« krächzte die gallige und
-stets unzufriedene Scherbenstimme, »unsere Soldaten! Ich
-mag zwar das verfluchte Pflasterzerreißen nicht leiden, und
-wenn sie so mit den Kommißstiefeln aufdonnern, möchte
-man Kopfschmerzen kriegen. Aber was tut das, Herr
-Leutnant? Jetzt sind sie einem ein Trost, ein ganz großer
-Trost, der einem die Nachtruhe wiedergibt.«</p>
-
-<p>Und sich noch näher an den jungen Offizier drängend,
-umklammerte er mit der Rechten ängstlich das faltenreiche
-Kinn, als wolle er verhindern, daß ihm seine bewegliche
-Karpfenschnauze, die ihm statt eines Mundes verliehen war,
-aus den wild durcheinander fahrenden Runzeln davonliefe.
-So fassungslos und erschüttert hatte Fritz Harder den Uhrmacher
-noch nie gesehen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-»Was meinen Sie, was hier geschehen ist, Herr Leutnant?«
-tuschelte der kleine Jude seinem vornehmen Hausgenossen
-unter ewigem Kopfschütteln von neuem zu.</p>
-
-<p>»Doch nichts Schlimmes, lieber Bienchen?«</p>
-
-<p>»Was heißt schlimm?« wehrte sich der andere, die
-Achseln ganz hoch in die Höhe ziehend, als wolle er den
-Himmel für seine traurigen Schicksale zum Zeugen anrufen.
-»Unter uns, es kann geben eine fürchterliche Zerstörung.
-Aber soll man es ihm übelnehmen, wenn er an einem
-solchen Tag mit dem Kopf ins Dunkel fährt? Ich sag'
-Ihnen ins dunkelste Dunkel, Herr Leutnant.«</p>
-
-<p>Fritz Harder mußte lächeln. Er wußte, daß der Gefolgsmann
-des alten Adameit mit dem unbestimmten und geheimnisvollen
-»er« stets seinen Chef zu bezeichnen pflegte.
-Und so forschte er denn vorsichtig weiter:</p>
-
-<p>»Haben Sie wieder Grund zur Unzufriedenheit mit ihm,
-lieber Bienchen?«</p>
-
-<p>»Ich habe nicht gesagt unzufrieden,« zuckte der Geselle
-ärgerlich zurück und sein Mundgeschirr klappte unendlich
-oft gegeneinander, »der unausstehliche Kerl ist ja trotz
-allem ein Genie. Aber als ich ihm heute in meiner Aufregung
-unten in dem Keller, wo wir wir immer sitzen, &ndash;
-Sie wissen schon, Herr Leutnant &ndash; die Nachricht überbrachte,
-können Sie sich denken, was er getan hat?
-Dieser zahnlose Unmensch ist plötzlich aufgestanden, hat
-die Kapsel an dem Stahlzylinder geschlossen, obwohl die
-Sicherung noch immer nicht ganz fertig ist, und hat in
-seiner vermoderten Sprache, die nur ich ordentlich versteh',
-gesagt: Dann schließe ich mit dem heutigen Tage meine
-Arbeit ab. Unter der Erde hat sie so lange gelegen und
-unter der Erde wird sie auch bleiben. Aber sie wird unserer
-lieben Scholle eine Kraft und eine Wut verleihen, wie &ndash;
-wie &ndash; Ich glaube, er hat gesagt, wie einer Jungfrau, die
-<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-sich gegen die Schande wehrt. Und nachdem er das gesagt
-hat, hat er mir die Hand gedrückt, was noch nie da war,
-ist in die Ecke gegangen, hat sich den Schmutz abgewaschen
-und schließlich seinen Bratenrock angezogen. Herr Leutnant,
-da hab' ich's nicht mehr länger ausgehalten. Mir ist so feierlich
-geworden, daß mir die Knie zu zittern anfingen, und ich
-mußte aus dem Keller raus und an die frische Luft. Und
-was aus ihm geworden ist, das weiß ich nicht. Ich hab'
-bloß seine Stimme aus Ihrem Zimmer gehört, Herr Leutnant,
-wo er bei dem fremden Herrn sitzt.«</p>
-
-<p>»Bei einem fremden Herrn?«</p>
-
-<p>»Wie ich Ihnen sage, Herr Leutnant. Wenn Sie wollen,
-können Sie auch sein Zischen und Pusten und Fauchen
-hören, denn Ihr Fenster steht offen, und Ihr Bursche hat
-die Lampe bereits angesteckt.«</p>
-
-<p>Da riß sich der junge Offizier hastig los, und zu gleicher
-Zeit schüttelte er energisch die Traumgespinste ab, die aus
-dem dämmernden Keller des alten Adameit geheimnisvoll
-bis zu ihm emporgekrochen waren. Ungeduldig drückte er
-sich in den engen Schlitz hinein, der in dem blauen und
-rosigen Pfefferkuchenhäuschen die Haustür vorstellte. Aber
-der Uhrmacher hinkte ihm nach, so rasch es seine schlecht
-befestigten Beinkleider erlaubten, und hauchte dem Voranstürmenden
-in seinem heiseren Krähenton nach:</p>
-
-<p>»Ein großes Tier, Herr Leutnant, Ihr Besuch, mit roten
-Streifen an den Beinen und ein Verwandter dazu. Er hat
-es ausdrücklich angegeben. Nu, sehen Sie, habe ich gelogen?
-Da tritt Herr Nikolaus Adameit gerade aus Ihrem Zimmer.
-Gewaschen, gekämmt und in dem schwarzen Bratenrock.
-Hier oben kennt er mich nicht. Er kennt mich bloß unten
-im Keller. Aber es gibt mir doch ein Gefühl von Hochachtung,
-weil ich mitgeholfen hab'. Man ist doch nicht
-bloß wie Öl in der Kanne gewesen oder wie ein totes
-<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-Rädchen. Nu, gute Nacht, Herr Leutnant, und wenn Sie
-Bedienung benötigen, Sie brauchen bloß zu klingeln. Ich
-pass' auf.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Heftig riß Fritz Harder die Tür seines Zimmers auf.
-Und richtig, im Schein der kleinen weißen Porzellanlampe,
-die vor ihm auf dem ovalen Tisch brannte, saß der Erwartete,
-Geahnte auf dem grünen Plüschsofa. Spähend
-schob sich bei dem Geräusch der Tür das bartlose glatt
-rasierte Haupt zur Seite, und unter einem Büschel gänzlich
-unpreußischer grauer Locken nahmen ein paar versonnener
-blauer Augen plötzlich den Glanz einer warmen Freude an.</p>
-
-<p>»Gottlob, daß ich dich noch treffe, mein lieber Junge,«
-sagte eine freundliche Stimme, während die hohe, breitschultrige
-und mannbare Figur sich langsam erhob; und
-dabei streckten sich dem Eintretenden feine weiße Gelehrtenhände
-entgegen. »Ich fürchtete, du könntest bei dem Trubel
-schon Gott weiß wohin abkommandiert sein. Deshalb ist
-es ein rechtes Glück, daß ich dich noch erreiche. Komm,
-Fritz, laß dich einmal anschauen.«</p>
-
-<p>Die hohe Gestalt mit dem gütigen Gelehrtenhaupt stand
-jetzt dicht neben dem jungen Mann und begrüßte ihn durch
-einen leichten Schlag auf die Schulter.</p>
-
-<p>»Onkel Siebel,« wollte Fritz erregt ausbrechen, denn eine
-unnennbare Erleichterung überkam ihn, als er unvermutet in
-dieser Wirrnis ein verwandtes Herz neben sich wußte,
-»Onkel Siebel, daß du gerade heute kommst! Du ahnst
-gar nicht, was&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Doch,« unterbrach der alte Militär, die Augen ein wenig
-zukneifend, »doch, mein Junge. Du siehst nicht so aus, wie
-ich dich erwartete. Was ist das für eine kränkliche Blässe?
-<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-Und wohin hast du dein frisches Jungenlächeln versteckt?
-Erinnerst du dich, deine liebe Mutter behauptete ja, du
-wärest immer anzusehen, als wenn du gerade etwas geschenkt
-erhalten hättest? Also was gibt's? Beklemmung
-vor der großen Weltkatastrophe?«</p>
-
-<p>»Nein, Onkel.«</p>
-
-<p>»Ärgernis, Zurücksetzung im Dienst?«</p>
-
-<p>»Auch das nicht, obwohl&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Na ja, ich weiß schon. So ein junger Leutnant darf
-dienstlich überhaupt nicht zufrieden sein, &ndash; wäre ganz
-reglementswidrig. Aber nun sage mal, Fritz, bist du
-krank?«</p>
-
-<p>Eine leichte Pause entstand. Unschlüssig, mit sich kämpfend,
-sandte der Jüngere seinen Blick gegen das Lämpchen,
-das seine dämmrigen Friedensstrahlen unverwandt ihm
-entgegenschickte. Der alte Herr jedoch wurde ungeduldig,
-und knöpfte an seinem ziemlich salopp herabhängenden
-Waffenrock herum.</p>
-
-<p>»Na also, offen, offen, mein Kerlchen,« drängte er
-überredend, »ich habe nämlich deinen Eltern so eine kleine
-Inquisition versprochen, sonst würde ich mich ja nicht so
-beharrlich in derartige Geheimnisse mischen. Wir haben,
-weiß Gott, jetzt anderes zu denken, nicht wahr, Fritz?
-Aber in euren kleinen dumpfen Garnisonen wachsen manchmal
-wunderliche Geschichten auf. Und da findet solch
-alter, kalter Bücherwurm wie ich vielleicht doch besser durch,
-als so ein feuriges Temperament mit dem bewußten Napoleon-Gesicht.
-Also Junge, ich bitte um Vertrauen.«</p>
-
-<p>Da ermannte sich der Gefragte, und in seinen dunklen
-Augen, die er zu dem gütigen Verwandten erhob, stand seine
-ganze Leidensgeschichte geschrieben, als er sich stockend abrang:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-»Onkel, du hattest recht. Ich war krank. Ich glaube,
-ich habe ein böses Fieber überwunden.«</p>
-
-<p>Jetzt nahm der Alte den Kopf des Offiziers tröstend,
-besänftigend, beinahe liebkosend in seine beiden Hände.
-Es war unbeschreiblich, welch eine wackere, mannhafte
-Güte von dem gelehrten Krieger ausging.</p>
-
-<p>»Also überwunden, Fritz? Wirklich und wahrhaftig?«
-fragte er eindringlich.</p>
-
-<p>»Ja, Onkel Siebel,« bekräftigte der andere fest, »ich
-gebe dir mein Wort.«</p>
-
-<p>»So, so,« erwiderte der Generalmajor bedächtig und
-gab langsam den Eingefangenen frei, »dann ist diese Angelegenheit
-ja für mich erledigt. Gottlob. Ich muß dir
-nämlich gestehen, Fritz, &ndash; da mir Heimlichkeiten auf der
-Seele brennen &ndash; daß deine liebe Mutter durch allerlei
-Klatsch und Zusteckereien über deine Affäre unterrichtet
-war. Die alte Dame fühlte sich innerlich recht beunruhigt,
-wenn sie es auch nach außen hin tapfer verschwieg. Aber
-nun, mein lieber Sohn, komm, setze dich zu mir an den
-Tisch und laß uns jetzt über das reden, wovon die Herzen
-aller deutschen Menschen voll sind. Ich wurde hierher geschickt,
-um den hiesigen Herren Offizieren einen kriegswissenschaftlichen
-Vortrag zu halten. Daraus wird natürlich
-nichts, denn jetzt werden wir ja in der Praxis zu erproben
-haben, durch die lebendige Tat, was wir wissen und erlernten.
-Komm, mein Junge, die beiden Flaschen Pilsener
-Trankes genügen für uns. Jetzt wollen wir Kriegsrat
-halten.«</p>
-
-<p>Bis weit nach Mitternacht saßen die Beiden zusammen.
-Und während draußen jeder Laut erstarb, während die
-Stadt, um die ein ferner Feind bereits seine haarigen
-Riesenarme klammerte, in schweren, traumerfüllten Schlaf
-verfiel, in den letzten vielleicht, dem sie sich ungestört und
-<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
-im Besitz geheiligter Ruhe und Ordnung hingeben konnte,
-da zauberte der alte Mann, dem der Krieg mehr als
-blutiges Getümmel, tolles Einhersprengen und fröhliches
-Waffenklirren bedeutete, da zauberte der Kundige wundersame
-befreiende Gebilde vor den aufhorchenden Schüler hin.
-In blühender, fortgerissener Sprache schilderte er das Elementarereignis,
-das nicht zufällig über den geduckten
-Menschheitsnacken fortraste, sondern natürlichen, längst erwarteten,
-genau zu berechnenden Gesetzen folgte, die nicht
-nur Brand und Verderben, sondern auch Sammlung und
-Auferstehen mit sich führten. Der Krieg war kein sinnlos
-tobender Vernichter, sondern ein weiser, vorbedachter Haushälter
-unter den Erdenvölkern. Gleich dem Tod, der den
-Lebenden aus ihrem engen, arg bedrängten Bezirk immer
-wieder Luft und Raum schafft, so war auch der Krieg der
-grübelnde Gärtner, der ganze Völkerpflanzungen, auch wenn
-sie scheinbar noch blühten, umpflügte und zur Ruhe verdammte.
-Entweder, weil er in späterer Zeit anders geartete
-Früchte von ihnen erwartete, oder weil er dem ungestümen
-Drang jüngerer Schößlinge nach Ausbreitung für eine
-gewisse Dauer nachgeben mußte. Der Krieg waltete aber
-auch als der letzte eiserne Schulmeister der Gottheit auf der
-Erde. Was früher, solange Gemüt und Körper noch schwerer
-bildsam waren, Sintflut, krachende Weltteilabstürze oder
-eishauchende Vergletscherungen vollbracht hatten, nämlich
-die Erziehung ungeheurer, von den Elementargewalten betroffener
-Stämme nach einer bestimmten Richtung hin,
-zu einem ganz gewissen Ziel, das erst die Spätgeborenen,
-schaudernd vor der ewigen Gerechtigkeit, als planvoll und
-segensreich erkannten, dafür wurde jetzt unter den verfeinerten
-Lebensformen, sobald sie zur morschen Überreife
-neigten, der Krieg als allgemein verständlicher, jede Auflehnung
-erstickender Erzieher über die Erde geschickt. Und
-<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-er hat jedesmal seine stählerne Rute gut geschwungen. Noch
-kennt das Menschengeschlecht keinen Examinator, der so klar
-die Talentvollen und Starken nicht allein über Schwache
-und Faule, sondern sogar über die fleißige Mittelmäßigkeit
-zu setzen wüßte. Und dann, &ndash; seine Lehrstunde ist nur kurz,
-denn wenn er gesagt hat, was er weiß, dann schlägt er die
-Tür der Schulstube donnernd hinter sich zu und schreitet in
-den dichten Wald der Jahrhunderte. Aber das, was er
-seinen Schülern vortrug, bleibt eindringlich über Geschlechter
-hinaus haften und wirkt unvergeßlich fort bis zu späten
-Enkeln.</p>
-
-
-
-
-<h3>VI.</h3>
-
-
-<p>Zwei Tage des Wartens hinkten über das Land. Auf
-allen fahrbaren Wegen knarrten schwer beladene Wagen
-dahin, deren Besitzer von der gefährdeten Grenze den
-Städten zustrebten. Oft stand Johanna aufgerichtet an den
-Torpfosten ihres Gehöfts zu Maritzken und sah die traurige
-Völkerwanderung, dieses unvorstellbare Elend an sich vorüberwallen.
-Denn es war ja nur eilig zusammengeraffter
-Besitz, zerzaust und gebrechlich, was die Flüchtenden hier
-stumm und ohne ein Wort der Klage vorbeischafften.
-Kommoden und Schränke, Bettzeug und Vogelbauer, Säcke
-voll Lebensmittel, Kleidungsstücke und Kochgeschirr, Kinder
-und junges Vieh, alles rollte, wirr zusammengepreßt, in
-endlosem Zuge dahin.</p>
-
-<p>Aber auch Militärkolonnen marschierten an der versonnenen
-Beobachterin vorüber. Gleichfalls still, in sich
-gekehrt, ohne Lieder. Denn sie hielten die Stirnen nicht
-dem Osten zugewandt, wie es ihr junger Mut ersehnte,
-sondern sie folgten höherem Befehl, der sie zu zusammengefaßter
-<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-Tat aufsparte. Im Staub und Dämmer des
-Augusttages verschwanden die lockeren Kolonnen.</p>
-
-<p>Einmal löste sich eine Gestalt aus einer der dahinziehenden
-Kompagnien, trat schnell auf die Gutsherrin zu und
-streckte ihr rasch die Hand entgegen. Zuerst erkannte Johanna
-den Grüßenden nicht, denn die neue graue Uniform
-hatte den gewohnten Eindruck verändert. Aber dann drückte
-sie die dargebotene Rechte stark und fest, als ob sie den
-Offizier, der keinen Blick auf den weißen Hof warf, überzeugen
-wolle, daß hier auch ehrliche und treue Gemüter
-lebten, Herzen, die den Trommelwirbel der Zeit nachschlugen
-und nicht im Walzertakt hüpften. Kein Wort wechselten die
-Beiden miteinander. Aber es war doch ein Abschiednehmen
-über die Dauer des Seins hinaus. Und in dem Händedruck,
-mit dem Johanna den Scheidenden entließ, barg sich ein
-mütterlicher Segenswunsch. Dann ein stummes Zurücktreten
-in die grauen Haufen, und auch diese Scharen
-wurden eingesogen von der undurchdringlich sich dahinwälzenden
-Staubwolke.</p>
-
-<p>Über die schlängelnden Feldwege aber jagte und raste das
-Gerücht. Schattenhaft grau stäubte es dahin, menschlichen
-Augen manchmal nur als ein mit gestreckten Läufen flüchtender
-Hase erkennbar. Doch das lechzende Tier sollte
-aus einem brennenden Haferfeld hervorgebrochen sein.</p>
-
-<p>Barmherzigkeit, war das möglich? Wer hatte es erzählt,
-wer zuerst geglaubt?</p>
-
-<p>An den Kreuzwegen der Felder, an den schmalen Brücken
-der hellen Bäche, die durch die sanft gewellten Talmulden
-blitzten, überall knirschte und schlürfte es. Greise und alte
-Weiber, die einzigen Einwohner verlassener Ansiedlungen,
-schlichen hier zusammen. Wackelnde Köpfe, erstorbene
-Stimmen erzählten sich Gräßliches:</p>
-
-<p>»Wißt ihr schon? Es ist wahr. Man kann es beschwören.
-<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
-Das Rittergut Lutheinen ist abgebrannt bis auf den Erdboden.
-Da, wo das Schloß stand, liegt ein Kohlenhaufen.«</p>
-
-<p>»Im Frieden, denkt euch, mitten im Frieden!«</p>
-
-<p>»Woher sie kamen und wohin sie entschwunden sind, das
-weiß kein Mensch. Aber acht Meilen weit ritten sie ins Land
-hinein. Sie trieben vor sich her, was vor ihre Lanzen kam.
-Die Mädchen wurden an die Pferde gebunden, die Kinder
-gehetzt, bis sie erstickten.«</p>
-
-<p>»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«</p>
-
-<p>»Ich sah es nicht selbst, aber der Landbriefträger hat
-es erzählt. Dem Schmied von Löthau haben sie, als er einen
-von den Mordbrennern mit dem großen Hammer totschlug,
-mit seinem eigenen Viehstempel eine Marke ins Genick gesengt.
-Der Mann ist wahnsinnig geworden.«</p>
-
-<p>»Wehe, wehe, wie wird es uns gehen! Wer wird uns
-zu essen geben, wenn wir nicht mehr weiter können?«</p>
-
-<p>»Lauft zu dem Fräulein von Maritzken, sie hat Milcheimer
-aufgestellt und Brote hingelegt.«</p>
-
-<p>»Herr Jesus, ist sie noch da?«</p>
-
-<p>»Ja, die Grothe-Marjellen sind noch da. Wir haben ihre
-hellen Kleider durch die Büsche gesehen.«</p>
-
-<p>»Oh, sie muß uns Brot und Milch geben. Und dann
-weiter, weiter, hier bleiben wir nicht!«</p>
-
-<hr />
-
-<p>In dem kleinen gemütlichen Eßzimmer zu ebener Erde
-saßen die beiden ältesten Grothe-Schwestern, und es schien,
-als ob sie trotz ihrer Verlassenheit ruhig die Hefte der
-Journalmappe durchstöberten, die zum Teil aufgeschlagen
-die Platte bedeckten. Über ihnen sandte die grün verhangene
-Hängelampe ihr sanftes elektrisches Licht aus, und in dem
-kleinen Gemach waltete eine Stille, die man in anderen
-<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-Zeiten behaglich genannt hätte. Heute aber war es, als
-ob der Tag an seiner Rüste beklemmt den Atem anhielt,
-bevor er von neuem seinen Mund zu wilden blutrünstigen
-Märchen und Erzählungen öffnete. Eben schlug es von dem
-nahen hölzernen Kirchturm die neunte Stunde. Durch die
-Wipfel der hochstrebenden Eichen vor dem Hause fuhr ein
-ziehendes Wehen, ein unheimliches Ächzen, das die innere
-Unruhe nur vermehren konnte, als die Seitentür knarrte,
-und Isa in einem grauen Reisekleid, einem schwarzen Lackhut
-auf den roten Haaren, völlig gerüstet hereintrat. In
-dem feinen Gesicht der Siebzehnjährigen nistete eine erschreckende
-Blässe. Ihre großen Goldaugen schienen wie
-von Nebel verhängt und irrten unruhig von den beiden
-älteren Schwestern hinweg zu dem einzigen Fenster der
-Stube hin, vor das die Nacht jede Aussicht sperrend ihr
-schwarzlockiges Haupt gedrängt hatte. Vergebliches Mühen,
-denn die Jüngste der Grothe-Marjellen fing dennoch in
-ihrer aufgereizten Einbildungskraft tolle, sich überstürzende
-Begebnisse auf, die sich dort draußen unter erstickten schreckhaften
-Rufen verkündeten. In nervöser Hast fingerte sie
-auf der Platte des Tisches herum und zupfte an den Ecken
-der Journalhefte, ohne zu empfinden, wie sehr sie dadurch
-ihre ruhige Schwester Marianne in ihrer Lektüre beeinträchtigte.</p>
-
-<p>Da trat Johanna auf das furchtgeschüttelte Mädchen zu
-und klopfte ihr leise die Wange. Von der Berührung zu
-sich selbst gebracht, drängte sich Isa dicht an die ragende
-Gestalt ihrer ältesten Schwester heran, und eine kurze
-Sekunde war es der Kleinen, als ob hier an den festen
-Gliedern der ruhigen und gefaßten Frau auch für sie ein
-Schutz, eine Zuflucht geboten werden könnte. Im nächsten
-Moment freilich flackerten ihre Blicke wieder begehrlich um
-die nahe Tür, denn der ungestüme quälende Hang nach
-<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-Flucht und Rettung überwältigten das zitternde Geschöpf
-von neuem.</p>
-
-<p>»Du willst also wirklich diese Nacht nicht bei uns verbringen?«
-fragte Johanna in ihrem gewohnten Ernst, wobei
-sie es jedoch vermied, irgendeinen Tadel oder eine Abmahnung
-mitklingen zu lassen, »du bleibst dabei, zu so
-später Stunde zu unserer Tante Adelheid nach Sorquitten
-zu fahren? Aber wie, Kind, wenn Fedor Stötteritz und
-die meisten seiner Leute schon fort wären? Ich will dich
-nicht ängstigen, aber es ist doch möglich.«</p>
-
-<p>Die Jüngste jedoch ließ sich von dem Einwurf nicht
-treffen, sie schüttelte das rote Haupt nur bestimmter und
-sicherer, als ob es für ihre Pläne kein Hindernis geben könnte.</p>
-
-<p>»Das wird ja nicht sein,« stammelte sie in der Sucht,
-sich an einen irgendwo in der Ferne gaukelnden Rettungsschimmer
-wie an ein starkes Seil zu hängen, »das ist ja
-ganz gewiß nicht der Fall. Fedor, und der Inspektor, und
-alle seine Knechte sind noch da. Dort befindet man sich
-dann endlich in Sicherheit. Nicht wahr, das meinst du doch
-auch? Komm mit, Johanna,« setzte sie plötzlich dringend
-hinzu, während sie die Hand der Blonden mit fieberhafter
-Glut umspannte, »komm mit, ich bitte dich. Begleite du
-mich wenigstens, Marianne. Ich kann euch nicht schildern,
-was ich hier leide. Wenn wenigstens ein Mann uns zur
-Seite stände, wenn Konsul Bark&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Laß den Konsul zufrieden,« schnitt Johanna rasch ab.
-»Er wird jetzt für sich selbst zu sorgen haben. Und du,
-mein Kind, fahre in Gottes Namen. Baumgartner wartet
-draußen schon mit dem Wagen auf dich. Und um uns
-brauchst du dich nicht zu beunruhigen, hörst du? Der
-Landrat hat mir versprochen, daß wir sofort durch Depesche
-benachrichtigt werden, wenn irgendeine Gefahr im Anzuge
-sei. Grüße Tante Adelheid und auch Fedor von mir und
-<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-sage ihnen, sobald es zum Äußersten kommt, werde ich
-selbstverständlich auch an mich denken. Nun geh, mein
-Kind, mache dir den Abschied nicht schwer, denn ich denke,
-wir sehen uns in den nächsten Tagen wieder. Und Baumgartner
-soll das Verdeck hochschlagen, verstanden? Denn
-es sieht aus, als ob es regnen wollte.«</p>
-
-<p>Ein paar Minuten später rollte der Wagen mit seiner
-einsamen Insassin bereits über die Chaussee. Kühl lag die
-Nacht auf Feld und Steg. Schwarzgezackte Wolken segelten
-an dem sternenlosen Himmel dahin und schoben sich zu ungeheuren
-drohenden Gebilden zusammen. Nur ab und zu
-jagte ein bleicher Mond aus den gähnenden Klüften dort
-oben heraus und goß einen schnell verschwindenden Lichtsturz
-auf die reifen Felder herab. Ein paar vereinzelte Regentropfen
-klatschten hohl auf den Weg.</p>
-
-<p>Ungeduldig rückte Isa unter dem engen Lederverdeck hin
-und her. Es war so dunkel und stickig unter der schwarzen
-Kappe. Jede Aussicht wurde versperrt. Und ein unbestimmtes
-banges Gefühl befahl ihr, noch einmal nach der entschwindenden
-Heimat zurückzuschauen. Pochenden Herzens
-erhob sie sich, um ihrem Kutscher einen leichten Schlag
-auf den Rücken zu versetzen. Überrascht wandte sich der
-still vor sich hinstarrende Mann zurück.</p>
-
-<p>»Was wollen Sie, Fräulein?«</p>
-
-<p>»Baumgartner,« schmeichelte Isa, während ihre Hand
-immer noch unbewußt über die Schulter des Statthalters
-glitt, »es ist so beklommen hier drinnen; schlagen Sie das
-Verdeck zurück.«</p>
-
-<p>Der Mann schüttelte bedenklich das Haupt und zog die
-Zügel etwas an.</p>
-
-<p>»Aber Fräuleinchen,« wehrte er sich, »es feuchtet hier
-draußen. Hören Sie nicht die Regentropfen?«</p>
-
-<p>»Das schadet nichts, lieber Baumgartner, ich bitte Sie,
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-tun Sie mir den Gefallen. Ich kann hier unter dem Leder
-nicht ordentlich atmen.«</p>
-
-<p>Jetzt murmelte der treue Verwalter etwas vor sich hin,
-sprang aber sofort herab, und gleich darauf faltete sich der
-dunkle Plan über dem Haupt der sich Zusammenduckenden,
-der schwarze Nachthimmel dehnte sich über ihr, und ein
-feuchter Windzug pfiff an ihren Wangen vorüber.</p>
-
-<p>»So, nun aber weiter,« sprach Baumgartner, der inzwischen
-den Bock wieder eingenommen hatte, zu der noch
-immer hinter ihm Stehenden, und dann murmelte er abermals
-etwas, was Isa trotz aller Anstrengung nicht verstand,
-spähte nach rechts und links über die dunklen Feldwege und
-ließ endlich seine Peitsche sausend über die trabenden Pferde
-dahinklatschen. »Vorwärts, vorwärts,« trieb er.</p>
-
-<p>Hinter ihnen verglommen die letzten zuckenden Lichtschimmer,
-die die Gegend von Maritzken andeuteten, und
-immer näher wanderte ihnen die dunkle Linie eines Tannenschlages.
-Von fern hörte man bereits das Ächzen und
-Knarren der Wipfel.</p>
-
-<p>»Vorwärts, vorwärts,« drängte Baumgartner abermals
-und wollte seine Peitsche weit ausholend durch die Luft
-streifen lassen. Aber mitten im Schwung erschrak er und
-hielt ein.</p>
-
-<p>»Wir sind doch bald da?« forschte Isa über seine
-Schulter herüber.</p>
-
-<p>»Ja &ndash; jawohl &ndash; wir sind bald da. Eine halbe Stunde.«</p>
-
-<p>Allmählich ließ sich das Mädchen wieder in die Wagenecke
-zurücksinken, krampfte die Hände zusammen und saß
-hochaufgerichtet da. So ausgesetzt, so allein, so der tröstenden
-Hilfe bedürftig, wie jetzt inmitten der farblosen, gestaltenschwangeren
-Nacht, meinte sie sich noch nie befunden zu
-haben. Unwillkürlich hob sie den behandschuhten Finger an
-ihre bebenden Lippen, wie sie es als Kind in Not und Bedrängnis
-<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-getan, und starrte voraussuchend in die dicke
-Finsternis, die nur ab und zu durch vorüberhuschende weiße
-Chausseesteine unterbrochen wurde.</p>
-
-<p>O, jetzt ein Schutz, jetzt ein lachendes gutes Wort!</p>
-
-<p>»Baumgartner, sind wir bald da?«</p>
-
-<p>»Ja, Fräuleinchen, knapp eine Viertelstunde &ndash;
-aber&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Jedoch seine Insassin vernahm die Einschränkung des
-Mannes auf dem Bock nicht mehr, denn während ihre
-Augen furchtsam das dunkle Untergestrüpp des Waldes
-durchirrten, dessen schlanke Stämme bis dicht an die
-Chaussee herantraten, da lungerte ihre aufgescheuchte Einbildungskraft
-sehnsüchtig nach den Rettern aus, von denen
-sie meinte, daß sie ihr allein Erlösung und Trost verbürgen
-könnten. Die muskulöse Riesengestalt des Recken von
-Stötteritz tauchte vor ihr auf, dann entsann sie sich der
-ernsten Entschlossenheit von Fritz Harder. Aber körperlicher
-als diese beiden fühlte sie den um vieles älteren Konsul
-neben sich lehnen, und ihre Glieder erwärmten sich beinahe,
-als sie sich vorstellte, wie spöttisch und väterlich die Stimme
-des gereiften Mannes jetzt klingen würde: »Na, kleines
-Rotfeuer, man wird ja gleich das Kinderbettchen aufschlagen.
-Nur Geduld, es dauert nicht mehr lange.«</p>
-
-<p>Erschreckt fuhr sie empor, denn in demselben Augenblick
-hatte wirklich etwas zu ihr gesprochen. Der Wagen hielt.
-Mitten in der engen Waldstraße, nicht hundert Schritt von
-dem Austritt in das freie Feld entfernt, das im fahlen
-Mondenlicht weiß herüberglänzte.</p>
-
-<p>»Baumgartner, sagten Sie etwas?«</p>
-
-<p>»Ja, Fräulein.«</p>
-
-<p>Sie sprang empor, stützte sich auf das eiserne Bockgeländer
-und brachte ihr Haupt so nahe an den Verwalter
-heran, bis sie seinen feuchten Ärmel an ihrer Wange spürte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-»Warum halten wir hier?« ging es ihr schwer über die
-Zunge. Und zugleich merkte sie, wie sie unfähig wäre, auch
-nur ein Glied zu bewegen, weil ihr ganzer Körper von einer
-starren Lähmung geschlagen war. »Baumgartner, um
-Gottes willen, was beobachten Sie dort vorn auf dem Feld?«</p>
-
-<p>Allein der Mann erteilte keine Antwort. Mit einem einzigen
-Sprung setzte er plötzlich vom Wagen, und die Zurückgelassene
-erkannte wie hinter einem Flor, daß ihr Schützer
-in weiten Sprüngen am Waldrand entlang huschte, immer
-ängstlich bemüht, das hereinfallende Mondlicht zu meiden.</p>
-
-<p>Sie wollte schreien, aber die Stimme versagte ihr.</p>
-
-<p>Seltsam, seltsam! Was waren das für dunkle, bewegliche
-Schatten dort hinten am Ende des Waldausschlages?
-In dichten Massen schienen sie dahinzugleiten, fremde,
-unentzifferbare Laute schlugen deutlich durch das Gehölz.
-Und jetzt &ndash; nein, sie täuschte sich nicht &ndash; da und dort
-blitzten kleine runde Lichter auf. Sie waren dem wandernden
-Zuge eingefügt und sandten vorüberschwebende, spähende
-Lichtkegel durch die aufgleißenden grünen Nadelzweige.</p>
-
-<p>Horch und jetzt!?</p>
-
-<p>Ein Kälteschauer schnitt ihr über die Brust, der Atem
-stockte der Entsetzten, denn ohne daß sie das geringste
-merkte, war plötzlich eine Gestalt neben dem Wagen aufgewachsen,
-schwang sich auf den Bock und riß die Zügel
-an sich.</p>
-
-<p>»Baumgartner, um Gottes Barmherzigkeit willen, sind
-Sie's?«</p>
-
-<p>Allein der Mann, der die Führung des Wagens übernommen
-hatte, blieb stumm. Mit Aufbietung aller Kräfte
-warf er die Pferde zurück, schlug ihnen mit dem Peitschenstiel
-über die Köpfe und ließ das Gefährt über den Graben
-hinweg in den Seitenschlag hineinrasen. Von dem Stoß
-getroffen wurde das Mädchen in die Polster zurückgeschleudert.
-<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-In wahnsinniger Flucht schossen die Baumriesen
-an ihr vorüber, überhängende Zweige schlugen ihr
-ins Gesicht, der Wagen sprang und polterte, daß sie von
-einer Ecke in die andere geschleudert wurde, und dazwischen
-zischte etwas um sie herum, etwas gänzlich Fremdes, nie
-Gekanntes, wie vorübersausende Bienen, die einen bösen
-pfeifenden Ton ausstießen. Und bei alledem behielt die
-Überwältigte noch genügend Besinnung, um ein schwaches
-Erstaunen darüber zu empfinden, warum der Pfad vor
-ihnen so schwarz und unbeleuchtet blieb. Der Mann auf
-dem Bock mußte die Laternen gelöscht haben. Und weiter
-flog der Wagen über Baumwurzeln und Maulwurfsgruben.
-Jetzt eine knirschende Schwenkung, und mitten hinein ging
-es in ein rauschendes Feld. Surrend, gleich zischenden
-Dampfwolken wogten die starken Halme rechts und links
-an dem Gefährt vorüber.</p>
-
-<p>Und dann&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Eben meldete sich ein sanfteres Rollen, da schrien mehrere
-wilde Stimmen neben ihnen auf. Ein sausender Schlag wie
-mit einem eisernen Schaft traf das lederne Verdeck, die
-Wagenpferde stiegen und wieherten, ein erneutes tolles
-Herumschwenken und abermals rauschte und strich das
-Meer der wogenden Ähren um die versinkenden Räder
-herum.</p>
-
-<p>Allein das Mädchen fürchtete nichts mehr, denn das klare
-Bewußtsein war ihr untergegangen.</p>
-
-<p>Als Isa wieder zu sich kam, da wölbte sich über ihr der
-mit Wappenschilden bunt bemalte Torbogen der Stadt.
-Trüber Mondschein sickerte noch aus den Wolken. Auf dem
-Bock saß Baumgartner, und obwohl dem Treuen über das
-übernächtigte Antlitz der Schweiß rann, fragte er doch
-freundlich, erlöst:</p>
-
-<p>»Wohin, Fräuleinchen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-Isa besann sich nicht:</p>
-
-<p>»Zu Konsul Bark,« sagte sie rasch.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Über den Hof von Maritzken schritt durch die Schwärze
-der Nacht die hohe Gestalt eines Weibes. In ein Umschlagetuch
-gehüllt lehnte Johanna eine Weile an der Einfahrt
-und lauschte auf die Chaussee heraus, ob sich noch
-immer nicht das Rollen des zurückkehrenden Wagens anmelde.</p>
-
-<p>Kein Laut.</p>
-
-<p>Nur das hohle Aufschlagen der vereinzelt dahinstiebenden
-schweren Regentropfen fing ihr gespanntes Ohr auf, und
-dazwischen strich ein feuchter Wind zischend und raschelnd
-um die Pfeiler der Einfahrt. Eine leise Unruhe stieg in der
-Besonnenen auf. Sollte der Wagen vielleicht irgendwo eine
-Beschädigung erlitten haben? Jedenfalls wollte sie wach
-bleiben, um das Eintreffen Baumgartners zu erwarten.
-Fröstelnd hüllte sie sich tiefer in das warme Tuch und schritt
-langsam über den Hof zurück. Überall waltete schwere
-lastende Ruhe. Aus den Kuhställen drang ein vereinzeltes
-Brummen hervor, und aus den vergitterten, halb angelehnten
-Fenstern schlug eine bleiche Wolke tierischer Wärme
-heraus. Dicht vor dem Hause lösten sich zwei schlanke
-Schatten ab. Es waren die beiden munteren Schäferhunde,
-die jetzt wedelnd an ihrer Herrin in die Höhe sprangen.
-Eigentümlich grell leuchteten die Augen der Tiere durch die
-Finsternis.</p>
-
-<p>Und weiter schritt Johanna durch das Haus. Hier und da
-legte die Sorgliche die Hand auf eine der Türklinken, um zu
-prüfen, ob auch überall verschlossen wäre. Dann stieg sie
-in den ersten Stock hinauf und blieb vor Mariannes kleinem
-<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-Gemach stehen. Selbst bei dem trüben Licht des Petroleumlämpchens,
-das den schmalen Gang auch in der Nacht erhellte,
-konnte man erkennen, wie sich die Stirn der Einsamen
-verzog, als sie jetzt die tiefen Atemzüge der dort
-drinnen gewiß sorglos Schlummernden auffing. Bedrückt
-schüttelte sie das Haupt, und ein kurzer Seufzer entrang
-sich ihr, bevor sie sich losriß, um ihr eigenes Schlafzimmer
-aufzusuchen. Überaus eng und einfach bot sich der weiß
-gedielte Raum dar. Ein festes eichenes Bett, darüber an
-der bläulich getünchten Wand ein Holzkreuz des Erlösers,
-ein altertümlich geschnitzter Schrank, eine breite Eichenkommode,
-die zugleich als Waschtisch diente, &ndash; sonst nichts.
-Kein Schmuck, kein Zierat; nur an der Seitenwand hing
-der gebräunte Buntstich des Preußenprinzen Louis Ferdinand,
-und die dunklen, schwermütigen Augen des Bildes
-verfolgten das große blonde Weib, als es sich jetzt hart
-auf den Rand seines Bettes niederließ, und verhinderten sie
-daran, zum erstenmal an dem Arbeitstage ruhig ihre
-fleißigen Hände in dem Schoß zu verschränken. Das einzige
-Fenster des Zimmerchens stand noch offen, und die Einsame
-wandte ihr Haupt und lauschte von neuem. Draußen
-schüttelten die schmal geschnittenen Eichen ihre hochragenden
-Kronen, und die Blätter wisperten und raunten in scharfer,
-spitzer Geschwätzigkeit. Müde erhob sie sich, um das Fenster
-zu schließen. Dann begann sie, sich gedankenlos zu entkleiden.
-Sie löste das reiche blonde Haar, das jetzt, nachdem
-es entfesselt war, in lichten Wellen an ihr herniederfiel.
-Aber die Besitzerin dieses Schmuckes wandte keinen Blick
-auf die weiche Pracht, sondern warf hastig ihre Bluse ab.
-Und wieder zuckte sie betroffen zusammen, als sie merkte,
-wie fröstelnd es ihr am Abend des heißen Augusttages über
-die entblößten Arme schnitt.</p>
-
-<p>Jetzt &ndash; aber mein Gott, was war das? Was bedeutete
-<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-es, daß die Augen des toten Prinzen dort oben auf dem Bilde
-einen immer sprechenderen Ausdruck annahmen? Ein
-matter Zug von Sattheit und doch unterdrückter Lebensgier
-spielte dabei um die fein geschwungenen Lippen, und es lag
-etwas Spöttisches, Wegwerfendes in der Art, wie das Bild
-ihr auf Schulter und Nacken herabschaute.</p>
-
-<p>Minute auf Minute verstrich. Von draußen summte der
-matte Schlag der Dorfuhr herein, und dazwischen hämmerten
-schwere Tropfen, jetzt ununterbrochen, gegen die Fensterscheiben.
-Ein unablässiges Spritzen und Rinnen. Sie
-wandte sich und sah, wie der weiße Vorhang des Fensters
-in der Zugluft, die durch die undichten Fugen schlüpfte,
-leise hin und her bewegt wurde. Um das Lämpchen auf
-dem Waschtisch schwirrte und gaukelte ein winziger Nachtfalter.
-Von Zeit zu Zeit vernahm sie das Anschlagen seiner
-Flügel.</p>
-
-<p>Jedoch allmählich vermischten und verwirrten sich die
-Geräusche. Das Frösteln über ihrer Brust zwang sie, sich
-tiefer zu verhüllen, sie griff in den weißen Bettüberzug,
-lehnte sich weiter zurück, und noch einmal war es der
-Versinkenden, als vermöge ihr drohender und abweisender
-Blick das merkwürdige Lächeln von dem Bilde dort oben
-zu verscheuchen.</p>
-
-<p>Draußen regnete es heftiger, aber in der kleinen Schlafstube
-wurde es still.</p>
-
-<p>War es das klirrende Summen des Nachtfalters oder
-wurden in der Tat vor den Ohren der Dahingesunkenen
-weiche Saitenklänge laut? Aber wie fern und fremdartig!
-»Es ist ein tatarisches Bauernlied,« sagte eine schmeichelnde
-Stimme, vor der sich Johanna wie in Schmerzen hin
-und her wand, »gestatten Sie, Gnädigste, daß ich Ihnen
-den Text übersetze:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Ich küsse dich, Anuschka.<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a></div>
- <div class="verse">Ich küsse dich, Iwan.</div>
- <div class="verse">Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Gegen die Fenster flog ein Regenguß, dann zitterten die
-Scheiben, und die Tür des kleinen Zimmers brach auf.</p>
-
-<p>»Es bereitet mir aufrichtige Betrübnis, meine Gnädigste,
-Sie um diese Zeit wecken zu müssen,« fuhr die wohllautende
-Stimme fort, und ein Hauch von Kälte und Feuchtigkeit
-strömte über das Lager.</p>
-
-<p>Entsetzen!</p>
-
-<p>Johanna flog empor. Das Kissen unter ihrem Haupt
-fiel zu Boden, und ihre Rechte rieb wild über ihre Augenlider,
-als sei es nur so möglich, dieses wahnsinnige Traumbild
-zu vertreiben. Allein es blieb. Es stand vor ihr in
-einem faltenreichen grauen Mantel, von dem der Regen
-triefte, und sobald es sich bewegte, klirrten Sporen und
-Säbel. Die Augen des Phantoms jedoch, diese halb traurigen,
-halb begehrlichen Augen, ruhten ohne Erbarmen
-auf der von Schrecken und Entsetzen Niedergeworfenen.</p>
-
-<p>Ungläubig, wild, vor den Ohren ein strömendes Rauschen,
-so lag sie kraftlos in ihren Kissen, unfähig, durch die
-matteste Bewegung ihre Blöße zu decken, und während ihre
-gebannte Zunge den Versuch machte, einen verständlichen
-Laut hervorzustoßen, da saugten sich ihre herumirrenden
-Augen, die noch immer nicht zu unterscheiden vermochten,
-an dem matten, schwarzen Lauf eines Revolvers fest, den
-der Eindringling gestreckt vor sich hielt, obwohl die Waffe
-von dem herabwallenden Mantel halb verborgen wurde.</p>
-
-<p>Ein paar eilige Sekunden regte sich in dem kleinen
-Zimmer nichts mehr, in dumpfem Anschlag hörte man den
-Falter gegen den glühenden Zylinder taumeln, die Menschen
-jedoch schienen an das unerhörte Begebnis wie festgeschmiedet.
-<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-Erst als die Atemzüge der Liegenden immer vernehmlicher
-röchelten, als ob ein Sterbender von allem
-Gewohnten Abschied nimmt, da schüttelte der verhüllte
-Offizier seine eigene Beklemmung ab und legte begütigend
-die Hand auf das Kissen, ohne darauf zu achten, wie
-die Waffe sich mit über das weiße Linnen schob.</p>
-
-<p>»Meine Gnädige,« begann die reine einfangende Stimme
-von neuem, die das Deutsche in einem so wunderlich reizvollen
-Tonfall vortrug, »bitte nehmen Sie die Situation,
-wie sie in unserem Falle genommen werden muß. Ich habe
-allerdings den Befehl, Ihr Gehöft zu besetzen, aber schon
-der Umstand, daß ich den großen Vorzug Ihrer Bekanntschaft
-genieße, muß Sie von dem Mangel jeder persönlichen
-Gefahr überzeugen.«</p>
-
-<p>Noch redete der Fürst, als die Gutsherrin plötzlich etwas
-Kaltes, feucht Durchfröstelndes an ihrem Arm spürte, und
-mit der Berührung schoß ihr ihre Lage, ihre rettungslose
-Auslieferung an eine fremde Gewalt mit schmerzhafter
-Klarheit ins Bewußtsein. Zuvorkommend lächelnd sah der
-durchnäßte Offizier mit an, wie das blonde Haupt sich mit
-einer gewaltsamen Anstrengung erhob, ja, er fühlte eine
-Art von Bewunderung für die furchtlose Ruhe, die so unvermutet
-in den eben noch verstörten Zügen lebendig wurde.
-Nur ungemein blaß blieben die Wangen des großen Weibes,
-das so hoheitsvoll und unnahbar vor ihm gelegen hatte,
-und er konnte nicht umhin, seine zudringlichen Augen
-niederzuschlagen, als er bemerkte, wie sie mit rastlosen
-Händen ihren leinenen Mantel um ihre Schultern zusammenzog.</p>
-
-<p>»Ist Krieg ausgebrochen?« war das erste, was sich rauh
-ihrer Kehle entwand, während sie mit einer raschen Bewegung
-aus dem Bett glitt. Ganz nah stand sie dem Manne
-jetzt gegenüber, von dem sie sich blitzartig entsann, daß er
-<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-Dimitri heiße, ihre Hände hielt sie unter dem Hals zusammengefaltet,
-und ihre langen hellen Haare fielen ihr
-über die Schulter.</p>
-
-<p>Auch der Russe stand ohne sich zu rühren, nur die Nasenflügel
-bebten ein wenig, und in seinen Blick drang etwas
-Unsicheres, das zu seiner gewohnten vornehmen Überlegenheit
-nicht völlig paßte.</p>
-
-<p>»Ist Krieg ausgebrochen?« stieß Johanna noch einmal
-hervor, und ihre in der matten Beleuchtung fast dunklen
-Augen umspannten aufmerksam die nahe Tür, als begänne
-sie bereits jetzt zu berechnen, wie man den Ausgang gewinnen
-könne. »Uns ist von einer Erklärung nichts bekannt,«
-setzte sie schon etwas anklagender hinzu, denn ihr
-Gerechtigkeitssinn klammerte sich selbst in diesem Weltuntergang
-an Ordnung und Herkommen.</p>
-
-<p>Der Offizier jedoch zuckte verbindlich die Achseln und riß
-sich mit einem entschuldigenden Murmeln die durchnäßte
-grüngraue Mütze von seinem Lockenhaupt, denn jetzt, da die
-große blonde Nemza so kühl und frostig, wie er sie im Gedächtnis
-bewahrte, vor ihm aufragte, da erinnerte sich sein
-anerzogener Takt daran, daß er immerhin vor einer Dame
-stände und zwar in ihrem Schlafgemach.</p>
-
-<p>»Gnädigste,« sagte er rasch, indem er die kleine Schußwaffe
-in die Manteltasche gleiten ließ, um sein Gegenüber
-nicht unnötig zu ängstigen, »ich bedaure es außerordentlich,
-daß ich für Sie der erste Bote der bereits seit gestern begonnenen
-Streitigkeiten sein muß. Ob diese Differenzen
-vorher angekündigt wurden oder nicht, bin ich leider nicht
-in der Lage zu übersehen. Jedenfalls bringt der rasche Einbruch
-für uns Vorteile, die ich wahrzunehmen gezwungen
-bin.«</p>
-
-<p>In dem Bestreben, die Gutsherrin zu beruhigen, wollte
-der Dragoner augenscheinlich noch etwas anfügen, als sich
-<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-hinter ihm ein Poltern und Schreien erhob. Ein paar
-völlig mit Kot bespritzte, vom Regen beinahe durchweichte
-Soldaten waren die Treppe heraufgestürmt. Sie hielten
-eine brennende Stallaterne vor sich und starrten neugierig
-in das offene Stübchen, mit einem heimlichen Schmunzeln,
-das Johanna, obwohl sie jetzt erst den vollen Ernst ihrer
-Bedrängnis erkannte, innerlich empörte.</p>
-
-<p>»Durchlaucht,« wandte sie sich ohne noch eine Spur von
-Beängstigung zu verraten, an den Offizier, und ihre Stimme
-klang streng und ernst wie immer, »bitte schicken Sie Ihre
-Leute fort, denn ich bin nicht so bekleidet, um mich vor
-Fremden zeigen zu können. Das gilt auch für Sie. Und
-dann bitte sagen Sie mir, was Sie von mir wünschen und
-welches Schicksal mich und die Bewohner von Maritzken
-erwartet.«</p>
-
-<p>Der Russe wandte sich erst zur Tür, warf die Hand gebieterisch
-vor und rief ein einziges fremdartiges Wort. Aber
-seine Weise, Befehle zu erteilen, schien von der Gewöhnung
-diktiert, Gehorsam zu erzwingen. Sofort krümmten sich
-die durchnäßten struppigen Gestalten auf dem dunklen
-Flur zusammen und tappten lautlos die Treppe herunter.
-Nur ein starker Mann, der wohl die Charge eines Wachtmeisters
-einnahm, raffte den Säbel militärisch an sich und
-erstattete eine kurze Meldung. Daraufhin flog ein Schatten
-über die Züge des Fürsten, er wandte sich ein paarmal
-unentschlossen hin und her, um dann von neuem auf die
-Besitzerin des Hauses zuzutreten. Diesmal jedoch klang
-seine Anrede nicht mehr so devot und rücksichtsvoll, sondern
-sie war beherrscht von dem Willen eines Machthabers, der
-für seine Wünsche Beachtung zu finden gesonnen ist.</p>
-
-<p>»Meine Gnädige,« begann er, »ich hätte es sicherlich vorgezogen,
-Ihnen erst morgen meine Aufwartung zu machen,
-wenn ein Unfall uns nicht zwänge, Ihre tätige Mitwirkung
-<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-zu erbitten. Ich brauche ein gut eingerichtetes Zimmer für
-einen Verwundeten,« fuhr er knapp und berechnend fort.
-»Drinnen in der Stadt ist einem meiner Offiziere von einer
-bekannten Persönlichkeit ein Empfang bereitet worden, wie
-wir ihn von einem uns freundschaftlich nahestehenden Herrn
-nicht erwarten durften.«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, von wem reden Sie?« rief Johanna
-von einer Ahnung durchschlagen.</p>
-
-<p>Der Offizier jedoch schüttelte diesmal abweisend das
-Haupt. »Ich bedaure, darüber keine Auskunft erteilen
-zu können,« lehnte er mit einer leichten Verbeugung ab.
-»Dagegen muß ich Sie noch einmal ersuchen, für meinen
-verwundeten Kameraden die umfassendste Sorge tragen zu
-wollen. Er glaubte, hier eine unserer Sanitätskolonnen
-erreichen zu können, aber dieses Vorhaben ist uns leider
-mißgeglückt. Bitte wollen Sie deshalb, mein Fräulein,
-sofort ein geräumiges Zimmer aufschließen lassen und uns
-sodann die etwa vorhandenen Leinen- und Verbandstoffe
-anvertrauen.«</p>
-
-<p>»Darf ich mich erst umkleiden?« drängte die Älteste von
-Maritzken gepreßt.</p>
-
-<p>Der Offizier bewegte bedauernd die Hand.</p>
-
-<p>»Ich vermag Ihren Unwillen vollkommen zu begreifen,«
-wandte er immer noch mit seiner konzilianten Haltung ein,
-»allein wie ich schon betonte, unser Fall verlangt die größte
-Eile. Bitte, wollen Sie vorantreten,« forderte er dann noch
-zielbewußter, »und seien Sie überzeugt, Ihnen wird nicht
-nur von mir, sondern auch von allen meinen Untergebenen
-jeder Respekt entgegengebracht werden!«</p>
-
-<p>Damit ergriff der Russe ohne weitere Erlaubnis die
-kleine Petroleumlampe, trat an die Schwelle der Tür und
-hob die Leuchte hoch in die Höhe. Johanna aber durchdrang,
-während sie schweigend an ihm vorüberschritt, zum erstenmal
-<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-das peinigende Gefühl des Unterworfenseins. Es war
-ja eigentlich eine ganz lächerliche Veranlassung, aber als
-der fremde Mann, der sie doch mit ausgesuchter Höflichkeit
-behandelte, den Porzellangriff des Lämpchens umklammerte,
-mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte von nun
-an alles, was zu diesem Hause gehörte, unbedingt und
-ohne Widerrede seinen Wünschen zu dienen, da schnitt dem
-Landfräulein etwas ins Herz. Etwas, das nie wieder
-heilen sollte und wodurch in ihr Denken ein Verlangen
-hineingetragen wurde, das sie sich vorläufig noch nicht zu
-deuten vermochte, vor dessen Gewalt aber ihr ruhiges
-Gleichmaß schließlich in die Knie brach. Eilfertig, wie ihr
-geheißen war, stieg sie die Treppe herunter, ihre Hände
-zogen noch immer instinktiv die leinene Hülle fest unter
-ihrem Halse zusammen, aber während sie bereits kühl und
-folgerichtig überlegte, welche Anordnungen nun zunächst zu
-treffen wären, und ob nicht etwa Knechten und Mägden
-bereits ein Unheil widerfahren sein könnte, da spürte sie
-in den Tiefen ihres Wesens ein unheimliches wildes
-Klopfen und Drängen, ein Fluten, das wie ein unstillbares
-Fieber von nun an ihren Leib umhüllte, auch wenn
-ihr Mund lächelte. Mit leichten Tritten war ihr Fürst
-Fergussow gefolgt. Sie hörte seine Sporen noch auf den
-Stufen klirren, als sie bereits zu ebener Erde vor einer
-breiten Tür stehen blieb, um dann durch einen Schlüssel des
-mitgebrachten Bundes das Schloß zu öffnen. Allein noch
-war das Räuspern und Winden des Schlüssels nicht ganz
-verklungen, als hinter der Abgewandten eine hohle Stimme
-sich bemerkbar machte, die mit größter Anstrengung Mark
-und Tiefe in ihr Organ zu zwingen suchte.</p>
-
-<p>»Ah <i>bon soir</i>, schönstes Fräulein,« röchelte es in gebrochenen
-Lauten.</p>
-
-<p>Johanna kehrte sich betroffen um, und bei dem trüben
-<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-Lampenlicht, das vor der einströmenden Luft zuckte und
-flimmerte, fing sie mit Schauder auf, wie neben dem
-Eingang ein bärtiger Mann zusammengesunken auf einem
-alten zerfetzten Bauernstuhl hockte, den die Russen scheinbar
-von weit her mitgeschleppt hatten. Über dem grauen Mantel
-hatte sich ein verkrustetes Blutrinnsal gebildet, und aus
-dem breiten Gesicht, das einen fahlen Widerschein von
-sich gab, leuchteten ein paar funkelnde, bösartige Augen.</p>
-
-<p>»Diese Schweine,« fuhr die hohle Stimme mit zitternden
-Schwankungen fort, »Sie haben mich festgebunden, sonst
-würde ich aufstehen. Ganz gewiß. Leo Konstantinowitsch
-Sassin weiß, was er schönen Damen schuldet.« Und dann
-versickerten die schwächlichen Laute, und Johanna fühlte
-beschämt, wie die brennenden Augen des Verwundeten
-spürend an ihrem weißen Gewand herumtasteten. »Aus
-dem Bett geholt?«, keuchte der Blutende und richtete
-einen seltsamen Blick auf den Fürsten Fergussow. »Dieser
-verfluchte Krieg, wir wünschen ihn nicht.« Aber gleich
-darauf warf sich der Rittmeister so gut er konnte, zu den
-ihn umstehenden Soldaten herum und schrie wütend, so
-daß es jetzt wirklich durch das Haus gellte: »Schert euch
-endlich zu einem Arzt, ihr Müßiggänger. Wollt ihr mich
-hier noch länger anstarren? Und Sie, Durchlaucht, verschaffen
-mir vielleicht durch Ihre vorzüglichen Verbindungen
-ein Sofa oder eine Chaiselongue. Ich brauche nur ein
-paar Stunden Schlaf. Sie sollen sehen, nichts weiter.
-Oh, dieser verwünschte deutsche Heuchler, wenn ihm doch
-heimgezahlt würde!«</p>
-
-<p>Wie ein Traum, rasch, schemenhaft, wesenlos, glitt von
-nun an alles an der Gutsherrin vorüber. Sie sah, wie der
-Kranke auf seinem Stuhl von zwei Soldaten in das geöffnete
-Zimmer getragen wurde und spürte die schwere
-stickige Luft, die aus dem Raum herausschlug, weil es eines
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-jener Staatsgemächer war, die mit verhängten Fenstern
-fast das ganze Jahr unbenutzt in dunklem Schlafe lagen.
-Ihr war es so, als ob der Verwundete auf das veilchenblaue
-Samtsofa gebettet würde, und vorüberfliehend preßte die
-Erwägung ihr hausmütterliches Herz zusammen, wie sehr
-das kostbare alte Ebenholzmöbel unter der beschmutzten
-Kleidung des Mannes sowie vom herabrinnenden Blute
-leiden müßte. Ihr schien es, als ob die junge Frau des
-Verwalters Baumgartner, die ihr halbwüchsiges Töchterlein
-an der Hand führte, von ein paar rohen Männerfäusten
-zur Bedienung des Kranken über die Schwelle gestoßen
-wäre, und für einen hinzuckenden Moment erkannte sie
-die bleichen Züge der beiden halb Bekleideten, in denen ein
-starres Entsetzen lauerte. Dann fand sie sich selbst vor dem
-mächtigen Bauernschrank auf dem Flur, aus dem sie Leinenstoffe
-und allerlei Verbandzeug herausgab.</p>
-
-<p>Aber plötzlich wurde alles still, der Lichtschein entschwand
-hinter der geschlossenen Tür, und nur ein paar nahe, regelmäßige
-Atemzüge verrieten ihrem herumtastenden Bewußtsein,
-daß sie jetzt mit dem Fürsten Fergussow allein in der
-Finsternis weile. Empfindlich schauerte sie zusammen, denn
-sie glaubte den fremden Atem ganz dicht an ihrem Nacken
-zu spüren.</p>
-
-<p>Da lief unvermutet ein neuer Lichtbach die Treppe herunter,
-und in dem huschenden Schein sah Johanna, wie der
-Russe sich zusammenraffte, um grüßend die Hand an die
-Mütze zu führen. Über die obere Galerie beugte sich
-Marianne herab, und aus ihrem Nachtkleid dämmerten
-die entblößten Arme voll und wohlgeformt hervor, so daß
-selbst die widerstrebende älteste Schwester innerlich zugeben
-mußte, selten ein lockenderes Bild erschaut zu haben. Allein
-nur eine Sekunde konnte bei der Umsichtigen eine derartige
-Erwägung dauern, denn kaum hatte sie festgestellt, mit
-<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-welch bewunderndem Glanz sich die Augen des fremden
-Offiziers erfüllten, da klang es bereits hart aus ihrem
-herrischen Munde hervor:</p>
-
-<p>»Marianne!«</p>
-
-<p>»Was willst du?«</p>
-
-<p>»Du siehst, wir haben Einquartierung erhalten. Begib
-dich auf dein Zimmer zurück und schließe hinter dir zu.«</p>
-
-<p>Aber der verbindliche Gruß des fremden Offiziers mußte
-auf das schöne Geschöpf in dem losen Nachtkleid dort oben
-durchaus die gewünschte Wirkung hervorgebracht haben.
-Um ihren Mund huschte ein wohlgefälliger Zug, sie schien
-weit davon entfernt, auch nur die winzigste Vorstellung
-von dem Jammer zu besitzen, der nicht allein ihre bisherige
-Wohnstätte, sondern doch sicherlich auch die ganze Umgegend
-betroffen hatte. Mit einer feinen Biegung verneigte sie sich
-zum Abschied vor dem fremden Eindringling, und während
-sie sich bereits von der Galerie abkehrte, da warf sie über
-die Schulter noch einen ihrer samtweichen Blicke zurück.
-Es war ganz die Art, wie wenn sich eine Tänzerin nach dem
-Ball von ihrem Kavalier zögernd und vielsagend trennt.
-Gleich darauf klang langsam und ohne sonderliche Eile die
-Tür. Es wurde wieder dunkel.</p>
-
-<p>»Ich werde Licht holen,« äußerte die klare, grobe Stimme
-Johannas.</p>
-
-<p>Fürst Fergussow griff in seine Manteltasche, zog eine
-kleine elektrische Laterne hervor und drückte den Knopf.
-Sogleich strahlte ein runder, goldiger Kreis auf, in dessen
-Mitte das starre Haupt der Nemza in einer steinernen
-Weiße hervorschimmerte.</p>
-
-<p>Und als der elektrische Blitz sich in den Augen der vom
-blendenden Licht Umrahmten spiegelte, da fuhr der Beobachter
-zurück vor der eisernen Grausamkeit, die dort unversteckt
-funkelte und glitzerte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-»Pfui Teufel, zwei beleuchtete Messer,« dachte der Fürst
-widerwillig.</p>
-
-<p>Und seit dieser Erkenntnis hegte er nur den lebhaften
-Wunsch, die unwillkommene Gesellschafterin rasch von sich
-abzuschütteln. Ohne weitere Überlegung sagte er deshalb
-in seinem in Höflichkeit erstarrten Ton:</p>
-
-<p>»Ich würde es mir nie verzeihen, Sie noch länger aufzuhalten.
-Gute Nacht.«</p>
-
-<p>Auch Johanna verbeugte sich und wollte aus der halbangelehnten
-Eingangstür in die Dunkelheit herausschreiten,
-der Offizier jedoch vertrat ihr plötzlich den Weg.</p>
-
-<p>»Gestatten Sie, daß ich noch eine Form erfülle. Mein
-Wachtmeister hier wird Sie auf Ihren Gängen zu Ihrem
-Schutz begleiten.«</p>
-
-<p>»Ich bin also eine Gefangene?« stockte Johanna mit
-bitterem Lächeln.</p>
-
-<p>»Wie gesagt, es geschieht nur zu Ihrer Sicherheit. Alles
-Nähere werden wir dann morgen erörtern. Bis dahin, gute
-Nacht, meine Gnädige, und nochmals verzeihen Sie die
-Störung Ihrer Ruhe.« Und achselzuckend setzte er hinzu:
-»Der Krieg ist leider ein Handwerk, das sehr gegen meinen
-Geschmack mit groben Mitteln arbeitet.«</p>
-
-<p>Er verbeugte sich leicht, und Johanna bemerkte noch im
-Zurückblicken, wie die schlanke Gestalt in das bereits erleuchtete
-Zimmer schritt und achtlos ihren durchnäßten
-Mantel über einen Schaukelstuhl schleuderte. Dann entzündete
-der Fürst sich eine Zigarette und begann flüchtig
-in den auf dem Tisch herumliegenden deutschen Journalen
-zu blättern. Die weißen Dampfwolken umschwebten ein
-apollinisch geschnittenes Antlitz.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-Die Älteste von Maritzken saß in ihrer leichten Kleidung
-wieder auf dem Bettrand, um mit Aufbietung aller Sinne
-jedem Geräusch nachzuspüren, das von Hof und Haus zu
-ihr heraufschlug. Und die Nacht verschärfte und verzerrte
-alle Töne, die sonst für die Lauschende keinen Sinn aufgewiesen
-hätten und schob ihnen eine schreckhafte Deutung
-unter. Bald quoll ein wüstes Ächzen und Fluchen durch die
-Dielen des Fußbodens empor, und Johannas aufgeregter
-Geist malte sich aus, wie der Rittmeister Sassin, nur durch
-ein paar dünne Planken von ihr getrennt, jetzt gewiß schon
-mit einem tobenden Wundfieber rang. Herrgott, die Frau
-ihres Verwalters Baumgartner war ja gezwungen worden,
-dort unten hilfreiche Hand zu leisten. Und hatte die notdürftig
-Bekleidete nicht auch ihr blutjunges Töchterchen
-bei sich gehabt? Wenn nun den Beiden von rohen Soldatenfäusten
-etwas Beschämendes widerführe!?</p>
-
-<p>Wild begann ihr das Herz bis in den Hals zu schlagen,
-jedoch ehe sie diese aufregende Gedankenreihe noch erschöpfen
-konnte, da wurde sie durch die Erinnerung an
-ihren Verwalter schon wieder auf eine neue Bahn gehetzt.
-Ob Baumgartner noch immer nicht zurückgekehrt war?
-Sie beugte sich über die kleine Uhr auf dem Nachttisch und
-fuhr zusammen, als sie bemerkte, daß bereits die zweite
-Stunde des Morgens angebrochen sei. Durch die Vorhänge
-stahl sich schon ein mattes Grauen und Dämmern herein.
-Der Frühwind sauste in den Eichenkronen, und hier und da
-erhob sich das vorzeitige Zirpen eines träumenden Vogels.
-Aber durch all diese Anzeichen des Erwachens drang etwas
-anderes hindurch, etwas so Fernes, Verschwommenes, daß
-sich die Einsame aufs äußerste anstrengen mußte, um
-überhaupt das in der Weite vollkommen versickernde und
-verschwimmende Geknister unterscheiden zu können. Abermals
-griff sie in die Kissen, jedoch mehr um sich festzuhalten,
-<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
-und starrte unverwandt auf die geschlossene Gardine,
-als ob das leise sich bewegende Leinen kein Hindernis
-für sie böte. Wenn sie ihr Gehör bis zur Schmerzhaftigkeit
-spannte, dann schlug von draußen ein gedämpftes Rasseln
-bis an ihr Lager, rasch aufeinanderfolgende Laute, die sich
-wie das Klappern über Treppenstufen herabrollender Erbsen
-anhörten. Großer Gott, das kämpfende Weib begriff plötzlich,
-was das gleich bleibende Geknatter zu bedeuten habe.
-Nun, da sie das weiße Kissen in ihren arbeitsgewohnten
-Fäusten zerkrampfte, jetzt, wo sie lauschte und lauschte,
-atemlos, jeder Bewegung beraubt, gleich einem Sünder,
-dem man die letzte Stunde verkündet, da stürzte es plötzlich
-zerschmetternd auf sie herab. Die ganze unnennbare Erkenntnis
-von Zerfleischen, Untergang, Mord, Umpflügen
-und der entsetzlichen Wertlosigkeit des bisher so ängstlich
-behüteten Einzeldaseins. Vor Wut und Grauen hätte sie
-laut aufheulen mögen. Ihr gestraffter Körper warf und
-spannte sich, als müßte sie ihn zur Verteidigung von etwas
-Letztem, Kostbarstem, einem anstürmenden Bedränger entgegenschleudern.</p>
-
-<p>Das erste Mal in ihrem Leben barst der Panzer von Vernunft
-und Sitte schallend über ihrer Brust auseinander.
-Es war ein anderes Weib, das, ohne eine Ahnung davon,
-wie es im Moment mit den frei gewordenen, zur Rache
-erhobenen Armen gleich einer Verkörperung ihres vergewaltigten
-Landes dasaß, es war ein anderes, wutgeschütteltes
-Geschöpf, das da, keinen Blutstropfen im Antlitz, mit unheimlich
-hervorblitzenden Zähnen zu dem schönen Männerkopf
-hinaufstierte.</p>
-
-<p>Das Bild sah mit seinen heißen, lebenshungrigen Augen
-auf das frostgeschüttelte Geschöpf herab. Laut aufschreiend
-strauchelte sie und stürzte so wie sie war, quer über das
-Bett. Das letzte, was sie hörte, war das immer heftiger
-<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
-werdende Zischen und Schwärmen der wilden Bienen, die
-mit den Köpfen summend gegen die Fensterscheiben taumelten.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Eine Uhr schlug. Und zur gleichen Minute richtete sich
-Johanna auf, um sich die Augen zu reiben. So geregelt
-verfloß ihr Dasein, daß sie sich sogar aus Schauer und
-Krampf pünktlich um die fünfte Morgenstunde emporraffte,
-denn es war die Zeit, wo sie die Mägde beim
-Melken zu beaufsichtigen pflegte. Erstaunt, ungläubig
-schüttelte sie das Haupt, als sie ihre sonderbare Lage
-bemerkte. Im hellen Licht des Tages fehlte ihr bereits
-jedes Verständnis für das schwächliche Nachgeben einer
-überwältigten Natur. Derartige Dinge verachtete sie heimlich
-und hatte sie stets für die Anzeichen einer überfeinerten
-und kränkelnden Epoche gehalten. Und jetzt wollten ihre
-eigenen Nerven versagen?</p>
-
-<p>Lächerlich!</p>
-
-<p>Dazu war sie nicht geschaffen. Es traten jetzt soviel
-neue, eiserne Aufgaben an sie heran. Mußte sie nicht
-versuchen, durch das Ansehen ihrer Person die Zerstörung
-ihres Besitztums zu verhindern? Bildete sie nicht den letzten
-Halt für ihre Untergebenen, die nur im Vertrauen auf
-ihren Schutz nicht schon längst ihr Heil in einer eiligen
-Flucht gesucht hatten? Während sie sich ankleidete, stieß
-sie unhörbar das Fenster auf und beugte sich hinaus. Dort
-drüben über den dichten Weizenfeldern wallte ein bläulicher
-Qualm. Schwer und massig dampfte er über die Flächen,
-wo früher das Gewoge der gelben Frucht das Auge der
-Besitzerin erfreut hatte. Und Johannas geschärfter Blick
-entdeckte sofort, daß dies bleigraue Brodeln nicht die
-silbernen Gespinste des Frühnebels waren. Nein, dort
-<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-draußen unter der dichten Decke verbarg sich etwas, das
-ihr Herz mit Grauen, aber auch mit lichter Hoffnung erfüllte.
-Vielleicht hatten die Männer ihrer Heimat dort
-unten auf dem Felde bereits eine furchtbare Ernte gehalten.
-Vielleicht war das Unkraut, das über Nacht aufgeschossen
-war, von schwieligen Händen ausgejätet und fortgesichelt,
-und das Stück Erde, auf dem sie groß geworden, der weiße
-Hof, dem ihr unermüdliches Wirken gegolten, sie waren
-womöglich schon wieder erlöst von ihren unheimlichen, nächtlichen
-Gästen. Noch gab sie sich solchen schimmernden Wünschen
-hin, als vom Hof ein lautes Gepolter und fremdartiger
-Lärm zu ihr heraufdrangen.</p>
-
-<p>Welch ein Bild! Wie packte es mit rauhem Griff ihr
-aufpochendes Herz und stieß es hin und her. Warum hatte
-sie den tollen Tumult, der dicht unter ihr fessellos durcheinander
-quirlte, auch nur für eine Sekunde übersehen
-können? Oh nein, die fremden Einlagerer waren weder
-versprengt noch abgezogen. In unordentlichen Haufen, die
-meisten erst halb bekleidet, standen sie gröhlend und lachend
-umher, und das Heu, das in Strähnen an ihren grün-grauen
-Uniformstücken herumhing, bewies, wo die Mannschaften
-diese Nacht eine Ruhestätte gesucht hatten. Schmerzlich
-verzog die Hausherrin den Mund, als sie mit ansehen
-mußte, wie die feste Tür des Kuhstalles von ein paar
-herkulischen Gestalten durch derbe Fußtritte aufgestoßen
-wurde, und ihre Brust hob sich rascher, als sie sah, wie
-vier bis fünf Kälber, jung geborenes Vieh, ohne weiteres
-aus ihrer warmen Behausung herausgetrieben wurden.
-Jämmerlich blökten die Tiere und dann verschwanden sie
-unter der dunklen Halle einer Scheune, aus der sich den
-Widerstrebenden bereits blutgefärbte Fäuste entgegenreckten.
-Aus der Küche erscholl lautes Zetern. Fluchende Männerstimmen
-schienen dort etwas zu fordern, was sich in der
-<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
-Eile gewiß nicht so schnell herbeischaffen ließ, und die
-Lauscherin zuckte zusammen, als das furchtsame Aufschreien
-aus Mädchenkehlen an ihr Ohr schlug.</p>
-
-<p>Oh, hier war die Hölle los. Alle Ordnung, jeder Respekt
-vor dem Hergebrachten, den die Älteste von Maritzken in
-ihrem Kreise mit soviel Mühe und Selbstaufopferung
-errichtet, alles das schien unter Hohnlachen von fremden
-Fäusten umgestürzt und in den Kot geworfen, als hätte
-es niemals das ganze Sein und Treiben hier beherrscht.
-Und mit einer Gebärde des Ekels und der Verachtung stürzte
-Johanna an ihren Schrank, um sich ein Gewand überzuwerfen.
-Eine flüchtige Minute strichen ihre Finger zögernd
-und prüfend über das zarte Geriesel eines waschseidenen
-Stoffes, denn eine ferne Vorstellung befiel sie von einem
-vornehmen Herrn und der möglichen Pflicht, ihr Haus
-stattlich zu vertreten. Aber gleich darauf schnürten sich ihre
-Augenbrauen unwillig zusammen, und mit einem kurzen
-Entschluß und ohne auch nur einen Blick an den Spiegel
-verschwendet zu haben, streifte sie ihr gewöhnliches blau
-und weiß gepunktetes Kattunkleid über, schnallte den
-schwarzen Ledergürtel fest über den Hüften zusammen und
-eilte mit einem einzigen Sprung bis zur Treppe. Allein
-schon auf der ersten Stufe besann sie sich. Gewaltsam
-zwang sie ihre alte Ruhe und Besonnenheit zurück. Sie
-strich sich eine Strähne ihres blonden Haares aus der Stirn
-und stieg mit ihrem gewohnten gebieterischen Gang die
-Treppe hinunter. Unten auf der Diele, dicht neben der
-Ausgangspforte, blitzte der Hausherrin im Morgenlicht
-ein metallischer Schein entgegen. Ein russischer Infanterist,
-dessen langer, rötlich-blonder Bart fast bis auf die Brust
-herabhing, hielt dort mit aufgepflanztem Bajonett die
-Wacht, während er einem struppigen Hund, den er an
-eiserner Kette hielt, zärtlich das Fell kraute.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-»Treten Sie hier zurück, damit ich herunter kann,«
-herrschte Johanna den Mann mit ihrer festen Stimme an.</p>
-
-<p>Der Russe hob das verschwommene gutmütige Haupt,
-und aus seinen verkniffenen blinzelnden Augen brach ein
-Strahl von Respekt und bedingungslosem Gehorsam. Einer
-solch imponierenden Frauengestalt, die so befehlend und
-deutlich ihre Wünsche durch ein Zeichen der Hand auszudrücken
-verstand, mußte der Slawe in seinem heimatlichen
-Garnisonsnest niemals begegnet sein. Demütig hob er die
-zerbeulte Mütze von seinem wilden Schopf, beugte sich und
-ließ klirrend das Gewehr auf den Steinen der Diele aufstampfen.
-Selbst der Hund kroch murrend unter die Stufe
-der Treppe.</p>
-
-<p>»Ist Fürst Fergussow zu sprechen?« fragte die Blonde.</p>
-
-<p>Verlegen wandte sich der Wachtposten hin und her. Sein
-Deutsch war so mangelhaft, daß er sich fast nur durch
-Zeichen zu verständigen vermochte. Deshalb hielt er das
-Bajonett auf den Hof hinaus und zeigte damit durch das Tor.</p>
-
-<p>»Weit,« sagte er.</p>
-
-<p>Johanna atmete auf, und doch ergriff sie ein leichter
-Schrecken.</p>
-
-<p>»Ist der Fürst schon abgerückt?« drängte sie weiter.</p>
-
-<p>Jetzt kraute sich der Wachtsoldat hinter den Ohren, und
-da seine Unfähigkeit, sich verständlich zu machen, immer
-mehr wuchs, so verlegte er sich völlig auf die den Slawen
-so geläufige Weise der pantomimischen Darstellung.
-Schallend warf er sein Gewehr an die Wange, nahm
-eine drohende Miene an und tat so, als ob er mit einem
-fernen Gegner Schüsse wechsle. Gleich darauf stach er mit
-dem Bajonett kräftig in die Luft, warf den Oberkörper vor
-und stampfte so schrecklich mit den Füßen, daß sein zottiger
-Hund unter dem Treppenabsatz furchtsam aufzuwinseln
-begann.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a>
-Johanna hatte begriffen. Sie faßte rasch nach dem Geländer
-der Treppe und warf hastig hin:</p>
-
-<p>»Es findet also hier in der Nähe ein Treffen statt, nicht
-wahr? Ist Fürst Fergussow dabei?«</p>
-
-<p>Der Russe nickte lebhaft und befriedigt.</p>
-
-<p>»Schon zu Ende,« stoppelte er mühsam aneinander.
-»Nemzows alle hin« &ndash; er schlug mit dem Kolben auf
-die Erde, schloß die Augen und streckte die Zunge heraus &ndash;
-»spitze Mützen viel zu wenig &ndash; viel zu wenig.«</p>
-
-<p>Die Gutsherrin ließ ihren Halt fahren und richtete sich
-auf. Nun wußte sie, was die geschäftigen Bienen bei Tagesgrauen
-vor ihren Fensterscheiben gesummt hatten. Eine
-kleine Schar deutscher Männer, die es versucht hatte, die
-widerrechtlich Eingedrungenen zu vertreiben, sie war der
-Übermacht, der stupiden Masse, erlegen. Und Fürst Dimitri,
-der elegante Liebling der Petersburger Salons, der Träger
-der letzten und überfeinertsten Kultur, hatte es sicherlich
-nicht verschmäht, seinen Degen in das Blut der halb Wehrlosen
-zu tauchen. Wie selbstgefällig und von eigener Bewunderung
-geschwellt er jetzt wohl dort draußen über ihr
-zerstampftes Weizenfeld reiten mochte, unter dessen Halmen
-die verstummten Landsleute sich zum letzten Schlafe verkrochen
-hatten.</p>
-
-<p>Ein heftiges Gefühl des Widerwillens durchfuhr die
-Nachdenkende. Und mit einer entschiedenen Bewegung
-wandte sie sich zur Tür, als ob sie den Infanteristen,
-dessen darstellerischem Geschick ihr quälender Wissensdurst
-soviel verdankte, ohne weiteres beiseite zu schieben gedächte.
-Indessen der Russe bewegte wiederum bedauernd sein
-plumpes Haupt, knickte zusammen und streckte in seiner
-kauernden Stellung sein Gewehr quer vor den Eingang.</p>
-
-<p>»Was heißt das?« widersprach Johanna ungehalten,
-»sehen Sie nicht, daß ich auf meinen Hof hinaus will?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
-Der Posten aber schüttelte seine dichte Mähne noch stärker.
-»Nix,« suchte er zu erklären, »keiner heraus.«</p>
-
-<p>Da stieg eine feurige Röte in die sonst so blassen Wangen
-der Gutsbesitzerin, und sich verächtlich abwendend, schritt
-sie ohne ein weiteres Wort der Entgegnung an die Tür des
-kleinen Salons, den sie am verflossenen Abend für den
-Verwundeten geöffnet, und klopfte laut an das dunkle
-Holz. Zu ihrer größten Verwunderung rief Mariannes
-immer gleichmäßige und ruhige Stimme: »Herein.«</p>
-
-<p>Was war das?</p>
-
-<p>Unwillkürlich lauschte die große Blonde, als wünschte
-sie den entschwundenen Laut noch einmal zu erhaschen. Das
-war doch nicht möglich?! Wie konnte das unbesonnene
-Geschöpf es wagen, ohne die Erlaubnis der Ältesten den
-verwundeten Krieger in seinem Zimmer aufzusuchen, und
-zwar zu einer Zeit, zu der die sonst immer Müde und
-Phlegmatische noch lange der Ruhe zu pflegen gewohnt
-war? Allmächtiger Gott, war denn alles, was bis dahin
-als unverbrüchliches Gesetz galt, mit dem Einrücken der
-Fremden über den Haufen geworfen? Gab es nichts mehr,
-was in einer deutschen Wirtschaft unverrückbar feststand,
-nichts Solides und Sicheres, dem man sich williger beugte
-und unterwarf, als der dummen zufälligen Macht der
-Hereingeschneiten?</p>
-
-<p>Festen Schwunges öffnete Johanna die Tür, und so groß
-war die Gewalt ihres Armes, daß das zurückfallende Holz
-einen schneidenden Luftzug verursachte, vor dem der Verwundete
-auf dem Sofa gestört das bärtige Gesicht verzog.
-Aber wie seltsam hatten sich die Züge des robusten Rittmeisters
-verwandelt. Die glänzende Rundung seiner
-Wangen dunkelte hohl und eingefallen, unter der aufgerissenen
-Uniform hob sich die entblößte Brust schwer
-und rasselnd, und der schlaff herabhängende Arm zeigte
-<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
-die innere Ermattung deutlicher, als alles andere. Nur die
-großen blauen Augen blitzten noch ebenso wild und unstet,
-wie am Abend zuvor.</p>
-
-<p>Dicht vor ihm, tief in einen mattblauen Samtsessel
-zurückgelehnt, schlug Marianne ihre Füße gefällig übereinander
-und schien eben aus einer jener leichten Plaudereien
-aufgestört, die sie so heiter und zugleich so inhaltslos
-zu führen wußte. Hinter dem Kopfende des Sofas
-jedoch verharrten, wie in wachem Schlaf und mit halb
-geschlossenen Augen die Frau des Verwalters Baumgartner
-sowie ihr halbwüchsiges Töchterchen, obwohl sie sich vor
-Mühe, Angst und Anstrengung kaum noch auf den Füßen
-zu halten vermochten. Wahrlich, für die Hereintretende
-lag ein empörender Unterschied in dem völligen Zerfall dieser
-beiden arbeitenden und geplagten Geschöpfe und der unbekümmerten
-Behaglichkeit ihrer eigenen Schwester. Jedoch
-die Verletzte bezwang sich und hob, nachdem sie »guten
-Morgen« geboten, nun in ihrer kurzen und sehr verständlichen
-Weise an:</p>
-
-<p>»Wie kommt es, daß du heut schon so früh zu sehen bist,
-Marianne?«</p>
-
-<p>Die Schwarze lächelte trotzig. Jetzt, da eine andere,
-eine fremde Gewalt hier im Hause herrschte, da schien es
-ihr Vergnügen zu bereiten, sich dem Willen der älteren
-Schwester immer mehr zu entziehen. Und in ihrer spöttischen
-und selbstbewußten Art versuchte sie, es der Großen,
-die ihr so wenig Freiheit ließ, deutlich zu zeigen. Ohne
-ihre lässige Stellung aufzugeben, warf sie gleichgültig hin:</p>
-
-<p>»Oh, ich sitze schon etwa eine Stunde hier. Ich hörte
-unseren Gast ein paarmal laut rufen, und da meinte
-ich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Doch die Ältere ließ sie nicht zu Ende gelangen.</p>
-
-<p>»Unseren Gast?« unterbrach sie scharf und richtete ihre
-<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
-strengen Augen wenig erfreut auf das blutleere Antlitz des
-Mannes, der ihr schönes blaues Samtsofa so unbarmherzig
-zerdrückte.</p>
-
-<p>Von dem harten Ton getroffen schlug auch der Rittmeister
-erstaunt und weltenfremd seine blauen Augen auf,
-die er für einen Moment kraftlos geschlossen. Unwillkürlich
-stützte er sich mit der Rechten krampfhaft auf das Polster
-der Seitenlehne, während er sich bemühte, selbst in seiner
-jetzigen traurigen Verfassung eine seiner gewohnten Verneigungen
-auszuführen. Allein er brachte es nur bis zu
-einem ruckartigen Vorstrecken des zerzausten Hauptes, um
-gleich darauf in ein nur schwer verhehltes Stöhnen auszubrechen.</p>
-
-<p>»<i>Bon jour</i>, Gnädigste,« rasselte er in dumpfen Tönen,
-»hoffe, daß nicht gestört worden sind. Ich selbst vortrefflich
-geruht, ganz vortrefflich,« und er schlug sich mit der flachen
-Hand auf die nackte Brust, so daß es ein merkwürdiges
-fleischiges Geräusch verursachte. »Pompöses Quartier,«
-fuhr er fort, wobei er müde und ausdruckslos seinen
-Blick über die Samtmöbel fortgleiten ließ, bis er an der
-prachtvollen Gestalt von Marianne haften blieb. »Damen
-bemühen sich um unbedeutende Unpäßlichkeit gar zu
-aufopfernd. Darf ich fragen,« hauchte er und dehnte sich
-von Schmerzen zerrissen hin und her, »ob Arzt &ndash; Arzt
-schon benachrichtigt wurde? Handelt sich zwar nur um
-Kleinigkeit &ndash; versichere Sie, um absolute Bagatelle &ndash;
-aber man möchte sich doch möglichst bald wieder an
-lustigem Herumstreifen beteiligen.«</p>
-
-<p>Jetzt gab Marianne ihre ruhende Stellung auf, und
-während sie sich über ihr welliges Haar strich, da äußerte
-sie recht warm und bedauernd, als ob ihr das Leiden des
-fremden Reiters besonders nahe ging:</p>
-
-<p>»Herr Rittmeister, vor einer halben Stunde hat Ihr
-<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
-Wachtmeister bereits gemeldet, daß Herr Doktor Küster,
-unser Landarzt, leider nicht mehr aufzufinden wäre.« Und
-unbekümmert und ohne auf die schreckensstarre Schwester
-zu achten, setzte sie noch hinzu: »Das Haus des Doktors
-soll vollständig herabgebrannt sein.«</p>
-
-<p>»Herabgebrannt?!« stieß Johanna, die ihren Platz an
-der Tür noch immer nicht aufgegeben hatte, sich vergessend
-hervor, und ihre Fäuste ballten sich. »Herr Rittmeister,
-haben Sie gehört? Wie wollen Sie eine solche Schandtat
-verantworten?«</p>
-
-<p>Inzwischen hatte sich Leo Konstantinowitsch mühsam in
-die Höhe gerichtet, und sein Bewußtsein gelangte allmählich
-zu größerer Klarheit. Bedauernd zuckte er die Achseln.</p>
-
-<p>»Sicherlich nur Zufall, Gnädigste,« beschwichtigte er.
-»Unter meiner Führung wäre gewiß nicht geschehen. Aber
-Fürst Fergussow, der hier kommandiert,« fuhr er berechnend
-und immer mehr aufwachend fort, und ein heimtückischer
-Zug verbreitete sich um seine groben Lippen, »Fürst Fergussow
-von Petersburger Garde steht viel zu hoch und &ndash;
-wie sage ich &ndash; denkt viel zu liberal, als daß er gemeinen
-Soldaten ein so harmloses Pläsier verwehren sollte.«</p>
-
-<p>»Aber das ist ja nicht möglich,« schnitt Johanna verächtlich
-ab. »Wie können Sie einem Aristokraten Ihres
-Landes Freude oder gar Duldung für ganz gewöhnliche
-Brandstifterei, für Raub und Diebstahl nachreden?«</p>
-
-<p>Der Russe verbeugte sich wieder und schlug mit der Hand
-abwehrend durch die Luft.</p>
-
-<p>»Pah, unsere Aristokraten,« zischte er, und seine unerträglichen
-Schmerzen rissen das letzte Bedenken nieder, über
-dasjenige herzufallen, was ihm in besseren Zeiten so oft
-den Weg versperrt hatte. Auch zwang ihn fressender Neid,
-jenen schönen Kameraden, von dem er immer argwöhnte,
-daß er sich ohne Mühe alle Weiber dienstbar zu machen
-<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
-wisse, gerade vor diesen beiden prangenden Geschöpfen
-herunterzureißen und zu besudeln. »Setzen sich, schöne
-Damen, &ndash; setzen sich Gnädigste.« Er schob mit dem freien
-Fuß krachend und ohne Verständnis für die Unschicklichkeit,
-der Ältesten von Maritzken einen Samtsessel hin. »Setzen
-sich,« schrie er ungeduldig, als er sie zögern sah.</p>
-
-<p>Und erst, als Johanna, um den Kranken nicht zu heftigerem
-Toben zu reizen, seinen Wunsch befolgt hatte,
-da sprach der Leidende in gieriger Verkleinerungssucht
-weiter. Aus jedem seiner Worte tröpfelte bitterer Haß.
-Der Bauernsohn, der todgezeichnete, schlug mit der Faust
-gegen das goldene Schild des hoch Gefürsteten, von dem
-er wußte, daß er selbst für ihn immer nur ein freigelassener
-Leibeigener geblieben sei.</p>
-
-<p>»Oh, Damen kennen nicht,« fiel es giftig und neidisch von
-seinen Lippen, und vernehmlich redete sein brennendes Fieber
-mit: »wie wenig reiche Hofherren sich um ihre Untergebenen
-kümmern. Wir existieren gar nicht für sie. Wir
-sind nur Namen, Namen, die man in Listen schreibt oder
-wieder wegstreicht. Und besonders Dimitri Fergussow.
-Glauben mir, ich sage Ihnen, um Sie vor dieser glatten
-Maske zu warnen. Denn ist ja möglich, daß mich lächerlicher
-Ritz dorthin befördert, wohin wir gestern schon
-eine Anzahl von uns versteckt haben. Eingeschaufelt,
-verstehen Sie? Ich bitte um Vergebung, ist sehr
-häßlicher Gedanke, aber Teufel hält uns alle am
-Halskragen. Ja, besonders dieser Fergussow trägt Stein
-in der Brust. Wie könnte er sonst leben, wie könnte
-er ruhig schlafen? Ist ein Mörder, glauben Sie mir, ein
-Frauenschlächter, natürlich nicht mit Messer. Aber an
-seinen Händen klebt mehr heißes Blut, als hier an Säbel,
-den ich gestern noch munter hin und her tanzen ließ.«</p>
-
-<p>Da reckte sich Johanna und machte Miene sich zu erheben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
-»Das interessiert mich nicht,« lehnte sie frostig ab.
-»Mich gehen die Schicksale Ihres Vorgesetzten nichts an.«</p>
-
-<p>»Doch, doch,« widersprach Sassin eifrig, als ob er
-fürchte, der heimlich gehaßte Kamerad könnte ihm auch
-jetzt wieder entwischen, »Sie wissen nicht. Aber ist schändlich,
-schreit zum Himmel. Ganz Petersburg beklagt noch
-heute kleine Kroniatowska.«</p>
-
-<p>»Lassen Sie das,« befahl Johanna halblaut, und doch
-rührte sie sich nicht, ja sie wandte gegen ihren Willen das
-blonde Haupt dem Liegenden zu, als Marianne neugierig
-näher rückte.</p>
-
-<p>»Wer ist die kleine Kroniatowska?« warf die Schwarze
-gespannt dazwischen, und ihr dunkles Antlitz belebte sich.
-In diesem Augenblick waren die letzten Reste der Erinnerung
-an die Not und das Grauen, die sich über Nacht auf das
-Land herabgesenkt hatten, von der Leichtsinnigen vergessen.
-»Ich erinnere mich, es wurde auch während unseres Besuches
-bei Ihnen von der Dame gesprochen. Es muß ein
-sehr junges Mädchen gewesen sein.«</p>
-
-<p>»Sehr jung? Sagen Sie Kind?« stieß Leo Konstantinowitsch
-hervor, und die Sucht, seinen Gefährten in einem
-möglichst ungünstigen Lichte erscheinen zu lassen, verlieh ihm
-eine vorüberblitzende Spannkraft. »Vollkommenes Kind,
-meine Damen,« rief er mit kräftigerem Ton als bisher,
-»fünfzehnjährig. Wie man sagt, zweifelhafter Nachkömmling
-von großer Katharina.«</p>
-
-<p>»Bitte, das wünschen wir nicht zu hören,« verwies hier
-Johanna ernstlich entrüstet und machte Miene aufzustehen.</p>
-
-<p>Allein der Kranke faltete beinahe flehend die Hände und
-stammelte inbrünstig:</p>
-
-<p>»Bleiben Sie, bleiben Sie, vergesse mich nicht wieder.
-Wollte Ihnen nur erzählen, wie durch betrügerischen Halunken
-von Mönch guter Dimitri mit kleiner ahnungslosen
-<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
-Prinzessin bekannt wurde. Eifer von Herrn Adjutanten
-soll damals in Glaubenssachen so überwältigend und überzeugend
-gewesen sein, daß armes Ding in dem demütigen
-und zerknirschten Bekenner einen Erweckten, &ndash; haha &ndash;
-einen Erleuchteten sah. Ist nicht hübsch? Einem solchen
-Heiligen gegenüber durfte man natürlich keinen eigenen
-Willen besitzen.«</p>
-
-<p>»Hören Sie auf,« befahl Johanna von Grauen geschüttelt
-und starrte ihn an.</p>
-
-<p>»Soll brausende Glut zwischen Beiden gewütet haben.
-Natürlich nur himmlische. Was weiß ich? Einige Monate
-später freilich lag Kleine aufgebahrt zwischen Wald
-von weißen Lilien. &ndash; Vergiftet. &ndash; Seine Durchlaucht
-aber weinte und schluchzte, klagte sich des gräßlichsten Verbrechens
-an, und Kammerdiener soll ihm zweimal Revolver
-entwunden haben. Ja, ist gutmütige und mitfühlende
-Seele, und beruht gewiß auf Verleumdung, wenn Klubgenossen
-einige Wochen darauf behaupteten, Fürst Dimitri
-hätte jeden Zusammenhang mit der fatalen Affäre schroff
-abgelehnt, ja achselzuckend geäußert, man könne doch nicht
-verlangen, daß zu seinen übrigen Hofämtern noch Charge
-von Kinderbonne übernehme. Witzig, meine Damen, nicht
-wahr? Treffend! Kavalier, dem alle Herzen zufliegen.
-Leo Konstantinowitsch Sassin kann sich natürlich nicht
-messen, ist nur armer Bauernsohn. Aber Teufel hole all
-diese wahnsinnigen Unterschiede! Man bekommt sie satt,
-wenn man so da liegt, wie ich.«</p>
-
-<p>Der Rittmeister schwieg und sank zurück. Die übermäßige
-Anstrengung brachte ihn um den Genuß, den Erfolg seiner
-Boudoir-Geschichte beobachten zu können. Und doch wäre er
-vielleicht mit der Wirkung, die er bei den beiden Mädchen
-erzielt hatte, zufrieden gewesen. Denn Marianne unterdrückte
-kaum ihr vielbedeutendes üppiges Lächeln, und
-<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a>
-ihr Geist, der nur bei derartigen Intrigen eine Teilnahme
-verriet, wo es auf den Kampf zwischen Mann und Weib
-ankam, er schien durch das Geheimnisvolle dieser sündigen
-Affäre angenehm erregt. Auch Johanna lächelte. Aber
-es war die kalte Befriedigung eines Menschen, der sich
-wohl fühlt, weil seine Abneigung und sein Haß endlich
-einen gesicherten Grund gefunden. Ein müdes, schlaffes
-Schweigen breitete sich in dem kleinen Gemache aus. Man
-hörte nur noch das Plätschern des Wassers, so oft das
-schlaftrunkene Weib des Verwalters dem Verwundeten eine
-neue Kühlung auf die Brust legte. Und eine ganze Weile
-saß die Älteste von Maritzken, die sonst für jede Minute
-des Tages eine besondere Beschäftigung wußte, teilnahmlos
-und stumm, gemartert von der unbeschreiblichen Leere der
-Zwecklosigkeit, da ihr Wirken und Schaffen von einer
-brutalen Gewalt unterbunden war.</p>
-
-<p>Plötzlich fuhr sie auf. Wie lange sie so vor sich hingesonnen,
-wußte sie nicht mehr. Jetzt sah sie, wie Marianne
-eilfertig das Fenster aufriß, und zu gleicher Zeit klang ein
-Trompetensignal über den Hof. Das Getrappel vieler Rosse,
-sowie das laute Gewirr sich verschlingender Stimmen erfüllte
-die Morgenluft.</p>
-
-<p>»Fürst Fergussow kommt eben durch das Tor,« meldete
-Marianne, als ob es sich um einen längst ersehnten Befreier
-handle, »welch einen schönen Schimmel er reitet.«</p>
-
-<p>»Arabische Zucht,« murmelte von seinem Sofa Leo Konstantinowitsch,
-obwohl er sich seinem Dämmerzustand nicht
-mehr entwinden konnte. »Zarengeschenk &ndash; verwünschte
-Bande!«</p>
-
-<p>»Komm, Johanna,« drängte Marianne noch einmal
-und winkte lebhaft mit dem Finger, »denke nur,
-Durchlaucht hat mich schon bemerkt und ist schon vom
-Pferde herunter. Jetzt wirft er die Zügel einem anderen
-<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a>
-zu und nähert sich direkt unserem Fenster. Willst du ihn
-nicht begrüßen?«</p>
-
-<p>Von der Lagerstatt des Kranken drang ein Schnauben
-herüber. Die Blonde aber regte sich nicht, sie sank nur
-noch tiefer in ihren Stuhl zurück, als könnte sie sich
-auf diese Weise vor den Blicken des jungen Mannes verbergen,
-der sich soeben mit einem höflichen Gruß in die
-Fensterhöhlung hineinbeugte.</p>
-
-<p>»Guten Morgen,« rief die wohlklingende Stimme, indem
-sich der elegante Reiter über die glatte Mädchenhand
-neigte, die ihm ohne Zögern überlassen wurde; in demselben
-Augenblick jedoch erfaßten seine scharfen Augen auch
-schon die hohe Gestalt in dem Dunkel des Zimmers. »Ah,
-ich sehe, die Damen betätigen sich bereits in ihrem schönsten
-Metier, Sie bringen Trost und Hilfe ohne Ansehung der
-Person. Ich bin Ihnen zu größtem Danke verpflichtet, weil
-Sie sich um den armen Kameraden so sorgsam bemühen.«</p>
-
-<p>»Ja, ausgezeichnet, fabelhaft,« rief der Verwundete vom
-Sofa aus dazwischen, und man wußte nicht, ob seine Wut
-oder sein Dankbarkeitsgefühl überwog, »fühle mich wie
-im Himmel.«</p>
-
-<p>»Das ist gut, Leo Konstantinowitsch, das ist gut,« begrüßte
-ihn der schlanke Oberst nun mit einem lebhaften
-Winken der Hand, »Sie sehen schon viel besser aus, lieber
-Kamerad.«</p>
-
-<p>»Ganz sicherlich,« schrie der andere, »Wohlbefinden steigert
-sich mit jeder Minute.«</p>
-
-<p>»Das freut mich, Leo Konstantinowitsch, das freut mich
-wirklich ungemein.« Auf seinem schönen Gesicht strahlte
-es auf, die Besserung in dem Ergehen des Kameraden bedeutete
-offenbar für ihn eine Erleichterung. »Denken Sie,
-lieber Freund,« fuhr er eifrig fort, indem er sich mit der
-Hand auf das Fensterbrett stützte, »ich habe auch endlich
-<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a>
-einen Stabsarzt aufgetrieben, einen vortrefflichen Mann,
-Korsakow mit Namen, den ich von einem Aufenthalt in
-der Krim her kenne, wo er sich merkwürdigerweise mit
-der Züchtung junger Haifische abgab.«</p>
-
-<p>»Gut, gut,« stöhnte Sassin, »dann ist er gerade für
-mich der passende Mann.«</p>
-
-<p>Der Fürst mußte lachen, und Johanna, die noch immer
-unbeweglich in ihrem blauen Samtsessel verharrte, entdeckte
-mit einigem Unbehagen, wie unglaublich frisch und
-unberührt das Antlitz des Aristokraten leuchtete, sobald er
-offen seine Freude äußerte. Es wollte zu ihrem Bilde nicht
-stimmen. Und sie schüttelte sich leicht. Dann lauschte sie
-gespannt weiter.</p>
-
-<p>»He, Korsakow,« rief der Fürst inzwischen laut über
-den Hof, »hier ist Ihr Patient.«</p>
-
-<p>Und als sich aus dem Getümmel der zum Teil abgesattelten,
-zum Teil vor einer Brunnentränke sich erfrischenden
-Pferde eine kugelrunde schwarzbärtige Gestalt mit einer
-ungeheuren zerbeulten Schirmmütze abgelöst hatte, da eilte
-ihm der Oberst elastisch entgegen, um den Arzt ohne weiteres
-an der Achselklappe bis dicht vor das Fenster zu ziehen.</p>
-
-<p>»Hier drinnen, lieber Doktor,« erklärte er, »finden
-Sie Ihren Patienten. Machen Sie schnell, daß Sie hereinkommen.«</p>
-
-<p>Allein zu Johannas Verwunderung rührte sich die dicke
-Kugel nicht. Der Mann zupfte vielmehr an seinem verworrenen
-schwarzen Bartgekräusel, rückte sich die merkwürdig
-großen Horngläser auf der plumpen Nase zurecht
-und starrte den Verwundeten auf dem Sofa unverwandt an.</p>
-
-<p>»Was wollen Sie?« schrie Sassin wütend.</p>
-
-<p>»Wundfieber,« murmelte der andere und zog sich von
-dem Fenster ein wenig zurück, als ob er sich vor einer
-ansteckenden Krankheit zu hüten hätte. »Der Einschuß
-<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a>
-sitzt zwei Zentimeter rechts von der Lunge, und die Kugel
-behindert die Atmung.«</p>
-
-<p>»Herr,« sagte Dimitri, ihn verblüfft musternd, »Ihr
-Kombinationstalent auf diese Distanz ist erstaunlich. Aber
-hegen Sie nicht das Verlangen, sich etwas dichter in die
-Nähe meines verletzten Freundes zu begeben? Ich bitte
-um Verzeihung, wenn ich mich in fremde Angelegenheiten
-mische, aber mir scheint, in einem solchen Fall pflegt von
-Ihren Kollegen die Sonde angewendet zu werden.«</p>
-
-<p>»Ganz recht, die Sonde, ganz recht,« stotterte der
-Schwarzbärtige und tastete nach einem Instrumententäschchen,
-das ihm quer über den Bauch herabhing; als es
-jedoch drinnen klirrte, erschrak er sichtlich. »Sie müssen
-nämlich wissen, Durchlaucht,« offenbarte er sich endlich,
-während ihm der Schweiß unter der großen Mütze hervorlief,
-»daß ich bisher nur auf dem Katheder stand. Es
-ist nicht mein Wunsch, mich so plötzlich in die Praxis versetzt
-zu sehen. Aber immerhin, immerhin,« setzte er sich zusammenraffend
-hinzu, »es wird gehen, man wird sich
-Mühe geben. Schließlich« &ndash; er zuckte die Achsel &ndash; »eine
-gute Natur muß uns unterstützen, sonst vermögen wir alle
-nichts. Ich werde den Kranken untersuchen.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Eine halbe Stunde später war Leo Konstantinowitsch
-Sassin bereits in das verlassene Zimmer Isas geschafft.
-Und nachdem der umfangreiche Stabsarzt unter Aufbietung
-des äußersten Mutes zu seinem eigenen Erstaunen die
-Kugel leicht und ohne große Hindernisse, nur unterbrochen
-durch ein häufiges Aufbrüllen des Verwundeten, aus dem
-verletzten Körper entfernt hatte, da lag nun der Rittmeister
-in dem schneeweiß angestrichenen Bett des jungen Mädchens
-<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a>
-und erzählte seinem Helfer zu dessen drückendster Verlegenheit
-wirre und krause Geschichten.</p>
-
-<p>»Verwünschte Bande, am Hofe, lieber Doktor &ndash; wir
-Bauern nichts als Leibeigene für die Herren. &ndash; Sagen
-Sie, Teurer, haben Sie vielleicht üppige schwarze Nemza
-gesehen, wie sie unter Wald von Lilien lag? &ndash; Zum
-Teufel, halte nicht aus, Durchlaucht.«</p>
-
-<p>Zu derselben Zeit klopfte Johanna mit harter Hand
-gegen die Tür des kleinen Eßzimmers, das Fürst Fergussow
-sich für seinen persönlichen Gebrauch vorbehalten hatte.</p>
-
-<p>»<i>Entrez</i>,« rief eine helle, klangreiche Stimme.</p>
-
-<p>Und als der im Zimmer erregt auf und nieder Wandelnde
-seine blonde Gastgeberin in dem einfachen blau und weiß
-gepunkteten Kattunkleid gewahrte, da knöpfte er gewandt
-die halb offene Uniform zusammen, und blickte hilfsbedürftig
-nach dem Tisch, wohin er seine Mütze, Säbel,
-einen Revolver und mehrere Karten achtlos übereinander
-geworfen hatte.</p>
-
-<p>»Sie müssen vergeben,« begann er rasch und schüttelte
-sich leicht; »man ist doch ein wenig außer Fassung, wenn
-man, wie ich, zum erstenmal mit dem Sensenmann Karten
-spielte. Das peitscht auf die Nerven zuerst mächtig ein,«
-atmete er, trat an den Tisch und ließ die Säbelscheide
-verloren durch seine Hand gleiten. Aber gleich darauf hielt
-er inne, bezwang die eigene Unrast, und während er energisch
-sein verwirrtes braunes Gelock zurückwarf, blieben seine
-dunklen Augen an der aufrechten Gestalt der Deutschen
-haften, und er fragte sich, warum sie wohl so bestimmt und
-fordernd vor ihm aufrage. »Darf ich fragen, ob ich Ihnen
-mit irgend etwas dienen kann, Gnädigste?« begann er in
-seinem verbindlichen Ton, obwohl die Floskel im Moment
-etwas müde klang.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a>
-»Ja, Fürst Fergussow,« entgegnete Johanna, »Sie
-müssen mir jetzt einige Fragen beantworten.«</p>
-
-<p>»Muß ich? Mit Vergnügen! Bitte sprechen Sie offen.«</p>
-
-<p>»Nun gut, dann entdecken Sie mir, ob Sie wirklich an
-Ihre Wachtposten den Befehl erteilten, mich nicht mehr
-aus meinem Hause zu lassen.«</p>
-
-<p>Der Fürst verzog die Augenbrauen und sah in die Luft.
-Er schien sich auf seine eigene Anordnung nicht mehr ganz
-sicher zu besinnen. Dann glitt ein gewinnendes Lächeln um
-seinen fein geschnittenen Mund.</p>
-
-<p>»Ich errate, mein Fräulein,« sagte er liebenswürdig.
-»Ihre Wirtschaft, der Sie sich zu meiner Bewunderung so
-umsichtig widmen, leidet offenbar Schaden, wenn Sie die
-Baulichkeiten auf Ihrem sauberen weißen Hof nicht mehr
-inspizieren können, nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Jawohl,« nickte Johanna.</p>
-
-<p>Der Fürst stieß achtlos unter die Generalstabskarten auf
-den Tisch: »Das möchte ich selbstverständlich vermeiden.
-Mir liegt Ihnen gegenüber jede Härte vollkommen fern.
-Nein, bitte halten Sie dies nicht für ein Kompliment, ich
-tue dies schon aus Respekt vor meiner eigenen Rasse. Ihnen
-steht also von heut an der Aufenthalt auf Ihrem Hof frei,
-vorausgesetzt, daß Sie auch mir eine kleine Bedingung
-erfüllen.«</p>
-
-<p>»Worin besteht die?« forschte Johanna kühl. »Sie haben
-ja die Macht, Durchlaucht,« setzte sie bitter hinzu, »alles
-zu erzwingen.«</p>
-
-<p>Dimitri Fergussow wurde ungeduldig. Die ernsthafte
-Unterhaltung schien seinen vibrierenden Nerven lästig zu
-fallen.</p>
-
-<p>»Sie werden mir also das ehrenwörtliche Versprechen
-geben,« erklärte er leichthin, »die Grenzen Ihres Hofes
-auf keinen Fall zu überschreiten. Auch für Ihre Familienangehörigen
-<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a>
-sowie für Ihre Angestellten bin ich gezwungen,
-von Ihnen diese Bürgschaft zu verlangen.«</p>
-
-<p>»Ich soll mich verpflichten&nbsp;...?« rief Johanna zurücktretend.</p>
-
-<p>Jetzt leuchtete es in den schönen Männerzügen abermals
-auf. Es war ganz das sonnige Strahlen, das das arbeitsgewohnte
-Mädchen so schwer begreifen konnte. Aber in dem
-halbdunklen Zimmer wurde es förmlich hell davon.</p>
-
-<p>»Sie müssen mich nicht mißverstehen,« sagte der Offizier,
-leicht auf sie zuschreitend, »ich habe nämlich den Eindruck,
-als wenn Ihr fester Wille hier von allen geehrt und gefürchtet
-würde. Auch von dem Fräulein Schwester; übrigens
-ein sehr erfreulich lebhaftes Temperament,« setzte
-er hinzu. »Empfangen Sie mein Kompliment zu dieser
-graziösen, ganz undeutschen Erscheinung.«</p>
-
-<p>Da runzelte die Blonde schwer die Stirn, ihre Figur
-straffte sich, so daß die kräftigen Glieder hervortraten, und
-ihre Wangen flößten durch ihre Marmorblässe dem Beschauer
-ein erneutes Befremden ein.</p>
-
-<p>»Das ist mir unlieb zu hören,« warf sie frostig hin.
-»Aber darüber schulde ich Ihnen keine Rechenschaft.«</p>
-
-<p>»Gewiß nicht,« lenkte der Russe betreten ab und schüttelte
-den Kopf.</p>
-
-<p>»Im übrigen gebe ich Ihnen, wenn auch ungern, das
-verlangte Ehrenwort. Ich werde also den Verkehr mit der
-Außenwelt vermeiden,« hob sie deutlich hervor, um ihrem
-Gegenüber zu zeigen, daß sie seine Absicht verstanden hätte.
-Dann aber wurde sie unruhig, und die Finger ihrer Rechten
-irrten tastend auf ihrem Gewand herum. »Verzeihen Sie
-noch eine Frage, Herr Oberst,« rang sie sich endlich ab,
-»das Gefährt, das meine Schwester Isa gestern abend auf
-das benachbarte Gut Sorquitten bringen sollte, ist nicht
-zurückgekehrt. Wäre es Ihnen vielleicht möglich, eine Erkundigung
-<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a>
-nach dem Verbleib unserer Jüngsten einzuziehen?«</p>
-
-<p>Der Fürst blinzelte ein wenig und maß die Gutsherrin,
-die ihm in ihrer Sorge weiblicher als bisher erschien, von
-den Blondhaaren bis zu den Füßen.</p>
-
-<p>»Sie sehen mich so an,« stotterte Johanna immer verwirrter,
-und eine Ahnung stieg ihr auf, in ihrer Frage
-könnte für den Russen etwas Verdächtiges enthalten sein.
-»Sehen Sie,« suchte sie sich zu entlasten, »es handelt sich
-um ein ganz junges, unerfahrenes Ding. Ich vertrete
-Mutterstelle bei ihr.«</p>
-
-<p>Der Fürst wiegte noch immer bedenklich das Haupt,
-und seine Augen gruben sich unausgesetzt und prüfend in
-die des großen Mädchens. Endlich sagte er vorsichtig:</p>
-
-<p>»Ich bin in der Tat in der Lage, Ihnen, auch ohne Erkundigung,
-eine Angabe über den Verbleib des Fräuleins
-zu machen, denn ich habe die junge Dame selbst gesehen.«</p>
-
-<p>»Sie? Um Gottes willen, Durchlaucht, wo? Ist sie
-gesund? Ihr ist doch nichts Schlimmes widerfahren?«</p>
-
-<p>Jetzt schien der schlanke Offizier mit sich einig zu sein.
-Er bettete die Hände leicht auf den Rücken und schritt hinter
-dem Tisch auf und ab. Leise klirrend begleiteten die Sporen
-seinen federnden Gang.</p>
-
-<p>»Verehrtes Fräulein,« meinte er, &ndash; aber Johanna war
-es doch, als ob er jedes seiner Worte besonders prüfe und
-wäge &ndash; »Sie brauchen sich über die Lage Ihrer Jüngsten,
-soweit ich es beurteilen kann, keinen Befürchtungen hinzugeben.
-Die junge Dame befindet sich in der Stadt, im Hause
-eines befreundeten Herrn&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Konsul Bark,« fiel hier Johanna atemlos ein.</p>
-
-<p>Der Russe nickte und warf ihr einen verständnisinnigen
-Blick zu. »Ganz recht, und ich hoffe, daß der Ausfall der
-kriegsgerichtlichen Untersuchung es dem Fräulein ermöglichen
-<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a>
-wird, recht bald in Ihre schützenden Arme zurückzukehren.«</p>
-
-<p>»Untersuchung?«</p>
-
-<p>In Johannas Wesen verwandelte sich etwas. Wo blieb
-die gemessene frostige Zurückhaltung, die den eleganten
-Offizier bisher stets in der Meinung befestigt, es hier mit
-etwas ganz Unpersönlichem, Abgestorbenem zu tun zu
-haben? Alle Wetter! Dimitri Fergussow wurzelte fest
-und vergaß im Moment seine eigene Ermüdung und das
-zuckende Tanzen seiner Nerven, die das Fest des Blutes
-noch immer nicht überwunden hatten. Alle Wetter, wie
-die Glieder der Nemza sich dehnten, wie die Fäuste sich
-ballten und die Arme schwollen, als wollten sie die enge,
-blau und weiß gepunktete Hülle sprengen. Dazu das dunkle
-Blitzen der Augen, das feine Rosenrot, das über die weiße
-Haut jagte, &ndash; der Fürst stand still, atmete tief und verwandte
-keinen Blick mehr von der aufgeregten Germanentochter.
-Ein seltsames Geschöpf, schoß es ihm durch den
-Sinn.</p>
-
-<p>»Fürst Fergussow,« fiel es endlich von den herrischen
-Lippen Johannas, und es erregte die Bewunderung des
-fremden Offiziers, wie die doch von Leidenschaft Durchbebte
-ihr Organ in der Gewalt hatte; es klang sicher, bestimmt
-und ein wenig befehlshaberisch, wie immer; »Sie werden
-einsehen, daß Sie mir jetzt eine weitere Aufklärung nicht
-mehr verweigern dürfen.«</p>
-
-<p>Fürst Dimitri regte fast unmerklich die Hand. Es war
-eine jener formvollendeten Bewegungen, die bei diesem
-äußerlich so gefälligen Menschen eine deutlich vernehmbare
-Sprache redeten. Und Johanna begriff sie sofort.</p>
-
-<p>»Sie schlagen mir diese natürliche Bitte ab?« fuhr sie
-auf.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a>
-Der Russe sah ihr starr in das reine Antlitz, dessen Züge
-ihm immer mehr wie die einer belebten Marmorstatue
-erschienen.</p>
-
-<p>»Es fällt mir sehr schwer,« suchte er sich ihr beinahe
-schmerzlich zu entziehen, »Ihnen gegenüber bei meiner
-Pflicht zu bleiben, indessen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« und wieder folgte
-die Drehung der fein geformten Hand.</p>
-
-<p>»Wenn ich Sie nun aber bitte,« stieß Johanna hervor,
-und sich vergessend verließ sie zum erstenmal ihren Platz,
-schritt an den Obersten heran und streckte den Arm gegen
-ihn aus, so daß Dimitri Fergussow gar nicht anders konnte,
-als diese weißen Finger zu ergreifen; sie waren kalt wie
-Stein. »Wenn ich Sie nun aber inständigst bitte?« jagte
-die große Blonde weiter. »Nicht wahr, dann werden Sie
-einsehen, daß ich nichts Unrechtes verlange? Hier handelt
-es sich ja gar nicht um die Feindschaft unserer Länder, um
-Russen und Deutsche, hier geht es ja lediglich um eine
-arme versprengte Familie. Um meine Ruhe, begreifen
-Sie das?«</p>
-
-<p>Der Fürst hielt die weißen Finger in seiner Hand, beugte
-sich und wollte, einem raschen Trieb nachgebend, seine
-Lippen auf die festen Gelenke drücken. Allein mitten in der
-Bewegung befiel ihn ein Zaudern und Schwanken. Zu ernst
-und flammend sprühten die dunklen Augen auf ihn herab,
-die sein Vorhaben verständnislos begleiteten. Er wollte
-scherzen, er gedachte allerlei flatterhafte Bedingungen zu
-stellen, doch vor diesem großen und wahrhaften Geschöpf
-fiel ihm durchaus nichts Leichtes und Gewandtes ein.
-Sehr fatal &ndash; fast schmerzlich verzog er den Mund, als
-er sich so von einem fremden Wesen, von einer anderen
-ihm rätselhaften Kultur gefangen und verpflichtet sah.
-Und nur mühsam preßte er zwischen den Zähnen hervor:</p>
-
-<p>»Sie dürfen es wirklich als ein Zeichen meiner Achtung
-<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a>
-nehmen, wenn ich mich von Ihnen so leicht zu Konfidenzen
-verleiten lasse, die der Dienst sonst streng verwehrt. Also
-kurz: Ihr Fräulein Schwester ist leider Zeuge gewesen,
-wie sich Herr Konsul Bark in einem Moment des Zornes
-oder des Leichtsinns zu einer unüberlegten Handlung gegen
-einen unserer Offiziere hinreißen ließ.«</p>
-
-<p>»Gegen Rittmeister Sassin,« warf Johanna schwer
-atmend dazwischen.</p>
-
-<p>Jetzt zuckte der Oberst ablehnend die Achsel. »Sie müssen
-sich mit meinen Andeutungen begnügen. Aber ich füge noch
-hinzu, da das kleine Fräulein nach meiner Meinung wahrscheinlich
-nur die Ursache des Streites war, so dürfte man
-sie nach dem Verhör ungekränkt entlassen.«</p>
-
-<p>»Herr Oberst,« forderte Johanna klar und rasch, die aus
-ihrem geschäftlichen Wirken gewöhnt war, alle Vorteile
-sofort wahrzunehmen, »würden Sie sich in dieser Richtung
-selbst für Isa verwenden?«</p>
-
-<p>»Ich? Nun bei der heiligen Mutter von Kasan&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der schlanke Mann, der sich unmittelbar nach seinem
-ersten Waffengang selbst in einem so sprühenden Rausch
-befand, er stand dicht vor der Bittenden, und in seinem
-sprechenden Antlitz, das er im Moment nicht beherrschte,
-zuckten die widerstrebendsten Neigungen durcheinander. Die
-Sucht, sich nicht zu einer so auffälligen Bevorzugung mißbrauchen
-zu lassen, das Mißfallen an der so plump und
-klar vorgetragenen Bitte, und daneben doch die heimliche
-Begierde, diese Vertraulichkeit gegen die majestätische Göttin
-auszunützen. Allein plötzlich brach er in ein helles jugendliches
-Lachen aus. Gesund klang es, frisch und überzeugt,
-hervorgerufen durch den seltsamen Gegensatz, er, der hohe
-Aristokrat, der gewesene Adjutant des Zaren, solle für den
-pikanten Rotkopf an hoher Stelle ein erlösendes Wort einlegen!
-<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a>
-Wie man das dort wohl auffassen würde? Sehr
-eindeutig. Fraglos. Und er gab sich von neuem seiner
-liebenswürdigen Heiterkeit hin, ließ sich in den Stuhl hinter
-dem Tisch fallen, und indem er Papier und Feder ergriff,
-rief er zu der über den plötzlichen Wechsel Fassungslosen
-herüber:</p>
-
-<p>»Ja, was vermag ich gegen die gestrenge Quartiermacht
-auszurichten? <i>Rien du tout!</i> Es geschieht also auf Ihre
-Gefahr, mein verehrtes Fräulein! Ich werde mein eigenes
-Zeugnis für die Unschuld der jungen Dame anbieten, und
-wir wollen hoffen, daß ich für einen unverfänglichen Beobachter
-gehalten werde.«</p>
-
-<p>Seine Feder flog hurtig über das Papier, und von Zeit
-zu Zeit warf er von der Seite einen schalkhaften Blick der
-blonden Nemza zu. Wie warm und ehrlich sie sprechen
-konnte, als sie jetzt mit mühsam erkämpfter Fassung hervorbrachte:</p>
-
-<p>»Das kann ich Ihnen niemals vergelten, Durchlaucht!«</p>
-
-<p>»Oh doch, doch, Sie müssen es nur versuchen. Ich wäre
-zum Beispiel für einen kleinen Imbiß jetzt ganz besonders
-dankbar. Und wenn ich hoffen dürfte, daß die beiden
-Damen später beim Diner meine etwas« &ndash; er zeigte auf
-seine toll übereinander geworfenen Monturstücke &ndash; »meine
-etwas wirre Tafel zieren möchten, so würde ich darüber
-ein ungemessenes Vergnügen empfinden. Natürlich,«
-setzte er hinzu und verbeugte sich höflich, »soll dies nur
-geschehen, sobald es sich ohne Überwindung bewerkstelligen
-läßt. So, meine Gnädigste, jetzt bitte ich noch um etwas
-Siegellack. Das von Ihnen mit soviel liebenswürdiger
-Energie verlangte Dokument ist fertig. <i>Voilà!</i>«</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a>
-Das Dokument aber lautete:</p>
-
-<p class="an mt1">»Mein lieber Oberst Geschow!</p>
-
-<p>Ich beglückwünsche Sie zu dem kecken Handstreich, der
-die erste Stadt unserer Gegner &ndash; zu dem Worte ›Feinde‹
-vermag ich mich aus Geschmacksrücksichten immer noch
-nicht aufzuschwingen &ndash; so überraschend in Ihre Hand
-spielte. Alle Kriegsgötter schützen Sie ferner! Auch wir
-haben hier ein kleineres Detachement Preußen eiligst still
-gemacht. Tapfere Leute, von einer wunderbar ausgebildeten
-Disziplin, die für mich, offen gesagt, etwas Unheimliches
-und Störendes besitzt. Eine fleischgewordene Idee, ein
-wild gewordener Schulmeister kämpft gegen uns. Das
-Einmaleins schlägt gegen den Analphabeten. Für mich eine
-sehr lästige Vorstellung. Aber Sie wissen ja, ich bin auch
-als Soldat nur Dilettant und schließe mich gern dem allgemeinen
-Glauben an, daß die Heuschreckenschwärme auch
-das bestbestellteste Feld zu fressen vermögen.</p>
-
-<p>Und nun, bester Fedor Juliewitsch, lächeln Sie über mich,
-tadeln Sie mich, aber bedenken Sie, es ist mein gutes Herz,
-das mich antreibt, mitten im männermordenden Streite eine
-Bitte für eine Dame auszusprechen. Es handelt sich um
-das rothaarige Fräulein, das man, wie auch Ihnen wohl
-bekannt ist, im Hause des Herrn Konsul Bark festnahm.
-Ich kann mir nicht denken, daß die rote Hexe etwas Ernsthaftes
-gegen die Sicherheit und das Glück des Zaren ersann.
-Und da ich im Hause ihrer Schwester, einer überlebensgroßen
-blonden Walküre, hier draußen im Quartier liege,
-so würde es für mein Wohlbefinden und meine Verpflegung,
-die Ihnen als einem Organisator des Sieges
-sicherlich auch nicht unwichtig erscheinen, von großem Werte
-sein, wenn man das schmale Frauenzimmerchen recht bald
-wieder laufen ließe. Könnten Sie zu diesem Zwecke irgend
-<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a>
-etwas beitragen, so würde dies meine freundschaftliche Bewunderung
-für Sie, wenn es möglich ist, noch erhöhen.
-Wenn nicht, &ndash; <i>mon dieu</i>, dann werde ich der verminderten
-Beköstigung seitens der marmornen Landsmännin
-Richard Wagners unsere durch alle Welt so berühmte
-slawische Genügsamkeit entgegensetzen.</p>
-
-<p>Herr Oberst, ich bin Ihr Ihnen in unauslöschlicher
-Freundschaft verbundener</p>
-
-<p class="si">Dimitri Sergewitsch Fergussow.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Es gab Johanna einen Stich ins Herz, als sie zuerst den
-prachtvoll gedeckten Tisch wahrnahm, für dessen Ausschmückung
-Marianne zu sorgen übernommen hatte. Da funkelte
-das alte schwere Familiensilber, das von der Ältesten nach
-dem Zusammenbruch Stück für Stück zurückgekauft war,
-um nun von ihr wie ein Heiligtum gehütet zu werden.
-In schneeiger Weiße leuchtete das glänzende feine Leinen
-auf der Tafel. Und als die Blonde gar noch die schlanken
-Flaschen des seit Jahren abgelagerten Rheinweins ins Auge
-faßte, als sie das Klingen der dünnwandig-geschliffenen
-Gläser auffing, da tat es ihr in ihrem grübelnden Sinnen
-weh, weil sie selbst an jenem Tisch Platz genommen, der
-für heute sicherlich nicht ihr eigener war. Reue und Beschämung
-befielen sie, weil sie geduldet, daß ihre sorglose
-Schwester ein festliches weißes Gewand angelegt, als ob
-es sich um eine strahlende Siegesfeier handele.</p>
-
-<p>Und wahrlich, wurde nicht eine Siegesfeier begangen?</p>
-
-<p>Horch, von dem halbzerschossenen Holzkirchlein trug der
-Wind unaufhörlich zerrissene und unregelmäßige Glockentöne
-herüber, als ob von ungeschickten Händen und zum
-Spiel an den Strängen gezerrt würde. Und die Gutsbesitzerin
-<a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a>
-erriet mit einem kurzen Zusammenschauern, wie die
-fremden Reiter, die in dem Gotteshause ohne Scheu und
-Achtung ihre kotbespritzten Rosse untergebracht haben sollten,
-nun auf diese kindliche Weise ihrer wilden Freude über das
-erste blutige Treffen Ausdruck zu verleihen suchten.</p>
-
-<p>Ungern hob sie den niedergeschlagenen Blick, um ihren
-fröhlichen Gast zu mustern, der so sprudelnd und blendend
-heiter mit der sichtlich von seiner vornehmen Art entzückten
-Marianne plauderte. Nein, die Beobachterin täuschte sich
-nicht. Die Melancholie aus seinen Augen war verschwunden.
-Ein sprühendes Leuchten und Blitzen lebte in ihnen, ein gesteigertes
-Wohlbefinden, ein lachender Übermut, sie bekundeten
-sich in jeder Bewegung. Ganz sicher, auch er
-beging in diesem Augenblick seinen ersten Sieg, berauscht,
-hingerissen, und von seinem Erfolg betäubt, wenn er auch
-zu viel Erziehung besaß, um seinen Triumph vor den
-deutschen Damen nicht soweit als möglich zu verbergen. Allein
-schon daß er den Wunsch geäußert, gegen den es ja kein
-Widerstreben gab, die Angehörigen der im Moment vor
-ihm unterlegenen Rasse an seiner heimlichen Siegesfeier
-teilnehmen zu lassen, dieser kaltblütige und grausame Sinn
-empörte die große Blonde innerlich und ließ es ihr geraten
-erscheinen, die erzwungenen Pflichten der Wirtin kühl,
-abgemessen und beinahe wortlos zu erfüllen. Sie erteilte
-dem aufwartenden Mädchen wohl hier und da einen Wink,
-dem fremden Offizier diese oder jene Schüssel zu reichen,
-aber nie hätte sie es über sich gewonnen, dem strahlenden
-Mann das Glas mit dem klaren Wein zu füllen, denn dies
-hielt sie für ein Zeichen rückhaltsloser deutscher Bewillkommnung.
-Und doch mußte sie manchmal an sich halten,
-um der hinreißend frischen Unterhaltungskunst des Fremden
-nicht doch endlich mit wärmerem Gefühl zu erliegen. Eines
-war ganz klar, und die kühle Beobachterin konnte es keineswegs
-<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a>
-übersehen: an ihrem Tisch saß ein Hochgeadelter,
-der Liebling eines Hofes, ein Fürst, der gewiß über fabelhafte
-Reichtümer gebot, die mächtige Vorfahren aus dem
-Fleiß zahlloser Leibeigener aufgespeichert. Und dieser Verwöhnte
-versagte es sich dennoch, den beiden einfachen Mädchen
-den weiten Abstand seiner Geburt fühlbar zu machen.
-Ja noch mehr, ja noch viel erstaunlicher, aus seinen Urteilen,
-aus seinen witzigen Bemerkungen konnte man deutlich
-die überlegene Kritik eines hohen Herrn heraushören,
-der die Schwächen und Schäden weder seiner Umgebung,
-noch seines Landes zu schonen gewillt war. Mit welch
-lässigem Spott der glänzende Offizier gelegentlich die ihm
-so wohlbekannten Personen seines Hofes streifte. Mit
-welchem achselzuckenden Fatalismus er sich über die Unzuverlässigkeit
-der Beamtenschaft aussprach! Das alles
-zeigte einen Geist, der sich zu hoch dünkte, um an kleinlichen
-Unwahrheiten teilzunehmen. Und diese Offenheit,
-diese Wahrheitsliebe interessierten die Gutsherrin von
-Maritzken, denn ihre eigene Natur wurzelte ja in ähnlichen
-Neigungen, und ihr schuldloses Gemüt ahnte nicht,
-daß der vornehme Herr, der ihr gegenüber saß, mit demselben
-gleichgültigen Achselzucken auch seine eigenen Laster
-und Verfehlungen entschuldigt haben würde, als Schickungen,
-gegen die es sich nicht lohne anzukämpfen.</p>
-
-<p>Während sie so nachsann, entging es ihr, wie die Unterhaltung
-der beiden anderen jungen Menschen immer ungezwungener
-und entfernter von beengenden Rücksichten
-dahinfloß. Die Feuer des Weines hatten die Wangen
-Mariannes mit einem dunklen Hauch überglüht, und unter
-ihren langen Wimpern spritzten kleine züngelnde Flammen
-hervor.</p>
-
-<p>Johanna erschrak. Was mußte sich der Russe von dem
-sinnlosen, dem unpassenden Benehmen einer solch Ungebändigten
-<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a>
-denken!? Und mit Grauen stürzte plötzlich
-eine Erinnerung auf sie herab: der Fürst war ja ein
-›Frauenschlächter‹, wie der verwundete Rittmeister sich ausgedrückt
-hatte. Gewöhnt, mit allen Mitteln seine Opfer
-zu umstricken. Nein, hier mußte sie Halt gebieten.</p>
-
-<p>Während sie sich entschlossen aufrichtete, vernahm sie,
-wie ihre beiden Gefährten sich eifrig über deutsche Musik
-unterhielten. Aber es kam ihr vor, als ob dies alles nur
-einen Vorwand bildete, als ob hier ohne laute Worte über
-etwas ganz anderes geredet würde. Und mit einer herben
-Bewegung erhob sie sich und stand nun in ihrer vollen
-Höhe da. Das Mittagsmahl war aufgehoben, und der
-Fürst, der die Plötzlichkeit dieser Zeremonie wohl nicht
-ganz begriff, war liebenswürdig genug, um der Blonden
-sein gefülltes Glas entgegenzuhalten, und sich dann in
-seiner gefälligen Art vor ihr zu verneigen.</p>
-
-<p>»Mein Fräulein,« sagte er, »Sie gestatten mir, Ihnen
-auf diese Weise meine Dankbarkeit zu bezeigen. Ich würde
-glücklich sein, wenn ich an Ihrer Tafel als ein wirklich
-geladener Gast hätte sitzen dürfen. Wir wollen hoffen,
-daß die Begebnisse der Zeit eine solche Möglichkeit nicht
-ausschließen.«</p>
-
-<p>Noch einmal hob er das Glas und trank dann die spiegelnde
-Flüssigkeit in langsamen Zügen aus. Noch waltete
-Schweigen in der so unvorhergesehen gestörten Runde,
-als plötzlich hart an die Tür gepocht wurde. Der herkulische
-Wachtmeister trat ein, salutierte und überbrachte
-dem Oberst ein gestempeltes Schreiben. Dieser erbrach es
-hastig, las und ließ das Papier allmählich aus seiner
-Rechten herabgleiten. Dann atmete er tief, bis er mit
-seinem gewohnten Achselzucken eine Last oder zum
-mindesten etwas Unwillkommenes von sich abzustreifen
-schien.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a>
-»Meine Damen,« sagte er ruhig, und doch zitterte seine
-Stimme leicht, »ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen,
-daß mit dem heutigen Morgen die Kriegserklärung zwischen
-unseren Regierungen offiziell gewechselt wurde.« Und mit
-einem erzwungenen Lächeln setzte er hinzu: »Sie können
-jedoch überzeugt sein, daß, soweit es in meiner Macht liegt,
-diese reine Förmlichkeit keinerlei Veränderungen in Ihrem
-jetzigen Dasein hervorrufen wird. Erlauben Sie gütigst,
-daß ich mich zu meinen Offizieren begebe.
-Ich danke Ihnen.«</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a>
-Zweites Buch.</h2>
-
-
-
-
-<h3>I.</h3>
-
-
-<p>Konsul Bark raffte sich von dem niedrigen Holzschemel
-empor, auf dem er die lange finstere Nacht verhockt hatte.
-Ungläubig ließ er seinen Blick über die vielen Menschen
-dahinschweifen, die gleich ihm in der engen Kammer des
-Stadtgefängnisses eingepfercht waren, und sein verwöhnter
-Geruchssinn empfand mit Schaudern die vergiftete, bleischwere
-Luft, die bereits in Fäulnis übergegangen zu sein
-schien. An allen Gliedern zerschlagen, richtete sich der Großkaufmann
-auf, strich sich mit den Händen sein braunes
-Haar zurecht, das zum erstenmal seit langer Zeit am frühen
-Morgen nicht von seinem Kammerdiener Pawlowitsch mit
-wohlriechenden Bürsten geglättet wurde, und gewöhnt, auch
-den widrigsten Umständen eine besonnene und überlegte
-Arbeit entgegenzusetzen, schüttelte er seine Müdigkeit gewaltsam
-ab und drängte sich durch die auf dem blanken Erdboden
-herumliegenden Leidensgefährten bis an die dunkle,
-eisenbeschlagene Tür, gegen die er mit beiden Fäusten zu
-donnern begann.</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, Herr Konsul Bark,« zischte der
-fette Tischler Majunke durch die klaffende Zahnlücke, die
-ihm der gestrige Nachmittag eingetragen, und zugleich hob
-der Handwerker ein paar fleckige Hemdsärmel in die Höhe,
-um sich von seinem breiten kahlen Schädel einen Strom
-perlenden Schweißes herabzuwischen, »um Gottes willen
-<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a>
-Herr Konsul Bark, &ndash; Sie entschuldigen wohl, wenn ich
-als einfacher Mann &ndash; aber die dort draußen, die verfluchten
-Breitmützen, sie könnten uns einen solchen Spektakel
-übelnehmen.«</p>
-
-<p>Und aus einer Ecke richtete sich der Pferdehändler
-Kowalt mit seiner rot und schwarz karierten Weste auf
-und schwenkte über den Häuptern der anderen wütend
-einen langen Peitschenstock, den man ihm bei seiner Verhaftung
-merkwürdigerweise gelassen.</p>
-
-<p>»Unsinn,« schimpfte er drohend und riß die blutunterlaufenen
-Augen auf, »alles mit Ordnung &ndash; Unsinn &ndash;
-bei dieser Hitze haben wir doch wenigstens Kaffee oder
-Wasser oder so was Ähnliches zu verlangen. Habe ich
-nicht recht, Herr Konsul Bark, ist es nicht Unsinn?«</p>
-
-<p>Doch der Kaufmann kümmerte sich um die Meinung
-seiner Gefährten nicht im geringsten, er hörte sie wohl
-gar nicht, sondern hämmerte mit rücksichtsloser Wut weiter.</p>
-
-<p>Die Tür rasselte auf. Ein allgemeines Ah und ein Atmen
-der Erleichterung folgte. Draußen auf dem halbfinsteren
-Korridor stand ein untersetzter Kosak, eine schmutzige
-Lammfellmütze auf dem plumpen Haupt, und in der
-schwieligen Rechten, unachtsam herabhängend, ein Gewehr
-mit aufgepflanztem Bajonett. Der Kerl schien sich gleichfalls
-eben erst seiner Nachtruhe auf den Steinfliesen entrissen
-zu haben, denn auf seinen faltigen Röcken zeichneten
-sich deutlich die roten Streifen der Ziegel ab. Auch gönnte
-sich sein schwülstiger Mund ein umfangreiches Gähnen.</p>
-
-<p>Der Konsul aber fuhr ihn an, als ob es ganz selbstverständlich
-wäre, daß der Kriegsknecht ihm unbedingten
-Gehorsam schulde.</p>
-
-<p>»Heda, Sie Mensch, ich verlange sofort Ihrem Höchstkommandierenden
-vorgeführt zu werden. Zeigen Sie ihm
-diese Karte und bringen Sie mir ohne Aufenthalt Nachricht.«
-<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a>
-Zu gleicher Zeit griff der so sicher und furchtlos
-Sprechende in seine Tasche und warf ein Talerstück klirrend
-vor den Wächter auf die roten Ziegel.</p>
-
-<p>Die anderen horchten hoch auf. Ein Raunen des Beifalls
-und der Bewunderung ging durch ihre gedrückten Reihen.
-Ja, das war die richtige Art, mit diesen Halbwilden Geschäfte
-abzuwickeln. Der Konsul verstand's! Ja, wenn man
-bloß so in die Tasche zu langen brauchte &ndash; fein, fein!
-Ein großer Herr!</p>
-
-<p>Auch der Kosak billigte diese Form der Verständigung.
-Umständlich kniete er in seinen faltigen Gewändern nieder,
-lehnte das Gewehr an die Wand, und nachdem er das
-Talerstück in seine schlappe Hosentasche versenkt, blieb er
-liegen und grinste in die offene Tür hinein.</p>
-
-<p>»Haben Sie nicht gehört, Ihren Höchstkommandierenden
-wünsche ich zu sprechen,« rief der Konsul, indem er sich
-mühsam der russischen Sprache bediente.</p>
-
-<p>Der Kniende jedoch schüttelte lebhaft die wirren Haare,
-dann aber, als er ernstlicher über das Verlangen seines
-vornehmen Gefangenen nachgedacht hatte, streckte er den
-Zeigefinger vor die Stirn, sprang auf und schmetterte mit
-einem Fußtritt die Tür wieder ins Schloß.</p>
-
-<p>»Solch eine Bande,« keuchte der Pferdehändler Kowalt
-und führte einen schallenden Schlag mit dem Peitschenstiel
-gegen das eisenbeschlagene Holz. »Unsinn &ndash; wer wird uns
-hier zu unserem Recht verhelfen? Glauben Sie etwa,
-wir werden verhört? I wo, morgen nehmen sie uns
-zwischen die Pferde und dann &ndash; hui nach Sibirien. Unsinn!«</p>
-
-<p>Und der Produktenhändler Manasse, ein Mann, dem noch
-nach alttestamentarischer Weise graue Ringellocken über die
-Ohren fielen, streichelte unaufhörlich seinen Filzhut, ließ
-<a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a>
-ungeniert dicke Tränen auf seinen schwarzseidenen Rock
-herabrinnen und seufzte schwer in sich hinein:</p>
-
-<p>»Sibirien ganz gut, aber Hände und Füße abschlagen &ndash;
-Gott, Gott, meine arme Frau hat&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sst, sst, die Hauptsache ist, daß wir uns ruhig verhalten,«
-begütigte der ängstliche Tischlermeister Majunke
-und stellte sich quer vor die Tür, als wolle er jedes verdächtige
-Wort abwehren und auffangen.</p>
-
-<p>Ein allgemeines gedämpftes Gemurmel erhob sich. Nur
-der Konsul äußerte nichts mehr. Er verzog die blasse Stirn,
-dachte nach und schritt mit seinem elastischen Gang an den
-verlassenen Holzschemel zurück. Hier schlug er die Arme
-untereinander, und während er zum erstenmal seine Gefährten
-eingehender musterte, fiel es kühl und geschäftlich
-wie immer von seinen Lippen:</p>
-
-<p>»Bitte wollen Sie mir jetzt der Reihe nach mitteilen,
-wie Sie hierher gekommen sind. Da ich alles daran setzen
-werde, um mir Gehör zu verschaffen, kann es für Sie nur
-nützlich sein, wenn ich auch Ihre Angelegenheiten vor die
-geeigneten Stellen bringe. Also Herr Kowalt, wie war's?«</p>
-
-<p>In dem engen Raum, in dem schon am frühen Morgen
-eine feuchte brütende Hitze um die vielen Menschenköpfe
-herumwogte, zog nun vor aufhorchenden Ohren Schicksal
-um Schicksal vorbei. Eintönig und gleichlautend.</p>
-
-<p>Konsul Bark aber saß und zeichnete über die Anfänge
-all dieses Trübsals kurze schlagkräftige Bemerkungen in
-seinen winzigen goldenen Notizblock. Immer heißer und
-stickiger wurde es, Hunger und Durst begannen die eng
-Zusammengedrängten empfindlich und quälend zu plagen,
-und die Unruhe, ob sie Gehör und Gerechtigkeit bei den
-fremden Gewalthabern finden würden, zehrte an ihnen, wie
-ein gefräßiges Tier.</p>
-
-<p>Ob sich nun nicht bald die schwere Tür öffnete? Vergebliche
-<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a>
-Hoffnung. Stunde auf Stunde verging, und aus
-den Schlägen der Kirchturmuhr von St.&nbsp;Sebaldus, die
-als einzige Stimmen ihrer früheren Welt zu den Eingekerkerten
-sich hineinschwangen, erkannten die aus dem
-lebendigen Getriebe Herausgerissenen die enteilende Zeit.</p>
-
-<p>Herrgott, Herrgott, es mußte schon der Nachmittag
-angebrochen sein.</p>
-
-<p>»Ruhe, Ruhe, nur nicht laut werden, man darf sie
-nicht reizen!«</p>
-
-<p>»Unsinn, &ndash; wenn sie nicht bald was zu trinken bringen,
-dann stoß ich die Tür ein. Alles andere ist ja barer Unsinn.«</p>
-
-<p>»Weh, weh, Herr Nachbar, wie können Sie nur so
-schreien? Ich sag' Ihnen, mich haben sie gestern schon mit
-ihren Knuten geprügelt, und meine arme Frau hat&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Unaufhörlich fuhren die Laute aus den vertrockneten
-Kehlen durcheinander, als wollten sie sich selbst den
-schwachen Trost gönnen, daß sie noch nicht erstorben seien.
-Dem Konsul jedoch war die klare Erkenntnis für all diese
-kleinmütigen Äußerungen längst versunken. Ein Bein lässig
-über das andere geschlagen, saß er auf dem einzigen Holzschemel,
-den ihm die anderen aus altgewohnter Ehrfurcht
-willig überlassen, starrte über die schweißnassen Häupter
-der kleinen Handwerker hinweg in eine Ecke hinein, und
-manchmal kam es ihm vor, als ob er dort hinten an der
-schmutzigen, spinnwebigen Wand einen hellen Schein gewahre
-und auf dieser belichteten Stelle sich selbst und das
-rote Mädchen und die verdämmerten Mosaikgestalten der
-Evangelisten in dem beleuchteten Refektorium, das eigentlich
-sein elegantes Privatkontor war. Und hinter seinem
-Schreibtisch sah er, wie die gewaltige bunte Holzstatue
-des Apostelfürsten Petrus den halbzerbrochenen goldenen
-Hirtenstab hob, um ihn, kupferrot vor Zorn, gegen eine
-hereinstampfende Russenhorde zu schwingen, die Rittmeister
-<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a>
-Sassin befehligte. Er legte sich die Hand vor die Stirn,
-und ein heftiges Mißtrauen wurde geweckt. Wie waren
-die Eindringlinge in das fest verschlossene Haus hineingelangt?
-Wer hatte ihnen geöffnet? Und erlaubte sich
-sein teurer Freund Leo Konstantinowitsch nicht, in seinem
-offenbar trunkenen Zustande den Arm um die Taille des
-zitternden Mädchens zu schlingen? Bei Gott, er hob die
-Zappelnde hoch empor. In den Gedanken und Bildern des
-Konsuls überschlug sich etwas. Wirr, trunken tastete er
-umher, als ob er nach der kleinen Schießwaffe suche.
-Dann ein Knall, und ein grauer Flor umschleierte wieder
-die sengend-klaren Gestalten. Wollten sie in ihren Nebel
-zurückkehren? &ndash; Wie war denn das alles?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Unbegreiflich schnell war die slawische Woge in die erste
-deutsche Grenzstadt geschlagen. Eben stritt man sich darüber,
-ob überhaupt eine ernsthafte Gefahr vorläge. Emsig
-suchte man nach beruhigenden Gründen, warum die preußische
-Garnison an einem Morgen bis auf den letzten Mann
-verschwunden war. Noch hielt man in unerschütterlichem
-Ordnungssinn daran fest, daß an eine kriegerische Austragung
-vorläufig gar nicht zu denken wäre, weil ja über
-die Grenze keine rechtsmäßige, von dem weißen Zaren
-gesendete Absage geschickt sei, noch gab man sich tausenderlei
-widersprechenden Vermutungen hin, ob man die großen
-Speicher, die Fabriken, die Kontore, Läden und Handwerksstuben
-räumen und ohne Aufsicht lassen sollte, da tauchte
-eines Tages in der Stunde zwischen Nacht und Dämmerung
-der Hausmeister Pawlowitsch in seinem blauen Frack mit
-den goldenen Knöpfen in dem englischen Schlafgemach
-seines Gebieters auf und zupfte hastig an den weißen
-Kopfkissen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a>
-»Herr Konsuhl, &ndash; verzeihen Sie &ndash; wachen Sie auf &ndash;
-auf den Chausseen vor der Stadt streift russische Kavallerie
-herum.«</p>
-
-<p>Der Großkaufmann, dessen Stolz es nicht gelitten hatte,
-das von den Vätern ererbte Geschäft zu verlassen, fuhr auf
-und rückte an dem eleganten Nachtanzug.</p>
-
-<p>»Du bist verrückt, Pawlowitsch.«</p>
-
-<p>Der Frack verbeugte sich. »Vorzüglich, Herr Konsuhl.«</p>
-
-<p>Selbst in dieser Minute der sichtlichsten Angst, &ndash; denn
-das schneeweiße Männchen zitterte auffällig am ganzen
-Leib &ndash; mußte das Halbblut sein Entzücken über jede
-Äußerung des Chefs dartun. Der Kaufmann jedoch gelangte
-immer mehr zu klarer Erkenntnis seiner Lage. Er
-stützte sich auf den Ellbogen, und seine kühlen Augen
-hefteten durch die Schatten der Nacht einen spähenden
-Blick auf seinen Diener. Dann versuchte er, die elektrische
-Flamme über seinem Lager anzudrehen, allein das Licht
-blieb aus.</p>
-
-<p>»Was ist das, Pawlowitsch?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht, Herr Konsuhl,« stotterte das Faktotum,
-und es war, als ob seine Zähne leise gegeneinander
-klapperten, »ich glaube, sie haben die Drähte bereits zerschnitten.«</p>
-
-<p>»So, so, &ndash; aber eines ist doch seltsam, wie hast du
-mitten in der Nacht die russischen Patrouillen auf der
-Chaussee feststellen können?«</p>
-
-<p>Dabei streckte der Liegende seinen Arm aus und faßte
-kräftig in die Brustfalte des Alten. Der Herangezogene
-wandte sich und setzte mehrfach zum Sprechen an, bevor
-er auf diese klare Frage eine Antwort erteilen konnte.</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie, Herr Konsuhl &ndash; ich konnte nicht schlafen
-&ndash; die Hitze &ndash; ich mußte in den letzten Nächten immer
-spazieren gehen &ndash; die Angst&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a>
-»Donnerwetter, höre endlich mit dem dummen Zeug auf.
-Bringe mir sofort meine Kleider. Wir sind deutsche Kaufleute
-und haben nach unserem Eigentum zu sehen.«</p>
-
-<p>»Ja gewiß, Herr Konsuhl.«</p>
-
-<p>»Sind dir die Adressen unserer jungen Leute bekannt?«</p>
-
-<p>»Alle.«</p>
-
-<p>»Dann begibst du dich jetzt unverzüglich, da dir ja soviel
-an nächtlicher Bewegung liegt, zu jedem Einzelnen und
-bestellst, daß heute früh, wie an jedem anderen Tage hier
-gearbeitet wird. Sie sollen sich durch die Hintergasse in
-dem Lokal einfinden, denn vorn wirst du sofort das Tor
-verschließen und die eisernen Stangen vorlegen. Hast du
-mich verstanden, Pawlowitsch?«</p>
-
-<p>»Vorzüglich, Herr Konsuhl. Hier ist auch schon der Anzug
-von gestern abend.«</p>
-
-<p>Der Kaufmann sprang aus dem Bett. »Gut, gut, du
-brauchst mir nicht zu helfen. Aber Licht muß ich haben.
-Hier hast du die Schlüssel, lauf rasch in das Detailgeschäft
-und hole ein paar Pfund Kerzen herauf. Davon stellst
-du auch einige in mein Arbeitszimmer. Dalli, dalli!«</p>
-
-<p>»Herr Konsuhl,« jammerte plötzlich der Hausmeister,
-der, anstatt sich zu entfernen, unschlüssig an der mit Fries
-gepolsterten Tür stehen geblieben war, um nun krampfhaft
-die Hände umeinander zu reiben, »Herr Konsuhl,« rief
-er in wirklich ausbrechendem Schmerz, »darf ich nicht
-wenigstens noch das Service mit heißem Kaffee in das
-Arbeitszimmer bringen?«</p>
-
-<p>»Jawohl, du Dummkopf,« gab sein Herr, der so schnell
-wie noch nie in seine Kleider gefahren war, etwas versöhnter
-zurück. »Aber nun, Mensch, wirf endlich die Beine
-um die Ohren. Heute ist keine Zeit zu Rasiergesprächen.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, gewiß, vorzüglich, Herr Konsuhl &ndash; guten
-Morgen &ndash; die Jungfrau Maria behüte Sie.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a>
-Mit wirrem Haupthaar, kaum ein wenig von dem abgestandenen
-Wasser befeuchtet und erfrischt, stieg der Prinzipal
-in sein altertümliches Büro herab. Merkwürdig, die
-Kerzen brannten schon überall auf Tischen und allen erdenkbaren
-Vorsprüngen und erleuchteten den weiten Raum mit
-seltsam schwebenden Schatten. Ein Weben und Gleiten
-ging unter den weißen gotischen Bogen dahin, und die
-starren blassen Gesichter der Evangelisten in den Mauernischen,
-sie schienen sich zu neigen und zu drehen, als wenn
-auch sie furchtgeschüttelt von dannen schweben wollten.
-Auf dem Sockel der großen Petrusstatue stand eine alte
-Blechlaterne aus dem Geschäft, und die in ihr brennende
-Kerze sandte einen flackernden Qualm zu dem hölzernen
-Riesen empor. Weihrauch der Angst.</p>
-
-<p>Als sich der Herr all dieser Schätze umblickte, befiel ihn
-etwas wie ein Schütteln und Schneiden, ein nicht abzuwehrender
-Frost. Es war doch gut, daß der alte Mann
-an einen Trunk heißen Kaffee gedacht hatte. Aber wo
-blieb Pawlowitsch? Ungeduldig eilte der Konsul an seinen
-Schreibtisch und drückte auf den elektrischen Knopf. Die
-Klingel ließ ihr feines Rasseln ertönen. Doppelt schrill
-klang es in dem verlassenen Haus. Allein der Geforderte
-ließ sich nicht herbeirufen. Wie war denn das zu verstehen?
-Sollte der Hausmeister, der doch ein verschlagener
-und zäher Patron war, diesmal wirklich so aus der Fassung
-gebracht worden sein, daß er sogar den Wunsch seines
-Herrn nach einem Morgenimbiß vergessen haben konnte?
-Von einer unerklärlichen Ahnung durchschlagen, ergriff der
-Herr des Goldenen Bechers die kleine Blechlaterne, um
-sich über das merkwürdige Fernbleiben seines Verwalters
-auf alle Fälle Gewißheit zu verschaffen. Durch die altertümlichen
-Gänge des schlafenden Hauses glitt er dahin,
-geschmeidig, mit unhörbaren Schritten, über Treppen und
-<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a>
-schmale Altane, und nichts Lebendiges fand er, als seinen
-eigenen Schatten, der ihm überlebensgroß voraufeilte. So
-gelangte der Suchende in das Erdgeschoß, wo sich noch von
-Klosterszeiten her die geräumige, weiß getünchte Küche
-befand. Die Tür stand offen, drinnen alles leer. Ungläubig
-streckte der Konsul die Laterne in den verlassenen
-Raum, bis ihm ein kalter Luftzug das qualmende Lichtlein
-zu verlöschen drohte. Dabei nahmen seine leidenschaftslosen
-Züge einen immer herberen und kühleren Ausdruck an.
-Deutlich offenbarte ihm sein geschäftlicher, von allen
-Äußerlichkeiten unbeeinflußbarer Sinn, mit dem Verhalten
-seines Faktotums müsse es eine ganz eigene Bewandtnis
-besitzen. Aber welche? Ein heftig um sich greifendes Mißtrauen
-erfüllte ihn ganz und gar. Ob der Alte wenigstens
-für die Sicherheit des Hauses gesorgt hatte? In ein paar
-kurzen Sprüngen fuhr der Chef die breite knarrende Holztreppe
-in die Höhe, erreichte sein Arbeitszimmer und lief
-über die drei grünen Porphyrstufen auf die pflastersteinbelegte
-Einfahrt hinaus, um sich von dem Verschluß der
-mächtigen Eisentür zu überzeugen. Im ungewissen Schein
-der Laterne sah er, wie die beiden mächtigen Eisenquerbäume
-ordnungsgemäß vorgelegt waren, auch den ungeheuren
-eisernen Schlüssel mit dem wunderlich verschnörkelten
-Kopf aus einer frühen Zeit der Technik fand seine
-fühlende Hand fest im Schloß. Beruhigt atmete er auf.
-Durch die oberen eisenvergitterten Butzenscheiben, die sich
-wie herausgeschlagene Boden grüner Weinflaschen ausnahmen,
-stahl sich bereits ein schwächliches Dämmern des
-neuen Tages. Schwalben schossen dort draußen zirpend
-durch die Luft, und ganz von fern meldete sich ein eigentümliches
-Poltern und Rasseln, wie wenn ungefüge Karren
-eine Ladung von Eisen über unebene Straßen zu schaffen
-hätten. Der Kaufmann zog seine goldene Uhr und hielt sie
-<a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a>
-vor das rauchende Licht: ein Viertel auf drei. Wer konnte
-zu dieser frühen Stunde eiserne Gerätschaften in die Stadt
-transportieren? Oder sollte sich die Meldung von Pawlowitsch
-im Ernst bestätigen? Und der elegante Mann tat
-etwas, was er sich vor einer Stunde gewiß noch nicht hätte
-träumen lassen. Er legte das Ohr an die kalte Platte der
-Tür und lauschte angestrengt auf das nervenerregende Geräusch,
-das sich dort draußen in der Weite immer mehr
-verstärkte.</p>
-
-<p>Da &ndash; was war das? Ein leichtes Rollen fuhr über
-den Markt, das gleichmäßige Getrappel von Wagenpferden
-verkündete sich und brach wie auf einen Schlag ab. Unmittelbar
-vor seiner Tür schien ein Wagen zu halten. Gleich
-darauf wurde an dem Schloß der Einfahrt gerüttelt, aber
-es klang mehr wie ein hastiges Kratzen und stammte von
-einer schwächlichen Hand. Der Konsul räusperte sich. Dann
-nahm er sich zusammen und rief mit seinem gemütskalten
-Ton:</p>
-
-<p>»Heda, wer ist dort draußen?«</p>
-
-<p>Wer aber konnte das Erstaunen des Mannes beschreiben,
-als die wohlbekannte Stimme des Rotkopfes von Maritzken
-durch das Schlüsselloch hindurchflüsterte:</p>
-
-<p>»Herr Konsul &ndash; ich bin es &ndash; Isa &ndash; schnell machen Sie
-auf, ich bin in großer Gefahr.«</p>
-
-<p>In der nächsten Minute poltern die Querbäume herab,
-ächzend schiebt sich ein Spalt des mächtigen Tores auseinander,
-und im Dämmergrauen des Morgens wirft sich
-ein junges Geschöpf, um das ein zerzauster Regenmantel
-flattert, völlig haltlos in die Arme des Mannes.</p>
-
-<p>Draußen wirft der Wagen herum und stäubt wie ein
-Unwetter davon.</p>
-
-<p>»Isa, um alles in der Welt, was bedeutet das? Wie
-kommst du hierher?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a>
-Der von Schrecken Gepeinigte vergißt im Moment alle
-Erziehung und Höflichkeit und sieht in dem bebenden Wesen
-nur das schutzbedürftige Kind, dessen fröhliches Heranwachsen
-er wie ein Vater beobachten durfte. Jetzt klammert
-sie sich wortlos an seine Brust, mit einer irren, befremdlichen
-Kraft, und ihre feine Hand deutet schwankend auf
-die nahe Pforte des Arbeitszimmers. Da besinnt sich der
-Kaufmann nicht länger. Mit der Rechten wirft er auf einen
-Schlag die Querbäume vor das Tor, und ohne weitere
-Frage trägt er das Mädchen, das sich nicht mehr rührt,
-in das Refektorium.</p>
-
-<p>Wieder gleiten die Schatten hin und her, die Evangelisten
-bewegen sich und schütteln die Häupter, und die blauen
-Holzaugen des Himmelspförtners wetterleuchten im Glanz,
-als sie gewahren, wie unbeholfen der Kaufmann seine Last
-in den geräumigsten der Kirchenstühle niedersetzt. Ganz sacht
-und behutsam. Er bettet sogar, ohne sich dabei etwas zu
-denken, den Regenmantel über die Knie der Kleinen zusammen.
-Dann zieht der Herr des Goldenen Bechers für
-sich selbst einen Klubsessel heran und setzt sich so, daß er
-dem Mädchen in das feine blasse Antlitz schauen kann.
-Geduldig wartet er, bis sich in dem verstörten Gesicht die
-dichten Wimpern heben. Kaum aber trifft ihn der erste
-Blick aus diesen klugen frühreifen Augen, da besinnt sich
-Rudolf Bark auf das eigentümlich väterliche Verhältnis,
-das zwischen ihm und dem zusammengekauerten Ding
-waltet, er entreißt sich seinen eigenen Sorgen, beugt sich
-vor und klopft ihr wohlwollend, herablassend die weiche
-Wange.</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, Mariellchen, Ihr Besuch ist zwar
-ehrenvoll, aber doch leidlich früh. Wenn ich nicht zufällig
-wie mein eigenes Gespenst durch das Haus schlürfte, ja,
-dann hätten Sie mich höchstens aus kummervollen Träumen
-<a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a>
-wecken müssen. Aber nun im Ernst, liebes Kind, was
-treibt Sie her? Wie steht es in Maritzken? Was macht
-Johanna?«</p>
-
-<p>Und dann kommt der Moment, wo die Heimatlose seine
-Hand ergreift und sich auf die Lehne seines Fauteuils niederläßt,
-als müsse sie aus Furcht vor der großen, leeren,
-fremdartig beleuchteten Stube dem Freunde ihres Hauses
-all die Schrecknisse der Nacht ins Ohr raunen. Dicht aneinandergeschmiegt
-sitzen sie, und in überstürzter Schilderung
-entwirft der feine Mund dem immer gespannter
-Aufhorchenden die düstern Schattenbilder, die diese furchtbarste
-Nacht ihres Daseins durchrast. Knappe Fragen wirft
-der Mann zwischen die ängstliche Rede, ihm liegt namentlich
-daran, die einzelnen Gegenden zu wissen, an die sich
-für Isa so schreckhafte Erinnerungen knüpfen, er wirft
-ein, daß das Mädchen wohl nur einem Patrouillentrupp
-begegnet sein könne, der die Stadt in weitem Bogen
-umgangen, er fragt nach Zahl, Bewaffnung und Sprache
-der Uniformierten, und allmählich quillt der Verschüchterten
-aus der gleichgültigen Ruhe des Kaufmannes eine
-neue Sicherheit zu. Ganz gewiß, es kann nicht so schlimm
-stehen, das Ganze bildet vielleicht nur ein abenteuerliches
-Mißverständnis, denn Rudolf Bark lehnt ja vor ihr in
-seinem modischen Anzug, der nichts von seiner tadellosen
-Glätte eingebüßt, und im Vollbesitz seiner sachlichen Nüchternheit,
-deren kühles Gleichmaß für den Rotkopf stets
-das Ziel einer sie erregenden Bewunderung gewesen.</p>
-
-<p>»Herr Konsul, glauben Sie, daß nun die Stadt und die
-Umgegend von diesen schrecklichen Menschen überschwemmt
-wird?«</p>
-
-<p>»Ja, Isachen, damit wird man leider rechnen müssen.«</p>
-
-<p>Ein schnelles Atmen.</p>
-
-<p>»Und wird das für Sie und für Johanna und auch
-<a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a>
-für mich mit Gefahr verknüpft sein? Sie können es
-mir ruhig sagen. Nach dem, was ich heut nacht erlebt,
-bin ich auf alles vorbereitet. Kann es uns ans Leben
-gehen oder werden wir verschleppt werden?«</p>
-
-<p>»Liebes Kind« &ndash; der Kaufmann sah seiner Gewohnheit
-gemäß auf die Kappen seiner Lackschuhe, die ihm der Hausmeister,
-dem langjährigen Brauch folgend, hingestellt, und
-blickte dann in das blasse Gesicht seiner Gefährtin empor;
-in der gleichen Minute aber war er mit seinen blitzschnellen
-Erwägungen auch schon am Ende angelangt &ndash; »liebes
-Kind, ich denke, daß die fremden Gewalthaber voraussichtlich
-alles mögliche aufbieten werden, um bei der kommenden
-Besetzung die Ordnung und die Sicherheit aufrecht
-zu erhalten. Da man bei unserer Bevölkerung doch einen
-guten und harmlosen Eindruck zu erwecken wünschen muß,
-so werden sie nach meiner Meinung hier mehr als die
-guten Naturburschen auftreten, mit denen es sich leicht
-und gemütlich verkehren läßt. Ich hoffe also, eine persönliche
-Gefahr wird uns nicht drohen. Nur geschäftlich werden
-ungeheure Summen verloren gehen.«</p>
-
-<p>»Auch Ihnen, Herr Konsul?«</p>
-
-<p>»Auch mir. Da wir für die nächste Zeit abgeschnitten
-sind, so werden alle geschäftlichen Beziehungen zerreißen,
-auf denen der Handel beruht, und es wird bald eine traurige
-Lähmung eintreten, eine sehr traurige.«</p>
-
-<p>Er sieht wieder auf seinen schmalen Fuß herunter und
-doch verzieht sich in dem gefaßten Antlitz nicht eine Miene.</p>
-
-<p>Da fühlt der Rotkopf, es müsse doch noch höhere Interessen
-geben, als die unverhüllte Sorge um Leben und
-Wohlergehen, und urplötzlich fliegt ein helles, huschendes
-Rot über ihr verstörtes Gesicht.</p>
-
-<p>Rasch springt sie auf und zaust geräuschvoll an ihrem
-steifen Regenmantel:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a>
-»Herr Konsul Bark.«</p>
-
-<p>Der Ruf klingt in der trüben Gegenwart und mitten
-in der langsam vorüberkriechenden Nacht so frisch und
-lebenshell, daß der Geschäftsmann unvermutet den ihn
-umblitzenden Zahlen entrissen wird, um sich ganz verwundert
-an seine jetzige Lage zu erinnern. An das befremdliche
-Fortbleiben seines Verwalters, an das leere
-verschlossene Haus voller Vorräte, und an sein Zusammentreffen
-mit dem jungen Mädchen, das er irgendwie behüten
-muß, wenn ihm auch augenblicklich jedes Machtmittel dazu
-fehlt. Draußen klirren die unheimlichen Wagen mit ihrer
-rasselnden Eisenladung immer näher. Und als er jetzt
-seinen Blick umherschweifen läßt, als er innen hinter den
-vergitterten Fenstern die fest geschlossenen Holzläden prüft,
-und indem er erwägt, wie lange die halb herabgebrannten
-Kerzen noch ihr Licht spenden können, da erfaßt ihn die
-merkwürdig zerstreuende Erkenntnis, daß mitten in all dieser
-schlimmen, eisengeschüttelten Erwartung ein junges hübsches
-Mädchen steht, mit dem er sich allein in einem festungsähnlich
-verbarrikadierten Hause befindet. Es ist zwar lächerlich,
-jetzt über derartiges nachzudenken, aber in dem bangen
-Harren tanzen die Gedankenreihen so wild und glitzernd
-durcheinander, wie sonnenbeschienene Telegraphendrähte,
-wenn der Zug donnernd vorüberbraust. Nein, er muß
-sich auf etwas Wirkliches, auf etwas Vorhandenes beschränken.
-Rasch erhebt er sich, und während er fühlt,
-wie ihm die Mädchenaugen auf seinem Weg folgen, da
-unterdrückt er gewaltsam eine ihn umspinnende Schlaffheit,
-die wohl von der Aufregung und der unterbrochenen
-Nachtruhe herrührt. Und wieder schwingt und glitzert und
-sticht eine ganz unvorhergesehene Idee durch das nüchterne
-Hirn. Donnerwetter ja, er ist zweiundvierzig Jahre alt.
-In dem biegsamen Körper, der wie eine Stahlklinge jedem
-<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a>
-Druck nachzugeben weiß, ist bisher nie die Überlegung aufgetaucht
-von Einhalten und Schonung und herannahendem
-Alter. Aber wie er jetzt an dem Schreibtisch steht, um noch
-einmal entschlossen auf den elektrischen Knopf zu drücken,
-in der Hoffnung, sein Hausmeister könnte sich vielleicht
-doch wieder eingefunden haben, da muß er, obwohl ihm
-ein Ärger dabei aufsteigt, das junge blühende Geschöpf
-mit den rotleuchtenden Haaren messen und mitten in der Bedrohung
-und Not findet er es dumm und verächtlich,
-solch albernen Erwägungen nachzuhängen. Er ist eben
-ein älterer Mann und hat sich vor allen Dingen darum
-zu kümmern, das mit Waren bis unter das Dach vollgestopfte
-Geschäftshaus, an dem seine ganze Existenz hängt,
-zu hüten bis zum Äußersten. Teufel, unten lagern zum
-Unglück lauter Waren, die das rohe Volk, das hier bald
-herrschen soll, von jeher mit gierigen Augen angestarrt hat.
-Tee und Wein, Kaffee und Zucker, Reis, Tabak, Schokolade
-und ungeheure Mengen lockender Konserven. Wenn
-seine Leute nur zur Zeit kämen! Es gibt hier unten in dem
-ehemaligen Kloster einige Löcher und Winkel, die man schon
-nicht mehr Keller, sondern unterirdische Gänge nennen kann.
-Dort muß ein großer Teil der Vorräte verborgen werden.</p>
-
-<p>Durch das Haus schmettert die Klingel, gellt und schrillt
-und der Prinzipal merkt erst jetzt, wie es schon minutenlang
-vergeblich läutet. Pawlowitsch bleibt verschwunden, aber
-der Durst nach etwas Warmem, Stärkendem meldet sich
-immer ungestümer.</p>
-
-<p>Da plötzlich ein befreiender Einfall. Ganz ernsthaft
-wendet er sich an seinen Gast und fragt so dringend und
-kurz, wie er seine Angestellten anzureden gewohnt ist:</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie eine sonderbare Frage, Isa, können Sie
-Kaffee kochen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a>
-»Ich?« das Mädchen starrt ihn verblüfft an. »Ja gewiß,
-Herr Konsul Bark. Wünschen Sie denn zu trinken?«</p>
-
-<p>Hastig wird die Abwesenheit des alten Dieners zu erklären
-versucht, und unmittelbar darauf huscht die Kleine
-schon, die Laterne in der Hand, über Treppen und wurmstichige
-Holzgänge in die Küche hinab. Wie die Furcht
-ihre Glieder dabei mit eisiger Hand anfaßt, wie hohl ihre
-Tritte auf den alten Dielen schallen, wie kühl die Zugluft
-um die vorspringenden Mauerecken herumstreicht, und
-vor allen Dingen, wie unheimlich ihr eigener Schatten an
-den Wänden hin und her hüpft! Und doch &ndash; das ängstliche
-Geschöpf hat die Begleitung des Hausherrn weit von sich
-gewiesen. Was würde er denken, wenn sie sich jetzt kindisch
-benähme. Nein, weiter, weiter, trotz Grauen und häufigem
-bangen Zurückschauen.</p>
-
-<p>»Sieh da,« ruft Konsul Bark nach einer Weile, als er
-den Rotkopf auf einem gewaltigen Tablett eine ganz unwahrscheinlich
-irdene Kanne, umgeben von ein paar eilig
-zusammengerafften Tassen, daherschleppen sieht, »wo haben
-Sie denn diese Kostbarkeiten aufgelesen, Isachen? Aber das
-tut nichts, die Hauptsache ist, daß es aus dem braunen Ding
-hier sehr vertrauenerweckend dampft.« Er beugt sich ein
-wenig herab und schnuppert herum. »Also wirklich ein großartiges
-Aroma! &ndash; Tischzeug? Nein, mein Kind, das vermag
-ich jetzt nicht aufzutreiben. Sehen Sie, ich decke ein
-nagelneues Taschentuch hier über dieses Tischchen, und passen
-Sie auf, der Trank wird uns auch so munden. Es ist eben
-Belagerungskaffee.«</p>
-
-<p>Und nun sitzen die beiden vor dem groben Gesindegeschirr,
-schlürfen von dem brennend heißen Getränk und beginnen
-an ihrer trostlosen Vereinsamung beinahe ein romantisches
-Gefallen zu finden.</p>
-
-<p>Wieder wähnen sich beide auf eine winzige Insel verschlagen,
-<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a>
-und hingegeben an den wohligen Schauer der
-immer näher rückenden Gefahr, horchen sie auf die wilden
-Geräusche, von denen draußen die Straße widerhallt.
-Es klirrt und rasselt, galloppiert, schreit und tobt, gröhlende
-Lieder, in einer fremden Sprache gebrüllt, schlagen zu ihnen
-herein, und plötzlich schmettert etwas durch die Eisengitter
-der Fenster hindurch, und klirrende Glasscherben spritzen
-innen gegen die geschlossenen Holzläden.</p>
-
-<p>»Ruhig, ruhig,« beschwichtigt der Kaufmann und fährt
-wieder mechanisch über die bebende Mädchenhand.</p>
-
-<p>Doch Isa rührt sich nicht. Still, wie bisher, sitzt sie auf
-der Lehne des Stuhles, hält den Atem an, und die Nähe
-ihres Gefährten wirkt so stark auf sie, daß sie sogar versucht,
-das rasche Jagen ihrer Brust zu bezwingen.</p>
-
-<p>Ein Augenblick der Stille tritt ein. Scharf und schreckhaft
-hebt sich die lähmende Ruhe des großen Gemaches
-ab von dem dröhnenden Toben der Straße. Und so
-schmerzend sicher schlürft das bis aufs Äußerste angestrengte
-Gehör der beiden Einsamen jeden Ton in sich
-hinein, daß nicht allein die schneidenden Schwingungen
-der fremdartigen Hornsignale, die dort draußen den Lärm
-übergellen, ihr Innerstes durchstoßen, sondern auch das
-Knistern und Zucken der vielen Lichter bis an ihre zum
-Zerreißen aufmerksamen Sinne dringt.</p>
-
-<p>Da&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Herr Konsul,« fährt Isa auf.</p>
-
-<p>Auf den Pflastersteinen der Einfahrt hallt es von unzähligen
-Fußtritten.</p>
-
-<p>Ist es möglich? Der Konsul erhebt sich langsam. Ein
-törichter Kindertraum däucht ihm das Ganze, denn das
-schwere Eingangstor ist ja bis jetzt nicht dem geringsten
-Angriff ausgesetzt gewesen. Oder sollte etwa&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a>
-Allein alle diese Zweifel und Bedenken gelangen nicht
-mehr an ihr Ende.</p>
-
-<p>Sieh &ndash; sieh, es ist wirklich, als ob durch brennende
-Fiebergesichte alle möglichen bekannten Gestalten taumeln.
-Jetzt wird die Tür über den drei grünen Porphyrstufen
-aufgerissen, draußen in der gewölbten Einfahrt drängt
-sich Kopf an Kopf. Lauter breitrandige Mützen schieben
-sich durcheinander, Säbelgehänge, die über den Schultern
-befestigt sind, gleiten über grün-graue Uniformen herab,
-rauhe, unbearbeitete Reiterstiefel scharren auf den Fliesen.</p>
-
-<p>Doch wie kann es geschehen, daß sich aus dem dunklen
-Schwarm eine so überaus vertraute Figur ablöst? Ja,
-er ist es, er ist es wirklich!</p>
-
-<p>Breitspurigen Trittes, mit etwas nachgebenden Knien,
-drängt sich Rudolf Barks ›bester Freund‹ Leo Konstantinowitsch
-Sassin in das Gemach. Ein kotbespritzter grauer
-Radmantel hängt schief eingehakt um seine breiten Schultern,
-die Mütze sitzt ihm schräg auf dem linken Ohr, und
-auf dem brutalen Antlitz glüht eine sonderbare Hitze.
-Zwischen zwei Brustknöpfen seines Waffenrockes lugt der
-schwarze Kolben eines Revolvers hervor. Als der Russe
-des Paares ansichtig wird, das fast regungslos unter
-dem zersplitterten Fenster weilt, da reißt der Offizier
-seine hervorquellenden Kinderaugen auf, und um seine
-blondumbarteten Lippen fliegt ein sonderbar befriedigter
-Schein. Was hier Ausdruck gewinnt, ist nicht die Freude
-des Wiedersehens. Es bedeutet vielmehr eine dumm-dreiste
-Überlegenheit, wie sie Ungebildeten eignet, wenn sie plötzlich
-über Höherstehende Macht erlangen.</p>
-
-<p>»Ah, guten Abend, Rudolf Bark, mein Kompliment
-für das junge Fräulein von Maritzken,« poltert der
-Dragoner in einem rohen Lachen hervor. »Nicht fürchten
-&ndash; keine Ursache &ndash; gut Freund. So lange hier keine
-<a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a>
-Dummheiten macht, werden Euch vorzüglich behandeln.
-Was stieren mich so an, Rudolf Bark? Mein bester
-Freund?! Wundern sich, wie zu Ihnen hereingekommen?
-Hehe, zweiunddreißigsten Dragoner verstehen durchs Schlüsselloch
-zu reiten. Haben unsre kleinen Geheimnisse.«</p>
-
-<p>Damit tritt der Redende nicht ganz sicher an den Tisch,
-hebt die braune Kanne in die Höhe und läßt sie aus Ungeschicklichkeit
-oder mit Absicht auf den Teppich niederstürzen.
-In einer breiten Lache ergießt sich die braune
-Flüssigkeit aus den zersprungenen Scherben über das
-dunkle orientalische Gewebe.</p>
-
-<p>»Wie, was &ndash; Kaffee? Seit wann, Rudolf Bark,
-sind Sie ein altes Weib? Es muß hier doch Wein im
-Hause sein. Bei der Mutter von Kasan! Tausende von
-Flaschen, ganze Fässer. Ich kenne Ihre Gastfreundschaft,
-bester Freund. Natürlich, wer sollte sie besser kennen?!
-Weiß, brennen darauf, arme, müde Soldaten des Zaren
-&ndash; wie sagt man &ndash; <i>à régaler</i>.«</p>
-
-<p>Und sich zur Tür und zu den Haufen seiner Reiter
-wendend, schreit er in russischer Sprache, die der Prinzipal
-des »Goldenen Becher« sehr wohl versteht, hinaus:</p>
-
-<p>»Lauft, ihr durstigen Kinderchen, sucht, meine braven
-Söhne! Habt ihr verstanden, ihr pfiffigen Spitzbuben?
-Hier unten in den Kellern gibt es Wein. Alkohol ist euch
-verboten, aber Wein hat der große Zar erlaubt. Und mein
-Freund Rudolf Bark ist kein Knauser. Er ist glücklich, uns
-bewirten zu dürfen. Macht, daß ihr fortkommt! Aber
-nicht betrinken. Hört ihr? Der Rausch ist für einen russischen
-Soldaten unanständig.«</p>
-
-<p>Nach dieser mit wildem Triumph gehaltenen Rede läßt
-Leo Konstantinowitsch die Flügeltüren zurückfallen und
-schwankt ziemlich unsicher an den Tisch, wo er krachend in
-den nächsten Stuhl fällt. Seine glitzernden Augen aber,
-<a class="pagenum" id="page_263" title="263"> </a>
-die bebenden Nasenflügel und der kurze Atem bekunden
-deutlich, wie er selbst das Alkoholverbot seines Gossudars
-durchaus nicht für verbindlich erachtet hat. Eine müde
-Handbewegung ladet die beiden anderen zum Platznehmen
-ein.</p>
-
-<p>»Setzen Sie sich, Rudolf Bark,« sprudelt er herablassend,
-»und hier neben mich das schöne Fräulein. Ohne
-Angst. Leo Konstantinowitsch ist Ihnen freundlich gesinnt.
-Sie glauben gar nicht, wie gut Sie es bei uns haben
-werden. Und nun schaffen Sie ein paar Flaschen Champagner
-an, Rudolf Bark, ich schlafe heute bei Ihnen.«</p>
-
-<p>Und dann rast alles, wie von irrsinnigen Geistern gehetzt
-vorüber. Von unten aus den Kellergewölben dringen
-dumpfe Schläge herauf, ein wildes Geheul der Freude
-kreischt dazwischen und ehe noch der Kaufmann Zeit finden
-kann, seinem Bedränger auseinanderzusetzen, wie mitten
-in der Nacht natürlich keine Dienerschaft vorhanden sei
-und daß die Schlüssel der Vorratskammern jetzt ebensowenig
-aufzutreiben wären, da drängen sich bereits ohne
-weitere Förmlichkeiten ein paar russische Dragoner an den
-Tisch. Unter den Armen allerhand Weinflaschen und in
-den Händen eiligst zusammengerafftes groteskes Trinkgeschirr.
-Bierseidel, Weingläser, Kaffeetassen und Milchtöpfe,
-alles toll und wüst durcheinander.</p>
-
-<p>»Gut, gut,« schreit Sassin, und dabei schleudert er Mantel
-und Mütze mitten in die Stube, »sehen Sie, Rudolf Bark,
-wie treulos Sie sich benehmen? Sie verwickeln sich in
-Widersprüche, bester Freund. Wozu Dienerschaft? Wozu
-Schlüssel? Ich habe alles bei mir. Das weite Russland
-braucht nichts Fremdes, es besorgt sich alles selbst. Vorwärts,
-meine guten Jungen. Jeder drei Flaschen! Rudolf
-Bark gibt es euch gern. Seht, wie er sich freut. Fehlt
-euch noch etwas, meine guten Söhne?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_264" title="264"> </a>
-»Nein, es lebe Väterchen Rittmeister!«</p>
-
-<p>»Ich danke euch, ich weiß, daß ihr mich liebt. Und
-nun packt euch hinaus, seht ihr nicht, daß ich hier mit
-vornehmen Nemzows sitze?«</p>
-
-<p>Wieder befinden sich die drei allein, immer wiehernder
-schallt das Gelächter des Trunkenen durch den großen
-Raum, immer ungebändigter werden seine Scherze. Empört
-erhebt sich der Konsul. Er ist kaum noch imstande, seinen
-Zorn und seine Verachtung gegen den halb der Besinnung
-Beraubten zu unterdrücken. Nur ein Blick auf das Mädchen,
-das mit weit aufgerissenen Augen die widerwärtige
-Trinkorgie verfolgt, flößt dem Kaufmann noch Beherrschung
-und Zurückhaltung ein.</p>
-
-<p>»Herr Rittmeister,« ruft er, indem er mit zusammengekrümmtem
-Zeigefinger nervös auf die Tischplatte pocht,
-»wünschen Sie dies Gelage noch lange fortzusetzen? Ich
-finde, Ihr Zustand erfordert es, daß Sie sich eiligst zur
-Ruhe begeben.«</p>
-
-<p>»Ich?« Der Russe spreizt die Beine von sich und lehnt
-sich weit zurück. Die stieren blauen Augen quillen ihm dabei
-immer mehr aus dem Kopf. »Zustand? Wieso, Rudolf
-Bark? Pah, ich kenne keinen Zustand. Wenn Sie wüßten,
-wie frisch ich mich fühle! Acht Stunden im Sattel gesessen.
-Keine Ader schlägt mir danach.« Hier brüllt er laut
-auf und stößt mit der Faust vor die Brust. »Solch einen
-Ritt wünsche ich Ihnen, Rudolf Bark. Herrlich, herrlich!
-Grenzwache haben wir überritten, ehe sie sich besann.
-Unter meinem Pferd lag etwas Zappelndes. Können Sie
-sich diese weichliche Nachgiebigkeit vorstellen, wenn man zum
-erstenmal über einen Menschen reitet? Man hört das Aufschmettern
-des Hufes, man fühlt das Einsinken &ndash; es ist
-aufregend!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_265" title="265"> </a>
-»Hören Sie auf,« ruft der Konsul sich vergessend,
-»Sie wissen nicht mehr, was Sie reden.«</p>
-
-<p>»Wie? Was?« Der Russe versucht sich aufzurichten,
-allein er vermag es nicht mehr. Die Geister des verschwenderisch
-genossenen Weines reißen ihn auf seinen Sitz
-zurück. »Wie sprechen mit mir, teurer Freund? Sollten
-vielleicht vergessen, daß wir hier als Herren einzogen?
-Hat ein Ende mit der Unverschämtheit der Germanen.
-Wer sind Sie, wenn ich meine Hand jetzt von Ihnen abziehe?
-Kein Hahn kräht nach Ihnen. Aber lassen wir
-diese Dummheiten.«</p>
-
-<p>Schwerfällig wendet er sich zu Isa, bemüht, eine Verneigung
-auszuführen, allein der Versuch wirft ihn nach
-vorn, so daß sein flammendes Haupt haltlos gegen die
-Schulter des Mädchens sinkt.</p>
-
-<p>Hei, welche Wärme, welch eine zuckende Haut, welch
-eine atmende Rundung! Das betäubte Hirn des ungebildeten
-Bauern verliert darüber die letzte Spur angelernter
-Lebensart.</p>
-
-<p>»Kommen Sie, <i>ma chère</i>,« flüstert er, wobei er der
-Zurückschaudernden immer näher rückt und beide Arme um
-sie schlingt, »wir trinken noch ein Gläschen. Wissen Sie
-auch, daß Sie scharmant sind? Der Teufel hole Ihre
-Schwestern. Sie sollen leben, ich habe immer für schlanke
-Glieder geschwärmt. Nicht wahr, Rudolf Bark, Sie können
-es bezeugen?«</p>
-
-<p>Roh, zudringlich, in einer gemeinen Vertraulichkeit
-schließen sich die Fäuste des von Gier und Rausch Bezwungenen
-hinter dem Hals des Mädchens zusammen.
-Von Starrheit geschlagen, rührt sich Isa kaum. Keine
-Bewegung wagt sie auszuführen aus Scham oder aus
-Angst, und nur einen einzigen hilflosen, beschwörenden
-Blick sendet sie zu dem vor Wut verzerrten Antlitz des
-<a class="pagenum" id="page_266" title="266"> </a>
-Hausherrn empor. Sie sieht noch, wie sich die Zähne
-des Konsuls in seine Unterlippe graben, schauernd fühlt
-sie, daß das kleine Tischchen, einem Fußtritt des durch
-ihn genierten Russen nachgebend, polternd und klirrend
-zu Boden stürzt, und gleich darauf zischt etwas vor ihren
-Ohren. Ein blendender Strahl zwingt sie, ihre Lider zu
-schließen, so daß sie kaum noch merkt, von wessen Hand
-sie jetzt emporgerissen wird.</p>
-
-<p>Entsetzen!</p>
-
-<p>Für eine Sekunde fassen die drei Ernüchterten dasselbe
-Bild in schonungsloser, peinigender Klarheit auf. Elegant,
-geschmeidig, tadellos angezogen wie immer, lehnt Rudolf
-Bark hinter dem hohen Kirchenstuhl. In dem hübschen
-glatten Gesicht verrät keine Blässe, kein nervöses Zucken
-auch nur eine Spur von Abscheu vor seiner eigenen Tat.
-Nein, neugierig fast beobachtet der Kaufmann, dessen
-Finger noch immer die Waffe umspannen, die er seinem
-Gastfreunde aus dem Waffenrock gerissen, wie Leo Konstantinowitsch
-Sassin mitten in der Stube über seinem
-eigenen Mantel auf dem Rücken liegt, um mit der Rechten
-unter Lachen und einem schmerzlichen Brüllen an den
-Uniformknöpfen oberhalb der Brust herumzureißen. Draußen
-unter der Einfahrt drängt es sich schon wieder Kopf
-an Kopf, obwohl keiner, von der Furchtbarkeit des Geschauten
-gelähmt, es wagt, die tolle Stätte dieses blutigen
-Gerichts zu betreten. Stumm recken sie die Hälse vor,
-um auf das zu horchen, was sich niemand erklären kann.</p>
-
-<p>»Oh du verfluchter deutscher Hund, du Vieh, du hinterlistiges
-Schwein, so behandelst du deinen Freund? Pfui,
-man möchte weinen! Warte nur, du widerlicher Affe,
-wie sauber dir unser Profoß die Schlinge um den Hals
-legen wird. Was steht ihr hier und haltet Maulaffen
-feil? Hat man nicht euer Väterchen ermordet? Schnell,
-<a class="pagenum" id="page_267" title="267"> </a>
-nehmt ihn fest, die Rothaarige auch. Und mir gebt zu
-trinken. Einen Topf Champagner. Mir ist ein wenig
-schlecht. Oh, Rudolf Bark, mein bester Freund, ich wollte,
-ich könnte dich selbst zappeln lassen. Ich gäbe den ganzen
-Feldzug darum. Pfui, du treulose, deutsche Spinne, ich
-trete dir den Kopf ein.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>In der Gefängnistür rasselte ein Schlüssel. Und das
-Geräusch unterbrach den auf dem Schemel hockenden Kaufmann
-in seinen rückwärts gerichteten Gedanken. Er fuhr
-auf und sah nach der Uhr: es war hoch am Spätnachmittag.
-Aus der Schar der vor Müdigkeit Eingeschlafenen erhob
-sich der kahle Schädel des Tischlermeisters Majunke, und
-seine befleckten Hemdsärmel sägten aufgeregt durch die
-Luft.</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, sie kommen,« zischte er durch die
-Zahnlücke, »schnarcht nicht, Kinderchen, sie könnten es uns
-übelnehmen. Herr Kowalt, verstecken Sie Ihre Peitsche,
-man kann nicht wissen, was sie dazu denken.«</p>
-
-<p>Langsam drehte sich das schwere Holz, und auf dem rot
-gepflasterten Ziegelflur stand neben dem ehrfurchtsvoll geduckten
-Kosaken eine schmächtige Jünglingsgestalt in grauer
-Uniform, dessen blasses kränkliches Antlitz der Konsul sich
-besann, schon einmal gesehen zu haben. Richtig, das war
-einer der beiden Fahnenjunker, der im Hause Sassins erzählt
-hatte, welch ein freimütiges Testament er für seinen
-Vater, den Polizeioberst in Kiew aufgesetzt hätte. Der
-glatt rasierte Knabe hielt einen Bogen Papier in der Hand
-und sah kurzsichtig und mit blinzelnden Augen in den
-dumpfen Raum, aus dem eine Wolke schwüler Hitze herausschlug.
-Dann trat er auf die Schwelle, zog sich den grauen
-Waffenrock zurecht, und indem er ein wenig mit der
-<a class="pagenum" id="page_268" title="268"> </a>
-Degenscheide klirrte, gab er sich den Anschein einer amtlichen
-Würde.</p>
-
-<p>»Rudolf Bark,« rief er mit seiner gebrochenen Knabenstimme,
-in die er vergeblich einen militärischen Kommandoton
-zu legen suchte, »ist hier der Konsul Rudolf Bark
-anwesend?«</p>
-
-<p>Der Prinzipal des »Goldenen Becher« erhob sich.</p>
-
-<p>»Was steht zu Diensten?« fragte er kurz.</p>
-
-<p>»Sie sind es? Ach ja,« erinnerte sich das uniformierte
-Kind und errötete leicht; dann aber besann es sich und verbeugte
-sich förmlich. »Unterleutnant von Karström,« stellte
-er sich vor.</p>
-
-<p>Und Rudolf Bark erriet nicht allein aus dem Namen,
-sondern vor allem an der flüssigen Aussprache des Deutschen,
-daß er einen Balten vor sich habe.</p>
-
-<p>Der Unterleutnant blinzelte flüchtig in sein Papier und
-fuhr fort:</p>
-
-<p>»Sie werden mir folgen. Ich habe den Befehl, Sie
-auf das Rathaus zu unserem Kommandanten zu bringen.«
-Und einen Blick auf den eleganten hellen Sommeranzug
-seines Gefangenen heftend, setzte er mit einer Rücksicht,
-die er durchaus nicht verleugnen konnte, höflich hinzu:
-»Bitte bedecken Sie sich mit Ihrem Hut.«</p>
-
-<p>Hier zuckte der Konsul die Achsel. Und nachdem er
-erklärt, daß man ihn barhäuptig hierher transportiert,
-da errötete der junge baltische Adlige von neuem und
-schüttelte ratlos das schmale, kränkliche Haupt. Selbst
-den Konsul rührte diese kindliche Unbeholfenheit.</p>
-
-<p>»Ich werde mir mit Ihrer Erlaubnis, Herr Unterleutnant,«
-half er deshalb rasch ein, »einen Hut von
-einem meiner Mitgefangenen ausborgen. Nicht wahr, Herr
-Kowalt, Sie sind so freundlich?«</p>
-
-<p>»Ja allerdings, bitte tun Sie das,« atmete der Balte
-<a class="pagenum" id="page_269" title="269"> </a>
-ganz erleichtert auf. Dabei verbeugte er sich unwillkürlich,
-als der Kaufmann nun mit dem abgetragenen fettigen
-Hut des Pferdehändlers in der Hand an ihm vorüberschritt.</p>
-
-<p>Auf der Diele hatte der Kosak inzwischen von einem
-Stuhl einen handfesten Strick genommen, mit dem er
-sich nun dem Konsul geschäftig näherte.</p>
-
-<p>»Was soll das?« fragte der Leutnant, wobei er sichtlich
-zusammenschrak.</p>
-
-<p>Grinsend deutete der Kosak auf die Hände des Gefangenen.
-Da warf der junge Offizier wie beschwörend
-die Rechte vor.</p>
-
-<p>»Keineswegs,« stammelte er, »davon steht kein Wort
-in meiner Instruktion. Der Herr ist nicht fluchtverdächtig.
-Auf der Stelle wirfst du den Strick fort.« Und sich zu
-dem gelassen dastehenden Rudolf Bark wendend, versuchte
-der junge Mensch eine Entschuldigung anzubringen. »Bitte
-vergeben Sie, mein Herr,« sagte er trotz seiner Kindlichkeit
-mit einer Haltung, die ganz zweifelsfrei die gute Erziehung
-eines halbdeutschen Adelshauses verriet, »das war keineswegs
-beabsichtigt.« Und indem er mit dem Haupte auf
-den wieder zusammengesunkenen Kosaken deutete, warf
-er noch eifrig hin: »Der Mann stammt aus den Donschen
-Steppen. Die Leute haben dort eine ganz eigene Gerichtsbarkeit,
-die von der unsrigen erheblich abweicht. Sie sollten
-daraus keine allgemeinen Schlüsse ziehen, mein Herr.«</p>
-
-<p>»Gewiß nicht,« beruhigte ihn Rudolf Bark mit einem
-kaum merklichen Lächeln.</p>
-
-<p>Dann schritten sie gemeinsam die Steinstufen herunter
-und befanden sich bald in einer der nüchternen Gassen
-der Vorstadt. Aber wie hatte sich das Gepräge dieses
-sonst so regen Handelsplatzes verändert! Es versetzte dem
-Kaufmann, in dem doch selbst die Sorge vor der Zukunft
-brütete, einen Stich ins Herz, als er die auffallende Verwandlung
-<a class="pagenum" id="page_270" title="270"> </a>
-feststellte. Obwohl noch lange nicht die Stunde
-des allgemeinen Ladenschlusses angebrochen war, hatten
-die kleinen Gewerbetreibenden überall Jalousien und Lattenverschläge
-vor ihre Auslagen gezogen, und die Straßen
-selbst schienen von den Eingeborenen wie ausgestorben.
-Kein bekanntes Gesicht wollte sich zeigen. Dafür wimmelte
-jedoch die fremde Soldateska gleich einem schwarzen
-Ameisenhaufen durcheinander, immer neue Truppen zogen
-singend von den Landstraßen aus herein, und man sah
-es den befriedigten Gesichtern an, daß ihnen die Besetzung
-dieser ehemaligen Festung, die längst ihre Bedeutung
-verloren hatte, als ein nicht zu unterschätzender
-Erfolg galt. Lange Züge von Infanterie wechselten mit
-Munitions- und Artilleriekolonnen, und von dem Klirren
-der schweren Geschütze auf dem schlechten Pflaster bebten
-die kleinen leichtgebauten Häuschen. Aber auch andere
-Fuhrwerke kamen ihnen aus der Stadt entgegen, deren
-Ladung, obwohl die Wagen von Soldaten gelenkt wurden,
-durchaus nicht dem kriegerischen Bedürfnis entsprach und
-deshalb die regste Verblüffung von Rudolf Bark hervorrief.
-Ohne um Erlaubnis zu bitten, hielt der Kaufmann
-plötzlich in seinem Weg inne und wies mit der Hand auf
-einen mächtigen Leiterwagen, auf dem die tollsten Dinge
-widerspruchsvoll übereinander gepackt waren. Seidene Möbel,
-eiserne Geldschränke, ein umfangreicher Benzinmotor, ungeheure
-Berge bescheiden angefertigter Konfektionsanzüge,
-Mehlsäcke, ja sogar ein Klavier hatte man zwischen die
-Leiterbäume gepreßt, und die drei kutschierenden Soldaten
-beschäftigten sich eben damit, vorn auf dem Bock die Keule
-eines rohen Schinkens gemeinschaftlich mit ihren starken
-Zähnen zu benagen und zu zerreißen.</p>
-
-<p>»Was ist das?« stieß der Prinzipal des »Goldenen
-Bechers« beinahe der Sprache beraubt, hervor.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_271" title="271"> </a>
-Doch der junge Russe antwortete nicht. Flammend rot
-waren seine blassen Wangen übergossen, und in seiner
-Scham und Bestürzung vermochte er nur fast bittend
-hervorzubringen:</p>
-
-<p>»Mir sind die Gewohnheiten der Intendantur unbekannt,
-ich weiß nicht, was das bedeutet. Aber bitte, mein Herr,
-wollen Sie mir rasch folgen, denn ich habe Sie bis um
-sieben Uhr auf dem Rathause abzuliefern.«</p>
-
-<p>Eiligst schritt der gedemütigte Knabe voran, und so wild
-entfernte er sich durch ein Seitengäßchen von der großen
-Fahrstraße, daß dem Konsul bereits der Gedanke an Flucht
-durch den Kopf schoß. Freilich, ein Blick auf das viele
-Militär, das da und dort unbeschäftigt vor den Häusern
-herumlungerte, ließ ihn einen solchen Plan als gänzlich
-aussichtslos sofort wieder verwerfen. So gelangten sie
-vor das Gebäude des Magistrats, das mit seinen mittelalterlichen,
-im Artus-Stil gehaltenen Lauben und Bogengängen
-fast gänzlich die eine Schmalseite des Platzes einnahm.
-Vor dem Haupteingang schilderten zwei russische
-Infanteristen. Sie hatten ihre Uniformen der noch immer
-herrschenden Hitze wegen über der Brust aufgerissen und
-unterhielten sich laut und ungeniert miteinander. Aber
-das war es nicht, was dem Konsul das ungeheure Erlebnis,
-das seit gestern über die Stadt dahingebraust war, so
-schmerzhaft zur Erkenntnis brachte. Es war etwas anderes.
-Unwillkürlich zuckte er zurück und griff sich an die Stirn.
-Nein, er träumte nicht; &ndash; oben von der Krönung des
-Torbogens war das Wappenschild des preußischen Adlers
-herabgerissen und lag jetzt auf dem Fahrdamm in der
-Gosse, wo das schwarzgelbe Spülwasser schwammig über
-das Symbol der Staatshoheit hinweggurgelte. Hunderte
-von Malen war Rudolf Bark achtlos an dem schwarzen
-Wappentier vorübergeeilt. Ja, wenn man ihn genau befragt
-<a class="pagenum" id="page_272" title="272"> </a>
-hätte, so hätte er nicht mit absoluter Sicherheit angeben
-können, ob dort oben über den gotisch gerillten Bogen
-überhaupt eine derartige Verkörperung des Staates gethront
-habe. Jetzt aber, wo absichtliche Geringschätzung,
-wo eine gemeine Freude an der Erniedrigung anderer
-das alte Ideal in den Kot geschleudert, da krampfte es
-sich in seiner Brust zusammen, und etwas von jenem
-ihm bisher ganz fremden Haß wuchs atemraubend empor,
-von jenem wilden, unerbittlichen Völkerhaß, der fortan
-über den Gemeinschaften der Erde wie ein riesenhafter,
-alles Licht überschattender, Geier schweben sollte. Mit geschlossenen
-Augen schritt er unter der grün-weißen Fahne
-hindurch, die jetzt die Stelle des alten Wappens einnahm,
-und während er mit seinem jungen Führer die breiten,
-ausgetretenen Steinstufen heraufstieg, da errechnete sich sein
-zählender Verstand, daß er jetzt selbst an der Pforte der
-Vernichtung angelangt sei. Was war da noch lange zu
-überlegen? Wozu nach Auswegen suchen? In der ersten
-Stunde dieses niederträchtigen Überfalls hatte er auf einen
-bei ihm einquartierten Offizier der Besatzungstruppen gefeuert.
-Möglicherweise war der Verwundete sogar schon
-seinen Verletzungen erlegen. Da wurde er eben vor ein
-Kriegsgericht geschleppt, und wie das in dem Machtbereich
-des weißen Zaren seines Amtes zu walten pflegte, darüber
-gab sich der Kaufmann keinem Zweifel hin. Vielleicht erwartete
-ihn schon hier der fertige Spruch. Nun gut, da
-nahm er wenigstens die Genugtuung in das Unbetretene
-mit hinüber, auch ohne eine militärische Charge seiner
-Mannespflicht gegen ein schutzloses deutsches Mädchen genügt
-zu haben. Ein wärmendes Gefühl der Befriedigung
-überkam ihn, als er jetzt vor der bunten Glastür des
-Beratungssaales an Isa dachte. Wahrhaftig, er hatte recht
-wie ein Vater gehandelt. Wie ein zurückhaltender reifer
-<a class="pagenum" id="page_273" title="273"> </a>
-Mann einem kleinen zierlichen Mädchen gegenüber. Und
-er genoß ein seltsam prickelndes Wohlbehagen, als er sich
-vorstellte, wie der Rotkopf mit den leuchtenden Goldaugen
-später, viel später, wenn er längst unter einem Galgen
-vermodert war, Kindern und Kindeskindern dankerfüllt
-von ihrem Retter erzählen würde.</p>
-
-<p>»Herr Konsul Bark, wir sind an der Reihe,« riß Unterleutnant
-von Karström den Achtlosen aus seinen Gespinsten.</p>
-
-<p>Ob man Isa auch hierher transportiert hat? blitzte es
-Rudolf Bark noch durch den Sinn.</p>
-
-<p>Dann reckte er sich, strich, seiner Gewohnheit gemäß,
-über den gut sitzenden hellen Anzug und trat an der Seite
-des jungen Balten in den Saal. Gemessen verbeugte er
-sich, dann blickte er sich um.</p>
-
-<p>In dem mit bunten Holzmalereien geschmückten Raum
-zogen sich an beiden Längsseiten, hintereinander ansteigend,
-die Schranken der Stadtverordneten hin. Das Kopfende
-der Halle wurde von den Sitzen des Magistrats eingenommen,
-zu dessen Wirkungsstätte drei mit grünem Tuch
-überspannte Stufen hinaufführten. Im Moment aber saßen
-auf den Bänken der Stadtverordneten, von einem Pikett
-russischer Feldgendarmen bewacht, der weißbärtige erste
-Bürgermeister der Stadt und neben ihm fünf der angesehensten
-Senatoren, denen die Niedergeschlagenheit über
-eine mit dem Kommandanten soeben geführte Unterhaltung
-aus den müden, übernächtigten Gesichtern abzulesen war.
-Der russische Befehlshaber selbst, dem jetzt an Stelle der
-Stadtväter jede Machtbefugnis zustand, wanderte indes
-in seiner grau-grünen Uniform mit auf dem Rücken verschränkten
-Händen sporenklirrend auf der grünen Plattform
-des Magistrats auf und ab, hatte die Stirn gerunzelt und
-zuckte mehrmals im Selbstgespräch die Achsel, als wenn
-es ihm unmöglich wäre, eine soeben getroffene Verfügung
-<a class="pagenum" id="page_274" title="274"> </a>
-wieder zurückzunehmen. Es war eine untersetzte männliche
-Gestalt mit schlichtem, graugescheiteltem Haar. Und trotz der
-ihm von seinem Amte auferlegten Kürze, ließen die klugen,
-hellen Augen doch ahnen, daß er die unglückliche Lage dieser
-Stadtbürger nachzuempfinden wisse. Jetzt wandte sich der
-Kommandant rasch herum, und in demselben Moment
-durchzuckte den Konsul ein kurzer, beinahe freudiger Schreck.
-Es war Oberst Geschow, derselbe Offizier, dessen noble
-Ritterlichkeit Rudolf Bark schon bei seinem Ausflug über
-die Grenze schätzen gelernt hatte. Auch der Oberst erkannte
-den Kaufmann auf der Stelle. Er spreizte die Beine, setzte
-die Fäuste in die Hüften und rief mit kräftiger Stimme
-herunter:</p>
-
-<p>»Herr Konsul Bark, welcher Teufel hat Sie geritten?
-<i>Mille tonnères</i>, sehen Sie denn nicht, Herr, daß Sie
-sich nicht allein selbst, sondern die ganze Bürgerschaft durch
-Ihr wahnsinniges Benehmen ins Unglück gestürzt
-haben?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Herr Oberst&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ruhe, jetzt spreche ich. Ich möchte Ihnen von vornherein
-bemerken, daß es für Ihre Handlungsweise keinerlei
-Entschuldigungen gibt. Muß ich Ihnen erst sagen, was es
-auf sich hat, wenn in Kriegszeiten ein Offizier von einem
-Zivilisten angefallen wird?«</p>
-
-<p>»Herr Oberst, bitte mir gütigst eine Frage zu gestatten:
-Ist für die junge Dame, die sich gestern abend in meinem
-Hause befand, gesorgt worden? Und darf ich hoffen, daß
-sie als Augenzeugin vernommen wird?«</p>
-
-<p>Der Oberst gab seine breitbeinige Stellung nicht auf,
-sondern beugte sich vielmehr noch etwas weiter nach vorn.
-Aber die erste Erkundigung seines Gefangenen schien ihn
-nicht unangenehm zu berühren.</p>
-
-<p>»Darüber kann ich Sie beruhigen,« herrschte er den
-<a class="pagenum" id="page_275" title="275"> </a>
-Kaufmann an. »Ihre Landsleute werden sich schon daran
-gewöhnen müssen, uns nicht als Halbwilde zu betrachten.
-Gleich nachdem mir gestern der Vorfall gemeldet war,
-habe ich mich selbst in Ihr Haus zu einer Visitation
-begeben. Die junge Dame, die mir persönlich bekannt ist,
-hat mir an Ort und Stelle ihre Angaben gemacht, und
-sie befindet sich noch jetzt in Ihrer Wohnung, und zwar
-unter guter Obhut. Sie sehen also, meine Herren,« rief
-der untersetzte Befehlshaber auch zu den Stadtvätern auf
-den Holzbänken herüber, »daß uns der gute Wille, Sitte
-und Anstand zu erhalten, keineswegs fehlt.«</p>
-
-<p>Bei den Senatoren erhob sich ein gedrücktes Gemurmel.
-Rudolf Bark jedoch verbeugte sich leicht. Er atmete auf.
-Also Isa in verhältnismäßiger Sicherheit!</p>
-
-<p>Inzwischen hatte sich Oberst Geschow abgekehrt und
-begann wieder klirrend auf der Plattform auf und nieder
-zu schreiten. Dabei warf er von Zeit zu Zeit unter seinen
-grau überbuschten Augenbrauen einen ungehaltenen Blick
-auf den Störer jenes bürgerlichen Einvernehmens, an
-dem dem Kommandanten augenscheinlich so viel gelegen
-war. Plötzlich trat er an einen Tisch voll Akten, Listen
-und Papieren und riß einen Brief hervor, um das Schreiben,
-sobald er es überflogen, heftig in kleine Stücke zu zerreißen.</p>
-
-<p>»Sie kennen den Fürsten Dimitri Fergussow also persönlich?«
-warf er gereizt hin.</p>
-
-<p>»Ich habe den Vorzug,« entgegnete der Konsul aufhorchend.</p>
-
-<p>Jetzt klirrte der Oberst die Stufen herunter und pflanzte
-sich ganz dicht neben Rudolf Bark auf. Hastig riß er
-an seinem starren grauen Schnurrbart.</p>
-
-<p>»Zu unangenehm,« schimpfte er halblaut, und man
-sah es ihm an, wie sehr er diese Amtshandlung verwünschte.
-<a class="pagenum" id="page_276" title="276"> </a>
-»Ich mache kein Hehl daraus, verehrter Herr,
-mir liegt nichts an dem Wirtschaften mit Pulver und Blei
-oder mit Strick und Galgen hinter der Front. Aber ist
-es nicht schändlich,« fuhr er grimmig auf und stampfte
-mit dem Fuß, »daß Sie die kaum warm gewordene Behörde
-zu solchen Maßnahmen zwingen? Glauben Sie
-vielleicht, Ihre Leute würden anders handeln? Es mag
-ja möglich sein, daß für Sie gewisse Milderungsgründe
-in Betracht kommen &ndash; ich gebe es zu,« schrie er empört
-und schlug mit der Faust durch die Luft &ndash; »aber
-<i>sacré nom de dieu</i>, das alles erspart Ihnen keineswegs
-das Kriegsgericht. Es tut mir leid, Herr Konsul,
-Ihnen das ankündigen zu müssen, und Sie sind sich wohl
-auch über die Folgen klar.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte der Konsul ruhig und sah zu Boden.</p>
-
-<p>Der Oberst maß ihn eine kurze Weile und riß von neuem
-an seinem Bart, bis er endlich, knurrend und fluchend,
-die drei grünen Stufen abermals hinaufstieg. Kaum aber
-war er an dem Aktentischchen angelangt, so schlug er mit
-der Faust unter die Papiere und wandte sich ruckartig
-zurück. Im nächsten Moment ließ er sich in einen der
-Magistratssessel sinken, schlug die Arme untereinander und
-sah starr nach oben auf die bunt bemalte Decke.</p>
-
-<p>»Ein weiteres Eingreifen von mir ist ausgeschlossen,«
-preßte er sich zum Schluß ab. »Das einzige, was ich in
-diesem besonderen Falle tun konnte, das ist bereits erledigt.
-Ich habe bei unserem Auditoriat veranlaßt, daß
-Ihre Angelegenheit hinter der Front, in unserer nächsten
-Gouvernements-Stadt verhandelt wird.« Und als er eine
-stumme Frage in den Augen des Konsuls wahrzunehmen
-glaubte, fuhr er in seiner kurzen Weise fort: »Sie haben
-dort den Vorteil der gründlicheren Untersuchung, was
-bei der Schwere Ihres Vergehens hier nicht möglich ist.«
-<a class="pagenum" id="page_277" title="277"> </a>
-Damit hob er den Arm und revidierte die kleine Armbanduhr
-auf seinem Handgelenk. »Es ist jetzt ein Viertel
-nach sieben,« stellte er fest. »Ist der Wagen für die
-Herrschaften bereits vorgefahren?« wandte er sich an den
-jungen Unterleutnant.</p>
-
-<p>Dieser öffnete die bunte Glastür, rief etwas heraus
-und meldete darauf, daß das Gefährt schon vor dem Tor
-des Rathauses hielte.</p>
-
-<p>»Nun gut, ich danke Ihnen.« Der Oberst erhob sich,
-und ohne seinen gesenkten Blick von den herumliegenden
-Akten abzulenken, sprach er mit mehr innerer Bewegung
-als bisher: »Dann fahren Sie alle mit Gott, meine
-Herren. Ich hoffe, daß Sie die Berechtigung meiner
-Maßnahmen einsehen, und ich wünsche, wir könnten uns
-alle als zufriedene Untertanen des Zaren und als Bürger
-eines beruhigten Staatswesens wiederfinden. Für Ihre
-Verproviantierung ist gesorgt. Sie sind entlassen.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ein Leiterwagen, dessen beide Innenseiten man mit
-zwei langen Sitzbrettern versehen, das war die würdige
-Equipage, die man für die als Geiseln bestimmten Magistratsherren
-ausgesucht hatte. Der Fußboden war kräftig
-mit Stroh beschüttet und sowohl vorn neben dem uniformierten
-Kutscher, als auch auf dem letzten quergestellten
-Sitzbrett hockten ein paar Infanteristen mit aufgepflanztem
-Bajonett.</p>
-
-<p>»Bitte, nehmen Sie Ihre Plätze ein, meine Herren,«
-forderte der junge Balte auf, der als Führer des Transportes
-zu dienen schien; und mit einem gefälligen Lächeln
-wandte er sich an Rudolf Bark: »Herr Konsul, Sie
-wünschen vielleicht neben der Ihnen bekannten jungen
-Dame zu sitzen? Ich habe nichts dagegen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_278" title="278"> </a>
-Dem Angeredeten schlug das Herz. Herr im Himmel,
-dort am Ende des Wagens, direkt vor der Wachmannschaft,
-da lehnte Isa in ihrem grauen Regenmantel, und der
-schwarze Lackhut krönte so kleidsam ihr feines, schmales
-Haupt, als ob es Gott weiß zu welcher Lustfahrt ginge.
-Als sie ihres Freundes ansichtig wurde, da warf sie sich
-herum, musterte ihn von Kopf bis zu den Füßen und
-winkte dann lebhaft mit der Hand. In dem blassen Antlitz
-zeigte sich nicht mehr eine Spur von Furcht oder Bedrückung,
-ja, sie lächelte sogar, da der Kaufmann nun auf
-die Deichsel sprang, um dann über das raschelnde Stroh
-bis an ihren Sitz zu gelangen. Und das erste, was der
-Rotkopf äußerte, das war in der Tat eine Bemerkung,
-die darauf schließen ließ, wie das gestern noch so zitternde
-Ding sich bereits an Gefangenschaft, Druck und Gefahr
-gewöhnt habe.</p>
-
-<p>Ach, diese ahnungslose Jugend, dachte Rudolf Bark
-unwillkürlich, als er sich mit einem herzlichen Händedruck
-neben dem Mädchen niederließ und nun gewahrte,
-wie sie den Zeigefinger ihrer Rechten voller Abscheu gegen
-seine Kopfbedeckung ausstreckte.</p>
-
-<p>»Aber um Gottes willen, Herr Konsul, wie kommen Sie
-zu diesem fürchterlich fettigen Schmalztopf?«</p>
-
-<p>Und wirklich, sie lachte hell auf, was von den drei
-russischen Infanteristen hinter ihr mit gutmütigem Kopfnicken
-begleitet wurde. Allein der Konsul ging auf den
-Scherz nicht ein.</p>
-
-<p>»Isa,« flüsterte er hastig und sah ihr voll in das Gesicht,
-»sind Sie heil und gesund? Und hat man Sie
-ordentlich verpflegt, mein Kind?«</p>
-
-<p>»Vollkommen, Herr Konsul.« Und ohne die geringste
-Befangenheit setzte sie hinzu: »Denken Sie sich, man hat
-<a class="pagenum" id="page_279" title="279"> </a>
-mich sogar in Ihr Bett stecken wollen, ich habe es aber
-höflich dankend abgelehnt.«</p>
-
-<p>Rudolf Bark maß das frische, unbekümmerte Gesicht
-von neuem. Er wollte eigentlich so etwas erwidern, wie:
-»es wäre auch für mich zuviel der Ehre gewesen,« aber
-die bange Erwägung, daß er an dem Ungemach der Kleinen
-die Hauptschuld trüge, schlug die aufspringende Lebenslust
-sofort wieder zu Boden. Zu weiteren Eröffnungen blieb
-keine Zeit, denn inzwischen hatten die Geiseln unter der
-Führung ihres weißbärtigen Bürgermeisters auf den gegenüberliegenden
-Bänken Platz genommen, ein Korb mit
-Eßvorräten und eine Laterne wurden noch in den Wagen
-verladen, und nachdem als letzter Unterleutnant von Karström
-das Gefährt bestiegen, da drohte der Soldat, der
-die beiden kräftigen Pferde lenkte, unter Schreien und
-wildem Rufen gegen die Volksmenge, die den traurigen
-Transport von Anfang an umlagert hatte.</p>
-
-<p>»Sehen Sie, Herr Konsul,« zeigte Isa, »da haben
-sich auch die Frauen und Verwandten der Senatoren eingefunden.
-Pfui, sie weinen und schreien. Ich möchte mir
-die Ohren zuhalten.« Und sie wandte sich ab und sah starr
-und hochmütig auf die Zacken und Giebel der Sebaldus-Kirche,
-um die das Abendrot seinen glühenden Mantel
-schlang.</p>
-
-<p>Wiehernd zogen die Pferde an, rasselnd und in heftigen
-Stößen ging es über den Marktplatz. Aber gerade, als
-sie in die Hauptverkehrsader der Stadt einlenkten, wo der
-Konsul sich noch einmal zurückwandte, um mit einem
-ernsten, abschiednehmenden Blick nicht nur sein Geschäftshaus,
-sondern auch das herrliche ehrwürdige Bauwerk der
-Kirche mit ihren grün-schwarzen Dächern zu umfangen,
-da bemerkte Isa befremdet, wie der Gefährte neben ihr
-plötzlich zusammenschreckte. Unvermittelt beugte er sich
-<a class="pagenum" id="page_280" title="280"> </a>
-nach rückwärts, legte die Hand über die Augen und spähte
-aus, wie jemand, vor dem eine ganz unerwartete, schreckhafte
-Gestalt emporsteigt. Nur eine Sekunde. Dann
-schwenkte der Leiterwagen völlig in die Seitengasse herum,
-und Platz und Kirche versanken hinter gleichgültigen
-Mauern.</p>
-
-<p>»Lieber Freund,« fragte das Mädchen, das sich nicht
-länger zurückhalten konnte, warm, und ihre Stimme klang
-teilnehmend und eindringlich, »sahen Sie dort etwas Unangenehmes?«</p>
-
-<p>Der Kaufmann saß schon wieder ganz ruhig, nur die
-verzogene Stirn und das Nagen an der Unterlippe verrieten
-noch eine nicht überwundene innere Bedrängnis.
-Dennoch lächelte er wegwerfend, wie es seine Art war.</p>
-
-<p>»Nicht das geringste, mein Kind,« versicherte er mit
-angenommener Gleichgültigkeit, »ein ganz bedeutungsloser
-Bekannter fiel mir auf, nichts weiter.«</p>
-
-<p>Nach dieser Ausflucht, deren hohle Fadenscheinigkeit das
-Mädchen sofort durchschaute, schwiegen beide, und der Konsul
-beugte sich herab und sah angelegentlich auf die Strohhaufen
-zu seinen Füßen nieder. Aber auch auf den gelben
-Halmen kehrte die Erscheinung, die den Kaltblütigen so
-außer Fassung versetzt hatte, in winzigem Ausmaß und
-doch grell und farbig zurück. Eine rote Ziegelnische der
-Sebaldus-Kirche buchtete sich dort aus, und hinter einer
-schwarz verräucherten Ecke tauchte vorsichtig, behutsam ein
-weißgescheiteltes Haupt hervor. Trotz der großen Entfernung
-erkannte der Herr des »Goldenen Becher« ganz
-deutlich dieses stechende, schwarze Augenpaar, das sich
-sofort betroffen senkte, als es sein Ziel erreicht zu haben
-glaubte. Unmutig scharrte der Kaufmann mit dem Fuß
-über das raschelnde Stroh, als könnte er seine eigene Beängstigung
-damit fortwischen. Allein seine ausschwärmenden
-<a class="pagenum" id="page_281" title="281"> </a>
-Gedanken ließen sich weder binden noch fesseln. War der
-Mann hinter der Kirchenmauer wirklich der Kammerdiener
-Pawlowitsch gewesen? Gar kein Zweifel. Aber aus welchem
-Grund hatte sich der Mensch gerade beim Hereinbrechen der
-Gefahr aus dem Hause entfernt, um es nicht wieder zu
-betreten? Und weshalb suchte er sich auch jetzt zu verbergen?
-Nur aus Feigheit? War es denkbar, daß diese Slawen ihren
-Rasseverwandten an goldenen Banden zu sich herübergezogen
-hatten? Hastig hob Rudolf Bark das Haupt und ließ
-seinen forschenden Blick eine kurze Weile auf den plumpen
-unintelligenten Gesichtern der drei Wächter auf dem Rücksitz
-ruhen.</p>
-
-<p>Die Gesellschaft arbeitete ja mit solchen Mitteln. Aber
-welche Gegenleistung konnte ihnen eine so untergeordnete
-Persönlichkeit wie Pawlowitsch bieten? Oder sollte die
-Bestechung und Unterwühlung der unteren Volksschichten
-hier bereits ganz gewöhnlich und allgemein geworden sein?</p>
-
-<p>Er schauerte ein wenig zusammen, denn ein Luftzug von
-den nahen Landseen strich mit plötzlicher Kälte über die
-Fahrenden dahin. Zu gleicher Zeit glitt Isas Hand an
-seinen Arm entlang.</p>
-
-<p>»Frieren Sie, Herr Konsul?« fragte sie besorgt.</p>
-
-<p>»Ich?« Der Kaufmann raffte sich zusammen. »Keine
-Spur, liebes Fräulein, obwohl eine größere Reichhaltigkeit
-unserer Toiletten ja nicht ganz von der Hand zu weisen
-wäre.«</p>
-
-<p>Von der langen Seitenbank wurde eine schüchterne
-Stimme laut:</p>
-
-<p>»Ich werde an unserem Bestimmungsort für den Bedarf
-der Herrschaften an Kleidungsstücken, soweit es mir möglich
-ist, zu sorgen versuchen,« warf der russische Unterleutnant,
-der dem Paar gegenüber saß und das letzte wohl
-aufgefangen hatte, höflich dazwischen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_282" title="282"> </a>
-Und dann hörte man eine lange Zeit nichts als das Rollen
-der Räder und das Knallen der Peitsche. Auf den Feldern
-rechts und links von der Fahrstraße schwamm noch der
-Abglanz eines glühenden Sonnenunterganges. Die hohen
-reifen Halme senkten ihre schweren Häupter der Erde entgegen,
-und ein leichter Nebel tanzte um die Ufer der fernen
-Landseen. An dem noch mattblauen Himmel stand die volle
-goldene Scheibe des Mondes, und aus den Feldern drang
-stark und unablässig das tausendfältige Singen und Schwingen
-der Heimchen.</p>
-
-<p>Es war der Friede eines deutschen Sommerabends, wie
-man ihn oft achtlos durchwandert und genossen. Aber den
-Vorüberfahrenden bedrückte all diese süße Heimlichkeit
-ahnungsvoll das Herz. Noch eine kurze Weile des Schweigens
-und dann durchrasselten sie den kleinen Marktflecken
-Schorweiten. Gottlob, all die winzigen schindelgedeckten
-Häuschen zeigten sich noch unversehrt, das struppige Strohdach
-des uralten Kirchleins senkte sich noch immer fast bis
-auf den Boden herab, nur statt der spielenden Kinder liefen
-auf dem Kirchplatz viele kleine, herrenlose Hunde kläffend
-durcheinander. Scheuchend schlug der russische Kutscher mit
-der Peitsche nach ihnen. Aber wo waren die Bürger, die
-bisher hier geweilt hatten? Nicht ein einziger war mehr
-zu entdecken. Statt ihrer, die die Windsbraut des Krieges
-längst in das Innere der Heimat geschmettert hatte, sah man
-überall die russischen Besatzungsmannschaften vor den
-offenen Türen auf Bänken und Stühlen sitzen, und die
-Vorüberfahrenden gewahrten, wie die Fremden das zurückgebliebene
-Gerät der Abwesenden rücksichtslos benutzten.</p>
-
-<p>Vorbei.</p>
-
-<p>Dunkler und dunkler wurde es. Aus den Pappeln und
-den Kirschbäumen des Weges rief nur noch die Schwarzdrossel
-ihren vollen kräftigen Schlag, und im Lichte des
-<a class="pagenum" id="page_283" title="283"> </a>
-Mondes warfen das Gefährt und seine Insassen bereits
-huschende Schatten. Seltsam, einer der Ratsherren sprach
-halblaut ein paar Strophen aus dem Lenauschen Gedicht
-»Der Postillon«:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Wald und Flur im schnellen Zug</div>
- <div class="verse">Kaum gegrüßt &ndash; gemieden;</div>
- <div class="verse">Und vorbei, wie Traumesflug,</div>
- <div class="verse">Schwand der Dörfer Frieden.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Der glattrasierte alte Mann wollte keinerlei Rührseligkeit
-erzeugen, aber um so stärker und inniger griffen diese
-deutschen Laute an das Gemüt der Gefangenen.</p>
-
-<p>Ganz eigenartig, dachte Konsul Bark. Anstatt sich in
-unnütze Vermutungen über das sie erwartende Los zu
-ergehen, geben sich diese harten Geschäftsmenschen der Erinnerung
-an die halbvergessenen Poesien eines Dichters
-hin. Das entspricht wohl am tiefsten unserem Wesen.</p>
-
-<p>Und davon mitteilsamer gemacht, ergriff die Hand des
-Kaufmanns unbemerkt die Finger seiner Gefährtin, und
-während er sie tröstend drückte, fragte er sorgsam:</p>
-
-<p>»Liebes Kind, Sie sehnen sich gewiß nach Haus und
-Schwestern zurück, nicht wahr?«</p>
-
-<p>Aber die Antwort, die ihm wurde, ließ ihn vollkommen
-verstummen.</p>
-
-<p>»Oh nein, Herr Konsul, was würde denn aus Ihnen
-werden, wenn ich jetzt nicht für Sie reden und eintreten
-könnte? Ganz gewiß, ich freue mich furchtbar, daß auch
-ich einmal eine solche Wichtigkeit habe.«</p>
-
-<p>Fort ging es über die letzte Bodenwelle der Heimat,
-tief unter den von dannen Geführten blinzelten bereits
-aus dem großen dunklen verschlafenen Land einzelne Lichter
-der Fremde herauf.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Weiter ging's durch Feld und Hag<a class="pagenum" id="page_284" title="284"> </a></div>
- <div class="verse">Mit verhängtem Zügel;</div>
- <div class="verse">Lang' mir noch im Ohre lag</div>
- <div class="verse">Jener Klang vom Hügel.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-
-
-
-<h3>II.</h3>
-
-
-<p>Gewitterbange Wolken grollten über Maritzken dahin.
-Die russische Invasion, die zuerst nur in stoßweisen Überfällen
-sich einzelner Grenzstädte und des dazu gehörigen
-schmalen Hinterlandes bemächtigt hatte, schlug nun planmäßig
-in breiter Woge über das Land und grub ein weites
-fruchtbares Gebiet, das von arbeitsamen, ernsthaften und
-lernbegierigen Menschen erfüllt war, von seinem natürlichen
-Zusammenhang ab. Nicht nur wenige kecke Truppenkörper,
-sondern eine ganze Armee, deren Glieder eng miteinander
-verbunden waren, hatte jetzt ihren Vormarsch angetreten,
-und die Bewohner von Maritzken sahen in bunter
-Folge fast alle Waffengattungen ihrer Bedränger auf dem
-Durchzug bei sich einquartiert. In dem Herrenhause kampierte
-dann häufig die Generalität mit ihren Stäben. Elegante
-Herren, die in blitzenden Equipagen vorfuhren und
-deren anspruchsvolle Gewohnheiten noch nicht auf den
-Krieg eingestellt waren. Sie tauchten in der Nacht auf,
-entfesselten ein tolles Gewimmel, Feldtelegraphen spielten
-und Flieger senkten sich herab, um am nächsten Morgen
-fast spurlos wieder zu verschwinden. Von den deutschen
-Heerscharen aber hörte man vorläufig nur, daß sie sich damit
-begnügten, an den Grenzen des aufgegebenen Landes
-eine dünne Kette gezogen zu haben, die elastisch zurückprallte,
-sobald der Gegner mit eisernem Stoß gegen sie
-ausholte. Aber merkwürdig, nach dem Aufeinandertreffen
-fanden sich die metallenen Glieder wieder stets zusammen,
-<a class="pagenum" id="page_285" title="285"> </a>
-und die dünne Kette hing noch immer störend und drohend
-vor dem weiteren Wege der Eroberer. Die vermaledeite
-eiserne Schnur sperrte auf eine geradezu lächerliche Art die
-Straße nach Berlin.</p>
-
-<p>Daher kam es, daß einzelne Etappen nicht weiter nach
-vorn geschoben werden konnten, sondern gezwungen waren,
-sich an ihren zuerst eingenommenen Standorten gewissermaßen
-anzusiedeln. Auch Fürst Fergussow war von diesem
-Los betroffen. Und obwohl das Stilliegen auf dem einsamen
-ostpreußischen Gutshofe dem verwöhnten Kavalier
-manchmal langweilig und unerträglich deuchte, so gab es
-doch auch Stunden, wo dem Sohne der halbasiatischen
-Großstadt das Verweilen in der frischen Landluft und in
-dieser gut geordneten Wirtschaft, deren Betrieb er hier und
-da sogar zu fördern versuchte, als eine Gesundung und ein
-Erwachen erschien. Außerdem &ndash; selbst in diesem weltvergessenen
-Winkel fanden sich ja für ihn gewisse heimliche
-Reizungen, die ihn nun einmal in lieblicher und lockender
-Gestalt verfolgten, wo er auch immer sich befand, mochte
-er sie verschmähen oder herbeiwünschen.</p>
-
-<p>Es war an einem Vormittag des Spät-August. Über dem
-herbstlich reifen Lande leuchtete einer jener glashellen Tage,
-wie sie in solch stiller, lautloser Melancholie und Herbheit
-nur das östliche Grenzgebiet kennt. Alles Kriegerische war
-von dem weißen Gutshofe heute verweht und abgestreift.
-Nur ein einzelner Dragoner hatte sein Pferd dicht an die
-Tränke gebunden, und während er ein heiteres Liedchen
-pfiff, striegelte er dem Tier achtsam das glänzend braune
-Fell. In der Luft klang ein Summen vorüberschwärmender
-Bienen, die blütenträchtig ihren Stöcken zustrebten, und
-dazwischen schlug manchmal das seltsame Gurgeln und die
-tiefen Kehllaute von ein paar unsichtbaren Lachtauben, die
-sich irgendwo unter den vollen Kronen des anstoßenden
-<a class="pagenum" id="page_286" title="286"> </a>
-Gartens verborgen hielten. Hinter dem allen aber tönte
-unablässig das silberne Klirren der Sensen, die, von den
-fremden Eindringlingen geführt, ihre scharfe Schnittarbeit
-besorgten.</p>
-
-<p>Aber es war nicht dieser stille Gesang eines vorgetäuschten
-Friedens, der den Fürsten Fergussow so hartnäckig von dem
-Studium eines Bandes Hebbelscher Dramen ablenkte, dem
-er sich bis jetzt mit sichtlichem Genuß an dem offenen Parterrefenster
-seines Zimmers hingegeben. Nein, es war ein
-Bild, eine Darbietung, eine Szene, von der er mit lächelnder
-Ironie und ohne große Überhebung ahnte, daß sie allein
-für ihn, den einzigen Beschauer, gestellt würde. Mitten auf
-dem Hofe, gerade seinem Fenster gegenüber, war nämlich
-ein mächtiger blau und weiß gestrichener Balken eingerammt,
-und auf ihm erhob sich, fast in der Höhe des ersten
-Stockwerks, ein achteckiges Taubenhaus, auf dessen unterer
-Plattform sich im Moment die schneeweißen Bewohner
-drängten und wieder vertrieben. Wahrlich, die geflügelte
-Schar besaß einigen Grund dazu, denn unter ihnen, leicht
-an den Pfahl gelehnt, streute Marianne aus einem Körbchen
-dem beschwingten Volk einen goldgelben Regen von
-Weizenkörnern und Erbsen hin. Ein ewiges Flattern und
-Flügeln rauschte um die ebenmäßige Gestalt herum, und es
-bot einen heiteren und lockenden Anblick, wenn sich aus
-dem weißen Schneetreiben ein besonders keckes Tierchen
-auf der Schulter der blühenden Spenderin niederließ und
-es sogar duldete, daß sich das dunkle Haupt des Mädchens
-für eine Sekunde kosend an das weiche Gefieder schmiegte.
-Die goldenen Ströme flossen herab, und immer öfter
-wagten sich zwei bis drei zahme Tauben auf den gefällig
-gebogenen Arm.</p>
-
-<p>»Der Teufel selbst fürchtet sich vor dem Weibe,« dachte
-Dimitri Sergewitsch, indem er sich an ein russisches Sprichwort
-<a class="pagenum" id="page_287" title="287"> </a>
-erinnerte. Er lehnte sich in seinen Fauteuil zurück und
-gab sich den Anschein, seine Lektüre eifrig weiter zu verfolgen.
-Allein die schwarzen Augen, die durch das Schneegewimmel
-hindurchleuchteten, zogen ihn stets von neuem
-von den gedruckten Blättern ab und zu sich herüber. »Ein
-verwünschtes Spiel,« fuhr es dem Gardeoffizier, der es
-doch gewohnt war, den ihm gereichten Becher auf den ersten
-Zug zu leeren, durch den Sinn. »Wie lange soll diese
-Neckerei noch dauern? Ist es wirklich möglich, daß ich die
-dumme Ehrfurcht vor der blonden Riesin, die jeden meiner
-Schritte mit ihren stahlharten blauen Augen belauert, nicht
-überwinden kann? Wie oft soll diese gefällige Hexe da
-drüben noch rufen? Es ist wahr, die deutsche Philosophie
-und die germanische Gründlichkeit machen mich allmählich
-bescheiden und mutlos.«</p>
-
-<p>Und er stützte den Arm auf das Fensterbrett und nickte
-dem schönen Geschöpf beifallspendend zu. Marianne grüßte
-wieder, verzog die Lippen zu einem Lächeln und wandte das
-Haupt ein wenig verlegen ab. Vor Männern, die ihre Einbildungskraft
-beschäftigten, zeigte sie fast stets ein solch verschämtes
-Lächeln, ›als ob sie sich jeden Augenblick zu entschuldigen
-hätte‹, dachte Fürst Fergussow, ›weil sie nackt
-und bloß dastehe‹. Und von diesem Gedanken entzündet,
-wurden die Augen des Obersten beredter und sprechender.
-Eine jener gefährlichen Unterhaltungen begann, die ohne
-Wort noch Zeichen die Urgründe der Natur aufwühlen und
-eine unverschämte Vertraulichkeit herbeiführen, die ein späteres
-Zurückweichen kaum mehr duldet. Langsam stieg eine
-feine Röte über die dunklen Wangen der Abgewandten, und
-ihre Hand, die das Futter streute, strich manchmal verstohlen
-über das durchbrochene weiße Gewand. Jetzt trafen
-die Blicke der Beiden für eine Sekunde tief und leuchtend
-aufeinander.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_288" title="288"> </a>
-»Warte,« dachte der Oberst am Fenster, während er
-äußerlich wieder seinen liebenswürdigen Gruß entbot, »diesmal
-schützt dich deine Walküre nicht mehr. Es wird ja nicht
-hinterher gleich ein Weltuntergang folgen. Nun, und
-wenn&nbsp;&ndash;« er zuckte leichtsinnig die Achseln &ndash; »wer hat
-uns hier etwas zu gebieten? Im übrigen, die Schwarze
-sieht so aus, als ob sie kleine Geheimnisse zu bewahren
-verstünde. Nicht wahr, du heißes, trunkenes Geschöpf?«
-sprach es deutlich aus seinen Mienen.</p>
-
-<p>Und Marianne schlug die Augen nieder.</p>
-
-<p>Da trat etwas aus einem der weißen Wirtschaftsgebäude.
-Und kaum hatte der Russe die hohe Gestalt in dem blau
-und weiß gepunkteten Kleid erkannt, da versenkte er sich
-auffallend schnell in das von der Walküre entliehene Buch
-und schien von der tiefgründigen dichterischen Kraft, die sich
-hier entfesselte, derartig gepackt, daß er kein Wort von dem
-Disput auffing, der sich ganz in seiner Nähe zwischen den
-so verschiedenen Schwestern erhob. Mit ihrem festen gebieterischen
-Schritt hatte sich Johanna genähert. Ihre
-Rechte umklammerte weit ausgestreckt den hell angestrichenen
-Pfahl, und es sah prachtvoll aus, wie sie jetzt ihre
-Glieder reckte, um einen Moment finster ihr blondbezopftes
-Haupt zur Erde zu neigen.</p>
-
-<p>»Was soll diese Verschwendung von Futter?« fragte sie
-nach einer Weile ungehalten. »Geh, liebes Kind, auf dich
-wartet eine Arbeit, die du besser verstehst. Ich habe dir in
-deinem Zimmer einen Brief an unsere Schwester Isa niedergelegt,
-für dessen Besorgung ich Seine Durchlaucht, den
-Fürsten Fergussow, zu interessieren hoffe. Es wird dich
-gewiß drängen, einen Gruß anzufügen. Mach schnell.«</p>
-
-<p>»Die ewigen Tinten-Klecksereien,« widersprach Marianne
-gereizt, »es wird noch Zeit haben.«</p>
-
-<p>»Es hat keine Zeit,« damit hob Johanna das Haupt,
-<a class="pagenum" id="page_289" title="289"> </a>
-und während ihr angespannter Arm noch immer das Holz
-nicht freigab, sprühte aus den harten blauen Augen ein
-Strahl der Verachtung. »Es ist wichtiger, wenn das arme
-Kind ein paar Tage früher eine Nachricht von uns erhält,
-als« &ndash; sie warf den Kopf geringschätzig zur Seite.</p>
-
-<p>»Nun, als&nbsp;&ndash;?« nahm Marianne in unterdrücktem Zorn
-auf.</p>
-
-<p>»Als diese dummen Spielereien hier,« vollendete die
-Ältere, unbekümmert darum, ob der fremde Offizier etwa
-ihre Meinung und ihre Absicht verstehen könne.</p>
-
-<p>Da schleuderte die Schwarze das Körbchen mit einer sie
-entstellenden Gebärde des Abscheus mitten unter die auseinanderstäubenden
-Tauben, raffte ihr Kleid zusammen
-und lief stürmisch über den Hof. Aber selbst in diesen
-Bewegungen einer ungewollten Wildheit verleugnete sich
-der ihr eigene Reiz so wenig, daß durch dieses Dahinstürmen
-sogar ein zweiter Beobachter, von dem die Enteilende
-in der Tat gar nichts ahnte, in eine dumpfe Verzweiflung
-versetzt wurde.</p>
-
-<p>Hinter den Gardinen, an einem der Fenster des oberen
-Stockwerkes, hatte sich nämlich während dieser ganzen Zeit
-ein bärtiges Männergesicht abgezeichnet. Zuweilen war auch
-an dem durchbrochenen Tüll von einer Faust heftig gezerrt
-worden. Jetzt aber wurde der Stoff rücksichtslos zurückgeworfen,
-und das krankhaft eingefallene Antlitz des Rittmeisters
-Sassin preßte sich hartnäckig gegen das Glas.
-Dann bog der Kranke seine Arme nach rückwärts, um in
-aufspringender Wut auf dem schmerzenden Rücken herum
-zu hämmern.</p>
-
-<p>»Daß man das mit ansehen muß,« hüstelte er und
-wankte matt durch die kleine Stube. »Unser großer Suworow
-hatte recht, die Kugel ist eine Närrin. Sie trifft
-immer den Falschen. Nein, nein, mein Anstand sträubt sich
-<a class="pagenum" id="page_290" title="290"> </a>
-gegen einen solchen Skandal. Man muß ihn abwenden.
-Man muß ihn durchaus ans Licht ziehen.« Und er warf
-sich auf das kleine Sofa, schleuderte Kissen und Decken
-mitten auf den Estrich, und aus seinen großen verzweifelten
-Kinderaugen perlten wirkliche Tränen.</p>
-
-<p>Inzwischen klopfte es an die Tür des Fürsten Dimitri.
-Dieses harte und energische Pochen kannte Seine Durchlaucht
-allmählich. Es verursachte ihm stets einen leichten
-Schrecken. Beim Zeus, es war zum mindesten seltsam,
-wie sehr es dieses blonde Germanenweib verstanden hatte,
-beständig eine Art ehrfürchtigen Respekts bei ihm wach zu
-erhalten. Wenigstens so lange sie mit ihm in ihrer geschäftlichen,
-nüchternen Weise sprach. Sie hatte dann eine
-solche selbstverständliche abgegrenzte Ruhe, und sie bewegte
-sich stets in so sachlichen und dem Tage angehörenden Erörterungen,
-daß es dem gewandten Weltmanne schändlich
-dünkte, diese hausbackene Gradheit irgendwie zu anderen
-Gedanken zu drängen. Und doch, manchmal wunderte sich
-der Fürst und gestand sich zu, daß jene langweiligen und
-grundgescheiten Deutschen doch wohl imstande seien, selbst
-einem erfahrenen Menschenkenner einige Rätsel aufzugeben.
-Wie kam es zum Beispiel, daß ein derartig an das Praktische
-und Gewöhnliche gebundenes Geschöpf in den wenigen
-Stunden seiner Muße eine Lektüre bevorzugte, die selbst
-ihm, dem überall herumschwärmenden Kunstliebhaber,
-wegen ihrer Tiefe und grausamen Unerbittlichkeit ein
-leichtes Frösteln einjagte?</p>
-
-<p>Zu närrisch. Jedenfalls eines war sicher: zum erstenmal
-in seinem Leben ertappte sich der leichtfertige Held der
-Petersburger Boudoirs darauf, wie er ängstlich bemüht
-war, jeden unstatthaften Gedanken gegenüber diesem Weibe,
-das ihm doch so nahe weilte, sofort wenn er auftauchte,
-zu unterdrücken. Und doch konnte er es nicht hindern, daß
-<a class="pagenum" id="page_291" title="291"> </a>
-in ihrer Abwesenheit die stolze kraftgebändigte Fülle ihrer
-Erscheinung ihn ängstigte und beunruhigte. Ja, in den
-Träumen dieser heißen Augustnächte war es dem bedrückt
-Atmenden schon öfter vorgekommen, als habe ein entsetzliches
-Ringen zwischen ihm und den schweren Gliedern der
-Germanin angehoben.</p>
-
-<p>An der weißen Tür wiederholte sich das Pochen, und
-Fürst Dimitri sprang auf und legte sorgsam sein Buch auf
-die aufgeschlagene Seite. Dann rief seine klangvolle Stimme:
-»<i>Entrez</i>.«</p>
-
-<p>»Ah, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort, als er die
-hohe Gestalt seiner Gastgeberin gewahrte, und sofort sammelte
-sich auf seinen Zügen jener sonnige Glanz, der dem
-ernsthaften Mädchen von Anfang an so unverständlich geblieben
-war, »welcher wirtschaftlichen Berechnung verdanke
-ich heute das Glück Ihres Besuches? Ich hoffe, es ist
-nichts geschehen, was gegen mein Versprechen des strengen
-Ordnunghaltens verstößt?«</p>
-
-<p>»Doch, Durchlaucht,« entgegnete unbeirrt Johanna, die
-einen kleinen Zettel hervorzog und dabei die auf einen
-Sessel deutende Handbewegung des Offiziers übersah. »Und
-in diesem Falle wird mir der Weg nicht leicht.«</p>
-
-<p>»Das bedaure ich außerordentlich, verehrtes Fräulein.
-Ich denke, ich habe in meiner schwierigen Position nichts
-versäumt, was mir Ihr Vertrauen hätte erwerben können.
-Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«</p>
-
-<p>»Oh danke, Herr Oberst.«</p>
-
-<p>Dimitri verzog ein wenig den sprechenden Mund.</p>
-
-<p>»Nun dann offenbaren Sie mir wenigstens Ihre Beschwerden,«
-sprach er rascher, denn es verletzte ihn, daß
-sich diese Nemza eine Verhandlung mit ihm nie ohne Anklagen
-denken zu können schien. »Welche Schandtaten
-haben wir wieder begangen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_292" title="292"> </a>
-Der seltsam betrübte Ton des hübschen Menschen wollte
-ein Lächeln auf die Lippen Johannas zaubern &ndash; und der
-Fürst sah diesen strengen Mund sehr gern sanfter werden &ndash;
-aber die Erinnerung daran, wie das Treiben und Wirken der
-Fremden in all seiner Verachtung und Verständnislosigkeit
-wirklich ein unfaßbares Unglück für ihr Land bedeute, all das
-verjagte die aufspringende Heiterkeit vollkommen. Über
-ihre Stirn legte sich eine leichte Falte. Und sie sah jetzt
-älter aus, wie bisher.</p>
-
-<p>»Es sind durchaus keine Schandtaten, Durchlaucht,«
-begann sie gefaßt, »sondern wohl mehr Versäumnisse.
-Aber da es sich um eine Geldangelegenheit handelt,&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Eine Geldangelegenheit?« rief der Fürst, sie anstarrend,
-dazwischen. »Und die wollen Sie mit mir besprechen?
-<i>Fi donc!</i>«</p>
-
-<p>Aber Johanna ließ sich nicht aus ihrer Ruhe schrecken.</p>
-
-<p>»Ich habe erwartet,« fuhr sie einfach fort, »daß Sie
-mein Begehren wahrscheinlich sehr absonderlich finden würden.
-Ich bin auch vollkommen auf eine Abweisung vorbereitet.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Oh bitte!«</p>
-
-<p>»Aber ich bin es der Verwaltung, die ich hier führe, und
-meinen Schwestern schuldig, wenn ich mich bis zum Äußersten
-einer Benachteiligung widersetze.« Hier hob das blonde
-Mädchen den Zettel ein wenig und schien ein paar Zahlenreihen
-zu durchfliegen. »Durchlaucht werden sich erinnern,«
-sprach sie rasch weiter, »daß mir hier gleich zu Anfang
-zugesichert wurde, es würde jede Entnahme bar bezahlt
-werden.«</p>
-
-<p>Fürst Fergussow ließ sich langsam in seinen Sessel gleiten.
-Es war nicht zu leugnen, er fand alles, was die Nemza
-jetzt vorbrachte, ja ihre ganze Art, abscheulich. Wie taktlos
-sich die deutschen Frauen gebärden konnten. Eine solche
-<a class="pagenum" id="page_293" title="293"> </a>
-Schacherei hätte eine vornehme Russin sich niemals zugemutet.
-Und die hölzerne Walküre schien ihr Beginnen
-zu alledem noch für ein lobenswertes Werk zu halten.
-<i>Fi donc &ndash; fi donc!</i></p>
-
-<p>»Soweit mir erinnerlich,« sammelte er sich endlich,
-wobei er sein Mißfallen mühsam zu verbergen suchte, »soweit
-mir erinnerlich, hat mein Regimentszahlmeister hier
-wöchentlich eine Abrechnung gehalten. Sollte dabei vielleicht
-etwas übersehen worden sein?«</p>
-
-<p>»Allerdings, Durchlaucht.« Johanna schritt dicht bis
-an das Fenster und legte ihren Zettel gerade auf das Buch.
-»Es betrifft nicht, wie Sie vielleicht zu meinen scheinen,
-Speise und Trank, sondern etwas, was in einer Landwirtschaft
-das Wichtigste bedeutet.«</p>
-
-<p>»Und was ist das?«</p>
-
-<p>»Getreide. Man hat mir hier fast den größten Teil
-meiner Hafer- und Roggenbestände gemäht und fortgefahren,
-&ndash; ja, noch heute können Sie Ihre Leute hinter
-dem Garten sensen hören &ndash; ohne daß man mir auch nur
-das Quantum oder die Zentner-Anzahl gemeldet hätte. Dagegen
-möchte ich jetzt bei Ihnen Einspruch erheben.«</p>
-
-<p>»Bei mir! Ah, was Sie sagen!« Der Fürst schlug das
-Bein leicht über das andere, sah auf seine glänzenden
-Lackstiefel herunter und bemühte sich, seine totale Ahnungslosigkeit
-nicht allzu sichtbar werden zu lassen.</p>
-
-<p>»Ich berechne mir meinen Schaden auf etwa 8-10&#8239;000
-Mark.«</p>
-
-<p>»So, so,« sagte der Fürst gleichgültig, »das bedeutet ja
-nicht viel.«</p>
-
-<p>Hier entstand eine Pause. Die blauen Augen der Deutschen
-vergrößerten sich immer mehr, und dem ungemütlich
-hin und her rückenden Offizier war es so, als hätte er
-noch nie in seinem Leben eine so derbe Lektion empfangen,
-<a class="pagenum" id="page_294" title="294"> </a>
-als sie sich in dem hartnäckigen Schweigen der Nemza
-aussprach. Endlich rang sich die Blonde eine Erwiderung ab.</p>
-
-<p>»Durchlaucht,« sagte sie bitter, »ich kann vollkommen
-begreifen, daß einem Manne, der vielleicht an einem Abend
-diese Summe auf eine einzige Karte setzt,&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Fürst Dimitri vollführte eine lebhafte Bewegung. »Oh
-<i>pardon</i>, Sie täuschen sich, mein Fräulein,« entgegnete er
-hastig, »ich huldige dem Spiel nicht mehr. Längst darüber
-hinaus. Im Grunde eine geistlose und alberne Unterhaltung.«</p>
-
-<p>»Darüber habe ich nicht zu urteilen,« lehnte Johanna
-frostig ab, »ich wollte Ihnen nur bemerken, daß in meinem
-Einkommen dieser Posten eine bedeutende Rolle spielt.«</p>
-
-<p>Der Fürst stand auf, blickte ungewiß nach dem Schreibtisch
-und begann dort mit dem Schlüssel eines Faches zu
-spielen.</p>
-
-<p>»Ich verstehe wirklich nicht,« meinte er endlich unsicher,
-»warum sich die Regimentskasse nicht schon längst mit
-Ihnen abfand. Sie können überzeugt sein, dieses Hinauszögern
-entspricht durchaus nicht meinen Wünschen. Nur
-müssen Sie entschuldigen,« fuhr er stockend fort, und die
-aufrichtige Verlegenheit kleidete den hohen Herrn wirklich
-allerliebst, &ndash; »da ich niemals gewohnt war, meine Schatulle
-selbst zu führen, so weiß ich eigentlich nicht &ndash;&nbsp;&ndash;
-obwohl ich im Grunde nicht einsehe, was es Peinliches
-für Sie besitzen könnte, wenn ich mir erlaubte, diese Bagatelle
-selbst zu regeln. Das heißt, Sie müssen recht verstehen,«
-setzte er eifrig hinzu, als er die großen blauen
-Augen auf sich gerichtet fühlte, »ich verauslage die paar
-Rubel natürlich nur. Es ist in der Tat nicht der Rede wert,
-und Sie bereiten mir wirklich eine große Freude damit,
-den Fehler unserer Verwaltung etwas zu verkleinern. Nicht
-wahr, ich darf auf Ihre Zustimmung rechnen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_295" title="295"> </a>
-Die geschmeidige Gestalt des jungen Mannes stand jetzt
-hinter dem Schreibtisch, wo er langsam und geräuschlos eine
-der Laden aufzog. Das helle Sonnenlicht, das in breiter
-Bahn schräg durch die Seitenfenster hereinbrach, spielte
-auf seinen edlen klassischen Zügen und streute grelle Goldringe
-auf sein welliges braunes Haar. Betroffen starrte
-Johanna zu ihm herüber.</p>
-
-<p>Da &ndash; da war es wieder! Die einfangende Erscheinung
-tauchte abermals auf. Das Bild aus ihrer Schlafkammer
-hatte Leben gewonnen, und das merkwürdig werbende,
-bittende Lächeln dieses feinen Mundes erregte in dem besonnenen
-Landfräulein ein solch schreckhaftes Entsetzen, daß
-ihr alles andre für eine Weile entglitt. Erst als die schmale
-Hand des Aristokraten eine Reihe fremdartiger Kassenscheine
-aus einem weichen juchtenledernen Portefeuille zu ziehen
-begann, da strömte ihr Leben und Überlegung zurück, und
-ein Widerstand, den sie sich in ihrer Verwirrung nicht zu
-deuten vermochte, lehnte sich gegen die Hilfsbereitschaft
-des vornehmen Herrn auf. Was wünschte sie eigentlich?
-Es war doch so selbstverständlich, daß sie das Entgelt für
-ihr entwendetes Eigentum annahm? Und doch, die Abneigung,
-die sie widerspruchsvoll erfüllte, litt es nicht.
-Eine tiefe Röte stieg in ihre Wangen, als sie mit sich
-kämpfend hervorstieß:</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie, Fürst Fergussow &ndash; ich möchte mir
-Ihren Vorschlag erst noch überlegen. Er verpflichtet mich
-Ihnen gegenüber so eigenartig, ich kann mich in die neu
-geschaffene Lage vorläufig durchaus nicht finden. Sie werden
-das begreifen.«</p>
-
-<p>Damit verneigte sie sich und wandte sich ohne weitere
-Förmlichkeit zur Tür. Es war beinahe ein Flüchten. Aber
-ein helles Lachen, das hinter ihr aufklang, hielt sie noch
-einmal zurück. Der Fürst hatte das Portefeuille achtlos
-<a class="pagenum" id="page_296" title="296"> </a>
-auf den Schreibtisch geworfen, und in seinen dunklen
-Augen glitzerte es vor Spott und Ironie, als er jetzt leichtfüßig
-hinter der Abgewandten hereilte. Ja, in dem Bestreben,
-sie nicht völlig entweichen zu lassen, griff er nach
-ihrem Arm. Es war das erste Mal, daß er sie berührte.
-Und Johanna war es wieder, als dürfe sie eine solche Beleidigung
-nicht dulden. Heimlich zitterte sie vor Scham,
-weil sie vor diesem eleganten Laffen ihre Sicherheit nicht
-finden konnte.</p>
-
-<p>»Aber mein verehrtes Fräulein,« spottete Fürst Dimitri,
-»was sind das für spitzfindige Grübeleien? Ganz Ihr
-Landsmann Hebbel.« Er wies lachend nach dem Buch auf
-dem Fensterbrett. »Wer weiß, gegen welches System ich
-nun wieder verstoße. Wenn es Sie aber beruhigt, dann
-werde ich natürlich den unsichtbaren Zahlmeister herkommandieren,
-und Sie können sich mit ihm in die geheimnisvollsten
-Rechnungen vertiefen.«</p>
-
-<p>»Ja, es ist mir lieber so,« stimmte Johanna zu.</p>
-
-<p>»Vortrefflich. Und nun, meine Gnädigste, um nicht
-ebenfalls in den Verdacht zu geraten, mit fremdem Eigentum
-zu liebäugeln, so gestatten Sie mir wohl, Ihnen Ihren
-tiefgründigen Poeten wieder auszuhändigen.« Er griff
-nach dem Buche auf dem Fensterbrett und reichte den Band
-mit einer leichten Verneigung seiner Besitzerin. »Eine eigenartige
-Affäre übrigens, diese Judith-Angelegenheit,« sprach
-er angeregt weiter, und im Moment überfiel ihn der seltsame
-Einfall, als ob diese große Nemza mit einem blinkenden
-Schwert vor ihm aufrage. »Es ist schauderhaft, mit
-welcher philosophischen Gründlichkeit diesem armen Barbaren
-die Gurgel abgeschnitten wird. Der verschlafene Tropf
-kam ja gleichfalls etwa aus unseren Gegenden. Wenn man
-sich das so recht überlegt, sollte man sich vielleicht doch ein
-wenig mehr vor Ihnen in acht nehmen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_297" title="297"> </a>
-Johanna fuhr auf. Und in grenzenlosem Erstaunen kam
-es aus ihr heraus: »Vor mir? Welchen Grund hätten Sie
-dazu? Wir beide haben doch nichts miteinander abzumachen.«</p>
-
-<p>»Gott,« &ndash; Dimitri Sergewitsch sah die Unmöglichkeit
-ein, mit dem starren Geschöpf zu einer Plauderei gelangen
-zu können. Die großen blauen Augen blieben einmal hart
-und empfindungslos. Offenbar vergaß sie nie, daß sie
-einem fremden, im Augenblick überfallenen und zurückgedrängten
-Volksstamm angehöre. Man tat zweifellos
-gut daran, sie auf ihrer dumpfen, kleinbürgerlichen Bahn
-zu lassen &ndash; »Gott,« zuckte der junge Mann bereits etwas
-abgekühlter die Achseln, »ich bin doch nun einmal, was
-man mit einem sehr unvollkommenen Ausdruck ›Landesfeind‹
-nennt. Ich liege hier mitten in Ihrem Machtbereich,
-wo ich mich übrigens sehr wohl befinde, und wenn man
-Sie so sieht, mein Fräulein, so groß, entschieden und voll
-nachdenklicher Energie&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was dann?«</p>
-
-<p>»Dann könnte man vielleicht zu dem Entschluß gelangen,
-eine Leibwache zu halten oder des Nachts das Zimmer
-fester zu verschließen.«</p>
-
-<p>Johanna starrte den Sprechenden an. Dann versetzte sie
-hart und kurz, während sie bereits die Tür öffnete:</p>
-
-<p>»Sie scherzen natürlich. Etwas Derartiges haben Sie
-vorläufig nicht von mir zu befürchten.«</p>
-
-<p>»Ah, vorläufig,« wiederholte Dimitri verblüfft und strich
-spielend über sein braunes Haar. »Ihre Enthüllung interessiert
-mich ungeheuer, gnädiges Fräulein. Sind Sie
-denn so ganz ohne Haß gegen mich?«</p>
-
-<p>Die Blonde blieb ernsthaft.</p>
-
-<p>»Das nicht,« entgegnete sie wahrheitsgemäß und blickte
-zu Boden, »aber Sie müssen als Ausländer die Frauengestalt
-<a class="pagenum" id="page_298" title="298"> </a>
-des deutschen Dichters mißverstanden haben. Mein
-Urteil ist natürlich gar nicht maßgebend, aber ich meine
-doch, die Judith handelte aus anderen Beweggründen.«</p>
-
-<p>»Und darf man die nicht erfahren?« fragte Fürst Fergussow
-gespannt.</p>
-
-<p>»Das hat keinen Zweck,« schnitt das Mädchen entschlossen
-ab, »ich könnte auch gar nicht ausdrücken, was ich meine.«
-Und in ihren gewohnten und frostigen Ton zurückfallend,
-forschte sie: »Haben Sie sonst noch Wünsche oder Befehle
-für mich, Durchlaucht?«</p>
-
-<p>Der Russe verschränkte seine Hände und führte mit ihnen
-eine verzweifelte Bewegung gen Himmel aus.</p>
-
-<p>»Ja, liebstes Fräulein,« rief er lebhaft, »Himmel und
-alle Heiligen, ich wünschte von Herzen, Sie einmal lächeln
-zu sehen.«</p>
-
-<p>Johanna stand schon auf der Schwelle.</p>
-
-<p>»Dazu habe ich leider keine Ursache,« entgegnete sie unbeirrt.
-»Guten Morgen, Durchlaucht.«</p>
-
-<p>»<i>Bon jour, bon jour</i>,« rief der Fürst wie befreit hinter
-ihr her.</p>
-
-<p>Und sich in den Schreibtischsessel werfend, riß er eine
-Karte hervor und studierte alle Straßen, die von diesem
-Gut fortführten. Der Aufenthalt auf Maritzken gehörte
-nicht immer zu den Annehmlichkeiten des Daseins. Kurze
-Zeit darauf rief er nach seinem Pferd, und Johanna, die
-eben die Gartentür öffnete, sah, wie er auf dem weißen Tier
-die sonnenüberglänzte Chaussee dahinsprengte. Der Säbel
-mit dem goldenen Griff, der ihm von der Schulter hing,
-prallte an die Weichen des Rosses, und der leicht vorgebeugte
-Reiter klopfte dem strahlenden Schimmel kosend den Hals.</p>
-
-<p>Er hatte immer etwas Schmeichlerisches.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_299" title="299"> </a>
-Die Hitze lag jetzt wie ein heißer, silberglänzender Schild
-auf den trockenen Steinen des Hofes. Man mußte die
-Augen schließen, um den herumschwirrenden spitzen Lichtpfeilen
-zu entgehen.</p>
-
-<p>Bedrückt atmend schritt das Gutsfräulein tiefer in den
-Schatten des Gartens. Sie konnte sich ja jetzt öfter eine
-Erholung gönnen, seitdem diese Asiaten ihr geregeltes Tagewerk
-auseinandergeschlagen hatten. Mit einer geheimnisvollen
-Kraft zog es sie bis zu dem dicht umbuschten Grenzgraben,
-von wo sie dem Klirren der Sensen lauschen wollte.
-Es war doch ein gewohntes Geräusch, wenn es auch nicht
-mehr auf ihr Geheiß und zu ihrem Nutzen laut wurde.
-Dicht an der ausgetrockneten Wasserscheide, zwischen den
-braunen schlangenhaften Stämmen eines wild verschlungenen
-Haselnußgestrüpps, stand eine Bank. Vom herabdringenden
-Regen war sie halb vermorscht, grüne Moosfleckchen
-hatten sich an der Rücklehne fest angesiedelt, und Johanna
-erinnerte sich kaum, daß sie jemals jene Sitzgelegenheit
-benutzt. Jetzt aber trat sie unter das schattenspendende
-Blätterdach und ließ sich auf dem breiten Brett nieder.
-Eine Weile schloß sie die Augen. Sie war müde von all
-dem Widersprechenden, an das sie zu denken hatte. Jedoch
-kaum senkte sie ihre Lider herab, so tauchten auch schon wie
-hinter einem grünschwarzen Vorhang jene Gestalten auf,
-hinter denen ihre Einbildungskraft beständig herjagte. Sie
-sah ihre Schwester Isa und Konsul Bark in der russischen
-Grenzstadt, in deren verräucherten Mauern sie selbst noch
-vor kurzem geweilt, und ihr Herz schlug laut, wenn sie sich
-vorstellte, welch ein Schicksal den beiden dort bereitet werden
-könnte. Oh, diese Ungewißheit! Ob man jemals wieder
-von den Fortgeschleppten etwas hören würde? Vielleicht
-gelang es doch dem Fürsten, bei dem Nachdruck, den ihm
-sein Name verlieh, eine Erkundigung einzuziehen. Und er,
-<a class="pagenum" id="page_300" title="300"> </a>
-der sich stets so glatt und willfährig zeigte, der feine Weltmann,
-der für die Wünsche einer Dame fast niemals eine
-Weigerung hatte, obwohl er sich gewiß nicht das geringste
-dabei dachte, er würde sicherlich auch ihrem Verlangen mit
-seiner geschmeidigen Bereitwilligkeit dienen. Es lag eigentlich
-etwas Verletzendes in seiner überhöflichen Art. Etwas
-bewußt Überhebungsvolles, als lohne es sich gar nicht, auf
-die Eigenart fremder Naturen näher einzugehen. Dem
-großen Herrn bedeutete es genug, wenn er mit seinem
-strahlenden Lächeln und namentlich ohne langen Disput
-den ihm nahenden Bittstellern eine Gefälligkeit erweisen
-konnte, die ihn im Grunde genommen nichts kostete.</p>
-
-<p>Die Blonde fuhr empor, ihre Augen öffneten sich weit.
-Sie sagte sich nicht, daß sie selbst jede Unterscheidung für
-andere Art und fremdes Volkstum verloren, sie empfand
-nur einen brennenden Haß, der immer stärker über ihr
-zusammenschlug. Wie geringschätzig der schöne Mann gelächelt
-hatte, als er den unpassenden Vergleich zwischen
-ihr und der bluttriefenden Jüdin gezogen, die mitten in
-der schmerzhaftesten Wollust ihrem Bezwinger, nach dem
-sie sich doch sehnte, das Haupt nahm. Zu ihrer eigenen
-Strafe, um sich selbst und ihre Raserei und ihr ganzes
-früheres Leben damit zu töten, dachte die Einsame.</p>
-
-<p>Der Sitzenden sanken die Arme herunter, mit einem
-harten Entschluß reckte sie sich auf, und um ihren Mund
-lagerte sich ein verächtliches Lächeln. Also bis zu solchem
-Widersinn, bis zu solch häßlichen Torheiten konnte man
-durch das Gefühl der Bedrückung und des Unterworfenseins
-getrieben werden. Es war einfach schmählich, auf den gleichgültigen
-und fremden Mann so viel schwächliches Nachdenken
-zu verschwenden. Was hatte sie überhaupt hier zu suchen?
-Ach ja, nach den sensenden Soldaten hatte sie ausspähen
-<a class="pagenum" id="page_301" title="301"> </a>
-wollen. Langsam bewegte sie sich auf das Erlengestrüpp
-der Wasserscheide zu und zog ein paar Zweige auseinander.</p>
-
-<p>Da fuhr sie heftig zurück.</p>
-
-<p>Auf dem jenseitigen Ufer, schon auf den abgemähten
-Stoppeln, lagen fünf bis sechs Männer auf dem Rücken,
-kehrten ihre rotflammenden Gesichter der Sonne zu und
-schliefen. An ihren zerfetzten, schmutzigen Hemden, die die
-verbrannte Brust offen ließen, und den zerlumpten und
-zerschlissenen Beinkleidern erkannte der geübte Blick des
-Landfräuleins sofort eine zusammengetriebene Horde von
-Landstreichern oder Knechten, die von den Russen irgendwie
-zu ihrer Arbeit ohne großes Entgelt gezwungen wurden.
-Aber das, was die Aufmerksamkeit der Gutsbesitzerin so
-besonders fesselte, daß sie sich immer weiter vorbeugte,
-damit ihr nichts mehr entgehen konnte, das gipfelte in
-einem Umstand, der auch in harmlosen Friedenszeiten ihr
-Befremden erregt hätte. Einer dieser Landstreicher nämlich
-hatte gerade in dem Moment, wo Johanna ihre Hand
-zwischen die Blätterwand streckte, seinen blank geschorenen
-Schädel, in dessen Schweiß sich die Sonne spiegelte, über
-die Schar seiner schnarchenden Genossen erhoben, und es
-dünkte die Beobachterin auffällig, mit welch spähendem
-Interesse der Mensch den Schlummer der anderen zu
-prüfen schien. Was bedeutete das?</p>
-
-<p>Manchmal pfiff der Bursche ziemlich laut vor sich hin,
-um gleich darauf sein Haupt wieder in die Stoppeln einzuwühlen,
-als wollte er abwarten, ob seine Gefährten das
-Geräusch vernommen hätten. Allein nichts regte sich um
-ihn, und nach einiger Zeit sah Johanna, wie der Zerlumpte,
-schlangenhaft auf dem Boden kriechend, seinen Körper
-gegen die Wasserscheide zuwälzte. Einen Augenblick lang
-wollte sie Furcht beschleichen, aber durch ein ganzes Leben
-daran gewöhnt, hier auf ihrem Grund wie ein Mann zu
-<a class="pagenum" id="page_302" title="302"> </a>
-walten, zwang sie sich ihre alte Fassung ab, um mit immer
-lauter werdendem Herzklopfen das weitere Gebaren des
-Fremden zu verfolgen. Jetzt war der Landstreicher an dem
-Graben angelangt. Hier blieb er eine Weile starr und
-regungslos liegen, und nur Johanna merkte, wie seine
-Beine ganz allmählich eine Schleife ausführten, bis die
-Gestalt des Burschen sich wagerecht dem Grabenlauf anschmiegte.
-Die hohen Halme des Unkrauts, das hier wuchs,
-bedeckten ihn fast.</p>
-
-<p>Plötzlich rollte der Körper in den Schlamm des Grabens
-herab.</p>
-
-<p>Johanna schrie leise auf und wartete. Jedoch sei es, daß
-der Fremde durch ihren Ruf erschreckt war, oder ob er sich
-dem weichen Morast nicht leicht entwinden konnte, jedenfalls
-dauerte es bange Minuten, bevor die Blonde den kahlen
-Schädel, der jetzt vollkommen mit grünen Linsen übersät
-war, in scheuer Zurückhaltung in dem Gebüsch zu ihren
-Füßen auftauchen sah. Der Landstreicher jedoch schien sie
-sofort zu erkennen, anders wenigstens vermochte sich die
-Sprachlose die warnende Bewegung nicht zu erklären, mit
-der der schwarze, triefende Bursche seinen Finger an den
-Mund hob.</p>
-
-<p>»Fräulein Grothe,« keuchte eine Stimme, die Johanna
-sich bestimmt erinnerte, schon gehört zu haben.</p>
-
-<p>»Um Gott, wer sind Sie?«</p>
-
-<p>Inzwischen hatte der Unbekannte seinen Leib völlig durch
-das Gebüsch geschoben, so daß er nun auf den Knien vor
-dem Mädchen lag. Jetzt sprang er trotz der überstandenen
-Anstrengung elastisch auf die Füße. Sein Antlitz war durch
-den Schmutz des Feldes und den Morast des Grabens
-gleichsam mit einer schwarzen Larve bedeckt, und doch schoß
-Johanna bei dem Anblick dieser schlanken Glieder eine blitzartige
-Erinnerung auf.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_303" title="303"> </a>
-»Fritz Harder, sind Sie es?« stammelte sie unentschieden.</p>
-
-<p>Der Fremde reichte ihr die Hand, zog sie aber im nächsten
-Moment mit einem matten Lächeln wieder zurück, als er
-die Verunreinigung seiner Finger bemerkte. Dann ließ er
-sich auf die Bank nieder, und indem er sich angelegentlich
-das rechte Knie rieb, das wohl durch das Kriechen einige
-Risse und Schürfungen empfangen hatte, fragte er plötzlich,
-indem er sich leicht nach der Richtung des Herrenhauses
-umwandte:</p>
-
-<p>»Steht alles gut bei Ihnen, Johanna? Sind Sie alle
-wohlauf? Ist niemand in dieser schlimmen Zeit etwas
-Böses zugestoßen?«</p>
-
-<p>Niemals zuvor war die Gutsbesitzerin von dem nachdenklichen
-jungen Offizier mit ihrem Vornamen angeredet
-worden. Aber als sie jetzt, umgeben von der nahen Gefahr,
-in der dunklen verschlungenen Haselnußlaube weilten, fand
-die Blonde das Benehmen des jungen Mannes ganz natürlich.
-Und einer mütterlichen Wallung unterliegend, und ohne
-Rücksicht auf ihre saubere Kleidung, strich sie ihrem atemschöpfenden
-Gefährten aufmunternd über die schmutzige
-Wange. Dann flog die Rede zwischen ihnen hin und her.</p>
-
-<p>»Nein, Fritz, es ist niemand von uns etwas zugestoßen.
-Niemand,« setzte sie mit besonderer Betonung hinzu, da
-sie die dunklen Augen des Offiziers so beharrlich ihr
-Wohnhaus suchen sah, »nur meine Schwester Isa ist bis
-jetzt nicht zu uns zurückgekehrt, und wir leben daher in
-schwerer Besorgnis.«</p>
-
-<p>»Das weiß ich, Fräulein Grothe, das weiß ich. Sie
-müssen nicht glauben, daß wir uns so ganz ohne Kenntnis
-über die hiesigen Zustände befinden. Oh nein, wir wissen
-weit mehr, als sich diese Eisbären träumen lassen. Sie
-sehen ja, wir spazieren hier sogar ganz ungeniert in ihren
-Linien herum.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_304" title="304"> </a>
-»Ja, um alles in der Welt, Fritz, &ndash; verzeihen Sie,
-wenn ich danach frage &ndash; aber was haben Sie denn hier
-vor? Was bedeutet Ihr abscheulicher Aufzug? Sie sind
-doch nicht etwa als Spion hierher geschickt?«</p>
-
-<p>Jetzt zuckte der triefende junge Mensch unwillkürlich zusammen.
-Das schonungslose Wort schien ihn für eine Weile
-zu verdüstern. Schwermütig verzog er die Augenbrauen
-und starrte eine Zeitlang auf den braunen Lehmboden zu
-seinen Füßen.</p>
-
-<p>»So müssen Sie meine Tätigkeit nicht bezeichnen, liebes
-Fräulein,« sagte er endlich ruhig. »Ich habe es mir gründlich
-überlegt, ehe ich mich zur Ausführung dieses Befehls
-meldete. Denn es gehört einer dazu, der&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« Hier
-stockte der Redende, als hätte er schon zu viel geäußert.</p>
-
-<p>»Was Fritz, erklären Sie sich deutlicher!«</p>
-
-<p>Der junge Mann aber warf die Rechte abschneidend durch
-die Luft.</p>
-
-<p>»Nichts,« entgegnete er besonnen und lächelte zuversichtlicher.
-»Ich darf selbst Ihnen wirklich nicht mehr verraten,
-liebe Johanna. Es geht ganz gegen die Ordre. Aber wenn
-Sie vielleicht eine alte Uhr zum Reparieren für meinen
-Quartierwirt Adameit mitzugeben haben,« fuhr er mit
-gutmütiger Neckerei fort, »dann will ich sie dem alten
-Tausendkünstler pünktlich in die Hände liefern.«</p>
-
-<p>Johanna traute ihren Ohren nicht.</p>
-
-<p>»Um Himmels willen,« brachte sie mühsam hervor, und
-eine jäh aufspringende Angst veranlaßte sie durch die
-Lücken des Geästes nach allen Seiten hinauszuspähen, »Sie
-glauben doch nicht, daß Sie durch die vielen Tausende hier
-ungefährdet bis in die Stadt gelangen werden?«</p>
-
-<p>»Das hoffe ich allerdings bestimmt,« gab der Sitzende
-unerschüttert zurück; »und auf Grund eines von dem
-hiesigen Etappenkommandanten ausgestellten Arbeitscheines
-<a class="pagenum" id="page_305" title="305"> </a>
-werde ich sogar mit den größten Ehren empfangen werden.«
-Er fuhr in seine Brusttasche und zog einen Fetzen bestempeltes
-Papier hervor. »Sehen Sie, Fürst Dimitri Sergewitsch
-Fergussow &ndash; hier steht es &ndash; bestätigt dem Arbeiter
-Paul Bramschek usw. Wenn es nichts Wichtigeres zu verrichten
-gäbe, könnte ich sogar hier bleiben und heute nacht
-unter Ihrer Obhut diesen russischen Prinzen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« er
-spreizte beide Hände und machte die Gebärde des Erwürgens.</p>
-
-<p>Johanna wurde dunkelrot.</p>
-
-<p>»Großer Gott,« flüsterte sie, ohne ihre Besinnung wieder
-erlangt zu haben, »Sie müssen hier fort. Denken Sie nur,
-welch ein Unglück Sie auf uns alle herabbeschwören könnten.«</p>
-
-<p>Kaum hatte das Mädchen eine Spur von Besorgnis geäußert,
-als der junge Mann sofort seinen Platz auf der
-Bank aufgab und sich zum Gehen anschickte.</p>
-
-<p>»Sie haben ganz recht, Johanna,« pflichtete er ernsthaft
-bei, »in der Freude Sie zu sehen und zu hören, hatte ich
-ganz vergessen, daß es üble Folgen haben kann, mit mir
-in einer Unterhaltung getroffen zu werden. Leben Sie wohl,
-Fräulein Grothe, und Sie brauchen keinem zu sagen, daß
-ich hier war. Sie verstehen mich, keinem, ohne Ausnahme.«</p>
-
-<p>Da stieg es heiß in dem großen Mädchen auf. Beide
-Hände legte sie dem von Unrat Übergossenen fest auf die
-Schultern. Und während ihre ehrlichen Augen die seinen
-suchten, preßte sie sich ab:</p>
-
-<p>»Nein, bleiben Sie noch, Fritz; eines müssen und dürfen
-Sie mir anvertrauen: wie steht es bei uns dort draußen?
-Müssen wir jede Hoffnung aufgeben, in die gewohnten und
-lieben Zustände zurückzukehren? Wann wird das Unheil,
-das sich hier breit macht, fortgefegt? Denn es ist ein
-Unheil, Fritz, es ist ein großes Unheil.«</p>
-
-<p>Der in Lumpen und Fetzen gehüllte junge Mensch wandte
-sich auf ihren verzweifelten Ruf plötzlich voll zu ihr, und
-<a class="pagenum" id="page_306" title="306"> </a>
-ein sonderbares Leuchten und Strahlen überglänzte seine
-eingefallenen, verhärmten Züge.</p>
-
-<p>»Fräulein Grothe,« begann er endlich, und er preßte beide
-Fäuste zusammen, als könne er die Fülle, die er in sich barg,
-nicht anders bändigen, »unsere dünnen Reihen wurden
-jammervoll zugerichtet, und wir sind von weiten Landstrichen
-verdrängt worden. Aber was sich jetzt bei uns vorbereitet,
-glauben Sie mir, das wird und kann nicht fehlschlagen.
-Sie werden nicht mehr lange mit Ihrem Prinzen
-an einer Tafel sitzen, verlassen Sie sich darauf,« stieß er
-heftig hervor, und aus dem verunreinigten Gesicht blitzten
-die weißen Zahnreihen so wild und begierig, daß sich Johanna,
-um eine unerklärliche Angst niederzukämpfen, die
-Hand fest um den Hals spannte.</p>
-
-<p>»Fritz, wird es bald sein?« fragte sie verwirrt und wandte
-ihr Haupt ungewiß nach dem Herrenhaus.</p>
-
-<p>Der andere zuckte die Achseln, und seine Stimme wurde
-immer dunkler und drohender. »Sie werden von uns
-hören, Fräulein Grothe, und von mir auch,« setzte er frohlockend
-hinzu. »Nein, nein, lassen Sie,« wehrte er ab,
-als er merkte, wie das Mädchen noch einmal ihr Drängen
-nach seinen Plänen zu wiederholen suchte, »lassen Sie
-mich hier in dem Graben entlang waten, so komme ich
-am besten um das Gut herum.«</p>
-
-<p>Damit kauerte er sich wieder an der Erde nieder, bis
-seine Füße über die Böschung herabhingen, und während
-Johanna gleich darauf den Morast aufspritzen hörte,
-wurde unten das Erlengestrüpp noch einmal zur Seite
-geschoben, und der kahl geschorene Schädel tauchte abermals
-auf.</p>
-
-<p>»Ich soll noch einen Gruß an Sie bestellen,« klang es
-aus dem Wasserlauf empor. »Ich habe Ihren Vetter von
-Sorquitten vor wenigen Tagen gesprochen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_307" title="307"> </a>
-Da mußte Johanna lächeln. »Ach, Fedor Stötteritz,«
-meinte sie gutmütig, »wie geht es dem großen Jungen?«</p>
-
-<p>»Als ich ihn zuletzt sah, stand er in der Abenddämmerung
-unter einem zerschossenen Schuppen neben seinem riesigen
-Pferde und rief mir nach, diesmal würden Sie es ihm
-wohl nicht übelnehmen, wenn er recht bald mit seinem
-lauten Wesen in Maritzken nach dem Rechten sähe. Ich
-bitte um Verzeihung, Fräulein Grothe, wenn ich den
-Auftrag wörtlich ausrichte, doch ich hoffe, daß er Ihnen
-verständlich sein wird.«</p>
-
-<p>»Ich danke,« entgegnete Johanna beklommen und sah
-ernst zu Boden. »Ich verstehe seine Meinung recht gut.«</p>
-
-<p>Abermals schlug ihr das Herz, und sie begann unwillkürlich
-zu lauschen, ob sich auf den Steinen des weißen
-Hofes nicht ein silberner Sporenklang melde. Als sie wieder
-aufblickte, hatten sich die Zweige zu ihren Füßen geschlossen,
-und nichts deutete mehr darauf hin, daß hier vor kurzem
-jemand geweilt, der zwischen ihr und der Außenwelt ganz
-unerwartet ein paar dünne Fäden geknüpft hatte.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Aber die Außenwelt brauste noch auf einem anderen
-Wege, gleich Gewitter und Hagelschlag, in den erzwungenen
-Frieden von Maritzken und schmetterte die künstlich schlaffe
-Ruhe, die hier wie eine kranke Blume aufgeschossen war,
-für immer zu Boden.</p>
-
-<p>Ein Geheul und Gekreisch, das sich unmöglich aus
-Menschenlauten zusammensetzte, nein, das vielmehr von bösartigen,
-losgelassenen Geistern der Tiefe ausgestoßen schien,
-schrillte, pfiff, heulte und wieherte über die Landstraße
-und riß das vergrübelte Weib wie mit krallenden Nägeln
-aus der kühlen Haselnußlaube heraus. Entsetzt, unfähig,
-einen Gedanken zu fassen, stürzte die Herrin von Maritzken
-<a class="pagenum" id="page_308" title="308"> </a>
-auf ihren Hof. Von allen Seiten flogen die Fenster auf,
-scheue, angstvolle Gesichter beugten sich heraus, und alles
-starrte auf die Chaussee, wo windschnell ein wüster schwarzer
-Haufe vorüberwirbelte. Tier und Mensch ununterscheidbar
-durcheinander. Dazwischen Flintenschüsse. Markdurchzitternde,
-gellende Hetzrufe. Und alles eingehüllt in eine
-dicke und doch blinkende Staubwolke. Gleich darauf schlug
-hinter den Bäumen des Parkes eine Feuerlohe in die Höhe.
-Von dem leichten Wind getrieben, stoben die Funken über
-die Dächer des Anwesens. Durch das Tor aber quollen
-junge Weiber herein, hoch aufgeschürzt, die meisten mit entblößten
-sonnengebräunten Armen; Mägde des Gutes und
-zurückgebliebene Tagelöhnerfrauen, die sich wie verzweifelt
-an die hohe Gestalt Johannas drängten als ob sie hier
-ihren letzten Rückhalt witterten.</p>
-
-<p>»Fräulein &ndash; Kosaken!«</p>
-
-<p>»Sie sagen, es sei hier geschossen worden.«</p>
-
-<p>»Den Laden von Kurra haben sie ausgeräumt und angesteckt.«</p>
-
-<p>»Ja, und Tilly &ndash; Tilly Baumgartner&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was ist's mit Tilly?« stammelte Johanna betäubt
-und griff nach der Schulter einer der Mägde, um sich zu
-stützen.</p>
-
-<p>Da drängte sich die Frau des Verwalters, der seit jener
-Ausfahrt nicht mehr wiedergekehrt, aus dem Haufen,
-und das Weib raffte sich ihre blaue Schürze vor das Gesicht
-und heulte unter dem Leinen hervor:</p>
-
-<p>»Weggenommen haben sie sie mir, Fräulein, von meiner
-Hand gerissen, und mir selbst einen Schlag über die Augen,
-daß ich nicht sehen kann.«</p>
-
-<p>Dann ein Wimmern der Mägde, von draußen herannahendes
-Galoppieren, Hetzen und Verwünschungen, und
-<a class="pagenum" id="page_309" title="309"> </a>
-dicker qualmiger Staub, der über die Mauern des Hofes
-rauchte.</p>
-
-<p>Da &ndash; da &ndash; durch die Einfahrt schoß es herein &ndash;
-kleine Pferde, struppig wie nasse Hunde, vornübergebeugte
-Reiter, in ihren faltigen Röcken gleich bärtigen Frauen auf
-den Tieren hängend, Lammfellmützen tief auf die stieren
-Augen gedrückt, schwingende Fäuste, und von den weißen
-Mauern zurückgeworfen das wetternde Knallen unzähliger
-Peitschen. Jetzt schoß, sprang, wälzte und purzelte es aus
-den Sätteln; schon drängte sich das fremde Gesindel durch
-alle offenen Türen hinein. Wer ihm in den Weg geriet,
-wurde zurückgestoßen, bis er blutend auf das Pflaster taumelte.
-Tiefe gurgelnde Laute schienen entsetzliche Drohungen
-zu verkünden, und nichts, nichts hemmte die Horde, nichts
-wirkte dem sie beherrschenden Trieb entgegen nach Raub
-und Plünderung, nach Schandtat und Gewalt. Vergebens,
-daß sich im ersten Stock ein Fenster öffnete, und der abgezehrte
-Rittmeister Sassin mit wütenden Gebärden etwas
-Unverständliches herunterbrüllte, ganz umsonst, daß sich
-Johanna toll vor Wut und Scham auf einen schwarzhaarigen
-Riesen stürzte, in dessen Armen die kleine Tilly
-zappelte, unwürdigen, schmachvollen Liebkosungen ausgesetzt,
-umsonst, vergeblich, die Streitenden wurden voneinander
-getrennt, alles ging unter in dem brausenden
-Strudel, der ungebändigt mit einer irren elementaren Kraft
-zwischen den Mauern des eben noch so stillen Anwesens
-kochte.</p>
-
-<p>»Scho&ndash;i, scho&ndash;i,« schrien die Kosaken, traten Zäune
-und Türen ein und hieben mit ihren Peitschen lechzend vor
-Irrsinn und Brunst durch die Luft.</p>
-
-<p>»Der Fürst,« kreischten mitten in dem Graus ein paar
-heiser geschriene Frauenstimmen.</p>
-
-<p>Unter dem Tor hielt eine einzelne Reitergestalt. Die
-<a class="pagenum" id="page_310" title="310"> </a>
-Rechte hatte sie zum Schutz gegen die Sonne quer über
-den Schirm der zerbeulten Mütze gelegt, die Linke, die
-den Zügel hielt, spielte gleichzeitig achtlos mit einer reich
-vergoldeten Reitpeitsche. Aber die vorgeneigte Haltung und
-sein ungläubiges Hinstarren in das quirlende Menschengeschäume
-bewiesen, wie auch dem Besitzer des scharrenden
-Schimmels alles, was sich da vor ihm abspielte, gleich
-der tollen Ausgeburt einer dampfenden Phantasie erschien.
-Ganz gebannt schüttelte er das Haupt und zuckte die
-Achseln. Sein Anblick jedoch verschaffte Johanna, die,
-umrast von dieser nie geahnten Wildheit, ihre klare Vernunft
-völlig eingebüßt hatte, die nebelhafte Überzeugung,
-der Mann unter dem Tor müsse und würde sie gegen diese
-blutdürstigen und fauchenden Tiere schützen oder verteidigen.
-Mit übernatürlicher Kraft streifte sie die jammernden Mägde
-von sich ab, und es war wirklich die blonde, furchtlose
-Walküre, wie sie Dimitri Sergewitsch in den schwülen
-Augustnächten immer geahnt, als sie sich mit bebenden
-Gliedern von neuem gegen den riesenhaften Bedränger der
-kleinen Tilly warf.</p>
-
-<p>»Fürst Fergussow,« schrie sie dabei mit einer vor Wut
-und Scham erstickten Stimme.</p>
-
-<p>»Hund, ich schieße dir dein Spatzengehirn gegen die
-Mauer,« heulte der kranke Rittmeister, von Hustenanfällen
-unterbrochen, aus dem oberen Fenster, und seine zitternden
-Hände zogen bereits die Sicherung von einer Pistole ab.</p>
-
-<p>Doch er brauchte sich nicht mehr zu bemühen. Mit einem
-kräftigen Sprung setzte der Schimmel des Fürsten in den
-auseinanderstürzenden Schwarm hinein, eine zielsichere
-Faust riß dem überraschten Riesen die Lammfellmütze vom
-Kopfe, und zu gleicher Zeit sauste ein Reitgertenhieb dem
-Aufjammernden quer über das Gesicht. Brüllend vor
-Schmerz ließ der struppige Kerl sein Opfer fahren, und
-<a class="pagenum" id="page_311" title="311"> </a>
-es war für alle Zuschauer ein gräßlicher Anblick, wie der
-Oberst nun sein Pferd noch einmal gegen den Gebändigten
-antrieb, so daß dieser in dumpfem Fall vor die Füße des
-Tieres rollte.</p>
-
-<p>»Du triebst natürlich nur einen kleinen Scherz,« sagte
-Dimitri böse und schneidend, und die erwachende Johanna
-sah mit Entsetzen, welche grausamen Lichter in den dunkel
-gewordenen Augen des Reiters zucken konnten, »nicht
-wahr, mein Söhnchen, so war es doch?«</p>
-
-<p>»Ja, einen Scherz, Väterchen,« jammerte der Gefallene
-und streckte in sklavischer Demut beide Hände gegen die
-erhobene Peitsche aus, »nichts weiter, als einen Scherz.«</p>
-
-<p>»Dacht ich's mir doch,« meinte Dimitri höhnisch durch
-die ängstliche Stille, welche plötzlich auf dem Hof nach all
-dem Lärm entstanden war. Und sich im Sattel umwendend,
-sagte er hell und durchdringend, so daß den Kosaken, die
-sich scheu an den Wänden herumdrückten, keines seiner
-Worte verloren gehen konnte: »Wehe, ihr Kanaillen, wenn
-ihr nicht alles, was ihr gestohlen habt, sofort wieder
-zurückgebt. Auf den Bäumen dort hat es Platz für viele
-von euch. Habt ihr mich verstanden?«</p>
-
-<p>»Ja, Väterchen, verstanden.«</p>
-
-<p>»Seid ihr hier einquartiert?«</p>
-
-<p>»Bis morgen früh,« gurgelte unvermutet eine vor Ingrimm
-oder Trunk heisere Stimme in der Nähe des
-Fürsten.</p>
-
-<p>Sie gehörte einem Kosakenrittmeister an, der bis jetzt
-einen Besuch in der Schenke abgestattet und nun sein
-klepperartiges Pferd am Zügel hinter sich herzog. Das
-erste, was der Mann tat, nachdem er sich durch einige
-Stöße in den Kreis hineingeschoben, bestand darin, daß
-er dem noch immer auf den Knien verharrenden Kosaken
-einen heftigen Fußtritt in die Seite versetzte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_312" title="312"> </a>
-»Was ist hier geschehen?« forschte er und stampfte grob
-auf den Steinen herum. »Ich frage, was hier geschehen
-ist? Ich war dienstlich verhindert, Herr Kamerad.«</p>
-
-<p>Der Fürst jedoch schien keinen Wert auf die Zusammengehörigkeit
-mit dem Sohn der Donschen Steppe zu legen.
-Er ließ einen hochmütigen Blick über das brandrote Habichtsgesicht
-des Reiters hinweggleiten und sagte sehr ruhig:</p>
-
-<p>»Oh nichts, was bei Ihren Formationen zu dem Auffallenden
-gehört. Aber ich möchte Ihnen doch empfehlen,
-Herr Rittmeister, Ihre Leute, so lange sie uns das Vergnügen
-schenken, in den Stall zu komplimentieren.«</p>
-
-<p>»In den Stall?« brummte der andere, die Fäuste
-ballend; da er aber nicht wagte, gegen den vorgesetzten
-Gardeoffizier ausfällig zu werden, so versetzte er wenigstens
-dem liegenden Mann einen neuen Stoß, um ihn dann an
-den Ohren empor zu reißen. »Pack dich, Wassily, du
-Schuft! Was liegst du hier wie ein krankes Schwein
-herum? Was soll man von dem Beispiel denken, das
-ich Euch gegeben? Was soll man denken, frage ich? Warte,
-mein Guter, wir sprechen uns noch.«</p>
-
-
-
-
-<h3>III.</h3>
-
-
-<p>Die Menge hatte sich verlaufen, das Gutsgesinde war
-zu seiner gewohnten Beschäftigung zurückgekehrt, nur Johanna
-und der Oberst weilten noch auf dem Hofe.</p>
-
-<p>»Sie sehen auffallend blaß aus, mein Fräulein,« hörte
-die Gutsherrin ihren Gefährten im Ton aufrichtigen Mitgefühls
-beginnen; und als sie in ihrer gelähmten Haltung
-verharrte, fügte er ehrerbietig hinzu: »Sie können mir
-glauben, daß mich nur die Besorgnis zu dieser Bemerkung
-veranlaßt. Vielleicht würde Ihnen ein Spaziergang hier
-im nahen Walde wohltun. Für diesen Fall hebe ich selbstverständlich
-<a class="pagenum" id="page_313" title="313"> </a>
-mit Vergnügen das Verbot Ihrer Bewegungsfreiheit
-auf, und um Sie vor weiteren Belästigungen zu
-bewahren, biete ich Ihnen gern meine eigene Begleitung
-an. Sie sollten es wirklich nicht abschlagen,« vollendete
-er ganz treuherzig.</p>
-
-<p>Zum erstenmal hatte dieser in der glatten Rede des
-Salons verstrickte Mann wie ein wohlwollender Mensch
-gesprochen, dem die Not eines Mitgeschöpfes die Seele
-erschreckte. Und Johanna atmete auf, und über ihre versteinten
-Züge huschte es wie von Befreiung und Erlösung.
-Gottlob, endlich nach den langen Tagen der erzwungenen
-Beschränkung sollte jetzt eine Stunde folgen, die es ihr
-ermöglichte, die so schmerzlich entbehrte Wanderung über
-den heimatlichen Boden genießen zu können. Oh, welchen
-Dank sie demjenigen schuldete, der ihr jenes unerwartete
-Geschenk darbot. Jedem anderen hätte sie in leidenschaftlicher
-Wallung und mit ihrem klaren, unversteckten Lachen beide
-Hände geschüttelt. Hier aber wagte sie nur zustimmend das
-Haupt zu neigen, und doch berührte es sie eigenartig wohltuend,
-als sie bemerkte, mit welcher Freude der fremde
-Offizier dieses leise Zeichen ihrer Bereitwilligkeit auffing.</p>
-
-<p>»Wahrhaftig?« rief der Fürst ganz erstaunt, »Sie hegen
-keine Bedenken? Ah, meine Gnädigste, Sie vergeben mir
-gewiß, wenn ich heimlich denke, daß Sie sich dann wirklich
-durch das abscheuliche Gebaren dieser Steppenreiter im
-hohen Grade angegriffen fühlen müssen.«</p>
-
-<p>»Sie dürfen darüber nicht spotten,« entgegnete Johanna
-befangen, weil es das erste Mal war, daß sie mit dem
-schönen jungen Mann andere Dinge als die des täglichen
-Unterhalts verhandelte. »Ich war auf die Schrecken des
-Krieges gefaßt und bin auch imstande, sie zu ertragen,
-aber eine derartige Raserei&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Leider kann ich Ihnen keineswegs widersprechen,« unterbrach
-<a class="pagenum" id="page_314" title="314"> </a>
-Dimitri Sergewitsch hastig, denn ihm lag alles daran,
-die Blonde von dem eben erduldeten Überfall abzulenken.
-»Sie werden verstehen, was es mich kostet, wenn ich Ihnen
-versichere, wie sehr ich und viele andere Kameraden, die
-wir den Europäer-Standpunkt nicht aufzugeben gewillt
-sind, von dem Treiben jener Stämme innerlich angewidert
-werden. Aber fort damit,« suchte er von dem bedenklichen
-Gegenstand loszukommen, »ich bin heute früh schon durch
-Ihre herrlichen Buchenwälder geritten, und es bereitet mir
-eine wahrhafte Genugtuung, Ihr Wiedersehen mit diesen
-frischen und geheimnisvollen Gründen vermitteln zu dürfen.
-Sehen Sie, ich kann sogar schon jetzt die schönsten Grüße
-von dort an Sie bestellen.«</p>
-
-<p>Lebhaft riß er aus seinem Wams ein kleines Skizzenbuch
-hervor, und Johanna, die einen raschen Blick über seine
-Schulter warf, stieß unwillkürlich einen Laut des Erkennens
-aus. In einer ganz feinen, schattenhaften Manier, worin
-Licht und Luft mehr festgehalten waren, als der darzustellende
-Gegenstand, erhob sich auf dem Blatt mitten auf
-einer dunklen Waldwiese ein ungeheurer geborstener Buchenstamm,
-an dessen Ästen unzählige Heiligenbilder, Glasherzen
-und Kränze als Weihegeschenke aufgehängt waren.</p>
-
-<p>»Ah, der Sankt-Annen-Baum,« stellte Johanna überrascht
-fest. »Wie zart und fein Sie das getroffen haben.«</p>
-
-<p>Der Oberst zuckte die Achseln, verbeugte sich jedoch leicht.</p>
-
-<p>»Was wollen Sie!?« meinte er gleichgültig, »die Frucht
-und der Überrest der vielen Lieblingsbeschäftigungen, die
-eine Petersburger Wintersaison so mit sich bringt. Man
-darf gar nicht daran denken, wieviel Zeit und Jugend man
-so tatenlos verschleuderte. Aber, mein gnädiges Fräulein,«
-entraffte er sich elastisch derartigen Vorstellungen, und seine
-edlen Züge strahlten wieder jenen das Gutsfräulein so
-verwirrenden Glanz, »wozu Reue und Selbstzerfleischung
-<a class="pagenum" id="page_315" title="315"> </a>
-an einem herrlichen Ferientag? So fasse ich nämlich unseren
-Ausflug auf. Benötigen Sie vielleicht noch einen Sonnenschirm,
-den man herbeischaffen müßte?«</p>
-
-<p>Johanna schüttelte das Haupt, doch konnte sie es nicht
-hindern, daß ein Lächeln ihre Lippen öffnete. Die Nonne,
-die ihre Tage der Arbeit verschrieben, entäußerte sich plötzlich
-der ihr anhaftenden Herbheit und sah frisch und gesund und
-genußfähig aus. Ganz versonnen starrte sie der Fürst an.</p>
-
-<p>»Wo denken Sie hin, Durchlaucht,« meinte sie gutmütig,
-während sie sich bereits zum Gehen anschickte, »ein Landmädchen,
-wie ich, das hie und da selbst mit anfaßt, das
-fürchtet keinen verbrannten Teint. Übrigens tut mir die
-Sonne auch nichts,« setzte sie hinzu und zeigte ihm ein
-Antlitz, dessen lichte Reinheit weder durch ein Mal noch durch
-ein Sonnenpünktchen verunziert war. »Wollen wir durch
-das Tor?« fuhr sie innehaltend fort.</p>
-
-<p>»Nein, bitte nicht dort hinaus,« weigerte sich der Fürst
-mit auffallender Lebhaftigkeit. »Sie könnten dort manches
-sehen, was Sie zu unangenehm an meine und meiner Landsleute
-Anwesenheit erinnert. Ich möchte Ihnen heute gar
-zu gern ein paar Potemkinsche Dörfer vorspiegeln. Kommen
-Sie, wir schreiten lieber hier an dem Graben entlang und
-wenden uns dann über die kleine Brücke.«</p>
-
-<p>Bald darauf war das Paar von den dunklen Schatten
-des Haselnußgehölzes umhüllt, und Johanna mußte unwillkürlich
-den Blick zu Boden senken, als sie die Bank
-gewahrte, auf der noch eben der junge verdüsterte Preuße
-ihr seine Pläne enthüllt. Ihr fiel wieder die spreizende Bewegung
-seiner Hände ein, da er davon gesprochen, wie leicht
-ein Kühner unter der Obhut der Hausherrin den hier befehlenden
-Etappenkommandanten in den ewigen Schlummer
-senden könnte. Und unbewußt trieb sie den ahnungslos
-neben ihr Schreitenden zu größerer Eile an.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_316" title="316"> </a>
-Wirklich, es war ein erquickendes Wandeln unter dem
-niedrigen Laubdach zur Seite des abgemähten Feldes, über
-dem die Sonnenstrahlen tanzten und funkelten. Anmutig
-jeder vorspringenden Baumwurzel ausweichend, schritt ihr
-Dimitri Sergewitsch voran, und in einer so selbstvergessenen
-Lust befand sich Johanna, daß sie rückhaltslos die elegante
-Geschmeidigkeit seiner Glieder bewunderte. Wie sorgsam
-und mit wieviel Aufwand von Zeit und Bedienung der
-vornehme Herr gewiß seinen Körper gepflegt hatte. Wie
-blendend weiß und geschont sich auch jetzt mitten im Waffenhandwerk
-seine schmalen Hände darboten. Und Johanna
-empfand fast eine Art von naiver Hochachtung vor jenen
-Bevorzugten, die ihrer Gesundheit so unablässig zu dienen
-suchten. Und dieser kräftige, unermüdliche Mensch, der wie
-ein lebendes Kunstwerk ohne sichtbare Unebenheiten und
-Fehler durch die Schöpfung schritt, er sollte nach den häßlichen
-Geständnissen des Rittmeisters Sassin ein Frühverdorbener,
-ein Angefressener und Vergifteter sein?</p>
-
-<p>Schaudernd strich sich das Mädchen eine blonde Haarsträhne,
-die im Winde flatterte, aus der Stirn, und sie
-beschloß &ndash; für heute wenigstens &ndash; all diese unsauberen
-Gedanken zu verbannen. Ihre alte Willensstärke kam
-ihr wieder, als sie sich eingestand, daß es sie ja im Grunde
-gar nicht berührte, aus welchen Erfahrungen der Charakter
-des Fremden zusammengeschossen sei. Nein, für den Augenblick
-brauchte sie sich nur dem frohen Gefühl hinzugeben,
-aus dem unsichtbaren Kerker, der ihr so unerwartet geöffnet
-wurde, mit dankbarem Gemüt herauszuschreiten und
-sich der kurzen Stunde der Freiheit mit aufnahmefähigen
-Sinnen zu freuen.</p>
-
-<p>Und das tat sie.</p>
-
-<p>Heute bewunderte sie jedes wilde Brombeergestrüpp, das
-sich im Vorbeistreifen an ihr Gewand nistete, und hie
-<a class="pagenum" id="page_317" title="317"> </a>
-und da bückte sie sich, um eine rötliche Hagebutte neugierig
-zu mustern. In dem Haselnußdach über ihr schwirrten
-junge, grünweiße Meisen herum, sie hingen sich an die
-Äste und übten lautlos ihre schwierigen Kletterkünste. Und
-das Landfräulein staunte die Tierchen an, als ob sie die
-wilde Schar heute das erste Mal sähe. Helle Lichtpunkte
-tröpfelten durch das Blätterwerk hindurch und tanzten,
-glitten und zitterten ihr fröhlich über das Haar und den
-unbedeckten Hals. Als sich der Fürst einmal umwandte,
-erschrak er fast. Das Weib, das hinter ihm herschritt,
-leuchtete und funkelte so eigentümlich, daß ihm das Wort
-auf der Lippe erstarb. In dem grünen Dämmer wandelte
-die hohe Gestalt, umflossen von der ihr anhaftenden Frische
-und Reinheit, und wieder schien es dem Beobachter, als
-ob er dieses unberührte Menschenkind durchaus nicht in
-den ihm gewohnten wilden Reigen einzuordnen vermöchte.
-Fast beschämt kehrte er sich ab, um ihr von neuem durch
-den schmalen Gang voran zu eilen. In weiter Biegung
-schlängelte sich der Weg um das Feld herum, um endlich
-breiter und breiter zu werden, bis sich das Gebüsch allmählich
-in den herantretenden Buchenwald verlor. Hier
-spürte man nichts mehr von der Hitze des Tages. Zwischen
-den matten, grauen Stämmen hing ein unsichtbarer Flor
-herab, hinter dem alles Gegenständliche verdämmerte und
-verschwamm. Geräuschlos flirrte das feine Spiel der
-Blätter, rechts und links über die Waldwege zogen sich
-die glitzernden Fäden der Spinne, grüne Fliegen hingen in
-der Luft und zuckten plötzlich wieder davon, und der ganze
-ungeheure Wald war erfüllt von Schläfrigkeit und einem
-ewig auf- und absteigenden Summen. Von Zeit zu Zeit aber
-wichen die Riesenbäume weit auseinander, und hohe, ungeheure
-Hallen empfingen die Wanderer unter grünen,
-leise schwankenden Kuppeln.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_318" title="318"> </a>
-Mitten auf einer der Waldwiesen träumte die Sankt-Annen-Buche,
-unter deren weit ausladenden Ästen unzählige
-Betrübte schon in frommer Einfalt gekniet hatten.
-Johanna lehnte sich leicht an den grauen, vielnarbigen
-Stamm und blickte zu einem Perlenstern empor, auf dessen
-grünem Untergrund eine zitternde Hand nichts als die
-Worte gezeichnet hatte: »St.&nbsp;Anna hilf uns!« Nie zuvor
-war von der Gutsherrin diese Spende gesehen worden.
-Sie bedeutete wohl einen Notschrei aus schlimmer Zeit.
-Wer konnte wissen, zu welch entwürdigender Arbeit die
-emsigen Hände von fremden Einlagerern schon verurteilt
-waren.</p>
-
-<p>Johanna atmete schwer und rührte sich nicht.</p>
-
-<p>So vermochte sie nicht wahrzunehmen, wie Fürst Dimitri,
-nachdem er eine geraume Weile die Unbewegliche unter
-dem grünen Buchenmantel in künstlerischem Genießen gemustert,
-verstohlen sein Skizzenbuch hervorzog und mit
-fliegenden Strichen das strenge Bild festzuhalten strebte.
-Erst eine rasche Bewegung verriet ihn. Sofort trat das
-Mädchen zurück, jedoch nur, um sich auf einen abgehauenen
-Baumstumpf niederzulassen, wo sie den Blicken des Beobachters
-nicht mehr ausgesetzt war. Doch mit keinem
-Wort tadelte sie die Freiheit, die sich ihr Gefährte genommen.
-Dazu wurde sie zu sehr, &ndash; trotz eigener Entfernung
-von der Kunst, &ndash; durch die Ehrfurcht vor allem
-Können beherrscht.</p>
-
-<p>»Schade,« bedauerte Dimitri Sergewitsch leise.</p>
-
-<p>Allein auch er kam durch keine Andeutung auf seinen
-vereitelten Wunsch zurück.</p>
-
-<p>Mit ein paar respektvollen Worten bat er, sich auf einer
-Mooserhöhung lagern zu dürfen, und als ihm dies freundlich
-gewährt war, da ließ sich der Oberst auf dem Erdbuckel
-nieder, ohne sich jedoch auszustrecken oder irgendwie eine
-<a class="pagenum" id="page_319" title="319"> </a>
-lässige Haltung anzunehmen. Die Vornehmheit seiner Gewohnheiten
-oder Erziehung äußerte sich eben ganz ungezwungen
-in jeder Lage. Und doch &ndash; trotz dieser Rücksicht
-&ndash; empfand es Johanna schmerzlich, als sich die
-fremde Uniform mitten zwischen den Farrenkräutern und
-Gräsern abzeichnete. Die umfriedete Ruhe des deutschen
-Waldes schien ihr dadurch gestört. Und ihr Blick heftete
-sich gezwungen auf ein kleines blaues Ordenskreuz, das
-der Offizier dicht unter dem Halskragen befestigt trug.</p>
-
-<p>»Das ist wohl eine hohe Auszeichnung?« fragte sie
-endlich trotz inneren Zögerns.</p>
-
-<p>Der Fürst nahm seine Mütze von den braunen Locken,
-zuckte die Achseln, und seine Hand begann mit der blauen
-Dekoration ohne große Wertschätzung zu spielen.</p>
-
-<p>»Ich empfing das Ding,« äußerte er, »zum Fest der
-heiligen Wasserweihe. Irgendein Verdienst wurde meines
-Wissens damit nicht belohnt.« Und wieder ließ er das
-blaue Kreuz durch seine Finger schnellen.</p>
-
-<p>Heilige Wasserweihe?! Wie unbegreiflich fern und einem
-anderen Volke angehörig doch die Bezeichnung jenes Festes
-hier unter den grünen Buchen klang. Und dadurch hervorgerufen
-stieg dem blonden Mädchen die Erinnerung auf,
-wie ihr Gefährte ja seinem Glauben nach einem bunten
-geheimnisvollen Ritus huldige, der seine Bekenner durch
-düsteren Pomp viel mehr an Orient und Osten knüpfte,
-als an das wunderlose, begriffsscharfe Europäertum. Ein
-zu seltsamer Gedanke, wenn man sich den distinguierten
-Mann betrachtete, der sich in nichts anderem von den ihr
-bekannten Herren unterschied, als durch die edle Regelmäßigkeit
-seiner Gesichtszüge und die schwermütige Schönheit,
-die über ihnen ausgebreitet lag.</p>
-
-<p>Merkwürdig, auch der Fürst schien sich ähnlichen Vorstellungen
-über das, was Völker trennen und verbinden
-<a class="pagenum" id="page_320" title="320"> </a>
-konnte, hinzugeben. Er hielt das schmale Haupt erhoben
-und verfolgte die Sprünge eines schwarzbraunen Eichkätzchens,
-das ohne einen Begriff von der Heiligkeit der
-Stätte in den oberen Ästen der Sankt-Annen-Buche herumturnte.
-Manchmal auch setzte es sich, so daß die Ruthe feinfaserig
-herabhing, um nach den beiden Menschen zu äugen,
-die in dieser grauen Ruhe der Baumriesen zu atmen und zu
-sprechen wagten.</p>
-
-<p>»Welch unbegreifliche Grenzscheiden die Menschen sich
-doch errichten,« begann der russische Offizier endlich seinen
-Gedanken Ausdruck zu verleihen. »Das Trennende liegt
-mehr in unserem Gehirn und richtet dort Unheil an. Sehen
-Sie, verehrtes Fräulein, auf meinen Gütern, die gar nicht
-weit von Petersburg liegen, da gibt es Wälder von ganz
-gleicher Stille und Unberührtheit wie dieser hier. Ich bin
-Tage und Nächte lang durch sie hindurch geritten, und
-manchmal nach einer töricht durchschwärmten Zeit konnte
-ich jubeln gleich unseren kleinen uniformierten Ferienschülern,
-denn mich empfing in den stillen Gründen stets
-das Gefühl, als ob ich in die reinigenden Arme einer
-Mutter zurückkehrte. Und hier&nbsp;&ndash;?« Er schüttelte das
-Haupt und sah sich mit einem langen verwunderten
-Blick um.</p>
-
-<p>»Nun, und hier?« fragte Johanna von ihrem Baumstumpf
-aus beklommen.</p>
-
-<p>Er zuckte die Achseln und riß ein paar Halme von seinem
-Lager aus.</p>
-
-<p>»Hier ist die Fremde. Ich weiß nicht, wie es kommt &ndash;
-obwohl ich, wie Sie vielleicht schon bemerkten, gar keinen
-so recht innerlichen Anteil nehme an dieser Völkerabrechnung,
-weil ich zu jenen gehaßten Kosmopoliten gehöre, wurzellosen
-Weltbürgern, von denen die Oberschicht Rußlands
-voll ist &ndash; es verschlägt alles nichts, in dem Gehirn sitzt
-<a class="pagenum" id="page_321" title="321"> </a>
-einmal der harte Begriff: hier ist die Fremde, hier wohnt
-der Feind, die erklärungslose Antipathie.«</p>
-
-<p>Er wartete einen Augenblick, und da Johanna nichts
-erwiderte, fuhr er ruhig fort:</p>
-
-<p>»Ich könnte mir ganz gut vorstellen, daß alle diese
-bewegungslosen Stämme um uns herum Ihre Gestalt angenommen
-hätten, mein Fräulein, und daß sie einen Arm
-starr nach mir ausstreckten, um mir zuzurufen: ›Du gehörst
-nicht hierher. Wir sind deutsche Bäume und wollen einen
-Slawen lieber unter uns begraben sehen, als ihm Schatten
-und Erquickung spenden‹. Habe ich das Gefühl Ihres
-Waldes richtig getroffen?«</p>
-
-<p>Ein Schrecken durchrann Johannas Glieder, als ihr
-Gefährte so sicher ihre heimlichsten Wünsche zerfaserte.</p>
-
-<p>»Ich dachte nicht immer so,« sagte sie an sich haltend,
-während ihre blauen Augen den Hingestreckten mit ihrem
-glasklaren und doch nicht warmen Leuchten umspannten.</p>
-
-<p>Jetzt lächelte der Fürst. Es war ein feines, verständnisvolles
-Lächeln, das den Welt- und Menschenkenner verriet.</p>
-
-<p>»Selbstverständlich,« entgegnete er, »ich zweifle nicht
-im geringsten daran, daß Ihre Abneigung gegen uns
-erst entstand, nachdem Sie die dunkelsten Seiten unseres
-Volkstums gegen sich selbst gerichtet spürten. Unser plumpes
-Kraftbewußtsein, eine täppische, kindliche Zerstörungswut
-und die finstere Nacht unserer erschreckenden Unbildung.
-Ich weiß, Germanien betrachtet sich uns gegenüber häufig
-als eine Herrin und das umliegende slawische Land als
-ihren Knecht. Auch Sie sind solch eine Herrin,« setzte
-er bedeutungsvoll hinzu.</p>
-
-<p>Johanna starrte ihn an. Sie begriff durchaus nicht die
-Gelassenheit, mit der der fremde Aristokrat mitten in dem
-großen Streit von seinem eigenen Volke sprach. War das
-Falschheit? Oder wollte er ihr einen Fallstrick legen, weil
-<a class="pagenum" id="page_322" title="322"> </a>
-er ihre leidenschaftliche Hingabe an ein furchtloses Bekennertum
-kannte? Wie war solch gleichgültige Kritik überhaupt
-möglich? Es klang, wie wenn ein gänzlich Unbeteiligter
-über einen Tausende von Meilen entfernten Stamm zu urteilen
-hätte. Immer unbegreiflicher wurde ihr der fremde
-Mann, und sie glaubte, daß jetzt die letzten von den Banden
-rissen, die zwei Angehörige derselben Artung sonst verknüpfen.</p>
-
-<p>»Fremd &ndash; fremd,« mahnte es in ihr.</p>
-
-<p>Und dann &ndash; wie furchterregend! Der Fürst schien schon
-wieder den versteckten Spuren ihrer Überlegungsreihen gefolgt
-zu sein. Ohne Zorn, nur mit einer Bewegung des
-Besserunterrichteten, erteilte er ihr auf ihre stillen Einwände
-die Antwort:</p>
-
-<p>»Ich merke, Sie finden es verächtlich, mein gnädiges
-Fräulein, weil ich Ihnen so schonungslos über meine
-Volksgenossen berichte. Aber glauben Sie mir, darin liegt
-gerade die tiefe Tragik unseres Riesenreiches. Nirgends in der
-Welt leben der wirkliche Adel und die Oberschicht derartig
-von der dunklen Masse getrennt, ja durch unüberbrückbare
-Ströme geschieden, wie bei uns. Wir, die wir das Volk
-leiten und befehligen, sind im Grunde wurzellose Menschen;
-ich möchte beinahe sagen ohne festen Wohnsitz. Unsere
-Kleidung ist die englische, unsere Sprache die französische,
-und unser Bildungsdrang, wenigstens bei den Besten von
-uns, geht nach dem Deutschen. Wir wohnen gewissermaßen
-nur auf Besuch unter den Unsrigen, denn unsere
-größte Anregung und die tiefste Befriedigung unserer Nerven
-finden wir in den großen Städten des Westens. Wenn
-Sie vielleicht einwenden, daß gerade wir es sind, die eine
-allumfassende nationale Strömung erweckten, so muß ich
-Ihnen hier unter uns und einigermaßen beschämt bekennen,
-daß dies im Grunde nur eines der geistigen Mittel
-<a class="pagenum" id="page_323" title="323"> </a>
-ist, durch die wir die unruhige, an religiösen Qualen leidende
-Menge am Zügel halten. Uns selbst aber wäre ein
-weiteres Überwiegen slawischen Einflusses direkt unbequem.
-Denn es würde uns allmählich an dem Auskosten aller
-feineren Genüsse hindern. Sie sehen also, mein Fräulein,«
-schloß der Fürst immer mit derselben schonungslosen
-Offenheit, »von welchem Zwiespalt die leitenden Männer
-bei uns ergriffen sind und zu welchen peinigenden Lügen
-sie ihre Zuflucht nehmen müssen, wenn sie nach außen hin
-das Gegenteil verkünden. Glauben Sie mir, mit diesen
-widersprechenden Gefühlen sind wir auch in den Krieg
-gezogen, für den uns das große Schlagwort, die berauschende
-Phrase absolut mangelt. Ganz abgesehen davon,
-daß wir uns aus einer Reihe unvermischter, meistens
-unterworfener Stämme zusammensetzen, deren Wünsche
-und Ziele weit auseinander streben. Und doch lieben wir
-diese unglückselige Heimat und beweinen sie.«</p>
-
-<p>Johanna schlug das Herz. Ihr war es, als hätte hier
-ein sehr Unglücklicher gesprochen. Ein Mensch, der sich im
-heftigsten Streit von einer armen, ungebildeten Familie
-gelöst und der doch die Zusammengehörigkeit, unter der
-er litt, nicht vergessen konnte. Und als ihr norddeutsch
-kühles Auge jetzt auffing, wie gelassen ihr Gefährte auf
-seinem Mooshügel saß, mit der schmalen Hand spielerisch
-über die Gräser streichend, als wenn er eben das Allergewöhnlichste
-und Selbstverständlichste offenbart, da ergriff
-sie plötzlich eine stechende Sorge um den schlanken Mann,
-mütterlich fast, wie sie immer gewohnt war, sich mitzuteilen.
-Daneben aber rang in ihr die Angst, ob es ihrer
-auch würdig sei, dem Gegner, der doch bedenkenlos das
-Schwert geschwungen, ein Zeichen des Trostes zu gönnen.</p>
-
-<p>»Gottlob,« sagte sie endlich, »wir können uns in eine
-solche Zerrissenheit gar nicht hineindenken.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_324" title="324"> </a>
-Es sollte eine Teilnahme bedeuten, und sie ahnte nicht,
-wie preußisch kühl und überhebungsvoll ihre Rede ausgelegt
-werden konnte. Über die Lippen des Russen wehte
-auch sofort ein leicht mokanter Zug, um jedoch bald einem
-trüberen Ausdruck zu weichen. Und jetzt &ndash; das Mädchen
-griff fest nach dem Baumstumpf, auf dem es saß &ndash; jetzt
-schimmerte in den Augen des Mannes wieder jene
-Schwermut, die Johanna so oft an dem Bilde in ihrer
-Schlafkammer beobachtet. Wenn sie sich an diese Ähnlichkeit
-erinnerte, dann schwand jedesmal alle Beherrschung
-von ihr, und fröstelnd empfand sie, daß etwas Altes, längst
-Bekanntes zwischen ihnen beiden walte. Sie wollte sich dagegen
-wehren, aber der bindende Zauber spann ungehindert
-herüber und hinüber. Dazu strich ein Rauschen durch die
-Wipfel der Buchen, rötliche Blätter wirbelten durch die
-graue Dämmerung, und ganz hinten in dem jungen Gehölz
-neigten sich die dünnen, armstarken Stämme kosend
-gegeneinander.</p>
-
-<p>»Wie scharf Sie beobachten können,« kehrte Dimitri
-fast gewaltsam zu dem verlassenen Gespräch zurück, und
-dabei bettete er sich den von der Schulter herabhängenden
-Säbel quer über die Knie, »Sie gebrauchen gerade das
-richtige Wort, liebes Fräulein: Zerrissenheit. Sie ist unser
-schlimmster Feind. Ich meine nicht die politische, sondern
-die innere, die leider ein durchgehender Zug unseres Charakters
-ist und durch Bildung oder Gelehrsamkeit nur noch
-verstärkt wird. Ich fürchte fast, daß ich Ihnen selbst die
-Grundlage für Ihre Behauptung lieferte.«</p>
-
-<p>Da erblaßte Johanna.</p>
-
-<p>»Durchlaucht,« sträubte sie sich, »Sie scherzen wohl nur.
-Wie hätte ich mich mit irgend etwas, was Ihre Lebensgewohnheiten
-oder Ihren Charakter betrifft, beschäftigen
-können?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_325" title="325"> </a>
-Der Russe ließ die goldene Troddel seines Wehrgehenkes
-achtlos durch seine Finger gleiten.</p>
-
-<p>»Ach ja, gewiß. Verzeihen Sie, wenn ich mich einer
-Täuschung hingab. Wir betrügen uns alle gern. Aber Sie
-hätten vollkommen recht. Der innere Widerspruch verzehrt
-uns. Und ein Grauen überfällt die meisten, die ihn zu sehen
-vermögen. Nehmen Sie an, ich spräche von guten Freunden
-von mir. Es sind Leute, die sich beharrlich weigern,
-auf der Jagd ein Reh oder einen Hasen zu töten, weil sie
-in dem Pulsschlag des Wildes den ihrigen zu vernehmen
-glauben. Mitleidende in der großen Trauer des Lebens.
-Und dieselben Leute fühlen rieselnde Schauer der Wollust,
-jetzt, da der Krieg sie zwingt, ihre Säbel durch weiche
-Gehirne sausen zu lassen.«</p>
-
-<p>»Nicht doch,« stammelte Johanna, vor deren Augen
-es dunkelte, und griff nach dem Stamm der Buche.</p>
-
-<p>»Doch, doch,« hörte sie ihren Gefährten durch den grauen
-Dämmer hindurch beharren. »Es sind dieselben Leute, die
-sich am Morgen, von einer jagenden Angst getrieben, in
-die Untiefen der Religion stürzen. Mittags hängen sie mit
-geschlossenen Augen am Seil einer philosophischen Morallehre,
-damit sie die unter ihnen schäumenden Wogen des
-Lebens nicht zu sehen brauchen, und abends werden jene
-Menschen von irren Krämpfen nach Sinnenlust und Ausschweifungen
-geschüttelt! Können Sie diesen echt russischen
-Gegensatz auch nur fassen, mein Fräulein?«</p>
-
-<p>Der Sprechende stieß die Säbelscheide in den Waldboden,
-warf kleine Moosbrocken in die Höhe und wandte sich ab,
-um die Rufe des Kuckucks zu zählen. Alles Gebärden eines
-Menschen, der nichts getan, als daß er über einen bekannten
-und keineswegs beunruhigenden Gegenstand geplaudert.
-Seine Zuhörerin jedoch wurde von einer auffallenden Blässe
-bedeckt. Mehrfach setzte sie an, um sich von ihrem Platze
-<a class="pagenum" id="page_326" title="326"> </a>
-zu entfernen. Unerträgliche Dinge hatte sie unter dem heiligen
-Baum gehört, verworfene Bekenntnisse, die den Redner
-gewiß näher angingen, als er zugeben wollte. Der Fürst
-aber &ndash; als wenn er es geahnt hätte &ndash; riß die Überlegende
-sofort wieder in seinen Wirbel zurück.</p>
-
-<p>»Machen wir es kurz,« meinte er in seinem anmutigen
-Akzent: »die Intelligenz Rußlands ist ein ungeheurer
-Kessel. Schwarz und weiß, Heiligkeit und Verbrechen,
-Schlaffheit und Wut, Güte und Bestientum, Keuschheit
-und Raserei, alles kocht in ihm durcheinander. Und eines
-Tages werden die zischenden Blasen überbrodeln, und der
-Kessel wird voll Blut sein. Im ganzen ein widerliches
-Gericht. Widerlich,« wiederholte er und machte eine Bewegung
-mit der Hand, als wenn er von seinem Waffenrock
-eine häßliche Spinne abschleudern müßte; »grauenhaft,
-wenn man ernstlich daran denkt. Denn es gibt dafür
-keine Erlösung. <i>Mon dieu</i>,« lachte er plötzlich und breitete
-beide Arme aus, »bestes Fräulein, können Sie vergeben,
-daß ich Sie mit diesen urslawischen Tollheiten so sehr
-langweilte?«</p>
-
-<p>Leichtfüßig schritt er auf sie zu, kreuzte die Arme auf
-den Rücken und lehnte sich dann dicht bei ihr an den
-Stamm der heiligen Buche. Seine Mütze hatte er auf
-dem Mooshügel liegen lassen, und so fielen ihm die braunen
-Locken wellig über die Stirn. Mit offenem Wohlgefallen
-glitten seine Blicke an der kräftigen Gestalt des Mädchens
-herab.</p>
-
-<p>»Es ist sonderbar,« sagte er endlich mehr zu sich selbst,
-»ein so starkes, unbeirrtes Weib in seiner Nähe zu wissen.
-Man glaubt förmlich die Gesetzmäßigkeit eines solchen
-Lebens zu hören.«</p>
-
-<p>Er tat noch einen weiteren Schritt gegen sie. Zögernd
-streckte er die Hand nach dem Mädchen aus, als ob er
-<a class="pagenum" id="page_327" title="327"> </a>
-bittend ihre Rechte berühren wollte. Johanna aber, obwohl
-sie flammend rot wurde, regte sich nicht. Da ließ der
-fremde Offizier seinen Arm sinken.</p>
-
-<p>»Würden Sie mir nicht entdecken,« fuhr er ermunternd
-fort, ohne die Abweisung weiter zu berücksichtigen, »wie
-Sie zu dieser Festigkeit gelangten? Ihre innere Ruhe
-wirkt unbeschreiblich wohltuend. Sie sind jung &ndash; ich
-will Ihnen weiter keine Komplimente machen &ndash; aber wie
-konnten Sie so viel drückende Pflichten auf sich nehmen?
-Die Bewirtschaftung Ihres Gutes, den Schutz für Ihre
-Schwestern und jetzt sogar den Widerstand gegen uns?
-Soviel Sammlung bei einer Frau ist wohl auch in Ihrer
-Heimat selten. Ich wäre außerordentlich dankbar, wenn
-Sie mir einen Einblick gestatteten.«</p>
-
-<p>Aber Johanna verzog die Stirn.</p>
-
-<p>»Empfinden Sie wirklich ein Interesse für meine Familiengeschichte?«
-wies sie ihn ab. »Man wird eben das,
-wozu die Verhältnisse uns stempeln.« Und etwas freundlicher
-setzte sie hinzu: »Ich glaube, Sie haben dies auch
-an sich selbst erfahren.«</p>
-
-<p>Jetzt verschränkte der Fürst die Hände über der Brust
-und nickte leicht.</p>
-
-<p>»Ja,« gab er nachdenklich zurück, »mein Schicksal war
-Reichtum, Verwöhnung und Nichtstun.«</p>
-
-<p>»Und meines,« erwiderte das Mädchen herb, »Not,
-Widerspruch und Arbeit &ndash; viel Arbeit.«</p>
-
-<p>»Leben Ihre Eltern noch?« fragte der Russe nach einer
-langen Pause.</p>
-
-<p>»Unsere Mutter ist tot. Sie liegt hier auf dem Friedhof,
-auf dem neulich Ihre Pferde angebunden standen.«</p>
-
-<p>»Hm, ich ersehe daraus wenigstens zu meiner Freude,
-daß Ihr Herr Vater&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_328" title="328"> </a>
-Johanna ballte die Faust. Wieder riß sie etwas von
-dannen. Sie war empört, weil der Fremde keine Ruhe gab.</p>
-
-<p>»Es ist kein Anlaß zur Freude,« stieß sie im Zorn hervor,
-»mein Vater verbringt seine Tage in der Landes-Irrenanstalt,
-nachdem er vorher entmündigt wurde.«</p>
-
-<p>»Ah, <i>mille pardons</i>,« versetzte der Russe betreten.</p>
-
-<p>Mit vorgestreckter Hand zog er sich mehrere Schritte
-zurück, denn ihn leitete der Instinkt, er hätte sich schon zu
-nahe an den Kreis ihrer Erinnerungen herangedrängt. Geräuschlos
-raffte er seine Mütze auf, und als er sich umwandte,
-hatte sich auch die Blonde erhoben. Ihre Blicke
-ruhten noch grübelnd auf dem Moos und den Farrenkräutern
-des Waldbodens, als könnte sie sich von dem
-zuletzt Heraufbeschworenen nicht trennen.</p>
-
-<p>»Jetzt können Sie sich zusammenreimen, wie alles gekommen
-ist,« sagte sie bitter, und dabei schüttelte sie sich
-unwillig, wie jemand, der nur gezwungen zu einem Geständnis
-hingerissen wurde. »Kommen Sie, ich will nach
-Hause.«</p>
-
-<p>Langsam, nebeneinander, verließen sie den grünen Hain.</p>
-
-<p>Aber es war nicht mehr dieselbe Gegend, die sie vor
-Stunden, aufatmend vor der lastenden Hitze, betreten. Und
-jetzt erkannten sie auch den Unterschied. Das heitere, tanzende
-Licht war von ihren Pfaden gewichen. Ganz allmählich,
-unmerklich für die noch von Flimmer und Bläue
-erfüllten Augen war zuerst ein dunstiger Rauch über den
-Horizont geflogen. Tiefer und tiefer hatten sich die
-grauen Gespinste gesenkt, bis die Häupter der Bäume in
-ihre Maschen eingetaucht waren. Die letzten spielenden
-Strahlen hafteten nur noch als schwefelgelbe Flecke an
-den schweigenden, schwermütigen Stämmen. Allein bald
-erloschen auch diese grellen Feuer, und nun lag der Wald
-in unheimlicher Stille. Reglos starrten die Blätter einander
-<a class="pagenum" id="page_329" title="329"> </a>
-&ndash; wie verzaubert &ndash; an. Schwarze Streifen von
-Ameisenzügen strebten in betäubendem Gewimmel ihren
-Haufen zu. In scharfem Flug strichen unerkennbare Vögel
-durch die grauen Schatten, und der ganze Wald hauchte
-plötzlich nichts als Leere und Verlassenheit.</p>
-
-<p>Die beiden Wanderer aber hielten inne und blickten einander
-an. Schwer atmend fühlten sie, wie eine bängliche
-Beklommenheit ihre Stirnen einpreßte. Zeit und Pulse
-schienen hier still zu stehen, und nur das wiegende Summen
-der Fliegen und Bienen reizte ihre gespannten Nerven.</p>
-
-<p>Plötzlich bogen sich in der Ferne die jungen Stämme
-gegeneinander, schnellten wieder empor, und durch das
-verdunkelte Gehölz zischte ein Windstoß. Ein langes
-dumpfes Poltern rollte hoch oben über die starren Baumwipfel
-dahin. Aber dort!? &ndash; Über der winzigen Waldwiese
-zuckte es. Eine feurige Zickzacklinie züngelte durch die dunklen
-Stämme, hastig brachen und raschelten einige Äste, und
-ganz von fern erhoben sich ein paar dünne, ängstliche Vogelstimmen.
-Krachend schmetterte der erste Schlag. Und ohne
-jeden Übergang prasselten, von einer wütenden Windsbraut
-getragen, Regen und Hagelschauer schräg gegen die
-beiden Wanderer.</p>
-
-<p>»Treten Sie unter den Baum zurück,« rief der Fürst, auf
-dessen Mütze und Schultern die weißen Körner tanzten,
-und dabei griff er ohne Besinnen nach dem Arm seiner
-Begleiterin.</p>
-
-<p>Jedoch Johanna riß sich los und lief, so schnell sie vermochte,
-am Waldesrand entlang.</p>
-
-<p>»Es ist nicht gut hier unter den Bäumen,« widersprach
-sie, »schnell, wir müssen die Lichtungen benutzen.«</p>
-
-<p>In hastigen Sprüngen setzte das Mädchen vor dem
-Manne dahin. Graue Regenströme hüllten sie in einen
-rauschenden Mantel, rote Wolken welker Blätter stäubten
-<a class="pagenum" id="page_330" title="330"> </a>
-ihr entgegen; sie ließ sich nicht aufhalten, sondern stürmte
-mit vorgeneigtem Leib gegen sie an. Manchmal kam es
-dem Nachfolgenden sogar vor, als finge er ein mutiges
-Lachen auf. Und trotz seiner halb geblendeten Augen stutzte
-der Russe. Die germanischen Sagen fielen ihm ein. Von
-den Schlachtenmädchen und den Eisriesen. Und im Moment
-fand er dieses befremdliche Lachen ganz natürlich.</p>
-
-<p>Weiter ging es. Besinnungslos rannten sie dahin, nur
-auf Sekunden in den Wald lauschend, so oft das Knattern
-und Knallen sich unmittelbar über ihren Häuptern entlud.
-Ein bleierner Rauch begann aus den Büschen zu
-quellen. Es war, als ob auch der feste Boden zu brennen
-und zu fiebern anfinge. Die Kleider klebten ihnen an den
-Gliedern. Längst war das Rascheln von Johannas dünnen
-Gewändern erstorben, und immer vernehmlicher klang das
-kurze Keuchen und Röcheln der Fliehenden.</p>
-
-<p>Da plötzlich &ndash; Dimitri griff sich an die Stirn, schwankte
-und umklammerte einen Ast, an dem er gerade vorüberjagte.
-Der ganze Wald tanzte und sprang empor. Ein
-Zischen, ein bläuliches Schwefeln war um ihn, daß er bis
-in die Zunge hinein ein stechendes Rieseln spürte. Dazu
-flimmerte und glitzerte es vor seinen Augen, und doch vermochte
-er nichts zu sehen, nur Schwärze, blaue Finsternis
-schwang gestaltlos vor ihm. Schmerzlich stöhnte er und
-griff mit den Händen in die Luft, wo er seine Begleiterin
-vermutete. Nachempfindend hörte er von neuem den Regen
-auf ihre Glieder plätschern und vernahm in seiner Vorstellung
-das klatschende Geräusch ihrer nassen Kleider.</p>
-
-<p>»Fräulein Grothe,« fuhr es ungelenk aus ihm heraus,
-da er jeden Laut erst einzeln und neu zu finden suchte,
-»Fräulein Grothe!«</p>
-
-<p>Dicht vor ihm, mitten auf dem überschwemmten Moos,
-lag das Weib, nach dem er eben gerufen, bewegungslos und
-<a class="pagenum" id="page_331" title="331"> </a>
-starr, und in ihr emporgewandtes Antlitz stäubten die
-feuchten Güsse. Keine Wunde verunzierte ihre Haut, und
-doch war die ganze Gestalt umfangen von Todesruhe.</p>
-
-<p>Ein schneidender Schrecken packte den Herabstarrenden.
-Zaghaft warf er sich in die Nässe nieder und rüttelte an
-dem hingestreckten Körper. Allein die gespannte Brust regte
-sich nicht, und so angestrengt er lauschte, durch die leicht geöffneten
-Lippen wollte sich kein Hauch drängen. Dazu
-ächzte das Mark der Bäume, und ganz dicht über den
-triefenden Boden schoß es dahin wie der Abglanz einer
-feurigen Schlange. Da konnte der allen äußeren Eindrücken
-nachgebende Nervenmensch nicht länger dem in ihm wühlenden
-Grauen widerstehen. Ohne recht zu wissen, was er tat,
-umschlang er die Liegende, raffte sie empor und schritt wankend
-mit ihr durch das tobende Unwetter. Seine Arme
-zitterten unter der ungeahnten Last. Schon manches Mädchen
-hatte er getragen, aber diese hier schien nicht geschaffen
-zu frohem und lockendem Spiel. Nein, starr und wuchtig
-hingen die schweren Glieder herab und suchten ihn zu
-Boden zu drücken. Seine Brust keuchte, vor den Augen begann
-es ihm wieder zu blitzen, und immer fester mußte
-er das Weib an sich pressen, wenn er nicht einer vollkommenen
-Erschöpfung erliegen wollte. In halbem Traum
-taumelte er dahin. Aber gottlob, jetzt lichtete sich der Wald.
-Schon ging es durch den Haselnußgang, auf dessen Dach
-es trommelte und rauschte, an der verlassenen Bank vorbei,
-und jetzt hatte er den Hof erreicht. Menschenleer lag
-er unter dem durchweichenden Regen. Kein Auge erspähte
-ihn, als er durch die offene Tür hindurch die schmale
-Treppe erreichte. Noch ein letztes Zusammenraffen &ndash; und
-siehe da, wie zum Lohn regte es sich in seinen Armen.
-Eine Hand hob sich und klammerte sich an die Schulter des
-Heraufsteigenden. Oh, er kannte ihr Schlafgemach. Oft
-<a class="pagenum" id="page_332" title="332"> </a>
-hatte er im Vorübergehen heimlich über die Armut des
-Raumes gespöttelt und die Schmucklosigkeit des Kämmerchens
-mit dem herrischen, abweisenden Charakter der Besitzerin
-in Verbindung gebracht. Jetzt stieß sein Fuß die
-halb angelehnte Tür auf, und gleich darauf ließ der Fürst
-seine Bürde tiefatmend auf das eingedeckte Bett gleiten.
-Dann griff er sich erleichtert an den Hals und unwillkürlich
-mußte er seine Umgebung prüfen. Eintönig und fahl
-wirkte der karge Hausrat, namentlich jetzt, wo gegen die
-Fensterscheiben der Regen einschlug. Einzig das Bild da
-oben an der Wand lohnte sich der Betrachtung! In der
-blaugetünchten Stube war es zu dunkel, um die Unterschrift
-zu lesen. Aber diesen Kopf mußte er schon oft gesehen
-haben. Sehr oft, ein merkwürdig bekanntes Gesicht,
-irgend jemandem schreckhaft ähnlich. Doch weshalb in
-aller Welt das plötzliche Begegnen dem Beschauer eine so
-ungeahnte Verwirrung einflößte? Oder war es nur die
-Erschöpfung, die sich jetzt äußerte? Daher kam es wohl
-auch, daß man sich nicht gegen das Lager umzukehren
-wagte, auf dem die Hausherrin in ihren straffen durchnäßten
-Kleidern lag! Freilich, man befand sich allein
-hier und hatte es nur der Betäubung der Deutschen zu
-danken, daß man überhaupt in ihrer Gegenwart einen
-Blick in diese lächerliche Kammer werfen durfte, die so
-gar nicht für die Ruhestätte einer wirklichen Dame paßte.
-Zum Henker, sie war doch geradezu unbegreiflich, diese
-Scheu vor einer Willenlosen, aller Kraft Beraubten, die
-noch immer mit geschlossenen Augen lag!</p>
-
-<p>Mit einem sprunghaften, schmerzlichen Entschluß wandte
-sich der Fürst und trat an die Bettstelle. Ja, da war er
-hingestreckt, der marmorne Körper, den der Unbefugte,
-der Eindringling jetzt erblickte, mit Augen, wie nur der
-Künstler die Verkörperung eines Traumes in sich eintrinkt.
-<a class="pagenum" id="page_333" title="333"> </a>
-Groß und majestätisch wölbten sich die Glieder, die sich
-gewiß zum erstenmal einem Manne in verdeckten Umrissen
-verkündeten. Und in welch edler Meißelung die Brust
-unter dem nassen Leinen schlief.</p>
-
-<p>Bei Gott, das alles wirkte rein und erhaben!</p>
-
-<p>In Dimitris Seele flogen die Lanzen hin und her, wie
-von brennenden Fäusten wurde er angetrieben und wieder
-zurückgestoßen, alles Gute und Schlichte, das ihm das
-schutzlose Mädchen eingeflößt, widersetzte sich gegen die Zerstörungswut,
-die sein Blut vergiftete, und zwischen Zwang
-und Raserei schloß er die Augen und strich schützend und
-liebkosend zugleich an den vollen leblosen Armen der ihm
-Preisgegebenen hinab.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Frühzeitig brach die Dämmerung herein, trübes, dunstiges
-Dunkeln ging in raschem Umschlag in einen naßkalten
-Abend über. Nur einzelne Tropfen schlugen noch
-auf das Land, und der Wind zerrte heftig in den Bäumen.</p>
-
-<p>Herbstnacht!</p>
-
-<p>Längst hatte sich Johanna umgekleidet, aber sie mußte
-wohl zu lange in ihren durchnäßten Gewändern verbracht
-haben, denn, wenn sie auch am Fenster ihres Schlafzimmers
-lehnte, um müde in das Unerkennbare hinauszustarren,
-durch ihre Glieder schnitt ein Frösteln, immer
-von neuem stürzten ihre schleppenden Gedanken wie irgend
-etwas Tönernes zusammen, und eine Weile mußte sie sich
-dann durchs Leere tasten.</p>
-
-<p>Dazu diese wühlenden, brennenden Kopfschmerzen! Nein,
-sie war noch nie krank gewesen und wollte auch diesmal
-nicht nachgeben. Aber der irre Drang, der sie umtanzte,
-der sich aufrichtete und sich an sie hing, er zog ihr den
-Boden unter den Füßen fort und ließ ihre Knie zittern.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_334" title="334"> </a>
-Trotzig, mit hocherhobenen Armen, warf sich das Weib,
-das nicht unterliegen wollte, auf sein Lager zurück und
-wühlte die Stirn in die kühlen Kissen ein.</p>
-
-<p>Ruhig, ruhig, endlich mußte sich doch das zerstückte
-Bewußtsein zurückfinden, man mußte nur den Willen zu
-Hilfe rufen, den eisernen Willen, der bis dahin Maritzken
-jedes Gesetz gegeben, und dann, &ndash; ja ganz sicher &ndash; dann
-würden sich all die flatternden Fetzen zu einem sichtbaren
-Gewebe verknüpfen; man würde es durch die Hände laufen
-lassen, man würde es prüfen, und dann, dann würden
-Angst und Bedrückung und Verworrenheit weichen. Alles,
-was jetzt schemenhaft, als wahnsinnige Traumgestalten
-durch ihr Hirn gaukelte, das lebte ja nicht, das hatte sein
-flammendes Dasein aus den Feuern des Blitzstrahls gesogen,
-und mußte verrauchen und zu Asche sinken, sobald kühle
-Vernunft dem Spuk in die funkelnden Augen sah!</p>
-
-<p>Stöhnend mußte die vor Scham Fiebernde sich eingestehen,
-daß alle ihre Gedanken, ihr ganzes Vorstellungsvermögen
-wie in einer engen, brennenden Grube eingefangen
-waren, aus der es für sie keine Möglichkeit gab, zu
-entrinnen. Und auch der Umstand, daß der erste müde Blick
-in die Umwelt ihr eine fremde Uniform gezeigt hatte, die
-schattenhaft durch die Tür entschwand, was bewies er
-schließlich anderes, als daß ihre Phantasie bei dem Menschen
-stehen geblieben war, mit dem sie sich zuletzt bei vollem
-Bewußtsein beschäftigt?</p>
-
-<p>Mit einer wegwerfenden Gebärde erhob sie sich und siehe
-da, sie stand fest auf ihren Füßen. Das erste, was sich
-in ihr regte, war die Absicht, irgendwo ihre Arbeit wieder
-aufzunehmen. Ein rascher Blick auf die Uhr an ihrem
-Handgelenk belehrte sie darüber, daß die Abendstunde angebrochen
-sei, in der sie sich nach dem Befinden und den
-Wünschen Sassins zu erkundigen pflegte. Ruhig strich sich
-<a class="pagenum" id="page_335" title="335"> </a>
-Johanna das Haar aus der Stirn, ordnete ihre Kleider und
-entzündete ein Licht, um sich durch den schmalen Gang
-voranzuleuchten. Als sie nach kurzem Klopfen bei dem
-Rittmeister eintrat, saß der Kranke auf dem einfachen
-braunen Ripssofa, hielt die Arme auf den Tisch gestützt,
-und sein plumpes Gesicht starrte schwermütig auf die weiße
-Glocke der vor ihm brennenden Lampe. Kaum erkannte Leo
-Konstantinowitsch die Hausherrin, so machte er einen Versuch,
-sich zu verneigen, woran er jedoch von der Nähertretenden
-gehindert wurde. Aufrecht wie immer blieb das
-Gutsfräulein an dem Tisch stehen, ohne der Einladung des
-Russen, Platz zu nehmen, irgendeine Beachtung zu schenken.
-Bald waren die üblichen Fragen erledigt, und nachdem
-Johanna noch einen prüfenden Blick in die Runde geschickt,
-gedachte sie sich eben wieder zurückzuziehen, da wurde sie
-durch einen Ausruf des Kranken an ihrer Absicht gehindert.</p>
-
-<p>»Bleiben, verehrtes Fräulein, bitte, bitte, bleiben,«
-rief der Russe so dringend hinter ihr her, daß sich
-die Enteilende seinem Verlangen nicht entziehen mochte.
-Dazu hüstelte Leo Konstantinowitsch wieder so mitleiderregend
-und preßte sich beide Fäuste mit aller Gewalt
-gegen die Brust. Er schien seine Schmerzen auf diese
-Weise dämpfen zu wollen.</p>
-
-<p>»Ist hier noch etwas versäumt?« erkundigte sich das
-Mädchen, an den Tisch zurückkehrend.</p>
-
-<p>»Nichts versäumt,« bemühte sich der Rittmeister in
-seiner gewohnten lebhaften Art hervorzusprudeln, »nicht
-das Allergeringste.« Und dabei riß er die Augen auf, um
-den Grad seiner Bewunderung anzuzeigen. »<i>Vous tenez
-bon ordre</i>, es geht alles &ndash; wie sage ich: nach dem <i>règlement</i>.
-Das ist es gerade, Madame, ich wollte Ihnen schon
-längst für vorzügliche Behandlung danken, die gar nicht
-verdiene.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_336" title="336"> </a>
-»Oh, lassen Sie das,« entgegnete Johanna von einem
-flüchtigen Mitleiden ergriffen.</p>
-
-<p>Der Russe stützte wieder den blonden Kopf in die Hand
-und streichelte grübelnd über die weiße Lampenglocke. Durch
-seine abgezehrten Finger sah man das Blut schimmern.</p>
-
-<p>»Oh doch,« sprach er in sich gekehrt weiter, »manche
-von uns verdienen Rücksicht nicht. Es ließe sich viel darüber
-sagen, sehr viel.«</p>
-
-<p>Während der letzten Worte glitt der unruhige Blick des
-Kranken nach der gegenüberliegenden Wand, und es schien,
-als wenn er zu etwas ganz Besonderem auszuholen beabsichtige.
-Indessen auch seine Entschlußkraft mußte wohl
-durch seine Leiden gebrochen sein, denn er sank unverrichteter
-Sache wieder zusammen und murmelte etwas zur
-Entschuldigung. Und dennoch hatte die Andeutung in seiner
-Hörerin das Gefühl erweckt, als ob sich seine versteckte
-Warnung auf den Fürsten Fergussow beziehe.</p>
-
-<p>Eine Weile blieb es still zwischen den beiden, die sich
-scheuten, einander weitere Eröffnungen zu machen. Dann
-wünschte Johanna dem Rittmeister eine gute Nacht. Sassin
-jedoch, als ob er fürchte, jetzt schon allein gelassen zu
-werden, streckte die Hand gegen sie aus und klammerte sich
-an ihr letztes Wort.</p>
-
-<p>»<i>Bonne nuit</i>,« nickte er schwermütig. »Ja, habe hier
-gut geschlafen. Das Bett weiß, das Haus ruhig. Wer
-kann wissen, wie später einmal finden werde?«</p>
-
-<p>»Werden Sie denn von hier fortgehen?« fragte Johanna
-gepackt.</p>
-
-<p>Der Russe kratzte wieder an der Glocke herum. Nur
-schwer rang er sich das Folgende von der Seele:</p>
-
-<p>»Im Krieg kommt so etwas schnell,« versetzte er. »Man
-erzählt sich jetzt hier allerlei. Und dicker Doktor hinterbrachte
-mir heute, daß wieder vorwärts geht.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_337" title="337"> </a>
-»Dann werden Sie vielleicht alle bald Ihr Quartier
-verlassen müssen?« atmete Johanna hörbar.</p>
-
-<p>Der Russe stöhnte. »Ich nicht &ndash; andere &ndash; ich nicht.«</p>
-
-<p>»Weiß der Fürst schon von dieser Möglichkeit?«</p>
-
-<p>Es mußte etwas im Klang ihrer Stimme liegen, was
-Leo Konstantinowitsch veranlaßte, inne zu halten. Lauernd
-schob er seinen Kopf hinter der Lampenglocke hervor, und
-seine blauen Knabenaugen flackerten unruhig über die hohe
-Gestalt hinweg.</p>
-
-<p>»Was weiß ich von den <i>ordres</i>, die Fürst empfängt?«
-knurrte er übel gelaunt. »Hat nicht die Gnade,
-sie mir mitzuteilen. Zufällig wurde mir nur durch unseren
-Wachtmeister bekannt, daß er im Moment bei den anderen
-Kameraden in Schenke sitzt. Eine große Herablassung,
-zu der sich Seine Durchlaucht sonst nicht hergibt. Muß
-etwas ganz Besonderes in Luft liegen.«</p>
-
-<p>»Das ist nicht meine Sache,« schloß die Hausherrin
-gleichgültig. »Wohl zu ruhen.«</p>
-
-<p>Und sie ging mit einem kurzen Neigen heraus.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Je weiter die Nacht vorrückte, desto öfter fand sich Johanna
-in ihrem unruhigen Schlummer gestört. Bald rasselte
-es über die Landstraße, als ob schwere eisenklirrende
-Gespanne unter Flüchen vorwärts getrieben würden, bald
-drang das eigentümliche Knirschen zu ihr herauf, das entsteht,
-wenn unzählige nägelbeschlagene Stiefel die Chaussee
-treten. Gleich darauf versank wieder alles in Stille, bis
-das Fauchen von Automobilen und das Getrappel größerer
-Reiterscharen sie von neuem aus den Gründen der Vergessenheit
-aufjagten. Die Einsame schlug die Augen auf
-und lauschte. In dem kleinen niedrigen Zimmer hing noch
-tiefe Finsternis, und gerade jetzt, wo die Hausherrin das
-<a class="pagenum" id="page_338" title="338"> </a>
-wilde Getriebe dort unten deutlicher zu unterscheiden suchte,
-da war alles wieder in seine frühere Lautlosigkeit zurückgesunken.
-Nichts verkündete sich der Liegenden, als das
-hohle Aufspritzen einzelner Tropfen, die mit der Regelmäßigkeit
-des Pendelschlags aus der Dachrinne herunterrollten.</p>
-
-<p>Aber nein &ndash; auf dem schmalen Gang des Stockwerks
-bewegte sich ein Türklopfer.</p>
-
-<p>Johanna wußte nicht, von welcher Gewalt sie emporgerissen
-wurde. Furcht, scheue Ahnung eines überwältigenden
-Unheils und das Nachwirken all der kranken Grübeleien,
-die seit ihrem Zusammenbruch ihr nüchternes Urteil
-zerrüttet hatten, dieses seltsame Gemisch erhielt eine nicht
-mehr zu bannende Gewalt über sie.</p>
-
-<p>Ein Sprung &ndash; und sie hatte lautlos ihre Tür um
-eine Linie geöffnet.</p>
-
-<p>Sie hatte geöffnet und sah draußen in dem ungewissen
-Dämmer, der durch das kaum fußhohe Fensterchen am
-Ende des Ganges fiel, &ndash; sie sah, zusammengeduckt und
-atemlos, wie das Bild dort oben an ihrer Wand das
-Gemach ihrer Schwester Marianne verließ. Es schlich an
-ihr vorüber, die Treppe knarrte, und dann tickte wieder der
-Pendelschlag aus der Dachrinne.</p>
-
-<p>Eins &ndash; zwei &ndash; drei.</p>
-
-<p>Die große Blonde aber, die gewalttätige Walküre, sie
-stand in ihrem weißen Hemd und regte sich nicht. Weder
-schrie sie auf, noch führte sie mit der geballten Faust
-einen Schlag gegen den Kupferstich, so daß das deckende
-Glas in tausend Scherben zersprang. Langsam, zitternd
-vielmehr, führte sie die Finger an den Mund und tat dasjenige,
-was sie ihr ganzes Leben hindurch aus dem Zwang
-der Verhältnisse heraus geübt hatte &ndash; sie rechnete. Das
-Exempel war wieder an seinem Ende angelangt. Zuerst den
-<a class="pagenum" id="page_339" title="339"> </a>
-Leichtsinn des Vaters gebüßt durch ungezählte Jahre, jetzt,
-nachdem das Haus mühsam aufgebaut war, da brach die
-Welt zusammen, und die Schande kroch heimlich in ihre
-Nähe.</p>
-
-<p>Was nun? Mußte jetzt wieder ein unerbittlicher Strich
-gezogen werden? Wie fing man das nur an, wenn man
-so allein war?</p>
-
-<p>Über ihrem Haupte rollten die Tropfen, und der Pendelschlag
-tickte weiter.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Am nächsten Morgen hatte Fürst Fergussow das Haus
-ohne Abschied verlassen. Man brachte Johanna ein Schreiben
-von ihm. In dem Kuvert lag ein Schutzbrief des Obersten
-sowie ein paar Tausendrubelnoten zum Ausgleich des der
-Gutsbesitzerin erwachsenen Schadens. Johanna nahm
-beides, ihre Brust schien einen Moment still zu stehen,
-dann senkte sie das Haupt, strich sich die Haare aus der
-Stirn und schloß die Sendung umsichtig in ihre Kommode.</p>
-
-
-
-
-<h3>IV.</h3>
-
-
-<p>Tiefe Finsternis ruhte über der weiten, russischen Erde,
-als der Leiterwagen mit den deutschen Geiseln in der Gouvernementsstadt
-anlangte. Ein heftiger Wind sauste über
-den zahnlückigen Marktplatz und flackerte ängstlich um die
-Flammen der wenigen Gaslaternen, die sich aus dem vermorschten
-Holzbelag der Bürgersteige erhoben. Und doch
-schlief die dunkle Stadt nicht, nein, im Gegensatz zu dem
-preußischen Gemeinwesen, das sie vor kurzem verlassen,
-merkten die Fortgeschleppten voller Befremden, wie hier die
-Nacht widerhallte von verstecktem Leben, von Daseinsfreude
-und Genuß, als ob diese Regierungsstätte des Zaren sich
-<a class="pagenum" id="page_340" title="340"> </a>
-schon nicht mehr um den nahen Völkerstreit zu kümmern
-hätte. Durch die erleuchteten Fensterscheiben der elenden
-kleinen Gasthäuser und Kaffees sahen die Vorüberfahrenden,
-wie sich an jenen Orten zweifelhafter Geselligkeit eine
-dichte Menge drängte. Zahlreiche Offiziere aller Waffengattungen
-zechten hier, die Mützen schief auf den Köpfen,
-neben eleganten Frauen, man hörte Wiener Walzer aufklingen
-und dazwischen das Tremolieren vortragender
-Chantantkünstlerinnen. Gelächter und Bravorufe belohnten
-die Darbietungen der kurzgeschürzten Damen.</p>
-
-<p>Gefesselt hüllte sich Isa fester in ihren grauen Regenmantel,
-und sie versuchte in dem flüchtigen Lichtschimmer,
-der ab und zu über die Straße huschte, in den Zügen des
-neben ihr sitzenden, gänzlich in sich versunkenen Konsuls
-Bark zu lesen, welchen Eindruck das unerwartete Treiben
-auf ihren Gefährten hervorbrächte. Als sich jedoch, soviel
-sie erkennen konnte, der Ausdruck verbissener Entschlossenheit
-auf dem Antlitz des Kaufmannes nicht veränderte, da
-spähte sie wieder neugierig umher, denn in ihrem jungen,
-unerfahrenen Gemüt überwog bei jener traurigen Fahrt
-noch das Interesse an dem Ungewohnten und Abenteuerlichen.
-Und der Konsul ließ sie gewähren, denn er ahnte,
-wie bald sie den grimmigen Ernst ihrer Lage begreifen
-würde.</p>
-
-<p>Jetzt verlangsamte sich der Trab der Pferde. Sie fuhren
-an den dunklen Massen der russischen Militärkirche vorbei,
-und in dem trüben Flackern von ein paar Gaslichtern
-sahen die Deutschen, wie der Metallüberzug der byzantinischen
-Kuppeln einen glitzernden Widerschein warf.</p>
-
-<p>»Man halte,« rief der baltische Unterleutnant, der das
-Kommando über die Begleitmannschaft führte, und erhob
-sich.</p>
-
-<p>Ganz dicht aus einer der Seitenstraßen vernahm man
-<a class="pagenum" id="page_341" title="341"> </a>
-das Geräusch einer sich nahenden Volksmenge. Feierlich,
-dumpf, inbrünstig und wehklagend erschallte nach dem
-Takt der Schritte vielhundertstimmiger Gesang, auch die
-Soldaten des Transportes entblößten demütig ihre Häupter,
-und ehe Geiseln und Gefangene noch recht die Erklärung
-ihres jungen Adligen begriffen hatten, daß jenes packende
-geheimnisvolle Lied die russische Nationalhymne wäre, da
-schwenkte der Zug schon auf den Kirchplatz ein. Voran ein
-Fackelträger, dicht hinter ihm, zwischen zwei bekränzten
-Stangen hängend und unheimlich von der rauchenden
-Flamme überflutet, das Bild des gekrönten Zaren, und in
-seiner Gefolgschaft die unübersehbare, singende Menge.
-Fabrikarbeiter, alle Häupter entblößt, alle Hände gefaltet,
-und alle, alle von dem einen starren Gedanken beseelt,
-Sieg, Sieg für die russischen Waffen zu erflehen.</p>
-
-<p>So zogen sie dahin, dumpf, taktmäßig, eine inbrünstige
-Beterschar, und ihr Weg führte sie an den erleuchteten
-Fenstern vorüber, hinter denen die Champagnerkelche klirrten
-und das Gekreisch der sich wiegenden Soubretten das
-Locken der Geigen überschrillte.</p>
-
-<p>Mitleidig schlug die Nacht ihren Mantel um den grauenhaften
-Widerstreit, in dem die russische Seele sich selbst anfiel
-und zerfleischte.</p>
-
-<p>Auch Unterleutnant Karström hatte die Mütze vom Haupt
-gezogen, jetzt schickte er noch einen trüben Blick hinter
-dem entschwindenden Fackellicht her, um dann erwachend
-seinem Kutscher den Befehl zu erteilen, auf die entgegengesetzte
-Seite des Platzes hinüberzulenken.</p>
-
-<p>Aus der Dunkelheit tauchten die Umrisse eines stattlicheren
-Gebäudes auf. Es war das <i>Hôtel de Moscou</i>,
-der vornehmste Gasthof der Stadt.</p>
-
-<p>»Für die Herren Senatoren ist hier bereits Quartier
-bestellt,« erklärte der junge Offizier, als erster von dem
-<a class="pagenum" id="page_342" title="342"> </a>
-Leiterwagen herunterspringend. »Es steht den Herren selbstverständlich
-frei, hier zu soupieren. Allerdings muß ich
-verlangen, daß keiner der Herrschaften ohne Aufsicht das
-Hotel verläßt. Und Sie?« setzte der uniformierte Knabe
-zögernd hinzu, als nun in der dunklen Schar der Magistratsmitglieder
-Konsul Bark sowie das schlanke Mädchen
-vor ihm standen, und es war, als ob er sich der ungewissen
-Frage ihrer Augen nicht gewachsen fühlte, »Sie? Um
-offen zu sein,« flüsterte er beiseite, »ich empfing den Auftrag,
-Sie beide heute noch der Polizeimeisterei einzuliefern.«</p>
-
-<p>»Der Polizeimeisterei?« wiederholte Rudolf Bark finster,
-und Isa erschrak, weil der Großkaufmann sich die Lippe
-nagte, wie wenn er sich kein weiteres Wort entschlüpfen
-lassen wollte.</p>
-
-<p>»Ist denn die Polizeimeisterei ein solch schlimmer Ort?«
-forschte sie erblassend.</p>
-
-<p>Die beiden Männer warfen sich einen bedeutsamen Blick
-zu, dann aber schüttelte sich der schmächtige Offizier, und
-während er die deutschen Bürger, die sich schon unter dem
-Hauseingang drängten, durch eine Handbewegung zum
-Warten aufforderte, da schien der vornehme junge Mensch
-seinen Entschluß gefaßt zu haben:</p>
-
-<p>»Ich glaube es verantworten zu können,« rang es sich
-willenskräftig von seinen zuckenden Lippen, »wenn Sie
-und die Dame« &ndash; hier verbeugte er sich leicht &ndash; »die
-heutige Nacht gleichfalls im Hotel Moscau verbringen.
-Ich hoffe, Sie werden mir Ihre Bewachung weder schwer
-machen,« lächelte er, »noch verübeln! Morgen freilich&nbsp;&ndash;«
-er zuckte die Achseln&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Oh, ich verstehe,« rief Konsul Bark, ganz glücklich,
-wenigstens noch für ein paar Stunden der drohenden Einkerkerung
-entgangen zu sein, von deren Schrecken er sowohl
-<a class="pagenum" id="page_343" title="343"> </a>
-durch Lektüre, als durch allerlei mündliche Schilderungen
-genügend unterrichtet war. Und schon, während er mit den
-anderen das kleine Vestibül betrat, da wälzte sein lebhafter
-und unternehmender Geist bereits allerlei Pläne, wie er
-sich und das hübsche, ahnungslose Mädel allen weiteren
-Anfechtungen durch ein unbeobachtetes Entweichen entziehen
-könnte. Denn eine Flucht mußte er bewerkstelligen, ganz
-gleich, ob er dem jungen Balten für die bewiesene Rücksicht
-verpflichtet war oder nicht; diesen Versuch schuldete
-er nicht nur der eigenen Freude am Dasein, sondern auch
-hundertfach seiner lieben, frischen Begleiterin, deren unaufdringliche
-Heiterkeit ihm zu einem gar nicht mehr entbehrlichen
-Trost geworden. Einen bewundernden Blick warf
-er auf den Rotkopf, der sich hier in dem unordentlichen
-Vorraum und umgeben von den sorgenbeschwerten älteren
-Herren doppelt anziehend unter seinem anspruchslosen Lackhut
-und in seiner schlanken Gertenhaftigkeit ausnahm.</p>
-
-<p>Dann griff der Kaufmann instinktiv an seine Brust.
-Gottlob, die Brieftasche mit ihren knisternden Geldscheinen
-befand sich noch am rechten Ort. Und Rudolf Bark wußte,
-welch ein mächtiger Verbündeter diese bunten Blätter im
-Reiche des weißen Zaren zu sein pflegten.</p>
-
-<p>Sie traten in die Gaststube.</p>
-
-<p>In dem mit Stuck und Portieren überladenen Raum
-befanden sich ein paar lange, weißgedeckte Tafeln, und an
-ihnen hatten sich eine Anzahl höherer Offiziere, sowie die
-Spitzen der Behörden mit ihren Damen gelagert. Eine Reihe
-von Zeitungen wanderten von Hand zu Hand, man las sich
-einzelne besonders wichtige Nachrichten vor, man stieß auf
-die Gesundheit des Großfürsten an, man lachte und strahlte,
-denn aus all jenen Neuigkeiten verkündete sich immer
-wieder die eine felsenfeste Gewißheit &ndash; die Feinde Mütterchen
-Rußlands und seiner Verbündeten, sie lagen am
-<a class="pagenum" id="page_344" title="344"> </a>
-Boden, sie zappelten und verröchelten unter dem Schwert
-ihrer Bedränger, man schlug sie einfach »mit Mützen tot«.
-Dieses Scherzwort hatte besonders ein untersetzter, stiernackiger
-Generalleutnant geprägt, der am Kopfende der
-größten Tafel präsidierte und dessen von vielen Ringen geschmückte,
-fleischige Rechte unaufhörlich verschiedenartig
-gefärbte Liköre zu dem von Hitzblattern entstellten Antlitz
-hob. Seine verkniffenen Augen schwammen förmlich in
-Gutmütigkeit und Wohlbehagen, als er die Reihe der ihn
-feiernden Damen musternd, in prasselndem Kehlbratenton
-herunterrief:</p>
-
-<p>»Sie können es mir glauben, meine Damen, mit den
-Mützen. Beachten Sie bitte den tieferen Sinn in diesem
-Wort. Ich bin stolz darauf, in einem Rapport an Se.&nbsp;Kaiserliche
-Hoheit, den Großfürsten, es zuerst angewendet zu
-haben.«</p>
-
-<p>Als der Name des kaiserlichen Verwandten fiel, trat
-eine feierliche Pause ein. Die Offiziere streckten ihre Gläser
-starr vor sich hin, und die Damen warfen Kußhände. Geschmeichelt
-verneigte sich die dicke Exzellenz nach allen Seiten.
-Dann beugte er seinen kahlen Schädel, auf dem sich der
-Glanz der elektrischen Lichter widerspiegelte, tief zu seiner
-besonders eleganten Nachbarin hinüber, und seine verkniffenen
-Augen wiesen deutlich auf die eintretende Schar
-der Geiseln, die sich wortlos und gedrückt an einem kleinen
-runden Tisch unter der Fensternische niederließ.</p>
-
-<p>»Ah, Sie, Herr Unterleutnant,« winkte der Fette den
-jungen Balten darauf gnädig zu sich heran, nachdem seine
-unförmliche Rechte nachlässig für den strammen Gruß des
-Untergebenen gedankt hatte. Und in einem Rest von Rücksicht
-und Lebensart dämpfte die Exzellenz ihre knirschende
-Bratenstimme zu einem merkwürdigen Gezische, als
-<a class="pagenum" id="page_345" title="345"> </a>
-sie sich jetzt, für alle vernehmbar, nach dem Transport
-des Offiziers erkundigte.</p>
-
-<p>»Ah so &ndash; Geiseln!? Bürgermeister und Magistratspersonen?
-Hm, unbedeutende Physiognomien. Nicht wahr?
-Finden Sie nicht gleichfalls, Gnädige? Die Deutschen sind
-sämtlich Maschinen. Keine Individualitäten. Wir dagegen
-sind Künstler, eigenwillige Künstler.« Und die zwinkernden
-Äuglein auf Isas anmutige Erscheinung richtend,
-schien die Exzellenz nunmehr Bericht über die auffallende
-Anwesenheit der jungen Nemza einzufordern.</p>
-
-<p>Neugierig steckte die ganze Tischgesellschaft die Köpfe
-zusammen, Ausrufe des Erstaunens, aber auch des Mißvergnügens,
-ja der Drohung flogen hin und her, als der
-Kreis der Tafelnden den näheren Zusammenhang erfuhr.</p>
-
-<p>»Wie? Ist es möglich? &ndash; Sassin? &ndash; Ein Attentat
-auf Leo Konstantinowitsch? &ndash; Gibt es noch ein gutmütigeres
-Kind auf der Erde? &ndash; Ein Mensch, der keiner
-Fliege etwas zuleide tun konnte? Hat er nicht sein Geld
-in Scheffeln zum Fenster hinausgeworfen? &ndash; Hier wird
-man hoffentlich die ganze Strenge walten lassen!«</p>
-
-<p>»Es ist bedauerlich,« schnaufte der General und wischte
-sich die wulstigen Lippen, »daß das nächste Kriegsgericht
-erst in Mariampol tagt. Nicht wahr, meine Herren, in
-Mariampol? Wir haben es seiner großen Überlastung
-wegen und &ndash; ganz gewiß &ndash; auch, um seine Unparteilichkeit
-sicher zu stellen, zurückverlegen müssen. Aber,« fügte
-er pompös hinzu und lehnte sich hintenüber, »vielleicht
-kann hier auch ein kürzerer Modus Platz greifen.«</p>
-
-<p>»Habt Ihr es gehört? Dies ist eine vortreffliche Ansicht,«
-raunte es bei den Offizieren, aber es trat sofort eine
-aufmerksame Stille ein, als sich jetzt eine frische, besonders
-wohllautende Frauenstimme ganz dicht neben dem General
-<a class="pagenum" id="page_346" title="346"> </a>
-in die Unterhaltung mischte: »Wollen Sie uns Ihre Idee
-nicht erläutern, Exzellenz?«</p>
-
-<p>»Erläutern? Warum, meine Teuerste?« sträubte sich der
-Dicke und bekam einen noch röteren Kopf. Jedoch nachdem
-er mit seiner fleischigen Hand ein Paar Zahnstocher geknickt
-hatte, rückte er ganz nahe an seine blühende Nachbarin heran,
-um ihr salbungsvoll und verliebt ins Ohr zu flüstern: »Wer
-kann solchen Taubenaugen widerstehen? Aber meine Meinung
-ist, wir haben Krieg, meine Liebste, Krieg, verstehen
-Sie? Da läßt sich ein solches Verfahren auch sehr vereinfachen.
-&ndash; Aber nun lassen wir uns von etwas Hübscherem
-sprechen! Sie fühlen sich gewiß vereinsamt, Maria
-Geschowa? Ist es so?«</p>
-
-<p>Maria Geschowa?</p>
-
-<p>Noch ehe der Name der Tatarin gefallen war, ja, im
-gleichen Moment, da der Konsul den warmen sinnlichen
-Klang der wohllautenden Stimme aus dem Gewirr der
-anderen sich ablösen hörte, da hatte der Herr des »Goldenen
-Becher« seinen Stuhl ein wenig beiseite geschoben, um zu
-versuchen, ob er die Aufmerksamkeit der jungen Frau auf
-sich zu lenken vermöchte, die auch heute wieder so fremd
-und vorteilhaft von den übrigen Provinzdamen abstach.
-Flüsterte ihm doch eine innere Stimme zu, dieses dunkle,
-samtwangige Weib, das sich schon einmal so viel Mühe
-gegeben hatte, ihm zu gefallen, es sei das einzige Wesen
-in der fremden Stadt, das weder Vergnügen noch Genugtuung
-bei seinem Untergang empfinden könnte.</p>
-
-<p>Und bei Gott, sie sah ihm jetzt gerade ins Gesicht! Aber
-welche Enttäuschung! Maria Geschowa verzog keine Miene,
-fremd und leer betrachtete sie ihn, wie ein Ausstellungsobjekt,
-wie einen Verbrecher, bei dem man unter Schauder
-und Nervenkitzel berechnet, welche Striemen der Strick um
-seinen Hals hinterlassen würde, und jetzt hob die schmale
-<a class="pagenum" id="page_347" title="347"> </a>
-Hand sogar eine Lorgnette vor die Augen, um sie gleich
-darauf wieder gleichgültig zusammenzufalten.</p>
-
-<p>Damit schien ihr Interesse völlig erloschen zu sein, sie
-streifte noch einmal abschätzend das rote Geflimmer um
-Isas Haupt und wandte sich dann mit ihren schwellenden
-Bewegungen zu dem alten General zurück, der sich soeben
-ein ganz besonderes Glanzstück seiner Rednergabe leistete.
-Die Rechte flach von sich gestreckt, so daß er das Funkeln
-der vielen Ringe bewundernd einsaugen konnte, ließ er
-seine fette Stimme braten und prasseln, als ob hier irgendwo
-eine Pfanne ans Feuer gerückt wäre.</p>
-
-<p>»Herr Unterleutnant &ndash; wie war der Name? &ndash;
-Karström, oh, ich weiß recht gut &ndash; Sie sind noch ein
-junger Mann, aber ich billige Ihr Verhalten. Im Ernst,
-ich schätze Ihre Noblesse. Ihre Rücksicht gegen die beiden
-&ndash; hm, gegen die beiden &ndash; Verdächtigen kann mich nur
-befriedigen. Sie ist echt russisch. Warum sollen wir nicht
-immer und immer wieder ein Beispiel geben von dem
-edlen Herzen, das in unserem riesigen Körper schlägt? Ich
-bin zufrieden mit Ihnen. Sie sind ein hoffnungsvoller
-Offizier. Setzen Sie sich, Karström, und beaufsichtigen Sie
-die Nemzows.«</p>
-
-<p>Mehr hörte der Konsul nicht. Er saß neben Isa, hatte
-den Kopf in die Hand gestützt und &ndash; schämte sich. Und
-während seine Nachbarin den inzwischen aufgetragenen
-Speisen mit dem ganzen Appetit der Jugend zusprach,
-während sie ihm wider alles Herkommen hausmütterlich
-den Wein einschenkte, während sie ihre hellen Augen spähend
-herumschweifen ließ, ob sie für ihren Freund nicht etwas
-recht Schmackhaftes erobern könnte, da zehrte Rudolf Bark
-an der Demütigung, die ihm eben zuteil geworden, und
-schalt sich selbst einen Phantasten, weil er von einem gefallsüchtigen,
-herzlosen Weibe Förderung und Hilfe erwartet
-<a class="pagenum" id="page_348" title="348"> </a>
-hatte. Wie tief mußte sich bereits der Völkerhaß in
-die verborgenste Wurzel der Nationen herabgefressen haben,
-wenn sogar schon die Frauen des Nachbarreiches von der
-blinden Wut, von heimlicher Schadenfreude an fremden
-Schmerzen ergriffen waren. Und diese Maria Geschowa,
-diese Weltdame, diese Meisterin der Unterhaltungskunst,
-hatte sie nicht noch vor kurzem mit ihrem Verständnis
-für deutsche Kunst und westliche Art geprahlt? Der Konsul
-verzog ein wenig geringschätzig den Mund, und das, was
-er soeben über die Treue und Redlichkeit slawischer Frauen
-dachte, das klang nicht gerade in einen Lobgesang aus.
-Dabei wurden seine Augen wieder hart und berechnend.
-Nun gut, die Frau des Obersten Geschow war ausgeschaltet,
-aber wen, wen konnte er an ihrer Statt für sich und seine
-Pläne gewinnen? Denn das stand fest, nur die heutige
-Nacht, so lange er noch in dem Hotel weilte, durfte zu
-dem so ängstlich überdachten Entweichen benutzt werden.
-Sobald er erst der russischen Beamtenschaft verfallen war,
-dann umwanden ihn tausend Fesseln, sichtbare und unsichtbare,
-die Gefängnisse des Landes öffneten sich nicht
-wieder. Er griff nach seiner Brusttasche. Ob er mit dem
-Wirt des Hotels beim Schlafengehen eine vorsichtige Unterhaltung
-begann? Oder mit dem Portier des Hauses? Freilich,
-diese Dworniks waren sämtlich bezahlte Späher der
-Polizeimeisterei. Und doch &ndash; der höher Bietende behielt
-hier häufig recht. Wofür sich also entscheiden? Denn die
-Zeit drängte, der Zeiger der breiten Standuhr in der Ecke
-stand hart vor der elften Stunde der Nacht.</p>
-
-<p>Rudolf Bark versank niemals so völlig in Gedanken und
-Überlegung, daß seine Augen von seiner Umgebung abgelenkt
-werden konnten. So hielt er auch jetzt plötzlich
-inne, und eine geheime Unruhe veranlaßte ihn, seine ganze
-Aufmerksamkeit auf eine Erscheinung zu richten, die soeben
-<a class="pagenum" id="page_349" title="349"> </a>
-unter die Portiere des Eingangs trat. Fast im Fluge
-bemerkte der Konsul, wie der späte Gast noch unter den
-Falten des Vorhangs mit dem betreßten Portier ein paar
-rasche Worte wechselte, um sich sodann nach Art eines
-Platzsuchenden umzuschauen. Es war ein ganz unauffälliger
-Herr, sehr schlank, sehr glattgescheitelt, in einem
-grauen Jakettanzug, in dessen Seitentaschen ein Paar
-braune Glacélederhände Eingang suchten, und das schmale
-pockennarbige Gesicht würde keinen anderen Grund zum
-Mißtrauen geboten haben, wenn der glattrasierte Mund
-nicht so höflich-verlegen gelächelt und wenn in den verdeckten
-Augen nicht im Gegensatz hierzu eine solche Gewohnheit
-des Zählens und Feststellens gelauert hätte.</p>
-
-<p>Sollte das vielleicht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;? Der Konsul ließ das
-Messer sinken und verfolgte den Fremden Schritt für
-Schritt. Aalglatt, unhörbar wand sich der schmale Herr
-mit den braunen Handschuhen weiter in den Saal hinein.
-Seine Aufmerksamkeit schien einzig den noch leergebliebenen
-Stühlen an den anderen Tischen zu gelten, bis er
-plötzlich mit einer überraschenden Wendung vor der Tafel
-der Deutschen haltmachte, der er bis jetzt nicht die geringste
-Beachtung geschenkt.</p>
-
-<p>Hier verbeugte er sich übermäßig tief und hauchte in
-einem Flüsterton, der sich kaum über einen Meter weit
-Gehör verschaffen konnte, jedoch voller Rücksicht und Ergebenheit:</p>
-
-<p>»Ich habe die Ehre, Herrn Konsul Bark zu sehen?«</p>
-
-<p>»Allerdings,« erwiderte der Kaufmann erblassend.</p>
-
-<p>»Und dies ist, wie ich vermute, die Dame Ihrer Begleitung?«</p>
-
-<p>»Ja,« stotterte Isa, die entsetzt auf das pockennarbige
-Antlitz starrte.</p>
-
-<p>»Die Herrschaften brauchen sich durchaus nicht zu beunruhigen,«
-<a class="pagenum" id="page_350" title="350"> </a>
-fuhr der verlegene Herr fort und winkte beschwichtigend
-mit der braunen Lederhand, als müßte er
-von vornherein die Bedeutungslosigkeit seiner Person sowie
-seines Auftrags in das gehörige Licht setzen. »Es liegt
-wahrhaftig nicht der mindeste Grund zu einer Befürchtung
-vor. Ich versichere es bei meiner Ehre. Es handelt sich
-lediglich um eine reine Formsache.«</p>
-
-<p>Jetzt erstarb an dem Tische der Verschleppten auch das
-leiseste Geräusch, all diese deutschen Männer vergaßen
-im Moment ihr eigenes Mißgeschick, und ein heißes
-Mitgefühl wallte jedem auf, da sie ahnten, wie bald eine
-Lücke in ihren kleinen Kreis gerissen sein würde. Nur der
-knabenhafte Offizier verlor nicht eine Sekunde sein inneres
-Gleichgewicht. Unwillig verzog er die Stirn, und auf den
-abgezehrten Wangen glühten zwei helle Punkte auf.</p>
-
-<p>»Was haben Sie mit den Herrschaften zu schaffen?«
-fragte er streng. »Sie sehen ja, daß sie sich unter militärischer
-Aufsicht befinden. Wer sind Sie überhaupt?«</p>
-
-<p>Der Herr im grauen Jackett verbeugte sich wieder. Sei
-es nun, daß die drohende Sprache des jungen Balten so
-stark auf ihn wirkte, oder ob ihn wirklich die Erkenntnis
-von der Mißachtung niederschlug, die allgemein seinem
-Stande entgegengebracht wurde, jedenfalls klappte er zusammen,
-bis die grauen Arme steif herabhingen und den
-Deutschen für einen Augenblick nur sein schnurgerader Scheitel
-sichtbar blieb.</p>
-
-<p>»Herr Unterleutnant,« hauchte er tonlos, »mein Name
-ist zu unwichtig und unbedeutend, als daß ich es wagen
-dürfte, Ihr Gedächtnis damit zu beschweren. Und was
-meine Stellung betrifft,« &ndash; er tauchte vorsichtig in die
-Höhe und zuckte schmerzlich mit den Mundwinkeln, &ndash;
-»ich hatte auch einmal meine Studienzeit, aber jetzt bin
-<a class="pagenum" id="page_351" title="351"> </a>
-ich seit sechzehn Jahren der Sekretär Sr.&nbsp;Hochgeboren des
-Herrn Polizeimeister-Stellvertreters Tolmin.«</p>
-
-<p>In dem ganzen Saal war es totenstill geworden. An
-der Tafel der Offiziere hatten sich alle Häupter der Gruppe
-der Fremden zugekehrt, und selbst der fette General streckte
-die Beine von sich und ließ die Unterlippe herabhängen,
-als sei die Unterhaltung dort drüben eine gut genährte
-Auster, die er auf einen Zug in sich hineinschlürfen müsse.</p>
-
-<p>»Sehen Sie, Maria Geschowa,« knasterte er behaglich,
-»zweifeln Sie noch länger an der Zuverlässigkeit unserer
-Polizei?«</p>
-
-<p>Inzwischen hatte sich auch die schlanke Jünglingsgestalt
-des Unterleutnants Karström von ihrem Sitz erhoben. Niemals
-während der ganzen Zeit hatte er so krank und hinfällig
-ausgesehen, wie jetzt, und doch klang seine Stimme
-fest und sicher, als er nun voller Verachtung hervorstieß:</p>
-
-<p>»Dann schleichen Sie gefälligst nicht wie die Katze um
-den Brei! Was haben Sie an den Konsul Bark und seine
-Begleiterin für einen Auftrag?«</p>
-
-<p>»Oh, eine Kleinigkeit,« lächelte der verlegene Herr mit
-den braunen Handschuhen und bemühte sich, durch das
-Entblößen seiner weißen Zähne alle Anwesenden von seiner
-vollkommenen Harmlosigkeit zu überzeugen. »Es ist absolut
-nichts. Der Dwornik des Hotels de Moscou erstattete
-nur seiner Pflicht gemäß Anzeige über die zuletzt eingetroffenen
-Fremden an den Pristav des hiesigen Reviers,
-Se.&nbsp;Hochwohlgeboren der Pristav telephonierte es ordnungsgemäß
-an den Herrn Polizeimeister-Stellvertreter weiter,
-und Se.&nbsp;Hochwohlgeboren wünscht nun&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Zum Teufel, was wünscht er?« schrie der Balte sich
-vergessend und stieß mit der Scheide seines Säbels ungeduldig
-auf den Estrich.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_352" title="352"> </a>
-»Er ist noch sehr jung,« begleitete der fette General
-bedenklich diesen Vorgang.</p>
-
-<p>Der graue Herr aber bebte vor dem Zornesausbruch des
-Offiziers zurück, zeigte krampfhaft seine weißen Zähne
-und streichelte mit der braunen Glacérechten unaufhörlich
-in der Luft herum, als gelte es, einen bissigen Hund zu
-besänftigen:</p>
-
-<p>»Oh, Ew.&nbsp;Hochwohlgeboren,« flötete er gleich einem erschreckten
-Vogel, »Sie verkennen meine gute Absicht, der
-Herr Polizeimeister-Stellvertreter wünscht nur die Personalien
-der Herrschaften festzustellen. In der wohlwollendsten
-Meinung natürlich. Zwar wird jedes Kind begreifen,
-daß die Herrschaften gewissermaßen das Eigentum einer
-hochmögenden Militärbehörde sind, &ndash; wer dürfte sich dagegen
-auflehnen? &ndash; aber der Herr Polizeimeister-Stellvertreter
-sind leider in der peinlichen Lage, auf eine persönliche
-Kontrolle nicht verzichten zu können.«</p>
-
-<p>Hilflos wandte sich der Unterleutnant an seine Schutzbefohlenen,
-die sich langsam und wie von einem drückenden
-Traum umfangen, erhoben hatten, dann verfing sich sein
-Auskunft heischender Blick zwischen den Hitzblattern der
-stiernackigen Exzellenz, als räume er dem Vorgesetzten
-völlig diese schwere Entscheidung ein.</p>
-
-<p>»Ja,« schmorte der Fette und scharrte mit den Stulpstiefeln,
-»Kompetenzstreitigkeiten &ndash; aber Militär und Zivil
-müssen sich gegenseitig ergänzen, wir sind alle Räder eines
-Uhrwerks, nicht wahr, teuerste Frau? Man wird sich
-später nach dem Verbleib der Herrschaften erkundigen.«</p>
-
-<p>Einige Minuten nachher bewegte sich eine kleine Schar
-über den dunklen Kirchplatz. Voran ein Gendarm der
-Geheimpolizei, dicht hinter ihm der Konsul, umschlottert
-von einem dicken braunen Flausch, den ihm beim Abschied
-einer der Senatoren fast mit Gewalt umgehängt, und zum
-<a class="pagenum" id="page_353" title="353"> </a>
-Schluß der graue Herr mit den braunen Glacéhandschuhen,
-der trotz aller Weigerungen darauf bestanden hatte, der
-jungen Dame den Arm zu reichen.</p>
-
-<p>»Euer Hochwohlgeboren,« flüsterte er Isa zu, der vor
-dem heranstreichenden kalten Wind, sowie vor innerer Unruhe
-und Angst jedes Wort hinter den zitternden Lippen
-erstarb, »ich bin sehr unglücklich darüber, weil Euer Hochwohlgeboren
-so beben &ndash; ich fühle es ganz deutlich &ndash;
-jedoch es ist völlig grundlos! Sie werden sich selbst davon
-überzeugen. Bitte um Entschuldigung, das Pflaster ist hier
-miserabel, für zarte Füße eine verwünschte Plage. Ich
-versichere Sie, im vorigen Sommer sollten hier schon Holzplatten
-gelegt werden, aber was werden Sie denken, es
-wird immer wieder verschoben. Die Geldfrage läßt sich
-nicht regeln! Und dort in der schmalen Seitengasse befindet
-sich bereits die Polizeidirektion! Wie Sie sehen, alle Fenster
-erleuchtet, wir arbeiten hier die ganze Nacht durch.«</p>
-
-<p>Vor einem zweistöckigen, grünlich angelaufenen Gebäude
-hemmte der Gendarm seine Schritte, stieg drei brüchige
-Stufen in die Höhe und riß an einem Klingelzug. Ein
-rostiges Klirren erhob sich drinnen, das scheinbar von einer
-nackten Mauer zurückgeworfen wurde. Aber sonst ereignete
-sich nichts. Auch die Tür blieb ruhig in ihren Angeln.</p>
-
-<p>»Der verwünschte Hund schläft wieder,« knurrte der
-Gendarm ingrimmig, dann schlug er mit der Faust mächtig
-gegen das Holz, bis im Innern des Gebäudes ein langgezogener
-Schnarchton abriß und ein Schlüsselbund zu
-rasseln anfing.</p>
-
-<p>»Beim Leib Christi,« schimpfte hinter dem Eingang eine
-heisere Stimme, »vierzehn Stunden Dienst und nichts zu
-essen. Man wird doch wohl den passenden Schlüssel suchen
-dürfen. Der Krebs kommt auch an sein Ziel, und Ungeduld
-gehört nicht in die Backstube.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_354" title="354"> </a>
-Bei den letzten Worten bewegte sich schwerfällig die Tür,
-und ein von einer flackernden Gasflamme erleuchteter roter
-Ziegelgang lag vor den zögernd eintretenden Deutschen.</p>
-
-<p>»Ist der Herr Polizeimeister noch im Hause?« fragte
-der Herr im grauen Rock in die Ecke hinein, denn hinter
-dem zurückgeschlagenen Torflügel war im Moment kein
-menschliches Wesen zu entdecken.</p>
-
-<p>»Er ist schlafen gegangen,« antwortete die unsichtbare
-mürrische Person.</p>
-
-<p>»Sehr schön! Und der Herr Polizeimeister-Stellvertreter?«</p>
-
-<p>»Zimmer Nr.&nbsp;2. Se.&nbsp;Hochwohlgeboren ließ sich soeben
-Essen holen. Ein Hahn mit weißer Sauce. Es dampfte
-noch. Einen Teller voll sauren Salats und eine Flasche
-roten Wein. Einen Hungrigen und einen Toten sollte man
-auch zusammen in einen Sarg legen.«</p>
-
-<p>»Es ist gut, Vater Wassili, ich danke dir,« entgegnete
-der höfliche Herr und entblößte wohlwollend seine Zähne.
-Und eine seiner aalgeschmeidigen Verbeugungen ausführend,
-wies er auf eine enge, eiserne Treppe, die sich im
-Zickzack nach oben zog: »Wollen Sie diesen Weg benutzen.
-Die Treppe gebührt unseren besseren Gästen, die anderen,
-die mit den nägelbeschlagenen Stiefeln werden über den
-Hof geführt. Und warum? Nun, nichts zerreißt, wie Sie
-wissen, die Nerven mehr, als das Kratzen des Sandes auf
-den Stufen.«</p>
-
-<p>Nach dieser ausführlichen Beschreibung der Treppe, die,
-wie der Konsul sehr wohl begriff, nur deshalb so umständlich
-gegeben wurde, um durch das bedeutungslose Geschwätz
-die Besorgnis vor dem Kommenden zu zerstreuen, wurden
-die beiden Verhafteten in den ersten Stock und in ein kahles
-Vorzimmer geleitet, wo zwei Gendarmen an einem Tisch
-saßen und die Häupter aufstützten. Hier verabschiedete
-<a class="pagenum" id="page_355" title="355"> </a>
-sich ihr bisheriger Führer von seinen Schutzbefohlenen, indem
-er so glücklich lächelte, als habe er zwei Verirrte
-endlich auf den sehnsüchtig begehrten Weg gebracht.</p>
-
-<p>»Hier sind wir,« bestätigte er aufatmend. »Sie befinden
-sich auf der Geheimpolizei, was natürlich gar nichts zu
-bedeuten hat. Der Herr Pristav, der die Messungsarbeiten
-versieht, wird Sie sogleich vernehmen.«</p>
-
-<p>»Die Messungsarbeiten?« fuhr Konsul Bark zurück,
-wie wenn sein Gehör ihm etwas Irrsinniges vorgespiegelt
-hätte, &ndash; »Sie werden doch unmöglich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« Ein verzweifelter
-Blick glitt zu seiner Gefährtin hinüber.</p>
-
-<p>»Aber ich bitte Sie,« widersprach der Herr im grauen
-Rock und streichelte in der Luft herum; »wer kann an
-solchen Kleinigkeiten Anstoß nehmen? Es ist eine eingeführte
-Sitte, tut nicht im geringsten weh und beschleunigt
-Ihre Angelegenheit ungemein. &ndash; Warten Sie, ich melde
-Sie sofort an und hole Sie gleich wieder ab.«</p>
-
-<p>Devot zusammengekrümmt klopfte er an eine niedrige
-Seitentür, steckte auf eine Sekunde den Kopf herein und
-schob nach ein Paar mit äußerster Untertänigkeit hingehauchten
-Worten die beiden Deutschen in das anstoßende
-Gemach.</p>
-
-<p>Es war ein ziemlich großes Zimmer mit einem grünen
-Teppich belegt, und ein Paar lederne Klubsessel, sowie ein
-deckenhoher Spiegel legten Zeugnis davon ab, daß der
-Pristav, der die Messungsarbeiten leitete, die Bequemlichkeiten
-des Lebens, sowie äußere Eleganz keineswegs außer
-acht lasse. Über diese Auffassung wurden die beiden sich
-stumm Verneigenden auch sofort eindringlich belehrt, als
-sich auf ihren Gruß hinter dem gelben Fichtentisch ein
-junger, schwarzhaariger Mann erhob, der ganz offenbar
-noch immer damit beschäftigt war, seine Toilette für irgendeine
-Abendgesellschaft zu vervollständigen. Unter seinem
-<a class="pagenum" id="page_356" title="356"> </a>
-sehr kurzen Smoking prangte ein blitzendes Oberhemd, ein
-überhoher Stehkragen hatte ihm bereits einen roten Rand
-unter das Kinn geschnitten, und im Augenblick putzte er
-gerade mit einem Lederinstrument auf seinen Fingernägeln
-herum, obwohl sie bereits einen wundervollen Glanz ausstrahlten.</p>
-
-<p>»Schon gut,« erwiderte der Pristav auf den Gruß der
-Eintretenden flüchtig, »Sie müssen warten. Ich werde
-alles vorbereiten lassen.«</p>
-
-<p>Wiegend schritt er an einem kleinen offenen Seitenkabinett
-vorüber, und es milderte das schreckhafte Unbehagen
-der Verschleppten durchaus nicht, als sie jetzt gleichfalls
-einen Blick in diese Kammer werfen durften. Unter
-einer Art Galgen saß dort ein hagerer Gendarm. Mit
-bösen, schielenden Augen glotzte er die Fremden an. Vor
-ihm auf einem Tisch lagen mehrere riesenhafte Messingzirkel,
-eiserne Meßgeräte, und als Hauptstück des Ganzen
-zeigte sich auf dem Estrich ein Kupferkessel voll flüssigen
-Gipses, in dessen Breimasse der Gendarm ab und zu eine
-Holzkelle kreisen ließ.</p>
-
-<p>Das waren sicherlich die nötigen Vorbereitungen für
-den Empfang der Verdächtigen, und Rudolf Bark stieg
-das Blut in den Kopf, als er sich ihre Anwendung vorstellte.
-Wie? Man ging in dem entwürdigenden Verfahren
-gegen Wehrlose so weit, sie mit ganz gemeinen Verbrechern
-auf eine Stufe zu stellen? Man würde es wagen, jene
-scheußlichen Apparate, die an die Folterinstrumente des
-Mittelalters erinnerten, auch um Isas feines Haupt zu
-legen? Ein Rauschen klang vor den Ohren des Mannes,
-ohnmächtige Wut rüttelte an ihm, er fühlte, wie er jetzt zum
-zweitenmal für dieses zerbrechliche Geschöpfchen in einen
-Akt verzweifelter Selbsthilfe verfallen würde. Unwillkürlich
-schlang er seinen Arm unter denjenigen des Mädchens,
-<a class="pagenum" id="page_357" title="357"> </a>
-und es befestigte ihn nur in seinem Entschluß, als er
-merkte, wie eng sich der Rotkopf an ihn drängte. Aber
-auch der schwarzhaarige Pristav, der von seiner Abendgesellschaft
-so ärgerlich ferngehalten wurde, hatte dieses gegenseitige
-Suchen wahrgenommen.</p>
-
-<p>Interessiert klemmte er sich ein Monokel ins Auge,
-lächelte verschmitzt zu der jungen Dame herüber, um
-gleich darauf durch ein wütendes Amtsgesicht seine Entgleisung
-zu sühnen! Es war ganz klar, daß er seinen
-Fehler durch eine besondere Kälte wieder ausgleichen mußte.
-In seinem affektierten Wiegeschritt begab er sich deshalb
-vor den Spiegel und begann umständlich an dem schwarzen
-Schnurrbärtchen zu ordnen. Dann prüfte er die Weiße
-seiner Zähne und fing schließlich, auf und ab wandernd,
-von neuem an, seine Nägel zu polieren. Alles, ohne sich
-um die Fremden im geringsten zu kümmern. Plötzlich jedoch
-riß er eine silberne Uhr an einer Talmikette aus der Tasche.</p>
-
-<p>»Der Teufel weiß, es ist ein Viertel auf elf,« stieß er
-nervös hervor. »Weshalb erscheinen Sie so spät?«</p>
-
-<p>»Diese Frage möchte ich an Sie richten,« antwortete der
-Konsul aus seiner Erstarrung erwachend.</p>
-
-<p>»Wie? &ndash; was? &ndash; Sie richten eine Frage?« Der
-Pristav unterbrach sein Poliergeschäft, warf einen verwirrten
-Blick in den Spiegel, als müsse er sich erst von
-dem Fortbestand seiner eigenen Person überzeugen, und
-trommelte dann erregt auf seinem steifen Oberhemd herum.
-Er war über die Möglichkeit, daß auch er einem Verhör
-unterworfen werden könnte, derartig außer Fassung gebracht,
-daß sich auf seinem Antlitz Freundlichkeit und Wut
-wie Sonnenschein und Regen jagten.</p>
-
-<p>»Mann,« sog er endlich einen tiefen Atemzug und warf
-sich in den Stuhl hinter dem Tisch, »ich glaube gar, Sie
-wissen nicht, wo Sie sich eigentlich befinden.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_358" title="358"> </a>
-»Oh doch, man hat es mir eben mitgeteilt, ich möchte
-jedoch erfahren, was ich hier zu suchen habe?«</p>
-
-<p>»<i>Stoy</i>« (Halt!), schrie der Russe wütend. »Geben
-Sie mir Ihre Papiere.«</p>
-
-<p>»Ich besitze keine Papiere.«</p>
-
-<p>»Keine Papiere?« erstarrte der Pristav immer mehr über
-die Seltsamkeit dieses Falles. »Wie ist das möglich? Ilija
-Petrowitsch muß irrsinnig sein, weil er einen Menschen
-ohne Papiere zu mir hereinführt. Um elf Uhr in der Nacht!«
-ereiferte er sich von neuem, während er die silberne Uhr
-abermals herauszerrte. »Was ist hier zu tun?« &ndash; Verärgert
-fegte er einige Aktenstöße auf dem Tisch beiseite, bis
-ihm ein erlösender Einfall aufzublitzen schien: »Legen Sie
-Ihre Wertsachen ab,« forderte er, sich befriedigt zurücklehnend,
-»Geld, Uhr, Kleinodien, Ringe.« Und als er gewahrte,
-wie sein Gegenüber von einem eisigen Schrecken
-angeflogen wurde, triumphierte er entzückt über den Verfall
-des großmäuligen Deutschen weiter: »Mir steht das
-Recht zu, Sie und das Mädchen sofort entkleiden zu lassen,
-also ich rate Ihnen, nichts zu verheimlichen.«</p>
-
-<p>Der Konsul griff sich an die Brust, er war unfähig, sich
-von dem einzigen Mittel, das vielleicht noch Rettung verhieß,
-zu trennen. Und der rauschende Zorn und daneben
-doch die klare Erkenntnis, wie jeder Widerstand ihre Lage
-nur verschlimmern würde, sie versetzten ihn in einen Zustand
-der Lähmung und der zähneknirschenden Entschlußlosigkeit.
-Um so unfaßbarer mutete es ihn daher an, als er seine Gefährtin
-ohne Zögern noch Bedenken an den Tisch herantreten
-sah, wo sie mit einer hastigen Bewegung nicht nur ihre
-Ringe und das Armband abstreifte, sondern auch ihr kleines
-seidengestricktes Geldbeutelchen vor den Pristav niederlegte.</p>
-
-<p>Dieser griff einen zierlichen Kettenreif heraus, versuchte,
-wie weit er sich über seinen eigenen kleinen Finger
-<a class="pagenum" id="page_359" title="359"> </a>
-ziehen ließ, und blinzelte dann in einem abermaligen Anfall
-von Vergessenheit die hübsche Nemza verschmitzt an.
-Als sich jedoch in dem blassen Jungfrauengesicht nicht eine
-Muskel regte, besann sich der Pristav überraschend schnell
-wieder auf seine Machtfülle und schien entschlossen, sie in
-ihrem ganzen Umfang auszukosten.</p>
-
-<p>»Beeilen Sie sich,« herrschte er den Kaufmann an, der
-noch immer an seinem Platz wurzelte. »Weshalb gehorchen
-Sie nicht? Sie scheinen mir ein anmaßender Mensch zu
-sein. Oder haben Sie vielleicht Grund, sich gegen eine
-Leibesuntersuchung zu sträuben? &ndash; He, Gendarm, ich
-meine, hier ist ein Widerspenstiger.«</p>
-
-<p>Auf den schrillen Pfiff fuhr der Gendarm drinnen in
-dem Kabinett aus seiner gebückten Stellung empor und
-trat auf die Schwelle. Einen Augenblick schwebte dunkle,
-zuckende Gefahr um den Konsul. Doch auch Rudolf Bark
-fühlte, wie es gleich einer unsichtbaren Gerte über ihm
-schnellte. Und, in einem langen Geschäftsleben daran gewöhnt,
-noch in der letzten Sekunde auf die rettende Planke
-zu springen, verbarg er die in ihm arbeitende Erregung
-und trat mit einem so gleichmütigen, geschmeidigen Wesen
-an den Tisch, daß nicht allein von Isa der schnürende Bann
-wich, sondern auch der Herr in dem kurzen Smoking diese
-rasche Wandlung augenscheinlich nicht gleich begriff. Und
-nun wickelte sich alles wie ein einfaches, glattes Geschäft
-ab. Der Konsul legte eine Brieftasche vor dem Pristav
-nieder, erklärte, es seien ungefähr 4-5000 Mark in dem
-Portefeuille vorhanden &ndash; ungefähr &ndash; und eine Empfangsbescheinigung
-wäre bei der Sicherheit einer so hohen
-Behörde gewiß nicht vonnöten.</p>
-
-<p>Begierig griff der Pristav nach der Tasche, zuckte jedoch
-gleich darauf wie vor einem fressenden Feuer zurück,
-<a class="pagenum" id="page_360" title="360"> </a>
-lächelte und begann geschmeichelt mit dem roten Leder von
-neuem zu spielen.</p>
-
-<p>»Auf Ehre,« versicherte er zuvorkommend und war
-wieder ganz der wiegende Gesellschaftsmensch von vorhin,
-»Sie haben recht. Wozu unnötige Schreibereien bei
-der späten Stunde? &ndash; Vier bis fünftausend Mark. &ndash; Nun
-gut, man wird aufs peinlichste darüber wachen, ich verspreche
-es Ihnen. Übrigens &ndash; ich begreife gar nicht,
-warum man Ihnen und der Dame mitten in der Nacht so
-viel Unbequemlichkeiten verursachte. Es ist lächerlich. Als
-ob dies nicht bis morgen früh Zeit gehabt hätte! Freilich
-die unteren Beamten! Wozu lungerst du hier herum?«
-schrie er plötzlich den schielenden Gendarmen an und wies
-mit ausgestrecktem Arm befehlend auf das nahe Kabinett.
-»Hörtest du nicht, daß die Herrschaften absolut unverdächtig
-sind?«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick begann das Tischtelephon heftig
-zu läuten.</p>
-
-<p>Aufgeschreckt sprang der Pristav in die Höhe, verzog ingrimmig
-die Stirn und während er schon die Hand nach
-dem Hörer ausstreckte, riß er mit der Linken noch einmal
-seine Taschenuhr hervor und gebärdete sich wie ein Verzweifelter.</p>
-
-<p>»Oh, du niederträchtiger Leuteschinder,« murmelte er
-bissig, »du herzlose Schlafmütze &ndash; ah, Sie selbst, Ew.&nbsp;Hochgeboren,
-keineswegs &ndash; macht durchaus nichts, Ihre Befehle
-gehen allem anderen vorauf. &ndash; Jawohl, die Deutschen
-befinden sich bei mir &ndash; gewiß &ndash; sofort &ndash; ich gehorche.«</p>
-
-<p>Kaum eine Minute nach diesem Gespräch durchmaßen die
-beiden Verdächtigen, über die sich bereits bleischwere Müdigkeit
-herabgesenkt hatte, abermals einen der langen Korridore,
-bis ihr Führer, der Pristav, der sich inzwischen mit einem
-Zylinder bedeckt hatte, seinen glänzenden Hut ehrfürchtig
-<a class="pagenum" id="page_361" title="361"> </a>
-vor der friesgefütterten Tür des Zimmers Nr.&nbsp;2 lüftete.
-Noch in dem dunklen Zwischenraum der beiden Eingänge
-krümmte der Herr im Smoking seine Gestalt vor Devotion
-und Anbetung zusammen, behielt aber doch noch Zeit, den
-Eintretenden ironisch zuzuflüstern:</p>
-
-<p>»Sie brauchen nichts zu sprechen. Ich werde alles besorgen.
-Der Herr Polizeimeister-Stellvertreter liebt es nämlich
-nicht, auf Einwendungen zu stoßen.«</p>
-
-<p>»Guten Abend, lieber Freund,« kaute in dem saalartigen,
-hellerleuchteten Raum eine schmatzende Stimme, und während
-an dem großen, mit grünen Tuch ausgeschlagenen
-Tisch direkt unter dem Kronleuchter zwei Schreiber hingen,
-die vor Müdigkeit abwechselnd gähnten, da hockte die
-Kugelgestalt des Polizeimeister-Stellvertreters Tolmin selbst
-in einer Ecke auf einem Ledersofa, und seine fleischigen
-Hände fuhren unermüdlich zwischen den Bestandteilen seines
-Mahles herum, von dem Huhn zur Weinflasche und von
-dem Brot zu der Schüssel voll grünen Salates. Dies alles
-aber geschah ganz mechanisch, als ob die dicken Finger
-des Schmausenden ein eigenes Sehvermögen besäßen, denn
-Herr Tolmin hatte vor die Wasserflasche ein Zeitungsblatt
-aufgestellt, dessen Inhalt seine kleinen glitzernden
-Augen ebenso gierig verschlangen, wie sein Mund die umfangreichen
-Bissen herunterwürgte.</p>
-
-<p>»Ah, guten Abend, Nicolai Feodorowitsch,« stöhnte er
-wohlbehaglich und schlug, um sich Luft zu schaffen, die
-offene grüne Uniform noch etwas weiter zurück, »da
-bringst du die beiden Verbrecher. Wir wissen schon alles.
-Der Mann hat einen Offizier erschossen. Und das Weib
-hat ihm Beihilfe geleistet. Es ist schändlich. Es ist barbarisch.«</p>
-
-<p>Herr Tolmin vertrieb sein Grauen über die geschilderte
-Untat durch ein paar mächtige Züge Rotwein und goß sich
-<a class="pagenum" id="page_362" title="362"> </a>
-einige Tropfen auf die ehemals weiße Weste. Dann ließ er
-vor Behagen und Befriedigung die kurzen Beine in den
-Stulpstiefeln kräftig gegen die Ledereinfassung des Sofas
-prallen.</p>
-
-<p>»Aber alle Umtriebe unserer Feinde,« röchelte er
-weiter, »erweisen sich, der heiligen Mutter sei Dank, als
-vergeblich. Höre, Nicolai Feodorowitsch, was ich da lese.
-Es bewegt mein Herz, und es wird auch dich begeistern.
-Die Belgier haben die Preußen auseinandergesprengt, haben
-die Nemzows über den Rhein geworfen und sind gestern
-in Köln eingezogen. 200&#8239;000 Gefangene. Der deutsche
-Kronprinz ist gefallen. Was sagst du, lieber Freund? Köstlich
-&ndash; köstlich, der grüne Salat. Er wird für mich mit
-Zitronensäure angerichtet, seitdem der Militärarzt Isaac &ndash;
-so heißt der Jude &ndash; den Essigzusatz für mich verboten. &ndash;
-Aber, wie gesagt, 200&#8239;000 Gefangene. Ja, es ist ein köstlicher
-Genuß.«</p>
-
-<p>Damit hob Herr Tolmin nach der Art der Kurzsichtigen
-das Zeitungsblatt wieder ganz dicht vor sein grauwelliges,
-unförmiges Haupt, und indem er sich vollkommen in seine
-erfreuliche Lektüre versenkte, schlug er sich wiederholt schallend
-auf den Leib, und dem Hingerissenen schien jede Erinnerung
-an die übrige Mitwelt entschwunden zu sein.</p>
-
-<p>Schüchtern wagte es der Pristav, der auch für sich selbst
-die Zeit immer unwiederbringlicher enteilen sah, mit dem
-Fuß auf eine freie Stelle des Estrichs zu scharren. Gestört
-schüttelte sich der Polizeimeister:</p>
-
-<p>»Ach ja, was gibt es noch, Nicolai Feodorowitsch?«</p>
-
-<p>»Ich meinte,« sagte der Pristav sich verbindlich verneigend,
-»Euer Hochgeboren hätten den Wunsch geäußert,
-das Protokoll über diese beiden Deutschen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ach ja, das Protokoll,« warf Herr Tolmin ungnädig
-dazwischen und wanderte nun, die fleischigen Hände auf
-<a class="pagenum" id="page_363" title="363"> </a>
-den Rücken gelegt, mehrere Male keuchend über den Teppich.
-»Du hast ganz recht, mich daran zu erinnern. Aber
-solltest du nicht auch meinen, Nicolai Feodorowitsch,« fuhr
-er schließlich fort, wobei er, da er wieder in die Nähe des
-Tisches gelangt war, den Resten des Huhnes einen kosenden
-Blick zuwarf, »solltest du nicht auch meinen, daß sich
-diese ganze Prozedur besser auf morgen verschieben ließe?«</p>
-
-<p>»Gott &ndash; ich glaubte eigentlich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was glaubtest du? Wir sind alle etwas abgearbeitet.
-Du siehst selbst, welche Plage es mir macht, diese Murmeltiere
-von Schreibern wach zu erhalten. Wie? Sagtest du
-etwas? Nun gut, wer weiß, wie lange man die beiden
-Nemzows noch beaufsichtigen muß? Ich habe sie jetzt gesehen,
-das genügt mir. Du kannst sie vorläufig abführen
-lassen, Nicolai Feodorowitsch.«</p>
-
-<p>Der Polizeimeister warf sich wieder auf das Sofa und
-kehrte hinter seinem Zeitungsblatt zu dem bedenklich erkalteten
-Huhn zurück. Bald hörte man von dem Gewaltigen
-nur noch ein Klirren und Schnaufen.</p>
-
-<p>Der Pristav aber wandte sich unentschlossen hin und her.</p>
-
-<p>»Euer Hochwohlgeboren, wo befehlen Sie, daß die
-Deutschen untergebracht werden?« wagte er endlich den
-Vorgesetzten hinter seiner papiernen Wand hervorzulocken.
-»Wäre etwas dagegen einzuwenden, wenn die Gefangenen
-in ihr Hotel zurückkehrten?«</p>
-
-<p>»Ist es möglich? Du bist noch da?« schalt Herr Tolmin
-und ballte gereizt das Zeitungsblatt zusammen. »Du siehst,
-ich denke bereits über etwas anderes nach. Was zum
-Henker sprachst du von einem Hotel?«</p>
-
-<p>Der Pristav setzte die Füße zierlich gegeneinander und
-schwenkte untertänig seinen Zylinder. Dann erlaubte er sich,
-seine Ideen noch einmal zu erläutern. Allein der Polizeimeister-Stellvertreter,
-der schon wieder Messer und Gabel
-<a class="pagenum" id="page_364" title="364"> </a>
-in den Händen hielt und nun endlich wünschen mochte,
-seinem Imbiß dauernd den Garaus zu bereiten, er schnitt
-seinem Untergebenen ärgerlich das Wort vom Munde ab.</p>
-
-<p>»Du bist zu rücksichtsvoll, Nicolai Feodorowitsch,« kaute
-er, »wie oft soll ich dich noch darauf hinweisen? Das
-Verbrechen der Deutschen ist zu niederträchtig, als daß ich
-geneigt wäre, ihnen irgendwelche Vergünstigungen zu
-gönnen. Du mußt wirklich dein gutes Herz bezähmen.
-Setze mir den Mann vorläufig in den Turm, und das
-Weib&nbsp;&ndash;,« er klirrte etwas lauter mit dem Geschirr &ndash;
-»wir wollen nicht vergessen, was wir ihrem Geschlechte
-schulden, &ndash; das Weib kann den Morgen in einem der
-Büros erwarten. Und nun gute Nacht, Nicolai Feodorowitsch,
-ich denke, du wirst es selbst eilig haben.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Es schlug gerade Mitternacht, als Rudolf Bark in dem
-Teil des Gebäudes anlangte, den man sehr mit Unrecht
-als den Turm bezeichnete. Von Isa hatte er sich mit
-einem kurzen, fast gleichgültigen Händedruck getrennt, denn
-nur der eine Wunsch beherrschte beide gleichmäßig &ndash; Schlaf
-und Ruhe. Auch glaubte der Konsul, daß es sich bei seinem
-Gewahrsam wahrscheinlich um ein Zimmer handele, wie es
-nach deutschen Begriffen den Voruntersuchungs-Gefangenen
-gewährt wird. Deshalb taumelte er beinahe betäubt
-zurück, als der begleitende Gendarm endlich eine Mauerhöhlung
-aufschloß, die der Kaufmann im Vorüberschreiten
-für einen Vorratskeller oder eine unterirdische Waschküche
-gehalten hatte.</p>
-
-<p>»Du kannst dir diese Laterne mitnehmen,« gähnte der
-schielende Gendarm in einem Anfall von Mitleid. »Aber
-sobald du liegst, bitte ich mir aus, daß sie ausgelöscht
-<a class="pagenum" id="page_365" title="365"> </a>
-wird. Es ist strenge Verordnung, hier kein Licht zu brennen,
-verstehst du?«</p>
-
-<p>Damit drückte er dem Konsul die Leuchte in die Hand,
-schob ihn mit kräftigem Nachdruck in den finsteren Raum
-hinein und schloß gemächlich hinter dem Eingekerkerten
-wieder ab. Dem Konsul aber trat der kalte Schweiß auf
-die Stirn. Mit zitternder Hand streckte er die Laterne von
-sich und erkannte ein enges, kreisrundes Loch, das über
-und über mit Stroh beschüttet war. Ein fauliger, verwesender
-Geruch stieg aus den Halmen empor, und der
-scharfe Dunst eng aneinander gepreßter, verwahrloster Menschen
-mischte sich drein. Da lagen sie dicht nebeneinander,
-zerlumpte, bettelhafte Gestalten mit grüngrauen, eingefallenen
-Gesichtern, und keine Decke, kein Kissen wehrte von
-den fröstelnden Leibern den feuchten Dunst ab, der aus den
-schimmligen Ziegelsteinmauern herausschlug. Und dennoch
-füllte lautes Schnarchen dieses trostlose Gemäuer, und
-selbst das hereinstrahlende Licht und der neueintretende Leidensgefährte,
-sie veranlaßten keinen jener Ausgestoßenen
-auch nur das Haupt zu erheben, um sich über die späte
-Störung zu vergewissern.</p>
-
-<p>Unfähig, noch weitere Eindrücke in sich aufzunehmen,
-ließ Rudolf Bark die Laterne sachte zu Boden gleiten und
-kauerte selbst in einer seltsam verkrümmten Stellung nieder.
-Die Füße, die er mit den Armen umschlang, dicht gegen
-das Kinn gepreßt, so hockte er auf der fauligen Schüttung,
-um seine weit geöffneten, ungläubigen Augen um
-ein entsetzlich besudeltes Faß kreisen zu lassen, das genau
-die Mitte des Raumes ausfüllte. Ein atemlähmender Geruch
-entströmte diesem Gefäß, und es war dem Gefangenen,
-wie wenn ihm eine Faust gegen die Stirn krache,
-als er endlich entdeckte, welchem Zweck das runde Gerät
-in der Mitte diene.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_366" title="366"> </a>
-Ein Flimmern tanzte vor den Blicken des unbeweglich
-Zusammengekrümmten, und ein heiseres Stöhnen entrang
-sich seinen Lippen. Die ungeheure Demütigung, der prasselnde
-Sturz von den Höhen des Lebens bis in diese
-Höhle voll Aussatz und Verworfenheit, sie wendeten die
-Seele des sonst so sicheren und gefaßten Mannes um und
-schmetterten sie in eine fiebernde Verzweiflung. In seinem
-Hirn begann es zu bohren und zu nagen, als wenn sich
-Würmer dort Eingang verschafft hätten, die nun langsam
-ihres Weges krochen. Er fing an zu überlegen. Seiner
-Mittel war er beraubt. Von der Gefährtin hatte man ihn
-getrennt. Und wer konnte sagen, wie lange er hier in der
-finsteren Pesthöhle ausharren müsse? Bei dem stumpfen
-Geschehenlassen und der Unordnung, durch die sich russische
-Gerichte auszeichneten, konnte es sich &ndash; namentlich in
-wild bewegten Kriegszeiten &ndash; ereignen, daß Monate, daß
-Jahre vergingen, bevor man sich seiner erinnerte. Vielleicht
-war er längst lebendig verfault, ehe dem gefräßigen
-Polizeimeister zwischen Suppe und Braten das Gedächtnis
-an das unterlassene Protokoll aufstieg. Beschwerden? Wer
-würde die aus dem stinkenden Loch heraustragen und
-weitergeben, seitdem der Ausgestoßene nicht mehr imstande
-war, einen solchen Dienst gebührend zu belohnen?</p>
-
-<p>Immer emsiger irrten die Würmer durcheinander, einer
-stets auf der Spur des Voraufkriechenden, und sie schienen
-ein Gift auszuspritzen, das den Grübelnden bis zum
-Wahnsinn reizte. Wie würde sich das Los von Isa gestalten?
-Zum erstenmal in ihrem kurzen Dasein verbrachte
-das junge, unerfahrene Geschöpf eine Nacht in einem
-fremden Hause. Wie, wenn sich nun der Pristav, um sich
-für die entgangene Lustbarkeit der Abendgesellschaft schadlos
-zu halten, des wehrlosen Mädchens besonders annähme?
-Ein furchtbarer Einfall! Grinsend saß das Grauen auf
-<a class="pagenum" id="page_367" title="367"> </a>
-der übelduftenden Tonne und schüttelte seine Schlangenhaare.</p>
-
-<p>Da wälzte sich etwas neben dem Konsul, und eine geschwollene
-Hand näherte sich der Schraube der Laterne,
-um das Licht auf einen Zug auszudrehen. Aus der undurchdringlichen
-Finsternis aber, die jetzt das unwirtliche
-Bild verschlang, knurrte die wüste Heiserkeit eines Trunkenboldes:</p>
-
-<p>»Sollen wir deinetwegen, du Lump, wieder Prügel
-kriegen? Wenn du die Lederriemen das erstemal gespürt
-hast, wirst du keine solche Unvorsichtigkeit mehr begehen.
-Je weniger wir hier sehen, desto besser. Strecke dich aus
-und schlafe. Oder dünkst du dich in deinen gestohlenen
-Kleidern etwa zu gut dazu? Warte nur, Brüderchen, sobald
-du erst mit uns allen aus einer Schüssel gegessen
-hast, werden dir deine hochmütigen Grillen schon vergehen.
-Und nun schnarche.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Es mochte hoch am Tage sein, als der durch die widernatürlichen
-Dünste betäubte Schläfer aus der Lähmung
-seiner Sinne aufgerüttelt wurde. Zuerst glaubte der emportaumelnde
-Rudolf Bark, ein holdes Traumbild entschwirre
-langsam vor seinen müden Augen, um ihn die Schrecken
-der Gegenwart nur noch bitterer spüren zu lassen. Aber
-nein, nein, was bedeutete das? War ein solcher Umschwung
-wirklich zu fassen? Die Tür stand offen, und
-ein kalter Lichtschimmer, der ferne Abglanz des ausgesperrten
-Tages, kroch durch den breiten Spalt. Aber mitten
-in dieser für ihn jetzt überirdischen Beleuchtung stand der
-pockennarbige Sekretär in seinem grauen Jakettanzug, ein
-grünes Jägerhütchen flott auf den dunklen Haaren, und
-<a class="pagenum" id="page_368" title="368"> </a>
-neben ihm, &ndash; es war wohl doch eine Täuschung, nur die
-Ausgeburt brennender Wünsche &ndash; neben ihm hielt sich
-Isa Grothe mit ausgestrecktem Arm an der gegenüberliegenden
-Wand fest, um vorgebeugt mitten in der schwimmenden
-Finsternis ihren Freund, den sie suchte, erkennen
-zu können.</p>
-
-<p>»Isa!«</p>
-
-<p>»Herr Konsul.«</p>
-
-<p>»Ist Ihnen nichts geschehen? Fühlen Sie sich munter?«</p>
-
-<p>»Vollständig. Großer Gott, wie sieht es hier aus, wie
-fürchterlich ist es hier! Aber denken Sie sich, wir kehren
-in das Hotel zurück.«</p>
-
-<p>Und Ilija Petrowitsch, der Sekretär, der sich für den
-Gang über die Straße bereits wieder die braunen Glacéhandschuhe
-aufstreifte, er erlaubte sich mit seinem verbindlichsten
-Lächeln den vornehm gekleideten Gefangenen aus
-der Pesthöhle herauszuziehen, die gleich darauf, trotz der
-Wut und des aufgeregten Gemurmels der Übrigen, von
-einem mitgebrachten Gendarm durch einen Fußtritt geschlossen
-wurde.</p>
-
-<p>»Kommen Sie, Herr Konsul,« hauchte der höfliche
-Schreiber, der sich inzwischen bereits den braunen Flauschüberzieher
-des Kaufmanns diensteifrig über den Arm gebettet
-hatte, »kommen Sie schnell, es wird Sie drängen,
-ein Frühstück im Hotel de Moscou einzunehmen.« Und
-im heiteren Bewußtsein seiner Weltkenntnis fügte er, während
-die drei bereits die Treppe herunterstiegen, siegessicher
-hinzu: »Sagte ich Ihnen nicht gleich, daß alles nur
-eine reine Formsache wäre? He, habe ich mich darin etwa
-getäuscht?«</p>
-
-<p>»Gewiß nicht.« Der Konsul drückte dem Pockennarbigen
-dankbar die Hand, was von diesem mit einem unglaublichen
-Zusammenknicken erwidert wurde. »Aber erklären Sie
-<a class="pagenum" id="page_369" title="369"> </a>
-nur,« drängte Rudolf Bark weiter, indem er tief aufatmend
-die frische Luft der Straße einsog, die sie schon
-erreicht hatten, »wie konnten sich die Absichten des Polizeimeisters
-so schnell verändern?«</p>
-
-<p>»Wer weiß?« Der Herr im grauen Rock zuckte vieldeutig
-die Achsel, und seine Hand rückte leichthin an dem
-flotten grünen Hütchen. »Es sprechen bei uns viele Meinungen
-mit. Ich darf mir natürlich nicht erlauben, eine
-bestimmte Ansicht zu äußern, aber vielleicht blieb der Umstand
-nicht ohne Einfluß, daß heute in der Frühe der
-Geheimkanzlist Sr.&nbsp;Exzellenz des Gouverneurs Bobscheff
-einen eigenhändigen Brief an den Herrn Polizeimeister-Stellvertreter
-überbrachte.«</p>
-
-<p>»Bobscheff?« rief Isa in ihrem silbernsten Ton, und
-ihr fiel die ewig heisere Giraffe ein, deren Grundsätze
-trotz aller ethischen Erziehungsversuche der dicken Gattin
-in einer gewissen Beziehung leichte und flatterhafte geblieben
-waren.</p>
-
-<p>Der Tag leuchtete so hell, und die Freude, neben dem
-wiedergefundenen Freund schreiten zu dürfen, durchströmte
-sie so übermächtig, daß der Rotkopf hier in der feindlichen
-Stadt und dicht neben ihrem Aufseher ausgelassen
-in die Hände klatschte. Aber auch der Konsul vermochte sich
-die überraschende Teilnahme des Gouverneurs, von dem
-er alles andere eher vermutet, keineswegs zu deuten, und
-so gelangte der kleine Zug in der Erwartung irgendeiner
-Aufklärung in das Vestibül des Hotels, von wo ihr Führer
-die beiden Deutschen sofort bis an ein Zimmer des ersten
-Stockwerks geleitete. Hier schritt ein Soldat mit geschultertem
-Gewehr vor der Tür des Gemaches auf und ab,
-und Konsul Bark begriff, daß sie sich von jetzt an wieder
-in militärischem Gewahrsam befänden. Ehe sich jedoch der
-Sekretär entfernte, unter zahlreichen Verneigungen und
-<a class="pagenum" id="page_370" title="370"> </a>
-dem festen Versprechen, sich so oft wie möglich nach den
-Wünschen der beiden Fremden zu erkundigen, da zog ihn
-Rudolf Bark noch einmal beiseite, denn den nüchternen
-Geschäftsmann drängte es, nach dem Verbleib seiner Geldtasche
-Nachfrage zu halten. Hier aber veränderte sich das
-Wesen des Herrn im grauen Rock. Der Mund mit den
-weißen Zähnen lächelte zwar noch immer verlegen, aber
-in seine sanfte Stimme drang eine hörbare Abneigung, als
-er vorsichtig und sich windend den Rat erteilte:</p>
-
-<p>»Darüber weiß ich nichts. Gar nichts. Mein Chef,
-Se.&nbsp;Hochwohlgeboren der Pristav, genießt das höchste
-Vertrauen. Mit Recht, es würde ihn beleidigen, wenn
-man sich in seine Angelegenheiten mischte. Beileibe nicht,
-wer dürfte das wagen? Guten Morgen, Herr Konsul.
-Sie können unbesorgt sein, ganz unbesorgt.«</p>
-
-<p>Damit schlängelte sich der graue Herr die Treppe herunter,
-und der Soldat öffnete für die beiden Eintretenden
-das Zimmer. Noch hatten sie jedoch die Schwelle nicht übertreten,
-als sie in grenzenloser Überraschung ihren Schritt
-hemmten. Aus einem Schaukelstuhl, dicht vor einem altmodisch
-vergoldeten Spiegel, erhob sich bei ihrem Eintritt
-eine sehr elegante, tief verschleierte Dame, die sich leichtfüßig
-auf den Tisch zu bewegte, wo sie erwartend und
-ein wenig unschlüssig stehen blieb.</p>
-
-<p>Aber diese wiegenden Bewegungen, der feine Parfümduft,
-der von ihr ausströmte, und das energische Blitzen
-der dunklen Augen, ein Feuer, das auch von der verhüllenden
-Gaze nicht gedämpft werden konnte, alles das bestärkte
-den Konsul in einer aufspringenden Hoffnung. In dieser
-Stadt gab es nur eine einzige so formsichere und von einer
-geheimnisvollen Anziehung umflossene Frau. Langsam lüftete
-sie den Schleier, ein roter, lächelnder Mund kam zum
-<a class="pagenum" id="page_371" title="371"> </a>
-Vorschein, eine kecke, ein wenig aufgestülpte Nase und dunkle
-Zigeunerwangen.</p>
-
-<p>»Ja, ich bin's,« bestätigte Maria Geschowa den beiden
-Fassungslosen, obwohl sie einzig und allein den schlanken,
-biegsamen Mann ins Auge faßte. »Ich hoffe, Sie werden
-verstehen,« setzte sie rasch und hastig hinzu, indem sie ohne
-Rücksicht auf die Zuschauerin dem Konsul ihre Hand zum
-Kuß entgegenstreckte, »ich hoffe, Sie werden verstehen,
-warum ich Sie hier in der Einsamkeit Ihres Zimmers aufsuchen
-muß, obwohl ich doch gestern abend bereits Gelegenheit
-gehabt hätte, Sie zu begrüßen.«</p>
-
-<p>In ihrer Stimme schwang wieder der vibrierende Ton,
-der den gefährlichsten Reiz der Tatarin ausmachte. Aber
-zu seinem eigenen Erstaunen blieb Rudolf Bark ganz unberührt
-davon, denn der Kaufmann dachte im Moment an
-nichts anderes, als wie er die mutige Frau, die sich seinetwegen
-doch einer gewissen Gefahr aussetzte, zu seiner Rettung
-benutzen könnte. Er verbeugte sich tief.</p>
-
-<p>»Die gnädige Frau wußten gestern vor die Freude des
-Wiedersehens gleichfalls einen undurchdringlichen Schleier
-zu ziehen.«</p>
-
-<p>»Rudolf Bark,« sagte die Tatarin plötzlich hochfahrend,
-»Sie sind zu klug, um solche kleine Weiberlist nicht zu
-durchschauen. Oder glauben Sie etwa, daß man um Ihrer
-grauen, kalten Augen willen Ihren Aufenthalt in dem
-Turm so liebevoll verkürzte?«</p>
-
-<p>Bei der Erinnerung an den Ort, dessen Schrecken noch
-nicht lange hinter ihm versunken waren, da verging dem
-Konsul die Neigung zu einem leichten Geplänkel. Auch
-verharrte Maria Geschowa so stolz aufgerichtet vor ihm,
-ihre blitzenden Augen schienen die seltsame Lage, in die sich
-die Gattin des Obersten Geschow begeben, so klar und
-<a class="pagenum" id="page_372" title="372"> </a>
-unverrückt zu durchdringen, daß Rudolf Bark einen raschen
-Ausruf nicht unterdrücken konnte.</p>
-
-<p>»Sie wissen, gnädige Frau? Damit habe ich sicher Ihnen
-die Intervention bei dem Gouverneur Bobscheff zu danken.«</p>
-
-<p>»Ja,« rief Isa fortgerissen dazwischen, »Sie, liebe,
-gnädige Frau, Sie allein haben sich ganz gewiß für uns
-verwendet.«</p>
-
-<p>Die Russin bewegte sich kaum, und nur ein flüchtiges
-Achselzucken zeigte an, daß sie die dankbare Stimme des
-jungen Mädchens vernommen. Dann aber trat die eigenartig
-interessante Erscheinung in ihrem dunkelblauen Herbstkostüm
-ganz nahe auf Rudolf Bark zu und, immer als ob
-sie sich völlig allein mit ihm befände, versetzte sie ihm mit
-dem Zeigefinger einen leichten Schlag gegen die Brust.</p>
-
-<p>»Nehmen wir an, lieber Freund,« entgegnete sie rasch,
-und dabei begannen in dem dunklen Antlitz die Nasenflügel
-ein wenig nervös zu beben, »es wäre alles so, wie Sie
-denken. Stellen Sie sich in Ihrer gewohnten Scharfsichtigkeit
-vor, ich wäre durch einen Brief meines Gatten bereits
-auf Ihre Ankunft vorbereitet gewesen. Denken Sie darüber,
-wie Sie wollen.«</p>
-
-<p>»Meine Gedanken richten sich im Moment ganz nach
-Ihren Befehlen.«</p>
-
-<p>Maria Geschowa maß den Sprecher eine kleine Weile
-vorüberstreifend von der Seite. Dann machte sie eine ungeduldige
-Handbewegung.</p>
-
-<p>»Gut, gut, Sie bleiben ein Schmeichler, ganz anders,
-wie sonst die Deutschen. Zur Belohnung dürfen Sie sich auch
-ausmalen, wie meine Audienz beim Gouverneur zu der
-unwahrscheinlich frühen Morgenstunde verlief. Ich habe
-mich zu diesem Zweck so schön wie möglich gemacht, und
-meine, ich dürfte seiner Tatiana eine bekümmerte Stunde
-bereitet haben. Das ist natürlich alles lächerlich. Aber
-<a class="pagenum" id="page_373" title="373"> </a>
-Sie sollen ja ein großer Frauenkenner sein und bilden sich
-nun natürlich ein, dies alles geschah, weil eine gefallsüchtige
-Frau Ihr Interesse erregen wollte, nicht wahr? Gott, wir
-Russinnen besitzen ja keinen Charakter.«</p>
-
-<p>Sie wartete seinen höflichen Widerspruch nicht erst ab,
-sondern streifte mit dem Finger wieder sehr eindringlich
-seine Brust.</p>
-
-<p>»Rudolf Bark,« sprach sie rasch weiter, »vielleicht trifft
-Ihre Ansicht zu. Vielleicht aber leitete mich auch nur
-der Wunsch, der Opposition, dem Mißfallen an dem meisten,
-was jetzt um uns herum geschieht, Ausdruck zu geben. Sie
-müssen wissen, es gibt noch immer Leute bei uns, denen
-dieses widerliche Blutparfüm, das jetzt allem anhaftet, die
-Nerven verwirrt. Menschen, die lieber auf den Galgen
-klettern, als daß sie sich noch tiefer in eine blutige Nacht
-hereintreiben lassen. Vielleicht gehöre ich dazu, vielleicht
-auch nicht. Wissen Sie übrigens,« sprang sie plötzlich ab,
-und um ihren Mund spielte ein flackernd überreizter Zug,
-»wissen Sie übrigens, daß der kleine Bergbaustudent Diamantow
-gleich zu Anfang der Feindseligkeiten kriegsgerichtlich
-und ohne viel Federlesens erschossen wurde? Hochverräterische
-Umtriebe warf man ihm vor. Seine Seele
-haßte den Krieg glühend und hielt ihn für die höllische
-Lüge, die immer wieder die Völker betrügt. Er war ein
-Jude,« setzte die Tatarin in ihrer sprunghaften Stimmung
-hinzu und blickte gedankenverloren zu Boden, »ein schöner
-Schwärmer und hatte deshalb etwas von dem Erlöser an
-sich. Unsere Erde ist voll von solchen Herzen, die noch dort
-unten im Grabe in brüderlicher Liebe schlagen.«</p>
-
-<p>Eine Pause trat ein. Maria Geschowa begab sich mit
-träumerisch gesenktem Haupt zu ihrem Schaukelstuhl zurück,
-wo sie sich leise zu wiegen begann. Die Sonnenstrahlen,
-die durch die Gardinen des Fensters fielen, huschten,
-<a class="pagenum" id="page_374" title="374"> </a>
-der Bewegung angeschmiegt, bald über ihre Stirn
-sowie über die halb geschlossenen Augen, um gleich darauf
-wieder dem nachspülenden Schatten zu weichen. Die beiden
-Deutschen aber warteten in beklommener Spannung
-ab, was die schöne Frau ihnen noch weiter zu verkünden
-haben würde. Denn bei der klaren und tatkräftigen Art der
-Russin blieb es ausgeschlossen, daß sie nur gekommen sein
-sollte, um sich an einem absonderlichen Gespräch zu ergötzen.
-Und richtig, plötzlich erwachte die Tatarin, dehnte ihre Glieder,
-und während sie einen schnellen Blick auf ihre goldene
-Armbanduhr gleiten ließ, da brach sie in ein fast unhörbares
-Lachen aus. Rudolf Bark meinte, er hätte noch
-nie eine so nach innen klingende Heiterkeit vernommen.
-Sein Gehör wiegte sich in der Vorstellung, als würden hier
-winzige goldene Kugeln in einen Glasbecher geworfen.</p>
-
-<p>»Wahrhaftig,« winkte nun die junge Frau den Konsul
-auf einen Stuhl an ihrer Seite nieder, »die paar Minuten,
-die man mir für meinen Besuch bei Ihnen gestattete, sind
-bald vorüber, und wir philosophieren. Was werden Sie
-denken, lieber Freund? Bitte, setzen Sie sich zu mir. Unbesorgt,
-ich tue Ihnen nichts. Sie sind also der Ritter
-dieser jungen Dame geworden, Rudolf Bark? Wie alt
-ist sie?«</p>
-
-<p>Ein wenig verletzt verzog der Angeredete, der inzwischen
-ihren Befehl befolgt hatte, die Stirn. Der Ton der Russin
-gefiel ihm nicht, und er dachte an seine gereiften Jahre.
-Statt seiner jedoch übernahm Isa, die unauffällig am Tisch
-stehen geblieben war, die Beantwortung. Nichts schien
-darauf hinzudeuten, als ob die Kleine das lebhafte Interesse
-der fremden Dame für den Konsul begriff oder gar
-einer Beurteilung zu unterziehen wagte. Nur Ehrerbietung
-und Zurückhaltung atmete ihr Ton, als sie liebenswürdig
-erwiderte:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_375" title="375"> </a>
-»Ich bin achtzehn Jahre, gnädige Frau.«</p>
-
-<p>»So, so,« versetzte die Russin gleichgültig. »Es ist gut,
-mein Kind. Ich hätte Sie für älter gehalten.« Und ohne
-jede Befangenheit die Hand des Mannes streichelnd, sprach
-sie angeregt weiter: »Rudolf Bark, Sie denken doch jetzt
-über nichts anderes nach, als wie Sie den Folgen Ihres
-Ritterdienstes, die Sie in Mariampol oder wo anders erwarten,
-entgehen können? Nicht wahr? Nein, leugnen Sie
-nicht, es kleidet Sie nicht, würde Ihnen auch nichts
-nützen.«</p>
-
-<p>Da meldete es sich wieder, dieses spitze Einbohren in
-die Gedanken eines anderen, das zu den eigentümlichsten
-Gaben von Maria Geschowa gehörte. Und obwohl der Konsul
-erschrak, weil er nicht wußte, ob hier auch seinerseits
-eine rückhaltlose Offenheit am Platz wäre, so hielt er es
-doch für geboten, seinen raffinierten Besuch nicht völlig
-zu täuschen.</p>
-
-<p>»Maria Geschowa,« sagte er deshalb nach einiger Zeit
-vorsichtig tastend, »sollte die Gattin des Obersten Geschow
-derartige Pläne &ndash; immer vorausgesetzt, daß sie wirklich
-existieren&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die Russin wiegte sich lässig und schlug mit der Hand
-nach ihm: »Sie existieren,« lächelte sie eindringlich und
-verstohlen.</p>
-
-<p>»Sollte die Gattin des Obersten Geschow wirklich ganz
-gefahrlos und ohne sich etwas zu vergeben, die Mitwisserin
-solcher Geheimnisse werden können?«</p>
-
-<p>»Ah so!« Unvermittelt hielt der Stuhl in seiner Schaukelbewegung
-inne, und ein paar große Augen, die sich langsam
-mit Zorn füllten, hefteten sich eine Sekunde gereizt
-auf den um sein Schicksal besorgten Kaufmann. Gleich
-darauf jedoch stieß Maria Geschowa ihren Sitz zurück und
-strich sich wie in tiefem Besinnen mit der behandschuhten
-<a class="pagenum" id="page_376" title="376"> </a>
-Rechten über die Stirn. »Verzeihen Sie, verzeihen Sie,«
-sprach sie sich mühsam wiederfindend. »Wie wunderbar
-klug und besorgt Sie sind, Rudolf Bark. Wirklich, es ist
-staunenswert. Sie hegen eine große Sympathie für mich.
-So etwas ist ja immer gegenseitig. Aber natürlich, mein
-kluger Freund, Sie sind völlig im Recht.«</p>
-
-<p>Sie kehrte ihm den Rücken, stellte sich ans Fenster und
-blickte lange über den struppigen Hintergarten des Hotels
-zu dem schmalen, kohlenüberschütteten Fluß herüber, der
-seine schwarzen Gewässer im Sonnenschein träge vorüberschleppte.
-Nach einer Weile trommelte die elegante Dame
-leicht gegen die Fensterscheiben und warf sehr kalt und
-interesselos, gleichsam nur, um irgend etwas zu äußern,
-über ihre Schulter hinweg:</p>
-
-<p>»Wie gesagt, Sie beurteilen die Lage richtiger als ich.
-Der Weg aus dem Hotel wurde Ihnen, wie Sie sich wohl
-überzeugten, durch militärische Bewachung gesperrt, und
-zur Nachtzeit durch den Hintergarten zu entkommen, das
-dürfte auch eine verzweifelt phantastische Idee sein.«</p>
-
-<p>»Durch den Hintergarten?« horchte Rudolf Bark hoch
-auf, indem er sich an die Seite der jungen Frau stellte.</p>
-
-<p>Maria Geschowa jedoch rückte fort und sah an ihrem Arm
-herunter, als ob ihr die zufällige Berührung nicht angenehm
-wäre.</p>
-
-<p>»Gott,« sprach sie gleichgültig weiter, »Verzweifelte
-könnten vielleicht solch einen Versuch erwägen. Aber ich
-rate Ihnen davon ab, Rudolf Bark. Dazu müßte der Besitzer
-des Kohlenkahns, dessen schmutziges Schiff dort an
-dem Steg angeschlossen liegt, vorher von befreundeter Seite
-nachdrücklich gewonnen sein. Wir wollen ein häßlicheres
-Wort vermeiden. Und Sie werden wohl selbst nicht glauben,
-bester Freund, daß Ihr kühles und berechnetes Wesen Ihnen
-<a class="pagenum" id="page_377" title="377"> </a>
-hier in der fremden Stadt so viel Teilnahme erwerben
-könnte.«</p>
-
-<p>Als sie das letzte fast feindselig hervorgebracht hatte,
-kehrte sie sich zu ihm. Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes.
-Mit ihrer unnachahmlichen Grazie hob das
-junge Weib beide Arme, um dann ihre Finger ohne Hast
-noch Aufregung hinter dem Hals des betroffenen Mannes
-zu verschränken. Trotz der vertraulichen Nähe, die jetzt
-zwischen beiden hergestellt war, und obwohl der glühend
-rote Frauenmund fast dieselbe Luft wie Rudolf Bark zu
-atmen schien, so mutete das Ganze doch keineswegs wie
-eine peinliche Aufdringlichkeit an, sondern hier schien sich
-vielmehr ein Abschied, eine von Wehmut durchzitterte Trennung
-vorzubereiten.</p>
-
-<p>»Rudolf Bark,« sagte die Russin klar und deutlich, als
-ob sie es verschmähe, ein Geheimnis aus ihren Empfindungen
-zu machen, »ich reise noch heute nach Mariampol
-zurück, und ich würde Tränen vergießen, wenn ich Sie
-dort wiedersähe. Sie gehören zu den Menschen, die leichtfüßig
-an einem vorübergehen und von denen man den
-Schall ihrer Tritte dauernd im Ohr behält. Ich werde noch
-oft an Sie denken. Es ist bei dem widerlichen Haß, der
-zwischen den beiden Völkern entstand, unwahrscheinlich,
-daß wir uns jemals wieder begegnen. Aber wenn Sie, wie
-ich dies von Ihnen vermute, später einmal die Bilanz über
-das Wesen unseres Volkes aufstellen, dann bitte ich, sich
-meiner nicht als einer Ausnahme zu erinnern. So, wie
-ich, leben hier Millionen, die, wie die Motten um das
-Licht, um das Europäertum schwärmen. Ich glaube, Sie
-mißverstehen mich nicht, lieber Freund. Und nun leben
-Sie wohl.«</p>
-
-<p>Sie ließ ihre Arme langsam herabsinken, zog den Schleier
-vor das dunkle Antlitz und nickte Isa, die sich während
-<a class="pagenum" id="page_378" title="378"> </a>
-dieser ganzen Zeit einer fröstelnden Erstarrung nicht entreißen
-konnte, flüchtig zu. Dicht vor der Tür entglitt der
-schnell schreitenden Gestalt ein blaues Handtäschchen. Aber
-ehe der Konsul es noch aufheben konnte, und so oft er
-auch hinter der bereits über die Treppe Eilenden herrief,
-Maria Geschowa achtete seiner Bemühungen nicht, und
-das blaue Lederetui, das sie wohl absichtlich zurückgelassen,
-blieb in dem Besitz des sofort und dankbar begreifenden
-Mannes.</p>
-
-
-
-
-<h3>V.</h3>
-
-
-<p>Wochen waren vergangen. Über Maritzken heulte der
-Wind. Seit Tagen krümmte er die hohen Eichenbäume
-zusammen, schlug rote Wolken dürrer Blätter raschelnd
-über das Anwesen und brauste mit schneidendem Wehlaut
-über die menschenleere, verlassene Gegend. Wenn solch
-ein ungeheurer Stoß über die Stoppelfelder fuhr, dann
-glaubte Johanna Grothe stets eine schmetternde Posaune
-zu vernehmen, die zu Weltuntergang und Vernichtung rief.</p>
-
-<p>Weißer und verschlossener als je vorher schritt die
-Gutsherrin durch ihr verödetes Heim, denn seit den
-letzten Stunden war ihr Besitztum von jeder Einlagerung
-befreit, und nach all dem Lärm und der ewig aufpeitschenden
-Unruhe nistete nun eine leere, quälende Einsamkeit
-zwischen den weißen Gemäuern. Die fremde Menschenwoge,
-die so lange alles überschwemmt hatte, war wie
-unter einem ungeheuren Druck weiter in das Land hineingetrieben
-worden, einer großen Schlacht, einer Entscheidung,
-einem weltbewegenden Schicksal entgegen, und die
-preisgegebenen Fluren atmeten nun in einer dumpfen zermürbenden
-Spannung.</p>
-
-<p>Mehrfach hatte das Landmädchen, dem sonst ein Tag
-ohne genau geregelte Arbeit als ein unmöglicher Zustand
-gegolten, sich aufgerafft, um mitten unter Trümmern und
-<a class="pagenum" id="page_379" title="379"> </a>
-Verwüstung das gewohnte Tagewerk wieder aufzurichten.
-Aber nach kurzem Überlegen brachen alle diese Pläne abermals
-zusammen. Draußen aus der gesegneten Erde war
-alle Frucht durch gierige Hände aufgewühlt und fortgeschleppt,
-und durch die leeren Furchen peitschte der Wind.
-Die Stalltüren standen offen, und drinnen gähnten die
-abgeteilten Stände, aus denen das letzte Pferd und die letzte
-Kuh von dannen getrieben waren. Auf den Äckern rosteten
-die Pflüge, weil sie von keiner Männerhand mehr geleitet
-werden konnten, und auf den Vorratsböden verzehrten die
-Mäuse die traurigen Reste der Wintersaat. Alles öde und verkommen,
-das Land wie das Haus, um das Beste betrogen
-und bestohlen, und nichts zurückgeblieben, als jenes schwere,
-spannungsvolle Atmen, das nach Vergeltung verlangte.</p>
-
-<p>Auch in Johanna zuckte manchmal während der erzwungenen
-Beschäftigungslosigkeit ganz plötzlich und sprunghaft
-solch eine wilde Gier nach ausgleichender Gerechtigkeit auf;
-oder noch besser die Sehnsucht nach einem Blitzstrahl, der
-züngelnd und krachend alles in den Boden schmettern sollte,
-was höhnisch und unrein, jede harmlose Regung überwuchernd,
-vor ihr aufgeschossen war. Manchmal auch
-schlug die Scham in ihr zur Höhe. Und dann segnete sie
-Gott dafür, daß sie hier wie ein ausgesetztes Tier verborgen
-und unerkannt durch das verlorene Anwesen streifen
-konnte. In solchen Augenblicken lief ein Zittern über ihren
-Körper, und zugleich bangte sie davor, der Neugier der
-wenigen Mägde zu begegnen, die noch zurückgeblieben
-waren. Wie leicht konnte sie solch unberufenen Spähern
-das schüttelnde Grauen verraten, das sie vor sich selbst
-hegte, seitdem sie von der Furcht verfolgt wurde, auch ihre
-kühle Reinheit sei von befleckten Händen entweiht. Die
-eigene Schwester, derjenige Mensch, der ihr nach natürlichem
-Recht der Nächste auf Erden sein sollte, er hatte ihr
-<a class="pagenum" id="page_380" title="380"> </a>
-das Haus zu einer brennenden Hölle gemacht. Unmöglich,
-ganz unfaßbar dünkte es ihr, mit Marianne noch fürderhin
-unter einem Dache zu weilen, ihr heiteres Geplauder zu
-vernehmen oder die Sorgen der Gefallsüchtigen um die
-Erhaltung ihrer Schönheit aus der Nähe mit ansehen zu
-müssen, seitdem sie die Mitwisserin ihres widerlich haltlosen
-Leichtsinns geworden war. Aber warum schrie sie der
-Schwester in zornigem Aufflammen nicht ihre Anklagen
-ins Gesicht? Weshalb jagte sie die Gesunkene nicht von
-Heim und Herd, unbekümmert darum, ob der strudelnde
-Schwall der Geschehnisse sie verschlinge oder nicht? Großer
-Gott, aus welchem Grund erfüllte sie nicht ihre heiße Sehnsucht,
-zu vereinsamen und zu verdorren, sobald sie durch
-ein solches Opfer allen Schmutz und jeden Unrat von
-ihrer Schwelle fegen konnte? &ndash; Warum? &ndash; Nein, um
-alles Elendes willen, das vermochte sie nicht, das überstieg
-ihre Kräfte. In der großen herrschgewohnten Walküre
-war etwas gebrochen. So sehr die Verworfenheit ihrer
-nächsten Angehörigen an ihr zehrte, das schöne schwarze
-blühende Geschöpf war doch ein Wesen, auf das sie einmal
-alle mütterliche Sorgfalt geworfen und dessen sündhaften
-Fehltritt sie trotz rastlosen Nachsinnens noch immer nicht
-begriff. Vor allen Dingen aber wurde die Älteste von
-Maritzken von einer fressenden Scham verzehrt. So oft sie
-auch dazu anhob, unter keinen Umständen konnte sie es
-sich abgewinnen, mit der harmlos lächelnden Marianne eine
-kühle und gemessene Abrechnung über so viel Abscheulichkeit
-aufzustellen. Nein, &ndash; nein, &ndash; nein, nur das nicht!
-Lieber sich noch ärger foltern lassen und dann weiter fliehen
-wie ein aufgescheuchtes Gespenst durch die zerstörten Stätten
-ihrer Pflichten und Sorgen.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_381" title="381"> </a>
-Inzwischen erfüllte sich draußen das Verhängnis.</p>
-
-<p>Nicht als ob irgend eine besondere Kunde in das einsame
-Gehöft von Maritzken gedrungen wäre, nicht als ob die
-Gutsherrin die in einer fremden Sprache geführten Unterhaltungen
-hätte belauschen können, die einzelne zurückbeorderte
-Offiziere aufgeregt, scheu und in seltsamen Zischlauten
-mit dem kranken Rittmeister Sassin pflogen, den
-man in diesen Tagen höchster Ungewißheit ohne jede Pflege
-und ärztliche Aufsicht gelassen hatte; aber über die menschenleeren
-Straßen wehte etwas heran. Etwas Unklärliches,
-etwas Schicksalflüsterndes, das die Herzen stocken und die
-Sinne kochen ließ. Je leerer Wege und Stege wurden,
-desto deutlicher jagte das Unsichtbare vorüber, und hinter
-jeder aufsteigenden Staubwolke suchten gierige Blicke das
-Blitzen von Stahl und Eisen.</p>
-
-<p>Es war an einem trüben Nachmittage.</p>
-
-<p>Mit unverminderter Gewalt wütete der Sturm um das
-Haus. Die Türen der Ställe knallten in kurzen Schlägen
-auf und zu. Wie eine Nachäffung von Kampf und Schlacht
-rollte ein ewiger Donner durch die weißen Gebäude. Aber
-mitten durch das Toben des Elementes drang ein schmerzliches
-Stöhnen, ein Winseln und Wimmern, das Johanna,
-die gerade über einen der Gänge des zweiten Stockwerks
-schritt, nicht überhören konnte. Ganz sicher, das markdurchwühlende
-Ächzen, es stahl sich aus dem Zimmer des
-verwundeten Rittmeisters, dessen Verfall in den letzten
-Tagen auch den unkundigsten Blicken nicht verborgen geblieben
-war. Von einem heimlichen Schrecken durchdrungen
-und ohne lange abzuwägen, ob ihre Teilnahme einem Angehörigen
-der jetzt von ihr so bitter gehaßten Rasse galt,
-trat Johanna nach einem kurzen Anklopfen ein.</p>
-
-<p>Was war das?</p>
-
-<p>Seit Tagen schon hatte Leo Konstantinowitsch Sassin
-<a class="pagenum" id="page_382" title="382"> </a>
-dauernd seinen zum Skelett abgemagerten Körper im Bett
-halten müssen. Jetzt aber saß der Rittmeister in dem
-grauen Feldmantel, aus dem sowohl das Einschußloch als
-die Blutspuren noch immer nicht getilgt waren, hinter einem
-mit Karten bedeckten Tisch, und die tief über die zerwühlten
-Haare gezogene Mütze sowie die stark nach Juchten riechenden
-Reiterstiefel an seinen Füßen bewiesen, wie der Hinfällige
-den wahnsinnigen Entschluß gefaßt haben müsse,
-der Stätte seines langen Krankenlagers endgültig zu entfliehen.
-Als die Tür knarrte, schrak der Kranke zusammen
-und fuhr mit den dürren Händen aufgeregt und haltlos
-über die bunten Blätter.</p>
-
-<p>»Schönes Fräulein &ndash; schönes Fräulein,« hauchte er
-kaum noch vernehmlich, obwohl die sich bäumende Brust
-eine letzte Anstrengung hergab, »ich muß fort. Es geht mir
-überraschend gut, und deshalb muß ich es riskieren. Wo
-steckt mein Bursche? Ich habe ihn schon seit drei Tagen
-nicht mehr gesehen! Der Hund ist klug, er hat sich auf die
-Strümpfe gemacht. Ich will auch nicht länger in dieser
-Mausefalle sitzen bleiben, verstehen Sie? Unsere Idioten,
-diese verschlafenen Strohköpfe haben uns in nichts als
-Teiche und Sümpfe geführt. Sind wir Katzen, die man
-ersäufen will? Kommen Sie, kommen Sie, ein Blick auf
-meine Karten genügt. Jedes Schulmädchen wird das einsehen.
-Hier &ndash; und hier &ndash; und hier&nbsp;... Eine gotteslästerliche
-Wirtschaft!« Wütend ballte er die Papiere zusammen
-und schleuderte sie, zu einer Kugel geformt, in die
-Ecke. »Jede Nacht habe ich davon geträumt, ich steckte
-immer bis zum Hals im Wasser. Aber jetzt ist es zu spät!
-Glauben Sie mir, man wird hier etwas Gräßliches erleben.«</p>
-
-<p>Gewaltsam richtete sich der Russe auf, und es schien,
-als ob er durch die Tür von dannen stürzen wollte. Allein
-<a class="pagenum" id="page_383" title="383"> </a>
-in der nächsten Sekunde mußte er sich mit beiden Händen
-an den Tisch klammern. Er schwankte, die stark duftenden
-Juchtenstiefel suchten vergeblich einen Halt.</p>
-
-<p>Johanna jedoch, obwohl ihr Herz zu jagen anhob, vergaß,
-was sie dem Hilflosen schuldete, und regte sich nicht.
-In ihrem weißen Antlitz brannten die sonst so kühlen
-blauen Augen in einem bösen Feuer. Ein gieriges Lächeln,
-ganz widerspruchsvoll und unheimlich, schlängelte sich um
-ihre Lippen. Wie sie so aufragte, da hätte sie auch einem
-minder Verzweifelten Furcht einflößen können. Und der
-Kranke, der sich nicht aufrecht zu erhalten vermochte,
-beugte den Hals vor und starrte in plötzlich aufspringendem
-Entsetzen auf seine unbewegliche Gastgeberin.</p>
-
-<p>»Was wollen Sie?« keuchte er, »halten Sie mich nicht
-auf!«</p>
-
-<p>Aber Johanna sperrte ihm ungerührt den Weg.</p>
-
-<p>»Herr Rittmeister« brach es mit einem Mal hell und voll
-versteckter Wollust aus ihr heraus, »meinen Sie, daß
-Ihrem Heer irgendeine Katastrophe bevorsteht?«</p>
-
-<p>»Das weiß ich nicht, &ndash; das habe ich nicht gesagt &ndash; nicht
-die leiseste Andeutung gemacht. Ich bin krank. Meine Gedanken
-gehorchen mir nicht mehr. Sie wissen, sie springen
-herum, wie auf einem Tanzboden. Was lachen Sie mich
-so an? Oh, ich weiß, was Sie uns wünschen! Sie sollten
-sich hüten!«</p>
-
-<p>Jedoch die Älteste von Maritzken hütete sich nicht. In
-ihren Mienen verkündete sich immer deutlicher eine wilde
-Wonne.</p>
-
-<p>»Herr Rittmeister« sog sie förmlich aus dem ihr Unterlegenen
-heraus, »nicht wahr, Fürst Fergussow befindet sich
-gleichfalls auf den Linien, die Sie vorhin auf der Karte
-bezeichneten?«</p>
-
-<p>»Ja, was geht er mich an? Der Teufel soll ihn holen!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_384" title="384"> </a>
-Die Blonde drängte erbarmungslos weiter.</p>
-
-<p>»Und Sie vermuten, es werden nur wenige aus den
-Wasserläufen entwischen?«</p>
-
-<p>Jetzt brach dem Rittmeister der Schweiß aus. Er wurde
-erdfahl und vermochte seine herunterfallende, wie im
-Krampf bebende Kinnlade nicht mehr zu bändigen.</p>
-
-<p>»Verwünscht,« röchelte er, schlug mit den Armen in die
-Luft und wankte haltlos bis zur Tür, »Sie foltern mich!
-Was habe ich Ihnen getan? Hören Sie nicht? Hören Sie
-es nicht? Da ist es wieder, das ungeheure Gurgeln,
-Schnaufen und Schmatzen, das mich wahnsinnig macht.«</p>
-
-<p>Er fiel auf der Treppe nieder und rollte wie ein schweres
-Bündel die Stufen herab. Johanna hörte noch einen schrillen
-Angstschrei, und als sie ans Fenster eilte, gewahrte sie,
-wie der Kranke in einer letzten Anspannung und mit vorgestreckten
-Händen über den Hof taumelte. Unsichtbare
-Geißeln schienen auf seinen Rücken zu klatschen. Der
-Sturm schmiß ihn hierhin und dorthin, und wie ein
-grauer Schemen verschwamm das unselige Menschenbild
-in den wirbelnden Staubwolken der Landstraße.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Das weiße Haus aber sollte noch einen anderen seiner
-Bewohner hergeben.</p>
-
-<p>Draußen auf den Wegen und Stegen fing es an, lebendig
-zu werden. Zuerst waren es nur kleine Kosakentrupps,
-die in einem rasenden Galopp über die Straße fegten. Die
-Nachmittagssonne brannte ihnen auf den Rücken, und es
-schien, als ob die toll gewordenen Tiere ihren eigenen
-Schatten fressen wollten. Mit tief herabhängendem Halse
-stäubten sie ihrem vorausfliehenden schwarzen Abbild nach.</p>
-
-<p>Doch es blieb nicht bei den wenigen. Bald erbebte der
-<a class="pagenum" id="page_385" title="385"> </a>
-Boden unter dem Gedröhn zusammengeballter Reitermassen.
-In einer finsteren Gier, fluchend und tobend, heulten sie
-vorüber, und nur der Wille, gewaltige Strecken zwischen
-sich und irgend etwas Folgendem zu legen, hielt diese Horden
-noch zusammen. Voll frohlockenden Entsetzens erkannte
-Johanna, die jene fessellose Jagd, weit aus einer der Bodenluken
-gelehnt, verfolgte, wie diese zusammengeduckten Reiter
-Lanzen und Karabiner von sich schleuderten, so oft sie
-meinten, einen Vorsprung vor ihren sich stauenden Vordermännern
-erreichen zu können. Menschen und Tierleiber
-waren von einer dicken schlammigen Kruste bedeckt, und
-manche der Verfolgten umklammerten noch immer in vollkommener
-Bewußtlosigkeit dicke Büschel ausgerissenen Seegrases,
-als gelte es, vor allen Dingen diesen letzten Schutz
-nicht aus den Fingern zu lassen. Bleich, blutend, gespensterhaft
-raste alles vorüber. Die Beobachterin jedoch preßte
-ihre Hände gegen die kreisrunde Einfassung ihres Ausguckloches,
-als müsse sie die Mauern auseinanderbrechen, um
-das Bild noch weiter, gesättigter in sich aufnehmen zu
-können.</p>
-
-<p>»So peitscht Fürst Fergussow seinen müden, zusammenbrechenden
-Schimmel vielleicht auch über eine unserer
-Chausseen,« schoß es ihr dann durch die vom Schauen aufgewühlten
-Sinne, »blutend, zerfetzt, jeder Männerwürde
-beraubt, genau so wie die Geschlagenen, Gedemütigten, die
-dort in den dampfenden Staubwolken, umheult und zerzaust
-vom Winde, ihr nacktes Leben zu retten trachten.«</p>
-
-<p>Und ihre Seele erlabte sich an der Vorstellung, wie der
-glatte glänzende Kavalier, der ihr die Schande ins Haus
-getragen, sein Ende vielleicht in einem Kothaufen gefunden,
-nachdem der peinlich Saubere vorher alle Qualen
-des Ekels vor dem Schmutz seines Grabes durchkostet. Aber
-nein, nein, wenn sie ganz wahrhaft gegen sich selbst verfuhr,
-<a class="pagenum" id="page_386" title="386"> </a>
-dann drängte sich noch ein anderes Bild, ein heißerer Wunsch
-vor den lodernden Brand ihrer Rache. Er durfte ja noch
-gar nicht verkommen und verdorben sein, solche geschmeidigen
-Naturen wie dieser im Innern verpestete Aristokrat, sie
-fanden gewiß tausend Mittel, um dem auf sie lauernden
-schimpflichen Verlöschen zu entweichen. Welch ein Glück,
-welch eine rasende Wonne, wenn der zu Boden Geschlagene
-und alles Hochmutes Entkleidete noch einmal gleich einem
-schuldbewußten Dieb oder Bettler vor sie hintreten müßte!
-Ja, darauf lauerte sie. Diese Erwartung trug Möglichkeit
-auf Möglichkeit in ihre Gedanken, bis die Landtochter nicht
-einen Moment mehr daran zweifelte, ihr würde diese
-erlösende Vergeltung von dem Schicksal, das jetzt über
-Staaten und Völker rollte, beschieden sein.</p>
-
-<p>So stand sie und starrte in die Umgegend hinaus, auf den
-fernen Feuerschein, auf die Felder, die von schwarzen Gestalten
-zu wimmeln begannen, auf die blauen Gehölze, die
-zerschossene, verwirrte Gespanne und rasselnde Züge schwarzer
-Kanonenrohre von sich ausspien.</p>
-
-<p>Vorbei, vorbei. Das Klirren, das Sohlenknirschen unzähliger
-sich fortwälzender Fußgänger, der Wogenschlag
-und die Brandung heiserer vernichteter Menschenstimmen
-lärmten ununterbrochen an dem weißen Anwesen vorüber.</p>
-
-<p>Der Erwartete aber kam nicht. Er kam nicht, wie sehnsüchtig
-und gierig auch zügellose Wünsche nach ihm ausschweiften.
-Und der Gutsherrin bemächtigte sich die Furcht,
-Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des Zaren, der Inbegriff
-und das Sinnbild einer zerfressenen Kultur, er könnte
-von den schwarzen Wellen dort unter ihr bereits unerkannt
-vorübergetragen sein.</p>
-
-<p>Wenn das möglich wäre, wenn er sich so gleichgültig gebärdete,
-so rücksichtslos, so bitter feige! Und zum erstenmal
-in ihrer bangen Erwartung preßte sich Johanna die
-<a class="pagenum" id="page_387" title="387"> </a>
-Faust auf die Brust, und ein Frösteln flog über ihre Glieder,
-weil sie den tiefsten Grund ihres irren Verlangens nicht
-mehr unterscheiden konnte.</p>
-
-<p>Auch ein paar andere Augen wühlten sich beutehungrig
-hinter einem der nach der Straße gelegenen Fenster in den
-vorüberschießenden Menschenstrom ein. Schwarze, leuchtende
-Augen, die merkwürdigerweise in einem sehnsüchtigen
-Glanz schwammen, obwohl sie doch in Wahrheit nur von
-einem heißen, eigensinnigen Begehren erfüllt waren. Gleich
-Angelhaken schwankten Mariannes Blicke mit der sturmgdrängten,
-brüllenden und schreienden Masse dahin. Immer
-nur bereit, sich an ein einziges ersehntes Idol anzuklammern.
-Nicht eine Spur des Triumphes war in ihr, daß die eisengepanzerte
-Faust ihres Heimatlandes mit wuchtigem Schlag
-die fremden Bedränger vor sich her stieß, nicht die geringste
-Erhebung weitete ihre Brust über die dumpfe Wut und das
-ohnmächtige Entsetzen, welches die vorüberstürmenden
-Slaven empfanden, nachdem sie zum erstenmal in das gerunzelte
-deutsche Antlitz geblickt hatten. Nein, ihr abenteuernder
-und irrlichterlierender Geist errechnete nur schwindelhafte
-Möglichkeiten, wie sie für sich selbst mitten aus dem
-Zusammenbruch den blassen Schemen irdischen Glanzes
-erraffen könnte. Eine goldene Fürstenkrone auf ihr schwarzes
-duftendes Haar. Die gebührte ihr, die hatte man ihr zugesichert
-unter tausend zärtlichen Eiden. Und die alles Urteils
-Beraubte und von ihrer eigenen Schönheit völlig Betörte
-glaubte unverbrüchlich an diese ihr zäh im Gedächtnis haftenden,
-lächerlichen Schwüre. Bald streckte sich Marianne
-in dem kleinen Zimmer auf ein Ruhebett aus, um ihre
-widerspenstig zuckenden Nerven durch die Lektüre eines
-Romans zu beruhigen, bald schleuderte sie das Buch, aufgeschreckt
-durch das brausende Toben, das durch die Mauern
-quoll, verstört und verständnislos wieder von sich. Eben
-<a class="pagenum" id="page_388" title="388"> </a>
-huschte sie vor den gebräunten Mahagonispiegel, denn in
-all dem Graus und Lärm mußte sie sich doch davon überzeugen,
-ob sich der schwarze Ledergürtel nicht störend verschoben
-hätte, da wurde rasch die Tür geöffnet, und mit
-hastigen Schritten trat Johanna zu ihr ein. Über der
-großen Blonden flammte noch das sonderbare Leuchten,
-der Abglanz des unerhörten Begebnisses, und das weiße
-Antlitz strahlte wieder stolz und kraftbewußt wie sonst.</p>
-
-<p>»Marianne,« rief sie mit unterdrückter Stimme, die nur
-schwer das geheime Frohlocken bändigte, »siehst du dort
-draußen, wie diese schlimmen Tiere von dannen ziehen?«</p>
-
-<p>»Ja, ich sehe,« versetzte die Schwarze an sich haltend,
-denn es verdroß sie, sich ihrer rasenden Hoffnung nicht
-länger hingeben zu können.</p>
-
-<p>»Das haben die Unsrigen vollbracht. Oh, jetzt wird hier
-alles wieder aufwachen, alles besser werden. In wenigen
-Stunden müssen unsere Truppen hier sein. Mir ist es
-immerfort, wie wenn ich sie schon singen hörte.«</p>
-
-<p>Da zuckte Marianne widerwillig die Achseln.</p>
-
-<p>»Was sollen jetzt diese Übertreibungen?« widersprach
-sie mit der ihr eigenen aufreizenden Lässigkeit, und die Absicht,
-den Jubel ihrer älteren Schwester zu stören, trat
-feindlich zutage. »Vorläufig hört man doch nur das
-Gestampfe und Getrappel der anderen. Was verstehen
-wir überhaupt von solchen Dingen?«</p>
-
-<p>Entsetzt schlug Johanna die Hände zusammen. Länger
-vermochte sie die schweigende Spannung, die zwischen
-ihnen beiden herrschte, nicht zu ertragen. Es wurde alles
-klar um sie herum, jetzt mußte unbedingt auch die Säuberung
-des verunreinigten Hauses folgen. Jetzt, bevor die
-Befreier ihren Einzug hielten.</p>
-
-<p>»Mir scheint,« begann sie mit erhobener Stimme, indem
-sie näher auf die noch immer vor dem Spiegel Weilende
-<a class="pagenum" id="page_389" title="389"> </a>
-zutrat, »daß du mit der Horde, die unser Dorf plünderte
-und ansteckte, die unsere Freunde und Verwandten niederschlug,
-nachdem sie unsere ganze Provinz bis zur Erschöpfung
-ausgesogen, ein überflüssiges Mitleid empfindest.«
-Voll und ohne abzuirren ruhten jetzt ihre großen blauen
-Augen auf den dunklen Zügen der Schwester, mit der sie
-ihre Rechnung zu Ende führen wollte. »Marianne« fuhr
-sie klar und unerschrocken fort, »ich habe nicht gelernt,
-Versteck zu spielen. Nimm an, ich wüßte genau, woher
-deine Sympathie stammt.«</p>
-
-<p>»Ich hege keine Sympathie für die da unten« schrie
-Marianne ausbrechend und stampfte besinnungslos mit dem
-Fuß auf, denn die drohende Auseinandersetzung verstärkte
-ihren Widerwillen gegen die große, empfindungslose Blonde,
-die nicht wußte, in welchen Zwiespalt lodernde und glückfordernde
-Seelen geraten können.</p>
-
-<p>Doch die Älteste von Maritzken blieb unerschütterlich.
-Ruhig hob sie das fortgeschleuderte Buch auf, um es sauber
-geglättet auf den Tisch zu legen, dann aber richtete sie sich
-zur Höhe und beharrte mit immer härterem Ton auf ihrer
-Meinung.</p>
-
-<p>»Für die Masse vermagst du dich vielleicht nicht zu
-ereifern, um so mehr aber leider für einen Einzelnen.«</p>
-
-<p>»Wie?«</p>
-
-<p>Die Angegriffene fuhr empor, stützte sich auf die Tischplatte,
-und im Augenblick hatte sie den lange Jahre bewahrten
-Respekt vor der Großen völlig vergessen. Spurlos
-entschwirrte ihr die Erinnerung, wie die Arbeit dieses
-nüchternen blonden Weibes Tag auf Tag, Monate auf
-Monate Not und Schmach von der gemeinsamen Schwelle
-ferngehalten, ohne dafür etwas anderes zu verlangen, als
-daß auch die anderen Insassen des Hauses sich ihre eigene
-spröde Sauberkeit zum Muster nähmen. Nein, das alles
-<a class="pagenum" id="page_390" title="390"> </a>
-entfiel der Erregten. Einzig und allein wurde sie von der
-fressenden Vorstellung geschüttelt, hier stände jemand, aus
-dem nichts als Haß und Neid emporschlage über das unerhörte
-Glück, das schon so nahe, zum Greifen nahe, über der
-Jüngeren, Schöneren geschwebt hatte. Und jetzt, gerade jetzt
-konnte jene goldene Hoffnung vielleicht dort unten vorübertraben,
-während sie gezwungen wurde, die kostbare Zeit
-durch ein dummes Familiengeschwätz zu vergeuden! Nie
-und nimmer!</p>
-
-<p>»Was sollen deine heimlichen Andeutungen?« rief sie
-zitternd in der Scham einer Ertappten und doch voll Erbitterung
-darüber, daß sie noch immer wie ein kleines
-Kind gegängelt werden sollte, »ich bin selbständig und
-erwachsen und kann über mein Leben verfügen, wie ich Lust
-habe.«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, ob du das kannst,« entgegnete Johanna,
-sich noch einmal mit aller Gewalt bezwingend, »aber eines
-weiß ich sicher, ich würde in deinem Fall vor den Männern,
-die in wenigen Stunden hier sein werden, nicht die Augen
-aufzuschlagen wagen.«</p>
-
-<p>»Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei?
-Ich bin genau so erbberechtigt wie du. Aber sei überzeugt,
-wenn es möglich wäre, hier fortzukommen, der Abschied
-würde mir nicht schwer fallen.«</p>
-
-<p>Jetzt vermochte auch die Ältere den inneren Brand nicht
-mehr länger zu zügeln. Vor dieser bodenlosen Undankbarkeit
-barst ihre Verwandtenliebe und das erworbene Muttergefühl
-in Scherben auseinander. Eine Derbheit bemächtigte
-sich ihrer, die etwas Bäuerliches an sich hatte. Mit beiden
-Fäusten griff sie in die weichen Schultern der anderen und
-schüttelte sie hin und her, als wollte sie sich die Ungeratene
-vor die Füße schleudern.</p>
-
-<p>»Genug,« kam es dabei ganz klar überlegt aus ihr heraus,
-<a class="pagenum" id="page_391" title="391"> </a>
-»du sollst mir die Freude an der herrlichen Erhebung
-nicht vermindern. Du hast auch ganz recht, es wird Zeit, daß
-du dich auf eigene Füße stellst und die Verantwortung für
-dein Tun allein übernimmst. Ich wenigstens will und mag
-sie nicht länger tragen. Ich bin zu dumm und zu zurückgeblieben
-dazu.«</p>
-
-<p>»Das bist du, das bist du,« schrie Marianne außer
-sich hinter der Schwester her, die bereits die Tür erreicht
-hatte; und in dem Bestreben, die Enteilende an einer besonders
-empfindlichen Stelle zu treffen, setzte sie die Hände
-in die Seiten und sprudelte, sich wiegend und in ihrem
-scharfen, rücksichtslosen Ton: »Auf eigene Füße soll ich
-mich stellen? Was steht mir nicht alles offen? Aber ich
-weiß schon was ich tue. Wenn sich mein Wunsch nicht erfüllt,
-dann &ndash; ja dann werde ich Schauspielerin. Dazu
-passe ich. Das haben mir schon viele versichert.«</p>
-
-<p>Und in befriedigtem Triumph warf sie sich wieder auf
-das Ruhebett und langte mit angenommener Gleichgültigkeit
-nach dem Buch, ganz als ob sie imstande wäre, das
-Rollen und Toben, das Galoppieren und Schnaufen, all
-die wahnsinnig drohenden Laute der sich hemmungslos
-vorwärts schiebenden Massen zu überhören.</p>
-
-<p>Doch kaum hatte Johanna die Tür mit einem harten
-Schall zugeworfen, da sprang Marianne von ihrem Lager,
-raffte ein Tuch über die Schultern und stürzte ohne Furcht
-noch Zagen über den Hof bis an die Einfahrt. Fest umklammerte
-ihre schmale Hand hier den viereckigen Pfeiler des
-Tores. Dann beugte sie sich hinaus und bohrte ihre Blicke
-mit einer zähen, verbissenen, ihr sonst ganz fremden Beharrlichkeit
-in den aufgescheuchten, durcheinander quirlenden
-Zug hinein.</p>
-
-<p>Da &ndash; und da &ndash; und dort! &ndash; Überall einzelne Reitertrupps,
-unzusammenhängend, die verschiedensten Uniformen
-<a class="pagenum" id="page_392" title="392"> </a>
-durcheinander gemischt, Kosaken, Dragoner, Artilleristen,
-dazwischen Teile versprengter Linienregimenter, triefend,
-kotig, die meisten ohne Waffen. Dahinter wild in die Voranrückenden
-hineingeschoben Proviantkolonnen mit flatternden
-und zerzausten Plantüchern, die der heulende Sturm
-hochtrieb und in Fetzen zerriß.</p>
-
-<p>Eben noch dämmerte durch das schwerfällige Auffassungsvermögen
-des suchenden Mädchens eine dumpfe Ahnung,
-daß alles, was hier vorüber floh, ritt und rasselte, sich wie
-zerbrochene Scherben eines zerschlagenen Geräts ausnähme,
-verwüstet und niemals wieder zu einem bestimmten Dienst
-zusammenfügbar, &ndash; da geschah das, was den hellen Stern,
-der so lange über ihrem Haupte gefunkelt, herunterriß,
-um ihn in Kot und Schmutz zu begraben.</p>
-
-<p>»Hilfe!« schrie Marianne gellend.</p>
-
-<p>Einer der mit vier Pferden bespannten Bagagewagen war
-plötzlich durch eine Verwirrung der Stränge aus der Bahn
-der übrigen geschleudert. Wild zur Seite setzend, preschten
-die Tiere in das offene Tor hinein, krachend zerschellte das
-schwere Gefährt an den Mauern der Einfahrt. Und einem
-irren Triebe gehorchend, sprang die Hinausstarrende mitten
-in die vorüberhetzenden Trümmer der geschlagenen Haufen
-hinein.</p>
-
-<p>Ein Stoß &ndash; und noch einer &ndash; ein lauter Schmerzensschrei,
-&ndash; dann ein Straucheln und Wiederemporgerissenwerden,
-&ndash; haarige Fäuste, die sich roh in die Kleider des
-Mädchens einkrallten, &ndash; zuletzt ein Schieben und Hinaufzerren
-der Bewußtlosen in einen der krachenden und kreischenden
-Planwagen. Was sich dort drinnen begab, das
-schlug zum Glück nur noch wie der letzte Schein eines Erblindenden
-gegen ihr Bewußtsein. Auf nassem Stroh lag
-sie ausgestreckt, inmitten blutender, stöhnender und fluchender
-Menschen, und doch fühlte sie noch im Versinken, wie
-<a class="pagenum" id="page_393" title="393"> </a>
-eine verpestete, tierische Zudringlichkeit in ihrer ermatteten
-Schönheit wühlte.</p>
-
-<p>Das Begehren nach der Huldigung Ungezählter und
-Namenloser, es hatte sich erfüllt. Jetzt riß es der Beraubten
-die goldene Fürstenkrone vom Haupt.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wer sollte der Ältesten von Maritzken eine Aufklärung
-darüber erteilen, wann und wohin Marianne verschwunden
-oder entwichen war?</p>
-
-<p>Keiner wußte es.</p>
-
-<p>Die schwarze Faust des Krieges hatte eben nur höhnisch,
-spielerisch in den Hof hineingelangt, und es war nichts
-geschehen, als daß sich die eisengepanzerten Finger wie in
-grimmigem Scherz um ein junges, blühendes Geschöpf geschlossen
-hatten. Man sah nichts mehr von ihm, es war
-zerquetscht.</p>
-
-<p>Verstört, verständnislos lief Johanna mit den wenigen
-Mägden in der Wirtschaft herum, laut hallend rief man
-den Namen Mariannes in das herbstliche Gehölz hinein, &ndash;
-nirgends eine Spur von der Verlorenen.</p>
-
-<p>»Vorwärts in den Keller,« trieb Johanna an, von der der
-Glaube nicht wich, es handle sich bei der Jüngeren nur um
-eine erklügelte Bosheit, die sie ersonnen hatte, um sich für
-die harte Zurechtweisung zu entschädigen.</p>
-
-<p>Draußen auf der Landstraße kroch die gewaltige, schuppenhäutige
-Schlange langsamer, träger dahin. Sie schien
-ermüdet zu sein, und das Quirlen und Fauchen, das Heulen
-und Kreischen, das sie bisher ausgestoßen, wurde seltener.</p>
-
-<p>Es war um die fünfte Nachmittagsstunde, als Johanna
-von ihrem vergeblichen Abstieg in die unteren Räume des
-Hauses kopfschüttelnd zurückkehrte. Schon von dem Flur
-<a class="pagenum" id="page_394" title="394"> </a>
-aus bemerkte sie zurückzuckend, wie auf dem Hof ein Trupp
-russischer Kavalleriepferde rings um den blauweißen Pfahl
-des Taubenhauses zusammengekoppelt stand. Hochauf
-rauchte den Tieren das struppige Fell. Einzelne von den
-todmüden Kleppern waren vorn in die Knie gebrochen,
-andere hingen mit der Halsung bis auf das Pflaster herab,
-wo sie gierig die wenigen Haferkörner aufschnupperten,
-die von den Tauben übriggelassen waren. Ihre Reiter
-jedoch drängten sich in wilder Hast aus den offenen Stalltüren.
-Dort drinnen wurde zusammengeschlagen und auseinander
-gebrochen, was irgendwie einem Futterbehälter
-ähnlich sah. Es blieb klar, hier galt es keiner bequemen
-Einlagerung mehr, hier wurde nur noch in besinnungsloser
-Gier geplündert und fortgerissen, was man zur Erhaltung
-einer letzten verebbenden Widerstandskraft benötigte.</p>
-
-<p>Von einer Ahnung durchschlagen, warf die Gutsherrin in
-hartem Schwung die Tür des kleinen Wohnzimmers zurück,
-in dem sie vor kurzem noch mit ihrer jüngeren Schwester
-gehadert und gestritten.</p>
-
-<p>Und dann&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ihre Hand erstarrte auf der Klinke.</p>
-
-<p>Entsetzen &ndash; nein, dem Himmel sei Dank &ndash; nein, Entsetzen
-&ndash; wer hatte sich dort auf das Ruhebett geworfen,
-um das noch der leichte Duft von Mariannes Parfüm
-schwebte? Unmöglich, es war nicht denkbar, daß diese zerrüttete,
-halb offene Uniform, daß die herabhängenden
-Arme, die von Kot überkrusteten Stiefel, die rücksichtslos
-über das untere Polster gebettet lagen, &ndash; nein, ausgeschlossen,
-dies alles konnte nimmermehr zu der vollendeten,
-ebenmäßigen Gestalt gehören, die hier einst wie ein fremder,
-aber doch herrlicher und lächelnder Gott einhergeschritten.</p>
-
-<p>Und doch &ndash; alle Zweifel erwiesen sich als hinfällig,
-wo die Wirklichkeit in ihrer grausen Majestät waltete.
-<a class="pagenum" id="page_395" title="395"> </a>
-Wozu noch nach Gründen forschen, weshalb Verknüpfungen
-zu verstehen suchen, jetzt, wo der prasselnde Hagelschlag
-dort draußen die ganze Giftpflanzung gottlob zu zerschmettern
-anhob! Hier lag nur eine einzige verkommene Blüte, ein
-gefährlicher Kelch, dessen süße Dünste Gift und Verwesung
-um sich gestreut hatten. Und solch ein zerknicktes Unkraut
-sollte man nicht vollends brechen und vernichten können?</p>
-
-<p>Johanna wußte nicht, was sie dachte. Ohne klare Besinnung,
-wie ein großer wachsamer Hund, der einen gefährlichen
-Eindringling umlechzt, schlich sie näher. Auf
-Zehen.</p>
-
-<p>Der zerbrochene, übermüdete und zerschlagene Körper
-da vor ihr regte sich nicht. In sich zusammengekrochen,
-mit schlaff herabhängenden Armen lag er über die Polster
-gekrümmt, und als sich Johanna vorsichtig über ihn beugte,
-entdeckte sie, wie bleierner Schlaf die sonst so gelenkigen
-Glieder des Offiziers wie in einen Schraubstock einpreßte.
-Zerbeult hing die Mütze ihm noch auf den wirren, schweißnassen
-Haaren. Grau und zerfurcht spannte sich die Haut
-über die plötzlich hervorstehenden Backenknochen, und sie
-drückten dem bekannten Antlitz unvermittelt ein nicht zu
-verkennendes slavisches Gepräge auf. Auch der offenstehende
-Mund entbehrte jener weichen Anmut, die ihn früher
-so verlockend umspielt.</p>
-
-<p>Aber eine unvorsichtige Bewegung ließ das Landmädchen
-die Schulter des Hingestreckten streifen. Im gleichen Moment
-stieß der Schläfer einen lauten Schrei aus und sprang
-in so haltlosem Entsetzen auf die Füße, das rings umher
-alle leichteren Möbelstücke zitterten und bebten. Lodernd
-waren die großen dunklen Augen des Russen aufgerissen,
-und seine Rechte zuckte schwankend, betäubt nach einer
-umgeschnallten Pistolentasche, die er trotzdem nicht fand.</p>
-
-<p>Sprachlos starrten die beiden Menschen sich an. Und es
-<a class="pagenum" id="page_396" title="396"> </a>
-dauerte eine geraume Weile, bis sich Fürst Fergussow auf
-seine Umgebung und auf seine Gastgeberin zu besinnen
-schien, auf das blonde Weib, deren hohe festgefügte Wucht
-ihm in dem dunklen Zimmer alle Fassung geraubt hatte.</p>
-
-<p>Wo waren die Lebensart, die nie versagenden Formen
-des Hofmannes geblieben? Er begrüßte die Dame des
-Hauses nicht, er gab ihr über den Zweck seines Wiedererscheinens
-keine Auskunft, er versuchte nicht, sein Hemd
-über der nackten Brust zusammenzuziehen. Müde, leer,
-unwillig, wie jemand, der sich über einen unwillkommenen
-Zuschauer ärgert, streifte er das schweigende Landmädchen
-mit einem mißtrauischen Blick, bis er sich schließlich stöhnend
-und scharrend auf einen Stuhl am Tisch niederließ. Mitten
-durch die Dunkelheit verfolgte Johanna, wie Dimitri Sergewitsch
-dort seinen Kopf in beide Hände nahm, wobei es ihm
-endlich auffiel, daß die Feldmütze noch immer sein Haupt
-bedeckte. Mit einem Fluch schleuderte er sie auf die Erde.
-Und erst durch jene Anstrengung völlig zu sich gebracht, schien
-er über sich und seinen Zustand nachzubrüten.</p>
-
-<p>»Geben Sie mir etwas zu essen,« war das erste, was er
-forderte. Er verlangte es in einem Ton, der keinerlei Bekanntschaft
-mit der Angeredeten ahnen ließ und der nichts
-als stummen Gehorsam erwartete.</p>
-
-<p>»Unsere Vorräte sind ausgeraubt,« erwiderte Johanna
-trotzig, denn ihr Triumph über die ungeheure Zerschmetterung
-der bisherigen Bedränger verleitete sie zu der Unklugheit,
-die noch immer vorhandene Macht der Fremden geringzuschätzen.
-Auch durchströmte sie ein seltsames Wohlbehagen
-dabei, als sie sich jetzt zum erstenmal den Geboten dieses
-glatten Machthabers zu widersetzen wagte.</p>
-
-<p>Doch der Mann am Tisch sprach weiter, als wäre ihr
-Einspruch spurlos an ihm vorübergeweht.</p>
-
-<p>»Machen Sie Licht,« verlangte er, unbehaglich und nervös
-<a class="pagenum" id="page_397" title="397"> </a>
-mit den Stiefeln scharrend, »und dann bringen Sie mir
-eine Tasse Tee und Fleisch, viel Fleisch. Ich bin hungrig.«</p>
-
-<p>Allein Johanna rührte sich noch immer nicht von der
-Stelle.</p>
-
-<p>»Ich sagte Ihnen schon&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Gehorchen Sie,« schrie der Russe plötzlich in einer
-Wut, vor der Johanna wie vor einem Faustschlag zurückfuhr.
-»Ihre Landsleute haben uns gelehrt, wie Krieg geführt
-werden muß. Verstehen Sie? Glauben Sie vielleicht,
-daß ich Lust und Zeit habe, Tanzstundenredensarten zu verschwenden?
-Danken Sie Gott dafür, daß ich noch immer an
-Roheiten keinen Geschmack gewinnen kann. Sonst müßte
-ich Ihrem Volke gegenüber meine Wünsche mit anderem
-Nachdruck vertreten. Und nun, bitte, bringen Sie, worum
-ich Sie ersuchte. Auch eine Flasche Wein wünsche ich auf
-den Tisch.«</p>
-
-<p>Er streckte die Hand gegen die Tür wie ein Herr, der
-seine Untergebene zur Eile mahnt. Johanna aber warf
-das blonde Haupt in den Nacken und verließ aufgerichtet
-und selbstbewußt das Zimmer. Nicht durch das Zucken einer
-Wimper verriet sie dabei, wie schmerzhaft der Schreck über
-das veränderte Wesen des früher so zartfühlenden, weichen
-Menschen in ihr wühlte. Allein auch jetzt, da die verwüstete
-Erscheinung hinter ihr versunken war, sollte die Gutsherrin
-zu keiner Klarheit über das gelangen, was doch die nächsten
-Stunden bringen mußten. Nur eines schwang vor ihren
-starren Augen in roten Kreisen herum, er sollte nicht fort
-von hier, bevor &ndash; ja bevor&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Hier jedoch verwirrte sich bereits ihr Verlangen, denn
-sie schrak vor ihren eigenen durcheinander rasenden Plänen
-zurück, weil ihre Absichten körperlich wie mit schwarzen
-Flügeln um ihr Haupt taumelten. Auch sollte sie scheinbar
-nicht die letzten Grenzen ihrer Wünsche durchmessen, denn
-<a class="pagenum" id="page_398" title="398"> </a>
-als sie in der Dunkelheit noch eine kurze Weile auf der rot
-gepflasterten Diele verweilte, da vernahm sie zusammenfahrend,
-wie eine vertraute, lang vermißte Stimme flüsternd
-ihren Namen nannte.</p>
-
-<p>Gegen den Pfosten des Eingangs drückte sich eine untersetzte
-Gestalt.</p>
-
-<p>»Fräulein!«</p>
-
-<p>»Ja, wer sind Sie? &ndash; Herr im Himmel, Baumgartner!«</p>
-
-<p>»Ich bin's,« kam es von der anderen Seite kaum vernehmlich
-zurück. »Treten Sie einen Augenblick zu mir auf
-den Hof, gnädiges Fräulein, denn ich habe Ihnen etwas
-auszurichten.«</p>
-
-<p>Mit einem Sprung, atemlos, fuhr Johanna an die Seite
-des Verwalters. In der Aufregung, den Verlorengeglaubten
-unverletzt wiederzusehen, streckte sie dem treuen
-Mann beide Hände entgegen. Der Wirtschafter aber machte
-ihr mit der Schulter warnende Zeichen gegen die dunklen
-Gestalten hin, die den Hof bevölkerten, und flüsterte in
-seltsam verhaltener Erregung dasjenige hervor, was sein
-erschüttertes Gemüt nicht länger verschließen zu können
-meinte.</p>
-
-<p>»Wie sind Sie hierher gekommen, Baumgartner? Waren
-Sie gefangen?«</p>
-
-<p>»Später Fräulein, alles später. Um Gottes willen vorsichtig.
-Ich habe ihn gesehen.«</p>
-
-<p>»Wen?«</p>
-
-<p>»Unseren Nachbar, Ihren Vetter, Herrn von Stötteritz.
-Sie streifen dort hinten schon in den Wäldern herum. Er
-trug mir auf, Ihnen zu sagen, in längstens drei Stunden
-sei er mit den Ulanen hier.«</p>
-
-<p>»Baumgartner, besinnen Sie sich, ist das wahr?«</p>
-
-<p>»Es ist so wahr, wie ich meine Frau und meine kleine
-Marielle gesund wieder zu treffen hoffe. Ach, Fräulein,«
-<a class="pagenum" id="page_399" title="399"> </a>
-zischte es haßerfüllt und lauter, als es die Vorsicht gebot,
-aus dem sonst so stillen Menschen heraus, »wenn man die
-Mordbrenner nur so lange hier festhalten könnte! Dann
-würde ihnen heimgezahlt werden für alles, was sie uns
-angetan. Aber diese Bande hat Lunte gerochen und wird sich
-verkriechen.«</p>
-
-<p>Durch Johanna rieselte eine schneidende Kälte.</p>
-
-<p>»Das werden wir sehen,« sprach sie sich aufrichtend.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Die letzten verborgenen Vorräte prangten auf der Tafel
-des kleinen Eßzimmers. Leuchtend bedeckte das beste weiße
-Damastleinen den Tisch. Statt der elektrischen Birnen, die
-schon seit langem unterbunden waren, verbreitete eine hohe
-altertümliche Porzellanlampe unter einer matten Milchglocke
-hervor ihren dämmernden Schein, und sogar das
-ehrwürdige Familiensilber hatte unvermutet wieder den
-Weg aus den Kellern an seine alte Stätte gefunden. Auch
-die Hausherrin ließ es sich nicht nehmen, ihren hochgeborenen
-Gast selbst zu bedienen. Ohne zu zögern hatte sie sich ihm
-gegenüber niedergelassen, und sie wurde es nicht müde, dem
-halb Verschmachteten, der so gierige und verlangende Blicke
-auf Speise und Trank heftete, das oft geleerte und hastig
-heruntergestürzte Glas immer von neuem mit dem schweren
-dunklen Rotwein zu füllen.</p>
-
-<p>Kein überflüssiges Wort wurde zwischen ihnen gewechselt,
-keine Unterhaltung wollte aufkommen, nur als die Älteste
-von Maritzken beiläufig von dem Verschwinden Mariannes
-berichtete, da fing sie feindselig auf, mit welch völliger
-Gleichgültigkeit, ja wie erleichtert der russische Oberst von
-der unerklärlichen und beängstigenden Tatsache Kenntnis
-nahm.</p>
-
-<p>»Ah,« murmelte er, sich den Mund wischend, »die junge
-<a class="pagenum" id="page_400" title="400"> </a>
-Dame ist sehr gewandt. Ich wette, sie wird irgendwie in
-die Stadt geraten sein.« Und sich zurücklehnend und langsam
-seine Uniform zurecht streichend, setzte er wie in der
-Rückerinnerung an seine ehemalige hilfreiche Art hinzu:
-»Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, dort drinnen
-in Ihrem Namen eine Erkundigung einzuziehen.«</p>
-
-<p>Da glitt ein Schatten über das Antlitz der Wirtin. Und
-mit Anstrengung und einem so unsicheren Ton, daß es
-ihrem verdüsterten Gast auffiel, rang sie sich ab:</p>
-
-<p>»Wollen Sie denn heute noch weiter, Durchlaucht?«</p>
-
-<p>»Ja, ich muß, ich muß,« stieß Fürst Fergussow hervor,
-der sich inzwischen erhoben hatte und ans Fenster getreten
-war. »Dieser Abschnitt wird von anderen unserer Truppen
-besetzt werden. Aber seien Sie unbesorgt,« kehrte er sich
-langsam zu ihr, und allmählich drang wieder etwas von
-seiner einfangenden Höflichkeit in sein Wesen, »ich lasse
-Ihnen auch diesmal einen Schutzbrief zurück und hoffe,
-daß man ihn trotz unserer mißlichen Umstände beachtet.«</p>
-
-<p>»Sie sind sehr müde,« sprach Johanna zögernd, und
-wenn der andere genauer hingehorcht hätte, dann müßte
-er unfehlbar die schleppende Anstrengung aus ihrem Vorschlag
-herausgefunden haben, »Sie sehen eingefallen und
-kränklich aus,« drängte es unwillkürlich aus ihr weiter,
-und ohne daß sie es wußte, gewannen für einen Augenblick
-Angst und Besorgnis für dieses zerbrochene Menschenbild in
-ihr die Oberhand. Eine Verwirrung, eine Umwälzung
-gärten in ihr, der selbst die kräftige Walküre nicht gewachsen
-blieb. »Sie sollten sich hier noch eine Nacht lang
-Ruhe gönnen. Ich glaube bestimmt, das wird Sie aufrichten.«</p>
-
-<p>»Nein, nein, ich danke Ihnen, &ndash; ich danke Ihnen aufrichtig,«
-wehrte sich Dimitri Sergewitsch, während er unruhig
-im Zimmer auf- und niederschritt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_401" title="401"> </a>
-Wechselnde Schatten huschten dabei über seine verstörten
-Züge, die das frühere glatte Lächeln völlig verlernt zu haben
-schienen. Nervös griff er mit den Händen hierhin und
-dorthin. Es war ein Jammer, die fliegende Unrast dieses
-gehetzten Mannes beobachten zu müssen. Plötzlich warf
-er sich wieder an dem Tisch nieder, strich sich die braunen
-Locken zurecht und stützte das Haupt schwermütig auf seine
-Rechte.</p>
-
-<p>Johanna bebte.</p>
-
-<p>Denn die dunklen Augen, die sie jetzt so verzweifelt,
-so anklagend umfaßten, es waren dieselben, die Jahre um
-Jahre wie eine Verkündung ihres Loses auf sie herabgeschaut
-hatten.</p>
-
-<p>»Liebes Fräulein,« begann der Sitzende zu flüstern, und
-in seinen Augen sprühte das Entsetzen höher und höher,
-»wenn Sie wüßten, was wir verurteilt waren, zu sehen!
-Nein, ich kann und darf Sie nicht damit ängstigen. Die
-menschliche Natur ist in ihren Urzustand zurückgesunken.
-Die Bestien heulen sich an, reißen sich mit den Hauern das
-Fleisch von den Knochen und saufen ihr Blut. Das Grauen
-und der Ekel wird zu einer wollüstigen Unterhaltung. Und
-doch &ndash; oh, es ist fürchterlich &ndash; während wir den widerlichen
-Geschmack auf der Zunge spüren, während alle Maßstäbe
-des Menschlichen zwischen unseren Händen zerbrechen, da
-summt etwas Irrsinniges, etwas Aufreizendes in unseren
-Adern. Eine ungezügelte, wahnsinnige Lust, alle Schrecken
-von neuem durchzukosten, damit wir unsere tanzenden
-Nerven mit noch unvorstellbareren Scheußlichkeiten sättigen.«</p>
-
-<p>»Wünschen Sie sich gleichfalls etwas Ähnliches?« fragte
-Johanna hart, denn bei seinem Ausbruch fiel ihr plötzlich
-ein, wen sie vor sich hatte.</p>
-
-<p>»Ich?« Der Fürst sprang auf, preßte die Hände zusammen
-<a class="pagenum" id="page_402" title="402"> </a>
-und schlug sie verzweifelt gegen seine Stirn. »Wie
-kann ich Ihnen das beschreiben?« stieß er unglücklich und
-zerbrochen hervor, und ein schriller Wehlaut entrang sich
-ihm. »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das alles mitteilen
-soll, denn was gehen Sie mich im Grunde an? Vielleicht
-habe ich auch um Sie nicht viel Gutes verdient, und es ist
-sehr möglich, daß Sie mich hassen.«</p>
-
-<p>Jetzt erhob sich auch das große blonde Mädchen. Schwerfällig
-griff sie hinter sich an die Decke einer altertümlichen
-Kommode, um sich zu stützen. Ihre stählernen blauen Augen
-folgten unausgesetzt den wilden Gängen ihres Gastes,
-ihre Lippen bewegten sich, aber irgendeine Einwendung,
-die der aufgescheuchte Offizier zu vernehmen wünschte,
-sie vertrocknete ihr auf der Zunge. Und in seiner jagenden
-Hast hatte der erregte Mann auch längst wieder vergessen,
-was er eben noch zu erkunden begehrte. Oder es schien ihm
-nebensächlich, gleichgültig. Mit fliegender Hand zauste er
-an den Gardinen, die weiß und traulich vor der hereinbrechenden
-Nacht hingen, und ohne Rücksicht, ja ohne zu ahnen,
-wie grauenhaft es wirkte, preßte er das dünne Gewebe vor
-seine Stirn, um sich den perlenden Schweiß zu entfernen.</p>
-
-<p>»Ich bin vielleicht feige« stöhnte er dabei in einer schneidenden
-Entladung, »ich mag auch aus diesem grauen Wams
-und dem krummen Säbel kein Gewerbe machen. Aber wenn
-man mit ansehen muß, wie diejenigen Leute, die kurz vorher
-mit einem aßen und tranken, die sich auf dasselbe Stroh
-streckten, warm wie ich, hilflos, ja hilflos wie wir alle,
-wenn man mit ansehen muß, wie diese Erbarmungswürdigen
-ihren Verstand verloren, wie sie mit wütenden Sprüngen
-in Sumpf und Morast setzten und zu Hunderten, zu
-Tausenden, umheult, umzischt von feuerspeienden Geschossen,
-in dem weichen, grünen, schwammigen Morast einsanken,
-Zoll für Zoll, Strich für Strich, dann &ndash; dann&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_403" title="403"> </a>
-»Was?« kam es von Johanna scharf.</p>
-
-<p>»Dann,« keuchte der Offizier, und seine Finger kratzten
-auf den Brustklappen der Uniform herum, als wolle er sie
-von neuem aufreißen, »dann schreit man auf zu der Vernunft
-oder zu irgend etwas, was besser ist als wir, und
-zetert und brüllt um Antwort, warum es zur Verschiebung
-von ein paar Kilometer Sprach- oder Kulturgrenzen so
-vieler aufgeputzter Mörder bedürfe.«</p>
-
-<p>Er stand wieder vor den Fensterscheiben, und abermals
-fuhr der Gehetzte mit dem Tüll der Gardine über sein
-gelbes, erdfahles Gesicht. Johanna lehnte noch immer an
-der Kommode. Und obwohl irgendein unwiderstehlicher
-Zwang sie dazu antrieb, über die Schulter ihres abgekehrten
-Gefährten in die Dunkelheit hinauszuspähen, so regte sich
-gleichzeitig eine unnennbare widernatürliche Freude in ihr,
-aus dem angstgeschüttelten Menschen noch mehr Todesgrauen
-herauszuziehen. Ihre Hände wurden eiskalt, die
-Zähne bebten ihr leise gegeneinander, und ihre Augen
-maßen unaufhörlich die wohlgebildete, wenn auch jetzt zusammengesunkene
-Gestalt des Fürsten, während ihre Gedanken
-fortwährend von der Vorstellung durchschnitten
-wurden: »Du ruhst auch bald &ndash; du auch &ndash; du auch.«</p>
-
-<p>»Haben Sie viele von den Ihrigen verloren?« fragte
-sie unwillkürlich weiter, und sie konnte nichts dafür, daß es
-trotz ihres eigenen Bangens überlegt und berechnet klang.</p>
-
-<p>Ein tiefes Atmen stöhnte zu ihr herüber.</p>
-
-<p>»Viele?« stammelte der andere sich schüttelnd, »hören
-Sie auf. Merken Sie denn nicht, daß da oben bei mir die
-Stränge und Fäden reißen? Daß ich ein jemand bin, der
-vergessen hat, wie er heißt und wo er hingehört?«</p>
-
-<p>Er wandte sich plötzlich zurück, und seine Blicke fuhren
-aufgescheucht in den Ecken umher, bis er auf dem Ruhebett
-seinen abgeschnallten Säbel entdeckte, auf dem Boden die
-<a class="pagenum" id="page_404" title="404"> </a>
-Feldmütze und auf einem Stuhl die abgelegten, von Schmutz
-umkrusteten Handschuhe.</p>
-
-<p>»In eine Schlächterkammer war ich eingesperrt,« schrie
-er plötzlich, »die draußen mit Nägeln zugehämmert war,
-während drinnen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ohne zu vollenden stürzte er völlig haltlos auf das weiche
-Polster zu, warf sich seinen Degen um die Schulter und
-streifte sich erschöpft und zitternd die Handschuhe über. Dann
-riß er das Fenster auf und rief einen kurzen Befehl zu dem
-dort draußen haltenden Soldatenpiquet hinaus. Es klang
-wie ein Angstschrei.</p>
-
-<p>»Gute Nacht, gute Nacht, liebes Fräulein,« stotterte er
-und prüfte mechanisch die Füllung seiner Pistolentasche,
-»ich habe mich schon zu lange aufgehalten. Wer kann wissen,
-was hinter einem ist? Nichts gehört einem mehr, selbst
-der Wille ist uns genommen. Leben Sie wohl. Und wenn
-Sie sich zuweilen meiner erinnern, dann, ja dann denken Sie
-nicht an das, was aus mir gemacht wurde. Nein, nicht
-an das,« wiederholte er bitter und drückte sich die Mütze
-achtlos auf den Kopf.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick vollführte der Oberst eine Bewegung,
-die das Schicksal der Bewohner des weißen Hauses
-zu Maritzken entschied. Hinter Johanna, auf der Platte der
-Kommode, stand ein Bild, das Marianne vorstellte. Fürst
-Fergussow ergriff es, warf einen leeren Blick darauf und
-stellte es rasch wieder an seinen Platz, eilfertig und voll
-Scheu, als wäre das Bild ein Dorn, an dem er sich die
-Finger blutig gerissen.</p>
-
-<p>»Gute Nacht,« wiederholte er ohne besondere Bewegung,
-»gute Nacht.«</p>
-
-<p>Da regte sich Johanna zum erstenmal. Jedes Bewußtsein
-war von ihr gewichen, sie hörte nur immerfort dasselbe wilde
-Summen, das, solange sie hier weilte, beständig durch ihr
-<a class="pagenum" id="page_405" title="405"> </a>
-Denken trommelte. Abwehrend griff auch sie nach dem
-Rahmen, und die Hände der beiden Menschen schlossen sich
-umeinander.</p>
-
-<p>»Sie sollten diese eine Nacht noch bleiben,« murmelte sie
-mit einem irren Lachen.</p>
-
-<p>Was dann folgte, wußte sie nicht mehr.</p>
-
-<p>Der Fürst starrte sie eine lange Zeit verständnislos an,
-dann nahm er langsam seine Mütze vom Haupt, zuckte die
-Achseln und ließ sich müde, geistesabwesend von neuem an
-dem Tisch nieder.</p>
-
-<p>Er wartete.</p>
-
-<hr />
-
-<p>An dem Fenster ihres verschlossenen Schlafzimmers
-lauschte Johanna in die Dunkelheit. Hinter ihr in dem
-schmucklosen Raum herrschte vollkommene Finsternis, denn
-in ihrer angstgeschüttelten Verwirrung hatte die Gutsherrin
-nicht gewagt, ein Licht zu entzünden. Nun fing das harrende
-Weib jeden Laut auf, der von dort hinten herüberdrang,
-wo sich vor ihrem geistigen Auge die dichte Wand der
-Wälder dehnte.</p>
-
-<p>Von dorther mußten sie kommen.</p>
-
-<p>Die Befreier, die reinen und hellen, die sich selbst
-zur Bürgschaft einsetzten für das Gelübde, das sie
-der Heimat verpfändet. Todesschreie würden gellen, ein
-roter Sprühregen zischen, und doch &ndash; ihr Handel war gut
-und recht, und das tiefste Empfinden, die heißeste Sehnsucht
-eines Volkes sprach ihn heilig.</p>
-
-<p>Aber sie, die hier am Fenster lauerte, was verübte sie
-inzwischen? Durfte sie den Plan, das trügerische Gespinst
-auch für rein und hell ausgeben, in dessen Maschen sie
-einen seiner Kraft und wohl auch halb des Verstandes Beraubten
-einzuschnüren suchte?</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_406" title="406"> </a>
-Doch, doch, nur jetzt nicht grübeln und zerfasern, um
-alles in der Welt nicht. Man würde sie loben, ganz sicher,
-es handelte sich ja um einen Fürsten, um einen höheren
-Offizier, um einen verächtlichen Wicht, der sich nicht gescheut
-hatte, das Gewand schuldloser Frauen in Fetzen zu
-reißen.</p>
-
-<p>Schuldlos?</p>
-
-<p>Draußen strich der Wind über die Strohdächer der
-Scheunen, und die Aufgeregte hätte darauf schwören mögen,
-daß sie soeben ein geisterhaftes Lachen vernommen. Vorsichtig
-schloß sie das Fenster und verschränkte beide Hände
-gegen die Stirn. Ihre Finger schauerten so kalt gegen die
-Schläfen, daß in das Denken der Einsamen eine unerbittliche
-Klarheit drang.</p>
-
-<p>Schuldlos?</p>
-
-<p>Nein, das war eine bequeme Lüge. Das eine der Mädchen
-von Maritzken hatte sich dem Eindringling gewiß jubelnd
-preisgegeben, denn er war herrlich von Ansehen, und irdischer
-Glanz strahlte blendend von ihm aus. Und die andere?</p>
-
-<p>Ahnte irgend jemand etwas von dem Aufstand und dem
-Brand geweckter Sinne? Von dem wahnsinnigen Gewitter
-einer erträumten Hingebung, das hier in dem engen
-Raum einstmals in widerspruchsvoller Einsamkeit gewütet?</p>
-
-<p>Und wenn nichts als dieses Letzte wahr blieb! Johanna
-biß sich auf die Lippen, riß ungestüm ein Zündholz an und
-beleuchtete das Zifferblatt der kleinen Standuhr. Die Zahl
-zuckte auf, es war drei Viertel auf sieben. Höchstens noch
-eine Stunde, dann mußte alles vorüber sein.</p>
-
-<p>Allein, aus dem verendeten Lichtschein sprang plötzlich
-weiß, schattenhaft und doch voll zitternden Lebens das
-Haupt des toten Preußenprinzen empor. Und Johanna
-hielt inne und horchte auf die Schläge ihres sich krampfenden
-Herzens.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_407" title="407"> </a>
-So fahl und leblos mußte bald ein anderes Antlitz
-dämmern.</p>
-
-<p>Und dann dieser letzte Blick, in dem noch die Erkenntnis
-verendete, daß hier eine häßliche Spinne gesessen, die
-beutehungrig Fäden auf Fäden um einen arglos Vertrauenden
-gesponnen. Pfui, das war jammervoll. Das ertrug
-die aller List Abgewandte nie und nimmer. Dagegen verknisterte
-die Trauer um ihre verlorenen und versprengten
-Angehörigen zu Asche. Und in einer besinnungslosen Aufwallung
-rüttelte Johanna an dem Griff der Tür.</p>
-
-<p>Doch das Holz blieb verschlossen. Ah richtig, sie hatte
-sich ja selbst in kühler Berechnung eine Mauer gegen jedes
-weichliche Mitleid errichtet. Und mit einem schmerzlichen
-Stöhnen sank die Hausherrin auf den nächsten Stuhl, faltete
-matt die Hände in ihrem Schoß, und zwischen Fieber
-und Erschlaffung hörte sie, wie die Zeit mit verhängtem
-Zügel weiter raste.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Zu derselben Frist, da die Älteste von Maritzken ihre
-unstete Sehnsucht nach den ihrem Schutz anvertrauten
-Mädchen ausschickte, da kletterte die eine von ihnen, Marianne,
-mitten auf dem Marktplatz der Stadt, verstohlen und
-wie im Traum, aus dem Planwagen der Verwundeten
-herab. Niemand hinderte sie, keiner hätte sie eine Minute
-später in dem wütenden Lärm, in dem Schreien und Toben,
-das ringsherum wirbelte, zu unterscheiden vermocht. Eine
-dicke Finsternis lagerte über dem früher so ordnungerfüllten
-Gemeinwesen. Keine Gasflamme warf ihren Schimmer
-auf die Bürgersteige. Seit einer Stunde versagten aus
-einem geheimnisvollen Grunde die Zuflußrohre der Leitungen.
-<a class="pagenum" id="page_408" title="408"> </a>
-Statt dessen hörte man in kurzen Abständen aus
-der fernen Anstalt dumpfe, knatternde Explosionen in die
-Höhe knallen. Und doch gab es hie und da eine Art trauriger
-Beleuchtung. Einzelne Häuser der Vorstädte oder der
-weniger betretenen Seitengassen hatten Feuer gefangen,
-überall in der Luft wehte ein beizender Dunst von Petroleum
-und Benzin, und der Verdacht lag nicht fern, plünderungssüchtige
-Banden, die in dieser allgemeinen Auflösung
-weniger denn je den Namen von Soldaten verdienten,
-hätten die gefährlichen Flüssigkeiten selbst über die kleinen
-ehrbaren, schiefwinkligen Häuserchen gegossen.</p>
-
-<p>Aus dem unentwirrbaren Knäuel der Bagagewagen schlich
-sich Marianne zur Seite. Hindurch durch Geschützbespannungen,
-durch schreiende und brüllende Haufen, die sich
-aus versprengten Trümmern wieder in ordnungsmäßige
-Kompagnien und Regimenter zu schichten suchten. Zwischen
-den wilden Schreien der Verwundeten wand sie sich dahin,
-die unbekümmert und in Hast mitten auf die Pflastersteine
-des Marktes ausgeladen wurden. Vorbei an scheuenden
-Pferden und hilflos am Boden kauernden Trupps, die sich
-niedergeworfen hatten und den Gehorsam zu verweigern
-schienen. Durch die Zertrümmerung und das Auseinanderbrechen
-einer zurückflutenden Armee, die noch einmal dazu
-zusammengerafft werden sollte, eine letzte Stellung zu
-verteidigen. Durch das Grauenvolle der in allen Rädern zerschmetterten
-Maschine, die nur noch sinnlos kreischte, rasselte
-und surrte. Und wie schwarz und ameisenhaft es sich um die
-Davonwankende herumdrängte, welche lasterhaften Flüche,
-welche rohen Beschimpfungen in einer fremden Sprache
-gegen sie brandeten, das Mädchen in den zerfetzten und
-blutbesudelten Kleidern besaß nicht mehr das geringste
-Verständnis für ihre Umgebung. Schlürfend tastete sie sich
-vorwärts, mit der Rechten kraftlos an den Mauern der
-<a class="pagenum" id="page_409" title="409"> </a>
-dunklen Seitenstraße entlang gleitend. Was sie dort suchte,
-wußte sie nicht mehr. Sie wollte nur gehen und gehen und
-wandern, nachdem sie vorher schmachvolle Stunden, jeder
-Bewegung beraubt, auf dem faulenden Stroh des Planwagens
-verbracht. Das war gar kein Mensch mehr, sondern
-ein Wesen, das sich gedankenlos fortbewegte und nur noch
-eine stumpfe Freude darüber empfand, weil ihre verschnürten
-und gefesselten Glieder sich trotzalledem dehnten und regten.
-Zu anderen Zeiten hätte ein Vorübergehender stehen bleiben
-können, um der Bettlerin ein Almosen in die Hand zu
-drücken. So rasch, so von Grund aus, so irrsinnig hatte der
-Krieg, der der Umsturz alles Bestehenden ist, ein blitzendes
-Leben ausgelöscht und in den Kot geschleudert. Und gleich
-ihr Tausende, Abertausende, die noch atmeten und gar nicht
-begriffen, daß sie schon begraben waren.</p>
-
-<p>Aber jetzt in der pechfinsteren und menschenverlassenen
-Gasse, da schlugen Stimmen an das Ohr der Gleichgültigen,
-von denen getroffen sie ihr müdes Weitertasten unterbrach,
-um in fernem Besinnen durch Dunst und Nacht
-zu horchen.</p>
-
-<p>»Sehen Sie sich noch einmal nach ihm um, lieber Bienchen,«
-klang es wohllautend und doch zugleich von einer
-anheimelnden Güte durchdrungen, »ich werde hier auf
-Sie warten. Aber dann &ndash; dann muß es sein. Länger dürfen
-wir es nicht mehr aufschieben, sonst könnten unsere ganzen
-Sorgen und Bemühungen vergeblich gewesen sein. Und
-das wollen Sie doch nicht?«</p>
-
-<p>»Nu nein, ich will es nicht,« ertönte bekümmert und
-kleinmütig eine kratzbürstige Reibeisenstimme dagegen. »Wie
-darf ich Sie allein lassen bei dem Schauderhaften? Ich leb'
-sowieso nicht mehr. Wahrhaftig, ich stell' mir immer vor,
-daß ich mich nur noch auf Kredit, auf Borg hier unten
-befind'. Nun also, ich werd' durch den Keller gehen und
-<a class="pagenum" id="page_410" title="410"> </a>
-mich nach ihm umsehen. Sie werden sich ganz ruhig verhalten
-und hier warten. Aber bei meinem Leben, 's&nbsp;ist schrecklich
-solch ein Geschäft.«</p>
-
-<p>Während der letzten Worte wurde an einer unsichtbaren
-Tür geschlossen, und dann verloren sich hinunterschlürfende
-Tritte in einem Erdgeschoß.</p>
-
-<p>Gleich darauf war alles still wie zuvor. Doch nein, hinter
-dem Häuservorsprung, den man kaum noch unterscheiden
-konnte, stahl sich eine Melodie hervor. Der Zurückgebliebene
-vertrieb sich die Zeit durch ein klangreiches Summen, und
-die feinen Schwingungen wie das zarte Taktgefühl bekundeten
-deutlich den geübten Musiker.</p>
-
-<p>Um Gottes willen, das konnte doch nicht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Und so abgerissen die Noten sich auch dem verschleppten
-Mädchen einprägten, sie erweckten ihr doch das Bewußtsein,
-daß sie nicht immer als eine Entwürdigte und Verstoßene
-durch die Gassen geirrt sei. Langsam wachte sie auf, und
-eine matte Gier nach Ruhe und Schlaf und Vergessenheit
-überfiel sie. Mit einem unsicheren Schritt trat sie näher,
-streckte den Arm aus und fuhr zurück, als sie in der Dunkelheit
-ihre Finger auf dem Stoff einer groben Arbeitsjacke
-spürte.</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, &ndash; Fritz &ndash; Fritz Harder, bist du es?«
-wollte es sich ihr in einer heiseren, ihr selbst schreckhaften
-Sprache entringen, da wurde mit einem festen Griff nach
-ihrem Arm gefaßt und dadurch jede weitere Anrede im
-Keim erstickt.</p>
-
-<p>»Keinen Namen,« forderte eine Stimme, die allen Widerspruch
-ausschloß und die dennoch das vor Erschöpfung
-strauchelnde Weib mit ihrer bekannten ehrlichen Wärme ins
-Leben zurückrief. »Aber du, Marianne, &ndash; Sie &ndash; wie
-kommen Sie hierher?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_411" title="411"> </a>
-Der Angeredeten gebrach es an Atem, sie schwankte und
-lehnte sich fest gegen den angebotenen Arm.</p>
-
-<p>»Sie haben mich verschleppt,« stöhnte sie, und zum
-erstenmal in ihrem anspruchsvollen und verwöhnten Dasein
-stürzten der Zerschmetterten Tränen der Verzweiflung über
-die Wangen.</p>
-
-<p>»Ist Ihnen etwas geschehen?« forschte durch die Dunkelheit
-hindurch dieselbe gütige Stimme.</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>»Ist Ihnen etwas geschehen?«</p>
-
-<p>Da schüttelte die Schluchzende langsam das Haupt. Ein
-erster Anfang regte sich in ihr, ein Haschen, ein Besinnen,
-wie man aus den zerbrochenen Scherben vielleicht doch wieder
-die alte leuchtende Pracht aufrichten könne. Man brauchte
-ja nur die Kraft zu besitzen, das taumelnde Erlebnis fest
-in sich zu verschließen, ihm keine Ausgänge zu gewähren
-und dem Tag und der Nacht mit unverändert stolzen Augen
-ins Antlitz zu schauen. Und war es nicht ein beredter Zufall,
-daß sich ihr sofort eine dienende Hand entgegenstreckte, die
-gewiß keinen höheren Ehrgeiz kannte als sie zu stützen? Noch
-blitzten solche Erwägungen unbestimmt und verwirrend
-durch das zerhämmerte Hirn, und doch sprach sie schon
-etwas gefaßter:</p>
-
-<p>»Ich muß mich setzen können, Fritz. Du mußt mich in
-dein Zimmer führen und &ndash; und bei mir bleiben.«</p>
-
-<p>Auf der anderen Seite blieb es eine Weile still. Deutlich
-merkte Marianne, wie neben ihr in der Finsternis ein heftiges
-Ringen um Ruhe und Gelassenheit anhob. Dann aber entgegnete
-ihr unsichtbarer Gefährte mit derselben Entschiedenheit,
-durch die das Mädchen schon zu Anfang in Erstaunen
-gesetzt war:</p>
-
-<p>»Marianne, ich kann Sie nicht begleiten. Das Haus ist
-von russischen Offizieren belegt, und nur den Keller haben
-<a class="pagenum" id="page_412" title="412"> </a>
-sie dem Uhrmacher Adameit, meinem ehemaligen Hauswirt,
-übrig gelassen. Dort unten liegt er nun gelähmt, vom
-Schlage getroffen, zwischen Leben und Sterben. Sie tun
-gewiß ein gutes Werk, wenn Sie zu dem Hilflosen hinabsteigen.
-Auch wird in dem dumpfen Raum kein Mensch
-eine Dame, wie Sie, vermuten.«</p>
-
-<p>»Eine Dame?«</p>
-
-<p>Die Zurückgewiesene erschrak, als sie die jetzt so wenig
-zutreffende Bezeichnung auffing. Auch schwindelte ihr vor
-der Erkenntnis, wie ihr in ihrem Unglück selbst der letzte
-so sicher errechnete Beistand entglitt. Und dann &ndash; ein
-feuchter Keller sollte das Prunkgemach bilden, das ihr
-Schutz bot? Und ein gelähmter Handwerker ihr zur Gesellschaft
-dienen? Oh, es schwirrte durch die zerrissenen
-Sinne. Jedes Gefühl für Würde und Stolz entwich der
-Gedemütigten, und ohne zu ahnen, welche Wirkung sie
-hervorbrachte, verlegte sie sich aufs Schmeicheln.</p>
-
-<p>»Fritz, so kannst du mich nicht behandeln &ndash; denk doch
-nur, du darfst mich nicht verlassen. Hast du mich wirklich
-ganz vergessen?«</p>
-
-<p>Sanft versuchte sie seine Wange zu streicheln, allein
-mitten auf dem Wege wurde ihre feuchte kalte Hand von
-neuem festgehalten.</p>
-
-<p>»Ja, Marianne,« beharrte der junge Offizier, der plötzlich
-so markig und schwungvoll sprach, wie sie es noch nie
-von ihm gehört, »es ist eine Aufgabe auf mich gelegt worden,
-vor deren Ernst und Wichtigkeit alles andere zurücktritt.
-Dem Himmel sei Dank, daß es einen solchen Ruf gibt.
-Tausende hören ihn jetzt und begreifen gar nicht mehr,
-daß sie noch vor kurzem eigene Wünsche hegten. So geht
-es auch mir. Ich grolle dir nicht und zürne dir nicht, ja
-ich danke dir dafür, weil du mich so frei und ungebunden
-<a class="pagenum" id="page_413" title="413"> </a>
-für meine einzige Liebe und meine große Sehnsucht werden
-ließest.«</p>
-
-<p>»Wer ist das?«, flüsterte Marianne verletzt und beleidigt.</p>
-
-<p>Da lachte der Offizier im Arbeiterwams.</p>
-
-<p>»Das ist der Boden, auf dem du stehst, die Sprache,
-die du redest und das Volk, das dich geboren. Du wirst
-erst wahrhaft leben, wenn du dich zu dem allen zählen
-kannst. Und du stirbst, sobald dies Höchste an dir vorübergeht.«
-Er brach ab, trat hinter den Mauervorsprung
-zurück und sagte ganz ruhig und überlegt: »Hier kommt
-Herr Leiser Bienchen herauf, er wird die Kellertür für dich
-offen lassen. Leb wohl, Marianne, an mich ergeht der Ruf.
-Wir ziehen geradeswegs in Glück und Verklärung hinein,
-nicht wahr, Herr Bienchen?«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Schaudernd sitzt die in den Keller Hinabgeirrte, ihrer
-selbst ungewiß, wie ein fremdes seelenloses Wesen, neben
-der hölzernen Pritsche, auf die man den alten Handwerker
-gelagert hat. Voll stummen Grauens trinkt sie die
-ihr unverständlichen Reden ein, die der von einer irren
-Spannung gefolterte Greis von Zeit zu Zeit ausstößt. Bald
-ringt er die Hände, bald hebt er lauschend das Ohr, als
-müsse und könne er sich nicht von dieser Erde trennen, bevor
-er den ersehnten Laut von oben erhascht.</p>
-
-<p>»Dreißig Jahre daran gearbeitet,« hört sie es aus dem
-zahnlosen Munde hervorzischen, »und nun nicht wissen &ndash;
-nun nicht wissen, ob es von Unheil oder von Segen sein
-wird. Und in fremden Händen, die nichts davon verstehen,
-die nicht fühlen, wie man jede Schraube aus seiner Seele
-hervorgeholt hat. Und die den Zweck nicht ahnen, den letzten
-<a class="pagenum" id="page_414" title="414"> </a>
-Zweck. Hören Sie nicht etwas, Kind? Hören Sie noch
-immer nichts?«</p>
-
-<p>Aber dann geschieht etwas.</p>
-
-<p>Der Nachthimmel stürzt ein, die Häuser beginnen zu
-beben und zu tanzen, ein Donnerschlag wühlt und kracht
-und rollt, jedem Lebenden ein erschütterndes Wunder, die
-Zeit hält an, die Luft preßt sich zusammen, eine zerschmetterte
-Menschheit stößt ihren letzten Schrei aus, &ndash; und dann
-schleicht Stille heran, gähnende Lautlosigkeit, die die Schläfen
-der zitternden Kreaturen in beide Hände nimmt und
-jedes Begreifen erdrückt.</p>
-
-<p>Ein paar schreckensstarre Augen richten sich in dem Keller,
-der nur durch ein tröpfelndes Talglicht erhellt wird, auf
-den abgezehrten, zahnlosen Mann. Der zieht langsam die
-Lider über die glitzernden Sterne, lächelt und sinkt von
-seinem Tagewerk zurück.</p>
-
-<p>Seine Uhr hat ihre große Stunde geschlagen.</p>
-
-
-
-
-<h3>VI.</h3>
-
-
-<p>Silberne Lichter sprangen über die feuchten Schollen
-des schlafenden Landes. Kein Geräusch störte die weiche,
-dunkle Versunkenheit, und nur die bleichen Schilfwände zu
-beiden Seiten des Flusses neigten sich manchmal wispernd
-gegeneinander, wenn der lange, geisterhaft gleitende Kahn
-ein paar stärkere Wellen gegen das Binsengestrüpp drängte.</p>
-
-<p>Ruhig, gleichmäßig schritt der russische Schiffer die
-beiden Laufbretter seines Fahrzeugs ab. Die mächtige
-Stange, deren Widerhaken im Bett des Stromes festhaftete,
-hatte er gegen die Schulter gestemmt, und nun bewegte
-er sein Schiff mit unverminderter Kraft durch die Windungen
-der leuchtenden Fahrstraße. Einförmig klappten
-seine Tritte auf dem trockenen Holz, und nur ein regsames
-<a class="pagenum" id="page_415" title="415"> </a>
-Plätschern antwortete jeder vermehrten Anstrengung. Ein
-kleiner weißer Spitz begleitete auf dem gegenüberliegenden
-Brett treulich den Weg seines Herrn. Dieweil wurde
-am Achterende des Kahnes von einem kurz geschürzten und
-dick in bunte Tücher vermummten Weiblein das ungefüge
-Steuer hin- und hergeschoben. Dies war die Frau des
-Schiffers. Aber aus den Lappen, hinter denen sich ihr
-Gesicht verkrochen hatte, konnte man bei dem unsicheren
-Mondenlicht nur eine breite Knollennase entdecken, und
-man hörte nichts von ihr als kurze abgerissene Gesangsstrophen
-und dazwischen ein unaufhörliches kicherndes Geplapper.
-Nur schade, daß der Schifferknecht, der auf ihre
-Weisung mit ihr zusammen das schwere Holz drehte, sicher
-nicht das Geringste von dieser sprudelnden Unterhaltung
-verstand. Auch schien der Mann in der zerdrückten blauen
-Flauschjacke sein Gewerbe durchaus nicht mit Meisterschaft
-auszuüben. Denn die Frau in den vielen Tüchern
-lachte jedesmal belustigt, so oft sich ihr Genosse mit aller
-Kraft gegen das knarrende Holz stemmte. Es blieb auch
-seltsam, daß sich ihr dabei niemals ein Tadel entrang, ja,
-sie fand es offenbar ganz in der Ordnung, sobald der schlanke
-Gehilfe sich abwandte, um angestrengt auf die hinter dem
-Ufer sich hinziehende Landstraße zu spähen.</p>
-
-<p>Wahrlich, dort drüben auf dem grauen dampfenden
-Wege gab es seit ein paar Stunden aufregende und schreckhafte
-Dinge zu sehen. Zuerst war von dort nur der Hufschlag
-vereinzelter Reiter aufgeklungen. Gleich schwarzen
-Schattenbildern sausten sie dahin, weiße Staubwolken sprühten
-um sie her. Ein höllisches Bild. Dann rollte und rasselte
-es, Geschützzüge flogen unter den finster starrenden Chausseepappeln,
-aufgewühlte Menschenhaufen brodelten hinterher,
-und schließlich wurde ein einziger schwarzer Wurm
-daraus, der knurrend und klirrend seines Weges kroch.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_416" title="416"> </a>
-Aber der Kahn glitt weiter.</p>
-
-<p>Nur das Weib lehnte sich über den Querbaum und wies
-mit der Hand auf die sich krümmende Schlange. Auch jetzt
-noch stieß sie ihr kurzes, fettes Lachen aus. In ihrem
-harmlosen, in tiefer Unbildung versunkenen Gemüt regte
-sich nicht die leiseste Ahnung, wie durch den schwarzen Wurm
-dort drüben Glück, Ruhe und Wohlstand auf Jahre hinaus
-niedergewälzt wurden.</p>
-
-<p>Und doch &ndash; unangefochten schwamm der Kahn zwischen
-den hohen Binsen stromabwärts.</p>
-
-<p>In der engen Kajüte, die durch einen roten Fetzen in
-Schlaf- und Küchenraum geteilt war, stand inzwischen ein
-junges Mädchen vor dem windschiefen eisernen Herd. Über
-ihrem Haupt schaukelte sich an einem Draht ein winziges
-rauchendes Öllämpchen, und bei seinem dunstigen Schein beschäftigte
-sich das junge Geschöpf eifrig damit, aus einem
-Topf voll stark duftenden Tees die goldgelbe Flüssigkeit
-in eine bunt bemalte Tasse zu gießen. Dann zog sie sich
-aufatmend eine weiße, mit blauen und roten Sternen bestickte
-Flanelljacke zurecht, strich glättend über ihren kurzen
-roten Wollrock und klapperte endlich auf schweren Holzschuhen
-die steile Treppe in die Höhe. Sorgsam hielt sie dabei
-die Hand über die Tasse, damit die kühle Nachtluft nichts
-von der Wärme des Getränkes raube.</p>
-
-<p>»Hier,« sagte sie über ihr eigenes Werk befriedigt,
-indem sie an den Schifferknecht in der blauen Jacke herantrat,
-»hier bringe ich Ihnen etwas Feines, lieber Freund.
-Denken Sie, ich habe sogar Rum gefunden. Natürlich so
-gut wie im »Goldenen Becher« wird er nicht schmecken. Aber
-nun trinken Sie. Nicht wahr, bei dieser scharfen Luft werden
-Sie meine Kochkunst nicht verachten?«</p>
-
-<p>Durch die helle Stimme wurde der Konsul unvermutet
-seinen Beobachtungen entrissen. Überrascht wandte er sich
-<a class="pagenum" id="page_417" title="417"> </a>
-herum und, wie stets, so glitt auch jetzt wieder ein erstauntes
-Lächeln um seine Lippen, als er die weiße Flanelljacke und
-das kurze rote Röckchen gewahrte. Wie eigenartig blieb
-das doch, drüben hinter den weißen Staubwolken, in denen
-das Mondlicht dampfte, da wallte Weltgeschehen vorüber,
-das sicherlich auch sein Schicksal einschloß. Und doch war
-es möglich, daß die schweren Sorgen des Flüchtenden hier
-durch ein anmutiges Bild auf Augenblicke zerstreut werden
-konnten. Die weiße Flanelljacke, der bunte Rock, das
-schwarze Tuch über den roten Haaren und die derben Holzpantoffeln
-auf den kleinen Füßen, sie redeten keck und
-lebensvoll mitten in das Stöhnen einer verzweifelten Völkerklage
-hinein.</p>
-
-<p>Rudolf Bark schüttelte sich, aber bevor er die Tasse aus
-den Händen der Kleinen empfing, da drängte er erst das
-Geschirr fast gewaltsam an Isas eigenen Mund.</p>
-
-<p>»Nur ein paar Schlucke, mein Kind,« meinte er gutmütig,
-»so ist das zwischen uns ausgemacht, und Sie
-müssen mich auch nicht so sehr verwöhnen.«</p>
-
-<p>»Ja, aber Herr Konsul&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Schon gut. Nun kommen Sie, Isa, wir wollen uns auf
-das Brett hinter der Kajüte niederlassen, denn hier hinten
-weht es doch zu scharf für Sie. Auch sehe ich, Sie haben
-sich den koketten Halsausschnitt von Madame Krupenski
-wieder nicht zugesteckt.«</p>
-
-<p>Da senkte Isa verlegen das Haupt. Sie wußte auch nicht
-wie es kam, aber jeder Tadel aus dem Munde des erfahrenen
-Mannes erschreckte sie und entwirkte daneben stets die
-heftige Begierde, seinen Wünschen, noch ehe sie ausgesprochen,
-zuvorzukommen. Hastig faltete sie an der gerügten
-Stelle herum.</p>
-
-<p>Dann saßen sie beide auf dem Brett hinter der Kajüte,
-tranken aus derselben Tasse und sahen schweigend mit an,
-<a class="pagenum" id="page_418" title="418"> </a>
-wie die Morgendämmerung die rauchenden Wiesen mit
-rosigen Fingern zu streicheln begann. Ein blutroter Bach
-floß am äußersten Rande des Erreichbaren. Nach einer
-Weile sprach Isa nachdenklich:</p>
-
-<p>»Ob man unsere alten Kleider schon aufgefischt hat,
-Herr Konsul?«</p>
-
-<p>Der Kaufmann nickte. »Das ist sehr wahrscheinlich,
-mein Kind. Herr Krupenski hat sie so sachgemäß versenkt,
-daß sie sicherlich schon lange an dem Wehr angeschwemmt
-sind. Ich hoffe, unser fetter Freund, der Herr Polizeimeister-Stellvertreter
-Tolmin wird längst mit Befriedigung
-unser trauriges Ende festgestellt haben.«</p>
-
-<p>»Wie seltsam,« flüsterte Isa gepackt, und ein bezwingender
-Gedanke ergriff unwiderstehlich von ihr Besitz, »da
-haben wir eigentlich alles Alte von uns abgestreift und
-fahren hier wie zwei ganz neue Menschen durch die Welt.
-Wissen Sie auch, daß ich das wunderhübsch finde?« fuhr sie
-sinnend fort.</p>
-
-<p>»Warum?« fragte der Konsul und verfolgte den rosigen
-Dämmer, der sich auf dem feinen Gesicht seiner Gefährtin
-zu verbreiten begann.</p>
-
-<p>»Warum?« wiederholte die Kleine ernsthaft und schauerte
-im Frühfrost zusammen, »das kann ich Ihnen nicht sagen.
-Nein, das kann ich wirklich nicht, es ist ein sehr dummer
-Einfall.«</p>
-
-<p>Noch hatte sich Rudolf Bark nicht von dem Glanz trennen
-mögen, von dem die unter dem schwarzen Tuch sich hervorstehlenden
-Haare des Mädchens allmählich durchleuchtet
-wurden, da war es, als ob in der Ferne Erde und Strom
-einen Sprung machten. Ein dumpfes Krachen erschütterte
-die Luft, der Nachhall eines ungeheuerlichen Donnerschlages
-fuhr über den bleiernen Morgenhimmel.</p>
-
-<p>Betroffen schnellte Isa von ihrem Sitz.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_419" title="419"> </a>
-»Herr Konsul,« vermochte sie nur hervorzustoßen, »bedeutet
-das ein Unglück für uns?«</p>
-
-<p>In ihrem schmalen Gesicht arbeitete es. Trostsuchend
-lugte sie zu ihrem Freunde empor. In diesem Augenblick
-empfand sie nur das eine, wie die lange Fahrt auf dem
-schmutzigen Kohlenkahn von allen Schimmern der Poesie
-umflossen sei, und das jenes namenlose, aller Regel eines
-strengen Bürgertums entbehrende Dahingleiten einen Höhepunkt
-ihres Daseins bildete. Sie zitterte vor Hoffnung und
-vor Spannung.</p>
-
-<p>»Bedeutet das für uns ein Unglück?« drängte sie noch
-einmal und ergriff schutzbedürftig die Hand des Kaufmannes.</p>
-
-<p>Beschwichtigend zog Rudolf Bark das aufgeregte Mädchen
-wieder an seinen Platz hinter der Kajüte zurück. Und als
-er fühlte, wie die Verängstigte sich an ihn schmiegte, da
-streicheln er ermunternd über ihre Wangen.</p>
-
-<p>»Isachen, es will mir scheinen, es kommt im Moment
-gar nicht so sehr auf uns beide an.«</p>
-
-<p>Allein die Kleine schüttelte unter Tränen lachend das
-Haupt.</p>
-
-<p>»Doch, Herr Konsul,« entgegnete sie kleinlaut, &ndash; »Sie
-müssen entschuldigen, ich bin natürlich lange nicht so klug
-wie Sie, &ndash; aber das Leben kann doch auch etwas sehr
-Seltenes und Kostbares sein. Es wäre zu schade, wenn dies
-alles untergehen sollte.«</p>
-
-<p>»Oh, der Kahn ist fest,« entgegnete der ältere Mann
-verständnislos.</p>
-
-<p>Und dann saßen die beiden wieder und sahen zu, wie
-der blasse Morgen über die Felder eilte. Die grauen Dunstwolken
-zerfaserten sich, über den Chausseepappeln begannen
-schwarze Scharen von Krähen zu kreisen, und unter ihnen
-wurde die Landstraße einsamer und stiller. Hinter den
-<a class="pagenum" id="page_420" title="420"> </a>
-wallenden Staubmassen war die brandende Flucht erstorben.
-Langsam und allmählich schwirrte von dort ein schüchterner
-Vogelgesang auf, und auch die Heimchen der Wiese besannen
-sich auf ihr Morgenlied.</p>
-
-<p>Stunde auf Stunde verging. Es wurde immer heller.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Der Kahn wurde verankert, denn der russische Schiffer
-weigerte sich, mitten durch den leuchtenden Sonnenschein
-und zumal wo die Grenze so nahe rückte, noch weiter zu
-fahren. Auch machte der Herr des Kahnes sehr deutliche
-Anspielungen, es wäre an der Zeit, daß seine Gäste nunmehr
-das Gefährt verließen. Noch verhandelte Rudolf Bark mit
-dem Eigentümer, da brach der Kaufmann mitten in der
-Rede das Gespräch ab, um ohne ein Wort der Erklärung
-in das Boot hinabzuspringen, das neben dem Steuer einhertrieb.
-Verstummt, in grenzenloser Überraschung starrte Isa
-dem Davonrudernden über die hohe Bordschwelle nach.</p>
-
-<p>Doch nein, jetzt erkannte sie, was ihren Freund zu so
-rascher Tat veranlaßt hatte. Drüben an dem immer flacher
-werdenden Ufer des Stromes duckte sich zwischen den Binsen
-ein dürrer Mensch bis tief auf den Spiegel des Wassers
-herab. Der Fremde schien sich zu waschen. Aber als das
-Mädchen das Bild schärfer musterte, da wurde es ihr klar,
-daß sich der zusammengekauerte Geselle eine frische Stirnwunde
-spüle. Unaufhörlich rieselten die roten Tropfen
-in den Strom. Jetzt hatte ihn Rudolf Bark erreicht. Ein
-paar laute Ausrufe fuhren hin und her, das Boot knirschte
-in den Sand, und noch immer konnte die Zurückgebliebene
-nicht fassen, warum der Konsul jenen so wüst zerschlagenen
-Verwundeten schließlich mit rücksichtsloser Gewalt in den
-Kahn zerrte. Dann wieder einige Ruderschläge, und über die
-<a class="pagenum" id="page_421" title="421"> </a>
-von dem schweigsamen Herrn Krupenski über die Schiffswand
-geworfene Strickleiter kroch scheu und zitternd eine
-groteske Gestalt auf das Deck. Nun schlotterte sie vor ihnen,
-ohne Rock noch Weste, nur von einem zerzausten Halstuch
-umflattert und wischte sich beschämt über das von tausend
-Runzeln zerrissene Gesicht. Ein unförmiger Mund bewegte
-sich, als hätte man einen Fisch soeben aufs Trockene gezogen.</p>
-
-<p>»Herr Bienchen,« rief Isa verständnislos, denn sie
-hatte endlich den verkrümmten kleinen Juden, der ihr so
-manche Uhr gerichtet, in diesem blutenden und vor Erschöpfung
-röchelnden Menschenkind entdeckt.</p>
-
-<p>»Jetzt sagen Sie, wie kommen Sie hierher?« rüttelte
-ihn auch der Konsul.</p>
-
-<p>Allein Leiser Bienchen, der Gehilfe des alten Erfinders
-Adameit, der letzte Gefährte von Fritz Harder, schüttelte
-völlig betäubt sein nasses Haupt.</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, Herr Konsul, ich weiß wirklich nicht,«
-gurgelte er tonlos, während er sich unaufhörlich in einem
-ölgetränkten Taschentuch die Hände wischte.</p>
-
-<p>»Man hat Sie geschlagen?«</p>
-
-<p>»Ja, ich glaube, &ndash; ich glaube, man wird mich geschlagen
-haben.«</p>
-
-<p>»Wer?«</p>
-
-<p>»Ja, wer?« stöhnte der Uhrmacher, sank auf einem
-Kohlenhaufen zusammen und starrte gleichgültig zurück auf
-die Landstraße, die er soeben verlassen.</p>
-
-<p>Es war nichts weiteres aus dem in seine Erinnerungen
-Zurückkriechenden herauszubringen. Und erst, als man
-den wimmernden Gesellen, der dabei wie ein schweres
-Bündel zwischen den Armen seiner vornehmen Kundschaft
-hing, in die Kajüte heruntergeführt hatte, erst nachdem er
-dort auf einem Kasten hockte und unter seltsamen Schmatzlauten
-<a class="pagenum" id="page_422" title="422"> </a>
-ein paar Tassen des glühend heißen Tees in sich
-hinabgeschüttet hatte, da fingen seine schwarzen Augen
-sich an zu beleben, und er starrte seine Bekannten mit dem
-jammervollen Blick eines geschlagenen Hundes an. Dann
-wickelte er das zusammengerollte Öltuch auf, schneuzte sich
-und unternahm es, sich umständlich die dick herabrollenden
-Tränen zu trocknen. Der Konsul jedoch, der ungeduldig
-vor ihm stand, ließ dem Bekümmerten keine Zeit mehr,
-sondern rüttelte ihn abermals ins Leben zurück.</p>
-
-<p>»Lieber Bienchen, wo kommen Sie her?«</p>
-
-<p>Der kleine Jude fuhr zusammen.</p>
-
-<p>»Ich, Herr Konsul? Nun, Sie werden es doch leider
-nicht glauben, ich komm' direkt aus der Luft.«</p>
-
-<p>»Scherzen Sie nicht,« verwies ihn der Kaufmann nachdrücklich.</p>
-
-<p>Jetzt seufzte der Uhrmacher schwer in sich hinein. Und
-erst Isas teilnahmvolles Gesicht schien seine Neigung zu
-einer größeren Mitteilsamkeit zu vermehren.</p>
-
-<p>»Sehe ich aus, wie wenn ich scherze?« klagte er dumpf
-vor sich hin und rieb sich wieder die wunde Stirn. »Ich sag'
-Ihnen, ich komm' aus der Luft oder auch unter einem Heuwagen
-hervor, ganz wie Sie wollen. Aber ich will Ihnen der
-Reihe nach erzählen,« erholte er sich endlich etwas mehr
-gefaßt. »Sie müssen nur entschuldigen, wenn ich nicht
-alles aus meinem zerhämmerten Kopf richtig und sauber
-hervorziehen kann.« Er lehnte sich zurück an die Schiffswand
-und holte tief Atem. »Sehen Sie, da hatten wir die Maschine
-von dem alten Adameit &ndash; vielleicht hat ihn Gott schon zu
-sich genommen &ndash; unter das Dach der Sebalduskirche
-eingeschmuggelt.«</p>
-
-<p>»Welch eine Maschine? Besinnen Sie sich, Herr Bienchen,«
-forderte Rudolf Bark von neuem.</p>
-
-<p>»Nun die Uhr. Es war ein grausiges Ding, ich hab'
-<a class="pagenum" id="page_423" title="423"> </a>
-sie nie ansehen mögen. Aber mein Meister hat damit ein
-Lebelang verbracht. In der Kirche sah es die ganze Zeit
-über fürchterlich aus. Diese Hunde, diese Wilden zeigten
-nicht den geringsten Respekt. Weder vor dem herrlichen
-Bau noch vor dem wundervollen Glockenspiel, noch vor der
-gewaltigen Orgel. Ich sag' Ihnen, sie lachten auch über
-die vielen Bildwerke und hieben ihnen Nasen und Ohren
-ab. Wenn mich auch die Heiligen in den bunten Röcken
-nichts angehen, die schöne Frau mit dem Fuß auf der
-Schlange und der weiße Mann mit dem goldenen Schlüssel,
-Sie können mir glauben, es gab mir jedesmal einen Stich,
-so oft ich die heillose Schändung mit ansah. Denn es waren
-doch kunstvolle Hände, die so prächtige Sachen vor mehr als
-fünfhundert Jahren geschnitzt hatten. Aber das war noch
-nicht alles. Die Breitmützen hatten einen vollständigen
-Stall aus den steinernen Gängen gemacht. Die Kirchenbänke
-konnte man jeden Abend in die Wachtfeuer wandern
-sehen, und statt ihrer lagen nun hunderte von schmutzigen
-Kerls auf Strohbündeln in den Gängen und fraßen und
-schnarchten. In den letzten Tagen wurden es so viele, daß
-man sagen konnte, es war kein Winkel mehr von dem Ungeziefer
-frei. Nun kam die Nachricht, daß die Fremden da
-hinten an den Seen ihren Lohn erhalten hätten. Und wir
-hörten auch, sie wollten sich in unserer Stadt, in unserer
-schönen, sauberen Stadt zur letzten Wehr setzen. Da sagte
-der Herr Leutnant Harder, nun wäre es Zeit. Er hatte es
-so einzurichten gewußt, daß wir eine Anstellung in dem Dom
-gefunden hatten. Werden Sie es für möglich halten, wir
-fegten nämlich den Schmutz und den Mist alle Abend aus
-der Kirche heraus. Für ein paar Pfennige natürlich. Und
-gewöhnlich erhielten wir noch einige Lanzenstöße als Trinkgeld
-dazu. Nun, es war kein Herrenleben. Aber gestern
-abend, da sagte der Herr Leutnant, jetzt dürfe man keine
-<a class="pagenum" id="page_424" title="424"> </a>
-Minute mehr verlieren. Es sollte nämlich der Horde ein
-Schreck eingejagt werden, damit sie sich in der Stadt nicht
-länger für sicher hielte. Herr Konsul und Fräulein Grothe,
-was soll ich Ihnen lange erzählen? Der junge hübsche
-Mensch, der so verändert in dem Arbeitsanzug aussah, er
-stieg auf den Orgelsitz hinauf, und ich mußte die elektrischen
-Blasebälge andrehen. Auf diese Weise, nämlich durch sein
-Spiel, da wollte er die Halunken von mir und meinem
-Geschäft ablenken. Ehe wir uns trennten, reichte er mir noch
-die Hand und sagte mit einem Gesicht ganz voller Sonnenschein
-&ndash; in meinem Leben werd' ich's nicht vergessen &ndash;
-»Herr Bienchen, Sie sind jetzt auch ein Soldat. Denken
-Sie daran, was Ihnen das Vaterland alles geschenkt hat
-und zahlen Sie es pünktlich zurück.« Dann stieg ich auf
-den kleinen Hinterturm hinauf, wo wir den Knopf angebracht
-hatten. Ich versichere Sie, alles wie im Traum, Herr
-Konsul. Mit einemmal fing die Orgel an zu spielen. So
-was Schönes, Herrliches und Erhabenes hab' ich noch nie
-vernommen. Es hörte sich an, als wenn der Herr unser
-Gott leibhaftig in die Kirche getreten wär' und sänge nun
-selbst mit seiner ewigen Donnerstimme. Wie schön sind doch
-diese deutschen Lieder, es liegt alles darin, was wir an dem
-Land und seinen Menschen lieb haben. Ich hatte mich auf
-einen Fensterbogen gesetzt, Fräulein Grothe, und konnte
-das Ohr von der Musik nicht abwenden. Auch die Russen
-waren aufgestanden, hielten ihren Atem an und starrten
-herauf. Keiner rührte sich. Sie fühlten wohl, wie der Herr
-schon seine eiserne Hand auf sie gelegt hatte. Ich hätte
-noch bis zum nächsten Morgen so sitzen mögen, aber plötzlich
-da hob der Herr Leutnant, den ich nur vom Rücken aus
-sehen konnte, die Finger seiner Rechten hoch in die Höhe.
-Und diese Finger, sie drohten mir und griffen mir geradewegs
-ins Herz. Was dann geschah, Herr Konsul, das ist mir
-<a class="pagenum" id="page_425" title="425"> </a>
-alles nur so bewußt, als hätt' ich es aus einem dunklen
-Grab heraus belauscht. Das Dach der schönen Kirche flog
-in die Höhe, so daß alle Sterne des Nachthimmels für eine
-Sekunde zu uns herunterblitzten. Und dann &ndash; es war
-grauenvoll das Gewinsel und Gewimmer. Die große Orgel
-stürzte zusammen, die ungeheuren Zinkpfeifen spießten sich
-gegeneinander, und dann brach das ganze Werk in die Tiefe.
-Mit mir aber, Herr Konsul, geschah ein Wunder. Ja, ja,
-als sollte mir gezeigt werden, wie ich armer kleiner Jud'
-eigentlich gar nicht in die Kirche gehörte. Ich sauste nämlich
-in großem Bogen aus dem Fenster herunter und mitten
-in einen Heuwagen hinein. Gleich darauf jagte das Gespann
-wie wahnsinnig aus der Stadt heraus. Und erst dicht hier
-an der Grenze, da haben mich die Unmenschen heruntergeprügelt.
-Ein Rad ist noch dazu über meinen Fuß gefahren,
-und ich meine, mein Gang wird dadurch nicht schöner geworden
-sein. Aber Herr Konsul und Fräulein Grothe« &ndash;
-und der Uhrmacher hob die Hände in die Höhe und begann
-bitterlich zu weinen, &ndash; »was will das alles heißen?
-Unser Land hat sich erhoben, unser herrliches Land, und hat
-die Heuschrecken von sich abgeschüttelt. Der Herr, der
-in der Kirche so schön sang, er hat unsere Feinde geschlagen.
-Hören Sie, Herr Konsul, dort draußen blasen
-schon die preußischen Trompeten? Das Herz geht einem
-auf, wenn man es hört! Der Herr singt weiter!«</p>
-
-<hr />
-
-<p>In der dunklen Schlafkammer von Maritzken herrschte
-noch immer bleierne Stille. So schwer drückte die Lautlosigkeit
-herab, daß die an ihren Stuhl gebannte Gutsherrin
-das flüchtige Ticken der Uhr wie das unerträgliche
-Stampfen einer Maschine empfand. Ängstlich streiften
-<a class="pagenum" id="page_426" title="426"> </a>
-ihre Blicke über die Fensterscheiben, die unter dem Leuchten
-des heraufsteigenden Mondes einen stählernen Glanz annahmen.
-Manchmal war es auch, als ob ein flackernder
-Feuerschein vorüberhusche. Dann vermeinte die Einsame
-eilende Hufschläge aufzufangen. Doch wenn sie, zum
-Sprung bereit, eifriger hinhorchte, so schlug nichts an ihr
-Ohr als das Sausen des Nachtwindes. Und immer wieder
-sank sie zurück und kämpfte gegen den Sturm und den
-wilden Tanz ihrer Nerven. Aber noch mehr gegen das widerstandslose
-Herabsinken in völlige Erschöpfung. Zuweilen
-riß die Nacht vor ihr auseinander. Dann glaubte sie etwas
-zu sehen, dann murmelte sie etwas, dann betete sie wirr
-und verständnislos darum, daß das, was sie mit vorbereitet,
-in nichts zerschellen möge. Um gleich darauf alle
-Fibern anzustrengen, ob sie aus dem unteren Zimmer nicht
-etwa einen Laut des Entweichens auffinge.</p>
-
-<p>Was mochte ihr Gast, der auf sie wartete, jetzt treiben?
-Ob er noch immer zermürbt und zerschlagen am Tisch hockte,
-ein vor sich hin stierender, seiner früheren Wesenheit beraubter
-Mensch? Johanna stöhnte auf, wehrte und wand
-sich und rüttelte an ihrem Stuhl, um sich zur Besinnung zu
-bringen.</p>
-
-<p>Stunde auf Stunde vertröpfelte, das Mondlicht schwamm
-schon in breiter Bahn zu ihren Füßen, und die Hausherrin
-hing noch immer regungslos auf ihrem harten Sitz, hing
-zwischen Wachen und Traum. Und alles, was um sie herum
-geschah, es drang zu ihr wie der Nachhall von etwas Unwirklichem.
-Abermals hörte die Schwankende ein dumpfes
-Klopfen. Doch es klang, wie wenn man die Hufe eilender
-Pferde mit Werg und Lappen umwickelt hätte. Und sie sann
-darüber nach, ob es die Schläge ihres eigenen Herzens
-wären? Dann zischte und knatterte es, und die Blonde
-konnte es sich in ihrer Benommenheit nicht anders erklären,
-<a class="pagenum" id="page_427" title="427"> </a>
-als ob blaue puffende Funken aus einem Holzfeuer in die
-Höhe knisterten. Und jetzt &ndash; mischten sich jetzt nicht heiße,
-trunkene Stimmen zu einem einzigen brausenden Ruf? Nun
-wieder Leere, durchwinselt von den aufreizenden Klagen
-des Windes. Und dann &ndash; aus den Dielen zu ihren Füßen
-schien ein dumpfes, trockenes Stöhnen aufzusteigen.</p>
-
-<p>Herr im Himmel was geschah hier? Bedeutete das doch
-mehr als gestaltlos jagende Traumgesichte?</p>
-
-<p>Vielleicht war die Jagd, die hinter dem Menschenwild
-hetzte, schon hereingebrochen? Wie, wenn das Opfer, das
-in einem Gehege von List und Schlauheit zurückgehalten war,
-bereits verröchelnd am Boden lag, und sein brechender
-Blick nach der Hinterlistigen suchte, die den Köder geworfen?
-Oh, der Fang war durch dieselben unwürdigen Künste geglückt,
-welche die auf ihre Reinheit Stolze bei der jüngeren
-Schwester so verachtet hatte. Mischte sich nicht auch bei ihr,
-wenn sie vor Gott ihr Innerstes auftat, ein schauererfülltes
-Wohlgefühl darein, ein nie gekanntes, so oft sie, sei es auch
-nur von fern und mit Abscheu sich das Rasende ausmalte,
-das der Getäuschte da unten erwartete? Seltsam, zu unerklärlich
-&ndash; und das blonde Weib schlug sich die Hände schallend
-vor die Stirn &ndash; und deswegen setzte sich der unglückliche
-Mensch dort unten dem sicheren Tode aus?! So hoch
-bewertete er seine Hoffnungen, oder so wenig lag ihm am
-Dasein?</p>
-
-<p>Johanna horchte auf. Von unten tönte es wie das
-Knarren einer Tür. Ihre Vorstellungen kreuzten durcheinander.
-Sie wußte nicht mehr, ob sie aus Scham vor
-dem Betrug den vertrauensseligen Mann warnen, oder ob
-sie das Entweichen des Übeltäters verhindern wollte.</p>
-
-<p>Und dann &ndash; und dann &ndash; die Uhr tickte so laut &ndash; es
-war keine Zeit mehr zu verlieren.</p>
-
-<p>Ohne Überlegung &ndash; mit wildem Entschluß drehte sie an
-<a class="pagenum" id="page_428" title="428"> </a>
-dem Schlüssel, stürzte aus der Dunkelheit heraus und fegte
-die Treppe hinab, wie sie die Stufen noch nie übersprungen.
-In ihrem Ungestüm vergaß sie das Anklopfen. Ohne ein
-Zeichen trat sie ein. Ihr Atem flog so stoßend über ihre
-Lippen, daß sie sich an dem Pfosten des Eingangs eine
-Stütze suchen mußte. Dann erst vermochte ihr scheuer Blick
-sich einige Klarheit zu verschaffen.</p>
-
-<p>In dem kleinen Zimmer wiegte sich bange Stille. Unordentlich
-und achtlos war der Mantel des Fürsten über
-einen Stuhl geworfen, seinen Säbel hatte der Besitzer auf
-das Ruhebett geschleudert, und Dimitri selbst saß an dem
-Tisch, auf dem noch die Reste des Mahles standen. Tief
-herabgebeugt ruhte das Haupt des Übermüdeten auf seinen
-ausgebreiteten Armen, und die Lauscherin pries den schweren
-Schlaf, der ihm das Schicksal seines Volkes sowie sein
-eigenes für eine Weile wohltätig verhüllte. Allein sie
-täuschte sich, denn der Fürst richtete sich langsam auf, und
-sofort erfaßte das Landmädchen, wie seine Augen nichts von
-der Blendung des Schlummers zeigten. Ihr Gast schien
-vielmehr angestrengt nachgedacht zu haben. Kaum erkannte
-er sie, als auch schon sein zuvorkommendes Lächeln in seinen
-gespannten und angestrengten Zügen aufleuchtete. Nur
-wollte es Johanna dünken, als wenn eine bittre, entsagungsvolle
-Schwermut sich über das auch jetzt noch edle Antlitz
-verbreitet hätte. Und im Moment zitterte sie davor, wie
-sich der Oberst ihr unvermutetes Hereindringen deuten
-würde. Aber gottlob, die Haltung des fremden Aristokraten
-blieb tadellos und beherrscht. Langsam erhob er sich, und
-während er ein paar Schritte gegen sie tat, verbeugte er
-sich leicht. Wieder verursachte es der Beobachterin einen
-stechenden Schmerz, als sie vernahm, wie schwer sich ihr
-Gast über den Estrich schleppte.</p>
-
-<p>»Es ist sehr gütig von Ihnen, mich nicht zu lange meiner
-<a class="pagenum" id="page_429" title="429"> </a>
-eigenen Gesellschaft zu überlassen,« begann Dimitri Sergewitsch
-in seinem schmeichelnden Tonfall. »Ich versichere
-Sie, sie ist nicht die beste. In diesen Stunden habe ich so
-manches an mir vorüberziehen lassen. Und wenn es noch
-einen Zweck hätte, dann könnte ich darüber trauern, weil
-ich so wenig bleibende und lohnende Erinnerungen besitze.
-Aber wozu? Es hat keinen Zweck.«</p>
-
-<p>Er stand jetzt vor ihr und ließ seinen Blick flüchtig über
-sie fortgleiten. Das schimmernde Blondhaar der Preußin
-schien ihn besonders einzufangen. Allein auch jetzt noch
-eignete ihm Erziehung genug, um nicht eine einzige verletzende
-Gebärde der Vertraulichkeit zu wagen. Und Johanna dankte
-Gott dafür, daß dieser immerhin vornehme Herr die Formen
-bis zum letzten zu wahren verstand. Dafür wollte sie sich
-erkenntlich zeigen, dafür alles andere vergessen.</p>
-
-<p>»Fürst Fergussow,« stieß sie plötzlich hervor, nachdem
-sie einen Blick der Angst durch das dunkle Fenster geschickt
-hatte, »ich fühle mich verpflichtet, es Ihnen zu entdecken,
-obwohl &ndash; obwohl &ndash; nein, das tut nichts zur Sache &ndash; es
-lauert hier Gefahr auf Sie. Hören Sie? Sie sind hier
-nicht mehr eine Stunde sicher. Rufen Sie Ihre Leute zusammen
-und verlassen Sie schleunigst den Hof. In höchster
-Eile, Herr Oberst, in allerhöchster. Sonst ist es zu spät.«</p>
-
-<p>Als sie dies hervorstieß, taten sich die harten blauen
-Augen der Gutsherrin erschreckend weit auf, ihre Hände
-verschlossen sich über der Brust, und in ihrer Stimme
-bebte etwas so Schmerzliches, als ob sie selbst mit einem
-Messer gegen sich gestoßen hätte. Sie fühlte, daß sie dies
-alles nicht sagen durfte, und daneben verging sie beinahe
-in dem Rausch, daß ihre Überwindung doch etwas Schönes,
-Zärtliches und Menschliches berge. Auch der Fürst stand eine
-Weile regungslos. Er schien mehr dem heiß erregten, unerwarteten
-Tonfall zu lauschen als dem Sinn jener Warnung.
-<a class="pagenum" id="page_430" title="430"> </a>
-Dann zuckte er leicht die Achseln, wandte sich ein wenig
-und zeigte durch das Fenster.</p>
-
-<p>»Meine Leute soll ich rufen, liebes Fräulein?« entgegnete
-er müde. »Überzeugen Sie sich selbst. Die dort draußen
-waren klüger, als ich. Oder auch dümmer, denn sie glauben
-noch nicht an die Wertlosigkeit, an den absoluten Zufall des
-menschlichen Auf und Ab, und haben mich längst im Stich
-gelassen. Ich bin allein hier.«</p>
-
-<p>»Ihre Leute sind fort?« stammelte Johanna erblassend
-und griff wieder nach dem Pfosten der Tür.</p>
-
-<p>Es tat ihr nicht gut, unausgesetzt die ebenmäßige Reitergestalt
-zu umspannen. Unvermerkt, stärker und stärker
-bildete sich eine Zusammengehörigkeit heraus, die mächtiger
-war als der Widerwille der Völker, als Familienehre und
-alle Gesetze von Gut und Böse. Ihr schwindelte, und nur
-das Sträuben gegen ihre Schwachheit hielt sie noch aufrecht.</p>
-
-<p>»Dann gehen Sie allein,« forderte sie trotzdem herrisch.</p>
-
-<p>Der Fürst stand wieder vor ihr, hatte die Hände auf
-den Rücken gelegt, und auch er sann wohl in dumpfer Verwunderung
-über die Weichherzigkeit der straffen Nemza nach.</p>
-
-<p>»Sie lehren mich wenigstens etwas kennen,« gestand er
-endlich, obwohl er keine Miene machte, dem dringenden
-Befehl zu gehorchen, »das mir bisher recht fremd blieb.
-Sie sorgen sich um mich.« Er schlug ein leichtes Gelächter
-auf. »Ist es nicht eigenartig, daß ich etwas Ähnliches
-erst bei dieser Gelegenheit erfahre? Und von der Angehörigen
-einer von uns so entfernten Rasse? <i>Mon dieu</i>,«
-setzte er mit einem verächtlichen Zucken der Mundwinkel
-hinzu, »man hat sich viel um mich gekümmert. Ich
-leugne es nicht, auch Frauen taten dies. Doch ich müßte
-lügen, wenn sich mir gegenüber jemals eine mütterliche
-Teilnahme äußerte. Ich glaube, gerade die kennt Ihr
-<a class="pagenum" id="page_431" title="431"> </a>
-Deutschen. Und die tut wohl, sehr wohl.« Und wieder verbeugte
-er sich, wie es die Slaven stets befolgen, wenn sie
-etwas Liebes, Schmeichelndes verkünden wollen.</p>
-
-<p>Da schrie Johanna auf. Halb vor Zorn und halb weil sie
-fühlte, wie sie dem reuigen Schmerz dieses zerbrochenen
-Lebens unterlag.</p>
-
-<p>»Warum gehen Sie dann nicht?« stieß sie noch einmal
-rauh hervor, und ihre Hand zeigte auf die Tür, »warum
-bringen Sie sich nicht in Sicherheit, wie ich Ihnen vorschlug?«</p>
-
-<p>Jetzt regte sich der Fürst, zögerte einen Moment, und
-seine sprechenden Augen suchten den Boden, als er tastend
-und verlegen hervorbrachte:</p>
-
-<p>»Ich glaubte Ihre Meinung vorhin so deuten zu dürfen,
-daß Sie mir noch eine Nacht eine sichere Zufluchtsstätte
-anboten.«</p>
-
-<p>Die wenigen Worte waren mit größter Mühe zusammengesucht
-und verrieten die deutliche Absicht, weder anzustoßen
-noch zu verletzen. Johannas Antlitz jedoch flammte
-auf.</p>
-
-<p>»Ich verlange aber jetzt von Ihnen, daß Sie gehen,« rief
-sie erbittert und konnte es doch nicht hindern, daß sich ihre
-Hände flehend zusammenpreßten. »Ich will nicht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was wollen Sie nicht?«</p>
-
-<p>»Ich will nicht,« stammelte das Mädchen wild, »daß
-Ihnen gerade in meinem Hause ein Unheil widerfährt.
-Mir graut davor.«</p>
-
-<p>Der Oberst trat ihr noch etwas näher. Dabei vollführte
-er eine Bewegung, als wolle er ihre Hand ergreifen.</p>
-
-<p>»Das fürchte ich keineswegs,« gab er nachdenklich zurück,
-»soweit werden sich unsere Verfolger schwerlich vorwagen.
-Und dann, mein Fräulein, woher wissen Sie, daß das
-Dasein für mich noch einen besonderen Reiz enthält?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_432" title="432"> </a>
-Er hob seinen Blick zu ihr empor und siehe da, es waren
-wieder die schwermütigen Sterne des alten Kupferstichs, die
-ein Leben lang auf ihr gleichgültiges Wirken herabgeschaut.
-Jetzt starrte sie entgeistert in sie hinein.</p>
-
-<p>»Spielen Sie nicht mit so etwas,« verwies sie herb,
-obwohl sie nicht mehr den richtigen Begriff von all dem
-spürte, was hier geschah. »Es stirbt kein Mensch gern.«</p>
-
-<p>»Wer weiß?!« flüsterte der Russe mehr für sich, »wir
-Slaven lieben die Selbstvernichtung. Können Sie sich nicht
-denken, wie jemand, der an dem ungeheuren Grab seines
-Volkes, an der Gruft alles Menschlichen und an dem Abgrund
-jeder erträumten Entwicklung stand, sich voller Widerwillen
-in Schwärze und Vergessenheit hinabstürzt? Nur
-müßte auch darin Schönheit liegen. Die Alten kannten
-das. Heiter riefen sie den Tod zu Gast und feierten ihn
-unter Kränzen und mit huldreichen Frauen.«</p>
-
-<p>Vor den Ohren des Landmädchens summte es. Sie hatte
-ihre Lider fest zusammengepreßt, und so geschah es, daß sie
-erst jetzt merkte, wie ihr Gefährte sacht über ihr blondes
-Haar streichelte.</p>
-
-<p>Hölle und Entsetzen! Dieser eine Augenblick genügte,
-um alle Besinnung, alle Klarheit auf sie herabzuzerren.
-Die erste Berührung der fremden Hand riß jede heimliche
-Zuneigung wie ein üppiges Gewand von ihrem Körper,
-nichts blieb übrig als der Schauder vor dem Fremden und
-seinem Wesen. Ein Schlag hätte die Gutsherrin nicht mehr
-reizen können, als jenes verborgene Langen nach ihrer
-Würde. Voller Verachtung straffte sie ihre Arme, und
-dann &ndash;&nbsp;&ndash; die beiden Menschen hielten inne und starrten
-sich an.</p>
-
-<p>Ganz in der Nähe schmetterte ein Trompetensignal.
-Die Hofmauern warfen es zurück, ein helles Wiehern
-prallte gegen die Fensterscheiben, und wie in einem rasenden,
-<a class="pagenum" id="page_433" title="433"> </a>
-dahintaumelnden Wahn begannen Traum und Irrsinn in
-dem kleinen Zimmer umherzuhüpfen.</p>
-
-<p>Keiner Bewegung mächtig lehnte Johanna noch immer
-an der Tür. Sie sah, wie der Fürst ohne Aufregung eine
-Pistole aus der umgegurteten Tasche lüftete, sie fing auf,
-wie er von ihr abließ, blitzschnell das Fenster öffnete und
-sich rittlings auf das weiße Brett schwang.</p>
-
-<p>Draußen auf dem Flur knirschten viele Tritte.</p>
-
-<p>Laternenschein durchbrach auf dem Hof die Finsternis und
-spiegelte sich in den todbleichen Zügen des Obersten.</p>
-
-<p>»Zurück,« schrie Johanna besinnungslos und wollte die
-Arme in die Luft werfen. Aber sie fielen ihr unkörperlich,
-gleich leblosem Eisen gegen den Leib.</p>
-
-<p>Der auf dem Fensterbrett Reitende schien den weiteren
-Sprung aufgegeben zu haben. Mit einer Gebärde des
-Widerwillens hob er die Pistole, und zweimal begleiteten
-draußen grelle Schreie das Aufzucken der beiden roten
-Feuerfunken.</p>
-
-<p>Johanna reckte sich. Sie taumelte nicht, sie brach nicht
-zusammen, eine steinerne Figur hätte nicht starrer ragen
-können wie sie. Ein dicker roter Qualm wallte vor ihren
-Augen, und durch seine Nebel hindurch sah sie, wie Fürst
-Dimitri sich zu ihr zurückwandte, um ihr mit seinem alten
-gewinnenden Lächeln zuzunicken.</p>
-
-<p>Der Gruß rüttelte an ihr wie eine Faust. Gleich darauf
-schrie Johanna auf. Ihr schnellte es vor den Blicken, als
-ob der Oberst die Waffe gegen seine eigene Schläfe gerichtet
-hätte. Noch einmal zischte es, und das letzte, was in die
-steinerne Bildsäule hineinschlug, war der Nachhall eines
-dumpfen Falles.</p>
-
-<p>Dann war alles leer, sie stand allein in der Stube.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_434" title="434"> </a>
-Dicht vor der weißen Mauer wartete eine Schar deutscher
-Ulanenoffiziere in respektvollem Schweigen, bis sich die
-Gutsherrin von der hingestreckten Gestalt abwendete, deren
-Umrisse man kaum noch unterschied. Dann schüttete einer
-von ihnen ein Bündel Stroh über den Gefällten. Ernst und
-schweigsam suchten die Herren die erleuchtete Stube auf,
-und nur ihr riesenhafter Rittmeister blieb draußen in der
-Dunkelheit bei seiner Verwandten zurück. Auch zwischen
-ihnen wollte sich kein Wort einstellen. Unbeweglich, gesenkten
-Hauptes verweilte Johanna. Übermächtig wühlte
-in ihr die Vorstellung, ein gräßliches Wahnbild wäre eben
-für immer zersprungen, und erwachend überfiel sie die
-Qual, ob sie wirklich in dieses grause Ende verstrickt sei.</p>
-
-<p>Da streckte ihr der Riese von Sorquitten die Hand entgegen.
-Es war eine Bewegung so voll Treue und Ehrlichkeit,
-daß das Mädchen aus ihrem Hinbrüten emporfuhr. Zögernd
-verbarg sie ihre Finger unter ihrer dunklen Schürze.</p>
-
-<p>»Es klebt Blut daran,« sagte sie tonlos.</p>
-
-<p>Aber Herr von Stötteritz ließ sich nicht abschrecken. Seine
-Rechte suchte und fand die kalten Finger, die sich vor ihm
-versteckten, und überzeugt und markig, ungekünstelt und
-mit wuchtiger Gewißheit tönte die kräftige, allen Spuk
-vertreibende Männerstimme:</p>
-
-<p>»Schadet nicht, Hans. Was von dir kommt, kann nur
-brav und richtig sein. Mach' dir keine unnötigen Gedanken,
-Kind.«</p>
-
-<p>Und er nahm ihren Arm und führte die Widerstrebende
-voller Stolz zu seinen Kameraden in das erleuchtete Zimmer.
-Die Befriedigung, der nächste Verwandte einer deutschen
-Frau zu sein, die willensstark und kräftig mitten in dem
-tödlichen Gebrause standgehalten, strahlte von seinem
-wettergebräunten Gesicht. Auf dem Tisch standen noch ein
-paar Flaschen Rotwein. Ohne zu fragen hatten die Offiziere
-<a class="pagenum" id="page_435" title="435"> </a>
-sich eingegossen und harrten nun, die Gläser in der Hand,
-wie auf Verabredung auf die Dame des Hauses. Aber diese
-sprach nichts. Ihr Geist verkehrte noch mit dem Schatten,
-der unsichtbar, lächelnd und schwermütig durch den Raum
-schwebte. Statt ihrer ergriff der Riese von Sorquitten
-einen Kelch, schwenkte ihn und sagte kurz und bestimmt:</p>
-
-<p>»Meine Herren, dies war nur der Anfang. Wir haben
-keine Zeit uns auszuruhen, sondern müssen für das Ende
-sorgen. Das Feiern kommt später.«</p>
-
-<p>Ein paar Minuten nachher hörte man bereits das Scharren
-und Trappeln der Ulanenpferde. Nur Herr von Stötteritz
-zögerte noch bei seiner Verwandten und ließ seine Hand
-noch immer wuchtig auf ihrer Schulter ruhen.</p>
-
-<p>»Hans,« kam es ein wenig beschämt aus ihm heraus,
-»ich bin die dummen Gedanken nicht los geworden. Man
-soll natürlich keine Pläne machen, denn man weiß nicht,
-wie alles kommen kann. Und uns bleibt noch ein tüchtiges
-Stück zu tun. Aber weißt Du, Marielle, es wäre mir doch
-lieb, wenn ich zu dir zurück käme. Man muß eben vertrauen
-und warten.«</p>
-
-<p>Dabei rüttelte er sie kräftig, drückte ihr klammerfest die
-Hand und schritt klirrend und ohne sich noch einmal umzuschauen
-hinaus.</p>
-
-<p>Und die Älteste von Maritzken wartete.</p>
-
-<p>Das ganze Land glaubte und harrte, spann Hoffnungen
-und richtete sich auf. Was in den Familien und bei den
-Zurückgebliebenen geschah, das glitt nur wie unwirkliche
-Schatten unter der glutroten Sonne des Völkerherbstes
-dahin. Man hörte es, man schüttelte den Kopf und lauschte
-auf das Sausen des großen Sturmes.</p>
-
-<p>So durfte die Gutsherrin von Maritzken die kleine Isa
-umarmen und von ihr das Wunder erfahren, daß der Rotkopf
-in den »Goldenen Becher« drinnen in der befreiten Stadt
-<a class="pagenum" id="page_436" title="436"> </a>
-einziehen würde. Und Johanna lächelte und schüttelte das
-Haupt. Sie hörte auch von den Bühnenstudien flüstern und
-raunen, die ihre Schwester Marianne mitten in Not und
-Gewühl in der fernen Hauptstadt betreiben sollte. Und
-wieder lächelte sie matt, und um ihren Mund spielte der
-alte herbe und verurteilende Zug.</p>
-
-<p>Knechte und Mägde wurden angeworben, das Anwesen
-erstand unter ihrer Führung aus Schutt und Vernachlässigung,
-die Wintersaat wurde versenkt, und ein neuer Frühling
-sproßte empor.</p>
-
-<p>Längst sind die Mauern des Gehöftes geweißt und gestrichen,
-und nur der Blutfleck unter dem Fenster leuchtet
-noch mahnend und klagend über den Hof. Und wenn die
-Gutsherrin im Abendschein auf der Bank vor der grünen
-Wiese rastet, dann streift ihr Auge manchmal über den
-kaum merklichen Erdbuckel, der schmucklos und ohne Kennzeichen
-ein Grab überwölbt. Aber in ihren weißen Zügen
-regt sich nichts mehr. Sie fühlt gleich all den Tausenden
-und Millionen ihrer Landsleute, daß jeder Deutsche allein
-und auf sich gestellt in der Welt steht. Kein schwächliches
-und bewunderndes über-die-Grenze-Spähen gibt es mehr.
-Der Deutsche wird den Nachbarn von rechts und links wohl
-ohne Haß und Groll die Hand hinstrecken, wird mit ihnen
-aufwärts wandern und handeln und tauschen, aber das
-Tiefste, das Herz an Herzen bindet, das höchste Gefühl der
-Glückseligkeit, daß er nicht gänzlich vereinsamt im Wirbel
-des Geschehens treibe, das findet er nur bei dem deutschen
-Bruder.</p>
-
-<p>Und wie die Älteste von Maritzken, so sinnt nun das
-ganze weite Land, beseelt von dieser starken Gewißheit, und
-harrt und wartet.</p>
-
-
-<p class="ce mt2"><span class="ge">Ende.</span></p>
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden <em class="ge">gesperrt</em> gesetzte Schrift sowie Textanteile in <i>Antiqua-Schrift</i>
-hervorgehoben (jedoch nicht römische Zahlen).</p>
-
-<p class="in0">Der Halbtitel wurde entfernt.</p>
-
-<p class="in0">Punkt und Komma am Ende von Anführungszeichen wurden generell
-geändert von "«." in ".«" und von "«," in ",«".</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
-"Sebalduskirche" &ndash; "Sebaldus-Kirche", "slavisch" &ndash; "slawisch",</p>
-
-<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_057">57</a>:<br />
-"sprochen" geändert in "versprochen"<br />
-(von der er sich einmal Erfolg versprochen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_060">60</a>:<br />
-" »" geändert in "« "<br />
-(wirklich an lieben Fritz Harder.« Und nach einer Weile)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_069">69</a>:<br />
-"ihrere" geändert in "ihrer"<br />
-(wegen ihrer altpreußischen Gesinnung bekannt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_072">72</a>:<br />
-"Entttäuschungen" geändert in "Enttäuschungen"<br />
-(und an Enttäuschungen reiche Pflicht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_079">79</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(fürsorglich aus unserer Pulverecke fortschafft.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_093">93</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(etwas vorschreiben oder gar befehlen zu wollen.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_131">131</a>:<br />
-"Zigarrette" geändert in "Zigarette"<br />
-(eine Zigarette an sich riß und rasch)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_173">173</a>:<br />
-"sein" geändert in "seine"<br />
-(das bessere Teil von ihm, seine Seele)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_180">180</a>:<br />
-"Wandrer" geändert in "Wanderer"<br />
-(der in sich gekehrte Wanderer)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_190">190</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_191">191</a>:<br />
-"Haft" geändert in "Hast"<br />
-(In nervöser Hast fingerte sie auf der Platte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_233">233</a>:<br />
-"«" hinter "Sinn." entfernt<br />
-(schoß es ihm durch den Sinn.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_255">255</a>:<br />
-"aberteuerliches" geändert in "abenteuerliches"<br />
-(vielleicht nur ein abenteuerliches Mißverständnis)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_260">260</a>:<br />
-"großes" geändert in "großen"<br />
-(die lähmende Ruhe des großen Gemaches)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_304">304</a>:<br />
-"etwas" geändert in "etwa"<br />
-(Sie sind doch nicht etwa als Spion)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_304">304</a>:<br />
-"alles" geändert in "allen"<br />
-(nach allen Seiten hinauszuspähen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_312">312</a>:<br />
-"gelähmter" geändert in "gelähmten"<br />
-(als sie in ihrer gelähmten Haltung verharrte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_323">323</a>:<br />
-"nordddeutsch" geändert in "norddeutsch"<br />
-(als ihr norddeutsch kühles Auge jetzt auffing)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_359">359</a>:<br />
-"«" hinter "vonnöten." entfernt<br />
-(einer so hohen Behörde gewiß nicht vonnöten.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_383">383</a>:<br />
-"einflössen" geändert in "einflößen"<br />
-(auch einem minder Verzweifelten Furcht einflößen können)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_386">386</a>:<br />
-"Dimirti" geändert in "Dimitri"<br />
-(Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des Zaren)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_390">390</a>:<br />
-"etwas" geändert in "etwa"<br />
-(Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei?)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_392">392</a>:<br />
-"zersausten" geändert in "zerzausten"<br />
-(mit flatternden und zerzausten Plantüchern)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_400">400</a>:<br />
-"-" eingefügt<br />
-(während er unruhig im Zimmer auf- und niederschritt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_401">401</a>:<br />
-"," geändert in "."<br />
-(ich kann und darf Sie nicht damit ängstigen.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_403">403</a>:<br />
-"Anwort" geändert in "Antwort"<br />
-(und zetert und brüllt um Antwort)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_412">412</a>:<br />
-"den" geändert in "dem"<br />
-(Auch wird in dem dumpfen Raum kein Mensch)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_419">419</a>:<br />
-Zeilen 7 und 8 vertauscht</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_422">422</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(richtig und sauber hervorziehen kann.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_430">430</a>:<br />
-"Er" geändert in "Es"<br />
-(Es tat ihr nicht gut)</p>
-
-<p class="ci">sowie<br />
-Seite <a class="nd" href="#page_339">339</a>: "III." geändert in "IV."<br />
-Seite <a class="nd" href="#page_378">378</a>: "IV." geändert in "V."<br />
-Seite <a class="nd" href="#page_414">414</a>: "V." geändert in "VI."</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Die Herrin und ihr Knecht, by Georg Engel
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HERRIN UND IHR KNECHT ***
-
-***** This file should be named 50283-h.htm or 50283-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/0/2/8/50283/
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/50283-h/images/cover.jpg b/old/50283-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 26bb1b3..0000000
--- a/old/50283-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50283-h/images/p003i.jpg b/old/50283-h/images/p003i.jpg
deleted file mode 100644
index 5198e40..0000000
--- a/old/50283-h/images/p003i.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ