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-The Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen, Erster Band., by
-Friedrich Gerstäcker
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Aus zwei Welttheilen, Erster Band.
- Gesammelte Erzählungen
-
-Author: Friedrich Gerstäcker
-
-Release Date: October 12, 2015 [EBook #50187]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN, ERSTER BAND. ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
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-[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : ~klein~ : #fett# : =Antiqua= ]
-
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-
- Aus zwei Welttheilen.
-
- Gesammelte Erzählungen
- von
- Friedrich Gerstäcker.
-
- Erster Band.
-
- Leipzig,
- Arnoldische Buchhandlung.
- 1854.
-
-
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-
-Inhalt des ersten Bandes.
-
-
- Seite
-
- Heimweh und Auswanderung 1
-
- Die Wolfsglocke 27
-
- Die Ahnung 83
-
- Schwarz und Weiß 137
-
- Der Freischütz 227
-
- Die Schoonerfahrt 275
-
- Berlin und das Schauspielhaus im Belagerungszustand 401
-
-
-
-
-Heimweh und Auswanderung.
-
-Skizze.
-
-
-Vor Jahren, und noch nicht einmal vor so gar _langen_ Jahren, war eine
-Reise von mehr als zwanzig Meilen ein Gegenstand, der nicht allein jede nur
-erdenkliche Vorbereitung erforderte, sondern den Reisenden selbst fast wie
-einen tollkühnen Wagehals erscheinen ließ, der sein eigenes Leben und die
-Ruhe seiner Verwandten und Freunde keinen Deut hoch achtete, sondern
-nur, ein zweiter Robinson Crusoe, Lust habe, seine Tage unter Wilden und
-Cannibalen zu beschließen. Damals standen noch wohlbeleibte Wirthe mit den
-dicken, gemüthlichen Gesichtern in der Thür ihrer Gasthäuser und unter den
-an starken eisernen Stäben hin- und herknarrenden Conterfeys von rothen
-Drachen oder noch rötheren Potentaten, sahen die alte, wohlbekannte
-Landkutsche halbe Stunden lang bedächtig auf der ausgefahrenen Straße
-heranrasseln, und berechneten schon im Voraus, für wie viel Gäste die
-hochlägerigen, schneeweiß überzogenen Betten hergerichtet, wie viel Paar
-Pantoffel zum Wärmen an den Ofen gestellt werden müßten.
-
-Jetzt dagegen zischen und schnauben keuchende Locomotiven ihre eiserne
-Bahn entlang -- die Drachen und Potentaten sind (beide jedoch nur von den
-Wirthshausschilden) verschwunden und haben französirten Hotels -- »=de
-Leipsic, de Katzenellenbogen etc.=« -- Platz gemacht, und langbeinige,
-dünnleibige Wirthe und Kellner stürzen, mit ganzen Armladungen voll
-Erfrischungen, von Coupee zu Coupee, um die _nie_ mehr einkehrenden
-Passagiere zu veranlassen, ihr Geld im Fluge zu verzehren.
-
-Der Ocean hält mit dem festen Lande Schritt; sonst nannte man eine Fahrt
-von Hamburg nach Helgoland eine »Seereise«, jetzt heißen die, zwischen
-Newyork und Liverpool »spielenden«, ungeheueren Packetdampfschiffe
-»_Fährboote_«, und Pianofortes und Brüsseler Spitzen werden nach Gegenden
-hingeschafft, in denen noch vor kurzer Zeit Schellen und Glasperlen als
-Wunderwerke der Kunst galten.
-
-Der Mensch selbst bleibt dann natürlich nicht hinter dem Fortschritt der
-Länder zurück -- der enge Kreis, der sonst den Hausvater an die Scholle
-bannte die er bewohnte, wird ihm jetzt zu eng, und wenn er die Seinen nicht
-verlassen kann, ei nun, so nimmt er sie mit zu anderen Zonen. Ein mit dem
-Vaterland Zerfallener -- ein »Weltschmerzdurchtobter« -- dachte früher nur
-selten daran, die alten Ketten und Verhältnisse, die ihn bisher gebunden,
-abzuschütteln und auf neuem Boden, von der neuen, lebensfrischen Keimkraft
-einer anderen Welt durchglüht, ein ebenso neues, ein ebenso frisches Leben
-zu beginnen, -- das Wort »Europamüde« stand noch in keinem _deutschen_
-Wörterbuch. Jetzt ziehen Tausende von ruhigen Landleuten, die bis dahin von
-Schiffen keine anderen kannten als Weberschiffe, und das Wasser, außer
-dem Hausgebrauch, nur noch zum Mühlentreiben verwendbar hielten, mit
-schwellenden Segeln über brausende Wogen hin, einer neuen, ferngelegenen
-Heimath zu, und befinden sich auch dort schon, nach ganz kurzem Aufenthalte
-so wohl, so bekannt, als ob sie zwischen lauter Negern und Mulatten
-aufgewachsen wären, und von frühester Kindheit an nichts Anderes gegessen
-hätten, als Maisbrod und Ananas.
-
-Deutschland, das sonst so ruhige, gemüthliche Deutschland, ist auf Reisen
-gegangen; Michel hat Schlafrock und Pantoffeln ausgezogen, und am Ganges,
-Nil und Niger, am Amazonenstrom wie am Mississippi verlangt er von dem aufs
-Aeußerste erstaunten Echo, ihm »Ei du lieber Augustin« und »schöner grüner
-Jungfernkranz« nachzusingen.
-
-Betritt nun der Deutsche amerikanischen Grund und Boden, und ist ihm selbst
-die Sprache fremd, die er von _lauter_ fremden Menschen sprechen hört, dann
-erfaßt ihn gewöhnlich zum ersten Mal jenes Gefühl gänzlicher Verlassenheit,
-das er selbst bei dem Abschied aus der Heimath, als er den letzten blauen
-Streifen des Vaterlandes in nebliger Ferne schwinden sah, noch nicht
-empfand. Damals, in ganz neuer, fremdartiger Umgebung, wo Scene nach Scene
-wechselte, und jede nachfolgende immer wieder frischeres, lebendigeres
-Interesse bot, -- noch dazu von lauter Landsleuten umgeben, die nur über
-Sachen sprachen die ihm selbst bekannt, mit denen er selbst vertraut war,
-fühlte er, glaubte er noch nicht, daß der letzte Faden zerrissen sei, der
-ihn an vaterländische Erde band, -- er war nur eben unterwegs, und das
-Meer, in dessen wundervolle Bläue er jetzt hineinstarrte, umfluthete ja
-auch den heimischen Strand.
-
-So vergrößerte sich nach und nach die Entfernung, ohne daß er im Stande
-war einen Maßstab anzulegen, wie er von Stunde zu Stunde alles Das weiter
-zurückließ, an dem bis jetzt sein ganzes Herz gehangen, und das ihm durch
-Liebe und Gewohnheit heilig geworden war.
-
-Der erste Schritt auf fremder Erde zerstört den Wahn -- von seinen
-Reisegefährten trennt ihn gewöhnlich bald irgend ein anderer Plan, trennen
-ihn andere Interessen, andere Ansichten -- er verliert sie in dem
-ihn umtosenden Gedränge aus den Augen, und erst dann -- erst in _dem_
-Augenblick steigt mit einem Schlage die ganze starre Wahrheit vor ihm auf:
-du bist im fernen, fremden Land _allein_.
-
-In _der_ Zeit schließt er sich an Jeden an, der _deutsch_ spricht -- in
-_der_ Zeit glaubt er einem Jeden, der ihm versichert, daß er es gut und
-ehrlich mit ihm meine -- ach seine ganze Seele hängt ja an dem Glauben. Nur
-zu häufig fällt er aber auch dann gerade in die Hände listiger Speculanten,
-die, in der amerikanischen Schule gestählt, jeden fremden Einwanderer,
-komme er nun aus der eigenen Heimath oder wo anders her, wie einen Schwamm
-betrachten, den sie so lange drücken und kneten, als noch ein Tropfen
-Wasser in ihm enthalten ist, und erst dann, nachdem sie sich ihres Erfolgs
-vergewissert haben, wie ein abgenutztes Handwerkszeug bei Seite werfen.
-
-Der also Mißbrauchte sieht sich so von Jedem, dem er mit treuem Herzen
-vertraute, hintergangen und verspottet, und jetzt stürmen urplötzlich all
-die tausend und tausend gehörten und für Märchen gehaltenen Geschichten auf
-ihn ein, durch die er in der alten Heimath vor solchen _Freunden_ gewarnt
-worden war. Er gleicht jetzt dem Knaben, der sich, schon unter Wasser, noch
-deutlich daran erinnert, daß ihm Jemand gesagt hätte, das Eis würde nicht
-halten. Er ist aber einmal durchgebrochen, und nur starkes, kräftiges
-Ringen kann und wird ihn wieder an die Oberfläche bringen.
-
-Nun sind es allerdings großentheils Deutsche, die in den Seestädten
-Amerikas einzig und allein darauf auszugehen scheinen, ihre Landsleute
-durch falsche Verkäufe, Landspeculationen oder sonstige Betrügereien
-zu hintergehen; das hat aber hauptsächlich darin seinen Grund, daß der
-Amerikaner nur selten Deutsch genug versteht, sich des eben Eingewanderten
-Vertrauen zu erwerben und Vortheil aus ihm zu ziehen, sonst wäre er der
-letzte, der sich ein Gewissen daraus machen würde, ein =greenhorn=[1]
-hinters Licht zu führen.
-
- [1]: =Greenhorn= -- ein unübersetzbares Wort, das der Amerikaner von
- solchen braucht, die in einer neu unternommenen Sache noch gänzlich
- unbekannt sind, wie z. B. ein Landbewohner, der Matrose werden wollte,
- im Anfang stets ein =greenhorn= genannt werden würde.
-
-Der Amerikaner hat überhaupt, besonders im Handel, wunderliche Begriffe von
-Ehrlichkeit, und hält Manches für erlaubt, was wir nach _unseren_ Ansichten
-unmöglich billigen könnten. Ich brauche da nur an die aus Kien gedrehten
-Muskatnüsse, an hölzerne in Leinwand eingenähte Schinken, an aus Kartoffeln
-und rothem Flanell gestopfte Würste, und an viele andere Betrügereien zu
-erinnern, die den Schuldigen vor Gericht allerdings verdammt hätten, denen
-aber der Amerikaner selbst seine volle Bewunderung zollt und einen solchen
-Pfifficus höchstens einen »=deuced smart fellow=«, einen »verwünscht
-schlauen Burschen« nennt.
-
-Nun ist es aber nicht allein das Vertrauen gegen Andere, vor dem sich der
-neu eingewanderte Deutsche besonders zu hüten hat, sondern auch das in sich
-selbst, was ihm nicht selten noch größeren Schaden thut als das erste, denn
-jenes kostet ihm gewöhnlich nur Geld und er gewinnt dafür Erfahrung,
-das andere aber kostet ihm seine _Zeit_ und die kann ihm Nichts wieder
-ersetzen.
-
-Ich möchte hier übrigens nicht mißverstanden werden, denn ich will
-keineswegs damit sagen, daß der Europäer nicht auf seine eigenen Kräfte,
-auf seine eigene Ausdauer und Beharrlichkeit vertrauen solle. Nein im
-Gegentheil, ein solches Vertrauen ist sogar unumgänglich nöthig, er würde
-sonst untergehen in Zweifel und Unentschlossenheit; er soll sich aber nicht
-einbilden daß er nach Amerika gekommen ist, um die Eingeborenen durch
-seine eigene Geschicklichkeit in Erstaunen zu setzen -- er soll nicht,
-ohne vorher zu prüfen, _seine_ Manier zu arbeiten für die bessere,
-_seine_ Werkzeuge für die einzigen guten halten -- er soll seine eigenen
-Fähigkeiten nicht zu hoch anschlagen und selbst da noch _lernen_, wo er
-sich schon vielleicht für geschickter und klüger als Die hielt, mit denen
-er zusammentraf.
-
-Der Amerikaner ist viel praktischer als der Deutsche -- er hat sich aber
-auch nicht aus dem alten Schlamm, aus geistigem und körperlichem Zwang erst
-herauszu_arbeiten_ gebraucht, wie wir das noch jetzt mit Händen und Füßen,
-ja oft auf dem Bauche liegend, im Begriff sind zu thun. Er hat das Joch,
-was ihn zu drücken erst _anfing_, abgeschleudert und nun, ein freier Staat,
-die freie Bahn frisch und fröhlich verfolgt. Nicht durch Zunft oder anderen
-Zwang niedergehalten, von allen Ländern der Welt die Repräsentanten in
-seiner Mitte, konnte er prüfen und wählen und der Erfolg hat bewiesen, wie
-er nicht blind war gegen das Bessere.
-
-Daher geschieht es denn gewöhnlich, daß sich besonders der deutsche
-Handwerker im Anfang gar nicht in die Behandlungsart seines eigenen
-Gewerbes hineinfinden kann, und selbst der _Meister_ zu seinem nicht
-geringen Erstaunen noch lernen muß. Hier in Deutschland kommt es besonders
-_darauf_ an, daß eine Sache gut und dauerhaft gearbeitet sei; der Vater
-will ein Stück, das er für sich selber machen läßt, auch noch auf den Sohn
-vererben, _dort_ hingegen soll nur Alles _schnell_ und in _Masse_ fertig
-werden, und der Amerikaner wird daher stets den schnellen Arbeiter dem
-guten vorziehen. Schuhmacher z. B., die zwei bis drei Paar Schuhe in einem
-Tage machen, gehören keineswegs zu den Seltenheiten. -- Hie und da, in
-großen Städten, findet man Anschläge, wo »schwarze Wäsche« in _einer_
-Stunde gewaschen, getrocknet und geplättet wird. -- Häuser scheinen über
-Nacht aus dem Boden zu steigen, ganze Städte wachsen in wenigen Monaten
-heran und ein ewiges Drängen und Treiben schüttelt die Amerikaner selbst
-aus einem Staat in den anderen, aus einem Geschäft in das andere.
-
-Der Lebenszweck ist: _durch_ die Welt zu kommen, und _womöglich_ ehrlich,
-das _wie_ ist aber auf jeden Fall sonst Nebensache. Was also hier in
-Deutschland einem Menschen zur Schande gereichen, oder über das der
-Philister wenigstens sehr stark den Kopf schütteln würde, das öftere
-sogenannte »Umsatteln« wird dort nicht allein für natürlich, sondern sogar
-für lobenswerth gehalten, weil es beweist, wie der unstät von Einem zum
-Anderen Wechselnde das für ihn Passende zu finden sucht, und man ist
-überzeugt, er wird, _wenn_ er es findet, nicht langsam in der Benutzung
-desselben sein.
-
-Daß Einer heute Zimmermann, morgen Straßenarbeiter, übermorgen Doctor,
-nachher Landmann, Maler, Schuster, Matrose, Apotheker, Händler u. s. w.
-ist, fällt Keinem auf, und gerade diese unbegrenzte Arbeitsfreiheit hat
-Amerika seinen ungeheuern Aufschwung gegeben. Dort treibt ein Jeder nicht
-etwa Das, wozu ihn die Laune seiner Aeltern oder seiner Geburt verdammte,
-sondern Das, was seinen eigenen Neigungen und Fähigkeiten entspricht, und
-ist daher auch im Stande, es zu einer Vollkommenheit zu bringen, zu der er
-sich noch mehr durch unbegrenzte Concurrenz getrieben sieht.
-
-Das sollte aber auch den Einwanderer vor einem Fehler warnen, in den er nur
-zu oft von allem Anfang an fällt -- daß er nämlich Dasselbe dort treiben
-will und es durchsetzen zu müssen glaubt, was er hier im alten Vaterlande
-getrieben. Es ist gerade so, als ob er nun auch noch immer in das alte
-Wirthshaus gehen wollte, in das er seit Jahren gegangen; ja lieber Gott,
-das liegt Tausende von Meilen hinter ihm, und eine neue Welt ist's, die
-ihn umgiebt, eine neue Welt ist's also auch, der er sich anpassen, der alte
-Adam ist's, den er mit dem alten Schlafrock ausziehen muß.
-
-Dazu kommt noch, daß viele Gewerke in Nordamerika gar keine Kundschaft
-haben, so z. B. würden _Weber_, wenn sie es dort durchsetzen wollten, vor
-dem Webstuhl ihr Brod zu verdienen, verhungern müssen -- _was_ gewebt wird,
-geschieht auf Maschinen oder von Frauen -- Spitzenklöppler dürften ebenso
-wenig daran denken, ihr Geschäft in Amerika zu treiben -- Hufschmiede
-müßten sich den steinigen Norden oder gebirgige Strecken suchen, da im
-Süden kein Mensch daran denkt, ein Pferd beschlagen zu lassen u. s. w.
-Michel muß also, wenn er einmal überhaupt eine so große Reise angetreten
-hat, total aus sich herausgehen und ein ganz anderer Mensch werden.
-
-Der _Arme_ aber, der hier nur Sklave und Knecht war, der hier wie ein
-Pferd arbeitete, um zu leben, und für einen Tag Krankheit zwei Tage hungern
-mußte, um die Sache wieder ins alte Gleis, d. h. auf sein früher reducirtes
-Nichts zu bringen, wird dort auf einmal finden, daß er mehr als ein bloßer
-Zahn in einem Maschinenrad ist, daß er auch noch Menschenrechte hat, die
-dort gelten und anerkannt werden. Er braucht auch nicht mit Thränen
-auf seine Kinder zu blicken, weil er im Geist voraus sieht, welch
-fürchterliches Leben sie durch lange endlose Jahre dahin zu schleppen
-haben; denn gerade die Kinder sind es, die nachher tausendfältig ernten,
-was die Aeltern, vielleicht immer noch unter Sorgen und Entbehrungen,
-gesäet haben. Für den Armen, der arbeiten will, ist daher Amerika noch ein
-Land der Verheißung, und alle die, die es gut mit den Unglücklichen meinen,
-sollten der Auswanderung derselben nicht allein nicht im Wege sein, sondern
-sie eher und so viel als möglich unterstützen helfen.
-
-Daß dort _Alle_ gedeihen, daß es dort _Allen_ gut gehen soll, wer könnte
-das verbürgen -- schon ihre ganze Erziehung hier, die Abhängigkeit, in
-der sie von Jugend auf gelebt, läßt sie dort anfänglich in einer Freiheit
-umhertaumeln, die sie nicht verstehen, deren Werth sie noch nicht begreifen
-können. Allerdings sagen sie es sich wohl oft, recht oft laut und in
-Gedanken vor: »Hier sind wir Alle gleich, hier trennt uns kein Unterschied
-des Ranges mehr«, aber vor jedem guten Rock bücken sie sich, weil sie den
-verwünscht schwachsinnigen Gedanken noch nicht abschütteln können, daß in
-einem bessern Stück Tuch auch nothwendig ein besseres Stück Fleisch stecken
-müsse, als sie selbst unter ihrer wollenen Jacke tragen. Das verliert
-sich aber nach und nach, sie lernen ihren eigenen Werth erkennen, und der
-deutsche _Farmer_ ist durch seine Arbeitsamkeit und offene Ehrlichkeit der
-geachtetste Bürger der Staaten.
-
-Anders, aber nicht etwa besser steht es dafür mit Denen, die in den Städten
-kleben bleiben und nun dem Endzweck der Amerikaner huldigen und Geld, nur
-immer _Geld_ zu verdienen suchen, während ihnen das _Wie_ dabei als eine
-nicht zu beachtende Nebensache erscheint.
-
- Du kannst im Großen nichts verrichten,
- Und fängst es nun im Kleinen an.
-
-Zu dem Großen fehlen ihnen die Mittel, fehlt ihnen der Geist -- von klein
-auf krämern sie sich nach und nach hinauf. Stege, die der Amerikaner ihres
-Schmutzes wegen nicht einschlagen will, benutzen sie mit Freuden, und haben
-sie endlich ihr Ziel erreicht -- ist es ihnen gelungen ein kleines Vermögen
-zu erwerben, das sie unabhängig dastehen läßt, dann kriecht aus der Puppe
-der gemeinen Raupe ein Zwitter-Unding von Amerikaner und Deutschem hervor
--- ein Wesen, das nur englisch radebrecht, und von seinen Landsleuten mit
-vornehmen Nasenrümpfen sagt: =it is _only a Dutchman_= (es ist _nur
-ein Deutscher_) -- und zwar Dutchman noch im allerverächtlichsten Sinn
-gebraucht.
-
-Die Galle läuft einem ordentlichen Kerl über, wenn er solch Pack sieht,
-und dann fühlt, daß Jene nur ihre eigene Gemeinheit vor einer so reichlich
-verdienten Züchtigung schützt.
-
-Auch unter diesen giebt es allerdings eine bessere Klasse, aber sie ist
-selten; der _gebildete Deutsche_ zieht es -- wunderlicher Weise -- fast
-stets vor, sich lieber durch _Hand_arbeit eine Zeitlang fortzuhelfen, bis
-er Sprache und Sitten des Landes erlernt hat, und wenn er dann mit dem
-Lande selbst vertraut wird, wenn er die Achse findet, um die sich Alles
-dreht, und sich nun selber fragt: Weshalb bist Du denn eigentlich nach
-Amerika gekommen? weshalb hast Du Freunde und Verwandte, weshalb Alles Das
-verlassen, was Dir einst lieb und theuer war? dann gesteht er sich wohl
-meistens selber ein: es war jener, vielleicht noch unbewußte Drang
-nach Freiheit -- ein Gefühl, das, wenn auch ungeweckt, in seiner Brust
-geschlummert, und hinein zieht er nun in den freien, fröhlichen Wald, und
-als freier Farmer der Vereinigten Staaten verdient er sich sein Brod,
-zwar im Schweiße seines Angesichts, aber er steht auch selbstständig
-und unabhängig da, ein souverainer Fürst auf seinem eigenen kleinen
-Fürstenthum.
-
-Zwei Krankheiten sind es übrigens, denen der Deutsche, denen überhaupt der
-Auswanderer nach Amerika fast stets anheimfällt -- zwei Krankheiten,
-die, eigentlich sehr von einander verschieden, doch auch wieder einzelne
-Aehnlichkeit mit einander haben; sie heißen: _Seekrankheit_ und _Heimweh_.
-
-Die Seekrankheit betrifft allerdings nur hauptsächlich den Körper, das
-Heimweh dagegen den Geist; das heißt: die eine kommt aus dem Magen, die
-andere aus dem Herzen -- beide sind aber die fast unausbleiblichen Folgen
-einer transatlantischen Fahrt und ähneln sich auch darin, daß sie manchmal
-ihr Opfer nur im Anfang, nur in den ersten Tagen mit beiden Fäusten
-anpacken und recht ordentlich, so recht aus Leibeskräften durchschütteln,
-es aber dafür auch später ungeschoren lassen, oder -- was viel, viel
-schlimmer ist -- leise auftreten und bei jeder neuen Woge, bei jedem etwas
-stürmischen Meer, wieder- und immer wiederkehren und Herz und Magen gleich
-stark zur Verzweiflung bringen. Beides sind Krankheiten, die kein Arzt zu
-curiren im Stande ist, die aber beide, die eine durch _jedes_ feste Land,
-die andere nur durch den heimischen Boden, augenblicklich gehoben werden,
-und sonderbarer Weise sich auch nach wiederholter Ursache, d. h. nach
-wiederholter Seereise oder Trennung vom Vaterlande, selten und nur in
-außerordentlichen Fällen zum zweiten Male einstellen.
-
-Zwar hat man für das Heimweh allerlei probate Mittel empfohlen, wie z. B.
-stete Aufregung, ein rastloses Suchen von Geschäften, Reisen, überhaupt
-Zerstreuung, und das hilft auch für _die_ Zeit vielleicht, _in der_ wir
-uns zerstreuen; Augenblicke der Ruhe _müssen_ aber kommen und dann -- ach
-selbst die Erinnerung an die ist schmerzlich.
-
-Auch für die Seekrankheit hat man in neuerer Zeit etwas -- ein Vomitiv
-gleich zu Anfang genommen -- als von ausgezeichneter Wirkung empfohlen, das
-ist aber etwa eben so, als ob mich beim Arbeiten das Wagenrasseln auf der
-Straße störte und ich mir nun ein paar nimmer rastende Trommelschläger vor
-die Thüre bestellte, damit ich jenes nicht mehr höre. Nein, Heimweh wie
-Seekrankheit will austoben und beiden muß man daher seinen ruhigen Lauf
-auch ruhig lassen.
-
-Nun wollen freilich Einige behaupten, das Eine schütze zugleich vor dem
-Andern, denn wer die Seekrankheit einmal recht ordentlich gehabt, der
-bekomme nie das Heimweh, oder verlange wenigstens nie heimzukehren, weil
-er sonst auch jener wieder zum Opfer fiele. Dem ist jedoch nicht so, das
-Heimweh kann sogar viel eher als eine fortgesetzte, als eine moralische
-Seekrankheit betrachtet werden. Es ist die Seele, die auf dem
-sturmgepeitschten fremden, ungewohnten Lebensmeer erkrankt und sich nun,
-obgleich der Körper durch jede mögliche Anstrengung, durch Beinespreizen
-und verzweifeltes Balanciren sein Aeußerstes thut dagegen anzukämpfen, nur
-immer und immer zurücksehnt nach dem festen Land, nach dem _Vater_land.
-
-Einen Beweis hierzu liefert ebenfalls wenigstens der bessere Theil der
-Deutschen in Nordamerika. Dieser nämlich, obgleich vielleicht früher
-mit den Wörtern Preuße, Baier, Oestreicher, Sachse etc. vollkommen
-einverstanden, macht jetzt plötzlich keinen Unterschied mehr zwischen
-dem Rhein und der Donau -- er fragt nicht mehr den Deutschen: aus welchem
-_Lande_ kommst Du? das weiß er, das ist _Deutschland_; nein, aus welcher
-_Gegend_, und selbst _die_ Frage geschieht nur, um vielleicht einen
-bekannten Ort genannt zu hören und sich an den lieben, ach lange entbehrten
-Lauten zu erfreuen. -- Daher schreiben sich auch die, fast in allen
-amerikanischen Städten entstehenden Gesellschaften zur Bildung eines
-_einigen Deutschlands in Amerika_ -- Michel versucht ganz urplötzlich in
-einem total fremden Lande etwas, an das er zu Hause, wo es doch eigentlich
-hingehörte, mit keiner Sterbenssilbe gedacht hatte, und ärgert sich dann,
-daß er so wenig »Gemeinsinn«, wie er es nennt, daß er so wenig Anklang
-unter seinen Landsleuten findet.
-
-Alle diese Versuche sind ebenfalls nur ein _Heimweh_, das sich auf solche
-Art seine, tief im Herzen wurzelnde Bahn bricht -- es ist das Andenken an
-liebe, früher so glücklich verlebte Stunden. Der Ausgewanderte will sich
-dadurch gewissermaßen glauben machen, er lebe noch in den alten, jetzt so
-schmerzlich vermißten Kreisen, und all das Fremde, Ungemüthliche, was ihn
-umgebe, sei nur die harte, bittere und keineswegs zum süßen Kern gehörige
-Schale, wie wir ja wohl vor den hereinbrechenden Winterstürmen Blumen und
-Blüthen mit in das wohnliche Zimmer flüchten und diese hegen und pflegen,
-daß sie uns noch recht lange den lieben Sommer erhalten sollen.
-
-Eine Weile geht das auch -- die Keime sind noch frisch und kräftig, und
-wenn gleich draußen der eisige Nord das gelbe verwelkte Laub von den
-Zweigen reißt, so trotzen die warm gehaltenen Pflanzen lange und glücklich
-dem starren Vernichter. Nach und nach aber welken sie auch -- die Zeit
-übt ihr Recht -- der Winter greift durch jedes zufällig geöffnete Fenster,
-durch jede Ritze und Spalte herein, nach den armen Kindern einer anderen
-Sonne, und legt sie erbarmungslos in ihr dunkles Grab.
-
-Doch eines bleibt -- eines ist, das der Hitze wie Kälte, der erstickenden
-Stubenluft wie dem vernichtenden Norde trotzt, das sich mit immer wieder
-neuen Schößlingen an Herz und Seele rankt und klammert, das frisch und
-fröhlich keimt, wenn auch draußen die ganze Natur erstarrt, wenn Alles
-unter weißer Leichendecke todt und begraben liegt, und das ist der _Epheu_
--- die _Erinnerung_ an die Heimath, wenn auch die Heimath selbst, ach
-längst für uns gestorben scheint. In seinen lebensfrischen Blättern sehen
-wir uns eine neue Frühlingswelt erstehen -- aus ihm bauen wir uns Lauben
-und Grotten -- ihn flechten wir um unsere Sitze und zu ihm aufblickend
-trägt uns sein freundliches Grün zu der Zeit zurück, wo wir draußen im
-schattigen Wald mit den heißen Wangen den Thau von den Zweigen strichen, wo
-wir in der Heimath Das fanden, was uns jetzt nur noch, ein schwaches Bild
-ihrer selbst, geblieben.
-
-Es ist eine eigene Sache um das Heimweh, und ein dem vaterländischen Boden
-entrissener Mensch ist ebenfalls wie ein aus der Erde, die ihn erzeugte,
-genommener Baum; er stirbt vielleicht nicht ab im fremden Lande -- die
-Wurzeln schlagen wieder aus, aber die feinen, zarten Theile derselben
-sind doch noch im alten Bett zurückgeblieben -- die tausend kleinen,
-unbedeutenden Fasern wurden verletzt und getrennt, und wenn sie auch zu dem
-Leben des Baumes selbst nicht unbedingt erforderlich waren, so thun sie ihm
-doch recht weh, und ihr Verlust schmerzt noch lange nach.
-
-Ist es aber zur Erhaltung des _ganzen Baumes_ nöthig, daß er in anderen
-Grund und Boden komme, dann sind eben diese Fasern nur Nebendinge, auf die
-man nicht Rücksicht nehmen darf und kann -- es thut ja auch weh, sich einen
-Zahn ausnehmen zu lassen, und doch unterzieht man sich dem Schmerz, um
-künftig Ruhe zu haben und sich wohler zu befinden. So leben wir denn
-ebenfalls jetzt in einer Zeit, wo die Bevölkerung einzelner Länder mit Dem
-was sie selbst erzeugen kann, in keinem Verhältniß mehr steht, und entweder
-muß ein Theil, nach Vorbild der Bienen, _schwärmen_, oder der ganze Stock
-Noth und Mangel leiden.
-
-Früher geschah das erstere durch sich selbst; die Völkerwanderungen
-bedurften eben keiner weiteren Anregung als der Ueberzeugung, daß der
-bisherige Aufenthaltsort für einen Stamm zu eng ward und die, überdieß
-nicht an die Scholle gebundenen Nomadenvölker zogen aus, in irgend einer
-anderen Himmelsrichtung ein besseres, ihrer großen Zahl mehr zusagendes
-Land zu finden. Jetzt aber fehlen jene ungeheueren, wenig bevölkerten und
-in der Nähe gelegenen Strecken, oder wo sie liegen, sind die politischen
-Verhältnisse der Art, daß Jemand, der erst einmal glücklich Sack und Pack
-zusammengeschnürt hat, gewiß nicht _dort_hin zieht; es werden daher Mittel
-erfordert, um einen uns nicht mehr ernährenden Wohnplatz zu verändern, die
-der Arme nicht besitzt; gleichwohl nimmt die Noth, besonders in einzelnen,
-übervölkerten Theilen unseres Vaterlandes, wie in den sächsischen,
-schlesischen und böhmischen Gebirgen, mit jedem Tage zu und mit allen
-gereichten Gaben ist immer kein Ende derselben zu ersehen, keine dauernde
-Hülfe zu erzwecken -- es ist immer nur ein einzelnes Mahl, dem Hungrigen
-gereicht, und der morgende Tag wird ihn eben wieder so verschmachtend
-finden, als der gestrige ihn fand. Daher sollte denn auch der Staat,
-wenn er es wirklich gut mit den Armen meint, wenn er ihrer Noth wirklich
-_abhelfen_ und sie nicht nur für den Augenblick durch eine Galgenfrist
-beschwichtigen will, die _Auswanderung_ _unterstützen_ und _leiten_.
-Unterstützen, so weit das in seinen Kräften steht, bedenken daß er in
-dem Läutern seiner eigenen Kräfte auch sein eigenes Blut reinigt von dem
-ungesunden Ueberfluß, der ihn zuletzt sonst selbst bewältigt, und nicht
-fürchten, daß die gesunden Arbeiter alle fortgehen und nur Greise und
-Krüppel zurückbleiben -- denn wäre das wirklich der Fall, so könnte
-man dann noch immer die _wenigen_ mit dem zehnten Theil dessen thätig
-unterstützen, was jetzt auch an die arbeitsfähigen, und zwar nur zur
-augenblicklichen Stillung ihres Hungers verwendet wird, ohne daß es ihre
-Leiden lindert, sondern sie bloß am Leben erhält.
-
-Aber auch _leiten_ sollte der Staat die Auswanderung und zwar durch
-tüchtige Männer, die, vom Staate beauftragt, die Auswanderer nicht allein
-hinüber zu führen hätten in ihre neue Heimath, sondern die auch an Ort und
-Stelle die Gegenden aussuchen und alles Nöthige einleiten müßten, um ihnen
-wenigstens einen Anfang möglich zu machen, um ihnen die Gelegenheit
-zu geben, daß sie beweisen können, wie es ihnen wirklich Ernst ist,
-selbstständig durch die Welt zu kommen, und sie ihr altes Vaterland nicht
-allein nicht ganz vergessen, sondern auch mit Freundlichkeit statt mit
-bitteren Empfindungen daran zurückdenken. Die Zeit _war_ wo wir eine Flotte
-hatten, -- und unsere Nachkommen werden glauben, man erzählt ihnen ein
-Märchen, wenn sie die Geschichte derselben lesen -- wir dürfen deshalb
-nicht daran denken, unsere ausgewanderten Freunde auch noch in fremden
-Welttheilen _schützen_ zu wollen. Das edle Recht ist nur den _Nationen_
-vorbehalten, aber wir könnten ihnen dadurch doch auch beweisen, daß uns
-wirklich ihr Wohl am Herzen lag, als wir ihre Taxen und Steuern nahmen,
-daß wir sie wirklich, wie ihnen das hier oft genug vorerzählt wird, als
-_Kinder_ des Staates betrachten und nicht als überflüssiges Material, als
-Kehricht, den man auf die Straße wirft, und von dem man froh ist, wenn ihn
-der Nachbar gelegentlich mit fortführt.
-
-Diese vom Staat Beauftragten sollten aber nicht, wie das bis jetzt
-stets der Fall gewesen, Männer sein, die, selbst unbekannt mit
-Amerika, hinübergehen, dort vielleicht ein halbes Jahr leben, flüchtige
-Erkundigungen einziehen und dann glauben, sie kennten das Land genug, um
-ein richtiges Urtheil darüber fällen zu können; solche Leute haben schon
-unendliches Unheil über arme Auswanderer gebracht, die ihren Worten,
-ihrer Führung unbedingt vertrauten und dann zu spät einsahen, wie sie von
-Menschen geleitet waren, denen selbst kaum die obere Rinde der dortigen
-Verhältnisse bekannt geworden. Allerdings weiß ich, welche Schwierigkeiten
-es hat, Deutsche zu einem gemeinschaftlichen Zusammenleben zu bewegen; ja
-ich halte es sogar, außer unter dem strengsten religiösen Zwang, für
-eine positive Unmöglichkeit. Das darf aber auch gar nicht der Zweck einer
-Uebersiedelung von Armen sein, der Staat hat genug gethan, wenn er sie
-hinüber schafft und dort dafür sorgt, daß sie wenigstens im Anfang einen
-Wirkungskreis für ihre Thätigkeit bekommen, was nur durch Ankauf einer
-selbstständigen Strecke Landes geschehen kann. Für das weitere Fortbestehen
-ihres Zusammenlebens wäre es verlorene Mühe sorgen zu wollen -- es findet
-dann später ein Jeder schon seine eigene Bahn, und wer nicht Lust hat, das
-ihm angewiesene Land zu bebauen, der mag es verlassen und irgendwo anders
-Beschäftigung suchen. Das Land muß ihm nur im Anfang als Aufenthaltsort
-gegeben werden, daß er nicht gerade in der Zeit, wo er weder Sprache noch
-Sitten kennt, als ein Bettler die Staaten durchstreift, und sowohl für sich
-selbst ein eben so elendes Leben fortsetzt, als er es hier geführt, sondern
-auch seinen anderen Landsleuten unendlichen Schaden zufügt, indem er sie
-durch sich selbst in den Augen der Amerikaner herabwürdigt.
-
-Das Alles ist jedoch nur durch Leute möglich zu machen, die Amerika nicht
-allein vom Bord eines Dampfschiffes aus, oder durch das Coupeefenster eines
-Bahnzuges kennen gelernt, sondern die sich selbst eine genaue Kenntniß der
-dortigen Verhältnisse _an Ort und Stelle_ verschafft haben. Ebensowenig
-wäre es aber auch anzurathen, dortigen _Ansiedlern_ die Wählung eines
-Platzes zu überlassen; diese werden nie im Interesse der Uebersiedler,
-sondern stets in ihrem eigenen Interesse handeln und zwar die neue Colonie
-so viel als möglich in ihre Nähe, wenn nicht gar auf ihr eigenes Land zu
-bringen suchen, um einen sicheren und bequemen Absatz für ihre Produkte
-zu finden. Das Alles wird durch einen dabei nicht selbst Betheiligten
-vermieden, dann aber bietet auch der weite Westen der Vereinigten Staaten
-einen ungeheueren Abzugscanal für jene Unglücklichen, die hier hungern
-müssen, während dort Brod wächst sie zu sättigen, die den Quell kennen,
-der sie vor dem Verschmachten retten würde, ihn aber nicht zu erreichen
-vermögen, weil ihre Kräfte erschöpft, ihre Glieder erschlafft sind. Jetzt
-werden sie nur durch dürftige Spenden dürftig am Leben gehalten -- eine
-kräftige Hülfe aber, die das Uebel bei der Wurzel faßte und herausrisse,
-würde nicht allein Denen einen freieren Blick in die Zukunft gestatten, die
-jetzt durch das Unglück ihrer Mitmenschen jede Freude verbittert sehen,
-und immer nur gedrängt und getrieben werden, zu helfen und zu unterstützen,
-sondern auch für Die, die es selbst betrifft, von segensreichster Wirkung
-sein.
-
-Nur durch die Auswanderung kann eine wirkliche und nachhaltende Linderung
-der jetzigen Noth einzelner Klassen ermöglicht werden.
-
-
-
-
-Die Wolfsglocke.
-
-
-In den Washita-Bergen Nord-Amerikas liegt der Schauplatz auf den ich den
-Leser führen will. Dort, in den wilden Thälern jener reizenden Hügelketten
-existirt noch der richtige Backwoodsman; schlicht und ehrlich, rauh und
-derb, aufopfernd in seiner Freundschaft, aber gefährlich in seinem Haß, und
-sein Leben großentheils von der Jagd, etwas vom Ackerbau, und meist von der
-Viehzucht abhängig machend.
-
-Die letztere wird ihm besonders durch das milde Klima jener Gegend, durch
-die grasreichen Hügel, durch die noch hie und da mit dichten Schilfbrüchen
-gefüllten Thäler erleichtert, und wenig Mühe ist es, die ihm die Zucht
-einer oft nicht unbeträchtlichen Heerde kostet. Dann und wann eine Hand
-voll Salz, nahe zu seiner Hütte hingeworfen, eine häufige und regelmäßige
-Wanderung von einem der kleinen zerstreuten Trupps zum andern, daß sie
-den Anblick des Menschen gewohnt blieben und nicht wild wurden -- und der
-Sorgfalt, die er möglicher Weise darauf verwenden _konnte_, war vollkommen
-Genüge geleistet.
-
-Einen Feind aber hatte er, den er, so oft er ihm auch nachstellte und ihn
-mit Büchse und Falle unermüdlich verfolgt und zu vernichten strebte, doch
-nicht bewältigen konnte, einen Feind, der Nachts in heulenden Schaaren die
-ängstlich blökende Heerde umschlich, und manch kräftiges Kalb, ja sogar
-manch einzeln abschweifende Kuh -- und wie viel Ferkel und junge Schweine!
--- überfiel, erwürgte und verzehrte -- dieser listige, blutgierige und
-erbarmungslose Feind war der _Wolf_.
-
-Durfte man es dem Backwoodsman verargen, wenn er seine ganze List und
-Jagdkenntniß anwandte, solch schlauem und gefräßigem Diebe beizukommen? --
-aber so eifrig er auch auf der Lauer lag, so manche Nacht er, Mosquiten
-und Holzböcken zum Trotz, in den Aesten irgend einer knorrigen Eiche
-eingeklemmt hing, und beim matten Mondeslicht den scheuen Räuber durch
-angeschlepptes Aas herbeizulocken und zu belauern gedachte, so selten war
-er im Stande der höchst umsichtigen Bestie die tödtliche Kugel in den Pelz
-zu schicken. Die Zahl der Raubthiere mehrte sich, trotz den unermüdlichen
-Nachstellungen, von Jahr zu Jahr, und im Verhältniß dazu wurden die Heerden
-gelichtet, so daß wirklich etwas ernstlich geschehen mußte, wenn sich die
-Viehzüchter nicht genöthigt sehen sollten ihre Weidegründe, nur allein
-dieser Plage wegen, aufzugeben. -- Und ein Hinterwäldler einem Wolf das
-Feld räumen, -- ei Klapperschlangen und Poppkorn! das wäre ja wahrhaftig
-eine Schmach und Schande für sein ganzes Leben gewesen!
-
-Daß unter solchen Umständen derjenige welcher die meiste Geschicklichkeit
-auf der Jagd bewies, auch der geachtetste der Jäger war, versteht sich wohl
-von selbst, und so geschah es auch daß sich Benjamin Holik, der erst seit
-kurzer Zeit aus Missouri heruntergekommen war, in kaum einem halben Jahre,
-wo er allein mit seiner Büchse siebzehn der Bestien erlegt hatte, den
-Ehrennamen »Wolfs Ben« verdiente, und bald für den besten Wolfsjäger im
-ganzen Reviere galt.
-
-Wolfs Ben war auch noch außerdem ein gar stattlicher und wackerer Bursche;
-gut seine sechs Fuß hoch, mit wahrhaft riesigen Schultern und Armen
-und einer Kraft, der es keiner der doch sonst gewiß nicht schüchternen
-Hinterwäldler, gewagt hätte, im Einzelkampf zu begegnen, zeigte er sich
-sonst in seinem ganzen Wesen als der gutmüthigste, verträglichste und
-gefälligste Freund. -- Mit einem guten Wort ließ sich von ihm Alles
-erlangen, die vorletzte Ladung Pulver gab er her und den letzten Bissen den
-er in seine Decke gewickelt bei sich trug; dabei war er der trefflichste
-Gesellschafter, wußte Unmassen der abenteuerlichsten Geschichten zu
-erzählen, half, wo er einmal irgendwo übernachtete, mit unermüdlichem
-Fleiße Feuerholz schlagen und zum Haus schaffen, den Mais in der Stahlmühle
-mahlen, die Thiere versorgen etc., und hatte sich dadurch sowohl wie durch
-sein männlich schönes Aeußere die Herzen sämmtlicher Frauen der Ansiedlung
-dermaßen gewonnen, daß er die übrigen jungen Burschen wahrhaft zur
-Verzweiflung brachte und schon anfing, trotzdem daß er noch Keinem auch nur
-eines Strohhalms Hinderniß in den Weg gelegt, recht tüchtige Feinde unter
-ihnen zu zählen.
-
-So still und ruhig aber Wolfs Ben dabei seinen Weg ging und anscheinend
-harmlos in den Tag hinein lebte, so hatte er doch auch die Augen weit genug
-offen und wußte selber am besten unter welchem Dach er am liebsten schlief,
-in welche Augen er am unermüdlichsten schauen konnte, und wo ihn -- nicht
-das freundlichste Gesicht, denn die Mädchengesichter bewillkommten ihn alle
-freundlich -- wohl aber das süßeste Erröthen begrüßte, das ihm bis jetzt
-noch stets das Blut in rasender Schnelle durch die Adern gejagt.
-
-Doch ich will dem Leser keine langen Räthsel aufgeben, die er jedenfalls
-schon eine Weile vorher errathen hätte. -- Benjamin Holik liebte -- wie
-nur seine treue einfache Seele lieben konnte -- so recht aus Herzensgrunde
-Robert Suttons liebliches und einziges Töchterlein, und die einzige und
-alleinige Sorge die ihn dabei quälte war, daß Sutton, der die größte Farm-
-und Baumwollenplantage unten am Washita und Red River besaß, und im Sommer
-hier nur eigentlich seiner Heerden und seiner Gesundheit wegen in die Berge
-zog, für einen sehr reichen, und -- was noch schlimmer, geizigen Mann galt,
-und er -- armer Teufel! -- weiter Nichts auf der weiten Welt besaß als
-seine Büchse, sein Messer und seinen gesunden Körper. -- Sein braves
-ehrliches und treues Herz schlug er dabei gar nicht an, und doch war das
-die kostbarste Perle, die in ihrer Umhüllung nur wie in einer weit minder
-werthvollen Schaale saß.
-
-Ben hatte aber schon oft und lange, und nicht selten mit recht trüben
-Sinnen darüber nachgedacht, wie er es eigentlich anfangen sollte etwas Geld
-zu verdienen und einen kleinen »=start=« wenigstens zu haben, mit dem er
-beginnen könne -- denn sich um Arbeit auszudingen und langsam und mühsam
-Dollar nach Dollar in schwerer Tages- und Monatsarbeit zu verdienen, das
-schien ihm ein viel zu langer und weitläufiger Weg und hätte ihn seinem
-Ziele auch wohl nun und nimmermehr entgegengeführt. -- Und doch war es
-nöthig, denn er wäre nicht der erste Freier gewesen dem der alte Sutton,
-seiner ärmlichen Verhältnisse wegen, einen Stuhl vor die Thür gesetzt, und
-wo zeigte sich ihm in dem einfachen, ruhig dahin fließenden Waldleben
-eine Gelegenheit, so einmal mit raschem Schlage das Glück beim Schopf zu
-erfassen -- und zu halten? --
-
-Er wurde immer nachdenkender und schwermüthiger, mied die geselligen
-Wohnungen der Ansiedlung, trieb sich Tag und Nacht draußen im Wald herum
-und hatte als einzigen Gewinn die Scalpe der erbeuteten Wölfe, die ihm der
-Staat allerdings mit drei Dollar Prämie =pro= Stück vergütete, die aber
-immer noch zu keiner Summe erwachsen wollten, um auch nur einigermaßen
-seine Ansprüche auf der holden Betsy Hand zu begründen.
-
-In dieser Zeit etwa war es daß der alte Sutton einmal einen kleinen
-Abstecher nach Texas gemacht und dort von eben so abgeschieden wohnenden
-Viehzüchtern ein Mittel gehört hatte, die Wölfe aus einer Gegend in die sie
-sich gezogen und wo sie überhand genommen hätten, vollkommen zu vertreiben.
-
-Dies bestand einfach darin daß sie vorher einen Wolf lebendig fingen, ihm
-dann eine Glocke, wie einem Pferd, um den Hals schnallten, und -- ruhig
-wieder laufen ließen. Der Wolf kehrte hiernach natürlich so rasch er konnte
-zu seinem Rudel zurück; dort aber hörten sie kaum die fremdartige Schelle
-als sie auch scheu vor dem früheren Kameraden die Flucht ergriffen und in
-wilder Eile einem so unheimlichen Gegenstand zu entkommen suchten.
-
-In jedes Versteck das sie annehmen, folgt ihnen nun der beglockte Wolf,
-dem es mit dem unbequemen Riemen um den Hals und dem ewigen Gebimmel unter
-seiner Kehle selber unheimlich wird wenn er sich allein sieht. Er glaubt
-Schutz unter den Brüdern zu finden, schüttelt sich, wälzt sich, springt,
-schwimmt, kurz thut alles Mögliche seine Qual loszuwerden und ist besonders
-darüber auf's Aeußerste empört daß er nicht mehr wie früher so leise und
-geräuschlos seine Beute beschleichen kann, sondern sich jedesmal selbst
-gleich durch lauten Glockenklang verrathen muß, und flieht nun, hat er das
-eine Rudel förmlich verjagt, zu einem andern, treibt auch dieses aus den
-Bergen, die er sich selber bis dahin zum Wohnort erwählt und sieht sich
-endlich -- was er aber auch nur im äußersten Fall und erst dann thut, wenn
-er wirklich ganz allein zurückgeblieben ist -- genöthigt, selbst einen
-andern Jagdgrund zu suchen, da auch die Heerden sich bald den Ton der
-Glocke merken, und nicht selten in fest geschlossener Phalanx den nächsten
-Ansiedlungen zustürmen, sobald sie den klingelnden Feind nur nahen hören.
-
-Der Versuch mußte auch am Washita gemacht werden; Sutton kehrte rasch
-dorthin zurück, berieth sich mit sämmtlichen benachbarten Farmern und kam
-mit ihnen darin überein, daß sie eine Prämie von zwanzig Dollar darauf
-setzen wollten, einen Wolf lebendig überliefert zu bekommen, so daß sie ihm
-selber die Glocke umschnallen und ihn dann in's Freie wieder hinauslassen
-konnten.
-
-Der Preis ließ sich aber gut setzen! Die Wölfe waren schlauer als die
-Jäger, und wenn besonders Wolfs Ben noch manchen Scalp einbrachte, so
-schien es doch selbst ihm unmöglich zu sein, einen der schlauen Schurken
-wirklich unbeschädigt und lebendig zu erhaschen, denn seine Fallen, die er
-stellte, blieben leer und in den Fallgruben die er auswarf, fingen sich nur
-der Nachbaren Rinder und Schweine.
-
-Da es _ihm_ nicht gelang, waren es die übrigen Jäger noch weit weniger im
-Stande, und der auf einen lebendig eingebrachten Wolf gesetzte Preis stieg
-endlich, da die Farmer jetzt auch hitzig wurden, und den Versuch unter
-jeder Bedingung, und zwar so bald als möglich zu machen wünschten, bis zu
-der für den Wald ungemein hohen Summe von _zweihundert Dollar_ empor.
-
-Das war ein Sporn für unsern Benjamin. -- Zweihundert Dollar, alle Wetter
-damit konnte er sich eine vollkommen eingerichtete kleine Farm mit einem
-mäßigen Rinder- und Schweineanfang kaufen -- und Betsy -- ei wer weiß ob
-sich der Alte nicht dann doch noch überreden ließ, wenn er nur erst einmal
-den schwarzen Burschen einbringen und überliefern konnte! Zeit durfte er
-übrigens dabei auch nicht im geringsten verlieren, denn der Preis hatte
-natürlich alle Jäger der ganzen Umgegend auf die Füße gebracht, und
-überall im Wald hallten die Axtschläge der Männer wieder, die sich
-kleine Baumstämme fällten, um damit die einzig mögliche Art von Fallen
-zu errichten die man dort kannte, eine solche wilde Bestie wirklich
-unbeschädigt zu fangen. Stahlfallen durften nämlich nicht angewandt
-werden, da diese jedenfalls den erfaßten Lauf verwundet, vielleicht gar
-zerschmettert hätten und die Prämie nur ausdrücklich für ganz _gesunde_
-Wölfe garantirt wurde.
-
-In dieser Zeit etwa, war ein Besuch in die Hügel gekommen, der unseren
-armen Benjamin Holik bald auf das bösartigste beunruhigen -- ja was noch
-schlimmer war -- ihm wirklich gefährlich werden sollte. --
-
-Es war dies Niemand Anderes als ein sogenannter »Vetter« von Suttons,
-ein »Städter« mit blauem Tuchfrack, blanken Knöpfen und »Strippen« an den
-Hosen. Jesus! wie die Kinder lachten wenn er irgendwo in ein Haus kam
-und sich niedersetzte; wie sie sich dann mit den schmutzigen Gesichtern
-zusammendrückten, mit einander flüsterten, dann einen scheuen Seitenblick
-nach den »Strippen« warfen und plötzlich in ein lautes, mit aller Mühe
-nicht zu unterdrückendes Gelächter ausbrachen und wild und toll aus dem
-Hause stürmten! Das blieb sich aber gleich, die Kinder waren dumme Bälger
-die noch nichts von der Welt verstanden, und am wenigsten beurtheilen
-konnten ob an einem Manne wirklich etwas sei, oder nicht; -- und an diesem
-war jedenfalls etwas, denn sein Onkel galt für einen der reichsten Pflanzer
-in Alabama und hatte nur den einzigen Erben. Ist es da ein Wunder daß ihn
-der alte Sutton freundlich aufnahm, wie den eigenen Sohn behandelte und
-sich und sein ganzes Haus (die Hand der Tochter mit eingerechnet) zu seiner
-Disposition stellte?
-
-Mr. Metcamp schien denn auch recht gut einzusehen welch ein Schatz ihm hier
-geboten wurde, und wenn ihn auch die junge Dame selber scheu, und in der
-That absichtlich vermied, und ihm auf jede nur mögliche Art zu verstehen
-gab, es sei ihr an seinen Artigkeiten nicht das mindeste gelegen, so war er
--- in New-Orleans selber aufgezogen -- keineswegs der Mann der sich durch
-solche »ländliche Sprödigkeit« hätte so rasch und leicht abschrecken
-lassen. Er wußte sich nur vor allen Dingen kluger Weise bei dem Vater in
-festeste Gunst zu setzen, lauerte dem alten Mann bald seine Schwachheiten
-ab, und machte ihn in kürzester Zeit glauben er sei der beste Jäger, der
-unerschrockenste Reiter und überhaupt das muthigste Herz das nur je
-unter einem ledernen Jagdhemd geschlagen, also unter einem feinem blauen
-Tuchfrack doppelten Werth haben mußte, und wußte dabei dem schlichten
-Hinterwäldler durch seine Gelehrsamkeit und sein tiefes Wissen -- lauter
-solche Sachen von denen dieser bis jetzt noch nicht einmal eine Idee
-gehabt -- so zu verblüffen, daß Sutton endlich schwor, Mr. Metcamp sei der
-»=smartest=« und beste Mann in der ganzen »=range=« und wenn seine Tochter
-ihm nicht ihre Hand geben wolle, so bekäme sie es mit ihm selber, ihrem
-Vater zu thun. --
-
-Betsy machte bei einer -- der _ersten_ -- heimlichen Zusammenkunft mit dem
-Geliebten, diesen mit Allem bekannt was ihr das Herz abzudrücken
-drohte, erklärte ihm, nicht ohne ihn leben zu können und behauptete das
-unglücklichste Wesen zu sein, das die Erde trüge. Benjamin war vollkommen
-damit einverstanden, hielt der Geliebten Hand fest, fest in der seinen,
-schaute ihr mit recht wehmuthsvollen Blicken in die treuen Augen und sagte
-endlich mit leiser, zum Trost bestimmter, aber ach des Trostes selber sehr
-bedürftiger Stimme:
-
-»Liebe Betsy, verzage nicht -- es wird schon noch Alles gut gehen -- sieh,
-ich habe die ganze Nacht gearbeitet und vier neue Fallen aufgestellt und
-auch in allen schon und zwar treffliche Lockspeise gelegt; fang' ich den
-Wolf, dann hab' ich ein kleines Capital und kann nachher sagen: Nachbar
-Sutton, ich möchte Eure Tochter zum Weibe und bin im Stande ihr gleich
-ein freundliches Obdach zu bieten, so daß ich Eurer Hülfe dabei gar nicht
-weiter bedarf -- und wenn er dann hört daß Du, Betsy, mir wieder so recht
-von Herzen gut bist --«
-
-»Ach Du wirst gar nicht den ersten Wolf fangen können!« sagte Betsy unter
-Thränen; »der häßliche Fremde hat dem Vater den ganzen Abend von weiter
-nichts als den neuerfundenen Fallen erzählt, die er hier anwenden will --
-der kennt gewiß lauter neue Schliche und Pfiffe, wie sie in den Städten
-ausgedacht werden, und wird Dir auch da am Ende störend in den Weg treten.«
-
-»Laß nur sein, mein Herz!« beruhigte sie, jetzt aber wirklich in stolzem
-Selbstgefühl lächelnd, der Jägersmann. »Darum sorge Dich nicht -- wo's in
-den Wald schlägt und mit wilden Bestien zusammenhängt, da laß sie in den
-Städten getrost sinnen und grübeln: in der Ausführung sollen sie's uns hier
-schon nicht zuvorthun, oder -- es ist unsere eigene Schuld, und wir haben's
-nicht besser verdient. Da Du mir jedoch sagst, mein Kind, daß er auch von
-der Jagd etwas zu verstehen vorgiebt, so kommt er mir da auf einen Boden,
-wo ich ihm meinen Mann stehe, und siehst Du, jetzt -- ich weiß selber nicht
-wie das so eigentlich gekommen ist -- hab' ich auf einmal weit mehr Muth
-und Selbstvertrauen als vorher. Bleib Du mir nur hold, Du gutes Kind!
-Zwingen kann Dich der Vater zur Heirath doch nicht, und wenn er erst findet
-daß ich Dich nur zu meinem lieben Weibe haben will, weil ich einmal nicht
-ohne Dich leben kann, und keineswegs seines Geldes und Gutes wegen, ei so
-wird er auch einsehen daß ihm ein solcher Schwiegersohn mehr Ehre bringt
-als der geschniegelte Städter, und vielleicht bekomme ich dann noch ein
-recht herzliches »Ja« von ihm.«
-
-Es lag eine so freudige, vertrauensvolle Zuversicht in den Worten, daß sie
-selbst der muthlosen Jungfrau neue Hoffnung gab. Durch das Gerücht von des
-Fremden Kenntniß im Fallenstellen, war aber auch Benjamin aufgereizt worden
-seine Anstrengungen zu verdoppeln, daß er nicht etwa durch Lässigkeit
-sein ganzes Glück versäume. Einen fast fröhlichen Abschied nahm er von dem
-schwermüthigen Mädchen, küßte ihr die thränenden Augenlider, schulterte
-seine Büchse, und wanderte frisch und getrost in den dunkeln Wald hinein.
-
- * * * * *
-
-Die Fallen die Ben Holik für Wölfe stellte, befanden sich alle ziemlich
-in der Nähe der Ansiedlungen, da die wilden Bestien die bewohnten Plätze,
-wohin sich das Vieh Abends zurückzog, und wo auch die säugenden Sauen ihre
-Betten hatten, am liebsten aufsuchten. Eine besonders, auf die er seine
-meiste Hoffnung setzte, da sie nicht weit von einem Wechselpfad der
-Wölfe, zwischen zwei Hügelrücken lag, war mit außerordentlicher Sorgfalt
-hergerichtet, und so gestellt daß sie von den Wölfen gesehen werden
-_mußte_. Ebenso stak die trefflichste Lockspeise, die ganze Keule eines
-erst gefallenen Pferdes, daran, und _den_ Vortheil hatte sie noch außerdem
-vor den übrigen, daß er nicht jedesmal, wenn er nachsehen wollte ob sich
-etwas gefangen habe, dicht hin zu gehen brauchte, wodurch er gezwungen
-gewesen wäre Spuren zurückzulassen, sondern von einem nicht fernen ziemlich
-steilen Hügelrücken aus, der dort in eine starre Felsspitze vorragte, mit
-seinen Adleraugen den ganzen Platz recht gut übersehen konnte. Ließ sich
-dann auch nicht gleich bestimmen ob sich etwas gefangen hätte, so ließ sich
-doch recht gut erkennen ob die Falle noch aufgestellt oder niedergeschlagen
-wäre.
-
-In der Nacht mochte er freilich den Ort nicht stören, deshalb ging er jetzt
-geradenwegs zu seinem Lagerplatz, den er sich, bis er sein Ziel erreicht,
-in den Bergen aufgeschlagen, entzündete dort sein Feuer wieder, verzehrte
-sein einfaches Abendbrod, rollte sich in seine Decke, und war bald
-sanft und süß, jeder weiteren Anstrengung für diese Nacht entsagend,
-eingeschlafen.
-
-Am Morgen bedurfte er des Hahnenschreis nicht, munter zu werden, so wie der
-»Whip poor will« seine ersten klagenden Laute wieder hören ließ, sprang er
-auf, kochte seinen Kaffee, den jeder Jäger gebrannt und gemahlen in einem
-Leinwand- oder Ledersäckchen bei sich führt, und erwartet nun ungeduldig
-den ersten matten Dämmerschein der sich im Osten zeigen würde.
-
-Endlich, endlich kam das diesmal so heiß ersehnte Licht, mit dem sich der
-Wolf jedesmal wieder in seine bestimmten und gewöhnlich unzugänglichen
-Schlupfwinkel zurückzieht -- und vorsichtig, dürre Aeste und brechendes
-Holz meidend, damit das Geräusch nicht etwa noch in der Nähe weilende
-Bestien aufscheuche, kroch er in der That mehr als er ging, dem Felsen zu
-der ihm zur hohen Warte diente.
-
-Jetzt hatte er ihn erreicht -- jetzt konnte er den flachen, eben von grauem
-Licht kalt durchgossenen Fleck überschauen -- beim Himmel, der ungewisse
-Schein mußte ihn täuschen -- er vermochte das aufgestellte Dach der Falle
-nicht mehr zu erkennen. -- War sie -- war sie niedergeschlagen?
-
-Das Herz schlug ihm in fieberhafter Ungeduld, und gewaltsam fast bezwang er
-sich den heller heraufbrechenden Morgen abzuwarten, ehe er seine Fährte dem
-Thalgrunde einpresse.
-
-Aber lange hielt er es so nicht aus; weder Ruh noch Rast ließ ihm die
-Ungeduld und jemehr er jetzt den Blick anspannte die Gegenstände unter
-sich zu erkennen, desto deutlicher wurde ihm die Thatsache, und der Zweifel
-endlich zur Gewißheit. -- Die Falle war wirklich zugeschlagen und es
-_mußte_ also ein Wolf in ihr stecken, denn die Kühe, die manchmal auch
-sehr zum Aerger des Jägers und ihrem eignen Schrecken die Stützen umstoßen,
-kamen gar nicht in dies felsige grasleere Thal hinunter.
-
-»Betsy!« das war der einzige Laut, den er, sich selbst vielleicht unbewußt,
-ausstieß, als er mit flüchtigen Füßen den Thalgrund hinab und der Stelle
-zuflog, wo im Schatten dichter Sassafras und Spicebüsche, gar schlau
-in einen wilden Haufen des dort von dem manchmal reißend geschwollenen
-Bergstrom hingeschwemmten Holzes hineingestellt, und von dem klar
-vorbeisprudelnden Wasser bespühlt, die Falle stand.
-
-»_Hurrah!_« er konnte sich nicht helfen, er _mußte_ seinem Jubel wenigstens
-in _einem_ recht herzlichen, recht aus tiefster innerster Seele kommenden
-Aufschrei Luft machen. -- Und er hatte auch wahrlich Ursache darüber
-zu jauchzen, denn in der Falle saß, scheu und verschämt, als ob er sich
-genirte, bei dem heller und heller heraufdämmernden Tageslicht hier noch
-ertappt zu sein, ein prachtvoller rabenschwarzer männlicher Wolf, und
-die Augen funkelten dunkelglühend, zwischen den wohl eine Hand breit
-auseinanderliegenden Stämmen nach dem grimmsten Feind durch, dem er in
-diesem Theile des Waldes hätte in die Hände fallen können -- dem jungen
-Jägersmann entgegen.
-
-»Siehst Du, Bestie, sagte aber der, so habe ich Dir endlich das Handwerk
-gelegt, Du alter grauer Sünder -- wirst die andern wohl gestern von der
-gefundenen und so vortrefflich geglaubten Beute weggebissen haben, und
-sitzest jetzt in der beneidenswerthesten Lage von der Welt hinter Glas und
-Rahmen. Nun warte nur, Dir ist noch weit besserer Spaß aufbewahrt. An's
-Leben geht es Dir diesmal allerdings nicht gleich, wenn Du aber nur erst
-einmal mit der Glocke um den Hals spazieren läufst, wirst Du schon finden
-was es heißt in Ben Holiks Hände gerathen zu sein!«
-
-Der Wolf fletschte, als er sich nach der Falle hinunter bog, ingrimmig
-die Zähne gegen ihn, behauptete aber seinen Platz und schien, wie ein
-ärgerlicher Hund nur einen Angriff zu erwarten, um gleich zufahren zu
-können. Ben dachte aber gar nicht daran ihn weiter zu reizen, sah nur noch
-einmal lächelnd nach ihm zurück und rief:
-
-»Bin Dir nicht böse, alter Bursche, bist zwar ein gar unwirsch aussehender
-Brautwerber, sollst mir aber doch zur Braut verhelfen, und da müssen wir
-schon gute Freunde mitsammen bleiben.«
-
-Und einen fröhlichen Gruß dem Gefangenen hinüberwinkend, warf er seine
-Büchse über die Schulter und sprang in flüchtigen Sätzen den ziemlich
-steilen Abhang der Schlucht hinauf, um die Ansiedlung auf dem geradesten
-Wege und so rasch als möglich zu erreichen, damit er von dort aus gleich
-Hülfe herbei holen könne, dem wilden Burschen das Halsband mit der Glocke
-umzulegen, und ihn dann wieder -- hei! wie er springen würde! -- frank und
-frei laufen zu lassen.
-
-So hatten die Männer der Ansiedlung (die sie um ihr doch eine Art
-Stadtnamen zu geben, _Woodville_ getauft, obgleich sie nur aus drei Häusern
-und zwei Ställen bestand) den jungen Jägersmann noch nie gesehen. Jubelnd
-und jauchzend kam er in Suttons Haus gesprungen, umarmte in Ermangelung der
-Tochter, den alten Sutton selber, und schwatzte eine solche Masse tolles
-Zeug von Wölfen, Scalpen, Farmen, Glocken, Stricken und Holzhaufen, daß
-eine Art Gerücht, »Wolfs Ben sei wahnsinnig geworden«, schon wirklich
-anfing Glauben zu gewinnen.
-
-Nach und nach klärte sich aber die Sache auf, und der alte Sutton erfuhr
-kaum um was es sich handle, als er auch selber mit fast eben solchem Eifer
-darauf einging, und jetzt nur bedauerte daß Metcamp den Augenblick nicht
-gegenwärtig wäre, da er ebenfalls die Nacht im Wald gewesen sei um sein
-Glück zu versuchen.
-
-»Hallo, jetzt bekommen wir am Ende gar zwei!« lachte der Alte endlich,
-während er seine Büchse vom Nagel nahm und die Kugeltasche umhing. »Metcamp
-hatte verdammt gute Aussichten, und scheint seiner Sache ziemlich gewiß zu
-sein. Nun, das schadete nichts; dann theilt Ihr die Prämie und zwei Wölfe
-wären am Ende immer noch sicherer als einer. Ist Euerer denn ein Wolf?«
-
-»Ei und solch ein derber Bursche, wie nur je einer ein Kalb zerrissen hat.«
-
-»Vortrefflich, vortrefflich! Nun so kommt, Benjamin, und Du, Scip', kommst
-gleich mit den andern beiden nach; wo ist's denn? an der Froschquelle
-sagtet Ihr?« --
-
-»An den Wassern der Froschquelle, etwa sechshundert Schritt von dem
-scheidenden Bergrücken und gerade da gegenüber wo des »Teufels Kanzel« über
-den Bach hängt.«
-
-»Nun da könnt Ihr ja gar nicht fehlen -- also die Stricke und den Sack --
-habt Ihr das Halsband, Ben?«
-
-Der junge Mann bejahte es, klingelte mit der kleinen Glocke und schien
-selber die Zeit nicht erwarten zu können, wo sie wieder aufbrechen würden,
-seine Siegstrophäen in Empfang zu nehmen. --
-
- * * * * *
-
-Mit raschen Schritten wanderten die beiden Männer den schmalen Pfad
-entlang, der von der Ansiedlung aus in den Wald lief, verließen diesen aber
-bald darauf wieder, eine nähere Richtung einzuschlagen, und benutzten einen
-von den Hügeln hin auszweigenden Abhang, der in leiser Niederdachung den
-Wassern der Froschquelle zuführte.
-
-»Aber, Ben, Ihr habt ihn doch auch sicher? fragte da Sutton, ganz plötzlich
-stehenbleibend, und sah den jungen Jägersmann mißtrauisch dabei von der
-Seite an. -- Ihr war't mir heut Morgen so -- so kreuzfidel -- es ist zwar
-noch etwas früh -- ich hoffe doch nicht daß Ihr mich etwa zum Narren habt?«
-
-Ben Holik lachte, als ob er im Leben nicht wieder zu sich selber kommen
-wollte, und schüttelte das Halsband, das er in der Hand trug dermaßen, daß
-der Ton hell und klingend durch den Wald tönte. --
-
-»Hahahaha -- das ist kostbar. Nein Sutton -- das ist wirklich kostbar --
-jetzt -- jetzt fällt Euch auf einmal ein -- hahaha -- daß ich Euch könnte
--- hahaha -- angeführt haben!«
-
-»Mr. Holik! --«
-
-»Nein, lassen Sie's gut sein, Sir, sagte der Jäger plötzlich seine
-Fröhlichkeit zügelnd, da er sah wie ernst der alte Mann die Sache zu
-nehmen schien. Sie dürfen aber wahrlich nicht bös darüber sein, wenn ich
-vielleicht ein Bischen zu munter bin -- es freut Einen doch am Ende so
-einen verwünschten Kälberdieb, der so oft und schlau jeder Versuchung
-widerstanden hat, zuletzt doch noch nicht überlistet zu haben. Wir müssen
-übrigens gleich an Ort und Stelle sein; da drüben seh ich schon die Kiefern
-der Teufelskanzel über das andere Schwarzholz hervorragen, und gleich
-dort unten, wo der Hickory über die enge Schlucht gestürzt ist, liegt das
-Triftholz wo meine Falle steht. Die Neger werden den Platz doch finden?«
-
-»Scipio kennt jeden Fußbreit Boden hier, sagte Sutton. Also hier unten
-steckt die Bestie; nun warte, mein Schatz Du sollst Deinen Kameraden so
-lange Musik vormachen, bis ihnen vor lauter Bimmeln die Ohren klingen.
-Hört, Ben, dies ist ein nichtsnütziger Weg hier; wir sind auch wohl gerade
-auf den steilsten Fleck gekommen -- nun, Ben? -- wollen wir noch ein
-Bischen? -- was habt Ihr denn zu gucken?«
-
-Der junge Mann war auf einen umgefallenen Baumstamm getreten, hatte mit der
-Linken den niederhängenden Ast einer jungen Buche gefaßt, und schaute mit
-stierem unverwandtem Blick die Schlucht hinab in die Tiefe -- erwiederte
-aber kein Wort.
-
-»Nun Ben? -- was giebts? -- Ihr wißt wohl selber nicht mehr recht wo ihr
-daheim seid? rief der Farmer, und sah ungeduldig nach ihm zurück -- wir
-sind wohl in der falschen Schlucht?«
-
-Ben Holik erwiederte keine Sylbe; nur bleichen Angesichts und keines Wortes
-mächtig, deutete er nach einem wirren Haufen wild über einander gestürzter
-dürrer Aeste und Stämme, zwischen dem das scharfe Auge des alten Mannes
-gar bald das rauhe viereckige und massive Gestell einer zugeschlagenen
-Wolfsfalle, wie sie in den Wäldern eben üblich ist, erkannte.
-
-»Meiner Seel, an den falschen Kasten gerathen«; brummte der Greis, nachdem
-er sich durch einen zweiten Blick überzeugt hatte wie die Falle leer sei,
--- »na das fehlte auch noch, jetzt können wir die steile Partie wieder
-hinauf machen.«
-
-Er wandte sich, den Berg wieder empor zu klimmen, hier aber fiel ihm das
-verstörte wilde Aussehn des eben noch so fröhlichen Jägers auf, und als er
-schon den Mund öffnete, ihn zu fragen was ihm fehle, hörte er die halblaut
-und heftig ausgestoßenen Worte desselben:
-
-»Sie ist _leer_!«
-
-»Da unten in _der_ hat der Wolf gesessen?« fragte der alte Farmer rasch und
-erschreckt.
-
-»Dort unten,« lautete die monotone Antwort des aus seinen Himmeln
-erbarmungslos Niedergeschmetterten.
-
-»Na, das ist eine schöne Geschichte,« murmelte Sutton, klomm, so rasch
-dies eben gehen wollte, und sicherlich viel rascher als er im Anfang
-beabsichtigt, den steilen Hang hinunter, und stand gleich darauf vor der
-allerdings leeren, aber heruntergeschlagenen Falle.
-
-Das Fleisch im Innern war augenscheinlich nicht berührt, eine Art
-Wolfsgeruch glaubte er aber selber zu wittern, und bei genauerer
-Untersuchung entdeckte er an dem einen rauhen Balken sogar einzelne weiße
-Bauchhaare, die kaum von einem andern Thier als einem Wolf herrühren
-konnten. Wo aber war dieser hin verschwunden, denn daß er sich sollte unter
-der schweren Klappe vorgearbeitet haben -- Sutton stemmte seine Schulter
-darunter und suchte sie emporzuheben, er war es kaum im Stande -- schien
-rein unmöglich.
-
-Während er noch so beschäftigt war, stieg Benjamin Holik langsam und
-schweigend zu ihm nieder, stellte seine Büchse an den nächsten Baum, legte
-Halsband und Glocke daneben und trat dann dicht zur Falle heran, die
-er, ohne sie jedoch zu berühren, auf das aufmerksamste und genauste
-betrachtete.
-
-»Und Ihr habt heute Morgen wirklich einen Wolf darin gefangen gehabt?«
-fragte Sutton nach längerer Pause, während er trotz des Beweises der
-gefundenen Haare ungläubig dabei mit dem Kopfe schüttelte.
-
-»Ich gebe Euch mein Ehrenwort, sagte Ben tonlos -- ein starker männlicher
-Wolf stak in der Falle, als ich vor kaum einer Stunde diesen Platz verließ;
-_drei_ Wölfe hätten aber nicht Kraft genug gehabt diese Balken emporzuheben
-und darunter vorzuschlüpfen, und _wenn_ ihnen das wirklich gelungen wäre,
-so müßte wenigstens die Hälfte ihres ganzen Pelzes an der rauhen Rinde
-dieser Stämme hängen geblieben sein.«
-
-»Das dachte ich eben auch, sagte Sutton -- und Ihr wißt gewiß daß es auch
-wirklich ein Wolf« --
-
-»Nun zum Henker! rief der Jäger, dem der Ingrimm über die getäuschte
-Erwartung auch endlich durch das sonst überhaupt nichts weniger als
-geduldige Hirn zu blitzen begann; ich werde doch einen Wolf von einem Stück
-verendetem Pferde unterscheiden können? -- aber da -- seht hier -- und --
-und überzeugt Euch selber!«
-
-Noch während er sprach, sprang er plötzlich auf die Falle zu, warf mit
-einem Ruck seiner gewaltigen Kraft die Klappe zurück, als ob's ein loses
-Brett gewesen wäre, und schwang sich mit einem Satz über die niedere Wand
-in's Innere.
-
-»Da! rief er, während er vor sich auf den feuchten Boden niederzeigte --
-da und da -- und da sind die Spuren der Bestie, wenn Ihr denn meinen Worten
-nicht mehr glauben wollt; hier ist die Stelle wo sie die Fänge in die
-Lockspeise einschlug, als die Klappe wahrscheinlich zufiel. -- Wollt Ihr
-mehr Beweise daß ich Euch nur eine Thatsache verkündet und nicht etwa eine
--- Lüge in den Bart geworfen habe? Pest und Gift! das hat mir Einer der
-schleichenden Hallunken, die mich in der Ansiedlung immer nur so scheu von
-der Seite anblinzen, wenn ich einmal hinaufkomme, zum Possen gethan; --
-herausgelassen, muthwillig herausgelassen ist das Raubthier, und weiß es
-Gott, Dem der seine Hand in so schmählich schändlicher Art an Ben Holiks
-Eigenthum gelegt hat, wäre besser, er hätte den Washita in seinem Leben
-nicht gesehen, als daß er mir, hab' ich ihn erst aufgespürt, wieder vor die
-Augen käme!«
-
-»Hm, das ist eine wunderliche Geschichte, brummte der Alte, wer zum Henker
-soll sich die Mühe geben, Euch die Wölfe aus der Falle zu lassen? Und müßte
-er nicht die ganze Nacht gerade hinter Euch her gekrochen sein, um den
-einzigen Zeitpunkt, wo er es unentdeckt thun konnte, so genau abzupassen?«
-
-Ben erwiederte nichts, sondern stieg aus der Falle und suchte auf dem Holz
-nach irgend einem Zeichen, das ihn vielleicht hätte auf die richtige Spur
-bringen können. Das trockene Holz bot seinem Auge aber nichts, von dem
-geleitet, es hätte weiter forschen können -- nur die Spuren von Haaren
-entdeckte er bald, auch die Fährten des Raubthieres, wo es vom letzten
-Stamm hinab auf die weiche Erde gesprungen und dann wieder die andere Seite
-der Schlucht hinauf in geradester Richtung seinen Schlupfwinkeln zugeflohen
-war. Nirgend ließ sich dabei die Spur eines menschlichen Fußes erkennen
--- nur ein Paar unnatürlich tief in die Erde eingedrückte Steine, die der
-Blick des Jägers bald erkannte, lenkten seine Aufmerksamkeit auf sich --
-sie waren, selbst da wo sie mit Erde bedeckt lagen, noch vollkommen trocken
--- Der, der sie eingetreten, mußte also erst vor ganz kurzer Zeit hier
-herübergeschritten sein.
-
-Holik zeigte sie dem alten Mann und dieser gab auch zu daß es ihm selber
-so vorkäme, als ob da Jemand gegangen sei, an die Erkennung einer genauern
-Fährte war aber nicht zu denken. -- Oben auf dem Hügelkamm zog sich ein
-starrer Felsstreifen meilenweit über den Berg hin, und zweigte überall
-in rauh steinige Schluchten aus. Wem hier daran gelegen war seine Spur zu
-verheimlichen, konnte das leicht genug, und die beiden Männer sahen sich
-auch endlich genöthigt jeden derartigen Versuch als nutzlos aufzugeben.
-
-Die Neger wurden zurückgeschickt, und Sutton folgte ihnen, selber in
-keineswegs rosiger Laune, allein, denn Ben Holik wollte jetzt vor
-allen Dingen den Wald nach der Richtung hin durchstreifen, wohin die
-muthmaßlichen Fährten liefen, möglich doch, daß ihm sein gutes Glück -- er
-stampfte mit dem Fuß als er die Worte sprach -- den Thäter gerade in den
-Weg führte.
-
-Er fand nichts -- den ganzen Tag durchkreuzte er den Wald, und als er
-Abends müd' und matt in die Ansiedlung zurückkehrte, mußte er noch ertragen
-daß man ihn bemitleidete und sich, anscheinend theilnehmend, in der That
-aber nur neugierig, nach den näheren Umständen erkundigte; ja Metcamp erbot
-sich sogar höchst freundlich wieder mit ihm zu gehen und die Spur noch
-einmal aufzunehmen, -- er hätte, wie er selber den alten Sutton dabei
-versicherte -- eine ungeheuere Uebung in Fährtefolgen, und war überzeugt,
-er könne ihr nachgehen. Ben Holik aber hielt sich, was den Wald betraf,
-für einen eben so guten Mann wie irgend einer dessen Füße je in Moccasins
-staken, und lehnte das Anerbieten artig wohl, aber rund ab.
-
-Dieser Metcamp hatte für ihn etwas Unheimliches in Blick und Ton. War er
-selber so parteiisch oder eifersüchtig, ohne allen sonstigen Grund den
-Menschen zu hassen, und wäre es nicht --
-
-»Verzeih mir Gott die Sünde!« unterbrach Ben selber seine Gedanken als er
-wieder zum Walde zurückschritt, denn Betsy konnte und wollte er in diesem
-Zustand von Aufregung und getäuschter Hoffnung nicht vor die Augen kommen
--- »verzeih mir Gott die Sünde daß ich von einem Menschen, der mir bis
-jetzt wissentlich noch kein Leid gethan hat, Unrechtes denke, aber dieser
-Metcamp kommt mir immer vor wie mein böser Geist und wenn es _einen_
-Menschen in der weiten Gotteswelt gäbe, dem ich den Bubenstreich zutrauen
-möchte -- so ist es _Der_. Aber wart! mein Bursche, _bist_ Du's gewesen,
-so hast Du ein Paar so scharfe Augen auf Deiner Fährte, wie sie in der
-Ansiedlung nur zu finden sind, und wer weiß dann, ob wir nicht noch einmal
-ein Paar Worte im Vertrauen reden!«
-
-Ben war ein seelensguter, herzlicher und schwer zu kränkender Mann -- wie
-es fast alle recht kräftig kernige Naturen von so riesigem Körperbau sind,
-aber leichenbleich färbte ihm doch der Zorn die Wangen als er den Ort
-wieder erreichte, wo er das Ziel seiner Wünsche, nach dem er Wochenlang
-gestrebt, endlich gefangen gehalten, und dann ihm eine tückische Hand
-den Becher, den er gerade zum Munde führen wollte, entrissen und zu Boden
-geschleudert hatte.
-
-Was aber half ihm der ohnmächtige Zorn -- er fand keine weiteren Anzeichen;
-die Spuren des Geflohenen waren so schlau verdeckt daß er anfing es dem
-geschniegelten Städter nicht einmal mehr zuzutrauen, und seinen Verdacht
-von Einem zum Andern der jungen Leute unter seinen Bekannten schweifen
-ließ, die, wie er recht gut wußte, ihn um sein Glück bei Betsy beneideten
-und ihn dadurch vielleicht abhalten wollten ihre Hand zu erringen. Es blieb
-aber auch immer nur wieder bei dem Verdacht; eine Gewißheit konnte er auf
-keiner Seite erlangen.
-
-Das Schlimmste bei der Sache war übrigens auch das noch, daß ihm diese,
-seine beste Falle dadurch für eine geraume Zeit unbrauchbar geworden, denn
-in die ging, wenigstens nicht eher als bis einmal ein Wolkenbruch jedes
-Zeichen der gefangen gewesenen Bestie abgewaschen, kein Wolf wieder hinein
--- und welche Falle lag so vortrefflich wie gerade diese!
-
-Wolfs Ben war übrigens nicht der Mann, der sich durch eine ihm in den Weg
-geworfene Schwierigkeit so leicht hätte abschrecken lassen; noch standen
-ihm drei andere Fallen und selbst in dieser Schlucht konnte er, wenigstens
-weiter oben, eine neue anlegen. Mit unermüdlichem Fleiß arbeitete er
-also auf's Neue, lag Tag und Nacht draußen und hielt von jetzt an eine so
-scharfe Wacht in seinem gewöhnlichen Jagdrevier, daß kein Kaninchen, viel
-weniger denn ein Menschenkind unbeachtet durchschlüpfen konnte. Voll neuer
-Hoffnung dachte er nun mit jedem Morgen den Fang eines zweiten Wolfes
-begrüßen zu können -- aber vergebens. Was er auch that blieb fruchtlos, und
-Ben wurde zuletzt so schwermüthig und menschenscheu, daß er gar nicht mehr
-aus seinem Wald heraus mochte, sondern jetzt, mit dem einen und einzigen
-Ziel vor Augen, fast nichts anderes dachte, als einen Wolf lebendig zu
-fangen.
-
-Die Ansiedlung besuchte er gar nicht mehr, oder doch nur bei Nacht, wo
-er nicht zu fürchten brauchte, daß Betsy's Blick auf ihn fiel -- denn
-nachgerade fing er an sich zu schämen ein so »schlechter Jäger« zu sein und
-er meinte, die Leute müßten ihm das Alle an den Augen ansehen.
-
- * * * * *
-
-Drei Wochen waren solcher Art verflossen und wenn Ben's Herz auch wohl
-immer und unverändert dasselbe geblieben war, so hatten doch die Sachen in
-der Ansiedlung indessen eine ganz andere Wendung genommen.
-
-Der »Stadtherr«, wie ihn die übrigen Jäger gewöhnlich nannten, bekam Briefe
-aus Alabama, die seine Rückreise dorthin so rasch als möglich verlangten.
-Sein Onkel war plötzlich gestorben -- er zum Universalerben eingesetzt,
-und jetzt natürlich genöthigt die dortigen Verhältnisse, die durch eine
-bedeutende Sklavenzucht noch weit mehr Aufmerksamkeit erforderten, selber
-zu ordnen. Er mußte also ohne weiteres Zögern zurück, und seine im Anfang
-langsam genug eingeleitete Werbung um die liebliche Waldblume, des alten
-Suttons Töchterlein, wurde nun zum raschen Heirathsantrag. Mr. Metcamp
-hielt noch an dem nämlichen Tag um des Mädchens Hand an, und wenn auch
-Betsy unbedingt _nein_ sagte, sprach doch der Vater, dem der jetzt um
-so reichere Schwiegersohn desto mehr zu behagen schien, ein um so
-entschiedeneres _Ja_, versicherte seinen künftigen Eidam »das Mädchen ziere
-sich nur, wolle erst angegangen sein, und bat ihn sich um das keine Sorge
-weiter zu machen.«
-
-Metcamp hätte allerdings lieber eine freundlichere Antwort der Tochter,
-wenigstens keine so ganz bestimmt abgeneigte gehabt; da es aber nun
-einmal nicht anders ging, schien er sich auch hineinzufinden, hoffte
-durch Freundlichkeit zuerst ihr Wohlwollen, dann vielleicht ihre Liebe zu
-gewinnen -- wenigstens sagte er das dem Vater, -- und beschloß jeden Falls
-an demselben Abend an dem er den Brief erhalten, eine Art Fest zu geben,
-wozu sämmtliche Bewohner der Ansiedlung eingeladen wurden, und was er
-dadurch zu einer Art Verlobungsfest zu stempeln gedachte.
-
-Der Abend kam heran und das Gerichtshaus (ein leer stehendes und aus
-Stämmen roh aufgeführtes Gebäude, das in früherer Zeit einmal zu einer
-Gerichtssitzung gedient, und davon den Namen, und später auch noch das
-Versprechen erhalten hatte, bei nächster Gelegenheit zu einer Schule
-benutzt zu werden, jetzt aber nur zur Aufbewahrung des Mais diente), war
-zu dieser Begebenheit gar festlich und brillant hergerichtet. Viele Pfund
-Wachslichter -- aus dem rohen gelben Wachs gegossen, wie es die Jäger den
-gefällten Bienenbäumen entnehmen -- erleuchteten den ziemlich großen Raum,
-der Boden war von allen Maishülsen gereinigt und rings herum Bänke gestellt
-für die Damen, wie auch ein Tisch mit einem Stuhl oben darauf in die Ecke
-geschoben, auf dem der einzige Musikant -- ein Violinspieler -- seinen
-Sitz nehmen sollte. Kurz, es war Alles nur Mögliche angewandt, den Raum so
-behaglich als möglich zu machen, und wer am späten Abend die Fröhlichkeit
-der äußerst zahlreich versammelten Gäste gesehen hätte, wäre gewiß mit dem
-Resultat zufrieden gewesen.
-
-Nur Betsy war traurig -- sie dachte an ihren armen Ben, der jetzt
-wahrscheinlich draußen allein im Walde herumirrte, und wollte nicht Theil
-nehmen an Tanz und Lustbarkeit. Nur mit Mühe wurde sie in den
-Tanzsaal selber gebracht, dort aber wies sie jede Aufforderung auf das
-entschiedenste zurück, und blieb ruhig, dem fröhlichen Treiben zuschauend,
-auf ihrem gleich im Anfang eingenommenen Platz.
-
-Benjamin Holik war aber nicht draußen im Wald, wie sein armes, hier in
-der lustigen Schaar nur um so viel betrübteres Liebchen in ihrem Schmerz
-geglaubt. Der alte Sutton hatte ihn sogar, wie sich das übrigens von selbst
-verstand, da man Niemanden ausschloß, noch besonders dazu eingeladen, Ben
-jedoch die Einladung abgelehnt.
-
-In der Nähe mußte er aber doch weilen -- geschäftige Freunde brachten ihm
-bald die Nachricht daß es ein _Verlobungsfest_ sein werde, was man hier
-feiern wolle, und er gedachte erst doch noch einmal zu sehen, mit eignen
-leiblichen Augen zu sehen daß ihn Betsy -- _seine_ Betsy auch wirklich ganz
-und gar vergessen habe und dann -- ei dann zog er nach Texas. -- Onkel Sam
-warb gerade für den beginnenden Krieg, und solche Leute wie er war --
-Ben brauchte keinen Spiegel sich das selber zu sagen -- fanden rasche und
-freudige Aufnahme im Dienst.
-
-Scheu und furchtsam, daß ihn Niemand erkenne und seinen Schmerz errathe,
-umschlich er wohl eine Stunde lang das Haus und horchte den munteren,
-kreischenden Tönen der Violine. Näher hinan zu gehen daß er einen Blick
-hineinwerfen konnte, mochte er nicht. Da kamen endlich ein Paar seiner
-Bekannten aus dem Haus heraus, blieben vor der Thür stehen und schritten
-dann zusammen dicht an dem Orte vorüber wo sich Ben versteckt hielt, ihren
-Wohnungen zu.
-
-Ben drückte sich, so gut das gehen wollte, hinter den Stamm eines dort
-stehenden Hickory und der Eine der Männer sagte, als sie eben dicht neben
-ihm waren:
-
-»Betsy hat doch, so lange ich im Haus war, keinen Schritt getanzt.«
-
-»Den ganzen Abend noch nicht, und hat es ein für alle Mal rund
-abgeschlagen, erwiederte der Andere -- ich glaube noch nicht einmal daß sie
-ihn nimmt.«
-
-»Ah, bah -- sagte der Erste wieder -- da müßte man die Mädchen nicht kennen
--- der hat Geld, und da --«
-
-Die weiteren Worte wurden in der Entfernung unverständlich, aber was
-brauchte Ben auch noch weiter zu hören. Das letzte war schändliche
-Verleumdung.
-
-»Noch keinen Schritt getanzt,« jubelte der junge Jäger in sich hinein --
-»also doch nicht falsch, doch nicht treulos, doch ihren Ben noch nicht
-vergessen -- aber -- was kann's Dir auch helfen armer Ben -- Du hast doch
-kein Glück -- Betsy ist doch für Dich verloren -- und wenn sie Dich nicht
-vergessen könnte -- ach dann wär's nur so viel schlimmer für sie -- Besser
-für Dich selber aber nimmer und nimmer.«
-
-Die Büchse, die er nicht weit von da in einem dichten Busch hineingestellt,
-hob er vom Boden auf, noch einen Blick nach dem hell erleuchteten Hause
-warf er zurück, und still und schweigend wanderte er den Fußpfad entlang
-dem nächsten Hügelrücken zu. -- Es litt ihn -- die Nacht wenigstens --
-nicht in der Ansiedlung, und er wollte draußen am Feuer schlafen.
-
-Ein Platz war endlich an einer klaren Quelle, die hier dem felsigen Boden
-rein entquoll, bald gefunden, eine Flamme entzündet, und in die Decke
-gehüllt lag er, den Kopf auf einen untergeschobenen Stein gelegt, und
-schaute sinnend und ernst zu den freundlich auf ihn niederblitzenden
-Sternen empor.
-
-Im Wald war es merkwürdig still, selbst die Frösche quakten nicht so toll
-und wild durcheinander, wie er das sonst wohl gehört, den leisen Schritt
-des Opossums, das zu nächtlichem Hühnerraub nach den bewohnten Ansiedlungen
-schlich, konnte er deutlich und bestimmt hören, und dort hinten -- er hob
-den Kopf und lauschte einen Augenblick -- wahrlich es war ein Wolf, der
-weit drüben auf dem scheidenden Gebirgsrücken sein klägliches Abendlied
-heulte.
-
-»Winsle nur, Bestie!« murmelte er endlich und sank in seine frühere
-Stellung zurück, »winsle, aber bleib mir außer Schußnähe; auf Deines
-Gleichen und auf -- noch Einen, hätt' ich besonders heut Abend Appetit.«
-
-Eine halbe Stunde lag er wohl so noch, und suchte seine Gedanken wieder auf
-die früher durchträumten Pläne zu richten -- es war aber nicht möglich
--- das immer näher und näher kommende Geheul des Wolfes lenkte seine
-Aufmerksamkeit immer wieder dort hin, und jetzt -- alle Wetter, das war gar
-nicht so weit entfernt -- antwortete eine andere Stimme aus einer hinter
-ihm liegenden Schlucht, wo auch, wie sich bald auswies, das ganze Rudel
-steckte.
-
-Er sprang rasch von seinem Lager auf und griff nach der Büchse; der Mond
-stieg eben hinter den düstern Schatten der fernen Bergesketten hell und
-freundlich empor -- die alte Jagdlust erwachte und verdrängte, für den
-Augenblick wenigstens, jeden anderen Gedanken.
-
-Er befand sich auf einem äußerst günstigen, ziemlich offenen und vom Mond
-hell beschienenen Fleck und zwar gerade mitten zwischen dem Rudel und
-dem vereinzelten, jetzt zu diesem zurückkehrenden Wolf -- das Feuer war
-niedergebrannt, und die noch glimmenden Kohlen schreckten die Bestien auch
-nicht ab, da fortwährend brennende Stämme im Wald liegen und Hirsch und
-Wolf daran gewöhnt sind Feuer auf ihrem Pfad zu finden. Ein vom Winde
-niedergeworfener Stamm der die Höhe hinunter, nach dem Thale zu lag,
-gewährte ihm dabei einen trefflichen Hinterhalt. --
-
-»Wart Kannaille, murmelte er, griff seine Büchse auf und glitt hinter den
-Stamm -- komm mir nur aus dem Busch vor, und freu' Dich dann auf Ben Holiks
-Kugel.«
-
-Er hob sein Gewehr auf den Stamm, richtete die Mündung nach der Gegend
-zu, von der er den einzelnen Wolf erwartete, -- denn das Rudel bleibt in
-solchem Fall gewöhnlich so lange auf dem einmal behaupteten Platz, bis der
-Vereinzelte dazu gestoßen ist -- und harrte dann lange und geduldig -- der
-Wolf wollte sich aber immer noch nicht sehen lassen.
-
-Sollte die Bestie etwas gemerkt haben -- aber der Wind war doch günstig.
--- Holik ließ seine Büchse auf dem Stamm liegen, hielt beide Hände
-trichterförmig an den Mund -- und heulte kläglich. -- Der Laut war
-täuschend ähnlich nachgeahmt, und schallte gar wehmüthig durch den düstern
-Wald.
-
-Wenn aber auch keine Stimme von dort, wo der einzelne Wolf sein mußte,
-antwortete, so war Ben doch ein viel zu alter Jäger um nicht auf seiner Hut
-zu sein, oder sich durch Uebertreibung einen einmal gewonnenen Vortheil zu
-verderben. Leise griff er wieder nach der Büchse, blieb ruhig im Anschlag
-liegen, und erwartete das Resultat.
-
-Das sollte auch nicht lange ausbleiben. -- Der Wolf antwortete allerdings
-nicht mehr, aber nur weil er zu nahe war, und als Ben mit gespannter
-Aufmerksamkeit selbst dem leisesten, unbedeutendsten Geräusche lauschte,
-hörte er plötzlich im trocknen Laub der benachbarten Baumgruppe rasche,
-aber vorsichtige Schritte. -- Trap, trap, trap, trap -- und das Thier stand
--- noch einmal -- es windete wieder. Hatte es vielleicht den Rauch in die
-Nase bekommen. Der Wolf betritt übrigens jedesmal vorsichtig einen freien
-Platz, weil er wahrscheinlich nicht allein Gefahr fürchtet, sondern auch
-vielleicht selber nach Beute ausschaut.
-
-Ben konnte genau von wo er stand die Schritte hören, den Platz selbst aber
-noch nicht mit seinem Blick durchdringen, wagte deshalb auch nicht sich zu
-bewegen, weil er nicht wissen konnte ob des Raubthiers Augen nicht gerade
-in diesem Moment dorthin gerichtet waren, wo er lag. Heulen durfte er auch
-nicht wieder -- die Entfernung mußte jedenfalls zu gering sein, als daß die
-scheue Bestie nicht den Betrug hätte merken und den falschen Rufer erkennen
-sollen. Es blieb ihm Nichts anderes übrig als jetzt ruhig und regungslos
-abzuwarten, bis das Thier in's Mondenlicht heraustreten würde.
-
-Da wurde plötzlich hinter ihm -- ein klein wenig nach rechts, das Rudel
-wieder laut und ein triumphirendes Lächeln zuckte über Ben's Antlitz -- es
-machte aber auch eben so schnell einem Ausdruck peinlicher Spannung Platz,
-denn in dem nämlichen Moment schon trat der Wolf, der durch den letzten
-Lockton bestimmt schien, aus dem düstern Schatten vor, auf den freien, nur
-mit einzelnen Bäumen bewachsenen Raum.
-
-Ben's Herz schlug fast hörbar, aber sein Arm lag fest wie Eisen -- ruhig
-richtete er das todtbringende Rohr nach dem Feind und suchte mit dem
-scharfen Blick dessen dunkle Gestalt auf das Korn seiner Büchse zu bringen.
-Doch vergebens -- in dem matten ungewissen Licht schmolz Korn und Ziel
-so ineinander daß er um's Leben nicht hätte genau bestimmen können wo die
-Kugel sitzen würde, und fehlen -- nein das durfte er nicht.
-
-Vorsichtig hob er den Lauf gegen den helleren Himmel, wo er das Korn
-deutlich gegen einen der funkelnden Sterne konnte abstechen sehen, legte
-sich dann fest in den Kolben, fuhr nieder, und so wie er die Gestalt des
-noch immer regungslos und jetzt seitwärts in's Thal schauenden Thieres voll
-im Korn hatte, berührte sein Finger den Drücker.
-
-Der Schuß schmetterte dröhnend durch den Wald und Ben sprang blitzesschnell
-empor.
-
-»Siehst Du, Kannaille, sagte er da, als er den dunkeln Körper regungslos
-im, vom Mondlicht hell beschienenen Laube liegen sah -- siehst Du -- ich
-habe Dir's prophezeiht. -- Das ist doch wenigstens _ein_ Trost, einem
-solchen herumschleichenden Schuft das Handwerk gelegt zu haben. Panther und
-Bären -- ich wollte daß Gottes Strahl all das Lumpengesindel träfe, das
-so wie Du, Bestie, das Licht scheut, im Dunkeln herumschleicht und Unheil
-anrichtet, wohin es den Fuß gesetzt und seinen Athem gehaucht!«
-
-Ben war bei den obigen Worten, die er mit fest zusammengebissenen Zähnen in
-den Bart murmelte, ruhig auf seinem Platz stehen geblieben und hatte, nach
-Jägerart, vor allen Dingen die Büchse wieder geladen, hob sie jetzt mit
-einem noch leise gemurmelten Fluch auf die Schulter, und schritt langsam
-der Stelle zu, wo der so glücklich erlegte Feind im Laube ausgestreckt lag.
-
-Es war ein großer, kräftiger Wolf, kohlschwarz und nur mit dem einen
-kleinen herzförmigen weißen Fleck auf der Brust, der im Mondenlicht
-ordentlich zu glühen schien -- die Kugel mußte ihm gerade durch den Kopf
-gefahren sein -- er rührte und regte sich nicht.
-
-»Ich habe ihn nicht einmal zucken sehen, sagte der Jäger leise, und bog
-sich zu ihm nieder, um nach dem Kugelloch zu fühlen. Ueber den ganzen Kopf
-strich er hinüber und herüber, dort war aber nichts, auch kein Schweiß --
-und die gegen das Mondenlicht gehaltene Hand weiß und rein. Wunderlicher
-Schuß! brummte der Jäger -- ei zum Henker, 's ist einerlei _wo_ die Kugel
-sitzt, _wenn_ sie nur sitzt, und da ich den Schuft -- Hallo! unterbrach er
-sich plötzlich -- lebt der Bursche noch?«
-
-Er stand mit gespannter Aufmerksamkeit die Büchse im Anschlag, jede
-Bewegung des Raubthiers beobachtend, und allerdings gab dies jetzt wieder
-Lebenszeichen von sich, warf einmal den Kopf auf, und schnellte sich dann
-auf dem linken Vorderlauf in die Höhe.
-
-Ben hatte aber zu manches Stück Wild erlegt, als daß ihn diese Bewegung
-auch nur einen Augenblick länger über den Zustand des Wolfes in Zweifel
-lassen konnte. Im ersten Augenblick fuhr er allerdings noch einmal, und
-wie unwillkürlich mit der Büchse an den Backen -- das war aber auch nur ein
-Moment -- im nächsten warf er sie fort und sprang plötzlich in keckem Muth
-auf das, von _der_ Minute an sich wieder ganz kräftig und rasend sträubende
-Thier.
-
-»Hoho, mein Bursche! rief der junge Jägersmann dabei, und lachte mit wilder
-Freude in sich hinein, während er seinen Arm mit eiserner Gewalt um den
-wüthend dagegen ankämpfenden Körper des Wolfes schlang -- hoho -- einfach
-ge=creast=[2] -- hahahaha -- ja strample nur, strample nur Herz, _der_
-Falle entgehst Du nicht -- wenn Du nicht im Stande wärst, aus der Haut zu
-rutschen.«
-
- [2]: =creasen= nennt der amerikanische Jäger den Schuß über dem
- Rückgrate oder noch häufiger Hals eines Wildes, wenn die Kugel auf die
- oberen Halssehnen und Muskeln gedrückt hat, ohne sie zu durchschneiden,
- was das Thier augenblicklich zu Boden wirft, aber nur für den Moment
- betäubt, und nicht im mindesten beschädigt. Nach sehr kurzer Zeit
- erholt es sich gewöhnlich wieder, und wenn der Jäger dann nicht schnell
- mit Büchse oder Messer bei der Hand ist, springt es wieder auf und ist
- nicht selten weit aus dem Bereich der Kugel ehe der verblüffte Schütze,
- der sich seine schon sicher geglaubte Beute auf einmal wieder entgehen
- sieht, seine Sinne gesammelt hat. Die westlichen Indianer fangen auch
- mit diesem Schuß die wilden Pferde, wobei natürlich mehr erschossen als
- gefangen werden.
-
-Das Thier, das nun sein volles Bewußtsein wieder erlangt hatte, schien
-jetzt erst zu begreifen in welcher höchst mißlichen Lage es sich eigentlich
-befinde und suchte mit aller ihm zu Gebote stehender Kraft um sich zu
-beißen, und durch Treten und Kratzen seine Freiheit wieder zu gewinnen.
-Doch vergebens, Ben hielt es wie in einem eisernen Schraubstock und drückte
-sich dabei so mit dem ganzen Gewichte seines schweren Körpers darauf, daß
-der arme also ertappte Wolf endlich und als auch seine Kräfte vollständig
-erschöpft waren, wenigstens für kurze Zeit ruhig liegen mußte.
-
-Was aber nun thun? -- den Wolf tödten? das wäre allerdings mit nur
-wenig Schwierigkeiten verknüpft gewesen, denn Ben trug sein haarscharfes
-Jagdmesser im Gürtel. Aber war nicht jetzt sein Ziel erreicht? -- einen
-lebendigen, gesunden, unbeschädigten Wolf wollte er haben, und den hielt er
-in diesem Augenblick hier unter sich so fest als ob er ihn im Leben nicht
-wieder loslassen wollte. Doch wie ihn binden und festhalten? nicht einmal
-einen Lederriemen führte er bei sich, nichts als seinen Gürtel und wie
-hätte er es überhaupt wagen dürfen auch nur den Versuch zu machen? Ließ er
-dem Wolf nur ein wenig Luft so gab es nachher einen Kampf, in dem er ihn
-entweder ernstlich beschädigen, oder gar frei lassen mußte -- das eine fast
-so schlimm wie das andere. Und das schwere Thier bis zur Ansiedlung tragen?
--- er hätte ohne den Wolf eine halbe Stunde gebraucht sie zu erreichen --
-viel weniger mit ihm -- aber es blieb ihm weiter keine Wahl.
-
-»Entweder oder,« murmelte er, »Du oder ich, Bursche, und so mag denn _der_
-Abend über mein Glück, über mein Unglück entscheiden. Zum Teufel auch, habe
-doch schon manchen starken Hirsch getragen, der noch einmal so schwer war
-wie der hier, und das blos um des elenden Wildprets wegen -- werden mir
-heute die Kräfte nicht versagen, da es das Höchste -- oder doch wenigstens
-einen Triumph über den schurkischen Feind gilt.«
-
-Und mit dem raschen Entschluß nahm er seinen Halt fest um das, sich jetzt
-wieder mit rasender Wuth sträubende Thier, brachte den rechten Fuß unter
-sich, und stand, die Schulter gegen einen kleinen danebenstehenden Gumbaum
-stützend, langsam auf. Er hatte den Wolf mit dem Rücken gegen sich, mit dem
-linken Arm zwischen den beiden Vorderläufen durch gepackt, und den
-rechten Arm ihm fest um die Weichen geschlagen und hielt ihn so eng
-zusammengepreßt, daß er ihm mit seinen Zähnen gar nicht schädlich werden
-konnte.
-
-Die Büchse mußte er natürlich zurücklassen, auch die Mütze war ihm bei
-dem Ringkampf entfallen, doch das hinderte ihn nicht; mit fest
-zusammengebissenen Zähnen und zum Aeußersten entschlossen, wanderte er
-seine wunderliche sich unaufhörlich sträubende Last im Arm, Schritt vor
-Schritt weiter -- der fernen Ansiedlung zu.
-
- * * * * *
-
-Im alten Gerichtshaus herrschte indessen noch immer laute lärmende
-Fröhlichkeit, Bowle nach Bowle wohlschmeckenden süßen Stewes war gebraut,
-und der Raum endlich durch Kerzen, Trunk und Tanz so heiß geworden, daß
-man selbst das kleine, nach dem Holz hinausführende Fenster öffnete, um nur
-frische Luft herein zu bekommen.
-
-Die Töne der Violine schwirrten immer rascher und gellender in Jigs und
-Hornpipes, die Füße der Tänzer klapperten immer behender auf dem schon
-blank gescharrten Boden; Metcamp war besonders ausgelassen lustig, er
-nannte die arme Betsy -- die sich übrigens hartnäckig weigerte weder mit
-ihm noch einem der andern Gäste zu tanzen -- nicht anders wie »sein süßes
-Bräutchen«, umarmte den alten Sutton ebenfalls zweimal als »Schwiegerpapa«
-und wußte seiner Ausgelassenheit gar keine Grenzen.
-
-Eine kleine Unterbrechung hatte indessen stattgefunden; »Lord Howe's
-Hornpipe« war eben beendigt und einige Erfrischungen wurden herumgereicht.
-Betsy, die auf ihres Vaters Befehl die Bedienung überwachen mußte, saß
-unfern dem Eingang, nicht weit vom Schenktisch, und Metcamp, der sich dicht
-neben sie gestellt, flüsterte ihr eben einige fade Schmeicheleien in's Ohr,
-die ihr die zornige Röthe auf die Wangen trieben, als plötzlich Etwas mit
-gewaltigem Poltern von außen gegen die Thüre schlug.
-
-»Hallo!« schrie der Bräutigam zusammenfahrend -- das ist ein unhöfliches
-Anklopfen -- »wer da?«
-
-Die übrigen Gäste wandten sich Alle rasch und erstaunt nach dem Lärmen um,
-die einzige Antwort von dort her war aber ein erneutes, noch viel stärkeres
-Gepolter.
-
-»Ei so hol' doch der Henker die Unverschämtheit!« rief da Metcamp; »ich
-will doch sehen --«
-
-Rasch ergriff er den ledernen Riemen der an dem Drücker hing, riß daran und
-stieß die Thüre auf.
-
-»Ha!« -- Vor sich ein Paar stiere funkelnde, fast aus ihren Höhlen
-drängende Augen -- ein weit aufgerissener Rachen mit blutiger,
-heraushängender Zunge und weißem fürchterlichen Gebiß -- ein Wolfskopf wie
-ihn sich die Einbildung nur schrecklich und Entsetzen erregend
-ausmalen kann -- hinter ihm aber, dicht über dem gräßlichen Rachen, das
-todtenbleiche, wildblickende Angesicht Ben Holik's, vom Schein der Kerzen
-geisterhaft beleuchtet.
-
-»Der Wolf! -- Der Wolf!« schrie da Metcamp nach einem, nur fast
-flüchtigen Blick auf die schauerliche Gruppe. -- »Der Wolf!« und durch die
-hinzudrängenden Gäste brach er in wilder Hast sich Bahn, zum Fenster sprang
-er, und ehe nur noch irgend Jemand sein Vorhaben hätte errathen, oder
-ihn gar daran verhindern können, flog er mit scheuem Satz hinaus und in's
-Freie.
-
-Die Hintenstehenden, die noch gar nicht sehen konnten was eigentlich die
-Ursache solch wunderbarer Behendigkeit gewesen, lachten; die nächst der
-Thüre aber fuhren ebenfalls, kaum minder als Metcamp selbst erschreckt,
-zurück, und starrten überrascht die wunderliche Gruppe an, aus der sie Ben
-Holik's todtenfahle Züge jetzt erkennen konnten.
-
-»Die Glocke -- die Glocke!« war aber Alles was der Jäger mit heiserer, nur
-den Nächsten verständlicher Stimme zu lallen vermochte -- »die Glocke --
-ich kann -- ich kann nicht mehr.«
-
-»Heiliger Gott!« schrie da Betsy, die schon bei dem ersten Ausruf Metcamps
-entsetzt empor gesprungen war und ihren Augen kaum trauend, keines Wortes,
-keiner Bewegung mächtig, in das todtenbleiche, fürchterlich entstellte
-Antlitz des Geliebten gestarrt hatte, »heiliger, allmächtiger Gott! zu
-Hülfe -- zu Hülfe!«
-
-»Die Glocke! flehte aber nur Ben -- Betsy die Glocke oder meine Arme
-erstarren.«
-
-»Die Glocke? -- was für eine Glocke?« fragten die Umstehenden wild
-durcheinander.
-
-»Ha -- die Wolfsglocke!« rief da das Mädchen -- das Ganze ihr bis dahin
-Entsetzliche, jetzt rasch und froh begreifend -- »die _Wolfsglocke_, nur
-noch einen Moment Ben -- nur noch wenige Secunden und ich bin wieder da.«
-
-Und rasch zur Thür hinaus, dicht an den klaffenden Fängen der Bestie vorbei
--- so dicht daß ihre Schulter die blutträufende Zunge fast berührte, glitt
-die Jungfrau flüchtigen Laufes in das dicht daneben gelegene Haus ihres
-Vaters, wo die Glocke noch in der Stube (unter der Büchse, wo er sie
-neulich bei seiner Zurückkunft hingethan) hing, hob sie schnell herunter
-und war in kaum einer Minute Zeit schon wieder zurück mit dem Verlangten.
-
-Indessen hatten sich aber die Männer dort ebenfalls von ihrer ersten
-Ueberraschung erholt; der alte Sutton war zu ihnen getreten, und rasch
-begreifend um was es sich hier handle, wollte er Ben unterstützen und ihm
-den Wolf vielleicht abnehmen. Das gab aber der Jäger nicht zu, da er seiner
-wie des alten Mannes Sicherheit wegen nicht wagen durfte dem festen Halt,
-den er einmal an der Bestie hatte, zu entsagen. Kaum erschien aber Betsy
-mit der Glocke, so nahm sie ihr Sutton rasch aus der Hand, schlang den
-Riemen um des, jetzt wieder wie wüthend um sich beißenden Wolfes Hals, und
-schnallte ihn nicht zu fest, aber sicher genug, daß er nicht über den
-Kopf hinüberrutschen konnte, den Wolf jedoch auch nicht hinderte, oder gar
-würgte.
-
-Was aber jetzt, nachdem dies geschehen war, thun? -- wie die Bestie, da der
-Zweck erfüllt war, wieder loswerden? denn war es nicht möglich daß sie, in
-so gereiztem Zustand freigegeben, anstatt zu fliehen sich gerade gegen ihre
-Feinde wenden, und dort Unheil anrichten konnte, ja am Ende gar, um sie
-nur wieder los zu werden, doch noch getödtet werden mußte? Das Klingeln
-der Glocke beunruhigte den Gefangenen dabei immer mehr, seine Anstrengungen
-wurden wüthender, je mehr die Kräfte des armen Jägers nachließen. Zwar
-sprangen von vielen Seiten die Männer mit Stricken herbei und Einer
-machte sogar eine Schlinge, den Wolf daran zu hängen und ihm die Kehle
-zuzuschnüren bis er betäubt wäre und hinaus in den Wald geschafft werden
-könnte -- das aber schienen viel zu gefährliche Experimente, denn geschah
-dem Thier dadurch ein Schaden, so war die ganze Anstrengung vergebens
-gewesen. Da rief Betsy, die in Todesangst um den Geliebten, die Hände fest
-gegen die Schläfe gepreßt, daneben gestanden und dem ganzen wirren Treiben
-zugeschaut, den tausend verworrenen Vorschlägen, wie sie gemacht und
-verworfen wurden, in namenloser Furcht gelauscht hatte, plötzlich aus:
-
-»Trag ihn in den Garten, Ben, wo der Fluß die Biegung macht -- dort ist
-die Uferbank eingestürzt, und da hinabgeworfen, kann er nur an's
-gegenüberliegende Ufer schwimmen!«
-
-»Bei Gott das Mädchen hat Recht!« rief der alte Sutton, und Ben schritt
-schon um's Haus herum dem bezeichneten Orte zu. Die Fenz, die ihn noch von
-dem Garten trennte, wurde augenblicklich eingerissen, und wenige
-Secunden später stand der Wolfsjäger an dem schroffen Ufer das unten
-der vorbeischäumende kleine Bergstrom bespülte -- Betsy hatte seinen Arm
-ergriffen und ihn geführt, daß er nicht etwa einen Schritt zu weit vorgehe
-und selber mit hinabstürze.
-
-»Jetzt Ben! rief sie ihm zu, als sie ihn plötzlich zurückhielt, jetzt laß
-los!«
-
-»Gott sei Dank!« murmelte Ben und während er noch die Arme öffnete glitt
-der dunkle Körper am nachgebenden Sande hinab und schlug plätschernd in die
-unten über ihm zusammenbrechende Fluth.
-
-Jetzt kamen auch mehre mit rasch herbeigeholten Lichtern herbei und bei dem
-matten ungewissen Schein derselben konnten sie erkennen wie der schwarze
-Körper des befreiten Wolfes rasch und mit heftigem Stöhnen durch die Fluth
-strich. Als er aber drüben an's Ufer stieg klingelte die wackere Glocke
-laut und hell -- er hatte sich schütteln wollen, erschrak jedoch so über
-den fremden Laut daß er rasch die Uferbank hinansprang, und noch eine lange
-Strecke durch den Wald hörten sie das gleichmäßige Anschlagen der Schelle,
-wie der Wolf in dem, diesen Thieren eigenen langen Galopp mit flüchtigen
-Sätzen nicht mehr den Feinden, die hatte er kaum gefürchtet, nein, diesem
-unerträglichen scharfen Lärm unter seiner Kehle, zu entfliehen suchte.
-
-»Hahahaha!« brach endlich Ben, der jetzt lachend seine halb erstarrten
-Arme schwenkte, das athemlose Schweigen mit dem die Männer den immer mehr
-verschwimmenden Tönen der Glocke gelauscht hatten -- »er hat sie -- beim
-ewigen Gott, er hat sie -- so -- das soll mir der Mr. Metcamp einmal
-nachmachen!«
-
-Metcamp? ja wo war denn Metcamp die ganze Zeit eigentlich -- das weiß der
-Himmel, am Washita hat ihn wenigstens kein sterbliches Auge mehr gesehen,
-sein Fenstersprung konnte nicht bezweifelt werden, denn Zeugen gab es dafür
-genug, und vom Fenster aus ließ sich die Spur noch weit hinaus in den Wald,
-aber immer dem Arkansas zu, verfolgen, sein ganzes Gepäck aber, ja selbst
-seinen Hut ließ er, ohne auch nur einmal darum zu schreiben, in der
-Ansiedlung zurück und Ben hatte gewiß recht als er meinte -- »den habe nur
-sein _böses Gewissen_ aus den Bergen getrieben.«
-
-Und was wurde aus Betsy? --
-
-Ich will dem Leser die weitläufige Auseinandersetzung ersparen und ihm
-nur mit kurzen Worten einzelne Thatsachen mittheilen aus denen seine
-Einbildungskraft dann leicht den weitern Verfolg der Sache, viel besser als
-ich ihm das selber klar machen könnte, herausfinden wird.
-
-Mr. Metcamp war wirklich flüchtigen Fußes förmlich davon gelaufen, der
-Brief aber, den er zu der Zeit am Washita erhalten hatte, mußte jedenfalls
-gefälscht gewesen sein, denn noch in demselben Monat hörten sie von einem
-Reisenden daß Metcamps Onkel, etwa vier Wochen vorher ehe dieser zum
-Washita gegangen, total bankerott gemacht habe und der vermeintliche Erbe
-noch schlimmer als ein Bettler sei, da er sogar rasend in Schulden stecke.
-Die reiche Farmerstochter hatte er dabei leicht zu gewinnen geglaubt, und
-auch natürlich alles Mögliche gethan, seinem, ihm allerdings gefährlichen
-Nebenbuhler den Besitz des Mädchens unmöglich zu machen.
-
-Daß er es gewesen der damals den gefangenen Wolf befreit, ließ sich
-ebenfalls immer weniger verkennen, wenigstens sprach man die Ansicht kurze
-Zeit darauf ganz offen in der Ansiedlung aus; und daß sich der alte Sutton
-nach alle dem Vorangegangenen schämte, den beabsichtigten Schwiegersohn aus
-der Stadt auch nur noch einmal zu erwähnen, versteht sich wohl von selbst.
-
-Es sind jetzt seit der Zeit zehn volle Jahre verflossen, und Farmer Sutton
-schläft in seinem eigenen Garten still und ruhig unter dem grünen blumigen
-Rasen, Ben Holik aber hat das unstäte Jägerleben aufgegeben, ist ein
-ordentlicher Farmer worden und lebt mit seinem lieben Weib, seiner Betsy,
-und den drei Jungen und zwei Mädchen die sie ihm in ihrer neunjährigen
-Ehe geboren, so glücklich und zufrieden, wie nur ein Mensch in der weiten
-Gotteswelt leben kann. Seine Heerden haben sich dabei ungemein vermehrt,
-denn die Wölfe trieb der mit der Glocke Behangene richtig hinaus aus der
-ganzen Nachbarschaft, und seine Felder hat er ebenfalls um viele fruchtbare
-Aecker erweitert; dort aber, wo er den Wolf damals lebendig gefangen, baute
-er sich auf der luftigen Bergkuppe ein kleines Haus und nannte es, zum
-Gedächtniß jenes glücklichen Abends -- die _Wolfsglocke_.
-
-
-
-
-Die Ahnung.
-
-Nach einer wahren Begebenheit.
-
-
-Draußen über die Haide tobte und wetterte der Sturm, heulte durch die
-blattlosen Baumwipfel der Eichen, und zischte und flüsterte in den dichten
-Nadeln des benachbarten Schwarzholzes. Der Mond war hinter schweren Wolken
-verschwunden, trüb und düster lag die Nacht auf der Erde und der Orkan, der
-sich von den Geistern der Luft die tollen Weisen aufspielen ließ, raste
-mit der Windsbraut über den weiten Plan, durch Bergesschlucht und einsames
-Thal, und über die starren, drohenden Felsenkämme der trotzig ihm die Stirn
-bietenden Gebirgsrücken hin.
-
-So, draußen im Freien -- aber fast noch tolleres Spiel trieb er um die
-Wohnungen der schüchtern zusammengedrängten Menschen. Hui! -- wie das
-um die Giebel pfiff und splitterte, wie die Windfahne auf dem alten
-Pastorhause kreischte und knarrte, daß selbst der hoch und altergrau
-daneben aufstarrende Schornstein den Lärmen endlich satt bekam, und bald
-links in den dunkeln Hof, bald rechts in den feuchten Garten hinunter
-sah, als ob er nur noch nicht recht wisse, in welchen von beiden er zuerst
-kopfüber hinein springen solle. Wie's an den alten morschen Fensterrahmen
-riß und klapperte, und seine Kraft an den breitästigen Birn- und
-Aepfelbäumen versuchte, die schon so lange Jahre dem Sturme getrotzt
-und sich jetzt, bei den erneuten Angriffen, nur noch immer fester und
-hartnäckiger mit den weitgespreizten Wurzeln in die Erde hineinklammerten.
-
-Viele viele Stunden lang trieb er's so, und vergebens hatten die
-wetterschwangeren Wolken schon oft versucht, sich in einzelnen
-Fluthengüssen zu erleichtern, wie es wohl ein bedrängtes Schiff thut, das
-seinen Ballast über Bord wirft, die leewärts drohende Küste zu verlassen;
-der wachsende Orkan schleuderte ihnen stets neue wasserschwere Nebelberge
-entgegen, und jagte die zürnenden wild und toll durch einander in
-entsetzlicher Fröhlichkeit.
-
-Bei solchem Wetter, wo die Natur in ihrer ganzen großartigen Furchtbarkeit
-ersteht, drängen sich die armen schwachen Menschenkinder am liebsten in
-freundlicher Traulichkeit zusammen, und von sicheren Wänden geschützt,
-unter Dach und Fach, dem brausenden Nord wie dem kalten Regen entzogen,
-lauschen sie nur manchmal in ängstlicher Stille zum Fenster hinüber, wenn
-der Sturm einen neuen Akord in seine dröhnende Aeolsharfe greift, und das
-feste Gebäude vielleicht vor dem markdurchschauernden Ton bis in seine
-innerste Tiefe hinein erbeben macht.
-
-So still und traulich war's auch im kleinen behaglichen Studirzimmerchen
-des wackern Pastor Barrenkamp, der mit seiner Frau, dem Schulmeister, einem
-Universitätsfreund des Pastors, und dem Rittergutsverwalter, einem alten
-wettergebräunten Oekonomen, um den schweren eichenen Tisch saß und bei
-einer guten Tasse Warmbier das Unwetter draußen so wenig als möglich zu
-beachten schien. Nur manchmal, wenn der Wind die Backen ein bischen gar
-zu voll genommen und irgend ein krachender Stamm des dicht an den Garten
-grenzenden Waldes seine gewaltige Kraft verrieth, stand Barrenkamp wohl
-auf, ging an's Fenster, schob den Vorhang zurück, nahm die Pfeife einen
-Augenblick aus dem Munde, und schaute, das schwarze Sammetkäppchen fest an
-die kalte behauchte Scheibe gedrückt, in die rabenfinstere Nacht hinaus.
-
-Es war während einer solchen Pause, denn das Gespräch stockte in dem Fall
-gewöhnlich auf einige Minuten und die kleine Gesellschaft horchte ebenfalls
-nach dem Kampf der aufgeregten Elemente hinüber, als der Verwalter langsam
-seine ausgetrunkene Tasse niedersetzte und mit leiser, fast ängstlicher
-Stimme sagte:
-
-»Sie haben ganz recht gethan, Frau Pastorin, daß Sie sich heute einmal
-ausnahmsweise in des Herrn Pastors warmgelegenes Studirstübchen geflüchtet;
-da drüben in der großen Eckstube muß bei solchem Sturme ein keineswegs
-freundlicher Aufenthalt sein -- draußen freilich ist's noch schlimmer; der
-Wind pfeift sich ordentlich sein Stückchen und es kommt Einem wahrhaftig
-manchmal sogar vor, als ob man einzelne Worte und Redensarten verstände --
-möchte heute nicht über den Kirchhof gehen.«
-
-»Nicht über den Kirchhof?« wiederholte, sich lächelnd nach ihm umwendend,
-der Pastor, »Sie fürchten sich doch nicht etwa, Verwalterchen? ei, ei, ein
-Mann in Ihren Jahren --«
-
-»Mein bester Herr Pastor,« meinte der Verwalter und rückte auf seinem Stuhl
-hin und her, »von fürchten kann bei mir wohl keine Rede sein, ich bin kein
-böser Mensch und -- glaube nicht an Gespenster, wovor sollte ich mich also
-fürchten, aber --«
-
-»_Aber_« lachte die Hausfrau und schaute mit einem schelmischen Blicke
-zu ihm auf, -- »aber? der Herr Verwalter lassen sich noch eine Hinterthür
-offen.«
-
-»Ei, ich meinte nur was das Kirchhofgehen betraf,« erwiederte gutmüthig der
-alte Mann, -- »ich weiß ebensowohl wie jeder Andere, daß die _Todten_ sanft
-da unten, unter ihrer warmen Decke ruhen, und Nachts nicht wieder herauf
-kommen werden, um sich auf die kalten Hügel zu setzen und hinter den weißen
-Steinen Versteckens zu spielen, aber ich vermeide auch gern jede unnütze
-Aufregung, die mir nachher immer nur Kopfschmerz und Unwohlsein verursacht.
--- Es hat etwas Unbehagliches für mich, mir in dem schwachen Dämmerlicht
-aus wehenden Trauerweiden und Büschen, die bleiche Steine halb überdecken,
-Gestalten mit weißen Gewändern und ringenden Händen heraus zu finden, und
-ich mag mich nicht in einem fort umsehen, weil ich jeden Augenblick darauf
-schwören wollte, es käme Jemand hinter mir drein. Ebenso ungern, und aus
-eben dem Grunde, sitze ich Abends allein in einem Zimmer und mit dem Rücken
-einer Thüre zugedreht, die halb offen oder angelehnt ist. Ich weiß dabei
-recht gut, daß sich Niemand im andern Zimmer befindet, also auch Niemand
-von da zu mir herein kann, und dennoch läßt es mir, wunderlicher Weise,
-keine Ruhe; ich muß mich entweder herumsetzen, oder die Thüre schließen.«
-
-»Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft, und die gaukelt Ihnen da
-allerlei seltsame Dinge vor,« fiel hier die Pastorin ein, »Sie denken sich
-in dem Augenblick vielleicht etwas recht Entsetzliches oder Graußliches,
-und das stört, wenn es auch nicht wirklich eintreffen kann, doch für kurze
-Zeit Ihre sonstige Ruhe.«
-
-»Ih nun, mit der Einbildungskraft dürfen wir am Ende so etwas nicht
-einmal alleine entschuldigen,« meinte kopfschüttelnd der Schulmeister,
-»Einbildungskraft schreiben wir doch sonst schon einem ausgebildeteren
-Geiste zu und dasselbe Gefühl, das Ihnen der Herr Verwalter vorhin
-geschildert, finden Sie nicht selten bei dem geringsten Drescher, der sein
-Hirn den ganzen Tag über mit nichts weniger martert, als mit Gedanken
-und Ideen. Ich habe mir nach meiner schlichten Weise die Sache immer _so_
-versucht auszulegen: etwas Uebernatürliches giebt's doch, das können und
-dürfen wir nicht leugnen, wo das nun -- uns versteht sich unbewußt, weil
-unsere Sinne zu grob und rauh sind es zu verstehen und zu erkennen -- in
-unsere Nähe kommt, da läuft uns, wir wissen selbst nicht weshalb, eine
-sogenannte Gänsehaut über den ganzen Leib. Daher kommt auch wahrscheinlich
-die Sage von den _Ahnungen_, denn was ich meine, ist eben nichts weiter als
-eine Ahnung überirdischer Kräfte.«
-
-»Die wir auch um Gotteswillen nicht ableugnen wollen,« sagte die Pastorin
-und wurde auf einmal ganz still und ernst, »ich dächte wir hätten davon ein
-Beispiel in unsrer eignen Familie.«
-
-»In Ihrer eignen Familie?« frug der Verwalter rasch.
-
-»Meine Frau bildet sich's wenigstens ein,« meinte der Pastor
-kopfschüttelnd; »die Sache klingt freilich ganz abenteuerlich, hat aber
-sicher eine sehr natürliche Lösung.«
-
-»Die aber bis jetzt noch kein Mensch gefunden hat,« flüsterte die Frau;
-»es ist meiner eignen Mutter widerfahren, und ich habe es nicht allein aus
-ihrem Munde, sondern auch die Bestätigung, wenn es deren überhaupt bedurft
-hätte, oft von meiner Tante gehört, die als Kind dabei gewesen war, und
-sich der einzelnen Umstände noch recht gut erinnerte.«
-
-»Und wären Sie wohl so freundlich, uns die Geschichte mitzutheilen?« frug
-der Verwalter und rückte seinen Stuhl etwas näher zum Tisch; »es wäre
-möglich, daß ich durch etwas Aehnliches die Existenz solcher Ahnungen
-ebenfalls zu bekräftigen vermöchte.«
-
-»Die Sache ist einfach genug,« erzählte die Pastorin; »wir waren unser drei
-Geschwister, ich, ein älterer Bruder und noch eine jüngere Schwester, und
-die Großmutter vor etwa acht Wochen gestorben, als meine Mutter, die sich
-allerdings damals noch in einem sehr aufgeregten Zustande befand, träumte,
-sie schaute am hellen Nachmittag aus dem Fenster. Da ging die Hofthür auf
-und herein kam, in demselben Kleide wie sie im Sarg gelegen, ihre Mutter,
-schritt langsam durch den ganzen Hof und stieg dann die Leiter hinauf, die
-zu dem Heuboden führte.
-
-»Wie man nun so im Traume ist, so scheint auch meine Mutter gar nichts
-Außerordentliches in dem Wiederkommen der Todten gesehen zu haben, nur daß
-diese, was sie im Leben nie gethan, auf den Heuboden stieg, fiel ihr auf.
-Trotzdem sprach sie kein Wort und die Mutter kam denn auch bald wieder
-zurück und hatte ein Heubündel unter dem Arm. Damit stieg sie die halbe
-Leiter hinunter, blieb plötzlich stehen, drehte dann wieder um und holte
-sich noch ein zweites.
-
-»Ei um Gott, Mutter,« rief die Träumende da, und streckte die Arme nach ihr
-aus, »ist denn das eine nicht genug?«
-
-»Ja, sagte die Todte und stieg langsam nieder, ich bringe Dir das andere
-wieder zurück« -- und aus der Hofthür verschwand sie, wie sie gekommen.
-
-»Mein damals etwa vierzehnjähriger Bruder war ein ausgezeichneter
-Harfenspieler, und übte sich besonders in jener Zeit Tag und Nacht; um es
-zu noch immer größerer Fertigkeit zu bringen, hatte er sich aber wohl darin
-übernommen, oder lag der Keim der Krankheit schon in ihm, kurz, wenige Tage
-nach diesem Traume wurde er, sonst ein kräftiger, gesunder Knabe, krank,
-und sah sich bald durch das hitzigste Nervenfieber auf sein Lager geworfen.
-Fünf Tage später legte ich mich ebenfalls mit demselben Uebel, mein Bruder
-aber starb am neunten Tage, und in dem Augenblicke, wo er im Todeszucken
-lag, rissen plötzlich _alle_ Saiten seiner Harfe. -- _Mich_ brachte die
-Großmutter wieder -- ich genas nach kurzer Zeit.«
-
-»Die Harfe hat hinter dem Ofen gestanden,« brach der Pastor rasch eine
-feierliche Pause; »das Gestell kann sich gezogen haben und da mußten wohl
-die Saiten mit einem Male springen.«
-
-»Die Erklärung mag wohl ganz gut und natürlich klingen,« sagte der
-Schulmeister endlich, »ich sehe aber wirklich nicht ein, weshalb wir uns
-Alles natürlich erklären _müssen_ -- Du lieber Gott, unser Aller Leben ist
-so arm, so entsetzlich arm an jeder Poesie, daß ich denken sollte es hätte
-sogar etwas Wohlthuendes, einmal einen Gegenstand zu finden, den man nicht
-recht begreifen kann. Ich weiß mich noch recht gut daran zu erinnern, wie
-ich als Kind fest und heilig glaubte der Storch bringe die Kleinen, und
-das Christkindchen die schönen Sachen zu Weihnachten; wie ich mich vor
-dem Knecht Ruprecht fürchtete und die heiligen drei Könige ehrfurchtsvoll
-anstaunte -- und einmal im Theater -- der Abend wird mir unvergeßlich
-bleiben, da sah ich ein Stück, das hieß die _Kreuzfahrer_, und etwas
-derartiges war mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Ich
-weinte und lachte den ganzen Abend und träumte ein volles Jahr von
-weiter nichts, als tapfern edeln Rittern, braven Türken, unglücklichen
-Türkenmädchen und bösen Aebtissinnen. Das Stück übte auch merkwürdiger
-Weise einen ganz eigenthümlichen Einfluß auf mein künftiges Leben aus; ich
-schwärmte für die altadeligen Geschlechter der tapfern Ritter, und bekam
-einen ordentlichen Haß auf die katholische Religion, die den Mißbrauch der
-Klöster dulden konnte.«
-
-»Jetzt ist das ganz, ganz anders geworden -- ich halte die Störche für sehr
-gewöhnliche Zugvögel, die von Fröschen und anderem Zeug leben, und sich
-keineswegs mit Kindertransport beschäftigen -- den sogenannten heiligen
-Christ habe ich diverse Male selbst machen müssen, und deshalb gegründete
-Ursache an seiner Heiligkeit zu zweifeln; ebenso den Knecht Ruprecht, wobei
-ich gleichzeitig und höchst trauriger Weise allen Respekt selbst vor den
-heiligen drei Königen verloren; und was das Theater anbetrifft, so gaben
-sie, als ich im vorigen Jahre zum letzten Male in Hamburg war, dort
-zufällig dasselbe Stück und die Erinnerung an meine Kindheit trieb mich
-hinein. -- Ich wollte, ich wäre _nicht_ gegangen, denn als ich wieder
-heraus kam, -- und ich sollte mich eigentlich schämen es zu gestehen --
-habe ich großer erwachsener Kerl geweint, bittere, große Thränen geweint,
-und weshalb? weil ich durch meine Neugierde ein kleines Heiligthum
-muthwillig zerstört hatte, das mein Herz seit seiner Jugendzeit in seiner
-innersten Zelle still und heilig genährt -- weil ich das muthwillig und mit
-roher Hand jetzt von mir gerissen sah, was mich so viele, viele Jahre mit
-froher geheimnißvoller Lust erfüllt. Die hohen schattigen Palmen, die mir
-bis dahin noch immer vorgeschwebt, schrumpften zu Pappdeckeln mit hölzernen
-Stützen zusammen, -- jener Zweikampf, an den ich oft mit stillem Schauder
-zurückgedacht, wurde zu einem gewöhnlichen Hämmern auf Blechschilde, -- der
-alte ehrwürdige Emir -- in der einen Scene fiel ihm der Bart ab, und das
-ganze Publikum lachte, während mir die Thränen in die Augen traten -- die
-fürchterliche Aebtissin -- war die Frau meines freundlichen Wirths, eine
-treffliche brave Seele, die sich noch an demselben Nachmittag erst so
-theilnehmend erkundigt hatte, wie es all' den Meinigen zu Hause ging --
-die Frau konnte unmöglich ein Bösewicht sein; und nun erst die Knappen und
-Ritter, die früher einen solchen Eindruck auf mich gemacht, -- wie hölzern
-sie dastanden und wie ungelenk -- ach, mein schöner Jugendtraum, wie bös,
-wie häßlich war der zerstört worden, und wie viel besser wäre es gewesen,
-wenn ich _keine_ natürliche Erklärung für all den süßen Zauber gefunden
-hätte!«
-
-»Es _läßt_ sich auch nicht Alles natürlich erklären,« sagte der Verwalter
-ernst und stopfte sich dabei langsam den hohen Maserkopf mit dem vor ihm
-liegenden Tabak -- »und wenn man's noch so gern erklären möchte und wollte.
-Ich selbst habe zum Beispiel etwas erlebt, was so wunderbar und märchenhaft
-klingt, daß ich es selten erzähle -- es glaubt mir's Niemand, und es thut
-mir nachher weh wenn etwas bespöttelt wird, das -- heiliger Gott, wie das
-wieder rast und tobt, man sollte glauben, es schüttelte die alte Erde aus
-den Achsen -- das mir selbst so allgewaltig in's Leben gegriffen hat.«
-
-»Sie scheinen mich für einen total Ungläubigen zu halten, lieber Verwalter,
-sagte der Pastor freundlich, darin thun Sie mir aber Unrecht, -- das
-vertrüge sich auch nicht einmal mit meiner Stellung, mit meiner
-Religion. Auch von Gott ward uns ja weiter nichts, als in sinnbildlichen
-Uebertragungen eine Ahnung seines Wesens, und was Anderes als Ahnung einer
-höhern Welt ist es, wenn uns bei frommen, erhebenden Choralgesang die Seele
-in süßer unbegriffener Lust zusammenschauert. Ich glaube an _Ahnungen_,
-möchte sie aber nur von den gewöhnlichen _Vorbedeutungen_ geschieden
-sehen.«
-
-»Vorbedeutungen -- Ahnungen!« -- sagte der Verwalter kopfschüttelnd, und
-hielt dabei den brennenden Fidibus auf die Pfeife, ohne jedoch den Blick
-zu erheben, der sich von da an fest und unbeweglich in die eine Zimmerecke
-heftete, »das sind am Ende nur immer verschiedene Worte für ein und
-dieselbe Bedeutung -- doch zu meiner Erzählung, aus der sich Jeder seinen
-Schluß selber ziehen mag, denn ich selbst kann nichts weiter als die
-Thatsachen geben. Es war nach dem letzten Kriege; -- mein Bruder Carl, ein
-tüchtiger, stattlicher Bursche, hatte sich auch anwerben und später nie
-wieder etwas von sich hören lassen. Bei Leipzig wollten sie ihn zuletzt
-gesehen haben; bis dahin dienten wenigstens Landleute aus demselben Ort, in
-dem nämlichen Regiment mit ihm, und er ließ mich auch einmal in einem
-von den Briefen grüßen. Nachher blieb er verschollen und zehn Jahre, die
-ebenfalls verflossen ohne daß ich die mindeste Nachricht erhielt, nahmen
-mir endlich den letzten Zweifel, daß er in jener blutigen Schlacht
-gefallen.«
-
-»Nach dieser Zeit, und als der Friede schon lange wieder seine
-segensreichen Früchte getragen, verwaltete ich in der Nähe von Grimma, eine
-kurze Strecke von Leipzig entfernt, ein Gut, schaffte im Juni meine Wolle
-in die Stadt, zum dort gehaltenen Markte, verkaufte sie, und schickte, weil
-ich noch bei Thräna einen Freund besuchen wollte, den Wagen von dort aus
-allein voraus. Dort kam das Gespräch, ich weiß jetzt selbst eigentlich
-nicht mehr recht wie, auf die frühere Kriegszeit und auf unsere gefallenen
-Freunde und Brüder, wobei ich äußerte, wie schmerzlich es doch für die
-Hinterbliebenen sein müsse, nicht einmal zu wissen wo die geliebten Todten
-begraben lägen und ob sie überhaupt ein ehrliches Soldatengrab bekommen
-hätten.«
-
-»Du lieber Gott,« meinte hierauf mein Freund, der dortige Förster, »da ist
-wohl Mancher Wochen lang im lieben Walde liegen geblieben, oder, was noch
-schlimmer ist, mit der ganzen Masse in _eine_ große Grube geworfen, und wie
-Viele wurden noch vorher von den Kosaken und -- anderem Volk -- geplündert
-und gemißhandelt -- ich sage Dir, Bernhard, ich habe da schauerliche Dinge
-mit angesehen. Ich erinnere mich noch an einen armen Teufel, dem hatten sie
-drei Kugeln in die Brust geschossen und er lebte immer noch. Von den Unsern
-waren dabei Leute hinausgeschickt die Gebliebenen aus dem Wege zu schaffen
-und in ein Loch zu werfen; die, aber natürlich bei denen sie noch Leben
-fanden, die legten sie bei Seite bis sie fertig waren, und dann konnten
-sie gewöhnlich bei denen wieder von vorn anfangen. Der Verwundete nun, der
-unter einer Eiche lag, streckte die Hand nach mir aus, und bat mich ihm zu
-helfen -- lieber Gott, was konnte ich für ihn thun -- die Zunge klebte ihm
-schon am Gaumen und er brachte kein Wort mehr über die Lippen; selbst
-einen Trunk Wasser den ich ihm reichte vermochte er nicht mehr
-hinunterzuschlucken. Während ich ihn noch im Arme hielt, holte er seinen
-letzten Athemzug, und als ich ihm die Uniform aufriß, nach seiner Wunde
-zu sehen, fiel er, eine Leiche, zurück. Auf der bloßen Brust fand ich aber
-einen Ring, den ich zum Andenken mitnahm und den armen Teufel dafür draußen
-am Waldesrand, etwa eine Stunde von hier, und nicht weit von dort, wo
-jetzt der Fußpfad in die große Straße einläuft, warm und weich in die Erde
-bettete.«
-
-»So lautete seine Erzählung, und er wollte mir den Ring, noch ehe ich
-fortging, zeigen, bald nachher kamen wir aber auf ein anderes Gespräch und
-vergaßen ihn. Gegen Abend endlich -- denn ich hatte nun noch volle
-drei Stunden zu marschiren und der Mond ging etwa eine Stunde nach
-Sonnenuntergang auf -- nahm ich Abschied von meinem Freunde und machte
-mich, nachdem er mir einen nähern Pfad durchs Holz gezeigt, auf den
-Heimweg.«
-
-»Die Sonne sank eben hinter den Wipfeln nieder als ich ausmarschirte, und
-im Walde dämmerte es schon; meinen Pfad konnte ich aber nichtsdestoweniger
-deutlich genug erkennen, und schritt rüstig darauf vorwärts, bis ich von
-fern das hellere Licht des offenen Feldes durch die Bäume schimmern sah;
--- bald darauf erreichte ich die äußerste Grenze des Waldes und vor mir,
-vielleicht noch eine Viertelstunde entfernt, lief die Chaussee, die sich
-ganz genau an den Pappeln unterscheiden ließ. Ich überflog die ausgedehnte
-Fläche mit meinem Blick, um nach den nächsten Thürmen genau die Stelle
-bestimmen zu können, wo ich mich eigentlich befand, als ich in gar nicht
-großer Entfernung und mitten auf einer kleinen feuchten Wiese einen
-einzelnen Menschen, und als ich näher hinsah, einen _Soldaten_ erkannte,
-der hier allem Anschein nach und mit dem Gewehr im Arme, Schildwache
-stand.«
-
-»Was um des Himmels willen, dachte ich so bei mir selber, macht nur der
-einzelne Posten hier mitten auf dem Felde -- die Früchte sind doch noch
-nicht reif, und der Klee -- hm, das muß ein Forstschutz sein, -- hat sich
-aber einen sonderbaren Platz dazu gewählt.«
-
-»Der Mann stand still und regungslos und ich blieb ebenfalls einen
-Augenblick stehen und schaute nach ihm hinüber -- er rührte sich nicht,
-und die Uniform fiel mir jetzt auf, die er trug. So viel ich in der immer
-zunehmenden Dämmerung erkennen konnte, gehörte sie keineswegs nach Sachsen,
-war auf jeden Fall von der sehr verschieden, die ich sonst zum Forstschutz
-verwendet gesehen, und der Tschacko -- ein Schauer lief mir unwillkürlich
-über den Leib, als ich zu dem Gesicht des Posten aufschaute -- der Tschacko
-saß in der richtigen Entfernung zu dem Kopf, aber der Kopf? -- das matte
-Licht mußte mich jedenfalls täuschen, denn gerade wo ich stand, konnte ich
-deutlich durch die Stelle durch, wo doch sein Gesicht hätte sein müssen,
-das dahinter durchschimmernde Grün der Wiese erkennen.«
-
-»Lächerlich, murmelte ich aber leise vor mich hin, -- daher entstehen so
-viele Geister- und Gespenstergeschichten, daß uns irgend ein ungewisser
-Lichtschein oder eine Brechung der Strahlen, ja vielleicht der aufsteigende
-feuchte Dunst der Erde, wunderliche Geschichten vorspiegelt, die sich
-nachher, wenn man näher hinzugeht, auf die natürlichste Art von der Welt
-erklären. Wäre jetzt an meiner Stelle irgend ein furchtsamer Bauerjunge
-den Weg gekommen, und sein Blick dorthin gefallen, wer weiß, ob er nicht in
-voller Angst und vor lauter Entsetzen die Flucht ergriffen und daheim dann
-erzählt und beschworen hätte, er habe auf dem frühern Schlachtfelde einen
-fremden Soldaten ohne Kopf Schildwache stehen sehen -- ich muß nur näher
-hingehen und mich selber davon überzeugen --«
-
-»Gerade dort wo ich mich befand, lief ein nicht tiefer Graben am Rand der
-Holzung hin, den ich vorher überspringen mußte, er war übrigens schmal und
-auf der andern Seite desselben führte ein grüner Rain in ziemlich genauer
-Richtung der Stelle zu, wo die wunderliche Wache stand. Ohne weiteres
-Ueberlegen -- denn ich ging nicht einmal viel um, da ich von dort aus die
-Chaussee eben so rasch erreichen konnte -- schritt ich jetzt auf den Mann
-zu und hielt dabei, des Wegs nicht weiter achtend, den Blick fest und
-unverwandt auf seine, dunkel gegen das lichter dahinter liegende Grün
-abstechende Gestalt geheftet. Das Bandelier zog sich ihm, wie ich deutlich
-erkennen konnte, weiß und hell über die Brust und jetzt kam es mir auch
-vor, als ob die Umrisse seines Kopfes, ja seine Gesichtszüge klarer und
-deutlicher hervorträten.«
-
-»Guten Abend, Kamerad! sagte ich endlich, als ich schon in mehr als Rufes
-Nähe von ihm war -- ist ein kühler Posten hier, und abgelegen vom Wald;
--- weshalb so spät noch draußen? -- wird der Holzdiebstahl hier so arg
-getrieben?«
-
-»Der Soldat antwortete nicht, und ich hätte darauf schwören wollen, er sei
-noch vor wenigen Sekunden mitten in der kleinen Wiese gewesen, auf der
-ich mich jetzt befand, und nun stand er doch, wie sich gar nicht verkennen
-ließ, in dem benachbarten Sturze, und ein gutes Stück weiter von mir
-entfernt. Wieder überkam mich jenes eigenthümliche fröstelnde Gefühl, über
-das ich mir keine Rechenschaft zu geben wußte, doch war ich entschlossen,
-den wunderlichen Soldaten zum Antworten zu bringen, und ging jetzt mit noch
-schnelleren Schritten als vorher auf ihn zu.«
-
-»Sie glauben mir vielleicht nicht wenn ich es Ihnen sage, aber dennoch kann
-ich Sie heilig versichern, daß ich nicht im Stande war den Schattenmann
-zu erreichen -- deutlich genug sah ich ihn vor mir, und wenn er auch kein
-Glied regte, weder Fuß noch Arm, dennoch rückte er aus einem Feld in's
-andere und es blieb mir zuletzt gar kein Zweifel mehr, daß ich es mit einem
-keineswegs körperlichen Wesen zu thun hatte.«
-
-»Und konnte das ein Gebild meiner erregten Phantasie sein? -- war es
-möglich, daß ich die Conturen der jetzt, trotz der Dämmerung immer noch
-genau erkennbaren Gestalt nur träume oder denke? Ich blieb plötzlich
-stehen und hielt den Blick fest und unverwandt auf die Figur geheftet.
-Da verschwammen die Umrisse mehr und mehr mit dem, jetzt dunkel dahinter
-lagernden Feld -- zuerst verschwand der Tschacko -- die Uniform -- ich sah
-nur noch das blitzende Gewehr, das Bandelier, die helleren Beinkleider
--- auch diese wurden immer undeutlicher -- das Alles zog sich wie ein
-leichter, wehender Nebel in den feuchten Grund -- der Körper, wenn es
-überhaupt ein Körper gewesen, lief flüssig, in luftigen Hauchen aus
-einander, und zuletzt war gar nichts mehr zu erkennen. -- Doch nein,
-das weiße Bandelier stach noch immer scharf und klar gegen den düstern
-Hintergrund ab -- ich konnte deutlich die Kappe sehen, in der das
-Seitengewehr hing. -- War denn auch _das_ Täuschung? -- wenigstens davon
-wollte ich mich noch überzeugen, denn wenn ich auch unbeweglich wohl zehn
-Minuten auf meiner Stelle stehen blieb, der Schein des Bandeliers regte
-sich ebenso wenig, und hing, wie es fast aussah, von einer unsichtbaren
-Gewalt getragen, in der Luft.«
-
-»Je näher ich kam, desto deutlicher ließ es sich unterscheiden, und schon
-stand ich, kaum noch fünf Schritt davon entfernt, als ich --«
-
-»Herr Gott -- was war das?« rief die Frau plötzlich und fuhr erschreckt auf
--- der Verwalter schwieg und selbst der Pastor warf einen flüchtig scheuen
-Blick im Zimmer umher.
-
-»Was hast Du denn?« sagte er dann und versuchte zu lächeln, -- »Du jagst
-Einem ja ordentlich Schreck ein.«
-
-»Hörtest Du nichts? sagte die Frau und sah leichenblaß aus, -- mir war es,
-als ob Jemand um Hülfe schrie --«
-
-»Die erregte Einbildungskraft,« beruhigte sie der Schulmeister, »wir haben
-Alle ein gutes Gehör, Frau Pastorin, verlassen Sie sich darauf, hätte
-wirklich Jemand gerufen, es wäre uns nicht entgangen -- die Erzählung hat
-Ihre Nerven aufgereizt, das unbedeutendste Geräusch erschreckt uns dann; --
-bitte, Herr Verwalter, fahren Sie fort.«
-
-Der Pastor war aufgestanden und wischte mit seinem Taschentuch den Hauch
-von dem Fenster, um hinaussehen zu können; bei dem augenblicklichen
-Schweigen hörten sie, wie der Regen polternd gegen die Scheiben klapperte,
-und draußen auf dem gepflasterten Hofe laut und klatschend aufschlug. Der
-Verwalter, welcher während der ganzen Unterbrechung -- die übrigens nicht
-so lange gedauert als ich hier gebraucht sie zu beschreiben -- seine
-Stellung kaum so weit verändert, daß er bei dem ersten Ruf den Kopf etwas
-erhob, jetzt aber wieder eben so still und in seinen Gedanken verloren in
-dieselbe Ecke starrte als vorhin, fuhr augenscheinlich mehr mit sich selbst
-sprechend, wie zu den Andern gewandt, mit leiserer Stimme als vorher also
-fort:
-
-»Fünf Schritt mochte ich noch davon entfernt sein, als ich erst in diesem
-hellen Bandelier weiter nichts wie -- einen einfachen Streifen weißen
-Sandes erkannte, der sich hier, von dunkler Erde und hohem Grase umgeben,
-vielleicht zwei Schritt lang auf dem Boden herzog. Aber -- ich berührte ihn
-mit dem Fuße -- die Stelle war erhöht, selbst das immer mehr schwindende
-Licht warf noch seinen letzten düstern Schein über den kleinen flachen
-Hügel. -- Es war ein _Grab_ und hier unten -- wie mit einem elektrischen
-Schlage durchzuckte es meinen ganzen Körper -- viele Minuten stand ich,
-meiner selbst kaum mächtig, auf der einsamen Stelle. -- Plötzlich -- ich
-konnte mir im Anfang nicht einmal Rechenschaft darüber geben -- raffte ich
-mich empor und floh, so schnell mich meine Füße trugen, zu meinem Freund,
-dem Förster zurück.«
-
-»Der Ring, der Ring -- das war der einzige Gedanke, den ich mit Bewußtsein
-festhalten konnte -- der Ring des todten Soldaten, und bleich und athemlos
-erreichte ich bald darauf sein Haus wieder. Er erschrak, als er mich in
-diesem Zustande sah, -- er wollte --«
-
-Der Verwalter schwieg plötzlich, stand auf, ging zum Fenster und trat von
-diesem wieder zum Tisch zurück.
-
-»Und der Ring?« frugen der Pastor und Schulmeister gespannt.
-
-»Weshalb soll ich Sie noch länger mit der genauern Mittheilung quälen,«
-erwiederte der Verwalter mit augenscheinlich erzwungener Ruhe -- »der Ring
-war wirklich der meines Bruders -- und jenes Grab -- _sein_ Grab. Was jene
-Erscheinung betrifft, so weiß nur Gott, ob sie ein Spiel meiner Phantasie
-gewesen; doch einerlei, Sie werden begreifen daß ich seit jener Zeit
-alle Ursache hatte, wenigstens an _Ahnungen_ zu glauben, wenn ich _das_
-überhaupt mit diesem Namen belegen darf. -- Aber es wird spät, Herr Pastor
--- Sie wollen wohl auch zu Bette gehen -- es ist lange Schlafenszeit, und
-ich habe noch eine kleine Strecke zu marschiren.«
-
-»Sie können doch wahrlich bei dem Wetter nicht fort? sagte der Pastor
-rasch, -- es pfeift und heult ja noch draußen um die Kirche herum, als wenn
-es das alte Gebäude mit der Wurzel aus dem Erdboden zu reißen gedächte --
-bleiben Sie die Nacht bei uns, das Fremdenstübchen steht bereit, und Sie
-wissen, es macht auch nicht die mindesten Umstände.«
-
-»Danke -- danke herzlich, sagte der Verwalter und verbeugte sich leise, --
-es geht aber doch nicht; erstlich ist es kaum einen Büchsenschuß weit bis
-an's Gut und dann muß ich auch morgen früh schon wieder bei der Hand
-sein, und möchte überdies nicht gern gerade in solcher Nacht das Gut ohne
-Aufsicht lassen -- es ist besser ich bin bei der Hand wenn etwas vorfällt.
-Gehen Sie mit, Schulmeister?«
-
-»Nicht Ihren Weg, ich gehe durch's Hinterpförtchen und habe dann nur einen
-Sprung bis in mein Haus.«
-
-Der Verwalter knöpfte sich seine grüne Pekesche bis oben hinan zu, klappte
-den Kragen auf, band sich noch zur Vorsicht sein Taschentuch über diesen
-um den Hals, griff nach Mütze und Hacke, schüttelte Allen herzlich die Hand
-und verließ, ohne zu gestatten, daß ihm Jemand hinunter leuchte, rasch das
-Zimmer.
-
-Die drei Leute blieben, als sein Schritt schon lange auf der Treppe
-verklungen war, noch wohl mehrere Minuten beisammen stehen, und es sah fast
-so aus, als ob Keiner gern das Schweigen zuerst brechen wollte. Endlich
-sagte des Pastors Frau mit einem recht aus tiefster Brust heraufgeholten
-Seufzer:
-
-»Ich wollte, der Verwalter hätte die häßliche Geschichte nicht erzählt --
-ich weiß nicht -- mir wurde so unheimlich dabei -- und er blieb auch so
-still und ernsthaft, als ob das Alles wirklich geschehen, und der Geist
-seines Bruders ihm leibhaft erschienen wäre -- so deutlich und sichtbar
-steht doch die Geisterwelt auf keinem Fall mit der unsern in Verbindung,
-und man sollte daher auch so etwas nicht so lebendig und ernsthaft den
-Leuten ausmalen.«
-
-»Auch das läßt sich vielleicht natürlich erklären,« sagte der Pastor,
-mehr wie es schien seiner Frau zur Beruhigung, als weil er selbst wohl das
-wirklich glaubte was er jetzt sagte, -- »die Erzählung jenes Försters hatte
-ihn sehr wahrscheinlich aufgeregt, und er dachte an den Bruder -- dachte
-wohl gar, wenn _der_ jener fremde Mann gewesen, dessen Grab da so ganz in
-der Nähe sein sollte. Dämmerung war es ebenfalls, die dunkeln Abendschatten
-geben oft einem Strauch, einem Rain, ja einem vor uns hineinlaufenden
-Wagengleis die wunderlichste Gestalt -- läßt es sich da nicht denken daß
-er, besonders noch von dem weißen schimmernden Sand angelockt, zufällig
-den kleinen Hügel fand und später die Bestätigung dessen erhielt was er
-geahnt? --«
-
-»Geahnt -- und da wären wir wieder auf dem alten Punkt« -- fiel hier
-kopfschüttelnd der Schulmeister ein; »die Ahnung kommt zuerst, macht
-uns unbehaglich, und die Imagination muß nachher dem Ganzen die Krone
-aufsetzen; 's ist ein wunderliches Ding um den menschlichen Geist, aus
-heiler Haut, mit all seiner gerühmten Festigkeit und Consequenz läßt er
-sich herauslügen und außer Fassung bringen, und das ganze Nervensystem
-erbebt nachher, wenn draußen nur etwa ein Besen in der Ecke umfällt, oder
-die Katze von einem Stuhl herunter springt -- ganze Bücher ließen sich
-schreiben über den Unsinn.«
-
-»Unsinn, Schulmeister? -- wiederholte die Frau und sah ihn verwundert an.
-Sie sagten doch selbst erst daß Sie an Ahnungen glaubten. Doch, wie dem
-auch sei, ich halte es für Unrecht, und noch dazu in solch wilder Nacht,
-die Einbildungskraft förmlich muthwillig aufzuregen -- ich glaube ich
-könnte mich jetzt vor meinem eignen Schatten fürchten, und mag mich
-gar nicht einmal danach umsehen -- Frauen sind doch recht ängstliche,
-nervenschwache Wesen.«
-
-»Ach, nicht Frauen allein,« meinte der Schulmeister lächelnd, während er
-ebenfalls nach seinem Käpsel griff und den, schon vor Anfang des Regens zur
-Vorsorge mitgenommenen dicken, rothbaumwollenen Regenschirm aus der Ecke
-holte, »Zeit und Umstände müssen das ihrige dazu beitragen und der stärkste
-Mann ist vor demselben Gefühl -- und dann noch dazu in weit erhöhtem Maße
--- nicht sicher.«
-
-»Wenn er überhaupt ängstlichen Gemüths ist,« sagte der Pastor.
-
-»Aengstlichen Gemüths oder nicht -- seine schwache Stelle, seine
-Achillesferse hat ein Jeder, und wird die getroffen, so greift es nachher
-gerade den stärksten Mann auch am stärksten und gewaltigsten an. Sie kennen
-doch gewiß die Geschichte mit dem Spiegel --«
-
-Die beiden Gatten verneinten es.
-
-»Hm, sagte der Schulmeister, denn weiß ich auch nicht, ob ich's heute Abend
-nicht lieber lasse -- Sie sind gerade erregt genug --«
-
-»Ach, heraus damit -- in solcher Stimmung ist man am empfänglichsten
-dafür, und schlimmer kann's bei meiner Alten doch nicht werden,« meinte der
-Pastor.
-
-»Ach Gott ja -- erzählen Sie nur,« bestätigte dies mit einem tiefen Seufzer
-die Frau, -- »es kommt jetzt auf das eine mehr oder weniger nicht mehr an
--- ich fürchte mich doch heute Abend -- Sie sprachen von einem Spiegel.«
-
-»Nun, ich meine das Hineinsehen in einen Spiegel, Abends, wenn man ganz
-allein ist,« begann der Schulmeister und stützte sich auf die Lehne des ihm
-nächsten Stuhles. »Es wird nämlich, wie Sie gewiß auch schon gehört haben,
-behauptet, man könne oder dürfe vielmehr in stiller Nacht und in einem
-einsamen Zimmer nicht mit einem Licht in jeder Hand langsam und dicht vor
-den Spiegel treten, dort dreimal mit lauter Stimme seinen eignen Namen
-rufen und dann laut und schallend auflachen. Thäte man das und riefe sich
-besonders nachher noch einmal, so passire irgend etwas Entsetzliches, ich
-glaube die eigene Gestalt soll mit schauerlich verzerrtem Gesicht aus dem
-Spiegel heraussteigen.«
-
-Die Frau warf einen scheuen Blick nach dem Spiegel und strich sich rasch
-mit der Hand über die eigne Stirn.
-
-»Die Geschichte nun, die mir darüber erzählt wurde,« fuhr der Schulmeister
-fort, »ist sehr kurz, und betrifft einen Husarenlieutenant, also doch allem
-Vermuthen nach einen kräftigen, keineswegs nervenschwachen Menschen. Die
-jungen Leute waren in einer fröhlichen Gesellschaft von Herren und
-Damen gewesen und dort, eben so wie wir heute, auf Geister- und
-Gespenstergeschichten gekommen. Ein Wort gab das andere, und allerlei tolle
-Vorschläge wurden endlich, wahrscheinlich mehr um die Damen zu ängstigen,
-als sie wirklich auszuführen, gemacht; die Einen wollten um zwölf Uhr auf
-den Kirchhof gehen und dort um ein frisches Grab tanzen -- die Andern in
-der Kirche selber eine Nacht allein bleiben, bis endlich irgend Jemand von
-der Gesellschaft das Experiment mit dem Spiegel in Anregung brachte.«
-
-»Der junge Lieutenant erbot sich augenblicklich dazu und die Dame vom
-Hause, die wahrscheinlich glaubte, der junge Herr bramarbasire blos, sagte
-scherzend, damit ließe sich der Versuch ganz vortrefflich in ihrer eignen
-Wohnung machen. Im Gartenhause sei ein ganz einsam gelegener großer Saal
-mit zwei mächtigen Spiegeln, der seit längerer Zeit unbenutzt stehe -- sie
-habe den Schlüssel dazu und wenn der Herr Lieutenant Lust hätte, könne er
-seine Wanderung gleich antreten. Ein allgemeiner Jubel unterbrach sie hier
-und der Husar durfte schon nicht mehr zurück, wenn er es wirklich gewünscht
-hätte. Allerdings erschrak die Dame, als sie sah daß es plötzlich Ernst
-wurde, und machte nun allerlei Ausflüchte; der Lieutenant bestand aber
-jetzt selbst darauf, gab sein Ehrenwort, daß er die vorbeschriebenen
-Bedingungen genau erfüllen wolle, und verließ mit einem Bedienten, der ihm
-Lichter und Feuerzeug nachtragen mußte, das Zimmer. Den Bedienten wollte
-er, an Ort und Stelle angelangt, zurückschicken.«
-
-»Die Gäste wären allerdings gar zu gern mitgegangen, Einsamkeit war ja
-aber die Hauptbedingniß des ganzen Versuchs, und mit der gespanntesten
-Aufmerksamkeit erwarteten sie die Rückkehr des Offiziers -- jedes Gespräch
-schien abgeschnitten -- jede Unterhaltung stockte und eine halbe Stunde
-mochte so in peinlichster Weise verstrichen sein, als der mitgegebene
-Diener plötzlich todtenbleich in's Zimmer stürzte und die, jetzt kaum
-minder entsetzten Gäste zu Hülfe rief. Ein Paar Damen wurden richtig
-ohnmächtig, die Herren aber, die sich ja auch in ihrer Masse gesichert
-fühlten, stürmten, da ihnen der Bediente weiter gar keine Rede stehen
-wollte, von diesem geführt durch den Garten, in dessen Saal sie bleich und
-besinnunglos den unglücklichen jungen Menschen zwischen den beiden sich
-gegenüber befindlichen Spiegeln am Boden liegen fanden.«
-
-»_Was_ er gesehen -- was ihm begegnet, hat man nie genau erfahren können,
-der Bediente hatte allerdings draußen an der Thüre des Gartensaales
-gehorcht, und wollte den jungen Mann, als er sich eine kurze Weile dort
-befunden, laut haben lachen hören, dann aber -- und der Mann glich selber
-mehr einem Todten als einem Lebenden -- schwur er Stein und Bein, es
-sei ihm so vorgekommen, als ob es von allen Seiten von oben und unten
-geantwortet hätte, gleich darauf gellte ein fürchterlicher Schrei heraus,
-und als dann Alles todtenstill geworden war, und er selbst in Furcht und
-Entsetzen viele Minuten lang athemlos gelauscht, da hielt er es nicht
-länger aus, riß die Thür auf und sah den Lieutenant ausgestreckt auf
-der Erde liegen. Weiter wußte er selber nichts, denn hierauf stürzte er
-spornstreichs in die Gesellschaft zurück, um Hülfe herbeizuholen.«
-
-»Und der Lieutenant war todt?« frug der Pastor gespannt.
-
-»Nein -- nur wahnsinnig;« sagte der Schulmeister -- »aber es ist wahrhaftig
-schon zehn Uhr vorbei -- wünsche beiderseits eine gute Nacht -- Bitte
-Barrenkamp -- ich dächte, ich sollte die Treppen hier kennen -- das Mädchen
-kommt auch gerade unten mit ihrem Lichte aus der Küche, die kann das Haus
-hinter mir wieder zuschließen.«
-
-Und der Schulmeister verschwand, während die Eheleute allein in dem nur
-matt erhellten Gemach zurückblieben.
-
-»Nun, _die_ Geschichte hat mir heute noch gefehlt, sagte die Pastorin, und
-räumte, wie nur um sich eine Beschäftigung zu machen, das auf dem Tische
-stehende Geschirr zusammen -- _nur_ wahnsinnig -- das ist ja fürchterlich.
-Die Leute hatten aber auch gefrevelt, so etwas darf man sich nicht zu
-Schulden kommen lassen -- Herr Du mein Gott!« rief sie plötzlich, und als
-sie die Tassen, die sie in der Hand hielt, wieder auf den Tisch setzen
-wollte, fiel ihr eine herunter und zerbrach klirrend am Boden.
-
-»Was hast Du denn?« fragte der Pastor und drehte sich rasch und erschrocken
-nach ihr um -- sie sah todtenbleich aus und horchte mit der gespanntesten
-Aufmerksamkeit nach dem Fenster hinüber. Nichts aber als das Unwetter
-draußen ließ sich vernehmen, der Regen schien etwas nachgelassen zu haben,
-und die Wolken schüttelten sich nur noch, nach dem langen verzweifelten
-Kampf, ungeduldig und unwirrisch das Wasser aus den nassen Jacken.
-
-»Das war wieder derselbe Hülferuf,« flüsterte die Frau -- »derselbe Ton
-und -- Heinrich -- soll mir der Herr in meiner letzten Noth beistehen -- er
-klang gerade wie meines Vaters Stimme.«
-
-Sie barg das Gesicht in den Händen und schauderte am ganzen Körper
-zusammen.
-
-»Unsinn!« sagte der Mann und rückte sich ärgerlich die schwarze Kappe auf
-das linke Ohr, -- »Unsinn -- die dummen Erzählungen haben Dich aufgeregt
-und Du fängst mir am Ende auch noch heute Abend an Gespenster zu sehen und
-zu hören. Wir wollen zu Bette gehen -- es ist Schlafenszeit und morgen,
-mit dem hellen Tageslicht werden Dir schon alle die trüben und ängstlichen
-Gedanken vergehen. Habe ich nicht recht, Elise? -- aber was fehlt Dir auf
-einmal, was hast Du?«
-
-Die Frau blieb, als ob sie die Worte gar nicht gehört, in ihrer Stellung,
-nur die zitternde Gestalt verrieth ihre Aufregung und ihr leises
-Schluchzen, wie die einzelnen, zwischen den fest zusammengepreßten Fingern
-vorquellenden Thränen kündeten, daß etwas ganz Absonderliches in ihrem
-Herzen vorgehen müsse.
-
-»Elise,« -- sagte der Mann nach kurzer Pause, während er leise der Gattin
-Hand ergriff und diese von ihren Augen wegzuziehen suchte -- »bist Du
-nicht wie ein närrisches Kind, das sich von ein Paar thörichten
-Geistergeschichten in Furcht und Schrecken setzen läßt, und nachher nicht
-mehr allein über den dunkeln Vorsaal gehen, oder leiden will, daß die Magd
-das Zimmer verläßt? -- Du kennst doch den alten Verwalter, weißt doch, was
-er fortwährend für abenteuerliche Märchen erlebt haben will. Wie haben wir
-nicht erst noch neulich über ihn gelacht, als er uns die Geschichte von den
-zwei feindlichen Irrlichtern erzählte, und wie böse wurde er darüber; und
-was das andere betrifft, wo --«
-
-»Das meine ich nicht,« sagte die Frau leise und fast mehr mit sich selbst,
-als mit ihrem Manne redend -- »der Verwalter kann sich geirrt haben,
-und die Spiegelgeschichte ist wohl fürchterlich genug, läßt sich aber
-vielleicht natürlich erklären; nein, _mir_ bewegt Anderes die Brust. -- Der
-Schulmeister hat ganz recht -- es giebt übernatürliche Kräfte -- es muß
-sie geben, denn wo wir wissen daß der kleinste Wassertropfen von unzähligen
-Geschöpfen belebt und bewohnt wird, wie dürfen wir da annehmen, die
-ungeheuern Luft- und Aetherräume umschlössen frei und leer das ganze
-Weltall. -- Nein, das ist nicht möglich; um uns her, über uns, neben uns
-regt es sich und treibt und wirkt -- die uns fernstehenden Gebilde berühren
-uns aber nicht; unsere Nerven sind nicht fein genug ihre Nähe zu empfinden,
-oder ihre Kräfte -- mir fehlt der Ausdruck Dir genau zu beschreiben wie
-ich es mir denke -- ihre Kräfte üben nicht einen solchen harmonischen --
-vielleicht magnetischen Einfluß auf die unseren aus, um uns zum Bewußtsein
-ihrer Annäherung zu bringen. -- Das dauert aber nur so lange, bis wirklich
-einmal ein uns verwandter Geist unseren eigenen Luftkreis berührt, oder
-durch die Stärke seines Willens, seiner Seele, zu uns hingetrieben wird
--- dann ergreift er aber auch all die feinsten Fasern unseres innersten
-Systems und die _Ahnung_ desselben, vielleicht auch nur das _Bewußtsein_
-dieses Gefühls entsteht und macht sie geltend --«
-
-»Aber ich begreife Dich nicht --«
-
-»Es ist heute der dritte Abend,« fuhr seine Frau, den Einwurf nicht weiter
-beachtend, fort -- »daß ich dieselbe ängstliche Unruhe fühle wie heute --
-nur nicht so stark. Am ersten Abend erhielt ich, wie Du weißt, gerade vor
-Schlafengehen, den Brief von zu Hause -- worin mir Mutter von des Vaters
-Krankheit schrieb.«
-
-»Ein etwas hartnäckiger Katharr, wie sie selbst sagte, der sich bis jetzt
-schon wahrscheinlich wieder vollkommen gehoben hat.«
-
-»Kein Katharr, Heinrich, -- die Sache ist schlimmer als sie es mir sogleich
-schreiben mochte -- weshalb den Brief eilig gemacht -- weshalb nun das
-Schweigen? -- Mit dem jetzigen Lauf der Eisenbahn könnte Nachricht in neun
-Stunden hier sein.«
-
-»Komm Kind, erwiederte ihr lächelnd der Mann, -- geh jetzt zu Bett, und
-morgen früh wollen wir ruhig über die Sache reden; Du phantasirst heute
-Abend, und da ist's besser Du überschläfst erst einmal die Gedanken, die
-das Sonnenlicht ohnedies nicht gut vertragen können. Doch sieh, der
-Wind hat den Himmel endlich rein gefegt, und der Mond scheint ordentlich
-freundlich in's Fenster herein, wenn sich der Sturm erst ein Bischen legt,
-bekommen wir vielleicht das schönste Wetter -- komm Kleine -- heb' das
-Köpfchen wieder und sei mein braves Weib -- Du wirst Dich doch wahrlich
-nicht vor Spukgeschichten fürchten?«
-
-»Nein, nicht vor Spukgeschichten, Heinrich,« flüsterte die Frau und starrte
-dabei mit festem glanzlosen Blick in die Ecke des Gemachs, das von der
-immer düsterer brennenden Lampe kaum noch hinlänglich beleuchtet wurde,
--- »gewiß nicht vor denen, ich habe schon fast wieder vergessen was der
-Verwalter und Schulmeister erzählten, aber -- in mir selbst fühle ich daß,
-und zwar in diesem Augenblicke, irgend etwas bei den Meinigen vorgeht. Ich
-kann, so viel ich auch dagegen ankämpfe, das Bild meines Vaters nicht
-aus dem Sinn verlieren. -- Fortwährend sehe ich ihn, bleichen, gramvollen
-Angesichts, in dem grünen Schlafrock mit dem dunkeln Käppchen vor mir auf-
-und abgehen und mit dem stählernen Uhrbehänge spielen, -- was er nur that,
-wenn er krank oder leidend war -- so deutlich höre ich dabei das leise
-klimpernde Geräusch, daß ich mich heute schon mehrmals im Zimmer umgeschaut
-habe, ob nicht irgend etwas die Ursache desselben wäre, aber es liegt mir
-allein im Ohr -- Du -- Ihr Anderen habt nie etwas davon vernommen.«
-
-»Du bist heute aufgeregt, Kind, das ist die ganze Sache, beruhigte sie der
-Mann, komm, laß uns zu Bett gehen, es wird spät und ich bin müde -- die
-Lampe scheint überdies kein Oel mehr zu haben; sie will ausgehen.«
-
-Ein leiser, winselnder Ton, der fast wie ein ferner Hülferuf klang, wurde
-in diesem Augenblicke laut -- man konnte nicht recht unterscheiden, ob er
-vom Hofe, oder aus dem Hause selbst herauf, erschalle -- der Wind brauste
-und rauschte auch noch zu sehr in der dicht neben dem Gebäude stehenden
-Linde, und heulte im Schornstein auf und nieder. Die Lampe verlöschte in
-diesem Augenblick und der Pastor, der jetzt selbst, durch die Furcht der
-Frau vielleicht angesteckt, ein gewisses unheimliches Gefühl nicht ganz
-unterdrücken konnte, war eben im Begriff, in die daran stoßende Schlafstube
-zu treten, um von dort her einen kleinen, neben dem Feuerzeug stehenden
-Wachsstock zu holen, als die Gattin hastig und krampfhaft seinen Arm
-ergriff, und mit von innerer Angst fast erstickter Stimme, während sie die
-rechte zitternde Hand nach der andern Thüre ausstreckte, flüsterte:
-
-»Sieh, -- sieh dort!«
-
-Der Pastor stand mit seiner Frau nahe der Schlafkammerthür und noch im
-Schatten der Wand, in dem jetzt dunkeln Zimmer, während ein einzelner
-Mondenstrahl in das obere Fenster und auf die gegenüber liegenden
-Treppenthür fiel; aber auch durch eine dünne Gardine so weit gemäßigt
-wurde, die Gegenstände, die er beleuchtete, nur undeutlich und unbestimmt
-erkennen zu lassen. Nichtsdestoweniger sahen die Gatten ganz genau, wenn
-sie auch nicht das mindeste Geräusch der sonst gewöhnlich kreischenden
-Thüre hörten, wie sich die blanke Klinke langsam bewegte und anscheinend
-von selber aufdrückte -- gleich darauf öffnete sich eben so feierlich die
-Thür, und herein trat mit geräuschlosem Tritt eine Gestalt, die das Blut in
-Beider Adern stocken machte -- der grüne Schlafrock, das schwarze Käppchen
--- die hohe, bleiche Figur -- die Pastorin stand mit fast aus ihren Höhlen
-starrenden Augen, mit halbgeöffneten Lippen -- mit noch immer zeigend
-und zugleich abwehrend ausgestrecktem Arme da, und selbst der Mann blieb
-überrascht -- bestürzt vor dem, was seine eigenen Augen sahen und nicht
-ableugnen _konnten_ -- in der einmal genommenen Stellung.
-
-Im nächsten Moment glitt die Erscheinung, sonst regungslos, langsam in den
-dunkeln Theil des Zimmers und ein klimperndes Geräusch wurde laut, wie
-von Stahl an Stahl. Der Pastor fühlte, wie sich sein Weib an seinen Arm
-klammerte und selbst von einem ihm unerklärlichen Entsetzen gefaßt, wußte
-er kaum ob er stehen bleiben, ob vorspringen sollte. Da ließ der Druck an
-seinem Arme nach und die Frau wäre zu Boden gestürzt, hätte er sie nicht
-rasch umfaßt und gehalten.
-
-Als er sich wieder nach der Erscheinung umdrehte, war diese verschwunden,
-und der Mond schien freundlich in das stille -- leere Gemach.
-
-Der Pastor trug die ohnmächtig gewordene Frau auf ihr Bett, und sprang dann
-mit dem rasch entzündeten Lichte durch sein Zimmer, -- riß die Thür auf,
-eilte die Treppe hinunter, durch alle Gänge, faßte an alle Klinken, fand
-selbst das Hausthor verschlossen und pochte vergebens an des Küsters Stube
-an; der alte Mann lag schon lange in tiefem Schlaf und hörte ihn nicht. --
-Es war Alles so still, so unheimlich; auf den Gängen rauschte und flüsterte
-es, wie mit schleppenden Gewändern zog's Trepp auf und ab -- den sonst
-unerschrockenen Mann faßte ein Schauder an, und mit Gewalt mußte er das
-Gefühl, das ihm die Brust zusammen zu schnüren drohte, von sich werfen.
-
-»Der Wind, -- der Wind!« murmelte er, wie um sich selbst zu beruhigen dabei
-leise vor sich hin, und floh mehr als er ging, die Treppe wieder hinauf.
-Dort aber raffte er sich gewaltsam zusammen, betrat zuerst das Zimmer
-seiner Frau, um dieser beizustehen, stieg dann hinauf wo ihre Magd schlief,
-weckte sie und gab ihr die nöthigen Aufträge, was sie zu besorgen habe.
-Dann untersuchte er noch einmal alle Laden und Thüren, ging sogar über
-den Hof, um zu sehen ob das Hofthor verschlossen wäre, und that überhaupt
-Alles, was er nur mit ruhigster, kältester Besonnenheit hätte thun
-können; aber es geschah eben nicht mit kalter Besonnenheit, -- wie ein
-Nachtwandelnder, mit bleichem Gesicht und glanzlosem Auge schritt er von
-Ort zu Ort, und die Bewegungen seines Körpers glichen eher denen eines
-künstlichen Automaten, als denen eines wirklichen, selbstbewußten Menschen.
-
-Sobald der Morgen dämmerte und seine Frau in einen ruhigen stärkenden
-Schlaf verfallen war, schloß er sich in sein Zimmer ein, schrieb dort den
-ganzen Vormittag und siegelte mehrere Pakete und Schriften ein. Selbst zum
-Mittagsessen blieb er nicht vorn und sah nur einmal nach der Kranken, ob
-sich diese von den Vorfällen der letzten Nacht in etwas erholt habe.
-
-Nachmittags klopfte es an sein Zimmer, und als er den Riegel zurückschob,
-reichte ihm der draußen stehende Postbote einen Brief. -- Er riß ihn auf,
-sah nach der Unterschrift -- er war von seiner Schwägerin Regine -- und las
-mit flimmernden Augen, während das Schreiben in seiner Hand zitterte und er
-die Züge kaum erkennen konnte, folgende in flüchtiger Eile niedergeworfenen
-Zeilen:
-
- »Lieber Schwager.
-
- Gott hat uns gestern Abend auf schwere, entsetzliche Weise heimgesucht.
- Zwischen zehn und halb eilf Uhr starb, wahrscheinlich an einem
- Blutschlage, mein armer Vater. Theilen Sie Elisen die Schreckenskunde
- vorsichtig mit -- ach, sein letzter, sehnsüchtiger Wunsch war ja, _sie_
- noch einmal vor seinem Ende zu sehen. Wenn es möglich ist kommen
- Sie her; Elise wird aber Ihre Gegenwart gerade jetzt wohl schwerlich
- entbehren können. Ich schreibe in der Nacht, und will den Brief noch
- vor dem Abgange eines Bahnzuges an einen Conducteur zur Beförderung
- schicken, daß er Sie wo möglich heute noch erreicht. Trösten Sie meine
- arme Schwester.
-
- Ihre
-
- _Regine_.«
-
- * * * * *
-
-Acht Wochen waren verflossen -- draußen auf Feldern und Wiesen keimte und
-grünte es, das Frühjahr hatte mit seinem warmen Hauch den starren Boden
-geküßt, und froh auf dieser trieb, in immer neu erstehender Kraft und
-Jugend, saftreiche Gräser und Halme und bunte, glänzende Blumen und
-Blüthen. -- Zwischen neckend nach ihm hinunterschwankenden Zweigen rieselte
-freudig murmelnd der klare Waldbach hin, und aus südlichern Zonen waren die
-munteren Sänger des Waldes wiedergekehrt und zwitscherten freudig in den
-alten lieb gewonnenen Plätzen, wo sie schon im vorigen Jahre so still und
-friedlich mitsammen gehaust.
-
-Die Luft war rein und lau und auch vor der Pastorwohnung, unter dem
-blühenden Apfelbaume, von duftigen Hollunderbüschen umgeben, saß, an der
-Seite ihres wackeren Mannes, die erst von schwerer Krankheit erstandene
-Frau, und schaute mit mattem Blick auf das fröhliche Wirken und Schaffen
-der herrlichen Welt. Ihre kräftige Natur hatte endlich das heiße Fieber
-besiegt, der Körper erholte sich wieder, wenn auch langsam von dem
-erlittenen Anfall und die Kräfte kehrten nach und nach zurück. Der nicht zu
-scheuchende Trübsinn der Reconvalescentin aber, ihr dumpfes, stundenlanges
-Träumen und Brüten -- die Angst, die sie ergriff, wenn sie Abends, selbst
-auf Augenblicke allein im Zimmer bleiben mußte, das Alles verrieth nur zu
-deutlich, wie sie jene Schreckensstunde nicht allein nicht vergessen habe,
-sondern die peinliche Erinnerung derselben auch noch im krankhaft erregten
-Gemüthe hege und sich heimlich abzehre und gräme.
-
-Solche Furcht und Besorgniß mochte wohl das Herz des Gatten erfüllen, denn
-er hielt die Hand der Geliebten fest und innig in der seinen und schaute
-ihr wehmüthig freundlich in das bleiche leidende Gesicht, wagte aber doch
-nicht den wunden Fleck zu berühren, der _vielleicht_ geheilt werden konnte,
-vielleicht aber auch nur eines Anlasses, nur eines Wortes bedurfte, um
-mit neuer, zündender Gewalt auszubrechen und um sich zu greifen. Ueber die
-Vorgänge jener Nacht hatte er selbst mit Niemandem gesprochen; nur seinem
-alten Freunde, dem Schulmeister, vertraute er die Ursache der Krankheit
-seiner Frau und theilte ihm dabei die näheren Umstände der Erscheinung
-und so bis zu den kleinsten Einzelnheiten mit, daß der Schulmeister doch
-endlich zugestehen mußte, es sei ein höchst merkwürdiger Fall, und bestärke
-ihn, wenn beide Gatten wirklich recht gesehen, nur immer noch mehr in dem,
-was er schon früher über Ahnungen gedacht und gesprochen. »Vor der Hand
-übrigens,« meinte er, »sei es am Besten, es auf sich beruhen zu lassen;
-es käme sehr häufig vor daß sich derartige, dem Anschein nach höchst
-wunderbare Fälle, oft später und ganz zufällig, auf die natürlichste
-Weise aufgeklärt hätten. Ja, wären die beiden Leute vorher nicht durch
-Geistergeschichten aufgeregt und gespannt gehalten worden, wäre irgend ein
-dritter, ruhiger Zuschauer dabei gewesen, dem dasselbe wiederfahren, aber
-so --« er schüttelte dann immer mit dem Kopfe, und wollte das Erlebte nicht
-zugeben.
-
-Die untere Gartenthür ging auf, der alte Küster kam mit dem Schulmeister
-den breiten Mittelgang herauf, und herzlich begrüßten die beiden Männer zu
-ihrem ersten Ausgang in Gottes schöner Luft die Kranke, während der Küster
-dem Pastor ein Schreiben überreichte, das, irgend ein Geschäft betreffend,
-augenblickliche Erledigung verlangte.
-
-Barrenkamp erbrach und durchflog es rasch und sagte dann, während er
-aufstand und sich dem Hause zuwandte:
-
-»Ich werde in wenigen Minuten damit fertig sein, und Ihr könnt es gleich
-wieder mit zurücknehmen, Münzer. Bleibt Ihr Beiden indeß bei meiner Frau
-und vertreibt ihr die Zeit ein Bischen; sie wird gern einmal wieder auf die
-Plaudereien aus dem Dorfe horchen.«
-
-Der Pastor ging schnell ins Haus.
-
-»Was macht Ihr Münzer? sagte die Frau und streckte dem alten Manne die
-weiße abgezehrte Hand entgegen. -- Ihr schaut jetzt recht gut und wohl aus
--- die Frühlingsluft scheint Euch zu bekommen. Setzt Euch zu mir -- bitte
-Schulmeister, nehmen Sie Platz -- was macht Euer Gärtchen -- Eure Kuh, Euer
-kleines Stück Feld? -- wir haben uns recht lange nicht gesehen.«
-
-»Ach, beste Frau Pastorin,« erwiederte der Greis und faßte und streichelte
-die ihm gebotene Rechte -- »seit acht vollen Wochen, seit dem Abend nicht,
-wo der Sturm die alte Linde an der Kirchhofsmauer umriß, und Hammers, unten
-im Dorfe, den Schornstein mitten in die Stube warf, der beinahe das jüngste
-Kind erschlagen hätte. Das war in jeder Beziehung eine böse Nacht und ich,
-meinestheils, werde sie im Leben nie vergessen. Sie, Frau Pastorin, sind ja
-auch damals krank geworden und haben sich gelegt. Ich weiß noch recht gut,
-am nächsten Mor -- aber lieber Gott, fehlt Ihnen etwas? --«
-
-»Es ist doch am Ende zu kalt hier draußen, Frau Pastorin,« unterbrach ihn
-hier rasch der Schulmeister, der ein dorthin führendes Gespräch so bald
-als möglich abzuschneiden wünschte. -- »Sie möchten lieber hineingehen in's
-warme Zimmer -- soll ich Sie vielleicht geleiten? --«
-
-»Ich danke, ich danke, Herr Wendler,« sagte die Frau und hielt sich nur
-wenige Sekunden lang das Tuch gegen die Augen gepreßt -- zum ersten Male
-wurde hier in ihrer Gegenwart, seit sie ihres Vaters Tod erfahren, jener
-Abend erwähnt, und sie mochte jetzt die Männer nicht merken lassen, wie sie
-der Gedanke daran erregte. -- »Es war nur ein leichter Uebergang« fuhr
-sie dann mit einem halblächelnden Zug um den Mund fort -- »ein leichter
-Uebergang sich oft einstellender Schwäche -- ich habe meine alten Kräfte
-noch nicht wieder -- es wird gleich vorbei sein. Doch -- laßt Euch nicht
-irre machen, Münzer -- Ihr nanntet jene Nacht eine böse -- ist auch Euch --
-ist Euch etwas darin geschehen, daß Ihr sie nie wieder vergessen könntet?«
-
-»Lassen Sie jene Nacht, beste Frau Pastorin,« bat sie der Schulmeister,
-»die ist lange vorüber; weshalb immer wieder auf sie zurückkommen. Münzer
-kann Ihnen eine andere treffliche Neuigkeit berichten; der Gutsherr hat ihm
-das kleine Stückchen Feld, das er bis dahin bewirthschaftete, verdoppelt,
-und hinlänglichen guten Samen zu Kartoffeln versprochen.«
-
-Die Frau hielt indessen ihr Auge fest und forschend auf den alten Mann
-geheftet; es war unverkennbar, daß irgend ein Gegenstand alle seine
-Gedanken gefesselt hielt, denn er beachtete nicht einmal das, was ja
-bisher, wie die Pastorin recht gut wußte, sein höchster Wunsch gewesen.
-Etwas Anderes ging ihm im Kopfe herum und jene Nacht mußte damit in
-Verbindung stehen. Der leicht erregbare Zustand der Kranken faßte denn
-auch, besonders nach diesem Punkte hin, den geringsten Faden mit zitternder
-Schnelle auf.
-
-»Was ist Euch geschehen, Münzer,« flüsterte sie und griff, die Hand des
-Schulmeisters zurückdrängend, nach seinem Arme -- »was ist, -- sagt mir --
-was ist mit jener Nacht?«
-
-»Geschehn gerade nichts, Frau Pastorin,« erwiederte der Greis und schnitt
-verlegen mit dem Rand seiner Sohle in den gelben Kies ein, -- »geschehen
-gar nichts, aber -- wenn Sie es denn wissen und -- mich nicht auslachen
-wollen -- -- ich hatte eine Erscheinung.«
-
-»Münzer!« rief der Schulmeister vorwurfsvoll, und der alte Mann sah erst
-jetzt, als er die Augen vom Boden hob, zu seinem Schreck, welchen Eindruck
-die wenigen Worte auf die Frau gemacht hatten.
-
-»Ihr saht -- Ihr saht meinen Vater!« -- rief diese mit heiserer, kaum
-vernehmlicher Stimme, -- »gesteht es nur -- gesteht -- Ihr saht an jenem
-Abende meinen Vater -- Münzer!«
-
-Die Kranke war in fürchterlicher Aufregung und der Küster hätte Gott weiß
-was darum gegeben, kein Wort von der ganzen Geschichte gesagt zu haben;
-doch zu spät. Auch der Pastor, der gerade jetzt wieder aus dem Hause trat
-und bestürzt erkannte welcher Fehlgriff gemacht sei, war nicht mehr
-im Stande seiner Frau das einmal fest und krampfhaft erfaßte Ziel zu
-entrücken. Hören wollte sie, hören von des Küsters eigenen Lippen, was er
-gesehen, _die Gewißheit_ wollte sie haben, daß ihr Vater selber sie gerufen
-»und dann, dann« -- meinte sie und strich sich die Haare aus der feuchten
-weißen Stirn -- »werde sie ruhiger, -- werde ihr besser werden.«
-
-Es blieb keine andere Wahl als ihr zu willfahren und der Pastor forderte
-zuletzt selbst den alten Mann auf, was er wisse, bei seiner Seele Heil aber
-kein falsches, übertriebenes Wort zu sagen.
-
-»Ach, lieber Herr Pastor,« erwiederte der Greis, »wollte doch Gott, ich
-hätte ganz geschwiegen, noch dazu, da ich nicht einmal etwas Bestimmtes
-über die Gestalt sagen kann.«
-
-»Die Gestalt« -- wiederholte, kaum bewußt, die Kranke -- »wo war sie -- wie
-sah sie aus?«
-
-Der Schulmeister stand bestürzt und ängstlich daneben -- jetzt schien
-sein letzter Einwurf gehoben -- und welchen Eindruck mußte eine solche
-Bestätigung auf die reizbare Kranke machen.
-
-»Genau weiß ich's nicht,« flüsterte der alte Mann und sah sich selbst hier
-im hellen Sonnenlichte scheu um, als ob ihm der Gedanke an das Geschehene
-noch Schauder erwecke; »doch -- es wird vielleicht besser sein, Ihnen das
-Ganze nur in wenigen Worten mitzutheilen. Ich hatte mich nämlich an dem
-Abende schon früh, weit früher als gewöhnlich, in's Bett gelegt; das
-Wetter war stürmisch und mein altes Reißen plagte mich wieder einmal ganz
-absonderlich; sobald ich aber einzuschlafen versuchte, störte mich ein
-häßlich ächzendes Geräusch, das, wie ich gar bald fand, von dem offen
-gelassenen Fensterladen der Sakristei herrührte. Nun hätte ich allerdings
-leicht hinübergehen und den Laden schließen können, noch dazu da ich
-fürchten mußte, der Wind bräche ihn vielleicht die Nacht aus den Angeln,
-und von der kleinen Hinterthür, die aus meinem Zimmerchen hinüber führt,
-sind's ja, wie Sie wissen, nur wenige Schritte -- ich hatte aber die
-Schlüssel in des Herrn Pastors Studirstube liegen lassen --«
-
-Der Schulmeister hob schnell den Kopf und sah den Küster forschend an.
-
-»-- und scheute mich hinaufzugehen und ihn zu stören. So lag ich bis nach
-zehn Uhr; da jetzt das Geräusch aber immer ärger wurde und ich nun auch
-ziemlich gewiß wußte, Sie wären oben Alle zu Bett -- denn an der Linde,
-die vor meinem Fenster steht, kann ich es deutlich sehen, wenn oben in der
-großen Eckstube noch Licht ist -- zog ich meine Filzschuhe und meinen alten
-Schlafrock an und schlich leise die Treppe hinauf --«
-
-»Ihr waret an jenem Abend in meinem Zimmer?« rief der Pastor und die Lippen
-der Frau theilten sich in Staunen und Ueberraschung --
-
-»Auf der Treppe schon klang mir's unheimlich und laut,« fuhr der Greis, die
-Frage nicht beachtend, fort, -- »das stürmische Brausen _um_ das Haus wurde
-hier, in dem umschlossenen Raume, zum leisen Flüstern und Zischeln, und ich
-öffnete rasch die Thür und schritt dem wohlbekannten Platze zu, wo der Herr
-Pastor immer Abends die Schlüssel hinlegt, damit ich sie früh finden kann.
-Schon hatte ich sie gefühlt und in die Hand gefaßt, denn ein schwacher
-Mondenstrahl fiel in dem Augenblicke durchs Zimmer, als ich -- das Blut
-stockt mir jetzt noch in den Adern, wenn ich daran denke -- ein leises
-Stöhnen vernahm, und den Kopf rasch darnach umwendend, eine helle Gestalt
-erkannte, die im Begriff schien, die Arme nach mir auszustrecken. Im
-nächsten Augenblick stand ich vor Entsetzen stumm und regungslos, als ich
-jetzt aber wirklich sah, daß sich die Erscheinung regte, als ich das weiße
-Grabtuch rauschen hörte, da kann ich nachher nicht einmal mehr sagen, _wie_
-ich aus dem Zimmer kam, nur so viel erinnere ich mich noch, ich glitt die
-Treppe hinunter, sprang in meine Kammer, die ich hinter mir verschloß --
-in's Bett, hüllte mich in die Decke ein und betete heiß und brünstig zum
-lieben Herr Gott, daß er alles Unglück von mir und diesem Hause abwenden
-wolle.«
-
-»Und der Fensterladen?« frug der Schulmeister und ergriff lächelnd des
-Pastors Hand.
-
-»Der Wind legte sich bald nachher, meinte der alte Mann, und das Aechzen
-hörte auf; wär's aber auch noch so stürmisch gewesen, an _dem_ Abende
-hätten mich nicht zehn Pferde mehr in die Sakristei gebracht.«
-
-»Elise!« sagte der Pastor, und zog das bleiche zitternde Weib leise an sich
--- sie zögerte einen Augenblick, -- schaute noch zweifelnd -- zaudernd vor
-sich nieder und barg dann mit lautem Schluchzen den Kopf an ihres Gatten
-Brust.
-
-»Meine gute Frau Pastorin,« bat der alte Mann bestürzt.
-
-»Alterchen, rief aber jetzt der Schulmeister, und zog den Arm des
-erstaunten Küsters in den seinen; Ihr habt heute Morgen den gescheidesten
-Streich gemacht, der sich nur denken läßt; nun kommt aber, meine prächtige
-Geistererscheinung, hier ist Euer Dokument, heute Mittag müßt Ihr bei mir
-essen.«
-
-»Aber Herr Schulmeister -- ich begreife nicht --«
-
-»Ist auch gar nicht nöthig, Schätzchen, -- ist auch gar nicht nöthig, nur
-jetzt ein bischen die alten Knochen gerührt. Hurrah, Küster, ich bin so
-fidel, ich könnte, glaube ich, eine Menuet tanzen und mir die Melodie
-selber dazu pfeifen.«
-
-Und ohne dem alten Manne auch nur Zeit zu lassen, noch ein einziges Wort an
-die weinende Frau zu richten, zog er ihn rasch den Gartenweg hinunter und
-verschwand mit ihm durch die hintere Thür.
-
-Und die Kranke? --
-
-Nur wenige Wochen sind seit jenem Morgen verstrichen, in der Pfarre giebts
-aber keine Kranke mehr -- des Pastors wackere Hausfrau wirthschaftet
-wieder, wenn auch noch etwas bleich und angegriffen, doch mit vollen,
-rüstigen Kräften im Hause herum; auch der Schulmeister und Verwalter
-kommen, wie früher, manchmal Abends herüber und verplaudern ein Stündchen
--- nur Geistergeschichten werden nicht mehr erzählt, und der Küster --
-nimmt jetzt den Schlüssel zur Sakristei gleich Abends mit in seine Stube --
-damit der alte Mann nicht mehr Morgens die Treppen zu steigen braucht, sie
-herunter zu holen.
-
-
-
-
-Schwarz und Weiß.
-
-Aus dem Farmerleben Missouris.
-
-
-Weit aus dem fernen Westen, da wo die eisgekrönten Berge ihre zackigen
-Kuppen in einander drängen und zweien Meeren, dem atlantischen wie dem
-stillen Ocean die schäumenden Quellen zusenden; weit von daher, wo er
-sich seine rauhe Bahn durch die entsetzlichsten Felsmassen bricht, die
-er entweder mit starkem Arm zerreißt, oder sich im tollkühnen Satz
-hinüberschwingt, um nachher, wie ob des gelungenen Wagestücks, meilenlang
-weiter zu tanzen und zu sprudeln, -- kommt der gewaltige Missouri herab,
-»der schmutzige Strom,« wie ihn der Indianer des Raubes wegen nennt, den
-er an seinem eigenen Ufer vollführt, oder der »brüllende Strom« (=roaring
-river=), wie ihn erstaunt der Weiße taufte, als er da zuerst sein Bett
-erblickte, wo er Fall nach Fall, dem verfolgten Panther gleich, aus den
-Gebirgsschluchten sprang, und erst dort still und geräuschlos seine Bahn
-vollendete, als er das schützende Dickicht der Niederung erreicht hatte und
-nun zwischen den riesigen Stämmen des Urwaldes hin, dem starken Bruder, dem
-Mississippi, in die Arme glitt.
-
-Dort nun, wo in dem Schatten der Eichen und Hickorys der wilde Wein
-seine mächtigen Ranken von Zweig zu Zweig schlang und in zähen Armen die
-stattlichen Bäume verband, während mit zwar prunkenderem Aeußeren, mit
-bunter schimmernden Blüthen und saftigeren Blättern, andere Schlingpflanzen
-ebenfalls hinaufstrebten zu den starken Aesten und sich ihnen liebend
-anzuschmiegen schienen, indeß doch Gift in ihren Adern floß und sie nur
-Macht zu bekommen suchten, das wackere Holz fest, fest zu umklammern und
-ihm Licht und Luft zu rauben, daß es endlich in ihrem Griff erstickte,
-verdorrte, -- dort, in dem fast noch unentweihten Heiligthume, stand ein
-kleines, roh aufgebautes Blockhaus mit breitmächtigem, aus Lehm errichteten
-Kamine, die Nordseite dicht an den dunkeln Wald geschmiegt, dessen
-ungeheuere Wipfel hoch über das niedere Dach emporragten, an den
-drei anderen Seiten aber durch ein wahres Chaos gefällter Bäume, hoch
-aufgestapelten Busch- oder Oberholzes, abgeschlagener Stämme und
-knorriger, sich weit umher spreizender Aeste im wahren Sinne des Wortes
-verbarrikadirt.
-
-Der Eigenthümer dieses Platzes mußte augenscheinlich erst seit kurzer Zeit
-hierher gezogen sein und die Urbarmachung des Bodens begonnen haben, was
-auch noch überdieß ein dicht am Hause stehender, mit Leinwand bespannter
-Wagen bewies, der wohl, nebst einem nicht sehr weit von ihm entfernten
-Karren, sämmtliche Habseligkeiten des Farmers in dessen neue Waldheimath
-eingeführt hatte.
-
-Die Sonne schimmerte eben noch mit ihrem rothen Gluthenlicht durch die
-Wipfel der Bäume, als sich ein Reiter, auf kleinem indianischen Poney,
-einem schmalen Kuhpfad folgend, dem Platze näherte und endlich gerade
-da die Lichtung erreichte, wo Stämme und Aeste am tollsten umhergestreut
-lagen. Wenige Secunden hielt er auch wirklich sein schnaubendes Pferd an,
-und schien sich in den Steigbügeln hoch emporrichtend, nach irgend einer
-Oeffnung zu suchen, durch die er in diese Holzmasse eindringen und das
-Haus erreichen könnte. Der Wunsch mochte aber wohl unerfüllt bleiben; denn,
-einen leisen Fluch ausstoßend, preßte er seinem Thier den einen bespornten
-Haken in die Flanke und setzte über die ersten, ihm den Weg versperrenden
-Klötze hinweg.
-
-Das kleine muntere Pferd sah auch bald was sein Herr eigentlich
-beabsichtige, und daran gewöhnt Hindernisse zu beseitigen, die bei
-fortwährendem Reiten im Walde fast stündlich vorkommen, wand es sich mit
-wirklich bewundernswerther Geschicklichkeit immer näher und näher dem
-Hause zu, hier einen Stamm überspringend, dort vorsichtig durch wild umher
-gestreute und zersplitterte Aeste dahinschreitend, bis es sich plötzlich,
-nach einem besonders kühnen Satz über, oder vielmehr _durch_ den Wipfel
-einer gefällten Eiche, so von allen Seiten eingezwängt und von wirklich
-unübersteiglichen Hindernissen umgeben sah, daß es ruhig stehen blieb und,
-in der festen Ueberzeugung sein Aeußerstes gethan zu haben, ganz geduldig
-erwartete was jetzt der Reiter beschließen würde, der doch eigentlich auch
-bei der Sache interessirt war.
-
-Dieser aber blickte vergebens nach einem Ausweg umher und that endlich das,
-was er von allem Anfang an hätte thun sollen, er rief das Haus an, und zwar
-mit einem kräftigen, weit hinausschallenden »Halloh!«, was augenblicklich
-im ohrzerreißenden Chor von zehn bis zwölf Rüden bellend und heulend
-beantwortet wurde.
-
-Gleich darauf öffnete sich die Breterthüre, auf deren Schwelle eine
-schlanke, schon etwas ältliche Matrone erschien, die rings nach dem
-Rufenden, freilich vergeblich, umherschaute, während jetzt die durch den
-Anblick der Herrin immer noch mehr gereizten Hunde einen so fürchterlichen
-Lärm erhoben, daß er für kurze Zeit jeden andern Laut vollkommen
-übertäubte.
-
-»Ruhig, Muse, ruhig, nieder mit dir, Watch, willst du still sein, Deik;
-Hunde, ihr bringt Einen noch zur Verzweiflung, ruhig da, hört ihr denn
-nicht!« rief die Frau, die Meute beschwichtigend, die sich denn auch
-endlich zufrieden geben wollte, als ein zweites »=Halloh the house!=« ihren
-Grimm aufs Neue erregte, der jetzt gar keine Grenzen mehr zu kennen schien.
-
-Die Geduld der guten Frau mochte nun aber auch wohl ihr Ende erreicht
-haben; denn einen zum Trinkbecher ausgeschnittenen großen Flaschenkürbiß
-ergreifend, der in dem vollen, auf einem Gesims vor der Thüre stehenden
-Eimer schwamm, goß sie die klare, kalte Fluth über die Tobenden aus, die
-nun heulend und kläffend auseinander stoben.
-
-Zum dritten Mal rief jetzt, diesen Augenblick der Ruhe benutzend, die
-Stimme ihr immer ungeduldiger werdendes »Halloh!« herüber, und nun erst
-ward die Matrone den Reiter gewahr, dessen Kopf nur wenig über das ihn
-umgebende Buschwerk hervorragte.
-
-»Mr. Hennigs, sind Sie das?« rief sie lachend, als sie die Lage des jungen
-Mannes errieth, »wie, um Christi willen, haben Sie sich denn da hinein
-verloren?«
-
-»Verloren?« rief dieser in komischer Verzweiflung, »ich möchte wirklich
-wissen, wie ich mich hier verlieren sollte; ich sitze so fest, wie der Wolf
-in der Falle. Wo zum Henker ist denn der Eingang zu Ihrem Haus? ich bin
-hier zwar auf dem Fußweg, er scheint aber nicht sehr begangen.«
-
-»Sie hätten um die Lichtung herum, durch den Wald reiten müssen,«
-entgegnete die Frau, »mein Mann hat hier Bäume gefällt.«
-
-»Ja, das läßt sich nicht läugnen,« lachte der Reiter, »die Beweise liegen
-zur Hand.«
-
-»Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs,« rief jetzt eine kichernde
-Mädchenstimme hinter der alten Dame vor, und dicht neben ihr ließen sich in
-diesem Augenblick zwei allerliebste Köpfchen sehen, die neugierig die Lage
-des jungen Mannes erspähen wollten, »bleiben Sie nur da halten; Vater hat
-gesagt, daß er im Lauf der nächsten Woche das ganze Holz wegräumen will,
-und dann wird der Fußweg wieder frei.«
-
-»Danke, Sally, danke!« rief Hennigs lachend, »die Zeit möchte mir aber doch
-lang werden, wenn ich Ihre liebe Stimme immer so ganz in der Nähe hören
-müßte und nicht hinüber könnte. Nein, mag mein Poney sehen, wie es allein
-heraus kommt; ich will's ihm leichter machen!« Und damit sprang er vom
-Pferd, schnallte Sattel und Zaum ab, hing sich beides über die Schulter
-und kletterte nun, wenn auch nicht ohne bedeutende Anstrengung, dem kaum
-sechzig Schritt entfernten Hause zu.
-
-Das Poney blieb im Anfang, als es sich so von seinem Herrn verlassen sah,
-ruhig stehen, und spitzte nur sehr bedeutend die kleinen Ohren; als es
-jedoch fand wie sich die Sache eigentlich verhielt, und den Trog witterte,
-an dem es gefüttert zu werden hoffte, warf es den Kopf in die Höhe,
-wieherte ein paar Mal hell auf, und flog dann, jetzt durch keine Last
-mehr zurückgehalten, mit kühnen Sätzen über Stamm und Busch hinweg, bis es
-schnaubend und mit den Hinterbeinen wild nach den hier auf es einstürmenden
-Hunden schlagend, vor der Thüre der Hütte hielt, und dort seinen jetzt
-ebenfalls herankeuchenden Herrn freudig begrüßte.
-
-Dieser aber warf Sattel und Zaum nieder, sprang schnell die aus über
-einander gelegten Klötzen bestehenden Stufen hinauf ins Haus und rief hier,
-die Hände der Frauen ergreifend und herzlich schüttelnd:
-
-»Wie geht's, Mrs. Draper, wie geht's, Sally und Lucy, Ihre Hand, Alle wohl?
-seh'n wenigstens Alle kerngesund aus; doch -- wo ist der Alte?«
-
-»Vater ist noch draußen im Wald, er sucht die Pferde,« entgegnete, nach
-der kurzen Begrüßung, Sally, das jüngste der beiden Mädchen, die etwa
-siebenzehn und neunzehn Jahre zählen mochten.
-
-»Haben Sie gar keine Spuren im Wald gesehen?« frug die Matrone, während sie
-ihr großes Baumwollenspinnrad in die Ecke schob und die Kohlen im Kamine
-mit dem langen Schürstecken zu neuer Glut aufschüttelte.
-
-»Sie müssen heute Morgen aus den Hügeln herunter gekommen sein,« meinte
-Hennigs, »am Bach wenigstens waren die Fährten, und wenn ich nicht irre, so
-habe ich auch gleich oben über dem Kreuzweg die Schelle gehört.«
-
-»Ah, dann findet sie Vater gewiß nicht,« rief Sally bedauernd aus, »er
-wollte an Potters Creek hinauf und von da an links in das Thal hinüber
-suchen.«
-
-»Nein, er ist wohl schon auf den Spuren,« entgegnete der junge Mann; »denn
-im weichen Quellboden sah ich deutlich die Abdrücke eines Schuhes.«
-
-»Vater trägt heute seine Mocassins,« sagte Lucy, »das muß Jemand Anderes
-gewesen sein.«
-
-»Dann allerdings; aber wer will denn die Pferde brauchen? ist ein Tanz
-irgendwo? es scheint Sie ja Alle ungemein zu interessiren, ob der Vater die
-Pferde findet, oder nicht.«
-
-»Tanz? pfui, Mr. Hennigs, ich dächte doch Sie wüßten, daß wir nicht
-tanzen,« erwiederte ihm, etwas pikirt, die Matrone.
-
-»Ach, alle Wetter ja, ich habe davon gehört, Sie hätten sich der »Kirche«
-angeschlossen und wären »religiös« geworden; Vater auch?«
-
-»Noch nicht,« entgegnete, mit einem tiefheraufgeholten Seufzer, Mrs.
-Draper, »wir wollen aber morgen früh zur Campmeeting, und davon hoffe ich
-das Beste: der liebe Gott wird ihn ja wohl erleuchten, daß er den rechten
-Weg findet.«
-
-»Das wird er, das wird er, Mrs. Draper, ob aber auf solche Art, bezweifle
-ich fast; der alte Herr trinkt gern sein Gläschen, und wenn ihm einmal
-etwas in die Quere kommt, ih nun, dann flucht er auch wohl ein Bischen, und
-ich glaube kaum, daß er sich das so leicht abgewöhnen wird. Wozu braucht er
-aber auch wirklich zu einer »Kirche« zu gehören? 's ist so ein herzensguter
-alter Mann, wie nur je Einer seine Sohlen in den Missouri-Bottom drückte,
-er thut ja keinem Menschen etwas zu Leide.«
-
-»Wir sind Alle Sünder, Mr. Hennigs,« sagte die alte Dame sehr ernst, »und
-mein armer Mann besonders, er schwört und flucht, genießt geistige Getränke
-und hat neulich den reisenden Prediger, der bei uns übernachtete und die
-Gebete las, einen Hypokryten genannt, ja sogar gelogen, als er während des
-Gebetes aufstand und, Nasenbluten vorschützend, das Haus schnell verließ;
-ich habe später das Tuch untersucht, es war nicht ein einziger Blutfleck
-darin, und der arme Fremde wartete eine volle halbe Stunde mit dem Gebet,
-ehe er fortfuhr, damit der böse Mensch keinen Vers des heiligen Wortes
-versäumte.«
-
-Hennigs lachte laut auf.
-
-»Der arme Draper; also half ihm seine kleine Nothlüge nicht einmal?«
-
-»Kleine Nothlüge, Mr. Hennigs?« sagte die Matrone mit größerer Strenge, als
-sie es sonst wohl gewohnt war, »Sie reden da recht böse, recht unendlich
-böse Worte; abgesehen davon, daß der Augenblick, wo er sich mit seinem
-Gott beschäftigen sollte, keine Nothlüge zuließ, so giebt es gar keine
-Nothlügen; es darf Nichts in der Welt einen frommen Menschen zu einer Lüge
-bewegen, nicht einmal die Noth; denn das Herz, was nicht wahr und treu ist,
-kann dem Herrn kein wohlgefälliges Opfer bringen.«
-
-»Aber beste Mrs. Draper,« entgegnete ihr Hennigs, »Sie werden mir doch
-gewiß zugeben, daß es Fälle im menschlichen Leben giebt, wo eine Nothlüge
-nicht allein keine Sünde, sondern sogar gut und --«
-
-»Nein, das gebe ich Ihnen _nicht_ zu,« unterbrach ihn die Matrone schnell,
-»das kann ich Ihnen nicht zugeben, und schon ein solcher Gedanke ist
-Unrecht.«
-
-»Wenn aber nun zum Beispiel Ihr Mann, oder eines von Ihren Kindern recht
-lebensgefährlich krank wäre,« demonstrirte Hennigs, »und wenn Sie
-nun wüßten, daß jede Aufregung für sie oder ihn die traurigsten,
-nachtheiligsten Folgen haben könnte, würden Sie da nicht, wenn nun etwa ein
-lieber Freund des Kranken eben gestorben wäre und er darnach früge, ihm den
-Todesfall verheimlichen? würden Sie da nicht lieber zu einer Nothlüge Ihre
-Zuflucht nehmen, ehe Sie das Ihnen theure Leben aufs Spiel setzten?«
-
-»Mr. Hennigs, Sie bauen da eine ganze Menge von Voraussetzungen zusammen,
-um nur eine, Ihren Ansichten günstige Antwort zu hören. Das sind die
-Fallstricke, die uns der Teufel legt, um uns irre zu führen in dem, was
-recht und gut ist, und reichen wir ihm dann einen kleinen Finger, so hat
-er bald die ganze Hand und mit ihr die Seele des ihm Verfallenen. Draper
-nannte auch den frommen Mann einen Hypokryten.«
-
-»Hm, ja, Mrs. Draper; aber Draper sagte mir, er hätte an dem Gebet volle
-sieben Viertelstunden gelesen, das ist doch ein Bischen stark.«
-
-»Es war sehr erbaulich, und er gedachte aller unserer Sünden, da mußte es
-schon lange werden,« erwiederte die Frau.
-
-»Wollen Sie nicht mit uns zur Campmeeting gehen, Mr. Hennigs?« frug jetzt
-Sally den jungen Mann, und sah ihn bittend mit ihren großen dunkeln Augen
-an.
-
-»Gewiß, gewiß!« rief dieser schnell. »In so angenehmer Gesellschaft führ
-ich selbst mit zur -- Campmeeting,« verbesserte er noch zur rechten Zeit,
-da ihm schon ein sehr sündhaftes Wort auf den Lippen schwebte, »aber
-wahrhaftig,« sagte er, jetzt sich in dem kleinen Raume umschauend, »Draper
-muß ver -- muß ungemein fleißig gewesen sein; er hat sich in den vier
-Wochen, die er hier ist, schon wirklich ganz behaglich eingerichtet; das
-Dach kann ja kaum vierzehn Tage liegen.«
-
-»Mr. Draper ist auch in der That sehr fleißig gewesen,« erwiederte die
-Matrone, »wie lange wird's aber dauern, da packt ihn die leidige Wanderlust
-wieder an, und Knall und Fall verkauft er für wenige Dollar das, was
-ihm jahrelange Arbeit gekostet hatte, und zieht westlich, immer weiter
-westlich, und immer tiefer in den Wald zwischen wilde Menschen und Thiere
-hinein.«
-
-»Nun, viel weiter westlich kann er jetzt nicht mehr gehen,« meinte Sally
-ganz ernsthaft, indem sie dem Gast einen Stuhl zum Feuer rückte; »Vater hat
-ja selbst gesagt, er wäre nun nicht mehr weit vom indianischen Gebiet,
-und in dem dürfen sich keine weißen Leute ansiedeln. Ueberdieß,« fuhr sie
-schelmisch lächelnd fort, »ist ja Mr. Hennigs ebenfalls hier in den Wald
-gezogen, und da muß die Gegend doch wirklich Vorzüge besitzen, die man ihr
-auf den ersten Anblick hin gar nicht zutrauen möchte.«
-
-Lucy wandte sich ab und setzte ihre Arbeit an dem großen
-Baumwollenspinnrade fort.
-
-»Das Wandern müssen Sie uns schon zu Gute halten,« erwiederte Hennigs, der
-ebenfalls Sally's Anspielung vermeiden zu wollen schien und jetzt in aller
-Verlegenheit mit seinem Taschenmesser an dem Stuhle herumschnitt, auf
-dem er saß. »Dafür sind wir ja eben Pionniere oder Squatter, wie uns der
-Ost-Amerikaner nennt. Amerika braucht aber gerade solche Leute, die weder
-wilde Thiere noch wilde Menschen fürchten, sondern keck hineinziehen mitten
-in ihr Bereich, und der Natur den Boden abtrotzen, der ihnen und ihrem
-Fleiß, nach Aussage aller klugen Leute, nun doch einmal gehört.«
-
-»Ja, ja, das ist schon Alles recht schön und gut,« meinte Mrs. Draper,
-»aber lieber wäre ich denn doch in Illinois geblieben.«
-
-»Was, in Illinois? in den ungesunden dürren Steppen? zwischen
-Prairie-Hühnern und Prairie-Wölfen, und in der Gesellschaft der wirklich
-weltberühmten Corncrackers!«[3] rief Hennigs erstaunt aus: »nein, da lobe
-ich mir das Kraftland unserer Niederung, das ist nicht todt zu machen, und
-wollen wir wirklich Prairien haben, nun, dann finden wir sie westlich von
-hier, schöner und herrlicher, wie sie der ganze Osten mit all seinen so
-hochgepriesenen Vortheilen aufweisen kann.«
-
- [3]: Spottname für die Bewohner von Illinois.
-
-»Das mag wahr sein,« entgegnete ihm Mrs. Draper; »aber Illinois ist doch
-kein Sclavenstaat, und, mag dieß Land so schön und gut sein, wie es will,
-es ist mir fürchterlich auch nur mit Menschen zusammenleben zu müssen, die
-ihre Brüder und Schwestern wie das Schlachtvieh verkaufen.«
-
-»Ach Gott, ja, Madame, es mag viel Wahres daran sein,« meinte Hennigs
-kopfschüttelnd, »manchmal, wenn ich so recht allein darüber nachdenke,
-kommt's mir auch fast so vor, als ob es nicht ganz recht wäre, daß wir die
-Neger feilbieten und ebenso für sie, wie für andere Waaren, den möglichst
-höchsten Preis zu erhalten suchen. Für Sünde kann's aber doch auch nicht
-gelten; denn unsere Väter und Großväter haben's gethan, das Gesetz hat den
-Sclavenhandel geheiligt und die Bibel selbst scheint die Sache als etwas
-sehr Natürliches zu betrachten, wenigstens habe ich neulich einmal mit dem
-presbyterianischen Geistlichen, der auch Sclaven hält, darüber gesprochen
-und der behauptet, Gott selbst habe das so eingesetzt, daß die heidnischen
-Völker den Christen dienen müßten; das klingt auch eigentlich vernünftig
-genug.«
-
-»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte Mrs. Draper, »sie vertheidigen die
-Sclaverei, selbst aus der heiligen Schrift, aber nur Gott kann erkennen
-ob sie daran Recht thun; ich möchte nicht ein voreilig Urtheil fällen. Wir
-Frauen fühlen uns aber auch vielleicht weit näher darin berührt als die
-Männer; mir thut's ja schon in der Seele weh, wenn ich ein junges Huhn
-geschlachtet habe, und sehe nun, wie die alte Henne gluckend den ganzen
-Raum, den sie sonst zu begehen pflegt, durchläuft und das Verlorene sucht;
-wie vielmehr muß ich Mitgefühl mit einer Mutter haben, der fremde Menschen
-das Kind aus den Armen reißen, um es für wenige Dollar zu verkaufen,
-während sie selbst gern das eigene Herzblut dafür hingäbe, und doch zu arm
-ist es zu bezahlen. -- Ich wollte, wir wären in einem Freistaat geblieben.«
-
-»Nun, hier in Missouri wird die Sclaverei noch nicht so arg getrieben,«
-sagte Hennigs, »im Süden mag's freilich schlimmer sein; hier hören wir auch
-ganz selten von entflohenen Negern, und das, sollte ich denken, wäre ein
-ziemlich günstiges Zeichen. Wo ein Freistaat so nahe ist und die Sclaven
-trotzdem bei ihrem Herrn bleiben, da kann auch ihr Loos noch kein
-entsetzliches sein.«
-
-»Und wie sollten sie denn entfliehen können?« frug Mrs. Draper, »muß denn
-nicht ein Neger, wenn er nur selbst auf eine andere Farm oder Plantage
-hinübergeht, einen Paß haben, ohne den er von jedem weißen Mann
-festgenommen werden kann? und liefert nicht selbst dann, wenn der flüchtige
-Neger den Freistaat wirklich erreicht hat, dieser, zur Schande der
-Vereinigten Staaten, den festgenommenen Sclaven an seinen Herrn aus? Wie
-also soll ein solcher armer Mensch denn entkommen, wenn er Niemanden weiß
-an den er sich wenden kann, wenn er Niemanden hat, der ihn unterstützt und
-ihm forthilft, und wer das thut -- hat Zuchthausstrafe zu erwarten.«
-
-»Das Ausliefern muß aber sein,« fiel ihr hier Hennigs in die Rede, »wie
-könnten denn die Vereinigten Staaten einig neben einander bestehen, wenn
-sie einander ihr Eigenthum vorenthalten wollten; das gäbe ja zu endlosen
-Streitigkeiten Anlaß, und müßte nach und nach zu Haß und Zwietracht führen.
-Nein, es ist allerdings schlimm, daß wir die Sclaverei haben, und ich
-selbst wollte Gott danken, wenn es ein Mittel gäbe ihrer los und ledig zu
-werden, und alle von Negern Abstammende wieder über die See zurück in ihre
-Heimath senden könnten, wie ja der Anfang dazu auch mit Liberia gemacht
-ist; da aber die klügsten Leute im Lande sich schon seit langen Jahren
-vergebens die Köpfe zerbrochen haben, wie Dem am Besten abzuhelfen wäre, so
-wird unser Einer doch auch nicht dagegen ankämpfen sollen. Das Bestehende,
-wie es nun einmal besteht, muß der Einzelne ehren.«
-
-Lucy hatte indessen aus einer Spalte über dem Kamine ein zusammengefaltetes
-Zeitungsblatt herausgenommen, schlug es jetzt aus einander und hielt es dem
-jungen Mann entgegen.
-
-»Sie behaupten, es entflöhen hier in Missouri keine Neger ihren Herren?«
-sagte sie mit leisem Vorwurf im Tone, »da -- überzeugen Sie sich selbst;
-hier stehen Drei angegeben, und vor jedem ein kleines Bildchen: ein armer
-Neger mit seinem Päckchen auf dem Rücken; der eine ist sogar von einem
-unserer Nachbarn, aus dem nächsten County, von Squire Wallis.«
-
-»Das spricht für und wider mich,« sagte Hennigs; »wider mich, wegen
-dem Entlaufen, für mich, weil eben dieser Wallis auch Einer von Ihren
-sogenannten frommen Leuten ist; er hat sogar schon gepredigt, und die
-Presbyterianer halten ihn für ein besonderes Licht, das dem Staate und
-ihrer Kirche in diesem Manne aufgegangen sei. Gott bewahre uns vor solcher
-Beleuchtung!«
-
-»Behandelt Mr. Wallis seine Sclaven wirklich so arg?« frug die Matrone.
-
-»Dessen war Draper und ich neulich Zeuge,« erwiederte ihr Hennigs; »wir
-ritten gerade vorbei, als er einen seiner jungen Neger an einen Baum
-gebunden hatte und ruhig daneben seine Pfeife rauchte; dann und wann nur,
-wie um sich eine kleine Bewegung zu machen, stand er auf und peitschte
-den Unglücklichen höchsteigenhändig, daß ihm das klare Blut an dem Rücken
-hinunter lief. Wir frugen ihn, was ihn zu einer so fürchterlichen Strafe
-veranlaßt habe, er behauptete aber, er thue das aus christlicher Milde, es
-sei gegen seine Grundsätze einen seiner Sclaven im Zorn zu strafen, und
-da kühle er sich in der Zwischenzeit immer erst ein wenig ab, um ruhig zu
-bleiben und nicht hitzig zu werden.«
-
-»Und das nennen Sie ein freies Land!« rief die Matrone entrüstet.
-
-»Und das nennen Sie einen frommen Christen!« warf Hennigs dagegen ein; »ist
-Ihnen da nicht Ihr Mann mit all seinen kleinen Fehlern und Eigenheiten,
-meinetwegen Schwächen, zehntausendmal lieber, selbst wenn er dann und wann
-das untere Ende des Whiskeykruges höher hebt, als das obere, und seinem
-Herzen mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs bösgemeinten Worten Luft
-macht?«
-
-»Aber das viele gotteslästerliche Fluchen könnte er doch lassen,« sagte
-Mrs. Draper, freilich schon um Vieles milder gestimmt.
-
-»Ja, und Sie auch, Sir,« lachte Sally, »Lucy hat schon oft gesagt, Sie
-wären ein ganz guter Mensch, wenn Sie nur nicht immer --«
-
-»Sally!« rief Lucy, »wie kannst Du nur --«
-
-Ein plötzliches Anschlagen der Hunde unterbrach hier jede weitere Rede,
-und gleich darauf trat auch, die Mütze fest in die Stirne gedrückt und die
-Büchse in der Hand, die er, ohne sich weiter umzusehen, auf die über der
-Thür eingeschlagenen Pflöcke legte, Draper ein.
-
-»Da bin ich wieder,« sagte er, und drehte sich in diesem Augenblicke nach
-den Seinen um, sein Antlitz war aber auffallend bleich, sein ganzes Wesen
-schien erregt, und er fuhr merklich zusammen, als er einen Fremden an
-seinem Kamin erblickte, faßte sich jedoch augenblicklich und streckte dem
-schnell erkannten Freunde die Rechte entgegen.
-
-»Und ohne die Pferde?« frug Hennigs, der die dargebotene Hand derb
-schüttelte, »mit leeren Zügeln? Die Damen hier scheinen deren Ankunft fest
-erwartet zu haben.«
-
-»Dann müssen die Damen noch etwas Geduld haben,« lächelte der Alte, und
-nahm die Mütze ab, die er oben auf eine Ecke des Kaminsimses legte. Dabei
-schienen aber seine Gedanken wieder weit hinweg zu schweifen, und er
-starrte, die Hand noch immer oben an dem Brett, wohl mehrere Minuten lang,
-wie in tiefem Nachdenken versunken, auf die im Kamine glimmenden Kohlen
-nieder.
-
-»Mr. Hennigs hat die Fährten im Potters Creek gesehen, Vater,« brach
-endlich Sally das Schweigen, »sie müssen nach der Niederung hinunter sein,
-und da, weißt Du wohl, wenn sie erst in den Schilfbruch kommen, findest Du
-sie immer nicht gleich wieder. Am Ende versäumen wir morgen den Anfang der
-Campmeeting.«
-
-»Das wäre freilich entsetzlich,« lächelte der Alte, der jetzt seine volle
-Ruhe wieder erlangt hatte und sich behaglich auf dem für ihn hingeschobenen
-Stuhl niederließ, »und dann könntest Du und Lucy auch nicht eure neuen
-Kleider und Bonnets zeigen, und Mutter müßte das schöne Umknüpftuch noch
-ganze vierzehn Tage länger in der Kiste liegen lassen.«
-
-»Aber, Mann!« unterbrach ihn vorwurfsvoll Mrs. Draper, »willst Du denn
-behaupten, daß wir solcher sündlichen Eitelkeit wegen zu der Versammlung
-reiten? Habe ich Dir dazu schon je Ursache gegeben?«
-
-»Vater ist überhaupt heute so sonderbar?« sagte Sally plötzlich, indem sie
-auf ihn zuging und ihm scharf ins Auge schaute, »es fiel mir gleich auf wie
-er hereintrat; ich weiß nicht --«
-
-»Aber ich weiß, was Jungfer Naseweiß zu thun hat,« sagte der Alte, und
-ergriff sie lächelnd beim Kinn; »draußen steht Mr. Hennigs Poney und
-wiehert nun schon, so lange ich im Hause bin, ganz ungeduldig um den
-versteckten Mais herum. Geh, und gieb ihm ein halbes Dutzend Kolben, und
-dann wollen wir das Pferd aushobbeln,[4] es mag sich hier herum sein Futter
-selbst suchen. Du mußt ihm aber vorher die kleine Glocke umschnallen, sie
-hängt hinten an der Hausecke.«
-
- [4]: Aus_hobbeln_ nennt der Amerikaner das Zusammenbinden der
- Vorderbeine des Pferdes, damit sich dieses zwar langsam von der Stelle
- bewegen kann, sein Futter zu suchen, aber doch nicht im Stande ist
- fortzulaufen.
-
-Sally sprang singend hinaus, den erhaltenen Auftrag zu erfüllen, Draper
-aber ging zu seiner Frau hin, strich ihr schmeichelnd die nur noch halb
-schmollend weggedrehte Wange und sagte gutmüthig:
-
-»Bist nicht böse, Alte, weißt schon, wie's gemeint ist; ein Bischen eitel
-seid ihr aber Alle, wenn ihr's auch nicht wollt merken lassen; denn in
-ihrem Alltagskleid ginge keine von euch zur Campmeeting, so viel weiß ich.«
-
-»Das würde sich auch nicht schicken, Draper, das würde sich auch nicht
-schicken; wenn wir zu dem Herrn beten, müssen wir auch zeigen, daß wir
-etwas darauf halten, mit anständigem Aeußeren vor ihn zu treten.«
-
-»Das wäre dem lieben Gott, so wie ich ihn kenne, sehr egal,« lachte Draper
-gutmüthig: »doch, Du hast recht, Du meinst's ehrlich dabei, und bist auch
-sonst brav und wacker; nur das scheinheilige Pack kann ich nicht leiden.
-Aber, Hennigs, wo habt Ihr denn die Pferde gesehen?«
-
-»Die Pferde nicht, nur die Spuren,« erwiederte dieser, »sie kamen aus den
-Hügeln herunter und gingen, über den Kreuzweg hinüber, der Niederung zu;
-wenn ich nicht ganz irre, habe ich sogar die Schelle gehört, die der Fuchs
-um hat.«
-
-»Ja, die schellt am weitesten, 's ist wohl möglich; nun, dann finde ich
-sie heute Abend an der Buffalolick, dorthin gehen sie gewöhnlich, wenn sie
-überhaupt die Richtung einschlagen.«
-
-»Ich sah auch dort oben die Spuren eines Mannes,« fuhr Hennigs fort,
-»und glaubte erst, als ich hier hörte Ihr wäret ausgegangen die Pferde zu
-suchen, es seien die euren gewesen. Der die hinterließ trug aber Schuhe; es
-wird wohl ein Jäger gewesen sein.«
-
-»Ja, ja, es wird wohl ein Jäger gewesen sein,« sagte der Alte, stand auf
-und schritt dann ein paar Mal in der Stube auf und ab; »ja, fuhr er dann
-fort, ich habe sie auch gesehen, sie gingen nach Süden, den Ansiedelungen
-zu; wahrscheinlich ein Jäger; aber was ist das für ein Zeitungsblatt?«
-
-»Dasselbe, was der Sheriff heute Morgen hier herein gelegt hat, Vater,«
-erwiederte ihm Lucy, »wir blätterten darin herum.«
-
-»Nun, giebt es Neuigkeiten aus St. Louis?« frug der Alte, und fuhr sich
-mit der linken Hand über die breite, offene Stirne, als ob er alle anderen
-Gedanken daraus verscheuchen wollte; »wie steht's mit der Wahl? was sagt
-unser Demokrat da? hat Polk Aussichten?«
-
-»Nun, Missouri läßt ihn sicher nicht im Stich,« lachte Hennigs. »Das war's
-aber nicht, wir haben uns nicht mit Politik beschäftigt, sondern nur über
-eine Frage debattirt, die das gute Verständniß der südlichen und nördlichen
-Staaten betraf -- über die Sclaverei, und zur Erläuterung derselben lasen
-wir hier einige Anzeigen von entlaufenen Sclaven.«
-
-»Von entlaufenen Sclaven? wo? zeigt her!« rief Draper schnell und zwar mit
-einem Interesse, das einem genauen Beobachter sicherlich hätte auffallen
-müssen; Hennigs aber, die Bewegung einzig und allein der Neugierde
-zuschreibend, hielt ihm ruhig das Blatt hin und sagte:
-
-»Drei Stück -- Wallis hat auch wieder Einen hineinsetzen lassen.«
-
-»Neunzehn Jahr alt,« las Draper, »schlank gewachsen, mit freier, hoher
-Stirn und besonders wolligem Haar; Farbe: Ebenholzschwärze, Größe: fünf Fuß
-sieben Zoll -- das stimmt alles.«
-
-»Was stimmt?« frug Hennigs.
-
-»Was stimmt? ih nun, die -- o, ich kenne den Burschen, der wahrscheinlich
-entlaufen ist,« erwiederte Draper, und wandte sich, wie um besser lesen zu
-können, mit der Zeitung ab, dem Lichte zu.
-
-»Ist es etwa der, den er vor kurzer Zeit so fürchterlich mißhandeln ließ?«
-sagte Hennigs.
-
-»Derselbe, derselbe; sein Rücken ist noch jetzt blutig und zerfleischt, die
-Narben hatten noch keine Zeit, wieder zu heilen, der arme Teufel konnte
-Tag und Nacht kein Auge schließen vor Schmerz und Qual und -- mußte
-dennoch arbeiten; Donnerwetter, Alte, wo ist denn eigentlich der Whiskey,«
-unterbrach er sich plötzlich und bog sich nieder, um unter den Fuß des
-Bettes zu sehen, wo die fragliche Steinkruke gewöhnlich ihren Platz hatte,
-»ich bin trocken wie eine Ohio-Chaussee, ich staube ordentlich. Glaubt ihr,
-man soll euch die Pferde suchen, und nachher nicht einmal einen Tropfen
-trinken? Ich verdurste, wenn ich nicht bald etwas bekomme!«
-
-»Vater hat wohl die Pferde gesucht, hat sie aber noch nicht gefunden,«
-sagte Sally, und schöpfte dabei, als sie eben in die Thüre trat, den
-Flaschenkürbiß voll des klaren Quellwassers, das in einem Eimer auf dem
-dort angebrachten Regale stand.
-
-»Ist mein kleiner Kiek in die Welt auch schon wieder da?« lachte der Alte.
-»Also, weil ich sie nicht gefunden habe, braucht' ich auch nicht trocken
-im Halse geworden zu sein? und Wasser soll ich trinken? Wettermädchen das,
-folgt der Alten aufs Haar. Nein, Kinder, einen Schluck Whiskey muß ich
-vorher aufsetzen, aber laß nur das Wasser hier, Sally, zum Nachtrinken
-giebt's nichts Besseres auf der ganzen Welt.«
-
-»Bester Mann,« bat Mrs. Draper, »ist nun das klare, liebe Himmelsgetränk
-nicht viel besser und zweckmäßiger, selbst den brennendsten Durst zu
-löschen?«
-
-»Liebe, beste Frau,« entgegnete ihr Draper, während er von der ihm
-gereichten Kruke den, aus dem holzigen innern Theil eines Maiskolben
-bestehenden Stöpsel abzog und dann etwas von dem goldklaren Inhalt in den
-großen, vor ihm auf dem Tische stehenden Blechbecher ausgoß, -- »das Wasser
-ist eben ein Himmelsgetränk, wie Du ganz richtig bemerkst, für uns
-arme Sterbliche aber müssen wir etwas Feurigeres, Herz und Seele mehr
-Zusammenhaltendes haben, und da hat denn der liebe Gott den Whiskey
-erschaffen.«
-
-»Den hat der Teufel erschaffen!« rief Mrs. Draper lebhafter, als es sonst
-gewöhnlich ihre Art war, »das ist des Teufels Erfindung.«
-
-»So? in der That? -- dann bin ich dem Teufel wirklich mehr verbunden, als
-ich bis jetzt habe glauben mögen; die Erfindung macht ihm alle Ehre, und
-söhnt mich theilweise wieder mit ihm aus,« sagte der unverwüstliche Draper
-mit größter Ruhe, und leerte etwa die Hälfte des Inhalts, wornach er den
-Rest an Hennigs hinüber schob. Dieser aber zögerte, ihn anzunehmen, und
-blickte sich halb unschlüssig nach Lucy um.
-
-»Lucy sieht nicht her!« neckte ihn Sally, der des jungen Mannes
-Verlegenheit keineswegs entgangen war, »Sie können's riskiren.«
-
-»Laßt Euch durch die Frauen nicht irre machen, Hennigs,« ermahnte ihn der
-Alte, »wenn ich denen glauben wollte, dann wäre das gute Getränk hier
-vor uns ein Haken, und meine Kehle ein Arm, die mich selbander und mit
-vereinten Kräften in den Pfuhl der Hölle hineinrissen; so hat's ihnen
-wenigstens neulich der Presbyterianer erklärt.«
-
-»Du bist ein böser Mann, Draper, und drehst Einem immer die Worte im Munde
-herum,« sagte die Matrone, reichte aber dem Gatten dabei freundlich die
-Hand hinüber: »Du weißt ja doch recht gut, wie ich's meine, und daß es
-nur immer Deines eigenen Besten wegen ist, wenn ich ein Wort einwerfe über
-Dein --«
-
-»Trinken und Fluchen!« fiel ihr Draper ins Wort; »ja, ja, ich weiß schon,
-wovon die Rede ist; übrigens habe ich heute noch nicht ein einziges Mal
-geflucht, und was den Trunk betrifft, den ich selten genug zu meiner
-Erholung thue, so bin ich allerdings davon überzeugt, daß Du ihn mir nicht
-mißgönnst, da ist aber der gottverdammte --«
-
-Sally's kleine Hand lag auf seinen Lippen, und er zog sie gutmüthig
-lächelnd herunter und drückte einen herzlichen Kuß auf den kleinen
-gespitzten Rosenmund des lieben Kindes.
-
-»Nun, schon gut, schon gut, Sally,« sagte er dann, »'bist mein gutes
-Mädchen; jetzt seht aber nach euren Kühen -- ach, ja so, es ist erst eine
-da; nun, schad't nichts, besorgt die nur, ehe es dunkel wird, es sollen
-schon mehrere nachkommen, und nachher zündet auch die Lampe an, oder habt
-ihr die Lichter schon gegossen?«
-
-»Ja, Vater, die letzten drei Hirsche, die Du geschossen hast, hatten gar
-viel Talg bei sich, und aus den Bienenbäumen, die hier Mr. Hennigs für
-uns umgehauen, ist auch ein recht schönes Stückchen Wachs gekommen, -- die
-Lichter sind fertig.«
-
-»Brav, Kinder, dann macht alles bereit, Hennigs und ich, wir wollen
-indessen noch einmal nach der Buffalolick hinüber gehen und die Pferde
-holen; vielleicht finden wir auch unterwegs irgendwo ein Volk Truthühner
-aufgebäumt, ich will auf jeden Fall den Rifle mitnehmen.«
-
-Und der alte Mann hob die schwere Büchse von der Wand herunter, hing sich
-die kaum abgelegte Kugeltasche wieder um, setzte die Mütze auf und wollte
-eben mit seinem jungen Freunde das Haus verlassen, als er plötzlich
-zurückprallte und erbleichend ausrief: »Tod und Teufel!«
-
-Erschreckt sprangen seine Frau und Töchter hinzu, sie sollten aber über
-das, was den Vater so überrascht hatte, nicht lange in Zweifel bleiben; ein
-junger Neger mit bloßem Kopf und nur einer dünnen Leinwandjacke und eben
-solchen Hosen bekleidet, die nackten Füße in groben, rindsledernen
-Schuhen, das schwarze Antlitz eingefallen und verzerrt von Todesfurcht und
-übermäßiger Anstrengung vielleicht, sprang auf die Schwelle, warf einen
-scheuen, wilden Blick über die ihn jetzt Umstehenden, und brach dann, die
-Kniee des alten Mannes krampfhaft umklammernd, vor diesem halbohnmächtig
-zusammen.
-
-»Ben, Ben, um Gottes Willen, was soll das heißen?« rief Draper und sah
-ängstlich nach Hennigs hinüber, der ganz überrascht dastand und gar nicht
-wußte, wie er sich diese merkwürdige Scene deuten solle.
-
-»Rettet mich, Herr, rettet mich, wenn Ihr nicht wollt, daß sie mich bei
-lebendigem Leibe verbrennen, wie sie's dem armen Nigger in St. Louis gethan
-haben, rettet mich um des Heilands Willen, sie sind dicht hinter mir!«
-
-Er blickte flehend zu ihm empor, und Hennigs konnte jetzt zum ersten Mal
-seine Züge erkennen. Kaum hatte er ihn aber einen Moment scharf in's
-Auge gefaßt, als er vorsprang, den Knieenden bei der Schulter ergriff und
-ausrief:
-
-»Alle Wetter, das ist Wallis entlaufener Neger, halt, Bursche, wo kommst Du
-her und wo willst Du hin?«
-
-Der unglückliche Ben warf einen flehenden Blick auf den alten Mann und sank
-dann, seine Kniee loslassend, ohnmächtig zu Boden.
-
-»Der Bursche hat wahrscheinlich nicht mehr weiter gekonnt!« sagte Hennigs,
-als er ihn umwandte und fühlte, wie der arme Teufel regunglos in seinen
-Armen lag, »nun, ein Bischen kalt Wasser wird ihn schon wieder zu sich
-selbst bringen. Sie werden ihn aber hier behalten müssen, bis wir Wallis
-davon benachrichtigen können. Der wird nicht wenig froh sein, daß er seinen
-Neger wieder hat.«
-
-»Sie werden ihn doch nicht ausliefern?« rief Lucy entsetzt.
-
-»Nicht ausliefern, Miß Lucy? -- wir sollen doch wohl nicht etwa gar
-einem Nigger zum Fortlaufen behülflich sein und nachher das Vergnügen im
-Zuchthaus büßen?«
-
-»Man will ihn lebendig verbrennen!« rief Sally und faltete in Todesangst
-die kleinen weißen Händchen auf der klopfenden Brust.
-
-»O bewahre Gott,« lächelte Hennigs, »das wäre ja wider des Herrn eigenen
-Vortheil, einen seiner Sclaven umzubringen; nein, Sally, der kommt mit
-einer Tracht Schläge davon, und die hat der Schlingel auch eigentlich
-verdient, warum läuft er fort; er weiß, daß er doch am Ende wieder gefangen
-wird.«
-
-Draper bog sich schweigend zu dem Unglücklichen nieder und wies auf seinen
-Rücken, die Dämmerung brach schon stark herein, aber deutlich konnten sie
-noch erkennen, wie rothes Blut durch die dünne Leinwandjacke gedrungen war,
-und diese in langen, theils erhärteten, theils noch frischen Streifen an
-dem Rücken des Unglücklichen festgeleimt hatte.
-
-Die Frauen stießen einen Schrei der Angst und des Entsetzens aus, und
-selbst Hennigs wandte sich schaudernd ab.
-
-»Der arme Teufel!« brummte er vor sich hin.
-
-Draper brach endlich das Schweigen und sagte mit hohler, fast tonloser
-Stimme, indem er den Neger noch immer mit seinem Arm unterstützte:
-
-»Der Knabe hier rettete mir vor drei Wochen das Leben; ich badete im Strom,
-und nur seiner Dazwischenkunft verdanke ich es, daß ich das steile
-schroffe Ufer, zu dem mich die zu starke Strömung hingerissen hatte, wieder
-erklimmen konnte. Heute traf ich ihn flüchtig im Wald, und obgleich ich
-wußte, daß es ein entflohener Sclave sei, ließ ich ihn ungehindert ziehen.
--- Ich wandte mich ab und wollte nicht sehen, wohin er floh. Jetzt führt,
-Gott weiß nur welches Schicksal, den Unglückseligen in meine Hütte, und mir
-bleiben einzig und allein zwei Auswege offen: entweder ich verrathe meinen
-Lebensretter und überliefere ihn seinen Henkern, oder ich setze mich der
-Gefahr aus, angeklagt zu werden einem Neger, einem Sclaven, zur Flucht
-behülflich gewesen zu sein, -- das Zuchthaus ist dann meine Strafe.«
-
-»Hier ist, denk' ich, ein Ausweg möglich,« sagte Hennigs, »Wallis weiß, daß
-ihm ein Arbeiter nur dann von Nutzen sein kann, wenn er gesund und
-kräftig ist; auf Euer Wort giebt er überdies etwas, und wenn Ihr zu ihm
-hinüberreitet und ihm sagt, daß Ihr ihm seinen Neger gegen das Versprechen
-wieder verschaffen wollt, daß er den schon so arg Gemißhandelten nicht noch
-mehr züchtige, so glaub' ich, wird er schon ein vernünftiges Wort mit sich
-reden lassen und kein Unmensch sein. Zum Henker noch einmal, er gehört ja
-doch auch mit zur Kirche, und da darf er ja schon des Aufsehens wegen nicht
-den Tyrannen spielen.«
-
-»Er schlägt die Augen auf,« sagte Mrs. Draper, die ihm indessen Stirn und
-Schläfe mit Essig eingerieben hatte, »er kommt wieder zu sich, großer Gott,
-wie weh dem armen Menschen ums Herz sein muß; Vater, wenn nun unser Sohn,
-der sich jetzt in Texas oder Mexico herumtreibt, so unter fremden Menschen
-läge, wie wolltest Du, daß ihm da geschähe?«
-
-»Ich glaube wirklich nicht, daß ihm viel Gefahr droht, Mrs. Draper,« nahm
-Hennigs noch einmal das Wort; »wenn Sie es wünschen, so will ich selbst
-mit Draper hinüber reiten, um Wallis zur Milde zu stimmen, aber ausliefern
-müssen wir ihn, das verlangt nicht allein das Gesetz, sondern auch unsere
-eigene Sicherheit. Es ist ja denn doch auch nur ein Neger, und ich
-sehe nicht ein, weßhalb sich zwei Weiße seinetwegen in so entsetzliche
-Unannehmlichkeiten stürzen sollten, wie daraus entstehen könnten.«
-
-»Es ist _nur_ ein Neger, Mr. Hennigs,« sagte Sally mit bitterem Vorwurf im
-Ton, »das klingt, aufrichtig gesprochen, recht garstig von Ihnen. Vater war
-in seinen Augen auch _nur_ ein Weißer, und er hat ihn doch aus dem Wasser
-gezogen. Das weiß ich, wenn Sie den armen Menschen wieder auslieferten,
-und ich wäre Lucy, ich spräche in meinem ganzen Leben kein Sterbenswörtchen
-mehr mit Ihnen.«
-
-»Sein Sie barmherzig!« flehte auch Lucy jetzt, und sah bittend zu dem
-jungen Mann auf, der sich, den Hut in der Hand, verlegen hinter den Ohren
-kratzte.
-
-»Aber, beste Miß Lucy,« sagte er endlich, »was hülfe es ihm denn, wenn
-wir unsere eigene Sicherheit auch wirklich nicht einen Pfifferling rechnen
-wollten, deßhalb wäre ihm doch nicht mehr geholfen. Entfliehen kann er
-nicht; wie käme ein Nigger von hier bis zu der canadiensischen Grenze
-ohne Paß? Liefern wir ihn also nicht aus, wobei wir uns zugleich für ihn
-verwenden können, so fängt ihn Jemand Anderes, und dann geht's ihm erst
-recht schlimm.«
-
-Der Neger hatte seine großen, lebhaften Augen geöffnet und zu dem
-Sprechenden mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Seelenschmerz in
-den dunkeln Zügen aufgeblickt. Jetzt theilten sich seine Lippen, und er
-flüsterte, mit aber noch kaum hörbarer Stimme:
-
-»Ich bin verloren, die Verfolger sind mir auf den Fersen; ich traf einen
-der nach mir ausgesandten Männer zufällig im Wald, und nur die Verzweiflung
-gab mir Kraft genug, ihm in dem dichten Unterholz zu entgehen, das ihm
-nicht erlaubte mit dem Pferd so schnell hindurch zu brechen. Unfern von
-hier wußte ich ihn von meinen Fährten abzubringen und floh nun, als
-letztem Rettungsweg, Ihrem Hause zu. Ich kann nicht weiter, mein Rücken
-ist zerfleischt, meine Kräfte sind erschöpft, die Wunden brennen mich wie
-Feuer, und die Glieder versagen mir den Dienst. Liefern Sie mich aus, dann
-ist's vorbei, und ich habe dieß elende Leben überstanden.«
-
-»Es ist nicht so schlimm, Ben!« sagte Hennigs gutmüthig, »wir wollen selbst
-zu Deinem Herrn hinüber reiten und ihn um Schonung für Dich bitten; er soll
-Dich nicht weiter mißhandeln.«
-
-»Umsonst, umsonst!« stöhnte der Unglückliche, und sah starr vor sich
-nieder, »das wäre vergebens; letzten Freitag warf er mich zu Boden und trat
-mich mit Füßen; die harten Steine rissen die noch nicht geheilten Wunden
-der Peitschenhiebe wieder auf, wahnsinniger Schmerz durchzuckte mich, und
-in aller Verzweiflung, nicht mehr wissend was ich that, was ich beging,
-ergriff ich einen gerade dort liegenden Axtstiel und -- schlug meinen
-Master zu Boden.«
-
-»Unglückseliger!« sagte Hennigs mitleidig, »dann bist Du allerdings
-verloren!«
-
-»Nein, nein!« rief Draper, »ich will verdammt sein, wenn ich ihn
-ausliefere. Ich weiß, was ich riskire, ich weiß was mich bedroht, wenn ich
-entdeckt werde, doch gleichviel; im schlimmsten Falle lasse ich die hier
-gethane Arbeit im Stich, und ziehe nach Iowa hinein, aber ich will nicht
-haben, daß mich das Bild dieses Unglücklichen mein ganzes Leben lang, Tag
-und Nacht hindurch mahnen und martern soll, und ich mir ewig sagen muß:
-der hatte dir nur das Leben gerettet, damit du ihn nachher gebunden seinem
-Henker überliefern konntest. Sei guten Muths, Ben, es soll Dir Nichts
-geschehn, ich will doch einmal sehn, ob der alte Draper so auf den Kopf
-gefallen ist, daß er nicht ein Mittel findet Dir fortzuhelfen.«
-
-»Aber, Draper, Draper, denkt an Euer Weib und Euere Kinder,« sagte warnend
-der junge Mann.
-
-»O, reden Sie dem Vater nicht ab,« bat ihn flehend Lucy, »lassen Sie ihn
-das gute Werk vollbringen, und -- wenn Sie sich uns Allen als ein recht
-lieber, lieber Freund erweisen wollen, o, so helfen Sie nur dießmal, den
-armen, armen Jungen von so fürchterlicher Strafe zu erretten.«
-
-»Liebe Miß Lucy,« erwiederte Hennigs, noch immer unschlüssig, »ich will
-ja gewiß Alles von Herzen gern thun, was Ihnen nur die mindeste Freude
-gewähren kann, ich sehe aber wahrhaftig nicht ein, wie dem armen Teufel
-geholfen werden soll. Sind ihm die Verfolger so dicht auf den Fährten wie
-er sagt, dann können wir sie auch jeden Augenblick hier erwarten, und in
-dem Zustand, in dem er sich jetzt befindet, wäre es für ihn unmöglich zu
-entfliehen. Hier im Haus sind wir eben so wenig im Stande ihn lange zu
-verbergen, selbst wenn wir wollten; denn das eine offene Gemach, was Sie
-haben, bietet nirgends auch nur den geringsten sichern Schlupfwinkel.«
-
-»Wir müssen ihm einen Paß schreiben!« rief Mrs. Draper schnell, »das wird
-ihm durchhelfen; einen mit dem Paß versehenen Neger hält Niemand an.«
-
-»Aber womit?« frug Lucy ängstlich, »wir haben weder Schreibzeug, noch
-Papier, selbst das Stückchen Bleistift, was in dem alten Haus über dem
-Kamin stak, muß verloren gegangen sein, ich konnte es wenigstens nirgends
-finden.«
-
-Der Neger hatte indessen mit ängstlichen Blicken von einem der Sprechenden
-zum andern gestarrt, und seine Augen leuchteten, als er den Paß erwähnen
-hörte; jetzt, da ihm diese letzte Hoffnung abgeschnitten schien, barg
-er zitternd das Antlitz in den Händen, und wenn auch kein Laut, kein
-Schluchzen die Stille unterbrach, so kündete doch das convulsivische Zucken
-seiner ganzen Gestalt den ungeheueren Schmerz an, der ihn durchbebte.
-
-»Hier muß Rath geschafft werden!« rief der alte Draper jetzt, und ging mit
-schnellen Schritten im Zimmer auf und ab, »Ben muß fort, und ein Paß, das
-seh' ich ein, ist dazu unumgänglich nöthig. So mag er denn hier im Haus
-verborgen bleiben, bis ich ihm den herbeischaffen kann; ich will noch heute
-zum Squire Mapel reiten und Tinte und Papier holen.«
-
-»Aber das ganze County ist schon in Aufregung,« flehte in Todesangst Ben,
-»der, der mich heute verfolgte, wußte ebenfalls von dem, einem weißen Manne
-gegebenen Schlag; zweimal hätte er mich niederschießen können, aber er
-schrie fluchend, er wolle mich lebendig haben, um mich schmoren zu sehen;
-sie sind zum Fürchterlichsten entschlossen.«
-
-»Halloh! da drüben!« schallte plötzlich eine Stimme von der andern Seite
-der niedergehauenen Bäume herüber, und gleich darauf übertäubte, wie bei
-Hennigs Ankunft, das Heulen der Meute jeden weitern Anruf.
-
-»Das ist mein Verfolger!« stöhnte Ben und sank, die Hände gefaltet, in
-Verzweiflung auf einen Stuhl nieder, an dessen Lehne mehrere Tropfen klaren
-Blutes, die durch die dünne Jacke gequollen waren, hängen blieben.
-
-Der alte Mann trat indessen in die Thür, beschwichtigte mit einem Wort die
-Hunde, die, der Stimme des Herrn gehorsam, nur leise knurrend den fremden
-Tönen lauschten, und rief jetzt die Gegenfrage an den späten Gast hinüber:
-
-»Wer ist da, und was wollt Ihr?«
-
-»Wer da ist, zum Henker, Pitt ist da, oder ist eigentlich noch nicht da;
-denn er steckt hier in einem undurchdringlichen Gewirr von allem Möglichen,
-und weiß nicht, wie er herauskommen soll. Wo in aller Welt ist nur der
-Fahr- oder Reitweg, Draper? Auf dem, wo ich hergekommen bin, liegen
-wenigstens zwanzig Klafter Holz!«
-
-»Seid Ihr allein?« frug Draper zurück.
-
-»Ja, allerdings, es werden aber gleich noch eine ganze Menge kommen,
-ich traf sie nicht weit von hier, und sie redeten davon, bei Euch zu
-übernachten.«
-
-»Ich komme gleich, Pitt,« rief Draper ihm zu, »bleibt nur einen Augenblick
-da halten, Euer Pferd könnte sonst in den vielen Splittern Schaden nehmen,«
-und damit warf er die Thüre wieder in die Klinke und trat in das Innere
-seiner Hütte zurück.
-
-»Es ist zu spät!« sagte er eintönig, als er mit starrem Blick auf den
-unglücklichen Knaben niedersah, »sie werden hier sein, ehe wir im Stande
-sind, auch nur einen vernünftigen Rettungsplan zu ersinnen, viel weniger
-auszuführen.«
-
-»Wenn er sich nun draußen im Walde versteckte?« frug schüchtern Sally, »ich
-will ihm ja recht gern Speise und Trank bringen; morgen früh gelingt es
-dann vielleicht, dem Armen zu helfen.«
-
-»Nein, das ist unmöglich, die Hunde würden ihn dort nicht unbeachtet
-lassen; überdieß bringen die Fremden, wenn es seine Verfolger wirklich
-sind, auch auf jeden Fall ihre Rüden mit, und dann wäre seine Entdeckung
-unvermeidlich. Ich begreife ohnedem nicht, wie ihn meine eigenen
-Bärenfänger so unbelästigt hereingelassen haben.«
-
-»So verbirg ihn dort zwischen unsern Betten!« sagte Sally plötzlich, »dort
-mag er liegen, bis sich irgend ein Ausweg für ihn gefunden hat, und wenn es
-bis morgen früh wäre.«
-
-»Das ist das Einzige; Höll' und Teufel, Pitt wird ungeduldig da drüben, ich
-muß ihn holen; so versteckt ihn denn schnell, und möge Gott geben daß er
-dort unentdeckt bleibt, sonst ist mein guter Name für Missouri dahin, und
-ich muß selbst der Rache seiner Bürger entfliehen.«
-
-Tief aufseufzend verließ er die Hütte, seinen heute so unwillkommenen Gast
-herein zu holen, während die Frauen indessen ein ziemlich weiches Lager für
-den armen Gemißhandelten bereiteten und es, zwischen den Betten und durch
-einen mit Kleider überhangenen Stuhl, so verdeckten, daß, wenn nicht eine
-wirkliche und hier keineswegs zu befürchtende Haussuchung Statt fand, sein
-Lager von den in der Hütte befindlichen Personen sicherlich nicht gesehen
-werden konnte, da sich auch schon ohnedieß keiner der Amerikaner neugierig
-einer Stelle zugedrängt hätte, die der »Damen-Schlafplatz« war.
-
-Bald darauf erreichte der späte Besuch den kleinen, vor dem Hause
-befindlichen, offenen Platz, sprach dort einige Worte, seines Pferdes
-wegen, mit Draper, und betrat dann, schon von draußen den Frauen einen
-guten und freundlichen Abend hereinrufend, das Innere des jetzt durch ein
-selbstgegossenes Licht erhellten Raumes.
-
-Mr. Pitt war ein kleines, wohlbeleibtes Männchen, mit so blonden Haaren,
-daß er sie oft selbst im Scherz »Isabellfarben« nannte, dazu mit großen
-blaugrauen Augen und gewöhnlich in einen Pfeffer- und Salz-farbenen
-Oberrock eingeknöpft. So gemüthlich er aber auch sonst in manchen Sachen
-sein mochte, so viel er selbst auf sein Vieh, auf seine Pferde und Rinder
-hielt, die er sich nie überarbeiten ließ, so sehr haßte er die Neger, und
-behandelte seine eigenen Sclaven, wenn er sie auch gut »fütterte,« wie
-er es nannte, stets mit der größten Verachtung. Die Sclaven der ganzen
-Nachbarschaft fürchteten ihn auch ungemein, haßten ihn aber wohl noch mehr
-und nannten ihn überall nur den »Niggerfresser.«
-
-Und doch war dieser Mann ein ganz guter Bürger, ehrlich und rechtschaffen
-in all seinem Thun und Handeln, und hatte sich, einzig und allein durch
-eigenen Fleiß, ein gar nicht unbedeutendes Vermögen erworben.
-
-Seinem Ehrgeiz war übrigens dadurch Genüge geschehen, daß ihn sein
-»Township« zum Friedensrichter, und zwar damals noch ernannt hatte, als die
-Aufregung für General Harrison selbst bis in den fernen Westen drang; er
-rühmte sich auch seines eifrigen Whigthums und schwärmte natürlich für
-Henry Clay, und besonders für Frelinghuysen, der, seiner Aussage nach,
-der frömmste Mann der Welt sei und eher verdiente, Präsident, als nur
-Vicepräsident zu werden.
-
-Seiner Religion nach war er Presbyterianer, und hing dabei so eifrig an der
-Kirche, daß er schon einmal, als er sich bei einer großen Betversammlung
-befand, wo der andächtig harrenden Gemeinde gemeldet wurde, der plötzlich
-krank gewordene Prediger könne nicht kommen, selbst, unvorbereitet,
-den Rednerstuhl bestieg, und mit Kraftworten und noch nie dagewesenen
-Gesticulationen den Leuten erzählte, wie's ihm eigentlich ums Herz sei. Man
-wollte ihn später allerdings dazu bereden der geistlichen Beredsamkeit sein
-Leben ausschließlich zu weihen, Mr. Pitt zog es aber vor Friedensrichter
-zu bleiben, und behauptete, vielleicht nicht ganz ohne Grund, »als Laie die
-Eingeborenen viel mehr in Erstaunen setzen zu können, als wenn er aus
-der heiligen Sache eine wirkliche Profession mache«. Dabei war er höchst
-ritterlich und gefällig gegen Damen, obgleich er, als alter Junggeselle,
-von diesen auch manches Scherz- und Stichelwort ertragen mußte; ja, er
-hatte sogar selbst, vor noch nicht so langer Zeit, bei einer Entführung
-in St. Louis thätigen Antheil genommen. Wenn er aber auch gern von dieser
-Sache sprach, so verfehlte er doch nie dabei die Bemerkung zu machen,
-daß das vor der Zeit gewesen sei, wo er als Friedensrichter in Thätigkeit
-getreten, und er jetzt, gerade im Gegentheil, eine solche ungesetzliche
-Handlung mit jeder ihm zu Gebote stehenden Macht verhindern würde.
-
-Mr. Pitt trat also in die Thüre der Hütte, und reichte, sich nicht mit
-dem allgemeinen »guten Abend, Ladies,« begnügend, noch jeder der Damen
-insbesondere die Hand, führte dabei auch so total allein das Wort und
-erkundigte sich so angelegentlich nach dem Befinden und Wohlergehen seiner
-»neuen Nachbarn« (sein Haus lag elf englische Meilen entfernt), daß er
-die Verlegenheit und Aufregung, in welcher sich diese befanden gar nicht
-bemerkte, sondern geschäftig einen der Stühle zum Kamin schob (und zwar mit
-dem Rücken gegen die Thür, also den Betten mehr zugewandt), von dem aus er
-an Draper und Hennigs indessen tausend verschiedene Fragen zu gleicher Zeit
-richtete.
-
-Draper war übrigens selbst zu aufgeregt, um sich in eine Beantwortung
-derselben einzulassen, und frug nur seinerseits, wobei er freilich einen
-Augenblick benutzen mußte, in dem der würdige Mann gerade Athem schöpfte,
-wen er noch von Fremden im Walde getroffen habe, was diese getrieben und
-wann sie hier eintreffen würden.
-
-»Stop, Sir -- stop!« schrie der Kleine und drehte sich in komischer
-Verzweiflung nach ihm herum, »das sind eine Menge verschiedener Artikel,
-die erst geordnet und dann einzeln vorgenommen werden müssen. Vor allen
-Dingen, Ladies, fürchte ich, daß Ihr Raum heute ein wenig beschränkt werden
-wird; denn acht Mann kann ich sicher anmelden, die noch vor Ablauf einer
-Stunde hier eintreffen werden. Das heißt, eigentlich nur sieben, da Einer
-von ihnen hier schon ganz behaglich und warm am Feuer sitzt und sich
-ungemein freut, daß er aus den bösen Dornen und Ranken da draußen heraus
-ist. Dieser Eine, meine theuren Ladies, den ich Ihnen die Ehre habe in
-meiner unbedeutenden Person vorzustellen, wird nun auch wohl morgen noch
-hoffentlich das Vergnügen genießen, in Ihrer Gesellschaft zu bleiben;
-denn ich zweifle keinen Augenblick, daß Sie ebenfalls beabsichtigen
-der Betversammlung beizuwohnen; die dort aufgehäuften Kleider sind
-wahrscheinlich schon dazu bestimmt, Ihren holden Gestalten einen womöglich
-noch höhern Reiz zu verleihen.«
-
-»Wer waren aber die Anderen?« unterbrach ihn ungeduldig der Alte.
-
-»Wer die Anderen waren?« wiederholte lächelnd der kleine Friedensrichter;
-»die Blüthe des Staats, der Stolz und Schmuck unseres und des benachbarten
-Countys, lauter wackere Farmer, wie berittene Nimrode, mit ihren Büchsen
-und Hunden. Apropos, Draper, habt Ihr den Wolfshund noch, den Ihr
-von Hilbert damals kauftet? das war ein famoses Poppy, muß einmal ein
-prächtiger Hund werden.«
-
-»Waren die Männer auf der Jagd?« mischte sich Hennigs jetzt in das
-Gespräch.
-
-»Jagd? ja,« sagte der Kleine; »aber ganz besondere Jagd -- Hochwild --
-Menschenfleisch!«
-
-»Menschenfleisch?« riefen die Frauen entsetzt.
-
-»Erschrecken Sie nicht, meine Damen, es war weiter nichts als ein
-weggelaufener Nigger,« lächelte der gemüthliche Friedensrichter,
-»vielleicht haben sie ihn jetzt schon und bringen ihn dann gleich mit her.«
-
-Keiner im Haus antwortete ihm auch nur eine Sylbe darauf, und der
-Geschwätzige fuhr plaudernd fort:
-
-»Wallis hat, wie Sie vielleicht wissen, neulich einmal einen seiner Neger
-exemplarisch abstrafen müssen; der Strick war am lieben Sonntag mit seinen
-ganz neu gekauften Sachen, wie er selber sagte, in den Fluß gefallen --«
-
-»Großer, allmächtiger Gott! deßhalb hat er ihn gezüchtigt? das ist die
-Ursache gewesen?« schrie Draper entsetzt.
-
-Pitt sah ihn erstaunt an. »Nun,« sagte er, »das wäre allerdings eine
-Ursache gewesen, ihn zu strafen, und er hat auch wohl seine Tracht Schläge
-deßhalb bekommen; von der Strafe aber, von der ich spreche, war es nur ein
-entfernterer Grund; denn die Canaille hatte sich auch noch dabei erkältet
-und konnte nun ihre Arbeit nicht ordentlich verrichten. Wallis ist ein
-wenig hitzig und ich weiß nicht recht, wie alles später gekommen, so viel
-aber ist gewiß, Ben, der Junge, hatte eine trotzige Antwort gegeben und
-mußte dafür, wie sich das auch von selbst versteht, büßen. Da denken Sie
-sich nur, überfällt er neulich seinen eigenen Herrn, schlägt ihn mit
-einem Axtstiel, an dem glücklicher Weise die Axt fehlte, zu Boden und --
-entflieht. Aber weit wird er nicht kommen, Hilbert ist ihm heute Nachmittag
-hier ganz in der Nähe begegnet, hatte aber unglücklicher Weise seine Hunde
-nicht bei sich und verlor, nicht weit von dem Hurricane[5] seine Fährte.
-Gleich darauf traf er übrigens die zur Verfolgung des Niggers ausgezogenen
-Männer, und nun wollen sie, da diese noch mehr Hunde mitbrachten, den
-Hurricane ordentlich abtreiben und nachher hierher kommen und hier
-übernachten. Sie bleiben vielleicht im Wald, es sieht aber heute Abend wie
-Regen aus, und da ist's doch besser sie suchen Dach und Fach.«
-
- [5]: Hurricane werden in den westlichen Wäldern auch die, durch einen
- Hurricane oder Orkan niedergeworfenen Waldstrecken genannt, die
- oft, wenn sie besonders erst einige Jahre gelegen haben, wirklich
- undurchdringliche Dickichte bilden.
-
-»Aber Ladies, Sie lassen mich die Unterhaltung ganz allein führen; es
-spricht ja keine von Ihnen auch nur ein Wort.«
-
-»Wir müssen an's Abendessen denken, Sir,« sagte die Matrone, »wenn wir so
-viele Gäste bekommen, so werden sie, für die anderen Unbequemlichkeiten
-denen sie ausgesetzt sind, doch wenigstens etwas Warmes zu essen haben
-wollen; bis wann können sie wohl hier sein?«
-
-»Wird nicht mehr so lange dauern, gar nicht mehr so lange dauern,« sagte
-der Kleine, und zog die Augenbraunen bedeutsam in die Höhe, »in höchstens
-drei Viertelstunden können sie Alles abgesucht haben, der Hurricane ist
-nicht so übermäßig groß, und die Hunderace, die sie mit sich führen,
-vortrefflich. Die Mutter von Eurem Wolfshund ist auch dabei, Draper.
-Uebrigens kann es auch sein sie finden den Burschen gleich, und dann halten
-sie sich weiter gar nicht auf.«
-
-Draper und Hennigs hatten leise einige Worte gewechselt und der letztere
-nahm jetzt seinen Stuhl auf und trug ihn an die entgegengesetzte Seite des
-Kamins, während er zugleich Mr. Pitt bat ihm dahin zu folgen, damit die
-Damen nicht so viel in dem Ab- und Anrücken ihrer Kochgeräthschaften
-gehindert würden.
-
-Mr. Pitt folgte sehr eilfertig dem ausgesprochenen Wunsch, ergriff seinen
-Stuhl an der Lehne und trug ihn weiter herum, faßte sich aber plötzlich
-erschreckt an die Tasche seines Rockes, fühlte dort etwas, und besah sich
-dann am hellen Kaminfeuer die gegen dieses ausgestreckte linke Hand.
-
-»Blut!« rief er überrascht und schaute sich nach dem Stuhl um, auf dem er
-eben gesessen, Mrs. Draper aber sprang schnell hinzu, wischte mit einem
-alten Tuche die Lehne ab und sagte mit vor Angst und Bestürzung halb
-erstickter Stimme:
-
-»Ach, sein Sie nicht böse, Mr. Pitt; Lucy -- bekam heute so plötzliches
-Nasenbluten; wir haben die Flecken gar nicht gesehen --«
-
-Hennigs bog sich leise zu Sally hinüber und flüsterte lächelnd:
-
-»Erinnern Sie doch Mutter einmal wieder an das Kapitel von der Nothlüge!«
-
-»O bitte sehr, bitte sehr!« rief der artige Friedensrichter, »hat gar
-nichts zu sagen, so süßes Blut kann mir nur angenehm sein; bitte, geniren
-Sie sich nicht, ich habe selbst ein Taschentuch; es ist ja bloß ein
-unbedeutender kleiner Flecken. Ich erschrak nur so im Anfang, als ich das
-Nasse an der Hand fühlte, weil ich glaubte, ich hätte heute beim Reiten
-eine kleine Dintenflasche zerdrückt, die ich in der Rocktasche trage; das
-wäre mir allerdings fatal gewesen; denn für meine hellen Bein- -- meine
-hellen Kleider würde eine solche Anfeuchtung von bösen Folgen gewesen
-sein.«
-
-»Sie haben Dinte bei sich?« rief Hennigs schnell, und sprang in der
-Erregung des Augenblicks von seinem Stuhle, auf den er sich eben wieder
-niedergelassen empor.
-
-»Ich? allerdings; befremdet Sie das? ja, hier im Walde ist Dinte allerdings
-ein seltener Gegenstand, ich bin deßhalb auch genöthigt sie überall
-mitzuführen; denn komm' ich einmal in ein Haus und muß etwas schreiben,
-so kann ich mich fest darauf verlassen, daß erstlich keine Dinte in fünf
-Meilen im Umkreis zu bekommen, und das einzige Papier der Schmutztitel
-irgend eines verräucherten Buches ist, der vorerst herausgenommen werden
-muß. Im allergünstigsten Falle steckt dann noch über dem Kamin ein alter,
-halbverbrauchter Truthahnflügel, dem eine hineingedorrte Feder durch
-Gemeinkraft sämmtlicher Familienglieder entzogen, und mit dem Jagdmesser
-des Mannes oder gar der Schere der Frau nothdürftig geschnitten wird,
-und dann ist das Schreibzeug fertig. Nein, darauf kann ich mich nicht
-einlassen, ich muß mein »Handwerkszeug« besser in Ordnung haben, und da
-trage ich denn immer eine kleine steinerne Kruke, wie etwas Papier und
-einige Federn bei mir.«
-
-Hennigs war indessen einige Mal schnell im Zimmer auf und abgegangen und
-blieb plötzlich neben dem Stuhle des Redseligen, der in allem Eifer das
-Fläschchen hervorgeholt hatte, stehen.
-
-»Mein bester Herr!« sagte er, freundlich dabei die Hand auf dessen Schulter
-legend, »da könnten Sie der Mrs. Draper einen recht großen und vielleicht
-einen doppelten Gefallen thun!«
-
-»Wer? ich?« rief Mr. Pitt, sich schnell nach der erwähnten Dame umdrehend:
-»mit dem größten Vergnügen, was ist es? was steht zu Diensten?«
-
-Mrs. Draper blickte verlegen nach Hennigs herüber, dieser aber ließ ihr
-gar keine Zeit, ein Wort zu erwiedern, und fuhr zu dem Friedensrichter
-gewendet, fort:
-
-»Die Damen wünschten gern eine Abschrift des kleinen, von Ihnen gedichteten
-geistlichen Liedes zu besitzen, das Sie neulich bei Mapel's vortrugen, und
-sie haben mich schon heute Nachmittag darum ersucht, weil ich ihnen vor
-einiger Zeit einen Vers desselben aus dem Kopfe citirte. Da wir uns aber
-hier in derselben Lage befinden, wie die übrigen Ansiedelungen, die Sie uns
-eben so treffend schilderten, nämlich ohne jegliches Schreibmaterial, so
-möchte ich Sie jetzt im Namen der Damen nicht allein um etwas Papier und
-Dinte bitten, sondern auch noch den Wunsch daran knüpfen, mir die Verse
-langsam vorzusagen, daß ich sie gleich auf der Stelle nachschreiben
-könnte.«
-
-»Meine Damen, Sie beschämen mich wirklich durch die freundliche Nachsicht,
-mit der Sie meine armseligen poetischen Versuche beehrt haben!« schmunzelte
-der kleine Mann, während er in größter Geschäftigkeit seine Taschen
-auskramte und in wenigen Secunden eine große Brieftafel, ein kleines Pennal
-und die eben wieder zurückgeschobene Dintenflasche zum Vorschein brachte,
-was er Alles auf den Tisch stellte und dann seinen Stuhl neben denselben
-rückte, das Licht mit den Fingern putzte, seine Brille abwischte und
-jede Vorbereitung traf, um das gewünschte Gedicht augenblicklich selbst
-niederzuschreiben. Daran verhinderte ihn aber Hennigs, indem er wie
-scherzend das Pennal an sich nahm und dem Richter versicherte, »er würde
-unter keiner Bedingung zugeben, daß er selbst seine überdieß schon
-so schwache Augen bei dem düstern Scheine des flackernden Talglichtes
-anstrenge.«
-
-»Nein,« fuhr er in seinen Einwendungen fort, »lassen Sie mich einmal
-meine, wenn auch von der Führung der Axt etwas steifen Finger mit der Feder
-versuchen, es wird schon gehen, und Sie setzen sich indessen mir gegenüber
-an den Tisch, dann haben die Damen auch noch den Genuß des Vortrags und
-brauchen nicht müßig zuzusehen.«
-
-Mrs. Draper war hinter den Friedensrichter getreten und hielt die
-zusammengefalteten Hände fest, fest auf das Herz gepreßt, als ob sie die
-Angst, die ihr die Brust zu zersprengen drohte, da bannen und zurückdrängen
-wollte. Lucy hielt seine Stuhllehne gefaßt und blickte starr und mit halb
-geöffneten Lippen, aber leichenbleichen Wangen und glanzlosen Augen nach
-dem Geliebten hinüber, und nur Sally, das sonst so muntere, leichtsinnige
-Mädchen, hatte die fürchterliche Entscheidung des Augenblicks nicht
-ertragen können und war hinaus vor die Thür gegangen, wo sie den Kopf in
-der Schürze barg und sich dort recht nach Herzenslust ausweinte.
-
-Hennigs dagegen schien ganz ruhig und unbefangen, plauderte mit dem
-Friedensrichter -- während dieser ein reines Blatt Papier vorsuchte und
-aus dem Pennal eine geschnittene Feder nahm -- lauter tolles Zeug, erzählte
-ihm, wie sie in Louisiana immer auf Magnoliablätter geschrieben und in
-Tenessee Dinte aus Pulver und Indigo gemacht hätten, legte dann, als
-er auch die letzten Bedenklichkeiten des also geschmeichelten Dichters
-überwunden hatte, der nur immer noch selber zu schreiben wünschte, das
-weiße Blatt vor sich hin, sah nach dem Spalt der Feder, feuchtete diese
-einmal im Mund an und sagte, sich behaglich auf dem Stuhle zurechtrückend:
-
-»So? jetzt bin ich fertig, nun schießen Sie los!«
-
-Draper lehnte am Kamin, und der starke Mann zitterte vor innerer Aufregung
-so gewaltig, daß die lockeren Dielen unter ihm erbebten; nur Hennigs blieb
-ruhig und gleichmüthig, und lächelte sogar still und heimlich vor sich
-nieder, als der Friedensrichter, wohlbehaglich im Stuhl zurückgelehnt,
-die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet, die Brille in die Höh', auf die
-Stirn geschoben und die kleinen runden Augen andächtig der Decke und
-einer Anzahl dort aufgehangener geräucherter Hirschkeulen zugekehrt, mit
-monotoner, singender Stimme begann:
-
- »O, süßer Herr Jesus, o, komm doch zu mir,
- Verzeih' mir, o Herr, meine Sünden!«
-
-»Halt! nur nicht so schnell,« bat Hennigs, »ich komme ja sonst nicht mit --
-verzeih' mir --«
-
- -- »o Herr, meine Sünden?«
-
-Draper trat hinter Hennigs Stuhl und las, was dieser schrieb; auf dem
-Papier stand:
-
-»Der Träger dieses, Scipio --«
-
-»Also weiter -- ich hab' es.«
-
- »Und laß mich, Lamm Gottes, beim Vater und dir
- Erbarmen und Sühnigung finden.«
-
-Hennigs schrieb weiter: »geht mit meinem Wissen und Willen zu seinen
-Eltern --«
-
-»Haben Sie: Sühnigung finden?« frug der Friedensrichter, schob sich die
-Brille herunter und blickte nach dem jungen Manne hinüber.
-
-»Gleich, gleich -- Sühnigung finden -- so, nur weiter.«
-
- »Ich bin zwar, o Heiland, ich muß es gestehn,
- Dein schlechtester, niedrigster Knecht --«
-
-declamirte Mr. Pitt, warf einen freundlichen Blick nach der über ihn
-hingebeugten Mrs. Draper hinauf, seufzte einmal tief auf, und wiederholte:
-
- »Dein schlechtester, niedrigster Knecht --«
-
--- »nach Illinois, und hat von mir dazu vier Wochen Erlaubniß« -- schrieb
-Hennigs.
-
-»Haben Sie das?« frug wieder der Richter.
-
-»Ja, -- Erlaubniß --«
-
-»Wie?« sagte Mr. Pitt, und blickte zu ihm auf.
-
-»O, nichts,« erwiederte schnell gefaßt der junge Mann, »es hatte sich ein
-Haar in die Feder geklemmt, also -- Knecht!«
-
-»Ja, -- warten Sie einmal, nun bin ich herausgekommen, -- schlechtester,
-sündigster Knecht,« murmelte er vor sich hin, »ach ja, jetzt hab' ich's:
-
- Doch hast du ja auch meine Reue gesehn,
- So weise mich, Herr, denn zurecht --«
-
--- »weise mich, Herr, denn zurecht,« repetirte Hennigs und beendete
-indessen den Paß Benjamin's mit dem Wort: »erhalten;« setzte den fingirten
-Namen Peter Rollins mit dem gestrigen Datum darunter, und faltete das
-Papier zusammen.
-
-»Halt! ich bin noch nicht fertig,« rief da der würdige Friedensrichter
-aus, dem diese Bewegung nicht entgangen war, »das sind nur die zwei ersten
-Strophen, nun kommen fünf in einem andern Rhythmus, und dann wieder drei
-Schlußverse. Schreiben Sie also weiter:
-
- »Ich will Dir, du treuer Hirte
- Ein getreues Schaf auch sein,
- Führe denn mich heil'ger Vater,
- In den ew'gen Schafstall ein.«
-
- »Und wenn mir --
-
-aber Sie schreiben ja gar nicht.«
-
-»Nur die beiden ersten Verse fehlten Ihnen, nicht wahr, Mrs. Draper?« sagte
-Hennigs, und stand von seinem Stuhle auf.
-
-»Ja, Sir, es waren nur die beiden,« stammelte die Matrone, und sie wußte
-jetzt, daß Hennigs Auge fest auf ihr haftete; das Blut strömte ihr quellend
-in Stirn und Schläfe, und der Athem verging ihr fast vor Angst um den
-Unglücklichen, vor Scham über die ausgesprochene Lüge.
-
-»Also die andern Verse haben Sie? nun, warten Sie, ich sage sie Ihnen noch
-einmal vor, dann können Sie, wenn etwas daran nicht richtig sein sollte, es
-ändern. Zeigen Sie mir nur erst einmal was Sie geschrieben haben,« und
-er streckte seinen Arm nach dem Papier aus, das Hennigs mit auf den Tisch
-gestützter Hand locker zwischen den Fingern hielt.
-
-Dieser aber schien es gar nicht zu bemerken; mit vorgebeugtem Körper,
-starr und regungslos stand er da, die linke Hand lauschend hinter das
-Ohr gehalten; er horchte einem entfernten Geräusch, und hatte für den
-Augenblick seine ganze Umgebung vergessen.
-
-Mr. Pitt nahm indessen das Papier herüber, öffnete es, schob sich die
-Brille wieder nieder, und schien dann erst das sonderbare Benehmen des
-jungen Mannes zu bemerken.
-
-Die Bewohner der Hütte standen entsetzt; warf der Friedensrichter nur
-einen Blick in die Zeilen, die er geöffnet in der Hand hielt, so waren sie
-entdeckt.
-
-»Hennigs!« rief der alte Mann, und faßte seinen Arm.
-
-»Mr. Hennigs!« sagte Pitt, und hielt das Innere der Linken gegen das Licht,
-um, von diesem nicht geblendet, ihn besser betrachten zu können. Das rief
-den Träumenden aber mit Gedankenschnelle in seine Umgebung zurück; er
-blickte den Fremden an, sah den Paß in dessen Hand, und riß ihn mit keckem
-Griff aus seinen Fingern.
-
-»Mr. Hennigs!« rief überrascht der Richter.
-
-»Ich muß tausendmal um Verzeihung bitten, Sir,« entschuldigte sich jener,
-verlegen lächelnd, »doch das, was ich hier geschrieben habe dürfen
-Sie wahrhaftig nicht lesen, es ist zu schlecht, Sie haben zu schnell
-gesprochen, und ich mußte mich so eilen; warten Sie noch wenige Minuten,
-und ich will es in's Reine schreiben, nachher mögen Sie sich überzeugen,
-daß auch ein Backwoodsman manchmal keine so üble Feder führt, und den
-Schulmeister nicht braucht, wenn er Jemandem einen Brief schicken will.«
-
-»Was hatten Sie denn aber eben? Sie starrten ja vor sich nieder, als ob Sie
-einen Geist sähen?« frug, dadurch beruhigt, Mr. Pitt.
-
-»O nichts, wenigstens nichts von Bedeutung,« erwiederte jener, »mir war es
-nur, als ob ich irgend ein fremdartiges Geräusch vernahm, und ich konnte
-nicht recht herausbekommen was es war. Halt -- da wieder; hören Sie
-nichts?«
-
-Draper sprang an die Thür und riß sie auf, und deutlich drang jetzt der
-Ruf von fernen Stimmen an ihr Ohr, als ob Leute über einen Fluß hinüber die
-Fähre anriefen.
-
-»Da sind sie,« sagte der Kleine, sprang auf und griff nach dem an der Wand
-hängenden Blechrohr, das in fast allen amerikanischen Blockhütten dazu
-benutzt wird, die Arbeiter zum Essen aus dem vielleicht weit entfernten
-Felde zu rufen. Die Töne dieses langen, geraden Hornes schallen ungemein
-weit, und man kann sie mit günstigem Winde, und besonders über das Wasser
-hin, oft Meilen weit hören.
-
-Mr. Pitt schloß nun auch ganz richtig, daß die Jäger, von der Dunkelheit
-überrascht, die einzeln und mitten im Walde liegende Hütte nicht hatten
-finden können, und nun durch ihr Rufen die Aufmerksamkeit der Bewohner
-zu erwecken gedachten, damit diese durch irgend ein Zeichen, durch einen
-abgefeuerten Schuß, oder den Ton eben solchen Hornes ihren Aufenthalt
-verriethen. Er nahm denn auch ohne weitere Umstände das Instrument
-vom Nagel, trat in die Thüre und ließ nun nach jener Richtung hin so
-durchdringende, klagende Laute ertönen, daß die Hunde mit kurzem Gebell
-zuerst eine Art Protest gegen solche Musik einzulegen schienen, dann aber,
-vielleicht durch das Weiche der Melodie gerührt, ein so fürchterliches,
-wehmüthiges, markzerschneidendes Geheul ausstießen, daß Mr. Pitt erschreckt
-mitten in seinem nicht mehr Solo einhielt, den Bestien einen Augenblick
-zuhörte, und dann kopfschüttelnd sagte:
-
-»Ist nun einem lebendigen Christenmenschen schon so etwas in seinem ganzen
-Leben vorgekommen?«
-
-Nichtsdestoweniger setzte er seine musikalischen Uebungen fort, und Hunde
-und Friedensrichter vereinigten sich jetzt zu einem so ohrzerreißenden
-Concert, daß der Wald ordentlich lebendig zu werden schien, und sämmtliches
-zahmes Hausvieh, als da war, drei Ferkel und etwa ein halbes Dutzend
-Hühner, die ersteren ihr Lager mieden und grunzend, die Seiten an einander
-gedrückt, herbeiliefen, und die anderen mit den Flügeln schlugen und nicht
-übel Lust zu haben schienen, eine so unruhige Nachbarschaft zu verlassen.
-
-»Hier ist der Paß,« rief Hennigs jetzt schnell, und drückte das Papier dem
-alten Draper in die Hand.
-
-»Der Träger dieses, Scipio, geht mit meinem Wissen und Willen zu seinen
-Eltern nach Illinois, und hat von mir dazu vier Wochen Erlaubniß erhalten.«
-
- »Peter _Rollins_.«
-
-»Wer ihn anhält und nicht persönlich kennt, wird ihm kein Hinderniß weiter
-in den Weg legen; doch muß er noch in dieser Nacht fort.«
-
-»Aber wie? der Richter steht in der Thüre und in wenigen Minuten haben
-wir das Haus so voll Menschen, daß ein Entrinnen für ihn zur Unmöglichkeit
-wird.«
-
-»Auch dazu wird Rath werden; geben Sie ihm nur einen alten Rock und eine
-Mütze -- schnell -- der Richter hat aufgehört zu blasen, ich will ihn
-zu mir hinausrufen. Wenn ich den Eulenruf nachahme, muß Ben rasch
-hinausgleiten; er soll dann zu mir hinter das Haus kommen; ruhig jetzt, er
-dreht sich wieder um.«
-
-Mr. Pitt hatte allerdings seine Lungen pausiren lassen und die Bearbeitung
-des Instrumentes eingestellt, keineswegs waren aber die Hunde gesonnen,
-sich so schnell und plötzlich über das Gehörte zufrieden zu geben. Ein
-junges Thier, und zwar eben der schon früher erwähnte junge Wolfshund,
-heulte Sopran, und schien den Ton anzugeben, denn nach jedesmaliger kurzer
-Pause fiel er stets zuerst wieder ein, und ihm folgte augenblicklich ein
-alter blinder Schweißhund in =E moll=, wornach denn die übrige Schaar,
-als ob sie nur auf das Angeben der Tonart gewartet hätte, im wilden,
-disharmonischen Chor einfiel und nicht eher aufhörte, bis auch der letzte
-Vorrath von Luft und Lunge und Kehle erschöpft war.
-
-Mr. Pitt versuchte nun zwar sein Bestes sie zur Ruhe zu bringen, schimpfte,
-drohte, und warf sogar einzelne Späne und Holzstücke, die vor der offenen
-Thüre lagen; das hatte aber weiter nichts zur Folge, als daß sie jetzt
-sämmtlich gegen ihn Front machten, und zwar die Köpfe ihm seitwärts
-zugedreht, um jedem etwaigen, nach ihnen geschleuderten Wurfgeschoß schnell
-genug ausweichen zu können, sonst aber fuhren sie in ihren entsetzlichen
-Accorden ruhig fort.
-
-»Laßt's gut sein, Sir,« tröstete ihn jetzt Hennigs, als der kleine
-Friedensrichter halb lachend, halb ärgerlich wieder in der Thüre erschien,
-»ich will sie schon zum Schweigen bringen.«
-
-»Ruhig, ihr Bestien!« schrie er dann mit Donnerstimme, als er eben vor das
-Haus getreten war, »ruhig, oder ich drehe euch die Hälse um!« und eine
-dort lehnende Stange ergreifend, fuhr er mit so gut gemeinten und links
-und rechts ausgetheilten Schlägen zwischen sie hinein, daß sie nach allen
-Seiten auseinander stoben und sich winselnd theils in den Wipfeln der
-umhergestreuten Bäume, theils unter dem Hause verkrochen. Hennigs aber
-blieb jetzt einen Augenblick auf die Stange gestützt und wie in tiefen
-Gedanken stehen; da schreckte ihn der näher und näher kommende Lärm der
-Jäger, das entfernte Bellen von Hunden aus seinem Sinnen empor. Er warf den
-Blick schnell umher, ergriff den noch neben dem Hause liegenden Sattel
-und Zaum, trug beides hinter dasselbe und rief nun mit leisem Pfiff sein
-gehorsames Poney herbei.
-
-»Nun, Madame, werden Sie gleich Einquartirung bekommen,« sagte der
-Friedensrichter, während er sich schmunzelnd die Hände rieb und zum
-Feuer trat, an welchem Lucy und Sally jetzt eifrig beschäftigt waren,
-die verschiedenen, schnell hinzugerückten Lebensmittel zu vertheilen. --
-»'s wird freilich knapp hergehen hier in dem engen Zimmerchen, man kann
-sich das aber Alles eintheilen. Lieber Gott, in Arkansas lagen wir einmal
-Siebenzehn in einem Raume, der, wenn nicht noch kleiner, auf jeden Fall
-keinen Zoll breit größer war, als dieser hier. Draper macht wohl schon
-sein Lager da zwischen den Betten zurecht? ja, ja, werden jedes Eckchen und
-Winkelchen benutzen müssen; die Bursche sind wie das wilde Heer. Ob sie
-den Neger nur haben? hoffentlich doch, hol der Henker eine solche schwarze
-Bestie, schlägt ihren eigenen Herrn! Ei, wenn da nicht einmal ein Exempel
-statuirt wird, dann wäre man ja seines Lebens selbst nicht mehr sicher und
-müßte sich wahrhaftig fürchten die eigenen Dienstboten zu züchtigen. Wie
-ich gehört habe, wollen sie zusammenlegen und den Eigenthümer wenigstens in
-etwas schadlos halten.«
-
-Mr. Pitt hatte sich jetzt wieder halb dem Feuer und halb Mrs. Draper
-zugekehrt, und diese hielt ihre Augen auch fest auf die seinigen gerichtet,
-aber kein Wort vernahm sie von alle dem, was er ihr mit so bedeutender
-Zungengeläufigkeit erzählte, ihr Ohr lauschte dem Rauschen der
-Kleidungsstücke, dem unterdrückten Flüstern ihres Mannes, und sie sah jetzt
-plötzlich, wie sich die Gestalt des jungen Sclaven leise und vorsichtig
-emporhob.
-
-»Weiß nur der liebe Gott wo die Männer so lange bleiben,« unterbrach sich
-jetzt selbst der kleine Mann, indem er einen Schritt vom Kamine zurücktrat
-und nach der Thüre sah. »Mr. Hennigs kommt auch nicht wieder, der ist ihnen
-wahrscheinlich entgegen; wo ist denn Mr. Draper?«
-
-»Hier, Sir,« antwortete dieser und trat einen Schritt vor, dicht hinter ihm
-stand der Neger, und die geringste Bewegung hätte ihn dem Friedensrichter
-verrathen; die nächste Minute mußte überhaupt das Schicksal des Verfolgten
-entscheiden.
-
-Da schlugen wiederum die Hunde an, es waren die Jäger, die ebenfalls,
-wie vor ihnen Hennigs und Pitt, durch den ziemlich begangenen Pfad
-herbeigelockt, an der Grenze der niedergeworfenen Bäume hielten und das
-Haus anriefen. -- Mr. Pitt wollte in die Thüre treten, geschah das, so
-wurde es zu einer Unmöglichkeit, den Neger hinauszulassen, und er war dann
-rettungslos verloren.
-
-Draußen ließ sich der klagende Ruf einer Eule hören.
-
-»Bester Mr. Pitt!« rief da Lucy plötzlich, »dürft' ich Sie wohl einmal
-bitten, mir den schweren eisernen Topf hier auf die Kohlen zu heben, ich
-kann ihn wahrlich nicht regieren und unsere Gäste kommen schon.«
-
-»O, mit dem größten Vergnügen, mein Fräulein!« rief der bereitwillige
-Friedensrichter und sprang schnell hinzu, lehnte sich mit dem linken Arme
-gegen den über den Kamin hinlaufenden Querbalken, und griff mit der Rechten
-in die von Lucy schnell in den Henkeln des Gefäßes befestigten Topfhaken.
-
-»Sehen Sie, mein Fräulein, das ist gar nicht so schwer, allerdings etwas
-zu massiv für eine Dame; aber -- doch wo wollen Sie ihn denn hin haben? auf
-die brennenden Scheite? die müßten wohl erst ein wenig zusammengeschoben
-werden.«
-
-»Ach bitte, bester Mr. Pitt, halten Sie ihn nur zwei Secunden, die Klötze
-haben sich verschoben, warten Sie, ich richte sie gleich zurecht.«
-
-Lucy rückte mit dem Schüreisen die im Kamine liegenden Brände, und
-Friedensrichter Pitt hielt indessen, dicht über die Glut gebeugt, den
-schweren Topf, daß sich ihm das Antlitz immer röther färbte und der Schweiß
-in großen Tropfen auf seine Stirn trat.
-
-Hinter seinem Rücken glitt eine, in einen braunen Ueberrock gehüllte
-Gestalt, den schwarzen Filz tief in die Augen gedrückt, zur Thüre hinaus,
-strich um die nächste, _der_ entgegengesetzten Ecke, wo sich die Hunde
-befanden, und verschwand in der Finsterniß hinter dem Gebäude. Draper
-folgte ihr hinaus vor die Thüre.
-
-»So, Sir, jetzt nur dahin; ah, das ist recht, es ist Ihnen wohl sehr sauer
-geworden?« sagte mit mitleidigem Tone das schöne Mädchen, und es war ihr in
-diesem Augenblick, als ob sich eine Centnerlast von ihrer Brust wälze.
-
-»O bewahre, bewahre,« erwiederte der galante Richter und benutzte
-augenblicklich die nun freigewordenen Hände, sein Taschentuch hervorzuholen
-und sich die tropfende Stirn damit abzutrocknen; »nicht mehr als gern
-geschehen, das Feuer meint's übrigens gut -- blitzmäßig heiß. -- Wo bleiben
-denn aber nur die Jäger? aha, können auch nicht durch die Baumwildniß vor
-dem Haus, das geschieht ihnen recht, warum reiten sie nicht herum, bis sie
-einen Eingang finden; habe mir auch meinen Weg suchen müssen.«
-
-Draper stand indessen vor der Thüre seiner Wohnung und starrte in die
-dunkle Nacht hinein, von drüben her schallten die Stimmen seiner Nachbarn,
-die fluchend und lachend herüberschrieen, daß er ihnen den geheimen Pfad
-zum warmen Heerde zeigen möchte, und hinter dem Hause raschelte es in
-den Zweigen und er vernahm leises Flüstern. Schnell schritt er diesem zu.
-Hennigs stand vor dem Neger, der seine Hand erfaßt hatte und sie trotz dem
-Sträuben des jungen Mannes inbrünstig an die Lippen drückte. Der arme Knabe
-konnte vor Schluchzen kaum reden und wollte sich immer wieder zu den Füßen
-seines Retters niederwerfen.
-
-»Unsinn,« sagte dieser und schob ihn von sich, »mach jetzt schnell, daß Du
-fortkommst, sonst wird's zu spät; meine Adresse hast Du, das Pferd schickst
-Du mir nach St. Louis zurück.«
-
-»Euer Pferd?« frug Draper schnell.
-
-»Er kann nicht anders fort!« flüsterte Jener. »Doch nun schnell, sonst
-wird's beim ewigen Gott zu spät! Kannst Du reiten?«
-
-»Den wildesten Hengst, der je einen Reiter abwarf,« lautete die Antwort.
-
-»Desto besser, Du hast's vielleicht nöthig, aber -- schone mir das kleine
-Thier, wenn's irgend geht; es ist ein so gutes Poney wie eins in den
-Staaten und -- mein einziges; aber alle Teufel, da kommen die Reiter herum;
-Pest und Gift, wir haben so lange gezögert, bis sie uns auf dem Kragen
-sitzen. Was nun thun? Willst Du jetzt fort, so müssen sie Dir begegnen; der
-einzige Ausweg hier ist kaum dreißig Schritte breit.«
-
-Der Neger stand wenige Secunden lauschend still, doch das immer näher
-kommende Galloppiren der Hufe ließ keinen Zweifel mehr übrig; was geschehen
-sollte, mußte schnell geschehen, und mit kühnem Sprunge schwang sich der
-Sohn Afrika's in den Sattel, winkte noch einmal mit der Hand und preßte die
-Flanken des kleinen, ungeduldig stampfenden Poney's. Im nächsten Augenblick
-überflog es einen vor ihm liegenden umgestürzten Futtertrog und wollte eben
-in den schmalen Pfad einlenken, der von hier aus allein durch das Gewirr
-von Aesten und Zweigen führte, als von dorther ein lauter Jubelruf drang
-und gleich darauf ein in ein helles Jagdhemd gekleideter Reiter erschien.
-
-»Hurrah! hier ist der Weg!« schrie dieser, »kommt an, Hilbert, im Hause ist
-Licht und da vorn seh ich auch Gestalten, auf jeden Fall finden wir eine
-trockene Stube und ein loderndes Feuer; wer zuerst am Kamin ist, bekommt
-den besten Platz.«
-
-Benjamin erkannte mit Entsetzen die Stimme seines Herrn, das Blut erstarrte
-ihm in den Adern, doch hier galt es Entschlossenheit, das Leben stand auf
-dem Spiele; mit Blitzesschnelle glitt er aus dem Sattel, warf sich den Zaum
-über den Arm und schritt zurück, dem Hause wieder zu.
-
-»Halt da!« schrie der voransprengende Wallis. »Hier, Bursche, hörst Du
-nicht? nimm mein Pferd auch mit, reib es tüchtig ab und gieb ihm genug
-Mais, die Thiere sind alle todtmüde; leg' aber auch die Sättel ins Haus!«
-
-Und er schwang sich vom Rücken seines schnaubenden, schäumenden Rappen,
-überließ den Zügel dem Schwarzen, ohne diesen weiter eines Blickes zu
-würdigen, und eilte dann mit flüchtigen Sätzen der Thüre zu; denn der bis
-jetzt drohendbedeckte Himmel fing an in großen Tropfen die Boten eines
-nahenden Unwetters niederzusenden.
-
-»Gerade zu rechter Zeit, wie abgemessen!« rief er, als er das schützende
-Dach über sich sah. »Guten Abend, Ladies und Gentlemen, müssen tausendmal
-um Entschuldigung bitten, es kommt aber eine ganze Jagdgesellschaft, die
-Noth zwingt uns Ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen.«
-
-Draußen sprengten die Reiter vor das Haus und hingen die Zäume ihrer Thiere
-an einzelne Aeste und schwankende Zweige der umhergestreuten Bäume, während
-sie vergebens nach dem Neger schrieen, die Pferde zu versorgen und zu
-füttern.
-
-»Gentlemen,« sagte Draper, der in diesem Augenblick in die Thüre trat und
-seine Gäste bewillkommte; »Sie rufen nach einem Neger, ich muß aber sehr
-bedauern, daß ich keinen habe, deßhalb soll jedoch Ihren Pferden nichts
-abgehen, ich werde sie selbst besorgen.«
-
-»Ich habe doch mein Thier eben einem Neger übergeben!« rief Wallis.
-
-»Das war ich!« lachte Hennigs, der jetzt ebenfalls ins Trockene trat; »ich
-merkte wohl, daß Ihr mich für einen Nigger hieltet.«
-
-»O, bitte tausendmal um Vergebung, Sir,« sagte der Farmer, und trat, ihm
-die Hand entgegenstreckend, auf ihn zu, »es fing gerade an zu regnen,
-und ich sah gar nicht ordentlich zu, dachte wahrhaftig, es wäre so ein
-schwarzer Hallunke gewesen. Seid übrigens froh, Draper, daß Ihr keinen
-habt, nichts als Sorge und Noth mit den Bestien. Ah, guten Abend, Richter,
-wie geht's? wohin? zur Betversammlung? das ist recht; es ist ein Glück
-für das Land, wenn die, so mit der Polizei desselben beauftragt sind,
-auch ihren Gott darüber nicht vergessen. Ein frommer Richter ist stets ein
-gerechter Richter. Ich würde auch mitgehen, aber leider hält mich diesmal
-die Verfolgung eines nichtsnutzigen Buben ab, den ich erst seiner gerechten
-Strafe übergeben muß.«
-
-Der Eintritt der Uebrigen unterbrach hier den Redner, und es war für den
-Augenblick ein allgemeines Begrüßen, Entschuldigen, Einanderausweichen und
-Stühlerücken, bis endlich, nach mancher Platzveränderung lebendiger, wie
-lebloser Gegenstände, eine Anzahl von Personen in dem engen Raume nicht
-allein untergebracht, sondern auch verhältnißmäßig bequem placirt war, von
-der sich nur der einen richtigen Begriff machen kann, der einmal selbst in
-einem solchen Haus gelebt hat und Zeuge gewesen ist, wie in einem Raum von
-»zwanzig bei zwanzig,« das heißt: »zwanzig Fuß lang und zwanzig breit,«
-zwei bis drei Familien mit einer unbestimmten Anzahl von Kindern im Stande
-sind zu wohnen, kochen und zu schlafen.
-
-Hennigs und Draper hingen sich nun, als sie das Innere des Hauses ein wenig
-geordnet hatten, ihre alten wollenen Jagddecken über, und eilten schnell
-hinaus, die Pferde der Jäger zuerst in einem gemeinsamen Trog zu füttern,
-und sie dann, da von einem Stall oder Schuppen auch keine Spur in der Nähe
-war, für die Nacht ihrem Schicksal zu überlassen.
-
-Der Sturm zog indeß herauf, und rauschte und tobte in den alten,
-weitgespreizten Wipfeln der mächtigen Bäume; von Süd und Westen kam er
-zusammen, und schleuderte seine gewitterschwangeren Hülfstruppen, die
-flüchtigen dunkeln Wolkenmassen, mit starken Fäusten gegen einander, daß
-sie sich, grollend und tobend, mit den zuckenden Gluthlanzen die weiten,
-giftgeschwollenen Bäuche durchstießen, und nun in tollen Schauern ihre
-Ströme auf die Erde hinabflutheten. Die Thiere des Waldes suchten ihre
-versteckten Lager, die Eule selbst barg sich in der sichern Höhlung,
-und verschob den Raub auf eine günstigere Zeit. Nur der Wolf, der immer
-gefräßige, zog mit seiner wilden Schaar lauernd und geräuschlos unter
-den niederkrachenden Aesten hin, schnuppernd dabei die Nase erhoben, den
-Schlupfwinkel irgend eines scheuen Wildes zu erspähen. Dann und wann aber,
-wenn ein lauterer Schlag, als gewöhnlich, den Wald durchdröhnte, und das
-Echo aus den fernen Bergen klagend und grollend antwortete, dann stellte
-sich wohl der Führer des Rudels, hob den langen, spitzen Kopf zu den
-jagenden, über ihn dahinstiebenden Wolken empor, und heulte seine klagende
-Weise hinein in den Aufruhr der Elemente, daß sich der unter das sichere
-Farmhaus gedrückte Hund unruhig hob, knurrend einen Augenblick den
-bekannten gehaßten Tönen lauschte und sich dann, mit halb unterdrücktem
-Bell wieder fester und wärmer zusammen rundete, als vorher.
-
-Die Männer im Innern der Hütte ließen aber den Sturm Sturm sein; das war
-ein alter Bekannter von ihnen, und das Niederprasseln einzelner Aeste, ja
-oft ganzer Stämme, das Heulen wilder Bestien und das Rasen der Windsbraut,
-sie hatten es schon wie oft gehört. Ein loderndes Feuer, ein warmes
-Abendessen und gute Gesellschaft ließ sie bald Alles vergessen, was um und
-über ihnen vorging.
-
-Hennigs war besonders ausgelassen lustig, und wenn auch Wallis und Pitt im
-Anfang nicht so recht mit einstimmen wollten in seine Fröhlichkeit, so riß
-sie der unverwüstliche Humor des jungen Mannes doch zuletzt ebenfalls mit
-fort. Massen von alten Jagdgeschichten und Anecdoten wurden erzählt, Scenen
-aus dem Revolutionskrieg wieder aufgefrischt, da Pitt behauptete, die
-Schlacht von New-Orleans mitgemacht und hinter den Baumwollenballen damals
-mit vorgeschossen zu haben, und es mochte zehn Uhr sein -- eine für
-den Backwoodsman ungemein späte Stunde -- als die Männer erst das Lager
-suchten, um sich für die Strapatzen des morgenden Tages zu stärken und
-kräftigen.
-
-Die Nacht ging es mit dem Lagerraum allerdings eng genug her, doch wußten
-die Jäger bald Rath; seine wollene Decke hatte ein Jeder mit. Einige
-derselben wurden deßhalb vor dem Feuer hingelegt, auf denen dann sämmtliche
-Gäste in langer Reihe Platz nahmen, und über diese wieder breitete nun ihr
-Wirth Alles, was er nur an breitbaren Gegenständen irgend vorräthig fand.
-Ein gutes Feuer ward dabei ebenfalls die Nacht über im Kamin unterhalten,
-und die Männer lagen -- wie es sich nur ein Jäger wünschen kann -- warm und
-trocken.
-
-Der nächste Morgen fand übrigens die Letztgekommenen am frühsten zum
-Aufbruch fertig; Wallis war schon draußen gewesen, um nach den Pferden
-zu sehen, als der anbrechende Tag kaum seine ersten bleichen Strahlen
-von Osten herauf sandte, und die Uebrigen fachten indessen das fast
-niedergebrannte Feuer wieder an, füllten den großen blechernen Kaffetopf
-mit Wasser, und bereiteten Alles zu einem äußerst frühen Aufbruch vor.
-
-Nur Hennigs, sonst immer der erste, zögerte an diesem Morgen; an den
-Kaminsims gelehnt, stand er, und starrte gedankenlos nach Mr. Pitt hinüber,
-der, noch der einzige Schlafende, in einer Ecke sein besonderes mit einem
-Unterbett versehenes Lager gefunden hatte.
-
-Hilbert und Wallis, deren Thiere indessen schon wieder gesattelt vor der
-Thüre standen, kamen jetzt herein, um das von den Frauen schnell bereitete
-Frühstück einzunehmen.
-
-»Nun, Hennigs,« sagte der Erste, als er seine am Feuer aufgehangenen
-Leggins[6] anzog und mit dem einen hart gewordenen eben wieder zur Thüre
-zurückschritt, ihn auszureiben, »Ihr seid ja heut' Morgen verdammt bequem,
-Euer armes Poney steht da draußen, kaut an den Aesten herum und scheint
-unmenschlichen Hunger zu haben.«
-
- [6]: Die ledernen gamaschenartigen Ueberzieher der Jäger.
-
-»Mein Poney?« sagte Hennigs halb verwundert, halb ungläubig, und hob den
-Blick zu ihm auf.
-
-»Nun ja, das dort drüben gehört doch Euch, wie? so eine kleine rauhhaarige
-Bestie giebt's ja weiter gar nicht am ganzen Missouri.«
-
-Hennigs war mit einem Satz neben ihm und blickte hinaus; wer aber
-beschriebe seine freudige Ueberraschung, als er dort, mitten zwischen
-Draper's Pferden, die durch das Unwetter heimgetrieben waren, sein eigenes,
-liebes, kleines Poney erkannte, an das er den ganzen Morgen mit einem recht
-wehmüthigen Gefühl gedacht, und jetzt schon viele, viele Meilen von da
-entfernt, todtmüde durch den anstrengenden Ritt eines Verzweifelten,
-vermuthet hatte.
-
-War denn Benjamin zu Fuße fort? so thöricht konnte er doch nicht gewesen
-sein.
-
-»Wie ist denn Pitt eigentlich hierher gekommen?« frug Hilbert in diesem
-Augenblick, und überzählte leise murmelnd die Pferde, die fast sämmtlich in
-verschiedenen Gruppen vor dem Hause standen.
-
-»Auf seinem Fuchs,« sagte Hennigs schnell, und blickte forschend nach dem
-eben genannten Thier umher.
-
-»Auf dem Goldfuchs?«
-
-»Ja; aber ich sehe ihn nicht.«
-
-»Der ist auch nicht hier!« meinte Hilbert, »am Haus wenigstens nicht; denn
-ich bin seit länger als einer Stunde auf, und fast die ganze Zeit draußen
-gewesen.«
-
-Mrs. Draper rief in diesem Augenblick zum Frühstück, und Mr. Pitt rutschte
-schnell unter den ihn bis jetzt noch immer verhüllenden Pferdedecken
-hervor, zog seinen Rock an und trat hinaus vor die Thüre, um dort in einem
-großen blechernen Waschbecken Gesicht und Hände zu baden. Die Jäger aber
-ließen sich indessen nicht besonders nöthigen, sie langten wacker zu,
-beendeten schnell ihr Mahl, und griffen dann, ohne weiteres Zögern,
-nach ihren Büchsen, die gestern aufgegebene Hetze -- eine nun allerdings
-hoffnungslose Arbeit -- wieder zu beginnen. Beim Essen schon hatten sie
-den Plan verabredet, wie sie jetzt am Besten des flüchtigen Negers habhaft
-würden, der ihnen, wie sie äußerten, nach solch furchtbarem Wetter und in
-dem Zustand, in welchem er sich befand, gar nicht mehr entgehen konnte. Wie
-Draper jetzt vernahm, so waren auch schon am Missouri selbst alle Farmer,
-die Boote im Fluß hatten, von der Flucht des Sclaven in Kenntniß gesetzt
-und bereit, ihn aufzufangen. Ihre Absicht, was mit dem Unglücklichen
-geschehen solle, wenn sie ihn ergriffen, äußerten sie ebenfalls unverholen:
-er hatte sich an einem Weißen vergriffen, und der Tod war dafür sein Loos.
-Der Friedensrichter stimmte ihnen auch darin vollkommen bei, und versprach
-sogar, den nöthigen Bericht darüber an den Gouverneur des Staates zu
-machen, um von dort her wenigstens einen Theil des Schadens für den
-Eigenthümer vergütet zu bekommen.
-
-Fünf Minuten später waren die Männer beritten; riefen noch Dank und
-Abschiedswort, von den Pferden herunter, ihren freundlichen Wirthen zu, und
-sprengten dann, Wallis und Hilbert ausgenommen, in zwei Abtheilungen rechts
-und links ab, dem Missouri zu, die beiden Letztgenannten aber bildeten,
-mit den besten Hunden der Gesellschaft, das Centrum dieser Kette, die also
-langsam und vorsichtig noch einmal den ganzen Wald durchsuchten, wo sie den
-Flüchtling vermuthen mußten, und auf diese Art hofften, ihn entweder aus
-seinem Lager auf-, oder doch den am Fluß hin postirten Helfern in die Hände
-zu treiben.
-
-Draper sah ihnen lächelnd nach und murmelte, als sie hinter den Büschen der
-Niederung verschwanden, leise vor sich hin:
-
-»Geht nur, geht, ihr wackeren Männer, hetzt eure Hunde und Pferde ab, um
-einen Menschen zu jagen; den aber, den ihr sucht, bringt ihr mir nicht mehr
-zurück. Hat er Glück, so kann er jetzt schon bald in Illinois sein, und Mr.
-Peter Rollins mag ihm dort durchhelfen.«
-
-Zu seinem keineswegs freudigen Erstaunen entdeckte übrigens Mr. Pitt, nach
-eingenommenem Frühstück die Abwesenheit seines Pferdes, die er sich gar
-nicht erklären konnte, da das Thier sonst noch nie in der Nacht den Trog
-verlassen hatte, an dem es gefüttert worden, und das Fortlaufen eines
-Pferdes in solchem Wetter doppelt unwahrscheinlich wurde, wo im Gegentheil
-alles zahme Vieh gern die Nähe menschlicher Wohnungen aufsucht. Hier half
-aber weiter kein Besinnen, und er mußte, wollte er die Betversammlung heute
-nicht versäumen, Mr. Draper's Vorschlag annehmen, der ihm eines seiner
-Pferde zum Gebrauch überließ und den Goldfuchs zu suchen versprach, sobald
-er selbst zurückkehren würde. Die beiden Männer ritten auch zusammen
-voraus, und nur Hennigs blieb bei den Damen zurück, um diese, die erst noch
-Manches zu ordnen wünschten, später zu begleiten.
-
-Kaum schlossen sich nun die Büsche hinter dem Friedensrichter und seinem
-Gefährten, als sich der junge Farmer, der ihr Fortreiten durch eine Spalte
-der Hütte beobachtete, mit triumphirendem Blick gegen die Matrone wandte.
-Die arme Frau hatte aber nur mit fürchterlichster Kraftanstrengung bis
-dahin, und so lange die Fremden zugegen gewesen, ihre äußere Unbefangenheit
-und Ruhe behaupten können, jetzt, da der Zwang aufhörte, ließen auch ihre
-Kräfte nach, und das Antlitz in den Händen bergend, sank sie zitternd auf
-einen Stuhl nieder und schluchzte laut.
-
-»Mutter!« riefen die beiden Mädchen, und sprangen an ihre Seite: »liebste,
-beste Mutter!«
-
-»Mrs. Draper!« bat Hennigs, »beruhigen Sie sich doch; schmerzt es Sie denn,
-daß Sie ein Menschenleben gerettet haben?«
-
-Die Matrone bedurfte einige Zeit, ehe sie sich wieder sammeln konnte;
-endlich blickte sie mit den thränenden Augen zu dem jungen Mann auf, und
-sagte leise:
-
-»Sie haben mich hart gestraft, Hennigs, ich werde gewiß in recht, recht
-langer Zeit nicht den gestrigen Abend vergessen, habe ich aber gefehlt,
-so mag mir Gott die Sünde vergeben, ich konnte nicht anders. -- Ach, unser
-Herz ist ja so schwach, und weiß wohl oft selbst nicht, wo es irrt und wo
-es recht handelt. -- Wie ist der arme Junge entkommen, und ist er überhaupt
-gerettet?«
-
-»Er hat Pitt's Pferd mitgenommen,« lachte Hennigs, »dem »Niggerfresser«
-kann das übrigens nichts schaden. Ben muß gestern Abend doch natürlich
-Alles mit angehört haben, was er über ihn und seine Race sagte, und da
-verdenk' ich's ihm gar nicht, daß er sich ein Bischen an ihm gerächt hat.«
-
-»O, das thut mir leid, das thut mir sehr leid,« seufzte die Matrone,
-»hätten Sie das nur verhindern können; ich würde ihm ja so gerne eins
-unserer besten Pferde überlassen haben.«
-
-Hennigs schwieg und sah vor sich nieder; jetzt nahm aber Lucy das Wort, und
-rief:
-
-»Er _hat's_ verhindern wollen, Mutter, er hatte ihm schon sein eigenes,
-einziges Poney gegeben, ich weiß es, aber die Ankunft der Fremden trieb den
-Flüchtling wieder zurück. Erst später, als Alle hier im Hause waren, muß
-der Negerknabe zurückgekommen sein noch einmal mit Lebensgefahr das Pferd
-seines Retters gegen das seines Feindes umzutauschen.«
-
-Hennigs reichte ihr die Hand hinüber und flüsterte:
-
-»Ich danke Ihnen für das freundliche Wort, Lucy: jener Neger scheint aber
-in der That Rücksicht auf mein Eigenthum genommen zu haben; er ließ selbst
-meinen Sattel zurück, den er durch darüber hingelegte Bretter vor dem
-nächtlichen Regen schützte, während er sich selbst mit der schlechtesten
-alten Satteldecke begnügte, die er in der Geschwindigkeit finden konnte.«
-
-»Wird er aber entkommen?« frug Sally ängstlich.
-
-»Den seh'n wir nicht wieder,« lachte der junge Farmer, »seine Verfolger
-glauben ihn nördlich, weil er auch zu Fuß und ohne Paß gar nicht anders
-hätte fliehen können, er ist aber jetzt in anderer, als der in der Zeitung
-beschriebenen, Kleidung, beritten und mit einem guten Paß östlich, gerade
-dem Mississippi zugeflohen. In St. Louis wird er sich übersetzen lassen,
-und einmal in Illinois, droht ihm, unter diesen Verhältnissen, keine Gefahr
-weiter. Der Goldfuchs ist ohnedem ein Prachtpferd, und muß ihn bald seinem
-Ziel entgegen tragen.«
-
-»Und Canada liefert ihn nicht wieder aus?«
-
-»Nein, wahrlich nicht; einmal dort, bringt ihn ganz Amerika nicht wieder in
-Banden; aber wollen wir nicht aufbrechen?«
-
-»Ach, Mr. Hennigs, werde ich dem Prediger so frei ins Auge sehen können?«
-sagte Mrs. Draper seufzend.
-
-»Frei und klar!« rief der junge Mann, »wie Sie Ihr Auge zu dem heute ebenso
-rein auf uns niederlächelnden Himmel heben können. Wir haben zwar Alle
-gegen die Gesetze des Staates, aber, wie ich es fest überzeugt bin, nicht
-gegen die Gesetze Gottes gehandelt, und die einzige Bedenklichkeit, die
-ich jetzt bei der ganzen Geschichte habe ist die, daß wir nicht entdeckt
-werden. Doch auch das hat keine Gefahr, und so wollen wir uns die schöne
-Zeit nicht selbst mit unnützer Sorge und Noth verderben. -- Ist denn Lucy
-jetzt mit mir zufrieden?« flüsterte er dann, und bog sich leise zu dem
-schönen Mädchen nieder.
-
-»Sie sind ein guter, guter Mensch!« sagte die Jungfrau, und reichte ihm
-erröthend die kleine Rechte.
-
- * * * * *
-
-Acht Wochen mochten etwa nach den oben beschriebenen Vorfällen entschwunden
-sein, der junge Hennigs hatte um Draper's ältestes Töchterlein angehalten,
-und dieses auch, da in dem schönen Lande der Freiheit die Herzen, die
-sich lieben, nicht erst eine hohe Polizei zu fragen brauchen, ob sie auch
-einander angehören dürfen, als sein braves Weib in die selbstgegründete
-Heimath geführt. Um aber nicht so weit entfernt von den Schwiegereltern zu
-wohnen, so waren die beiden Männer übereingekommen, das einmal von Draper
-durch seine erste Niederlassung in Beschlag genommene Land gemeinschaftlich
-anzubauen, und die schweren Aexte der wackeren Hinterwäldler hatten sich
-denn auch schon recht tief und erfolgreich in den stillen Frieden des
-Waldes hineingearbeitet.
-
-Mit Hülfe des Feuers, das die niedergeworfenen Riesenstämme verzehren
-mußte, dehnte sich ein recht stattliches Feld zwischen den beiden einander
-gegenüber stehenden Blockhütten aus, und von den Nachbarn angekauftes Vieh
-theilte der kleinen Farm jene eigenthümliche, gemüthliche Lebendigkeit mit,
-ohne die selbst die bedeutendste Niederlassung doch nur eine Einöde sein
-würde.
-
-Da hielt eines Sonntags Morgens, gerade als sich die kleine Familie um den
-reinlich gedeckten Tisch gesetzt hatte, auf dem saftiges Hirschfleisch,
-braun gebackenes Maisbrod und die dampfende Kaffekanne zum leckeren Mahl
-einluden, ein Reiter vor der Thüre der Hütte, und beide Männer sprangen
-gleich schnell und erstaunt von ihren Sitzen auf; denn kein Anderer war es,
-als Squire Pitt auf -- seinem Goldfuchs.
-
-Er wurde augenblicklich hereingenöthigt, und sollte nun schnell erzählen,
-wo er das Pferd wieder bekommen habe, das seit jenem stürmischen Abend
-nirgends wieder gesehen worden war; Pitt aber, der schon mehrere Stunden
-geritten sein und nicht unbedeutenden Hunger verspüren mochte, wollte sich
-auf keine Erläuterungen einlassen, ehe nicht das Tischtuch abgeräumt wäre;
-ein Stuhl ward ihm also rasch herbeigerückt, und unser Friedensrichter ließ
-dann auch der Kochkunst der jungen Frau alle nur mögliche Gerechtigkeit
-widerfahren. Dann erst, als das Geschirr beseitigt und der Tisch
-zurückgeschoben worden, löste sich seine Zunge, und halb in Entrüstung
-über die Frechheit des Erlebten, halb aber auch froh darüber, sein
-vortreffliches Pferd, und noch dazu in so gutem Zustande wieder erhalten
-zu haben, theilte er jetzt den ihm aufmerksam Zuhorchenden mit, auf welche
-wunderliche Art er wieder zu seinem Eigenthume gekommen sei.
-
-»Denken Sie nur, Ladies,« erzählte er, »gestern Abend sitze ich ruhig in
-meinem Zimmer und bin entsetzlich müde; denn ich hatte mich den ganzen Tag
-im Sattel herumgetrieben, da knurrt auf einmal mein kleiner Feist, der bei
-mir im Hause schläft, und ehe ich nur aufstehen kann, tritt auch schon, wer
-anders als der Postmeister vom nächsten Städtchen drüben, zu mir herein.
-Erst glaubte ich, er käme aus der westlichen Ansiedelung und wollte zu
-Hause reiten; aber Gott bewahre, er sagte, er brächte mir etwas, faßt mich
-beim Arm, führt mich vor die Thür und zeigt mir -- meinen eigenen Fuchs,
-der leibhaftig vor mir steht und mich anwiehert. Ladies, es ist zwar nur
-ein Vieh, aber ich fiel ihm vor lauter Freuden um den Hals und wollte
-eben anfangen zu fragen, wem in aller Welt ich das Wiedererlangen meines
-Eigenthums verdanke, als er mir einen Brief übergab und mir sagte, ein
-Mulatte hätte das Pferd da nach St. Louis gebracht, dort sich nach unserm
-Postoffice erkundigt und dann einen Boten gemiethet, der Beides -- Pferd
-und Brief -- in unsere Ansiedelung brachte. Das war nun schon an und für
-sich merkwürdig, das Merkwürdigste aber ist der Brief.«
-
-»Von wem?« riefen Alle zugleich.
-
-»Ja, das rathen Sie einmal!« sagte der Kleine, indem er beide Arme vor
-sich auf die Stuhllehne stemmte und ein verzweifelt geheimnißvolles Gesicht
-machte; »aber geben Sie sich nur keine Mühe, Sie rathen es im Leben nicht,
-denken Sie nur, von Ben, dem von Wallis entflohenen Nigger.«
-
-»Konnte denn der schreiben?« frug Draper ungläubig.
-
-»Nein, das konnte er allerdings nicht,« sagte der Friedensrichter, »er
-hat auch nur sein Zeichen, eine Art Kreuz, darunter gemacht, das ist aber
-einerlei, ein anderer Nigger hat's für ihn, von Canada aus, geschrieben.«
-
-»Von Canada aus?«
-
-»Ja, von Canada; die Bestie ist glücklich, Gott nur weiß freilich auf
-welche Art, nach Canada entkommen; das ist aber ein neuer Beweis, wie
-wir den Engländern so bald als möglich ein Land abnehmen müssen, das uns
-erstlich, nach der ganzen Natur der Sache, angehört, und durch das die
-Bürger der Vereinigten Staaten schon so unendlichen Schaden erlitten
-haben.«
-
-»Aber was steht in dem Brief?« frug Sally neugierig.
-
-»Der ist »kurz und süß,« wie die Yankees sagen,« brummte der
-Friedensrichter, »noch dazu von einem verwünschten Nigger selbst
-geschrieben, der sich einen »freien canadiensischen Bürger« nennt und mich
--- wenn ich die Canaille nur hier hätte! -- herzlich grüßen läßt.«
-
-»Nun, das ist doch freundschaftlich,« lachte Hennigs.
-
-»Freundschaftlich? der schwarze Lump nennt mich sogar sein »liebstes,
-bestes Pittchen« und bittet mich, ich möchte ihn, wenn ich einmal nach
-Toronto käme, doch auf jeden Fall besuchen.«
-
-»Aber Ben? was schreibt Ihnen denn Ben, bester Mr. Pitt!« bat Sally.
-
-»Ih nun, daß er an dem Abend meinem Pferd im Walde begegnet und überzeugt
-gewesen sei, ich würde mir ein Vergnügen daraus machen, es ihm auf wenige
-Wochen zu überlassen, -- der Schuft! -- er kenne mein gutes Herz, sagt er,
-und wünsche mir nur die Verwirklichung des Segens, den die Neger meiner
-Nachbarschaft schon seit Jahren auf mich herabgefleht hätten; als ob ich
-nicht wüßte, daß mich die schwarzen Hallunken alle wie die Pest hassen.«
-
-»Und das Pferd?«
-
-»Hat er, Gott weiß durch welche Gelegenheit, nach St. Louis gesandt;
-es wundert mich übrigens doch, daß ein Nigger ein gestohlenes Pferd
-zurückschickt.«
-
-»Und sollte es unter den Negern nicht auch brave, ehrliche Leute geben?«
-frug Mrs. Draper vorwurfsvoll.
-
-»Hm, ja, Madame, mögen da nicht ganz unrecht haben,« sagte der kleine
-Friedensrichter und machte sich fertig, nach Hause zurückzukehren: »das
-eine Beispiel spricht wenigstens dafür; doch, ich weiß nicht, es ärgert
-mich auch wieder, daß uns der schwarze Schuft so zum Narren gehabt hat.
-Nun, ich will jetzt einmal zu Wallis hinüber und den von der glücklichen
-Flucht seines Sclaven in Kenntniß setzen. Wird sich auch unmenschlich
-darüber freuen, ist ein reiner Verlust für ihn von achthundert Dollar.«
-
-Der kleine Friedensrichter bestieg seinen schönen Goldfuchs, den er von
-diesem Augenblick an Ben nannte, und ritt zum »Squire Wallis« ins nächste
-County, -- den aber sollte er nicht mehr unter den Lebenden antreffen.
-Ein von ihm mißhandelter Mulatte hatte in Rache und Wuth eine Spitzhacke
-ergriffen und diese seinem Master in die Schulter gehauen; eine Stunde
-später war er todt. Der Mulatte floh nun zwar nach der That dem Missouri
-zu und wollte diesen durchschwimmen, konnte aber der reißenden Strömung
-desselben nicht widerstehen, und sank in demselben Augenblick unter, als
-seine Verfolger das Ufer erreicht hatten und eben noch sahen, wie sich die
-Fluth über ihm schloß.
-
-Das Alles schien übrigens einen höchst wohlthätigen Einfluß auf den Richter
-Pitt ausgeübt zu haben, er behandelte von da an seine Neger viel besser und
-freundlicher, und es soll in neuerer Zeit keinem mehr eingefallen sein, ihn
-den »Negerfresser« zu nennen.
-
-
-
-
-Der Freischütz.
-
-Scene aus dem Dresdner Leben.
-
-
- _Heute, Montag den 26. Februar in Kurfürstens Hof »der Freischütz.«
- Schauspiel mit Chören, in vier Aufzügen. Um gütigen Besuch bittet_
-
- #Johann Magnus#.
-
-»Wo ist denn »Kurfürstens Hof?« frug ein junger Mann in schwarzer
-Sammtmütze und blauer Pekesche den vorbeistürmenden Kellner, als er eben
-den oben angeführten Satz seinem, mit ihm an ein und demselben Tisch
-sitzenden Freunde vorgelesen hatte.
-
-»Elbberg,« rief der Schooßlose und drängte sich, die ganze Hand voll
-Bierkrüge, wobei er an jedem Finger wenigstens drei zu tragen schien, durch
-ein eben eintretendes Rudel neuer Gäste, die früher erhaltenen Aufträge zu
-erfüllen. Weitere Aufklärung war augenscheinlich von diesem hochfrisirten
-Ganymed nicht mehr zu erlangen; vom nächsten Tisch aber bog sich sehr
-artig ein alter Herr in schneeweißen Haaren und grüner Brille herüber und
-erwiederte auf die, wenn auch nicht an ihn gerichtete Frage:
-
-»Unten, nicht weit von der Elbe, auf dem sogenannten Elbberg, dort kann
-Ihnen jedes Kind das verlangte Haus zeigen.«
-
-Der junge Mann dankte und wandte sich wieder an seinen Gefährten, der
-indessen ebenfalls das Blatt genommen und die kurze Anzeige gelesen hatte.
-
-»Da müssen wir auf jeden Fall hin, Osfeld; es wird auch die höchste Zeit
-sein, denn es hat schon acht geschlagen.«
-
-»Wir kommen noch früh genug,« meinte Osfeld, »ich bin schon mehrere Male
-bei Magnus gewesen; er beginnt selten vor halb neun Uhr.«
-
-»Und wie ist's mit der Toilette? wird da nicht ein alter Rock und eine
-etwas vom Wetter mitgenommene Mütze nothwendig sein? -- ich bekomme nicht
-gern Schläge.«
-
-»Unsinn,« lachte Osfeld -- »so schlimm ist's nicht, wir finden dort ganz
-nette Leute; höchstens werden die, welche bei ernsthaften Scenen zu viel
-lachen, oder sich sonst unnütz machen, hinausbefördert.«
-
-»Also ein einfaches Ausweisungsprincip für mißliebige Personen,« sagte der
-Erste, den wir Wehrig nennen wollen -- »dagegen läßt sich Nichts thun, denn
-das ist ein Erbfehler, dem wir armen Menschenkinder nun einmal unterworfen
-sind; schon Adam mußte sich das gefallen lassen.«
-
-»Das soll aber auch mit Adam noch eine ganz andere Bewandtniß gehabt
-haben,« meinte Osfeld, während er seinen Hut vom Nagel nahm und den Rock
-zuknöpfte. »Adam hat, wie sich jetzt ziemlich deutlich herausstellt, auch
-wissen wollen, _weßhalb_ er nicht von dem Baume der Erkenntniß essen
-solle, und eine solche Neugierde läßt sich ja bei uns nicht einmal ein
-Bürgermeister gefallen. Hier ist übrigens keine Gefahr -- ich kenne die
-Leute recht gut.«
-
-»Dann weißt Du also auch wo Kurfürstens Hof ist?«
-
-»Nein, das nicht; Magnus spielt jeden Abend der Woche in einem anderen
-Wirthshaus, und Garderobe wie Scenerie wird auf einem kleinen Handkarren
-von Ort zu Ort mitgeführt. Er bekommt dadurch stets ein frisches Publicum,
-und kann nun ein und dasselbe Stück sechs bis siebenmal hinter einander
-aufführen; die Schauspieler lernen dann auch gegen Ende der Woche ihre
-Rollen ausgezeichnet.«
-
-»Wie aber macht er es mit der Maschinerie, den Versenkungen etc.?«
-
-»Oh, die letzteren besonders sind sehr einfach. Steht der Geist oder
-Zauberer, der versinken soll, aufrecht auf der Bühne, so wird die Täuschung
-dadurch erzweckt, daß er sich schnell bückt und man ihm zu gleicher Zeit
-aus der nächsten Coulisse heraus ein dunkles Tuch überwirft -- stürzt er
-aber vorher, und soll er als Leiche verschwinden, so muß er nur mit den
-Füßen dicht an oder hinter eine Coulisse zu liegen kommen, dann entzieht
-ihn ein kräftiger Ruck dem Gesichtskreis der Zuschauer, was auch, da die
-Garderobe für jeden Abend _geborgt_ wird, mit keinem Nachtheil für den
-Director selbst verbunden ist.«
-
-»Also gar keine Maschinerie -- o weh Wolfsschlucht; doch was thut's, auf
-jeden Fall sehen wir's uns an.« Und die Freunde traten hinaus in die
-kalte Nachtluft, die ihnen den gefrornen Thau in feinen scharfen Flocken
-entgegenschleuderte.
-
-Die Promenade war menschenleer und keine Seele begegnete ihnen durch die
-ganze kegelbahnartig angelegte Allee bis zur Amalienstraße und von da hinab
-bis zum nahen Ufer der Elbe, so daß die späten Wanderer (es hatte eben halb
-neun geschlagen) schon in eine noch erleuchtete Materialhandlung eintreten
-wollten, um sich dort nach dem Ziel ihres Marsches, dem Schauplatz der
-heutigen Aufführung zu erkundigen, als ein altes Mütterchen, mit einer
-grünen Glasflasche in der einen, und einem eingewickelten Häring in der
-andern Hand, aus derselben Thüre kam, und an ihnen vorbei, die Straße
-hinaufgehen wollte.
-
-»Möchten Sie wohl die Güte haben, uns zu sagen wo hier _Kurfürstens Hof_
-ist?« redete sie jetzt Osfeld ganz artig an.
-
-Die Alte blieb stehen, sah sich den Fragenden von oben bis unten sehr genau
-an, warf dann den Kopf zurück und rief mit scharfen gellenden Tönen: »Na ja
--- _Ihr_ wärdt' wohl Kurfirschtens nich wissen« -- und setzte murrend ihren
-Weg fort.
-
-Osfeld und Wehrig lachten laut auf, jene aber, dadurch noch mehr in dem
-Wahn bestärkt, daß man sie hatte wollen zum Besten haben, wandte sich um,
-schimpfte und -- sie war ja eine Deutsche -- drohte mit der Polizei.
-
-Mehrere Fischerleute kamen jetzt die Straße herauf und verschwanden in
-einer nicht mehr weit entfernten Thür, aus welcher, als sie geöffnet wurde,
-ein heller Strahl auf das Pflaster fiel. Nicht mit Unrecht schlossen die
-beiden Freunde, daß dies vielleicht der berühmte Platz wäre, den _nicht_ zu
-kennen hier für unmöglich, oder doch wenigstens unwahrscheinlich gehalten
-wurde, und siehe da, sie hatten sich nicht getäuscht. Eine schmale
-Treppe führte zu dem Saal hinauf, an dessen Thüre, mit etwas Mehlkleister
-befestigt, ein Theaterzettel im Manuscripte hing, neben welchem eine
-kurzgebaute, etwas breithüftige Frau saß, die sich vor einem kleinen
-Tischchen, das außer dem dünnen Talglicht und der kleinen blechernen Büchse
-auch noch zwei Pakete sehr abgegriffener Billete trug, als »der Kassirer«
-auswies.
-
-War es nun eine, in dem bewegten Theaterleben erlangte Menschenkenntniß
-oder blos das Auftreten zweier anständigen Tuchröcke, kurz die Frau griff
-fast instinktartig nach den Billeten für den »_ersten Blatz_« und um 2½
-Neugroschen =à= Person, traten sie schweigend ein in Thalias Tempel.
-
-Ein großer Saal, von dem die Bühne etwa ein Drittheil einnehmen mochte,
-enthielt das Theater, und ein ziemlich viereckiger Vorhang mit gar
-wundersamer Malerei, verhüllte die Mitte, während zwei schmale Streifen
-Wald (die Bäume horizontal ausgespannt, um den leeren Zwischenraum
-vollkommen zu verdecken) die Zuschauer von einem Versuch zurückschrecken
-sollten, das Innere des Heiligthums zu erforschen. Nichts destoweniger
-hatte sich ein »Stück jungen Deutschlands« an die dortige Wand gedrängt,
-und dem kühnen Forschergeist der hoffnungsvollen Jugend gelang es auch
-wirklich, dann und wann einen flüchtigen Blick auf ein geschminktes Antlitz
-oder einen gewaltigen Federbusch werfen zu können, was dann augenblicklich
-durch ein freundliches telegraphenartiges Grinsen den Kameraden mitgetheilt
-wurde.
-
-Vor dem Vorhang staken, auf schwarzen Blechprofitchen, fünf schwindsüchtige
-Talglichter, und zwischen diesen und den, in doppelter Reihe aufgestellten
-Rohrstühlen des »ersten Blatzes« lagerte, in malerischer Unordnung, die
-frohe, jubelnde Schaar der Schulkinder, beiderlei Geschlechts, die hier --
-für einen Sechser Entrée und der übernommenen Pflicht, das Ausblasen und
-Wiederanstecken der Lichter zu besorgen, je nachdem es dunkel oder hell
-werden mußte -- theils lachend und schreiend, theils sehnsüchtig und mit
-einem gewissen ehrfurchtsvollen Schauer, den Anfang des Stückes erwarteten.
-
-Die Zuschauer hatten sich ungewöhnlich zahlreich versammelt, und selbst
-die Gallerie (ein aus mehreren mit Brettern überlegtes Gestell von
-nebeneinandergesetzten sogenannten Böcken bestehend,) war so besetzt, daß
-Einzelne, die durch beharrliches Ausdauern die erste Reihe gewonnen hatten,
-von ihrem, etwa zwei Fuß hohen und etwas gefährlichen Stand, herunter
-gedrängt wurden, und nun, unter dem Hohnlachen der jedes Mitgefühls
-unfähigen Menge, ein anderweitiges Unterkommen suchen mußten, um auf den
-Zehen und mit vergebens ausgestreckten Hälsen die Aufführung zu genießen.
-
-Nur mit großer Mühe und zu noch größerer Unbequemlichkeit der schon
-Sitzenden, wurde, durch Zusammenrücken, den Letztgekommenen Platz gemacht.
-Diese dann, der vordersten Stuhlreihe einverleibt, sahen sich plötzlich
-inmitten der festzusammengekeilten Menge, wobei ihnen jedoch, während
-ihre Kniee der vor ihnen lagernden »lieben Jugend« zu eben so vielen
-Rückenkissen dienten, vollkommene Zeit blieb, die verschiedenen Gruppen der
-übrigen Zuschauer genau zu betrachten.
-
-Die arbeitende Klasse war am stärksten vertreten, und hübsche
-Dienstmädchen, wie kräftige Handwerker und Fischer, füllten fast den ganzen
-Raum aus; auf den »Sperrsitzen« saßen aber auch eine ziemliche Anzahl
-»nobel gekleideter« Gäste, und unter den letzteren fielen besonders zwei
-wohlfrisirte und beglacéehandschuhte Jünglinge -- augenscheinlich aus
-einer der ersten Materialwaarenhandlungen der Residenz -- in die
-Augen, wenigstens hafteten die Blicke der Jugend, so lange noch deren
-Aufmerksamkeit nicht der Bühne zugelenkt wurde, fast ausschließlich auf
-ihnen, wie sie, nachlässig auf ihren Stühlen zurückgelehnt, mit sehr
-schwarzen Hüten, peinlich blauen Halstüchern, großen Ringen an den rothen
-Fingern und mächtigen goldenen Halsketten, allerdings etwas auffallend
-gegen ihre einfache Umgebung abstachen. Neben diese, nur eine Reihe weiter
-vor, kamen die beiden Freunde zu sitzen, und hörten, wie der ihnen Nächste
-zu dem Anderen sagte, während er das kleine schwanke spanische Rohr mit dem
-maigrünen Glacéehandschuh an die Lippen hob:
-
-»Eugene -- die Sache fängt an unangenehm zu werden -- es ist hier eine
-abominable Atmosphäre.«
-
-»Auf Ehre,« erwiederte ihm, als wirkliches Spiegelbild, Eugene -- »ich
-wollte wir wären in's Café gegangen; es sind doch hier gar zu viele« --
-er beendete die Rede flüsternd, da er wahrscheinlich von den hinter ihm
-Befindlichen mißverstanden zu werden fürchtete.
-
-Das übrige, größere Publicum theilte übrigens, wenn gleich aus einem
-anderen Grunde, ihre Ungeduld, es ging nämlich stark auf neun, und trotzdem
-wurden immer noch keine Anstalten sichtbar, daß die Vorstellung wirklich
-beginnen sollte. Man trommelte, tobte und schrie also so lange, bis sich
-Herr Magnus endlich genöthigt sah vorzutreten, um den Lärmenden anzuzeigen,
-daß »die -- Garderobe noch fehle, in wenigen Minuten aber auf jeden Fall
-erscheinen müsse.«
-
-»Ich habe keenen Hausschlüssel mit!« schrie eine sehr feine Stimme aus der
-Mitte des Publicums heraus.
-
-»Ich ooch niche!« erwiederte eine andere, vom entgegengesetzten Ende des
-Saales -- »und bei mir machen se punkt zehne die Bude zu.«
-
-»Sie können ja immer anfangen,« schlug ein Bäckergesell vor -- »wenn de
-Garderobe nachen kimmt, werfen Sie die paar Lumpen schnell iber.«
-
-Noch mehrere solche gutgemeinte Rathschläge wurden laut, und der Director
-war eben wieder achselzuckend und seitwärts in den linken Baumwipfel
-verschwunden, als der rettende Engel, in Gestalt eines vierschrötigen
-Hausknechts, erschien, der in einem mächtigen Tragkorb die so heiß
-ersehnten Costüme herbeischaffte. _Mit_ der Garderobe kam denn auch ein
-regeres Leben _in_ die Garderobe, und kaum eine Viertelstunde später tönte
-die helle Klingel -- Alles schwieg und -- auf rollte der Vorhang.
-
-Krach!
-
-»Ach Herr Jeses!« schrieen eine Menge Frauenstimmen, als der Schuß --
-so fast mitten unter ihnen -- fiel; bald war aber jeder etwa empfundene
-Schreck über das imposante Schauspiel vergessen, das sich jetzt, im eng
-zusammengedrängten Raum ihren Blicken bot.
-
-Rechts am Tische saß Max, in grüner Jagdkleidung, der Scheibenkönig,
-dem zwei[7] Bauern in langer Reihe folgten, trat auf, und verhöhnte den
-unglücklich gewesenen Jäger.
-
- [7]: Auf Magnus Theater dürfen, wie bei jener Kaffeegesellschaft, nur
- immer viere auf einmal reden -- d. h. es ist ihm untersagt, mehr als
- vier Personen zu gleicher Zeit auf die Bühne zu bringen.
-
-Die Scenerie war _Wald_ -- und zwar der Hintergrund aus hellbraunen
-in ungeheuerer Perspective immer kürzer und kürzer werdenden Stämmen
-bestehend, die jedoch, wunderbarer Weise, ihre natürliche Dicke
-beizubehalten schienen. Rechts befanden sich ebenfalls zwei Waldcoulissen,
-links aber und ganz vorn, stand ein vierstöckiges, wunderbar gelbes Haus,
-an welchem wiederum ein in der dritten Etage ausgeschobenes -- zwei Etagen
-langes Schild mit einem halbgefüllten Bierglas darauf, verkündete, daß
-diese Waldwohnung ein Wirthshaus sei.
-
-Die nächsten Scenen gingen ziemlich ruhig und ohne irgend etwas
-Auffallendes vorüber -- Max schlug sich mit zwei Bauern herum, der
-Erbförster kam dazu, erzählte seine alte Geschichte, und wurde, als auch
-er die Scene verließ, von Caspar ersetzt, der jetzt, ohne die mindeste
-vorherige Warnung, sein Trinklied: »Hier im ird'schen Jammerthal«
-allerdings mit dem Originaltext, aber auch wirklich nach Original-Melodie,
-anstimmte; dann schüttete er dem Max ein Viertel Pfund gestoßenen Zucker in
-den Wein, während dieser am Tische saß, übrigens -- seiner Rolle getreu, da
-er das nicht sehen durfte, -- den Kopf wegwandte, und nun kam die Scene, wo
-der junge Schütze den Adler »aus hoher Luft« schießen sollte.
-
-Eine wunderbare Veränderung war aber indessen, und zwar mit Zauberschnelle,
-im Gemüthe des Max vorgegangen. Das Textbuch sagt nämlich:
-
-»man merkt ihm von jetzt eine gewisse Heftigkeit an, einem leichten aber
-bösen Rausche gleich.«
-
-Nachdem er also, auf Caspars Veranlassung, den Fürst hatte leben lassen,
-fing er plötzlich an zu taumeln, und zwar so stark, daß er sich fortwährend
-an der einen Tischecke festhalten mußte.
-
-Jetzt reichte ihm Caspar die Büchse, und Max frug mit schwerer, lallender
-Zunge und halbgeschlossenen Augen:
-
-»Was soll ich damit machen?«
-
-Auf Caspars in die Höhedeuten, entdeckte er nun wirklich, wie er sagte, den
-Adler, hob, fortwährend dabei beschäftigt sich im Gleichgewicht zu halten,
-die Büchse an den Backen und -- drückte ab.
-
-»Klapp!« -- das Zündhütchen versagte -- das Gewehr ging nicht los.
-
-»Probier es noch einmal!« sagte Caspar mit merkwürdiger Geistesgegenwart.
-Max setzte auch ein neues Zündhütchen auf, leider aber mit nicht besserem
-Erfolg. Das Publicum war dabei so indiscret und lachte, als ob einem Jäger
-das Gewehr nicht manchmal versagte. Caspar jedoch, im Charakter seiner
-Rolle überhaupt ärgerlich -- setzte ein drittes mit eigener Hand auf, und
-rief nun, als auch dieses kraft- und erfolglos blieb, mit unterdrückter,
-aber trotzdem sehr deutlicher Stimme in die Coulisse hinein:
-
-»Werft ihn hinaus!«
-
--- Niemand folgte dem Befehl --
-
-»Werft ihn hinaus!« schrie er jetzt lauter und vernehmlicher.
-
-»Wen?« frug die dünne Stimme aus dem Publicum.
-
-Das Räthsel wurde jedoch gleich darauf gelöst, denn aus der Coulisse
-stieg, sich etwas über den quervorgespannten Leinwandstreifen erhebend, ein
-dunkler Gegenstand empor -- klappte oben an die Decke, und schlug dann, mit
-schwerem Fall, vor dem entsetzten Max nieder. Leider war aber der Adler den
-vorn brennenden Lichtern ein klein wenig zu nahe gekommen, denn die Kinder
-vorne jubelten jetzt, halb in Freude, halb in Ueberraschung:
-
-»Herr Jeses -- enne dote Hinne -- enne dote Hinne!« (Huhn.)
-
-»Hören Sie einmal -- wenn Sie Nichts dagegen haben, so wär es mir lieb,
-Sie nähmen Ihren Hut ein wenig ab,« sagte in diesem Augenblick ein
-breitschulteriger, rothbäckiger Fischer, der dicht hinter einem der
-vorerwähnten Jünglinge stand; »ich habe bis jetzt nur den Vogel und Ihren
-Deckel gesehen.«
-
-Seine Anrede wurde übrigens nicht gehört, oder nicht beachtet, denn mit
-einem verächtlichen Emporwerfen der Oberlippe sog der, dem die freundliche
-Ermahnung galt, nur um so eifriger an den elfenbeinernen Stockknopf, und
-der Fischer, der wahrscheinlich nicht beabsichtigte sich den angenehmen
-Abend durch Zank und Aerger zu verderben, arbeitete vor allen Dingen seine
-beiden breiten Hände aus den Taschen der weiten Beinkleider heraus, und
-begann nun, wobei er jedoch ziemlich hoch hinaufreichen mußte, mit den
-Fingern eine noch nicht componirte Melodie auf dem Deckel des ihm die
-Aussicht versperrenden schwarzen Seidenhutes zu trommeln.
-
-Die Trommel wandte sich sogleich darauf sehr indignirt um, und ein paar Tod
-und Verderben sprühende Augen blitzten darunter hervor; der Fischer aber
-blieb, die Hände wie zu einer Pause erhoben, ruhig stehen, nickte
-nur freundlich grinsend dem Entrüsteten zu, und fuhr, als jener sein
-zorngeröthetes Antlitz wieder der Bühne zukehrte, höchst gemüthlich in
-dem kurzabgebrochenen zweiten Theil des Liedes fort, so daß sich der junge
-Dresdner endlich genöthigt sah den Hut aufs Knie zu nehmen.
-
-Der erste Akt nahte so, ohne weitere Unterbrechung, seinem Ende, nur
-flogen, als Caspar dem Max das Huhn unter die Augen hielt, und ihn frug,
-ob er glaube, »daß ihm dieser Adler geschenkt sei« -- einige halbe Bretzeln
-auf die Bühne, was einige der vorn gelagerten Knaben zu einem tollkühnen
-Einfall in das Herz des Heiligthums bewog. Aennchen aber, die mit einer
-Klemmbrille auf der Nase und dem Soufflirbuch in der Hand hinter der
-Coulisse stand, trieb die Eindringlinge mit drohender Geberde schnell
-zurück, konnte jedoch nicht verhindern, daß diese ihre Beute erst in
-Sicherheit brachten, und auch noch, bei dem etwas übereilten Rückzug, ein
-Talglicht mitnahmen, was indessen keine störenden Folgen weiter hatte,
-da andere Knaben theils das umgestoßene Licht schnell wieder befestigten,
-theils das sitzengebliebene Talg von den »Unaussprechlichen« des Frevlers
-abkratzten.
-
-Max aber lehnte -- alles Andere nicht beachtend, in tiefen Trübsinn
-versenkt, mit der Schulter an der vierten Etage des Wirthshauses, und
-schaute sinnend vor sich nieder, bis er endlich mit dem Stichwort zu
-Caspars großer Arie -- die dieser freilich als zur Oper nicht unumgänglich
-nöthig, wegließ -- abtaumelte, und der Vorhang fiel.
-
-Rauschender Applaus folgte dem Aktschluß; dann aber, nachdem der
-Höflichkeit Genüge geleistet, wurden einige sehr unzufriedene Stimmen laut,
-und verlangten _Chor_ -- es stünde _Chor_ auf dem Zettel und sie wünschten
-deshalb auch _Chor_. Durch sich selbst genährt wuchs der Tumult, und der
-Director, der erst mit der Klingel den Lärm beschworen hatte, trat, diese
-noch immer in der Hand, vor, und erklärte nun feierlichst, daß der Chor
-allerdings gesungen würde, nur müßten sie ein klein wenig Geduld haben,
-da jetzt erst die Wolfsschlucht käme, und diese allerdings _keinen_ Chor
-vertrüge.
-
-Stürmischer Applaus zeigte, wie einverstanden das Publicum mit der
-Direction sei, und die Masse drängte sich jetzt dem »Büffet« zu, wo
-verschiedenfarbige Liqueure, Lagerbier, Kaffee, Grog, Kuchen und Würste
-nebst diesen verbrüderten Semmeln in reicher Auswahl zu haben waren.
-
-Unsere beiden Freunde hatten, dem Beispiel der Uebrigen folgend, ihre Sitze
-ebenfalls verlassen, als auf einmal ein ganz eigenthümliches Gedränge --
-ein förmliches Wogen der Masse entstand, ohne daß irgend ein bestimmter
-Zweck dieser plötzlichen, nach einem Punkt hin gerichteten Bewegung,
-deutlich wurde; nur zur Thür strömte die Menge. Da erkannten sie
-plötzlich in deren Mitte -- unglückliche Leidensgefährten -- die beiden,
-blaubehalstuchten Jünglinge, die heftig gegen den, sie weiter und weiter
-vorwärts drängenden Volksknäuel anzuprotestiren schienen. Wohin sie
-jedoch auch zornig und wüthend blickten, begegneten ihnen nur freundlich
-zunickende Gesichter, ein ungeheurer Humor hatte die Menschenwoge erfaßt,
-und die zwei »Mißbeliebten« -- mit denen nur die, sich dicht um sie
-her Befindenden vollkommen einverstanden schienen -- wurden trotz alles
-Sträubens und Fluchens, fortwährend aber in der herzlichsten Art von der
-Welt, ja von einem Theil des weiblichen Publicums sogar mit zugeworfenen
-Kußhänden -- förmlich _hinausgefluthet_.
-
-Osfeld, seiner Versicherung nach mit dem Director bekannt, versprach jetzt
-dem Freund, ihn bei jenem einzuführen, und zog ihn, nachdem er ohne weitere
-Umstände den einen quergezogenen Waldvorhang bei Seite geschoben hatte, in
-das Innere des Heiligthums.
-
-Dort sah es bunt aus; das Theater nahm fast die ganze Breite des Raumes
-ein, und nur ganz schmale, an den Seiten hinlaufende Gänge ließen
-ebenfalls kaum so viel Zwischenplatz übrig, daß die Abgehenden vollkommen
-verschwinden konnten; nichts destoweniger hatten die Schauspieler
-durch jahrelange Uebung eine gewisse Fertigkeit erlangt, durch rasche
-Seitenbewegungen bei jedem Abgang schnell die Coulisse zwischen sich und
-das Publicum zu bringen, das dann seine Vorstellung von dem, hinter und
-neben der Bühne befindlichen Raum, ins Unendliche ausdehnen konnte.
-
-Die jungen Leute schritten jetzt quer über die »Breter, die die Welt
-bedeuten« hin, und zwar zu dem, mit einer grünen Decke verhangenen
-Garderobenzimmer. Dort traten sie ein und fanden sich hier plötzlich in der
-wunderlichsten buntesten Gesellschaft, die sich nur möglicher Weise und der
-wirklich regsamsten Einbildungskraft, denken ließ.
-
-Rings an den Wänden standen kleine Tischchen, mit traurig flackernden
-Talglichtern, die dem ganzen Raum nur eben genug Helle gaben, um sein
-düsteres Aussehen recht deutlich hervorzuheben. Kleine Kasten mit
-zerbrochenen Stücken Spiegelglas, Schminktöpfe, Schminkpapier und
-Baumwolle, angebrannte Korkstöpsel, Flitterband, zerdrückte Blumenbouquets
-und farbige Glasperlenschnüre lagen überall umher, und Agathe und Aennchen
-waren eben noch beschäftigt, ihren Wangen die zu Braut und Brautjungfer
-nöthige Frische zu verleihen.
-
-Osfeld wurde von Allen als Bekannter begrüßt, und hatte keine Schwierigkeit
-seinen Freund ebenfalls da einzuführen; gerade jetzt drängte jedoch die
-Zeit zu sehr, als daß sich Einer der Beschäftigten hätte mehr als in
-kurzer Anrede mit ihnen einlassen können; sie bekamen deßhalb auch um
-so ungestörtere Gelegenheit, sich in dem kleinen Raum vollkommen gut
-orientiren zu können.
-
-Eine besonders interessante Gruppe bildete hier der Erbförster Kuno und
-Samiel, von denen der Erstere dem Letzten eben, mittels eines angebrannten
-Korkstöpsels, die Nase schwarz färbte, damit diese, wie er auf Osfelds
-Frage erklärte, dem Gesicht das Aussehen eines Todtenkopfes gäbe.
-
-»Denn sehn Sie,« nahm hier Samiel, sie als ein höchst artiger Teufel
-begrüßend, das Wort, »wenn de Nase schwarz is, so sieht man se nich vom
-Bublikum aus, und dann kriegt das Gesicht was Schreckliches!«
-
-In dem Augenblick klingelte es, und der Vorhang ging wieder auf; die
-beiden Freunde blieben daher, um während der Aufführung keine Störung zu
-verursachen, hinter der Scene, und unterhielten sich indessen mit Herrn
-Magnus, der eben beschäftigt war, ein ziemlich umfangreiches wahrscheinlich
-eben gestimmtes Hackebret wieder in seinen Kasten hineinzulegen, da sie
-ihm, wie er äußerte, während der Wolfsschlucht »hineindämmern« könnten.
-
-Agathe sowohl wie Aennchen schienen aber ungemein wenig von ihren Rollen zu
-können, und der Director glaubte den Gästen darüber eine Erklärung schuldig
-zu sein.
-
-»Sehen Sie,« sagte er, »die _neuen_ Stücke, die geben wir gewöhnlich hier
-immer erst einmal am Montag bei Kurfirschtens, und die betrachten wir
-gewissermaßen als Generalprobe; kommen wir nachher am Mittwoch in's
-Weinlaub oder gar am Sonnabend in die schwarze Gasse -- dann geht's auch
-dafür »wie geschmiert.«
-
-»Aber sagen Sie einmal Herr Magnus« -- frug jetzt der zu ihnen tretende Max
--- »hier im Buch -- o Sie entschuldigen« -- wandte er sich gleich darauf
-mit einer Verbeugung an die Fremden, »hier im Buch steht, Max soll sich den
-Hut in's Gesicht drücken und zu »verschiedenen Thüren abgehn« -- er darf
-doch nicht wieder kommen?«
-
-»Au!« sagte Osfeld, den Wehring in diesem Augenblick rücksichtslos auf den
-Fuß getreten hatte.
-
-»Ne, ich bitte Sie um Gottes Willen,« rief zu gleicher Zeit der Director
--- »so sein Sie doch nicht so -- Herr Gott, da draußen sehn sie sich schon
-nach Ihnen um -- sie kommen ja --«
-
-Und Max kam wirklich, denn mit flüchtigem Blick hatte er sich von der
-Wahrheit des Gesagten überzeugt -- sein Stichwort war gefallen, und wie ein
-junger Sturmwind, nur freilich von der ganz entgegengesetzten Seite, als
-von welcher ihn Agathe erwartet hatte, stob er auf die Bühne und spielte in
-lobenswerther Leidenschaft die Scene durch.
-
-Da aber nun, wie Herr Magnus jetzt äußerte, die Vorbereitungen zur
-Wolfsschlucht zu viel Raum wegnahmen, um blos zwischen dem Hintergrund und
-der Rückwand abgemacht zu werden, so mußte nach dieser Scene der Vorhang
-wiederum fallen, und der wichtigste Moment des Stücks nahte sich seinem
-Beginnen.
-
-Kaum war die Leinwand herunter, als Magnus mit einem Satz auf die Bühne
-sprang und eine ungeheure Eule an die Coulisse schrauben wollte.
-
-»So halten sie doch nur uff!« meinte aber Samiel sehr ernsthaft -- »es muß
-doch erscht verwandelt werden.« --
-
-»Ja so!« sagte der Director, und nahm den Vogel der Nacht wieder an sich,
-einige von den Schauspielern dagegen stiegen schnell auf hinzugerückte
-Stühle und knüpften die Bindfaden am oberen Theil der Coulissen auf, welche
-diese im Mittelpunkt festhielten. »Die Stube« fiel dann auch im nächsten
-Augenblick zu den Füßen der Bäume nieder, wo sie an der Wurzel der
-»Riesenstämme« auf einem Häufchen liegen blieb; die Hinterdecoration glitt
-auf gleiche Art über sich selbst zusammen und -- »furchtbar gähnte der
-düstere Abgrund.« Nun wurden ebenfalls die nöthigen Vorrichtungen für das
-wilde Heer getroffen. Die Figuren nämlich, als: Drachen, Molche, Schlangen,
-Eulen und Gerippe, alle von Magnus selbst in der Größe eines mäßigen
-Haushahns, auf Pappe gemalt, kamen an ein dünnes, von der rechten zur
-linken Hintercoulisse gespanntes Seil, damit der Spuk quer über die Bühne
-gezogen werden konnte.
-
-Zu den ferneren Schrecknissen der Höllenschlucht gehörte auch noch ein
-Haufen Pflastersteine, die, als Entschuldigung für Todtenköpfe, zu dem
-Zauberkreis verwandt werden sollten, und neben diesen lag ein Haufe dünn
-gezupften Werges (Hede) dessen Nutzen aber erst später klar werden sollte.
-Auch die Eule saß jetzt, fest angeschraubt, auf ihrem Zweig, (oder vielmehr
-auf freier Luft neben der Coulisse) während hinter ihren äußerst rund
-ausgeschnittenen Augenhöhlen ein matt und schläfrig loderndes Dreierlicht
-brannte. Draußen aber, vor der Bühne, jubelte und tobte die Menge.
-
-»Anfangen -- anfangen« -- schrie das Publicum -- »das währt ja ene
-Ewigkeit!« piepte eine einzelne Stimme -- »wir wollen mithelfen,«
-antworteten andere. -- »Anfangen -- Vorhang auf!« tobte das Chor wieder,
-und Magnus, schnell gefaßt, ergriff die Klingel, und bearbeitete sie nach
-Leibeskräften.
-
-»Herr Jeses -- ich habe den Drehschwärmer noch nich fest!« rief Samiel
-erschrocken.
-
-»Thut Nichts« -- beruhigte ihn der Director -- »ich klingelte nur, damit
-die Flegel da vorne glauben sollten, es ginge an, und Ruhe halten.« Das
-Mittel erwies sich auch als probat, denn der Sturm war beschwichtigt, und
-Alles harrte, in gespannter Erwartung, der Dinge die da kommen sollten.
-
-»Wär' es nicht besser, wir sähen uns die Wolfsschlucht von draußen mit an?«
-frug Osfeld den Freund -- »der Eindruck ist auf jeden Fall stärker.«
-
-»Gern!« erwiederte Jener, »aber was zum Henker macht denn der dort mit dem
-Werg?«
-
-Sein Ausruf bezog sich auf einen kleinen dünnen Mann, der hinter der ersten
-Coulisse niedergekauert saß, und mit der ernsthaftesten Miene von der Welt
-das Werg in kleine Kügelchen zusammendrehte und neben sich legte. Eben,
-als sie ihn über dessen beabsichtigte Nutzbarkeit fragen wollten, hatte
-der auf's neue erwachte Unmuth des jetzt kaum noch zu bezähmenden Publicums
-seinen Höhepunkt erreicht, und die Klingel tönte nun in gutem Ernst, so daß
-die Beiden kaum noch Zeit behielten vorzuspringen und ihre Plätze wieder
-einzunehmen. Da rollte der Vorhang auf und zugleich tönte des Directors
-Stimme von Innen hervor:
-
-»Lichter aus!«
-
-Das ließ sich denn auch die liebe Jugend nicht zweimal sagen -- unter
-lautem Jubelruf fielen sie mit Mützen und Händen über die unglücklichen
-Talglichter her -- denn Jeder wollte des Ruhmes theilhaftig sein, bei dem
-»Theater« mitgewirkt zu haben -- und in wenigen Secunden herrschte finstere
-grausige Nacht in der »Schreckensschlucht.«
-
-Caspar stand in der Mitte und legte den Zauberkreis von Dresdner
-Straßenpflaster, während dicht neben ihm ein mit Augen und Nasenhöhlen
-versehener Kürbis, Gastrollen als Todtenkopf gab.
-
-»Chorsingen!« schrie da eine Stimme aus dem Publicum -- aber »Ruhe --
-Ruhe!« gebot es von allen Seiten, und der gottlose Jäger begann, gerade
-als hinten auf einer großen blechernen Kanne zwölfe geschlagen wurde, seine
-Beschwörung. Kein Laut regte sich weiter -- kaum athmen hörte man die fest
-zusammengedrängte Menschenmasse -- auf den Zehen, mit vorgestreckten Hälsen
-und zum Aeußersten aufgerissenen Augen starrten sie hin auf das, was sich
-jetzt vor ihnen entwickeln sollte -- aber Nichts -- gar Nichts konnten sie
-sehen. Samiel erschien -- wenigstens vernahmen sie seine Stimme -- doch
-tiefe Nacht deckte, höchst allegorisch, den Fürsten der Finsterniß, --
-Max trat auf, und die Gestalt wurde, als sie in den Vordergrund schritt,
-allerdings sichtbar, wie er aber rief: »er sähe seiner Mutter Geist --
-_so_ lag sie im Grab --« und von Agathe erzählte, die in den Fluß springen
-wollte, da brummte der kleine dicke Fischer, der jetzt ganz behaglich einen
-der leergewordenen Stühle eingenommen hatte, leise vor sich hin:
-
-»Der muß drämen -- ich sehe weeß Gott nischt.«
-
-Der Kugelsegen kam jetzt, und mit ihm das ganze Schauerliche der Schlucht;
-Magnus postirte sich dabei hinter die Eule und zog ruckweise an einem dort
-befestigten Bindfaden, um dieser die Flügel zu lösen. In der Maschinerie
-selbst mußte aber wohl etwas versehen sein, denn der einzige Erfolg des
-Ziehens war das Herunterfallen des Lichts, wobei die Eule natürlich die
-Augen schloß, als ob ihr die ganze Schlucht zuwider gewesen wäre.
-
-»Zwei!« sagte Caspar, und aus der linken Coulisse flog ein Irrlicht
-in Gestalt einer brennenden Flocke Werg, und zwar gerade auf des
-Kugelgießenden Leib geschleudert -- der sich dessen jedoch noch entledigte.
-
-»Drei!« und mehre Irrwische zuckten in schneller Reihenfolge auf den
-trotzigen Jägerburschen ein.
-
-»Werfen Sie doch nicht so hierher« -- flüsterte dieser schnell und heftig
-in die Coulisse hinein -- »Sie brennen Einem ja die Lumpen an -- _Vier_!«
-
-Immer dichter flogen die leuchtenden Flocken, und aus der
-gegenüberstehenden Baumgruppe kam ein einsamer Schwärmer herausgezischt.
-
-»Fünf!« sagte Caspar -- zwei Schwärmer prasselten dabei von der linken, ein
-dritter von der rechten Seite los, und hinten wälzte sich etwas Schwarzes
-über die Bühne; was? konnte natürlich nicht ergründet werden, und nur eine
-Frauenstimme hielt es -- jedoch auch nur vermuthend -- für »Magnussens
-Jungen.«
-
-Das Schreckliche schien jetzt seinen höchsten Grad erreicht zu haben --
-die vorngelagerte Jugend hatte sich dicht zusammengedrängt, und schaute mit
-unheimlichem Grausen auf das teuflische Treiben hin, was sich vielleicht
-zum ersten Mal vor ihren Blicken erschloß.
-
-»Sechse!« brüllte Caspar, und jetzt flog auf einmal ein ganzer Klumpen
-flammenden Werges schnurgerade auf ihn zu, so daß er, ohne dadurch im
-Mindesten aus der Rolle zu fallen, aufsprang, gotteslästerlich und recht
-für den Platz passend an zu fluchen fing, und in die Coulisse hinein
-drohte. Derselbe dunkle, schon früher erwähnte Gegenstand kam dabei zurück,
-wieder brannten mehrere Schwärmer ab, im Hintergrund, doch unsichtbar,
-ahmten verschiedene hohe und tiefe Stimmen eine Anzahl von Haus- und wilden
-Thieren nach, und Caspar stöhnte:
-
-»Wehe das wilde Heer!«
-
-Diese Ankündigung und der Lärm war jedoch Alles, was man von der Existenz
-desselben erfuhr, denn nach dem Verplatzen der Schwärmer hatte sich eine
-solche ägyptische Finsterniß auf der Bühne gelagert, daß man von den
-kleinen Pappfiguren, die in diesem Augenblick aller Wahrscheinlichkeit nach
-über die Scene gezogen wurden, auch nicht die Spur erkennen konnte.
-
-»Sieben!« rief Caspar -- in der Dunkelheit umhertappend -- und jetzt kam
-der Schlußeffekt des Ganzen. Der unbekannte Feuerwerker, der auf diesen
-Moment sicherlich schon sehnsüchtig gewartet hatte, schüttete plötzlich in
-boshafter Schadenfreude einen förmlichen Sprühregen lodernder Wergkugeln
-über den unglücklichen Jägerburschen aus -- Max fiel auf die Pflastersteine
--- Agathe hob das heruntergefallene Licht wieder auf, und steckte es hinter
-die Eule, Samiel trat mit _einem_ großen Schritt auf die Mitte der Bühne,
-und entzündete hier mit gewandter Hand den Drehschwärmer, der sein
-Feuer rücksichtslos umhersprühte, die unbekannten Thierstimmen mit
-Peitschenknallseinsollendem Indiehändeschlagen wurden wieder hörbar und
-unter dem donnernden Jubelruf der Menge fiel der Vorhang.
-
-Auf der Bühne schienen aber trotzdem die Spielenden ihre Rollen noch nicht
-beendet zu haben, denn kaum war mit dem Fallen der bunten Leinwand dem
-Publicum der Anblick sämmtlicher Schrecknisse entzogen, als auf der rechten
-Seite die Wald-Vorhänge zurückgerissen wurden, und mit Blitzesschnelle das
-kleine dürre Männchen hervorglitt, das Wehrig früher schon als Feuerwerker
-aufgefallen war. Seine Eile erschien übrigens vollkommen gerechtfertigt,
-denn dicht hinter ihm, und als er eben mit unbeschreiblicher Gewandtheit
-zwischen den Füßen der noch immer der Bühne Zugedrängten, verschwunden
-war, fuhr ein fürchterlich bemaltes roth erhitztes Gesicht, zum Entsetzen
-einiger friedlichen postirten Dienstmädchen, aus der Walddecoration hervor,
-und die funkelnden, rachesprühenden Augen sprachen ganze Bände. Caspar
-durfte sich aber jetzt unmöglich schon wieder unter dem Publicum zeigen, es
-hätte die schöne Illusion zu sehr zerstört -- einen bittern Fluch also nur
-dem nachschickend, der ihn -- überdieß, schon von dem Höllenfürst bedrängt
--- so schwer geärgert hatte, zog er den Kopf wieder zurück und das
-»Blättermeer« schloß sich über ihm.
-
-So schnell die Erscheinung jedoch auch wieder verschwunden sein mochte, so
-war sie doch nicht unbeachtet vorübergegangen, und von Mund zu Mund lief
-der Ruf --
-
-»Du -- hast 'en gesehn? das war der Caspar!«
-
-»Herrliches Jagdwetter heute!« wer kennt nicht den Anfang des letzten Aktes
--- die Jäger traten auf. Waren aber die Spielenden schon im ersten Akt
-über das confus gewesen, was ein Jeder zu sagen hatte, so nahm dies jetzt
-wirklich auf eine an das Wunderbare grenzende Weise überhand, und Keiner
-wußte mehr, mit welchem von ihnen der Souffleur sprach.
-
-So hatte, zum Beispiel, in der Scene zwischen Max und Caspar, jener diesen
-um seine letzte Freikugel gebeten, Agathe soufflirte aber nun schon
-zum fünften Mal, und zwar mit lauterer Stimme: »Schuft!« aus der ersten
-Coulisse heraus, und Max that noch immer nicht, als ob ihn die Rede
-überhaupt etwas anginge, so daß dadurch Caspar verleitet wurde, den
-Kameraden so gröblich zu beleidigen und dieser nun zornig abging.
-
-»Chor singen -- Chor singen!« schallte es jetzt wieder und zwar ziemlich
-dringend, aus dem Publicum heraus -- »Chor singen!« tönte es von allen
-Seiten wieder, »Jungfernkranz singen -- Jägervergnügen singen! -- auf dem
-Zettel steht _Chor_ -- _Chor_!« rief und schrie es durcheinander.
-
-»Bin doch neugierig,« sagte Osfeld, »wie sie da drinnen den Chor zu Stande
-bringen werden -- komm, wir wollen einmal zusehen, vielleicht können wir
-helfen!«
-
-»Mir recht,« lachte Wehrig, »es ist überdieß nicht gut, daß der Baß sonst
-gewöhnlich beim Jungfernkranz fehlt.«
-
-Sie standen auf, und erreichten, nach unzähligem »Bitte um Entschuldigung's
-und Haben Sie die Güte's« den Eingang zur Bühne, auf der aber indessen eine
-wesentliche Veränderung vorgegangen, und alles Teuflische -- nur Samiel
-ausgenommen -- verschwunden war. Selbst die Eule lehnte, mit dem Kopf nach
-unten, in der Ecke, und das Hackebrett paradirte jetzt frei und offen auf
-einem schmalen Tisch, vor welchem Magnus im Anzug des Fürsten Ottokar, mit
-wehenden Barrettfedern stand, und in jeder Hand einen der Klöppel schwang,
-mit welchen das Instrument gespielt werden sollte.
-
-Der Vorhang war indessen wieder aufgezogen und der Tumult hatte sich
-beruhigt -- Aennchen erzählte ihre Kettenhundgeschichte, und nun traten
-die Brautjungfern herein. Da aber -- ehe noch ein frevelnder Mund das Wort
-»Chor« aufs Neue aussprechen konnte, quollen die sanften Töne, von wirklich
-geübter Hand hervorgelockt, aus den langgespannten Stahlsaiten, und Magnus
-präludirte den »Jungfernkranz« (der soll nie sagen, daß er ein Deutscher
-sei, der _das_ Lied nicht kennt) während die hinter den Coulissen
-Stehenden, als: Caspar, Samiel, Max, der »Eramit« wie er genannt wurde, und
-selbst Osfeld und Wehrig in Baß und Tenor mit einfielen zu dem, was Agathe
-und Aennchen vorn _auf_ und etwa ein halbes Dutzend Freiwilliger, indessen
-_vor_ der Bühne sang. Zur Unterstützung piepten noch, aber nur leise und
-schüchtern, einige dünne Kinderstimmen mit ein, in den feierlichen Chor,
-und Fürst Ottokar fuhr jetzt, mit kühner Hand in die Variationen des Liedes
-eingehend, schnell und sicher über die Saiten hin.
-
-Da schwieg der Chor plötzlich -- die Todtenkrone hatte sich gefunden -- die
-Brautjungfern standen entsetzt -- aber das Hackebrett schwieg nicht -- wild
-rauschten die Töne -- »veilchenblaue Seide« -- die Droschkenfahnfarbenen
-Barettfedern schwankten über dem Instrumente, die immer größere Aufregung
-des Spielenden bekundend. Vergebens that der »Eramit« Einspruch --
-vergebens nahm sich selbst Samiel der Sache an -- Ottokars Seele lag in
-den Saiten, und erst, als schon Alle abgegangen waren, als die Stube wieder
-heruntergefallen, als Caspar, Max und Kuno aufgetreten, ja erst dann, als
-man nach dem Fürsten rief -- verstummte der »Jungfernkranz« --
-
-Ottokar sprang empor und war in dem einen Moment wieder ganz der Fürst. Mit
-stolzen Schritten trat er vor, sah sich im Kreise um -- hob die Hand, und
-stimmte im nächsten Augenblick mit starker, wenn auch etwas heiserer Stimme
-das »Jägerlied« an.
-
-Hierin aber war Publicum zu Hause -- von allen Seiten her fielen sie,
-freilich in gar sehr verschiedenen Tonarten, ein, und ein solcher Sturm
-bewegte plötzlich den kleinen Raum, daß ein friedlicher Polizeidiener,
-der bis dahin -- incognito -- in dem benachbarten Schenkzimmer neben einem
-Glase Bier geschlafen hatte, plötzlich, völlig munter geworden, aufsprang
-und dem Schauplatz zueilte, da er -- wie er später äußerte -- geglaubt
-hatte, »es keilten sich welche.«
-
-Bis zu diesem Lied nun, war noch Alles so ziemlich in seinem ruhigen Gleis
-fortgegangen; bis hierher schien doch Jeder wenigstens eine Ahnung von dem
-gehabt zu haben, was in seiner Rolle stehe; von nun an aber entstand eine
-Verwirrung, wie sie wohl noch selten dagewesen. Kein Mensch wußte mehr
-was er zu sagen hatte und welches sein Stichwort sei. -- Jeder sprach die
-verkehrten Sätze, und Agathe, die hinter der Coulisse vor soufflirte,
-mußte sich, nach einem Ausdrucke des »Eramiten« die »Seele aus dem Halse
-schrein.«
-
-Zu diesem kam nun noch, daß der Director selbst die ganz besondere
-Eigenheit hatte, nie dieselben _Worte_, sondern immer nur den _Sinn_ dessen
-wiederzugeben, was ihm soufflirt wurde. Geschah das nun aus Stolz, oder aus
-dem Bewußtsein innerer Ueberlegenheit -- wer konnte es ergründen; nur würde
-es Jeden zur Verzweiflung gebracht haben, der auf ein richtiges Stichwort,
-von seiner Seite gewartet hätte.
-
-~»Wo ist die Braut? ich habe so viel zu ihrem Lobe gehört, daß ich auf
-ihre Bekanntschaft recht neugierig bin!«~ flüsterte die Souffleuse nun zum
-dritten Mal.
-
-»Wo steckt aber denn nur die Braut!« sagte Fürst Ottokar, sich überall
-umsehend -- »ich bin recht neugierig geworden, ihre werthe Bekanntschaft zu
-machen.«
-
-~»Ich habe so viel zu ihrem Lobe gehört!«~ keuchte der Souffleur.
-
-»Soll ein recht gutes Mädchen sein,« sagte der Fürst.
-
-~»Nach dem Beispiel Euerer erlauchten Ahnen, war't Ihr immer sehr huldreich
-gegen mich und mein Haus,«~ rief der Souffleur wieder; Kuno aber, der wohl
-fühlte, daß er in diesem Augenblick etwas zu sagen hatte, obgleich er
-kein Wort von dem verstand, was Agathe -- die bis dahin ebenfalls ziemlich
-heiser geworden war -- auf der andern Seite ablas, faßte sich ein Herz,
-trat einen Schritt vor, und begann:
-
-»_Dorchlauchigster!_«
-
-~»Nach dem Beispiel Eurer erlauchten Ahnen war't Ihr immer sehr huldreich
-gegen mich und mein Haus!«~
-
-»Dorchlauchigster,« wiederholte Kuno -- der die letzten Worte verstanden
-hatte -- »was mich und mein Haus betrifft« -- -- er stak fest -- keine zehn
-Pferde Kraft hätte ihn wieder losgerissen. Da nahm Caspar das Gespräch auf,
-und dankte dem Fürsten für die Huld, die er »seinem Haus und ihm« stets
-bewiesen habe.
-
-Max mußte nun laden, und Agathe flüsterte, über das Buch hinwegsehend:
-
-~»Caspar hat vielleicht noch seine letzte Freikugel -- er könnte wohl gar
--- noch einmal und nimmer wieder. --«~
-
-Alles schwieg.
-
-~»Caspar hat vielleicht noch seine letzte Freikugel -- er könnte wohl gar
--- noch einmal und nimmer wieder«~ -- sagte die Souffleuse, dringender als
-vorher.
-
-Niemand regte sich -- da trat Fürst Ottokar, der doch wohl nicht so ganz
-sicher war, ob das vielleicht in seiner eigenen Rolle stehe, vor, streckte
-die rechte Hand aus und sprach:
-
-»Nun so schieß -- dieß eene Mal noch, aber nie wieder.«
-
-Max schoß wirklich -- die Büchse ging glücklich los, und Caspar, der
-sich indessen schnell hinter ein im Hintergrund vorgehaltenes Stück Wald
-gestellt hatte, stürzte von seiner Höhe herunter und wand sich auf der
-Erde.
-
-Nun aber nahm es die Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit der Schauspieler
-im höchsten Grade in Anspruch, die folgende Scene zu spielen, und doch
-in gleicher Zeit zu nicht mehr als der gesetzlichen Zahl, zu _vieren_,
-zusammen auf dem Theater zu stehn. Agathe übergab also schnell dem Aennchen
-ihr Soufflirbuch, rief: »schieß nicht Max -- ich bin die Taube« und fiel in
-Ohnmacht, Kuno aber und der Fürst traten in die Coulisse, und während Max
-neben Agathen kniete, erschien Samiel hinter seinem Opfer. Unsichtbarer
-Weise rief dabei Kuno:
-
- »Schaut, o schaut,
- Er traf die Braut,
- Der Jäger stürzte vom Baum,
- Wir wagens kaum
- Nur hinzuschau'n,
- O furchtbares Schicksal, o Graun!«
-
-Caspar wand sich indeß in fürchterlichen Zuckungen auf der Erde und stieß
-seine gotteslästerlichen Reden aus, während Samiel einige, mit diesen
-harmonirende Bewegungen machte, als ob er im Begriff sei, jenem die Seele,
-wie einen Bandwurm, aus dem Leibe zu ziehen.
-
-»Dem Himmel Fluch -- Fluch Dir!« schrie der zum Tode verwundete Jäger.
-
-~»Das war sein Gebet im Sterben,«~ flüsterte der Souffleur.
-
-Keiner achtete darauf -- Max beschäftigte sich mit Agathen -- die Uebrigen
-waren nicht da -- so erbarmte sich denn Samiel -- that einen letzten Ruck
--- als ob ihm die Seele abgerissen wäre und sprach mit dumpfer Stimme:
-
-»Das war sein Gebet im Sterben!« -- dann erfaßte er den Körper des Caspar,
-schleppte ihn der Coulisse zu und wollte ihn eben hineinschleudern; der war
-ihm aber entweder zu schwer geworden, oder er hatte vielleicht aus versehen
-auf den Jagdrock getreten, kurz er kam ins Stolpern, ließ jenen, noch halb
-auf dem Theater fallen, und schoß, über sein Opfer hinweg, in die Coulisse,
-und -- wahrscheinlich in den Abgrund der Hölle hinein; wobei er sich aber
-das Uebriggebliebene augenblicklich nachkommen ließ.
-
-Nach Abgang dieser Beiden trat auch der Fürst mit Aennchen wieder heraus --
-Agathe erholte sich und Max gestand nun sein Verbrechen. Hierauf folgte
-die Ausweisung, und in diesem Augenblick, während Aennchen wieder in die
-Coulisse verschwand, erschien der »Eramit.«
-
-Sein Auftreten war feierlich -- der Fürst, Max und Agathe knieten vor ihm
-nieder -- segnend breitete er seine Hände über sie aus -- tiefes
-Schweigen herrschte im Saal -- die vorn gelagerte Jugend lauschte in der
-gespanntesten Erwartung. Da drohte plötzlich eine, aus dem Nebenzimmer
-kommende, höchst profane Stimme den ganzen schönen Zauber zu zerstören.
-
-»Glöckner!« rief es.
-
-»Ja!« antwortete ein tiefer Baß aus der Mitte des Publicums.
-
-»Spielst' en Schaafskopp mit?«
-
-»Ne -- jetzt noch niche -- aber gleich« -- entgegnete Glöckner. Doch
-Niemand lachte. »Ruhe!« rief der kleine dicke Fischer, und sah sich
-ärgerlich um, und »Ruhe!« »Pst! pst!« tönte es von allen Seiten. Die Ruhe
-war augenblicklich wieder hergestellt -- und der Fürst wurde nun versöhnt
--- Max bekam ein Jahr Urlaub, und jetzt plötzlich fuhr eine lange Hand
-links aus der Coulisse heraus und schüttete etwas auf die Erde -- in der
-nächsten Secunde folgte dem Vorangegangenen ein brennendes Schwefelholz,
-und mit den Schlußworten
-
--- »darf kindlich der Milde des Vaters vertraun!« stieg eine
-bläulich-rothe, bengalische Flamme auf, die das ganze Theater in ihren
-magisch rosigen Schein hüllte.
-
-»A -- h --« tönte es aus jedem Munde -- der Eramit hob, wie betend, seine
-Hände empor, und -- der Vorhang fiel schnell.
-
-Da erst gewann Publicum Athem und Besinnung wieder.
-
-»Caspar 'raus!« tobte jetzt die Menge -- »'raus! 'raus! Caspar 'raus!«
-
-»Samiel ooch!« piepte die ganz feine Stimme.
-
-»Caspar 'raus -- 'raus mit 'em Caspar!«
-
-Osfeld und Wehrig suchten Caspar zu überreden, daß er sich doch »dem
-Volke zeigen möchte,« dieser aber, der sich schon eines höchst nöthigen
-Kleidungsstückes entledigt hatte, rief ihnen entgegen:
-
-»Ich kann ja nicht -- ich bin ja schon ausgezogen --« doch was halfen
-solche Entschuldigungen -- »es tobt der See, und will sein Opfer haben.«
-»Caspar 'raus,« donnerte die Menge, und er mußte, wohl oder übel, in das
-Kleidungsstück zurückfahren. Schnell zog er sich dabei noch den alten
-Oberrock über, frug den Director, als er sich die Haare aus dem Gesicht
-strich und die zwei untersten Knöpfe einhakte, »was zeig' ich denn an?« und
-trat auf die schnell gegebene Antwort hinaus.
-
-»Bravo!« schrie die Masse -- »noch emal so en Feier!« eine einzelne
-Stimme, und Caspar sprach, die rechte Hand auf dem Herzen und mit tiefer
-Verneigung:
-
-»Ich hoffe -- diesen Beifall -- nicht verdient zu haben -- heute über acht
-Tage« -- fuhr er dann aber mit etwas erhöhter Stimme fort, »werden wir die
-Ehre haben wieder aufzuführen:
-
-»_Kunibert von Eulenhorst oder der geschundene Raubritter --
-Ritterschauspiel in fünf Aufzügen._«
-
-»Magnus soll leben -- hoch!« jubelten ein paar Tenorstimmen -- »hoch! und
-abermals hoch!« fiel der Chor ein, und hinaus strömte das Publicum ins
-Freie. -- Zur Thür drängte sich die muntere Schaar, die jungen Leute,
-die Mädchen und das Militair, die Fischer und Handwerker, scherzend und
-lachend, ein Theil noch in dem Wirthshaus selber den Abend zu verbringen
-und auf dem schmutzigen Billiard die Kugeln hinüber und herüber zu stoßen,
-oder sich auch in kleinen Gruppen durch die Stadt zu zerstreuen, den
-eigenen ärmlichen Wohnungen zu, und von Samiel und Wolfschlucht zu träumen.
-
-Osfeld und Wehrig aber blieben noch zurück und waren schweigende Zeugen,
-wie die Herrlichkeit verging, wie die Lichter erloschen -- die Künstler
-wieder _Menschen_ wurden. Das Komische war entschwunden und der Ernst des
-Lebens schaute höhnisch, wie aus einem nackten Todtenschädel hervor.
-
-»Was macht das Kind?« frug Max, der die Jagdkleider abgelegt und nur die
-Reiterstiefeln noch anbehalten hatte, eine junge Frau -- _seine_ Frau, die
-eben zur Thür hereintrat.
-
-»Es lebt noch,« erwiederte diese mit verweinten Augen -- »wenn du's aber
-noch einmal sehen willst, so mach', daß du zu Hause kommst.«
-
-»Ist Ihr Kind so krank?« frug Osfeld theilnehmend.
-
-»Ja -- ich glaubte nicht, daß ich es nach dem Theater noch am Leben finden
-würde« -- seufzte Max aus tiefer Brust.
-
-»Wie konnten Sie aber spielen, wenn Sie Ihr Kind zu Hause so leidend
-wußten?«
-
-»Der Winter ist hart,« seufzte die Frau -- »und die paar Groschen thun
-Noth.« Damit verschwanden die Beiden in der Thür.
-
-Magnus sah ihnen, das Kinn in die Hand gestützt, nach; dann wandte er
-sich seufzend ab und murmelte -- mehr mit sich selbst, als zu den Anderen
-redend:
-
-»Ja, ja -- es thut weh -- recht weh -- dagegen kommt's aber doch nicht auf,
-wenn man draußen stehn und den Hanswurst machen, tanzen, springen und tolle
-Späße reißen muß -- und daheim dann indessen die Frau auf dem Stroh liegt.«
-
-»Und das haben Sie gethan?«
-
-»Der Mensch kann viel ertragen,« fuhr der Director fort, indem er das
-Hackebret wieder in den Kasten legte -- »leben, mein Gott, leben wollen wir
-ja Alle -- ich habe sieben Kinder.«
-
-»Bringt Ihnen denn das Theaterspielen auch so viel ein, _daß_ Sie davon
-leben können?« frug Wehrig.
-
-»Im Winter, ja -- wenn nur die langen Sommerabende nicht wären -- da
-aber einen ganzen Abend Komödie zu spielen und nachher -- es ist schon da
-gewesen, _vier Pfennige_ auf den Antheil heraus zu bekommen, da reicht's
-denn freilich nicht einmal für trocken Brod aus.«
-
-»Warum ergreifen Sie aber nicht etwas Anderes, verstehen Sie keine
-Profession?«
-
-»Ja -- aber das ist zu spät!« seufzte Jener, »ich bin alt und schwächlich
--- würde auch keine Kundschaft mehr bekommen.«
-
-»Dann sollten Sie sich aber wenigstens bemühen, Ihr Theater so viel als
-möglich zu verbessern. Eine erhöhte Bühne würde Ihnen zum Beispiel
-einen viel größeren Zuhörerkreis sichern, weil dann auch die weiter
-Zurückstehenden im Stande wären, von den Schauspielern mehr zu sehen, als
-eben die Köpfe.«
-
-»Ja, wenn ich das dürfte!« erwiederte der Director, »das ist mir aber
-polizeilich verboten -- warum? weiß der liebe Gott; sie können doch
-unmöglich fürchten, daß ich dem _Hoftheater_ Schaden thue. Auch darf ich
-nie mehr wie vier Personen auf einmal draußen stehen lassen -- da kriecht
-immer so ein oder der andere Polizeidiener hier herum, und neulich, wo
-einmal aus Versehen fünfe geblieben waren, zeigte mich der an, und
-ich mußte einen Thaler und fünfzehn Neugroschen Strafe bezahlen -- das
-schmerzt. Ein und zwanzig Groschen hatten wir im Ganzen eingenommen, und
-nun noch der Saal und die Lichter. Ja, wenn die großen Herren da oben
-nur manchmal wüßten, wie ungerecht solche Strafen vertheilt sind -- sie
-änderten es gewiß ab -- denn _so_ bös sind sie nicht, sie wissen's nur
-nicht. Ein Thaler fünfzehn Neugroschen -- das klingt ihnen so unbedeutend
--- so wie gar Nichts -- und dafür mußten neun Menschen zwei Tage lang
-hungern.«
-
-»Läßt sich denn aber dagegen gar Nichts thun?« frug Osfeld.
-
-»Gegen die Polizei?« meinte achselzuckend Magnus und lächelte mitleidig
-über die Frage. »Doch, meine Herren, ich muß zu Hause -- die Frauen sind
-schon Alle fort -- beehren Sie uns doch recht bald wieder.« Damit folgte
-er, den jungen Leuten erst noch freundlich die Hände drückend, den
-Vorausgegangenen.
-
-Osfeld und Wehrig wollten sich jetzt ebenfalls entfernen, als ihnen der
-noch bis zuletzt gebliebene »Intriguant« entgegentrat.
-
-»Komischer Mann, das« -- sagte er, dabei mit dem Finger hinter dem Director
-d'rein deutend -- »lamentirt in einem fort, und ist eigentlich selber
-Schuld daran.«
-
-»Aber wie so?« frug Osfeld -- »er thut doch wohl Alles, was in seinen
-Kräften steht?«
-
-»Zugegeben,« lächelte Jener, indem er dabei ein Töpfchen Schminke, ein
-wenig Baumwolle, ein »Endchen« Talglicht und einen am untern Ende schwarz
-gebrannten Korkstöpsel zusammen in ein Papier wickelte, und dies in die
-hintere Rocktasche schob -- »zugegeben, daß er wirklich Alles thut, was in
-seinen Kräften steht -- das ist aber nicht genug -- er muß _mehr_ thun, er
-muß speculiren. Sehen Sie, zum Beispiel mit der Garderobe --«
-
-»Die borgen Sie für jeden Abend, nicht wahr?«
-
-»Ganz recht -- theilweise wenigstens, denn ein paar Schwerter und andere
-Geschichten haben wir schon -- aber was kostet das? Dafür bekommt der Jude
-die Woche _zwei harte Thaler_ -- ich habe meinen Aerger schon genug darüber
-gehabt. Wenn man einmal Abends in Gedanken bei feuchtem Wetter mit den
-hirschledernen Stiefeln zu Hause geht, oder sich aus Versehen mit so einem
-erbärmlichen sammtmanschesternen Wamms zu Bett gelegt hat, daß vielleicht
-Morgens noch ein paar Federn d'ran hängen, dann ist immer gleich der Teufel
-los -- wozu das? warum schaffen wir uns nicht Garderobe an? warum _kaufen_
-wir uns keine?«
-
-»Kaufen?« entgegnete ihm Wehrig -- »wovon denn? der Director klagt ja doch,
-daß er kein Geld habe; wovon soll er also Garderobe kaufen? etwa auf Credit
-nehmen?«
-
-»O ja -- das wäre eine sehr gute Idee, der Credit,« rief der Schauspieler,
-indem er sich noch einmal im Zimmer umsah, ob er Nichts vergessen habe, und
-dabei sämmtliche Taschen befühlte -- »sehr gute Idee das, aber -- es borgt
-uns Niemand -- der Versuch ist schon mehrere Male gemacht. Nein, _Umsicht_
-gehört dazu, und mit Umsicht wollte ich ihm in vier Wochen Garderobe
-herstellen.«
-
-»Doch auf welche Art?« frugen die jungen Leute, jetzt selbst neugierig
-gemacht, zu gleicher Zeit.
-
-»Auf sehr einfache!« sagte der Intriguant, und fing an, seinen schon
-etwas mitgenommenen Rock bis oben hinauf zuzuknöpfen. »Sehen Sie, bei
-Conversationsstücken, da muß sich Jeder seine eigenen Lumpen halten, und da
-wir die Woche hindurch immer nur _ein_ Stück, wenn auch an fünf oder sechs
-verschiedenen Orten geben, so sparen wir also in jeder solchen Woche
-zwei Thaler. Nun lassen Sie uns einmal vier Wochen hintereinander
-Conversationsstücke geben -- und da kommen immer nur erst _vier_ auf jedes
-Wirthshaus -- dann haben wir _acht harte Thaler_ gespart, und damit kauf'
-ich dem _Teufel_ seine Garderobe ab.«
-
-»Mit acht Thalern?« rief Osfeld erstaunt aus.
-
-»Mit acht Thalern,« betheuerte der Intriguant, während er sich den Hut in
-die Stirn drückte, und ein kleines Bündel, das er in der Hand trug, und was
-einem reinen, wahrscheinlich noch zu schonenden Hemd sehr ähnlich sah --
-fester zusammenrollte und unter den linken Arm schob -- »mit acht
-Thalern kaufe ich den ganzen Bettel -- doch es wird spät, der Wirth will
-zuschließen -- also -- 'pfehle mich ergebenst, meine Herrn!« -- und damit,
-weil er wahrscheinlich glaubte, die Laien tief genug in die Geheimnisse
-seiner Berechnungen eingeweiht zu haben, stieg er die steile Treppe hinab.
-
-Die jungen Leute sahen ihm mit einem Gemisch von Staunen und Mitleid nach,
-und einen eigenen unheimlichen Zauber fast übte dabei ihre ganze trostlose
-Umgebung; der Wirth aber, der schon seit einigen Minuten, mit einem dünnen
-flackernden Talglicht in der Hand, das Fortgehen der so lange Säumenden
-erwartet hatte, schien nicht Lust zu haben noch länger seine eigene
-Bequemlichkeit wie das Talglicht der Zugluft preis zu geben. Sie folgten
-seiner ungeduldig werdenden Bewegung, er schloß dicht hinter ihnen die
-Thüre zu, riß den Zettel ab, und überließ es Jenen, ihren Weg ins Freie
-zu finden, was jedoch, mit Hülfe einer noch im Vorhaus brennenden Laterne
-gelang.
-
-Bald standen sie wieder am Ufer der Elbe, und der heitere, blauklare
-Nachthimmel lachte hell und freundlich auf die stille Erde, auf Glückliche
-und Unglückliche hernieder.
-
-
-
-
-Die Schoonerfahrt.
-
-Neuseeländische Skizze.
-
-
-Am Horizont dämmerte der Tag -- vom nicht mehr fernen Inselufer herüber
-trug der warme Nachthauch die süßen würzigen Düfte tropischer Vegetation,
-und oben am mattblauen, noch hie und da mit erbleichenden Sternen
-geschmückten Himmel, schwebten kleine milchweiße Wolken, und errötheten
-freudig, als sie endlich die lang erharrte, strahlende Sonne erkannten und
-ihren Morgenkuß auf den Wangen fühlten. Unten aber, über das noch in
-grauer Dämmerung lagernde Meer, strichen ernst und schweigend einzelne
-breitschwingige Albatrosse hin, und regten nur in langen Zwischenpausen
-die mächtigen Flügel, daß sie, in ihrer gespensterhaften Weise fast den
-Geistern der Nacht glichen, die das helle Licht der Sonne zu fürchten und
-zu fliehen schienen.
-
-Wie ein schlummernder Koloß lag der Ocean, und in ruhigen gleichmäßigen
-Athemzügen hob sich die Schwellung der Wasser. Hie und da nur brach
-ein spielender Delphin die stille Ruhe, oder der gellende Schrei eines
-Wasservogels störte den schlafenden Pelikan, der sich, sein Nachtwerk
-vollendet, regungslos mit der Fluth heben und schaukeln ließ, und jetzt
-nur den rasch emporgehobenen Kopf ärgerlich schüttelte und wieder unter den
-Flügel schob.
-
-Immer lichter wurde es im Osten; einzelne leuchtende Strahlen schossen
-ihre zündenden Pfeile schon mitten ins Herz der ängstlich zurückdrängenden
-Finsterniß hinein, und jetzt -- rasch und plötzlich, wie sich in den Tropen
-der junge Tag aus den Armen der Nacht reißt --, tauchte die große goldene
-Sonnenscheibe herauf, über das blinkende funkelnde Meer. Vor ihr her aber,
-als ob sie selber, der neugewonnenen Himmelsluft froh, so recht kräftig und
-wohlgemuth aufathme aus tiefster Brust, sandte sie ihren Hauch, und leise
-tändelnd und spielend lief der über die, sämmtlich die kleinen Mäulchen
-nach ihm aufspitzenden Wellen hin, und küßte sie alle, alle die munteren
-blitzenden Dinger, mit ihren treublauen seelenvollen Augen.
-
-Rasch stieg die Sonne empor und ihr Schein, der die weite Fläche mit seinem
-Glanze erfüllte, fiel auch auf ein einzelnes schneeweißes Segel, das wie
-ein müder Seevogel auf dem Wasser lag und seinen Bug dem immer klarer im
-Süden hervortretenden Landstreifen entgegengerichtet hielt. Es war ein
-Schooner und zwar nach Art der amerikanischen Schnellsegler betakelt,
-aber mit etwas breiterem, schwerfälligerem Bug und nicht so starr und keck
-emporragenden Masten und Spieren -- ein sogenannter Sidney Schooner,
-wie sie theils die australischen Küsten befahren, theils auch nach den
-benachbarten Inseln, ja oft bis selbst nach Neuseeland hinüberschiffen und
-Sturm und Wellen trotzen.
-
-Der »Kasuar,« wie das kleine Fahrzeug hieß, hatte denn auch die Reise von
-Port Jackson aus in gar kurzer Zeit zurückgelegt und befand sich jetzt nur
-noch wenige Meilen von seinem Ziel entfernt, dem nordöstlichen Ufer
-der Insel Ika-na-mawi, welche zugleich die nördliche Hälfte der großen
-Doppelinsel Neu-Seeland bildet. Der Wind aber, der bis dahin gar munter
-ihre Segel geschwellt, hatte gänzlich nachgelassen, oder doch wenigstens
-in der herüberwehenden Landbriese einen Gegner gefunden, gegen den er nicht
-ankämpfen konnte oder mochte. In der Morgendämmerung, wo Land- und Seewinde
-einander ablösen, war denn gar noch jeder Luftzug eingeschlafen, und die
-Segel hingen schlaff und unthätig an den Masten nieder, gegen die sie nur
-manchmal, wenn die Schwellung der Wasser das sich höchst passiv verhaltende
-Fahrzeug hin und her schaukelte, schwerfällig anschlugen.
-
-Thätiger zeigte sich dagegen die Mannschaft des kleinen Seebootes; von
-den vier Matrosen, die oben beschäftigt waren, arbeiteten drei gar
-fleißig daran, die weißen Deckplanken mit rasch heraufgeholten Eimern voll
-Seewasser noch immer weißer und reiner zu scheuern und zu spühlen, und auf
-dem Hinterdeck, die beiden Arme fest auf die Starbord Bulwarks[8] gestemmt,
-saß ein kleiner, ziemlich corpulenter Mann, mit von der frischen Morgenluft
-gerötheten Wangen, deren Schimmer in der breitvorstehenden Nase einen
-Wiederglanz zu finden schien. In den Händen hielt er übrigens ein langes,
-gerichtetes Teleskop, mit dem er das vor ihnen liegende Land scharf und
-aufmerksam beobachtete. Er senkte wenigstens dann und wann das Glas,
-wischte sich mit dem Zipfel eines rothseidenen Taschentuchs das rechte Auge
-aus, und begann seine Forschungen aufs Neue.
-
- [8]: Starbord und Larbord heißen die beiden Seiten eines jeden
- Fahrzeugs, und zwar die rechte, vom Steuermann aus gerechnet, Starbord,
- die linke dagegen Larbord oder Backbord.
-
-Der einzige, anscheinend Müßige am Bord, war der am Steuerrad lehnende
-Matrose, denn der hielt, wie er so da stand, die Speichen eigentlich nur
-deßhalb fest, um seine eigene, nachlässig in sich selbst zusammengesunkene
-Gestalt zu unterstützen. Dann und wann schaute er dabei, mit einem
-halb schläfrigen Ausdruck in den gleichgültigen Zügen zu den unthätig
-niederhängenden Segeln und der schlaffen am Hintermast befestigten
-Windfahne auf, und fiel nachher, als ob er damit jeder nur von ihm zu
-fordernden Pflicht ganz vollkommen genügt habe, gemächlich in seine alte
-Stellung zurück.
-
-Da tauchte noch ein anderer Kopf aus der Kajütenluke empor, und gleich
-darauf stiegen zwei Gestalten an Deck, von denen sie die eine leicht als
-_Master_ des kleinen Fahrzeugs erkennen ließ; die andere dagegen gehörte
-einem mehr fremdartigen, in seine Umgebung nicht recht passenden Wesen
-an, das wir deßhalb schon und seiner äußeren Erscheinung willen, ein wenig
-näher betrachten wollen.
-
-Es war ein Mann, kaum mehr als zwei oder drei und dreißig Jahr alt, aber
-mit wohlmarkirten und dunkelglühenden Augen, nicht übermäßig stark und
-groß, doch von kräftig elastischem Körperbau. Das Außergewöhnliche an ihm
-bestand übrigens -- obgleich sich seine Züge, einmal gesehen, sicherlich
-nicht leicht wieder vergaßen -- weniger in seiner persönlichen Erscheinung
-als in seinem Anzug, der eine Mischung von europäischer und indianischer
-Tracht bildete. Der Mann selber stammte allerdings von Weißen ab, denn wenn
-auch seine Haut durch Sonnengluth und Luft so verbrannt und gefärbt
-war, daß sie in ihrer dunklen Schattirung wenig der, neuseeländischer
-Eingeborener nachgeben mochte, so verrieth doch das lichtere gekrauste
-Haar, die mehr geröthete Wange und der ganze Schnitt des Gesichts
-nicht allein den Weißen, sondern auch den Engländer, während der
-weite neuseeländische Tapamantel und die, aus roher Haut verfertigten
-moccasinartigen Schuhe, wie die, nach Art der Indianer unter dem Knie
-gebundenen Beinkleider, eher einen Halbbrut-Wilden vermuthen ließen.
-
-Sein Begleiter, der Master des kleinen Kasuar, der sich übrigens, wie alle
-solche Küstenfahrer, viel lieber »Capitän« nennen hörte, schien denn auch
-über den wunderlichen Aufzug seines Passagieres sehr erfreut und seine,
-ohnedieß schon recht ansehnliche Physiognomie hatte sich zu einem breiten,
-wohlgefälligen Grinsen ausgedehnt, mit dem er, sobald sie das Deck erreicht
-hatten, den _Wilden_ von oben nach unten betrachtete, bis sich dieser
-endlich mürrisch gegen ihn wandte und ausrief:
-
-»Nun Sir, wenn Sie sich satt gesehen haben, lassen Sie mich's wissen. Ist
-Ihnen denn in Ihrem ganzen Leben noch kein Tapamantel vorgekommen, daß
-Sie dreinschauen, als ob wir uns mitten in London, anstatt wirklich an der
-neuseeländischen Küste befänden?«
-
-»Nichts für ungut,« lachte der Seemann, »ich dachte nur eben daran, was
-für ein Gesicht der Gouverneur in Sidney schneiden würde, wenn Sie ihm, so
-aufgetakelt, vor den Bug kämen. Seeschlangen und Eisbären, Sie kommen mir
-vor wie ein Kriegsschiff mit Frauenzeug an Bord und an der Gaffel einen
-Unterrock aufgehisst -- segeln auch wohl einen Kreuzzug unter falscher
-Flagge?«
-
-»Alle Wetter!« rief da der kleine dicke Mann, der sich in diesem Augenblick
-zum ersten Mal nach den Redenden umwandte, ganz erstaunt aus -- »Mr. Dumfry
-als Neuseeländer!«
-
-»Gentlemen« erwiederte aber der also Genannte, indem er sich, ohne
-die letzte Bemerkung weiter einer Antwort zu würdigen, an seine beiden
-Begleiter wandte, »ich möchte ein paar _ernste_ Worte mit Ihnen reden, denn
-es betrifft Dinge, die noch auf jeden Fall besprochen werden müssen, ehe
-wir jene Küste betreten.« Und sein Auge haftete dabei sinnend an den
-blauen Landstreifen, dessen Conturen, durch das aufsteigende Tagesgestirn
-beleuchtet, immer deutlicher und erkennbarer hervortraten.
-
-»Hm,« sagte der _Capitän_ und schob die Finger beider Hände in die
-Seitentaschen seiner kurzen blauen Matrosenjacke -- »Geheimnisse wohl?
-werden dann lieber wieder in die Kajüte hinunter gehen.« Sein Blick, der
-zugleich auf den, neben ihnen am Steuer befindlichen Matrosen fiel, zeigte
-deutlich genug daß er fürchtete, dieser könne, da der Raum des Hinterdecks
-allerdings nicht bedeutend war, ihr Gespräch belauschen.
-
-»Wir haben,« erwiederte ihm aber Dumfry, »von den Leuten an Bord Nichts
-zu fürchten, wie Sie mir sagten, kommen die ja mit dem Lande nicht in
-Berührung.«
-
-»Ei bewahre,« rief der Capitän -- »gerade der, der dort steht, ist ein noch
-nicht entlassener Sträfling, den ich eigentlich wider die Gesetze mit an
-Bord genommen habe; er hat sich aber bis jetzt ordentlich benommen und --
-mir fehlten Matrosen, da konnte ich ihn, der ein tüchtiger Seemann ist, gar
-gut gebrauchen. Uebrigens bleibt der Schooner am äußersten Rande der
-Bai vor Anker liegen, das kleine Boot nehmen wir selber mit, und daß mir
-nachher keiner ans Ufer _schwimmt_, dafür sorgen unsere guten Freunde, die
-Haifische, von denen es hier eine besonders große Anzahl giebt.«
-
-»Gut denn, so können wir ruhig hier oben bleiben,« sagte der Verkleidete,
-wandte sich dem Starbord Bulwark zu, und erwartete hier, an dieses
-angelehnt, und sein Gesicht dem Meere und dem vor ihnen liegenden Ufer
-zugekehrt, die beiden Freunde, die sich bald rechts und links neben ihn
-stellten, seiner Mittheilung zu lauschen.
-
-Ehe wir übrigens dem Gespräch der Männer, die wir in unserer Erzählung
-begleiten wollen, folgen, möchte es vielleicht nöthig sein, dem Leser
-einen kurzen und flüchtigen Ueberblick des Theils der neuseeländischen
-Verhältnisse zu geben, mit welchem wir es hier zu thun haben, damit er die
-Beweggründe der Schooner-Passagiere begreifen, und ihrem Unternehmen mit
-größerem Interesse folgen kann.
-
-Wie in allen uncultivirten Ländern der Welt, so bildeten auch in Neuseeland
-die Missionäre gewissermaßen die Tirailleure der Civilisation; denn wie
-man einen bösen und starken Hund streichelt, und vielleicht durch den
-angenehmen Geruch eines vorgehaltenen Knochens, wie durch freundliche
-zuredende Worte zu besänftigen sucht, so wird den wilden trotzigen
-Nationen, denen der liebe Gott wahrscheinlich nur zufällig so vortrefflich
-zu Handel und Ackerbau gelegenes Land gegeben hatte, zuerst die christliche
-Religion mit ihren frommen und jede rauhe That verbietenden Lehren gezeigt.
-»Seht,« sagen die Missionäre -- »solch gute Menschen sind wir, _das_ steht
-Alles in der Bibel, unserem, uns von Gott selbst gegebenen Buch, und das
-thun, das befolgen wir auch Alles; davon weichen wir kein Haar breit ab,
-und so gut müßt Ihr auch werden, wenn Ihr einst das Alles erhalten wollt,
-was uns für unsere Frömmigkeit versprochen ist.«
-
-Der Wilde, dem schon das an und für sich imponirt, daß einzelne
-_unbewaffnete_ Männer, fremd mit seinen Sitten und Gebräuchen, durch
-Nichts geschützt, als das Vertrauen auf sein Volk, weit über das Meer daher
-kommen; ja vielleicht gar durch das Neue der Sache selbst angereizt, oder
-auch im naturkräftigen Herzen das Schöne solcher Lehre ahnend, neigt sich
-endlich dem fremden Glauben und huldigt dem fremden Gotte. Er will es
-einmal versuchen, ob das auch alles wahr und wirklich so ist, was ihm die
-fremden Männer mit den wunderlichen schwarzen Kleidern gepredigt haben.
-
-Kaum hat ihn nun sein eigener freier Wille, oft freilich auch nur ein
-für ihn reiches Geschenk dazu gewonnen, dann nimmt man ihm schon
-ein Versprechen ab -- das er bei einem nur etwas anders gestalteten
-Heiligenbild, als er es bis jetzt gewohnt gewesen, leisten muß -- seinen
-neuen Glauben nie wieder zu verlassen, und dem europäischen Gott wie auch
-dem europäischen Fürsten, dessen Emissäre sich dort gerade vorfinden,
-gehorsam zu sein.
-
-Der arme Wilde, der es übrigens sehr natürlich findet, daß der europäische
-Gott auf der Erde von einem _Fürsten_ vertreten wird -- denn einem anderen
-_Häuptling_ Gehorsam zu schwören wäre ihm nie eingefallen -- leistet den
-Eid, weiß aber in jener Zeit gewöhnlich gar nicht _was_ er verspricht, und
-ist nicht um ein Jota mehr zurechnungsfähig, als ein Säugling, der in der
-christlichen Religion getauft, oder ein vierzehnjähriger Schuljunge, der
-in ihr confirmirt wird. Weicht er aber später einmal davon ab, erwacht der
-alte trotzige Geist in ihm, oder sieht er vielleicht gar, daß sich doch
-nicht Alles so lieb und gut verhält, wie es ihm die fremden, im Anfang
-so freundlichen Männer vorgesprochen, dann wird er an _sein Versprechen
-gemahnt_, und wenn das nicht mehr ausreicht, zu der Liebe für die
-christliche Kirche _gezwungen_.
-
-»Ei, er hat ja geschworen,« sagen jetzt die Fremden, denn außer den
-Missionären treten nun auch plötzlich gar frommgesinnte Kaufleute aus
-dem Hintergrund und schreien über verletzte _Rechte_ -- »er hat ja einen
-Traktat, in welchem ihm Alles haarklein auseinandergesetzt wurde, mit
-seinem eigenen Zeichen selbst untermalt (denn lesen und schreiben konnte
-der arme Teufel leider nicht), und muß nun auch halten, was er versprochen,
-da ihn ja _früher_ Niemand dazu gezwungen hat.« Wird ihm aber der Zwang zu
-eng, lernt er vielleicht gar die wahren Absichten seiner Bekehrer kennen
-und verstehen, und greift er in wieder frisch aufloderndem Kampfesmuth zu
-den Waffen, dann -- schmettern Kartätschen und Büchsenkugeln den _Rebellen_
-zu Boden und die donnernden Schlünde der Kriegsschiffe, die seine
-leichten Schilfwohnungen von der Erde fegen oder entzünden, öffnen dem
-unglückseligen Wilden zum ersten Mal die Augen und zeigen ihm, was er bis
-jetzt noch gar nicht bemerkt zu haben schien, daß er Ketten an Händen und
-Füßen trage, und sogar in all seiner Verzweiflung und Noth nicht einmal
-mehr seinen alten Gott anrufen könne -- weil er den verleugnet hatte.
-
-Das bricht dem Armen gewöhnlich das Herz, denn damit ist ihm das Letzte,
-Heiligste vernichtet, und er wird jetzt, ohne weiteren großen Widerstand
-mehr, und worauf es ja im Anfang doch gleich abgesehen, der, nur dem Namen
-nach freie, _Sclave_ seines Herrn.
-
-Wie sehr dabei den Missionären gewöhnlich das Seelenheil ihrer _Bekehrten_
-am Herzen liegt -- ich sage _gewöhnlich_, denn es giebt auch, Gott sei
-Dank, Ausnahmen von dieser Regel -- geht ebenfalls aus den neuseeländischen
-Berichten hervor. Nach der Aukland Gazette beanspruchen nämlich die dort
-befindlichen fünf und zwanzig Mitglieder der Kirchenmissionsgesellschaft
-zusammen 196,840 Acker Landes, das sie für Kleinigkeiten gekauft und jetzt
-gewiß nicht um das ganze Seelenheil Neuseelands wieder herausgeben würden.
-Den Beweis hierzu haben ja auch wirklich die schon später geführten Kriege
-geliefert. Ebenso widersetzten sich jene Missionäre der Bildung anderer
-Gesellschaften, die besonders von Deutschen ausgingen und in denen sie,
-vielleicht nicht mit Unrecht, theils eine Ueberwachung ihres Treibens,
-theils vielleicht gar eine Concurrenz fürchteten.
-
-Die neuseeländischen Wilden nun, die dem Treiben der Fremden im Anfang
-ganz ruhig zusahen, da sie erstlich den Rückhalt nicht kannten, den jene
-in ihrer Nation hatten, und in solcher Besitznahme von Land durch eine
-Handvoll Menschen auch natürlich nicht jene verderblichen Folgen ahnen
-konnten, die es für sie haben mußte, wenn sie weiter und weiter von ihrem
-Grund und Boden verdrängt wurden, fingen dennoch mit der Zeit an aufmerksam
-zu werden und zu begreifen, welche Motive jene fremden Männer bewogen
-haben konnten, ihr Vaterland zu verlassen und die eigene Religion ganz
-unbekannten Völkern zu predigen. Theils sahen sie selbst fremde Länder,
-denn als Matrosen oder größtentheils Harpunierer schifften sie sich häufig
-auf amerikanischen, englischen und französischen Wallfischfängern ein,
-theils wurden sie auch hier und da von Weißen selbst auf ihnen gefährlich
-werdende Uebelstände aufmerksam gemacht, und das letztere geschah nicht
-allein oft aus Privat-, sondern sogar nicht selten aus irgend einem
-Nationalinteresse, wie denn Aehnliches von den Engländern besonders ihren
-Erbfeinden den Franzosen zur Last gelegt wird.
-
-Das Resultat blieb denn auch nicht aus; Heki, ein wackerer Häuptling der
-Neuseeländer -- nach einigen englischen Blättern sogar ein geborener Ire,
-der als junger Matrose von seinem Schiffe desertirte -- bot plötzlich den
-Europäern die Spitze, und widersetzte sich vorzüglich den Vermessungen des
-Landes, welche, wie er jetzt wohl einsehen lernte, seinem Volke den Boden
-Ackerweis entrissen und der fremden Regierung nur noch immer mehr angemaßte
-Rechte gaben. Der Haß gegen die Fremden stieg dabei immer höher, und ein
-Umstand besonders brachte das lang gedämpfte Feuer zum wilden, tobenden
-Ausbruch.
-
-Die Tochter eines Häuptlings wurde -- wie die Engländer behaupteten, aus
-Versehen -- erschossen und das wilde Blut der neuseeländischen Krieger
-schäumte jetzt hoch auf; all die erduldete Schmach riefen sie in ihr
-Gedächtniß zurück, und der langverstummte Kriegsschrei der Stämme machte
-das Mark ihrer Feinde erbeben. Allerdings erzwangen sich endlich die
-Geschützstücke der Engländer Anerkennung, und zügelten wenigstens für den
-Augenblick den wild auflodernden Grimm der Wilden, im Inneren gährte es
-aber noch drohend fort, und wenn auch dann und wann die Häuptlinge Frieden
-sicherten und Freundschaftsversicherungen gaben, so war ihnen doch schon
-von den Feinden selbst gelehrt worden, wie man derlei Versprechungen zu
-halten habe, und trotzig erneuten sie das Blutvergießen immer aufs Neue
-wieder.
-
-Das Resultat dieser Kämpfe ist freilich vorauszusehen; es wird hier werden,
-wie es in allen übrigen »wilden Ländern« war: einen Theil der Heiden
-civilisirt man, der andere muß untergehn, wollen sich aber gar keine dem
-milden Joch der christlichen Religion fügen, ja dann haben sie sich die
-Folgen freilich selber zuzuschreiben, und wie es früher den Guanchen der
-Canariden ging, wie es jetzt das Schicksal der australischen Wilden ist,
-so bleiben der Nachwelt nur noch die starren Ueberreste ihrer Gebeine,
-bei denen sich selbst die nimmer schonende Zeit milder zeigte, als das
-christliche Menschengeschlecht.
-
-Der Zweck nun, der den »Kasuar« hier an Neuseelands Küste gerufen, stand
-ebenfalls mit diesen Verhältnissen in Verbindung. In Sidney selbst war
-nämlich vor nicht gar langer Zeit ein angeblich neuseeländischer
-Pflanzer eingetroffen, der an der Nordostküste der Insel bedeutende wilde
-Länderstrecken sein nannte, und auch einen, von dem Häuptling Heki selbst
-unterzeichneten Schein besaß -- etwas, das bei Landbesitzungen äußerst
-selten geschah; -- Ursachen jedoch, die er bis dahin geheimgehalten,
-nöthigten ihn, wie er sagte, zu augenblicklicher Rückkehr nach Europa, und
-er bot deßhalb jenen Schein einem bedeutenden Sidney Handelshaus, Bornholm,
-Bricks und Comp., gegen baare Zahlung einer höchst mäßigen Summe an. Die
-einzige Bedingung, die er dabei stellte, war die, daß er einen Schooner
-und zwei Begleiter bekäme, um mit diesen noch einmal nach Neuseeland
-zurückzukehren, wobei er denn auch jenen Beiden die Grenzen des Besitzthums
-und dessen Lage bezeichnen wollte, damit sie später, wenn einmal der
-Rechtsanspruch an dieses Land geltend gemacht würde, als Zeugen für den
-rechtlichen und gesetzlichen Kauf auftreten könnten.
-
-Die Schrift des Dokumentes war, wie sich nicht verkennen ließ, ächt und der
-für das Land geforderte Preis stand mit dem jedesfallsigen Werthe desselben
-in gar keinem Verhältniß -- es konnte ein solcher Ankauf daher als ein
-ausgezeichnetes Geschäft gelten; denn in Sidney wußten sie recht gut, daß
-die englische Regierung, sobald sie die störrischen Häuptlinge nur erst
-einmal gebändigt, jedes Recht ihrer Unterthanen gewiß auf das kräftigste
-vertreten würde. Nur mit der Vermessung solcher Strecken hatte es, für
-jetzt wenigstens, unüberwindliche Schwierigkeiten. Die Eingeborenen
-widersetzten sich jeder Schätzung ihres Landes auf das Bestimmteste,
-und übten, wenn diese doch einmal versucht wurde und sie die Schuldigen
-ertappten, fürchterliches Strafgericht, wobei sogar nicht selten der alte
-heidnische und keineswegs abgeschaffte Kanibalismus wieder ins Leben trat.
-Reisende brauchten dagegen, besonders an der Küste, kaum um ihre Sicherheit
-besorgt zu sein, denn Heki hatte sogar seinen Untergebenen auf das
-strengste eingeschärft, Fremde nicht unnöthig zu reizen und jedes
-Blutvergießen zu vermeiden; die aber mit Aufopferung ihrer letzten Kräfte
-zu bekämpfen und zu vernichten, die eines ihrer Rechte auch nur anzutasten
-wagten.
-
-Der Vorschlag also, den Schooner hinüberzusenden und dort das Land,
-unter dem Vorwand einer Jagdexcursion, zu besichtigen schien dem Sidneyer
-Handlungshaus ebenfalls das einfachste und zweckmäßigste, obgleich es
-nicht begreifen konnte, welchen Plan Dumfry dabei haben mochte, daß er
-ihn förmlich zur Bedingung seines Kaufes machte. Es nahm aber auch deßhalb
-keinen Anstand, die Expedition selbst, so sehr es anging, zu beeilen, und
-drei Tage später schoß der Kasuar schon mit vollen geschwellten Segeln aus
-der Bai und ließ bald Neu-Hollands Küste weit, weit hinter sich.
-
-Dumfry war übrigens bis jetzt weder in Sidney noch an Bord anders als in
-europäischer Tracht erschienen, und das Erstaunen seiner Reisegefährten
-ließ sich deßhalb leicht erklären, als sie ihn plötzlich, der
-neuseeländischen Küste so nahe, die Rolle eines Indianers übernehmen sahen.
-Er konnte die Maske aber keineswegs nur in Scherz oder Lust angelegt haben,
-denn sein ganzes Wesen kam ihnen fast noch finsterer vor, als es sich bis
-dahin gezeigt, und sein Blick haftete ernst und schweigend an dem schmalen
-vor ihnen ausgedehnten Küstenstreifen.
-
-Capitän Tomson schien auch sehr geduldig den Beginn der versprochenen
-Mittheilung zu erwarten, denn er schaute ebenfalls, ohne auch nur die
-mindeste Neugierde zu verrathen, nach dem noch ziemlich entfernten
-Ufer hinüber, und nahm endlich seinen Kautabak heraus, von dem er einen
-förmlichen Mundvoll abbiß und langsam an zu verarbeiten fing; Van Broon
-dagegen, der ehrsame Geschäftsführer der Firma Bornholm, Bricks und Comp.,
-hustete erst ein paar Mal, räusperte sich, und that alles Mögliche, um
-dem wunderlichen Manne seine Nähe, die er ganz vergessen zu haben schien,
-bemerklich zu machen. Es blieb aber jede Bemühung vergeblich; Dumfry war
-in eine seiner Träumereien gefallen und hörte und sah nicht mehr, bis denn
-endlich dem kleinen Van Broon der letzte Geduldsfaden riß und er seinen
-Nachbar mit einem mahnenden »Sir!« in die Seite stieß. Dumfry zuckte,
-dadurch wieder zu sich selbst gebracht, fast erschreckt empor, sammelte
-sich aber gleich wieder und sagte, ohne jedoch dabei den Blick auch nur
-einen Augenblick von seinem bisherigen Ziel zu verwenden:
-
-»Gentlemen, es wird ihnen sonderbar erscheinen, daß ich jetzt, da wir uns
-den neuseeländischen Küsten nähern, die Landestracht jenes Volkes anlege.«
-
-»Ei, wenn man unter den Wölfen ist, muß man mit ihnen heulen,« meinte
-Tomson trocken.
-
-»Es hat einen anderen Grund« fuhr Dumfry fort und wandte sich dabei halb
-nach dem am Steuer lehnenden Matrosen hin, um auch überzeugt zu sein, daß
-sie von diesem nicht belauscht würden; der aber lehnte, allerdings an der
-ihnen nächsten Seite, aber den Rücken gegen die drei Männer gewandt, am
-Steuerrad, und hob nur manchmal schwerfällig, wie fast selbst zu dieser
-einzigen Körperbewegung zu faul, den Kopf gegen die Segel empor. Die Männer
-schien er gar nicht zu beachten. Dumfry mußte auch durch diesen Blick
-vollkommen befriedigt sein.
-
-Der Matrose stand aber keineswegs so schläfrig da, als es vielleicht
-den Anschein haben mochte; im Gegentheil trugen seine Züge den Ausdruck
-aufmerksamer Spannung, und er rührte sich nur deßhalb nicht, um keines
-der leise gesprochenen Worte zu überhören. -- Hätte Dumfry den stieren
-wachsamen Blick nur einen Moment beobachten können, er wäre nicht in der
-Nähe des Mannes stehen geblieben, so aber lehnte er sich langsam wieder
-über die Schanzung hinüber und fuhr fort:
-
-»Sie wissen Beide, daß ich früher auf Neuseeland gewohnt, ja dort
-Grundeigenthum besaß, das mir von dem Häuptling selbst und durch seinen
-eigenen Landbrief gesichert, ungestörten, ruhigen Besitz versprach. Sogar
-die Kriege mit den Europäern schienen nichts Gefahrbringendes für mich zu
-haben, denn die Eingeborenen betrachteten mich als einen der ihren, während
-meine Landsleute nur Vortheil aus meiner Gegenwart zu ziehen hofften. Wenn
-aber auch Heki freundlich gegen mich gesinnt war und mir wiederholt seinen
-thätigsten Schutz versprach, mußte ich doch einigen der untergeordneteren
-Häuptlinge ein Dorn im Auge gewesen sein, denn die Streitigkeiten mit
-ihnen nahmen kein Ende. Ich fand auch bald, daß sie es in der That dahin
-zu bringen suchten, mich zu einer raschen unüberlegten Handlung zu treiben,
-und dann vollen Grund zu haben, über mich herzufallen. Lange widerstand
-ich allen ihren Ränken und entging glücklich den gelegten Schlingen, einmal
-aber, in trüber unseliger Stunde, wo mir all die erlittene Unbill, jede
-ertragene Schmach in tollen Bildern vor die Seele stieg, wurde ich meines
-Zornes nicht Herr, und -- schlug den Einen meiner Feinde zu Boden.
-
-Blut fordert nach den Gesetzen jener Stämme Blut, und mein Leben hätte von
-diesem Augenblick an Heki selbst nicht mehr schützen können. Ich wußte
-auch zu gut was mich bedrohte, und floh; unmöglich aber wäre es die Wuth
-zu beschreiben, mit welcher diese rachsüchtigen Kinder einer heißen Sonne
-meinen Fährten folgten. Selbst die Missionäre weigerten sich damals mir
-eine Freistatt zu gewähren, ja drohten sogar mich auszuliefern, wenn ich
-nicht ohne Zögern die Missionsgebäude verließe; sie wollten den Zorn der
-gereizten Wilden nicht auf ihre, bis dahin ungestörten Wohnungen lenken.
-Ein holländischer Schooner nahm mich noch endlich auf und entzog mich
-dadurch einem martervollen Tode.«
-
-»Und nun wollen Sie in _unserer_ Gesellschaft wieder dorthin zurückkehren?«
-frug da Van Broon, der dieser Mittheilung mit immer wachsendem Entsetzen
-gelauscht hatte, »Mann, sind Sie rein des Teufels? glauben Sie denn,
-daß man Sie dort nicht wieder kennen wird? -- Und das verschweigt dieser
-unglückselige Mensch, bis wir dicht an der Küste sind; nun wird uns weiter
-gar nichts übrig bleiben, als geradezu umzukehren.«
-
-»Die Gefahr ist keineswegs so groß als Sie denken,« flüsterte Dumfry,
-»sonst hätte ich mich selbst nicht wieder hierher gewagt. Um unentdeckt zu
-bleiben, legte ich neuseeländische Tracht an, denn unter dem Schutze des
-_Tabu_[9] bin ich im Stande, monatelang die Insel zu durchwandern, ohne von
-einem einzigen meiner Feinde erkannt zu werden. Sobald wir das feste Land
-betreten verhüllt diese Matte meinen Kopf, und keine Hand wird es wagen
-einen Schleier zu lüften, den ihr heiligstes Gesetz als unantastbar
-schützt.«
-
- [9]: Der _Tabu_, ursprünglich wohl ein religiöser Gebrauch, ist bei
- den Neuseeländern auch das geworden, was man bei anderen Völkern das
- _Gesetz_ nennt, wird aber, seines heiligen und gefürchteten Ursprungs
- wegen, wohl um Vieles besser geachtet und gehalten, als das mit dem
- bloßen _Gesetz_ der Fall sein würde. Das Belegen mit dem Tabu bedeutet
- eigentlich: irgend eine Sache oder Person für längere oder kürzere Zeit
- als geheiligt zu betrachten. Dieß geschieht durch die _Tohungas_ oder
- weisen Männer. Begräbnißplätze, geheiligtes Eigenthum der Todten --
- Eigenthum an einem unbewohnten Ort gelassen, die Mais und Kumera
- (süße Kartoffel) Plantagen und andere Sachen sind unter das Tabu, oder
- eigentlich Tapu Gesetz (wie es die Neuseeländer härter aussprechen als
- die Bewohner der Sandwichs- und Marquesas-Inseln) gelegt. Oft geschieht
- das einem ganzen Pah (einem befestigten Ort), ebenso Häusern, Straßen
- und Canoes. Jemand der krank gewesen, ist bis zu einer gewissen Zeit
- Tapu. Das Haupt, ja oft der ganze Körper eines Häuptlings gilt dafür,
- -- so jede Braut -- und die Göttin selbst ist für Jeden, ihren eigenen
- Namen ausgenommen, Tapu. Sicherlich ist dieser Gebrauch für ein Volk,
- das keine geschriebenen Gesetze hat und kennt, höchst nützlich, ja
- sogar für den Schutz des Eigenthums, wie der einzelnen Personen von
- segensreichster Wirkung.
-
- =French Angas Life in New Zealand.=
-
-»Das ist eine sehr wunderliche Geschichte« murmelte der kleine Holländer
-und schüttelte dabei höchst unzufrieden, und allem Anschein nach keineswegs
-beruhigt, mit dem Kopf -- »eine höchst unangenehme Geschichte, deren
-Mißlingen wir am Ende sämmtlich mit unserem Fleisch, und den Werth zwar
-nach Metzgergewicht bestimmt, zahlen können.«
-
-»Hm,« meinte Tomson endlich, »das ist schon wahr -- die Völker Oceaniens
-haben einen Respekt vor dem Tabu, der uns vielleicht vor Entdeckung
-sichert, aber« -- und er drehte sich dabei scharf gegen den imitirten
-Neuseeländer herum, »was zum Henker treibt _Sie_ denn da wieder nach
-Neuseeland zurück, Sir, wenn Sie doch froh sein sollten eine gehörige
-Quantität Seewasser zwischen sich und der ihnen so feindlich gesinnten
-Nation zu wissen?«
-
-»Ja, _den_ Grund möchte ich auch hören« stimmte Van Broon dem Seemanne bei.
-
-»Wollen Sie mir« -- frug jetzt Dumfry ohne die von ihm verlangte Erklärung
-geradehin zu geben -- »wollen Sie mir in dem beistehen, was ich noch hier
-in meinem eigenen Interesse auszuführen gedenke -- wollen Sie mir Ihre
-Hülfe zusichern, und zwar mit der gewissen Aussicht auf einen höchst
-bedeutenden Gewinn?«
-
-»Donnerwetter, schießen Sie los Sir,« rief da der alte Matrose, ungeduldig
-werdend -- »wozu denn das verdammte falsche Farbenspiel -- hissen Sie,
-in des Bösen Namen, endlich einmal die wahre Flagge und nehmen Sie die
-Leinwand weg, daß man sehen kann, ob Sie wirkliche oder nur gemalte
-Schießluken führen. Was wollen Sie von uns, wozu sollen wir helfen?«
-
-»Gut denn,« erwiederte nach kurzem Sinnen Dumfry entschlossen, indem er
-sich halb gegen Tomson hinwandte: »ich will Ihnen Alles entdecken und hoffe
-dann auf ihren Beistand rechnen zu können. Sie wissen Gentlemen, daß
-ich, als ich der Firma Bornholm die mir von Heki selbst ausgestellte
-Landverschreibung übergab, es sogar zur Bedingung meines Verkaufes machte,
-hier noch einmal nach Neuseeland, und zwar in Begleitung zweier Männer
-zurückkehren zu können. Die Bestimmung des Landes lieferte dazu den einen,
-aber nur die Firma Bornholm berührenden Grund; der andere betrifft mich
-selber. Wir werden, wenn auch noch einige Meilen davon entfernt, doch dem
-Orte gegenüber landen, wo ich früher meine Hütte errichtet; was aus
-dieser geworden, weiß ich nicht, ganz in der Nähe derselben liegt aber ein
-ebenfalls durch das Tabu geheiligter Ort, und an diesem habe ich vor meiner
-damaligen Flucht, alles das vergraben, was ich mir in einem zehnjährigen
-Aufenthalt nicht allein auf Neuseeland, sondern auch in früherer Zeit in
-den australischen Colonien ersparen konnte.«
-
-»Was? ein Schatz?« frugen beide Männer rasch und verwundert!
-
-»Still« sagte der Neuseeländer und sah sich schnell nach dem Mann am
-Steuer um. Der aber, doch etwas durch die plötzliche, unerwartete Bewegung
-erschreckt, fuhr leicht zusammen und drehte den Kopf rasch zur Seite.
-Dieses Zeichen der Ueberraschung war übrigens hinreichend gewesen, den
-Verdacht Dumfry's zu erregen und seine von jetzt an leise geflüsterten
-Worte riefen die beiden Männer in die Kajüte hinab, um dort die angefangene
-Mittheilung zu beenden.
-
-Der Mann am Steuer sah ihnen, als sie die Treppe hinunterstiegen, mürrisch
-nach und murmelte endlich:
-
-»So so, also ein Schatz ist dort drüben zu heben, und da sollen wir
-indessen hier ein paar Meilen in See draußen liegen und die Herren dann
-nachher ganz gehorsam und unterthänigst in unsere Sclaverei zurückführen,
-indeß ich hier doch die verdammte gelbe Jacke[10] einmal mit guter
-Gelegenheit loswerden könnte. Pest noch einmal -- so wohl wird's mir wohl
-sobald nicht wieder werden, eine solche Strecke von Sidney entfernt zu
-sein; muß nur sehen, daß ich mit in das Boot zum Hinüberrudern komme,
-nachher gute Nacht Sclavendienst.« Und er griff rasch und entschlossen in
-die Speichen des Rades, den indessen etwas abgefallenen Bug wieder dem Ufer
-zuzuhalten.
-
- [10]: Die gelbe Jacke ist ein Abzeichen der Sträflinge in den Colonien.
-
-In Himmel und See war indessen ebenfalls eine Veränderung vorgegangen; der
-Seewind trat ein und die, bis dahin fast ruhige Wasserfläche fing an, sich
-mehr und mehr zu kräuseln; kleine Wellen entstanden, die sich wie rollende
-Schneebälle vergrößerten, je weiter sie kamen und zuletzt mit den glasigen
-Häuptern so emporstiegen, daß sie in zischendem Schaum aufsprudelten und
-tanzten. Der gleichmäßige, ruhige Lufthauch ließ ihnen dabei gar keine
-Wahl, wohin sie sich wenden wollten; nur dem Lande drängte er zu und die
-kleinen Wogen, selbst schon im Entstehen den Trotz verrathend, der sie in
-ihrer Kraft und Gewalt so fürchterlich macht, kämpften zuerst eine ganze
-Weile gegen den, wenn auch milden Herren an, und schienen ihren Platz bis
-aufs Aeußerste behaupten zu wollen. Endlich aber, da sie doch sahen,
-daß sie der Uebermacht weichen mußten, wandten sie sich auch zu wilder
-ungeregelter Flucht, sprangen hoch auf und stürzten sich, wie tolle,
-ungezogene Kinder rücksichtslos übereinander hin, eine immer rascher vor
-als die Schwester drängend, um das Ufer nur so schnell wie möglich zu
-erreichen.
-
-Der Kasuar ließ denn auch die frische Brise keineswegs unbenutzt; seine
-Segel blähten sich, und der Schaum kräuselte am Bug empor und tanzte in
-kleinen Spritzwellen hinter dem jetzt langsam steigenden Fahrzeug her.
-Die Massen von inselartigen Seepflanzen, die ihn bis dahin fast regungslos
-umgeben hatten, durchschnitt er nun, oder glitt rasch an ihnen vorüber, und
-das Land trat immer deutlicher und erkennbarer hervor, so daß man schon
-vom Bord aus einzelne, höhere Baumgruppen und die hervorstechende, dunklere
-Schattirung der Wälder erkennen konnte.
-
-Der Sträfling von Sidney stand noch immer am Steuer, da tönten die hellen
-Schläge der Glocke, das Zeichen der Ablösung für die Wachen, und vom
-Vorkastle, die beiden Daumen in dem schmalen Ledergürtel, der die
-segeltuchnen Beinkleider auf den Hüften hielt, und zugleich das lange,
-holzstielige Matrosenmesser mit seiner braunen Lederscheide trug,
-schlenderte einer der Kameraden langsam heran, um den Sidney _Vogel_, wie
-derlei Burschen ebenfalls häufig genannt werden, abzulösen. Gleichgültig
-schien er heranzukommen, und der erste wollte ihm gerade den Platz räumen
-und nach vorn gehen, das indessen für ihn bewahrte Frühstück einzunehmen,
-als ihm der scheue Blick des Ablösenden, mit welchem dieser das kleine Deck
-überflog, auffiel.
-
-»Nun Bill, was giebt's,« sagte Ned, der Sträfling -- »wo spukt's wieder?
-schneidest ja eine verdammt ängstliche« --
-
-»Ruhig« flüsterte der Mann schnell -- »Ned -- bist Du ein Mann?«
-
-»Sonderbare Frage das,« brummte Ned höhnisch -- »trüge ich sonst diese
-Jacke? -- das thun nur _Männer_!«
-
-»Gut denn, hast Du Lust zu« -- er wandte noch einmal scheu den Kopf und
-zischte schnell, als er Niemanden in der Nähe sah -- »_zu fliehen_?«
-
-»Hm« -- sagte Ned und heftete seinen Blick scharf und prüfend auf den Mann
--- der Ausdruck in dessen Zügen ließ aber keinen Zweifel, daß er es ehrlich
-meine und Ned, der hier ganz unerwartet einen Bundesgenossen fand -- denn
-er, als bekannter Sträfling, hätte es selber nie gewagt, einem der übrigen
-Matrosen gemeinsame Sache anzubieten -- bog sich jetzt, die Speichen des
-Steuerrades noch immer haltend, zu ihm nieder und flüsterte leise --
-
-»Fliehen? -- ja, wenn es sein muß -- aber -- ich sehe die Nothwendigkeit
-noch nicht ein; einige unserer Leute werden auf jeden Fall das Fahrzeug
-verlassen, um das Boot ans Ufer zu rudern -- sind wir dann nur im Stande
-noch einen auf _unsere_ Seite zu gewinnen, so kann uns kein Teufel an der
-Ausführung eines -- eines beschlossenen Planes hindern. Geht das aber auch
-nicht, bleiben wir allein; -- ei zum Henker, dann möcht' ich doch einmal
-sehen, ob wir Beide nicht im Stande wären, wirklich zu beweisen, daß wir --
-daß wir eben _Männer_ wären.«
-
-Der Ire, der im Anfang nicht einmal gleich begriff, was Jener mit seinem
-dunklen Vorschlag meinte, sah ihn erst mehrere Secunden lang überrascht
-und unschlüssig an. Bis jetzt hatte er, nur des Dienstes auf englischen
-Schiffen müde, wahrscheinlich einzig und allein daran gedacht, solcher
-Knechtschaft zu entgehen, während der Sträfling dagegen vor keinem Plane
-zurückschreckte, der ihm seine wirkliche Freiheit wieder gab. Er schüttelte
-aber, als er die fürchterliche Absicht des Verbrechens zu ahnen begann, mit
-dem Kopf und sagte schaudernd:
-
-»Nein Ned -- das gäb' eine blutige Geschichte, deren Andenken meiner Mutter
-Sohn nicht lebenslang auf dem Gewissen mit herumschleppen möchte, -- aber
-fliehen wollen wir, darin steh' ich Dir bei und nachher« --
-
-»Pst,« flüsterte der Sträfling rasch -- »ich höre sie von unten wieder
-heraufkommen -- ich will schnell mein Frühstück verzehren; nachher können
-wir das weitere hier bereden.«
-
-Er glitt am Gangspill[11] vorüber und verschwand gleich darauf im Vorcastle
-des Schooners, wo die Matrosen, wie auf allen übrigen Fahrzeugen und
-Schiffen, ihre Schlafstellen haben.
-
- [11]: Die Hauptwinde jedes größeren Fahrzeuges.
-
-Der Schooner, von einem günstigen Seewind getrieben, näherte sich jetzt
-der Bai, die, wie das in den Südseeinseln so häufig der Fall ist, durch
-ein weit ausbauchendes Corallenriff umgürtet wurde. Auf diesem schäumte und
-sprudelte denn auch die Brandung und ließ nur, so weit das Auge reichte,
-einen einzigen Paß oder Canal erkennen, wo tiefes Wasser größeren
-Fahrzeugen den Eingang verstattete, denn eine krystallene Fluth schoß hier
-glatt und schnell zwischen zwei hoch emporstarrenden Felsen hindurch, die
-ein förmliches Thor bildeten und jedes Abweichen nach rechts oder links
-zur Unmöglichkeit machten. Tomson, der von dieser Stelle das Steuer selbst
-regieren wollte, sandte den Iren nach vorn, um mit bei den Segeln zu
-stehen, und die gegebenen Befehle schnell ausführen zu helfen; für den
-Augenblick nahm auch die hier wirklich nicht unbedeutende Gefahr, an irgend
-eines der Riffe getrieben zu werden, die Aufmerksamkeit Aller zu sehr in
-Anspruch, das Land zu beobachten, das sie jetzt wie mit liebenden Armen
-umschloß, als der _Master_ ganz plötzlich eine, den Seeleuten wenigstens
-höchst unerwartete Ordre gab. Der Schooner glitt nämlich noch in
-dem wirklichen Canal hin, der sie blitzschnell an den beiden Felsen
-vorüberführte, da rief Tomson's Stimme sein eintöniges: »Steht bei den
-Segeln!« über Deck hin, und als die Leute erstaunt nach ihm umsahen,
-folgten sich die rasch hintereinander gegebenen Befehle, die Segel back zu
-brassen, einen Theil zu beschlagen und bei dem Anker zu stehen, so reißend
-schnell, daß sie zum Ueberlegen gar keine Zeit weiter behielten, sondern
-nur gehorchen mußten, und jetzt sahen wie der kleine Kasuar, einem
-schlanken Taucher gleich, seine Bahn veränderte, zuerst eine Strecke dicht
-an dem Korallenriff vorbeizog, und dann plötzlich, während der Steuernde
-das Rad losließ, daß es wirbelnd herumfuhr, nach dem Riff selber zulenkte,
-als ob es dort gerade und fest auflaufen wolle.
-
-Dem Ruf »Anker los« folgte aber auch blitzesschnell die Ausführung; die
-schwere Eisenmasse rollte in die Tiefe, und das kleine, schwanke Fahrzeug,
-das sich rasch mit seinem Bug gegen das plötzlich anstraffende Tau wandte,
-lag gleich darauf still und ruhig auf der, von keinem harten Luftzug mehr
-erregten spiegelglatten Bai.
-
-Die Entfernung bis zum Lande betrug etwa zwei englische Meilen.
-
-Der Schooner führte nur, ein neuseeländisches Canoe ausgenommen, das Tomson
-früher einmal für sich selbst gekauft, -- die gewöhnliche sogenannte Jölle
-mit sich, die an seinem Hinterdeck befestigt hing, und diese wurde jetzt,
-als sich das Fahrzeug kaum vor seinem Anker beruhigt, in See gelassen.
-Dumfry, Van Broon und Tomson standen bereit hinabzusteigen, denn was sie
-sonst an Lebensmitteln noch gebrauchen würden, war schon durch des würdigen
-Seemannes Vorsorge vorher hineingeschafft und weggepackt worden.
-
-Der erstere hatte jetzt, neben der neuseeländischen Tracht, auch ganz
-neuseeländische Bewaffnung angenommen. Auf der Schulter trug er die lange
-einläufige Büchse, und an seinem Handgelenk hing noch, durch einen
-schmalen Riemen gehalten, der aus einem Wallfischknochen verfertigte,
-etwa anderthalb Fuß lange _Mirei_, die Kriegskeule jener Stämme; auch ein
-Tomahawk, den die amerikanischen Wallfischfänger auf der Insel eingeführt,
-stack in seinem Gürtel. Tomson hatte sich dagegen mehr nach Seemannsart
-bewehrt; in seinem breiten Gürtel ruhten neben dem gewöhnlichen
-Matrosenmesser ein Paar große Enterpistolen, und ein sogenannter Cutlaß
-hing an seiner linken Seite; die langschößige blaue Jacke, die er jetzt
-angelegt, bedeckte aber, wenn er sie zuknöpfte, die ersteren vollkommen,
-und nur der breite, kurze Säbel blickte drohend darunter vor.
-
-Ganz anders sah dagegen Mynheer Van Broon aus, der keineswegs nach
-tödtlichen Waffen gegriffen, sondern sich vielmehr mit dem besteckt zu
-haben schien, was Leib und Seele zusammenhalten sollte, anstatt es zu
-trennen. Aus der rechten und linken Tasche seines langschooßigen,
-blauen Tuchrocks sahen wenigstens, innig vergnügt, zwei rothbesiegelte
-Flaschenhälse heraus und unter dem linken Arme trug er ebenfalls einen
-Gegenstand, der mehr einem Fouragebeutel als einer tödtlichen Wehr glich.
-Dumfry betrachtete ihn denn auch ganz erstaunt, und rief endlich, halb
-ärgerlich, halb lachend aus:
-
-»Aber zum Teufel Sir, was schleppen Sie denn da mit sich herum? Sie glauben
-doch nicht, daß wir --«
-
-»Eine geräucherte Wurst, einen halben Käse, etwas Brod und ein Fläschchen
-voll ächten Schiedam,« unterbrach ihn Van Broon ruhig, indem er den Beutel
-sorgsam ein klein wenig öffnete und mit der Mündung gegen den Frager hielt.
-
-»Hahaha,« lachte Tomson, »Mr. Van Broon will sich vorsehen, wenn wir etwa
-eine Belagerung aushalten müssen.«
-
-»Bitte um Verzeihung« sagte der Holländer, während er den Beutel wieder
-unter seinen Arm zurückschob -- »ich habe mit keiner Sylbe an eine
-Belagerung gedacht, denn wäre das geschehen, so können Sie sich auch fest
-darauf verlassen, daß ich ganz ruhig und gemüthlich an Bord des Kasuar
-bliebe. Ich bin keineswegs gesonnen, mir für die Firma Bornholm, Bricks
-und Comp., so hoch ich dieselbe sonst auch in jeder Beziehung achte und
-schätze, die Glieder voll Blei schießen, oder gar mit spitzen Instrumenten
-nach mir hacken und stechen zu lassen.«
-
-Dumfry biß sich auf die Lippen und wandte sich von ihm ab; ein anderer
-Gedanke mußte aber in ihm aufsteigen, denn er sah sich noch einmal nach dem
-kleinen Mann um und sagte dann rasch:
-
-»Sie dürfen jenes Ufer auf keinen Fall unbewaffnet betreten, denn wenn wir
-auch, wie ich fest überzeugt bin, keine Gefahren dort zu erwarten haben,
-so wäre es auch wieder zu leichtsinnig gehandelt, nicht allein unbewaffnet
-zwischen die Eingeborenen zu gehen, sondern sie das auch noch gleich von
-vornherein merken zu lassen. Nehmen Sie wenigstens eine Flinte auf die
-Schulter, wenn Sie dann auch keinen Gebrauch davon machen.«
-
-»Eine geladene Flinte?« sagte der Kaufmann -- »ich denke gar nicht daran;
-der Henker traue den Dingern; wenn sie nun losgeht? ich habe in meinem
-Leben keine geladene Flinte in der Hand gehabt, aber schon unzählige
-Unglücksfälle von derlei Mordinstrumenten gehört.«
-
-»So nehmen Sie eine ungeladene,« rief Dumfry, schon ungeduldig werdend --
-»Herr, Sie werden sich doch nicht vor einem leeren Stück Eisen fürchten?«
-
-»Fürchten?« sagte Jener, »wer sagt Ihnen, daß ich mich überhaupt fürchte?
-ich fürchte mich vor gar Nichts, ich mag aber mit Gewehren Nichts zu
-thun haben, weil ich nicht damit umzugehen weiß -- ist die auch wirklich
-ungeladen?«
-
-»Nicht einmal ein Pfropf drin!« brummte Dumfry, »hier -- nehmen Sie und
-machen Sie, daß wir fortkommen, die schöne Tageszeit vergeht sonst, und es
-ist besser, das wir noch vor Dunkelwerden wieder an Bord sind.«
-
-»Nehmen Sie?« sagte der kleine Mann unwillig, »womit denn? sehen Sie denn
-nicht, daß ich beide Hände voll habe? kommen Sie, hängen Sie mir, wenn es
-denn absolut sein muß, das verwünschte Ding über den Hals, habe ich aber
-ein Unglück damit, so können Sie sich darauf verlassen, daß ich mich in
-Sidney auch an Sie halten werde.« Und er bog dabei seinen Kopf gegen Dumfry
-nieder, als ob er einen widderartigen Anlauf gegen ihn nehmen wollte.
-Dieser hing ihm denn auch ohne weiteres die keineswegs leichte Waffe mit
-dem Riemen über den breiten Nacken und sprang dann leicht und flüchtig in
-das Boot hinab, wo indessen zwei Matrosen -- Bill, der Ire, und Ned, der
-Sträfling, Platz genommen und die dort liegenden Ruder ergriffen hatten.
-
-Diese gewahrte der Capitän kaum, als er sie ärgerlich anfuhr:
-
-»Hinaus mit Euch, Ihr Canaillen -- wer hat Euch hier hergeschickt? mit
-hinüberfahren, eh? und dann nachher Fersengeld geben und neuseeländische
-Uniform tragen? so? ganz allerliebst abgekartet. Hinauf mit Euch, sag' ich,
-Hallunken, -- die Ruder hingelegt.«
-
-»Aber Master Tomson,« nahm Bill das Wort -- »ist es denn nicht Bill und
-Ned hier, die ein Ruder zu führen wissen? und haben wir nicht, =acushla
-machree=, bloß aus besonderen --«
-
-»Will die rothhaarige Bestie an Deck?« rief Tomson, in wilder Wuth
-auffahrend - »_Alle an Deck hier!_« schallte gleich darauf sein heftig
-gegebener Befehl bis in die entferntesten Theile des kleinen Fahrzeugs;
-»jetzt will ich den Hund sehen, der nicht gehorcht.«
-
-Bill O'Leary war zu klug, jetzt noch einen Augenblick zu zögern, da er
-die Folgen der Widersetzlichkeit in solchem Falle nur zu gut kannte; er
-kletterte deßhalb rasch an Deck zurück. Auch Ned hielt nur noch einen
-Moment das schon ausgelegte Ruder krampfhaft mit beiden Händen fest, zog es
-dann, ebenfalls wie sein Gefährte, wieder herein, und folgte ihm, wo er
-von seinem Offizier mit Flüchen und Drohworten empfangen und überschüttet
-wurde. Deren schien er aber wenig zu achten, sondern schob nur die Hände in
-seine Jackentasche und trat mürrisch hinter die übrigen Seeleute, die sich
-jetzt, nach dem letztgegebenen Befehl, um ihren Führer gesammelt hatten.
-Es waren, mit dem Koch und Stewart, einem aus den vereinigten Staaten
-entflohenen Neger, zehn stattliche, kräftige Gestalten, größtentheils
-in blauflanellnen Hemden, weißen Segeltuchhosen und runden niederen
-Strohhüten; nur der Neger trug ein brennendrothes Hemd und Bill O'Leary und
-Ned, der Sträfling, der eine die gewöhnliche blaue, der andere seine gelbe
-Strafjacke.
-
-»So, Ihr Seelöwen« -- fuhr sie jetzt der Steuermann, nach einem wilden
-Blick auf die Schaar, an, die jedoch recht gut wußte, daß er es keineswegs
-so bös meine, und nur gesonnen sei, bei solcher Gelegenheit die nöthige
-Autorität zu zeigen. »Ihr bleibt jetzt hier ruhig vor Anker liegen, bis
-wir wieder zurückkommen -- was hoffentlich noch vor Abend geschieht. Nach
-Dunkelwerden laßt kein Boot heran, ohne mein Zeichen. Ihr kennt es schon;
-auf Alles andere, was sich still und heimlich nähern will, gebt Feuer --
-verstanden? -- Und Du Ned -- hier vorneher, wenn ich mit Dir rede, Bursche
--- Du verhältst Dich ganz ruhig und muckst nicht, sonst freu' Dich, wenn
-wir wieder nach Sidney kommen. Solltest Du übrigens Lust haben, ein Bischen
-ans Ufer zu schwimmen, so steht Dir das ganz frei, ich möchte Dich nur
-darauf aufmerksam machen, daß Dir dann die Wahl bleibt, entweder von den
-Haifischen unterwegs -- siehst Du, da drüben schwimmen schon ein Paar, oder
-von den Neuseeländern am Lande verzehrt zu werden; der ganze Unterschied
-bleibt nachher der, daß Dich die einen ohne und die anderen mit Salz
-fressen. Uebrigens« -- wandte er sich plötzlich an den Zimmermann, der in
-Abwesenheit Tomson's gewöhnlich den Befehl führte -- »schießt Ihr jeden
-Schuft ohne weiteres auf den Kopf, Bob, der Miene macht das Fahrzeug in
-meiner Abwesenheit zu verlassen; wir befinden uns hier an einer feindlichen
-Küste, und da gelten die Kriegsgesetze -- verstanden?«
-
-Bob grunzte eine Art Beistimmung und Dumfry rief indessen ungeduldig vom
-anderen Bord aus:
-
-»Ei so kommt, ins drei Teufels Namen; die schöne Zeit vergeht und ehe wir's
-uns versehen, ist der Abend wieder da!«
-
-»Ah, ay!« rief der Matrose zurück -- »haben noch nichts versäumt. Also
-Boys, haltet Euch ordentlich, und Ihr sollt, sobald wir unseren Anker
-wieder in Sidney auswerfen, einen Feiertag bekommen.«
-
-Dumfry und Van Broon hatten indessen ihre Plätze in dem schwanken,
-scharfgebauten Fahrzeug schon eingenommen, und der erstere zwar an
-dem vorderen Larbord Ruder, Tomson aber, der jetzt rasch hinter ihnen
-dreinsprang, ergriff das Starbord Ruder und während Van Broon, der sich
-ganz behaglich im Sterne niedergelassen, diesen mit einer kleinen, neben
-ihm liegenden Stange von Bord abstieß, that Tomson dasselbe mit seinem
-Ruder. Bald darauf schoß das leichte Boot blitzesschnell über die nur
-leise gekräuselten Wogen hin und näherte sich mehr und mehr dem hellgelben
-Sandstreifen, der das dunkelgrüne Laub der dahinterliegenden Wälder mit
-einem leuchtenden Gürtel zu umziehen schien.
-
-Ihre Fahrt ging schnell von statten und als Van Broon einmal den Kopf nach
-dem Kasuar zurückwandte, konnte er schon nicht einmal mehr die einzelnen
-Gestalten, die ihrem Boot mit den Blicken folgten, erkennen, sah sich
-übrigens auch gleich darauf viel zu sehr von seiner Umgebung gefesselt und
-angezogen, um seine Aufmerksamkeit noch länger zwischen dem Schooner und
-dem festen Land zu theilen. Nach kaum halbstündiger Fahrt glitt der scharfe
-Bug der Jolle in die Mündung eines kleinen, dicht mit breitblättrigen,
-wunderlich gestalteten Büschen bewachsenen Wassers hinein, das sich, aus
-den Bergen niederbrausend, sein Bett trotz allen Hindernissen gewühlt und
-behauptet hatte, und von den Sträuchen verdeckt, lagen sie bald sicher und
-heimlich unter der ziemlich steilen Uferbank des kleinen Bergstroms, an
-der sie, mit Hülfe einiger vorstehenden Wurzeln und Aeste, förmlich
-emporklettern mußten.
-
-Mit Mühe und Noth erreichten sie endlich, das heißt Dumfry und Tomson
-den oberen Theil der Bank und mußten dann erst noch mit aller möglichen
-Anstrengung ihrem wohlbeleibten Reisegefährten zu Hülfe kommen, der mit
-seiner überhängenden Flinte unter eine wilde Rebe gefahren war und nun
-so vollkommen festsaß und weder rück- noch vorwärts konnte, daß sie sich
-wirklich gezwungen sahen, ihm zuerst den Gewehrriemen abzuschnallen, ehe er
-sich nur möglicher Weise von alle dem, was ihn hielt, losmachen konnte.
-
-Der Platz, auf dem sie jetzt standen, obgleich nur wenige hundert Schritt
-vom äußersten, seebegrenzten Waldrand entfernt, war schon so von dicht
-verworrener und in einander verwebter Vegetation bewachsen, als ob er
-im wahren Herzen der Wildniß läge, und eine Passage durch diese grünen,
-duftenden Labyrinthe unter keiner Bedingung gestatten würde. Edle Bäume von
-stattlichem, oft riesigem Wuchs stiegen ast- und zweiglos, wie lebendige
-Säulen empor, und schienen das grüne, dichte Laubdach dieses Domes zu
-tragen und zu stützen. Die Reimukiefer, der Keiketie, der Totara, der
-Kahikatoa, Rata und andere Waldbäume reichten sich hier einander die
-mächtigen Arme und hielten sich gegenseitig mit blumigen, engverschlungenen
-Guirlanden umschlossen, am herrlichsten aber stach gegen das dunkle, ernste
-Grün der übrigen Stämme die Nikau-Palme[12] und der herrliche _Farrenbaum_,
-diese Zierde der neuseeländischen Wälder, ab, der mit seinen breiten
-fächerartigen Blättern der ganzen Scenerie eben jenen bezaubernden,
-tropischen Anstrich gab, während es fast aussah, als ob all die übrigen
-riesengroßen Bäume nur deßhalb hätten so weit und kräftig hinaufschießen
-und ihre Arme ausbreiten müssen, um ihn, das Juwel des Waldes, vor wilden,
-gefährlichen Stürmen zu schützen und zu bewahren.
-
- [12]: =Areca sapida.=
-
-Kein noch so kleiner und unbedeutender Raum in diesem Waldmeer war
-dabei kahl oder leer; jeder Stamm, jeder Felsen trug seine Moose und
-Schmarotzerpflanzen, und wie ein grüner, duftiger, blumendurchwirkter
-Teppich überzog die üppige Pflanzendecke jeden erreichbaren Gegenstand.
-Selbst abgestorbenen, und ihrer Aeste und Zweige beraubten Stämmen, wurde
-nicht gestattet, so starr und trostlos dazustehen in ihrer reizenden
-Umgebung, wie heulende Methodistenpriester in der herrlichen, lachenden
-Welt; das lebendige Grün hatte schon lange vor dem Vertrocknen der
-Säfte, den kranken Baum fest, fest umschlossen, und als Arm nach Arm
-herunterbrach, und der todte Stamm, von allen verlassen, die er einst
-unterstützt und beschirmt, stehen blieb, oder weit dröhnend in
-sein laubiges Grab hinabschmetterte, da blühten und wucherten
-scharlachleuchtende Blumen um ihn auf, immergrüne Kränze flochten sich um
-seine riesigen Glieder, und was erst der Vernichtung geweiht schien, keimte
-und wirkte jetzt noch einmal dem frischen, fröhlichen Leben entgegen.
-
-Van Broon, obgleich sonst gegen Naturschönheiten ziemlich abgestumpft,
-wenn sie nicht sein materielles Ich unmittelbar berührten, blieb doch
-hier, sobald er sich von seiner ersten Anstrengung nur in etwas erholt,
-überrascht stehen, und staunte die Wunder dieser riesigen Vegetation an.
-Dumfry aber ließ ihm nicht lange Zeit zu Betrachtungen, er war nur
-schnell noch einmal in das Boot zurückgesprungen, aus dem er einige der
-mitgenommenen und am leichtesten transportablen Provisionen heraufschaffte,
-und forderte dann seine beiden Begleiter ohne weiteres auf, ihm, so rasch
-und geräuschlos als sie könnten, zu folgen, denn wenn er auch, besonders
-zu Van Broon's Beruhigung, nochmals versicherte, es drohe ihnen unter
-den gegenwärtigen Verhältnissen, sollten sie selbst mit Eingeborenen
-zusammentreffen, keine Gefahr, so sei es doch auf jeden Fall besser, ein
-Begegnen derselben zu vermeiden, da sie dann hoffen durften, ihre Pläne
-weit schneller und leichter ausführen zu können.
-
-Der Platz schien auch wirklich völlig unbesucht, ja nach dem zu urtheilen,
-was man sehen und erkennen konnte, noch nie von menschlichem Fuß betreten;
-trafen sie also nicht gleich bei ihrem ersten Ausmarsch Wilde an, so ließ
-sich jetzt doch wenigstens mit Wahrscheinlichkeit vermuthen, daß sie dann,
-sollte ihre Ankunft auch später bekannt werden, ihren Plan ausführen und zu
-ihrem Fahrzeug zurückkehren konnten, ehe nur irgend Jemand ahnte, was sie
-wirklich beabsichtigten.
-
-Dumfry hatte sich übrigens schon bei seinem ersten Betreten des festen
-Landes das Gesicht verhüllt und theilte ihnen jetzt mit wenigen Worten
-den Plan mit, den er zu befolgen gedachte. Zugleich machte er sie darauf
-aufmerksam, daß dieser Bach, in dessen Mündung sie eingelaufen -- und der
-auch in dem Lehnsbrief unter dem Namen Ta-po-kaï aufgezeichnet stand --
-derselbe sei, welcher die nördliche Grenze des fraglichen Landstrichs
-bilde.
-
-An diesem hinauf lag jetzt vor allen Dingen ihre Bahn, denn die westliche
-Linie war gerade die schwierigste zu bestimmen. Dumfry hatte deßhalb,
-wie er sagte, seinen Tomahawk mitgenommen, um einzelne Bäume selbst zu
-bezeichnen und es dem späteren Eigenthümer dadurch möglich zu machen, den
-Ort wiederzufinden und eine genaue Scheidungslinie zu ziehen. Ohne weiteres
-Zögern schritt er denn auch jetzt den beiden Männern voran, in den dunkeln,
-schweigenden Urwald hinein und dicht hinter ihm, den Hut fest in die Stirne
-gedrückt, eine der beiden schweren Pistolen in der Hand, die andere, mit
-der linken gehalten, im Gürtel, folgte Tomson. Van Broon, seine eigne
-Flinte auf dem Rücken, mit der er alle Augenblicke in den unzähligen
-Schlingpflanzen hängen blieb, bildete den Nachtrab, schien aber mit diesem
-Platz keineswegs einverstanden zu sein, denn es hatte ihm, wie er meinte,
-etwas Unheimliches, so ganz zuletzt zu kommen und gar nicht zu wissen,
-ob nicht irgend ein wilder Cannibale hinter ihm drein krieche und
-heimtückischer Weise mit irgend einem vielleicht gar vergifteten Pfeile auf
-ihn ziele. Ganz vorn zu gehn, wie es ihm Dumfry lächelnd anbot, lehnte er
-jedoch auch, und zwar auf das Bestimmteste ab, denn er betheuerte, nicht
-um noch so viele Schatzhebungen in jeden dunklen Busch hineinspringen
-zu wollen, ohne denselben vorher mit größter Genauigkeit untersucht und
-visitirt zu wissen. Es blieb also kein anderer Ausweg, als ihn in die Mitte
-zu nehmen, und auf solche Art setzten sie denn auch, immer dem Lauf des
-Baches folgend, ihre Bahn ruhig und ungehindert fort, ohne daß ihnen irgend
-etwas Auffallendes oder gar Gefährliches begegnet wäre.
-
-Ihr Weg lag großentheils durch dichtbewaldete Niederung, und der
-buntbeschwingte Papagei und andere Arten kleiner Singvögel waren ihre
-einzigen Begleiter und füllten den hohen Waldesdom mit ihrem heiteren
-sonnigen Leben. Endlich erreichten sie höher gelegenes Land, und hier
-schien auch die Vegetation weniger üppig zu sein; auf jeden Fall fanden
-sie dann und wann offene Waldstellen, die ihnen erlaubten schneller
-vorzurücken. Dafür aber trafen sie jenes kräftige, der Insel eigenthümliche
-Farrenkraut, das an manchen Orten wirklich gürtelhoch wuchs und Dumfry
-blieb plötzlich, am Rand einer kleinen Prairie, die mit Nichts als solchem
-Kraut bedeckt war, stehen und erklärte, daß sie hier den Bach verlassen und
-dem Hügelkamm folgen müßten, den sie jetzt erstiegen hätten. Von hier aus
-begann die westliche Linie des verkauften Landstrichs und einige mit dem
-Tomahawk rasch gefällte junge Bäume, die eine niedere, breitwüchsige Palme
-umstanden, sollten für spätere Jahre das Erkennungszeichen sein.
-
-Dieser Hügelkamm aber, dem sie von jetzt an folgen mußten, war üppig mit
-dem unvermeidlichen Farrenkraut bedeckt, und dieses wuchs und wucherte an
-einigen Stellen so hoch und dicht, daß sie es im Anfang kaum durchdringen
-konnten und mehrmals Orte fanden, die sie förmlich umgehen mußten, bis sie
-endlich einen schmalen indianischen Pfad trafen, der ganz dieselbe Richtung
-zu laufen schien, die sie zu nehmen beabsichtigten. Dumfry mußte ihn auch
-gekannt haben, denn er hatte vorher, ohne jedoch seinen Begleitern etwas
-davon zu sagen, in einem rechten Winkel wirklich danach gesucht.
-
-Das Land hob sich hier nicht unbedeutend, und obgleich sie gerade keinen
-bestimmten Berg erkennen konnten, da vor ihnen wieder ausgedehntere
-Waldungen sichtbar wurden, so kamen sie doch jetzt zu immer steileren
-und schroffer aufsteigenden Abhängen, von denen sprudelnde Wasser dunkle
-Schluchten hinab schäumten und sprangen. Schweigend verfolgten sie jedoch
-ihre Bahn den schmalen Pfad entlang, und hatten eben wieder eine etwas
-größere Farrenkrautfläche erreicht, die hier die Kuppe des einen, rings von
-Thälern umschlossenen Berges zu bilden schien, als Tomson einen lauten Ruf
-ausstieß und Van Broon im nächsten Augenblick, da Dumfry plötzlich stehen
-blieb, heftig und erschreckt gegen diesen anrannte.
-
-Dumfry, der in der letzten Zeit, und hier wohl keinen Beobachter fürchtend,
-die Matte von seinem Gesichte zurückgeschlagen hatte, fuhr zusammen,
-verhüllte sich rasch den Kopf wieder und riß, als ob, trotz allen
-seinen Betheuerungen vom Gegentheil, eine Gefahr hier doch nicht zu
-den Unmöglichkeiten gehöre, die Flinte empor. Vergebens blickte er aber
-forschend nach allen Seiten umher, es ließ sich Nichts erkennen und nur
-Tomson stand, die eine seiner Sattelpistolen gespannt vor sich hinhaltend,
-da, und schaute aufmerksam in das Farrenkraut hinein.
-
-»Was giebt's, Sir?« rief ihn da Dumfry ungeduldig an, »haben Sie irgend
-Verdächtiges gespürt oder gehört?«
-
-»Es fuhr mir etwas dicht in meinem Fahrwasser über den Pfad!« erwiederte
-der Seemann, ohne jedoch den Blick von der Stelle zu verwenden, wo das
-unbekannte Wesen verschwunden sein mochte.
-
-»War es ein Mensch?« frug Dumfry schnell.
-
-»Ich will gekielholt werden, wenn ich's weiß,« brummte Jener -- »verdammt
-schnell ging's, so viel ist gewiß, und schwarz war's auch -- wenigstens am
-Stern, denn weiter hab' ich nicht viel davon gesehen.«
-
-»Es wird eines der wildgewordenen Schweine gewesen sein,« beruhigte sich
-da Dumfry -- »es giebt viele auf der Insel, und fast sonst keine anderen
-wilden Bestien. Ihr braucht keine Angst« --
-
-»Da ist es wieder!« rief Van Broon und deutete erschrocken in das dichte
-Kraut; während aber Alle schwiegen und aufmerksam horchten, vernahmen
-sie deutlich, wie die Büsche, und zwar gar nicht weit von ihnen entfernt,
-rauschend zur Seite gedrückt wurden, als ob sich irgend ein schwerer Körper
-rasch hindurch dränge. Dumfry richtete sich, so weit das gehen wollte,
-empor, das Dickicht war aber hier höher als er selbst, es ließ sich Nichts
-erkennen, und ebensowenig sah er irgend einen höheren Gegenstand in der
-Nähe, den er hätte ersteigen können; nicht einmal ein Baum stand in mehren
-hundert Schritt Entfernung.
-
-»Van Broon -- Mr. Van Broon,« flüsterte da plötzlich der angebliche
-Neuseeländer, denn das Unbekannte rührte sich wieder, als ob es noch einmal
-über den Pfad brechen wollte -- und zu gleicher Zeit nahm Dumfry seine
-Flinte wieder in Anschlag und richtete sie gegen den Ort, von dem das
-Geräusch herüber tönte -- »versuchen Sie doch einmal, ob Sie von Mr.
-Tomson's Schultern aus den Plan übersehen und erkennen können, was hier
-eigentlich in unserer Nähe herumkriecht -- ich will indessen die offene
-Bahn bewachen.«
-
-»Ahem,« brummte der kleine Holländer, und wandte sich gegen den Seemann,
-der, wenn auch durch die Zumuthung vielleicht überrascht, doch gutmüthig,
-ohne übrigens die Pistole abzulegen, die linke Hand auf sein linkes Knie
-stemmte und dadurch seine Bereitwilligkeit ausdrückte, als Observatorium
-benutzt zu werden, -- »ahem -- will's versuchen -- werde ja wohl hinauf
-kommen.«
-
-»Schnell -- schnell!« mahnte Dumfry ungeduldig -- »die Pest über das
-Trödeln, glauben Sie, daß _der_ wartet?«
-
-»Der? wer?« frug Van Broon erstaunt und drehte sich schnell wieder gegen
-den Redner herum. Auch Tomson sah zu ihm auf.
-
-Dumfry stampfte ärgerlich mit dem Fuß und Van Broon, der noch nicht recht
-mit sich einig schien, ob er wirklich thätigen Antheil an ihrem Abenteuer
-nehmen, oder die Sache ruhig abwarten solle, trat endlich kopfschüttelnd
-auf den Seemann zu, faßte ihn von hinten um den Hals, hob ihm sein linkes
-Knie über das Hüftbein und warf sich nun -- mit einem Versuch, auf solche
-Art förmlich in den Sattel zu springen -- dermaßen über den Matrosen hin,
-daß er diesen ohne weiteres in das Farrenkraut hineindrückte und dann
-gleich darauf selbst, den Kopf voran, in das Dickicht nachschoß.
-
-»Alle Wetter!« schrie Tomson, und fuhr mit beiden Händen aus, um sich vor
-dem Falle zu wahren, gedachte aber dabei nicht der geladenen Pistole, und
-während er, von dem schweren Gewicht des kleinen Holländers niedergezogen,
-in dem dichten Farrenkraut verschwand, berührte sein Finger den Drücker,
-und die Kugel fuhr, dicht an Van Broon's Kopf vorüber, in die Luft.
-
-Dumfry drehte sich fast unwillkürlich nach dem Schusse um. In demselben
-Moment glitt aber auch jener dunkle Gegenstand wieder zurück über den Pfad,
-und zwar diesmal vor ihnen vorüber, während der Neuseeländer durch das, was
-hinter ihm vorging, abgezogen, nicht rasch genug die Flinte an den Backen
-reißen konnte, den fremden Gegenstand aufs Korn zu nehmen, ehe dieser schon
-wieder im Dickicht verschwunden war. So kurzer Blick ihm übrigens gestattet
-gewesen, so mußte dieser doch wohl genügt haben, seinen Entschluß zu
-bestimmen, denn, ohne auch nur einen Moment länger zu zögern, warf er die
-Flinte, die ihm in solchem Pflanzengewirr nur hinderlich sein mußte, von
-sich, riß den Tomahawk aus dem Gürtel und sprang dort in das Kraut hinein,
-wo die zurückgebogenen Sträuche die Spur des Flüchtigen verriethen.
-
-Als sich Tomson und Van Broon, die auch in der That schnell genug wieder
-auf die Füße sprangen, von ihrem Fall erholt hatten und jetzt überrascht
-umherschauten, war Dumfry verschwunden und sie selbst standen, keines Weges
-kundig, allem Anschein nach aber von Gefahr umgeben, und wie Van Broon
-fürchtete, schon von einer unbestimmten Anzahl grimmer Menschenfresser
-umringt, in der öden Wildniß da.
-
-Was jetzt thun? den Führer erwarten, oder ohne weiteres das Boot wieder
-aufsuchen und entfliehen? Van Broon stimmte unbedingt für das letzte,
-Tomson entschied sich dagegen für das erste und behauptete nicht mit
-Unrecht, sie könnten vielleicht, wenn wirklich Feinde in der Nähe lauern
-sollten, den Verdacht derselben gerade durch einen voreiligen Rückzug
-erregen, und es war dann fast gewiß, daß sie, des Waldes unkundig,
-abgeschnitten würden, ehe sie im Stande wären ihr Boot zu erreichen.
-
-Hier jedoch, mitten im Wald, wo ihr Blick nicht einmal zwei Schritte weit
-ins Dickicht drang, und der Feind sich leicht bis dicht an sie anschleichen
-und seine tödtlichen Pfeile aus sicherem Hinterhalt auf sie abfeuern
-konnte, ruhig stehen zu bleiben, schien fast ebenso wenig rathsam, und
-Tomson wandte schon, nur bei dem bloßen Gedanken daran, unruhig den Kopf,
-welcher Bewegung denn Van Broon blitzesschnell folgte, als ob er nichts
-Geringeres erwartete, wie seine entsetzlichsten Befürchtungen verwirklicht
-zu sehen.
-
-Da raschelte es wieder im Dickicht; während jedoch der Seemann, fest
-entschlossen, sein Leben so theuer zu verkaufen als möglich, die
-indessen wieder geladene Pistole dorthin gerichtet hielt, traf der
-leise, wohlbekannte Pfiff Dumfry's sein Ohr, und gleich darauf glitt die
-verkleidete Gestalt desselben gerade da wieder in den Pfad, wo sie vorhin
-so rasch und unerwartet verschwunden war.
-
-Er hatte die Matte wieder zurückgeschlagen, und sein Antlitz sah bleich und
-angegriffen aus, ohne aber auch nur einen Augenblick Zeit zu verlieren,
-ja selbst ohne eine einzige, der an ihn gerichteten Fragen zu beantworten,
-winkte er den Gefährten, ihm zu folgen und schritt, so rasch es die dichten
-Strauchbüsche erlaubten, in dem schmalen Pfad voran. Es dauerte übrigens
-nicht mehr lang, so erreichten sie den Waldrand wieder und verließen damit
-wenigstens die hemmenden Farrenkräuter, obgleich umgestürzte Bäume, dornige
-Cyanen und dichtes Unterholz ihren Fortgang dennoch sehr aufhielten. Aber
-auch diese lichteten sich endlich, als sich Dumfry jetzt plötzlich einer
-kahlen Steinfläche zuwandte, und von dieser aus eine schroff und fast
-kahl emporsteigende Bergspitze rasch emporkletterte. Tomson und Van Broon
-schienen erst unschlüssig, ob sie ihm da hinauf folgen sollten; sein
-ungeduldiger Wink rief sie aber bald nach, und sie standen wenige Minuten
-nachher auf einem schmalen, wunderlich geformten und von allen Seiten
-fast schroff empordämmenden Felskegel, der sie über dem riesigen Wuchs des
-Urwalds erhob, und von dem sie, wenigstens einen kleinen Theil der Insel,
-wie das sie umgürtende Meer überschauen konnten.
-
-Der Anblick war wundervoll; das dunkle Grün der Bäume, nur hie und da von
-dem lichten Grau einzelner Farrenstrecken durchbrochen, deckte wie mit
-einer festen, undurchdringlichen Masse das Land, und dicht hinangeschmiegt,
-und von dem klaren funkelnden Sonnengestirn überstrahlt, lag das blaue,
-ätherreine Meer. Unfern der Küste aber, von dem weißschäumenden Streifen
-der Korallenriffbrandung eingeschlossen, schaukelte der »Kasuar,« während
-weiter hinter ihm, und hie und da die einförmige Stille des Horizonts
-unterbrechend, einzelne Segel sichtbar wurden, die mit der frischer
-wehenden Briese rasch und lautlos dahinglitten.
-
-Der Himmel war rein und wolkenlos, nur im Süden lagerte auf den düsteren
-Waldschichten ein durchsichtiger, rosenfarbener Nebel, der von einem etwas
-dunkleren Hintergrund begrenzt schien.
-
-Der Felskegel selbst war kahl, nur an seinem einen Rand hing ein dichtes
-Gewirr von wildverschlungenen Blumen, aus denen einzelne niedere, aber
-dichtbelaubte Sträucher emporstiegen und nach dieser Richtung hin die
-Aussicht gegen die im Innern gelegenen Berge zu abdämmte.
-
-Wenn nun aber auch unsere drei Freunde, sobald sie die höchste Kuppe
-erreicht hatten, forschend und aufmerksam die Blicke nach allen Richtungen
-hinschweifen ließen, so schien doch Keinen, obgleich Alle von verschiedenen
-Gefühlen bewegt wurden, die Scenerie selbst zu interessiren, wenigstens
-verrieth kein Laut der Bewunderung, kein einziger Ausruf, kein Wort der
-Mittheilung, daß sie sich des wunderherrlichen, sie umgebenden Panoramas
-auch nur bewußt waren. Van Broon suchte nur rings umher ihre nächste
-Umgebung zu erforschen, ob sie nicht unmittelbare Verfolger zu fürchten
-hätten, und Dumfry, der im Anfang seinen Blicken folgte, seine Untersuchung
-aber deßhalb schneller beendete, da er genau die Gegend wußte, in der ihnen
-Gefahr drohen konnte, schaute weiter aus, und schien sich mit den nächsten
-auf ihrer Bahn liegenden Landmarken vertraut zu machen, indessen Tomson
-gar nicht auf das Land achtete, sondern nur mit den Augen den Horizont
-überflog, zuerst sein eigenes kleines Fahrzeug beobachtete, wie es ruhig
-und friedlich mit den scharf gezeichneten Masten in der Bai lag, und dann
-aufmerksamer, als es der Gegenstand zu verdienen schien, nach dem Nebel
-sah, der von Süden aus nach West und Ost in kleinen, dunstigen Strahlen
-hinüberstrebte.
-
-»Tomson -- sehen Sie dort drüben jene dunkle Bergkuppe?« brach Dumfry
-endlich das Schweigen -- »gleich links von dem helleren Grün jener einzeln
-stehenden Palmengruppe?«
-
-»Gerad' unter dem silbergrauen, glatten Wolkenstreifen, der sich dort
-hinüberdehnt?«
-
-»Dieselbe -- das ist der Punkt, von dem die südliche Grenzscheide meines
-Landes, ein anderer kleiner Bach, aus den Bergen sprudelt, und in fast
-östlicher Richtung, etwa fünf Meilen unterhalb der Bai, in die wir
-eingelaufen sind, mündet. Getrauen Sie sich jetzt den Platz später einmal
-wieder finden zu können?«
-
-»Auf jeden Fall, wenn wir den Weg gemacht haben,« meinte Tomson, und schob
-dabei die eine Pistole, die er bis jetzt noch immer schußfertig in der
-Hand gehalten, in den Gürtel zurück. -- »Ich dächte auch, wir brächen
-auf; könnten wir die Sache beenden, _ohne_ den dunkelhäutigen Schuften zu
-begegnen, desto besser, mich gelüstet's keineswegs nach einer genaueren
-Bekanntschaft, als wir sie bis jetzt gemacht haben. Das war doch ein
-Indianer, der uns da vorhin im Fahrwasser herumkreuzte -- eh?«
-
-»Wir dürfen die Grenzen nicht weiter verfolgen,« entgegnete Dumfry finster,
-ohne die an ihn gerichtete Frage zu beantworten; -- »Sie kennen Beide
-die Gefahren, die uns von Seiten der Eingeborenen drohen, sobald sie
-_Landvermesser_ in uns zu finden glauben; laufen wir daher den ganzen
-Bereich ab, so müssen wir fast ihren Verdacht erregen. Das vermeiden wir,
-sobald wir uns von hier aus gerade durch den Wald der Küste zuschlagen,
-und dadurch hoffe ich auch jede Spur zu vernichten, die wir bis jetzt etwa
-könnten zurückgelassen haben, denn während wir in einem rechten Winkel von
-dem bisherigen, fast geraden Curs abspringen, bleiben wir wohl eine Meile
-lang auf felsigem Boden, wo es selbst dem Auge eines Indianers schwer
-werden sollte, Fährten zu verfolgen.«
-
-»Aber der Schatz?« fiel ihm hier Tomson in die Rede, »haben Sie es etwa
-aufgegeben, den zu finden, und kehren wir jetzt gleich zum Boot zurück?«
-
-»Ja -- zum Boot wohl,« erwiederte Dumfry -- »doch hoffentlich nicht ohne
-das, um was ich mein Leben hier eingesetzt habe. Getrauen Sie sich also
-diese Grenzlinie, wie ich Sie Ihnen jetzt bezeichnet, wieder zu finden?«
-
-»Hm -- ich weiß doch nicht,« brummte Tomson halblaut vor sich hin -- »wenn
-man das Ding nachher beschwören sollte -- hätten wir nur wenigstens die
-Verschreibung mit.« --
-
-»Die führe ich bei mir,« sagte Van Broon, und holte, nicht ohne einige
-Schwierigkeit, das vorsichtig in einer Blechbüchse verwahrte Document aus
-der vollgepfropften Tasche; »hier Gentlemen, aber ich weiß wahrlich nicht,
-wie _das_ Ihnen dabei helfen soll -- es ist doch nicht« --
-
-»Sehen Sie!« rief Dumfry jetzt, der das Papier rasch entfaltet hatte --
-»hier ist der Bach, an dem wir heraufkommen -- Sie wissen den Namen, und
-Jedermann an dieser Küste wird Ihnen später die Mündung zeigen können --
-das etwa ist die kleine Farrenprairie, wo ich heute die Palme zeichnete.
-Sie getrauen sich doch _die_ wiederzufinden?«
-
-»Ja, von der Mündung aus gewiß,« sagte Tomson.
-
-»Gut,« fuhr Dumfry in seiner Beschreibung fort, »hier der, durch ein Kreuz
-bezeichnete Punkt ist der Felsgipfel, auf dem wir stehen, und jene südlich
-gelegene Abdachung dieselbe, auf welcher dorten der Nebel liegt, und von wo
-aus Sie dem niederströmenden Bach an der Grenze hin zu See folgen können.
-Eine Verwechselung ist hier unmöglich.«
-
-Tomson hatte die Karte aufmerksam eine Zeitlang betrachtet; endlich legte
-er sie wieder zusammen, schob sie in ihr Futteral zurück, reichte es
-Van Broon und sagte, zu gleicher Zeit nach Süden hinüberdeutend, wo die
-bezeichnete Gegend lag: --
-
-»Den Platz getrau ich mich von hier aus selber zu finden, nicht aber mein
-eigenes, kleines Fahrzeug, wenn wir länger hier zögern, als es unumgänglich
-nöthig ist -- es liegt weit draußen an den Riffen, und da drüben braut ein
-Wetter, oder ich will im Leben kein Salzwasser wieder schmecken.«
-
-»Die Stürme wüthen oft fürchterlich an dieser Küste,« fiel Dumfry rasch
-ein, dem nichts Erwünschteres kommen konnte, als durch solchen Grund ihre
-Rückkehr zu beschleunigen.
-
-»Aber der Schatz,« sagte Van Broon, keineswegs gesonnen, das jetzt soweit
-ausgeführte Wagestück ohne einigen persönlichen Nutzen zu beenden.
-
-»Auf unserem Weg zum Boot passiren wir den Platz,« erwiederte Dumfry --
-»und nun rasch. Gentlemen, der größte Theil, ja der einzig gefährliche
-unseres ganzen Marsches ist beendet, jetzt gilt es einfach noch eine kurze
-Strecke Weges zurückzulegen, und ehe jene düsteren Nebelstreifen im Stande
-sein werden auch nur mit ihren äußersten Spitzen die Sonne zu erreichen,
-hoff' ich, schaukeln wir wieder auf den stillen Wassern der Bai und Freund
-Tomson mag uns dann so sicher zurück nach Port Jackson führen, als er uns
-hierher gebracht.«
-
-Und ohne weiter eine Antwort seiner beiden Begleiter abzuwarten, sprang
-er flüchtig an den vorragenden Felsenspitzen nieder, die, fast wie durch
-Menschenhand ausgeführt, die einzigen Haltpunkte an einer wohl zwanzig Fuß
-hohen Felsenwand für Fuß oder Hand boten. Tomson folgte ihm ebenso rasch;
-viel schwerer wurde es aber dem an solche Bahn keineswegs gewöhnten
-Buchhalter, und nur mühsam war er im Stande, seinen um so Vieles
-gewandteren Gefährten zu folgen. An solches Bergeklettern aber nicht
-gewohnt, und mit, durch zu vieles Sitzen versteiften Gliedern, verlor er
-bald seinen Fußhalt, fing an auszurutschen, fiel, klammerte sich wieder
-fest, mußte, durch sein eigenes Gewicht gedrängt, noch einmal loslassen,
-und polterte endlich, Flaschen und Proviant von sich schleudernd, und
-die bis dahin so sorgsam bewahrten Provisionen nach allen Richtungen
-hinausstreuend, über rauhes, schroff ablagerndes Felsgestein wimmernd
-nieder, bis er, von einer jungen Farrenpalme angehalten, hängen blieb, und
-nun verzweiflungsvoll die Bahn zurückblickte, die er eben so unfreiwillig
-rasch herniedergerasselt war.
-
-Oben aber, aus dem kleinen Lianendickicht, das auf dem Felskegel wucherte,
-kroch vorsichtig und geräuschlos eine dunkle tättowirte Gestalt, glitt
-bis zu dem Felsrand hin, wo noch leise rollender Kies die Stelle verrieth,
-welche die Männer eben zurückgelegt, und beobachtete hier, von niederem
-Mooswuchs und einzelnen Farrenkräutern verdeckt, mit den aus dem narbigen
-Gesicht unheimlich vorfunkelnden Augen die Bewegungen der Fremden, von
-denen Tomson und Dumfry erst zu dem Gefallenen traten und dann, als sie
-sahen, daß dieser selbst keinen weiteren Schaden genommen, und noch stehen
-und gehen konnte, in den östlich gelegenen Büschen mit ihm verschwanden.
-
-Der Indianer blieb wohl eine Viertelstunde lang regungslos in seinem
-Verstecke liegen, und erst dann, als er sich fest davon überzeugt haben
-mochte, daß die Fremden den Platz auch wirklich verlassen hätten, erschien
-seine Gestalt plötzlich am Rande des Abhanges. Blitzesschnell glitt er
-hinab, wich aber, unten angelangt, den Spuren der Weißen in einem weiten
-Bogen aus -- er vermied die Stelle, wo die zersplitterten Glasflaschen
-lagen -- und nahm erst dort die Fährte wieder auf, wo die Fremden, dem
-felsigen Bette eines vertrockneten Baches folgend, in den Wald eingedrungen
-waren.
-
- * * * * *
-
-Ruhig lag indessen der Kasuar vor seinem Anker, und die Matrosen hatten
-sich, als das kleine Boot zwischen die vorhängenden Büsche des Ufers schoß
-und von diesen verdeckt wurde, lässig unter das aufgespannte Sonnensegel
-gelagert, und schauten träumend auf das blaue, nur leise wogende Meer
-hinaus, das, wie sie, in müßiger Ruhe die heiße, sonnige Tageszeit zu
-verschlafen schien. Selbst die Fische mußten sich in die dunkle, kühle
-Tiefe zurückgezogen haben, denn nur selten zuckte ein goldschillernder
-Delphin strahlenblitzend über die gebrochene Spiegeldecke der Fluth,
-und Careys Mutter Küchelchen[13] selbst schaukelten sich mit nur selten
-gehobenen Schwingen auf ihrem heimathlichen Element.
-
- [13]: Die kleine schwarze Seeschwalbe, die den Schiffer auf seinen
- weiten Reisen begleitet.
-
-Das Steuer des kleinen Fahrzeugs stand verlassen, nicht weit aber davon
-lagen, anscheinend ebenso unthätig als die Uebrigen, der Sträfling und sein
-neugewonnener Freund, der irische Matrose, dicht neben dem Gangspill,
-und hatten beide die Köpfe auf den unteren, vorstehenden Theil desselben
-gelegt, in welchem die starken messingenen Einhemmer ruhten.
-
-»Bill« flüsterte da der Sträfling endlich und berührte leise den Ellbogen
-des Kameraden.
-
-Der Ire hob den Kopf ein wenig und schaute vorsichtig hinüber.
-
-»Wenn der Koch zum Essen ruft,« fuhr Ned eben so leise fort, »so geh' nach
-vorn, und thu' wie ich Dir sagen werde; noch habe ich nicht alle Hoffnung
-aufgegeben, und, wenn mein Plan gelingen soll, so ist das der einzige
-Augenblick zur Ausführung.«
-
-»Aber wie und was?« brummte der Ire, »an Schwimmen dürfen wir nicht denken,
-denn ich will verdammt viel lieber Matrose bleiben, als mich von Haifischen
-fressen lassen und das Canoe können wir zwei unmöglich über Bord heben.«
-
-»Nein,« flüsterte der Sträfling zurück -- »dennoch giebt's ein Mittel es
-hinüberzubekommen; wo Gewalt Nichts auszurichten vermag, muß List helfen.
-Doch die Zeit drängt -- steh' Du jetzt auf und mache Dir in der Nähe des
-Kochs etwas zu thun, sobald der aber anfängt das Essen in die Schalen zu
-füllen, so ruf' »Segel ahoi!« -- Ist auch nichts zu sehen, sie mögen Dich
-nachher auslachen, oder darüber fluchen, komme aber nachher sobald Du es
-unbemerkt thun kannst und -- hörst Du -- so schnell als möglich hierher
-zurück.«
-
-»Was soll das aber helfen?« frug der Ire erstaunt.
-
-»Wirst's schon sehen,« sagte Ned, und drehte sich auf die andere Seite
-herum, Bill aber, der sich noch ein paar Mal streckte und dehnte, stand
-endlich langsam auf, und schlenderte kopfschüttelnd dem Vordertheil des
-Schooners zu, wo der Koch, ein feister ächter »Buck nigger« -- von der
-Mannschaft jedoch nur gewöhnlich schlichthin Doktor genannt -- emsig in
-der kleinen, heißen Kambüse beschäftigt war, großmächtige Kessel heraus und
-hineinzuheben, Pfannen zu rücken und Seewasser in entsetzlichen Quantitäten
-an Bord zu ziehen und wieder auszuschütten, bis ihm der Schweiß in großen,
-hellen Tropfen von Stirn und Schläfen lief, und sein Antlitz mit einer
-wahren, glänzenden Fettdecke überzog. Die Matrosen hatten aber auch heute
-einen Festtag, denn, um sie in etwas dafür zu trösten, daß sie nicht mit
-ans Land durften, war ihnen Pudding und Schweinfleisch bewilligt
-worden, und verschiedene, hungrige Abgesandte hatten sich schon in kurz
-aufeinanderfolgenden Zwischenräumen erkundigt: »ob heute wirklich noch zu
-Mittag gegessen würde.« --
-
-Ned wußte das Alles, und baute darauf seinen Plan, der in nichts Geringerem
-bestand, als noch vor dem Essen die Mannschaft des Kasuar dahin zu bringen,
-das an Bord liegende Canoe selbst mit in See zu heben, und es auch dorten
-die Mittagszeit hindurch zu lassen.
-
-Nicht weit von dort wo er lag, standen nämlich dicht am Steuerrad zwei
-grünlackirte Eimer, die den Namen des Schooners trugen, und mit theils dem
-»Capitän«, theils dem Zimmermann gehörige Wäsche angefüllt waren. Ned, der
-nie eine Gelegenheit vorbeigehen ließ, Geld zu verdienen, da er recht gut
-wußte, daß er _Geld_ sowohl zum Fliehen, als auch zum späteren Fortkommen
-nothwendig haben müsse, hatte es auch hier an Bord für eine mäßige
-Vergütung übernommen, die Wäsche dieser beiden »Offiziere« in Ordnung zu
-halten, und dorthin begab er sich jetzt, als ihn der Ire eine Zeitlang
-verlassen, und er sich von sonst keinem weiter beachtet wußte.
-
-Neben den beiden, bis zum Rande mit Seewasser angefüllten Eimern stellte er
-jetzt noch einen leeren dritten, nahm dann aus den ersten einen Theil der
-Hemden, rang sie trocken aus, füllte damit den letztgebrachten Eimer mehr
-als halbvoll, hob ihn auf die, nicht eben hohe Verschanzung und goß nachher
-aus den anderen das gebrauchte Seewasser über Bord.
-
-»Du wirst den Eimer hinunterfallen lassen Ned,« rief ihm der Kajütenjunge
-zu, der eben die Treppe niedersteigen wollte -- »wenn's ein Bischen
-schwankt, liegt er drüben, und 's ist nicht einmal ein Tau dran.«
-
-»Kümmere Du Dich um Deinen Kram,« brummte der Sträfling, warf der
-schlanken, lachend niedertauchenden Gestalt einen giftigen Blick nach und
-fuhr in seiner Arbeit fort; sein Blick aber schweifte oft rasch nach dem
-Bug des Schooners hinüber, wo Bill nachlässig an der Ankerwinde lehnte,
-und anscheinend halb im Schlaf nur dann und wann einmal nach dem Koch
-hinüberblinzte. Da kam dieser mit den hölzernen Schaalen aus dem Vorcastle
-herauf, und der Ire stand auf, trat an die Bulwarks und stützte sich mit
-dem Ellbogen auf den einen dort festgeschnürten Anker -- jetzt hob er
-sich etwas empor und schützte mit vorgehaltener Hand seine Augen gegen das
-Sonnenlicht. Am fernen Horizont waren indessen in der That mehrere kleine
-weiße Punkte sichtbar geworden, doch achteten die übrigen Matrosen nicht
-darauf, denn einestheils brauchten sie hier in der Gegend keine Seeräuber
-zu fürchten, und dann nahm auch wirklich in diesem Augenblick der Koch ihre
-ganze Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, um gerade jetzt auf irgend
-etwas Anderes zu denken.
-
-Ein kleiner Büschel Werg -- Ueberbleibsel eines zerzupften Taues -- lag
-dicht neben Ned an Deck; dieser hob ihn auf, warf ihn über Bord und folgte
-ihm mit den Augen. Das Werg trieb, durch die Strömung getragen, langsam am
-Riff hinauf, und der Sträfling lächelte still vergnügt in sich hinein, denn
-gerade dort wurde jetzt die hohe, dicke Rückenflosse eines Hai sichtbar,
-der sich in dem schäumenden Rauschen der Untiefe zu sonnen schien, als er
-sich aber wieder nach seiner Arbeit umwandte, sah er, wie der Zimmermann
-aufgestanden war und gerade auf ihn zukam. Blieb der in seiner Nähe, so
-wurde die Ausführung des erdachten Planes zur Unmöglichkeit.
-
-»Gift und Tod!« knirrschte der Sidneyer wild in sich hinein, »hat denn
-dieser vermaledeite Schuft von Koch« --
-
-»Segel ahoi!« rief plötzlich der Ire am Bug des Schooners, und der
-Zimmermann wandte sich, erstaunter über den Ruf als das Segel selbst, nach
-jenem um, Ned aber trat rasch gegen die Bulwarks an und stieß hier den, nur
-leicht auf den Bord gestellten Eimer in See.
-
-»Seht Ihr -- hab ich's nicht gesagt?« schrie da der Kajütenjunge, der eben
-wieder an Deck kam, und jetzt vor die Verschanzung sprang, um hinüber zu
-sehen, -- »ei Du lieber Gott, da schwimmen ja des Zimmermanns Hemden
-mit fort, na der wird schön schimpfen -- jetzt kann Tom wieder
-hinterherschwimmen.« Und als ob sich das von selbst verstünde, warf er
-seine Jacke ab und wollte eben ohne Weiteres in See springen, den langsam
-dahintreibenden Wäscheimer zurückzubringen.
-
-Das vertrug sich aber keineswegs, mit Ned's Plane, der dadurch vernichtet
-worden wäre.
-
-»Halt, um Gotteswillen!« rief er, und ergriff den Arm des kecken jungen
-Burschen -- »Ihr wäret verloren -- seht Ihr denn nicht dort den Hai!«
-
-»Hallo, was giebt's da?« sagte in diesem Augenblick der Zimmermann, als er
-rasch an die beiden hinantrat, zu gleicher Zeit aber auch den, jetzt schon
-ein ziemliches Stück vom Schooner entfernten Eimer erkannte - »Wasserhosen
-und Seeschlangen, meine Hemden -- Ned, Hallunke, das hast Du mit Fleiß
-gethan -- aber warte Canaille, das zieh' ich Dir am Lohn ab, und wenn Du
-ein Jahr lang für mich waschen sollst. Willst Du den Jungen loslassen,
-Bestie -- was giebt's mit dem?«
-
-»Er wollte über Bord springen, Sir,« stammelte in anscheinender Angst und
-Zerknirschung der Sträfling -- »und da hinten -- da hinten der Hai« --
-
-»Was geht's _Dich_ an, wenn er seine Haut riskirt -- Lubber Du!« donnerte
-ihn da der Zimmermann an -- »bist Du sein Wächter, oder ist Dir's wohl etwa
-nicht einmal recht, daß der Capitän seine Hemden wiederkriegt? -- Hinüber
-mein Bursche -- der Hai wird Dich nicht gleich -- ja so, Donnerwetter nein
--- mit den Haifischen ist hier nicht zu spaßen« unterbrach er sich aber
-plötzlich selber, denn es fiel ihm gerade noch zur rechten Zeit ein, daß
-Tomson die ja eben für die Wächter des Fahrzeugs erklärt hatte. Schickte er
-jetzt den Jungen selber über Bord, und kehrte der ungefährdet zurück, wer
-stand ihm denn dafür, daß sich nach Dunkelwerden nicht gar ein Theil seiner
-Matrosen über Bord ließ und ans Ufer schwamm, denn ein guter Schwimmer
-hätte die kurze Strecke, wenn er noch dazu die Fluth abwartete, wohl
-glücklich zurücklegen können. Der junge Bursche schien sich übrigens,
-nachdem er erst einmal auf die keineswegs unbedeutende und so nahe Gefahr
-aufmerksam gemacht war, auch gar nicht mehr zu dem erst so bereitwillig
-angebotenen Ritterdienst zu drängen, und trat fast unwillkürlich vom Bord
-zurück.
-
-»=Dinner, boys -- Dinner!=« schallte in diesem Augenblick des Kochs Stimme
-herüber, der die Schaalen im Arm eben damit nach dem Vorcastle schritt.
-
-»Halt da!« schrie der Zimmermann, als er sah, daß sich einige der Matrosen
-nach vorn stehlen wollten, wo er nicht mit Unrecht fürchtete, sie würden
-die besten Stücke für sich heraussuchen -- »laßt das Canoe in See --
-hierher ihr Schufte -- wollt Ihr, daß ich Euch fünfzigmal rufen soll?
--- hinüber damit -- Wo ist Bill? -- hierher Sir, mit angefaßt -- Euerem
-albernen Segelahoischreien haben wir den ganzen Unsinn zu danken.
-Schnell Ihr Seehunde -- denkt Ihr der Eimer wartet auf Euch? -- heilige
-Dreifaltigkeit, er segelte wie ein portugiesischer Man of war[14]! und
-Du, Ned, kannst Dich freuen -- warte Du Strick, das soll Dir angerechnet
-werden, wenn Tomson zurückkommt -- ich wünsche jetzt nur weiter Nichts, als
-daß wir die Hemden nicht wieder kriegten.«
-
- [14]: Portugiesischer Man of war, der Beiname des Nautilus.
-
-Trotz diesen, mit einem wilden Seitenblick auf den Strafwürdigen, heftig
-ausgestoßenen Worten, gab sich der wackere Zimmermann aber wirklich die
-größte Mühe zum Gegentheil, und hob und schob mit aus Leibeskräften,
-das etwas unbehülfliche Boot über Bord zu heben. Dieses war ein ächt
-Neuseeländisches Canoe, mit reich geschnitztem Vordertheil, schwarz und
-roth bemalten Seiten, und hinten im Stern mit Albatroßfedern verziert;
-obgleich aber zwei zierlich ausgeschnittene, kurze Ruder, wie sie die
-Eingeborenen führen, darin lagen, so schien es doch fast zu schmal und
-schwank, zwei große erwachsene Personen zu tragen, und der Zimmermann
-zog es denn auch, vielleicht nur aus diesem Grunde, vor, allein
-niederzusteigen, und dem, indessen schon wenigstens zweihundert Schritt
-entfernten Eimer nachzurudern. Ned hütete sich auch wohl, seine eigenen
-Dienste zu diesem Zweck anzubieten, da er recht gut wußte, der Zimmermann
-würde ihm nicht allein nie gestatten das Boot allein zu betreten, sondern
-auch, wenn das bis jetzt wirklich noch nicht geschehen, auf jeden Fall
-Verdacht schöpfen, und ihn dann so genau bewachen, daß all seine bisherige
-List und Schlauheit vergebens gewesen wäre.
-
-Jener aber, ehe er abstieß und in dem scharf gebauten, flüchtigen Kahn
-leicht mit der Fluth dahin schoß, rief den jetzt über Bord und ihm
-nachschauenden Matrosen noch einmal zu, ja nicht etwa fortzulaufen, sondern
-dort seiner zu harren, bis er zurückkehre, damit sie das Canoe nachher
-gleich wieder hinauf hissen könnten.
-
-Vielleicht hätten sie gehorcht, aber mahnend erschallte gerade da noch
-einmal der jetzt schon ungeduldigere Ruf des Kochs: »=Dinner ready,
-boys!= -- macht, oder es wird kalt,« und der Ire, überhaupt schon als
-ein fürchterlicher Esser gekannt und gefürchtet, der nun auch vollkommen
-einsah, was seines Kameraden Absicht sei, schob die Hände in die Taschen
-seiner kurzen Jacke, spuckte sein Priemchen über Bord und sagte, während er
-entschlossen nach vorn ging --
-
-»Bis der wieder hier ist, können wir fertig sein!«
-
-»Bleib lieber da, Bill,« riefen ihm ein Paar von den Andern nach, »der
-Zimmermann flucht und wettert nachher den ganzen Tag.« --
-
-»Wenn's _ihm_ Spaß macht,« brummte Bill, ohne die Aufforderung weiter
-zu beachten, »_mir_ kann's recht sein, so oft haben wir aber kein
-Schweinfleisch, daß ich der Letzte dabei sein möchte.«
-
-Er schritt rasch den dampfenden Schüsseln zu, und dieß Beispiel half,
-denn die Anderen kannten ihn nur zu gut; wo der Ire einmal angefaßt hatte,
-bekamen die Nachzügler auch gewöhnlich nur das Nachsehen, und während
-der Zimmermann aus Leibeskräften dem langsam davon treibenden Eimer
-nachruderte, stürmte die Mannschaft des Kasuar dem Vorcastle zu, und fiel
-hier mit einem wahren Heißhunger über die ausgetheilten Speisen her.
-
-Ned allein blieb am Hinterdeck stehen, und erwartete die Rückkehr des
-Canoes. Der Zimmermann ließ denn auch nicht lange auf sich warten -- er
-hatte sich einmal umgesehen, und bald gefunden, daß all seine Leute ihre
-Posten verlassen hatten -- womit sie sich jetzt beschäftigten, konnte er
-sich leicht denken; mit dem besten Willen legte er sich daher in das Ruder
-und murmelte dabei nur leise, aber desto grimmigere Verwünschungen in den
-Bart, die sich theils über die »gefräßigen Schufte,« theils über den »Hund
-von Canarienvogel« ergossen, den er im Geist schon züchtigen und abstrafen
-ließ. Bald erreichte er den Eimer, faßte ihn am Henkeltau, hob ihn in
-sein schwankes Boot, und drehte dann den Bug desselben rasch wieder seinem
-eigenen Schooner zu. Allerdings mußte er jetzt gegen die Fluth ankämpfen,
-die neuseeländischen Fahrzeuge sind aber auch hierzu so spitz und schneidig
-gebaut, und leicht konnte er damit den nicht allzustarken Widerstand
-bekämpfen.
-
-Wie er mit dem Bug seines schwanken Fahrzeugs gegen den Stern des Schooners
-anlief, warf ihm Ned ein Tau zu. Rasch befestigte er dieses vorn am
-Springfall und kletterte dann ohne weiteres Zögern an Deck.
-
-»Und die anderen Hallunken,« rief er hier, als er den geretteten Eimer an
-Bord warf und mit dem Fuße stampfend nach vorn blickte.
-
-»Sind beim Essen, Sir,« erwiederte ihm demüthig der Sträfling -- »ich bat
-sie, Euerer hier zu warten, aber sie sagten, ich solle zum Teufel gehen --
-Ihr -- Ihr« --
-
-»Nun was, Ihr? heraus mit der Sprache, was Ihr?« rief ärgerlich der
-Zimmermann -- »weshalb stotterst Du -- was Ihr?«
-
-»Ja ich kann doch nicht dafür, daß Jene es sagten« -- bat, einen Schritt
-zurücktretend, der Sidneyer. --
-
-»_Was_ sagten -- Hallunke,« rief aber auch jetzt der Zimmermann, auf das
-Aeußerste entrüstet -- »wird dieser Carnarienvogel singen, oder soll ich
-ihm die Zunge lösen« --
-
-»Ihr fräßt ihnen so Alles weg, wenn Ihr kämt, sagten die Leute« --
-betheuerte Ned und zog sich dabei immer mehr zurück.
-
-Der Zimmermann, ohne weiter eine Sylbe zu erwiedern, griff mit einem,
-zwischen den zusammengebissenen Zähnen halblaut vorgestoßenen Fluch
-nach einem kurzen Ende Tau, was dort lag, und schritt rasch auf dem
-Starbordgangway entlang, dem Vorcastle zu. Zu gleicher Zeit aber, und
-sobald er nur die midschips aufgestapelten Wasserfässer und Nothspieren
-erreicht hatte, glitt die niedergebückte Gestalt des Irländers auf dem
-Larbordgang nach hinten, und wie sich Ned eben -- denn jetzt war der
-Augenblick zum Handeln gekommen -- über die Bulwarks schwang, und in das,
-von dem so plötzlich niederdrückenden Gewicht hochaufschaukelnde Canoe
-sprang, griff Bill in einer Art Humor eben den Eimer wieder auf, den
-der Zimmermann mit so viel Anstrengung zurückgebracht und folgte seinem
-Gefährten in demselben Moment, als dieser, um nicht Zeit mit dem Aufknüpfen
-zu verlieren, das schwache Tau, das sie noch hielt, durchschnitt und
-blitzesschnell von Bord stieß.
-
-Das Ganze hatte nur wenige Sekunden zu seiner Ausführung gebraucht, und
-die Flüchtlinge würden Vorsprung genug gewonnen haben, wenigstens aus jedem
-gefährlichen Bereich des Schooners zu kommen, hätten nicht zwei, den beiden
-Leuten keineswegs günstige Augen das Ganze mit angesehen. Der Kajütenjunge
-erschien in dem nämlichen Augenblick an Deck, als Bill über dem
-Rand desselben verschwand, und ohne weiter seine Zeit mit Anrufen zu
-verschwenden, die doch, wie er recht gut wußte, ganz nutzlos gewesen wäre,
-rannte er spornstreichs nach vorn, und sein Hülferuf machte nur zu schnell
-die Mannschaft und besonders den jetzigen Befehlshaber des Fahrzeugs, den
-Zimmermann, darauf aufmerksam, was hier eigentlich vorgehe.
-
-»Teufel!« schrie der alte Seemann, und sprang mit flüchtigen Sätzen dem
-Hinterdeck zu -- aber zu spät, denn eben trieb das schlanke Canoe vom
-Schooner ab, und Ned, der sich in den Stern desselben geworfen hatte,
-ergriff das Ruder, und neigte es freundlich grüßend gegen den Wuth
-schäumenden Matrosen.
-
-»=Good bye=, Sir!« rief er dabei lachend -- »wollen dem Capitän die Hemden
-mit hinüber nehmen -- wird sich ungemein darüber freuen -- etwas sehr
-angenehmes an solch' heißem Tag, die Wäsche wechseln zu können -- bitte
-mich gehorsamst in Sidney zu empfehlen!«
-
-Der Zimmermann, der mit einem Blick die Lage der Dinge überschaute, war mit
-wenigen Sätzen in der Kajüte unten, ergriff die, dort in der Ecke lehnende
-und stets geladene Büchse, stieß das kleine, dicht über dem Steuerruder
-angebrachte Fenster auf, hielt die Mündung des Gewehres hinaus und donnerte
-den Flüchtigen nach:
-
-»Halt! -- halt, sag' ich, oder ich schieße!«
-
-»Bücke Dich, Bill!« rief der Sträfling, der in diesem Augenblicke gerade
-den Kopf zurückwandte -- »nieder mit Dir!« und zu gleicher Zeit warf
-er sich flach auf den Boden des Canoes. Der Ire aber, theils durch die
-schaukelnde Bewegung des schwanken Bootes, theils durch die Worte selbst
-erschreckt, kehrte sich, da ihm überdies nicht einmal Raum genug blieb, dem
-Rath zu folgen, rasch nach dem Drohruf des Zimmermanns um, und vermehrte
-dadurch, freilich unbewußt, die Unsicherheit seiner Stellung um ein
-Bedeutendes.
-
-Da zuckte aus dem Kajütenfenster des Kasuar ein scharfer blendender Strahl,
-und mit dem Ausruf: »Jesus Maria!« fuhr der Ire zur Seite. Wohl hob sich
-auch zu gleicher Zeit der Sträfling, und suchte dadurch, daß er sich auf
-den entgegengesetzten Bord warf, das Schifflein im Gleichgewicht zu halten,
-der Verwundete schwankte jedoch eben so rasch auch dort hinüber, und das
-Canoe, das flach im Boden, wie fast alle diese ausgehauenen Fahrzeuge,
-einem solchen Druck nicht widerstehen konnte, entlud im nächsten Moment
-seine Last in die hoch über ihr zusammenschlagende Fluth, füllte sich dann,
-da der Ire krampfhaft daran festhielt, und sank.
-
-Vom Bord des Kasuar stieg der Jubelruf des Zimmermanns empor, die
-Matrosen aber beobachteten mit schweigendem Entsetzen die Folgen dieses
-so unheilvollen Schusses, denn kaum hundert Schritt von dem umgeschlagenen
-Canoe entfernt, wurde im nämlichen Augenblick die Haiflosse wieder
-sichtbar; deutlich konnten sie dabei erkennen, wie sich das Ungeheuer der
-Tiefe mehr und mehr den, jetzt eben wieder emportauchenden Unglücklichen
-näherte, und ihr Athem stockte, da sie das Fürchterlichste fast
-unvermeidlich sahen, und doch nicht im Stande waren zu helfen.
-
-Das Canoe selbst konnte übrigens, seiner eigenen Leichtigkeit wegen,
-nicht ganz zum Grunde gehen, sondern trieb nur, die Ränder kaum über der
-Oberfläche zeigend, langsam in der Strömung hin. Ned, der dicht daneben
-wieder auftauchte, versuchte allerdings seinen Arm darunter zu schieben, um
-dadurch vielleicht einen Theil des Wassers auszuwerfen, fand aber gar bald,
-daß er solcher Arbeit allein nicht gewachsen sei. Rasch sah er sich nach
-dem Kameraden um -- da fiel sein Blick über diesen hinweg, auf die nicht
-ferne Brandung der Riffe -- großer allmächtiger Gott -- jener dunkle Punkt
-auf dem sonnenhellen Meer -- ein wilder, stechender Schmerz durchzuckte
-sein Hirn, und unwillkührlich fast maß das Auge die Entfernung zum
-Schooner. Es war das aber auch nur ein Moment, denn hätte er selbst in
-seine Ketten zurückkehren _wollen_, jetzt _konnte_ er nicht mehr; er
-vermochte ja nicht solche Strecke _gegen_ die Strömung anzuschwimmen.
-
-»Ned,« stöhnte da dicht neben ihm sein Kamerad -- »Ned -- ich bin verwundet
--- heiliger Patrick -- der Mann hat mich durch die Schulter geschossen, --
-laß uns -- laß uns das Boot flott machen -- noch habe ich Kräfte, aber ich
-fühle, wie ich mit jeder Sekunde schwächer werde.«
-
-»Wir sind nicht im Stande das Boot auszuschöpfen!« rief Ned rasch und seine
-Pulse stockten, als er die Spitze der Flosse gerade auf sie zugewandt sah
--- hatte sie der Hai gewittert, so war Einer von ihnen verloren -- »komm
-Bill -- wir müssen dem Ufer zuschwimmen -- es ist ein Hai in der Nähe.«
-
-»Ein Hai?« ächzte der Ire, und es war fast, als ob nicht jene Kugel,
-sondern erst dieses Wort ihm den Todesstoß gegeben. Es ist das
-Fürchterlichste für das Ohr des Schwimmenden, und seine Wirkung trifft wie
-ein lähmender, vernichtender Schlag. »Ein Hai« -- wiederholte er zitternd
-und faßte krampfhaft nach dem, unter seinem Gewicht versinkenden Boot,
-»heilige Jungfrau, wir sind verloren!«
-
-Ned zögerte noch einen Augenblick -- sollte er das Canoe verlassen und in
-seiner eigenen Kraft die Rettung suchen? -- aber sein Kamerad -- da fiel
-sein Blick auf den Unglücklichen, der sich, von dem, wenigstens etwas
-Widerstand leistenden Holz gestützt, über die Oberfläche der See erhob und
-mit bleichem, stieren Antlitz nach dem nahenden Feind hinüber starrte; zu
-gleicher Zeit sah er, wie ein rother, verrätherischer Blutstrom von ihm
-ausging und die See schon auf mehrere Schritte im Umkreis färbte.
-
-Länger bei ihm zu verweilen, wäre sicherer Tod gewesen -- der gierige
-Hai, vielleicht schon durch den Schuß, wie durch den Schrei des Opfers
-aufmerksam gemacht, kam in kurzen Gängen heran und wurde, sobald er nur
-einmal das Blut witterte, zum erbarmungslosen Vernichter. Nicht einmal die
-gewöhnliche, und sonst nicht selten mit Vortheil angewandte List, wie das
-Schlagen mit Armen und Beinen und Schreien und Plätschern, konnte ihn mehr
-zurückschrecken. Ohne also auch nur ein Wort weiter auf den Hülferuf dessen
-zu erwiedern, der sich doch eigentlich nur seiner Leitung vertraut hatte,
-glitt er, so schnell und geräuschlos als möglich, von ihm fort, und strich
-in langen kräftigen Zügen aus, dem Lande zu. Die Schooner-Männer sahen
-seine Bewegung, und ihr wilder Schrei der Entrüstung verrieth nur zu
-deutlich, daß seine Absicht, wie die Ursache derselben, an Bord deutlich
-erkannt sei.
-
-Dieser Schrei rief aber auch den unglücklichen Iren zu dem ganzen,
-fürchterlichen Bewußtsein seiner Lage zurück; ein einziger Blick verrieth
-ihm die feige Flucht seines Kameraden, dem er nicht einmal nachrufen
-durfte, wenn er nicht den grimmen Feind auf seine Spur bringen wollte.
-Verzweiflungsvoll starrte er jetzt nach dem Schooner zurück, und selbst
-in dem Gedanken schon drängte er die breite kräftige Brust der Strömung
-entgegen, das Unmögliche zu versuchen. -- Umsonst, die Fluth, die dem
-Lande zustrebte, führte ihn weiter und weiter zurück, und mit dem warmen,
-quellenden Lebensstrom wich auch seine Kraft; die Sehnen, jetzt nur
-noch durch Todesangst und Noth in Spannung erhalten, schlafften in der
-übernatürlichen Anstrengung.
-
-Näher und näher kam indessen der Hai -- witterte er wirklich das Blut
-seines Opfers in so großer Entfernung? -- noch schien er unschlüssig wohin
-er sich wenden solle, denn die Matrosen auf dem Schooner, obgleich der
-Arme unter der Zeit weit abwärts getrieben war, und trotz dem, wild dagegen
-protestirenden Zimmermann, schrieen und schossen mit Pistolen und Gewehren,
-um die Aufmerksamkeit des Unthiers von seinem Opfer abzulenken. Der Hai
-beschrieb auch, dadurch vielleicht irre gemacht, mehrere weite Kreise und
-strich einmal schon dem matt zu ihm herüber tönenden Lärmen entgegen, so
-nahe war er aber zugleich dem gesunkenen Canoe gekommen, daß ihm die von
-dort langsam herüber drängenden Ringwellen auch den Blutgeruch mit zuführen
-mußten. Plötzlich hielt er mitten in seinem Zug regungslos still -- die
-Flosse stand unbeweglich fest, und wieder senkte sich ein Strahl von
-Hoffnung in O'Learys Herz, vielleicht nahm der Hai eine andere Richtung
-und er selbst trieb indessen dem Lande zu. -- Da hatte der Raubfisch seine
-Witterung gespürt -- nach rechts und links kreuzte er hinüber, als ob er
-die genaue Lage desselben erst ergründen wolle -- jetzt hielt er wieder,
-und regungslos stand er wohl eine halbe Minute still, bis er sich
-endlich, wie seines Siegs gewiß, mit solch' entsetzlicher Kraft nach
-vorne schnellte, daß die Hälfte seines glatten, blitzenden Körpers in
-der hochaufspritzenden Fluth erschien; im nächsten Moment schoß er
-pfeilgeschwind der Richtung zu, wo der Unglückliche, immer noch mit der
-einen Hand krampfhaft das gesunkene Canoe erfaßt hielt, und zitternd nach
-dem Fürchterlichen hinüber starrte.
-
-Da erkannte er das Nahen des Todesboten, sah, daß jetzt jede menschliche
-Hülfe vergebens sei, und von letzter, verzweifelter Angst, fast seiner
-Sinne beraubt, wandte er sich zur unmöglichen, trostlosen Flucht. Weit
-in die Bai griff er aus, den Kopf scheu dabei nach dem Verfolger zurück
-gedreht -- aber seine Kräfte waren erschöpft -- kaum vermochte er noch,
-sich über Wasser zu halten, dennoch ließ er nicht nach -- der Kopf sank
-ihm, aber die Glieder arbeiteten fort, und nicht einmal mehr der Richtung
-bewußt, die er nahm, strebte er jetzt gerade dem Feind entgegen. Das
-Ungeheuer der Tiefe schoß herbei -- der weiße, silberglänzende Bauch wurde
-sichtbar -- ein Schrei, von dem Todesgurgeln erstickt, rang sich aus der
-Brust des Unglücklichen, und wenige Secunden später verrieth nur noch das
-vom Blut gefärbte Meer und das Kochen der aufsprudelnden Wasser die Stelle,
-wo eben ein Mensch geendet.
-
-Und der flüchtige Sträfling? sah er noch den Tod seines unglückseligen
-Gefährten? -- nein, sein Blick konnte jene Stelle nicht mehr überschauen;
-der gellende Nothschrei aber drang bis zu ihm hinüber, und sagte ihm mit
-fürchterlicher Schnelle, welcher Gefahr er selber ausgesetzt sei, wenn
-andere Hai's, durch den Blutgeruch herbei gelockt, die Bucht durchkreuzten.
-In wilder Verzweiflung strebte er jetzt dem Lande zu, das sich, nur noch
-kurze Strecke entfernt, vor ihm ausbreitete -- er wandte auch den Kopf
-nicht mehr zurück; mehr noch fast, als das gefräßige Unthier des Oceans
-selbst, fürchtete er die lähmende Angst, die ihn bei dessen bloßem Anblick
-ergreifen und vernichten mußte, denn nur in Schnelle und Ausdauer lag noch
-seine Rettung. Er schwamm um sein Leben, und als er endlich die schwache
-Brandung erreichte, als ihn die Wogen faßten und hoben und hinüber trugen
-auf den rettenden Sand, da vergingen ihm die Sinne, er hatte nicht
-einmal mehr Kraft genug behalten, sich hinauf, dem höher liegenden Ufer
-zuzuschleppen, und fühlte nur noch, wie ihn hülfreiche Arme erfaßten,
-aufhoben und forttrugen. Er wollte schreien, doch die Stimme versagte
-ihm, er wollte die Augen aufschlagen, aber er vermochte es nicht mehr,
-ein toller Schwindel bemächtigte sich seiner Sinne, und ohnmächtig und
-bewußtlos brach er zusammen.
-
-Wie lange er so gelegen, wußte er nicht; als er aber nach wildem,
-wunderlichen Traum die Blicke aufschlug, und zu den wehenden, grünen
-Wipfeln schattiger Bäume emporschaute, da sah er auch, wie er von
-Eingeborenen umgeben war, und ein hoher, stattlicher Insulaner, mit einem
-langen, sonderbaren Stab in der Hand und ein paar Falkenflügeln an beiden
-Seiten des Kopfes, stand vor ihm, und starrte ihm fest und finster ins
-Angesicht. Einzelne der Wilden begannen jetzt, als sie nun sahen, daß er
-wieder zu sich kam, ihn mit Fragen zu überhäufen, Ned verstand aber ihre
-Sprache nicht, und blickte nur scheu von Einem zum Andern, bis der Mann mit
-den Raubvogelflügeln, und wahrscheinlich auch der Führer der Schaar, ihn in
-gutem, flüssigen Englisch anredete, und zu wissen verlangte, was er hier
-an dieser Küste, suche. Auf diese Frage war aber der Sträfling schon
-vorbereitet, denn natürlich konnte er denken, daß er unter Eingeborene
-gerathen müsse, wenn er, der Küste folgend, die erste europäische
-Ansiedelung aufsuchen wollte; er hatte denn auch eine ziemlich glaubwürdige
-Erzählung bereit, und sagte, er wäre auf jenes, dort vor Anker liegende
-englische Fahrzeug gepreßt und unmenschlich behandelt worden, und hätte
-sich, ehe er ein solches Schicksal länger ertrüge, lieber mit der Gefahr,
-von Haifischen gefressen zu werden, zu den Eingeborenen dieser Insel
-geflüchtet.
-
-»Ist die gelbe Jacke die Matrosentracht der englischen Fahrzeuge?« frug der
-Häuptling ruhig, als jener sein Märchen beendet hatte.
-
-»Die gelbe Jacke?« wiederholte der Sträfling, und blickte überrascht und
-etwas außer Fassung gebracht zu ihm auf, dieser aber schien das nicht zu
-bemerken und fuhr nur fort, während er sich halb von ihm abwandte, und nach
-der Waldspitze deutete, wo der Ta-po-kaï mündete:
-
-»Wem gehört jenes Boot, und wo sind die Männer die es hierher gerudert?« --
-
-Ned zögerte mit der Antwort -- er dachte an den Schatz und wußte nicht,
-ob er durch eine Enthüllung alles dessen, was ihm bekannt, des Häuptlings
-Vertrauen erwecken, oder selber suchen solle, den Schatz an sich zu
-bringen. Wie das aber? als er seinen Plan zuerst gemacht, hatte er auf des
-Iren Hülfe gerechnet, jetzt stand er allein -- wäre es ihm möglich gewesen,
-unbewaffnet auch nur das Mindeste gegen drei starke Männer zu unternehmen?
-Nein, vielleicht half ihm aber die Entdeckung desselben zu der Freundschaft
-des Indianers, und ohne dessen kalt und ruhig auf ihm haftenden Blick
-zu begegnen, versprach er eine für diesen höchst wichtige und nützliche
-Enthüllung machen zu wollen, die ihm reiche Beute brächte, wenn ihm sein
-eignes Leben dabei gesichert würde.
-
-Der Insulaner sagte ihm das zu, und der Sträfling, dadurch kühner gemacht,
-forderte nun auch noch, in seinen Stamm aufgenommen, und von diesem selbst
-gegen die Verfolgung der Weißen geschützt zu werden. Das aber wies der
-Häuptling unwillig von sich.
-
-»Ich sicherte Dir Dein Leben!« rief er finster »und brauchte selbst das
-nicht zu thun. Liebe zu uns hat Dich nicht hergeführt, und Deine Hülfe
-brauch' ich kaum, denn seit jene Dreie gelandet, folgen ihnen meine Späher,
-und ihr Boot ist in meiner Gewalt; doch bist Du wahr gegen mich, so sei ein
-Theil der Beute Dein -- thue dann damit, was Du willst. Die Gier der Weißen
-geht nach Gold -- das mag Dir genügen.«
-
-Freudig ging der Sträfling in diesen Vorschlag ein, den er gar nicht zu
-machen gewagt, da er kaum geglaubt hatte, daß die Wilden je wieder ein
-erbeutetes Gut herausgeben würden. Er erzählte nun aber auch Alles, was er
-erlauscht; daß der Eine der Weißen -- die Pest über ihn, er hatte ihn stets
-wie einen Hund behandelt -- als Indianer verkleidet, das Gesicht aber mit
-einer Matte verhangen, das Ufer betreten habe und eine Landverschreibung
-mit sich führe, die seiner Aussage nach Heki selbst unterzeichnet hätte.
-
-Der Häuptling, der im Anfang kaum den Worten gelauscht, horchte hoch auf,
-und schien dem Erzählenden das Wort von den Lippen zu stehlen, mit keiner
-Sylbe unterbrach er ihn aber, und erst nachdem Ned Alles das, was er an
-Bord erhorcht, gebeichtet, that er ihm einige Fragen nach der Gestalt, dem
-Aussehen, den Augen, Zügen und dem ganzen Wesen jenes Mannes, der unter dem
-falschen Schutz ihres heiligsten Gesetzes dieses Ufer betreten habe. Ned
-gab das so gut er konnte, und der Neuseeländer nickte dabei ingrimmig
-lächelnd mit dem Kopf. Endlich zog er sich eine Zeitlang zu den Seinen
-zurück, und der Sträfling konnte jetzt nur nach den wilden lebendigen
-Gestikulationen, mit denen sie die, ihm fremden Worte begleiteten,
-schließen, daß es ein reges Interesse sei, was die düstern Gestalten jetzt
-bewegte und ihren Augen ein soviel wilderes, unheimlicheres Feuer verlieh.
-
-Niemand kümmerte sich mehr um ihn, stundenlang lagerten die Krieger in dem
-kühlen Waldesschatten, und die Sonne hatte schon geraume Zeit den Zenith
-überschritten, während weiße, wehende Nebelstreifen am südlichen Horizont
-heraufstiegen, und ihre milchigen Strahlen weit hin über das Firmament
-schossen, als plötzlich die Büsche raschelten und ein einzelner Krieger,
-das dunkle, tättowirte Gesicht von einigen, kaum geheilten Narben
-fürchterlich entstellt, aus dem Dickicht sprang, an dessen äußerstem Rande
-sie lagerten. _Was_ er berichtete, konnte Ned nicht verstehen, doch
-mußte seine Mittheilung von Wichtigkeit sein. Auf jeden Fall war sie lang
-erwartet, denn von mehren Seiten kehrten jetzt augenscheinlich früher
-ausgestellte Posten zurück, und die Schaar, die aus etwa fünfzehn Männern
-bestand, theilte sich in zwei ziemlich gleiche Haufen.
-
-Der Eine von diesen zerstreute sich in den benachbarten Büschen, der Andere
-aber schlich langsam am Waldrand hin, der Mündung des Ta-po-kaï zu. Der
-Sträfling blieb unter der Aufsicht zweier Krieger und mußte der letzten
-Schaar folgen, doch schien man nichts von ihm zu fürchten, oder keine
-weiteren Vorsichtsmaßregeln für nöthig zu halten, denn er durfte frei
-neben seinen Begleitern hergehen, deren ganzes Aeußere ihn aber dennoch
-überzeugte, daß Flucht, wenn er daran wirklich noch gedacht hätte, hier
-ganz hoffnungslos gewesen wäre. Rasch schritt er denn auch an ihrer
-Seite fort, und wie der letzte in den laubigen, dunkelschattigen Büschen
-verschwunden war, lag der Platz wieder so einsam ruhig da, als ob ihn noch
-nie ein menschlicher Fuß betreten oder menschliche Leidenschaft seinen
-heiligen Frieden gestört habe.
-
- * * * * *
-
-Still und heimlich rauschten die hohen, majestätischen Wipfel des düsteren
-Urwalds, und flochten ihre riesigen Arme fest, fest in einander, daß die
-sengenden Strahlen der Sonne nicht Eingang fänden in ihr heiliges Dunkel,
-und die zarten Kinder ihrer Sorgfalt, die jungen saftigen Palmen und die
-wuchernden, blumigen Moose nicht erreichen und welken könnten. Es war
-Mittagszeit -- heimlich drückten sich die munteren Waldvögel in den kühlen,
-duftigen Schatten der Sträuche, und die schillernde Eidechse nur glitt
-geräuschlos an Stämmen und Zweigen hin, und schaukelte sich an schwanken
-Ruthen oder haschte auch nach vorbeifliegenden Insekten und Käfern.
-
-Still und heimlich rauschten aber auch die hohen, majestätischen Wipfel um
-eine einzige, kleine Lichtung, die an der sanften, grasigen Abdachung eines
-niederen Hügels lag, und jetzt nur von astigen Fruchtbäumen und einzelnen,
-früher vielleicht gepflegten Palmen beschattet wurde. Es war ein
-neuseeländischer _Pah_, die Wohnung, aber auch zugleich das Fort Eines
-der Eingeborenen, ganz nach Art der, über die Insel zerstreuten
-Befestigungswerke mit starken spitzen Pallisaden umgeben, und im Innern
-durch niedere Fenzen wiederum in einzelne, jedoch mit einander in
-Verbindung stehende Höfe abgetheilt. Inmitten desselben lag das flache,
-breitausgedehnte, niedere Wohnhaus, mit phantastisch geschnitzten
-Holzsäulen und kühler, luftiger Veranda. Schmale Bänke zogen sich im Innern
-dicht an den Wänden des Hauses hin, und zwischen zwei der Säulen hing,
-regungslos und leer, eine einzelne, von den Fasern des neuseeländischen
-Flachses gewebte Hängematte. Aber kein lebendes Wesen ließ sich sehen --
-Alles schien ausgestorben und öde, ja die Nebengebäude, großentheils nur
-Schuppen und Ställe, standen offen und leer, das Kochhaus, das sich früher
-dicht an das Wohnhaus geschmiegt, war auf der rechten Seite niedergebrochen
-und verfallen, die Hängematte hing in Streifen nieder, am Dach fehlten
-ganze Stücke; die Umzäumungen lagen theils niedergeworfen, theils von
-Moosen überwachsen; kein Hausthier belebte den Hof, und nur ein Habicht,
-der vielleicht in der Nähe horstete und hier, in den stillen, öden Gebäuden
-nach Nahrung gesucht, stieg jetzt kreisend empor, stand mit schnellem,
-kräftigem Flügelschlag wohl eine Minute lang still über dem, für ihn zur
-Heimath gewordenen Platz, und strich dann, den schönen Kopf noch immer
-zurückgebogen, langsam dem Meeresufer zu.
-
-Er hatte seinen Feind, den Menschen, gewittert, und kaum verschwand er
-auch hinter den hohen, laubigen Bäumen, als eine wilde Gestalt die niederen
-Büsche theilte, die sich dicht an die halbniedergebrochenen Pallisaden
-anschmiegten, ja sogar einen Theil derselben schon mit ihren
-weitausgreifenden Schmarotzerpflanzen wie mit einem blumendurchwebten
-Laubnetz überzogen.
-
-Es war Dumfry der, das Gesicht wieder dicht mit der Matte verhüllt, die
-Büchse fest und im Anschlag in der Hand, die Lichtung betrat und ernst
-und schweigend den Schauplatz früherer Zeiten überschaute, der -- _seine_
-Wohnung getragen. Und wo hinaus hatte das Schicksal die gestreut, die
-früher die Waldeseinsamkeit mit ihm getheilt? wo weilten die Lieben, die
-auch eine Wildniß im Stande sind zum Paradies zu wandeln -- welcher Boden
-war es, der ihre Fährten trug und ihnen Nahrung gab? Oder hatte Dumfry
-freundlos und allein hier gelebt? wurde kein Auge naß, als er seine neue
-Heimath verließ, harrte kein hoffender Blick mit freudiger Zuversicht
-seiner Wiederkehr? -- Niemand wußte es -- sein Mund schwieg über die
-Vergangenheit, und wer ihm später in Sidney befreundet gewesen, vermied
-es gern, auch nur die Erinnerung an frühere Zeit in ihm zu erwecken, denn
-finstere Geister waren es, die dadurch heraufbeschworen wurden.
-
-Welche Gefühle mußten da aber jetzt sein Herz bestürmen, als er Alles das
-wieder vor sich sah, was in lebendiger Frische das Andenken an vergangene,
-und wohl kaum vergessene Stunden erneute -- was die kaum vernarbten Wunden
-wieder aufriß und sein Auge fest und stier an jene Stelle fesselte, wo
-er --
-
-»Gift und Tod!« murmelte er durch die fest zusammengebissenen Zähne vor
-sich hin, und stampfte unwillig und in ausbrechendem Grimme den Boden --
-»was kümmert's mich, wenn sie den Platz meiden und ihr wahnsinniges Gesetz
-den Ort selbst öde legt und verlassen. Um so besser -- desto sicherer bin
-ich und desto unbewachter.«
-
-Rasch glitt er in das Dickicht zurück, wo die Gefährten seiner harrten und
-ein Zeichen bedeutete sie ihm zu folgen, wohin er sie führen würde. Ihr
-Pfad, der bis jetzt durch die wildeste und rauhste Waldung geführt, wurde
-aber jetzt ebener; eine Art ausgehauener Weg, wenn auch allem Anschein nach
-lange nicht begangen, zog sich, wie Tomson glaubte, in ziemlich paralleler
-Richtung mit der See fort, und die Hügel hatten sie ebenfalls verlassen,
-oder hielten sich wenigstens nur noch am Fuß derselben hin, wo sie zweimal
-kleine, sprudelnde Bäche überschritten, und plötzlich auf einer sanften
-Abdachung des hohen Landes einen kleinen, vielleicht zwanzig Fuß steil
-emporsteigenden Erdaufwurf erreichten, dessen Gipfel ein eigenes,
-wunderliches Denkmal zierte.
-
-Die Hälfte eines quer durchschnittenen Canoes stand dort wie ein
-Schilderhaus aufgerichtet; die beiden Seiten desselben waren mit weißen,
-schwarzen und grellrothen Farben bunt bemalt, und den oberen Theil
-schmückten hohe, wehende Federn, wie sie wohl sonst das Haupt des Kriegers
-und Jägers als stolzen Kopfputz zieren. Besonders prangten einzelne hohe,
-weiße Federn des Albatroß, die den Mittelpunkt des Busches bildeten, und
-eine bunt gefärbte Matte hing von oben herab und verdeckte den inneren
-Theil dieses eigenthümlichen Zierraths.
-
-Die Fremden konnten, als sie den offenen Platz erreichten, das eben
-beschriebene Bauwerk leicht übersehen, desto schwieriger aber schien es
-hinaufzugelangen, denn hohe und fest eingerammelte spitze Pallisaden, auch
-keineswegs verfallen, wie die, der früheren Wohnung, sondern allem Anschein
-nach in gutem und trefflichem Stand erhalten, umgaben den Erdhügel.
-Der innere Raum zwischen diesem und seiner Verschanzung war von üppiger
-Vegetation dicht überwuchert, und es ließ sich unmöglich unterscheiden, ob
-der von Bäumen allerdings leere Platz früher bebaut, oder nur von dem hohen
-Holz befreit worden sei, um jenes Gestell auf dem Gipfel desto freier und
-besser herauszuheben.
-
-Die Männer hatten, bis dahin noch von einer kleinen Gruppe palmenartiger
-Farrenbäume verdeckt, den stillen wunderlichen Ort in lautlosem Schweigen
-eine Zeitlang beobachtet, endlich flüsterte Van Broon, dem es hier unter
-den hohen Bäumen und vor dem einzeln dastehenden, indianischen Bau, der wie
-eine Schildwache das Herz der Waldung zu bewachen schien, anfing unheimlich
-zu werden:
-
-»Ist dies denn nun endlich der Ort, zu dem wir jetzt, Gott weiß, wie viele
-Meilen durch Dornen und Schlingpflanzen gerannt sind, als ob uns der böse
-Feind auf den Hacken säße?«
-
-Dumfry nickte, noch immer ohne ein Wort zu erwiedern, einfach mit dem Kopf.
-
-»Der Eingang wird wohl an der andern Seite sein,« meinte Tomson, und
-richtete sich auf den Zehen empor, um soviel Raum als möglich übersehen zu
-können.
-
-»Gentlemen!« wandte sich jetzt Dumfry plötzlich und mit leiser,
-unterdrückter Stimme, aber mit freudig blitzenden Augen, an seine Begleiter
--- »die Zeit unseres Handelns ist gekommen, wir haben den lang erstrebten
-Platz erreicht, aber all die Gefahren, die ich gefürchtet, ja fest
-erwartet, sind ausgeblieben. Die Gegend ist menschenleer, die Entfernung
-zum Meer, ja zu der Stelle, wo unser Boot verborgen liegt, beträgt von hier
-aus kaum tausend Schritt -- dort, wo jener helle Fleck die Waldung lichtet,
-mündet der Bach, in dessen heimlichen Schatten wir eingelaufen. In einer
-halben Stunde können wir unten sein, und unsere Ruder tragen uns dann rasch
-dem sicheren Fahrzeug entgegen.«
-
-»Warum gehen wir denn aber nicht an die Arbeit?« frug Van Broon ungeduldig;
-»zum Henker noch einmal, mir wird's nicht behaglich zu Muthe, so lange ich
-diesen cannibalischen Boden unter mir fühle; es ist mir immer, als ob uns
-die Bäume ordentlich so mit einer Art von Gier und Gefräßigkeit ansähen,
-und mit dem größten Vergnügen das Holz dazu hergeben würden, uns zu braten.
-Wo hat denn dieses Monument, oder was es sonst sein mag, seinen Eingang?«
-
-»Nirgends,« erwiederte ihm Dumfry, aber immer noch mit vorsichtiger Stimme
--- »es ist ringsherum auf solche Art umgeben -- Manawatus Begräbnißplatz
-liegt unter dem geheiligten Gesetz des Tabu, nur wenn Einer aus seinem
-Geschlecht wieder stirbt, erlischt das Verbot. Nach der bestimmten Zeit und
-der Feier der Tangi[15] bringen die »weisen Männer« die Gebeine hierher und
-wiederum verschließt das Gesetz den Eingang Jedermann.«
-
- [15]: Bei dem Tod eines Häuptlings oder eines sonst angesehenen
- Indianers entsteht ein großes Wehklagen, das die Neuseeländer _Tangi_
- nennen. Die Frauen zerschneiden sich Arme, Gesicht und Brust mit
- scharfen Muscheln, und die Kleider und das Eigenthum des Verstorbenen
- wird dann gewöhnlich in das Grab desselben gelegt -- in den sogenannten
- _wahi tapu_, und muß dort mit ihm verwesen.
-
-»Wie kommen wir aber hinüber?« brummte Van Broon -- »wir wollen wohl hier
-warten, bis Jemand kommt, um nachher die ganze Bevölkerung bei der Hand zu
-haben. Gebt dem Volk nur einen Vorwand, und wir stecken noch heute Abend
-Alle mit einander am schönsten Bratspieß, den sie auftreiben können.«
-
-Dumfry wandte sich von ihm ab, glitt eine kurze Strecke rasch zwischen, ja
-fast unter den hohen Farrenkräutern hin, die das Stacket dicht umschlossen,
-prüfte einige der Pallisaden mit der Hand, und kam auch bald an eine, die
-weniger fest in der Erde stack als die übrigen. In diese schlug er mit
-aller ihm zu Gebote stehenden Kraft, indem er sich mit dem Rücken an die
-nächsten dicht daneben stellte, seinen Tomahawk, daß der Stiel nach
-oben kam. Der scharfe Stahl fuhr in das, durch die Jahre ziemlich weich
-gewordene Holz bis ans Heft hinein, und er gewann dadurch eine Handhabe,
-den sonst nicht gut erreichbaren Stamm anzufassen, und aus seinem Bett zu
-heben. Nach einigen, vergeblichen Versuchen gelang ihm dieß auch endlich,
-was einen schmalen Eingang in das Innere herstellte.
-
-Van Broon, obgleich er die Größe der Gefahr, der sie hier ausgesetzt waren,
-gar nicht kannte, ja nicht einmal ahnte, er wäre sonst wahrlich nicht so
-geduldig dabei stehen geblieben, fühlte doch eine gewisse, ihm selbst kaum
-erklärliche Angst, als er die Vorsicht und unverkennbare Scheu des sonst so
-kecken, trotzigen Mannes sah. Dumfry, der ihnen winkte, dort zu bleiben,
-wo sie gerade standen, kroch nämlich rasch und vorsichtig in das tollste
-Gewirr des hier dicht verschlungenen Oberholzes, und kein Laut wurde weiter
-von ihm gehört, kein Zeichen gab er, bis plötzlich seine Gestalt, aber
-weiter unterhalb, wieder auftauchte. Er trug jetzt das zusammengeheftete
-Fell irgend eines ihnen unbekannten Thieres im Arme und lief mehr als er
-ging, dem engen Ausgange der Pallisaden zu, durch die er sich mit fast
-ängstlicher Hast ins Freie drängte. Kaum hatte er jedoch den inneren Raum
-verlassen, so legte er schnell seinen Pack auf den Boden nieder, stieß die
-früher herausgehobenen Pallisaden an ihren Ort zurück, und schien jetzt
-erst jedes Gefühl, was ihm bis dahin vielleicht Herz und Seele beengt haben
-mochte, stark und freudig von sich abzuschütteln.
-
-Hochauf athmete er, aus tiefer, voller Brust, und ein triumphirendes, fast
-höhnisches Lächeln zuckte um seine Lippen.
-
-»Nun fort,« rief er, und hob seine Last rasch wieder vom Boden auf, »fort,
-in wenigen Minuten sind wir am Ufer, dann zu Schiff und einem frohen,
-freudigen Leben entgegen!«
-
-»Und ist das Alles?«, frug Tomson erstaunt, »Alles was wir zu thun haben?
-Darum die entsetzlichen Vorbereitungen und Zurüstungen?«
-
-»Kommt! an Bord unseres guten Kasuar sollt Ihr Alles erfahren, nur jetzt
-von diesem Boden fort, der mir unter den Füßen zu brennen anfängt.«
-
-Und ohne weiter auch nur eine Antwort abzuwarten, warf er einen flüchtigen
-Blick zu der jetzt von dem gestiegenen Nebel fast umdüsterten Sonne
-empor, die den Schleier mit ihrem rothen Gluthenlicht kaum zu durchdringen
-vermochte, und eilte so flüchtigen Schrittes rechts in das Dickicht
-hinein, daß ihm seine beiden Begleiter kaum zu folgen vermochten. Wohl eine
-Viertelstunde behielten sie diese Richtung bei, und jetzt zwar fortwährend
-thalab, die Hügel hinter sich lassend. Die Lichtung, auf die sie Dumfry
-schon am Begräbnißplatz aufmerksam gemacht, trat denn auch immer deutlicher
-und heller hervor, und einer kleinen, schmalen Anhöhe folgend, die als
-Scheide zweier Bäche dem Ufer entgegenlief, erreichten sie dieses, kaum
-zweihundert Schritte von der nämlichen Stelle, wo sie es betreten hatten,
-doch mehr seitwärts von der Mündung des Baches, und an einer von Holz fast
-freien, sandigen Fläche, die sich zwischen da, wo sie sich jetzt befanden
-und dem Ta-po-kaï ausdehnte.
-
-Dumfry überflog mit prüfenden Blicken das Terrain, nirgends aber ließ sich
-auch nur das mindeste Außergewöhnliche oder gar Gefährliche entdecken; kein
-lebendes Wesen war zu sehen, nur ein paar Albatrosse strichen mit langsam
-bedächtigen Flügelschlägen über die Bai, und dort hinten -- gerade vor dem
-hellglänzenden, weißen Streifen, der den Eingang der Bucht wie mit einem
-schimmernden Zirkel umgab, lag still und regungslos, die schneeigen Segel
-fest gegen die Masten geschlagen, der Kasuar, wie ein müder Seevogel, der
-nach langer, mühseliger Fahrt den Kopf unter die Flügel steckt, und sich
-schaukeln läßt von den krystallhellen, leise schwellenden Wogen -- seiner
-Wiege und Heimath.
-
-»Bei Gott!« brach da Tomson das Schweigen, und schaute ängstlich nach dem
-südlichen Horizont hinüber, den er erst von hier aus recht überblicken
-konnte -- »es wird Zeit, daß wir an Bord kommen -- Dumfry, dort hinten
-steigt ein Wetter herauf, und, wenn uns das hier noch in der Nähe jener
-Riffe erwischt, so können wir uns auf das Schlimmste gefaßt machen. Es wäre
-ein Spaß, wenn wir nachher wieder an die Küste geworfen würden.«
-
-»Sollten jene weißgrauen Streifen Böses deuten?« frug der Verkleidete, und
-schien sie scheu und finster zu betrachten --
-
-»Gutes auf keinen Fall,« brummte der Seemann, »will's wünschen, daß wir mit
-'nem blauen Auge davonkommen.«
-
-»Gentlemen beabsichtigen vielleicht, hier am Waldrand heute Abend Thee zu
-trinken,« unterbrach sie aber hier der ungeduldig werdende Holländer --
-»zum Henker auch, sollen wir etwa hier stehen bleiben, _bis_ das Alles
-eintrifft, was Sie beide jetzt befürchten? -- Wo liegt unser Boot?«
-
-»Gerade dort drüben in jener Waldecke,« erwiederte ihm Dumfry -- »aber Sie
-haben recht, ein Ueberlegen könnte hier ohnedieß nichts frommen, _jetzt_
-müssen wir durch -- kommen Sie« -- und wiederum zog er die Matte über sein
-Gesicht, die er, seit sie den Begräbnißplatz verlassen, fast fortwährend
-zurück geworfen getragen hatte, und schritt den beiden Freunden rasch
-voran, zuerst in die niedere Sandfläche hinab, die in Zeit der Fluth von
-den Wogen bedeckt wurde, und dann einen grasigen Anwuchs wieder hinauf,
-der sich der Waldspitze zuzog und überhaupt den ganzen, bewachsenen
-Küstenstrich mit einem hellgrünen freundlichen Kranz umgürtete.
-
-Je weiter sie aber jetzt den Wald hinter sich ließen, desto freieren
-Ueberblick gewannen sie über den, mit jedem Augenblick drohender werdenden
-Himmel, und Tomson blieb, als sie etwa die Mitte der Sandfläche erreicht,
-stehen, um das Aussehen der Wolken besser beobachten zu können. Da fiel
-sein Auge, vielleicht durch einen sich dort regenden Gegenstand hingezogen,
-auf den hellgrünen Rand des Waldes, und ein Ausruf der Ueberraschung
-entfuhr fast unwillkürlich seinen Lippen, als er gerade da, wo sie eben die
-Holzung verlassen, mehre in bunte Matten gekleidete Indianer erblickte,
-die eben den Baumschatten verließen, und langsam ihren Fährten zu folgen
-schienen.
-
-Dumfry und Van Broon drehten sich rasch nach ihm um, die dunklen Gestalten
-traten aber zu deutlich aus dem lichten Hintergrund hervor, als daß es noch
-einer Erklärung bedurft hätte. Van Broon wollte sich denn auch, sowie
-sein Blick nur auf den Federschmuck der Krieger fiel, ohne weiteres davon
-machen, Dumfry aber erfaßte seinen Arm und flüsterte ihm schnell und heftig
-zu:
-
-»Halt, Sir, keine Uebereilung -- wenige hundert Schritt von hier entfernt
-liegt unser Boot, fliehen wir jetzt, so erregen wir Verdacht, gehen wir
-aber ruhig fort, bis wir nur erst die Büsche zwischen uns und jenen haben,
-so gewinnen wir entweder hinlänglichen Vorsprung uns einzuschiffen, oder
--- wir haben Feuergewehre genug, jene kleine Schaar unschädlich zu machen.
-Langsam, Gentlemen, langsam sehen Sie, dort vorne -- ha!« schrie er und riß
-sein Gewehr entsetzt empor, denn auch vor ihnen, gerade dort, wohin ihr Weg
-gerichtet war, und wohin er deutete, theilten sich die Büsche, und
-sieben oder acht braune, trotzige Gestalten, mit Büchsen und Streitkolben
-bewaffnet, ja Einzelne sogar mit der, ihm nur zu gut bekannten,
-langhaarigen Kriegsmatte bekleidet, traten ihnen entgegen, und hielten
-somit genau den Pfad besetzt, der sie allein zu ihrem Boote führen konnte.
-
-Van Broon stieß einen Schrei des Entsetzens aus, Tomson aber, der schon
-aus dem Benehmen Dumfry's ersehen hatte, daß ihnen in der That mehr Gefahr
-drohe, als dieser eigentlich gestehen wollte, griff nach seinen Pistolen,
-untersuchte, ob die Zündhütchen noch festsäßen, rückte den Griff seines
-Cutlaß ein klein wenig mehr nach vorn, und schien dann ruhig den Erfolg
-abwarten zu wollen. Dumfry selbst war wohl ebenfalls nur durch die erste
-Ueberraschung außer Fassung gebracht, denn auf ein Zusammentreffen
-mit Indianern hatte er sich ja schon durch seine angenommene Tracht
-vorbereitet; fester nur zog er die Matte über sein Gesicht nieder,
-flüsterte seinen beiden Begleitern leise Muth zu, und schritt dann, die
-Richtung ein klein wenig verändernd, der äußersten Waldspitze zu, um, wenn
-die Indianer ihre Jölle etwa noch nicht gefunden hätten, wenigstens nicht
-selbst zu voreilig deren Lage zu verrathen. Hatte er aber zugleich gehofft,
-von den Eingeborenen unbeachtet zu bleiben, so sah er sich darin jedenfalls
-getäuscht, denn diese wandten sich, sobald sie seinen veränderten Curs
-bemerkten, ebenfalls langsam der Waldspitze zu, und Dumfry, der nun wohl
-fand, daß er nicht im Stande sein würde, ihnen auszuweichen, suchte jetzt
-nur so unerschrocken als möglich aufzutreten. Hielten ihn die Neuseeländer,
-was auch von vornherein seine Absicht gewesen, für einen, unter dem Tabu
-stehenden Führer der Weißen, so hatten sie nichts zu fürchten, denn
-noch waren diese uncivilisirten Stämme zu wenig mit Weißen in Berührung
-gekommen, die Pflicht der Gastfreundschaft gegen Fremde ganz vergessen zu
-haben.
-
-Rasch näherten sie sich den Insulanern, die nun ihrerseits die drei Fremden
-ruhig erwarteten; Dumfry aber, so keck und zuversichtlich er früher gewesen
-schien, schrack doch, als er nahe genug kam, die Züge des Häuptlings zu
-erkennen, augenscheinlich zurück und sprach, anstatt die erste Begrüßung
-diesen Herrn des Bodens zu geben, kein einziges Wort. Die Wilden
-ihrerseits, die, hier noch dazu in der Mehrzahl, eine solche Artigkeit wohl
-erwarten zu können glaubten, schwiegen ebenfalls und Tomson, durch Dumfry's
-Betragen zuerst überrascht, trat endlich vor, streckte dem, den er für
-den Häuptling hielt, die Hand entgegen und sagte mit seinem offenen und
-ehrlichen Ton:
-
-»Gott zum Gruß, Gentlemen, ich weiß freilich nicht, ob Sie englisch
-verstehen, thut aber auch nichts -- werden schon wissen --«
-
-»Sei der Gruß so treu gemeint, wie er klingt!« erwiederte, zu des Seemanns
-unbegrenztem Erstaunen, der Wilde nicht allein in ziemlich reinem Englisch,
-sondern auch noch sogar mit einem leichten Anflug irischen Dialekts, und
-ergriff dabei die dargebotene Rechte.
-
-Es war eine hohe, stattliche Figur dieser Häuptling der neuseeländischen
-Krieger -- sein braunes, von funkelnden, sprechenden Augen belebtes Antlitz
-durchzogen die regelmäßig, ja fast zierlichen Linien, die des Tättowirers
-Hand darauf zurückgelassen; sein Haupt schmückten rechts und links die
-mächtigen Flügel eines schwarzen Falken, und die rauhe Kriegsmatte hing ihm
-weit nach vorn über die linke Schulter und den Rücken hinab, daß nur
-der rechte, nackte Arm frei und unbehindert blieb. Einzelne weiße
-Albatroßfedern trug er in den Ohren, um den Nacken aber das Amulet seines
-Stammes, den grünen Teiki[16] mit seinen rothen, glänzenden Augen. Das Haar
-hing ihm, wie das auch theilweise auf den Inseln Sitte ist, lang und
-glatt über den Nacken herab, und seine Füße waren -- ein nicht seltener
-Tauschartikel nordamerikanischer Wallfischfänger -- mit buntgestickten
-Moccasins bedeckt, die vielleicht eine junge Squaw,[17] weit in den fernen
-Prairieen Amerikas gearbeitet, ohne daran zu denken, daß sie die Füße eines
-tausende von Meilen entfernten Kriegers schmücken sollten.
-
- [16]: Die Neuseeländer lieben, wie fast alle wilde Nationen, den Putz,
- und schmücken besonders gern Kopf und Ohren, wie ihre Waffen, Häuser
- und Begräbnißplätze mit bunten, wehenden Federn; der kostbarste
- geachtetste Zierrath aber ist eine kleine, eigenthümliche Figur, Teiki
- genannt, die einen wunderlich gestalteten Mann mit großen rothen
- Augen vorstellt. Dieser Schmuck wird aus einem besondern grünen Stein
- geschnitten, und für einen Amulet, daher auch für ungemein werthvoll
- gehalten, und selten trennt sich ein Eingeborner von solchem
- Heiligthum, das als Erbstück gewöhnlich in den Familien bleibt.
-
- [17]: Nordamerikanische Indianerin.
-
-Seine Begleiter waren sämmtlich mit Feuergewehren bewaffnet, er selbst aber
-trug nur an seinem Handgelenk den Mirei, und zwar aus einem einzigen Stück
-eben des kostbaren, grünen Steines geschnitten, aus dem auch das, an
-seinem Nacken hängende Amulet bestand, während er in der Rechten den
-Häuptlingsstab[18] hielt, der mit seinem wunderlich geschnitzten Kopf, den
-rothen Papageifedern und Büscheln von Hundehaaren von weitem einer jener
-alten Hellebarden glich, aber keineswegs als Waffe bestimmt schien, sondern
-nur die Autorität des Führers bezeichnen sollte.
-
- [18]: Dieser Stab, von den Neuseeländern I Henei genannt, ist ein
- eigenthümliches, fast scepterartiges Emblem der Häuptlinge. Er besteht
- aus hartem Holz, und trägt als Knopf ein grotesk geschnitztes Gesicht
- mit ausgestreckter Zunge -- was den Trotz gegen die Feinde bedeuten
- soll -- die Augen sind aus kleinen Stücken Perlmutter hergestellt, und
- rothe Papageienfedern und Büschel von Hundehaaren umwehen ihn. Dieser
- Stab wird sowohl im Krieg als am Berathungsfeuer geführt, und zwar
- jedesmal dem Häuptling übergeben, der gerade das Wort führt. Er behält
- ihn dann hoch in der Hand und läuft damit vor den ihm aufmerksam
- Zuhörenden, im Eifer seiner lebendig ausgestoßenen Worte, auf und ab.
-
-Während er dem Europäer die rechte Hand reichte, ließ er diesen Stab gegen
-seine Schulter fallen, und nahm ihn erst wieder auf, als er einen Schritt
-zurücktrat, und seine Augen jetzt fest auf den angeblichen Indianer
-geheftet hielt, der jedoch, seinen Kopf ebenfalls erhoben, die Büchse,
-wie nachlässig, in der Biegung des linken Armes, doch zum augenblicklichen
-Dienst bereit, trug, und nur einmal leise das Haupt wandte, um zu sehen,
-ob sich die übrigen Indianer ebenfalls zu ihnen gesellt hätten. Diese waren
-kaum noch hundert Schritte zurück, und einige von ihnen zogen sich langsam
-nach dem Meeresufer hinab. Die Weißen wurden auf diese Art von den dunklen,
-drohenden Gestalten rings umzingelt, und durften an Flucht nicht mehr
-denken; es galt jetzt nur noch, das Spiel, was sie begonnen, fest und ernst
-zu Ende zu führen.
-
-Da brach der neuseeländische Häuptling zuerst das Schweigen, er stützte
-sich auf den Henei, den er in der Hand hielt, und sagte, während er die
-Blicke fest auf den falschen Indianer heftete, in der Sprache der Maories:
-
-»Deine Hand ist bewaffnet, aber Dein Antlitz verhüllt, -- braucht das
-Haupt, das der Tabu beschützt, die feindliche Wehr? fürchtet mein Bruder,
-daß ein Maori die Keule gegen ihn zücken werde? oder kennt er die Gesetze
-des Landes nicht? -- Ein _Maori_ ist sicher!«
-
-»Wohl kenn' ich die heiligen Gesetze« erwiederte der Verkleidete, und die
-Stimme drang unter der vorhängenden Matte dumpf hervor -- »ich habe Nichts
-zu fürchten, und nur als Begleiter dieser Weißen trage ich die Waffe --
-kein Freundesblut klebt an meiner Hand, und daheim in meinem Pah stehen die
-Schädel meiner Feinde -- ein Maori ist sicher!«
-
-»Das lügst Du, _falscher_ Maori!« schrie da plötzlich, sich zu seiner
-vollen Höhe erhebend, der wilde Krieger, und schwang den Stab, den er in
-der Rechten hielt -- »Bleicher Verräther! wirf die heilige Hülle ab, die
-Dir nicht gebührt -- zu Boden mit Dir, Mac Donald -- Mörder Deines Weibes,
-zu Boden, denn die Stunde der Rache hat Dich ereilt!«
-
-Wie von einem jähen Strahl getroffen, schrack der entlarvte Verbrecher, als
-die ersten zürnenden Laute sein Ohr erreichten, zusammen. -- _Verloren_
--- das Blut schoß ihm in eisiger Kälte zum Herzen, -- aber es war nur
-ein Augenblick, was hatte er auch jetzt noch zu wagen, wo _Alles_ auf dem
-Spiele stand.
-
-»Zu mir, Tomson!« schrie er, und mit Blitzesschnelle fuhr die Büchse empor
--- ein Moment, und der scharfe, blendende Strahl zuckte aus dem Lauf --
-harmlos aber zischte die Kugel über dem Kopf des Häuptlings hin in die
-Luft, denn dieser, die Absicht des Feindes schon vorherahnend, traf mit
-seinem langen, gewichtigen Stab das Rohr von unten, und schlug es gerade im
-entscheidenden Augenblick empor. Tomson riß jetzt zwar auch mit der Rechten
-seinen Cutlaß, mit der Linken die eine Pistole hervor, von allen Seiten
-warfen sich aber die Eingeborenen über ihn, und während die Nächsten
-gegen Mac Donald anstürmten, und ihn zu Boden schleuderten, faßten und
-umschlangen die Uebrigen den Seemann und seinen, schon vor Angst halbtodten
-Gefährten, banden ihnen die Hände auf den Rücken, und nahmen ihnen Alles
-ab, was niet- und nagellos an ihnen war.
-
-Mac Donald kämpfte aber wie ein Rasender -- den Tomahawk hatte er, als er
-seine Kugel vergeudet sah, aus der Scheide gerissen, und der Streich, den
-er damit gegen den, auf ihn eindringenden Häuptling führte, wäre jedenfalls
-für diesen verderblich geworden, hätte nicht in demselben Augenblick der
-Schlag eines Patu[19] seine Stirne getroffen, und ihn besinnungslos zu
-Boden geworfen.
-
- [19]: Der _Patu_ ist ebenfalls eine beliebte und fürchterliche Waffe
- der Insulaner. Er besteht aus leichtem Holz, ist etwa vier Fuß lang
- und hat oben eine beilartig geschärfte Kante. Der Kopf ist, wie bei dem
- Henei, mit Federn und Haarbüscheln geschmückt.
-
-Noch im Stürzen griff er nach dem Fell, das er bis dahin, von dem
-Tapamantel verdeckt, bei sich getragen, des Häuptlings Faust lag aber an
-seiner Kehle, und als dieser die Matte von seinem Antlitz riß, und die
-wilde, ihn umdrängende Schaar _den_ erkannte, den sie als ihren Todfeind
-geächtet und verfolgt, da stieg jauchzendes Triumphgeschrei in die Lüfte,
-und der Führer mußte seinen Stab über das Opfer legen, daß die gerechte
-Rache nicht dem entzogen würde, dem sie gebührte.
-
-Tomson, der in Kampf und Ueberfall, ja sogar in der eigenen Noth und
-Lebensgefahr, in der er selbst sich befand, doch nicht das immer drohender
-werdende Firmament vergessen hatte, und ängstlich dabei seines armen
-Fahrzeugs gedachte, rang noch wüthend mit denen, die ihn hielten und
-bewachten. Der Häuptling aber, als er den eigenen Feind in sicherem
-Gewahrsam sah, schritt auf ihn zu, legte die Hand leicht auf seine Schulter
-und sagte, während ihm der Seemann mit finster drohendem Blick ins Auge
-schaute.
-
-»Fürchtet nichts, Sir. -- Nicht Ihr habt die Gesetze unseres Landes
-gebrochen und mit Füßen getreten, wie es Jener that. Er _log_, als er Euch
-sagte, daß er nur Einen der ihm feindlich gesinnten Häuptlinge im offenen
-Kampfe erschlagen. Er log, als er sich unter Heki's Schutz erklärte, denn
-ich bin Heki selbst, und keinen grimmigeren Feind hat er auf dieser Welt,
-als mich. Aus dem, durch das Gesetz des Tabu geheiligten Platz stahl er
-das Eigenthum seines, durch ihn schändlich gemordeten Weibes, und wie ein
-feiger Verräther entfloh er damals der gerechten Strafe. Er _log_ auch,
-als er sich für den Eigenthümer, auch nur eines Fuß breit neuseeländischen
-Bodens erklärte -- dem _Gatten_ meiner Schwester gehörte es, nicht ihrem
-_Mörder_. Nur zu gut kannte er aber unsere Sitten, und vielleicht wäre es
-ihm gelungen, unter dem Schutz desselben Glaubens, den er zu gleicher Zeit
-brach und schändete, seinen Raub in Sicherheit zu bringen, hätte ihn nicht
-sein Etuë[20] selbst in die Hand der Rache gegeben. Nur ihm gilt jetzt
-unser Zorn. Ihr dagegen mögt in kurzer Zeit ungehindert zu Euerem Fahrzeug
-zurückkehren; doch hütet Euch, neuseeländischen Boden wieder zu betreten.«
-
- [20]: Die bösen Geister der Neuseeländer.
-
-Tomson, obgleich aufs Aeußerste erstaunt, wie der Neuseeländer Alles
-das wissen konnte, was sie doch an Bord seines eigenen kleinen Kasuar
-verhandelt, war dennoch gerade jetzt viel zu sehr mit diesem selbst
-beschäftigt, um irgend einem anderen Gegenstand einen mehr als flüchtigen
-Gedanken zu zollen.
-
-»Ungehindert?« rief er trotzig, und schaute mit wildem und doch besorgtem
-Blick nach dem südlichen Horizont hinüber -- »seht dort das aufsteigende
-Wetter an, und sagt dann noch einmal, daß es ungehindert geschehen wird.
-Seeschlangen und Eisbären! wenn der Sturm dort unser kleines Fahrzeug an
-jenen verdammten Riffen überrascht, möchte ich keinen Schilling für Alles,
-was an Bord lebt, geben.«
-
-»Will Euch Euer Gott strafen, daß Ihr den Frieden dieses Landes gebrochen,«
-sagte der Wilde ruhig, »was kümmert das mich. Ich war es nicht, der Euch
-hierhergerufen.« Und ohne die Gefangenen weiter eines Blickes zu würdigen,
-wechselte er einige Worte mit seinen Leuten, und schritt diesen langsam
-voran in das Dickicht, wohin ihm die Schaar, die Gefangenen in der Mitte,
-folgte.
-
- * * * * *
-
-Die Sonne sank -- im Westen deckten nur leise, purpurne Dunstschleier
-den Horizont, düster aber und schwarz von dem Wiederglanz der scheidenden
-Strahlen, thürmten sich im Süden immer dichtere, undurchdringlichere
-Wolkenmassen empor. Was der Tag und die sengende Gluth seines Gestirns bis
-dahin niedergehalten, quoll jetzt in nicht mehr dämmbarer Gewalt höher
-und höher. Aber nicht rasch stürmte es herbei, wie die jähen Gewitter des
-Golfstroms, mit ihren daherjagenden Böen und Wirbelstößen, langsam kämpfte
-es seine Bahn herauf, gegen den heißen Nord, langsam aber sicher gewann es
-sich jeden Fuß breit Bahn, und die Wasser der Bai, als ob sie den nahen und
-fürchterlichen Kampf der Elemente ahneten, schmiegten sich leicht
-zitternd an das Ufer an, und hoben nur manchmal, in kleinen, ängstlichen
-Spritzwellen die Häupter, um zu sehen, ob der gefürchtete Gegner noch nicht
-nahe, und sie aufrüttele aus ihrer stillen, friedlichen Ruhe.
-
-Delphin und Schwertfisch zogen sich in ihre dunkle Tiefe hinab, und das
-Albatroß selbst suchte, die schweren, mächtigen Fittiche hebend, den
-Schutz des festen Landes, während nur noch »Mutter Careys Küchelchen,«
-die flüchtige Sturmschwalbe der Meere, in leichten Kreisen über die Wogen
-strich, und mit den nach ihr aufspritzenden Wassern zu spielen schien.
-
-Rasch, wie der Tag entstanden, sank er in Nacht zurück, graue Dämmerung,
-durch all' die schwarzen, empordrängenden Nebelschichten nur noch
-unheimlicher und düsterer gemacht, hüllte bald den stillen Wald in ihren
-grauen Schleier, und Meer und Luft verschmolzen zu einer ununterscheidbaren
-Masse.
-
-Nur der leuchtende Schaum einzelner Wellen stach weiß und geisterhaft gegen
-seinen dunklen Hintergrund ab, und durch das leise, kochende Gähren und
-Brausen, aus all' der Nacht und Finsterniß hervor, strahlte das helle,
-einzelne Licht des fernen Schooners, während drei, rasch nach einander
-abgefeuerte Schüsse die fernen Freunde vor der nahen drohenden Gefahr
-warnten.
-
-Da glitt aus der sicheren, schmalen Mündung des Ta-po-kaï, zwischen
-den weit überhängenden, schaukelnden Zweigen vor, eines der langen,
-scharfgebauten, neuseeländischen Canoes, deren Führung die Eingeborenen mit
-so meisterhafter Hand zu leiten wissen. Acht Männer saßen an den Rudern,
-doch mit den Gesichtern nach vorn, und die Ruder frei in den Händen,
-während Heki, seinen Stab noch immer in der Rechten, mit der Linken dagegen
-das hohe, mit Albatroßfedern gezierte Steuer regierend, aufrecht im Stern
-des Canoes stand und den Lauf des flüchtigen Bootes lenkte. Im Boden
-desselben, und dicht vor dem Häuptling, lagen drei dunkle gebundene
-Gestalten, aber kein Wort kam über ihre Lippen, schweigend starrten sie
-zu dem, drohend über ihn ausgespannten Firmament empor, und ebenso lautlos
-tauchten die Eingeborenen ihre Ruder in die nur leise zischenden Wogen,
-über die sie mit Pfeilesschnelle dahinschossen.
-
-Es war Ebbe und die Strömung trug sie ihrem Ziel gerade entgegen, doch
-hielt der Steuernde nicht gerade auf das Licht zu, sondern ließ dasselbe
-eher zur rechten liegen, als ob er durch den engen Kanal in die offene See
-hinausfahren wollte. Tomson mußte auch wohl einen solchen Verdacht gefaßt
-haben, denn er hob mehre Male ängstlich den Kopf und starrte nach seinem
-Fahrzeug hinüber; endlich konnte er es aber nicht länger aushalten, und
-versuchte sich mit einem leise gemurmelten Fluch emporzurichten. Da wandte
-sich der, dicht vor ihm kauernde Insulaner rasch nach ihm um, und
-das drohend gehobene, schwere Ruder verrieth nur zu deutlich, was ihm
-bevorstehe, wenn er sich jetzt einer Macht nicht geduldig füge, der er doch
-keinen Widerstand zu leisten vermochte. Van Broon lag, halbtodt vor Angst
-und Entsetzen, neben ihm -- wer aber konnte die dritte, regungslose Gestalt
-im Boote sein? Hatten die Wilden ihrer Rache wirklich entsagt, oder --
-großer Gott, war es gar _die Leiche_ Dumfry's, die sie -- nein, der
-Körper lebte und bewegte sich, doch weiter vermochte der Seemann Nichts zu
-erkennen. Seine Aufmerksamkeit wurde auch jetzt zu sehr auf den Schooner
-selbst gelenkt, denn der Bug ihres Canoes neigte sich plötzlich diesem zu,
-und hielt gerade darauf hin.
-
-Jetzt schienen aber auch die Geister des Sturmes zum ersten Mal die Fesseln
-zu brechen, die sie bis dahin in Schranken gehalten; ein greller Blitz
-erleuchtete mit fast mehr als Tageshelle das südliche Firmament, die
-hochaufkochenden Wasser, und während noch der Donner in weiter Ferne
-nachrollte, kam der brausende Orkan jubelnd und jauchzend über das Meer
-daher, griff wie im Spiel die zurückschreckenden Wogen auf, und trug ihren
-glänzenden, funkelnden Schaum hoch mit sich in die wirbelnde Luft hinein.
-
-Das Canoe arbeitete sich indessen mit rasender Schnelle durch und über den
-gährenden Schaum hin, der die ganze See bedeckte. Schon konnten sie
-die dunklen Umrisse des Kasuar selbst erkennen, und in dem nämlichen
-Augenblick, als ein zweiter blendender Strahl sein weißes Licht über
-das Meer goß, glitt es dicht an die Bulwarks des, noch vor seinem Anker
-reitenden Schooners hinan. Im Nu war es am Bug desselben befestigt, und
-die wachthabenden Matrosen fuhren entsetzt empor, als plötzlich, wie der
-stürmischen Tiefe entstiegen, dunkle, geisterhafte Gestalten an ihren
-Bord sprangen. Wohl griffen sie, kaum etwas anderes, als einen nächtlichen
-Ueberfall der Wilden ahnend, und zum Tod erschreckt, zu Allem, was ihnen
-nur als Wehr und Waffe unter die Hände kam. Ehe sie aber selbst im Stande
-waren, das recht zu begreifen, was um sie her vorging, erschütterte
-plötzlich ein heftiger Stoß den zitternden Schooner bis in seinen Kiel
-hinab. Zu gleicher Zeit, ja fast in demselben Moment, gellte ein wildes,
-dämonisches Jubelgeschrei in ihre Ohren, und der dunkle Schatten des
-schlanken Canoes schnellte plötzlich wieder von ihrem Fahrzeug zurück, in
-die weiße, zischende Fluth. Trotzig bäumten sich die in zürnendem Unmuth
-anwachsenden Wogen darum her, und griffen mit den zerrinnenden Armen
-danach, doch unberührt von dem Allen, und still und regungslos, wie sie
-gekommen, stand die hohe, dunkle Gestalt am Steuer, die Ruderer arbeiteten,
-und das Canoe schoß, wie von Geisterhand getragen, durch den aufgerüttelten
-Grimm des tobenden Elements.
-
-»Hülfe!« ächzte in diesem Augenblick Van Broon, der durch das Steigen des
-Schooners von dem Platz wo er lag, gegen die Bulwarks angeworfen wurde
-und jetzt nichts anderes glaubte, als er läge schon über Bord -- »Hülfe --
-Hülfe!«
-
-Die Matrosen trauten kaum ihren Sinnen, als sie die bekannte Stimme hörten,
-der Ruf ihres Capitäns riß sie aber bald aus ihrem ersten stummen Staunen.
-
-»Alle an Deck!« schrie er. »Alle an Deck, und hier -- Bill, Ned -- Bob --
-Donnerwetter ist keiner der Hallunken da -- bindet uns los hier -- verdamm
-Euere Augen, hört Ihr nicht?«
-
-Rasch sprangen die ihm nächsten hinzu, und wenn sie auch nicht begreifen
-konnten, was hier vorgegangen, ja kaum, wie ihr Capitän eigentlich an Bord
-gekommen sei, so ließ ihnen die Gefahr des Augenblicks doch keine Zeit zu
-Fragen und Erstaunen -- hier galt es nur zu handeln, und schnell banden sie
-die Stricke los, mit denen die drei Gefangenen umwunden waren. Da erhellte
-wiederum ein zuckender Strahl das Meer -- Tomson's, wie fast aller Uebrigen
-Blicke fielen neugierig auf die dritte Gestalt, die noch immer laut- und
-regungslos zwischen ihnen stand, und das Erstaunen läßt sich denken, mit
-dem sie fast zu gleicher Zeit ausriefen -- »Ned -- der Sträfling!«
-
-Obgleich nun Tomson allerdings nicht begriff, wie der Sträfling sowohl ans
-Ufer, als auch in ihr Boot gekommen sein könne, so wurde ihm doch jetzt
-auch plötzlich klar, daß es eben dieser Bube sein müsse, der sie verrathen
-und ihren Feinden überliefert hätte. Die Sorge um sein Fahrzeug ließ ihm
-aber für den Augenblick keine Zeit zu solchen Betrachtungen.
-
-»Segel los« -- schrie er -- »Pest und Teufel, wir treiben -- die heillosen
-Schufte haben unser Ankertau durchgehauen -- steht bei dem Gaffelsegel, ihr
-Leute -- die Brefock auf -- steht bei, sag' ich -- Schufte die Ihr seid«
--- und rasch, unter wild gegebenen Befehlen und Flüchen sprang der würdige
-Seemann selbst ans Steuerruder, während die Matrosen, in der eigenen Gefahr
-Alles übrige um sich her vergessend, nur den Schooner vor dem ihm drohenden
-Verderben zu bewahren suchten.
-
-So rasch die Fluth nämlich, als sie an diesem Morgen in die Bucht
-eingelaufen, das enge Felsenthor landeinwärts durchströmte, so reißend
-schoß auch jetzt, noch von dem wirbelnden Wind getrieben, die Ebbe hinaus,
-und das kleine, schaukelnde Fahrzeug, das in der letzten Minute den Felsen
-näher und näher getrieben war, fühlte kaum den Druck des Segels, unter
-den es das schnell gerichtete Steuer brachte, als es sich auch im wilden
-Ansprung auf die nächste Woge schwang, und jetzt, von Strömung und Wind
-begünstigt, rasend schnell durch die Fluth dem gähnenden Thor entgegen
-brauste. Kaum noch hundert Schritt war es von diesem entfernt -- deutlich
-konnten sie das wilde Anstürmen der Wogen erkennen, die sich wie feurige
-Strahlenkämme an seinen starren Häuptern brachen -- jetzt schien es, als ob
-der zitternde Schooner, mit vollem, gewaltigen Anlauf, toll und wild gerade
-hinanstürmen wolle auf den Felsenkamm, der ihn zerschmettert der Tiefe
-zusenden mußte. Die Mannschaft stand unthätig am Bug -- die nächste Secunde
-sollte ihr Schicksal entscheiden, und nur noch wenige Klaftern Seeraum
-trennte sie von ihrem Tod. Dicht vor ihnen ragte der Fels empor, und das
-Schiff -- ha, es neigte sich ab -- großer Gott, jener scharrende Laut, der
-das Herzblut der Männer stocken machte -- es war die Seitenwand des Kasuar
-im vorbeischnellenden Druck an der Steinsäule des linken Thores. -- Und der
-Schooner? -- frei und frank schoß er von der nachdrängenden Fluth gehoben,
-in die offene See hinaus, dicht hinein in das enggereefte Segel legte sich
-der nachdrängende Sturm, und wie dem Element angehörig, tanzte das wackere,
-kleine Seeboot gerettet auf dem wogenden, zürnenden Meer.
-
-Noch hatten sich die Matrosen nicht von der fürchterlichen Angst des
-Augenblicks erholt -- noch standen die Leute still und regungslos an ihren
-Plätzen, und wagten es kaum zu glauben, daß die Gefahr jetzt wirklich
-vorüber sei, denn die offene See fürchtete keiner, da rief sie aufs Neue
-Tomson's Stimme zu den eben vorübergegangenen, aber in der Gefahr des
-Augenblicks schon fast vergessenen Scenen zurück.
-
-»Bindet den Schuft -- den Ned, und werft ihn in den Raum hinunter -- Du
-Bob, nimm hier das Steuer, bis ich einen Anderen der Leute herschicke.
-Hallo -- wo ist Van Broon -- wo ist der Holländer, hat ihn die Angst
-getödtet?«
-
-Das war jedoch keineswegs der Fall; der würdige Mann hatte in der That
-von dem Umfang der Gefahr, die sie eben noch bedroht, keine Ahnung gehabt,
-sondern nur ruhig seinen Platz hinter einem der Wasserfässer behauptet, wo
-er wenigstens nicht durch das Schaukeln des Fahrzeugs umhergeworfen werden
-konnte. Seine ganze Aufmerksamkeit schien aber bis dahin ein ziemliches,
-ansehnliches Packet ausschließlich beschäftigt zu haben, das ihm die
-Insulaner, als sie ihre Gefangenen an Bord des Kasuar gebracht, in den Arm
-gedrückt, und dessen Inhalt er der vielen darum gewundenen Bänder wegen,
-noch nicht erforschen gekonnt, obgleich es ihm bei dem Leuchten der Blitze
-allerdings so vorkam, als ob das darumgeschlagene Fell dasselbe sei, was
-Dumfry auf der Insel geraubt und wegen dem sie, wie er jetzt wohl glauben
-mußte, die ganze unglückselige Fahrt unternommen. Sobald er übrigens
-Tomson's Ruf hörte, arbeitete er sich nach besten Kräften zu ihm hin, und
-dieser, nachdem er ihm mit kurzen Worten die Existenz des Packets, wie
-die Schwierigkeit es zu öffnen, angezeigt, zog rasch sein Messer und
-durchschnitt die Schnüre.
-
-»Capitän,« sagte da Einer der Matrosen, der in gleicher Zeit zu ihnen
-trat, »Ned trägt, in ein Stück indianische Matte eingeschlagen, eine ganze
-Parthie Geldstücke um den Hals gebunden, will aber nicht gestehen, woher er
-sie hat -- wollt Ihr so gut sein und sie in Verwahr nehmen?«
-
-»Geld!« frug Tomson erstaunt, »wo mag der Schuft das aufgetrieben haben? --
-und dieß Packet?«
-
-Er hatte die Bänder gelöst, schlug das Fell auseinander, und wollte eben
-mit der Hand nach dem Inhalte fühlen, da zuckte wieder ein heller Blitz von
-den grollenden Wolken nieder, und einen Schrei des Entsetzens stießen die
-Männer aus, denn von der dunklen Hülle umgeben, dem schwefelgelben Strahl
-schauerlich und graß beleuchtet, starrten ihnen die bleichen, verzerrten
-Todtenzüge Dumfry's entgegen.
-
-Wild tobte der Sturm -- die Wogen schäumten und brausten, und das kleine
-Fahrzeug kämpfte die ganze Nacht gegen den heulenden Grimm der Elemente an.
-Endlich dämmerte der Morgen, das milde Tageslicht beschwichtigte den
-Orkan, und die weißen Segel des Kasuar blähten sich der Heimat entgegen;
-am Starbordgangweg aber standen die Matrosen, und mit dem leise gemurmelten
-Gebet der ernsten Schaar sank, während eben am östlichen Horizont die
-aufsteigende Sonne ihr heiteres Leben über die See blitzte, das blutige
-Todtenhaupt des Gerichteten in die dunkle Tiefe hinab.
-
-
-
-
-Berlin und das Schauspielhaus im Belagerungszustand.
-
-Eine Skizze.
-
-
-Im Jahre 1848, am 12. November Abends war Berlin in Belagerungszustand
-erklärt und am 13. Mittags glitt ich im zitternden Coupé, von der
-keuchenden Locomotive blitzschnell über das flache, reizlose Land gerissen,
-der bedrohten Residenz entgegen.
-
-»Werden wir noch hinein kommen? -- wird man uns Fremden den Aufenthalt
-dort gestatten?« solche Fragen kreuzten sich besonders auf den letzten
-Stationen, wo militärische Helme zu immer unausweichbareren Gegenständen
-wurden, häufig herüber und hinüber, und endlich ergab sich die peinliche
-Gewißheit des Nichthineinlassens, als in Jüterbock ein Lieutenant mit
-sechzig Mann zu uns stieß und uns, freilich auf die freundlichste und
-artigste Weise, die Nachricht gab, er habe bestimmte Ordre, den ganzen Zug
-nicht weiter als Trebbin zu lassen.
-
-Guter Gott! Trebbin! -- vier Meilen von Berlin, auf wohlriechender Haide,
-Abends acht Uhr, in stockfinsterer kalter Nacht! Und dazu die Erklärung
-Mehrerer, die dort bekannt waren, daß im ganzen Neste wahrscheinlich
-nicht einmal Leiterwagen genug aufzutreiben sein würden, um uns weiter zu
-transportiren! Reizende Lage, in der es noch als ein Glück erschien, die
-ganze Nacht auf einem Leiterwagen und schlechten Wegen durch das Land
-gerädert zu werden!
-
-»Schafft man die königlichen Beamten auch nicht weiter?« fragte ein
-beleibter, bleichwangiger Gesell in einem feinen grauen Tuchmantel und
-einer Art Dienstmütze, in einem Ton, der gar nicht verkennen ließ, wie er
-bei beruhigender Antwort mit der Maßregel vollkommen einverstanden gewesen
-wäre. -- »Thut mir leid; meine Ordre besagt, den _ganzen Zug_ ohne Ausnahme
-anzuhalten,« lautete die Antwort des Offiziers. -- Das war doch ein Trost;
-die preußischen Beamten blieben wenigstens nicht im Coupé sitzen, und »Arm
-in Arm mit ihnen« konnten wir das Geschick in die Schranken fordern.
-
-In Jüterbock hielt der Zug wegen der Aufnahme des Militärs länger an als
-gewöhnlich, und der Beamte unterhielt sich indessen aus dem Coupé heraus
-mit einigen davorstehenden Soldaten, die eben ihrem Lieutenant drei
-donnernde Hurrahs gebracht hatten. -- »Morgen kommen wir auch nach Berlin!«
-riefen diese und die Wirkung starker Getränke war bei ihnen nicht zu
-verkennen. »Hussah, morgen kommen wir!« -- »Das ist recht, Kinder,« sagte
-der freundliche Beamte und nickte ihnen lächelnd zu; »haltet nur nicht zu
-hoch!« -- »Bewahre, altes Haus!« sagte einer der jungen Bursche, »eben die
-rechte Höhe und mitten hinein!« -- »Bravo, meine Jungen!« nickte der Beamte
-und der plötzliche Ruck, den der Wagen that, setzte ihn einem hagern,
-hohläugigen Mann, der in einfach grober, aber sauberer Tuchkleidung dicht
-hinter ihm saß, auf den Schooß.
-
-Der Hagere entschuldigte sich auf das ängstlichste, daß er dem Manne,
-von dem ihm wahrscheinlich sein Instinkt sagte, es sei Einer, der mit der
-Regierung in Verbindung stehe, im Wege gesessen habe, rückte, so weit es
-anging, von ihm zurück und benahm sich überhaupt so eigenthümlich, daß ich
-nicht umhin konnte ihn etwas genauer zu betrachten.
-
-Er mochte etwa in den vierzigen sein, vielleicht war er auch jünger, denn
-die fahlen Züge sprachen von ertragenem Leid. Scheu und doch auch wieder
-neugierig blickten die hellgrauen Augen um sich, schienen auf nichts zu
-haften und begegneten nie einem andern Blick. Ich würde den Mann für
-einen Verbrecher gehalten haben, hätte mich nicht die unverkennbare
-Behaglichkeit, mit der er sich manchmal, besonders wenn er einen
-Augenblick vor sich niedergesehen hatte, die Hände rieb und leise vor sich
-hinschmunzelte, irre gemacht.
-
-Das Licht wurde plötzlich draußen weggenommen, Dunkelheit umgab uns wieder,
-und weiter ging's in sausender Schnelle von Jüterbock fort; hinter uns
-drein tönte das Hurrah der Soldaten, und unter uns, um uns, vor und hinter
-uns klapperten, keuchten, knarrten und rasselten Räder, Schienen und
-Achsen. -- Nicht lange, so war die nächste Station erreicht; hier
-sollten wir den Güterzug von Berlin erwarten; kurzer Aufenthalt wurde uns
-angekündigt und die meisten stiegen aus, um eine Tasse heißen Kaffee zu
-trinken; das Wetter rechtfertigte wenigstens ein solches Verlangen. In der
-Restauration sah ich zufällig meinen hagern Nachbar neben mir; er stand
-nicht weit vom Büffet und schaute nach der großmächtigen Kanne und den
-Tassen hinüber. -- »Haben wir von hier aus noch weit nach Trebbin?« fragte
-ich ihn, mehr eigentlich, um ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, als aus
-wirklichem Interesse für die Antwort. --
-
-»Das weiß ich nicht,« sagte der Hagere schnell, schüttelte dabei das
-lächelnde Gesicht mit dem halbgeöffneten Mund und sah mich zum erstenmal
-mit den hellglänzenden Augen fest an. »Ich weiß gar nichts,« fuhr er
-gleich darauf fort, noch ehe ich mich von ihm abwenden konnte, »nicht das
-mindeste. -- Sie wissen doch wohl, wo ich herkomme?«
-
-Ich blickte erstaunt zu ihm hinüber. »Ich weiß gar nichts! -- Sie wissen
-doch wohl wo ich herkomme?« -- was sollte das heißen? --
-
-»Sind Sie hier fremd?« frug ich ihn. --
-
-»Fremd? ja, ich komme von Torgau,« lächelte der Mann und rieb sich immer
-eifriger und mit immer mehr aufgeheiterten Zügen die Hände. »Ich bin mit
-unter den Amnestirten; ich weiß gar nichts von der Welt -- ich sitze seit
-1831 auf der Festung.«
-
-Allmächtiger Gott! mir zog es eiskalt durch Mark und Bein. Der Mann war
-siebzehn Jahre hinter Festungsmauern begraben gewesen, und jetzt, in diesem
-Augenblick, in diesen Zuständen, sprang er auf einmal, wie neugeboren,
-aber mit vollem staunenden Bewußtsein, mitten in's Leben hinein. -- »Ja,«
-lächelte der Unglückliche und rieb sich noch immer stillvergnügt die Hände,
-»da können Sie sich wohl denken, daß ich gar nichts weiß. -- Ach bitte,
-nicht wahr, das ist Kaffee dort, was der Mann ausschenkt?« -- »Ja,«
-erwiderte ich und konnte den Blick nicht abwenden von der Leidensgestalt.
--- »Der wird wohl verkauft?« -- In dem Moment wurde draußen hastig die
-Glocke gezogen; wir mußten schnell in unser Coupé zurück, denn der Güterzug
-kam eben mit rothglühendem Rachen und leuchtendem Athem auf dem schmalen,
-dunkeln Damm herangeschnaubt.
-
-Dicht neben uns hielt der Zug und alle Fenster waren rasch besetzt, um
-Neuigkeiten von Berlin zu erfragen. »Wie steht's dort? kommen wir noch
-hinein? -- ist schon geschossen worden?« -- »Ganz gut -- Alles ruhig
--- keine Gefahr!« tönte es hin und wieder. Ein junger Mann, der mit dem
-Güterzug gekommen war, sah die Soldaten in unserem Train. -- »Euch wollen
-sie nach Berlin haben, daß ihr das Volk sollt unterdrücken helfen!« rief er
-ihnen zu, »und ihr seid doch unsere Brüder!«
-
-Der Beamte mit dem bleichen Gesicht und der Dienstmütze, der die Worte
-gehört hatte, bog sich rasch zum andern Fenster nach der Restauration zu
-hinaus und flüsterte draußen Stehenden etwas zu. »Was? der Kerl will die
-Soldaten aufreizen?« riefen dort ein paar Männer und schauten zwischen
-den Wagen unseres zur Abfahrt bereiten Zuges nach den Wagen des Güterzugs
-hinüber. »Wart, Canaille, wenn hier der Zug fort ist, mit dir wollen wir
-sprechen!« -- »Holt ihn ein Bischen heraus,« sagte der Beamte freundlich;
-»den müßt ihr euch einmal besehen.« -- »Na wart nur!« riefen die Gereizten,
-»also die Weißmütze? -- ich sehe sie schon in der Ecke!«
-
-Ich bog mich rasch aus dem Wagen nach dem Güterzug hin und rief dem jungen,
-wirklich bedrohten Fremden zu, in ein anderes Coupé überzusteigen; dann
-aber und während jetzt unsere eigene Locomotive mit gellendem Jubelschrei
-aufbrach, wandte ich mich an den freundlichen Beamten und sagte ihm frei,
-was ich von ihm dachte. Er war geschmeidig wie ein Ohrwurm; er hatte es ja
-gar nicht so bös gemeint, »_die_ Leute thäten nichts der Art, _das_ wären
-Menschen wie die Kinder etc.« -- Pfui über den Schuft, das sind die wahren
-Wühler, die heimlich, wie giftiges Geschmeiß, im Lande herumkrochen und in
-der Stille hetzten und geiferten dem offenen Wort gegenüber, und dabei süß,
-unschuldig drein schauten und fromm und liberal thaten.
-
-Eine halbe Stunde später kamen wir nach Trebbin, und glücklicher Weise
-fand unsere Eskorte daselbst Contreordre. Der Lieutenant, den es selbst
-zu freuen schien, daß er uns den unangenehmen Aufenthalt ersparen konnte,
-verkündete uns, der Zug dürfe ungesäumt weiter gehen. Um neun Uhr liefen
-wir in den Berliner Bahnhof ein, und Massen dort aufgestellten Militärs
-verkündeten uns, wären wir nicht schon unterrichtet gewesen, den
-Belagerungszustand der Stadt. Es wurden uns weiter keine Schwierigkeiten
-in den Weg gelegt, nur Bewaffnete, deren wir jedoch keine bei uns hatten,
-sollten nicht eingelassen werden.
-
-Ich durchwanderte die Friedrichsstadt noch am selben Abend nach allen
-Richtungen. Todtenstille in den Straßen; nur hie und da an den Ecken kleine
-Trupps vor einem von der Laterne beleuchteten Plakat. Dieses handelte von
-Zusammenrottungen auf den Straßen; am Tage durften nicht mehr als zwanzig,
-Abends nicht mehr als zehn Menschen beisammen stehen; gingen sie nicht
-auseinander auf die Aufforderung der Patrouille, so hatte das Militär von
-seinen Waffen Gebrauch zu machen. -- Unter den Linden, besonders an den
-Ecken der Friedrichsstraße, standen Menschengruppen; Jungen verkauften
-ein Plakat des Referendars Wache, mit der Anempfehlung: »ohne Erlaubniß
-Wrangels.« Unter der einen Laterne erzählte Jemand irgend einen Vorfall;
-Neugierige traten hinzu und es bildete sich bald ein Haufen von wohl
-fünfzig bis sechszig Personen. Da tönte der schwere gleichmäßige Schritt
-einer Patrouille die Allee herab. --
-
-»Meine Herrn, treten Sie in kleinere Trupps,« bat der Sprecher; »immer zehn
-und zehn, wenn ich bitten darf.« -- Die Menge zertheilte sich schnell und
-ohne weitern Zuredens zu bedürfen. -- »Hier können wir noch zwei brauchen,«
-sagte Einer; »so, jetzt haben wir gerade das Deputat!« ein Anderer. Hie und
-da lachte Einer, als die Soldaten ernst und schweigend vorbei schritten,
-die verschiedenen kleinen Trupps aber nicht weiter belästigten. »Ruhe! --
-nicht lachen!« riefen Andere und die Patrouille bog in die Friedrichsstraße
-ein.
-
-Dieselbe Ruhe herrschte in andern Straßen, dieselbe Ordnung; wer nicht
-manchmal einer Patrouille begegnete; hätte nicht daran gedacht, daß er
-sich in einer belagerten Stadt befinde. -- Am nämlichen Abend war eine
-Deputation von Stettin aus unterwegs, welche folgende Demonstration
-beabsichtigte. Die achthundert Mann trugen alle breite weiße Papierstreifen
-an den Hüten, auf denen mit großen Buchstaben gedruckt stand: _Ehre der
-Nationalversammlung! Stettin_. -- So hatten sie am nächsten Morgen in
-feierlicher Procession die Stadt durchziehen wollen, aber der ganze
-Bahnzug war (wie man das auch bei uns, wo man wohl eine ähnliche Deputation
-vermuthet, anfangs beabsichtigt hatte) auf der letzten Station vor Berlin
-aufgehalten worden, und nur einzelne Mitglieder, ich glaube acht oder zehn,
-ließen sich auf einem Leiterwagen nach Berlin schaffen. Einige derselben
-sollen, wie man sagte, gerade wegen jener, als Plakate angesehenen Zettel
-verhaftet worden sein.
-
-Am nächsten Morgen brachte ein frisches Plakat des Kommandirenden etwas
-regeres Leben in die Masse; die Patrouillen seien verspottet worden,
-hieß es, und haben jetzt strengen Befehl erhalten, bei der geringsten
-Widersetzlichkeit vollen Gebrauch von ihren Schießwaffen zu machen. Die
-Jungen rissen hie und da solche Zettel herunter und klebten dafür die von
-Wache an, worin Wrangel und seine Proklamation verhöhnt waren, und die
-ihrerseits wieder von den Soldaten entfernt wurden. So sah ich am Schloß
-einen Jungen am eisernen Gitter eines der untern Fenster hoch emporklettern
-und soweit darüber, als er reichen konnte -- gewiß 18-20 Fuß vom Boden --
-eine Wache'sche Proklamation ankleben. Gleich darauf kam eine Patrouille,
-und einer der Soldaten mußte jetzt ebenfalls dort hinauf und mit dem
-Bajonett das mißliebige Papier unter dem Jubel der umstehenden Jugend
-herunterstoßen.
-
-Wunderlich sahen die königlichen Gebäude aus. Das Schauspielhaus, das
-Museum, die Münze, des verstorbenen Königs Palais, das Schloß, die
-Bauakademie, das Zeughaus, alle Gebäude der Art wimmelten von Militär,
-Helm an Helm sah aus den Fenstern heraus und doppelte Schildwachen, alle
-marschfertig gerüstet, standen davor Wache.
-
-Und was sagte das nämliche Volk, das sich am 18. März mit so kecker
-Todesverachtung, fast ganz unbewaffnet, auf den Barrikaden eben dieser
-Straßen geschlagen hatte -- was sagte das Volk zu dem Herrscherton, wie
-ihn Wrangel annahm? -- Eigenthümlich war die Stimmung der Stadt: überall
-Entrüstung über Wrangel, überall verhaltener Grimm, und doch fast
-ängstliche Besorgniß vor einem Zusammenstoß mit den Truppen.
-
-An irgend einer Ecke, der Leipziger Straße glaub' ich, hatte das Militär
-mit einbrechender Dämmerung ein Haus besetzt, das von oben bis unten, wie
-man draußen sagte, nach einer Vitriolspritze durchsucht wurde; man fand
-jedoch nichts und die Patrouille zog wieder ab. Vor dem Gebäude hatte
-sich indeß eine ziemliche Schaar Neugieriger versammelt, doch nahmen die
-Soldaten keine Notiz davon und marschirten die Straße hinab. Gleich darauf
-kam eine Uhlanenpatrouille und der Offizier forderte die Menge auf, sich
-zu zerstreuen. Dieß geschah auch, und nur vor dem durchsuchten Haus blieben
-noch etwa zwanzig oder dreißig Personen zurück. Die Uhlanen ritten langsam
-daran vorbei, als Einer aus der Menge höhnisch hinter ihnen her lachte und
-ein Schimpfwort rief. Das wäre ihm aber beinahe übel bekommen; die Uhlanen
-achteten es allerdings nicht, aber die Umstehenden fielen unter dem Ruf:
-»verdammter Reaktionär!« über den Lacher her, und er konnte einer tüchtigen
-Tracht Schläge nur durch die heilige Versicherung entgehen, daß er keinen
-der Soldaten, sondern »einen Freund von sich« gemeint habe.
-
-An diesem Tage war auch auf's Neue ein Plakat, die Einlieferung der Waffen
-betreffend, angeschlagen und die Stimmung, die sich darüber aussprach,
-schien eine allgemeine: man wollte die Waffen unter keiner Bedingung
-ausliefern. Der angesetzte Termin bis Abends fünf Uhr verlief deßhalb auch,
-ohne daß dem Befehl, mit einigen Ausnahmen allerdings, Folge geleistet
-worden wäre; ja man sprach sogar von einer großartigen Demonstration. Ein
-Theil der Bürgerwehr, wie mir gesagt wurde, 15,000 Mann, wollte vor dem
-Zeughaus aufmarschiren und dort dem Feldmarschall erklären, sie liefern die
-Waffen nicht ab, und wenn er Bürgerblut vergießen wolle, so möge er auf sie
-schießen. Das unterblieb aber, aus welchem Grunde weiß ich nicht, und man
-beschränkte sich einfach darauf, dem Befehl nicht nachzukommen.
-
-Am nächsten Morgen, am vierzehnten, fing man an in der Behrenstraße und
-der benachbarten Gegend die Waffen _einzusammeln_. Eine Patrouille ging mit
-einem Rüstwagen herum, die Enden der Gasse wurden mit Militär besetzt, aber
-nicht abgesperrt, denn es konnte Jeder frei hin und wieder gehen, und ein
-Trommelwirbel verkündete den Bewohnern des Hauses, vor dem der Wagen
-hielt, daß sie die in ihrer Wohnung befindlichen Gewehre in die Hausflur
-herabbringen sollten; wo das nicht geschah, hatten die Soldaten Auftrag in
-die Zimmer zu gehen und nachzusehen, ob sich Waffen darin befanden.
-
-Wie ein Lauffeuer schoß die Nachricht, daß man die Waffen abhole, in die
-entferntesten Theile der Stadt, und die Aufregung unter den Arbeitern,
-vorzüglich den Maschinenbauern, wurde bedenklich. In der Königsstadt, in
-Moabit und den äußern Stadttheilen schien man fest entschlossen die Waffen
-_nicht_ gutwillig herzugeben, und daß gerade dort, wo man begonnen, das
-Einsammeln ziemlich günstigen Erfolg gehabt, konnte Jene nicht anders
-stimmen. -- »Das ist das Geheimerathsviertel,« sagten die Arbeiter; »ob
-das die Waffen behalten hätte oder nicht, beim Kampf wär' das gleichviel
-gewesen.«
-
-Straße um Straße durchzog das Militär; Wagen nach Wagen voll Gewehren
-wurden in das Zeughaus, stets unter starker Bedeckung abgeliefert, und
-in der ganzen Friedrichsstadt schien sich kein einziger Bürger dem
-Befehl ernstlich widersetzen zu wollen. Der »passive Widerstand,« den die
-Nationalversammlung behauptete, dehnte sich auch auf diese Maßregel der
-Militärgewalt aus. -- »Abliefern thun wir die Gewehre nicht,« meinten die
-Bürger; »wenn sie unsere Flinten haben wollen, mögen sie sie holen.« --
-Sollten die Arbeiter allein vor die Bresche stehen? sollten sie, die
-im März die Barrikaden errichtet und vertheidigt, noch einmal zu diesem
-letzten Mittel greifen? -- »Und für wen? -- für die Bürger?« -- »Hol' sie
-der Teufel!« sagten am 16. die Maschinenbauer in Moabit; »wenn die nicht
-selbst den Muth haben für ihre Freiheiten einzutreten, so sehen wir nicht
-ein, weßhalb wir wieder die Katzen sein sollen, mit deren Pfoten sie
-die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Bis jetzt sind sie mit ihren blanken
-Pulverhörnern und bunten Quasten in einem fort durch die Straßen gerannt;
-nun auf einmal läßt sich keiner mehr sehen; wir wollen uns auch nicht
-todtschießen lassen.« Und das Resultat war, daß der »passive Widerstand«
-auch unter den Arbeitern seine Proselyten machte.
-
-Am 15. Abends war die Nationalversammlung, die seit mehreren Tagen an
-verschiedenen Orten heimlich Sitzung gehalten hatte, unter den Linden im
-Hotel Milentz beisammen. Doch auch dieser Platz war verrathen worden, und
-als ich, etwas nach neun Uhr Abends, dort vorüber kam, stand ein starkes
-Piket Militär vor der Thür und hatte das Haus gesperrt. Mehrere hundert
-Menschen sammelten sich, aber Alles blieb ruhig; es wurde ihnen keine
-Aufforderung auseinanderzugehen, und sie selber schienen auch nur durch
-Neugierde an den Platz gefesselt. Da näherte sich eine Patrouille, und als
-der Offizier die Menschenmasse erblickte, rief er: »Tambour vor!« um
-zum Auseinandergehen aufzufordern. Aber der Führer der vor dem Hotel
-aufgestellten Truppen ging auf ihn zu, sprach ein paar Worte mit ihm
-und gleich darauf folgte das »kehrt, marsch!« der eben Gekommenen. Die
-Patrouille zog wieder ab und die Menschenmassen blieben unbelästigt stehen.
-
-Noch hatte sich aber die Patrouille keine hundert Schritt entfernt, als
-aus dem Hotel heraus die Abgeordneten kamen; die Soldaten ließen sie
-ungehindert durch und von allen Seiten drängte man hinzu, das Resultat
-der Sitzung zu hören. Der Beschluß, die Steuern zu verweigern, war
-gefaßt worden und blitzschnell lief das Gerücht durch die Menge; auch die
-Einzelnheiten der Sitzung wurden rasch von den Mitgliedern der Versammlung
-selbst Fremden auf offener Straße mitgetheilt. Die Männer waren
-augenscheinlich in der gereiztesten Stimmung.
-
-Die augenblickliche Wirkung dieses wichtigen Beschlusses schien mir
-keine so gewaltige, als man hätte vermuthen sollen; man schien die Sache
-vorhergesehen zu haben, und wenn auch hie und da aus einer kleinen Gruppe
-ein jubelndes Hurrah empor stieg, standen andere wieder schweigend und
-fast theilnahmlos daneben. Einige Männer, an denen ich vorüberging, fragten
-mich, was es da gebe; ich sagte ihnen, was ich eben aus dem Munde eines
-der Abgeordneten gehört: die Nationalversammlung habe in diesem Augenblick
-beschlossen, die Steuern zu verweigern. -- »So?« erwiderte Einer, »hm --
-nun -- _wir_ zahlen sie doch!«
-
-Auch am andern Tage ließ sich deßhalb keine größere Aufregung in der Stadt
-bemerken, und man erzählte sich den Beschluß in einem Tone, als ob es sich
-um eine ganz gleichgültige Sache handelte. Mir kam das anfangs räthselhaft
-vor, und doch stand es wieder mit dem ganzen eigenthümlichen Wesen dieses
-»passiven Widerstands« in genauer Verbindung. Die Berliner wußten, daß
-dieses das letzte Mittel der Versammlung sein sollte; _sie_ hatten somit
-Alles gethan, was von ihnen verlangt worden war: sie hatten sich ruhig
-verhalten, und den Provinzen blieb es jetzt überlassen, durch ein Einhalten
-der Steuern ihr Vertrauensvotum für die Nationalversammlung zu geben, oder
-im entgegengesetzten Fall durch ein Zahlen derselben an den Tag zu legen,
-daß sie mit den Beschlüssen derselben nicht einverstanden seien.
-
-Die Stadt war äußerlich ruhig, wie in ihrer ruhigsten Zeit; sobald sich
-das Wetter nur irgend freundlich zeigte, sah man Spaziergänger unter den
-Linden; selbst das Theater war, wenn auch schwach, doch besucht. Gespielt
-wurde im Opernhaus, das Schauspielhaus stand starr und kriegerisch da,
-»belagert in einer belagerten Stadt,« wie ein Soldat selber äußerte. Das
-Säulenportal über der großen Treppe war mit Schildwachen besetzt, eben
-so die Eingänge an allen Seiten; aus allen Fenstern schauten behelmte
-Gesichter, überall blinkten Bajonette und Helmspitzen. --
-
-Tausend Mann lagen in diesem einzigen Gebäude, das sogar seinen eigenen
-Kommandanten hatte, und es war dieß dasselbe Regiment (Alexander), das in
-den Märztagen schon einmal seine Kraft mit den Bürgern gemessen und gewiß
-seine Tapferkeit bewährt, dennoch aber jetzt, wenn es wirklich wieder
-zum Kampfe kam, eine Scharte auszuwetzen hatte. Streitgerüstet lagen die
-Grenadiere in die Mauern des Schauspielhauses gebannt, des Rufs gewärtig
-zu Bürgerkrieg und Straßenkampf; bloß zu Patrouillen zogen dann und wann
-einzelne Trupps aus, und Urlaub bekamen nur zehn zugleich, und immer nur
-auf ganz kurze Zeit.
-
-Schon am zweiten Tag hatte ich einen Versuch gemacht, in das Innere des
-Gebäudes, das mit solcher Bevölkerung abenteuerlich genug aussehen mußte,
-einzudringen, war jedoch kurz und entschieden von einem halben Dutzend
-Schildwachen abgewiesen worden. Ich erfuhr auch von einigen Mitgliedern des
-Theaterpersonals, daß Niemand, sie selber nicht ausgenommen, hinein dürfe,
-da das Militär für den Augenblick im alleinigen und unumschränkten Besitz
-des Musentempels sei. Und oben auf dem Giebel desselben stand scheu und
-unwirsch, mit schnaubenden Nüstern und vorgestrecktem Huf, Pegasus, das
-edle Musenroß, als ob es sich eben nach einem nur einigermaßen anständigen
-Hügel in der trostlosen Ebene umschaute, zu dem es aus dem entweihten
-Heiligthume entfliehen könnte.
-
-Wie bekannt hatte die Nationalversammlung früher im Concertsaal des
-Schauspielhauses ihre Sitzungen gehalten; auch dort sollten jetzt Truppen
-liegen, und meine Neugierde wurde sehr gespannt, als ich hörte, die
-Soldaten spielten in demselben Raum, wo ihr Vertreter getagt, Abends
-Nationalversammlung. Wie aber hineinkommen? Schon verzweifelte ich an der
-Möglichkeit, als mir der Zufall günstiger war, als ich es je hätte erwarten
-können. Ich bekam Gelegenheit, sogar Abends einer sogenannten »Sitzung«
-beizuwohnen; das _wie_ mag mir der Leser erlauben zu verschweigen.
-
-Durch zehnfache Schildwachen, über einen Theil der Bühne hin, auf die ich
-aber kaum einen flüchtigen Blick werfen konnte, da der enge Gang meine
-ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, erreichte ich den Concertsaal und
-überschaute hier gleich ein so eigenthümliches als wunderliches Bild.
-Der prachtvoll eingerichtete Saal war in ein rohes, wüstes Soldatenlager
-verwandelt. Auf den rothgepolsterten Sesseln und Bänken lagen und saßen in
-allen nur möglichen Stellungen die Soldaten, manche lang ausgestreckt auf
-den Polstern, mit der Pfeife im Mund und die schmutzigen Stiefeln auf den
-geschnitzten Lehnen; hie und da eine kleine Gesellschaft um einen Tisch
-gedrängt, im eifrigen Kartenspiel; dort ein paar eingeschlafen in der Ecke,
-die Mützen in's Gesicht gezogen, das Kinn auf die Brust gedrückt, die
-Hände über dem Magen gefaltet, die meisten aber aufmerksam der
-»Abendunterhaltung« lauschend, die eben ihren Anfang genommen zu haben
-schien. -- Ich war etwas verwundert, auch einen Offizier unter den Zuhörern
-zu erkennen.
-
-Die Abendunterhaltung bestand aber in Folgendem. Auf dem, ich glaube der
-königlichen Loge gegenüber befindlichen Präsidentensitz hatte sich ein
-Musikchor eingenistet, das mit, wahrscheinlich im Orchester vorgefundenen
-Baßgeigen und Violinen und mit eigenen Flöten, Pfeifen und Trommeln Walzer
-und Märsche spielte; nur Blechinstrumente schienen, wohl des allzulauten
-Tones wegen, ausgeschlossen. Die einzelnen Musikstücke wurden jedesmal von
-den Zuhörern mit Bravoruf und Beifallklatschen belohnt, und beim Sturm- und
-Attaquemarsch, dem ein kurzer, nervenerregender Trommelwirbel folgte, fiel
-die ganze Schaar jedesmal in das übliche, aber gleichfalls etwas gedämpfte
-Hurrah ein. -- Dann kam wieder irgend ein trauriger Walzer, dem die faule
-Baßgeige nur mit Widerstreben zu folgen schien, und der Violine fehlte es
-an Colophonium, das sich im Orchester wohl nicht mit vorgefunden hatte. Die
-Finger des Spielers mochten sich auch nicht eben gelenk oder taktfest der
-ungewohnten Beschäftigung fügen; denn man kann gewiß ein ausgezeichneter
-Trommelschläger und doch nur ein mittelmäßiger Violinist sein. Kurz, es
-waren außer den gewöhnlichen Märschen klägliche Weisen, die den gepeinigten
-Instrumenten abgemartert wurden. Und rings umher an den Wänden des durch
-wenige Oellampen nothdürftig erleuchteten Saals schauten wehmüthig die
-Büsten von Gluck, Händel, Mozart, Weber, Haydn, Bach, Beethoven und
-anderer alter Meister der Töne hernieder und schienen in den an ihnen
-vorbeistreichenden düstern Tabakswolken die Stirnen zu runzeln ob dem
-ohrzerreißenden Greuel.
-
-Die Hauptperson des Ganzen stand auf der Rednerbühne unter dem frühern Sitz
-des Präsidenten, und zwar in Civil, in schwarzem etwas schäbigen Frack,
-Halsbinde und Vatermördern und weißen Beinkleidern, und diese Maske --
-ebenfalls ein Gardist desselben Regiments -- sollte den Präsidenten der
-Nationalversammlung vorstellen. Es war ein noch junger Bursche mit nicht
-gerade auffallendem Berliner Dialekt, und er führte einen Taktstock, den
-er auf carrikirte Art handhabte, damit bald nach dem Orchester hinauf, bald
-nach den Zuhörern hin gestikulirte und dazwischen zum großen Ergötzen der
-leicht Befriedigten das Spielen der verschiedenen Instrumente nachahmte.
-Auf der Nase trug er eine Klemmbrille, die er übrigens später, weil sie ihn
-genirte, ablegte.
-
-Endlich, nachdem die Spieler eine lange Weile musicirt hatten, eröffnete
-der Präsident die Sitzung. Mit affektirter Stimme begrüßte er die
-»Nationalversammlung« und sprach von der schwierigen Aufgabe, sechzehn
-Millionen zu vertreten, erklärte, daß sie hier zusammen gekommen seien, ihr
-eigenes Wohl zu berathen, und ließ dann wieder, unter den frühern Possen,
-ein Lied aufspielen. Hierauf ging er, und nicht ganz ohne Gewandtheit, auf
-seine wie seiner Kameraden Verhältnisse ein, in welch sonderbarer Lage sie
-sich eigentlich befänden, belagert in einer belagerten Stadt, und wie wenig
-man dabei auf ihre eigene Bequemlichkeit bedacht gewesen. Mehrere Tage lang
-hätten sie auf der bloßen Erde campiren müssen, jetzt, nachdem sie sich
-wund gelegen, bekämen sie Strohsäcke; der Kaffe sei, trotz einer jüngst
-eingegangenen Schenkung, ungenießbar, das Fleisch so, daß es sämmtliche
-vier Köche nicht gahr bekommen könnten, und der innere Zustand des
-Schauspielhauses, was die Reinlichkeit betreffe, dermaßen schaudererregend,
-daß eine genauere Beschreibung gar nicht zulässig erscheine.
-
-Nach einer ziemlich weitläufigen, manchmal wirklich witzigen, nur zu oft
-aber auch sehr matten Auseinandersetzung der Gründe, die ihn eine Aenderung
-ihres Zustandes wünschen ließen, wandte er sich an die Versammlung, ihre
-Meinung darüber zu hören, und zwar zuerst an die »äußerste Linke,« die mit
-einem ziemlich allgemeinen vernehmlichen _Ja_ antwortete. -- »Und was sagt
-die äußerste _Rechte_ zu meinem Vorschlag?« sprach er dann, sich nach
-der Seite wendend, welche die Rechte früher eingenommen hatte. -- »Nein!«
-lautete hier die vom lachenden Beifallsruf der Zuhörer begrüßte Antwort,
-und mit einem ruhigen: »Ließ sich nicht anders erwarten,« rückte er
-sich die Brille wieder zurecht und gab, ohne weiter auf die Abstimmung
-einzugehen, dem Orchester das Zeichen zum Wiederbeginn eines seiner
-verzweifelten Stücke.
-
-Sodann nahm er eine Partie Bittschriften, wie sie der Nationalversammlung
-wirklich eingegangen, und von denen er eine sogar als fingirtes Taschentuch
-benutzte, und las sie mit possenhaften, nicht selten zweideutigen
-Bemerkungen vor; eben so mißbrauchte er das preußische Landrecht, von dem
-ein Exemplar ebenfalls in einem unteren Gefach der Rednertribüne lag. Und
-die Soldaten amüsirten sich herrlich, aber der Offizier stand nach einer
-Weile auf und verließ den Saal.
-
-Man müsse den Soldaten den unschuldigen Spaß lassen, um sie bei guter Laune
-zu erhalten; die armen Teufel haben viele Beschwerden zu ertragen, stehen
-vielleicht auf der Schwelle eines Bürgerkriegs; das Schauspielhaus dürften
-sie Abends nicht verlassen, die Langeweile hätte sie ja getödtet -- solches
-und anderes wurde mir vorgestellt. Ich aber fragte mich, ob denn das alles,
-was mich hier im tollen Possenspiel umgab, Wirklichkeit sei? Mir kam das
-Ganze oft wie ein Traum vor. -- Die Halle hier, in der die Vertreter des
-ganzen mächtigen Preußenvolkes das Wohl des Landes, das Wohl von Millionen
-berathen, von Bajonnetten geräumt, von Bajonnetten besetzt, auf der Tribüne
-ein in Civiltracht possenhaft verkleideter Soldat; die Bittschriften, die
-das Volk, seinen Vertretern eingesandt, gemißbraucht! -- Das Andenken
-an das Edelste, was die Freiheit eines Volks gewährleisten kann, seine
-Vertretung durch Abgeordnete im eigenen Parlament, verhöhnt und lächerlich
-gemacht! Und hier die Männer, die lachend dem Spiele zuschauten oder
-träumend in der Ecke saßen, jede Minute bereit, beim ersten Trompetenstoß,
-beim ersten Trommelwirbel in die Höhe zu fahren und mit dem schon geladenen
-Gewehr, dem schon aufgesteckten Bajonett sich den, vielleicht durch nur
-irgend einen bösen Zufall aufgereizten Bürgern entgegen zu werfen! Ein
-eigenes, recht häßliches Gefühl war es, das mich durchzuckte, und ich
-verließ den entweihten Raum, verließ die armen in =effigie= gepeinigten
-Heroen der Musik unter den quitschenden Tönen der Geige, dem brummenden
-falschen Accompagnement des Basses und dem Beifallssturm der dankbaren
-Grenadiere.
-
-Um die Mittelthür und die Haupttreppe auf dem nächsten Weg zu erreichen,
-mußte ich über die Bühne weg, und ich werde _den_ Anblick im Leben nicht
-vergessen. -- Im ungeheuern Raum hingen in der Mitte an Brettern drei
-Doppellampen, die aber ein düsteres mattes Licht gaben und das Ganze kaum
-nothdürftig erhellten. Auf der Bühne selbst befand sich die Wache und
-wenn auch hie und da zwischen den Coulissen Gruppen von Kartenspielern an
-kleinen Tischen saßen, so mußte doch die Bühne selbst von solchem Treiben
-frei bleiben. -- Hier standen die Gewehre der Wache zusammengestellt, und
-ernste Posten wanderten schweigend daneben auf und ab. Ich ging zwischen
-ihnen durch und betrat die Bretterbrücke, die über die Banklehnen des
-Parterres hinweg dem Ausgang zuführt. -- Hier aber blieb ich stehen und
-überschaute nun zurückblickend das ganze eigenthümliche Bild, das vor mir
-ausgebreitet lag.
-
-Die Coulissen waren unordentlich durcheinander, hier Säulen, dort Wald,
-vorgeschoben; den Hintergrund aber bildete (die Leinwand war wegen des
-Luftzugs von hinten herabgelassen) wohl zufällig eine weite, den Horizont
-begrenzende Seefläche. Zur Rechten und dicht vor dem zackigen Felsenufer
-lagen die erst heute eingelieferten, noch ganz neuen Strohsäcke der
-Soldaten aufgeschichtet, und es sah täuschend so aus, als ob ein Schiff
-dort gerade seine Waaren gelandet hätte. Links standen, von hinten vor,
-bis dicht an die vordere Lampe, die mit den Bajonnetten zusammengreifenden
-Gewehre, und auf jeder Waffenpyramide ein Helm. Ueber die Bühne aber
-zerstreut, auf die Ellbogen gestützt, oder das erste beste, was sich ihnen
-geboten, unter den Kopf gerückt, lagerten einzelne Grenadiere und schauten
-träumend nach den öden Galerien hinauf, in denen nur hie und da einzelne
-Kameraden Platz genommen hatten und die Scene unter sich gerade so
-theilnahmlos und schläfrig betrachteten. Rechts neben mir im Parterre unten
-saßen zwei neben einander auf einer Bank und nickten, und links lag ein
-Dritter, auf der Bank ausgestreckt, und schnarchte laut.
-
-Die Schildwachen schritten still und lautlos ihre befohlene Bahn hin und
-her; manchmal aber blieben sie, dem Hintergrund zugewandt, stehen, und es
-war dann, als ob sie das weite Meer beobachteten, das Nahen fremder Schiffe
-zu erkunden, denn der matte, ungewisse Dämmerschein machte die Täuschung
-fast vollständig. Es lag wahrlich eine gewisse Poesie in dieser
-entsetzlichen Prosa, -- aber es war eine Poesie zum Tollwerden und ich
-athmete ordentlich frei und leicht auf, als ich das entweihte Heiligthum
-der Kunst hinter mir hatte und wieder in die freie frische Luft hinaustrat.
-
-Es ist wahr, jene Zeit hat bewiesen, daß man Komödie spielen kann ohne
-gerade auf dem Theater zu stehen, und wir sehen die Wirklichkeit oft genug
-auf die Breter gebracht, ohne eben davor zu erschrecken; aber es ist das
-immer eine Wirklichkeit wie etwa ein beängstigender Traum, von dem wir
-wissen, daß es ein Traum ist und uns wohl in der Hoffnung des Erwachens
-fühlen. -- Wenn aber der Traum dann in den hellen Tag hineinreicht und uns
-kalt und frostig in das warme Leben greift, dann schnürt uns das Bewußtsein
-_solchen_ Zustandes Herz und Seele zusammen, wie mir der Anblick der
-entweihten Bühne, und wir ersehnen heiß und brünstig einen Morgen.
-
-Ich verließ Berlin am nämlichen Abend wieder.
-
-
- ~Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.~
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden _gesperrt_ gesetzte Schrift, ~kleine~ Schrift, #fettgedruckte#
-Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= hervorgehoben.
-
-Der Halbtitel wurde entfernt.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "auseinander" -- "aus
-einander", "Bret" -- "Brett", "Canarienvogel" -- "Carnarienvogel",
-"Hackebret" -- "Hackebrett", "Kaffe" -- "Kaffee", "widerfahren" --
-"wiederfahren",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 29:
- "einen" geändert in "einem"
- (in kaum einem halben Jahre)
-
- Seite 39:
- "Sädten" geändert in "Städten"
- (wie sie in den Städten ausgedacht werden)
-
- Seite 46:
- "»" eingefügt
- (»Metcamp hatte verdammt gute Aussichten)
-
- Seite 48:
- "«" eingefügt
- (hahaha -- angeführt haben!«)
-
- Seite 57:
- "sein" geändert in "seine"
- (daß ihm diese, seine beste Falle)
-
- Seite 60:
- "wieß" geändert in "wies"
- (dort aber wies sie jede Aufforderung)
-
- Seite 62:
- "dich" geändert in "Dich"
- (und wenn sie Dich nicht vergessen könnte)
-
- Seite 68:
- "fest-zusammengebissenen" geändert in "fest zusammengebissenen"
- (die er mit fest zusammengebissenen Zähnen)
-
- Seite 71:
- "«" hinter "tödten?" entfernt
- (Was aber nun thun? -- den Wolf tödten?)
-
- Seite 79:
- "daß" geändert in "das"
- (das soll mir der Mr. Metcamp einmal nachmachen!)
-
- Seite 87:
- "einen" geändert in "einem"
- (und schaute mit einem schelmischen Blicke zu ihm auf)
-
- Seite 87:
- "mich ich mag" geändert in "ich mag mich"
- (und ich mag mich nicht in einem fort umsehen)
-
- Seite 88/89:
- "der" geändert in "den"
- (eine sogenannte Gänsehaut über den ganzen Leib)
-
- Seite 97:
- "»" eingefügt
- (»da ist wohl Mancher Wochen lang)
-
- Seite 106:
- "«" eingefügt
- (Gehen Sie mit, Schulmeister?«)
-
- Seite 109:
- "meint" geändert in "meinte"
- (»Ach, nicht Frauen allein,« meinte der Schulmeister)
-
- Seite 114:
- "sage" geändert in "sagte"
- (mir heute noch gefehlt, sagte die Pastorin, und räumte)
-
- Seite 119:
- "»" eingefügt
- (»Du bist heute aufgeregt, Kind)
-
- Seite 121:
- "»" vor "Im" entfernt
- (Im nächsten Moment glitt die Erscheinung)
-
- Seite 124:
- "flimmerden" geändert in "flimmernden"
- (und las mit flimmernden Augen, während das Schreiben)
-
- Seite 134:
- "»" eingefügt
- (»Und der Fensterladen?«)
-
- Seite 135:
- "«" eingefügt
- (heute Mittag müßt Ihr bei mir essen.«)
-
- Seite 144:
- "»" eingefügt
- (»denn im weichen Quellboden sah ich deutlich)
-
- Seite 151:
- "»" eingefügt
- (»sie vertheidigen die Sclaverei)
-
- Seite 154:
- "Preßbyterianer" geändert in "Presbyterianer"
- (und die Presbyterianer halten ihn für ein besonderes Licht)
-
- Seite 155:
- "Worte" geändert in "Worten"
- (mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs bösgemeinten Worten)
-
- Seite 158:
- "»" vor "Sally" entfernt
- (Sally sprang singend hinaus)
-
- Seite 161:
- "Reale" geändert in "Regale"
- (in einem Eimer auf dem dort angebrachten Regale stand)
-
- Seite 173:
- "»" eingefügt
- (»wir haben weder Schreibzeug, noch Papier)
-
- Seite 179:
- "«" hinter "können," entfernt
- (viel mehr in Erstaunen setzen zu können,)
-
- Seite 182:
- "sie" geändert in "Sie"
- (Wallis hat, wie Sie vielleicht wissen)
-
- Seite 184:
- "." eingefügt
- (da ist's doch besser sie suchen Dach und Fach.«)
-
- Seite 184:
- "Virtelstunden" geändert in "Viertelstunden"
- (in höchstens drei Viertelstunden können sie)
-
- Seite 187:
- "Verguügen" geändert in "Vergnügen"
- (mit dem größten Vergnügen, was ist es?)
-
- Seite 188:
- "sie" geändert in "Sie"
- (mit der Sie meine armseligen poetischen Versuche)
-
- Seite 201:
- "»" eingefügt
- (»Mr. Hennigs kommt auch nicht wieder)
-
- Seite 203:
- "Taschentnch" geändert in "Taschentuch"
- (sein Taschentuch hervorzuholen und sich)
-
- Seite 207:
- "Reger" geändert in "Neger"
- (mein Thier eben einem Neger übergeben)
-
- Seite 216:
- "das" geändert in "daß"
- (schmerzt es Sie denn, daß Sie ein Menschenleben)
-
- Seite 225:
- "Spitzhake" geändert in "Spitzhacke"
- (hatte in Rache und Wuth eine Spitzhacke ergriffen)
-
- Seite 243:
- "«" hinter "vertrüge." entfernt
- (und diese allerdings _keinen_ Chor vertrüge.)
-
- Seite 246:
- "sie" geändert in "Sie"
- (»Sehen Sie,« sagte er)
-
- Seite 247:
- "gehts" geändert in "geht's"
- (in die schwarze Gasse -- dann geht's auch)
-
- Seite 256:
- "»" eingefügt
- (»Herrliches Jagdwetter heute!«)
-
- Seite 257:
- "»" eingefügt
- (»es ist überdieß nicht gut)
-
- Seite 266:
- "«" eingefügt
- (»was zeig' ich denn an?« und trat auf die)
-
- Seite 266:
- "»" eingefügt
- (»werden wir die Ehre haben)
-
- Seite 269:
- "»" eingefügt
- (»ich bin alt und schwächlich)
-
- Seite 269:
- "Bespiel" geändert in "Beispiel"
- (würde Ihnen zum Beispiel einen viel größeren Zuhörerkreis)
-
- Seite 273:
- "«" eingefügt
- (mich ergebenst, meine Herrn!« -- und damit)
-
- Seite 273:
- "," hinter "Leute" entfernt
- (Die jungen Leute sahen ihm mit einem Gemisch)
-
- Seite 276:
- "aufathmen" geändert in "aufathme"
- (kräftig und wohlgemuth aufathme aus tiefster Brust)
-
- Seite 281:
- "von" geändert in "vor"
- (wenn Sie ihm, so aufgetakelt, vor den Bug kämen)
-
- Seite 283:
- "hierzu" geändert in "hier zu"
- (mit welchem wir es hier zu thun haben)
-
- Seite 283:
- "-" eingefügt
- (damit er die Beweggründe der Schooner-Passagiere begreifen)
-
- Seite 284:
- "das" geändert in "daß"
- (imponirt, daß einzelne _unbewaffnete_ Männer)
-
- Seite 293:
- "Geduldsfadenriß" geändert in "Geduldsfaden riß"
- (dem kleinen Van Broon der letzte Geduldsfaden riß)
-
- Seite 314:
- "»" vor "Bob" entfernt
- (Bob grunzte eine Art Beistimmung)
-
- Seite 315:
- "Sideny" geändert in "Sidney"
- (sobald wir unseren Anker wieder in Sidney auswerfen)
-
- Seite 324:
- "»" eingefügt
- (»es giebt viele auf der Insel)
-
- Seite 333:
- "Berreich" geändert in "Bereich"
- (laufen wir daher den ganzen Bereich ab)
-
- Seite 334:
- "»" eingefügt
- (»hier der, durch ein Kreuz bezeichnete Punkt)
-
- Seite 338:
- "Schiffen" geändert in "Schiffer"
- (die den Schiffer auf seinen weiten Reisen begleitet)
-
- Seite 341:
- ",«" geändert in "«,"
- (theils dem »Capitän«, theils dem Zimmermann gehörige)
-
- Seite 347:
- "Zimmerman" geändert in "Zimmermann"
- (der Zimmermann zog es denn auch, vielleicht nur aus)
-
- Seite 365:
- "Anderr" geändert in "Andere"
- (der Andere aber schlich langsam am Waldrand hin)
-
- Seite 372:
- "." geändert in "?"
- (was es sonst sein mag, seinen Eingang?«)
-
- Seite 375:
- "?" geändert in "!"
- (und einem frohen, freudigen Leben entgegen!«)
-
- Seite 382:
- "«" eingefügt
- (-- werden schon wissen --«)
-
- Seite 391:
- "enstanden" geändert in "entstanden"
- (wie der Tag entstanden, sank er in Nacht zurück)
-
- Seite 420:
- "dem" geändert in "den"
- (Auf den rothgepolsterten Sesseln und Bänken lagen)
-
- Seite 425:
- "ich" geändert in "auch"
- (und wenn auch hie und da zwischen den Coulissen)
-
-
- sowie jeweils "«," geändert in ",«"
-
- auf Seite 50:
- (»Dort unten,« lautete die monotone Antwort)
- (»Na, das ist eine schöne Geschichte,« murmelte Sutton)
-
- und Seite 72:
- (»Entweder oder,« murmelte er)
-
- und Seite 142:
- (durch den Wald reiten müssen,« entgegnete die Frau)
- (»Ja, das läßt sich nicht läugnen,« lachte der Reiter)
- (»Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs,« rief jetzt)
-
- und Seite 144:
- (draußen im Wald, er sucht die Pferde,« entgegnete)
- (aus den Hügeln herunter gekommen sein,« meinte Hennigs)
- (»Ah, dann findet sie Vater gewiß nicht,« rief Sally)]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen, Erster Band., by
-Friedrich Gerstäcker
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN, ERSTER BAND. ***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of
-Aus zwei Welttheilen, Erster Band,
-by Friedrich Gerstäcker</title>
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-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen, Erster Band., by
-Friedrich Gerstäcker
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Aus zwei Welttheilen, Erster Band.
- Gesammelte Erzählungen
-
-Author: Friedrich Gerstäcker
-
-Release Date: October 12, 2015 [EBook #50187]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN, ERSTER BAND. ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<h1>Aus zwei Welttheilen.</h1>
-
-<p class="ce mt2 lh2 fsl">Gesammelte Erzählungen<br />
-<span class="fss">von</span><br />
-<b>Friedrich Gerstäcker.</b></p>
-
-<p class="ce mt2 lh2 fsl">Erster Band.</p>
-
-<p class="ce mt2 lh2 fsl"><b>Leipzig,</b><br />
-Arnoldische Buchhandlung.<br />
-1854.</p>
-
-
-
-
-
-<h2>Inhalt des ersten Bandes.</h2>
-
-
-<div class="ce">
-<table summary="" border="0" cellpadding="2">
-<tr>
- <td class="tdr fss" colspan="2">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Heimweh und Auswanderung</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_001">1</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Die Wolfsglocke</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_027">27</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Die Ahnung</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_083">83</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Schwarz und Weiß</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_137">137</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Der Freischütz</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_227">227</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Die Schoonerfahrt</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_275">275</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">Berlin und das Schauspielhaus im Belagerungszustand&emsp;</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_401">401</a></td>
-</tr>
-</table>
-</div>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-Heimweh und Auswanderung.<br />
-
-<span class="subheader ge">Skizze.</span></h2>
-
-
-<p>Vor Jahren, und noch nicht einmal vor so gar <em class="ge">langen</em>
-Jahren, war eine Reise von mehr als zwanzig
-Meilen ein Gegenstand, der nicht allein jede nur erdenkliche
-Vorbereitung erforderte, sondern den Reisenden
-selbst fast wie einen tollkühnen Wagehals erscheinen
-ließ, der sein eigenes Leben und die Ruhe seiner Verwandten
-und Freunde keinen Deut hoch achtete, sondern
-nur, ein zweiter Robinson Crusoe, Lust habe,
-seine Tage unter Wilden und Cannibalen zu beschließen.
-Damals standen noch wohlbeleibte Wirthe mit
-den dicken, gemüthlichen Gesichtern in der Thür ihrer
-Gasthäuser und unter den an starken eisernen Stäben
-hin- und herknarrenden Conterfeys von rothen Drachen
-oder noch rötheren Potentaten, sahen die alte, wohlbekannte
-Landkutsche halbe Stunden lang bedächtig
-<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-auf der ausgefahrenen Straße heranrasseln, und berechneten
-schon im Voraus, für wie viel Gäste die
-hochlägerigen, schneeweiß überzogenen Betten hergerichtet,
-wie viel Paar Pantoffel zum Wärmen an den
-Ofen gestellt werden müßten.</p>
-
-<p>Jetzt dagegen zischen und schnauben keuchende Locomotiven
-ihre eiserne Bahn entlang &ndash; die Drachen
-und Potentaten sind (beide jedoch nur von den Wirthshausschilden)
-verschwunden und haben französirten
-Hotels &ndash; »<i>de Leipsic, de Katzenellenbogen etc.</i>« &ndash;
-Platz gemacht, und langbeinige, dünnleibige Wirthe
-und Kellner stürzen, mit ganzen Armladungen voll
-Erfrischungen, von Coupee zu Coupee, um die <em class="ge">nie</em>
-mehr einkehrenden Passagiere zu veranlassen, ihr Geld
-im Fluge zu verzehren.</p>
-
-<p>Der Ocean hält mit dem festen Lande Schritt;
-sonst nannte man eine Fahrt von Hamburg nach
-Helgoland eine »Seereise«, jetzt heißen die, zwischen
-Newyork und Liverpool »spielenden«, ungeheueren
-Packetdampfschiffe »<em class="ge">Fährboote</em>«, und Pianofortes
-und Brüsseler Spitzen werden nach Gegenden hingeschafft,
-in denen noch vor kurzer Zeit Schellen und
-Glasperlen als Wunderwerke der Kunst galten.</p>
-
-<p>Der Mensch selbst bleibt dann natürlich nicht hinter
-dem Fortschritt der Länder zurück &ndash; der enge Kreis,
-<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-der sonst den Hausvater an die Scholle bannte die
-er bewohnte, wird ihm jetzt zu eng, und wenn er die
-Seinen nicht verlassen kann, ei nun, so nimmt er sie
-mit zu anderen Zonen. Ein mit dem Vaterland Zerfallener
-&ndash; ein »Weltschmerzdurchtobter« &ndash; dachte
-früher nur selten daran, die alten Ketten und Verhältnisse,
-die ihn bisher gebunden, abzuschütteln und
-auf neuem Boden, von der neuen, lebensfrischen
-Keimkraft einer anderen Welt durchglüht, ein ebenso
-neues, ein ebenso frisches Leben zu beginnen, &ndash; das
-Wort »Europamüde« stand noch in keinem <em class="ge">deutschen</em>
-Wörterbuch. Jetzt ziehen Tausende von ruhigen Landleuten,
-die bis dahin von Schiffen keine anderen kannten
-als Weberschiffe, und das Wasser, außer dem Hausgebrauch,
-nur noch zum Mühlentreiben verwendbar
-hielten, mit schwellenden Segeln über brausende Wogen
-hin, einer neuen, ferngelegenen Heimath zu, und befinden
-sich auch dort schon, nach ganz kurzem Aufenthalte
-so wohl, so bekannt, als ob sie zwischen lauter
-Negern und Mulatten aufgewachsen wären, und von
-frühester Kindheit an nichts Anderes gegessen hätten,
-als Maisbrod und Ananas.</p>
-
-<p>Deutschland, das sonst so ruhige, gemüthliche
-Deutschland, ist auf Reisen gegangen; Michel hat
-Schlafrock und Pantoffeln ausgezogen, und am Ganges,
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-Nil und Niger, am Amazonenstrom wie am
-Mississippi verlangt er von dem aufs Aeußerste erstaunten
-Echo, ihm »Ei du lieber Augustin« und
-»schöner grüner Jungfernkranz« nachzusingen.</p>
-
-<p>Betritt nun der Deutsche amerikanischen Grund
-und Boden, und ist ihm selbst die Sprache fremd, die
-er von <em class="ge">lauter</em> fremden Menschen sprechen hört, dann
-erfaßt ihn gewöhnlich zum ersten Mal jenes Gefühl
-gänzlicher Verlassenheit, das er selbst bei dem Abschied
-aus der Heimath, als er den letzten blauen Streifen
-des Vaterlandes in nebliger Ferne schwinden sah, noch
-nicht empfand. Damals, in ganz neuer, fremdartiger
-Umgebung, wo Scene nach Scene wechselte, und jede
-nachfolgende immer wieder frischeres, lebendigeres
-Interesse bot, &ndash; noch dazu von lauter Landsleuten
-umgeben, die nur über Sachen sprachen die ihm selbst
-bekannt, mit denen er selbst vertraut war, fühlte er,
-glaubte er noch nicht, daß der letzte Faden zerrissen sei,
-der ihn an vaterländische Erde band, &ndash; er war nur
-eben unterwegs, und das Meer, in dessen wundervolle
-Bläue er jetzt hineinstarrte, umfluthete ja auch den
-heimischen Strand.</p>
-
-<p>So vergrößerte sich nach und nach die Entfernung,
-ohne daß er im Stande war einen Maßstab anzulegen,
-wie er von Stunde zu Stunde alles Das weiter
-<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-zurückließ, an dem bis jetzt sein ganzes Herz gehangen,
-und das ihm durch Liebe und Gewohnheit heilig geworden
-war.</p>
-
-<p>Der erste Schritt auf fremder Erde zerstört den
-Wahn &ndash; von seinen Reisegefährten trennt ihn gewöhnlich
-bald irgend ein anderer Plan, trennen ihn
-andere Interessen, andere Ansichten &ndash; er verliert sie
-in dem ihn umtosenden Gedränge aus den Augen,
-und erst dann &ndash; erst in <em class="ge">dem</em> Augenblick steigt mit
-einem Schlage die ganze starre Wahrheit vor ihm auf:
-du bist im fernen, fremden Land <em class="ge">allein</em>.</p>
-
-<p>In <em class="ge">der</em> Zeit schließt er sich an Jeden an, der
-<em class="ge">deutsch</em> spricht &ndash; in <em class="ge">der</em> Zeit glaubt er einem Jeden,
-der ihm versichert, daß er es gut und ehrlich mit ihm
-meine &ndash; ach seine ganze Seele hängt ja an dem
-Glauben. Nur zu häufig fällt er aber auch dann gerade
-in die Hände listiger Speculanten, die, in der
-amerikanischen Schule gestählt, jeden fremden Einwanderer,
-komme er nun aus der eigenen Heimath
-oder wo anders her, wie einen Schwamm betrachten,
-den sie so lange drücken und kneten, als noch ein
-Tropfen Wasser in ihm enthalten ist, und erst dann,
-nachdem sie sich ihres Erfolgs vergewissert haben, wie
-ein abgenutztes Handwerkszeug bei Seite werfen.</p>
-
-<p>Der also Mißbrauchte sieht sich so von Jedem, dem
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-er mit treuem Herzen vertraute, hintergangen und
-verspottet, und jetzt stürmen urplötzlich all die tausend
-und tausend gehörten und für Märchen gehaltenen
-Geschichten auf ihn ein, durch die er in der alten
-Heimath vor solchen <em class="ge">Freunden</em> gewarnt worden
-war. Er gleicht jetzt dem Knaben, der sich, schon unter
-Wasser, noch deutlich daran erinnert, daß ihm Jemand
-gesagt hätte, das Eis würde nicht halten. Er ist aber
-einmal durchgebrochen, und nur starkes, kräftiges
-Ringen kann und wird ihn wieder an die Oberfläche
-bringen.</p>
-
-<p>Nun sind es allerdings großentheils Deutsche, die
-in den Seestädten Amerikas einzig und allein darauf
-auszugehen scheinen, ihre Landsleute durch falsche
-Verkäufe, Landspeculationen oder sonstige Betrügereien
-zu hintergehen; das hat aber hauptsächlich darin seinen
-Grund, daß der Amerikaner nur selten Deutsch genug
-versteht, sich des eben Eingewanderten Vertrauen zu
-erwerben und Vortheil aus ihm zu ziehen, sonst wäre
-er der letzte, der sich ein Gewissen daraus machen
-würde, ein <i>greenhorn</i><span class="top">[1]</span> hinters Licht zu führen.</p>
-
-<p class="ci fss">[1]: <i>Greenhorn</i> &ndash; ein unübersetzbares Wort, das der Amerikaner
-von solchen braucht, die in einer neu unternommenen Sache
-noch gänzlich unbekannt sind, wie z.&nbsp;B. ein Landbewohner, der
-Matrose werden wollte, im Anfang stets ein <i>greenhorn</i> genannt
-werden würde.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Der Amerikaner hat überhaupt, besonders im
-Handel, wunderliche Begriffe von Ehrlichkeit, und
-hält Manches für erlaubt, was wir nach <em class="ge">unseren</em>
-Ansichten unmöglich billigen könnten. Ich brauche da
-nur an die aus Kien gedrehten Muskatnüsse, an hölzerne
-in Leinwand eingenähte Schinken, an aus Kartoffeln
-und rothem Flanell gestopfte Würste, und an
-viele andere Betrügereien zu erinnern, die den Schuldigen
-vor Gericht allerdings verdammt hätten, denen
-aber der Amerikaner selbst seine volle Bewunderung
-zollt und einen solchen Pfifficus höchstens einen »<i>deuced
-smart fellow</i>«, einen »verwünscht schlauen Burschen«
-nennt.</p>
-
-<p>Nun ist es aber nicht allein das Vertrauen gegen
-Andere, vor dem sich der neu eingewanderte Deutsche
-besonders zu hüten hat, sondern auch das in sich selbst,
-was ihm nicht selten noch größeren Schaden thut als
-das erste, denn jenes kostet ihm gewöhnlich nur Geld
-und er gewinnt dafür Erfahrung, das andere aber
-kostet ihm seine <em class="ge">Zeit</em> und die kann ihm Nichts wieder
-ersetzen.</p>
-
-<p>Ich möchte hier übrigens nicht mißverstanden werden,
-denn ich will keineswegs damit sagen, daß der
-Europäer nicht auf seine eigenen Kräfte, auf seine
-eigene Ausdauer und Beharrlichkeit vertrauen solle.
-<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-Nein im Gegentheil, ein solches Vertrauen ist sogar
-unumgänglich nöthig, er würde sonst untergehen in
-Zweifel und Unentschlossenheit; er soll sich aber nicht
-einbilden daß er nach Amerika gekommen ist, um die
-Eingeborenen durch seine eigene Geschicklichkeit in Erstaunen
-zu setzen &ndash; er soll nicht, ohne vorher zu prüfen,
-<em class="ge">seine</em> Manier zu arbeiten für die bessere, <em class="ge">seine</em> Werkzeuge
-für die einzigen guten halten &ndash; er soll seine
-eigenen Fähigkeiten nicht zu hoch anschlagen und selbst
-da noch <em class="ge">lernen</em>, wo er sich schon vielleicht für geschickter
-und klüger als Die hielt, mit denen er zusammentraf.</p>
-
-<p>Der Amerikaner ist viel praktischer als der Deutsche
-&ndash; er hat sich aber auch nicht aus dem alten Schlamm,
-aus geistigem und körperlichem Zwang erst herauszu<em class="ge">arbeiten</em>
-gebraucht, wie wir das noch jetzt mit Händen
-und Füßen, ja oft auf dem Bauche liegend, im
-Begriff sind zu thun. Er hat das Joch, was ihn zu
-drücken erst <em class="ge">anfing</em>, abgeschleudert und nun, ein
-freier Staat, die freie Bahn frisch und fröhlich verfolgt.
-Nicht durch Zunft oder anderen Zwang niedergehalten,
-von allen Ländern der Welt die Repräsentanten
-in seiner Mitte, konnte er prüfen und wählen
-und der Erfolg hat bewiesen, wie er nicht blind
-war gegen das Bessere.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-Daher geschieht es denn gewöhnlich, daß sich besonders
-der deutsche Handwerker im Anfang gar nicht
-in die Behandlungsart seines eigenen Gewerbes hineinfinden
-kann, und selbst der <em class="ge">Meister</em> zu seinem
-nicht geringen Erstaunen noch lernen muß. Hier in
-Deutschland kommt es besonders <em class="ge">darauf</em> an, daß
-eine Sache gut und dauerhaft gearbeitet sei; der Vater
-will ein Stück, das er für sich selber machen läßt,
-auch noch auf den Sohn vererben, <em class="ge">dort</em> hingegen
-soll nur Alles <em class="ge">schnell</em> und in <em class="ge">Masse</em> fertig werden,
-und der Amerikaner wird daher stets den schnellen
-Arbeiter dem guten vorziehen. Schuhmacher z.&nbsp;B.,
-die zwei bis drei Paar Schuhe in einem Tage machen,
-gehören keineswegs zu den Seltenheiten. &ndash; Hie und
-da, in großen Städten, findet man Anschläge, wo
-»schwarze Wäsche« in <em class="ge">einer</em> Stunde gewaschen, getrocknet
-und geplättet wird. &ndash; Häuser scheinen über
-Nacht aus dem Boden zu steigen, ganze Städte wachsen
-in wenigen Monaten heran und ein ewiges Drängen
-und Treiben schüttelt die Amerikaner selbst aus einem
-Staat in den anderen, aus einem Geschäft in das
-andere.</p>
-
-<p>Der Lebenszweck ist: <em class="ge">durch</em> die Welt zu kommen,
-und <em class="ge">womöglich</em> ehrlich, das <em class="ge">wie</em> ist aber auf jeden
-Fall sonst Nebensache. Was also hier in Deutschland
-<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-einem Menschen zur Schande gereichen, oder über das
-der Philister wenigstens sehr stark den Kopf schütteln
-würde, das öftere sogenannte »Umsatteln« wird dort
-nicht allein für natürlich, sondern sogar für lobenswerth
-gehalten, weil es beweist, wie der unstät von
-Einem zum Anderen Wechselnde das für ihn Passende
-zu finden sucht, und man ist überzeugt, er wird, <em class="ge">wenn</em>
-er es findet, nicht langsam in der Benutzung desselben
-sein.</p>
-
-<p>Daß Einer heute Zimmermann, morgen Straßenarbeiter,
-übermorgen Doctor, nachher Landmann,
-Maler, Schuster, Matrose, Apotheker, Händler u.&nbsp;s.&nbsp;w.
-ist, fällt Keinem auf, und gerade diese unbegrenzte
-Arbeitsfreiheit hat Amerika seinen ungeheuern Aufschwung
-gegeben. Dort treibt ein Jeder nicht etwa
-Das, wozu ihn die Laune seiner Aeltern oder seiner
-Geburt verdammte, sondern Das, was seinen eigenen
-Neigungen und Fähigkeiten entspricht, und ist daher
-auch im Stande, es zu einer Vollkommenheit zu
-bringen, zu der er sich noch mehr durch unbegrenzte
-Concurrenz getrieben sieht.</p>
-
-<p>Das sollte aber auch den Einwanderer vor einem
-Fehler warnen, in den er nur zu oft von allem Anfang
-an fällt &ndash; daß er nämlich Dasselbe dort treiben will
-und es durchsetzen zu müssen glaubt, was er hier im
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-alten Vaterlande getrieben. Es ist gerade so, als ob
-er nun auch noch immer in das alte Wirthshaus gehen
-wollte, in das er seit Jahren gegangen; ja lieber Gott,
-das liegt Tausende von Meilen hinter ihm, und eine
-neue Welt ist's, die ihn umgiebt, eine neue Welt ist's
-also auch, der er sich anpassen, der alte Adam ist's,
-den er mit dem alten Schlafrock ausziehen muß.</p>
-
-<p>Dazu kommt noch, daß viele Gewerke in Nordamerika
-gar keine Kundschaft haben, so z.&nbsp;B. würden
-<em class="ge">Weber</em>, wenn sie es dort durchsetzen wollten, vor dem
-Webstuhl ihr Brod zu verdienen, verhungern müssen
-&ndash; <em class="ge">was</em> gewebt wird, geschieht auf Maschinen oder
-von Frauen &ndash; Spitzenklöppler dürften ebenso wenig
-daran denken, ihr Geschäft in Amerika zu treiben &ndash;
-Hufschmiede müßten sich den steinigen Norden oder
-gebirgige Strecken suchen, da im Süden kein Mensch
-daran denkt, ein Pferd beschlagen zu lassen u.&nbsp;s.&nbsp;w.
-Michel muß also, wenn er einmal überhaupt eine so
-große Reise angetreten hat, total aus sich herausgehen
-und ein ganz anderer Mensch werden.</p>
-
-<p>Der <em class="ge">Arme</em> aber, der hier nur Sklave und Knecht
-war, der hier wie ein Pferd arbeitete, um zu leben,
-und für einen Tag Krankheit zwei Tage hungern
-mußte, um die Sache wieder ins alte Gleis, d.&nbsp;h. auf
-sein früher reducirtes Nichts zu bringen, wird dort
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-auf einmal finden, daß er mehr als ein bloßer Zahn
-in einem Maschinenrad ist, daß er auch noch Menschenrechte
-hat, die dort gelten und anerkannt werden.
-Er braucht auch nicht mit Thränen auf seine Kinder
-zu blicken, weil er im Geist voraus sieht, welch fürchterliches
-Leben sie durch lange endlose Jahre dahin zu
-schleppen haben; denn gerade die Kinder sind es, die
-nachher tausendfältig ernten, was die Aeltern, vielleicht
-immer noch unter Sorgen und Entbehrungen, gesäet
-haben. Für den Armen, der arbeiten will, ist daher
-Amerika noch ein Land der Verheißung, und alle die,
-die es gut mit den Unglücklichen meinen, sollten der
-Auswanderung derselben nicht allein nicht im Wege
-sein, sondern sie eher und so viel als möglich unterstützen
-helfen.</p>
-
-<p>Daß dort <em class="ge">Alle</em> gedeihen, daß es dort <em class="ge">Allen</em> gut
-gehen soll, wer könnte das verbürgen &ndash; schon ihre
-ganze Erziehung hier, die Abhängigkeit, in der sie von
-Jugend auf gelebt, läßt sie dort anfänglich in einer
-Freiheit umhertaumeln, die sie nicht verstehen, deren
-Werth sie noch nicht begreifen können. Allerdings
-sagen sie es sich wohl oft, recht oft laut und in Gedanken
-vor: »Hier sind wir Alle gleich, hier trennt
-uns kein Unterschied des Ranges mehr«, aber vor
-jedem guten Rock bücken sie sich, weil sie den verwünscht
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-schwachsinnigen Gedanken noch nicht abschütteln können,
-daß in einem bessern Stück Tuch auch nothwendig
-ein besseres Stück Fleisch stecken müsse, als sie selbst
-unter ihrer wollenen Jacke tragen. Das verliert sich
-aber nach und nach, sie lernen ihren eigenen Werth
-erkennen, und der deutsche <em class="ge">Farmer</em> ist durch seine
-Arbeitsamkeit und offene Ehrlichkeit der geachtetste
-Bürger der Staaten.</p>
-
-<p>Anders, aber nicht etwa besser steht es dafür mit
-Denen, die in den Städten kleben bleiben und nun
-dem Endzweck der Amerikaner huldigen und Geld, nur
-immer <em class="ge">Geld</em> zu verdienen suchen, während ihnen das
-<em class="ge">Wie</em> dabei als eine nicht zu beachtende Nebensache
-erscheint.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Du kannst im Großen nichts verrichten,</div>
- <div class="verse">Und fängst es nun im Kleinen an.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Zu dem Großen fehlen ihnen die Mittel, fehlt
-ihnen der Geist &ndash; von klein auf krämern sie sich nach
-und nach hinauf. Stege, die der Amerikaner ihres
-Schmutzes wegen nicht einschlagen will, benutzen sie
-mit Freuden, und haben sie endlich ihr Ziel erreicht &ndash;
-ist es ihnen gelungen ein kleines Vermögen zu erwerben,
-das sie unabhängig dastehen läßt, dann
-kriecht aus der Puppe der gemeinen Raupe ein Zwitter-Unding
-von Amerikaner und Deutschem hervor &ndash; ein
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-Wesen, das nur englisch radebrecht, und von seinen
-Landsleuten mit vornehmen Nasenrümpfen sagt: <i>it is</i>
-<em class="ge"><i>only a Dutchman</i></em> (es ist <em class="ge">nur ein Deutscher</em>)
-&ndash; und zwar Dutchman noch im allerverächtlichsten
-Sinn gebraucht.</p>
-
-<p>Die Galle läuft einem ordentlichen Kerl über,
-wenn er solch Pack sieht, und dann fühlt, daß Jene
-nur ihre eigene Gemeinheit vor einer so reichlich verdienten
-Züchtigung schützt.</p>
-
-<p>Auch unter diesen giebt es allerdings eine bessere
-Klasse, aber sie ist selten; der <em class="ge">gebildete Deutsche</em>
-zieht es &ndash; wunderlicher Weise &ndash; fast stets vor, sich
-lieber durch <em class="ge">Hand</em>arbeit eine Zeitlang fortzuhelfen,
-bis er Sprache und Sitten des Landes erlernt hat,
-und wenn er dann mit dem Lande selbst vertraut wird,
-wenn er die Achse findet, um die sich Alles dreht, und
-sich nun selber fragt: Weshalb bist Du denn eigentlich
-nach Amerika gekommen? weshalb hast Du Freunde
-und Verwandte, weshalb Alles Das verlassen, was
-Dir einst lieb und theuer war? dann gesteht er sich
-wohl meistens selber ein: es war jener, vielleicht noch
-unbewußte Drang nach Freiheit &ndash; ein Gefühl, das,
-wenn auch ungeweckt, in seiner Brust geschlummert,
-und hinein zieht er nun in den freien, fröhlichen Wald,
-und als freier Farmer der Vereinigten Staaten verdient
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-er sich sein Brod, zwar im Schweiße seines Angesichts,
-aber er steht auch selbstständig und unabhängig
-da, ein souverainer Fürst auf seinem eigenen
-kleinen Fürstenthum.</p>
-
-<p>Zwei Krankheiten sind es übrigens, denen der
-Deutsche, denen überhaupt der Auswanderer nach
-Amerika fast stets anheimfällt &ndash; zwei Krankheiten,
-die, eigentlich sehr von einander verschieden, doch auch
-wieder einzelne Aehnlichkeit mit einander haben; sie
-heißen: <em class="ge">Seekrankheit</em> und <em class="ge">Heimweh</em>.</p>
-
-<p>Die Seekrankheit betrifft allerdings nur hauptsächlich
-den Körper, das Heimweh dagegen den Geist;
-das heißt: die eine kommt aus dem Magen, die andere
-aus dem Herzen &ndash; beide sind aber die fast unausbleiblichen
-Folgen einer transatlantischen Fahrt und
-ähneln sich auch darin, daß sie manchmal ihr Opfer
-nur im Anfang, nur in den ersten Tagen mit beiden
-Fäusten anpacken und recht ordentlich, so recht aus
-Leibeskräften durchschütteln, es aber dafür auch später
-ungeschoren lassen, oder &ndash; was viel, viel schlimmer
-ist &ndash; leise auftreten und bei jeder neuen Woge, bei
-jedem etwas stürmischen Meer, wieder- und immer
-wiederkehren und Herz und Magen gleich stark zur
-Verzweiflung bringen. Beides sind Krankheiten, die
-kein Arzt zu curiren im Stande ist, die aber beide, die
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-eine durch <em class="ge">jedes</em> feste Land, die andere nur durch den
-heimischen Boden, augenblicklich gehoben werden, und
-sonderbarer Weise sich auch nach wiederholter Ursache,
-d.&nbsp;h. nach wiederholter Seereise oder Trennung vom
-Vaterlande, selten und nur in außerordentlichen Fällen
-zum zweiten Male einstellen.</p>
-
-<p>Zwar hat man für das Heimweh allerlei probate
-Mittel empfohlen, wie z.&nbsp;B. stete Aufregung, ein
-rastloses Suchen von Geschäften, Reisen, überhaupt
-Zerstreuung, und das hilft auch für <em class="ge">die</em> Zeit vielleicht,
-<em class="ge">in der</em> wir uns zerstreuen; Augenblicke der Ruhe
-<em class="ge">müssen</em> aber kommen und dann &ndash; ach selbst die
-Erinnerung an die ist schmerzlich.</p>
-
-<p>Auch für die Seekrankheit hat man in neuerer
-Zeit etwas &ndash; ein Vomitiv gleich zu Anfang genommen
-&ndash; als von ausgezeichneter Wirkung empfohlen,
-das ist aber etwa eben so, als ob mich beim Arbeiten
-das Wagenrasseln auf der Straße störte und ich mir
-nun ein paar nimmer rastende Trommelschläger vor
-die Thüre bestellte, damit ich jenes nicht mehr höre.
-Nein, Heimweh wie Seekrankheit will austoben und
-beiden muß man daher seinen ruhigen Lauf auch ruhig
-lassen.</p>
-
-<p>Nun wollen freilich Einige behaupten, das Eine
-schütze zugleich vor dem Andern, denn wer die Seekrankheit
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-einmal recht ordentlich gehabt, der bekomme
-nie das Heimweh, oder verlange wenigstens nie heimzukehren,
-weil er sonst auch jener wieder zum Opfer
-fiele. Dem ist jedoch nicht so, das Heimweh kann
-sogar viel eher als eine fortgesetzte, als eine moralische
-Seekrankheit betrachtet werden. Es ist die Seele, die
-auf dem sturmgepeitschten fremden, ungewohnten Lebensmeer
-erkrankt und sich nun, obgleich der Körper
-durch jede mögliche Anstrengung, durch Beinespreizen
-und verzweifeltes Balanciren sein Aeußerstes thut dagegen
-anzukämpfen, nur immer und immer zurücksehnt
-nach dem festen Land, nach dem <em class="ge">Vater</em>land.</p>
-
-<p>Einen Beweis hierzu liefert ebenfalls wenigstens
-der bessere Theil der Deutschen in Nordamerika. Dieser
-nämlich, obgleich vielleicht früher mit den Wörtern
-Preuße, Baier, Oestreicher, Sachse etc. vollkommen
-einverstanden, macht jetzt plötzlich keinen Unterschied
-mehr zwischen dem Rhein und der Donau &ndash; er fragt
-nicht mehr den Deutschen: aus welchem <em class="ge">Lande</em>
-kommst Du? das weiß er, das ist <em class="ge">Deutschland</em>;
-nein, aus welcher <em class="ge">Gegend</em>, und selbst <em class="ge">die</em> Frage
-geschieht nur, um vielleicht einen bekannten Ort genannt
-zu hören und sich an den lieben, ach lange entbehrten
-Lauten zu erfreuen. &ndash; Daher schreiben sich
-auch die, fast in allen amerikanischen Städten entstehenden
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-Gesellschaften zur Bildung eines <em class="ge">einigen
-Deutschlands in Amerika</em> &ndash; Michel versucht
-ganz urplötzlich in einem total fremden Lande etwas,
-an das er zu Hause, wo es doch eigentlich hingehörte,
-mit keiner Sterbenssilbe gedacht hatte, und ärgert sich
-dann, daß er so wenig »Gemeinsinn«, wie er es nennt,
-daß er so wenig Anklang unter seinen Landsleuten
-findet.</p>
-
-<p>Alle diese Versuche sind ebenfalls nur ein <em class="ge">Heimweh</em>,
-das sich auf solche Art seine, tief im Herzen
-wurzelnde Bahn bricht &ndash; es ist das Andenken an
-liebe, früher so glücklich verlebte Stunden. Der Ausgewanderte
-will sich dadurch gewissermaßen glauben
-machen, er lebe noch in den alten, jetzt so schmerzlich
-vermißten Kreisen, und all das Fremde, Ungemüthliche,
-was ihn umgebe, sei nur die harte, bittere und
-keineswegs zum süßen Kern gehörige Schale, wie wir
-ja wohl vor den hereinbrechenden Winterstürmen Blumen
-und Blüthen mit in das wohnliche Zimmer flüchten
-und diese hegen und pflegen, daß sie uns noch recht
-lange den lieben Sommer erhalten sollen.</p>
-
-<p>Eine Weile geht das auch &ndash; die Keime sind noch
-frisch und kräftig, und wenn gleich draußen der eisige
-Nord das gelbe verwelkte Laub von den Zweigen reißt,
-so trotzen die warm gehaltenen Pflanzen lange und
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-glücklich dem starren Vernichter. Nach und nach aber
-welken sie auch &ndash; die Zeit übt ihr Recht &ndash; der Winter
-greift durch jedes zufällig geöffnete Fenster, durch jede
-Ritze und Spalte herein, nach den armen Kindern
-einer anderen Sonne, und legt sie erbarmungslos in
-ihr dunkles Grab.</p>
-
-<p>Doch eines bleibt &ndash; eines ist, das der Hitze wie
-Kälte, der erstickenden Stubenluft wie dem vernichtenden
-Norde trotzt, das sich mit immer wieder neuen
-Schößlingen an Herz und Seele rankt und klammert,
-das frisch und fröhlich keimt, wenn auch draußen die
-ganze Natur erstarrt, wenn Alles unter weißer Leichendecke
-todt und begraben liegt, und das ist der <em class="ge">Epheu</em>
-&ndash; die <em class="ge">Erinnerung</em> an die Heimath, wenn auch
-die Heimath selbst, ach längst für uns gestorben scheint.
-In seinen lebensfrischen Blättern sehen wir uns eine
-neue Frühlingswelt erstehen &ndash; aus ihm bauen wir
-uns Lauben und Grotten &ndash; ihn flechten wir um unsere
-Sitze und zu ihm aufblickend trägt uns sein freundliches
-Grün zu der Zeit zurück, wo wir draußen im
-schattigen Wald mit den heißen Wangen den Thau
-von den Zweigen strichen, wo wir in der Heimath
-Das fanden, was uns jetzt nur noch, ein schwaches
-Bild ihrer selbst, geblieben.</p>
-
-<p>Es ist eine eigene Sache um das Heimweh, und
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-ein dem vaterländischen Boden entrissener Mensch ist
-ebenfalls wie ein aus der Erde, die ihn erzeugte, genommener
-Baum; er stirbt vielleicht nicht ab im fremden
-Lande &ndash; die Wurzeln schlagen wieder aus, aber die
-feinen, zarten Theile derselben sind doch noch im alten
-Bett zurückgeblieben &ndash; die tausend kleinen, unbedeutenden
-Fasern wurden verletzt und getrennt, und wenn
-sie auch zu dem Leben des Baumes selbst nicht unbedingt
-erforderlich waren, so thun sie ihm doch recht weh,
-und ihr Verlust schmerzt noch lange nach.</p>
-
-<p>Ist es aber zur Erhaltung des <em class="ge">ganzen Baumes</em>
-nöthig, daß er in anderen Grund und Boden komme,
-dann sind eben diese Fasern nur Nebendinge, auf die
-man nicht Rücksicht nehmen darf und kann &ndash; es thut
-ja auch weh, sich einen Zahn ausnehmen zu lassen,
-und doch unterzieht man sich dem Schmerz, um künftig
-Ruhe zu haben und sich wohler zu befinden. So leben
-wir denn ebenfalls jetzt in einer Zeit, wo die Bevölkerung
-einzelner Länder mit Dem was sie selbst erzeugen
-kann, in keinem Verhältniß mehr steht, und entweder
-muß ein Theil, nach Vorbild der Bienen,
-<em class="ge">schwärmen</em>, oder der ganze Stock Noth und Mangel
-leiden.</p>
-
-<p>Früher geschah das erstere durch sich selbst; die
-Völkerwanderungen bedurften eben keiner weiteren
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-Anregung als der Ueberzeugung, daß der bisherige
-Aufenthaltsort für einen Stamm zu eng ward und die,
-überdieß nicht an die Scholle gebundenen Nomadenvölker
-zogen aus, in irgend einer anderen Himmelsrichtung
-ein besseres, ihrer großen Zahl mehr zusagendes
-Land zu finden. Jetzt aber fehlen jene ungeheueren,
-wenig bevölkerten und in der Nähe gelegenen
-Strecken, oder wo sie liegen, sind die politischen Verhältnisse
-der Art, daß Jemand, der erst einmal glücklich Sack
-und Pack zusammengeschnürt hat, gewiß nicht <em class="ge">dort</em>hin
-zieht; es werden daher Mittel erfordert, um einen uns
-nicht mehr ernährenden Wohnplatz zu verändern, die der
-Arme nicht besitzt; gleichwohl nimmt die Noth, besonders
-in einzelnen, übervölkerten Theilen unseres Vaterlandes,
-wie in den sächsischen, schlesischen und böhmischen
-Gebirgen, mit jedem Tage zu und mit allen
-gereichten Gaben ist immer kein Ende derselben zu ersehen,
-keine dauernde Hülfe zu erzwecken &ndash; es ist
-immer nur ein einzelnes Mahl, dem Hungrigen gereicht,
-und der morgende Tag wird ihn eben wieder so
-verschmachtend finden, als der gestrige ihn fand. Daher
-sollte denn auch der Staat, wenn er es wirklich gut mit
-den Armen meint, wenn er ihrer Noth wirklich <em class="ge">abhelfen</em>
-und sie nicht nur für den Augenblick durch eine
-Galgenfrist beschwichtigen will, die <em class="ge">Auswanderung</em>
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-<em class="ge">unterstützen</em> und <em class="ge">leiten</em>. Unterstützen, so weit das
-in seinen Kräften steht, bedenken daß er in dem Läutern
-seiner eigenen Kräfte auch sein eigenes Blut reinigt
-von dem ungesunden Ueberfluß, der ihn zuletzt sonst
-selbst bewältigt, und nicht fürchten, daß die gesunden
-Arbeiter alle fortgehen und nur Greise und
-Krüppel zurückbleiben &ndash; denn wäre das wirklich der
-Fall, so könnte man dann noch immer die <em class="ge">wenigen</em>
-mit dem zehnten Theil dessen thätig unterstützen, was
-jetzt auch an die arbeitsfähigen, und zwar nur zur
-augenblicklichen Stillung ihres Hungers verwendet
-wird, ohne daß es ihre Leiden lindert, sondern sie bloß
-am Leben erhält.</p>
-
-<p>Aber auch <em class="ge">leiten</em> sollte der Staat die Auswanderung
-und zwar durch tüchtige Männer, die, vom
-Staate beauftragt, die Auswanderer nicht allein hinüber
-zu führen hätten in ihre neue Heimath, sondern
-die auch an Ort und Stelle die Gegenden aussuchen
-und alles Nöthige einleiten müßten, um ihnen wenigstens
-einen Anfang möglich zu machen, um ihnen die
-Gelegenheit zu geben, daß sie beweisen können, wie
-es ihnen wirklich Ernst ist, selbstständig durch die Welt
-zu kommen, und sie ihr altes Vaterland nicht allein
-nicht ganz vergessen, sondern auch mit Freundlichkeit statt
-mit bitteren Empfindungen daran zurückdenken. Die
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-Zeit <em class="ge">war</em> wo wir eine Flotte hatten, &ndash; und unsere
-Nachkommen werden glauben, man erzählt ihnen ein
-Märchen, wenn sie die Geschichte derselben lesen &ndash;
-wir dürfen deshalb nicht daran denken, unsere ausgewanderten
-Freunde auch noch in fremden Welttheilen
-<em class="ge">schützen</em> zu wollen. Das edle Recht ist nur den
-<em class="ge">Nationen</em> vorbehalten, aber wir könnten ihnen dadurch
-doch auch beweisen, daß uns wirklich ihr Wohl
-am Herzen lag, als wir ihre Taxen und Steuern
-nahmen, daß wir sie wirklich, wie ihnen das hier oft
-genug vorerzählt wird, als <em class="ge">Kinder</em> des Staates
-betrachten und nicht als überflüssiges Material, als
-Kehricht, den man auf die Straße wirft, und von
-dem man froh ist, wenn ihn der Nachbar gelegentlich
-mit fortführt.</p>
-
-<p>Diese vom Staat Beauftragten sollten aber nicht,
-wie das bis jetzt stets der Fall gewesen, Männer sein,
-die, selbst unbekannt mit Amerika, hinübergehen, dort
-vielleicht ein halbes Jahr leben, flüchtige Erkundigungen
-einziehen und dann glauben, sie kennten das
-Land genug, um ein richtiges Urtheil darüber fällen
-zu können; solche Leute haben schon unendliches Unheil
-über arme Auswanderer gebracht, die ihren Worten,
-ihrer Führung unbedingt vertrauten und dann zu spät
-einsahen, wie sie von Menschen geleitet waren, denen
-<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-selbst kaum die obere Rinde der dortigen Verhältnisse
-bekannt geworden. Allerdings weiß ich, welche Schwierigkeiten
-es hat, Deutsche zu einem gemeinschaftlichen
-Zusammenleben zu bewegen; ja ich halte es sogar,
-außer unter dem strengsten religiösen Zwang, für eine
-positive Unmöglichkeit. Das darf aber auch gar nicht
-der Zweck einer Uebersiedelung von Armen sein, der
-Staat hat genug gethan, wenn er sie hinüber schafft
-und dort dafür sorgt, daß sie wenigstens im Anfang
-einen Wirkungskreis für ihre Thätigkeit bekommen,
-was nur durch Ankauf einer selbstständigen Strecke
-Landes geschehen kann. Für das weitere Fortbestehen
-ihres Zusammenlebens wäre es verlorene Mühe sorgen
-zu wollen &ndash; es findet dann später ein Jeder schon
-seine eigene Bahn, und wer nicht Lust hat, das ihm
-angewiesene Land zu bebauen, der mag es verlassen
-und irgendwo anders Beschäftigung suchen. Das Land
-muß ihm nur im Anfang als Aufenthaltsort gegeben
-werden, daß er nicht gerade in der Zeit, wo er weder
-Sprache noch Sitten kennt, als ein Bettler die Staaten
-durchstreift, und sowohl für sich selbst ein eben so
-elendes Leben fortsetzt, als er es hier geführt, sondern
-auch seinen anderen Landsleuten unendlichen Schaden
-zufügt, indem er sie durch sich selbst in den Augen der
-Amerikaner herabwürdigt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-Das Alles ist jedoch nur durch Leute möglich zu
-machen, die Amerika nicht allein vom Bord eines
-Dampfschiffes aus, oder durch das Coupeefenster eines
-Bahnzuges kennen gelernt, sondern die sich selbst eine
-genaue Kenntniß der dortigen Verhältnisse <em class="ge">an Ort
-und Stelle</em> verschafft haben. Ebensowenig wäre
-es aber auch anzurathen, dortigen <em class="ge">Ansiedlern</em> die
-Wählung eines Platzes zu überlassen; diese werden
-nie im Interesse der Uebersiedler, sondern stets in ihrem
-eigenen Interesse handeln und zwar die neue Colonie
-so viel als möglich in ihre Nähe, wenn nicht gar auf
-ihr eigenes Land zu bringen suchen, um einen sicheren
-und bequemen Absatz für ihre Produkte zu finden.
-Das Alles wird durch einen dabei nicht selbst Betheiligten
-vermieden, dann aber bietet auch der weite
-Westen der Vereinigten Staaten einen ungeheueren
-Abzugscanal für jene Unglücklichen, die hier hungern
-müssen, während dort Brod wächst sie zu sättigen, die
-den Quell kennen, der sie vor dem Verschmachten retten
-würde, ihn aber nicht zu erreichen vermögen, weil
-ihre Kräfte erschöpft, ihre Glieder erschlafft sind.
-Jetzt werden sie nur durch dürftige Spenden dürftig
-am Leben gehalten &ndash; eine kräftige Hülfe aber, die
-das Uebel bei der Wurzel faßte und herausrisse, würde
-nicht allein Denen einen freieren Blick in die Zukunft
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-gestatten, die jetzt durch das Unglück ihrer Mitmenschen
-jede Freude verbittert sehen, und immer nur gedrängt
-und getrieben werden, zu helfen und zu unterstützen,
-sondern auch für Die, die es selbst betrifft, von segensreichster
-Wirkung sein.</p>
-
-<p>Nur durch die Auswanderung kann eine wirkliche
-und nachhaltende Linderung der jetzigen Noth einzelner
-Klassen ermöglicht werden.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-Die Wolfsglocke.</h2>
-
-
-<p>In den Washita-Bergen Nord-Amerikas liegt der
-Schauplatz auf den ich den Leser führen will. Dort, in
-den wilden Thälern jener reizenden Hügelketten existirt
-noch der richtige Backwoodsman; schlicht und ehrlich,
-rauh und derb, aufopfernd in seiner Freundschaft,
-aber gefährlich in seinem Haß, und sein Leben großentheils
-von der Jagd, etwas vom Ackerbau, und meist
-von der Viehzucht abhängig machend.</p>
-
-<p>Die letztere wird ihm besonders durch das milde
-Klima jener Gegend, durch die grasreichen Hügel,
-durch die noch hie und da mit dichten Schilfbrüchen
-gefüllten Thäler erleichtert, und wenig Mühe ist es,
-die ihm die Zucht einer oft nicht unbeträchtlichen Heerde
-kostet. Dann und wann eine Hand voll Salz, nahe zu
-seiner Hütte hingeworfen, eine häufige und regelmäßige
-Wanderung von einem der kleinen zerstreuten
-Trupps zum andern, daß sie den Anblick des Menschen
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-gewohnt blieben und nicht wild wurden &ndash; und der
-Sorgfalt, die er möglicher Weise darauf verwenden
-<em class="ge">konnte</em>, war vollkommen Genüge geleistet.</p>
-
-<p>Einen Feind aber hatte er, den er, so oft er ihm
-auch nachstellte und ihn mit Büchse und Falle unermüdlich
-verfolgt und zu vernichten strebte, doch nicht
-bewältigen konnte, einen Feind, der Nachts in heulenden
-Schaaren die ängstlich blökende Heerde umschlich,
-und manch kräftiges Kalb, ja sogar manch
-einzeln abschweifende Kuh &ndash; und wie viel Ferkel und
-junge Schweine! &ndash; überfiel, erwürgte und verzehrte
-&ndash; dieser listige, blutgierige und erbarmungslose
-Feind war der <em class="ge">Wolf</em>.</p>
-
-<p>Durfte man es dem Backwoodsman verargen,
-wenn er seine ganze List und Jagdkenntniß anwandte,
-solch schlauem und gefräßigem Diebe beizukommen?
-&ndash; aber so eifrig er auch auf der Lauer lag, so manche
-Nacht er, Mosquiten und Holzböcken zum Trotz,
-in den Aesten irgend einer knorrigen Eiche eingeklemmt
-hing, und beim matten Mondeslicht den
-scheuen Räuber durch angeschlepptes Aas herbeizulocken
-und zu belauern gedachte, so selten war er im
-Stande der höchst umsichtigen Bestie die tödtliche Kugel
-in den Pelz zu schicken. Die Zahl der Raubthiere
-mehrte sich, trotz den unermüdlichen Nachstellungen,
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-von Jahr zu Jahr, und im Verhältniß dazu wurden
-die Heerden gelichtet, so daß wirklich etwas ernstlich
-geschehen mußte, wenn sich die Viehzüchter nicht genöthigt
-sehen sollten ihre Weidegründe, nur allein
-dieser Plage wegen, aufzugeben. &ndash; Und ein Hinterwäldler
-einem Wolf das Feld räumen, &ndash; ei Klapperschlangen
-und Poppkorn! das wäre ja wahrhaftig
-eine Schmach und Schande für sein ganzes Leben
-gewesen!</p>
-
-<p>Daß unter solchen Umständen derjenige welcher die
-meiste Geschicklichkeit auf der Jagd bewies, auch der
-geachtetste der Jäger war, versteht sich wohl von
-selbst, und so geschah es auch daß sich Benjamin Holik,
-der erst seit kurzer Zeit aus Missouri heruntergekommen
-war, in kaum einem halben Jahre, wo er allein
-mit seiner Büchse siebzehn der Bestien erlegt hatte,
-den Ehrennamen »Wolfs Ben« verdiente, und bald
-für den besten Wolfsjäger im ganzen Reviere galt.</p>
-
-<p>Wolfs Ben war auch noch außerdem ein gar
-stattlicher und wackerer Bursche; gut seine sechs Fuß
-hoch, mit wahrhaft riesigen Schultern und Armen und
-einer Kraft, der es keiner der doch sonst gewiß nicht
-schüchternen Hinterwäldler, gewagt hätte, im Einzelkampf
-zu begegnen, zeigte er sich sonst in seinem
-ganzen Wesen als der gutmüthigste, verträglichste und
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-gefälligste Freund. &ndash; Mit einem guten Wort ließ sich
-von ihm Alles erlangen, die vorletzte Ladung Pulver
-gab er her und den letzten Bissen den er in seine Decke
-gewickelt bei sich trug; dabei war er der trefflichste
-Gesellschafter, wußte Unmassen der abenteuerlichsten
-Geschichten zu erzählen, half, wo er einmal irgendwo
-übernachtete, mit unermüdlichem Fleiße Feuerholz
-schlagen und zum Haus schaffen, den Mais in der
-Stahlmühle mahlen, die Thiere versorgen etc., und
-hatte sich dadurch sowohl wie durch sein männlich
-schönes Aeußere die Herzen sämmtlicher Frauen der
-Ansiedlung dermaßen gewonnen, daß er die übrigen
-jungen Burschen wahrhaft zur Verzweiflung brachte
-und schon anfing, trotzdem daß er noch Keinem auch
-nur eines Strohhalms Hinderniß in den Weg gelegt,
-recht tüchtige Feinde unter ihnen zu zählen.</p>
-
-<p>So still und ruhig aber Wolfs Ben dabei seinen
-Weg ging und anscheinend harmlos in den Tag hinein
-lebte, so hatte er doch auch die Augen weit genug
-offen und wußte selber am besten unter welchem Dach
-er am liebsten schlief, in welche Augen er am unermüdlichsten
-schauen konnte, und wo ihn &ndash; nicht das
-freundlichste Gesicht, denn die Mädchengesichter bewillkommten
-ihn alle freundlich &ndash; wohl aber das
-süßeste Erröthen begrüßte, das ihm bis jetzt noch stets
-<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-das Blut in rasender Schnelle durch die Adern gejagt.</p>
-
-<p>Doch ich will dem Leser keine langen Räthsel aufgeben,
-die er jedenfalls schon eine Weile vorher errathen
-hätte. &ndash; Benjamin Holik liebte &ndash; wie nur seine
-treue einfache Seele lieben konnte &ndash; so recht aus
-Herzensgrunde Robert Suttons liebliches und einziges
-Töchterlein, und die einzige und alleinige Sorge
-die ihn dabei quälte war, daß Sutton, der die größte
-Farm- und Baumwollenplantage unten am Washita
-und Red River besaß, und im Sommer hier nur
-eigentlich seiner Heerden und seiner Gesundheit wegen
-in die Berge zog, für einen sehr reichen, und &ndash; was
-noch schlimmer, geizigen Mann galt, und er &ndash; armer
-Teufel! &ndash; weiter Nichts auf der weiten Welt besaß
-als seine Büchse, sein Messer und seinen gesunden
-Körper. &ndash; Sein braves ehrliches und treues Herz
-schlug er dabei gar nicht an, und doch war das die
-kostbarste Perle, die in ihrer Umhüllung nur wie in
-einer weit minder werthvollen Schaale saß.</p>
-
-<p>Ben hatte aber schon oft und lange, und nicht
-selten mit recht trüben Sinnen darüber nachgedacht,
-wie er es eigentlich anfangen sollte etwas Geld zu
-verdienen und einen kleinen »<i>start</i>« wenigstens zu
-haben, mit dem er beginnen könne &ndash; denn sich um
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-Arbeit auszudingen und langsam und mühsam Dollar
-nach Dollar in schwerer Tages- und Monatsarbeit
-zu verdienen, das schien ihm ein viel zu langer und
-weitläufiger Weg und hätte ihn seinem Ziele auch
-wohl nun und nimmermehr entgegengeführt. &ndash; Und
-doch war es nöthig, denn er wäre nicht der erste
-Freier gewesen dem der alte Sutton, seiner ärmlichen
-Verhältnisse wegen, einen Stuhl vor die Thür gesetzt,
-und wo zeigte sich ihm in dem einfachen, ruhig dahin
-fließenden Waldleben eine Gelegenheit, so einmal mit
-raschem Schlage das Glück beim Schopf zu erfassen
-&ndash; und zu halten?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er wurde immer nachdenkender und schwermüthiger,
-mied die geselligen Wohnungen der Ansiedlung,
-trieb sich Tag und Nacht draußen im Wald herum und
-hatte als einzigen Gewinn die Scalpe der erbeuteten
-Wölfe, die ihm der Staat allerdings mit drei Dollar
-Prämie <i>pro</i> Stück vergütete, die aber immer noch zu
-keiner Summe erwachsen wollten, um auch nur einigermaßen
-seine Ansprüche auf der holden Betsy Hand
-zu begründen.</p>
-
-<p>In dieser Zeit etwa war es daß der alte Sutton
-einmal einen kleinen Abstecher nach Texas gemacht und
-dort von eben so abgeschieden wohnenden Viehzüchtern
-ein Mittel gehört hatte, die Wölfe aus einer Gegend
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-in die sie sich gezogen und wo sie überhand genommen
-hätten, vollkommen zu vertreiben.</p>
-
-<p>Dies bestand einfach darin daß sie vorher einen
-Wolf lebendig fingen, ihm dann eine Glocke, wie
-einem Pferd, um den Hals schnallten, und &ndash; ruhig
-wieder laufen ließen. Der Wolf kehrte hiernach natürlich
-so rasch er konnte zu seinem Rudel zurück; dort
-aber hörten sie kaum die fremdartige Schelle als sie
-auch scheu vor dem früheren Kameraden die Flucht
-ergriffen und in wilder Eile einem so unheimlichen
-Gegenstand zu entkommen suchten.</p>
-
-<p>In jedes Versteck das sie annehmen, folgt ihnen
-nun der beglockte Wolf, dem es mit dem unbequemen
-Riemen um den Hals und dem ewigen Gebimmel
-unter seiner Kehle selber unheimlich wird wenn er sich
-allein sieht. Er glaubt Schutz unter den Brüdern zu
-finden, schüttelt sich, wälzt sich, springt, schwimmt,
-kurz thut alles Mögliche seine Qual loszuwerden und
-ist besonders darüber auf's Aeußerste empört daß er
-nicht mehr wie früher so leise und geräuschlos seine
-Beute beschleichen kann, sondern sich jedesmal selbst
-gleich durch lauten Glockenklang verrathen muß, und
-flieht nun, hat er das eine Rudel förmlich verjagt,
-zu einem andern, treibt auch dieses aus den Bergen,
-die er sich selber bis dahin zum Wohnort erwählt und
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-sieht sich endlich &ndash; was er aber auch nur im äußersten
-Fall und erst dann thut, wenn er wirklich ganz
-allein zurückgeblieben ist &ndash; genöthigt, selbst einen
-andern Jagdgrund zu suchen, da auch die Heerden
-sich bald den Ton der Glocke merken, und nicht selten
-in fest geschlossener Phalanx den nächsten Ansiedlungen
-zustürmen, sobald sie den klingelnden Feind nur
-nahen hören.</p>
-
-<p>Der Versuch mußte auch am Washita gemacht
-werden; Sutton kehrte rasch dorthin zurück, berieth
-sich mit sämmtlichen benachbarten Farmern und kam
-mit ihnen darin überein, daß sie eine Prämie von
-zwanzig Dollar darauf setzen wollten, einen Wolf
-lebendig überliefert zu bekommen, so daß sie ihm
-selber die Glocke umschnallen und ihn dann in's Freie
-wieder hinauslassen konnten.</p>
-
-<p>Der Preis ließ sich aber gut setzen! Die Wölfe
-waren schlauer als die Jäger, und wenn besonders
-Wolfs Ben noch manchen Scalp einbrachte, so schien
-es doch selbst ihm unmöglich zu sein, einen der
-schlauen Schurken wirklich unbeschädigt und lebendig
-zu erhaschen, denn seine Fallen, die er stellte, blieben
-leer und in den Fallgruben die er auswarf, fingen sich
-nur der Nachbaren Rinder und Schweine.</p>
-
-<p>Da es <em class="ge">ihm</em> nicht gelang, waren es die übrigen
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-Jäger noch weit weniger im Stande, und der auf
-einen lebendig eingebrachten Wolf gesetzte Preis stieg
-endlich, da die Farmer jetzt auch hitzig wurden, und
-den Versuch unter jeder Bedingung, und zwar so
-bald als möglich zu machen wünschten, bis zu der für
-den Wald ungemein hohen Summe von <em class="ge">zweihundert
-Dollar</em> empor.</p>
-
-<p>Das war ein Sporn für unsern Benjamin. &ndash;
-Zweihundert Dollar, alle Wetter damit konnte er sich
-eine vollkommen eingerichtete kleine Farm mit einem
-mäßigen Rinder- und Schweineanfang kaufen &ndash; und
-Betsy &ndash; ei wer weiß ob sich der Alte nicht dann
-doch noch überreden ließ, wenn er nur erst einmal
-den schwarzen Burschen einbringen und überliefern
-konnte! Zeit durfte er übrigens dabei auch nicht im
-geringsten verlieren, denn der Preis hatte natürlich
-alle Jäger der ganzen Umgegend auf die Füße gebracht,
-und überall im Wald hallten die Axtschläge
-der Männer wieder, die sich kleine Baumstämme
-fällten, um damit die einzig mögliche Art von Fallen
-zu errichten die man dort kannte, eine solche wilde
-Bestie wirklich unbeschädigt zu fangen. Stahlfallen
-durften nämlich nicht angewandt werden, da
-diese jedenfalls den erfaßten Lauf verwundet, vielleicht
-gar zerschmettert hätten und die Prämie nur
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-ausdrücklich für ganz <em class="ge">gesunde</em> Wölfe garantirt
-wurde.</p>
-
-<p>In dieser Zeit etwa, war ein Besuch in die Hügel
-gekommen, der unseren armen Benjamin Holik bald
-auf das bösartigste beunruhigen &ndash; ja was noch
-schlimmer war &ndash; ihm wirklich gefährlich werden
-sollte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es war dies Niemand Anderes als ein sogenannter
-»Vetter« von Suttons, ein »Städter« mit blauem
-Tuchfrack, blanken Knöpfen und »Strippen« an den
-Hosen. Jesus! wie die Kinder lachten wenn er irgendwo
-in ein Haus kam und sich niedersetzte; wie sie sich
-dann mit den schmutzigen Gesichtern zusammendrückten,
-mit einander flüsterten, dann einen scheuen Seitenblick
-nach den »Strippen« warfen und plötzlich in
-ein lautes, mit aller Mühe nicht zu unterdrückendes
-Gelächter ausbrachen und wild und toll aus dem
-Hause stürmten! Das blieb sich aber gleich, die
-Kinder waren dumme Bälger die noch nichts von der
-Welt verstanden, und am wenigsten beurtheilen konnten
-ob an einem Manne wirklich etwas sei, oder
-nicht; &ndash; und an diesem war jedenfalls etwas, denn
-sein Onkel galt für einen der reichsten Pflanzer in
-Alabama und hatte nur den einzigen Erben. Ist es
-da ein Wunder daß ihn der alte Sutton freundlich
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-aufnahm, wie den eigenen Sohn behandelte und sich
-und sein ganzes Haus (die Hand der Tochter mit
-eingerechnet) zu seiner Disposition stellte?</p>
-
-<p>Mr. Metcamp schien denn auch recht gut einzusehen
-welch ein Schatz ihm hier geboten wurde, und
-wenn ihn auch die junge Dame selber scheu, und in der
-That absichtlich vermied, und ihm auf jede nur
-mögliche Art zu verstehen gab, es sei ihr an seinen
-Artigkeiten nicht das mindeste gelegen, so war er &ndash;
-in New-Orleans selber aufgezogen &ndash; keineswegs
-der Mann der sich durch solche »ländliche Sprödigkeit«
-hätte so rasch und leicht abschrecken lassen. Er wußte
-sich nur vor allen Dingen kluger Weise bei dem Vater
-in festeste Gunst zu setzen, lauerte dem alten Mann
-bald seine Schwachheiten ab, und machte ihn in kürzester
-Zeit glauben er sei der beste Jäger, der unerschrockenste
-Reiter und überhaupt das muthigste Herz
-das nur je unter einem ledernen Jagdhemd geschlagen,
-also unter einem feinem blauen Tuchfrack doppelten
-Werth haben mußte, und wußte dabei dem schlichten
-Hinterwäldler durch seine Gelehrsamkeit und sein
-tiefes Wissen &ndash; lauter solche Sachen von denen dieser
-bis jetzt noch nicht einmal eine Idee gehabt &ndash; so
-zu verblüffen, daß Sutton endlich schwor, Mr. Metcamp
-sei der »<i>smartest</i>« und beste Mann in der
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-ganzen »<i>range</i>« und wenn seine Tochter ihm nicht
-ihre Hand geben wolle, so bekäme sie es mit ihm
-selber, ihrem Vater zu thun.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Betsy machte bei einer &ndash; der <em class="ge">ersten</em> &ndash; heimlichen
-Zusammenkunft mit dem Geliebten, diesen mit
-Allem bekannt was ihr das Herz abzudrücken drohte,
-erklärte ihm, nicht ohne ihn leben zu können und behauptete
-das unglücklichste Wesen zu sein, das die
-Erde trüge. Benjamin war vollkommen damit einverstanden,
-hielt der Geliebten Hand fest, fest in der
-seinen, schaute ihr mit recht wehmuthsvollen Blicken
-in die treuen Augen und sagte endlich mit leiser, zum
-Trost bestimmter, aber ach des Trostes selber sehr
-bedürftiger Stimme:</p>
-
-<p>»Liebe Betsy, verzage nicht &ndash; es wird schon noch
-Alles gut gehen &ndash; sieh, ich habe die ganze Nacht gearbeitet
-und vier neue Fallen aufgestellt und auch in
-allen schon und zwar treffliche Lockspeise gelegt; fang'
-ich den Wolf, dann hab' ich ein kleines Capital und
-kann nachher sagen: Nachbar Sutton, ich möchte
-Eure Tochter zum Weibe und bin im Stande ihr
-gleich ein freundliches Obdach zu bieten, so daß ich
-Eurer Hülfe dabei gar nicht weiter bedarf &ndash; und
-wenn er dann hört daß Du, Betsy, mir wieder so
-recht von Herzen gut bist&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-»Ach Du wirst gar nicht den ersten Wolf fangen
-können!« sagte Betsy unter Thränen; »der häßliche
-Fremde hat dem Vater den ganzen Abend von weiter
-nichts als den neuerfundenen Fallen erzählt, die er
-hier anwenden will &ndash; der kennt gewiß lauter neue
-Schliche und Pfiffe, wie sie in den Städten ausgedacht
-werden, und wird Dir auch da am Ende störend in
-den Weg treten.«</p>
-
-<p>»Laß nur sein, mein Herz!« beruhigte sie, jetzt
-aber wirklich in stolzem Selbstgefühl lächelnd, der
-Jägersmann. »Darum sorge Dich nicht &ndash; wo's in
-den Wald schlägt und mit wilden Bestien zusammenhängt,
-da laß sie in den Städten getrost sinnen und
-grübeln: in der Ausführung sollen sie's uns hier
-schon nicht zuvorthun, oder &ndash; es ist unsere eigene
-Schuld, und wir haben's nicht besser verdient. Da
-Du mir jedoch sagst, mein Kind, daß er auch von der
-Jagd etwas zu verstehen vorgiebt, so kommt er mir
-da auf einen Boden, wo ich ihm meinen Mann stehe,
-und siehst Du, jetzt &ndash; ich weiß selber nicht wie das
-so eigentlich gekommen ist &ndash; hab' ich auf einmal weit
-mehr Muth und Selbstvertrauen als vorher. Bleib
-Du mir nur hold, Du gutes Kind! Zwingen kann
-Dich der Vater zur Heirath doch nicht, und wenn er
-erst findet daß ich Dich nur zu meinem lieben Weibe
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-haben will, weil ich einmal nicht ohne Dich leben
-kann, und keineswegs seines Geldes und Gutes
-wegen, ei so wird er auch einsehen daß ihm ein solcher
-Schwiegersohn mehr Ehre bringt als der geschniegelte
-Städter, und vielleicht bekomme ich dann noch ein
-recht herzliches »Ja« von ihm.«</p>
-
-<p>Es lag eine so freudige, vertrauensvolle Zuversicht
-in den Worten, daß sie selbst der muthlosen
-Jungfrau neue Hoffnung gab. Durch das Gerücht
-von des Fremden Kenntniß im Fallenstellen, war
-aber auch Benjamin aufgereizt worden seine Anstrengungen
-zu verdoppeln, daß er nicht etwa durch Lässigkeit
-sein ganzes Glück versäume. Einen fast fröhlichen
-Abschied nahm er von dem schwermüthigen Mädchen,
-küßte ihr die thränenden Augenlider, schulterte seine
-Büchse, und wanderte frisch und getrost in den dunkeln
-Wald hinein.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Die Fallen die Ben Holik für Wölfe stellte, befanden
-sich alle ziemlich in der Nähe der Ansiedlungen,
-da die wilden Bestien die bewohnten Plätze, wohin
-sich das Vieh Abends zurückzog, und wo auch die
-säugenden Sauen ihre Betten hatten, am liebsten
-aufsuchten. Eine besonders, auf die er seine meiste
-Hoffnung setzte, da sie nicht weit von einem Wechselpfad
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-der Wölfe, zwischen zwei Hügelrücken lag, war
-mit außerordentlicher Sorgfalt hergerichtet, und so
-gestellt daß sie von den Wölfen gesehen werden
-<em class="ge">mußte</em>. Ebenso stak die trefflichste Lockspeise, die
-ganze Keule eines erst gefallenen Pferdes, daran, und
-<em class="ge">den</em> Vortheil hatte sie noch außerdem vor den übrigen,
-daß er nicht jedesmal, wenn er nachsehen wollte
-ob sich etwas gefangen habe, dicht hin zu gehen
-brauchte, wodurch er gezwungen gewesen wäre Spuren
-zurückzulassen, sondern von einem nicht fernen
-ziemlich steilen Hügelrücken aus, der dort in eine
-starre Felsspitze vorragte, mit seinen Adleraugen den
-ganzen Platz recht gut übersehen konnte. Ließ sich
-dann auch nicht gleich bestimmen ob sich etwas gefangen
-hätte, so ließ sich doch recht gut erkennen ob die
-Falle noch aufgestellt oder niedergeschlagen wäre.</p>
-
-<p>In der Nacht mochte er freilich den Ort nicht stören,
-deshalb ging er jetzt geradenwegs zu seinem Lagerplatz,
-den er sich, bis er sein Ziel erreicht, in den
-Bergen aufgeschlagen, entzündete dort sein Feuer
-wieder, verzehrte sein einfaches Abendbrod, rollte
-sich in seine Decke, und war bald sanft und süß,
-jeder weiteren Anstrengung für diese Nacht entsagend,
-eingeschlafen.</p>
-
-<p>Am Morgen bedurfte er des Hahnenschreis nicht,
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-munter zu werden, so wie der »Whip poor will« seine
-ersten klagenden Laute wieder hören ließ, sprang er
-auf, kochte seinen Kaffee, den jeder Jäger gebrannt
-und gemahlen in einem Leinwand- oder Ledersäckchen
-bei sich führt, und erwartet nun ungeduldig den ersten
-matten Dämmerschein der sich im Osten zeigen
-würde.</p>
-
-<p>Endlich, endlich kam das diesmal so heiß ersehnte
-Licht, mit dem sich der Wolf jedesmal wieder in seine
-bestimmten und gewöhnlich unzugänglichen Schlupfwinkel
-zurückzieht &ndash; und vorsichtig, dürre Aeste und
-brechendes Holz meidend, damit das Geräusch nicht
-etwa noch in der Nähe weilende Bestien aufscheuche,
-kroch er in der That mehr als er ging, dem Felsen
-zu der ihm zur hohen Warte diente.</p>
-
-<p>Jetzt hatte er ihn erreicht &ndash; jetzt konnte er den
-flachen, eben von grauem Licht kalt durchgossenen
-Fleck überschauen &ndash; beim Himmel, der ungewisse
-Schein mußte ihn täuschen &ndash; er vermochte das aufgestellte
-Dach der Falle nicht mehr zu erkennen. &ndash;
-War sie &ndash; war sie niedergeschlagen?</p>
-
-<p>Das Herz schlug ihm in fieberhafter Ungeduld,
-und gewaltsam fast bezwang er sich den heller heraufbrechenden
-Morgen abzuwarten, ehe er seine Fährte
-dem Thalgrunde einpresse.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-Aber lange hielt er es so nicht aus; weder Ruh
-noch Rast ließ ihm die Ungeduld und jemehr er jetzt
-den Blick anspannte die Gegenstände unter sich zu erkennen,
-desto deutlicher wurde ihm die Thatsache, und
-der Zweifel endlich zur Gewißheit. &ndash; Die Falle war
-wirklich zugeschlagen und es <em class="ge">mußte</em> also ein Wolf in
-ihr stecken, denn die Kühe, die manchmal auch sehr
-zum Aerger des Jägers und ihrem eignen Schrecken
-die Stützen umstoßen, kamen gar nicht in dies felsige
-grasleere Thal hinunter.</p>
-
-<p>»Betsy!« das war der einzige Laut, den er, sich
-selbst vielleicht unbewußt, ausstieß, als er mit flüchtigen
-Füßen den Thalgrund hinab und der Stelle zuflog,
-wo im Schatten dichter Sassafras und Spicebüsche,
-gar schlau in einen wilden Haufen des dort
-von dem manchmal reißend geschwollenen Bergstrom
-hingeschwemmten Holzes hineingestellt, und von dem
-klar vorbeisprudelnden Wasser bespühlt, die Falle
-stand.</p>
-
-<p>»<em class="ge">Hurrah!</em>« er konnte sich nicht helfen, er <em class="ge">mußte</em>
-seinem Jubel wenigstens in <em class="ge">einem</em> recht herzlichen,
-recht aus tiefster innerster Seele kommenden Aufschrei
-Luft machen. &ndash; Und er hatte auch wahrlich Ursache
-darüber zu jauchzen, denn in der Falle saß, scheu und
-verschämt, als ob er sich genirte, bei dem heller und
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-heller heraufdämmernden Tageslicht hier noch ertappt
-zu sein, ein prachtvoller rabenschwarzer männlicher
-Wolf, und die Augen funkelten dunkelglühend, zwischen
-den wohl eine Hand breit auseinanderliegenden
-Stämmen nach dem grimmsten Feind durch, dem er in
-diesem Theile des Waldes hätte in die Hände fallen
-können &ndash; dem jungen Jägersmann entgegen.</p>
-
-<p>»Siehst Du, Bestie, sagte aber der, so habe ich
-Dir endlich das Handwerk gelegt, Du alter grauer
-Sünder &ndash; wirst die andern wohl gestern von der gefundenen
-und so vortrefflich geglaubten Beute weggebissen
-haben, und sitzest jetzt in der beneidenswerthesten
-Lage von der Welt hinter Glas und Rahmen.
-Nun warte nur, Dir ist noch weit besserer Spaß aufbewahrt.
-An's Leben geht es Dir diesmal allerdings nicht
-gleich, wenn Du aber nur erst einmal mit der Glocke
-um den Hals spazieren läufst, wirst Du schon finden
-was es heißt in Ben Holiks Hände gerathen zu sein!«</p>
-
-<p>Der Wolf fletschte, als er sich nach der Falle hinunter
-bog, ingrimmig die Zähne gegen ihn, behauptete
-aber seinen Platz und schien, wie ein ärgerlicher
-Hund nur einen Angriff zu erwarten, um gleich zufahren
-zu können. Ben dachte aber gar nicht daran
-ihn weiter zu reizen, sah nur noch einmal lächelnd
-nach ihm zurück und rief:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-»Bin Dir nicht böse, alter Bursche, bist zwar ein
-gar unwirsch aussehender Brautwerber, sollst mir aber
-doch zur Braut verhelfen, und da müssen wir schon
-gute Freunde mitsammen bleiben.«</p>
-
-<p>Und einen fröhlichen Gruß dem Gefangenen hinüberwinkend,
-warf er seine Büchse über die Schulter
-und sprang in flüchtigen Sätzen den ziemlich steilen
-Abhang der Schlucht hinauf, um die Ansiedlung auf
-dem geradesten Wege und so rasch als möglich zu
-erreichen, damit er von dort aus gleich Hülfe herbei
-holen könne, dem wilden Burschen das Halsband mit
-der Glocke umzulegen, und ihn dann wieder &ndash; hei!
-wie er springen würde! &ndash; frank und frei laufen zu
-lassen.</p>
-
-<p>So hatten die Männer der Ansiedlung (die sie
-um ihr doch eine Art Stadtnamen zu geben, <em class="ge">Woodville</em>
-getauft, obgleich sie nur aus drei Häusern und
-zwei Ställen bestand) den jungen Jägersmann noch
-nie gesehen. Jubelnd und jauchzend kam er in Suttons
-Haus gesprungen, umarmte in Ermangelung
-der Tochter, den alten Sutton selber, und schwatzte
-eine solche Masse tolles Zeug von Wölfen, Scalpen,
-Farmen, Glocken, Stricken und Holzhaufen, daß eine
-Art Gerücht, »Wolfs Ben sei wahnsinnig geworden«,
-schon wirklich anfing Glauben zu gewinnen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-Nach und nach klärte sich aber die Sache auf,
-und der alte Sutton erfuhr kaum um was es sich
-handle, als er auch selber mit fast eben solchem Eifer
-darauf einging, und jetzt nur bedauerte daß Metcamp
-den Augenblick nicht gegenwärtig wäre, da er ebenfalls
-die Nacht im Wald gewesen sei um sein Glück
-zu versuchen.</p>
-
-<p>»Hallo, jetzt bekommen wir am Ende gar zwei!«
-lachte der Alte endlich, während er seine Büchse vom
-Nagel nahm und die Kugeltasche umhing. »Metcamp
-hatte verdammt gute Aussichten, und scheint seiner
-Sache ziemlich gewiß zu sein. Nun, das schadete
-nichts; dann theilt Ihr die Prämie und zwei Wölfe
-wären am Ende immer noch sicherer als einer. Ist
-Euerer denn ein Wolf?«</p>
-
-<p>»Ei und solch ein derber Bursche, wie nur je einer
-ein Kalb zerrissen hat.«</p>
-
-<p>»Vortrefflich, vortrefflich! Nun so kommt, Benjamin,
-und Du, Scip', kommst gleich mit den andern
-beiden nach; wo ist's denn? an der Froschquelle sagtet
-Ihr?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»An den Wassern der Froschquelle, etwa sechshundert
-Schritt von dem scheidenden Bergrücken und
-gerade da gegenüber wo des »Teufels Kanzel« über
-den Bach hängt.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-»Nun da könnt Ihr ja gar nicht fehlen &ndash; also
-die Stricke und den Sack &ndash; habt Ihr das Halsband,
-Ben?«</p>
-
-<p>Der junge Mann bejahte es, klingelte mit der kleinen
-Glocke und schien selber die Zeit nicht erwarten
-zu können, wo sie wieder aufbrechen würden, seine
-Siegstrophäen in Empfang zu nehmen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr />
-
-<p>Mit raschen Schritten wanderten die beiden Männer
-den schmalen Pfad entlang, der von der Ansiedlung
-aus in den Wald lief, verließen diesen aber bald
-darauf wieder, eine nähere Richtung einzuschlagen,
-und benutzten einen von den Hügeln hin auszweigenden
-Abhang, der in leiser Niederdachung den Wassern
-der Froschquelle zuführte.</p>
-
-<p>»Aber, Ben, Ihr habt ihn doch auch sicher? fragte
-da Sutton, ganz plötzlich stehenbleibend, und sah den
-jungen Jägersmann mißtrauisch dabei von der Seite
-an. &ndash; Ihr war't mir heut Morgen so &ndash; so kreuzfidel
-&ndash; es ist zwar noch etwas früh &ndash; ich hoffe doch
-nicht daß Ihr mich etwa zum Narren habt?«</p>
-
-<p>Ben Holik lachte, als ob er im Leben nicht wieder
-zu sich selber kommen wollte, und schüttelte das
-Halsband, das er in der Hand trug dermaßen, daß
-der Ton hell und klingend durch den Wald tönte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-»Hahahaha &ndash; das ist kostbar. Nein Sutton &ndash;
-das ist wirklich kostbar &ndash; jetzt &ndash; jetzt fällt Euch auf
-einmal ein &ndash; hahaha &ndash; daß ich Euch könnte &ndash;
-hahaha &ndash; angeführt haben!«</p>
-
-<p>»Mr. Holik!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein, lassen Sie's gut sein, Sir, sagte der Jäger
-plötzlich seine Fröhlichkeit zügelnd, da er sah wie
-ernst der alte Mann die Sache zu nehmen schien. Sie
-dürfen aber wahrlich nicht bös darüber sein, wenn ich
-vielleicht ein Bischen zu munter bin &ndash; es freut Einen
-doch am Ende so einen verwünschten Kälberdieb, der
-so oft und schlau jeder Versuchung widerstanden hat,
-zuletzt doch noch nicht überlistet zu haben. Wir müssen
-übrigens gleich an Ort und Stelle sein; da drüben seh
-ich schon die Kiefern der Teufelskanzel über das andere
-Schwarzholz hervorragen, und gleich dort unten, wo
-der Hickory über die enge Schlucht gestürzt ist, liegt
-das Triftholz wo meine Falle steht. Die Neger
-werden den Platz doch finden?«</p>
-
-<p>»Scipio kennt jeden Fußbreit Boden hier, sagte
-Sutton. Also hier unten steckt die Bestie; nun warte,
-mein Schatz Du sollst Deinen Kameraden so lange
-Musik vormachen, bis ihnen vor lauter Bimmeln die
-Ohren klingen. Hört, Ben, dies ist ein nichtsnütziger
-Weg hier; wir sind auch wohl gerade auf den steilsten
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-Fleck gekommen &ndash; nun, Ben? &ndash; wollen wir noch
-ein Bischen? &ndash; was habt Ihr denn zu gucken?«</p>
-
-<p>Der junge Mann war auf einen umgefallenen
-Baumstamm getreten, hatte mit der Linken den niederhängenden
-Ast einer jungen Buche gefaßt, und schaute
-mit stierem unverwandtem Blick die Schlucht hinab
-in die Tiefe &ndash; erwiederte aber kein Wort.</p>
-
-<p>»Nun Ben? &ndash; was giebts? &ndash; Ihr wißt wohl
-selber nicht mehr recht wo ihr daheim seid? rief der
-Farmer, und sah ungeduldig nach ihm zurück &ndash; wir
-sind wohl in der falschen Schlucht?«</p>
-
-<p>Ben Holik erwiederte keine Sylbe; nur bleichen
-Angesichts und keines Wortes mächtig, deutete er nach
-einem wirren Haufen wild über einander gestürzter
-dürrer Aeste und Stämme, zwischen dem das scharfe
-Auge des alten Mannes gar bald das rauhe viereckige
-und massive Gestell einer zugeschlagenen Wolfsfalle,
-wie sie in den Wäldern eben üblich ist, erkannte.</p>
-
-<p>»Meiner Seel, an den falschen Kasten gerathen«;
-brummte der Greis, nachdem er sich durch einen zweiten
-Blick überzeugt hatte wie die Falle leer sei, &ndash; »na
-das fehlte auch noch, jetzt können wir die steile Partie
-wieder hinauf machen.«</p>
-
-<p>Er wandte sich, den Berg wieder empor zu klimmen,
-hier aber fiel ihm das verstörte wilde Aussehn
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-des eben noch so fröhlichen Jägers auf, und als er
-schon den Mund öffnete, ihn zu fragen was ihm fehle,
-hörte er die halblaut und heftig ausgestoßenen Worte
-desselben:</p>
-
-<p>»Sie ist <em class="ge">leer</em>!«</p>
-
-<p>»Da unten in <em class="ge">der</em> hat der Wolf gesessen?« fragte
-der alte Farmer rasch und erschreckt.</p>
-
-<p>»Dort unten,« lautete die monotone Antwort
-des aus seinen Himmeln erbarmungslos Niedergeschmetterten.</p>
-
-<p>»Na, das ist eine schöne Geschichte,« murmelte
-Sutton, klomm, so rasch dies eben gehen wollte, und
-sicherlich viel rascher als er im Anfang beabsichtigt,
-den steilen Hang hinunter, und stand gleich darauf
-vor der allerdings leeren, aber heruntergeschlagenen
-Falle.</p>
-
-<p>Das Fleisch im Innern war augenscheinlich nicht
-berührt, eine Art Wolfsgeruch glaubte er aber selber
-zu wittern, und bei genauerer Untersuchung entdeckte
-er an dem einen rauhen Balken sogar einzelne weiße
-Bauchhaare, die kaum von einem andern Thier als
-einem Wolf herrühren konnten. Wo aber war dieser hin
-verschwunden, denn daß er sich sollte unter der schweren
-Klappe vorgearbeitet haben &ndash; Sutton stemmte
-seine Schulter darunter und suchte sie emporzuheben,
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-er war es kaum im Stande &ndash; schien rein unmöglich.</p>
-
-<p>Während er noch so beschäftigt war, stieg Benjamin
-Holik langsam und schweigend zu ihm nieder,
-stellte seine Büchse an den nächsten Baum, legte
-Halsband und Glocke daneben und trat dann dicht zur
-Falle heran, die er, ohne sie jedoch zu berühren, auf
-das aufmerksamste und genauste betrachtete.</p>
-
-<p>»Und Ihr habt heute Morgen wirklich einen Wolf
-darin gefangen gehabt?« fragte Sutton nach längerer
-Pause, während er trotz des Beweises der gefundenen
-Haare ungläubig dabei mit dem Kopfe schüttelte.</p>
-
-<p>»Ich gebe Euch mein Ehrenwort, sagte Ben tonlos
-&ndash; ein starker männlicher Wolf stak in der Falle,
-als ich vor kaum einer Stunde diesen Platz verließ;
-<em class="ge">drei</em> Wölfe hätten aber nicht Kraft genug gehabt diese
-Balken emporzuheben und darunter vorzuschlüpfen,
-und <em class="ge">wenn</em> ihnen das wirklich gelungen wäre, so
-müßte wenigstens die Hälfte ihres ganzen Pelzes an
-der rauhen Rinde dieser Stämme hängen geblieben
-sein.«</p>
-
-<p>»Das dachte ich eben auch, sagte Sutton &ndash; und
-Ihr wißt gewiß daß es auch wirklich ein Wolf«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Nun zum Henker! rief der Jäger, dem der Ingrimm
-über die getäuschte Erwartung auch endlich
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-durch das sonst überhaupt nichts weniger als geduldige
-Hirn zu blitzen begann; ich werde doch einen
-Wolf von einem Stück verendetem Pferde unterscheiden
-können? &ndash; aber da &ndash; seht hier &ndash; und &ndash; und überzeugt
-Euch selber!«</p>
-
-<p>Noch während er sprach, sprang er plötzlich auf
-die Falle zu, warf mit einem Ruck seiner gewaltigen
-Kraft die Klappe zurück, als ob's ein loses Brett gewesen
-wäre, und schwang sich mit einem Satz über
-die niedere Wand in's Innere.</p>
-
-<p>»Da! rief er, während er vor sich auf den feuchten
-Boden niederzeigte &ndash; da und da &ndash; und da sind die
-Spuren der Bestie, wenn Ihr denn meinen Worten
-nicht mehr glauben wollt; hier ist die Stelle wo sie
-die Fänge in die Lockspeise einschlug, als die Klappe
-wahrscheinlich zufiel. &ndash; Wollt Ihr mehr Beweise
-daß ich Euch nur eine Thatsache verkündet und nicht
-etwa eine &ndash; Lüge in den Bart geworfen habe? Pest
-und Gift! das hat mir Einer der schleichenden Hallunken,
-die mich in der Ansiedlung immer nur so scheu
-von der Seite anblinzen, wenn ich einmal hinaufkomme,
-zum Possen gethan; &ndash; herausgelassen, muthwillig
-herausgelassen ist das Raubthier, und weiß es
-Gott, Dem der seine Hand in so schmählich schändlicher
-Art an Ben Holiks Eigenthum gelegt hat, wäre
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-besser, er hätte den Washita in seinem Leben nicht gesehen,
-als daß er mir, hab' ich ihn erst aufgespürt,
-wieder vor die Augen käme!«</p>
-
-<p>»Hm, das ist eine wunderliche Geschichte, brummte
-der Alte, wer zum Henker soll sich die Mühe geben,
-Euch die Wölfe aus der Falle zu lassen? Und müßte
-er nicht die ganze Nacht gerade hinter Euch her gekrochen
-sein, um den einzigen Zeitpunkt, wo er es unentdeckt
-thun konnte, so genau abzupassen?«</p>
-
-<p>Ben erwiederte nichts, sondern stieg aus der Falle
-und suchte auf dem Holz nach irgend einem Zeichen,
-das ihn vielleicht hätte auf die richtige Spur bringen
-können. Das trockene Holz bot seinem Auge aber
-nichts, von dem geleitet, es hätte weiter forschen können
-&ndash; nur die Spuren von Haaren entdeckte er bald,
-auch die Fährten des Raubthieres, wo es vom letzten
-Stamm hinab auf die weiche Erde gesprungen und dann
-wieder die andere Seite der Schlucht hinauf in geradester
-Richtung seinen Schlupfwinkeln zugeflohen war.
-Nirgend ließ sich dabei die Spur eines menschlichen
-Fußes erkennen &ndash; nur ein Paar unnatürlich tief in
-die Erde eingedrückte Steine, die der Blick des Jägers
-bald erkannte, lenkten seine Aufmerksamkeit auf sich
-&ndash; sie waren, selbst da wo sie mit Erde bedeckt lagen,
-noch vollkommen trocken &ndash; Der, der sie eingetreten,
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-mußte also erst vor ganz kurzer Zeit hier herübergeschritten
-sein.</p>
-
-<p>Holik zeigte sie dem alten Mann und dieser gab
-auch zu daß es ihm selber so vorkäme, als ob da Jemand
-gegangen sei, an die Erkennung einer genauern
-Fährte war aber nicht zu denken. &ndash; Oben auf dem
-Hügelkamm zog sich ein starrer Felsstreifen meilenweit
-über den Berg hin, und zweigte überall in rauh steinige
-Schluchten aus. Wem hier daran gelegen war
-seine Spur zu verheimlichen, konnte das leicht genug,
-und die beiden Männer sahen sich auch endlich genöthigt
-jeden derartigen Versuch als nutzlos aufzugeben.</p>
-
-<p>Die Neger wurden zurückgeschickt, und Sutton
-folgte ihnen, selber in keineswegs rosiger Laune,
-allein, denn Ben Holik wollte jetzt vor allen Dingen
-den Wald nach der Richtung hin durchstreifen, wohin
-die muthmaßlichen Fährten liefen, möglich doch, daß
-ihm sein gutes Glück &ndash; er stampfte mit dem Fuß als
-er die Worte sprach &ndash; den Thäter gerade in den
-Weg führte.</p>
-
-<p>Er fand nichts &ndash; den ganzen Tag durchkreuzte er
-den Wald, und als er Abends müd' und matt in die
-Ansiedlung zurückkehrte, mußte er noch ertragen daß
-man ihn bemitleidete und sich, anscheinend theilnehmend,
-in der That aber nur neugierig, nach den näheren
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-Umständen erkundigte; ja Metcamp erbot sich sogar
-höchst freundlich wieder mit ihm zu gehen und die
-Spur noch einmal aufzunehmen, &ndash; er hätte, wie er
-selber den alten Sutton dabei versicherte &ndash; eine ungeheuere
-Uebung in Fährtefolgen, und war überzeugt,
-er könne ihr nachgehen. Ben Holik aber hielt sich, was
-den Wald betraf, für einen eben so guten Mann wie
-irgend einer dessen Füße je in Moccasins staken, und
-lehnte das Anerbieten artig wohl, aber rund ab.</p>
-
-<p>Dieser Metcamp hatte für ihn etwas Unheimliches
-in Blick und Ton. War er selber so parteiisch oder
-eifersüchtig, ohne allen sonstigen Grund den Menschen
-zu hassen, und wäre es nicht&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Verzeih mir Gott die Sünde!« unterbrach Ben
-selber seine Gedanken als er wieder zum Walde zurückschritt,
-denn Betsy konnte und wollte er in diesem
-Zustand von Aufregung und getäuschter Hoffnung
-nicht vor die Augen kommen &ndash; »verzeih mir Gott die
-Sünde daß ich von einem Menschen, der mir bis jetzt
-wissentlich noch kein Leid gethan hat, Unrechtes denke,
-aber dieser Metcamp kommt mir immer vor wie mein
-böser Geist und wenn es <em class="ge">einen</em> Menschen in der weiten
-Gotteswelt gäbe, dem ich den Bubenstreich zutrauen
-möchte &ndash; so ist es <em class="ge">Der</em>. Aber wart! mein
-Bursche, <em class="ge">bist</em> Du's gewesen, so hast Du ein Paar
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-so scharfe Augen auf Deiner Fährte, wie sie in der
-Ansiedlung nur zu finden sind, und wer weiß dann,
-ob wir nicht noch einmal ein Paar Worte im Vertrauen
-reden!«</p>
-
-<p>Ben war ein seelensguter, herzlicher und schwer zu
-kränkender Mann &ndash; wie es fast alle recht kräftig kernige
-Naturen von so riesigem Körperbau sind, aber
-leichenbleich färbte ihm doch der Zorn die Wangen als
-er den Ort wieder erreichte, wo er das Ziel seiner
-Wünsche, nach dem er Wochenlang gestrebt, endlich
-gefangen gehalten, und dann ihm eine tückische Hand
-den Becher, den er gerade zum Munde führen wollte,
-entrissen und zu Boden geschleudert hatte.</p>
-
-<p>Was aber half ihm der ohnmächtige Zorn &ndash; er
-fand keine weiteren Anzeichen; die Spuren des Geflohenen
-waren so schlau verdeckt daß er anfing es dem
-geschniegelten Städter nicht einmal mehr zuzutrauen,
-und seinen Verdacht von Einem zum Andern der jungen
-Leute unter seinen Bekannten schweifen ließ, die,
-wie er recht gut wußte, ihn um sein Glück bei Betsy
-beneideten und ihn dadurch vielleicht abhalten wollten
-ihre Hand zu erringen. Es blieb aber auch immer nur
-wieder bei dem Verdacht; eine Gewißheit konnte er
-auf keiner Seite erlangen.</p>
-
-<p>Das Schlimmste bei der Sache war übrigens auch
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-das noch, daß ihm diese, seine beste Falle dadurch für
-eine geraume Zeit unbrauchbar geworden, denn in die
-ging, wenigstens nicht eher als bis einmal ein Wolkenbruch
-jedes Zeichen der gefangen gewesenen Bestie
-abgewaschen, kein Wolf wieder hinein &ndash; und welche
-Falle lag so vortrefflich wie gerade diese!</p>
-
-<p>Wolfs Ben war übrigens nicht der Mann, der
-sich durch eine ihm in den Weg geworfene Schwierigkeit
-so leicht hätte abschrecken lassen; noch standen ihm
-drei andere Fallen und selbst in dieser Schlucht konnte
-er, wenigstens weiter oben, eine neue anlegen. Mit
-unermüdlichem Fleiß arbeitete er also auf's Neue, lag
-Tag und Nacht draußen und hielt von jetzt an eine so
-scharfe Wacht in seinem gewöhnlichen Jagdrevier, daß
-kein Kaninchen, viel weniger denn ein Menschenkind
-unbeachtet durchschlüpfen konnte. Voll neuer Hoffnung
-dachte er nun mit jedem Morgen den Fang eines
-zweiten Wolfes begrüßen zu können &ndash; aber vergebens.
-Was er auch that blieb fruchtlos, und Ben
-wurde zuletzt so schwermüthig und menschenscheu, daß
-er gar nicht mehr aus seinem Wald heraus mochte,
-sondern jetzt, mit dem einen und einzigen Ziel vor
-Augen, fast nichts anderes dachte, als einen Wolf
-lebendig zu fangen.</p>
-
-<p>Die Ansiedlung besuchte er gar nicht mehr, oder
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-doch nur bei Nacht, wo er nicht zu fürchten brauchte,
-daß Betsy's Blick auf ihn fiel &ndash; denn nachgerade
-fing er an sich zu schämen ein so »schlechter Jäger« zu
-sein und er meinte, die Leute müßten ihm das Alle an
-den Augen ansehen.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Drei Wochen waren solcher Art verflossen und
-wenn Ben's Herz auch wohl immer und unverändert
-dasselbe geblieben war, so hatten doch die Sachen in
-der Ansiedlung indessen eine ganz andere Wendung
-genommen.</p>
-
-<p>Der »Stadtherr«, wie ihn die übrigen Jäger gewöhnlich
-nannten, bekam Briefe aus Alabama, die
-seine Rückreise dorthin so rasch als möglich verlangten.
-Sein Onkel war plötzlich gestorben &ndash; er zum Universalerben
-eingesetzt, und jetzt natürlich genöthigt die
-dortigen Verhältnisse, die durch eine bedeutende Sklavenzucht
-noch weit mehr Aufmerksamkeit erforderten,
-selber zu ordnen. Er mußte also ohne weiteres Zögern
-zurück, und seine im Anfang langsam genug eingeleitete
-Werbung um die liebliche Waldblume, des
-alten Suttons Töchterlein, wurde nun zum raschen
-Heirathsantrag. Mr. Metcamp hielt noch an dem
-nämlichen Tag um des Mädchens Hand an, und
-wenn auch Betsy unbedingt <em class="ge">nein</em> sagte, sprach doch
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-der Vater, dem der jetzt um so reichere Schwiegersohn
-desto mehr zu behagen schien, ein um so entschiedeneres
-<em class="ge">Ja</em>, versicherte seinen künftigen Eidam »das
-Mädchen ziere sich nur, wolle erst angegangen sein,
-und bat ihn sich um das keine Sorge weiter zu
-machen.«</p>
-
-<p>Metcamp hätte allerdings lieber eine freundlichere
-Antwort der Tochter, wenigstens keine so ganz bestimmt
-abgeneigte gehabt; da es aber nun einmal
-nicht anders ging, schien er sich auch hineinzufinden,
-hoffte durch Freundlichkeit zuerst ihr Wohlwollen,
-dann vielleicht ihre Liebe zu gewinnen &ndash; wenigstens
-sagte er das dem Vater, &ndash; und beschloß jeden Falls
-an demselben Abend an dem er den Brief erhalten,
-eine Art Fest zu geben, wozu sämmtliche Bewohner
-der Ansiedlung eingeladen wurden, und was er dadurch
-zu einer Art Verlobungsfest zu stempeln gedachte.</p>
-
-<p>Der Abend kam heran und das Gerichtshaus (ein
-leer stehendes und aus Stämmen roh aufgeführtes
-Gebäude, das in früherer Zeit einmal zu einer Gerichtssitzung
-gedient, und davon den Namen, und
-später auch noch das Versprechen erhalten hatte, bei
-nächster Gelegenheit zu einer Schule benutzt zu werden,
-jetzt aber nur zur Aufbewahrung des Mais
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-diente), war zu dieser Begebenheit gar festlich und
-brillant hergerichtet. Viele Pfund Wachslichter &ndash;
-aus dem rohen gelben Wachs gegossen, wie es die
-Jäger den gefällten Bienenbäumen entnehmen &ndash;
-erleuchteten den ziemlich großen Raum, der Boden
-war von allen Maishülsen gereinigt und rings herum
-Bänke gestellt für die Damen, wie auch ein Tisch mit
-einem Stuhl oben darauf in die Ecke geschoben, auf
-dem der einzige Musikant &ndash; ein Violinspieler &ndash;
-seinen Sitz nehmen sollte. Kurz, es war Alles nur
-Mögliche angewandt, den Raum so behaglich als
-möglich zu machen, und wer am späten Abend die
-Fröhlichkeit der äußerst zahlreich versammelten Gäste
-gesehen hätte, wäre gewiß mit dem Resultat zufrieden
-gewesen.</p>
-
-<p>Nur Betsy war traurig &ndash; sie dachte an ihren armen
-Ben, der jetzt wahrscheinlich draußen allein im
-Walde herumirrte, und wollte nicht Theil nehmen an
-Tanz und Lustbarkeit. Nur mit Mühe wurde sie in
-den Tanzsaal selber gebracht, dort aber wies sie jede
-Aufforderung auf das entschiedenste zurück, und blieb
-ruhig, dem fröhlichen Treiben zuschauend, auf ihrem
-gleich im Anfang eingenommenen Platz.</p>
-
-<p>Benjamin Holik war aber nicht draußen im
-Wald, wie sein armes, hier in der lustigen Schaar
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-nur um so viel betrübteres Liebchen in ihrem Schmerz
-geglaubt. Der alte Sutton hatte ihn sogar, wie sich
-das übrigens von selbst verstand, da man Niemanden
-ausschloß, noch besonders dazu eingeladen, Ben
-jedoch die Einladung abgelehnt.</p>
-
-<p>In der Nähe mußte er aber doch weilen &ndash; geschäftige
-Freunde brachten ihm bald die Nachricht daß
-es ein <em class="ge">Verlobungsfest</em> sein werde, was man hier
-feiern wolle, und er gedachte erst doch noch einmal zu
-sehen, mit eignen leiblichen Augen zu sehen daß ihn
-Betsy &ndash; <em class="ge">seine</em> Betsy auch wirklich ganz und gar
-vergessen habe und dann &ndash; ei dann zog er nach
-Texas. &ndash; Onkel Sam warb gerade für den beginnenden
-Krieg, und solche Leute wie er war &ndash; Ben
-brauchte keinen Spiegel sich das selber zu sagen &ndash;
-fanden rasche und freudige Aufnahme im Dienst.</p>
-
-<p>Scheu und furchtsam, daß ihn Niemand erkenne
-und seinen Schmerz errathe, umschlich er wohl eine
-Stunde lang das Haus und horchte den munteren,
-kreischenden Tönen der Violine. Näher hinan zu gehen
-daß er einen Blick hineinwerfen konnte, mochte er
-nicht. Da kamen endlich ein Paar seiner Bekannten
-aus dem Haus heraus, blieben vor der Thür stehen
-und schritten dann zusammen dicht an dem Orte vorüber
-wo sich Ben versteckt hielt, ihren Wohnungen zu.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-Ben drückte sich, so gut das gehen wollte, hinter
-den Stamm eines dort stehenden Hickory und der
-Eine der Männer sagte, als sie eben dicht neben ihm
-waren:</p>
-
-<p>»Betsy hat doch, so lange ich im Haus war, keinen
-Schritt getanzt.«</p>
-
-<p>»Den ganzen Abend noch nicht, und hat es ein
-für alle Mal rund abgeschlagen, erwiederte der Andere
-&ndash; ich glaube noch nicht einmal daß sie ihn
-nimmt.«</p>
-
-<p>»Ah, bah &ndash; sagte der Erste wieder &ndash; da müßte
-man die Mädchen nicht kennen &ndash; der hat Geld, und
-da&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die weiteren Worte wurden in der Entfernung
-unverständlich, aber was brauchte Ben auch noch
-weiter zu hören. Das letzte war schändliche Verleumdung.</p>
-
-<p>»Noch keinen Schritt getanzt,« jubelte der junge
-Jäger in sich hinein &ndash; »also doch nicht falsch, doch
-nicht treulos, doch ihren Ben noch nicht vergessen &ndash;
-aber &ndash; was kann's Dir auch helfen armer Ben &ndash;
-Du hast doch kein Glück &ndash; Betsy ist doch für Dich
-verloren &ndash; und wenn sie Dich nicht vergessen könnte
-&ndash; ach dann wär's nur so viel schlimmer für sie &ndash;
-Besser für Dich selber aber nimmer und nimmer.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-Die Büchse, die er nicht weit von da in einem
-dichten Busch hineingestellt, hob er vom Boden auf,
-noch einen Blick nach dem hell erleuchteten Hause
-warf er zurück, und still und schweigend wanderte er
-den Fußpfad entlang dem nächsten Hügelrücken zu. &ndash;
-Es litt ihn &ndash; die Nacht wenigstens &ndash; nicht in der
-Ansiedlung, und er wollte draußen am Feuer schlafen.</p>
-
-<p>Ein Platz war endlich an einer klaren Quelle, die
-hier dem felsigen Boden rein entquoll, bald gefunden,
-eine Flamme entzündet, und in die Decke gehüllt lag
-er, den Kopf auf einen untergeschobenen Stein gelegt,
-und schaute sinnend und ernst zu den freundlich
-auf ihn niederblitzenden Sternen empor.</p>
-
-<p>Im Wald war es merkwürdig still, selbst die
-Frösche quakten nicht so toll und wild durcheinander,
-wie er das sonst wohl gehört, den leisen Schritt des
-Opossums, das zu nächtlichem Hühnerraub nach den
-bewohnten Ansiedlungen schlich, konnte er deutlich
-und bestimmt hören, und dort hinten &ndash; er hob den
-Kopf und lauschte einen Augenblick &ndash; wahrlich es
-war ein Wolf, der weit drüben auf dem scheidenden
-Gebirgsrücken sein klägliches Abendlied heulte.</p>
-
-<p>»Winsle nur, Bestie!« murmelte er endlich und
-sank in seine frühere Stellung zurück, »winsle, aber
-bleib mir außer Schußnähe; auf Deines Gleichen und
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-auf &ndash; noch Einen, hätt' ich besonders heut Abend
-Appetit.«</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde lag er wohl so noch, und
-suchte seine Gedanken wieder auf die früher durchträumten
-Pläne zu richten &ndash; es war aber nicht möglich
-&ndash; das immer näher und näher kommende Geheul
-des Wolfes lenkte seine Aufmerksamkeit immer
-wieder dort hin, und jetzt &ndash; alle Wetter, das war
-gar nicht so weit entfernt &ndash; antwortete eine andere
-Stimme aus einer hinter ihm liegenden Schlucht,
-wo auch, wie sich bald auswies, das ganze Rudel
-steckte.</p>
-
-<p>Er sprang rasch von seinem Lager auf und griff
-nach der Büchse; der Mond stieg eben hinter den düstern
-Schatten der fernen Bergesketten hell und freundlich
-empor &ndash; die alte Jagdlust erwachte und verdrängte,
-für den Augenblick wenigstens, jeden anderen
-Gedanken.</p>
-
-<p>Er befand sich auf einem äußerst günstigen, ziemlich
-offenen und vom Mond hell beschienenen Fleck
-und zwar gerade mitten zwischen dem Rudel und dem
-vereinzelten, jetzt zu diesem zurückkehrenden Wolf &ndash;
-das Feuer war niedergebrannt, und die noch glimmenden
-Kohlen schreckten die Bestien auch nicht ab, da
-fortwährend brennende Stämme im Wald liegen und
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-Hirsch und Wolf daran gewöhnt sind Feuer auf ihrem
-Pfad zu finden. Ein vom Winde niedergeworfener
-Stamm der die Höhe hinunter, nach dem Thale zu
-lag, gewährte ihm dabei einen trefflichen Hinterhalt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wart Kannaille, murmelte er, griff seine Büchse
-auf und glitt hinter den Stamm &ndash; komm mir nur
-aus dem Busch vor, und freu' Dich dann auf Ben
-Holiks Kugel.«</p>
-
-<p>Er hob sein Gewehr auf den Stamm, richtete die
-Mündung nach der Gegend zu, von der er den einzelnen
-Wolf erwartete, &ndash; denn das Rudel bleibt in
-solchem Fall gewöhnlich so lange auf dem einmal behaupteten
-Platz, bis der Vereinzelte dazu gestoßen ist
-&ndash; und harrte dann lange und geduldig &ndash; der Wolf
-wollte sich aber immer noch nicht sehen lassen.</p>
-
-<p>Sollte die Bestie etwas gemerkt haben &ndash; aber der
-Wind war doch günstig. &ndash; Holik ließ seine Büchse
-auf dem Stamm liegen, hielt beide Hände trichterförmig
-an den Mund &ndash; und heulte kläglich. &ndash; Der
-Laut war täuschend ähnlich nachgeahmt, und schallte
-gar wehmüthig durch den düstern Wald.</p>
-
-<p>Wenn aber auch keine Stimme von dort, wo der
-einzelne Wolf sein mußte, antwortete, so war Ben
-doch ein viel zu alter Jäger um nicht auf seiner Hut
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-zu sein, oder sich durch Uebertreibung einen einmal
-gewonnenen Vortheil zu verderben. Leise griff er wieder
-nach der Büchse, blieb ruhig im Anschlag liegen,
-und erwartete das Resultat.</p>
-
-<p>Das sollte auch nicht lange ausbleiben. &ndash; Der
-Wolf antwortete allerdings nicht mehr, aber nur weil
-er zu nahe war, und als Ben mit gespannter Aufmerksamkeit
-selbst dem leisesten, unbedeutendsten Geräusche
-lauschte, hörte er plötzlich im trocknen Laub
-der benachbarten Baumgruppe rasche, aber vorsichtige
-Schritte. &ndash; Trap, trap, trap, trap &ndash; und das Thier
-stand &ndash; noch einmal &ndash; es windete wieder. Hatte es
-vielleicht den Rauch in die Nase bekommen. Der Wolf
-betritt übrigens jedesmal vorsichtig einen freien Platz,
-weil er wahrscheinlich nicht allein Gefahr fürchtet,
-sondern auch vielleicht selber nach Beute ausschaut.</p>
-
-<p>Ben konnte genau von wo er stand die Schritte
-hören, den Platz selbst aber noch nicht mit seinem
-Blick durchdringen, wagte deshalb auch nicht sich zu
-bewegen, weil er nicht wissen konnte ob des Raubthiers
-Augen nicht gerade in diesem Moment dorthin
-gerichtet waren, wo er lag. Heulen durfte er auch
-nicht wieder &ndash; die Entfernung mußte jedenfalls zu
-gering sein, als daß die scheue Bestie nicht den Betrug
-hätte merken und den falschen Rufer erkennen sollen.
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-Es blieb ihm Nichts anderes übrig als jetzt ruhig und
-regungslos abzuwarten, bis das Thier in's Mondenlicht
-heraustreten würde.</p>
-
-<p>Da wurde plötzlich hinter ihm &ndash; ein klein wenig
-nach rechts, das Rudel wieder laut und ein triumphirendes
-Lächeln zuckte über Ben's Antlitz &ndash; es machte
-aber auch eben so schnell einem Ausdruck peinlicher
-Spannung Platz, denn in dem nämlichen Moment
-schon trat der Wolf, der durch den letzten Lockton bestimmt
-schien, aus dem düstern Schatten vor, auf
-den freien, nur mit einzelnen Bäumen bewachsenen
-Raum.</p>
-
-<p>Ben's Herz schlug fast hörbar, aber sein Arm lag
-fest wie Eisen &ndash; ruhig richtete er das todtbringende
-Rohr nach dem Feind und suchte mit dem scharfen
-Blick dessen dunkle Gestalt auf das Korn seiner Büchse
-zu bringen. Doch vergebens &ndash; in dem matten ungewissen
-Licht schmolz Korn und Ziel so ineinander daß
-er um's Leben nicht hätte genau bestimmen können wo
-die Kugel sitzen würde, und fehlen &ndash; nein das durfte
-er nicht.</p>
-
-<p>Vorsichtig hob er den Lauf gegen den helleren
-Himmel, wo er das Korn deutlich gegen einen der
-funkelnden Sterne konnte abstechen sehen, legte sich
-dann fest in den Kolben, fuhr nieder, und so wie er
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-die Gestalt des noch immer regungslos und jetzt seitwärts
-in's Thal schauenden Thieres voll im Korn
-hatte, berührte sein Finger den Drücker.</p>
-
-<p>Der Schuß schmetterte dröhnend durch den Wald
-und Ben sprang blitzesschnell empor.</p>
-
-<p>»Siehst Du, Kannaille, sagte er da, als er den
-dunkeln Körper regungslos im, vom Mondlicht hell
-beschienenen Laube liegen sah &ndash; siehst Du &ndash; ich
-habe Dir's prophezeiht. &ndash; Das ist doch wenigstens
-<em class="ge">ein</em> Trost, einem solchen herumschleichenden Schuft
-das Handwerk gelegt zu haben. Panther und Bären
-&ndash; ich wollte daß Gottes Strahl all das Lumpengesindel
-träfe, das so wie Du, Bestie, das Licht scheut,
-im Dunkeln herumschleicht und Unheil anrichtet,
-wohin es den Fuß gesetzt und seinen Athem gehaucht!«</p>
-
-<p>Ben war bei den obigen Worten, die er mit fest zusammengebissenen
-Zähnen in den Bart murmelte,
-ruhig auf seinem Platz stehen geblieben und hatte,
-nach Jägerart, vor allen Dingen die Büchse wieder
-geladen, hob sie jetzt mit einem noch leise gemurmelten
-Fluch auf die Schulter, und schritt langsam der
-Stelle zu, wo der so glücklich erlegte Feind im Laube
-ausgestreckt lag.</p>
-
-<p>Es war ein großer, kräftiger Wolf, kohlschwarz
-und nur mit dem einen kleinen herzförmigen weißen
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-Fleck auf der Brust, der im Mondenlicht ordentlich zu
-glühen schien &ndash; die Kugel mußte ihm gerade durch
-den Kopf gefahren sein &ndash; er rührte und regte sich
-nicht.</p>
-
-<p>»Ich habe ihn nicht einmal zucken sehen, sagte der
-Jäger leise, und bog sich zu ihm nieder, um nach dem
-Kugelloch zu fühlen. Ueber den ganzen Kopf strich er
-hinüber und herüber, dort war aber nichts, auch kein
-Schweiß &ndash; und die gegen das Mondenlicht gehaltene
-Hand weiß und rein. Wunderlicher Schuß! brummte
-der Jäger &ndash; ei zum Henker, 's&nbsp;ist einerlei <em class="ge">wo</em> die
-Kugel sitzt, <em class="ge">wenn</em> sie nur sitzt, und da ich den Schuft
-&ndash; Hallo! unterbrach er sich plötzlich &ndash; lebt der
-Bursche noch?«</p>
-
-<p>Er stand mit gespannter Aufmerksamkeit die Büchse
-im Anschlag, jede Bewegung des Raubthiers beobachtend,
-und allerdings gab dies jetzt wieder Lebenszeichen
-von sich, warf einmal den Kopf auf, und
-schnellte sich dann auf dem linken Vorderlauf in die
-Höhe.</p>
-
-<p>Ben hatte aber zu manches Stück Wild erlegt,
-als daß ihn diese Bewegung auch nur einen Augenblick
-länger über den Zustand des Wolfes in Zweifel
-lassen konnte. Im ersten Augenblick fuhr er allerdings
-noch einmal, und wie unwillkürlich mit der Büchse
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-an den Backen &ndash; das war aber auch nur ein Moment
-&ndash; im nächsten warf er sie fort und sprang plötzlich
-in keckem Muth auf das, von <em class="ge">der</em> Minute an sich
-wieder ganz kräftig und rasend sträubende Thier.</p>
-
-<p>»Hoho, mein Bursche! rief der junge Jägersmann
-dabei, und lachte mit wilder Freude in sich
-hinein, während er seinen Arm mit eiserner Gewalt
-um den wüthend dagegen ankämpfenden Körper des
-Wolfes schlang &ndash; hoho &ndash; einfach ge<i>creast</i><span class="top">[2]</span> &ndash; hahahaha
-&ndash; ja strample nur, strample nur Herz, <em class="ge">der</em>
-Falle entgehst Du nicht &ndash; wenn Du nicht im Stande
-wärst, aus der Haut zu rutschen.«</p>
-
-<p class="ci fss">[2]: <i>creasen</i> nennt der amerikanische Jäger den Schuß über
-dem Rückgrate oder noch häufiger Hals eines Wildes, wenn die
-Kugel auf die oberen Halssehnen und Muskeln gedrückt hat,
-ohne sie zu durchschneiden, was das Thier augenblicklich zu
-Boden wirft, aber nur für den Moment betäubt, und nicht im
-mindesten beschädigt. Nach sehr kurzer Zeit erholt es sich gewöhnlich
-wieder, und wenn der Jäger dann nicht schnell mit Büchse oder
-Messer bei der Hand ist, springt es wieder auf und ist nicht selten
-weit aus dem Bereich der Kugel ehe der verblüffte Schütze, der
-sich seine schon sicher geglaubte Beute auf einmal wieder entgehen
-sieht, seine Sinne gesammelt hat. Die westlichen Indianer fangen
-auch mit diesem Schuß die wilden Pferde, wobei natürlich mehr
-erschossen als gefangen werden.</p>
-
-<p>Das Thier, das nun sein volles Bewußtsein
-wieder erlangt hatte, schien jetzt erst zu begreifen
-in welcher höchst mißlichen Lage es sich eigentlich
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-befinde und suchte mit aller ihm zu Gebote stehender
-Kraft um sich zu beißen, und durch Treten und
-Kratzen seine Freiheit wieder zu gewinnen. Doch vergebens,
-Ben hielt es wie in einem eisernen Schraubstock
-und drückte sich dabei so mit dem ganzen Gewichte
-seines schweren Körpers darauf, daß der arme
-also ertappte Wolf endlich und als auch seine Kräfte
-vollständig erschöpft waren, wenigstens für kurze Zeit
-ruhig liegen mußte.</p>
-
-<p>Was aber nun thun? &ndash; den Wolf tödten? das
-wäre allerdings mit nur wenig Schwierigkeiten verknüpft
-gewesen, denn Ben trug sein haarscharfes
-Jagdmesser im Gürtel. Aber war nicht jetzt sein Ziel
-erreicht? &ndash; einen lebendigen, gesunden, unbeschädigten
-Wolf wollte er haben, und den hielt er in diesem
-Augenblick hier unter sich so fest als ob er ihn im
-Leben nicht wieder loslassen wollte. Doch wie ihn
-binden und festhalten? nicht einmal einen Lederriemen
-führte er bei sich, nichts als seinen Gürtel und wie
-hätte er es überhaupt wagen dürfen auch nur den
-Versuch zu machen? Ließ er dem Wolf nur ein wenig
-Luft so gab es nachher einen Kampf, in dem er ihn
-entweder ernstlich beschädigen, oder gar frei lassen
-mußte &ndash; das eine fast so schlimm wie das andere.
-Und das schwere Thier bis zur Ansiedlung tragen?
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-&ndash; er hätte ohne den Wolf eine halbe Stunde gebraucht
-sie zu erreichen &ndash; viel weniger mit ihm &ndash;
-aber es blieb ihm weiter keine Wahl.</p>
-
-<p>»Entweder oder,« murmelte er, »Du oder ich, Bursche,
-und so mag denn <em class="ge">der</em> Abend über mein Glück,
-über mein Unglück entscheiden. Zum Teufel auch,
-habe doch schon manchen starken Hirsch getragen, der
-noch einmal so schwer war wie der hier, und das blos
-um des elenden Wildprets wegen &ndash; werden mir
-heute die Kräfte nicht versagen, da es das Höchste &ndash;
-oder doch wenigstens einen Triumph über den schurkischen
-Feind gilt.«</p>
-
-<p>Und mit dem raschen Entschluß nahm er seinen
-Halt fest um das, sich jetzt wieder mit rasender Wuth
-sträubende Thier, brachte den rechten Fuß unter sich,
-und stand, die Schulter gegen einen kleinen danebenstehenden
-Gumbaum stützend, langsam auf. Er hatte
-den Wolf mit dem Rücken gegen sich, mit dem linken
-Arm zwischen den beiden Vorderläufen durch gepackt,
-und den rechten Arm ihm fest um die Weichen geschlagen
-und hielt ihn so eng zusammengepreßt, daß er
-ihm mit seinen Zähnen gar nicht schädlich werden
-konnte.</p>
-
-<p>Die Büchse mußte er natürlich zurücklassen, auch
-die Mütze war ihm bei dem Ringkampf entfallen, doch
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-das hinderte ihn nicht; mit fest zusammengebissenen
-Zähnen und zum Aeußersten entschlossen, wanderte er
-seine wunderliche sich unaufhörlich sträubende Last im
-Arm, Schritt vor Schritt weiter &ndash; der fernen Ansiedlung
-zu.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Im alten Gerichtshaus herrschte indessen noch immer
-laute lärmende Fröhlichkeit, Bowle nach Bowle
-wohlschmeckenden süßen Stewes war gebraut, und der
-Raum endlich durch Kerzen, Trunk und Tanz so heiß
-geworden, daß man selbst das kleine, nach dem Holz
-hinausführende Fenster öffnete, um nur frische Luft
-herein zu bekommen.</p>
-
-<p>Die Töne der Violine schwirrten immer rascher
-und gellender in Jigs und Hornpipes, die Füße der
-Tänzer klapperten immer behender auf dem schon
-blank gescharrten Boden; Metcamp war besonders
-ausgelassen lustig, er nannte die arme Betsy &ndash; die
-sich übrigens hartnäckig weigerte weder mit ihm noch
-einem der andern Gäste zu tanzen &ndash; nicht anders wie
-»sein süßes Bräutchen«, umarmte den alten Sutton
-ebenfalls zweimal als »Schwiegerpapa« und wußte
-seiner Ausgelassenheit gar keine Grenzen.</p>
-
-<p>Eine kleine Unterbrechung hatte indessen stattgefunden;
-»Lord Howe's Hornpipe« war eben beendigt
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-und einige Erfrischungen wurden herumgereicht. Betsy,
-die auf ihres Vaters Befehl die Bedienung überwachen
-mußte, saß unfern dem Eingang, nicht weit
-vom Schenktisch, und Metcamp, der sich dicht neben
-sie gestellt, flüsterte ihr eben einige fade Schmeicheleien
-in's Ohr, die ihr die zornige Röthe auf die Wangen
-trieben, als plötzlich Etwas mit gewaltigem Poltern
-von außen gegen die Thüre schlug.</p>
-
-<p>»Hallo!« schrie der Bräutigam zusammenfahrend
-&ndash; das ist ein unhöfliches Anklopfen &ndash; »wer da?«</p>
-
-<p>Die übrigen Gäste wandten sich Alle rasch und
-erstaunt nach dem Lärmen um, die einzige Antwort
-von dort her war aber ein erneutes, noch viel stärkeres
-Gepolter.</p>
-
-<p>»Ei so hol' doch der Henker die Unverschämtheit!«
-rief da Metcamp; »ich will doch sehen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Rasch ergriff er den ledernen Riemen der an dem
-Drücker hing, riß daran und stieß die Thüre auf.</p>
-
-<p>»Ha!« &ndash; Vor sich ein Paar stiere funkelnde, fast
-aus ihren Höhlen drängende Augen &ndash; ein weit aufgerissener
-Rachen mit blutiger, heraushängender
-Zunge und weißem fürchterlichen Gebiß &ndash; ein Wolfskopf
-wie ihn sich die Einbildung nur schrecklich und
-Entsetzen erregend ausmalen kann &ndash; hinter ihm aber,
-dicht über dem gräßlichen Rachen, das todtenbleiche,
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-wildblickende Angesicht Ben Holik's, vom Schein der
-Kerzen geisterhaft beleuchtet.</p>
-
-<p>»Der Wolf! &ndash; Der Wolf!« schrie da Metcamp
-nach einem, nur fast flüchtigen Blick auf die schauerliche
-Gruppe. &ndash; »Der Wolf!« und durch die hinzudrängenden
-Gäste brach er in wilder Hast sich Bahn,
-zum Fenster sprang er, und ehe nur noch irgend Jemand
-sein Vorhaben hätte errathen, oder ihn gar daran
-verhindern können, flog er mit scheuem Satz hinaus
-und in's Freie.</p>
-
-<p>Die Hintenstehenden, die noch gar nicht sehen
-konnten was eigentlich die Ursache solch wunderbarer
-Behendigkeit gewesen, lachten; die nächst der Thüre
-aber fuhren ebenfalls, kaum minder als Metcamp
-selbst erschreckt, zurück, und starrten überrascht die
-wunderliche Gruppe an, aus der sie Ben Holik's todtenfahle
-Züge jetzt erkennen konnten.</p>
-
-<p>»Die Glocke &ndash; die Glocke!« war aber Alles was
-der Jäger mit heiserer, nur den Nächsten verständlicher
-Stimme zu lallen vermochte &ndash; »die Glocke &ndash; ich kann
-&ndash; ich kann nicht mehr.«</p>
-
-<p>»Heiliger Gott!« schrie da Betsy, die schon bei
-dem ersten Ausruf Metcamps entsetzt empor gesprungen
-war und ihren Augen kaum trauend, keines Wortes,
-keiner Bewegung mächtig, in das todtenbleiche,
-<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-fürchterlich entstellte Antlitz des Geliebten gestarrt
-hatte, »heiliger, allmächtiger Gott! zu Hülfe &ndash; zu
-Hülfe!«</p>
-
-<p>»Die Glocke! flehte aber nur Ben &ndash; Betsy die
-Glocke oder meine Arme erstarren.«</p>
-
-<p>»Die Glocke? &ndash; was für eine Glocke?« fragten
-die Umstehenden wild durcheinander.</p>
-
-<p>»Ha &ndash; die Wolfsglocke!« rief da das Mädchen
-&ndash; das Ganze ihr bis dahin Entsetzliche, jetzt rasch
-und froh begreifend &ndash; »die <em class="ge">Wolfsglocke</em>, nur noch
-einen Moment Ben &ndash; nur noch wenige Secunden
-und ich bin wieder da.«</p>
-
-<p>Und rasch zur Thür hinaus, dicht an den klaffenden
-Fängen der Bestie vorbei &ndash; so dicht daß ihre
-Schulter die blutträufende Zunge fast berührte, glitt
-die Jungfrau flüchtigen Laufes in das dicht daneben
-gelegene Haus ihres Vaters, wo die Glocke noch in
-der Stube (unter der Büchse, wo er sie neulich bei
-seiner Zurückkunft hingethan) hing, hob sie schnell
-herunter und war in kaum einer Minute Zeit schon
-wieder zurück mit dem Verlangten.</p>
-
-<p>Indessen hatten sich aber die Männer dort ebenfalls
-von ihrer ersten Ueberraschung erholt; der alte
-Sutton war zu ihnen getreten, und rasch begreifend
-um was es sich hier handle, wollte er Ben unterstützen
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-und ihm den Wolf vielleicht abnehmen. Das
-gab aber der Jäger nicht zu, da er seiner wie des alten
-Mannes Sicherheit wegen nicht wagen durfte dem
-festen Halt, den er einmal an der Bestie hatte, zu
-entsagen. Kaum erschien aber Betsy mit der Glocke,
-so nahm sie ihr Sutton rasch aus der Hand, schlang
-den Riemen um des, jetzt wieder wie wüthend um sich
-beißenden Wolfes Hals, und schnallte ihn nicht zu
-fest, aber sicher genug, daß er nicht über den Kopf
-hinüberrutschen konnte, den Wolf jedoch auch nicht
-hinderte, oder gar würgte.</p>
-
-<p>Was aber jetzt, nachdem dies geschehen war,
-thun? &ndash; wie die Bestie, da der Zweck erfüllt war,
-wieder loswerden? denn war es nicht möglich daß sie,
-in so gereiztem Zustand freigegeben, anstatt zu fliehen
-sich gerade gegen ihre Feinde wenden, und dort Unheil
-anrichten konnte, ja am Ende gar, um sie nur
-wieder los zu werden, doch noch getödtet werden
-mußte? Das Klingeln der Glocke beunruhigte den
-Gefangenen dabei immer mehr, seine Anstrengungen
-wurden wüthender, je mehr die Kräfte des armen Jägers
-nachließen. Zwar sprangen von vielen Seiten
-die Männer mit Stricken herbei und Einer machte
-sogar eine Schlinge, den Wolf daran zu hängen und
-ihm die Kehle zuzuschnüren bis er betäubt wäre und
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-hinaus in den Wald geschafft werden könnte &ndash; das
-aber schienen viel zu gefährliche Experimente, denn
-geschah dem Thier dadurch ein Schaden, so war die
-ganze Anstrengung vergebens gewesen. Da rief Betsy,
-die in Todesangst um den Geliebten, die Hände fest
-gegen die Schläfe gepreßt, daneben gestanden und
-dem ganzen wirren Treiben zugeschaut, den tausend
-verworrenen Vorschlägen, wie sie gemacht und verworfen
-wurden, in namenloser Furcht gelauscht hatte,
-plötzlich aus:</p>
-
-<p>»Trag ihn in den Garten, Ben, wo der Fluß die
-Biegung macht &ndash; dort ist die Uferbank eingestürzt,
-und da hinabgeworfen, kann er nur an's gegenüberliegende
-Ufer schwimmen!«</p>
-
-<p>»Bei Gott das Mädchen hat Recht!« rief der alte
-Sutton, und Ben schritt schon um's Haus herum
-dem bezeichneten Orte zu. Die Fenz, die ihn noch von
-dem Garten trennte, wurde augenblicklich eingerissen,
-und wenige Secunden später stand der Wolfsjäger an
-dem schroffen Ufer das unten der vorbeischäumende
-kleine Bergstrom bespülte &ndash; Betsy hatte seinen Arm
-ergriffen und ihn geführt, daß er nicht etwa einen
-Schritt zu weit vorgehe und selber mit hinabstürze.</p>
-
-<p>»Jetzt Ben! rief sie ihm zu, als sie ihn plötzlich
-zurückhielt, jetzt laß los!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-»Gott sei Dank!« murmelte Ben und während er
-noch die Arme öffnete glitt der dunkle Körper am
-nachgebenden Sande hinab und schlug plätschernd in
-die unten über ihm zusammenbrechende Fluth.</p>
-
-<p>Jetzt kamen auch mehre mit rasch herbeigeholten
-Lichtern herbei und bei dem matten ungewissen Schein
-derselben konnten sie erkennen wie der schwarze Körper
-des befreiten Wolfes rasch und mit heftigem Stöhnen
-durch die Fluth strich. Als er aber drüben an's Ufer
-stieg klingelte die wackere Glocke laut und hell &ndash; er
-hatte sich schütteln wollen, erschrak jedoch so über den
-fremden Laut daß er rasch die Uferbank hinansprang,
-und noch eine lange Strecke durch den Wald hörten
-sie das gleichmäßige Anschlagen der Schelle, wie der
-Wolf in dem, diesen Thieren eigenen langen Galopp
-mit flüchtigen Sätzen nicht mehr den Feinden, die hatte
-er kaum gefürchtet, nein, diesem unerträglichen scharfen
-Lärm unter seiner Kehle, zu entfliehen suchte.</p>
-
-<p>»Hahahaha!« brach endlich Ben, der jetzt lachend
-seine halb erstarrten Arme schwenkte, das athemlose
-Schweigen mit dem die Männer den immer mehr verschwimmenden
-Tönen der Glocke gelauscht hatten &ndash;
-»er hat sie &ndash; beim ewigen Gott, er hat sie &ndash; so &ndash;
-das soll mir der Mr. Metcamp einmal nachmachen!«</p>
-
-<p>Metcamp? ja wo war denn Metcamp die ganze
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-Zeit eigentlich &ndash; das weiß der Himmel, am Washita
-hat ihn wenigstens kein sterbliches Auge mehr gesehen,
-sein Fenstersprung konnte nicht bezweifelt werden,
-denn Zeugen gab es dafür genug, und vom Fenster
-aus ließ sich die Spur noch weit hinaus in den
-Wald, aber immer dem Arkansas zu, verfolgen, sein
-ganzes Gepäck aber, ja selbst seinen Hut ließ er, ohne
-auch nur einmal darum zu schreiben, in der Ansiedlung
-zurück und Ben hatte gewiß recht als er meinte
-&ndash; »den habe nur sein <em class="ge">böses Gewissen</em> aus den
-Bergen getrieben.«</p>
-
-<p>Und was wurde aus Betsy?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich will dem Leser die weitläufige Auseinandersetzung
-ersparen und ihm nur mit kurzen Worten einzelne
-Thatsachen mittheilen aus denen seine Einbildungskraft
-dann leicht den weitern Verfolg der Sache,
-viel besser als ich ihm das selber klar machen könnte,
-herausfinden wird.</p>
-
-<p>Mr. Metcamp war wirklich flüchtigen Fußes
-förmlich davon gelaufen, der Brief aber, den er zu der
-Zeit am Washita erhalten hatte, mußte jedenfalls gefälscht
-gewesen sein, denn noch in demselben Monat
-hörten sie von einem Reisenden daß Metcamps Onkel,
-etwa vier Wochen vorher ehe dieser zum Washita
-gegangen, total bankerott gemacht habe und der vermeintliche
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-Erbe noch schlimmer als ein Bettler sei, da
-er sogar rasend in Schulden stecke. Die reiche Farmerstochter
-hatte er dabei leicht zu gewinnen geglaubt,
-und auch natürlich alles Mögliche gethan,
-seinem, ihm allerdings gefährlichen Nebenbuhler den
-Besitz des Mädchens unmöglich zu machen.</p>
-
-<p>Daß er es gewesen der damals den gefangenen
-Wolf befreit, ließ sich ebenfalls immer weniger verkennen,
-wenigstens sprach man die Ansicht kurze Zeit
-darauf ganz offen in der Ansiedlung aus; und daß
-sich der alte Sutton nach alle dem Vorangegangenen
-schämte, den beabsichtigten Schwiegersohn aus der
-Stadt auch nur noch einmal zu erwähnen, versteht
-sich wohl von selbst.</p>
-
-<p>Es sind jetzt seit der Zeit zehn volle Jahre verflossen,
-und Farmer Sutton schläft in seinem eigenen
-Garten still und ruhig unter dem grünen blumigen
-Rasen, Ben Holik aber hat das unstäte Jägerleben
-aufgegeben, ist ein ordentlicher Farmer worden und
-lebt mit seinem lieben Weib, seiner Betsy, und den
-drei Jungen und zwei Mädchen die sie ihm in ihrer
-neunjährigen Ehe geboren, so glücklich und zufrieden,
-wie nur ein Mensch in der weiten Gotteswelt leben
-kann. Seine Heerden haben sich dabei ungemein vermehrt,
-denn die Wölfe trieb der mit der Glocke Behangene
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-richtig hinaus aus der ganzen Nachbarschaft,
-und seine Felder hat er ebenfalls um viele fruchtbare
-Aecker erweitert; dort aber, wo er den Wolf damals
-lebendig gefangen, baute er sich auf der luftigen
-Bergkuppe ein kleines Haus und nannte es, zum
-Gedächtniß jenes glücklichen Abends &ndash; die <em class="ge">Wolfsglocke</em>.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-Die Ahnung.<br />
-
-<span class="subheader ge">Nach einer wahren Begebenheit.</span></h2>
-
-
-<p>Draußen über die Haide tobte und wetterte der
-Sturm, heulte durch die blattlosen Baumwipfel der
-Eichen, und zischte und flüsterte in den dichten Nadeln
-des benachbarten Schwarzholzes. Der Mond
-war hinter schweren Wolken verschwunden, trüb und
-düster lag die Nacht auf der Erde und der Orkan,
-der sich von den Geistern der Luft die tollen Weisen
-aufspielen ließ, raste mit der Windsbraut über den
-weiten Plan, durch Bergesschlucht und einsames
-Thal, und über die starren, drohenden Felsenkämme der
-trotzig ihm die Stirn bietenden Gebirgsrücken hin.</p>
-
-<p>So, draußen im Freien &ndash; aber fast noch tolleres
-Spiel trieb er um die Wohnungen der schüchtern zusammengedrängten
-Menschen. Hui! &ndash; wie das um
-die Giebel pfiff und splitterte, wie die Windfahne auf
-dem alten Pastorhause kreischte und knarrte, daß selbst
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-der hoch und altergrau daneben aufstarrende Schornstein
-den Lärmen endlich satt bekam, und bald links
-in den dunkeln Hof, bald rechts in den feuchten Garten
-hinunter sah, als ob er nur noch nicht recht wisse,
-in welchen von beiden er zuerst kopfüber hinein springen
-solle. Wie's an den alten morschen Fensterrahmen
-riß und klapperte, und seine Kraft an den breitästigen
-Birn- und Aepfelbäumen versuchte, die schon so lange
-Jahre dem Sturme getrotzt und sich jetzt, bei den erneuten
-Angriffen, nur noch immer fester und hartnäckiger
-mit den weitgespreizten Wurzeln in die Erde
-hineinklammerten.</p>
-
-<p>Viele viele Stunden lang trieb er's so, und vergebens
-hatten die wetterschwangeren Wolken schon
-oft versucht, sich in einzelnen Fluthengüssen zu erleichtern,
-wie es wohl ein bedrängtes Schiff thut,
-das seinen Ballast über Bord wirft, die leewärts
-drohende Küste zu verlassen; der wachsende Orkan
-schleuderte ihnen stets neue wasserschwere Nebelberge
-entgegen, und jagte die zürnenden wild und toll durch
-einander in entsetzlicher Fröhlichkeit.</p>
-
-<p>Bei solchem Wetter, wo die Natur in ihrer ganzen
-großartigen Furchtbarkeit ersteht, drängen sich die
-armen schwachen Menschenkinder am liebsten in
-freundlicher Traulichkeit zusammen, und von sicheren
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-Wänden geschützt, unter Dach und Fach, dem brausenden
-Nord wie dem kalten Regen entzogen, lauschen
-sie nur manchmal in ängstlicher Stille zum Fenster
-hinüber, wenn der Sturm einen neuen Akord in seine
-dröhnende Aeolsharfe greift, und das feste Gebäude
-vielleicht vor dem markdurchschauernden Ton bis in
-seine innerste Tiefe hinein erbeben macht.</p>
-
-<p>So still und traulich war's auch im kleinen behaglichen
-Studirzimmerchen des wackern Pastor Barrenkamp,
-der mit seiner Frau, dem Schulmeister, einem
-Universitätsfreund des Pastors, und dem Rittergutsverwalter,
-einem alten wettergebräunten Oekonomen,
-um den schweren eichenen Tisch saß und bei einer
-guten Tasse Warmbier das Unwetter draußen so
-wenig als möglich zu beachten schien. Nur manchmal,
-wenn der Wind die Backen ein bischen gar zu voll
-genommen und irgend ein krachender Stamm des
-dicht an den Garten grenzenden Waldes seine gewaltige
-Kraft verrieth, stand Barrenkamp wohl auf, ging
-an's Fenster, schob den Vorhang zurück, nahm die
-Pfeife einen Augenblick aus dem Munde, und schaute,
-das schwarze Sammetkäppchen fest an die kalte behauchte
-Scheibe gedrückt, in die rabenfinstere Nacht
-hinaus.</p>
-
-<p>Es war während einer solchen Pause, denn das
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-Gespräch stockte in dem Fall gewöhnlich auf einige
-Minuten und die kleine Gesellschaft horchte ebenfalls
-nach dem Kampf der aufgeregten Elemente hinüber,
-als der Verwalter langsam seine ausgetrunkene Tasse
-niedersetzte und mit leiser, fast ängstlicher Stimme
-sagte:</p>
-
-<p>»Sie haben ganz recht gethan, Frau Pastorin,
-daß Sie sich heute einmal ausnahmsweise in des
-Herrn Pastors warmgelegenes Studirstübchen geflüchtet;
-da drüben in der großen Eckstube muß bei
-solchem Sturme ein keineswegs freundlicher Aufenthalt
-sein &ndash; draußen freilich ist's noch schlimmer;
-der Wind pfeift sich ordentlich sein Stückchen und es
-kommt Einem wahrhaftig manchmal sogar vor, als
-ob man einzelne Worte und Redensarten verstände &ndash;
-möchte heute nicht über den Kirchhof gehen.«</p>
-
-<p>»Nicht über den Kirchhof?« wiederholte, sich
-lächelnd nach ihm umwendend, der Pastor, »Sie
-fürchten sich doch nicht etwa, Verwalterchen? ei, ei,
-ein Mann in Ihren Jahren&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mein bester Herr Pastor,« meinte der Verwalter
-und rückte auf seinem Stuhl hin und her, »von fürchten
-kann bei mir wohl keine Rede sein, ich bin kein
-böser Mensch und &ndash; glaube nicht an Gespenster, wovor
-sollte ich mich also fürchten, aber&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-»<em class="ge">Aber</em>« lachte die Hausfrau und schaute mit einem
-schelmischen Blicke zu ihm auf, &ndash; »aber? der
-Herr Verwalter lassen sich noch eine Hinterthür offen.«</p>
-
-<p>»Ei, ich meinte nur was das Kirchhofgehen betraf,«
-erwiederte gutmüthig der alte Mann, &ndash; »ich
-weiß ebensowohl wie jeder Andere, daß die <em class="ge">Todten</em>
-sanft da unten, unter ihrer warmen Decke ruhen, und
-Nachts nicht wieder herauf kommen werden, um sich
-auf die kalten Hügel zu setzen und hinter den weißen
-Steinen Versteckens zu spielen, aber ich vermeide auch
-gern jede unnütze Aufregung, die mir nachher immer
-nur Kopfschmerz und Unwohlsein verursacht. &ndash; Es
-hat etwas Unbehagliches für mich, mir in dem schwachen
-Dämmerlicht aus wehenden Trauerweiden und
-Büschen, die bleiche Steine halb überdecken, Gestalten
-mit weißen Gewändern und ringenden Händen heraus
-zu finden, und ich mag mich nicht in einem fort umsehen,
-weil ich jeden Augenblick darauf schwören wollte, es
-käme Jemand hinter mir drein. Ebenso ungern, und
-aus eben dem Grunde, sitze ich Abends allein in einem
-Zimmer und mit dem Rücken einer Thüre zugedreht,
-die halb offen oder angelehnt ist. Ich weiß dabei recht
-gut, daß sich Niemand im andern Zimmer befindet,
-also auch Niemand von da zu mir herein kann, und
-dennoch läßt es mir, wunderlicher Weise, keine Ruhe;
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-ich muß mich entweder herumsetzen, oder die Thüre
-schließen.«</p>
-
-<p>»Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft, und
-die gaukelt Ihnen da allerlei seltsame Dinge vor,«
-fiel hier die Pastorin ein, »Sie denken sich in dem
-Augenblick vielleicht etwas recht Entsetzliches oder
-Graußliches, und das stört, wenn es auch nicht wirklich
-eintreffen kann, doch für kurze Zeit Ihre sonstige
-Ruhe.«</p>
-
-<p>»Ih nun, mit der Einbildungskraft dürfen wir
-am Ende so etwas nicht einmal alleine entschuldigen,«
-meinte kopfschüttelnd der Schulmeister, »Einbildungskraft
-schreiben wir doch sonst schon einem ausgebildeteren
-Geiste zu und dasselbe Gefühl, das Ihnen der
-Herr Verwalter vorhin geschildert, finden Sie nicht
-selten bei dem geringsten Drescher, der sein Hirn den
-ganzen Tag über mit nichts weniger martert, als mit
-Gedanken und Ideen. Ich habe mir nach meiner
-schlichten Weise die Sache immer <em class="ge">so</em> versucht auszulegen:
-etwas Uebernatürliches giebt's doch, das können
-und dürfen wir nicht leugnen, wo das nun &ndash;
-uns versteht sich unbewußt, weil unsere Sinne zu
-grob und rauh sind es zu verstehen und zu erkennen
-&ndash; in unsere Nähe kommt, da läuft uns, wir wissen
-selbst nicht weshalb, eine sogenannte Gänsehaut über
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-den ganzen Leib. Daher kommt auch wahrscheinlich
-die Sage von den <em class="ge">Ahnungen</em>, denn was ich meine,
-ist eben nichts weiter als eine Ahnung überirdischer
-Kräfte.«</p>
-
-<p>»Die wir auch um Gotteswillen nicht ableugnen
-wollen,« sagte die Pastorin und wurde auf einmal
-ganz still und ernst, »ich dächte wir hätten davon ein
-Beispiel in unsrer eignen Familie.«</p>
-
-<p>»In Ihrer eignen Familie?« frug der Verwalter
-rasch.</p>
-
-<p>»Meine Frau bildet sich's wenigstens ein,« meinte
-der Pastor kopfschüttelnd; »die Sache klingt freilich
-ganz abenteuerlich, hat aber sicher eine sehr natürliche
-Lösung.«</p>
-
-<p>»Die aber bis jetzt noch kein Mensch gefunden
-hat,« flüsterte die Frau; »es ist meiner eignen Mutter
-widerfahren, und ich habe es nicht allein aus ihrem
-Munde, sondern auch die Bestätigung, wenn es deren
-überhaupt bedurft hätte, oft von meiner Tante gehört,
-die als Kind dabei gewesen war, und sich der
-einzelnen Umstände noch recht gut erinnerte.«</p>
-
-<p>»Und wären Sie wohl so freundlich, uns die Geschichte
-mitzutheilen?« frug der Verwalter und
-rückte seinen Stuhl etwas näher zum Tisch; »es
-wäre möglich, daß ich durch etwas Aehnliches die
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-Existenz solcher Ahnungen ebenfalls zu bekräftigen
-vermöchte.«</p>
-
-<p>»Die Sache ist einfach genug,« erzählte die Pastorin;
-»wir waren unser drei Geschwister, ich, ein älterer
-Bruder und noch eine jüngere Schwester, und die
-Großmutter vor etwa acht Wochen gestorben, als
-meine Mutter, die sich allerdings damals noch in
-einem sehr aufgeregten Zustande befand, träumte, sie
-schaute am hellen Nachmittag aus dem Fenster. Da
-ging die Hofthür auf und herein kam, in demselben
-Kleide wie sie im Sarg gelegen, ihre Mutter, schritt
-langsam durch den ganzen Hof und stieg dann die
-Leiter hinauf, die zu dem Heuboden führte.</p>
-
-<p>»Wie man nun so im Traume ist, so scheint auch
-meine Mutter gar nichts Außerordentliches in dem
-Wiederkommen der Todten gesehen zu haben, nur
-daß diese, was sie im Leben nie gethan, auf den Heuboden
-stieg, fiel ihr auf. Trotzdem sprach sie kein Wort
-und die Mutter kam denn auch bald wieder zurück und
-hatte ein Heubündel unter dem Arm. Damit stieg sie
-die halbe Leiter hinunter, blieb plötzlich stehen, drehte
-dann wieder um und holte sich noch ein zweites.</p>
-
-<p>»Ei um Gott, Mutter,« rief die Träumende da,
-und streckte die Arme nach ihr aus, »ist denn das eine
-nicht genug?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-»Ja, sagte die Todte und stieg langsam nieder,
-ich bringe Dir das andere wieder zurück« &ndash; und aus
-der Hofthür verschwand sie, wie sie gekommen.</p>
-
-<p>»Mein damals etwa vierzehnjähriger Bruder war
-ein ausgezeichneter Harfenspieler, und übte sich besonders
-in jener Zeit Tag und Nacht; um es zu noch
-immer größerer Fertigkeit zu bringen, hatte er sich
-aber wohl darin übernommen, oder lag der Keim der
-Krankheit schon in ihm, kurz, wenige Tage nach diesem
-Traume wurde er, sonst ein kräftiger, gesunder
-Knabe, krank, und sah sich bald durch das hitzigste
-Nervenfieber auf sein Lager geworfen. Fünf Tage
-später legte ich mich ebenfalls mit demselben Uebel,
-mein Bruder aber starb am neunten Tage, und in dem
-Augenblicke, wo er im Todeszucken lag, rissen plötzlich
-<em class="ge">alle</em> Saiten seiner Harfe. &ndash; <em class="ge">Mich</em> brachte die
-Großmutter wieder &ndash; ich genas nach kurzer Zeit.«</p>
-
-<p>»Die Harfe hat hinter dem Ofen gestanden,« brach
-der Pastor rasch eine feierliche Pause; »das Gestell
-kann sich gezogen haben und da mußten wohl die Saiten
-mit einem Male springen.«</p>
-
-<p>»Die Erklärung mag wohl ganz gut und natürlich
-klingen,« sagte der Schulmeister endlich, »ich sehe
-aber wirklich nicht ein, weshalb wir uns Alles natürlich
-erklären <em class="ge">müssen</em> &ndash; Du lieber Gott, unser Aller
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-Leben ist so arm, so entsetzlich arm an jeder Poesie,
-daß ich denken sollte es hätte sogar etwas Wohlthuendes,
-einmal einen Gegenstand zu finden, den
-man nicht recht begreifen kann. Ich weiß mich noch
-recht gut daran zu erinnern, wie ich als Kind fest und
-heilig glaubte der Storch bringe die Kleinen, und
-das Christkindchen die schönen Sachen zu Weihnachten;
-wie ich mich vor dem Knecht Ruprecht fürchtete
-und die heiligen drei Könige ehrfurchtsvoll anstaunte
-&ndash; und einmal im Theater &ndash; der Abend wird mir
-unvergeßlich bleiben, da sah ich ein Stück, das hieß
-die <em class="ge">Kreuzfahrer</em>, und etwas derartiges war mir
-in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Ich
-weinte und lachte den ganzen Abend und träumte
-ein volles Jahr von weiter nichts, als tapfern edeln
-Rittern, braven Türken, unglücklichen Türkenmädchen
-und bösen Aebtissinnen. Das Stück übte auch
-merkwürdiger Weise einen ganz eigenthümlichen Einfluß
-auf mein künftiges Leben aus; ich schwärmte für
-die altadeligen Geschlechter der tapfern Ritter, und
-bekam einen ordentlichen Haß auf die katholische Religion,
-die den Mißbrauch der Klöster dulden konnte.«</p>
-
-<p>»Jetzt ist das ganz, ganz anders geworden &ndash; ich
-halte die Störche für sehr gewöhnliche Zugvögel, die
-von Fröschen und anderem Zeug leben, und sich
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-keineswegs mit Kindertransport beschäftigen &ndash; den
-sogenannten heiligen Christ habe ich diverse Male
-selbst machen müssen, und deshalb gegründete Ursache
-an seiner Heiligkeit zu zweifeln; ebenso den Knecht
-Ruprecht, wobei ich gleichzeitig und höchst trauriger
-Weise allen Respekt selbst vor den heiligen drei Königen
-verloren; und was das Theater anbetrifft, so
-gaben sie, als ich im vorigen Jahre zum letzten Male
-in Hamburg war, dort zufällig dasselbe Stück und
-die Erinnerung an meine Kindheit trieb mich hinein.
-&ndash; Ich wollte, ich wäre <em class="ge">nicht</em> gegangen, denn als ich
-wieder heraus kam, &ndash; und ich sollte mich eigentlich
-schämen es zu gestehen &ndash; habe ich großer erwachsener
-Kerl geweint, bittere, große Thränen geweint, und
-weshalb? weil ich durch meine Neugierde ein kleines
-Heiligthum muthwillig zerstört hatte, das mein Herz
-seit seiner Jugendzeit in seiner innersten Zelle still
-und heilig genährt &ndash; weil ich das muthwillig und
-mit roher Hand jetzt von mir gerissen sah, was mich
-so viele, viele Jahre mit froher geheimnißvoller
-Lust erfüllt. Die hohen schattigen Palmen, die mir
-bis dahin noch immer vorgeschwebt, schrumpften zu
-Pappdeckeln mit hölzernen Stützen zusammen, &ndash;
-jener Zweikampf, an den ich oft mit stillem Schauder
-zurückgedacht, wurde zu einem gewöhnlichen Hämmern
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-auf Blechschilde, &ndash; der alte ehrwürdige Emir
-&ndash; in der einen Scene fiel ihm der Bart ab, und das
-ganze Publikum lachte, während mir die Thränen in
-die Augen traten &ndash; die fürchterliche Aebtissin &ndash; war
-die Frau meines freundlichen Wirths, eine treffliche
-brave Seele, die sich noch an demselben Nachmittag
-erst so theilnehmend erkundigt hatte, wie es all' den
-Meinigen zu Hause ging &ndash; die Frau konnte unmöglich
-ein Bösewicht sein; und nun erst die Knappen
-und Ritter, die früher einen solchen Eindruck auf mich
-gemacht, &ndash; wie hölzern sie dastanden und wie ungelenk
-&ndash; ach, mein schöner Jugendtraum, wie bös, wie
-häßlich war der zerstört worden, und wie viel besser
-wäre es gewesen, wenn ich <em class="ge">keine</em> natürliche Erklärung
-für all den süßen Zauber gefunden hätte!«</p>
-
-<p>»Es <em class="ge">läßt</em> sich auch nicht Alles natürlich erklären,«
-sagte der Verwalter ernst und stopfte sich dabei langsam
-den hohen Maserkopf mit dem vor ihm liegenden
-Tabak &ndash; »und wenn man's noch so gern erklären
-möchte und wollte. Ich selbst habe zum Beispiel etwas
-erlebt, was so wunderbar und märchenhaft klingt,
-daß ich es selten erzähle &ndash; es glaubt mir's Niemand,
-und es thut mir nachher weh wenn etwas bespöttelt
-wird, das &ndash; heiliger Gott, wie das wieder rast und
-tobt, man sollte glauben, es schüttelte die alte Erde
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-aus den Achsen &ndash; das mir selbst so allgewaltig in's
-Leben gegriffen hat.«</p>
-
-<p>»Sie scheinen mich für einen total Ungläubigen
-zu halten, lieber Verwalter, sagte der Pastor freundlich,
-darin thun Sie mir aber Unrecht, &ndash; das vertrüge
-sich auch nicht einmal mit meiner Stellung, mit
-meiner Religion. Auch von Gott ward uns ja weiter
-nichts, als in sinnbildlichen Uebertragungen eine Ahnung
-seines Wesens, und was Anderes als Ahnung
-einer höhern Welt ist es, wenn uns bei frommen,
-erhebenden Choralgesang die Seele in süßer unbegriffener
-Lust zusammenschauert. Ich glaube an <em class="ge">Ahnungen</em>,
-möchte sie aber nur von den gewöhnlichen
-<em class="ge">Vorbedeutungen</em> geschieden sehen.«</p>
-
-<p>»Vorbedeutungen &ndash; Ahnungen!« &ndash; sagte der
-Verwalter kopfschüttelnd, und hielt dabei den brennenden
-Fidibus auf die Pfeife, ohne jedoch den Blick
-zu erheben, der sich von da an fest und unbeweglich
-in die eine Zimmerecke heftete, »das sind am Ende nur
-immer verschiedene Worte für ein und dieselbe Bedeutung
-&ndash; doch zu meiner Erzählung, aus der sich
-Jeder seinen Schluß selber ziehen mag, denn ich selbst
-kann nichts weiter als die Thatsachen geben. Es war
-nach dem letzten Kriege; &ndash; mein Bruder Carl, ein
-tüchtiger, stattlicher Bursche, hatte sich auch anwerben
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-und später nie wieder etwas von sich hören lassen.
-Bei Leipzig wollten sie ihn zuletzt gesehen haben; bis
-dahin dienten wenigstens Landleute aus demselben
-Ort, in dem nämlichen Regiment mit ihm, und er
-ließ mich auch einmal in einem von den Briefen
-grüßen. Nachher blieb er verschollen und zehn Jahre,
-die ebenfalls verflossen ohne daß ich die mindeste Nachricht
-erhielt, nahmen mir endlich den letzten Zweifel,
-daß er in jener blutigen Schlacht gefallen.«</p>
-
-<p>»Nach dieser Zeit, und als der Friede schon lange
-wieder seine segensreichen Früchte getragen, verwaltete
-ich in der Nähe von Grimma, eine kurze Strecke
-von Leipzig entfernt, ein Gut, schaffte im Juni meine
-Wolle in die Stadt, zum dort gehaltenen Markte,
-verkaufte sie, und schickte, weil ich noch bei Thräna
-einen Freund besuchen wollte, den Wagen von dort
-aus allein voraus. Dort kam das Gespräch, ich weiß
-jetzt selbst eigentlich nicht mehr recht wie, auf die
-frühere Kriegszeit und auf unsere gefallenen Freunde
-und Brüder, wobei ich äußerte, wie schmerzlich es
-doch für die Hinterbliebenen sein müsse, nicht einmal
-zu wissen wo die geliebten Todten begraben lägen
-und ob sie überhaupt ein ehrliches Soldatengrab bekommen
-hätten.«</p>
-
-<p>»Du lieber Gott,« meinte hierauf mein Freund,
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-der dortige Förster, »da ist wohl Mancher Wochen
-lang im lieben Walde liegen geblieben, oder, was
-noch schlimmer ist, mit der ganzen Masse in <em class="ge">eine</em>
-große Grube geworfen, und wie Viele wurden noch
-vorher von den Kosaken und &ndash; anderem Volk &ndash;
-geplündert und gemißhandelt &ndash; ich sage Dir, Bernhard,
-ich habe da schauerliche Dinge mit angesehen.
-Ich erinnere mich noch an einen armen Teufel, dem
-hatten sie drei Kugeln in die Brust geschossen und er
-lebte immer noch. Von den Unsern waren dabei Leute
-hinausgeschickt die Gebliebenen aus dem Wege zu
-schaffen und in ein Loch zu werfen; die, aber natürlich
-bei denen sie noch Leben fanden, die legten sie bei
-Seite bis sie fertig waren, und dann konnten sie gewöhnlich
-bei denen wieder von vorn anfangen. Der
-Verwundete nun, der unter einer Eiche lag, streckte
-die Hand nach mir aus, und bat mich ihm zu helfen
-&ndash; lieber Gott, was konnte ich für ihn thun &ndash; die
-Zunge klebte ihm schon am Gaumen und er brachte
-kein Wort mehr über die Lippen; selbst einen Trunk
-Wasser den ich ihm reichte vermochte er nicht mehr
-hinunterzuschlucken. Während ich ihn noch im Arme
-hielt, holte er seinen letzten Athemzug, und als ich
-ihm die Uniform aufriß, nach seiner Wunde zu sehen,
-fiel er, eine Leiche, zurück. Auf der bloßen Brust fand
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-ich aber einen Ring, den ich zum Andenken mitnahm
-und den armen Teufel dafür draußen am Waldesrand,
-etwa eine Stunde von hier, und nicht weit von
-dort, wo jetzt der Fußpfad in die große Straße einläuft,
-warm und weich in die Erde bettete.«</p>
-
-<p>»So lautete seine Erzählung, und er wollte mir
-den Ring, noch ehe ich fortging, zeigen, bald nachher
-kamen wir aber auf ein anderes Gespräch und vergaßen
-ihn. Gegen Abend endlich &ndash; denn ich hatte nun
-noch volle drei Stunden zu marschiren und der Mond
-ging etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang auf
-&ndash; nahm ich Abschied von meinem Freunde und
-machte mich, nachdem er mir einen nähern Pfad
-durchs Holz gezeigt, auf den Heimweg.«</p>
-
-<p>»Die Sonne sank eben hinter den Wipfeln nieder
-als ich ausmarschirte, und im Walde dämmerte
-es schon; meinen Pfad konnte ich aber nichtsdestoweniger
-deutlich genug erkennen, und schritt rüstig darauf
-vorwärts, bis ich von fern das hellere Licht des
-offenen Feldes durch die Bäume schimmern sah; &ndash;
-bald darauf erreichte ich die äußerste Grenze des Waldes
-und vor mir, vielleicht noch eine Viertelstunde entfernt,
-lief die Chaussee, die sich ganz genau an den
-Pappeln unterscheiden ließ. Ich überflog die ausgedehnte
-Fläche mit meinem Blick, um nach den nächsten
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-Thürmen genau die Stelle bestimmen zu können, wo
-ich mich eigentlich befand, als ich in gar nicht großer
-Entfernung und mitten auf einer kleinen feuchten
-Wiese einen einzelnen Menschen, und als ich näher
-hinsah, einen <em class="ge">Soldaten</em> erkannte, der hier allem
-Anschein nach und mit dem Gewehr im Arme,
-Schildwache stand.«</p>
-
-<p>»Was um des Himmels willen, dachte ich so bei
-mir selber, macht nur der einzelne Posten hier mitten
-auf dem Felde &ndash; die Früchte sind doch noch nicht
-reif, und der Klee &ndash; hm, das muß ein Forstschutz
-sein, &ndash; hat sich aber einen sonderbaren Platz dazu
-gewählt.«</p>
-
-<p>»Der Mann stand still und regungslos und ich
-blieb ebenfalls einen Augenblick stehen und schaute
-nach ihm hinüber &ndash; er rührte sich nicht, und die Uniform
-fiel mir jetzt auf, die er trug. So viel ich in der
-immer zunehmenden Dämmerung erkennen konnte,
-gehörte sie keineswegs nach Sachsen, war auf jeden
-Fall von der sehr verschieden, die ich sonst zum Forstschutz
-verwendet gesehen, und der Tschacko &ndash; ein
-Schauer lief mir unwillkürlich über den Leib, als ich
-zu dem Gesicht des Posten aufschaute &ndash; der Tschacko
-saß in der richtigen Entfernung zu dem Kopf, aber der
-Kopf? &ndash; das matte Licht mußte mich jedenfalls täuschen,
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-denn gerade wo ich stand, konnte ich deutlich
-durch die Stelle durch, wo doch sein Gesicht hätte sein
-müssen, das dahinter durchschimmernde Grün der
-Wiese erkennen.«</p>
-
-<p>»Lächerlich, murmelte ich aber leise vor mich
-hin, &ndash; daher entstehen so viele Geister- und Gespenstergeschichten,
-daß uns irgend ein ungewisser
-Lichtschein oder eine Brechung der Strahlen, ja vielleicht
-der aufsteigende feuchte Dunst der Erde, wunderliche
-Geschichten vorspiegelt, die sich nachher, wenn
-man näher hinzugeht, auf die natürlichste Art von der
-Welt erklären. Wäre jetzt an meiner Stelle irgend ein
-furchtsamer Bauerjunge den Weg gekommen, und
-sein Blick dorthin gefallen, wer weiß, ob er nicht in
-voller Angst und vor lauter Entsetzen die Flucht ergriffen
-und daheim dann erzählt und beschworen hätte, er
-habe auf dem frühern Schlachtfelde einen fremden Soldaten
-ohne Kopf Schildwache stehen sehen &ndash; ich muß nur
-näher hingehen und mich selber davon überzeugen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Gerade dort wo ich mich befand, lief ein nicht
-tiefer Graben am Rand der Holzung hin, den ich
-vorher überspringen mußte, er war übrigens schmal
-und auf der andern Seite desselben führte ein grüner
-Rain in ziemlich genauer Richtung der Stelle zu, wo
-die wunderliche Wache stand. Ohne weiteres Ueberlegen
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-&ndash; denn ich ging nicht einmal viel um, da ich
-von dort aus die Chaussee eben so rasch erreichen
-konnte &ndash; schritt ich jetzt auf den Mann zu und hielt
-dabei, des Wegs nicht weiter achtend, den Blick fest
-und unverwandt auf seine, dunkel gegen das lichter
-dahinter liegende Grün abstechende Gestalt geheftet.
-Das Bandelier zog sich ihm, wie ich deutlich erkennen
-konnte, weiß und hell über die Brust und jetzt
-kam es mir auch vor, als ob die Umrisse seines Kopfes,
-ja seine Gesichtszüge klarer und deutlicher hervorträten.«</p>
-
-<p>»Guten Abend, Kamerad! sagte ich endlich, als
-ich schon in mehr als Rufes Nähe von ihm war &ndash;
-ist ein kühler Posten hier, und abgelegen vom Wald;
-&ndash; weshalb so spät noch draußen? &ndash; wird der Holzdiebstahl
-hier so arg getrieben?«</p>
-
-<p>»Der Soldat antwortete nicht, und ich hätte darauf
-schwören wollen, er sei noch vor wenigen Sekunden
-mitten in der kleinen Wiese gewesen, auf der
-ich mich jetzt befand, und nun stand er doch, wie
-sich gar nicht verkennen ließ, in dem benachbarten
-Sturze, und ein gutes Stück weiter von mir
-entfernt. Wieder überkam mich jenes eigenthümliche
-fröstelnde Gefühl, über das ich mir keine
-Rechenschaft zu geben wußte, doch war ich entschlossen,
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-den wunderlichen Soldaten zum Antworten zu
-bringen, und ging jetzt mit noch schnelleren Schritten
-als vorher auf ihn zu.«</p>
-
-<p>»Sie glauben mir vielleicht nicht wenn ich es
-Ihnen sage, aber dennoch kann ich Sie heilig versichern,
-daß ich nicht im Stande war den Schattenmann
-zu erreichen &ndash; deutlich genug sah ich ihn vor
-mir, und wenn er auch kein Glied regte, weder Fuß
-noch Arm, dennoch rückte er aus einem Feld in's andere
-und es blieb mir zuletzt gar kein Zweifel mehr,
-daß ich es mit einem keineswegs körperlichen Wesen
-zu thun hatte.«</p>
-
-<p>»Und konnte das ein Gebild meiner erregten
-Phantasie sein? &ndash; war es möglich, daß ich die Conturen
-der jetzt, trotz der Dämmerung immer noch genau
-erkennbaren Gestalt nur träume oder denke? Ich
-blieb plötzlich stehen und hielt den Blick fest und unverwandt
-auf die Figur geheftet. Da verschwammen
-die Umrisse mehr und mehr mit dem, jetzt dunkel dahinter
-lagernden Feld &ndash; zuerst verschwand der
-Tschacko &ndash; die Uniform &ndash; ich sah nur noch das
-blitzende Gewehr, das Bandelier, die helleren Beinkleider
-&ndash; auch diese wurden immer undeutlicher &ndash;
-das Alles zog sich wie ein leichter, wehender Nebel
-in den feuchten Grund &ndash; der Körper, wenn es überhaupt
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-ein Körper gewesen, lief flüssig, in luftigen
-Hauchen aus einander, und zuletzt war gar nichts
-mehr zu erkennen. &ndash; Doch nein, das weiße Bandelier
-stach noch immer scharf und klar gegen den
-düstern Hintergrund ab &ndash; ich konnte deutlich die
-Kappe sehen, in der das Seitengewehr hing. &ndash; War
-denn auch <em class="ge">das</em> Täuschung? &ndash; wenigstens davon
-wollte ich mich noch überzeugen, denn wenn ich auch
-unbeweglich wohl zehn Minuten auf meiner Stelle
-stehen blieb, der Schein des Bandeliers regte sich
-ebenso wenig, und hing, wie es fast aussah, von
-einer unsichtbaren Gewalt getragen, in der Luft.«</p>
-
-<p>»Je näher ich kam, desto deutlicher ließ es sich
-unterscheiden, und schon stand ich, kaum noch fünf
-Schritt davon entfernt, als ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Herr Gott &ndash; was war das?« rief die Frau plötzlich
-und fuhr erschreckt auf &ndash; der Verwalter schwieg
-und selbst der Pastor warf einen flüchtig scheuen Blick
-im Zimmer umher.</p>
-
-<p>»Was hast Du denn?« sagte er dann und versuchte zu
-lächeln, &ndash; »Du jagst Einem ja ordentlich Schreck ein.«</p>
-
-<p>»Hörtest Du nichts? sagte die Frau und sah
-leichenblaß aus, &ndash; mir war es, als ob Jemand um
-Hülfe schrie&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Die erregte Einbildungskraft,« beruhigte sie der
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-Schulmeister, »wir haben Alle ein gutes Gehör, Frau
-Pastorin, verlassen Sie sich darauf, hätte wirklich
-Jemand gerufen, es wäre uns nicht entgangen &ndash; die
-Erzählung hat Ihre Nerven aufgereizt, das unbedeutendste
-Geräusch erschreckt uns dann; &ndash; bitte, Herr
-Verwalter, fahren Sie fort.«</p>
-
-<p>Der Pastor war aufgestanden und wischte mit
-seinem Taschentuch den Hauch von dem Fenster, um
-hinaussehen zu können; bei dem augenblicklichen
-Schweigen hörten sie, wie der Regen polternd gegen
-die Scheiben klapperte, und draußen auf dem gepflasterten
-Hofe laut und klatschend aufschlug. Der Verwalter,
-welcher während der ganzen Unterbrechung &ndash;
-die übrigens nicht so lange gedauert als ich hier gebraucht
-sie zu beschreiben &ndash; seine Stellung kaum so
-weit verändert, daß er bei dem ersten Ruf den Kopf
-etwas erhob, jetzt aber wieder eben so still und in
-seinen Gedanken verloren in dieselbe Ecke starrte als
-vorhin, fuhr augenscheinlich mehr mit sich selbst sprechend,
-wie zu den Andern gewandt, mit leiserer
-Stimme als vorher also fort:</p>
-
-<p>»Fünf Schritt mochte ich noch davon entfernt sein,
-als ich erst in diesem hellen Bandelier weiter nichts wie
-&ndash; einen einfachen Streifen weißen Sandes erkannte,
-der sich hier, von dunkler Erde und hohem Grase umgeben,
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-vielleicht zwei Schritt lang auf dem Boden
-herzog. Aber &ndash; ich berührte ihn mit dem Fuße &ndash;
-die Stelle war erhöht, selbst das immer mehr schwindende
-Licht warf noch seinen letzten düstern Schein
-über den kleinen flachen Hügel. &ndash; Es war ein <em class="ge">Grab</em>
-und hier unten &ndash; wie mit einem elektrischen Schlage
-durchzuckte es meinen ganzen Körper &ndash; viele Minuten
-stand ich, meiner selbst kaum mächtig, auf der
-einsamen Stelle. &ndash; Plötzlich &ndash; ich konnte mir im
-Anfang nicht einmal Rechenschaft darüber geben &ndash;
-raffte ich mich empor und floh, so schnell mich meine
-Füße trugen, zu meinem Freund, dem Förster zurück.«</p>
-
-<p>»Der Ring, der Ring &ndash; das war der einzige Gedanke,
-den ich mit Bewußtsein festhalten konnte &ndash; der
-Ring des todten Soldaten, und bleich und athemlos erreichte
-ich bald darauf sein Haus wieder. Er erschrak,
-als er mich in diesem Zustande sah, &ndash; er wollte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Verwalter schwieg plötzlich, stand auf, ging zum
-Fenster und trat von diesem wieder zum Tisch zurück.</p>
-
-<p>»Und der Ring?« frugen der Pastor und Schulmeister
-gespannt.</p>
-
-<p>»Weshalb soll ich Sie noch länger mit der genauern
-Mittheilung quälen,« erwiederte der Verwalter
-mit augenscheinlich erzwungener Ruhe &ndash; »der Ring
-war wirklich der meines Bruders &ndash; und jenes Grab
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-&ndash; <em class="ge">sein</em> Grab. Was jene Erscheinung betrifft, so
-weiß nur Gott, ob sie ein Spiel meiner Phantasie
-gewesen; doch einerlei, Sie werden begreifen daß ich
-seit jener Zeit alle Ursache hatte, wenigstens an
-<em class="ge">Ahnungen</em> zu glauben, wenn ich <em class="ge">das</em> überhaupt
-mit diesem Namen belegen darf. &ndash; Aber es wird
-spät, Herr Pastor &ndash; Sie wollen wohl auch zu Bette
-gehen &ndash; es ist lange Schlafenszeit, und ich habe
-noch eine kleine Strecke zu marschiren.«</p>
-
-<p>»Sie können doch wahrlich bei dem Wetter nicht
-fort? sagte der Pastor rasch, &ndash; es pfeift und heult
-ja noch draußen um die Kirche herum, als wenn es
-das alte Gebäude mit der Wurzel aus dem Erdboden
-zu reißen gedächte &ndash; bleiben Sie die Nacht bei uns,
-das Fremdenstübchen steht bereit, und Sie wissen, es
-macht auch nicht die mindesten Umstände.«</p>
-
-<p>»Danke &ndash; danke herzlich, sagte der Verwalter
-und verbeugte sich leise, &ndash; es geht aber doch nicht;
-erstlich ist es kaum einen Büchsenschuß weit bis an's
-Gut und dann muß ich auch morgen früh schon
-wieder bei der Hand sein, und möchte überdies nicht
-gern gerade in solcher Nacht das Gut ohne Aufsicht
-lassen &ndash; es ist besser ich bin bei der Hand wenn
-etwas vorfällt. Gehen Sie mit, Schulmeister?«</p>
-
-<p>»Nicht Ihren Weg, ich gehe durch's Hinterpförtchen
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-und habe dann nur einen Sprung bis in mein
-Haus.«</p>
-
-<p>Der Verwalter knöpfte sich seine grüne Pekesche
-bis oben hinan zu, klappte den Kragen auf, band sich
-noch zur Vorsicht sein Taschentuch über diesen um den
-Hals, griff nach Mütze und Hacke, schüttelte Allen
-herzlich die Hand und verließ, ohne zu gestatten, daß
-ihm Jemand hinunter leuchte, rasch das Zimmer.</p>
-
-<p>Die drei Leute blieben, als sein Schritt schon
-lange auf der Treppe verklungen war, noch wohl
-mehrere Minuten beisammen stehen, und es sah fast
-so aus, als ob Keiner gern das Schweigen zuerst
-brechen wollte. Endlich sagte des Pastors Frau mit
-einem recht aus tiefster Brust heraufgeholten
-Seufzer:</p>
-
-<p>»Ich wollte, der Verwalter hätte die häßliche Geschichte
-nicht erzählt &ndash; ich weiß nicht &ndash; mir wurde
-so unheimlich dabei &ndash; und er blieb auch so still und
-ernsthaft, als ob das Alles wirklich geschehen, und
-der Geist seines Bruders ihm leibhaft erschienen
-wäre &ndash; so deutlich und sichtbar steht doch die Geisterwelt
-auf keinem Fall mit der unsern in Verbindung,
-und man sollte daher auch so etwas nicht so lebendig
-und ernsthaft den Leuten ausmalen.«</p>
-
-<p>»Auch das läßt sich vielleicht natürlich erklären,«
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-sagte der Pastor, mehr wie es schien seiner Frau zur
-Beruhigung, als weil er selbst wohl das wirklich
-glaubte was er jetzt sagte, &ndash; »die Erzählung jenes
-Försters hatte ihn sehr wahrscheinlich aufgeregt, und
-er dachte an den Bruder &ndash; dachte wohl gar, wenn
-<em class="ge">der</em> jener fremde Mann gewesen, dessen Grab da so
-ganz in der Nähe sein sollte. Dämmerung war es
-ebenfalls, die dunkeln Abendschatten geben oft einem
-Strauch, einem Rain, ja einem vor uns hineinlaufenden
-Wagengleis die wunderlichste Gestalt &ndash; läßt es
-sich da nicht denken daß er, besonders noch von dem
-weißen schimmernden Sand angelockt, zufällig den
-kleinen Hügel fand und später die Bestätigung dessen
-erhielt was er geahnt?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Geahnt &ndash; und da wären wir wieder auf dem
-alten Punkt« &ndash; fiel hier kopfschüttelnd der Schulmeister
-ein; »die Ahnung kommt zuerst, macht uns
-unbehaglich, und die Imagination muß nachher dem
-Ganzen die Krone aufsetzen; 's&nbsp;ist ein wunderliches
-Ding um den menschlichen Geist, aus heiler Haut,
-mit all seiner gerühmten Festigkeit und Consequenz
-läßt er sich herauslügen und außer Fassung bringen,
-und das ganze Nervensystem erbebt nachher, wenn
-draußen nur etwa ein Besen in der Ecke umfällt,
-oder die Katze von einem Stuhl herunter springt
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-&ndash; ganze Bücher ließen sich schreiben über den
-Unsinn.«</p>
-
-<p>»Unsinn, Schulmeister? &ndash; wiederholte die Frau
-und sah ihn verwundert an. Sie sagten doch selbst
-erst daß Sie an Ahnungen glaubten. Doch, wie dem
-auch sei, ich halte es für Unrecht, und noch dazu in
-solch wilder Nacht, die Einbildungskraft förmlich
-muthwillig aufzuregen &ndash; ich glaube ich könnte mich
-jetzt vor meinem eignen Schatten fürchten, und mag
-mich gar nicht einmal danach umsehen &ndash; Frauen
-sind doch recht ängstliche, nervenschwache Wesen.«</p>
-
-<p>»Ach, nicht Frauen allein,« meinte der Schulmeister
-lächelnd, während er ebenfalls nach seinem Käpsel
-griff und den, schon vor Anfang des Regens zur
-Vorsorge mitgenommenen dicken, rothbaumwollenen
-Regenschirm aus der Ecke holte, »Zeit und Umstände
-müssen das ihrige dazu beitragen und der stärkste
-Mann ist vor demselben Gefühl &ndash; und dann noch
-dazu in weit erhöhtem Maße &ndash; nicht sicher.«</p>
-
-<p>»Wenn er überhaupt ängstlichen Gemüths ist,«
-sagte der Pastor.</p>
-
-<p>»Aengstlichen Gemüths oder nicht &ndash; seine
-schwache Stelle, seine Achillesferse hat ein Jeder, und
-wird die getroffen, so greift es nachher gerade den
-stärksten Mann auch am stärksten und gewaltigsten
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-an. Sie kennen doch gewiß die Geschichte mit dem
-Spiegel&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die beiden Gatten verneinten es.</p>
-
-<p>»Hm, sagte der Schulmeister, denn weiß ich auch
-nicht, ob ich's heute Abend nicht lieber lasse &ndash; Sie
-sind gerade erregt genug&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ach, heraus damit &ndash; in solcher Stimmung ist
-man am empfänglichsten dafür, und schlimmer kann's
-bei meiner Alten doch nicht werden,« meinte der
-Pastor.</p>
-
-<p>»Ach Gott ja &ndash; erzählen Sie nur,« bestätigte dies
-mit einem tiefen Seufzer die Frau, &ndash; »es kommt jetzt
-auf das eine mehr oder weniger nicht mehr an &ndash; ich
-fürchte mich doch heute Abend &ndash; Sie sprachen von
-einem Spiegel.«</p>
-
-<p>»Nun, ich meine das Hineinsehen in einen
-Spiegel, Abends, wenn man ganz allein ist,« begann
-der Schulmeister und stützte sich auf die Lehne des ihm
-nächsten Stuhles. »Es wird nämlich, wie Sie gewiß auch
-schon gehört haben, behauptet, man könne oder dürfe
-vielmehr in stiller Nacht und in einem einsamen Zimmer
-nicht mit einem Licht in jeder Hand langsam und dicht
-vor den Spiegel treten, dort dreimal mit lauter
-Stimme seinen eignen Namen rufen und dann laut
-und schallend auflachen. Thäte man das und riefe sich
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-besonders nachher noch einmal, so passire irgend
-etwas Entsetzliches, ich glaube die eigene Gestalt soll
-mit schauerlich verzerrtem Gesicht aus dem Spiegel
-heraussteigen.«</p>
-
-<p>Die Frau warf einen scheuen Blick nach dem
-Spiegel und strich sich rasch mit der Hand über die
-eigne Stirn.</p>
-
-<p>»Die Geschichte nun, die mir darüber erzählt
-wurde,« fuhr der Schulmeister fort, »ist sehr kurz, und
-betrifft einen Husarenlieutenant, also doch allem Vermuthen
-nach einen kräftigen, keineswegs nervenschwachen
-Menschen. Die jungen Leute waren in einer
-fröhlichen Gesellschaft von Herren und Damen gewesen
-und dort, eben so wie wir heute, auf Geister- und
-Gespenstergeschichten gekommen. Ein Wort gab das
-andere, und allerlei tolle Vorschläge wurden endlich,
-wahrscheinlich mehr um die Damen zu ängstigen, als
-sie wirklich auszuführen, gemacht; die Einen wollten
-um zwölf Uhr auf den Kirchhof gehen und dort um
-ein frisches Grab tanzen &ndash; die Andern in der Kirche
-selber eine Nacht allein bleiben, bis endlich irgend
-Jemand von der Gesellschaft das Experiment mit dem
-Spiegel in Anregung brachte.«</p>
-
-<p>»Der junge Lieutenant erbot sich augenblicklich
-dazu und die Dame vom Hause, die wahrscheinlich
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-glaubte, der junge Herr bramarbasire blos, sagte
-scherzend, damit ließe sich der Versuch ganz vortrefflich
-in ihrer eignen Wohnung machen. Im Gartenhause
-sei ein ganz einsam gelegener großer Saal mit zwei
-mächtigen Spiegeln, der seit längerer Zeit unbenutzt
-stehe &ndash; sie habe den Schlüssel dazu und wenn der
-Herr Lieutenant Lust hätte, könne er seine Wanderung
-gleich antreten. Ein allgemeiner Jubel unterbrach
-sie hier und der Husar durfte schon nicht mehr
-zurück, wenn er es wirklich gewünscht hätte. Allerdings
-erschrak die Dame, als sie sah daß es plötzlich
-Ernst wurde, und machte nun allerlei Ausflüchte; der
-Lieutenant bestand aber jetzt selbst darauf, gab sein
-Ehrenwort, daß er die vorbeschriebenen Bedingungen
-genau erfüllen wolle, und verließ mit einem Bedienten,
-der ihm Lichter und Feuerzeug nachtragen mußte,
-das Zimmer. Den Bedienten wollte er, an Ort und
-Stelle angelangt, zurückschicken.«</p>
-
-<p>»Die Gäste wären allerdings gar zu gern mitgegangen,
-Einsamkeit war ja aber die Hauptbedingniß
-des ganzen Versuchs, und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit
-erwarteten sie die Rückkehr des Offiziers
-&ndash; jedes Gespräch schien abgeschnitten &ndash; jede Unterhaltung
-stockte und eine halbe Stunde mochte so in
-peinlichster Weise verstrichen sein, als der mitgegebene
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-Diener plötzlich todtenbleich in's Zimmer stürzte
-und die, jetzt kaum minder entsetzten Gäste zu Hülfe
-rief. Ein Paar Damen wurden richtig ohnmächtig,
-die Herren aber, die sich ja auch in ihrer Masse gesichert
-fühlten, stürmten, da ihnen der Bediente weiter
-gar keine Rede stehen wollte, von diesem geführt
-durch den Garten, in dessen Saal sie bleich und besinnunglos
-den unglücklichen jungen Menschen zwischen
-den beiden sich gegenüber befindlichen Spiegeln
-am Boden liegen fanden.«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Was</em> er gesehen &ndash; was ihm begegnet, hat man
-nie genau erfahren können, der Bediente hatte allerdings
-draußen an der Thüre des Gartensaales gehorcht,
-und wollte den jungen Mann, als er sich eine
-kurze Weile dort befunden, laut haben lachen hören,
-dann aber &ndash; und der Mann glich selber mehr einem
-Todten als einem Lebenden &ndash; schwur er Stein und
-Bein, es sei ihm so vorgekommen, als ob es von allen
-Seiten von oben und unten geantwortet hätte, gleich
-darauf gellte ein fürchterlicher Schrei heraus, und als
-dann Alles todtenstill geworden war, und er selbst in
-Furcht und Entsetzen viele Minuten lang athemlos
-gelauscht, da hielt er es nicht länger aus, riß die
-Thür auf und sah den Lieutenant ausgestreckt auf der
-Erde liegen. Weiter wußte er selber nichts, denn hierauf
-<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-stürzte er spornstreichs in die Gesellschaft zurück,
-um Hülfe herbeizuholen.«</p>
-
-<p>»Und der Lieutenant war todt?« frug der Pastor
-gespannt.</p>
-
-<p>»Nein &ndash; nur wahnsinnig;« sagte der Schulmeister
-&ndash; »aber es ist wahrhaftig schon zehn Uhr vorbei &ndash;
-wünsche beiderseits eine gute Nacht &ndash; Bitte Barrenkamp
-&ndash; ich dächte, ich sollte die Treppen hier kennen
-&ndash; das Mädchen kommt auch gerade unten mit ihrem
-Lichte aus der Küche, die kann das Haus hinter mir
-wieder zuschließen.«</p>
-
-<p>Und der Schulmeister verschwand, während die
-Eheleute allein in dem nur matt erhellten Gemach zurückblieben.</p>
-
-<p>»Nun, <em class="ge">die</em> Geschichte hat mir heute noch gefehlt,
-sagte die Pastorin, und räumte, wie nur um sich eine
-Beschäftigung zu machen, das auf dem Tische stehende
-Geschirr zusammen &ndash; <em class="ge">nur</em> wahnsinnig &ndash; das ist ja
-fürchterlich. Die Leute hatten aber auch gefrevelt, so
-etwas darf man sich nicht zu Schulden kommen lassen
-&ndash; Herr Du mein Gott!« rief sie plötzlich, und als sie
-die Tassen, die sie in der Hand hielt, wieder auf den
-Tisch setzen wollte, fiel ihr eine herunter und zerbrach
-klirrend am Boden.</p>
-
-<p>»Was hast Du denn?« fragte der Pastor und
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-drehte sich rasch und erschrocken nach ihr um &ndash; sie sah
-todtenbleich aus und horchte mit der gespanntesten
-Aufmerksamkeit nach dem Fenster hinüber. Nichts aber
-als das Unwetter draußen ließ sich vernehmen, der
-Regen schien etwas nachgelassen zu haben, und die
-Wolken schüttelten sich nur noch, nach dem langen
-verzweifelten Kampf, ungeduldig und unwirrisch das
-Wasser aus den nassen Jacken.</p>
-
-<p>»Das war wieder derselbe Hülferuf,« flüsterte die
-Frau &ndash; »derselbe Ton und &ndash; Heinrich &ndash; soll mir
-der Herr in meiner letzten Noth beistehen &ndash; er klang
-gerade wie meines Vaters Stimme.«</p>
-
-<p>Sie barg das Gesicht in den Händen und schauderte
-am ganzen Körper zusammen.</p>
-
-<p>»Unsinn!« sagte der Mann und rückte sich ärgerlich
-die schwarze Kappe auf das linke Ohr, &ndash; »Unsinn &ndash;
-die dummen Erzählungen haben Dich aufgeregt und
-Du fängst mir am Ende auch noch heute Abend an
-Gespenster zu sehen und zu hören. Wir wollen zu
-Bette gehen &ndash; es ist Schlafenszeit und morgen, mit
-dem hellen Tageslicht werden Dir schon alle die trüben
-und ängstlichen Gedanken vergehen. Habe ich
-nicht recht, Elise? &ndash; aber was fehlt Dir auf einmal,
-was hast Du?«</p>
-
-<p>Die Frau blieb, als ob sie die Worte gar nicht
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-gehört, in ihrer Stellung, nur die zitternde Gestalt
-verrieth ihre Aufregung und ihr leises Schluchzen,
-wie die einzelnen, zwischen den fest zusammengepreßten
-Fingern vorquellenden Thränen kündeten, daß
-etwas ganz Absonderliches in ihrem Herzen vorgehen
-müsse.</p>
-
-<p>»Elise,« &ndash; sagte der Mann nach kurzer Pause,
-während er leise der Gattin Hand ergriff und diese
-von ihren Augen wegzuziehen suchte &ndash; »bist Du nicht
-wie ein närrisches Kind, das sich von ein Paar thörichten
-Geistergeschichten in Furcht und Schrecken
-setzen läßt, und nachher nicht mehr allein über den
-dunkeln Vorsaal gehen, oder leiden will, daß die
-Magd das Zimmer verläßt? &ndash; Du kennst doch den
-alten Verwalter, weißt doch, was er fortwährend für
-abenteuerliche Märchen erlebt haben will. Wie haben
-wir nicht erst noch neulich über ihn gelacht, als er
-uns die Geschichte von den zwei feindlichen Irrlichtern
-erzählte, und wie böse wurde er darüber; und was
-das andere betrifft, wo&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das meine ich nicht,« sagte die Frau leise und fast
-mehr mit sich selbst, als mit ihrem Manne redend &ndash;
-»der Verwalter kann sich geirrt haben, und die Spiegelgeschichte
-ist wohl fürchterlich genug, läßt sich aber
-vielleicht natürlich erklären; nein, <em class="ge">mir</em> bewegt Anderes
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-die Brust. &ndash; Der Schulmeister hat ganz recht &ndash;
-es giebt übernatürliche Kräfte &ndash; es muß sie geben,
-denn wo wir wissen daß der kleinste Wassertropfen
-von unzähligen Geschöpfen belebt und bewohnt wird,
-wie dürfen wir da annehmen, die ungeheuern Luft-
-und Aetherräume umschlössen frei und leer das ganze
-Weltall. &ndash; Nein, das ist nicht möglich; um uns
-her, über uns, neben uns regt es sich und treibt und
-wirkt &ndash; die uns fernstehenden Gebilde berühren uns
-aber nicht; unsere Nerven sind nicht fein genug ihre
-Nähe zu empfinden, oder ihre Kräfte &ndash; mir fehlt der
-Ausdruck Dir genau zu beschreiben wie ich es mir
-denke &ndash; ihre Kräfte üben nicht einen solchen harmonischen
-&ndash; vielleicht magnetischen Einfluß auf die unseren
-aus, um uns zum Bewußtsein ihrer Annäherung
-zu bringen. &ndash; Das dauert aber nur so lange, bis
-wirklich einmal ein uns verwandter Geist unseren eigenen
-Luftkreis berührt, oder durch die Stärke seines
-Willens, seiner Seele, zu uns hingetrieben wird &ndash;
-dann ergreift er aber auch all die feinsten Fasern unseres
-innersten Systems und die <em class="ge">Ahnung</em> desselben,
-vielleicht auch nur das <em class="ge">Bewußtsein</em> dieses Gefühls
-entsteht und macht sie geltend&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber ich begreife Dich nicht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Es ist heute der dritte Abend,« fuhr seine Frau,
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-den Einwurf nicht weiter beachtend, fort &ndash; »daß ich
-dieselbe ängstliche Unruhe fühle wie heute &ndash; nur
-nicht so stark. Am ersten Abend erhielt ich, wie Du
-weißt, gerade vor Schlafengehen, den Brief von zu
-Hause &ndash; worin mir Mutter von des Vaters Krankheit
-schrieb.«</p>
-
-<p>»Ein etwas hartnäckiger Katharr, wie sie selbst
-sagte, der sich bis jetzt schon wahrscheinlich wieder
-vollkommen gehoben hat.«</p>
-
-<p>»Kein Katharr, Heinrich, &ndash; die Sache ist schlimmer
-als sie es mir sogleich schreiben mochte &ndash; weshalb
-den Brief eilig gemacht &ndash; weshalb nun das
-Schweigen? &ndash; Mit dem jetzigen Lauf der Eisenbahn
-könnte Nachricht in neun Stunden hier sein.«</p>
-
-<p>»Komm Kind, erwiederte ihr lächelnd der Mann,
-&ndash; geh jetzt zu Bett, und morgen früh wollen wir
-ruhig über die Sache reden; Du phantasirst heute
-Abend, und da ist's besser Du überschläfst erst einmal
-die Gedanken, die das Sonnenlicht ohnedies nicht
-gut vertragen können. Doch sieh, der Wind hat den
-Himmel endlich rein gefegt, und der Mond scheint
-ordentlich freundlich in's Fenster herein, wenn sich der
-Sturm erst ein Bischen legt, bekommen wir vielleicht
-das schönste Wetter &ndash; komm Kleine &ndash; heb' das
-Köpfchen wieder und sei mein braves Weib &ndash; Du
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-wirst Dich doch wahrlich nicht vor Spukgeschichten
-fürchten?«</p>
-
-<p>»Nein, nicht vor Spukgeschichten, Heinrich,«
-flüsterte die Frau und starrte dabei mit festem glanzlosen
-Blick in die Ecke des Gemachs, das von der
-immer düsterer brennenden Lampe kaum noch hinlänglich
-beleuchtet wurde, &ndash; »gewiß nicht vor denen, ich
-habe schon fast wieder vergessen was der Verwalter
-und Schulmeister erzählten, aber &ndash; in mir selbst
-fühle ich daß, und zwar in diesem Augenblicke,
-irgend etwas bei den Meinigen vorgeht. Ich kann, so
-viel ich auch dagegen ankämpfe, das Bild meines
-Vaters nicht aus dem Sinn verlieren. &ndash; Fortwährend
-sehe ich ihn, bleichen, gramvollen Angesichts, in
-dem grünen Schlafrock mit dem dunkeln Käppchen
-vor mir auf- und abgehen und mit dem stählernen
-Uhrbehänge spielen, &ndash; was er nur that, wenn er
-krank oder leidend war &ndash; so deutlich höre ich dabei
-das leise klimpernde Geräusch, daß ich mich heute
-schon mehrmals im Zimmer umgeschaut habe, ob
-nicht irgend etwas die Ursache desselben wäre, aber
-es liegt mir allein im Ohr &ndash; Du &ndash; Ihr Anderen
-habt nie etwas davon vernommen.«</p>
-
-<p>»Du bist heute aufgeregt, Kind, das ist die ganze
-Sache, beruhigte sie der Mann, komm, laß uns zu Bett
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-gehen, es wird spät und ich bin müde &ndash; die Lampe
-scheint überdies kein Oel mehr zu haben; sie will
-ausgehen.«</p>
-
-<p>Ein leiser, winselnder Ton, der fast wie ein ferner
-Hülferuf klang, wurde in diesem Augenblicke laut &ndash;
-man konnte nicht recht unterscheiden, ob er vom Hofe,
-oder aus dem Hause selbst herauf, erschalle &ndash; der
-Wind brauste und rauschte auch noch zu sehr in der
-dicht neben dem Gebäude stehenden Linde, und heulte
-im Schornstein auf und nieder. Die Lampe verlöschte
-in diesem Augenblick und der Pastor, der jetzt selbst,
-durch die Furcht der Frau vielleicht angesteckt, ein gewisses
-unheimliches Gefühl nicht ganz unterdrücken
-konnte, war eben im Begriff, in die daran stoßende Schlafstube
-zu treten, um von dort her einen kleinen, neben
-dem Feuerzeug stehenden Wachsstock zu holen, als die
-Gattin hastig und krampfhaft seinen Arm ergriff, und
-mit von innerer Angst fast erstickter Stimme, während
-sie die rechte zitternde Hand nach der andern Thüre
-ausstreckte, flüsterte:</p>
-
-<p>»Sieh, &ndash; sieh dort!«</p>
-
-<p>Der Pastor stand mit seiner Frau nahe der
-Schlafkammerthür und noch im Schatten der Wand,
-in dem jetzt dunkeln Zimmer, während ein einzelner
-Mondenstrahl in das obere Fenster und auf die gegenüber
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-liegenden Treppenthür fiel; aber auch durch eine
-dünne Gardine so weit gemäßigt wurde, die Gegenstände,
-die er beleuchtete, nur undeutlich und unbestimmt
-erkennen zu lassen. Nichtsdestoweniger sahen
-die Gatten ganz genau, wenn sie auch nicht das mindeste
-Geräusch der sonst gewöhnlich kreischenden Thüre
-hörten, wie sich die blanke Klinke langsam bewegte
-und anscheinend von selber aufdrückte &ndash; gleich darauf
-öffnete sich eben so feierlich die Thür, und herein trat
-mit geräuschlosem Tritt eine Gestalt, die das Blut in
-Beider Adern stocken machte &ndash; der grüne Schlafrock,
-das schwarze Käppchen &ndash; die hohe, bleiche Figur &ndash;
-die Pastorin stand mit fast aus ihren Höhlen starrenden
-Augen, mit halbgeöffneten Lippen &ndash; mit noch
-immer zeigend und zugleich abwehrend ausgestrecktem
-Arme da, und selbst der Mann blieb überrascht &ndash;
-bestürzt vor dem, was seine eigenen Augen sahen und
-nicht ableugnen <em class="ge">konnten</em> &ndash; in der einmal genommenen
-Stellung.</p>
-
-<p>Im nächsten Moment glitt die Erscheinung, sonst
-regungslos, langsam in den dunkeln Theil des Zimmers
-und ein klimperndes Geräusch wurde laut, wie
-von Stahl an Stahl. Der Pastor fühlte, wie sich
-sein Weib an seinen Arm klammerte und selbst von
-einem ihm unerklärlichen Entsetzen gefaßt, wußte er
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-kaum ob er stehen bleiben, ob vorspringen sollte.
-Da ließ der Druck an seinem Arme nach und die Frau
-wäre zu Boden gestürzt, hätte er sie nicht rasch umfaßt
-und gehalten.</p>
-
-<p>Als er sich wieder nach der Erscheinung umdrehte,
-war diese verschwunden, und der Mond schien freundlich
-in das stille &ndash; leere Gemach.</p>
-
-<p>Der Pastor trug die ohnmächtig gewordene Frau
-auf ihr Bett, und sprang dann mit dem rasch entzündeten
-Lichte durch sein Zimmer, &ndash; riß die Thür auf,
-eilte die Treppe hinunter, durch alle Gänge, faßte an
-alle Klinken, fand selbst das Hausthor verschlossen
-und pochte vergebens an des Küsters Stube an; der
-alte Mann lag schon lange in tiefem Schlaf und
-hörte ihn nicht. &ndash; Es war Alles so still, so unheimlich;
-auf den Gängen rauschte und flüsterte es, wie
-mit schleppenden Gewändern zog's Trepp auf und ab
-&ndash; den sonst unerschrockenen Mann faßte ein Schauder
-an, und mit Gewalt mußte er das Gefühl, das
-ihm die Brust zusammen zu schnüren drohte, von sich
-werfen.</p>
-
-<p>»Der Wind, &ndash; der Wind!« murmelte er, wie
-um sich selbst zu beruhigen dabei leise vor sich hin,
-und floh mehr als er ging, die Treppe wieder hinauf.
-Dort aber raffte er sich gewaltsam zusammen,
-<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-betrat zuerst das Zimmer seiner Frau, um dieser beizustehen,
-stieg dann hinauf wo ihre Magd schlief,
-weckte sie und gab ihr die nöthigen Aufträge, was sie
-zu besorgen habe. Dann untersuchte er noch einmal
-alle Laden und Thüren, ging sogar über den Hof, um
-zu sehen ob das Hofthor verschlossen wäre, und that
-überhaupt Alles, was er nur mit ruhigster, kältester
-Besonnenheit hätte thun können; aber es geschah eben
-nicht mit kalter Besonnenheit, &ndash; wie ein Nachtwandelnder,
-mit bleichem Gesicht und glanzlosem Auge
-schritt er von Ort zu Ort, und die Bewegungen seines
-Körpers glichen eher denen eines künstlichen Automaten,
-als denen eines wirklichen, selbstbewußten
-Menschen.</p>
-
-<p>Sobald der Morgen dämmerte und seine Frau in
-einen ruhigen stärkenden Schlaf verfallen war, schloß
-er sich in sein Zimmer ein, schrieb dort den ganzen
-Vormittag und siegelte mehrere Pakete und Schriften
-ein. Selbst zum Mittagsessen blieb er nicht vorn und
-sah nur einmal nach der Kranken, ob sich diese von
-den Vorfällen der letzten Nacht in etwas erholt habe.</p>
-
-<p>Nachmittags klopfte es an sein Zimmer, und als
-er den Riegel zurückschob, reichte ihm der draußen
-stehende Postbote einen Brief. &ndash; Er riß ihn auf, sah
-nach der Unterschrift &ndash; er war von seiner Schwägerin
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-Regine &ndash; und las mit flimmernden Augen, während
-das Schreiben in seiner Hand zitterte und er die
-Züge kaum erkennen konnte, folgende in flüchtiger
-Eile niedergeworfenen Zeilen:</p>
-
-<p class="ci pl2">»Lieber Schwager.</p>
-
-<p class="ci in1">Gott hat uns gestern Abend auf schwere, entsetzliche
-Weise heimgesucht. Zwischen zehn und halb eilf
-Uhr starb, wahrscheinlich an einem Blutschlage, mein
-armer Vater. Theilen Sie Elisen die Schreckenskunde
-vorsichtig mit &ndash; ach, sein letzter, sehnsüchtiger
-Wunsch war ja, <em class="ge">sie</em> noch einmal vor seinem Ende zu
-sehen. Wenn es möglich ist kommen Sie her; Elise
-wird aber Ihre Gegenwart gerade jetzt wohl schwerlich
-entbehren können. Ich schreibe in der Nacht, und
-will den Brief noch vor dem Abgange eines Bahnzuges
-an einen Conducteur zur Beförderung schicken,
-daß er Sie wo möglich heute noch erreicht. Trösten
-Sie meine arme Schwester.</p>
-
-<p class="ci pl2">Ihre</p>
-
-<p class="ci si pr2"><em class="ge">Regine</em>.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Acht Wochen waren verflossen &ndash; draußen auf
-Feldern und Wiesen keimte und grünte es, das Frühjahr
-hatte mit seinem warmen Hauch den starren Boden
-geküßt, und froh auf dieser trieb, in immer neu erstehender
-Kraft und Jugend, saftreiche Gräser und Halme
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-und bunte, glänzende Blumen und Blüthen. &ndash; Zwischen
-neckend nach ihm hinunterschwankenden Zweigen
-rieselte freudig murmelnd der klare Waldbach hin, und
-aus südlichern Zonen waren die munteren Sänger des
-Waldes wiedergekehrt und zwitscherten freudig in den
-alten lieb gewonnenen Plätzen, wo sie schon im vorigen
-Jahre so still und friedlich mitsammen gehaust.</p>
-
-<p>Die Luft war rein und lau und auch vor der Pastorwohnung,
-unter dem blühenden Apfelbaume, von
-duftigen Hollunderbüschen umgeben, saß, an der Seite
-ihres wackeren Mannes, die erst von schwerer Krankheit
-erstandene Frau, und schaute mit mattem Blick
-auf das fröhliche Wirken und Schaffen der herrlichen
-Welt. Ihre kräftige Natur hatte endlich das heiße
-Fieber besiegt, der Körper erholte sich wieder, wenn
-auch langsam von dem erlittenen Anfall und die Kräfte
-kehrten nach und nach zurück. Der nicht zu scheuchende
-Trübsinn der Reconvalescentin aber, ihr dumpfes,
-stundenlanges Träumen und Brüten &ndash; die Angst,
-die sie ergriff, wenn sie Abends, selbst auf Augenblicke
-allein im Zimmer bleiben mußte, das Alles
-verrieth nur zu deutlich, wie sie jene Schreckensstunde
-nicht allein nicht vergessen habe, sondern die peinliche
-Erinnerung derselben auch noch im krankhaft erregten
-Gemüthe hege und sich heimlich abzehre und gräme.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-Solche Furcht und Besorgniß mochte wohl das
-Herz des Gatten erfüllen, denn er hielt die Hand der
-Geliebten fest und innig in der seinen und schaute ihr
-wehmüthig freundlich in das bleiche leidende Gesicht,
-wagte aber doch nicht den wunden Fleck zu berühren,
-der <em class="ge">vielleicht</em> geheilt werden konnte, vielleicht aber
-auch nur eines Anlasses, nur eines Wortes bedurfte,
-um mit neuer, zündender Gewalt auszubrechen und
-um sich zu greifen. Ueber die Vorgänge jener Nacht
-hatte er selbst mit Niemandem gesprochen; nur seinem
-alten Freunde, dem Schulmeister, vertraute er die
-Ursache der Krankheit seiner Frau und theilte ihm
-dabei die näheren Umstände der Erscheinung und so
-bis zu den kleinsten Einzelnheiten mit, daß der Schulmeister
-doch endlich zugestehen mußte, es sei ein höchst
-merkwürdiger Fall, und bestärke ihn, wenn beide
-Gatten wirklich recht gesehen, nur immer noch mehr
-in dem, was er schon früher über Ahnungen gedacht
-und gesprochen. »Vor der Hand übrigens,« meinte
-er, »sei es am Besten, es auf sich beruhen zu lassen;
-es käme sehr häufig vor daß sich derartige, dem Anschein
-nach höchst wunderbare Fälle, oft später und
-ganz zufällig, auf die natürlichste Weise aufgeklärt
-hätten. Ja, wären die beiden Leute vorher nicht durch
-Geistergeschichten aufgeregt und gespannt gehalten
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-worden, wäre irgend ein dritter, ruhiger Zuschauer dabei
-gewesen, dem dasselbe wiederfahren, aber so&nbsp;&ndash;«
-er schüttelte dann immer mit dem Kopfe, und wollte
-das Erlebte nicht zugeben.</p>
-
-<p>Die untere Gartenthür ging auf, der alte Küster
-kam mit dem Schulmeister den breiten Mittelgang
-herauf, und herzlich begrüßten die beiden Männer zu
-ihrem ersten Ausgang in Gottes schöner Luft die
-Kranke, während der Küster dem Pastor ein Schreiben
-überreichte, das, irgend ein Geschäft betreffend, augenblickliche
-Erledigung verlangte.</p>
-
-<p>Barrenkamp erbrach und durchflog es rasch und
-sagte dann, während er aufstand und sich dem Hause
-zuwandte:</p>
-
-<p>»Ich werde in wenigen Minuten damit fertig sein,
-und Ihr könnt es gleich wieder mit zurücknehmen,
-Münzer. Bleibt Ihr Beiden indeß bei meiner Frau
-und vertreibt ihr die Zeit ein Bischen; sie wird gern
-einmal wieder auf die Plaudereien aus dem Dorfe
-horchen.«</p>
-
-<p>Der Pastor ging schnell ins Haus.</p>
-
-<p>»Was macht Ihr Münzer? sagte die Frau und
-streckte dem alten Manne die weiße abgezehrte Hand
-entgegen. &ndash; Ihr schaut jetzt recht gut und wohl aus
-&ndash; die Frühlingsluft scheint Euch zu bekommen. Setzt
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-Euch zu mir &ndash; bitte Schulmeister, nehmen Sie
-Platz &ndash; was macht Euer Gärtchen &ndash; Eure Kuh,
-Euer kleines Stück Feld? &ndash; wir haben uns recht
-lange nicht gesehen.«</p>
-
-<p>»Ach, beste Frau Pastorin,« erwiederte der Greis
-und faßte und streichelte die ihm gebotene Rechte &ndash;
-»seit acht vollen Wochen, seit dem Abend nicht, wo
-der Sturm die alte Linde an der Kirchhofsmauer umriß,
-und Hammers, unten im Dorfe, den Schornstein
-mitten in die Stube warf, der beinahe das jüngste
-Kind erschlagen hätte. Das war in jeder Beziehung
-eine böse Nacht und ich, meinestheils, werde sie im
-Leben nie vergessen. Sie, Frau Pastorin, sind ja auch
-damals krank geworden und haben sich gelegt. Ich
-weiß noch recht gut, am nächsten Mor &ndash; aber lieber
-Gott, fehlt Ihnen etwas?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Es ist doch am Ende zu kalt hier draußen, Frau
-Pastorin,« unterbrach ihn hier rasch der Schulmeister,
-der ein dorthin führendes Gespräch so bald als möglich
-abzuschneiden wünschte. &ndash; »Sie möchten lieber
-hineingehen in's warme Zimmer &ndash; soll ich Sie vielleicht
-geleiten?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich danke, ich danke, Herr Wendler,« sagte die
-Frau und hielt sich nur wenige Sekunden lang das
-Tuch gegen die Augen gepreßt &ndash; zum ersten Male
-<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-wurde hier in ihrer Gegenwart, seit sie ihres Vaters
-Tod erfahren, jener Abend erwähnt, und sie mochte
-jetzt die Männer nicht merken lassen, wie sie der Gedanke
-daran erregte. &ndash; »Es war nur ein leichter Uebergang«
-fuhr sie dann mit einem halblächelnden Zug um
-den Mund fort &ndash; »ein leichter Uebergang sich oft einstellender
-Schwäche &ndash; ich habe meine alten Kräfte
-noch nicht wieder &ndash; es wird gleich vorbei sein. Doch &ndash;
-laßt Euch nicht irre machen, Münzer &ndash; Ihr nanntet
-jene Nacht eine böse &ndash; ist auch Euch &ndash; ist Euch
-etwas darin geschehen, daß Ihr sie nie wieder vergessen
-könntet?«</p>
-
-<p>»Lassen Sie jene Nacht, beste Frau Pastorin,« bat
-sie der Schulmeister, »die ist lange vorüber; weshalb
-immer wieder auf sie zurückkommen. Münzer kann
-Ihnen eine andere treffliche Neuigkeit berichten; der
-Gutsherr hat ihm das kleine Stückchen Feld, das er
-bis dahin bewirthschaftete, verdoppelt, und hinlänglichen
-guten Samen zu Kartoffeln versprochen.«</p>
-
-<p>Die Frau hielt indessen ihr Auge fest und forschend
-auf den alten Mann geheftet; es war unverkennbar,
-daß irgend ein Gegenstand alle seine Gedanken
-gefesselt hielt, denn er beachtete nicht einmal das,
-was ja bisher, wie die Pastorin recht gut wußte, sein
-höchster Wunsch gewesen. Etwas Anderes ging ihm
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-im Kopfe herum und jene Nacht mußte damit in Verbindung
-stehen. Der leicht erregbare Zustand der
-Kranken faßte denn auch, besonders nach diesem
-Punkte hin, den geringsten Faden mit zitternder
-Schnelle auf.</p>
-
-<p>»Was ist Euch geschehen, Münzer,« flüsterte sie
-und griff, die Hand des Schulmeisters zurückdrängend,
-nach seinem Arme &ndash; »was ist, &ndash; sagt mir &ndash;
-was ist mit jener Nacht?«</p>
-
-<p>»Geschehn gerade nichts, Frau Pastorin,« erwiederte
-der Greis und schnitt verlegen mit dem Rand
-seiner Sohle in den gelben Kies ein, &ndash; »geschehen
-gar nichts, aber &ndash; wenn Sie es denn wissen und &ndash;
-mich nicht auslachen wollen &ndash;&nbsp;&ndash; ich hatte eine Erscheinung.«</p>
-
-<p>»Münzer!« rief der Schulmeister vorwurfsvoll,
-und der alte Mann sah erst jetzt, als er die Augen
-vom Boden hob, zu seinem Schreck, welchen Eindruck
-die wenigen Worte auf die Frau gemacht hatten.</p>
-
-<p>»Ihr saht &ndash; Ihr saht meinen Vater!« &ndash; rief
-diese mit heiserer, kaum vernehmlicher Stimme, &ndash;
-»gesteht es nur &ndash; gesteht &ndash; Ihr saht an jenem
-Abende meinen Vater &ndash; Münzer!«</p>
-
-<p>Die Kranke war in fürchterlicher Aufregung und
-der Küster hätte Gott weiß was darum gegeben, kein
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-Wort von der ganzen Geschichte gesagt zu haben;
-doch zu spät. Auch der Pastor, der gerade jetzt wieder
-aus dem Hause trat und bestürzt erkannte welcher
-Fehlgriff gemacht sei, war nicht mehr im Stande
-seiner Frau das einmal fest und krampfhaft erfaßte
-Ziel zu entrücken. Hören wollte sie, hören von des
-Küsters eigenen Lippen, was er gesehen, <em class="ge">die Gewißheit</em>
-wollte sie haben, daß ihr Vater selber sie
-gerufen »und dann, dann« &ndash; meinte sie und strich sich
-die Haare aus der feuchten weißen Stirn &ndash; »werde
-sie ruhiger, &ndash; werde ihr besser werden.«</p>
-
-<p>Es blieb keine andere Wahl als ihr zu willfahren
-und der Pastor forderte zuletzt selbst den alten Mann
-auf, was er wisse, bei seiner Seele Heil aber kein
-falsches, übertriebenes Wort zu sagen.</p>
-
-<p>»Ach, lieber Herr Pastor,« erwiederte der Greis,
-»wollte doch Gott, ich hätte ganz geschwiegen, noch
-dazu, da ich nicht einmal etwas Bestimmtes über die
-Gestalt sagen kann.«</p>
-
-<p>»Die Gestalt« &ndash; wiederholte, kaum bewußt, die
-Kranke &ndash; »wo war sie &ndash; wie sah sie aus?«</p>
-
-<p>Der Schulmeister stand bestürzt und ängstlich daneben
-&ndash; jetzt schien sein letzter Einwurf gehoben &ndash;
-und welchen Eindruck mußte eine solche Bestätigung
-auf die reizbare Kranke machen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-»Genau weiß ich's nicht,« flüsterte der alte Mann
-und sah sich selbst hier im hellen Sonnenlichte scheu
-um, als ob ihm der Gedanke an das Geschehene noch
-Schauder erwecke; »doch &ndash; es wird vielleicht besser
-sein, Ihnen das Ganze nur in wenigen Worten mitzutheilen.
-Ich hatte mich nämlich an dem Abende schon
-früh, weit früher als gewöhnlich, in's Bett gelegt;
-das Wetter war stürmisch und mein altes Reißen
-plagte mich wieder einmal ganz absonderlich; sobald
-ich aber einzuschlafen versuchte, störte mich ein häßlich
-ächzendes Geräusch, das, wie ich gar bald fand, von
-dem offen gelassenen Fensterladen der Sakristei herrührte.
-Nun hätte ich allerdings leicht hinübergehen
-und den Laden schließen können, noch dazu da ich
-fürchten mußte, der Wind bräche ihn vielleicht die
-Nacht aus den Angeln, und von der kleinen Hinterthür,
-die aus meinem Zimmerchen hinüber führt,
-sind's ja, wie Sie wissen, nur wenige Schritte &ndash; ich
-hatte aber die Schlüssel in des Herrn Pastors Studirstube
-liegen lassen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Schulmeister hob schnell den Kopf und sah
-den Küster forschend an.</p>
-
-<p>»&ndash;&nbsp;und scheute mich hinaufzugehen und ihn zu
-stören. So lag ich bis nach zehn Uhr; da jetzt das
-Geräusch aber immer ärger wurde und ich nun auch
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-ziemlich gewiß wußte, Sie wären oben Alle zu Bett
-&ndash; denn an der Linde, die vor meinem Fenster steht,
-kann ich es deutlich sehen, wenn oben in der großen
-Eckstube noch Licht ist &ndash; zog ich meine Filzschuhe
-und meinen alten Schlafrock an und schlich leise die
-Treppe hinauf&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ihr waret an jenem Abend in meinem Zimmer?«
-rief der Pastor und die Lippen der Frau theilten sich
-in Staunen und Ueberraschung&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Auf der Treppe schon klang mir's unheimlich und
-laut,« fuhr der Greis, die Frage nicht beachtend, fort,
-&ndash; »das stürmische Brausen <em class="ge">um</em> das Haus wurde
-hier, in dem umschlossenen Raume, zum leisen Flüstern
-und Zischeln, und ich öffnete rasch die Thür und schritt
-dem wohlbekannten Platze zu, wo der Herr Pastor
-immer Abends die Schlüssel hinlegt, damit ich sie
-früh finden kann. Schon hatte ich sie gefühlt und in
-die Hand gefaßt, denn ein schwacher Mondenstrahl
-fiel in dem Augenblicke durchs Zimmer, als ich &ndash; das
-Blut stockt mir jetzt noch in den Adern, wenn ich daran
-denke &ndash; ein leises Stöhnen vernahm, und den Kopf
-rasch darnach umwendend, eine helle Gestalt erkannte,
-die im Begriff schien, die Arme nach mir auszustrecken.
-Im nächsten Augenblick stand ich vor Entsetzen
-stumm und regungslos, als ich jetzt aber wirklich
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-sah, daß sich die Erscheinung regte, als ich das
-weiße Grabtuch rauschen hörte, da kann ich nachher
-nicht einmal mehr sagen, <em class="ge">wie</em> ich aus dem Zimmer
-kam, nur so viel erinnere ich mich noch, ich glitt die
-Treppe hinunter, sprang in meine Kammer, die ich
-hinter mir verschloß &ndash; in's Bett, hüllte mich in
-die Decke ein und betete heiß und brünstig zum lieben
-Herr Gott, daß er alles Unglück von mir und diesem
-Hause abwenden wolle.«</p>
-
-<p>»Und der Fensterladen?« frug der Schulmeister und
-ergriff lächelnd des Pastors Hand.</p>
-
-<p>»Der Wind legte sich bald nachher, meinte der
-alte Mann, und das Aechzen hörte auf; wär's aber
-auch noch so stürmisch gewesen, an <em class="ge">dem</em> Abende hätten
-mich nicht zehn Pferde mehr in die Sakristei gebracht.«</p>
-
-<p>»Elise!« sagte der Pastor, und zog das bleiche
-zitternde Weib leise an sich &ndash; sie zögerte einen Augenblick,
-&ndash; schaute noch zweifelnd &ndash; zaudernd vor sich
-nieder und barg dann mit lautem Schluchzen den
-Kopf an ihres Gatten Brust.</p>
-
-<p>»Meine gute Frau Pastorin,« bat der alte Mann
-bestürzt.</p>
-
-<p>»Alterchen, rief aber jetzt der Schulmeister, und
-zog den Arm des erstaunten Küsters in den seinen;
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-Ihr habt heute Morgen den gescheidesten Streich
-gemacht, der sich nur denken läßt; nun kommt
-aber, meine prächtige Geistererscheinung, hier ist
-Euer Dokument, heute Mittag müßt Ihr bei mir
-essen.«</p>
-
-<p>»Aber Herr Schulmeister &ndash; ich begreife nicht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ist auch gar nicht nöthig, Schätzchen, &ndash; ist auch
-gar nicht nöthig, nur jetzt ein bischen die alten Knochen
-gerührt. Hurrah, Küster, ich bin so fidel, ich
-könnte, glaube ich, eine Menuet tanzen und mir die
-Melodie selber dazu pfeifen.«</p>
-
-<p>Und ohne dem alten Manne auch nur Zeit zu
-lassen, noch ein einziges Wort an die weinende Frau
-zu richten, zog er ihn rasch den Gartenweg hinunter
-und verschwand mit ihm durch die hintere Thür.</p>
-
-<p>Und die Kranke?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nur wenige Wochen sind seit jenem Morgen verstrichen,
-in der Pfarre giebts aber keine Kranke mehr
-&ndash; des Pastors wackere Hausfrau wirthschaftet wieder,
-wenn auch noch etwas bleich und angegriffen,
-doch mit vollen, rüstigen Kräften im Hause herum;
-auch der Schulmeister und Verwalter kommen, wie
-früher, manchmal Abends herüber und verplaudern ein
-Stündchen &ndash; nur Geistergeschichten werden nicht
-mehr erzählt, und der Küster &ndash; nimmt jetzt den
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-Schlüssel zur Sakristei gleich Abends mit in seine
-Stube &ndash; damit der alte Mann nicht mehr Morgens
-die Treppen zu steigen braucht, sie herunter zu
-holen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-Schwarz und Weiß.<br />
-
-<span class="subheader ge">Aus dem Farmerleben Missouris.</span></h2>
-
-
-<p>Weit aus dem fernen Westen, da wo die eisgekrönten
-Berge ihre zackigen Kuppen in einander drängen und
-zweien Meeren, dem atlantischen wie dem stillen Ocean
-die schäumenden Quellen zusenden; weit von daher,
-wo er sich seine rauhe Bahn durch die entsetzlichsten
-Felsmassen bricht, die er entweder mit starkem Arm
-zerreißt, oder sich im tollkühnen Satz hinüberschwingt,
-um nachher, wie ob des gelungenen Wagestücks,
-meilenlang weiter zu tanzen und zu sprudeln, &ndash;
-kommt der gewaltige Missouri herab, »der schmutzige
-Strom,« wie ihn der Indianer des Raubes wegen
-nennt, den er an seinem eigenen Ufer vollführt, oder
-der »brüllende Strom« (<i>roaring river</i>), wie ihn erstaunt
-der Weiße taufte, als er da zuerst sein Bett
-erblickte, wo er Fall nach Fall, dem verfolgten Panther
-gleich, aus den Gebirgsschluchten sprang, und
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-erst dort still und geräuschlos seine Bahn vollendete,
-als er das schützende Dickicht der Niederung erreicht
-hatte und nun zwischen den riesigen Stämmen des
-Urwaldes hin, dem starken Bruder, dem Mississippi,
-in die Arme glitt.</p>
-
-<p>Dort nun, wo in dem Schatten der Eichen und
-Hickorys der wilde Wein seine mächtigen Ranken von
-Zweig zu Zweig schlang und in zähen Armen die stattlichen
-Bäume verband, während mit zwar prunkenderem
-Aeußeren, mit bunter schimmernden Blüthen und
-saftigeren Blättern, andere Schlingpflanzen ebenfalls
-hinaufstrebten zu den starken Aesten und sich ihnen
-liebend anzuschmiegen schienen, indeß doch Gift in
-ihren Adern floß und sie nur Macht zu bekommen
-suchten, das wackere Holz fest, fest zu umklammern
-und ihm Licht und Luft zu rauben, daß es endlich in
-ihrem Griff erstickte, verdorrte, &ndash; dort, in dem fast
-noch unentweihten Heiligthume, stand ein kleines, roh
-aufgebautes Blockhaus mit breitmächtigem, aus Lehm
-errichteten Kamine, die Nordseite dicht an den dunkeln
-Wald geschmiegt, dessen ungeheuere Wipfel hoch über
-das niedere Dach emporragten, an den drei anderen
-Seiten aber durch ein wahres Chaos gefällter Bäume,
-hoch aufgestapelten Busch- oder Oberholzes, abgeschlagener
-Stämme und knorriger, sich weit umher spreizender
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-Aeste im wahren Sinne des Wortes verbarrikadirt.</p>
-
-<p>Der Eigenthümer dieses Platzes mußte augenscheinlich
-erst seit kurzer Zeit hierher gezogen sein und
-die Urbarmachung des Bodens begonnen haben, was
-auch noch überdieß ein dicht am Hause stehender, mit
-Leinwand bespannter Wagen bewies, der wohl, nebst
-einem nicht sehr weit von ihm entfernten Karren,
-sämmtliche Habseligkeiten des Farmers in dessen neue
-Waldheimath eingeführt hatte.</p>
-
-<p>Die Sonne schimmerte eben noch mit ihrem rothen
-Gluthenlicht durch die Wipfel der Bäume, als sich ein
-Reiter, auf kleinem indianischen Poney, einem schmalen
-Kuhpfad folgend, dem Platze näherte und endlich gerade
-da die Lichtung erreichte, wo Stämme und Aeste
-am tollsten umhergestreut lagen. Wenige Secunden
-hielt er auch wirklich sein schnaubendes Pferd an, und
-schien sich in den Steigbügeln hoch emporrichtend,
-nach irgend einer Oeffnung zu suchen, durch die er in
-diese Holzmasse eindringen und das Haus erreichen
-könnte. Der Wunsch mochte aber wohl unerfüllt bleiben;
-denn, einen leisen Fluch ausstoßend, preßte er
-seinem Thier den einen bespornten Haken in die Flanke
-und setzte über die ersten, ihm den Weg versperrenden
-Klötze hinweg.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-Das kleine muntere Pferd sah auch bald was sein
-Herr eigentlich beabsichtige, und daran gewöhnt Hindernisse
-zu beseitigen, die bei fortwährendem Reiten
-im Walde fast stündlich vorkommen, wand es sich mit
-wirklich bewundernswerther Geschicklichkeit immer
-näher und näher dem Hause zu, hier einen Stamm
-überspringend, dort vorsichtig durch wild umher gestreute
-und zersplitterte Aeste dahinschreitend, bis es
-sich plötzlich, nach einem besonders kühnen Satz über,
-oder vielmehr <em class="ge">durch</em> den Wipfel einer gefällten Eiche,
-so von allen Seiten eingezwängt und von wirklich
-unübersteiglichen Hindernissen umgeben sah, daß es
-ruhig stehen blieb und, in der festen Ueberzeugung sein
-Aeußerstes gethan zu haben, ganz geduldig erwartete
-was jetzt der Reiter beschließen würde, der doch eigentlich
-auch bei der Sache interessirt war.</p>
-
-<p>Dieser aber blickte vergebens nach einem Ausweg
-umher und that endlich das, was er von allem Anfang
-an hätte thun sollen, er rief das Haus an, und zwar
-mit einem kräftigen, weit hinausschallenden »Halloh!«,
-was augenblicklich im ohrzerreißenden Chor von zehn bis
-zwölf Rüden bellend und heulend beantwortet wurde.</p>
-
-<p>Gleich darauf öffnete sich die Breterthüre, auf
-deren Schwelle eine schlanke, schon etwas ältliche
-Matrone erschien, die rings nach dem Rufenden, freilich
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-vergeblich, umherschaute, während jetzt die durch
-den Anblick der Herrin immer noch mehr gereizten
-Hunde einen so fürchterlichen Lärm erhoben, daß er für
-kurze Zeit jeden andern Laut vollkommen übertäubte.</p>
-
-<p>»Ruhig, Muse, ruhig, nieder mit dir, Watch,
-willst du still sein, Deik; Hunde, ihr bringt Einen
-noch zur Verzweiflung, ruhig da, hört ihr denn nicht!«
-rief die Frau, die Meute beschwichtigend, die sich denn
-auch endlich zufrieden geben wollte, als ein zweites
-»<i>Halloh the house!</i>« ihren Grimm aufs Neue erregte,
-der jetzt gar keine Grenzen mehr zu kennen schien.</p>
-
-<p>Die Geduld der guten Frau mochte nun aber auch
-wohl ihr Ende erreicht haben; denn einen zum Trinkbecher
-ausgeschnittenen großen Flaschenkürbiß ergreifend,
-der in dem vollen, auf einem Gesims vor der
-Thüre stehenden Eimer schwamm, goß sie die klare,
-kalte Fluth über die Tobenden aus, die nun heulend
-und kläffend auseinander stoben.</p>
-
-<p>Zum dritten Mal rief jetzt, diesen Augenblick der
-Ruhe benutzend, die Stimme ihr immer ungeduldiger
-werdendes »Halloh!« herüber, und nun erst ward die
-Matrone den Reiter gewahr, dessen Kopf nur wenig
-über das ihn umgebende Buschwerk hervorragte.</p>
-
-<p>»Mr. Hennigs, sind Sie das?« rief sie lachend,
-als sie die Lage des jungen Mannes errieth, »wie, um
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-Christi willen, haben Sie sich denn da hinein verloren?«</p>
-
-<p>»Verloren?« rief dieser in komischer Verzweiflung,
-»ich möchte wirklich wissen, wie ich mich hier verlieren
-sollte; ich sitze so fest, wie der Wolf in der Falle. Wo
-zum Henker ist denn der Eingang zu Ihrem Haus?
-ich bin hier zwar auf dem Fußweg, er scheint aber
-nicht sehr begangen.«</p>
-
-<p>»Sie hätten um die Lichtung herum, durch den
-Wald reiten müssen,« entgegnete die Frau, »mein
-Mann hat hier Bäume gefällt.«</p>
-
-<p>»Ja, das läßt sich nicht läugnen,« lachte der Reiter,
-»die Beweise liegen zur Hand.«</p>
-
-<p>»Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs,« rief
-jetzt eine kichernde Mädchenstimme hinter der alten
-Dame vor, und dicht neben ihr ließen sich in diesem
-Augenblick zwei allerliebste Köpfchen sehen, die neugierig
-die Lage des jungen Mannes erspähen wollten,
-»bleiben Sie nur da halten; Vater hat gesagt, daß er
-im Lauf der nächsten Woche das ganze Holz wegräumen
-will, und dann wird der Fußweg wieder frei.«</p>
-
-<p>»Danke, Sally, danke!« rief Hennigs lachend, »die
-Zeit möchte mir aber doch lang werden, wenn ich Ihre
-liebe Stimme immer so ganz in der Nähe hören müßte
-und nicht hinüber könnte. Nein, mag mein Poney
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-sehen, wie es allein heraus kommt; ich will's ihm
-leichter machen!« Und damit sprang er vom Pferd,
-schnallte Sattel und Zaum ab, hing sich beides über
-die Schulter und kletterte nun, wenn auch nicht ohne
-bedeutende Anstrengung, dem kaum sechzig Schritt
-entfernten Hause zu.</p>
-
-<p>Das Poney blieb im Anfang, als es sich so von
-seinem Herrn verlassen sah, ruhig stehen, und spitzte
-nur sehr bedeutend die kleinen Ohren; als es jedoch
-fand wie sich die Sache eigentlich verhielt, und den
-Trog witterte, an dem es gefüttert zu werden hoffte,
-warf es den Kopf in die Höhe, wieherte ein paar Mal
-hell auf, und flog dann, jetzt durch keine Last mehr
-zurückgehalten, mit kühnen Sätzen über Stamm
-und Busch hinweg, bis es schnaubend und mit
-den Hinterbeinen wild nach den hier auf es einstürmenden
-Hunden schlagend, vor der Thüre der
-Hütte hielt, und dort seinen jetzt ebenfalls herankeuchenden
-Herrn freudig begrüßte.</p>
-
-<p>Dieser aber warf Sattel und Zaum nieder, sprang
-schnell die aus über einander gelegten Klötzen bestehenden
-Stufen hinauf ins Haus und rief hier, die
-Hände der Frauen ergreifend und herzlich schüttelnd:</p>
-
-<p>»Wie geht's, Mrs. Draper, wie geht's, Sally
-und Lucy, Ihre Hand, Alle wohl? seh'n wenigstens
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-Alle kerngesund aus; doch &ndash; wo ist der
-Alte?«</p>
-
-<p>»Vater ist noch draußen im Wald, er sucht die
-Pferde,« entgegnete, nach der kurzen Begrüßung,
-Sally, das jüngste der beiden Mädchen, die etwa siebenzehn
-und neunzehn Jahre zählen mochten.</p>
-
-<p>»Haben Sie gar keine Spuren im Wald gesehen?«
-frug die Matrone, während sie ihr großes Baumwollenspinnrad
-in die Ecke schob und die Kohlen im Kamine
-mit dem langen Schürstecken zu neuer Glut aufschüttelte.</p>
-
-<p>»Sie müssen heute Morgen aus den Hügeln herunter
-gekommen sein,« meinte Hennigs, »am Bach
-wenigstens waren die Fährten, und wenn ich nicht
-irre, so habe ich auch gleich oben über dem Kreuzweg
-die Schelle gehört.«</p>
-
-<p>»Ah, dann findet sie Vater gewiß nicht,« rief Sally
-bedauernd aus, »er wollte an Potters Creek hinauf und
-von da an links in das Thal hinüber suchen.«</p>
-
-<p>»Nein, er ist wohl schon auf den Spuren,« entgegnete
-der junge Mann; »denn im weichen Quellboden
-sah ich deutlich die Abdrücke eines Schuhes.«</p>
-
-<p>»Vater trägt heute seine Mocassins,« sagte Lucy,
-»das muß Jemand Anderes gewesen sein.«</p>
-
-<p>»Dann allerdings; aber wer will denn die Pferde
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-brauchen? ist ein Tanz irgendwo? es scheint Sie ja
-Alle ungemein zu interessiren, ob der Vater die Pferde
-findet, oder nicht.«</p>
-
-<p>»Tanz? pfui, Mr. Hennigs, ich dächte doch
-Sie wüßten, daß wir nicht tanzen,« erwiederte ihm,
-etwas pikirt, die Matrone.</p>
-
-<p>»Ach, alle Wetter ja, ich habe davon gehört,
-Sie hätten sich der »Kirche« angeschlossen und wären
-»religiös« geworden; Vater auch?«</p>
-
-<p>»Noch nicht,« entgegnete, mit einem tiefheraufgeholten
-Seufzer, Mrs. Draper, »wir wollen aber
-morgen früh zur Campmeeting, und davon hoffe ich
-das Beste: der liebe Gott wird ihn ja wohl erleuchten,
-daß er den rechten Weg findet.«</p>
-
-<p>»Das wird er, das wird er, Mrs. Draper, ob
-aber auf solche Art, bezweifle ich fast; der alte Herr
-trinkt gern sein Gläschen, und wenn ihm einmal
-etwas in die Quere kommt, ih nun, dann flucht er
-auch wohl ein Bischen, und ich glaube kaum, daß er
-sich das so leicht abgewöhnen wird. Wozu braucht er
-aber auch wirklich zu einer »Kirche« zu gehören? 's&nbsp;ist
-so ein herzensguter alter Mann, wie nur je Einer
-seine Sohlen in den Missouri-Bottom drückte, er
-thut ja keinem Menschen etwas zu Leide.«</p>
-
-<p>»Wir sind Alle Sünder, Mr. Hennigs,« sagte die
-<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-alte Dame sehr ernst, »und mein armer Mann besonders,
-er schwört und flucht, genießt geistige Getränke
-und hat neulich den reisenden Prediger, der bei uns
-übernachtete und die Gebete las, einen Hypokryten genannt,
-ja sogar gelogen, als er während des Gebetes
-aufstand und, Nasenbluten vorschützend, das
-Haus schnell verließ; ich habe später das Tuch untersucht,
-es war nicht ein einziger Blutfleck darin, und
-der arme Fremde wartete eine volle halbe Stunde mit
-dem Gebet, ehe er fortfuhr, damit der böse Mensch
-keinen Vers des heiligen Wortes versäumte.«</p>
-
-<p>Hennigs lachte laut auf.</p>
-
-<p>»Der arme Draper; also half ihm seine kleine
-Nothlüge nicht einmal?«</p>
-
-<p>»Kleine Nothlüge, Mr. Hennigs?« sagte die Matrone
-mit größerer Strenge, als sie es sonst wohl gewohnt
-war, »Sie reden da recht böse, recht unendlich
-böse Worte; abgesehen davon, daß der Augenblick,
-wo er sich mit seinem Gott beschäftigen sollte, keine
-Nothlüge zuließ, so giebt es gar keine Nothlügen; es
-darf Nichts in der Welt einen frommen Menschen zu
-einer Lüge bewegen, nicht einmal die Noth; denn das
-Herz, was nicht wahr und treu ist, kann dem Herrn
-kein wohlgefälliges Opfer bringen.«</p>
-
-<p>»Aber beste Mrs. Draper,« entgegnete ihr Hennigs,
-<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-»Sie werden mir doch gewiß zugeben, daß es
-Fälle im menschlichen Leben giebt, wo eine Nothlüge
-nicht allein keine Sünde, sondern sogar gut und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein, das gebe ich Ihnen <em class="ge">nicht</em> zu,« unterbrach
-ihn die Matrone schnell, »das kann ich Ihnen nicht
-zugeben, und schon ein solcher Gedanke ist Unrecht.«</p>
-
-<p>»Wenn aber nun zum Beispiel Ihr Mann, oder
-eines von Ihren Kindern recht lebensgefährlich krank
-wäre,« demonstrirte Hennigs, »und wenn Sie nun
-wüßten, daß jede Aufregung für sie oder ihn die traurigsten,
-nachtheiligsten Folgen haben könnte, würden
-Sie da nicht, wenn nun etwa ein lieber Freund des
-Kranken eben gestorben wäre und er darnach früge,
-ihm den Todesfall verheimlichen? würden Sie da nicht
-lieber zu einer Nothlüge Ihre Zuflucht nehmen, ehe
-Sie das Ihnen theure Leben aufs Spiel setzten?«</p>
-
-<p>»Mr. Hennigs, Sie bauen da eine ganze Menge
-von Voraussetzungen zusammen, um nur eine, Ihren
-Ansichten günstige Antwort zu hören. Das sind die
-Fallstricke, die uns der Teufel legt, um uns irre zu
-führen in dem, was recht und gut ist, und reichen
-wir ihm dann einen kleinen Finger, so hat er bald die
-ganze Hand und mit ihr die Seele des ihm Verfallenen.
-Draper nannte auch den frommen Mann einen
-Hypokryten.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-»Hm, ja, Mrs. Draper; aber Draper sagte mir,
-er hätte an dem Gebet volle sieben Viertelstunden gelesen,
-das ist doch ein Bischen stark.«</p>
-
-<p>»Es war sehr erbaulich, und er gedachte aller unserer
-Sünden, da mußte es schon lange werden,«
-erwiederte die Frau.</p>
-
-<p>»Wollen Sie nicht mit uns zur Campmeeting
-gehen, Mr. Hennigs?« frug jetzt Sally den jungen
-Mann, und sah ihn bittend mit ihren großen dunkeln
-Augen an.</p>
-
-<p>»Gewiß, gewiß!« rief dieser schnell. »In so angenehmer
-Gesellschaft führ ich selbst mit zur &ndash; Campmeeting,«
-verbesserte er noch zur rechten Zeit, da ihm
-schon ein sehr sündhaftes Wort auf den Lippen
-schwebte, »aber wahrhaftig,« sagte er, jetzt sich in dem
-kleinen Raume umschauend, »Draper muß ver&nbsp;&ndash;
-muß ungemein fleißig gewesen sein; er hat sich in den
-vier Wochen, die er hier ist, schon wirklich ganz behaglich
-eingerichtet; das Dach kann ja kaum vierzehn
-Tage liegen.«</p>
-
-<p>»Mr. Draper ist auch in der That sehr fleißig gewesen,«
-erwiederte die Matrone, »wie lange wird's
-aber dauern, da packt ihn die leidige Wanderlust wieder
-an, und Knall und Fall verkauft er für wenige
-Dollar das, was ihm jahrelange Arbeit gekostet hatte,
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-und zieht westlich, immer weiter westlich, und immer
-tiefer in den Wald zwischen wilde Menschen und
-Thiere hinein.«</p>
-
-<p>»Nun, viel weiter westlich kann er jetzt nicht mehr
-gehen,« meinte Sally ganz ernsthaft, indem sie dem
-Gast einen Stuhl zum Feuer rückte; »Vater hat ja
-selbst gesagt, er wäre nun nicht mehr weit vom indianischen
-Gebiet, und in dem dürfen sich keine weißen
-Leute ansiedeln. Ueberdieß,« fuhr sie schelmisch lächelnd
-fort, »ist ja Mr. Hennigs ebenfalls hier in den Wald
-gezogen, und da muß die Gegend doch wirklich Vorzüge
-besitzen, die man ihr auf den ersten Anblick hin
-gar nicht zutrauen möchte.«</p>
-
-<p>Lucy wandte sich ab und setzte ihre Arbeit an dem
-großen Baumwollenspinnrade fort.</p>
-
-<p>»Das Wandern müssen Sie uns schon zu Gute
-halten,« erwiederte Hennigs, der ebenfalls Sally's
-Anspielung vermeiden zu wollen schien und jetzt in
-aller Verlegenheit mit seinem Taschenmesser an dem
-Stuhle herumschnitt, auf dem er saß. »Dafür sind
-wir ja eben Pionniere oder Squatter, wie uns der
-Ost-Amerikaner nennt. Amerika braucht aber gerade
-solche Leute, die weder wilde Thiere noch wilde Menschen
-fürchten, sondern keck hineinziehen mitten in ihr
-Bereich, und der Natur den Boden abtrotzen, der
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-ihnen und ihrem Fleiß, nach Aussage aller klugen
-Leute, nun doch einmal gehört.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, das ist schon Alles recht schön und gut,«
-meinte Mrs. Draper, »aber lieber wäre ich denn doch
-in Illinois geblieben.«</p>
-
-<p>»Was, in Illinois? in den ungesunden dürren
-Steppen? zwischen Prairie-Hühnern und Prairie-Wölfen,
-und in der Gesellschaft der wirklich weltberühmten
-Corncrackers!«<span class="top">[3]</span> rief Hennigs erstaunt
-aus: »nein, da lobe ich mir das Kraftland unserer
-Niederung, das ist nicht todt zu machen, und wollen
-wir wirklich Prairien haben, nun, dann finden wir
-sie westlich von hier, schöner und herrlicher, wie sie
-der ganze Osten mit all seinen so hochgepriesenen
-Vortheilen aufweisen kann.«</p>
-
-<p class="ci fss">[3]: Spottname für die Bewohner von Illinois.</p>
-
-<p>»Das mag wahr sein,« entgegnete ihm Mrs. Draper;
-»aber Illinois ist doch kein Sclavenstaat, und,
-mag dieß Land so schön und gut sein, wie es will,
-es ist mir fürchterlich auch nur mit Menschen zusammenleben
-zu müssen, die ihre Brüder und Schwestern
-wie das Schlachtvieh verkaufen.«</p>
-
-<p>»Ach Gott, ja, Madame, es mag viel Wahres
-daran sein,« meinte Hennigs kopfschüttelnd, »manchmal,
-wenn ich so recht allein darüber nachdenke,
-<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-kommt's mir auch fast so vor, als ob es nicht ganz
-recht wäre, daß wir die Neger feilbieten und ebenso
-für sie, wie für andere Waaren, den möglichst höchsten
-Preis zu erhalten suchen. Für Sünde kann's aber
-doch auch nicht gelten; denn unsere Väter und Großväter
-haben's gethan, das Gesetz hat den Sclavenhandel
-geheiligt und die Bibel selbst scheint die Sache
-als etwas sehr Natürliches zu betrachten, wenigstens
-habe ich neulich einmal mit dem presbyterianischen
-Geistlichen, der auch Sclaven hält, darüber gesprochen
-und der behauptet, Gott selbst habe das so eingesetzt,
-daß die heidnischen Völker den Christen dienen müßten;
-das klingt auch eigentlich vernünftig genug.«</p>
-
-<p>»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte Mrs. Draper,
-»sie vertheidigen die Sclaverei, selbst aus der heiligen
-Schrift, aber nur Gott kann erkennen ob sie daran
-Recht thun; ich möchte nicht ein voreilig Urtheil fällen.
-Wir Frauen fühlen uns aber auch vielleicht weit
-näher darin berührt als die Männer; mir thut's ja
-schon in der Seele weh, wenn ich ein junges Huhn
-geschlachtet habe, und sehe nun, wie die alte Henne
-gluckend den ganzen Raum, den sie sonst zu begehen
-pflegt, durchläuft und das Verlorene sucht; wie vielmehr
-muß ich Mitgefühl mit einer Mutter haben, der
-fremde Menschen das Kind aus den Armen reißen,
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-um es für wenige Dollar zu verkaufen, während sie
-selbst gern das eigene Herzblut dafür hingäbe, und
-doch zu arm ist es zu bezahlen. &ndash; Ich wollte, wir
-wären in einem Freistaat geblieben.«</p>
-
-<p>»Nun, hier in Missouri wird die Sclaverei noch
-nicht so arg getrieben,« sagte Hennigs, »im Süden
-mag's freilich schlimmer sein; hier hören wir auch
-ganz selten von entflohenen Negern, und das, sollte
-ich denken, wäre ein ziemlich günstiges Zeichen. Wo
-ein Freistaat so nahe ist und die Sclaven trotzdem bei
-ihrem Herrn bleiben, da kann auch ihr Loos noch kein
-entsetzliches sein.«</p>
-
-<p>»Und wie sollten sie denn entfliehen können?« frug
-Mrs. Draper, »muß denn nicht ein Neger, wenn er
-nur selbst auf eine andere Farm oder Plantage hinübergeht,
-einen Paß haben, ohne den er von jedem
-weißen Mann festgenommen werden kann? und liefert
-nicht selbst dann, wenn der flüchtige Neger den Freistaat
-wirklich erreicht hat, dieser, zur Schande der
-Vereinigten Staaten, den festgenommenen Sclaven
-an seinen Herrn aus? Wie also soll ein solcher
-armer Mensch denn entkommen, wenn er Niemanden
-weiß an den er sich wenden kann, wenn er Niemanden
-hat, der ihn unterstützt und ihm forthilft, und wer
-das thut &ndash; hat Zuchthausstrafe zu erwarten.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-»Das Ausliefern muß aber sein,« fiel ihr hier
-Hennigs in die Rede, »wie könnten denn die Vereinigten
-Staaten einig neben einander bestehen, wenn
-sie einander ihr Eigenthum vorenthalten wollten; das
-gäbe ja zu endlosen Streitigkeiten Anlaß, und müßte
-nach und nach zu Haß und Zwietracht führen. Nein,
-es ist allerdings schlimm, daß wir die Sclaverei
-haben, und ich selbst wollte Gott danken, wenn es
-ein Mittel gäbe ihrer los und ledig zu werden, und
-alle von Negern Abstammende wieder über die See
-zurück in ihre Heimath senden könnten, wie ja der
-Anfang dazu auch mit Liberia gemacht ist; da aber
-die klügsten Leute im Lande sich schon seit langen Jahren
-vergebens die Köpfe zerbrochen haben, wie Dem
-am Besten abzuhelfen wäre, so wird unser Einer doch
-auch nicht dagegen ankämpfen sollen. Das Bestehende,
-wie es nun einmal besteht, muß der Einzelne ehren.«</p>
-
-<p>Lucy hatte indessen aus einer Spalte über dem
-Kamine ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt herausgenommen,
-schlug es jetzt aus einander und hielt es
-dem jungen Mann entgegen.</p>
-
-<p>»Sie behaupten, es entflöhen hier in Missouri
-keine Neger ihren Herren?« sagte sie mit leisem Vorwurf
-im Tone, »da &ndash; überzeugen Sie sich selbst;
-hier stehen Drei angegeben, und vor jedem ein kleines
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-Bildchen: ein armer Neger mit seinem Päckchen auf
-dem Rücken; der eine ist sogar von einem unserer
-Nachbarn, aus dem nächsten County, von Squire
-Wallis.«</p>
-
-<p>»Das spricht für und wider mich,« sagte Hennigs;
-»wider mich, wegen dem Entlaufen, für mich, weil
-eben dieser Wallis auch Einer von Ihren sogenannten
-frommen Leuten ist; er hat sogar schon gepredigt,
-und die Presbyterianer halten ihn für ein besonderes
-Licht, das dem Staate und ihrer Kirche in diesem
-Manne aufgegangen sei. Gott bewahre uns vor solcher
-Beleuchtung!«</p>
-
-<p>»Behandelt Mr. Wallis seine Sclaven wirklich
-so arg?« frug die Matrone.</p>
-
-<p>»Dessen war Draper und ich neulich Zeuge,« erwiederte
-ihr Hennigs; »wir ritten gerade vorbei, als
-er einen seiner jungen Neger an einen Baum gebunden
-hatte und ruhig daneben seine Pfeife rauchte;
-dann und wann nur, wie um sich eine kleine Bewegung
-zu machen, stand er auf und peitschte den Unglücklichen
-höchsteigenhändig, daß ihm das klare Blut
-an dem Rücken hinunter lief. Wir frugen ihn, was
-ihn zu einer so fürchterlichen Strafe veranlaßt habe,
-er behauptete aber, er thue das aus christlicher Milde,
-es sei gegen seine Grundsätze einen seiner Sclaven im
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-Zorn zu strafen, und da kühle er sich in der Zwischenzeit
-immer erst ein wenig ab, um ruhig zu bleiben
-und nicht hitzig zu werden.«</p>
-
-<p>»Und das nennen Sie ein freies Land!« rief die
-Matrone entrüstet.</p>
-
-<p>»Und das nennen Sie einen frommen Christen!«
-warf Hennigs dagegen ein; »ist Ihnen da nicht Ihr
-Mann mit all seinen kleinen Fehlern und Eigenheiten,
-meinetwegen Schwächen, zehntausendmal lieber, selbst
-wenn er dann und wann das untere Ende des Whiskeykruges
-höher hebt, als das obere, und seinem
-Herzen mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs
-bösgemeinten Worten Luft macht?«</p>
-
-<p>»Aber das viele gotteslästerliche Fluchen könnte
-er doch lassen,« sagte Mrs. Draper, freilich schon um
-Vieles milder gestimmt.</p>
-
-<p>»Ja, und Sie auch, Sir,« lachte Sally, »Lucy hat
-schon oft gesagt, Sie wären ein ganz guter Mensch,
-wenn Sie nur nicht immer&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sally!« rief Lucy, »wie kannst Du nur&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ein plötzliches Anschlagen der Hunde unterbrach
-hier jede weitere Rede, und gleich darauf trat auch, die
-Mütze fest in die Stirne gedrückt und die Büchse in der
-Hand, die er, ohne sich weiter umzusehen, auf die über
-der Thür eingeschlagenen Pflöcke legte, Draper ein.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-»Da bin ich wieder,« sagte er, und drehte sich in
-diesem Augenblicke nach den Seinen um, sein Antlitz
-war aber auffallend bleich, sein ganzes Wesen schien
-erregt, und er fuhr merklich zusammen, als er einen
-Fremden an seinem Kamin erblickte, faßte sich jedoch
-augenblicklich und streckte dem schnell erkannten
-Freunde die Rechte entgegen.</p>
-
-<p>»Und ohne die Pferde?« frug Hennigs, der die dargebotene
-Hand derb schüttelte, »mit leeren Zügeln? Die
-Damen hier scheinen deren Ankunft fest erwartet zu
-haben.«</p>
-
-<p>»Dann müssen die Damen noch etwas Geduld
-haben,« lächelte der Alte, und nahm die Mütze ab,
-die er oben auf eine Ecke des Kaminsimses legte.
-Dabei schienen aber seine Gedanken wieder weit hinweg
-zu schweifen, und er starrte, die Hand noch immer
-oben an dem Brett, wohl mehrere Minuten lang,
-wie in tiefem Nachdenken versunken, auf die im
-Kamine glimmenden Kohlen nieder.</p>
-
-<p>»Mr. Hennigs hat die Fährten im Potters Creek
-gesehen, Vater,« brach endlich Sally das Schweigen, »sie
-müssen nach der Niederung hinunter sein, und da, weißt
-Du wohl, wenn sie erst in den Schilfbruch kommen,
-findest Du sie immer nicht gleich wieder. Am Ende versäumen
-wir morgen den Anfang der Campmeeting.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-»Das wäre freilich entsetzlich,« lächelte der Alte,
-der jetzt seine volle Ruhe wieder erlangt hatte und sich
-behaglich auf dem für ihn hingeschobenen Stuhl niederließ,
-»und dann könntest Du und Lucy auch nicht
-eure neuen Kleider und Bonnets zeigen, und Mutter
-müßte das schöne Umknüpftuch noch ganze vierzehn
-Tage länger in der Kiste liegen lassen.«</p>
-
-<p>»Aber, Mann!« unterbrach ihn vorwurfsvoll
-Mrs. Draper, »willst Du denn behaupten, daß wir
-solcher sündlichen Eitelkeit wegen zu der Versammlung
-reiten? Habe ich Dir dazu schon je Ursache gegeben?«</p>
-
-<p>»Vater ist überhaupt heute so sonderbar?« sagte
-Sally plötzlich, indem sie auf ihn zuging und ihm
-scharf ins Auge schaute, »es fiel mir gleich auf wie
-er hereintrat; ich weiß nicht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber ich weiß, was Jungfer Naseweiß zu thun
-hat,« sagte der Alte, und ergriff sie lächelnd beim
-Kinn; »draußen steht Mr. Hennigs Poney und wiehert
-nun schon, so lange ich im Hause bin, ganz ungeduldig
-um den versteckten Mais herum. Geh, und
-gieb ihm ein halbes Dutzend Kolben, und dann wollen
-wir das Pferd aushobbeln,<span class="top">[4]</span> es mag sich hier
-<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-herum sein Futter selbst suchen. Du mußt ihm aber
-vorher die kleine Glocke umschnallen, sie hängt hinten
-an der Hausecke.«</p>
-
-<p class="ci fss">[4]: Aus<em class="ge">hobbeln</em> nennt der Amerikaner das Zusammenbinden
-der Vorderbeine des Pferdes, damit sich dieses zwar langsam von
-der Stelle bewegen kann, sein Futter zu suchen, aber doch nicht
-im Stande ist fortzulaufen.</p>
-
-<p>Sally sprang singend hinaus, den erhaltenen
-Auftrag zu erfüllen, Draper aber ging zu seiner Frau
-hin, strich ihr schmeichelnd die nur noch halb schmollend
-weggedrehte Wange und sagte gutmüthig:</p>
-
-<p>»Bist nicht böse, Alte, weißt schon, wie's gemeint
-ist; ein Bischen eitel seid ihr aber Alle, wenn ihr's
-auch nicht wollt merken lassen; denn in ihrem Alltagskleid
-ginge keine von euch zur Campmeeting, so viel
-weiß ich.«</p>
-
-<p>»Das würde sich auch nicht schicken, Draper, das
-würde sich auch nicht schicken; wenn wir zu dem Herrn
-beten, müssen wir auch zeigen, daß wir etwas darauf
-halten, mit anständigem Aeußeren vor ihn zu treten.«</p>
-
-<p>»Das wäre dem lieben Gott, so wie ich ihn kenne,
-sehr egal,« lachte Draper gutmüthig: »doch, Du hast
-recht, Du meinst's ehrlich dabei, und bist auch sonst
-brav und wacker; nur das scheinheilige Pack kann ich
-nicht leiden. Aber, Hennigs, wo habt Ihr denn die
-Pferde gesehen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-»Die Pferde nicht, nur die Spuren,« erwiederte
-dieser, »sie kamen aus den Hügeln herunter und gingen,
-über den Kreuzweg hinüber, der Niederung zu;
-wenn ich nicht ganz irre, habe ich sogar die Schelle
-gehört, die der Fuchs um hat.«</p>
-
-<p>»Ja, die schellt am weitesten, 's&nbsp;ist wohl möglich;
-nun, dann finde ich sie heute Abend an der Buffalolick,
-dorthin gehen sie gewöhnlich, wenn sie überhaupt
-die Richtung einschlagen.«</p>
-
-<p>»Ich sah auch dort oben die Spuren eines Mannes,«
-fuhr Hennigs fort, »und glaubte erst, als ich
-hier hörte Ihr wäret ausgegangen die Pferde zu
-suchen, es seien die euren gewesen. Der die hinterließ
-trug aber Schuhe; es wird wohl ein Jäger gewesen
-sein.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, es wird wohl ein Jäger gewesen sein,«
-sagte der Alte, stand auf und schritt dann ein paar
-Mal in der Stube auf und ab; »ja, fuhr er dann fort,
-ich habe sie auch gesehen, sie gingen nach Süden, den
-Ansiedelungen zu; wahrscheinlich ein Jäger; aber was
-ist das für ein Zeitungsblatt?«</p>
-
-<p>»Dasselbe, was der Sheriff heute Morgen hier herein
-gelegt hat, Vater,« erwiederte ihm Lucy, »wir blätterten
-darin herum.«</p>
-
-<p>»Nun, giebt es Neuigkeiten aus St.&nbsp;Louis?« frug
-<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-der Alte, und fuhr sich mit der linken Hand über die
-breite, offene Stirne, als ob er alle anderen Gedanken
-daraus verscheuchen wollte; »wie steht's mit der
-Wahl? was sagt unser Demokrat da? hat Polk
-Aussichten?«</p>
-
-<p>»Nun, Missouri läßt ihn sicher nicht im Stich,«
-lachte Hennigs. »Das war's aber nicht, wir haben
-uns nicht mit Politik beschäftigt, sondern nur über
-eine Frage debattirt, die das gute Verständniß der
-südlichen und nördlichen Staaten betraf &ndash; über die
-Sclaverei, und zur Erläuterung derselben lasen wir
-hier einige Anzeigen von entlaufenen Sclaven.«</p>
-
-<p>»Von entlaufenen Sclaven? wo? zeigt her!« rief
-Draper schnell und zwar mit einem Interesse, das
-einem genauen Beobachter sicherlich hätte auffallen
-müssen; Hennigs aber, die Bewegung einzig und
-allein der Neugierde zuschreibend, hielt ihm ruhig das
-Blatt hin und sagte:</p>
-
-<p>»Drei Stück &ndash; Wallis hat auch wieder Einen
-hineinsetzen lassen.«</p>
-
-<p>»Neunzehn Jahr alt,« las Draper, »schlank gewachsen,
-mit freier, hoher Stirn und besonders wolligem
-Haar; Farbe: Ebenholzschwärze, Größe: fünf
-Fuß sieben Zoll &ndash; das stimmt alles.«</p>
-
-<p>»Was stimmt?« frug Hennigs.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-»Was stimmt? ih nun, die &ndash; o, ich kenne den
-Burschen, der wahrscheinlich entlaufen ist,« erwiederte
-Draper, und wandte sich, wie um besser lesen zu können,
-mit der Zeitung ab, dem Lichte zu.</p>
-
-<p>»Ist es etwa der, den er vor kurzer Zeit so fürchterlich
-mißhandeln ließ?« sagte Hennigs.</p>
-
-<p>»Derselbe, derselbe; sein Rücken ist noch jetzt blutig
-und zerfleischt, die Narben hatten noch keine Zeit,
-wieder zu heilen, der arme Teufel konnte Tag und
-Nacht kein Auge schließen vor Schmerz und Qual und
-&ndash; mußte dennoch arbeiten; Donnerwetter, Alte, wo
-ist denn eigentlich der Whiskey,« unterbrach er sich
-plötzlich und bog sich nieder, um unter den Fuß des
-Bettes zu sehen, wo die fragliche Steinkruke gewöhnlich
-ihren Platz hatte, »ich bin trocken wie eine Ohio-Chaussee,
-ich staube ordentlich. Glaubt ihr, man soll
-euch die Pferde suchen, und nachher nicht einmal einen
-Tropfen trinken? Ich verdurste, wenn ich nicht bald
-etwas bekomme!«</p>
-
-<p>»Vater hat wohl die Pferde gesucht, hat sie aber
-noch nicht gefunden,« sagte Sally, und schöpfte dabei,
-als sie eben in die Thüre trat, den Flaschenkürbiß voll
-des klaren Quellwassers, das in einem Eimer auf
-dem dort angebrachten Regale stand.</p>
-
-<p>»Ist mein kleiner Kiek in die Welt auch schon wieder
-<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-da?« lachte der Alte. »Also, weil ich sie nicht gefunden
-habe, braucht' ich auch nicht trocken im Halse
-geworden zu sein? und Wasser soll ich trinken? Wettermädchen
-das, folgt der Alten aufs Haar. Nein,
-Kinder, einen Schluck Whiskey muß ich vorher aufsetzen,
-aber laß nur das Wasser hier, Sally, zum
-Nachtrinken giebt's nichts Besseres auf der ganzen
-Welt.«</p>
-
-<p>»Bester Mann,« bat Mrs. Draper, »ist nun das
-klare, liebe Himmelsgetränk nicht viel besser und
-zweckmäßiger, selbst den brennendsten Durst zu
-löschen?«</p>
-
-<p>»Liebe, beste Frau,« entgegnete ihr Draper, während
-er von der ihm gereichten Kruke den, aus dem
-holzigen innern Theil eines Maiskolben bestehenden
-Stöpsel abzog und dann etwas von dem goldklaren
-Inhalt in den großen, vor ihm auf dem Tische stehenden
-Blechbecher ausgoß, &ndash; »das Wasser ist eben ein
-Himmelsgetränk, wie Du ganz richtig bemerkst, für
-uns arme Sterbliche aber müssen wir etwas Feurigeres,
-Herz und Seele mehr Zusammenhaltendes haben, und
-da hat denn der liebe Gott den Whiskey erschaffen.«</p>
-
-<p>»Den hat der Teufel erschaffen!« rief Mrs. Draper
-lebhafter, als es sonst gewöhnlich ihre Art war,
-»das ist des Teufels Erfindung.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-»So? in der That? &ndash; dann bin ich dem Teufel
-wirklich mehr verbunden, als ich bis jetzt habe glauben
-mögen; die Erfindung macht ihm alle Ehre, und söhnt
-mich theilweise wieder mit ihm aus,« sagte der unverwüstliche
-Draper mit größter Ruhe, und leerte etwa
-die Hälfte des Inhalts, wornach er den Rest an Hennigs
-hinüber schob. Dieser aber zögerte, ihn anzunehmen,
-und blickte sich halb unschlüssig nach Lucy um.</p>
-
-<p>»Lucy sieht nicht her!« neckte ihn Sally, der des
-jungen Mannes Verlegenheit keineswegs entgangen
-war, »Sie können's riskiren.«</p>
-
-<p>»Laßt Euch durch die Frauen nicht irre machen,
-Hennigs,« ermahnte ihn der Alte, »wenn ich denen
-glauben wollte, dann wäre das gute Getränk hier vor
-uns ein Haken, und meine Kehle ein Arm, die mich
-selbander und mit vereinten Kräften in den Pfuhl der
-Hölle hineinrissen; so hat's ihnen wenigstens neulich
-der Presbyterianer erklärt.«</p>
-
-<p>»Du bist ein böser Mann, Draper, und drehst
-Einem immer die Worte im Munde herum,« sagte die
-Matrone, reichte aber dem Gatten dabei freundlich
-die Hand hinüber: »Du weißt ja doch recht gut, wie
-ich's meine, und daß es nur immer Deines eigenen
-Besten wegen ist, wenn ich ein Wort einwerfe über
-Dein&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-»Trinken und Fluchen!« fiel ihr Draper ins Wort;
-»ja, ja, ich weiß schon, wovon die Rede ist; übrigens
-habe ich heute noch nicht ein einziges Mal geflucht,
-und was den Trunk betrifft, den ich selten genug zu
-meiner Erholung thue, so bin ich allerdings davon
-überzeugt, daß Du ihn mir nicht mißgönnst, da ist
-aber der gottverdammte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sally's kleine Hand lag auf seinen Lippen, und
-er zog sie gutmüthig lächelnd herunter und drückte
-einen herzlichen Kuß auf den kleinen gespitzten Rosenmund
-des lieben Kindes.</p>
-
-<p>»Nun, schon gut, schon gut, Sally,« sagte er
-dann, »'bist mein gutes Mädchen; jetzt seht aber nach
-euren Kühen &ndash; ach, ja so, es ist erst eine da; nun,
-schad't nichts, besorgt die nur, ehe es dunkel wird,
-es sollen schon mehrere nachkommen, und nachher
-zündet auch die Lampe an, oder habt ihr die Lichter
-schon gegossen?«</p>
-
-<p>»Ja, Vater, die letzten drei Hirsche, die Du geschossen
-hast, hatten gar viel Talg bei sich, und aus
-den Bienenbäumen, die hier Mr. Hennigs für uns
-umgehauen, ist auch ein recht schönes Stückchen
-Wachs gekommen, &ndash; die Lichter sind fertig.«</p>
-
-<p>»Brav, Kinder, dann macht alles bereit, Hennigs
-und ich, wir wollen indessen noch einmal nach der
-<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-Buffalolick hinüber gehen und die Pferde holen;
-vielleicht finden wir auch unterwegs irgendwo ein
-Volk Truthühner aufgebäumt, ich will auf jeden Fall
-den Rifle mitnehmen.«</p>
-
-<p>Und der alte Mann hob die schwere Büchse von
-der Wand herunter, hing sich die kaum abgelegte
-Kugeltasche wieder um, setzte die Mütze auf und wollte
-eben mit seinem jungen Freunde das Haus verlassen,
-als er plötzlich zurückprallte und erbleichend ausrief:
-»Tod und Teufel!«</p>
-
-<p>Erschreckt sprangen seine Frau und Töchter hinzu,
-sie sollten aber über das, was den Vater so überrascht
-hatte, nicht lange in Zweifel bleiben; ein junger
-Neger mit bloßem Kopf und nur einer dünnen Leinwandjacke
-und eben solchen Hosen bekleidet, die nackten
-Füße in groben, rindsledernen Schuhen, das
-schwarze Antlitz eingefallen und verzerrt von Todesfurcht
-und übermäßiger Anstrengung vielleicht, sprang
-auf die Schwelle, warf einen scheuen, wilden Blick
-über die ihn jetzt Umstehenden, und brach dann, die
-Kniee des alten Mannes krampfhaft umklammernd,
-vor diesem halbohnmächtig zusammen.</p>
-
-<p>»Ben, Ben, um Gottes Willen, was soll das
-heißen?« rief Draper und sah ängstlich nach Hennigs
-hinüber, der ganz überrascht dastand und gar nicht
-<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-wußte, wie er sich diese merkwürdige Scene deuten
-solle.</p>
-
-<p>»Rettet mich, Herr, rettet mich, wenn Ihr nicht
-wollt, daß sie mich bei lebendigem Leibe verbrennen,
-wie sie's dem armen Nigger in St.&nbsp;Louis gethan
-haben, rettet mich um des Heilands Willen, sie sind
-dicht hinter mir!«</p>
-
-<p>Er blickte flehend zu ihm empor, und Hennigs
-konnte jetzt zum ersten Mal seine Züge erkennen.
-Kaum hatte er ihn aber einen Moment scharf in's
-Auge gefaßt, als er vorsprang, den Knieenden bei
-der Schulter ergriff und ausrief:</p>
-
-<p>»Alle Wetter, das ist Wallis entlaufener Neger, halt,
-Bursche, wo kommst Du her und wo willst Du hin?«</p>
-
-<p>Der unglückliche Ben warf einen flehenden Blick
-auf den alten Mann und sank dann, seine Kniee loslassend,
-ohnmächtig zu Boden.</p>
-
-<p>»Der Bursche hat wahrscheinlich nicht mehr weiter
-gekonnt!« sagte Hennigs, als er ihn umwandte und
-fühlte, wie der arme Teufel regunglos in seinen Armen
-lag, »nun, ein Bischen kalt Wasser wird ihn
-schon wieder zu sich selbst bringen. Sie werden ihn
-aber hier behalten müssen, bis wir Wallis davon benachrichtigen
-können. Der wird nicht wenig froh sein,
-daß er seinen Neger wieder hat.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-»Sie werden ihn doch nicht ausliefern?« rief Lucy
-entsetzt.</p>
-
-<p>»Nicht ausliefern, Miß Lucy? &ndash; wir sollen doch
-wohl nicht etwa gar einem Nigger zum Fortlaufen
-behülflich sein und nachher das Vergnügen im Zuchthaus
-büßen?«</p>
-
-<p>»Man will ihn lebendig verbrennen!« rief Sally
-und faltete in Todesangst die kleinen weißen Händchen
-auf der klopfenden Brust.</p>
-
-<p>»O bewahre Gott,« lächelte Hennigs, »das wäre
-ja wider des Herrn eigenen Vortheil, einen seiner
-Sclaven umzubringen; nein, Sally, der kommt
-mit einer Tracht Schläge davon, und die hat der
-Schlingel auch eigentlich verdient, warum läuft er
-fort; er weiß, daß er doch am Ende wieder gefangen
-wird.«</p>
-
-<p>Draper bog sich schweigend zu dem Unglücklichen
-nieder und wies auf seinen Rücken, die Dämmerung
-brach schon stark herein, aber deutlich konnten
-sie noch erkennen, wie rothes Blut durch die dünne
-Leinwandjacke gedrungen war, und diese in langen,
-theils erhärteten, theils noch frischen Streifen
-an dem Rücken des Unglücklichen festgeleimt
-hatte.</p>
-
-<p>Die Frauen stießen einen Schrei der Angst und
-<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-des Entsetzens aus, und selbst Hennigs wandte sich
-schaudernd ab.</p>
-
-<p>»Der arme Teufel!« brummte er vor sich hin.</p>
-
-<p>Draper brach endlich das Schweigen und sagte
-mit hohler, fast tonloser Stimme, indem er den Neger
-noch immer mit seinem Arm unterstützte:</p>
-
-<p>»Der Knabe hier rettete mir vor drei Wochen das
-Leben; ich badete im Strom, und nur seiner Dazwischenkunft
-verdanke ich es, daß ich das steile schroffe
-Ufer, zu dem mich die zu starke Strömung hingerissen
-hatte, wieder erklimmen konnte. Heute traf ich ihn
-flüchtig im Wald, und obgleich ich wußte, daß es ein
-entflohener Sclave sei, ließ ich ihn ungehindert
-ziehen. &ndash; Ich wandte mich ab und wollte nicht sehen,
-wohin er floh. Jetzt führt, Gott weiß nur welches
-Schicksal, den Unglückseligen in meine Hütte, und
-mir bleiben einzig und allein zwei Auswege offen:
-entweder ich verrathe meinen Lebensretter und überliefere
-ihn seinen Henkern, oder ich setze mich der Gefahr
-aus, angeklagt zu werden einem Neger, einem
-Sclaven, zur Flucht behülflich gewesen zu sein, &ndash;
-das Zuchthaus ist dann meine Strafe.«</p>
-
-<p>»Hier ist, denk' ich, ein Ausweg möglich,« sagte
-Hennigs, »Wallis weiß, daß ihm ein Arbeiter nur
-dann von Nutzen sein kann, wenn er gesund und
-<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-kräftig ist; auf Euer Wort giebt er überdies etwas,
-und wenn Ihr zu ihm hinüberreitet und ihm sagt,
-daß Ihr ihm seinen Neger gegen das Versprechen
-wieder verschaffen wollt, daß er den schon so arg Gemißhandelten
-nicht noch mehr züchtige, so glaub' ich,
-wird er schon ein vernünftiges Wort mit sich reden
-lassen und kein Unmensch sein. Zum Henker noch
-einmal, er gehört ja doch auch mit zur Kirche, und
-da darf er ja schon des Aufsehens wegen nicht den
-Tyrannen spielen.«</p>
-
-<p>»Er schlägt die Augen auf,« sagte Mrs. Draper,
-die ihm indessen Stirn und Schläfe mit Essig eingerieben
-hatte, »er kommt wieder zu sich, großer Gott,
-wie weh dem armen Menschen ums Herz sein muß;
-Vater, wenn nun unser Sohn, der sich jetzt in Texas
-oder Mexico herumtreibt, so unter fremden Menschen
-läge, wie wolltest Du, daß ihm da geschähe?«</p>
-
-<p>»Ich glaube wirklich nicht, daß ihm viel Gefahr
-droht, Mrs. Draper,« nahm Hennigs noch einmal
-das Wort; »wenn Sie es wünschen, so will ich selbst
-mit Draper hinüber reiten, um Wallis zur Milde zu
-stimmen, aber ausliefern müssen wir ihn, das verlangt
-nicht allein das Gesetz, sondern auch unsere eigene
-Sicherheit. Es ist ja denn doch auch nur ein Neger,
-und ich sehe nicht ein, weßhalb sich zwei Weiße seinetwegen
-<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-in so entsetzliche Unannehmlichkeiten stürzen
-sollten, wie daraus entstehen könnten.«</p>
-
-<p>»Es ist <em class="ge">nur</em> ein Neger, Mr. Hennigs,« sagte
-Sally mit bitterem Vorwurf im Ton, »das klingt,
-aufrichtig gesprochen, recht garstig von Ihnen. Vater
-war in seinen Augen auch <em class="ge">nur</em> ein Weißer, und er
-hat ihn doch aus dem Wasser gezogen. Das weiß
-ich, wenn Sie den armen Menschen wieder auslieferten,
-und ich wäre Lucy, ich spräche in meinem ganzen
-Leben kein Sterbenswörtchen mehr mit Ihnen.«</p>
-
-<p>»Sein Sie barmherzig!« flehte auch Lucy jetzt,
-und sah bittend zu dem jungen Mann auf, der sich,
-den Hut in der Hand, verlegen hinter den Ohren
-kratzte.</p>
-
-<p>»Aber, beste Miß Lucy,« sagte er endlich, »was
-hülfe es ihm denn, wenn wir unsere eigene Sicherheit
-auch wirklich nicht einen Pfifferling rechnen wollten,
-deßhalb wäre ihm doch nicht mehr geholfen. Entfliehen
-kann er nicht; wie käme ein Nigger von hier bis zu
-der canadiensischen Grenze ohne Paß? Liefern wir ihn
-also nicht aus, wobei wir uns zugleich für ihn verwenden
-können, so fängt ihn Jemand Anderes, und
-dann geht's ihm erst recht schlimm.«</p>
-
-<p>Der Neger hatte seine großen, lebhaften Augen
-geöffnet und zu dem Sprechenden mit einem unbeschreiblichen
-<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-Ausdruck von Seelenschmerz in den dunkeln
-Zügen aufgeblickt. Jetzt theilten sich seine Lippen,
-und er flüsterte, mit aber noch kaum hörbarer
-Stimme:</p>
-
-<p>»Ich bin verloren, die Verfolger sind mir auf den
-Fersen; ich traf einen der nach mir ausgesandten
-Männer zufällig im Wald, und nur die Verzweiflung
-gab mir Kraft genug, ihm in dem dichten Unterholz
-zu entgehen, das ihm nicht erlaubte mit dem Pferd
-so schnell hindurch zu brechen. Unfern von hier wußte
-ich ihn von meinen Fährten abzubringen und floh
-nun, als letztem Rettungsweg, Ihrem Hause zu. Ich
-kann nicht weiter, mein Rücken ist zerfleischt, meine
-Kräfte sind erschöpft, die Wunden brennen mich wie
-Feuer, und die Glieder versagen mir den Dienst.
-Liefern Sie mich aus, dann ist's vorbei, und ich habe
-dieß elende Leben überstanden.«</p>
-
-<p>»Es ist nicht so schlimm, Ben!« sagte Hennigs
-gutmüthig, »wir wollen selbst zu Deinem Herrn hinüber
-reiten und ihn um Schonung für Dich bitten;
-er soll Dich nicht weiter mißhandeln.«</p>
-
-<p>»Umsonst, umsonst!« stöhnte der Unglückliche, und
-sah starr vor sich nieder, »das wäre vergebens; letzten
-Freitag warf er mich zu Boden und trat mich mit Füßen;
-die harten Steine rissen die noch nicht geheilten
-<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-Wunden der Peitschenhiebe wieder auf, wahnsinniger
-Schmerz durchzuckte mich, und in aller Verzweiflung,
-nicht mehr wissend was ich that, was ich beging,
-ergriff ich einen gerade dort liegenden Axtstiel und &ndash;
-schlug meinen Master zu Boden.«</p>
-
-<p>»Unglückseliger!« sagte Hennigs mitleidig, »dann
-bist Du allerdings verloren!«</p>
-
-<p>»Nein, nein!« rief Draper, »ich will verdammt
-sein, wenn ich ihn ausliefere. Ich weiß, was ich riskire,
-ich weiß was mich bedroht, wenn ich entdeckt
-werde, doch gleichviel; im schlimmsten Falle lasse ich
-die hier gethane Arbeit im Stich, und ziehe nach Iowa
-hinein, aber ich will nicht haben, daß mich das
-Bild dieses Unglücklichen mein ganzes Leben lang,
-Tag und Nacht hindurch mahnen und martern soll,
-und ich mir ewig sagen muß: der hatte dir nur das
-Leben gerettet, damit du ihn nachher gebunden seinem
-Henker überliefern konntest. Sei guten Muths, Ben,
-es soll Dir Nichts geschehn, ich will doch einmal sehn,
-ob der alte Draper so auf den Kopf gefallen ist, daß
-er nicht ein Mittel findet Dir fortzuhelfen.«</p>
-
-<p>»Aber, Draper, Draper, denkt an Euer Weib und
-Euere Kinder,« sagte warnend der junge Mann.</p>
-
-<p>»O, reden Sie dem Vater nicht ab,« bat ihn flehend
-Lucy, »lassen Sie ihn das gute Werk vollbringen,
-<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-und &ndash; wenn Sie sich uns Allen als ein recht lieber,
-lieber Freund erweisen wollen, o, so helfen Sie nur
-dießmal, den armen, armen Jungen von so fürchterlicher
-Strafe zu erretten.«</p>
-
-<p>»Liebe Miß Lucy,« erwiederte Hennigs, noch immer
-unschlüssig, »ich will ja gewiß Alles von Herzen
-gern thun, was Ihnen nur die mindeste Freude gewähren
-kann, ich sehe aber wahrhaftig nicht ein, wie
-dem armen Teufel geholfen werden soll. Sind ihm
-die Verfolger so dicht auf den Fährten wie er sagt,
-dann können wir sie auch jeden Augenblick hier erwarten,
-und in dem Zustand, in dem er sich jetzt befindet,
-wäre es für ihn unmöglich zu entfliehen. Hier im
-Haus sind wir eben so wenig im Stande ihn lange
-zu verbergen, selbst wenn wir wollten; denn das eine
-offene Gemach, was Sie haben, bietet nirgends auch
-nur den geringsten sichern Schlupfwinkel.«</p>
-
-<p>»Wir müssen ihm einen Paß schreiben!« rief Mrs.
-Draper schnell, »das wird ihm durchhelfen; einen mit
-dem Paß versehenen Neger hält Niemand an.«</p>
-
-<p>»Aber womit?« frug Lucy ängstlich, »wir haben
-weder Schreibzeug, noch Papier, selbst das Stückchen
-Bleistift, was in dem alten Haus über dem Kamin
-stak, muß verloren gegangen sein, ich konnte es wenigstens
-nirgends finden.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-Der Neger hatte indessen mit ängstlichen Blicken
-von einem der Sprechenden zum andern gestarrt, und
-seine Augen leuchteten, als er den Paß erwähnen
-hörte; jetzt, da ihm diese letzte Hoffnung abgeschnitten
-schien, barg er zitternd das Antlitz in den Händen,
-und wenn auch kein Laut, kein Schluchzen die Stille
-unterbrach, so kündete doch das convulsivische Zucken
-seiner ganzen Gestalt den ungeheueren Schmerz an,
-der ihn durchbebte.</p>
-
-<p>»Hier muß Rath geschafft werden!« rief der alte
-Draper jetzt, und ging mit schnellen Schritten im Zimmer
-auf und ab, »Ben muß fort, und ein Paß, das
-seh' ich ein, ist dazu unumgänglich nöthig. So mag er
-denn hier im Haus verborgen bleiben, bis ich ihm den
-herbeischaffen kann; ich will noch heute zum Squire
-Mapel reiten und Tinte und Papier holen.«</p>
-
-<p>»Aber das ganze County ist schon in Aufregung,«
-flehte in Todesangst Ben, »der, der mich heute verfolgte,
-wußte ebenfalls von dem, einem weißen Manne
-gegebenen Schlag; zweimal hätte er mich niederschießen
-können, aber er schrie fluchend, er wolle mich
-lebendig haben, um mich schmoren zu sehen; sie sind
-zum Fürchterlichsten entschlossen.«</p>
-
-<p>»Halloh! da drüben!« schallte plötzlich eine Stimme
-von der andern Seite der niedergehauenen Bäume
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-herüber, und gleich darauf übertäubte, wie bei Hennigs
-Ankunft, das Heulen der Meute jeden weitern
-Anruf.</p>
-
-<p>»Das ist mein Verfolger!« stöhnte Ben und sank,
-die Hände gefaltet, in Verzweiflung auf einen Stuhl
-nieder, an dessen Lehne mehrere Tropfen klaren Blutes,
-die durch die dünne Jacke gequollen waren, hängen
-blieben.</p>
-
-<p>Der alte Mann trat indessen in die Thür, beschwichtigte
-mit einem Wort die Hunde, die, der
-Stimme des Herrn gehorsam, nur leise knurrend den
-fremden Tönen lauschten, und rief jetzt die Gegenfrage
-an den späten Gast hinüber:</p>
-
-<p>»Wer ist da, und was wollt Ihr?«</p>
-
-<p>»Wer da ist, zum Henker, Pitt ist da, oder ist
-eigentlich noch nicht da; denn er steckt hier in einem
-undurchdringlichen Gewirr von allem Möglichen, und
-weiß nicht, wie er herauskommen soll. Wo in aller
-Welt ist nur der Fahr- oder Reitweg, Draper? Auf
-dem, wo ich hergekommen bin, liegen wenigstens
-zwanzig Klafter Holz!«</p>
-
-<p>»Seid Ihr allein?« frug Draper zurück.</p>
-
-<p>»Ja, allerdings, es werden aber gleich noch eine
-ganze Menge kommen, ich traf sie nicht weit von hier,
-und sie redeten davon, bei Euch zu übernachten.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-»Ich komme gleich, Pitt,« rief Draper ihm zu,
-»bleibt nur einen Augenblick da halten, Euer Pferd
-könnte sonst in den vielen Splittern Schaden nehmen,«
-und damit warf er die Thüre wieder in die Klinke
-und trat in das Innere seiner Hütte zurück.</p>
-
-<p>»Es ist zu spät!« sagte er eintönig, als er mit
-starrem Blick auf den unglücklichen Knaben niedersah,
-»sie werden hier sein, ehe wir im Stande sind,
-auch nur einen vernünftigen Rettungsplan zu ersinnen,
-viel weniger auszuführen.«</p>
-
-<p>»Wenn er sich nun draußen im Walde versteckte?«
-frug schüchtern Sally, »ich will ihm ja recht gern
-Speise und Trank bringen; morgen früh gelingt es
-dann vielleicht, dem Armen zu helfen.«</p>
-
-<p>»Nein, das ist unmöglich, die Hunde würden ihn
-dort nicht unbeachtet lassen; überdieß bringen die
-Fremden, wenn es seine Verfolger wirklich sind, auch
-auf jeden Fall ihre Rüden mit, und dann wäre seine
-Entdeckung unvermeidlich. Ich begreife ohnedem nicht,
-wie ihn meine eigenen Bärenfänger so unbelästigt
-hereingelassen haben.«</p>
-
-<p>»So verbirg ihn dort zwischen unsern Betten!«
-sagte Sally plötzlich, »dort mag er liegen, bis sich
-irgend ein Ausweg für ihn gefunden hat, und wenn
-es bis morgen früh wäre.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-»Das ist das Einzige; Höll' und Teufel, Pitt
-wird ungeduldig da drüben, ich muß ihn holen; so
-versteckt ihn denn schnell, und möge Gott geben daß
-er dort unentdeckt bleibt, sonst ist mein guter Name für
-Missouri dahin, und ich muß selbst der Rache seiner
-Bürger entfliehen.«</p>
-
-<p>Tief aufseufzend verließ er die Hütte, seinen heute
-so unwillkommenen Gast herein zu holen, während
-die Frauen indessen ein ziemlich weiches Lager für den
-armen Gemißhandelten bereiteten und es, zwischen
-den Betten und durch einen mit Kleider überhangenen
-Stuhl, so verdeckten, daß, wenn nicht eine wirkliche
-und hier keineswegs zu befürchtende Haussuchung
-Statt fand, sein Lager von den in der Hütte befindlichen
-Personen sicherlich nicht gesehen werden konnte,
-da sich auch schon ohnedieß keiner der Amerikaner
-neugierig einer Stelle zugedrängt hätte, die der »Damen-Schlafplatz«
-war.</p>
-
-<p>Bald darauf erreichte der späte Besuch den kleinen,
-vor dem Hause befindlichen, offenen Platz, sprach
-dort einige Worte, seines Pferdes wegen, mit Draper,
-und betrat dann, schon von draußen den Frauen
-einen guten und freundlichen Abend hereinrufend, das
-Innere des jetzt durch ein selbstgegossenes Licht erhellten
-Raumes.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-Mr. Pitt war ein kleines, wohlbeleibtes Männchen,
-mit so blonden Haaren, daß er sie oft selbst im
-Scherz »Isabellfarben« nannte, dazu mit großen
-blaugrauen Augen und gewöhnlich in einen Pfeffer-
-und Salz-farbenen Oberrock eingeknöpft. So gemüthlich
-er aber auch sonst in manchen Sachen sein mochte,
-so viel er selbst auf sein Vieh, auf seine Pferde und
-Rinder hielt, die er sich nie überarbeiten ließ, so sehr
-haßte er die Neger, und behandelte seine eigenen
-Sclaven, wenn er sie auch gut »fütterte,« wie er es
-nannte, stets mit der größten Verachtung. Die Sclaven
-der ganzen Nachbarschaft fürchteten ihn auch ungemein,
-haßten ihn aber wohl noch mehr und nannten
-ihn überall nur den »Niggerfresser.«</p>
-
-<p>Und doch war dieser Mann ein ganz guter Bürger,
-ehrlich und rechtschaffen in all seinem Thun und
-Handeln, und hatte sich, einzig und allein durch eigenen
-Fleiß, ein gar nicht unbedeutendes Vermögen
-erworben.</p>
-
-<p>Seinem Ehrgeiz war übrigens dadurch Genüge
-geschehen, daß ihn sein »Township« zum Friedensrichter,
-und zwar damals noch ernannt hatte, als die
-Aufregung für General Harrison selbst bis in den
-fernen Westen drang; er rühmte sich auch seines eifrigen
-Whigthums und schwärmte natürlich für Henry
-<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-Clay, und besonders für Frelinghuysen, der, seiner
-Aussage nach, der frömmste Mann der Welt sei und
-eher verdiente, Präsident, als nur Vicepräsident zu
-werden.</p>
-
-<p>Seiner Religion nach war er Presbyterianer, und
-hing dabei so eifrig an der Kirche, daß er schon einmal,
-als er sich bei einer großen Betversammlung befand,
-wo der andächtig harrenden Gemeinde gemeldet
-wurde, der plötzlich krank gewordene Prediger
-könne nicht kommen, selbst, unvorbereitet, den Rednerstuhl
-bestieg, und mit Kraftworten und noch nie dagewesenen
-Gesticulationen den Leuten erzählte, wie's
-ihm eigentlich ums Herz sei. Man wollte ihn später
-allerdings dazu bereden der geistlichen Beredsamkeit
-sein Leben ausschließlich zu weihen, Mr. Pitt zog es
-aber vor Friedensrichter zu bleiben, und behauptete,
-vielleicht nicht ganz ohne Grund, »als Laie die Eingeborenen
-viel mehr in Erstaunen setzen zu können,
-als wenn er aus der heiligen Sache eine wirkliche
-Profession mache«. Dabei war er höchst ritterlich und
-gefällig gegen Damen, obgleich er, als alter Junggeselle,
-von diesen auch manches Scherz- und Stichelwort
-ertragen mußte; ja, er hatte sogar selbst, vor
-noch nicht so langer Zeit, bei einer Entführung in
-St.&nbsp;Louis thätigen Antheil genommen. Wenn er aber
-<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-auch gern von dieser Sache sprach, so verfehlte er
-doch nie dabei die Bemerkung zu machen, daß das
-vor der Zeit gewesen sei, wo er als Friedensrichter in
-Thätigkeit getreten, und er jetzt, gerade im Gegentheil,
-eine solche ungesetzliche Handlung mit jeder ihm zu
-Gebote stehenden Macht verhindern würde.</p>
-
-<p>Mr. Pitt trat also in die Thüre der Hütte, und
-reichte, sich nicht mit dem allgemeinen »guten Abend,
-Ladies,« begnügend, noch jeder der Damen insbesondere
-die Hand, führte dabei auch so total allein das
-Wort und erkundigte sich so angelegentlich nach dem
-Befinden und Wohlergehen seiner »neuen Nachbarn«
-(sein Haus lag elf englische Meilen entfernt), daß er
-die Verlegenheit und Aufregung, in welcher sich diese
-befanden gar nicht bemerkte, sondern geschäftig
-einen der Stühle zum Kamin schob (und zwar mit
-dem Rücken gegen die Thür, also den Betten mehr
-zugewandt), von dem aus er an Draper und Hennigs
-indessen tausend verschiedene Fragen zu gleicher Zeit
-richtete.</p>
-
-<p>Draper war übrigens selbst zu aufgeregt, um sich
-in eine Beantwortung derselben einzulassen, und frug
-nur seinerseits, wobei er freilich einen Augenblick benutzen
-mußte, in dem der würdige Mann gerade
-Athem schöpfte, wen er noch von Fremden im Walde
-<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-getroffen habe, was diese getrieben und wann sie hier
-eintreffen würden.</p>
-
-<p>»Stop, Sir &ndash; stop!« schrie der Kleine und drehte
-sich in komischer Verzweiflung nach ihm herum, »das
-sind eine Menge verschiedener Artikel, die erst geordnet
-und dann einzeln vorgenommen werden müssen.
-Vor allen Dingen, Ladies, fürchte ich, daß Ihr Raum
-heute ein wenig beschränkt werden wird; denn acht
-Mann kann ich sicher anmelden, die noch vor Ablauf
-einer Stunde hier eintreffen werden. Das heißt,
-eigentlich nur sieben, da Einer von ihnen hier schon
-ganz behaglich und warm am Feuer sitzt und sich ungemein
-freut, daß er aus den bösen Dornen und
-Ranken da draußen heraus ist. Dieser Eine, meine
-theuren Ladies, den ich Ihnen die Ehre habe in meiner
-unbedeutenden Person vorzustellen, wird nun auch
-wohl morgen noch hoffentlich das Vergnügen genießen,
-in Ihrer Gesellschaft zu bleiben; denn ich zweifle
-keinen Augenblick, daß Sie ebenfalls beabsichtigen
-der Betversammlung beizuwohnen; die dort aufgehäuften
-Kleider sind wahrscheinlich schon dazu bestimmt,
-Ihren holden Gestalten einen womöglich noch
-höhern Reiz zu verleihen.«</p>
-
-<p>»Wer waren aber die Anderen?« unterbrach ihn
-ungeduldig der Alte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-»Wer die Anderen waren?« wiederholte lächelnd
-der kleine Friedensrichter; »die Blüthe des Staats,
-der Stolz und Schmuck unseres und des benachbarten
-Countys, lauter wackere Farmer, wie berittene Nimrode,
-mit ihren Büchsen und Hunden. Apropos,
-Draper, habt Ihr den Wolfshund noch, den Ihr von
-Hilbert damals kauftet? das war ein famoses Poppy,
-muß einmal ein prächtiger Hund werden.«</p>
-
-<p>»Waren die Männer auf der Jagd?« mischte sich
-Hennigs jetzt in das Gespräch.</p>
-
-<p>»Jagd? ja,« sagte der Kleine; »aber ganz besondere
-Jagd &ndash; Hochwild &ndash; Menschenfleisch!«</p>
-
-<p>»Menschenfleisch?« riefen die Frauen entsetzt.</p>
-
-<p>»Erschrecken Sie nicht, meine Damen, es war
-weiter nichts als ein weggelaufener Nigger,« lächelte
-der gemüthliche Friedensrichter, »vielleicht haben sie
-ihn jetzt schon und bringen ihn dann gleich mit her.«</p>
-
-<p>Keiner im Haus antwortete ihm auch nur eine
-Sylbe darauf, und der Geschwätzige fuhr plaudernd
-fort:</p>
-
-<p>»Wallis hat, wie Sie vielleicht wissen, neulich
-einmal einen seiner Neger exemplarisch abstrafen müssen;
-der Strick war am lieben Sonntag mit seinen
-ganz neu gekauften Sachen, wie er selber sagte, in den
-Fluß gefallen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-»Großer, allmächtiger Gott! deßhalb hat er ihn
-gezüchtigt? das ist die Ursache gewesen?« schrie Draper
-entsetzt.</p>
-
-<p>Pitt sah ihn erstaunt an. »Nun,« sagte er, »das
-wäre allerdings eine Ursache gewesen, ihn zu strafen,
-und er hat auch wohl seine Tracht Schläge deßhalb
-bekommen; von der Strafe aber, von der ich spreche,
-war es nur ein entfernterer Grund; denn die Canaille
-hatte sich auch noch dabei erkältet und konnte nun ihre
-Arbeit nicht ordentlich verrichten. Wallis ist ein
-wenig hitzig und ich weiß nicht recht, wie alles später
-gekommen, so viel aber ist gewiß, Ben, der Junge,
-hatte eine trotzige Antwort gegeben und mußte dafür,
-wie sich das auch von selbst versteht, büßen. Da denken
-Sie sich nur, überfällt er neulich seinen eigenen
-Herrn, schlägt ihn mit einem Axtstiel, an dem glücklicher
-Weise die Axt fehlte, zu Boden und &ndash; entflieht.
-Aber weit wird er nicht kommen, Hilbert ist
-ihm heute Nachmittag hier ganz in der Nähe begegnet,
-hatte aber unglücklicher Weise seine Hunde nicht
-bei sich und verlor, nicht weit von dem Hurricane<span class="top">[5]</span>
-<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-seine Fährte. Gleich darauf traf er übrigens die zur
-Verfolgung des Niggers ausgezogenen Männer, und
-nun wollen sie, da diese noch mehr Hunde mitbrachten,
-den Hurricane ordentlich abtreiben und nachher
-hierher kommen und hier übernachten. Sie bleiben
-vielleicht im Wald, es sieht aber heute Abend wie
-Regen aus, und da ist's doch besser sie suchen Dach
-und Fach.«</p>
-
-<p class="ci fss">[5]: Hurricane werden in den westlichen Wäldern auch die,
-durch einen Hurricane oder Orkan niedergeworfenen Waldstrecken
-genannt, die oft, wenn sie besonders erst einige Jahre gelegen
-haben, wirklich undurchdringliche Dickichte bilden.</p>
-
-<p>»Aber Ladies, Sie lassen mich die Unterhaltung
-ganz allein führen; es spricht ja keine von Ihnen auch
-nur ein Wort.«</p>
-
-<p>»Wir müssen an's Abendessen denken, Sir,« sagte
-die Matrone, »wenn wir so viele Gäste bekommen, so
-werden sie, für die anderen Unbequemlichkeiten denen
-sie ausgesetzt sind, doch wenigstens etwas Warmes zu
-essen haben wollen; bis wann können sie wohl hier
-sein?«</p>
-
-<p>»Wird nicht mehr so lange dauern, gar nicht mehr
-so lange dauern,« sagte der Kleine, und zog die
-Augenbraunen bedeutsam in die Höhe, »in höchstens
-drei Viertelstunden können sie Alles abgesucht haben,
-der Hurricane ist nicht so übermäßig groß, und die
-Hunderace, die sie mit sich führen, vortrefflich. Die
-Mutter von Eurem Wolfshund ist auch dabei,
-Draper. Uebrigens kann es auch sein sie finden den
-<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-Burschen gleich, und dann halten sie sich weiter gar
-nicht auf.«</p>
-
-<p>Draper und Hennigs hatten leise einige Worte
-gewechselt und der letztere nahm jetzt seinen Stuhl
-auf und trug ihn an die entgegengesetzte Seite des
-Kamins, während er zugleich Mr. Pitt bat ihm dahin
-zu folgen, damit die Damen nicht so viel in dem
-Ab- und Anrücken ihrer Kochgeräthschaften gehindert
-würden.</p>
-
-<p>Mr. Pitt folgte sehr eilfertig dem ausgesprochenen
-Wunsch, ergriff seinen Stuhl an der Lehne und trug
-ihn weiter herum, faßte sich aber plötzlich erschreckt an
-die Tasche seines Rockes, fühlte dort etwas, und besah
-sich dann am hellen Kaminfeuer die gegen dieses
-ausgestreckte linke Hand.</p>
-
-<p>»Blut!« rief er überrascht und schaute sich nach dem
-Stuhl um, auf dem er eben gesessen, Mrs. Draper
-aber sprang schnell hinzu, wischte mit einem alten
-Tuche die Lehne ab und sagte mit vor Angst und Bestürzung
-halb erstickter Stimme:</p>
-
-<p>»Ach, sein Sie nicht böse, Mr. Pitt; Lucy &ndash;
-bekam heute so plötzliches Nasenbluten; wir haben die
-Flecken gar nicht gesehen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Hennigs bog sich leise zu Sally hinüber und flüsterte
-lächelnd:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-»Erinnern Sie doch Mutter einmal wieder an das
-Kapitel von der Nothlüge!«</p>
-
-<p>»O bitte sehr, bitte sehr!« rief der artige Friedensrichter,
-»hat gar nichts zu sagen, so süßes Blut kann
-mir nur angenehm sein; bitte, geniren Sie sich nicht,
-ich habe selbst ein Taschentuch; es ist ja bloß ein
-unbedeutender kleiner Flecken. Ich erschrak nur so im
-Anfang, als ich das Nasse an der Hand fühlte, weil
-ich glaubte, ich hätte heute beim Reiten eine kleine
-Dintenflasche zerdrückt, die ich in der Rocktasche trage;
-das wäre mir allerdings fatal gewesen; denn für
-meine hellen Bein- &ndash; meine hellen Kleider würde
-eine solche Anfeuchtung von bösen Folgen gewesen
-sein.«</p>
-
-<p>»Sie haben Dinte bei sich?« rief Hennigs schnell,
-und sprang in der Erregung des Augenblicks von
-seinem Stuhle, auf den er sich eben wieder niedergelassen
-empor.</p>
-
-<p>»Ich? allerdings; befremdet Sie das? ja, hier im
-Walde ist Dinte allerdings ein seltener Gegenstand,
-ich bin deßhalb auch genöthigt sie überall mitzuführen;
-denn komm' ich einmal in ein Haus und muß
-etwas schreiben, so kann ich mich fest darauf verlassen,
-daß erstlich keine Dinte in fünf Meilen im Umkreis
-zu bekommen, und das einzige Papier der Schmutztitel
-<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
-irgend eines verräucherten Buches ist, der vorerst
-herausgenommen werden muß. Im allergünstigsten
-Falle steckt dann noch über dem Kamin ein alter,
-halbverbrauchter Truthahnflügel, dem eine hineingedorrte
-Feder durch Gemeinkraft sämmtlicher Familienglieder
-entzogen, und mit dem Jagdmesser des Mannes
-oder gar der Schere der Frau nothdürftig geschnitten
-wird, und dann ist das Schreibzeug fertig. Nein,
-darauf kann ich mich nicht einlassen, ich muß mein
-»Handwerkszeug« besser in Ordnung haben, und da
-trage ich denn immer eine kleine steinerne Kruke, wie
-etwas Papier und einige Federn bei mir.«</p>
-
-<p>Hennigs war indessen einige Mal schnell im
-Zimmer auf und abgegangen und blieb plötzlich neben
-dem Stuhle des Redseligen, der in allem Eifer das
-Fläschchen hervorgeholt hatte, stehen.</p>
-
-<p>»Mein bester Herr!« sagte er, freundlich dabei die
-Hand auf dessen Schulter legend, »da könnten Sie
-der Mrs. Draper einen recht großen und vielleicht
-einen doppelten Gefallen thun!«</p>
-
-<p>»Wer? ich?« rief Mr. Pitt, sich schnell nach der
-erwähnten Dame umdrehend: »mit dem größten Vergnügen,
-was ist es? was steht zu Diensten?«</p>
-
-<p>Mrs. Draper blickte verlegen nach Hennigs herüber,
-dieser aber ließ ihr gar keine Zeit, ein Wort zu erwiedern,
-<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-und fuhr zu dem Friedensrichter gewendet,
-fort:</p>
-
-<p>»Die Damen wünschten gern eine Abschrift des
-kleinen, von Ihnen gedichteten geistlichen Liedes zu
-besitzen, das Sie neulich bei Mapel's vortrugen, und
-sie haben mich schon heute Nachmittag darum ersucht,
-weil ich ihnen vor einiger Zeit einen Vers desselben
-aus dem Kopfe citirte. Da wir uns aber hier in derselben
-Lage befinden, wie die übrigen Ansiedelungen, die Sie
-uns eben so treffend schilderten, nämlich ohne jegliches
-Schreibmaterial, so möchte ich Sie jetzt im
-Namen der Damen nicht allein um etwas Papier und
-Dinte bitten, sondern auch noch den Wunsch daran
-knüpfen, mir die Verse langsam vorzusagen, daß ich
-sie gleich auf der Stelle nachschreiben könnte.«</p>
-
-<p>»Meine Damen, Sie beschämen mich wirklich durch
-die freundliche Nachsicht, mit der Sie meine armseligen
-poetischen Versuche beehrt haben!« schmunzelte der
-kleine Mann, während er in größter Geschäftigkeit
-seine Taschen auskramte und in wenigen Secunden
-eine große Brieftafel, ein kleines Pennal und die eben
-wieder zurückgeschobene Dintenflasche zum Vorschein
-brachte, was er Alles auf den Tisch stellte und dann
-seinen Stuhl neben denselben rückte, das Licht mit den
-Fingern putzte, seine Brille abwischte und jede Vorbereitung
-<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-traf, um das gewünschte Gedicht augenblicklich
-selbst niederzuschreiben. Daran verhinderte
-ihn aber Hennigs, indem er wie scherzend das Pennal
-an sich nahm und dem Richter versicherte, »er würde
-unter keiner Bedingung zugeben, daß er selbst seine
-überdieß schon so schwache Augen bei dem düstern
-Scheine des flackernden Talglichtes anstrenge.«</p>
-
-<p>»Nein,« fuhr er in seinen Einwendungen fort,
-»lassen Sie mich einmal meine, wenn auch von der
-Führung der Axt etwas steifen Finger mit der Feder
-versuchen, es wird schon gehen, und Sie setzen sich
-indessen mir gegenüber an den Tisch, dann haben die
-Damen auch noch den Genuß des Vortrags und
-brauchen nicht müßig zuzusehen.«</p>
-
-<p>Mrs. Draper war hinter den Friedensrichter getreten
-und hielt die zusammengefalteten Hände fest,
-fest auf das Herz gepreßt, als ob sie die Angst, die
-ihr die Brust zu zersprengen drohte, da bannen und
-zurückdrängen wollte. Lucy hielt seine Stuhllehne gefaßt
-und blickte starr und mit halb geöffneten Lippen,
-aber leichenbleichen Wangen und glanzlosen Augen nach
-dem Geliebten hinüber, und nur Sally, das sonst so
-muntere, leichtsinnige Mädchen, hatte die fürchterliche
-Entscheidung des Augenblicks nicht ertragen können
-und war hinaus vor die Thür gegangen, wo sie den
-<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
-Kopf in der Schürze barg und sich dort recht nach
-Herzenslust ausweinte.</p>
-
-<p>Hennigs dagegen schien ganz ruhig und unbefangen,
-plauderte mit dem Friedensrichter &ndash; während
-dieser ein reines Blatt Papier vorsuchte und aus dem
-Pennal eine geschnittene Feder nahm &ndash; lauter tolles
-Zeug, erzählte ihm, wie sie in Louisiana immer auf
-Magnoliablätter geschrieben und in Tenessee Dinte
-aus Pulver und Indigo gemacht hätten, legte dann,
-als er auch die letzten Bedenklichkeiten des also geschmeichelten
-Dichters überwunden hatte, der nur
-immer noch selber zu schreiben wünschte, das weiße
-Blatt vor sich hin, sah nach dem Spalt der Feder,
-feuchtete diese einmal im Mund an und sagte, sich behaglich
-auf dem Stuhle zurechtrückend:</p>
-
-<p>»So? jetzt bin ich fertig, nun schießen Sie los!«</p>
-
-<p>Draper lehnte am Kamin, und der starke Mann
-zitterte vor innerer Aufregung so gewaltig, daß die
-lockeren Dielen unter ihm erbebten; nur Hennigs blieb
-ruhig und gleichmüthig, und lächelte sogar still und
-heimlich vor sich nieder, als der Friedensrichter, wohlbehaglich
-im Stuhl zurückgelehnt, die Hände vor sich
-auf dem Tisch gefaltet, die Brille in die Höh', auf
-die Stirn geschoben und die kleinen runden Augen andächtig
-der Decke und einer Anzahl dort aufgehangener
-<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-geräucherter Hirschkeulen zugekehrt, mit monotoner,
-singender Stimme begann:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»O, süßer Herr Jesus, o, komm doch zu mir,</div>
- <div class="verse">Verzeih' mir, o Herr, meine Sünden!«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>»Halt! nur nicht so schnell,« bat Hennigs, »ich
-komme ja sonst nicht mit &ndash; verzeih' mir&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p class="ml6">&ndash; »o Herr, meine Sünden?«</p>
-
-<p>Draper trat hinter Hennigs Stuhl und las, was
-dieser schrieb; auf dem Papier stand:</p>
-
-<p>»Der Träger dieses, Scipio&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Also weiter &ndash; ich hab' es.«</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Und laß mich, Lamm Gottes, beim Vater und dir</div>
- <div class="verse">Erbarmen und Sühnigung finden.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Hennigs schrieb weiter: »geht mit meinem Wissen
-und Willen zu seinen Eltern&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Haben Sie: Sühnigung finden?« frug der Friedensrichter,
-schob sich die Brille herunter und blickte
-nach dem jungen Manne hinüber.</p>
-
-<p>»Gleich, gleich &ndash; Sühnigung finden &ndash; so, nur
-weiter.«</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Ich bin zwar, o Heiland, ich muß es gestehn,</div>
- <div class="verse">Dein schlechtester, niedrigster Knecht&nbsp;&ndash;«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="in0">declamirte Mr. Pitt, warf einen freundlichen Blick
-nach der über ihn hingebeugten Mrs. Draper hinauf,
-seufzte einmal tief auf, und wiederholte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza"><a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
- <div class="verse">»Dein schlechtester, niedrigster Knecht&nbsp;&ndash;«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>&ndash; »nach Illinois, und hat von mir dazu vier
-Wochen Erlaubniß« &ndash; schrieb Hennigs.</p>
-
-<p>»Haben Sie das?« frug wieder der Richter.</p>
-
-<p>»Ja, &ndash; Erlaubniß&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wie?« sagte Mr. Pitt, und blickte zu ihm auf.</p>
-
-<p>»O, nichts,« erwiederte schnell gefaßt der junge
-Mann, »es hatte sich ein Haar in die Feder geklemmt,
-also &ndash; Knecht!«</p>
-
-<p>»Ja, &ndash; warten Sie einmal, nun bin ich herausgekommen,
-&ndash; schlechtester, sündigster Knecht,« murmelte
-er vor sich hin, »ach ja, jetzt hab' ich's:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Doch hast du ja auch meine Reue gesehn,</div>
- <div class="verse">So weise mich, Herr, denn zurecht&nbsp;&ndash;«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>&ndash; »weise mich, Herr, denn zurecht,« repetirte
-Hennigs und beendete indessen den Paß Benjamin's
-mit dem Wort: »erhalten;« setzte den fingirten Namen
-Peter Rollins mit dem gestrigen Datum darunter,
-und faltete das Papier zusammen.</p>
-
-<p>»Halt! ich bin noch nicht fertig,« rief da der würdige
-Friedensrichter aus, dem diese Bewegung nicht
-entgangen war, »das sind nur die zwei ersten Strophen,
-nun kommen fünf in einem andern Rhythmus,
-und dann wieder drei Schlußverse. Schreiben Sie
-also weiter:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza"><a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
- <div class="verse">»Ich will Dir, du treuer Hirte</div>
- <div class="verse">Ein getreues Schaf auch sein,</div>
- <div class="verse">Führe denn mich heil'ger Vater,</div>
- <div class="verse"> den ew'gen Schafstall ein.«</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Und wenn mir &ndash;</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="in0">aber Sie schreiben ja gar nicht.«</p>
-
-<p>»Nur die beiden ersten Verse fehlten Ihnen, nicht
-wahr, Mrs. Draper?« sagte Hennigs, und stand von
-seinem Stuhle auf.</p>
-
-<p>»Ja, Sir, es waren nur die beiden,« stammelte
-die Matrone, und sie wußte jetzt, daß Hennigs Auge
-fest auf ihr haftete; das Blut strömte ihr quellend in
-Stirn und Schläfe, und der Athem verging ihr fast
-vor Angst um den Unglücklichen, vor Scham über die
-ausgesprochene Lüge.</p>
-
-<p>»Also die andern Verse haben Sie? nun, warten
-Sie, ich sage sie Ihnen noch einmal vor, dann können
-Sie, wenn etwas daran nicht richtig sein sollte,
-es ändern. Zeigen Sie mir nur erst einmal was Sie
-geschrieben haben,« und er streckte seinen Arm nach
-dem Papier aus, das Hennigs mit auf den Tisch gestützter
-Hand locker zwischen den Fingern hielt.</p>
-
-<p>Dieser aber schien es gar nicht zu bemerken; mit
-vorgebeugtem Körper, starr und regungslos stand er
-da, die linke Hand lauschend hinter das Ohr gehalten;
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-er horchte einem entfernten Geräusch, und hatte
-für den Augenblick seine ganze Umgebung vergessen.</p>
-
-<p>Mr. Pitt nahm indessen das Papier herüber,
-öffnete es, schob sich die Brille wieder nieder, und
-schien dann erst das sonderbare Benehmen des jungen
-Mannes zu bemerken.</p>
-
-<p>Die Bewohner der Hütte standen entsetzt; warf
-der Friedensrichter nur einen Blick in die Zeilen, die
-er geöffnet in der Hand hielt, so waren sie entdeckt.</p>
-
-<p>»Hennigs!« rief der alte Mann, und faßte seinen
-Arm.</p>
-
-<p>»Mr. Hennigs!« sagte Pitt, und hielt das Innere
-der Linken gegen das Licht, um, von diesem nicht geblendet,
-ihn besser betrachten zu können. Das rief den
-Träumenden aber mit Gedankenschnelle in seine Umgebung
-zurück; er blickte den Fremden an, sah den
-Paß in dessen Hand, und riß ihn mit keckem Griff
-aus seinen Fingern.</p>
-
-<p>»Mr. Hennigs!« rief überrascht der Richter.</p>
-
-<p>»Ich muß tausendmal um Verzeihung bitten,
-Sir,« entschuldigte sich jener, verlegen lächelnd, »doch
-das, was ich hier geschrieben habe dürfen Sie wahrhaftig
-nicht lesen, es ist zu schlecht, Sie haben zu
-schnell gesprochen, und ich mußte mich so eilen;
-warten Sie noch wenige Minuten, und ich will es
-<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-in's Reine schreiben, nachher mögen Sie sich überzeugen,
-daß auch ein Backwoodsman manchmal keine so
-üble Feder führt, und den Schulmeister nicht braucht,
-wenn er Jemandem einen Brief schicken will.«</p>
-
-<p>»Was hatten Sie denn aber eben? Sie starrten ja
-vor sich nieder, als ob Sie einen Geist sähen?« frug,
-dadurch beruhigt, Mr. Pitt.</p>
-
-<p>»O nichts, wenigstens nichts von Bedeutung,«
-erwiederte jener, »mir war es nur, als ob ich irgend
-ein fremdartiges Geräusch vernahm, und ich konnte
-nicht recht herausbekommen was es war. Halt &ndash;
-da wieder; hören Sie nichts?«</p>
-
-<p>Draper sprang an die Thür und riß sie auf, und
-deutlich drang jetzt der Ruf von fernen Stimmen an
-ihr Ohr, als ob Leute über einen Fluß hinüber die
-Fähre anriefen.</p>
-
-<p>»Da sind sie,« sagte der Kleine, sprang auf und
-griff nach dem an der Wand hängenden Blechrohr,
-das in fast allen amerikanischen Blockhütten dazu benutzt
-wird, die Arbeiter zum Essen aus dem vielleicht
-weit entfernten Felde zu rufen. Die Töne dieses
-langen, geraden Hornes schallen ungemein weit, und
-man kann sie mit günstigem Winde, und besonders
-über das Wasser hin, oft Meilen weit hören.</p>
-
-<p>Mr. Pitt schloß nun auch ganz richtig, daß die
-<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-Jäger, von der Dunkelheit überrascht, die einzeln und
-mitten im Walde liegende Hütte nicht hatten finden
-können, und nun durch ihr Rufen die Aufmerksamkeit
-der Bewohner zu erwecken gedachten, damit diese
-durch irgend ein Zeichen, durch einen abgefeuerten
-Schuß, oder den Ton eben solchen Hornes ihren
-Aufenthalt verriethen. Er nahm denn auch ohne weitere
-Umstände das Instrument vom Nagel, trat in die
-Thüre und ließ nun nach jener Richtung hin so durchdringende,
-klagende Laute ertönen, daß die Hunde
-mit kurzem Gebell zuerst eine Art Protest gegen solche
-Musik einzulegen schienen, dann aber, vielleicht durch
-das Weiche der Melodie gerührt, ein so fürchterliches,
-wehmüthiges, markzerschneidendes Geheul ausstießen,
-daß Mr. Pitt erschreckt mitten in seinem nicht mehr
-Solo einhielt, den Bestien einen Augenblick zuhörte,
-und dann kopfschüttelnd sagte:</p>
-
-<p>»Ist nun einem lebendigen Christenmenschen schon
-so etwas in seinem ganzen Leben vorgekommen?«</p>
-
-<p>Nichtsdestoweniger setzte er seine musikalischen
-Uebungen fort, und Hunde und Friedensrichter vereinigten
-sich jetzt zu einem so ohrzerreißenden Concert,
-daß der Wald ordentlich lebendig zu werden schien,
-und sämmtliches zahmes Hausvieh, als da war, drei
-Ferkel und etwa ein halbes Dutzend Hühner, die
-<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-ersteren ihr Lager mieden und grunzend, die Seiten
-an einander gedrückt, herbeiliefen, und die anderen
-mit den Flügeln schlugen und nicht übel Lust zu haben
-schienen, eine so unruhige Nachbarschaft zu verlassen.</p>
-
-<p>»Hier ist der Paß,« rief Hennigs jetzt schnell, und
-drückte das Papier dem alten Draper in die Hand.</p>
-
-<p class="ci">»Der Träger dieses, Scipio, geht mit meinem
-Wissen und Willen zu seinen Eltern nach Illinois,
-und hat von mir dazu vier Wochen Erlaubniß erhalten.«</p>
-
-<p class="ci si">»Peter <em class="ge">Rollins</em>.«</p>
-
-<p>»Wer ihn anhält und nicht persönlich kennt, wird
-ihm kein Hinderniß weiter in den Weg legen; doch
-muß er noch in dieser Nacht fort.«</p>
-
-<p>»Aber wie? der Richter steht in der Thüre und in
-wenigen Minuten haben wir das Haus so voll Menschen,
-daß ein Entrinnen für ihn zur Unmöglichkeit
-wird.«</p>
-
-<p>»Auch dazu wird Rath werden; geben Sie ihm
-nur einen alten Rock und eine Mütze &ndash; schnell &ndash;
-der Richter hat aufgehört zu blasen, ich will ihn zu
-mir hinausrufen. Wenn ich den Eulenruf nachahme,
-muß Ben rasch hinausgleiten; er soll dann zu mir
-hinter das Haus kommen; ruhig jetzt, er dreht sich
-wieder um.«</p>
-
-<p>Mr. Pitt hatte allerdings seine Lungen pausiren
-<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-lassen und die Bearbeitung des Instrumentes eingestellt,
-keineswegs waren aber die Hunde gesonnen,
-sich so schnell und plötzlich über das Gehörte zufrieden
-zu geben. Ein junges Thier, und zwar eben der
-schon früher erwähnte junge Wolfshund, heulte Sopran,
-und schien den Ton anzugeben, denn nach jedesmaliger
-kurzer Pause fiel er stets zuerst wieder ein, und
-ihm folgte augenblicklich ein alter blinder Schweißhund
-in <i>E moll</i>, wornach denn die übrige Schaar,
-als ob sie nur auf das Angeben der Tonart gewartet
-hätte, im wilden, disharmonischen Chor einfiel und
-nicht eher aufhörte, bis auch der letzte Vorrath von
-Luft und Lunge und Kehle erschöpft war.</p>
-
-<p>Mr. Pitt versuchte nun zwar sein Bestes sie zur
-Ruhe zu bringen, schimpfte, drohte, und warf sogar
-einzelne Späne und Holzstücke, die vor der offenen
-Thüre lagen; das hatte aber weiter nichts zur Folge,
-als daß sie jetzt sämmtlich gegen ihn Front machten,
-und zwar die Köpfe ihm seitwärts zugedreht, um
-jedem etwaigen, nach ihnen geschleuderten Wurfgeschoß
-schnell genug ausweichen zu können, sonst
-aber fuhren sie in ihren entsetzlichen Accorden ruhig
-fort.</p>
-
-<p>»Laßt's gut sein, Sir,« tröstete ihn jetzt Hennigs,
-als der kleine Friedensrichter halb lachend, halb ärgerlich
-<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-wieder in der Thüre erschien, »ich will sie schon
-zum Schweigen bringen.«</p>
-
-<p>»Ruhig, ihr Bestien!« schrie er dann mit Donnerstimme,
-als er eben vor das Haus getreten war,
-»ruhig, oder ich drehe euch die Hälse um!« und eine
-dort lehnende Stange ergreifend, fuhr er mit so gut
-gemeinten und links und rechts ausgetheilten Schlägen
-zwischen sie hinein, daß sie nach allen Seiten auseinander
-stoben und sich winselnd theils in den Wipfeln
-der umhergestreuten Bäume, theils unter dem Hause
-verkrochen. Hennigs aber blieb jetzt einen Augenblick
-auf die Stange gestützt und wie in tiefen Gedanken
-stehen; da schreckte ihn der näher und näher kommende
-Lärm der Jäger, das entfernte Bellen von Hunden
-aus seinem Sinnen empor. Er warf den Blick schnell
-umher, ergriff den noch neben dem Hause liegenden
-Sattel und Zaum, trug beides hinter dasselbe und
-rief nun mit leisem Pfiff sein gehorsames Poney
-herbei.</p>
-
-<p>»Nun, Madame, werden Sie gleich Einquartirung
-bekommen,« sagte der Friedensrichter, während er sich
-schmunzelnd die Hände rieb und zum Feuer trat, an
-welchem Lucy und Sally jetzt eifrig beschäftigt waren,
-die verschiedenen, schnell hinzugerückten Lebensmittel
-zu vertheilen. &ndash; »'s&nbsp;wird freilich knapp hergehen hier
-<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-in dem engen Zimmerchen, man kann sich das aber
-Alles eintheilen. Lieber Gott, in Arkansas lagen wir
-einmal Siebenzehn in einem Raume, der, wenn nicht
-noch kleiner, auf jeden Fall keinen Zoll breit größer
-war, als dieser hier. Draper macht wohl schon sein
-Lager da zwischen den Betten zurecht? ja, ja, werden
-jedes Eckchen und Winkelchen benutzen müssen; die
-Bursche sind wie das wilde Heer. Ob sie den Neger
-nur haben? hoffentlich doch, hol der Henker eine solche
-schwarze Bestie, schlägt ihren eigenen Herrn! Ei,
-wenn da nicht einmal ein Exempel statuirt wird, dann
-wäre man ja seines Lebens selbst nicht mehr sicher und
-müßte sich wahrhaftig fürchten die eigenen Dienstboten
-zu züchtigen. Wie ich gehört habe, wollen sie
-zusammenlegen und den Eigenthümer wenigstens in
-etwas schadlos halten.«</p>
-
-<p>Mr. Pitt hatte sich jetzt wieder halb dem Feuer
-und halb Mrs. Draper zugekehrt, und diese hielt ihre
-Augen auch fest auf die seinigen gerichtet, aber kein
-Wort vernahm sie von alle dem, was er ihr mit so
-bedeutender Zungengeläufigkeit erzählte, ihr Ohr
-lauschte dem Rauschen der Kleidungsstücke, dem unterdrückten
-Flüstern ihres Mannes, und sie sah jetzt
-plötzlich, wie sich die Gestalt des jungen Sclaven leise
-und vorsichtig emporhob.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-»Weiß nur der liebe Gott wo die Männer so
-lange bleiben,« unterbrach sich jetzt selbst der kleine
-Mann, indem er einen Schritt vom Kamine zurücktrat
-und nach der Thüre sah. »Mr. Hennigs kommt auch
-nicht wieder, der ist ihnen wahrscheinlich entgegen;
-wo ist denn Mr. Draper?«</p>
-
-<p>»Hier, Sir,« antwortete dieser und trat einen
-Schritt vor, dicht hinter ihm stand der Neger, und
-die geringste Bewegung hätte ihn dem Friedensrichter
-verrathen; die nächste Minute mußte überhaupt das
-Schicksal des Verfolgten entscheiden.</p>
-
-<p>Da schlugen wiederum die Hunde an, es waren
-die Jäger, die ebenfalls, wie vor ihnen Hennigs und
-Pitt, durch den ziemlich begangenen Pfad herbeigelockt,
-an der Grenze der niedergeworfenen Bäume
-hielten und das Haus anriefen. &ndash; Mr. Pitt wollte
-in die Thüre treten, geschah das, so wurde es zu einer
-Unmöglichkeit, den Neger hinauszulassen, und er
-war dann rettungslos verloren.</p>
-
-<p>Draußen ließ sich der klagende Ruf einer Eule
-hören.</p>
-
-<p>»Bester Mr. Pitt!« rief da Lucy plötzlich, »dürft'
-ich Sie wohl einmal bitten, mir den schweren eisernen
-Topf hier auf die Kohlen zu heben, ich kann ihn wahrlich
-nicht regieren und unsere Gäste kommen schon.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-»O, mit dem größten Vergnügen, mein Fräulein!«
-rief der bereitwillige Friedensrichter und sprang
-schnell hinzu, lehnte sich mit dem linken Arme gegen
-den über den Kamin hinlaufenden Querbalken, und
-griff mit der Rechten in die von Lucy schnell in den
-Henkeln des Gefäßes befestigten Topfhaken.</p>
-
-<p>»Sehen Sie, mein Fräulein, das ist gar nicht
-so schwer, allerdings etwas zu massiv für eine Dame;
-aber &ndash; doch wo wollen Sie ihn denn hin haben? auf
-die brennenden Scheite? die müßten wohl erst ein
-wenig zusammengeschoben werden.«</p>
-
-<p>»Ach bitte, bester Mr. Pitt, halten Sie ihn nur
-zwei Secunden, die Klötze haben sich verschoben,
-warten Sie, ich richte sie gleich zurecht.«</p>
-
-<p>Lucy rückte mit dem Schüreisen die im Kamine
-liegenden Brände, und Friedensrichter Pitt hielt indessen,
-dicht über die Glut gebeugt, den schweren
-Topf, daß sich ihm das Antlitz immer röther färbte
-und der Schweiß in großen Tropfen auf seine Stirn
-trat.</p>
-
-<p>Hinter seinem Rücken glitt eine, in einen braunen
-Ueberrock gehüllte Gestalt, den schwarzen Filz tief in
-die Augen gedrückt, zur Thüre hinaus, strich um die
-nächste, <em class="ge">der</em> entgegengesetzten Ecke, wo sich die Hunde
-befanden, und verschwand in der Finsterniß hinter
-<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-dem Gebäude. Draper folgte ihr hinaus vor die
-Thüre.</p>
-
-<p>»So, Sir, jetzt nur dahin; ah, das ist recht, es
-ist Ihnen wohl sehr sauer geworden?« sagte mit mitleidigem
-Tone das schöne Mädchen, und es war ihr
-in diesem Augenblick, als ob sich eine Centnerlast von
-ihrer Brust wälze.</p>
-
-<p>»O bewahre, bewahre,« erwiederte der galante
-Richter und benutzte augenblicklich die nun freigewordenen
-Hände, sein Taschentuch hervorzuholen und sich
-die tropfende Stirn damit abzutrocknen; »nicht mehr
-als gern geschehen, das Feuer meint's übrigens gut
-&ndash; blitzmäßig heiß. &ndash; Wo bleiben denn aber nur die
-Jäger? aha, können auch nicht durch die Baumwildniß
-vor dem Haus, das geschieht ihnen recht, warum
-reiten sie nicht herum, bis sie einen Eingang finden;
-habe mir auch meinen Weg suchen müssen.«</p>
-
-<p>Draper stand indessen vor der Thüre seiner Wohnung
-und starrte in die dunkle Nacht hinein, von drüben
-her schallten die Stimmen seiner Nachbarn, die
-fluchend und lachend herüberschrieen, daß er ihnen den
-geheimen Pfad zum warmen Heerde zeigen möchte,
-und hinter dem Hause raschelte es in den Zweigen
-und er vernahm leises Flüstern. Schnell schritt er diesem
-zu. Hennigs stand vor dem Neger, der seine Hand
-<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-erfaßt hatte und sie trotz dem Sträuben des jungen
-Mannes inbrünstig an die Lippen drückte. Der arme
-Knabe konnte vor Schluchzen kaum reden und wollte
-sich immer wieder zu den Füßen seines Retters niederwerfen.</p>
-
-<p>»Unsinn,« sagte dieser und schob ihn von sich,
-»mach jetzt schnell, daß Du fortkommst, sonst wird's
-zu spät; meine Adresse hast Du, das Pferd schickst Du
-mir nach St.&nbsp;Louis zurück.«</p>
-
-<p>»Euer Pferd?« frug Draper schnell.</p>
-
-<p>»Er kann nicht anders fort!« flüsterte Jener. »Doch
-nun schnell, sonst wird's beim ewigen Gott zu spät!
-Kannst Du reiten?«</p>
-
-<p>»Den wildesten Hengst, der je einen Reiter abwarf,«
-lautete die Antwort.</p>
-
-<p>»Desto besser, Du hast's vielleicht nöthig, aber
-&ndash; schone mir das kleine Thier, wenn's irgend geht;
-es ist ein so gutes Poney wie eins in den Staaten
-und &ndash; mein einziges; aber alle Teufel, da kommen
-die Reiter herum; Pest und Gift, wir haben so lange
-gezögert, bis sie uns auf dem Kragen sitzen. Was nun
-thun? Willst Du jetzt fort, so müssen sie Dir begegnen;
-der einzige Ausweg hier ist kaum dreißig
-Schritte breit.«</p>
-
-<p>Der Neger stand wenige Secunden lauschend still,
-<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-doch das immer näher kommende Galloppiren der
-Hufe ließ keinen Zweifel mehr übrig; was geschehen
-sollte, mußte schnell geschehen, und mit kühnem
-Sprunge schwang sich der Sohn Afrika's in den Sattel,
-winkte noch einmal mit der Hand und preßte die
-Flanken des kleinen, ungeduldig stampfenden Poney's.
-Im nächsten Augenblick überflog es einen vor ihm liegenden
-umgestürzten Futtertrog und wollte eben in
-den schmalen Pfad einlenken, der von hier aus allein
-durch das Gewirr von Aesten und Zweigen führte,
-als von dorther ein lauter Jubelruf drang und gleich
-darauf ein in ein helles Jagdhemd gekleideter Reiter
-erschien.</p>
-
-<p>»Hurrah! hier ist der Weg!« schrie dieser, »kommt
-an, Hilbert, im Hause ist Licht und da vorn seh ich
-auch Gestalten, auf jeden Fall finden wir eine trockene
-Stube und ein loderndes Feuer; wer zuerst am Kamin
-ist, bekommt den besten Platz.«</p>
-
-<p>Benjamin erkannte mit Entsetzen die Stimme seines
-Herrn, das Blut erstarrte ihm in den Adern, doch
-hier galt es Entschlossenheit, das Leben stand auf dem
-Spiele; mit Blitzesschnelle glitt er aus dem Sattel,
-warf sich den Zaum über den Arm und schritt zurück,
-dem Hause wieder zu.</p>
-
-<p>»Halt da!« schrie der voransprengende Wallis.
-<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-»Hier, Bursche, hörst Du nicht? nimm mein Pferd
-auch mit, reib es tüchtig ab und gieb ihm genug
-Mais, die Thiere sind alle todtmüde; leg' aber auch
-die Sättel ins Haus!«</p>
-
-<p>Und er schwang sich vom Rücken seines schnaubenden,
-schäumenden Rappen, überließ den Zügel dem
-Schwarzen, ohne diesen weiter eines Blickes zu würdigen,
-und eilte dann mit flüchtigen Sätzen der Thüre
-zu; denn der bis jetzt drohendbedeckte Himmel fing an
-in großen Tropfen die Boten eines nahenden Unwetters
-niederzusenden.</p>
-
-<p>»Gerade zu rechter Zeit, wie abgemessen!« rief er,
-als er das schützende Dach über sich sah. »Guten
-Abend, Ladies und Gentlemen, müssen tausendmal
-um Entschuldigung bitten, es kommt aber eine ganze
-Jagdgesellschaft, die Noth zwingt uns Ihre Gastfreundschaft
-in Anspruch zu nehmen.«</p>
-
-<p>Draußen sprengten die Reiter vor das Haus und
-hingen die Zäume ihrer Thiere an einzelne Aeste und
-schwankende Zweige der umhergestreuten Bäume,
-während sie vergebens nach dem Neger schrieen, die
-Pferde zu versorgen und zu füttern.</p>
-
-<p>»Gentlemen,« sagte Draper, der in diesem Augenblick
-in die Thüre trat und seine Gäste bewillkommte;
-»Sie rufen nach einem Neger, ich muß aber sehr bedauern,
-<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-daß ich keinen habe, deßhalb soll jedoch
-Ihren Pferden nichts abgehen, ich werde sie selbst
-besorgen.«</p>
-
-<p>»Ich habe doch mein Thier eben einem Neger
-übergeben!« rief Wallis.</p>
-
-<p>»Das war ich!« lachte Hennigs, der jetzt ebenfalls
-ins Trockene trat; »ich merkte wohl, daß Ihr mich für
-einen Nigger hieltet.«</p>
-
-<p>»O, bitte tausendmal um Vergebung, Sir,« sagte
-der Farmer, und trat, ihm die Hand entgegenstreckend,
-auf ihn zu, »es fing gerade an zu regnen, und ich sah
-gar nicht ordentlich zu, dachte wahrhaftig, es wäre
-so ein schwarzer Hallunke gewesen. Seid übrigens
-froh, Draper, daß Ihr keinen habt, nichts als Sorge
-und Noth mit den Bestien. Ah, guten Abend, Richter,
-wie geht's? wohin? zur Betversammlung? das ist
-recht; es ist ein Glück für das Land, wenn die, so mit
-der Polizei desselben beauftragt sind, auch ihren Gott
-darüber nicht vergessen. Ein frommer Richter ist stets
-ein gerechter Richter. Ich würde auch mitgehen, aber
-leider hält mich diesmal die Verfolgung eines nichtsnutzigen
-Buben ab, den ich erst seiner gerechten
-Strafe übergeben muß.«</p>
-
-<p>Der Eintritt der Uebrigen unterbrach hier den
-Redner, und es war für den Augenblick ein allgemeines
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-Begrüßen, Entschuldigen, Einanderausweichen
-und Stühlerücken, bis endlich, nach mancher
-Platzveränderung lebendiger, wie lebloser Gegenstände,
-eine Anzahl von Personen in dem engen
-Raume nicht allein untergebracht, sondern auch verhältnißmäßig
-bequem placirt war, von der sich nur
-der einen richtigen Begriff machen kann, der einmal
-selbst in einem solchen Haus gelebt hat und Zeuge
-gewesen ist, wie in einem Raum von »zwanzig bei
-zwanzig,« das heißt: »zwanzig Fuß lang und zwanzig
-breit,« zwei bis drei Familien mit einer unbestimmten
-Anzahl von Kindern im Stande sind zu wohnen,
-kochen und zu schlafen.</p>
-
-<p>Hennigs und Draper hingen sich nun, als sie das
-Innere des Hauses ein wenig geordnet hatten, ihre
-alten wollenen Jagddecken über, und eilten schnell
-hinaus, die Pferde der Jäger zuerst in einem gemeinsamen
-Trog zu füttern, und sie dann, da von einem
-Stall oder Schuppen auch keine Spur in der Nähe
-war, für die Nacht ihrem Schicksal zu überlassen.</p>
-
-<p>Der Sturm zog indeß herauf, und rauschte und
-tobte in den alten, weitgespreizten Wipfeln der mächtigen
-Bäume; von Süd und Westen kam er zusammen,
-und schleuderte seine gewitterschwangeren Hülfstruppen,
-die flüchtigen dunkeln Wolkenmassen, mit
-<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-starken Fäusten gegen einander, daß sie sich, grollend
-und tobend, mit den zuckenden Gluthlanzen die weiten,
-giftgeschwollenen Bäuche durchstießen, und nun in tollen
-Schauern ihre Ströme auf die Erde hinabflutheten.
-Die Thiere des Waldes suchten ihre versteckten Lager,
-die Eule selbst barg sich in der sichern Höhlung, und
-verschob den Raub auf eine günstigere Zeit. Nur der
-Wolf, der immer gefräßige, zog mit seiner wilden
-Schaar lauernd und geräuschlos unter den niederkrachenden
-Aesten hin, schnuppernd dabei die Nase erhoben,
-den Schlupfwinkel irgend eines scheuen Wildes
-zu erspähen. Dann und wann aber, wenn ein lauterer
-Schlag, als gewöhnlich, den Wald durchdröhnte,
-und das Echo aus den fernen Bergen klagend und
-grollend antwortete, dann stellte sich wohl der Führer
-des Rudels, hob den langen, spitzen Kopf zu den jagenden,
-über ihn dahinstiebenden Wolken empor, und
-heulte seine klagende Weise hinein in den Aufruhr der
-Elemente, daß sich der unter das sichere Farmhaus
-gedrückte Hund unruhig hob, knurrend einen Augenblick
-den bekannten gehaßten Tönen lauschte und sich
-dann, mit halb unterdrücktem Bell wieder fester und
-wärmer zusammen rundete, als vorher.</p>
-
-<p>Die Männer im Innern der Hütte ließen aber
-den Sturm Sturm sein; das war ein alter Bekannter
-<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-von ihnen, und das Niederprasseln einzelner Aeste, ja
-oft ganzer Stämme, das Heulen wilder Bestien und
-das Rasen der Windsbraut, sie hatten es schon wie
-oft gehört. Ein loderndes Feuer, ein warmes Abendessen
-und gute Gesellschaft ließ sie bald Alles vergessen,
-was um und über ihnen vorging.</p>
-
-<p>Hennigs war besonders ausgelassen lustig, und
-wenn auch Wallis und Pitt im Anfang nicht so recht
-mit einstimmen wollten in seine Fröhlichkeit, so riß sie
-der unverwüstliche Humor des jungen Mannes doch
-zuletzt ebenfalls mit fort. Massen von alten Jagdgeschichten
-und Anecdoten wurden erzählt, Scenen aus
-dem Revolutionskrieg wieder aufgefrischt, da Pitt behauptete,
-die Schlacht von New-Orleans mitgemacht
-und hinter den Baumwollenballen damals mit vorgeschossen
-zu haben, und es mochte zehn Uhr sein &ndash; eine für
-den Backwoodsman ungemein späte Stunde &ndash; als die
-Männer erst das Lager suchten, um sich für die Strapatzen
-des morgenden Tages zu stärken und kräftigen.</p>
-
-<p>Die Nacht ging es mit dem Lagerraum allerdings
-eng genug her, doch wußten die Jäger bald Rath;
-seine wollene Decke hatte ein Jeder mit. Einige derselben
-wurden deßhalb vor dem Feuer hingelegt, auf
-denen dann sämmtliche Gäste in langer Reihe Platz
-nahmen, und über diese wieder breitete nun ihr Wirth
-<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-Alles, was er nur an breitbaren Gegenständen irgend
-vorräthig fand. Ein gutes Feuer ward dabei ebenfalls
-die Nacht über im Kamin unterhalten, und die
-Männer lagen &ndash; wie es sich nur ein Jäger wünschen
-kann &ndash; warm und trocken.</p>
-
-<p>Der nächste Morgen fand übrigens die Letztgekommenen
-am frühsten zum Aufbruch fertig; Wallis
-war schon draußen gewesen, um nach den Pferden zu
-sehen, als der anbrechende Tag kaum seine ersten
-bleichen Strahlen von Osten herauf sandte, und die
-Uebrigen fachten indessen das fast niedergebrannte
-Feuer wieder an, füllten den großen blechernen Kaffetopf
-mit Wasser, und bereiteten Alles zu einem äußerst
-frühen Aufbruch vor.</p>
-
-<p>Nur Hennigs, sonst immer der erste, zögerte an
-diesem Morgen; an den Kaminsims gelehnt, stand
-er, und starrte gedankenlos nach Mr. Pitt hinüber,
-der, noch der einzige Schlafende, in einer Ecke sein
-besonderes mit einem Unterbett versehenes Lager gefunden
-hatte.</p>
-
-<p>Hilbert und Wallis, deren Thiere indessen schon
-wieder gesattelt vor der Thüre standen, kamen jetzt
-herein, um das von den Frauen schnell bereitete Frühstück
-einzunehmen.</p>
-
-<p>»Nun, Hennigs,« sagte der Erste, als er seine am
-<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
-Feuer aufgehangenen Leggins<span class="top">[6]</span> anzog und mit dem
-einen hart gewordenen eben wieder zur Thüre zurückschritt,
-ihn auszureiben, »Ihr seid ja heut' Morgen
-verdammt bequem, Euer armes Poney steht da
-draußen, kaut an den Aesten herum und scheint unmenschlichen
-Hunger zu haben.«</p>
-
-<p class="ci fss">[6]: Die ledernen gamaschenartigen Ueberzieher der Jäger.</p>
-
-<p>»Mein Poney?« sagte Hennigs halb verwundert,
-halb ungläubig, und hob den Blick zu ihm auf.</p>
-
-<p>»Nun ja, das dort drüben gehört doch Euch, wie?
-so eine kleine rauhhaarige Bestie giebt's ja weiter gar
-nicht am ganzen Missouri.«</p>
-
-<p>Hennigs war mit einem Satz neben ihm und
-blickte hinaus; wer aber beschriebe seine freudige
-Ueberraschung, als er dort, mitten zwischen Draper's
-Pferden, die durch das Unwetter heimgetrieben waren,
-sein eigenes, liebes, kleines Poney erkannte, an das
-er den ganzen Morgen mit einem recht wehmüthigen
-Gefühl gedacht, und jetzt schon viele, viele Meilen
-von da entfernt, todtmüde durch den anstrengenden
-Ritt eines Verzweifelten, vermuthet hatte.</p>
-
-<p>War denn Benjamin zu Fuße fort? so thöricht
-konnte er doch nicht gewesen sein.</p>
-
-<p>»Wie ist denn Pitt eigentlich hierher gekommen?«
-<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
-frug Hilbert in diesem Augenblick, und
-überzählte leise murmelnd die Pferde, die fast sämmtlich
-in verschiedenen Gruppen vor dem Hause standen.</p>
-
-<p>»Auf seinem Fuchs,« sagte Hennigs schnell, und
-blickte forschend nach dem eben genannten Thier
-umher.</p>
-
-<p>»Auf dem Goldfuchs?«</p>
-
-<p>»Ja; aber ich sehe ihn nicht.«</p>
-
-<p>»Der ist auch nicht hier!« meinte Hilbert, »am
-Haus wenigstens nicht; denn ich bin seit länger als
-einer Stunde auf, und fast die ganze Zeit draußen
-gewesen.«</p>
-
-<p>Mrs. Draper rief in diesem Augenblick zum Frühstück,
-und Mr. Pitt rutschte schnell unter den ihn bis
-jetzt noch immer verhüllenden Pferdedecken hervor, zog
-seinen Rock an und trat hinaus vor die Thüre, um
-dort in einem großen blechernen Waschbecken Gesicht
-und Hände zu baden. Die Jäger aber ließen sich
-indessen nicht besonders nöthigen, sie langten wacker
-zu, beendeten schnell ihr Mahl, und griffen dann, ohne
-weiteres Zögern, nach ihren Büchsen, die gestern aufgegebene
-Hetze &ndash; eine nun allerdings hoffnungslose
-Arbeit &ndash; wieder zu beginnen. Beim Essen schon hatten
-sie den Plan verabredet, wie sie jetzt am Besten des
-<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-flüchtigen Negers habhaft würden, der ihnen, wie sie
-äußerten, nach solch furchtbarem Wetter und in dem
-Zustand, in welchem er sich befand, gar nicht mehr
-entgehen konnte. Wie Draper jetzt vernahm, so waren
-auch schon am Missouri selbst alle Farmer, die Boote
-im Fluß hatten, von der Flucht des Sclaven in
-Kenntniß gesetzt und bereit, ihn aufzufangen. Ihre
-Absicht, was mit dem Unglücklichen geschehen solle,
-wenn sie ihn ergriffen, äußerten sie ebenfalls unverholen:
-er hatte sich an einem Weißen vergriffen, und
-der Tod war dafür sein Loos. Der Friedensrichter
-stimmte ihnen auch darin vollkommen bei, und versprach
-sogar, den nöthigen Bericht darüber an den
-Gouverneur des Staates zu machen, um von dort
-her wenigstens einen Theil des Schadens für den
-Eigenthümer vergütet zu bekommen.</p>
-
-<p>Fünf Minuten später waren die Männer beritten;
-riefen noch Dank und Abschiedswort, von den Pferden
-herunter, ihren freundlichen Wirthen zu, und sprengten
-dann, Wallis und Hilbert ausgenommen, in zwei
-Abtheilungen rechts und links ab, dem Missouri zu,
-die beiden Letztgenannten aber bildeten, mit den besten
-Hunden der Gesellschaft, das Centrum dieser Kette,
-die also langsam und vorsichtig noch einmal den
-ganzen Wald durchsuchten, wo sie den Flüchtling vermuthen
-<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
-mußten, und auf diese Art hofften, ihn entweder
-aus seinem Lager auf-, oder doch den am Fluß
-hin postirten Helfern in die Hände zu treiben.</p>
-
-<p>Draper sah ihnen lächelnd nach und murmelte,
-als sie hinter den Büschen der Niederung verschwanden,
-leise vor sich hin:</p>
-
-<p>»Geht nur, geht, ihr wackeren Männer, hetzt eure
-Hunde und Pferde ab, um einen Menschen zu jagen;
-den aber, den ihr sucht, bringt ihr mir nicht mehr
-zurück. Hat er Glück, so kann er jetzt schon bald in
-Illinois sein, und Mr. Peter Rollins mag ihm dort
-durchhelfen.«</p>
-
-<p>Zu seinem keineswegs freudigen Erstaunen entdeckte
-übrigens Mr. Pitt, nach eingenommenem Frühstück
-die Abwesenheit seines Pferdes, die er sich gar
-nicht erklären konnte, da das Thier sonst noch nie in
-der Nacht den Trog verlassen hatte, an dem es gefüttert
-worden, und das Fortlaufen eines Pferdes in
-solchem Wetter doppelt unwahrscheinlich wurde, wo im
-Gegentheil alles zahme Vieh gern die Nähe menschlicher
-Wohnungen aufsucht. Hier half aber weiter kein
-Besinnen, und er mußte, wollte er die Betversammlung
-heute nicht versäumen, Mr. Draper's Vorschlag annehmen,
-der ihm eines seiner Pferde zum Gebrauch
-überließ und den Goldfuchs zu suchen versprach,
-<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-sobald er selbst zurückkehren würde. Die beiden
-Männer ritten auch zusammen voraus, und nur Hennigs
-blieb bei den Damen zurück, um diese, die erst
-noch Manches zu ordnen wünschten, später zu begleiten.</p>
-
-<p>Kaum schlossen sich nun die Büsche hinter dem
-Friedensrichter und seinem Gefährten, als sich der
-junge Farmer, der ihr Fortreiten durch eine Spalte
-der Hütte beobachtete, mit triumphirendem Blick
-gegen die Matrone wandte. Die arme Frau hatte
-aber nur mit fürchterlichster Kraftanstrengung bis
-dahin, und so lange die Fremden zugegen gewesen,
-ihre äußere Unbefangenheit und Ruhe behaupten
-können, jetzt, da der Zwang aufhörte, ließen auch
-ihre Kräfte nach, und das Antlitz in den Händen
-bergend, sank sie zitternd auf einen Stuhl nieder und
-schluchzte laut.</p>
-
-<p>»Mutter!« riefen die beiden Mädchen, und
-sprangen an ihre Seite: »liebste, beste Mutter!«</p>
-
-<p>»Mrs. Draper!« bat Hennigs, »beruhigen Sie sich
-doch; schmerzt es Sie denn, daß Sie ein Menschenleben
-gerettet haben?«</p>
-
-<p>Die Matrone bedurfte einige Zeit, ehe sie sich wieder
-sammeln konnte; endlich blickte sie mit den thränenden
-Augen zu dem jungen Mann auf, und sagte leise:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a>
-»Sie haben mich hart gestraft, Hennigs, ich werde
-gewiß in recht, recht langer Zeit nicht den gestrigen
-Abend vergessen, habe ich aber gefehlt, so mag mir
-Gott die Sünde vergeben, ich konnte nicht anders. &ndash;
-Ach, unser Herz ist ja so schwach, und weiß wohl oft
-selbst nicht, wo es irrt und wo es recht handelt. &ndash;
-Wie ist der arme Junge entkommen, und ist er überhaupt
-gerettet?«</p>
-
-<p>»Er hat Pitt's Pferd mitgenommen,« lachte Hennigs,
-»dem »Niggerfresser« kann das übrigens nichts
-schaden. Ben muß gestern Abend doch natürlich Alles
-mit angehört haben, was er über ihn und seine Race
-sagte, und da verdenk' ich's ihm gar nicht, daß er sich
-ein Bischen an ihm gerächt hat.«</p>
-
-<p>»O, das thut mir leid, das thut mir sehr leid,«
-seufzte die Matrone, »hätten Sie das nur verhindern
-können; ich würde ihm ja so gerne eins unserer besten
-Pferde überlassen haben.«</p>
-
-<p>Hennigs schwieg und sah vor sich nieder; jetzt
-nahm aber Lucy das Wort, und rief:</p>
-
-<p>»Er <em class="ge">hat's</em> verhindern wollen, Mutter, er hatte
-ihm schon sein eigenes, einziges Poney gegeben, ich weiß
-es, aber die Ankunft der Fremden trieb den Flüchtling
-wieder zurück. Erst später, als Alle hier im Hause
-waren, muß der Negerknabe zurückgekommen sein
-<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
-noch einmal mit Lebensgefahr das Pferd seines Retters
-gegen das seines Feindes umzutauschen.«</p>
-
-<p>Hennigs reichte ihr die Hand hinüber und flüsterte:</p>
-
-<p>»Ich danke Ihnen für das freundliche Wort, Lucy:
-jener Neger scheint aber in der That Rücksicht auf
-mein Eigenthum genommen zu haben; er ließ selbst
-meinen Sattel zurück, den er durch darüber hingelegte
-Bretter vor dem nächtlichen Regen schützte, während
-er sich selbst mit der schlechtesten alten Satteldecke
-begnügte, die er in der Geschwindigkeit finden
-konnte.«</p>
-
-<p>»Wird er aber entkommen?« frug Sally ängstlich.</p>
-
-<p>»Den seh'n wir nicht wieder,« lachte der junge
-Farmer, »seine Verfolger glauben ihn nördlich, weil
-er auch zu Fuß und ohne Paß gar nicht anders hätte
-fliehen können, er ist aber jetzt in anderer, als der in
-der Zeitung beschriebenen, Kleidung, beritten und mit
-einem guten Paß östlich, gerade dem Mississippi zugeflohen.
-In St.&nbsp;Louis wird er sich übersetzen lassen,
-und einmal in Illinois, droht ihm, unter diesen Verhältnissen,
-keine Gefahr weiter. Der Goldfuchs ist
-ohnedem ein Prachtpferd, und muß ihn bald seinem
-Ziel entgegen tragen.«</p>
-
-<p>»Und Canada liefert ihn nicht wieder aus?«</p>
-
-<p>»Nein, wahrlich nicht; einmal dort, bringt ihn
-<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
-ganz Amerika nicht wieder in Banden; aber wollen
-wir nicht aufbrechen?«</p>
-
-<p>»Ach, Mr. Hennigs, werde ich dem Prediger so
-frei ins Auge sehen können?« sagte Mrs. Draper seufzend.</p>
-
-<p>»Frei und klar!« rief der junge Mann, »wie Sie
-Ihr Auge zu dem heute ebenso rein auf uns niederlächelnden
-Himmel heben können. Wir haben zwar
-Alle gegen die Gesetze des Staates, aber, wie ich es
-fest überzeugt bin, nicht gegen die Gesetze Gottes gehandelt,
-und die einzige Bedenklichkeit, die ich jetzt
-bei der ganzen Geschichte habe ist die, daß wir nicht
-entdeckt werden. Doch auch das hat keine Gefahr,
-und so wollen wir uns die schöne Zeit nicht selbst mit
-unnützer Sorge und Noth verderben. &ndash; Ist denn
-Lucy jetzt mit mir zufrieden?« flüsterte er dann, und
-bog sich leise zu dem schönen Mädchen nieder.</p>
-
-<p>»Sie sind ein guter, guter Mensch!« sagte die
-Jungfrau, und reichte ihm erröthend die kleine Rechte.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Acht Wochen mochten etwa nach den oben beschriebenen
-Vorfällen entschwunden sein, der junge
-Hennigs hatte um Draper's ältestes Töchterlein angehalten,
-und dieses auch, da in dem schönen Lande
-der Freiheit die Herzen, die sich lieben, nicht erst eine
-<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
-hohe Polizei zu fragen brauchen, ob sie auch einander
-angehören dürfen, als sein braves Weib in die selbstgegründete
-Heimath geführt. Um aber nicht so weit entfernt
-von den Schwiegereltern zu wohnen, so waren die
-beiden Männer übereingekommen, das einmal von
-Draper durch seine erste Niederlassung in Beschlag
-genommene Land gemeinschaftlich anzubauen, und die
-schweren Aexte der wackeren Hinterwäldler hatten sich
-denn auch schon recht tief und erfolgreich in den stillen
-Frieden des Waldes hineingearbeitet.</p>
-
-<p>Mit Hülfe des Feuers, das die niedergeworfenen
-Riesenstämme verzehren mußte, dehnte sich ein recht
-stattliches Feld zwischen den beiden einander gegenüber
-stehenden Blockhütten aus, und von den Nachbarn
-angekauftes Vieh theilte der kleinen Farm jene
-eigenthümliche, gemüthliche Lebendigkeit mit, ohne
-die selbst die bedeutendste Niederlassung doch nur eine
-Einöde sein würde.</p>
-
-<p>Da hielt eines Sonntags Morgens, gerade als
-sich die kleine Familie um den reinlich gedeckten Tisch
-gesetzt hatte, auf dem saftiges Hirschfleisch, braun
-gebackenes Maisbrod und die dampfende Kaffekanne
-zum leckeren Mahl einluden, ein Reiter vor der
-Thüre der Hütte, und beide Männer sprangen gleich
-schnell und erstaunt von ihren Sitzen auf; denn kein
-<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
-Anderer war es, als Squire Pitt auf &ndash; seinem
-Goldfuchs.</p>
-
-<p>Er wurde augenblicklich hereingenöthigt, und
-sollte nun schnell erzählen, wo er das Pferd wieder
-bekommen habe, das seit jenem stürmischen Abend
-nirgends wieder gesehen worden war; Pitt aber, der
-schon mehrere Stunden geritten sein und nicht unbedeutenden
-Hunger verspüren mochte, wollte sich auf
-keine Erläuterungen einlassen, ehe nicht das Tischtuch
-abgeräumt wäre; ein Stuhl ward ihm also rasch herbeigerückt,
-und unser Friedensrichter ließ dann auch
-der Kochkunst der jungen Frau alle nur mögliche Gerechtigkeit
-widerfahren. Dann erst, als das Geschirr
-beseitigt und der Tisch zurückgeschoben worden, löste
-sich seine Zunge, und halb in Entrüstung über die
-Frechheit des Erlebten, halb aber auch froh darüber,
-sein vortreffliches Pferd, und noch dazu in so gutem
-Zustande wieder erhalten zu haben, theilte er jetzt den
-ihm aufmerksam Zuhorchenden mit, auf welche wunderliche
-Art er wieder zu seinem Eigenthume gekommen
-sei.</p>
-
-<p>»Denken Sie nur, Ladies,« erzählte er, »gestern
-Abend sitze ich ruhig in meinem Zimmer und bin entsetzlich
-müde; denn ich hatte mich den ganzen Tag im
-Sattel herumgetrieben, da knurrt auf einmal mein
-<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
-kleiner Feist, der bei mir im Hause schläft, und ehe
-ich nur aufstehen kann, tritt auch schon, wer anders
-als der Postmeister vom nächsten Städtchen drüben,
-zu mir herein. Erst glaubte ich, er käme aus der westlichen
-Ansiedelung und wollte zu Hause reiten; aber
-Gott bewahre, er sagte, er brächte mir etwas, faßt
-mich beim Arm, führt mich vor die Thür und zeigt
-mir &ndash; meinen eigenen Fuchs, der leibhaftig vor mir
-steht und mich anwiehert. Ladies, es ist zwar nur
-ein Vieh, aber ich fiel ihm vor lauter Freuden um
-den Hals und wollte eben anfangen zu fragen, wem
-in aller Welt ich das Wiedererlangen meines
-Eigenthums verdanke, als er mir einen Brief übergab
-und mir sagte, ein Mulatte hätte das Pferd da
-nach St.&nbsp;Louis gebracht, dort sich nach unserm
-Postoffice erkundigt und dann einen Boten gemiethet,
-der Beides &ndash; Pferd und Brief &ndash; in unsere
-Ansiedelung brachte. Das war nun schon an und für
-sich merkwürdig, das Merkwürdigste aber ist der
-Brief.«</p>
-
-<p>»Von wem?« riefen Alle zugleich.</p>
-
-<p>»Ja, das rathen Sie einmal!« sagte der Kleine,
-indem er beide Arme vor sich auf die Stuhllehne
-stemmte und ein verzweifelt geheimnißvolles Gesicht
-machte; »aber geben Sie sich nur keine Mühe, Sie
-<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
-rathen es im Leben nicht, denken Sie nur, von Ben,
-dem von Wallis entflohenen Nigger.«</p>
-
-<p>»Konnte denn der schreiben?« frug Draper ungläubig.</p>
-
-<p>»Nein, das konnte er allerdings nicht,« sagte der
-Friedensrichter, »er hat auch nur sein Zeichen, eine
-Art Kreuz, darunter gemacht, das ist aber einerlei,
-ein anderer Nigger hat's für ihn, von Canada aus,
-geschrieben.«</p>
-
-<p>»Von Canada aus?«</p>
-
-<p>»Ja, von Canada; die Bestie ist glücklich, Gott
-nur weiß freilich auf welche Art, nach Canada entkommen;
-das ist aber ein neuer Beweis, wie wir den
-Engländern so bald als möglich ein Land abnehmen
-müssen, das uns erstlich, nach der ganzen Natur der
-Sache, angehört, und durch das die Bürger der Vereinigten
-Staaten schon so unendlichen Schaden erlitten
-haben.«</p>
-
-<p>»Aber was steht in dem Brief?« frug Sally neugierig.</p>
-
-<p>»Der ist »kurz und süß,« wie die Yankees sagen,«
-brummte der Friedensrichter, »noch dazu von einem verwünschten
-Nigger selbst geschrieben, der sich einen »freien
-canadiensischen Bürger« nennt und mich &ndash; wenn ich
-die Canaille nur hier hätte! &ndash; herzlich grüßen läßt.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
-»Nun, das ist doch freundschaftlich,« lachte
-Hennigs.</p>
-
-<p>»Freundschaftlich? der schwarze Lump nennt mich
-sogar sein »liebstes, bestes Pittchen« und bittet mich,
-ich möchte ihn, wenn ich einmal nach Toronto käme,
-doch auf jeden Fall besuchen.«</p>
-
-<p>»Aber Ben? was schreibt Ihnen denn Ben, bester
-Mr. Pitt!« bat Sally.</p>
-
-<p>»Ih nun, daß er an dem Abend meinem Pferd im
-Walde begegnet und überzeugt gewesen sei, ich würde
-mir ein Vergnügen daraus machen, es ihm auf wenige
-Wochen zu überlassen, &ndash; der Schuft! &ndash; er
-kenne mein gutes Herz, sagt er, und wünsche mir
-nur die Verwirklichung des Segens, den die Neger
-meiner Nachbarschaft schon seit Jahren auf mich herabgefleht
-hätten; als ob ich nicht wüßte, daß mich die
-schwarzen Hallunken alle wie die Pest hassen.«</p>
-
-<p>»Und das Pferd?«</p>
-
-<p>»Hat er, Gott weiß durch welche Gelegenheit,
-nach St.&nbsp;Louis gesandt; es wundert mich übrigens
-doch, daß ein Nigger ein gestohlenes Pferd zurückschickt.«</p>
-
-<p>»Und sollte es unter den Negern nicht auch brave,
-ehrliche Leute geben?« frug Mrs. Draper vorwurfsvoll.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a>
-»Hm, ja, Madame, mögen da nicht ganz unrecht
-haben,« sagte der kleine Friedensrichter und machte
-sich fertig, nach Hause zurückzukehren: »das eine
-Beispiel spricht wenigstens dafür; doch, ich weiß nicht,
-es ärgert mich auch wieder, daß uns der schwarze
-Schuft so zum Narren gehabt hat. Nun, ich will
-jetzt einmal zu Wallis hinüber und den von der glücklichen
-Flucht seines Sclaven in Kenntniß setzen. Wird
-sich auch unmenschlich darüber freuen, ist ein reiner
-Verlust für ihn von achthundert Dollar.«</p>
-
-<p>Der kleine Friedensrichter bestieg seinen schönen
-Goldfuchs, den er von diesem Augenblick an Ben
-nannte, und ritt zum »Squire Wallis« ins nächste
-County, &ndash; den aber sollte er nicht mehr unter den
-Lebenden antreffen. Ein von ihm mißhandelter Mulatte
-hatte in Rache und Wuth eine Spitzhacke ergriffen
-und diese seinem Master in die Schulter gehauen;
-eine Stunde später war er todt. Der Mulatte floh
-nun zwar nach der That dem Missouri zu und wollte
-diesen durchschwimmen, konnte aber der reißenden
-Strömung desselben nicht widerstehen, und sank in
-demselben Augenblick unter, als seine Verfolger das
-Ufer erreicht hatten und eben noch sahen, wie sich die
-Fluth über ihm schloß.</p>
-
-<p>Das Alles schien übrigens einen höchst wohlthätigen
-<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a>
-Einfluß auf den Richter Pitt ausgeübt zu haben,
-er behandelte von da an seine Neger viel besser und
-freundlicher, und es soll in neuerer Zeit keinem mehr
-eingefallen sein, ihn den »Negerfresser« zu nennen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a>
-Der Freischütz.<br />
-
-<span class="subheader ge">Scene aus dem Dresdner Leben.</span></h2>
-
-
-<p class="ci"><em class="ge">Heute, Montag den 26.&nbsp;Februar in Kurfürstens
-Hof »der Freischütz.« Schauspiel
-mit Chören, in vier Aufzügen. Um gütigen
-Besuch bittet</em></p>
-
-<p class="ci si"><b>Johann Magnus.</b></p>
-
-<p>»Wo ist denn »Kurfürstens Hof?« frug ein junger
-Mann in schwarzer Sammtmütze und blauer Pekesche
-den vorbeistürmenden Kellner, als er eben den oben
-angeführten Satz seinem, mit ihm an ein und demselben
-Tisch sitzenden Freunde vorgelesen hatte.</p>
-
-<p>»Elbberg,« rief der Schooßlose und drängte sich,
-die ganze Hand voll Bierkrüge, wobei er an jedem
-Finger wenigstens drei zu tragen schien, durch ein eben
-eintretendes Rudel neuer Gäste, die früher erhaltenen
-Aufträge zu erfüllen. Weitere Aufklärung war augenscheinlich
-von diesem hochfrisirten Ganymed nicht mehr
-zu erlangen; vom nächsten Tisch aber bog sich sehr
-<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a>
-artig ein alter Herr in schneeweißen Haaren und grüner
-Brille herüber und erwiederte auf die, wenn auch
-nicht an ihn gerichtete Frage:</p>
-
-<p>»Unten, nicht weit von der Elbe, auf dem sogenannten
-Elbberg, dort kann Ihnen jedes Kind das
-verlangte Haus zeigen.«</p>
-
-<p>Der junge Mann dankte und wandte sich wieder
-an seinen Gefährten, der indessen ebenfalls das Blatt
-genommen und die kurze Anzeige gelesen hatte.</p>
-
-<p>»Da müssen wir auf jeden Fall hin, Osfeld; es
-wird auch die höchste Zeit sein, denn es hat schon acht
-geschlagen.«</p>
-
-<p>»Wir kommen noch früh genug,« meinte Osfeld,
-»ich bin schon mehrere Male bei Magnus gewesen;
-er beginnt selten vor halb neun Uhr.«</p>
-
-<p>»Und wie ist's mit der Toilette? wird da nicht
-ein alter Rock und eine etwas vom Wetter mitgenommene
-Mütze nothwendig sein? &ndash; ich bekomme nicht
-gern Schläge.«</p>
-
-<p>»Unsinn,« lachte Osfeld &ndash; »so schlimm ist's nicht,
-wir finden dort ganz nette Leute; höchstens werden
-die, welche bei ernsthaften Scenen zu viel lachen, oder
-sich sonst unnütz machen, hinausbefördert.«</p>
-
-<p>»Also ein einfaches Ausweisungsprincip für mißliebige
-Personen,« sagte der Erste, den wir Wehrig
-<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a>
-nennen wollen &ndash; »dagegen läßt sich Nichts thun, denn
-das ist ein Erbfehler, dem wir armen Menschenkinder
-nun einmal unterworfen sind; schon Adam mußte sich
-das gefallen lassen.«</p>
-
-<p>»Das soll aber auch mit Adam noch eine ganz
-andere Bewandtniß gehabt haben,« meinte Osfeld,
-während er seinen Hut vom Nagel nahm und den
-Rock zuknöpfte. »Adam hat, wie sich jetzt ziemlich
-deutlich herausstellt, auch wissen wollen, <em class="ge">weßhalb</em>
-er nicht von dem Baume der Erkenntniß essen solle,
-und eine solche Neugierde läßt sich ja bei uns nicht
-einmal ein Bürgermeister gefallen. Hier ist übrigens
-keine Gefahr &ndash; ich kenne die Leute recht gut.«</p>
-
-<p>»Dann weißt Du also auch wo Kurfürstens
-Hof ist?«</p>
-
-<p>»Nein, das nicht; Magnus spielt jeden Abend der
-Woche in einem anderen Wirthshaus, und Garderobe
-wie Scenerie wird auf einem kleinen Handkarren von
-Ort zu Ort mitgeführt. Er bekommt dadurch stets ein
-frisches Publicum, und kann nun ein und dasselbe
-Stück sechs bis siebenmal hinter einander aufführen;
-die Schauspieler lernen dann auch gegen Ende der
-Woche ihre Rollen ausgezeichnet.«</p>
-
-<p>»Wie aber macht er es mit der Maschinerie, den
-Versenkungen etc.?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a>
-»Oh, die letzteren besonders sind sehr einfach.
-Steht der Geist oder Zauberer, der versinken soll,
-aufrecht auf der Bühne, so wird die Täuschung dadurch
-erzweckt, daß er sich schnell bückt und man ihm
-zu gleicher Zeit aus der nächsten Coulisse heraus ein
-dunkles Tuch überwirft &ndash; stürzt er aber vorher, und
-soll er als Leiche verschwinden, so muß er nur mit den
-Füßen dicht an oder hinter eine Coulisse zu liegen
-kommen, dann entzieht ihn ein kräftiger Ruck dem
-Gesichtskreis der Zuschauer, was auch, da die Garderobe
-für jeden Abend <em class="ge">geborgt</em> wird, mit keinem
-Nachtheil für den Director selbst verbunden ist.«</p>
-
-<p>»Also gar keine Maschinerie &ndash; o weh Wolfsschlucht;
-doch was thut's, auf jeden Fall sehen wir's
-uns an.« Und die Freunde traten hinaus in die kalte
-Nachtluft, die ihnen den gefrornen Thau in feinen
-scharfen Flocken entgegenschleuderte.</p>
-
-<p>Die Promenade war menschenleer und keine Seele
-begegnete ihnen durch die ganze kegelbahnartig angelegte
-Allee bis zur Amalienstraße und von da hinab
-bis zum nahen Ufer der Elbe, so daß die späten
-Wanderer (es hatte eben halb neun geschlagen)
-schon in eine noch erleuchtete Materialhandlung eintreten
-wollten, um sich dort nach dem Ziel ihres
-Marsches, dem Schauplatz der heutigen Aufführung
-<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a>
-zu erkundigen, als ein altes Mütterchen, mit einer
-grünen Glasflasche in der einen, und einem eingewickelten
-Häring in der andern Hand, aus derselben
-Thüre kam, und an ihnen vorbei, die Straße hinaufgehen
-wollte.</p>
-
-<p>»Möchten Sie wohl die Güte haben, uns zu
-sagen wo hier <em class="ge">Kurfürstens Hof</em> ist?« redete sie
-jetzt Osfeld ganz artig an.</p>
-
-<p>Die Alte blieb stehen, sah sich den Fragenden von
-oben bis unten sehr genau an, warf dann den Kopf
-zurück und rief mit scharfen gellenden Tönen: »Na ja
-&ndash; <em class="ge">Ihr</em> wärdt' wohl Kurfirschtens nich wissen« &ndash;
-und setzte murrend ihren Weg fort.</p>
-
-<p>Osfeld und Wehrig lachten laut auf, jene aber,
-dadurch noch mehr in dem Wahn bestärkt, daß man
-sie hatte wollen zum Besten haben, wandte sich um,
-schimpfte und &ndash; sie war ja eine Deutsche &ndash; drohte
-mit der Polizei.</p>
-
-<p>Mehrere Fischerleute kamen jetzt die Straße
-herauf und verschwanden in einer nicht mehr weit
-entfernten Thür, aus welcher, als sie geöffnet wurde,
-ein heller Strahl auf das Pflaster fiel. Nicht mit
-Unrecht schlossen die beiden Freunde, daß dies vielleicht
-der berühmte Platz wäre, den <em class="ge">nicht</em> zu kennen
-hier für unmöglich, oder doch wenigstens unwahrscheinlich
-<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a>
-gehalten wurde, und siehe da, sie hatten sich
-nicht getäuscht. Eine schmale Treppe führte zu dem
-Saal hinauf, an dessen Thüre, mit etwas Mehlkleister
-befestigt, ein Theaterzettel im Manuscripte
-hing, neben welchem eine kurzgebaute, etwas breithüftige
-Frau saß, die sich vor einem kleinen Tischchen,
-das außer dem dünnen Talglicht und der kleinen
-blechernen Büchse auch noch zwei Pakete sehr abgegriffener
-Billete trug, als »der Kassirer« auswies.</p>
-
-<p>War es nun eine, in dem bewegten Theaterleben
-erlangte Menschenkenntniß oder blos das Auftreten
-zweier anständigen Tuchröcke, kurz die Frau griff fast
-instinktartig nach den Billeten für den »<em class="ge">ersten Blatz</em>«
-und um 2½ Neugroschen <i>à</i> Person, traten sie schweigend
-ein in Thalias Tempel.</p>
-
-<p>Ein großer Saal, von dem die Bühne etwa ein
-Drittheil einnehmen mochte, enthielt das Theater, und
-ein ziemlich viereckiger Vorhang mit gar wundersamer
-Malerei, verhüllte die Mitte, während zwei schmale
-Streifen Wald (die Bäume horizontal ausgespannt,
-um den leeren Zwischenraum vollkommen zu verdecken)
-die Zuschauer von einem Versuch zurückschrecken
-sollten, das Innere des Heiligthums zu erforschen.
-Nichts destoweniger hatte sich ein »Stück jungen
-Deutschlands« an die dortige Wand gedrängt, und
-<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a>
-dem kühnen Forschergeist der hoffnungsvollen Jugend
-gelang es auch wirklich, dann und wann einen flüchtigen
-Blick auf ein geschminktes Antlitz oder einen
-gewaltigen Federbusch werfen zu können, was dann
-augenblicklich durch ein freundliches telegraphenartiges
-Grinsen den Kameraden mitgetheilt wurde.</p>
-
-<p>Vor dem Vorhang staken, auf schwarzen Blechprofitchen,
-fünf schwindsüchtige Talglichter, und
-zwischen diesen und den, in doppelter Reihe aufgestellten
-Rohrstühlen des »ersten Blatzes« lagerte, in
-malerischer Unordnung, die frohe, jubelnde Schaar
-der Schulkinder, beiderlei Geschlechts, die hier &ndash;
-für einen Sechser Entrée und der übernommenen
-Pflicht, das Ausblasen und Wiederanstecken der Lichter
-zu besorgen, je nachdem es dunkel oder hell werden
-mußte &ndash; theils lachend und schreiend, theils sehnsüchtig
-und mit einem gewissen ehrfurchtsvollen
-Schauer, den Anfang des Stückes erwarteten.</p>
-
-<p>Die Zuschauer hatten sich ungewöhnlich zahlreich
-versammelt, und selbst die Gallerie (ein aus mehreren
-mit Brettern überlegtes Gestell von nebeneinandergesetzten
-sogenannten Böcken bestehend,) war so besetzt, daß
-Einzelne, die durch beharrliches Ausdauern die erste Reihe
-gewonnen hatten, von ihrem, etwa zwei Fuß hohen
-und etwas gefährlichen Stand, herunter gedrängt
-<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a>
-wurden, und nun, unter dem Hohnlachen der jedes
-Mitgefühls unfähigen Menge, ein anderweitiges Unterkommen
-suchen mußten, um auf den Zehen und mit
-vergebens ausgestreckten Hälsen die Aufführung zu
-genießen.</p>
-
-<p>Nur mit großer Mühe und zu noch größerer
-Unbequemlichkeit der schon Sitzenden, wurde, durch
-Zusammenrücken, den Letztgekommenen Platz gemacht.
-Diese dann, der vordersten Stuhlreihe einverleibt,
-sahen sich plötzlich inmitten der festzusammengekeilten
-Menge, wobei ihnen jedoch, während ihre Kniee der
-vor ihnen lagernden »lieben Jugend« zu eben so vielen
-Rückenkissen dienten, vollkommene Zeit blieb, die verschiedenen
-Gruppen der übrigen Zuschauer genau zu
-betrachten.</p>
-
-<p>Die arbeitende Klasse war am stärksten vertreten,
-und hübsche Dienstmädchen, wie kräftige Handwerker
-und Fischer, füllten fast den ganzen Raum aus; auf
-den »Sperrsitzen« saßen aber auch eine ziemliche Anzahl
-»nobel gekleideter« Gäste, und unter den letzteren fielen
-besonders zwei wohlfrisirte und beglacéehandschuhte
-Jünglinge &ndash; augenscheinlich aus einer der ersten
-Materialwaarenhandlungen der Residenz &ndash; in die
-Augen, wenigstens hafteten die Blicke der Jugend, so
-lange noch deren Aufmerksamkeit nicht der Bühne
-<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a>
-zugelenkt wurde, fast ausschließlich auf ihnen, wie sie,
-nachlässig auf ihren Stühlen zurückgelehnt, mit sehr
-schwarzen Hüten, peinlich blauen Halstüchern, großen
-Ringen an den rothen Fingern und mächtigen goldenen
-Halsketten, allerdings etwas auffallend gegen ihre
-einfache Umgebung abstachen. Neben diese, nur eine
-Reihe weiter vor, kamen die beiden Freunde zu sitzen,
-und hörten, wie der ihnen Nächste zu dem Anderen
-sagte, während er das kleine schwanke spanische Rohr
-mit dem maigrünen Glacéehandschuh an die Lippen
-hob:</p>
-
-<p>»Eugene &ndash; die Sache fängt an unangenehm zu
-werden &ndash; es ist hier eine abominable Atmosphäre.«</p>
-
-<p>»Auf Ehre,« erwiederte ihm, als wirkliches Spiegelbild,
-Eugene &ndash; »ich wollte wir wären in's Café
-gegangen; es sind doch hier gar zu viele« &ndash; er beendete
-die Rede flüsternd, da er wahrscheinlich von den
-hinter ihm Befindlichen mißverstanden zu werden
-fürchtete.</p>
-
-<p>Das übrige, größere Publicum theilte übrigens,
-wenn gleich aus einem anderen Grunde, ihre Ungeduld,
-es ging nämlich stark auf neun, und trotzdem
-wurden immer noch keine Anstalten sichtbar, daß die
-Vorstellung wirklich beginnen sollte. Man trommelte,
-tobte und schrie also so lange, bis sich Herr
-<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a>
-Magnus endlich genöthigt sah vorzutreten, um den
-Lärmenden anzuzeigen, daß »die &ndash; Garderobe noch
-fehle, in wenigen Minuten aber auf jeden Fall erscheinen
-müsse.«</p>
-
-<p>»Ich habe keenen Hausschlüssel mit!« schrie eine
-sehr feine Stimme aus der Mitte des Publicums
-heraus.</p>
-
-<p>»Ich ooch niche!« erwiederte eine andere, vom
-entgegengesetzten Ende des Saales &ndash; »und bei mir
-machen se punkt zehne die Bude zu.«</p>
-
-<p>»Sie können ja immer anfangen,« schlug ein
-Bäckergesell vor &ndash; »wenn de Garderobe nachen
-kimmt, werfen Sie die paar Lumpen schnell iber.«</p>
-
-<p>Noch mehrere solche gutgemeinte Rathschläge
-wurden laut, und der Director war eben wieder achselzuckend
-und seitwärts in den linken Baumwipfel verschwunden,
-als der rettende Engel, in Gestalt eines
-vierschrötigen Hausknechts, erschien, der in einem
-mächtigen Tragkorb die so heiß ersehnten Costüme
-herbeischaffte. <em class="ge">Mit</em> der Garderobe kam denn auch
-ein regeres Leben <em class="ge">in</em> die Garderobe, und kaum eine
-Viertelstunde später tönte die helle Klingel &ndash; Alles
-schwieg und &ndash; auf rollte der Vorhang.</p>
-
-<p>Krach!</p>
-
-<p>»Ach Herr Jeses!« schrieen eine Menge Frauenstimmen,
-<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a>
-als der Schuß &ndash; so fast mitten unter ihnen
-&ndash; fiel; bald war aber jeder etwa empfundene Schreck
-über das imposante Schauspiel vergessen, das sich
-jetzt, im eng zusammengedrängten Raum ihren Blicken
-bot.</p>
-
-<p>Rechts am Tische saß Max, in grüner Jagdkleidung,
-der Scheibenkönig, dem zwei<span class="top">[7]</span> Bauern in
-langer Reihe folgten, trat auf, und verhöhnte den
-unglücklich gewesenen Jäger.</p>
-
-<p class="ci fss">[7]: Auf Magnus Theater dürfen, wie bei jener Kaffeegesellschaft,
-nur immer viere auf einmal reden &ndash; d.&nbsp;h. es ist ihm untersagt,
-mehr als vier Personen zu gleicher Zeit auf die Bühne zu
-bringen.</p>
-
-<p>Die Scenerie war <em class="ge">Wald</em> &ndash; und zwar der Hintergrund
-aus hellbraunen in ungeheuerer Perspective
-immer kürzer und kürzer werdenden Stämmen bestehend,
-die jedoch, wunderbarer Weise, ihre natürliche
-Dicke beizubehalten schienen. Rechts befanden sich
-ebenfalls zwei Waldcoulissen, links aber und ganz
-vorn, stand ein vierstöckiges, wunderbar gelbes Haus,
-an welchem wiederum ein in der dritten Etage ausgeschobenes
-&ndash; zwei Etagen langes Schild mit einem
-halbgefüllten Bierglas darauf, verkündete, daß diese
-Waldwohnung ein Wirthshaus sei.</p>
-
-<p>Die nächsten Scenen gingen ziemlich ruhig und
-<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a>
-ohne irgend etwas Auffallendes vorüber &ndash; Max
-schlug sich mit zwei Bauern herum, der Erbförster kam
-dazu, erzählte seine alte Geschichte, und wurde,
-als auch er die Scene verließ, von Caspar ersetzt, der
-jetzt, ohne die mindeste vorherige Warnung, sein
-Trinklied: »Hier im ird'schen Jammerthal« allerdings
-mit dem Originaltext, aber auch wirklich nach Original-Melodie,
-anstimmte; dann schüttete er dem Max
-ein Viertel Pfund gestoßenen Zucker in den Wein,
-während dieser am Tische saß, übrigens &ndash; seiner Rolle
-getreu, da er das nicht sehen durfte, &ndash; den Kopf
-wegwandte, und nun kam die Scene, wo der junge
-Schütze den Adler »aus hoher Luft« schießen sollte.</p>
-
-<p>Eine wunderbare Veränderung war aber indessen,
-und zwar mit Zauberschnelle, im Gemüthe des Max
-vorgegangen. Das Textbuch sagt nämlich:</p>
-
-<p>»man merkt ihm von jetzt eine gewisse Heftigkeit
-an, einem leichten aber bösen Rausche gleich.«</p>
-
-<p>Nachdem er also, auf Caspars Veranlassung, den
-Fürst hatte leben lassen, fing er plötzlich an zu taumeln,
-und zwar so stark, daß er sich fortwährend an
-der einen Tischecke festhalten mußte.</p>
-
-<p>Jetzt reichte ihm Caspar die Büchse, und Max
-frug mit schwerer, lallender Zunge und halbgeschlossenen
-Augen:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a>
-»Was soll ich damit machen?«</p>
-
-<p>Auf Caspars in die Höhedeuten, entdeckte er nun
-wirklich, wie er sagte, den Adler, hob, fortwährend
-dabei beschäftigt sich im Gleichgewicht zu halten, die
-Büchse an den Backen und &ndash; drückte ab.</p>
-
-<p>»Klapp!« &ndash; das Zündhütchen versagte &ndash; das
-Gewehr ging nicht los.</p>
-
-<p>»Probier es noch einmal!« sagte Caspar mit
-merkwürdiger Geistesgegenwart. Max setzte auch ein
-neues Zündhütchen auf, leider aber mit nicht besserem
-Erfolg. Das Publicum war dabei so indiscret und
-lachte, als ob einem Jäger das Gewehr nicht manchmal
-versagte. Caspar jedoch, im Charakter seiner
-Rolle überhaupt ärgerlich &ndash; setzte ein drittes mit
-eigener Hand auf, und rief nun, als auch dieses
-kraft- und erfolglos blieb, mit unterdrückter, aber
-trotzdem sehr deutlicher Stimme in die Coulisse
-hinein:</p>
-
-<p>»Werft ihn hinaus!«</p>
-
-<p>&ndash; Niemand folgte dem Befehl&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Werft ihn hinaus!« schrie er jetzt lauter und vernehmlicher.</p>
-
-<p>»Wen?« frug die dünne Stimme aus dem Publicum.</p>
-
-<p>Das Räthsel wurde jedoch gleich darauf gelöst,
-<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a>
-denn aus der Coulisse stieg, sich etwas über den quervorgespannten
-Leinwandstreifen erhebend, ein dunkler
-Gegenstand empor &ndash; klappte oben an die Decke, und
-schlug dann, mit schwerem Fall, vor dem entsetzten
-Max nieder. Leider war aber der Adler den vorn brennenden
-Lichtern ein klein wenig zu nahe gekommen,
-denn die Kinder vorne jubelten jetzt, halb in Freude,
-halb in Ueberraschung:</p>
-
-<p>»Herr Jeses &ndash; enne dote Hinne &ndash; enne dote
-Hinne!« (Huhn.)</p>
-
-<p>»Hören Sie einmal &ndash; wenn Sie Nichts dagegen
-haben, so wär es mir lieb, Sie nähmen Ihren Hut
-ein wenig ab,« sagte in diesem Augenblick ein breitschulteriger,
-rothbäckiger Fischer, der dicht hinter
-einem der vorerwähnten Jünglinge stand; »ich habe
-bis jetzt nur den Vogel und Ihren Deckel gesehen.«</p>
-
-<p>Seine Anrede wurde übrigens nicht gehört, oder
-nicht beachtet, denn mit einem verächtlichen Emporwerfen
-der Oberlippe sog der, dem die freundliche Ermahnung
-galt, nur um so eifriger an den elfenbeinernen
-Stockknopf, und der Fischer, der wahrscheinlich
-nicht beabsichtigte sich den angenehmen Abend durch
-Zank und Aerger zu verderben, arbeitete vor allen
-Dingen seine beiden breiten Hände aus den Taschen
-der weiten Beinkleider heraus, und begann nun, wobei
-<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a>
-er jedoch ziemlich hoch hinaufreichen mußte, mit
-den Fingern eine noch nicht componirte Melodie auf
-dem Deckel des ihm die Aussicht versperrenden schwarzen
-Seidenhutes zu trommeln.</p>
-
-<p>Die Trommel wandte sich sogleich darauf sehr
-indignirt um, und ein paar Tod und Verderben sprühende
-Augen blitzten darunter hervor; der Fischer aber
-blieb, die Hände wie zu einer Pause erhoben, ruhig
-stehen, nickte nur freundlich grinsend dem Entrüsteten
-zu, und fuhr, als jener sein zorngeröthetes Antlitz
-wieder der Bühne zukehrte, höchst gemüthlich in dem
-kurzabgebrochenen zweiten Theil des Liedes fort, so
-daß sich der junge Dresdner endlich genöthigt sah
-den Hut aufs Knie zu nehmen.</p>
-
-<p>Der erste Akt nahte so, ohne weitere Unterbrechung,
-seinem Ende, nur flogen, als Caspar dem
-Max das Huhn unter die Augen hielt, und ihn frug,
-ob er glaube, »daß ihm dieser Adler geschenkt sei« &ndash;
-einige halbe Bretzeln auf die Bühne, was einige der
-vorn gelagerten Knaben zu einem tollkühnen Einfall
-in das Herz des Heiligthums bewog. Aennchen aber,
-die mit einer Klemmbrille auf der Nase und dem
-Soufflirbuch in der Hand hinter der Coulisse stand,
-trieb die Eindringlinge mit drohender Geberde schnell
-zurück, konnte jedoch nicht verhindern, daß diese ihre
-<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a>
-Beute erst in Sicherheit brachten, und auch noch, bei
-dem etwas übereilten Rückzug, ein Talglicht mitnahmen,
-was indessen keine störenden Folgen weiter
-hatte, da andere Knaben theils das umgestoßene Licht
-schnell wieder befestigten, theils das sitzengebliebene
-Talg von den »Unaussprechlichen« des Frevlers abkratzten.</p>
-
-<p>Max aber lehnte &ndash; alles Andere nicht beachtend,
-in tiefen Trübsinn versenkt, mit der Schulter an der
-vierten Etage des Wirthshauses, und schaute sinnend
-vor sich nieder, bis er endlich mit dem Stichwort zu
-Caspars großer Arie &ndash; die dieser freilich als zur
-Oper nicht unumgänglich nöthig, wegließ &ndash; abtaumelte,
-und der Vorhang fiel.</p>
-
-<p>Rauschender Applaus folgte dem Aktschluß; dann
-aber, nachdem der Höflichkeit Genüge geleistet,
-wurden einige sehr unzufriedene Stimmen laut,
-und verlangten <em class="ge">Chor</em> &ndash; es stünde <em class="ge">Chor</em> auf
-dem Zettel und sie wünschten deshalb auch <em class="ge">Chor</em>.
-Durch sich selbst genährt wuchs der Tumult, und
-der Director, der erst mit der Klingel den Lärm beschworen
-hatte, trat, diese noch immer in der
-Hand, vor, und erklärte nun feierlichst, daß der Chor
-allerdings gesungen würde, nur müßten sie ein
-klein wenig Geduld haben, da jetzt erst die Wolfsschlucht
-<a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a>
-käme, und diese allerdings <em class="ge">keinen</em> Chor
-vertrüge.</p>
-
-<p>Stürmischer Applaus zeigte, wie einverstanden
-das Publicum mit der Direction sei, und die Masse
-drängte sich jetzt dem »Büffet« zu, wo verschiedenfarbige
-Liqueure, Lagerbier, Kaffee, Grog, Kuchen und
-Würste nebst diesen verbrüderten Semmeln in reicher
-Auswahl zu haben waren.</p>
-
-<p>Unsere beiden Freunde hatten, dem Beispiel der
-Uebrigen folgend, ihre Sitze ebenfalls verlassen, als
-auf einmal ein ganz eigenthümliches Gedränge &ndash; ein
-förmliches Wogen der Masse entstand, ohne daß
-irgend ein bestimmter Zweck dieser plötzlichen, nach
-einem Punkt hin gerichteten Bewegung, deutlich
-wurde; nur zur Thür strömte die Menge. Da erkannten
-sie plötzlich in deren Mitte &ndash; unglückliche Leidensgefährten
-&ndash; die beiden, blaubehalstuchten Jünglinge,
-die heftig gegen den, sie weiter und weiter vorwärts
-drängenden Volksknäuel anzuprotestiren schienen.
-Wohin sie jedoch auch zornig und wüthend blickten,
-begegneten ihnen nur freundlich zunickende Gesichter,
-ein ungeheurer Humor hatte die Menschenwoge erfaßt,
-und die zwei »Mißbeliebten« &ndash; mit denen nur
-die, sich dicht um sie her Befindenden vollkommen
-einverstanden schienen &ndash; wurden trotz alles Sträubens
-<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a>
-und Fluchens, fortwährend aber in der herzlichsten
-Art von der Welt, ja von einem Theil des weiblichen
-Publicums sogar mit zugeworfenen Kußhänden
-&ndash; förmlich <em class="ge">hinausgefluthet</em>.</p>
-
-<p>Osfeld, seiner Versicherung nach mit dem Director
-bekannt, versprach jetzt dem Freund, ihn bei
-jenem einzuführen, und zog ihn, nachdem er ohne
-weitere Umstände den einen quergezogenen Waldvorhang
-bei Seite geschoben hatte, in das Innere des
-Heiligthums.</p>
-
-<p>Dort sah es bunt aus; das Theater nahm fast
-die ganze Breite des Raumes ein, und nur ganz
-schmale, an den Seiten hinlaufende Gänge ließen
-ebenfalls kaum so viel Zwischenplatz übrig, daß die
-Abgehenden vollkommen verschwinden konnten; nichts
-destoweniger hatten die Schauspieler durch jahrelange
-Uebung eine gewisse Fertigkeit erlangt, durch rasche
-Seitenbewegungen bei jedem Abgang schnell die
-Coulisse zwischen sich und das Publicum zu bringen,
-das dann seine Vorstellung von dem, hinter und neben
-der Bühne befindlichen Raum, ins Unendliche ausdehnen
-konnte.</p>
-
-<p>Die jungen Leute schritten jetzt quer über die
-»Breter, die die Welt bedeuten« hin, und zwar zu
-dem, mit einer grünen Decke verhangenen Garderobenzimmer.
-<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a>
-Dort traten sie ein und fanden sich hier
-plötzlich in der wunderlichsten buntesten Gesellschaft,
-die sich nur möglicher Weise und der wirklich regsamsten
-Einbildungskraft, denken ließ.</p>
-
-<p>Rings an den Wänden standen kleine Tischchen,
-mit traurig flackernden Talglichtern, die dem ganzen
-Raum nur eben genug Helle gaben, um sein düsteres
-Aussehen recht deutlich hervorzuheben. Kleine Kasten
-mit zerbrochenen Stücken Spiegelglas, Schminktöpfe,
-Schminkpapier und Baumwolle, angebrannte Korkstöpsel,
-Flitterband, zerdrückte Blumenbouquets und
-farbige Glasperlenschnüre lagen überall umher, und
-Agathe und Aennchen waren eben noch beschäftigt,
-ihren Wangen die zu Braut und Brautjungfer nöthige
-Frische zu verleihen.</p>
-
-<p>Osfeld wurde von Allen als Bekannter begrüßt,
-und hatte keine Schwierigkeit seinen Freund ebenfalls
-da einzuführen; gerade jetzt drängte jedoch die Zeit
-zu sehr, als daß sich Einer der Beschäftigten hätte
-mehr als in kurzer Anrede mit ihnen einlassen können;
-sie bekamen deßhalb auch um so ungestörtere Gelegenheit,
-sich in dem kleinen Raum vollkommen gut orientiren
-zu können.</p>
-
-<p>Eine besonders interessante Gruppe bildete hier
-der Erbförster Kuno und Samiel, von denen der
-<a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a>
-Erstere dem Letzten eben, mittels eines angebrannten
-Korkstöpsels, die Nase schwarz färbte, damit diese,
-wie er auf Osfelds Frage erklärte, dem Gesicht das
-Aussehen eines Todtenkopfes gäbe.</p>
-
-<p>»Denn sehn Sie,« nahm hier Samiel, sie als ein
-höchst artiger Teufel begrüßend, das Wort, »wenn de
-Nase schwarz is, so sieht man se nich vom Bublikum
-aus, und dann kriegt das Gesicht was Schreckliches!«</p>
-
-<p>In dem Augenblick klingelte es, und der Vorhang
-ging wieder auf; die beiden Freunde blieben daher,
-um während der Aufführung keine Störung zu verursachen,
-hinter der Scene, und unterhielten sich indessen
-mit Herrn Magnus, der eben beschäftigt war, ein
-ziemlich umfangreiches wahrscheinlich eben gestimmtes
-Hackebret wieder in seinen Kasten hineinzulegen, da
-sie ihm, wie er äußerte, während der Wolfsschlucht
-»hineindämmern« könnten.</p>
-
-<p>Agathe sowohl wie Aennchen schienen aber ungemein
-wenig von ihren Rollen zu können, und der
-Director glaubte den Gästen darüber eine Erklärung
-schuldig zu sein.</p>
-
-<p>»Sehen Sie,« sagte er, »die <em class="ge">neuen</em> Stücke, die
-geben wir gewöhnlich hier immer erst einmal am
-Montag bei Kurfirschtens, und die betrachten wir
-gewissermaßen als Generalprobe; kommen wir nachher
-<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a>
-am Mittwoch in's Weinlaub oder gar am Sonnabend
-in die schwarze Gasse &ndash; dann geht's auch dafür »wie
-geschmiert.«</p>
-
-<p>»Aber sagen Sie einmal Herr Magnus« &ndash; frug
-jetzt der zu ihnen tretende Max &ndash; »hier im Buch &ndash;
-o Sie entschuldigen« &ndash; wandte er sich gleich darauf
-mit einer Verbeugung an die Fremden, »hier im Buch
-steht, Max soll sich den Hut in's Gesicht drücken und
-zu »verschiedenen Thüren abgehn« &ndash; er darf doch
-nicht wieder kommen?«</p>
-
-<p>»Au!« sagte Osfeld, den Wehring in diesem
-Augenblick rücksichtslos auf den Fuß getreten hatte.</p>
-
-<p>»Ne, ich bitte Sie um Gottes Willen,« rief zu
-gleicher Zeit der Director &ndash; »so sein Sie doch nicht
-so &ndash; Herr Gott, da draußen sehn sie sich schon nach
-Ihnen um &ndash; sie kommen ja&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Und Max kam wirklich, denn mit flüchtigem Blick
-hatte er sich von der Wahrheit des Gesagten überzeugt
-&ndash; sein Stichwort war gefallen, und wie ein junger
-Sturmwind, nur freilich von der ganz entgegengesetzten
-Seite, als von welcher ihn Agathe erwartet hatte,
-stob er auf die Bühne und spielte in lobenswerther
-Leidenschaft die Scene durch.</p>
-
-<p>Da aber nun, wie Herr Magnus jetzt äußerte,
-die Vorbereitungen zur Wolfsschlucht zu viel Raum
-<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a>
-wegnahmen, um blos zwischen dem Hintergrund und
-der Rückwand abgemacht zu werden, so mußte nach
-dieser Scene der Vorhang wiederum fallen, und der
-wichtigste Moment des Stücks nahte sich seinem Beginnen.</p>
-
-<p>Kaum war die Leinwand herunter, als Magnus
-mit einem Satz auf die Bühne sprang und eine ungeheure
-Eule an die Coulisse schrauben wollte.</p>
-
-<p>»So halten sie doch nur uff!« meinte aber Samiel
-sehr ernsthaft &ndash; »es muß doch erscht verwandelt
-werden.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ja so!« sagte der Director, und nahm den Vogel
-der Nacht wieder an sich, einige von den Schauspielern
-dagegen stiegen schnell auf hinzugerückte Stühle und
-knüpften die Bindfaden am oberen Theil der Coulissen
-auf, welche diese im Mittelpunkt festhielten. »Die
-Stube« fiel dann auch im nächsten Augenblick zu den
-Füßen der Bäume nieder, wo sie an der Wurzel der
-»Riesenstämme« auf einem Häufchen liegen blieb; die
-Hinterdecoration glitt auf gleiche Art über sich selbst
-zusammen und &ndash; »furchtbar gähnte der düstere Abgrund.«
-Nun wurden ebenfalls die nöthigen Vorrichtungen
-für das wilde Heer getroffen. Die Figuren
-nämlich, als: Drachen, Molche, Schlangen, Eulen
-und Gerippe, alle von Magnus selbst in der Größe
-<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a>
-eines mäßigen Haushahns, auf Pappe gemalt,
-kamen an ein dünnes, von der rechten zur linken Hintercoulisse
-gespanntes Seil, damit der Spuk quer
-über die Bühne gezogen werden konnte.</p>
-
-<p>Zu den ferneren Schrecknissen der Höllenschlucht
-gehörte auch noch ein Haufen Pflastersteine, die, als
-Entschuldigung für Todtenköpfe, zu dem Zauberkreis
-verwandt werden sollten, und neben diesen lag ein
-Haufe dünn gezupften Werges (Hede) dessen Nutzen
-aber erst später klar werden sollte. Auch die Eule saß
-jetzt, fest angeschraubt, auf ihrem Zweig, (oder vielmehr
-auf freier Luft neben der Coulisse) während
-hinter ihren äußerst rund ausgeschnittenen Augenhöhlen
-ein matt und schläfrig loderndes Dreierlicht
-brannte. Draußen aber, vor der Bühne, jubelte und
-tobte die Menge.</p>
-
-<p>»Anfangen &ndash; anfangen« &ndash; schrie das Publicum
-&ndash; »das währt ja ene Ewigkeit!« piepte eine einzelne
-Stimme &ndash; »wir wollen mithelfen,« antworteten
-andere. &ndash; »Anfangen &ndash; Vorhang auf!« tobte das
-Chor wieder, und Magnus, schnell gefaßt, ergriff die
-Klingel, und bearbeitete sie nach Leibeskräften.</p>
-
-<p>»Herr Jeses &ndash; ich habe den Drehschwärmer noch
-nich fest!« rief Samiel erschrocken.</p>
-
-<p>»Thut Nichts« &ndash; beruhigte ihn der Director &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a>
-»ich klingelte nur, damit die Flegel da vorne glauben
-sollten, es ginge an, und Ruhe halten.« Das Mittel
-erwies sich auch als probat, denn der Sturm war
-beschwichtigt, und Alles harrte, in gespannter Erwartung,
-der Dinge die da kommen sollten.</p>
-
-<p>»Wär' es nicht besser, wir sähen uns die Wolfsschlucht
-von draußen mit an?« frug Osfeld den Freund
-&ndash; »der Eindruck ist auf jeden Fall stärker.«</p>
-
-<p>»Gern!« erwiederte Jener, »aber was zum Henker
-macht denn der dort mit dem Werg?«</p>
-
-<p>Sein Ausruf bezog sich auf einen kleinen dünnen
-Mann, der hinter der ersten Coulisse niedergekauert
-saß, und mit der ernsthaftesten Miene von der Welt
-das Werg in kleine Kügelchen zusammendrehte und
-neben sich legte. Eben, als sie ihn über dessen beabsichtigte
-Nutzbarkeit fragen wollten, hatte der auf's
-neue erwachte Unmuth des jetzt kaum noch zu bezähmenden
-Publicums seinen Höhepunkt erreicht, und
-die Klingel tönte nun in gutem Ernst, so daß die
-Beiden kaum noch Zeit behielten vorzuspringen und
-ihre Plätze wieder einzunehmen. Da rollte der Vorhang
-auf und zugleich tönte des Directors Stimme
-von Innen hervor:</p>
-
-<p>»Lichter aus!«</p>
-
-<p>Das ließ sich denn auch die liebe Jugend nicht
-<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a>
-zweimal sagen &ndash; unter lautem Jubelruf fielen sie
-mit Mützen und Händen über die unglücklichen Talglichter
-her &ndash; denn Jeder wollte des Ruhmes theilhaftig
-sein, bei dem »Theater« mitgewirkt zu haben
-&ndash; und in wenigen Secunden herrschte finstere grausige
-Nacht in der »Schreckensschlucht.«</p>
-
-<p>Caspar stand in der Mitte und legte den Zauberkreis
-von Dresdner Straßenpflaster, während dicht
-neben ihm ein mit Augen und Nasenhöhlen versehener
-Kürbis, Gastrollen als Todtenkopf gab.</p>
-
-<p>»Chorsingen!« schrie da eine Stimme aus dem
-Publicum &ndash; aber »Ruhe &ndash; Ruhe!« gebot es von
-allen Seiten, und der gottlose Jäger begann, gerade
-als hinten auf einer großen blechernen Kanne zwölfe
-geschlagen wurde, seine Beschwörung. Kein Laut regte
-sich weiter &ndash; kaum athmen hörte man die fest zusammengedrängte
-Menschenmasse &ndash; auf den Zehen, mit
-vorgestreckten Hälsen und zum Aeußersten aufgerissenen
-Augen starrten sie hin auf das, was sich jetzt vor
-ihnen entwickeln sollte &ndash; aber Nichts &ndash; gar Nichts
-konnten sie sehen. Samiel erschien &ndash; wenigstens
-vernahmen sie seine Stimme &ndash; doch tiefe Nacht
-deckte, höchst allegorisch, den Fürsten der Finsterniß,
-&ndash; Max trat auf, und die Gestalt wurde, als sie in
-den Vordergrund schritt, allerdings sichtbar, wie er aber
-<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a>
-rief: »er sähe seiner Mutter Geist &ndash; <em class="ge">so</em> lag sie im
-Grab&nbsp;&ndash;« und von Agathe erzählte, die in den Fluß
-springen wollte, da brummte der kleine dicke Fischer,
-der jetzt ganz behaglich einen der leergewordenen
-Stühle eingenommen hatte, leise vor sich hin:</p>
-
-<p>»Der muß drämen &ndash; ich sehe weeß Gott nischt.«</p>
-
-<p>Der Kugelsegen kam jetzt, und mit ihm das ganze
-Schauerliche der Schlucht; Magnus postirte sich
-dabei hinter die Eule und zog ruckweise an einem dort
-befestigten Bindfaden, um dieser die Flügel zu lösen.
-In der Maschinerie selbst mußte aber wohl etwas
-versehen sein, denn der einzige Erfolg des Ziehens
-war das Herunterfallen des Lichts, wobei die Eule
-natürlich die Augen schloß, als ob ihr die ganze
-Schlucht zuwider gewesen wäre.</p>
-
-<p>»Zwei!« sagte Caspar, und aus der linken Coulisse
-flog ein Irrlicht in Gestalt einer brennenden
-Flocke Werg, und zwar gerade auf des Kugelgießenden
-Leib geschleudert &ndash; der sich dessen jedoch noch
-entledigte.</p>
-
-<p>»Drei!« und mehre Irrwische zuckten in schneller
-Reihenfolge auf den trotzigen Jägerburschen ein.</p>
-
-<p>»Werfen Sie doch nicht so hierher« &ndash; flüsterte
-dieser schnell und heftig in die Coulisse hinein &ndash;
-»Sie brennen Einem ja die Lumpen an &ndash; <em class="ge">Vier</em>!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a>
-Immer dichter flogen die leuchtenden Flocken, und
-aus der gegenüberstehenden Baumgruppe kam ein
-einsamer Schwärmer herausgezischt.</p>
-
-<p>»Fünf!« sagte Caspar &ndash; zwei Schwärmer prasselten
-dabei von der linken, ein dritter von der rechten
-Seite los, und hinten wälzte sich etwas Schwarzes
-über die Bühne; was? konnte natürlich nicht ergründet
-werden, und nur eine Frauenstimme hielt es
-&ndash; jedoch auch nur vermuthend &ndash; für »Magnussens
-Jungen.«</p>
-
-<p>Das Schreckliche schien jetzt seinen höchsten Grad
-erreicht zu haben &ndash; die vorngelagerte Jugend hatte
-sich dicht zusammengedrängt, und schaute mit unheimlichem
-Grausen auf das teuflische Treiben hin, was
-sich vielleicht zum ersten Mal vor ihren Blicken
-erschloß.</p>
-
-<p>»Sechse!« brüllte Caspar, und jetzt flog auf einmal
-ein ganzer Klumpen flammenden Werges schnurgerade
-auf ihn zu, so daß er, ohne dadurch im Mindesten
-aus der Rolle zu fallen, aufsprang, gotteslästerlich
-und recht für den Platz passend an zu fluchen
-fing, und in die Coulisse hinein drohte. Derselbe
-dunkle, schon früher erwähnte Gegenstand kam dabei
-zurück, wieder brannten mehrere Schwärmer ab, im
-Hintergrund, doch unsichtbar, ahmten verschiedene
-<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a>
-hohe und tiefe Stimmen eine Anzahl von Haus- und
-wilden Thieren nach, und Caspar stöhnte:</p>
-
-<p>»Wehe das wilde Heer!«</p>
-
-<p>Diese Ankündigung und der Lärm war jedoch
-Alles, was man von der Existenz desselben erfuhr,
-denn nach dem Verplatzen der Schwärmer hatte sich
-eine solche ägyptische Finsterniß auf der Bühne gelagert,
-daß man von den kleinen Pappfiguren, die in
-diesem Augenblick aller Wahrscheinlichkeit nach über
-die Scene gezogen wurden, auch nicht die Spur
-erkennen konnte.</p>
-
-<p>»Sieben!« rief Caspar &ndash; in der Dunkelheit umhertappend
-&ndash; und jetzt kam der Schlußeffekt des
-Ganzen. Der unbekannte Feuerwerker, der auf diesen
-Moment sicherlich schon sehnsüchtig gewartet hatte,
-schüttete plötzlich in boshafter Schadenfreude einen
-förmlichen Sprühregen lodernder Wergkugeln über
-den unglücklichen Jägerburschen aus &ndash; Max fiel auf
-die Pflastersteine &ndash; Agathe hob das heruntergefallene
-Licht wieder auf, und steckte es hinter die Eule, Samiel
-trat mit <em class="ge">einem</em> großen Schritt auf die Mitte der
-Bühne, und entzündete hier mit gewandter Hand den
-Drehschwärmer, der sein Feuer rücksichtslos umhersprühte,
-die unbekannten Thierstimmen mit Peitschenknallseinsollendem
-Indiehändeschlagen wurden wieder
-<a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a>
-hörbar und unter dem donnernden Jubelruf der
-Menge fiel der Vorhang.</p>
-
-<p>Auf der Bühne schienen aber trotzdem die Spielenden
-ihre Rollen noch nicht beendet zu haben, denn
-kaum war mit dem Fallen der bunten Leinwand dem
-Publicum der Anblick sämmtlicher Schrecknisse entzogen,
-als auf der rechten Seite die Wald-Vorhänge
-zurückgerissen wurden, und mit Blitzesschnelle das
-kleine dürre Männchen hervorglitt, das Wehrig früher
-schon als Feuerwerker aufgefallen war. Seine Eile
-erschien übrigens vollkommen gerechtfertigt, denn dicht
-hinter ihm, und als er eben mit unbeschreiblicher Gewandtheit
-zwischen den Füßen der noch immer der
-Bühne Zugedrängten, verschwunden war, fuhr ein
-fürchterlich bemaltes roth erhitztes Gesicht, zum Entsetzen
-einiger friedlichen postirten Dienstmädchen, aus
-der Walddecoration hervor, und die funkelnden, rachesprühenden
-Augen sprachen ganze Bände. Caspar
-durfte sich aber jetzt unmöglich schon wieder unter dem
-Publicum zeigen, es hätte die schöne Illusion
-zu sehr zerstört &ndash; einen bittern Fluch also nur dem
-nachschickend, der ihn &ndash; überdieß, schon von dem Höllenfürst
-bedrängt &ndash; so schwer geärgert hatte, zog er
-den Kopf wieder zurück und das »Blättermeer« schloß
-sich über ihm.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a>
-So schnell die Erscheinung jedoch auch wieder
-verschwunden sein mochte, so war sie doch nicht unbeachtet
-vorübergegangen, und von Mund zu Mund
-lief der Ruf&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Du &ndash; hast 'en gesehn? das war der Caspar!«</p>
-
-<p>»Herrliches Jagdwetter heute!« wer kennt nicht den
-Anfang des letzten Aktes &ndash; die Jäger traten auf.
-Waren aber die Spielenden schon im ersten Akt über
-das confus gewesen, was ein Jeder zu sagen hatte,
-so nahm dies jetzt wirklich auf eine an das Wunderbare
-grenzende Weise überhand, und Keiner wußte
-mehr, mit welchem von ihnen der Souffleur sprach.</p>
-
-<p>So hatte, zum Beispiel, in der Scene zwischen
-Max und Caspar, jener diesen um seine letzte Freikugel
-gebeten, Agathe soufflirte aber nun schon zum fünften
-Mal, und zwar mit lauterer Stimme: »Schuft!«
-aus der ersten Coulisse heraus, und Max that noch
-immer nicht, als ob ihn die Rede überhaupt etwas
-anginge, so daß dadurch Caspar verleitet wurde, den
-Kameraden so gröblich zu beleidigen und dieser nun
-zornig abging.</p>
-
-<p>»Chor singen &ndash; Chor singen!« schallte es jetzt
-wieder und zwar ziemlich dringend, aus dem Publicum
-heraus &ndash; »Chor singen!« tönte es von allen
-Seiten wieder, »Jungfernkranz singen &ndash; Jägervergnügen
-<a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a>
-singen! &ndash; auf dem Zettel steht <em class="ge">Chor</em> &ndash;
-<em class="ge">Chor</em>!« rief und schrie es durcheinander.</p>
-
-<p>»Bin doch neugierig,« sagte Osfeld, »wie sie da
-drinnen den Chor zu Stande bringen werden &ndash;
-komm, wir wollen einmal zusehen, vielleicht können
-wir helfen!«</p>
-
-<p>»Mir recht,« lachte Wehrig, »es ist überdieß nicht
-gut, daß der Baß sonst gewöhnlich beim Jungfernkranz
-fehlt.«</p>
-
-<p>Sie standen auf, und erreichten, nach unzähligem
-»Bitte um Entschuldigung's und Haben Sie die Güte's«
-den Eingang zur Bühne, auf der aber indessen
-eine wesentliche Veränderung vorgegangen, und alles
-Teuflische &ndash; nur Samiel ausgenommen &ndash; verschwunden
-war. Selbst die Eule lehnte, mit dem Kopf nach
-unten, in der Ecke, und das Hackebrett paradirte jetzt
-frei und offen auf einem schmalen Tisch, vor welchem
-Magnus im Anzug des Fürsten Ottokar, mit wehenden
-Barrettfedern stand, und in jeder Hand einen der
-Klöppel schwang, mit welchen das Instrument gespielt
-werden sollte.</p>
-
-<p>Der Vorhang war indessen wieder aufgezogen und
-der Tumult hatte sich beruhigt &ndash; Aennchen erzählte
-ihre Kettenhundgeschichte, und nun traten die Brautjungfern
-herein. Da aber &ndash; ehe noch ein frevelnder
-<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a>
-Mund das Wort »Chor« aufs Neue aussprechen
-konnte, quollen die sanften Töne, von wirklich geübter
-Hand hervorgelockt, aus den langgespannten
-Stahlsaiten, und Magnus präludirte den »Jungfernkranz«
-(der soll nie sagen, daß er ein Deutscher sei,
-der <em class="ge">das</em> Lied nicht kennt) während die hinter den
-Coulissen Stehenden, als: Caspar, Samiel, Max,
-der »Eramit« wie er genannt wurde, und selbst Osfeld
-und Wehrig in Baß und Tenor mit einfielen zu
-dem, was Agathe und Aennchen vorn <em class="ge">auf</em> und etwa
-ein halbes Dutzend Freiwilliger, indessen <em class="ge">vor</em> der
-Bühne sang. Zur Unterstützung piepten noch, aber
-nur leise und schüchtern, einige dünne Kinderstimmen
-mit ein, in den feierlichen Chor, und Fürst Ottokar
-fuhr jetzt, mit kühner Hand in die Variationen des
-Liedes eingehend, schnell und sicher über die Saiten
-hin.</p>
-
-<p>Da schwieg der Chor plötzlich &ndash; die Todtenkrone
-hatte sich gefunden &ndash; die Brautjungfern standen entsetzt
-&ndash; aber das Hackebrett schwieg nicht &ndash; wild
-rauschten die Töne &ndash; »veilchenblaue Seide« &ndash; die
-Droschkenfahnfarbenen Barettfedern schwankten über
-dem Instrumente, die immer größere Aufregung des
-Spielenden bekundend. Vergebens that der »Eramit«
-Einspruch &ndash; vergebens nahm sich selbst Samiel der
-<a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a>
-Sache an &ndash; Ottokars Seele lag in den Saiten, und
-erst, als schon Alle abgegangen waren, als die Stube
-wieder heruntergefallen, als Caspar, Max und Kuno
-aufgetreten, ja erst dann, als man nach dem Fürsten
-rief &ndash; verstummte der »Jungfernkranz«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ottokar sprang empor und war in dem einen
-Moment wieder ganz der Fürst. Mit stolzen Schritten
-trat er vor, sah sich im Kreise um &ndash; hob die Hand,
-und stimmte im nächsten Augenblick mit starker, wenn
-auch etwas heiserer Stimme das »Jägerlied« an.</p>
-
-<p>Hierin aber war Publicum zu Hause &ndash; von allen
-Seiten her fielen sie, freilich in gar sehr verschiedenen
-Tonarten, ein, und ein solcher Sturm bewegte plötzlich
-den kleinen Raum, daß ein friedlicher Polizeidiener,
-der bis dahin &ndash; incognito &ndash; in dem benachbarten
-Schenkzimmer neben einem Glase Bier geschlafen
-hatte, plötzlich, völlig munter geworden, aufsprang
-und dem Schauplatz zueilte, da er &ndash; wie
-er später äußerte &ndash; geglaubt hatte, »es keilten sich
-welche.«</p>
-
-<p>Bis zu diesem Lied nun, war noch Alles so ziemlich
-in seinem ruhigen Gleis fortgegangen; bis hierher
-schien doch Jeder wenigstens eine Ahnung von
-dem gehabt zu haben, was in seiner Rolle stehe; von
-nun an aber entstand eine Verwirrung, wie sie wohl
-<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a>
-noch selten dagewesen. Kein Mensch wußte mehr was
-er zu sagen hatte und welches sein Stichwort sei. &ndash;
-Jeder sprach die verkehrten Sätze, und Agathe, die
-hinter der Coulisse vor soufflirte, mußte sich, nach
-einem Ausdrucke des »Eramiten« die »Seele aus dem
-Halse schrein.«</p>
-
-<p>Zu diesem kam nun noch, daß der Director selbst
-die ganz besondere Eigenheit hatte, nie dieselben
-<em class="ge">Worte</em>, sondern immer nur den <em class="ge">Sinn</em> dessen wiederzugeben,
-was ihm soufflirt wurde. Geschah das nun
-aus Stolz, oder aus dem Bewußtsein innerer Ueberlegenheit
-&ndash; wer konnte es ergründen; nur würde es
-Jeden zur Verzweiflung gebracht haben, der auf ein
-richtiges Stichwort, von seiner Seite gewartet hätte.</p>
-
-<p><span class="fss">»Wo ist die Braut? ich habe so viel zu ihrem Lobe gehört, daß
-ich auf ihre Bekanntschaft recht neugierig bin!«</span> flüsterte die
-Souffleuse nun zum dritten Mal.</p>
-
-<p>»Wo steckt aber denn nur die Braut!« sagte Fürst
-Ottokar, sich überall umsehend &ndash; »ich bin recht
-neugierig geworden, ihre werthe Bekanntschaft zu
-machen.«</p>
-
-<p><span class="fss">»Ich habe so viel zu ihrem Lobe gehört!«</span> keuchte der Souffleur.</p>
-
-<p>»Soll ein recht gutes Mädchen sein,« sagte der
-Fürst.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a>
-<span class="fss">»Nach dem Beispiel Euerer erlauchten Ahnen, war't Ihr immer
-sehr huldreich gegen mich und mein Haus,«</span> rief der Souffleur
-wieder; Kuno aber, der wohl fühlte, daß er in diesem
-Augenblick etwas zu sagen hatte, obgleich er kein
-Wort von dem verstand, was Agathe &ndash; die bis dahin
-ebenfalls ziemlich heiser geworden war &ndash; auf der
-andern Seite ablas, faßte sich ein Herz, trat einen
-Schritt vor, und begann:</p>
-
-<p>»<em class="ge">Dorchlauchigster!</em>«</p>
-
-<p><span class="fss">»Nach dem Beispiel Eurer erlauchten Ahnen war't Ihr immer
-sehr huldreich gegen mich und mein Haus!«</span></p>
-
-<p>»Dorchlauchigster,« wiederholte Kuno &ndash; der die
-letzten Worte verstanden hatte &ndash; »was mich und mein
-Haus betrifft« &ndash;&nbsp;&ndash; er stak fest &ndash; keine zehn Pferde
-Kraft hätte ihn wieder losgerissen. Da nahm Caspar
-das Gespräch auf, und dankte dem Fürsten für die Huld,
-die er »seinem Haus und ihm« stets bewiesen habe.</p>
-
-<p>Max mußte nun laden, und Agathe flüsterte, über
-das Buch hinwegsehend:</p>
-
-<p><span class="fss">»Caspar hat vielleicht noch seine letzte Freikugel &ndash; er könnte
-wohl gar &ndash; noch einmal und nimmer wieder.&nbsp;&ndash;«</span></p>
-
-<p>Alles schwieg.</p>
-
-<p><span class="fss">»Caspar hat vielleicht noch seine letzte Freikugel &ndash; er könnte
-wohl gar &ndash; noch einmal und nimmer wieder«</span> &ndash; sagte die
-Souffleuse, dringender als vorher.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a>
-Niemand regte sich &ndash; da trat Fürst Ottokar, der
-doch wohl nicht so ganz sicher war, ob das vielleicht
-in seiner eigenen Rolle stehe, vor, streckte die rechte
-Hand aus und sprach:</p>
-
-<p>»Nun so schieß &ndash; dieß eene Mal noch, aber nie
-wieder.«</p>
-
-<p>Max schoß wirklich &ndash; die Büchse ging glücklich
-los, und Caspar, der sich indessen schnell hinter ein
-im Hintergrund vorgehaltenes Stück Wald gestellt
-hatte, stürzte von seiner Höhe herunter und wand sich
-auf der Erde.</p>
-
-<p>Nun aber nahm es die Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit
-der Schauspieler im höchsten Grade in
-Anspruch, die folgende Scene zu spielen, und doch in
-gleicher Zeit zu nicht mehr als der gesetzlichen Zahl,
-zu <em class="ge">vieren</em>, zusammen auf dem Theater zu stehn.
-Agathe übergab also schnell dem Aennchen ihr Soufflirbuch,
-rief: »schieß nicht Max &ndash; ich bin die Taube«
-und fiel in Ohnmacht, Kuno aber und der Fürst traten
-in die Coulisse, und während Max neben Agathen
-kniete, erschien Samiel hinter seinem Opfer. Unsichtbarer
-Weise rief dabei Kuno:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Schaut, o schaut,</div>
- <div class="verse">Er traf die Braut,</div>
- <div class="verse">Der Jäger stürzte vom Baum,</div>
- <div class="verse">Wir wagens kaum</div>
- <div class="verse">Nur hinzuschau'n,<a class="pagenum" id="page_263" title="263"> </a></div>
- <div class="verse">O furchtbares Schicksal, o Graun!«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Caspar wand sich indeß in fürchterlichen Zuckungen
-auf der Erde und stieß seine gotteslästerlichen
-Reden aus, während Samiel einige, mit diesen harmonirende
-Bewegungen machte, als ob er im Begriff
-sei, jenem die Seele, wie einen Bandwurm, aus dem
-Leibe zu ziehen.</p>
-
-<p>»Dem Himmel Fluch &ndash; Fluch Dir!« schrie der
-zum Tode verwundete Jäger.</p>
-
-<p><span class="fss">»Das war sein Gebet im Sterben,«</span> flüsterte der Souffleur.</p>
-
-<p>Keiner achtete darauf &ndash; Max beschäftigte sich mit
-Agathen &ndash; die Uebrigen waren nicht da &ndash; so erbarmte
-sich denn Samiel &ndash; that einen letzten Ruck
-&ndash; als ob ihm die Seele abgerissen wäre und sprach
-mit dumpfer Stimme:</p>
-
-<p>»Das war sein Gebet im Sterben!« &ndash; dann erfaßte
-er den Körper des Caspar, schleppte ihn der
-Coulisse zu und wollte ihn eben hineinschleudern; der
-war ihm aber entweder zu schwer geworden, oder er
-hatte vielleicht aus versehen auf den Jagdrock getreten,
-kurz er kam ins Stolpern, ließ jenen, noch halb auf
-dem Theater fallen, und schoß, über sein Opfer hinweg,
-in die Coulisse, und &ndash; wahrscheinlich in den
-<a class="pagenum" id="page_264" title="264"> </a>
-Abgrund der Hölle hinein; wobei er sich aber das
-Uebriggebliebene augenblicklich nachkommen ließ.</p>
-
-<p>Nach Abgang dieser Beiden trat auch der Fürst
-mit Aennchen wieder heraus &ndash; Agathe erholte sich
-und Max gestand nun sein Verbrechen. Hierauf
-folgte die Ausweisung, und in diesem Augenblick,
-während Aennchen wieder in die Coulisse verschwand,
-erschien der »Eramit.«</p>
-
-<p>Sein Auftreten war feierlich &ndash; der Fürst, Max
-und Agathe knieten vor ihm nieder &ndash; segnend breitete
-er seine Hände über sie aus &ndash; tiefes Schweigen
-herrschte im Saal &ndash; die vorn gelagerte Jugend
-lauschte in der gespanntesten Erwartung. Da drohte
-plötzlich eine, aus dem Nebenzimmer kommende, höchst
-profane Stimme den ganzen schönen Zauber zu zerstören.</p>
-
-<p>»Glöckner!« rief es.</p>
-
-<p>»Ja!« antwortete ein tiefer Baß aus der Mitte
-des Publicums.</p>
-
-<p>»Spielst' en Schaafskopp mit?«</p>
-
-<p>»Ne &ndash; jetzt noch niche &ndash; aber gleich« &ndash; entgegnete
-Glöckner. Doch Niemand lachte. »Ruhe!«
-rief der kleine dicke Fischer, und sah sich ärgerlich um,
-und »Ruhe!« »Pst! pst!« tönte es von allen Seiten.
-Die Ruhe war augenblicklich wieder hergestellt &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_265" title="265"> </a>
-und der Fürst wurde nun versöhnt &ndash; Max bekam ein
-Jahr Urlaub, und jetzt plötzlich fuhr eine lange Hand
-links aus der Coulisse heraus und schüttete etwas
-auf die Erde &ndash; in der nächsten Secunde folgte dem
-Vorangegangenen ein brennendes Schwefelholz, und
-mit den Schlußworten</p>
-
-<p>&ndash; »darf kindlich der Milde des Vaters vertraun!«
-stieg eine bläulich-rothe, bengalische Flamme auf, die
-das ganze Theater in ihren magisch rosigen Schein
-hüllte.</p>
-
-<p>»A &ndash; h&nbsp;&ndash;« tönte es aus jedem Munde &ndash; der
-Eramit hob, wie betend, seine Hände empor, und &ndash;
-der Vorhang fiel schnell.</p>
-
-<p>Da erst gewann Publicum Athem und Besinnung
-wieder.</p>
-
-<p>»Caspar 'raus!« tobte jetzt die Menge &ndash; »'raus!
-'raus! Caspar 'raus!«</p>
-
-<p>»Samiel ooch!« piepte die ganz feine Stimme.</p>
-
-<p>»Caspar 'raus &ndash; 'raus mit 'em Caspar!«</p>
-
-<p>Osfeld und Wehrig suchten Caspar zu überreden,
-daß er sich doch »dem Volke zeigen möchte,« dieser
-aber, der sich schon eines höchst nöthigen Kleidungsstückes
-entledigt hatte, rief ihnen entgegen:</p>
-
-<p>»Ich kann ja nicht &ndash; ich bin ja schon ausgezogen&nbsp;&ndash;«
-doch was halfen solche Entschuldigungen &ndash; »es
-<a class="pagenum" id="page_266" title="266"> </a>
-tobt der See, und will sein Opfer haben.« »Caspar
-'raus,« donnerte die Menge, und er mußte, wohl
-oder übel, in das Kleidungsstück zurückfahren. Schnell
-zog er sich dabei noch den alten Oberrock über, frug
-den Director, als er sich die Haare aus dem Gesicht
-strich und die zwei untersten Knöpfe einhakte, »was
-zeig' ich denn an?« und trat auf die schnell gegebene
-Antwort hinaus.</p>
-
-<p>»Bravo!« schrie die Masse &ndash; »noch emal so en
-Feier!« eine einzelne Stimme, und Caspar sprach, die
-rechte Hand auf dem Herzen und mit tiefer Verneigung:</p>
-
-<p>»Ich hoffe &ndash; diesen Beifall &ndash; nicht verdient zu
-haben &ndash; heute über acht Tage« &ndash; fuhr er dann aber
-mit etwas erhöhter Stimme fort, »werden wir die
-Ehre haben wieder aufzuführen:</p>
-
-<p>»<em class="ge">Kunibert von Eulenhorst oder der geschundene
-Raubritter &ndash; Ritterschauspiel
-in fünf Aufzügen.</em>«</p>
-
-<p>»Magnus soll leben &ndash; hoch!« jubelten ein paar
-Tenorstimmen &ndash; »hoch! und abermals hoch!« fiel
-der Chor ein, und hinaus strömte das Publicum ins
-Freie. &ndash; Zur Thür drängte sich die muntere Schaar,
-die jungen Leute, die Mädchen und das Militair, die
-Fischer und Handwerker, scherzend und lachend, ein
-Theil noch in dem Wirthshaus selber den Abend zu
-<a class="pagenum" id="page_267" title="267"> </a>
-verbringen und auf dem schmutzigen Billiard die
-Kugeln hinüber und herüber zu stoßen, oder sich auch
-in kleinen Gruppen durch die Stadt zu zerstreuen, den
-eigenen ärmlichen Wohnungen zu, und von Samiel
-und Wolfschlucht zu träumen.</p>
-
-<p>Osfeld und Wehrig aber blieben noch zurück und
-waren schweigende Zeugen, wie die Herrlichkeit verging,
-wie die Lichter erloschen &ndash; die Künstler wieder
-<em class="ge">Menschen</em> wurden. Das Komische war entschwunden
-und der Ernst des Lebens schaute höhnisch, wie aus
-einem nackten Todtenschädel hervor.</p>
-
-<p>»Was macht das Kind?« frug Max, der die Jagdkleider
-abgelegt und nur die Reiterstiefeln noch anbehalten
-hatte, eine junge Frau &ndash; <em class="ge">seine</em> Frau, die
-eben zur Thür hereintrat.</p>
-
-<p>»Es lebt noch,« erwiederte diese mit verweinten
-Augen &ndash; »wenn du's aber noch einmal sehen willst,
-so mach', daß du zu Hause kommst.«</p>
-
-<p>»Ist Ihr Kind so krank?« frug Osfeld theilnehmend.</p>
-
-<p>»Ja &ndash; ich glaubte nicht, daß ich es nach dem
-Theater noch am Leben finden würde« &ndash; seufzte
-Max aus tiefer Brust.</p>
-
-<p>»Wie konnten Sie aber spielen, wenn Sie Ihr
-Kind zu Hause so leidend wußten?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_268" title="268"> </a>
-»Der Winter ist hart,« seufzte die Frau &ndash; »und
-die paar Groschen thun Noth.« Damit verschwanden
-die Beiden in der Thür.</p>
-
-<p>Magnus sah ihnen, das Kinn in die Hand gestützt,
-nach; dann wandte er sich seufzend ab und murmelte
-&ndash; mehr mit sich selbst, als zu den Anderen redend:</p>
-
-<p>»Ja, ja &ndash; es thut weh &ndash; recht weh &ndash; dagegen
-kommt's aber doch nicht auf, wenn man draußen
-stehn und den Hanswurst machen, tanzen, springen
-und tolle Späße reißen muß &ndash; und daheim dann
-indessen die Frau auf dem Stroh liegt.«</p>
-
-<p>»Und das haben Sie gethan?«</p>
-
-<p>»Der Mensch kann viel ertragen,« fuhr der
-Director fort, indem er das Hackebret wieder in den
-Kasten legte &ndash; »leben, mein Gott, leben wollen wir
-ja Alle &ndash; ich habe sieben Kinder.«</p>
-
-<p>»Bringt Ihnen denn das Theaterspielen auch
-so viel ein, <em class="ge">daß</em> Sie davon leben können?« frug
-Wehrig.</p>
-
-<p>»Im Winter, ja &ndash; wenn nur die langen Sommerabende
-nicht wären &ndash; da aber einen ganzen
-Abend Komödie zu spielen und nachher &ndash; es ist
-schon da gewesen, <em class="ge">vier Pfennige</em> auf den Antheil
-heraus zu bekommen, da reicht's denn freilich nicht
-einmal für trocken Brod aus.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_269" title="269"> </a>
-»Warum ergreifen Sie aber nicht etwas Anderes,
-verstehen Sie keine Profession?«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; aber das ist zu spät!« seufzte Jener, »ich
-bin alt und schwächlich &ndash; würde auch keine Kundschaft
-mehr bekommen.«</p>
-
-<p>»Dann sollten Sie sich aber wenigstens bemühen,
-Ihr Theater so viel als möglich zu verbessern. Eine
-erhöhte Bühne würde Ihnen zum Beispiel einen
-viel größeren Zuhörerkreis sichern, weil dann auch
-die weiter Zurückstehenden im Stande wären, von den
-Schauspielern mehr zu sehen, als eben die Köpfe.«</p>
-
-<p>»Ja, wenn ich das dürfte!« erwiederte der Director,
-»das ist mir aber polizeilich verboten &ndash; warum?
-weiß der liebe Gott; sie können doch unmöglich
-fürchten, daß ich dem <em class="ge">Hoftheater</em> Schaden thue.
-Auch darf ich nie mehr wie vier Personen auf einmal
-draußen stehen lassen &ndash; da kriecht immer so ein
-oder der andere Polizeidiener hier herum, und
-neulich, wo einmal aus Versehen fünfe geblieben
-waren, zeigte mich der an, und ich mußte einen
-Thaler und fünfzehn Neugroschen Strafe bezahlen
-&ndash; das schmerzt. Ein und zwanzig Groschen hatten
-wir im Ganzen eingenommen, und nun noch der
-Saal und die Lichter. Ja, wenn die großen Herren
-da oben nur manchmal wüßten, wie ungerecht solche
-<a class="pagenum" id="page_270" title="270"> </a>
-Strafen vertheilt sind &ndash; sie änderten es gewiß ab
-&ndash; denn <em class="ge">so</em> bös sind sie nicht, sie wissen's nur nicht.
-Ein Thaler fünfzehn Neugroschen &ndash; das klingt
-ihnen so unbedeutend &ndash; so wie gar Nichts &ndash; und
-dafür mußten neun Menschen zwei Tage lang
-hungern.«</p>
-
-<p>»Läßt sich denn aber dagegen gar Nichts thun?«
-frug Osfeld.</p>
-
-<p>»Gegen die Polizei?« meinte achselzuckend Magnus
-und lächelte mitleidig über die Frage. »Doch,
-meine Herren, ich muß zu Hause &ndash; die Frauen sind
-schon Alle fort &ndash; beehren Sie uns doch recht bald
-wieder.« Damit folgte er, den jungen Leuten erst
-noch freundlich die Hände drückend, den Vorausgegangenen.</p>
-
-<p>Osfeld und Wehrig wollten sich jetzt ebenfalls
-entfernen, als ihnen der noch bis zuletzt gebliebene
-»Intriguant« entgegentrat.</p>
-
-<p>»Komischer Mann, das« &ndash; sagte er, dabei mit
-dem Finger hinter dem Director d'rein deutend &ndash;
-»lamentirt in einem fort, und ist eigentlich selber
-Schuld daran.«</p>
-
-<p>»Aber wie so?« frug Osfeld &ndash; »er thut doch wohl
-Alles, was in seinen Kräften steht?«</p>
-
-<p>»Zugegeben,« lächelte Jener, indem er dabei ein
-<a class="pagenum" id="page_271" title="271"> </a>
-Töpfchen Schminke, ein wenig Baumwolle, ein »Endchen«
-Talglicht und einen am untern Ende schwarz gebrannten
-Korkstöpsel zusammen in ein Papier wickelte,
-und dies in die hintere Rocktasche schob &ndash; »zugegeben,
-daß er wirklich Alles thut, was in seinen Kräften
-steht &ndash; das ist aber nicht genug &ndash; er muß <em class="ge">mehr</em>
-thun, er muß speculiren. Sehen Sie, zum Beispiel
-mit der Garderobe&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Die borgen Sie für jeden Abend, nicht
-wahr?«</p>
-
-<p>»Ganz recht &ndash; theilweise wenigstens, denn ein
-paar Schwerter und andere Geschichten haben wir
-schon &ndash; aber was kostet das? Dafür bekommt der
-Jude die Woche <em class="ge">zwei harte Thaler</em> &ndash; ich habe
-meinen Aerger schon genug darüber gehabt. Wenn
-man einmal Abends in Gedanken bei feuchtem Wetter
-mit den hirschledernen Stiefeln zu Hause geht, oder
-sich aus Versehen mit so einem erbärmlichen sammtmanschesternen
-Wamms zu Bett gelegt hat, daß vielleicht
-Morgens noch ein paar Federn d'ran hängen,
-dann ist immer gleich der Teufel los &ndash; wozu das?
-warum schaffen wir uns nicht Garderobe an? warum
-<em class="ge">kaufen</em> wir uns keine?«</p>
-
-<p>»Kaufen?« entgegnete ihm Wehrig &ndash; »wovon
-denn? der Director klagt ja doch, daß er kein Geld
-<a class="pagenum" id="page_272" title="272"> </a>
-habe; wovon soll er also Garderobe kaufen? etwa auf
-Credit nehmen?«</p>
-
-<p>»O ja &ndash; das wäre eine sehr gute Idee, der Credit,«
-rief der Schauspieler, indem er sich noch einmal
-im Zimmer umsah, ob er Nichts vergessen habe, und
-dabei sämmtliche Taschen befühlte &ndash; »sehr gute Idee
-das, aber &ndash; es borgt uns Niemand &ndash; der Versuch
-ist schon mehrere Male gemacht. Nein, <em class="ge">Umsicht</em> gehört
-dazu, und mit Umsicht wollte ich ihm in vier
-Wochen Garderobe herstellen.«</p>
-
-<p>»Doch auf welche Art?« frugen die jungen Leute,
-jetzt selbst neugierig gemacht, zu gleicher Zeit.</p>
-
-<p>»Auf sehr einfache!« sagte der Intriguant, und
-fing an, seinen schon etwas mitgenommenen Rock
-bis oben hinauf zuzuknöpfen. »Sehen Sie, bei Conversationsstücken,
-da muß sich Jeder seine eigenen
-Lumpen halten, und da wir die Woche hindurch
-immer nur <em class="ge">ein</em> Stück, wenn auch an fünf oder sechs
-verschiedenen Orten geben, so sparen wir also in
-jeder solchen Woche zwei Thaler. Nun lassen Sie
-uns einmal vier Wochen hintereinander Conversationsstücke
-geben &ndash; und da kommen immer nur
-erst <em class="ge">vier</em> auf jedes Wirthshaus &ndash; dann haben wir
-<em class="ge">acht harte Thaler</em> gespart, und damit kauf' ich
-dem <em class="ge">Teufel</em> seine Garderobe ab.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_273" title="273"> </a>
-»Mit acht Thalern?« rief Osfeld erstaunt aus.</p>
-
-<p>»Mit acht Thalern,« betheuerte der Intriguant,
-während er sich den Hut in die Stirn drückte, und ein
-kleines Bündel, das er in der Hand trug, und was
-einem reinen, wahrscheinlich noch zu schonenden
-Hemd sehr ähnlich sah &ndash; fester zusammenrollte und
-unter den linken Arm schob &ndash; »mit acht Thalern
-kaufe ich den ganzen Bettel &ndash; doch es wird spät,
-der Wirth will zuschließen &ndash; also &ndash; 'pfehle mich
-ergebenst, meine Herrn!« &ndash; und damit, weil er
-wahrscheinlich glaubte, die Laien tief genug in die
-Geheimnisse seiner Berechnungen eingeweiht zu
-haben, stieg er die steile Treppe hinab.</p>
-
-<p>Die jungen Leute sahen ihm mit einem Gemisch
-von Staunen und Mitleid nach, und einen
-eigenen unheimlichen Zauber fast übte dabei ihre ganze
-trostlose Umgebung; der Wirth aber, der schon seit
-einigen Minuten, mit einem dünnen flackernden Talglicht
-in der Hand, das Fortgehen der so lange Säumenden
-erwartet hatte, schien nicht Lust zu haben
-noch länger seine eigene Bequemlichkeit wie das Talglicht
-der Zugluft preis zu geben. Sie folgten seiner
-ungeduldig werdenden Bewegung, er schloß dicht
-hinter ihnen die Thüre zu, riß den Zettel ab, und
-überließ es Jenen, ihren Weg ins Freie zu finden,
-<a class="pagenum" id="page_274" title="274"> </a>
-was jedoch, mit Hülfe einer noch im Vorhaus
-brennenden Laterne gelang.</p>
-
-<p>Bald standen sie wieder am Ufer der Elbe, und
-der heitere, blauklare Nachthimmel lachte hell und
-freundlich auf die stille Erde, auf Glückliche und Unglückliche
-hernieder.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_275" title="275"> </a>
-Die Schoonerfahrt.<br />
-
-<span class="subheader ge">Neuseeländische Skizze.</span></h2>
-
-
-<p>Am Horizont dämmerte der Tag &ndash; vom nicht mehr
-fernen Inselufer herüber trug der warme Nachthauch
-die süßen würzigen Düfte tropischer Vegetation, und
-oben am mattblauen, noch hie und da mit erbleichenden
-Sternen geschmückten Himmel, schwebten kleine
-milchweiße Wolken, und errötheten freudig, als sie
-endlich die lang erharrte, strahlende Sonne erkannten
-und ihren Morgenkuß auf den Wangen fühlten.
-Unten aber, über das noch in grauer Dämmerung
-lagernde Meer, strichen ernst und schweigend einzelne
-breitschwingige Albatrosse hin, und regten nur in
-langen Zwischenpausen die mächtigen Flügel, daß sie,
-in ihrer gespensterhaften Weise fast den Geistern der
-Nacht glichen, die das helle Licht der Sonne zu
-fürchten und zu fliehen schienen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_276" title="276"> </a>
-Wie ein schlummernder Koloß lag der Ocean, und
-in ruhigen gleichmäßigen Athemzügen hob sich die
-Schwellung der Wasser. Hie und da nur brach ein
-spielender Delphin die stille Ruhe, oder der gellende
-Schrei eines Wasservogels störte den schlafenden Pelikan,
-der sich, sein Nachtwerk vollendet, regungslos
-mit der Fluth heben und schaukeln ließ, und jetzt nur
-den rasch emporgehobenen Kopf ärgerlich schüttelte
-und wieder unter den Flügel schob.</p>
-
-<p>Immer lichter wurde es im Osten; einzelne leuchtende
-Strahlen schossen ihre zündenden Pfeile schon
-mitten ins Herz der ängstlich zurückdrängenden Finsterniß
-hinein, und jetzt &ndash; rasch und plötzlich, wie sich in
-den Tropen der junge Tag aus den Armen der Nacht
-reißt&nbsp;&ndash;, tauchte die große goldene Sonnenscheibe herauf,
-über das blinkende funkelnde Meer. Vor ihr her
-aber, als ob sie selber, der neugewonnenen Himmelsluft
-froh, so recht kräftig und wohlgemuth aufathme
-aus tiefster Brust, sandte sie ihren Hauch, und leise
-tändelnd und spielend lief der über die, sämmtlich die
-kleinen Mäulchen nach ihm aufspitzenden Wellen hin,
-und küßte sie alle, alle die munteren blitzenden Dinger,
-mit ihren treublauen seelenvollen Augen.</p>
-
-<p>Rasch stieg die Sonne empor und ihr Schein,
-der die weite Fläche mit seinem Glanze erfüllte, fiel
-<a class="pagenum" id="page_277" title="277"> </a>
-auch auf ein einzelnes schneeweißes Segel, das wie
-ein müder Seevogel auf dem Wasser lag und seinen
-Bug dem immer klarer im Süden hervortretenden
-Landstreifen entgegengerichtet hielt. Es war ein
-Schooner und zwar nach Art der amerikanischen
-Schnellsegler betakelt, aber mit etwas breiterem,
-schwerfälligerem Bug und nicht so starr und keck emporragenden
-Masten und Spieren &ndash; ein sogenannter
-Sidney Schooner, wie sie theils die australischen
-Küsten befahren, theils auch nach den benachbarten
-Inseln, ja oft bis selbst nach Neuseeland hinüberschiffen
-und Sturm und Wellen trotzen.</p>
-
-<p>Der »Kasuar,« wie das kleine Fahrzeug hieß,
-hatte denn auch die Reise von Port Jackson aus in
-gar kurzer Zeit zurückgelegt und befand sich jetzt nur
-noch wenige Meilen von seinem Ziel entfernt, dem
-nordöstlichen Ufer der Insel Ika-na-mawi, welche zugleich
-die nördliche Hälfte der großen Doppelinsel
-Neu-Seeland bildet. Der Wind aber, der bis dahin
-gar munter ihre Segel geschwellt, hatte gänzlich nachgelassen,
-oder doch wenigstens in der herüberwehenden
-Landbriese einen Gegner gefunden, gegen den er
-nicht ankämpfen konnte oder mochte. In der Morgendämmerung,
-wo Land- und Seewinde einander ablösen,
-war denn gar noch jeder Luftzug eingeschlafen, und
-<a class="pagenum" id="page_278" title="278"> </a>
-die Segel hingen schlaff und unthätig an den Masten
-nieder, gegen die sie nur manchmal, wenn die Schwellung
-der Wasser das sich höchst passiv verhaltende
-Fahrzeug hin und her schaukelte, schwerfällig anschlugen.</p>
-
-<p>Thätiger zeigte sich dagegen die Mannschaft des
-kleinen Seebootes; von den vier Matrosen, die oben
-beschäftigt waren, arbeiteten drei gar fleißig daran,
-die weißen Deckplanken mit rasch heraufgeholten
-Eimern voll Seewasser noch immer weißer und reiner
-zu scheuern und zu spühlen, und auf dem Hinterdeck,
-die beiden Arme fest auf die Starbord Bulwarks<span class="top">[8]</span>
-gestemmt, saß ein kleiner, ziemlich corpulenter Mann,
-mit von der frischen Morgenluft gerötheten Wangen,
-deren Schimmer in der breitvorstehenden Nase einen
-Wiederglanz zu finden schien. In den Händen hielt
-er übrigens ein langes, gerichtetes Teleskop, mit dem
-er das vor ihnen liegende Land scharf und aufmerksam
-beobachtete. Er senkte wenigstens dann und wann das
-Glas, wischte sich mit dem Zipfel eines rothseidenen
-Taschentuchs das rechte Auge aus, und begann seine
-Forschungen aufs Neue.</p>
-
-<p class="ci fss">[8]: Starbord und Larbord heißen die beiden Seiten eines jeden
-Fahrzeugs, und zwar die rechte, vom Steuermann aus gerechnet,
-Starbord, die linke dagegen Larbord oder Backbord.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_279" title="279"> </a>
-Der einzige, anscheinend Müßige am Bord, war
-der am Steuerrad lehnende Matrose, denn der hielt,
-wie er so da stand, die Speichen eigentlich nur deßhalb
-fest, um seine eigene, nachlässig in sich selbst
-zusammengesunkene Gestalt zu unterstützen. Dann
-und wann schaute er dabei, mit einem halb schläfrigen
-Ausdruck in den gleichgültigen Zügen zu den
-unthätig niederhängenden Segeln und der schlaffen
-am Hintermast befestigten Windfahne auf, und fiel
-nachher, als ob er damit jeder nur von ihm zu fordernden
-Pflicht ganz vollkommen genügt habe, gemächlich
-in seine alte Stellung zurück.</p>
-
-<p>Da tauchte noch ein anderer Kopf aus der
-Kajütenluke empor, und gleich darauf stiegen zwei
-Gestalten an Deck, von denen sie die eine leicht als
-<em class="ge">Master</em> des kleinen Fahrzeugs erkennen ließ; die
-andere dagegen gehörte einem mehr fremdartigen, in
-seine Umgebung nicht recht passenden Wesen an, das
-wir deßhalb schon und seiner äußeren Erscheinung
-willen, ein wenig näher betrachten wollen.</p>
-
-<p>Es war ein Mann, kaum mehr als zwei oder
-drei und dreißig Jahr alt, aber mit wohlmarkirten
-und dunkelglühenden Augen, nicht übermäßig stark
-und groß, doch von kräftig elastischem Körperbau.
-Das Außergewöhnliche an ihm bestand übrigens &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_280" title="280"> </a>
-obgleich sich seine Züge, einmal gesehen, sicherlich
-nicht leicht wieder vergaßen &ndash; weniger in seiner
-persönlichen Erscheinung als in seinem Anzug, der
-eine Mischung von europäischer und indianischer
-Tracht bildete. Der Mann selber stammte allerdings
-von Weißen ab, denn wenn auch seine Haut durch
-Sonnengluth und Luft so verbrannt und gefärbt war,
-daß sie in ihrer dunklen Schattirung wenig der, neuseeländischer
-Eingeborener nachgeben mochte, so verrieth
-doch das lichtere gekrauste Haar, die mehr geröthete
-Wange und der ganze Schnitt des Gesichts
-nicht allein den Weißen, sondern auch den Engländer,
-während der weite neuseeländische Tapamantel und
-die, aus roher Haut verfertigten moccasinartigen
-Schuhe, wie die, nach Art der Indianer unter dem
-Knie gebundenen Beinkleider, eher einen Halbbrut-Wilden
-vermuthen ließen.</p>
-
-<p>Sein Begleiter, der Master des kleinen Kasuar,
-der sich übrigens, wie alle solche Küstenfahrer, viel
-lieber »Capitän« nennen hörte, schien denn auch über
-den wunderlichen Aufzug seines Passagieres sehr
-erfreut und seine, ohnedieß schon recht ansehnliche
-Physiognomie hatte sich zu einem breiten, wohlgefälligen
-Grinsen ausgedehnt, mit dem er, sobald sie
-das Deck erreicht hatten, den <em class="ge">Wilden</em> von oben nach
-<a class="pagenum" id="page_281" title="281"> </a>
-unten betrachtete, bis sich dieser endlich mürrisch
-gegen ihn wandte und ausrief:</p>
-
-<p>»Nun Sir, wenn Sie sich satt gesehen haben,
-lassen Sie mich's wissen. Ist Ihnen denn in Ihrem
-ganzen Leben noch kein Tapamantel vorgekommen,
-daß Sie dreinschauen, als ob wir uns mitten in
-London, anstatt wirklich an der neuseeländischen Küste
-befänden?«</p>
-
-<p>»Nichts für ungut,« lachte der Seemann, »ich
-dachte nur eben daran, was für ein Gesicht der
-Gouverneur in Sidney schneiden würde, wenn Sie
-ihm, so aufgetakelt, vor den Bug kämen. Seeschlangen
-und Eisbären, Sie kommen mir vor wie ein
-Kriegsschiff mit Frauenzeug an Bord und an der
-Gaffel einen Unterrock aufgehisst &ndash; segeln auch wohl
-einen Kreuzzug unter falscher Flagge?«</p>
-
-<p>»Alle Wetter!« rief da der kleine dicke Mann, der
-sich in diesem Augenblick zum ersten Mal nach den
-Redenden umwandte, ganz erstaunt aus &ndash; »Mr.
-Dumfry als Neuseeländer!«</p>
-
-<p>»Gentlemen« erwiederte aber der also Genannte,
-indem er sich, ohne die letzte Bemerkung weiter einer
-Antwort zu würdigen, an seine beiden Begleiter
-wandte, »ich möchte ein paar <em class="ge">ernste</em> Worte mit
-Ihnen reden, denn es betrifft Dinge, die noch auf
-<a class="pagenum" id="page_282" title="282"> </a>
-jeden Fall besprochen werden müssen, ehe wir jene
-Küste betreten.« Und sein Auge haftete dabei sinnend
-an den blauen Landstreifen, dessen Conturen, durch
-das aufsteigende Tagesgestirn beleuchtet, immer deutlicher
-und erkennbarer hervortraten.</p>
-
-<p>»Hm,« sagte der <em class="ge">Capitän</em> und schob die Finger
-beider Hände in die Seitentaschen seiner kurzen blauen
-Matrosenjacke &ndash; »Geheimnisse wohl? werden dann
-lieber wieder in die Kajüte hinunter gehen.« Sein
-Blick, der zugleich auf den, neben ihnen am Steuer
-befindlichen Matrosen fiel, zeigte deutlich genug daß
-er fürchtete, dieser könne, da der Raum des Hinterdecks
-allerdings nicht bedeutend war, ihr Gespräch
-belauschen.</p>
-
-<p>»Wir haben,« erwiederte ihm aber Dumfry, »von
-den Leuten an Bord Nichts zu fürchten, wie Sie mir
-sagten, kommen die ja mit dem Lande nicht in Berührung.«</p>
-
-<p>»Ei bewahre,« rief der Capitän &ndash; »gerade der,
-der dort steht, ist ein noch nicht entlassener Sträfling,
-den ich eigentlich wider die Gesetze mit an Bord
-genommen habe; er hat sich aber bis jetzt ordentlich
-benommen und &ndash; mir fehlten Matrosen, da konnte
-ich ihn, der ein tüchtiger Seemann ist, gar gut
-gebrauchen. Uebrigens bleibt der Schooner am äußersten
-<a class="pagenum" id="page_283" title="283"> </a>
-Rande der Bai vor Anker liegen, das kleine Boot
-nehmen wir selber mit, und daß mir nachher keiner
-ans Ufer <em class="ge">schwimmt</em>, dafür sorgen unsere guten
-Freunde, die Haifische, von denen es hier eine besonders
-große Anzahl giebt.«</p>
-
-<p>»Gut denn, so können wir ruhig hier oben
-bleiben,« sagte der Verkleidete, wandte sich dem Starbord
-Bulwark zu, und erwartete hier, an dieses
-angelehnt, und sein Gesicht dem Meere und dem vor
-ihnen liegenden Ufer zugekehrt, die beiden Freunde,
-die sich bald rechts und links neben ihn stellten, seiner
-Mittheilung zu lauschen.</p>
-
-<p>Ehe wir übrigens dem Gespräch der Männer, die
-wir in unserer Erzählung begleiten wollen, folgen,
-möchte es vielleicht nöthig sein, dem Leser einen kurzen
-und flüchtigen Ueberblick des Theils der neuseeländischen
-Verhältnisse zu geben, mit welchem wir es hier zu
-thun haben, damit er die Beweggründe der Schooner-Passagiere
-begreifen, und ihrem Unternehmen mit
-größerem Interesse folgen kann.</p>
-
-<p>Wie in allen uncultivirten Ländern der Welt, so
-bildeten auch in Neuseeland die Missionäre gewissermaßen
-die Tirailleure der Civilisation; denn wie man
-einen bösen und starken Hund streichelt, und vielleicht
-durch den angenehmen Geruch eines vorgehaltenen
-<a class="pagenum" id="page_284" title="284"> </a>
-Knochens, wie durch freundliche zuredende Worte zu
-besänftigen sucht, so wird den wilden trotzigen
-Nationen, denen der liebe Gott wahrscheinlich nur
-zufällig so vortrefflich zu Handel und Ackerbau gelegenes
-Land gegeben hatte, zuerst die christliche
-Religion mit ihren frommen und jede rauhe That
-verbietenden Lehren gezeigt. »Seht,« sagen die Missionäre
-&ndash; »solch gute Menschen sind wir, <em class="ge">das</em> steht
-Alles in der Bibel, unserem, uns von Gott selbst
-gegebenen Buch, und das thun, das befolgen wir
-auch Alles; davon weichen wir kein Haar breit ab,
-und so gut müßt Ihr auch werden, wenn Ihr einst
-das Alles erhalten wollt, was uns für unsere
-Frömmigkeit versprochen ist.«</p>
-
-<p>Der Wilde, dem schon das an und für sich
-imponirt, daß einzelne <em class="ge">unbewaffnete</em> Männer,
-fremd mit seinen Sitten und Gebräuchen, durch
-Nichts geschützt, als das Vertrauen auf sein Volk,
-weit über das Meer daher kommen; ja vielleicht
-gar durch das Neue der Sache selbst angereizt,
-oder auch im naturkräftigen Herzen das Schöne
-solcher Lehre ahnend, neigt sich endlich dem fremden
-Glauben und huldigt dem fremden Gotte. Er will
-es einmal versuchen, ob das auch alles wahr und
-wirklich so ist, was ihm die fremden Männer
-<a class="pagenum" id="page_285" title="285"> </a>
-mit den wunderlichen schwarzen Kleidern gepredigt
-haben.</p>
-
-<p>Kaum hat ihn nun sein eigener freier Wille, oft
-freilich auch nur ein für ihn reiches Geschenk dazu gewonnen,
-dann nimmt man ihm schon ein Versprechen
-ab &ndash; das er bei einem nur etwas anders gestalteten
-Heiligenbild, als er es bis jetzt gewohnt gewesen,
-leisten muß &ndash; seinen neuen Glauben nie wieder zu
-verlassen, und dem europäischen Gott wie auch dem
-europäischen Fürsten, dessen Emissäre sich dort gerade
-vorfinden, gehorsam zu sein.</p>
-
-<p>Der arme Wilde, der es übrigens sehr natürlich
-findet, daß der europäische Gott auf der Erde von
-einem <em class="ge">Fürsten</em> vertreten wird &ndash; denn einem anderen
-<em class="ge">Häuptling</em> Gehorsam zu schwören wäre ihm nie eingefallen
-&ndash; leistet den Eid, weiß aber in jener Zeit
-gewöhnlich gar nicht <em class="ge">was</em> er verspricht, und ist nicht
-um ein Jota mehr zurechnungsfähig, als ein Säugling,
-der in der christlichen Religion getauft, oder ein
-vierzehnjähriger Schuljunge, der in ihr confirmirt
-wird. Weicht er aber später einmal davon ab, erwacht
-der alte trotzige Geist in ihm, oder sieht er vielleicht
-gar, daß sich doch nicht Alles so lieb und gut verhält,
-wie es ihm die fremden, im Anfang so freundlichen
-Männer vorgesprochen, dann wird er an <em class="ge">sein Versprechen
-<a class="pagenum" id="page_286" title="286"> </a>
-gemahnt</em>, und wenn das nicht mehr ausreicht,
-zu der Liebe für die christliche Kirche <em class="ge">gezwungen</em>.</p>
-
-<p>»Ei, er hat ja geschworen,« sagen jetzt die Fremden,
-denn außer den Missionären treten nun auch
-plötzlich gar frommgesinnte Kaufleute aus dem Hintergrund
-und schreien über verletzte <em class="ge">Rechte</em> &ndash; »er hat
-ja einen Traktat, in welchem ihm Alles haarklein auseinandergesetzt
-wurde, mit seinem eigenen Zeichen
-selbst untermalt (denn lesen und schreiben konnte der
-arme Teufel leider nicht), und muß nun auch halten,
-was er versprochen, da ihn ja <em class="ge">früher</em> Niemand dazu
-gezwungen hat.« Wird ihm aber der Zwang zu eng,
-lernt er vielleicht gar die wahren Absichten seiner Bekehrer
-kennen und verstehen, und greift er in wieder
-frisch aufloderndem Kampfesmuth zu den Waffen,
-dann &ndash; schmettern Kartätschen und Büchsenkugeln den
-<em class="ge">Rebellen</em> zu Boden und die donnernden Schlünde
-der Kriegsschiffe, die seine leichten Schilfwohnungen
-von der Erde fegen oder entzünden, öffnen dem unglückseligen
-Wilden zum ersten Mal die Augen und
-zeigen ihm, was er bis jetzt noch gar nicht bemerkt zu
-haben schien, daß er Ketten an Händen und Füßen
-trage, und sogar in all seiner Verzweiflung und Noth
-nicht einmal mehr seinen alten Gott anrufen könne &ndash;
-weil er den verleugnet hatte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_287" title="287"> </a>
-Das bricht dem Armen gewöhnlich das Herz,
-denn damit ist ihm das Letzte, Heiligste vernichtet, und
-er wird jetzt, ohne weiteren großen Widerstand mehr,
-und worauf es ja im Anfang doch gleich abgesehen,
-der, nur dem Namen nach freie, <em class="ge">Sclave</em> seines
-Herrn.</p>
-
-<p>Wie sehr dabei den Missionären gewöhnlich das
-Seelenheil ihrer <em class="ge">Bekehrten</em> am Herzen liegt &ndash; ich
-sage <em class="ge">gewöhnlich</em>, denn es giebt auch, Gott sei
-Dank, Ausnahmen von dieser Regel &ndash; geht ebenfalls
-aus den neuseeländischen Berichten hervor. Nach
-der Aukland Gazette beanspruchen nämlich die dort
-befindlichen fünf und zwanzig Mitglieder der Kirchenmissionsgesellschaft
-zusammen 196,840 Acker Landes,
-das sie für Kleinigkeiten gekauft und jetzt gewiß nicht
-um das ganze Seelenheil Neuseelands wieder herausgeben
-würden. Den Beweis hierzu haben ja auch
-wirklich die schon später geführten Kriege geliefert.
-Ebenso widersetzten sich jene Missionäre der Bildung
-anderer Gesellschaften, die besonders von Deutschen
-ausgingen und in denen sie, vielleicht nicht mit Unrecht,
-theils eine Ueberwachung ihres Treibens, theils
-vielleicht gar eine Concurrenz fürchteten.</p>
-
-<p>Die neuseeländischen Wilden nun, die dem Treiben
-der Fremden im Anfang ganz ruhig zusahen, da
-<a class="pagenum" id="page_288" title="288"> </a>
-sie erstlich den Rückhalt nicht kannten, den jene in ihrer
-Nation hatten, und in solcher Besitznahme von Land
-durch eine Handvoll Menschen auch natürlich nicht
-jene verderblichen Folgen ahnen konnten, die es für sie
-haben mußte, wenn sie weiter und weiter von ihrem
-Grund und Boden verdrängt wurden, fingen dennoch
-mit der Zeit an aufmerksam zu werden und zu begreifen,
-welche Motive jene fremden Männer bewogen
-haben konnten, ihr Vaterland zu verlassen und die
-eigene Religion ganz unbekannten Völkern zu predigen.
-Theils sahen sie selbst fremde Länder, denn als
-Matrosen oder größtentheils Harpunierer schifften sie
-sich häufig auf amerikanischen, englischen und französischen
-Wallfischfängern ein, theils wurden sie auch
-hier und da von Weißen selbst auf ihnen gefährlich
-werdende Uebelstände aufmerksam gemacht, und das
-letztere geschah nicht allein oft aus Privat-, sondern
-sogar nicht selten aus irgend einem Nationalinteresse,
-wie denn Aehnliches von den Engländern besonders
-ihren Erbfeinden den Franzosen zur Last gelegt wird.</p>
-
-<p>Das Resultat blieb denn auch nicht aus; Heki,
-ein wackerer Häuptling der Neuseeländer &ndash; nach einigen
-englischen Blättern sogar ein geborener Ire, der
-als junger Matrose von seinem Schiffe desertirte &ndash;
-bot plötzlich den Europäern die Spitze, und widersetzte
-<a class="pagenum" id="page_289" title="289"> </a>
-sich vorzüglich den Vermessungen des Landes, welche,
-wie er jetzt wohl einsehen lernte, seinem Volke den
-Boden Ackerweis entrissen und der fremden Regierung
-nur noch immer mehr angemaßte Rechte gaben. Der
-Haß gegen die Fremden stieg dabei immer höher, und
-ein Umstand besonders brachte das lang gedämpfte
-Feuer zum wilden, tobenden Ausbruch.</p>
-
-<p>Die Tochter eines Häuptlings wurde &ndash; wie die
-Engländer behaupteten, aus Versehen &ndash; erschossen
-und das wilde Blut der neuseeländischen Krieger
-schäumte jetzt hoch auf; all die erduldete Schmach
-riefen sie in ihr Gedächtniß zurück, und der langverstummte
-Kriegsschrei der Stämme machte das Mark
-ihrer Feinde erbeben. Allerdings erzwangen sich endlich
-die Geschützstücke der Engländer Anerkennung, und
-zügelten wenigstens für den Augenblick den wild auflodernden
-Grimm der Wilden, im Inneren gährte es
-aber noch drohend fort, und wenn auch dann und
-wann die Häuptlinge Frieden sicherten und Freundschaftsversicherungen
-gaben, so war ihnen doch schon
-von den Feinden selbst gelehrt worden, wie man derlei
-Versprechungen zu halten habe, und trotzig erneuten
-sie das Blutvergießen immer aufs Neue wieder.</p>
-
-<p>Das Resultat dieser Kämpfe ist freilich vorauszusehen;
-es wird hier werden, wie es in allen übrigen
-<a class="pagenum" id="page_290" title="290"> </a>
-»wilden Ländern« war: einen Theil der Heiden civilisirt
-man, der andere muß untergehn, wollen sich aber
-gar keine dem milden Joch der christlichen Religion
-fügen, ja dann haben sie sich die Folgen freilich selber
-zuzuschreiben, und wie es früher den Guanchen der
-Canariden ging, wie es jetzt das Schicksal der australischen
-Wilden ist, so bleiben der Nachwelt nur noch
-die starren Ueberreste ihrer Gebeine, bei denen sich
-selbst die nimmer schonende Zeit milder zeigte, als
-das christliche Menschengeschlecht.</p>
-
-<p>Der Zweck nun, der den »Kasuar« hier an Neuseelands
-Küste gerufen, stand ebenfalls mit diesen
-Verhältnissen in Verbindung. In Sidney selbst
-war nämlich vor nicht gar langer Zeit ein angeblich
-neuseeländischer Pflanzer eingetroffen, der an der
-Nordostküste der Insel bedeutende wilde Länderstrecken
-sein nannte, und auch einen, von dem Häuptling
-Heki selbst unterzeichneten Schein besaß &ndash; etwas,
-das bei Landbesitzungen äußerst selten geschah; &ndash;
-Ursachen jedoch, die er bis dahin geheimgehalten,
-nöthigten ihn, wie er sagte, zu augenblicklicher Rückkehr
-nach Europa, und er bot deßhalb jenen Schein
-einem bedeutenden Sidney Handelshaus, Bornholm,
-Bricks und Comp., gegen baare Zahlung einer höchst
-mäßigen Summe an. Die einzige Bedingung, die er
-<a class="pagenum" id="page_291" title="291"> </a>
-dabei stellte, war die, daß er einen Schooner und
-zwei Begleiter bekäme, um mit diesen noch einmal
-nach Neuseeland zurückzukehren, wobei er denn auch
-jenen Beiden die Grenzen des Besitzthums und dessen
-Lage bezeichnen wollte, damit sie später, wenn einmal
-der Rechtsanspruch an dieses Land geltend gemacht
-würde, als Zeugen für den rechtlichen und gesetzlichen
-Kauf auftreten könnten.</p>
-
-<p>Die Schrift des Dokumentes war, wie sich nicht
-verkennen ließ, ächt und der für das Land geforderte
-Preis stand mit dem jedesfallsigen Werthe desselben
-in gar keinem Verhältniß &ndash; es konnte ein solcher Ankauf
-daher als ein ausgezeichnetes Geschäft gelten;
-denn in Sidney wußten sie recht gut, daß die englische
-Regierung, sobald sie die störrischen Häuptlinge
-nur erst einmal gebändigt, jedes Recht ihrer Unterthanen
-gewiß auf das kräftigste vertreten würde. Nur
-mit der Vermessung solcher Strecken hatte es, für
-jetzt wenigstens, unüberwindliche Schwierigkeiten.
-Die Eingeborenen widersetzten sich jeder Schätzung
-ihres Landes auf das Bestimmteste, und übten, wenn
-diese doch einmal versucht wurde und sie die Schuldigen
-ertappten, fürchterliches Strafgericht, wobei sogar
-nicht selten der alte heidnische und keineswegs abgeschaffte
-Kanibalismus wieder ins Leben trat. Reisende
-<a class="pagenum" id="page_292" title="292"> </a>
-brauchten dagegen, besonders an der Küste, kaum um
-ihre Sicherheit besorgt zu sein, denn Heki hatte sogar
-seinen Untergebenen auf das strengste eingeschärft,
-Fremde nicht unnöthig zu reizen und jedes Blutvergießen
-zu vermeiden; die aber mit Aufopferung ihrer
-letzten Kräfte zu bekämpfen und zu vernichten, die
-eines ihrer Rechte auch nur anzutasten wagten.</p>
-
-<p>Der Vorschlag also, den Schooner hinüberzusenden
-und dort das Land, unter dem Vorwand einer
-Jagdexcursion, zu besichtigen schien dem Sidneyer
-Handlungshaus ebenfalls das einfachste und zweckmäßigste,
-obgleich es nicht begreifen konnte, welchen
-Plan Dumfry dabei haben mochte, daß er ihn förmlich
-zur Bedingung seines Kaufes machte. Es nahm
-aber auch deßhalb keinen Anstand, die Expedition
-selbst, so sehr es anging, zu beeilen, und drei Tage
-später schoß der Kasuar schon mit vollen geschwellten
-Segeln aus der Bai und ließ bald Neu-Hollands
-Küste weit, weit hinter sich.</p>
-
-<p>Dumfry war übrigens bis jetzt weder in Sidney
-noch an Bord anders als in europäischer Tracht
-erschienen, und das Erstaunen seiner Reisegefährten
-ließ sich deßhalb leicht erklären, als sie ihn plötzlich,
-der neuseeländischen Küste so nahe, die Rolle eines
-Indianers übernehmen sahen. Er konnte die Maske
-<a class="pagenum" id="page_293" title="293"> </a>
-aber keineswegs nur in Scherz oder Lust angelegt
-haben, denn sein ganzes Wesen kam ihnen fast noch
-finsterer vor, als es sich bis dahin gezeigt, und sein
-Blick haftete ernst und schweigend an dem schmalen
-vor ihnen ausgedehnten Küstenstreifen.</p>
-
-<p>Capitän Tomson schien auch sehr geduldig den
-Beginn der versprochenen Mittheilung zu erwarten,
-denn er schaute ebenfalls, ohne auch nur die mindeste
-Neugierde zu verrathen, nach dem noch ziemlich entfernten
-Ufer hinüber, und nahm endlich seinen Kautabak
-heraus, von dem er einen förmlichen Mundvoll
-abbiß und langsam an zu verarbeiten fing; Van
-Broon dagegen, der ehrsame Geschäftsführer der
-Firma Bornholm, Bricks und Comp., hustete erst ein
-paar Mal, räusperte sich, und that alles Mögliche,
-um dem wunderlichen Manne seine Nähe, die er
-ganz vergessen zu haben schien, bemerklich zu machen.
-Es blieb aber jede Bemühung vergeblich; Dumfry
-war in eine seiner Träumereien gefallen und hörte
-und sah nicht mehr, bis denn endlich dem kleinen Van
-Broon der letzte Geduldsfaden riß und er seinen Nachbar
-mit einem mahnenden »Sir!« in die Seite stieß.
-Dumfry zuckte, dadurch wieder zu sich selbst gebracht,
-fast erschreckt empor, sammelte sich aber gleich wieder
-und sagte, ohne jedoch dabei den Blick auch nur
-<a class="pagenum" id="page_294" title="294"> </a>
-einen Augenblick von seinem bisherigen Ziel zu
-verwenden:</p>
-
-<p>»Gentlemen, es wird ihnen sonderbar erscheinen,
-daß ich jetzt, da wir uns den neuseeländischen Küsten
-nähern, die Landestracht jenes Volkes anlege.«</p>
-
-<p>»Ei, wenn man unter den Wölfen ist, muß man
-mit ihnen heulen,« meinte Tomson trocken.</p>
-
-<p>»Es hat einen anderen Grund« fuhr Dumfry
-fort und wandte sich dabei halb nach dem am Steuer
-lehnenden Matrosen hin, um auch überzeugt zu
-sein, daß sie von diesem nicht belauscht würden;
-der aber lehnte, allerdings an der ihnen nächsten
-Seite, aber den Rücken gegen die drei Männer gewandt,
-am Steuerrad, und hob nur manchmal
-schwerfällig, wie fast selbst zu dieser einzigen Körperbewegung
-zu faul, den Kopf gegen die Segel empor.
-Die Männer schien er gar nicht zu beachten. Dumfry
-mußte auch durch diesen Blick vollkommen befriedigt
-sein.</p>
-
-<p>Der Matrose stand aber keineswegs so schläfrig
-da, als es vielleicht den Anschein haben mochte; im
-Gegentheil trugen seine Züge den Ausdruck aufmerksamer
-Spannung, und er rührte sich nur deßhalb
-nicht, um keines der leise gesprochenen Worte zu
-überhören. &ndash; Hätte Dumfry den stieren wachsamen
-<a class="pagenum" id="page_295" title="295"> </a>
-Blick nur einen Moment beobachten können, er wäre
-nicht in der Nähe des Mannes stehen geblieben, so
-aber lehnte er sich langsam wieder über die Schanzung
-hinüber und fuhr fort:</p>
-
-<p>»Sie wissen Beide, daß ich früher auf Neuseeland
-gewohnt, ja dort Grundeigenthum besaß, das mir
-von dem Häuptling selbst und durch seinen eigenen
-Landbrief gesichert, ungestörten, ruhigen Besitz versprach.
-Sogar die Kriege mit den Europäern schienen
-nichts Gefahrbringendes für mich zu haben, denn
-die Eingeborenen betrachteten mich als einen der
-ihren, während meine Landsleute nur Vortheil aus
-meiner Gegenwart zu ziehen hofften. Wenn aber auch
-Heki freundlich gegen mich gesinnt war und mir
-wiederholt seinen thätigsten Schutz versprach, mußte
-ich doch einigen der untergeordneteren Häuptlinge ein
-Dorn im Auge gewesen sein, denn die Streitigkeiten
-mit ihnen nahmen kein Ende. Ich fand auch bald, daß
-sie es in der That dahin zu bringen suchten, mich zu
-einer raschen unüberlegten Handlung zu treiben, und
-dann vollen Grund zu haben, über mich herzufallen.
-Lange widerstand ich allen ihren Ränken und entging
-glücklich den gelegten Schlingen, einmal aber, in
-trüber unseliger Stunde, wo mir all die erlittene
-Unbill, jede ertragene Schmach in tollen Bildern vor
-<a class="pagenum" id="page_296" title="296"> </a>
-die Seele stieg, wurde ich meines Zornes nicht Herr,
-und &ndash; schlug den Einen meiner Feinde zu Boden.</p>
-
-<p>Blut fordert nach den Gesetzen jener Stämme
-Blut, und mein Leben hätte von diesem Augenblick
-an Heki selbst nicht mehr schützen können. Ich wußte
-auch zu gut was mich bedrohte, und floh; unmöglich
-aber wäre es die Wuth zu beschreiben, mit welcher
-diese rachsüchtigen Kinder einer heißen Sonne meinen
-Fährten folgten. Selbst die Missionäre weigerten sich
-damals mir eine Freistatt zu gewähren, ja drohten
-sogar mich auszuliefern, wenn ich nicht ohne Zögern
-die Missionsgebäude verließe; sie wollten den Zorn
-der gereizten Wilden nicht auf ihre, bis dahin ungestörten
-Wohnungen lenken. Ein holländischer
-Schooner nahm mich noch endlich auf und entzog
-mich dadurch einem martervollen Tode.«</p>
-
-<p>»Und nun wollen Sie in <em class="ge">unserer</em> Gesellschaft
-wieder dorthin zurückkehren?« frug da Van Broon,
-der dieser Mittheilung mit immer wachsendem Entsetzen
-gelauscht hatte, »Mann, sind Sie rein des
-Teufels? glauben Sie denn, daß man Sie dort nicht
-wieder kennen wird? &ndash; Und das verschweigt dieser
-unglückselige Mensch, bis wir dicht an der Küste
-sind; nun wird uns weiter gar nichts übrig bleiben,
-als geradezu umzukehren.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_297" title="297"> </a>
-»Die Gefahr ist keineswegs so groß als Sie
-denken,« flüsterte Dumfry, »sonst hätte ich mich selbst
-nicht wieder hierher gewagt. Um unentdeckt zu bleiben,
-legte ich neuseeländische Tracht an, denn unter dem
-Schutze des <em class="ge">Tabu</em><span class="top">[9]</span> bin ich im Stande, monatelang
-die Insel zu durchwandern, ohne von einem einzigen
-meiner Feinde erkannt zu werden. Sobald wir das
-<a class="pagenum" id="page_298" title="298"> </a>
-feste Land betreten verhüllt diese Matte meinen Kopf,
-und keine Hand wird es wagen einen Schleier zu lüften,
-den ihr heiligstes Gesetz als unantastbar schützt.«</p>
-
-<p class="ci fss">[9]: Der <em class="ge">Tabu</em>, ursprünglich wohl ein religiöser Gebrauch,
-ist bei den Neuseeländern auch das geworden, was man bei anderen
-Völkern das <em class="ge">Gesetz</em> nennt, wird aber, seines heiligen und
-gefürchteten Ursprungs wegen, wohl um Vieles besser geachtet
-und gehalten, als das mit dem bloßen <em class="ge">Gesetz</em> der Fall sein
-würde. Das Belegen mit dem Tabu bedeutet eigentlich: irgend
-eine Sache oder Person für längere oder kürzere Zeit als geheiligt
-zu betrachten. Dieß geschieht durch die <em class="ge">Tohungas</em> oder weisen
-Männer. Begräbnißplätze, geheiligtes Eigenthum der Todten &ndash;
-Eigenthum an einem unbewohnten Ort gelassen, die Mais und
-Kumera (süße Kartoffel) Plantagen und andere Sachen sind
-unter das Tabu, oder eigentlich Tapu Gesetz (wie es die Neuseeländer
-härter aussprechen als die Bewohner der Sandwichs- und
-Marquesas-Inseln) gelegt. Oft geschieht das einem ganzen Pah
-(einem befestigten Ort), ebenso Häusern, Straßen und Canoes.
-Jemand der krank gewesen, ist bis zu einer gewissen Zeit Tapu.
-Das Haupt, ja oft der ganze Körper eines Häuptlings gilt dafür,
-&ndash; so jede Braut &ndash; und die Göttin selbst ist für Jeden, ihren
-eigenen Namen ausgenommen, Tapu. Sicherlich ist dieser Gebrauch
-für ein Volk, das keine geschriebenen Gesetze hat und
-kennt, höchst nützlich, ja sogar für den Schutz des Eigenthums,
-wie der einzelnen Personen von segensreichster Wirkung.</p>
-
-<p class="ci fss si"><i>French Angas Life in New Zealand.</i></p>
-
-<p>»Das ist eine sehr wunderliche Geschichte« murmelte
-der kleine Holländer und schüttelte dabei höchst
-unzufrieden, und allem Anschein nach keineswegs
-beruhigt, mit dem Kopf &ndash; »eine höchst unangenehme
-Geschichte, deren Mißlingen wir am Ende sämmtlich
-mit unserem Fleisch, und den Werth zwar nach Metzgergewicht
-bestimmt, zahlen können.«</p>
-
-<p>»Hm,« meinte Tomson endlich, »das ist schon
-wahr &ndash; die Völker Oceaniens haben einen Respekt
-vor dem Tabu, der uns vielleicht vor Entdeckung
-sichert, aber« &ndash; und er drehte sich dabei scharf gegen
-den imitirten Neuseeländer herum, »was zum Henker
-treibt <em class="ge">Sie</em> denn da wieder nach Neuseeland zurück,
-Sir, wenn Sie doch froh sein sollten eine gehörige
-Quantität Seewasser zwischen sich und der ihnen so
-feindlich gesinnten Nation zu wissen?«</p>
-
-<p>»Ja, <em class="ge">den</em> Grund möchte ich auch hören« stimmte
-Van Broon dem Seemanne bei.</p>
-
-<p>»Wollen Sie mir« &ndash; frug jetzt Dumfry ohne die
-von ihm verlangte Erklärung geradehin zu geben &ndash;
-»wollen Sie mir in dem beistehen, was ich noch hier
-in meinem eigenen Interesse auszuführen gedenke
-<a class="pagenum" id="page_299" title="299"> </a>
-&ndash; wollen Sie mir Ihre Hülfe zusichern, und zwar
-mit der gewissen Aussicht auf einen höchst bedeutenden
-Gewinn?«</p>
-
-<p>»Donnerwetter, schießen Sie los Sir,« rief da der
-alte Matrose, ungeduldig werdend &ndash; »wozu denn das
-verdammte falsche Farbenspiel &ndash; hissen Sie, in des
-Bösen Namen, endlich einmal die wahre Flagge und
-nehmen Sie die Leinwand weg, daß man sehen kann,
-ob Sie wirkliche oder nur gemalte Schießluken
-führen. Was wollen Sie von uns, wozu sollen wir
-helfen?«</p>
-
-<p>»Gut denn,« erwiederte nach kurzem Sinnen
-Dumfry entschlossen, indem er sich halb gegen Tomson
-hinwandte: »ich will Ihnen Alles entdecken und hoffe
-dann auf ihren Beistand rechnen zu können. Sie wissen
-Gentlemen, daß ich, als ich der Firma Bornholm
-die mir von Heki selbst ausgestellte Landverschreibung
-übergab, es sogar zur Bedingung meines Verkaufes
-machte, hier noch einmal nach Neuseeland, und zwar
-in Begleitung zweier Männer zurückkehren zu können.
-Die Bestimmung des Landes lieferte dazu den einen,
-aber nur die Firma Bornholm berührenden Grund;
-der andere betrifft mich selber. Wir werden, wenn
-auch noch einige Meilen davon entfernt, doch dem
-Orte gegenüber landen, wo ich früher meine Hütte
-<a class="pagenum" id="page_300" title="300"> </a>
-errichtet; was aus dieser geworden, weiß ich nicht,
-ganz in der Nähe derselben liegt aber ein ebenfalls
-durch das Tabu geheiligter Ort, und an diesem
-habe ich vor meiner damaligen Flucht, alles das
-vergraben, was ich mir in einem zehnjährigen Aufenthalt
-nicht allein auf Neuseeland, sondern auch in
-früherer Zeit in den australischen Colonien ersparen
-konnte.«</p>
-
-<p>»Was? ein Schatz?« frugen beide Männer rasch
-und verwundert!</p>
-
-<p>»Still« sagte der Neuseeländer und sah sich schnell
-nach dem Mann am Steuer um. Der aber, doch
-etwas durch die plötzliche, unerwartete Bewegung erschreckt,
-fuhr leicht zusammen und drehte den Kopf
-rasch zur Seite. Dieses Zeichen der Ueberraschung
-war übrigens hinreichend gewesen, den Verdacht
-Dumfry's zu erregen und seine von jetzt an leise geflüsterten
-Worte riefen die beiden Männer in die Kajüte
-hinab, um dort die angefangene Mittheilung zu
-beenden.</p>
-
-<p>Der Mann am Steuer sah ihnen, als sie die
-Treppe hinunterstiegen, mürrisch nach und murmelte
-endlich:</p>
-
-<p>»So so, also ein Schatz ist dort drüben zu heben,
-und da sollen wir indessen hier ein paar Meilen in
-<a class="pagenum" id="page_301" title="301"> </a>
-See draußen liegen und die Herren dann nachher ganz
-gehorsam und unterthänigst in unsere Sclaverei zurückführen,
-indeß ich hier doch die verdammte gelbe
-Jacke<span class="top">[10]</span> einmal mit guter Gelegenheit loswerden
-könnte. Pest noch einmal &ndash; so wohl wird's mir wohl
-sobald nicht wieder werden, eine solche Strecke von
-Sidney entfernt zu sein; muß nur sehen, daß ich mit
-in das Boot zum Hinüberrudern komme, nachher gute
-Nacht Sclavendienst.« Und er griff rasch und entschlossen
-in die Speichen des Rades, den indessen etwas
-abgefallenen Bug wieder dem Ufer zuzuhalten.</p>
-
-<p class="ci fss">[10]: Die gelbe Jacke ist ein Abzeichen der Sträflinge in den
-Colonien.</p>
-
-<p>In Himmel und See war indessen ebenfalls eine
-Veränderung vorgegangen; der Seewind trat ein und
-die, bis dahin fast ruhige Wasserfläche fing an, sich
-mehr und mehr zu kräuseln; kleine Wellen entstanden,
-die sich wie rollende Schneebälle vergrößerten, je weiter
-sie kamen und zuletzt mit den glasigen Häuptern so
-emporstiegen, daß sie in zischendem Schaum aufsprudelten
-und tanzten. Der gleichmäßige, ruhige Lufthauch
-ließ ihnen dabei gar keine Wahl, wohin sie sich
-wenden wollten; nur dem Lande drängte er zu und
-die kleinen Wogen, selbst schon im Entstehen den
-<a class="pagenum" id="page_302" title="302"> </a>
-Trotz verrathend, der sie in ihrer Kraft und Gewalt so
-fürchterlich macht, kämpften zuerst eine ganze Weile
-gegen den, wenn auch milden Herren an, und schienen
-ihren Platz bis aufs Aeußerste behaupten zu wollen.
-Endlich aber, da sie doch sahen, daß sie der Uebermacht
-weichen mußten, wandten sie sich auch zu wilder
-ungeregelter Flucht, sprangen hoch auf und stürzten
-sich, wie tolle, ungezogene Kinder rücksichtslos übereinander
-hin, eine immer rascher vor als die Schwester
-drängend, um das Ufer nur so schnell wie möglich zu
-erreichen.</p>
-
-<p>Der Kasuar ließ denn auch die frische Brise keineswegs
-unbenutzt; seine Segel blähten sich, und der
-Schaum kräuselte am Bug empor und tanzte in kleinen
-Spritzwellen hinter dem jetzt langsam steigenden
-Fahrzeug her. Die Massen von inselartigen Seepflanzen,
-die ihn bis dahin fast regungslos umgeben hatten,
-durchschnitt er nun, oder glitt rasch an ihnen vorüber,
-und das Land trat immer deutlicher und erkennbarer
-hervor, so daß man schon vom Bord aus einzelne,
-höhere Baumgruppen und die hervorstechende,
-dunklere Schattirung der Wälder erkennen konnte.</p>
-
-<p>Der Sträfling von Sidney stand noch immer am
-Steuer, da tönten die hellen Schläge der Glocke, das
-Zeichen der Ablösung für die Wachen, und vom Vorkastle,
-<a class="pagenum" id="page_303" title="303"> </a>
-die beiden Daumen in dem schmalen Ledergürtel,
-der die segeltuchnen Beinkleider auf den Hüften hielt,
-und zugleich das lange, holzstielige Matrosenmesser
-mit seiner braunen Lederscheide trug, schlenderte einer
-der Kameraden langsam heran, um den Sidney <em class="ge">Vogel</em>,
-wie derlei Burschen ebenfalls häufig genannt
-werden, abzulösen. Gleichgültig schien er heranzukommen,
-und der erste wollte ihm gerade den Platz
-räumen und nach vorn gehen, das indessen für ihn
-bewahrte Frühstück einzunehmen, als ihm der scheue
-Blick des Ablösenden, mit welchem dieser das kleine
-Deck überflog, auffiel.</p>
-
-<p>»Nun Bill, was giebt's,« sagte Ned, der Sträfling
-&ndash; »wo spukt's wieder? schneidest ja eine verdammt
-ängstliche«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ruhig« flüsterte der Mann schnell &ndash; »Ned &ndash;
-bist Du ein Mann?«</p>
-
-<p>»Sonderbare Frage das,« brummte Ned höhnisch
-&ndash; »trüge ich sonst diese Jacke? &ndash; das thun nur
-<em class="ge">Männer</em>!«</p>
-
-<p>»Gut denn, hast Du Lust zu« &ndash; er wandte noch
-einmal scheu den Kopf und zischte schnell, als er Niemanden
-in der Nähe sah &ndash; »<em class="ge">zu fliehen</em>?«</p>
-
-<p>»Hm« &ndash; sagte Ned und heftete seinen Blick scharf
-und prüfend auf den Mann &ndash; der Ausdruck in dessen
-<a class="pagenum" id="page_304" title="304"> </a>
-Zügen ließ aber keinen Zweifel, daß er es ehrlich
-meine und Ned, der hier ganz unerwartet einen Bundesgenossen
-fand &ndash; denn er, als bekannter Sträfling,
-hätte es selber nie gewagt, einem der übrigen Matrosen
-gemeinsame Sache anzubieten &ndash; bog sich jetzt, die
-Speichen des Steuerrades noch immer haltend, zu
-ihm nieder und flüsterte leise&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Fliehen? &ndash; ja, wenn es sein muß &ndash; aber &ndash;
-ich sehe die Nothwendigkeit noch nicht ein; einige unserer
-Leute werden auf jeden Fall das Fahrzeug verlassen,
-um das Boot ans Ufer zu rudern &ndash; sind wir
-dann nur im Stande noch einen auf <em class="ge">unsere</em> Seite zu
-gewinnen, so kann uns kein Teufel an der Ausführung
-eines &ndash; eines beschlossenen Planes hindern. Geht
-das aber auch nicht, bleiben wir allein; &ndash; ei zum
-Henker, dann möcht' ich doch einmal sehen, ob wir
-Beide nicht im Stande wären, wirklich zu beweisen,
-daß wir &ndash; daß wir eben <em class="ge">Männer</em> wären.«</p>
-
-<p>Der Ire, der im Anfang nicht einmal gleich begriff,
-was Jener mit seinem dunklen Vorschlag
-meinte, sah ihn erst mehrere Secunden lang überrascht
-und unschlüssig an. Bis jetzt hatte er, nur des Dienstes
-auf englischen Schiffen müde, wahrscheinlich einzig
-und allein daran gedacht, solcher Knechtschaft zu
-entgehen, während der Sträfling dagegen vor keinem
-<a class="pagenum" id="page_305" title="305"> </a>
-Plane zurückschreckte, der ihm seine wirkliche Freiheit
-wieder gab. Er schüttelte aber, als er die fürchterliche
-Absicht des Verbrechens zu ahnen begann, mit dem
-Kopf und sagte schaudernd:</p>
-
-<p>»Nein Ned &ndash; das gäb' eine blutige Geschichte,
-deren Andenken meiner Mutter Sohn nicht lebenslang
-auf dem Gewissen mit herumschleppen möchte, &ndash;
-aber fliehen wollen wir, darin steh' ich Dir bei und
-nachher«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Pst,« flüsterte der Sträfling rasch &ndash; »ich höre sie
-von unten wieder heraufkommen &ndash; ich will schnell
-mein Frühstück verzehren; nachher können wir das
-weitere hier bereden.«</p>
-
-<p>Er glitt am Gangspill<span class="top">[11]</span> vorüber und verschwand
-gleich darauf im Vorcastle des Schooners, wo die
-Matrosen, wie auf allen übrigen Fahrzeugen und
-Schiffen, ihre Schlafstellen haben.</p>
-
-<p class="ci fss">[11]: Die Hauptwinde jedes größeren Fahrzeuges.</p>
-
-<p>Der Schooner, von einem günstigen Seewind getrieben,
-näherte sich jetzt der Bai, die, wie das in
-den Südseeinseln so häufig der Fall ist, durch ein weit
-ausbauchendes Corallenriff umgürtet wurde. Auf
-diesem schäumte und sprudelte denn auch die Brandung
-und ließ nur, so weit das Auge reichte, einen
-<a class="pagenum" id="page_306" title="306"> </a>
-einzigen Paß oder Canal erkennen, wo tiefes Wasser
-größeren Fahrzeugen den Eingang verstattete, denn
-eine krystallene Fluth schoß hier glatt und schnell
-zwischen zwei hoch emporstarrenden Felsen hindurch,
-die ein förmliches Thor bildeten und jedes Abweichen
-nach rechts oder links zur Unmöglichkeit machten.
-Tomson, der von dieser Stelle das Steuer selbst
-regieren wollte, sandte den Iren nach vorn, um mit
-bei den Segeln zu stehen, und die gegebenen Befehle
-schnell ausführen zu helfen; für den Augenblick nahm
-auch die hier wirklich nicht unbedeutende Gefahr, an
-irgend eines der Riffe getrieben zu werden, die Aufmerksamkeit
-Aller zu sehr in Anspruch, das Land zu
-beobachten, das sie jetzt wie mit liebenden Armen umschloß,
-als der <em class="ge">Master</em> ganz plötzlich eine, den Seeleuten
-wenigstens höchst unerwartete Ordre gab. Der
-Schooner glitt nämlich noch in dem wirklichen Canal
-hin, der sie blitzschnell an den beiden Felsen vorüberführte,
-da rief Tomson's Stimme sein eintöniges:
-»Steht bei den Segeln!« über Deck hin, und als die
-Leute erstaunt nach ihm umsahen, folgten sich die rasch
-hintereinander gegebenen Befehle, die Segel back zu
-brassen, einen Theil zu beschlagen und bei dem Anker
-zu stehen, so reißend schnell, daß sie zum Ueberlegen
-gar keine Zeit weiter behielten, sondern nur gehorchen
-<a class="pagenum" id="page_307" title="307"> </a>
-mußten, und jetzt sahen wie der kleine Kasuar, einem
-schlanken Taucher gleich, seine Bahn veränderte, zuerst
-eine Strecke dicht an dem Korallenriff vorbeizog, und
-dann plötzlich, während der Steuernde das Rad losließ,
-daß es wirbelnd herumfuhr, nach dem Riff selber
-zulenkte, als ob es dort gerade und fest auflaufen
-wolle.</p>
-
-<p>Dem Ruf »Anker los« folgte aber auch blitzesschnell
-die Ausführung; die schwere Eisenmasse rollte
-in die Tiefe, und das kleine, schwanke Fahrzeug, das
-sich rasch mit seinem Bug gegen das plötzlich anstraffende
-Tau wandte, lag gleich darauf still und ruhig
-auf der, von keinem harten Luftzug mehr erregten
-spiegelglatten Bai.</p>
-
-<p>Die Entfernung bis zum Lande betrug etwa zwei
-englische Meilen.</p>
-
-<p>Der Schooner führte nur, ein neuseeländisches
-Canoe ausgenommen, das Tomson früher einmal für
-sich selbst gekauft, &ndash; die gewöhnliche sogenannte
-Jölle mit sich, die an seinem Hinterdeck befestigt hing,
-und diese wurde jetzt, als sich das Fahrzeug kaum
-vor seinem Anker beruhigt, in See gelassen. Dumfry,
-Van Broon und Tomson standen bereit hinabzusteigen,
-denn was sie sonst an Lebensmitteln noch gebrauchen
-würden, war schon durch des würdigen
-<a class="pagenum" id="page_308" title="308"> </a>
-Seemannes Vorsorge vorher hineingeschafft und weggepackt
-worden.</p>
-
-<p>Der erstere hatte jetzt, neben der neuseeländischen
-Tracht, auch ganz neuseeländische Bewaffnung angenommen.
-Auf der Schulter trug er die lange einläufige
-Büchse, und an seinem Handgelenk hing noch,
-durch einen schmalen Riemen gehalten, der aus einem
-Wallfischknochen verfertigte, etwa anderthalb Fuß
-lange <em class="ge">Mirei</em>, die Kriegskeule jener Stämme; auch
-ein Tomahawk, den die amerikanischen Wallfischfänger
-auf der Insel eingeführt, stack in seinem Gürtel.
-Tomson hatte sich dagegen mehr nach Seemannsart
-bewehrt; in seinem breiten Gürtel ruhten neben dem
-gewöhnlichen Matrosenmesser ein Paar große Enterpistolen,
-und ein sogenannter Cutlaß hing an seiner linken
-Seite; die langschößige blaue Jacke, die er jetzt angelegt,
-bedeckte aber, wenn er sie zuknöpfte, die ersteren
-vollkommen, und nur der breite, kurze Säbel blickte
-drohend darunter vor.</p>
-
-<p>Ganz anders sah dagegen Mynheer Van Broon
-aus, der keineswegs nach tödtlichen Waffen gegriffen,
-sondern sich vielmehr mit dem besteckt zu haben schien,
-was Leib und Seele zusammenhalten sollte, anstatt es
-zu trennen. Aus der rechten und linken Tasche seines
-langschooßigen, blauen Tuchrocks sahen wenigstens,
-<a class="pagenum" id="page_309" title="309"> </a>
-innig vergnügt, zwei rothbesiegelte Flaschenhälse heraus
-und unter dem linken Arme trug er ebenfalls
-einen Gegenstand, der mehr einem Fouragebeutel als
-einer tödtlichen Wehr glich. Dumfry betrachtete ihn
-denn auch ganz erstaunt, und rief endlich, halb ärgerlich,
-halb lachend aus:</p>
-
-<p>»Aber zum Teufel Sir, was schleppen Sie denn
-da mit sich herum? Sie glauben doch nicht, daß wir&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Eine geräucherte Wurst, einen halben Käse,
-etwas Brod und ein Fläschchen voll ächten Schiedam,«
-unterbrach ihn Van Broon ruhig, indem er den
-Beutel sorgsam ein klein wenig öffnete und mit der
-Mündung gegen den Frager hielt.</p>
-
-<p>»Hahaha,« lachte Tomson, »Mr. Van Broon
-will sich vorsehen, wenn wir etwa eine Belagerung
-aushalten müssen.«</p>
-
-<p>»Bitte um Verzeihung« sagte der Holländer,
-während er den Beutel wieder unter seinen Arm
-zurückschob &ndash; »ich habe mit keiner Sylbe an eine
-Belagerung gedacht, denn wäre das geschehen, so
-können Sie sich auch fest darauf verlassen, daß ich ganz
-ruhig und gemüthlich an Bord des Kasuar bliebe.
-Ich bin keineswegs gesonnen, mir für die Firma
-Bornholm, Bricks und Comp., so hoch ich dieselbe sonst
-auch in jeder Beziehung achte und schätze, die Glieder
-<a class="pagenum" id="page_310" title="310"> </a>
-voll Blei schießen, oder gar mit spitzen Instrumenten
-nach mir hacken und stechen zu lassen.«</p>
-
-<p>Dumfry biß sich auf die Lippen und wandte sich
-von ihm ab; ein anderer Gedanke mußte aber in ihm
-aufsteigen, denn er sah sich noch einmal nach dem
-kleinen Mann um und sagte dann rasch:</p>
-
-<p>»Sie dürfen jenes Ufer auf keinen Fall unbewaffnet
-betreten, denn wenn wir auch, wie ich fest überzeugt
-bin, keine Gefahren dort zu erwarten haben,
-so wäre es auch wieder zu leichtsinnig gehandelt,
-nicht allein unbewaffnet zwischen die Eingeborenen
-zu gehen, sondern sie das auch noch gleich von vornherein
-merken zu lassen. Nehmen Sie wenigstens eine
-Flinte auf die Schulter, wenn Sie dann auch keinen
-Gebrauch davon machen.«</p>
-
-<p>»Eine geladene Flinte?« sagte der Kaufmann &ndash;
-»ich denke gar nicht daran; der Henker traue den
-Dingern; wenn sie nun losgeht? ich habe in meinem
-Leben keine geladene Flinte in der Hand gehabt, aber
-schon unzählige Unglücksfälle von derlei Mordinstrumenten
-gehört.«</p>
-
-<p>»So nehmen Sie eine ungeladene,« rief Dumfry,
-schon ungeduldig werdend &ndash; »Herr, Sie werden sich
-doch nicht vor einem leeren Stück Eisen fürchten?«</p>
-
-<p>»Fürchten?« sagte Jener, »wer sagt Ihnen, daß
-<a class="pagenum" id="page_311" title="311"> </a>
-ich mich überhaupt fürchte? ich fürchte mich vor gar
-Nichts, ich mag aber mit Gewehren Nichts zu thun
-haben, weil ich nicht damit umzugehen weiß &ndash; ist
-die auch wirklich ungeladen?«</p>
-
-<p>»Nicht einmal ein Pfropf drin!« brummte Dumfry,
-»hier &ndash; nehmen Sie und machen Sie, daß wir fortkommen,
-die schöne Tageszeit vergeht sonst, und es
-ist besser, das wir noch vor Dunkelwerden wieder an
-Bord sind.«</p>
-
-<p>»Nehmen Sie?« sagte der kleine Mann unwillig,
-»womit denn? sehen Sie denn nicht, daß ich beide
-Hände voll habe? kommen Sie, hängen Sie mir,
-wenn es denn absolut sein muß, das verwünschte
-Ding über den Hals, habe ich aber ein Unglück
-damit, so können Sie sich darauf verlassen, daß ich
-mich in Sidney auch an Sie halten werde.« Und er
-bog dabei seinen Kopf gegen Dumfry nieder, als ob
-er einen widderartigen Anlauf gegen ihn nehmen
-wollte. Dieser hing ihm denn auch ohne weiteres die
-keineswegs leichte Waffe mit dem Riemen über den
-breiten Nacken und sprang dann leicht und flüchtig
-in das Boot hinab, wo indessen zwei Matrosen &ndash;
-Bill, der Ire, und Ned, der Sträfling, Platz
-genommen und die dort liegenden Ruder ergriffen
-hatten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_312" title="312"> </a>
-Diese gewahrte der Capitän kaum, als er sie
-ärgerlich anfuhr:</p>
-
-<p>»Hinaus mit Euch, Ihr Canaillen &ndash; wer hat
-Euch hier hergeschickt? mit hinüberfahren, eh? und
-dann nachher Fersengeld geben und neuseeländische
-Uniform tragen? so? ganz allerliebst abgekartet.
-Hinauf mit Euch, sag' ich, Hallunken, &ndash; die Ruder
-hingelegt.«</p>
-
-<p>»Aber Master Tomson,« nahm Bill das Wort &ndash;
-»ist es denn nicht Bill und Ned hier, die ein Ruder
-zu führen wissen? und haben wir nicht, <i>acushla
-machree</i>, bloß aus besonderen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Will die rothhaarige Bestie an Deck?« rief Tomson,
-in wilder Wuth auffahrend - »<em class="ge">Alle an Deck
-hier!</em>« schallte gleich darauf sein heftig gegebener
-Befehl bis in die entferntesten Theile des kleinen
-Fahrzeugs; »jetzt will ich den Hund sehen, der nicht
-gehorcht.«</p>
-
-<p>Bill O'Leary war zu klug, jetzt noch einen Augenblick
-zu zögern, da er die Folgen der Widersetzlichkeit
-in solchem Falle nur zu gut kannte; er kletterte deßhalb
-rasch an Deck zurück. Auch Ned hielt nur noch
-einen Moment das schon ausgelegte Ruder krampfhaft
-mit beiden Händen fest, zog es dann, ebenfalls
-wie sein Gefährte, wieder herein, und folgte ihm,
-<a class="pagenum" id="page_313" title="313"> </a>
-wo er von seinem Offizier mit Flüchen und Drohworten
-empfangen und überschüttet wurde. Deren
-schien er aber wenig zu achten, sondern schob nur die
-Hände in seine Jackentasche und trat mürrisch hinter
-die übrigen Seeleute, die sich jetzt, nach dem letztgegebenen
-Befehl, um ihren Führer gesammelt hatten.
-Es waren, mit dem Koch und Stewart, einem aus
-den vereinigten Staaten entflohenen Neger, zehn
-stattliche, kräftige Gestalten, größtentheils in blauflanellnen
-Hemden, weißen Segeltuchhosen und
-runden niederen Strohhüten; nur der Neger trug ein
-brennendrothes Hemd und Bill O'Leary und Ned,
-der Sträfling, der eine die gewöhnliche blaue, der
-andere seine gelbe Strafjacke.</p>
-
-<p>»So, Ihr Seelöwen« &ndash; fuhr sie jetzt der Steuermann,
-nach einem wilden Blick auf die Schaar, an,
-die jedoch recht gut wußte, daß er es keineswegs so
-bös meine, und nur gesonnen sei, bei solcher Gelegenheit
-die nöthige Autorität zu zeigen. »Ihr bleibt
-jetzt hier ruhig vor Anker liegen, bis wir wieder
-zurückkommen &ndash; was hoffentlich noch vor Abend
-geschieht. Nach Dunkelwerden laßt kein Boot heran,
-ohne mein Zeichen. Ihr kennt es schon; auf Alles
-andere, was sich still und heimlich nähern will, gebt
-Feuer &ndash; verstanden? &ndash; Und Du Ned &ndash; hier vorneher,
-<a class="pagenum" id="page_314" title="314"> </a>
-wenn ich mit Dir rede, Bursche &ndash; Du verhältst
-Dich ganz ruhig und muckst nicht, sonst freu'
-Dich, wenn wir wieder nach Sidney kommen. Solltest
-Du übrigens Lust haben, ein Bischen ans Ufer
-zu schwimmen, so steht Dir das ganz frei, ich möchte
-Dich nur darauf aufmerksam machen, daß Dir dann
-die Wahl bleibt, entweder von den Haifischen unterwegs
-&ndash; siehst Du, da drüben schwimmen schon ein
-Paar, oder von den Neuseeländern am Lande verzehrt
-zu werden; der ganze Unterschied bleibt nachher der,
-daß Dich die einen ohne und die anderen mit Salz
-fressen. Uebrigens« &ndash; wandte er sich plötzlich an den
-Zimmermann, der in Abwesenheit Tomson's gewöhnlich
-den Befehl führte &ndash; »schießt Ihr jeden
-Schuft ohne weiteres auf den Kopf, Bob, der Miene
-macht das Fahrzeug in meiner Abwesenheit zu verlassen;
-wir befinden uns hier an einer feindlichen
-Küste, und da gelten die Kriegsgesetze &ndash; verstanden?«</p>
-
-<p>Bob grunzte eine Art Beistimmung und Dumfry
-rief indessen ungeduldig vom anderen Bord aus:</p>
-
-<p>»Ei so kommt, ins drei Teufels Namen; die
-schöne Zeit vergeht und ehe wir's uns versehen, ist
-der Abend wieder da!«</p>
-
-<p>»Ah, ay!« rief der Matrose zurück &ndash; »haben
-noch nichts versäumt. Also Boys, haltet Euch ordentlich,
-<a class="pagenum" id="page_315" title="315"> </a>
-und Ihr sollt, sobald wir unseren Anker
-wieder in Sidney auswerfen, einen Feiertag bekommen.«</p>
-
-<p>Dumfry und Van Broon hatten indessen ihre
-Plätze in dem schwanken, scharfgebauten Fahrzeug
-schon eingenommen, und der erstere zwar an dem
-vorderen Larbord Ruder, Tomson aber, der jetzt
-rasch hinter ihnen dreinsprang, ergriff das Starbord
-Ruder und während Van Broon, der sich ganz behaglich
-im Sterne niedergelassen, diesen mit einer
-kleinen, neben ihm liegenden Stange von Bord abstieß,
-that Tomson dasselbe mit seinem Ruder. Bald
-darauf schoß das leichte Boot blitzesschnell über die
-nur leise gekräuselten Wogen hin und näherte sich
-mehr und mehr dem hellgelben Sandstreifen, der das
-dunkelgrüne Laub der dahinterliegenden Wälder mit
-einem leuchtenden Gürtel zu umziehen schien.</p>
-
-<p>Ihre Fahrt ging schnell von statten und als Van
-Broon einmal den Kopf nach dem Kasuar zurückwandte,
-konnte er schon nicht einmal mehr die einzelnen
-Gestalten, die ihrem Boot mit den Blicken folgten,
-erkennen, sah sich übrigens auch gleich darauf
-viel zu sehr von seiner Umgebung gefesselt und angezogen,
-um seine Aufmerksamkeit noch länger zwischen
-dem Schooner und dem festen Land zu theilen. Nach
-<a class="pagenum" id="page_316" title="316"> </a>
-kaum halbstündiger Fahrt glitt der scharfe Bug der
-Jolle in die Mündung eines kleinen, dicht mit breitblättrigen,
-wunderlich gestalteten Büschen bewachsenen
-Wassers hinein, das sich, aus den Bergen niederbrausend,
-sein Bett trotz allen Hindernissen gewühlt
-und behauptet hatte, und von den Sträuchen
-verdeckt, lagen sie bald sicher und heimlich unter der
-ziemlich steilen Uferbank des kleinen Bergstroms, an
-der sie, mit Hülfe einiger vorstehenden Wurzeln und
-Aeste, förmlich emporklettern mußten.</p>
-
-<p>Mit Mühe und Noth erreichten sie endlich, das
-heißt Dumfry und Tomson den oberen Theil der
-Bank und mußten dann erst noch mit aller möglichen
-Anstrengung ihrem wohlbeleibten Reisegefährten zu
-Hülfe kommen, der mit seiner überhängenden Flinte
-unter eine wilde Rebe gefahren war und nun so vollkommen
-festsaß und weder rück- noch vorwärts konnte,
-daß sie sich wirklich gezwungen sahen, ihm zuerst den
-Gewehrriemen abzuschnallen, ehe er sich nur möglicher
-Weise von alle dem, was ihn hielt, losmachen
-konnte.</p>
-
-<p>Der Platz, auf dem sie jetzt standen, obgleich nur
-wenige hundert Schritt vom äußersten, seebegrenzten
-Waldrand entfernt, war schon so von dicht verworrener
-und in einander verwebter Vegetation bewachsen,
-<a class="pagenum" id="page_317" title="317"> </a>
-als ob er im wahren Herzen der Wildniß läge, und
-eine Passage durch diese grünen, duftenden Labyrinthe
-unter keiner Bedingung gestatten würde. Edle Bäume
-von stattlichem, oft riesigem Wuchs stiegen ast- und
-zweiglos, wie lebendige Säulen empor, und schienen
-das grüne, dichte Laubdach dieses Domes zu tragen
-und zu stützen. Die Reimukiefer, der Keiketie, der
-Totara, der Kahikatoa, Rata und andere Waldbäume
-reichten sich hier einander die mächtigen Arme und
-hielten sich gegenseitig mit blumigen, engverschlungenen
-Guirlanden umschlossen, am herrlichsten aber
-stach gegen das dunkle, ernste Grün der übrigen
-Stämme die Nikau-Palme<span class="top">[12]</span> und der herrliche <em class="ge">Farrenbaum</em>,
-diese Zierde der neuseeländischen Wälder,
-ab, der mit seinen breiten fächerartigen Blättern der
-ganzen Scenerie eben jenen bezaubernden, tropischen
-Anstrich gab, während es fast aussah, als ob all die
-übrigen riesengroßen Bäume nur deßhalb hätten so
-weit und kräftig hinaufschießen und ihre Arme ausbreiten
-müssen, um ihn, das Juwel des Waldes, vor
-wilden, gefährlichen Stürmen zu schützen und zu bewahren.</p>
-
-<p class="ci fss">[12]: <i>Areca sapida.</i></p>
-
-<p>Kein noch so kleiner und unbedeutender Raum in
-<a class="pagenum" id="page_318" title="318"> </a>
-diesem Waldmeer war dabei kahl oder leer; jeder
-Stamm, jeder Felsen trug seine Moose und Schmarotzerpflanzen,
-und wie ein grüner, duftiger, blumendurchwirkter
-Teppich überzog die üppige Pflanzendecke
-jeden erreichbaren Gegenstand. Selbst abgestorbenen,
-und ihrer Aeste und Zweige beraubten Stämmen,
-wurde nicht gestattet, so starr und trostlos dazustehen
-in ihrer reizenden Umgebung, wie heulende Methodistenpriester
-in der herrlichen, lachenden Welt; das
-lebendige Grün hatte schon lange vor dem Vertrocknen
-der Säfte, den kranken Baum fest, fest umschlossen,
-und als Arm nach Arm herunterbrach, und der todte
-Stamm, von allen verlassen, die er einst unterstützt
-und beschirmt, stehen blieb, oder weit dröhnend in
-sein laubiges Grab hinabschmetterte, da blühten und
-wucherten scharlachleuchtende Blumen um ihn auf,
-immergrüne Kränze flochten sich um seine riesigen
-Glieder, und was erst der Vernichtung geweiht schien,
-keimte und wirkte jetzt noch einmal dem frischen, fröhlichen
-Leben entgegen.</p>
-
-<p>Van Broon, obgleich sonst gegen Naturschönheiten
-ziemlich abgestumpft, wenn sie nicht sein materielles
-Ich unmittelbar berührten, blieb doch hier, sobald
-er sich von seiner ersten Anstrengung nur in
-etwas erholt, überrascht stehen, und staunte die
-<a class="pagenum" id="page_319" title="319"> </a>
-Wunder dieser riesigen Vegetation an. Dumfry aber
-ließ ihm nicht lange Zeit zu Betrachtungen, er war
-nur schnell noch einmal in das Boot zurückgesprungen,
-aus dem er einige der mitgenommenen und am
-leichtesten transportablen Provisionen heraufschaffte,
-und forderte dann seine beiden Begleiter ohne weiteres
-auf, ihm, so rasch und geräuschlos als sie könnten,
-zu folgen, denn wenn er auch, besonders zu
-Van Broon's Beruhigung, nochmals versicherte, es
-drohe ihnen unter den gegenwärtigen Verhältnissen,
-sollten sie selbst mit Eingeborenen zusammentreffen,
-keine Gefahr, so sei es doch auf jeden Fall besser, ein
-Begegnen derselben zu vermeiden, da sie dann hoffen
-durften, ihre Pläne weit schneller und leichter ausführen
-zu können.</p>
-
-<p>Der Platz schien auch wirklich völlig unbesucht,
-ja nach dem zu urtheilen, was man sehen und erkennen
-konnte, noch nie von menschlichem Fuß betreten;
-trafen sie also nicht gleich bei ihrem ersten Ausmarsch
-Wilde an, so ließ sich jetzt doch wenigstens mit Wahrscheinlichkeit
-vermuthen, daß sie dann, sollte ihre Ankunft
-auch später bekannt werden, ihren Plan ausführen
-und zu ihrem Fahrzeug zurückkehren konnten,
-ehe nur irgend Jemand ahnte, was sie wirklich beabsichtigten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_320" title="320"> </a>
-Dumfry hatte sich übrigens schon bei seinem ersten
-Betreten des festen Landes das Gesicht verhüllt und
-theilte ihnen jetzt mit wenigen Worten den Plan mit,
-den er zu befolgen gedachte. Zugleich machte er sie
-darauf aufmerksam, daß dieser Bach, in dessen Mündung
-sie eingelaufen &ndash; und der auch in dem Lehnsbrief
-unter dem Namen Ta-po-kaï aufgezeichnet stand
-&ndash; derselbe sei, welcher die nördliche Grenze des fraglichen
-Landstrichs bilde.</p>
-
-<p>An diesem hinauf lag jetzt vor allen Dingen ihre
-Bahn, denn die westliche Linie war gerade die schwierigste
-zu bestimmen. Dumfry hatte deßhalb, wie er
-sagte, seinen Tomahawk mitgenommen, um einzelne
-Bäume selbst zu bezeichnen und es dem späteren Eigenthümer
-dadurch möglich zu machen, den Ort wiederzufinden
-und eine genaue Scheidungslinie zu
-ziehen. Ohne weiteres Zögern schritt er denn auch
-jetzt den beiden Männern voran, in den dunkeln,
-schweigenden Urwald hinein und dicht hinter ihm,
-den Hut fest in die Stirne gedrückt, eine der beiden
-schweren Pistolen in der Hand, die andere, mit der
-linken gehalten, im Gürtel, folgte Tomson. Van
-Broon, seine eigne Flinte auf dem Rücken, mit der
-er alle Augenblicke in den unzähligen Schlingpflanzen
-hängen blieb, bildete den Nachtrab, schien aber mit
-<a class="pagenum" id="page_321" title="321"> </a>
-diesem Platz keineswegs einverstanden zu sein, denn
-es hatte ihm, wie er meinte, etwas Unheimliches,
-so ganz zuletzt zu kommen und gar nicht zu wissen, ob
-nicht irgend ein wilder Cannibale hinter ihm drein
-krieche und heimtückischer Weise mit irgend einem
-vielleicht gar vergifteten Pfeile auf ihn ziele. Ganz
-vorn zu gehn, wie es ihm Dumfry lächelnd anbot,
-lehnte er jedoch auch, und zwar auf das Bestimmteste
-ab, denn er betheuerte, nicht um noch so viele
-Schatzhebungen in jeden dunklen Busch hineinspringen
-zu wollen, ohne denselben vorher mit größter Genauigkeit
-untersucht und visitirt zu wissen. Es blieb
-also kein anderer Ausweg, als ihn in die Mitte zu
-nehmen, und auf solche Art setzten sie denn auch,
-immer dem Lauf des Baches folgend, ihre Bahn
-ruhig und ungehindert fort, ohne daß ihnen irgend
-etwas Auffallendes oder gar Gefährliches begegnet
-wäre.</p>
-
-<p>Ihr Weg lag großentheils durch dichtbewaldete
-Niederung, und der buntbeschwingte Papagei und
-andere Arten kleiner Singvögel waren ihre einzigen
-Begleiter und füllten den hohen Waldesdom mit
-ihrem heiteren sonnigen Leben. Endlich erreichten sie
-höher gelegenes Land, und hier schien auch die Vegetation
-weniger üppig zu sein; auf jeden Fall fanden
-<a class="pagenum" id="page_322" title="322"> </a>
-sie dann und wann offene Waldstellen, die ihnen
-erlaubten schneller vorzurücken. Dafür aber trafen sie
-jenes kräftige, der Insel eigenthümliche Farrenkraut,
-das an manchen Orten wirklich gürtelhoch wuchs
-und Dumfry blieb plötzlich, am Rand einer kleinen
-Prairie, die mit Nichts als solchem Kraut bedeckt
-war, stehen und erklärte, daß sie hier den Bach verlassen
-und dem Hügelkamm folgen müßten, den sie
-jetzt erstiegen hätten. Von hier aus begann die westliche
-Linie des verkauften Landstrichs und einige mit
-dem Tomahawk rasch gefällte junge Bäume, die eine
-niedere, breitwüchsige Palme umstanden, sollten für
-spätere Jahre das Erkennungszeichen sein.</p>
-
-<p>Dieser Hügelkamm aber, dem sie von jetzt an
-folgen mußten, war üppig mit dem unvermeidlichen
-Farrenkraut bedeckt, und dieses wuchs und wucherte
-an einigen Stellen so hoch und dicht, daß sie es im
-Anfang kaum durchdringen konnten und mehrmals
-Orte fanden, die sie förmlich umgehen mußten, bis
-sie endlich einen schmalen indianischen Pfad trafen,
-der ganz dieselbe Richtung zu laufen schien, die sie
-zu nehmen beabsichtigten. Dumfry mußte ihn auch
-gekannt haben, denn er hatte vorher, ohne jedoch
-seinen Begleitern etwas davon zu sagen, in einem
-rechten Winkel wirklich danach gesucht.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_323" title="323"> </a>
-Das Land hob sich hier nicht unbedeutend, und
-obgleich sie gerade keinen bestimmten Berg erkennen
-konnten, da vor ihnen wieder ausgedehntere Waldungen
-sichtbar wurden, so kamen sie doch jetzt zu
-immer steileren und schroffer aufsteigenden Abhängen,
-von denen sprudelnde Wasser dunkle Schluchten hinab
-schäumten und sprangen. Schweigend verfolgten sie
-jedoch ihre Bahn den schmalen Pfad entlang, und
-hatten eben wieder eine etwas größere Farrenkrautfläche
-erreicht, die hier die Kuppe des einen, rings
-von Thälern umschlossenen Berges zu bilden schien,
-als Tomson einen lauten Ruf ausstieß und Van
-Broon im nächsten Augenblick, da Dumfry plötzlich
-stehen blieb, heftig und erschreckt gegen diesen anrannte.</p>
-
-<p>Dumfry, der in der letzten Zeit, und hier wohl
-keinen Beobachter fürchtend, die Matte von seinem
-Gesichte zurückgeschlagen hatte, fuhr zusammen, verhüllte
-sich rasch den Kopf wieder und riß, als ob,
-trotz allen seinen Betheuerungen vom Gegentheil,
-eine Gefahr hier doch nicht zu den Unmöglichkeiten
-gehöre, die Flinte empor. Vergebens blickte er aber
-forschend nach allen Seiten umher, es ließ sich
-Nichts erkennen und nur Tomson stand, die eine
-seiner Sattelpistolen gespannt vor sich hinhaltend,
-<a class="pagenum" id="page_324" title="324"> </a>
-da, und schaute aufmerksam in das Farrenkraut
-hinein.</p>
-
-<p>»Was giebt's, Sir?« rief ihn da Dumfry ungeduldig
-an, »haben Sie irgend Verdächtiges gespürt
-oder gehört?«</p>
-
-<p>»Es fuhr mir etwas dicht in meinem Fahrwasser
-über den Pfad!« erwiederte der Seemann, ohne
-jedoch den Blick von der Stelle zu verwenden, wo
-das unbekannte Wesen verschwunden sein mochte.</p>
-
-<p>»War es ein Mensch?« frug Dumfry schnell.</p>
-
-<p>»Ich will gekielholt werden, wenn ich's weiß,«
-brummte Jener &ndash; »verdammt schnell ging's, so viel
-ist gewiß, und schwarz war's auch &ndash; wenigstens
-am Stern, denn weiter hab' ich nicht viel davon
-gesehen.«</p>
-
-<p>»Es wird eines der wildgewordenen Schweine
-gewesen sein,« beruhigte sich da Dumfry &ndash; »es giebt
-viele auf der Insel, und fast sonst keine anderen
-wilden Bestien. Ihr braucht keine Angst«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Da ist es wieder!« rief Van Broon und deutete
-erschrocken in das dichte Kraut; während aber Alle
-schwiegen und aufmerksam horchten, vernahmen sie
-deutlich, wie die Büsche, und zwar gar nicht weit von
-ihnen entfernt, rauschend zur Seite gedrückt wurden,
-als ob sich irgend ein schwerer Körper rasch hindurch
-<a class="pagenum" id="page_325" title="325"> </a>
-dränge. Dumfry richtete sich, so weit das gehen
-wollte, empor, das Dickicht war aber hier höher als er
-selbst, es ließ sich Nichts erkennen, und ebensowenig
-sah er irgend einen höheren Gegenstand in der Nähe,
-den er hätte ersteigen können; nicht einmal ein Baum
-stand in mehren hundert Schritt Entfernung.</p>
-
-<p>»Van Broon &ndash; Mr. Van Broon,« flüsterte da
-plötzlich der angebliche Neuseeländer, denn das Unbekannte
-rührte sich wieder, als ob es noch einmal
-über den Pfad brechen wollte &ndash; und zu gleicher
-Zeit nahm Dumfry seine Flinte wieder in Anschlag
-und richtete sie gegen den Ort, von dem das Geräusch
-herüber tönte &ndash; »versuchen Sie doch einmal, ob
-Sie von Mr. Tomson's Schultern aus den Plan
-übersehen und erkennen können, was hier eigentlich
-in unserer Nähe herumkriecht &ndash; ich will indessen die
-offene Bahn bewachen.«</p>
-
-<p>»Ahem,« brummte der kleine Holländer, und
-wandte sich gegen den Seemann, der, wenn auch
-durch die Zumuthung vielleicht überrascht, doch gutmüthig,
-ohne übrigens die Pistole abzulegen, die
-linke Hand auf sein linkes Knie stemmte und dadurch
-seine Bereitwilligkeit ausdrückte, als Observatorium
-benutzt zu werden, &ndash; »ahem &ndash; will's versuchen &ndash;
-werde ja wohl hinauf kommen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_326" title="326"> </a>
-»Schnell &ndash; schnell!« mahnte Dumfry ungeduldig
-&ndash; »die Pest über das Trödeln, glauben Sie, daß
-<em class="ge">der</em> wartet?«</p>
-
-<p>»Der? wer?« frug Van Broon erstaunt und drehte
-sich schnell wieder gegen den Redner herum. Auch
-Tomson sah zu ihm auf.</p>
-
-<p>Dumfry stampfte ärgerlich mit dem Fuß und
-Van Broon, der noch nicht recht mit sich einig
-schien, ob er wirklich thätigen Antheil an ihrem
-Abenteuer nehmen, oder die Sache ruhig abwarten
-solle, trat endlich kopfschüttelnd auf den Seemann
-zu, faßte ihn von hinten um den Hals, hob ihm
-sein linkes Knie über das Hüftbein und warf sich
-nun &ndash; mit einem Versuch, auf solche Art förmlich
-in den Sattel zu springen &ndash; dermaßen über den
-Matrosen hin, daß er diesen ohne weiteres in
-das Farrenkraut hineindrückte und dann gleich
-darauf selbst, den Kopf voran, in das Dickicht
-nachschoß.</p>
-
-<p>»Alle Wetter!« schrie Tomson, und fuhr mit
-beiden Händen aus, um sich vor dem Falle zu
-wahren, gedachte aber dabei nicht der geladenen
-Pistole, und während er, von dem schweren Gewicht
-des kleinen Holländers niedergezogen, in dem dichten
-Farrenkraut verschwand, berührte sein Finger den
-<a class="pagenum" id="page_327" title="327"> </a>
-Drücker, und die Kugel fuhr, dicht an Van Broon's
-Kopf vorüber, in die Luft.</p>
-
-<p>Dumfry drehte sich fast unwillkürlich nach dem
-Schusse um. In demselben Moment glitt aber auch
-jener dunkle Gegenstand wieder zurück über den Pfad,
-und zwar diesmal vor ihnen vorüber, während der
-Neuseeländer durch das, was hinter ihm vorging,
-abgezogen, nicht rasch genug die Flinte an den Backen
-reißen konnte, den fremden Gegenstand aufs Korn
-zu nehmen, ehe dieser schon wieder im Dickicht verschwunden
-war. So kurzer Blick ihm übrigens
-gestattet gewesen, so mußte dieser doch wohl genügt
-haben, seinen Entschluß zu bestimmen, denn, ohne
-auch nur einen Moment länger zu zögern, warf er
-die Flinte, die ihm in solchem Pflanzengewirr nur
-hinderlich sein mußte, von sich, riß den Tomahawk
-aus dem Gürtel und sprang dort in das Kraut hinein,
-wo die zurückgebogenen Sträuche die Spur des Flüchtigen
-verriethen.</p>
-
-<p>Als sich Tomson und Van Broon, die auch in
-der That schnell genug wieder auf die Füße sprangen,
-von ihrem Fall erholt hatten und jetzt überrascht umherschauten,
-war Dumfry verschwunden und sie selbst
-standen, keines Weges kundig, allem Anschein nach
-aber von Gefahr umgeben, und wie Van Broon
-<a class="pagenum" id="page_328" title="328"> </a>
-fürchtete, schon von einer unbestimmten Anzahl
-grimmer Menschenfresser umringt, in der öden Wildniß
-da.</p>
-
-<p>Was jetzt thun? den Führer erwarten, oder ohne
-weiteres das Boot wieder aufsuchen und entfliehen?
-Van Broon stimmte unbedingt für das letzte, Tomson
-entschied sich dagegen für das erste und behauptete
-nicht mit Unrecht, sie könnten vielleicht, wenn
-wirklich Feinde in der Nähe lauern sollten, den
-Verdacht derselben gerade durch einen voreiligen
-Rückzug erregen, und es war dann fast gewiß, daß
-sie, des Waldes unkundig, abgeschnitten würden, ehe
-sie im Stande wären ihr Boot zu erreichen.</p>
-
-<p>Hier jedoch, mitten im Wald, wo ihr Blick nicht
-einmal zwei Schritte weit ins Dickicht drang, und
-der Feind sich leicht bis dicht an sie anschleichen und
-seine tödtlichen Pfeile aus sicherem Hinterhalt auf
-sie abfeuern konnte, ruhig stehen zu bleiben, schien
-fast ebenso wenig rathsam, und Tomson wandte
-schon, nur bei dem bloßen Gedanken daran, unruhig
-den Kopf, welcher Bewegung denn Van Broon
-blitzesschnell folgte, als ob er nichts Geringeres erwartete,
-wie seine entsetzlichsten Befürchtungen verwirklicht
-zu sehen.</p>
-
-<p>Da raschelte es wieder im Dickicht; während
-<a class="pagenum" id="page_329" title="329"> </a>
-jedoch der Seemann, fest entschlossen, sein Leben so
-theuer zu verkaufen als möglich, die indessen wieder
-geladene Pistole dorthin gerichtet hielt, traf der leise,
-wohlbekannte Pfiff Dumfry's sein Ohr, und gleich
-darauf glitt die verkleidete Gestalt desselben gerade
-da wieder in den Pfad, wo sie vorhin so rasch und
-unerwartet verschwunden war.</p>
-
-<p>Er hatte die Matte wieder zurückgeschlagen, und
-sein Antlitz sah bleich und angegriffen aus, ohne aber
-auch nur einen Augenblick Zeit zu verlieren, ja selbst
-ohne eine einzige, der an ihn gerichteten Fragen zu
-beantworten, winkte er den Gefährten, ihm zu folgen
-und schritt, so rasch es die dichten Strauchbüsche erlaubten,
-in dem schmalen Pfad voran. Es dauerte
-übrigens nicht mehr lang, so erreichten sie den Waldrand
-wieder und verließen damit wenigstens die hemmenden
-Farrenkräuter, obgleich umgestürzte Bäume,
-dornige Cyanen und dichtes Unterholz ihren Fortgang
-dennoch sehr aufhielten. Aber auch diese lichteten sich
-endlich, als sich Dumfry jetzt plötzlich einer kahlen
-Steinfläche zuwandte, und von dieser aus eine schroff
-und fast kahl emporsteigende Bergspitze rasch emporkletterte.
-Tomson und Van Broon schienen erst unschlüssig,
-ob sie ihm da hinauf folgen sollten; sein
-ungeduldiger Wink rief sie aber bald nach, und sie
-<a class="pagenum" id="page_330" title="330"> </a>
-standen wenige Minuten nachher auf einem schmalen,
-wunderlich geformten und von allen Seiten fast schroff
-empordämmenden Felskegel, der sie über dem riesigen
-Wuchs des Urwalds erhob, und von dem sie, wenigstens
-einen kleinen Theil der Insel, wie das sie umgürtende
-Meer überschauen konnten.</p>
-
-<p>Der Anblick war wundervoll; das dunkle Grün
-der Bäume, nur hie und da von dem lichten Grau
-einzelner Farrenstrecken durchbrochen, deckte wie mit
-einer festen, undurchdringlichen Masse das Land, und
-dicht hinangeschmiegt, und von dem klaren funkelnden
-Sonnengestirn überstrahlt, lag das blaue, ätherreine
-Meer. Unfern der Küste aber, von dem weißschäumenden
-Streifen der Korallenriffbrandung eingeschlossen,
-schaukelte der »Kasuar,« während weiter hinter
-ihm, und hie und da die einförmige Stille des Horizonts
-unterbrechend, einzelne Segel sichtbar wurden,
-die mit der frischer wehenden Briese rasch und lautlos
-dahinglitten.</p>
-
-<p>Der Himmel war rein und wolkenlos, nur im
-Süden lagerte auf den düsteren Waldschichten ein
-durchsichtiger, rosenfarbener Nebel, der von einem
-etwas dunkleren Hintergrund begrenzt schien.</p>
-
-<p>Der Felskegel selbst war kahl, nur an seinem einen
-Rand hing ein dichtes Gewirr von wildverschlungenen
-<a class="pagenum" id="page_331" title="331"> </a>
-Blumen, aus denen einzelne niedere, aber dichtbelaubte
-Sträucher emporstiegen und nach dieser Richtung
-hin die Aussicht gegen die im Innern gelegenen
-Berge zu abdämmte.</p>
-
-<p>Wenn nun aber auch unsere drei Freunde, sobald
-sie die höchste Kuppe erreicht hatten, forschend und
-aufmerksam die Blicke nach allen Richtungen hinschweifen
-ließen, so schien doch Keinen, obgleich Alle
-von verschiedenen Gefühlen bewegt wurden, die Scenerie
-selbst zu interessiren, wenigstens verrieth kein
-Laut der Bewunderung, kein einziger Ausruf, kein
-Wort der Mittheilung, daß sie sich des wunderherrlichen,
-sie umgebenden Panoramas auch nur bewußt
-waren. Van Broon suchte nur rings umher ihre nächste
-Umgebung zu erforschen, ob sie nicht unmittelbare
-Verfolger zu fürchten hätten, und Dumfry, der im
-Anfang seinen Blicken folgte, seine Untersuchung aber
-deßhalb schneller beendete, da er genau die Gegend
-wußte, in der ihnen Gefahr drohen konnte, schaute
-weiter aus, und schien sich mit den nächsten auf ihrer
-Bahn liegenden Landmarken vertraut zu machen, indessen
-Tomson gar nicht auf das Land achtete, sondern
-nur mit den Augen den Horizont überflog, zuerst sein
-eigenes kleines Fahrzeug beobachtete, wie es ruhig
-und friedlich mit den scharf gezeichneten Masten in der
-<a class="pagenum" id="page_332" title="332"> </a>
-Bai lag, und dann aufmerksamer, als es der Gegenstand
-zu verdienen schien, nach dem Nebel sah, der
-von Süden aus nach West und Ost in kleinen, dunstigen
-Strahlen hinüberstrebte.</p>
-
-<p>»Tomson &ndash; sehen Sie dort drüben jene dunkle
-Bergkuppe?« brach Dumfry endlich das Schweigen
-&ndash; »gleich links von dem helleren Grün jener einzeln
-stehenden Palmengruppe?«</p>
-
-<p>»Gerad' unter dem silbergrauen, glatten Wolkenstreifen,
-der sich dort hinüberdehnt?«</p>
-
-<p>»Dieselbe &ndash; das ist der Punkt, von dem die südliche
-Grenzscheide meines Landes, ein anderer kleiner
-Bach, aus den Bergen sprudelt, und in fast östlicher
-Richtung, etwa fünf Meilen unterhalb der Bai,
-in die wir eingelaufen sind, mündet. Getrauen Sie
-sich jetzt den Platz später einmal wieder finden zu
-können?«</p>
-
-<p>»Auf jeden Fall, wenn wir den Weg gemacht
-haben,« meinte Tomson, und schob dabei die eine
-Pistole, die er bis jetzt noch immer schußfertig in der
-Hand gehalten, in den Gürtel zurück. &ndash; »Ich dächte
-auch, wir brächen auf; könnten wir die Sache beenden,
-<em class="ge">ohne</em> den dunkelhäutigen Schuften zu begegnen,
-desto besser, mich gelüstet's keineswegs nach
-einer genaueren Bekanntschaft, als wir sie bis jetzt gemacht
-<a class="pagenum" id="page_333" title="333"> </a>
-haben. Das war doch ein Indianer, der uns
-da vorhin im Fahrwasser herumkreuzte &ndash; eh?«</p>
-
-<p>»Wir dürfen die Grenzen nicht weiter verfolgen,«
-entgegnete Dumfry finster, ohne die an ihn gerichtete
-Frage zu beantworten; &ndash; »Sie kennen Beide die
-Gefahren, die uns von Seiten der Eingeborenen
-drohen, sobald sie <em class="ge">Landvermesser</em> in uns zu finden
-glauben; laufen wir daher den ganzen Bereich ab,
-so müssen wir fast ihren Verdacht erregen. Das vermeiden
-wir, sobald wir uns von hier aus gerade
-durch den Wald der Küste zuschlagen, und dadurch
-hoffe ich auch jede Spur zu vernichten, die wir bis jetzt
-etwa könnten zurückgelassen haben, denn während wir
-in einem rechten Winkel von dem bisherigen, fast geraden
-Curs abspringen, bleiben wir wohl eine Meile
-lang auf felsigem Boden, wo es selbst dem Auge eines
-Indianers schwer werden sollte, Fährten zu verfolgen.«</p>
-
-<p>»Aber der Schatz?« fiel ihm hier Tomson in die
-Rede, »haben Sie es etwa aufgegeben, den zu finden,
-und kehren wir jetzt gleich zum Boot zurück?«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; zum Boot wohl,« erwiederte Dumfry &ndash;
-»doch hoffentlich nicht ohne das, um was ich mein
-Leben hier eingesetzt habe. Getrauen Sie sich also
-diese Grenzlinie, wie ich Sie Ihnen jetzt bezeichnet,
-wieder zu finden?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_334" title="334"> </a>
-»Hm &ndash; ich weiß doch nicht,« brummte Tomson
-halblaut vor sich hin &ndash; »wenn man das Ding nachher
-beschwören sollte &ndash; hätten wir nur wenigstens
-die Verschreibung mit.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Die führe ich bei mir,« sagte Van Broon, und
-holte, nicht ohne einige Schwierigkeit, das vorsichtig
-in einer Blechbüchse verwahrte Document aus der
-vollgepfropften Tasche; »hier Gentlemen, aber ich
-weiß wahrlich nicht, wie <em class="ge">das</em> Ihnen dabei helfen soll
-&ndash; es ist doch nicht«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Sehen Sie!« rief Dumfry jetzt, der das Papier
-rasch entfaltet hatte &ndash; »hier ist der Bach, an dem
-wir heraufkommen &ndash; Sie wissen den Namen, und
-Jedermann an dieser Küste wird Ihnen später die
-Mündung zeigen können &ndash; das etwa ist die kleine
-Farrenprairie, wo ich heute die Palme zeichnete. Sie
-getrauen sich doch <em class="ge">die</em> wiederzufinden?«</p>
-
-<p>»Ja, von der Mündung aus gewiß,« sagte Tomson.</p>
-
-<p>»Gut,« fuhr Dumfry in seiner Beschreibung fort,
-»hier der, durch ein Kreuz bezeichnete Punkt ist der
-Felsgipfel, auf dem wir stehen, und jene südlich
-gelegene Abdachung dieselbe, auf welcher dorten
-der Nebel liegt, und von wo aus Sie dem niederströmenden
-Bach an der Grenze hin zu See
-<a class="pagenum" id="page_335" title="335"> </a>
-folgen können. Eine Verwechselung ist hier unmöglich.«</p>
-
-<p>Tomson hatte die Karte aufmerksam eine Zeitlang
-betrachtet; endlich legte er sie wieder zusammen, schob
-sie in ihr Futteral zurück, reichte es Van Broon und
-sagte, zu gleicher Zeit nach Süden hinüberdeutend,
-wo die bezeichnete Gegend lag:&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Den Platz getrau ich mich von hier aus selber zu
-finden, nicht aber mein eigenes, kleines Fahrzeug,
-wenn wir länger hier zögern, als es unumgänglich
-nöthig ist &ndash; es liegt weit draußen an den Riffen,
-und da drüben braut ein Wetter, oder ich will im Leben
-kein Salzwasser wieder schmecken.«</p>
-
-<p>»Die Stürme wüthen oft fürchterlich an dieser
-Küste,« fiel Dumfry rasch ein, dem nichts Erwünschteres
-kommen konnte, als durch solchen Grund ihre
-Rückkehr zu beschleunigen.</p>
-
-<p>»Aber der Schatz,« sagte Van Broon, keineswegs
-gesonnen, das jetzt soweit ausgeführte Wagestück ohne
-einigen persönlichen Nutzen zu beenden.</p>
-
-<p>»Auf unserem Weg zum Boot passiren wir den
-Platz,« erwiederte Dumfry &ndash; »und nun rasch. Gentlemen,
-der größte Theil, ja der einzig gefährliche
-unseres ganzen Marsches ist beendet, jetzt gilt es einfach
-noch eine kurze Strecke Weges zurückzulegen, und
-<a class="pagenum" id="page_336" title="336"> </a>
-ehe jene düsteren Nebelstreifen im Stande sein werden
-auch nur mit ihren äußersten Spitzen die Sonne zu
-erreichen, hoff' ich, schaukeln wir wieder auf den stillen
-Wassern der Bai und Freund Tomson mag uns
-dann so sicher zurück nach Port Jackson führen, als
-er uns hierher gebracht.«</p>
-
-<p>Und ohne weiter eine Antwort seiner beiden Begleiter
-abzuwarten, sprang er flüchtig an den vorragenden
-Felsenspitzen nieder, die, fast wie durch
-Menschenhand ausgeführt, die einzigen Haltpunkte
-an einer wohl zwanzig Fuß hohen Felsenwand für
-Fuß oder Hand boten. Tomson folgte ihm ebenso
-rasch; viel schwerer wurde es aber dem an solche
-Bahn keineswegs gewöhnten Buchhalter, und nur
-mühsam war er im Stande, seinen um so Vieles gewandteren
-Gefährten zu folgen. An solches Bergeklettern
-aber nicht gewohnt, und mit, durch zu vieles
-Sitzen versteiften Gliedern, verlor er bald seinen Fußhalt,
-fing an auszurutschen, fiel, klammerte sich wieder
-fest, mußte, durch sein eigenes Gewicht gedrängt,
-noch einmal loslassen, und polterte endlich, Flaschen
-und Proviant von sich schleudernd, und die bis dahin
-so sorgsam bewahrten Provisionen nach allen Richtungen
-hinausstreuend, über rauhes, schroff ablagerndes
-Felsgestein wimmernd nieder, bis er, von
-<a class="pagenum" id="page_337" title="337"> </a>
-einer jungen Farrenpalme angehalten, hängen blieb,
-und nun verzweiflungsvoll die Bahn zurückblickte,
-die er eben so unfreiwillig rasch herniedergerasselt war.</p>
-
-<p>Oben aber, aus dem kleinen Lianendickicht, das
-auf dem Felskegel wucherte, kroch vorsichtig und geräuschlos
-eine dunkle tättowirte Gestalt, glitt bis
-zu dem Felsrand hin, wo noch leise rollender Kies
-die Stelle verrieth, welche die Männer eben zurückgelegt,
-und beobachtete hier, von niederem Mooswuchs
-und einzelnen Farrenkräutern verdeckt, mit
-den aus dem narbigen Gesicht unheimlich vorfunkelnden
-Augen die Bewegungen der Fremden, von denen
-Tomson und Dumfry erst zu dem Gefallenen traten
-und dann, als sie sahen, daß dieser selbst keinen
-weiteren Schaden genommen, und noch stehen und
-gehen konnte, in den östlich gelegenen Büschen mit
-ihm verschwanden.</p>
-
-<p>Der Indianer blieb wohl eine Viertelstunde lang
-regungslos in seinem Verstecke liegen, und erst dann,
-als er sich fest davon überzeugt haben mochte, daß
-die Fremden den Platz auch wirklich verlassen hätten,
-erschien seine Gestalt plötzlich am Rande des Abhanges.
-Blitzesschnell glitt er hinab, wich aber, unten angelangt,
-den Spuren der Weißen in einem weiten
-Bogen aus &ndash; er vermied die Stelle, wo die zersplitterten
-<a class="pagenum" id="page_338" title="338"> </a>
-Glasflaschen lagen &ndash; und nahm erst
-dort die Fährte wieder auf, wo die Fremden, dem
-felsigen Bette eines vertrockneten Baches folgend, in
-den Wald eingedrungen waren.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Ruhig lag indessen der Kasuar vor seinem Anker,
-und die Matrosen hatten sich, als das kleine Boot
-zwischen die vorhängenden Büsche des Ufers schoß
-und von diesen verdeckt wurde, lässig unter das aufgespannte
-Sonnensegel gelagert, und schauten träumend
-auf das blaue, nur leise wogende Meer hinaus,
-das, wie sie, in müßiger Ruhe die heiße, sonnige
-Tageszeit zu verschlafen schien. Selbst die Fische
-mußten sich in die dunkle, kühle Tiefe zurückgezogen
-haben, denn nur selten zuckte ein goldschillernder
-Delphin strahlenblitzend über die gebrochene Spiegeldecke
-der Fluth, und Careys Mutter Küchelchen<span class="top">[13]</span> selbst
-schaukelten sich mit nur selten gehobenen Schwingen
-auf ihrem heimathlichen Element.</p>
-
-<p class="ci fss">[13]: Die kleine schwarze Seeschwalbe, die den Schiffer auf
-seinen weiten Reisen begleitet.</p>
-
-<p>Das Steuer des kleinen Fahrzeugs stand verlassen,
-nicht weit aber davon lagen, anscheinend
-<a class="pagenum" id="page_339" title="339"> </a>
-ebenso unthätig als die Uebrigen, der Sträfling und
-sein neugewonnener Freund, der irische Matrose,
-dicht neben dem Gangspill, und hatten beide die
-Köpfe auf den unteren, vorstehenden Theil desselben
-gelegt, in welchem die starken messingenen Einhemmer
-ruhten.</p>
-
-<p>»Bill« flüsterte da der Sträfling endlich und berührte
-leise den Ellbogen des Kameraden.</p>
-
-<p>Der Ire hob den Kopf ein wenig und schaute
-vorsichtig hinüber.</p>
-
-<p>»Wenn der Koch zum Essen ruft,« fuhr Ned eben
-so leise fort, »so geh' nach vorn, und thu' wie ich
-Dir sagen werde; noch habe ich nicht alle Hoffnung
-aufgegeben, und, wenn mein Plan gelingen soll, so
-ist das der einzige Augenblick zur Ausführung.«</p>
-
-<p>»Aber wie und was?« brummte der Ire, »an
-Schwimmen dürfen wir nicht denken, denn ich will
-verdammt viel lieber Matrose bleiben, als mich von
-Haifischen fressen lassen und das Canoe können wir
-zwei unmöglich über Bord heben.«</p>
-
-<p>»Nein,« flüsterte der Sträfling zurück &ndash; »dennoch
-giebt's ein Mittel es hinüberzubekommen; wo Gewalt
-Nichts auszurichten vermag, muß List helfen.
-Doch die Zeit drängt &ndash; steh' Du jetzt auf und mache
-Dir in der Nähe des Kochs etwas zu thun, sobald
-<a class="pagenum" id="page_340" title="340"> </a>
-der aber anfängt das Essen in die Schalen zu füllen,
-so ruf' »Segel ahoi!« &ndash; Ist auch nichts zu sehen,
-sie mögen Dich nachher auslachen, oder darüber
-fluchen, komme aber nachher sobald Du es unbemerkt
-thun kannst und &ndash; hörst Du &ndash; so schnell als möglich
-hierher zurück.«</p>
-
-<p>»Was soll das aber helfen?« frug der Ire erstaunt.</p>
-
-<p>»Wirst's schon sehen,« sagte Ned, und drehte sich
-auf die andere Seite herum, Bill aber, der sich noch
-ein paar Mal streckte und dehnte, stand endlich langsam
-auf, und schlenderte kopfschüttelnd dem Vordertheil
-des Schooners zu, wo der Koch, ein feister
-ächter »Buck nigger« &ndash; von der Mannschaft jedoch
-nur gewöhnlich schlichthin Doktor genannt &ndash; emsig
-in der kleinen, heißen Kambüse beschäftigt war,
-großmächtige Kessel heraus und hineinzuheben, Pfannen
-zu rücken und Seewasser in entsetzlichen Quantitäten
-an Bord zu ziehen und wieder auszuschütten,
-bis ihm der Schweiß in großen, hellen Tropfen von
-Stirn und Schläfen lief, und sein Antlitz mit einer
-wahren, glänzenden Fettdecke überzog. Die Matrosen
-hatten aber auch heute einen Festtag, denn, um sie
-in etwas dafür zu trösten, daß sie nicht mit ans Land
-durften, war ihnen Pudding und Schweinfleisch
-bewilligt worden, und verschiedene, hungrige Abgesandte
-<a class="pagenum" id="page_341" title="341"> </a>
-hatten sich schon in kurz aufeinanderfolgenden
-Zwischenräumen erkundigt: »ob heute wirklich noch
-zu Mittag gegessen würde.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ned wußte das Alles, und baute darauf seinen
-Plan, der in nichts Geringerem bestand, als noch vor
-dem Essen die Mannschaft des Kasuar dahin zu
-bringen, das an Bord liegende Canoe selbst mit in
-See zu heben, und es auch dorten die Mittagszeit
-hindurch zu lassen.</p>
-
-<p>Nicht weit von dort wo er lag, standen nämlich
-dicht am Steuerrad zwei grünlackirte Eimer, die den
-Namen des Schooners trugen, und mit theils dem
-»Capitän«, theils dem Zimmermann gehörige Wäsche
-angefüllt waren. Ned, der nie eine Gelegenheit vorbeigehen
-ließ, Geld zu verdienen, da er recht gut
-wußte, daß er <em class="ge">Geld</em> sowohl zum Fliehen, als auch
-zum späteren Fortkommen nothwendig haben müsse,
-hatte es auch hier an Bord für eine mäßige Vergütung
-übernommen, die Wäsche dieser beiden »Offiziere«
-in Ordnung zu halten, und dorthin begab er
-sich jetzt, als ihn der Ire eine Zeitlang verlassen,
-und er sich von sonst keinem weiter beachtet wußte.</p>
-
-<p>Neben den beiden, bis zum Rande mit Seewasser
-angefüllten Eimern stellte er jetzt noch einen leeren
-dritten, nahm dann aus den ersten einen Theil der
-<a class="pagenum" id="page_342" title="342"> </a>
-Hemden, rang sie trocken aus, füllte damit den
-letztgebrachten Eimer mehr als halbvoll, hob ihn
-auf die, nicht eben hohe Verschanzung und goß
-nachher aus den anderen das gebrauchte Seewasser
-über Bord.</p>
-
-<p>»Du wirst den Eimer hinunterfallen lassen Ned,«
-rief ihm der Kajütenjunge zu, der eben die Treppe
-niedersteigen wollte &ndash; »wenn's ein Bischen schwankt,
-liegt er drüben, und 's&nbsp;ist nicht einmal ein Tau dran.«</p>
-
-<p>»Kümmere Du Dich um Deinen Kram,« brummte
-der Sträfling, warf der schlanken, lachend niedertauchenden
-Gestalt einen giftigen Blick nach und
-fuhr in seiner Arbeit fort; sein Blick aber schweifte
-oft rasch nach dem Bug des Schooners hinüber, wo
-Bill nachlässig an der Ankerwinde lehnte, und anscheinend
-halb im Schlaf nur dann und wann einmal
-nach dem Koch hinüberblinzte. Da kam dieser
-mit den hölzernen Schaalen aus dem Vorcastle
-herauf, und der Ire stand auf, trat an die Bulwarks
-und stützte sich mit dem Ellbogen auf den einen dort
-festgeschnürten Anker &ndash; jetzt hob er sich etwas empor
-und schützte mit vorgehaltener Hand seine Augen
-gegen das Sonnenlicht. Am fernen Horizont waren
-indessen in der That mehrere kleine weiße Punkte
-sichtbar geworden, doch achteten die übrigen Matrosen
-<a class="pagenum" id="page_343" title="343"> </a>
-nicht darauf, denn einestheils brauchten sie hier in
-der Gegend keine Seeräuber zu fürchten, und dann
-nahm auch wirklich in diesem Augenblick der Koch
-ihre ganze Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch,
-um gerade jetzt auf irgend etwas Anderes zu denken.</p>
-
-<p>Ein kleiner Büschel Werg &ndash; Ueberbleibsel eines
-zerzupften Taues &ndash; lag dicht neben Ned an Deck;
-dieser hob ihn auf, warf ihn über Bord und folgte
-ihm mit den Augen. Das Werg trieb, durch die
-Strömung getragen, langsam am Riff hinauf, und
-der Sträfling lächelte still vergnügt in sich hinein,
-denn gerade dort wurde jetzt die hohe, dicke Rückenflosse
-eines Hai sichtbar, der sich in dem schäumenden
-Rauschen der Untiefe zu sonnen schien, als er sich
-aber wieder nach seiner Arbeit umwandte, sah er,
-wie der Zimmermann aufgestanden war und gerade
-auf ihn zukam. Blieb der in seiner Nähe, so wurde
-die Ausführung des erdachten Planes zur Unmöglichkeit.</p>
-
-<p>»Gift und Tod!« knirrschte der Sidneyer wild in
-sich hinein, »hat denn dieser vermaledeite Schuft von
-Koch«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Segel ahoi!« rief plötzlich der Ire am Bug des
-Schooners, und der Zimmermann wandte sich, erstaunter
-über den Ruf als das Segel selbst, nach
-<a class="pagenum" id="page_344" title="344"> </a>
-jenem um, Ned aber trat rasch gegen die Bulwarks
-an und stieß hier den, nur leicht auf den Bord gestellten
-Eimer in See.</p>
-
-<p>»Seht Ihr &ndash; hab ich's nicht gesagt?« schrie da
-der Kajütenjunge, der eben wieder an Deck kam, und
-jetzt vor die Verschanzung sprang, um hinüber zu
-sehen, &ndash; »ei Du lieber Gott, da schwimmen ja des
-Zimmermanns Hemden mit fort, na der wird schön
-schimpfen &ndash; jetzt kann Tom wieder hinterherschwimmen.«
-Und als ob sich das von selbst verstünde, warf er
-seine Jacke ab und wollte eben ohne Weiteres in See
-springen, den langsam dahintreibenden Wäscheimer
-zurückzubringen.</p>
-
-<p>Das vertrug sich aber keineswegs, mit Ned's
-Plane, der dadurch vernichtet worden wäre.</p>
-
-<p>»Halt, um Gotteswillen!« rief er, und ergriff
-den Arm des kecken jungen Burschen &ndash; »Ihr wäret
-verloren &ndash; seht Ihr denn nicht dort den Hai!«</p>
-
-<p>»Hallo, was giebt's da?« sagte in diesem Augenblick
-der Zimmermann, als er rasch an die beiden
-hinantrat, zu gleicher Zeit aber auch den, jetzt schon
-ein ziemliches Stück vom Schooner entfernten Eimer
-erkannte - »Wasserhosen und Seeschlangen, meine
-Hemden &ndash; Ned, Hallunke, das hast Du mit Fleiß
-gethan &ndash; aber warte Canaille, das zieh' ich Dir am
-<a class="pagenum" id="page_345" title="345"> </a>
-Lohn ab, und wenn Du ein Jahr lang für mich
-waschen sollst. Willst Du den Jungen loslassen,
-Bestie &ndash; was giebt's mit dem?«</p>
-
-<p>»Er wollte über Bord springen, Sir,« stammelte
-in anscheinender Angst und Zerknirschung der Sträfling
-&ndash; »und da hinten &ndash; da hinten der Hai«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Was geht's <em class="ge">Dich</em> an, wenn er seine Haut riskirt
-&ndash; Lubber Du!« donnerte ihn da der Zimmermann
-an &ndash; »bist Du sein Wächter, oder ist Dir's
-wohl etwa nicht einmal recht, daß der Capitän seine
-Hemden wiederkriegt? &ndash; Hinüber mein Bursche &ndash;
-der Hai wird Dich nicht gleich &ndash; ja so, Donnerwetter
-nein &ndash; mit den Haifischen ist hier nicht zu spaßen«
-unterbrach er sich aber plötzlich selber, denn es fiel ihm
-gerade noch zur rechten Zeit ein, daß Tomson die ja
-eben für die Wächter des Fahrzeugs erklärt hatte.
-Schickte er jetzt den Jungen selber über Bord, und
-kehrte der ungefährdet zurück, wer stand ihm denn dafür,
-daß sich nach Dunkelwerden nicht gar ein Theil
-seiner Matrosen über Bord ließ und ans Ufer
-schwamm, denn ein guter Schwimmer hätte die kurze
-Strecke, wenn er noch dazu die Fluth abwartete, wohl
-glücklich zurücklegen können. Der junge Bursche schien
-sich übrigens, nachdem er erst einmal auf die keineswegs
-unbedeutende und so nahe Gefahr aufmerksam
-<a class="pagenum" id="page_346" title="346"> </a>
-gemacht war, auch gar nicht mehr zu dem erst so bereitwillig
-angebotenen Ritterdienst zu drängen, und
-trat fast unwillkürlich vom Bord zurück.</p>
-
-<p>»<i>Dinner, boys &ndash; Dinner!</i>« schallte in diesem
-Augenblick des Kochs Stimme herüber, der die
-Schaalen im Arm eben damit nach dem Vorcastle
-schritt.</p>
-
-<p>»Halt da!« schrie der Zimmermann, als er sah,
-daß sich einige der Matrosen nach vorn stehlen wollten,
-wo er nicht mit Unrecht fürchtete, sie würden die
-besten Stücke für sich heraussuchen &ndash; »laßt das Canoe
-in See &ndash; hierher ihr Schufte &ndash; wollt Ihr, daß
-ich Euch fünfzigmal rufen soll? &ndash; hinüber damit &ndash;
-Wo ist Bill? &ndash; hierher Sir, mit angefaßt &ndash; Euerem
-albernen Segelahoischreien haben wir den ganzen
-Unsinn zu danken. Schnell Ihr Seehunde &ndash; denkt
-Ihr der Eimer wartet auf Euch? &ndash; heilige Dreifaltigkeit,
-er segelte wie ein portugiesischer Man of war<span class="top">[14]</span>!
-und Du, Ned, kannst Dich freuen &ndash; warte Du
-Strick, das soll Dir angerechnet werden, wenn Tomson
-zurückkommt &ndash; ich wünsche jetzt nur weiter Nichts,
-als daß wir die Hemden nicht wieder kriegten.«</p>
-
-<p class="ci fss">[14]: Portugiesischer Man of war, der Beiname des Nautilus.</p>
-
-<p>Trotz diesen, mit einem wilden Seitenblick auf
-<a class="pagenum" id="page_347" title="347"> </a>
-den Strafwürdigen, heftig ausgestoßenen Worten,
-gab sich der wackere Zimmermann aber wirklich die
-größte Mühe zum Gegentheil, und hob und schob mit
-aus Leibeskräften, das etwas unbehülfliche Boot über
-Bord zu heben. Dieses war ein ächt Neuseeländisches
-Canoe, mit reich geschnitztem Vordertheil, schwarz
-und roth bemalten Seiten, und hinten im Stern mit
-Albatroßfedern verziert; obgleich aber zwei zierlich
-ausgeschnittene, kurze Ruder, wie sie die Eingeborenen
-führen, darin lagen, so schien es doch fast zu
-schmal und schwank, zwei große erwachsene Personen
-zu tragen, und der Zimmermann zog es denn auch,
-vielleicht nur aus diesem Grunde, vor, allein niederzusteigen,
-und dem, indessen schon wenigstens zweihundert
-Schritt entfernten Eimer nachzurudern. Ned
-hütete sich auch wohl, seine eigenen Dienste zu diesem
-Zweck anzubieten, da er recht gut wußte, der Zimmermann
-würde ihm nicht allein nie gestatten das Boot
-allein zu betreten, sondern auch, wenn das bis jetzt
-wirklich noch nicht geschehen, auf jeden Fall Verdacht
-schöpfen, und ihn dann so genau bewachen, daß all
-seine bisherige List und Schlauheit vergebens gewesen
-wäre.</p>
-
-<p>Jener aber, ehe er abstieß und in dem scharf gebauten,
-flüchtigen Kahn leicht mit der Fluth dahin
-<a class="pagenum" id="page_348" title="348"> </a>
-schoß, rief den jetzt über Bord und ihm nachschauenden
-Matrosen noch einmal zu, ja nicht etwa fortzulaufen,
-sondern dort seiner zu harren, bis er zurückkehre,
-damit sie das Canoe nachher gleich wieder hinauf
-hissen könnten.</p>
-
-<p>Vielleicht hätten sie gehorcht, aber mahnend erschallte
-gerade da noch einmal der jetzt schon ungeduldigere
-Ruf des Kochs: »<i>Dinner ready, boys!</i> &ndash;
-macht, oder es wird kalt,« und der Ire, überhaupt
-schon als ein fürchterlicher Esser gekannt und gefürchtet,
-der nun auch vollkommen einsah, was seines
-Kameraden Absicht sei, schob die Hände in die Taschen
-seiner kurzen Jacke, spuckte sein Priemchen über Bord
-und sagte, während er entschlossen nach vorn ging&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Bis der wieder hier ist, können wir fertig sein!«</p>
-
-<p>»Bleib lieber da, Bill,« riefen ihm ein Paar von
-den Andern nach, »der Zimmermann flucht und wettert
-nachher den ganzen Tag.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wenn's <em class="ge">ihm</em> Spaß macht,« brummte Bill, ohne
-die Aufforderung weiter zu beachten, »<em class="ge">mir</em> kann's recht
-sein, so oft haben wir aber kein Schweinfleisch, daß
-ich der Letzte dabei sein möchte.«</p>
-
-<p>Er schritt rasch den dampfenden Schüsseln zu, und
-dieß Beispiel half, denn die Anderen kannten ihn nur
-zu gut; wo der Ire einmal angefaßt hatte, bekamen
-<a class="pagenum" id="page_349" title="349"> </a>
-die Nachzügler auch gewöhnlich nur das Nachsehen,
-und während der Zimmermann aus Leibeskräften dem
-langsam davon treibenden Eimer nachruderte, stürmte
-die Mannschaft des Kasuar dem Vorcastle zu, und
-fiel hier mit einem wahren Heißhunger über die ausgetheilten
-Speisen her.</p>
-
-<p>Ned allein blieb am Hinterdeck stehen, und erwartete
-die Rückkehr des Canoes. Der Zimmermann ließ
-denn auch nicht lange auf sich warten &ndash; er hatte sich
-einmal umgesehen, und bald gefunden, daß all seine
-Leute ihre Posten verlassen hatten &ndash; womit sie sich
-jetzt beschäftigten, konnte er sich leicht denken; mit dem
-besten Willen legte er sich daher in das Ruder und
-murmelte dabei nur leise, aber desto grimmigere Verwünschungen
-in den Bart, die sich theils über die
-»gefräßigen Schufte,« theils über den »Hund von
-Canarienvogel« ergossen, den er im Geist schon züchtigen
-und abstrafen ließ. Bald erreichte er den Eimer,
-faßte ihn am Henkeltau, hob ihn in sein schwankes
-Boot, und drehte dann den Bug desselben rasch wieder
-seinem eigenen Schooner zu. Allerdings mußte er
-jetzt gegen die Fluth ankämpfen, die neuseeländischen
-Fahrzeuge sind aber auch hierzu so spitz und schneidig
-gebaut, und leicht konnte er damit den nicht allzustarken
-Widerstand bekämpfen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_350" title="350"> </a>
-Wie er mit dem Bug seines schwanken Fahrzeugs
-gegen den Stern des Schooners anlief, warf ihm
-Ned ein Tau zu. Rasch befestigte er dieses vorn am
-Springfall und kletterte dann ohne weiteres Zögern
-an Deck.</p>
-
-<p>»Und die anderen Hallunken,« rief er hier, als er
-den geretteten Eimer an Bord warf und mit dem Fuße
-stampfend nach vorn blickte.</p>
-
-<p>»Sind beim Essen, Sir,« erwiederte ihm demüthig
-der Sträfling &ndash; »ich bat sie, Euerer hier zu warten,
-aber sie sagten, ich solle zum Teufel gehen &ndash; Ihr &ndash;
-Ihr«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Nun was, Ihr? heraus mit der Sprache, was
-Ihr?« rief ärgerlich der Zimmermann &ndash; »weshalb
-stotterst Du &ndash; was Ihr?«</p>
-
-<p>»Ja ich kann doch nicht dafür, daß Jene es sagten«
-&ndash; bat, einen Schritt zurücktretend, der Sidneyer.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»<em class="ge">Was</em> sagten &ndash; Hallunke,« rief aber auch jetzt
-der Zimmermann, auf das Aeußerste entrüstet &ndash; »wird
-dieser Carnarienvogel singen, oder soll ich ihm die
-Zunge lösen«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ihr fräßt ihnen so Alles weg, wenn Ihr kämt,
-sagten die Leute« &ndash; betheuerte Ned und zog sich
-dabei immer mehr zurück.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_351" title="351"> </a>
-Der Zimmermann, ohne weiter eine Sylbe zu
-erwiedern, griff mit einem, zwischen den zusammengebissenen
-Zähnen halblaut vorgestoßenen Fluch nach
-einem kurzen Ende Tau, was dort lag, und schritt
-rasch auf dem Starbordgangway entlang, dem Vorcastle
-zu. Zu gleicher Zeit aber, und sobald er nur
-die midschips aufgestapelten Wasserfässer und Nothspieren
-erreicht hatte, glitt die niedergebückte Gestalt
-des Irländers auf dem Larbordgang nach hinten,
-und wie sich Ned eben &ndash; denn jetzt war der Augenblick
-zum Handeln gekommen &ndash; über die Bulwarks
-schwang, und in das, von dem so plötzlich niederdrückenden
-Gewicht hochaufschaukelnde Canoe sprang,
-griff Bill in einer Art Humor eben den Eimer
-wieder auf, den der Zimmermann mit so viel Anstrengung
-zurückgebracht und folgte seinem Gefährten
-in demselben Moment, als dieser, um nicht Zeit mit
-dem Aufknüpfen zu verlieren, das schwache Tau,
-das sie noch hielt, durchschnitt und blitzesschnell von
-Bord stieß.</p>
-
-<p>Das Ganze hatte nur wenige Sekunden zu seiner
-Ausführung gebraucht, und die Flüchtlinge würden
-Vorsprung genug gewonnen haben, wenigstens aus
-jedem gefährlichen Bereich des Schooners zu kommen,
-hätten nicht zwei, den beiden Leuten keineswegs
-<a class="pagenum" id="page_352" title="352"> </a>
-günstige Augen das Ganze mit angesehen. Der
-Kajütenjunge erschien in dem nämlichen Augenblick
-an Deck, als Bill über dem Rand desselben verschwand,
-und ohne weiter seine Zeit mit Anrufen
-zu verschwenden, die doch, wie er recht gut wußte,
-ganz nutzlos gewesen wäre, rannte er spornstreichs
-nach vorn, und sein Hülferuf machte nur zu schnell
-die Mannschaft und besonders den jetzigen Befehlshaber
-des Fahrzeugs, den Zimmermann, darauf
-aufmerksam, was hier eigentlich vorgehe.</p>
-
-<p>»Teufel!« schrie der alte Seemann, und sprang
-mit flüchtigen Sätzen dem Hinterdeck zu &ndash; aber zu
-spät, denn eben trieb das schlanke Canoe vom Schooner
-ab, und Ned, der sich in den Stern desselben
-geworfen hatte, ergriff das Ruder, und neigte es
-freundlich grüßend gegen den Wuth schäumenden
-Matrosen.</p>
-
-<p>»<i>Good bye</i>, Sir!« rief er dabei lachend &ndash; »wollen
-dem Capitän die Hemden mit hinüber nehmen &ndash;
-wird sich ungemein darüber freuen &ndash; etwas sehr angenehmes
-an solch' heißem Tag, die Wäsche wechseln
-zu können &ndash; bitte mich gehorsamst in Sidney zu empfehlen!«</p>
-
-<p>Der Zimmermann, der mit einem Blick die Lage
-der Dinge überschaute, war mit wenigen Sätzen in
-<a class="pagenum" id="page_353" title="353"> </a>
-der Kajüte unten, ergriff die, dort in der Ecke lehnende
-und stets geladene Büchse, stieß das kleine,
-dicht über dem Steuerruder angebrachte Fenster auf,
-hielt die Mündung des Gewehres hinaus und donnerte
-den Flüchtigen nach:</p>
-
-<p>»Halt! &ndash; halt, sag' ich, oder ich schieße!«</p>
-
-<p>»Bücke Dich, Bill!« rief der Sträfling, der in
-diesem Augenblicke gerade den Kopf zurückwandte &ndash;
-»nieder mit Dir!« und zu gleicher Zeit warf er sich
-flach auf den Boden des Canoes. Der Ire aber, theils
-durch die schaukelnde Bewegung des schwanken Bootes,
-theils durch die Worte selbst erschreckt, kehrte
-sich, da ihm überdies nicht einmal Raum genug blieb,
-dem Rath zu folgen, rasch nach dem Drohruf des
-Zimmermanns um, und vermehrte dadurch, freilich
-unbewußt, die Unsicherheit seiner Stellung um ein
-Bedeutendes.</p>
-
-<p>Da zuckte aus dem Kajütenfenster des Kasuar ein
-scharfer blendender Strahl, und mit dem Ausruf:
-»Jesus Maria!« fuhr der Ire zur Seite. Wohl hob
-sich auch zu gleicher Zeit der Sträfling, und suchte
-dadurch, daß er sich auf den entgegengesetzten Bord
-warf, das Schifflein im Gleichgewicht zu halten, der
-Verwundete schwankte jedoch eben so rasch auch dort
-hinüber, und das Canoe, das flach im Boden, wie
-<a class="pagenum" id="page_354" title="354"> </a>
-fast alle diese ausgehauenen Fahrzeuge, einem solchen
-Druck nicht widerstehen konnte, entlud im nächsten
-Moment seine Last in die hoch über ihr zusammenschlagende
-Fluth, füllte sich dann, da der Ire krampfhaft
-daran festhielt, und sank.</p>
-
-<p>Vom Bord des Kasuar stieg der Jubelruf des
-Zimmermanns empor, die Matrosen aber beobachteten
-mit schweigendem Entsetzen die Folgen dieses so
-unheilvollen Schusses, denn kaum hundert Schritt
-von dem umgeschlagenen Canoe entfernt, wurde im
-nämlichen Augenblick die Haiflosse wieder sichtbar;
-deutlich konnten sie dabei erkennen, wie sich das Ungeheuer
-der Tiefe mehr und mehr den, jetzt eben wieder
-emportauchenden Unglücklichen näherte, und ihr
-Athem stockte, da sie das Fürchterlichste fast unvermeidlich
-sahen, und doch nicht im Stande waren zu
-helfen.</p>
-
-<p>Das Canoe selbst konnte übrigens, seiner eigenen
-Leichtigkeit wegen, nicht ganz zum Grunde gehen,
-sondern trieb nur, die Ränder kaum über der Oberfläche
-zeigend, langsam in der Strömung hin. Ned,
-der dicht daneben wieder auftauchte, versuchte allerdings
-seinen Arm darunter zu schieben, um dadurch
-vielleicht einen Theil des Wassers auszuwerfen, fand
-aber gar bald, daß er solcher Arbeit allein nicht gewachsen
-<a class="pagenum" id="page_355" title="355"> </a>
-sei. Rasch sah er sich nach dem Kameraden
-um &ndash; da fiel sein Blick über diesen hinweg, auf die
-nicht ferne Brandung der Riffe &ndash; großer allmächtiger
-Gott &ndash; jener dunkle Punkt auf dem sonnenhellen
-Meer &ndash; ein wilder, stechender Schmerz durchzuckte
-sein Hirn, und unwillkührlich fast maß das Auge die
-Entfernung zum Schooner. Es war das aber auch
-nur ein Moment, denn hätte er selbst in seine Ketten
-zurückkehren <em class="ge">wollen</em>, jetzt <em class="ge">konnte</em> er nicht mehr; er
-vermochte ja nicht solche Strecke <em class="ge">gegen</em> die Strömung
-anzuschwimmen.</p>
-
-<p>»Ned,« stöhnte da dicht neben ihm sein Kamerad
-&ndash; »Ned &ndash; ich bin verwundet &ndash; heiliger Patrick &ndash;
-der Mann hat mich durch die Schulter geschossen, &ndash;
-laß uns &ndash; laß uns das Boot flott machen &ndash; noch
-habe ich Kräfte, aber ich fühle, wie ich mit jeder
-Sekunde schwächer werde.«</p>
-
-<p>»Wir sind nicht im Stande das Boot auszuschöpfen!«
-rief Ned rasch und seine Pulse stockten, als
-er die Spitze der Flosse gerade auf sie zugewandt sah
-&ndash; hatte sie der Hai gewittert, so war Einer von
-ihnen verloren &ndash; »komm Bill &ndash; wir müssen dem
-Ufer zuschwimmen &ndash; es ist ein Hai in der Nähe.«</p>
-
-<p>»Ein Hai?« ächzte der Ire, und es war fast, als
-ob nicht jene Kugel, sondern erst dieses Wort ihm den
-<a class="pagenum" id="page_356" title="356"> </a>
-Todesstoß gegeben. Es ist das Fürchterlichste für das
-Ohr des Schwimmenden, und seine Wirkung trifft
-wie ein lähmender, vernichtender Schlag. »Ein Hai«
-&ndash; wiederholte er zitternd und faßte krampfhaft nach
-dem, unter seinem Gewicht versinkenden Boot, »heilige
-Jungfrau, wir sind verloren!«</p>
-
-<p>Ned zögerte noch einen Augenblick &ndash; sollte er das
-Canoe verlassen und in seiner eigenen Kraft die Rettung
-suchen? &ndash; aber sein Kamerad &ndash; da fiel sein
-Blick auf den Unglücklichen, der sich, von dem, wenigstens
-etwas Widerstand leistenden Holz gestützt, über
-die Oberfläche der See erhob und mit bleichem, stieren
-Antlitz nach dem nahenden Feind hinüber starrte;
-zu gleicher Zeit sah er, wie ein rother, verrätherischer
-Blutstrom von ihm ausging und die See schon auf
-mehrere Schritte im Umkreis färbte.</p>
-
-<p>Länger bei ihm zu verweilen, wäre sicherer Tod
-gewesen &ndash; der gierige Hai, vielleicht schon durch den
-Schuß, wie durch den Schrei des Opfers aufmerksam
-gemacht, kam in kurzen Gängen heran und wurde,
-sobald er nur einmal das Blut witterte, zum erbarmungslosen
-Vernichter. Nicht einmal die gewöhnliche,
-und sonst nicht selten mit Vortheil angewandte
-List, wie das Schlagen mit Armen und Beinen und
-Schreien und Plätschern, konnte ihn mehr zurückschrecken.
-<a class="pagenum" id="page_357" title="357"> </a>
-Ohne also auch nur ein Wort weiter
-auf den Hülferuf dessen zu erwiedern, der sich doch
-eigentlich nur seiner Leitung vertraut hatte, glitt er,
-so schnell und geräuschlos als möglich, von ihm fort,
-und strich in langen kräftigen Zügen aus, dem Lande
-zu. Die Schooner-Männer sahen seine Bewegung,
-und ihr wilder Schrei der Entrüstung verrieth nur zu
-deutlich, daß seine Absicht, wie die Ursache derselben,
-an Bord deutlich erkannt sei.</p>
-
-<p>Dieser Schrei rief aber auch den unglücklichen
-Iren zu dem ganzen, fürchterlichen Bewußtsein seiner
-Lage zurück; ein einziger Blick verrieth ihm die feige
-Flucht seines Kameraden, dem er nicht einmal nachrufen
-durfte, wenn er nicht den grimmen Feind auf
-seine Spur bringen wollte. Verzweiflungsvoll starrte
-er jetzt nach dem Schooner zurück, und selbst in dem
-Gedanken schon drängte er die breite kräftige Brust
-der Strömung entgegen, das Unmögliche zu versuchen.
-&ndash; Umsonst, die Fluth, die dem Lande zustrebte,
-führte ihn weiter und weiter zurück, und mit
-dem warmen, quellenden Lebensstrom wich auch seine
-Kraft; die Sehnen, jetzt nur noch durch Todesangst
-und Noth in Spannung erhalten, schlafften in der
-übernatürlichen Anstrengung.</p>
-
-<p>Näher und näher kam indessen der Hai &ndash; witterte
-<a class="pagenum" id="page_358" title="358"> </a>
-er wirklich das Blut seines Opfers in so großer Entfernung?
-&ndash; noch schien er unschlüssig wohin er sich
-wenden solle, denn die Matrosen auf dem Schooner,
-obgleich der Arme unter der Zeit weit abwärts getrieben
-war, und trotz dem, wild dagegen protestirenden
-Zimmermann, schrieen und schossen mit Pistolen und
-Gewehren, um die Aufmerksamkeit des Unthiers von
-seinem Opfer abzulenken. Der Hai beschrieb auch, dadurch
-vielleicht irre gemacht, mehrere weite Kreise und
-strich einmal schon dem matt zu ihm herüber tönenden
-Lärmen entgegen, so nahe war er aber zugleich dem
-gesunkenen Canoe gekommen, daß ihm die von dort
-langsam herüber drängenden Ringwellen auch den
-Blutgeruch mit zuführen mußten. Plötzlich hielt er
-mitten in seinem Zug regungslos still &ndash; die Flosse
-stand unbeweglich fest, und wieder senkte sich ein
-Strahl von Hoffnung in O'Learys Herz, vielleicht
-nahm der Hai eine andere Richtung und er selbst
-trieb indessen dem Lande zu. &ndash; Da hatte der Raubfisch
-seine Witterung gespürt &ndash; nach rechts und links
-kreuzte er hinüber, als ob er die genaue Lage desselben
-erst ergründen wolle &ndash; jetzt hielt er wieder, und
-regungslos stand er wohl eine halbe Minute still, bis
-er sich endlich, wie seines Siegs gewiß, mit solch'
-entsetzlicher Kraft nach vorne schnellte, daß die Hälfte
-<a class="pagenum" id="page_359" title="359"> </a>
-seines glatten, blitzenden Körpers in der hochaufspritzenden
-Fluth erschien; im nächsten Moment schoß
-er pfeilgeschwind der Richtung zu, wo der Unglückliche,
-immer noch mit der einen Hand krampfhaft
-das gesunkene Canoe erfaßt hielt, und zitternd nach
-dem Fürchterlichen hinüber starrte.</p>
-
-<p>Da erkannte er das Nahen des Todesboten, sah,
-daß jetzt jede menschliche Hülfe vergebens sei, und
-von letzter, verzweifelter Angst, fast seiner Sinne beraubt,
-wandte er sich zur unmöglichen, trostlosen
-Flucht. Weit in die Bai griff er aus, den Kopf scheu
-dabei nach dem Verfolger zurück gedreht &ndash; aber seine
-Kräfte waren erschöpft &ndash; kaum vermochte er noch,
-sich über Wasser zu halten, dennoch ließ er nicht nach
-&ndash; der Kopf sank ihm, aber die Glieder arbeiteten
-fort, und nicht einmal mehr der Richtung bewußt,
-die er nahm, strebte er jetzt gerade dem Feind entgegen.
-Das Ungeheuer der Tiefe schoß herbei &ndash; der
-weiße, silberglänzende Bauch wurde sichtbar &ndash; ein
-Schrei, von dem Todesgurgeln erstickt, rang sich aus
-der Brust des Unglücklichen, und wenige Secunden
-später verrieth nur noch das vom Blut gefärbte Meer
-und das Kochen der aufsprudelnden Wasser die Stelle,
-wo eben ein Mensch geendet.</p>
-
-<p>Und der flüchtige Sträfling? sah er noch den Tod
-<a class="pagenum" id="page_360" title="360"> </a>
-seines unglückseligen Gefährten? &ndash; nein, sein Blick
-konnte jene Stelle nicht mehr überschauen; der gellende
-Nothschrei aber drang bis zu ihm hinüber, und
-sagte ihm mit fürchterlicher Schnelle, welcher Gefahr
-er selber ausgesetzt sei, wenn andere Hai's, durch den
-Blutgeruch herbei gelockt, die Bucht durchkreuzten. In
-wilder Verzweiflung strebte er jetzt dem Lande zu, das
-sich, nur noch kurze Strecke entfernt, vor ihm ausbreitete
-&ndash; er wandte auch den Kopf nicht mehr zurück;
-mehr noch fast, als das gefräßige Unthier des
-Oceans selbst, fürchtete er die lähmende Angst, die
-ihn bei dessen bloßem Anblick ergreifen und vernichten
-mußte, denn nur in Schnelle und Ausdauer lag noch
-seine Rettung. Er schwamm um sein Leben, und als
-er endlich die schwache Brandung erreichte, als ihn
-die Wogen faßten und hoben und hinüber trugen auf
-den rettenden Sand, da vergingen ihm die Sinne, er
-hatte nicht einmal mehr Kraft genug behalten, sich
-hinauf, dem höher liegenden Ufer zuzuschleppen, und
-fühlte nur noch, wie ihn hülfreiche Arme erfaßten, aufhoben
-und forttrugen. Er wollte schreien, doch die
-Stimme versagte ihm, er wollte die Augen aufschlagen,
-aber er vermochte es nicht mehr, ein toller
-Schwindel bemächtigte sich seiner Sinne, und ohnmächtig
-und bewußtlos brach er zusammen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_361" title="361"> </a>
-Wie lange er so gelegen, wußte er nicht; als er
-aber nach wildem, wunderlichen Traum die Blicke
-aufschlug, und zu den wehenden, grünen Wipfeln
-schattiger Bäume emporschaute, da sah er auch, wie
-er von Eingeborenen umgeben war, und ein hoher,
-stattlicher Insulaner, mit einem langen, sonderbaren
-Stab in der Hand und ein paar Falkenflügeln an beiden
-Seiten des Kopfes, stand vor ihm, und starrte
-ihm fest und finster ins Angesicht. Einzelne der Wilden
-begannen jetzt, als sie nun sahen, daß er wieder
-zu sich kam, ihn mit Fragen zu überhäufen, Ned verstand
-aber ihre Sprache nicht, und blickte nur scheu
-von Einem zum Andern, bis der Mann mit den Raubvogelflügeln,
-und wahrscheinlich auch der Führer der
-Schaar, ihn in gutem, flüssigen Englisch anredete,
-und zu wissen verlangte, was er hier an dieser Küste,
-suche. Auf diese Frage war aber der Sträfling schon
-vorbereitet, denn natürlich konnte er denken, daß er
-unter Eingeborene gerathen müsse, wenn er, der Küste
-folgend, die erste europäische Ansiedelung aufsuchen
-wollte; er hatte denn auch eine ziemlich glaubwürdige
-Erzählung bereit, und sagte, er wäre auf jenes, dort
-vor Anker liegende englische Fahrzeug gepreßt und unmenschlich
-behandelt worden, und hätte sich, ehe er
-ein solches Schicksal länger ertrüge, lieber mit der
-<a class="pagenum" id="page_362" title="362"> </a>
-Gefahr, von Haifischen gefressen zu werden, zu den
-Eingeborenen dieser Insel geflüchtet.</p>
-
-<p>»Ist die gelbe Jacke die Matrosentracht der englischen
-Fahrzeuge?« frug der Häuptling ruhig, als jener
-sein Märchen beendet hatte.</p>
-
-<p>»Die gelbe Jacke?« wiederholte der Sträfling, und
-blickte überrascht und etwas außer Fassung gebracht
-zu ihm auf, dieser aber schien das nicht zu bemerken
-und fuhr nur fort, während er sich halb von ihm abwandte,
-und nach der Waldspitze deutete, wo der
-Ta-po-kaï mündete:</p>
-
-<p>»Wem gehört jenes Boot, und wo sind die Männer
-die es hierher gerudert?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ned zögerte mit der Antwort &ndash; er dachte an den
-Schatz und wußte nicht, ob er durch eine Enthüllung
-alles dessen, was ihm bekannt, des Häuptlings Vertrauen
-erwecken, oder selber suchen solle, den Schatz
-an sich zu bringen. Wie das aber? als er seinen Plan
-zuerst gemacht, hatte er auf des Iren Hülfe gerechnet,
-jetzt stand er allein &ndash; wäre es ihm möglich gewesen,
-unbewaffnet auch nur das Mindeste gegen drei starke
-Männer zu unternehmen? Nein, vielleicht half ihm
-aber die Entdeckung desselben zu der Freundschaft des
-Indianers, und ohne dessen kalt und ruhig auf ihm
-haftenden Blick zu begegnen, versprach er eine für
-<a class="pagenum" id="page_363" title="363"> </a>
-diesen höchst wichtige und nützliche Enthüllung machen
-zu wollen, die ihm reiche Beute brächte, wenn ihm
-sein eignes Leben dabei gesichert würde.</p>
-
-<p>Der Insulaner sagte ihm das zu, und der Sträfling,
-dadurch kühner gemacht, forderte nun auch noch,
-in seinen Stamm aufgenommen, und von diesem selbst
-gegen die Verfolgung der Weißen geschützt zu werden.
-Das aber wies der Häuptling unwillig von sich.</p>
-
-<p>»Ich sicherte Dir Dein Leben!« rief er finster »und
-brauchte selbst das nicht zu thun. Liebe zu uns hat
-Dich nicht hergeführt, und Deine Hülfe brauch' ich
-kaum, denn seit jene Dreie gelandet, folgen ihnen
-meine Späher, und ihr Boot ist in meiner Gewalt;
-doch bist Du wahr gegen mich, so sei ein Theil der
-Beute Dein &ndash; thue dann damit, was Du willst.
-Die Gier der Weißen geht nach Gold &ndash; das mag
-Dir genügen.«</p>
-
-<p>Freudig ging der Sträfling in diesen Vorschlag
-ein, den er gar nicht zu machen gewagt, da er kaum
-geglaubt hatte, daß die Wilden je wieder ein erbeutetes
-Gut herausgeben würden. Er erzählte nun aber
-auch Alles, was er erlauscht; daß der Eine der Weißen
-&ndash; die Pest über ihn, er hatte ihn stets wie einen
-Hund behandelt &ndash; als Indianer verkleidet, das Gesicht
-aber mit einer Matte verhangen, das Ufer betreten
-<a class="pagenum" id="page_364" title="364"> </a>
-habe und eine Landverschreibung mit sich führe,
-die seiner Aussage nach Heki selbst unterzeichnet
-hätte.</p>
-
-<p>Der Häuptling, der im Anfang kaum den Worten
-gelauscht, horchte hoch auf, und schien dem Erzählenden
-das Wort von den Lippen zu stehlen, mit keiner
-Sylbe unterbrach er ihn aber, und erst nachdem
-Ned Alles das, was er an Bord erhorcht, gebeichtet,
-that er ihm einige Fragen nach der Gestalt, dem Aussehen,
-den Augen, Zügen und dem ganzen Wesen
-jenes Mannes, der unter dem falschen Schutz ihres
-heiligsten Gesetzes dieses Ufer betreten habe. Ned gab
-das so gut er konnte, und der Neuseeländer nickte dabei
-ingrimmig lächelnd mit dem Kopf. Endlich zog er
-sich eine Zeitlang zu den Seinen zurück, und der
-Sträfling konnte jetzt nur nach den wilden lebendigen
-Gestikulationen, mit denen sie die, ihm fremden Worte
-begleiteten, schließen, daß es ein reges Interesse sei,
-was die düstern Gestalten jetzt bewegte und ihren Augen
-ein soviel wilderes, unheimlicheres Feuer verlieh.</p>
-
-<p>Niemand kümmerte sich mehr um ihn, stundenlang
-lagerten die Krieger in dem kühlen Waldesschatten,
-und die Sonne hatte schon geraume Zeit den Zenith
-überschritten, während weiße, wehende Nebelstreifen
-am südlichen Horizont heraufstiegen, und ihre milchigen
-<a class="pagenum" id="page_365" title="365"> </a>
-Strahlen weit hin über das Firmament schossen,
-als plötzlich die Büsche raschelten und ein einzelner
-Krieger, das dunkle, tättowirte Gesicht von einigen,
-kaum geheilten Narben fürchterlich entstellt, aus dem
-Dickicht sprang, an dessen äußerstem Rande sie lagerten.
-<em class="ge">Was</em> er berichtete, konnte Ned nicht verstehen,
-doch mußte seine Mittheilung von Wichtigkeit sein.
-Auf jeden Fall war sie lang erwartet, denn von mehren
-Seiten kehrten jetzt augenscheinlich früher ausgestellte
-Posten zurück, und die Schaar, die aus etwa
-fünfzehn Männern bestand, theilte sich in zwei ziemlich
-gleiche Haufen.</p>
-
-<p>Der Eine von diesen zerstreute sich in den benachbarten
-Büschen, der Andere aber schlich langsam am
-Waldrand hin, der Mündung des Ta-po-kaï zu. Der
-Sträfling blieb unter der Aufsicht zweier Krieger und
-mußte der letzten Schaar folgen, doch schien man
-nichts von ihm zu fürchten, oder keine weiteren Vorsichtsmaßregeln
-für nöthig zu halten, denn er durfte
-frei neben seinen Begleitern hergehen, deren ganzes
-Aeußere ihn aber dennoch überzeugte, daß Flucht,
-wenn er daran wirklich noch gedacht hätte, hier ganz
-hoffnungslos gewesen wäre. Rasch schritt er denn
-auch an ihrer Seite fort, und wie der letzte in den
-laubigen, dunkelschattigen Büschen verschwunden war,
-<a class="pagenum" id="page_366" title="366"> </a>
-lag der Platz wieder so einsam ruhig da, als ob ihn
-noch nie ein menschlicher Fuß betreten oder menschliche
-Leidenschaft seinen heiligen Frieden gestört habe.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Still und heimlich rauschten die hohen, majestätischen
-Wipfel des düsteren Urwalds, und flochten ihre
-riesigen Arme fest, fest in einander, daß die sengenden
-Strahlen der Sonne nicht Eingang fänden in ihr heiliges
-Dunkel, und die zarten Kinder ihrer Sorgfalt,
-die jungen saftigen Palmen und die wuchernden, blumigen
-Moose nicht erreichen und welken könnten. Es
-war Mittagszeit &ndash; heimlich drückten sich die munteren
-Waldvögel in den kühlen, duftigen Schatten der
-Sträuche, und die schillernde Eidechse nur glitt geräuschlos
-an Stämmen und Zweigen hin, und schaukelte
-sich an schwanken Ruthen oder haschte auch nach
-vorbeifliegenden Insekten und Käfern.</p>
-
-<p>Still und heimlich rauschten aber auch die hohen,
-majestätischen Wipfel um eine einzige, kleine Lichtung,
-die an der sanften, grasigen Abdachung eines niederen
-Hügels lag, und jetzt nur von astigen Fruchtbäumen
-und einzelnen, früher vielleicht gepflegten Palmen
-beschattet wurde. Es war ein neuseeländischer
-<em class="ge">Pah</em>, die Wohnung, aber auch zugleich das Fort
-<a class="pagenum" id="page_367" title="367"> </a>
-Eines der Eingeborenen, ganz nach Art der, über die
-Insel zerstreuten Befestigungswerke mit starken spitzen
-Pallisaden umgeben, und im Innern durch niedere
-Fenzen wiederum in einzelne, jedoch mit einander in
-Verbindung stehende Höfe abgetheilt. Inmitten desselben
-lag das flache, breitausgedehnte, niedere
-Wohnhaus, mit phantastisch geschnitzten Holzsäulen
-und kühler, luftiger Veranda. Schmale Bänke zogen
-sich im Innern dicht an den Wänden des Hauses hin,
-und zwischen zwei der Säulen hing, regungslos und
-leer, eine einzelne, von den Fasern des neuseeländischen
-Flachses gewebte Hängematte. Aber kein lebendes
-Wesen ließ sich sehen &ndash; Alles schien ausgestorben
-und öde, ja die Nebengebäude, großentheils nur
-Schuppen und Ställe, standen offen und leer, das
-Kochhaus, das sich früher dicht an das Wohnhaus
-geschmiegt, war auf der rechten Seite niedergebrochen
-und verfallen, die Hängematte hing in Streifen nieder,
-am Dach fehlten ganze Stücke; die Umzäumungen
-lagen theils niedergeworfen, theils von Moosen
-überwachsen; kein Hausthier belebte den Hof, und
-nur ein Habicht, der vielleicht in der Nähe horstete
-und hier, in den stillen, öden Gebäuden nach Nahrung
-gesucht, stieg jetzt kreisend empor, stand mit
-schnellem, kräftigem Flügelschlag wohl eine Minute
-<a class="pagenum" id="page_368" title="368"> </a>
-lang still über dem, für ihn zur Heimath gewordenen
-Platz, und strich dann, den schönen Kopf noch immer
-zurückgebogen, langsam dem Meeresufer zu.</p>
-
-<p>Er hatte seinen Feind, den Menschen, gewittert,
-und kaum verschwand er auch hinter den hohen, laubigen
-Bäumen, als eine wilde Gestalt die niederen
-Büsche theilte, die sich dicht an die halbniedergebrochenen
-Pallisaden anschmiegten, ja sogar einen Theil
-derselben schon mit ihren weitausgreifenden Schmarotzerpflanzen
-wie mit einem blumendurchwebten Laubnetz
-überzogen.</p>
-
-<p>Es war Dumfry der, das Gesicht wieder dicht
-mit der Matte verhüllt, die Büchse fest und im Anschlag
-in der Hand, die Lichtung betrat und ernst und
-schweigend den Schauplatz früherer Zeiten überschaute,
-der &ndash; <em class="ge">seine</em> Wohnung getragen. Und wo hinaus hatte
-das Schicksal die gestreut, die früher die Waldeseinsamkeit
-mit ihm getheilt? wo weilten die Lieben, die
-auch eine Wildniß im Stande sind zum Paradies zu
-wandeln &ndash; welcher Boden war es, der ihre Fährten
-trug und ihnen Nahrung gab? Oder hatte Dumfry
-freundlos und allein hier gelebt? wurde kein Auge
-naß, als er seine neue Heimath verließ, harrte kein
-hoffender Blick mit freudiger Zuversicht seiner Wiederkehr?
-&ndash; Niemand wußte es &ndash; sein Mund schwieg
-<a class="pagenum" id="page_369" title="369"> </a>
-über die Vergangenheit, und wer ihm später in Sidney
-befreundet gewesen, vermied es gern, auch nur die
-Erinnerung an frühere Zeit in ihm zu erwecken,
-denn finstere Geister waren es, die dadurch heraufbeschworen
-wurden.</p>
-
-<p>Welche Gefühle mußten da aber jetzt sein Herz
-bestürmen, als er Alles das wieder vor sich sah, was
-in lebendiger Frische das Andenken an vergangene,
-und wohl kaum vergessene Stunden erneute &ndash; was
-die kaum vernarbten Wunden wieder aufriß und sein
-Auge fest und stier an jene Stelle fesselte, wo er&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Gift und Tod!« murmelte er durch die fest zusammengebissenen
-Zähne vor sich hin, und stampfte
-unwillig und in ausbrechendem Grimme den Boden &ndash;
-»was kümmert's mich, wenn sie den Platz meiden und
-ihr wahnsinniges Gesetz den Ort selbst öde legt und
-verlassen. Um so besser &ndash; desto sicherer bin ich und
-desto unbewachter.«</p>
-
-<p>Rasch glitt er in das Dickicht zurück, wo die Gefährten
-seiner harrten und ein Zeichen bedeutete sie ihm
-zu folgen, wohin er sie führen würde. Ihr Pfad, der
-bis jetzt durch die wildeste und rauhste Waldung geführt,
-wurde aber jetzt ebener; eine Art ausgehauener
-Weg, wenn auch allem Anschein nach lange nicht begangen,
-zog sich, wie Tomson glaubte, in ziemlich
-<a class="pagenum" id="page_370" title="370"> </a>
-paralleler Richtung mit der See fort, und die Hügel
-hatten sie ebenfalls verlassen, oder hielten sich wenigstens
-nur noch am Fuß derselben hin, wo sie zweimal
-kleine, sprudelnde Bäche überschritten, und plötzlich
-auf einer sanften Abdachung des hohen Landes einen
-kleinen, vielleicht zwanzig Fuß steil emporsteigenden
-Erdaufwurf erreichten, dessen Gipfel ein eigenes,
-wunderliches Denkmal zierte.</p>
-
-<p>Die Hälfte eines quer durchschnittenen Canoes
-stand dort wie ein Schilderhaus aufgerichtet; die beiden
-Seiten desselben waren mit weißen, schwarzen
-und grellrothen Farben bunt bemalt, und den oberen
-Theil schmückten hohe, wehende Federn, wie sie wohl
-sonst das Haupt des Kriegers und Jägers als stolzen
-Kopfputz zieren. Besonders prangten einzelne hohe,
-weiße Federn des Albatroß, die den Mittelpunkt des
-Busches bildeten, und eine bunt gefärbte Matte hing
-von oben herab und verdeckte den inneren Theil dieses
-eigenthümlichen Zierraths.</p>
-
-<p>Die Fremden konnten, als sie den offenen Platz
-erreichten, das eben beschriebene Bauwerk leicht übersehen,
-desto schwieriger aber schien es hinaufzugelangen,
-denn hohe und fest eingerammelte spitze Pallisaden,
-auch keineswegs verfallen, wie die, der früheren
-Wohnung, sondern allem Anschein nach in gutem
-<a class="pagenum" id="page_371" title="371"> </a>
-und trefflichem Stand erhalten, umgaben den Erdhügel.
-Der innere Raum zwischen diesem und seiner
-Verschanzung war von üppiger Vegetation dicht überwuchert,
-und es ließ sich unmöglich unterscheiden, ob
-der von Bäumen allerdings leere Platz früher bebaut,
-oder nur von dem hohen Holz befreit worden sei, um
-jenes Gestell auf dem Gipfel desto freier und besser
-herauszuheben.</p>
-
-<p>Die Männer hatten, bis dahin noch von einer
-kleinen Gruppe palmenartiger Farrenbäume verdeckt,
-den stillen wunderlichen Ort in lautlosem Schweigen
-eine Zeitlang beobachtet, endlich flüsterte Van Broon,
-dem es hier unter den hohen Bäumen und vor dem
-einzeln dastehenden, indianischen Bau, der wie eine
-Schildwache das Herz der Waldung zu bewachen
-schien, anfing unheimlich zu werden:</p>
-
-<p>»Ist dies denn nun endlich der Ort, zu dem wir
-jetzt, Gott weiß, wie viele Meilen durch Dornen
-und Schlingpflanzen gerannt sind, als ob uns der
-böse Feind auf den Hacken säße?«</p>
-
-<p>Dumfry nickte, noch immer ohne ein Wort zu erwiedern,
-einfach mit dem Kopf.</p>
-
-<p>»Der Eingang wird wohl an der andern Seite sein,«
-meinte Tomson, und richtete sich auf den Zehen empor,
-um soviel Raum als möglich übersehen zu können.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_372" title="372"> </a>
-»Gentlemen!« wandte sich jetzt Dumfry plötzlich
-und mit leiser, unterdrückter Stimme, aber mit freudig
-blitzenden Augen, an seine Begleiter &ndash; »die Zeit
-unseres Handelns ist gekommen, wir haben den lang
-erstrebten Platz erreicht, aber all die Gefahren, die ich
-gefürchtet, ja fest erwartet, sind ausgeblieben. Die
-Gegend ist menschenleer, die Entfernung zum Meer,
-ja zu der Stelle, wo unser Boot verborgen liegt, beträgt
-von hier aus kaum tausend Schritt &ndash; dort,
-wo jener helle Fleck die Waldung lichtet, mündet der
-Bach, in dessen heimlichen Schatten wir eingelaufen.
-In einer halben Stunde können wir unten sein, und
-unsere Ruder tragen uns dann rasch dem sicheren
-Fahrzeug entgegen.«</p>
-
-<p>»Warum gehen wir denn aber nicht an die Arbeit?«
-frug Van Broon ungeduldig; »zum Henker
-noch einmal, mir wird's nicht behaglich zu Muthe,
-so lange ich diesen cannibalischen Boden unter mir
-fühle; es ist mir immer, als ob uns die Bäume
-ordentlich so mit einer Art von Gier und Gefräßigkeit
-ansähen, und mit dem größten Vergnügen das Holz
-dazu hergeben würden, uns zu braten. Wo hat denn
-dieses Monument, oder was es sonst sein mag, seinen
-Eingang?«</p>
-
-<p>»Nirgends,« erwiederte ihm Dumfry, aber immer
-<a class="pagenum" id="page_373" title="373"> </a>
-noch mit vorsichtiger Stimme &ndash; »es ist ringsherum
-auf solche Art umgeben &ndash; Manawatus Begräbnißplatz
-liegt unter dem geheiligten Gesetz des Tabu, nur
-wenn Einer aus seinem Geschlecht wieder stirbt,
-erlischt das Verbot. Nach der bestimmten Zeit und der
-Feier der Tangi<span class="top">[15]</span> bringen die »weisen Männer« die
-Gebeine hierher und wiederum verschließt das Gesetz
-den Eingang Jedermann.«</p>
-
-<p class="ci fss">[15]: Bei dem Tod eines Häuptlings oder eines sonst angesehenen
-Indianers entsteht ein großes Wehklagen, das die Neuseeländer
-<em class="ge">Tangi</em> nennen. Die Frauen zerschneiden sich Arme, Gesicht
-und Brust mit scharfen Muscheln, und die Kleider und das
-Eigenthum des Verstorbenen wird dann gewöhnlich in das Grab
-desselben gelegt &ndash; in den sogenannten <em class="ge">wahi tapu</em>, und muß
-dort mit ihm verwesen.</p>
-
-<p>»Wie kommen wir aber hinüber?« brummte Van
-Broon &ndash; »wir wollen wohl hier warten, bis Jemand
-kommt, um nachher die ganze Bevölkerung bei der
-Hand zu haben. Gebt dem Volk nur einen Vorwand,
-und wir stecken noch heute Abend Alle mit einander
-am schönsten Bratspieß, den sie auftreiben können.«</p>
-
-<p>Dumfry wandte sich von ihm ab, glitt eine kurze
-Strecke rasch zwischen, ja fast unter den hohen Farrenkräutern
-hin, die das Stacket dicht umschlossen, prüfte
-einige der Pallisaden mit der Hand, und kam auch
-bald an eine, die weniger fest in der Erde stack als die
-<a class="pagenum" id="page_374" title="374"> </a>
-übrigen. In diese schlug er mit aller ihm zu Gebote
-stehenden Kraft, indem er sich mit dem Rücken an
-die nächsten dicht daneben stellte, seinen Tomahawk,
-daß der Stiel nach oben kam. Der scharfe Stahl fuhr
-in das, durch die Jahre ziemlich weich gewordene
-Holz bis ans Heft hinein, und er gewann dadurch
-eine Handhabe, den sonst nicht gut erreichbaren
-Stamm anzufassen, und aus seinem Bett zu heben.
-Nach einigen, vergeblichen Versuchen gelang ihm dieß
-auch endlich, was einen schmalen Eingang in das
-Innere herstellte.</p>
-
-<p>Van Broon, obgleich er die Größe der Gefahr,
-der sie hier ausgesetzt waren, gar nicht kannte, ja
-nicht einmal ahnte, er wäre sonst wahrlich nicht so
-geduldig dabei stehen geblieben, fühlte doch eine gewisse,
-ihm selbst kaum erklärliche Angst, als er die
-Vorsicht und unverkennbare Scheu des sonst so kecken,
-trotzigen Mannes sah. Dumfry, der ihnen winkte,
-dort zu bleiben, wo sie gerade standen, kroch nämlich
-rasch und vorsichtig in das tollste Gewirr des hier dicht
-verschlungenen Oberholzes, und kein Laut wurde weiter
-von ihm gehört, kein Zeichen gab er, bis plötzlich seine
-Gestalt, aber weiter unterhalb, wieder auftauchte.
-Er trug jetzt das zusammengeheftete Fell irgend
-eines ihnen unbekannten Thieres im Arme und lief
-<a class="pagenum" id="page_375" title="375"> </a>
-mehr als er ging, dem engen Ausgange der Pallisaden
-zu, durch die er sich mit fast ängstlicher Hast ins
-Freie drängte. Kaum hatte er jedoch den inneren
-Raum verlassen, so legte er schnell seinen Pack auf
-den Boden nieder, stieß die früher herausgehobenen
-Pallisaden an ihren Ort zurück, und schien jetzt erst
-jedes Gefühl, was ihm bis dahin vielleicht Herz und
-Seele beengt haben mochte, stark und freudig von sich
-abzuschütteln.</p>
-
-<p>Hochauf athmete er, aus tiefer, voller Brust, und
-ein triumphirendes, fast höhnisches Lächeln zuckte um
-seine Lippen.</p>
-
-<p>»Nun fort,« rief er, und hob seine Last rasch wieder
-vom Boden auf, »fort, in wenigen Minuten sind
-wir am Ufer, dann zu Schiff und einem frohen, freudigen
-Leben entgegen!«</p>
-
-<p>»Und ist das Alles?«, frug Tomson erstaunt,
-»Alles was wir zu thun haben? Darum die entsetzlichen
-Vorbereitungen und Zurüstungen?«</p>
-
-<p>»Kommt! an Bord unseres guten Kasuar sollt
-Ihr Alles erfahren, nur jetzt von diesem Boden fort,
-der mir unter den Füßen zu brennen anfängt.«</p>
-
-<p>Und ohne weiter auch nur eine Antwort abzuwarten,
-warf er einen flüchtigen Blick zu der jetzt von dem
-gestiegenen Nebel fast umdüsterten Sonne empor, die
-<a class="pagenum" id="page_376" title="376"> </a>
-den Schleier mit ihrem rothen Gluthenlicht kaum zu
-durchdringen vermochte, und eilte so flüchtigen
-Schrittes rechts in das Dickicht hinein, daß ihm seine
-beiden Begleiter kaum zu folgen vermochten. Wohl eine
-Viertelstunde behielten sie diese Richtung bei, und jetzt
-zwar fortwährend thalab, die Hügel hinter sich lassend.
-Die Lichtung, auf die sie Dumfry schon am Begräbnißplatz
-aufmerksam gemacht, trat denn auch immer
-deutlicher und heller hervor, und einer kleinen, schmalen
-Anhöhe folgend, die als Scheide zweier Bäche
-dem Ufer entgegenlief, erreichten sie dieses, kaum
-zweihundert Schritte von der nämlichen Stelle, wo
-sie es betreten hatten, doch mehr seitwärts von der
-Mündung des Baches, und an einer von Holz
-fast freien, sandigen Fläche, die sich zwischen da,
-wo sie sich jetzt befanden und dem Ta-po-kaï ausdehnte.</p>
-
-<p>Dumfry überflog mit prüfenden Blicken das Terrain,
-nirgends aber ließ sich auch nur das mindeste
-Außergewöhnliche oder gar Gefährliche entdecken;
-kein lebendes Wesen war zu sehen, nur ein paar Albatrosse
-strichen mit langsam bedächtigen Flügelschlägen
-über die Bai, und dort hinten &ndash; gerade vor dem hellglänzenden,
-weißen Streifen, der den Eingang der
-Bucht wie mit einem schimmernden Zirkel umgab, lag
-<a class="pagenum" id="page_377" title="377"> </a>
-still und regungslos, die schneeigen Segel fest gegen
-die Masten geschlagen, der Kasuar, wie ein müder
-Seevogel, der nach langer, mühseliger Fahrt den
-Kopf unter die Flügel steckt, und sich schaukeln läßt
-von den krystallhellen, leise schwellenden Wogen &ndash;
-seiner Wiege und Heimath.</p>
-
-<p>»Bei Gott!« brach da Tomson das Schweigen,
-und schaute ängstlich nach dem südlichen Horizont
-hinüber, den er erst von hier aus recht überblicken
-konnte &ndash; »es wird Zeit, daß wir an Bord kommen
-&ndash; Dumfry, dort hinten steigt ein Wetter herauf,
-und, wenn uns das hier noch in der Nähe jener Riffe
-erwischt, so können wir uns auf das Schlimmste gefaßt
-machen. Es wäre ein Spaß, wenn wir nachher
-wieder an die Küste geworfen würden.«</p>
-
-<p>»Sollten jene weißgrauen Streifen Böses deuten?«
-frug der Verkleidete, und schien sie scheu und finster
-zu betrachten&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Gutes auf keinen Fall,« brummte der Seemann,
-»will's wünschen, daß wir mit 'nem blauen Auge
-davonkommen.«</p>
-
-<p>»Gentlemen beabsichtigen vielleicht, hier am Waldrand
-heute Abend Thee zu trinken,« unterbrach sie
-aber hier der ungeduldig werdende Holländer &ndash; »zum
-Henker auch, sollen wir etwa hier stehen bleiben, <em class="ge">bis</em>
-<a class="pagenum" id="page_378" title="378"> </a>
-das Alles eintrifft, was Sie beide jetzt befürchten?
-&ndash; Wo liegt unser Boot?«</p>
-
-<p>»Gerade dort drüben in jener Waldecke,« erwiederte
-ihm Dumfry &ndash; »aber Sie haben recht, ein
-Ueberlegen könnte hier ohnedieß nichts frommen, <em class="ge">jetzt</em>
-müssen wir durch &ndash; kommen Sie« &ndash; und wiederum
-zog er die Matte über sein Gesicht, die er, seit sie den
-Begräbnißplatz verlassen, fast fortwährend zurück
-geworfen getragen hatte, und schritt den beiden Freunden
-rasch voran, zuerst in die niedere Sandfläche hinab,
-die in Zeit der Fluth von den Wogen bedeckt
-wurde, und dann einen grasigen Anwuchs wieder
-hinauf, der sich der Waldspitze zuzog und überhaupt
-den ganzen, bewachsenen Küstenstrich mit einem hellgrünen
-freundlichen Kranz umgürtete.</p>
-
-<p>Je weiter sie aber jetzt den Wald hinter sich ließen,
-desto freieren Ueberblick gewannen sie über den, mit
-jedem Augenblick drohender werdenden Himmel, und
-Tomson blieb, als sie etwa die Mitte der Sandfläche
-erreicht, stehen, um das Aussehen der Wolken besser
-beobachten zu können. Da fiel sein Auge, vielleicht
-durch einen sich dort regenden Gegenstand hingezogen,
-auf den hellgrünen Rand des Waldes, und ein Ausruf
-der Ueberraschung entfuhr fast unwillkürlich seinen
-Lippen, als er gerade da, wo sie eben die Holzung
-<a class="pagenum" id="page_379" title="379"> </a>
-verlassen, mehre in bunte Matten gekleidete Indianer
-erblickte, die eben den Baumschatten verließen, und
-langsam ihren Fährten zu folgen schienen.</p>
-
-<p>Dumfry und Van Broon drehten sich rasch nach
-ihm um, die dunklen Gestalten traten aber zu deutlich
-aus dem lichten Hintergrund hervor, als daß es noch
-einer Erklärung bedurft hätte. Van Broon wollte
-sich denn auch, sowie sein Blick nur auf den Federschmuck
-der Krieger fiel, ohne weiteres davon machen,
-Dumfry aber erfaßte seinen Arm und flüsterte
-ihm schnell und heftig zu:</p>
-
-<p>»Halt, Sir, keine Uebereilung &ndash; wenige hundert
-Schritt von hier entfernt liegt unser Boot, fliehen
-wir jetzt, so erregen wir Verdacht, gehen wir aber
-ruhig fort, bis wir nur erst die Büsche zwischen uns
-und jenen haben, so gewinnen wir entweder hinlänglichen
-Vorsprung uns einzuschiffen, oder &ndash; wir
-haben Feuergewehre genug, jene kleine Schaar unschädlich
-zu machen. Langsam, Gentlemen, langsam
-sehen Sie, dort vorne &ndash; ha!« schrie er und riß sein
-Gewehr entsetzt empor, denn auch vor ihnen, gerade
-dort, wohin ihr Weg gerichtet war, und wohin er
-deutete, theilten sich die Büsche, und sieben oder acht
-braune, trotzige Gestalten, mit Büchsen und Streitkolben
-bewaffnet, ja Einzelne sogar mit der, ihm nur
-<a class="pagenum" id="page_380" title="380"> </a>
-zu gut bekannten, langhaarigen Kriegsmatte bekleidet,
-traten ihnen entgegen, und hielten somit genau den
-Pfad besetzt, der sie allein zu ihrem Boote führen
-konnte.</p>
-
-<p>Van Broon stieß einen Schrei des Entsetzens aus,
-Tomson aber, der schon aus dem Benehmen Dumfry's
-ersehen hatte, daß ihnen in der That mehr Gefahr
-drohe, als dieser eigentlich gestehen wollte, griff
-nach seinen Pistolen, untersuchte, ob die Zündhütchen
-noch festsäßen, rückte den Griff seines Cutlaß ein klein
-wenig mehr nach vorn, und schien dann ruhig den
-Erfolg abwarten zu wollen. Dumfry selbst war wohl
-ebenfalls nur durch die erste Ueberraschung außer
-Fassung gebracht, denn auf ein Zusammentreffen mit
-Indianern hatte er sich ja schon durch seine angenommene
-Tracht vorbereitet; fester nur zog er die Matte
-über sein Gesicht nieder, flüsterte seinen beiden Begleitern
-leise Muth zu, und schritt dann, die Richtung
-ein klein wenig verändernd, der äußersten Waldspitze
-zu, um, wenn die Indianer ihre Jölle etwa noch
-nicht gefunden hätten, wenigstens nicht selbst zu voreilig
-deren Lage zu verrathen. Hatte er aber zugleich
-gehofft, von den Eingeborenen unbeachtet zu bleiben,
-so sah er sich darin jedenfalls getäuscht, denn diese
-wandten sich, sobald sie seinen veränderten Curs bemerkten,
-<a class="pagenum" id="page_381" title="381"> </a>
-ebenfalls langsam der Waldspitze zu, und
-Dumfry, der nun wohl fand, daß er nicht im Stande
-sein würde, ihnen auszuweichen, suchte jetzt nur so
-unerschrocken als möglich aufzutreten. Hielten ihn die
-Neuseeländer, was auch von vornherein seine Absicht
-gewesen, für einen, unter dem Tabu stehenden Führer
-der Weißen, so hatten sie nichts zu fürchten, denn
-noch waren diese uncivilisirten Stämme zu wenig mit
-Weißen in Berührung gekommen, die Pflicht der
-Gastfreundschaft gegen Fremde ganz vergessen zu
-haben.</p>
-
-<p>Rasch näherten sie sich den Insulanern, die nun
-ihrerseits die drei Fremden ruhig erwarteten; Dumfry
-aber, so keck und zuversichtlich er früher gewesen schien,
-schrack doch, als er nahe genug kam, die Züge des
-Häuptlings zu erkennen, augenscheinlich zurück und
-sprach, anstatt die erste Begrüßung diesen Herrn des
-Bodens zu geben, kein einziges Wort. Die Wilden
-ihrerseits, die, hier noch dazu in der Mehrzahl, eine
-solche Artigkeit wohl erwarten zu können glaubten,
-schwiegen ebenfalls und Tomson, durch Dumfry's
-Betragen zuerst überrascht, trat endlich vor, streckte
-dem, den er für den Häuptling hielt, die Hand entgegen
-und sagte mit seinem offenen und ehrlichen
-Ton:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_382" title="382"> </a>
-»Gott zum Gruß, Gentlemen, ich weiß freilich
-nicht, ob Sie englisch verstehen, thut aber auch nichts
-&ndash; werden schon wissen &ndash;«</p>
-
-<p>»Sei der Gruß so treu gemeint, wie er klingt!«
-erwiederte, zu des Seemanns unbegrenztem Erstaunen,
-der Wilde nicht allein in ziemlich reinem Englisch,
-sondern auch noch sogar mit einem leichten Anflug
-irischen Dialekts, und ergriff dabei die dargebotene
-Rechte.</p>
-
-<p>Es war eine hohe, stattliche Figur dieser Häuptling
-der neuseeländischen Krieger &ndash; sein braunes,
-von funkelnden, sprechenden Augen belebtes Antlitz
-durchzogen die regelmäßig, ja fast zierlichen Linien,
-die des Tättowirers Hand darauf zurückgelassen; sein
-Haupt schmückten rechts und links die mächtigen Flügel
-eines schwarzen Falken, und die rauhe Kriegsmatte
-hing ihm weit nach vorn über die linke Schulter
-und den Rücken hinab, daß nur der rechte, nackte
-Arm frei und unbehindert blieb. Einzelne weiße
-Albatroßfedern trug er in den Ohren, um den Nacken
-aber das Amulet seines Stammes, den grünen Teiki<span class="top">[16]</span>
-<a class="pagenum" id="page_383" title="383"> </a>
-mit seinen rothen, glänzenden Augen. Das Haar
-hing ihm, wie das auch theilweise auf den Inseln
-Sitte ist, lang und glatt über den Nacken herab, und
-seine Füße waren &ndash; ein nicht seltener Tauschartikel
-nordamerikanischer Wallfischfänger &ndash; mit buntgestickten
-Moccasins bedeckt, die vielleicht eine junge
-Squaw,<span class="top">[17]</span> weit in den fernen Prairieen Amerikas
-gearbeitet, ohne daran zu denken, daß sie die Füße
-eines tausende von Meilen entfernten Kriegers schmücken
-sollten.</p>
-
-<p class="ci fss">[16]: Die Neuseeländer lieben, wie fast alle wilde Nationen, den
-Putz, und schmücken besonders gern Kopf und Ohren, wie ihre
-Waffen, Häuser und Begräbnißplätze mit bunten, wehenden Federn;
-der kostbarste geachtetste Zierrath aber ist eine kleine, eigenthümliche
-Figur, Teiki genannt, die einen wunderlich gestalteten
-Mann mit großen rothen Augen vorstellt. Dieser Schmuck wird
-aus einem besondern grünen Stein geschnitten, und für einen
-Amulet, daher auch für ungemein werthvoll gehalten, und selten
-trennt sich ein Eingeborner von solchem Heiligthum, das als Erbstück
-gewöhnlich in den Familien bleibt.</p>
-
-<p class="ci fss">[17]: Nordamerikanische Indianerin.</p>
-
-<p>Seine Begleiter waren sämmtlich mit Feuergewehren
-bewaffnet, er selbst aber trug nur an seinem
-Handgelenk den Mirei, und zwar aus einem einzigen
-Stück eben des kostbaren, grünen Steines geschnitten,
-aus dem auch das, an seinem Nacken hängende Amulet
-bestand, während er in der Rechten den Häuptlingsstab<span class="top">[18]</span>
-hielt, der mit seinem wunderlich geschnitzten
-<a class="pagenum" id="page_384" title="384"> </a>
-Kopf, den rothen Papageifedern und Büscheln
-von Hundehaaren von weitem einer jener alten Hellebarden
-glich, aber keineswegs als Waffe bestimmt
-schien, sondern nur die Autorität des Führers bezeichnen
-sollte.</p>
-
-<p class="ci fss">[18]: Dieser Stab, von den Neuseeländern I Henei genannt,
-ist ein eigenthümliches, fast scepterartiges Emblem der Häuptlinge.
-Er besteht aus hartem Holz, und trägt als Knopf ein grotesk geschnitztes
-Gesicht mit ausgestreckter Zunge &ndash; was den Trotz gegen
-die Feinde bedeuten soll &ndash; die Augen sind aus kleinen Stücken
-Perlmutter hergestellt, und rothe Papageienfedern und Büschel
-von Hundehaaren umwehen ihn. Dieser Stab wird sowohl im
-Krieg als am Berathungsfeuer geführt, und zwar jedesmal dem
-Häuptling übergeben, der gerade das Wort führt. Er behält ihn
-dann hoch in der Hand und läuft damit vor den ihm aufmerksam
-Zuhörenden, im Eifer seiner lebendig ausgestoßenen Worte, auf
-und ab.</p>
-
-<p>Während er dem Europäer die rechte Hand reichte,
-ließ er diesen Stab gegen seine Schulter fallen, und
-nahm ihn erst wieder auf, als er einen Schritt zurücktrat,
-und seine Augen jetzt fest auf den angeblichen
-Indianer geheftet hielt, der jedoch, seinen Kopf ebenfalls
-erhoben, die Büchse, wie nachlässig, in der
-Biegung des linken Armes, doch zum augenblicklichen
-Dienst bereit, trug, und nur einmal leise das Haupt
-wandte, um zu sehen, ob sich die übrigen Indianer
-ebenfalls zu ihnen gesellt hätten. Diese waren kaum
-noch hundert Schritte zurück, und einige von ihnen
-<a class="pagenum" id="page_385" title="385"> </a>
-zogen sich langsam nach dem Meeresufer hinab. Die
-Weißen wurden auf diese Art von den dunklen, drohenden
-Gestalten rings umzingelt, und durften an
-Flucht nicht mehr denken; es galt jetzt nur noch, das
-Spiel, was sie begonnen, fest und ernst zu Ende zu
-führen.</p>
-
-<p>Da brach der neuseeländische Häuptling zuerst das
-Schweigen, er stützte sich auf den Henei, den er in
-der Hand hielt, und sagte, während er die Blicke fest
-auf den falschen Indianer heftete, in der Sprache der
-Maories:</p>
-
-<p>»Deine Hand ist bewaffnet, aber Dein Antlitz
-verhüllt, &ndash; braucht das Haupt, das der Tabu beschützt,
-die feindliche Wehr? fürchtet mein Bruder,
-daß ein Maori die Keule gegen ihn zücken werde? oder
-kennt er die Gesetze des Landes nicht? &ndash; Ein <em class="ge">Maori</em>
-ist sicher!«</p>
-
-<p>»Wohl kenn' ich die heiligen Gesetze« erwiederte
-der Verkleidete, und die Stimme drang unter der vorhängenden
-Matte dumpf hervor &ndash; »ich habe Nichts
-zu fürchten, und nur als Begleiter dieser Weißen
-trage ich die Waffe &ndash; kein Freundesblut klebt an
-meiner Hand, und daheim in meinem Pah stehen die
-Schädel meiner Feinde &ndash; ein Maori ist sicher!«</p>
-
-<p>»Das lügst Du, <em class="ge">falscher</em> Maori!« schrie da
-<a class="pagenum" id="page_386" title="386"> </a>
-plötzlich, sich zu seiner vollen Höhe erhebend, der
-wilde Krieger, und schwang den Stab, den er in der
-Rechten hielt &ndash; »Bleicher Verräther! wirf die heilige
-Hülle ab, die Dir nicht gebührt &ndash; zu Boden mit
-Dir, Mac Donald &ndash; Mörder Deines Weibes, zu
-Boden, denn die Stunde der Rache hat Dich ereilt!«</p>
-
-<p>Wie von einem jähen Strahl getroffen, schrack der
-entlarvte Verbrecher, als die ersten zürnenden Laute
-sein Ohr erreichten, zusammen. &ndash; <em class="ge">Verloren</em> &ndash; das
-Blut schoß ihm in eisiger Kälte zum Herzen, &ndash; aber
-es war nur ein Augenblick, was hatte er auch jetzt
-noch zu wagen, wo <em class="ge">Alles</em> auf dem Spiele stand.</p>
-
-<p>»Zu mir, Tomson!« schrie er, und mit Blitzesschnelle
-fuhr die Büchse empor &ndash; ein Moment, und
-der scharfe, blendende Strahl zuckte aus dem Lauf &ndash;
-harmlos aber zischte die Kugel über dem Kopf des
-Häuptlings hin in die Luft, denn dieser, die Absicht des
-Feindes schon vorherahnend, traf mit seinem langen,
-gewichtigen Stab das Rohr von unten, und schlug
-es gerade im entscheidenden Augenblick empor. Tomson
-riß jetzt zwar auch mit der Rechten seinen Cutlaß,
-mit der Linken die eine Pistole hervor, von allen
-Seiten warfen sich aber die Eingeborenen über ihn,
-und während die Nächsten gegen Mac Donald anstürmten,
-und ihn zu Boden schleuderten, faßten und
-umschlangen die Uebrigen den Seemann und seinen,
-<a class="pagenum" id="page_387" title="387"> </a>
-schon vor Angst halbtodten Gefährten, banden ihnen
-die Hände auf den Rücken, und nahmen ihnen Alles
-ab, was niet- und nagellos an ihnen war.</p>
-
-<p>Mac Donald kämpfte aber wie ein Rasender &ndash;
-den Tomahawk hatte er, als er seine Kugel vergeudet
-sah, aus der Scheide gerissen, und der Streich, den
-er damit gegen den, auf ihn eindringenden Häuptling
-führte, wäre jedenfalls für diesen verderblich geworden,
-hätte nicht in demselben Augenblick der
-Schlag eines Patu<span class="top">[19]</span> seine Stirne getroffen, und ihn
-besinnungslos zu Boden geworfen.</p>
-
-<p class="ci fss">[19]: Der <em class="ge">Patu</em> ist ebenfalls eine beliebte und fürchterliche
-Waffe der Insulaner. Er besteht aus leichtem Holz, ist etwa vier
-Fuß lang und hat oben eine beilartig geschärfte Kante. Der
-Kopf ist, wie bei dem Henei, mit Federn und Haarbüscheln geschmückt.</p>
-
-<p>Noch im Stürzen griff er nach dem Fell, das er
-bis dahin, von dem Tapamantel verdeckt, bei sich getragen,
-des Häuptlings Faust lag aber an seiner
-Kehle, und als dieser die Matte von seinem Antlitz
-riß, und die wilde, ihn umdrängende Schaar <em class="ge">den</em>
-erkannte, den sie als ihren Todfeind geächtet und verfolgt,
-da stieg jauchzendes Triumphgeschrei in die
-Lüfte, und der Führer mußte seinen Stab über das
-Opfer legen, daß die gerechte Rache nicht dem entzogen
-würde, dem sie gebührte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_388" title="388"> </a>
-Tomson, der in Kampf und Ueberfall, ja sogar
-in der eigenen Noth und Lebensgefahr, in der er
-selbst sich befand, doch nicht das immer drohender
-werdende Firmament vergessen hatte, und ängstlich
-dabei seines armen Fahrzeugs gedachte, rang noch
-wüthend mit denen, die ihn hielten und bewachten.
-Der Häuptling aber, als er den eigenen Feind in
-sicherem Gewahrsam sah, schritt auf ihn zu, legte die
-Hand leicht auf seine Schulter und sagte, während
-ihm der Seemann mit finster drohendem Blick ins
-Auge schaute.</p>
-
-<p>»Fürchtet nichts, Sir. &ndash; Nicht Ihr habt die Gesetze
-unseres Landes gebrochen und mit Füßen getreten,
-wie es Jener that. Er <em class="ge">log</em>, als er Euch
-sagte, daß er nur Einen der ihm feindlich gesinnten
-Häuptlinge im offenen Kampfe erschlagen. Er log,
-als er sich unter Heki's Schutz erklärte, denn ich bin
-Heki selbst, und keinen grimmigeren Feind hat er auf
-dieser Welt, als mich. Aus dem, durch das Gesetz
-des Tabu geheiligten Platz stahl er das Eigenthum
-seines, durch ihn schändlich gemordeten Weibes, und
-wie ein feiger Verräther entfloh er damals der gerechten
-Strafe. Er <em class="ge">log</em> auch, als er sich für den
-Eigenthümer, auch nur eines Fuß breit neuseeländischen
-Bodens erklärte &ndash; dem <em class="ge">Gatten</em> meiner Schwester
-gehörte es, nicht ihrem <em class="ge">Mörder</em>. Nur zu gut
-<a class="pagenum" id="page_389" title="389"> </a>
-kannte er aber unsere Sitten, und vielleicht wäre es
-ihm gelungen, unter dem Schutz desselben Glaubens,
-den er zu gleicher Zeit brach und schändete, seinen
-Raub in Sicherheit zu bringen, hätte ihn nicht sein
-Etuë<span class="top">[20]</span> selbst in die Hand der Rache gegeben. Nur
-ihm gilt jetzt unser Zorn. Ihr dagegen mögt in
-kurzer Zeit ungehindert zu Euerem Fahrzeug zurückkehren;
-doch hütet Euch, neuseeländischen Boden
-wieder zu betreten.«</p>
-
-<p class="ci fss">[20]: Die bösen Geister der Neuseeländer.</p>
-
-<p>Tomson, obgleich aufs Aeußerste erstaunt, wie
-der Neuseeländer Alles das wissen konnte, was sie
-doch an Bord seines eigenen kleinen Kasuar verhandelt,
-war dennoch gerade jetzt viel zu sehr mit
-diesem selbst beschäftigt, um irgend einem anderen
-Gegenstand einen mehr als flüchtigen Gedanken zu zollen.</p>
-
-<p>»Ungehindert?« rief er trotzig, und schaute mit
-wildem und doch besorgtem Blick nach dem südlichen
-Horizont hinüber &ndash; »seht dort das aufsteigende
-Wetter an, und sagt dann noch einmal, daß es ungehindert
-geschehen wird. Seeschlangen und Eisbären!
-wenn der Sturm dort unser kleines Fahrzeug
-an jenen verdammten Riffen überrascht, möchte ich
-keinen Schilling für Alles, was an Bord lebt, geben.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_390" title="390"> </a>
-»Will Euch Euer Gott strafen, daß Ihr den
-Frieden dieses Landes gebrochen,« sagte der Wilde
-ruhig, »was kümmert das mich. Ich war es nicht,
-der Euch hierhergerufen.« Und ohne die Gefangenen
-weiter eines Blickes zu würdigen, wechselte er einige
-Worte mit seinen Leuten, und schritt diesen langsam
-voran in das Dickicht, wohin ihm die Schaar, die
-Gefangenen in der Mitte, folgte.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Die Sonne sank &ndash; im Westen deckten nur leise,
-purpurne Dunstschleier den Horizont, düster aber
-und schwarz von dem Wiederglanz der scheidenden
-Strahlen, thürmten sich im Süden immer dichtere,
-undurchdringlichere Wolkenmassen empor. Was der
-Tag und die sengende Gluth seines Gestirns bis
-dahin niedergehalten, quoll jetzt in nicht mehr dämmbarer
-Gewalt höher und höher. Aber nicht rasch
-stürmte es herbei, wie die jähen Gewitter des Golfstroms,
-mit ihren daherjagenden Böen und Wirbelstößen,
-langsam kämpfte es seine Bahn herauf,
-gegen den heißen Nord, langsam aber sicher gewann
-es sich jeden Fuß breit Bahn, und die Wasser der
-Bai, als ob sie den nahen und fürchterlichen Kampf
-der Elemente ahneten, schmiegten sich leicht zitternd
-an das Ufer an, und hoben nur manchmal, in
-<a class="pagenum" id="page_391" title="391"> </a>
-kleinen, ängstlichen Spritzwellen die Häupter, um zu
-sehen, ob der gefürchtete Gegner noch nicht nahe,
-und sie aufrüttele aus ihrer stillen, friedlichen Ruhe.</p>
-
-<p>Delphin und Schwertfisch zogen sich in ihre
-dunkle Tiefe hinab, und das Albatroß selbst suchte,
-die schweren, mächtigen Fittiche hebend, den Schutz
-des festen Landes, während nur noch »Mutter Careys
-Küchelchen,« die flüchtige Sturmschwalbe der Meere,
-in leichten Kreisen über die Wogen strich, und mit
-den nach ihr aufspritzenden Wassern zu spielen schien.</p>
-
-<p>Rasch, wie der Tag entstanden, sank er in Nacht
-zurück, graue Dämmerung, durch all' die schwarzen,
-empordrängenden Nebelschichten nur noch unheimlicher
-und düsterer gemacht, hüllte bald den stillen Wald in
-ihren grauen Schleier, und Meer und Luft verschmolzen
-zu einer ununterscheidbaren Masse.</p>
-
-<p>Nur der leuchtende Schaum einzelner Wellen stach
-weiß und geisterhaft gegen seinen dunklen Hintergrund
-ab, und durch das leise, kochende Gähren und Brausen,
-aus all' der Nacht und Finsterniß hervor, strahlte
-das helle, einzelne Licht des fernen Schooners, während
-drei, rasch nach einander abgefeuerte Schüsse die
-fernen Freunde vor der nahen drohenden Gefahr
-warnten.</p>
-
-<p>Da glitt aus der sicheren, schmalen Mündung des
-Ta-po-kaï, zwischen den weit überhängenden, schaukelnden
-<a class="pagenum" id="page_392" title="392"> </a>
-Zweigen vor, eines der langen, scharfgebauten,
-neuseeländischen Canoes, deren Führung die
-Eingeborenen mit so meisterhafter Hand zu leiten
-wissen. Acht Männer saßen an den Rudern, doch mit
-den Gesichtern nach vorn, und die Ruder frei in den
-Händen, während Heki, seinen Stab noch immer in
-der Rechten, mit der Linken dagegen das hohe, mit
-Albatroßfedern gezierte Steuer regierend, aufrecht im
-Stern des Canoes stand und den Lauf des flüchtigen
-Bootes lenkte. Im Boden desselben, und dicht vor
-dem Häuptling, lagen drei dunkle gebundene Gestalten,
-aber kein Wort kam über ihre Lippen, schweigend
-starrten sie zu dem, drohend über ihn ausgespannten
-Firmament empor, und ebenso lautlos tauchten die
-Eingeborenen ihre Ruder in die nur leise zischenden
-Wogen, über die sie mit Pfeilesschnelle dahinschossen.</p>
-
-<p>Es war Ebbe und die Strömung trug sie ihrem
-Ziel gerade entgegen, doch hielt der Steuernde nicht
-gerade auf das Licht zu, sondern ließ dasselbe eher
-zur rechten liegen, als ob er durch den engen Kanal
-in die offene See hinausfahren wollte. Tomson mußte
-auch wohl einen solchen Verdacht gefaßt haben, denn
-er hob mehre Male ängstlich den Kopf und starrte
-nach seinem Fahrzeug hinüber; endlich konnte er es
-aber nicht länger aushalten, und versuchte sich mit
-<a class="pagenum" id="page_393" title="393"> </a>
-einem leise gemurmelten Fluch emporzurichten. Da
-wandte sich der, dicht vor ihm kauernde Insulaner
-rasch nach ihm um, und das drohend gehobene,
-schwere Ruder verrieth nur zu deutlich, was ihm bevorstehe,
-wenn er sich jetzt einer Macht nicht geduldig
-füge, der er doch keinen Widerstand zu leisten vermochte.
-Van Broon lag, halbtodt vor Angst und
-Entsetzen, neben ihm &ndash; wer aber konnte die dritte,
-regungslose Gestalt im Boote sein? Hatten die Wilden
-ihrer Rache wirklich entsagt, oder &ndash; großer Gott,
-war es gar <em class="ge">die Leiche</em> Dumfry's, die sie &ndash; nein,
-der Körper lebte und bewegte sich, doch weiter vermochte
-der Seemann Nichts zu erkennen. Seine Aufmerksamkeit
-wurde auch jetzt zu sehr auf den Schooner
-selbst gelenkt, denn der Bug ihres Canoes neigte sich
-plötzlich diesem zu, und hielt gerade darauf hin.</p>
-
-<p>Jetzt schienen aber auch die Geister des Sturmes
-zum ersten Mal die Fesseln zu brechen, die sie bis dahin
-in Schranken gehalten; ein greller Blitz erleuchtete
-mit fast mehr als Tageshelle das südliche Firmament,
-die hochaufkochenden Wasser, und während
-noch der Donner in weiter Ferne nachrollte, kam der
-brausende Orkan jubelnd und jauchzend über das
-Meer daher, griff wie im Spiel die zurückschreckenden
-Wogen auf, und trug ihren glänzenden, funkelnden
-Schaum hoch mit sich in die wirbelnde Luft hinein.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_394" title="394"> </a>
-Das Canoe arbeitete sich indessen mit rasender
-Schnelle durch und über den gährenden Schaum hin,
-der die ganze See bedeckte. Schon konnten sie die
-dunklen Umrisse des Kasuar selbst erkennen, und in
-dem nämlichen Augenblick, als ein zweiter blendender
-Strahl sein weißes Licht über das Meer goß, glitt
-es dicht an die Bulwarks des, noch vor seinem Anker
-reitenden Schooners hinan. Im Nu war es am Bug
-desselben befestigt, und die wachthabenden Matrosen
-fuhren entsetzt empor, als plötzlich, wie der stürmischen
-Tiefe entstiegen, dunkle, geisterhafte Gestalten
-an ihren Bord sprangen. Wohl griffen sie, kaum
-etwas anderes, als einen nächtlichen Ueberfall der
-Wilden ahnend, und zum Tod erschreckt, zu Allem,
-was ihnen nur als Wehr und Waffe unter die Hände
-kam. Ehe sie aber selbst im Stande waren, das recht
-zu begreifen, was um sie her vorging, erschütterte
-plötzlich ein heftiger Stoß den zitternden Schooner
-bis in seinen Kiel hinab. Zu gleicher Zeit, ja fast in
-demselben Moment, gellte ein wildes, dämonisches
-Jubelgeschrei in ihre Ohren, und der dunkle Schatten
-des schlanken Canoes schnellte plötzlich wieder von
-ihrem Fahrzeug zurück, in die weiße, zischende Fluth.
-Trotzig bäumten sich die in zürnendem Unmuth anwachsenden
-Wogen darum her, und griffen mit den
-zerrinnenden Armen danach, doch unberührt von dem
-<a class="pagenum" id="page_395" title="395"> </a>
-Allen, und still und regungslos, wie sie gekommen,
-stand die hohe, dunkle Gestalt am Steuer, die Ruderer
-arbeiteten, und das Canoe schoß, wie von Geisterhand
-getragen, durch den aufgerüttelten Grimm des
-tobenden Elements.</p>
-
-<p>»Hülfe!« ächzte in diesem Augenblick Van Broon,
-der durch das Steigen des Schooners von dem Platz
-wo er lag, gegen die Bulwarks angeworfen wurde
-und jetzt nichts anderes glaubte, als er läge schon
-über Bord &ndash; »Hülfe &ndash; Hülfe!«</p>
-
-<p>Die Matrosen trauten kaum ihren Sinnen, als
-sie die bekannte Stimme hörten, der Ruf ihres Capitäns
-riß sie aber bald aus ihrem ersten stummen
-Staunen.</p>
-
-<p>»Alle an Deck!« schrie er. »Alle an Deck, und hier
-&ndash; Bill, Ned &ndash; Bob &ndash; Donnerwetter ist keiner der
-Hallunken da &ndash; bindet uns los hier &ndash; verdamm
-Euere Augen, hört Ihr nicht?«</p>
-
-<p>Rasch sprangen die ihm nächsten hinzu, und wenn
-sie auch nicht begreifen konnten, was hier vorgegangen,
-ja kaum, wie ihr Capitän eigentlich an Bord
-gekommen sei, so ließ ihnen die Gefahr des Augenblicks
-doch keine Zeit zu Fragen und Erstaunen &ndash;
-hier galt es nur zu handeln, und schnell banden sie
-die Stricke los, mit denen die drei Gefangenen umwunden
-waren. Da erhellte wiederum ein zuckender
-<a class="pagenum" id="page_396" title="396"> </a>
-Strahl das Meer &ndash; Tomson's, wie fast aller Uebrigen
-Blicke fielen neugierig auf die dritte Gestalt, die
-noch immer laut- und regungslos zwischen ihnen
-stand, und das Erstaunen läßt sich denken, mit dem
-sie fast zu gleicher Zeit ausriefen &ndash; »Ned &ndash; der
-Sträfling!«</p>
-
-<p>Obgleich nun Tomson allerdings nicht begriff,
-wie der Sträfling sowohl ans Ufer, als auch in ihr
-Boot gekommen sein könne, so wurde ihm doch jetzt
-auch plötzlich klar, daß es eben dieser Bube sein müsse,
-der sie verrathen und ihren Feinden überliefert hätte.
-Die Sorge um sein Fahrzeug ließ ihm aber für den
-Augenblick keine Zeit zu solchen Betrachtungen.</p>
-
-<p>»Segel los« &ndash; schrie er &ndash; »Pest und Teufel, wir
-treiben &ndash; die heillosen Schufte haben unser Ankertau
-durchgehauen &ndash; steht bei dem Gaffelsegel, ihr Leute
-&ndash; die Brefock auf &ndash; steht bei, sag' ich &ndash; Schufte
-die Ihr seid« &ndash; und rasch, unter wild gegebenen Befehlen
-und Flüchen sprang der würdige Seemann
-selbst ans Steuerruder, während die Matrosen, in
-der eigenen Gefahr Alles übrige um sich her vergessend,
-nur den Schooner vor dem ihm drohenden Verderben
-zu bewahren suchten.</p>
-
-<p>So rasch die Fluth nämlich, als sie an diesem
-Morgen in die Bucht eingelaufen, das enge Felsenthor
-landeinwärts durchströmte, so reißend schoß auch
-<a class="pagenum" id="page_397" title="397"> </a>
-jetzt, noch von dem wirbelnden Wind getrieben, die
-Ebbe hinaus, und das kleine, schaukelnde Fahrzeug,
-das in der letzten Minute den Felsen näher und näher
-getrieben war, fühlte kaum den Druck des Segels,
-unter den es das schnell gerichtete Steuer brachte, als
-es sich auch im wilden Ansprung auf die nächste Woge
-schwang, und jetzt, von Strömung und Wind begünstigt,
-rasend schnell durch die Fluth dem gähnenden
-Thor entgegen brauste. Kaum noch hundert
-Schritt war es von diesem entfernt &ndash; deutlich konnten
-sie das wilde Anstürmen der Wogen erkennen, die
-sich wie feurige Strahlenkämme an seinen starren
-Häuptern brachen &ndash; jetzt schien es, als ob der
-zitternde Schooner, mit vollem, gewaltigen Anlauf,
-toll und wild gerade hinanstürmen wolle auf den Felsenkamm,
-der ihn zerschmettert der Tiefe zusenden
-mußte. Die Mannschaft stand unthätig am Bug &ndash;
-die nächste Secunde sollte ihr Schicksal entscheiden,
-und nur noch wenige Klaftern Seeraum trennte sie
-von ihrem Tod. Dicht vor ihnen ragte der Fels empor,
-und das Schiff &ndash; ha, es neigte sich ab &ndash; großer
-Gott, jener scharrende Laut, der das Herzblut der
-Männer stocken machte &ndash; es war die Seitenwand
-des Kasuar im vorbeischnellenden Druck an der Steinsäule
-des linken Thores. &ndash; Und der Schooner? &ndash;
-frei und frank schoß er von der nachdrängenden Fluth
-<a class="pagenum" id="page_398" title="398"> </a>
-gehoben, in die offene See hinaus, dicht hinein in
-das enggereefte Segel legte sich der nachdrängende
-Sturm, und wie dem Element angehörig, tanzte das
-wackere, kleine Seeboot gerettet auf dem wogenden,
-zürnenden Meer.</p>
-
-<p>Noch hatten sich die Matrosen nicht von der fürchterlichen
-Angst des Augenblicks erholt &ndash; noch standen
-die Leute still und regungslos an ihren Plätzen, und
-wagten es kaum zu glauben, daß die Gefahr jetzt
-wirklich vorüber sei, denn die offene See fürchtete
-keiner, da rief sie aufs Neue Tomson's Stimme zu den
-eben vorübergegangenen, aber in der Gefahr des
-Augenblicks schon fast vergessenen Scenen zurück.</p>
-
-<p>»Bindet den Schuft &ndash; den Ned, und werft ihn
-in den Raum hinunter &ndash; Du Bob, nimm hier das
-Steuer, bis ich einen Anderen der Leute herschicke.
-Hallo &ndash; wo ist Van Broon &ndash; wo ist der Holländer,
-hat ihn die Angst getödtet?«</p>
-
-<p>Das war jedoch keineswegs der Fall; der würdige
-Mann hatte in der That von dem Umfang der Gefahr,
-die sie eben noch bedroht, keine Ahnung gehabt,
-sondern nur ruhig seinen Platz hinter einem der
-Wasserfässer behauptet, wo er wenigstens nicht durch
-das Schaukeln des Fahrzeugs umhergeworfen werden
-konnte. Seine ganze Aufmerksamkeit schien aber bis
-dahin ein ziemliches, ansehnliches Packet ausschließlich
-<a class="pagenum" id="page_399" title="399"> </a>
-beschäftigt zu haben, das ihm die Insulaner, als
-sie ihre Gefangenen an Bord des Kasuar gebracht, in
-den Arm gedrückt, und dessen Inhalt er der vielen
-darum gewundenen Bänder wegen, noch nicht erforschen
-gekonnt, obgleich es ihm bei dem Leuchten der
-Blitze allerdings so vorkam, als ob das darumgeschlagene
-Fell dasselbe sei, was Dumfry auf der Insel
-geraubt und wegen dem sie, wie er jetzt wohl glauben
-mußte, die ganze unglückselige Fahrt unternommen.
-Sobald er übrigens Tomson's Ruf hörte, arbeitete
-er sich nach besten Kräften zu ihm hin, und dieser,
-nachdem er ihm mit kurzen Worten die Existenz des
-Packets, wie die Schwierigkeit es zu öffnen, angezeigt,
-zog rasch sein Messer und durchschnitt die Schnüre.</p>
-
-<p>»Capitän,« sagte da Einer der Matrosen, der in
-gleicher Zeit zu ihnen trat, »Ned trägt, in ein Stück
-indianische Matte eingeschlagen, eine ganze Parthie
-Geldstücke um den Hals gebunden, will aber nicht
-gestehen, woher er sie hat &ndash; wollt Ihr so gut sein
-und sie in Verwahr nehmen?«</p>
-
-<p>»Geld!« frug Tomson erstaunt, »wo mag der Schuft
-das aufgetrieben haben? &ndash; und dieß Packet?«</p>
-
-<p>Er hatte die Bänder gelöst, schlug das Fell auseinander,
-und wollte eben mit der Hand nach dem
-Inhalte fühlen, da zuckte wieder ein heller Blitz von
-den grollenden Wolken nieder, und einen Schrei des
-<a class="pagenum" id="page_400" title="400"> </a>
-Entsetzens stießen die Männer aus, denn von der
-dunklen Hülle umgeben, dem schwefelgelben Strahl
-schauerlich und graß beleuchtet, starrten ihnen die bleichen,
-verzerrten Todtenzüge Dumfry's entgegen.</p>
-
-<p>Wild tobte der Sturm &ndash; die Wogen schäumten
-und brausten, und das kleine Fahrzeug kämpfte die
-ganze Nacht gegen den heulenden Grimm der Elemente
-an. Endlich dämmerte der Morgen, das milde
-Tageslicht beschwichtigte den Orkan, und die weißen
-Segel des Kasuar blähten sich der Heimat entgegen;
-am Starbordgangweg aber standen die Matrosen,
-und mit dem leise gemurmelten Gebet der ernsten
-Schaar sank, während eben am östlichen Horizont die
-aufsteigende Sonne ihr heiteres Leben über die See
-blitzte, das blutige Todtenhaupt des Gerichteten in
-die dunkle Tiefe hinab.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_401" title="401"> </a>
-Berlin und das Schauspielhaus im
-Belagerungszustand.<br />
-
-<span class="subheader ge">Eine Skizze.</span></h2>
-
-
-<p>Im Jahre 1848, am 12.&nbsp;November Abends war
-Berlin in Belagerungszustand erklärt und am 13.
-Mittags glitt ich im zitternden Coupé, von der keuchenden
-Locomotive blitzschnell über das flache, reizlose
-Land gerissen, der bedrohten Residenz entgegen.</p>
-
-<p>»Werden wir noch hinein kommen? &ndash; wird man
-uns Fremden den Aufenthalt dort gestatten?« solche
-Fragen kreuzten sich besonders auf den letzten Stationen,
-wo militärische Helme zu immer unausweichbareren
-Gegenständen wurden, häufig herüber und hinüber,
-und endlich ergab sich die peinliche Gewißheit
-des Nichthineinlassens, als in Jüterbock ein Lieutenant
-mit sechzig Mann zu uns stieß und uns, freilich auf
-die freundlichste und artigste Weise, die Nachricht
-<a class="pagenum" id="page_402" title="402"> </a>
-gab, er habe bestimmte Ordre, den ganzen Zug nicht
-weiter als Trebbin zu lassen.</p>
-
-<p>Guter Gott! Trebbin! &ndash; vier Meilen von Berlin,
-auf wohlriechender Haide, Abends acht Uhr, in
-stockfinsterer kalter Nacht! Und dazu die Erklärung
-Mehrerer, die dort bekannt waren, daß im ganzen
-Neste wahrscheinlich nicht einmal Leiterwagen genug
-aufzutreiben sein würden, um uns weiter zu transportiren!
-Reizende Lage, in der es noch als ein Glück
-erschien, die ganze Nacht auf einem Leiterwagen und
-schlechten Wegen durch das Land gerädert zu werden!</p>
-
-<p>»Schafft man die königlichen Beamten auch nicht
-weiter?« fragte ein beleibter, bleichwangiger Gesell in
-einem feinen grauen Tuchmantel und einer Art Dienstmütze,
-in einem Ton, der gar nicht verkennen ließ,
-wie er bei beruhigender Antwort mit der Maßregel
-vollkommen einverstanden gewesen wäre. &ndash; »Thut
-mir leid; meine Ordre besagt, den <em class="ge">ganzen Zug</em>
-ohne Ausnahme anzuhalten,« lautete die Antwort des
-Offiziers. &ndash; Das war doch ein Trost; die preußischen
-Beamten blieben wenigstens nicht im Coupé
-sitzen, und »Arm in Arm mit ihnen« konnten wir das
-Geschick in die Schranken fordern.</p>
-
-<p>In Jüterbock hielt der Zug wegen der Aufnahme
-des Militärs länger an als gewöhnlich, und der Beamte
-<a class="pagenum" id="page_403" title="403"> </a>
-unterhielt sich indessen aus dem Coupé heraus
-mit einigen davorstehenden Soldaten, die eben ihrem
-Lieutenant drei donnernde Hurrahs gebracht hatten.
-&ndash; »Morgen kommen wir auch nach Berlin!« riefen
-diese und die Wirkung starker Getränke war bei ihnen
-nicht zu verkennen. »Hussah, morgen kommen wir!«
-&ndash; »Das ist recht, Kinder,« sagte der freundliche Beamte
-und nickte ihnen lächelnd zu; »haltet nur nicht
-zu hoch!« &ndash; »Bewahre, altes Haus!« sagte einer
-der jungen Bursche, »eben die rechte Höhe und mitten
-hinein!« &ndash; »Bravo, meine Jungen!« nickte der Beamte
-und der plötzliche Ruck, den der Wagen that,
-setzte ihn einem hagern, hohläugigen Mann, der in
-einfach grober, aber sauberer Tuchkleidung dicht
-hinter ihm saß, auf den Schooß.</p>
-
-<p>Der Hagere entschuldigte sich auf das ängstlichste,
-daß er dem Manne, von dem ihm wahrscheinlich
-sein Instinkt sagte, es sei Einer, der mit der Regierung
-in Verbindung stehe, im Wege gesessen habe,
-rückte, so weit es anging, von ihm zurück und benahm
-sich überhaupt so eigenthümlich, daß ich nicht
-umhin konnte ihn etwas genauer zu betrachten.</p>
-
-<p>Er mochte etwa in den vierzigen sein, vielleicht
-war er auch jünger, denn die fahlen Züge sprachen
-von ertragenem Leid. Scheu und doch auch wieder
-<a class="pagenum" id="page_404" title="404"> </a>
-neugierig blickten die hellgrauen Augen um sich,
-schienen auf nichts zu haften und begegneten nie
-einem andern Blick. Ich würde den Mann für einen
-Verbrecher gehalten haben, hätte mich nicht die unverkennbare
-Behaglichkeit, mit der er sich manchmal,
-besonders wenn er einen Augenblick vor sich niedergesehen
-hatte, die Hände rieb und leise vor sich hinschmunzelte,
-irre gemacht.</p>
-
-<p>Das Licht wurde plötzlich draußen weggenommen,
-Dunkelheit umgab uns wieder, und weiter ging's in
-sausender Schnelle von Jüterbock fort; hinter uns
-drein tönte das Hurrah der Soldaten, und unter
-uns, um uns, vor und hinter uns klapperten,
-keuchten, knarrten und rasselten Räder, Schienen
-und Achsen. &ndash; Nicht lange, so war die nächste
-Station erreicht; hier sollten wir den Güterzug von
-Berlin erwarten; kurzer Aufenthalt wurde uns angekündigt
-und die meisten stiegen aus, um eine Tasse
-heißen Kaffee zu trinken; das Wetter rechtfertigte
-wenigstens ein solches Verlangen. In der Restauration
-sah ich zufällig meinen hagern Nachbar neben
-mir; er stand nicht weit vom Büffet und schaute
-nach der großmächtigen Kanne und den Tassen hinüber.
-&ndash; »Haben wir von hier aus noch weit nach
-Trebbin?« fragte ich ihn, mehr eigentlich, um ein
-<a class="pagenum" id="page_405" title="405"> </a>
-Gespräch mit ihm anzuknüpfen, als aus wirklichem
-Interesse für die Antwort.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Das weiß ich nicht,« sagte der Hagere schnell,
-schüttelte dabei das lächelnde Gesicht mit dem halbgeöffneten
-Mund und sah mich zum erstenmal mit den
-hellglänzenden Augen fest an. »Ich weiß gar nichts,«
-fuhr er gleich darauf fort, noch ehe ich mich von ihm
-abwenden konnte, »nicht das mindeste. &ndash; Sie wissen
-doch wohl, wo ich herkomme?«</p>
-
-<p>Ich blickte erstaunt zu ihm hinüber. »Ich weiß
-gar nichts! &ndash; Sie wissen doch wohl wo ich herkomme?«
-&ndash; was sollte das heißen?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Sind Sie hier fremd?« frug ich ihn.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Fremd? ja, ich komme von Torgau,« lächelte
-der Mann und rieb sich immer eifriger und mit immer
-mehr aufgeheiterten Zügen die Hände. »Ich bin mit
-unter den Amnestirten; ich weiß gar nichts von der
-Welt &ndash; ich sitze seit 1831 auf der Festung.«</p>
-
-<p>Allmächtiger Gott! mir zog es eiskalt durch
-Mark und Bein. Der Mann war siebzehn Jahre
-hinter Festungsmauern begraben gewesen, und jetzt,
-in diesem Augenblick, in diesen Zuständen, sprang
-er auf einmal, wie neugeboren, aber mit vollem
-staunenden Bewußtsein, mitten in's Leben hinein. &ndash;
-»Ja,« lächelte der Unglückliche und rieb sich noch
-<a class="pagenum" id="page_406" title="406"> </a>
-immer stillvergnügt die Hände, »da können Sie sich
-wohl denken, daß ich gar nichts weiß. &ndash; Ach bitte,
-nicht wahr, das ist Kaffee dort, was der Mann ausschenkt?«
-&ndash; »Ja,« erwiderte ich und konnte den
-Blick nicht abwenden von der Leidensgestalt. &ndash; »Der
-wird wohl verkauft?« &ndash; In dem Moment wurde
-draußen hastig die Glocke gezogen; wir mußten
-schnell in unser Coupé zurück, denn der Güterzug
-kam eben mit rothglühendem Rachen und leuchtendem
-Athem auf dem schmalen, dunkeln Damm herangeschnaubt.</p>
-
-<p>Dicht neben uns hielt der Zug und alle Fenster
-waren rasch besetzt, um Neuigkeiten von Berlin zu
-erfragen. »Wie steht's dort? kommen wir noch hinein?
-&ndash; ist schon geschossen worden?« &ndash; »Ganz gut
-&ndash; Alles ruhig &ndash; keine Gefahr!« tönte es hin und
-wieder. Ein junger Mann, der mit dem Güterzug
-gekommen war, sah die Soldaten in unserem Train.
-&ndash; »Euch wollen sie nach Berlin haben, daß ihr das
-Volk sollt unterdrücken helfen!« rief er ihnen zu, »und
-ihr seid doch unsere Brüder!«</p>
-
-<p>Der Beamte mit dem bleichen Gesicht und der
-Dienstmütze, der die Worte gehört hatte, bog sich
-rasch zum andern Fenster nach der Restauration zu
-hinaus und flüsterte draußen Stehenden etwas zu.
-<a class="pagenum" id="page_407" title="407"> </a>
-»Was? der Kerl will die Soldaten aufreizen?« riefen
-dort ein paar Männer und schauten zwischen den
-Wagen unseres zur Abfahrt bereiten Zuges nach den
-Wagen des Güterzugs hinüber. »Wart, Canaille,
-wenn hier der Zug fort ist, mit dir wollen wir sprechen!«
-&ndash; »Holt ihn ein Bischen heraus,« sagte der
-Beamte freundlich; »den müßt ihr euch einmal besehen.«
-&ndash; »Na wart nur!« riefen die Gereizten, »also
-die Weißmütze? &ndash; ich sehe sie schon in der Ecke!«</p>
-
-<p>Ich bog mich rasch aus dem Wagen nach dem
-Güterzug hin und rief dem jungen, wirklich bedrohten
-Fremden zu, in ein anderes Coupé überzusteigen;
-dann aber und während jetzt unsere eigene Locomotive
-mit gellendem Jubelschrei aufbrach, wandte ich mich
-an den freundlichen Beamten und sagte ihm frei, was
-ich von ihm dachte. Er war geschmeidig wie ein Ohrwurm;
-er hatte es ja gar nicht so bös gemeint, »<em class="ge">die</em>
-Leute thäten nichts der Art, <em class="ge">das</em> wären Menschen
-wie die Kinder etc.« &ndash; Pfui über den Schuft, das sind
-die wahren Wühler, die heimlich, wie giftiges Geschmeiß,
-im Lande herumkrochen und in der Stille
-hetzten und geiferten dem offenen Wort gegenüber,
-und dabei süß, unschuldig drein schauten und fromm
-und liberal thaten.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde später kamen wir nach Trebbin,
-<a class="pagenum" id="page_408" title="408"> </a>
-und glücklicher Weise fand unsere Eskorte daselbst
-Contreordre. Der Lieutenant, den es selbst zu freuen
-schien, daß er uns den unangenehmen Aufenthalt ersparen
-konnte, verkündete uns, der Zug dürfe ungesäumt
-weiter gehen. Um neun Uhr liefen wir in den
-Berliner Bahnhof ein, und Massen dort aufgestellten
-Militärs verkündeten uns, wären wir nicht schon unterrichtet
-gewesen, den Belagerungszustand der Stadt.
-Es wurden uns weiter keine Schwierigkeiten in den
-Weg gelegt, nur Bewaffnete, deren wir jedoch keine
-bei uns hatten, sollten nicht eingelassen werden.</p>
-
-<p>Ich durchwanderte die Friedrichsstadt noch am selben
-Abend nach allen Richtungen. Todtenstille in den
-Straßen; nur hie und da an den Ecken kleine Trupps
-vor einem von der Laterne beleuchteten Plakat. Dieses
-handelte von Zusammenrottungen auf den Straßen;
-am Tage durften nicht mehr als zwanzig, Abends
-nicht mehr als zehn Menschen beisammen stehen; gingen
-sie nicht auseinander auf die Aufforderung der Patrouille,
-so hatte das Militär von seinen Waffen Gebrauch
-zu machen. &ndash; Unter den Linden, besonders an
-den Ecken der Friedrichsstraße, standen Menschengruppen;
-Jungen verkauften ein Plakat des Referendars
-Wache, mit der Anempfehlung: »ohne Erlaubniß
-Wrangels.« Unter der einen Laterne erzählte Jemand
-<a class="pagenum" id="page_409" title="409"> </a>
-irgend einen Vorfall; Neugierige traten hinzu und es
-bildete sich bald ein Haufen von wohl fünfzig bis
-sechszig Personen. Da tönte der schwere gleichmäßige
-Schritt einer Patrouille die Allee herab.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Meine Herrn, treten Sie in kleinere Trupps,« bat
-der Sprecher; »immer zehn und zehn, wenn ich bitten
-darf.« &ndash; Die Menge zertheilte sich schnell und ohne
-weitern Zuredens zu bedürfen. &ndash; »Hier können wir noch
-zwei brauchen,« sagte Einer; »so, jetzt haben wir gerade
-das Deputat!« ein Anderer. Hie und da lachte Einer,
-als die Soldaten ernst und schweigend vorbei schritten,
-die verschiedenen kleinen Trupps aber nicht weiter
-belästigten. »Ruhe! &ndash; nicht lachen!« riefen Andere
-und die Patrouille bog in die Friedrichsstraße ein.</p>
-
-<p>Dieselbe Ruhe herrschte in andern Straßen,
-dieselbe Ordnung; wer nicht manchmal einer Patrouille
-begegnete; hätte nicht daran gedacht, daß er sich in
-einer belagerten Stadt befinde. &ndash; Am nämlichen
-Abend war eine Deputation von Stettin aus unterwegs,
-welche folgende Demonstration beabsichtigte.
-Die achthundert Mann trugen alle breite weiße Papierstreifen
-an den Hüten, auf denen mit großen Buchstaben
-gedruckt stand: <em class="ge">Ehre der Nationalversammlung!
-Stettin</em>. &ndash; So hatten sie am nächsten
-Morgen in feierlicher Procession die Stadt durchziehen
-<a class="pagenum" id="page_410" title="410"> </a>
-wollen, aber der ganze Bahnzug war (wie man das
-auch bei uns, wo man wohl eine ähnliche Deputation
-vermuthet, anfangs beabsichtigt hatte) auf der letzten
-Station vor Berlin aufgehalten worden, und nur
-einzelne Mitglieder, ich glaube acht oder zehn, ließen
-sich auf einem Leiterwagen nach Berlin schaffen. Einige
-derselben sollen, wie man sagte, gerade wegen jener,
-als Plakate angesehenen Zettel verhaftet worden sein.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen brachte ein frisches Plakat
-des Kommandirenden etwas regeres Leben in die
-Masse; die Patrouillen seien verspottet worden, hieß
-es, und haben jetzt strengen Befehl erhalten, bei der
-geringsten Widersetzlichkeit vollen Gebrauch von ihren
-Schießwaffen zu machen. Die Jungen rissen hie und
-da solche Zettel herunter und klebten dafür die von
-Wache an, worin Wrangel und seine Proklamation
-verhöhnt waren, und die ihrerseits wieder
-von den Soldaten entfernt wurden. So sah ich
-am Schloß einen Jungen am eisernen Gitter
-eines der untern Fenster hoch emporklettern und
-soweit darüber, als er reichen konnte &ndash; gewiß
-18-20 Fuß vom Boden &ndash; eine Wache'sche Proklamation
-ankleben. Gleich darauf kam eine Patrouille,
-und einer der Soldaten mußte jetzt ebenfalls dort
-hinauf und mit dem Bajonett das mißliebige Papier
-<a class="pagenum" id="page_411" title="411"> </a>
-unter dem Jubel der umstehenden Jugend herunterstoßen.</p>
-
-<p>Wunderlich sahen die königlichen Gebäude aus.
-Das Schauspielhaus, das Museum, die Münze, des
-verstorbenen Königs Palais, das Schloß, die Bauakademie,
-das Zeughaus, alle Gebäude der Art
-wimmelten von Militär, Helm an Helm sah aus den
-Fenstern heraus und doppelte Schildwachen, alle
-marschfertig gerüstet, standen davor Wache.</p>
-
-<p>Und was sagte das nämliche Volk, das sich am
-18.&nbsp;März mit so kecker Todesverachtung, fast ganz
-unbewaffnet, auf den Barrikaden eben dieser Straßen
-geschlagen hatte &ndash; was sagte das Volk zu dem Herrscherton,
-wie ihn Wrangel annahm? &ndash; Eigenthümlich
-war die Stimmung der Stadt: überall Entrüstung
-über Wrangel, überall verhaltener Grimm, und doch
-fast ängstliche Besorgniß vor einem Zusammenstoß mit
-den Truppen.</p>
-
-<p>An irgend einer Ecke, der Leipziger Straße glaub'
-ich, hatte das Militär mit einbrechender Dämmerung
-ein Haus besetzt, das von oben bis unten, wie man
-draußen sagte, nach einer Vitriolspritze durchsucht
-wurde; man fand jedoch nichts und die Patrouille
-zog wieder ab. Vor dem Gebäude hatte sich indeß
-eine ziemliche Schaar Neugieriger versammelt, doch
-<a class="pagenum" id="page_412" title="412"> </a>
-nahmen die Soldaten keine Notiz davon und marschirten
-die Straße hinab. Gleich darauf kam eine
-Uhlanenpatrouille und der Offizier forderte die Menge
-auf, sich zu zerstreuen. Dieß geschah auch, und nur
-vor dem durchsuchten Haus blieben noch etwa zwanzig
-oder dreißig Personen zurück. Die Uhlanen ritten
-langsam daran vorbei, als Einer aus der Menge
-höhnisch hinter ihnen her lachte und ein Schimpfwort
-rief. Das wäre ihm aber beinahe übel bekommen; die
-Uhlanen achteten es allerdings nicht, aber die Umstehenden
-fielen unter dem Ruf: »verdammter Reaktionär!«
-über den Lacher her, und er konnte einer tüchtigen
-Tracht Schläge nur durch die heilige Versicherung
-entgehen, daß er keinen der Soldaten, sondern »einen
-Freund von sich« gemeint habe.</p>
-
-<p>An diesem Tage war auch auf's Neue ein Plakat,
-die Einlieferung der Waffen betreffend, angeschlagen
-und die Stimmung, die sich darüber aussprach, schien
-eine allgemeine: man wollte die Waffen unter keiner
-Bedingung ausliefern. Der angesetzte Termin bis
-Abends fünf Uhr verlief deßhalb auch, ohne daß dem
-Befehl, mit einigen Ausnahmen allerdings, Folge geleistet
-worden wäre; ja man sprach sogar von einer
-großartigen Demonstration. Ein Theil der Bürgerwehr,
-wie mir gesagt wurde, 15,000 Mann, wollte
-<a class="pagenum" id="page_413" title="413"> </a>
-vor dem Zeughaus aufmarschiren und dort dem Feldmarschall
-erklären, sie liefern die Waffen nicht ab, und
-wenn er Bürgerblut vergießen wolle, so möge er auf
-sie schießen. Das unterblieb aber, aus welchem
-Grunde weiß ich nicht, und man beschränkte sich einfach
-darauf, dem Befehl nicht nachzukommen.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen, am vierzehnten, fing man
-an in der Behrenstraße und der benachbarten Gegend
-die Waffen <em class="ge">einzusammeln</em>. Eine Patrouille ging
-mit einem Rüstwagen herum, die Enden der Gasse
-wurden mit Militär besetzt, aber nicht abgesperrt, denn
-es konnte Jeder frei hin und wieder gehen, und ein
-Trommelwirbel verkündete den Bewohnern des Hauses,
-vor dem der Wagen hielt, daß sie die in ihrer
-Wohnung befindlichen Gewehre in die Hausflur
-herabbringen sollten; wo das nicht geschah, hatten
-die Soldaten Auftrag in die Zimmer zu gehen und
-nachzusehen, ob sich Waffen darin befanden.</p>
-
-<p>Wie ein Lauffeuer schoß die Nachricht, daß man
-die Waffen abhole, in die entferntesten Theile der
-Stadt, und die Aufregung unter den Arbeitern, vorzüglich
-den Maschinenbauern, wurde bedenklich. In
-der Königsstadt, in Moabit und den äußern Stadttheilen
-schien man fest entschlossen die Waffen <em class="ge">nicht</em>
-gutwillig herzugeben, und daß gerade dort, wo man
-<a class="pagenum" id="page_414" title="414"> </a>
-begonnen, das Einsammeln ziemlich günstigen Erfolg
-gehabt, konnte Jene nicht anders stimmen. &ndash; »Das
-ist das Geheimerathsviertel,« sagten die Arbeiter;
-»ob das die Waffen behalten hätte oder nicht, beim
-Kampf wär' das gleichviel gewesen.«</p>
-
-<p>Straße um Straße durchzog das Militär; Wagen
-nach Wagen voll Gewehren wurden in das
-Zeughaus, stets unter starker Bedeckung abgeliefert,
-und in der ganzen Friedrichsstadt schien sich kein einziger
-Bürger dem Befehl ernstlich widersetzen zu wollen.
-Der »passive Widerstand,« den die Nationalversammlung
-behauptete, dehnte sich auch auf diese Maßregel
-der Militärgewalt aus. &ndash; »Abliefern thun wir
-die Gewehre nicht,« meinten die Bürger; »wenn sie
-unsere Flinten haben wollen, mögen sie sie holen.« &ndash;
-Sollten die Arbeiter allein vor die Bresche stehen? sollten
-sie, die im März die Barrikaden errichtet und vertheidigt,
-noch einmal zu diesem letzten Mittel greifen?
-&ndash; »Und für wen? &ndash; für die Bürger?« &ndash; »Hol' sie
-der Teufel!« sagten am 16. die Maschinenbauer in
-Moabit; »wenn die nicht selbst den Muth haben für
-ihre Freiheiten einzutreten, so sehen wir nicht ein,
-weßhalb wir wieder die Katzen sein sollen, mit deren
-Pfoten sie die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Bis
-jetzt sind sie mit ihren blanken Pulverhörnern und
-<a class="pagenum" id="page_415" title="415"> </a>
-bunten Quasten in einem fort durch die Straßen gerannt;
-nun auf einmal läßt sich keiner mehr sehen;
-wir wollen uns auch nicht todtschießen lassen.« Und
-das Resultat war, daß der »passive Widerstand« auch
-unter den Arbeitern seine Proselyten machte.</p>
-
-<p>Am 15. Abends war die Nationalversammlung,
-die seit mehreren Tagen an verschiedenen Orten heimlich
-Sitzung gehalten hatte, unter den Linden im
-Hotel Milentz beisammen. Doch auch dieser Platz
-war verrathen worden, und als ich, etwas nach neun
-Uhr Abends, dort vorüber kam, stand ein starkes
-Piket Militär vor der Thür und hatte das Haus
-gesperrt. Mehrere hundert Menschen sammelten sich,
-aber Alles blieb ruhig; es wurde ihnen keine Aufforderung
-auseinanderzugehen, und sie selber schienen auch
-nur durch Neugierde an den Platz gefesselt. Da näherte
-sich eine Patrouille, und als der Offizier die
-Menschenmasse erblickte, rief er: »Tambour vor!« um
-zum Auseinandergehen aufzufordern. Aber der Führer
-der vor dem Hotel aufgestellten Truppen ging auf
-ihn zu, sprach ein paar Worte mit ihm und gleich
-darauf folgte das »kehrt, marsch!« der eben Gekommenen.
-Die Patrouille zog wieder ab und die Menschenmassen
-blieben unbelästigt stehen.</p>
-
-<p>Noch hatte sich aber die Patrouille keine hundert
-<a class="pagenum" id="page_416" title="416"> </a>
-Schritt entfernt, als aus dem Hotel heraus die Abgeordneten
-kamen; die Soldaten ließen sie ungehindert
-durch und von allen Seiten drängte man hinzu,
-das Resultat der Sitzung zu hören. Der Beschluß,
-die Steuern zu verweigern, war gefaßt worden und
-blitzschnell lief das Gerücht durch die Menge; auch
-die Einzelnheiten der Sitzung wurden rasch von den
-Mitgliedern der Versammlung selbst Fremden auf
-offener Straße mitgetheilt. Die Männer waren augenscheinlich
-in der gereiztesten Stimmung.</p>
-
-<p>Die augenblickliche Wirkung dieses wichtigen Beschlusses
-schien mir keine so gewaltige, als man hätte
-vermuthen sollen; man schien die Sache vorhergesehen
-zu haben, und wenn auch hie und da aus einer
-kleinen Gruppe ein jubelndes Hurrah empor stieg,
-standen andere wieder schweigend und fast theilnahmlos
-daneben. Einige Männer, an denen ich vorüberging,
-fragten mich, was es da gebe; ich sagte ihnen,
-was ich eben aus dem Munde eines der Abgeordneten
-gehört: die Nationalversammlung habe in diesem
-Augenblick beschlossen, die Steuern zu verweigern. &ndash;
-»So?« erwiderte Einer, »hm &ndash; nun &ndash; <em class="ge">wir</em> zahlen
-sie doch!«</p>
-
-<p>Auch am andern Tage ließ sich deßhalb keine
-größere Aufregung in der Stadt bemerken, und man
-<a class="pagenum" id="page_417" title="417"> </a>
-erzählte sich den Beschluß in einem Tone, als ob es
-sich um eine ganz gleichgültige Sache handelte. Mir
-kam das anfangs räthselhaft vor, und doch stand es
-wieder mit dem ganzen eigenthümlichen Wesen dieses
-»passiven Widerstands« in genauer Verbindung. Die
-Berliner wußten, daß dieses das letzte Mittel der
-Versammlung sein sollte; <em class="ge">sie</em> hatten somit Alles gethan,
-was von ihnen verlangt worden war: sie hatten
-sich ruhig verhalten, und den Provinzen blieb es jetzt
-überlassen, durch ein Einhalten der Steuern ihr
-Vertrauensvotum für die Nationalversammlung zu
-geben, oder im entgegengesetzten Fall durch ein
-Zahlen derselben an den Tag zu legen, daß sie
-mit den Beschlüssen derselben nicht einverstanden
-seien.</p>
-
-<p>Die Stadt war äußerlich ruhig, wie in ihrer
-ruhigsten Zeit; sobald sich das Wetter nur irgend
-freundlich zeigte, sah man Spaziergänger unter den
-Linden; selbst das Theater war, wenn auch schwach,
-doch besucht. Gespielt wurde im Opernhaus, das
-Schauspielhaus stand starr und kriegerisch da, »belagert
-in einer belagerten Stadt,« wie ein Soldat
-selber äußerte. Das Säulenportal über der großen
-Treppe war mit Schildwachen besetzt, eben so die
-Eingänge an allen Seiten; aus allen Fenstern schauten
-<a class="pagenum" id="page_418" title="418"> </a>
-behelmte Gesichter, überall blinkten Bajonette
-und Helmspitzen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Tausend Mann lagen in diesem einzigen Gebäude,
-das sogar seinen eigenen Kommandanten hatte, und
-es war dieß dasselbe Regiment (Alexander), das in
-den Märztagen schon einmal seine Kraft mit den
-Bürgern gemessen und gewiß seine Tapferkeit bewährt,
-dennoch aber jetzt, wenn es wirklich wieder
-zum Kampfe kam, eine Scharte auszuwetzen hatte.
-Streitgerüstet lagen die Grenadiere in die Mauern
-des Schauspielhauses gebannt, des Rufs gewärtig
-zu Bürgerkrieg und Straßenkampf; bloß zu Patrouillen
-zogen dann und wann einzelne Trupps aus, und
-Urlaub bekamen nur zehn zugleich, und immer nur
-auf ganz kurze Zeit.</p>
-
-<p>Schon am zweiten Tag hatte ich einen Versuch
-gemacht, in das Innere des Gebäudes, das mit solcher
-Bevölkerung abenteuerlich genug aussehen mußte,
-einzudringen, war jedoch kurz und entschieden von
-einem halben Dutzend Schildwachen abgewiesen worden.
-Ich erfuhr auch von einigen Mitgliedern des
-Theaterpersonals, daß Niemand, sie selber nicht ausgenommen,
-hinein dürfe, da das Militär für den
-Augenblick im alleinigen und unumschränkten Besitz
-des Musentempels sei. Und oben auf dem Giebel
-<a class="pagenum" id="page_419" title="419"> </a>
-desselben stand scheu und unwirsch, mit schnaubenden
-Nüstern und vorgestrecktem Huf, Pegasus, das
-edle Musenroß, als ob es sich eben nach einem nur
-einigermaßen anständigen Hügel in der trostlosen
-Ebene umschaute, zu dem es aus dem entweihten
-Heiligthume entfliehen könnte.</p>
-
-<p>Wie bekannt hatte die Nationalversammlung
-früher im Concertsaal des Schauspielhauses ihre
-Sitzungen gehalten; auch dort sollten jetzt Truppen
-liegen, und meine Neugierde wurde sehr gespannt,
-als ich hörte, die Soldaten spielten in demselben
-Raum, wo ihr Vertreter getagt, Abends Nationalversammlung.
-Wie aber hineinkommen? Schon verzweifelte
-ich an der Möglichkeit, als mir der Zufall
-günstiger war, als ich es je hätte erwarten können.
-Ich bekam Gelegenheit, sogar Abends einer sogenannten
-»Sitzung« beizuwohnen; das <em class="ge">wie</em> mag mir der
-Leser erlauben zu verschweigen.</p>
-
-<p>Durch zehnfache Schildwachen, über einen Theil
-der Bühne hin, auf die ich aber kaum einen flüchtigen
-Blick werfen konnte, da der enge Gang meine
-ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, erreichte ich
-den Concertsaal und überschaute hier gleich ein so
-eigenthümliches als wunderliches Bild. Der prachtvoll
-eingerichtete Saal war in ein rohes, wüstes
-<a class="pagenum" id="page_420" title="420"> </a>
-Soldatenlager verwandelt. Auf den rothgepolsterten
-Sesseln und Bänken lagen und saßen in allen nur
-möglichen Stellungen die Soldaten, manche lang
-ausgestreckt auf den Polstern, mit der Pfeife im
-Mund und die schmutzigen Stiefeln auf den geschnitzten
-Lehnen; hie und da eine kleine Gesellschaft um
-einen Tisch gedrängt, im eifrigen Kartenspiel; dort
-ein paar eingeschlafen in der Ecke, die Mützen in's
-Gesicht gezogen, das Kinn auf die Brust gedrückt, die
-Hände über dem Magen gefaltet, die meisten aber aufmerksam
-der »Abendunterhaltung« lauschend, die eben
-ihren Anfang genommen zu haben schien. &ndash; Ich war
-etwas verwundert, auch einen Offizier unter den Zuhörern
-zu erkennen.</p>
-
-<p>Die Abendunterhaltung bestand aber in Folgendem.
-Auf dem, ich glaube der königlichen Loge gegenüber
-befindlichen Präsidentensitz hatte sich ein Musikchor
-eingenistet, das mit, wahrscheinlich im Orchester
-vorgefundenen Baßgeigen und Violinen und mit
-eigenen Flöten, Pfeifen und Trommeln Walzer und
-Märsche spielte; nur Blechinstrumente schienen, wohl
-des allzulauten Tones wegen, ausgeschlossen. Die
-einzelnen Musikstücke wurden jedesmal von den Zuhörern
-mit Bravoruf und Beifallklatschen belohnt,
-und beim Sturm- und Attaquemarsch, dem ein
-<a class="pagenum" id="page_421" title="421"> </a>
-kurzer, nervenerregender Trommelwirbel folgte, fiel
-die ganze Schaar jedesmal in das übliche, aber gleichfalls
-etwas gedämpfte Hurrah ein. &ndash; Dann kam
-wieder irgend ein trauriger Walzer, dem die faule
-Baßgeige nur mit Widerstreben zu folgen schien, und
-der Violine fehlte es an Colophonium, das sich im
-Orchester wohl nicht mit vorgefunden hatte. Die Finger
-des Spielers mochten sich auch nicht eben gelenk
-oder taktfest der ungewohnten Beschäftigung fügen;
-denn man kann gewiß ein ausgezeichneter Trommelschläger
-und doch nur ein mittelmäßiger Violinist
-sein. Kurz, es waren außer den gewöhnlichen Märschen
-klägliche Weisen, die den gepeinigten Instrumenten
-abgemartert wurden. Und rings umher an
-den Wänden des durch wenige Oellampen nothdürftig
-erleuchteten Saals schauten wehmüthig die Büsten
-von Gluck, Händel, Mozart, Weber, Haydn, Bach,
-Beethoven und anderer alter Meister der Töne hernieder
-und schienen in den an ihnen vorbeistreichenden
-düstern Tabakswolken die Stirnen zu runzeln ob dem
-ohrzerreißenden Greuel.</p>
-
-<p>Die Hauptperson des Ganzen stand auf der
-Rednerbühne unter dem frühern Sitz des Präsidenten,
-und zwar in Civil, in schwarzem etwas schäbigen Frack,
-Halsbinde und Vatermördern und weißen Beinkleidern,
-<a class="pagenum" id="page_422" title="422"> </a>
-und diese Maske &ndash; ebenfalls ein Gardist desselben
-Regiments &ndash; sollte den Präsidenten der Nationalversammlung
-vorstellen. Es war ein noch junger
-Bursche mit nicht gerade auffallendem Berliner Dialekt,
-und er führte einen Taktstock, den er auf carrikirte
-Art handhabte, damit bald nach dem Orchester hinauf,
-bald nach den Zuhörern hin gestikulirte und dazwischen
-zum großen Ergötzen der leicht Befriedigten das Spielen
-der verschiedenen Instrumente nachahmte. Auf der
-Nase trug er eine Klemmbrille, die er übrigens später,
-weil sie ihn genirte, ablegte.</p>
-
-<p>Endlich, nachdem die Spieler eine lange Weile
-musicirt hatten, eröffnete der Präsident die Sitzung.
-Mit affektirter Stimme begrüßte er die »Nationalversammlung«
-und sprach von der schwierigen Aufgabe,
-sechzehn Millionen zu vertreten, erklärte, daß sie hier
-zusammen gekommen seien, ihr eigenes Wohl zu berathen,
-und ließ dann wieder, unter den frühern
-Possen, ein Lied aufspielen. Hierauf ging er, und
-nicht ganz ohne Gewandtheit, auf seine wie seiner
-Kameraden Verhältnisse ein, in welch sonderbarer
-Lage sie sich eigentlich befänden, belagert in einer belagerten
-Stadt, und wie wenig man dabei auf ihre
-eigene Bequemlichkeit bedacht gewesen. Mehrere Tage
-lang hätten sie auf der bloßen Erde campiren müssen,
-<a class="pagenum" id="page_423" title="423"> </a>
-jetzt, nachdem sie sich wund gelegen, bekämen sie
-Strohsäcke; der Kaffe sei, trotz einer jüngst eingegangenen
-Schenkung, ungenießbar, das Fleisch so, daß
-es sämmtliche vier Köche nicht gahr bekommen könnten,
-und der innere Zustand des Schauspielhauses,
-was die Reinlichkeit betreffe, dermaßen schaudererregend,
-daß eine genauere Beschreibung gar nicht zulässig
-erscheine.</p>
-
-<p>Nach einer ziemlich weitläufigen, manchmal wirklich
-witzigen, nur zu oft aber auch sehr matten Auseinandersetzung
-der Gründe, die ihn eine Aenderung
-ihres Zustandes wünschen ließen, wandte er sich an
-die Versammlung, ihre Meinung darüber zu hören,
-und zwar zuerst an die »äußerste Linke,« die mit einem
-ziemlich allgemeinen vernehmlichen <em class="ge">Ja</em> antwortete. &ndash;
-»Und was sagt die äußerste <em class="ge">Rechte</em> zu meinem Vorschlag?«
-sprach er dann, sich nach der Seite wendend,
-welche die Rechte früher eingenommen hatte. &ndash; »Nein!«
-lautete hier die vom lachenden Beifallsruf der Zuhörer
-begrüßte Antwort, und mit einem ruhigen: »Ließ sich
-nicht anders erwarten,« rückte er sich die Brille wieder
-zurecht und gab, ohne weiter auf die Abstimmung
-einzugehen, dem Orchester das Zeichen zum Wiederbeginn
-eines seiner verzweifelten Stücke.</p>
-
-<p>Sodann nahm er eine Partie Bittschriften, wie
-<a class="pagenum" id="page_424" title="424"> </a>
-sie der Nationalversammlung wirklich eingegangen,
-und von denen er eine sogar als fingirtes Taschentuch
-benutzte, und las sie mit possenhaften, nicht selten
-zweideutigen Bemerkungen vor; eben so mißbrauchte
-er das preußische Landrecht, von dem ein Exemplar
-ebenfalls in einem unteren Gefach der Rednertribüne
-lag. Und die Soldaten amüsirten sich herrlich, aber
-der Offizier stand nach einer Weile auf und verließ
-den Saal.</p>
-
-<p>Man müsse den Soldaten den unschuldigen Spaß
-lassen, um sie bei guter Laune zu erhalten; die armen
-Teufel haben viele Beschwerden zu ertragen, stehen
-vielleicht auf der Schwelle eines Bürgerkriegs; das
-Schauspielhaus dürften sie Abends nicht verlassen,
-die Langeweile hätte sie ja getödtet &ndash; solches und
-anderes wurde mir vorgestellt. Ich aber fragte mich,
-ob denn das alles, was mich hier im tollen Possenspiel
-umgab, Wirklichkeit sei? Mir kam das Ganze
-oft wie ein Traum vor. &ndash; Die Halle hier, in der
-die Vertreter des ganzen mächtigen Preußenvolkes
-das Wohl des Landes, das Wohl von Millionen berathen,
-von Bajonnetten geräumt, von Bajonnetten
-besetzt, auf der Tribüne ein in Civiltracht possenhaft
-verkleideter Soldat; die Bittschriften, die das Volk,
-seinen Vertretern eingesandt, gemißbraucht! &ndash; Das
-<a class="pagenum" id="page_425" title="425"> </a>
-Andenken an das Edelste, was die Freiheit eines
-Volks gewährleisten kann, seine Vertretung durch Abgeordnete
-im eigenen Parlament, verhöhnt und lächerlich
-gemacht! Und hier die Männer, die lachend dem
-Spiele zuschauten oder träumend in der Ecke saßen,
-jede Minute bereit, beim ersten Trompetenstoß, beim
-ersten Trommelwirbel in die Höhe zu fahren und mit
-dem schon geladenen Gewehr, dem schon aufgesteckten
-Bajonett sich den, vielleicht durch nur irgend einen
-bösen Zufall aufgereizten Bürgern entgegen zu werfen!
-Ein eigenes, recht häßliches Gefühl war es,
-das mich durchzuckte, und ich verließ den entweihten
-Raum, verließ die armen in <i>effigie</i> gepeinigten Heroen
-der Musik unter den quitschenden Tönen der Geige,
-dem brummenden falschen Accompagnement des Basses
-und dem Beifallssturm der dankbaren Grenadiere.</p>
-
-<p>Um die Mittelthür und die Haupttreppe auf dem
-nächsten Weg zu erreichen, mußte ich über die Bühne
-weg, und ich werde <em class="ge">den</em> Anblick im Leben nicht vergessen.
-&ndash; Im ungeheuern Raum hingen in der Mitte
-an Brettern drei Doppellampen, die aber ein düsteres
-mattes Licht gaben und das Ganze kaum nothdürftig
-erhellten. Auf der Bühne selbst befand sich die Wache
-und wenn auch hie und da zwischen den Coulissen Gruppen
-von Kartenspielern an kleinen Tischen saßen, so
-<a class="pagenum" id="page_426" title="426"> </a>
-mußte doch die Bühne selbst von solchem Treiben frei
-bleiben. &ndash; Hier standen die Gewehre der Wache zusammengestellt,
-und ernste Posten wanderten schweigend
-daneben auf und ab. Ich ging zwischen ihnen
-durch und betrat die Bretterbrücke, die über die Banklehnen
-des Parterres hinweg dem Ausgang zuführt.
-&ndash; Hier aber blieb ich stehen und überschaute nun zurückblickend
-das ganze eigenthümliche Bild, das vor
-mir ausgebreitet lag.</p>
-
-<p>Die Coulissen waren unordentlich durcheinander,
-hier Säulen, dort Wald, vorgeschoben; den Hintergrund
-aber bildete (die Leinwand war wegen des
-Luftzugs von hinten herabgelassen) wohl zufällig eine
-weite, den Horizont begrenzende Seefläche. Zur Rechten
-und dicht vor dem zackigen Felsenufer lagen die
-erst heute eingelieferten, noch ganz neuen Strohsäcke
-der Soldaten aufgeschichtet, und es sah täuschend so
-aus, als ob ein Schiff dort gerade seine Waaren gelandet
-hätte. Links standen, von hinten vor, bis dicht
-an die vordere Lampe, die mit den Bajonnetten zusammengreifenden
-Gewehre, und auf jeder Waffenpyramide
-ein Helm. Ueber die Bühne aber zerstreut,
-auf die Ellbogen gestützt, oder das erste beste, was
-sich ihnen geboten, unter den Kopf gerückt, lagerten
-einzelne Grenadiere und schauten träumend nach den
-<a class="pagenum" id="page_427" title="427"> </a>
-öden Galerien hinauf, in denen nur hie und da
-einzelne Kameraden Platz genommen hatten und
-die Scene unter sich gerade so theilnahmlos und
-schläfrig betrachteten. Rechts neben mir im Parterre
-unten saßen zwei neben einander auf einer Bank und
-nickten, und links lag ein Dritter, auf der Bank ausgestreckt,
-und schnarchte laut.</p>
-
-<p>Die Schildwachen schritten still und lautlos ihre
-befohlene Bahn hin und her; manchmal aber blieben
-sie, dem Hintergrund zugewandt, stehen, und es war
-dann, als ob sie das weite Meer beobachteten, das
-Nahen fremder Schiffe zu erkunden, denn der matte,
-ungewisse Dämmerschein machte die Täuschung fast
-vollständig. Es lag wahrlich eine gewisse Poesie in
-dieser entsetzlichen Prosa, &ndash; aber es war eine Poesie
-zum Tollwerden und ich athmete ordentlich frei und
-leicht auf, als ich das entweihte Heiligthum der Kunst
-hinter mir hatte und wieder in die freie frische Luft
-hinaustrat.</p>
-
-<p>Es ist wahr, jene Zeit hat bewiesen, daß man
-Komödie spielen kann ohne gerade auf dem Theater
-zu stehen, und wir sehen die Wirklichkeit oft genug
-auf die Breter gebracht, ohne eben davor zu erschrecken;
-aber es ist das immer eine Wirklichkeit wie etwa ein
-beängstigender Traum, von dem wir wissen, daß es
-<a class="pagenum" id="page_428" title="428"> </a>
-ein Traum ist und uns wohl in der Hoffnung des
-Erwachens fühlen. &ndash; Wenn aber der Traum dann
-in den hellen Tag hineinreicht und uns kalt und
-frostig in das warme Leben greift, dann schnürt uns
-das Bewußtsein <em class="ge">solchen</em> Zustandes Herz und Seele
-zusammen, wie mir der Anblick der entweihten Bühne,
-und wir ersehnen heiß und brünstig einen Morgen.</p>
-
-<p>Ich verließ Berlin am nämlichen Abend wieder.</p>
-
-
-<p class="ce mt2"><span class="fss">Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.</span></p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden <em class="ge">gesperrt</em> gesetzte Schrift, <span class="fss">kleine</span> Schrift, <b>fettgedruckte</b>
-Schrift sowie Textanteile in <i>Antiqua-Schrift</i> hervorgehoben.</p>
-
-<p class="in0">Der Halbtitel wurde entfernt.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
-"auseinander" &ndash; "aus einander", "Bret" &ndash; "Brett", "Canarienvogel" &ndash; "Carnarienvogel", "Hackebret" &ndash; "Hackebrett", "Kaffe" &ndash; "Kaffee", "widerfahren" &ndash; "wiederfahren",</p>
-
-<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_029">29</a>:<br />
-"einen" geändert in "einem"<br />
-(in kaum einem halben Jahre)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_039">39</a>:<br />
-"Sädten" geändert in "Städten"<br />
-(wie sie in den Städten ausgedacht werden)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_046">46</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Metcamp hatte verdammt gute Aussichten)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_048">48</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(hahaha &ndash; angeführt haben!«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_057">57</a>:<br />
-"sein" geändert in "seine"<br />
-(daß ihm diese, seine beste Falle)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_060">60</a>:<br />
-"wieß" geändert in "wies"<br />
-(dort aber wies sie jede Aufforderung)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_062">62</a>:<br />
-"dich" geändert in "Dich"<br />
-(und wenn sie Dich nicht vergessen könnte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_068">68</a>:<br />
-"fest-zusammengebissenen" geändert in "fest zusammengebissenen"<br />
-(die er mit fest zusammengebissenen Zähnen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_071">71</a>:<br />
-"«" hinter "tödten?" entfernt<br />
-(Was aber nun thun? &ndash; den Wolf tödten?)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_079">79</a>:<br />
-"daß" geändert in "das"<br />
-(das soll mir der Mr. Metcamp einmal nachmachen!)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_087">87</a>:<br />
-"einen" geändert in "einem"<br />
-(und schaute mit einem schelmischen Blicke zu ihm auf)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_087">87</a>:<br />
-"mich ich mag" geändert in "ich mag mich"<br />
-(und ich mag mich nicht in einem fort umsehen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_088">88/89</a>:<br />
-"der" geändert in "den"<br />
-(eine sogenannte Gänsehaut über den ganzen Leib)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_097">97</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»da ist wohl Mancher Wochen lang)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_106">106</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(Gehen Sie mit, Schulmeister?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_109">109</a>:<br />
-"meint" geändert in "meinte"<br />
-(»Ach, nicht Frauen allein,« meinte der Schulmeister)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_114">114</a>:<br />
-"sage" geändert in "sagte"<br />
-(mir heute noch gefehlt, sagte die Pastorin, und räumte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_119">119</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Du bist heute aufgeregt, Kind)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_121">121</a>:<br />
-"»" vor "Im" entfernt<br />
-(Im nächsten Moment glitt die Erscheinung)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_124">124</a>:<br />
-"flimmerden" geändert in "flimmernden"<br />
-(und las mit flimmernden Augen, während das Schreiben)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_134">134</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Und der Fensterladen?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_135">135</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(heute Mittag müßt Ihr bei mir essen.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_144">144</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»denn im weichen Quellboden sah ich deutlich)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_151">151</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»sie vertheidigen die Sclaverei)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_154">154</a>:<br />
-"Preßbyterianer" geändert in "Presbyterianer"<br />
-(und die Presbyterianer halten ihn für ein besonderes Licht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_155">155</a>:<br />
-"Worte" geändert in "Worten"<br />
-(mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs bösgemeinten Worten)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_158">158</a>:<br />
-"»" vor "Sally" entfernt<br />
-(Sally sprang singend hinaus)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_161">161</a>:<br />
-"Reale" geändert in "Regale"<br />
-(in einem Eimer auf dem dort angebrachten Regale stand)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_173">173</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»wir haben weder Schreibzeug, noch Papier)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_179">179</a>:<br />
-"«" hinter "können," entfernt<br />
-(viel mehr in Erstaunen setzen zu können,)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_182">182</a>:<br />
-"sie" geändert in "Sie"<br />
-(Wallis hat, wie Sie vielleicht wissen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_184">184</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(da ist's doch besser sie suchen Dach und Fach.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_184">184</a>:<br />
-"Virtelstunden" geändert in "Viertelstunden"<br />
-(in höchstens drei Viertelstunden können sie)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_187">187</a>:<br />
-"Verguügen" geändert in "Vergnügen"<br />
-(mit dem größten Vergnügen, was ist es?)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_188">188</a>:<br />
-"sie" geändert in "Sie"<br />
-(mit der Sie meine armseligen poetischen Versuche)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_201">201</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Mr. Hennigs kommt auch nicht wieder)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_203">203</a>:<br />
-"Taschentnch" geändert in "Taschentuch"<br />
-(sein Taschentuch hervorzuholen und sich)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_207">207</a>:<br />
-"Reger" geändert in "Neger"<br />
-(mein Thier eben einem Neger übergeben)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_216">216</a>:<br />
-"das" geändert in "daß"<br />
-(schmerzt es Sie denn, daß Sie ein Menschenleben)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_225">225</a>:<br />
-"Spitzhake" geändert in "Spitzhacke"<br />
-(hatte in Rache und Wuth eine Spitzhacke ergriffen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_243">243</a>:<br />
-"«" hinter "vertrüge." entfernt<br />
-(und diese allerdings <em class="ge">keinen</em> Chor vertrüge.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_246">246</a>:<br />
-"sie" geändert in "Sie"<br />
-(»Sehen Sie,« sagte er)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_247">247</a>:<br />
-"gehts" geändert in "geht's"<br />
-(in die schwarze Gasse &ndash; dann geht's auch)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_256">256</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»Herrliches Jagdwetter heute!«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_257">257</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»es ist überdieß nicht gut)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_266">266</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(»was zeig' ich denn an?« und trat auf die)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_266">266</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»werden wir die Ehre haben)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_269">269</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»ich bin alt und schwächlich)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_269">269</a>:<br />
-"Bespiel" geändert in "Beispiel"<br />
-(würde Ihnen zum Beispiel einen viel größeren Zuhörerkreis)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_273">273</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(mich ergebenst, meine Herrn!« &ndash; und damit)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_273">273</a>:<br />
-"," hinter "Leute" entfernt<br />
-(Die jungen Leute sahen ihm mit einem Gemisch)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_276">276</a>:<br />
-"aufathmen" geändert in "aufathme"<br />
-(kräftig und wohlgemuth aufathme aus tiefster Brust)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_281">281</a>:<br />
-"von" geändert in "vor"<br />
-(wenn Sie ihm, so aufgetakelt, vor den Bug kämen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_283">283</a>:<br />
-"hierzu" geändert in "hier zu"<br />
-(mit welchem wir es hier zu thun haben)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_283">283</a>:<br />
-"-" eingefügt<br />
-(damit er die Beweggründe der Schooner-Passagiere begreifen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_284">284</a>:<br />
-"das" geändert in "daß"<br />
-(imponirt, daß einzelne <em class="ge">unbewaffnete</em> Männer)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_293">293</a>:<br />
-"Geduldsfadenriß" geändert in "Geduldsfaden riß"<br />
-(dem kleinen Van Broon der letzte Geduldsfaden riß)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_314">314</a>:<br />
-"»" vor "Bob" entfernt<br />
-(Bob grunzte eine Art Beistimmung)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_315">315</a>:<br />
-"Sideny" geändert in "Sidney"<br />
-(sobald wir unseren Anker wieder in Sidney auswerfen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_324">324</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»es giebt viele auf der Insel)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_333">333</a>:<br />
-"Berreich" geändert in "Bereich"<br />
-(laufen wir daher den ganzen Bereich ab)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_334">334</a>:<br />
-"»" eingefügt<br />
-(»hier der, durch ein Kreuz bezeichnete Punkt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_338">338</a>:<br />
-"Schiffen" geändert in "Schiffer"<br />
-(die den Schiffer auf seinen weiten Reisen begleitet)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_341">341</a>:<br />
-",«" geändert in "«,"<br />
-(theils dem »Capitän«, theils dem Zimmermann gehörige)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_347">347</a>:<br />
-"Zimmerman" geändert in "Zimmermann"<br />
-(der Zimmermann zog es denn auch, vielleicht nur aus)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_365">365</a>:<br />
-"Anderr" geändert in "Andere"<br />
-(der Andere aber schlich langsam am Waldrand hin)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_372">372</a>:<br />
-"." geändert in "?"<br />
-(was es sonst sein mag, seinen Eingang?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_375">375</a>:<br />
-"?" geändert in "!"<br />
-(und einem frohen, freudigen Leben entgegen!«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_382">382</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(&ndash; werden schon wissen &ndash;«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_391">391</a>:<br />
-"enstanden" geändert in "entstanden"<br />
-(wie der Tag entstanden, sank er in Nacht zurück)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_420">420</a>:<br />
-"dem" geändert in "den"<br />
-(Auf den rothgepolsterten Sesseln und Bänken lagen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_425">425</a>:<br />
-"ich" geändert in "auch"<br />
-(und wenn auch hie und da zwischen den Coulissen)</p>
-
-
-<p class="ci mt2">sowie jeweils "«," geändert in ",«"</p>
-
-<p class="ci">auf Seite <a class="nd" href="#page_050">50</a>:<br />
-(»Dort unten,« lautete die monotone Antwort)<br />
-(»Na, das ist eine schöne Geschichte,« murmelte Sutton)</p>
-
-<p class="ci">und Seite <a class="nd" href="#page_072">72</a>:<br />
-(»Entweder oder,« murmelte er)</p>
-
-<p class="ci">und Seite <a class="nd" href="#page_142">142</a>:<br />
-(durch den Wald reiten müssen,« entgegnete die Frau)<br />
-(»Ja, das läßt sich nicht läugnen,« lachte der Reiter)<br />
-(»Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs,« rief jetzt)</p>
-
-<p class="ci">und Seite <a class="nd" href="#page_144">144</a>:<br />
-(draußen im Wald, er sucht die Pferde,« entgegnete)<br />
-(aus den Hügeln herunter gekommen sein,« meinte Hennigs)<br />
-(»Ah, dann findet sie Vater gewiß nicht,« rief Sally)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen, Erster Band., by
-Friedrich Gerstäcker
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN, ERSTER BAND. ***
-
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diff --git a/old/50187-h/images/cover.jpg b/old/50187-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 580cb6d..0000000
--- a/old/50187-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ