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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Aus zwei Welttheilen, Erster Band. - Gesammelte Erzählungen - -Author: Friedrich Gerstäcker - -Release Date: October 12, 2015 [EBook #50187] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN, ERSTER BAND. *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - -[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : ~klein~ : #fett# : =Antiqua= ] - - - - - Aus zwei Welttheilen. - - Gesammelte Erzählungen - von - Friedrich Gerstäcker. - - Erster Band. - - Leipzig, - Arnoldische Buchhandlung. - 1854. - - - - -Inhalt des ersten Bandes. - - - Seite - - Heimweh und Auswanderung 1 - - Die Wolfsglocke 27 - - Die Ahnung 83 - - Schwarz und Weiß 137 - - Der Freischütz 227 - - Die Schoonerfahrt 275 - - Berlin und das Schauspielhaus im Belagerungszustand 401 - - - - -Heimweh und Auswanderung. - -Skizze. - - -Vor Jahren, und noch nicht einmal vor so gar _langen_ Jahren, war eine -Reise von mehr als zwanzig Meilen ein Gegenstand, der nicht allein jede nur -erdenkliche Vorbereitung erforderte, sondern den Reisenden selbst fast wie -einen tollkühnen Wagehals erscheinen ließ, der sein eigenes Leben und die -Ruhe seiner Verwandten und Freunde keinen Deut hoch achtete, sondern -nur, ein zweiter Robinson Crusoe, Lust habe, seine Tage unter Wilden und -Cannibalen zu beschließen. Damals standen noch wohlbeleibte Wirthe mit den -dicken, gemüthlichen Gesichtern in der Thür ihrer Gasthäuser und unter den -an starken eisernen Stäben hin- und herknarrenden Conterfeys von rothen -Drachen oder noch rötheren Potentaten, sahen die alte, wohlbekannte -Landkutsche halbe Stunden lang bedächtig auf der ausgefahrenen Straße -heranrasseln, und berechneten schon im Voraus, für wie viel Gäste die -hochlägerigen, schneeweiß überzogenen Betten hergerichtet, wie viel Paar -Pantoffel zum Wärmen an den Ofen gestellt werden müßten. - -Jetzt dagegen zischen und schnauben keuchende Locomotiven ihre eiserne -Bahn entlang -- die Drachen und Potentaten sind (beide jedoch nur von den -Wirthshausschilden) verschwunden und haben französirten Hotels -- »=de -Leipsic, de Katzenellenbogen etc.=« -- Platz gemacht, und langbeinige, -dünnleibige Wirthe und Kellner stürzen, mit ganzen Armladungen voll -Erfrischungen, von Coupee zu Coupee, um die _nie_ mehr einkehrenden -Passagiere zu veranlassen, ihr Geld im Fluge zu verzehren. - -Der Ocean hält mit dem festen Lande Schritt; sonst nannte man eine Fahrt -von Hamburg nach Helgoland eine »Seereise«, jetzt heißen die, zwischen -Newyork und Liverpool »spielenden«, ungeheueren Packetdampfschiffe -»_Fährboote_«, und Pianofortes und Brüsseler Spitzen werden nach Gegenden -hingeschafft, in denen noch vor kurzer Zeit Schellen und Glasperlen als -Wunderwerke der Kunst galten. - -Der Mensch selbst bleibt dann natürlich nicht hinter dem Fortschritt der -Länder zurück -- der enge Kreis, der sonst den Hausvater an die Scholle -bannte die er bewohnte, wird ihm jetzt zu eng, und wenn er die Seinen nicht -verlassen kann, ei nun, so nimmt er sie mit zu anderen Zonen. Ein mit dem -Vaterland Zerfallener -- ein »Weltschmerzdurchtobter« -- dachte früher nur -selten daran, die alten Ketten und Verhältnisse, die ihn bisher gebunden, -abzuschütteln und auf neuem Boden, von der neuen, lebensfrischen Keimkraft -einer anderen Welt durchglüht, ein ebenso neues, ein ebenso frisches Leben -zu beginnen, -- das Wort »Europamüde« stand noch in keinem _deutschen_ -Wörterbuch. Jetzt ziehen Tausende von ruhigen Landleuten, die bis dahin von -Schiffen keine anderen kannten als Weberschiffe, und das Wasser, außer -dem Hausgebrauch, nur noch zum Mühlentreiben verwendbar hielten, mit -schwellenden Segeln über brausende Wogen hin, einer neuen, ferngelegenen -Heimath zu, und befinden sich auch dort schon, nach ganz kurzem Aufenthalte -so wohl, so bekannt, als ob sie zwischen lauter Negern und Mulatten -aufgewachsen wären, und von frühester Kindheit an nichts Anderes gegessen -hätten, als Maisbrod und Ananas. - -Deutschland, das sonst so ruhige, gemüthliche Deutschland, ist auf Reisen -gegangen; Michel hat Schlafrock und Pantoffeln ausgezogen, und am Ganges, -Nil und Niger, am Amazonenstrom wie am Mississippi verlangt er von dem aufs -Aeußerste erstaunten Echo, ihm »Ei du lieber Augustin« und »schöner grüner -Jungfernkranz« nachzusingen. - -Betritt nun der Deutsche amerikanischen Grund und Boden, und ist ihm selbst -die Sprache fremd, die er von _lauter_ fremden Menschen sprechen hört, dann -erfaßt ihn gewöhnlich zum ersten Mal jenes Gefühl gänzlicher Verlassenheit, -das er selbst bei dem Abschied aus der Heimath, als er den letzten blauen -Streifen des Vaterlandes in nebliger Ferne schwinden sah, noch nicht -empfand. Damals, in ganz neuer, fremdartiger Umgebung, wo Scene nach Scene -wechselte, und jede nachfolgende immer wieder frischeres, lebendigeres -Interesse bot, -- noch dazu von lauter Landsleuten umgeben, die nur über -Sachen sprachen die ihm selbst bekannt, mit denen er selbst vertraut war, -fühlte er, glaubte er noch nicht, daß der letzte Faden zerrissen sei, der -ihn an vaterländische Erde band, -- er war nur eben unterwegs, und das -Meer, in dessen wundervolle Bläue er jetzt hineinstarrte, umfluthete ja -auch den heimischen Strand. - -So vergrößerte sich nach und nach die Entfernung, ohne daß er im Stande -war einen Maßstab anzulegen, wie er von Stunde zu Stunde alles Das weiter -zurückließ, an dem bis jetzt sein ganzes Herz gehangen, und das ihm durch -Liebe und Gewohnheit heilig geworden war. - -Der erste Schritt auf fremder Erde zerstört den Wahn -- von seinen -Reisegefährten trennt ihn gewöhnlich bald irgend ein anderer Plan, trennen -ihn andere Interessen, andere Ansichten -- er verliert sie in dem -ihn umtosenden Gedränge aus den Augen, und erst dann -- erst in _dem_ -Augenblick steigt mit einem Schlage die ganze starre Wahrheit vor ihm auf: -du bist im fernen, fremden Land _allein_. - -In _der_ Zeit schließt er sich an Jeden an, der _deutsch_ spricht -- in -_der_ Zeit glaubt er einem Jeden, der ihm versichert, daß er es gut und -ehrlich mit ihm meine -- ach seine ganze Seele hängt ja an dem Glauben. Nur -zu häufig fällt er aber auch dann gerade in die Hände listiger Speculanten, -die, in der amerikanischen Schule gestählt, jeden fremden Einwanderer, -komme er nun aus der eigenen Heimath oder wo anders her, wie einen Schwamm -betrachten, den sie so lange drücken und kneten, als noch ein Tropfen -Wasser in ihm enthalten ist, und erst dann, nachdem sie sich ihres Erfolgs -vergewissert haben, wie ein abgenutztes Handwerkszeug bei Seite werfen. - -Der also Mißbrauchte sieht sich so von Jedem, dem er mit treuem Herzen -vertraute, hintergangen und verspottet, und jetzt stürmen urplötzlich all -die tausend und tausend gehörten und für Märchen gehaltenen Geschichten auf -ihn ein, durch die er in der alten Heimath vor solchen _Freunden_ gewarnt -worden war. Er gleicht jetzt dem Knaben, der sich, schon unter Wasser, noch -deutlich daran erinnert, daß ihm Jemand gesagt hätte, das Eis würde nicht -halten. Er ist aber einmal durchgebrochen, und nur starkes, kräftiges -Ringen kann und wird ihn wieder an die Oberfläche bringen. - -Nun sind es allerdings großentheils Deutsche, die in den Seestädten -Amerikas einzig und allein darauf auszugehen scheinen, ihre Landsleute -durch falsche Verkäufe, Landspeculationen oder sonstige Betrügereien -zu hintergehen; das hat aber hauptsächlich darin seinen Grund, daß der -Amerikaner nur selten Deutsch genug versteht, sich des eben Eingewanderten -Vertrauen zu erwerben und Vortheil aus ihm zu ziehen, sonst wäre er der -letzte, der sich ein Gewissen daraus machen würde, ein =greenhorn=[1] -hinters Licht zu führen. - - [1]: =Greenhorn= -- ein unübersetzbares Wort, das der Amerikaner von - solchen braucht, die in einer neu unternommenen Sache noch gänzlich - unbekannt sind, wie z. B. ein Landbewohner, der Matrose werden wollte, - im Anfang stets ein =greenhorn= genannt werden würde. - -Der Amerikaner hat überhaupt, besonders im Handel, wunderliche Begriffe von -Ehrlichkeit, und hält Manches für erlaubt, was wir nach _unseren_ Ansichten -unmöglich billigen könnten. Ich brauche da nur an die aus Kien gedrehten -Muskatnüsse, an hölzerne in Leinwand eingenähte Schinken, an aus Kartoffeln -und rothem Flanell gestopfte Würste, und an viele andere Betrügereien zu -erinnern, die den Schuldigen vor Gericht allerdings verdammt hätten, denen -aber der Amerikaner selbst seine volle Bewunderung zollt und einen solchen -Pfifficus höchstens einen »=deuced smart fellow=«, einen »verwünscht -schlauen Burschen« nennt. - -Nun ist es aber nicht allein das Vertrauen gegen Andere, vor dem sich der -neu eingewanderte Deutsche besonders zu hüten hat, sondern auch das in sich -selbst, was ihm nicht selten noch größeren Schaden thut als das erste, denn -jenes kostet ihm gewöhnlich nur Geld und er gewinnt dafür Erfahrung, -das andere aber kostet ihm seine _Zeit_ und die kann ihm Nichts wieder -ersetzen. - -Ich möchte hier übrigens nicht mißverstanden werden, denn ich will -keineswegs damit sagen, daß der Europäer nicht auf seine eigenen Kräfte, -auf seine eigene Ausdauer und Beharrlichkeit vertrauen solle. Nein im -Gegentheil, ein solches Vertrauen ist sogar unumgänglich nöthig, er würde -sonst untergehen in Zweifel und Unentschlossenheit; er soll sich aber nicht -einbilden daß er nach Amerika gekommen ist, um die Eingeborenen durch -seine eigene Geschicklichkeit in Erstaunen zu setzen -- er soll nicht, -ohne vorher zu prüfen, _seine_ Manier zu arbeiten für die bessere, -_seine_ Werkzeuge für die einzigen guten halten -- er soll seine eigenen -Fähigkeiten nicht zu hoch anschlagen und selbst da noch _lernen_, wo er -sich schon vielleicht für geschickter und klüger als Die hielt, mit denen -er zusammentraf. - -Der Amerikaner ist viel praktischer als der Deutsche -- er hat sich aber -auch nicht aus dem alten Schlamm, aus geistigem und körperlichem Zwang erst -herauszu_arbeiten_ gebraucht, wie wir das noch jetzt mit Händen und Füßen, -ja oft auf dem Bauche liegend, im Begriff sind zu thun. Er hat das Joch, -was ihn zu drücken erst _anfing_, abgeschleudert und nun, ein freier Staat, -die freie Bahn frisch und fröhlich verfolgt. Nicht durch Zunft oder anderen -Zwang niedergehalten, von allen Ländern der Welt die Repräsentanten in -seiner Mitte, konnte er prüfen und wählen und der Erfolg hat bewiesen, wie -er nicht blind war gegen das Bessere. - -Daher geschieht es denn gewöhnlich, daß sich besonders der deutsche -Handwerker im Anfang gar nicht in die Behandlungsart seines eigenen -Gewerbes hineinfinden kann, und selbst der _Meister_ zu seinem nicht -geringen Erstaunen noch lernen muß. Hier in Deutschland kommt es besonders -_darauf_ an, daß eine Sache gut und dauerhaft gearbeitet sei; der Vater -will ein Stück, das er für sich selber machen läßt, auch noch auf den Sohn -vererben, _dort_ hingegen soll nur Alles _schnell_ und in _Masse_ fertig -werden, und der Amerikaner wird daher stets den schnellen Arbeiter dem -guten vorziehen. Schuhmacher z. B., die zwei bis drei Paar Schuhe in einem -Tage machen, gehören keineswegs zu den Seltenheiten. -- Hie und da, in -großen Städten, findet man Anschläge, wo »schwarze Wäsche« in _einer_ -Stunde gewaschen, getrocknet und geplättet wird. -- Häuser scheinen über -Nacht aus dem Boden zu steigen, ganze Städte wachsen in wenigen Monaten -heran und ein ewiges Drängen und Treiben schüttelt die Amerikaner selbst -aus einem Staat in den anderen, aus einem Geschäft in das andere. - -Der Lebenszweck ist: _durch_ die Welt zu kommen, und _womöglich_ ehrlich, -das _wie_ ist aber auf jeden Fall sonst Nebensache. Was also hier in -Deutschland einem Menschen zur Schande gereichen, oder über das der -Philister wenigstens sehr stark den Kopf schütteln würde, das öftere -sogenannte »Umsatteln« wird dort nicht allein für natürlich, sondern sogar -für lobenswerth gehalten, weil es beweist, wie der unstät von Einem zum -Anderen Wechselnde das für ihn Passende zu finden sucht, und man ist -überzeugt, er wird, _wenn_ er es findet, nicht langsam in der Benutzung -desselben sein. - -Daß Einer heute Zimmermann, morgen Straßenarbeiter, übermorgen Doctor, -nachher Landmann, Maler, Schuster, Matrose, Apotheker, Händler u. s. w. -ist, fällt Keinem auf, und gerade diese unbegrenzte Arbeitsfreiheit hat -Amerika seinen ungeheuern Aufschwung gegeben. Dort treibt ein Jeder nicht -etwa Das, wozu ihn die Laune seiner Aeltern oder seiner Geburt verdammte, -sondern Das, was seinen eigenen Neigungen und Fähigkeiten entspricht, und -ist daher auch im Stande, es zu einer Vollkommenheit zu bringen, zu der er -sich noch mehr durch unbegrenzte Concurrenz getrieben sieht. - -Das sollte aber auch den Einwanderer vor einem Fehler warnen, in den er nur -zu oft von allem Anfang an fällt -- daß er nämlich Dasselbe dort treiben -will und es durchsetzen zu müssen glaubt, was er hier im alten Vaterlande -getrieben. Es ist gerade so, als ob er nun auch noch immer in das alte -Wirthshaus gehen wollte, in das er seit Jahren gegangen; ja lieber Gott, -das liegt Tausende von Meilen hinter ihm, und eine neue Welt ist's, die -ihn umgiebt, eine neue Welt ist's also auch, der er sich anpassen, der alte -Adam ist's, den er mit dem alten Schlafrock ausziehen muß. - -Dazu kommt noch, daß viele Gewerke in Nordamerika gar keine Kundschaft -haben, so z. B. würden _Weber_, wenn sie es dort durchsetzen wollten, vor -dem Webstuhl ihr Brod zu verdienen, verhungern müssen -- _was_ gewebt wird, -geschieht auf Maschinen oder von Frauen -- Spitzenklöppler dürften ebenso -wenig daran denken, ihr Geschäft in Amerika zu treiben -- Hufschmiede -müßten sich den steinigen Norden oder gebirgige Strecken suchen, da im -Süden kein Mensch daran denkt, ein Pferd beschlagen zu lassen u. s. w. -Michel muß also, wenn er einmal überhaupt eine so große Reise angetreten -hat, total aus sich herausgehen und ein ganz anderer Mensch werden. - -Der _Arme_ aber, der hier nur Sklave und Knecht war, der hier wie ein -Pferd arbeitete, um zu leben, und für einen Tag Krankheit zwei Tage hungern -mußte, um die Sache wieder ins alte Gleis, d. h. auf sein früher reducirtes -Nichts zu bringen, wird dort auf einmal finden, daß er mehr als ein bloßer -Zahn in einem Maschinenrad ist, daß er auch noch Menschenrechte hat, die -dort gelten und anerkannt werden. Er braucht auch nicht mit Thränen -auf seine Kinder zu blicken, weil er im Geist voraus sieht, welch -fürchterliches Leben sie durch lange endlose Jahre dahin zu schleppen -haben; denn gerade die Kinder sind es, die nachher tausendfältig ernten, -was die Aeltern, vielleicht immer noch unter Sorgen und Entbehrungen, -gesäet haben. Für den Armen, der arbeiten will, ist daher Amerika noch ein -Land der Verheißung, und alle die, die es gut mit den Unglücklichen meinen, -sollten der Auswanderung derselben nicht allein nicht im Wege sein, sondern -sie eher und so viel als möglich unterstützen helfen. - -Daß dort _Alle_ gedeihen, daß es dort _Allen_ gut gehen soll, wer könnte -das verbürgen -- schon ihre ganze Erziehung hier, die Abhängigkeit, in -der sie von Jugend auf gelebt, läßt sie dort anfänglich in einer Freiheit -umhertaumeln, die sie nicht verstehen, deren Werth sie noch nicht begreifen -können. Allerdings sagen sie es sich wohl oft, recht oft laut und in -Gedanken vor: »Hier sind wir Alle gleich, hier trennt uns kein Unterschied -des Ranges mehr«, aber vor jedem guten Rock bücken sie sich, weil sie den -verwünscht schwachsinnigen Gedanken noch nicht abschütteln können, daß in -einem bessern Stück Tuch auch nothwendig ein besseres Stück Fleisch stecken -müsse, als sie selbst unter ihrer wollenen Jacke tragen. Das verliert -sich aber nach und nach, sie lernen ihren eigenen Werth erkennen, und der -deutsche _Farmer_ ist durch seine Arbeitsamkeit und offene Ehrlichkeit der -geachtetste Bürger der Staaten. - -Anders, aber nicht etwa besser steht es dafür mit Denen, die in den Städten -kleben bleiben und nun dem Endzweck der Amerikaner huldigen und Geld, nur -immer _Geld_ zu verdienen suchen, während ihnen das _Wie_ dabei als eine -nicht zu beachtende Nebensache erscheint. - - Du kannst im Großen nichts verrichten, - Und fängst es nun im Kleinen an. - -Zu dem Großen fehlen ihnen die Mittel, fehlt ihnen der Geist -- von klein -auf krämern sie sich nach und nach hinauf. Stege, die der Amerikaner ihres -Schmutzes wegen nicht einschlagen will, benutzen sie mit Freuden, und haben -sie endlich ihr Ziel erreicht -- ist es ihnen gelungen ein kleines Vermögen -zu erwerben, das sie unabhängig dastehen läßt, dann kriecht aus der Puppe -der gemeinen Raupe ein Zwitter-Unding von Amerikaner und Deutschem hervor --- ein Wesen, das nur englisch radebrecht, und von seinen Landsleuten mit -vornehmen Nasenrümpfen sagt: =it is _only a Dutchman_= (es ist _nur -ein Deutscher_) -- und zwar Dutchman noch im allerverächtlichsten Sinn -gebraucht. - -Die Galle läuft einem ordentlichen Kerl über, wenn er solch Pack sieht, -und dann fühlt, daß Jene nur ihre eigene Gemeinheit vor einer so reichlich -verdienten Züchtigung schützt. - -Auch unter diesen giebt es allerdings eine bessere Klasse, aber sie ist -selten; der _gebildete Deutsche_ zieht es -- wunderlicher Weise -- fast -stets vor, sich lieber durch _Hand_arbeit eine Zeitlang fortzuhelfen, bis -er Sprache und Sitten des Landes erlernt hat, und wenn er dann mit dem -Lande selbst vertraut wird, wenn er die Achse findet, um die sich Alles -dreht, und sich nun selber fragt: Weshalb bist Du denn eigentlich nach -Amerika gekommen? weshalb hast Du Freunde und Verwandte, weshalb Alles Das -verlassen, was Dir einst lieb und theuer war? dann gesteht er sich wohl -meistens selber ein: es war jener, vielleicht noch unbewußte Drang -nach Freiheit -- ein Gefühl, das, wenn auch ungeweckt, in seiner Brust -geschlummert, und hinein zieht er nun in den freien, fröhlichen Wald, und -als freier Farmer der Vereinigten Staaten verdient er sich sein Brod, -zwar im Schweiße seines Angesichts, aber er steht auch selbstständig -und unabhängig da, ein souverainer Fürst auf seinem eigenen kleinen -Fürstenthum. - -Zwei Krankheiten sind es übrigens, denen der Deutsche, denen überhaupt der -Auswanderer nach Amerika fast stets anheimfällt -- zwei Krankheiten, -die, eigentlich sehr von einander verschieden, doch auch wieder einzelne -Aehnlichkeit mit einander haben; sie heißen: _Seekrankheit_ und _Heimweh_. - -Die Seekrankheit betrifft allerdings nur hauptsächlich den Körper, das -Heimweh dagegen den Geist; das heißt: die eine kommt aus dem Magen, die -andere aus dem Herzen -- beide sind aber die fast unausbleiblichen Folgen -einer transatlantischen Fahrt und ähneln sich auch darin, daß sie manchmal -ihr Opfer nur im Anfang, nur in den ersten Tagen mit beiden Fäusten -anpacken und recht ordentlich, so recht aus Leibeskräften durchschütteln, -es aber dafür auch später ungeschoren lassen, oder -- was viel, viel -schlimmer ist -- leise auftreten und bei jeder neuen Woge, bei jedem etwas -stürmischen Meer, wieder- und immer wiederkehren und Herz und Magen gleich -stark zur Verzweiflung bringen. Beides sind Krankheiten, die kein Arzt zu -curiren im Stande ist, die aber beide, die eine durch _jedes_ feste Land, -die andere nur durch den heimischen Boden, augenblicklich gehoben werden, -und sonderbarer Weise sich auch nach wiederholter Ursache, d. h. nach -wiederholter Seereise oder Trennung vom Vaterlande, selten und nur in -außerordentlichen Fällen zum zweiten Male einstellen. - -Zwar hat man für das Heimweh allerlei probate Mittel empfohlen, wie z. B. -stete Aufregung, ein rastloses Suchen von Geschäften, Reisen, überhaupt -Zerstreuung, und das hilft auch für _die_ Zeit vielleicht, _in der_ wir -uns zerstreuen; Augenblicke der Ruhe _müssen_ aber kommen und dann -- ach -selbst die Erinnerung an die ist schmerzlich. - -Auch für die Seekrankheit hat man in neuerer Zeit etwas -- ein Vomitiv -gleich zu Anfang genommen -- als von ausgezeichneter Wirkung empfohlen, das -ist aber etwa eben so, als ob mich beim Arbeiten das Wagenrasseln auf der -Straße störte und ich mir nun ein paar nimmer rastende Trommelschläger vor -die Thüre bestellte, damit ich jenes nicht mehr höre. Nein, Heimweh wie -Seekrankheit will austoben und beiden muß man daher seinen ruhigen Lauf -auch ruhig lassen. - -Nun wollen freilich Einige behaupten, das Eine schütze zugleich vor dem -Andern, denn wer die Seekrankheit einmal recht ordentlich gehabt, der -bekomme nie das Heimweh, oder verlange wenigstens nie heimzukehren, weil -er sonst auch jener wieder zum Opfer fiele. Dem ist jedoch nicht so, das -Heimweh kann sogar viel eher als eine fortgesetzte, als eine moralische -Seekrankheit betrachtet werden. Es ist die Seele, die auf dem -sturmgepeitschten fremden, ungewohnten Lebensmeer erkrankt und sich nun, -obgleich der Körper durch jede mögliche Anstrengung, durch Beinespreizen -und verzweifeltes Balanciren sein Aeußerstes thut dagegen anzukämpfen, nur -immer und immer zurücksehnt nach dem festen Land, nach dem _Vater_land. - -Einen Beweis hierzu liefert ebenfalls wenigstens der bessere Theil der -Deutschen in Nordamerika. Dieser nämlich, obgleich vielleicht früher -mit den Wörtern Preuße, Baier, Oestreicher, Sachse etc. vollkommen -einverstanden, macht jetzt plötzlich keinen Unterschied mehr zwischen -dem Rhein und der Donau -- er fragt nicht mehr den Deutschen: aus welchem -_Lande_ kommst Du? das weiß er, das ist _Deutschland_; nein, aus welcher -_Gegend_, und selbst _die_ Frage geschieht nur, um vielleicht einen -bekannten Ort genannt zu hören und sich an den lieben, ach lange entbehrten -Lauten zu erfreuen. -- Daher schreiben sich auch die, fast in allen -amerikanischen Städten entstehenden Gesellschaften zur Bildung eines -_einigen Deutschlands in Amerika_ -- Michel versucht ganz urplötzlich in -einem total fremden Lande etwas, an das er zu Hause, wo es doch eigentlich -hingehörte, mit keiner Sterbenssilbe gedacht hatte, und ärgert sich dann, -daß er so wenig »Gemeinsinn«, wie er es nennt, daß er so wenig Anklang -unter seinen Landsleuten findet. - -Alle diese Versuche sind ebenfalls nur ein _Heimweh_, das sich auf solche -Art seine, tief im Herzen wurzelnde Bahn bricht -- es ist das Andenken an -liebe, früher so glücklich verlebte Stunden. Der Ausgewanderte will sich -dadurch gewissermaßen glauben machen, er lebe noch in den alten, jetzt so -schmerzlich vermißten Kreisen, und all das Fremde, Ungemüthliche, was ihn -umgebe, sei nur die harte, bittere und keineswegs zum süßen Kern gehörige -Schale, wie wir ja wohl vor den hereinbrechenden Winterstürmen Blumen und -Blüthen mit in das wohnliche Zimmer flüchten und diese hegen und pflegen, -daß sie uns noch recht lange den lieben Sommer erhalten sollen. - -Eine Weile geht das auch -- die Keime sind noch frisch und kräftig, und -wenn gleich draußen der eisige Nord das gelbe verwelkte Laub von den -Zweigen reißt, so trotzen die warm gehaltenen Pflanzen lange und glücklich -dem starren Vernichter. Nach und nach aber welken sie auch -- die Zeit -übt ihr Recht -- der Winter greift durch jedes zufällig geöffnete Fenster, -durch jede Ritze und Spalte herein, nach den armen Kindern einer anderen -Sonne, und legt sie erbarmungslos in ihr dunkles Grab. - -Doch eines bleibt -- eines ist, das der Hitze wie Kälte, der erstickenden -Stubenluft wie dem vernichtenden Norde trotzt, das sich mit immer wieder -neuen Schößlingen an Herz und Seele rankt und klammert, das frisch und -fröhlich keimt, wenn auch draußen die ganze Natur erstarrt, wenn Alles -unter weißer Leichendecke todt und begraben liegt, und das ist der _Epheu_ --- die _Erinnerung_ an die Heimath, wenn auch die Heimath selbst, ach -längst für uns gestorben scheint. In seinen lebensfrischen Blättern sehen -wir uns eine neue Frühlingswelt erstehen -- aus ihm bauen wir uns Lauben -und Grotten -- ihn flechten wir um unsere Sitze und zu ihm aufblickend -trägt uns sein freundliches Grün zu der Zeit zurück, wo wir draußen im -schattigen Wald mit den heißen Wangen den Thau von den Zweigen strichen, wo -wir in der Heimath Das fanden, was uns jetzt nur noch, ein schwaches Bild -ihrer selbst, geblieben. - -Es ist eine eigene Sache um das Heimweh, und ein dem vaterländischen Boden -entrissener Mensch ist ebenfalls wie ein aus der Erde, die ihn erzeugte, -genommener Baum; er stirbt vielleicht nicht ab im fremden Lande -- die -Wurzeln schlagen wieder aus, aber die feinen, zarten Theile derselben -sind doch noch im alten Bett zurückgeblieben -- die tausend kleinen, -unbedeutenden Fasern wurden verletzt und getrennt, und wenn sie auch zu dem -Leben des Baumes selbst nicht unbedingt erforderlich waren, so thun sie ihm -doch recht weh, und ihr Verlust schmerzt noch lange nach. - -Ist es aber zur Erhaltung des _ganzen Baumes_ nöthig, daß er in anderen -Grund und Boden komme, dann sind eben diese Fasern nur Nebendinge, auf die -man nicht Rücksicht nehmen darf und kann -- es thut ja auch weh, sich einen -Zahn ausnehmen zu lassen, und doch unterzieht man sich dem Schmerz, um -künftig Ruhe zu haben und sich wohler zu befinden. So leben wir denn -ebenfalls jetzt in einer Zeit, wo die Bevölkerung einzelner Länder mit Dem -was sie selbst erzeugen kann, in keinem Verhältniß mehr steht, und entweder -muß ein Theil, nach Vorbild der Bienen, _schwärmen_, oder der ganze Stock -Noth und Mangel leiden. - -Früher geschah das erstere durch sich selbst; die Völkerwanderungen -bedurften eben keiner weiteren Anregung als der Ueberzeugung, daß der -bisherige Aufenthaltsort für einen Stamm zu eng ward und die, überdieß -nicht an die Scholle gebundenen Nomadenvölker zogen aus, in irgend einer -anderen Himmelsrichtung ein besseres, ihrer großen Zahl mehr zusagendes -Land zu finden. Jetzt aber fehlen jene ungeheueren, wenig bevölkerten und -in der Nähe gelegenen Strecken, oder wo sie liegen, sind die politischen -Verhältnisse der Art, daß Jemand, der erst einmal glücklich Sack und Pack -zusammengeschnürt hat, gewiß nicht _dort_hin zieht; es werden daher Mittel -erfordert, um einen uns nicht mehr ernährenden Wohnplatz zu verändern, die -der Arme nicht besitzt; gleichwohl nimmt die Noth, besonders in einzelnen, -übervölkerten Theilen unseres Vaterlandes, wie in den sächsischen, -schlesischen und böhmischen Gebirgen, mit jedem Tage zu und mit allen -gereichten Gaben ist immer kein Ende derselben zu ersehen, keine dauernde -Hülfe zu erzwecken -- es ist immer nur ein einzelnes Mahl, dem Hungrigen -gereicht, und der morgende Tag wird ihn eben wieder so verschmachtend -finden, als der gestrige ihn fand. Daher sollte denn auch der Staat, -wenn er es wirklich gut mit den Armen meint, wenn er ihrer Noth wirklich -_abhelfen_ und sie nicht nur für den Augenblick durch eine Galgenfrist -beschwichtigen will, die _Auswanderung_ _unterstützen_ und _leiten_. -Unterstützen, so weit das in seinen Kräften steht, bedenken daß er in -dem Läutern seiner eigenen Kräfte auch sein eigenes Blut reinigt von dem -ungesunden Ueberfluß, der ihn zuletzt sonst selbst bewältigt, und nicht -fürchten, daß die gesunden Arbeiter alle fortgehen und nur Greise und -Krüppel zurückbleiben -- denn wäre das wirklich der Fall, so könnte -man dann noch immer die _wenigen_ mit dem zehnten Theil dessen thätig -unterstützen, was jetzt auch an die arbeitsfähigen, und zwar nur zur -augenblicklichen Stillung ihres Hungers verwendet wird, ohne daß es ihre -Leiden lindert, sondern sie bloß am Leben erhält. - -Aber auch _leiten_ sollte der Staat die Auswanderung und zwar durch -tüchtige Männer, die, vom Staate beauftragt, die Auswanderer nicht allein -hinüber zu führen hätten in ihre neue Heimath, sondern die auch an Ort und -Stelle die Gegenden aussuchen und alles Nöthige einleiten müßten, um ihnen -wenigstens einen Anfang möglich zu machen, um ihnen die Gelegenheit -zu geben, daß sie beweisen können, wie es ihnen wirklich Ernst ist, -selbstständig durch die Welt zu kommen, und sie ihr altes Vaterland nicht -allein nicht ganz vergessen, sondern auch mit Freundlichkeit statt mit -bitteren Empfindungen daran zurückdenken. Die Zeit _war_ wo wir eine Flotte -hatten, -- und unsere Nachkommen werden glauben, man erzählt ihnen ein -Märchen, wenn sie die Geschichte derselben lesen -- wir dürfen deshalb -nicht daran denken, unsere ausgewanderten Freunde auch noch in fremden -Welttheilen _schützen_ zu wollen. Das edle Recht ist nur den _Nationen_ -vorbehalten, aber wir könnten ihnen dadurch doch auch beweisen, daß uns -wirklich ihr Wohl am Herzen lag, als wir ihre Taxen und Steuern nahmen, -daß wir sie wirklich, wie ihnen das hier oft genug vorerzählt wird, als -_Kinder_ des Staates betrachten und nicht als überflüssiges Material, als -Kehricht, den man auf die Straße wirft, und von dem man froh ist, wenn ihn -der Nachbar gelegentlich mit fortführt. - -Diese vom Staat Beauftragten sollten aber nicht, wie das bis jetzt -stets der Fall gewesen, Männer sein, die, selbst unbekannt mit -Amerika, hinübergehen, dort vielleicht ein halbes Jahr leben, flüchtige -Erkundigungen einziehen und dann glauben, sie kennten das Land genug, um -ein richtiges Urtheil darüber fällen zu können; solche Leute haben schon -unendliches Unheil über arme Auswanderer gebracht, die ihren Worten, -ihrer Führung unbedingt vertrauten und dann zu spät einsahen, wie sie von -Menschen geleitet waren, denen selbst kaum die obere Rinde der dortigen -Verhältnisse bekannt geworden. Allerdings weiß ich, welche Schwierigkeiten -es hat, Deutsche zu einem gemeinschaftlichen Zusammenleben zu bewegen; ja -ich halte es sogar, außer unter dem strengsten religiösen Zwang, für -eine positive Unmöglichkeit. Das darf aber auch gar nicht der Zweck einer -Uebersiedelung von Armen sein, der Staat hat genug gethan, wenn er sie -hinüber schafft und dort dafür sorgt, daß sie wenigstens im Anfang einen -Wirkungskreis für ihre Thätigkeit bekommen, was nur durch Ankauf einer -selbstständigen Strecke Landes geschehen kann. Für das weitere Fortbestehen -ihres Zusammenlebens wäre es verlorene Mühe sorgen zu wollen -- es findet -dann später ein Jeder schon seine eigene Bahn, und wer nicht Lust hat, das -ihm angewiesene Land zu bebauen, der mag es verlassen und irgendwo anders -Beschäftigung suchen. Das Land muß ihm nur im Anfang als Aufenthaltsort -gegeben werden, daß er nicht gerade in der Zeit, wo er weder Sprache noch -Sitten kennt, als ein Bettler die Staaten durchstreift, und sowohl für sich -selbst ein eben so elendes Leben fortsetzt, als er es hier geführt, sondern -auch seinen anderen Landsleuten unendlichen Schaden zufügt, indem er sie -durch sich selbst in den Augen der Amerikaner herabwürdigt. - -Das Alles ist jedoch nur durch Leute möglich zu machen, die Amerika nicht -allein vom Bord eines Dampfschiffes aus, oder durch das Coupeefenster eines -Bahnzuges kennen gelernt, sondern die sich selbst eine genaue Kenntniß der -dortigen Verhältnisse _an Ort und Stelle_ verschafft haben. Ebensowenig -wäre es aber auch anzurathen, dortigen _Ansiedlern_ die Wählung eines -Platzes zu überlassen; diese werden nie im Interesse der Uebersiedler, -sondern stets in ihrem eigenen Interesse handeln und zwar die neue Colonie -so viel als möglich in ihre Nähe, wenn nicht gar auf ihr eigenes Land zu -bringen suchen, um einen sicheren und bequemen Absatz für ihre Produkte -zu finden. Das Alles wird durch einen dabei nicht selbst Betheiligten -vermieden, dann aber bietet auch der weite Westen der Vereinigten Staaten -einen ungeheueren Abzugscanal für jene Unglücklichen, die hier hungern -müssen, während dort Brod wächst sie zu sättigen, die den Quell kennen, -der sie vor dem Verschmachten retten würde, ihn aber nicht zu erreichen -vermögen, weil ihre Kräfte erschöpft, ihre Glieder erschlafft sind. Jetzt -werden sie nur durch dürftige Spenden dürftig am Leben gehalten -- eine -kräftige Hülfe aber, die das Uebel bei der Wurzel faßte und herausrisse, -würde nicht allein Denen einen freieren Blick in die Zukunft gestatten, die -jetzt durch das Unglück ihrer Mitmenschen jede Freude verbittert sehen, -und immer nur gedrängt und getrieben werden, zu helfen und zu unterstützen, -sondern auch für Die, die es selbst betrifft, von segensreichster Wirkung -sein. - -Nur durch die Auswanderung kann eine wirkliche und nachhaltende Linderung -der jetzigen Noth einzelner Klassen ermöglicht werden. - - - - -Die Wolfsglocke. - - -In den Washita-Bergen Nord-Amerikas liegt der Schauplatz auf den ich den -Leser führen will. Dort, in den wilden Thälern jener reizenden Hügelketten -existirt noch der richtige Backwoodsman; schlicht und ehrlich, rauh und -derb, aufopfernd in seiner Freundschaft, aber gefährlich in seinem Haß, und -sein Leben großentheils von der Jagd, etwas vom Ackerbau, und meist von der -Viehzucht abhängig machend. - -Die letztere wird ihm besonders durch das milde Klima jener Gegend, durch -die grasreichen Hügel, durch die noch hie und da mit dichten Schilfbrüchen -gefüllten Thäler erleichtert, und wenig Mühe ist es, die ihm die Zucht -einer oft nicht unbeträchtlichen Heerde kostet. Dann und wann eine Hand -voll Salz, nahe zu seiner Hütte hingeworfen, eine häufige und regelmäßige -Wanderung von einem der kleinen zerstreuten Trupps zum andern, daß sie -den Anblick des Menschen gewohnt blieben und nicht wild wurden -- und der -Sorgfalt, die er möglicher Weise darauf verwenden _konnte_, war vollkommen -Genüge geleistet. - -Einen Feind aber hatte er, den er, so oft er ihm auch nachstellte und ihn -mit Büchse und Falle unermüdlich verfolgt und zu vernichten strebte, doch -nicht bewältigen konnte, einen Feind, der Nachts in heulenden Schaaren die -ängstlich blökende Heerde umschlich, und manch kräftiges Kalb, ja sogar -manch einzeln abschweifende Kuh -- und wie viel Ferkel und junge Schweine! --- überfiel, erwürgte und verzehrte -- dieser listige, blutgierige und -erbarmungslose Feind war der _Wolf_. - -Durfte man es dem Backwoodsman verargen, wenn er seine ganze List und -Jagdkenntniß anwandte, solch schlauem und gefräßigem Diebe beizukommen? -- -aber so eifrig er auch auf der Lauer lag, so manche Nacht er, Mosquiten -und Holzböcken zum Trotz, in den Aesten irgend einer knorrigen Eiche -eingeklemmt hing, und beim matten Mondeslicht den scheuen Räuber durch -angeschlepptes Aas herbeizulocken und zu belauern gedachte, so selten war -er im Stande der höchst umsichtigen Bestie die tödtliche Kugel in den Pelz -zu schicken. Die Zahl der Raubthiere mehrte sich, trotz den unermüdlichen -Nachstellungen, von Jahr zu Jahr, und im Verhältniß dazu wurden die Heerden -gelichtet, so daß wirklich etwas ernstlich geschehen mußte, wenn sich die -Viehzüchter nicht genöthigt sehen sollten ihre Weidegründe, nur allein -dieser Plage wegen, aufzugeben. -- Und ein Hinterwäldler einem Wolf das -Feld räumen, -- ei Klapperschlangen und Poppkorn! das wäre ja wahrhaftig -eine Schmach und Schande für sein ganzes Leben gewesen! - -Daß unter solchen Umständen derjenige welcher die meiste Geschicklichkeit -auf der Jagd bewies, auch der geachtetste der Jäger war, versteht sich wohl -von selbst, und so geschah es auch daß sich Benjamin Holik, der erst seit -kurzer Zeit aus Missouri heruntergekommen war, in kaum einem halben Jahre, -wo er allein mit seiner Büchse siebzehn der Bestien erlegt hatte, den -Ehrennamen »Wolfs Ben« verdiente, und bald für den besten Wolfsjäger im -ganzen Reviere galt. - -Wolfs Ben war auch noch außerdem ein gar stattlicher und wackerer Bursche; -gut seine sechs Fuß hoch, mit wahrhaft riesigen Schultern und Armen -und einer Kraft, der es keiner der doch sonst gewiß nicht schüchternen -Hinterwäldler, gewagt hätte, im Einzelkampf zu begegnen, zeigte er sich -sonst in seinem ganzen Wesen als der gutmüthigste, verträglichste und -gefälligste Freund. -- Mit einem guten Wort ließ sich von ihm Alles -erlangen, die vorletzte Ladung Pulver gab er her und den letzten Bissen den -er in seine Decke gewickelt bei sich trug; dabei war er der trefflichste -Gesellschafter, wußte Unmassen der abenteuerlichsten Geschichten zu -erzählen, half, wo er einmal irgendwo übernachtete, mit unermüdlichem -Fleiße Feuerholz schlagen und zum Haus schaffen, den Mais in der Stahlmühle -mahlen, die Thiere versorgen etc., und hatte sich dadurch sowohl wie durch -sein männlich schönes Aeußere die Herzen sämmtlicher Frauen der Ansiedlung -dermaßen gewonnen, daß er die übrigen jungen Burschen wahrhaft zur -Verzweiflung brachte und schon anfing, trotzdem daß er noch Keinem auch nur -eines Strohhalms Hinderniß in den Weg gelegt, recht tüchtige Feinde unter -ihnen zu zählen. - -So still und ruhig aber Wolfs Ben dabei seinen Weg ging und anscheinend -harmlos in den Tag hinein lebte, so hatte er doch auch die Augen weit genug -offen und wußte selber am besten unter welchem Dach er am liebsten schlief, -in welche Augen er am unermüdlichsten schauen konnte, und wo ihn -- nicht -das freundlichste Gesicht, denn die Mädchengesichter bewillkommten ihn alle -freundlich -- wohl aber das süßeste Erröthen begrüßte, das ihm bis jetzt -noch stets das Blut in rasender Schnelle durch die Adern gejagt. - -Doch ich will dem Leser keine langen Räthsel aufgeben, die er jedenfalls -schon eine Weile vorher errathen hätte. -- Benjamin Holik liebte -- wie -nur seine treue einfache Seele lieben konnte -- so recht aus Herzensgrunde -Robert Suttons liebliches und einziges Töchterlein, und die einzige und -alleinige Sorge die ihn dabei quälte war, daß Sutton, der die größte Farm- -und Baumwollenplantage unten am Washita und Red River besaß, und im Sommer -hier nur eigentlich seiner Heerden und seiner Gesundheit wegen in die Berge -zog, für einen sehr reichen, und -- was noch schlimmer, geizigen Mann galt, -und er -- armer Teufel! -- weiter Nichts auf der weiten Welt besaß als -seine Büchse, sein Messer und seinen gesunden Körper. -- Sein braves -ehrliches und treues Herz schlug er dabei gar nicht an, und doch war das -die kostbarste Perle, die in ihrer Umhüllung nur wie in einer weit minder -werthvollen Schaale saß. - -Ben hatte aber schon oft und lange, und nicht selten mit recht trüben -Sinnen darüber nachgedacht, wie er es eigentlich anfangen sollte etwas Geld -zu verdienen und einen kleinen »=start=« wenigstens zu haben, mit dem er -beginnen könne -- denn sich um Arbeit auszudingen und langsam und mühsam -Dollar nach Dollar in schwerer Tages- und Monatsarbeit zu verdienen, das -schien ihm ein viel zu langer und weitläufiger Weg und hätte ihn seinem -Ziele auch wohl nun und nimmermehr entgegengeführt. -- Und doch war es -nöthig, denn er wäre nicht der erste Freier gewesen dem der alte Sutton, -seiner ärmlichen Verhältnisse wegen, einen Stuhl vor die Thür gesetzt, und -wo zeigte sich ihm in dem einfachen, ruhig dahin fließenden Waldleben -eine Gelegenheit, so einmal mit raschem Schlage das Glück beim Schopf zu -erfassen -- und zu halten? -- - -Er wurde immer nachdenkender und schwermüthiger, mied die geselligen -Wohnungen der Ansiedlung, trieb sich Tag und Nacht draußen im Wald herum -und hatte als einzigen Gewinn die Scalpe der erbeuteten Wölfe, die ihm der -Staat allerdings mit drei Dollar Prämie =pro= Stück vergütete, die aber -immer noch zu keiner Summe erwachsen wollten, um auch nur einigermaßen -seine Ansprüche auf der holden Betsy Hand zu begründen. - -In dieser Zeit etwa war es daß der alte Sutton einmal einen kleinen -Abstecher nach Texas gemacht und dort von eben so abgeschieden wohnenden -Viehzüchtern ein Mittel gehört hatte, die Wölfe aus einer Gegend in die sie -sich gezogen und wo sie überhand genommen hätten, vollkommen zu vertreiben. - -Dies bestand einfach darin daß sie vorher einen Wolf lebendig fingen, ihm -dann eine Glocke, wie einem Pferd, um den Hals schnallten, und -- ruhig -wieder laufen ließen. Der Wolf kehrte hiernach natürlich so rasch er konnte -zu seinem Rudel zurück; dort aber hörten sie kaum die fremdartige Schelle -als sie auch scheu vor dem früheren Kameraden die Flucht ergriffen und in -wilder Eile einem so unheimlichen Gegenstand zu entkommen suchten. - -In jedes Versteck das sie annehmen, folgt ihnen nun der beglockte Wolf, -dem es mit dem unbequemen Riemen um den Hals und dem ewigen Gebimmel unter -seiner Kehle selber unheimlich wird wenn er sich allein sieht. Er glaubt -Schutz unter den Brüdern zu finden, schüttelt sich, wälzt sich, springt, -schwimmt, kurz thut alles Mögliche seine Qual loszuwerden und ist besonders -darüber auf's Aeußerste empört daß er nicht mehr wie früher so leise und -geräuschlos seine Beute beschleichen kann, sondern sich jedesmal selbst -gleich durch lauten Glockenklang verrathen muß, und flieht nun, hat er das -eine Rudel förmlich verjagt, zu einem andern, treibt auch dieses aus den -Bergen, die er sich selber bis dahin zum Wohnort erwählt und sieht sich -endlich -- was er aber auch nur im äußersten Fall und erst dann thut, wenn -er wirklich ganz allein zurückgeblieben ist -- genöthigt, selbst einen -andern Jagdgrund zu suchen, da auch die Heerden sich bald den Ton der -Glocke merken, und nicht selten in fest geschlossener Phalanx den nächsten -Ansiedlungen zustürmen, sobald sie den klingelnden Feind nur nahen hören. - -Der Versuch mußte auch am Washita gemacht werden; Sutton kehrte rasch -dorthin zurück, berieth sich mit sämmtlichen benachbarten Farmern und kam -mit ihnen darin überein, daß sie eine Prämie von zwanzig Dollar darauf -setzen wollten, einen Wolf lebendig überliefert zu bekommen, so daß sie ihm -selber die Glocke umschnallen und ihn dann in's Freie wieder hinauslassen -konnten. - -Der Preis ließ sich aber gut setzen! Die Wölfe waren schlauer als die -Jäger, und wenn besonders Wolfs Ben noch manchen Scalp einbrachte, so -schien es doch selbst ihm unmöglich zu sein, einen der schlauen Schurken -wirklich unbeschädigt und lebendig zu erhaschen, denn seine Fallen, die er -stellte, blieben leer und in den Fallgruben die er auswarf, fingen sich nur -der Nachbaren Rinder und Schweine. - -Da es _ihm_ nicht gelang, waren es die übrigen Jäger noch weit weniger im -Stande, und der auf einen lebendig eingebrachten Wolf gesetzte Preis stieg -endlich, da die Farmer jetzt auch hitzig wurden, und den Versuch unter -jeder Bedingung, und zwar so bald als möglich zu machen wünschten, bis zu -der für den Wald ungemein hohen Summe von _zweihundert Dollar_ empor. - -Das war ein Sporn für unsern Benjamin. -- Zweihundert Dollar, alle Wetter -damit konnte er sich eine vollkommen eingerichtete kleine Farm mit einem -mäßigen Rinder- und Schweineanfang kaufen -- und Betsy -- ei wer weiß ob -sich der Alte nicht dann doch noch überreden ließ, wenn er nur erst einmal -den schwarzen Burschen einbringen und überliefern konnte! Zeit durfte er -übrigens dabei auch nicht im geringsten verlieren, denn der Preis hatte -natürlich alle Jäger der ganzen Umgegend auf die Füße gebracht, und -überall im Wald hallten die Axtschläge der Männer wieder, die sich -kleine Baumstämme fällten, um damit die einzig mögliche Art von Fallen -zu errichten die man dort kannte, eine solche wilde Bestie wirklich -unbeschädigt zu fangen. Stahlfallen durften nämlich nicht angewandt -werden, da diese jedenfalls den erfaßten Lauf verwundet, vielleicht gar -zerschmettert hätten und die Prämie nur ausdrücklich für ganz _gesunde_ -Wölfe garantirt wurde. - -In dieser Zeit etwa, war ein Besuch in die Hügel gekommen, der unseren -armen Benjamin Holik bald auf das bösartigste beunruhigen -- ja was noch -schlimmer war -- ihm wirklich gefährlich werden sollte. -- - -Es war dies Niemand Anderes als ein sogenannter »Vetter« von Suttons, -ein »Städter« mit blauem Tuchfrack, blanken Knöpfen und »Strippen« an den -Hosen. Jesus! wie die Kinder lachten wenn er irgendwo in ein Haus kam -und sich niedersetzte; wie sie sich dann mit den schmutzigen Gesichtern -zusammendrückten, mit einander flüsterten, dann einen scheuen Seitenblick -nach den »Strippen« warfen und plötzlich in ein lautes, mit aller Mühe -nicht zu unterdrückendes Gelächter ausbrachen und wild und toll aus dem -Hause stürmten! Das blieb sich aber gleich, die Kinder waren dumme Bälger -die noch nichts von der Welt verstanden, und am wenigsten beurtheilen -konnten ob an einem Manne wirklich etwas sei, oder nicht; -- und an diesem -war jedenfalls etwas, denn sein Onkel galt für einen der reichsten Pflanzer -in Alabama und hatte nur den einzigen Erben. Ist es da ein Wunder daß ihn -der alte Sutton freundlich aufnahm, wie den eigenen Sohn behandelte und -sich und sein ganzes Haus (die Hand der Tochter mit eingerechnet) zu seiner -Disposition stellte? - -Mr. Metcamp schien denn auch recht gut einzusehen welch ein Schatz ihm hier -geboten wurde, und wenn ihn auch die junge Dame selber scheu, und in der -That absichtlich vermied, und ihm auf jede nur mögliche Art zu verstehen -gab, es sei ihr an seinen Artigkeiten nicht das mindeste gelegen, so war er --- in New-Orleans selber aufgezogen -- keineswegs der Mann der sich durch -solche »ländliche Sprödigkeit« hätte so rasch und leicht abschrecken -lassen. Er wußte sich nur vor allen Dingen kluger Weise bei dem Vater in -festeste Gunst zu setzen, lauerte dem alten Mann bald seine Schwachheiten -ab, und machte ihn in kürzester Zeit glauben er sei der beste Jäger, der -unerschrockenste Reiter und überhaupt das muthigste Herz das nur je -unter einem ledernen Jagdhemd geschlagen, also unter einem feinem blauen -Tuchfrack doppelten Werth haben mußte, und wußte dabei dem schlichten -Hinterwäldler durch seine Gelehrsamkeit und sein tiefes Wissen -- lauter -solche Sachen von denen dieser bis jetzt noch nicht einmal eine Idee -gehabt -- so zu verblüffen, daß Sutton endlich schwor, Mr. Metcamp sei der -»=smartest=« und beste Mann in der ganzen »=range=« und wenn seine Tochter -ihm nicht ihre Hand geben wolle, so bekäme sie es mit ihm selber, ihrem -Vater zu thun. -- - -Betsy machte bei einer -- der _ersten_ -- heimlichen Zusammenkunft mit dem -Geliebten, diesen mit Allem bekannt was ihr das Herz abzudrücken -drohte, erklärte ihm, nicht ohne ihn leben zu können und behauptete das -unglücklichste Wesen zu sein, das die Erde trüge. Benjamin war vollkommen -damit einverstanden, hielt der Geliebten Hand fest, fest in der seinen, -schaute ihr mit recht wehmuthsvollen Blicken in die treuen Augen und sagte -endlich mit leiser, zum Trost bestimmter, aber ach des Trostes selber sehr -bedürftiger Stimme: - -»Liebe Betsy, verzage nicht -- es wird schon noch Alles gut gehen -- sieh, -ich habe die ganze Nacht gearbeitet und vier neue Fallen aufgestellt und -auch in allen schon und zwar treffliche Lockspeise gelegt; fang' ich den -Wolf, dann hab' ich ein kleines Capital und kann nachher sagen: Nachbar -Sutton, ich möchte Eure Tochter zum Weibe und bin im Stande ihr gleich -ein freundliches Obdach zu bieten, so daß ich Eurer Hülfe dabei gar nicht -weiter bedarf -- und wenn er dann hört daß Du, Betsy, mir wieder so recht -von Herzen gut bist --« - -»Ach Du wirst gar nicht den ersten Wolf fangen können!« sagte Betsy unter -Thränen; »der häßliche Fremde hat dem Vater den ganzen Abend von weiter -nichts als den neuerfundenen Fallen erzählt, die er hier anwenden will -- -der kennt gewiß lauter neue Schliche und Pfiffe, wie sie in den Städten -ausgedacht werden, und wird Dir auch da am Ende störend in den Weg treten.« - -»Laß nur sein, mein Herz!« beruhigte sie, jetzt aber wirklich in stolzem -Selbstgefühl lächelnd, der Jägersmann. »Darum sorge Dich nicht -- wo's in -den Wald schlägt und mit wilden Bestien zusammenhängt, da laß sie in den -Städten getrost sinnen und grübeln: in der Ausführung sollen sie's uns hier -schon nicht zuvorthun, oder -- es ist unsere eigene Schuld, und wir haben's -nicht besser verdient. Da Du mir jedoch sagst, mein Kind, daß er auch von -der Jagd etwas zu verstehen vorgiebt, so kommt er mir da auf einen Boden, -wo ich ihm meinen Mann stehe, und siehst Du, jetzt -- ich weiß selber nicht -wie das so eigentlich gekommen ist -- hab' ich auf einmal weit mehr Muth -und Selbstvertrauen als vorher. Bleib Du mir nur hold, Du gutes Kind! -Zwingen kann Dich der Vater zur Heirath doch nicht, und wenn er erst findet -daß ich Dich nur zu meinem lieben Weibe haben will, weil ich einmal nicht -ohne Dich leben kann, und keineswegs seines Geldes und Gutes wegen, ei so -wird er auch einsehen daß ihm ein solcher Schwiegersohn mehr Ehre bringt -als der geschniegelte Städter, und vielleicht bekomme ich dann noch ein -recht herzliches »Ja« von ihm.« - -Es lag eine so freudige, vertrauensvolle Zuversicht in den Worten, daß sie -selbst der muthlosen Jungfrau neue Hoffnung gab. Durch das Gerücht von des -Fremden Kenntniß im Fallenstellen, war aber auch Benjamin aufgereizt worden -seine Anstrengungen zu verdoppeln, daß er nicht etwa durch Lässigkeit -sein ganzes Glück versäume. Einen fast fröhlichen Abschied nahm er von dem -schwermüthigen Mädchen, küßte ihr die thränenden Augenlider, schulterte -seine Büchse, und wanderte frisch und getrost in den dunkeln Wald hinein. - - * * * * * - -Die Fallen die Ben Holik für Wölfe stellte, befanden sich alle ziemlich -in der Nähe der Ansiedlungen, da die wilden Bestien die bewohnten Plätze, -wohin sich das Vieh Abends zurückzog, und wo auch die säugenden Sauen ihre -Betten hatten, am liebsten aufsuchten. Eine besonders, auf die er seine -meiste Hoffnung setzte, da sie nicht weit von einem Wechselpfad der -Wölfe, zwischen zwei Hügelrücken lag, war mit außerordentlicher Sorgfalt -hergerichtet, und so gestellt daß sie von den Wölfen gesehen werden -_mußte_. Ebenso stak die trefflichste Lockspeise, die ganze Keule eines -erst gefallenen Pferdes, daran, und _den_ Vortheil hatte sie noch außerdem -vor den übrigen, daß er nicht jedesmal, wenn er nachsehen wollte ob sich -etwas gefangen habe, dicht hin zu gehen brauchte, wodurch er gezwungen -gewesen wäre Spuren zurückzulassen, sondern von einem nicht fernen ziemlich -steilen Hügelrücken aus, der dort in eine starre Felsspitze vorragte, mit -seinen Adleraugen den ganzen Platz recht gut übersehen konnte. Ließ sich -dann auch nicht gleich bestimmen ob sich etwas gefangen hätte, so ließ sich -doch recht gut erkennen ob die Falle noch aufgestellt oder niedergeschlagen -wäre. - -In der Nacht mochte er freilich den Ort nicht stören, deshalb ging er jetzt -geradenwegs zu seinem Lagerplatz, den er sich, bis er sein Ziel erreicht, -in den Bergen aufgeschlagen, entzündete dort sein Feuer wieder, verzehrte -sein einfaches Abendbrod, rollte sich in seine Decke, und war bald -sanft und süß, jeder weiteren Anstrengung für diese Nacht entsagend, -eingeschlafen. - -Am Morgen bedurfte er des Hahnenschreis nicht, munter zu werden, so wie der -»Whip poor will« seine ersten klagenden Laute wieder hören ließ, sprang er -auf, kochte seinen Kaffee, den jeder Jäger gebrannt und gemahlen in einem -Leinwand- oder Ledersäckchen bei sich führt, und erwartet nun ungeduldig -den ersten matten Dämmerschein der sich im Osten zeigen würde. - -Endlich, endlich kam das diesmal so heiß ersehnte Licht, mit dem sich der -Wolf jedesmal wieder in seine bestimmten und gewöhnlich unzugänglichen -Schlupfwinkel zurückzieht -- und vorsichtig, dürre Aeste und brechendes -Holz meidend, damit das Geräusch nicht etwa noch in der Nähe weilende -Bestien aufscheuche, kroch er in der That mehr als er ging, dem Felsen zu -der ihm zur hohen Warte diente. - -Jetzt hatte er ihn erreicht -- jetzt konnte er den flachen, eben von grauem -Licht kalt durchgossenen Fleck überschauen -- beim Himmel, der ungewisse -Schein mußte ihn täuschen -- er vermochte das aufgestellte Dach der Falle -nicht mehr zu erkennen. -- War sie -- war sie niedergeschlagen? - -Das Herz schlug ihm in fieberhafter Ungeduld, und gewaltsam fast bezwang er -sich den heller heraufbrechenden Morgen abzuwarten, ehe er seine Fährte dem -Thalgrunde einpresse. - -Aber lange hielt er es so nicht aus; weder Ruh noch Rast ließ ihm die -Ungeduld und jemehr er jetzt den Blick anspannte die Gegenstände unter -sich zu erkennen, desto deutlicher wurde ihm die Thatsache, und der Zweifel -endlich zur Gewißheit. -- Die Falle war wirklich zugeschlagen und es -_mußte_ also ein Wolf in ihr stecken, denn die Kühe, die manchmal auch -sehr zum Aerger des Jägers und ihrem eignen Schrecken die Stützen umstoßen, -kamen gar nicht in dies felsige grasleere Thal hinunter. - -»Betsy!« das war der einzige Laut, den er, sich selbst vielleicht unbewußt, -ausstieß, als er mit flüchtigen Füßen den Thalgrund hinab und der Stelle -zuflog, wo im Schatten dichter Sassafras und Spicebüsche, gar schlau -in einen wilden Haufen des dort von dem manchmal reißend geschwollenen -Bergstrom hingeschwemmten Holzes hineingestellt, und von dem klar -vorbeisprudelnden Wasser bespühlt, die Falle stand. - -»_Hurrah!_« er konnte sich nicht helfen, er _mußte_ seinem Jubel wenigstens -in _einem_ recht herzlichen, recht aus tiefster innerster Seele kommenden -Aufschrei Luft machen. -- Und er hatte auch wahrlich Ursache darüber -zu jauchzen, denn in der Falle saß, scheu und verschämt, als ob er sich -genirte, bei dem heller und heller heraufdämmernden Tageslicht hier noch -ertappt zu sein, ein prachtvoller rabenschwarzer männlicher Wolf, und -die Augen funkelten dunkelglühend, zwischen den wohl eine Hand breit -auseinanderliegenden Stämmen nach dem grimmsten Feind durch, dem er in -diesem Theile des Waldes hätte in die Hände fallen können -- dem jungen -Jägersmann entgegen. - -»Siehst Du, Bestie, sagte aber der, so habe ich Dir endlich das Handwerk -gelegt, Du alter grauer Sünder -- wirst die andern wohl gestern von der -gefundenen und so vortrefflich geglaubten Beute weggebissen haben, und -sitzest jetzt in der beneidenswerthesten Lage von der Welt hinter Glas und -Rahmen. Nun warte nur, Dir ist noch weit besserer Spaß aufbewahrt. An's -Leben geht es Dir diesmal allerdings nicht gleich, wenn Du aber nur erst -einmal mit der Glocke um den Hals spazieren läufst, wirst Du schon finden -was es heißt in Ben Holiks Hände gerathen zu sein!« - -Der Wolf fletschte, als er sich nach der Falle hinunter bog, ingrimmig -die Zähne gegen ihn, behauptete aber seinen Platz und schien, wie ein -ärgerlicher Hund nur einen Angriff zu erwarten, um gleich zufahren zu -können. Ben dachte aber gar nicht daran ihn weiter zu reizen, sah nur noch -einmal lächelnd nach ihm zurück und rief: - -»Bin Dir nicht böse, alter Bursche, bist zwar ein gar unwirsch aussehender -Brautwerber, sollst mir aber doch zur Braut verhelfen, und da müssen wir -schon gute Freunde mitsammen bleiben.« - -Und einen fröhlichen Gruß dem Gefangenen hinüberwinkend, warf er seine -Büchse über die Schulter und sprang in flüchtigen Sätzen den ziemlich -steilen Abhang der Schlucht hinauf, um die Ansiedlung auf dem geradesten -Wege und so rasch als möglich zu erreichen, damit er von dort aus gleich -Hülfe herbei holen könne, dem wilden Burschen das Halsband mit der Glocke -umzulegen, und ihn dann wieder -- hei! wie er springen würde! -- frank und -frei laufen zu lassen. - -So hatten die Männer der Ansiedlung (die sie um ihr doch eine Art -Stadtnamen zu geben, _Woodville_ getauft, obgleich sie nur aus drei Häusern -und zwei Ställen bestand) den jungen Jägersmann noch nie gesehen. Jubelnd -und jauchzend kam er in Suttons Haus gesprungen, umarmte in Ermangelung der -Tochter, den alten Sutton selber, und schwatzte eine solche Masse tolles -Zeug von Wölfen, Scalpen, Farmen, Glocken, Stricken und Holzhaufen, daß -eine Art Gerücht, »Wolfs Ben sei wahnsinnig geworden«, schon wirklich -anfing Glauben zu gewinnen. - -Nach und nach klärte sich aber die Sache auf, und der alte Sutton erfuhr -kaum um was es sich handle, als er auch selber mit fast eben solchem Eifer -darauf einging, und jetzt nur bedauerte daß Metcamp den Augenblick nicht -gegenwärtig wäre, da er ebenfalls die Nacht im Wald gewesen sei um sein -Glück zu versuchen. - -»Hallo, jetzt bekommen wir am Ende gar zwei!« lachte der Alte endlich, -während er seine Büchse vom Nagel nahm und die Kugeltasche umhing. »Metcamp -hatte verdammt gute Aussichten, und scheint seiner Sache ziemlich gewiß zu -sein. Nun, das schadete nichts; dann theilt Ihr die Prämie und zwei Wölfe -wären am Ende immer noch sicherer als einer. Ist Euerer denn ein Wolf?« - -»Ei und solch ein derber Bursche, wie nur je einer ein Kalb zerrissen hat.« - -»Vortrefflich, vortrefflich! Nun so kommt, Benjamin, und Du, Scip', kommst -gleich mit den andern beiden nach; wo ist's denn? an der Froschquelle -sagtet Ihr?« -- - -»An den Wassern der Froschquelle, etwa sechshundert Schritt von dem -scheidenden Bergrücken und gerade da gegenüber wo des »Teufels Kanzel« über -den Bach hängt.« - -»Nun da könnt Ihr ja gar nicht fehlen -- also die Stricke und den Sack -- -habt Ihr das Halsband, Ben?« - -Der junge Mann bejahte es, klingelte mit der kleinen Glocke und schien -selber die Zeit nicht erwarten zu können, wo sie wieder aufbrechen würden, -seine Siegstrophäen in Empfang zu nehmen. -- - - * * * * * - -Mit raschen Schritten wanderten die beiden Männer den schmalen Pfad -entlang, der von der Ansiedlung aus in den Wald lief, verließen diesen aber -bald darauf wieder, eine nähere Richtung einzuschlagen, und benutzten einen -von den Hügeln hin auszweigenden Abhang, der in leiser Niederdachung den -Wassern der Froschquelle zuführte. - -»Aber, Ben, Ihr habt ihn doch auch sicher? fragte da Sutton, ganz plötzlich -stehenbleibend, und sah den jungen Jägersmann mißtrauisch dabei von der -Seite an. -- Ihr war't mir heut Morgen so -- so kreuzfidel -- es ist zwar -noch etwas früh -- ich hoffe doch nicht daß Ihr mich etwa zum Narren habt?« - -Ben Holik lachte, als ob er im Leben nicht wieder zu sich selber kommen -wollte, und schüttelte das Halsband, das er in der Hand trug dermaßen, daß -der Ton hell und klingend durch den Wald tönte. -- - -»Hahahaha -- das ist kostbar. Nein Sutton -- das ist wirklich kostbar -- -jetzt -- jetzt fällt Euch auf einmal ein -- hahaha -- daß ich Euch könnte --- hahaha -- angeführt haben!« - -»Mr. Holik! --« - -»Nein, lassen Sie's gut sein, Sir, sagte der Jäger plötzlich seine -Fröhlichkeit zügelnd, da er sah wie ernst der alte Mann die Sache zu -nehmen schien. Sie dürfen aber wahrlich nicht bös darüber sein, wenn ich -vielleicht ein Bischen zu munter bin -- es freut Einen doch am Ende so -einen verwünschten Kälberdieb, der so oft und schlau jeder Versuchung -widerstanden hat, zuletzt doch noch nicht überlistet zu haben. Wir müssen -übrigens gleich an Ort und Stelle sein; da drüben seh ich schon die Kiefern -der Teufelskanzel über das andere Schwarzholz hervorragen, und gleich -dort unten, wo der Hickory über die enge Schlucht gestürzt ist, liegt das -Triftholz wo meine Falle steht. Die Neger werden den Platz doch finden?« - -»Scipio kennt jeden Fußbreit Boden hier, sagte Sutton. Also hier unten -steckt die Bestie; nun warte, mein Schatz Du sollst Deinen Kameraden so -lange Musik vormachen, bis ihnen vor lauter Bimmeln die Ohren klingen. -Hört, Ben, dies ist ein nichtsnütziger Weg hier; wir sind auch wohl gerade -auf den steilsten Fleck gekommen -- nun, Ben? -- wollen wir noch ein -Bischen? -- was habt Ihr denn zu gucken?« - -Der junge Mann war auf einen umgefallenen Baumstamm getreten, hatte mit der -Linken den niederhängenden Ast einer jungen Buche gefaßt, und schaute mit -stierem unverwandtem Blick die Schlucht hinab in die Tiefe -- erwiederte -aber kein Wort. - -»Nun Ben? -- was giebts? -- Ihr wißt wohl selber nicht mehr recht wo ihr -daheim seid? rief der Farmer, und sah ungeduldig nach ihm zurück -- wir -sind wohl in der falschen Schlucht?« - -Ben Holik erwiederte keine Sylbe; nur bleichen Angesichts und keines Wortes -mächtig, deutete er nach einem wirren Haufen wild über einander gestürzter -dürrer Aeste und Stämme, zwischen dem das scharfe Auge des alten Mannes -gar bald das rauhe viereckige und massive Gestell einer zugeschlagenen -Wolfsfalle, wie sie in den Wäldern eben üblich ist, erkannte. - -»Meiner Seel, an den falschen Kasten gerathen«; brummte der Greis, nachdem -er sich durch einen zweiten Blick überzeugt hatte wie die Falle leer sei, --- »na das fehlte auch noch, jetzt können wir die steile Partie wieder -hinauf machen.« - -Er wandte sich, den Berg wieder empor zu klimmen, hier aber fiel ihm das -verstörte wilde Aussehn des eben noch so fröhlichen Jägers auf, und als er -schon den Mund öffnete, ihn zu fragen was ihm fehle, hörte er die halblaut -und heftig ausgestoßenen Worte desselben: - -»Sie ist _leer_!« - -»Da unten in _der_ hat der Wolf gesessen?« fragte der alte Farmer rasch und -erschreckt. - -»Dort unten,« lautete die monotone Antwort des aus seinen Himmeln -erbarmungslos Niedergeschmetterten. - -»Na, das ist eine schöne Geschichte,« murmelte Sutton, klomm, so rasch -dies eben gehen wollte, und sicherlich viel rascher als er im Anfang -beabsichtigt, den steilen Hang hinunter, und stand gleich darauf vor der -allerdings leeren, aber heruntergeschlagenen Falle. - -Das Fleisch im Innern war augenscheinlich nicht berührt, eine Art -Wolfsgeruch glaubte er aber selber zu wittern, und bei genauerer -Untersuchung entdeckte er an dem einen rauhen Balken sogar einzelne weiße -Bauchhaare, die kaum von einem andern Thier als einem Wolf herrühren -konnten. Wo aber war dieser hin verschwunden, denn daß er sich sollte unter -der schweren Klappe vorgearbeitet haben -- Sutton stemmte seine Schulter -darunter und suchte sie emporzuheben, er war es kaum im Stande -- schien -rein unmöglich. - -Während er noch so beschäftigt war, stieg Benjamin Holik langsam und -schweigend zu ihm nieder, stellte seine Büchse an den nächsten Baum, legte -Halsband und Glocke daneben und trat dann dicht zur Falle heran, die -er, ohne sie jedoch zu berühren, auf das aufmerksamste und genauste -betrachtete. - -»Und Ihr habt heute Morgen wirklich einen Wolf darin gefangen gehabt?« -fragte Sutton nach längerer Pause, während er trotz des Beweises der -gefundenen Haare ungläubig dabei mit dem Kopfe schüttelte. - -»Ich gebe Euch mein Ehrenwort, sagte Ben tonlos -- ein starker männlicher -Wolf stak in der Falle, als ich vor kaum einer Stunde diesen Platz verließ; -_drei_ Wölfe hätten aber nicht Kraft genug gehabt diese Balken emporzuheben -und darunter vorzuschlüpfen, und _wenn_ ihnen das wirklich gelungen wäre, -so müßte wenigstens die Hälfte ihres ganzen Pelzes an der rauhen Rinde -dieser Stämme hängen geblieben sein.« - -»Das dachte ich eben auch, sagte Sutton -- und Ihr wißt gewiß daß es auch -wirklich ein Wolf« -- - -»Nun zum Henker! rief der Jäger, dem der Ingrimm über die getäuschte -Erwartung auch endlich durch das sonst überhaupt nichts weniger als -geduldige Hirn zu blitzen begann; ich werde doch einen Wolf von einem Stück -verendetem Pferde unterscheiden können? -- aber da -- seht hier -- und -- -und überzeugt Euch selber!« - -Noch während er sprach, sprang er plötzlich auf die Falle zu, warf mit -einem Ruck seiner gewaltigen Kraft die Klappe zurück, als ob's ein loses -Brett gewesen wäre, und schwang sich mit einem Satz über die niedere Wand -in's Innere. - -»Da! rief er, während er vor sich auf den feuchten Boden niederzeigte -- -da und da -- und da sind die Spuren der Bestie, wenn Ihr denn meinen Worten -nicht mehr glauben wollt; hier ist die Stelle wo sie die Fänge in die -Lockspeise einschlug, als die Klappe wahrscheinlich zufiel. -- Wollt Ihr -mehr Beweise daß ich Euch nur eine Thatsache verkündet und nicht etwa eine --- Lüge in den Bart geworfen habe? Pest und Gift! das hat mir Einer der -schleichenden Hallunken, die mich in der Ansiedlung immer nur so scheu von -der Seite anblinzen, wenn ich einmal hinaufkomme, zum Possen gethan; -- -herausgelassen, muthwillig herausgelassen ist das Raubthier, und weiß es -Gott, Dem der seine Hand in so schmählich schändlicher Art an Ben Holiks -Eigenthum gelegt hat, wäre besser, er hätte den Washita in seinem Leben -nicht gesehen, als daß er mir, hab' ich ihn erst aufgespürt, wieder vor die -Augen käme!« - -»Hm, das ist eine wunderliche Geschichte, brummte der Alte, wer zum Henker -soll sich die Mühe geben, Euch die Wölfe aus der Falle zu lassen? Und müßte -er nicht die ganze Nacht gerade hinter Euch her gekrochen sein, um den -einzigen Zeitpunkt, wo er es unentdeckt thun konnte, so genau abzupassen?« - -Ben erwiederte nichts, sondern stieg aus der Falle und suchte auf dem Holz -nach irgend einem Zeichen, das ihn vielleicht hätte auf die richtige Spur -bringen können. Das trockene Holz bot seinem Auge aber nichts, von dem -geleitet, es hätte weiter forschen können -- nur die Spuren von Haaren -entdeckte er bald, auch die Fährten des Raubthieres, wo es vom letzten -Stamm hinab auf die weiche Erde gesprungen und dann wieder die andere Seite -der Schlucht hinauf in geradester Richtung seinen Schlupfwinkeln zugeflohen -war. Nirgend ließ sich dabei die Spur eines menschlichen Fußes erkennen --- nur ein Paar unnatürlich tief in die Erde eingedrückte Steine, die der -Blick des Jägers bald erkannte, lenkten seine Aufmerksamkeit auf sich -- -sie waren, selbst da wo sie mit Erde bedeckt lagen, noch vollkommen trocken --- Der, der sie eingetreten, mußte also erst vor ganz kurzer Zeit hier -herübergeschritten sein. - -Holik zeigte sie dem alten Mann und dieser gab auch zu daß es ihm selber -so vorkäme, als ob da Jemand gegangen sei, an die Erkennung einer genauern -Fährte war aber nicht zu denken. -- Oben auf dem Hügelkamm zog sich ein -starrer Felsstreifen meilenweit über den Berg hin, und zweigte überall -in rauh steinige Schluchten aus. Wem hier daran gelegen war seine Spur zu -verheimlichen, konnte das leicht genug, und die beiden Männer sahen sich -auch endlich genöthigt jeden derartigen Versuch als nutzlos aufzugeben. - -Die Neger wurden zurückgeschickt, und Sutton folgte ihnen, selber in -keineswegs rosiger Laune, allein, denn Ben Holik wollte jetzt vor -allen Dingen den Wald nach der Richtung hin durchstreifen, wohin die -muthmaßlichen Fährten liefen, möglich doch, daß ihm sein gutes Glück -- er -stampfte mit dem Fuß als er die Worte sprach -- den Thäter gerade in den -Weg führte. - -Er fand nichts -- den ganzen Tag durchkreuzte er den Wald, und als er -Abends müd' und matt in die Ansiedlung zurückkehrte, mußte er noch ertragen -daß man ihn bemitleidete und sich, anscheinend theilnehmend, in der That -aber nur neugierig, nach den näheren Umständen erkundigte; ja Metcamp erbot -sich sogar höchst freundlich wieder mit ihm zu gehen und die Spur noch -einmal aufzunehmen, -- er hätte, wie er selber den alten Sutton dabei -versicherte -- eine ungeheuere Uebung in Fährtefolgen, und war überzeugt, -er könne ihr nachgehen. Ben Holik aber hielt sich, was den Wald betraf, -für einen eben so guten Mann wie irgend einer dessen Füße je in Moccasins -staken, und lehnte das Anerbieten artig wohl, aber rund ab. - -Dieser Metcamp hatte für ihn etwas Unheimliches in Blick und Ton. War er -selber so parteiisch oder eifersüchtig, ohne allen sonstigen Grund den -Menschen zu hassen, und wäre es nicht -- - -»Verzeih mir Gott die Sünde!« unterbrach Ben selber seine Gedanken als er -wieder zum Walde zurückschritt, denn Betsy konnte und wollte er in diesem -Zustand von Aufregung und getäuschter Hoffnung nicht vor die Augen kommen --- »verzeih mir Gott die Sünde daß ich von einem Menschen, der mir bis -jetzt wissentlich noch kein Leid gethan hat, Unrechtes denke, aber dieser -Metcamp kommt mir immer vor wie mein böser Geist und wenn es _einen_ -Menschen in der weiten Gotteswelt gäbe, dem ich den Bubenstreich zutrauen -möchte -- so ist es _Der_. Aber wart! mein Bursche, _bist_ Du's gewesen, -so hast Du ein Paar so scharfe Augen auf Deiner Fährte, wie sie in der -Ansiedlung nur zu finden sind, und wer weiß dann, ob wir nicht noch einmal -ein Paar Worte im Vertrauen reden!« - -Ben war ein seelensguter, herzlicher und schwer zu kränkender Mann -- wie -es fast alle recht kräftig kernige Naturen von so riesigem Körperbau sind, -aber leichenbleich färbte ihm doch der Zorn die Wangen als er den Ort -wieder erreichte, wo er das Ziel seiner Wünsche, nach dem er Wochenlang -gestrebt, endlich gefangen gehalten, und dann ihm eine tückische Hand -den Becher, den er gerade zum Munde führen wollte, entrissen und zu Boden -geschleudert hatte. - -Was aber half ihm der ohnmächtige Zorn -- er fand keine weiteren Anzeichen; -die Spuren des Geflohenen waren so schlau verdeckt daß er anfing es dem -geschniegelten Städter nicht einmal mehr zuzutrauen, und seinen Verdacht -von Einem zum Andern der jungen Leute unter seinen Bekannten schweifen -ließ, die, wie er recht gut wußte, ihn um sein Glück bei Betsy beneideten -und ihn dadurch vielleicht abhalten wollten ihre Hand zu erringen. Es blieb -aber auch immer nur wieder bei dem Verdacht; eine Gewißheit konnte er auf -keiner Seite erlangen. - -Das Schlimmste bei der Sache war übrigens auch das noch, daß ihm diese, -seine beste Falle dadurch für eine geraume Zeit unbrauchbar geworden, denn -in die ging, wenigstens nicht eher als bis einmal ein Wolkenbruch jedes -Zeichen der gefangen gewesenen Bestie abgewaschen, kein Wolf wieder hinein --- und welche Falle lag so vortrefflich wie gerade diese! - -Wolfs Ben war übrigens nicht der Mann, der sich durch eine ihm in den Weg -geworfene Schwierigkeit so leicht hätte abschrecken lassen; noch standen -ihm drei andere Fallen und selbst in dieser Schlucht konnte er, wenigstens -weiter oben, eine neue anlegen. Mit unermüdlichem Fleiß arbeitete er -also auf's Neue, lag Tag und Nacht draußen und hielt von jetzt an eine so -scharfe Wacht in seinem gewöhnlichen Jagdrevier, daß kein Kaninchen, viel -weniger denn ein Menschenkind unbeachtet durchschlüpfen konnte. Voll neuer -Hoffnung dachte er nun mit jedem Morgen den Fang eines zweiten Wolfes -begrüßen zu können -- aber vergebens. Was er auch that blieb fruchtlos, und -Ben wurde zuletzt so schwermüthig und menschenscheu, daß er gar nicht mehr -aus seinem Wald heraus mochte, sondern jetzt, mit dem einen und einzigen -Ziel vor Augen, fast nichts anderes dachte, als einen Wolf lebendig zu -fangen. - -Die Ansiedlung besuchte er gar nicht mehr, oder doch nur bei Nacht, wo -er nicht zu fürchten brauchte, daß Betsy's Blick auf ihn fiel -- denn -nachgerade fing er an sich zu schämen ein so »schlechter Jäger« zu sein und -er meinte, die Leute müßten ihm das Alle an den Augen ansehen. - - * * * * * - -Drei Wochen waren solcher Art verflossen und wenn Ben's Herz auch wohl -immer und unverändert dasselbe geblieben war, so hatten doch die Sachen in -der Ansiedlung indessen eine ganz andere Wendung genommen. - -Der »Stadtherr«, wie ihn die übrigen Jäger gewöhnlich nannten, bekam Briefe -aus Alabama, die seine Rückreise dorthin so rasch als möglich verlangten. -Sein Onkel war plötzlich gestorben -- er zum Universalerben eingesetzt, -und jetzt natürlich genöthigt die dortigen Verhältnisse, die durch eine -bedeutende Sklavenzucht noch weit mehr Aufmerksamkeit erforderten, selber -zu ordnen. Er mußte also ohne weiteres Zögern zurück, und seine im Anfang -langsam genug eingeleitete Werbung um die liebliche Waldblume, des alten -Suttons Töchterlein, wurde nun zum raschen Heirathsantrag. Mr. Metcamp -hielt noch an dem nämlichen Tag um des Mädchens Hand an, und wenn auch -Betsy unbedingt _nein_ sagte, sprach doch der Vater, dem der jetzt um -so reichere Schwiegersohn desto mehr zu behagen schien, ein um so -entschiedeneres _Ja_, versicherte seinen künftigen Eidam »das Mädchen ziere -sich nur, wolle erst angegangen sein, und bat ihn sich um das keine Sorge -weiter zu machen.« - -Metcamp hätte allerdings lieber eine freundlichere Antwort der Tochter, -wenigstens keine so ganz bestimmt abgeneigte gehabt; da es aber nun -einmal nicht anders ging, schien er sich auch hineinzufinden, hoffte -durch Freundlichkeit zuerst ihr Wohlwollen, dann vielleicht ihre Liebe zu -gewinnen -- wenigstens sagte er das dem Vater, -- und beschloß jeden Falls -an demselben Abend an dem er den Brief erhalten, eine Art Fest zu geben, -wozu sämmtliche Bewohner der Ansiedlung eingeladen wurden, und was er -dadurch zu einer Art Verlobungsfest zu stempeln gedachte. - -Der Abend kam heran und das Gerichtshaus (ein leer stehendes und aus -Stämmen roh aufgeführtes Gebäude, das in früherer Zeit einmal zu einer -Gerichtssitzung gedient, und davon den Namen, und später auch noch das -Versprechen erhalten hatte, bei nächster Gelegenheit zu einer Schule -benutzt zu werden, jetzt aber nur zur Aufbewahrung des Mais diente), war -zu dieser Begebenheit gar festlich und brillant hergerichtet. Viele Pfund -Wachslichter -- aus dem rohen gelben Wachs gegossen, wie es die Jäger den -gefällten Bienenbäumen entnehmen -- erleuchteten den ziemlich großen Raum, -der Boden war von allen Maishülsen gereinigt und rings herum Bänke gestellt -für die Damen, wie auch ein Tisch mit einem Stuhl oben darauf in die Ecke -geschoben, auf dem der einzige Musikant -- ein Violinspieler -- seinen -Sitz nehmen sollte. Kurz, es war Alles nur Mögliche angewandt, den Raum so -behaglich als möglich zu machen, und wer am späten Abend die Fröhlichkeit -der äußerst zahlreich versammelten Gäste gesehen hätte, wäre gewiß mit dem -Resultat zufrieden gewesen. - -Nur Betsy war traurig -- sie dachte an ihren armen Ben, der jetzt -wahrscheinlich draußen allein im Walde herumirrte, und wollte nicht Theil -nehmen an Tanz und Lustbarkeit. Nur mit Mühe wurde sie in den -Tanzsaal selber gebracht, dort aber wies sie jede Aufforderung auf das -entschiedenste zurück, und blieb ruhig, dem fröhlichen Treiben zuschauend, -auf ihrem gleich im Anfang eingenommenen Platz. - -Benjamin Holik war aber nicht draußen im Wald, wie sein armes, hier in -der lustigen Schaar nur um so viel betrübteres Liebchen in ihrem Schmerz -geglaubt. Der alte Sutton hatte ihn sogar, wie sich das übrigens von selbst -verstand, da man Niemanden ausschloß, noch besonders dazu eingeladen, Ben -jedoch die Einladung abgelehnt. - -In der Nähe mußte er aber doch weilen -- geschäftige Freunde brachten ihm -bald die Nachricht daß es ein _Verlobungsfest_ sein werde, was man hier -feiern wolle, und er gedachte erst doch noch einmal zu sehen, mit eignen -leiblichen Augen zu sehen daß ihn Betsy -- _seine_ Betsy auch wirklich ganz -und gar vergessen habe und dann -- ei dann zog er nach Texas. -- Onkel Sam -warb gerade für den beginnenden Krieg, und solche Leute wie er war -- -Ben brauchte keinen Spiegel sich das selber zu sagen -- fanden rasche und -freudige Aufnahme im Dienst. - -Scheu und furchtsam, daß ihn Niemand erkenne und seinen Schmerz errathe, -umschlich er wohl eine Stunde lang das Haus und horchte den munteren, -kreischenden Tönen der Violine. Näher hinan zu gehen daß er einen Blick -hineinwerfen konnte, mochte er nicht. Da kamen endlich ein Paar seiner -Bekannten aus dem Haus heraus, blieben vor der Thür stehen und schritten -dann zusammen dicht an dem Orte vorüber wo sich Ben versteckt hielt, ihren -Wohnungen zu. - -Ben drückte sich, so gut das gehen wollte, hinter den Stamm eines dort -stehenden Hickory und der Eine der Männer sagte, als sie eben dicht neben -ihm waren: - -»Betsy hat doch, so lange ich im Haus war, keinen Schritt getanzt.« - -»Den ganzen Abend noch nicht, und hat es ein für alle Mal rund -abgeschlagen, erwiederte der Andere -- ich glaube noch nicht einmal daß sie -ihn nimmt.« - -»Ah, bah -- sagte der Erste wieder -- da müßte man die Mädchen nicht kennen --- der hat Geld, und da --« - -Die weiteren Worte wurden in der Entfernung unverständlich, aber was -brauchte Ben auch noch weiter zu hören. Das letzte war schändliche -Verleumdung. - -»Noch keinen Schritt getanzt,« jubelte der junge Jäger in sich hinein -- -»also doch nicht falsch, doch nicht treulos, doch ihren Ben noch nicht -vergessen -- aber -- was kann's Dir auch helfen armer Ben -- Du hast doch -kein Glück -- Betsy ist doch für Dich verloren -- und wenn sie Dich nicht -vergessen könnte -- ach dann wär's nur so viel schlimmer für sie -- Besser -für Dich selber aber nimmer und nimmer.« - -Die Büchse, die er nicht weit von da in einem dichten Busch hineingestellt, -hob er vom Boden auf, noch einen Blick nach dem hell erleuchteten Hause -warf er zurück, und still und schweigend wanderte er den Fußpfad entlang -dem nächsten Hügelrücken zu. -- Es litt ihn -- die Nacht wenigstens -- -nicht in der Ansiedlung, und er wollte draußen am Feuer schlafen. - -Ein Platz war endlich an einer klaren Quelle, die hier dem felsigen Boden -rein entquoll, bald gefunden, eine Flamme entzündet, und in die Decke -gehüllt lag er, den Kopf auf einen untergeschobenen Stein gelegt, und -schaute sinnend und ernst zu den freundlich auf ihn niederblitzenden -Sternen empor. - -Im Wald war es merkwürdig still, selbst die Frösche quakten nicht so toll -und wild durcheinander, wie er das sonst wohl gehört, den leisen Schritt -des Opossums, das zu nächtlichem Hühnerraub nach den bewohnten Ansiedlungen -schlich, konnte er deutlich und bestimmt hören, und dort hinten -- er hob -den Kopf und lauschte einen Augenblick -- wahrlich es war ein Wolf, der -weit drüben auf dem scheidenden Gebirgsrücken sein klägliches Abendlied -heulte. - -»Winsle nur, Bestie!« murmelte er endlich und sank in seine frühere -Stellung zurück, »winsle, aber bleib mir außer Schußnähe; auf Deines -Gleichen und auf -- noch Einen, hätt' ich besonders heut Abend Appetit.« - -Eine halbe Stunde lag er wohl so noch, und suchte seine Gedanken wieder auf -die früher durchträumten Pläne zu richten -- es war aber nicht möglich --- das immer näher und näher kommende Geheul des Wolfes lenkte seine -Aufmerksamkeit immer wieder dort hin, und jetzt -- alle Wetter, das war gar -nicht so weit entfernt -- antwortete eine andere Stimme aus einer hinter -ihm liegenden Schlucht, wo auch, wie sich bald auswies, das ganze Rudel -steckte. - -Er sprang rasch von seinem Lager auf und griff nach der Büchse; der Mond -stieg eben hinter den düstern Schatten der fernen Bergesketten hell und -freundlich empor -- die alte Jagdlust erwachte und verdrängte, für den -Augenblick wenigstens, jeden anderen Gedanken. - -Er befand sich auf einem äußerst günstigen, ziemlich offenen und vom Mond -hell beschienenen Fleck und zwar gerade mitten zwischen dem Rudel und -dem vereinzelten, jetzt zu diesem zurückkehrenden Wolf -- das Feuer war -niedergebrannt, und die noch glimmenden Kohlen schreckten die Bestien auch -nicht ab, da fortwährend brennende Stämme im Wald liegen und Hirsch und -Wolf daran gewöhnt sind Feuer auf ihrem Pfad zu finden. Ein vom Winde -niedergeworfener Stamm der die Höhe hinunter, nach dem Thale zu lag, -gewährte ihm dabei einen trefflichen Hinterhalt. -- - -»Wart Kannaille, murmelte er, griff seine Büchse auf und glitt hinter den -Stamm -- komm mir nur aus dem Busch vor, und freu' Dich dann auf Ben Holiks -Kugel.« - -Er hob sein Gewehr auf den Stamm, richtete die Mündung nach der Gegend -zu, von der er den einzelnen Wolf erwartete, -- denn das Rudel bleibt in -solchem Fall gewöhnlich so lange auf dem einmal behaupteten Platz, bis der -Vereinzelte dazu gestoßen ist -- und harrte dann lange und geduldig -- der -Wolf wollte sich aber immer noch nicht sehen lassen. - -Sollte die Bestie etwas gemerkt haben -- aber der Wind war doch günstig. --- Holik ließ seine Büchse auf dem Stamm liegen, hielt beide Hände -trichterförmig an den Mund -- und heulte kläglich. -- Der Laut war -täuschend ähnlich nachgeahmt, und schallte gar wehmüthig durch den düstern -Wald. - -Wenn aber auch keine Stimme von dort, wo der einzelne Wolf sein mußte, -antwortete, so war Ben doch ein viel zu alter Jäger um nicht auf seiner Hut -zu sein, oder sich durch Uebertreibung einen einmal gewonnenen Vortheil zu -verderben. Leise griff er wieder nach der Büchse, blieb ruhig im Anschlag -liegen, und erwartete das Resultat. - -Das sollte auch nicht lange ausbleiben. -- Der Wolf antwortete allerdings -nicht mehr, aber nur weil er zu nahe war, und als Ben mit gespannter -Aufmerksamkeit selbst dem leisesten, unbedeutendsten Geräusche lauschte, -hörte er plötzlich im trocknen Laub der benachbarten Baumgruppe rasche, -aber vorsichtige Schritte. -- Trap, trap, trap, trap -- und das Thier stand --- noch einmal -- es windete wieder. Hatte es vielleicht den Rauch in die -Nase bekommen. Der Wolf betritt übrigens jedesmal vorsichtig einen freien -Platz, weil er wahrscheinlich nicht allein Gefahr fürchtet, sondern auch -vielleicht selber nach Beute ausschaut. - -Ben konnte genau von wo er stand die Schritte hören, den Platz selbst aber -noch nicht mit seinem Blick durchdringen, wagte deshalb auch nicht sich zu -bewegen, weil er nicht wissen konnte ob des Raubthiers Augen nicht gerade -in diesem Moment dorthin gerichtet waren, wo er lag. Heulen durfte er auch -nicht wieder -- die Entfernung mußte jedenfalls zu gering sein, als daß die -scheue Bestie nicht den Betrug hätte merken und den falschen Rufer erkennen -sollen. Es blieb ihm Nichts anderes übrig als jetzt ruhig und regungslos -abzuwarten, bis das Thier in's Mondenlicht heraustreten würde. - -Da wurde plötzlich hinter ihm -- ein klein wenig nach rechts, das Rudel -wieder laut und ein triumphirendes Lächeln zuckte über Ben's Antlitz -- es -machte aber auch eben so schnell einem Ausdruck peinlicher Spannung Platz, -denn in dem nämlichen Moment schon trat der Wolf, der durch den letzten -Lockton bestimmt schien, aus dem düstern Schatten vor, auf den freien, nur -mit einzelnen Bäumen bewachsenen Raum. - -Ben's Herz schlug fast hörbar, aber sein Arm lag fest wie Eisen -- ruhig -richtete er das todtbringende Rohr nach dem Feind und suchte mit dem -scharfen Blick dessen dunkle Gestalt auf das Korn seiner Büchse zu bringen. -Doch vergebens -- in dem matten ungewissen Licht schmolz Korn und Ziel -so ineinander daß er um's Leben nicht hätte genau bestimmen können wo die -Kugel sitzen würde, und fehlen -- nein das durfte er nicht. - -Vorsichtig hob er den Lauf gegen den helleren Himmel, wo er das Korn -deutlich gegen einen der funkelnden Sterne konnte abstechen sehen, legte -sich dann fest in den Kolben, fuhr nieder, und so wie er die Gestalt des -noch immer regungslos und jetzt seitwärts in's Thal schauenden Thieres voll -im Korn hatte, berührte sein Finger den Drücker. - -Der Schuß schmetterte dröhnend durch den Wald und Ben sprang blitzesschnell -empor. - -»Siehst Du, Kannaille, sagte er da, als er den dunkeln Körper regungslos -im, vom Mondlicht hell beschienenen Laube liegen sah -- siehst Du -- ich -habe Dir's prophezeiht. -- Das ist doch wenigstens _ein_ Trost, einem -solchen herumschleichenden Schuft das Handwerk gelegt zu haben. Panther und -Bären -- ich wollte daß Gottes Strahl all das Lumpengesindel träfe, das -so wie Du, Bestie, das Licht scheut, im Dunkeln herumschleicht und Unheil -anrichtet, wohin es den Fuß gesetzt und seinen Athem gehaucht!« - -Ben war bei den obigen Worten, die er mit fest zusammengebissenen Zähnen in -den Bart murmelte, ruhig auf seinem Platz stehen geblieben und hatte, nach -Jägerart, vor allen Dingen die Büchse wieder geladen, hob sie jetzt mit -einem noch leise gemurmelten Fluch auf die Schulter, und schritt langsam -der Stelle zu, wo der so glücklich erlegte Feind im Laube ausgestreckt lag. - -Es war ein großer, kräftiger Wolf, kohlschwarz und nur mit dem einen -kleinen herzförmigen weißen Fleck auf der Brust, der im Mondenlicht -ordentlich zu glühen schien -- die Kugel mußte ihm gerade durch den Kopf -gefahren sein -- er rührte und regte sich nicht. - -»Ich habe ihn nicht einmal zucken sehen, sagte der Jäger leise, und bog -sich zu ihm nieder, um nach dem Kugelloch zu fühlen. Ueber den ganzen Kopf -strich er hinüber und herüber, dort war aber nichts, auch kein Schweiß -- -und die gegen das Mondenlicht gehaltene Hand weiß und rein. Wunderlicher -Schuß! brummte der Jäger -- ei zum Henker, 's ist einerlei _wo_ die Kugel -sitzt, _wenn_ sie nur sitzt, und da ich den Schuft -- Hallo! unterbrach er -sich plötzlich -- lebt der Bursche noch?« - -Er stand mit gespannter Aufmerksamkeit die Büchse im Anschlag, jede -Bewegung des Raubthiers beobachtend, und allerdings gab dies jetzt wieder -Lebenszeichen von sich, warf einmal den Kopf auf, und schnellte sich dann -auf dem linken Vorderlauf in die Höhe. - -Ben hatte aber zu manches Stück Wild erlegt, als daß ihn diese Bewegung -auch nur einen Augenblick länger über den Zustand des Wolfes in Zweifel -lassen konnte. Im ersten Augenblick fuhr er allerdings noch einmal, und -wie unwillkürlich mit der Büchse an den Backen -- das war aber auch nur ein -Moment -- im nächsten warf er sie fort und sprang plötzlich in keckem Muth -auf das, von _der_ Minute an sich wieder ganz kräftig und rasend sträubende -Thier. - -»Hoho, mein Bursche! rief der junge Jägersmann dabei, und lachte mit wilder -Freude in sich hinein, während er seinen Arm mit eiserner Gewalt um den -wüthend dagegen ankämpfenden Körper des Wolfes schlang -- hoho -- einfach -ge=creast=[2] -- hahahaha -- ja strample nur, strample nur Herz, _der_ -Falle entgehst Du nicht -- wenn Du nicht im Stande wärst, aus der Haut zu -rutschen.« - - [2]: =creasen= nennt der amerikanische Jäger den Schuß über dem - Rückgrate oder noch häufiger Hals eines Wildes, wenn die Kugel auf die - oberen Halssehnen und Muskeln gedrückt hat, ohne sie zu durchschneiden, - was das Thier augenblicklich zu Boden wirft, aber nur für den Moment - betäubt, und nicht im mindesten beschädigt. Nach sehr kurzer Zeit - erholt es sich gewöhnlich wieder, und wenn der Jäger dann nicht schnell - mit Büchse oder Messer bei der Hand ist, springt es wieder auf und ist - nicht selten weit aus dem Bereich der Kugel ehe der verblüffte Schütze, - der sich seine schon sicher geglaubte Beute auf einmal wieder entgehen - sieht, seine Sinne gesammelt hat. Die westlichen Indianer fangen auch - mit diesem Schuß die wilden Pferde, wobei natürlich mehr erschossen als - gefangen werden. - -Das Thier, das nun sein volles Bewußtsein wieder erlangt hatte, schien -jetzt erst zu begreifen in welcher höchst mißlichen Lage es sich eigentlich -befinde und suchte mit aller ihm zu Gebote stehender Kraft um sich zu -beißen, und durch Treten und Kratzen seine Freiheit wieder zu gewinnen. -Doch vergebens, Ben hielt es wie in einem eisernen Schraubstock und drückte -sich dabei so mit dem ganzen Gewichte seines schweren Körpers darauf, daß -der arme also ertappte Wolf endlich und als auch seine Kräfte vollständig -erschöpft waren, wenigstens für kurze Zeit ruhig liegen mußte. - -Was aber nun thun? -- den Wolf tödten? das wäre allerdings mit nur -wenig Schwierigkeiten verknüpft gewesen, denn Ben trug sein haarscharfes -Jagdmesser im Gürtel. Aber war nicht jetzt sein Ziel erreicht? -- einen -lebendigen, gesunden, unbeschädigten Wolf wollte er haben, und den hielt er -in diesem Augenblick hier unter sich so fest als ob er ihn im Leben nicht -wieder loslassen wollte. Doch wie ihn binden und festhalten? nicht einmal -einen Lederriemen führte er bei sich, nichts als seinen Gürtel und wie -hätte er es überhaupt wagen dürfen auch nur den Versuch zu machen? Ließ er -dem Wolf nur ein wenig Luft so gab es nachher einen Kampf, in dem er ihn -entweder ernstlich beschädigen, oder gar frei lassen mußte -- das eine fast -so schlimm wie das andere. Und das schwere Thier bis zur Ansiedlung tragen? --- er hätte ohne den Wolf eine halbe Stunde gebraucht sie zu erreichen -- -viel weniger mit ihm -- aber es blieb ihm weiter keine Wahl. - -»Entweder oder,« murmelte er, »Du oder ich, Bursche, und so mag denn _der_ -Abend über mein Glück, über mein Unglück entscheiden. Zum Teufel auch, habe -doch schon manchen starken Hirsch getragen, der noch einmal so schwer war -wie der hier, und das blos um des elenden Wildprets wegen -- werden mir -heute die Kräfte nicht versagen, da es das Höchste -- oder doch wenigstens -einen Triumph über den schurkischen Feind gilt.« - -Und mit dem raschen Entschluß nahm er seinen Halt fest um das, sich jetzt -wieder mit rasender Wuth sträubende Thier, brachte den rechten Fuß unter -sich, und stand, die Schulter gegen einen kleinen danebenstehenden Gumbaum -stützend, langsam auf. Er hatte den Wolf mit dem Rücken gegen sich, mit dem -linken Arm zwischen den beiden Vorderläufen durch gepackt, und den -rechten Arm ihm fest um die Weichen geschlagen und hielt ihn so eng -zusammengepreßt, daß er ihm mit seinen Zähnen gar nicht schädlich werden -konnte. - -Die Büchse mußte er natürlich zurücklassen, auch die Mütze war ihm bei -dem Ringkampf entfallen, doch das hinderte ihn nicht; mit fest -zusammengebissenen Zähnen und zum Aeußersten entschlossen, wanderte er -seine wunderliche sich unaufhörlich sträubende Last im Arm, Schritt vor -Schritt weiter -- der fernen Ansiedlung zu. - - * * * * * - -Im alten Gerichtshaus herrschte indessen noch immer laute lärmende -Fröhlichkeit, Bowle nach Bowle wohlschmeckenden süßen Stewes war gebraut, -und der Raum endlich durch Kerzen, Trunk und Tanz so heiß geworden, daß -man selbst das kleine, nach dem Holz hinausführende Fenster öffnete, um nur -frische Luft herein zu bekommen. - -Die Töne der Violine schwirrten immer rascher und gellender in Jigs und -Hornpipes, die Füße der Tänzer klapperten immer behender auf dem schon -blank gescharrten Boden; Metcamp war besonders ausgelassen lustig, er -nannte die arme Betsy -- die sich übrigens hartnäckig weigerte weder mit -ihm noch einem der andern Gäste zu tanzen -- nicht anders wie »sein süßes -Bräutchen«, umarmte den alten Sutton ebenfalls zweimal als »Schwiegerpapa« -und wußte seiner Ausgelassenheit gar keine Grenzen. - -Eine kleine Unterbrechung hatte indessen stattgefunden; »Lord Howe's -Hornpipe« war eben beendigt und einige Erfrischungen wurden herumgereicht. -Betsy, die auf ihres Vaters Befehl die Bedienung überwachen mußte, saß -unfern dem Eingang, nicht weit vom Schenktisch, und Metcamp, der sich dicht -neben sie gestellt, flüsterte ihr eben einige fade Schmeicheleien in's Ohr, -die ihr die zornige Röthe auf die Wangen trieben, als plötzlich Etwas mit -gewaltigem Poltern von außen gegen die Thüre schlug. - -»Hallo!« schrie der Bräutigam zusammenfahrend -- das ist ein unhöfliches -Anklopfen -- »wer da?« - -Die übrigen Gäste wandten sich Alle rasch und erstaunt nach dem Lärmen um, -die einzige Antwort von dort her war aber ein erneutes, noch viel stärkeres -Gepolter. - -»Ei so hol' doch der Henker die Unverschämtheit!« rief da Metcamp; »ich -will doch sehen --« - -Rasch ergriff er den ledernen Riemen der an dem Drücker hing, riß daran und -stieß die Thüre auf. - -»Ha!« -- Vor sich ein Paar stiere funkelnde, fast aus ihren Höhlen -drängende Augen -- ein weit aufgerissener Rachen mit blutiger, -heraushängender Zunge und weißem fürchterlichen Gebiß -- ein Wolfskopf wie -ihn sich die Einbildung nur schrecklich und Entsetzen erregend -ausmalen kann -- hinter ihm aber, dicht über dem gräßlichen Rachen, das -todtenbleiche, wildblickende Angesicht Ben Holik's, vom Schein der Kerzen -geisterhaft beleuchtet. - -»Der Wolf! -- Der Wolf!« schrie da Metcamp nach einem, nur fast -flüchtigen Blick auf die schauerliche Gruppe. -- »Der Wolf!« und durch die -hinzudrängenden Gäste brach er in wilder Hast sich Bahn, zum Fenster sprang -er, und ehe nur noch irgend Jemand sein Vorhaben hätte errathen, oder -ihn gar daran verhindern können, flog er mit scheuem Satz hinaus und in's -Freie. - -Die Hintenstehenden, die noch gar nicht sehen konnten was eigentlich die -Ursache solch wunderbarer Behendigkeit gewesen, lachten; die nächst der -Thüre aber fuhren ebenfalls, kaum minder als Metcamp selbst erschreckt, -zurück, und starrten überrascht die wunderliche Gruppe an, aus der sie Ben -Holik's todtenfahle Züge jetzt erkennen konnten. - -»Die Glocke -- die Glocke!« war aber Alles was der Jäger mit heiserer, nur -den Nächsten verständlicher Stimme zu lallen vermochte -- »die Glocke -- -ich kann -- ich kann nicht mehr.« - -»Heiliger Gott!« schrie da Betsy, die schon bei dem ersten Ausruf Metcamps -entsetzt empor gesprungen war und ihren Augen kaum trauend, keines Wortes, -keiner Bewegung mächtig, in das todtenbleiche, fürchterlich entstellte -Antlitz des Geliebten gestarrt hatte, »heiliger, allmächtiger Gott! zu -Hülfe -- zu Hülfe!« - -»Die Glocke! flehte aber nur Ben -- Betsy die Glocke oder meine Arme -erstarren.« - -»Die Glocke? -- was für eine Glocke?« fragten die Umstehenden wild -durcheinander. - -»Ha -- die Wolfsglocke!« rief da das Mädchen -- das Ganze ihr bis dahin -Entsetzliche, jetzt rasch und froh begreifend -- »die _Wolfsglocke_, nur -noch einen Moment Ben -- nur noch wenige Secunden und ich bin wieder da.« - -Und rasch zur Thür hinaus, dicht an den klaffenden Fängen der Bestie vorbei --- so dicht daß ihre Schulter die blutträufende Zunge fast berührte, glitt -die Jungfrau flüchtigen Laufes in das dicht daneben gelegene Haus ihres -Vaters, wo die Glocke noch in der Stube (unter der Büchse, wo er sie -neulich bei seiner Zurückkunft hingethan) hing, hob sie schnell herunter -und war in kaum einer Minute Zeit schon wieder zurück mit dem Verlangten. - -Indessen hatten sich aber die Männer dort ebenfalls von ihrer ersten -Ueberraschung erholt; der alte Sutton war zu ihnen getreten, und rasch -begreifend um was es sich hier handle, wollte er Ben unterstützen und ihm -den Wolf vielleicht abnehmen. Das gab aber der Jäger nicht zu, da er seiner -wie des alten Mannes Sicherheit wegen nicht wagen durfte dem festen Halt, -den er einmal an der Bestie hatte, zu entsagen. Kaum erschien aber Betsy -mit der Glocke, so nahm sie ihr Sutton rasch aus der Hand, schlang den -Riemen um des, jetzt wieder wie wüthend um sich beißenden Wolfes Hals, und -schnallte ihn nicht zu fest, aber sicher genug, daß er nicht über den -Kopf hinüberrutschen konnte, den Wolf jedoch auch nicht hinderte, oder gar -würgte. - -Was aber jetzt, nachdem dies geschehen war, thun? -- wie die Bestie, da der -Zweck erfüllt war, wieder loswerden? denn war es nicht möglich daß sie, in -so gereiztem Zustand freigegeben, anstatt zu fliehen sich gerade gegen ihre -Feinde wenden, und dort Unheil anrichten konnte, ja am Ende gar, um sie -nur wieder los zu werden, doch noch getödtet werden mußte? Das Klingeln -der Glocke beunruhigte den Gefangenen dabei immer mehr, seine Anstrengungen -wurden wüthender, je mehr die Kräfte des armen Jägers nachließen. Zwar -sprangen von vielen Seiten die Männer mit Stricken herbei und Einer -machte sogar eine Schlinge, den Wolf daran zu hängen und ihm die Kehle -zuzuschnüren bis er betäubt wäre und hinaus in den Wald geschafft werden -könnte -- das aber schienen viel zu gefährliche Experimente, denn geschah -dem Thier dadurch ein Schaden, so war die ganze Anstrengung vergebens -gewesen. Da rief Betsy, die in Todesangst um den Geliebten, die Hände fest -gegen die Schläfe gepreßt, daneben gestanden und dem ganzen wirren Treiben -zugeschaut, den tausend verworrenen Vorschlägen, wie sie gemacht und -verworfen wurden, in namenloser Furcht gelauscht hatte, plötzlich aus: - -»Trag ihn in den Garten, Ben, wo der Fluß die Biegung macht -- dort ist -die Uferbank eingestürzt, und da hinabgeworfen, kann er nur an's -gegenüberliegende Ufer schwimmen!« - -»Bei Gott das Mädchen hat Recht!« rief der alte Sutton, und Ben schritt -schon um's Haus herum dem bezeichneten Orte zu. Die Fenz, die ihn noch von -dem Garten trennte, wurde augenblicklich eingerissen, und wenige -Secunden später stand der Wolfsjäger an dem schroffen Ufer das unten -der vorbeischäumende kleine Bergstrom bespülte -- Betsy hatte seinen Arm -ergriffen und ihn geführt, daß er nicht etwa einen Schritt zu weit vorgehe -und selber mit hinabstürze. - -»Jetzt Ben! rief sie ihm zu, als sie ihn plötzlich zurückhielt, jetzt laß -los!« - -»Gott sei Dank!« murmelte Ben und während er noch die Arme öffnete glitt -der dunkle Körper am nachgebenden Sande hinab und schlug plätschernd in die -unten über ihm zusammenbrechende Fluth. - -Jetzt kamen auch mehre mit rasch herbeigeholten Lichtern herbei und bei dem -matten ungewissen Schein derselben konnten sie erkennen wie der schwarze -Körper des befreiten Wolfes rasch und mit heftigem Stöhnen durch die Fluth -strich. Als er aber drüben an's Ufer stieg klingelte die wackere Glocke -laut und hell -- er hatte sich schütteln wollen, erschrak jedoch so über -den fremden Laut daß er rasch die Uferbank hinansprang, und noch eine lange -Strecke durch den Wald hörten sie das gleichmäßige Anschlagen der Schelle, -wie der Wolf in dem, diesen Thieren eigenen langen Galopp mit flüchtigen -Sätzen nicht mehr den Feinden, die hatte er kaum gefürchtet, nein, diesem -unerträglichen scharfen Lärm unter seiner Kehle, zu entfliehen suchte. - -»Hahahaha!« brach endlich Ben, der jetzt lachend seine halb erstarrten -Arme schwenkte, das athemlose Schweigen mit dem die Männer den immer mehr -verschwimmenden Tönen der Glocke gelauscht hatten -- »er hat sie -- beim -ewigen Gott, er hat sie -- so -- das soll mir der Mr. Metcamp einmal -nachmachen!« - -Metcamp? ja wo war denn Metcamp die ganze Zeit eigentlich -- das weiß der -Himmel, am Washita hat ihn wenigstens kein sterbliches Auge mehr gesehen, -sein Fenstersprung konnte nicht bezweifelt werden, denn Zeugen gab es dafür -genug, und vom Fenster aus ließ sich die Spur noch weit hinaus in den Wald, -aber immer dem Arkansas zu, verfolgen, sein ganzes Gepäck aber, ja selbst -seinen Hut ließ er, ohne auch nur einmal darum zu schreiben, in der -Ansiedlung zurück und Ben hatte gewiß recht als er meinte -- »den habe nur -sein _böses Gewissen_ aus den Bergen getrieben.« - -Und was wurde aus Betsy? -- - -Ich will dem Leser die weitläufige Auseinandersetzung ersparen und ihm -nur mit kurzen Worten einzelne Thatsachen mittheilen aus denen seine -Einbildungskraft dann leicht den weitern Verfolg der Sache, viel besser als -ich ihm das selber klar machen könnte, herausfinden wird. - -Mr. Metcamp war wirklich flüchtigen Fußes förmlich davon gelaufen, der -Brief aber, den er zu der Zeit am Washita erhalten hatte, mußte jedenfalls -gefälscht gewesen sein, denn noch in demselben Monat hörten sie von einem -Reisenden daß Metcamps Onkel, etwa vier Wochen vorher ehe dieser zum -Washita gegangen, total bankerott gemacht habe und der vermeintliche Erbe -noch schlimmer als ein Bettler sei, da er sogar rasend in Schulden stecke. -Die reiche Farmerstochter hatte er dabei leicht zu gewinnen geglaubt, und -auch natürlich alles Mögliche gethan, seinem, ihm allerdings gefährlichen -Nebenbuhler den Besitz des Mädchens unmöglich zu machen. - -Daß er es gewesen der damals den gefangenen Wolf befreit, ließ sich -ebenfalls immer weniger verkennen, wenigstens sprach man die Ansicht kurze -Zeit darauf ganz offen in der Ansiedlung aus; und daß sich der alte Sutton -nach alle dem Vorangegangenen schämte, den beabsichtigten Schwiegersohn aus -der Stadt auch nur noch einmal zu erwähnen, versteht sich wohl von selbst. - -Es sind jetzt seit der Zeit zehn volle Jahre verflossen, und Farmer Sutton -schläft in seinem eigenen Garten still und ruhig unter dem grünen blumigen -Rasen, Ben Holik aber hat das unstäte Jägerleben aufgegeben, ist ein -ordentlicher Farmer worden und lebt mit seinem lieben Weib, seiner Betsy, -und den drei Jungen und zwei Mädchen die sie ihm in ihrer neunjährigen -Ehe geboren, so glücklich und zufrieden, wie nur ein Mensch in der weiten -Gotteswelt leben kann. Seine Heerden haben sich dabei ungemein vermehrt, -denn die Wölfe trieb der mit der Glocke Behangene richtig hinaus aus der -ganzen Nachbarschaft, und seine Felder hat er ebenfalls um viele fruchtbare -Aecker erweitert; dort aber, wo er den Wolf damals lebendig gefangen, baute -er sich auf der luftigen Bergkuppe ein kleines Haus und nannte es, zum -Gedächtniß jenes glücklichen Abends -- die _Wolfsglocke_. - - - - -Die Ahnung. - -Nach einer wahren Begebenheit. - - -Draußen über die Haide tobte und wetterte der Sturm, heulte durch die -blattlosen Baumwipfel der Eichen, und zischte und flüsterte in den dichten -Nadeln des benachbarten Schwarzholzes. Der Mond war hinter schweren Wolken -verschwunden, trüb und düster lag die Nacht auf der Erde und der Orkan, der -sich von den Geistern der Luft die tollen Weisen aufspielen ließ, raste -mit der Windsbraut über den weiten Plan, durch Bergesschlucht und einsames -Thal, und über die starren, drohenden Felsenkämme der trotzig ihm die Stirn -bietenden Gebirgsrücken hin. - -So, draußen im Freien -- aber fast noch tolleres Spiel trieb er um die -Wohnungen der schüchtern zusammengedrängten Menschen. Hui! -- wie das -um die Giebel pfiff und splitterte, wie die Windfahne auf dem alten -Pastorhause kreischte und knarrte, daß selbst der hoch und altergrau -daneben aufstarrende Schornstein den Lärmen endlich satt bekam, und bald -links in den dunkeln Hof, bald rechts in den feuchten Garten hinunter -sah, als ob er nur noch nicht recht wisse, in welchen von beiden er zuerst -kopfüber hinein springen solle. Wie's an den alten morschen Fensterrahmen -riß und klapperte, und seine Kraft an den breitästigen Birn- und -Aepfelbäumen versuchte, die schon so lange Jahre dem Sturme getrotzt -und sich jetzt, bei den erneuten Angriffen, nur noch immer fester und -hartnäckiger mit den weitgespreizten Wurzeln in die Erde hineinklammerten. - -Viele viele Stunden lang trieb er's so, und vergebens hatten die -wetterschwangeren Wolken schon oft versucht, sich in einzelnen -Fluthengüssen zu erleichtern, wie es wohl ein bedrängtes Schiff thut, das -seinen Ballast über Bord wirft, die leewärts drohende Küste zu verlassen; -der wachsende Orkan schleuderte ihnen stets neue wasserschwere Nebelberge -entgegen, und jagte die zürnenden wild und toll durch einander in -entsetzlicher Fröhlichkeit. - -Bei solchem Wetter, wo die Natur in ihrer ganzen großartigen Furchtbarkeit -ersteht, drängen sich die armen schwachen Menschenkinder am liebsten in -freundlicher Traulichkeit zusammen, und von sicheren Wänden geschützt, -unter Dach und Fach, dem brausenden Nord wie dem kalten Regen entzogen, -lauschen sie nur manchmal in ängstlicher Stille zum Fenster hinüber, wenn -der Sturm einen neuen Akord in seine dröhnende Aeolsharfe greift, und das -feste Gebäude vielleicht vor dem markdurchschauernden Ton bis in seine -innerste Tiefe hinein erbeben macht. - -So still und traulich war's auch im kleinen behaglichen Studirzimmerchen -des wackern Pastor Barrenkamp, der mit seiner Frau, dem Schulmeister, einem -Universitätsfreund des Pastors, und dem Rittergutsverwalter, einem alten -wettergebräunten Oekonomen, um den schweren eichenen Tisch saß und bei -einer guten Tasse Warmbier das Unwetter draußen so wenig als möglich zu -beachten schien. Nur manchmal, wenn der Wind die Backen ein bischen gar -zu voll genommen und irgend ein krachender Stamm des dicht an den Garten -grenzenden Waldes seine gewaltige Kraft verrieth, stand Barrenkamp wohl -auf, ging an's Fenster, schob den Vorhang zurück, nahm die Pfeife einen -Augenblick aus dem Munde, und schaute, das schwarze Sammetkäppchen fest an -die kalte behauchte Scheibe gedrückt, in die rabenfinstere Nacht hinaus. - -Es war während einer solchen Pause, denn das Gespräch stockte in dem Fall -gewöhnlich auf einige Minuten und die kleine Gesellschaft horchte ebenfalls -nach dem Kampf der aufgeregten Elemente hinüber, als der Verwalter langsam -seine ausgetrunkene Tasse niedersetzte und mit leiser, fast ängstlicher -Stimme sagte: - -»Sie haben ganz recht gethan, Frau Pastorin, daß Sie sich heute einmal -ausnahmsweise in des Herrn Pastors warmgelegenes Studirstübchen geflüchtet; -da drüben in der großen Eckstube muß bei solchem Sturme ein keineswegs -freundlicher Aufenthalt sein -- draußen freilich ist's noch schlimmer; der -Wind pfeift sich ordentlich sein Stückchen und es kommt Einem wahrhaftig -manchmal sogar vor, als ob man einzelne Worte und Redensarten verstände -- -möchte heute nicht über den Kirchhof gehen.« - -»Nicht über den Kirchhof?« wiederholte, sich lächelnd nach ihm umwendend, -der Pastor, »Sie fürchten sich doch nicht etwa, Verwalterchen? ei, ei, ein -Mann in Ihren Jahren --« - -»Mein bester Herr Pastor,« meinte der Verwalter und rückte auf seinem Stuhl -hin und her, »von fürchten kann bei mir wohl keine Rede sein, ich bin kein -böser Mensch und -- glaube nicht an Gespenster, wovor sollte ich mich also -fürchten, aber --« - -»_Aber_« lachte die Hausfrau und schaute mit einem schelmischen Blicke -zu ihm auf, -- »aber? der Herr Verwalter lassen sich noch eine Hinterthür -offen.« - -»Ei, ich meinte nur was das Kirchhofgehen betraf,« erwiederte gutmüthig der -alte Mann, -- »ich weiß ebensowohl wie jeder Andere, daß die _Todten_ sanft -da unten, unter ihrer warmen Decke ruhen, und Nachts nicht wieder herauf -kommen werden, um sich auf die kalten Hügel zu setzen und hinter den weißen -Steinen Versteckens zu spielen, aber ich vermeide auch gern jede unnütze -Aufregung, die mir nachher immer nur Kopfschmerz und Unwohlsein verursacht. --- Es hat etwas Unbehagliches für mich, mir in dem schwachen Dämmerlicht -aus wehenden Trauerweiden und Büschen, die bleiche Steine halb überdecken, -Gestalten mit weißen Gewändern und ringenden Händen heraus zu finden, und -ich mag mich nicht in einem fort umsehen, weil ich jeden Augenblick darauf -schwören wollte, es käme Jemand hinter mir drein. Ebenso ungern, und aus -eben dem Grunde, sitze ich Abends allein in einem Zimmer und mit dem Rücken -einer Thüre zugedreht, die halb offen oder angelehnt ist. Ich weiß dabei -recht gut, daß sich Niemand im andern Zimmer befindet, also auch Niemand -von da zu mir herein kann, und dennoch läßt es mir, wunderlicher Weise, -keine Ruhe; ich muß mich entweder herumsetzen, oder die Thüre schließen.« - -»Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft, und die gaukelt Ihnen da -allerlei seltsame Dinge vor,« fiel hier die Pastorin ein, »Sie denken sich -in dem Augenblick vielleicht etwas recht Entsetzliches oder Graußliches, -und das stört, wenn es auch nicht wirklich eintreffen kann, doch für kurze -Zeit Ihre sonstige Ruhe.« - -»Ih nun, mit der Einbildungskraft dürfen wir am Ende so etwas nicht -einmal alleine entschuldigen,« meinte kopfschüttelnd der Schulmeister, -»Einbildungskraft schreiben wir doch sonst schon einem ausgebildeteren -Geiste zu und dasselbe Gefühl, das Ihnen der Herr Verwalter vorhin -geschildert, finden Sie nicht selten bei dem geringsten Drescher, der sein -Hirn den ganzen Tag über mit nichts weniger martert, als mit Gedanken -und Ideen. Ich habe mir nach meiner schlichten Weise die Sache immer _so_ -versucht auszulegen: etwas Uebernatürliches giebt's doch, das können und -dürfen wir nicht leugnen, wo das nun -- uns versteht sich unbewußt, weil -unsere Sinne zu grob und rauh sind es zu verstehen und zu erkennen -- in -unsere Nähe kommt, da läuft uns, wir wissen selbst nicht weshalb, eine -sogenannte Gänsehaut über den ganzen Leib. Daher kommt auch wahrscheinlich -die Sage von den _Ahnungen_, denn was ich meine, ist eben nichts weiter als -eine Ahnung überirdischer Kräfte.« - -»Die wir auch um Gotteswillen nicht ableugnen wollen,« sagte die Pastorin -und wurde auf einmal ganz still und ernst, »ich dächte wir hätten davon ein -Beispiel in unsrer eignen Familie.« - -»In Ihrer eignen Familie?« frug der Verwalter rasch. - -»Meine Frau bildet sich's wenigstens ein,« meinte der Pastor -kopfschüttelnd; »die Sache klingt freilich ganz abenteuerlich, hat aber -sicher eine sehr natürliche Lösung.« - -»Die aber bis jetzt noch kein Mensch gefunden hat,« flüsterte die Frau; -»es ist meiner eignen Mutter widerfahren, und ich habe es nicht allein aus -ihrem Munde, sondern auch die Bestätigung, wenn es deren überhaupt bedurft -hätte, oft von meiner Tante gehört, die als Kind dabei gewesen war, und -sich der einzelnen Umstände noch recht gut erinnerte.« - -»Und wären Sie wohl so freundlich, uns die Geschichte mitzutheilen?« frug -der Verwalter und rückte seinen Stuhl etwas näher zum Tisch; »es wäre -möglich, daß ich durch etwas Aehnliches die Existenz solcher Ahnungen -ebenfalls zu bekräftigen vermöchte.« - -»Die Sache ist einfach genug,« erzählte die Pastorin; »wir waren unser drei -Geschwister, ich, ein älterer Bruder und noch eine jüngere Schwester, und -die Großmutter vor etwa acht Wochen gestorben, als meine Mutter, die sich -allerdings damals noch in einem sehr aufgeregten Zustande befand, träumte, -sie schaute am hellen Nachmittag aus dem Fenster. Da ging die Hofthür auf -und herein kam, in demselben Kleide wie sie im Sarg gelegen, ihre Mutter, -schritt langsam durch den ganzen Hof und stieg dann die Leiter hinauf, die -zu dem Heuboden führte. - -»Wie man nun so im Traume ist, so scheint auch meine Mutter gar nichts -Außerordentliches in dem Wiederkommen der Todten gesehen zu haben, nur daß -diese, was sie im Leben nie gethan, auf den Heuboden stieg, fiel ihr auf. -Trotzdem sprach sie kein Wort und die Mutter kam denn auch bald wieder -zurück und hatte ein Heubündel unter dem Arm. Damit stieg sie die halbe -Leiter hinunter, blieb plötzlich stehen, drehte dann wieder um und holte -sich noch ein zweites. - -»Ei um Gott, Mutter,« rief die Träumende da, und streckte die Arme nach ihr -aus, »ist denn das eine nicht genug?« - -»Ja, sagte die Todte und stieg langsam nieder, ich bringe Dir das andere -wieder zurück« -- und aus der Hofthür verschwand sie, wie sie gekommen. - -»Mein damals etwa vierzehnjähriger Bruder war ein ausgezeichneter -Harfenspieler, und übte sich besonders in jener Zeit Tag und Nacht; um es -zu noch immer größerer Fertigkeit zu bringen, hatte er sich aber wohl darin -übernommen, oder lag der Keim der Krankheit schon in ihm, kurz, wenige Tage -nach diesem Traume wurde er, sonst ein kräftiger, gesunder Knabe, krank, -und sah sich bald durch das hitzigste Nervenfieber auf sein Lager geworfen. -Fünf Tage später legte ich mich ebenfalls mit demselben Uebel, mein Bruder -aber starb am neunten Tage, und in dem Augenblicke, wo er im Todeszucken -lag, rissen plötzlich _alle_ Saiten seiner Harfe. -- _Mich_ brachte die -Großmutter wieder -- ich genas nach kurzer Zeit.« - -»Die Harfe hat hinter dem Ofen gestanden,« brach der Pastor rasch eine -feierliche Pause; »das Gestell kann sich gezogen haben und da mußten wohl -die Saiten mit einem Male springen.« - -»Die Erklärung mag wohl ganz gut und natürlich klingen,« sagte der -Schulmeister endlich, »ich sehe aber wirklich nicht ein, weshalb wir uns -Alles natürlich erklären _müssen_ -- Du lieber Gott, unser Aller Leben ist -so arm, so entsetzlich arm an jeder Poesie, daß ich denken sollte es hätte -sogar etwas Wohlthuendes, einmal einen Gegenstand zu finden, den man nicht -recht begreifen kann. Ich weiß mich noch recht gut daran zu erinnern, wie -ich als Kind fest und heilig glaubte der Storch bringe die Kleinen, und -das Christkindchen die schönen Sachen zu Weihnachten; wie ich mich vor -dem Knecht Ruprecht fürchtete und die heiligen drei Könige ehrfurchtsvoll -anstaunte -- und einmal im Theater -- der Abend wird mir unvergeßlich -bleiben, da sah ich ein Stück, das hieß die _Kreuzfahrer_, und etwas -derartiges war mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Ich -weinte und lachte den ganzen Abend und träumte ein volles Jahr von -weiter nichts, als tapfern edeln Rittern, braven Türken, unglücklichen -Türkenmädchen und bösen Aebtissinnen. Das Stück übte auch merkwürdiger -Weise einen ganz eigenthümlichen Einfluß auf mein künftiges Leben aus; ich -schwärmte für die altadeligen Geschlechter der tapfern Ritter, und bekam -einen ordentlichen Haß auf die katholische Religion, die den Mißbrauch der -Klöster dulden konnte.« - -»Jetzt ist das ganz, ganz anders geworden -- ich halte die Störche für sehr -gewöhnliche Zugvögel, die von Fröschen und anderem Zeug leben, und sich -keineswegs mit Kindertransport beschäftigen -- den sogenannten heiligen -Christ habe ich diverse Male selbst machen müssen, und deshalb gegründete -Ursache an seiner Heiligkeit zu zweifeln; ebenso den Knecht Ruprecht, wobei -ich gleichzeitig und höchst trauriger Weise allen Respekt selbst vor den -heiligen drei Königen verloren; und was das Theater anbetrifft, so gaben -sie, als ich im vorigen Jahre zum letzten Male in Hamburg war, dort -zufällig dasselbe Stück und die Erinnerung an meine Kindheit trieb mich -hinein. -- Ich wollte, ich wäre _nicht_ gegangen, denn als ich wieder -heraus kam, -- und ich sollte mich eigentlich schämen es zu gestehen -- -habe ich großer erwachsener Kerl geweint, bittere, große Thränen geweint, -und weshalb? weil ich durch meine Neugierde ein kleines Heiligthum -muthwillig zerstört hatte, das mein Herz seit seiner Jugendzeit in seiner -innersten Zelle still und heilig genährt -- weil ich das muthwillig und mit -roher Hand jetzt von mir gerissen sah, was mich so viele, viele Jahre mit -froher geheimnißvoller Lust erfüllt. Die hohen schattigen Palmen, die mir -bis dahin noch immer vorgeschwebt, schrumpften zu Pappdeckeln mit hölzernen -Stützen zusammen, -- jener Zweikampf, an den ich oft mit stillem Schauder -zurückgedacht, wurde zu einem gewöhnlichen Hämmern auf Blechschilde, -- der -alte ehrwürdige Emir -- in der einen Scene fiel ihm der Bart ab, und das -ganze Publikum lachte, während mir die Thränen in die Augen traten -- die -fürchterliche Aebtissin -- war die Frau meines freundlichen Wirths, eine -treffliche brave Seele, die sich noch an demselben Nachmittag erst so -theilnehmend erkundigt hatte, wie es all' den Meinigen zu Hause ging -- -die Frau konnte unmöglich ein Bösewicht sein; und nun erst die Knappen und -Ritter, die früher einen solchen Eindruck auf mich gemacht, -- wie hölzern -sie dastanden und wie ungelenk -- ach, mein schöner Jugendtraum, wie bös, -wie häßlich war der zerstört worden, und wie viel besser wäre es gewesen, -wenn ich _keine_ natürliche Erklärung für all den süßen Zauber gefunden -hätte!« - -»Es _läßt_ sich auch nicht Alles natürlich erklären,« sagte der Verwalter -ernst und stopfte sich dabei langsam den hohen Maserkopf mit dem vor ihm -liegenden Tabak -- »und wenn man's noch so gern erklären möchte und wollte. -Ich selbst habe zum Beispiel etwas erlebt, was so wunderbar und märchenhaft -klingt, daß ich es selten erzähle -- es glaubt mir's Niemand, und es thut -mir nachher weh wenn etwas bespöttelt wird, das -- heiliger Gott, wie das -wieder rast und tobt, man sollte glauben, es schüttelte die alte Erde aus -den Achsen -- das mir selbst so allgewaltig in's Leben gegriffen hat.« - -»Sie scheinen mich für einen total Ungläubigen zu halten, lieber Verwalter, -sagte der Pastor freundlich, darin thun Sie mir aber Unrecht, -- das -vertrüge sich auch nicht einmal mit meiner Stellung, mit meiner -Religion. Auch von Gott ward uns ja weiter nichts, als in sinnbildlichen -Uebertragungen eine Ahnung seines Wesens, und was Anderes als Ahnung einer -höhern Welt ist es, wenn uns bei frommen, erhebenden Choralgesang die Seele -in süßer unbegriffener Lust zusammenschauert. Ich glaube an _Ahnungen_, -möchte sie aber nur von den gewöhnlichen _Vorbedeutungen_ geschieden -sehen.« - -»Vorbedeutungen -- Ahnungen!« -- sagte der Verwalter kopfschüttelnd, und -hielt dabei den brennenden Fidibus auf die Pfeife, ohne jedoch den Blick -zu erheben, der sich von da an fest und unbeweglich in die eine Zimmerecke -heftete, »das sind am Ende nur immer verschiedene Worte für ein und -dieselbe Bedeutung -- doch zu meiner Erzählung, aus der sich Jeder seinen -Schluß selber ziehen mag, denn ich selbst kann nichts weiter als die -Thatsachen geben. Es war nach dem letzten Kriege; -- mein Bruder Carl, ein -tüchtiger, stattlicher Bursche, hatte sich auch anwerben und später nie -wieder etwas von sich hören lassen. Bei Leipzig wollten sie ihn zuletzt -gesehen haben; bis dahin dienten wenigstens Landleute aus demselben Ort, in -dem nämlichen Regiment mit ihm, und er ließ mich auch einmal in einem -von den Briefen grüßen. Nachher blieb er verschollen und zehn Jahre, die -ebenfalls verflossen ohne daß ich die mindeste Nachricht erhielt, nahmen -mir endlich den letzten Zweifel, daß er in jener blutigen Schlacht -gefallen.« - -»Nach dieser Zeit, und als der Friede schon lange wieder seine -segensreichen Früchte getragen, verwaltete ich in der Nähe von Grimma, eine -kurze Strecke von Leipzig entfernt, ein Gut, schaffte im Juni meine Wolle -in die Stadt, zum dort gehaltenen Markte, verkaufte sie, und schickte, weil -ich noch bei Thräna einen Freund besuchen wollte, den Wagen von dort aus -allein voraus. Dort kam das Gespräch, ich weiß jetzt selbst eigentlich -nicht mehr recht wie, auf die frühere Kriegszeit und auf unsere gefallenen -Freunde und Brüder, wobei ich äußerte, wie schmerzlich es doch für die -Hinterbliebenen sein müsse, nicht einmal zu wissen wo die geliebten Todten -begraben lägen und ob sie überhaupt ein ehrliches Soldatengrab bekommen -hätten.« - -»Du lieber Gott,« meinte hierauf mein Freund, der dortige Förster, »da ist -wohl Mancher Wochen lang im lieben Walde liegen geblieben, oder, was noch -schlimmer ist, mit der ganzen Masse in _eine_ große Grube geworfen, und wie -Viele wurden noch vorher von den Kosaken und -- anderem Volk -- geplündert -und gemißhandelt -- ich sage Dir, Bernhard, ich habe da schauerliche Dinge -mit angesehen. Ich erinnere mich noch an einen armen Teufel, dem hatten sie -drei Kugeln in die Brust geschossen und er lebte immer noch. Von den Unsern -waren dabei Leute hinausgeschickt die Gebliebenen aus dem Wege zu schaffen -und in ein Loch zu werfen; die, aber natürlich bei denen sie noch Leben -fanden, die legten sie bei Seite bis sie fertig waren, und dann konnten -sie gewöhnlich bei denen wieder von vorn anfangen. Der Verwundete nun, der -unter einer Eiche lag, streckte die Hand nach mir aus, und bat mich ihm zu -helfen -- lieber Gott, was konnte ich für ihn thun -- die Zunge klebte ihm -schon am Gaumen und er brachte kein Wort mehr über die Lippen; selbst -einen Trunk Wasser den ich ihm reichte vermochte er nicht mehr -hinunterzuschlucken. Während ich ihn noch im Arme hielt, holte er seinen -letzten Athemzug, und als ich ihm die Uniform aufriß, nach seiner Wunde -zu sehen, fiel er, eine Leiche, zurück. Auf der bloßen Brust fand ich aber -einen Ring, den ich zum Andenken mitnahm und den armen Teufel dafür draußen -am Waldesrand, etwa eine Stunde von hier, und nicht weit von dort, wo -jetzt der Fußpfad in die große Straße einläuft, warm und weich in die Erde -bettete.« - -»So lautete seine Erzählung, und er wollte mir den Ring, noch ehe ich -fortging, zeigen, bald nachher kamen wir aber auf ein anderes Gespräch und -vergaßen ihn. Gegen Abend endlich -- denn ich hatte nun noch volle -drei Stunden zu marschiren und der Mond ging etwa eine Stunde nach -Sonnenuntergang auf -- nahm ich Abschied von meinem Freunde und machte -mich, nachdem er mir einen nähern Pfad durchs Holz gezeigt, auf den -Heimweg.« - -»Die Sonne sank eben hinter den Wipfeln nieder als ich ausmarschirte, und -im Walde dämmerte es schon; meinen Pfad konnte ich aber nichtsdestoweniger -deutlich genug erkennen, und schritt rüstig darauf vorwärts, bis ich von -fern das hellere Licht des offenen Feldes durch die Bäume schimmern sah; --- bald darauf erreichte ich die äußerste Grenze des Waldes und vor mir, -vielleicht noch eine Viertelstunde entfernt, lief die Chaussee, die sich -ganz genau an den Pappeln unterscheiden ließ. Ich überflog die ausgedehnte -Fläche mit meinem Blick, um nach den nächsten Thürmen genau die Stelle -bestimmen zu können, wo ich mich eigentlich befand, als ich in gar nicht -großer Entfernung und mitten auf einer kleinen feuchten Wiese einen -einzelnen Menschen, und als ich näher hinsah, einen _Soldaten_ erkannte, -der hier allem Anschein nach und mit dem Gewehr im Arme, Schildwache -stand.« - -»Was um des Himmels willen, dachte ich so bei mir selber, macht nur der -einzelne Posten hier mitten auf dem Felde -- die Früchte sind doch noch -nicht reif, und der Klee -- hm, das muß ein Forstschutz sein, -- hat sich -aber einen sonderbaren Platz dazu gewählt.« - -»Der Mann stand still und regungslos und ich blieb ebenfalls einen -Augenblick stehen und schaute nach ihm hinüber -- er rührte sich nicht, -und die Uniform fiel mir jetzt auf, die er trug. So viel ich in der immer -zunehmenden Dämmerung erkennen konnte, gehörte sie keineswegs nach Sachsen, -war auf jeden Fall von der sehr verschieden, die ich sonst zum Forstschutz -verwendet gesehen, und der Tschacko -- ein Schauer lief mir unwillkürlich -über den Leib, als ich zu dem Gesicht des Posten aufschaute -- der Tschacko -saß in der richtigen Entfernung zu dem Kopf, aber der Kopf? -- das matte -Licht mußte mich jedenfalls täuschen, denn gerade wo ich stand, konnte ich -deutlich durch die Stelle durch, wo doch sein Gesicht hätte sein müssen, -das dahinter durchschimmernde Grün der Wiese erkennen.« - -»Lächerlich, murmelte ich aber leise vor mich hin, -- daher entstehen so -viele Geister- und Gespenstergeschichten, daß uns irgend ein ungewisser -Lichtschein oder eine Brechung der Strahlen, ja vielleicht der aufsteigende -feuchte Dunst der Erde, wunderliche Geschichten vorspiegelt, die sich -nachher, wenn man näher hinzugeht, auf die natürlichste Art von der Welt -erklären. Wäre jetzt an meiner Stelle irgend ein furchtsamer Bauerjunge -den Weg gekommen, und sein Blick dorthin gefallen, wer weiß, ob er nicht in -voller Angst und vor lauter Entsetzen die Flucht ergriffen und daheim dann -erzählt und beschworen hätte, er habe auf dem frühern Schlachtfelde einen -fremden Soldaten ohne Kopf Schildwache stehen sehen -- ich muß nur näher -hingehen und mich selber davon überzeugen --« - -»Gerade dort wo ich mich befand, lief ein nicht tiefer Graben am Rand der -Holzung hin, den ich vorher überspringen mußte, er war übrigens schmal und -auf der andern Seite desselben führte ein grüner Rain in ziemlich genauer -Richtung der Stelle zu, wo die wunderliche Wache stand. Ohne weiteres -Ueberlegen -- denn ich ging nicht einmal viel um, da ich von dort aus die -Chaussee eben so rasch erreichen konnte -- schritt ich jetzt auf den Mann -zu und hielt dabei, des Wegs nicht weiter achtend, den Blick fest und -unverwandt auf seine, dunkel gegen das lichter dahinter liegende Grün -abstechende Gestalt geheftet. Das Bandelier zog sich ihm, wie ich deutlich -erkennen konnte, weiß und hell über die Brust und jetzt kam es mir auch -vor, als ob die Umrisse seines Kopfes, ja seine Gesichtszüge klarer und -deutlicher hervorträten.« - -»Guten Abend, Kamerad! sagte ich endlich, als ich schon in mehr als Rufes -Nähe von ihm war -- ist ein kühler Posten hier, und abgelegen vom Wald; --- weshalb so spät noch draußen? -- wird der Holzdiebstahl hier so arg -getrieben?« - -»Der Soldat antwortete nicht, und ich hätte darauf schwören wollen, er sei -noch vor wenigen Sekunden mitten in der kleinen Wiese gewesen, auf der -ich mich jetzt befand, und nun stand er doch, wie sich gar nicht verkennen -ließ, in dem benachbarten Sturze, und ein gutes Stück weiter von mir -entfernt. Wieder überkam mich jenes eigenthümliche fröstelnde Gefühl, über -das ich mir keine Rechenschaft zu geben wußte, doch war ich entschlossen, -den wunderlichen Soldaten zum Antworten zu bringen, und ging jetzt mit noch -schnelleren Schritten als vorher auf ihn zu.« - -»Sie glauben mir vielleicht nicht wenn ich es Ihnen sage, aber dennoch kann -ich Sie heilig versichern, daß ich nicht im Stande war den Schattenmann -zu erreichen -- deutlich genug sah ich ihn vor mir, und wenn er auch kein -Glied regte, weder Fuß noch Arm, dennoch rückte er aus einem Feld in's -andere und es blieb mir zuletzt gar kein Zweifel mehr, daß ich es mit einem -keineswegs körperlichen Wesen zu thun hatte.« - -»Und konnte das ein Gebild meiner erregten Phantasie sein? -- war es -möglich, daß ich die Conturen der jetzt, trotz der Dämmerung immer noch -genau erkennbaren Gestalt nur träume oder denke? Ich blieb plötzlich -stehen und hielt den Blick fest und unverwandt auf die Figur geheftet. -Da verschwammen die Umrisse mehr und mehr mit dem, jetzt dunkel dahinter -lagernden Feld -- zuerst verschwand der Tschacko -- die Uniform -- ich sah -nur noch das blitzende Gewehr, das Bandelier, die helleren Beinkleider --- auch diese wurden immer undeutlicher -- das Alles zog sich wie ein -leichter, wehender Nebel in den feuchten Grund -- der Körper, wenn es -überhaupt ein Körper gewesen, lief flüssig, in luftigen Hauchen aus -einander, und zuletzt war gar nichts mehr zu erkennen. -- Doch nein, -das weiße Bandelier stach noch immer scharf und klar gegen den düstern -Hintergrund ab -- ich konnte deutlich die Kappe sehen, in der das -Seitengewehr hing. -- War denn auch _das_ Täuschung? -- wenigstens davon -wollte ich mich noch überzeugen, denn wenn ich auch unbeweglich wohl zehn -Minuten auf meiner Stelle stehen blieb, der Schein des Bandeliers regte -sich ebenso wenig, und hing, wie es fast aussah, von einer unsichtbaren -Gewalt getragen, in der Luft.« - -»Je näher ich kam, desto deutlicher ließ es sich unterscheiden, und schon -stand ich, kaum noch fünf Schritt davon entfernt, als ich --« - -»Herr Gott -- was war das?« rief die Frau plötzlich und fuhr erschreckt auf --- der Verwalter schwieg und selbst der Pastor warf einen flüchtig scheuen -Blick im Zimmer umher. - -»Was hast Du denn?« sagte er dann und versuchte zu lächeln, -- »Du jagst -Einem ja ordentlich Schreck ein.« - -»Hörtest Du nichts? sagte die Frau und sah leichenblaß aus, -- mir war es, -als ob Jemand um Hülfe schrie --« - -»Die erregte Einbildungskraft,« beruhigte sie der Schulmeister, »wir haben -Alle ein gutes Gehör, Frau Pastorin, verlassen Sie sich darauf, hätte -wirklich Jemand gerufen, es wäre uns nicht entgangen -- die Erzählung hat -Ihre Nerven aufgereizt, das unbedeutendste Geräusch erschreckt uns dann; -- -bitte, Herr Verwalter, fahren Sie fort.« - -Der Pastor war aufgestanden und wischte mit seinem Taschentuch den Hauch -von dem Fenster, um hinaussehen zu können; bei dem augenblicklichen -Schweigen hörten sie, wie der Regen polternd gegen die Scheiben klapperte, -und draußen auf dem gepflasterten Hofe laut und klatschend aufschlug. Der -Verwalter, welcher während der ganzen Unterbrechung -- die übrigens nicht -so lange gedauert als ich hier gebraucht sie zu beschreiben -- seine -Stellung kaum so weit verändert, daß er bei dem ersten Ruf den Kopf etwas -erhob, jetzt aber wieder eben so still und in seinen Gedanken verloren in -dieselbe Ecke starrte als vorhin, fuhr augenscheinlich mehr mit sich selbst -sprechend, wie zu den Andern gewandt, mit leiserer Stimme als vorher also -fort: - -»Fünf Schritt mochte ich noch davon entfernt sein, als ich erst in diesem -hellen Bandelier weiter nichts wie -- einen einfachen Streifen weißen -Sandes erkannte, der sich hier, von dunkler Erde und hohem Grase umgeben, -vielleicht zwei Schritt lang auf dem Boden herzog. Aber -- ich berührte ihn -mit dem Fuße -- die Stelle war erhöht, selbst das immer mehr schwindende -Licht warf noch seinen letzten düstern Schein über den kleinen flachen -Hügel. -- Es war ein _Grab_ und hier unten -- wie mit einem elektrischen -Schlage durchzuckte es meinen ganzen Körper -- viele Minuten stand ich, -meiner selbst kaum mächtig, auf der einsamen Stelle. -- Plötzlich -- ich -konnte mir im Anfang nicht einmal Rechenschaft darüber geben -- raffte ich -mich empor und floh, so schnell mich meine Füße trugen, zu meinem Freund, -dem Förster zurück.« - -»Der Ring, der Ring -- das war der einzige Gedanke, den ich mit Bewußtsein -festhalten konnte -- der Ring des todten Soldaten, und bleich und athemlos -erreichte ich bald darauf sein Haus wieder. Er erschrak, als er mich in -diesem Zustande sah, -- er wollte --« - -Der Verwalter schwieg plötzlich, stand auf, ging zum Fenster und trat von -diesem wieder zum Tisch zurück. - -»Und der Ring?« frugen der Pastor und Schulmeister gespannt. - -»Weshalb soll ich Sie noch länger mit der genauern Mittheilung quälen,« -erwiederte der Verwalter mit augenscheinlich erzwungener Ruhe -- »der Ring -war wirklich der meines Bruders -- und jenes Grab -- _sein_ Grab. Was jene -Erscheinung betrifft, so weiß nur Gott, ob sie ein Spiel meiner Phantasie -gewesen; doch einerlei, Sie werden begreifen daß ich seit jener Zeit -alle Ursache hatte, wenigstens an _Ahnungen_ zu glauben, wenn ich _das_ -überhaupt mit diesem Namen belegen darf. -- Aber es wird spät, Herr Pastor --- Sie wollen wohl auch zu Bette gehen -- es ist lange Schlafenszeit, und -ich habe noch eine kleine Strecke zu marschiren.« - -»Sie können doch wahrlich bei dem Wetter nicht fort? sagte der Pastor -rasch, -- es pfeift und heult ja noch draußen um die Kirche herum, als wenn -es das alte Gebäude mit der Wurzel aus dem Erdboden zu reißen gedächte -- -bleiben Sie die Nacht bei uns, das Fremdenstübchen steht bereit, und Sie -wissen, es macht auch nicht die mindesten Umstände.« - -»Danke -- danke herzlich, sagte der Verwalter und verbeugte sich leise, -- -es geht aber doch nicht; erstlich ist es kaum einen Büchsenschuß weit bis -an's Gut und dann muß ich auch morgen früh schon wieder bei der Hand -sein, und möchte überdies nicht gern gerade in solcher Nacht das Gut ohne -Aufsicht lassen -- es ist besser ich bin bei der Hand wenn etwas vorfällt. -Gehen Sie mit, Schulmeister?« - -»Nicht Ihren Weg, ich gehe durch's Hinterpförtchen und habe dann nur einen -Sprung bis in mein Haus.« - -Der Verwalter knöpfte sich seine grüne Pekesche bis oben hinan zu, klappte -den Kragen auf, band sich noch zur Vorsicht sein Taschentuch über diesen -um den Hals, griff nach Mütze und Hacke, schüttelte Allen herzlich die Hand -und verließ, ohne zu gestatten, daß ihm Jemand hinunter leuchte, rasch das -Zimmer. - -Die drei Leute blieben, als sein Schritt schon lange auf der Treppe -verklungen war, noch wohl mehrere Minuten beisammen stehen, und es sah fast -so aus, als ob Keiner gern das Schweigen zuerst brechen wollte. Endlich -sagte des Pastors Frau mit einem recht aus tiefster Brust heraufgeholten -Seufzer: - -»Ich wollte, der Verwalter hätte die häßliche Geschichte nicht erzählt -- -ich weiß nicht -- mir wurde so unheimlich dabei -- und er blieb auch so -still und ernsthaft, als ob das Alles wirklich geschehen, und der Geist -seines Bruders ihm leibhaft erschienen wäre -- so deutlich und sichtbar -steht doch die Geisterwelt auf keinem Fall mit der unsern in Verbindung, -und man sollte daher auch so etwas nicht so lebendig und ernsthaft den -Leuten ausmalen.« - -»Auch das läßt sich vielleicht natürlich erklären,« sagte der Pastor, -mehr wie es schien seiner Frau zur Beruhigung, als weil er selbst wohl das -wirklich glaubte was er jetzt sagte, -- »die Erzählung jenes Försters hatte -ihn sehr wahrscheinlich aufgeregt, und er dachte an den Bruder -- dachte -wohl gar, wenn _der_ jener fremde Mann gewesen, dessen Grab da so ganz in -der Nähe sein sollte. Dämmerung war es ebenfalls, die dunkeln Abendschatten -geben oft einem Strauch, einem Rain, ja einem vor uns hineinlaufenden -Wagengleis die wunderlichste Gestalt -- läßt es sich da nicht denken daß -er, besonders noch von dem weißen schimmernden Sand angelockt, zufällig -den kleinen Hügel fand und später die Bestätigung dessen erhielt was er -geahnt? --« - -»Geahnt -- und da wären wir wieder auf dem alten Punkt« -- fiel hier -kopfschüttelnd der Schulmeister ein; »die Ahnung kommt zuerst, macht -uns unbehaglich, und die Imagination muß nachher dem Ganzen die Krone -aufsetzen; 's ist ein wunderliches Ding um den menschlichen Geist, aus -heiler Haut, mit all seiner gerühmten Festigkeit und Consequenz läßt er -sich herauslügen und außer Fassung bringen, und das ganze Nervensystem -erbebt nachher, wenn draußen nur etwa ein Besen in der Ecke umfällt, oder -die Katze von einem Stuhl herunter springt -- ganze Bücher ließen sich -schreiben über den Unsinn.« - -»Unsinn, Schulmeister? -- wiederholte die Frau und sah ihn verwundert an. -Sie sagten doch selbst erst daß Sie an Ahnungen glaubten. Doch, wie dem -auch sei, ich halte es für Unrecht, und noch dazu in solch wilder Nacht, -die Einbildungskraft förmlich muthwillig aufzuregen -- ich glaube ich -könnte mich jetzt vor meinem eignen Schatten fürchten, und mag mich -gar nicht einmal danach umsehen -- Frauen sind doch recht ängstliche, -nervenschwache Wesen.« - -»Ach, nicht Frauen allein,« meinte der Schulmeister lächelnd, während er -ebenfalls nach seinem Käpsel griff und den, schon vor Anfang des Regens zur -Vorsorge mitgenommenen dicken, rothbaumwollenen Regenschirm aus der Ecke -holte, »Zeit und Umstände müssen das ihrige dazu beitragen und der stärkste -Mann ist vor demselben Gefühl -- und dann noch dazu in weit erhöhtem Maße --- nicht sicher.« - -»Wenn er überhaupt ängstlichen Gemüths ist,« sagte der Pastor. - -»Aengstlichen Gemüths oder nicht -- seine schwache Stelle, seine -Achillesferse hat ein Jeder, und wird die getroffen, so greift es nachher -gerade den stärksten Mann auch am stärksten und gewaltigsten an. Sie kennen -doch gewiß die Geschichte mit dem Spiegel --« - -Die beiden Gatten verneinten es. - -»Hm, sagte der Schulmeister, denn weiß ich auch nicht, ob ich's heute Abend -nicht lieber lasse -- Sie sind gerade erregt genug --« - -»Ach, heraus damit -- in solcher Stimmung ist man am empfänglichsten -dafür, und schlimmer kann's bei meiner Alten doch nicht werden,« meinte der -Pastor. - -»Ach Gott ja -- erzählen Sie nur,« bestätigte dies mit einem tiefen Seufzer -die Frau, -- »es kommt jetzt auf das eine mehr oder weniger nicht mehr an --- ich fürchte mich doch heute Abend -- Sie sprachen von einem Spiegel.« - -»Nun, ich meine das Hineinsehen in einen Spiegel, Abends, wenn man ganz -allein ist,« begann der Schulmeister und stützte sich auf die Lehne des ihm -nächsten Stuhles. »Es wird nämlich, wie Sie gewiß auch schon gehört haben, -behauptet, man könne oder dürfe vielmehr in stiller Nacht und in einem -einsamen Zimmer nicht mit einem Licht in jeder Hand langsam und dicht vor -den Spiegel treten, dort dreimal mit lauter Stimme seinen eignen Namen -rufen und dann laut und schallend auflachen. Thäte man das und riefe sich -besonders nachher noch einmal, so passire irgend etwas Entsetzliches, ich -glaube die eigene Gestalt soll mit schauerlich verzerrtem Gesicht aus dem -Spiegel heraussteigen.« - -Die Frau warf einen scheuen Blick nach dem Spiegel und strich sich rasch -mit der Hand über die eigne Stirn. - -»Die Geschichte nun, die mir darüber erzählt wurde,« fuhr der Schulmeister -fort, »ist sehr kurz, und betrifft einen Husarenlieutenant, also doch allem -Vermuthen nach einen kräftigen, keineswegs nervenschwachen Menschen. Die -jungen Leute waren in einer fröhlichen Gesellschaft von Herren und -Damen gewesen und dort, eben so wie wir heute, auf Geister- und -Gespenstergeschichten gekommen. Ein Wort gab das andere, und allerlei tolle -Vorschläge wurden endlich, wahrscheinlich mehr um die Damen zu ängstigen, -als sie wirklich auszuführen, gemacht; die Einen wollten um zwölf Uhr auf -den Kirchhof gehen und dort um ein frisches Grab tanzen -- die Andern in -der Kirche selber eine Nacht allein bleiben, bis endlich irgend Jemand von -der Gesellschaft das Experiment mit dem Spiegel in Anregung brachte.« - -»Der junge Lieutenant erbot sich augenblicklich dazu und die Dame vom -Hause, die wahrscheinlich glaubte, der junge Herr bramarbasire blos, sagte -scherzend, damit ließe sich der Versuch ganz vortrefflich in ihrer eignen -Wohnung machen. Im Gartenhause sei ein ganz einsam gelegener großer Saal -mit zwei mächtigen Spiegeln, der seit längerer Zeit unbenutzt stehe -- sie -habe den Schlüssel dazu und wenn der Herr Lieutenant Lust hätte, könne er -seine Wanderung gleich antreten. Ein allgemeiner Jubel unterbrach sie hier -und der Husar durfte schon nicht mehr zurück, wenn er es wirklich gewünscht -hätte. Allerdings erschrak die Dame, als sie sah daß es plötzlich Ernst -wurde, und machte nun allerlei Ausflüchte; der Lieutenant bestand aber -jetzt selbst darauf, gab sein Ehrenwort, daß er die vorbeschriebenen -Bedingungen genau erfüllen wolle, und verließ mit einem Bedienten, der ihm -Lichter und Feuerzeug nachtragen mußte, das Zimmer. Den Bedienten wollte -er, an Ort und Stelle angelangt, zurückschicken.« - -»Die Gäste wären allerdings gar zu gern mitgegangen, Einsamkeit war ja -aber die Hauptbedingniß des ganzen Versuchs, und mit der gespanntesten -Aufmerksamkeit erwarteten sie die Rückkehr des Offiziers -- jedes Gespräch -schien abgeschnitten -- jede Unterhaltung stockte und eine halbe Stunde -mochte so in peinlichster Weise verstrichen sein, als der mitgegebene -Diener plötzlich todtenbleich in's Zimmer stürzte und die, jetzt kaum -minder entsetzten Gäste zu Hülfe rief. Ein Paar Damen wurden richtig -ohnmächtig, die Herren aber, die sich ja auch in ihrer Masse gesichert -fühlten, stürmten, da ihnen der Bediente weiter gar keine Rede stehen -wollte, von diesem geführt durch den Garten, in dessen Saal sie bleich und -besinnunglos den unglücklichen jungen Menschen zwischen den beiden sich -gegenüber befindlichen Spiegeln am Boden liegen fanden.« - -»_Was_ er gesehen -- was ihm begegnet, hat man nie genau erfahren können, -der Bediente hatte allerdings draußen an der Thüre des Gartensaales -gehorcht, und wollte den jungen Mann, als er sich eine kurze Weile dort -befunden, laut haben lachen hören, dann aber -- und der Mann glich selber -mehr einem Todten als einem Lebenden -- schwur er Stein und Bein, es -sei ihm so vorgekommen, als ob es von allen Seiten von oben und unten -geantwortet hätte, gleich darauf gellte ein fürchterlicher Schrei heraus, -und als dann Alles todtenstill geworden war, und er selbst in Furcht und -Entsetzen viele Minuten lang athemlos gelauscht, da hielt er es nicht -länger aus, riß die Thür auf und sah den Lieutenant ausgestreckt auf -der Erde liegen. Weiter wußte er selber nichts, denn hierauf stürzte er -spornstreichs in die Gesellschaft zurück, um Hülfe herbeizuholen.« - -»Und der Lieutenant war todt?« frug der Pastor gespannt. - -»Nein -- nur wahnsinnig;« sagte der Schulmeister -- »aber es ist wahrhaftig -schon zehn Uhr vorbei -- wünsche beiderseits eine gute Nacht -- Bitte -Barrenkamp -- ich dächte, ich sollte die Treppen hier kennen -- das Mädchen -kommt auch gerade unten mit ihrem Lichte aus der Küche, die kann das Haus -hinter mir wieder zuschließen.« - -Und der Schulmeister verschwand, während die Eheleute allein in dem nur -matt erhellten Gemach zurückblieben. - -»Nun, _die_ Geschichte hat mir heute noch gefehlt, sagte die Pastorin, und -räumte, wie nur um sich eine Beschäftigung zu machen, das auf dem Tische -stehende Geschirr zusammen -- _nur_ wahnsinnig -- das ist ja fürchterlich. -Die Leute hatten aber auch gefrevelt, so etwas darf man sich nicht zu -Schulden kommen lassen -- Herr Du mein Gott!« rief sie plötzlich, und als -sie die Tassen, die sie in der Hand hielt, wieder auf den Tisch setzen -wollte, fiel ihr eine herunter und zerbrach klirrend am Boden. - -»Was hast Du denn?« fragte der Pastor und drehte sich rasch und erschrocken -nach ihr um -- sie sah todtenbleich aus und horchte mit der gespanntesten -Aufmerksamkeit nach dem Fenster hinüber. Nichts aber als das Unwetter -draußen ließ sich vernehmen, der Regen schien etwas nachgelassen zu haben, -und die Wolken schüttelten sich nur noch, nach dem langen verzweifelten -Kampf, ungeduldig und unwirrisch das Wasser aus den nassen Jacken. - -»Das war wieder derselbe Hülferuf,« flüsterte die Frau -- »derselbe Ton -und -- Heinrich -- soll mir der Herr in meiner letzten Noth beistehen -- er -klang gerade wie meines Vaters Stimme.« - -Sie barg das Gesicht in den Händen und schauderte am ganzen Körper -zusammen. - -»Unsinn!« sagte der Mann und rückte sich ärgerlich die schwarze Kappe auf -das linke Ohr, -- »Unsinn -- die dummen Erzählungen haben Dich aufgeregt -und Du fängst mir am Ende auch noch heute Abend an Gespenster zu sehen und -zu hören. Wir wollen zu Bette gehen -- es ist Schlafenszeit und morgen, -mit dem hellen Tageslicht werden Dir schon alle die trüben und ängstlichen -Gedanken vergehen. Habe ich nicht recht, Elise? -- aber was fehlt Dir auf -einmal, was hast Du?« - -Die Frau blieb, als ob sie die Worte gar nicht gehört, in ihrer Stellung, -nur die zitternde Gestalt verrieth ihre Aufregung und ihr leises -Schluchzen, wie die einzelnen, zwischen den fest zusammengepreßten Fingern -vorquellenden Thränen kündeten, daß etwas ganz Absonderliches in ihrem -Herzen vorgehen müsse. - -»Elise,« -- sagte der Mann nach kurzer Pause, während er leise der Gattin -Hand ergriff und diese von ihren Augen wegzuziehen suchte -- »bist Du -nicht wie ein närrisches Kind, das sich von ein Paar thörichten -Geistergeschichten in Furcht und Schrecken setzen läßt, und nachher nicht -mehr allein über den dunkeln Vorsaal gehen, oder leiden will, daß die Magd -das Zimmer verläßt? -- Du kennst doch den alten Verwalter, weißt doch, was -er fortwährend für abenteuerliche Märchen erlebt haben will. Wie haben wir -nicht erst noch neulich über ihn gelacht, als er uns die Geschichte von den -zwei feindlichen Irrlichtern erzählte, und wie böse wurde er darüber; und -was das andere betrifft, wo --« - -»Das meine ich nicht,« sagte die Frau leise und fast mehr mit sich selbst, -als mit ihrem Manne redend -- »der Verwalter kann sich geirrt haben, -und die Spiegelgeschichte ist wohl fürchterlich genug, läßt sich aber -vielleicht natürlich erklären; nein, _mir_ bewegt Anderes die Brust. -- Der -Schulmeister hat ganz recht -- es giebt übernatürliche Kräfte -- es muß -sie geben, denn wo wir wissen daß der kleinste Wassertropfen von unzähligen -Geschöpfen belebt und bewohnt wird, wie dürfen wir da annehmen, die -ungeheuern Luft- und Aetherräume umschlössen frei und leer das ganze -Weltall. -- Nein, das ist nicht möglich; um uns her, über uns, neben uns -regt es sich und treibt und wirkt -- die uns fernstehenden Gebilde berühren -uns aber nicht; unsere Nerven sind nicht fein genug ihre Nähe zu empfinden, -oder ihre Kräfte -- mir fehlt der Ausdruck Dir genau zu beschreiben wie -ich es mir denke -- ihre Kräfte üben nicht einen solchen harmonischen -- -vielleicht magnetischen Einfluß auf die unseren aus, um uns zum Bewußtsein -ihrer Annäherung zu bringen. -- Das dauert aber nur so lange, bis wirklich -einmal ein uns verwandter Geist unseren eigenen Luftkreis berührt, oder -durch die Stärke seines Willens, seiner Seele, zu uns hingetrieben wird --- dann ergreift er aber auch all die feinsten Fasern unseres innersten -Systems und die _Ahnung_ desselben, vielleicht auch nur das _Bewußtsein_ -dieses Gefühls entsteht und macht sie geltend --« - -»Aber ich begreife Dich nicht --« - -»Es ist heute der dritte Abend,« fuhr seine Frau, den Einwurf nicht weiter -beachtend, fort -- »daß ich dieselbe ängstliche Unruhe fühle wie heute -- -nur nicht so stark. Am ersten Abend erhielt ich, wie Du weißt, gerade vor -Schlafengehen, den Brief von zu Hause -- worin mir Mutter von des Vaters -Krankheit schrieb.« - -»Ein etwas hartnäckiger Katharr, wie sie selbst sagte, der sich bis jetzt -schon wahrscheinlich wieder vollkommen gehoben hat.« - -»Kein Katharr, Heinrich, -- die Sache ist schlimmer als sie es mir sogleich -schreiben mochte -- weshalb den Brief eilig gemacht -- weshalb nun das -Schweigen? -- Mit dem jetzigen Lauf der Eisenbahn könnte Nachricht in neun -Stunden hier sein.« - -»Komm Kind, erwiederte ihr lächelnd der Mann, -- geh jetzt zu Bett, und -morgen früh wollen wir ruhig über die Sache reden; Du phantasirst heute -Abend, und da ist's besser Du überschläfst erst einmal die Gedanken, die -das Sonnenlicht ohnedies nicht gut vertragen können. Doch sieh, der -Wind hat den Himmel endlich rein gefegt, und der Mond scheint ordentlich -freundlich in's Fenster herein, wenn sich der Sturm erst ein Bischen legt, -bekommen wir vielleicht das schönste Wetter -- komm Kleine -- heb' das -Köpfchen wieder und sei mein braves Weib -- Du wirst Dich doch wahrlich -nicht vor Spukgeschichten fürchten?« - -»Nein, nicht vor Spukgeschichten, Heinrich,« flüsterte die Frau und starrte -dabei mit festem glanzlosen Blick in die Ecke des Gemachs, das von der -immer düsterer brennenden Lampe kaum noch hinlänglich beleuchtet wurde, --- »gewiß nicht vor denen, ich habe schon fast wieder vergessen was der -Verwalter und Schulmeister erzählten, aber -- in mir selbst fühle ich daß, -und zwar in diesem Augenblicke, irgend etwas bei den Meinigen vorgeht. Ich -kann, so viel ich auch dagegen ankämpfe, das Bild meines Vaters nicht -aus dem Sinn verlieren. -- Fortwährend sehe ich ihn, bleichen, gramvollen -Angesichts, in dem grünen Schlafrock mit dem dunkeln Käppchen vor mir auf- -und abgehen und mit dem stählernen Uhrbehänge spielen, -- was er nur that, -wenn er krank oder leidend war -- so deutlich höre ich dabei das leise -klimpernde Geräusch, daß ich mich heute schon mehrmals im Zimmer umgeschaut -habe, ob nicht irgend etwas die Ursache desselben wäre, aber es liegt mir -allein im Ohr -- Du -- Ihr Anderen habt nie etwas davon vernommen.« - -»Du bist heute aufgeregt, Kind, das ist die ganze Sache, beruhigte sie der -Mann, komm, laß uns zu Bett gehen, es wird spät und ich bin müde -- die -Lampe scheint überdies kein Oel mehr zu haben; sie will ausgehen.« - -Ein leiser, winselnder Ton, der fast wie ein ferner Hülferuf klang, wurde -in diesem Augenblicke laut -- man konnte nicht recht unterscheiden, ob er -vom Hofe, oder aus dem Hause selbst herauf, erschalle -- der Wind brauste -und rauschte auch noch zu sehr in der dicht neben dem Gebäude stehenden -Linde, und heulte im Schornstein auf und nieder. Die Lampe verlöschte in -diesem Augenblick und der Pastor, der jetzt selbst, durch die Furcht der -Frau vielleicht angesteckt, ein gewisses unheimliches Gefühl nicht ganz -unterdrücken konnte, war eben im Begriff, in die daran stoßende Schlafstube -zu treten, um von dort her einen kleinen, neben dem Feuerzeug stehenden -Wachsstock zu holen, als die Gattin hastig und krampfhaft seinen Arm -ergriff, und mit von innerer Angst fast erstickter Stimme, während sie die -rechte zitternde Hand nach der andern Thüre ausstreckte, flüsterte: - -»Sieh, -- sieh dort!« - -Der Pastor stand mit seiner Frau nahe der Schlafkammerthür und noch im -Schatten der Wand, in dem jetzt dunkeln Zimmer, während ein einzelner -Mondenstrahl in das obere Fenster und auf die gegenüber liegenden -Treppenthür fiel; aber auch durch eine dünne Gardine so weit gemäßigt -wurde, die Gegenstände, die er beleuchtete, nur undeutlich und unbestimmt -erkennen zu lassen. Nichtsdestoweniger sahen die Gatten ganz genau, wenn -sie auch nicht das mindeste Geräusch der sonst gewöhnlich kreischenden -Thüre hörten, wie sich die blanke Klinke langsam bewegte und anscheinend -von selber aufdrückte -- gleich darauf öffnete sich eben so feierlich die -Thür, und herein trat mit geräuschlosem Tritt eine Gestalt, die das Blut in -Beider Adern stocken machte -- der grüne Schlafrock, das schwarze Käppchen --- die hohe, bleiche Figur -- die Pastorin stand mit fast aus ihren Höhlen -starrenden Augen, mit halbgeöffneten Lippen -- mit noch immer zeigend -und zugleich abwehrend ausgestrecktem Arme da, und selbst der Mann blieb -überrascht -- bestürzt vor dem, was seine eigenen Augen sahen und nicht -ableugnen _konnten_ -- in der einmal genommenen Stellung. - -Im nächsten Moment glitt die Erscheinung, sonst regungslos, langsam in den -dunkeln Theil des Zimmers und ein klimperndes Geräusch wurde laut, wie -von Stahl an Stahl. Der Pastor fühlte, wie sich sein Weib an seinen Arm -klammerte und selbst von einem ihm unerklärlichen Entsetzen gefaßt, wußte -er kaum ob er stehen bleiben, ob vorspringen sollte. Da ließ der Druck an -seinem Arme nach und die Frau wäre zu Boden gestürzt, hätte er sie nicht -rasch umfaßt und gehalten. - -Als er sich wieder nach der Erscheinung umdrehte, war diese verschwunden, -und der Mond schien freundlich in das stille -- leere Gemach. - -Der Pastor trug die ohnmächtig gewordene Frau auf ihr Bett, und sprang dann -mit dem rasch entzündeten Lichte durch sein Zimmer, -- riß die Thür auf, -eilte die Treppe hinunter, durch alle Gänge, faßte an alle Klinken, fand -selbst das Hausthor verschlossen und pochte vergebens an des Küsters Stube -an; der alte Mann lag schon lange in tiefem Schlaf und hörte ihn nicht. -- -Es war Alles so still, so unheimlich; auf den Gängen rauschte und flüsterte -es, wie mit schleppenden Gewändern zog's Trepp auf und ab -- den sonst -unerschrockenen Mann faßte ein Schauder an, und mit Gewalt mußte er das -Gefühl, das ihm die Brust zusammen zu schnüren drohte, von sich werfen. - -»Der Wind, -- der Wind!« murmelte er, wie um sich selbst zu beruhigen dabei -leise vor sich hin, und floh mehr als er ging, die Treppe wieder hinauf. -Dort aber raffte er sich gewaltsam zusammen, betrat zuerst das Zimmer -seiner Frau, um dieser beizustehen, stieg dann hinauf wo ihre Magd schlief, -weckte sie und gab ihr die nöthigen Aufträge, was sie zu besorgen habe. -Dann untersuchte er noch einmal alle Laden und Thüren, ging sogar über -den Hof, um zu sehen ob das Hofthor verschlossen wäre, und that überhaupt -Alles, was er nur mit ruhigster, kältester Besonnenheit hätte thun -können; aber es geschah eben nicht mit kalter Besonnenheit, -- wie ein -Nachtwandelnder, mit bleichem Gesicht und glanzlosem Auge schritt er von -Ort zu Ort, und die Bewegungen seines Körpers glichen eher denen eines -künstlichen Automaten, als denen eines wirklichen, selbstbewußten Menschen. - -Sobald der Morgen dämmerte und seine Frau in einen ruhigen stärkenden -Schlaf verfallen war, schloß er sich in sein Zimmer ein, schrieb dort den -ganzen Vormittag und siegelte mehrere Pakete und Schriften ein. Selbst zum -Mittagsessen blieb er nicht vorn und sah nur einmal nach der Kranken, ob -sich diese von den Vorfällen der letzten Nacht in etwas erholt habe. - -Nachmittags klopfte es an sein Zimmer, und als er den Riegel zurückschob, -reichte ihm der draußen stehende Postbote einen Brief. -- Er riß ihn auf, -sah nach der Unterschrift -- er war von seiner Schwägerin Regine -- und las -mit flimmernden Augen, während das Schreiben in seiner Hand zitterte und er -die Züge kaum erkennen konnte, folgende in flüchtiger Eile niedergeworfenen -Zeilen: - - »Lieber Schwager. - - Gott hat uns gestern Abend auf schwere, entsetzliche Weise heimgesucht. - Zwischen zehn und halb eilf Uhr starb, wahrscheinlich an einem - Blutschlage, mein armer Vater. Theilen Sie Elisen die Schreckenskunde - vorsichtig mit -- ach, sein letzter, sehnsüchtiger Wunsch war ja, _sie_ - noch einmal vor seinem Ende zu sehen. Wenn es möglich ist kommen - Sie her; Elise wird aber Ihre Gegenwart gerade jetzt wohl schwerlich - entbehren können. Ich schreibe in der Nacht, und will den Brief noch - vor dem Abgange eines Bahnzuges an einen Conducteur zur Beförderung - schicken, daß er Sie wo möglich heute noch erreicht. Trösten Sie meine - arme Schwester. - - Ihre - - _Regine_.« - - * * * * * - -Acht Wochen waren verflossen -- draußen auf Feldern und Wiesen keimte und -grünte es, das Frühjahr hatte mit seinem warmen Hauch den starren Boden -geküßt, und froh auf dieser trieb, in immer neu erstehender Kraft und -Jugend, saftreiche Gräser und Halme und bunte, glänzende Blumen und -Blüthen. -- Zwischen neckend nach ihm hinunterschwankenden Zweigen rieselte -freudig murmelnd der klare Waldbach hin, und aus südlichern Zonen waren die -munteren Sänger des Waldes wiedergekehrt und zwitscherten freudig in den -alten lieb gewonnenen Plätzen, wo sie schon im vorigen Jahre so still und -friedlich mitsammen gehaust. - -Die Luft war rein und lau und auch vor der Pastorwohnung, unter dem -blühenden Apfelbaume, von duftigen Hollunderbüschen umgeben, saß, an der -Seite ihres wackeren Mannes, die erst von schwerer Krankheit erstandene -Frau, und schaute mit mattem Blick auf das fröhliche Wirken und Schaffen -der herrlichen Welt. Ihre kräftige Natur hatte endlich das heiße Fieber -besiegt, der Körper erholte sich wieder, wenn auch langsam von dem -erlittenen Anfall und die Kräfte kehrten nach und nach zurück. Der nicht zu -scheuchende Trübsinn der Reconvalescentin aber, ihr dumpfes, stundenlanges -Träumen und Brüten -- die Angst, die sie ergriff, wenn sie Abends, selbst -auf Augenblicke allein im Zimmer bleiben mußte, das Alles verrieth nur zu -deutlich, wie sie jene Schreckensstunde nicht allein nicht vergessen habe, -sondern die peinliche Erinnerung derselben auch noch im krankhaft erregten -Gemüthe hege und sich heimlich abzehre und gräme. - -Solche Furcht und Besorgniß mochte wohl das Herz des Gatten erfüllen, denn -er hielt die Hand der Geliebten fest und innig in der seinen und schaute -ihr wehmüthig freundlich in das bleiche leidende Gesicht, wagte aber doch -nicht den wunden Fleck zu berühren, der _vielleicht_ geheilt werden konnte, -vielleicht aber auch nur eines Anlasses, nur eines Wortes bedurfte, um -mit neuer, zündender Gewalt auszubrechen und um sich zu greifen. Ueber die -Vorgänge jener Nacht hatte er selbst mit Niemandem gesprochen; nur seinem -alten Freunde, dem Schulmeister, vertraute er die Ursache der Krankheit -seiner Frau und theilte ihm dabei die näheren Umstände der Erscheinung -und so bis zu den kleinsten Einzelnheiten mit, daß der Schulmeister doch -endlich zugestehen mußte, es sei ein höchst merkwürdiger Fall, und bestärke -ihn, wenn beide Gatten wirklich recht gesehen, nur immer noch mehr in dem, -was er schon früher über Ahnungen gedacht und gesprochen. »Vor der Hand -übrigens,« meinte er, »sei es am Besten, es auf sich beruhen zu lassen; -es käme sehr häufig vor daß sich derartige, dem Anschein nach höchst -wunderbare Fälle, oft später und ganz zufällig, auf die natürlichste -Weise aufgeklärt hätten. Ja, wären die beiden Leute vorher nicht durch -Geistergeschichten aufgeregt und gespannt gehalten worden, wäre irgend ein -dritter, ruhiger Zuschauer dabei gewesen, dem dasselbe wiederfahren, aber -so --« er schüttelte dann immer mit dem Kopfe, und wollte das Erlebte nicht -zugeben. - -Die untere Gartenthür ging auf, der alte Küster kam mit dem Schulmeister -den breiten Mittelgang herauf, und herzlich begrüßten die beiden Männer zu -ihrem ersten Ausgang in Gottes schöner Luft die Kranke, während der Küster -dem Pastor ein Schreiben überreichte, das, irgend ein Geschäft betreffend, -augenblickliche Erledigung verlangte. - -Barrenkamp erbrach und durchflog es rasch und sagte dann, während er -aufstand und sich dem Hause zuwandte: - -»Ich werde in wenigen Minuten damit fertig sein, und Ihr könnt es gleich -wieder mit zurücknehmen, Münzer. Bleibt Ihr Beiden indeß bei meiner Frau -und vertreibt ihr die Zeit ein Bischen; sie wird gern einmal wieder auf die -Plaudereien aus dem Dorfe horchen.« - -Der Pastor ging schnell ins Haus. - -»Was macht Ihr Münzer? sagte die Frau und streckte dem alten Manne die -weiße abgezehrte Hand entgegen. -- Ihr schaut jetzt recht gut und wohl aus --- die Frühlingsluft scheint Euch zu bekommen. Setzt Euch zu mir -- bitte -Schulmeister, nehmen Sie Platz -- was macht Euer Gärtchen -- Eure Kuh, Euer -kleines Stück Feld? -- wir haben uns recht lange nicht gesehen.« - -»Ach, beste Frau Pastorin,« erwiederte der Greis und faßte und streichelte -die ihm gebotene Rechte -- »seit acht vollen Wochen, seit dem Abend nicht, -wo der Sturm die alte Linde an der Kirchhofsmauer umriß, und Hammers, unten -im Dorfe, den Schornstein mitten in die Stube warf, der beinahe das jüngste -Kind erschlagen hätte. Das war in jeder Beziehung eine böse Nacht und ich, -meinestheils, werde sie im Leben nie vergessen. Sie, Frau Pastorin, sind ja -auch damals krank geworden und haben sich gelegt. Ich weiß noch recht gut, -am nächsten Mor -- aber lieber Gott, fehlt Ihnen etwas? --« - -»Es ist doch am Ende zu kalt hier draußen, Frau Pastorin,« unterbrach ihn -hier rasch der Schulmeister, der ein dorthin führendes Gespräch so bald -als möglich abzuschneiden wünschte. -- »Sie möchten lieber hineingehen in's -warme Zimmer -- soll ich Sie vielleicht geleiten? --« - -»Ich danke, ich danke, Herr Wendler,« sagte die Frau und hielt sich nur -wenige Sekunden lang das Tuch gegen die Augen gepreßt -- zum ersten Male -wurde hier in ihrer Gegenwart, seit sie ihres Vaters Tod erfahren, jener -Abend erwähnt, und sie mochte jetzt die Männer nicht merken lassen, wie sie -der Gedanke daran erregte. -- »Es war nur ein leichter Uebergang« fuhr -sie dann mit einem halblächelnden Zug um den Mund fort -- »ein leichter -Uebergang sich oft einstellender Schwäche -- ich habe meine alten Kräfte -noch nicht wieder -- es wird gleich vorbei sein. Doch -- laßt Euch nicht -irre machen, Münzer -- Ihr nanntet jene Nacht eine böse -- ist auch Euch -- -ist Euch etwas darin geschehen, daß Ihr sie nie wieder vergessen könntet?« - -»Lassen Sie jene Nacht, beste Frau Pastorin,« bat sie der Schulmeister, -»die ist lange vorüber; weshalb immer wieder auf sie zurückkommen. Münzer -kann Ihnen eine andere treffliche Neuigkeit berichten; der Gutsherr hat ihm -das kleine Stückchen Feld, das er bis dahin bewirthschaftete, verdoppelt, -und hinlänglichen guten Samen zu Kartoffeln versprochen.« - -Die Frau hielt indessen ihr Auge fest und forschend auf den alten Mann -geheftet; es war unverkennbar, daß irgend ein Gegenstand alle seine -Gedanken gefesselt hielt, denn er beachtete nicht einmal das, was ja -bisher, wie die Pastorin recht gut wußte, sein höchster Wunsch gewesen. -Etwas Anderes ging ihm im Kopfe herum und jene Nacht mußte damit in -Verbindung stehen. Der leicht erregbare Zustand der Kranken faßte denn -auch, besonders nach diesem Punkte hin, den geringsten Faden mit zitternder -Schnelle auf. - -»Was ist Euch geschehen, Münzer,« flüsterte sie und griff, die Hand des -Schulmeisters zurückdrängend, nach seinem Arme -- »was ist, -- sagt mir -- -was ist mit jener Nacht?« - -»Geschehn gerade nichts, Frau Pastorin,« erwiederte der Greis und schnitt -verlegen mit dem Rand seiner Sohle in den gelben Kies ein, -- »geschehen -gar nichts, aber -- wenn Sie es denn wissen und -- mich nicht auslachen -wollen -- -- ich hatte eine Erscheinung.« - -»Münzer!« rief der Schulmeister vorwurfsvoll, und der alte Mann sah erst -jetzt, als er die Augen vom Boden hob, zu seinem Schreck, welchen Eindruck -die wenigen Worte auf die Frau gemacht hatten. - -»Ihr saht -- Ihr saht meinen Vater!« -- rief diese mit heiserer, kaum -vernehmlicher Stimme, -- »gesteht es nur -- gesteht -- Ihr saht an jenem -Abende meinen Vater -- Münzer!« - -Die Kranke war in fürchterlicher Aufregung und der Küster hätte Gott weiß -was darum gegeben, kein Wort von der ganzen Geschichte gesagt zu haben; -doch zu spät. Auch der Pastor, der gerade jetzt wieder aus dem Hause trat -und bestürzt erkannte welcher Fehlgriff gemacht sei, war nicht mehr -im Stande seiner Frau das einmal fest und krampfhaft erfaßte Ziel zu -entrücken. Hören wollte sie, hören von des Küsters eigenen Lippen, was er -gesehen, _die Gewißheit_ wollte sie haben, daß ihr Vater selber sie gerufen -»und dann, dann« -- meinte sie und strich sich die Haare aus der feuchten -weißen Stirn -- »werde sie ruhiger, -- werde ihr besser werden.« - -Es blieb keine andere Wahl als ihr zu willfahren und der Pastor forderte -zuletzt selbst den alten Mann auf, was er wisse, bei seiner Seele Heil aber -kein falsches, übertriebenes Wort zu sagen. - -»Ach, lieber Herr Pastor,« erwiederte der Greis, »wollte doch Gott, ich -hätte ganz geschwiegen, noch dazu, da ich nicht einmal etwas Bestimmtes -über die Gestalt sagen kann.« - -»Die Gestalt« -- wiederholte, kaum bewußt, die Kranke -- »wo war sie -- wie -sah sie aus?« - -Der Schulmeister stand bestürzt und ängstlich daneben -- jetzt schien -sein letzter Einwurf gehoben -- und welchen Eindruck mußte eine solche -Bestätigung auf die reizbare Kranke machen. - -»Genau weiß ich's nicht,« flüsterte der alte Mann und sah sich selbst hier -im hellen Sonnenlichte scheu um, als ob ihm der Gedanke an das Geschehene -noch Schauder erwecke; »doch -- es wird vielleicht besser sein, Ihnen das -Ganze nur in wenigen Worten mitzutheilen. Ich hatte mich nämlich an dem -Abende schon früh, weit früher als gewöhnlich, in's Bett gelegt; das -Wetter war stürmisch und mein altes Reißen plagte mich wieder einmal ganz -absonderlich; sobald ich aber einzuschlafen versuchte, störte mich ein -häßlich ächzendes Geräusch, das, wie ich gar bald fand, von dem offen -gelassenen Fensterladen der Sakristei herrührte. Nun hätte ich allerdings -leicht hinübergehen und den Laden schließen können, noch dazu da ich -fürchten mußte, der Wind bräche ihn vielleicht die Nacht aus den Angeln, -und von der kleinen Hinterthür, die aus meinem Zimmerchen hinüber führt, -sind's ja, wie Sie wissen, nur wenige Schritte -- ich hatte aber die -Schlüssel in des Herrn Pastors Studirstube liegen lassen --« - -Der Schulmeister hob schnell den Kopf und sah den Küster forschend an. - -»-- und scheute mich hinaufzugehen und ihn zu stören. So lag ich bis nach -zehn Uhr; da jetzt das Geräusch aber immer ärger wurde und ich nun auch -ziemlich gewiß wußte, Sie wären oben Alle zu Bett -- denn an der Linde, -die vor meinem Fenster steht, kann ich es deutlich sehen, wenn oben in der -großen Eckstube noch Licht ist -- zog ich meine Filzschuhe und meinen alten -Schlafrock an und schlich leise die Treppe hinauf --« - -»Ihr waret an jenem Abend in meinem Zimmer?« rief der Pastor und die Lippen -der Frau theilten sich in Staunen und Ueberraschung -- - -»Auf der Treppe schon klang mir's unheimlich und laut,« fuhr der Greis, die -Frage nicht beachtend, fort, -- »das stürmische Brausen _um_ das Haus wurde -hier, in dem umschlossenen Raume, zum leisen Flüstern und Zischeln, und ich -öffnete rasch die Thür und schritt dem wohlbekannten Platze zu, wo der Herr -Pastor immer Abends die Schlüssel hinlegt, damit ich sie früh finden kann. -Schon hatte ich sie gefühlt und in die Hand gefaßt, denn ein schwacher -Mondenstrahl fiel in dem Augenblicke durchs Zimmer, als ich -- das Blut -stockt mir jetzt noch in den Adern, wenn ich daran denke -- ein leises -Stöhnen vernahm, und den Kopf rasch darnach umwendend, eine helle Gestalt -erkannte, die im Begriff schien, die Arme nach mir auszustrecken. Im -nächsten Augenblick stand ich vor Entsetzen stumm und regungslos, als ich -jetzt aber wirklich sah, daß sich die Erscheinung regte, als ich das weiße -Grabtuch rauschen hörte, da kann ich nachher nicht einmal mehr sagen, _wie_ -ich aus dem Zimmer kam, nur so viel erinnere ich mich noch, ich glitt die -Treppe hinunter, sprang in meine Kammer, die ich hinter mir verschloß -- -in's Bett, hüllte mich in die Decke ein und betete heiß und brünstig zum -lieben Herr Gott, daß er alles Unglück von mir und diesem Hause abwenden -wolle.« - -»Und der Fensterladen?« frug der Schulmeister und ergriff lächelnd des -Pastors Hand. - -»Der Wind legte sich bald nachher, meinte der alte Mann, und das Aechzen -hörte auf; wär's aber auch noch so stürmisch gewesen, an _dem_ Abende -hätten mich nicht zehn Pferde mehr in die Sakristei gebracht.« - -»Elise!« sagte der Pastor, und zog das bleiche zitternde Weib leise an sich --- sie zögerte einen Augenblick, -- schaute noch zweifelnd -- zaudernd vor -sich nieder und barg dann mit lautem Schluchzen den Kopf an ihres Gatten -Brust. - -»Meine gute Frau Pastorin,« bat der alte Mann bestürzt. - -»Alterchen, rief aber jetzt der Schulmeister, und zog den Arm des -erstaunten Küsters in den seinen; Ihr habt heute Morgen den gescheidesten -Streich gemacht, der sich nur denken läßt; nun kommt aber, meine prächtige -Geistererscheinung, hier ist Euer Dokument, heute Mittag müßt Ihr bei mir -essen.« - -»Aber Herr Schulmeister -- ich begreife nicht --« - -»Ist auch gar nicht nöthig, Schätzchen, -- ist auch gar nicht nöthig, nur -jetzt ein bischen die alten Knochen gerührt. Hurrah, Küster, ich bin so -fidel, ich könnte, glaube ich, eine Menuet tanzen und mir die Melodie -selber dazu pfeifen.« - -Und ohne dem alten Manne auch nur Zeit zu lassen, noch ein einziges Wort an -die weinende Frau zu richten, zog er ihn rasch den Gartenweg hinunter und -verschwand mit ihm durch die hintere Thür. - -Und die Kranke? -- - -Nur wenige Wochen sind seit jenem Morgen verstrichen, in der Pfarre giebts -aber keine Kranke mehr -- des Pastors wackere Hausfrau wirthschaftet -wieder, wenn auch noch etwas bleich und angegriffen, doch mit vollen, -rüstigen Kräften im Hause herum; auch der Schulmeister und Verwalter -kommen, wie früher, manchmal Abends herüber und verplaudern ein Stündchen --- nur Geistergeschichten werden nicht mehr erzählt, und der Küster -- -nimmt jetzt den Schlüssel zur Sakristei gleich Abends mit in seine Stube -- -damit der alte Mann nicht mehr Morgens die Treppen zu steigen braucht, sie -herunter zu holen. - - - - -Schwarz und Weiß. - -Aus dem Farmerleben Missouris. - - -Weit aus dem fernen Westen, da wo die eisgekrönten Berge ihre zackigen -Kuppen in einander drängen und zweien Meeren, dem atlantischen wie dem -stillen Ocean die schäumenden Quellen zusenden; weit von daher, wo er -sich seine rauhe Bahn durch die entsetzlichsten Felsmassen bricht, die -er entweder mit starkem Arm zerreißt, oder sich im tollkühnen Satz -hinüberschwingt, um nachher, wie ob des gelungenen Wagestücks, meilenlang -weiter zu tanzen und zu sprudeln, -- kommt der gewaltige Missouri herab, -»der schmutzige Strom,« wie ihn der Indianer des Raubes wegen nennt, den -er an seinem eigenen Ufer vollführt, oder der »brüllende Strom« (=roaring -river=), wie ihn erstaunt der Weiße taufte, als er da zuerst sein Bett -erblickte, wo er Fall nach Fall, dem verfolgten Panther gleich, aus den -Gebirgsschluchten sprang, und erst dort still und geräuschlos seine Bahn -vollendete, als er das schützende Dickicht der Niederung erreicht hatte und -nun zwischen den riesigen Stämmen des Urwaldes hin, dem starken Bruder, dem -Mississippi, in die Arme glitt. - -Dort nun, wo in dem Schatten der Eichen und Hickorys der wilde Wein -seine mächtigen Ranken von Zweig zu Zweig schlang und in zähen Armen die -stattlichen Bäume verband, während mit zwar prunkenderem Aeußeren, mit -bunter schimmernden Blüthen und saftigeren Blättern, andere Schlingpflanzen -ebenfalls hinaufstrebten zu den starken Aesten und sich ihnen liebend -anzuschmiegen schienen, indeß doch Gift in ihren Adern floß und sie nur -Macht zu bekommen suchten, das wackere Holz fest, fest zu umklammern und -ihm Licht und Luft zu rauben, daß es endlich in ihrem Griff erstickte, -verdorrte, -- dort, in dem fast noch unentweihten Heiligthume, stand ein -kleines, roh aufgebautes Blockhaus mit breitmächtigem, aus Lehm errichteten -Kamine, die Nordseite dicht an den dunkeln Wald geschmiegt, dessen -ungeheuere Wipfel hoch über das niedere Dach emporragten, an den -drei anderen Seiten aber durch ein wahres Chaos gefällter Bäume, hoch -aufgestapelten Busch- oder Oberholzes, abgeschlagener Stämme und -knorriger, sich weit umher spreizender Aeste im wahren Sinne des Wortes -verbarrikadirt. - -Der Eigenthümer dieses Platzes mußte augenscheinlich erst seit kurzer Zeit -hierher gezogen sein und die Urbarmachung des Bodens begonnen haben, was -auch noch überdieß ein dicht am Hause stehender, mit Leinwand bespannter -Wagen bewies, der wohl, nebst einem nicht sehr weit von ihm entfernten -Karren, sämmtliche Habseligkeiten des Farmers in dessen neue Waldheimath -eingeführt hatte. - -Die Sonne schimmerte eben noch mit ihrem rothen Gluthenlicht durch die -Wipfel der Bäume, als sich ein Reiter, auf kleinem indianischen Poney, -einem schmalen Kuhpfad folgend, dem Platze näherte und endlich gerade -da die Lichtung erreichte, wo Stämme und Aeste am tollsten umhergestreut -lagen. Wenige Secunden hielt er auch wirklich sein schnaubendes Pferd an, -und schien sich in den Steigbügeln hoch emporrichtend, nach irgend einer -Oeffnung zu suchen, durch die er in diese Holzmasse eindringen und das -Haus erreichen könnte. Der Wunsch mochte aber wohl unerfüllt bleiben; denn, -einen leisen Fluch ausstoßend, preßte er seinem Thier den einen bespornten -Haken in die Flanke und setzte über die ersten, ihm den Weg versperrenden -Klötze hinweg. - -Das kleine muntere Pferd sah auch bald was sein Herr eigentlich -beabsichtige, und daran gewöhnt Hindernisse zu beseitigen, die bei -fortwährendem Reiten im Walde fast stündlich vorkommen, wand es sich mit -wirklich bewundernswerther Geschicklichkeit immer näher und näher dem -Hause zu, hier einen Stamm überspringend, dort vorsichtig durch wild umher -gestreute und zersplitterte Aeste dahinschreitend, bis es sich plötzlich, -nach einem besonders kühnen Satz über, oder vielmehr _durch_ den Wipfel -einer gefällten Eiche, so von allen Seiten eingezwängt und von wirklich -unübersteiglichen Hindernissen umgeben sah, daß es ruhig stehen blieb und, -in der festen Ueberzeugung sein Aeußerstes gethan zu haben, ganz geduldig -erwartete was jetzt der Reiter beschließen würde, der doch eigentlich auch -bei der Sache interessirt war. - -Dieser aber blickte vergebens nach einem Ausweg umher und that endlich das, -was er von allem Anfang an hätte thun sollen, er rief das Haus an, und zwar -mit einem kräftigen, weit hinausschallenden »Halloh!«, was augenblicklich -im ohrzerreißenden Chor von zehn bis zwölf Rüden bellend und heulend -beantwortet wurde. - -Gleich darauf öffnete sich die Breterthüre, auf deren Schwelle eine -schlanke, schon etwas ältliche Matrone erschien, die rings nach dem -Rufenden, freilich vergeblich, umherschaute, während jetzt die durch den -Anblick der Herrin immer noch mehr gereizten Hunde einen so fürchterlichen -Lärm erhoben, daß er für kurze Zeit jeden andern Laut vollkommen -übertäubte. - -»Ruhig, Muse, ruhig, nieder mit dir, Watch, willst du still sein, Deik; -Hunde, ihr bringt Einen noch zur Verzweiflung, ruhig da, hört ihr denn -nicht!« rief die Frau, die Meute beschwichtigend, die sich denn auch -endlich zufrieden geben wollte, als ein zweites »=Halloh the house!=« ihren -Grimm aufs Neue erregte, der jetzt gar keine Grenzen mehr zu kennen schien. - -Die Geduld der guten Frau mochte nun aber auch wohl ihr Ende erreicht -haben; denn einen zum Trinkbecher ausgeschnittenen großen Flaschenkürbiß -ergreifend, der in dem vollen, auf einem Gesims vor der Thüre stehenden -Eimer schwamm, goß sie die klare, kalte Fluth über die Tobenden aus, die -nun heulend und kläffend auseinander stoben. - -Zum dritten Mal rief jetzt, diesen Augenblick der Ruhe benutzend, die -Stimme ihr immer ungeduldiger werdendes »Halloh!« herüber, und nun erst -ward die Matrone den Reiter gewahr, dessen Kopf nur wenig über das ihn -umgebende Buschwerk hervorragte. - -»Mr. Hennigs, sind Sie das?« rief sie lachend, als sie die Lage des jungen -Mannes errieth, »wie, um Christi willen, haben Sie sich denn da hinein -verloren?« - -»Verloren?« rief dieser in komischer Verzweiflung, »ich möchte wirklich -wissen, wie ich mich hier verlieren sollte; ich sitze so fest, wie der Wolf -in der Falle. Wo zum Henker ist denn der Eingang zu Ihrem Haus? ich bin -hier zwar auf dem Fußweg, er scheint aber nicht sehr begangen.« - -»Sie hätten um die Lichtung herum, durch den Wald reiten müssen,« -entgegnete die Frau, »mein Mann hat hier Bäume gefällt.« - -»Ja, das läßt sich nicht läugnen,« lachte der Reiter, »die Beweise liegen -zur Hand.« - -»Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs,« rief jetzt eine kichernde -Mädchenstimme hinter der alten Dame vor, und dicht neben ihr ließen sich in -diesem Augenblick zwei allerliebste Köpfchen sehen, die neugierig die Lage -des jungen Mannes erspähen wollten, »bleiben Sie nur da halten; Vater hat -gesagt, daß er im Lauf der nächsten Woche das ganze Holz wegräumen will, -und dann wird der Fußweg wieder frei.« - -»Danke, Sally, danke!« rief Hennigs lachend, »die Zeit möchte mir aber doch -lang werden, wenn ich Ihre liebe Stimme immer so ganz in der Nähe hören -müßte und nicht hinüber könnte. Nein, mag mein Poney sehen, wie es allein -heraus kommt; ich will's ihm leichter machen!« Und damit sprang er vom -Pferd, schnallte Sattel und Zaum ab, hing sich beides über die Schulter -und kletterte nun, wenn auch nicht ohne bedeutende Anstrengung, dem kaum -sechzig Schritt entfernten Hause zu. - -Das Poney blieb im Anfang, als es sich so von seinem Herrn verlassen sah, -ruhig stehen, und spitzte nur sehr bedeutend die kleinen Ohren; als es -jedoch fand wie sich die Sache eigentlich verhielt, und den Trog witterte, -an dem es gefüttert zu werden hoffte, warf es den Kopf in die Höhe, -wieherte ein paar Mal hell auf, und flog dann, jetzt durch keine Last -mehr zurückgehalten, mit kühnen Sätzen über Stamm und Busch hinweg, bis es -schnaubend und mit den Hinterbeinen wild nach den hier auf es einstürmenden -Hunden schlagend, vor der Thüre der Hütte hielt, und dort seinen jetzt -ebenfalls herankeuchenden Herrn freudig begrüßte. - -Dieser aber warf Sattel und Zaum nieder, sprang schnell die aus über -einander gelegten Klötzen bestehenden Stufen hinauf ins Haus und rief hier, -die Hände der Frauen ergreifend und herzlich schüttelnd: - -»Wie geht's, Mrs. Draper, wie geht's, Sally und Lucy, Ihre Hand, Alle wohl? -seh'n wenigstens Alle kerngesund aus; doch -- wo ist der Alte?« - -»Vater ist noch draußen im Wald, er sucht die Pferde,« entgegnete, nach -der kurzen Begrüßung, Sally, das jüngste der beiden Mädchen, die etwa -siebenzehn und neunzehn Jahre zählen mochten. - -»Haben Sie gar keine Spuren im Wald gesehen?« frug die Matrone, während sie -ihr großes Baumwollenspinnrad in die Ecke schob und die Kohlen im Kamine -mit dem langen Schürstecken zu neuer Glut aufschüttelte. - -»Sie müssen heute Morgen aus den Hügeln herunter gekommen sein,« meinte -Hennigs, »am Bach wenigstens waren die Fährten, und wenn ich nicht irre, so -habe ich auch gleich oben über dem Kreuzweg die Schelle gehört.« - -»Ah, dann findet sie Vater gewiß nicht,« rief Sally bedauernd aus, »er -wollte an Potters Creek hinauf und von da an links in das Thal hinüber -suchen.« - -»Nein, er ist wohl schon auf den Spuren,« entgegnete der junge Mann; »denn -im weichen Quellboden sah ich deutlich die Abdrücke eines Schuhes.« - -»Vater trägt heute seine Mocassins,« sagte Lucy, »das muß Jemand Anderes -gewesen sein.« - -»Dann allerdings; aber wer will denn die Pferde brauchen? ist ein Tanz -irgendwo? es scheint Sie ja Alle ungemein zu interessiren, ob der Vater die -Pferde findet, oder nicht.« - -»Tanz? pfui, Mr. Hennigs, ich dächte doch Sie wüßten, daß wir nicht -tanzen,« erwiederte ihm, etwas pikirt, die Matrone. - -»Ach, alle Wetter ja, ich habe davon gehört, Sie hätten sich der »Kirche« -angeschlossen und wären »religiös« geworden; Vater auch?« - -»Noch nicht,« entgegnete, mit einem tiefheraufgeholten Seufzer, Mrs. -Draper, »wir wollen aber morgen früh zur Campmeeting, und davon hoffe ich -das Beste: der liebe Gott wird ihn ja wohl erleuchten, daß er den rechten -Weg findet.« - -»Das wird er, das wird er, Mrs. Draper, ob aber auf solche Art, bezweifle -ich fast; der alte Herr trinkt gern sein Gläschen, und wenn ihm einmal -etwas in die Quere kommt, ih nun, dann flucht er auch wohl ein Bischen, und -ich glaube kaum, daß er sich das so leicht abgewöhnen wird. Wozu braucht er -aber auch wirklich zu einer »Kirche« zu gehören? 's ist so ein herzensguter -alter Mann, wie nur je Einer seine Sohlen in den Missouri-Bottom drückte, -er thut ja keinem Menschen etwas zu Leide.« - -»Wir sind Alle Sünder, Mr. Hennigs,« sagte die alte Dame sehr ernst, »und -mein armer Mann besonders, er schwört und flucht, genießt geistige Getränke -und hat neulich den reisenden Prediger, der bei uns übernachtete und die -Gebete las, einen Hypokryten genannt, ja sogar gelogen, als er während des -Gebetes aufstand und, Nasenbluten vorschützend, das Haus schnell verließ; -ich habe später das Tuch untersucht, es war nicht ein einziger Blutfleck -darin, und der arme Fremde wartete eine volle halbe Stunde mit dem Gebet, -ehe er fortfuhr, damit der böse Mensch keinen Vers des heiligen Wortes -versäumte.« - -Hennigs lachte laut auf. - -»Der arme Draper; also half ihm seine kleine Nothlüge nicht einmal?« - -»Kleine Nothlüge, Mr. Hennigs?« sagte die Matrone mit größerer Strenge, als -sie es sonst wohl gewohnt war, »Sie reden da recht böse, recht unendlich -böse Worte; abgesehen davon, daß der Augenblick, wo er sich mit seinem -Gott beschäftigen sollte, keine Nothlüge zuließ, so giebt es gar keine -Nothlügen; es darf Nichts in der Welt einen frommen Menschen zu einer Lüge -bewegen, nicht einmal die Noth; denn das Herz, was nicht wahr und treu ist, -kann dem Herrn kein wohlgefälliges Opfer bringen.« - -»Aber beste Mrs. Draper,« entgegnete ihr Hennigs, »Sie werden mir doch -gewiß zugeben, daß es Fälle im menschlichen Leben giebt, wo eine Nothlüge -nicht allein keine Sünde, sondern sogar gut und --« - -»Nein, das gebe ich Ihnen _nicht_ zu,« unterbrach ihn die Matrone schnell, -»das kann ich Ihnen nicht zugeben, und schon ein solcher Gedanke ist -Unrecht.« - -»Wenn aber nun zum Beispiel Ihr Mann, oder eines von Ihren Kindern recht -lebensgefährlich krank wäre,« demonstrirte Hennigs, »und wenn Sie -nun wüßten, daß jede Aufregung für sie oder ihn die traurigsten, -nachtheiligsten Folgen haben könnte, würden Sie da nicht, wenn nun etwa ein -lieber Freund des Kranken eben gestorben wäre und er darnach früge, ihm den -Todesfall verheimlichen? würden Sie da nicht lieber zu einer Nothlüge Ihre -Zuflucht nehmen, ehe Sie das Ihnen theure Leben aufs Spiel setzten?« - -»Mr. Hennigs, Sie bauen da eine ganze Menge von Voraussetzungen zusammen, -um nur eine, Ihren Ansichten günstige Antwort zu hören. Das sind die -Fallstricke, die uns der Teufel legt, um uns irre zu führen in dem, was -recht und gut ist, und reichen wir ihm dann einen kleinen Finger, so hat -er bald die ganze Hand und mit ihr die Seele des ihm Verfallenen. Draper -nannte auch den frommen Mann einen Hypokryten.« - -»Hm, ja, Mrs. Draper; aber Draper sagte mir, er hätte an dem Gebet volle -sieben Viertelstunden gelesen, das ist doch ein Bischen stark.« - -»Es war sehr erbaulich, und er gedachte aller unserer Sünden, da mußte es -schon lange werden,« erwiederte die Frau. - -»Wollen Sie nicht mit uns zur Campmeeting gehen, Mr. Hennigs?« frug jetzt -Sally den jungen Mann, und sah ihn bittend mit ihren großen dunkeln Augen -an. - -»Gewiß, gewiß!« rief dieser schnell. »In so angenehmer Gesellschaft führ -ich selbst mit zur -- Campmeeting,« verbesserte er noch zur rechten Zeit, -da ihm schon ein sehr sündhaftes Wort auf den Lippen schwebte, »aber -wahrhaftig,« sagte er, jetzt sich in dem kleinen Raume umschauend, »Draper -muß ver -- muß ungemein fleißig gewesen sein; er hat sich in den vier -Wochen, die er hier ist, schon wirklich ganz behaglich eingerichtet; das -Dach kann ja kaum vierzehn Tage liegen.« - -»Mr. Draper ist auch in der That sehr fleißig gewesen,« erwiederte die -Matrone, »wie lange wird's aber dauern, da packt ihn die leidige Wanderlust -wieder an, und Knall und Fall verkauft er für wenige Dollar das, was -ihm jahrelange Arbeit gekostet hatte, und zieht westlich, immer weiter -westlich, und immer tiefer in den Wald zwischen wilde Menschen und Thiere -hinein.« - -»Nun, viel weiter westlich kann er jetzt nicht mehr gehen,« meinte Sally -ganz ernsthaft, indem sie dem Gast einen Stuhl zum Feuer rückte; »Vater hat -ja selbst gesagt, er wäre nun nicht mehr weit vom indianischen Gebiet, -und in dem dürfen sich keine weißen Leute ansiedeln. Ueberdieß,« fuhr sie -schelmisch lächelnd fort, »ist ja Mr. Hennigs ebenfalls hier in den Wald -gezogen, und da muß die Gegend doch wirklich Vorzüge besitzen, die man ihr -auf den ersten Anblick hin gar nicht zutrauen möchte.« - -Lucy wandte sich ab und setzte ihre Arbeit an dem großen -Baumwollenspinnrade fort. - -»Das Wandern müssen Sie uns schon zu Gute halten,« erwiederte Hennigs, der -ebenfalls Sally's Anspielung vermeiden zu wollen schien und jetzt in aller -Verlegenheit mit seinem Taschenmesser an dem Stuhle herumschnitt, auf -dem er saß. »Dafür sind wir ja eben Pionniere oder Squatter, wie uns der -Ost-Amerikaner nennt. Amerika braucht aber gerade solche Leute, die weder -wilde Thiere noch wilde Menschen fürchten, sondern keck hineinziehen mitten -in ihr Bereich, und der Natur den Boden abtrotzen, der ihnen und ihrem -Fleiß, nach Aussage aller klugen Leute, nun doch einmal gehört.« - -»Ja, ja, das ist schon Alles recht schön und gut,« meinte Mrs. Draper, -»aber lieber wäre ich denn doch in Illinois geblieben.« - -»Was, in Illinois? in den ungesunden dürren Steppen? zwischen -Prairie-Hühnern und Prairie-Wölfen, und in der Gesellschaft der wirklich -weltberühmten Corncrackers!«[3] rief Hennigs erstaunt aus: »nein, da lobe -ich mir das Kraftland unserer Niederung, das ist nicht todt zu machen, und -wollen wir wirklich Prairien haben, nun, dann finden wir sie westlich von -hier, schöner und herrlicher, wie sie der ganze Osten mit all seinen so -hochgepriesenen Vortheilen aufweisen kann.« - - [3]: Spottname für die Bewohner von Illinois. - -»Das mag wahr sein,« entgegnete ihm Mrs. Draper; »aber Illinois ist doch -kein Sclavenstaat, und, mag dieß Land so schön und gut sein, wie es will, -es ist mir fürchterlich auch nur mit Menschen zusammenleben zu müssen, die -ihre Brüder und Schwestern wie das Schlachtvieh verkaufen.« - -»Ach Gott, ja, Madame, es mag viel Wahres daran sein,« meinte Hennigs -kopfschüttelnd, »manchmal, wenn ich so recht allein darüber nachdenke, -kommt's mir auch fast so vor, als ob es nicht ganz recht wäre, daß wir die -Neger feilbieten und ebenso für sie, wie für andere Waaren, den möglichst -höchsten Preis zu erhalten suchen. Für Sünde kann's aber doch auch nicht -gelten; denn unsere Väter und Großväter haben's gethan, das Gesetz hat den -Sclavenhandel geheiligt und die Bibel selbst scheint die Sache als etwas -sehr Natürliches zu betrachten, wenigstens habe ich neulich einmal mit dem -presbyterianischen Geistlichen, der auch Sclaven hält, darüber gesprochen -und der behauptet, Gott selbst habe das so eingesetzt, daß die heidnischen -Völker den Christen dienen müßten; das klingt auch eigentlich vernünftig -genug.« - -»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte Mrs. Draper, »sie vertheidigen die -Sclaverei, selbst aus der heiligen Schrift, aber nur Gott kann erkennen -ob sie daran Recht thun; ich möchte nicht ein voreilig Urtheil fällen. Wir -Frauen fühlen uns aber auch vielleicht weit näher darin berührt als die -Männer; mir thut's ja schon in der Seele weh, wenn ich ein junges Huhn -geschlachtet habe, und sehe nun, wie die alte Henne gluckend den ganzen -Raum, den sie sonst zu begehen pflegt, durchläuft und das Verlorene sucht; -wie vielmehr muß ich Mitgefühl mit einer Mutter haben, der fremde Menschen -das Kind aus den Armen reißen, um es für wenige Dollar zu verkaufen, -während sie selbst gern das eigene Herzblut dafür hingäbe, und doch zu arm -ist es zu bezahlen. -- Ich wollte, wir wären in einem Freistaat geblieben.« - -»Nun, hier in Missouri wird die Sclaverei noch nicht so arg getrieben,« -sagte Hennigs, »im Süden mag's freilich schlimmer sein; hier hören wir auch -ganz selten von entflohenen Negern, und das, sollte ich denken, wäre ein -ziemlich günstiges Zeichen. Wo ein Freistaat so nahe ist und die Sclaven -trotzdem bei ihrem Herrn bleiben, da kann auch ihr Loos noch kein -entsetzliches sein.« - -»Und wie sollten sie denn entfliehen können?« frug Mrs. Draper, »muß denn -nicht ein Neger, wenn er nur selbst auf eine andere Farm oder Plantage -hinübergeht, einen Paß haben, ohne den er von jedem weißen Mann -festgenommen werden kann? und liefert nicht selbst dann, wenn der flüchtige -Neger den Freistaat wirklich erreicht hat, dieser, zur Schande der -Vereinigten Staaten, den festgenommenen Sclaven an seinen Herrn aus? Wie -also soll ein solcher armer Mensch denn entkommen, wenn er Niemanden weiß -an den er sich wenden kann, wenn er Niemanden hat, der ihn unterstützt und -ihm forthilft, und wer das thut -- hat Zuchthausstrafe zu erwarten.« - -»Das Ausliefern muß aber sein,« fiel ihr hier Hennigs in die Rede, »wie -könnten denn die Vereinigten Staaten einig neben einander bestehen, wenn -sie einander ihr Eigenthum vorenthalten wollten; das gäbe ja zu endlosen -Streitigkeiten Anlaß, und müßte nach und nach zu Haß und Zwietracht führen. -Nein, es ist allerdings schlimm, daß wir die Sclaverei haben, und ich -selbst wollte Gott danken, wenn es ein Mittel gäbe ihrer los und ledig zu -werden, und alle von Negern Abstammende wieder über die See zurück in ihre -Heimath senden könnten, wie ja der Anfang dazu auch mit Liberia gemacht -ist; da aber die klügsten Leute im Lande sich schon seit langen Jahren -vergebens die Köpfe zerbrochen haben, wie Dem am Besten abzuhelfen wäre, so -wird unser Einer doch auch nicht dagegen ankämpfen sollen. Das Bestehende, -wie es nun einmal besteht, muß der Einzelne ehren.« - -Lucy hatte indessen aus einer Spalte über dem Kamine ein zusammengefaltetes -Zeitungsblatt herausgenommen, schlug es jetzt aus einander und hielt es dem -jungen Mann entgegen. - -»Sie behaupten, es entflöhen hier in Missouri keine Neger ihren Herren?« -sagte sie mit leisem Vorwurf im Tone, »da -- überzeugen Sie sich selbst; -hier stehen Drei angegeben, und vor jedem ein kleines Bildchen: ein armer -Neger mit seinem Päckchen auf dem Rücken; der eine ist sogar von einem -unserer Nachbarn, aus dem nächsten County, von Squire Wallis.« - -»Das spricht für und wider mich,« sagte Hennigs; »wider mich, wegen -dem Entlaufen, für mich, weil eben dieser Wallis auch Einer von Ihren -sogenannten frommen Leuten ist; er hat sogar schon gepredigt, und die -Presbyterianer halten ihn für ein besonderes Licht, das dem Staate und -ihrer Kirche in diesem Manne aufgegangen sei. Gott bewahre uns vor solcher -Beleuchtung!« - -»Behandelt Mr. Wallis seine Sclaven wirklich so arg?« frug die Matrone. - -»Dessen war Draper und ich neulich Zeuge,« erwiederte ihr Hennigs; »wir -ritten gerade vorbei, als er einen seiner jungen Neger an einen Baum -gebunden hatte und ruhig daneben seine Pfeife rauchte; dann und wann nur, -wie um sich eine kleine Bewegung zu machen, stand er auf und peitschte -den Unglücklichen höchsteigenhändig, daß ihm das klare Blut an dem Rücken -hinunter lief. Wir frugen ihn, was ihn zu einer so fürchterlichen Strafe -veranlaßt habe, er behauptete aber, er thue das aus christlicher Milde, es -sei gegen seine Grundsätze einen seiner Sclaven im Zorn zu strafen, und -da kühle er sich in der Zwischenzeit immer erst ein wenig ab, um ruhig zu -bleiben und nicht hitzig zu werden.« - -»Und das nennen Sie ein freies Land!« rief die Matrone entrüstet. - -»Und das nennen Sie einen frommen Christen!« warf Hennigs dagegen ein; »ist -Ihnen da nicht Ihr Mann mit all seinen kleinen Fehlern und Eigenheiten, -meinetwegen Schwächen, zehntausendmal lieber, selbst wenn er dann und wann -das untere Ende des Whiskeykruges höher hebt, als das obere, und seinem -Herzen mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs bösgemeinten Worten Luft -macht?« - -»Aber das viele gotteslästerliche Fluchen könnte er doch lassen,« sagte -Mrs. Draper, freilich schon um Vieles milder gestimmt. - -»Ja, und Sie auch, Sir,« lachte Sally, »Lucy hat schon oft gesagt, Sie -wären ein ganz guter Mensch, wenn Sie nur nicht immer --« - -»Sally!« rief Lucy, »wie kannst Du nur --« - -Ein plötzliches Anschlagen der Hunde unterbrach hier jede weitere Rede, -und gleich darauf trat auch, die Mütze fest in die Stirne gedrückt und die -Büchse in der Hand, die er, ohne sich weiter umzusehen, auf die über der -Thür eingeschlagenen Pflöcke legte, Draper ein. - -»Da bin ich wieder,« sagte er, und drehte sich in diesem Augenblicke nach -den Seinen um, sein Antlitz war aber auffallend bleich, sein ganzes Wesen -schien erregt, und er fuhr merklich zusammen, als er einen Fremden an -seinem Kamin erblickte, faßte sich jedoch augenblicklich und streckte dem -schnell erkannten Freunde die Rechte entgegen. - -»Und ohne die Pferde?« frug Hennigs, der die dargebotene Hand derb -schüttelte, »mit leeren Zügeln? Die Damen hier scheinen deren Ankunft fest -erwartet zu haben.« - -»Dann müssen die Damen noch etwas Geduld haben,« lächelte der Alte, und -nahm die Mütze ab, die er oben auf eine Ecke des Kaminsimses legte. Dabei -schienen aber seine Gedanken wieder weit hinweg zu schweifen, und er -starrte, die Hand noch immer oben an dem Brett, wohl mehrere Minuten lang, -wie in tiefem Nachdenken versunken, auf die im Kamine glimmenden Kohlen -nieder. - -»Mr. Hennigs hat die Fährten im Potters Creek gesehen, Vater,« brach -endlich Sally das Schweigen, »sie müssen nach der Niederung hinunter sein, -und da, weißt Du wohl, wenn sie erst in den Schilfbruch kommen, findest Du -sie immer nicht gleich wieder. Am Ende versäumen wir morgen den Anfang der -Campmeeting.« - -»Das wäre freilich entsetzlich,« lächelte der Alte, der jetzt seine volle -Ruhe wieder erlangt hatte und sich behaglich auf dem für ihn hingeschobenen -Stuhl niederließ, »und dann könntest Du und Lucy auch nicht eure neuen -Kleider und Bonnets zeigen, und Mutter müßte das schöne Umknüpftuch noch -ganze vierzehn Tage länger in der Kiste liegen lassen.« - -»Aber, Mann!« unterbrach ihn vorwurfsvoll Mrs. Draper, »willst Du denn -behaupten, daß wir solcher sündlichen Eitelkeit wegen zu der Versammlung -reiten? Habe ich Dir dazu schon je Ursache gegeben?« - -»Vater ist überhaupt heute so sonderbar?« sagte Sally plötzlich, indem sie -auf ihn zuging und ihm scharf ins Auge schaute, »es fiel mir gleich auf wie -er hereintrat; ich weiß nicht --« - -»Aber ich weiß, was Jungfer Naseweiß zu thun hat,« sagte der Alte, und -ergriff sie lächelnd beim Kinn; »draußen steht Mr. Hennigs Poney und -wiehert nun schon, so lange ich im Hause bin, ganz ungeduldig um den -versteckten Mais herum. Geh, und gieb ihm ein halbes Dutzend Kolben, und -dann wollen wir das Pferd aushobbeln,[4] es mag sich hier herum sein Futter -selbst suchen. Du mußt ihm aber vorher die kleine Glocke umschnallen, sie -hängt hinten an der Hausecke.« - - [4]: Aus_hobbeln_ nennt der Amerikaner das Zusammenbinden der - Vorderbeine des Pferdes, damit sich dieses zwar langsam von der Stelle - bewegen kann, sein Futter zu suchen, aber doch nicht im Stande ist - fortzulaufen. - -Sally sprang singend hinaus, den erhaltenen Auftrag zu erfüllen, Draper -aber ging zu seiner Frau hin, strich ihr schmeichelnd die nur noch halb -schmollend weggedrehte Wange und sagte gutmüthig: - -»Bist nicht böse, Alte, weißt schon, wie's gemeint ist; ein Bischen eitel -seid ihr aber Alle, wenn ihr's auch nicht wollt merken lassen; denn in -ihrem Alltagskleid ginge keine von euch zur Campmeeting, so viel weiß ich.« - -»Das würde sich auch nicht schicken, Draper, das würde sich auch nicht -schicken; wenn wir zu dem Herrn beten, müssen wir auch zeigen, daß wir -etwas darauf halten, mit anständigem Aeußeren vor ihn zu treten.« - -»Das wäre dem lieben Gott, so wie ich ihn kenne, sehr egal,« lachte Draper -gutmüthig: »doch, Du hast recht, Du meinst's ehrlich dabei, und bist auch -sonst brav und wacker; nur das scheinheilige Pack kann ich nicht leiden. -Aber, Hennigs, wo habt Ihr denn die Pferde gesehen?« - -»Die Pferde nicht, nur die Spuren,« erwiederte dieser, »sie kamen aus den -Hügeln herunter und gingen, über den Kreuzweg hinüber, der Niederung zu; -wenn ich nicht ganz irre, habe ich sogar die Schelle gehört, die der Fuchs -um hat.« - -»Ja, die schellt am weitesten, 's ist wohl möglich; nun, dann finde ich -sie heute Abend an der Buffalolick, dorthin gehen sie gewöhnlich, wenn sie -überhaupt die Richtung einschlagen.« - -»Ich sah auch dort oben die Spuren eines Mannes,« fuhr Hennigs fort, -»und glaubte erst, als ich hier hörte Ihr wäret ausgegangen die Pferde zu -suchen, es seien die euren gewesen. Der die hinterließ trug aber Schuhe; es -wird wohl ein Jäger gewesen sein.« - -»Ja, ja, es wird wohl ein Jäger gewesen sein,« sagte der Alte, stand auf -und schritt dann ein paar Mal in der Stube auf und ab; »ja, fuhr er dann -fort, ich habe sie auch gesehen, sie gingen nach Süden, den Ansiedelungen -zu; wahrscheinlich ein Jäger; aber was ist das für ein Zeitungsblatt?« - -»Dasselbe, was der Sheriff heute Morgen hier herein gelegt hat, Vater,« -erwiederte ihm Lucy, »wir blätterten darin herum.« - -»Nun, giebt es Neuigkeiten aus St. Louis?« frug der Alte, und fuhr sich -mit der linken Hand über die breite, offene Stirne, als ob er alle anderen -Gedanken daraus verscheuchen wollte; »wie steht's mit der Wahl? was sagt -unser Demokrat da? hat Polk Aussichten?« - -»Nun, Missouri läßt ihn sicher nicht im Stich,« lachte Hennigs. »Das war's -aber nicht, wir haben uns nicht mit Politik beschäftigt, sondern nur über -eine Frage debattirt, die das gute Verständniß der südlichen und nördlichen -Staaten betraf -- über die Sclaverei, und zur Erläuterung derselben lasen -wir hier einige Anzeigen von entlaufenen Sclaven.« - -»Von entlaufenen Sclaven? wo? zeigt her!« rief Draper schnell und zwar mit -einem Interesse, das einem genauen Beobachter sicherlich hätte auffallen -müssen; Hennigs aber, die Bewegung einzig und allein der Neugierde -zuschreibend, hielt ihm ruhig das Blatt hin und sagte: - -»Drei Stück -- Wallis hat auch wieder Einen hineinsetzen lassen.« - -»Neunzehn Jahr alt,« las Draper, »schlank gewachsen, mit freier, hoher -Stirn und besonders wolligem Haar; Farbe: Ebenholzschwärze, Größe: fünf Fuß -sieben Zoll -- das stimmt alles.« - -»Was stimmt?« frug Hennigs. - -»Was stimmt? ih nun, die -- o, ich kenne den Burschen, der wahrscheinlich -entlaufen ist,« erwiederte Draper, und wandte sich, wie um besser lesen zu -können, mit der Zeitung ab, dem Lichte zu. - -»Ist es etwa der, den er vor kurzer Zeit so fürchterlich mißhandeln ließ?« -sagte Hennigs. - -»Derselbe, derselbe; sein Rücken ist noch jetzt blutig und zerfleischt, die -Narben hatten noch keine Zeit, wieder zu heilen, der arme Teufel konnte -Tag und Nacht kein Auge schließen vor Schmerz und Qual und -- mußte -dennoch arbeiten; Donnerwetter, Alte, wo ist denn eigentlich der Whiskey,« -unterbrach er sich plötzlich und bog sich nieder, um unter den Fuß des -Bettes zu sehen, wo die fragliche Steinkruke gewöhnlich ihren Platz hatte, -»ich bin trocken wie eine Ohio-Chaussee, ich staube ordentlich. Glaubt ihr, -man soll euch die Pferde suchen, und nachher nicht einmal einen Tropfen -trinken? Ich verdurste, wenn ich nicht bald etwas bekomme!« - -»Vater hat wohl die Pferde gesucht, hat sie aber noch nicht gefunden,« -sagte Sally, und schöpfte dabei, als sie eben in die Thüre trat, den -Flaschenkürbiß voll des klaren Quellwassers, das in einem Eimer auf dem -dort angebrachten Regale stand. - -»Ist mein kleiner Kiek in die Welt auch schon wieder da?« lachte der Alte. -»Also, weil ich sie nicht gefunden habe, braucht' ich auch nicht trocken -im Halse geworden zu sein? und Wasser soll ich trinken? Wettermädchen das, -folgt der Alten aufs Haar. Nein, Kinder, einen Schluck Whiskey muß ich -vorher aufsetzen, aber laß nur das Wasser hier, Sally, zum Nachtrinken -giebt's nichts Besseres auf der ganzen Welt.« - -»Bester Mann,« bat Mrs. Draper, »ist nun das klare, liebe Himmelsgetränk -nicht viel besser und zweckmäßiger, selbst den brennendsten Durst zu -löschen?« - -»Liebe, beste Frau,« entgegnete ihr Draper, während er von der ihm -gereichten Kruke den, aus dem holzigen innern Theil eines Maiskolben -bestehenden Stöpsel abzog und dann etwas von dem goldklaren Inhalt in den -großen, vor ihm auf dem Tische stehenden Blechbecher ausgoß, -- »das Wasser -ist eben ein Himmelsgetränk, wie Du ganz richtig bemerkst, für uns -arme Sterbliche aber müssen wir etwas Feurigeres, Herz und Seele mehr -Zusammenhaltendes haben, und da hat denn der liebe Gott den Whiskey -erschaffen.« - -»Den hat der Teufel erschaffen!« rief Mrs. Draper lebhafter, als es sonst -gewöhnlich ihre Art war, »das ist des Teufels Erfindung.« - -»So? in der That? -- dann bin ich dem Teufel wirklich mehr verbunden, als -ich bis jetzt habe glauben mögen; die Erfindung macht ihm alle Ehre, und -söhnt mich theilweise wieder mit ihm aus,« sagte der unverwüstliche Draper -mit größter Ruhe, und leerte etwa die Hälfte des Inhalts, wornach er den -Rest an Hennigs hinüber schob. Dieser aber zögerte, ihn anzunehmen, und -blickte sich halb unschlüssig nach Lucy um. - -»Lucy sieht nicht her!« neckte ihn Sally, der des jungen Mannes -Verlegenheit keineswegs entgangen war, »Sie können's riskiren.« - -»Laßt Euch durch die Frauen nicht irre machen, Hennigs,« ermahnte ihn der -Alte, »wenn ich denen glauben wollte, dann wäre das gute Getränk hier -vor uns ein Haken, und meine Kehle ein Arm, die mich selbander und mit -vereinten Kräften in den Pfuhl der Hölle hineinrissen; so hat's ihnen -wenigstens neulich der Presbyterianer erklärt.« - -»Du bist ein böser Mann, Draper, und drehst Einem immer die Worte im Munde -herum,« sagte die Matrone, reichte aber dem Gatten dabei freundlich die -Hand hinüber: »Du weißt ja doch recht gut, wie ich's meine, und daß es -nur immer Deines eigenen Besten wegen ist, wenn ich ein Wort einwerfe über -Dein --« - -»Trinken und Fluchen!« fiel ihr Draper ins Wort; »ja, ja, ich weiß schon, -wovon die Rede ist; übrigens habe ich heute noch nicht ein einziges Mal -geflucht, und was den Trunk betrifft, den ich selten genug zu meiner -Erholung thue, so bin ich allerdings davon überzeugt, daß Du ihn mir nicht -mißgönnst, da ist aber der gottverdammte --« - -Sally's kleine Hand lag auf seinen Lippen, und er zog sie gutmüthig -lächelnd herunter und drückte einen herzlichen Kuß auf den kleinen -gespitzten Rosenmund des lieben Kindes. - -»Nun, schon gut, schon gut, Sally,« sagte er dann, »'bist mein gutes -Mädchen; jetzt seht aber nach euren Kühen -- ach, ja so, es ist erst eine -da; nun, schad't nichts, besorgt die nur, ehe es dunkel wird, es sollen -schon mehrere nachkommen, und nachher zündet auch die Lampe an, oder habt -ihr die Lichter schon gegossen?« - -»Ja, Vater, die letzten drei Hirsche, die Du geschossen hast, hatten gar -viel Talg bei sich, und aus den Bienenbäumen, die hier Mr. Hennigs für -uns umgehauen, ist auch ein recht schönes Stückchen Wachs gekommen, -- die -Lichter sind fertig.« - -»Brav, Kinder, dann macht alles bereit, Hennigs und ich, wir wollen -indessen noch einmal nach der Buffalolick hinüber gehen und die Pferde -holen; vielleicht finden wir auch unterwegs irgendwo ein Volk Truthühner -aufgebäumt, ich will auf jeden Fall den Rifle mitnehmen.« - -Und der alte Mann hob die schwere Büchse von der Wand herunter, hing sich -die kaum abgelegte Kugeltasche wieder um, setzte die Mütze auf und wollte -eben mit seinem jungen Freunde das Haus verlassen, als er plötzlich -zurückprallte und erbleichend ausrief: »Tod und Teufel!« - -Erschreckt sprangen seine Frau und Töchter hinzu, sie sollten aber über -das, was den Vater so überrascht hatte, nicht lange in Zweifel bleiben; ein -junger Neger mit bloßem Kopf und nur einer dünnen Leinwandjacke und eben -solchen Hosen bekleidet, die nackten Füße in groben, rindsledernen -Schuhen, das schwarze Antlitz eingefallen und verzerrt von Todesfurcht und -übermäßiger Anstrengung vielleicht, sprang auf die Schwelle, warf einen -scheuen, wilden Blick über die ihn jetzt Umstehenden, und brach dann, die -Kniee des alten Mannes krampfhaft umklammernd, vor diesem halbohnmächtig -zusammen. - -»Ben, Ben, um Gottes Willen, was soll das heißen?« rief Draper und sah -ängstlich nach Hennigs hinüber, der ganz überrascht dastand und gar nicht -wußte, wie er sich diese merkwürdige Scene deuten solle. - -»Rettet mich, Herr, rettet mich, wenn Ihr nicht wollt, daß sie mich bei -lebendigem Leibe verbrennen, wie sie's dem armen Nigger in St. Louis gethan -haben, rettet mich um des Heilands Willen, sie sind dicht hinter mir!« - -Er blickte flehend zu ihm empor, und Hennigs konnte jetzt zum ersten Mal -seine Züge erkennen. Kaum hatte er ihn aber einen Moment scharf in's -Auge gefaßt, als er vorsprang, den Knieenden bei der Schulter ergriff und -ausrief: - -»Alle Wetter, das ist Wallis entlaufener Neger, halt, Bursche, wo kommst Du -her und wo willst Du hin?« - -Der unglückliche Ben warf einen flehenden Blick auf den alten Mann und sank -dann, seine Kniee loslassend, ohnmächtig zu Boden. - -»Der Bursche hat wahrscheinlich nicht mehr weiter gekonnt!« sagte Hennigs, -als er ihn umwandte und fühlte, wie der arme Teufel regunglos in seinen -Armen lag, »nun, ein Bischen kalt Wasser wird ihn schon wieder zu sich -selbst bringen. Sie werden ihn aber hier behalten müssen, bis wir Wallis -davon benachrichtigen können. Der wird nicht wenig froh sein, daß er seinen -Neger wieder hat.« - -»Sie werden ihn doch nicht ausliefern?« rief Lucy entsetzt. - -»Nicht ausliefern, Miß Lucy? -- wir sollen doch wohl nicht etwa gar -einem Nigger zum Fortlaufen behülflich sein und nachher das Vergnügen im -Zuchthaus büßen?« - -»Man will ihn lebendig verbrennen!« rief Sally und faltete in Todesangst -die kleinen weißen Händchen auf der klopfenden Brust. - -»O bewahre Gott,« lächelte Hennigs, »das wäre ja wider des Herrn eigenen -Vortheil, einen seiner Sclaven umzubringen; nein, Sally, der kommt mit -einer Tracht Schläge davon, und die hat der Schlingel auch eigentlich -verdient, warum läuft er fort; er weiß, daß er doch am Ende wieder gefangen -wird.« - -Draper bog sich schweigend zu dem Unglücklichen nieder und wies auf seinen -Rücken, die Dämmerung brach schon stark herein, aber deutlich konnten sie -noch erkennen, wie rothes Blut durch die dünne Leinwandjacke gedrungen war, -und diese in langen, theils erhärteten, theils noch frischen Streifen an -dem Rücken des Unglücklichen festgeleimt hatte. - -Die Frauen stießen einen Schrei der Angst und des Entsetzens aus, und -selbst Hennigs wandte sich schaudernd ab. - -»Der arme Teufel!« brummte er vor sich hin. - -Draper brach endlich das Schweigen und sagte mit hohler, fast tonloser -Stimme, indem er den Neger noch immer mit seinem Arm unterstützte: - -»Der Knabe hier rettete mir vor drei Wochen das Leben; ich badete im Strom, -und nur seiner Dazwischenkunft verdanke ich es, daß ich das steile -schroffe Ufer, zu dem mich die zu starke Strömung hingerissen hatte, wieder -erklimmen konnte. Heute traf ich ihn flüchtig im Wald, und obgleich ich -wußte, daß es ein entflohener Sclave sei, ließ ich ihn ungehindert ziehen. --- Ich wandte mich ab und wollte nicht sehen, wohin er floh. Jetzt führt, -Gott weiß nur welches Schicksal, den Unglückseligen in meine Hütte, und mir -bleiben einzig und allein zwei Auswege offen: entweder ich verrathe meinen -Lebensretter und überliefere ihn seinen Henkern, oder ich setze mich der -Gefahr aus, angeklagt zu werden einem Neger, einem Sclaven, zur Flucht -behülflich gewesen zu sein, -- das Zuchthaus ist dann meine Strafe.« - -»Hier ist, denk' ich, ein Ausweg möglich,« sagte Hennigs, »Wallis weiß, daß -ihm ein Arbeiter nur dann von Nutzen sein kann, wenn er gesund und -kräftig ist; auf Euer Wort giebt er überdies etwas, und wenn Ihr zu ihm -hinüberreitet und ihm sagt, daß Ihr ihm seinen Neger gegen das Versprechen -wieder verschaffen wollt, daß er den schon so arg Gemißhandelten nicht noch -mehr züchtige, so glaub' ich, wird er schon ein vernünftiges Wort mit sich -reden lassen und kein Unmensch sein. Zum Henker noch einmal, er gehört ja -doch auch mit zur Kirche, und da darf er ja schon des Aufsehens wegen nicht -den Tyrannen spielen.« - -»Er schlägt die Augen auf,« sagte Mrs. Draper, die ihm indessen Stirn und -Schläfe mit Essig eingerieben hatte, »er kommt wieder zu sich, großer Gott, -wie weh dem armen Menschen ums Herz sein muß; Vater, wenn nun unser Sohn, -der sich jetzt in Texas oder Mexico herumtreibt, so unter fremden Menschen -läge, wie wolltest Du, daß ihm da geschähe?« - -»Ich glaube wirklich nicht, daß ihm viel Gefahr droht, Mrs. Draper,« nahm -Hennigs noch einmal das Wort; »wenn Sie es wünschen, so will ich selbst -mit Draper hinüber reiten, um Wallis zur Milde zu stimmen, aber ausliefern -müssen wir ihn, das verlangt nicht allein das Gesetz, sondern auch unsere -eigene Sicherheit. Es ist ja denn doch auch nur ein Neger, und ich -sehe nicht ein, weßhalb sich zwei Weiße seinetwegen in so entsetzliche -Unannehmlichkeiten stürzen sollten, wie daraus entstehen könnten.« - -»Es ist _nur_ ein Neger, Mr. Hennigs,« sagte Sally mit bitterem Vorwurf im -Ton, »das klingt, aufrichtig gesprochen, recht garstig von Ihnen. Vater war -in seinen Augen auch _nur_ ein Weißer, und er hat ihn doch aus dem Wasser -gezogen. Das weiß ich, wenn Sie den armen Menschen wieder auslieferten, -und ich wäre Lucy, ich spräche in meinem ganzen Leben kein Sterbenswörtchen -mehr mit Ihnen.« - -»Sein Sie barmherzig!« flehte auch Lucy jetzt, und sah bittend zu dem -jungen Mann auf, der sich, den Hut in der Hand, verlegen hinter den Ohren -kratzte. - -»Aber, beste Miß Lucy,« sagte er endlich, »was hülfe es ihm denn, wenn -wir unsere eigene Sicherheit auch wirklich nicht einen Pfifferling rechnen -wollten, deßhalb wäre ihm doch nicht mehr geholfen. Entfliehen kann er -nicht; wie käme ein Nigger von hier bis zu der canadiensischen Grenze -ohne Paß? Liefern wir ihn also nicht aus, wobei wir uns zugleich für ihn -verwenden können, so fängt ihn Jemand Anderes, und dann geht's ihm erst -recht schlimm.« - -Der Neger hatte seine großen, lebhaften Augen geöffnet und zu dem -Sprechenden mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Seelenschmerz in -den dunkeln Zügen aufgeblickt. Jetzt theilten sich seine Lippen, und er -flüsterte, mit aber noch kaum hörbarer Stimme: - -»Ich bin verloren, die Verfolger sind mir auf den Fersen; ich traf einen -der nach mir ausgesandten Männer zufällig im Wald, und nur die Verzweiflung -gab mir Kraft genug, ihm in dem dichten Unterholz zu entgehen, das ihm -nicht erlaubte mit dem Pferd so schnell hindurch zu brechen. Unfern von -hier wußte ich ihn von meinen Fährten abzubringen und floh nun, als -letztem Rettungsweg, Ihrem Hause zu. Ich kann nicht weiter, mein Rücken -ist zerfleischt, meine Kräfte sind erschöpft, die Wunden brennen mich wie -Feuer, und die Glieder versagen mir den Dienst. Liefern Sie mich aus, dann -ist's vorbei, und ich habe dieß elende Leben überstanden.« - -»Es ist nicht so schlimm, Ben!« sagte Hennigs gutmüthig, »wir wollen selbst -zu Deinem Herrn hinüber reiten und ihn um Schonung für Dich bitten; er soll -Dich nicht weiter mißhandeln.« - -»Umsonst, umsonst!« stöhnte der Unglückliche, und sah starr vor sich -nieder, »das wäre vergebens; letzten Freitag warf er mich zu Boden und trat -mich mit Füßen; die harten Steine rissen die noch nicht geheilten Wunden -der Peitschenhiebe wieder auf, wahnsinniger Schmerz durchzuckte mich, und -in aller Verzweiflung, nicht mehr wissend was ich that, was ich beging, -ergriff ich einen gerade dort liegenden Axtstiel und -- schlug meinen -Master zu Boden.« - -»Unglückseliger!« sagte Hennigs mitleidig, »dann bist Du allerdings -verloren!« - -»Nein, nein!« rief Draper, »ich will verdammt sein, wenn ich ihn -ausliefere. Ich weiß, was ich riskire, ich weiß was mich bedroht, wenn ich -entdeckt werde, doch gleichviel; im schlimmsten Falle lasse ich die hier -gethane Arbeit im Stich, und ziehe nach Iowa hinein, aber ich will nicht -haben, daß mich das Bild dieses Unglücklichen mein ganzes Leben lang, Tag -und Nacht hindurch mahnen und martern soll, und ich mir ewig sagen muß: -der hatte dir nur das Leben gerettet, damit du ihn nachher gebunden seinem -Henker überliefern konntest. Sei guten Muths, Ben, es soll Dir Nichts -geschehn, ich will doch einmal sehn, ob der alte Draper so auf den Kopf -gefallen ist, daß er nicht ein Mittel findet Dir fortzuhelfen.« - -»Aber, Draper, Draper, denkt an Euer Weib und Euere Kinder,« sagte warnend -der junge Mann. - -»O, reden Sie dem Vater nicht ab,« bat ihn flehend Lucy, »lassen Sie ihn -das gute Werk vollbringen, und -- wenn Sie sich uns Allen als ein recht -lieber, lieber Freund erweisen wollen, o, so helfen Sie nur dießmal, den -armen, armen Jungen von so fürchterlicher Strafe zu erretten.« - -»Liebe Miß Lucy,« erwiederte Hennigs, noch immer unschlüssig, »ich will -ja gewiß Alles von Herzen gern thun, was Ihnen nur die mindeste Freude -gewähren kann, ich sehe aber wahrhaftig nicht ein, wie dem armen Teufel -geholfen werden soll. Sind ihm die Verfolger so dicht auf den Fährten wie -er sagt, dann können wir sie auch jeden Augenblick hier erwarten, und in -dem Zustand, in dem er sich jetzt befindet, wäre es für ihn unmöglich zu -entfliehen. Hier im Haus sind wir eben so wenig im Stande ihn lange zu -verbergen, selbst wenn wir wollten; denn das eine offene Gemach, was Sie -haben, bietet nirgends auch nur den geringsten sichern Schlupfwinkel.« - -»Wir müssen ihm einen Paß schreiben!« rief Mrs. Draper schnell, »das wird -ihm durchhelfen; einen mit dem Paß versehenen Neger hält Niemand an.« - -»Aber womit?« frug Lucy ängstlich, »wir haben weder Schreibzeug, noch -Papier, selbst das Stückchen Bleistift, was in dem alten Haus über dem -Kamin stak, muß verloren gegangen sein, ich konnte es wenigstens nirgends -finden.« - -Der Neger hatte indessen mit ängstlichen Blicken von einem der Sprechenden -zum andern gestarrt, und seine Augen leuchteten, als er den Paß erwähnen -hörte; jetzt, da ihm diese letzte Hoffnung abgeschnitten schien, barg -er zitternd das Antlitz in den Händen, und wenn auch kein Laut, kein -Schluchzen die Stille unterbrach, so kündete doch das convulsivische Zucken -seiner ganzen Gestalt den ungeheueren Schmerz an, der ihn durchbebte. - -»Hier muß Rath geschafft werden!« rief der alte Draper jetzt, und ging mit -schnellen Schritten im Zimmer auf und ab, »Ben muß fort, und ein Paß, das -seh' ich ein, ist dazu unumgänglich nöthig. So mag er denn hier im Haus -verborgen bleiben, bis ich ihm den herbeischaffen kann; ich will noch heute -zum Squire Mapel reiten und Tinte und Papier holen.« - -»Aber das ganze County ist schon in Aufregung,« flehte in Todesangst Ben, -»der, der mich heute verfolgte, wußte ebenfalls von dem, einem weißen Manne -gegebenen Schlag; zweimal hätte er mich niederschießen können, aber er -schrie fluchend, er wolle mich lebendig haben, um mich schmoren zu sehen; -sie sind zum Fürchterlichsten entschlossen.« - -»Halloh! da drüben!« schallte plötzlich eine Stimme von der andern Seite -der niedergehauenen Bäume herüber, und gleich darauf übertäubte, wie bei -Hennigs Ankunft, das Heulen der Meute jeden weitern Anruf. - -»Das ist mein Verfolger!« stöhnte Ben und sank, die Hände gefaltet, in -Verzweiflung auf einen Stuhl nieder, an dessen Lehne mehrere Tropfen klaren -Blutes, die durch die dünne Jacke gequollen waren, hängen blieben. - -Der alte Mann trat indessen in die Thür, beschwichtigte mit einem Wort die -Hunde, die, der Stimme des Herrn gehorsam, nur leise knurrend den fremden -Tönen lauschten, und rief jetzt die Gegenfrage an den späten Gast hinüber: - -»Wer ist da, und was wollt Ihr?« - -»Wer da ist, zum Henker, Pitt ist da, oder ist eigentlich noch nicht da; -denn er steckt hier in einem undurchdringlichen Gewirr von allem Möglichen, -und weiß nicht, wie er herauskommen soll. Wo in aller Welt ist nur der -Fahr- oder Reitweg, Draper? Auf dem, wo ich hergekommen bin, liegen -wenigstens zwanzig Klafter Holz!« - -»Seid Ihr allein?« frug Draper zurück. - -»Ja, allerdings, es werden aber gleich noch eine ganze Menge kommen, -ich traf sie nicht weit von hier, und sie redeten davon, bei Euch zu -übernachten.« - -»Ich komme gleich, Pitt,« rief Draper ihm zu, »bleibt nur einen Augenblick -da halten, Euer Pferd könnte sonst in den vielen Splittern Schaden nehmen,« -und damit warf er die Thüre wieder in die Klinke und trat in das Innere -seiner Hütte zurück. - -»Es ist zu spät!« sagte er eintönig, als er mit starrem Blick auf den -unglücklichen Knaben niedersah, »sie werden hier sein, ehe wir im Stande -sind, auch nur einen vernünftigen Rettungsplan zu ersinnen, viel weniger -auszuführen.« - -»Wenn er sich nun draußen im Walde versteckte?« frug schüchtern Sally, »ich -will ihm ja recht gern Speise und Trank bringen; morgen früh gelingt es -dann vielleicht, dem Armen zu helfen.« - -»Nein, das ist unmöglich, die Hunde würden ihn dort nicht unbeachtet -lassen; überdieß bringen die Fremden, wenn es seine Verfolger wirklich -sind, auch auf jeden Fall ihre Rüden mit, und dann wäre seine Entdeckung -unvermeidlich. Ich begreife ohnedem nicht, wie ihn meine eigenen -Bärenfänger so unbelästigt hereingelassen haben.« - -»So verbirg ihn dort zwischen unsern Betten!« sagte Sally plötzlich, »dort -mag er liegen, bis sich irgend ein Ausweg für ihn gefunden hat, und wenn es -bis morgen früh wäre.« - -»Das ist das Einzige; Höll' und Teufel, Pitt wird ungeduldig da drüben, ich -muß ihn holen; so versteckt ihn denn schnell, und möge Gott geben daß er -dort unentdeckt bleibt, sonst ist mein guter Name für Missouri dahin, und -ich muß selbst der Rache seiner Bürger entfliehen.« - -Tief aufseufzend verließ er die Hütte, seinen heute so unwillkommenen Gast -herein zu holen, während die Frauen indessen ein ziemlich weiches Lager für -den armen Gemißhandelten bereiteten und es, zwischen den Betten und durch -einen mit Kleider überhangenen Stuhl, so verdeckten, daß, wenn nicht eine -wirkliche und hier keineswegs zu befürchtende Haussuchung Statt fand, sein -Lager von den in der Hütte befindlichen Personen sicherlich nicht gesehen -werden konnte, da sich auch schon ohnedieß keiner der Amerikaner neugierig -einer Stelle zugedrängt hätte, die der »Damen-Schlafplatz« war. - -Bald darauf erreichte der späte Besuch den kleinen, vor dem Hause -befindlichen, offenen Platz, sprach dort einige Worte, seines Pferdes -wegen, mit Draper, und betrat dann, schon von draußen den Frauen einen -guten und freundlichen Abend hereinrufend, das Innere des jetzt durch ein -selbstgegossenes Licht erhellten Raumes. - -Mr. Pitt war ein kleines, wohlbeleibtes Männchen, mit so blonden Haaren, -daß er sie oft selbst im Scherz »Isabellfarben« nannte, dazu mit großen -blaugrauen Augen und gewöhnlich in einen Pfeffer- und Salz-farbenen -Oberrock eingeknöpft. So gemüthlich er aber auch sonst in manchen Sachen -sein mochte, so viel er selbst auf sein Vieh, auf seine Pferde und Rinder -hielt, die er sich nie überarbeiten ließ, so sehr haßte er die Neger, und -behandelte seine eigenen Sclaven, wenn er sie auch gut »fütterte,« wie -er es nannte, stets mit der größten Verachtung. Die Sclaven der ganzen -Nachbarschaft fürchteten ihn auch ungemein, haßten ihn aber wohl noch mehr -und nannten ihn überall nur den »Niggerfresser.« - -Und doch war dieser Mann ein ganz guter Bürger, ehrlich und rechtschaffen -in all seinem Thun und Handeln, und hatte sich, einzig und allein durch -eigenen Fleiß, ein gar nicht unbedeutendes Vermögen erworben. - -Seinem Ehrgeiz war übrigens dadurch Genüge geschehen, daß ihn sein -»Township« zum Friedensrichter, und zwar damals noch ernannt hatte, als die -Aufregung für General Harrison selbst bis in den fernen Westen drang; er -rühmte sich auch seines eifrigen Whigthums und schwärmte natürlich für -Henry Clay, und besonders für Frelinghuysen, der, seiner Aussage nach, -der frömmste Mann der Welt sei und eher verdiente, Präsident, als nur -Vicepräsident zu werden. - -Seiner Religion nach war er Presbyterianer, und hing dabei so eifrig an der -Kirche, daß er schon einmal, als er sich bei einer großen Betversammlung -befand, wo der andächtig harrenden Gemeinde gemeldet wurde, der plötzlich -krank gewordene Prediger könne nicht kommen, selbst, unvorbereitet, -den Rednerstuhl bestieg, und mit Kraftworten und noch nie dagewesenen -Gesticulationen den Leuten erzählte, wie's ihm eigentlich ums Herz sei. Man -wollte ihn später allerdings dazu bereden der geistlichen Beredsamkeit sein -Leben ausschließlich zu weihen, Mr. Pitt zog es aber vor Friedensrichter -zu bleiben, und behauptete, vielleicht nicht ganz ohne Grund, »als Laie die -Eingeborenen viel mehr in Erstaunen setzen zu können, als wenn er aus -der heiligen Sache eine wirkliche Profession mache«. Dabei war er höchst -ritterlich und gefällig gegen Damen, obgleich er, als alter Junggeselle, -von diesen auch manches Scherz- und Stichelwort ertragen mußte; ja, er -hatte sogar selbst, vor noch nicht so langer Zeit, bei einer Entführung -in St. Louis thätigen Antheil genommen. Wenn er aber auch gern von dieser -Sache sprach, so verfehlte er doch nie dabei die Bemerkung zu machen, -daß das vor der Zeit gewesen sei, wo er als Friedensrichter in Thätigkeit -getreten, und er jetzt, gerade im Gegentheil, eine solche ungesetzliche -Handlung mit jeder ihm zu Gebote stehenden Macht verhindern würde. - -Mr. Pitt trat also in die Thüre der Hütte, und reichte, sich nicht mit -dem allgemeinen »guten Abend, Ladies,« begnügend, noch jeder der Damen -insbesondere die Hand, führte dabei auch so total allein das Wort und -erkundigte sich so angelegentlich nach dem Befinden und Wohlergehen seiner -»neuen Nachbarn« (sein Haus lag elf englische Meilen entfernt), daß er -die Verlegenheit und Aufregung, in welcher sich diese befanden gar nicht -bemerkte, sondern geschäftig einen der Stühle zum Kamin schob (und zwar mit -dem Rücken gegen die Thür, also den Betten mehr zugewandt), von dem aus er -an Draper und Hennigs indessen tausend verschiedene Fragen zu gleicher Zeit -richtete. - -Draper war übrigens selbst zu aufgeregt, um sich in eine Beantwortung -derselben einzulassen, und frug nur seinerseits, wobei er freilich einen -Augenblick benutzen mußte, in dem der würdige Mann gerade Athem schöpfte, -wen er noch von Fremden im Walde getroffen habe, was diese getrieben und -wann sie hier eintreffen würden. - -»Stop, Sir -- stop!« schrie der Kleine und drehte sich in komischer -Verzweiflung nach ihm herum, »das sind eine Menge verschiedener Artikel, -die erst geordnet und dann einzeln vorgenommen werden müssen. Vor allen -Dingen, Ladies, fürchte ich, daß Ihr Raum heute ein wenig beschränkt werden -wird; denn acht Mann kann ich sicher anmelden, die noch vor Ablauf einer -Stunde hier eintreffen werden. Das heißt, eigentlich nur sieben, da Einer -von ihnen hier schon ganz behaglich und warm am Feuer sitzt und sich -ungemein freut, daß er aus den bösen Dornen und Ranken da draußen heraus -ist. Dieser Eine, meine theuren Ladies, den ich Ihnen die Ehre habe in -meiner unbedeutenden Person vorzustellen, wird nun auch wohl morgen noch -hoffentlich das Vergnügen genießen, in Ihrer Gesellschaft zu bleiben; -denn ich zweifle keinen Augenblick, daß Sie ebenfalls beabsichtigen -der Betversammlung beizuwohnen; die dort aufgehäuften Kleider sind -wahrscheinlich schon dazu bestimmt, Ihren holden Gestalten einen womöglich -noch höhern Reiz zu verleihen.« - -»Wer waren aber die Anderen?« unterbrach ihn ungeduldig der Alte. - -»Wer die Anderen waren?« wiederholte lächelnd der kleine Friedensrichter; -»die Blüthe des Staats, der Stolz und Schmuck unseres und des benachbarten -Countys, lauter wackere Farmer, wie berittene Nimrode, mit ihren Büchsen -und Hunden. Apropos, Draper, habt Ihr den Wolfshund noch, den Ihr -von Hilbert damals kauftet? das war ein famoses Poppy, muß einmal ein -prächtiger Hund werden.« - -»Waren die Männer auf der Jagd?« mischte sich Hennigs jetzt in das -Gespräch. - -»Jagd? ja,« sagte der Kleine; »aber ganz besondere Jagd -- Hochwild -- -Menschenfleisch!« - -»Menschenfleisch?« riefen die Frauen entsetzt. - -»Erschrecken Sie nicht, meine Damen, es war weiter nichts als ein -weggelaufener Nigger,« lächelte der gemüthliche Friedensrichter, -»vielleicht haben sie ihn jetzt schon und bringen ihn dann gleich mit her.« - -Keiner im Haus antwortete ihm auch nur eine Sylbe darauf, und der -Geschwätzige fuhr plaudernd fort: - -»Wallis hat, wie Sie vielleicht wissen, neulich einmal einen seiner Neger -exemplarisch abstrafen müssen; der Strick war am lieben Sonntag mit seinen -ganz neu gekauften Sachen, wie er selber sagte, in den Fluß gefallen --« - -»Großer, allmächtiger Gott! deßhalb hat er ihn gezüchtigt? das ist die -Ursache gewesen?« schrie Draper entsetzt. - -Pitt sah ihn erstaunt an. »Nun,« sagte er, »das wäre allerdings eine -Ursache gewesen, ihn zu strafen, und er hat auch wohl seine Tracht Schläge -deßhalb bekommen; von der Strafe aber, von der ich spreche, war es nur ein -entfernterer Grund; denn die Canaille hatte sich auch noch dabei erkältet -und konnte nun ihre Arbeit nicht ordentlich verrichten. Wallis ist ein -wenig hitzig und ich weiß nicht recht, wie alles später gekommen, so viel -aber ist gewiß, Ben, der Junge, hatte eine trotzige Antwort gegeben und -mußte dafür, wie sich das auch von selbst versteht, büßen. Da denken Sie -sich nur, überfällt er neulich seinen eigenen Herrn, schlägt ihn mit -einem Axtstiel, an dem glücklicher Weise die Axt fehlte, zu Boden und -- -entflieht. Aber weit wird er nicht kommen, Hilbert ist ihm heute Nachmittag -hier ganz in der Nähe begegnet, hatte aber unglücklicher Weise seine Hunde -nicht bei sich und verlor, nicht weit von dem Hurricane[5] seine Fährte. -Gleich darauf traf er übrigens die zur Verfolgung des Niggers ausgezogenen -Männer, und nun wollen sie, da diese noch mehr Hunde mitbrachten, den -Hurricane ordentlich abtreiben und nachher hierher kommen und hier -übernachten. Sie bleiben vielleicht im Wald, es sieht aber heute Abend wie -Regen aus, und da ist's doch besser sie suchen Dach und Fach.« - - [5]: Hurricane werden in den westlichen Wäldern auch die, durch einen - Hurricane oder Orkan niedergeworfenen Waldstrecken genannt, die - oft, wenn sie besonders erst einige Jahre gelegen haben, wirklich - undurchdringliche Dickichte bilden. - -»Aber Ladies, Sie lassen mich die Unterhaltung ganz allein führen; es -spricht ja keine von Ihnen auch nur ein Wort.« - -»Wir müssen an's Abendessen denken, Sir,« sagte die Matrone, »wenn wir so -viele Gäste bekommen, so werden sie, für die anderen Unbequemlichkeiten -denen sie ausgesetzt sind, doch wenigstens etwas Warmes zu essen haben -wollen; bis wann können sie wohl hier sein?« - -»Wird nicht mehr so lange dauern, gar nicht mehr so lange dauern,« sagte -der Kleine, und zog die Augenbraunen bedeutsam in die Höhe, »in höchstens -drei Viertelstunden können sie Alles abgesucht haben, der Hurricane ist -nicht so übermäßig groß, und die Hunderace, die sie mit sich führen, -vortrefflich. Die Mutter von Eurem Wolfshund ist auch dabei, Draper. -Uebrigens kann es auch sein sie finden den Burschen gleich, und dann halten -sie sich weiter gar nicht auf.« - -Draper und Hennigs hatten leise einige Worte gewechselt und der letztere -nahm jetzt seinen Stuhl auf und trug ihn an die entgegengesetzte Seite des -Kamins, während er zugleich Mr. Pitt bat ihm dahin zu folgen, damit die -Damen nicht so viel in dem Ab- und Anrücken ihrer Kochgeräthschaften -gehindert würden. - -Mr. Pitt folgte sehr eilfertig dem ausgesprochenen Wunsch, ergriff seinen -Stuhl an der Lehne und trug ihn weiter herum, faßte sich aber plötzlich -erschreckt an die Tasche seines Rockes, fühlte dort etwas, und besah sich -dann am hellen Kaminfeuer die gegen dieses ausgestreckte linke Hand. - -»Blut!« rief er überrascht und schaute sich nach dem Stuhl um, auf dem er -eben gesessen, Mrs. Draper aber sprang schnell hinzu, wischte mit einem -alten Tuche die Lehne ab und sagte mit vor Angst und Bestürzung halb -erstickter Stimme: - -»Ach, sein Sie nicht böse, Mr. Pitt; Lucy -- bekam heute so plötzliches -Nasenbluten; wir haben die Flecken gar nicht gesehen --« - -Hennigs bog sich leise zu Sally hinüber und flüsterte lächelnd: - -»Erinnern Sie doch Mutter einmal wieder an das Kapitel von der Nothlüge!« - -»O bitte sehr, bitte sehr!« rief der artige Friedensrichter, »hat gar -nichts zu sagen, so süßes Blut kann mir nur angenehm sein; bitte, geniren -Sie sich nicht, ich habe selbst ein Taschentuch; es ist ja bloß ein -unbedeutender kleiner Flecken. Ich erschrak nur so im Anfang, als ich das -Nasse an der Hand fühlte, weil ich glaubte, ich hätte heute beim Reiten -eine kleine Dintenflasche zerdrückt, die ich in der Rocktasche trage; das -wäre mir allerdings fatal gewesen; denn für meine hellen Bein- -- meine -hellen Kleider würde eine solche Anfeuchtung von bösen Folgen gewesen -sein.« - -»Sie haben Dinte bei sich?« rief Hennigs schnell, und sprang in der -Erregung des Augenblicks von seinem Stuhle, auf den er sich eben wieder -niedergelassen empor. - -»Ich? allerdings; befremdet Sie das? ja, hier im Walde ist Dinte allerdings -ein seltener Gegenstand, ich bin deßhalb auch genöthigt sie überall -mitzuführen; denn komm' ich einmal in ein Haus und muß etwas schreiben, -so kann ich mich fest darauf verlassen, daß erstlich keine Dinte in fünf -Meilen im Umkreis zu bekommen, und das einzige Papier der Schmutztitel -irgend eines verräucherten Buches ist, der vorerst herausgenommen werden -muß. Im allergünstigsten Falle steckt dann noch über dem Kamin ein alter, -halbverbrauchter Truthahnflügel, dem eine hineingedorrte Feder durch -Gemeinkraft sämmtlicher Familienglieder entzogen, und mit dem Jagdmesser -des Mannes oder gar der Schere der Frau nothdürftig geschnitten wird, -und dann ist das Schreibzeug fertig. Nein, darauf kann ich mich nicht -einlassen, ich muß mein »Handwerkszeug« besser in Ordnung haben, und da -trage ich denn immer eine kleine steinerne Kruke, wie etwas Papier und -einige Federn bei mir.« - -Hennigs war indessen einige Mal schnell im Zimmer auf und abgegangen und -blieb plötzlich neben dem Stuhle des Redseligen, der in allem Eifer das -Fläschchen hervorgeholt hatte, stehen. - -»Mein bester Herr!« sagte er, freundlich dabei die Hand auf dessen Schulter -legend, »da könnten Sie der Mrs. Draper einen recht großen und vielleicht -einen doppelten Gefallen thun!« - -»Wer? ich?« rief Mr. Pitt, sich schnell nach der erwähnten Dame umdrehend: -»mit dem größten Vergnügen, was ist es? was steht zu Diensten?« - -Mrs. Draper blickte verlegen nach Hennigs herüber, dieser aber ließ ihr -gar keine Zeit, ein Wort zu erwiedern, und fuhr zu dem Friedensrichter -gewendet, fort: - -»Die Damen wünschten gern eine Abschrift des kleinen, von Ihnen gedichteten -geistlichen Liedes zu besitzen, das Sie neulich bei Mapel's vortrugen, und -sie haben mich schon heute Nachmittag darum ersucht, weil ich ihnen vor -einiger Zeit einen Vers desselben aus dem Kopfe citirte. Da wir uns aber -hier in derselben Lage befinden, wie die übrigen Ansiedelungen, die Sie uns -eben so treffend schilderten, nämlich ohne jegliches Schreibmaterial, so -möchte ich Sie jetzt im Namen der Damen nicht allein um etwas Papier und -Dinte bitten, sondern auch noch den Wunsch daran knüpfen, mir die Verse -langsam vorzusagen, daß ich sie gleich auf der Stelle nachschreiben -könnte.« - -»Meine Damen, Sie beschämen mich wirklich durch die freundliche Nachsicht, -mit der Sie meine armseligen poetischen Versuche beehrt haben!« schmunzelte -der kleine Mann, während er in größter Geschäftigkeit seine Taschen -auskramte und in wenigen Secunden eine große Brieftafel, ein kleines Pennal -und die eben wieder zurückgeschobene Dintenflasche zum Vorschein brachte, -was er Alles auf den Tisch stellte und dann seinen Stuhl neben denselben -rückte, das Licht mit den Fingern putzte, seine Brille abwischte und -jede Vorbereitung traf, um das gewünschte Gedicht augenblicklich selbst -niederzuschreiben. Daran verhinderte ihn aber Hennigs, indem er wie -scherzend das Pennal an sich nahm und dem Richter versicherte, »er würde -unter keiner Bedingung zugeben, daß er selbst seine überdieß schon -so schwache Augen bei dem düstern Scheine des flackernden Talglichtes -anstrenge.« - -»Nein,« fuhr er in seinen Einwendungen fort, »lassen Sie mich einmal -meine, wenn auch von der Führung der Axt etwas steifen Finger mit der Feder -versuchen, es wird schon gehen, und Sie setzen sich indessen mir gegenüber -an den Tisch, dann haben die Damen auch noch den Genuß des Vortrags und -brauchen nicht müßig zuzusehen.« - -Mrs. Draper war hinter den Friedensrichter getreten und hielt die -zusammengefalteten Hände fest, fest auf das Herz gepreßt, als ob sie die -Angst, die ihr die Brust zu zersprengen drohte, da bannen und zurückdrängen -wollte. Lucy hielt seine Stuhllehne gefaßt und blickte starr und mit halb -geöffneten Lippen, aber leichenbleichen Wangen und glanzlosen Augen nach -dem Geliebten hinüber, und nur Sally, das sonst so muntere, leichtsinnige -Mädchen, hatte die fürchterliche Entscheidung des Augenblicks nicht -ertragen können und war hinaus vor die Thür gegangen, wo sie den Kopf in -der Schürze barg und sich dort recht nach Herzenslust ausweinte. - -Hennigs dagegen schien ganz ruhig und unbefangen, plauderte mit dem -Friedensrichter -- während dieser ein reines Blatt Papier vorsuchte und -aus dem Pennal eine geschnittene Feder nahm -- lauter tolles Zeug, erzählte -ihm, wie sie in Louisiana immer auf Magnoliablätter geschrieben und in -Tenessee Dinte aus Pulver und Indigo gemacht hätten, legte dann, als -er auch die letzten Bedenklichkeiten des also geschmeichelten Dichters -überwunden hatte, der nur immer noch selber zu schreiben wünschte, das -weiße Blatt vor sich hin, sah nach dem Spalt der Feder, feuchtete diese -einmal im Mund an und sagte, sich behaglich auf dem Stuhle zurechtrückend: - -»So? jetzt bin ich fertig, nun schießen Sie los!« - -Draper lehnte am Kamin, und der starke Mann zitterte vor innerer Aufregung -so gewaltig, daß die lockeren Dielen unter ihm erbebten; nur Hennigs blieb -ruhig und gleichmüthig, und lächelte sogar still und heimlich vor sich -nieder, als der Friedensrichter, wohlbehaglich im Stuhl zurückgelehnt, -die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet, die Brille in die Höh', auf die -Stirn geschoben und die kleinen runden Augen andächtig der Decke und -einer Anzahl dort aufgehangener geräucherter Hirschkeulen zugekehrt, mit -monotoner, singender Stimme begann: - - »O, süßer Herr Jesus, o, komm doch zu mir, - Verzeih' mir, o Herr, meine Sünden!« - -»Halt! nur nicht so schnell,« bat Hennigs, »ich komme ja sonst nicht mit -- -verzeih' mir --« - - -- »o Herr, meine Sünden?« - -Draper trat hinter Hennigs Stuhl und las, was dieser schrieb; auf dem -Papier stand: - -»Der Träger dieses, Scipio --« - -»Also weiter -- ich hab' es.« - - »Und laß mich, Lamm Gottes, beim Vater und dir - Erbarmen und Sühnigung finden.« - -Hennigs schrieb weiter: »geht mit meinem Wissen und Willen zu seinen -Eltern --« - -»Haben Sie: Sühnigung finden?« frug der Friedensrichter, schob sich die -Brille herunter und blickte nach dem jungen Manne hinüber. - -»Gleich, gleich -- Sühnigung finden -- so, nur weiter.« - - »Ich bin zwar, o Heiland, ich muß es gestehn, - Dein schlechtester, niedrigster Knecht --« - -declamirte Mr. Pitt, warf einen freundlichen Blick nach der über ihn -hingebeugten Mrs. Draper hinauf, seufzte einmal tief auf, und wiederholte: - - »Dein schlechtester, niedrigster Knecht --« - --- »nach Illinois, und hat von mir dazu vier Wochen Erlaubniß« -- schrieb -Hennigs. - -»Haben Sie das?« frug wieder der Richter. - -»Ja, -- Erlaubniß --« - -»Wie?« sagte Mr. Pitt, und blickte zu ihm auf. - -»O, nichts,« erwiederte schnell gefaßt der junge Mann, »es hatte sich ein -Haar in die Feder geklemmt, also -- Knecht!« - -»Ja, -- warten Sie einmal, nun bin ich herausgekommen, -- schlechtester, -sündigster Knecht,« murmelte er vor sich hin, »ach ja, jetzt hab' ich's: - - Doch hast du ja auch meine Reue gesehn, - So weise mich, Herr, denn zurecht --« - --- »weise mich, Herr, denn zurecht,« repetirte Hennigs und beendete -indessen den Paß Benjamin's mit dem Wort: »erhalten;« setzte den fingirten -Namen Peter Rollins mit dem gestrigen Datum darunter, und faltete das -Papier zusammen. - -»Halt! ich bin noch nicht fertig,« rief da der würdige Friedensrichter -aus, dem diese Bewegung nicht entgangen war, »das sind nur die zwei ersten -Strophen, nun kommen fünf in einem andern Rhythmus, und dann wieder drei -Schlußverse. Schreiben Sie also weiter: - - »Ich will Dir, du treuer Hirte - Ein getreues Schaf auch sein, - Führe denn mich heil'ger Vater, - In den ew'gen Schafstall ein.« - - »Und wenn mir -- - -aber Sie schreiben ja gar nicht.« - -»Nur die beiden ersten Verse fehlten Ihnen, nicht wahr, Mrs. Draper?« sagte -Hennigs, und stand von seinem Stuhle auf. - -»Ja, Sir, es waren nur die beiden,« stammelte die Matrone, und sie wußte -jetzt, daß Hennigs Auge fest auf ihr haftete; das Blut strömte ihr quellend -in Stirn und Schläfe, und der Athem verging ihr fast vor Angst um den -Unglücklichen, vor Scham über die ausgesprochene Lüge. - -»Also die andern Verse haben Sie? nun, warten Sie, ich sage sie Ihnen noch -einmal vor, dann können Sie, wenn etwas daran nicht richtig sein sollte, es -ändern. Zeigen Sie mir nur erst einmal was Sie geschrieben haben,« und -er streckte seinen Arm nach dem Papier aus, das Hennigs mit auf den Tisch -gestützter Hand locker zwischen den Fingern hielt. - -Dieser aber schien es gar nicht zu bemerken; mit vorgebeugtem Körper, -starr und regungslos stand er da, die linke Hand lauschend hinter das -Ohr gehalten; er horchte einem entfernten Geräusch, und hatte für den -Augenblick seine ganze Umgebung vergessen. - -Mr. Pitt nahm indessen das Papier herüber, öffnete es, schob sich die -Brille wieder nieder, und schien dann erst das sonderbare Benehmen des -jungen Mannes zu bemerken. - -Die Bewohner der Hütte standen entsetzt; warf der Friedensrichter nur -einen Blick in die Zeilen, die er geöffnet in der Hand hielt, so waren sie -entdeckt. - -»Hennigs!« rief der alte Mann, und faßte seinen Arm. - -»Mr. Hennigs!« sagte Pitt, und hielt das Innere der Linken gegen das Licht, -um, von diesem nicht geblendet, ihn besser betrachten zu können. Das rief -den Träumenden aber mit Gedankenschnelle in seine Umgebung zurück; er -blickte den Fremden an, sah den Paß in dessen Hand, und riß ihn mit keckem -Griff aus seinen Fingern. - -»Mr. Hennigs!« rief überrascht der Richter. - -»Ich muß tausendmal um Verzeihung bitten, Sir,« entschuldigte sich jener, -verlegen lächelnd, »doch das, was ich hier geschrieben habe dürfen -Sie wahrhaftig nicht lesen, es ist zu schlecht, Sie haben zu schnell -gesprochen, und ich mußte mich so eilen; warten Sie noch wenige Minuten, -und ich will es in's Reine schreiben, nachher mögen Sie sich überzeugen, -daß auch ein Backwoodsman manchmal keine so üble Feder führt, und den -Schulmeister nicht braucht, wenn er Jemandem einen Brief schicken will.« - -»Was hatten Sie denn aber eben? Sie starrten ja vor sich nieder, als ob Sie -einen Geist sähen?« frug, dadurch beruhigt, Mr. Pitt. - -»O nichts, wenigstens nichts von Bedeutung,« erwiederte jener, »mir war es -nur, als ob ich irgend ein fremdartiges Geräusch vernahm, und ich konnte -nicht recht herausbekommen was es war. Halt -- da wieder; hören Sie -nichts?« - -Draper sprang an die Thür und riß sie auf, und deutlich drang jetzt der -Ruf von fernen Stimmen an ihr Ohr, als ob Leute über einen Fluß hinüber die -Fähre anriefen. - -»Da sind sie,« sagte der Kleine, sprang auf und griff nach dem an der Wand -hängenden Blechrohr, das in fast allen amerikanischen Blockhütten dazu -benutzt wird, die Arbeiter zum Essen aus dem vielleicht weit entfernten -Felde zu rufen. Die Töne dieses langen, geraden Hornes schallen ungemein -weit, und man kann sie mit günstigem Winde, und besonders über das Wasser -hin, oft Meilen weit hören. - -Mr. Pitt schloß nun auch ganz richtig, daß die Jäger, von der Dunkelheit -überrascht, die einzeln und mitten im Walde liegende Hütte nicht hatten -finden können, und nun durch ihr Rufen die Aufmerksamkeit der Bewohner -zu erwecken gedachten, damit diese durch irgend ein Zeichen, durch einen -abgefeuerten Schuß, oder den Ton eben solchen Hornes ihren Aufenthalt -verriethen. Er nahm denn auch ohne weitere Umstände das Instrument -vom Nagel, trat in die Thüre und ließ nun nach jener Richtung hin so -durchdringende, klagende Laute ertönen, daß die Hunde mit kurzem Gebell -zuerst eine Art Protest gegen solche Musik einzulegen schienen, dann aber, -vielleicht durch das Weiche der Melodie gerührt, ein so fürchterliches, -wehmüthiges, markzerschneidendes Geheul ausstießen, daß Mr. Pitt erschreckt -mitten in seinem nicht mehr Solo einhielt, den Bestien einen Augenblick -zuhörte, und dann kopfschüttelnd sagte: - -»Ist nun einem lebendigen Christenmenschen schon so etwas in seinem ganzen -Leben vorgekommen?« - -Nichtsdestoweniger setzte er seine musikalischen Uebungen fort, und Hunde -und Friedensrichter vereinigten sich jetzt zu einem so ohrzerreißenden -Concert, daß der Wald ordentlich lebendig zu werden schien, und sämmtliches -zahmes Hausvieh, als da war, drei Ferkel und etwa ein halbes Dutzend -Hühner, die ersteren ihr Lager mieden und grunzend, die Seiten an einander -gedrückt, herbeiliefen, und die anderen mit den Flügeln schlugen und nicht -übel Lust zu haben schienen, eine so unruhige Nachbarschaft zu verlassen. - -»Hier ist der Paß,« rief Hennigs jetzt schnell, und drückte das Papier dem -alten Draper in die Hand. - -»Der Träger dieses, Scipio, geht mit meinem Wissen und Willen zu seinen -Eltern nach Illinois, und hat von mir dazu vier Wochen Erlaubniß erhalten.« - - »Peter _Rollins_.« - -»Wer ihn anhält und nicht persönlich kennt, wird ihm kein Hinderniß weiter -in den Weg legen; doch muß er noch in dieser Nacht fort.« - -»Aber wie? der Richter steht in der Thüre und in wenigen Minuten haben -wir das Haus so voll Menschen, daß ein Entrinnen für ihn zur Unmöglichkeit -wird.« - -»Auch dazu wird Rath werden; geben Sie ihm nur einen alten Rock und eine -Mütze -- schnell -- der Richter hat aufgehört zu blasen, ich will ihn -zu mir hinausrufen. Wenn ich den Eulenruf nachahme, muß Ben rasch -hinausgleiten; er soll dann zu mir hinter das Haus kommen; ruhig jetzt, er -dreht sich wieder um.« - -Mr. Pitt hatte allerdings seine Lungen pausiren lassen und die Bearbeitung -des Instrumentes eingestellt, keineswegs waren aber die Hunde gesonnen, -sich so schnell und plötzlich über das Gehörte zufrieden zu geben. Ein -junges Thier, und zwar eben der schon früher erwähnte junge Wolfshund, -heulte Sopran, und schien den Ton anzugeben, denn nach jedesmaliger kurzer -Pause fiel er stets zuerst wieder ein, und ihm folgte augenblicklich ein -alter blinder Schweißhund in =E moll=, wornach denn die übrige Schaar, -als ob sie nur auf das Angeben der Tonart gewartet hätte, im wilden, -disharmonischen Chor einfiel und nicht eher aufhörte, bis auch der letzte -Vorrath von Luft und Lunge und Kehle erschöpft war. - -Mr. Pitt versuchte nun zwar sein Bestes sie zur Ruhe zu bringen, schimpfte, -drohte, und warf sogar einzelne Späne und Holzstücke, die vor der offenen -Thüre lagen; das hatte aber weiter nichts zur Folge, als daß sie jetzt -sämmtlich gegen ihn Front machten, und zwar die Köpfe ihm seitwärts -zugedreht, um jedem etwaigen, nach ihnen geschleuderten Wurfgeschoß schnell -genug ausweichen zu können, sonst aber fuhren sie in ihren entsetzlichen -Accorden ruhig fort. - -»Laßt's gut sein, Sir,« tröstete ihn jetzt Hennigs, als der kleine -Friedensrichter halb lachend, halb ärgerlich wieder in der Thüre erschien, -»ich will sie schon zum Schweigen bringen.« - -»Ruhig, ihr Bestien!« schrie er dann mit Donnerstimme, als er eben vor das -Haus getreten war, »ruhig, oder ich drehe euch die Hälse um!« und eine -dort lehnende Stange ergreifend, fuhr er mit so gut gemeinten und links -und rechts ausgetheilten Schlägen zwischen sie hinein, daß sie nach allen -Seiten auseinander stoben und sich winselnd theils in den Wipfeln der -umhergestreuten Bäume, theils unter dem Hause verkrochen. Hennigs aber -blieb jetzt einen Augenblick auf die Stange gestützt und wie in tiefen -Gedanken stehen; da schreckte ihn der näher und näher kommende Lärm der -Jäger, das entfernte Bellen von Hunden aus seinem Sinnen empor. Er warf den -Blick schnell umher, ergriff den noch neben dem Hause liegenden Sattel -und Zaum, trug beides hinter dasselbe und rief nun mit leisem Pfiff sein -gehorsames Poney herbei. - -»Nun, Madame, werden Sie gleich Einquartirung bekommen,« sagte der -Friedensrichter, während er sich schmunzelnd die Hände rieb und zum -Feuer trat, an welchem Lucy und Sally jetzt eifrig beschäftigt waren, -die verschiedenen, schnell hinzugerückten Lebensmittel zu vertheilen. -- -»'s wird freilich knapp hergehen hier in dem engen Zimmerchen, man kann -sich das aber Alles eintheilen. Lieber Gott, in Arkansas lagen wir einmal -Siebenzehn in einem Raume, der, wenn nicht noch kleiner, auf jeden Fall -keinen Zoll breit größer war, als dieser hier. Draper macht wohl schon -sein Lager da zwischen den Betten zurecht? ja, ja, werden jedes Eckchen und -Winkelchen benutzen müssen; die Bursche sind wie das wilde Heer. Ob sie -den Neger nur haben? hoffentlich doch, hol der Henker eine solche schwarze -Bestie, schlägt ihren eigenen Herrn! Ei, wenn da nicht einmal ein Exempel -statuirt wird, dann wäre man ja seines Lebens selbst nicht mehr sicher und -müßte sich wahrhaftig fürchten die eigenen Dienstboten zu züchtigen. Wie -ich gehört habe, wollen sie zusammenlegen und den Eigenthümer wenigstens in -etwas schadlos halten.« - -Mr. Pitt hatte sich jetzt wieder halb dem Feuer und halb Mrs. Draper -zugekehrt, und diese hielt ihre Augen auch fest auf die seinigen gerichtet, -aber kein Wort vernahm sie von alle dem, was er ihr mit so bedeutender -Zungengeläufigkeit erzählte, ihr Ohr lauschte dem Rauschen der -Kleidungsstücke, dem unterdrückten Flüstern ihres Mannes, und sie sah jetzt -plötzlich, wie sich die Gestalt des jungen Sclaven leise und vorsichtig -emporhob. - -»Weiß nur der liebe Gott wo die Männer so lange bleiben,« unterbrach sich -jetzt selbst der kleine Mann, indem er einen Schritt vom Kamine zurücktrat -und nach der Thüre sah. »Mr. Hennigs kommt auch nicht wieder, der ist ihnen -wahrscheinlich entgegen; wo ist denn Mr. Draper?« - -»Hier, Sir,« antwortete dieser und trat einen Schritt vor, dicht hinter ihm -stand der Neger, und die geringste Bewegung hätte ihn dem Friedensrichter -verrathen; die nächste Minute mußte überhaupt das Schicksal des Verfolgten -entscheiden. - -Da schlugen wiederum die Hunde an, es waren die Jäger, die ebenfalls, -wie vor ihnen Hennigs und Pitt, durch den ziemlich begangenen Pfad -herbeigelockt, an der Grenze der niedergeworfenen Bäume hielten und das -Haus anriefen. -- Mr. Pitt wollte in die Thüre treten, geschah das, so -wurde es zu einer Unmöglichkeit, den Neger hinauszulassen, und er war dann -rettungslos verloren. - -Draußen ließ sich der klagende Ruf einer Eule hören. - -»Bester Mr. Pitt!« rief da Lucy plötzlich, »dürft' ich Sie wohl einmal -bitten, mir den schweren eisernen Topf hier auf die Kohlen zu heben, ich -kann ihn wahrlich nicht regieren und unsere Gäste kommen schon.« - -»O, mit dem größten Vergnügen, mein Fräulein!« rief der bereitwillige -Friedensrichter und sprang schnell hinzu, lehnte sich mit dem linken Arme -gegen den über den Kamin hinlaufenden Querbalken, und griff mit der Rechten -in die von Lucy schnell in den Henkeln des Gefäßes befestigten Topfhaken. - -»Sehen Sie, mein Fräulein, das ist gar nicht so schwer, allerdings etwas -zu massiv für eine Dame; aber -- doch wo wollen Sie ihn denn hin haben? auf -die brennenden Scheite? die müßten wohl erst ein wenig zusammengeschoben -werden.« - -»Ach bitte, bester Mr. Pitt, halten Sie ihn nur zwei Secunden, die Klötze -haben sich verschoben, warten Sie, ich richte sie gleich zurecht.« - -Lucy rückte mit dem Schüreisen die im Kamine liegenden Brände, und -Friedensrichter Pitt hielt indessen, dicht über die Glut gebeugt, den -schweren Topf, daß sich ihm das Antlitz immer röther färbte und der Schweiß -in großen Tropfen auf seine Stirn trat. - -Hinter seinem Rücken glitt eine, in einen braunen Ueberrock gehüllte -Gestalt, den schwarzen Filz tief in die Augen gedrückt, zur Thüre hinaus, -strich um die nächste, _der_ entgegengesetzten Ecke, wo sich die Hunde -befanden, und verschwand in der Finsterniß hinter dem Gebäude. Draper -folgte ihr hinaus vor die Thüre. - -»So, Sir, jetzt nur dahin; ah, das ist recht, es ist Ihnen wohl sehr sauer -geworden?« sagte mit mitleidigem Tone das schöne Mädchen, und es war ihr in -diesem Augenblick, als ob sich eine Centnerlast von ihrer Brust wälze. - -»O bewahre, bewahre,« erwiederte der galante Richter und benutzte -augenblicklich die nun freigewordenen Hände, sein Taschentuch hervorzuholen -und sich die tropfende Stirn damit abzutrocknen; »nicht mehr als gern -geschehen, das Feuer meint's übrigens gut -- blitzmäßig heiß. -- Wo bleiben -denn aber nur die Jäger? aha, können auch nicht durch die Baumwildniß vor -dem Haus, das geschieht ihnen recht, warum reiten sie nicht herum, bis sie -einen Eingang finden; habe mir auch meinen Weg suchen müssen.« - -Draper stand indessen vor der Thüre seiner Wohnung und starrte in die -dunkle Nacht hinein, von drüben her schallten die Stimmen seiner Nachbarn, -die fluchend und lachend herüberschrieen, daß er ihnen den geheimen Pfad -zum warmen Heerde zeigen möchte, und hinter dem Hause raschelte es in -den Zweigen und er vernahm leises Flüstern. Schnell schritt er diesem zu. -Hennigs stand vor dem Neger, der seine Hand erfaßt hatte und sie trotz dem -Sträuben des jungen Mannes inbrünstig an die Lippen drückte. Der arme Knabe -konnte vor Schluchzen kaum reden und wollte sich immer wieder zu den Füßen -seines Retters niederwerfen. - -»Unsinn,« sagte dieser und schob ihn von sich, »mach jetzt schnell, daß Du -fortkommst, sonst wird's zu spät; meine Adresse hast Du, das Pferd schickst -Du mir nach St. Louis zurück.« - -»Euer Pferd?« frug Draper schnell. - -»Er kann nicht anders fort!« flüsterte Jener. »Doch nun schnell, sonst -wird's beim ewigen Gott zu spät! Kannst Du reiten?« - -»Den wildesten Hengst, der je einen Reiter abwarf,« lautete die Antwort. - -»Desto besser, Du hast's vielleicht nöthig, aber -- schone mir das kleine -Thier, wenn's irgend geht; es ist ein so gutes Poney wie eins in den -Staaten und -- mein einziges; aber alle Teufel, da kommen die Reiter herum; -Pest und Gift, wir haben so lange gezögert, bis sie uns auf dem Kragen -sitzen. Was nun thun? Willst Du jetzt fort, so müssen sie Dir begegnen; der -einzige Ausweg hier ist kaum dreißig Schritte breit.« - -Der Neger stand wenige Secunden lauschend still, doch das immer näher -kommende Galloppiren der Hufe ließ keinen Zweifel mehr übrig; was geschehen -sollte, mußte schnell geschehen, und mit kühnem Sprunge schwang sich der -Sohn Afrika's in den Sattel, winkte noch einmal mit der Hand und preßte die -Flanken des kleinen, ungeduldig stampfenden Poney's. Im nächsten Augenblick -überflog es einen vor ihm liegenden umgestürzten Futtertrog und wollte eben -in den schmalen Pfad einlenken, der von hier aus allein durch das Gewirr -von Aesten und Zweigen führte, als von dorther ein lauter Jubelruf drang -und gleich darauf ein in ein helles Jagdhemd gekleideter Reiter erschien. - -»Hurrah! hier ist der Weg!« schrie dieser, »kommt an, Hilbert, im Hause ist -Licht und da vorn seh ich auch Gestalten, auf jeden Fall finden wir eine -trockene Stube und ein loderndes Feuer; wer zuerst am Kamin ist, bekommt -den besten Platz.« - -Benjamin erkannte mit Entsetzen die Stimme seines Herrn, das Blut erstarrte -ihm in den Adern, doch hier galt es Entschlossenheit, das Leben stand auf -dem Spiele; mit Blitzesschnelle glitt er aus dem Sattel, warf sich den Zaum -über den Arm und schritt zurück, dem Hause wieder zu. - -»Halt da!« schrie der voransprengende Wallis. »Hier, Bursche, hörst Du -nicht? nimm mein Pferd auch mit, reib es tüchtig ab und gieb ihm genug -Mais, die Thiere sind alle todtmüde; leg' aber auch die Sättel ins Haus!« - -Und er schwang sich vom Rücken seines schnaubenden, schäumenden Rappen, -überließ den Zügel dem Schwarzen, ohne diesen weiter eines Blickes zu -würdigen, und eilte dann mit flüchtigen Sätzen der Thüre zu; denn der bis -jetzt drohendbedeckte Himmel fing an in großen Tropfen die Boten eines -nahenden Unwetters niederzusenden. - -»Gerade zu rechter Zeit, wie abgemessen!« rief er, als er das schützende -Dach über sich sah. »Guten Abend, Ladies und Gentlemen, müssen tausendmal -um Entschuldigung bitten, es kommt aber eine ganze Jagdgesellschaft, die -Noth zwingt uns Ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen.« - -Draußen sprengten die Reiter vor das Haus und hingen die Zäume ihrer Thiere -an einzelne Aeste und schwankende Zweige der umhergestreuten Bäume, während -sie vergebens nach dem Neger schrieen, die Pferde zu versorgen und zu -füttern. - -»Gentlemen,« sagte Draper, der in diesem Augenblick in die Thüre trat und -seine Gäste bewillkommte; »Sie rufen nach einem Neger, ich muß aber sehr -bedauern, daß ich keinen habe, deßhalb soll jedoch Ihren Pferden nichts -abgehen, ich werde sie selbst besorgen.« - -»Ich habe doch mein Thier eben einem Neger übergeben!« rief Wallis. - -»Das war ich!« lachte Hennigs, der jetzt ebenfalls ins Trockene trat; »ich -merkte wohl, daß Ihr mich für einen Nigger hieltet.« - -»O, bitte tausendmal um Vergebung, Sir,« sagte der Farmer, und trat, ihm -die Hand entgegenstreckend, auf ihn zu, »es fing gerade an zu regnen, -und ich sah gar nicht ordentlich zu, dachte wahrhaftig, es wäre so ein -schwarzer Hallunke gewesen. Seid übrigens froh, Draper, daß Ihr keinen -habt, nichts als Sorge und Noth mit den Bestien. Ah, guten Abend, Richter, -wie geht's? wohin? zur Betversammlung? das ist recht; es ist ein Glück -für das Land, wenn die, so mit der Polizei desselben beauftragt sind, -auch ihren Gott darüber nicht vergessen. Ein frommer Richter ist stets ein -gerechter Richter. Ich würde auch mitgehen, aber leider hält mich diesmal -die Verfolgung eines nichtsnutzigen Buben ab, den ich erst seiner gerechten -Strafe übergeben muß.« - -Der Eintritt der Uebrigen unterbrach hier den Redner, und es war für den -Augenblick ein allgemeines Begrüßen, Entschuldigen, Einanderausweichen und -Stühlerücken, bis endlich, nach mancher Platzveränderung lebendiger, wie -lebloser Gegenstände, eine Anzahl von Personen in dem engen Raume nicht -allein untergebracht, sondern auch verhältnißmäßig bequem placirt war, von -der sich nur der einen richtigen Begriff machen kann, der einmal selbst in -einem solchen Haus gelebt hat und Zeuge gewesen ist, wie in einem Raum von -»zwanzig bei zwanzig,« das heißt: »zwanzig Fuß lang und zwanzig breit,« -zwei bis drei Familien mit einer unbestimmten Anzahl von Kindern im Stande -sind zu wohnen, kochen und zu schlafen. - -Hennigs und Draper hingen sich nun, als sie das Innere des Hauses ein wenig -geordnet hatten, ihre alten wollenen Jagddecken über, und eilten schnell -hinaus, die Pferde der Jäger zuerst in einem gemeinsamen Trog zu füttern, -und sie dann, da von einem Stall oder Schuppen auch keine Spur in der Nähe -war, für die Nacht ihrem Schicksal zu überlassen. - -Der Sturm zog indeß herauf, und rauschte und tobte in den alten, -weitgespreizten Wipfeln der mächtigen Bäume; von Süd und Westen kam er -zusammen, und schleuderte seine gewitterschwangeren Hülfstruppen, die -flüchtigen dunkeln Wolkenmassen, mit starken Fäusten gegen einander, daß -sie sich, grollend und tobend, mit den zuckenden Gluthlanzen die weiten, -giftgeschwollenen Bäuche durchstießen, und nun in tollen Schauern ihre -Ströme auf die Erde hinabflutheten. Die Thiere des Waldes suchten ihre -versteckten Lager, die Eule selbst barg sich in der sichern Höhlung, -und verschob den Raub auf eine günstigere Zeit. Nur der Wolf, der immer -gefräßige, zog mit seiner wilden Schaar lauernd und geräuschlos unter -den niederkrachenden Aesten hin, schnuppernd dabei die Nase erhoben, den -Schlupfwinkel irgend eines scheuen Wildes zu erspähen. Dann und wann aber, -wenn ein lauterer Schlag, als gewöhnlich, den Wald durchdröhnte, und das -Echo aus den fernen Bergen klagend und grollend antwortete, dann stellte -sich wohl der Führer des Rudels, hob den langen, spitzen Kopf zu den -jagenden, über ihn dahinstiebenden Wolken empor, und heulte seine klagende -Weise hinein in den Aufruhr der Elemente, daß sich der unter das sichere -Farmhaus gedrückte Hund unruhig hob, knurrend einen Augenblick den -bekannten gehaßten Tönen lauschte und sich dann, mit halb unterdrücktem -Bell wieder fester und wärmer zusammen rundete, als vorher. - -Die Männer im Innern der Hütte ließen aber den Sturm Sturm sein; das war -ein alter Bekannter von ihnen, und das Niederprasseln einzelner Aeste, ja -oft ganzer Stämme, das Heulen wilder Bestien und das Rasen der Windsbraut, -sie hatten es schon wie oft gehört. Ein loderndes Feuer, ein warmes -Abendessen und gute Gesellschaft ließ sie bald Alles vergessen, was um und -über ihnen vorging. - -Hennigs war besonders ausgelassen lustig, und wenn auch Wallis und Pitt im -Anfang nicht so recht mit einstimmen wollten in seine Fröhlichkeit, so riß -sie der unverwüstliche Humor des jungen Mannes doch zuletzt ebenfalls mit -fort. Massen von alten Jagdgeschichten und Anecdoten wurden erzählt, Scenen -aus dem Revolutionskrieg wieder aufgefrischt, da Pitt behauptete, die -Schlacht von New-Orleans mitgemacht und hinter den Baumwollenballen damals -mit vorgeschossen zu haben, und es mochte zehn Uhr sein -- eine für -den Backwoodsman ungemein späte Stunde -- als die Männer erst das Lager -suchten, um sich für die Strapatzen des morgenden Tages zu stärken und -kräftigen. - -Die Nacht ging es mit dem Lagerraum allerdings eng genug her, doch wußten -die Jäger bald Rath; seine wollene Decke hatte ein Jeder mit. Einige -derselben wurden deßhalb vor dem Feuer hingelegt, auf denen dann sämmtliche -Gäste in langer Reihe Platz nahmen, und über diese wieder breitete nun ihr -Wirth Alles, was er nur an breitbaren Gegenständen irgend vorräthig fand. -Ein gutes Feuer ward dabei ebenfalls die Nacht über im Kamin unterhalten, -und die Männer lagen -- wie es sich nur ein Jäger wünschen kann -- warm und -trocken. - -Der nächste Morgen fand übrigens die Letztgekommenen am frühsten zum -Aufbruch fertig; Wallis war schon draußen gewesen, um nach den Pferden -zu sehen, als der anbrechende Tag kaum seine ersten bleichen Strahlen -von Osten herauf sandte, und die Uebrigen fachten indessen das fast -niedergebrannte Feuer wieder an, füllten den großen blechernen Kaffetopf -mit Wasser, und bereiteten Alles zu einem äußerst frühen Aufbruch vor. - -Nur Hennigs, sonst immer der erste, zögerte an diesem Morgen; an den -Kaminsims gelehnt, stand er, und starrte gedankenlos nach Mr. Pitt hinüber, -der, noch der einzige Schlafende, in einer Ecke sein besonderes mit einem -Unterbett versehenes Lager gefunden hatte. - -Hilbert und Wallis, deren Thiere indessen schon wieder gesattelt vor der -Thüre standen, kamen jetzt herein, um das von den Frauen schnell bereitete -Frühstück einzunehmen. - -»Nun, Hennigs,« sagte der Erste, als er seine am Feuer aufgehangenen -Leggins[6] anzog und mit dem einen hart gewordenen eben wieder zur Thüre -zurückschritt, ihn auszureiben, »Ihr seid ja heut' Morgen verdammt bequem, -Euer armes Poney steht da draußen, kaut an den Aesten herum und scheint -unmenschlichen Hunger zu haben.« - - [6]: Die ledernen gamaschenartigen Ueberzieher der Jäger. - -»Mein Poney?« sagte Hennigs halb verwundert, halb ungläubig, und hob den -Blick zu ihm auf. - -»Nun ja, das dort drüben gehört doch Euch, wie? so eine kleine rauhhaarige -Bestie giebt's ja weiter gar nicht am ganzen Missouri.« - -Hennigs war mit einem Satz neben ihm und blickte hinaus; wer aber -beschriebe seine freudige Ueberraschung, als er dort, mitten zwischen -Draper's Pferden, die durch das Unwetter heimgetrieben waren, sein eigenes, -liebes, kleines Poney erkannte, an das er den ganzen Morgen mit einem recht -wehmüthigen Gefühl gedacht, und jetzt schon viele, viele Meilen von da -entfernt, todtmüde durch den anstrengenden Ritt eines Verzweifelten, -vermuthet hatte. - -War denn Benjamin zu Fuße fort? so thöricht konnte er doch nicht gewesen -sein. - -»Wie ist denn Pitt eigentlich hierher gekommen?« frug Hilbert in diesem -Augenblick, und überzählte leise murmelnd die Pferde, die fast sämmtlich in -verschiedenen Gruppen vor dem Hause standen. - -»Auf seinem Fuchs,« sagte Hennigs schnell, und blickte forschend nach dem -eben genannten Thier umher. - -»Auf dem Goldfuchs?« - -»Ja; aber ich sehe ihn nicht.« - -»Der ist auch nicht hier!« meinte Hilbert, »am Haus wenigstens nicht; denn -ich bin seit länger als einer Stunde auf, und fast die ganze Zeit draußen -gewesen.« - -Mrs. Draper rief in diesem Augenblick zum Frühstück, und Mr. Pitt rutschte -schnell unter den ihn bis jetzt noch immer verhüllenden Pferdedecken -hervor, zog seinen Rock an und trat hinaus vor die Thüre, um dort in einem -großen blechernen Waschbecken Gesicht und Hände zu baden. Die Jäger aber -ließen sich indessen nicht besonders nöthigen, sie langten wacker zu, -beendeten schnell ihr Mahl, und griffen dann, ohne weiteres Zögern, -nach ihren Büchsen, die gestern aufgegebene Hetze -- eine nun allerdings -hoffnungslose Arbeit -- wieder zu beginnen. Beim Essen schon hatten sie -den Plan verabredet, wie sie jetzt am Besten des flüchtigen Negers habhaft -würden, der ihnen, wie sie äußerten, nach solch furchtbarem Wetter und in -dem Zustand, in welchem er sich befand, gar nicht mehr entgehen konnte. Wie -Draper jetzt vernahm, so waren auch schon am Missouri selbst alle Farmer, -die Boote im Fluß hatten, von der Flucht des Sclaven in Kenntniß gesetzt -und bereit, ihn aufzufangen. Ihre Absicht, was mit dem Unglücklichen -geschehen solle, wenn sie ihn ergriffen, äußerten sie ebenfalls unverholen: -er hatte sich an einem Weißen vergriffen, und der Tod war dafür sein Loos. -Der Friedensrichter stimmte ihnen auch darin vollkommen bei, und versprach -sogar, den nöthigen Bericht darüber an den Gouverneur des Staates zu -machen, um von dort her wenigstens einen Theil des Schadens für den -Eigenthümer vergütet zu bekommen. - -Fünf Minuten später waren die Männer beritten; riefen noch Dank und -Abschiedswort, von den Pferden herunter, ihren freundlichen Wirthen zu, und -sprengten dann, Wallis und Hilbert ausgenommen, in zwei Abtheilungen rechts -und links ab, dem Missouri zu, die beiden Letztgenannten aber bildeten, -mit den besten Hunden der Gesellschaft, das Centrum dieser Kette, die also -langsam und vorsichtig noch einmal den ganzen Wald durchsuchten, wo sie den -Flüchtling vermuthen mußten, und auf diese Art hofften, ihn entweder aus -seinem Lager auf-, oder doch den am Fluß hin postirten Helfern in die Hände -zu treiben. - -Draper sah ihnen lächelnd nach und murmelte, als sie hinter den Büschen der -Niederung verschwanden, leise vor sich hin: - -»Geht nur, geht, ihr wackeren Männer, hetzt eure Hunde und Pferde ab, um -einen Menschen zu jagen; den aber, den ihr sucht, bringt ihr mir nicht mehr -zurück. Hat er Glück, so kann er jetzt schon bald in Illinois sein, und Mr. -Peter Rollins mag ihm dort durchhelfen.« - -Zu seinem keineswegs freudigen Erstaunen entdeckte übrigens Mr. Pitt, nach -eingenommenem Frühstück die Abwesenheit seines Pferdes, die er sich gar -nicht erklären konnte, da das Thier sonst noch nie in der Nacht den Trog -verlassen hatte, an dem es gefüttert worden, und das Fortlaufen eines -Pferdes in solchem Wetter doppelt unwahrscheinlich wurde, wo im Gegentheil -alles zahme Vieh gern die Nähe menschlicher Wohnungen aufsucht. Hier half -aber weiter kein Besinnen, und er mußte, wollte er die Betversammlung heute -nicht versäumen, Mr. Draper's Vorschlag annehmen, der ihm eines seiner -Pferde zum Gebrauch überließ und den Goldfuchs zu suchen versprach, sobald -er selbst zurückkehren würde. Die beiden Männer ritten auch zusammen -voraus, und nur Hennigs blieb bei den Damen zurück, um diese, die erst noch -Manches zu ordnen wünschten, später zu begleiten. - -Kaum schlossen sich nun die Büsche hinter dem Friedensrichter und seinem -Gefährten, als sich der junge Farmer, der ihr Fortreiten durch eine Spalte -der Hütte beobachtete, mit triumphirendem Blick gegen die Matrone wandte. -Die arme Frau hatte aber nur mit fürchterlichster Kraftanstrengung bis -dahin, und so lange die Fremden zugegen gewesen, ihre äußere Unbefangenheit -und Ruhe behaupten können, jetzt, da der Zwang aufhörte, ließen auch ihre -Kräfte nach, und das Antlitz in den Händen bergend, sank sie zitternd auf -einen Stuhl nieder und schluchzte laut. - -»Mutter!« riefen die beiden Mädchen, und sprangen an ihre Seite: »liebste, -beste Mutter!« - -»Mrs. Draper!« bat Hennigs, »beruhigen Sie sich doch; schmerzt es Sie denn, -daß Sie ein Menschenleben gerettet haben?« - -Die Matrone bedurfte einige Zeit, ehe sie sich wieder sammeln konnte; -endlich blickte sie mit den thränenden Augen zu dem jungen Mann auf, und -sagte leise: - -»Sie haben mich hart gestraft, Hennigs, ich werde gewiß in recht, recht -langer Zeit nicht den gestrigen Abend vergessen, habe ich aber gefehlt, -so mag mir Gott die Sünde vergeben, ich konnte nicht anders. -- Ach, unser -Herz ist ja so schwach, und weiß wohl oft selbst nicht, wo es irrt und wo -es recht handelt. -- Wie ist der arme Junge entkommen, und ist er überhaupt -gerettet?« - -»Er hat Pitt's Pferd mitgenommen,« lachte Hennigs, »dem »Niggerfresser« -kann das übrigens nichts schaden. Ben muß gestern Abend doch natürlich -Alles mit angehört haben, was er über ihn und seine Race sagte, und da -verdenk' ich's ihm gar nicht, daß er sich ein Bischen an ihm gerächt hat.« - -»O, das thut mir leid, das thut mir sehr leid,« seufzte die Matrone, -»hätten Sie das nur verhindern können; ich würde ihm ja so gerne eins -unserer besten Pferde überlassen haben.« - -Hennigs schwieg und sah vor sich nieder; jetzt nahm aber Lucy das Wort, und -rief: - -»Er _hat's_ verhindern wollen, Mutter, er hatte ihm schon sein eigenes, -einziges Poney gegeben, ich weiß es, aber die Ankunft der Fremden trieb den -Flüchtling wieder zurück. Erst später, als Alle hier im Hause waren, muß -der Negerknabe zurückgekommen sein noch einmal mit Lebensgefahr das Pferd -seines Retters gegen das seines Feindes umzutauschen.« - -Hennigs reichte ihr die Hand hinüber und flüsterte: - -»Ich danke Ihnen für das freundliche Wort, Lucy: jener Neger scheint aber -in der That Rücksicht auf mein Eigenthum genommen zu haben; er ließ selbst -meinen Sattel zurück, den er durch darüber hingelegte Bretter vor dem -nächtlichen Regen schützte, während er sich selbst mit der schlechtesten -alten Satteldecke begnügte, die er in der Geschwindigkeit finden konnte.« - -»Wird er aber entkommen?« frug Sally ängstlich. - -»Den seh'n wir nicht wieder,« lachte der junge Farmer, »seine Verfolger -glauben ihn nördlich, weil er auch zu Fuß und ohne Paß gar nicht anders -hätte fliehen können, er ist aber jetzt in anderer, als der in der Zeitung -beschriebenen, Kleidung, beritten und mit einem guten Paß östlich, gerade -dem Mississippi zugeflohen. In St. Louis wird er sich übersetzen lassen, -und einmal in Illinois, droht ihm, unter diesen Verhältnissen, keine Gefahr -weiter. Der Goldfuchs ist ohnedem ein Prachtpferd, und muß ihn bald seinem -Ziel entgegen tragen.« - -»Und Canada liefert ihn nicht wieder aus?« - -»Nein, wahrlich nicht; einmal dort, bringt ihn ganz Amerika nicht wieder in -Banden; aber wollen wir nicht aufbrechen?« - -»Ach, Mr. Hennigs, werde ich dem Prediger so frei ins Auge sehen können?« -sagte Mrs. Draper seufzend. - -»Frei und klar!« rief der junge Mann, »wie Sie Ihr Auge zu dem heute ebenso -rein auf uns niederlächelnden Himmel heben können. Wir haben zwar Alle -gegen die Gesetze des Staates, aber, wie ich es fest überzeugt bin, nicht -gegen die Gesetze Gottes gehandelt, und die einzige Bedenklichkeit, die -ich jetzt bei der ganzen Geschichte habe ist die, daß wir nicht entdeckt -werden. Doch auch das hat keine Gefahr, und so wollen wir uns die schöne -Zeit nicht selbst mit unnützer Sorge und Noth verderben. -- Ist denn Lucy -jetzt mit mir zufrieden?« flüsterte er dann, und bog sich leise zu dem -schönen Mädchen nieder. - -»Sie sind ein guter, guter Mensch!« sagte die Jungfrau, und reichte ihm -erröthend die kleine Rechte. - - * * * * * - -Acht Wochen mochten etwa nach den oben beschriebenen Vorfällen entschwunden -sein, der junge Hennigs hatte um Draper's ältestes Töchterlein angehalten, -und dieses auch, da in dem schönen Lande der Freiheit die Herzen, die -sich lieben, nicht erst eine hohe Polizei zu fragen brauchen, ob sie auch -einander angehören dürfen, als sein braves Weib in die selbstgegründete -Heimath geführt. Um aber nicht so weit entfernt von den Schwiegereltern zu -wohnen, so waren die beiden Männer übereingekommen, das einmal von Draper -durch seine erste Niederlassung in Beschlag genommene Land gemeinschaftlich -anzubauen, und die schweren Aexte der wackeren Hinterwäldler hatten sich -denn auch schon recht tief und erfolgreich in den stillen Frieden des -Waldes hineingearbeitet. - -Mit Hülfe des Feuers, das die niedergeworfenen Riesenstämme verzehren -mußte, dehnte sich ein recht stattliches Feld zwischen den beiden einander -gegenüber stehenden Blockhütten aus, und von den Nachbarn angekauftes Vieh -theilte der kleinen Farm jene eigenthümliche, gemüthliche Lebendigkeit mit, -ohne die selbst die bedeutendste Niederlassung doch nur eine Einöde sein -würde. - -Da hielt eines Sonntags Morgens, gerade als sich die kleine Familie um den -reinlich gedeckten Tisch gesetzt hatte, auf dem saftiges Hirschfleisch, -braun gebackenes Maisbrod und die dampfende Kaffekanne zum leckeren Mahl -einluden, ein Reiter vor der Thüre der Hütte, und beide Männer sprangen -gleich schnell und erstaunt von ihren Sitzen auf; denn kein Anderer war es, -als Squire Pitt auf -- seinem Goldfuchs. - -Er wurde augenblicklich hereingenöthigt, und sollte nun schnell erzählen, -wo er das Pferd wieder bekommen habe, das seit jenem stürmischen Abend -nirgends wieder gesehen worden war; Pitt aber, der schon mehrere Stunden -geritten sein und nicht unbedeutenden Hunger verspüren mochte, wollte sich -auf keine Erläuterungen einlassen, ehe nicht das Tischtuch abgeräumt wäre; -ein Stuhl ward ihm also rasch herbeigerückt, und unser Friedensrichter ließ -dann auch der Kochkunst der jungen Frau alle nur mögliche Gerechtigkeit -widerfahren. Dann erst, als das Geschirr beseitigt und der Tisch -zurückgeschoben worden, löste sich seine Zunge, und halb in Entrüstung -über die Frechheit des Erlebten, halb aber auch froh darüber, sein -vortreffliches Pferd, und noch dazu in so gutem Zustande wieder erhalten -zu haben, theilte er jetzt den ihm aufmerksam Zuhorchenden mit, auf welche -wunderliche Art er wieder zu seinem Eigenthume gekommen sei. - -»Denken Sie nur, Ladies,« erzählte er, »gestern Abend sitze ich ruhig in -meinem Zimmer und bin entsetzlich müde; denn ich hatte mich den ganzen Tag -im Sattel herumgetrieben, da knurrt auf einmal mein kleiner Feist, der bei -mir im Hause schläft, und ehe ich nur aufstehen kann, tritt auch schon, wer -anders als der Postmeister vom nächsten Städtchen drüben, zu mir herein. -Erst glaubte ich, er käme aus der westlichen Ansiedelung und wollte zu -Hause reiten; aber Gott bewahre, er sagte, er brächte mir etwas, faßt mich -beim Arm, führt mich vor die Thür und zeigt mir -- meinen eigenen Fuchs, -der leibhaftig vor mir steht und mich anwiehert. Ladies, es ist zwar nur -ein Vieh, aber ich fiel ihm vor lauter Freuden um den Hals und wollte -eben anfangen zu fragen, wem in aller Welt ich das Wiedererlangen meines -Eigenthums verdanke, als er mir einen Brief übergab und mir sagte, ein -Mulatte hätte das Pferd da nach St. Louis gebracht, dort sich nach unserm -Postoffice erkundigt und dann einen Boten gemiethet, der Beides -- Pferd -und Brief -- in unsere Ansiedelung brachte. Das war nun schon an und für -sich merkwürdig, das Merkwürdigste aber ist der Brief.« - -»Von wem?« riefen Alle zugleich. - -»Ja, das rathen Sie einmal!« sagte der Kleine, indem er beide Arme vor -sich auf die Stuhllehne stemmte und ein verzweifelt geheimnißvolles Gesicht -machte; »aber geben Sie sich nur keine Mühe, Sie rathen es im Leben nicht, -denken Sie nur, von Ben, dem von Wallis entflohenen Nigger.« - -»Konnte denn der schreiben?« frug Draper ungläubig. - -»Nein, das konnte er allerdings nicht,« sagte der Friedensrichter, »er -hat auch nur sein Zeichen, eine Art Kreuz, darunter gemacht, das ist aber -einerlei, ein anderer Nigger hat's für ihn, von Canada aus, geschrieben.« - -»Von Canada aus?« - -»Ja, von Canada; die Bestie ist glücklich, Gott nur weiß freilich auf -welche Art, nach Canada entkommen; das ist aber ein neuer Beweis, wie -wir den Engländern so bald als möglich ein Land abnehmen müssen, das uns -erstlich, nach der ganzen Natur der Sache, angehört, und durch das die -Bürger der Vereinigten Staaten schon so unendlichen Schaden erlitten -haben.« - -»Aber was steht in dem Brief?« frug Sally neugierig. - -»Der ist »kurz und süß,« wie die Yankees sagen,« brummte der -Friedensrichter, »noch dazu von einem verwünschten Nigger selbst -geschrieben, der sich einen »freien canadiensischen Bürger« nennt und mich --- wenn ich die Canaille nur hier hätte! -- herzlich grüßen läßt.« - -»Nun, das ist doch freundschaftlich,« lachte Hennigs. - -»Freundschaftlich? der schwarze Lump nennt mich sogar sein »liebstes, -bestes Pittchen« und bittet mich, ich möchte ihn, wenn ich einmal nach -Toronto käme, doch auf jeden Fall besuchen.« - -»Aber Ben? was schreibt Ihnen denn Ben, bester Mr. Pitt!« bat Sally. - -»Ih nun, daß er an dem Abend meinem Pferd im Walde begegnet und überzeugt -gewesen sei, ich würde mir ein Vergnügen daraus machen, es ihm auf wenige -Wochen zu überlassen, -- der Schuft! -- er kenne mein gutes Herz, sagt er, -und wünsche mir nur die Verwirklichung des Segens, den die Neger meiner -Nachbarschaft schon seit Jahren auf mich herabgefleht hätten; als ob ich -nicht wüßte, daß mich die schwarzen Hallunken alle wie die Pest hassen.« - -»Und das Pferd?« - -»Hat er, Gott weiß durch welche Gelegenheit, nach St. Louis gesandt; -es wundert mich übrigens doch, daß ein Nigger ein gestohlenes Pferd -zurückschickt.« - -»Und sollte es unter den Negern nicht auch brave, ehrliche Leute geben?« -frug Mrs. Draper vorwurfsvoll. - -»Hm, ja, Madame, mögen da nicht ganz unrecht haben,« sagte der kleine -Friedensrichter und machte sich fertig, nach Hause zurückzukehren: »das -eine Beispiel spricht wenigstens dafür; doch, ich weiß nicht, es ärgert -mich auch wieder, daß uns der schwarze Schuft so zum Narren gehabt hat. -Nun, ich will jetzt einmal zu Wallis hinüber und den von der glücklichen -Flucht seines Sclaven in Kenntniß setzen. Wird sich auch unmenschlich -darüber freuen, ist ein reiner Verlust für ihn von achthundert Dollar.« - -Der kleine Friedensrichter bestieg seinen schönen Goldfuchs, den er von -diesem Augenblick an Ben nannte, und ritt zum »Squire Wallis« ins nächste -County, -- den aber sollte er nicht mehr unter den Lebenden antreffen. -Ein von ihm mißhandelter Mulatte hatte in Rache und Wuth eine Spitzhacke -ergriffen und diese seinem Master in die Schulter gehauen; eine Stunde -später war er todt. Der Mulatte floh nun zwar nach der That dem Missouri -zu und wollte diesen durchschwimmen, konnte aber der reißenden Strömung -desselben nicht widerstehen, und sank in demselben Augenblick unter, als -seine Verfolger das Ufer erreicht hatten und eben noch sahen, wie sich die -Fluth über ihm schloß. - -Das Alles schien übrigens einen höchst wohlthätigen Einfluß auf den Richter -Pitt ausgeübt zu haben, er behandelte von da an seine Neger viel besser und -freundlicher, und es soll in neuerer Zeit keinem mehr eingefallen sein, ihn -den »Negerfresser« zu nennen. - - - - -Der Freischütz. - -Scene aus dem Dresdner Leben. - - - _Heute, Montag den 26. Februar in Kurfürstens Hof »der Freischütz.« - Schauspiel mit Chören, in vier Aufzügen. Um gütigen Besuch bittet_ - - #Johann Magnus#. - -»Wo ist denn »Kurfürstens Hof?« frug ein junger Mann in schwarzer -Sammtmütze und blauer Pekesche den vorbeistürmenden Kellner, als er eben -den oben angeführten Satz seinem, mit ihm an ein und demselben Tisch -sitzenden Freunde vorgelesen hatte. - -»Elbberg,« rief der Schooßlose und drängte sich, die ganze Hand voll -Bierkrüge, wobei er an jedem Finger wenigstens drei zu tragen schien, durch -ein eben eintretendes Rudel neuer Gäste, die früher erhaltenen Aufträge zu -erfüllen. Weitere Aufklärung war augenscheinlich von diesem hochfrisirten -Ganymed nicht mehr zu erlangen; vom nächsten Tisch aber bog sich sehr -artig ein alter Herr in schneeweißen Haaren und grüner Brille herüber und -erwiederte auf die, wenn auch nicht an ihn gerichtete Frage: - -»Unten, nicht weit von der Elbe, auf dem sogenannten Elbberg, dort kann -Ihnen jedes Kind das verlangte Haus zeigen.« - -Der junge Mann dankte und wandte sich wieder an seinen Gefährten, der -indessen ebenfalls das Blatt genommen und die kurze Anzeige gelesen hatte. - -»Da müssen wir auf jeden Fall hin, Osfeld; es wird auch die höchste Zeit -sein, denn es hat schon acht geschlagen.« - -»Wir kommen noch früh genug,« meinte Osfeld, »ich bin schon mehrere Male -bei Magnus gewesen; er beginnt selten vor halb neun Uhr.« - -»Und wie ist's mit der Toilette? wird da nicht ein alter Rock und eine -etwas vom Wetter mitgenommene Mütze nothwendig sein? -- ich bekomme nicht -gern Schläge.« - -»Unsinn,« lachte Osfeld -- »so schlimm ist's nicht, wir finden dort ganz -nette Leute; höchstens werden die, welche bei ernsthaften Scenen zu viel -lachen, oder sich sonst unnütz machen, hinausbefördert.« - -»Also ein einfaches Ausweisungsprincip für mißliebige Personen,« sagte der -Erste, den wir Wehrig nennen wollen -- »dagegen läßt sich Nichts thun, denn -das ist ein Erbfehler, dem wir armen Menschenkinder nun einmal unterworfen -sind; schon Adam mußte sich das gefallen lassen.« - -»Das soll aber auch mit Adam noch eine ganz andere Bewandtniß gehabt -haben,« meinte Osfeld, während er seinen Hut vom Nagel nahm und den Rock -zuknöpfte. »Adam hat, wie sich jetzt ziemlich deutlich herausstellt, auch -wissen wollen, _weßhalb_ er nicht von dem Baume der Erkenntniß essen -solle, und eine solche Neugierde läßt sich ja bei uns nicht einmal ein -Bürgermeister gefallen. Hier ist übrigens keine Gefahr -- ich kenne die -Leute recht gut.« - -»Dann weißt Du also auch wo Kurfürstens Hof ist?« - -»Nein, das nicht; Magnus spielt jeden Abend der Woche in einem anderen -Wirthshaus, und Garderobe wie Scenerie wird auf einem kleinen Handkarren -von Ort zu Ort mitgeführt. Er bekommt dadurch stets ein frisches Publicum, -und kann nun ein und dasselbe Stück sechs bis siebenmal hinter einander -aufführen; die Schauspieler lernen dann auch gegen Ende der Woche ihre -Rollen ausgezeichnet.« - -»Wie aber macht er es mit der Maschinerie, den Versenkungen etc.?« - -»Oh, die letzteren besonders sind sehr einfach. Steht der Geist oder -Zauberer, der versinken soll, aufrecht auf der Bühne, so wird die Täuschung -dadurch erzweckt, daß er sich schnell bückt und man ihm zu gleicher Zeit -aus der nächsten Coulisse heraus ein dunkles Tuch überwirft -- stürzt er -aber vorher, und soll er als Leiche verschwinden, so muß er nur mit den -Füßen dicht an oder hinter eine Coulisse zu liegen kommen, dann entzieht -ihn ein kräftiger Ruck dem Gesichtskreis der Zuschauer, was auch, da die -Garderobe für jeden Abend _geborgt_ wird, mit keinem Nachtheil für den -Director selbst verbunden ist.« - -»Also gar keine Maschinerie -- o weh Wolfsschlucht; doch was thut's, auf -jeden Fall sehen wir's uns an.« Und die Freunde traten hinaus in die -kalte Nachtluft, die ihnen den gefrornen Thau in feinen scharfen Flocken -entgegenschleuderte. - -Die Promenade war menschenleer und keine Seele begegnete ihnen durch die -ganze kegelbahnartig angelegte Allee bis zur Amalienstraße und von da hinab -bis zum nahen Ufer der Elbe, so daß die späten Wanderer (es hatte eben halb -neun geschlagen) schon in eine noch erleuchtete Materialhandlung eintreten -wollten, um sich dort nach dem Ziel ihres Marsches, dem Schauplatz der -heutigen Aufführung zu erkundigen, als ein altes Mütterchen, mit einer -grünen Glasflasche in der einen, und einem eingewickelten Häring in der -andern Hand, aus derselben Thüre kam, und an ihnen vorbei, die Straße -hinaufgehen wollte. - -»Möchten Sie wohl die Güte haben, uns zu sagen wo hier _Kurfürstens Hof_ -ist?« redete sie jetzt Osfeld ganz artig an. - -Die Alte blieb stehen, sah sich den Fragenden von oben bis unten sehr genau -an, warf dann den Kopf zurück und rief mit scharfen gellenden Tönen: »Na ja --- _Ihr_ wärdt' wohl Kurfirschtens nich wissen« -- und setzte murrend ihren -Weg fort. - -Osfeld und Wehrig lachten laut auf, jene aber, dadurch noch mehr in dem -Wahn bestärkt, daß man sie hatte wollen zum Besten haben, wandte sich um, -schimpfte und -- sie war ja eine Deutsche -- drohte mit der Polizei. - -Mehrere Fischerleute kamen jetzt die Straße herauf und verschwanden in -einer nicht mehr weit entfernten Thür, aus welcher, als sie geöffnet wurde, -ein heller Strahl auf das Pflaster fiel. Nicht mit Unrecht schlossen die -beiden Freunde, daß dies vielleicht der berühmte Platz wäre, den _nicht_ zu -kennen hier für unmöglich, oder doch wenigstens unwahrscheinlich gehalten -wurde, und siehe da, sie hatten sich nicht getäuscht. Eine schmale -Treppe führte zu dem Saal hinauf, an dessen Thüre, mit etwas Mehlkleister -befestigt, ein Theaterzettel im Manuscripte hing, neben welchem eine -kurzgebaute, etwas breithüftige Frau saß, die sich vor einem kleinen -Tischchen, das außer dem dünnen Talglicht und der kleinen blechernen Büchse -auch noch zwei Pakete sehr abgegriffener Billete trug, als »der Kassirer« -auswies. - -War es nun eine, in dem bewegten Theaterleben erlangte Menschenkenntniß -oder blos das Auftreten zweier anständigen Tuchröcke, kurz die Frau griff -fast instinktartig nach den Billeten für den »_ersten Blatz_« und um 2½ -Neugroschen =à= Person, traten sie schweigend ein in Thalias Tempel. - -Ein großer Saal, von dem die Bühne etwa ein Drittheil einnehmen mochte, -enthielt das Theater, und ein ziemlich viereckiger Vorhang mit gar -wundersamer Malerei, verhüllte die Mitte, während zwei schmale Streifen -Wald (die Bäume horizontal ausgespannt, um den leeren Zwischenraum -vollkommen zu verdecken) die Zuschauer von einem Versuch zurückschrecken -sollten, das Innere des Heiligthums zu erforschen. Nichts destoweniger -hatte sich ein »Stück jungen Deutschlands« an die dortige Wand gedrängt, -und dem kühnen Forschergeist der hoffnungsvollen Jugend gelang es auch -wirklich, dann und wann einen flüchtigen Blick auf ein geschminktes Antlitz -oder einen gewaltigen Federbusch werfen zu können, was dann augenblicklich -durch ein freundliches telegraphenartiges Grinsen den Kameraden mitgetheilt -wurde. - -Vor dem Vorhang staken, auf schwarzen Blechprofitchen, fünf schwindsüchtige -Talglichter, und zwischen diesen und den, in doppelter Reihe aufgestellten -Rohrstühlen des »ersten Blatzes« lagerte, in malerischer Unordnung, die -frohe, jubelnde Schaar der Schulkinder, beiderlei Geschlechts, die hier -- -für einen Sechser Entrée und der übernommenen Pflicht, das Ausblasen und -Wiederanstecken der Lichter zu besorgen, je nachdem es dunkel oder hell -werden mußte -- theils lachend und schreiend, theils sehnsüchtig und mit -einem gewissen ehrfurchtsvollen Schauer, den Anfang des Stückes erwarteten. - -Die Zuschauer hatten sich ungewöhnlich zahlreich versammelt, und selbst -die Gallerie (ein aus mehreren mit Brettern überlegtes Gestell von -nebeneinandergesetzten sogenannten Böcken bestehend,) war so besetzt, daß -Einzelne, die durch beharrliches Ausdauern die erste Reihe gewonnen hatten, -von ihrem, etwa zwei Fuß hohen und etwas gefährlichen Stand, herunter -gedrängt wurden, und nun, unter dem Hohnlachen der jedes Mitgefühls -unfähigen Menge, ein anderweitiges Unterkommen suchen mußten, um auf den -Zehen und mit vergebens ausgestreckten Hälsen die Aufführung zu genießen. - -Nur mit großer Mühe und zu noch größerer Unbequemlichkeit der schon -Sitzenden, wurde, durch Zusammenrücken, den Letztgekommenen Platz gemacht. -Diese dann, der vordersten Stuhlreihe einverleibt, sahen sich plötzlich -inmitten der festzusammengekeilten Menge, wobei ihnen jedoch, während -ihre Kniee der vor ihnen lagernden »lieben Jugend« zu eben so vielen -Rückenkissen dienten, vollkommene Zeit blieb, die verschiedenen Gruppen der -übrigen Zuschauer genau zu betrachten. - -Die arbeitende Klasse war am stärksten vertreten, und hübsche -Dienstmädchen, wie kräftige Handwerker und Fischer, füllten fast den ganzen -Raum aus; auf den »Sperrsitzen« saßen aber auch eine ziemliche Anzahl -»nobel gekleideter« Gäste, und unter den letzteren fielen besonders zwei -wohlfrisirte und beglacéehandschuhte Jünglinge -- augenscheinlich aus -einer der ersten Materialwaarenhandlungen der Residenz -- in die -Augen, wenigstens hafteten die Blicke der Jugend, so lange noch deren -Aufmerksamkeit nicht der Bühne zugelenkt wurde, fast ausschließlich auf -ihnen, wie sie, nachlässig auf ihren Stühlen zurückgelehnt, mit sehr -schwarzen Hüten, peinlich blauen Halstüchern, großen Ringen an den rothen -Fingern und mächtigen goldenen Halsketten, allerdings etwas auffallend -gegen ihre einfache Umgebung abstachen. Neben diese, nur eine Reihe weiter -vor, kamen die beiden Freunde zu sitzen, und hörten, wie der ihnen Nächste -zu dem Anderen sagte, während er das kleine schwanke spanische Rohr mit dem -maigrünen Glacéehandschuh an die Lippen hob: - -»Eugene -- die Sache fängt an unangenehm zu werden -- es ist hier eine -abominable Atmosphäre.« - -»Auf Ehre,« erwiederte ihm, als wirkliches Spiegelbild, Eugene -- »ich -wollte wir wären in's Café gegangen; es sind doch hier gar zu viele« -- -er beendete die Rede flüsternd, da er wahrscheinlich von den hinter ihm -Befindlichen mißverstanden zu werden fürchtete. - -Das übrige, größere Publicum theilte übrigens, wenn gleich aus einem -anderen Grunde, ihre Ungeduld, es ging nämlich stark auf neun, und trotzdem -wurden immer noch keine Anstalten sichtbar, daß die Vorstellung wirklich -beginnen sollte. Man trommelte, tobte und schrie also so lange, bis sich -Herr Magnus endlich genöthigt sah vorzutreten, um den Lärmenden anzuzeigen, -daß »die -- Garderobe noch fehle, in wenigen Minuten aber auf jeden Fall -erscheinen müsse.« - -»Ich habe keenen Hausschlüssel mit!« schrie eine sehr feine Stimme aus der -Mitte des Publicums heraus. - -»Ich ooch niche!« erwiederte eine andere, vom entgegengesetzten Ende des -Saales -- »und bei mir machen se punkt zehne die Bude zu.« - -»Sie können ja immer anfangen,« schlug ein Bäckergesell vor -- »wenn de -Garderobe nachen kimmt, werfen Sie die paar Lumpen schnell iber.« - -Noch mehrere solche gutgemeinte Rathschläge wurden laut, und der Director -war eben wieder achselzuckend und seitwärts in den linken Baumwipfel -verschwunden, als der rettende Engel, in Gestalt eines vierschrötigen -Hausknechts, erschien, der in einem mächtigen Tragkorb die so heiß -ersehnten Costüme herbeischaffte. _Mit_ der Garderobe kam denn auch ein -regeres Leben _in_ die Garderobe, und kaum eine Viertelstunde später tönte -die helle Klingel -- Alles schwieg und -- auf rollte der Vorhang. - -Krach! - -»Ach Herr Jeses!« schrieen eine Menge Frauenstimmen, als der Schuß -- -so fast mitten unter ihnen -- fiel; bald war aber jeder etwa empfundene -Schreck über das imposante Schauspiel vergessen, das sich jetzt, im eng -zusammengedrängten Raum ihren Blicken bot. - -Rechts am Tische saß Max, in grüner Jagdkleidung, der Scheibenkönig, -dem zwei[7] Bauern in langer Reihe folgten, trat auf, und verhöhnte den -unglücklich gewesenen Jäger. - - [7]: Auf Magnus Theater dürfen, wie bei jener Kaffeegesellschaft, nur - immer viere auf einmal reden -- d. h. es ist ihm untersagt, mehr als - vier Personen zu gleicher Zeit auf die Bühne zu bringen. - -Die Scenerie war _Wald_ -- und zwar der Hintergrund aus hellbraunen -in ungeheuerer Perspective immer kürzer und kürzer werdenden Stämmen -bestehend, die jedoch, wunderbarer Weise, ihre natürliche Dicke -beizubehalten schienen. Rechts befanden sich ebenfalls zwei Waldcoulissen, -links aber und ganz vorn, stand ein vierstöckiges, wunderbar gelbes Haus, -an welchem wiederum ein in der dritten Etage ausgeschobenes -- zwei Etagen -langes Schild mit einem halbgefüllten Bierglas darauf, verkündete, daß -diese Waldwohnung ein Wirthshaus sei. - -Die nächsten Scenen gingen ziemlich ruhig und ohne irgend etwas -Auffallendes vorüber -- Max schlug sich mit zwei Bauern herum, der -Erbförster kam dazu, erzählte seine alte Geschichte, und wurde, als auch -er die Scene verließ, von Caspar ersetzt, der jetzt, ohne die mindeste -vorherige Warnung, sein Trinklied: »Hier im ird'schen Jammerthal« -allerdings mit dem Originaltext, aber auch wirklich nach Original-Melodie, -anstimmte; dann schüttete er dem Max ein Viertel Pfund gestoßenen Zucker in -den Wein, während dieser am Tische saß, übrigens -- seiner Rolle getreu, da -er das nicht sehen durfte, -- den Kopf wegwandte, und nun kam die Scene, wo -der junge Schütze den Adler »aus hoher Luft« schießen sollte. - -Eine wunderbare Veränderung war aber indessen, und zwar mit Zauberschnelle, -im Gemüthe des Max vorgegangen. Das Textbuch sagt nämlich: - -»man merkt ihm von jetzt eine gewisse Heftigkeit an, einem leichten aber -bösen Rausche gleich.« - -Nachdem er also, auf Caspars Veranlassung, den Fürst hatte leben lassen, -fing er plötzlich an zu taumeln, und zwar so stark, daß er sich fortwährend -an der einen Tischecke festhalten mußte. - -Jetzt reichte ihm Caspar die Büchse, und Max frug mit schwerer, lallender -Zunge und halbgeschlossenen Augen: - -»Was soll ich damit machen?« - -Auf Caspars in die Höhedeuten, entdeckte er nun wirklich, wie er sagte, den -Adler, hob, fortwährend dabei beschäftigt sich im Gleichgewicht zu halten, -die Büchse an den Backen und -- drückte ab. - -»Klapp!« -- das Zündhütchen versagte -- das Gewehr ging nicht los. - -»Probier es noch einmal!« sagte Caspar mit merkwürdiger Geistesgegenwart. -Max setzte auch ein neues Zündhütchen auf, leider aber mit nicht besserem -Erfolg. Das Publicum war dabei so indiscret und lachte, als ob einem Jäger -das Gewehr nicht manchmal versagte. Caspar jedoch, im Charakter seiner -Rolle überhaupt ärgerlich -- setzte ein drittes mit eigener Hand auf, und -rief nun, als auch dieses kraft- und erfolglos blieb, mit unterdrückter, -aber trotzdem sehr deutlicher Stimme in die Coulisse hinein: - -»Werft ihn hinaus!« - --- Niemand folgte dem Befehl -- - -»Werft ihn hinaus!« schrie er jetzt lauter und vernehmlicher. - -»Wen?« frug die dünne Stimme aus dem Publicum. - -Das Räthsel wurde jedoch gleich darauf gelöst, denn aus der Coulisse -stieg, sich etwas über den quervorgespannten Leinwandstreifen erhebend, ein -dunkler Gegenstand empor -- klappte oben an die Decke, und schlug dann, mit -schwerem Fall, vor dem entsetzten Max nieder. Leider war aber der Adler den -vorn brennenden Lichtern ein klein wenig zu nahe gekommen, denn die Kinder -vorne jubelten jetzt, halb in Freude, halb in Ueberraschung: - -»Herr Jeses -- enne dote Hinne -- enne dote Hinne!« (Huhn.) - -»Hören Sie einmal -- wenn Sie Nichts dagegen haben, so wär es mir lieb, -Sie nähmen Ihren Hut ein wenig ab,« sagte in diesem Augenblick ein -breitschulteriger, rothbäckiger Fischer, der dicht hinter einem der -vorerwähnten Jünglinge stand; »ich habe bis jetzt nur den Vogel und Ihren -Deckel gesehen.« - -Seine Anrede wurde übrigens nicht gehört, oder nicht beachtet, denn mit -einem verächtlichen Emporwerfen der Oberlippe sog der, dem die freundliche -Ermahnung galt, nur um so eifriger an den elfenbeinernen Stockknopf, und -der Fischer, der wahrscheinlich nicht beabsichtigte sich den angenehmen -Abend durch Zank und Aerger zu verderben, arbeitete vor allen Dingen seine -beiden breiten Hände aus den Taschen der weiten Beinkleider heraus, und -begann nun, wobei er jedoch ziemlich hoch hinaufreichen mußte, mit den -Fingern eine noch nicht componirte Melodie auf dem Deckel des ihm die -Aussicht versperrenden schwarzen Seidenhutes zu trommeln. - -Die Trommel wandte sich sogleich darauf sehr indignirt um, und ein paar Tod -und Verderben sprühende Augen blitzten darunter hervor; der Fischer aber -blieb, die Hände wie zu einer Pause erhoben, ruhig stehen, nickte -nur freundlich grinsend dem Entrüsteten zu, und fuhr, als jener sein -zorngeröthetes Antlitz wieder der Bühne zukehrte, höchst gemüthlich in -dem kurzabgebrochenen zweiten Theil des Liedes fort, so daß sich der junge -Dresdner endlich genöthigt sah den Hut aufs Knie zu nehmen. - -Der erste Akt nahte so, ohne weitere Unterbrechung, seinem Ende, nur -flogen, als Caspar dem Max das Huhn unter die Augen hielt, und ihn frug, -ob er glaube, »daß ihm dieser Adler geschenkt sei« -- einige halbe Bretzeln -auf die Bühne, was einige der vorn gelagerten Knaben zu einem tollkühnen -Einfall in das Herz des Heiligthums bewog. Aennchen aber, die mit einer -Klemmbrille auf der Nase und dem Soufflirbuch in der Hand hinter der -Coulisse stand, trieb die Eindringlinge mit drohender Geberde schnell -zurück, konnte jedoch nicht verhindern, daß diese ihre Beute erst in -Sicherheit brachten, und auch noch, bei dem etwas übereilten Rückzug, ein -Talglicht mitnahmen, was indessen keine störenden Folgen weiter hatte, -da andere Knaben theils das umgestoßene Licht schnell wieder befestigten, -theils das sitzengebliebene Talg von den »Unaussprechlichen« des Frevlers -abkratzten. - -Max aber lehnte -- alles Andere nicht beachtend, in tiefen Trübsinn -versenkt, mit der Schulter an der vierten Etage des Wirthshauses, und -schaute sinnend vor sich nieder, bis er endlich mit dem Stichwort zu -Caspars großer Arie -- die dieser freilich als zur Oper nicht unumgänglich -nöthig, wegließ -- abtaumelte, und der Vorhang fiel. - -Rauschender Applaus folgte dem Aktschluß; dann aber, nachdem der -Höflichkeit Genüge geleistet, wurden einige sehr unzufriedene Stimmen laut, -und verlangten _Chor_ -- es stünde _Chor_ auf dem Zettel und sie wünschten -deshalb auch _Chor_. Durch sich selbst genährt wuchs der Tumult, und der -Director, der erst mit der Klingel den Lärm beschworen hatte, trat, diese -noch immer in der Hand, vor, und erklärte nun feierlichst, daß der Chor -allerdings gesungen würde, nur müßten sie ein klein wenig Geduld haben, -da jetzt erst die Wolfsschlucht käme, und diese allerdings _keinen_ Chor -vertrüge. - -Stürmischer Applaus zeigte, wie einverstanden das Publicum mit der -Direction sei, und die Masse drängte sich jetzt dem »Büffet« zu, wo -verschiedenfarbige Liqueure, Lagerbier, Kaffee, Grog, Kuchen und Würste -nebst diesen verbrüderten Semmeln in reicher Auswahl zu haben waren. - -Unsere beiden Freunde hatten, dem Beispiel der Uebrigen folgend, ihre Sitze -ebenfalls verlassen, als auf einmal ein ganz eigenthümliches Gedränge -- -ein förmliches Wogen der Masse entstand, ohne daß irgend ein bestimmter -Zweck dieser plötzlichen, nach einem Punkt hin gerichteten Bewegung, -deutlich wurde; nur zur Thür strömte die Menge. Da erkannten sie -plötzlich in deren Mitte -- unglückliche Leidensgefährten -- die beiden, -blaubehalstuchten Jünglinge, die heftig gegen den, sie weiter und weiter -vorwärts drängenden Volksknäuel anzuprotestiren schienen. Wohin sie -jedoch auch zornig und wüthend blickten, begegneten ihnen nur freundlich -zunickende Gesichter, ein ungeheurer Humor hatte die Menschenwoge erfaßt, -und die zwei »Mißbeliebten« -- mit denen nur die, sich dicht um sie -her Befindenden vollkommen einverstanden schienen -- wurden trotz alles -Sträubens und Fluchens, fortwährend aber in der herzlichsten Art von der -Welt, ja von einem Theil des weiblichen Publicums sogar mit zugeworfenen -Kußhänden -- förmlich _hinausgefluthet_. - -Osfeld, seiner Versicherung nach mit dem Director bekannt, versprach jetzt -dem Freund, ihn bei jenem einzuführen, und zog ihn, nachdem er ohne weitere -Umstände den einen quergezogenen Waldvorhang bei Seite geschoben hatte, in -das Innere des Heiligthums. - -Dort sah es bunt aus; das Theater nahm fast die ganze Breite des Raumes -ein, und nur ganz schmale, an den Seiten hinlaufende Gänge ließen -ebenfalls kaum so viel Zwischenplatz übrig, daß die Abgehenden vollkommen -verschwinden konnten; nichts destoweniger hatten die Schauspieler -durch jahrelange Uebung eine gewisse Fertigkeit erlangt, durch rasche -Seitenbewegungen bei jedem Abgang schnell die Coulisse zwischen sich und -das Publicum zu bringen, das dann seine Vorstellung von dem, hinter und -neben der Bühne befindlichen Raum, ins Unendliche ausdehnen konnte. - -Die jungen Leute schritten jetzt quer über die »Breter, die die Welt -bedeuten« hin, und zwar zu dem, mit einer grünen Decke verhangenen -Garderobenzimmer. Dort traten sie ein und fanden sich hier plötzlich in der -wunderlichsten buntesten Gesellschaft, die sich nur möglicher Weise und der -wirklich regsamsten Einbildungskraft, denken ließ. - -Rings an den Wänden standen kleine Tischchen, mit traurig flackernden -Talglichtern, die dem ganzen Raum nur eben genug Helle gaben, um sein -düsteres Aussehen recht deutlich hervorzuheben. Kleine Kasten mit -zerbrochenen Stücken Spiegelglas, Schminktöpfe, Schminkpapier und -Baumwolle, angebrannte Korkstöpsel, Flitterband, zerdrückte Blumenbouquets -und farbige Glasperlenschnüre lagen überall umher, und Agathe und Aennchen -waren eben noch beschäftigt, ihren Wangen die zu Braut und Brautjungfer -nöthige Frische zu verleihen. - -Osfeld wurde von Allen als Bekannter begrüßt, und hatte keine Schwierigkeit -seinen Freund ebenfalls da einzuführen; gerade jetzt drängte jedoch die -Zeit zu sehr, als daß sich Einer der Beschäftigten hätte mehr als in -kurzer Anrede mit ihnen einlassen können; sie bekamen deßhalb auch um -so ungestörtere Gelegenheit, sich in dem kleinen Raum vollkommen gut -orientiren zu können. - -Eine besonders interessante Gruppe bildete hier der Erbförster Kuno und -Samiel, von denen der Erstere dem Letzten eben, mittels eines angebrannten -Korkstöpsels, die Nase schwarz färbte, damit diese, wie er auf Osfelds -Frage erklärte, dem Gesicht das Aussehen eines Todtenkopfes gäbe. - -»Denn sehn Sie,« nahm hier Samiel, sie als ein höchst artiger Teufel -begrüßend, das Wort, »wenn de Nase schwarz is, so sieht man se nich vom -Bublikum aus, und dann kriegt das Gesicht was Schreckliches!« - -In dem Augenblick klingelte es, und der Vorhang ging wieder auf; die -beiden Freunde blieben daher, um während der Aufführung keine Störung zu -verursachen, hinter der Scene, und unterhielten sich indessen mit Herrn -Magnus, der eben beschäftigt war, ein ziemlich umfangreiches wahrscheinlich -eben gestimmtes Hackebret wieder in seinen Kasten hineinzulegen, da sie -ihm, wie er äußerte, während der Wolfsschlucht »hineindämmern« könnten. - -Agathe sowohl wie Aennchen schienen aber ungemein wenig von ihren Rollen zu -können, und der Director glaubte den Gästen darüber eine Erklärung schuldig -zu sein. - -»Sehen Sie,« sagte er, »die _neuen_ Stücke, die geben wir gewöhnlich hier -immer erst einmal am Montag bei Kurfirschtens, und die betrachten wir -gewissermaßen als Generalprobe; kommen wir nachher am Mittwoch in's -Weinlaub oder gar am Sonnabend in die schwarze Gasse -- dann geht's auch -dafür »wie geschmiert.« - -»Aber sagen Sie einmal Herr Magnus« -- frug jetzt der zu ihnen tretende Max --- »hier im Buch -- o Sie entschuldigen« -- wandte er sich gleich darauf -mit einer Verbeugung an die Fremden, »hier im Buch steht, Max soll sich den -Hut in's Gesicht drücken und zu »verschiedenen Thüren abgehn« -- er darf -doch nicht wieder kommen?« - -»Au!« sagte Osfeld, den Wehring in diesem Augenblick rücksichtslos auf den -Fuß getreten hatte. - -»Ne, ich bitte Sie um Gottes Willen,« rief zu gleicher Zeit der Director --- »so sein Sie doch nicht so -- Herr Gott, da draußen sehn sie sich schon -nach Ihnen um -- sie kommen ja --« - -Und Max kam wirklich, denn mit flüchtigem Blick hatte er sich von der -Wahrheit des Gesagten überzeugt -- sein Stichwort war gefallen, und wie ein -junger Sturmwind, nur freilich von der ganz entgegengesetzten Seite, als -von welcher ihn Agathe erwartet hatte, stob er auf die Bühne und spielte in -lobenswerther Leidenschaft die Scene durch. - -Da aber nun, wie Herr Magnus jetzt äußerte, die Vorbereitungen zur -Wolfsschlucht zu viel Raum wegnahmen, um blos zwischen dem Hintergrund und -der Rückwand abgemacht zu werden, so mußte nach dieser Scene der Vorhang -wiederum fallen, und der wichtigste Moment des Stücks nahte sich seinem -Beginnen. - -Kaum war die Leinwand herunter, als Magnus mit einem Satz auf die Bühne -sprang und eine ungeheure Eule an die Coulisse schrauben wollte. - -»So halten sie doch nur uff!« meinte aber Samiel sehr ernsthaft -- »es muß -doch erscht verwandelt werden.« -- - -»Ja so!« sagte der Director, und nahm den Vogel der Nacht wieder an sich, -einige von den Schauspielern dagegen stiegen schnell auf hinzugerückte -Stühle und knüpften die Bindfaden am oberen Theil der Coulissen auf, welche -diese im Mittelpunkt festhielten. »Die Stube« fiel dann auch im nächsten -Augenblick zu den Füßen der Bäume nieder, wo sie an der Wurzel der -»Riesenstämme« auf einem Häufchen liegen blieb; die Hinterdecoration glitt -auf gleiche Art über sich selbst zusammen und -- »furchtbar gähnte der -düstere Abgrund.« Nun wurden ebenfalls die nöthigen Vorrichtungen für das -wilde Heer getroffen. Die Figuren nämlich, als: Drachen, Molche, Schlangen, -Eulen und Gerippe, alle von Magnus selbst in der Größe eines mäßigen -Haushahns, auf Pappe gemalt, kamen an ein dünnes, von der rechten zur -linken Hintercoulisse gespanntes Seil, damit der Spuk quer über die Bühne -gezogen werden konnte. - -Zu den ferneren Schrecknissen der Höllenschlucht gehörte auch noch ein -Haufen Pflastersteine, die, als Entschuldigung für Todtenköpfe, zu dem -Zauberkreis verwandt werden sollten, und neben diesen lag ein Haufe dünn -gezupften Werges (Hede) dessen Nutzen aber erst später klar werden sollte. -Auch die Eule saß jetzt, fest angeschraubt, auf ihrem Zweig, (oder vielmehr -auf freier Luft neben der Coulisse) während hinter ihren äußerst rund -ausgeschnittenen Augenhöhlen ein matt und schläfrig loderndes Dreierlicht -brannte. Draußen aber, vor der Bühne, jubelte und tobte die Menge. - -»Anfangen -- anfangen« -- schrie das Publicum -- »das währt ja ene -Ewigkeit!« piepte eine einzelne Stimme -- »wir wollen mithelfen,« -antworteten andere. -- »Anfangen -- Vorhang auf!« tobte das Chor wieder, -und Magnus, schnell gefaßt, ergriff die Klingel, und bearbeitete sie nach -Leibeskräften. - -»Herr Jeses -- ich habe den Drehschwärmer noch nich fest!« rief Samiel -erschrocken. - -»Thut Nichts« -- beruhigte ihn der Director -- »ich klingelte nur, damit -die Flegel da vorne glauben sollten, es ginge an, und Ruhe halten.« Das -Mittel erwies sich auch als probat, denn der Sturm war beschwichtigt, und -Alles harrte, in gespannter Erwartung, der Dinge die da kommen sollten. - -»Wär' es nicht besser, wir sähen uns die Wolfsschlucht von draußen mit an?« -frug Osfeld den Freund -- »der Eindruck ist auf jeden Fall stärker.« - -»Gern!« erwiederte Jener, »aber was zum Henker macht denn der dort mit dem -Werg?« - -Sein Ausruf bezog sich auf einen kleinen dünnen Mann, der hinter der ersten -Coulisse niedergekauert saß, und mit der ernsthaftesten Miene von der Welt -das Werg in kleine Kügelchen zusammendrehte und neben sich legte. Eben, -als sie ihn über dessen beabsichtigte Nutzbarkeit fragen wollten, hatte -der auf's neue erwachte Unmuth des jetzt kaum noch zu bezähmenden Publicums -seinen Höhepunkt erreicht, und die Klingel tönte nun in gutem Ernst, so daß -die Beiden kaum noch Zeit behielten vorzuspringen und ihre Plätze wieder -einzunehmen. Da rollte der Vorhang auf und zugleich tönte des Directors -Stimme von Innen hervor: - -»Lichter aus!« - -Das ließ sich denn auch die liebe Jugend nicht zweimal sagen -- unter -lautem Jubelruf fielen sie mit Mützen und Händen über die unglücklichen -Talglichter her -- denn Jeder wollte des Ruhmes theilhaftig sein, bei dem -»Theater« mitgewirkt zu haben -- und in wenigen Secunden herrschte finstere -grausige Nacht in der »Schreckensschlucht.« - -Caspar stand in der Mitte und legte den Zauberkreis von Dresdner -Straßenpflaster, während dicht neben ihm ein mit Augen und Nasenhöhlen -versehener Kürbis, Gastrollen als Todtenkopf gab. - -»Chorsingen!« schrie da eine Stimme aus dem Publicum -- aber »Ruhe -- -Ruhe!« gebot es von allen Seiten, und der gottlose Jäger begann, gerade -als hinten auf einer großen blechernen Kanne zwölfe geschlagen wurde, seine -Beschwörung. Kein Laut regte sich weiter -- kaum athmen hörte man die fest -zusammengedrängte Menschenmasse -- auf den Zehen, mit vorgestreckten Hälsen -und zum Aeußersten aufgerissenen Augen starrten sie hin auf das, was sich -jetzt vor ihnen entwickeln sollte -- aber Nichts -- gar Nichts konnten sie -sehen. Samiel erschien -- wenigstens vernahmen sie seine Stimme -- doch -tiefe Nacht deckte, höchst allegorisch, den Fürsten der Finsterniß, -- -Max trat auf, und die Gestalt wurde, als sie in den Vordergrund schritt, -allerdings sichtbar, wie er aber rief: »er sähe seiner Mutter Geist -- -_so_ lag sie im Grab --« und von Agathe erzählte, die in den Fluß springen -wollte, da brummte der kleine dicke Fischer, der jetzt ganz behaglich einen -der leergewordenen Stühle eingenommen hatte, leise vor sich hin: - -»Der muß drämen -- ich sehe weeß Gott nischt.« - -Der Kugelsegen kam jetzt, und mit ihm das ganze Schauerliche der Schlucht; -Magnus postirte sich dabei hinter die Eule und zog ruckweise an einem dort -befestigten Bindfaden, um dieser die Flügel zu lösen. In der Maschinerie -selbst mußte aber wohl etwas versehen sein, denn der einzige Erfolg des -Ziehens war das Herunterfallen des Lichts, wobei die Eule natürlich die -Augen schloß, als ob ihr die ganze Schlucht zuwider gewesen wäre. - -»Zwei!« sagte Caspar, und aus der linken Coulisse flog ein Irrlicht -in Gestalt einer brennenden Flocke Werg, und zwar gerade auf des -Kugelgießenden Leib geschleudert -- der sich dessen jedoch noch entledigte. - -»Drei!« und mehre Irrwische zuckten in schneller Reihenfolge auf den -trotzigen Jägerburschen ein. - -»Werfen Sie doch nicht so hierher« -- flüsterte dieser schnell und heftig -in die Coulisse hinein -- »Sie brennen Einem ja die Lumpen an -- _Vier_!« - -Immer dichter flogen die leuchtenden Flocken, und aus der -gegenüberstehenden Baumgruppe kam ein einsamer Schwärmer herausgezischt. - -»Fünf!« sagte Caspar -- zwei Schwärmer prasselten dabei von der linken, ein -dritter von der rechten Seite los, und hinten wälzte sich etwas Schwarzes -über die Bühne; was? konnte natürlich nicht ergründet werden, und nur eine -Frauenstimme hielt es -- jedoch auch nur vermuthend -- für »Magnussens -Jungen.« - -Das Schreckliche schien jetzt seinen höchsten Grad erreicht zu haben -- -die vorngelagerte Jugend hatte sich dicht zusammengedrängt, und schaute mit -unheimlichem Grausen auf das teuflische Treiben hin, was sich vielleicht -zum ersten Mal vor ihren Blicken erschloß. - -»Sechse!« brüllte Caspar, und jetzt flog auf einmal ein ganzer Klumpen -flammenden Werges schnurgerade auf ihn zu, so daß er, ohne dadurch im -Mindesten aus der Rolle zu fallen, aufsprang, gotteslästerlich und recht -für den Platz passend an zu fluchen fing, und in die Coulisse hinein -drohte. Derselbe dunkle, schon früher erwähnte Gegenstand kam dabei zurück, -wieder brannten mehrere Schwärmer ab, im Hintergrund, doch unsichtbar, -ahmten verschiedene hohe und tiefe Stimmen eine Anzahl von Haus- und wilden -Thieren nach, und Caspar stöhnte: - -»Wehe das wilde Heer!« - -Diese Ankündigung und der Lärm war jedoch Alles, was man von der Existenz -desselben erfuhr, denn nach dem Verplatzen der Schwärmer hatte sich eine -solche ägyptische Finsterniß auf der Bühne gelagert, daß man von den -kleinen Pappfiguren, die in diesem Augenblick aller Wahrscheinlichkeit nach -über die Scene gezogen wurden, auch nicht die Spur erkennen konnte. - -»Sieben!« rief Caspar -- in der Dunkelheit umhertappend -- und jetzt kam -der Schlußeffekt des Ganzen. Der unbekannte Feuerwerker, der auf diesen -Moment sicherlich schon sehnsüchtig gewartet hatte, schüttete plötzlich in -boshafter Schadenfreude einen förmlichen Sprühregen lodernder Wergkugeln -über den unglücklichen Jägerburschen aus -- Max fiel auf die Pflastersteine --- Agathe hob das heruntergefallene Licht wieder auf, und steckte es hinter -die Eule, Samiel trat mit _einem_ großen Schritt auf die Mitte der Bühne, -und entzündete hier mit gewandter Hand den Drehschwärmer, der sein -Feuer rücksichtslos umhersprühte, die unbekannten Thierstimmen mit -Peitschenknallseinsollendem Indiehändeschlagen wurden wieder hörbar und -unter dem donnernden Jubelruf der Menge fiel der Vorhang. - -Auf der Bühne schienen aber trotzdem die Spielenden ihre Rollen noch nicht -beendet zu haben, denn kaum war mit dem Fallen der bunten Leinwand dem -Publicum der Anblick sämmtlicher Schrecknisse entzogen, als auf der rechten -Seite die Wald-Vorhänge zurückgerissen wurden, und mit Blitzesschnelle das -kleine dürre Männchen hervorglitt, das Wehrig früher schon als Feuerwerker -aufgefallen war. Seine Eile erschien übrigens vollkommen gerechtfertigt, -denn dicht hinter ihm, und als er eben mit unbeschreiblicher Gewandtheit -zwischen den Füßen der noch immer der Bühne Zugedrängten, verschwunden -war, fuhr ein fürchterlich bemaltes roth erhitztes Gesicht, zum Entsetzen -einiger friedlichen postirten Dienstmädchen, aus der Walddecoration hervor, -und die funkelnden, rachesprühenden Augen sprachen ganze Bände. Caspar -durfte sich aber jetzt unmöglich schon wieder unter dem Publicum zeigen, es -hätte die schöne Illusion zu sehr zerstört -- einen bittern Fluch also nur -dem nachschickend, der ihn -- überdieß, schon von dem Höllenfürst bedrängt --- so schwer geärgert hatte, zog er den Kopf wieder zurück und das -»Blättermeer« schloß sich über ihm. - -So schnell die Erscheinung jedoch auch wieder verschwunden sein mochte, so -war sie doch nicht unbeachtet vorübergegangen, und von Mund zu Mund lief -der Ruf -- - -»Du -- hast 'en gesehn? das war der Caspar!« - -»Herrliches Jagdwetter heute!« wer kennt nicht den Anfang des letzten Aktes --- die Jäger traten auf. Waren aber die Spielenden schon im ersten Akt -über das confus gewesen, was ein Jeder zu sagen hatte, so nahm dies jetzt -wirklich auf eine an das Wunderbare grenzende Weise überhand, und Keiner -wußte mehr, mit welchem von ihnen der Souffleur sprach. - -So hatte, zum Beispiel, in der Scene zwischen Max und Caspar, jener diesen -um seine letzte Freikugel gebeten, Agathe soufflirte aber nun schon -zum fünften Mal, und zwar mit lauterer Stimme: »Schuft!« aus der ersten -Coulisse heraus, und Max that noch immer nicht, als ob ihn die Rede -überhaupt etwas anginge, so daß dadurch Caspar verleitet wurde, den -Kameraden so gröblich zu beleidigen und dieser nun zornig abging. - -»Chor singen -- Chor singen!« schallte es jetzt wieder und zwar ziemlich -dringend, aus dem Publicum heraus -- »Chor singen!« tönte es von allen -Seiten wieder, »Jungfernkranz singen -- Jägervergnügen singen! -- auf dem -Zettel steht _Chor_ -- _Chor_!« rief und schrie es durcheinander. - -»Bin doch neugierig,« sagte Osfeld, »wie sie da drinnen den Chor zu Stande -bringen werden -- komm, wir wollen einmal zusehen, vielleicht können wir -helfen!« - -»Mir recht,« lachte Wehrig, »es ist überdieß nicht gut, daß der Baß sonst -gewöhnlich beim Jungfernkranz fehlt.« - -Sie standen auf, und erreichten, nach unzähligem »Bitte um Entschuldigung's -und Haben Sie die Güte's« den Eingang zur Bühne, auf der aber indessen eine -wesentliche Veränderung vorgegangen, und alles Teuflische -- nur Samiel -ausgenommen -- verschwunden war. Selbst die Eule lehnte, mit dem Kopf nach -unten, in der Ecke, und das Hackebrett paradirte jetzt frei und offen auf -einem schmalen Tisch, vor welchem Magnus im Anzug des Fürsten Ottokar, mit -wehenden Barrettfedern stand, und in jeder Hand einen der Klöppel schwang, -mit welchen das Instrument gespielt werden sollte. - -Der Vorhang war indessen wieder aufgezogen und der Tumult hatte sich -beruhigt -- Aennchen erzählte ihre Kettenhundgeschichte, und nun traten -die Brautjungfern herein. Da aber -- ehe noch ein frevelnder Mund das Wort -»Chor« aufs Neue aussprechen konnte, quollen die sanften Töne, von wirklich -geübter Hand hervorgelockt, aus den langgespannten Stahlsaiten, und Magnus -präludirte den »Jungfernkranz« (der soll nie sagen, daß er ein Deutscher -sei, der _das_ Lied nicht kennt) während die hinter den Coulissen -Stehenden, als: Caspar, Samiel, Max, der »Eramit« wie er genannt wurde, und -selbst Osfeld und Wehrig in Baß und Tenor mit einfielen zu dem, was Agathe -und Aennchen vorn _auf_ und etwa ein halbes Dutzend Freiwilliger, indessen -_vor_ der Bühne sang. Zur Unterstützung piepten noch, aber nur leise und -schüchtern, einige dünne Kinderstimmen mit ein, in den feierlichen Chor, -und Fürst Ottokar fuhr jetzt, mit kühner Hand in die Variationen des Liedes -eingehend, schnell und sicher über die Saiten hin. - -Da schwieg der Chor plötzlich -- die Todtenkrone hatte sich gefunden -- die -Brautjungfern standen entsetzt -- aber das Hackebrett schwieg nicht -- wild -rauschten die Töne -- »veilchenblaue Seide« -- die Droschkenfahnfarbenen -Barettfedern schwankten über dem Instrumente, die immer größere Aufregung -des Spielenden bekundend. Vergebens that der »Eramit« Einspruch -- -vergebens nahm sich selbst Samiel der Sache an -- Ottokars Seele lag in -den Saiten, und erst, als schon Alle abgegangen waren, als die Stube wieder -heruntergefallen, als Caspar, Max und Kuno aufgetreten, ja erst dann, als -man nach dem Fürsten rief -- verstummte der »Jungfernkranz« -- - -Ottokar sprang empor und war in dem einen Moment wieder ganz der Fürst. Mit -stolzen Schritten trat er vor, sah sich im Kreise um -- hob die Hand, und -stimmte im nächsten Augenblick mit starker, wenn auch etwas heiserer Stimme -das »Jägerlied« an. - -Hierin aber war Publicum zu Hause -- von allen Seiten her fielen sie, -freilich in gar sehr verschiedenen Tonarten, ein, und ein solcher Sturm -bewegte plötzlich den kleinen Raum, daß ein friedlicher Polizeidiener, -der bis dahin -- incognito -- in dem benachbarten Schenkzimmer neben einem -Glase Bier geschlafen hatte, plötzlich, völlig munter geworden, aufsprang -und dem Schauplatz zueilte, da er -- wie er später äußerte -- geglaubt -hatte, »es keilten sich welche.« - -Bis zu diesem Lied nun, war noch Alles so ziemlich in seinem ruhigen Gleis -fortgegangen; bis hierher schien doch Jeder wenigstens eine Ahnung von dem -gehabt zu haben, was in seiner Rolle stehe; von nun an aber entstand eine -Verwirrung, wie sie wohl noch selten dagewesen. Kein Mensch wußte mehr -was er zu sagen hatte und welches sein Stichwort sei. -- Jeder sprach die -verkehrten Sätze, und Agathe, die hinter der Coulisse vor soufflirte, -mußte sich, nach einem Ausdrucke des »Eramiten« die »Seele aus dem Halse -schrein.« - -Zu diesem kam nun noch, daß der Director selbst die ganz besondere -Eigenheit hatte, nie dieselben _Worte_, sondern immer nur den _Sinn_ dessen -wiederzugeben, was ihm soufflirt wurde. Geschah das nun aus Stolz, oder aus -dem Bewußtsein innerer Ueberlegenheit -- wer konnte es ergründen; nur würde -es Jeden zur Verzweiflung gebracht haben, der auf ein richtiges Stichwort, -von seiner Seite gewartet hätte. - -~»Wo ist die Braut? ich habe so viel zu ihrem Lobe gehört, daß ich auf -ihre Bekanntschaft recht neugierig bin!«~ flüsterte die Souffleuse nun zum -dritten Mal. - -»Wo steckt aber denn nur die Braut!« sagte Fürst Ottokar, sich überall -umsehend -- »ich bin recht neugierig geworden, ihre werthe Bekanntschaft zu -machen.« - -~»Ich habe so viel zu ihrem Lobe gehört!«~ keuchte der Souffleur. - -»Soll ein recht gutes Mädchen sein,« sagte der Fürst. - -~»Nach dem Beispiel Euerer erlauchten Ahnen, war't Ihr immer sehr huldreich -gegen mich und mein Haus,«~ rief der Souffleur wieder; Kuno aber, der wohl -fühlte, daß er in diesem Augenblick etwas zu sagen hatte, obgleich er -kein Wort von dem verstand, was Agathe -- die bis dahin ebenfalls ziemlich -heiser geworden war -- auf der andern Seite ablas, faßte sich ein Herz, -trat einen Schritt vor, und begann: - -»_Dorchlauchigster!_« - -~»Nach dem Beispiel Eurer erlauchten Ahnen war't Ihr immer sehr huldreich -gegen mich und mein Haus!«~ - -»Dorchlauchigster,« wiederholte Kuno -- der die letzten Worte verstanden -hatte -- »was mich und mein Haus betrifft« -- -- er stak fest -- keine zehn -Pferde Kraft hätte ihn wieder losgerissen. Da nahm Caspar das Gespräch auf, -und dankte dem Fürsten für die Huld, die er »seinem Haus und ihm« stets -bewiesen habe. - -Max mußte nun laden, und Agathe flüsterte, über das Buch hinwegsehend: - -~»Caspar hat vielleicht noch seine letzte Freikugel -- er könnte wohl gar --- noch einmal und nimmer wieder. --«~ - -Alles schwieg. - -~»Caspar hat vielleicht noch seine letzte Freikugel -- er könnte wohl gar --- noch einmal und nimmer wieder«~ -- sagte die Souffleuse, dringender als -vorher. - -Niemand regte sich -- da trat Fürst Ottokar, der doch wohl nicht so ganz -sicher war, ob das vielleicht in seiner eigenen Rolle stehe, vor, streckte -die rechte Hand aus und sprach: - -»Nun so schieß -- dieß eene Mal noch, aber nie wieder.« - -Max schoß wirklich -- die Büchse ging glücklich los, und Caspar, der -sich indessen schnell hinter ein im Hintergrund vorgehaltenes Stück Wald -gestellt hatte, stürzte von seiner Höhe herunter und wand sich auf der -Erde. - -Nun aber nahm es die Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit der Schauspieler -im höchsten Grade in Anspruch, die folgende Scene zu spielen, und doch -in gleicher Zeit zu nicht mehr als der gesetzlichen Zahl, zu _vieren_, -zusammen auf dem Theater zu stehn. Agathe übergab also schnell dem Aennchen -ihr Soufflirbuch, rief: »schieß nicht Max -- ich bin die Taube« und fiel in -Ohnmacht, Kuno aber und der Fürst traten in die Coulisse, und während Max -neben Agathen kniete, erschien Samiel hinter seinem Opfer. Unsichtbarer -Weise rief dabei Kuno: - - »Schaut, o schaut, - Er traf die Braut, - Der Jäger stürzte vom Baum, - Wir wagens kaum - Nur hinzuschau'n, - O furchtbares Schicksal, o Graun!« - -Caspar wand sich indeß in fürchterlichen Zuckungen auf der Erde und stieß -seine gotteslästerlichen Reden aus, während Samiel einige, mit diesen -harmonirende Bewegungen machte, als ob er im Begriff sei, jenem die Seele, -wie einen Bandwurm, aus dem Leibe zu ziehen. - -»Dem Himmel Fluch -- Fluch Dir!« schrie der zum Tode verwundete Jäger. - -~»Das war sein Gebet im Sterben,«~ flüsterte der Souffleur. - -Keiner achtete darauf -- Max beschäftigte sich mit Agathen -- die Uebrigen -waren nicht da -- so erbarmte sich denn Samiel -- that einen letzten Ruck --- als ob ihm die Seele abgerissen wäre und sprach mit dumpfer Stimme: - -»Das war sein Gebet im Sterben!« -- dann erfaßte er den Körper des Caspar, -schleppte ihn der Coulisse zu und wollte ihn eben hineinschleudern; der war -ihm aber entweder zu schwer geworden, oder er hatte vielleicht aus versehen -auf den Jagdrock getreten, kurz er kam ins Stolpern, ließ jenen, noch halb -auf dem Theater fallen, und schoß, über sein Opfer hinweg, in die Coulisse, -und -- wahrscheinlich in den Abgrund der Hölle hinein; wobei er sich aber -das Uebriggebliebene augenblicklich nachkommen ließ. - -Nach Abgang dieser Beiden trat auch der Fürst mit Aennchen wieder heraus -- -Agathe erholte sich und Max gestand nun sein Verbrechen. Hierauf folgte -die Ausweisung, und in diesem Augenblick, während Aennchen wieder in die -Coulisse verschwand, erschien der »Eramit.« - -Sein Auftreten war feierlich -- der Fürst, Max und Agathe knieten vor ihm -nieder -- segnend breitete er seine Hände über sie aus -- tiefes -Schweigen herrschte im Saal -- die vorn gelagerte Jugend lauschte in der -gespanntesten Erwartung. Da drohte plötzlich eine, aus dem Nebenzimmer -kommende, höchst profane Stimme den ganzen schönen Zauber zu zerstören. - -»Glöckner!« rief es. - -»Ja!« antwortete ein tiefer Baß aus der Mitte des Publicums. - -»Spielst' en Schaafskopp mit?« - -»Ne -- jetzt noch niche -- aber gleich« -- entgegnete Glöckner. Doch -Niemand lachte. »Ruhe!« rief der kleine dicke Fischer, und sah sich -ärgerlich um, und »Ruhe!« »Pst! pst!« tönte es von allen Seiten. Die Ruhe -war augenblicklich wieder hergestellt -- und der Fürst wurde nun versöhnt --- Max bekam ein Jahr Urlaub, und jetzt plötzlich fuhr eine lange Hand -links aus der Coulisse heraus und schüttete etwas auf die Erde -- in der -nächsten Secunde folgte dem Vorangegangenen ein brennendes Schwefelholz, -und mit den Schlußworten - --- »darf kindlich der Milde des Vaters vertraun!« stieg eine -bläulich-rothe, bengalische Flamme auf, die das ganze Theater in ihren -magisch rosigen Schein hüllte. - -»A -- h --« tönte es aus jedem Munde -- der Eramit hob, wie betend, seine -Hände empor, und -- der Vorhang fiel schnell. - -Da erst gewann Publicum Athem und Besinnung wieder. - -»Caspar 'raus!« tobte jetzt die Menge -- »'raus! 'raus! Caspar 'raus!« - -»Samiel ooch!« piepte die ganz feine Stimme. - -»Caspar 'raus -- 'raus mit 'em Caspar!« - -Osfeld und Wehrig suchten Caspar zu überreden, daß er sich doch »dem -Volke zeigen möchte,« dieser aber, der sich schon eines höchst nöthigen -Kleidungsstückes entledigt hatte, rief ihnen entgegen: - -»Ich kann ja nicht -- ich bin ja schon ausgezogen --« doch was halfen -solche Entschuldigungen -- »es tobt der See, und will sein Opfer haben.« -»Caspar 'raus,« donnerte die Menge, und er mußte, wohl oder übel, in das -Kleidungsstück zurückfahren. Schnell zog er sich dabei noch den alten -Oberrock über, frug den Director, als er sich die Haare aus dem Gesicht -strich und die zwei untersten Knöpfe einhakte, »was zeig' ich denn an?« und -trat auf die schnell gegebene Antwort hinaus. - -»Bravo!« schrie die Masse -- »noch emal so en Feier!« eine einzelne -Stimme, und Caspar sprach, die rechte Hand auf dem Herzen und mit tiefer -Verneigung: - -»Ich hoffe -- diesen Beifall -- nicht verdient zu haben -- heute über acht -Tage« -- fuhr er dann aber mit etwas erhöhter Stimme fort, »werden wir die -Ehre haben wieder aufzuführen: - -»_Kunibert von Eulenhorst oder der geschundene Raubritter -- -Ritterschauspiel in fünf Aufzügen._« - -»Magnus soll leben -- hoch!« jubelten ein paar Tenorstimmen -- »hoch! und -abermals hoch!« fiel der Chor ein, und hinaus strömte das Publicum ins -Freie. -- Zur Thür drängte sich die muntere Schaar, die jungen Leute, -die Mädchen und das Militair, die Fischer und Handwerker, scherzend und -lachend, ein Theil noch in dem Wirthshaus selber den Abend zu verbringen -und auf dem schmutzigen Billiard die Kugeln hinüber und herüber zu stoßen, -oder sich auch in kleinen Gruppen durch die Stadt zu zerstreuen, den -eigenen ärmlichen Wohnungen zu, und von Samiel und Wolfschlucht zu träumen. - -Osfeld und Wehrig aber blieben noch zurück und waren schweigende Zeugen, -wie die Herrlichkeit verging, wie die Lichter erloschen -- die Künstler -wieder _Menschen_ wurden. Das Komische war entschwunden und der Ernst des -Lebens schaute höhnisch, wie aus einem nackten Todtenschädel hervor. - -»Was macht das Kind?« frug Max, der die Jagdkleider abgelegt und nur die -Reiterstiefeln noch anbehalten hatte, eine junge Frau -- _seine_ Frau, die -eben zur Thür hereintrat. - -»Es lebt noch,« erwiederte diese mit verweinten Augen -- »wenn du's aber -noch einmal sehen willst, so mach', daß du zu Hause kommst.« - -»Ist Ihr Kind so krank?« frug Osfeld theilnehmend. - -»Ja -- ich glaubte nicht, daß ich es nach dem Theater noch am Leben finden -würde« -- seufzte Max aus tiefer Brust. - -»Wie konnten Sie aber spielen, wenn Sie Ihr Kind zu Hause so leidend -wußten?« - -»Der Winter ist hart,« seufzte die Frau -- »und die paar Groschen thun -Noth.« Damit verschwanden die Beiden in der Thür. - -Magnus sah ihnen, das Kinn in die Hand gestützt, nach; dann wandte er -sich seufzend ab und murmelte -- mehr mit sich selbst, als zu den Anderen -redend: - -»Ja, ja -- es thut weh -- recht weh -- dagegen kommt's aber doch nicht auf, -wenn man draußen stehn und den Hanswurst machen, tanzen, springen und tolle -Späße reißen muß -- und daheim dann indessen die Frau auf dem Stroh liegt.« - -»Und das haben Sie gethan?« - -»Der Mensch kann viel ertragen,« fuhr der Director fort, indem er das -Hackebret wieder in den Kasten legte -- »leben, mein Gott, leben wollen wir -ja Alle -- ich habe sieben Kinder.« - -»Bringt Ihnen denn das Theaterspielen auch so viel ein, _daß_ Sie davon -leben können?« frug Wehrig. - -»Im Winter, ja -- wenn nur die langen Sommerabende nicht wären -- da -aber einen ganzen Abend Komödie zu spielen und nachher -- es ist schon da -gewesen, _vier Pfennige_ auf den Antheil heraus zu bekommen, da reicht's -denn freilich nicht einmal für trocken Brod aus.« - -»Warum ergreifen Sie aber nicht etwas Anderes, verstehen Sie keine -Profession?« - -»Ja -- aber das ist zu spät!« seufzte Jener, »ich bin alt und schwächlich --- würde auch keine Kundschaft mehr bekommen.« - -»Dann sollten Sie sich aber wenigstens bemühen, Ihr Theater so viel als -möglich zu verbessern. Eine erhöhte Bühne würde Ihnen zum Beispiel -einen viel größeren Zuhörerkreis sichern, weil dann auch die weiter -Zurückstehenden im Stande wären, von den Schauspielern mehr zu sehen, als -eben die Köpfe.« - -»Ja, wenn ich das dürfte!« erwiederte der Director, »das ist mir aber -polizeilich verboten -- warum? weiß der liebe Gott; sie können doch -unmöglich fürchten, daß ich dem _Hoftheater_ Schaden thue. Auch darf ich -nie mehr wie vier Personen auf einmal draußen stehen lassen -- da kriecht -immer so ein oder der andere Polizeidiener hier herum, und neulich, wo -einmal aus Versehen fünfe geblieben waren, zeigte mich der an, und -ich mußte einen Thaler und fünfzehn Neugroschen Strafe bezahlen -- das -schmerzt. Ein und zwanzig Groschen hatten wir im Ganzen eingenommen, und -nun noch der Saal und die Lichter. Ja, wenn die großen Herren da oben -nur manchmal wüßten, wie ungerecht solche Strafen vertheilt sind -- sie -änderten es gewiß ab -- denn _so_ bös sind sie nicht, sie wissen's nur -nicht. Ein Thaler fünfzehn Neugroschen -- das klingt ihnen so unbedeutend --- so wie gar Nichts -- und dafür mußten neun Menschen zwei Tage lang -hungern.« - -»Läßt sich denn aber dagegen gar Nichts thun?« frug Osfeld. - -»Gegen die Polizei?« meinte achselzuckend Magnus und lächelte mitleidig -über die Frage. »Doch, meine Herren, ich muß zu Hause -- die Frauen sind -schon Alle fort -- beehren Sie uns doch recht bald wieder.« Damit folgte -er, den jungen Leuten erst noch freundlich die Hände drückend, den -Vorausgegangenen. - -Osfeld und Wehrig wollten sich jetzt ebenfalls entfernen, als ihnen der -noch bis zuletzt gebliebene »Intriguant« entgegentrat. - -»Komischer Mann, das« -- sagte er, dabei mit dem Finger hinter dem Director -d'rein deutend -- »lamentirt in einem fort, und ist eigentlich selber -Schuld daran.« - -»Aber wie so?« frug Osfeld -- »er thut doch wohl Alles, was in seinen -Kräften steht?« - -»Zugegeben,« lächelte Jener, indem er dabei ein Töpfchen Schminke, ein -wenig Baumwolle, ein »Endchen« Talglicht und einen am untern Ende schwarz -gebrannten Korkstöpsel zusammen in ein Papier wickelte, und dies in die -hintere Rocktasche schob -- »zugegeben, daß er wirklich Alles thut, was in -seinen Kräften steht -- das ist aber nicht genug -- er muß _mehr_ thun, er -muß speculiren. Sehen Sie, zum Beispiel mit der Garderobe --« - -»Die borgen Sie für jeden Abend, nicht wahr?« - -»Ganz recht -- theilweise wenigstens, denn ein paar Schwerter und andere -Geschichten haben wir schon -- aber was kostet das? Dafür bekommt der Jude -die Woche _zwei harte Thaler_ -- ich habe meinen Aerger schon genug darüber -gehabt. Wenn man einmal Abends in Gedanken bei feuchtem Wetter mit den -hirschledernen Stiefeln zu Hause geht, oder sich aus Versehen mit so einem -erbärmlichen sammtmanschesternen Wamms zu Bett gelegt hat, daß vielleicht -Morgens noch ein paar Federn d'ran hängen, dann ist immer gleich der Teufel -los -- wozu das? warum schaffen wir uns nicht Garderobe an? warum _kaufen_ -wir uns keine?« - -»Kaufen?« entgegnete ihm Wehrig -- »wovon denn? der Director klagt ja doch, -daß er kein Geld habe; wovon soll er also Garderobe kaufen? etwa auf Credit -nehmen?« - -»O ja -- das wäre eine sehr gute Idee, der Credit,« rief der Schauspieler, -indem er sich noch einmal im Zimmer umsah, ob er Nichts vergessen habe, und -dabei sämmtliche Taschen befühlte -- »sehr gute Idee das, aber -- es borgt -uns Niemand -- der Versuch ist schon mehrere Male gemacht. Nein, _Umsicht_ -gehört dazu, und mit Umsicht wollte ich ihm in vier Wochen Garderobe -herstellen.« - -»Doch auf welche Art?« frugen die jungen Leute, jetzt selbst neugierig -gemacht, zu gleicher Zeit. - -»Auf sehr einfache!« sagte der Intriguant, und fing an, seinen schon -etwas mitgenommenen Rock bis oben hinauf zuzuknöpfen. »Sehen Sie, bei -Conversationsstücken, da muß sich Jeder seine eigenen Lumpen halten, und da -wir die Woche hindurch immer nur _ein_ Stück, wenn auch an fünf oder sechs -verschiedenen Orten geben, so sparen wir also in jeder solchen Woche -zwei Thaler. Nun lassen Sie uns einmal vier Wochen hintereinander -Conversationsstücke geben -- und da kommen immer nur erst _vier_ auf jedes -Wirthshaus -- dann haben wir _acht harte Thaler_ gespart, und damit kauf' -ich dem _Teufel_ seine Garderobe ab.« - -»Mit acht Thalern?« rief Osfeld erstaunt aus. - -»Mit acht Thalern,« betheuerte der Intriguant, während er sich den Hut in -die Stirn drückte, und ein kleines Bündel, das er in der Hand trug, und was -einem reinen, wahrscheinlich noch zu schonenden Hemd sehr ähnlich sah -- -fester zusammenrollte und unter den linken Arm schob -- »mit acht -Thalern kaufe ich den ganzen Bettel -- doch es wird spät, der Wirth will -zuschließen -- also -- 'pfehle mich ergebenst, meine Herrn!« -- und damit, -weil er wahrscheinlich glaubte, die Laien tief genug in die Geheimnisse -seiner Berechnungen eingeweiht zu haben, stieg er die steile Treppe hinab. - -Die jungen Leute sahen ihm mit einem Gemisch von Staunen und Mitleid nach, -und einen eigenen unheimlichen Zauber fast übte dabei ihre ganze trostlose -Umgebung; der Wirth aber, der schon seit einigen Minuten, mit einem dünnen -flackernden Talglicht in der Hand, das Fortgehen der so lange Säumenden -erwartet hatte, schien nicht Lust zu haben noch länger seine eigene -Bequemlichkeit wie das Talglicht der Zugluft preis zu geben. Sie folgten -seiner ungeduldig werdenden Bewegung, er schloß dicht hinter ihnen die -Thüre zu, riß den Zettel ab, und überließ es Jenen, ihren Weg ins Freie -zu finden, was jedoch, mit Hülfe einer noch im Vorhaus brennenden Laterne -gelang. - -Bald standen sie wieder am Ufer der Elbe, und der heitere, blauklare -Nachthimmel lachte hell und freundlich auf die stille Erde, auf Glückliche -und Unglückliche hernieder. - - - - -Die Schoonerfahrt. - -Neuseeländische Skizze. - - -Am Horizont dämmerte der Tag -- vom nicht mehr fernen Inselufer herüber -trug der warme Nachthauch die süßen würzigen Düfte tropischer Vegetation, -und oben am mattblauen, noch hie und da mit erbleichenden Sternen -geschmückten Himmel, schwebten kleine milchweiße Wolken, und errötheten -freudig, als sie endlich die lang erharrte, strahlende Sonne erkannten und -ihren Morgenkuß auf den Wangen fühlten. Unten aber, über das noch in -grauer Dämmerung lagernde Meer, strichen ernst und schweigend einzelne -breitschwingige Albatrosse hin, und regten nur in langen Zwischenpausen -die mächtigen Flügel, daß sie, in ihrer gespensterhaften Weise fast den -Geistern der Nacht glichen, die das helle Licht der Sonne zu fürchten und -zu fliehen schienen. - -Wie ein schlummernder Koloß lag der Ocean, und in ruhigen gleichmäßigen -Athemzügen hob sich die Schwellung der Wasser. Hie und da nur brach -ein spielender Delphin die stille Ruhe, oder der gellende Schrei eines -Wasservogels störte den schlafenden Pelikan, der sich, sein Nachtwerk -vollendet, regungslos mit der Fluth heben und schaukeln ließ, und jetzt -nur den rasch emporgehobenen Kopf ärgerlich schüttelte und wieder unter den -Flügel schob. - -Immer lichter wurde es im Osten; einzelne leuchtende Strahlen schossen -ihre zündenden Pfeile schon mitten ins Herz der ängstlich zurückdrängenden -Finsterniß hinein, und jetzt -- rasch und plötzlich, wie sich in den Tropen -der junge Tag aus den Armen der Nacht reißt --, tauchte die große goldene -Sonnenscheibe herauf, über das blinkende funkelnde Meer. Vor ihr her aber, -als ob sie selber, der neugewonnenen Himmelsluft froh, so recht kräftig und -wohlgemuth aufathme aus tiefster Brust, sandte sie ihren Hauch, und leise -tändelnd und spielend lief der über die, sämmtlich die kleinen Mäulchen -nach ihm aufspitzenden Wellen hin, und küßte sie alle, alle die munteren -blitzenden Dinger, mit ihren treublauen seelenvollen Augen. - -Rasch stieg die Sonne empor und ihr Schein, der die weite Fläche mit seinem -Glanze erfüllte, fiel auch auf ein einzelnes schneeweißes Segel, das wie -ein müder Seevogel auf dem Wasser lag und seinen Bug dem immer klarer im -Süden hervortretenden Landstreifen entgegengerichtet hielt. Es war ein -Schooner und zwar nach Art der amerikanischen Schnellsegler betakelt, -aber mit etwas breiterem, schwerfälligerem Bug und nicht so starr und keck -emporragenden Masten und Spieren -- ein sogenannter Sidney Schooner, -wie sie theils die australischen Küsten befahren, theils auch nach den -benachbarten Inseln, ja oft bis selbst nach Neuseeland hinüberschiffen und -Sturm und Wellen trotzen. - -Der »Kasuar,« wie das kleine Fahrzeug hieß, hatte denn auch die Reise von -Port Jackson aus in gar kurzer Zeit zurückgelegt und befand sich jetzt nur -noch wenige Meilen von seinem Ziel entfernt, dem nordöstlichen Ufer -der Insel Ika-na-mawi, welche zugleich die nördliche Hälfte der großen -Doppelinsel Neu-Seeland bildet. Der Wind aber, der bis dahin gar munter -ihre Segel geschwellt, hatte gänzlich nachgelassen, oder doch wenigstens -in der herüberwehenden Landbriese einen Gegner gefunden, gegen den er nicht -ankämpfen konnte oder mochte. In der Morgendämmerung, wo Land- und Seewinde -einander ablösen, war denn gar noch jeder Luftzug eingeschlafen, und die -Segel hingen schlaff und unthätig an den Masten nieder, gegen die sie nur -manchmal, wenn die Schwellung der Wasser das sich höchst passiv verhaltende -Fahrzeug hin und her schaukelte, schwerfällig anschlugen. - -Thätiger zeigte sich dagegen die Mannschaft des kleinen Seebootes; von -den vier Matrosen, die oben beschäftigt waren, arbeiteten drei gar -fleißig daran, die weißen Deckplanken mit rasch heraufgeholten Eimern voll -Seewasser noch immer weißer und reiner zu scheuern und zu spühlen, und auf -dem Hinterdeck, die beiden Arme fest auf die Starbord Bulwarks[8] gestemmt, -saß ein kleiner, ziemlich corpulenter Mann, mit von der frischen Morgenluft -gerötheten Wangen, deren Schimmer in der breitvorstehenden Nase einen -Wiederglanz zu finden schien. In den Händen hielt er übrigens ein langes, -gerichtetes Teleskop, mit dem er das vor ihnen liegende Land scharf und -aufmerksam beobachtete. Er senkte wenigstens dann und wann das Glas, -wischte sich mit dem Zipfel eines rothseidenen Taschentuchs das rechte Auge -aus, und begann seine Forschungen aufs Neue. - - [8]: Starbord und Larbord heißen die beiden Seiten eines jeden - Fahrzeugs, und zwar die rechte, vom Steuermann aus gerechnet, Starbord, - die linke dagegen Larbord oder Backbord. - -Der einzige, anscheinend Müßige am Bord, war der am Steuerrad lehnende -Matrose, denn der hielt, wie er so da stand, die Speichen eigentlich nur -deßhalb fest, um seine eigene, nachlässig in sich selbst zusammengesunkene -Gestalt zu unterstützen. Dann und wann schaute er dabei, mit einem -halb schläfrigen Ausdruck in den gleichgültigen Zügen zu den unthätig -niederhängenden Segeln und der schlaffen am Hintermast befestigten -Windfahne auf, und fiel nachher, als ob er damit jeder nur von ihm zu -fordernden Pflicht ganz vollkommen genügt habe, gemächlich in seine alte -Stellung zurück. - -Da tauchte noch ein anderer Kopf aus der Kajütenluke empor, und gleich -darauf stiegen zwei Gestalten an Deck, von denen sie die eine leicht als -_Master_ des kleinen Fahrzeugs erkennen ließ; die andere dagegen gehörte -einem mehr fremdartigen, in seine Umgebung nicht recht passenden Wesen -an, das wir deßhalb schon und seiner äußeren Erscheinung willen, ein wenig -näher betrachten wollen. - -Es war ein Mann, kaum mehr als zwei oder drei und dreißig Jahr alt, aber -mit wohlmarkirten und dunkelglühenden Augen, nicht übermäßig stark und -groß, doch von kräftig elastischem Körperbau. Das Außergewöhnliche an ihm -bestand übrigens -- obgleich sich seine Züge, einmal gesehen, sicherlich -nicht leicht wieder vergaßen -- weniger in seiner persönlichen Erscheinung -als in seinem Anzug, der eine Mischung von europäischer und indianischer -Tracht bildete. Der Mann selber stammte allerdings von Weißen ab, denn wenn -auch seine Haut durch Sonnengluth und Luft so verbrannt und gefärbt -war, daß sie in ihrer dunklen Schattirung wenig der, neuseeländischer -Eingeborener nachgeben mochte, so verrieth doch das lichtere gekrauste -Haar, die mehr geröthete Wange und der ganze Schnitt des Gesichts -nicht allein den Weißen, sondern auch den Engländer, während der -weite neuseeländische Tapamantel und die, aus roher Haut verfertigten -moccasinartigen Schuhe, wie die, nach Art der Indianer unter dem Knie -gebundenen Beinkleider, eher einen Halbbrut-Wilden vermuthen ließen. - -Sein Begleiter, der Master des kleinen Kasuar, der sich übrigens, wie alle -solche Küstenfahrer, viel lieber »Capitän« nennen hörte, schien denn auch -über den wunderlichen Aufzug seines Passagieres sehr erfreut und seine, -ohnedieß schon recht ansehnliche Physiognomie hatte sich zu einem breiten, -wohlgefälligen Grinsen ausgedehnt, mit dem er, sobald sie das Deck erreicht -hatten, den _Wilden_ von oben nach unten betrachtete, bis sich dieser -endlich mürrisch gegen ihn wandte und ausrief: - -»Nun Sir, wenn Sie sich satt gesehen haben, lassen Sie mich's wissen. Ist -Ihnen denn in Ihrem ganzen Leben noch kein Tapamantel vorgekommen, daß -Sie dreinschauen, als ob wir uns mitten in London, anstatt wirklich an der -neuseeländischen Küste befänden?« - -»Nichts für ungut,« lachte der Seemann, »ich dachte nur eben daran, was -für ein Gesicht der Gouverneur in Sidney schneiden würde, wenn Sie ihm, so -aufgetakelt, vor den Bug kämen. Seeschlangen und Eisbären, Sie kommen mir -vor wie ein Kriegsschiff mit Frauenzeug an Bord und an der Gaffel einen -Unterrock aufgehisst -- segeln auch wohl einen Kreuzzug unter falscher -Flagge?« - -»Alle Wetter!« rief da der kleine dicke Mann, der sich in diesem Augenblick -zum ersten Mal nach den Redenden umwandte, ganz erstaunt aus -- »Mr. Dumfry -als Neuseeländer!« - -»Gentlemen« erwiederte aber der also Genannte, indem er sich, ohne -die letzte Bemerkung weiter einer Antwort zu würdigen, an seine beiden -Begleiter wandte, »ich möchte ein paar _ernste_ Worte mit Ihnen reden, denn -es betrifft Dinge, die noch auf jeden Fall besprochen werden müssen, ehe -wir jene Küste betreten.« Und sein Auge haftete dabei sinnend an den -blauen Landstreifen, dessen Conturen, durch das aufsteigende Tagesgestirn -beleuchtet, immer deutlicher und erkennbarer hervortraten. - -»Hm,« sagte der _Capitän_ und schob die Finger beider Hände in die -Seitentaschen seiner kurzen blauen Matrosenjacke -- »Geheimnisse wohl? -werden dann lieber wieder in die Kajüte hinunter gehen.« Sein Blick, der -zugleich auf den, neben ihnen am Steuer befindlichen Matrosen fiel, zeigte -deutlich genug daß er fürchtete, dieser könne, da der Raum des Hinterdecks -allerdings nicht bedeutend war, ihr Gespräch belauschen. - -»Wir haben,« erwiederte ihm aber Dumfry, »von den Leuten an Bord Nichts -zu fürchten, wie Sie mir sagten, kommen die ja mit dem Lande nicht in -Berührung.« - -»Ei bewahre,« rief der Capitän -- »gerade der, der dort steht, ist ein noch -nicht entlassener Sträfling, den ich eigentlich wider die Gesetze mit an -Bord genommen habe; er hat sich aber bis jetzt ordentlich benommen und -- -mir fehlten Matrosen, da konnte ich ihn, der ein tüchtiger Seemann ist, gar -gut gebrauchen. Uebrigens bleibt der Schooner am äußersten Rande der -Bai vor Anker liegen, das kleine Boot nehmen wir selber mit, und daß mir -nachher keiner ans Ufer _schwimmt_, dafür sorgen unsere guten Freunde, die -Haifische, von denen es hier eine besonders große Anzahl giebt.« - -»Gut denn, so können wir ruhig hier oben bleiben,« sagte der Verkleidete, -wandte sich dem Starbord Bulwark zu, und erwartete hier, an dieses -angelehnt, und sein Gesicht dem Meere und dem vor ihnen liegenden Ufer -zugekehrt, die beiden Freunde, die sich bald rechts und links neben ihn -stellten, seiner Mittheilung zu lauschen. - -Ehe wir übrigens dem Gespräch der Männer, die wir in unserer Erzählung -begleiten wollen, folgen, möchte es vielleicht nöthig sein, dem Leser -einen kurzen und flüchtigen Ueberblick des Theils der neuseeländischen -Verhältnisse zu geben, mit welchem wir es hier zu thun haben, damit er die -Beweggründe der Schooner-Passagiere begreifen, und ihrem Unternehmen mit -größerem Interesse folgen kann. - -Wie in allen uncultivirten Ländern der Welt, so bildeten auch in Neuseeland -die Missionäre gewissermaßen die Tirailleure der Civilisation; denn wie -man einen bösen und starken Hund streichelt, und vielleicht durch den -angenehmen Geruch eines vorgehaltenen Knochens, wie durch freundliche -zuredende Worte zu besänftigen sucht, so wird den wilden trotzigen -Nationen, denen der liebe Gott wahrscheinlich nur zufällig so vortrefflich -zu Handel und Ackerbau gelegenes Land gegeben hatte, zuerst die christliche -Religion mit ihren frommen und jede rauhe That verbietenden Lehren gezeigt. -»Seht,« sagen die Missionäre -- »solch gute Menschen sind wir, _das_ steht -Alles in der Bibel, unserem, uns von Gott selbst gegebenen Buch, und das -thun, das befolgen wir auch Alles; davon weichen wir kein Haar breit ab, -und so gut müßt Ihr auch werden, wenn Ihr einst das Alles erhalten wollt, -was uns für unsere Frömmigkeit versprochen ist.« - -Der Wilde, dem schon das an und für sich imponirt, daß einzelne -_unbewaffnete_ Männer, fremd mit seinen Sitten und Gebräuchen, durch -Nichts geschützt, als das Vertrauen auf sein Volk, weit über das Meer daher -kommen; ja vielleicht gar durch das Neue der Sache selbst angereizt, oder -auch im naturkräftigen Herzen das Schöne solcher Lehre ahnend, neigt sich -endlich dem fremden Glauben und huldigt dem fremden Gotte. Er will es -einmal versuchen, ob das auch alles wahr und wirklich so ist, was ihm die -fremden Männer mit den wunderlichen schwarzen Kleidern gepredigt haben. - -Kaum hat ihn nun sein eigener freier Wille, oft freilich auch nur ein -für ihn reiches Geschenk dazu gewonnen, dann nimmt man ihm schon -ein Versprechen ab -- das er bei einem nur etwas anders gestalteten -Heiligenbild, als er es bis jetzt gewohnt gewesen, leisten muß -- seinen -neuen Glauben nie wieder zu verlassen, und dem europäischen Gott wie auch -dem europäischen Fürsten, dessen Emissäre sich dort gerade vorfinden, -gehorsam zu sein. - -Der arme Wilde, der es übrigens sehr natürlich findet, daß der europäische -Gott auf der Erde von einem _Fürsten_ vertreten wird -- denn einem anderen -_Häuptling_ Gehorsam zu schwören wäre ihm nie eingefallen -- leistet den -Eid, weiß aber in jener Zeit gewöhnlich gar nicht _was_ er verspricht, und -ist nicht um ein Jota mehr zurechnungsfähig, als ein Säugling, der in der -christlichen Religion getauft, oder ein vierzehnjähriger Schuljunge, der -in ihr confirmirt wird. Weicht er aber später einmal davon ab, erwacht der -alte trotzige Geist in ihm, oder sieht er vielleicht gar, daß sich doch -nicht Alles so lieb und gut verhält, wie es ihm die fremden, im Anfang -so freundlichen Männer vorgesprochen, dann wird er an _sein Versprechen -gemahnt_, und wenn das nicht mehr ausreicht, zu der Liebe für die -christliche Kirche _gezwungen_. - -»Ei, er hat ja geschworen,« sagen jetzt die Fremden, denn außer den -Missionären treten nun auch plötzlich gar frommgesinnte Kaufleute aus -dem Hintergrund und schreien über verletzte _Rechte_ -- »er hat ja einen -Traktat, in welchem ihm Alles haarklein auseinandergesetzt wurde, mit -seinem eigenen Zeichen selbst untermalt (denn lesen und schreiben konnte -der arme Teufel leider nicht), und muß nun auch halten, was er versprochen, -da ihn ja _früher_ Niemand dazu gezwungen hat.« Wird ihm aber der Zwang zu -eng, lernt er vielleicht gar die wahren Absichten seiner Bekehrer kennen -und verstehen, und greift er in wieder frisch aufloderndem Kampfesmuth zu -den Waffen, dann -- schmettern Kartätschen und Büchsenkugeln den _Rebellen_ -zu Boden und die donnernden Schlünde der Kriegsschiffe, die seine -leichten Schilfwohnungen von der Erde fegen oder entzünden, öffnen dem -unglückseligen Wilden zum ersten Mal die Augen und zeigen ihm, was er bis -jetzt noch gar nicht bemerkt zu haben schien, daß er Ketten an Händen und -Füßen trage, und sogar in all seiner Verzweiflung und Noth nicht einmal -mehr seinen alten Gott anrufen könne -- weil er den verleugnet hatte. - -Das bricht dem Armen gewöhnlich das Herz, denn damit ist ihm das Letzte, -Heiligste vernichtet, und er wird jetzt, ohne weiteren großen Widerstand -mehr, und worauf es ja im Anfang doch gleich abgesehen, der, nur dem Namen -nach freie, _Sclave_ seines Herrn. - -Wie sehr dabei den Missionären gewöhnlich das Seelenheil ihrer _Bekehrten_ -am Herzen liegt -- ich sage _gewöhnlich_, denn es giebt auch, Gott sei -Dank, Ausnahmen von dieser Regel -- geht ebenfalls aus den neuseeländischen -Berichten hervor. Nach der Aukland Gazette beanspruchen nämlich die dort -befindlichen fünf und zwanzig Mitglieder der Kirchenmissionsgesellschaft -zusammen 196,840 Acker Landes, das sie für Kleinigkeiten gekauft und jetzt -gewiß nicht um das ganze Seelenheil Neuseelands wieder herausgeben würden. -Den Beweis hierzu haben ja auch wirklich die schon später geführten Kriege -geliefert. Ebenso widersetzten sich jene Missionäre der Bildung anderer -Gesellschaften, die besonders von Deutschen ausgingen und in denen sie, -vielleicht nicht mit Unrecht, theils eine Ueberwachung ihres Treibens, -theils vielleicht gar eine Concurrenz fürchteten. - -Die neuseeländischen Wilden nun, die dem Treiben der Fremden im Anfang -ganz ruhig zusahen, da sie erstlich den Rückhalt nicht kannten, den jene -in ihrer Nation hatten, und in solcher Besitznahme von Land durch eine -Handvoll Menschen auch natürlich nicht jene verderblichen Folgen ahnen -konnten, die es für sie haben mußte, wenn sie weiter und weiter von ihrem -Grund und Boden verdrängt wurden, fingen dennoch mit der Zeit an aufmerksam -zu werden und zu begreifen, welche Motive jene fremden Männer bewogen -haben konnten, ihr Vaterland zu verlassen und die eigene Religion ganz -unbekannten Völkern zu predigen. Theils sahen sie selbst fremde Länder, -denn als Matrosen oder größtentheils Harpunierer schifften sie sich häufig -auf amerikanischen, englischen und französischen Wallfischfängern ein, -theils wurden sie auch hier und da von Weißen selbst auf ihnen gefährlich -werdende Uebelstände aufmerksam gemacht, und das letztere geschah nicht -allein oft aus Privat-, sondern sogar nicht selten aus irgend einem -Nationalinteresse, wie denn Aehnliches von den Engländern besonders ihren -Erbfeinden den Franzosen zur Last gelegt wird. - -Das Resultat blieb denn auch nicht aus; Heki, ein wackerer Häuptling der -Neuseeländer -- nach einigen englischen Blättern sogar ein geborener Ire, -der als junger Matrose von seinem Schiffe desertirte -- bot plötzlich den -Europäern die Spitze, und widersetzte sich vorzüglich den Vermessungen des -Landes, welche, wie er jetzt wohl einsehen lernte, seinem Volke den Boden -Ackerweis entrissen und der fremden Regierung nur noch immer mehr angemaßte -Rechte gaben. Der Haß gegen die Fremden stieg dabei immer höher, und ein -Umstand besonders brachte das lang gedämpfte Feuer zum wilden, tobenden -Ausbruch. - -Die Tochter eines Häuptlings wurde -- wie die Engländer behaupteten, aus -Versehen -- erschossen und das wilde Blut der neuseeländischen Krieger -schäumte jetzt hoch auf; all die erduldete Schmach riefen sie in ihr -Gedächtniß zurück, und der langverstummte Kriegsschrei der Stämme machte -das Mark ihrer Feinde erbeben. Allerdings erzwangen sich endlich die -Geschützstücke der Engländer Anerkennung, und zügelten wenigstens für den -Augenblick den wild auflodernden Grimm der Wilden, im Inneren gährte es -aber noch drohend fort, und wenn auch dann und wann die Häuptlinge Frieden -sicherten und Freundschaftsversicherungen gaben, so war ihnen doch schon -von den Feinden selbst gelehrt worden, wie man derlei Versprechungen zu -halten habe, und trotzig erneuten sie das Blutvergießen immer aufs Neue -wieder. - -Das Resultat dieser Kämpfe ist freilich vorauszusehen; es wird hier werden, -wie es in allen übrigen »wilden Ländern« war: einen Theil der Heiden -civilisirt man, der andere muß untergehn, wollen sich aber gar keine dem -milden Joch der christlichen Religion fügen, ja dann haben sie sich die -Folgen freilich selber zuzuschreiben, und wie es früher den Guanchen der -Canariden ging, wie es jetzt das Schicksal der australischen Wilden ist, -so bleiben der Nachwelt nur noch die starren Ueberreste ihrer Gebeine, -bei denen sich selbst die nimmer schonende Zeit milder zeigte, als das -christliche Menschengeschlecht. - -Der Zweck nun, der den »Kasuar« hier an Neuseelands Küste gerufen, stand -ebenfalls mit diesen Verhältnissen in Verbindung. In Sidney selbst war -nämlich vor nicht gar langer Zeit ein angeblich neuseeländischer -Pflanzer eingetroffen, der an der Nordostküste der Insel bedeutende wilde -Länderstrecken sein nannte, und auch einen, von dem Häuptling Heki selbst -unterzeichneten Schein besaß -- etwas, das bei Landbesitzungen äußerst -selten geschah; -- Ursachen jedoch, die er bis dahin geheimgehalten, -nöthigten ihn, wie er sagte, zu augenblicklicher Rückkehr nach Europa, und -er bot deßhalb jenen Schein einem bedeutenden Sidney Handelshaus, Bornholm, -Bricks und Comp., gegen baare Zahlung einer höchst mäßigen Summe an. Die -einzige Bedingung, die er dabei stellte, war die, daß er einen Schooner -und zwei Begleiter bekäme, um mit diesen noch einmal nach Neuseeland -zurückzukehren, wobei er denn auch jenen Beiden die Grenzen des Besitzthums -und dessen Lage bezeichnen wollte, damit sie später, wenn einmal der -Rechtsanspruch an dieses Land geltend gemacht würde, als Zeugen für den -rechtlichen und gesetzlichen Kauf auftreten könnten. - -Die Schrift des Dokumentes war, wie sich nicht verkennen ließ, ächt und der -für das Land geforderte Preis stand mit dem jedesfallsigen Werthe desselben -in gar keinem Verhältniß -- es konnte ein solcher Ankauf daher als ein -ausgezeichnetes Geschäft gelten; denn in Sidney wußten sie recht gut, daß -die englische Regierung, sobald sie die störrischen Häuptlinge nur erst -einmal gebändigt, jedes Recht ihrer Unterthanen gewiß auf das kräftigste -vertreten würde. Nur mit der Vermessung solcher Strecken hatte es, für -jetzt wenigstens, unüberwindliche Schwierigkeiten. Die Eingeborenen -widersetzten sich jeder Schätzung ihres Landes auf das Bestimmteste, -und übten, wenn diese doch einmal versucht wurde und sie die Schuldigen -ertappten, fürchterliches Strafgericht, wobei sogar nicht selten der alte -heidnische und keineswegs abgeschaffte Kanibalismus wieder ins Leben trat. -Reisende brauchten dagegen, besonders an der Küste, kaum um ihre Sicherheit -besorgt zu sein, denn Heki hatte sogar seinen Untergebenen auf das -strengste eingeschärft, Fremde nicht unnöthig zu reizen und jedes -Blutvergießen zu vermeiden; die aber mit Aufopferung ihrer letzten Kräfte -zu bekämpfen und zu vernichten, die eines ihrer Rechte auch nur anzutasten -wagten. - -Der Vorschlag also, den Schooner hinüberzusenden und dort das Land, -unter dem Vorwand einer Jagdexcursion, zu besichtigen schien dem Sidneyer -Handlungshaus ebenfalls das einfachste und zweckmäßigste, obgleich es -nicht begreifen konnte, welchen Plan Dumfry dabei haben mochte, daß er -ihn förmlich zur Bedingung seines Kaufes machte. Es nahm aber auch deßhalb -keinen Anstand, die Expedition selbst, so sehr es anging, zu beeilen, und -drei Tage später schoß der Kasuar schon mit vollen geschwellten Segeln aus -der Bai und ließ bald Neu-Hollands Küste weit, weit hinter sich. - -Dumfry war übrigens bis jetzt weder in Sidney noch an Bord anders als in -europäischer Tracht erschienen, und das Erstaunen seiner Reisegefährten -ließ sich deßhalb leicht erklären, als sie ihn plötzlich, der -neuseeländischen Küste so nahe, die Rolle eines Indianers übernehmen sahen. -Er konnte die Maske aber keineswegs nur in Scherz oder Lust angelegt haben, -denn sein ganzes Wesen kam ihnen fast noch finsterer vor, als es sich bis -dahin gezeigt, und sein Blick haftete ernst und schweigend an dem schmalen -vor ihnen ausgedehnten Küstenstreifen. - -Capitän Tomson schien auch sehr geduldig den Beginn der versprochenen -Mittheilung zu erwarten, denn er schaute ebenfalls, ohne auch nur die -mindeste Neugierde zu verrathen, nach dem noch ziemlich entfernten -Ufer hinüber, und nahm endlich seinen Kautabak heraus, von dem er einen -förmlichen Mundvoll abbiß und langsam an zu verarbeiten fing; Van Broon -dagegen, der ehrsame Geschäftsführer der Firma Bornholm, Bricks und Comp., -hustete erst ein paar Mal, räusperte sich, und that alles Mögliche, um -dem wunderlichen Manne seine Nähe, die er ganz vergessen zu haben schien, -bemerklich zu machen. Es blieb aber jede Bemühung vergeblich; Dumfry war -in eine seiner Träumereien gefallen und hörte und sah nicht mehr, bis denn -endlich dem kleinen Van Broon der letzte Geduldsfaden riß und er seinen -Nachbar mit einem mahnenden »Sir!« in die Seite stieß. Dumfry zuckte, -dadurch wieder zu sich selbst gebracht, fast erschreckt empor, sammelte -sich aber gleich wieder und sagte, ohne jedoch dabei den Blick auch nur -einen Augenblick von seinem bisherigen Ziel zu verwenden: - -»Gentlemen, es wird ihnen sonderbar erscheinen, daß ich jetzt, da wir uns -den neuseeländischen Küsten nähern, die Landestracht jenes Volkes anlege.« - -»Ei, wenn man unter den Wölfen ist, muß man mit ihnen heulen,« meinte -Tomson trocken. - -»Es hat einen anderen Grund« fuhr Dumfry fort und wandte sich dabei halb -nach dem am Steuer lehnenden Matrosen hin, um auch überzeugt zu sein, daß -sie von diesem nicht belauscht würden; der aber lehnte, allerdings an der -ihnen nächsten Seite, aber den Rücken gegen die drei Männer gewandt, am -Steuerrad, und hob nur manchmal schwerfällig, wie fast selbst zu dieser -einzigen Körperbewegung zu faul, den Kopf gegen die Segel empor. Die Männer -schien er gar nicht zu beachten. Dumfry mußte auch durch diesen Blick -vollkommen befriedigt sein. - -Der Matrose stand aber keineswegs so schläfrig da, als es vielleicht -den Anschein haben mochte; im Gegentheil trugen seine Züge den Ausdruck -aufmerksamer Spannung, und er rührte sich nur deßhalb nicht, um keines -der leise gesprochenen Worte zu überhören. -- Hätte Dumfry den stieren -wachsamen Blick nur einen Moment beobachten können, er wäre nicht in der -Nähe des Mannes stehen geblieben, so aber lehnte er sich langsam wieder -über die Schanzung hinüber und fuhr fort: - -»Sie wissen Beide, daß ich früher auf Neuseeland gewohnt, ja dort -Grundeigenthum besaß, das mir von dem Häuptling selbst und durch seinen -eigenen Landbrief gesichert, ungestörten, ruhigen Besitz versprach. Sogar -die Kriege mit den Europäern schienen nichts Gefahrbringendes für mich zu -haben, denn die Eingeborenen betrachteten mich als einen der ihren, während -meine Landsleute nur Vortheil aus meiner Gegenwart zu ziehen hofften. Wenn -aber auch Heki freundlich gegen mich gesinnt war und mir wiederholt seinen -thätigsten Schutz versprach, mußte ich doch einigen der untergeordneteren -Häuptlinge ein Dorn im Auge gewesen sein, denn die Streitigkeiten mit -ihnen nahmen kein Ende. Ich fand auch bald, daß sie es in der That dahin -zu bringen suchten, mich zu einer raschen unüberlegten Handlung zu treiben, -und dann vollen Grund zu haben, über mich herzufallen. Lange widerstand -ich allen ihren Ränken und entging glücklich den gelegten Schlingen, einmal -aber, in trüber unseliger Stunde, wo mir all die erlittene Unbill, jede -ertragene Schmach in tollen Bildern vor die Seele stieg, wurde ich meines -Zornes nicht Herr, und -- schlug den Einen meiner Feinde zu Boden. - -Blut fordert nach den Gesetzen jener Stämme Blut, und mein Leben hätte von -diesem Augenblick an Heki selbst nicht mehr schützen können. Ich wußte -auch zu gut was mich bedrohte, und floh; unmöglich aber wäre es die Wuth -zu beschreiben, mit welcher diese rachsüchtigen Kinder einer heißen Sonne -meinen Fährten folgten. Selbst die Missionäre weigerten sich damals mir -eine Freistatt zu gewähren, ja drohten sogar mich auszuliefern, wenn ich -nicht ohne Zögern die Missionsgebäude verließe; sie wollten den Zorn der -gereizten Wilden nicht auf ihre, bis dahin ungestörten Wohnungen lenken. -Ein holländischer Schooner nahm mich noch endlich auf und entzog mich -dadurch einem martervollen Tode.« - -»Und nun wollen Sie in _unserer_ Gesellschaft wieder dorthin zurückkehren?« -frug da Van Broon, der dieser Mittheilung mit immer wachsendem Entsetzen -gelauscht hatte, »Mann, sind Sie rein des Teufels? glauben Sie denn, -daß man Sie dort nicht wieder kennen wird? -- Und das verschweigt dieser -unglückselige Mensch, bis wir dicht an der Küste sind; nun wird uns weiter -gar nichts übrig bleiben, als geradezu umzukehren.« - -»Die Gefahr ist keineswegs so groß als Sie denken,« flüsterte Dumfry, -»sonst hätte ich mich selbst nicht wieder hierher gewagt. Um unentdeckt zu -bleiben, legte ich neuseeländische Tracht an, denn unter dem Schutze des -_Tabu_[9] bin ich im Stande, monatelang die Insel zu durchwandern, ohne von -einem einzigen meiner Feinde erkannt zu werden. Sobald wir das feste Land -betreten verhüllt diese Matte meinen Kopf, und keine Hand wird es wagen -einen Schleier zu lüften, den ihr heiligstes Gesetz als unantastbar -schützt.« - - [9]: Der _Tabu_, ursprünglich wohl ein religiöser Gebrauch, ist bei - den Neuseeländern auch das geworden, was man bei anderen Völkern das - _Gesetz_ nennt, wird aber, seines heiligen und gefürchteten Ursprungs - wegen, wohl um Vieles besser geachtet und gehalten, als das mit dem - bloßen _Gesetz_ der Fall sein würde. Das Belegen mit dem Tabu bedeutet - eigentlich: irgend eine Sache oder Person für längere oder kürzere Zeit - als geheiligt zu betrachten. Dieß geschieht durch die _Tohungas_ oder - weisen Männer. Begräbnißplätze, geheiligtes Eigenthum der Todten -- - Eigenthum an einem unbewohnten Ort gelassen, die Mais und Kumera - (süße Kartoffel) Plantagen und andere Sachen sind unter das Tabu, oder - eigentlich Tapu Gesetz (wie es die Neuseeländer härter aussprechen als - die Bewohner der Sandwichs- und Marquesas-Inseln) gelegt. Oft geschieht - das einem ganzen Pah (einem befestigten Ort), ebenso Häusern, Straßen - und Canoes. Jemand der krank gewesen, ist bis zu einer gewissen Zeit - Tapu. Das Haupt, ja oft der ganze Körper eines Häuptlings gilt dafür, - -- so jede Braut -- und die Göttin selbst ist für Jeden, ihren eigenen - Namen ausgenommen, Tapu. Sicherlich ist dieser Gebrauch für ein Volk, - das keine geschriebenen Gesetze hat und kennt, höchst nützlich, ja - sogar für den Schutz des Eigenthums, wie der einzelnen Personen von - segensreichster Wirkung. - - =French Angas Life in New Zealand.= - -»Das ist eine sehr wunderliche Geschichte« murmelte der kleine Holländer -und schüttelte dabei höchst unzufrieden, und allem Anschein nach keineswegs -beruhigt, mit dem Kopf -- »eine höchst unangenehme Geschichte, deren -Mißlingen wir am Ende sämmtlich mit unserem Fleisch, und den Werth zwar -nach Metzgergewicht bestimmt, zahlen können.« - -»Hm,« meinte Tomson endlich, »das ist schon wahr -- die Völker Oceaniens -haben einen Respekt vor dem Tabu, der uns vielleicht vor Entdeckung -sichert, aber« -- und er drehte sich dabei scharf gegen den imitirten -Neuseeländer herum, »was zum Henker treibt _Sie_ denn da wieder nach -Neuseeland zurück, Sir, wenn Sie doch froh sein sollten eine gehörige -Quantität Seewasser zwischen sich und der ihnen so feindlich gesinnten -Nation zu wissen?« - -»Ja, _den_ Grund möchte ich auch hören« stimmte Van Broon dem Seemanne bei. - -»Wollen Sie mir« -- frug jetzt Dumfry ohne die von ihm verlangte Erklärung -geradehin zu geben -- »wollen Sie mir in dem beistehen, was ich noch hier -in meinem eigenen Interesse auszuführen gedenke -- wollen Sie mir Ihre -Hülfe zusichern, und zwar mit der gewissen Aussicht auf einen höchst -bedeutenden Gewinn?« - -»Donnerwetter, schießen Sie los Sir,« rief da der alte Matrose, ungeduldig -werdend -- »wozu denn das verdammte falsche Farbenspiel -- hissen Sie, -in des Bösen Namen, endlich einmal die wahre Flagge und nehmen Sie die -Leinwand weg, daß man sehen kann, ob Sie wirkliche oder nur gemalte -Schießluken führen. Was wollen Sie von uns, wozu sollen wir helfen?« - -»Gut denn,« erwiederte nach kurzem Sinnen Dumfry entschlossen, indem er -sich halb gegen Tomson hinwandte: »ich will Ihnen Alles entdecken und hoffe -dann auf ihren Beistand rechnen zu können. Sie wissen Gentlemen, daß -ich, als ich der Firma Bornholm die mir von Heki selbst ausgestellte -Landverschreibung übergab, es sogar zur Bedingung meines Verkaufes machte, -hier noch einmal nach Neuseeland, und zwar in Begleitung zweier Männer -zurückkehren zu können. Die Bestimmung des Landes lieferte dazu den einen, -aber nur die Firma Bornholm berührenden Grund; der andere betrifft mich -selber. Wir werden, wenn auch noch einige Meilen davon entfernt, doch dem -Orte gegenüber landen, wo ich früher meine Hütte errichtet; was aus -dieser geworden, weiß ich nicht, ganz in der Nähe derselben liegt aber ein -ebenfalls durch das Tabu geheiligter Ort, und an diesem habe ich vor meiner -damaligen Flucht, alles das vergraben, was ich mir in einem zehnjährigen -Aufenthalt nicht allein auf Neuseeland, sondern auch in früherer Zeit in -den australischen Colonien ersparen konnte.« - -»Was? ein Schatz?« frugen beide Männer rasch und verwundert! - -»Still« sagte der Neuseeländer und sah sich schnell nach dem Mann am -Steuer um. Der aber, doch etwas durch die plötzliche, unerwartete Bewegung -erschreckt, fuhr leicht zusammen und drehte den Kopf rasch zur Seite. -Dieses Zeichen der Ueberraschung war übrigens hinreichend gewesen, den -Verdacht Dumfry's zu erregen und seine von jetzt an leise geflüsterten -Worte riefen die beiden Männer in die Kajüte hinab, um dort die angefangene -Mittheilung zu beenden. - -Der Mann am Steuer sah ihnen, als sie die Treppe hinunterstiegen, mürrisch -nach und murmelte endlich: - -»So so, also ein Schatz ist dort drüben zu heben, und da sollen wir -indessen hier ein paar Meilen in See draußen liegen und die Herren dann -nachher ganz gehorsam und unterthänigst in unsere Sclaverei zurückführen, -indeß ich hier doch die verdammte gelbe Jacke[10] einmal mit guter -Gelegenheit loswerden könnte. Pest noch einmal -- so wohl wird's mir wohl -sobald nicht wieder werden, eine solche Strecke von Sidney entfernt zu -sein; muß nur sehen, daß ich mit in das Boot zum Hinüberrudern komme, -nachher gute Nacht Sclavendienst.« Und er griff rasch und entschlossen in -die Speichen des Rades, den indessen etwas abgefallenen Bug wieder dem Ufer -zuzuhalten. - - [10]: Die gelbe Jacke ist ein Abzeichen der Sträflinge in den Colonien. - -In Himmel und See war indessen ebenfalls eine Veränderung vorgegangen; der -Seewind trat ein und die, bis dahin fast ruhige Wasserfläche fing an, sich -mehr und mehr zu kräuseln; kleine Wellen entstanden, die sich wie rollende -Schneebälle vergrößerten, je weiter sie kamen und zuletzt mit den glasigen -Häuptern so emporstiegen, daß sie in zischendem Schaum aufsprudelten und -tanzten. Der gleichmäßige, ruhige Lufthauch ließ ihnen dabei gar keine -Wahl, wohin sie sich wenden wollten; nur dem Lande drängte er zu und die -kleinen Wogen, selbst schon im Entstehen den Trotz verrathend, der sie in -ihrer Kraft und Gewalt so fürchterlich macht, kämpften zuerst eine ganze -Weile gegen den, wenn auch milden Herren an, und schienen ihren Platz bis -aufs Aeußerste behaupten zu wollen. Endlich aber, da sie doch sahen, -daß sie der Uebermacht weichen mußten, wandten sie sich auch zu wilder -ungeregelter Flucht, sprangen hoch auf und stürzten sich, wie tolle, -ungezogene Kinder rücksichtslos übereinander hin, eine immer rascher vor -als die Schwester drängend, um das Ufer nur so schnell wie möglich zu -erreichen. - -Der Kasuar ließ denn auch die frische Brise keineswegs unbenutzt; seine -Segel blähten sich, und der Schaum kräuselte am Bug empor und tanzte in -kleinen Spritzwellen hinter dem jetzt langsam steigenden Fahrzeug her. -Die Massen von inselartigen Seepflanzen, die ihn bis dahin fast regungslos -umgeben hatten, durchschnitt er nun, oder glitt rasch an ihnen vorüber, und -das Land trat immer deutlicher und erkennbarer hervor, so daß man schon -vom Bord aus einzelne, höhere Baumgruppen und die hervorstechende, dunklere -Schattirung der Wälder erkennen konnte. - -Der Sträfling von Sidney stand noch immer am Steuer, da tönten die hellen -Schläge der Glocke, das Zeichen der Ablösung für die Wachen, und vom -Vorkastle, die beiden Daumen in dem schmalen Ledergürtel, der die -segeltuchnen Beinkleider auf den Hüften hielt, und zugleich das lange, -holzstielige Matrosenmesser mit seiner braunen Lederscheide trug, -schlenderte einer der Kameraden langsam heran, um den Sidney _Vogel_, wie -derlei Burschen ebenfalls häufig genannt werden, abzulösen. Gleichgültig -schien er heranzukommen, und der erste wollte ihm gerade den Platz räumen -und nach vorn gehen, das indessen für ihn bewahrte Frühstück einzunehmen, -als ihm der scheue Blick des Ablösenden, mit welchem dieser das kleine Deck -überflog, auffiel. - -»Nun Bill, was giebt's,« sagte Ned, der Sträfling -- »wo spukt's wieder? -schneidest ja eine verdammt ängstliche« -- - -»Ruhig« flüsterte der Mann schnell -- »Ned -- bist Du ein Mann?« - -»Sonderbare Frage das,« brummte Ned höhnisch -- »trüge ich sonst diese -Jacke? -- das thun nur _Männer_!« - -»Gut denn, hast Du Lust zu« -- er wandte noch einmal scheu den Kopf und -zischte schnell, als er Niemanden in der Nähe sah -- »_zu fliehen_?« - -»Hm« -- sagte Ned und heftete seinen Blick scharf und prüfend auf den Mann --- der Ausdruck in dessen Zügen ließ aber keinen Zweifel, daß er es ehrlich -meine und Ned, der hier ganz unerwartet einen Bundesgenossen fand -- denn -er, als bekannter Sträfling, hätte es selber nie gewagt, einem der übrigen -Matrosen gemeinsame Sache anzubieten -- bog sich jetzt, die Speichen des -Steuerrades noch immer haltend, zu ihm nieder und flüsterte leise -- - -»Fliehen? -- ja, wenn es sein muß -- aber -- ich sehe die Nothwendigkeit -noch nicht ein; einige unserer Leute werden auf jeden Fall das Fahrzeug -verlassen, um das Boot ans Ufer zu rudern -- sind wir dann nur im Stande -noch einen auf _unsere_ Seite zu gewinnen, so kann uns kein Teufel an der -Ausführung eines -- eines beschlossenen Planes hindern. Geht das aber auch -nicht, bleiben wir allein; -- ei zum Henker, dann möcht' ich doch einmal -sehen, ob wir Beide nicht im Stande wären, wirklich zu beweisen, daß wir -- -daß wir eben _Männer_ wären.« - -Der Ire, der im Anfang nicht einmal gleich begriff, was Jener mit seinem -dunklen Vorschlag meinte, sah ihn erst mehrere Secunden lang überrascht -und unschlüssig an. Bis jetzt hatte er, nur des Dienstes auf englischen -Schiffen müde, wahrscheinlich einzig und allein daran gedacht, solcher -Knechtschaft zu entgehen, während der Sträfling dagegen vor keinem Plane -zurückschreckte, der ihm seine wirkliche Freiheit wieder gab. Er schüttelte -aber, als er die fürchterliche Absicht des Verbrechens zu ahnen begann, mit -dem Kopf und sagte schaudernd: - -»Nein Ned -- das gäb' eine blutige Geschichte, deren Andenken meiner Mutter -Sohn nicht lebenslang auf dem Gewissen mit herumschleppen möchte, -- aber -fliehen wollen wir, darin steh' ich Dir bei und nachher« -- - -»Pst,« flüsterte der Sträfling rasch -- »ich höre sie von unten wieder -heraufkommen -- ich will schnell mein Frühstück verzehren; nachher können -wir das weitere hier bereden.« - -Er glitt am Gangspill[11] vorüber und verschwand gleich darauf im Vorcastle -des Schooners, wo die Matrosen, wie auf allen übrigen Fahrzeugen und -Schiffen, ihre Schlafstellen haben. - - [11]: Die Hauptwinde jedes größeren Fahrzeuges. - -Der Schooner, von einem günstigen Seewind getrieben, näherte sich jetzt -der Bai, die, wie das in den Südseeinseln so häufig der Fall ist, durch -ein weit ausbauchendes Corallenriff umgürtet wurde. Auf diesem schäumte und -sprudelte denn auch die Brandung und ließ nur, so weit das Auge reichte, -einen einzigen Paß oder Canal erkennen, wo tiefes Wasser größeren -Fahrzeugen den Eingang verstattete, denn eine krystallene Fluth schoß hier -glatt und schnell zwischen zwei hoch emporstarrenden Felsen hindurch, die -ein förmliches Thor bildeten und jedes Abweichen nach rechts oder links -zur Unmöglichkeit machten. Tomson, der von dieser Stelle das Steuer selbst -regieren wollte, sandte den Iren nach vorn, um mit bei den Segeln zu -stehen, und die gegebenen Befehle schnell ausführen zu helfen; für den -Augenblick nahm auch die hier wirklich nicht unbedeutende Gefahr, an irgend -eines der Riffe getrieben zu werden, die Aufmerksamkeit Aller zu sehr in -Anspruch, das Land zu beobachten, das sie jetzt wie mit liebenden Armen -umschloß, als der _Master_ ganz plötzlich eine, den Seeleuten wenigstens -höchst unerwartete Ordre gab. Der Schooner glitt nämlich noch in -dem wirklichen Canal hin, der sie blitzschnell an den beiden Felsen -vorüberführte, da rief Tomson's Stimme sein eintöniges: »Steht bei den -Segeln!« über Deck hin, und als die Leute erstaunt nach ihm umsahen, -folgten sich die rasch hintereinander gegebenen Befehle, die Segel back zu -brassen, einen Theil zu beschlagen und bei dem Anker zu stehen, so reißend -schnell, daß sie zum Ueberlegen gar keine Zeit weiter behielten, sondern -nur gehorchen mußten, und jetzt sahen wie der kleine Kasuar, einem -schlanken Taucher gleich, seine Bahn veränderte, zuerst eine Strecke dicht -an dem Korallenriff vorbeizog, und dann plötzlich, während der Steuernde -das Rad losließ, daß es wirbelnd herumfuhr, nach dem Riff selber zulenkte, -als ob es dort gerade und fest auflaufen wolle. - -Dem Ruf »Anker los« folgte aber auch blitzesschnell die Ausführung; die -schwere Eisenmasse rollte in die Tiefe, und das kleine, schwanke Fahrzeug, -das sich rasch mit seinem Bug gegen das plötzlich anstraffende Tau wandte, -lag gleich darauf still und ruhig auf der, von keinem harten Luftzug mehr -erregten spiegelglatten Bai. - -Die Entfernung bis zum Lande betrug etwa zwei englische Meilen. - -Der Schooner führte nur, ein neuseeländisches Canoe ausgenommen, das Tomson -früher einmal für sich selbst gekauft, -- die gewöhnliche sogenannte Jölle -mit sich, die an seinem Hinterdeck befestigt hing, und diese wurde jetzt, -als sich das Fahrzeug kaum vor seinem Anker beruhigt, in See gelassen. -Dumfry, Van Broon und Tomson standen bereit hinabzusteigen, denn was sie -sonst an Lebensmitteln noch gebrauchen würden, war schon durch des würdigen -Seemannes Vorsorge vorher hineingeschafft und weggepackt worden. - -Der erstere hatte jetzt, neben der neuseeländischen Tracht, auch ganz -neuseeländische Bewaffnung angenommen. Auf der Schulter trug er die lange -einläufige Büchse, und an seinem Handgelenk hing noch, durch einen -schmalen Riemen gehalten, der aus einem Wallfischknochen verfertigte, -etwa anderthalb Fuß lange _Mirei_, die Kriegskeule jener Stämme; auch ein -Tomahawk, den die amerikanischen Wallfischfänger auf der Insel eingeführt, -stack in seinem Gürtel. Tomson hatte sich dagegen mehr nach Seemannsart -bewehrt; in seinem breiten Gürtel ruhten neben dem gewöhnlichen -Matrosenmesser ein Paar große Enterpistolen, und ein sogenannter Cutlaß -hing an seiner linken Seite; die langschößige blaue Jacke, die er jetzt -angelegt, bedeckte aber, wenn er sie zuknöpfte, die ersteren vollkommen, -und nur der breite, kurze Säbel blickte drohend darunter vor. - -Ganz anders sah dagegen Mynheer Van Broon aus, der keineswegs nach -tödtlichen Waffen gegriffen, sondern sich vielmehr mit dem besteckt zu -haben schien, was Leib und Seele zusammenhalten sollte, anstatt es zu -trennen. Aus der rechten und linken Tasche seines langschooßigen, -blauen Tuchrocks sahen wenigstens, innig vergnügt, zwei rothbesiegelte -Flaschenhälse heraus und unter dem linken Arme trug er ebenfalls einen -Gegenstand, der mehr einem Fouragebeutel als einer tödtlichen Wehr glich. -Dumfry betrachtete ihn denn auch ganz erstaunt, und rief endlich, halb -ärgerlich, halb lachend aus: - -»Aber zum Teufel Sir, was schleppen Sie denn da mit sich herum? Sie glauben -doch nicht, daß wir --« - -»Eine geräucherte Wurst, einen halben Käse, etwas Brod und ein Fläschchen -voll ächten Schiedam,« unterbrach ihn Van Broon ruhig, indem er den Beutel -sorgsam ein klein wenig öffnete und mit der Mündung gegen den Frager hielt. - -»Hahaha,« lachte Tomson, »Mr. Van Broon will sich vorsehen, wenn wir etwa -eine Belagerung aushalten müssen.« - -»Bitte um Verzeihung« sagte der Holländer, während er den Beutel wieder -unter seinen Arm zurückschob -- »ich habe mit keiner Sylbe an eine -Belagerung gedacht, denn wäre das geschehen, so können Sie sich auch fest -darauf verlassen, daß ich ganz ruhig und gemüthlich an Bord des Kasuar -bliebe. Ich bin keineswegs gesonnen, mir für die Firma Bornholm, Bricks -und Comp., so hoch ich dieselbe sonst auch in jeder Beziehung achte und -schätze, die Glieder voll Blei schießen, oder gar mit spitzen Instrumenten -nach mir hacken und stechen zu lassen.« - -Dumfry biß sich auf die Lippen und wandte sich von ihm ab; ein anderer -Gedanke mußte aber in ihm aufsteigen, denn er sah sich noch einmal nach dem -kleinen Mann um und sagte dann rasch: - -»Sie dürfen jenes Ufer auf keinen Fall unbewaffnet betreten, denn wenn wir -auch, wie ich fest überzeugt bin, keine Gefahren dort zu erwarten haben, -so wäre es auch wieder zu leichtsinnig gehandelt, nicht allein unbewaffnet -zwischen die Eingeborenen zu gehen, sondern sie das auch noch gleich von -vornherein merken zu lassen. Nehmen Sie wenigstens eine Flinte auf die -Schulter, wenn Sie dann auch keinen Gebrauch davon machen.« - -»Eine geladene Flinte?« sagte der Kaufmann -- »ich denke gar nicht daran; -der Henker traue den Dingern; wenn sie nun losgeht? ich habe in meinem -Leben keine geladene Flinte in der Hand gehabt, aber schon unzählige -Unglücksfälle von derlei Mordinstrumenten gehört.« - -»So nehmen Sie eine ungeladene,« rief Dumfry, schon ungeduldig werdend -- -»Herr, Sie werden sich doch nicht vor einem leeren Stück Eisen fürchten?« - -»Fürchten?« sagte Jener, »wer sagt Ihnen, daß ich mich überhaupt fürchte? -ich fürchte mich vor gar Nichts, ich mag aber mit Gewehren Nichts zu -thun haben, weil ich nicht damit umzugehen weiß -- ist die auch wirklich -ungeladen?« - -»Nicht einmal ein Pfropf drin!« brummte Dumfry, »hier -- nehmen Sie und -machen Sie, daß wir fortkommen, die schöne Tageszeit vergeht sonst, und es -ist besser, das wir noch vor Dunkelwerden wieder an Bord sind.« - -»Nehmen Sie?« sagte der kleine Mann unwillig, »womit denn? sehen Sie denn -nicht, daß ich beide Hände voll habe? kommen Sie, hängen Sie mir, wenn es -denn absolut sein muß, das verwünschte Ding über den Hals, habe ich aber -ein Unglück damit, so können Sie sich darauf verlassen, daß ich mich in -Sidney auch an Sie halten werde.« Und er bog dabei seinen Kopf gegen Dumfry -nieder, als ob er einen widderartigen Anlauf gegen ihn nehmen wollte. -Dieser hing ihm denn auch ohne weiteres die keineswegs leichte Waffe mit -dem Riemen über den breiten Nacken und sprang dann leicht und flüchtig in -das Boot hinab, wo indessen zwei Matrosen -- Bill, der Ire, und Ned, der -Sträfling, Platz genommen und die dort liegenden Ruder ergriffen hatten. - -Diese gewahrte der Capitän kaum, als er sie ärgerlich anfuhr: - -»Hinaus mit Euch, Ihr Canaillen -- wer hat Euch hier hergeschickt? mit -hinüberfahren, eh? und dann nachher Fersengeld geben und neuseeländische -Uniform tragen? so? ganz allerliebst abgekartet. Hinauf mit Euch, sag' ich, -Hallunken, -- die Ruder hingelegt.« - -»Aber Master Tomson,« nahm Bill das Wort -- »ist es denn nicht Bill und -Ned hier, die ein Ruder zu führen wissen? und haben wir nicht, =acushla -machree=, bloß aus besonderen --« - -»Will die rothhaarige Bestie an Deck?« rief Tomson, in wilder Wuth -auffahrend - »_Alle an Deck hier!_« schallte gleich darauf sein heftig -gegebener Befehl bis in die entferntesten Theile des kleinen Fahrzeugs; -»jetzt will ich den Hund sehen, der nicht gehorcht.« - -Bill O'Leary war zu klug, jetzt noch einen Augenblick zu zögern, da er -die Folgen der Widersetzlichkeit in solchem Falle nur zu gut kannte; er -kletterte deßhalb rasch an Deck zurück. Auch Ned hielt nur noch einen -Moment das schon ausgelegte Ruder krampfhaft mit beiden Händen fest, zog es -dann, ebenfalls wie sein Gefährte, wieder herein, und folgte ihm, wo er -von seinem Offizier mit Flüchen und Drohworten empfangen und überschüttet -wurde. Deren schien er aber wenig zu achten, sondern schob nur die Hände in -seine Jackentasche und trat mürrisch hinter die übrigen Seeleute, die sich -jetzt, nach dem letztgegebenen Befehl, um ihren Führer gesammelt hatten. -Es waren, mit dem Koch und Stewart, einem aus den vereinigten Staaten -entflohenen Neger, zehn stattliche, kräftige Gestalten, größtentheils -in blauflanellnen Hemden, weißen Segeltuchhosen und runden niederen -Strohhüten; nur der Neger trug ein brennendrothes Hemd und Bill O'Leary und -Ned, der Sträfling, der eine die gewöhnliche blaue, der andere seine gelbe -Strafjacke. - -»So, Ihr Seelöwen« -- fuhr sie jetzt der Steuermann, nach einem wilden -Blick auf die Schaar, an, die jedoch recht gut wußte, daß er es keineswegs -so bös meine, und nur gesonnen sei, bei solcher Gelegenheit die nöthige -Autorität zu zeigen. »Ihr bleibt jetzt hier ruhig vor Anker liegen, bis -wir wieder zurückkommen -- was hoffentlich noch vor Abend geschieht. Nach -Dunkelwerden laßt kein Boot heran, ohne mein Zeichen. Ihr kennt es schon; -auf Alles andere, was sich still und heimlich nähern will, gebt Feuer -- -verstanden? -- Und Du Ned -- hier vorneher, wenn ich mit Dir rede, Bursche --- Du verhältst Dich ganz ruhig und muckst nicht, sonst freu' Dich, wenn -wir wieder nach Sidney kommen. Solltest Du übrigens Lust haben, ein Bischen -ans Ufer zu schwimmen, so steht Dir das ganz frei, ich möchte Dich nur -darauf aufmerksam machen, daß Dir dann die Wahl bleibt, entweder von den -Haifischen unterwegs -- siehst Du, da drüben schwimmen schon ein Paar, oder -von den Neuseeländern am Lande verzehrt zu werden; der ganze Unterschied -bleibt nachher der, daß Dich die einen ohne und die anderen mit Salz -fressen. Uebrigens« -- wandte er sich plötzlich an den Zimmermann, der in -Abwesenheit Tomson's gewöhnlich den Befehl führte -- »schießt Ihr jeden -Schuft ohne weiteres auf den Kopf, Bob, der Miene macht das Fahrzeug in -meiner Abwesenheit zu verlassen; wir befinden uns hier an einer feindlichen -Küste, und da gelten die Kriegsgesetze -- verstanden?« - -Bob grunzte eine Art Beistimmung und Dumfry rief indessen ungeduldig vom -anderen Bord aus: - -»Ei so kommt, ins drei Teufels Namen; die schöne Zeit vergeht und ehe wir's -uns versehen, ist der Abend wieder da!« - -»Ah, ay!« rief der Matrose zurück -- »haben noch nichts versäumt. Also -Boys, haltet Euch ordentlich, und Ihr sollt, sobald wir unseren Anker -wieder in Sidney auswerfen, einen Feiertag bekommen.« - -Dumfry und Van Broon hatten indessen ihre Plätze in dem schwanken, -scharfgebauten Fahrzeug schon eingenommen, und der erstere zwar an -dem vorderen Larbord Ruder, Tomson aber, der jetzt rasch hinter ihnen -dreinsprang, ergriff das Starbord Ruder und während Van Broon, der sich -ganz behaglich im Sterne niedergelassen, diesen mit einer kleinen, neben -ihm liegenden Stange von Bord abstieß, that Tomson dasselbe mit seinem -Ruder. Bald darauf schoß das leichte Boot blitzesschnell über die nur -leise gekräuselten Wogen hin und näherte sich mehr und mehr dem hellgelben -Sandstreifen, der das dunkelgrüne Laub der dahinterliegenden Wälder mit -einem leuchtenden Gürtel zu umziehen schien. - -Ihre Fahrt ging schnell von statten und als Van Broon einmal den Kopf nach -dem Kasuar zurückwandte, konnte er schon nicht einmal mehr die einzelnen -Gestalten, die ihrem Boot mit den Blicken folgten, erkennen, sah sich -übrigens auch gleich darauf viel zu sehr von seiner Umgebung gefesselt und -angezogen, um seine Aufmerksamkeit noch länger zwischen dem Schooner und -dem festen Land zu theilen. Nach kaum halbstündiger Fahrt glitt der scharfe -Bug der Jolle in die Mündung eines kleinen, dicht mit breitblättrigen, -wunderlich gestalteten Büschen bewachsenen Wassers hinein, das sich, aus -den Bergen niederbrausend, sein Bett trotz allen Hindernissen gewühlt und -behauptet hatte, und von den Sträuchen verdeckt, lagen sie bald sicher und -heimlich unter der ziemlich steilen Uferbank des kleinen Bergstroms, an -der sie, mit Hülfe einiger vorstehenden Wurzeln und Aeste, förmlich -emporklettern mußten. - -Mit Mühe und Noth erreichten sie endlich, das heißt Dumfry und Tomson -den oberen Theil der Bank und mußten dann erst noch mit aller möglichen -Anstrengung ihrem wohlbeleibten Reisegefährten zu Hülfe kommen, der mit -seiner überhängenden Flinte unter eine wilde Rebe gefahren war und nun -so vollkommen festsaß und weder rück- noch vorwärts konnte, daß sie sich -wirklich gezwungen sahen, ihm zuerst den Gewehrriemen abzuschnallen, ehe er -sich nur möglicher Weise von alle dem, was ihn hielt, losmachen konnte. - -Der Platz, auf dem sie jetzt standen, obgleich nur wenige hundert Schritt -vom äußersten, seebegrenzten Waldrand entfernt, war schon so von dicht -verworrener und in einander verwebter Vegetation bewachsen, als ob er -im wahren Herzen der Wildniß läge, und eine Passage durch diese grünen, -duftenden Labyrinthe unter keiner Bedingung gestatten würde. Edle Bäume von -stattlichem, oft riesigem Wuchs stiegen ast- und zweiglos, wie lebendige -Säulen empor, und schienen das grüne, dichte Laubdach dieses Domes zu -tragen und zu stützen. Die Reimukiefer, der Keiketie, der Totara, der -Kahikatoa, Rata und andere Waldbäume reichten sich hier einander die -mächtigen Arme und hielten sich gegenseitig mit blumigen, engverschlungenen -Guirlanden umschlossen, am herrlichsten aber stach gegen das dunkle, ernste -Grün der übrigen Stämme die Nikau-Palme[12] und der herrliche _Farrenbaum_, -diese Zierde der neuseeländischen Wälder, ab, der mit seinen breiten -fächerartigen Blättern der ganzen Scenerie eben jenen bezaubernden, -tropischen Anstrich gab, während es fast aussah, als ob all die übrigen -riesengroßen Bäume nur deßhalb hätten so weit und kräftig hinaufschießen -und ihre Arme ausbreiten müssen, um ihn, das Juwel des Waldes, vor wilden, -gefährlichen Stürmen zu schützen und zu bewahren. - - [12]: =Areca sapida.= - -Kein noch so kleiner und unbedeutender Raum in diesem Waldmeer war -dabei kahl oder leer; jeder Stamm, jeder Felsen trug seine Moose und -Schmarotzerpflanzen, und wie ein grüner, duftiger, blumendurchwirkter -Teppich überzog die üppige Pflanzendecke jeden erreichbaren Gegenstand. -Selbst abgestorbenen, und ihrer Aeste und Zweige beraubten Stämmen, wurde -nicht gestattet, so starr und trostlos dazustehen in ihrer reizenden -Umgebung, wie heulende Methodistenpriester in der herrlichen, lachenden -Welt; das lebendige Grün hatte schon lange vor dem Vertrocknen der -Säfte, den kranken Baum fest, fest umschlossen, und als Arm nach Arm -herunterbrach, und der todte Stamm, von allen verlassen, die er einst -unterstützt und beschirmt, stehen blieb, oder weit dröhnend in -sein laubiges Grab hinabschmetterte, da blühten und wucherten -scharlachleuchtende Blumen um ihn auf, immergrüne Kränze flochten sich um -seine riesigen Glieder, und was erst der Vernichtung geweiht schien, keimte -und wirkte jetzt noch einmal dem frischen, fröhlichen Leben entgegen. - -Van Broon, obgleich sonst gegen Naturschönheiten ziemlich abgestumpft, -wenn sie nicht sein materielles Ich unmittelbar berührten, blieb doch -hier, sobald er sich von seiner ersten Anstrengung nur in etwas erholt, -überrascht stehen, und staunte die Wunder dieser riesigen Vegetation an. -Dumfry aber ließ ihm nicht lange Zeit zu Betrachtungen, er war nur -schnell noch einmal in das Boot zurückgesprungen, aus dem er einige der -mitgenommenen und am leichtesten transportablen Provisionen heraufschaffte, -und forderte dann seine beiden Begleiter ohne weiteres auf, ihm, so rasch -und geräuschlos als sie könnten, zu folgen, denn wenn er auch, besonders -zu Van Broon's Beruhigung, nochmals versicherte, es drohe ihnen unter -den gegenwärtigen Verhältnissen, sollten sie selbst mit Eingeborenen -zusammentreffen, keine Gefahr, so sei es doch auf jeden Fall besser, ein -Begegnen derselben zu vermeiden, da sie dann hoffen durften, ihre Pläne -weit schneller und leichter ausführen zu können. - -Der Platz schien auch wirklich völlig unbesucht, ja nach dem zu urtheilen, -was man sehen und erkennen konnte, noch nie von menschlichem Fuß betreten; -trafen sie also nicht gleich bei ihrem ersten Ausmarsch Wilde an, so ließ -sich jetzt doch wenigstens mit Wahrscheinlichkeit vermuthen, daß sie dann, -sollte ihre Ankunft auch später bekannt werden, ihren Plan ausführen und zu -ihrem Fahrzeug zurückkehren konnten, ehe nur irgend Jemand ahnte, was sie -wirklich beabsichtigten. - -Dumfry hatte sich übrigens schon bei seinem ersten Betreten des festen -Landes das Gesicht verhüllt und theilte ihnen jetzt mit wenigen Worten -den Plan mit, den er zu befolgen gedachte. Zugleich machte er sie darauf -aufmerksam, daß dieser Bach, in dessen Mündung sie eingelaufen -- und der -auch in dem Lehnsbrief unter dem Namen Ta-po-kaï aufgezeichnet stand -- -derselbe sei, welcher die nördliche Grenze des fraglichen Landstrichs -bilde. - -An diesem hinauf lag jetzt vor allen Dingen ihre Bahn, denn die westliche -Linie war gerade die schwierigste zu bestimmen. Dumfry hatte deßhalb, -wie er sagte, seinen Tomahawk mitgenommen, um einzelne Bäume selbst zu -bezeichnen und es dem späteren Eigenthümer dadurch möglich zu machen, den -Ort wiederzufinden und eine genaue Scheidungslinie zu ziehen. Ohne weiteres -Zögern schritt er denn auch jetzt den beiden Männern voran, in den dunkeln, -schweigenden Urwald hinein und dicht hinter ihm, den Hut fest in die Stirne -gedrückt, eine der beiden schweren Pistolen in der Hand, die andere, mit -der linken gehalten, im Gürtel, folgte Tomson. Van Broon, seine eigne -Flinte auf dem Rücken, mit der er alle Augenblicke in den unzähligen -Schlingpflanzen hängen blieb, bildete den Nachtrab, schien aber mit diesem -Platz keineswegs einverstanden zu sein, denn es hatte ihm, wie er meinte, -etwas Unheimliches, so ganz zuletzt zu kommen und gar nicht zu wissen, -ob nicht irgend ein wilder Cannibale hinter ihm drein krieche und -heimtückischer Weise mit irgend einem vielleicht gar vergifteten Pfeile auf -ihn ziele. Ganz vorn zu gehn, wie es ihm Dumfry lächelnd anbot, lehnte er -jedoch auch, und zwar auf das Bestimmteste ab, denn er betheuerte, nicht -um noch so viele Schatzhebungen in jeden dunklen Busch hineinspringen -zu wollen, ohne denselben vorher mit größter Genauigkeit untersucht und -visitirt zu wissen. Es blieb also kein anderer Ausweg, als ihn in die Mitte -zu nehmen, und auf solche Art setzten sie denn auch, immer dem Lauf des -Baches folgend, ihre Bahn ruhig und ungehindert fort, ohne daß ihnen irgend -etwas Auffallendes oder gar Gefährliches begegnet wäre. - -Ihr Weg lag großentheils durch dichtbewaldete Niederung, und der -buntbeschwingte Papagei und andere Arten kleiner Singvögel waren ihre -einzigen Begleiter und füllten den hohen Waldesdom mit ihrem heiteren -sonnigen Leben. Endlich erreichten sie höher gelegenes Land, und hier -schien auch die Vegetation weniger üppig zu sein; auf jeden Fall fanden -sie dann und wann offene Waldstellen, die ihnen erlaubten schneller -vorzurücken. Dafür aber trafen sie jenes kräftige, der Insel eigenthümliche -Farrenkraut, das an manchen Orten wirklich gürtelhoch wuchs und Dumfry -blieb plötzlich, am Rand einer kleinen Prairie, die mit Nichts als solchem -Kraut bedeckt war, stehen und erklärte, daß sie hier den Bach verlassen und -dem Hügelkamm folgen müßten, den sie jetzt erstiegen hätten. Von hier aus -begann die westliche Linie des verkauften Landstrichs und einige mit dem -Tomahawk rasch gefällte junge Bäume, die eine niedere, breitwüchsige Palme -umstanden, sollten für spätere Jahre das Erkennungszeichen sein. - -Dieser Hügelkamm aber, dem sie von jetzt an folgen mußten, war üppig mit -dem unvermeidlichen Farrenkraut bedeckt, und dieses wuchs und wucherte an -einigen Stellen so hoch und dicht, daß sie es im Anfang kaum durchdringen -konnten und mehrmals Orte fanden, die sie förmlich umgehen mußten, bis sie -endlich einen schmalen indianischen Pfad trafen, der ganz dieselbe Richtung -zu laufen schien, die sie zu nehmen beabsichtigten. Dumfry mußte ihn auch -gekannt haben, denn er hatte vorher, ohne jedoch seinen Begleitern etwas -davon zu sagen, in einem rechten Winkel wirklich danach gesucht. - -Das Land hob sich hier nicht unbedeutend, und obgleich sie gerade keinen -bestimmten Berg erkennen konnten, da vor ihnen wieder ausgedehntere -Waldungen sichtbar wurden, so kamen sie doch jetzt zu immer steileren -und schroffer aufsteigenden Abhängen, von denen sprudelnde Wasser dunkle -Schluchten hinab schäumten und sprangen. Schweigend verfolgten sie jedoch -ihre Bahn den schmalen Pfad entlang, und hatten eben wieder eine etwas -größere Farrenkrautfläche erreicht, die hier die Kuppe des einen, rings von -Thälern umschlossenen Berges zu bilden schien, als Tomson einen lauten Ruf -ausstieß und Van Broon im nächsten Augenblick, da Dumfry plötzlich stehen -blieb, heftig und erschreckt gegen diesen anrannte. - -Dumfry, der in der letzten Zeit, und hier wohl keinen Beobachter fürchtend, -die Matte von seinem Gesichte zurückgeschlagen hatte, fuhr zusammen, -verhüllte sich rasch den Kopf wieder und riß, als ob, trotz allen -seinen Betheuerungen vom Gegentheil, eine Gefahr hier doch nicht zu -den Unmöglichkeiten gehöre, die Flinte empor. Vergebens blickte er aber -forschend nach allen Seiten umher, es ließ sich Nichts erkennen und nur -Tomson stand, die eine seiner Sattelpistolen gespannt vor sich hinhaltend, -da, und schaute aufmerksam in das Farrenkraut hinein. - -»Was giebt's, Sir?« rief ihn da Dumfry ungeduldig an, »haben Sie irgend -Verdächtiges gespürt oder gehört?« - -»Es fuhr mir etwas dicht in meinem Fahrwasser über den Pfad!« erwiederte -der Seemann, ohne jedoch den Blick von der Stelle zu verwenden, wo das -unbekannte Wesen verschwunden sein mochte. - -»War es ein Mensch?« frug Dumfry schnell. - -»Ich will gekielholt werden, wenn ich's weiß,« brummte Jener -- »verdammt -schnell ging's, so viel ist gewiß, und schwarz war's auch -- wenigstens am -Stern, denn weiter hab' ich nicht viel davon gesehen.« - -»Es wird eines der wildgewordenen Schweine gewesen sein,« beruhigte sich -da Dumfry -- »es giebt viele auf der Insel, und fast sonst keine anderen -wilden Bestien. Ihr braucht keine Angst« -- - -»Da ist es wieder!« rief Van Broon und deutete erschrocken in das dichte -Kraut; während aber Alle schwiegen und aufmerksam horchten, vernahmen -sie deutlich, wie die Büsche, und zwar gar nicht weit von ihnen entfernt, -rauschend zur Seite gedrückt wurden, als ob sich irgend ein schwerer Körper -rasch hindurch dränge. Dumfry richtete sich, so weit das gehen wollte, -empor, das Dickicht war aber hier höher als er selbst, es ließ sich Nichts -erkennen, und ebensowenig sah er irgend einen höheren Gegenstand in der -Nähe, den er hätte ersteigen können; nicht einmal ein Baum stand in mehren -hundert Schritt Entfernung. - -»Van Broon -- Mr. Van Broon,« flüsterte da plötzlich der angebliche -Neuseeländer, denn das Unbekannte rührte sich wieder, als ob es noch einmal -über den Pfad brechen wollte -- und zu gleicher Zeit nahm Dumfry seine -Flinte wieder in Anschlag und richtete sie gegen den Ort, von dem das -Geräusch herüber tönte -- »versuchen Sie doch einmal, ob Sie von Mr. -Tomson's Schultern aus den Plan übersehen und erkennen können, was hier -eigentlich in unserer Nähe herumkriecht -- ich will indessen die offene -Bahn bewachen.« - -»Ahem,« brummte der kleine Holländer, und wandte sich gegen den Seemann, -der, wenn auch durch die Zumuthung vielleicht überrascht, doch gutmüthig, -ohne übrigens die Pistole abzulegen, die linke Hand auf sein linkes Knie -stemmte und dadurch seine Bereitwilligkeit ausdrückte, als Observatorium -benutzt zu werden, -- »ahem -- will's versuchen -- werde ja wohl hinauf -kommen.« - -»Schnell -- schnell!« mahnte Dumfry ungeduldig -- »die Pest über das -Trödeln, glauben Sie, daß _der_ wartet?« - -»Der? wer?« frug Van Broon erstaunt und drehte sich schnell wieder gegen -den Redner herum. Auch Tomson sah zu ihm auf. - -Dumfry stampfte ärgerlich mit dem Fuß und Van Broon, der noch nicht recht -mit sich einig schien, ob er wirklich thätigen Antheil an ihrem Abenteuer -nehmen, oder die Sache ruhig abwarten solle, trat endlich kopfschüttelnd -auf den Seemann zu, faßte ihn von hinten um den Hals, hob ihm sein linkes -Knie über das Hüftbein und warf sich nun -- mit einem Versuch, auf solche -Art förmlich in den Sattel zu springen -- dermaßen über den Matrosen hin, -daß er diesen ohne weiteres in das Farrenkraut hineindrückte und dann -gleich darauf selbst, den Kopf voran, in das Dickicht nachschoß. - -»Alle Wetter!« schrie Tomson, und fuhr mit beiden Händen aus, um sich vor -dem Falle zu wahren, gedachte aber dabei nicht der geladenen Pistole, und -während er, von dem schweren Gewicht des kleinen Holländers niedergezogen, -in dem dichten Farrenkraut verschwand, berührte sein Finger den Drücker, -und die Kugel fuhr, dicht an Van Broon's Kopf vorüber, in die Luft. - -Dumfry drehte sich fast unwillkürlich nach dem Schusse um. In demselben -Moment glitt aber auch jener dunkle Gegenstand wieder zurück über den Pfad, -und zwar diesmal vor ihnen vorüber, während der Neuseeländer durch das, was -hinter ihm vorging, abgezogen, nicht rasch genug die Flinte an den Backen -reißen konnte, den fremden Gegenstand aufs Korn zu nehmen, ehe dieser schon -wieder im Dickicht verschwunden war. So kurzer Blick ihm übrigens gestattet -gewesen, so mußte dieser doch wohl genügt haben, seinen Entschluß zu -bestimmen, denn, ohne auch nur einen Moment länger zu zögern, warf er die -Flinte, die ihm in solchem Pflanzengewirr nur hinderlich sein mußte, von -sich, riß den Tomahawk aus dem Gürtel und sprang dort in das Kraut hinein, -wo die zurückgebogenen Sträuche die Spur des Flüchtigen verriethen. - -Als sich Tomson und Van Broon, die auch in der That schnell genug wieder -auf die Füße sprangen, von ihrem Fall erholt hatten und jetzt überrascht -umherschauten, war Dumfry verschwunden und sie selbst standen, keines Weges -kundig, allem Anschein nach aber von Gefahr umgeben, und wie Van Broon -fürchtete, schon von einer unbestimmten Anzahl grimmer Menschenfresser -umringt, in der öden Wildniß da. - -Was jetzt thun? den Führer erwarten, oder ohne weiteres das Boot wieder -aufsuchen und entfliehen? Van Broon stimmte unbedingt für das letzte, -Tomson entschied sich dagegen für das erste und behauptete nicht mit -Unrecht, sie könnten vielleicht, wenn wirklich Feinde in der Nähe lauern -sollten, den Verdacht derselben gerade durch einen voreiligen Rückzug -erregen, und es war dann fast gewiß, daß sie, des Waldes unkundig, -abgeschnitten würden, ehe sie im Stande wären ihr Boot zu erreichen. - -Hier jedoch, mitten im Wald, wo ihr Blick nicht einmal zwei Schritte weit -ins Dickicht drang, und der Feind sich leicht bis dicht an sie anschleichen -und seine tödtlichen Pfeile aus sicherem Hinterhalt auf sie abfeuern -konnte, ruhig stehen zu bleiben, schien fast ebenso wenig rathsam, und -Tomson wandte schon, nur bei dem bloßen Gedanken daran, unruhig den Kopf, -welcher Bewegung denn Van Broon blitzesschnell folgte, als ob er nichts -Geringeres erwartete, wie seine entsetzlichsten Befürchtungen verwirklicht -zu sehen. - -Da raschelte es wieder im Dickicht; während jedoch der Seemann, fest -entschlossen, sein Leben so theuer zu verkaufen als möglich, die -indessen wieder geladene Pistole dorthin gerichtet hielt, traf der -leise, wohlbekannte Pfiff Dumfry's sein Ohr, und gleich darauf glitt die -verkleidete Gestalt desselben gerade da wieder in den Pfad, wo sie vorhin -so rasch und unerwartet verschwunden war. - -Er hatte die Matte wieder zurückgeschlagen, und sein Antlitz sah bleich und -angegriffen aus, ohne aber auch nur einen Augenblick Zeit zu verlieren, -ja selbst ohne eine einzige, der an ihn gerichteten Fragen zu beantworten, -winkte er den Gefährten, ihm zu folgen und schritt, so rasch es die dichten -Strauchbüsche erlaubten, in dem schmalen Pfad voran. Es dauerte übrigens -nicht mehr lang, so erreichten sie den Waldrand wieder und verließen damit -wenigstens die hemmenden Farrenkräuter, obgleich umgestürzte Bäume, dornige -Cyanen und dichtes Unterholz ihren Fortgang dennoch sehr aufhielten. Aber -auch diese lichteten sich endlich, als sich Dumfry jetzt plötzlich einer -kahlen Steinfläche zuwandte, und von dieser aus eine schroff und fast -kahl emporsteigende Bergspitze rasch emporkletterte. Tomson und Van Broon -schienen erst unschlüssig, ob sie ihm da hinauf folgen sollten; sein -ungeduldiger Wink rief sie aber bald nach, und sie standen wenige Minuten -nachher auf einem schmalen, wunderlich geformten und von allen Seiten -fast schroff empordämmenden Felskegel, der sie über dem riesigen Wuchs des -Urwalds erhob, und von dem sie, wenigstens einen kleinen Theil der Insel, -wie das sie umgürtende Meer überschauen konnten. - -Der Anblick war wundervoll; das dunkle Grün der Bäume, nur hie und da von -dem lichten Grau einzelner Farrenstrecken durchbrochen, deckte wie mit -einer festen, undurchdringlichen Masse das Land, und dicht hinangeschmiegt, -und von dem klaren funkelnden Sonnengestirn überstrahlt, lag das blaue, -ätherreine Meer. Unfern der Küste aber, von dem weißschäumenden Streifen -der Korallenriffbrandung eingeschlossen, schaukelte der »Kasuar,« während -weiter hinter ihm, und hie und da die einförmige Stille des Horizonts -unterbrechend, einzelne Segel sichtbar wurden, die mit der frischer -wehenden Briese rasch und lautlos dahinglitten. - -Der Himmel war rein und wolkenlos, nur im Süden lagerte auf den düsteren -Waldschichten ein durchsichtiger, rosenfarbener Nebel, der von einem etwas -dunkleren Hintergrund begrenzt schien. - -Der Felskegel selbst war kahl, nur an seinem einen Rand hing ein dichtes -Gewirr von wildverschlungenen Blumen, aus denen einzelne niedere, aber -dichtbelaubte Sträucher emporstiegen und nach dieser Richtung hin die -Aussicht gegen die im Innern gelegenen Berge zu abdämmte. - -Wenn nun aber auch unsere drei Freunde, sobald sie die höchste Kuppe -erreicht hatten, forschend und aufmerksam die Blicke nach allen Richtungen -hinschweifen ließen, so schien doch Keinen, obgleich Alle von verschiedenen -Gefühlen bewegt wurden, die Scenerie selbst zu interessiren, wenigstens -verrieth kein Laut der Bewunderung, kein einziger Ausruf, kein Wort der -Mittheilung, daß sie sich des wunderherrlichen, sie umgebenden Panoramas -auch nur bewußt waren. Van Broon suchte nur rings umher ihre nächste -Umgebung zu erforschen, ob sie nicht unmittelbare Verfolger zu fürchten -hätten, und Dumfry, der im Anfang seinen Blicken folgte, seine Untersuchung -aber deßhalb schneller beendete, da er genau die Gegend wußte, in der ihnen -Gefahr drohen konnte, schaute weiter aus, und schien sich mit den nächsten -auf ihrer Bahn liegenden Landmarken vertraut zu machen, indessen Tomson -gar nicht auf das Land achtete, sondern nur mit den Augen den Horizont -überflog, zuerst sein eigenes kleines Fahrzeug beobachtete, wie es ruhig -und friedlich mit den scharf gezeichneten Masten in der Bai lag, und dann -aufmerksamer, als es der Gegenstand zu verdienen schien, nach dem Nebel -sah, der von Süden aus nach West und Ost in kleinen, dunstigen Strahlen -hinüberstrebte. - -»Tomson -- sehen Sie dort drüben jene dunkle Bergkuppe?« brach Dumfry -endlich das Schweigen -- »gleich links von dem helleren Grün jener einzeln -stehenden Palmengruppe?« - -»Gerad' unter dem silbergrauen, glatten Wolkenstreifen, der sich dort -hinüberdehnt?« - -»Dieselbe -- das ist der Punkt, von dem die südliche Grenzscheide meines -Landes, ein anderer kleiner Bach, aus den Bergen sprudelt, und in fast -östlicher Richtung, etwa fünf Meilen unterhalb der Bai, in die wir -eingelaufen sind, mündet. Getrauen Sie sich jetzt den Platz später einmal -wieder finden zu können?« - -»Auf jeden Fall, wenn wir den Weg gemacht haben,« meinte Tomson, und schob -dabei die eine Pistole, die er bis jetzt noch immer schußfertig in der -Hand gehalten, in den Gürtel zurück. -- »Ich dächte auch, wir brächen -auf; könnten wir die Sache beenden, _ohne_ den dunkelhäutigen Schuften zu -begegnen, desto besser, mich gelüstet's keineswegs nach einer genaueren -Bekanntschaft, als wir sie bis jetzt gemacht haben. Das war doch ein -Indianer, der uns da vorhin im Fahrwasser herumkreuzte -- eh?« - -»Wir dürfen die Grenzen nicht weiter verfolgen,« entgegnete Dumfry finster, -ohne die an ihn gerichtete Frage zu beantworten; -- »Sie kennen Beide -die Gefahren, die uns von Seiten der Eingeborenen drohen, sobald sie -_Landvermesser_ in uns zu finden glauben; laufen wir daher den ganzen -Bereich ab, so müssen wir fast ihren Verdacht erregen. Das vermeiden wir, -sobald wir uns von hier aus gerade durch den Wald der Küste zuschlagen, -und dadurch hoffe ich auch jede Spur zu vernichten, die wir bis jetzt etwa -könnten zurückgelassen haben, denn während wir in einem rechten Winkel von -dem bisherigen, fast geraden Curs abspringen, bleiben wir wohl eine Meile -lang auf felsigem Boden, wo es selbst dem Auge eines Indianers schwer -werden sollte, Fährten zu verfolgen.« - -»Aber der Schatz?« fiel ihm hier Tomson in die Rede, »haben Sie es etwa -aufgegeben, den zu finden, und kehren wir jetzt gleich zum Boot zurück?« - -»Ja -- zum Boot wohl,« erwiederte Dumfry -- »doch hoffentlich nicht ohne -das, um was ich mein Leben hier eingesetzt habe. Getrauen Sie sich also -diese Grenzlinie, wie ich Sie Ihnen jetzt bezeichnet, wieder zu finden?« - -»Hm -- ich weiß doch nicht,« brummte Tomson halblaut vor sich hin -- »wenn -man das Ding nachher beschwören sollte -- hätten wir nur wenigstens die -Verschreibung mit.« -- - -»Die führe ich bei mir,« sagte Van Broon, und holte, nicht ohne einige -Schwierigkeit, das vorsichtig in einer Blechbüchse verwahrte Document aus -der vollgepfropften Tasche; »hier Gentlemen, aber ich weiß wahrlich nicht, -wie _das_ Ihnen dabei helfen soll -- es ist doch nicht« -- - -»Sehen Sie!« rief Dumfry jetzt, der das Papier rasch entfaltet hatte -- -»hier ist der Bach, an dem wir heraufkommen -- Sie wissen den Namen, und -Jedermann an dieser Küste wird Ihnen später die Mündung zeigen können -- -das etwa ist die kleine Farrenprairie, wo ich heute die Palme zeichnete. -Sie getrauen sich doch _die_ wiederzufinden?« - -»Ja, von der Mündung aus gewiß,« sagte Tomson. - -»Gut,« fuhr Dumfry in seiner Beschreibung fort, »hier der, durch ein Kreuz -bezeichnete Punkt ist der Felsgipfel, auf dem wir stehen, und jene südlich -gelegene Abdachung dieselbe, auf welcher dorten der Nebel liegt, und von wo -aus Sie dem niederströmenden Bach an der Grenze hin zu See folgen können. -Eine Verwechselung ist hier unmöglich.« - -Tomson hatte die Karte aufmerksam eine Zeitlang betrachtet; endlich legte -er sie wieder zusammen, schob sie in ihr Futteral zurück, reichte es -Van Broon und sagte, zu gleicher Zeit nach Süden hinüberdeutend, wo die -bezeichnete Gegend lag: -- - -»Den Platz getrau ich mich von hier aus selber zu finden, nicht aber mein -eigenes, kleines Fahrzeug, wenn wir länger hier zögern, als es unumgänglich -nöthig ist -- es liegt weit draußen an den Riffen, und da drüben braut ein -Wetter, oder ich will im Leben kein Salzwasser wieder schmecken.« - -»Die Stürme wüthen oft fürchterlich an dieser Küste,« fiel Dumfry rasch -ein, dem nichts Erwünschteres kommen konnte, als durch solchen Grund ihre -Rückkehr zu beschleunigen. - -»Aber der Schatz,« sagte Van Broon, keineswegs gesonnen, das jetzt soweit -ausgeführte Wagestück ohne einigen persönlichen Nutzen zu beenden. - -»Auf unserem Weg zum Boot passiren wir den Platz,« erwiederte Dumfry -- -»und nun rasch. Gentlemen, der größte Theil, ja der einzig gefährliche -unseres ganzen Marsches ist beendet, jetzt gilt es einfach noch eine kurze -Strecke Weges zurückzulegen, und ehe jene düsteren Nebelstreifen im Stande -sein werden auch nur mit ihren äußersten Spitzen die Sonne zu erreichen, -hoff' ich, schaukeln wir wieder auf den stillen Wassern der Bai und Freund -Tomson mag uns dann so sicher zurück nach Port Jackson führen, als er uns -hierher gebracht.« - -Und ohne weiter eine Antwort seiner beiden Begleiter abzuwarten, sprang -er flüchtig an den vorragenden Felsenspitzen nieder, die, fast wie durch -Menschenhand ausgeführt, die einzigen Haltpunkte an einer wohl zwanzig Fuß -hohen Felsenwand für Fuß oder Hand boten. Tomson folgte ihm ebenso rasch; -viel schwerer wurde es aber dem an solche Bahn keineswegs gewöhnten -Buchhalter, und nur mühsam war er im Stande, seinen um so Vieles -gewandteren Gefährten zu folgen. An solches Bergeklettern aber nicht -gewohnt, und mit, durch zu vieles Sitzen versteiften Gliedern, verlor er -bald seinen Fußhalt, fing an auszurutschen, fiel, klammerte sich wieder -fest, mußte, durch sein eigenes Gewicht gedrängt, noch einmal loslassen, -und polterte endlich, Flaschen und Proviant von sich schleudernd, und -die bis dahin so sorgsam bewahrten Provisionen nach allen Richtungen -hinausstreuend, über rauhes, schroff ablagerndes Felsgestein wimmernd -nieder, bis er, von einer jungen Farrenpalme angehalten, hängen blieb, und -nun verzweiflungsvoll die Bahn zurückblickte, die er eben so unfreiwillig -rasch herniedergerasselt war. - -Oben aber, aus dem kleinen Lianendickicht, das auf dem Felskegel wucherte, -kroch vorsichtig und geräuschlos eine dunkle tättowirte Gestalt, glitt -bis zu dem Felsrand hin, wo noch leise rollender Kies die Stelle verrieth, -welche die Männer eben zurückgelegt, und beobachtete hier, von niederem -Mooswuchs und einzelnen Farrenkräutern verdeckt, mit den aus dem narbigen -Gesicht unheimlich vorfunkelnden Augen die Bewegungen der Fremden, von -denen Tomson und Dumfry erst zu dem Gefallenen traten und dann, als sie -sahen, daß dieser selbst keinen weiteren Schaden genommen, und noch stehen -und gehen konnte, in den östlich gelegenen Büschen mit ihm verschwanden. - -Der Indianer blieb wohl eine Viertelstunde lang regungslos in seinem -Verstecke liegen, und erst dann, als er sich fest davon überzeugt haben -mochte, daß die Fremden den Platz auch wirklich verlassen hätten, erschien -seine Gestalt plötzlich am Rande des Abhanges. Blitzesschnell glitt er -hinab, wich aber, unten angelangt, den Spuren der Weißen in einem weiten -Bogen aus -- er vermied die Stelle, wo die zersplitterten Glasflaschen -lagen -- und nahm erst dort die Fährte wieder auf, wo die Fremden, dem -felsigen Bette eines vertrockneten Baches folgend, in den Wald eingedrungen -waren. - - * * * * * - -Ruhig lag indessen der Kasuar vor seinem Anker, und die Matrosen hatten -sich, als das kleine Boot zwischen die vorhängenden Büsche des Ufers schoß -und von diesen verdeckt wurde, lässig unter das aufgespannte Sonnensegel -gelagert, und schauten träumend auf das blaue, nur leise wogende Meer -hinaus, das, wie sie, in müßiger Ruhe die heiße, sonnige Tageszeit zu -verschlafen schien. Selbst die Fische mußten sich in die dunkle, kühle -Tiefe zurückgezogen haben, denn nur selten zuckte ein goldschillernder -Delphin strahlenblitzend über die gebrochene Spiegeldecke der Fluth, -und Careys Mutter Küchelchen[13] selbst schaukelten sich mit nur selten -gehobenen Schwingen auf ihrem heimathlichen Element. - - [13]: Die kleine schwarze Seeschwalbe, die den Schiffer auf seinen - weiten Reisen begleitet. - -Das Steuer des kleinen Fahrzeugs stand verlassen, nicht weit aber davon -lagen, anscheinend ebenso unthätig als die Uebrigen, der Sträfling und sein -neugewonnener Freund, der irische Matrose, dicht neben dem Gangspill, -und hatten beide die Köpfe auf den unteren, vorstehenden Theil desselben -gelegt, in welchem die starken messingenen Einhemmer ruhten. - -»Bill« flüsterte da der Sträfling endlich und berührte leise den Ellbogen -des Kameraden. - -Der Ire hob den Kopf ein wenig und schaute vorsichtig hinüber. - -»Wenn der Koch zum Essen ruft,« fuhr Ned eben so leise fort, »so geh' nach -vorn, und thu' wie ich Dir sagen werde; noch habe ich nicht alle Hoffnung -aufgegeben, und, wenn mein Plan gelingen soll, so ist das der einzige -Augenblick zur Ausführung.« - -»Aber wie und was?« brummte der Ire, »an Schwimmen dürfen wir nicht denken, -denn ich will verdammt viel lieber Matrose bleiben, als mich von Haifischen -fressen lassen und das Canoe können wir zwei unmöglich über Bord heben.« - -»Nein,« flüsterte der Sträfling zurück -- »dennoch giebt's ein Mittel es -hinüberzubekommen; wo Gewalt Nichts auszurichten vermag, muß List helfen. -Doch die Zeit drängt -- steh' Du jetzt auf und mache Dir in der Nähe des -Kochs etwas zu thun, sobald der aber anfängt das Essen in die Schalen zu -füllen, so ruf' »Segel ahoi!« -- Ist auch nichts zu sehen, sie mögen Dich -nachher auslachen, oder darüber fluchen, komme aber nachher sobald Du es -unbemerkt thun kannst und -- hörst Du -- so schnell als möglich hierher -zurück.« - -»Was soll das aber helfen?« frug der Ire erstaunt. - -»Wirst's schon sehen,« sagte Ned, und drehte sich auf die andere Seite -herum, Bill aber, der sich noch ein paar Mal streckte und dehnte, stand -endlich langsam auf, und schlenderte kopfschüttelnd dem Vordertheil des -Schooners zu, wo der Koch, ein feister ächter »Buck nigger« -- von der -Mannschaft jedoch nur gewöhnlich schlichthin Doktor genannt -- emsig in -der kleinen, heißen Kambüse beschäftigt war, großmächtige Kessel heraus und -hineinzuheben, Pfannen zu rücken und Seewasser in entsetzlichen Quantitäten -an Bord zu ziehen und wieder auszuschütten, bis ihm der Schweiß in großen, -hellen Tropfen von Stirn und Schläfen lief, und sein Antlitz mit einer -wahren, glänzenden Fettdecke überzog. Die Matrosen hatten aber auch heute -einen Festtag, denn, um sie in etwas dafür zu trösten, daß sie nicht mit -ans Land durften, war ihnen Pudding und Schweinfleisch bewilligt -worden, und verschiedene, hungrige Abgesandte hatten sich schon in kurz -aufeinanderfolgenden Zwischenräumen erkundigt: »ob heute wirklich noch zu -Mittag gegessen würde.« -- - -Ned wußte das Alles, und baute darauf seinen Plan, der in nichts Geringerem -bestand, als noch vor dem Essen die Mannschaft des Kasuar dahin zu bringen, -das an Bord liegende Canoe selbst mit in See zu heben, und es auch dorten -die Mittagszeit hindurch zu lassen. - -Nicht weit von dort wo er lag, standen nämlich dicht am Steuerrad zwei -grünlackirte Eimer, die den Namen des Schooners trugen, und mit theils dem -»Capitän«, theils dem Zimmermann gehörige Wäsche angefüllt waren. Ned, der -nie eine Gelegenheit vorbeigehen ließ, Geld zu verdienen, da er recht gut -wußte, daß er _Geld_ sowohl zum Fliehen, als auch zum späteren Fortkommen -nothwendig haben müsse, hatte es auch hier an Bord für eine mäßige -Vergütung übernommen, die Wäsche dieser beiden »Offiziere« in Ordnung zu -halten, und dorthin begab er sich jetzt, als ihn der Ire eine Zeitlang -verlassen, und er sich von sonst keinem weiter beachtet wußte. - -Neben den beiden, bis zum Rande mit Seewasser angefüllten Eimern stellte er -jetzt noch einen leeren dritten, nahm dann aus den ersten einen Theil der -Hemden, rang sie trocken aus, füllte damit den letztgebrachten Eimer mehr -als halbvoll, hob ihn auf die, nicht eben hohe Verschanzung und goß nachher -aus den anderen das gebrauchte Seewasser über Bord. - -»Du wirst den Eimer hinunterfallen lassen Ned,« rief ihm der Kajütenjunge -zu, der eben die Treppe niedersteigen wollte -- »wenn's ein Bischen -schwankt, liegt er drüben, und 's ist nicht einmal ein Tau dran.« - -»Kümmere Du Dich um Deinen Kram,« brummte der Sträfling, warf der -schlanken, lachend niedertauchenden Gestalt einen giftigen Blick nach und -fuhr in seiner Arbeit fort; sein Blick aber schweifte oft rasch nach dem -Bug des Schooners hinüber, wo Bill nachlässig an der Ankerwinde lehnte, -und anscheinend halb im Schlaf nur dann und wann einmal nach dem Koch -hinüberblinzte. Da kam dieser mit den hölzernen Schaalen aus dem Vorcastle -herauf, und der Ire stand auf, trat an die Bulwarks und stützte sich mit -dem Ellbogen auf den einen dort festgeschnürten Anker -- jetzt hob er -sich etwas empor und schützte mit vorgehaltener Hand seine Augen gegen das -Sonnenlicht. Am fernen Horizont waren indessen in der That mehrere kleine -weiße Punkte sichtbar geworden, doch achteten die übrigen Matrosen nicht -darauf, denn einestheils brauchten sie hier in der Gegend keine Seeräuber -zu fürchten, und dann nahm auch wirklich in diesem Augenblick der Koch ihre -ganze Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, um gerade jetzt auf irgend -etwas Anderes zu denken. - -Ein kleiner Büschel Werg -- Ueberbleibsel eines zerzupften Taues -- lag -dicht neben Ned an Deck; dieser hob ihn auf, warf ihn über Bord und folgte -ihm mit den Augen. Das Werg trieb, durch die Strömung getragen, langsam am -Riff hinauf, und der Sträfling lächelte still vergnügt in sich hinein, denn -gerade dort wurde jetzt die hohe, dicke Rückenflosse eines Hai sichtbar, -der sich in dem schäumenden Rauschen der Untiefe zu sonnen schien, als er -sich aber wieder nach seiner Arbeit umwandte, sah er, wie der Zimmermann -aufgestanden war und gerade auf ihn zukam. Blieb der in seiner Nähe, so -wurde die Ausführung des erdachten Planes zur Unmöglichkeit. - -»Gift und Tod!« knirrschte der Sidneyer wild in sich hinein, »hat denn -dieser vermaledeite Schuft von Koch« -- - -»Segel ahoi!« rief plötzlich der Ire am Bug des Schooners, und der -Zimmermann wandte sich, erstaunter über den Ruf als das Segel selbst, nach -jenem um, Ned aber trat rasch gegen die Bulwarks an und stieß hier den, nur -leicht auf den Bord gestellten Eimer in See. - -»Seht Ihr -- hab ich's nicht gesagt?« schrie da der Kajütenjunge, der eben -wieder an Deck kam, und jetzt vor die Verschanzung sprang, um hinüber zu -sehen, -- »ei Du lieber Gott, da schwimmen ja des Zimmermanns Hemden -mit fort, na der wird schön schimpfen -- jetzt kann Tom wieder -hinterherschwimmen.« Und als ob sich das von selbst verstünde, warf er -seine Jacke ab und wollte eben ohne Weiteres in See springen, den langsam -dahintreibenden Wäscheimer zurückzubringen. - -Das vertrug sich aber keineswegs, mit Ned's Plane, der dadurch vernichtet -worden wäre. - -»Halt, um Gotteswillen!« rief er, und ergriff den Arm des kecken jungen -Burschen -- »Ihr wäret verloren -- seht Ihr denn nicht dort den Hai!« - -»Hallo, was giebt's da?« sagte in diesem Augenblick der Zimmermann, als er -rasch an die beiden hinantrat, zu gleicher Zeit aber auch den, jetzt schon -ein ziemliches Stück vom Schooner entfernten Eimer erkannte - »Wasserhosen -und Seeschlangen, meine Hemden -- Ned, Hallunke, das hast Du mit Fleiß -gethan -- aber warte Canaille, das zieh' ich Dir am Lohn ab, und wenn Du -ein Jahr lang für mich waschen sollst. Willst Du den Jungen loslassen, -Bestie -- was giebt's mit dem?« - -»Er wollte über Bord springen, Sir,« stammelte in anscheinender Angst und -Zerknirschung der Sträfling -- »und da hinten -- da hinten der Hai« -- - -»Was geht's _Dich_ an, wenn er seine Haut riskirt -- Lubber Du!« donnerte -ihn da der Zimmermann an -- »bist Du sein Wächter, oder ist Dir's wohl etwa -nicht einmal recht, daß der Capitän seine Hemden wiederkriegt? -- Hinüber -mein Bursche -- der Hai wird Dich nicht gleich -- ja so, Donnerwetter nein --- mit den Haifischen ist hier nicht zu spaßen« unterbrach er sich aber -plötzlich selber, denn es fiel ihm gerade noch zur rechten Zeit ein, daß -Tomson die ja eben für die Wächter des Fahrzeugs erklärt hatte. Schickte er -jetzt den Jungen selber über Bord, und kehrte der ungefährdet zurück, wer -stand ihm denn dafür, daß sich nach Dunkelwerden nicht gar ein Theil seiner -Matrosen über Bord ließ und ans Ufer schwamm, denn ein guter Schwimmer -hätte die kurze Strecke, wenn er noch dazu die Fluth abwartete, wohl -glücklich zurücklegen können. Der junge Bursche schien sich übrigens, -nachdem er erst einmal auf die keineswegs unbedeutende und so nahe Gefahr -aufmerksam gemacht war, auch gar nicht mehr zu dem erst so bereitwillig -angebotenen Ritterdienst zu drängen, und trat fast unwillkürlich vom Bord -zurück. - -»=Dinner, boys -- Dinner!=« schallte in diesem Augenblick des Kochs Stimme -herüber, der die Schaalen im Arm eben damit nach dem Vorcastle schritt. - -»Halt da!« schrie der Zimmermann, als er sah, daß sich einige der Matrosen -nach vorn stehlen wollten, wo er nicht mit Unrecht fürchtete, sie würden -die besten Stücke für sich heraussuchen -- »laßt das Canoe in See -- -hierher ihr Schufte -- wollt Ihr, daß ich Euch fünfzigmal rufen soll? --- hinüber damit -- Wo ist Bill? -- hierher Sir, mit angefaßt -- Euerem -albernen Segelahoischreien haben wir den ganzen Unsinn zu danken. -Schnell Ihr Seehunde -- denkt Ihr der Eimer wartet auf Euch? -- heilige -Dreifaltigkeit, er segelte wie ein portugiesischer Man of war[14]! und -Du, Ned, kannst Dich freuen -- warte Du Strick, das soll Dir angerechnet -werden, wenn Tomson zurückkommt -- ich wünsche jetzt nur weiter Nichts, als -daß wir die Hemden nicht wieder kriegten.« - - [14]: Portugiesischer Man of war, der Beiname des Nautilus. - -Trotz diesen, mit einem wilden Seitenblick auf den Strafwürdigen, heftig -ausgestoßenen Worten, gab sich der wackere Zimmermann aber wirklich die -größte Mühe zum Gegentheil, und hob und schob mit aus Leibeskräften, -das etwas unbehülfliche Boot über Bord zu heben. Dieses war ein ächt -Neuseeländisches Canoe, mit reich geschnitztem Vordertheil, schwarz und -roth bemalten Seiten, und hinten im Stern mit Albatroßfedern verziert; -obgleich aber zwei zierlich ausgeschnittene, kurze Ruder, wie sie die -Eingeborenen führen, darin lagen, so schien es doch fast zu schmal und -schwank, zwei große erwachsene Personen zu tragen, und der Zimmermann -zog es denn auch, vielleicht nur aus diesem Grunde, vor, allein -niederzusteigen, und dem, indessen schon wenigstens zweihundert Schritt -entfernten Eimer nachzurudern. Ned hütete sich auch wohl, seine eigenen -Dienste zu diesem Zweck anzubieten, da er recht gut wußte, der Zimmermann -würde ihm nicht allein nie gestatten das Boot allein zu betreten, sondern -auch, wenn das bis jetzt wirklich noch nicht geschehen, auf jeden Fall -Verdacht schöpfen, und ihn dann so genau bewachen, daß all seine bisherige -List und Schlauheit vergebens gewesen wäre. - -Jener aber, ehe er abstieß und in dem scharf gebauten, flüchtigen Kahn -leicht mit der Fluth dahin schoß, rief den jetzt über Bord und ihm -nachschauenden Matrosen noch einmal zu, ja nicht etwa fortzulaufen, sondern -dort seiner zu harren, bis er zurückkehre, damit sie das Canoe nachher -gleich wieder hinauf hissen könnten. - -Vielleicht hätten sie gehorcht, aber mahnend erschallte gerade da noch -einmal der jetzt schon ungeduldigere Ruf des Kochs: »=Dinner ready, -boys!= -- macht, oder es wird kalt,« und der Ire, überhaupt schon als -ein fürchterlicher Esser gekannt und gefürchtet, der nun auch vollkommen -einsah, was seines Kameraden Absicht sei, schob die Hände in die Taschen -seiner kurzen Jacke, spuckte sein Priemchen über Bord und sagte, während er -entschlossen nach vorn ging -- - -»Bis der wieder hier ist, können wir fertig sein!« - -»Bleib lieber da, Bill,« riefen ihm ein Paar von den Andern nach, »der -Zimmermann flucht und wettert nachher den ganzen Tag.« -- - -»Wenn's _ihm_ Spaß macht,« brummte Bill, ohne die Aufforderung weiter -zu beachten, »_mir_ kann's recht sein, so oft haben wir aber kein -Schweinfleisch, daß ich der Letzte dabei sein möchte.« - -Er schritt rasch den dampfenden Schüsseln zu, und dieß Beispiel half, -denn die Anderen kannten ihn nur zu gut; wo der Ire einmal angefaßt hatte, -bekamen die Nachzügler auch gewöhnlich nur das Nachsehen, und während -der Zimmermann aus Leibeskräften dem langsam davon treibenden Eimer -nachruderte, stürmte die Mannschaft des Kasuar dem Vorcastle zu, und fiel -hier mit einem wahren Heißhunger über die ausgetheilten Speisen her. - -Ned allein blieb am Hinterdeck stehen, und erwartete die Rückkehr des -Canoes. Der Zimmermann ließ denn auch nicht lange auf sich warten -- er -hatte sich einmal umgesehen, und bald gefunden, daß all seine Leute ihre -Posten verlassen hatten -- womit sie sich jetzt beschäftigten, konnte er -sich leicht denken; mit dem besten Willen legte er sich daher in das Ruder -und murmelte dabei nur leise, aber desto grimmigere Verwünschungen in den -Bart, die sich theils über die »gefräßigen Schufte,« theils über den »Hund -von Canarienvogel« ergossen, den er im Geist schon züchtigen und abstrafen -ließ. Bald erreichte er den Eimer, faßte ihn am Henkeltau, hob ihn in -sein schwankes Boot, und drehte dann den Bug desselben rasch wieder seinem -eigenen Schooner zu. Allerdings mußte er jetzt gegen die Fluth ankämpfen, -die neuseeländischen Fahrzeuge sind aber auch hierzu so spitz und schneidig -gebaut, und leicht konnte er damit den nicht allzustarken Widerstand -bekämpfen. - -Wie er mit dem Bug seines schwanken Fahrzeugs gegen den Stern des Schooners -anlief, warf ihm Ned ein Tau zu. Rasch befestigte er dieses vorn am -Springfall und kletterte dann ohne weiteres Zögern an Deck. - -»Und die anderen Hallunken,« rief er hier, als er den geretteten Eimer an -Bord warf und mit dem Fuße stampfend nach vorn blickte. - -»Sind beim Essen, Sir,« erwiederte ihm demüthig der Sträfling -- »ich bat -sie, Euerer hier zu warten, aber sie sagten, ich solle zum Teufel gehen -- -Ihr -- Ihr« -- - -»Nun was, Ihr? heraus mit der Sprache, was Ihr?« rief ärgerlich der -Zimmermann -- »weshalb stotterst Du -- was Ihr?« - -»Ja ich kann doch nicht dafür, daß Jene es sagten« -- bat, einen Schritt -zurücktretend, der Sidneyer. -- - -»_Was_ sagten -- Hallunke,« rief aber auch jetzt der Zimmermann, auf das -Aeußerste entrüstet -- »wird dieser Carnarienvogel singen, oder soll ich -ihm die Zunge lösen« -- - -»Ihr fräßt ihnen so Alles weg, wenn Ihr kämt, sagten die Leute« -- -betheuerte Ned und zog sich dabei immer mehr zurück. - -Der Zimmermann, ohne weiter eine Sylbe zu erwiedern, griff mit einem, -zwischen den zusammengebissenen Zähnen halblaut vorgestoßenen Fluch -nach einem kurzen Ende Tau, was dort lag, und schritt rasch auf dem -Starbordgangway entlang, dem Vorcastle zu. Zu gleicher Zeit aber, und -sobald er nur die midschips aufgestapelten Wasserfässer und Nothspieren -erreicht hatte, glitt die niedergebückte Gestalt des Irländers auf dem -Larbordgang nach hinten, und wie sich Ned eben -- denn jetzt war der -Augenblick zum Handeln gekommen -- über die Bulwarks schwang, und in das, -von dem so plötzlich niederdrückenden Gewicht hochaufschaukelnde Canoe -sprang, griff Bill in einer Art Humor eben den Eimer wieder auf, den -der Zimmermann mit so viel Anstrengung zurückgebracht und folgte seinem -Gefährten in demselben Moment, als dieser, um nicht Zeit mit dem Aufknüpfen -zu verlieren, das schwache Tau, das sie noch hielt, durchschnitt und -blitzesschnell von Bord stieß. - -Das Ganze hatte nur wenige Sekunden zu seiner Ausführung gebraucht, und -die Flüchtlinge würden Vorsprung genug gewonnen haben, wenigstens aus jedem -gefährlichen Bereich des Schooners zu kommen, hätten nicht zwei, den beiden -Leuten keineswegs günstige Augen das Ganze mit angesehen. Der Kajütenjunge -erschien in dem nämlichen Augenblick an Deck, als Bill über dem -Rand desselben verschwand, und ohne weiter seine Zeit mit Anrufen zu -verschwenden, die doch, wie er recht gut wußte, ganz nutzlos gewesen wäre, -rannte er spornstreichs nach vorn, und sein Hülferuf machte nur zu schnell -die Mannschaft und besonders den jetzigen Befehlshaber des Fahrzeugs, den -Zimmermann, darauf aufmerksam, was hier eigentlich vorgehe. - -»Teufel!« schrie der alte Seemann, und sprang mit flüchtigen Sätzen dem -Hinterdeck zu -- aber zu spät, denn eben trieb das schlanke Canoe vom -Schooner ab, und Ned, der sich in den Stern desselben geworfen hatte, -ergriff das Ruder, und neigte es freundlich grüßend gegen den Wuth -schäumenden Matrosen. - -»=Good bye=, Sir!« rief er dabei lachend -- »wollen dem Capitän die Hemden -mit hinüber nehmen -- wird sich ungemein darüber freuen -- etwas sehr -angenehmes an solch' heißem Tag, die Wäsche wechseln zu können -- bitte -mich gehorsamst in Sidney zu empfehlen!« - -Der Zimmermann, der mit einem Blick die Lage der Dinge überschaute, war mit -wenigen Sätzen in der Kajüte unten, ergriff die, dort in der Ecke lehnende -und stets geladene Büchse, stieß das kleine, dicht über dem Steuerruder -angebrachte Fenster auf, hielt die Mündung des Gewehres hinaus und donnerte -den Flüchtigen nach: - -»Halt! -- halt, sag' ich, oder ich schieße!« - -»Bücke Dich, Bill!« rief der Sträfling, der in diesem Augenblicke gerade -den Kopf zurückwandte -- »nieder mit Dir!« und zu gleicher Zeit warf -er sich flach auf den Boden des Canoes. Der Ire aber, theils durch die -schaukelnde Bewegung des schwanken Bootes, theils durch die Worte selbst -erschreckt, kehrte sich, da ihm überdies nicht einmal Raum genug blieb, dem -Rath zu folgen, rasch nach dem Drohruf des Zimmermanns um, und vermehrte -dadurch, freilich unbewußt, die Unsicherheit seiner Stellung um ein -Bedeutendes. - -Da zuckte aus dem Kajütenfenster des Kasuar ein scharfer blendender Strahl, -und mit dem Ausruf: »Jesus Maria!« fuhr der Ire zur Seite. Wohl hob sich -auch zu gleicher Zeit der Sträfling, und suchte dadurch, daß er sich auf -den entgegengesetzten Bord warf, das Schifflein im Gleichgewicht zu halten, -der Verwundete schwankte jedoch eben so rasch auch dort hinüber, und das -Canoe, das flach im Boden, wie fast alle diese ausgehauenen Fahrzeuge, -einem solchen Druck nicht widerstehen konnte, entlud im nächsten Moment -seine Last in die hoch über ihr zusammenschlagende Fluth, füllte sich dann, -da der Ire krampfhaft daran festhielt, und sank. - -Vom Bord des Kasuar stieg der Jubelruf des Zimmermanns empor, die -Matrosen aber beobachteten mit schweigendem Entsetzen die Folgen dieses -so unheilvollen Schusses, denn kaum hundert Schritt von dem umgeschlagenen -Canoe entfernt, wurde im nämlichen Augenblick die Haiflosse wieder -sichtbar; deutlich konnten sie dabei erkennen, wie sich das Ungeheuer der -Tiefe mehr und mehr den, jetzt eben wieder emportauchenden Unglücklichen -näherte, und ihr Athem stockte, da sie das Fürchterlichste fast -unvermeidlich sahen, und doch nicht im Stande waren zu helfen. - -Das Canoe selbst konnte übrigens, seiner eigenen Leichtigkeit wegen, -nicht ganz zum Grunde gehen, sondern trieb nur, die Ränder kaum über der -Oberfläche zeigend, langsam in der Strömung hin. Ned, der dicht daneben -wieder auftauchte, versuchte allerdings seinen Arm darunter zu schieben, um -dadurch vielleicht einen Theil des Wassers auszuwerfen, fand aber gar bald, -daß er solcher Arbeit allein nicht gewachsen sei. Rasch sah er sich nach -dem Kameraden um -- da fiel sein Blick über diesen hinweg, auf die nicht -ferne Brandung der Riffe -- großer allmächtiger Gott -- jener dunkle Punkt -auf dem sonnenhellen Meer -- ein wilder, stechender Schmerz durchzuckte -sein Hirn, und unwillkührlich fast maß das Auge die Entfernung zum -Schooner. Es war das aber auch nur ein Moment, denn hätte er selbst in -seine Ketten zurückkehren _wollen_, jetzt _konnte_ er nicht mehr; er -vermochte ja nicht solche Strecke _gegen_ die Strömung anzuschwimmen. - -»Ned,« stöhnte da dicht neben ihm sein Kamerad -- »Ned -- ich bin verwundet --- heiliger Patrick -- der Mann hat mich durch die Schulter geschossen, -- -laß uns -- laß uns das Boot flott machen -- noch habe ich Kräfte, aber ich -fühle, wie ich mit jeder Sekunde schwächer werde.« - -»Wir sind nicht im Stande das Boot auszuschöpfen!« rief Ned rasch und seine -Pulse stockten, als er die Spitze der Flosse gerade auf sie zugewandt sah --- hatte sie der Hai gewittert, so war Einer von ihnen verloren -- »komm -Bill -- wir müssen dem Ufer zuschwimmen -- es ist ein Hai in der Nähe.« - -»Ein Hai?« ächzte der Ire, und es war fast, als ob nicht jene Kugel, -sondern erst dieses Wort ihm den Todesstoß gegeben. Es ist das -Fürchterlichste für das Ohr des Schwimmenden, und seine Wirkung trifft wie -ein lähmender, vernichtender Schlag. »Ein Hai« -- wiederholte er zitternd -und faßte krampfhaft nach dem, unter seinem Gewicht versinkenden Boot, -»heilige Jungfrau, wir sind verloren!« - -Ned zögerte noch einen Augenblick -- sollte er das Canoe verlassen und in -seiner eigenen Kraft die Rettung suchen? -- aber sein Kamerad -- da fiel -sein Blick auf den Unglücklichen, der sich, von dem, wenigstens etwas -Widerstand leistenden Holz gestützt, über die Oberfläche der See erhob und -mit bleichem, stieren Antlitz nach dem nahenden Feind hinüber starrte; zu -gleicher Zeit sah er, wie ein rother, verrätherischer Blutstrom von ihm -ausging und die See schon auf mehrere Schritte im Umkreis färbte. - -Länger bei ihm zu verweilen, wäre sicherer Tod gewesen -- der gierige -Hai, vielleicht schon durch den Schuß, wie durch den Schrei des Opfers -aufmerksam gemacht, kam in kurzen Gängen heran und wurde, sobald er nur -einmal das Blut witterte, zum erbarmungslosen Vernichter. Nicht einmal die -gewöhnliche, und sonst nicht selten mit Vortheil angewandte List, wie das -Schlagen mit Armen und Beinen und Schreien und Plätschern, konnte ihn mehr -zurückschrecken. Ohne also auch nur ein Wort weiter auf den Hülferuf dessen -zu erwiedern, der sich doch eigentlich nur seiner Leitung vertraut hatte, -glitt er, so schnell und geräuschlos als möglich, von ihm fort, und strich -in langen kräftigen Zügen aus, dem Lande zu. Die Schooner-Männer sahen -seine Bewegung, und ihr wilder Schrei der Entrüstung verrieth nur zu -deutlich, daß seine Absicht, wie die Ursache derselben, an Bord deutlich -erkannt sei. - -Dieser Schrei rief aber auch den unglücklichen Iren zu dem ganzen, -fürchterlichen Bewußtsein seiner Lage zurück; ein einziger Blick verrieth -ihm die feige Flucht seines Kameraden, dem er nicht einmal nachrufen -durfte, wenn er nicht den grimmen Feind auf seine Spur bringen wollte. -Verzweiflungsvoll starrte er jetzt nach dem Schooner zurück, und selbst -in dem Gedanken schon drängte er die breite kräftige Brust der Strömung -entgegen, das Unmögliche zu versuchen. -- Umsonst, die Fluth, die dem -Lande zustrebte, führte ihn weiter und weiter zurück, und mit dem warmen, -quellenden Lebensstrom wich auch seine Kraft; die Sehnen, jetzt nur -noch durch Todesangst und Noth in Spannung erhalten, schlafften in der -übernatürlichen Anstrengung. - -Näher und näher kam indessen der Hai -- witterte er wirklich das Blut -seines Opfers in so großer Entfernung? -- noch schien er unschlüssig wohin -er sich wenden solle, denn die Matrosen auf dem Schooner, obgleich der -Arme unter der Zeit weit abwärts getrieben war, und trotz dem, wild dagegen -protestirenden Zimmermann, schrieen und schossen mit Pistolen und Gewehren, -um die Aufmerksamkeit des Unthiers von seinem Opfer abzulenken. Der Hai -beschrieb auch, dadurch vielleicht irre gemacht, mehrere weite Kreise und -strich einmal schon dem matt zu ihm herüber tönenden Lärmen entgegen, so -nahe war er aber zugleich dem gesunkenen Canoe gekommen, daß ihm die von -dort langsam herüber drängenden Ringwellen auch den Blutgeruch mit zuführen -mußten. Plötzlich hielt er mitten in seinem Zug regungslos still -- die -Flosse stand unbeweglich fest, und wieder senkte sich ein Strahl von -Hoffnung in O'Learys Herz, vielleicht nahm der Hai eine andere Richtung -und er selbst trieb indessen dem Lande zu. -- Da hatte der Raubfisch seine -Witterung gespürt -- nach rechts und links kreuzte er hinüber, als ob er -die genaue Lage desselben erst ergründen wolle -- jetzt hielt er wieder, -und regungslos stand er wohl eine halbe Minute still, bis er sich -endlich, wie seines Siegs gewiß, mit solch' entsetzlicher Kraft nach -vorne schnellte, daß die Hälfte seines glatten, blitzenden Körpers in -der hochaufspritzenden Fluth erschien; im nächsten Moment schoß er -pfeilgeschwind der Richtung zu, wo der Unglückliche, immer noch mit der -einen Hand krampfhaft das gesunkene Canoe erfaßt hielt, und zitternd nach -dem Fürchterlichen hinüber starrte. - -Da erkannte er das Nahen des Todesboten, sah, daß jetzt jede menschliche -Hülfe vergebens sei, und von letzter, verzweifelter Angst, fast seiner -Sinne beraubt, wandte er sich zur unmöglichen, trostlosen Flucht. Weit -in die Bai griff er aus, den Kopf scheu dabei nach dem Verfolger zurück -gedreht -- aber seine Kräfte waren erschöpft -- kaum vermochte er noch, -sich über Wasser zu halten, dennoch ließ er nicht nach -- der Kopf sank -ihm, aber die Glieder arbeiteten fort, und nicht einmal mehr der Richtung -bewußt, die er nahm, strebte er jetzt gerade dem Feind entgegen. Das -Ungeheuer der Tiefe schoß herbei -- der weiße, silberglänzende Bauch wurde -sichtbar -- ein Schrei, von dem Todesgurgeln erstickt, rang sich aus der -Brust des Unglücklichen, und wenige Secunden später verrieth nur noch das -vom Blut gefärbte Meer und das Kochen der aufsprudelnden Wasser die Stelle, -wo eben ein Mensch geendet. - -Und der flüchtige Sträfling? sah er noch den Tod seines unglückseligen -Gefährten? -- nein, sein Blick konnte jene Stelle nicht mehr überschauen; -der gellende Nothschrei aber drang bis zu ihm hinüber, und sagte ihm mit -fürchterlicher Schnelle, welcher Gefahr er selber ausgesetzt sei, wenn -andere Hai's, durch den Blutgeruch herbei gelockt, die Bucht durchkreuzten. -In wilder Verzweiflung strebte er jetzt dem Lande zu, das sich, nur noch -kurze Strecke entfernt, vor ihm ausbreitete -- er wandte auch den Kopf -nicht mehr zurück; mehr noch fast, als das gefräßige Unthier des Oceans -selbst, fürchtete er die lähmende Angst, die ihn bei dessen bloßem Anblick -ergreifen und vernichten mußte, denn nur in Schnelle und Ausdauer lag noch -seine Rettung. Er schwamm um sein Leben, und als er endlich die schwache -Brandung erreichte, als ihn die Wogen faßten und hoben und hinüber trugen -auf den rettenden Sand, da vergingen ihm die Sinne, er hatte nicht -einmal mehr Kraft genug behalten, sich hinauf, dem höher liegenden Ufer -zuzuschleppen, und fühlte nur noch, wie ihn hülfreiche Arme erfaßten, -aufhoben und forttrugen. Er wollte schreien, doch die Stimme versagte -ihm, er wollte die Augen aufschlagen, aber er vermochte es nicht mehr, -ein toller Schwindel bemächtigte sich seiner Sinne, und ohnmächtig und -bewußtlos brach er zusammen. - -Wie lange er so gelegen, wußte er nicht; als er aber nach wildem, -wunderlichen Traum die Blicke aufschlug, und zu den wehenden, grünen -Wipfeln schattiger Bäume emporschaute, da sah er auch, wie er von -Eingeborenen umgeben war, und ein hoher, stattlicher Insulaner, mit einem -langen, sonderbaren Stab in der Hand und ein paar Falkenflügeln an beiden -Seiten des Kopfes, stand vor ihm, und starrte ihm fest und finster ins -Angesicht. Einzelne der Wilden begannen jetzt, als sie nun sahen, daß er -wieder zu sich kam, ihn mit Fragen zu überhäufen, Ned verstand aber ihre -Sprache nicht, und blickte nur scheu von Einem zum Andern, bis der Mann mit -den Raubvogelflügeln, und wahrscheinlich auch der Führer der Schaar, ihn in -gutem, flüssigen Englisch anredete, und zu wissen verlangte, was er hier -an dieser Küste, suche. Auf diese Frage war aber der Sträfling schon -vorbereitet, denn natürlich konnte er denken, daß er unter Eingeborene -gerathen müsse, wenn er, der Küste folgend, die erste europäische -Ansiedelung aufsuchen wollte; er hatte denn auch eine ziemlich glaubwürdige -Erzählung bereit, und sagte, er wäre auf jenes, dort vor Anker liegende -englische Fahrzeug gepreßt und unmenschlich behandelt worden, und hätte -sich, ehe er ein solches Schicksal länger ertrüge, lieber mit der Gefahr, -von Haifischen gefressen zu werden, zu den Eingeborenen dieser Insel -geflüchtet. - -»Ist die gelbe Jacke die Matrosentracht der englischen Fahrzeuge?« frug der -Häuptling ruhig, als jener sein Märchen beendet hatte. - -»Die gelbe Jacke?« wiederholte der Sträfling, und blickte überrascht und -etwas außer Fassung gebracht zu ihm auf, dieser aber schien das nicht zu -bemerken und fuhr nur fort, während er sich halb von ihm abwandte, und nach -der Waldspitze deutete, wo der Ta-po-kaï mündete: - -»Wem gehört jenes Boot, und wo sind die Männer die es hierher gerudert?« -- - -Ned zögerte mit der Antwort -- er dachte an den Schatz und wußte nicht, -ob er durch eine Enthüllung alles dessen, was ihm bekannt, des Häuptlings -Vertrauen erwecken, oder selber suchen solle, den Schatz an sich zu -bringen. Wie das aber? als er seinen Plan zuerst gemacht, hatte er auf des -Iren Hülfe gerechnet, jetzt stand er allein -- wäre es ihm möglich gewesen, -unbewaffnet auch nur das Mindeste gegen drei starke Männer zu unternehmen? -Nein, vielleicht half ihm aber die Entdeckung desselben zu der Freundschaft -des Indianers, und ohne dessen kalt und ruhig auf ihm haftenden Blick -zu begegnen, versprach er eine für diesen höchst wichtige und nützliche -Enthüllung machen zu wollen, die ihm reiche Beute brächte, wenn ihm sein -eignes Leben dabei gesichert würde. - -Der Insulaner sagte ihm das zu, und der Sträfling, dadurch kühner gemacht, -forderte nun auch noch, in seinen Stamm aufgenommen, und von diesem selbst -gegen die Verfolgung der Weißen geschützt zu werden. Das aber wies der -Häuptling unwillig von sich. - -»Ich sicherte Dir Dein Leben!« rief er finster »und brauchte selbst das -nicht zu thun. Liebe zu uns hat Dich nicht hergeführt, und Deine Hülfe -brauch' ich kaum, denn seit jene Dreie gelandet, folgen ihnen meine Späher, -und ihr Boot ist in meiner Gewalt; doch bist Du wahr gegen mich, so sei ein -Theil der Beute Dein -- thue dann damit, was Du willst. Die Gier der Weißen -geht nach Gold -- das mag Dir genügen.« - -Freudig ging der Sträfling in diesen Vorschlag ein, den er gar nicht zu -machen gewagt, da er kaum geglaubt hatte, daß die Wilden je wieder ein -erbeutetes Gut herausgeben würden. Er erzählte nun aber auch Alles, was er -erlauscht; daß der Eine der Weißen -- die Pest über ihn, er hatte ihn stets -wie einen Hund behandelt -- als Indianer verkleidet, das Gesicht aber mit -einer Matte verhangen, das Ufer betreten habe und eine Landverschreibung -mit sich führe, die seiner Aussage nach Heki selbst unterzeichnet hätte. - -Der Häuptling, der im Anfang kaum den Worten gelauscht, horchte hoch auf, -und schien dem Erzählenden das Wort von den Lippen zu stehlen, mit keiner -Sylbe unterbrach er ihn aber, und erst nachdem Ned Alles das, was er an -Bord erhorcht, gebeichtet, that er ihm einige Fragen nach der Gestalt, dem -Aussehen, den Augen, Zügen und dem ganzen Wesen jenes Mannes, der unter dem -falschen Schutz ihres heiligsten Gesetzes dieses Ufer betreten habe. Ned -gab das so gut er konnte, und der Neuseeländer nickte dabei ingrimmig -lächelnd mit dem Kopf. Endlich zog er sich eine Zeitlang zu den Seinen -zurück, und der Sträfling konnte jetzt nur nach den wilden lebendigen -Gestikulationen, mit denen sie die, ihm fremden Worte begleiteten, -schließen, daß es ein reges Interesse sei, was die düstern Gestalten jetzt -bewegte und ihren Augen ein soviel wilderes, unheimlicheres Feuer verlieh. - -Niemand kümmerte sich mehr um ihn, stundenlang lagerten die Krieger in dem -kühlen Waldesschatten, und die Sonne hatte schon geraume Zeit den Zenith -überschritten, während weiße, wehende Nebelstreifen am südlichen Horizont -heraufstiegen, und ihre milchigen Strahlen weit hin über das Firmament -schossen, als plötzlich die Büsche raschelten und ein einzelner Krieger, -das dunkle, tättowirte Gesicht von einigen, kaum geheilten Narben -fürchterlich entstellt, aus dem Dickicht sprang, an dessen äußerstem Rande -sie lagerten. _Was_ er berichtete, konnte Ned nicht verstehen, doch -mußte seine Mittheilung von Wichtigkeit sein. Auf jeden Fall war sie lang -erwartet, denn von mehren Seiten kehrten jetzt augenscheinlich früher -ausgestellte Posten zurück, und die Schaar, die aus etwa fünfzehn Männern -bestand, theilte sich in zwei ziemlich gleiche Haufen. - -Der Eine von diesen zerstreute sich in den benachbarten Büschen, der Andere -aber schlich langsam am Waldrand hin, der Mündung des Ta-po-kaï zu. Der -Sträfling blieb unter der Aufsicht zweier Krieger und mußte der letzten -Schaar folgen, doch schien man nichts von ihm zu fürchten, oder keine -weiteren Vorsichtsmaßregeln für nöthig zu halten, denn er durfte frei -neben seinen Begleitern hergehen, deren ganzes Aeußere ihn aber dennoch -überzeugte, daß Flucht, wenn er daran wirklich noch gedacht hätte, hier -ganz hoffnungslos gewesen wäre. Rasch schritt er denn auch an ihrer -Seite fort, und wie der letzte in den laubigen, dunkelschattigen Büschen -verschwunden war, lag der Platz wieder so einsam ruhig da, als ob ihn noch -nie ein menschlicher Fuß betreten oder menschliche Leidenschaft seinen -heiligen Frieden gestört habe. - - * * * * * - -Still und heimlich rauschten die hohen, majestätischen Wipfel des düsteren -Urwalds, und flochten ihre riesigen Arme fest, fest in einander, daß die -sengenden Strahlen der Sonne nicht Eingang fänden in ihr heiliges Dunkel, -und die zarten Kinder ihrer Sorgfalt, die jungen saftigen Palmen und die -wuchernden, blumigen Moose nicht erreichen und welken könnten. Es war -Mittagszeit -- heimlich drückten sich die munteren Waldvögel in den kühlen, -duftigen Schatten der Sträuche, und die schillernde Eidechse nur glitt -geräuschlos an Stämmen und Zweigen hin, und schaukelte sich an schwanken -Ruthen oder haschte auch nach vorbeifliegenden Insekten und Käfern. - -Still und heimlich rauschten aber auch die hohen, majestätischen Wipfel um -eine einzige, kleine Lichtung, die an der sanften, grasigen Abdachung eines -niederen Hügels lag, und jetzt nur von astigen Fruchtbäumen und einzelnen, -früher vielleicht gepflegten Palmen beschattet wurde. Es war ein -neuseeländischer _Pah_, die Wohnung, aber auch zugleich das Fort Eines -der Eingeborenen, ganz nach Art der, über die Insel zerstreuten -Befestigungswerke mit starken spitzen Pallisaden umgeben, und im Innern -durch niedere Fenzen wiederum in einzelne, jedoch mit einander in -Verbindung stehende Höfe abgetheilt. Inmitten desselben lag das flache, -breitausgedehnte, niedere Wohnhaus, mit phantastisch geschnitzten -Holzsäulen und kühler, luftiger Veranda. Schmale Bänke zogen sich im Innern -dicht an den Wänden des Hauses hin, und zwischen zwei der Säulen hing, -regungslos und leer, eine einzelne, von den Fasern des neuseeländischen -Flachses gewebte Hängematte. Aber kein lebendes Wesen ließ sich sehen -- -Alles schien ausgestorben und öde, ja die Nebengebäude, großentheils nur -Schuppen und Ställe, standen offen und leer, das Kochhaus, das sich früher -dicht an das Wohnhaus geschmiegt, war auf der rechten Seite niedergebrochen -und verfallen, die Hängematte hing in Streifen nieder, am Dach fehlten -ganze Stücke; die Umzäumungen lagen theils niedergeworfen, theils von -Moosen überwachsen; kein Hausthier belebte den Hof, und nur ein Habicht, -der vielleicht in der Nähe horstete und hier, in den stillen, öden Gebäuden -nach Nahrung gesucht, stieg jetzt kreisend empor, stand mit schnellem, -kräftigem Flügelschlag wohl eine Minute lang still über dem, für ihn zur -Heimath gewordenen Platz, und strich dann, den schönen Kopf noch immer -zurückgebogen, langsam dem Meeresufer zu. - -Er hatte seinen Feind, den Menschen, gewittert, und kaum verschwand er -auch hinter den hohen, laubigen Bäumen, als eine wilde Gestalt die niederen -Büsche theilte, die sich dicht an die halbniedergebrochenen Pallisaden -anschmiegten, ja sogar einen Theil derselben schon mit ihren -weitausgreifenden Schmarotzerpflanzen wie mit einem blumendurchwebten -Laubnetz überzogen. - -Es war Dumfry der, das Gesicht wieder dicht mit der Matte verhüllt, die -Büchse fest und im Anschlag in der Hand, die Lichtung betrat und ernst -und schweigend den Schauplatz früherer Zeiten überschaute, der -- _seine_ -Wohnung getragen. Und wo hinaus hatte das Schicksal die gestreut, die -früher die Waldeseinsamkeit mit ihm getheilt? wo weilten die Lieben, die -auch eine Wildniß im Stande sind zum Paradies zu wandeln -- welcher Boden -war es, der ihre Fährten trug und ihnen Nahrung gab? Oder hatte Dumfry -freundlos und allein hier gelebt? wurde kein Auge naß, als er seine neue -Heimath verließ, harrte kein hoffender Blick mit freudiger Zuversicht -seiner Wiederkehr? -- Niemand wußte es -- sein Mund schwieg über die -Vergangenheit, und wer ihm später in Sidney befreundet gewesen, vermied -es gern, auch nur die Erinnerung an frühere Zeit in ihm zu erwecken, denn -finstere Geister waren es, die dadurch heraufbeschworen wurden. - -Welche Gefühle mußten da aber jetzt sein Herz bestürmen, als er Alles das -wieder vor sich sah, was in lebendiger Frische das Andenken an vergangene, -und wohl kaum vergessene Stunden erneute -- was die kaum vernarbten Wunden -wieder aufriß und sein Auge fest und stier an jene Stelle fesselte, wo -er -- - -»Gift und Tod!« murmelte er durch die fest zusammengebissenen Zähne vor -sich hin, und stampfte unwillig und in ausbrechendem Grimme den Boden -- -»was kümmert's mich, wenn sie den Platz meiden und ihr wahnsinniges Gesetz -den Ort selbst öde legt und verlassen. Um so besser -- desto sicherer bin -ich und desto unbewachter.« - -Rasch glitt er in das Dickicht zurück, wo die Gefährten seiner harrten und -ein Zeichen bedeutete sie ihm zu folgen, wohin er sie führen würde. Ihr -Pfad, der bis jetzt durch die wildeste und rauhste Waldung geführt, wurde -aber jetzt ebener; eine Art ausgehauener Weg, wenn auch allem Anschein nach -lange nicht begangen, zog sich, wie Tomson glaubte, in ziemlich paralleler -Richtung mit der See fort, und die Hügel hatten sie ebenfalls verlassen, -oder hielten sich wenigstens nur noch am Fuß derselben hin, wo sie zweimal -kleine, sprudelnde Bäche überschritten, und plötzlich auf einer sanften -Abdachung des hohen Landes einen kleinen, vielleicht zwanzig Fuß steil -emporsteigenden Erdaufwurf erreichten, dessen Gipfel ein eigenes, -wunderliches Denkmal zierte. - -Die Hälfte eines quer durchschnittenen Canoes stand dort wie ein -Schilderhaus aufgerichtet; die beiden Seiten desselben waren mit weißen, -schwarzen und grellrothen Farben bunt bemalt, und den oberen Theil -schmückten hohe, wehende Federn, wie sie wohl sonst das Haupt des Kriegers -und Jägers als stolzen Kopfputz zieren. Besonders prangten einzelne hohe, -weiße Federn des Albatroß, die den Mittelpunkt des Busches bildeten, und -eine bunt gefärbte Matte hing von oben herab und verdeckte den inneren -Theil dieses eigenthümlichen Zierraths. - -Die Fremden konnten, als sie den offenen Platz erreichten, das eben -beschriebene Bauwerk leicht übersehen, desto schwieriger aber schien es -hinaufzugelangen, denn hohe und fest eingerammelte spitze Pallisaden, auch -keineswegs verfallen, wie die, der früheren Wohnung, sondern allem Anschein -nach in gutem und trefflichem Stand erhalten, umgaben den Erdhügel. -Der innere Raum zwischen diesem und seiner Verschanzung war von üppiger -Vegetation dicht überwuchert, und es ließ sich unmöglich unterscheiden, ob -der von Bäumen allerdings leere Platz früher bebaut, oder nur von dem hohen -Holz befreit worden sei, um jenes Gestell auf dem Gipfel desto freier und -besser herauszuheben. - -Die Männer hatten, bis dahin noch von einer kleinen Gruppe palmenartiger -Farrenbäume verdeckt, den stillen wunderlichen Ort in lautlosem Schweigen -eine Zeitlang beobachtet, endlich flüsterte Van Broon, dem es hier unter -den hohen Bäumen und vor dem einzeln dastehenden, indianischen Bau, der wie -eine Schildwache das Herz der Waldung zu bewachen schien, anfing unheimlich -zu werden: - -»Ist dies denn nun endlich der Ort, zu dem wir jetzt, Gott weiß, wie viele -Meilen durch Dornen und Schlingpflanzen gerannt sind, als ob uns der böse -Feind auf den Hacken säße?« - -Dumfry nickte, noch immer ohne ein Wort zu erwiedern, einfach mit dem Kopf. - -»Der Eingang wird wohl an der andern Seite sein,« meinte Tomson, und -richtete sich auf den Zehen empor, um soviel Raum als möglich übersehen zu -können. - -»Gentlemen!« wandte sich jetzt Dumfry plötzlich und mit leiser, -unterdrückter Stimme, aber mit freudig blitzenden Augen, an seine Begleiter --- »die Zeit unseres Handelns ist gekommen, wir haben den lang erstrebten -Platz erreicht, aber all die Gefahren, die ich gefürchtet, ja fest -erwartet, sind ausgeblieben. Die Gegend ist menschenleer, die Entfernung -zum Meer, ja zu der Stelle, wo unser Boot verborgen liegt, beträgt von hier -aus kaum tausend Schritt -- dort, wo jener helle Fleck die Waldung lichtet, -mündet der Bach, in dessen heimlichen Schatten wir eingelaufen. In einer -halben Stunde können wir unten sein, und unsere Ruder tragen uns dann rasch -dem sicheren Fahrzeug entgegen.« - -»Warum gehen wir denn aber nicht an die Arbeit?« frug Van Broon ungeduldig; -»zum Henker noch einmal, mir wird's nicht behaglich zu Muthe, so lange ich -diesen cannibalischen Boden unter mir fühle; es ist mir immer, als ob uns -die Bäume ordentlich so mit einer Art von Gier und Gefräßigkeit ansähen, -und mit dem größten Vergnügen das Holz dazu hergeben würden, uns zu braten. -Wo hat denn dieses Monument, oder was es sonst sein mag, seinen Eingang?« - -»Nirgends,« erwiederte ihm Dumfry, aber immer noch mit vorsichtiger Stimme --- »es ist ringsherum auf solche Art umgeben -- Manawatus Begräbnißplatz -liegt unter dem geheiligten Gesetz des Tabu, nur wenn Einer aus seinem -Geschlecht wieder stirbt, erlischt das Verbot. Nach der bestimmten Zeit und -der Feier der Tangi[15] bringen die »weisen Männer« die Gebeine hierher und -wiederum verschließt das Gesetz den Eingang Jedermann.« - - [15]: Bei dem Tod eines Häuptlings oder eines sonst angesehenen - Indianers entsteht ein großes Wehklagen, das die Neuseeländer _Tangi_ - nennen. Die Frauen zerschneiden sich Arme, Gesicht und Brust mit - scharfen Muscheln, und die Kleider und das Eigenthum des Verstorbenen - wird dann gewöhnlich in das Grab desselben gelegt -- in den sogenannten - _wahi tapu_, und muß dort mit ihm verwesen. - -»Wie kommen wir aber hinüber?« brummte Van Broon -- »wir wollen wohl hier -warten, bis Jemand kommt, um nachher die ganze Bevölkerung bei der Hand zu -haben. Gebt dem Volk nur einen Vorwand, und wir stecken noch heute Abend -Alle mit einander am schönsten Bratspieß, den sie auftreiben können.« - -Dumfry wandte sich von ihm ab, glitt eine kurze Strecke rasch zwischen, ja -fast unter den hohen Farrenkräutern hin, die das Stacket dicht umschlossen, -prüfte einige der Pallisaden mit der Hand, und kam auch bald an eine, die -weniger fest in der Erde stack als die übrigen. In diese schlug er mit -aller ihm zu Gebote stehenden Kraft, indem er sich mit dem Rücken an die -nächsten dicht daneben stellte, seinen Tomahawk, daß der Stiel nach -oben kam. Der scharfe Stahl fuhr in das, durch die Jahre ziemlich weich -gewordene Holz bis ans Heft hinein, und er gewann dadurch eine Handhabe, -den sonst nicht gut erreichbaren Stamm anzufassen, und aus seinem Bett zu -heben. Nach einigen, vergeblichen Versuchen gelang ihm dieß auch endlich, -was einen schmalen Eingang in das Innere herstellte. - -Van Broon, obgleich er die Größe der Gefahr, der sie hier ausgesetzt waren, -gar nicht kannte, ja nicht einmal ahnte, er wäre sonst wahrlich nicht so -geduldig dabei stehen geblieben, fühlte doch eine gewisse, ihm selbst kaum -erklärliche Angst, als er die Vorsicht und unverkennbare Scheu des sonst so -kecken, trotzigen Mannes sah. Dumfry, der ihnen winkte, dort zu bleiben, -wo sie gerade standen, kroch nämlich rasch und vorsichtig in das tollste -Gewirr des hier dicht verschlungenen Oberholzes, und kein Laut wurde weiter -von ihm gehört, kein Zeichen gab er, bis plötzlich seine Gestalt, aber -weiter unterhalb, wieder auftauchte. Er trug jetzt das zusammengeheftete -Fell irgend eines ihnen unbekannten Thieres im Arme und lief mehr als er -ging, dem engen Ausgange der Pallisaden zu, durch die er sich mit fast -ängstlicher Hast ins Freie drängte. Kaum hatte er jedoch den inneren Raum -verlassen, so legte er schnell seinen Pack auf den Boden nieder, stieß die -früher herausgehobenen Pallisaden an ihren Ort zurück, und schien jetzt -erst jedes Gefühl, was ihm bis dahin vielleicht Herz und Seele beengt haben -mochte, stark und freudig von sich abzuschütteln. - -Hochauf athmete er, aus tiefer, voller Brust, und ein triumphirendes, fast -höhnisches Lächeln zuckte um seine Lippen. - -»Nun fort,« rief er, und hob seine Last rasch wieder vom Boden auf, »fort, -in wenigen Minuten sind wir am Ufer, dann zu Schiff und einem frohen, -freudigen Leben entgegen!« - -»Und ist das Alles?«, frug Tomson erstaunt, »Alles was wir zu thun haben? -Darum die entsetzlichen Vorbereitungen und Zurüstungen?« - -»Kommt! an Bord unseres guten Kasuar sollt Ihr Alles erfahren, nur jetzt -von diesem Boden fort, der mir unter den Füßen zu brennen anfängt.« - -Und ohne weiter auch nur eine Antwort abzuwarten, warf er einen flüchtigen -Blick zu der jetzt von dem gestiegenen Nebel fast umdüsterten Sonne -empor, die den Schleier mit ihrem rothen Gluthenlicht kaum zu durchdringen -vermochte, und eilte so flüchtigen Schrittes rechts in das Dickicht -hinein, daß ihm seine beiden Begleiter kaum zu folgen vermochten. Wohl eine -Viertelstunde behielten sie diese Richtung bei, und jetzt zwar fortwährend -thalab, die Hügel hinter sich lassend. Die Lichtung, auf die sie Dumfry -schon am Begräbnißplatz aufmerksam gemacht, trat denn auch immer deutlicher -und heller hervor, und einer kleinen, schmalen Anhöhe folgend, die als -Scheide zweier Bäche dem Ufer entgegenlief, erreichten sie dieses, kaum -zweihundert Schritte von der nämlichen Stelle, wo sie es betreten hatten, -doch mehr seitwärts von der Mündung des Baches, und an einer von Holz fast -freien, sandigen Fläche, die sich zwischen da, wo sie sich jetzt befanden -und dem Ta-po-kaï ausdehnte. - -Dumfry überflog mit prüfenden Blicken das Terrain, nirgends aber ließ sich -auch nur das mindeste Außergewöhnliche oder gar Gefährliche entdecken; kein -lebendes Wesen war zu sehen, nur ein paar Albatrosse strichen mit langsam -bedächtigen Flügelschlägen über die Bai, und dort hinten -- gerade vor dem -hellglänzenden, weißen Streifen, der den Eingang der Bucht wie mit einem -schimmernden Zirkel umgab, lag still und regungslos, die schneeigen Segel -fest gegen die Masten geschlagen, der Kasuar, wie ein müder Seevogel, der -nach langer, mühseliger Fahrt den Kopf unter die Flügel steckt, und sich -schaukeln läßt von den krystallhellen, leise schwellenden Wogen -- seiner -Wiege und Heimath. - -»Bei Gott!« brach da Tomson das Schweigen, und schaute ängstlich nach dem -südlichen Horizont hinüber, den er erst von hier aus recht überblicken -konnte -- »es wird Zeit, daß wir an Bord kommen -- Dumfry, dort hinten -steigt ein Wetter herauf, und, wenn uns das hier noch in der Nähe jener -Riffe erwischt, so können wir uns auf das Schlimmste gefaßt machen. Es wäre -ein Spaß, wenn wir nachher wieder an die Küste geworfen würden.« - -»Sollten jene weißgrauen Streifen Böses deuten?« frug der Verkleidete, und -schien sie scheu und finster zu betrachten -- - -»Gutes auf keinen Fall,« brummte der Seemann, »will's wünschen, daß wir mit -'nem blauen Auge davonkommen.« - -»Gentlemen beabsichtigen vielleicht, hier am Waldrand heute Abend Thee zu -trinken,« unterbrach sie aber hier der ungeduldig werdende Holländer -- -»zum Henker auch, sollen wir etwa hier stehen bleiben, _bis_ das Alles -eintrifft, was Sie beide jetzt befürchten? -- Wo liegt unser Boot?« - -»Gerade dort drüben in jener Waldecke,« erwiederte ihm Dumfry -- »aber Sie -haben recht, ein Ueberlegen könnte hier ohnedieß nichts frommen, _jetzt_ -müssen wir durch -- kommen Sie« -- und wiederum zog er die Matte über sein -Gesicht, die er, seit sie den Begräbnißplatz verlassen, fast fortwährend -zurück geworfen getragen hatte, und schritt den beiden Freunden rasch -voran, zuerst in die niedere Sandfläche hinab, die in Zeit der Fluth von -den Wogen bedeckt wurde, und dann einen grasigen Anwuchs wieder hinauf, -der sich der Waldspitze zuzog und überhaupt den ganzen, bewachsenen -Küstenstrich mit einem hellgrünen freundlichen Kranz umgürtete. - -Je weiter sie aber jetzt den Wald hinter sich ließen, desto freieren -Ueberblick gewannen sie über den, mit jedem Augenblick drohender werdenden -Himmel, und Tomson blieb, als sie etwa die Mitte der Sandfläche erreicht, -stehen, um das Aussehen der Wolken besser beobachten zu können. Da fiel -sein Auge, vielleicht durch einen sich dort regenden Gegenstand hingezogen, -auf den hellgrünen Rand des Waldes, und ein Ausruf der Ueberraschung -entfuhr fast unwillkürlich seinen Lippen, als er gerade da, wo sie eben die -Holzung verlassen, mehre in bunte Matten gekleidete Indianer erblickte, -die eben den Baumschatten verließen, und langsam ihren Fährten zu folgen -schienen. - -Dumfry und Van Broon drehten sich rasch nach ihm um, die dunklen Gestalten -traten aber zu deutlich aus dem lichten Hintergrund hervor, als daß es noch -einer Erklärung bedurft hätte. Van Broon wollte sich denn auch, sowie -sein Blick nur auf den Federschmuck der Krieger fiel, ohne weiteres davon -machen, Dumfry aber erfaßte seinen Arm und flüsterte ihm schnell und heftig -zu: - -»Halt, Sir, keine Uebereilung -- wenige hundert Schritt von hier entfernt -liegt unser Boot, fliehen wir jetzt, so erregen wir Verdacht, gehen wir -aber ruhig fort, bis wir nur erst die Büsche zwischen uns und jenen haben, -so gewinnen wir entweder hinlänglichen Vorsprung uns einzuschiffen, oder --- wir haben Feuergewehre genug, jene kleine Schaar unschädlich zu machen. -Langsam, Gentlemen, langsam sehen Sie, dort vorne -- ha!« schrie er und riß -sein Gewehr entsetzt empor, denn auch vor ihnen, gerade dort, wohin ihr Weg -gerichtet war, und wohin er deutete, theilten sich die Büsche, und -sieben oder acht braune, trotzige Gestalten, mit Büchsen und Streitkolben -bewaffnet, ja Einzelne sogar mit der, ihm nur zu gut bekannten, -langhaarigen Kriegsmatte bekleidet, traten ihnen entgegen, und hielten -somit genau den Pfad besetzt, der sie allein zu ihrem Boote führen konnte. - -Van Broon stieß einen Schrei des Entsetzens aus, Tomson aber, der schon -aus dem Benehmen Dumfry's ersehen hatte, daß ihnen in der That mehr Gefahr -drohe, als dieser eigentlich gestehen wollte, griff nach seinen Pistolen, -untersuchte, ob die Zündhütchen noch festsäßen, rückte den Griff seines -Cutlaß ein klein wenig mehr nach vorn, und schien dann ruhig den Erfolg -abwarten zu wollen. Dumfry selbst war wohl ebenfalls nur durch die erste -Ueberraschung außer Fassung gebracht, denn auf ein Zusammentreffen -mit Indianern hatte er sich ja schon durch seine angenommene Tracht -vorbereitet; fester nur zog er die Matte über sein Gesicht nieder, -flüsterte seinen beiden Begleitern leise Muth zu, und schritt dann, die -Richtung ein klein wenig verändernd, der äußersten Waldspitze zu, um, wenn -die Indianer ihre Jölle etwa noch nicht gefunden hätten, wenigstens nicht -selbst zu voreilig deren Lage zu verrathen. Hatte er aber zugleich gehofft, -von den Eingeborenen unbeachtet zu bleiben, so sah er sich darin jedenfalls -getäuscht, denn diese wandten sich, sobald sie seinen veränderten Curs -bemerkten, ebenfalls langsam der Waldspitze zu, und Dumfry, der nun wohl -fand, daß er nicht im Stande sein würde, ihnen auszuweichen, suchte jetzt -nur so unerschrocken als möglich aufzutreten. Hielten ihn die Neuseeländer, -was auch von vornherein seine Absicht gewesen, für einen, unter dem Tabu -stehenden Führer der Weißen, so hatten sie nichts zu fürchten, denn -noch waren diese uncivilisirten Stämme zu wenig mit Weißen in Berührung -gekommen, die Pflicht der Gastfreundschaft gegen Fremde ganz vergessen zu -haben. - -Rasch näherten sie sich den Insulanern, die nun ihrerseits die drei Fremden -ruhig erwarteten; Dumfry aber, so keck und zuversichtlich er früher gewesen -schien, schrack doch, als er nahe genug kam, die Züge des Häuptlings zu -erkennen, augenscheinlich zurück und sprach, anstatt die erste Begrüßung -diesen Herrn des Bodens zu geben, kein einziges Wort. Die Wilden -ihrerseits, die, hier noch dazu in der Mehrzahl, eine solche Artigkeit wohl -erwarten zu können glaubten, schwiegen ebenfalls und Tomson, durch Dumfry's -Betragen zuerst überrascht, trat endlich vor, streckte dem, den er für -den Häuptling hielt, die Hand entgegen und sagte mit seinem offenen und -ehrlichen Ton: - -»Gott zum Gruß, Gentlemen, ich weiß freilich nicht, ob Sie englisch -verstehen, thut aber auch nichts -- werden schon wissen --« - -»Sei der Gruß so treu gemeint, wie er klingt!« erwiederte, zu des Seemanns -unbegrenztem Erstaunen, der Wilde nicht allein in ziemlich reinem Englisch, -sondern auch noch sogar mit einem leichten Anflug irischen Dialekts, und -ergriff dabei die dargebotene Rechte. - -Es war eine hohe, stattliche Figur dieser Häuptling der neuseeländischen -Krieger -- sein braunes, von funkelnden, sprechenden Augen belebtes Antlitz -durchzogen die regelmäßig, ja fast zierlichen Linien, die des Tättowirers -Hand darauf zurückgelassen; sein Haupt schmückten rechts und links die -mächtigen Flügel eines schwarzen Falken, und die rauhe Kriegsmatte hing ihm -weit nach vorn über die linke Schulter und den Rücken hinab, daß nur -der rechte, nackte Arm frei und unbehindert blieb. Einzelne weiße -Albatroßfedern trug er in den Ohren, um den Nacken aber das Amulet seines -Stammes, den grünen Teiki[16] mit seinen rothen, glänzenden Augen. Das Haar -hing ihm, wie das auch theilweise auf den Inseln Sitte ist, lang und -glatt über den Nacken herab, und seine Füße waren -- ein nicht seltener -Tauschartikel nordamerikanischer Wallfischfänger -- mit buntgestickten -Moccasins bedeckt, die vielleicht eine junge Squaw,[17] weit in den fernen -Prairieen Amerikas gearbeitet, ohne daran zu denken, daß sie die Füße eines -tausende von Meilen entfernten Kriegers schmücken sollten. - - [16]: Die Neuseeländer lieben, wie fast alle wilde Nationen, den Putz, - und schmücken besonders gern Kopf und Ohren, wie ihre Waffen, Häuser - und Begräbnißplätze mit bunten, wehenden Federn; der kostbarste - geachtetste Zierrath aber ist eine kleine, eigenthümliche Figur, Teiki - genannt, die einen wunderlich gestalteten Mann mit großen rothen - Augen vorstellt. Dieser Schmuck wird aus einem besondern grünen Stein - geschnitten, und für einen Amulet, daher auch für ungemein werthvoll - gehalten, und selten trennt sich ein Eingeborner von solchem - Heiligthum, das als Erbstück gewöhnlich in den Familien bleibt. - - [17]: Nordamerikanische Indianerin. - -Seine Begleiter waren sämmtlich mit Feuergewehren bewaffnet, er selbst aber -trug nur an seinem Handgelenk den Mirei, und zwar aus einem einzigen Stück -eben des kostbaren, grünen Steines geschnitten, aus dem auch das, an -seinem Nacken hängende Amulet bestand, während er in der Rechten den -Häuptlingsstab[18] hielt, der mit seinem wunderlich geschnitzten Kopf, den -rothen Papageifedern und Büscheln von Hundehaaren von weitem einer jener -alten Hellebarden glich, aber keineswegs als Waffe bestimmt schien, sondern -nur die Autorität des Führers bezeichnen sollte. - - [18]: Dieser Stab, von den Neuseeländern I Henei genannt, ist ein - eigenthümliches, fast scepterartiges Emblem der Häuptlinge. Er besteht - aus hartem Holz, und trägt als Knopf ein grotesk geschnitztes Gesicht - mit ausgestreckter Zunge -- was den Trotz gegen die Feinde bedeuten - soll -- die Augen sind aus kleinen Stücken Perlmutter hergestellt, und - rothe Papageienfedern und Büschel von Hundehaaren umwehen ihn. Dieser - Stab wird sowohl im Krieg als am Berathungsfeuer geführt, und zwar - jedesmal dem Häuptling übergeben, der gerade das Wort führt. Er behält - ihn dann hoch in der Hand und läuft damit vor den ihm aufmerksam - Zuhörenden, im Eifer seiner lebendig ausgestoßenen Worte, auf und ab. - -Während er dem Europäer die rechte Hand reichte, ließ er diesen Stab gegen -seine Schulter fallen, und nahm ihn erst wieder auf, als er einen Schritt -zurücktrat, und seine Augen jetzt fest auf den angeblichen Indianer -geheftet hielt, der jedoch, seinen Kopf ebenfalls erhoben, die Büchse, -wie nachlässig, in der Biegung des linken Armes, doch zum augenblicklichen -Dienst bereit, trug, und nur einmal leise das Haupt wandte, um zu sehen, -ob sich die übrigen Indianer ebenfalls zu ihnen gesellt hätten. Diese waren -kaum noch hundert Schritte zurück, und einige von ihnen zogen sich langsam -nach dem Meeresufer hinab. Die Weißen wurden auf diese Art von den dunklen, -drohenden Gestalten rings umzingelt, und durften an Flucht nicht mehr -denken; es galt jetzt nur noch, das Spiel, was sie begonnen, fest und ernst -zu Ende zu führen. - -Da brach der neuseeländische Häuptling zuerst das Schweigen, er stützte -sich auf den Henei, den er in der Hand hielt, und sagte, während er die -Blicke fest auf den falschen Indianer heftete, in der Sprache der Maories: - -»Deine Hand ist bewaffnet, aber Dein Antlitz verhüllt, -- braucht das -Haupt, das der Tabu beschützt, die feindliche Wehr? fürchtet mein Bruder, -daß ein Maori die Keule gegen ihn zücken werde? oder kennt er die Gesetze -des Landes nicht? -- Ein _Maori_ ist sicher!« - -»Wohl kenn' ich die heiligen Gesetze« erwiederte der Verkleidete, und die -Stimme drang unter der vorhängenden Matte dumpf hervor -- »ich habe Nichts -zu fürchten, und nur als Begleiter dieser Weißen trage ich die Waffe -- -kein Freundesblut klebt an meiner Hand, und daheim in meinem Pah stehen die -Schädel meiner Feinde -- ein Maori ist sicher!« - -»Das lügst Du, _falscher_ Maori!« schrie da plötzlich, sich zu seiner -vollen Höhe erhebend, der wilde Krieger, und schwang den Stab, den er in -der Rechten hielt -- »Bleicher Verräther! wirf die heilige Hülle ab, die -Dir nicht gebührt -- zu Boden mit Dir, Mac Donald -- Mörder Deines Weibes, -zu Boden, denn die Stunde der Rache hat Dich ereilt!« - -Wie von einem jähen Strahl getroffen, schrack der entlarvte Verbrecher, als -die ersten zürnenden Laute sein Ohr erreichten, zusammen. -- _Verloren_ --- das Blut schoß ihm in eisiger Kälte zum Herzen, -- aber es war nur -ein Augenblick, was hatte er auch jetzt noch zu wagen, wo _Alles_ auf dem -Spiele stand. - -»Zu mir, Tomson!« schrie er, und mit Blitzesschnelle fuhr die Büchse empor --- ein Moment, und der scharfe, blendende Strahl zuckte aus dem Lauf -- -harmlos aber zischte die Kugel über dem Kopf des Häuptlings hin in die -Luft, denn dieser, die Absicht des Feindes schon vorherahnend, traf mit -seinem langen, gewichtigen Stab das Rohr von unten, und schlug es gerade im -entscheidenden Augenblick empor. Tomson riß jetzt zwar auch mit der Rechten -seinen Cutlaß, mit der Linken die eine Pistole hervor, von allen Seiten -warfen sich aber die Eingeborenen über ihn, und während die Nächsten -gegen Mac Donald anstürmten, und ihn zu Boden schleuderten, faßten und -umschlangen die Uebrigen den Seemann und seinen, schon vor Angst halbtodten -Gefährten, banden ihnen die Hände auf den Rücken, und nahmen ihnen Alles -ab, was niet- und nagellos an ihnen war. - -Mac Donald kämpfte aber wie ein Rasender -- den Tomahawk hatte er, als er -seine Kugel vergeudet sah, aus der Scheide gerissen, und der Streich, den -er damit gegen den, auf ihn eindringenden Häuptling führte, wäre jedenfalls -für diesen verderblich geworden, hätte nicht in demselben Augenblick der -Schlag eines Patu[19] seine Stirne getroffen, und ihn besinnungslos zu -Boden geworfen. - - [19]: Der _Patu_ ist ebenfalls eine beliebte und fürchterliche Waffe - der Insulaner. Er besteht aus leichtem Holz, ist etwa vier Fuß lang - und hat oben eine beilartig geschärfte Kante. Der Kopf ist, wie bei dem - Henei, mit Federn und Haarbüscheln geschmückt. - -Noch im Stürzen griff er nach dem Fell, das er bis dahin, von dem -Tapamantel verdeckt, bei sich getragen, des Häuptlings Faust lag aber an -seiner Kehle, und als dieser die Matte von seinem Antlitz riß, und die -wilde, ihn umdrängende Schaar _den_ erkannte, den sie als ihren Todfeind -geächtet und verfolgt, da stieg jauchzendes Triumphgeschrei in die Lüfte, -und der Führer mußte seinen Stab über das Opfer legen, daß die gerechte -Rache nicht dem entzogen würde, dem sie gebührte. - -Tomson, der in Kampf und Ueberfall, ja sogar in der eigenen Noth und -Lebensgefahr, in der er selbst sich befand, doch nicht das immer drohender -werdende Firmament vergessen hatte, und ängstlich dabei seines armen -Fahrzeugs gedachte, rang noch wüthend mit denen, die ihn hielten und -bewachten. Der Häuptling aber, als er den eigenen Feind in sicherem -Gewahrsam sah, schritt auf ihn zu, legte die Hand leicht auf seine Schulter -und sagte, während ihm der Seemann mit finster drohendem Blick ins Auge -schaute. - -»Fürchtet nichts, Sir. -- Nicht Ihr habt die Gesetze unseres Landes -gebrochen und mit Füßen getreten, wie es Jener that. Er _log_, als er Euch -sagte, daß er nur Einen der ihm feindlich gesinnten Häuptlinge im offenen -Kampfe erschlagen. Er log, als er sich unter Heki's Schutz erklärte, denn -ich bin Heki selbst, und keinen grimmigeren Feind hat er auf dieser Welt, -als mich. Aus dem, durch das Gesetz des Tabu geheiligten Platz stahl er -das Eigenthum seines, durch ihn schändlich gemordeten Weibes, und wie ein -feiger Verräther entfloh er damals der gerechten Strafe. Er _log_ auch, -als er sich für den Eigenthümer, auch nur eines Fuß breit neuseeländischen -Bodens erklärte -- dem _Gatten_ meiner Schwester gehörte es, nicht ihrem -_Mörder_. Nur zu gut kannte er aber unsere Sitten, und vielleicht wäre es -ihm gelungen, unter dem Schutz desselben Glaubens, den er zu gleicher Zeit -brach und schändete, seinen Raub in Sicherheit zu bringen, hätte ihn nicht -sein Etuë[20] selbst in die Hand der Rache gegeben. Nur ihm gilt jetzt -unser Zorn. Ihr dagegen mögt in kurzer Zeit ungehindert zu Euerem Fahrzeug -zurückkehren; doch hütet Euch, neuseeländischen Boden wieder zu betreten.« - - [20]: Die bösen Geister der Neuseeländer. - -Tomson, obgleich aufs Aeußerste erstaunt, wie der Neuseeländer Alles -das wissen konnte, was sie doch an Bord seines eigenen kleinen Kasuar -verhandelt, war dennoch gerade jetzt viel zu sehr mit diesem selbst -beschäftigt, um irgend einem anderen Gegenstand einen mehr als flüchtigen -Gedanken zu zollen. - -»Ungehindert?« rief er trotzig, und schaute mit wildem und doch besorgtem -Blick nach dem südlichen Horizont hinüber -- »seht dort das aufsteigende -Wetter an, und sagt dann noch einmal, daß es ungehindert geschehen wird. -Seeschlangen und Eisbären! wenn der Sturm dort unser kleines Fahrzeug an -jenen verdammten Riffen überrascht, möchte ich keinen Schilling für Alles, -was an Bord lebt, geben.« - -»Will Euch Euer Gott strafen, daß Ihr den Frieden dieses Landes gebrochen,« -sagte der Wilde ruhig, »was kümmert das mich. Ich war es nicht, der Euch -hierhergerufen.« Und ohne die Gefangenen weiter eines Blickes zu würdigen, -wechselte er einige Worte mit seinen Leuten, und schritt diesen langsam -voran in das Dickicht, wohin ihm die Schaar, die Gefangenen in der Mitte, -folgte. - - * * * * * - -Die Sonne sank -- im Westen deckten nur leise, purpurne Dunstschleier -den Horizont, düster aber und schwarz von dem Wiederglanz der scheidenden -Strahlen, thürmten sich im Süden immer dichtere, undurchdringlichere -Wolkenmassen empor. Was der Tag und die sengende Gluth seines Gestirns bis -dahin niedergehalten, quoll jetzt in nicht mehr dämmbarer Gewalt höher -und höher. Aber nicht rasch stürmte es herbei, wie die jähen Gewitter des -Golfstroms, mit ihren daherjagenden Böen und Wirbelstößen, langsam kämpfte -es seine Bahn herauf, gegen den heißen Nord, langsam aber sicher gewann es -sich jeden Fuß breit Bahn, und die Wasser der Bai, als ob sie den nahen und -fürchterlichen Kampf der Elemente ahneten, schmiegten sich leicht -zitternd an das Ufer an, und hoben nur manchmal, in kleinen, ängstlichen -Spritzwellen die Häupter, um zu sehen, ob der gefürchtete Gegner noch nicht -nahe, und sie aufrüttele aus ihrer stillen, friedlichen Ruhe. - -Delphin und Schwertfisch zogen sich in ihre dunkle Tiefe hinab, und das -Albatroß selbst suchte, die schweren, mächtigen Fittiche hebend, den -Schutz des festen Landes, während nur noch »Mutter Careys Küchelchen,« -die flüchtige Sturmschwalbe der Meere, in leichten Kreisen über die Wogen -strich, und mit den nach ihr aufspritzenden Wassern zu spielen schien. - -Rasch, wie der Tag entstanden, sank er in Nacht zurück, graue Dämmerung, -durch all' die schwarzen, empordrängenden Nebelschichten nur noch -unheimlicher und düsterer gemacht, hüllte bald den stillen Wald in ihren -grauen Schleier, und Meer und Luft verschmolzen zu einer ununterscheidbaren -Masse. - -Nur der leuchtende Schaum einzelner Wellen stach weiß und geisterhaft gegen -seinen dunklen Hintergrund ab, und durch das leise, kochende Gähren und -Brausen, aus all' der Nacht und Finsterniß hervor, strahlte das helle, -einzelne Licht des fernen Schooners, während drei, rasch nach einander -abgefeuerte Schüsse die fernen Freunde vor der nahen drohenden Gefahr -warnten. - -Da glitt aus der sicheren, schmalen Mündung des Ta-po-kaï, zwischen -den weit überhängenden, schaukelnden Zweigen vor, eines der langen, -scharfgebauten, neuseeländischen Canoes, deren Führung die Eingeborenen mit -so meisterhafter Hand zu leiten wissen. Acht Männer saßen an den Rudern, -doch mit den Gesichtern nach vorn, und die Ruder frei in den Händen, -während Heki, seinen Stab noch immer in der Rechten, mit der Linken dagegen -das hohe, mit Albatroßfedern gezierte Steuer regierend, aufrecht im Stern -des Canoes stand und den Lauf des flüchtigen Bootes lenkte. Im Boden -desselben, und dicht vor dem Häuptling, lagen drei dunkle gebundene -Gestalten, aber kein Wort kam über ihre Lippen, schweigend starrten sie -zu dem, drohend über ihn ausgespannten Firmament empor, und ebenso lautlos -tauchten die Eingeborenen ihre Ruder in die nur leise zischenden Wogen, -über die sie mit Pfeilesschnelle dahinschossen. - -Es war Ebbe und die Strömung trug sie ihrem Ziel gerade entgegen, doch -hielt der Steuernde nicht gerade auf das Licht zu, sondern ließ dasselbe -eher zur rechten liegen, als ob er durch den engen Kanal in die offene See -hinausfahren wollte. Tomson mußte auch wohl einen solchen Verdacht gefaßt -haben, denn er hob mehre Male ängstlich den Kopf und starrte nach seinem -Fahrzeug hinüber; endlich konnte er es aber nicht länger aushalten, und -versuchte sich mit einem leise gemurmelten Fluch emporzurichten. Da wandte -sich der, dicht vor ihm kauernde Insulaner rasch nach ihm um, und -das drohend gehobene, schwere Ruder verrieth nur zu deutlich, was ihm -bevorstehe, wenn er sich jetzt einer Macht nicht geduldig füge, der er doch -keinen Widerstand zu leisten vermochte. Van Broon lag, halbtodt vor Angst -und Entsetzen, neben ihm -- wer aber konnte die dritte, regungslose Gestalt -im Boote sein? Hatten die Wilden ihrer Rache wirklich entsagt, oder -- -großer Gott, war es gar _die Leiche_ Dumfry's, die sie -- nein, der -Körper lebte und bewegte sich, doch weiter vermochte der Seemann Nichts zu -erkennen. Seine Aufmerksamkeit wurde auch jetzt zu sehr auf den Schooner -selbst gelenkt, denn der Bug ihres Canoes neigte sich plötzlich diesem zu, -und hielt gerade darauf hin. - -Jetzt schienen aber auch die Geister des Sturmes zum ersten Mal die Fesseln -zu brechen, die sie bis dahin in Schranken gehalten; ein greller Blitz -erleuchtete mit fast mehr als Tageshelle das südliche Firmament, die -hochaufkochenden Wasser, und während noch der Donner in weiter Ferne -nachrollte, kam der brausende Orkan jubelnd und jauchzend über das Meer -daher, griff wie im Spiel die zurückschreckenden Wogen auf, und trug ihren -glänzenden, funkelnden Schaum hoch mit sich in die wirbelnde Luft hinein. - -Das Canoe arbeitete sich indessen mit rasender Schnelle durch und über den -gährenden Schaum hin, der die ganze See bedeckte. Schon konnten sie -die dunklen Umrisse des Kasuar selbst erkennen, und in dem nämlichen -Augenblick, als ein zweiter blendender Strahl sein weißes Licht über -das Meer goß, glitt es dicht an die Bulwarks des, noch vor seinem Anker -reitenden Schooners hinan. Im Nu war es am Bug desselben befestigt, und -die wachthabenden Matrosen fuhren entsetzt empor, als plötzlich, wie der -stürmischen Tiefe entstiegen, dunkle, geisterhafte Gestalten an ihren -Bord sprangen. Wohl griffen sie, kaum etwas anderes, als einen nächtlichen -Ueberfall der Wilden ahnend, und zum Tod erschreckt, zu Allem, was ihnen -nur als Wehr und Waffe unter die Hände kam. Ehe sie aber selbst im Stande -waren, das recht zu begreifen, was um sie her vorging, erschütterte -plötzlich ein heftiger Stoß den zitternden Schooner bis in seinen Kiel -hinab. Zu gleicher Zeit, ja fast in demselben Moment, gellte ein wildes, -dämonisches Jubelgeschrei in ihre Ohren, und der dunkle Schatten des -schlanken Canoes schnellte plötzlich wieder von ihrem Fahrzeug zurück, in -die weiße, zischende Fluth. Trotzig bäumten sich die in zürnendem Unmuth -anwachsenden Wogen darum her, und griffen mit den zerrinnenden Armen -danach, doch unberührt von dem Allen, und still und regungslos, wie sie -gekommen, stand die hohe, dunkle Gestalt am Steuer, die Ruderer arbeiteten, -und das Canoe schoß, wie von Geisterhand getragen, durch den aufgerüttelten -Grimm des tobenden Elements. - -»Hülfe!« ächzte in diesem Augenblick Van Broon, der durch das Steigen des -Schooners von dem Platz wo er lag, gegen die Bulwarks angeworfen wurde -und jetzt nichts anderes glaubte, als er läge schon über Bord -- »Hülfe -- -Hülfe!« - -Die Matrosen trauten kaum ihren Sinnen, als sie die bekannte Stimme hörten, -der Ruf ihres Capitäns riß sie aber bald aus ihrem ersten stummen Staunen. - -»Alle an Deck!« schrie er. »Alle an Deck, und hier -- Bill, Ned -- Bob -- -Donnerwetter ist keiner der Hallunken da -- bindet uns los hier -- verdamm -Euere Augen, hört Ihr nicht?« - -Rasch sprangen die ihm nächsten hinzu, und wenn sie auch nicht begreifen -konnten, was hier vorgegangen, ja kaum, wie ihr Capitän eigentlich an Bord -gekommen sei, so ließ ihnen die Gefahr des Augenblicks doch keine Zeit zu -Fragen und Erstaunen -- hier galt es nur zu handeln, und schnell banden sie -die Stricke los, mit denen die drei Gefangenen umwunden waren. Da erhellte -wiederum ein zuckender Strahl das Meer -- Tomson's, wie fast aller Uebrigen -Blicke fielen neugierig auf die dritte Gestalt, die noch immer laut- und -regungslos zwischen ihnen stand, und das Erstaunen läßt sich denken, mit -dem sie fast zu gleicher Zeit ausriefen -- »Ned -- der Sträfling!« - -Obgleich nun Tomson allerdings nicht begriff, wie der Sträfling sowohl ans -Ufer, als auch in ihr Boot gekommen sein könne, so wurde ihm doch jetzt -auch plötzlich klar, daß es eben dieser Bube sein müsse, der sie verrathen -und ihren Feinden überliefert hätte. Die Sorge um sein Fahrzeug ließ ihm -aber für den Augenblick keine Zeit zu solchen Betrachtungen. - -»Segel los« -- schrie er -- »Pest und Teufel, wir treiben -- die heillosen -Schufte haben unser Ankertau durchgehauen -- steht bei dem Gaffelsegel, ihr -Leute -- die Brefock auf -- steht bei, sag' ich -- Schufte die Ihr seid« --- und rasch, unter wild gegebenen Befehlen und Flüchen sprang der würdige -Seemann selbst ans Steuerruder, während die Matrosen, in der eigenen Gefahr -Alles übrige um sich her vergessend, nur den Schooner vor dem ihm drohenden -Verderben zu bewahren suchten. - -So rasch die Fluth nämlich, als sie an diesem Morgen in die Bucht -eingelaufen, das enge Felsenthor landeinwärts durchströmte, so reißend -schoß auch jetzt, noch von dem wirbelnden Wind getrieben, die Ebbe hinaus, -und das kleine, schaukelnde Fahrzeug, das in der letzten Minute den Felsen -näher und näher getrieben war, fühlte kaum den Druck des Segels, unter -den es das schnell gerichtete Steuer brachte, als es sich auch im wilden -Ansprung auf die nächste Woge schwang, und jetzt, von Strömung und Wind -begünstigt, rasend schnell durch die Fluth dem gähnenden Thor entgegen -brauste. Kaum noch hundert Schritt war es von diesem entfernt -- deutlich -konnten sie das wilde Anstürmen der Wogen erkennen, die sich wie feurige -Strahlenkämme an seinen starren Häuptern brachen -- jetzt schien es, als ob -der zitternde Schooner, mit vollem, gewaltigen Anlauf, toll und wild gerade -hinanstürmen wolle auf den Felsenkamm, der ihn zerschmettert der Tiefe -zusenden mußte. Die Mannschaft stand unthätig am Bug -- die nächste Secunde -sollte ihr Schicksal entscheiden, und nur noch wenige Klaftern Seeraum -trennte sie von ihrem Tod. Dicht vor ihnen ragte der Fels empor, und das -Schiff -- ha, es neigte sich ab -- großer Gott, jener scharrende Laut, der -das Herzblut der Männer stocken machte -- es war die Seitenwand des Kasuar -im vorbeischnellenden Druck an der Steinsäule des linken Thores. -- Und der -Schooner? -- frei und frank schoß er von der nachdrängenden Fluth gehoben, -in die offene See hinaus, dicht hinein in das enggereefte Segel legte sich -der nachdrängende Sturm, und wie dem Element angehörig, tanzte das wackere, -kleine Seeboot gerettet auf dem wogenden, zürnenden Meer. - -Noch hatten sich die Matrosen nicht von der fürchterlichen Angst des -Augenblicks erholt -- noch standen die Leute still und regungslos an ihren -Plätzen, und wagten es kaum zu glauben, daß die Gefahr jetzt wirklich -vorüber sei, denn die offene See fürchtete keiner, da rief sie aufs Neue -Tomson's Stimme zu den eben vorübergegangenen, aber in der Gefahr des -Augenblicks schon fast vergessenen Scenen zurück. - -»Bindet den Schuft -- den Ned, und werft ihn in den Raum hinunter -- Du -Bob, nimm hier das Steuer, bis ich einen Anderen der Leute herschicke. -Hallo -- wo ist Van Broon -- wo ist der Holländer, hat ihn die Angst -getödtet?« - -Das war jedoch keineswegs der Fall; der würdige Mann hatte in der That -von dem Umfang der Gefahr, die sie eben noch bedroht, keine Ahnung gehabt, -sondern nur ruhig seinen Platz hinter einem der Wasserfässer behauptet, wo -er wenigstens nicht durch das Schaukeln des Fahrzeugs umhergeworfen werden -konnte. Seine ganze Aufmerksamkeit schien aber bis dahin ein ziemliches, -ansehnliches Packet ausschließlich beschäftigt zu haben, das ihm die -Insulaner, als sie ihre Gefangenen an Bord des Kasuar gebracht, in den Arm -gedrückt, und dessen Inhalt er der vielen darum gewundenen Bänder wegen, -noch nicht erforschen gekonnt, obgleich es ihm bei dem Leuchten der Blitze -allerdings so vorkam, als ob das darumgeschlagene Fell dasselbe sei, was -Dumfry auf der Insel geraubt und wegen dem sie, wie er jetzt wohl glauben -mußte, die ganze unglückselige Fahrt unternommen. Sobald er übrigens -Tomson's Ruf hörte, arbeitete er sich nach besten Kräften zu ihm hin, und -dieser, nachdem er ihm mit kurzen Worten die Existenz des Packets, wie -die Schwierigkeit es zu öffnen, angezeigt, zog rasch sein Messer und -durchschnitt die Schnüre. - -»Capitän,« sagte da Einer der Matrosen, der in gleicher Zeit zu ihnen -trat, »Ned trägt, in ein Stück indianische Matte eingeschlagen, eine ganze -Parthie Geldstücke um den Hals gebunden, will aber nicht gestehen, woher er -sie hat -- wollt Ihr so gut sein und sie in Verwahr nehmen?« - -»Geld!« frug Tomson erstaunt, »wo mag der Schuft das aufgetrieben haben? -- -und dieß Packet?« - -Er hatte die Bänder gelöst, schlug das Fell auseinander, und wollte eben -mit der Hand nach dem Inhalte fühlen, da zuckte wieder ein heller Blitz von -den grollenden Wolken nieder, und einen Schrei des Entsetzens stießen die -Männer aus, denn von der dunklen Hülle umgeben, dem schwefelgelben Strahl -schauerlich und graß beleuchtet, starrten ihnen die bleichen, verzerrten -Todtenzüge Dumfry's entgegen. - -Wild tobte der Sturm -- die Wogen schäumten und brausten, und das kleine -Fahrzeug kämpfte die ganze Nacht gegen den heulenden Grimm der Elemente an. -Endlich dämmerte der Morgen, das milde Tageslicht beschwichtigte den -Orkan, und die weißen Segel des Kasuar blähten sich der Heimat entgegen; -am Starbordgangweg aber standen die Matrosen, und mit dem leise gemurmelten -Gebet der ernsten Schaar sank, während eben am östlichen Horizont die -aufsteigende Sonne ihr heiteres Leben über die See blitzte, das blutige -Todtenhaupt des Gerichteten in die dunkle Tiefe hinab. - - - - -Berlin und das Schauspielhaus im Belagerungszustand. - -Eine Skizze. - - -Im Jahre 1848, am 12. November Abends war Berlin in Belagerungszustand -erklärt und am 13. Mittags glitt ich im zitternden Coupé, von der -keuchenden Locomotive blitzschnell über das flache, reizlose Land gerissen, -der bedrohten Residenz entgegen. - -»Werden wir noch hinein kommen? -- wird man uns Fremden den Aufenthalt -dort gestatten?« solche Fragen kreuzten sich besonders auf den letzten -Stationen, wo militärische Helme zu immer unausweichbareren Gegenständen -wurden, häufig herüber und hinüber, und endlich ergab sich die peinliche -Gewißheit des Nichthineinlassens, als in Jüterbock ein Lieutenant mit -sechzig Mann zu uns stieß und uns, freilich auf die freundlichste und -artigste Weise, die Nachricht gab, er habe bestimmte Ordre, den ganzen Zug -nicht weiter als Trebbin zu lassen. - -Guter Gott! Trebbin! -- vier Meilen von Berlin, auf wohlriechender Haide, -Abends acht Uhr, in stockfinsterer kalter Nacht! Und dazu die Erklärung -Mehrerer, die dort bekannt waren, daß im ganzen Neste wahrscheinlich -nicht einmal Leiterwagen genug aufzutreiben sein würden, um uns weiter zu -transportiren! Reizende Lage, in der es noch als ein Glück erschien, die -ganze Nacht auf einem Leiterwagen und schlechten Wegen durch das Land -gerädert zu werden! - -»Schafft man die königlichen Beamten auch nicht weiter?« fragte ein -beleibter, bleichwangiger Gesell in einem feinen grauen Tuchmantel und -einer Art Dienstmütze, in einem Ton, der gar nicht verkennen ließ, wie er -bei beruhigender Antwort mit der Maßregel vollkommen einverstanden gewesen -wäre. -- »Thut mir leid; meine Ordre besagt, den _ganzen Zug_ ohne Ausnahme -anzuhalten,« lautete die Antwort des Offiziers. -- Das war doch ein Trost; -die preußischen Beamten blieben wenigstens nicht im Coupé sitzen, und »Arm -in Arm mit ihnen« konnten wir das Geschick in die Schranken fordern. - -In Jüterbock hielt der Zug wegen der Aufnahme des Militärs länger an als -gewöhnlich, und der Beamte unterhielt sich indessen aus dem Coupé heraus -mit einigen davorstehenden Soldaten, die eben ihrem Lieutenant drei -donnernde Hurrahs gebracht hatten. -- »Morgen kommen wir auch nach Berlin!« -riefen diese und die Wirkung starker Getränke war bei ihnen nicht zu -verkennen. »Hussah, morgen kommen wir!« -- »Das ist recht, Kinder,« sagte -der freundliche Beamte und nickte ihnen lächelnd zu; »haltet nur nicht zu -hoch!« -- »Bewahre, altes Haus!« sagte einer der jungen Bursche, »eben die -rechte Höhe und mitten hinein!« -- »Bravo, meine Jungen!« nickte der Beamte -und der plötzliche Ruck, den der Wagen that, setzte ihn einem hagern, -hohläugigen Mann, der in einfach grober, aber sauberer Tuchkleidung dicht -hinter ihm saß, auf den Schooß. - -Der Hagere entschuldigte sich auf das ängstlichste, daß er dem Manne, -von dem ihm wahrscheinlich sein Instinkt sagte, es sei Einer, der mit der -Regierung in Verbindung stehe, im Wege gesessen habe, rückte, so weit es -anging, von ihm zurück und benahm sich überhaupt so eigenthümlich, daß ich -nicht umhin konnte ihn etwas genauer zu betrachten. - -Er mochte etwa in den vierzigen sein, vielleicht war er auch jünger, denn -die fahlen Züge sprachen von ertragenem Leid. Scheu und doch auch wieder -neugierig blickten die hellgrauen Augen um sich, schienen auf nichts zu -haften und begegneten nie einem andern Blick. Ich würde den Mann für -einen Verbrecher gehalten haben, hätte mich nicht die unverkennbare -Behaglichkeit, mit der er sich manchmal, besonders wenn er einen -Augenblick vor sich niedergesehen hatte, die Hände rieb und leise vor sich -hinschmunzelte, irre gemacht. - -Das Licht wurde plötzlich draußen weggenommen, Dunkelheit umgab uns wieder, -und weiter ging's in sausender Schnelle von Jüterbock fort; hinter uns -drein tönte das Hurrah der Soldaten, und unter uns, um uns, vor und hinter -uns klapperten, keuchten, knarrten und rasselten Räder, Schienen und -Achsen. -- Nicht lange, so war die nächste Station erreicht; hier -sollten wir den Güterzug von Berlin erwarten; kurzer Aufenthalt wurde uns -angekündigt und die meisten stiegen aus, um eine Tasse heißen Kaffee zu -trinken; das Wetter rechtfertigte wenigstens ein solches Verlangen. In der -Restauration sah ich zufällig meinen hagern Nachbar neben mir; er stand -nicht weit vom Büffet und schaute nach der großmächtigen Kanne und den -Tassen hinüber. -- »Haben wir von hier aus noch weit nach Trebbin?« fragte -ich ihn, mehr eigentlich, um ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, als aus -wirklichem Interesse für die Antwort. -- - -»Das weiß ich nicht,« sagte der Hagere schnell, schüttelte dabei das -lächelnde Gesicht mit dem halbgeöffneten Mund und sah mich zum erstenmal -mit den hellglänzenden Augen fest an. »Ich weiß gar nichts,« fuhr er -gleich darauf fort, noch ehe ich mich von ihm abwenden konnte, »nicht das -mindeste. -- Sie wissen doch wohl, wo ich herkomme?« - -Ich blickte erstaunt zu ihm hinüber. »Ich weiß gar nichts! -- Sie wissen -doch wohl wo ich herkomme?« -- was sollte das heißen? -- - -»Sind Sie hier fremd?« frug ich ihn. -- - -»Fremd? ja, ich komme von Torgau,« lächelte der Mann und rieb sich immer -eifriger und mit immer mehr aufgeheiterten Zügen die Hände. »Ich bin mit -unter den Amnestirten; ich weiß gar nichts von der Welt -- ich sitze seit -1831 auf der Festung.« - -Allmächtiger Gott! mir zog es eiskalt durch Mark und Bein. Der Mann war -siebzehn Jahre hinter Festungsmauern begraben gewesen, und jetzt, in diesem -Augenblick, in diesen Zuständen, sprang er auf einmal, wie neugeboren, -aber mit vollem staunenden Bewußtsein, mitten in's Leben hinein. -- »Ja,« -lächelte der Unglückliche und rieb sich noch immer stillvergnügt die Hände, -»da können Sie sich wohl denken, daß ich gar nichts weiß. -- Ach bitte, -nicht wahr, das ist Kaffee dort, was der Mann ausschenkt?« -- »Ja,« -erwiderte ich und konnte den Blick nicht abwenden von der Leidensgestalt. --- »Der wird wohl verkauft?« -- In dem Moment wurde draußen hastig die -Glocke gezogen; wir mußten schnell in unser Coupé zurück, denn der Güterzug -kam eben mit rothglühendem Rachen und leuchtendem Athem auf dem schmalen, -dunkeln Damm herangeschnaubt. - -Dicht neben uns hielt der Zug und alle Fenster waren rasch besetzt, um -Neuigkeiten von Berlin zu erfragen. »Wie steht's dort? kommen wir noch -hinein? -- ist schon geschossen worden?« -- »Ganz gut -- Alles ruhig --- keine Gefahr!« tönte es hin und wieder. Ein junger Mann, der mit dem -Güterzug gekommen war, sah die Soldaten in unserem Train. -- »Euch wollen -sie nach Berlin haben, daß ihr das Volk sollt unterdrücken helfen!« rief er -ihnen zu, »und ihr seid doch unsere Brüder!« - -Der Beamte mit dem bleichen Gesicht und der Dienstmütze, der die Worte -gehört hatte, bog sich rasch zum andern Fenster nach der Restauration zu -hinaus und flüsterte draußen Stehenden etwas zu. »Was? der Kerl will die -Soldaten aufreizen?« riefen dort ein paar Männer und schauten zwischen -den Wagen unseres zur Abfahrt bereiten Zuges nach den Wagen des Güterzugs -hinüber. »Wart, Canaille, wenn hier der Zug fort ist, mit dir wollen wir -sprechen!« -- »Holt ihn ein Bischen heraus,« sagte der Beamte freundlich; -»den müßt ihr euch einmal besehen.« -- »Na wart nur!« riefen die Gereizten, -»also die Weißmütze? -- ich sehe sie schon in der Ecke!« - -Ich bog mich rasch aus dem Wagen nach dem Güterzug hin und rief dem jungen, -wirklich bedrohten Fremden zu, in ein anderes Coupé überzusteigen; dann -aber und während jetzt unsere eigene Locomotive mit gellendem Jubelschrei -aufbrach, wandte ich mich an den freundlichen Beamten und sagte ihm frei, -was ich von ihm dachte. Er war geschmeidig wie ein Ohrwurm; er hatte es ja -gar nicht so bös gemeint, »_die_ Leute thäten nichts der Art, _das_ wären -Menschen wie die Kinder etc.« -- Pfui über den Schuft, das sind die wahren -Wühler, die heimlich, wie giftiges Geschmeiß, im Lande herumkrochen und in -der Stille hetzten und geiferten dem offenen Wort gegenüber, und dabei süß, -unschuldig drein schauten und fromm und liberal thaten. - -Eine halbe Stunde später kamen wir nach Trebbin, und glücklicher Weise -fand unsere Eskorte daselbst Contreordre. Der Lieutenant, den es selbst -zu freuen schien, daß er uns den unangenehmen Aufenthalt ersparen konnte, -verkündete uns, der Zug dürfe ungesäumt weiter gehen. Um neun Uhr liefen -wir in den Berliner Bahnhof ein, und Massen dort aufgestellten Militärs -verkündeten uns, wären wir nicht schon unterrichtet gewesen, den -Belagerungszustand der Stadt. Es wurden uns weiter keine Schwierigkeiten -in den Weg gelegt, nur Bewaffnete, deren wir jedoch keine bei uns hatten, -sollten nicht eingelassen werden. - -Ich durchwanderte die Friedrichsstadt noch am selben Abend nach allen -Richtungen. Todtenstille in den Straßen; nur hie und da an den Ecken kleine -Trupps vor einem von der Laterne beleuchteten Plakat. Dieses handelte von -Zusammenrottungen auf den Straßen; am Tage durften nicht mehr als zwanzig, -Abends nicht mehr als zehn Menschen beisammen stehen; gingen sie nicht -auseinander auf die Aufforderung der Patrouille, so hatte das Militär von -seinen Waffen Gebrauch zu machen. -- Unter den Linden, besonders an den -Ecken der Friedrichsstraße, standen Menschengruppen; Jungen verkauften -ein Plakat des Referendars Wache, mit der Anempfehlung: »ohne Erlaubniß -Wrangels.« Unter der einen Laterne erzählte Jemand irgend einen Vorfall; -Neugierige traten hinzu und es bildete sich bald ein Haufen von wohl -fünfzig bis sechszig Personen. Da tönte der schwere gleichmäßige Schritt -einer Patrouille die Allee herab. -- - -»Meine Herrn, treten Sie in kleinere Trupps,« bat der Sprecher; »immer zehn -und zehn, wenn ich bitten darf.« -- Die Menge zertheilte sich schnell und -ohne weitern Zuredens zu bedürfen. -- »Hier können wir noch zwei brauchen,« -sagte Einer; »so, jetzt haben wir gerade das Deputat!« ein Anderer. Hie und -da lachte Einer, als die Soldaten ernst und schweigend vorbei schritten, -die verschiedenen kleinen Trupps aber nicht weiter belästigten. »Ruhe! -- -nicht lachen!« riefen Andere und die Patrouille bog in die Friedrichsstraße -ein. - -Dieselbe Ruhe herrschte in andern Straßen, dieselbe Ordnung; wer nicht -manchmal einer Patrouille begegnete; hätte nicht daran gedacht, daß er -sich in einer belagerten Stadt befinde. -- Am nämlichen Abend war eine -Deputation von Stettin aus unterwegs, welche folgende Demonstration -beabsichtigte. Die achthundert Mann trugen alle breite weiße Papierstreifen -an den Hüten, auf denen mit großen Buchstaben gedruckt stand: _Ehre der -Nationalversammlung! Stettin_. -- So hatten sie am nächsten Morgen in -feierlicher Procession die Stadt durchziehen wollen, aber der ganze -Bahnzug war (wie man das auch bei uns, wo man wohl eine ähnliche Deputation -vermuthet, anfangs beabsichtigt hatte) auf der letzten Station vor Berlin -aufgehalten worden, und nur einzelne Mitglieder, ich glaube acht oder zehn, -ließen sich auf einem Leiterwagen nach Berlin schaffen. Einige derselben -sollen, wie man sagte, gerade wegen jener, als Plakate angesehenen Zettel -verhaftet worden sein. - -Am nächsten Morgen brachte ein frisches Plakat des Kommandirenden etwas -regeres Leben in die Masse; die Patrouillen seien verspottet worden, -hieß es, und haben jetzt strengen Befehl erhalten, bei der geringsten -Widersetzlichkeit vollen Gebrauch von ihren Schießwaffen zu machen. Die -Jungen rissen hie und da solche Zettel herunter und klebten dafür die von -Wache an, worin Wrangel und seine Proklamation verhöhnt waren, und die -ihrerseits wieder von den Soldaten entfernt wurden. So sah ich am Schloß -einen Jungen am eisernen Gitter eines der untern Fenster hoch emporklettern -und soweit darüber, als er reichen konnte -- gewiß 18-20 Fuß vom Boden -- -eine Wache'sche Proklamation ankleben. Gleich darauf kam eine Patrouille, -und einer der Soldaten mußte jetzt ebenfalls dort hinauf und mit dem -Bajonett das mißliebige Papier unter dem Jubel der umstehenden Jugend -herunterstoßen. - -Wunderlich sahen die königlichen Gebäude aus. Das Schauspielhaus, das -Museum, die Münze, des verstorbenen Königs Palais, das Schloß, die -Bauakademie, das Zeughaus, alle Gebäude der Art wimmelten von Militär, -Helm an Helm sah aus den Fenstern heraus und doppelte Schildwachen, alle -marschfertig gerüstet, standen davor Wache. - -Und was sagte das nämliche Volk, das sich am 18. März mit so kecker -Todesverachtung, fast ganz unbewaffnet, auf den Barrikaden eben dieser -Straßen geschlagen hatte -- was sagte das Volk zu dem Herrscherton, wie -ihn Wrangel annahm? -- Eigenthümlich war die Stimmung der Stadt: überall -Entrüstung über Wrangel, überall verhaltener Grimm, und doch fast -ängstliche Besorgniß vor einem Zusammenstoß mit den Truppen. - -An irgend einer Ecke, der Leipziger Straße glaub' ich, hatte das Militär -mit einbrechender Dämmerung ein Haus besetzt, das von oben bis unten, wie -man draußen sagte, nach einer Vitriolspritze durchsucht wurde; man fand -jedoch nichts und die Patrouille zog wieder ab. Vor dem Gebäude hatte -sich indeß eine ziemliche Schaar Neugieriger versammelt, doch nahmen die -Soldaten keine Notiz davon und marschirten die Straße hinab. Gleich darauf -kam eine Uhlanenpatrouille und der Offizier forderte die Menge auf, sich -zu zerstreuen. Dieß geschah auch, und nur vor dem durchsuchten Haus blieben -noch etwa zwanzig oder dreißig Personen zurück. Die Uhlanen ritten langsam -daran vorbei, als Einer aus der Menge höhnisch hinter ihnen her lachte und -ein Schimpfwort rief. Das wäre ihm aber beinahe übel bekommen; die Uhlanen -achteten es allerdings nicht, aber die Umstehenden fielen unter dem Ruf: -»verdammter Reaktionär!« über den Lacher her, und er konnte einer tüchtigen -Tracht Schläge nur durch die heilige Versicherung entgehen, daß er keinen -der Soldaten, sondern »einen Freund von sich« gemeint habe. - -An diesem Tage war auch auf's Neue ein Plakat, die Einlieferung der Waffen -betreffend, angeschlagen und die Stimmung, die sich darüber aussprach, -schien eine allgemeine: man wollte die Waffen unter keiner Bedingung -ausliefern. Der angesetzte Termin bis Abends fünf Uhr verlief deßhalb auch, -ohne daß dem Befehl, mit einigen Ausnahmen allerdings, Folge geleistet -worden wäre; ja man sprach sogar von einer großartigen Demonstration. Ein -Theil der Bürgerwehr, wie mir gesagt wurde, 15,000 Mann, wollte vor dem -Zeughaus aufmarschiren und dort dem Feldmarschall erklären, sie liefern die -Waffen nicht ab, und wenn er Bürgerblut vergießen wolle, so möge er auf sie -schießen. Das unterblieb aber, aus welchem Grunde weiß ich nicht, und man -beschränkte sich einfach darauf, dem Befehl nicht nachzukommen. - -Am nächsten Morgen, am vierzehnten, fing man an in der Behrenstraße und -der benachbarten Gegend die Waffen _einzusammeln_. Eine Patrouille ging mit -einem Rüstwagen herum, die Enden der Gasse wurden mit Militär besetzt, aber -nicht abgesperrt, denn es konnte Jeder frei hin und wieder gehen, und ein -Trommelwirbel verkündete den Bewohnern des Hauses, vor dem der Wagen -hielt, daß sie die in ihrer Wohnung befindlichen Gewehre in die Hausflur -herabbringen sollten; wo das nicht geschah, hatten die Soldaten Auftrag in -die Zimmer zu gehen und nachzusehen, ob sich Waffen darin befanden. - -Wie ein Lauffeuer schoß die Nachricht, daß man die Waffen abhole, in die -entferntesten Theile der Stadt, und die Aufregung unter den Arbeitern, -vorzüglich den Maschinenbauern, wurde bedenklich. In der Königsstadt, in -Moabit und den äußern Stadttheilen schien man fest entschlossen die Waffen -_nicht_ gutwillig herzugeben, und daß gerade dort, wo man begonnen, das -Einsammeln ziemlich günstigen Erfolg gehabt, konnte Jene nicht anders -stimmen. -- »Das ist das Geheimerathsviertel,« sagten die Arbeiter; »ob -das die Waffen behalten hätte oder nicht, beim Kampf wär' das gleichviel -gewesen.« - -Straße um Straße durchzog das Militär; Wagen nach Wagen voll Gewehren -wurden in das Zeughaus, stets unter starker Bedeckung abgeliefert, und -in der ganzen Friedrichsstadt schien sich kein einziger Bürger dem -Befehl ernstlich widersetzen zu wollen. Der »passive Widerstand,« den die -Nationalversammlung behauptete, dehnte sich auch auf diese Maßregel der -Militärgewalt aus. -- »Abliefern thun wir die Gewehre nicht,« meinten die -Bürger; »wenn sie unsere Flinten haben wollen, mögen sie sie holen.« -- -Sollten die Arbeiter allein vor die Bresche stehen? sollten sie, die -im März die Barrikaden errichtet und vertheidigt, noch einmal zu diesem -letzten Mittel greifen? -- »Und für wen? -- für die Bürger?« -- »Hol' sie -der Teufel!« sagten am 16. die Maschinenbauer in Moabit; »wenn die nicht -selbst den Muth haben für ihre Freiheiten einzutreten, so sehen wir nicht -ein, weßhalb wir wieder die Katzen sein sollen, mit deren Pfoten sie -die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Bis jetzt sind sie mit ihren blanken -Pulverhörnern und bunten Quasten in einem fort durch die Straßen gerannt; -nun auf einmal läßt sich keiner mehr sehen; wir wollen uns auch nicht -todtschießen lassen.« Und das Resultat war, daß der »passive Widerstand« -auch unter den Arbeitern seine Proselyten machte. - -Am 15. Abends war die Nationalversammlung, die seit mehreren Tagen an -verschiedenen Orten heimlich Sitzung gehalten hatte, unter den Linden im -Hotel Milentz beisammen. Doch auch dieser Platz war verrathen worden, und -als ich, etwas nach neun Uhr Abends, dort vorüber kam, stand ein starkes -Piket Militär vor der Thür und hatte das Haus gesperrt. Mehrere hundert -Menschen sammelten sich, aber Alles blieb ruhig; es wurde ihnen keine -Aufforderung auseinanderzugehen, und sie selber schienen auch nur durch -Neugierde an den Platz gefesselt. Da näherte sich eine Patrouille, und als -der Offizier die Menschenmasse erblickte, rief er: »Tambour vor!« um -zum Auseinandergehen aufzufordern. Aber der Führer der vor dem Hotel -aufgestellten Truppen ging auf ihn zu, sprach ein paar Worte mit ihm -und gleich darauf folgte das »kehrt, marsch!« der eben Gekommenen. Die -Patrouille zog wieder ab und die Menschenmassen blieben unbelästigt stehen. - -Noch hatte sich aber die Patrouille keine hundert Schritt entfernt, als -aus dem Hotel heraus die Abgeordneten kamen; die Soldaten ließen sie -ungehindert durch und von allen Seiten drängte man hinzu, das Resultat -der Sitzung zu hören. Der Beschluß, die Steuern zu verweigern, war -gefaßt worden und blitzschnell lief das Gerücht durch die Menge; auch die -Einzelnheiten der Sitzung wurden rasch von den Mitgliedern der Versammlung -selbst Fremden auf offener Straße mitgetheilt. Die Männer waren -augenscheinlich in der gereiztesten Stimmung. - -Die augenblickliche Wirkung dieses wichtigen Beschlusses schien mir -keine so gewaltige, als man hätte vermuthen sollen; man schien die Sache -vorhergesehen zu haben, und wenn auch hie und da aus einer kleinen Gruppe -ein jubelndes Hurrah empor stieg, standen andere wieder schweigend und -fast theilnahmlos daneben. Einige Männer, an denen ich vorüberging, fragten -mich, was es da gebe; ich sagte ihnen, was ich eben aus dem Munde eines -der Abgeordneten gehört: die Nationalversammlung habe in diesem Augenblick -beschlossen, die Steuern zu verweigern. -- »So?« erwiderte Einer, »hm -- -nun -- _wir_ zahlen sie doch!« - -Auch am andern Tage ließ sich deßhalb keine größere Aufregung in der Stadt -bemerken, und man erzählte sich den Beschluß in einem Tone, als ob es sich -um eine ganz gleichgültige Sache handelte. Mir kam das anfangs räthselhaft -vor, und doch stand es wieder mit dem ganzen eigenthümlichen Wesen dieses -»passiven Widerstands« in genauer Verbindung. Die Berliner wußten, daß -dieses das letzte Mittel der Versammlung sein sollte; _sie_ hatten somit -Alles gethan, was von ihnen verlangt worden war: sie hatten sich ruhig -verhalten, und den Provinzen blieb es jetzt überlassen, durch ein Einhalten -der Steuern ihr Vertrauensvotum für die Nationalversammlung zu geben, oder -im entgegengesetzten Fall durch ein Zahlen derselben an den Tag zu legen, -daß sie mit den Beschlüssen derselben nicht einverstanden seien. - -Die Stadt war äußerlich ruhig, wie in ihrer ruhigsten Zeit; sobald sich -das Wetter nur irgend freundlich zeigte, sah man Spaziergänger unter den -Linden; selbst das Theater war, wenn auch schwach, doch besucht. Gespielt -wurde im Opernhaus, das Schauspielhaus stand starr und kriegerisch da, -»belagert in einer belagerten Stadt,« wie ein Soldat selber äußerte. Das -Säulenportal über der großen Treppe war mit Schildwachen besetzt, eben -so die Eingänge an allen Seiten; aus allen Fenstern schauten behelmte -Gesichter, überall blinkten Bajonette und Helmspitzen. -- - -Tausend Mann lagen in diesem einzigen Gebäude, das sogar seinen eigenen -Kommandanten hatte, und es war dieß dasselbe Regiment (Alexander), das in -den Märztagen schon einmal seine Kraft mit den Bürgern gemessen und gewiß -seine Tapferkeit bewährt, dennoch aber jetzt, wenn es wirklich wieder -zum Kampfe kam, eine Scharte auszuwetzen hatte. Streitgerüstet lagen die -Grenadiere in die Mauern des Schauspielhauses gebannt, des Rufs gewärtig -zu Bürgerkrieg und Straßenkampf; bloß zu Patrouillen zogen dann und wann -einzelne Trupps aus, und Urlaub bekamen nur zehn zugleich, und immer nur -auf ganz kurze Zeit. - -Schon am zweiten Tag hatte ich einen Versuch gemacht, in das Innere des -Gebäudes, das mit solcher Bevölkerung abenteuerlich genug aussehen mußte, -einzudringen, war jedoch kurz und entschieden von einem halben Dutzend -Schildwachen abgewiesen worden. Ich erfuhr auch von einigen Mitgliedern des -Theaterpersonals, daß Niemand, sie selber nicht ausgenommen, hinein dürfe, -da das Militär für den Augenblick im alleinigen und unumschränkten Besitz -des Musentempels sei. Und oben auf dem Giebel desselben stand scheu und -unwirsch, mit schnaubenden Nüstern und vorgestrecktem Huf, Pegasus, das -edle Musenroß, als ob es sich eben nach einem nur einigermaßen anständigen -Hügel in der trostlosen Ebene umschaute, zu dem es aus dem entweihten -Heiligthume entfliehen könnte. - -Wie bekannt hatte die Nationalversammlung früher im Concertsaal des -Schauspielhauses ihre Sitzungen gehalten; auch dort sollten jetzt Truppen -liegen, und meine Neugierde wurde sehr gespannt, als ich hörte, die -Soldaten spielten in demselben Raum, wo ihr Vertreter getagt, Abends -Nationalversammlung. Wie aber hineinkommen? Schon verzweifelte ich an der -Möglichkeit, als mir der Zufall günstiger war, als ich es je hätte erwarten -können. Ich bekam Gelegenheit, sogar Abends einer sogenannten »Sitzung« -beizuwohnen; das _wie_ mag mir der Leser erlauben zu verschweigen. - -Durch zehnfache Schildwachen, über einen Theil der Bühne hin, auf die ich -aber kaum einen flüchtigen Blick werfen konnte, da der enge Gang meine -ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, erreichte ich den Concertsaal und -überschaute hier gleich ein so eigenthümliches als wunderliches Bild. -Der prachtvoll eingerichtete Saal war in ein rohes, wüstes Soldatenlager -verwandelt. Auf den rothgepolsterten Sesseln und Bänken lagen und saßen in -allen nur möglichen Stellungen die Soldaten, manche lang ausgestreckt auf -den Polstern, mit der Pfeife im Mund und die schmutzigen Stiefeln auf den -geschnitzten Lehnen; hie und da eine kleine Gesellschaft um einen Tisch -gedrängt, im eifrigen Kartenspiel; dort ein paar eingeschlafen in der Ecke, -die Mützen in's Gesicht gezogen, das Kinn auf die Brust gedrückt, die -Hände über dem Magen gefaltet, die meisten aber aufmerksam der -»Abendunterhaltung« lauschend, die eben ihren Anfang genommen zu haben -schien. -- Ich war etwas verwundert, auch einen Offizier unter den Zuhörern -zu erkennen. - -Die Abendunterhaltung bestand aber in Folgendem. Auf dem, ich glaube der -königlichen Loge gegenüber befindlichen Präsidentensitz hatte sich ein -Musikchor eingenistet, das mit, wahrscheinlich im Orchester vorgefundenen -Baßgeigen und Violinen und mit eigenen Flöten, Pfeifen und Trommeln Walzer -und Märsche spielte; nur Blechinstrumente schienen, wohl des allzulauten -Tones wegen, ausgeschlossen. Die einzelnen Musikstücke wurden jedesmal von -den Zuhörern mit Bravoruf und Beifallklatschen belohnt, und beim Sturm- und -Attaquemarsch, dem ein kurzer, nervenerregender Trommelwirbel folgte, fiel -die ganze Schaar jedesmal in das übliche, aber gleichfalls etwas gedämpfte -Hurrah ein. -- Dann kam wieder irgend ein trauriger Walzer, dem die faule -Baßgeige nur mit Widerstreben zu folgen schien, und der Violine fehlte es -an Colophonium, das sich im Orchester wohl nicht mit vorgefunden hatte. Die -Finger des Spielers mochten sich auch nicht eben gelenk oder taktfest der -ungewohnten Beschäftigung fügen; denn man kann gewiß ein ausgezeichneter -Trommelschläger und doch nur ein mittelmäßiger Violinist sein. Kurz, es -waren außer den gewöhnlichen Märschen klägliche Weisen, die den gepeinigten -Instrumenten abgemartert wurden. Und rings umher an den Wänden des durch -wenige Oellampen nothdürftig erleuchteten Saals schauten wehmüthig die -Büsten von Gluck, Händel, Mozart, Weber, Haydn, Bach, Beethoven und -anderer alter Meister der Töne hernieder und schienen in den an ihnen -vorbeistreichenden düstern Tabakswolken die Stirnen zu runzeln ob dem -ohrzerreißenden Greuel. - -Die Hauptperson des Ganzen stand auf der Rednerbühne unter dem frühern Sitz -des Präsidenten, und zwar in Civil, in schwarzem etwas schäbigen Frack, -Halsbinde und Vatermördern und weißen Beinkleidern, und diese Maske -- -ebenfalls ein Gardist desselben Regiments -- sollte den Präsidenten der -Nationalversammlung vorstellen. Es war ein noch junger Bursche mit nicht -gerade auffallendem Berliner Dialekt, und er führte einen Taktstock, den -er auf carrikirte Art handhabte, damit bald nach dem Orchester hinauf, bald -nach den Zuhörern hin gestikulirte und dazwischen zum großen Ergötzen der -leicht Befriedigten das Spielen der verschiedenen Instrumente nachahmte. -Auf der Nase trug er eine Klemmbrille, die er übrigens später, weil sie ihn -genirte, ablegte. - -Endlich, nachdem die Spieler eine lange Weile musicirt hatten, eröffnete -der Präsident die Sitzung. Mit affektirter Stimme begrüßte er die -»Nationalversammlung« und sprach von der schwierigen Aufgabe, sechzehn -Millionen zu vertreten, erklärte, daß sie hier zusammen gekommen seien, ihr -eigenes Wohl zu berathen, und ließ dann wieder, unter den frühern Possen, -ein Lied aufspielen. Hierauf ging er, und nicht ganz ohne Gewandtheit, auf -seine wie seiner Kameraden Verhältnisse ein, in welch sonderbarer Lage sie -sich eigentlich befänden, belagert in einer belagerten Stadt, und wie wenig -man dabei auf ihre eigene Bequemlichkeit bedacht gewesen. Mehrere Tage lang -hätten sie auf der bloßen Erde campiren müssen, jetzt, nachdem sie sich -wund gelegen, bekämen sie Strohsäcke; der Kaffe sei, trotz einer jüngst -eingegangenen Schenkung, ungenießbar, das Fleisch so, daß es sämmtliche -vier Köche nicht gahr bekommen könnten, und der innere Zustand des -Schauspielhauses, was die Reinlichkeit betreffe, dermaßen schaudererregend, -daß eine genauere Beschreibung gar nicht zulässig erscheine. - -Nach einer ziemlich weitläufigen, manchmal wirklich witzigen, nur zu oft -aber auch sehr matten Auseinandersetzung der Gründe, die ihn eine Aenderung -ihres Zustandes wünschen ließen, wandte er sich an die Versammlung, ihre -Meinung darüber zu hören, und zwar zuerst an die »äußerste Linke,« die mit -einem ziemlich allgemeinen vernehmlichen _Ja_ antwortete. -- »Und was sagt -die äußerste _Rechte_ zu meinem Vorschlag?« sprach er dann, sich nach -der Seite wendend, welche die Rechte früher eingenommen hatte. -- »Nein!« -lautete hier die vom lachenden Beifallsruf der Zuhörer begrüßte Antwort, -und mit einem ruhigen: »Ließ sich nicht anders erwarten,« rückte er -sich die Brille wieder zurecht und gab, ohne weiter auf die Abstimmung -einzugehen, dem Orchester das Zeichen zum Wiederbeginn eines seiner -verzweifelten Stücke. - -Sodann nahm er eine Partie Bittschriften, wie sie der Nationalversammlung -wirklich eingegangen, und von denen er eine sogar als fingirtes Taschentuch -benutzte, und las sie mit possenhaften, nicht selten zweideutigen -Bemerkungen vor; eben so mißbrauchte er das preußische Landrecht, von dem -ein Exemplar ebenfalls in einem unteren Gefach der Rednertribüne lag. Und -die Soldaten amüsirten sich herrlich, aber der Offizier stand nach einer -Weile auf und verließ den Saal. - -Man müsse den Soldaten den unschuldigen Spaß lassen, um sie bei guter Laune -zu erhalten; die armen Teufel haben viele Beschwerden zu ertragen, stehen -vielleicht auf der Schwelle eines Bürgerkriegs; das Schauspielhaus dürften -sie Abends nicht verlassen, die Langeweile hätte sie ja getödtet -- solches -und anderes wurde mir vorgestellt. Ich aber fragte mich, ob denn das alles, -was mich hier im tollen Possenspiel umgab, Wirklichkeit sei? Mir kam das -Ganze oft wie ein Traum vor. -- Die Halle hier, in der die Vertreter des -ganzen mächtigen Preußenvolkes das Wohl des Landes, das Wohl von Millionen -berathen, von Bajonnetten geräumt, von Bajonnetten besetzt, auf der Tribüne -ein in Civiltracht possenhaft verkleideter Soldat; die Bittschriften, die -das Volk, seinen Vertretern eingesandt, gemißbraucht! -- Das Andenken -an das Edelste, was die Freiheit eines Volks gewährleisten kann, seine -Vertretung durch Abgeordnete im eigenen Parlament, verhöhnt und lächerlich -gemacht! Und hier die Männer, die lachend dem Spiele zuschauten oder -träumend in der Ecke saßen, jede Minute bereit, beim ersten Trompetenstoß, -beim ersten Trommelwirbel in die Höhe zu fahren und mit dem schon geladenen -Gewehr, dem schon aufgesteckten Bajonett sich den, vielleicht durch nur -irgend einen bösen Zufall aufgereizten Bürgern entgegen zu werfen! Ein -eigenes, recht häßliches Gefühl war es, das mich durchzuckte, und ich -verließ den entweihten Raum, verließ die armen in =effigie= gepeinigten -Heroen der Musik unter den quitschenden Tönen der Geige, dem brummenden -falschen Accompagnement des Basses und dem Beifallssturm der dankbaren -Grenadiere. - -Um die Mittelthür und die Haupttreppe auf dem nächsten Weg zu erreichen, -mußte ich über die Bühne weg, und ich werde _den_ Anblick im Leben nicht -vergessen. -- Im ungeheuern Raum hingen in der Mitte an Brettern drei -Doppellampen, die aber ein düsteres mattes Licht gaben und das Ganze kaum -nothdürftig erhellten. Auf der Bühne selbst befand sich die Wache und -wenn auch hie und da zwischen den Coulissen Gruppen von Kartenspielern an -kleinen Tischen saßen, so mußte doch die Bühne selbst von solchem Treiben -frei bleiben. -- Hier standen die Gewehre der Wache zusammengestellt, und -ernste Posten wanderten schweigend daneben auf und ab. Ich ging zwischen -ihnen durch und betrat die Bretterbrücke, die über die Banklehnen des -Parterres hinweg dem Ausgang zuführt. -- Hier aber blieb ich stehen und -überschaute nun zurückblickend das ganze eigenthümliche Bild, das vor mir -ausgebreitet lag. - -Die Coulissen waren unordentlich durcheinander, hier Säulen, dort Wald, -vorgeschoben; den Hintergrund aber bildete (die Leinwand war wegen des -Luftzugs von hinten herabgelassen) wohl zufällig eine weite, den Horizont -begrenzende Seefläche. Zur Rechten und dicht vor dem zackigen Felsenufer -lagen die erst heute eingelieferten, noch ganz neuen Strohsäcke der -Soldaten aufgeschichtet, und es sah täuschend so aus, als ob ein Schiff -dort gerade seine Waaren gelandet hätte. Links standen, von hinten vor, -bis dicht an die vordere Lampe, die mit den Bajonnetten zusammengreifenden -Gewehre, und auf jeder Waffenpyramide ein Helm. Ueber die Bühne aber -zerstreut, auf die Ellbogen gestützt, oder das erste beste, was sich ihnen -geboten, unter den Kopf gerückt, lagerten einzelne Grenadiere und schauten -träumend nach den öden Galerien hinauf, in denen nur hie und da einzelne -Kameraden Platz genommen hatten und die Scene unter sich gerade so -theilnahmlos und schläfrig betrachteten. Rechts neben mir im Parterre unten -saßen zwei neben einander auf einer Bank und nickten, und links lag ein -Dritter, auf der Bank ausgestreckt, und schnarchte laut. - -Die Schildwachen schritten still und lautlos ihre befohlene Bahn hin und -her; manchmal aber blieben sie, dem Hintergrund zugewandt, stehen, und es -war dann, als ob sie das weite Meer beobachteten, das Nahen fremder Schiffe -zu erkunden, denn der matte, ungewisse Dämmerschein machte die Täuschung -fast vollständig. Es lag wahrlich eine gewisse Poesie in dieser -entsetzlichen Prosa, -- aber es war eine Poesie zum Tollwerden und ich -athmete ordentlich frei und leicht auf, als ich das entweihte Heiligthum -der Kunst hinter mir hatte und wieder in die freie frische Luft hinaustrat. - -Es ist wahr, jene Zeit hat bewiesen, daß man Komödie spielen kann ohne -gerade auf dem Theater zu stehen, und wir sehen die Wirklichkeit oft genug -auf die Breter gebracht, ohne eben davor zu erschrecken; aber es ist das -immer eine Wirklichkeit wie etwa ein beängstigender Traum, von dem wir -wissen, daß es ein Traum ist und uns wohl in der Hoffnung des Erwachens -fühlen. -- Wenn aber der Traum dann in den hellen Tag hineinreicht und uns -kalt und frostig in das warme Leben greift, dann schnürt uns das Bewußtsein -_solchen_ Zustandes Herz und Seele zusammen, wie mir der Anblick der -entweihten Bühne, und wir ersehnen heiß und brünstig einen Morgen. - -Ich verließ Berlin am nämlichen Abend wieder. - - - ~Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.~ - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription -werden _gesperrt_ gesetzte Schrift, ~kleine~ Schrift, #fettgedruckte# -Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= hervorgehoben. - -Der Halbtitel wurde entfernt. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "auseinander" -- "aus -einander", "Bret" -- "Brett", "Canarienvogel" -- "Carnarienvogel", -"Hackebret" -- "Hackebrett", "Kaffe" -- "Kaffee", "widerfahren" -- -"wiederfahren", - -mit folgenden Ausnahmen, - - Seite 29: - "einen" geändert in "einem" - (in kaum einem halben Jahre) - - Seite 39: - "Sädten" geändert in "Städten" - (wie sie in den Städten ausgedacht werden) - - Seite 46: - "»" eingefügt - (»Metcamp hatte verdammt gute Aussichten) - - Seite 48: - "«" eingefügt - (hahaha -- angeführt haben!«) - - Seite 57: - "sein" geändert in "seine" - (daß ihm diese, seine beste Falle) - - Seite 60: - "wieß" geändert in "wies" - (dort aber wies sie jede Aufforderung) - - Seite 62: - "dich" geändert in "Dich" - (und wenn sie Dich nicht vergessen könnte) - - Seite 68: - "fest-zusammengebissenen" geändert in "fest zusammengebissenen" - (die er mit fest zusammengebissenen Zähnen) - - Seite 71: - "«" hinter "tödten?" entfernt - (Was aber nun thun? -- den Wolf tödten?) - - Seite 79: - "daß" geändert in "das" - (das soll mir der Mr. Metcamp einmal nachmachen!) - - Seite 87: - "einen" geändert in "einem" - (und schaute mit einem schelmischen Blicke zu ihm auf) - - Seite 87: - "mich ich mag" geändert in "ich mag mich" - (und ich mag mich nicht in einem fort umsehen) - - Seite 88/89: - "der" geändert in "den" - (eine sogenannte Gänsehaut über den ganzen Leib) - - Seite 97: - "»" eingefügt - (»da ist wohl Mancher Wochen lang) - - Seite 106: - "«" eingefügt - (Gehen Sie mit, Schulmeister?«) - - Seite 109: - "meint" geändert in "meinte" - (»Ach, nicht Frauen allein,« meinte der Schulmeister) - - Seite 114: - "sage" geändert in "sagte" - (mir heute noch gefehlt, sagte die Pastorin, und räumte) - - Seite 119: - "»" eingefügt - (»Du bist heute aufgeregt, Kind) - - Seite 121: - "»" vor "Im" entfernt - (Im nächsten Moment glitt die Erscheinung) - - Seite 124: - "flimmerden" geändert in "flimmernden" - (und las mit flimmernden Augen, während das Schreiben) - - Seite 134: - "»" eingefügt - (»Und der Fensterladen?«) - - Seite 135: - "«" eingefügt - (heute Mittag müßt Ihr bei mir essen.«) - - Seite 144: - "»" eingefügt - (»denn im weichen Quellboden sah ich deutlich) - - Seite 151: - "»" eingefügt - (»sie vertheidigen die Sclaverei) - - Seite 154: - "Preßbyterianer" geändert in "Presbyterianer" - (und die Presbyterianer halten ihn für ein besonderes Licht) - - Seite 155: - "Worte" geändert in "Worten" - (mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs bösgemeinten Worten) - - Seite 158: - "»" vor "Sally" entfernt - (Sally sprang singend hinaus) - - Seite 161: - "Reale" geändert in "Regale" - (in einem Eimer auf dem dort angebrachten Regale stand) - - Seite 173: - "»" eingefügt - (»wir haben weder Schreibzeug, noch Papier) - - Seite 179: - "«" hinter "können," entfernt - (viel mehr in Erstaunen setzen zu können,) - - Seite 182: - "sie" geändert in "Sie" - (Wallis hat, wie Sie vielleicht wissen) - - Seite 184: - "." eingefügt - (da ist's doch besser sie suchen Dach und Fach.«) - - Seite 184: - "Virtelstunden" geändert in "Viertelstunden" - (in höchstens drei Viertelstunden können sie) - - Seite 187: - "Verguügen" geändert in "Vergnügen" - (mit dem größten Vergnügen, was ist es?) - - Seite 188: - "sie" geändert in "Sie" - (mit der Sie meine armseligen poetischen Versuche) - - Seite 201: - "»" eingefügt - (»Mr. Hennigs kommt auch nicht wieder) - - Seite 203: - "Taschentnch" geändert in "Taschentuch" - (sein Taschentuch hervorzuholen und sich) - - Seite 207: - "Reger" geändert in "Neger" - (mein Thier eben einem Neger übergeben) - - Seite 216: - "das" geändert in "daß" - (schmerzt es Sie denn, daß Sie ein Menschenleben) - - Seite 225: - "Spitzhake" geändert in "Spitzhacke" - (hatte in Rache und Wuth eine Spitzhacke ergriffen) - - Seite 243: - "«" hinter "vertrüge." entfernt - (und diese allerdings _keinen_ Chor vertrüge.) - - Seite 246: - "sie" geändert in "Sie" - (»Sehen Sie,« sagte er) - - Seite 247: - "gehts" geändert in "geht's" - (in die schwarze Gasse -- dann geht's auch) - - Seite 256: - "»" eingefügt - (»Herrliches Jagdwetter heute!«) - - Seite 257: - "»" eingefügt - (»es ist überdieß nicht gut) - - Seite 266: - "«" eingefügt - (»was zeig' ich denn an?« und trat auf die) - - Seite 266: - "»" eingefügt - (»werden wir die Ehre haben) - - Seite 269: - "»" eingefügt - (»ich bin alt und schwächlich) - - Seite 269: - "Bespiel" geändert in "Beispiel" - (würde Ihnen zum Beispiel einen viel größeren Zuhörerkreis) - - Seite 273: - "«" eingefügt - (mich ergebenst, meine Herrn!« -- und damit) - - Seite 273: - "," hinter "Leute" entfernt - (Die jungen Leute sahen ihm mit einem Gemisch) - - Seite 276: - "aufathmen" geändert in "aufathme" - (kräftig und wohlgemuth aufathme aus tiefster Brust) - - Seite 281: - "von" geändert in "vor" - (wenn Sie ihm, so aufgetakelt, vor den Bug kämen) - - Seite 283: - "hierzu" geändert in "hier zu" - (mit welchem wir es hier zu thun haben) - - Seite 283: - "-" eingefügt - (damit er die Beweggründe der Schooner-Passagiere begreifen) - - Seite 284: - "das" geändert in "daß" - (imponirt, daß einzelne _unbewaffnete_ Männer) - - Seite 293: - "Geduldsfadenriß" geändert in "Geduldsfaden riß" - (dem kleinen Van Broon der letzte Geduldsfaden riß) - - Seite 314: - "»" vor "Bob" entfernt - (Bob grunzte eine Art Beistimmung) - - Seite 315: - "Sideny" geändert in "Sidney" - (sobald wir unseren Anker wieder in Sidney auswerfen) - - Seite 324: - "»" eingefügt - (»es giebt viele auf der Insel) - - Seite 333: - "Berreich" geändert in "Bereich" - (laufen wir daher den ganzen Bereich ab) - - Seite 334: - "»" eingefügt - (»hier der, durch ein Kreuz bezeichnete Punkt) - - Seite 338: - "Schiffen" geändert in "Schiffer" - (die den Schiffer auf seinen weiten Reisen begleitet) - - Seite 341: - ",«" geändert in "«," - (theils dem »Capitän«, theils dem Zimmermann gehörige) - - Seite 347: - "Zimmerman" geändert in "Zimmermann" - (der Zimmermann zog es denn auch, vielleicht nur aus) - - Seite 365: - "Anderr" geändert in "Andere" - (der Andere aber schlich langsam am Waldrand hin) - - Seite 372: - "." geändert in "?" - (was es sonst sein mag, seinen Eingang?«) - - Seite 375: - "?" geändert in "!" - (und einem frohen, freudigen Leben entgegen!«) - - Seite 382: - "«" eingefügt - (-- werden schon wissen --«) - - Seite 391: - "enstanden" geändert in "entstanden" - (wie der Tag entstanden, sank er in Nacht zurück) - - Seite 420: - "dem" geändert in "den" - (Auf den rothgepolsterten Sesseln und Bänken lagen) - - Seite 425: - "ich" geändert in "auch" - (und wenn auch hie und da zwischen den Coulissen) - - - sowie jeweils "«," geändert in ",«" - - auf Seite 50: - (»Dort unten,« lautete die monotone Antwort) - (»Na, das ist eine schöne Geschichte,« murmelte Sutton) - - und Seite 72: - (»Entweder oder,« murmelte er) - - und Seite 142: - (durch den Wald reiten müssen,« entgegnete die Frau) - (»Ja, das läßt sich nicht läugnen,« lachte der Reiter) - (»Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs,« rief jetzt) - - und Seite 144: - (draußen im Wald, er sucht die Pferde,« entgegnete) - (aus den Hügeln herunter gekommen sein,« meinte Hennigs) - (»Ah, dann findet sie Vater gewiß nicht,« rief Sally)] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen, Erster Band., by -Friedrich Gerstäcker - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN, ERSTER BAND. *** - -***** This file should be named 50187-8.txt or 50187-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/1/8/50187/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Aus zwei Welttheilen, Erster Band. - Gesammelte Erzählungen - -Author: Friedrich Gerstäcker - -Release Date: October 12, 2015 [EBook #50187] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN, ERSTER BAND. *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - - - -<h1>Aus zwei Welttheilen.</h1> - -<p class="ce mt2 lh2 fsl">Gesammelte Erzählungen<br /> -<span class="fss">von</span><br /> -<b>Friedrich Gerstäcker.</b></p> - -<p class="ce mt2 lh2 fsl">Erster Band.</p> - -<p class="ce mt2 lh2 fsl"><b>Leipzig,</b><br /> -Arnoldische Buchhandlung.<br /> -1854.</p> - - - - - -<h2>Inhalt des ersten Bandes.</h2> - - -<div class="ce"> -<table summary="" border="0" cellpadding="2"> -<tr> - <td class="tdr fss" colspan="2">Seite</td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Heimweh und Auswanderung</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_001">1</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Die Wolfsglocke</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_027">27</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Die Ahnung</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_083">83</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Schwarz und Weiß</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_137">137</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Der Freischütz</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_227">227</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Die Schoonerfahrt</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_275">275</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">Berlin und das Schauspielhaus im Belagerungszustand </td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_401">401</a></td> -</tr> -</table> -</div> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -Heimweh und Auswanderung.<br /> - -<span class="subheader ge">Skizze.</span></h2> - - -<p>Vor Jahren, und noch nicht einmal vor so gar <em class="ge">langen</em> -Jahren, war eine Reise von mehr als zwanzig -Meilen ein Gegenstand, der nicht allein jede nur erdenkliche -Vorbereitung erforderte, sondern den Reisenden -selbst fast wie einen tollkühnen Wagehals erscheinen -ließ, der sein eigenes Leben und die Ruhe seiner Verwandten -und Freunde keinen Deut hoch achtete, sondern -nur, ein zweiter Robinson Crusoe, Lust habe, -seine Tage unter Wilden und Cannibalen zu beschließen. -Damals standen noch wohlbeleibte Wirthe mit -den dicken, gemüthlichen Gesichtern in der Thür ihrer -Gasthäuser und unter den an starken eisernen Stäben -hin- und herknarrenden Conterfeys von rothen Drachen -oder noch rötheren Potentaten, sahen die alte, wohlbekannte -Landkutsche halbe Stunden lang bedächtig -<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -auf der ausgefahrenen Straße heranrasseln, und berechneten -schon im Voraus, für wie viel Gäste die -hochlägerigen, schneeweiß überzogenen Betten hergerichtet, -wie viel Paar Pantoffel zum Wärmen an den -Ofen gestellt werden müßten.</p> - -<p>Jetzt dagegen zischen und schnauben keuchende Locomotiven -ihre eiserne Bahn entlang – die Drachen -und Potentaten sind (beide jedoch nur von den Wirthshausschilden) -verschwunden und haben französirten -Hotels – »<i>de Leipsic, de Katzenellenbogen etc.</i>« – -Platz gemacht, und langbeinige, dünnleibige Wirthe -und Kellner stürzen, mit ganzen Armladungen voll -Erfrischungen, von Coupee zu Coupee, um die <em class="ge">nie</em> -mehr einkehrenden Passagiere zu veranlassen, ihr Geld -im Fluge zu verzehren.</p> - -<p>Der Ocean hält mit dem festen Lande Schritt; -sonst nannte man eine Fahrt von Hamburg nach -Helgoland eine »Seereise«, jetzt heißen die, zwischen -Newyork und Liverpool »spielenden«, ungeheueren -Packetdampfschiffe »<em class="ge">Fährboote</em>«, und Pianofortes -und Brüsseler Spitzen werden nach Gegenden hingeschafft, -in denen noch vor kurzer Zeit Schellen und -Glasperlen als Wunderwerke der Kunst galten.</p> - -<p>Der Mensch selbst bleibt dann natürlich nicht hinter -dem Fortschritt der Länder zurück – der enge Kreis, -<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -der sonst den Hausvater an die Scholle bannte die -er bewohnte, wird ihm jetzt zu eng, und wenn er die -Seinen nicht verlassen kann, ei nun, so nimmt er sie -mit zu anderen Zonen. Ein mit dem Vaterland Zerfallener -– ein »Weltschmerzdurchtobter« – dachte -früher nur selten daran, die alten Ketten und Verhältnisse, -die ihn bisher gebunden, abzuschütteln und -auf neuem Boden, von der neuen, lebensfrischen -Keimkraft einer anderen Welt durchglüht, ein ebenso -neues, ein ebenso frisches Leben zu beginnen, – das -Wort »Europamüde« stand noch in keinem <em class="ge">deutschen</em> -Wörterbuch. Jetzt ziehen Tausende von ruhigen Landleuten, -die bis dahin von Schiffen keine anderen kannten -als Weberschiffe, und das Wasser, außer dem Hausgebrauch, -nur noch zum Mühlentreiben verwendbar -hielten, mit schwellenden Segeln über brausende Wogen -hin, einer neuen, ferngelegenen Heimath zu, und befinden -sich auch dort schon, nach ganz kurzem Aufenthalte -so wohl, so bekannt, als ob sie zwischen lauter -Negern und Mulatten aufgewachsen wären, und von -frühester Kindheit an nichts Anderes gegessen hätten, -als Maisbrod und Ananas.</p> - -<p>Deutschland, das sonst so ruhige, gemüthliche -Deutschland, ist auf Reisen gegangen; Michel hat -Schlafrock und Pantoffeln ausgezogen, und am Ganges, -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -Nil und Niger, am Amazonenstrom wie am -Mississippi verlangt er von dem aufs Aeußerste erstaunten -Echo, ihm »Ei du lieber Augustin« und -»schöner grüner Jungfernkranz« nachzusingen.</p> - -<p>Betritt nun der Deutsche amerikanischen Grund -und Boden, und ist ihm selbst die Sprache fremd, die -er von <em class="ge">lauter</em> fremden Menschen sprechen hört, dann -erfaßt ihn gewöhnlich zum ersten Mal jenes Gefühl -gänzlicher Verlassenheit, das er selbst bei dem Abschied -aus der Heimath, als er den letzten blauen Streifen -des Vaterlandes in nebliger Ferne schwinden sah, noch -nicht empfand. Damals, in ganz neuer, fremdartiger -Umgebung, wo Scene nach Scene wechselte, und jede -nachfolgende immer wieder frischeres, lebendigeres -Interesse bot, – noch dazu von lauter Landsleuten -umgeben, die nur über Sachen sprachen die ihm selbst -bekannt, mit denen er selbst vertraut war, fühlte er, -glaubte er noch nicht, daß der letzte Faden zerrissen sei, -der ihn an vaterländische Erde band, – er war nur -eben unterwegs, und das Meer, in dessen wundervolle -Bläue er jetzt hineinstarrte, umfluthete ja auch den -heimischen Strand.</p> - -<p>So vergrößerte sich nach und nach die Entfernung, -ohne daß er im Stande war einen Maßstab anzulegen, -wie er von Stunde zu Stunde alles Das weiter -<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -zurückließ, an dem bis jetzt sein ganzes Herz gehangen, -und das ihm durch Liebe und Gewohnheit heilig geworden -war.</p> - -<p>Der erste Schritt auf fremder Erde zerstört den -Wahn – von seinen Reisegefährten trennt ihn gewöhnlich -bald irgend ein anderer Plan, trennen ihn -andere Interessen, andere Ansichten – er verliert sie -in dem ihn umtosenden Gedränge aus den Augen, -und erst dann – erst in <em class="ge">dem</em> Augenblick steigt mit -einem Schlage die ganze starre Wahrheit vor ihm auf: -du bist im fernen, fremden Land <em class="ge">allein</em>.</p> - -<p>In <em class="ge">der</em> Zeit schließt er sich an Jeden an, der -<em class="ge">deutsch</em> spricht – in <em class="ge">der</em> Zeit glaubt er einem Jeden, -der ihm versichert, daß er es gut und ehrlich mit ihm -meine – ach seine ganze Seele hängt ja an dem -Glauben. Nur zu häufig fällt er aber auch dann gerade -in die Hände listiger Speculanten, die, in der -amerikanischen Schule gestählt, jeden fremden Einwanderer, -komme er nun aus der eigenen Heimath -oder wo anders her, wie einen Schwamm betrachten, -den sie so lange drücken und kneten, als noch ein -Tropfen Wasser in ihm enthalten ist, und erst dann, -nachdem sie sich ihres Erfolgs vergewissert haben, wie -ein abgenutztes Handwerkszeug bei Seite werfen.</p> - -<p>Der also Mißbrauchte sieht sich so von Jedem, dem -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -er mit treuem Herzen vertraute, hintergangen und -verspottet, und jetzt stürmen urplötzlich all die tausend -und tausend gehörten und für Märchen gehaltenen -Geschichten auf ihn ein, durch die er in der alten -Heimath vor solchen <em class="ge">Freunden</em> gewarnt worden -war. Er gleicht jetzt dem Knaben, der sich, schon unter -Wasser, noch deutlich daran erinnert, daß ihm Jemand -gesagt hätte, das Eis würde nicht halten. Er ist aber -einmal durchgebrochen, und nur starkes, kräftiges -Ringen kann und wird ihn wieder an die Oberfläche -bringen.</p> - -<p>Nun sind es allerdings großentheils Deutsche, die -in den Seestädten Amerikas einzig und allein darauf -auszugehen scheinen, ihre Landsleute durch falsche -Verkäufe, Landspeculationen oder sonstige Betrügereien -zu hintergehen; das hat aber hauptsächlich darin seinen -Grund, daß der Amerikaner nur selten Deutsch genug -versteht, sich des eben Eingewanderten Vertrauen zu -erwerben und Vortheil aus ihm zu ziehen, sonst wäre -er der letzte, der sich ein Gewissen daraus machen -würde, ein <i>greenhorn</i><span class="top">[1]</span> hinters Licht zu führen.</p> - -<p class="ci fss">[1]: <i>Greenhorn</i> – ein unübersetzbares Wort, das der Amerikaner -von solchen braucht, die in einer neu unternommenen Sache -noch gänzlich unbekannt sind, wie z. B. ein Landbewohner, der -Matrose werden wollte, im Anfang stets ein <i>greenhorn</i> genannt -werden würde.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -Der Amerikaner hat überhaupt, besonders im -Handel, wunderliche Begriffe von Ehrlichkeit, und -hält Manches für erlaubt, was wir nach <em class="ge">unseren</em> -Ansichten unmöglich billigen könnten. Ich brauche da -nur an die aus Kien gedrehten Muskatnüsse, an hölzerne -in Leinwand eingenähte Schinken, an aus Kartoffeln -und rothem Flanell gestopfte Würste, und an -viele andere Betrügereien zu erinnern, die den Schuldigen -vor Gericht allerdings verdammt hätten, denen -aber der Amerikaner selbst seine volle Bewunderung -zollt und einen solchen Pfifficus höchstens einen »<i>deuced -smart fellow</i>«, einen »verwünscht schlauen Burschen« -nennt.</p> - -<p>Nun ist es aber nicht allein das Vertrauen gegen -Andere, vor dem sich der neu eingewanderte Deutsche -besonders zu hüten hat, sondern auch das in sich selbst, -was ihm nicht selten noch größeren Schaden thut als -das erste, denn jenes kostet ihm gewöhnlich nur Geld -und er gewinnt dafür Erfahrung, das andere aber -kostet ihm seine <em class="ge">Zeit</em> und die kann ihm Nichts wieder -ersetzen.</p> - -<p>Ich möchte hier übrigens nicht mißverstanden werden, -denn ich will keineswegs damit sagen, daß der -Europäer nicht auf seine eigenen Kräfte, auf seine -eigene Ausdauer und Beharrlichkeit vertrauen solle. -<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -Nein im Gegentheil, ein solches Vertrauen ist sogar -unumgänglich nöthig, er würde sonst untergehen in -Zweifel und Unentschlossenheit; er soll sich aber nicht -einbilden daß er nach Amerika gekommen ist, um die -Eingeborenen durch seine eigene Geschicklichkeit in Erstaunen -zu setzen – er soll nicht, ohne vorher zu prüfen, -<em class="ge">seine</em> Manier zu arbeiten für die bessere, <em class="ge">seine</em> Werkzeuge -für die einzigen guten halten – er soll seine -eigenen Fähigkeiten nicht zu hoch anschlagen und selbst -da noch <em class="ge">lernen</em>, wo er sich schon vielleicht für geschickter -und klüger als Die hielt, mit denen er zusammentraf.</p> - -<p>Der Amerikaner ist viel praktischer als der Deutsche -– er hat sich aber auch nicht aus dem alten Schlamm, -aus geistigem und körperlichem Zwang erst herauszu<em class="ge">arbeiten</em> -gebraucht, wie wir das noch jetzt mit Händen -und Füßen, ja oft auf dem Bauche liegend, im -Begriff sind zu thun. Er hat das Joch, was ihn zu -drücken erst <em class="ge">anfing</em>, abgeschleudert und nun, ein -freier Staat, die freie Bahn frisch und fröhlich verfolgt. -Nicht durch Zunft oder anderen Zwang niedergehalten, -von allen Ländern der Welt die Repräsentanten -in seiner Mitte, konnte er prüfen und wählen -und der Erfolg hat bewiesen, wie er nicht blind -war gegen das Bessere.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -Daher geschieht es denn gewöhnlich, daß sich besonders -der deutsche Handwerker im Anfang gar nicht -in die Behandlungsart seines eigenen Gewerbes hineinfinden -kann, und selbst der <em class="ge">Meister</em> zu seinem -nicht geringen Erstaunen noch lernen muß. Hier in -Deutschland kommt es besonders <em class="ge">darauf</em> an, daß -eine Sache gut und dauerhaft gearbeitet sei; der Vater -will ein Stück, das er für sich selber machen läßt, -auch noch auf den Sohn vererben, <em class="ge">dort</em> hingegen -soll nur Alles <em class="ge">schnell</em> und in <em class="ge">Masse</em> fertig werden, -und der Amerikaner wird daher stets den schnellen -Arbeiter dem guten vorziehen. Schuhmacher z. B., -die zwei bis drei Paar Schuhe in einem Tage machen, -gehören keineswegs zu den Seltenheiten. – Hie und -da, in großen Städten, findet man Anschläge, wo -»schwarze Wäsche« in <em class="ge">einer</em> Stunde gewaschen, getrocknet -und geplättet wird. – Häuser scheinen über -Nacht aus dem Boden zu steigen, ganze Städte wachsen -in wenigen Monaten heran und ein ewiges Drängen -und Treiben schüttelt die Amerikaner selbst aus einem -Staat in den anderen, aus einem Geschäft in das -andere.</p> - -<p>Der Lebenszweck ist: <em class="ge">durch</em> die Welt zu kommen, -und <em class="ge">womöglich</em> ehrlich, das <em class="ge">wie</em> ist aber auf jeden -Fall sonst Nebensache. Was also hier in Deutschland -<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -einem Menschen zur Schande gereichen, oder über das -der Philister wenigstens sehr stark den Kopf schütteln -würde, das öftere sogenannte »Umsatteln« wird dort -nicht allein für natürlich, sondern sogar für lobenswerth -gehalten, weil es beweist, wie der unstät von -Einem zum Anderen Wechselnde das für ihn Passende -zu finden sucht, und man ist überzeugt, er wird, <em class="ge">wenn</em> -er es findet, nicht langsam in der Benutzung desselben -sein.</p> - -<p>Daß Einer heute Zimmermann, morgen Straßenarbeiter, -übermorgen Doctor, nachher Landmann, -Maler, Schuster, Matrose, Apotheker, Händler u. s. w. -ist, fällt Keinem auf, und gerade diese unbegrenzte -Arbeitsfreiheit hat Amerika seinen ungeheuern Aufschwung -gegeben. Dort treibt ein Jeder nicht etwa -Das, wozu ihn die Laune seiner Aeltern oder seiner -Geburt verdammte, sondern Das, was seinen eigenen -Neigungen und Fähigkeiten entspricht, und ist daher -auch im Stande, es zu einer Vollkommenheit zu -bringen, zu der er sich noch mehr durch unbegrenzte -Concurrenz getrieben sieht.</p> - -<p>Das sollte aber auch den Einwanderer vor einem -Fehler warnen, in den er nur zu oft von allem Anfang -an fällt – daß er nämlich Dasselbe dort treiben will -und es durchsetzen zu müssen glaubt, was er hier im -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -alten Vaterlande getrieben. Es ist gerade so, als ob -er nun auch noch immer in das alte Wirthshaus gehen -wollte, in das er seit Jahren gegangen; ja lieber Gott, -das liegt Tausende von Meilen hinter ihm, und eine -neue Welt ist's, die ihn umgiebt, eine neue Welt ist's -also auch, der er sich anpassen, der alte Adam ist's, -den er mit dem alten Schlafrock ausziehen muß.</p> - -<p>Dazu kommt noch, daß viele Gewerke in Nordamerika -gar keine Kundschaft haben, so z. B. würden -<em class="ge">Weber</em>, wenn sie es dort durchsetzen wollten, vor dem -Webstuhl ihr Brod zu verdienen, verhungern müssen -– <em class="ge">was</em> gewebt wird, geschieht auf Maschinen oder -von Frauen – Spitzenklöppler dürften ebenso wenig -daran denken, ihr Geschäft in Amerika zu treiben – -Hufschmiede müßten sich den steinigen Norden oder -gebirgige Strecken suchen, da im Süden kein Mensch -daran denkt, ein Pferd beschlagen zu lassen u. s. w. -Michel muß also, wenn er einmal überhaupt eine so -große Reise angetreten hat, total aus sich herausgehen -und ein ganz anderer Mensch werden.</p> - -<p>Der <em class="ge">Arme</em> aber, der hier nur Sklave und Knecht -war, der hier wie ein Pferd arbeitete, um zu leben, -und für einen Tag Krankheit zwei Tage hungern -mußte, um die Sache wieder ins alte Gleis, d. h. auf -sein früher reducirtes Nichts zu bringen, wird dort -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -auf einmal finden, daß er mehr als ein bloßer Zahn -in einem Maschinenrad ist, daß er auch noch Menschenrechte -hat, die dort gelten und anerkannt werden. -Er braucht auch nicht mit Thränen auf seine Kinder -zu blicken, weil er im Geist voraus sieht, welch fürchterliches -Leben sie durch lange endlose Jahre dahin zu -schleppen haben; denn gerade die Kinder sind es, die -nachher tausendfältig ernten, was die Aeltern, vielleicht -immer noch unter Sorgen und Entbehrungen, gesäet -haben. Für den Armen, der arbeiten will, ist daher -Amerika noch ein Land der Verheißung, und alle die, -die es gut mit den Unglücklichen meinen, sollten der -Auswanderung derselben nicht allein nicht im Wege -sein, sondern sie eher und so viel als möglich unterstützen -helfen.</p> - -<p>Daß dort <em class="ge">Alle</em> gedeihen, daß es dort <em class="ge">Allen</em> gut -gehen soll, wer könnte das verbürgen – schon ihre -ganze Erziehung hier, die Abhängigkeit, in der sie von -Jugend auf gelebt, läßt sie dort anfänglich in einer -Freiheit umhertaumeln, die sie nicht verstehen, deren -Werth sie noch nicht begreifen können. Allerdings -sagen sie es sich wohl oft, recht oft laut und in Gedanken -vor: »Hier sind wir Alle gleich, hier trennt -uns kein Unterschied des Ranges mehr«, aber vor -jedem guten Rock bücken sie sich, weil sie den verwünscht -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -schwachsinnigen Gedanken noch nicht abschütteln können, -daß in einem bessern Stück Tuch auch nothwendig -ein besseres Stück Fleisch stecken müsse, als sie selbst -unter ihrer wollenen Jacke tragen. Das verliert sich -aber nach und nach, sie lernen ihren eigenen Werth -erkennen, und der deutsche <em class="ge">Farmer</em> ist durch seine -Arbeitsamkeit und offene Ehrlichkeit der geachtetste -Bürger der Staaten.</p> - -<p>Anders, aber nicht etwa besser steht es dafür mit -Denen, die in den Städten kleben bleiben und nun -dem Endzweck der Amerikaner huldigen und Geld, nur -immer <em class="ge">Geld</em> zu verdienen suchen, während ihnen das -<em class="ge">Wie</em> dabei als eine nicht zu beachtende Nebensache -erscheint.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Du kannst im Großen nichts verrichten,</div> - <div class="verse">Und fängst es nun im Kleinen an.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Zu dem Großen fehlen ihnen die Mittel, fehlt -ihnen der Geist – von klein auf krämern sie sich nach -und nach hinauf. Stege, die der Amerikaner ihres -Schmutzes wegen nicht einschlagen will, benutzen sie -mit Freuden, und haben sie endlich ihr Ziel erreicht – -ist es ihnen gelungen ein kleines Vermögen zu erwerben, -das sie unabhängig dastehen läßt, dann -kriecht aus der Puppe der gemeinen Raupe ein Zwitter-Unding -von Amerikaner und Deutschem hervor – ein -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -Wesen, das nur englisch radebrecht, und von seinen -Landsleuten mit vornehmen Nasenrümpfen sagt: <i>it is</i> -<em class="ge"><i>only a Dutchman</i></em> (es ist <em class="ge">nur ein Deutscher</em>) -– und zwar Dutchman noch im allerverächtlichsten -Sinn gebraucht.</p> - -<p>Die Galle läuft einem ordentlichen Kerl über, -wenn er solch Pack sieht, und dann fühlt, daß Jene -nur ihre eigene Gemeinheit vor einer so reichlich verdienten -Züchtigung schützt.</p> - -<p>Auch unter diesen giebt es allerdings eine bessere -Klasse, aber sie ist selten; der <em class="ge">gebildete Deutsche</em> -zieht es – wunderlicher Weise – fast stets vor, sich -lieber durch <em class="ge">Hand</em>arbeit eine Zeitlang fortzuhelfen, -bis er Sprache und Sitten des Landes erlernt hat, -und wenn er dann mit dem Lande selbst vertraut wird, -wenn er die Achse findet, um die sich Alles dreht, und -sich nun selber fragt: Weshalb bist Du denn eigentlich -nach Amerika gekommen? weshalb hast Du Freunde -und Verwandte, weshalb Alles Das verlassen, was -Dir einst lieb und theuer war? dann gesteht er sich -wohl meistens selber ein: es war jener, vielleicht noch -unbewußte Drang nach Freiheit – ein Gefühl, das, -wenn auch ungeweckt, in seiner Brust geschlummert, -und hinein zieht er nun in den freien, fröhlichen Wald, -und als freier Farmer der Vereinigten Staaten verdient -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -er sich sein Brod, zwar im Schweiße seines Angesichts, -aber er steht auch selbstständig und unabhängig -da, ein souverainer Fürst auf seinem eigenen -kleinen Fürstenthum.</p> - -<p>Zwei Krankheiten sind es übrigens, denen der -Deutsche, denen überhaupt der Auswanderer nach -Amerika fast stets anheimfällt – zwei Krankheiten, -die, eigentlich sehr von einander verschieden, doch auch -wieder einzelne Aehnlichkeit mit einander haben; sie -heißen: <em class="ge">Seekrankheit</em> und <em class="ge">Heimweh</em>.</p> - -<p>Die Seekrankheit betrifft allerdings nur hauptsächlich -den Körper, das Heimweh dagegen den Geist; -das heißt: die eine kommt aus dem Magen, die andere -aus dem Herzen – beide sind aber die fast unausbleiblichen -Folgen einer transatlantischen Fahrt und -ähneln sich auch darin, daß sie manchmal ihr Opfer -nur im Anfang, nur in den ersten Tagen mit beiden -Fäusten anpacken und recht ordentlich, so recht aus -Leibeskräften durchschütteln, es aber dafür auch später -ungeschoren lassen, oder – was viel, viel schlimmer -ist – leise auftreten und bei jeder neuen Woge, bei -jedem etwas stürmischen Meer, wieder- und immer -wiederkehren und Herz und Magen gleich stark zur -Verzweiflung bringen. Beides sind Krankheiten, die -kein Arzt zu curiren im Stande ist, die aber beide, die -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -eine durch <em class="ge">jedes</em> feste Land, die andere nur durch den -heimischen Boden, augenblicklich gehoben werden, und -sonderbarer Weise sich auch nach wiederholter Ursache, -d. h. nach wiederholter Seereise oder Trennung vom -Vaterlande, selten und nur in außerordentlichen Fällen -zum zweiten Male einstellen.</p> - -<p>Zwar hat man für das Heimweh allerlei probate -Mittel empfohlen, wie z. B. stete Aufregung, ein -rastloses Suchen von Geschäften, Reisen, überhaupt -Zerstreuung, und das hilft auch für <em class="ge">die</em> Zeit vielleicht, -<em class="ge">in der</em> wir uns zerstreuen; Augenblicke der Ruhe -<em class="ge">müssen</em> aber kommen und dann – ach selbst die -Erinnerung an die ist schmerzlich.</p> - -<p>Auch für die Seekrankheit hat man in neuerer -Zeit etwas – ein Vomitiv gleich zu Anfang genommen -– als von ausgezeichneter Wirkung empfohlen, -das ist aber etwa eben so, als ob mich beim Arbeiten -das Wagenrasseln auf der Straße störte und ich mir -nun ein paar nimmer rastende Trommelschläger vor -die Thüre bestellte, damit ich jenes nicht mehr höre. -Nein, Heimweh wie Seekrankheit will austoben und -beiden muß man daher seinen ruhigen Lauf auch ruhig -lassen.</p> - -<p>Nun wollen freilich Einige behaupten, das Eine -schütze zugleich vor dem Andern, denn wer die Seekrankheit -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -einmal recht ordentlich gehabt, der bekomme -nie das Heimweh, oder verlange wenigstens nie heimzukehren, -weil er sonst auch jener wieder zum Opfer -fiele. Dem ist jedoch nicht so, das Heimweh kann -sogar viel eher als eine fortgesetzte, als eine moralische -Seekrankheit betrachtet werden. Es ist die Seele, die -auf dem sturmgepeitschten fremden, ungewohnten Lebensmeer -erkrankt und sich nun, obgleich der Körper -durch jede mögliche Anstrengung, durch Beinespreizen -und verzweifeltes Balanciren sein Aeußerstes thut dagegen -anzukämpfen, nur immer und immer zurücksehnt -nach dem festen Land, nach dem <em class="ge">Vater</em>land.</p> - -<p>Einen Beweis hierzu liefert ebenfalls wenigstens -der bessere Theil der Deutschen in Nordamerika. Dieser -nämlich, obgleich vielleicht früher mit den Wörtern -Preuße, Baier, Oestreicher, Sachse etc. vollkommen -einverstanden, macht jetzt plötzlich keinen Unterschied -mehr zwischen dem Rhein und der Donau – er fragt -nicht mehr den Deutschen: aus welchem <em class="ge">Lande</em> -kommst Du? das weiß er, das ist <em class="ge">Deutschland</em>; -nein, aus welcher <em class="ge">Gegend</em>, und selbst <em class="ge">die</em> Frage -geschieht nur, um vielleicht einen bekannten Ort genannt -zu hören und sich an den lieben, ach lange entbehrten -Lauten zu erfreuen. – Daher schreiben sich -auch die, fast in allen amerikanischen Städten entstehenden -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -Gesellschaften zur Bildung eines <em class="ge">einigen -Deutschlands in Amerika</em> – Michel versucht -ganz urplötzlich in einem total fremden Lande etwas, -an das er zu Hause, wo es doch eigentlich hingehörte, -mit keiner Sterbenssilbe gedacht hatte, und ärgert sich -dann, daß er so wenig »Gemeinsinn«, wie er es nennt, -daß er so wenig Anklang unter seinen Landsleuten -findet.</p> - -<p>Alle diese Versuche sind ebenfalls nur ein <em class="ge">Heimweh</em>, -das sich auf solche Art seine, tief im Herzen -wurzelnde Bahn bricht – es ist das Andenken an -liebe, früher so glücklich verlebte Stunden. Der Ausgewanderte -will sich dadurch gewissermaßen glauben -machen, er lebe noch in den alten, jetzt so schmerzlich -vermißten Kreisen, und all das Fremde, Ungemüthliche, -was ihn umgebe, sei nur die harte, bittere und -keineswegs zum süßen Kern gehörige Schale, wie wir -ja wohl vor den hereinbrechenden Winterstürmen Blumen -und Blüthen mit in das wohnliche Zimmer flüchten -und diese hegen und pflegen, daß sie uns noch recht -lange den lieben Sommer erhalten sollen.</p> - -<p>Eine Weile geht das auch – die Keime sind noch -frisch und kräftig, und wenn gleich draußen der eisige -Nord das gelbe verwelkte Laub von den Zweigen reißt, -so trotzen die warm gehaltenen Pflanzen lange und -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -glücklich dem starren Vernichter. Nach und nach aber -welken sie auch – die Zeit übt ihr Recht – der Winter -greift durch jedes zufällig geöffnete Fenster, durch jede -Ritze und Spalte herein, nach den armen Kindern -einer anderen Sonne, und legt sie erbarmungslos in -ihr dunkles Grab.</p> - -<p>Doch eines bleibt – eines ist, das der Hitze wie -Kälte, der erstickenden Stubenluft wie dem vernichtenden -Norde trotzt, das sich mit immer wieder neuen -Schößlingen an Herz und Seele rankt und klammert, -das frisch und fröhlich keimt, wenn auch draußen die -ganze Natur erstarrt, wenn Alles unter weißer Leichendecke -todt und begraben liegt, und das ist der <em class="ge">Epheu</em> -– die <em class="ge">Erinnerung</em> an die Heimath, wenn auch -die Heimath selbst, ach längst für uns gestorben scheint. -In seinen lebensfrischen Blättern sehen wir uns eine -neue Frühlingswelt erstehen – aus ihm bauen wir -uns Lauben und Grotten – ihn flechten wir um unsere -Sitze und zu ihm aufblickend trägt uns sein freundliches -Grün zu der Zeit zurück, wo wir draußen im -schattigen Wald mit den heißen Wangen den Thau -von den Zweigen strichen, wo wir in der Heimath -Das fanden, was uns jetzt nur noch, ein schwaches -Bild ihrer selbst, geblieben.</p> - -<p>Es ist eine eigene Sache um das Heimweh, und -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -ein dem vaterländischen Boden entrissener Mensch ist -ebenfalls wie ein aus der Erde, die ihn erzeugte, genommener -Baum; er stirbt vielleicht nicht ab im fremden -Lande – die Wurzeln schlagen wieder aus, aber die -feinen, zarten Theile derselben sind doch noch im alten -Bett zurückgeblieben – die tausend kleinen, unbedeutenden -Fasern wurden verletzt und getrennt, und wenn -sie auch zu dem Leben des Baumes selbst nicht unbedingt -erforderlich waren, so thun sie ihm doch recht weh, -und ihr Verlust schmerzt noch lange nach.</p> - -<p>Ist es aber zur Erhaltung des <em class="ge">ganzen Baumes</em> -nöthig, daß er in anderen Grund und Boden komme, -dann sind eben diese Fasern nur Nebendinge, auf die -man nicht Rücksicht nehmen darf und kann – es thut -ja auch weh, sich einen Zahn ausnehmen zu lassen, -und doch unterzieht man sich dem Schmerz, um künftig -Ruhe zu haben und sich wohler zu befinden. So leben -wir denn ebenfalls jetzt in einer Zeit, wo die Bevölkerung -einzelner Länder mit Dem was sie selbst erzeugen -kann, in keinem Verhältniß mehr steht, und entweder -muß ein Theil, nach Vorbild der Bienen, -<em class="ge">schwärmen</em>, oder der ganze Stock Noth und Mangel -leiden.</p> - -<p>Früher geschah das erstere durch sich selbst; die -Völkerwanderungen bedurften eben keiner weiteren -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -Anregung als der Ueberzeugung, daß der bisherige -Aufenthaltsort für einen Stamm zu eng ward und die, -überdieß nicht an die Scholle gebundenen Nomadenvölker -zogen aus, in irgend einer anderen Himmelsrichtung -ein besseres, ihrer großen Zahl mehr zusagendes -Land zu finden. Jetzt aber fehlen jene ungeheueren, -wenig bevölkerten und in der Nähe gelegenen -Strecken, oder wo sie liegen, sind die politischen Verhältnisse -der Art, daß Jemand, der erst einmal glücklich Sack -und Pack zusammengeschnürt hat, gewiß nicht <em class="ge">dort</em>hin -zieht; es werden daher Mittel erfordert, um einen uns -nicht mehr ernährenden Wohnplatz zu verändern, die der -Arme nicht besitzt; gleichwohl nimmt die Noth, besonders -in einzelnen, übervölkerten Theilen unseres Vaterlandes, -wie in den sächsischen, schlesischen und böhmischen -Gebirgen, mit jedem Tage zu und mit allen -gereichten Gaben ist immer kein Ende derselben zu ersehen, -keine dauernde Hülfe zu erzwecken – es ist -immer nur ein einzelnes Mahl, dem Hungrigen gereicht, -und der morgende Tag wird ihn eben wieder so -verschmachtend finden, als der gestrige ihn fand. Daher -sollte denn auch der Staat, wenn er es wirklich gut mit -den Armen meint, wenn er ihrer Noth wirklich <em class="ge">abhelfen</em> -und sie nicht nur für den Augenblick durch eine -Galgenfrist beschwichtigen will, die <em class="ge">Auswanderung</em> -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -<em class="ge">unterstützen</em> und <em class="ge">leiten</em>. Unterstützen, so weit das -in seinen Kräften steht, bedenken daß er in dem Läutern -seiner eigenen Kräfte auch sein eigenes Blut reinigt -von dem ungesunden Ueberfluß, der ihn zuletzt sonst -selbst bewältigt, und nicht fürchten, daß die gesunden -Arbeiter alle fortgehen und nur Greise und -Krüppel zurückbleiben – denn wäre das wirklich der -Fall, so könnte man dann noch immer die <em class="ge">wenigen</em> -mit dem zehnten Theil dessen thätig unterstützen, was -jetzt auch an die arbeitsfähigen, und zwar nur zur -augenblicklichen Stillung ihres Hungers verwendet -wird, ohne daß es ihre Leiden lindert, sondern sie bloß -am Leben erhält.</p> - -<p>Aber auch <em class="ge">leiten</em> sollte der Staat die Auswanderung -und zwar durch tüchtige Männer, die, vom -Staate beauftragt, die Auswanderer nicht allein hinüber -zu führen hätten in ihre neue Heimath, sondern -die auch an Ort und Stelle die Gegenden aussuchen -und alles Nöthige einleiten müßten, um ihnen wenigstens -einen Anfang möglich zu machen, um ihnen die -Gelegenheit zu geben, daß sie beweisen können, wie -es ihnen wirklich Ernst ist, selbstständig durch die Welt -zu kommen, und sie ihr altes Vaterland nicht allein -nicht ganz vergessen, sondern auch mit Freundlichkeit statt -mit bitteren Empfindungen daran zurückdenken. Die -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -Zeit <em class="ge">war</em> wo wir eine Flotte hatten, – und unsere -Nachkommen werden glauben, man erzählt ihnen ein -Märchen, wenn sie die Geschichte derselben lesen – -wir dürfen deshalb nicht daran denken, unsere ausgewanderten -Freunde auch noch in fremden Welttheilen -<em class="ge">schützen</em> zu wollen. Das edle Recht ist nur den -<em class="ge">Nationen</em> vorbehalten, aber wir könnten ihnen dadurch -doch auch beweisen, daß uns wirklich ihr Wohl -am Herzen lag, als wir ihre Taxen und Steuern -nahmen, daß wir sie wirklich, wie ihnen das hier oft -genug vorerzählt wird, als <em class="ge">Kinder</em> des Staates -betrachten und nicht als überflüssiges Material, als -Kehricht, den man auf die Straße wirft, und von -dem man froh ist, wenn ihn der Nachbar gelegentlich -mit fortführt.</p> - -<p>Diese vom Staat Beauftragten sollten aber nicht, -wie das bis jetzt stets der Fall gewesen, Männer sein, -die, selbst unbekannt mit Amerika, hinübergehen, dort -vielleicht ein halbes Jahr leben, flüchtige Erkundigungen -einziehen und dann glauben, sie kennten das -Land genug, um ein richtiges Urtheil darüber fällen -zu können; solche Leute haben schon unendliches Unheil -über arme Auswanderer gebracht, die ihren Worten, -ihrer Führung unbedingt vertrauten und dann zu spät -einsahen, wie sie von Menschen geleitet waren, denen -<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -selbst kaum die obere Rinde der dortigen Verhältnisse -bekannt geworden. Allerdings weiß ich, welche Schwierigkeiten -es hat, Deutsche zu einem gemeinschaftlichen -Zusammenleben zu bewegen; ja ich halte es sogar, -außer unter dem strengsten religiösen Zwang, für eine -positive Unmöglichkeit. Das darf aber auch gar nicht -der Zweck einer Uebersiedelung von Armen sein, der -Staat hat genug gethan, wenn er sie hinüber schafft -und dort dafür sorgt, daß sie wenigstens im Anfang -einen Wirkungskreis für ihre Thätigkeit bekommen, -was nur durch Ankauf einer selbstständigen Strecke -Landes geschehen kann. Für das weitere Fortbestehen -ihres Zusammenlebens wäre es verlorene Mühe sorgen -zu wollen – es findet dann später ein Jeder schon -seine eigene Bahn, und wer nicht Lust hat, das ihm -angewiesene Land zu bebauen, der mag es verlassen -und irgendwo anders Beschäftigung suchen. Das Land -muß ihm nur im Anfang als Aufenthaltsort gegeben -werden, daß er nicht gerade in der Zeit, wo er weder -Sprache noch Sitten kennt, als ein Bettler die Staaten -durchstreift, und sowohl für sich selbst ein eben so -elendes Leben fortsetzt, als er es hier geführt, sondern -auch seinen anderen Landsleuten unendlichen Schaden -zufügt, indem er sie durch sich selbst in den Augen der -Amerikaner herabwürdigt.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -Das Alles ist jedoch nur durch Leute möglich zu -machen, die Amerika nicht allein vom Bord eines -Dampfschiffes aus, oder durch das Coupeefenster eines -Bahnzuges kennen gelernt, sondern die sich selbst eine -genaue Kenntniß der dortigen Verhältnisse <em class="ge">an Ort -und Stelle</em> verschafft haben. Ebensowenig wäre -es aber auch anzurathen, dortigen <em class="ge">Ansiedlern</em> die -Wählung eines Platzes zu überlassen; diese werden -nie im Interesse der Uebersiedler, sondern stets in ihrem -eigenen Interesse handeln und zwar die neue Colonie -so viel als möglich in ihre Nähe, wenn nicht gar auf -ihr eigenes Land zu bringen suchen, um einen sicheren -und bequemen Absatz für ihre Produkte zu finden. -Das Alles wird durch einen dabei nicht selbst Betheiligten -vermieden, dann aber bietet auch der weite -Westen der Vereinigten Staaten einen ungeheueren -Abzugscanal für jene Unglücklichen, die hier hungern -müssen, während dort Brod wächst sie zu sättigen, die -den Quell kennen, der sie vor dem Verschmachten retten -würde, ihn aber nicht zu erreichen vermögen, weil -ihre Kräfte erschöpft, ihre Glieder erschlafft sind. -Jetzt werden sie nur durch dürftige Spenden dürftig -am Leben gehalten – eine kräftige Hülfe aber, die -das Uebel bei der Wurzel faßte und herausrisse, würde -nicht allein Denen einen freieren Blick in die Zukunft -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -gestatten, die jetzt durch das Unglück ihrer Mitmenschen -jede Freude verbittert sehen, und immer nur gedrängt -und getrieben werden, zu helfen und zu unterstützen, -sondern auch für Die, die es selbst betrifft, von segensreichster -Wirkung sein.</p> - -<p>Nur durch die Auswanderung kann eine wirkliche -und nachhaltende Linderung der jetzigen Noth einzelner -Klassen ermöglicht werden.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -Die Wolfsglocke.</h2> - - -<p>In den Washita-Bergen Nord-Amerikas liegt der -Schauplatz auf den ich den Leser führen will. Dort, in -den wilden Thälern jener reizenden Hügelketten existirt -noch der richtige Backwoodsman; schlicht und ehrlich, -rauh und derb, aufopfernd in seiner Freundschaft, -aber gefährlich in seinem Haß, und sein Leben großentheils -von der Jagd, etwas vom Ackerbau, und meist -von der Viehzucht abhängig machend.</p> - -<p>Die letztere wird ihm besonders durch das milde -Klima jener Gegend, durch die grasreichen Hügel, -durch die noch hie und da mit dichten Schilfbrüchen -gefüllten Thäler erleichtert, und wenig Mühe ist es, -die ihm die Zucht einer oft nicht unbeträchtlichen Heerde -kostet. Dann und wann eine Hand voll Salz, nahe zu -seiner Hütte hingeworfen, eine häufige und regelmäßige -Wanderung von einem der kleinen zerstreuten -Trupps zum andern, daß sie den Anblick des Menschen -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -gewohnt blieben und nicht wild wurden – und der -Sorgfalt, die er möglicher Weise darauf verwenden -<em class="ge">konnte</em>, war vollkommen Genüge geleistet.</p> - -<p>Einen Feind aber hatte er, den er, so oft er ihm -auch nachstellte und ihn mit Büchse und Falle unermüdlich -verfolgt und zu vernichten strebte, doch nicht -bewältigen konnte, einen Feind, der Nachts in heulenden -Schaaren die ängstlich blökende Heerde umschlich, -und manch kräftiges Kalb, ja sogar manch -einzeln abschweifende Kuh – und wie viel Ferkel und -junge Schweine! – überfiel, erwürgte und verzehrte -– dieser listige, blutgierige und erbarmungslose -Feind war der <em class="ge">Wolf</em>.</p> - -<p>Durfte man es dem Backwoodsman verargen, -wenn er seine ganze List und Jagdkenntniß anwandte, -solch schlauem und gefräßigem Diebe beizukommen? -– aber so eifrig er auch auf der Lauer lag, so manche -Nacht er, Mosquiten und Holzböcken zum Trotz, -in den Aesten irgend einer knorrigen Eiche eingeklemmt -hing, und beim matten Mondeslicht den -scheuen Räuber durch angeschlepptes Aas herbeizulocken -und zu belauern gedachte, so selten war er im -Stande der höchst umsichtigen Bestie die tödtliche Kugel -in den Pelz zu schicken. Die Zahl der Raubthiere -mehrte sich, trotz den unermüdlichen Nachstellungen, -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -von Jahr zu Jahr, und im Verhältniß dazu wurden -die Heerden gelichtet, so daß wirklich etwas ernstlich -geschehen mußte, wenn sich die Viehzüchter nicht genöthigt -sehen sollten ihre Weidegründe, nur allein -dieser Plage wegen, aufzugeben. – Und ein Hinterwäldler -einem Wolf das Feld räumen, – ei Klapperschlangen -und Poppkorn! das wäre ja wahrhaftig -eine Schmach und Schande für sein ganzes Leben -gewesen!</p> - -<p>Daß unter solchen Umständen derjenige welcher die -meiste Geschicklichkeit auf der Jagd bewies, auch der -geachtetste der Jäger war, versteht sich wohl von -selbst, und so geschah es auch daß sich Benjamin Holik, -der erst seit kurzer Zeit aus Missouri heruntergekommen -war, in kaum einem halben Jahre, wo er allein -mit seiner Büchse siebzehn der Bestien erlegt hatte, -den Ehrennamen »Wolfs Ben« verdiente, und bald -für den besten Wolfsjäger im ganzen Reviere galt.</p> - -<p>Wolfs Ben war auch noch außerdem ein gar -stattlicher und wackerer Bursche; gut seine sechs Fuß -hoch, mit wahrhaft riesigen Schultern und Armen und -einer Kraft, der es keiner der doch sonst gewiß nicht -schüchternen Hinterwäldler, gewagt hätte, im Einzelkampf -zu begegnen, zeigte er sich sonst in seinem -ganzen Wesen als der gutmüthigste, verträglichste und -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -gefälligste Freund. – Mit einem guten Wort ließ sich -von ihm Alles erlangen, die vorletzte Ladung Pulver -gab er her und den letzten Bissen den er in seine Decke -gewickelt bei sich trug; dabei war er der trefflichste -Gesellschafter, wußte Unmassen der abenteuerlichsten -Geschichten zu erzählen, half, wo er einmal irgendwo -übernachtete, mit unermüdlichem Fleiße Feuerholz -schlagen und zum Haus schaffen, den Mais in der -Stahlmühle mahlen, die Thiere versorgen etc., und -hatte sich dadurch sowohl wie durch sein männlich -schönes Aeußere die Herzen sämmtlicher Frauen der -Ansiedlung dermaßen gewonnen, daß er die übrigen -jungen Burschen wahrhaft zur Verzweiflung brachte -und schon anfing, trotzdem daß er noch Keinem auch -nur eines Strohhalms Hinderniß in den Weg gelegt, -recht tüchtige Feinde unter ihnen zu zählen.</p> - -<p>So still und ruhig aber Wolfs Ben dabei seinen -Weg ging und anscheinend harmlos in den Tag hinein -lebte, so hatte er doch auch die Augen weit genug -offen und wußte selber am besten unter welchem Dach -er am liebsten schlief, in welche Augen er am unermüdlichsten -schauen konnte, und wo ihn – nicht das -freundlichste Gesicht, denn die Mädchengesichter bewillkommten -ihn alle freundlich – wohl aber das -süßeste Erröthen begrüßte, das ihm bis jetzt noch stets -<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -das Blut in rasender Schnelle durch die Adern gejagt.</p> - -<p>Doch ich will dem Leser keine langen Räthsel aufgeben, -die er jedenfalls schon eine Weile vorher errathen -hätte. – Benjamin Holik liebte – wie nur seine -treue einfache Seele lieben konnte – so recht aus -Herzensgrunde Robert Suttons liebliches und einziges -Töchterlein, und die einzige und alleinige Sorge -die ihn dabei quälte war, daß Sutton, der die größte -Farm- und Baumwollenplantage unten am Washita -und Red River besaß, und im Sommer hier nur -eigentlich seiner Heerden und seiner Gesundheit wegen -in die Berge zog, für einen sehr reichen, und – was -noch schlimmer, geizigen Mann galt, und er – armer -Teufel! – weiter Nichts auf der weiten Welt besaß -als seine Büchse, sein Messer und seinen gesunden -Körper. – Sein braves ehrliches und treues Herz -schlug er dabei gar nicht an, und doch war das die -kostbarste Perle, die in ihrer Umhüllung nur wie in -einer weit minder werthvollen Schaale saß.</p> - -<p>Ben hatte aber schon oft und lange, und nicht -selten mit recht trüben Sinnen darüber nachgedacht, -wie er es eigentlich anfangen sollte etwas Geld zu -verdienen und einen kleinen »<i>start</i>« wenigstens zu -haben, mit dem er beginnen könne – denn sich um -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -Arbeit auszudingen und langsam und mühsam Dollar -nach Dollar in schwerer Tages- und Monatsarbeit -zu verdienen, das schien ihm ein viel zu langer und -weitläufiger Weg und hätte ihn seinem Ziele auch -wohl nun und nimmermehr entgegengeführt. – Und -doch war es nöthig, denn er wäre nicht der erste -Freier gewesen dem der alte Sutton, seiner ärmlichen -Verhältnisse wegen, einen Stuhl vor die Thür gesetzt, -und wo zeigte sich ihm in dem einfachen, ruhig dahin -fließenden Waldleben eine Gelegenheit, so einmal mit -raschem Schlage das Glück beim Schopf zu erfassen -– und zu halten? –</p> - -<p>Er wurde immer nachdenkender und schwermüthiger, -mied die geselligen Wohnungen der Ansiedlung, -trieb sich Tag und Nacht draußen im Wald herum und -hatte als einzigen Gewinn die Scalpe der erbeuteten -Wölfe, die ihm der Staat allerdings mit drei Dollar -Prämie <i>pro</i> Stück vergütete, die aber immer noch zu -keiner Summe erwachsen wollten, um auch nur einigermaßen -seine Ansprüche auf der holden Betsy Hand -zu begründen.</p> - -<p>In dieser Zeit etwa war es daß der alte Sutton -einmal einen kleinen Abstecher nach Texas gemacht und -dort von eben so abgeschieden wohnenden Viehzüchtern -ein Mittel gehört hatte, die Wölfe aus einer Gegend -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -in die sie sich gezogen und wo sie überhand genommen -hätten, vollkommen zu vertreiben.</p> - -<p>Dies bestand einfach darin daß sie vorher einen -Wolf lebendig fingen, ihm dann eine Glocke, wie -einem Pferd, um den Hals schnallten, und – ruhig -wieder laufen ließen. Der Wolf kehrte hiernach natürlich -so rasch er konnte zu seinem Rudel zurück; dort -aber hörten sie kaum die fremdartige Schelle als sie -auch scheu vor dem früheren Kameraden die Flucht -ergriffen und in wilder Eile einem so unheimlichen -Gegenstand zu entkommen suchten.</p> - -<p>In jedes Versteck das sie annehmen, folgt ihnen -nun der beglockte Wolf, dem es mit dem unbequemen -Riemen um den Hals und dem ewigen Gebimmel -unter seiner Kehle selber unheimlich wird wenn er sich -allein sieht. Er glaubt Schutz unter den Brüdern zu -finden, schüttelt sich, wälzt sich, springt, schwimmt, -kurz thut alles Mögliche seine Qual loszuwerden und -ist besonders darüber auf's Aeußerste empört daß er -nicht mehr wie früher so leise und geräuschlos seine -Beute beschleichen kann, sondern sich jedesmal selbst -gleich durch lauten Glockenklang verrathen muß, und -flieht nun, hat er das eine Rudel förmlich verjagt, -zu einem andern, treibt auch dieses aus den Bergen, -die er sich selber bis dahin zum Wohnort erwählt und -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -sieht sich endlich – was er aber auch nur im äußersten -Fall und erst dann thut, wenn er wirklich ganz -allein zurückgeblieben ist – genöthigt, selbst einen -andern Jagdgrund zu suchen, da auch die Heerden -sich bald den Ton der Glocke merken, und nicht selten -in fest geschlossener Phalanx den nächsten Ansiedlungen -zustürmen, sobald sie den klingelnden Feind nur -nahen hören.</p> - -<p>Der Versuch mußte auch am Washita gemacht -werden; Sutton kehrte rasch dorthin zurück, berieth -sich mit sämmtlichen benachbarten Farmern und kam -mit ihnen darin überein, daß sie eine Prämie von -zwanzig Dollar darauf setzen wollten, einen Wolf -lebendig überliefert zu bekommen, so daß sie ihm -selber die Glocke umschnallen und ihn dann in's Freie -wieder hinauslassen konnten.</p> - -<p>Der Preis ließ sich aber gut setzen! Die Wölfe -waren schlauer als die Jäger, und wenn besonders -Wolfs Ben noch manchen Scalp einbrachte, so schien -es doch selbst ihm unmöglich zu sein, einen der -schlauen Schurken wirklich unbeschädigt und lebendig -zu erhaschen, denn seine Fallen, die er stellte, blieben -leer und in den Fallgruben die er auswarf, fingen sich -nur der Nachbaren Rinder und Schweine.</p> - -<p>Da es <em class="ge">ihm</em> nicht gelang, waren es die übrigen -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -Jäger noch weit weniger im Stande, und der auf -einen lebendig eingebrachten Wolf gesetzte Preis stieg -endlich, da die Farmer jetzt auch hitzig wurden, und -den Versuch unter jeder Bedingung, und zwar so -bald als möglich zu machen wünschten, bis zu der für -den Wald ungemein hohen Summe von <em class="ge">zweihundert -Dollar</em> empor.</p> - -<p>Das war ein Sporn für unsern Benjamin. – -Zweihundert Dollar, alle Wetter damit konnte er sich -eine vollkommen eingerichtete kleine Farm mit einem -mäßigen Rinder- und Schweineanfang kaufen – und -Betsy – ei wer weiß ob sich der Alte nicht dann -doch noch überreden ließ, wenn er nur erst einmal -den schwarzen Burschen einbringen und überliefern -konnte! Zeit durfte er übrigens dabei auch nicht im -geringsten verlieren, denn der Preis hatte natürlich -alle Jäger der ganzen Umgegend auf die Füße gebracht, -und überall im Wald hallten die Axtschläge -der Männer wieder, die sich kleine Baumstämme -fällten, um damit die einzig mögliche Art von Fallen -zu errichten die man dort kannte, eine solche wilde -Bestie wirklich unbeschädigt zu fangen. Stahlfallen -durften nämlich nicht angewandt werden, da -diese jedenfalls den erfaßten Lauf verwundet, vielleicht -gar zerschmettert hätten und die Prämie nur -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -ausdrücklich für ganz <em class="ge">gesunde</em> Wölfe garantirt -wurde.</p> - -<p>In dieser Zeit etwa, war ein Besuch in die Hügel -gekommen, der unseren armen Benjamin Holik bald -auf das bösartigste beunruhigen – ja was noch -schlimmer war – ihm wirklich gefährlich werden -sollte. –</p> - -<p>Es war dies Niemand Anderes als ein sogenannter -»Vetter« von Suttons, ein »Städter« mit blauem -Tuchfrack, blanken Knöpfen und »Strippen« an den -Hosen. Jesus! wie die Kinder lachten wenn er irgendwo -in ein Haus kam und sich niedersetzte; wie sie sich -dann mit den schmutzigen Gesichtern zusammendrückten, -mit einander flüsterten, dann einen scheuen Seitenblick -nach den »Strippen« warfen und plötzlich in -ein lautes, mit aller Mühe nicht zu unterdrückendes -Gelächter ausbrachen und wild und toll aus dem -Hause stürmten! Das blieb sich aber gleich, die -Kinder waren dumme Bälger die noch nichts von der -Welt verstanden, und am wenigsten beurtheilen konnten -ob an einem Manne wirklich etwas sei, oder -nicht; – und an diesem war jedenfalls etwas, denn -sein Onkel galt für einen der reichsten Pflanzer in -Alabama und hatte nur den einzigen Erben. Ist es -da ein Wunder daß ihn der alte Sutton freundlich -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -aufnahm, wie den eigenen Sohn behandelte und sich -und sein ganzes Haus (die Hand der Tochter mit -eingerechnet) zu seiner Disposition stellte?</p> - -<p>Mr. Metcamp schien denn auch recht gut einzusehen -welch ein Schatz ihm hier geboten wurde, und -wenn ihn auch die junge Dame selber scheu, und in der -That absichtlich vermied, und ihm auf jede nur -mögliche Art zu verstehen gab, es sei ihr an seinen -Artigkeiten nicht das mindeste gelegen, so war er – -in New-Orleans selber aufgezogen – keineswegs -der Mann der sich durch solche »ländliche Sprödigkeit« -hätte so rasch und leicht abschrecken lassen. Er wußte -sich nur vor allen Dingen kluger Weise bei dem Vater -in festeste Gunst zu setzen, lauerte dem alten Mann -bald seine Schwachheiten ab, und machte ihn in kürzester -Zeit glauben er sei der beste Jäger, der unerschrockenste -Reiter und überhaupt das muthigste Herz -das nur je unter einem ledernen Jagdhemd geschlagen, -also unter einem feinem blauen Tuchfrack doppelten -Werth haben mußte, und wußte dabei dem schlichten -Hinterwäldler durch seine Gelehrsamkeit und sein -tiefes Wissen – lauter solche Sachen von denen dieser -bis jetzt noch nicht einmal eine Idee gehabt – so -zu verblüffen, daß Sutton endlich schwor, Mr. Metcamp -sei der »<i>smartest</i>« und beste Mann in der -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -ganzen »<i>range</i>« und wenn seine Tochter ihm nicht -ihre Hand geben wolle, so bekäme sie es mit ihm -selber, ihrem Vater zu thun. –</p> - -<p>Betsy machte bei einer – der <em class="ge">ersten</em> – heimlichen -Zusammenkunft mit dem Geliebten, diesen mit -Allem bekannt was ihr das Herz abzudrücken drohte, -erklärte ihm, nicht ohne ihn leben zu können und behauptete -das unglücklichste Wesen zu sein, das die -Erde trüge. Benjamin war vollkommen damit einverstanden, -hielt der Geliebten Hand fest, fest in der -seinen, schaute ihr mit recht wehmuthsvollen Blicken -in die treuen Augen und sagte endlich mit leiser, zum -Trost bestimmter, aber ach des Trostes selber sehr -bedürftiger Stimme:</p> - -<p>»Liebe Betsy, verzage nicht – es wird schon noch -Alles gut gehen – sieh, ich habe die ganze Nacht gearbeitet -und vier neue Fallen aufgestellt und auch in -allen schon und zwar treffliche Lockspeise gelegt; fang' -ich den Wolf, dann hab' ich ein kleines Capital und -kann nachher sagen: Nachbar Sutton, ich möchte -Eure Tochter zum Weibe und bin im Stande ihr -gleich ein freundliches Obdach zu bieten, so daß ich -Eurer Hülfe dabei gar nicht weiter bedarf – und -wenn er dann hört daß Du, Betsy, mir wieder so -recht von Herzen gut bist –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -»Ach Du wirst gar nicht den ersten Wolf fangen -können!« sagte Betsy unter Thränen; »der häßliche -Fremde hat dem Vater den ganzen Abend von weiter -nichts als den neuerfundenen Fallen erzählt, die er -hier anwenden will – der kennt gewiß lauter neue -Schliche und Pfiffe, wie sie in den Städten ausgedacht -werden, und wird Dir auch da am Ende störend in -den Weg treten.«</p> - -<p>»Laß nur sein, mein Herz!« beruhigte sie, jetzt -aber wirklich in stolzem Selbstgefühl lächelnd, der -Jägersmann. »Darum sorge Dich nicht – wo's in -den Wald schlägt und mit wilden Bestien zusammenhängt, -da laß sie in den Städten getrost sinnen und -grübeln: in der Ausführung sollen sie's uns hier -schon nicht zuvorthun, oder – es ist unsere eigene -Schuld, und wir haben's nicht besser verdient. Da -Du mir jedoch sagst, mein Kind, daß er auch von der -Jagd etwas zu verstehen vorgiebt, so kommt er mir -da auf einen Boden, wo ich ihm meinen Mann stehe, -und siehst Du, jetzt – ich weiß selber nicht wie das -so eigentlich gekommen ist – hab' ich auf einmal weit -mehr Muth und Selbstvertrauen als vorher. Bleib -Du mir nur hold, Du gutes Kind! Zwingen kann -Dich der Vater zur Heirath doch nicht, und wenn er -erst findet daß ich Dich nur zu meinem lieben Weibe -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -haben will, weil ich einmal nicht ohne Dich leben -kann, und keineswegs seines Geldes und Gutes -wegen, ei so wird er auch einsehen daß ihm ein solcher -Schwiegersohn mehr Ehre bringt als der geschniegelte -Städter, und vielleicht bekomme ich dann noch ein -recht herzliches »Ja« von ihm.«</p> - -<p>Es lag eine so freudige, vertrauensvolle Zuversicht -in den Worten, daß sie selbst der muthlosen -Jungfrau neue Hoffnung gab. Durch das Gerücht -von des Fremden Kenntniß im Fallenstellen, war -aber auch Benjamin aufgereizt worden seine Anstrengungen -zu verdoppeln, daß er nicht etwa durch Lässigkeit -sein ganzes Glück versäume. Einen fast fröhlichen -Abschied nahm er von dem schwermüthigen Mädchen, -küßte ihr die thränenden Augenlider, schulterte seine -Büchse, und wanderte frisch und getrost in den dunkeln -Wald hinein.</p> - -<hr /> - -<p>Die Fallen die Ben Holik für Wölfe stellte, befanden -sich alle ziemlich in der Nähe der Ansiedlungen, -da die wilden Bestien die bewohnten Plätze, wohin -sich das Vieh Abends zurückzog, und wo auch die -säugenden Sauen ihre Betten hatten, am liebsten -aufsuchten. Eine besonders, auf die er seine meiste -Hoffnung setzte, da sie nicht weit von einem Wechselpfad -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -der Wölfe, zwischen zwei Hügelrücken lag, war -mit außerordentlicher Sorgfalt hergerichtet, und so -gestellt daß sie von den Wölfen gesehen werden -<em class="ge">mußte</em>. Ebenso stak die trefflichste Lockspeise, die -ganze Keule eines erst gefallenen Pferdes, daran, und -<em class="ge">den</em> Vortheil hatte sie noch außerdem vor den übrigen, -daß er nicht jedesmal, wenn er nachsehen wollte -ob sich etwas gefangen habe, dicht hin zu gehen -brauchte, wodurch er gezwungen gewesen wäre Spuren -zurückzulassen, sondern von einem nicht fernen -ziemlich steilen Hügelrücken aus, der dort in eine -starre Felsspitze vorragte, mit seinen Adleraugen den -ganzen Platz recht gut übersehen konnte. Ließ sich -dann auch nicht gleich bestimmen ob sich etwas gefangen -hätte, so ließ sich doch recht gut erkennen ob die -Falle noch aufgestellt oder niedergeschlagen wäre.</p> - -<p>In der Nacht mochte er freilich den Ort nicht stören, -deshalb ging er jetzt geradenwegs zu seinem Lagerplatz, -den er sich, bis er sein Ziel erreicht, in den -Bergen aufgeschlagen, entzündete dort sein Feuer -wieder, verzehrte sein einfaches Abendbrod, rollte -sich in seine Decke, und war bald sanft und süß, -jeder weiteren Anstrengung für diese Nacht entsagend, -eingeschlafen.</p> - -<p>Am Morgen bedurfte er des Hahnenschreis nicht, -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -munter zu werden, so wie der »Whip poor will« seine -ersten klagenden Laute wieder hören ließ, sprang er -auf, kochte seinen Kaffee, den jeder Jäger gebrannt -und gemahlen in einem Leinwand- oder Ledersäckchen -bei sich führt, und erwartet nun ungeduldig den ersten -matten Dämmerschein der sich im Osten zeigen -würde.</p> - -<p>Endlich, endlich kam das diesmal so heiß ersehnte -Licht, mit dem sich der Wolf jedesmal wieder in seine -bestimmten und gewöhnlich unzugänglichen Schlupfwinkel -zurückzieht – und vorsichtig, dürre Aeste und -brechendes Holz meidend, damit das Geräusch nicht -etwa noch in der Nähe weilende Bestien aufscheuche, -kroch er in der That mehr als er ging, dem Felsen -zu der ihm zur hohen Warte diente.</p> - -<p>Jetzt hatte er ihn erreicht – jetzt konnte er den -flachen, eben von grauem Licht kalt durchgossenen -Fleck überschauen – beim Himmel, der ungewisse -Schein mußte ihn täuschen – er vermochte das aufgestellte -Dach der Falle nicht mehr zu erkennen. – -War sie – war sie niedergeschlagen?</p> - -<p>Das Herz schlug ihm in fieberhafter Ungeduld, -und gewaltsam fast bezwang er sich den heller heraufbrechenden -Morgen abzuwarten, ehe er seine Fährte -dem Thalgrunde einpresse.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -Aber lange hielt er es so nicht aus; weder Ruh -noch Rast ließ ihm die Ungeduld und jemehr er jetzt -den Blick anspannte die Gegenstände unter sich zu erkennen, -desto deutlicher wurde ihm die Thatsache, und -der Zweifel endlich zur Gewißheit. – Die Falle war -wirklich zugeschlagen und es <em class="ge">mußte</em> also ein Wolf in -ihr stecken, denn die Kühe, die manchmal auch sehr -zum Aerger des Jägers und ihrem eignen Schrecken -die Stützen umstoßen, kamen gar nicht in dies felsige -grasleere Thal hinunter.</p> - -<p>»Betsy!« das war der einzige Laut, den er, sich -selbst vielleicht unbewußt, ausstieß, als er mit flüchtigen -Füßen den Thalgrund hinab und der Stelle zuflog, -wo im Schatten dichter Sassafras und Spicebüsche, -gar schlau in einen wilden Haufen des dort -von dem manchmal reißend geschwollenen Bergstrom -hingeschwemmten Holzes hineingestellt, und von dem -klar vorbeisprudelnden Wasser bespühlt, die Falle -stand.</p> - -<p>»<em class="ge">Hurrah!</em>« er konnte sich nicht helfen, er <em class="ge">mußte</em> -seinem Jubel wenigstens in <em class="ge">einem</em> recht herzlichen, -recht aus tiefster innerster Seele kommenden Aufschrei -Luft machen. – Und er hatte auch wahrlich Ursache -darüber zu jauchzen, denn in der Falle saß, scheu und -verschämt, als ob er sich genirte, bei dem heller und -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -heller heraufdämmernden Tageslicht hier noch ertappt -zu sein, ein prachtvoller rabenschwarzer männlicher -Wolf, und die Augen funkelten dunkelglühend, zwischen -den wohl eine Hand breit auseinanderliegenden -Stämmen nach dem grimmsten Feind durch, dem er in -diesem Theile des Waldes hätte in die Hände fallen -können – dem jungen Jägersmann entgegen.</p> - -<p>»Siehst Du, Bestie, sagte aber der, so habe ich -Dir endlich das Handwerk gelegt, Du alter grauer -Sünder – wirst die andern wohl gestern von der gefundenen -und so vortrefflich geglaubten Beute weggebissen -haben, und sitzest jetzt in der beneidenswerthesten -Lage von der Welt hinter Glas und Rahmen. -Nun warte nur, Dir ist noch weit besserer Spaß aufbewahrt. -An's Leben geht es Dir diesmal allerdings nicht -gleich, wenn Du aber nur erst einmal mit der Glocke -um den Hals spazieren läufst, wirst Du schon finden -was es heißt in Ben Holiks Hände gerathen zu sein!«</p> - -<p>Der Wolf fletschte, als er sich nach der Falle hinunter -bog, ingrimmig die Zähne gegen ihn, behauptete -aber seinen Platz und schien, wie ein ärgerlicher -Hund nur einen Angriff zu erwarten, um gleich zufahren -zu können. Ben dachte aber gar nicht daran -ihn weiter zu reizen, sah nur noch einmal lächelnd -nach ihm zurück und rief:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -»Bin Dir nicht böse, alter Bursche, bist zwar ein -gar unwirsch aussehender Brautwerber, sollst mir aber -doch zur Braut verhelfen, und da müssen wir schon -gute Freunde mitsammen bleiben.«</p> - -<p>Und einen fröhlichen Gruß dem Gefangenen hinüberwinkend, -warf er seine Büchse über die Schulter -und sprang in flüchtigen Sätzen den ziemlich steilen -Abhang der Schlucht hinauf, um die Ansiedlung auf -dem geradesten Wege und so rasch als möglich zu -erreichen, damit er von dort aus gleich Hülfe herbei -holen könne, dem wilden Burschen das Halsband mit -der Glocke umzulegen, und ihn dann wieder – hei! -wie er springen würde! – frank und frei laufen zu -lassen.</p> - -<p>So hatten die Männer der Ansiedlung (die sie -um ihr doch eine Art Stadtnamen zu geben, <em class="ge">Woodville</em> -getauft, obgleich sie nur aus drei Häusern und -zwei Ställen bestand) den jungen Jägersmann noch -nie gesehen. Jubelnd und jauchzend kam er in Suttons -Haus gesprungen, umarmte in Ermangelung -der Tochter, den alten Sutton selber, und schwatzte -eine solche Masse tolles Zeug von Wölfen, Scalpen, -Farmen, Glocken, Stricken und Holzhaufen, daß eine -Art Gerücht, »Wolfs Ben sei wahnsinnig geworden«, -schon wirklich anfing Glauben zu gewinnen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -Nach und nach klärte sich aber die Sache auf, -und der alte Sutton erfuhr kaum um was es sich -handle, als er auch selber mit fast eben solchem Eifer -darauf einging, und jetzt nur bedauerte daß Metcamp -den Augenblick nicht gegenwärtig wäre, da er ebenfalls -die Nacht im Wald gewesen sei um sein Glück -zu versuchen.</p> - -<p>»Hallo, jetzt bekommen wir am Ende gar zwei!« -lachte der Alte endlich, während er seine Büchse vom -Nagel nahm und die Kugeltasche umhing. »Metcamp -hatte verdammt gute Aussichten, und scheint seiner -Sache ziemlich gewiß zu sein. Nun, das schadete -nichts; dann theilt Ihr die Prämie und zwei Wölfe -wären am Ende immer noch sicherer als einer. Ist -Euerer denn ein Wolf?«</p> - -<p>»Ei und solch ein derber Bursche, wie nur je einer -ein Kalb zerrissen hat.«</p> - -<p>»Vortrefflich, vortrefflich! Nun so kommt, Benjamin, -und Du, Scip', kommst gleich mit den andern -beiden nach; wo ist's denn? an der Froschquelle sagtet -Ihr?« –</p> - -<p>»An den Wassern der Froschquelle, etwa sechshundert -Schritt von dem scheidenden Bergrücken und -gerade da gegenüber wo des »Teufels Kanzel« über -den Bach hängt.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -»Nun da könnt Ihr ja gar nicht fehlen – also -die Stricke und den Sack – habt Ihr das Halsband, -Ben?«</p> - -<p>Der junge Mann bejahte es, klingelte mit der kleinen -Glocke und schien selber die Zeit nicht erwarten -zu können, wo sie wieder aufbrechen würden, seine -Siegstrophäen in Empfang zu nehmen. –</p> - -<hr /> - -<p>Mit raschen Schritten wanderten die beiden Männer -den schmalen Pfad entlang, der von der Ansiedlung -aus in den Wald lief, verließen diesen aber bald -darauf wieder, eine nähere Richtung einzuschlagen, -und benutzten einen von den Hügeln hin auszweigenden -Abhang, der in leiser Niederdachung den Wassern -der Froschquelle zuführte.</p> - -<p>»Aber, Ben, Ihr habt ihn doch auch sicher? fragte -da Sutton, ganz plötzlich stehenbleibend, und sah den -jungen Jägersmann mißtrauisch dabei von der Seite -an. – Ihr war't mir heut Morgen so – so kreuzfidel -– es ist zwar noch etwas früh – ich hoffe doch -nicht daß Ihr mich etwa zum Narren habt?«</p> - -<p>Ben Holik lachte, als ob er im Leben nicht wieder -zu sich selber kommen wollte, und schüttelte das -Halsband, das er in der Hand trug dermaßen, daß -der Ton hell und klingend durch den Wald tönte. –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -»Hahahaha – das ist kostbar. Nein Sutton – -das ist wirklich kostbar – jetzt – jetzt fällt Euch auf -einmal ein – hahaha – daß ich Euch könnte – -hahaha – angeführt haben!«</p> - -<p>»Mr. Holik! –«</p> - -<p>»Nein, lassen Sie's gut sein, Sir, sagte der Jäger -plötzlich seine Fröhlichkeit zügelnd, da er sah wie -ernst der alte Mann die Sache zu nehmen schien. Sie -dürfen aber wahrlich nicht bös darüber sein, wenn ich -vielleicht ein Bischen zu munter bin – es freut Einen -doch am Ende so einen verwünschten Kälberdieb, der -so oft und schlau jeder Versuchung widerstanden hat, -zuletzt doch noch nicht überlistet zu haben. Wir müssen -übrigens gleich an Ort und Stelle sein; da drüben seh -ich schon die Kiefern der Teufelskanzel über das andere -Schwarzholz hervorragen, und gleich dort unten, wo -der Hickory über die enge Schlucht gestürzt ist, liegt -das Triftholz wo meine Falle steht. Die Neger -werden den Platz doch finden?«</p> - -<p>»Scipio kennt jeden Fußbreit Boden hier, sagte -Sutton. Also hier unten steckt die Bestie; nun warte, -mein Schatz Du sollst Deinen Kameraden so lange -Musik vormachen, bis ihnen vor lauter Bimmeln die -Ohren klingen. Hört, Ben, dies ist ein nichtsnütziger -Weg hier; wir sind auch wohl gerade auf den steilsten -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -Fleck gekommen – nun, Ben? – wollen wir noch -ein Bischen? – was habt Ihr denn zu gucken?«</p> - -<p>Der junge Mann war auf einen umgefallenen -Baumstamm getreten, hatte mit der Linken den niederhängenden -Ast einer jungen Buche gefaßt, und schaute -mit stierem unverwandtem Blick die Schlucht hinab -in die Tiefe – erwiederte aber kein Wort.</p> - -<p>»Nun Ben? – was giebts? – Ihr wißt wohl -selber nicht mehr recht wo ihr daheim seid? rief der -Farmer, und sah ungeduldig nach ihm zurück – wir -sind wohl in der falschen Schlucht?«</p> - -<p>Ben Holik erwiederte keine Sylbe; nur bleichen -Angesichts und keines Wortes mächtig, deutete er nach -einem wirren Haufen wild über einander gestürzter -dürrer Aeste und Stämme, zwischen dem das scharfe -Auge des alten Mannes gar bald das rauhe viereckige -und massive Gestell einer zugeschlagenen Wolfsfalle, -wie sie in den Wäldern eben üblich ist, erkannte.</p> - -<p>»Meiner Seel, an den falschen Kasten gerathen«; -brummte der Greis, nachdem er sich durch einen zweiten -Blick überzeugt hatte wie die Falle leer sei, – »na -das fehlte auch noch, jetzt können wir die steile Partie -wieder hinauf machen.«</p> - -<p>Er wandte sich, den Berg wieder empor zu klimmen, -hier aber fiel ihm das verstörte wilde Aussehn -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -des eben noch so fröhlichen Jägers auf, und als er -schon den Mund öffnete, ihn zu fragen was ihm fehle, -hörte er die halblaut und heftig ausgestoßenen Worte -desselben:</p> - -<p>»Sie ist <em class="ge">leer</em>!«</p> - -<p>»Da unten in <em class="ge">der</em> hat der Wolf gesessen?« fragte -der alte Farmer rasch und erschreckt.</p> - -<p>»Dort unten,« lautete die monotone Antwort -des aus seinen Himmeln erbarmungslos Niedergeschmetterten.</p> - -<p>»Na, das ist eine schöne Geschichte,« murmelte -Sutton, klomm, so rasch dies eben gehen wollte, und -sicherlich viel rascher als er im Anfang beabsichtigt, -den steilen Hang hinunter, und stand gleich darauf -vor der allerdings leeren, aber heruntergeschlagenen -Falle.</p> - -<p>Das Fleisch im Innern war augenscheinlich nicht -berührt, eine Art Wolfsgeruch glaubte er aber selber -zu wittern, und bei genauerer Untersuchung entdeckte -er an dem einen rauhen Balken sogar einzelne weiße -Bauchhaare, die kaum von einem andern Thier als -einem Wolf herrühren konnten. Wo aber war dieser hin -verschwunden, denn daß er sich sollte unter der schweren -Klappe vorgearbeitet haben – Sutton stemmte -seine Schulter darunter und suchte sie emporzuheben, -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -er war es kaum im Stande – schien rein unmöglich.</p> - -<p>Während er noch so beschäftigt war, stieg Benjamin -Holik langsam und schweigend zu ihm nieder, -stellte seine Büchse an den nächsten Baum, legte -Halsband und Glocke daneben und trat dann dicht zur -Falle heran, die er, ohne sie jedoch zu berühren, auf -das aufmerksamste und genauste betrachtete.</p> - -<p>»Und Ihr habt heute Morgen wirklich einen Wolf -darin gefangen gehabt?« fragte Sutton nach längerer -Pause, während er trotz des Beweises der gefundenen -Haare ungläubig dabei mit dem Kopfe schüttelte.</p> - -<p>»Ich gebe Euch mein Ehrenwort, sagte Ben tonlos -– ein starker männlicher Wolf stak in der Falle, -als ich vor kaum einer Stunde diesen Platz verließ; -<em class="ge">drei</em> Wölfe hätten aber nicht Kraft genug gehabt diese -Balken emporzuheben und darunter vorzuschlüpfen, -und <em class="ge">wenn</em> ihnen das wirklich gelungen wäre, so -müßte wenigstens die Hälfte ihres ganzen Pelzes an -der rauhen Rinde dieser Stämme hängen geblieben -sein.«</p> - -<p>»Das dachte ich eben auch, sagte Sutton – und -Ihr wißt gewiß daß es auch wirklich ein Wolf« –</p> - -<p>»Nun zum Henker! rief der Jäger, dem der Ingrimm -über die getäuschte Erwartung auch endlich -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -durch das sonst überhaupt nichts weniger als geduldige -Hirn zu blitzen begann; ich werde doch einen -Wolf von einem Stück verendetem Pferde unterscheiden -können? – aber da – seht hier – und – und überzeugt -Euch selber!«</p> - -<p>Noch während er sprach, sprang er plötzlich auf -die Falle zu, warf mit einem Ruck seiner gewaltigen -Kraft die Klappe zurück, als ob's ein loses Brett gewesen -wäre, und schwang sich mit einem Satz über -die niedere Wand in's Innere.</p> - -<p>»Da! rief er, während er vor sich auf den feuchten -Boden niederzeigte – da und da – und da sind die -Spuren der Bestie, wenn Ihr denn meinen Worten -nicht mehr glauben wollt; hier ist die Stelle wo sie -die Fänge in die Lockspeise einschlug, als die Klappe -wahrscheinlich zufiel. – Wollt Ihr mehr Beweise -daß ich Euch nur eine Thatsache verkündet und nicht -etwa eine – Lüge in den Bart geworfen habe? Pest -und Gift! das hat mir Einer der schleichenden Hallunken, -die mich in der Ansiedlung immer nur so scheu -von der Seite anblinzen, wenn ich einmal hinaufkomme, -zum Possen gethan; – herausgelassen, muthwillig -herausgelassen ist das Raubthier, und weiß es -Gott, Dem der seine Hand in so schmählich schändlicher -Art an Ben Holiks Eigenthum gelegt hat, wäre -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -besser, er hätte den Washita in seinem Leben nicht gesehen, -als daß er mir, hab' ich ihn erst aufgespürt, -wieder vor die Augen käme!«</p> - -<p>»Hm, das ist eine wunderliche Geschichte, brummte -der Alte, wer zum Henker soll sich die Mühe geben, -Euch die Wölfe aus der Falle zu lassen? Und müßte -er nicht die ganze Nacht gerade hinter Euch her gekrochen -sein, um den einzigen Zeitpunkt, wo er es unentdeckt -thun konnte, so genau abzupassen?«</p> - -<p>Ben erwiederte nichts, sondern stieg aus der Falle -und suchte auf dem Holz nach irgend einem Zeichen, -das ihn vielleicht hätte auf die richtige Spur bringen -können. Das trockene Holz bot seinem Auge aber -nichts, von dem geleitet, es hätte weiter forschen können -– nur die Spuren von Haaren entdeckte er bald, -auch die Fährten des Raubthieres, wo es vom letzten -Stamm hinab auf die weiche Erde gesprungen und dann -wieder die andere Seite der Schlucht hinauf in geradester -Richtung seinen Schlupfwinkeln zugeflohen war. -Nirgend ließ sich dabei die Spur eines menschlichen -Fußes erkennen – nur ein Paar unnatürlich tief in -die Erde eingedrückte Steine, die der Blick des Jägers -bald erkannte, lenkten seine Aufmerksamkeit auf sich -– sie waren, selbst da wo sie mit Erde bedeckt lagen, -noch vollkommen trocken – Der, der sie eingetreten, -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -mußte also erst vor ganz kurzer Zeit hier herübergeschritten -sein.</p> - -<p>Holik zeigte sie dem alten Mann und dieser gab -auch zu daß es ihm selber so vorkäme, als ob da Jemand -gegangen sei, an die Erkennung einer genauern -Fährte war aber nicht zu denken. – Oben auf dem -Hügelkamm zog sich ein starrer Felsstreifen meilenweit -über den Berg hin, und zweigte überall in rauh steinige -Schluchten aus. Wem hier daran gelegen war -seine Spur zu verheimlichen, konnte das leicht genug, -und die beiden Männer sahen sich auch endlich genöthigt -jeden derartigen Versuch als nutzlos aufzugeben.</p> - -<p>Die Neger wurden zurückgeschickt, und Sutton -folgte ihnen, selber in keineswegs rosiger Laune, -allein, denn Ben Holik wollte jetzt vor allen Dingen -den Wald nach der Richtung hin durchstreifen, wohin -die muthmaßlichen Fährten liefen, möglich doch, daß -ihm sein gutes Glück – er stampfte mit dem Fuß als -er die Worte sprach – den Thäter gerade in den -Weg führte.</p> - -<p>Er fand nichts – den ganzen Tag durchkreuzte er -den Wald, und als er Abends müd' und matt in die -Ansiedlung zurückkehrte, mußte er noch ertragen daß -man ihn bemitleidete und sich, anscheinend theilnehmend, -in der That aber nur neugierig, nach den näheren -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -Umständen erkundigte; ja Metcamp erbot sich sogar -höchst freundlich wieder mit ihm zu gehen und die -Spur noch einmal aufzunehmen, – er hätte, wie er -selber den alten Sutton dabei versicherte – eine ungeheuere -Uebung in Fährtefolgen, und war überzeugt, -er könne ihr nachgehen. Ben Holik aber hielt sich, was -den Wald betraf, für einen eben so guten Mann wie -irgend einer dessen Füße je in Moccasins staken, und -lehnte das Anerbieten artig wohl, aber rund ab.</p> - -<p>Dieser Metcamp hatte für ihn etwas Unheimliches -in Blick und Ton. War er selber so parteiisch oder -eifersüchtig, ohne allen sonstigen Grund den Menschen -zu hassen, und wäre es nicht –</p> - -<p>»Verzeih mir Gott die Sünde!« unterbrach Ben -selber seine Gedanken als er wieder zum Walde zurückschritt, -denn Betsy konnte und wollte er in diesem -Zustand von Aufregung und getäuschter Hoffnung -nicht vor die Augen kommen – »verzeih mir Gott die -Sünde daß ich von einem Menschen, der mir bis jetzt -wissentlich noch kein Leid gethan hat, Unrechtes denke, -aber dieser Metcamp kommt mir immer vor wie mein -böser Geist und wenn es <em class="ge">einen</em> Menschen in der weiten -Gotteswelt gäbe, dem ich den Bubenstreich zutrauen -möchte – so ist es <em class="ge">Der</em>. Aber wart! mein -Bursche, <em class="ge">bist</em> Du's gewesen, so hast Du ein Paar -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -so scharfe Augen auf Deiner Fährte, wie sie in der -Ansiedlung nur zu finden sind, und wer weiß dann, -ob wir nicht noch einmal ein Paar Worte im Vertrauen -reden!«</p> - -<p>Ben war ein seelensguter, herzlicher und schwer zu -kränkender Mann – wie es fast alle recht kräftig kernige -Naturen von so riesigem Körperbau sind, aber -leichenbleich färbte ihm doch der Zorn die Wangen als -er den Ort wieder erreichte, wo er das Ziel seiner -Wünsche, nach dem er Wochenlang gestrebt, endlich -gefangen gehalten, und dann ihm eine tückische Hand -den Becher, den er gerade zum Munde führen wollte, -entrissen und zu Boden geschleudert hatte.</p> - -<p>Was aber half ihm der ohnmächtige Zorn – er -fand keine weiteren Anzeichen; die Spuren des Geflohenen -waren so schlau verdeckt daß er anfing es dem -geschniegelten Städter nicht einmal mehr zuzutrauen, -und seinen Verdacht von Einem zum Andern der jungen -Leute unter seinen Bekannten schweifen ließ, die, -wie er recht gut wußte, ihn um sein Glück bei Betsy -beneideten und ihn dadurch vielleicht abhalten wollten -ihre Hand zu erringen. Es blieb aber auch immer nur -wieder bei dem Verdacht; eine Gewißheit konnte er -auf keiner Seite erlangen.</p> - -<p>Das Schlimmste bei der Sache war übrigens auch -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -das noch, daß ihm diese, seine beste Falle dadurch für -eine geraume Zeit unbrauchbar geworden, denn in die -ging, wenigstens nicht eher als bis einmal ein Wolkenbruch -jedes Zeichen der gefangen gewesenen Bestie -abgewaschen, kein Wolf wieder hinein – und welche -Falle lag so vortrefflich wie gerade diese!</p> - -<p>Wolfs Ben war übrigens nicht der Mann, der -sich durch eine ihm in den Weg geworfene Schwierigkeit -so leicht hätte abschrecken lassen; noch standen ihm -drei andere Fallen und selbst in dieser Schlucht konnte -er, wenigstens weiter oben, eine neue anlegen. Mit -unermüdlichem Fleiß arbeitete er also auf's Neue, lag -Tag und Nacht draußen und hielt von jetzt an eine so -scharfe Wacht in seinem gewöhnlichen Jagdrevier, daß -kein Kaninchen, viel weniger denn ein Menschenkind -unbeachtet durchschlüpfen konnte. Voll neuer Hoffnung -dachte er nun mit jedem Morgen den Fang eines -zweiten Wolfes begrüßen zu können – aber vergebens. -Was er auch that blieb fruchtlos, und Ben -wurde zuletzt so schwermüthig und menschenscheu, daß -er gar nicht mehr aus seinem Wald heraus mochte, -sondern jetzt, mit dem einen und einzigen Ziel vor -Augen, fast nichts anderes dachte, als einen Wolf -lebendig zu fangen.</p> - -<p>Die Ansiedlung besuchte er gar nicht mehr, oder -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -doch nur bei Nacht, wo er nicht zu fürchten brauchte, -daß Betsy's Blick auf ihn fiel – denn nachgerade -fing er an sich zu schämen ein so »schlechter Jäger« zu -sein und er meinte, die Leute müßten ihm das Alle an -den Augen ansehen.</p> - -<hr /> - -<p>Drei Wochen waren solcher Art verflossen und -wenn Ben's Herz auch wohl immer und unverändert -dasselbe geblieben war, so hatten doch die Sachen in -der Ansiedlung indessen eine ganz andere Wendung -genommen.</p> - -<p>Der »Stadtherr«, wie ihn die übrigen Jäger gewöhnlich -nannten, bekam Briefe aus Alabama, die -seine Rückreise dorthin so rasch als möglich verlangten. -Sein Onkel war plötzlich gestorben – er zum Universalerben -eingesetzt, und jetzt natürlich genöthigt die -dortigen Verhältnisse, die durch eine bedeutende Sklavenzucht -noch weit mehr Aufmerksamkeit erforderten, -selber zu ordnen. Er mußte also ohne weiteres Zögern -zurück, und seine im Anfang langsam genug eingeleitete -Werbung um die liebliche Waldblume, des -alten Suttons Töchterlein, wurde nun zum raschen -Heirathsantrag. Mr. Metcamp hielt noch an dem -nämlichen Tag um des Mädchens Hand an, und -wenn auch Betsy unbedingt <em class="ge">nein</em> sagte, sprach doch -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -der Vater, dem der jetzt um so reichere Schwiegersohn -desto mehr zu behagen schien, ein um so entschiedeneres -<em class="ge">Ja</em>, versicherte seinen künftigen Eidam »das -Mädchen ziere sich nur, wolle erst angegangen sein, -und bat ihn sich um das keine Sorge weiter zu -machen.«</p> - -<p>Metcamp hätte allerdings lieber eine freundlichere -Antwort der Tochter, wenigstens keine so ganz bestimmt -abgeneigte gehabt; da es aber nun einmal -nicht anders ging, schien er sich auch hineinzufinden, -hoffte durch Freundlichkeit zuerst ihr Wohlwollen, -dann vielleicht ihre Liebe zu gewinnen – wenigstens -sagte er das dem Vater, – und beschloß jeden Falls -an demselben Abend an dem er den Brief erhalten, -eine Art Fest zu geben, wozu sämmtliche Bewohner -der Ansiedlung eingeladen wurden, und was er dadurch -zu einer Art Verlobungsfest zu stempeln gedachte.</p> - -<p>Der Abend kam heran und das Gerichtshaus (ein -leer stehendes und aus Stämmen roh aufgeführtes -Gebäude, das in früherer Zeit einmal zu einer Gerichtssitzung -gedient, und davon den Namen, und -später auch noch das Versprechen erhalten hatte, bei -nächster Gelegenheit zu einer Schule benutzt zu werden, -jetzt aber nur zur Aufbewahrung des Mais -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -diente), war zu dieser Begebenheit gar festlich und -brillant hergerichtet. Viele Pfund Wachslichter – -aus dem rohen gelben Wachs gegossen, wie es die -Jäger den gefällten Bienenbäumen entnehmen – -erleuchteten den ziemlich großen Raum, der Boden -war von allen Maishülsen gereinigt und rings herum -Bänke gestellt für die Damen, wie auch ein Tisch mit -einem Stuhl oben darauf in die Ecke geschoben, auf -dem der einzige Musikant – ein Violinspieler – -seinen Sitz nehmen sollte. Kurz, es war Alles nur -Mögliche angewandt, den Raum so behaglich als -möglich zu machen, und wer am späten Abend die -Fröhlichkeit der äußerst zahlreich versammelten Gäste -gesehen hätte, wäre gewiß mit dem Resultat zufrieden -gewesen.</p> - -<p>Nur Betsy war traurig – sie dachte an ihren armen -Ben, der jetzt wahrscheinlich draußen allein im -Walde herumirrte, und wollte nicht Theil nehmen an -Tanz und Lustbarkeit. Nur mit Mühe wurde sie in -den Tanzsaal selber gebracht, dort aber wies sie jede -Aufforderung auf das entschiedenste zurück, und blieb -ruhig, dem fröhlichen Treiben zuschauend, auf ihrem -gleich im Anfang eingenommenen Platz.</p> - -<p>Benjamin Holik war aber nicht draußen im -Wald, wie sein armes, hier in der lustigen Schaar -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -nur um so viel betrübteres Liebchen in ihrem Schmerz -geglaubt. Der alte Sutton hatte ihn sogar, wie sich -das übrigens von selbst verstand, da man Niemanden -ausschloß, noch besonders dazu eingeladen, Ben -jedoch die Einladung abgelehnt.</p> - -<p>In der Nähe mußte er aber doch weilen – geschäftige -Freunde brachten ihm bald die Nachricht daß -es ein <em class="ge">Verlobungsfest</em> sein werde, was man hier -feiern wolle, und er gedachte erst doch noch einmal zu -sehen, mit eignen leiblichen Augen zu sehen daß ihn -Betsy – <em class="ge">seine</em> Betsy auch wirklich ganz und gar -vergessen habe und dann – ei dann zog er nach -Texas. – Onkel Sam warb gerade für den beginnenden -Krieg, und solche Leute wie er war – Ben -brauchte keinen Spiegel sich das selber zu sagen – -fanden rasche und freudige Aufnahme im Dienst.</p> - -<p>Scheu und furchtsam, daß ihn Niemand erkenne -und seinen Schmerz errathe, umschlich er wohl eine -Stunde lang das Haus und horchte den munteren, -kreischenden Tönen der Violine. Näher hinan zu gehen -daß er einen Blick hineinwerfen konnte, mochte er -nicht. Da kamen endlich ein Paar seiner Bekannten -aus dem Haus heraus, blieben vor der Thür stehen -und schritten dann zusammen dicht an dem Orte vorüber -wo sich Ben versteckt hielt, ihren Wohnungen zu.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -Ben drückte sich, so gut das gehen wollte, hinter -den Stamm eines dort stehenden Hickory und der -Eine der Männer sagte, als sie eben dicht neben ihm -waren:</p> - -<p>»Betsy hat doch, so lange ich im Haus war, keinen -Schritt getanzt.«</p> - -<p>»Den ganzen Abend noch nicht, und hat es ein -für alle Mal rund abgeschlagen, erwiederte der Andere -– ich glaube noch nicht einmal daß sie ihn -nimmt.«</p> - -<p>»Ah, bah – sagte der Erste wieder – da müßte -man die Mädchen nicht kennen – der hat Geld, und -da –«</p> - -<p>Die weiteren Worte wurden in der Entfernung -unverständlich, aber was brauchte Ben auch noch -weiter zu hören. Das letzte war schändliche Verleumdung.</p> - -<p>»Noch keinen Schritt getanzt,« jubelte der junge -Jäger in sich hinein – »also doch nicht falsch, doch -nicht treulos, doch ihren Ben noch nicht vergessen – -aber – was kann's Dir auch helfen armer Ben – -Du hast doch kein Glück – Betsy ist doch für Dich -verloren – und wenn sie Dich nicht vergessen könnte -– ach dann wär's nur so viel schlimmer für sie – -Besser für Dich selber aber nimmer und nimmer.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -Die Büchse, die er nicht weit von da in einem -dichten Busch hineingestellt, hob er vom Boden auf, -noch einen Blick nach dem hell erleuchteten Hause -warf er zurück, und still und schweigend wanderte er -den Fußpfad entlang dem nächsten Hügelrücken zu. – -Es litt ihn – die Nacht wenigstens – nicht in der -Ansiedlung, und er wollte draußen am Feuer schlafen.</p> - -<p>Ein Platz war endlich an einer klaren Quelle, die -hier dem felsigen Boden rein entquoll, bald gefunden, -eine Flamme entzündet, und in die Decke gehüllt lag -er, den Kopf auf einen untergeschobenen Stein gelegt, -und schaute sinnend und ernst zu den freundlich -auf ihn niederblitzenden Sternen empor.</p> - -<p>Im Wald war es merkwürdig still, selbst die -Frösche quakten nicht so toll und wild durcheinander, -wie er das sonst wohl gehört, den leisen Schritt des -Opossums, das zu nächtlichem Hühnerraub nach den -bewohnten Ansiedlungen schlich, konnte er deutlich -und bestimmt hören, und dort hinten – er hob den -Kopf und lauschte einen Augenblick – wahrlich es -war ein Wolf, der weit drüben auf dem scheidenden -Gebirgsrücken sein klägliches Abendlied heulte.</p> - -<p>»Winsle nur, Bestie!« murmelte er endlich und -sank in seine frühere Stellung zurück, »winsle, aber -bleib mir außer Schußnähe; auf Deines Gleichen und -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -auf – noch Einen, hätt' ich besonders heut Abend -Appetit.«</p> - -<p>Eine halbe Stunde lag er wohl so noch, und -suchte seine Gedanken wieder auf die früher durchträumten -Pläne zu richten – es war aber nicht möglich -– das immer näher und näher kommende Geheul -des Wolfes lenkte seine Aufmerksamkeit immer -wieder dort hin, und jetzt – alle Wetter, das war -gar nicht so weit entfernt – antwortete eine andere -Stimme aus einer hinter ihm liegenden Schlucht, -wo auch, wie sich bald auswies, das ganze Rudel -steckte.</p> - -<p>Er sprang rasch von seinem Lager auf und griff -nach der Büchse; der Mond stieg eben hinter den düstern -Schatten der fernen Bergesketten hell und freundlich -empor – die alte Jagdlust erwachte und verdrängte, -für den Augenblick wenigstens, jeden anderen -Gedanken.</p> - -<p>Er befand sich auf einem äußerst günstigen, ziemlich -offenen und vom Mond hell beschienenen Fleck -und zwar gerade mitten zwischen dem Rudel und dem -vereinzelten, jetzt zu diesem zurückkehrenden Wolf – -das Feuer war niedergebrannt, und die noch glimmenden -Kohlen schreckten die Bestien auch nicht ab, da -fortwährend brennende Stämme im Wald liegen und -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -Hirsch und Wolf daran gewöhnt sind Feuer auf ihrem -Pfad zu finden. Ein vom Winde niedergeworfener -Stamm der die Höhe hinunter, nach dem Thale zu -lag, gewährte ihm dabei einen trefflichen Hinterhalt. –</p> - -<p>»Wart Kannaille, murmelte er, griff seine Büchse -auf und glitt hinter den Stamm – komm mir nur -aus dem Busch vor, und freu' Dich dann auf Ben -Holiks Kugel.«</p> - -<p>Er hob sein Gewehr auf den Stamm, richtete die -Mündung nach der Gegend zu, von der er den einzelnen -Wolf erwartete, – denn das Rudel bleibt in -solchem Fall gewöhnlich so lange auf dem einmal behaupteten -Platz, bis der Vereinzelte dazu gestoßen ist -– und harrte dann lange und geduldig – der Wolf -wollte sich aber immer noch nicht sehen lassen.</p> - -<p>Sollte die Bestie etwas gemerkt haben – aber der -Wind war doch günstig. – Holik ließ seine Büchse -auf dem Stamm liegen, hielt beide Hände trichterförmig -an den Mund – und heulte kläglich. – Der -Laut war täuschend ähnlich nachgeahmt, und schallte -gar wehmüthig durch den düstern Wald.</p> - -<p>Wenn aber auch keine Stimme von dort, wo der -einzelne Wolf sein mußte, antwortete, so war Ben -doch ein viel zu alter Jäger um nicht auf seiner Hut -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -zu sein, oder sich durch Uebertreibung einen einmal -gewonnenen Vortheil zu verderben. Leise griff er wieder -nach der Büchse, blieb ruhig im Anschlag liegen, -und erwartete das Resultat.</p> - -<p>Das sollte auch nicht lange ausbleiben. – Der -Wolf antwortete allerdings nicht mehr, aber nur weil -er zu nahe war, und als Ben mit gespannter Aufmerksamkeit -selbst dem leisesten, unbedeutendsten Geräusche -lauschte, hörte er plötzlich im trocknen Laub -der benachbarten Baumgruppe rasche, aber vorsichtige -Schritte. – Trap, trap, trap, trap – und das Thier -stand – noch einmal – es windete wieder. Hatte es -vielleicht den Rauch in die Nase bekommen. Der Wolf -betritt übrigens jedesmal vorsichtig einen freien Platz, -weil er wahrscheinlich nicht allein Gefahr fürchtet, -sondern auch vielleicht selber nach Beute ausschaut.</p> - -<p>Ben konnte genau von wo er stand die Schritte -hören, den Platz selbst aber noch nicht mit seinem -Blick durchdringen, wagte deshalb auch nicht sich zu -bewegen, weil er nicht wissen konnte ob des Raubthiers -Augen nicht gerade in diesem Moment dorthin -gerichtet waren, wo er lag. Heulen durfte er auch -nicht wieder – die Entfernung mußte jedenfalls zu -gering sein, als daß die scheue Bestie nicht den Betrug -hätte merken und den falschen Rufer erkennen sollen. -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -Es blieb ihm Nichts anderes übrig als jetzt ruhig und -regungslos abzuwarten, bis das Thier in's Mondenlicht -heraustreten würde.</p> - -<p>Da wurde plötzlich hinter ihm – ein klein wenig -nach rechts, das Rudel wieder laut und ein triumphirendes -Lächeln zuckte über Ben's Antlitz – es machte -aber auch eben so schnell einem Ausdruck peinlicher -Spannung Platz, denn in dem nämlichen Moment -schon trat der Wolf, der durch den letzten Lockton bestimmt -schien, aus dem düstern Schatten vor, auf -den freien, nur mit einzelnen Bäumen bewachsenen -Raum.</p> - -<p>Ben's Herz schlug fast hörbar, aber sein Arm lag -fest wie Eisen – ruhig richtete er das todtbringende -Rohr nach dem Feind und suchte mit dem scharfen -Blick dessen dunkle Gestalt auf das Korn seiner Büchse -zu bringen. Doch vergebens – in dem matten ungewissen -Licht schmolz Korn und Ziel so ineinander daß -er um's Leben nicht hätte genau bestimmen können wo -die Kugel sitzen würde, und fehlen – nein das durfte -er nicht.</p> - -<p>Vorsichtig hob er den Lauf gegen den helleren -Himmel, wo er das Korn deutlich gegen einen der -funkelnden Sterne konnte abstechen sehen, legte sich -dann fest in den Kolben, fuhr nieder, und so wie er -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -die Gestalt des noch immer regungslos und jetzt seitwärts -in's Thal schauenden Thieres voll im Korn -hatte, berührte sein Finger den Drücker.</p> - -<p>Der Schuß schmetterte dröhnend durch den Wald -und Ben sprang blitzesschnell empor.</p> - -<p>»Siehst Du, Kannaille, sagte er da, als er den -dunkeln Körper regungslos im, vom Mondlicht hell -beschienenen Laube liegen sah – siehst Du – ich -habe Dir's prophezeiht. – Das ist doch wenigstens -<em class="ge">ein</em> Trost, einem solchen herumschleichenden Schuft -das Handwerk gelegt zu haben. Panther und Bären -– ich wollte daß Gottes Strahl all das Lumpengesindel -träfe, das so wie Du, Bestie, das Licht scheut, -im Dunkeln herumschleicht und Unheil anrichtet, -wohin es den Fuß gesetzt und seinen Athem gehaucht!«</p> - -<p>Ben war bei den obigen Worten, die er mit fest zusammengebissenen -Zähnen in den Bart murmelte, -ruhig auf seinem Platz stehen geblieben und hatte, -nach Jägerart, vor allen Dingen die Büchse wieder -geladen, hob sie jetzt mit einem noch leise gemurmelten -Fluch auf die Schulter, und schritt langsam der -Stelle zu, wo der so glücklich erlegte Feind im Laube -ausgestreckt lag.</p> - -<p>Es war ein großer, kräftiger Wolf, kohlschwarz -und nur mit dem einen kleinen herzförmigen weißen -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -Fleck auf der Brust, der im Mondenlicht ordentlich zu -glühen schien – die Kugel mußte ihm gerade durch -den Kopf gefahren sein – er rührte und regte sich -nicht.</p> - -<p>»Ich habe ihn nicht einmal zucken sehen, sagte der -Jäger leise, und bog sich zu ihm nieder, um nach dem -Kugelloch zu fühlen. Ueber den ganzen Kopf strich er -hinüber und herüber, dort war aber nichts, auch kein -Schweiß – und die gegen das Mondenlicht gehaltene -Hand weiß und rein. Wunderlicher Schuß! brummte -der Jäger – ei zum Henker, 's ist einerlei <em class="ge">wo</em> die -Kugel sitzt, <em class="ge">wenn</em> sie nur sitzt, und da ich den Schuft -– Hallo! unterbrach er sich plötzlich – lebt der -Bursche noch?«</p> - -<p>Er stand mit gespannter Aufmerksamkeit die Büchse -im Anschlag, jede Bewegung des Raubthiers beobachtend, -und allerdings gab dies jetzt wieder Lebenszeichen -von sich, warf einmal den Kopf auf, und -schnellte sich dann auf dem linken Vorderlauf in die -Höhe.</p> - -<p>Ben hatte aber zu manches Stück Wild erlegt, -als daß ihn diese Bewegung auch nur einen Augenblick -länger über den Zustand des Wolfes in Zweifel -lassen konnte. Im ersten Augenblick fuhr er allerdings -noch einmal, und wie unwillkürlich mit der Büchse -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -an den Backen – das war aber auch nur ein Moment -– im nächsten warf er sie fort und sprang plötzlich -in keckem Muth auf das, von <em class="ge">der</em> Minute an sich -wieder ganz kräftig und rasend sträubende Thier.</p> - -<p>»Hoho, mein Bursche! rief der junge Jägersmann -dabei, und lachte mit wilder Freude in sich -hinein, während er seinen Arm mit eiserner Gewalt -um den wüthend dagegen ankämpfenden Körper des -Wolfes schlang – hoho – einfach ge<i>creast</i><span class="top">[2]</span> – hahahaha -– ja strample nur, strample nur Herz, <em class="ge">der</em> -Falle entgehst Du nicht – wenn Du nicht im Stande -wärst, aus der Haut zu rutschen.«</p> - -<p class="ci fss">[2]: <i>creasen</i> nennt der amerikanische Jäger den Schuß über -dem Rückgrate oder noch häufiger Hals eines Wildes, wenn die -Kugel auf die oberen Halssehnen und Muskeln gedrückt hat, -ohne sie zu durchschneiden, was das Thier augenblicklich zu -Boden wirft, aber nur für den Moment betäubt, und nicht im -mindesten beschädigt. Nach sehr kurzer Zeit erholt es sich gewöhnlich -wieder, und wenn der Jäger dann nicht schnell mit Büchse oder -Messer bei der Hand ist, springt es wieder auf und ist nicht selten -weit aus dem Bereich der Kugel ehe der verblüffte Schütze, der -sich seine schon sicher geglaubte Beute auf einmal wieder entgehen -sieht, seine Sinne gesammelt hat. Die westlichen Indianer fangen -auch mit diesem Schuß die wilden Pferde, wobei natürlich mehr -erschossen als gefangen werden.</p> - -<p>Das Thier, das nun sein volles Bewußtsein -wieder erlangt hatte, schien jetzt erst zu begreifen -in welcher höchst mißlichen Lage es sich eigentlich -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -befinde und suchte mit aller ihm zu Gebote stehender -Kraft um sich zu beißen, und durch Treten und -Kratzen seine Freiheit wieder zu gewinnen. Doch vergebens, -Ben hielt es wie in einem eisernen Schraubstock -und drückte sich dabei so mit dem ganzen Gewichte -seines schweren Körpers darauf, daß der arme -also ertappte Wolf endlich und als auch seine Kräfte -vollständig erschöpft waren, wenigstens für kurze Zeit -ruhig liegen mußte.</p> - -<p>Was aber nun thun? – den Wolf tödten? das -wäre allerdings mit nur wenig Schwierigkeiten verknüpft -gewesen, denn Ben trug sein haarscharfes -Jagdmesser im Gürtel. Aber war nicht jetzt sein Ziel -erreicht? – einen lebendigen, gesunden, unbeschädigten -Wolf wollte er haben, und den hielt er in diesem -Augenblick hier unter sich so fest als ob er ihn im -Leben nicht wieder loslassen wollte. Doch wie ihn -binden und festhalten? nicht einmal einen Lederriemen -führte er bei sich, nichts als seinen Gürtel und wie -hätte er es überhaupt wagen dürfen auch nur den -Versuch zu machen? Ließ er dem Wolf nur ein wenig -Luft so gab es nachher einen Kampf, in dem er ihn -entweder ernstlich beschädigen, oder gar frei lassen -mußte – das eine fast so schlimm wie das andere. -Und das schwere Thier bis zur Ansiedlung tragen? -<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -– er hätte ohne den Wolf eine halbe Stunde gebraucht -sie zu erreichen – viel weniger mit ihm – -aber es blieb ihm weiter keine Wahl.</p> - -<p>»Entweder oder,« murmelte er, »Du oder ich, Bursche, -und so mag denn <em class="ge">der</em> Abend über mein Glück, -über mein Unglück entscheiden. Zum Teufel auch, -habe doch schon manchen starken Hirsch getragen, der -noch einmal so schwer war wie der hier, und das blos -um des elenden Wildprets wegen – werden mir -heute die Kräfte nicht versagen, da es das Höchste – -oder doch wenigstens einen Triumph über den schurkischen -Feind gilt.«</p> - -<p>Und mit dem raschen Entschluß nahm er seinen -Halt fest um das, sich jetzt wieder mit rasender Wuth -sträubende Thier, brachte den rechten Fuß unter sich, -und stand, die Schulter gegen einen kleinen danebenstehenden -Gumbaum stützend, langsam auf. Er hatte -den Wolf mit dem Rücken gegen sich, mit dem linken -Arm zwischen den beiden Vorderläufen durch gepackt, -und den rechten Arm ihm fest um die Weichen geschlagen -und hielt ihn so eng zusammengepreßt, daß er -ihm mit seinen Zähnen gar nicht schädlich werden -konnte.</p> - -<p>Die Büchse mußte er natürlich zurücklassen, auch -die Mütze war ihm bei dem Ringkampf entfallen, doch -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -das hinderte ihn nicht; mit fest zusammengebissenen -Zähnen und zum Aeußersten entschlossen, wanderte er -seine wunderliche sich unaufhörlich sträubende Last im -Arm, Schritt vor Schritt weiter – der fernen Ansiedlung -zu.</p> - -<hr /> - -<p>Im alten Gerichtshaus herrschte indessen noch immer -laute lärmende Fröhlichkeit, Bowle nach Bowle -wohlschmeckenden süßen Stewes war gebraut, und der -Raum endlich durch Kerzen, Trunk und Tanz so heiß -geworden, daß man selbst das kleine, nach dem Holz -hinausführende Fenster öffnete, um nur frische Luft -herein zu bekommen.</p> - -<p>Die Töne der Violine schwirrten immer rascher -und gellender in Jigs und Hornpipes, die Füße der -Tänzer klapperten immer behender auf dem schon -blank gescharrten Boden; Metcamp war besonders -ausgelassen lustig, er nannte die arme Betsy – die -sich übrigens hartnäckig weigerte weder mit ihm noch -einem der andern Gäste zu tanzen – nicht anders wie -»sein süßes Bräutchen«, umarmte den alten Sutton -ebenfalls zweimal als »Schwiegerpapa« und wußte -seiner Ausgelassenheit gar keine Grenzen.</p> - -<p>Eine kleine Unterbrechung hatte indessen stattgefunden; -»Lord Howe's Hornpipe« war eben beendigt -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -und einige Erfrischungen wurden herumgereicht. Betsy, -die auf ihres Vaters Befehl die Bedienung überwachen -mußte, saß unfern dem Eingang, nicht weit -vom Schenktisch, und Metcamp, der sich dicht neben -sie gestellt, flüsterte ihr eben einige fade Schmeicheleien -in's Ohr, die ihr die zornige Röthe auf die Wangen -trieben, als plötzlich Etwas mit gewaltigem Poltern -von außen gegen die Thüre schlug.</p> - -<p>»Hallo!« schrie der Bräutigam zusammenfahrend -– das ist ein unhöfliches Anklopfen – »wer da?«</p> - -<p>Die übrigen Gäste wandten sich Alle rasch und -erstaunt nach dem Lärmen um, die einzige Antwort -von dort her war aber ein erneutes, noch viel stärkeres -Gepolter.</p> - -<p>»Ei so hol' doch der Henker die Unverschämtheit!« -rief da Metcamp; »ich will doch sehen –«</p> - -<p>Rasch ergriff er den ledernen Riemen der an dem -Drücker hing, riß daran und stieß die Thüre auf.</p> - -<p>»Ha!« – Vor sich ein Paar stiere funkelnde, fast -aus ihren Höhlen drängende Augen – ein weit aufgerissener -Rachen mit blutiger, heraushängender -Zunge und weißem fürchterlichen Gebiß – ein Wolfskopf -wie ihn sich die Einbildung nur schrecklich und -Entsetzen erregend ausmalen kann – hinter ihm aber, -dicht über dem gräßlichen Rachen, das todtenbleiche, -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -wildblickende Angesicht Ben Holik's, vom Schein der -Kerzen geisterhaft beleuchtet.</p> - -<p>»Der Wolf! – Der Wolf!« schrie da Metcamp -nach einem, nur fast flüchtigen Blick auf die schauerliche -Gruppe. – »Der Wolf!« und durch die hinzudrängenden -Gäste brach er in wilder Hast sich Bahn, -zum Fenster sprang er, und ehe nur noch irgend Jemand -sein Vorhaben hätte errathen, oder ihn gar daran -verhindern können, flog er mit scheuem Satz hinaus -und in's Freie.</p> - -<p>Die Hintenstehenden, die noch gar nicht sehen -konnten was eigentlich die Ursache solch wunderbarer -Behendigkeit gewesen, lachten; die nächst der Thüre -aber fuhren ebenfalls, kaum minder als Metcamp -selbst erschreckt, zurück, und starrten überrascht die -wunderliche Gruppe an, aus der sie Ben Holik's todtenfahle -Züge jetzt erkennen konnten.</p> - -<p>»Die Glocke – die Glocke!« war aber Alles was -der Jäger mit heiserer, nur den Nächsten verständlicher -Stimme zu lallen vermochte – »die Glocke – ich kann -– ich kann nicht mehr.«</p> - -<p>»Heiliger Gott!« schrie da Betsy, die schon bei -dem ersten Ausruf Metcamps entsetzt empor gesprungen -war und ihren Augen kaum trauend, keines Wortes, -keiner Bewegung mächtig, in das todtenbleiche, -<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -fürchterlich entstellte Antlitz des Geliebten gestarrt -hatte, »heiliger, allmächtiger Gott! zu Hülfe – zu -Hülfe!«</p> - -<p>»Die Glocke! flehte aber nur Ben – Betsy die -Glocke oder meine Arme erstarren.«</p> - -<p>»Die Glocke? – was für eine Glocke?« fragten -die Umstehenden wild durcheinander.</p> - -<p>»Ha – die Wolfsglocke!« rief da das Mädchen -– das Ganze ihr bis dahin Entsetzliche, jetzt rasch -und froh begreifend – »die <em class="ge">Wolfsglocke</em>, nur noch -einen Moment Ben – nur noch wenige Secunden -und ich bin wieder da.«</p> - -<p>Und rasch zur Thür hinaus, dicht an den klaffenden -Fängen der Bestie vorbei – so dicht daß ihre -Schulter die blutträufende Zunge fast berührte, glitt -die Jungfrau flüchtigen Laufes in das dicht daneben -gelegene Haus ihres Vaters, wo die Glocke noch in -der Stube (unter der Büchse, wo er sie neulich bei -seiner Zurückkunft hingethan) hing, hob sie schnell -herunter und war in kaum einer Minute Zeit schon -wieder zurück mit dem Verlangten.</p> - -<p>Indessen hatten sich aber die Männer dort ebenfalls -von ihrer ersten Ueberraschung erholt; der alte -Sutton war zu ihnen getreten, und rasch begreifend -um was es sich hier handle, wollte er Ben unterstützen -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -und ihm den Wolf vielleicht abnehmen. Das -gab aber der Jäger nicht zu, da er seiner wie des alten -Mannes Sicherheit wegen nicht wagen durfte dem -festen Halt, den er einmal an der Bestie hatte, zu -entsagen. Kaum erschien aber Betsy mit der Glocke, -so nahm sie ihr Sutton rasch aus der Hand, schlang -den Riemen um des, jetzt wieder wie wüthend um sich -beißenden Wolfes Hals, und schnallte ihn nicht zu -fest, aber sicher genug, daß er nicht über den Kopf -hinüberrutschen konnte, den Wolf jedoch auch nicht -hinderte, oder gar würgte.</p> - -<p>Was aber jetzt, nachdem dies geschehen war, -thun? – wie die Bestie, da der Zweck erfüllt war, -wieder loswerden? denn war es nicht möglich daß sie, -in so gereiztem Zustand freigegeben, anstatt zu fliehen -sich gerade gegen ihre Feinde wenden, und dort Unheil -anrichten konnte, ja am Ende gar, um sie nur -wieder los zu werden, doch noch getödtet werden -mußte? Das Klingeln der Glocke beunruhigte den -Gefangenen dabei immer mehr, seine Anstrengungen -wurden wüthender, je mehr die Kräfte des armen Jägers -nachließen. Zwar sprangen von vielen Seiten -die Männer mit Stricken herbei und Einer machte -sogar eine Schlinge, den Wolf daran zu hängen und -ihm die Kehle zuzuschnüren bis er betäubt wäre und -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -hinaus in den Wald geschafft werden könnte – das -aber schienen viel zu gefährliche Experimente, denn -geschah dem Thier dadurch ein Schaden, so war die -ganze Anstrengung vergebens gewesen. Da rief Betsy, -die in Todesangst um den Geliebten, die Hände fest -gegen die Schläfe gepreßt, daneben gestanden und -dem ganzen wirren Treiben zugeschaut, den tausend -verworrenen Vorschlägen, wie sie gemacht und verworfen -wurden, in namenloser Furcht gelauscht hatte, -plötzlich aus:</p> - -<p>»Trag ihn in den Garten, Ben, wo der Fluß die -Biegung macht – dort ist die Uferbank eingestürzt, -und da hinabgeworfen, kann er nur an's gegenüberliegende -Ufer schwimmen!«</p> - -<p>»Bei Gott das Mädchen hat Recht!« rief der alte -Sutton, und Ben schritt schon um's Haus herum -dem bezeichneten Orte zu. Die Fenz, die ihn noch von -dem Garten trennte, wurde augenblicklich eingerissen, -und wenige Secunden später stand der Wolfsjäger an -dem schroffen Ufer das unten der vorbeischäumende -kleine Bergstrom bespülte – Betsy hatte seinen Arm -ergriffen und ihn geführt, daß er nicht etwa einen -Schritt zu weit vorgehe und selber mit hinabstürze.</p> - -<p>»Jetzt Ben! rief sie ihm zu, als sie ihn plötzlich -zurückhielt, jetzt laß los!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -»Gott sei Dank!« murmelte Ben und während er -noch die Arme öffnete glitt der dunkle Körper am -nachgebenden Sande hinab und schlug plätschernd in -die unten über ihm zusammenbrechende Fluth.</p> - -<p>Jetzt kamen auch mehre mit rasch herbeigeholten -Lichtern herbei und bei dem matten ungewissen Schein -derselben konnten sie erkennen wie der schwarze Körper -des befreiten Wolfes rasch und mit heftigem Stöhnen -durch die Fluth strich. Als er aber drüben an's Ufer -stieg klingelte die wackere Glocke laut und hell – er -hatte sich schütteln wollen, erschrak jedoch so über den -fremden Laut daß er rasch die Uferbank hinansprang, -und noch eine lange Strecke durch den Wald hörten -sie das gleichmäßige Anschlagen der Schelle, wie der -Wolf in dem, diesen Thieren eigenen langen Galopp -mit flüchtigen Sätzen nicht mehr den Feinden, die hatte -er kaum gefürchtet, nein, diesem unerträglichen scharfen -Lärm unter seiner Kehle, zu entfliehen suchte.</p> - -<p>»Hahahaha!« brach endlich Ben, der jetzt lachend -seine halb erstarrten Arme schwenkte, das athemlose -Schweigen mit dem die Männer den immer mehr verschwimmenden -Tönen der Glocke gelauscht hatten – -»er hat sie – beim ewigen Gott, er hat sie – so – -das soll mir der Mr. Metcamp einmal nachmachen!«</p> - -<p>Metcamp? ja wo war denn Metcamp die ganze -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -Zeit eigentlich – das weiß der Himmel, am Washita -hat ihn wenigstens kein sterbliches Auge mehr gesehen, -sein Fenstersprung konnte nicht bezweifelt werden, -denn Zeugen gab es dafür genug, und vom Fenster -aus ließ sich die Spur noch weit hinaus in den -Wald, aber immer dem Arkansas zu, verfolgen, sein -ganzes Gepäck aber, ja selbst seinen Hut ließ er, ohne -auch nur einmal darum zu schreiben, in der Ansiedlung -zurück und Ben hatte gewiß recht als er meinte -– »den habe nur sein <em class="ge">böses Gewissen</em> aus den -Bergen getrieben.«</p> - -<p>Und was wurde aus Betsy? –</p> - -<p>Ich will dem Leser die weitläufige Auseinandersetzung -ersparen und ihm nur mit kurzen Worten einzelne -Thatsachen mittheilen aus denen seine Einbildungskraft -dann leicht den weitern Verfolg der Sache, -viel besser als ich ihm das selber klar machen könnte, -herausfinden wird.</p> - -<p>Mr. Metcamp war wirklich flüchtigen Fußes -förmlich davon gelaufen, der Brief aber, den er zu der -Zeit am Washita erhalten hatte, mußte jedenfalls gefälscht -gewesen sein, denn noch in demselben Monat -hörten sie von einem Reisenden daß Metcamps Onkel, -etwa vier Wochen vorher ehe dieser zum Washita -gegangen, total bankerott gemacht habe und der vermeintliche -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -Erbe noch schlimmer als ein Bettler sei, da -er sogar rasend in Schulden stecke. Die reiche Farmerstochter -hatte er dabei leicht zu gewinnen geglaubt, -und auch natürlich alles Mögliche gethan, -seinem, ihm allerdings gefährlichen Nebenbuhler den -Besitz des Mädchens unmöglich zu machen.</p> - -<p>Daß er es gewesen der damals den gefangenen -Wolf befreit, ließ sich ebenfalls immer weniger verkennen, -wenigstens sprach man die Ansicht kurze Zeit -darauf ganz offen in der Ansiedlung aus; und daß -sich der alte Sutton nach alle dem Vorangegangenen -schämte, den beabsichtigten Schwiegersohn aus der -Stadt auch nur noch einmal zu erwähnen, versteht -sich wohl von selbst.</p> - -<p>Es sind jetzt seit der Zeit zehn volle Jahre verflossen, -und Farmer Sutton schläft in seinem eigenen -Garten still und ruhig unter dem grünen blumigen -Rasen, Ben Holik aber hat das unstäte Jägerleben -aufgegeben, ist ein ordentlicher Farmer worden und -lebt mit seinem lieben Weib, seiner Betsy, und den -drei Jungen und zwei Mädchen die sie ihm in ihrer -neunjährigen Ehe geboren, so glücklich und zufrieden, -wie nur ein Mensch in der weiten Gotteswelt leben -kann. Seine Heerden haben sich dabei ungemein vermehrt, -denn die Wölfe trieb der mit der Glocke Behangene -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -richtig hinaus aus der ganzen Nachbarschaft, -und seine Felder hat er ebenfalls um viele fruchtbare -Aecker erweitert; dort aber, wo er den Wolf damals -lebendig gefangen, baute er sich auf der luftigen -Bergkuppe ein kleines Haus und nannte es, zum -Gedächtniß jenes glücklichen Abends – die <em class="ge">Wolfsglocke</em>.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -Die Ahnung.<br /> - -<span class="subheader ge">Nach einer wahren Begebenheit.</span></h2> - - -<p>Draußen über die Haide tobte und wetterte der -Sturm, heulte durch die blattlosen Baumwipfel der -Eichen, und zischte und flüsterte in den dichten Nadeln -des benachbarten Schwarzholzes. Der Mond -war hinter schweren Wolken verschwunden, trüb und -düster lag die Nacht auf der Erde und der Orkan, -der sich von den Geistern der Luft die tollen Weisen -aufspielen ließ, raste mit der Windsbraut über den -weiten Plan, durch Bergesschlucht und einsames -Thal, und über die starren, drohenden Felsenkämme der -trotzig ihm die Stirn bietenden Gebirgsrücken hin.</p> - -<p>So, draußen im Freien – aber fast noch tolleres -Spiel trieb er um die Wohnungen der schüchtern zusammengedrängten -Menschen. Hui! – wie das um -die Giebel pfiff und splitterte, wie die Windfahne auf -dem alten Pastorhause kreischte und knarrte, daß selbst -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -der hoch und altergrau daneben aufstarrende Schornstein -den Lärmen endlich satt bekam, und bald links -in den dunkeln Hof, bald rechts in den feuchten Garten -hinunter sah, als ob er nur noch nicht recht wisse, -in welchen von beiden er zuerst kopfüber hinein springen -solle. Wie's an den alten morschen Fensterrahmen -riß und klapperte, und seine Kraft an den breitästigen -Birn- und Aepfelbäumen versuchte, die schon so lange -Jahre dem Sturme getrotzt und sich jetzt, bei den erneuten -Angriffen, nur noch immer fester und hartnäckiger -mit den weitgespreizten Wurzeln in die Erde -hineinklammerten.</p> - -<p>Viele viele Stunden lang trieb er's so, und vergebens -hatten die wetterschwangeren Wolken schon -oft versucht, sich in einzelnen Fluthengüssen zu erleichtern, -wie es wohl ein bedrängtes Schiff thut, -das seinen Ballast über Bord wirft, die leewärts -drohende Küste zu verlassen; der wachsende Orkan -schleuderte ihnen stets neue wasserschwere Nebelberge -entgegen, und jagte die zürnenden wild und toll durch -einander in entsetzlicher Fröhlichkeit.</p> - -<p>Bei solchem Wetter, wo die Natur in ihrer ganzen -großartigen Furchtbarkeit ersteht, drängen sich die -armen schwachen Menschenkinder am liebsten in -freundlicher Traulichkeit zusammen, und von sicheren -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -Wänden geschützt, unter Dach und Fach, dem brausenden -Nord wie dem kalten Regen entzogen, lauschen -sie nur manchmal in ängstlicher Stille zum Fenster -hinüber, wenn der Sturm einen neuen Akord in seine -dröhnende Aeolsharfe greift, und das feste Gebäude -vielleicht vor dem markdurchschauernden Ton bis in -seine innerste Tiefe hinein erbeben macht.</p> - -<p>So still und traulich war's auch im kleinen behaglichen -Studirzimmerchen des wackern Pastor Barrenkamp, -der mit seiner Frau, dem Schulmeister, einem -Universitätsfreund des Pastors, und dem Rittergutsverwalter, -einem alten wettergebräunten Oekonomen, -um den schweren eichenen Tisch saß und bei einer -guten Tasse Warmbier das Unwetter draußen so -wenig als möglich zu beachten schien. Nur manchmal, -wenn der Wind die Backen ein bischen gar zu voll -genommen und irgend ein krachender Stamm des -dicht an den Garten grenzenden Waldes seine gewaltige -Kraft verrieth, stand Barrenkamp wohl auf, ging -an's Fenster, schob den Vorhang zurück, nahm die -Pfeife einen Augenblick aus dem Munde, und schaute, -das schwarze Sammetkäppchen fest an die kalte behauchte -Scheibe gedrückt, in die rabenfinstere Nacht -hinaus.</p> - -<p>Es war während einer solchen Pause, denn das -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -Gespräch stockte in dem Fall gewöhnlich auf einige -Minuten und die kleine Gesellschaft horchte ebenfalls -nach dem Kampf der aufgeregten Elemente hinüber, -als der Verwalter langsam seine ausgetrunkene Tasse -niedersetzte und mit leiser, fast ängstlicher Stimme -sagte:</p> - -<p>»Sie haben ganz recht gethan, Frau Pastorin, -daß Sie sich heute einmal ausnahmsweise in des -Herrn Pastors warmgelegenes Studirstübchen geflüchtet; -da drüben in der großen Eckstube muß bei -solchem Sturme ein keineswegs freundlicher Aufenthalt -sein – draußen freilich ist's noch schlimmer; -der Wind pfeift sich ordentlich sein Stückchen und es -kommt Einem wahrhaftig manchmal sogar vor, als -ob man einzelne Worte und Redensarten verstände – -möchte heute nicht über den Kirchhof gehen.«</p> - -<p>»Nicht über den Kirchhof?« wiederholte, sich -lächelnd nach ihm umwendend, der Pastor, »Sie -fürchten sich doch nicht etwa, Verwalterchen? ei, ei, -ein Mann in Ihren Jahren –«</p> - -<p>»Mein bester Herr Pastor,« meinte der Verwalter -und rückte auf seinem Stuhl hin und her, »von fürchten -kann bei mir wohl keine Rede sein, ich bin kein -böser Mensch und – glaube nicht an Gespenster, wovor -sollte ich mich also fürchten, aber –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -»<em class="ge">Aber</em>« lachte die Hausfrau und schaute mit einem -schelmischen Blicke zu ihm auf, – »aber? der -Herr Verwalter lassen sich noch eine Hinterthür offen.«</p> - -<p>»Ei, ich meinte nur was das Kirchhofgehen betraf,« -erwiederte gutmüthig der alte Mann, – »ich -weiß ebensowohl wie jeder Andere, daß die <em class="ge">Todten</em> -sanft da unten, unter ihrer warmen Decke ruhen, und -Nachts nicht wieder herauf kommen werden, um sich -auf die kalten Hügel zu setzen und hinter den weißen -Steinen Versteckens zu spielen, aber ich vermeide auch -gern jede unnütze Aufregung, die mir nachher immer -nur Kopfschmerz und Unwohlsein verursacht. – Es -hat etwas Unbehagliches für mich, mir in dem schwachen -Dämmerlicht aus wehenden Trauerweiden und -Büschen, die bleiche Steine halb überdecken, Gestalten -mit weißen Gewändern und ringenden Händen heraus -zu finden, und ich mag mich nicht in einem fort umsehen, -weil ich jeden Augenblick darauf schwören wollte, es -käme Jemand hinter mir drein. Ebenso ungern, und -aus eben dem Grunde, sitze ich Abends allein in einem -Zimmer und mit dem Rücken einer Thüre zugedreht, -die halb offen oder angelehnt ist. Ich weiß dabei recht -gut, daß sich Niemand im andern Zimmer befindet, -also auch Niemand von da zu mir herein kann, und -dennoch läßt es mir, wunderlicher Weise, keine Ruhe; -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -ich muß mich entweder herumsetzen, oder die Thüre -schließen.«</p> - -<p>»Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft, und -die gaukelt Ihnen da allerlei seltsame Dinge vor,« -fiel hier die Pastorin ein, »Sie denken sich in dem -Augenblick vielleicht etwas recht Entsetzliches oder -Graußliches, und das stört, wenn es auch nicht wirklich -eintreffen kann, doch für kurze Zeit Ihre sonstige -Ruhe.«</p> - -<p>»Ih nun, mit der Einbildungskraft dürfen wir -am Ende so etwas nicht einmal alleine entschuldigen,« -meinte kopfschüttelnd der Schulmeister, »Einbildungskraft -schreiben wir doch sonst schon einem ausgebildeteren -Geiste zu und dasselbe Gefühl, das Ihnen der -Herr Verwalter vorhin geschildert, finden Sie nicht -selten bei dem geringsten Drescher, der sein Hirn den -ganzen Tag über mit nichts weniger martert, als mit -Gedanken und Ideen. Ich habe mir nach meiner -schlichten Weise die Sache immer <em class="ge">so</em> versucht auszulegen: -etwas Uebernatürliches giebt's doch, das können -und dürfen wir nicht leugnen, wo das nun – -uns versteht sich unbewußt, weil unsere Sinne zu -grob und rauh sind es zu verstehen und zu erkennen -– in unsere Nähe kommt, da läuft uns, wir wissen -selbst nicht weshalb, eine sogenannte Gänsehaut über -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -den ganzen Leib. Daher kommt auch wahrscheinlich -die Sage von den <em class="ge">Ahnungen</em>, denn was ich meine, -ist eben nichts weiter als eine Ahnung überirdischer -Kräfte.«</p> - -<p>»Die wir auch um Gotteswillen nicht ableugnen -wollen,« sagte die Pastorin und wurde auf einmal -ganz still und ernst, »ich dächte wir hätten davon ein -Beispiel in unsrer eignen Familie.«</p> - -<p>»In Ihrer eignen Familie?« frug der Verwalter -rasch.</p> - -<p>»Meine Frau bildet sich's wenigstens ein,« meinte -der Pastor kopfschüttelnd; »die Sache klingt freilich -ganz abenteuerlich, hat aber sicher eine sehr natürliche -Lösung.«</p> - -<p>»Die aber bis jetzt noch kein Mensch gefunden -hat,« flüsterte die Frau; »es ist meiner eignen Mutter -widerfahren, und ich habe es nicht allein aus ihrem -Munde, sondern auch die Bestätigung, wenn es deren -überhaupt bedurft hätte, oft von meiner Tante gehört, -die als Kind dabei gewesen war, und sich der -einzelnen Umstände noch recht gut erinnerte.«</p> - -<p>»Und wären Sie wohl so freundlich, uns die Geschichte -mitzutheilen?« frug der Verwalter und -rückte seinen Stuhl etwas näher zum Tisch; »es -wäre möglich, daß ich durch etwas Aehnliches die -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -Existenz solcher Ahnungen ebenfalls zu bekräftigen -vermöchte.«</p> - -<p>»Die Sache ist einfach genug,« erzählte die Pastorin; -»wir waren unser drei Geschwister, ich, ein älterer -Bruder und noch eine jüngere Schwester, und die -Großmutter vor etwa acht Wochen gestorben, als -meine Mutter, die sich allerdings damals noch in -einem sehr aufgeregten Zustande befand, träumte, sie -schaute am hellen Nachmittag aus dem Fenster. Da -ging die Hofthür auf und herein kam, in demselben -Kleide wie sie im Sarg gelegen, ihre Mutter, schritt -langsam durch den ganzen Hof und stieg dann die -Leiter hinauf, die zu dem Heuboden führte.</p> - -<p>»Wie man nun so im Traume ist, so scheint auch -meine Mutter gar nichts Außerordentliches in dem -Wiederkommen der Todten gesehen zu haben, nur -daß diese, was sie im Leben nie gethan, auf den Heuboden -stieg, fiel ihr auf. Trotzdem sprach sie kein Wort -und die Mutter kam denn auch bald wieder zurück und -hatte ein Heubündel unter dem Arm. Damit stieg sie -die halbe Leiter hinunter, blieb plötzlich stehen, drehte -dann wieder um und holte sich noch ein zweites.</p> - -<p>»Ei um Gott, Mutter,« rief die Träumende da, -und streckte die Arme nach ihr aus, »ist denn das eine -nicht genug?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -»Ja, sagte die Todte und stieg langsam nieder, -ich bringe Dir das andere wieder zurück« – und aus -der Hofthür verschwand sie, wie sie gekommen.</p> - -<p>»Mein damals etwa vierzehnjähriger Bruder war -ein ausgezeichneter Harfenspieler, und übte sich besonders -in jener Zeit Tag und Nacht; um es zu noch -immer größerer Fertigkeit zu bringen, hatte er sich -aber wohl darin übernommen, oder lag der Keim der -Krankheit schon in ihm, kurz, wenige Tage nach diesem -Traume wurde er, sonst ein kräftiger, gesunder -Knabe, krank, und sah sich bald durch das hitzigste -Nervenfieber auf sein Lager geworfen. Fünf Tage -später legte ich mich ebenfalls mit demselben Uebel, -mein Bruder aber starb am neunten Tage, und in dem -Augenblicke, wo er im Todeszucken lag, rissen plötzlich -<em class="ge">alle</em> Saiten seiner Harfe. – <em class="ge">Mich</em> brachte die -Großmutter wieder – ich genas nach kurzer Zeit.«</p> - -<p>»Die Harfe hat hinter dem Ofen gestanden,« brach -der Pastor rasch eine feierliche Pause; »das Gestell -kann sich gezogen haben und da mußten wohl die Saiten -mit einem Male springen.«</p> - -<p>»Die Erklärung mag wohl ganz gut und natürlich -klingen,« sagte der Schulmeister endlich, »ich sehe -aber wirklich nicht ein, weshalb wir uns Alles natürlich -erklären <em class="ge">müssen</em> – Du lieber Gott, unser Aller -<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -Leben ist so arm, so entsetzlich arm an jeder Poesie, -daß ich denken sollte es hätte sogar etwas Wohlthuendes, -einmal einen Gegenstand zu finden, den -man nicht recht begreifen kann. Ich weiß mich noch -recht gut daran zu erinnern, wie ich als Kind fest und -heilig glaubte der Storch bringe die Kleinen, und -das Christkindchen die schönen Sachen zu Weihnachten; -wie ich mich vor dem Knecht Ruprecht fürchtete -und die heiligen drei Könige ehrfurchtsvoll anstaunte -– und einmal im Theater – der Abend wird mir -unvergeßlich bleiben, da sah ich ein Stück, das hieß -die <em class="ge">Kreuzfahrer</em>, und etwas derartiges war mir -in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Ich -weinte und lachte den ganzen Abend und träumte -ein volles Jahr von weiter nichts, als tapfern edeln -Rittern, braven Türken, unglücklichen Türkenmädchen -und bösen Aebtissinnen. Das Stück übte auch -merkwürdiger Weise einen ganz eigenthümlichen Einfluß -auf mein künftiges Leben aus; ich schwärmte für -die altadeligen Geschlechter der tapfern Ritter, und -bekam einen ordentlichen Haß auf die katholische Religion, -die den Mißbrauch der Klöster dulden konnte.«</p> - -<p>»Jetzt ist das ganz, ganz anders geworden – ich -halte die Störche für sehr gewöhnliche Zugvögel, die -von Fröschen und anderem Zeug leben, und sich -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -keineswegs mit Kindertransport beschäftigen – den -sogenannten heiligen Christ habe ich diverse Male -selbst machen müssen, und deshalb gegründete Ursache -an seiner Heiligkeit zu zweifeln; ebenso den Knecht -Ruprecht, wobei ich gleichzeitig und höchst trauriger -Weise allen Respekt selbst vor den heiligen drei Königen -verloren; und was das Theater anbetrifft, so -gaben sie, als ich im vorigen Jahre zum letzten Male -in Hamburg war, dort zufällig dasselbe Stück und -die Erinnerung an meine Kindheit trieb mich hinein. -– Ich wollte, ich wäre <em class="ge">nicht</em> gegangen, denn als ich -wieder heraus kam, – und ich sollte mich eigentlich -schämen es zu gestehen – habe ich großer erwachsener -Kerl geweint, bittere, große Thränen geweint, und -weshalb? weil ich durch meine Neugierde ein kleines -Heiligthum muthwillig zerstört hatte, das mein Herz -seit seiner Jugendzeit in seiner innersten Zelle still -und heilig genährt – weil ich das muthwillig und -mit roher Hand jetzt von mir gerissen sah, was mich -so viele, viele Jahre mit froher geheimnißvoller -Lust erfüllt. Die hohen schattigen Palmen, die mir -bis dahin noch immer vorgeschwebt, schrumpften zu -Pappdeckeln mit hölzernen Stützen zusammen, – -jener Zweikampf, an den ich oft mit stillem Schauder -zurückgedacht, wurde zu einem gewöhnlichen Hämmern -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -auf Blechschilde, – der alte ehrwürdige Emir -– in der einen Scene fiel ihm der Bart ab, und das -ganze Publikum lachte, während mir die Thränen in -die Augen traten – die fürchterliche Aebtissin – war -die Frau meines freundlichen Wirths, eine treffliche -brave Seele, die sich noch an demselben Nachmittag -erst so theilnehmend erkundigt hatte, wie es all' den -Meinigen zu Hause ging – die Frau konnte unmöglich -ein Bösewicht sein; und nun erst die Knappen -und Ritter, die früher einen solchen Eindruck auf mich -gemacht, – wie hölzern sie dastanden und wie ungelenk -– ach, mein schöner Jugendtraum, wie bös, wie -häßlich war der zerstört worden, und wie viel besser -wäre es gewesen, wenn ich <em class="ge">keine</em> natürliche Erklärung -für all den süßen Zauber gefunden hätte!«</p> - -<p>»Es <em class="ge">läßt</em> sich auch nicht Alles natürlich erklären,« -sagte der Verwalter ernst und stopfte sich dabei langsam -den hohen Maserkopf mit dem vor ihm liegenden -Tabak – »und wenn man's noch so gern erklären -möchte und wollte. Ich selbst habe zum Beispiel etwas -erlebt, was so wunderbar und märchenhaft klingt, -daß ich es selten erzähle – es glaubt mir's Niemand, -und es thut mir nachher weh wenn etwas bespöttelt -wird, das – heiliger Gott, wie das wieder rast und -tobt, man sollte glauben, es schüttelte die alte Erde -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -aus den Achsen – das mir selbst so allgewaltig in's -Leben gegriffen hat.«</p> - -<p>»Sie scheinen mich für einen total Ungläubigen -zu halten, lieber Verwalter, sagte der Pastor freundlich, -darin thun Sie mir aber Unrecht, – das vertrüge -sich auch nicht einmal mit meiner Stellung, mit -meiner Religion. Auch von Gott ward uns ja weiter -nichts, als in sinnbildlichen Uebertragungen eine Ahnung -seines Wesens, und was Anderes als Ahnung -einer höhern Welt ist es, wenn uns bei frommen, -erhebenden Choralgesang die Seele in süßer unbegriffener -Lust zusammenschauert. Ich glaube an <em class="ge">Ahnungen</em>, -möchte sie aber nur von den gewöhnlichen -<em class="ge">Vorbedeutungen</em> geschieden sehen.«</p> - -<p>»Vorbedeutungen – Ahnungen!« – sagte der -Verwalter kopfschüttelnd, und hielt dabei den brennenden -Fidibus auf die Pfeife, ohne jedoch den Blick -zu erheben, der sich von da an fest und unbeweglich -in die eine Zimmerecke heftete, »das sind am Ende nur -immer verschiedene Worte für ein und dieselbe Bedeutung -– doch zu meiner Erzählung, aus der sich -Jeder seinen Schluß selber ziehen mag, denn ich selbst -kann nichts weiter als die Thatsachen geben. Es war -nach dem letzten Kriege; – mein Bruder Carl, ein -tüchtiger, stattlicher Bursche, hatte sich auch anwerben -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -und später nie wieder etwas von sich hören lassen. -Bei Leipzig wollten sie ihn zuletzt gesehen haben; bis -dahin dienten wenigstens Landleute aus demselben -Ort, in dem nämlichen Regiment mit ihm, und er -ließ mich auch einmal in einem von den Briefen -grüßen. Nachher blieb er verschollen und zehn Jahre, -die ebenfalls verflossen ohne daß ich die mindeste Nachricht -erhielt, nahmen mir endlich den letzten Zweifel, -daß er in jener blutigen Schlacht gefallen.«</p> - -<p>»Nach dieser Zeit, und als der Friede schon lange -wieder seine segensreichen Früchte getragen, verwaltete -ich in der Nähe von Grimma, eine kurze Strecke -von Leipzig entfernt, ein Gut, schaffte im Juni meine -Wolle in die Stadt, zum dort gehaltenen Markte, -verkaufte sie, und schickte, weil ich noch bei Thräna -einen Freund besuchen wollte, den Wagen von dort -aus allein voraus. Dort kam das Gespräch, ich weiß -jetzt selbst eigentlich nicht mehr recht wie, auf die -frühere Kriegszeit und auf unsere gefallenen Freunde -und Brüder, wobei ich äußerte, wie schmerzlich es -doch für die Hinterbliebenen sein müsse, nicht einmal -zu wissen wo die geliebten Todten begraben lägen -und ob sie überhaupt ein ehrliches Soldatengrab bekommen -hätten.«</p> - -<p>»Du lieber Gott,« meinte hierauf mein Freund, -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -der dortige Förster, »da ist wohl Mancher Wochen -lang im lieben Walde liegen geblieben, oder, was -noch schlimmer ist, mit der ganzen Masse in <em class="ge">eine</em> -große Grube geworfen, und wie Viele wurden noch -vorher von den Kosaken und – anderem Volk – -geplündert und gemißhandelt – ich sage Dir, Bernhard, -ich habe da schauerliche Dinge mit angesehen. -Ich erinnere mich noch an einen armen Teufel, dem -hatten sie drei Kugeln in die Brust geschossen und er -lebte immer noch. Von den Unsern waren dabei Leute -hinausgeschickt die Gebliebenen aus dem Wege zu -schaffen und in ein Loch zu werfen; die, aber natürlich -bei denen sie noch Leben fanden, die legten sie bei -Seite bis sie fertig waren, und dann konnten sie gewöhnlich -bei denen wieder von vorn anfangen. Der -Verwundete nun, der unter einer Eiche lag, streckte -die Hand nach mir aus, und bat mich ihm zu helfen -– lieber Gott, was konnte ich für ihn thun – die -Zunge klebte ihm schon am Gaumen und er brachte -kein Wort mehr über die Lippen; selbst einen Trunk -Wasser den ich ihm reichte vermochte er nicht mehr -hinunterzuschlucken. Während ich ihn noch im Arme -hielt, holte er seinen letzten Athemzug, und als ich -ihm die Uniform aufriß, nach seiner Wunde zu sehen, -fiel er, eine Leiche, zurück. Auf der bloßen Brust fand -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -ich aber einen Ring, den ich zum Andenken mitnahm -und den armen Teufel dafür draußen am Waldesrand, -etwa eine Stunde von hier, und nicht weit von -dort, wo jetzt der Fußpfad in die große Straße einläuft, -warm und weich in die Erde bettete.«</p> - -<p>»So lautete seine Erzählung, und er wollte mir -den Ring, noch ehe ich fortging, zeigen, bald nachher -kamen wir aber auf ein anderes Gespräch und vergaßen -ihn. Gegen Abend endlich – denn ich hatte nun -noch volle drei Stunden zu marschiren und der Mond -ging etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang auf -– nahm ich Abschied von meinem Freunde und -machte mich, nachdem er mir einen nähern Pfad -durchs Holz gezeigt, auf den Heimweg.«</p> - -<p>»Die Sonne sank eben hinter den Wipfeln nieder -als ich ausmarschirte, und im Walde dämmerte -es schon; meinen Pfad konnte ich aber nichtsdestoweniger -deutlich genug erkennen, und schritt rüstig darauf -vorwärts, bis ich von fern das hellere Licht des -offenen Feldes durch die Bäume schimmern sah; – -bald darauf erreichte ich die äußerste Grenze des Waldes -und vor mir, vielleicht noch eine Viertelstunde entfernt, -lief die Chaussee, die sich ganz genau an den -Pappeln unterscheiden ließ. Ich überflog die ausgedehnte -Fläche mit meinem Blick, um nach den nächsten -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -Thürmen genau die Stelle bestimmen zu können, wo -ich mich eigentlich befand, als ich in gar nicht großer -Entfernung und mitten auf einer kleinen feuchten -Wiese einen einzelnen Menschen, und als ich näher -hinsah, einen <em class="ge">Soldaten</em> erkannte, der hier allem -Anschein nach und mit dem Gewehr im Arme, -Schildwache stand.«</p> - -<p>»Was um des Himmels willen, dachte ich so bei -mir selber, macht nur der einzelne Posten hier mitten -auf dem Felde – die Früchte sind doch noch nicht -reif, und der Klee – hm, das muß ein Forstschutz -sein, – hat sich aber einen sonderbaren Platz dazu -gewählt.«</p> - -<p>»Der Mann stand still und regungslos und ich -blieb ebenfalls einen Augenblick stehen und schaute -nach ihm hinüber – er rührte sich nicht, und die Uniform -fiel mir jetzt auf, die er trug. So viel ich in der -immer zunehmenden Dämmerung erkennen konnte, -gehörte sie keineswegs nach Sachsen, war auf jeden -Fall von der sehr verschieden, die ich sonst zum Forstschutz -verwendet gesehen, und der Tschacko – ein -Schauer lief mir unwillkürlich über den Leib, als ich -zu dem Gesicht des Posten aufschaute – der Tschacko -saß in der richtigen Entfernung zu dem Kopf, aber der -Kopf? – das matte Licht mußte mich jedenfalls täuschen, -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -denn gerade wo ich stand, konnte ich deutlich -durch die Stelle durch, wo doch sein Gesicht hätte sein -müssen, das dahinter durchschimmernde Grün der -Wiese erkennen.«</p> - -<p>»Lächerlich, murmelte ich aber leise vor mich -hin, – daher entstehen so viele Geister- und Gespenstergeschichten, -daß uns irgend ein ungewisser -Lichtschein oder eine Brechung der Strahlen, ja vielleicht -der aufsteigende feuchte Dunst der Erde, wunderliche -Geschichten vorspiegelt, die sich nachher, wenn -man näher hinzugeht, auf die natürlichste Art von der -Welt erklären. Wäre jetzt an meiner Stelle irgend ein -furchtsamer Bauerjunge den Weg gekommen, und -sein Blick dorthin gefallen, wer weiß, ob er nicht in -voller Angst und vor lauter Entsetzen die Flucht ergriffen -und daheim dann erzählt und beschworen hätte, er -habe auf dem frühern Schlachtfelde einen fremden Soldaten -ohne Kopf Schildwache stehen sehen – ich muß nur -näher hingehen und mich selber davon überzeugen –«</p> - -<p>»Gerade dort wo ich mich befand, lief ein nicht -tiefer Graben am Rand der Holzung hin, den ich -vorher überspringen mußte, er war übrigens schmal -und auf der andern Seite desselben führte ein grüner -Rain in ziemlich genauer Richtung der Stelle zu, wo -die wunderliche Wache stand. Ohne weiteres Ueberlegen -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -– denn ich ging nicht einmal viel um, da ich -von dort aus die Chaussee eben so rasch erreichen -konnte – schritt ich jetzt auf den Mann zu und hielt -dabei, des Wegs nicht weiter achtend, den Blick fest -und unverwandt auf seine, dunkel gegen das lichter -dahinter liegende Grün abstechende Gestalt geheftet. -Das Bandelier zog sich ihm, wie ich deutlich erkennen -konnte, weiß und hell über die Brust und jetzt -kam es mir auch vor, als ob die Umrisse seines Kopfes, -ja seine Gesichtszüge klarer und deutlicher hervorträten.«</p> - -<p>»Guten Abend, Kamerad! sagte ich endlich, als -ich schon in mehr als Rufes Nähe von ihm war – -ist ein kühler Posten hier, und abgelegen vom Wald; -– weshalb so spät noch draußen? – wird der Holzdiebstahl -hier so arg getrieben?«</p> - -<p>»Der Soldat antwortete nicht, und ich hätte darauf -schwören wollen, er sei noch vor wenigen Sekunden -mitten in der kleinen Wiese gewesen, auf der -ich mich jetzt befand, und nun stand er doch, wie -sich gar nicht verkennen ließ, in dem benachbarten -Sturze, und ein gutes Stück weiter von mir -entfernt. Wieder überkam mich jenes eigenthümliche -fröstelnde Gefühl, über das ich mir keine -Rechenschaft zu geben wußte, doch war ich entschlossen, -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -den wunderlichen Soldaten zum Antworten zu -bringen, und ging jetzt mit noch schnelleren Schritten -als vorher auf ihn zu.«</p> - -<p>»Sie glauben mir vielleicht nicht wenn ich es -Ihnen sage, aber dennoch kann ich Sie heilig versichern, -daß ich nicht im Stande war den Schattenmann -zu erreichen – deutlich genug sah ich ihn vor -mir, und wenn er auch kein Glied regte, weder Fuß -noch Arm, dennoch rückte er aus einem Feld in's andere -und es blieb mir zuletzt gar kein Zweifel mehr, -daß ich es mit einem keineswegs körperlichen Wesen -zu thun hatte.«</p> - -<p>»Und konnte das ein Gebild meiner erregten -Phantasie sein? – war es möglich, daß ich die Conturen -der jetzt, trotz der Dämmerung immer noch genau -erkennbaren Gestalt nur träume oder denke? Ich -blieb plötzlich stehen und hielt den Blick fest und unverwandt -auf die Figur geheftet. Da verschwammen -die Umrisse mehr und mehr mit dem, jetzt dunkel dahinter -lagernden Feld – zuerst verschwand der -Tschacko – die Uniform – ich sah nur noch das -blitzende Gewehr, das Bandelier, die helleren Beinkleider -– auch diese wurden immer undeutlicher – -das Alles zog sich wie ein leichter, wehender Nebel -in den feuchten Grund – der Körper, wenn es überhaupt -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -ein Körper gewesen, lief flüssig, in luftigen -Hauchen aus einander, und zuletzt war gar nichts -mehr zu erkennen. – Doch nein, das weiße Bandelier -stach noch immer scharf und klar gegen den -düstern Hintergrund ab – ich konnte deutlich die -Kappe sehen, in der das Seitengewehr hing. – War -denn auch <em class="ge">das</em> Täuschung? – wenigstens davon -wollte ich mich noch überzeugen, denn wenn ich auch -unbeweglich wohl zehn Minuten auf meiner Stelle -stehen blieb, der Schein des Bandeliers regte sich -ebenso wenig, und hing, wie es fast aussah, von -einer unsichtbaren Gewalt getragen, in der Luft.«</p> - -<p>»Je näher ich kam, desto deutlicher ließ es sich -unterscheiden, und schon stand ich, kaum noch fünf -Schritt davon entfernt, als ich –«</p> - -<p>»Herr Gott – was war das?« rief die Frau plötzlich -und fuhr erschreckt auf – der Verwalter schwieg -und selbst der Pastor warf einen flüchtig scheuen Blick -im Zimmer umher.</p> - -<p>»Was hast Du denn?« sagte er dann und versuchte zu -lächeln, – »Du jagst Einem ja ordentlich Schreck ein.«</p> - -<p>»Hörtest Du nichts? sagte die Frau und sah -leichenblaß aus, – mir war es, als ob Jemand um -Hülfe schrie –«</p> - -<p>»Die erregte Einbildungskraft,« beruhigte sie der -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -Schulmeister, »wir haben Alle ein gutes Gehör, Frau -Pastorin, verlassen Sie sich darauf, hätte wirklich -Jemand gerufen, es wäre uns nicht entgangen – die -Erzählung hat Ihre Nerven aufgereizt, das unbedeutendste -Geräusch erschreckt uns dann; – bitte, Herr -Verwalter, fahren Sie fort.«</p> - -<p>Der Pastor war aufgestanden und wischte mit -seinem Taschentuch den Hauch von dem Fenster, um -hinaussehen zu können; bei dem augenblicklichen -Schweigen hörten sie, wie der Regen polternd gegen -die Scheiben klapperte, und draußen auf dem gepflasterten -Hofe laut und klatschend aufschlug. Der Verwalter, -welcher während der ganzen Unterbrechung – -die übrigens nicht so lange gedauert als ich hier gebraucht -sie zu beschreiben – seine Stellung kaum so -weit verändert, daß er bei dem ersten Ruf den Kopf -etwas erhob, jetzt aber wieder eben so still und in -seinen Gedanken verloren in dieselbe Ecke starrte als -vorhin, fuhr augenscheinlich mehr mit sich selbst sprechend, -wie zu den Andern gewandt, mit leiserer -Stimme als vorher also fort:</p> - -<p>»Fünf Schritt mochte ich noch davon entfernt sein, -als ich erst in diesem hellen Bandelier weiter nichts wie -– einen einfachen Streifen weißen Sandes erkannte, -der sich hier, von dunkler Erde und hohem Grase umgeben, -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -vielleicht zwei Schritt lang auf dem Boden -herzog. Aber – ich berührte ihn mit dem Fuße – -die Stelle war erhöht, selbst das immer mehr schwindende -Licht warf noch seinen letzten düstern Schein -über den kleinen flachen Hügel. – Es war ein <em class="ge">Grab</em> -und hier unten – wie mit einem elektrischen Schlage -durchzuckte es meinen ganzen Körper – viele Minuten -stand ich, meiner selbst kaum mächtig, auf der -einsamen Stelle. – Plötzlich – ich konnte mir im -Anfang nicht einmal Rechenschaft darüber geben – -raffte ich mich empor und floh, so schnell mich meine -Füße trugen, zu meinem Freund, dem Förster zurück.«</p> - -<p>»Der Ring, der Ring – das war der einzige Gedanke, -den ich mit Bewußtsein festhalten konnte – der -Ring des todten Soldaten, und bleich und athemlos erreichte -ich bald darauf sein Haus wieder. Er erschrak, -als er mich in diesem Zustande sah, – er wollte –«</p> - -<p>Der Verwalter schwieg plötzlich, stand auf, ging zum -Fenster und trat von diesem wieder zum Tisch zurück.</p> - -<p>»Und der Ring?« frugen der Pastor und Schulmeister -gespannt.</p> - -<p>»Weshalb soll ich Sie noch länger mit der genauern -Mittheilung quälen,« erwiederte der Verwalter -mit augenscheinlich erzwungener Ruhe – »der Ring -war wirklich der meines Bruders – und jenes Grab -<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -– <em class="ge">sein</em> Grab. Was jene Erscheinung betrifft, so -weiß nur Gott, ob sie ein Spiel meiner Phantasie -gewesen; doch einerlei, Sie werden begreifen daß ich -seit jener Zeit alle Ursache hatte, wenigstens an -<em class="ge">Ahnungen</em> zu glauben, wenn ich <em class="ge">das</em> überhaupt -mit diesem Namen belegen darf. – Aber es wird -spät, Herr Pastor – Sie wollen wohl auch zu Bette -gehen – es ist lange Schlafenszeit, und ich habe -noch eine kleine Strecke zu marschiren.«</p> - -<p>»Sie können doch wahrlich bei dem Wetter nicht -fort? sagte der Pastor rasch, – es pfeift und heult -ja noch draußen um die Kirche herum, als wenn es -das alte Gebäude mit der Wurzel aus dem Erdboden -zu reißen gedächte – bleiben Sie die Nacht bei uns, -das Fremdenstübchen steht bereit, und Sie wissen, es -macht auch nicht die mindesten Umstände.«</p> - -<p>»Danke – danke herzlich, sagte der Verwalter -und verbeugte sich leise, – es geht aber doch nicht; -erstlich ist es kaum einen Büchsenschuß weit bis an's -Gut und dann muß ich auch morgen früh schon -wieder bei der Hand sein, und möchte überdies nicht -gern gerade in solcher Nacht das Gut ohne Aufsicht -lassen – es ist besser ich bin bei der Hand wenn -etwas vorfällt. Gehen Sie mit, Schulmeister?«</p> - -<p>»Nicht Ihren Weg, ich gehe durch's Hinterpförtchen -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -und habe dann nur einen Sprung bis in mein -Haus.«</p> - -<p>Der Verwalter knöpfte sich seine grüne Pekesche -bis oben hinan zu, klappte den Kragen auf, band sich -noch zur Vorsicht sein Taschentuch über diesen um den -Hals, griff nach Mütze und Hacke, schüttelte Allen -herzlich die Hand und verließ, ohne zu gestatten, daß -ihm Jemand hinunter leuchte, rasch das Zimmer.</p> - -<p>Die drei Leute blieben, als sein Schritt schon -lange auf der Treppe verklungen war, noch wohl -mehrere Minuten beisammen stehen, und es sah fast -so aus, als ob Keiner gern das Schweigen zuerst -brechen wollte. Endlich sagte des Pastors Frau mit -einem recht aus tiefster Brust heraufgeholten -Seufzer:</p> - -<p>»Ich wollte, der Verwalter hätte die häßliche Geschichte -nicht erzählt – ich weiß nicht – mir wurde -so unheimlich dabei – und er blieb auch so still und -ernsthaft, als ob das Alles wirklich geschehen, und -der Geist seines Bruders ihm leibhaft erschienen -wäre – so deutlich und sichtbar steht doch die Geisterwelt -auf keinem Fall mit der unsern in Verbindung, -und man sollte daher auch so etwas nicht so lebendig -und ernsthaft den Leuten ausmalen.«</p> - -<p>»Auch das läßt sich vielleicht natürlich erklären,« -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -sagte der Pastor, mehr wie es schien seiner Frau zur -Beruhigung, als weil er selbst wohl das wirklich -glaubte was er jetzt sagte, – »die Erzählung jenes -Försters hatte ihn sehr wahrscheinlich aufgeregt, und -er dachte an den Bruder – dachte wohl gar, wenn -<em class="ge">der</em> jener fremde Mann gewesen, dessen Grab da so -ganz in der Nähe sein sollte. Dämmerung war es -ebenfalls, die dunkeln Abendschatten geben oft einem -Strauch, einem Rain, ja einem vor uns hineinlaufenden -Wagengleis die wunderlichste Gestalt – läßt es -sich da nicht denken daß er, besonders noch von dem -weißen schimmernden Sand angelockt, zufällig den -kleinen Hügel fand und später die Bestätigung dessen -erhielt was er geahnt? –«</p> - -<p>»Geahnt – und da wären wir wieder auf dem -alten Punkt« – fiel hier kopfschüttelnd der Schulmeister -ein; »die Ahnung kommt zuerst, macht uns -unbehaglich, und die Imagination muß nachher dem -Ganzen die Krone aufsetzen; 's ist ein wunderliches -Ding um den menschlichen Geist, aus heiler Haut, -mit all seiner gerühmten Festigkeit und Consequenz -läßt er sich herauslügen und außer Fassung bringen, -und das ganze Nervensystem erbebt nachher, wenn -draußen nur etwa ein Besen in der Ecke umfällt, -oder die Katze von einem Stuhl herunter springt -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -– ganze Bücher ließen sich schreiben über den -Unsinn.«</p> - -<p>»Unsinn, Schulmeister? – wiederholte die Frau -und sah ihn verwundert an. Sie sagten doch selbst -erst daß Sie an Ahnungen glaubten. Doch, wie dem -auch sei, ich halte es für Unrecht, und noch dazu in -solch wilder Nacht, die Einbildungskraft förmlich -muthwillig aufzuregen – ich glaube ich könnte mich -jetzt vor meinem eignen Schatten fürchten, und mag -mich gar nicht einmal danach umsehen – Frauen -sind doch recht ängstliche, nervenschwache Wesen.«</p> - -<p>»Ach, nicht Frauen allein,« meinte der Schulmeister -lächelnd, während er ebenfalls nach seinem Käpsel -griff und den, schon vor Anfang des Regens zur -Vorsorge mitgenommenen dicken, rothbaumwollenen -Regenschirm aus der Ecke holte, »Zeit und Umstände -müssen das ihrige dazu beitragen und der stärkste -Mann ist vor demselben Gefühl – und dann noch -dazu in weit erhöhtem Maße – nicht sicher.«</p> - -<p>»Wenn er überhaupt ängstlichen Gemüths ist,« -sagte der Pastor.</p> - -<p>»Aengstlichen Gemüths oder nicht – seine -schwache Stelle, seine Achillesferse hat ein Jeder, und -wird die getroffen, so greift es nachher gerade den -stärksten Mann auch am stärksten und gewaltigsten -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -an. Sie kennen doch gewiß die Geschichte mit dem -Spiegel –«</p> - -<p>Die beiden Gatten verneinten es.</p> - -<p>»Hm, sagte der Schulmeister, denn weiß ich auch -nicht, ob ich's heute Abend nicht lieber lasse – Sie -sind gerade erregt genug –«</p> - -<p>»Ach, heraus damit – in solcher Stimmung ist -man am empfänglichsten dafür, und schlimmer kann's -bei meiner Alten doch nicht werden,« meinte der -Pastor.</p> - -<p>»Ach Gott ja – erzählen Sie nur,« bestätigte dies -mit einem tiefen Seufzer die Frau, – »es kommt jetzt -auf das eine mehr oder weniger nicht mehr an – ich -fürchte mich doch heute Abend – Sie sprachen von -einem Spiegel.«</p> - -<p>»Nun, ich meine das Hineinsehen in einen -Spiegel, Abends, wenn man ganz allein ist,« begann -der Schulmeister und stützte sich auf die Lehne des ihm -nächsten Stuhles. »Es wird nämlich, wie Sie gewiß auch -schon gehört haben, behauptet, man könne oder dürfe -vielmehr in stiller Nacht und in einem einsamen Zimmer -nicht mit einem Licht in jeder Hand langsam und dicht -vor den Spiegel treten, dort dreimal mit lauter -Stimme seinen eignen Namen rufen und dann laut -und schallend auflachen. Thäte man das und riefe sich -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -besonders nachher noch einmal, so passire irgend -etwas Entsetzliches, ich glaube die eigene Gestalt soll -mit schauerlich verzerrtem Gesicht aus dem Spiegel -heraussteigen.«</p> - -<p>Die Frau warf einen scheuen Blick nach dem -Spiegel und strich sich rasch mit der Hand über die -eigne Stirn.</p> - -<p>»Die Geschichte nun, die mir darüber erzählt -wurde,« fuhr der Schulmeister fort, »ist sehr kurz, und -betrifft einen Husarenlieutenant, also doch allem Vermuthen -nach einen kräftigen, keineswegs nervenschwachen -Menschen. Die jungen Leute waren in einer -fröhlichen Gesellschaft von Herren und Damen gewesen -und dort, eben so wie wir heute, auf Geister- und -Gespenstergeschichten gekommen. Ein Wort gab das -andere, und allerlei tolle Vorschläge wurden endlich, -wahrscheinlich mehr um die Damen zu ängstigen, als -sie wirklich auszuführen, gemacht; die Einen wollten -um zwölf Uhr auf den Kirchhof gehen und dort um -ein frisches Grab tanzen – die Andern in der Kirche -selber eine Nacht allein bleiben, bis endlich irgend -Jemand von der Gesellschaft das Experiment mit dem -Spiegel in Anregung brachte.«</p> - -<p>»Der junge Lieutenant erbot sich augenblicklich -dazu und die Dame vom Hause, die wahrscheinlich -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -glaubte, der junge Herr bramarbasire blos, sagte -scherzend, damit ließe sich der Versuch ganz vortrefflich -in ihrer eignen Wohnung machen. Im Gartenhause -sei ein ganz einsam gelegener großer Saal mit zwei -mächtigen Spiegeln, der seit längerer Zeit unbenutzt -stehe – sie habe den Schlüssel dazu und wenn der -Herr Lieutenant Lust hätte, könne er seine Wanderung -gleich antreten. Ein allgemeiner Jubel unterbrach -sie hier und der Husar durfte schon nicht mehr -zurück, wenn er es wirklich gewünscht hätte. Allerdings -erschrak die Dame, als sie sah daß es plötzlich -Ernst wurde, und machte nun allerlei Ausflüchte; der -Lieutenant bestand aber jetzt selbst darauf, gab sein -Ehrenwort, daß er die vorbeschriebenen Bedingungen -genau erfüllen wolle, und verließ mit einem Bedienten, -der ihm Lichter und Feuerzeug nachtragen mußte, -das Zimmer. Den Bedienten wollte er, an Ort und -Stelle angelangt, zurückschicken.«</p> - -<p>»Die Gäste wären allerdings gar zu gern mitgegangen, -Einsamkeit war ja aber die Hauptbedingniß -des ganzen Versuchs, und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit -erwarteten sie die Rückkehr des Offiziers -– jedes Gespräch schien abgeschnitten – jede Unterhaltung -stockte und eine halbe Stunde mochte so in -peinlichster Weise verstrichen sein, als der mitgegebene -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -Diener plötzlich todtenbleich in's Zimmer stürzte -und die, jetzt kaum minder entsetzten Gäste zu Hülfe -rief. Ein Paar Damen wurden richtig ohnmächtig, -die Herren aber, die sich ja auch in ihrer Masse gesichert -fühlten, stürmten, da ihnen der Bediente weiter -gar keine Rede stehen wollte, von diesem geführt -durch den Garten, in dessen Saal sie bleich und besinnunglos -den unglücklichen jungen Menschen zwischen -den beiden sich gegenüber befindlichen Spiegeln -am Boden liegen fanden.«</p> - -<p>»<em class="ge">Was</em> er gesehen – was ihm begegnet, hat man -nie genau erfahren können, der Bediente hatte allerdings -draußen an der Thüre des Gartensaales gehorcht, -und wollte den jungen Mann, als er sich eine -kurze Weile dort befunden, laut haben lachen hören, -dann aber – und der Mann glich selber mehr einem -Todten als einem Lebenden – schwur er Stein und -Bein, es sei ihm so vorgekommen, als ob es von allen -Seiten von oben und unten geantwortet hätte, gleich -darauf gellte ein fürchterlicher Schrei heraus, und als -dann Alles todtenstill geworden war, und er selbst in -Furcht und Entsetzen viele Minuten lang athemlos -gelauscht, da hielt er es nicht länger aus, riß die -Thür auf und sah den Lieutenant ausgestreckt auf der -Erde liegen. Weiter wußte er selber nichts, denn hierauf -<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -stürzte er spornstreichs in die Gesellschaft zurück, -um Hülfe herbeizuholen.«</p> - -<p>»Und der Lieutenant war todt?« frug der Pastor -gespannt.</p> - -<p>»Nein – nur wahnsinnig;« sagte der Schulmeister -– »aber es ist wahrhaftig schon zehn Uhr vorbei – -wünsche beiderseits eine gute Nacht – Bitte Barrenkamp -– ich dächte, ich sollte die Treppen hier kennen -– das Mädchen kommt auch gerade unten mit ihrem -Lichte aus der Küche, die kann das Haus hinter mir -wieder zuschließen.«</p> - -<p>Und der Schulmeister verschwand, während die -Eheleute allein in dem nur matt erhellten Gemach zurückblieben.</p> - -<p>»Nun, <em class="ge">die</em> Geschichte hat mir heute noch gefehlt, -sagte die Pastorin, und räumte, wie nur um sich eine -Beschäftigung zu machen, das auf dem Tische stehende -Geschirr zusammen – <em class="ge">nur</em> wahnsinnig – das ist ja -fürchterlich. Die Leute hatten aber auch gefrevelt, so -etwas darf man sich nicht zu Schulden kommen lassen -– Herr Du mein Gott!« rief sie plötzlich, und als sie -die Tassen, die sie in der Hand hielt, wieder auf den -Tisch setzen wollte, fiel ihr eine herunter und zerbrach -klirrend am Boden.</p> - -<p>»Was hast Du denn?« fragte der Pastor und -<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -drehte sich rasch und erschrocken nach ihr um – sie sah -todtenbleich aus und horchte mit der gespanntesten -Aufmerksamkeit nach dem Fenster hinüber. Nichts aber -als das Unwetter draußen ließ sich vernehmen, der -Regen schien etwas nachgelassen zu haben, und die -Wolken schüttelten sich nur noch, nach dem langen -verzweifelten Kampf, ungeduldig und unwirrisch das -Wasser aus den nassen Jacken.</p> - -<p>»Das war wieder derselbe Hülferuf,« flüsterte die -Frau – »derselbe Ton und – Heinrich – soll mir -der Herr in meiner letzten Noth beistehen – er klang -gerade wie meines Vaters Stimme.«</p> - -<p>Sie barg das Gesicht in den Händen und schauderte -am ganzen Körper zusammen.</p> - -<p>»Unsinn!« sagte der Mann und rückte sich ärgerlich -die schwarze Kappe auf das linke Ohr, – »Unsinn – -die dummen Erzählungen haben Dich aufgeregt und -Du fängst mir am Ende auch noch heute Abend an -Gespenster zu sehen und zu hören. Wir wollen zu -Bette gehen – es ist Schlafenszeit und morgen, mit -dem hellen Tageslicht werden Dir schon alle die trüben -und ängstlichen Gedanken vergehen. Habe ich -nicht recht, Elise? – aber was fehlt Dir auf einmal, -was hast Du?«</p> - -<p>Die Frau blieb, als ob sie die Worte gar nicht -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -gehört, in ihrer Stellung, nur die zitternde Gestalt -verrieth ihre Aufregung und ihr leises Schluchzen, -wie die einzelnen, zwischen den fest zusammengepreßten -Fingern vorquellenden Thränen kündeten, daß -etwas ganz Absonderliches in ihrem Herzen vorgehen -müsse.</p> - -<p>»Elise,« – sagte der Mann nach kurzer Pause, -während er leise der Gattin Hand ergriff und diese -von ihren Augen wegzuziehen suchte – »bist Du nicht -wie ein närrisches Kind, das sich von ein Paar thörichten -Geistergeschichten in Furcht und Schrecken -setzen läßt, und nachher nicht mehr allein über den -dunkeln Vorsaal gehen, oder leiden will, daß die -Magd das Zimmer verläßt? – Du kennst doch den -alten Verwalter, weißt doch, was er fortwährend für -abenteuerliche Märchen erlebt haben will. Wie haben -wir nicht erst noch neulich über ihn gelacht, als er -uns die Geschichte von den zwei feindlichen Irrlichtern -erzählte, und wie böse wurde er darüber; und was -das andere betrifft, wo –«</p> - -<p>»Das meine ich nicht,« sagte die Frau leise und fast -mehr mit sich selbst, als mit ihrem Manne redend – -»der Verwalter kann sich geirrt haben, und die Spiegelgeschichte -ist wohl fürchterlich genug, läßt sich aber -vielleicht natürlich erklären; nein, <em class="ge">mir</em> bewegt Anderes -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -die Brust. – Der Schulmeister hat ganz recht – -es giebt übernatürliche Kräfte – es muß sie geben, -denn wo wir wissen daß der kleinste Wassertropfen -von unzähligen Geschöpfen belebt und bewohnt wird, -wie dürfen wir da annehmen, die ungeheuern Luft- -und Aetherräume umschlössen frei und leer das ganze -Weltall. – Nein, das ist nicht möglich; um uns -her, über uns, neben uns regt es sich und treibt und -wirkt – die uns fernstehenden Gebilde berühren uns -aber nicht; unsere Nerven sind nicht fein genug ihre -Nähe zu empfinden, oder ihre Kräfte – mir fehlt der -Ausdruck Dir genau zu beschreiben wie ich es mir -denke – ihre Kräfte üben nicht einen solchen harmonischen -– vielleicht magnetischen Einfluß auf die unseren -aus, um uns zum Bewußtsein ihrer Annäherung -zu bringen. – Das dauert aber nur so lange, bis -wirklich einmal ein uns verwandter Geist unseren eigenen -Luftkreis berührt, oder durch die Stärke seines -Willens, seiner Seele, zu uns hingetrieben wird – -dann ergreift er aber auch all die feinsten Fasern unseres -innersten Systems und die <em class="ge">Ahnung</em> desselben, -vielleicht auch nur das <em class="ge">Bewußtsein</em> dieses Gefühls -entsteht und macht sie geltend –«</p> - -<p>»Aber ich begreife Dich nicht –«</p> - -<p>»Es ist heute der dritte Abend,« fuhr seine Frau, -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -den Einwurf nicht weiter beachtend, fort – »daß ich -dieselbe ängstliche Unruhe fühle wie heute – nur -nicht so stark. Am ersten Abend erhielt ich, wie Du -weißt, gerade vor Schlafengehen, den Brief von zu -Hause – worin mir Mutter von des Vaters Krankheit -schrieb.«</p> - -<p>»Ein etwas hartnäckiger Katharr, wie sie selbst -sagte, der sich bis jetzt schon wahrscheinlich wieder -vollkommen gehoben hat.«</p> - -<p>»Kein Katharr, Heinrich, – die Sache ist schlimmer -als sie es mir sogleich schreiben mochte – weshalb -den Brief eilig gemacht – weshalb nun das -Schweigen? – Mit dem jetzigen Lauf der Eisenbahn -könnte Nachricht in neun Stunden hier sein.«</p> - -<p>»Komm Kind, erwiederte ihr lächelnd der Mann, -– geh jetzt zu Bett, und morgen früh wollen wir -ruhig über die Sache reden; Du phantasirst heute -Abend, und da ist's besser Du überschläfst erst einmal -die Gedanken, die das Sonnenlicht ohnedies nicht -gut vertragen können. Doch sieh, der Wind hat den -Himmel endlich rein gefegt, und der Mond scheint -ordentlich freundlich in's Fenster herein, wenn sich der -Sturm erst ein Bischen legt, bekommen wir vielleicht -das schönste Wetter – komm Kleine – heb' das -Köpfchen wieder und sei mein braves Weib – Du -<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -wirst Dich doch wahrlich nicht vor Spukgeschichten -fürchten?«</p> - -<p>»Nein, nicht vor Spukgeschichten, Heinrich,« -flüsterte die Frau und starrte dabei mit festem glanzlosen -Blick in die Ecke des Gemachs, das von der -immer düsterer brennenden Lampe kaum noch hinlänglich -beleuchtet wurde, – »gewiß nicht vor denen, ich -habe schon fast wieder vergessen was der Verwalter -und Schulmeister erzählten, aber – in mir selbst -fühle ich daß, und zwar in diesem Augenblicke, -irgend etwas bei den Meinigen vorgeht. Ich kann, so -viel ich auch dagegen ankämpfe, das Bild meines -Vaters nicht aus dem Sinn verlieren. – Fortwährend -sehe ich ihn, bleichen, gramvollen Angesichts, in -dem grünen Schlafrock mit dem dunkeln Käppchen -vor mir auf- und abgehen und mit dem stählernen -Uhrbehänge spielen, – was er nur that, wenn er -krank oder leidend war – so deutlich höre ich dabei -das leise klimpernde Geräusch, daß ich mich heute -schon mehrmals im Zimmer umgeschaut habe, ob -nicht irgend etwas die Ursache desselben wäre, aber -es liegt mir allein im Ohr – Du – Ihr Anderen -habt nie etwas davon vernommen.«</p> - -<p>»Du bist heute aufgeregt, Kind, das ist die ganze -Sache, beruhigte sie der Mann, komm, laß uns zu Bett -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -gehen, es wird spät und ich bin müde – die Lampe -scheint überdies kein Oel mehr zu haben; sie will -ausgehen.«</p> - -<p>Ein leiser, winselnder Ton, der fast wie ein ferner -Hülferuf klang, wurde in diesem Augenblicke laut – -man konnte nicht recht unterscheiden, ob er vom Hofe, -oder aus dem Hause selbst herauf, erschalle – der -Wind brauste und rauschte auch noch zu sehr in der -dicht neben dem Gebäude stehenden Linde, und heulte -im Schornstein auf und nieder. Die Lampe verlöschte -in diesem Augenblick und der Pastor, der jetzt selbst, -durch die Furcht der Frau vielleicht angesteckt, ein gewisses -unheimliches Gefühl nicht ganz unterdrücken -konnte, war eben im Begriff, in die daran stoßende Schlafstube -zu treten, um von dort her einen kleinen, neben -dem Feuerzeug stehenden Wachsstock zu holen, als die -Gattin hastig und krampfhaft seinen Arm ergriff, und -mit von innerer Angst fast erstickter Stimme, während -sie die rechte zitternde Hand nach der andern Thüre -ausstreckte, flüsterte:</p> - -<p>»Sieh, – sieh dort!«</p> - -<p>Der Pastor stand mit seiner Frau nahe der -Schlafkammerthür und noch im Schatten der Wand, -in dem jetzt dunkeln Zimmer, während ein einzelner -Mondenstrahl in das obere Fenster und auf die gegenüber -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -liegenden Treppenthür fiel; aber auch durch eine -dünne Gardine so weit gemäßigt wurde, die Gegenstände, -die er beleuchtete, nur undeutlich und unbestimmt -erkennen zu lassen. Nichtsdestoweniger sahen -die Gatten ganz genau, wenn sie auch nicht das mindeste -Geräusch der sonst gewöhnlich kreischenden Thüre -hörten, wie sich die blanke Klinke langsam bewegte -und anscheinend von selber aufdrückte – gleich darauf -öffnete sich eben so feierlich die Thür, und herein trat -mit geräuschlosem Tritt eine Gestalt, die das Blut in -Beider Adern stocken machte – der grüne Schlafrock, -das schwarze Käppchen – die hohe, bleiche Figur – -die Pastorin stand mit fast aus ihren Höhlen starrenden -Augen, mit halbgeöffneten Lippen – mit noch -immer zeigend und zugleich abwehrend ausgestrecktem -Arme da, und selbst der Mann blieb überrascht – -bestürzt vor dem, was seine eigenen Augen sahen und -nicht ableugnen <em class="ge">konnten</em> – in der einmal genommenen -Stellung.</p> - -<p>Im nächsten Moment glitt die Erscheinung, sonst -regungslos, langsam in den dunkeln Theil des Zimmers -und ein klimperndes Geräusch wurde laut, wie -von Stahl an Stahl. Der Pastor fühlte, wie sich -sein Weib an seinen Arm klammerte und selbst von -einem ihm unerklärlichen Entsetzen gefaßt, wußte er -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -kaum ob er stehen bleiben, ob vorspringen sollte. -Da ließ der Druck an seinem Arme nach und die Frau -wäre zu Boden gestürzt, hätte er sie nicht rasch umfaßt -und gehalten.</p> - -<p>Als er sich wieder nach der Erscheinung umdrehte, -war diese verschwunden, und der Mond schien freundlich -in das stille – leere Gemach.</p> - -<p>Der Pastor trug die ohnmächtig gewordene Frau -auf ihr Bett, und sprang dann mit dem rasch entzündeten -Lichte durch sein Zimmer, – riß die Thür auf, -eilte die Treppe hinunter, durch alle Gänge, faßte an -alle Klinken, fand selbst das Hausthor verschlossen -und pochte vergebens an des Küsters Stube an; der -alte Mann lag schon lange in tiefem Schlaf und -hörte ihn nicht. – Es war Alles so still, so unheimlich; -auf den Gängen rauschte und flüsterte es, wie -mit schleppenden Gewändern zog's Trepp auf und ab -– den sonst unerschrockenen Mann faßte ein Schauder -an, und mit Gewalt mußte er das Gefühl, das -ihm die Brust zusammen zu schnüren drohte, von sich -werfen.</p> - -<p>»Der Wind, – der Wind!« murmelte er, wie -um sich selbst zu beruhigen dabei leise vor sich hin, -und floh mehr als er ging, die Treppe wieder hinauf. -Dort aber raffte er sich gewaltsam zusammen, -<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -betrat zuerst das Zimmer seiner Frau, um dieser beizustehen, -stieg dann hinauf wo ihre Magd schlief, -weckte sie und gab ihr die nöthigen Aufträge, was sie -zu besorgen habe. Dann untersuchte er noch einmal -alle Laden und Thüren, ging sogar über den Hof, um -zu sehen ob das Hofthor verschlossen wäre, und that -überhaupt Alles, was er nur mit ruhigster, kältester -Besonnenheit hätte thun können; aber es geschah eben -nicht mit kalter Besonnenheit, – wie ein Nachtwandelnder, -mit bleichem Gesicht und glanzlosem Auge -schritt er von Ort zu Ort, und die Bewegungen seines -Körpers glichen eher denen eines künstlichen Automaten, -als denen eines wirklichen, selbstbewußten -Menschen.</p> - -<p>Sobald der Morgen dämmerte und seine Frau in -einen ruhigen stärkenden Schlaf verfallen war, schloß -er sich in sein Zimmer ein, schrieb dort den ganzen -Vormittag und siegelte mehrere Pakete und Schriften -ein. Selbst zum Mittagsessen blieb er nicht vorn und -sah nur einmal nach der Kranken, ob sich diese von -den Vorfällen der letzten Nacht in etwas erholt habe.</p> - -<p>Nachmittags klopfte es an sein Zimmer, und als -er den Riegel zurückschob, reichte ihm der draußen -stehende Postbote einen Brief. – Er riß ihn auf, sah -nach der Unterschrift – er war von seiner Schwägerin -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -Regine – und las mit flimmernden Augen, während -das Schreiben in seiner Hand zitterte und er die -Züge kaum erkennen konnte, folgende in flüchtiger -Eile niedergeworfenen Zeilen:</p> - -<p class="ci pl2">»Lieber Schwager.</p> - -<p class="ci in1">Gott hat uns gestern Abend auf schwere, entsetzliche -Weise heimgesucht. Zwischen zehn und halb eilf -Uhr starb, wahrscheinlich an einem Blutschlage, mein -armer Vater. Theilen Sie Elisen die Schreckenskunde -vorsichtig mit – ach, sein letzter, sehnsüchtiger -Wunsch war ja, <em class="ge">sie</em> noch einmal vor seinem Ende zu -sehen. Wenn es möglich ist kommen Sie her; Elise -wird aber Ihre Gegenwart gerade jetzt wohl schwerlich -entbehren können. Ich schreibe in der Nacht, und -will den Brief noch vor dem Abgange eines Bahnzuges -an einen Conducteur zur Beförderung schicken, -daß er Sie wo möglich heute noch erreicht. Trösten -Sie meine arme Schwester.</p> - -<p class="ci pl2">Ihre</p> - -<p class="ci si pr2"><em class="ge">Regine</em>.«</p> - -<hr /> - -<p>Acht Wochen waren verflossen – draußen auf -Feldern und Wiesen keimte und grünte es, das Frühjahr -hatte mit seinem warmen Hauch den starren Boden -geküßt, und froh auf dieser trieb, in immer neu erstehender -Kraft und Jugend, saftreiche Gräser und Halme -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -und bunte, glänzende Blumen und Blüthen. – Zwischen -neckend nach ihm hinunterschwankenden Zweigen -rieselte freudig murmelnd der klare Waldbach hin, und -aus südlichern Zonen waren die munteren Sänger des -Waldes wiedergekehrt und zwitscherten freudig in den -alten lieb gewonnenen Plätzen, wo sie schon im vorigen -Jahre so still und friedlich mitsammen gehaust.</p> - -<p>Die Luft war rein und lau und auch vor der Pastorwohnung, -unter dem blühenden Apfelbaume, von -duftigen Hollunderbüschen umgeben, saß, an der Seite -ihres wackeren Mannes, die erst von schwerer Krankheit -erstandene Frau, und schaute mit mattem Blick -auf das fröhliche Wirken und Schaffen der herrlichen -Welt. Ihre kräftige Natur hatte endlich das heiße -Fieber besiegt, der Körper erholte sich wieder, wenn -auch langsam von dem erlittenen Anfall und die Kräfte -kehrten nach und nach zurück. Der nicht zu scheuchende -Trübsinn der Reconvalescentin aber, ihr dumpfes, -stundenlanges Träumen und Brüten – die Angst, -die sie ergriff, wenn sie Abends, selbst auf Augenblicke -allein im Zimmer bleiben mußte, das Alles -verrieth nur zu deutlich, wie sie jene Schreckensstunde -nicht allein nicht vergessen habe, sondern die peinliche -Erinnerung derselben auch noch im krankhaft erregten -Gemüthe hege und sich heimlich abzehre und gräme.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -Solche Furcht und Besorgniß mochte wohl das -Herz des Gatten erfüllen, denn er hielt die Hand der -Geliebten fest und innig in der seinen und schaute ihr -wehmüthig freundlich in das bleiche leidende Gesicht, -wagte aber doch nicht den wunden Fleck zu berühren, -der <em class="ge">vielleicht</em> geheilt werden konnte, vielleicht aber -auch nur eines Anlasses, nur eines Wortes bedurfte, -um mit neuer, zündender Gewalt auszubrechen und -um sich zu greifen. Ueber die Vorgänge jener Nacht -hatte er selbst mit Niemandem gesprochen; nur seinem -alten Freunde, dem Schulmeister, vertraute er die -Ursache der Krankheit seiner Frau und theilte ihm -dabei die näheren Umstände der Erscheinung und so -bis zu den kleinsten Einzelnheiten mit, daß der Schulmeister -doch endlich zugestehen mußte, es sei ein höchst -merkwürdiger Fall, und bestärke ihn, wenn beide -Gatten wirklich recht gesehen, nur immer noch mehr -in dem, was er schon früher über Ahnungen gedacht -und gesprochen. »Vor der Hand übrigens,« meinte -er, »sei es am Besten, es auf sich beruhen zu lassen; -es käme sehr häufig vor daß sich derartige, dem Anschein -nach höchst wunderbare Fälle, oft später und -ganz zufällig, auf die natürlichste Weise aufgeklärt -hätten. Ja, wären die beiden Leute vorher nicht durch -Geistergeschichten aufgeregt und gespannt gehalten -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -worden, wäre irgend ein dritter, ruhiger Zuschauer dabei -gewesen, dem dasselbe wiederfahren, aber so –« -er schüttelte dann immer mit dem Kopfe, und wollte -das Erlebte nicht zugeben.</p> - -<p>Die untere Gartenthür ging auf, der alte Küster -kam mit dem Schulmeister den breiten Mittelgang -herauf, und herzlich begrüßten die beiden Männer zu -ihrem ersten Ausgang in Gottes schöner Luft die -Kranke, während der Küster dem Pastor ein Schreiben -überreichte, das, irgend ein Geschäft betreffend, augenblickliche -Erledigung verlangte.</p> - -<p>Barrenkamp erbrach und durchflog es rasch und -sagte dann, während er aufstand und sich dem Hause -zuwandte:</p> - -<p>»Ich werde in wenigen Minuten damit fertig sein, -und Ihr könnt es gleich wieder mit zurücknehmen, -Münzer. Bleibt Ihr Beiden indeß bei meiner Frau -und vertreibt ihr die Zeit ein Bischen; sie wird gern -einmal wieder auf die Plaudereien aus dem Dorfe -horchen.«</p> - -<p>Der Pastor ging schnell ins Haus.</p> - -<p>»Was macht Ihr Münzer? sagte die Frau und -streckte dem alten Manne die weiße abgezehrte Hand -entgegen. – Ihr schaut jetzt recht gut und wohl aus -– die Frühlingsluft scheint Euch zu bekommen. Setzt -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -Euch zu mir – bitte Schulmeister, nehmen Sie -Platz – was macht Euer Gärtchen – Eure Kuh, -Euer kleines Stück Feld? – wir haben uns recht -lange nicht gesehen.«</p> - -<p>»Ach, beste Frau Pastorin,« erwiederte der Greis -und faßte und streichelte die ihm gebotene Rechte – -»seit acht vollen Wochen, seit dem Abend nicht, wo -der Sturm die alte Linde an der Kirchhofsmauer umriß, -und Hammers, unten im Dorfe, den Schornstein -mitten in die Stube warf, der beinahe das jüngste -Kind erschlagen hätte. Das war in jeder Beziehung -eine böse Nacht und ich, meinestheils, werde sie im -Leben nie vergessen. Sie, Frau Pastorin, sind ja auch -damals krank geworden und haben sich gelegt. Ich -weiß noch recht gut, am nächsten Mor – aber lieber -Gott, fehlt Ihnen etwas? –«</p> - -<p>»Es ist doch am Ende zu kalt hier draußen, Frau -Pastorin,« unterbrach ihn hier rasch der Schulmeister, -der ein dorthin führendes Gespräch so bald als möglich -abzuschneiden wünschte. – »Sie möchten lieber -hineingehen in's warme Zimmer – soll ich Sie vielleicht -geleiten? –«</p> - -<p>»Ich danke, ich danke, Herr Wendler,« sagte die -Frau und hielt sich nur wenige Sekunden lang das -Tuch gegen die Augen gepreßt – zum ersten Male -<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -wurde hier in ihrer Gegenwart, seit sie ihres Vaters -Tod erfahren, jener Abend erwähnt, und sie mochte -jetzt die Männer nicht merken lassen, wie sie der Gedanke -daran erregte. – »Es war nur ein leichter Uebergang« -fuhr sie dann mit einem halblächelnden Zug um -den Mund fort – »ein leichter Uebergang sich oft einstellender -Schwäche – ich habe meine alten Kräfte -noch nicht wieder – es wird gleich vorbei sein. Doch – -laßt Euch nicht irre machen, Münzer – Ihr nanntet -jene Nacht eine böse – ist auch Euch – ist Euch -etwas darin geschehen, daß Ihr sie nie wieder vergessen -könntet?«</p> - -<p>»Lassen Sie jene Nacht, beste Frau Pastorin,« bat -sie der Schulmeister, »die ist lange vorüber; weshalb -immer wieder auf sie zurückkommen. Münzer kann -Ihnen eine andere treffliche Neuigkeit berichten; der -Gutsherr hat ihm das kleine Stückchen Feld, das er -bis dahin bewirthschaftete, verdoppelt, und hinlänglichen -guten Samen zu Kartoffeln versprochen.«</p> - -<p>Die Frau hielt indessen ihr Auge fest und forschend -auf den alten Mann geheftet; es war unverkennbar, -daß irgend ein Gegenstand alle seine Gedanken -gefesselt hielt, denn er beachtete nicht einmal das, -was ja bisher, wie die Pastorin recht gut wußte, sein -höchster Wunsch gewesen. Etwas Anderes ging ihm -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -im Kopfe herum und jene Nacht mußte damit in Verbindung -stehen. Der leicht erregbare Zustand der -Kranken faßte denn auch, besonders nach diesem -Punkte hin, den geringsten Faden mit zitternder -Schnelle auf.</p> - -<p>»Was ist Euch geschehen, Münzer,« flüsterte sie -und griff, die Hand des Schulmeisters zurückdrängend, -nach seinem Arme – »was ist, – sagt mir – -was ist mit jener Nacht?«</p> - -<p>»Geschehn gerade nichts, Frau Pastorin,« erwiederte -der Greis und schnitt verlegen mit dem Rand -seiner Sohle in den gelben Kies ein, – »geschehen -gar nichts, aber – wenn Sie es denn wissen und – -mich nicht auslachen wollen – – ich hatte eine Erscheinung.«</p> - -<p>»Münzer!« rief der Schulmeister vorwurfsvoll, -und der alte Mann sah erst jetzt, als er die Augen -vom Boden hob, zu seinem Schreck, welchen Eindruck -die wenigen Worte auf die Frau gemacht hatten.</p> - -<p>»Ihr saht – Ihr saht meinen Vater!« – rief -diese mit heiserer, kaum vernehmlicher Stimme, – -»gesteht es nur – gesteht – Ihr saht an jenem -Abende meinen Vater – Münzer!«</p> - -<p>Die Kranke war in fürchterlicher Aufregung und -der Küster hätte Gott weiß was darum gegeben, kein -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -Wort von der ganzen Geschichte gesagt zu haben; -doch zu spät. Auch der Pastor, der gerade jetzt wieder -aus dem Hause trat und bestürzt erkannte welcher -Fehlgriff gemacht sei, war nicht mehr im Stande -seiner Frau das einmal fest und krampfhaft erfaßte -Ziel zu entrücken. Hören wollte sie, hören von des -Küsters eigenen Lippen, was er gesehen, <em class="ge">die Gewißheit</em> -wollte sie haben, daß ihr Vater selber sie -gerufen »und dann, dann« – meinte sie und strich sich -die Haare aus der feuchten weißen Stirn – »werde -sie ruhiger, – werde ihr besser werden.«</p> - -<p>Es blieb keine andere Wahl als ihr zu willfahren -und der Pastor forderte zuletzt selbst den alten Mann -auf, was er wisse, bei seiner Seele Heil aber kein -falsches, übertriebenes Wort zu sagen.</p> - -<p>»Ach, lieber Herr Pastor,« erwiederte der Greis, -»wollte doch Gott, ich hätte ganz geschwiegen, noch -dazu, da ich nicht einmal etwas Bestimmtes über die -Gestalt sagen kann.«</p> - -<p>»Die Gestalt« – wiederholte, kaum bewußt, die -Kranke – »wo war sie – wie sah sie aus?«</p> - -<p>Der Schulmeister stand bestürzt und ängstlich daneben -– jetzt schien sein letzter Einwurf gehoben – -und welchen Eindruck mußte eine solche Bestätigung -auf die reizbare Kranke machen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -»Genau weiß ich's nicht,« flüsterte der alte Mann -und sah sich selbst hier im hellen Sonnenlichte scheu -um, als ob ihm der Gedanke an das Geschehene noch -Schauder erwecke; »doch – es wird vielleicht besser -sein, Ihnen das Ganze nur in wenigen Worten mitzutheilen. -Ich hatte mich nämlich an dem Abende schon -früh, weit früher als gewöhnlich, in's Bett gelegt; -das Wetter war stürmisch und mein altes Reißen -plagte mich wieder einmal ganz absonderlich; sobald -ich aber einzuschlafen versuchte, störte mich ein häßlich -ächzendes Geräusch, das, wie ich gar bald fand, von -dem offen gelassenen Fensterladen der Sakristei herrührte. -Nun hätte ich allerdings leicht hinübergehen -und den Laden schließen können, noch dazu da ich -fürchten mußte, der Wind bräche ihn vielleicht die -Nacht aus den Angeln, und von der kleinen Hinterthür, -die aus meinem Zimmerchen hinüber führt, -sind's ja, wie Sie wissen, nur wenige Schritte – ich -hatte aber die Schlüssel in des Herrn Pastors Studirstube -liegen lassen –«</p> - -<p>Der Schulmeister hob schnell den Kopf und sah -den Küster forschend an.</p> - -<p>»– und scheute mich hinaufzugehen und ihn zu -stören. So lag ich bis nach zehn Uhr; da jetzt das -Geräusch aber immer ärger wurde und ich nun auch -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -ziemlich gewiß wußte, Sie wären oben Alle zu Bett -– denn an der Linde, die vor meinem Fenster steht, -kann ich es deutlich sehen, wenn oben in der großen -Eckstube noch Licht ist – zog ich meine Filzschuhe -und meinen alten Schlafrock an und schlich leise die -Treppe hinauf –«</p> - -<p>»Ihr waret an jenem Abend in meinem Zimmer?« -rief der Pastor und die Lippen der Frau theilten sich -in Staunen und Ueberraschung –</p> - -<p>»Auf der Treppe schon klang mir's unheimlich und -laut,« fuhr der Greis, die Frage nicht beachtend, fort, -– »das stürmische Brausen <em class="ge">um</em> das Haus wurde -hier, in dem umschlossenen Raume, zum leisen Flüstern -und Zischeln, und ich öffnete rasch die Thür und schritt -dem wohlbekannten Platze zu, wo der Herr Pastor -immer Abends die Schlüssel hinlegt, damit ich sie -früh finden kann. Schon hatte ich sie gefühlt und in -die Hand gefaßt, denn ein schwacher Mondenstrahl -fiel in dem Augenblicke durchs Zimmer, als ich – das -Blut stockt mir jetzt noch in den Adern, wenn ich daran -denke – ein leises Stöhnen vernahm, und den Kopf -rasch darnach umwendend, eine helle Gestalt erkannte, -die im Begriff schien, die Arme nach mir auszustrecken. -Im nächsten Augenblick stand ich vor Entsetzen -stumm und regungslos, als ich jetzt aber wirklich -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -sah, daß sich die Erscheinung regte, als ich das -weiße Grabtuch rauschen hörte, da kann ich nachher -nicht einmal mehr sagen, <em class="ge">wie</em> ich aus dem Zimmer -kam, nur so viel erinnere ich mich noch, ich glitt die -Treppe hinunter, sprang in meine Kammer, die ich -hinter mir verschloß – in's Bett, hüllte mich in -die Decke ein und betete heiß und brünstig zum lieben -Herr Gott, daß er alles Unglück von mir und diesem -Hause abwenden wolle.«</p> - -<p>»Und der Fensterladen?« frug der Schulmeister und -ergriff lächelnd des Pastors Hand.</p> - -<p>»Der Wind legte sich bald nachher, meinte der -alte Mann, und das Aechzen hörte auf; wär's aber -auch noch so stürmisch gewesen, an <em class="ge">dem</em> Abende hätten -mich nicht zehn Pferde mehr in die Sakristei gebracht.«</p> - -<p>»Elise!« sagte der Pastor, und zog das bleiche -zitternde Weib leise an sich – sie zögerte einen Augenblick, -– schaute noch zweifelnd – zaudernd vor sich -nieder und barg dann mit lautem Schluchzen den -Kopf an ihres Gatten Brust.</p> - -<p>»Meine gute Frau Pastorin,« bat der alte Mann -bestürzt.</p> - -<p>»Alterchen, rief aber jetzt der Schulmeister, und -zog den Arm des erstaunten Küsters in den seinen; -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -Ihr habt heute Morgen den gescheidesten Streich -gemacht, der sich nur denken läßt; nun kommt -aber, meine prächtige Geistererscheinung, hier ist -Euer Dokument, heute Mittag müßt Ihr bei mir -essen.«</p> - -<p>»Aber Herr Schulmeister – ich begreife nicht –«</p> - -<p>»Ist auch gar nicht nöthig, Schätzchen, – ist auch -gar nicht nöthig, nur jetzt ein bischen die alten Knochen -gerührt. Hurrah, Küster, ich bin so fidel, ich -könnte, glaube ich, eine Menuet tanzen und mir die -Melodie selber dazu pfeifen.«</p> - -<p>Und ohne dem alten Manne auch nur Zeit zu -lassen, noch ein einziges Wort an die weinende Frau -zu richten, zog er ihn rasch den Gartenweg hinunter -und verschwand mit ihm durch die hintere Thür.</p> - -<p>Und die Kranke? –</p> - -<p>Nur wenige Wochen sind seit jenem Morgen verstrichen, -in der Pfarre giebts aber keine Kranke mehr -– des Pastors wackere Hausfrau wirthschaftet wieder, -wenn auch noch etwas bleich und angegriffen, -doch mit vollen, rüstigen Kräften im Hause herum; -auch der Schulmeister und Verwalter kommen, wie -früher, manchmal Abends herüber und verplaudern ein -Stündchen – nur Geistergeschichten werden nicht -mehr erzählt, und der Küster – nimmt jetzt den -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -Schlüssel zur Sakristei gleich Abends mit in seine -Stube – damit der alte Mann nicht mehr Morgens -die Treppen zu steigen braucht, sie herunter zu -holen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -Schwarz und Weiß.<br /> - -<span class="subheader ge">Aus dem Farmerleben Missouris.</span></h2> - - -<p>Weit aus dem fernen Westen, da wo die eisgekrönten -Berge ihre zackigen Kuppen in einander drängen und -zweien Meeren, dem atlantischen wie dem stillen Ocean -die schäumenden Quellen zusenden; weit von daher, -wo er sich seine rauhe Bahn durch die entsetzlichsten -Felsmassen bricht, die er entweder mit starkem Arm -zerreißt, oder sich im tollkühnen Satz hinüberschwingt, -um nachher, wie ob des gelungenen Wagestücks, -meilenlang weiter zu tanzen und zu sprudeln, – -kommt der gewaltige Missouri herab, »der schmutzige -Strom,« wie ihn der Indianer des Raubes wegen -nennt, den er an seinem eigenen Ufer vollführt, oder -der »brüllende Strom« (<i>roaring river</i>), wie ihn erstaunt -der Weiße taufte, als er da zuerst sein Bett -erblickte, wo er Fall nach Fall, dem verfolgten Panther -gleich, aus den Gebirgsschluchten sprang, und -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -erst dort still und geräuschlos seine Bahn vollendete, -als er das schützende Dickicht der Niederung erreicht -hatte und nun zwischen den riesigen Stämmen des -Urwaldes hin, dem starken Bruder, dem Mississippi, -in die Arme glitt.</p> - -<p>Dort nun, wo in dem Schatten der Eichen und -Hickorys der wilde Wein seine mächtigen Ranken von -Zweig zu Zweig schlang und in zähen Armen die stattlichen -Bäume verband, während mit zwar prunkenderem -Aeußeren, mit bunter schimmernden Blüthen und -saftigeren Blättern, andere Schlingpflanzen ebenfalls -hinaufstrebten zu den starken Aesten und sich ihnen -liebend anzuschmiegen schienen, indeß doch Gift in -ihren Adern floß und sie nur Macht zu bekommen -suchten, das wackere Holz fest, fest zu umklammern -und ihm Licht und Luft zu rauben, daß es endlich in -ihrem Griff erstickte, verdorrte, – dort, in dem fast -noch unentweihten Heiligthume, stand ein kleines, roh -aufgebautes Blockhaus mit breitmächtigem, aus Lehm -errichteten Kamine, die Nordseite dicht an den dunkeln -Wald geschmiegt, dessen ungeheuere Wipfel hoch über -das niedere Dach emporragten, an den drei anderen -Seiten aber durch ein wahres Chaos gefällter Bäume, -hoch aufgestapelten Busch- oder Oberholzes, abgeschlagener -Stämme und knorriger, sich weit umher spreizender -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -Aeste im wahren Sinne des Wortes verbarrikadirt.</p> - -<p>Der Eigenthümer dieses Platzes mußte augenscheinlich -erst seit kurzer Zeit hierher gezogen sein und -die Urbarmachung des Bodens begonnen haben, was -auch noch überdieß ein dicht am Hause stehender, mit -Leinwand bespannter Wagen bewies, der wohl, nebst -einem nicht sehr weit von ihm entfernten Karren, -sämmtliche Habseligkeiten des Farmers in dessen neue -Waldheimath eingeführt hatte.</p> - -<p>Die Sonne schimmerte eben noch mit ihrem rothen -Gluthenlicht durch die Wipfel der Bäume, als sich ein -Reiter, auf kleinem indianischen Poney, einem schmalen -Kuhpfad folgend, dem Platze näherte und endlich gerade -da die Lichtung erreichte, wo Stämme und Aeste -am tollsten umhergestreut lagen. Wenige Secunden -hielt er auch wirklich sein schnaubendes Pferd an, und -schien sich in den Steigbügeln hoch emporrichtend, -nach irgend einer Oeffnung zu suchen, durch die er in -diese Holzmasse eindringen und das Haus erreichen -könnte. Der Wunsch mochte aber wohl unerfüllt bleiben; -denn, einen leisen Fluch ausstoßend, preßte er -seinem Thier den einen bespornten Haken in die Flanke -und setzte über die ersten, ihm den Weg versperrenden -Klötze hinweg.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -Das kleine muntere Pferd sah auch bald was sein -Herr eigentlich beabsichtige, und daran gewöhnt Hindernisse -zu beseitigen, die bei fortwährendem Reiten -im Walde fast stündlich vorkommen, wand es sich mit -wirklich bewundernswerther Geschicklichkeit immer -näher und näher dem Hause zu, hier einen Stamm -überspringend, dort vorsichtig durch wild umher gestreute -und zersplitterte Aeste dahinschreitend, bis es -sich plötzlich, nach einem besonders kühnen Satz über, -oder vielmehr <em class="ge">durch</em> den Wipfel einer gefällten Eiche, -so von allen Seiten eingezwängt und von wirklich -unübersteiglichen Hindernissen umgeben sah, daß es -ruhig stehen blieb und, in der festen Ueberzeugung sein -Aeußerstes gethan zu haben, ganz geduldig erwartete -was jetzt der Reiter beschließen würde, der doch eigentlich -auch bei der Sache interessirt war.</p> - -<p>Dieser aber blickte vergebens nach einem Ausweg -umher und that endlich das, was er von allem Anfang -an hätte thun sollen, er rief das Haus an, und zwar -mit einem kräftigen, weit hinausschallenden »Halloh!«, -was augenblicklich im ohrzerreißenden Chor von zehn bis -zwölf Rüden bellend und heulend beantwortet wurde.</p> - -<p>Gleich darauf öffnete sich die Breterthüre, auf -deren Schwelle eine schlanke, schon etwas ältliche -Matrone erschien, die rings nach dem Rufenden, freilich -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -vergeblich, umherschaute, während jetzt die durch -den Anblick der Herrin immer noch mehr gereizten -Hunde einen so fürchterlichen Lärm erhoben, daß er für -kurze Zeit jeden andern Laut vollkommen übertäubte.</p> - -<p>»Ruhig, Muse, ruhig, nieder mit dir, Watch, -willst du still sein, Deik; Hunde, ihr bringt Einen -noch zur Verzweiflung, ruhig da, hört ihr denn nicht!« -rief die Frau, die Meute beschwichtigend, die sich denn -auch endlich zufrieden geben wollte, als ein zweites -»<i>Halloh the house!</i>« ihren Grimm aufs Neue erregte, -der jetzt gar keine Grenzen mehr zu kennen schien.</p> - -<p>Die Geduld der guten Frau mochte nun aber auch -wohl ihr Ende erreicht haben; denn einen zum Trinkbecher -ausgeschnittenen großen Flaschenkürbiß ergreifend, -der in dem vollen, auf einem Gesims vor der -Thüre stehenden Eimer schwamm, goß sie die klare, -kalte Fluth über die Tobenden aus, die nun heulend -und kläffend auseinander stoben.</p> - -<p>Zum dritten Mal rief jetzt, diesen Augenblick der -Ruhe benutzend, die Stimme ihr immer ungeduldiger -werdendes »Halloh!« herüber, und nun erst ward die -Matrone den Reiter gewahr, dessen Kopf nur wenig -über das ihn umgebende Buschwerk hervorragte.</p> - -<p>»Mr. Hennigs, sind Sie das?« rief sie lachend, -als sie die Lage des jungen Mannes errieth, »wie, um -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -Christi willen, haben Sie sich denn da hinein verloren?«</p> - -<p>»Verloren?« rief dieser in komischer Verzweiflung, -»ich möchte wirklich wissen, wie ich mich hier verlieren -sollte; ich sitze so fest, wie der Wolf in der Falle. Wo -zum Henker ist denn der Eingang zu Ihrem Haus? -ich bin hier zwar auf dem Fußweg, er scheint aber -nicht sehr begangen.«</p> - -<p>»Sie hätten um die Lichtung herum, durch den -Wald reiten müssen,« entgegnete die Frau, »mein -Mann hat hier Bäume gefällt.«</p> - -<p>»Ja, das läßt sich nicht läugnen,« lachte der Reiter, -»die Beweise liegen zur Hand.«</p> - -<p>»Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs,« rief -jetzt eine kichernde Mädchenstimme hinter der alten -Dame vor, und dicht neben ihr ließen sich in diesem -Augenblick zwei allerliebste Köpfchen sehen, die neugierig -die Lage des jungen Mannes erspähen wollten, -»bleiben Sie nur da halten; Vater hat gesagt, daß er -im Lauf der nächsten Woche das ganze Holz wegräumen -will, und dann wird der Fußweg wieder frei.«</p> - -<p>»Danke, Sally, danke!« rief Hennigs lachend, »die -Zeit möchte mir aber doch lang werden, wenn ich Ihre -liebe Stimme immer so ganz in der Nähe hören müßte -und nicht hinüber könnte. Nein, mag mein Poney -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -sehen, wie es allein heraus kommt; ich will's ihm -leichter machen!« Und damit sprang er vom Pferd, -schnallte Sattel und Zaum ab, hing sich beides über -die Schulter und kletterte nun, wenn auch nicht ohne -bedeutende Anstrengung, dem kaum sechzig Schritt -entfernten Hause zu.</p> - -<p>Das Poney blieb im Anfang, als es sich so von -seinem Herrn verlassen sah, ruhig stehen, und spitzte -nur sehr bedeutend die kleinen Ohren; als es jedoch -fand wie sich die Sache eigentlich verhielt, und den -Trog witterte, an dem es gefüttert zu werden hoffte, -warf es den Kopf in die Höhe, wieherte ein paar Mal -hell auf, und flog dann, jetzt durch keine Last mehr -zurückgehalten, mit kühnen Sätzen über Stamm -und Busch hinweg, bis es schnaubend und mit -den Hinterbeinen wild nach den hier auf es einstürmenden -Hunden schlagend, vor der Thüre der -Hütte hielt, und dort seinen jetzt ebenfalls herankeuchenden -Herrn freudig begrüßte.</p> - -<p>Dieser aber warf Sattel und Zaum nieder, sprang -schnell die aus über einander gelegten Klötzen bestehenden -Stufen hinauf ins Haus und rief hier, die -Hände der Frauen ergreifend und herzlich schüttelnd:</p> - -<p>»Wie geht's, Mrs. Draper, wie geht's, Sally -und Lucy, Ihre Hand, Alle wohl? seh'n wenigstens -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -Alle kerngesund aus; doch – wo ist der -Alte?«</p> - -<p>»Vater ist noch draußen im Wald, er sucht die -Pferde,« entgegnete, nach der kurzen Begrüßung, -Sally, das jüngste der beiden Mädchen, die etwa siebenzehn -und neunzehn Jahre zählen mochten.</p> - -<p>»Haben Sie gar keine Spuren im Wald gesehen?« -frug die Matrone, während sie ihr großes Baumwollenspinnrad -in die Ecke schob und die Kohlen im Kamine -mit dem langen Schürstecken zu neuer Glut aufschüttelte.</p> - -<p>»Sie müssen heute Morgen aus den Hügeln herunter -gekommen sein,« meinte Hennigs, »am Bach -wenigstens waren die Fährten, und wenn ich nicht -irre, so habe ich auch gleich oben über dem Kreuzweg -die Schelle gehört.«</p> - -<p>»Ah, dann findet sie Vater gewiß nicht,« rief Sally -bedauernd aus, »er wollte an Potters Creek hinauf und -von da an links in das Thal hinüber suchen.«</p> - -<p>»Nein, er ist wohl schon auf den Spuren,« entgegnete -der junge Mann; »denn im weichen Quellboden -sah ich deutlich die Abdrücke eines Schuhes.«</p> - -<p>»Vater trägt heute seine Mocassins,« sagte Lucy, -»das muß Jemand Anderes gewesen sein.«</p> - -<p>»Dann allerdings; aber wer will denn die Pferde -<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -brauchen? ist ein Tanz irgendwo? es scheint Sie ja -Alle ungemein zu interessiren, ob der Vater die Pferde -findet, oder nicht.«</p> - -<p>»Tanz? pfui, Mr. Hennigs, ich dächte doch -Sie wüßten, daß wir nicht tanzen,« erwiederte ihm, -etwas pikirt, die Matrone.</p> - -<p>»Ach, alle Wetter ja, ich habe davon gehört, -Sie hätten sich der »Kirche« angeschlossen und wären -»religiös« geworden; Vater auch?«</p> - -<p>»Noch nicht,« entgegnete, mit einem tiefheraufgeholten -Seufzer, Mrs. Draper, »wir wollen aber -morgen früh zur Campmeeting, und davon hoffe ich -das Beste: der liebe Gott wird ihn ja wohl erleuchten, -daß er den rechten Weg findet.«</p> - -<p>»Das wird er, das wird er, Mrs. Draper, ob -aber auf solche Art, bezweifle ich fast; der alte Herr -trinkt gern sein Gläschen, und wenn ihm einmal -etwas in die Quere kommt, ih nun, dann flucht er -auch wohl ein Bischen, und ich glaube kaum, daß er -sich das so leicht abgewöhnen wird. Wozu braucht er -aber auch wirklich zu einer »Kirche« zu gehören? 's ist -so ein herzensguter alter Mann, wie nur je Einer -seine Sohlen in den Missouri-Bottom drückte, er -thut ja keinem Menschen etwas zu Leide.«</p> - -<p>»Wir sind Alle Sünder, Mr. Hennigs,« sagte die -<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -alte Dame sehr ernst, »und mein armer Mann besonders, -er schwört und flucht, genießt geistige Getränke -und hat neulich den reisenden Prediger, der bei uns -übernachtete und die Gebete las, einen Hypokryten genannt, -ja sogar gelogen, als er während des Gebetes -aufstand und, Nasenbluten vorschützend, das -Haus schnell verließ; ich habe später das Tuch untersucht, -es war nicht ein einziger Blutfleck darin, und -der arme Fremde wartete eine volle halbe Stunde mit -dem Gebet, ehe er fortfuhr, damit der böse Mensch -keinen Vers des heiligen Wortes versäumte.«</p> - -<p>Hennigs lachte laut auf.</p> - -<p>»Der arme Draper; also half ihm seine kleine -Nothlüge nicht einmal?«</p> - -<p>»Kleine Nothlüge, Mr. Hennigs?« sagte die Matrone -mit größerer Strenge, als sie es sonst wohl gewohnt -war, »Sie reden da recht böse, recht unendlich -böse Worte; abgesehen davon, daß der Augenblick, -wo er sich mit seinem Gott beschäftigen sollte, keine -Nothlüge zuließ, so giebt es gar keine Nothlügen; es -darf Nichts in der Welt einen frommen Menschen zu -einer Lüge bewegen, nicht einmal die Noth; denn das -Herz, was nicht wahr und treu ist, kann dem Herrn -kein wohlgefälliges Opfer bringen.«</p> - -<p>»Aber beste Mrs. Draper,« entgegnete ihr Hennigs, -<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -»Sie werden mir doch gewiß zugeben, daß es -Fälle im menschlichen Leben giebt, wo eine Nothlüge -nicht allein keine Sünde, sondern sogar gut und –«</p> - -<p>»Nein, das gebe ich Ihnen <em class="ge">nicht</em> zu,« unterbrach -ihn die Matrone schnell, »das kann ich Ihnen nicht -zugeben, und schon ein solcher Gedanke ist Unrecht.«</p> - -<p>»Wenn aber nun zum Beispiel Ihr Mann, oder -eines von Ihren Kindern recht lebensgefährlich krank -wäre,« demonstrirte Hennigs, »und wenn Sie nun -wüßten, daß jede Aufregung für sie oder ihn die traurigsten, -nachtheiligsten Folgen haben könnte, würden -Sie da nicht, wenn nun etwa ein lieber Freund des -Kranken eben gestorben wäre und er darnach früge, -ihm den Todesfall verheimlichen? würden Sie da nicht -lieber zu einer Nothlüge Ihre Zuflucht nehmen, ehe -Sie das Ihnen theure Leben aufs Spiel setzten?«</p> - -<p>»Mr. Hennigs, Sie bauen da eine ganze Menge -von Voraussetzungen zusammen, um nur eine, Ihren -Ansichten günstige Antwort zu hören. Das sind die -Fallstricke, die uns der Teufel legt, um uns irre zu -führen in dem, was recht und gut ist, und reichen -wir ihm dann einen kleinen Finger, so hat er bald die -ganze Hand und mit ihr die Seele des ihm Verfallenen. -Draper nannte auch den frommen Mann einen -Hypokryten.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -»Hm, ja, Mrs. Draper; aber Draper sagte mir, -er hätte an dem Gebet volle sieben Viertelstunden gelesen, -das ist doch ein Bischen stark.«</p> - -<p>»Es war sehr erbaulich, und er gedachte aller unserer -Sünden, da mußte es schon lange werden,« -erwiederte die Frau.</p> - -<p>»Wollen Sie nicht mit uns zur Campmeeting -gehen, Mr. Hennigs?« frug jetzt Sally den jungen -Mann, und sah ihn bittend mit ihren großen dunkeln -Augen an.</p> - -<p>»Gewiß, gewiß!« rief dieser schnell. »In so angenehmer -Gesellschaft führ ich selbst mit zur – Campmeeting,« -verbesserte er noch zur rechten Zeit, da ihm -schon ein sehr sündhaftes Wort auf den Lippen -schwebte, »aber wahrhaftig,« sagte er, jetzt sich in dem -kleinen Raume umschauend, »Draper muß ver – -muß ungemein fleißig gewesen sein; er hat sich in den -vier Wochen, die er hier ist, schon wirklich ganz behaglich -eingerichtet; das Dach kann ja kaum vierzehn -Tage liegen.«</p> - -<p>»Mr. Draper ist auch in der That sehr fleißig gewesen,« -erwiederte die Matrone, »wie lange wird's -aber dauern, da packt ihn die leidige Wanderlust wieder -an, und Knall und Fall verkauft er für wenige -Dollar das, was ihm jahrelange Arbeit gekostet hatte, -<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -und zieht westlich, immer weiter westlich, und immer -tiefer in den Wald zwischen wilde Menschen und -Thiere hinein.«</p> - -<p>»Nun, viel weiter westlich kann er jetzt nicht mehr -gehen,« meinte Sally ganz ernsthaft, indem sie dem -Gast einen Stuhl zum Feuer rückte; »Vater hat ja -selbst gesagt, er wäre nun nicht mehr weit vom indianischen -Gebiet, und in dem dürfen sich keine weißen -Leute ansiedeln. Ueberdieß,« fuhr sie schelmisch lächelnd -fort, »ist ja Mr. Hennigs ebenfalls hier in den Wald -gezogen, und da muß die Gegend doch wirklich Vorzüge -besitzen, die man ihr auf den ersten Anblick hin -gar nicht zutrauen möchte.«</p> - -<p>Lucy wandte sich ab und setzte ihre Arbeit an dem -großen Baumwollenspinnrade fort.</p> - -<p>»Das Wandern müssen Sie uns schon zu Gute -halten,« erwiederte Hennigs, der ebenfalls Sally's -Anspielung vermeiden zu wollen schien und jetzt in -aller Verlegenheit mit seinem Taschenmesser an dem -Stuhle herumschnitt, auf dem er saß. »Dafür sind -wir ja eben Pionniere oder Squatter, wie uns der -Ost-Amerikaner nennt. Amerika braucht aber gerade -solche Leute, die weder wilde Thiere noch wilde Menschen -fürchten, sondern keck hineinziehen mitten in ihr -Bereich, und der Natur den Boden abtrotzen, der -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -ihnen und ihrem Fleiß, nach Aussage aller klugen -Leute, nun doch einmal gehört.«</p> - -<p>»Ja, ja, das ist schon Alles recht schön und gut,« -meinte Mrs. Draper, »aber lieber wäre ich denn doch -in Illinois geblieben.«</p> - -<p>»Was, in Illinois? in den ungesunden dürren -Steppen? zwischen Prairie-Hühnern und Prairie-Wölfen, -und in der Gesellschaft der wirklich weltberühmten -Corncrackers!«<span class="top">[3]</span> rief Hennigs erstaunt -aus: »nein, da lobe ich mir das Kraftland unserer -Niederung, das ist nicht todt zu machen, und wollen -wir wirklich Prairien haben, nun, dann finden wir -sie westlich von hier, schöner und herrlicher, wie sie -der ganze Osten mit all seinen so hochgepriesenen -Vortheilen aufweisen kann.«</p> - -<p class="ci fss">[3]: Spottname für die Bewohner von Illinois.</p> - -<p>»Das mag wahr sein,« entgegnete ihm Mrs. Draper; -»aber Illinois ist doch kein Sclavenstaat, und, -mag dieß Land so schön und gut sein, wie es will, -es ist mir fürchterlich auch nur mit Menschen zusammenleben -zu müssen, die ihre Brüder und Schwestern -wie das Schlachtvieh verkaufen.«</p> - -<p>»Ach Gott, ja, Madame, es mag viel Wahres -daran sein,« meinte Hennigs kopfschüttelnd, »manchmal, -wenn ich so recht allein darüber nachdenke, -<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -kommt's mir auch fast so vor, als ob es nicht ganz -recht wäre, daß wir die Neger feilbieten und ebenso -für sie, wie für andere Waaren, den möglichst höchsten -Preis zu erhalten suchen. Für Sünde kann's aber -doch auch nicht gelten; denn unsere Väter und Großväter -haben's gethan, das Gesetz hat den Sclavenhandel -geheiligt und die Bibel selbst scheint die Sache -als etwas sehr Natürliches zu betrachten, wenigstens -habe ich neulich einmal mit dem presbyterianischen -Geistlichen, der auch Sclaven hält, darüber gesprochen -und der behauptet, Gott selbst habe das so eingesetzt, -daß die heidnischen Völker den Christen dienen müßten; -das klingt auch eigentlich vernünftig genug.«</p> - -<p>»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte Mrs. Draper, -»sie vertheidigen die Sclaverei, selbst aus der heiligen -Schrift, aber nur Gott kann erkennen ob sie daran -Recht thun; ich möchte nicht ein voreilig Urtheil fällen. -Wir Frauen fühlen uns aber auch vielleicht weit -näher darin berührt als die Männer; mir thut's ja -schon in der Seele weh, wenn ich ein junges Huhn -geschlachtet habe, und sehe nun, wie die alte Henne -gluckend den ganzen Raum, den sie sonst zu begehen -pflegt, durchläuft und das Verlorene sucht; wie vielmehr -muß ich Mitgefühl mit einer Mutter haben, der -fremde Menschen das Kind aus den Armen reißen, -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -um es für wenige Dollar zu verkaufen, während sie -selbst gern das eigene Herzblut dafür hingäbe, und -doch zu arm ist es zu bezahlen. – Ich wollte, wir -wären in einem Freistaat geblieben.«</p> - -<p>»Nun, hier in Missouri wird die Sclaverei noch -nicht so arg getrieben,« sagte Hennigs, »im Süden -mag's freilich schlimmer sein; hier hören wir auch -ganz selten von entflohenen Negern, und das, sollte -ich denken, wäre ein ziemlich günstiges Zeichen. Wo -ein Freistaat so nahe ist und die Sclaven trotzdem bei -ihrem Herrn bleiben, da kann auch ihr Loos noch kein -entsetzliches sein.«</p> - -<p>»Und wie sollten sie denn entfliehen können?« frug -Mrs. Draper, »muß denn nicht ein Neger, wenn er -nur selbst auf eine andere Farm oder Plantage hinübergeht, -einen Paß haben, ohne den er von jedem -weißen Mann festgenommen werden kann? und liefert -nicht selbst dann, wenn der flüchtige Neger den Freistaat -wirklich erreicht hat, dieser, zur Schande der -Vereinigten Staaten, den festgenommenen Sclaven -an seinen Herrn aus? Wie also soll ein solcher -armer Mensch denn entkommen, wenn er Niemanden -weiß an den er sich wenden kann, wenn er Niemanden -hat, der ihn unterstützt und ihm forthilft, und wer -das thut – hat Zuchthausstrafe zu erwarten.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -»Das Ausliefern muß aber sein,« fiel ihr hier -Hennigs in die Rede, »wie könnten denn die Vereinigten -Staaten einig neben einander bestehen, wenn -sie einander ihr Eigenthum vorenthalten wollten; das -gäbe ja zu endlosen Streitigkeiten Anlaß, und müßte -nach und nach zu Haß und Zwietracht führen. Nein, -es ist allerdings schlimm, daß wir die Sclaverei -haben, und ich selbst wollte Gott danken, wenn es -ein Mittel gäbe ihrer los und ledig zu werden, und -alle von Negern Abstammende wieder über die See -zurück in ihre Heimath senden könnten, wie ja der -Anfang dazu auch mit Liberia gemacht ist; da aber -die klügsten Leute im Lande sich schon seit langen Jahren -vergebens die Köpfe zerbrochen haben, wie Dem -am Besten abzuhelfen wäre, so wird unser Einer doch -auch nicht dagegen ankämpfen sollen. Das Bestehende, -wie es nun einmal besteht, muß der Einzelne ehren.«</p> - -<p>Lucy hatte indessen aus einer Spalte über dem -Kamine ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt herausgenommen, -schlug es jetzt aus einander und hielt es -dem jungen Mann entgegen.</p> - -<p>»Sie behaupten, es entflöhen hier in Missouri -keine Neger ihren Herren?« sagte sie mit leisem Vorwurf -im Tone, »da – überzeugen Sie sich selbst; -hier stehen Drei angegeben, und vor jedem ein kleines -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -Bildchen: ein armer Neger mit seinem Päckchen auf -dem Rücken; der eine ist sogar von einem unserer -Nachbarn, aus dem nächsten County, von Squire -Wallis.«</p> - -<p>»Das spricht für und wider mich,« sagte Hennigs; -»wider mich, wegen dem Entlaufen, für mich, weil -eben dieser Wallis auch Einer von Ihren sogenannten -frommen Leuten ist; er hat sogar schon gepredigt, -und die Presbyterianer halten ihn für ein besonderes -Licht, das dem Staate und ihrer Kirche in diesem -Manne aufgegangen sei. Gott bewahre uns vor solcher -Beleuchtung!«</p> - -<p>»Behandelt Mr. Wallis seine Sclaven wirklich -so arg?« frug die Matrone.</p> - -<p>»Dessen war Draper und ich neulich Zeuge,« erwiederte -ihr Hennigs; »wir ritten gerade vorbei, als -er einen seiner jungen Neger an einen Baum gebunden -hatte und ruhig daneben seine Pfeife rauchte; -dann und wann nur, wie um sich eine kleine Bewegung -zu machen, stand er auf und peitschte den Unglücklichen -höchsteigenhändig, daß ihm das klare Blut -an dem Rücken hinunter lief. Wir frugen ihn, was -ihn zu einer so fürchterlichen Strafe veranlaßt habe, -er behauptete aber, er thue das aus christlicher Milde, -es sei gegen seine Grundsätze einen seiner Sclaven im -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -Zorn zu strafen, und da kühle er sich in der Zwischenzeit -immer erst ein wenig ab, um ruhig zu bleiben -und nicht hitzig zu werden.«</p> - -<p>»Und das nennen Sie ein freies Land!« rief die -Matrone entrüstet.</p> - -<p>»Und das nennen Sie einen frommen Christen!« -warf Hennigs dagegen ein; »ist Ihnen da nicht Ihr -Mann mit all seinen kleinen Fehlern und Eigenheiten, -meinetwegen Schwächen, zehntausendmal lieber, selbst -wenn er dann und wann das untere Ende des Whiskeykruges -höher hebt, als das obere, und seinem -Herzen mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs -bösgemeinten Worten Luft macht?«</p> - -<p>»Aber das viele gotteslästerliche Fluchen könnte -er doch lassen,« sagte Mrs. Draper, freilich schon um -Vieles milder gestimmt.</p> - -<p>»Ja, und Sie auch, Sir,« lachte Sally, »Lucy hat -schon oft gesagt, Sie wären ein ganz guter Mensch, -wenn Sie nur nicht immer –«</p> - -<p>»Sally!« rief Lucy, »wie kannst Du nur –«</p> - -<p>Ein plötzliches Anschlagen der Hunde unterbrach -hier jede weitere Rede, und gleich darauf trat auch, die -Mütze fest in die Stirne gedrückt und die Büchse in der -Hand, die er, ohne sich weiter umzusehen, auf die über -der Thür eingeschlagenen Pflöcke legte, Draper ein.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -»Da bin ich wieder,« sagte er, und drehte sich in -diesem Augenblicke nach den Seinen um, sein Antlitz -war aber auffallend bleich, sein ganzes Wesen schien -erregt, und er fuhr merklich zusammen, als er einen -Fremden an seinem Kamin erblickte, faßte sich jedoch -augenblicklich und streckte dem schnell erkannten -Freunde die Rechte entgegen.</p> - -<p>»Und ohne die Pferde?« frug Hennigs, der die dargebotene -Hand derb schüttelte, »mit leeren Zügeln? Die -Damen hier scheinen deren Ankunft fest erwartet zu -haben.«</p> - -<p>»Dann müssen die Damen noch etwas Geduld -haben,« lächelte der Alte, und nahm die Mütze ab, -die er oben auf eine Ecke des Kaminsimses legte. -Dabei schienen aber seine Gedanken wieder weit hinweg -zu schweifen, und er starrte, die Hand noch immer -oben an dem Brett, wohl mehrere Minuten lang, -wie in tiefem Nachdenken versunken, auf die im -Kamine glimmenden Kohlen nieder.</p> - -<p>»Mr. Hennigs hat die Fährten im Potters Creek -gesehen, Vater,« brach endlich Sally das Schweigen, »sie -müssen nach der Niederung hinunter sein, und da, weißt -Du wohl, wenn sie erst in den Schilfbruch kommen, -findest Du sie immer nicht gleich wieder. Am Ende versäumen -wir morgen den Anfang der Campmeeting.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -»Das wäre freilich entsetzlich,« lächelte der Alte, -der jetzt seine volle Ruhe wieder erlangt hatte und sich -behaglich auf dem für ihn hingeschobenen Stuhl niederließ, -»und dann könntest Du und Lucy auch nicht -eure neuen Kleider und Bonnets zeigen, und Mutter -müßte das schöne Umknüpftuch noch ganze vierzehn -Tage länger in der Kiste liegen lassen.«</p> - -<p>»Aber, Mann!« unterbrach ihn vorwurfsvoll -Mrs. Draper, »willst Du denn behaupten, daß wir -solcher sündlichen Eitelkeit wegen zu der Versammlung -reiten? Habe ich Dir dazu schon je Ursache gegeben?«</p> - -<p>»Vater ist überhaupt heute so sonderbar?« sagte -Sally plötzlich, indem sie auf ihn zuging und ihm -scharf ins Auge schaute, »es fiel mir gleich auf wie -er hereintrat; ich weiß nicht –«</p> - -<p>»Aber ich weiß, was Jungfer Naseweiß zu thun -hat,« sagte der Alte, und ergriff sie lächelnd beim -Kinn; »draußen steht Mr. Hennigs Poney und wiehert -nun schon, so lange ich im Hause bin, ganz ungeduldig -um den versteckten Mais herum. Geh, und -gieb ihm ein halbes Dutzend Kolben, und dann wollen -wir das Pferd aushobbeln,<span class="top">[4]</span> es mag sich hier -<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -herum sein Futter selbst suchen. Du mußt ihm aber -vorher die kleine Glocke umschnallen, sie hängt hinten -an der Hausecke.«</p> - -<p class="ci fss">[4]: Aus<em class="ge">hobbeln</em> nennt der Amerikaner das Zusammenbinden -der Vorderbeine des Pferdes, damit sich dieses zwar langsam von -der Stelle bewegen kann, sein Futter zu suchen, aber doch nicht -im Stande ist fortzulaufen.</p> - -<p>Sally sprang singend hinaus, den erhaltenen -Auftrag zu erfüllen, Draper aber ging zu seiner Frau -hin, strich ihr schmeichelnd die nur noch halb schmollend -weggedrehte Wange und sagte gutmüthig:</p> - -<p>»Bist nicht böse, Alte, weißt schon, wie's gemeint -ist; ein Bischen eitel seid ihr aber Alle, wenn ihr's -auch nicht wollt merken lassen; denn in ihrem Alltagskleid -ginge keine von euch zur Campmeeting, so viel -weiß ich.«</p> - -<p>»Das würde sich auch nicht schicken, Draper, das -würde sich auch nicht schicken; wenn wir zu dem Herrn -beten, müssen wir auch zeigen, daß wir etwas darauf -halten, mit anständigem Aeußeren vor ihn zu treten.«</p> - -<p>»Das wäre dem lieben Gott, so wie ich ihn kenne, -sehr egal,« lachte Draper gutmüthig: »doch, Du hast -recht, Du meinst's ehrlich dabei, und bist auch sonst -brav und wacker; nur das scheinheilige Pack kann ich -nicht leiden. Aber, Hennigs, wo habt Ihr denn die -Pferde gesehen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -»Die Pferde nicht, nur die Spuren,« erwiederte -dieser, »sie kamen aus den Hügeln herunter und gingen, -über den Kreuzweg hinüber, der Niederung zu; -wenn ich nicht ganz irre, habe ich sogar die Schelle -gehört, die der Fuchs um hat.«</p> - -<p>»Ja, die schellt am weitesten, 's ist wohl möglich; -nun, dann finde ich sie heute Abend an der Buffalolick, -dorthin gehen sie gewöhnlich, wenn sie überhaupt -die Richtung einschlagen.«</p> - -<p>»Ich sah auch dort oben die Spuren eines Mannes,« -fuhr Hennigs fort, »und glaubte erst, als ich -hier hörte Ihr wäret ausgegangen die Pferde zu -suchen, es seien die euren gewesen. Der die hinterließ -trug aber Schuhe; es wird wohl ein Jäger gewesen -sein.«</p> - -<p>»Ja, ja, es wird wohl ein Jäger gewesen sein,« -sagte der Alte, stand auf und schritt dann ein paar -Mal in der Stube auf und ab; »ja, fuhr er dann fort, -ich habe sie auch gesehen, sie gingen nach Süden, den -Ansiedelungen zu; wahrscheinlich ein Jäger; aber was -ist das für ein Zeitungsblatt?«</p> - -<p>»Dasselbe, was der Sheriff heute Morgen hier herein -gelegt hat, Vater,« erwiederte ihm Lucy, »wir blätterten -darin herum.«</p> - -<p>»Nun, giebt es Neuigkeiten aus St. Louis?« frug -<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a> -der Alte, und fuhr sich mit der linken Hand über die -breite, offene Stirne, als ob er alle anderen Gedanken -daraus verscheuchen wollte; »wie steht's mit der -Wahl? was sagt unser Demokrat da? hat Polk -Aussichten?«</p> - -<p>»Nun, Missouri läßt ihn sicher nicht im Stich,« -lachte Hennigs. »Das war's aber nicht, wir haben -uns nicht mit Politik beschäftigt, sondern nur über -eine Frage debattirt, die das gute Verständniß der -südlichen und nördlichen Staaten betraf – über die -Sclaverei, und zur Erläuterung derselben lasen wir -hier einige Anzeigen von entlaufenen Sclaven.«</p> - -<p>»Von entlaufenen Sclaven? wo? zeigt her!« rief -Draper schnell und zwar mit einem Interesse, das -einem genauen Beobachter sicherlich hätte auffallen -müssen; Hennigs aber, die Bewegung einzig und -allein der Neugierde zuschreibend, hielt ihm ruhig das -Blatt hin und sagte:</p> - -<p>»Drei Stück – Wallis hat auch wieder Einen -hineinsetzen lassen.«</p> - -<p>»Neunzehn Jahr alt,« las Draper, »schlank gewachsen, -mit freier, hoher Stirn und besonders wolligem -Haar; Farbe: Ebenholzschwärze, Größe: fünf -Fuß sieben Zoll – das stimmt alles.«</p> - -<p>»Was stimmt?« frug Hennigs.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -»Was stimmt? ih nun, die – o, ich kenne den -Burschen, der wahrscheinlich entlaufen ist,« erwiederte -Draper, und wandte sich, wie um besser lesen zu können, -mit der Zeitung ab, dem Lichte zu.</p> - -<p>»Ist es etwa der, den er vor kurzer Zeit so fürchterlich -mißhandeln ließ?« sagte Hennigs.</p> - -<p>»Derselbe, derselbe; sein Rücken ist noch jetzt blutig -und zerfleischt, die Narben hatten noch keine Zeit, -wieder zu heilen, der arme Teufel konnte Tag und -Nacht kein Auge schließen vor Schmerz und Qual und -– mußte dennoch arbeiten; Donnerwetter, Alte, wo -ist denn eigentlich der Whiskey,« unterbrach er sich -plötzlich und bog sich nieder, um unter den Fuß des -Bettes zu sehen, wo die fragliche Steinkruke gewöhnlich -ihren Platz hatte, »ich bin trocken wie eine Ohio-Chaussee, -ich staube ordentlich. Glaubt ihr, man soll -euch die Pferde suchen, und nachher nicht einmal einen -Tropfen trinken? Ich verdurste, wenn ich nicht bald -etwas bekomme!«</p> - -<p>»Vater hat wohl die Pferde gesucht, hat sie aber -noch nicht gefunden,« sagte Sally, und schöpfte dabei, -als sie eben in die Thüre trat, den Flaschenkürbiß voll -des klaren Quellwassers, das in einem Eimer auf -dem dort angebrachten Regale stand.</p> - -<p>»Ist mein kleiner Kiek in die Welt auch schon wieder -<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -da?« lachte der Alte. »Also, weil ich sie nicht gefunden -habe, braucht' ich auch nicht trocken im Halse -geworden zu sein? und Wasser soll ich trinken? Wettermädchen -das, folgt der Alten aufs Haar. Nein, -Kinder, einen Schluck Whiskey muß ich vorher aufsetzen, -aber laß nur das Wasser hier, Sally, zum -Nachtrinken giebt's nichts Besseres auf der ganzen -Welt.«</p> - -<p>»Bester Mann,« bat Mrs. Draper, »ist nun das -klare, liebe Himmelsgetränk nicht viel besser und -zweckmäßiger, selbst den brennendsten Durst zu -löschen?«</p> - -<p>»Liebe, beste Frau,« entgegnete ihr Draper, während -er von der ihm gereichten Kruke den, aus dem -holzigen innern Theil eines Maiskolben bestehenden -Stöpsel abzog und dann etwas von dem goldklaren -Inhalt in den großen, vor ihm auf dem Tische stehenden -Blechbecher ausgoß, – »das Wasser ist eben ein -Himmelsgetränk, wie Du ganz richtig bemerkst, für -uns arme Sterbliche aber müssen wir etwas Feurigeres, -Herz und Seele mehr Zusammenhaltendes haben, und -da hat denn der liebe Gott den Whiskey erschaffen.«</p> - -<p>»Den hat der Teufel erschaffen!« rief Mrs. Draper -lebhafter, als es sonst gewöhnlich ihre Art war, -»das ist des Teufels Erfindung.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -»So? in der That? – dann bin ich dem Teufel -wirklich mehr verbunden, als ich bis jetzt habe glauben -mögen; die Erfindung macht ihm alle Ehre, und söhnt -mich theilweise wieder mit ihm aus,« sagte der unverwüstliche -Draper mit größter Ruhe, und leerte etwa -die Hälfte des Inhalts, wornach er den Rest an Hennigs -hinüber schob. Dieser aber zögerte, ihn anzunehmen, -und blickte sich halb unschlüssig nach Lucy um.</p> - -<p>»Lucy sieht nicht her!« neckte ihn Sally, der des -jungen Mannes Verlegenheit keineswegs entgangen -war, »Sie können's riskiren.«</p> - -<p>»Laßt Euch durch die Frauen nicht irre machen, -Hennigs,« ermahnte ihn der Alte, »wenn ich denen -glauben wollte, dann wäre das gute Getränk hier vor -uns ein Haken, und meine Kehle ein Arm, die mich -selbander und mit vereinten Kräften in den Pfuhl der -Hölle hineinrissen; so hat's ihnen wenigstens neulich -der Presbyterianer erklärt.«</p> - -<p>»Du bist ein böser Mann, Draper, und drehst -Einem immer die Worte im Munde herum,« sagte die -Matrone, reichte aber dem Gatten dabei freundlich -die Hand hinüber: »Du weißt ja doch recht gut, wie -ich's meine, und daß es nur immer Deines eigenen -Besten wegen ist, wenn ich ein Wort einwerfe über -Dein –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -»Trinken und Fluchen!« fiel ihr Draper ins Wort; -»ja, ja, ich weiß schon, wovon die Rede ist; übrigens -habe ich heute noch nicht ein einziges Mal geflucht, -und was den Trunk betrifft, den ich selten genug zu -meiner Erholung thue, so bin ich allerdings davon -überzeugt, daß Du ihn mir nicht mißgönnst, da ist -aber der gottverdammte –«</p> - -<p>Sally's kleine Hand lag auf seinen Lippen, und -er zog sie gutmüthig lächelnd herunter und drückte -einen herzlichen Kuß auf den kleinen gespitzten Rosenmund -des lieben Kindes.</p> - -<p>»Nun, schon gut, schon gut, Sally,« sagte er -dann, »'bist mein gutes Mädchen; jetzt seht aber nach -euren Kühen – ach, ja so, es ist erst eine da; nun, -schad't nichts, besorgt die nur, ehe es dunkel wird, -es sollen schon mehrere nachkommen, und nachher -zündet auch die Lampe an, oder habt ihr die Lichter -schon gegossen?«</p> - -<p>»Ja, Vater, die letzten drei Hirsche, die Du geschossen -hast, hatten gar viel Talg bei sich, und aus -den Bienenbäumen, die hier Mr. Hennigs für uns -umgehauen, ist auch ein recht schönes Stückchen -Wachs gekommen, – die Lichter sind fertig.«</p> - -<p>»Brav, Kinder, dann macht alles bereit, Hennigs -und ich, wir wollen indessen noch einmal nach der -<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -Buffalolick hinüber gehen und die Pferde holen; -vielleicht finden wir auch unterwegs irgendwo ein -Volk Truthühner aufgebäumt, ich will auf jeden Fall -den Rifle mitnehmen.«</p> - -<p>Und der alte Mann hob die schwere Büchse von -der Wand herunter, hing sich die kaum abgelegte -Kugeltasche wieder um, setzte die Mütze auf und wollte -eben mit seinem jungen Freunde das Haus verlassen, -als er plötzlich zurückprallte und erbleichend ausrief: -»Tod und Teufel!«</p> - -<p>Erschreckt sprangen seine Frau und Töchter hinzu, -sie sollten aber über das, was den Vater so überrascht -hatte, nicht lange in Zweifel bleiben; ein junger -Neger mit bloßem Kopf und nur einer dünnen Leinwandjacke -und eben solchen Hosen bekleidet, die nackten -Füße in groben, rindsledernen Schuhen, das -schwarze Antlitz eingefallen und verzerrt von Todesfurcht -und übermäßiger Anstrengung vielleicht, sprang -auf die Schwelle, warf einen scheuen, wilden Blick -über die ihn jetzt Umstehenden, und brach dann, die -Kniee des alten Mannes krampfhaft umklammernd, -vor diesem halbohnmächtig zusammen.</p> - -<p>»Ben, Ben, um Gottes Willen, was soll das -heißen?« rief Draper und sah ängstlich nach Hennigs -hinüber, der ganz überrascht dastand und gar nicht -<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -wußte, wie er sich diese merkwürdige Scene deuten -solle.</p> - -<p>»Rettet mich, Herr, rettet mich, wenn Ihr nicht -wollt, daß sie mich bei lebendigem Leibe verbrennen, -wie sie's dem armen Nigger in St. Louis gethan -haben, rettet mich um des Heilands Willen, sie sind -dicht hinter mir!«</p> - -<p>Er blickte flehend zu ihm empor, und Hennigs -konnte jetzt zum ersten Mal seine Züge erkennen. -Kaum hatte er ihn aber einen Moment scharf in's -Auge gefaßt, als er vorsprang, den Knieenden bei -der Schulter ergriff und ausrief:</p> - -<p>»Alle Wetter, das ist Wallis entlaufener Neger, halt, -Bursche, wo kommst Du her und wo willst Du hin?«</p> - -<p>Der unglückliche Ben warf einen flehenden Blick -auf den alten Mann und sank dann, seine Kniee loslassend, -ohnmächtig zu Boden.</p> - -<p>»Der Bursche hat wahrscheinlich nicht mehr weiter -gekonnt!« sagte Hennigs, als er ihn umwandte und -fühlte, wie der arme Teufel regunglos in seinen Armen -lag, »nun, ein Bischen kalt Wasser wird ihn -schon wieder zu sich selbst bringen. Sie werden ihn -aber hier behalten müssen, bis wir Wallis davon benachrichtigen -können. Der wird nicht wenig froh sein, -daß er seinen Neger wieder hat.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -»Sie werden ihn doch nicht ausliefern?« rief Lucy -entsetzt.</p> - -<p>»Nicht ausliefern, Miß Lucy? – wir sollen doch -wohl nicht etwa gar einem Nigger zum Fortlaufen -behülflich sein und nachher das Vergnügen im Zuchthaus -büßen?«</p> - -<p>»Man will ihn lebendig verbrennen!« rief Sally -und faltete in Todesangst die kleinen weißen Händchen -auf der klopfenden Brust.</p> - -<p>»O bewahre Gott,« lächelte Hennigs, »das wäre -ja wider des Herrn eigenen Vortheil, einen seiner -Sclaven umzubringen; nein, Sally, der kommt -mit einer Tracht Schläge davon, und die hat der -Schlingel auch eigentlich verdient, warum läuft er -fort; er weiß, daß er doch am Ende wieder gefangen -wird.«</p> - -<p>Draper bog sich schweigend zu dem Unglücklichen -nieder und wies auf seinen Rücken, die Dämmerung -brach schon stark herein, aber deutlich konnten -sie noch erkennen, wie rothes Blut durch die dünne -Leinwandjacke gedrungen war, und diese in langen, -theils erhärteten, theils noch frischen Streifen -an dem Rücken des Unglücklichen festgeleimt -hatte.</p> - -<p>Die Frauen stießen einen Schrei der Angst und -<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -des Entsetzens aus, und selbst Hennigs wandte sich -schaudernd ab.</p> - -<p>»Der arme Teufel!« brummte er vor sich hin.</p> - -<p>Draper brach endlich das Schweigen und sagte -mit hohler, fast tonloser Stimme, indem er den Neger -noch immer mit seinem Arm unterstützte:</p> - -<p>»Der Knabe hier rettete mir vor drei Wochen das -Leben; ich badete im Strom, und nur seiner Dazwischenkunft -verdanke ich es, daß ich das steile schroffe -Ufer, zu dem mich die zu starke Strömung hingerissen -hatte, wieder erklimmen konnte. Heute traf ich ihn -flüchtig im Wald, und obgleich ich wußte, daß es ein -entflohener Sclave sei, ließ ich ihn ungehindert -ziehen. – Ich wandte mich ab und wollte nicht sehen, -wohin er floh. Jetzt führt, Gott weiß nur welches -Schicksal, den Unglückseligen in meine Hütte, und -mir bleiben einzig und allein zwei Auswege offen: -entweder ich verrathe meinen Lebensretter und überliefere -ihn seinen Henkern, oder ich setze mich der Gefahr -aus, angeklagt zu werden einem Neger, einem -Sclaven, zur Flucht behülflich gewesen zu sein, – -das Zuchthaus ist dann meine Strafe.«</p> - -<p>»Hier ist, denk' ich, ein Ausweg möglich,« sagte -Hennigs, »Wallis weiß, daß ihm ein Arbeiter nur -dann von Nutzen sein kann, wenn er gesund und -<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -kräftig ist; auf Euer Wort giebt er überdies etwas, -und wenn Ihr zu ihm hinüberreitet und ihm sagt, -daß Ihr ihm seinen Neger gegen das Versprechen -wieder verschaffen wollt, daß er den schon so arg Gemißhandelten -nicht noch mehr züchtige, so glaub' ich, -wird er schon ein vernünftiges Wort mit sich reden -lassen und kein Unmensch sein. Zum Henker noch -einmal, er gehört ja doch auch mit zur Kirche, und -da darf er ja schon des Aufsehens wegen nicht den -Tyrannen spielen.«</p> - -<p>»Er schlägt die Augen auf,« sagte Mrs. Draper, -die ihm indessen Stirn und Schläfe mit Essig eingerieben -hatte, »er kommt wieder zu sich, großer Gott, -wie weh dem armen Menschen ums Herz sein muß; -Vater, wenn nun unser Sohn, der sich jetzt in Texas -oder Mexico herumtreibt, so unter fremden Menschen -läge, wie wolltest Du, daß ihm da geschähe?«</p> - -<p>»Ich glaube wirklich nicht, daß ihm viel Gefahr -droht, Mrs. Draper,« nahm Hennigs noch einmal -das Wort; »wenn Sie es wünschen, so will ich selbst -mit Draper hinüber reiten, um Wallis zur Milde zu -stimmen, aber ausliefern müssen wir ihn, das verlangt -nicht allein das Gesetz, sondern auch unsere eigene -Sicherheit. Es ist ja denn doch auch nur ein Neger, -und ich sehe nicht ein, weßhalb sich zwei Weiße seinetwegen -<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -in so entsetzliche Unannehmlichkeiten stürzen -sollten, wie daraus entstehen könnten.«</p> - -<p>»Es ist <em class="ge">nur</em> ein Neger, Mr. Hennigs,« sagte -Sally mit bitterem Vorwurf im Ton, »das klingt, -aufrichtig gesprochen, recht garstig von Ihnen. Vater -war in seinen Augen auch <em class="ge">nur</em> ein Weißer, und er -hat ihn doch aus dem Wasser gezogen. Das weiß -ich, wenn Sie den armen Menschen wieder auslieferten, -und ich wäre Lucy, ich spräche in meinem ganzen -Leben kein Sterbenswörtchen mehr mit Ihnen.«</p> - -<p>»Sein Sie barmherzig!« flehte auch Lucy jetzt, -und sah bittend zu dem jungen Mann auf, der sich, -den Hut in der Hand, verlegen hinter den Ohren -kratzte.</p> - -<p>»Aber, beste Miß Lucy,« sagte er endlich, »was -hülfe es ihm denn, wenn wir unsere eigene Sicherheit -auch wirklich nicht einen Pfifferling rechnen wollten, -deßhalb wäre ihm doch nicht mehr geholfen. Entfliehen -kann er nicht; wie käme ein Nigger von hier bis zu -der canadiensischen Grenze ohne Paß? Liefern wir ihn -also nicht aus, wobei wir uns zugleich für ihn verwenden -können, so fängt ihn Jemand Anderes, und -dann geht's ihm erst recht schlimm.«</p> - -<p>Der Neger hatte seine großen, lebhaften Augen -geöffnet und zu dem Sprechenden mit einem unbeschreiblichen -<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -Ausdruck von Seelenschmerz in den dunkeln -Zügen aufgeblickt. Jetzt theilten sich seine Lippen, -und er flüsterte, mit aber noch kaum hörbarer -Stimme:</p> - -<p>»Ich bin verloren, die Verfolger sind mir auf den -Fersen; ich traf einen der nach mir ausgesandten -Männer zufällig im Wald, und nur die Verzweiflung -gab mir Kraft genug, ihm in dem dichten Unterholz -zu entgehen, das ihm nicht erlaubte mit dem Pferd -so schnell hindurch zu brechen. Unfern von hier wußte -ich ihn von meinen Fährten abzubringen und floh -nun, als letztem Rettungsweg, Ihrem Hause zu. Ich -kann nicht weiter, mein Rücken ist zerfleischt, meine -Kräfte sind erschöpft, die Wunden brennen mich wie -Feuer, und die Glieder versagen mir den Dienst. -Liefern Sie mich aus, dann ist's vorbei, und ich habe -dieß elende Leben überstanden.«</p> - -<p>»Es ist nicht so schlimm, Ben!« sagte Hennigs -gutmüthig, »wir wollen selbst zu Deinem Herrn hinüber -reiten und ihn um Schonung für Dich bitten; -er soll Dich nicht weiter mißhandeln.«</p> - -<p>»Umsonst, umsonst!« stöhnte der Unglückliche, und -sah starr vor sich nieder, »das wäre vergebens; letzten -Freitag warf er mich zu Boden und trat mich mit Füßen; -die harten Steine rissen die noch nicht geheilten -<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -Wunden der Peitschenhiebe wieder auf, wahnsinniger -Schmerz durchzuckte mich, und in aller Verzweiflung, -nicht mehr wissend was ich that, was ich beging, -ergriff ich einen gerade dort liegenden Axtstiel und – -schlug meinen Master zu Boden.«</p> - -<p>»Unglückseliger!« sagte Hennigs mitleidig, »dann -bist Du allerdings verloren!«</p> - -<p>»Nein, nein!« rief Draper, »ich will verdammt -sein, wenn ich ihn ausliefere. Ich weiß, was ich riskire, -ich weiß was mich bedroht, wenn ich entdeckt -werde, doch gleichviel; im schlimmsten Falle lasse ich -die hier gethane Arbeit im Stich, und ziehe nach Iowa -hinein, aber ich will nicht haben, daß mich das -Bild dieses Unglücklichen mein ganzes Leben lang, -Tag und Nacht hindurch mahnen und martern soll, -und ich mir ewig sagen muß: der hatte dir nur das -Leben gerettet, damit du ihn nachher gebunden seinem -Henker überliefern konntest. Sei guten Muths, Ben, -es soll Dir Nichts geschehn, ich will doch einmal sehn, -ob der alte Draper so auf den Kopf gefallen ist, daß -er nicht ein Mittel findet Dir fortzuhelfen.«</p> - -<p>»Aber, Draper, Draper, denkt an Euer Weib und -Euere Kinder,« sagte warnend der junge Mann.</p> - -<p>»O, reden Sie dem Vater nicht ab,« bat ihn flehend -Lucy, »lassen Sie ihn das gute Werk vollbringen, -<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -und – wenn Sie sich uns Allen als ein recht lieber, -lieber Freund erweisen wollen, o, so helfen Sie nur -dießmal, den armen, armen Jungen von so fürchterlicher -Strafe zu erretten.«</p> - -<p>»Liebe Miß Lucy,« erwiederte Hennigs, noch immer -unschlüssig, »ich will ja gewiß Alles von Herzen -gern thun, was Ihnen nur die mindeste Freude gewähren -kann, ich sehe aber wahrhaftig nicht ein, wie -dem armen Teufel geholfen werden soll. Sind ihm -die Verfolger so dicht auf den Fährten wie er sagt, -dann können wir sie auch jeden Augenblick hier erwarten, -und in dem Zustand, in dem er sich jetzt befindet, -wäre es für ihn unmöglich zu entfliehen. Hier im -Haus sind wir eben so wenig im Stande ihn lange -zu verbergen, selbst wenn wir wollten; denn das eine -offene Gemach, was Sie haben, bietet nirgends auch -nur den geringsten sichern Schlupfwinkel.«</p> - -<p>»Wir müssen ihm einen Paß schreiben!« rief Mrs. -Draper schnell, »das wird ihm durchhelfen; einen mit -dem Paß versehenen Neger hält Niemand an.«</p> - -<p>»Aber womit?« frug Lucy ängstlich, »wir haben -weder Schreibzeug, noch Papier, selbst das Stückchen -Bleistift, was in dem alten Haus über dem Kamin -stak, muß verloren gegangen sein, ich konnte es wenigstens -nirgends finden.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -Der Neger hatte indessen mit ängstlichen Blicken -von einem der Sprechenden zum andern gestarrt, und -seine Augen leuchteten, als er den Paß erwähnen -hörte; jetzt, da ihm diese letzte Hoffnung abgeschnitten -schien, barg er zitternd das Antlitz in den Händen, -und wenn auch kein Laut, kein Schluchzen die Stille -unterbrach, so kündete doch das convulsivische Zucken -seiner ganzen Gestalt den ungeheueren Schmerz an, -der ihn durchbebte.</p> - -<p>»Hier muß Rath geschafft werden!« rief der alte -Draper jetzt, und ging mit schnellen Schritten im Zimmer -auf und ab, »Ben muß fort, und ein Paß, das -seh' ich ein, ist dazu unumgänglich nöthig. So mag er -denn hier im Haus verborgen bleiben, bis ich ihm den -herbeischaffen kann; ich will noch heute zum Squire -Mapel reiten und Tinte und Papier holen.«</p> - -<p>»Aber das ganze County ist schon in Aufregung,« -flehte in Todesangst Ben, »der, der mich heute verfolgte, -wußte ebenfalls von dem, einem weißen Manne -gegebenen Schlag; zweimal hätte er mich niederschießen -können, aber er schrie fluchend, er wolle mich -lebendig haben, um mich schmoren zu sehen; sie sind -zum Fürchterlichsten entschlossen.«</p> - -<p>»Halloh! da drüben!« schallte plötzlich eine Stimme -von der andern Seite der niedergehauenen Bäume -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -herüber, und gleich darauf übertäubte, wie bei Hennigs -Ankunft, das Heulen der Meute jeden weitern -Anruf.</p> - -<p>»Das ist mein Verfolger!« stöhnte Ben und sank, -die Hände gefaltet, in Verzweiflung auf einen Stuhl -nieder, an dessen Lehne mehrere Tropfen klaren Blutes, -die durch die dünne Jacke gequollen waren, hängen -blieben.</p> - -<p>Der alte Mann trat indessen in die Thür, beschwichtigte -mit einem Wort die Hunde, die, der -Stimme des Herrn gehorsam, nur leise knurrend den -fremden Tönen lauschten, und rief jetzt die Gegenfrage -an den späten Gast hinüber:</p> - -<p>»Wer ist da, und was wollt Ihr?«</p> - -<p>»Wer da ist, zum Henker, Pitt ist da, oder ist -eigentlich noch nicht da; denn er steckt hier in einem -undurchdringlichen Gewirr von allem Möglichen, und -weiß nicht, wie er herauskommen soll. Wo in aller -Welt ist nur der Fahr- oder Reitweg, Draper? Auf -dem, wo ich hergekommen bin, liegen wenigstens -zwanzig Klafter Holz!«</p> - -<p>»Seid Ihr allein?« frug Draper zurück.</p> - -<p>»Ja, allerdings, es werden aber gleich noch eine -ganze Menge kommen, ich traf sie nicht weit von hier, -und sie redeten davon, bei Euch zu übernachten.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -»Ich komme gleich, Pitt,« rief Draper ihm zu, -»bleibt nur einen Augenblick da halten, Euer Pferd -könnte sonst in den vielen Splittern Schaden nehmen,« -und damit warf er die Thüre wieder in die Klinke -und trat in das Innere seiner Hütte zurück.</p> - -<p>»Es ist zu spät!« sagte er eintönig, als er mit -starrem Blick auf den unglücklichen Knaben niedersah, -»sie werden hier sein, ehe wir im Stande sind, -auch nur einen vernünftigen Rettungsplan zu ersinnen, -viel weniger auszuführen.«</p> - -<p>»Wenn er sich nun draußen im Walde versteckte?« -frug schüchtern Sally, »ich will ihm ja recht gern -Speise und Trank bringen; morgen früh gelingt es -dann vielleicht, dem Armen zu helfen.«</p> - -<p>»Nein, das ist unmöglich, die Hunde würden ihn -dort nicht unbeachtet lassen; überdieß bringen die -Fremden, wenn es seine Verfolger wirklich sind, auch -auf jeden Fall ihre Rüden mit, und dann wäre seine -Entdeckung unvermeidlich. Ich begreife ohnedem nicht, -wie ihn meine eigenen Bärenfänger so unbelästigt -hereingelassen haben.«</p> - -<p>»So verbirg ihn dort zwischen unsern Betten!« -sagte Sally plötzlich, »dort mag er liegen, bis sich -irgend ein Ausweg für ihn gefunden hat, und wenn -es bis morgen früh wäre.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -»Das ist das Einzige; Höll' und Teufel, Pitt -wird ungeduldig da drüben, ich muß ihn holen; so -versteckt ihn denn schnell, und möge Gott geben daß -er dort unentdeckt bleibt, sonst ist mein guter Name für -Missouri dahin, und ich muß selbst der Rache seiner -Bürger entfliehen.«</p> - -<p>Tief aufseufzend verließ er die Hütte, seinen heute -so unwillkommenen Gast herein zu holen, während -die Frauen indessen ein ziemlich weiches Lager für den -armen Gemißhandelten bereiteten und es, zwischen -den Betten und durch einen mit Kleider überhangenen -Stuhl, so verdeckten, daß, wenn nicht eine wirkliche -und hier keineswegs zu befürchtende Haussuchung -Statt fand, sein Lager von den in der Hütte befindlichen -Personen sicherlich nicht gesehen werden konnte, -da sich auch schon ohnedieß keiner der Amerikaner -neugierig einer Stelle zugedrängt hätte, die der »Damen-Schlafplatz« -war.</p> - -<p>Bald darauf erreichte der späte Besuch den kleinen, -vor dem Hause befindlichen, offenen Platz, sprach -dort einige Worte, seines Pferdes wegen, mit Draper, -und betrat dann, schon von draußen den Frauen -einen guten und freundlichen Abend hereinrufend, das -Innere des jetzt durch ein selbstgegossenes Licht erhellten -Raumes.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -Mr. Pitt war ein kleines, wohlbeleibtes Männchen, -mit so blonden Haaren, daß er sie oft selbst im -Scherz »Isabellfarben« nannte, dazu mit großen -blaugrauen Augen und gewöhnlich in einen Pfeffer- -und Salz-farbenen Oberrock eingeknöpft. So gemüthlich -er aber auch sonst in manchen Sachen sein mochte, -so viel er selbst auf sein Vieh, auf seine Pferde und -Rinder hielt, die er sich nie überarbeiten ließ, so sehr -haßte er die Neger, und behandelte seine eigenen -Sclaven, wenn er sie auch gut »fütterte,« wie er es -nannte, stets mit der größten Verachtung. Die Sclaven -der ganzen Nachbarschaft fürchteten ihn auch ungemein, -haßten ihn aber wohl noch mehr und nannten -ihn überall nur den »Niggerfresser.«</p> - -<p>Und doch war dieser Mann ein ganz guter Bürger, -ehrlich und rechtschaffen in all seinem Thun und -Handeln, und hatte sich, einzig und allein durch eigenen -Fleiß, ein gar nicht unbedeutendes Vermögen -erworben.</p> - -<p>Seinem Ehrgeiz war übrigens dadurch Genüge -geschehen, daß ihn sein »Township« zum Friedensrichter, -und zwar damals noch ernannt hatte, als die -Aufregung für General Harrison selbst bis in den -fernen Westen drang; er rühmte sich auch seines eifrigen -Whigthums und schwärmte natürlich für Henry -<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> -Clay, und besonders für Frelinghuysen, der, seiner -Aussage nach, der frömmste Mann der Welt sei und -eher verdiente, Präsident, als nur Vicepräsident zu -werden.</p> - -<p>Seiner Religion nach war er Presbyterianer, und -hing dabei so eifrig an der Kirche, daß er schon einmal, -als er sich bei einer großen Betversammlung befand, -wo der andächtig harrenden Gemeinde gemeldet -wurde, der plötzlich krank gewordene Prediger -könne nicht kommen, selbst, unvorbereitet, den Rednerstuhl -bestieg, und mit Kraftworten und noch nie dagewesenen -Gesticulationen den Leuten erzählte, wie's -ihm eigentlich ums Herz sei. Man wollte ihn später -allerdings dazu bereden der geistlichen Beredsamkeit -sein Leben ausschließlich zu weihen, Mr. Pitt zog es -aber vor Friedensrichter zu bleiben, und behauptete, -vielleicht nicht ganz ohne Grund, »als Laie die Eingeborenen -viel mehr in Erstaunen setzen zu können, -als wenn er aus der heiligen Sache eine wirkliche -Profession mache«. Dabei war er höchst ritterlich und -gefällig gegen Damen, obgleich er, als alter Junggeselle, -von diesen auch manches Scherz- und Stichelwort -ertragen mußte; ja, er hatte sogar selbst, vor -noch nicht so langer Zeit, bei einer Entführung in -St. Louis thätigen Antheil genommen. Wenn er aber -<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -auch gern von dieser Sache sprach, so verfehlte er -doch nie dabei die Bemerkung zu machen, daß das -vor der Zeit gewesen sei, wo er als Friedensrichter in -Thätigkeit getreten, und er jetzt, gerade im Gegentheil, -eine solche ungesetzliche Handlung mit jeder ihm zu -Gebote stehenden Macht verhindern würde.</p> - -<p>Mr. Pitt trat also in die Thüre der Hütte, und -reichte, sich nicht mit dem allgemeinen »guten Abend, -Ladies,« begnügend, noch jeder der Damen insbesondere -die Hand, führte dabei auch so total allein das -Wort und erkundigte sich so angelegentlich nach dem -Befinden und Wohlergehen seiner »neuen Nachbarn« -(sein Haus lag elf englische Meilen entfernt), daß er -die Verlegenheit und Aufregung, in welcher sich diese -befanden gar nicht bemerkte, sondern geschäftig -einen der Stühle zum Kamin schob (und zwar mit -dem Rücken gegen die Thür, also den Betten mehr -zugewandt), von dem aus er an Draper und Hennigs -indessen tausend verschiedene Fragen zu gleicher Zeit -richtete.</p> - -<p>Draper war übrigens selbst zu aufgeregt, um sich -in eine Beantwortung derselben einzulassen, und frug -nur seinerseits, wobei er freilich einen Augenblick benutzen -mußte, in dem der würdige Mann gerade -Athem schöpfte, wen er noch von Fremden im Walde -<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -getroffen habe, was diese getrieben und wann sie hier -eintreffen würden.</p> - -<p>»Stop, Sir – stop!« schrie der Kleine und drehte -sich in komischer Verzweiflung nach ihm herum, »das -sind eine Menge verschiedener Artikel, die erst geordnet -und dann einzeln vorgenommen werden müssen. -Vor allen Dingen, Ladies, fürchte ich, daß Ihr Raum -heute ein wenig beschränkt werden wird; denn acht -Mann kann ich sicher anmelden, die noch vor Ablauf -einer Stunde hier eintreffen werden. Das heißt, -eigentlich nur sieben, da Einer von ihnen hier schon -ganz behaglich und warm am Feuer sitzt und sich ungemein -freut, daß er aus den bösen Dornen und -Ranken da draußen heraus ist. Dieser Eine, meine -theuren Ladies, den ich Ihnen die Ehre habe in meiner -unbedeutenden Person vorzustellen, wird nun auch -wohl morgen noch hoffentlich das Vergnügen genießen, -in Ihrer Gesellschaft zu bleiben; denn ich zweifle -keinen Augenblick, daß Sie ebenfalls beabsichtigen -der Betversammlung beizuwohnen; die dort aufgehäuften -Kleider sind wahrscheinlich schon dazu bestimmt, -Ihren holden Gestalten einen womöglich noch -höhern Reiz zu verleihen.«</p> - -<p>»Wer waren aber die Anderen?« unterbrach ihn -ungeduldig der Alte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -»Wer die Anderen waren?« wiederholte lächelnd -der kleine Friedensrichter; »die Blüthe des Staats, -der Stolz und Schmuck unseres und des benachbarten -Countys, lauter wackere Farmer, wie berittene Nimrode, -mit ihren Büchsen und Hunden. Apropos, -Draper, habt Ihr den Wolfshund noch, den Ihr von -Hilbert damals kauftet? das war ein famoses Poppy, -muß einmal ein prächtiger Hund werden.«</p> - -<p>»Waren die Männer auf der Jagd?« mischte sich -Hennigs jetzt in das Gespräch.</p> - -<p>»Jagd? ja,« sagte der Kleine; »aber ganz besondere -Jagd – Hochwild – Menschenfleisch!«</p> - -<p>»Menschenfleisch?« riefen die Frauen entsetzt.</p> - -<p>»Erschrecken Sie nicht, meine Damen, es war -weiter nichts als ein weggelaufener Nigger,« lächelte -der gemüthliche Friedensrichter, »vielleicht haben sie -ihn jetzt schon und bringen ihn dann gleich mit her.«</p> - -<p>Keiner im Haus antwortete ihm auch nur eine -Sylbe darauf, und der Geschwätzige fuhr plaudernd -fort:</p> - -<p>»Wallis hat, wie Sie vielleicht wissen, neulich -einmal einen seiner Neger exemplarisch abstrafen müssen; -der Strick war am lieben Sonntag mit seinen -ganz neu gekauften Sachen, wie er selber sagte, in den -Fluß gefallen –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -»Großer, allmächtiger Gott! deßhalb hat er ihn -gezüchtigt? das ist die Ursache gewesen?« schrie Draper -entsetzt.</p> - -<p>Pitt sah ihn erstaunt an. »Nun,« sagte er, »das -wäre allerdings eine Ursache gewesen, ihn zu strafen, -und er hat auch wohl seine Tracht Schläge deßhalb -bekommen; von der Strafe aber, von der ich spreche, -war es nur ein entfernterer Grund; denn die Canaille -hatte sich auch noch dabei erkältet und konnte nun ihre -Arbeit nicht ordentlich verrichten. Wallis ist ein -wenig hitzig und ich weiß nicht recht, wie alles später -gekommen, so viel aber ist gewiß, Ben, der Junge, -hatte eine trotzige Antwort gegeben und mußte dafür, -wie sich das auch von selbst versteht, büßen. Da denken -Sie sich nur, überfällt er neulich seinen eigenen -Herrn, schlägt ihn mit einem Axtstiel, an dem glücklicher -Weise die Axt fehlte, zu Boden und – entflieht. -Aber weit wird er nicht kommen, Hilbert ist -ihm heute Nachmittag hier ganz in der Nähe begegnet, -hatte aber unglücklicher Weise seine Hunde nicht -bei sich und verlor, nicht weit von dem Hurricane<span class="top">[5]</span> -<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -seine Fährte. Gleich darauf traf er übrigens die zur -Verfolgung des Niggers ausgezogenen Männer, und -nun wollen sie, da diese noch mehr Hunde mitbrachten, -den Hurricane ordentlich abtreiben und nachher -hierher kommen und hier übernachten. Sie bleiben -vielleicht im Wald, es sieht aber heute Abend wie -Regen aus, und da ist's doch besser sie suchen Dach -und Fach.«</p> - -<p class="ci fss">[5]: Hurricane werden in den westlichen Wäldern auch die, -durch einen Hurricane oder Orkan niedergeworfenen Waldstrecken -genannt, die oft, wenn sie besonders erst einige Jahre gelegen -haben, wirklich undurchdringliche Dickichte bilden.</p> - -<p>»Aber Ladies, Sie lassen mich die Unterhaltung -ganz allein führen; es spricht ja keine von Ihnen auch -nur ein Wort.«</p> - -<p>»Wir müssen an's Abendessen denken, Sir,« sagte -die Matrone, »wenn wir so viele Gäste bekommen, so -werden sie, für die anderen Unbequemlichkeiten denen -sie ausgesetzt sind, doch wenigstens etwas Warmes zu -essen haben wollen; bis wann können sie wohl hier -sein?«</p> - -<p>»Wird nicht mehr so lange dauern, gar nicht mehr -so lange dauern,« sagte der Kleine, und zog die -Augenbraunen bedeutsam in die Höhe, »in höchstens -drei Viertelstunden können sie Alles abgesucht haben, -der Hurricane ist nicht so übermäßig groß, und die -Hunderace, die sie mit sich führen, vortrefflich. Die -Mutter von Eurem Wolfshund ist auch dabei, -Draper. Uebrigens kann es auch sein sie finden den -<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -Burschen gleich, und dann halten sie sich weiter gar -nicht auf.«</p> - -<p>Draper und Hennigs hatten leise einige Worte -gewechselt und der letztere nahm jetzt seinen Stuhl -auf und trug ihn an die entgegengesetzte Seite des -Kamins, während er zugleich Mr. Pitt bat ihm dahin -zu folgen, damit die Damen nicht so viel in dem -Ab- und Anrücken ihrer Kochgeräthschaften gehindert -würden.</p> - -<p>Mr. Pitt folgte sehr eilfertig dem ausgesprochenen -Wunsch, ergriff seinen Stuhl an der Lehne und trug -ihn weiter herum, faßte sich aber plötzlich erschreckt an -die Tasche seines Rockes, fühlte dort etwas, und besah -sich dann am hellen Kaminfeuer die gegen dieses -ausgestreckte linke Hand.</p> - -<p>»Blut!« rief er überrascht und schaute sich nach dem -Stuhl um, auf dem er eben gesessen, Mrs. Draper -aber sprang schnell hinzu, wischte mit einem alten -Tuche die Lehne ab und sagte mit vor Angst und Bestürzung -halb erstickter Stimme:</p> - -<p>»Ach, sein Sie nicht böse, Mr. Pitt; Lucy – -bekam heute so plötzliches Nasenbluten; wir haben die -Flecken gar nicht gesehen –«</p> - -<p>Hennigs bog sich leise zu Sally hinüber und flüsterte -lächelnd:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> -»Erinnern Sie doch Mutter einmal wieder an das -Kapitel von der Nothlüge!«</p> - -<p>»O bitte sehr, bitte sehr!« rief der artige Friedensrichter, -»hat gar nichts zu sagen, so süßes Blut kann -mir nur angenehm sein; bitte, geniren Sie sich nicht, -ich habe selbst ein Taschentuch; es ist ja bloß ein -unbedeutender kleiner Flecken. Ich erschrak nur so im -Anfang, als ich das Nasse an der Hand fühlte, weil -ich glaubte, ich hätte heute beim Reiten eine kleine -Dintenflasche zerdrückt, die ich in der Rocktasche trage; -das wäre mir allerdings fatal gewesen; denn für -meine hellen Bein- – meine hellen Kleider würde -eine solche Anfeuchtung von bösen Folgen gewesen -sein.«</p> - -<p>»Sie haben Dinte bei sich?« rief Hennigs schnell, -und sprang in der Erregung des Augenblicks von -seinem Stuhle, auf den er sich eben wieder niedergelassen -empor.</p> - -<p>»Ich? allerdings; befremdet Sie das? ja, hier im -Walde ist Dinte allerdings ein seltener Gegenstand, -ich bin deßhalb auch genöthigt sie überall mitzuführen; -denn komm' ich einmal in ein Haus und muß -etwas schreiben, so kann ich mich fest darauf verlassen, -daß erstlich keine Dinte in fünf Meilen im Umkreis -zu bekommen, und das einzige Papier der Schmutztitel -<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> -irgend eines verräucherten Buches ist, der vorerst -herausgenommen werden muß. Im allergünstigsten -Falle steckt dann noch über dem Kamin ein alter, -halbverbrauchter Truthahnflügel, dem eine hineingedorrte -Feder durch Gemeinkraft sämmtlicher Familienglieder -entzogen, und mit dem Jagdmesser des Mannes -oder gar der Schere der Frau nothdürftig geschnitten -wird, und dann ist das Schreibzeug fertig. Nein, -darauf kann ich mich nicht einlassen, ich muß mein -»Handwerkszeug« besser in Ordnung haben, und da -trage ich denn immer eine kleine steinerne Kruke, wie -etwas Papier und einige Federn bei mir.«</p> - -<p>Hennigs war indessen einige Mal schnell im -Zimmer auf und abgegangen und blieb plötzlich neben -dem Stuhle des Redseligen, der in allem Eifer das -Fläschchen hervorgeholt hatte, stehen.</p> - -<p>»Mein bester Herr!« sagte er, freundlich dabei die -Hand auf dessen Schulter legend, »da könnten Sie -der Mrs. Draper einen recht großen und vielleicht -einen doppelten Gefallen thun!«</p> - -<p>»Wer? ich?« rief Mr. Pitt, sich schnell nach der -erwähnten Dame umdrehend: »mit dem größten Vergnügen, -was ist es? was steht zu Diensten?«</p> - -<p>Mrs. Draper blickte verlegen nach Hennigs herüber, -dieser aber ließ ihr gar keine Zeit, ein Wort zu erwiedern, -<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a> -und fuhr zu dem Friedensrichter gewendet, -fort:</p> - -<p>»Die Damen wünschten gern eine Abschrift des -kleinen, von Ihnen gedichteten geistlichen Liedes zu -besitzen, das Sie neulich bei Mapel's vortrugen, und -sie haben mich schon heute Nachmittag darum ersucht, -weil ich ihnen vor einiger Zeit einen Vers desselben -aus dem Kopfe citirte. Da wir uns aber hier in derselben -Lage befinden, wie die übrigen Ansiedelungen, die Sie -uns eben so treffend schilderten, nämlich ohne jegliches -Schreibmaterial, so möchte ich Sie jetzt im -Namen der Damen nicht allein um etwas Papier und -Dinte bitten, sondern auch noch den Wunsch daran -knüpfen, mir die Verse langsam vorzusagen, daß ich -sie gleich auf der Stelle nachschreiben könnte.«</p> - -<p>»Meine Damen, Sie beschämen mich wirklich durch -die freundliche Nachsicht, mit der Sie meine armseligen -poetischen Versuche beehrt haben!« schmunzelte der -kleine Mann, während er in größter Geschäftigkeit -seine Taschen auskramte und in wenigen Secunden -eine große Brieftafel, ein kleines Pennal und die eben -wieder zurückgeschobene Dintenflasche zum Vorschein -brachte, was er Alles auf den Tisch stellte und dann -seinen Stuhl neben denselben rückte, das Licht mit den -Fingern putzte, seine Brille abwischte und jede Vorbereitung -<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -traf, um das gewünschte Gedicht augenblicklich -selbst niederzuschreiben. Daran verhinderte -ihn aber Hennigs, indem er wie scherzend das Pennal -an sich nahm und dem Richter versicherte, »er würde -unter keiner Bedingung zugeben, daß er selbst seine -überdieß schon so schwache Augen bei dem düstern -Scheine des flackernden Talglichtes anstrenge.«</p> - -<p>»Nein,« fuhr er in seinen Einwendungen fort, -»lassen Sie mich einmal meine, wenn auch von der -Führung der Axt etwas steifen Finger mit der Feder -versuchen, es wird schon gehen, und Sie setzen sich -indessen mir gegenüber an den Tisch, dann haben die -Damen auch noch den Genuß des Vortrags und -brauchen nicht müßig zuzusehen.«</p> - -<p>Mrs. Draper war hinter den Friedensrichter getreten -und hielt die zusammengefalteten Hände fest, -fest auf das Herz gepreßt, als ob sie die Angst, die -ihr die Brust zu zersprengen drohte, da bannen und -zurückdrängen wollte. Lucy hielt seine Stuhllehne gefaßt -und blickte starr und mit halb geöffneten Lippen, -aber leichenbleichen Wangen und glanzlosen Augen nach -dem Geliebten hinüber, und nur Sally, das sonst so -muntere, leichtsinnige Mädchen, hatte die fürchterliche -Entscheidung des Augenblicks nicht ertragen können -und war hinaus vor die Thür gegangen, wo sie den -<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a> -Kopf in der Schürze barg und sich dort recht nach -Herzenslust ausweinte.</p> - -<p>Hennigs dagegen schien ganz ruhig und unbefangen, -plauderte mit dem Friedensrichter – während -dieser ein reines Blatt Papier vorsuchte und aus dem -Pennal eine geschnittene Feder nahm – lauter tolles -Zeug, erzählte ihm, wie sie in Louisiana immer auf -Magnoliablätter geschrieben und in Tenessee Dinte -aus Pulver und Indigo gemacht hätten, legte dann, -als er auch die letzten Bedenklichkeiten des also geschmeichelten -Dichters überwunden hatte, der nur -immer noch selber zu schreiben wünschte, das weiße -Blatt vor sich hin, sah nach dem Spalt der Feder, -feuchtete diese einmal im Mund an und sagte, sich behaglich -auf dem Stuhle zurechtrückend:</p> - -<p>»So? jetzt bin ich fertig, nun schießen Sie los!«</p> - -<p>Draper lehnte am Kamin, und der starke Mann -zitterte vor innerer Aufregung so gewaltig, daß die -lockeren Dielen unter ihm erbebten; nur Hennigs blieb -ruhig und gleichmüthig, und lächelte sogar still und -heimlich vor sich nieder, als der Friedensrichter, wohlbehaglich -im Stuhl zurückgelehnt, die Hände vor sich -auf dem Tisch gefaltet, die Brille in die Höh', auf -die Stirn geschoben und die kleinen runden Augen andächtig -der Decke und einer Anzahl dort aufgehangener -<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -geräucherter Hirschkeulen zugekehrt, mit monotoner, -singender Stimme begann:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»O, süßer Herr Jesus, o, komm doch zu mir,</div> - <div class="verse">Verzeih' mir, o Herr, meine Sünden!«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>»Halt! nur nicht so schnell,« bat Hennigs, »ich -komme ja sonst nicht mit – verzeih' mir –«</p> - -<p class="ml6">– »o Herr, meine Sünden?«</p> - -<p>Draper trat hinter Hennigs Stuhl und las, was -dieser schrieb; auf dem Papier stand:</p> - -<p>»Der Träger dieses, Scipio –«</p> - -<p>»Also weiter – ich hab' es.«</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Und laß mich, Lamm Gottes, beim Vater und dir</div> - <div class="verse">Erbarmen und Sühnigung finden.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Hennigs schrieb weiter: »geht mit meinem Wissen -und Willen zu seinen Eltern –«</p> - -<p>»Haben Sie: Sühnigung finden?« frug der Friedensrichter, -schob sich die Brille herunter und blickte -nach dem jungen Manne hinüber.</p> - -<p>»Gleich, gleich – Sühnigung finden – so, nur -weiter.«</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Ich bin zwar, o Heiland, ich muß es gestehn,</div> - <div class="verse">Dein schlechtester, niedrigster Knecht –«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="in0">declamirte Mr. Pitt, warf einen freundlichen Blick -nach der über ihn hingebeugten Mrs. Draper hinauf, -seufzte einmal tief auf, und wiederholte:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"><a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> - <div class="verse">»Dein schlechtester, niedrigster Knecht –«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>– »nach Illinois, und hat von mir dazu vier -Wochen Erlaubniß« – schrieb Hennigs.</p> - -<p>»Haben Sie das?« frug wieder der Richter.</p> - -<p>»Ja, – Erlaubniß –«</p> - -<p>»Wie?« sagte Mr. Pitt, und blickte zu ihm auf.</p> - -<p>»O, nichts,« erwiederte schnell gefaßt der junge -Mann, »es hatte sich ein Haar in die Feder geklemmt, -also – Knecht!«</p> - -<p>»Ja, – warten Sie einmal, nun bin ich herausgekommen, -– schlechtester, sündigster Knecht,« murmelte -er vor sich hin, »ach ja, jetzt hab' ich's:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Doch hast du ja auch meine Reue gesehn,</div> - <div class="verse">So weise mich, Herr, denn zurecht –«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>– »weise mich, Herr, denn zurecht,« repetirte -Hennigs und beendete indessen den Paß Benjamin's -mit dem Wort: »erhalten;« setzte den fingirten Namen -Peter Rollins mit dem gestrigen Datum darunter, -und faltete das Papier zusammen.</p> - -<p>»Halt! ich bin noch nicht fertig,« rief da der würdige -Friedensrichter aus, dem diese Bewegung nicht -entgangen war, »das sind nur die zwei ersten Strophen, -nun kommen fünf in einem andern Rhythmus, -und dann wieder drei Schlußverse. Schreiben Sie -also weiter:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"><a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> - <div class="verse">»Ich will Dir, du treuer Hirte</div> - <div class="verse">Ein getreues Schaf auch sein,</div> - <div class="verse">Führe denn mich heil'ger Vater,</div> - <div class="verse"> den ew'gen Schafstall ein.«</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Und wenn mir –</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="in0">aber Sie schreiben ja gar nicht.«</p> - -<p>»Nur die beiden ersten Verse fehlten Ihnen, nicht -wahr, Mrs. Draper?« sagte Hennigs, und stand von -seinem Stuhle auf.</p> - -<p>»Ja, Sir, es waren nur die beiden,« stammelte -die Matrone, und sie wußte jetzt, daß Hennigs Auge -fest auf ihr haftete; das Blut strömte ihr quellend in -Stirn und Schläfe, und der Athem verging ihr fast -vor Angst um den Unglücklichen, vor Scham über die -ausgesprochene Lüge.</p> - -<p>»Also die andern Verse haben Sie? nun, warten -Sie, ich sage sie Ihnen noch einmal vor, dann können -Sie, wenn etwas daran nicht richtig sein sollte, -es ändern. Zeigen Sie mir nur erst einmal was Sie -geschrieben haben,« und er streckte seinen Arm nach -dem Papier aus, das Hennigs mit auf den Tisch gestützter -Hand locker zwischen den Fingern hielt.</p> - -<p>Dieser aber schien es gar nicht zu bemerken; mit -vorgebeugtem Körper, starr und regungslos stand er -da, die linke Hand lauschend hinter das Ohr gehalten; -<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -er horchte einem entfernten Geräusch, und hatte -für den Augenblick seine ganze Umgebung vergessen.</p> - -<p>Mr. Pitt nahm indessen das Papier herüber, -öffnete es, schob sich die Brille wieder nieder, und -schien dann erst das sonderbare Benehmen des jungen -Mannes zu bemerken.</p> - -<p>Die Bewohner der Hütte standen entsetzt; warf -der Friedensrichter nur einen Blick in die Zeilen, die -er geöffnet in der Hand hielt, so waren sie entdeckt.</p> - -<p>»Hennigs!« rief der alte Mann, und faßte seinen -Arm.</p> - -<p>»Mr. Hennigs!« sagte Pitt, und hielt das Innere -der Linken gegen das Licht, um, von diesem nicht geblendet, -ihn besser betrachten zu können. Das rief den -Träumenden aber mit Gedankenschnelle in seine Umgebung -zurück; er blickte den Fremden an, sah den -Paß in dessen Hand, und riß ihn mit keckem Griff -aus seinen Fingern.</p> - -<p>»Mr. Hennigs!« rief überrascht der Richter.</p> - -<p>»Ich muß tausendmal um Verzeihung bitten, -Sir,« entschuldigte sich jener, verlegen lächelnd, »doch -das, was ich hier geschrieben habe dürfen Sie wahrhaftig -nicht lesen, es ist zu schlecht, Sie haben zu -schnell gesprochen, und ich mußte mich so eilen; -warten Sie noch wenige Minuten, und ich will es -<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -in's Reine schreiben, nachher mögen Sie sich überzeugen, -daß auch ein Backwoodsman manchmal keine so -üble Feder führt, und den Schulmeister nicht braucht, -wenn er Jemandem einen Brief schicken will.«</p> - -<p>»Was hatten Sie denn aber eben? Sie starrten ja -vor sich nieder, als ob Sie einen Geist sähen?« frug, -dadurch beruhigt, Mr. Pitt.</p> - -<p>»O nichts, wenigstens nichts von Bedeutung,« -erwiederte jener, »mir war es nur, als ob ich irgend -ein fremdartiges Geräusch vernahm, und ich konnte -nicht recht herausbekommen was es war. Halt – -da wieder; hören Sie nichts?«</p> - -<p>Draper sprang an die Thür und riß sie auf, und -deutlich drang jetzt der Ruf von fernen Stimmen an -ihr Ohr, als ob Leute über einen Fluß hinüber die -Fähre anriefen.</p> - -<p>»Da sind sie,« sagte der Kleine, sprang auf und -griff nach dem an der Wand hängenden Blechrohr, -das in fast allen amerikanischen Blockhütten dazu benutzt -wird, die Arbeiter zum Essen aus dem vielleicht -weit entfernten Felde zu rufen. Die Töne dieses -langen, geraden Hornes schallen ungemein weit, und -man kann sie mit günstigem Winde, und besonders -über das Wasser hin, oft Meilen weit hören.</p> - -<p>Mr. Pitt schloß nun auch ganz richtig, daß die -<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -Jäger, von der Dunkelheit überrascht, die einzeln und -mitten im Walde liegende Hütte nicht hatten finden -können, und nun durch ihr Rufen die Aufmerksamkeit -der Bewohner zu erwecken gedachten, damit diese -durch irgend ein Zeichen, durch einen abgefeuerten -Schuß, oder den Ton eben solchen Hornes ihren -Aufenthalt verriethen. Er nahm denn auch ohne weitere -Umstände das Instrument vom Nagel, trat in die -Thüre und ließ nun nach jener Richtung hin so durchdringende, -klagende Laute ertönen, daß die Hunde -mit kurzem Gebell zuerst eine Art Protest gegen solche -Musik einzulegen schienen, dann aber, vielleicht durch -das Weiche der Melodie gerührt, ein so fürchterliches, -wehmüthiges, markzerschneidendes Geheul ausstießen, -daß Mr. Pitt erschreckt mitten in seinem nicht mehr -Solo einhielt, den Bestien einen Augenblick zuhörte, -und dann kopfschüttelnd sagte:</p> - -<p>»Ist nun einem lebendigen Christenmenschen schon -so etwas in seinem ganzen Leben vorgekommen?«</p> - -<p>Nichtsdestoweniger setzte er seine musikalischen -Uebungen fort, und Hunde und Friedensrichter vereinigten -sich jetzt zu einem so ohrzerreißenden Concert, -daß der Wald ordentlich lebendig zu werden schien, -und sämmtliches zahmes Hausvieh, als da war, drei -Ferkel und etwa ein halbes Dutzend Hühner, die -<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -ersteren ihr Lager mieden und grunzend, die Seiten -an einander gedrückt, herbeiliefen, und die anderen -mit den Flügeln schlugen und nicht übel Lust zu haben -schienen, eine so unruhige Nachbarschaft zu verlassen.</p> - -<p>»Hier ist der Paß,« rief Hennigs jetzt schnell, und -drückte das Papier dem alten Draper in die Hand.</p> - -<p class="ci">»Der Träger dieses, Scipio, geht mit meinem -Wissen und Willen zu seinen Eltern nach Illinois, -und hat von mir dazu vier Wochen Erlaubniß erhalten.«</p> - -<p class="ci si">»Peter <em class="ge">Rollins</em>.«</p> - -<p>»Wer ihn anhält und nicht persönlich kennt, wird -ihm kein Hinderniß weiter in den Weg legen; doch -muß er noch in dieser Nacht fort.«</p> - -<p>»Aber wie? der Richter steht in der Thüre und in -wenigen Minuten haben wir das Haus so voll Menschen, -daß ein Entrinnen für ihn zur Unmöglichkeit -wird.«</p> - -<p>»Auch dazu wird Rath werden; geben Sie ihm -nur einen alten Rock und eine Mütze – schnell – -der Richter hat aufgehört zu blasen, ich will ihn zu -mir hinausrufen. Wenn ich den Eulenruf nachahme, -muß Ben rasch hinausgleiten; er soll dann zu mir -hinter das Haus kommen; ruhig jetzt, er dreht sich -wieder um.«</p> - -<p>Mr. Pitt hatte allerdings seine Lungen pausiren -<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -lassen und die Bearbeitung des Instrumentes eingestellt, -keineswegs waren aber die Hunde gesonnen, -sich so schnell und plötzlich über das Gehörte zufrieden -zu geben. Ein junges Thier, und zwar eben der -schon früher erwähnte junge Wolfshund, heulte Sopran, -und schien den Ton anzugeben, denn nach jedesmaliger -kurzer Pause fiel er stets zuerst wieder ein, und -ihm folgte augenblicklich ein alter blinder Schweißhund -in <i>E moll</i>, wornach denn die übrige Schaar, -als ob sie nur auf das Angeben der Tonart gewartet -hätte, im wilden, disharmonischen Chor einfiel und -nicht eher aufhörte, bis auch der letzte Vorrath von -Luft und Lunge und Kehle erschöpft war.</p> - -<p>Mr. Pitt versuchte nun zwar sein Bestes sie zur -Ruhe zu bringen, schimpfte, drohte, und warf sogar -einzelne Späne und Holzstücke, die vor der offenen -Thüre lagen; das hatte aber weiter nichts zur Folge, -als daß sie jetzt sämmtlich gegen ihn Front machten, -und zwar die Köpfe ihm seitwärts zugedreht, um -jedem etwaigen, nach ihnen geschleuderten Wurfgeschoß -schnell genug ausweichen zu können, sonst -aber fuhren sie in ihren entsetzlichen Accorden ruhig -fort.</p> - -<p>»Laßt's gut sein, Sir,« tröstete ihn jetzt Hennigs, -als der kleine Friedensrichter halb lachend, halb ärgerlich -<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -wieder in der Thüre erschien, »ich will sie schon -zum Schweigen bringen.«</p> - -<p>»Ruhig, ihr Bestien!« schrie er dann mit Donnerstimme, -als er eben vor das Haus getreten war, -»ruhig, oder ich drehe euch die Hälse um!« und eine -dort lehnende Stange ergreifend, fuhr er mit so gut -gemeinten und links und rechts ausgetheilten Schlägen -zwischen sie hinein, daß sie nach allen Seiten auseinander -stoben und sich winselnd theils in den Wipfeln -der umhergestreuten Bäume, theils unter dem Hause -verkrochen. Hennigs aber blieb jetzt einen Augenblick -auf die Stange gestützt und wie in tiefen Gedanken -stehen; da schreckte ihn der näher und näher kommende -Lärm der Jäger, das entfernte Bellen von Hunden -aus seinem Sinnen empor. Er warf den Blick schnell -umher, ergriff den noch neben dem Hause liegenden -Sattel und Zaum, trug beides hinter dasselbe und -rief nun mit leisem Pfiff sein gehorsames Poney -herbei.</p> - -<p>»Nun, Madame, werden Sie gleich Einquartirung -bekommen,« sagte der Friedensrichter, während er sich -schmunzelnd die Hände rieb und zum Feuer trat, an -welchem Lucy und Sally jetzt eifrig beschäftigt waren, -die verschiedenen, schnell hinzugerückten Lebensmittel -zu vertheilen. – »'s wird freilich knapp hergehen hier -<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -in dem engen Zimmerchen, man kann sich das aber -Alles eintheilen. Lieber Gott, in Arkansas lagen wir -einmal Siebenzehn in einem Raume, der, wenn nicht -noch kleiner, auf jeden Fall keinen Zoll breit größer -war, als dieser hier. Draper macht wohl schon sein -Lager da zwischen den Betten zurecht? ja, ja, werden -jedes Eckchen und Winkelchen benutzen müssen; die -Bursche sind wie das wilde Heer. Ob sie den Neger -nur haben? hoffentlich doch, hol der Henker eine solche -schwarze Bestie, schlägt ihren eigenen Herrn! Ei, -wenn da nicht einmal ein Exempel statuirt wird, dann -wäre man ja seines Lebens selbst nicht mehr sicher und -müßte sich wahrhaftig fürchten die eigenen Dienstboten -zu züchtigen. Wie ich gehört habe, wollen sie -zusammenlegen und den Eigenthümer wenigstens in -etwas schadlos halten.«</p> - -<p>Mr. Pitt hatte sich jetzt wieder halb dem Feuer -und halb Mrs. Draper zugekehrt, und diese hielt ihre -Augen auch fest auf die seinigen gerichtet, aber kein -Wort vernahm sie von alle dem, was er ihr mit so -bedeutender Zungengeläufigkeit erzählte, ihr Ohr -lauschte dem Rauschen der Kleidungsstücke, dem unterdrückten -Flüstern ihres Mannes, und sie sah jetzt -plötzlich, wie sich die Gestalt des jungen Sclaven leise -und vorsichtig emporhob.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -»Weiß nur der liebe Gott wo die Männer so -lange bleiben,« unterbrach sich jetzt selbst der kleine -Mann, indem er einen Schritt vom Kamine zurücktrat -und nach der Thüre sah. »Mr. Hennigs kommt auch -nicht wieder, der ist ihnen wahrscheinlich entgegen; -wo ist denn Mr. Draper?«</p> - -<p>»Hier, Sir,« antwortete dieser und trat einen -Schritt vor, dicht hinter ihm stand der Neger, und -die geringste Bewegung hätte ihn dem Friedensrichter -verrathen; die nächste Minute mußte überhaupt das -Schicksal des Verfolgten entscheiden.</p> - -<p>Da schlugen wiederum die Hunde an, es waren -die Jäger, die ebenfalls, wie vor ihnen Hennigs und -Pitt, durch den ziemlich begangenen Pfad herbeigelockt, -an der Grenze der niedergeworfenen Bäume -hielten und das Haus anriefen. – Mr. Pitt wollte -in die Thüre treten, geschah das, so wurde es zu einer -Unmöglichkeit, den Neger hinauszulassen, und er -war dann rettungslos verloren.</p> - -<p>Draußen ließ sich der klagende Ruf einer Eule -hören.</p> - -<p>»Bester Mr. Pitt!« rief da Lucy plötzlich, »dürft' -ich Sie wohl einmal bitten, mir den schweren eisernen -Topf hier auf die Kohlen zu heben, ich kann ihn wahrlich -nicht regieren und unsere Gäste kommen schon.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -»O, mit dem größten Vergnügen, mein Fräulein!« -rief der bereitwillige Friedensrichter und sprang -schnell hinzu, lehnte sich mit dem linken Arme gegen -den über den Kamin hinlaufenden Querbalken, und -griff mit der Rechten in die von Lucy schnell in den -Henkeln des Gefäßes befestigten Topfhaken.</p> - -<p>»Sehen Sie, mein Fräulein, das ist gar nicht -so schwer, allerdings etwas zu massiv für eine Dame; -aber – doch wo wollen Sie ihn denn hin haben? auf -die brennenden Scheite? die müßten wohl erst ein -wenig zusammengeschoben werden.«</p> - -<p>»Ach bitte, bester Mr. Pitt, halten Sie ihn nur -zwei Secunden, die Klötze haben sich verschoben, -warten Sie, ich richte sie gleich zurecht.«</p> - -<p>Lucy rückte mit dem Schüreisen die im Kamine -liegenden Brände, und Friedensrichter Pitt hielt indessen, -dicht über die Glut gebeugt, den schweren -Topf, daß sich ihm das Antlitz immer röther färbte -und der Schweiß in großen Tropfen auf seine Stirn -trat.</p> - -<p>Hinter seinem Rücken glitt eine, in einen braunen -Ueberrock gehüllte Gestalt, den schwarzen Filz tief in -die Augen gedrückt, zur Thüre hinaus, strich um die -nächste, <em class="ge">der</em> entgegengesetzten Ecke, wo sich die Hunde -befanden, und verschwand in der Finsterniß hinter -<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -dem Gebäude. Draper folgte ihr hinaus vor die -Thüre.</p> - -<p>»So, Sir, jetzt nur dahin; ah, das ist recht, es -ist Ihnen wohl sehr sauer geworden?« sagte mit mitleidigem -Tone das schöne Mädchen, und es war ihr -in diesem Augenblick, als ob sich eine Centnerlast von -ihrer Brust wälze.</p> - -<p>»O bewahre, bewahre,« erwiederte der galante -Richter und benutzte augenblicklich die nun freigewordenen -Hände, sein Taschentuch hervorzuholen und sich -die tropfende Stirn damit abzutrocknen; »nicht mehr -als gern geschehen, das Feuer meint's übrigens gut -– blitzmäßig heiß. – Wo bleiben denn aber nur die -Jäger? aha, können auch nicht durch die Baumwildniß -vor dem Haus, das geschieht ihnen recht, warum -reiten sie nicht herum, bis sie einen Eingang finden; -habe mir auch meinen Weg suchen müssen.«</p> - -<p>Draper stand indessen vor der Thüre seiner Wohnung -und starrte in die dunkle Nacht hinein, von drüben -her schallten die Stimmen seiner Nachbarn, die -fluchend und lachend herüberschrieen, daß er ihnen den -geheimen Pfad zum warmen Heerde zeigen möchte, -und hinter dem Hause raschelte es in den Zweigen -und er vernahm leises Flüstern. Schnell schritt er diesem -zu. Hennigs stand vor dem Neger, der seine Hand -<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -erfaßt hatte und sie trotz dem Sträuben des jungen -Mannes inbrünstig an die Lippen drückte. Der arme -Knabe konnte vor Schluchzen kaum reden und wollte -sich immer wieder zu den Füßen seines Retters niederwerfen.</p> - -<p>»Unsinn,« sagte dieser und schob ihn von sich, -»mach jetzt schnell, daß Du fortkommst, sonst wird's -zu spät; meine Adresse hast Du, das Pferd schickst Du -mir nach St. Louis zurück.«</p> - -<p>»Euer Pferd?« frug Draper schnell.</p> - -<p>»Er kann nicht anders fort!« flüsterte Jener. »Doch -nun schnell, sonst wird's beim ewigen Gott zu spät! -Kannst Du reiten?«</p> - -<p>»Den wildesten Hengst, der je einen Reiter abwarf,« -lautete die Antwort.</p> - -<p>»Desto besser, Du hast's vielleicht nöthig, aber -– schone mir das kleine Thier, wenn's irgend geht; -es ist ein so gutes Poney wie eins in den Staaten -und – mein einziges; aber alle Teufel, da kommen -die Reiter herum; Pest und Gift, wir haben so lange -gezögert, bis sie uns auf dem Kragen sitzen. Was nun -thun? Willst Du jetzt fort, so müssen sie Dir begegnen; -der einzige Ausweg hier ist kaum dreißig -Schritte breit.«</p> - -<p>Der Neger stand wenige Secunden lauschend still, -<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -doch das immer näher kommende Galloppiren der -Hufe ließ keinen Zweifel mehr übrig; was geschehen -sollte, mußte schnell geschehen, und mit kühnem -Sprunge schwang sich der Sohn Afrika's in den Sattel, -winkte noch einmal mit der Hand und preßte die -Flanken des kleinen, ungeduldig stampfenden Poney's. -Im nächsten Augenblick überflog es einen vor ihm liegenden -umgestürzten Futtertrog und wollte eben in -den schmalen Pfad einlenken, der von hier aus allein -durch das Gewirr von Aesten und Zweigen führte, -als von dorther ein lauter Jubelruf drang und gleich -darauf ein in ein helles Jagdhemd gekleideter Reiter -erschien.</p> - -<p>»Hurrah! hier ist der Weg!« schrie dieser, »kommt -an, Hilbert, im Hause ist Licht und da vorn seh ich -auch Gestalten, auf jeden Fall finden wir eine trockene -Stube und ein loderndes Feuer; wer zuerst am Kamin -ist, bekommt den besten Platz.«</p> - -<p>Benjamin erkannte mit Entsetzen die Stimme seines -Herrn, das Blut erstarrte ihm in den Adern, doch -hier galt es Entschlossenheit, das Leben stand auf dem -Spiele; mit Blitzesschnelle glitt er aus dem Sattel, -warf sich den Zaum über den Arm und schritt zurück, -dem Hause wieder zu.</p> - -<p>»Halt da!« schrie der voransprengende Wallis. -<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -»Hier, Bursche, hörst Du nicht? nimm mein Pferd -auch mit, reib es tüchtig ab und gieb ihm genug -Mais, die Thiere sind alle todtmüde; leg' aber auch -die Sättel ins Haus!«</p> - -<p>Und er schwang sich vom Rücken seines schnaubenden, -schäumenden Rappen, überließ den Zügel dem -Schwarzen, ohne diesen weiter eines Blickes zu würdigen, -und eilte dann mit flüchtigen Sätzen der Thüre -zu; denn der bis jetzt drohendbedeckte Himmel fing an -in großen Tropfen die Boten eines nahenden Unwetters -niederzusenden.</p> - -<p>»Gerade zu rechter Zeit, wie abgemessen!« rief er, -als er das schützende Dach über sich sah. »Guten -Abend, Ladies und Gentlemen, müssen tausendmal -um Entschuldigung bitten, es kommt aber eine ganze -Jagdgesellschaft, die Noth zwingt uns Ihre Gastfreundschaft -in Anspruch zu nehmen.«</p> - -<p>Draußen sprengten die Reiter vor das Haus und -hingen die Zäume ihrer Thiere an einzelne Aeste und -schwankende Zweige der umhergestreuten Bäume, -während sie vergebens nach dem Neger schrieen, die -Pferde zu versorgen und zu füttern.</p> - -<p>»Gentlemen,« sagte Draper, der in diesem Augenblick -in die Thüre trat und seine Gäste bewillkommte; -»Sie rufen nach einem Neger, ich muß aber sehr bedauern, -<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -daß ich keinen habe, deßhalb soll jedoch -Ihren Pferden nichts abgehen, ich werde sie selbst -besorgen.«</p> - -<p>»Ich habe doch mein Thier eben einem Neger -übergeben!« rief Wallis.</p> - -<p>»Das war ich!« lachte Hennigs, der jetzt ebenfalls -ins Trockene trat; »ich merkte wohl, daß Ihr mich für -einen Nigger hieltet.«</p> - -<p>»O, bitte tausendmal um Vergebung, Sir,« sagte -der Farmer, und trat, ihm die Hand entgegenstreckend, -auf ihn zu, »es fing gerade an zu regnen, und ich sah -gar nicht ordentlich zu, dachte wahrhaftig, es wäre -so ein schwarzer Hallunke gewesen. Seid übrigens -froh, Draper, daß Ihr keinen habt, nichts als Sorge -und Noth mit den Bestien. Ah, guten Abend, Richter, -wie geht's? wohin? zur Betversammlung? das ist -recht; es ist ein Glück für das Land, wenn die, so mit -der Polizei desselben beauftragt sind, auch ihren Gott -darüber nicht vergessen. Ein frommer Richter ist stets -ein gerechter Richter. Ich würde auch mitgehen, aber -leider hält mich diesmal die Verfolgung eines nichtsnutzigen -Buben ab, den ich erst seiner gerechten -Strafe übergeben muß.«</p> - -<p>Der Eintritt der Uebrigen unterbrach hier den -Redner, und es war für den Augenblick ein allgemeines -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -Begrüßen, Entschuldigen, Einanderausweichen -und Stühlerücken, bis endlich, nach mancher -Platzveränderung lebendiger, wie lebloser Gegenstände, -eine Anzahl von Personen in dem engen -Raume nicht allein untergebracht, sondern auch verhältnißmäßig -bequem placirt war, von der sich nur -der einen richtigen Begriff machen kann, der einmal -selbst in einem solchen Haus gelebt hat und Zeuge -gewesen ist, wie in einem Raum von »zwanzig bei -zwanzig,« das heißt: »zwanzig Fuß lang und zwanzig -breit,« zwei bis drei Familien mit einer unbestimmten -Anzahl von Kindern im Stande sind zu wohnen, -kochen und zu schlafen.</p> - -<p>Hennigs und Draper hingen sich nun, als sie das -Innere des Hauses ein wenig geordnet hatten, ihre -alten wollenen Jagddecken über, und eilten schnell -hinaus, die Pferde der Jäger zuerst in einem gemeinsamen -Trog zu füttern, und sie dann, da von einem -Stall oder Schuppen auch keine Spur in der Nähe -war, für die Nacht ihrem Schicksal zu überlassen.</p> - -<p>Der Sturm zog indeß herauf, und rauschte und -tobte in den alten, weitgespreizten Wipfeln der mächtigen -Bäume; von Süd und Westen kam er zusammen, -und schleuderte seine gewitterschwangeren Hülfstruppen, -die flüchtigen dunkeln Wolkenmassen, mit -<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -starken Fäusten gegen einander, daß sie sich, grollend -und tobend, mit den zuckenden Gluthlanzen die weiten, -giftgeschwollenen Bäuche durchstießen, und nun in tollen -Schauern ihre Ströme auf die Erde hinabflutheten. -Die Thiere des Waldes suchten ihre versteckten Lager, -die Eule selbst barg sich in der sichern Höhlung, und -verschob den Raub auf eine günstigere Zeit. Nur der -Wolf, der immer gefräßige, zog mit seiner wilden -Schaar lauernd und geräuschlos unter den niederkrachenden -Aesten hin, schnuppernd dabei die Nase erhoben, -den Schlupfwinkel irgend eines scheuen Wildes -zu erspähen. Dann und wann aber, wenn ein lauterer -Schlag, als gewöhnlich, den Wald durchdröhnte, -und das Echo aus den fernen Bergen klagend und -grollend antwortete, dann stellte sich wohl der Führer -des Rudels, hob den langen, spitzen Kopf zu den jagenden, -über ihn dahinstiebenden Wolken empor, und -heulte seine klagende Weise hinein in den Aufruhr der -Elemente, daß sich der unter das sichere Farmhaus -gedrückte Hund unruhig hob, knurrend einen Augenblick -den bekannten gehaßten Tönen lauschte und sich -dann, mit halb unterdrücktem Bell wieder fester und -wärmer zusammen rundete, als vorher.</p> - -<p>Die Männer im Innern der Hütte ließen aber -den Sturm Sturm sein; das war ein alter Bekannter -<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -von ihnen, und das Niederprasseln einzelner Aeste, ja -oft ganzer Stämme, das Heulen wilder Bestien und -das Rasen der Windsbraut, sie hatten es schon wie -oft gehört. Ein loderndes Feuer, ein warmes Abendessen -und gute Gesellschaft ließ sie bald Alles vergessen, -was um und über ihnen vorging.</p> - -<p>Hennigs war besonders ausgelassen lustig, und -wenn auch Wallis und Pitt im Anfang nicht so recht -mit einstimmen wollten in seine Fröhlichkeit, so riß sie -der unverwüstliche Humor des jungen Mannes doch -zuletzt ebenfalls mit fort. Massen von alten Jagdgeschichten -und Anecdoten wurden erzählt, Scenen aus -dem Revolutionskrieg wieder aufgefrischt, da Pitt behauptete, -die Schlacht von New-Orleans mitgemacht -und hinter den Baumwollenballen damals mit vorgeschossen -zu haben, und es mochte zehn Uhr sein – eine für -den Backwoodsman ungemein späte Stunde – als die -Männer erst das Lager suchten, um sich für die Strapatzen -des morgenden Tages zu stärken und kräftigen.</p> - -<p>Die Nacht ging es mit dem Lagerraum allerdings -eng genug her, doch wußten die Jäger bald Rath; -seine wollene Decke hatte ein Jeder mit. Einige derselben -wurden deßhalb vor dem Feuer hingelegt, auf -denen dann sämmtliche Gäste in langer Reihe Platz -nahmen, und über diese wieder breitete nun ihr Wirth -<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -Alles, was er nur an breitbaren Gegenständen irgend -vorräthig fand. Ein gutes Feuer ward dabei ebenfalls -die Nacht über im Kamin unterhalten, und die -Männer lagen – wie es sich nur ein Jäger wünschen -kann – warm und trocken.</p> - -<p>Der nächste Morgen fand übrigens die Letztgekommenen -am frühsten zum Aufbruch fertig; Wallis -war schon draußen gewesen, um nach den Pferden zu -sehen, als der anbrechende Tag kaum seine ersten -bleichen Strahlen von Osten herauf sandte, und die -Uebrigen fachten indessen das fast niedergebrannte -Feuer wieder an, füllten den großen blechernen Kaffetopf -mit Wasser, und bereiteten Alles zu einem äußerst -frühen Aufbruch vor.</p> - -<p>Nur Hennigs, sonst immer der erste, zögerte an -diesem Morgen; an den Kaminsims gelehnt, stand -er, und starrte gedankenlos nach Mr. Pitt hinüber, -der, noch der einzige Schlafende, in einer Ecke sein -besonderes mit einem Unterbett versehenes Lager gefunden -hatte.</p> - -<p>Hilbert und Wallis, deren Thiere indessen schon -wieder gesattelt vor der Thüre standen, kamen jetzt -herein, um das von den Frauen schnell bereitete Frühstück -einzunehmen.</p> - -<p>»Nun, Hennigs,« sagte der Erste, als er seine am -<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a> -Feuer aufgehangenen Leggins<span class="top">[6]</span> anzog und mit dem -einen hart gewordenen eben wieder zur Thüre zurückschritt, -ihn auszureiben, »Ihr seid ja heut' Morgen -verdammt bequem, Euer armes Poney steht da -draußen, kaut an den Aesten herum und scheint unmenschlichen -Hunger zu haben.«</p> - -<p class="ci fss">[6]: Die ledernen gamaschenartigen Ueberzieher der Jäger.</p> - -<p>»Mein Poney?« sagte Hennigs halb verwundert, -halb ungläubig, und hob den Blick zu ihm auf.</p> - -<p>»Nun ja, das dort drüben gehört doch Euch, wie? -so eine kleine rauhhaarige Bestie giebt's ja weiter gar -nicht am ganzen Missouri.«</p> - -<p>Hennigs war mit einem Satz neben ihm und -blickte hinaus; wer aber beschriebe seine freudige -Ueberraschung, als er dort, mitten zwischen Draper's -Pferden, die durch das Unwetter heimgetrieben waren, -sein eigenes, liebes, kleines Poney erkannte, an das -er den ganzen Morgen mit einem recht wehmüthigen -Gefühl gedacht, und jetzt schon viele, viele Meilen -von da entfernt, todtmüde durch den anstrengenden -Ritt eines Verzweifelten, vermuthet hatte.</p> - -<p>War denn Benjamin zu Fuße fort? so thöricht -konnte er doch nicht gewesen sein.</p> - -<p>»Wie ist denn Pitt eigentlich hierher gekommen?« -<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a> -frug Hilbert in diesem Augenblick, und -überzählte leise murmelnd die Pferde, die fast sämmtlich -in verschiedenen Gruppen vor dem Hause standen.</p> - -<p>»Auf seinem Fuchs,« sagte Hennigs schnell, und -blickte forschend nach dem eben genannten Thier -umher.</p> - -<p>»Auf dem Goldfuchs?«</p> - -<p>»Ja; aber ich sehe ihn nicht.«</p> - -<p>»Der ist auch nicht hier!« meinte Hilbert, »am -Haus wenigstens nicht; denn ich bin seit länger als -einer Stunde auf, und fast die ganze Zeit draußen -gewesen.«</p> - -<p>Mrs. Draper rief in diesem Augenblick zum Frühstück, -und Mr. Pitt rutschte schnell unter den ihn bis -jetzt noch immer verhüllenden Pferdedecken hervor, zog -seinen Rock an und trat hinaus vor die Thüre, um -dort in einem großen blechernen Waschbecken Gesicht -und Hände zu baden. Die Jäger aber ließen sich -indessen nicht besonders nöthigen, sie langten wacker -zu, beendeten schnell ihr Mahl, und griffen dann, ohne -weiteres Zögern, nach ihren Büchsen, die gestern aufgegebene -Hetze – eine nun allerdings hoffnungslose -Arbeit – wieder zu beginnen. Beim Essen schon hatten -sie den Plan verabredet, wie sie jetzt am Besten des -<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -flüchtigen Negers habhaft würden, der ihnen, wie sie -äußerten, nach solch furchtbarem Wetter und in dem -Zustand, in welchem er sich befand, gar nicht mehr -entgehen konnte. Wie Draper jetzt vernahm, so waren -auch schon am Missouri selbst alle Farmer, die Boote -im Fluß hatten, von der Flucht des Sclaven in -Kenntniß gesetzt und bereit, ihn aufzufangen. Ihre -Absicht, was mit dem Unglücklichen geschehen solle, -wenn sie ihn ergriffen, äußerten sie ebenfalls unverholen: -er hatte sich an einem Weißen vergriffen, und -der Tod war dafür sein Loos. Der Friedensrichter -stimmte ihnen auch darin vollkommen bei, und versprach -sogar, den nöthigen Bericht darüber an den -Gouverneur des Staates zu machen, um von dort -her wenigstens einen Theil des Schadens für den -Eigenthümer vergütet zu bekommen.</p> - -<p>Fünf Minuten später waren die Männer beritten; -riefen noch Dank und Abschiedswort, von den Pferden -herunter, ihren freundlichen Wirthen zu, und sprengten -dann, Wallis und Hilbert ausgenommen, in zwei -Abtheilungen rechts und links ab, dem Missouri zu, -die beiden Letztgenannten aber bildeten, mit den besten -Hunden der Gesellschaft, das Centrum dieser Kette, -die also langsam und vorsichtig noch einmal den -ganzen Wald durchsuchten, wo sie den Flüchtling vermuthen -<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a> -mußten, und auf diese Art hofften, ihn entweder -aus seinem Lager auf-, oder doch den am Fluß -hin postirten Helfern in die Hände zu treiben.</p> - -<p>Draper sah ihnen lächelnd nach und murmelte, -als sie hinter den Büschen der Niederung verschwanden, -leise vor sich hin:</p> - -<p>»Geht nur, geht, ihr wackeren Männer, hetzt eure -Hunde und Pferde ab, um einen Menschen zu jagen; -den aber, den ihr sucht, bringt ihr mir nicht mehr -zurück. Hat er Glück, so kann er jetzt schon bald in -Illinois sein, und Mr. Peter Rollins mag ihm dort -durchhelfen.«</p> - -<p>Zu seinem keineswegs freudigen Erstaunen entdeckte -übrigens Mr. Pitt, nach eingenommenem Frühstück -die Abwesenheit seines Pferdes, die er sich gar -nicht erklären konnte, da das Thier sonst noch nie in -der Nacht den Trog verlassen hatte, an dem es gefüttert -worden, und das Fortlaufen eines Pferdes in -solchem Wetter doppelt unwahrscheinlich wurde, wo im -Gegentheil alles zahme Vieh gern die Nähe menschlicher -Wohnungen aufsucht. Hier half aber weiter kein -Besinnen, und er mußte, wollte er die Betversammlung -heute nicht versäumen, Mr. Draper's Vorschlag annehmen, -der ihm eines seiner Pferde zum Gebrauch -überließ und den Goldfuchs zu suchen versprach, -<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -sobald er selbst zurückkehren würde. Die beiden -Männer ritten auch zusammen voraus, und nur Hennigs -blieb bei den Damen zurück, um diese, die erst -noch Manches zu ordnen wünschten, später zu begleiten.</p> - -<p>Kaum schlossen sich nun die Büsche hinter dem -Friedensrichter und seinem Gefährten, als sich der -junge Farmer, der ihr Fortreiten durch eine Spalte -der Hütte beobachtete, mit triumphirendem Blick -gegen die Matrone wandte. Die arme Frau hatte -aber nur mit fürchterlichster Kraftanstrengung bis -dahin, und so lange die Fremden zugegen gewesen, -ihre äußere Unbefangenheit und Ruhe behaupten -können, jetzt, da der Zwang aufhörte, ließen auch -ihre Kräfte nach, und das Antlitz in den Händen -bergend, sank sie zitternd auf einen Stuhl nieder und -schluchzte laut.</p> - -<p>»Mutter!« riefen die beiden Mädchen, und -sprangen an ihre Seite: »liebste, beste Mutter!«</p> - -<p>»Mrs. Draper!« bat Hennigs, »beruhigen Sie sich -doch; schmerzt es Sie denn, daß Sie ein Menschenleben -gerettet haben?«</p> - -<p>Die Matrone bedurfte einige Zeit, ehe sie sich wieder -sammeln konnte; endlich blickte sie mit den thränenden -Augen zu dem jungen Mann auf, und sagte leise:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a> -»Sie haben mich hart gestraft, Hennigs, ich werde -gewiß in recht, recht langer Zeit nicht den gestrigen -Abend vergessen, habe ich aber gefehlt, so mag mir -Gott die Sünde vergeben, ich konnte nicht anders. – -Ach, unser Herz ist ja so schwach, und weiß wohl oft -selbst nicht, wo es irrt und wo es recht handelt. – -Wie ist der arme Junge entkommen, und ist er überhaupt -gerettet?«</p> - -<p>»Er hat Pitt's Pferd mitgenommen,« lachte Hennigs, -»dem »Niggerfresser« kann das übrigens nichts -schaden. Ben muß gestern Abend doch natürlich Alles -mit angehört haben, was er über ihn und seine Race -sagte, und da verdenk' ich's ihm gar nicht, daß er sich -ein Bischen an ihm gerächt hat.«</p> - -<p>»O, das thut mir leid, das thut mir sehr leid,« -seufzte die Matrone, »hätten Sie das nur verhindern -können; ich würde ihm ja so gerne eins unserer besten -Pferde überlassen haben.«</p> - -<p>Hennigs schwieg und sah vor sich nieder; jetzt -nahm aber Lucy das Wort, und rief:</p> - -<p>»Er <em class="ge">hat's</em> verhindern wollen, Mutter, er hatte -ihm schon sein eigenes, einziges Poney gegeben, ich weiß -es, aber die Ankunft der Fremden trieb den Flüchtling -wieder zurück. Erst später, als Alle hier im Hause -waren, muß der Negerknabe zurückgekommen sein -<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a> -noch einmal mit Lebensgefahr das Pferd seines Retters -gegen das seines Feindes umzutauschen.«</p> - -<p>Hennigs reichte ihr die Hand hinüber und flüsterte:</p> - -<p>»Ich danke Ihnen für das freundliche Wort, Lucy: -jener Neger scheint aber in der That Rücksicht auf -mein Eigenthum genommen zu haben; er ließ selbst -meinen Sattel zurück, den er durch darüber hingelegte -Bretter vor dem nächtlichen Regen schützte, während -er sich selbst mit der schlechtesten alten Satteldecke -begnügte, die er in der Geschwindigkeit finden -konnte.«</p> - -<p>»Wird er aber entkommen?« frug Sally ängstlich.</p> - -<p>»Den seh'n wir nicht wieder,« lachte der junge -Farmer, »seine Verfolger glauben ihn nördlich, weil -er auch zu Fuß und ohne Paß gar nicht anders hätte -fliehen können, er ist aber jetzt in anderer, als der in -der Zeitung beschriebenen, Kleidung, beritten und mit -einem guten Paß östlich, gerade dem Mississippi zugeflohen. -In St. Louis wird er sich übersetzen lassen, -und einmal in Illinois, droht ihm, unter diesen Verhältnissen, -keine Gefahr weiter. Der Goldfuchs ist -ohnedem ein Prachtpferd, und muß ihn bald seinem -Ziel entgegen tragen.«</p> - -<p>»Und Canada liefert ihn nicht wieder aus?«</p> - -<p>»Nein, wahrlich nicht; einmal dort, bringt ihn -<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a> -ganz Amerika nicht wieder in Banden; aber wollen -wir nicht aufbrechen?«</p> - -<p>»Ach, Mr. Hennigs, werde ich dem Prediger so -frei ins Auge sehen können?« sagte Mrs. Draper seufzend.</p> - -<p>»Frei und klar!« rief der junge Mann, »wie Sie -Ihr Auge zu dem heute ebenso rein auf uns niederlächelnden -Himmel heben können. Wir haben zwar -Alle gegen die Gesetze des Staates, aber, wie ich es -fest überzeugt bin, nicht gegen die Gesetze Gottes gehandelt, -und die einzige Bedenklichkeit, die ich jetzt -bei der ganzen Geschichte habe ist die, daß wir nicht -entdeckt werden. Doch auch das hat keine Gefahr, -und so wollen wir uns die schöne Zeit nicht selbst mit -unnützer Sorge und Noth verderben. – Ist denn -Lucy jetzt mit mir zufrieden?« flüsterte er dann, und -bog sich leise zu dem schönen Mädchen nieder.</p> - -<p>»Sie sind ein guter, guter Mensch!« sagte die -Jungfrau, und reichte ihm erröthend die kleine Rechte.</p> - -<hr /> - -<p>Acht Wochen mochten etwa nach den oben beschriebenen -Vorfällen entschwunden sein, der junge -Hennigs hatte um Draper's ältestes Töchterlein angehalten, -und dieses auch, da in dem schönen Lande -der Freiheit die Herzen, die sich lieben, nicht erst eine -<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a> -hohe Polizei zu fragen brauchen, ob sie auch einander -angehören dürfen, als sein braves Weib in die selbstgegründete -Heimath geführt. Um aber nicht so weit entfernt -von den Schwiegereltern zu wohnen, so waren die -beiden Männer übereingekommen, das einmal von -Draper durch seine erste Niederlassung in Beschlag -genommene Land gemeinschaftlich anzubauen, und die -schweren Aexte der wackeren Hinterwäldler hatten sich -denn auch schon recht tief und erfolgreich in den stillen -Frieden des Waldes hineingearbeitet.</p> - -<p>Mit Hülfe des Feuers, das die niedergeworfenen -Riesenstämme verzehren mußte, dehnte sich ein recht -stattliches Feld zwischen den beiden einander gegenüber -stehenden Blockhütten aus, und von den Nachbarn -angekauftes Vieh theilte der kleinen Farm jene -eigenthümliche, gemüthliche Lebendigkeit mit, ohne -die selbst die bedeutendste Niederlassung doch nur eine -Einöde sein würde.</p> - -<p>Da hielt eines Sonntags Morgens, gerade als -sich die kleine Familie um den reinlich gedeckten Tisch -gesetzt hatte, auf dem saftiges Hirschfleisch, braun -gebackenes Maisbrod und die dampfende Kaffekanne -zum leckeren Mahl einluden, ein Reiter vor der -Thüre der Hütte, und beide Männer sprangen gleich -schnell und erstaunt von ihren Sitzen auf; denn kein -<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a> -Anderer war es, als Squire Pitt auf – seinem -Goldfuchs.</p> - -<p>Er wurde augenblicklich hereingenöthigt, und -sollte nun schnell erzählen, wo er das Pferd wieder -bekommen habe, das seit jenem stürmischen Abend -nirgends wieder gesehen worden war; Pitt aber, der -schon mehrere Stunden geritten sein und nicht unbedeutenden -Hunger verspüren mochte, wollte sich auf -keine Erläuterungen einlassen, ehe nicht das Tischtuch -abgeräumt wäre; ein Stuhl ward ihm also rasch herbeigerückt, -und unser Friedensrichter ließ dann auch -der Kochkunst der jungen Frau alle nur mögliche Gerechtigkeit -widerfahren. Dann erst, als das Geschirr -beseitigt und der Tisch zurückgeschoben worden, löste -sich seine Zunge, und halb in Entrüstung über die -Frechheit des Erlebten, halb aber auch froh darüber, -sein vortreffliches Pferd, und noch dazu in so gutem -Zustande wieder erhalten zu haben, theilte er jetzt den -ihm aufmerksam Zuhorchenden mit, auf welche wunderliche -Art er wieder zu seinem Eigenthume gekommen -sei.</p> - -<p>»Denken Sie nur, Ladies,« erzählte er, »gestern -Abend sitze ich ruhig in meinem Zimmer und bin entsetzlich -müde; denn ich hatte mich den ganzen Tag im -Sattel herumgetrieben, da knurrt auf einmal mein -<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a> -kleiner Feist, der bei mir im Hause schläft, und ehe -ich nur aufstehen kann, tritt auch schon, wer anders -als der Postmeister vom nächsten Städtchen drüben, -zu mir herein. Erst glaubte ich, er käme aus der westlichen -Ansiedelung und wollte zu Hause reiten; aber -Gott bewahre, er sagte, er brächte mir etwas, faßt -mich beim Arm, führt mich vor die Thür und zeigt -mir – meinen eigenen Fuchs, der leibhaftig vor mir -steht und mich anwiehert. Ladies, es ist zwar nur -ein Vieh, aber ich fiel ihm vor lauter Freuden um -den Hals und wollte eben anfangen zu fragen, wem -in aller Welt ich das Wiedererlangen meines -Eigenthums verdanke, als er mir einen Brief übergab -und mir sagte, ein Mulatte hätte das Pferd da -nach St. Louis gebracht, dort sich nach unserm -Postoffice erkundigt und dann einen Boten gemiethet, -der Beides – Pferd und Brief – in unsere -Ansiedelung brachte. Das war nun schon an und für -sich merkwürdig, das Merkwürdigste aber ist der -Brief.«</p> - -<p>»Von wem?« riefen Alle zugleich.</p> - -<p>»Ja, das rathen Sie einmal!« sagte der Kleine, -indem er beide Arme vor sich auf die Stuhllehne -stemmte und ein verzweifelt geheimnißvolles Gesicht -machte; »aber geben Sie sich nur keine Mühe, Sie -<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a> -rathen es im Leben nicht, denken Sie nur, von Ben, -dem von Wallis entflohenen Nigger.«</p> - -<p>»Konnte denn der schreiben?« frug Draper ungläubig.</p> - -<p>»Nein, das konnte er allerdings nicht,« sagte der -Friedensrichter, »er hat auch nur sein Zeichen, eine -Art Kreuz, darunter gemacht, das ist aber einerlei, -ein anderer Nigger hat's für ihn, von Canada aus, -geschrieben.«</p> - -<p>»Von Canada aus?«</p> - -<p>»Ja, von Canada; die Bestie ist glücklich, Gott -nur weiß freilich auf welche Art, nach Canada entkommen; -das ist aber ein neuer Beweis, wie wir den -Engländern so bald als möglich ein Land abnehmen -müssen, das uns erstlich, nach der ganzen Natur der -Sache, angehört, und durch das die Bürger der Vereinigten -Staaten schon so unendlichen Schaden erlitten -haben.«</p> - -<p>»Aber was steht in dem Brief?« frug Sally neugierig.</p> - -<p>»Der ist »kurz und süß,« wie die Yankees sagen,« -brummte der Friedensrichter, »noch dazu von einem verwünschten -Nigger selbst geschrieben, der sich einen »freien -canadiensischen Bürger« nennt und mich – wenn ich -die Canaille nur hier hätte! – herzlich grüßen läßt.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a> -»Nun, das ist doch freundschaftlich,« lachte -Hennigs.</p> - -<p>»Freundschaftlich? der schwarze Lump nennt mich -sogar sein »liebstes, bestes Pittchen« und bittet mich, -ich möchte ihn, wenn ich einmal nach Toronto käme, -doch auf jeden Fall besuchen.«</p> - -<p>»Aber Ben? was schreibt Ihnen denn Ben, bester -Mr. Pitt!« bat Sally.</p> - -<p>»Ih nun, daß er an dem Abend meinem Pferd im -Walde begegnet und überzeugt gewesen sei, ich würde -mir ein Vergnügen daraus machen, es ihm auf wenige -Wochen zu überlassen, – der Schuft! – er -kenne mein gutes Herz, sagt er, und wünsche mir -nur die Verwirklichung des Segens, den die Neger -meiner Nachbarschaft schon seit Jahren auf mich herabgefleht -hätten; als ob ich nicht wüßte, daß mich die -schwarzen Hallunken alle wie die Pest hassen.«</p> - -<p>»Und das Pferd?«</p> - -<p>»Hat er, Gott weiß durch welche Gelegenheit, -nach St. Louis gesandt; es wundert mich übrigens -doch, daß ein Nigger ein gestohlenes Pferd zurückschickt.«</p> - -<p>»Und sollte es unter den Negern nicht auch brave, -ehrliche Leute geben?« frug Mrs. Draper vorwurfsvoll.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a> -»Hm, ja, Madame, mögen da nicht ganz unrecht -haben,« sagte der kleine Friedensrichter und machte -sich fertig, nach Hause zurückzukehren: »das eine -Beispiel spricht wenigstens dafür; doch, ich weiß nicht, -es ärgert mich auch wieder, daß uns der schwarze -Schuft so zum Narren gehabt hat. Nun, ich will -jetzt einmal zu Wallis hinüber und den von der glücklichen -Flucht seines Sclaven in Kenntniß setzen. Wird -sich auch unmenschlich darüber freuen, ist ein reiner -Verlust für ihn von achthundert Dollar.«</p> - -<p>Der kleine Friedensrichter bestieg seinen schönen -Goldfuchs, den er von diesem Augenblick an Ben -nannte, und ritt zum »Squire Wallis« ins nächste -County, – den aber sollte er nicht mehr unter den -Lebenden antreffen. Ein von ihm mißhandelter Mulatte -hatte in Rache und Wuth eine Spitzhacke ergriffen -und diese seinem Master in die Schulter gehauen; -eine Stunde später war er todt. Der Mulatte floh -nun zwar nach der That dem Missouri zu und wollte -diesen durchschwimmen, konnte aber der reißenden -Strömung desselben nicht widerstehen, und sank in -demselben Augenblick unter, als seine Verfolger das -Ufer erreicht hatten und eben noch sahen, wie sich die -Fluth über ihm schloß.</p> - -<p>Das Alles schien übrigens einen höchst wohlthätigen -<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a> -Einfluß auf den Richter Pitt ausgeübt zu haben, -er behandelte von da an seine Neger viel besser und -freundlicher, und es soll in neuerer Zeit keinem mehr -eingefallen sein, ihn den »Negerfresser« zu nennen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a> -Der Freischütz.<br /> - -<span class="subheader ge">Scene aus dem Dresdner Leben.</span></h2> - - -<p class="ci"><em class="ge">Heute, Montag den 26. Februar in Kurfürstens -Hof »der Freischütz.« Schauspiel -mit Chören, in vier Aufzügen. Um gütigen -Besuch bittet</em></p> - -<p class="ci si"><b>Johann Magnus.</b></p> - -<p>»Wo ist denn »Kurfürstens Hof?« frug ein junger -Mann in schwarzer Sammtmütze und blauer Pekesche -den vorbeistürmenden Kellner, als er eben den oben -angeführten Satz seinem, mit ihm an ein und demselben -Tisch sitzenden Freunde vorgelesen hatte.</p> - -<p>»Elbberg,« rief der Schooßlose und drängte sich, -die ganze Hand voll Bierkrüge, wobei er an jedem -Finger wenigstens drei zu tragen schien, durch ein eben -eintretendes Rudel neuer Gäste, die früher erhaltenen -Aufträge zu erfüllen. Weitere Aufklärung war augenscheinlich -von diesem hochfrisirten Ganymed nicht mehr -zu erlangen; vom nächsten Tisch aber bog sich sehr -<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a> -artig ein alter Herr in schneeweißen Haaren und grüner -Brille herüber und erwiederte auf die, wenn auch -nicht an ihn gerichtete Frage:</p> - -<p>»Unten, nicht weit von der Elbe, auf dem sogenannten -Elbberg, dort kann Ihnen jedes Kind das -verlangte Haus zeigen.«</p> - -<p>Der junge Mann dankte und wandte sich wieder -an seinen Gefährten, der indessen ebenfalls das Blatt -genommen und die kurze Anzeige gelesen hatte.</p> - -<p>»Da müssen wir auf jeden Fall hin, Osfeld; es -wird auch die höchste Zeit sein, denn es hat schon acht -geschlagen.«</p> - -<p>»Wir kommen noch früh genug,« meinte Osfeld, -»ich bin schon mehrere Male bei Magnus gewesen; -er beginnt selten vor halb neun Uhr.«</p> - -<p>»Und wie ist's mit der Toilette? wird da nicht -ein alter Rock und eine etwas vom Wetter mitgenommene -Mütze nothwendig sein? – ich bekomme nicht -gern Schläge.«</p> - -<p>»Unsinn,« lachte Osfeld – »so schlimm ist's nicht, -wir finden dort ganz nette Leute; höchstens werden -die, welche bei ernsthaften Scenen zu viel lachen, oder -sich sonst unnütz machen, hinausbefördert.«</p> - -<p>»Also ein einfaches Ausweisungsprincip für mißliebige -Personen,« sagte der Erste, den wir Wehrig -<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a> -nennen wollen – »dagegen läßt sich Nichts thun, denn -das ist ein Erbfehler, dem wir armen Menschenkinder -nun einmal unterworfen sind; schon Adam mußte sich -das gefallen lassen.«</p> - -<p>»Das soll aber auch mit Adam noch eine ganz -andere Bewandtniß gehabt haben,« meinte Osfeld, -während er seinen Hut vom Nagel nahm und den -Rock zuknöpfte. »Adam hat, wie sich jetzt ziemlich -deutlich herausstellt, auch wissen wollen, <em class="ge">weßhalb</em> -er nicht von dem Baume der Erkenntniß essen solle, -und eine solche Neugierde läßt sich ja bei uns nicht -einmal ein Bürgermeister gefallen. Hier ist übrigens -keine Gefahr – ich kenne die Leute recht gut.«</p> - -<p>»Dann weißt Du also auch wo Kurfürstens -Hof ist?«</p> - -<p>»Nein, das nicht; Magnus spielt jeden Abend der -Woche in einem anderen Wirthshaus, und Garderobe -wie Scenerie wird auf einem kleinen Handkarren von -Ort zu Ort mitgeführt. Er bekommt dadurch stets ein -frisches Publicum, und kann nun ein und dasselbe -Stück sechs bis siebenmal hinter einander aufführen; -die Schauspieler lernen dann auch gegen Ende der -Woche ihre Rollen ausgezeichnet.«</p> - -<p>»Wie aber macht er es mit der Maschinerie, den -Versenkungen etc.?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a> -»Oh, die letzteren besonders sind sehr einfach. -Steht der Geist oder Zauberer, der versinken soll, -aufrecht auf der Bühne, so wird die Täuschung dadurch -erzweckt, daß er sich schnell bückt und man ihm -zu gleicher Zeit aus der nächsten Coulisse heraus ein -dunkles Tuch überwirft – stürzt er aber vorher, und -soll er als Leiche verschwinden, so muß er nur mit den -Füßen dicht an oder hinter eine Coulisse zu liegen -kommen, dann entzieht ihn ein kräftiger Ruck dem -Gesichtskreis der Zuschauer, was auch, da die Garderobe -für jeden Abend <em class="ge">geborgt</em> wird, mit keinem -Nachtheil für den Director selbst verbunden ist.«</p> - -<p>»Also gar keine Maschinerie – o weh Wolfsschlucht; -doch was thut's, auf jeden Fall sehen wir's -uns an.« Und die Freunde traten hinaus in die kalte -Nachtluft, die ihnen den gefrornen Thau in feinen -scharfen Flocken entgegenschleuderte.</p> - -<p>Die Promenade war menschenleer und keine Seele -begegnete ihnen durch die ganze kegelbahnartig angelegte -Allee bis zur Amalienstraße und von da hinab -bis zum nahen Ufer der Elbe, so daß die späten -Wanderer (es hatte eben halb neun geschlagen) -schon in eine noch erleuchtete Materialhandlung eintreten -wollten, um sich dort nach dem Ziel ihres -Marsches, dem Schauplatz der heutigen Aufführung -<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a> -zu erkundigen, als ein altes Mütterchen, mit einer -grünen Glasflasche in der einen, und einem eingewickelten -Häring in der andern Hand, aus derselben -Thüre kam, und an ihnen vorbei, die Straße hinaufgehen -wollte.</p> - -<p>»Möchten Sie wohl die Güte haben, uns zu -sagen wo hier <em class="ge">Kurfürstens Hof</em> ist?« redete sie -jetzt Osfeld ganz artig an.</p> - -<p>Die Alte blieb stehen, sah sich den Fragenden von -oben bis unten sehr genau an, warf dann den Kopf -zurück und rief mit scharfen gellenden Tönen: »Na ja -– <em class="ge">Ihr</em> wärdt' wohl Kurfirschtens nich wissen« – -und setzte murrend ihren Weg fort.</p> - -<p>Osfeld und Wehrig lachten laut auf, jene aber, -dadurch noch mehr in dem Wahn bestärkt, daß man -sie hatte wollen zum Besten haben, wandte sich um, -schimpfte und – sie war ja eine Deutsche – drohte -mit der Polizei.</p> - -<p>Mehrere Fischerleute kamen jetzt die Straße -herauf und verschwanden in einer nicht mehr weit -entfernten Thür, aus welcher, als sie geöffnet wurde, -ein heller Strahl auf das Pflaster fiel. Nicht mit -Unrecht schlossen die beiden Freunde, daß dies vielleicht -der berühmte Platz wäre, den <em class="ge">nicht</em> zu kennen -hier für unmöglich, oder doch wenigstens unwahrscheinlich -<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a> -gehalten wurde, und siehe da, sie hatten sich -nicht getäuscht. Eine schmale Treppe führte zu dem -Saal hinauf, an dessen Thüre, mit etwas Mehlkleister -befestigt, ein Theaterzettel im Manuscripte -hing, neben welchem eine kurzgebaute, etwas breithüftige -Frau saß, die sich vor einem kleinen Tischchen, -das außer dem dünnen Talglicht und der kleinen -blechernen Büchse auch noch zwei Pakete sehr abgegriffener -Billete trug, als »der Kassirer« auswies.</p> - -<p>War es nun eine, in dem bewegten Theaterleben -erlangte Menschenkenntniß oder blos das Auftreten -zweier anständigen Tuchröcke, kurz die Frau griff fast -instinktartig nach den Billeten für den »<em class="ge">ersten Blatz</em>« -und um 2½ Neugroschen <i>à</i> Person, traten sie schweigend -ein in Thalias Tempel.</p> - -<p>Ein großer Saal, von dem die Bühne etwa ein -Drittheil einnehmen mochte, enthielt das Theater, und -ein ziemlich viereckiger Vorhang mit gar wundersamer -Malerei, verhüllte die Mitte, während zwei schmale -Streifen Wald (die Bäume horizontal ausgespannt, -um den leeren Zwischenraum vollkommen zu verdecken) -die Zuschauer von einem Versuch zurückschrecken -sollten, das Innere des Heiligthums zu erforschen. -Nichts destoweniger hatte sich ein »Stück jungen -Deutschlands« an die dortige Wand gedrängt, und -<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a> -dem kühnen Forschergeist der hoffnungsvollen Jugend -gelang es auch wirklich, dann und wann einen flüchtigen -Blick auf ein geschminktes Antlitz oder einen -gewaltigen Federbusch werfen zu können, was dann -augenblicklich durch ein freundliches telegraphenartiges -Grinsen den Kameraden mitgetheilt wurde.</p> - -<p>Vor dem Vorhang staken, auf schwarzen Blechprofitchen, -fünf schwindsüchtige Talglichter, und -zwischen diesen und den, in doppelter Reihe aufgestellten -Rohrstühlen des »ersten Blatzes« lagerte, in -malerischer Unordnung, die frohe, jubelnde Schaar -der Schulkinder, beiderlei Geschlechts, die hier – -für einen Sechser Entrée und der übernommenen -Pflicht, das Ausblasen und Wiederanstecken der Lichter -zu besorgen, je nachdem es dunkel oder hell werden -mußte – theils lachend und schreiend, theils sehnsüchtig -und mit einem gewissen ehrfurchtsvollen -Schauer, den Anfang des Stückes erwarteten.</p> - -<p>Die Zuschauer hatten sich ungewöhnlich zahlreich -versammelt, und selbst die Gallerie (ein aus mehreren -mit Brettern überlegtes Gestell von nebeneinandergesetzten -sogenannten Böcken bestehend,) war so besetzt, daß -Einzelne, die durch beharrliches Ausdauern die erste Reihe -gewonnen hatten, von ihrem, etwa zwei Fuß hohen -und etwas gefährlichen Stand, herunter gedrängt -<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a> -wurden, und nun, unter dem Hohnlachen der jedes -Mitgefühls unfähigen Menge, ein anderweitiges Unterkommen -suchen mußten, um auf den Zehen und mit -vergebens ausgestreckten Hälsen die Aufführung zu -genießen.</p> - -<p>Nur mit großer Mühe und zu noch größerer -Unbequemlichkeit der schon Sitzenden, wurde, durch -Zusammenrücken, den Letztgekommenen Platz gemacht. -Diese dann, der vordersten Stuhlreihe einverleibt, -sahen sich plötzlich inmitten der festzusammengekeilten -Menge, wobei ihnen jedoch, während ihre Kniee der -vor ihnen lagernden »lieben Jugend« zu eben so vielen -Rückenkissen dienten, vollkommene Zeit blieb, die verschiedenen -Gruppen der übrigen Zuschauer genau zu -betrachten.</p> - -<p>Die arbeitende Klasse war am stärksten vertreten, -und hübsche Dienstmädchen, wie kräftige Handwerker -und Fischer, füllten fast den ganzen Raum aus; auf -den »Sperrsitzen« saßen aber auch eine ziemliche Anzahl -»nobel gekleideter« Gäste, und unter den letzteren fielen -besonders zwei wohlfrisirte und beglacéehandschuhte -Jünglinge – augenscheinlich aus einer der ersten -Materialwaarenhandlungen der Residenz – in die -Augen, wenigstens hafteten die Blicke der Jugend, so -lange noch deren Aufmerksamkeit nicht der Bühne -<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a> -zugelenkt wurde, fast ausschließlich auf ihnen, wie sie, -nachlässig auf ihren Stühlen zurückgelehnt, mit sehr -schwarzen Hüten, peinlich blauen Halstüchern, großen -Ringen an den rothen Fingern und mächtigen goldenen -Halsketten, allerdings etwas auffallend gegen ihre -einfache Umgebung abstachen. Neben diese, nur eine -Reihe weiter vor, kamen die beiden Freunde zu sitzen, -und hörten, wie der ihnen Nächste zu dem Anderen -sagte, während er das kleine schwanke spanische Rohr -mit dem maigrünen Glacéehandschuh an die Lippen -hob:</p> - -<p>»Eugene – die Sache fängt an unangenehm zu -werden – es ist hier eine abominable Atmosphäre.«</p> - -<p>»Auf Ehre,« erwiederte ihm, als wirkliches Spiegelbild, -Eugene – »ich wollte wir wären in's Café -gegangen; es sind doch hier gar zu viele« – er beendete -die Rede flüsternd, da er wahrscheinlich von den -hinter ihm Befindlichen mißverstanden zu werden -fürchtete.</p> - -<p>Das übrige, größere Publicum theilte übrigens, -wenn gleich aus einem anderen Grunde, ihre Ungeduld, -es ging nämlich stark auf neun, und trotzdem -wurden immer noch keine Anstalten sichtbar, daß die -Vorstellung wirklich beginnen sollte. Man trommelte, -tobte und schrie also so lange, bis sich Herr -<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a> -Magnus endlich genöthigt sah vorzutreten, um den -Lärmenden anzuzeigen, daß »die – Garderobe noch -fehle, in wenigen Minuten aber auf jeden Fall erscheinen -müsse.«</p> - -<p>»Ich habe keenen Hausschlüssel mit!« schrie eine -sehr feine Stimme aus der Mitte des Publicums -heraus.</p> - -<p>»Ich ooch niche!« erwiederte eine andere, vom -entgegengesetzten Ende des Saales – »und bei mir -machen se punkt zehne die Bude zu.«</p> - -<p>»Sie können ja immer anfangen,« schlug ein -Bäckergesell vor – »wenn de Garderobe nachen -kimmt, werfen Sie die paar Lumpen schnell iber.«</p> - -<p>Noch mehrere solche gutgemeinte Rathschläge -wurden laut, und der Director war eben wieder achselzuckend -und seitwärts in den linken Baumwipfel verschwunden, -als der rettende Engel, in Gestalt eines -vierschrötigen Hausknechts, erschien, der in einem -mächtigen Tragkorb die so heiß ersehnten Costüme -herbeischaffte. <em class="ge">Mit</em> der Garderobe kam denn auch -ein regeres Leben <em class="ge">in</em> die Garderobe, und kaum eine -Viertelstunde später tönte die helle Klingel – Alles -schwieg und – auf rollte der Vorhang.</p> - -<p>Krach!</p> - -<p>»Ach Herr Jeses!« schrieen eine Menge Frauenstimmen, -<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a> -als der Schuß – so fast mitten unter ihnen -– fiel; bald war aber jeder etwa empfundene Schreck -über das imposante Schauspiel vergessen, das sich -jetzt, im eng zusammengedrängten Raum ihren Blicken -bot.</p> - -<p>Rechts am Tische saß Max, in grüner Jagdkleidung, -der Scheibenkönig, dem zwei<span class="top">[7]</span> Bauern in -langer Reihe folgten, trat auf, und verhöhnte den -unglücklich gewesenen Jäger.</p> - -<p class="ci fss">[7]: Auf Magnus Theater dürfen, wie bei jener Kaffeegesellschaft, -nur immer viere auf einmal reden – d. h. es ist ihm untersagt, -mehr als vier Personen zu gleicher Zeit auf die Bühne zu -bringen.</p> - -<p>Die Scenerie war <em class="ge">Wald</em> – und zwar der Hintergrund -aus hellbraunen in ungeheuerer Perspective -immer kürzer und kürzer werdenden Stämmen bestehend, -die jedoch, wunderbarer Weise, ihre natürliche -Dicke beizubehalten schienen. Rechts befanden sich -ebenfalls zwei Waldcoulissen, links aber und ganz -vorn, stand ein vierstöckiges, wunderbar gelbes Haus, -an welchem wiederum ein in der dritten Etage ausgeschobenes -– zwei Etagen langes Schild mit einem -halbgefüllten Bierglas darauf, verkündete, daß diese -Waldwohnung ein Wirthshaus sei.</p> - -<p>Die nächsten Scenen gingen ziemlich ruhig und -<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a> -ohne irgend etwas Auffallendes vorüber – Max -schlug sich mit zwei Bauern herum, der Erbförster kam -dazu, erzählte seine alte Geschichte, und wurde, -als auch er die Scene verließ, von Caspar ersetzt, der -jetzt, ohne die mindeste vorherige Warnung, sein -Trinklied: »Hier im ird'schen Jammerthal« allerdings -mit dem Originaltext, aber auch wirklich nach Original-Melodie, -anstimmte; dann schüttete er dem Max -ein Viertel Pfund gestoßenen Zucker in den Wein, -während dieser am Tische saß, übrigens – seiner Rolle -getreu, da er das nicht sehen durfte, – den Kopf -wegwandte, und nun kam die Scene, wo der junge -Schütze den Adler »aus hoher Luft« schießen sollte.</p> - -<p>Eine wunderbare Veränderung war aber indessen, -und zwar mit Zauberschnelle, im Gemüthe des Max -vorgegangen. Das Textbuch sagt nämlich:</p> - -<p>»man merkt ihm von jetzt eine gewisse Heftigkeit -an, einem leichten aber bösen Rausche gleich.«</p> - -<p>Nachdem er also, auf Caspars Veranlassung, den -Fürst hatte leben lassen, fing er plötzlich an zu taumeln, -und zwar so stark, daß er sich fortwährend an -der einen Tischecke festhalten mußte.</p> - -<p>Jetzt reichte ihm Caspar die Büchse, und Max -frug mit schwerer, lallender Zunge und halbgeschlossenen -Augen:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a> -»Was soll ich damit machen?«</p> - -<p>Auf Caspars in die Höhedeuten, entdeckte er nun -wirklich, wie er sagte, den Adler, hob, fortwährend -dabei beschäftigt sich im Gleichgewicht zu halten, die -Büchse an den Backen und – drückte ab.</p> - -<p>»Klapp!« – das Zündhütchen versagte – das -Gewehr ging nicht los.</p> - -<p>»Probier es noch einmal!« sagte Caspar mit -merkwürdiger Geistesgegenwart. Max setzte auch ein -neues Zündhütchen auf, leider aber mit nicht besserem -Erfolg. Das Publicum war dabei so indiscret und -lachte, als ob einem Jäger das Gewehr nicht manchmal -versagte. Caspar jedoch, im Charakter seiner -Rolle überhaupt ärgerlich – setzte ein drittes mit -eigener Hand auf, und rief nun, als auch dieses -kraft- und erfolglos blieb, mit unterdrückter, aber -trotzdem sehr deutlicher Stimme in die Coulisse -hinein:</p> - -<p>»Werft ihn hinaus!«</p> - -<p>– Niemand folgte dem Befehl –</p> - -<p>»Werft ihn hinaus!« schrie er jetzt lauter und vernehmlicher.</p> - -<p>»Wen?« frug die dünne Stimme aus dem Publicum.</p> - -<p>Das Räthsel wurde jedoch gleich darauf gelöst, -<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a> -denn aus der Coulisse stieg, sich etwas über den quervorgespannten -Leinwandstreifen erhebend, ein dunkler -Gegenstand empor – klappte oben an die Decke, und -schlug dann, mit schwerem Fall, vor dem entsetzten -Max nieder. Leider war aber der Adler den vorn brennenden -Lichtern ein klein wenig zu nahe gekommen, -denn die Kinder vorne jubelten jetzt, halb in Freude, -halb in Ueberraschung:</p> - -<p>»Herr Jeses – enne dote Hinne – enne dote -Hinne!« (Huhn.)</p> - -<p>»Hören Sie einmal – wenn Sie Nichts dagegen -haben, so wär es mir lieb, Sie nähmen Ihren Hut -ein wenig ab,« sagte in diesem Augenblick ein breitschulteriger, -rothbäckiger Fischer, der dicht hinter -einem der vorerwähnten Jünglinge stand; »ich habe -bis jetzt nur den Vogel und Ihren Deckel gesehen.«</p> - -<p>Seine Anrede wurde übrigens nicht gehört, oder -nicht beachtet, denn mit einem verächtlichen Emporwerfen -der Oberlippe sog der, dem die freundliche Ermahnung -galt, nur um so eifriger an den elfenbeinernen -Stockknopf, und der Fischer, der wahrscheinlich -nicht beabsichtigte sich den angenehmen Abend durch -Zank und Aerger zu verderben, arbeitete vor allen -Dingen seine beiden breiten Hände aus den Taschen -der weiten Beinkleider heraus, und begann nun, wobei -<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a> -er jedoch ziemlich hoch hinaufreichen mußte, mit -den Fingern eine noch nicht componirte Melodie auf -dem Deckel des ihm die Aussicht versperrenden schwarzen -Seidenhutes zu trommeln.</p> - -<p>Die Trommel wandte sich sogleich darauf sehr -indignirt um, und ein paar Tod und Verderben sprühende -Augen blitzten darunter hervor; der Fischer aber -blieb, die Hände wie zu einer Pause erhoben, ruhig -stehen, nickte nur freundlich grinsend dem Entrüsteten -zu, und fuhr, als jener sein zorngeröthetes Antlitz -wieder der Bühne zukehrte, höchst gemüthlich in dem -kurzabgebrochenen zweiten Theil des Liedes fort, so -daß sich der junge Dresdner endlich genöthigt sah -den Hut aufs Knie zu nehmen.</p> - -<p>Der erste Akt nahte so, ohne weitere Unterbrechung, -seinem Ende, nur flogen, als Caspar dem -Max das Huhn unter die Augen hielt, und ihn frug, -ob er glaube, »daß ihm dieser Adler geschenkt sei« – -einige halbe Bretzeln auf die Bühne, was einige der -vorn gelagerten Knaben zu einem tollkühnen Einfall -in das Herz des Heiligthums bewog. Aennchen aber, -die mit einer Klemmbrille auf der Nase und dem -Soufflirbuch in der Hand hinter der Coulisse stand, -trieb die Eindringlinge mit drohender Geberde schnell -zurück, konnte jedoch nicht verhindern, daß diese ihre -<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a> -Beute erst in Sicherheit brachten, und auch noch, bei -dem etwas übereilten Rückzug, ein Talglicht mitnahmen, -was indessen keine störenden Folgen weiter -hatte, da andere Knaben theils das umgestoßene Licht -schnell wieder befestigten, theils das sitzengebliebene -Talg von den »Unaussprechlichen« des Frevlers abkratzten.</p> - -<p>Max aber lehnte – alles Andere nicht beachtend, -in tiefen Trübsinn versenkt, mit der Schulter an der -vierten Etage des Wirthshauses, und schaute sinnend -vor sich nieder, bis er endlich mit dem Stichwort zu -Caspars großer Arie – die dieser freilich als zur -Oper nicht unumgänglich nöthig, wegließ – abtaumelte, -und der Vorhang fiel.</p> - -<p>Rauschender Applaus folgte dem Aktschluß; dann -aber, nachdem der Höflichkeit Genüge geleistet, -wurden einige sehr unzufriedene Stimmen laut, -und verlangten <em class="ge">Chor</em> – es stünde <em class="ge">Chor</em> auf -dem Zettel und sie wünschten deshalb auch <em class="ge">Chor</em>. -Durch sich selbst genährt wuchs der Tumult, und -der Director, der erst mit der Klingel den Lärm beschworen -hatte, trat, diese noch immer in der -Hand, vor, und erklärte nun feierlichst, daß der Chor -allerdings gesungen würde, nur müßten sie ein -klein wenig Geduld haben, da jetzt erst die Wolfsschlucht -<a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a> -käme, und diese allerdings <em class="ge">keinen</em> Chor -vertrüge.</p> - -<p>Stürmischer Applaus zeigte, wie einverstanden -das Publicum mit der Direction sei, und die Masse -drängte sich jetzt dem »Büffet« zu, wo verschiedenfarbige -Liqueure, Lagerbier, Kaffee, Grog, Kuchen und -Würste nebst diesen verbrüderten Semmeln in reicher -Auswahl zu haben waren.</p> - -<p>Unsere beiden Freunde hatten, dem Beispiel der -Uebrigen folgend, ihre Sitze ebenfalls verlassen, als -auf einmal ein ganz eigenthümliches Gedränge – ein -förmliches Wogen der Masse entstand, ohne daß -irgend ein bestimmter Zweck dieser plötzlichen, nach -einem Punkt hin gerichteten Bewegung, deutlich -wurde; nur zur Thür strömte die Menge. Da erkannten -sie plötzlich in deren Mitte – unglückliche Leidensgefährten -– die beiden, blaubehalstuchten Jünglinge, -die heftig gegen den, sie weiter und weiter vorwärts -drängenden Volksknäuel anzuprotestiren schienen. -Wohin sie jedoch auch zornig und wüthend blickten, -begegneten ihnen nur freundlich zunickende Gesichter, -ein ungeheurer Humor hatte die Menschenwoge erfaßt, -und die zwei »Mißbeliebten« – mit denen nur -die, sich dicht um sie her Befindenden vollkommen -einverstanden schienen – wurden trotz alles Sträubens -<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a> -und Fluchens, fortwährend aber in der herzlichsten -Art von der Welt, ja von einem Theil des weiblichen -Publicums sogar mit zugeworfenen Kußhänden -– förmlich <em class="ge">hinausgefluthet</em>.</p> - -<p>Osfeld, seiner Versicherung nach mit dem Director -bekannt, versprach jetzt dem Freund, ihn bei -jenem einzuführen, und zog ihn, nachdem er ohne -weitere Umstände den einen quergezogenen Waldvorhang -bei Seite geschoben hatte, in das Innere des -Heiligthums.</p> - -<p>Dort sah es bunt aus; das Theater nahm fast -die ganze Breite des Raumes ein, und nur ganz -schmale, an den Seiten hinlaufende Gänge ließen -ebenfalls kaum so viel Zwischenplatz übrig, daß die -Abgehenden vollkommen verschwinden konnten; nichts -destoweniger hatten die Schauspieler durch jahrelange -Uebung eine gewisse Fertigkeit erlangt, durch rasche -Seitenbewegungen bei jedem Abgang schnell die -Coulisse zwischen sich und das Publicum zu bringen, -das dann seine Vorstellung von dem, hinter und neben -der Bühne befindlichen Raum, ins Unendliche ausdehnen -konnte.</p> - -<p>Die jungen Leute schritten jetzt quer über die -»Breter, die die Welt bedeuten« hin, und zwar zu -dem, mit einer grünen Decke verhangenen Garderobenzimmer. -<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a> -Dort traten sie ein und fanden sich hier -plötzlich in der wunderlichsten buntesten Gesellschaft, -die sich nur möglicher Weise und der wirklich regsamsten -Einbildungskraft, denken ließ.</p> - -<p>Rings an den Wänden standen kleine Tischchen, -mit traurig flackernden Talglichtern, die dem ganzen -Raum nur eben genug Helle gaben, um sein düsteres -Aussehen recht deutlich hervorzuheben. Kleine Kasten -mit zerbrochenen Stücken Spiegelglas, Schminktöpfe, -Schminkpapier und Baumwolle, angebrannte Korkstöpsel, -Flitterband, zerdrückte Blumenbouquets und -farbige Glasperlenschnüre lagen überall umher, und -Agathe und Aennchen waren eben noch beschäftigt, -ihren Wangen die zu Braut und Brautjungfer nöthige -Frische zu verleihen.</p> - -<p>Osfeld wurde von Allen als Bekannter begrüßt, -und hatte keine Schwierigkeit seinen Freund ebenfalls -da einzuführen; gerade jetzt drängte jedoch die Zeit -zu sehr, als daß sich Einer der Beschäftigten hätte -mehr als in kurzer Anrede mit ihnen einlassen können; -sie bekamen deßhalb auch um so ungestörtere Gelegenheit, -sich in dem kleinen Raum vollkommen gut orientiren -zu können.</p> - -<p>Eine besonders interessante Gruppe bildete hier -der Erbförster Kuno und Samiel, von denen der -<a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a> -Erstere dem Letzten eben, mittels eines angebrannten -Korkstöpsels, die Nase schwarz färbte, damit diese, -wie er auf Osfelds Frage erklärte, dem Gesicht das -Aussehen eines Todtenkopfes gäbe.</p> - -<p>»Denn sehn Sie,« nahm hier Samiel, sie als ein -höchst artiger Teufel begrüßend, das Wort, »wenn de -Nase schwarz is, so sieht man se nich vom Bublikum -aus, und dann kriegt das Gesicht was Schreckliches!«</p> - -<p>In dem Augenblick klingelte es, und der Vorhang -ging wieder auf; die beiden Freunde blieben daher, -um während der Aufführung keine Störung zu verursachen, -hinter der Scene, und unterhielten sich indessen -mit Herrn Magnus, der eben beschäftigt war, ein -ziemlich umfangreiches wahrscheinlich eben gestimmtes -Hackebret wieder in seinen Kasten hineinzulegen, da -sie ihm, wie er äußerte, während der Wolfsschlucht -»hineindämmern« könnten.</p> - -<p>Agathe sowohl wie Aennchen schienen aber ungemein -wenig von ihren Rollen zu können, und der -Director glaubte den Gästen darüber eine Erklärung -schuldig zu sein.</p> - -<p>»Sehen Sie,« sagte er, »die <em class="ge">neuen</em> Stücke, die -geben wir gewöhnlich hier immer erst einmal am -Montag bei Kurfirschtens, und die betrachten wir -gewissermaßen als Generalprobe; kommen wir nachher -<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a> -am Mittwoch in's Weinlaub oder gar am Sonnabend -in die schwarze Gasse – dann geht's auch dafür »wie -geschmiert.«</p> - -<p>»Aber sagen Sie einmal Herr Magnus« – frug -jetzt der zu ihnen tretende Max – »hier im Buch – -o Sie entschuldigen« – wandte er sich gleich darauf -mit einer Verbeugung an die Fremden, »hier im Buch -steht, Max soll sich den Hut in's Gesicht drücken und -zu »verschiedenen Thüren abgehn« – er darf doch -nicht wieder kommen?«</p> - -<p>»Au!« sagte Osfeld, den Wehring in diesem -Augenblick rücksichtslos auf den Fuß getreten hatte.</p> - -<p>»Ne, ich bitte Sie um Gottes Willen,« rief zu -gleicher Zeit der Director – »so sein Sie doch nicht -so – Herr Gott, da draußen sehn sie sich schon nach -Ihnen um – sie kommen ja –«</p> - -<p>Und Max kam wirklich, denn mit flüchtigem Blick -hatte er sich von der Wahrheit des Gesagten überzeugt -– sein Stichwort war gefallen, und wie ein junger -Sturmwind, nur freilich von der ganz entgegengesetzten -Seite, als von welcher ihn Agathe erwartet hatte, -stob er auf die Bühne und spielte in lobenswerther -Leidenschaft die Scene durch.</p> - -<p>Da aber nun, wie Herr Magnus jetzt äußerte, -die Vorbereitungen zur Wolfsschlucht zu viel Raum -<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a> -wegnahmen, um blos zwischen dem Hintergrund und -der Rückwand abgemacht zu werden, so mußte nach -dieser Scene der Vorhang wiederum fallen, und der -wichtigste Moment des Stücks nahte sich seinem Beginnen.</p> - -<p>Kaum war die Leinwand herunter, als Magnus -mit einem Satz auf die Bühne sprang und eine ungeheure -Eule an die Coulisse schrauben wollte.</p> - -<p>»So halten sie doch nur uff!« meinte aber Samiel -sehr ernsthaft – »es muß doch erscht verwandelt -werden.« –</p> - -<p>»Ja so!« sagte der Director, und nahm den Vogel -der Nacht wieder an sich, einige von den Schauspielern -dagegen stiegen schnell auf hinzugerückte Stühle und -knüpften die Bindfaden am oberen Theil der Coulissen -auf, welche diese im Mittelpunkt festhielten. »Die -Stube« fiel dann auch im nächsten Augenblick zu den -Füßen der Bäume nieder, wo sie an der Wurzel der -»Riesenstämme« auf einem Häufchen liegen blieb; die -Hinterdecoration glitt auf gleiche Art über sich selbst -zusammen und – »furchtbar gähnte der düstere Abgrund.« -Nun wurden ebenfalls die nöthigen Vorrichtungen -für das wilde Heer getroffen. Die Figuren -nämlich, als: Drachen, Molche, Schlangen, Eulen -und Gerippe, alle von Magnus selbst in der Größe -<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a> -eines mäßigen Haushahns, auf Pappe gemalt, -kamen an ein dünnes, von der rechten zur linken Hintercoulisse -gespanntes Seil, damit der Spuk quer -über die Bühne gezogen werden konnte.</p> - -<p>Zu den ferneren Schrecknissen der Höllenschlucht -gehörte auch noch ein Haufen Pflastersteine, die, als -Entschuldigung für Todtenköpfe, zu dem Zauberkreis -verwandt werden sollten, und neben diesen lag ein -Haufe dünn gezupften Werges (Hede) dessen Nutzen -aber erst später klar werden sollte. Auch die Eule saß -jetzt, fest angeschraubt, auf ihrem Zweig, (oder vielmehr -auf freier Luft neben der Coulisse) während -hinter ihren äußerst rund ausgeschnittenen Augenhöhlen -ein matt und schläfrig loderndes Dreierlicht -brannte. Draußen aber, vor der Bühne, jubelte und -tobte die Menge.</p> - -<p>»Anfangen – anfangen« – schrie das Publicum -– »das währt ja ene Ewigkeit!« piepte eine einzelne -Stimme – »wir wollen mithelfen,« antworteten -andere. – »Anfangen – Vorhang auf!« tobte das -Chor wieder, und Magnus, schnell gefaßt, ergriff die -Klingel, und bearbeitete sie nach Leibeskräften.</p> - -<p>»Herr Jeses – ich habe den Drehschwärmer noch -nich fest!« rief Samiel erschrocken.</p> - -<p>»Thut Nichts« – beruhigte ihn der Director – -<a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a> -»ich klingelte nur, damit die Flegel da vorne glauben -sollten, es ginge an, und Ruhe halten.« Das Mittel -erwies sich auch als probat, denn der Sturm war -beschwichtigt, und Alles harrte, in gespannter Erwartung, -der Dinge die da kommen sollten.</p> - -<p>»Wär' es nicht besser, wir sähen uns die Wolfsschlucht -von draußen mit an?« frug Osfeld den Freund -– »der Eindruck ist auf jeden Fall stärker.«</p> - -<p>»Gern!« erwiederte Jener, »aber was zum Henker -macht denn der dort mit dem Werg?«</p> - -<p>Sein Ausruf bezog sich auf einen kleinen dünnen -Mann, der hinter der ersten Coulisse niedergekauert -saß, und mit der ernsthaftesten Miene von der Welt -das Werg in kleine Kügelchen zusammendrehte und -neben sich legte. Eben, als sie ihn über dessen beabsichtigte -Nutzbarkeit fragen wollten, hatte der auf's -neue erwachte Unmuth des jetzt kaum noch zu bezähmenden -Publicums seinen Höhepunkt erreicht, und -die Klingel tönte nun in gutem Ernst, so daß die -Beiden kaum noch Zeit behielten vorzuspringen und -ihre Plätze wieder einzunehmen. Da rollte der Vorhang -auf und zugleich tönte des Directors Stimme -von Innen hervor:</p> - -<p>»Lichter aus!«</p> - -<p>Das ließ sich denn auch die liebe Jugend nicht -<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a> -zweimal sagen – unter lautem Jubelruf fielen sie -mit Mützen und Händen über die unglücklichen Talglichter -her – denn Jeder wollte des Ruhmes theilhaftig -sein, bei dem »Theater« mitgewirkt zu haben -– und in wenigen Secunden herrschte finstere grausige -Nacht in der »Schreckensschlucht.«</p> - -<p>Caspar stand in der Mitte und legte den Zauberkreis -von Dresdner Straßenpflaster, während dicht -neben ihm ein mit Augen und Nasenhöhlen versehener -Kürbis, Gastrollen als Todtenkopf gab.</p> - -<p>»Chorsingen!« schrie da eine Stimme aus dem -Publicum – aber »Ruhe – Ruhe!« gebot es von -allen Seiten, und der gottlose Jäger begann, gerade -als hinten auf einer großen blechernen Kanne zwölfe -geschlagen wurde, seine Beschwörung. Kein Laut regte -sich weiter – kaum athmen hörte man die fest zusammengedrängte -Menschenmasse – auf den Zehen, mit -vorgestreckten Hälsen und zum Aeußersten aufgerissenen -Augen starrten sie hin auf das, was sich jetzt vor -ihnen entwickeln sollte – aber Nichts – gar Nichts -konnten sie sehen. Samiel erschien – wenigstens -vernahmen sie seine Stimme – doch tiefe Nacht -deckte, höchst allegorisch, den Fürsten der Finsterniß, -– Max trat auf, und die Gestalt wurde, als sie in -den Vordergrund schritt, allerdings sichtbar, wie er aber -<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a> -rief: »er sähe seiner Mutter Geist – <em class="ge">so</em> lag sie im -Grab –« und von Agathe erzählte, die in den Fluß -springen wollte, da brummte der kleine dicke Fischer, -der jetzt ganz behaglich einen der leergewordenen -Stühle eingenommen hatte, leise vor sich hin:</p> - -<p>»Der muß drämen – ich sehe weeß Gott nischt.«</p> - -<p>Der Kugelsegen kam jetzt, und mit ihm das ganze -Schauerliche der Schlucht; Magnus postirte sich -dabei hinter die Eule und zog ruckweise an einem dort -befestigten Bindfaden, um dieser die Flügel zu lösen. -In der Maschinerie selbst mußte aber wohl etwas -versehen sein, denn der einzige Erfolg des Ziehens -war das Herunterfallen des Lichts, wobei die Eule -natürlich die Augen schloß, als ob ihr die ganze -Schlucht zuwider gewesen wäre.</p> - -<p>»Zwei!« sagte Caspar, und aus der linken Coulisse -flog ein Irrlicht in Gestalt einer brennenden -Flocke Werg, und zwar gerade auf des Kugelgießenden -Leib geschleudert – der sich dessen jedoch noch -entledigte.</p> - -<p>»Drei!« und mehre Irrwische zuckten in schneller -Reihenfolge auf den trotzigen Jägerburschen ein.</p> - -<p>»Werfen Sie doch nicht so hierher« – flüsterte -dieser schnell und heftig in die Coulisse hinein – -»Sie brennen Einem ja die Lumpen an – <em class="ge">Vier</em>!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a> -Immer dichter flogen die leuchtenden Flocken, und -aus der gegenüberstehenden Baumgruppe kam ein -einsamer Schwärmer herausgezischt.</p> - -<p>»Fünf!« sagte Caspar – zwei Schwärmer prasselten -dabei von der linken, ein dritter von der rechten -Seite los, und hinten wälzte sich etwas Schwarzes -über die Bühne; was? konnte natürlich nicht ergründet -werden, und nur eine Frauenstimme hielt es -– jedoch auch nur vermuthend – für »Magnussens -Jungen.«</p> - -<p>Das Schreckliche schien jetzt seinen höchsten Grad -erreicht zu haben – die vorngelagerte Jugend hatte -sich dicht zusammengedrängt, und schaute mit unheimlichem -Grausen auf das teuflische Treiben hin, was -sich vielleicht zum ersten Mal vor ihren Blicken -erschloß.</p> - -<p>»Sechse!« brüllte Caspar, und jetzt flog auf einmal -ein ganzer Klumpen flammenden Werges schnurgerade -auf ihn zu, so daß er, ohne dadurch im Mindesten -aus der Rolle zu fallen, aufsprang, gotteslästerlich -und recht für den Platz passend an zu fluchen -fing, und in die Coulisse hinein drohte. Derselbe -dunkle, schon früher erwähnte Gegenstand kam dabei -zurück, wieder brannten mehrere Schwärmer ab, im -Hintergrund, doch unsichtbar, ahmten verschiedene -<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a> -hohe und tiefe Stimmen eine Anzahl von Haus- und -wilden Thieren nach, und Caspar stöhnte:</p> - -<p>»Wehe das wilde Heer!«</p> - -<p>Diese Ankündigung und der Lärm war jedoch -Alles, was man von der Existenz desselben erfuhr, -denn nach dem Verplatzen der Schwärmer hatte sich -eine solche ägyptische Finsterniß auf der Bühne gelagert, -daß man von den kleinen Pappfiguren, die in -diesem Augenblick aller Wahrscheinlichkeit nach über -die Scene gezogen wurden, auch nicht die Spur -erkennen konnte.</p> - -<p>»Sieben!« rief Caspar – in der Dunkelheit umhertappend -– und jetzt kam der Schlußeffekt des -Ganzen. Der unbekannte Feuerwerker, der auf diesen -Moment sicherlich schon sehnsüchtig gewartet hatte, -schüttete plötzlich in boshafter Schadenfreude einen -förmlichen Sprühregen lodernder Wergkugeln über -den unglücklichen Jägerburschen aus – Max fiel auf -die Pflastersteine – Agathe hob das heruntergefallene -Licht wieder auf, und steckte es hinter die Eule, Samiel -trat mit <em class="ge">einem</em> großen Schritt auf die Mitte der -Bühne, und entzündete hier mit gewandter Hand den -Drehschwärmer, der sein Feuer rücksichtslos umhersprühte, -die unbekannten Thierstimmen mit Peitschenknallseinsollendem -Indiehändeschlagen wurden wieder -<a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a> -hörbar und unter dem donnernden Jubelruf der -Menge fiel der Vorhang.</p> - -<p>Auf der Bühne schienen aber trotzdem die Spielenden -ihre Rollen noch nicht beendet zu haben, denn -kaum war mit dem Fallen der bunten Leinwand dem -Publicum der Anblick sämmtlicher Schrecknisse entzogen, -als auf der rechten Seite die Wald-Vorhänge -zurückgerissen wurden, und mit Blitzesschnelle das -kleine dürre Männchen hervorglitt, das Wehrig früher -schon als Feuerwerker aufgefallen war. Seine Eile -erschien übrigens vollkommen gerechtfertigt, denn dicht -hinter ihm, und als er eben mit unbeschreiblicher Gewandtheit -zwischen den Füßen der noch immer der -Bühne Zugedrängten, verschwunden war, fuhr ein -fürchterlich bemaltes roth erhitztes Gesicht, zum Entsetzen -einiger friedlichen postirten Dienstmädchen, aus -der Walddecoration hervor, und die funkelnden, rachesprühenden -Augen sprachen ganze Bände. Caspar -durfte sich aber jetzt unmöglich schon wieder unter dem -Publicum zeigen, es hätte die schöne Illusion -zu sehr zerstört – einen bittern Fluch also nur dem -nachschickend, der ihn – überdieß, schon von dem Höllenfürst -bedrängt – so schwer geärgert hatte, zog er -den Kopf wieder zurück und das »Blättermeer« schloß -sich über ihm.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a> -So schnell die Erscheinung jedoch auch wieder -verschwunden sein mochte, so war sie doch nicht unbeachtet -vorübergegangen, und von Mund zu Mund -lief der Ruf –</p> - -<p>»Du – hast 'en gesehn? das war der Caspar!«</p> - -<p>»Herrliches Jagdwetter heute!« wer kennt nicht den -Anfang des letzten Aktes – die Jäger traten auf. -Waren aber die Spielenden schon im ersten Akt über -das confus gewesen, was ein Jeder zu sagen hatte, -so nahm dies jetzt wirklich auf eine an das Wunderbare -grenzende Weise überhand, und Keiner wußte -mehr, mit welchem von ihnen der Souffleur sprach.</p> - -<p>So hatte, zum Beispiel, in der Scene zwischen -Max und Caspar, jener diesen um seine letzte Freikugel -gebeten, Agathe soufflirte aber nun schon zum fünften -Mal, und zwar mit lauterer Stimme: »Schuft!« -aus der ersten Coulisse heraus, und Max that noch -immer nicht, als ob ihn die Rede überhaupt etwas -anginge, so daß dadurch Caspar verleitet wurde, den -Kameraden so gröblich zu beleidigen und dieser nun -zornig abging.</p> - -<p>»Chor singen – Chor singen!« schallte es jetzt -wieder und zwar ziemlich dringend, aus dem Publicum -heraus – »Chor singen!« tönte es von allen -Seiten wieder, »Jungfernkranz singen – Jägervergnügen -<a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a> -singen! – auf dem Zettel steht <em class="ge">Chor</em> – -<em class="ge">Chor</em>!« rief und schrie es durcheinander.</p> - -<p>»Bin doch neugierig,« sagte Osfeld, »wie sie da -drinnen den Chor zu Stande bringen werden – -komm, wir wollen einmal zusehen, vielleicht können -wir helfen!«</p> - -<p>»Mir recht,« lachte Wehrig, »es ist überdieß nicht -gut, daß der Baß sonst gewöhnlich beim Jungfernkranz -fehlt.«</p> - -<p>Sie standen auf, und erreichten, nach unzähligem -»Bitte um Entschuldigung's und Haben Sie die Güte's« -den Eingang zur Bühne, auf der aber indessen -eine wesentliche Veränderung vorgegangen, und alles -Teuflische – nur Samiel ausgenommen – verschwunden -war. Selbst die Eule lehnte, mit dem Kopf nach -unten, in der Ecke, und das Hackebrett paradirte jetzt -frei und offen auf einem schmalen Tisch, vor welchem -Magnus im Anzug des Fürsten Ottokar, mit wehenden -Barrettfedern stand, und in jeder Hand einen der -Klöppel schwang, mit welchen das Instrument gespielt -werden sollte.</p> - -<p>Der Vorhang war indessen wieder aufgezogen und -der Tumult hatte sich beruhigt – Aennchen erzählte -ihre Kettenhundgeschichte, und nun traten die Brautjungfern -herein. Da aber – ehe noch ein frevelnder -<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a> -Mund das Wort »Chor« aufs Neue aussprechen -konnte, quollen die sanften Töne, von wirklich geübter -Hand hervorgelockt, aus den langgespannten -Stahlsaiten, und Magnus präludirte den »Jungfernkranz« -(der soll nie sagen, daß er ein Deutscher sei, -der <em class="ge">das</em> Lied nicht kennt) während die hinter den -Coulissen Stehenden, als: Caspar, Samiel, Max, -der »Eramit« wie er genannt wurde, und selbst Osfeld -und Wehrig in Baß und Tenor mit einfielen zu -dem, was Agathe und Aennchen vorn <em class="ge">auf</em> und etwa -ein halbes Dutzend Freiwilliger, indessen <em class="ge">vor</em> der -Bühne sang. Zur Unterstützung piepten noch, aber -nur leise und schüchtern, einige dünne Kinderstimmen -mit ein, in den feierlichen Chor, und Fürst Ottokar -fuhr jetzt, mit kühner Hand in die Variationen des -Liedes eingehend, schnell und sicher über die Saiten -hin.</p> - -<p>Da schwieg der Chor plötzlich – die Todtenkrone -hatte sich gefunden – die Brautjungfern standen entsetzt -– aber das Hackebrett schwieg nicht – wild -rauschten die Töne – »veilchenblaue Seide« – die -Droschkenfahnfarbenen Barettfedern schwankten über -dem Instrumente, die immer größere Aufregung des -Spielenden bekundend. Vergebens that der »Eramit« -Einspruch – vergebens nahm sich selbst Samiel der -<a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a> -Sache an – Ottokars Seele lag in den Saiten, und -erst, als schon Alle abgegangen waren, als die Stube -wieder heruntergefallen, als Caspar, Max und Kuno -aufgetreten, ja erst dann, als man nach dem Fürsten -rief – verstummte der »Jungfernkranz« –</p> - -<p>Ottokar sprang empor und war in dem einen -Moment wieder ganz der Fürst. Mit stolzen Schritten -trat er vor, sah sich im Kreise um – hob die Hand, -und stimmte im nächsten Augenblick mit starker, wenn -auch etwas heiserer Stimme das »Jägerlied« an.</p> - -<p>Hierin aber war Publicum zu Hause – von allen -Seiten her fielen sie, freilich in gar sehr verschiedenen -Tonarten, ein, und ein solcher Sturm bewegte plötzlich -den kleinen Raum, daß ein friedlicher Polizeidiener, -der bis dahin – incognito – in dem benachbarten -Schenkzimmer neben einem Glase Bier geschlafen -hatte, plötzlich, völlig munter geworden, aufsprang -und dem Schauplatz zueilte, da er – wie -er später äußerte – geglaubt hatte, »es keilten sich -welche.«</p> - -<p>Bis zu diesem Lied nun, war noch Alles so ziemlich -in seinem ruhigen Gleis fortgegangen; bis hierher -schien doch Jeder wenigstens eine Ahnung von -dem gehabt zu haben, was in seiner Rolle stehe; von -nun an aber entstand eine Verwirrung, wie sie wohl -<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a> -noch selten dagewesen. Kein Mensch wußte mehr was -er zu sagen hatte und welches sein Stichwort sei. – -Jeder sprach die verkehrten Sätze, und Agathe, die -hinter der Coulisse vor soufflirte, mußte sich, nach -einem Ausdrucke des »Eramiten« die »Seele aus dem -Halse schrein.«</p> - -<p>Zu diesem kam nun noch, daß der Director selbst -die ganz besondere Eigenheit hatte, nie dieselben -<em class="ge">Worte</em>, sondern immer nur den <em class="ge">Sinn</em> dessen wiederzugeben, -was ihm soufflirt wurde. Geschah das nun -aus Stolz, oder aus dem Bewußtsein innerer Ueberlegenheit -– wer konnte es ergründen; nur würde es -Jeden zur Verzweiflung gebracht haben, der auf ein -richtiges Stichwort, von seiner Seite gewartet hätte.</p> - -<p><span class="fss">»Wo ist die Braut? ich habe so viel zu ihrem Lobe gehört, daß -ich auf ihre Bekanntschaft recht neugierig bin!«</span> flüsterte die -Souffleuse nun zum dritten Mal.</p> - -<p>»Wo steckt aber denn nur die Braut!« sagte Fürst -Ottokar, sich überall umsehend – »ich bin recht -neugierig geworden, ihre werthe Bekanntschaft zu -machen.«</p> - -<p><span class="fss">»Ich habe so viel zu ihrem Lobe gehört!«</span> keuchte der Souffleur.</p> - -<p>»Soll ein recht gutes Mädchen sein,« sagte der -Fürst.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a> -<span class="fss">»Nach dem Beispiel Euerer erlauchten Ahnen, war't Ihr immer -sehr huldreich gegen mich und mein Haus,«</span> rief der Souffleur -wieder; Kuno aber, der wohl fühlte, daß er in diesem -Augenblick etwas zu sagen hatte, obgleich er kein -Wort von dem verstand, was Agathe – die bis dahin -ebenfalls ziemlich heiser geworden war – auf der -andern Seite ablas, faßte sich ein Herz, trat einen -Schritt vor, und begann:</p> - -<p>»<em class="ge">Dorchlauchigster!</em>«</p> - -<p><span class="fss">»Nach dem Beispiel Eurer erlauchten Ahnen war't Ihr immer -sehr huldreich gegen mich und mein Haus!«</span></p> - -<p>»Dorchlauchigster,« wiederholte Kuno – der die -letzten Worte verstanden hatte – »was mich und mein -Haus betrifft« – – er stak fest – keine zehn Pferde -Kraft hätte ihn wieder losgerissen. Da nahm Caspar -das Gespräch auf, und dankte dem Fürsten für die Huld, -die er »seinem Haus und ihm« stets bewiesen habe.</p> - -<p>Max mußte nun laden, und Agathe flüsterte, über -das Buch hinwegsehend:</p> - -<p><span class="fss">»Caspar hat vielleicht noch seine letzte Freikugel – er könnte -wohl gar – noch einmal und nimmer wieder. –«</span></p> - -<p>Alles schwieg.</p> - -<p><span class="fss">»Caspar hat vielleicht noch seine letzte Freikugel – er könnte -wohl gar – noch einmal und nimmer wieder«</span> – sagte die -Souffleuse, dringender als vorher.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a> -Niemand regte sich – da trat Fürst Ottokar, der -doch wohl nicht so ganz sicher war, ob das vielleicht -in seiner eigenen Rolle stehe, vor, streckte die rechte -Hand aus und sprach:</p> - -<p>»Nun so schieß – dieß eene Mal noch, aber nie -wieder.«</p> - -<p>Max schoß wirklich – die Büchse ging glücklich -los, und Caspar, der sich indessen schnell hinter ein -im Hintergrund vorgehaltenes Stück Wald gestellt -hatte, stürzte von seiner Höhe herunter und wand sich -auf der Erde.</p> - -<p>Nun aber nahm es die Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit -der Schauspieler im höchsten Grade in -Anspruch, die folgende Scene zu spielen, und doch in -gleicher Zeit zu nicht mehr als der gesetzlichen Zahl, -zu <em class="ge">vieren</em>, zusammen auf dem Theater zu stehn. -Agathe übergab also schnell dem Aennchen ihr Soufflirbuch, -rief: »schieß nicht Max – ich bin die Taube« -und fiel in Ohnmacht, Kuno aber und der Fürst traten -in die Coulisse, und während Max neben Agathen -kniete, erschien Samiel hinter seinem Opfer. Unsichtbarer -Weise rief dabei Kuno:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Schaut, o schaut,</div> - <div class="verse">Er traf die Braut,</div> - <div class="verse">Der Jäger stürzte vom Baum,</div> - <div class="verse">Wir wagens kaum</div> - <div class="verse">Nur hinzuschau'n,<a class="pagenum" id="page_263" title="263"> </a></div> - <div class="verse">O furchtbares Schicksal, o Graun!«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Caspar wand sich indeß in fürchterlichen Zuckungen -auf der Erde und stieß seine gotteslästerlichen -Reden aus, während Samiel einige, mit diesen harmonirende -Bewegungen machte, als ob er im Begriff -sei, jenem die Seele, wie einen Bandwurm, aus dem -Leibe zu ziehen.</p> - -<p>»Dem Himmel Fluch – Fluch Dir!« schrie der -zum Tode verwundete Jäger.</p> - -<p><span class="fss">»Das war sein Gebet im Sterben,«</span> flüsterte der Souffleur.</p> - -<p>Keiner achtete darauf – Max beschäftigte sich mit -Agathen – die Uebrigen waren nicht da – so erbarmte -sich denn Samiel – that einen letzten Ruck -– als ob ihm die Seele abgerissen wäre und sprach -mit dumpfer Stimme:</p> - -<p>»Das war sein Gebet im Sterben!« – dann erfaßte -er den Körper des Caspar, schleppte ihn der -Coulisse zu und wollte ihn eben hineinschleudern; der -war ihm aber entweder zu schwer geworden, oder er -hatte vielleicht aus versehen auf den Jagdrock getreten, -kurz er kam ins Stolpern, ließ jenen, noch halb auf -dem Theater fallen, und schoß, über sein Opfer hinweg, -in die Coulisse, und – wahrscheinlich in den -<a class="pagenum" id="page_264" title="264"> </a> -Abgrund der Hölle hinein; wobei er sich aber das -Uebriggebliebene augenblicklich nachkommen ließ.</p> - -<p>Nach Abgang dieser Beiden trat auch der Fürst -mit Aennchen wieder heraus – Agathe erholte sich -und Max gestand nun sein Verbrechen. Hierauf -folgte die Ausweisung, und in diesem Augenblick, -während Aennchen wieder in die Coulisse verschwand, -erschien der »Eramit.«</p> - -<p>Sein Auftreten war feierlich – der Fürst, Max -und Agathe knieten vor ihm nieder – segnend breitete -er seine Hände über sie aus – tiefes Schweigen -herrschte im Saal – die vorn gelagerte Jugend -lauschte in der gespanntesten Erwartung. Da drohte -plötzlich eine, aus dem Nebenzimmer kommende, höchst -profane Stimme den ganzen schönen Zauber zu zerstören.</p> - -<p>»Glöckner!« rief es.</p> - -<p>»Ja!« antwortete ein tiefer Baß aus der Mitte -des Publicums.</p> - -<p>»Spielst' en Schaafskopp mit?«</p> - -<p>»Ne – jetzt noch niche – aber gleich« – entgegnete -Glöckner. Doch Niemand lachte. »Ruhe!« -rief der kleine dicke Fischer, und sah sich ärgerlich um, -und »Ruhe!« »Pst! pst!« tönte es von allen Seiten. -Die Ruhe war augenblicklich wieder hergestellt – -<a class="pagenum" id="page_265" title="265"> </a> -und der Fürst wurde nun versöhnt – Max bekam ein -Jahr Urlaub, und jetzt plötzlich fuhr eine lange Hand -links aus der Coulisse heraus und schüttete etwas -auf die Erde – in der nächsten Secunde folgte dem -Vorangegangenen ein brennendes Schwefelholz, und -mit den Schlußworten</p> - -<p>– »darf kindlich der Milde des Vaters vertraun!« -stieg eine bläulich-rothe, bengalische Flamme auf, die -das ganze Theater in ihren magisch rosigen Schein -hüllte.</p> - -<p>»A – h –« tönte es aus jedem Munde – der -Eramit hob, wie betend, seine Hände empor, und – -der Vorhang fiel schnell.</p> - -<p>Da erst gewann Publicum Athem und Besinnung -wieder.</p> - -<p>»Caspar 'raus!« tobte jetzt die Menge – »'raus! -'raus! Caspar 'raus!«</p> - -<p>»Samiel ooch!« piepte die ganz feine Stimme.</p> - -<p>»Caspar 'raus – 'raus mit 'em Caspar!«</p> - -<p>Osfeld und Wehrig suchten Caspar zu überreden, -daß er sich doch »dem Volke zeigen möchte,« dieser -aber, der sich schon eines höchst nöthigen Kleidungsstückes -entledigt hatte, rief ihnen entgegen:</p> - -<p>»Ich kann ja nicht – ich bin ja schon ausgezogen –« -doch was halfen solche Entschuldigungen – »es -<a class="pagenum" id="page_266" title="266"> </a> -tobt der See, und will sein Opfer haben.« »Caspar -'raus,« donnerte die Menge, und er mußte, wohl -oder übel, in das Kleidungsstück zurückfahren. Schnell -zog er sich dabei noch den alten Oberrock über, frug -den Director, als er sich die Haare aus dem Gesicht -strich und die zwei untersten Knöpfe einhakte, »was -zeig' ich denn an?« und trat auf die schnell gegebene -Antwort hinaus.</p> - -<p>»Bravo!« schrie die Masse – »noch emal so en -Feier!« eine einzelne Stimme, und Caspar sprach, die -rechte Hand auf dem Herzen und mit tiefer Verneigung:</p> - -<p>»Ich hoffe – diesen Beifall – nicht verdient zu -haben – heute über acht Tage« – fuhr er dann aber -mit etwas erhöhter Stimme fort, »werden wir die -Ehre haben wieder aufzuführen:</p> - -<p>»<em class="ge">Kunibert von Eulenhorst oder der geschundene -Raubritter – Ritterschauspiel -in fünf Aufzügen.</em>«</p> - -<p>»Magnus soll leben – hoch!« jubelten ein paar -Tenorstimmen – »hoch! und abermals hoch!« fiel -der Chor ein, und hinaus strömte das Publicum ins -Freie. – Zur Thür drängte sich die muntere Schaar, -die jungen Leute, die Mädchen und das Militair, die -Fischer und Handwerker, scherzend und lachend, ein -Theil noch in dem Wirthshaus selber den Abend zu -<a class="pagenum" id="page_267" title="267"> </a> -verbringen und auf dem schmutzigen Billiard die -Kugeln hinüber und herüber zu stoßen, oder sich auch -in kleinen Gruppen durch die Stadt zu zerstreuen, den -eigenen ärmlichen Wohnungen zu, und von Samiel -und Wolfschlucht zu träumen.</p> - -<p>Osfeld und Wehrig aber blieben noch zurück und -waren schweigende Zeugen, wie die Herrlichkeit verging, -wie die Lichter erloschen – die Künstler wieder -<em class="ge">Menschen</em> wurden. Das Komische war entschwunden -und der Ernst des Lebens schaute höhnisch, wie aus -einem nackten Todtenschädel hervor.</p> - -<p>»Was macht das Kind?« frug Max, der die Jagdkleider -abgelegt und nur die Reiterstiefeln noch anbehalten -hatte, eine junge Frau – <em class="ge">seine</em> Frau, die -eben zur Thür hereintrat.</p> - -<p>»Es lebt noch,« erwiederte diese mit verweinten -Augen – »wenn du's aber noch einmal sehen willst, -so mach', daß du zu Hause kommst.«</p> - -<p>»Ist Ihr Kind so krank?« frug Osfeld theilnehmend.</p> - -<p>»Ja – ich glaubte nicht, daß ich es nach dem -Theater noch am Leben finden würde« – seufzte -Max aus tiefer Brust.</p> - -<p>»Wie konnten Sie aber spielen, wenn Sie Ihr -Kind zu Hause so leidend wußten?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_268" title="268"> </a> -»Der Winter ist hart,« seufzte die Frau – »und -die paar Groschen thun Noth.« Damit verschwanden -die Beiden in der Thür.</p> - -<p>Magnus sah ihnen, das Kinn in die Hand gestützt, -nach; dann wandte er sich seufzend ab und murmelte -– mehr mit sich selbst, als zu den Anderen redend:</p> - -<p>»Ja, ja – es thut weh – recht weh – dagegen -kommt's aber doch nicht auf, wenn man draußen -stehn und den Hanswurst machen, tanzen, springen -und tolle Späße reißen muß – und daheim dann -indessen die Frau auf dem Stroh liegt.«</p> - -<p>»Und das haben Sie gethan?«</p> - -<p>»Der Mensch kann viel ertragen,« fuhr der -Director fort, indem er das Hackebret wieder in den -Kasten legte – »leben, mein Gott, leben wollen wir -ja Alle – ich habe sieben Kinder.«</p> - -<p>»Bringt Ihnen denn das Theaterspielen auch -so viel ein, <em class="ge">daß</em> Sie davon leben können?« frug -Wehrig.</p> - -<p>»Im Winter, ja – wenn nur die langen Sommerabende -nicht wären – da aber einen ganzen -Abend Komödie zu spielen und nachher – es ist -schon da gewesen, <em class="ge">vier Pfennige</em> auf den Antheil -heraus zu bekommen, da reicht's denn freilich nicht -einmal für trocken Brod aus.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_269" title="269"> </a> -»Warum ergreifen Sie aber nicht etwas Anderes, -verstehen Sie keine Profession?«</p> - -<p>»Ja – aber das ist zu spät!« seufzte Jener, »ich -bin alt und schwächlich – würde auch keine Kundschaft -mehr bekommen.«</p> - -<p>»Dann sollten Sie sich aber wenigstens bemühen, -Ihr Theater so viel als möglich zu verbessern. Eine -erhöhte Bühne würde Ihnen zum Beispiel einen -viel größeren Zuhörerkreis sichern, weil dann auch -die weiter Zurückstehenden im Stande wären, von den -Schauspielern mehr zu sehen, als eben die Köpfe.«</p> - -<p>»Ja, wenn ich das dürfte!« erwiederte der Director, -»das ist mir aber polizeilich verboten – warum? -weiß der liebe Gott; sie können doch unmöglich -fürchten, daß ich dem <em class="ge">Hoftheater</em> Schaden thue. -Auch darf ich nie mehr wie vier Personen auf einmal -draußen stehen lassen – da kriecht immer so ein -oder der andere Polizeidiener hier herum, und -neulich, wo einmal aus Versehen fünfe geblieben -waren, zeigte mich der an, und ich mußte einen -Thaler und fünfzehn Neugroschen Strafe bezahlen -– das schmerzt. Ein und zwanzig Groschen hatten -wir im Ganzen eingenommen, und nun noch der -Saal und die Lichter. Ja, wenn die großen Herren -da oben nur manchmal wüßten, wie ungerecht solche -<a class="pagenum" id="page_270" title="270"> </a> -Strafen vertheilt sind – sie änderten es gewiß ab -– denn <em class="ge">so</em> bös sind sie nicht, sie wissen's nur nicht. -Ein Thaler fünfzehn Neugroschen – das klingt -ihnen so unbedeutend – so wie gar Nichts – und -dafür mußten neun Menschen zwei Tage lang -hungern.«</p> - -<p>»Läßt sich denn aber dagegen gar Nichts thun?« -frug Osfeld.</p> - -<p>»Gegen die Polizei?« meinte achselzuckend Magnus -und lächelte mitleidig über die Frage. »Doch, -meine Herren, ich muß zu Hause – die Frauen sind -schon Alle fort – beehren Sie uns doch recht bald -wieder.« Damit folgte er, den jungen Leuten erst -noch freundlich die Hände drückend, den Vorausgegangenen.</p> - -<p>Osfeld und Wehrig wollten sich jetzt ebenfalls -entfernen, als ihnen der noch bis zuletzt gebliebene -»Intriguant« entgegentrat.</p> - -<p>»Komischer Mann, das« – sagte er, dabei mit -dem Finger hinter dem Director d'rein deutend – -»lamentirt in einem fort, und ist eigentlich selber -Schuld daran.«</p> - -<p>»Aber wie so?« frug Osfeld – »er thut doch wohl -Alles, was in seinen Kräften steht?«</p> - -<p>»Zugegeben,« lächelte Jener, indem er dabei ein -<a class="pagenum" id="page_271" title="271"> </a> -Töpfchen Schminke, ein wenig Baumwolle, ein »Endchen« -Talglicht und einen am untern Ende schwarz gebrannten -Korkstöpsel zusammen in ein Papier wickelte, -und dies in die hintere Rocktasche schob – »zugegeben, -daß er wirklich Alles thut, was in seinen Kräften -steht – das ist aber nicht genug – er muß <em class="ge">mehr</em> -thun, er muß speculiren. Sehen Sie, zum Beispiel -mit der Garderobe –«</p> - -<p>»Die borgen Sie für jeden Abend, nicht -wahr?«</p> - -<p>»Ganz recht – theilweise wenigstens, denn ein -paar Schwerter und andere Geschichten haben wir -schon – aber was kostet das? Dafür bekommt der -Jude die Woche <em class="ge">zwei harte Thaler</em> – ich habe -meinen Aerger schon genug darüber gehabt. Wenn -man einmal Abends in Gedanken bei feuchtem Wetter -mit den hirschledernen Stiefeln zu Hause geht, oder -sich aus Versehen mit so einem erbärmlichen sammtmanschesternen -Wamms zu Bett gelegt hat, daß vielleicht -Morgens noch ein paar Federn d'ran hängen, -dann ist immer gleich der Teufel los – wozu das? -warum schaffen wir uns nicht Garderobe an? warum -<em class="ge">kaufen</em> wir uns keine?«</p> - -<p>»Kaufen?« entgegnete ihm Wehrig – »wovon -denn? der Director klagt ja doch, daß er kein Geld -<a class="pagenum" id="page_272" title="272"> </a> -habe; wovon soll er also Garderobe kaufen? etwa auf -Credit nehmen?«</p> - -<p>»O ja – das wäre eine sehr gute Idee, der Credit,« -rief der Schauspieler, indem er sich noch einmal -im Zimmer umsah, ob er Nichts vergessen habe, und -dabei sämmtliche Taschen befühlte – »sehr gute Idee -das, aber – es borgt uns Niemand – der Versuch -ist schon mehrere Male gemacht. Nein, <em class="ge">Umsicht</em> gehört -dazu, und mit Umsicht wollte ich ihm in vier -Wochen Garderobe herstellen.«</p> - -<p>»Doch auf welche Art?« frugen die jungen Leute, -jetzt selbst neugierig gemacht, zu gleicher Zeit.</p> - -<p>»Auf sehr einfache!« sagte der Intriguant, und -fing an, seinen schon etwas mitgenommenen Rock -bis oben hinauf zuzuknöpfen. »Sehen Sie, bei Conversationsstücken, -da muß sich Jeder seine eigenen -Lumpen halten, und da wir die Woche hindurch -immer nur <em class="ge">ein</em> Stück, wenn auch an fünf oder sechs -verschiedenen Orten geben, so sparen wir also in -jeder solchen Woche zwei Thaler. Nun lassen Sie -uns einmal vier Wochen hintereinander Conversationsstücke -geben – und da kommen immer nur -erst <em class="ge">vier</em> auf jedes Wirthshaus – dann haben wir -<em class="ge">acht harte Thaler</em> gespart, und damit kauf' ich -dem <em class="ge">Teufel</em> seine Garderobe ab.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_273" title="273"> </a> -»Mit acht Thalern?« rief Osfeld erstaunt aus.</p> - -<p>»Mit acht Thalern,« betheuerte der Intriguant, -während er sich den Hut in die Stirn drückte, und ein -kleines Bündel, das er in der Hand trug, und was -einem reinen, wahrscheinlich noch zu schonenden -Hemd sehr ähnlich sah – fester zusammenrollte und -unter den linken Arm schob – »mit acht Thalern -kaufe ich den ganzen Bettel – doch es wird spät, -der Wirth will zuschließen – also – 'pfehle mich -ergebenst, meine Herrn!« – und damit, weil er -wahrscheinlich glaubte, die Laien tief genug in die -Geheimnisse seiner Berechnungen eingeweiht zu -haben, stieg er die steile Treppe hinab.</p> - -<p>Die jungen Leute sahen ihm mit einem Gemisch -von Staunen und Mitleid nach, und einen -eigenen unheimlichen Zauber fast übte dabei ihre ganze -trostlose Umgebung; der Wirth aber, der schon seit -einigen Minuten, mit einem dünnen flackernden Talglicht -in der Hand, das Fortgehen der so lange Säumenden -erwartet hatte, schien nicht Lust zu haben -noch länger seine eigene Bequemlichkeit wie das Talglicht -der Zugluft preis zu geben. Sie folgten seiner -ungeduldig werdenden Bewegung, er schloß dicht -hinter ihnen die Thüre zu, riß den Zettel ab, und -überließ es Jenen, ihren Weg ins Freie zu finden, -<a class="pagenum" id="page_274" title="274"> </a> -was jedoch, mit Hülfe einer noch im Vorhaus -brennenden Laterne gelang.</p> - -<p>Bald standen sie wieder am Ufer der Elbe, und -der heitere, blauklare Nachthimmel lachte hell und -freundlich auf die stille Erde, auf Glückliche und Unglückliche -hernieder.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_275" title="275"> </a> -Die Schoonerfahrt.<br /> - -<span class="subheader ge">Neuseeländische Skizze.</span></h2> - - -<p>Am Horizont dämmerte der Tag – vom nicht mehr -fernen Inselufer herüber trug der warme Nachthauch -die süßen würzigen Düfte tropischer Vegetation, und -oben am mattblauen, noch hie und da mit erbleichenden -Sternen geschmückten Himmel, schwebten kleine -milchweiße Wolken, und errötheten freudig, als sie -endlich die lang erharrte, strahlende Sonne erkannten -und ihren Morgenkuß auf den Wangen fühlten. -Unten aber, über das noch in grauer Dämmerung -lagernde Meer, strichen ernst und schweigend einzelne -breitschwingige Albatrosse hin, und regten nur in -langen Zwischenpausen die mächtigen Flügel, daß sie, -in ihrer gespensterhaften Weise fast den Geistern der -Nacht glichen, die das helle Licht der Sonne zu -fürchten und zu fliehen schienen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_276" title="276"> </a> -Wie ein schlummernder Koloß lag der Ocean, und -in ruhigen gleichmäßigen Athemzügen hob sich die -Schwellung der Wasser. Hie und da nur brach ein -spielender Delphin die stille Ruhe, oder der gellende -Schrei eines Wasservogels störte den schlafenden Pelikan, -der sich, sein Nachtwerk vollendet, regungslos -mit der Fluth heben und schaukeln ließ, und jetzt nur -den rasch emporgehobenen Kopf ärgerlich schüttelte -und wieder unter den Flügel schob.</p> - -<p>Immer lichter wurde es im Osten; einzelne leuchtende -Strahlen schossen ihre zündenden Pfeile schon -mitten ins Herz der ängstlich zurückdrängenden Finsterniß -hinein, und jetzt – rasch und plötzlich, wie sich in -den Tropen der junge Tag aus den Armen der Nacht -reißt –, tauchte die große goldene Sonnenscheibe herauf, -über das blinkende funkelnde Meer. Vor ihr her -aber, als ob sie selber, der neugewonnenen Himmelsluft -froh, so recht kräftig und wohlgemuth aufathme -aus tiefster Brust, sandte sie ihren Hauch, und leise -tändelnd und spielend lief der über die, sämmtlich die -kleinen Mäulchen nach ihm aufspitzenden Wellen hin, -und küßte sie alle, alle die munteren blitzenden Dinger, -mit ihren treublauen seelenvollen Augen.</p> - -<p>Rasch stieg die Sonne empor und ihr Schein, -der die weite Fläche mit seinem Glanze erfüllte, fiel -<a class="pagenum" id="page_277" title="277"> </a> -auch auf ein einzelnes schneeweißes Segel, das wie -ein müder Seevogel auf dem Wasser lag und seinen -Bug dem immer klarer im Süden hervortretenden -Landstreifen entgegengerichtet hielt. Es war ein -Schooner und zwar nach Art der amerikanischen -Schnellsegler betakelt, aber mit etwas breiterem, -schwerfälligerem Bug und nicht so starr und keck emporragenden -Masten und Spieren – ein sogenannter -Sidney Schooner, wie sie theils die australischen -Küsten befahren, theils auch nach den benachbarten -Inseln, ja oft bis selbst nach Neuseeland hinüberschiffen -und Sturm und Wellen trotzen.</p> - -<p>Der »Kasuar,« wie das kleine Fahrzeug hieß, -hatte denn auch die Reise von Port Jackson aus in -gar kurzer Zeit zurückgelegt und befand sich jetzt nur -noch wenige Meilen von seinem Ziel entfernt, dem -nordöstlichen Ufer der Insel Ika-na-mawi, welche zugleich -die nördliche Hälfte der großen Doppelinsel -Neu-Seeland bildet. Der Wind aber, der bis dahin -gar munter ihre Segel geschwellt, hatte gänzlich nachgelassen, -oder doch wenigstens in der herüberwehenden -Landbriese einen Gegner gefunden, gegen den er -nicht ankämpfen konnte oder mochte. In der Morgendämmerung, -wo Land- und Seewinde einander ablösen, -war denn gar noch jeder Luftzug eingeschlafen, und -<a class="pagenum" id="page_278" title="278"> </a> -die Segel hingen schlaff und unthätig an den Masten -nieder, gegen die sie nur manchmal, wenn die Schwellung -der Wasser das sich höchst passiv verhaltende -Fahrzeug hin und her schaukelte, schwerfällig anschlugen.</p> - -<p>Thätiger zeigte sich dagegen die Mannschaft des -kleinen Seebootes; von den vier Matrosen, die oben -beschäftigt waren, arbeiteten drei gar fleißig daran, -die weißen Deckplanken mit rasch heraufgeholten -Eimern voll Seewasser noch immer weißer und reiner -zu scheuern und zu spühlen, und auf dem Hinterdeck, -die beiden Arme fest auf die Starbord Bulwarks<span class="top">[8]</span> -gestemmt, saß ein kleiner, ziemlich corpulenter Mann, -mit von der frischen Morgenluft gerötheten Wangen, -deren Schimmer in der breitvorstehenden Nase einen -Wiederglanz zu finden schien. In den Händen hielt -er übrigens ein langes, gerichtetes Teleskop, mit dem -er das vor ihnen liegende Land scharf und aufmerksam -beobachtete. Er senkte wenigstens dann und wann das -Glas, wischte sich mit dem Zipfel eines rothseidenen -Taschentuchs das rechte Auge aus, und begann seine -Forschungen aufs Neue.</p> - -<p class="ci fss">[8]: Starbord und Larbord heißen die beiden Seiten eines jeden -Fahrzeugs, und zwar die rechte, vom Steuermann aus gerechnet, -Starbord, die linke dagegen Larbord oder Backbord.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_279" title="279"> </a> -Der einzige, anscheinend Müßige am Bord, war -der am Steuerrad lehnende Matrose, denn der hielt, -wie er so da stand, die Speichen eigentlich nur deßhalb -fest, um seine eigene, nachlässig in sich selbst -zusammengesunkene Gestalt zu unterstützen. Dann -und wann schaute er dabei, mit einem halb schläfrigen -Ausdruck in den gleichgültigen Zügen zu den -unthätig niederhängenden Segeln und der schlaffen -am Hintermast befestigten Windfahne auf, und fiel -nachher, als ob er damit jeder nur von ihm zu fordernden -Pflicht ganz vollkommen genügt habe, gemächlich -in seine alte Stellung zurück.</p> - -<p>Da tauchte noch ein anderer Kopf aus der -Kajütenluke empor, und gleich darauf stiegen zwei -Gestalten an Deck, von denen sie die eine leicht als -<em class="ge">Master</em> des kleinen Fahrzeugs erkennen ließ; die -andere dagegen gehörte einem mehr fremdartigen, in -seine Umgebung nicht recht passenden Wesen an, das -wir deßhalb schon und seiner äußeren Erscheinung -willen, ein wenig näher betrachten wollen.</p> - -<p>Es war ein Mann, kaum mehr als zwei oder -drei und dreißig Jahr alt, aber mit wohlmarkirten -und dunkelglühenden Augen, nicht übermäßig stark -und groß, doch von kräftig elastischem Körperbau. -Das Außergewöhnliche an ihm bestand übrigens – -<a class="pagenum" id="page_280" title="280"> </a> -obgleich sich seine Züge, einmal gesehen, sicherlich -nicht leicht wieder vergaßen – weniger in seiner -persönlichen Erscheinung als in seinem Anzug, der -eine Mischung von europäischer und indianischer -Tracht bildete. Der Mann selber stammte allerdings -von Weißen ab, denn wenn auch seine Haut durch -Sonnengluth und Luft so verbrannt und gefärbt war, -daß sie in ihrer dunklen Schattirung wenig der, neuseeländischer -Eingeborener nachgeben mochte, so verrieth -doch das lichtere gekrauste Haar, die mehr geröthete -Wange und der ganze Schnitt des Gesichts -nicht allein den Weißen, sondern auch den Engländer, -während der weite neuseeländische Tapamantel und -die, aus roher Haut verfertigten moccasinartigen -Schuhe, wie die, nach Art der Indianer unter dem -Knie gebundenen Beinkleider, eher einen Halbbrut-Wilden -vermuthen ließen.</p> - -<p>Sein Begleiter, der Master des kleinen Kasuar, -der sich übrigens, wie alle solche Küstenfahrer, viel -lieber »Capitän« nennen hörte, schien denn auch über -den wunderlichen Aufzug seines Passagieres sehr -erfreut und seine, ohnedieß schon recht ansehnliche -Physiognomie hatte sich zu einem breiten, wohlgefälligen -Grinsen ausgedehnt, mit dem er, sobald sie -das Deck erreicht hatten, den <em class="ge">Wilden</em> von oben nach -<a class="pagenum" id="page_281" title="281"> </a> -unten betrachtete, bis sich dieser endlich mürrisch -gegen ihn wandte und ausrief:</p> - -<p>»Nun Sir, wenn Sie sich satt gesehen haben, -lassen Sie mich's wissen. Ist Ihnen denn in Ihrem -ganzen Leben noch kein Tapamantel vorgekommen, -daß Sie dreinschauen, als ob wir uns mitten in -London, anstatt wirklich an der neuseeländischen Küste -befänden?«</p> - -<p>»Nichts für ungut,« lachte der Seemann, »ich -dachte nur eben daran, was für ein Gesicht der -Gouverneur in Sidney schneiden würde, wenn Sie -ihm, so aufgetakelt, vor den Bug kämen. Seeschlangen -und Eisbären, Sie kommen mir vor wie ein -Kriegsschiff mit Frauenzeug an Bord und an der -Gaffel einen Unterrock aufgehisst – segeln auch wohl -einen Kreuzzug unter falscher Flagge?«</p> - -<p>»Alle Wetter!« rief da der kleine dicke Mann, der -sich in diesem Augenblick zum ersten Mal nach den -Redenden umwandte, ganz erstaunt aus – »Mr. -Dumfry als Neuseeländer!«</p> - -<p>»Gentlemen« erwiederte aber der also Genannte, -indem er sich, ohne die letzte Bemerkung weiter einer -Antwort zu würdigen, an seine beiden Begleiter -wandte, »ich möchte ein paar <em class="ge">ernste</em> Worte mit -Ihnen reden, denn es betrifft Dinge, die noch auf -<a class="pagenum" id="page_282" title="282"> </a> -jeden Fall besprochen werden müssen, ehe wir jene -Küste betreten.« Und sein Auge haftete dabei sinnend -an den blauen Landstreifen, dessen Conturen, durch -das aufsteigende Tagesgestirn beleuchtet, immer deutlicher -und erkennbarer hervortraten.</p> - -<p>»Hm,« sagte der <em class="ge">Capitän</em> und schob die Finger -beider Hände in die Seitentaschen seiner kurzen blauen -Matrosenjacke – »Geheimnisse wohl? werden dann -lieber wieder in die Kajüte hinunter gehen.« Sein -Blick, der zugleich auf den, neben ihnen am Steuer -befindlichen Matrosen fiel, zeigte deutlich genug daß -er fürchtete, dieser könne, da der Raum des Hinterdecks -allerdings nicht bedeutend war, ihr Gespräch -belauschen.</p> - -<p>»Wir haben,« erwiederte ihm aber Dumfry, »von -den Leuten an Bord Nichts zu fürchten, wie Sie mir -sagten, kommen die ja mit dem Lande nicht in Berührung.«</p> - -<p>»Ei bewahre,« rief der Capitän – »gerade der, -der dort steht, ist ein noch nicht entlassener Sträfling, -den ich eigentlich wider die Gesetze mit an Bord -genommen habe; er hat sich aber bis jetzt ordentlich -benommen und – mir fehlten Matrosen, da konnte -ich ihn, der ein tüchtiger Seemann ist, gar gut -gebrauchen. Uebrigens bleibt der Schooner am äußersten -<a class="pagenum" id="page_283" title="283"> </a> -Rande der Bai vor Anker liegen, das kleine Boot -nehmen wir selber mit, und daß mir nachher keiner -ans Ufer <em class="ge">schwimmt</em>, dafür sorgen unsere guten -Freunde, die Haifische, von denen es hier eine besonders -große Anzahl giebt.«</p> - -<p>»Gut denn, so können wir ruhig hier oben -bleiben,« sagte der Verkleidete, wandte sich dem Starbord -Bulwark zu, und erwartete hier, an dieses -angelehnt, und sein Gesicht dem Meere und dem vor -ihnen liegenden Ufer zugekehrt, die beiden Freunde, -die sich bald rechts und links neben ihn stellten, seiner -Mittheilung zu lauschen.</p> - -<p>Ehe wir übrigens dem Gespräch der Männer, die -wir in unserer Erzählung begleiten wollen, folgen, -möchte es vielleicht nöthig sein, dem Leser einen kurzen -und flüchtigen Ueberblick des Theils der neuseeländischen -Verhältnisse zu geben, mit welchem wir es hier zu -thun haben, damit er die Beweggründe der Schooner-Passagiere -begreifen, und ihrem Unternehmen mit -größerem Interesse folgen kann.</p> - -<p>Wie in allen uncultivirten Ländern der Welt, so -bildeten auch in Neuseeland die Missionäre gewissermaßen -die Tirailleure der Civilisation; denn wie man -einen bösen und starken Hund streichelt, und vielleicht -durch den angenehmen Geruch eines vorgehaltenen -<a class="pagenum" id="page_284" title="284"> </a> -Knochens, wie durch freundliche zuredende Worte zu -besänftigen sucht, so wird den wilden trotzigen -Nationen, denen der liebe Gott wahrscheinlich nur -zufällig so vortrefflich zu Handel und Ackerbau gelegenes -Land gegeben hatte, zuerst die christliche -Religion mit ihren frommen und jede rauhe That -verbietenden Lehren gezeigt. »Seht,« sagen die Missionäre -– »solch gute Menschen sind wir, <em class="ge">das</em> steht -Alles in der Bibel, unserem, uns von Gott selbst -gegebenen Buch, und das thun, das befolgen wir -auch Alles; davon weichen wir kein Haar breit ab, -und so gut müßt Ihr auch werden, wenn Ihr einst -das Alles erhalten wollt, was uns für unsere -Frömmigkeit versprochen ist.«</p> - -<p>Der Wilde, dem schon das an und für sich -imponirt, daß einzelne <em class="ge">unbewaffnete</em> Männer, -fremd mit seinen Sitten und Gebräuchen, durch -Nichts geschützt, als das Vertrauen auf sein Volk, -weit über das Meer daher kommen; ja vielleicht -gar durch das Neue der Sache selbst angereizt, -oder auch im naturkräftigen Herzen das Schöne -solcher Lehre ahnend, neigt sich endlich dem fremden -Glauben und huldigt dem fremden Gotte. Er will -es einmal versuchen, ob das auch alles wahr und -wirklich so ist, was ihm die fremden Männer -<a class="pagenum" id="page_285" title="285"> </a> -mit den wunderlichen schwarzen Kleidern gepredigt -haben.</p> - -<p>Kaum hat ihn nun sein eigener freier Wille, oft -freilich auch nur ein für ihn reiches Geschenk dazu gewonnen, -dann nimmt man ihm schon ein Versprechen -ab – das er bei einem nur etwas anders gestalteten -Heiligenbild, als er es bis jetzt gewohnt gewesen, -leisten muß – seinen neuen Glauben nie wieder zu -verlassen, und dem europäischen Gott wie auch dem -europäischen Fürsten, dessen Emissäre sich dort gerade -vorfinden, gehorsam zu sein.</p> - -<p>Der arme Wilde, der es übrigens sehr natürlich -findet, daß der europäische Gott auf der Erde von -einem <em class="ge">Fürsten</em> vertreten wird – denn einem anderen -<em class="ge">Häuptling</em> Gehorsam zu schwören wäre ihm nie eingefallen -– leistet den Eid, weiß aber in jener Zeit -gewöhnlich gar nicht <em class="ge">was</em> er verspricht, und ist nicht -um ein Jota mehr zurechnungsfähig, als ein Säugling, -der in der christlichen Religion getauft, oder ein -vierzehnjähriger Schuljunge, der in ihr confirmirt -wird. Weicht er aber später einmal davon ab, erwacht -der alte trotzige Geist in ihm, oder sieht er vielleicht -gar, daß sich doch nicht Alles so lieb und gut verhält, -wie es ihm die fremden, im Anfang so freundlichen -Männer vorgesprochen, dann wird er an <em class="ge">sein Versprechen -<a class="pagenum" id="page_286" title="286"> </a> -gemahnt</em>, und wenn das nicht mehr ausreicht, -zu der Liebe für die christliche Kirche <em class="ge">gezwungen</em>.</p> - -<p>»Ei, er hat ja geschworen,« sagen jetzt die Fremden, -denn außer den Missionären treten nun auch -plötzlich gar frommgesinnte Kaufleute aus dem Hintergrund -und schreien über verletzte <em class="ge">Rechte</em> – »er hat -ja einen Traktat, in welchem ihm Alles haarklein auseinandergesetzt -wurde, mit seinem eigenen Zeichen -selbst untermalt (denn lesen und schreiben konnte der -arme Teufel leider nicht), und muß nun auch halten, -was er versprochen, da ihn ja <em class="ge">früher</em> Niemand dazu -gezwungen hat.« Wird ihm aber der Zwang zu eng, -lernt er vielleicht gar die wahren Absichten seiner Bekehrer -kennen und verstehen, und greift er in wieder -frisch aufloderndem Kampfesmuth zu den Waffen, -dann – schmettern Kartätschen und Büchsenkugeln den -<em class="ge">Rebellen</em> zu Boden und die donnernden Schlünde -der Kriegsschiffe, die seine leichten Schilfwohnungen -von der Erde fegen oder entzünden, öffnen dem unglückseligen -Wilden zum ersten Mal die Augen und -zeigen ihm, was er bis jetzt noch gar nicht bemerkt zu -haben schien, daß er Ketten an Händen und Füßen -trage, und sogar in all seiner Verzweiflung und Noth -nicht einmal mehr seinen alten Gott anrufen könne – -weil er den verleugnet hatte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_287" title="287"> </a> -Das bricht dem Armen gewöhnlich das Herz, -denn damit ist ihm das Letzte, Heiligste vernichtet, und -er wird jetzt, ohne weiteren großen Widerstand mehr, -und worauf es ja im Anfang doch gleich abgesehen, -der, nur dem Namen nach freie, <em class="ge">Sclave</em> seines -Herrn.</p> - -<p>Wie sehr dabei den Missionären gewöhnlich das -Seelenheil ihrer <em class="ge">Bekehrten</em> am Herzen liegt – ich -sage <em class="ge">gewöhnlich</em>, denn es giebt auch, Gott sei -Dank, Ausnahmen von dieser Regel – geht ebenfalls -aus den neuseeländischen Berichten hervor. Nach -der Aukland Gazette beanspruchen nämlich die dort -befindlichen fünf und zwanzig Mitglieder der Kirchenmissionsgesellschaft -zusammen 196,840 Acker Landes, -das sie für Kleinigkeiten gekauft und jetzt gewiß nicht -um das ganze Seelenheil Neuseelands wieder herausgeben -würden. Den Beweis hierzu haben ja auch -wirklich die schon später geführten Kriege geliefert. -Ebenso widersetzten sich jene Missionäre der Bildung -anderer Gesellschaften, die besonders von Deutschen -ausgingen und in denen sie, vielleicht nicht mit Unrecht, -theils eine Ueberwachung ihres Treibens, theils -vielleicht gar eine Concurrenz fürchteten.</p> - -<p>Die neuseeländischen Wilden nun, die dem Treiben -der Fremden im Anfang ganz ruhig zusahen, da -<a class="pagenum" id="page_288" title="288"> </a> -sie erstlich den Rückhalt nicht kannten, den jene in ihrer -Nation hatten, und in solcher Besitznahme von Land -durch eine Handvoll Menschen auch natürlich nicht -jene verderblichen Folgen ahnen konnten, die es für sie -haben mußte, wenn sie weiter und weiter von ihrem -Grund und Boden verdrängt wurden, fingen dennoch -mit der Zeit an aufmerksam zu werden und zu begreifen, -welche Motive jene fremden Männer bewogen -haben konnten, ihr Vaterland zu verlassen und die -eigene Religion ganz unbekannten Völkern zu predigen. -Theils sahen sie selbst fremde Länder, denn als -Matrosen oder größtentheils Harpunierer schifften sie -sich häufig auf amerikanischen, englischen und französischen -Wallfischfängern ein, theils wurden sie auch -hier und da von Weißen selbst auf ihnen gefährlich -werdende Uebelstände aufmerksam gemacht, und das -letztere geschah nicht allein oft aus Privat-, sondern -sogar nicht selten aus irgend einem Nationalinteresse, -wie denn Aehnliches von den Engländern besonders -ihren Erbfeinden den Franzosen zur Last gelegt wird.</p> - -<p>Das Resultat blieb denn auch nicht aus; Heki, -ein wackerer Häuptling der Neuseeländer – nach einigen -englischen Blättern sogar ein geborener Ire, der -als junger Matrose von seinem Schiffe desertirte – -bot plötzlich den Europäern die Spitze, und widersetzte -<a class="pagenum" id="page_289" title="289"> </a> -sich vorzüglich den Vermessungen des Landes, welche, -wie er jetzt wohl einsehen lernte, seinem Volke den -Boden Ackerweis entrissen und der fremden Regierung -nur noch immer mehr angemaßte Rechte gaben. Der -Haß gegen die Fremden stieg dabei immer höher, und -ein Umstand besonders brachte das lang gedämpfte -Feuer zum wilden, tobenden Ausbruch.</p> - -<p>Die Tochter eines Häuptlings wurde – wie die -Engländer behaupteten, aus Versehen – erschossen -und das wilde Blut der neuseeländischen Krieger -schäumte jetzt hoch auf; all die erduldete Schmach -riefen sie in ihr Gedächtniß zurück, und der langverstummte -Kriegsschrei der Stämme machte das Mark -ihrer Feinde erbeben. Allerdings erzwangen sich endlich -die Geschützstücke der Engländer Anerkennung, und -zügelten wenigstens für den Augenblick den wild auflodernden -Grimm der Wilden, im Inneren gährte es -aber noch drohend fort, und wenn auch dann und -wann die Häuptlinge Frieden sicherten und Freundschaftsversicherungen -gaben, so war ihnen doch schon -von den Feinden selbst gelehrt worden, wie man derlei -Versprechungen zu halten habe, und trotzig erneuten -sie das Blutvergießen immer aufs Neue wieder.</p> - -<p>Das Resultat dieser Kämpfe ist freilich vorauszusehen; -es wird hier werden, wie es in allen übrigen -<a class="pagenum" id="page_290" title="290"> </a> -»wilden Ländern« war: einen Theil der Heiden civilisirt -man, der andere muß untergehn, wollen sich aber -gar keine dem milden Joch der christlichen Religion -fügen, ja dann haben sie sich die Folgen freilich selber -zuzuschreiben, und wie es früher den Guanchen der -Canariden ging, wie es jetzt das Schicksal der australischen -Wilden ist, so bleiben der Nachwelt nur noch -die starren Ueberreste ihrer Gebeine, bei denen sich -selbst die nimmer schonende Zeit milder zeigte, als -das christliche Menschengeschlecht.</p> - -<p>Der Zweck nun, der den »Kasuar« hier an Neuseelands -Küste gerufen, stand ebenfalls mit diesen -Verhältnissen in Verbindung. In Sidney selbst -war nämlich vor nicht gar langer Zeit ein angeblich -neuseeländischer Pflanzer eingetroffen, der an der -Nordostküste der Insel bedeutende wilde Länderstrecken -sein nannte, und auch einen, von dem Häuptling -Heki selbst unterzeichneten Schein besaß – etwas, -das bei Landbesitzungen äußerst selten geschah; – -Ursachen jedoch, die er bis dahin geheimgehalten, -nöthigten ihn, wie er sagte, zu augenblicklicher Rückkehr -nach Europa, und er bot deßhalb jenen Schein -einem bedeutenden Sidney Handelshaus, Bornholm, -Bricks und Comp., gegen baare Zahlung einer höchst -mäßigen Summe an. Die einzige Bedingung, die er -<a class="pagenum" id="page_291" title="291"> </a> -dabei stellte, war die, daß er einen Schooner und -zwei Begleiter bekäme, um mit diesen noch einmal -nach Neuseeland zurückzukehren, wobei er denn auch -jenen Beiden die Grenzen des Besitzthums und dessen -Lage bezeichnen wollte, damit sie später, wenn einmal -der Rechtsanspruch an dieses Land geltend gemacht -würde, als Zeugen für den rechtlichen und gesetzlichen -Kauf auftreten könnten.</p> - -<p>Die Schrift des Dokumentes war, wie sich nicht -verkennen ließ, ächt und der für das Land geforderte -Preis stand mit dem jedesfallsigen Werthe desselben -in gar keinem Verhältniß – es konnte ein solcher Ankauf -daher als ein ausgezeichnetes Geschäft gelten; -denn in Sidney wußten sie recht gut, daß die englische -Regierung, sobald sie die störrischen Häuptlinge -nur erst einmal gebändigt, jedes Recht ihrer Unterthanen -gewiß auf das kräftigste vertreten würde. Nur -mit der Vermessung solcher Strecken hatte es, für -jetzt wenigstens, unüberwindliche Schwierigkeiten. -Die Eingeborenen widersetzten sich jeder Schätzung -ihres Landes auf das Bestimmteste, und übten, wenn -diese doch einmal versucht wurde und sie die Schuldigen -ertappten, fürchterliches Strafgericht, wobei sogar -nicht selten der alte heidnische und keineswegs abgeschaffte -Kanibalismus wieder ins Leben trat. Reisende -<a class="pagenum" id="page_292" title="292"> </a> -brauchten dagegen, besonders an der Küste, kaum um -ihre Sicherheit besorgt zu sein, denn Heki hatte sogar -seinen Untergebenen auf das strengste eingeschärft, -Fremde nicht unnöthig zu reizen und jedes Blutvergießen -zu vermeiden; die aber mit Aufopferung ihrer -letzten Kräfte zu bekämpfen und zu vernichten, die -eines ihrer Rechte auch nur anzutasten wagten.</p> - -<p>Der Vorschlag also, den Schooner hinüberzusenden -und dort das Land, unter dem Vorwand einer -Jagdexcursion, zu besichtigen schien dem Sidneyer -Handlungshaus ebenfalls das einfachste und zweckmäßigste, -obgleich es nicht begreifen konnte, welchen -Plan Dumfry dabei haben mochte, daß er ihn förmlich -zur Bedingung seines Kaufes machte. Es nahm -aber auch deßhalb keinen Anstand, die Expedition -selbst, so sehr es anging, zu beeilen, und drei Tage -später schoß der Kasuar schon mit vollen geschwellten -Segeln aus der Bai und ließ bald Neu-Hollands -Küste weit, weit hinter sich.</p> - -<p>Dumfry war übrigens bis jetzt weder in Sidney -noch an Bord anders als in europäischer Tracht -erschienen, und das Erstaunen seiner Reisegefährten -ließ sich deßhalb leicht erklären, als sie ihn plötzlich, -der neuseeländischen Küste so nahe, die Rolle eines -Indianers übernehmen sahen. Er konnte die Maske -<a class="pagenum" id="page_293" title="293"> </a> -aber keineswegs nur in Scherz oder Lust angelegt -haben, denn sein ganzes Wesen kam ihnen fast noch -finsterer vor, als es sich bis dahin gezeigt, und sein -Blick haftete ernst und schweigend an dem schmalen -vor ihnen ausgedehnten Küstenstreifen.</p> - -<p>Capitän Tomson schien auch sehr geduldig den -Beginn der versprochenen Mittheilung zu erwarten, -denn er schaute ebenfalls, ohne auch nur die mindeste -Neugierde zu verrathen, nach dem noch ziemlich entfernten -Ufer hinüber, und nahm endlich seinen Kautabak -heraus, von dem er einen förmlichen Mundvoll -abbiß und langsam an zu verarbeiten fing; Van -Broon dagegen, der ehrsame Geschäftsführer der -Firma Bornholm, Bricks und Comp., hustete erst ein -paar Mal, räusperte sich, und that alles Mögliche, -um dem wunderlichen Manne seine Nähe, die er -ganz vergessen zu haben schien, bemerklich zu machen. -Es blieb aber jede Bemühung vergeblich; Dumfry -war in eine seiner Träumereien gefallen und hörte -und sah nicht mehr, bis denn endlich dem kleinen Van -Broon der letzte Geduldsfaden riß und er seinen Nachbar -mit einem mahnenden »Sir!« in die Seite stieß. -Dumfry zuckte, dadurch wieder zu sich selbst gebracht, -fast erschreckt empor, sammelte sich aber gleich wieder -und sagte, ohne jedoch dabei den Blick auch nur -<a class="pagenum" id="page_294" title="294"> </a> -einen Augenblick von seinem bisherigen Ziel zu -verwenden:</p> - -<p>»Gentlemen, es wird ihnen sonderbar erscheinen, -daß ich jetzt, da wir uns den neuseeländischen Küsten -nähern, die Landestracht jenes Volkes anlege.«</p> - -<p>»Ei, wenn man unter den Wölfen ist, muß man -mit ihnen heulen,« meinte Tomson trocken.</p> - -<p>»Es hat einen anderen Grund« fuhr Dumfry -fort und wandte sich dabei halb nach dem am Steuer -lehnenden Matrosen hin, um auch überzeugt zu -sein, daß sie von diesem nicht belauscht würden; -der aber lehnte, allerdings an der ihnen nächsten -Seite, aber den Rücken gegen die drei Männer gewandt, -am Steuerrad, und hob nur manchmal -schwerfällig, wie fast selbst zu dieser einzigen Körperbewegung -zu faul, den Kopf gegen die Segel empor. -Die Männer schien er gar nicht zu beachten. Dumfry -mußte auch durch diesen Blick vollkommen befriedigt -sein.</p> - -<p>Der Matrose stand aber keineswegs so schläfrig -da, als es vielleicht den Anschein haben mochte; im -Gegentheil trugen seine Züge den Ausdruck aufmerksamer -Spannung, und er rührte sich nur deßhalb -nicht, um keines der leise gesprochenen Worte zu -überhören. – Hätte Dumfry den stieren wachsamen -<a class="pagenum" id="page_295" title="295"> </a> -Blick nur einen Moment beobachten können, er wäre -nicht in der Nähe des Mannes stehen geblieben, so -aber lehnte er sich langsam wieder über die Schanzung -hinüber und fuhr fort:</p> - -<p>»Sie wissen Beide, daß ich früher auf Neuseeland -gewohnt, ja dort Grundeigenthum besaß, das mir -von dem Häuptling selbst und durch seinen eigenen -Landbrief gesichert, ungestörten, ruhigen Besitz versprach. -Sogar die Kriege mit den Europäern schienen -nichts Gefahrbringendes für mich zu haben, denn -die Eingeborenen betrachteten mich als einen der -ihren, während meine Landsleute nur Vortheil aus -meiner Gegenwart zu ziehen hofften. Wenn aber auch -Heki freundlich gegen mich gesinnt war und mir -wiederholt seinen thätigsten Schutz versprach, mußte -ich doch einigen der untergeordneteren Häuptlinge ein -Dorn im Auge gewesen sein, denn die Streitigkeiten -mit ihnen nahmen kein Ende. Ich fand auch bald, daß -sie es in der That dahin zu bringen suchten, mich zu -einer raschen unüberlegten Handlung zu treiben, und -dann vollen Grund zu haben, über mich herzufallen. -Lange widerstand ich allen ihren Ränken und entging -glücklich den gelegten Schlingen, einmal aber, in -trüber unseliger Stunde, wo mir all die erlittene -Unbill, jede ertragene Schmach in tollen Bildern vor -<a class="pagenum" id="page_296" title="296"> </a> -die Seele stieg, wurde ich meines Zornes nicht Herr, -und – schlug den Einen meiner Feinde zu Boden.</p> - -<p>Blut fordert nach den Gesetzen jener Stämme -Blut, und mein Leben hätte von diesem Augenblick -an Heki selbst nicht mehr schützen können. Ich wußte -auch zu gut was mich bedrohte, und floh; unmöglich -aber wäre es die Wuth zu beschreiben, mit welcher -diese rachsüchtigen Kinder einer heißen Sonne meinen -Fährten folgten. Selbst die Missionäre weigerten sich -damals mir eine Freistatt zu gewähren, ja drohten -sogar mich auszuliefern, wenn ich nicht ohne Zögern -die Missionsgebäude verließe; sie wollten den Zorn -der gereizten Wilden nicht auf ihre, bis dahin ungestörten -Wohnungen lenken. Ein holländischer -Schooner nahm mich noch endlich auf und entzog -mich dadurch einem martervollen Tode.«</p> - -<p>»Und nun wollen Sie in <em class="ge">unserer</em> Gesellschaft -wieder dorthin zurückkehren?« frug da Van Broon, -der dieser Mittheilung mit immer wachsendem Entsetzen -gelauscht hatte, »Mann, sind Sie rein des -Teufels? glauben Sie denn, daß man Sie dort nicht -wieder kennen wird? – Und das verschweigt dieser -unglückselige Mensch, bis wir dicht an der Küste -sind; nun wird uns weiter gar nichts übrig bleiben, -als geradezu umzukehren.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_297" title="297"> </a> -»Die Gefahr ist keineswegs so groß als Sie -denken,« flüsterte Dumfry, »sonst hätte ich mich selbst -nicht wieder hierher gewagt. Um unentdeckt zu bleiben, -legte ich neuseeländische Tracht an, denn unter dem -Schutze des <em class="ge">Tabu</em><span class="top">[9]</span> bin ich im Stande, monatelang -die Insel zu durchwandern, ohne von einem einzigen -meiner Feinde erkannt zu werden. Sobald wir das -<a class="pagenum" id="page_298" title="298"> </a> -feste Land betreten verhüllt diese Matte meinen Kopf, -und keine Hand wird es wagen einen Schleier zu lüften, -den ihr heiligstes Gesetz als unantastbar schützt.«</p> - -<p class="ci fss">[9]: Der <em class="ge">Tabu</em>, ursprünglich wohl ein religiöser Gebrauch, -ist bei den Neuseeländern auch das geworden, was man bei anderen -Völkern das <em class="ge">Gesetz</em> nennt, wird aber, seines heiligen und -gefürchteten Ursprungs wegen, wohl um Vieles besser geachtet -und gehalten, als das mit dem bloßen <em class="ge">Gesetz</em> der Fall sein -würde. Das Belegen mit dem Tabu bedeutet eigentlich: irgend -eine Sache oder Person für längere oder kürzere Zeit als geheiligt -zu betrachten. Dieß geschieht durch die <em class="ge">Tohungas</em> oder weisen -Männer. Begräbnißplätze, geheiligtes Eigenthum der Todten – -Eigenthum an einem unbewohnten Ort gelassen, die Mais und -Kumera (süße Kartoffel) Plantagen und andere Sachen sind -unter das Tabu, oder eigentlich Tapu Gesetz (wie es die Neuseeländer -härter aussprechen als die Bewohner der Sandwichs- und -Marquesas-Inseln) gelegt. Oft geschieht das einem ganzen Pah -(einem befestigten Ort), ebenso Häusern, Straßen und Canoes. -Jemand der krank gewesen, ist bis zu einer gewissen Zeit Tapu. -Das Haupt, ja oft der ganze Körper eines Häuptlings gilt dafür, -– so jede Braut – und die Göttin selbst ist für Jeden, ihren -eigenen Namen ausgenommen, Tapu. Sicherlich ist dieser Gebrauch -für ein Volk, das keine geschriebenen Gesetze hat und -kennt, höchst nützlich, ja sogar für den Schutz des Eigenthums, -wie der einzelnen Personen von segensreichster Wirkung.</p> - -<p class="ci fss si"><i>French Angas Life in New Zealand.</i></p> - -<p>»Das ist eine sehr wunderliche Geschichte« murmelte -der kleine Holländer und schüttelte dabei höchst -unzufrieden, und allem Anschein nach keineswegs -beruhigt, mit dem Kopf – »eine höchst unangenehme -Geschichte, deren Mißlingen wir am Ende sämmtlich -mit unserem Fleisch, und den Werth zwar nach Metzgergewicht -bestimmt, zahlen können.«</p> - -<p>»Hm,« meinte Tomson endlich, »das ist schon -wahr – die Völker Oceaniens haben einen Respekt -vor dem Tabu, der uns vielleicht vor Entdeckung -sichert, aber« – und er drehte sich dabei scharf gegen -den imitirten Neuseeländer herum, »was zum Henker -treibt <em class="ge">Sie</em> denn da wieder nach Neuseeland zurück, -Sir, wenn Sie doch froh sein sollten eine gehörige -Quantität Seewasser zwischen sich und der ihnen so -feindlich gesinnten Nation zu wissen?«</p> - -<p>»Ja, <em class="ge">den</em> Grund möchte ich auch hören« stimmte -Van Broon dem Seemanne bei.</p> - -<p>»Wollen Sie mir« – frug jetzt Dumfry ohne die -von ihm verlangte Erklärung geradehin zu geben – -»wollen Sie mir in dem beistehen, was ich noch hier -in meinem eigenen Interesse auszuführen gedenke -<a class="pagenum" id="page_299" title="299"> </a> -– wollen Sie mir Ihre Hülfe zusichern, und zwar -mit der gewissen Aussicht auf einen höchst bedeutenden -Gewinn?«</p> - -<p>»Donnerwetter, schießen Sie los Sir,« rief da der -alte Matrose, ungeduldig werdend – »wozu denn das -verdammte falsche Farbenspiel – hissen Sie, in des -Bösen Namen, endlich einmal die wahre Flagge und -nehmen Sie die Leinwand weg, daß man sehen kann, -ob Sie wirkliche oder nur gemalte Schießluken -führen. Was wollen Sie von uns, wozu sollen wir -helfen?«</p> - -<p>»Gut denn,« erwiederte nach kurzem Sinnen -Dumfry entschlossen, indem er sich halb gegen Tomson -hinwandte: »ich will Ihnen Alles entdecken und hoffe -dann auf ihren Beistand rechnen zu können. Sie wissen -Gentlemen, daß ich, als ich der Firma Bornholm -die mir von Heki selbst ausgestellte Landverschreibung -übergab, es sogar zur Bedingung meines Verkaufes -machte, hier noch einmal nach Neuseeland, und zwar -in Begleitung zweier Männer zurückkehren zu können. -Die Bestimmung des Landes lieferte dazu den einen, -aber nur die Firma Bornholm berührenden Grund; -der andere betrifft mich selber. Wir werden, wenn -auch noch einige Meilen davon entfernt, doch dem -Orte gegenüber landen, wo ich früher meine Hütte -<a class="pagenum" id="page_300" title="300"> </a> -errichtet; was aus dieser geworden, weiß ich nicht, -ganz in der Nähe derselben liegt aber ein ebenfalls -durch das Tabu geheiligter Ort, und an diesem -habe ich vor meiner damaligen Flucht, alles das -vergraben, was ich mir in einem zehnjährigen Aufenthalt -nicht allein auf Neuseeland, sondern auch in -früherer Zeit in den australischen Colonien ersparen -konnte.«</p> - -<p>»Was? ein Schatz?« frugen beide Männer rasch -und verwundert!</p> - -<p>»Still« sagte der Neuseeländer und sah sich schnell -nach dem Mann am Steuer um. Der aber, doch -etwas durch die plötzliche, unerwartete Bewegung erschreckt, -fuhr leicht zusammen und drehte den Kopf -rasch zur Seite. Dieses Zeichen der Ueberraschung -war übrigens hinreichend gewesen, den Verdacht -Dumfry's zu erregen und seine von jetzt an leise geflüsterten -Worte riefen die beiden Männer in die Kajüte -hinab, um dort die angefangene Mittheilung zu -beenden.</p> - -<p>Der Mann am Steuer sah ihnen, als sie die -Treppe hinunterstiegen, mürrisch nach und murmelte -endlich:</p> - -<p>»So so, also ein Schatz ist dort drüben zu heben, -und da sollen wir indessen hier ein paar Meilen in -<a class="pagenum" id="page_301" title="301"> </a> -See draußen liegen und die Herren dann nachher ganz -gehorsam und unterthänigst in unsere Sclaverei zurückführen, -indeß ich hier doch die verdammte gelbe -Jacke<span class="top">[10]</span> einmal mit guter Gelegenheit loswerden -könnte. Pest noch einmal – so wohl wird's mir wohl -sobald nicht wieder werden, eine solche Strecke von -Sidney entfernt zu sein; muß nur sehen, daß ich mit -in das Boot zum Hinüberrudern komme, nachher gute -Nacht Sclavendienst.« Und er griff rasch und entschlossen -in die Speichen des Rades, den indessen etwas -abgefallenen Bug wieder dem Ufer zuzuhalten.</p> - -<p class="ci fss">[10]: Die gelbe Jacke ist ein Abzeichen der Sträflinge in den -Colonien.</p> - -<p>In Himmel und See war indessen ebenfalls eine -Veränderung vorgegangen; der Seewind trat ein und -die, bis dahin fast ruhige Wasserfläche fing an, sich -mehr und mehr zu kräuseln; kleine Wellen entstanden, -die sich wie rollende Schneebälle vergrößerten, je weiter -sie kamen und zuletzt mit den glasigen Häuptern so -emporstiegen, daß sie in zischendem Schaum aufsprudelten -und tanzten. Der gleichmäßige, ruhige Lufthauch -ließ ihnen dabei gar keine Wahl, wohin sie sich -wenden wollten; nur dem Lande drängte er zu und -die kleinen Wogen, selbst schon im Entstehen den -<a class="pagenum" id="page_302" title="302"> </a> -Trotz verrathend, der sie in ihrer Kraft und Gewalt so -fürchterlich macht, kämpften zuerst eine ganze Weile -gegen den, wenn auch milden Herren an, und schienen -ihren Platz bis aufs Aeußerste behaupten zu wollen. -Endlich aber, da sie doch sahen, daß sie der Uebermacht -weichen mußten, wandten sie sich auch zu wilder -ungeregelter Flucht, sprangen hoch auf und stürzten -sich, wie tolle, ungezogene Kinder rücksichtslos übereinander -hin, eine immer rascher vor als die Schwester -drängend, um das Ufer nur so schnell wie möglich zu -erreichen.</p> - -<p>Der Kasuar ließ denn auch die frische Brise keineswegs -unbenutzt; seine Segel blähten sich, und der -Schaum kräuselte am Bug empor und tanzte in kleinen -Spritzwellen hinter dem jetzt langsam steigenden -Fahrzeug her. Die Massen von inselartigen Seepflanzen, -die ihn bis dahin fast regungslos umgeben hatten, -durchschnitt er nun, oder glitt rasch an ihnen vorüber, -und das Land trat immer deutlicher und erkennbarer -hervor, so daß man schon vom Bord aus einzelne, -höhere Baumgruppen und die hervorstechende, -dunklere Schattirung der Wälder erkennen konnte.</p> - -<p>Der Sträfling von Sidney stand noch immer am -Steuer, da tönten die hellen Schläge der Glocke, das -Zeichen der Ablösung für die Wachen, und vom Vorkastle, -<a class="pagenum" id="page_303" title="303"> </a> -die beiden Daumen in dem schmalen Ledergürtel, -der die segeltuchnen Beinkleider auf den Hüften hielt, -und zugleich das lange, holzstielige Matrosenmesser -mit seiner braunen Lederscheide trug, schlenderte einer -der Kameraden langsam heran, um den Sidney <em class="ge">Vogel</em>, -wie derlei Burschen ebenfalls häufig genannt -werden, abzulösen. Gleichgültig schien er heranzukommen, -und der erste wollte ihm gerade den Platz -räumen und nach vorn gehen, das indessen für ihn -bewahrte Frühstück einzunehmen, als ihm der scheue -Blick des Ablösenden, mit welchem dieser das kleine -Deck überflog, auffiel.</p> - -<p>»Nun Bill, was giebt's,« sagte Ned, der Sträfling -– »wo spukt's wieder? schneidest ja eine verdammt -ängstliche« –</p> - -<p>»Ruhig« flüsterte der Mann schnell – »Ned – -bist Du ein Mann?«</p> - -<p>»Sonderbare Frage das,« brummte Ned höhnisch -– »trüge ich sonst diese Jacke? – das thun nur -<em class="ge">Männer</em>!«</p> - -<p>»Gut denn, hast Du Lust zu« – er wandte noch -einmal scheu den Kopf und zischte schnell, als er Niemanden -in der Nähe sah – »<em class="ge">zu fliehen</em>?«</p> - -<p>»Hm« – sagte Ned und heftete seinen Blick scharf -und prüfend auf den Mann – der Ausdruck in dessen -<a class="pagenum" id="page_304" title="304"> </a> -Zügen ließ aber keinen Zweifel, daß er es ehrlich -meine und Ned, der hier ganz unerwartet einen Bundesgenossen -fand – denn er, als bekannter Sträfling, -hätte es selber nie gewagt, einem der übrigen Matrosen -gemeinsame Sache anzubieten – bog sich jetzt, die -Speichen des Steuerrades noch immer haltend, zu -ihm nieder und flüsterte leise –</p> - -<p>»Fliehen? – ja, wenn es sein muß – aber – -ich sehe die Nothwendigkeit noch nicht ein; einige unserer -Leute werden auf jeden Fall das Fahrzeug verlassen, -um das Boot ans Ufer zu rudern – sind wir -dann nur im Stande noch einen auf <em class="ge">unsere</em> Seite zu -gewinnen, so kann uns kein Teufel an der Ausführung -eines – eines beschlossenen Planes hindern. Geht -das aber auch nicht, bleiben wir allein; – ei zum -Henker, dann möcht' ich doch einmal sehen, ob wir -Beide nicht im Stande wären, wirklich zu beweisen, -daß wir – daß wir eben <em class="ge">Männer</em> wären.«</p> - -<p>Der Ire, der im Anfang nicht einmal gleich begriff, -was Jener mit seinem dunklen Vorschlag -meinte, sah ihn erst mehrere Secunden lang überrascht -und unschlüssig an. Bis jetzt hatte er, nur des Dienstes -auf englischen Schiffen müde, wahrscheinlich einzig -und allein daran gedacht, solcher Knechtschaft zu -entgehen, während der Sträfling dagegen vor keinem -<a class="pagenum" id="page_305" title="305"> </a> -Plane zurückschreckte, der ihm seine wirkliche Freiheit -wieder gab. Er schüttelte aber, als er die fürchterliche -Absicht des Verbrechens zu ahnen begann, mit dem -Kopf und sagte schaudernd:</p> - -<p>»Nein Ned – das gäb' eine blutige Geschichte, -deren Andenken meiner Mutter Sohn nicht lebenslang -auf dem Gewissen mit herumschleppen möchte, – -aber fliehen wollen wir, darin steh' ich Dir bei und -nachher« –</p> - -<p>»Pst,« flüsterte der Sträfling rasch – »ich höre sie -von unten wieder heraufkommen – ich will schnell -mein Frühstück verzehren; nachher können wir das -weitere hier bereden.«</p> - -<p>Er glitt am Gangspill<span class="top">[11]</span> vorüber und verschwand -gleich darauf im Vorcastle des Schooners, wo die -Matrosen, wie auf allen übrigen Fahrzeugen und -Schiffen, ihre Schlafstellen haben.</p> - -<p class="ci fss">[11]: Die Hauptwinde jedes größeren Fahrzeuges.</p> - -<p>Der Schooner, von einem günstigen Seewind getrieben, -näherte sich jetzt der Bai, die, wie das in -den Südseeinseln so häufig der Fall ist, durch ein weit -ausbauchendes Corallenriff umgürtet wurde. Auf -diesem schäumte und sprudelte denn auch die Brandung -und ließ nur, so weit das Auge reichte, einen -<a class="pagenum" id="page_306" title="306"> </a> -einzigen Paß oder Canal erkennen, wo tiefes Wasser -größeren Fahrzeugen den Eingang verstattete, denn -eine krystallene Fluth schoß hier glatt und schnell -zwischen zwei hoch emporstarrenden Felsen hindurch, -die ein förmliches Thor bildeten und jedes Abweichen -nach rechts oder links zur Unmöglichkeit machten. -Tomson, der von dieser Stelle das Steuer selbst -regieren wollte, sandte den Iren nach vorn, um mit -bei den Segeln zu stehen, und die gegebenen Befehle -schnell ausführen zu helfen; für den Augenblick nahm -auch die hier wirklich nicht unbedeutende Gefahr, an -irgend eines der Riffe getrieben zu werden, die Aufmerksamkeit -Aller zu sehr in Anspruch, das Land zu -beobachten, das sie jetzt wie mit liebenden Armen umschloß, -als der <em class="ge">Master</em> ganz plötzlich eine, den Seeleuten -wenigstens höchst unerwartete Ordre gab. Der -Schooner glitt nämlich noch in dem wirklichen Canal -hin, der sie blitzschnell an den beiden Felsen vorüberführte, -da rief Tomson's Stimme sein eintöniges: -»Steht bei den Segeln!« über Deck hin, und als die -Leute erstaunt nach ihm umsahen, folgten sich die rasch -hintereinander gegebenen Befehle, die Segel back zu -brassen, einen Theil zu beschlagen und bei dem Anker -zu stehen, so reißend schnell, daß sie zum Ueberlegen -gar keine Zeit weiter behielten, sondern nur gehorchen -<a class="pagenum" id="page_307" title="307"> </a> -mußten, und jetzt sahen wie der kleine Kasuar, einem -schlanken Taucher gleich, seine Bahn veränderte, zuerst -eine Strecke dicht an dem Korallenriff vorbeizog, und -dann plötzlich, während der Steuernde das Rad losließ, -daß es wirbelnd herumfuhr, nach dem Riff selber -zulenkte, als ob es dort gerade und fest auflaufen -wolle.</p> - -<p>Dem Ruf »Anker los« folgte aber auch blitzesschnell -die Ausführung; die schwere Eisenmasse rollte -in die Tiefe, und das kleine, schwanke Fahrzeug, das -sich rasch mit seinem Bug gegen das plötzlich anstraffende -Tau wandte, lag gleich darauf still und ruhig -auf der, von keinem harten Luftzug mehr erregten -spiegelglatten Bai.</p> - -<p>Die Entfernung bis zum Lande betrug etwa zwei -englische Meilen.</p> - -<p>Der Schooner führte nur, ein neuseeländisches -Canoe ausgenommen, das Tomson früher einmal für -sich selbst gekauft, – die gewöhnliche sogenannte -Jölle mit sich, die an seinem Hinterdeck befestigt hing, -und diese wurde jetzt, als sich das Fahrzeug kaum -vor seinem Anker beruhigt, in See gelassen. Dumfry, -Van Broon und Tomson standen bereit hinabzusteigen, -denn was sie sonst an Lebensmitteln noch gebrauchen -würden, war schon durch des würdigen -<a class="pagenum" id="page_308" title="308"> </a> -Seemannes Vorsorge vorher hineingeschafft und weggepackt -worden.</p> - -<p>Der erstere hatte jetzt, neben der neuseeländischen -Tracht, auch ganz neuseeländische Bewaffnung angenommen. -Auf der Schulter trug er die lange einläufige -Büchse, und an seinem Handgelenk hing noch, -durch einen schmalen Riemen gehalten, der aus einem -Wallfischknochen verfertigte, etwa anderthalb Fuß -lange <em class="ge">Mirei</em>, die Kriegskeule jener Stämme; auch -ein Tomahawk, den die amerikanischen Wallfischfänger -auf der Insel eingeführt, stack in seinem Gürtel. -Tomson hatte sich dagegen mehr nach Seemannsart -bewehrt; in seinem breiten Gürtel ruhten neben dem -gewöhnlichen Matrosenmesser ein Paar große Enterpistolen, -und ein sogenannter Cutlaß hing an seiner linken -Seite; die langschößige blaue Jacke, die er jetzt angelegt, -bedeckte aber, wenn er sie zuknöpfte, die ersteren -vollkommen, und nur der breite, kurze Säbel blickte -drohend darunter vor.</p> - -<p>Ganz anders sah dagegen Mynheer Van Broon -aus, der keineswegs nach tödtlichen Waffen gegriffen, -sondern sich vielmehr mit dem besteckt zu haben schien, -was Leib und Seele zusammenhalten sollte, anstatt es -zu trennen. Aus der rechten und linken Tasche seines -langschooßigen, blauen Tuchrocks sahen wenigstens, -<a class="pagenum" id="page_309" title="309"> </a> -innig vergnügt, zwei rothbesiegelte Flaschenhälse heraus -und unter dem linken Arme trug er ebenfalls -einen Gegenstand, der mehr einem Fouragebeutel als -einer tödtlichen Wehr glich. Dumfry betrachtete ihn -denn auch ganz erstaunt, und rief endlich, halb ärgerlich, -halb lachend aus:</p> - -<p>»Aber zum Teufel Sir, was schleppen Sie denn -da mit sich herum? Sie glauben doch nicht, daß wir –«</p> - -<p>»Eine geräucherte Wurst, einen halben Käse, -etwas Brod und ein Fläschchen voll ächten Schiedam,« -unterbrach ihn Van Broon ruhig, indem er den -Beutel sorgsam ein klein wenig öffnete und mit der -Mündung gegen den Frager hielt.</p> - -<p>»Hahaha,« lachte Tomson, »Mr. Van Broon -will sich vorsehen, wenn wir etwa eine Belagerung -aushalten müssen.«</p> - -<p>»Bitte um Verzeihung« sagte der Holländer, -während er den Beutel wieder unter seinen Arm -zurückschob – »ich habe mit keiner Sylbe an eine -Belagerung gedacht, denn wäre das geschehen, so -können Sie sich auch fest darauf verlassen, daß ich ganz -ruhig und gemüthlich an Bord des Kasuar bliebe. -Ich bin keineswegs gesonnen, mir für die Firma -Bornholm, Bricks und Comp., so hoch ich dieselbe sonst -auch in jeder Beziehung achte und schätze, die Glieder -<a class="pagenum" id="page_310" title="310"> </a> -voll Blei schießen, oder gar mit spitzen Instrumenten -nach mir hacken und stechen zu lassen.«</p> - -<p>Dumfry biß sich auf die Lippen und wandte sich -von ihm ab; ein anderer Gedanke mußte aber in ihm -aufsteigen, denn er sah sich noch einmal nach dem -kleinen Mann um und sagte dann rasch:</p> - -<p>»Sie dürfen jenes Ufer auf keinen Fall unbewaffnet -betreten, denn wenn wir auch, wie ich fest überzeugt -bin, keine Gefahren dort zu erwarten haben, -so wäre es auch wieder zu leichtsinnig gehandelt, -nicht allein unbewaffnet zwischen die Eingeborenen -zu gehen, sondern sie das auch noch gleich von vornherein -merken zu lassen. Nehmen Sie wenigstens eine -Flinte auf die Schulter, wenn Sie dann auch keinen -Gebrauch davon machen.«</p> - -<p>»Eine geladene Flinte?« sagte der Kaufmann – -»ich denke gar nicht daran; der Henker traue den -Dingern; wenn sie nun losgeht? ich habe in meinem -Leben keine geladene Flinte in der Hand gehabt, aber -schon unzählige Unglücksfälle von derlei Mordinstrumenten -gehört.«</p> - -<p>»So nehmen Sie eine ungeladene,« rief Dumfry, -schon ungeduldig werdend – »Herr, Sie werden sich -doch nicht vor einem leeren Stück Eisen fürchten?«</p> - -<p>»Fürchten?« sagte Jener, »wer sagt Ihnen, daß -<a class="pagenum" id="page_311" title="311"> </a> -ich mich überhaupt fürchte? ich fürchte mich vor gar -Nichts, ich mag aber mit Gewehren Nichts zu thun -haben, weil ich nicht damit umzugehen weiß – ist -die auch wirklich ungeladen?«</p> - -<p>»Nicht einmal ein Pfropf drin!« brummte Dumfry, -»hier – nehmen Sie und machen Sie, daß wir fortkommen, -die schöne Tageszeit vergeht sonst, und es -ist besser, das wir noch vor Dunkelwerden wieder an -Bord sind.«</p> - -<p>»Nehmen Sie?« sagte der kleine Mann unwillig, -»womit denn? sehen Sie denn nicht, daß ich beide -Hände voll habe? kommen Sie, hängen Sie mir, -wenn es denn absolut sein muß, das verwünschte -Ding über den Hals, habe ich aber ein Unglück -damit, so können Sie sich darauf verlassen, daß ich -mich in Sidney auch an Sie halten werde.« Und er -bog dabei seinen Kopf gegen Dumfry nieder, als ob -er einen widderartigen Anlauf gegen ihn nehmen -wollte. Dieser hing ihm denn auch ohne weiteres die -keineswegs leichte Waffe mit dem Riemen über den -breiten Nacken und sprang dann leicht und flüchtig -in das Boot hinab, wo indessen zwei Matrosen – -Bill, der Ire, und Ned, der Sträfling, Platz -genommen und die dort liegenden Ruder ergriffen -hatten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_312" title="312"> </a> -Diese gewahrte der Capitän kaum, als er sie -ärgerlich anfuhr:</p> - -<p>»Hinaus mit Euch, Ihr Canaillen – wer hat -Euch hier hergeschickt? mit hinüberfahren, eh? und -dann nachher Fersengeld geben und neuseeländische -Uniform tragen? so? ganz allerliebst abgekartet. -Hinauf mit Euch, sag' ich, Hallunken, – die Ruder -hingelegt.«</p> - -<p>»Aber Master Tomson,« nahm Bill das Wort – -»ist es denn nicht Bill und Ned hier, die ein Ruder -zu führen wissen? und haben wir nicht, <i>acushla -machree</i>, bloß aus besonderen –«</p> - -<p>»Will die rothhaarige Bestie an Deck?« rief Tomson, -in wilder Wuth auffahrend - »<em class="ge">Alle an Deck -hier!</em>« schallte gleich darauf sein heftig gegebener -Befehl bis in die entferntesten Theile des kleinen -Fahrzeugs; »jetzt will ich den Hund sehen, der nicht -gehorcht.«</p> - -<p>Bill O'Leary war zu klug, jetzt noch einen Augenblick -zu zögern, da er die Folgen der Widersetzlichkeit -in solchem Falle nur zu gut kannte; er kletterte deßhalb -rasch an Deck zurück. Auch Ned hielt nur noch -einen Moment das schon ausgelegte Ruder krampfhaft -mit beiden Händen fest, zog es dann, ebenfalls -wie sein Gefährte, wieder herein, und folgte ihm, -<a class="pagenum" id="page_313" title="313"> </a> -wo er von seinem Offizier mit Flüchen und Drohworten -empfangen und überschüttet wurde. Deren -schien er aber wenig zu achten, sondern schob nur die -Hände in seine Jackentasche und trat mürrisch hinter -die übrigen Seeleute, die sich jetzt, nach dem letztgegebenen -Befehl, um ihren Führer gesammelt hatten. -Es waren, mit dem Koch und Stewart, einem aus -den vereinigten Staaten entflohenen Neger, zehn -stattliche, kräftige Gestalten, größtentheils in blauflanellnen -Hemden, weißen Segeltuchhosen und -runden niederen Strohhüten; nur der Neger trug ein -brennendrothes Hemd und Bill O'Leary und Ned, -der Sträfling, der eine die gewöhnliche blaue, der -andere seine gelbe Strafjacke.</p> - -<p>»So, Ihr Seelöwen« – fuhr sie jetzt der Steuermann, -nach einem wilden Blick auf die Schaar, an, -die jedoch recht gut wußte, daß er es keineswegs so -bös meine, und nur gesonnen sei, bei solcher Gelegenheit -die nöthige Autorität zu zeigen. »Ihr bleibt -jetzt hier ruhig vor Anker liegen, bis wir wieder -zurückkommen – was hoffentlich noch vor Abend -geschieht. Nach Dunkelwerden laßt kein Boot heran, -ohne mein Zeichen. Ihr kennt es schon; auf Alles -andere, was sich still und heimlich nähern will, gebt -Feuer – verstanden? – Und Du Ned – hier vorneher, -<a class="pagenum" id="page_314" title="314"> </a> -wenn ich mit Dir rede, Bursche – Du verhältst -Dich ganz ruhig und muckst nicht, sonst freu' -Dich, wenn wir wieder nach Sidney kommen. Solltest -Du übrigens Lust haben, ein Bischen ans Ufer -zu schwimmen, so steht Dir das ganz frei, ich möchte -Dich nur darauf aufmerksam machen, daß Dir dann -die Wahl bleibt, entweder von den Haifischen unterwegs -– siehst Du, da drüben schwimmen schon ein -Paar, oder von den Neuseeländern am Lande verzehrt -zu werden; der ganze Unterschied bleibt nachher der, -daß Dich die einen ohne und die anderen mit Salz -fressen. Uebrigens« – wandte er sich plötzlich an den -Zimmermann, der in Abwesenheit Tomson's gewöhnlich -den Befehl führte – »schießt Ihr jeden -Schuft ohne weiteres auf den Kopf, Bob, der Miene -macht das Fahrzeug in meiner Abwesenheit zu verlassen; -wir befinden uns hier an einer feindlichen -Küste, und da gelten die Kriegsgesetze – verstanden?«</p> - -<p>Bob grunzte eine Art Beistimmung und Dumfry -rief indessen ungeduldig vom anderen Bord aus:</p> - -<p>»Ei so kommt, ins drei Teufels Namen; die -schöne Zeit vergeht und ehe wir's uns versehen, ist -der Abend wieder da!«</p> - -<p>»Ah, ay!« rief der Matrose zurück – »haben -noch nichts versäumt. Also Boys, haltet Euch ordentlich, -<a class="pagenum" id="page_315" title="315"> </a> -und Ihr sollt, sobald wir unseren Anker -wieder in Sidney auswerfen, einen Feiertag bekommen.«</p> - -<p>Dumfry und Van Broon hatten indessen ihre -Plätze in dem schwanken, scharfgebauten Fahrzeug -schon eingenommen, und der erstere zwar an dem -vorderen Larbord Ruder, Tomson aber, der jetzt -rasch hinter ihnen dreinsprang, ergriff das Starbord -Ruder und während Van Broon, der sich ganz behaglich -im Sterne niedergelassen, diesen mit einer -kleinen, neben ihm liegenden Stange von Bord abstieß, -that Tomson dasselbe mit seinem Ruder. Bald -darauf schoß das leichte Boot blitzesschnell über die -nur leise gekräuselten Wogen hin und näherte sich -mehr und mehr dem hellgelben Sandstreifen, der das -dunkelgrüne Laub der dahinterliegenden Wälder mit -einem leuchtenden Gürtel zu umziehen schien.</p> - -<p>Ihre Fahrt ging schnell von statten und als Van -Broon einmal den Kopf nach dem Kasuar zurückwandte, -konnte er schon nicht einmal mehr die einzelnen -Gestalten, die ihrem Boot mit den Blicken folgten, -erkennen, sah sich übrigens auch gleich darauf -viel zu sehr von seiner Umgebung gefesselt und angezogen, -um seine Aufmerksamkeit noch länger zwischen -dem Schooner und dem festen Land zu theilen. Nach -<a class="pagenum" id="page_316" title="316"> </a> -kaum halbstündiger Fahrt glitt der scharfe Bug der -Jolle in die Mündung eines kleinen, dicht mit breitblättrigen, -wunderlich gestalteten Büschen bewachsenen -Wassers hinein, das sich, aus den Bergen niederbrausend, -sein Bett trotz allen Hindernissen gewühlt -und behauptet hatte, und von den Sträuchen -verdeckt, lagen sie bald sicher und heimlich unter der -ziemlich steilen Uferbank des kleinen Bergstroms, an -der sie, mit Hülfe einiger vorstehenden Wurzeln und -Aeste, förmlich emporklettern mußten.</p> - -<p>Mit Mühe und Noth erreichten sie endlich, das -heißt Dumfry und Tomson den oberen Theil der -Bank und mußten dann erst noch mit aller möglichen -Anstrengung ihrem wohlbeleibten Reisegefährten zu -Hülfe kommen, der mit seiner überhängenden Flinte -unter eine wilde Rebe gefahren war und nun so vollkommen -festsaß und weder rück- noch vorwärts konnte, -daß sie sich wirklich gezwungen sahen, ihm zuerst den -Gewehrriemen abzuschnallen, ehe er sich nur möglicher -Weise von alle dem, was ihn hielt, losmachen -konnte.</p> - -<p>Der Platz, auf dem sie jetzt standen, obgleich nur -wenige hundert Schritt vom äußersten, seebegrenzten -Waldrand entfernt, war schon so von dicht verworrener -und in einander verwebter Vegetation bewachsen, -<a class="pagenum" id="page_317" title="317"> </a> -als ob er im wahren Herzen der Wildniß läge, und -eine Passage durch diese grünen, duftenden Labyrinthe -unter keiner Bedingung gestatten würde. Edle Bäume -von stattlichem, oft riesigem Wuchs stiegen ast- und -zweiglos, wie lebendige Säulen empor, und schienen -das grüne, dichte Laubdach dieses Domes zu tragen -und zu stützen. Die Reimukiefer, der Keiketie, der -Totara, der Kahikatoa, Rata und andere Waldbäume -reichten sich hier einander die mächtigen Arme und -hielten sich gegenseitig mit blumigen, engverschlungenen -Guirlanden umschlossen, am herrlichsten aber -stach gegen das dunkle, ernste Grün der übrigen -Stämme die Nikau-Palme<span class="top">[12]</span> und der herrliche <em class="ge">Farrenbaum</em>, -diese Zierde der neuseeländischen Wälder, -ab, der mit seinen breiten fächerartigen Blättern der -ganzen Scenerie eben jenen bezaubernden, tropischen -Anstrich gab, während es fast aussah, als ob all die -übrigen riesengroßen Bäume nur deßhalb hätten so -weit und kräftig hinaufschießen und ihre Arme ausbreiten -müssen, um ihn, das Juwel des Waldes, vor -wilden, gefährlichen Stürmen zu schützen und zu bewahren.</p> - -<p class="ci fss">[12]: <i>Areca sapida.</i></p> - -<p>Kein noch so kleiner und unbedeutender Raum in -<a class="pagenum" id="page_318" title="318"> </a> -diesem Waldmeer war dabei kahl oder leer; jeder -Stamm, jeder Felsen trug seine Moose und Schmarotzerpflanzen, -und wie ein grüner, duftiger, blumendurchwirkter -Teppich überzog die üppige Pflanzendecke -jeden erreichbaren Gegenstand. Selbst abgestorbenen, -und ihrer Aeste und Zweige beraubten Stämmen, -wurde nicht gestattet, so starr und trostlos dazustehen -in ihrer reizenden Umgebung, wie heulende Methodistenpriester -in der herrlichen, lachenden Welt; das -lebendige Grün hatte schon lange vor dem Vertrocknen -der Säfte, den kranken Baum fest, fest umschlossen, -und als Arm nach Arm herunterbrach, und der todte -Stamm, von allen verlassen, die er einst unterstützt -und beschirmt, stehen blieb, oder weit dröhnend in -sein laubiges Grab hinabschmetterte, da blühten und -wucherten scharlachleuchtende Blumen um ihn auf, -immergrüne Kränze flochten sich um seine riesigen -Glieder, und was erst der Vernichtung geweiht schien, -keimte und wirkte jetzt noch einmal dem frischen, fröhlichen -Leben entgegen.</p> - -<p>Van Broon, obgleich sonst gegen Naturschönheiten -ziemlich abgestumpft, wenn sie nicht sein materielles -Ich unmittelbar berührten, blieb doch hier, sobald -er sich von seiner ersten Anstrengung nur in -etwas erholt, überrascht stehen, und staunte die -<a class="pagenum" id="page_319" title="319"> </a> -Wunder dieser riesigen Vegetation an. Dumfry aber -ließ ihm nicht lange Zeit zu Betrachtungen, er war -nur schnell noch einmal in das Boot zurückgesprungen, -aus dem er einige der mitgenommenen und am -leichtesten transportablen Provisionen heraufschaffte, -und forderte dann seine beiden Begleiter ohne weiteres -auf, ihm, so rasch und geräuschlos als sie könnten, -zu folgen, denn wenn er auch, besonders zu -Van Broon's Beruhigung, nochmals versicherte, es -drohe ihnen unter den gegenwärtigen Verhältnissen, -sollten sie selbst mit Eingeborenen zusammentreffen, -keine Gefahr, so sei es doch auf jeden Fall besser, ein -Begegnen derselben zu vermeiden, da sie dann hoffen -durften, ihre Pläne weit schneller und leichter ausführen -zu können.</p> - -<p>Der Platz schien auch wirklich völlig unbesucht, -ja nach dem zu urtheilen, was man sehen und erkennen -konnte, noch nie von menschlichem Fuß betreten; -trafen sie also nicht gleich bei ihrem ersten Ausmarsch -Wilde an, so ließ sich jetzt doch wenigstens mit Wahrscheinlichkeit -vermuthen, daß sie dann, sollte ihre Ankunft -auch später bekannt werden, ihren Plan ausführen -und zu ihrem Fahrzeug zurückkehren konnten, -ehe nur irgend Jemand ahnte, was sie wirklich beabsichtigten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_320" title="320"> </a> -Dumfry hatte sich übrigens schon bei seinem ersten -Betreten des festen Landes das Gesicht verhüllt und -theilte ihnen jetzt mit wenigen Worten den Plan mit, -den er zu befolgen gedachte. Zugleich machte er sie -darauf aufmerksam, daß dieser Bach, in dessen Mündung -sie eingelaufen – und der auch in dem Lehnsbrief -unter dem Namen Ta-po-kaï aufgezeichnet stand -– derselbe sei, welcher die nördliche Grenze des fraglichen -Landstrichs bilde.</p> - -<p>An diesem hinauf lag jetzt vor allen Dingen ihre -Bahn, denn die westliche Linie war gerade die schwierigste -zu bestimmen. Dumfry hatte deßhalb, wie er -sagte, seinen Tomahawk mitgenommen, um einzelne -Bäume selbst zu bezeichnen und es dem späteren Eigenthümer -dadurch möglich zu machen, den Ort wiederzufinden -und eine genaue Scheidungslinie zu -ziehen. Ohne weiteres Zögern schritt er denn auch -jetzt den beiden Männern voran, in den dunkeln, -schweigenden Urwald hinein und dicht hinter ihm, -den Hut fest in die Stirne gedrückt, eine der beiden -schweren Pistolen in der Hand, die andere, mit der -linken gehalten, im Gürtel, folgte Tomson. Van -Broon, seine eigne Flinte auf dem Rücken, mit der -er alle Augenblicke in den unzähligen Schlingpflanzen -hängen blieb, bildete den Nachtrab, schien aber mit -<a class="pagenum" id="page_321" title="321"> </a> -diesem Platz keineswegs einverstanden zu sein, denn -es hatte ihm, wie er meinte, etwas Unheimliches, -so ganz zuletzt zu kommen und gar nicht zu wissen, ob -nicht irgend ein wilder Cannibale hinter ihm drein -krieche und heimtückischer Weise mit irgend einem -vielleicht gar vergifteten Pfeile auf ihn ziele. Ganz -vorn zu gehn, wie es ihm Dumfry lächelnd anbot, -lehnte er jedoch auch, und zwar auf das Bestimmteste -ab, denn er betheuerte, nicht um noch so viele -Schatzhebungen in jeden dunklen Busch hineinspringen -zu wollen, ohne denselben vorher mit größter Genauigkeit -untersucht und visitirt zu wissen. Es blieb -also kein anderer Ausweg, als ihn in die Mitte zu -nehmen, und auf solche Art setzten sie denn auch, -immer dem Lauf des Baches folgend, ihre Bahn -ruhig und ungehindert fort, ohne daß ihnen irgend -etwas Auffallendes oder gar Gefährliches begegnet -wäre.</p> - -<p>Ihr Weg lag großentheils durch dichtbewaldete -Niederung, und der buntbeschwingte Papagei und -andere Arten kleiner Singvögel waren ihre einzigen -Begleiter und füllten den hohen Waldesdom mit -ihrem heiteren sonnigen Leben. Endlich erreichten sie -höher gelegenes Land, und hier schien auch die Vegetation -weniger üppig zu sein; auf jeden Fall fanden -<a class="pagenum" id="page_322" title="322"> </a> -sie dann und wann offene Waldstellen, die ihnen -erlaubten schneller vorzurücken. Dafür aber trafen sie -jenes kräftige, der Insel eigenthümliche Farrenkraut, -das an manchen Orten wirklich gürtelhoch wuchs -und Dumfry blieb plötzlich, am Rand einer kleinen -Prairie, die mit Nichts als solchem Kraut bedeckt -war, stehen und erklärte, daß sie hier den Bach verlassen -und dem Hügelkamm folgen müßten, den sie -jetzt erstiegen hätten. Von hier aus begann die westliche -Linie des verkauften Landstrichs und einige mit -dem Tomahawk rasch gefällte junge Bäume, die eine -niedere, breitwüchsige Palme umstanden, sollten für -spätere Jahre das Erkennungszeichen sein.</p> - -<p>Dieser Hügelkamm aber, dem sie von jetzt an -folgen mußten, war üppig mit dem unvermeidlichen -Farrenkraut bedeckt, und dieses wuchs und wucherte -an einigen Stellen so hoch und dicht, daß sie es im -Anfang kaum durchdringen konnten und mehrmals -Orte fanden, die sie förmlich umgehen mußten, bis -sie endlich einen schmalen indianischen Pfad trafen, -der ganz dieselbe Richtung zu laufen schien, die sie -zu nehmen beabsichtigten. Dumfry mußte ihn auch -gekannt haben, denn er hatte vorher, ohne jedoch -seinen Begleitern etwas davon zu sagen, in einem -rechten Winkel wirklich danach gesucht.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_323" title="323"> </a> -Das Land hob sich hier nicht unbedeutend, und -obgleich sie gerade keinen bestimmten Berg erkennen -konnten, da vor ihnen wieder ausgedehntere Waldungen -sichtbar wurden, so kamen sie doch jetzt zu -immer steileren und schroffer aufsteigenden Abhängen, -von denen sprudelnde Wasser dunkle Schluchten hinab -schäumten und sprangen. Schweigend verfolgten sie -jedoch ihre Bahn den schmalen Pfad entlang, und -hatten eben wieder eine etwas größere Farrenkrautfläche -erreicht, die hier die Kuppe des einen, rings -von Thälern umschlossenen Berges zu bilden schien, -als Tomson einen lauten Ruf ausstieß und Van -Broon im nächsten Augenblick, da Dumfry plötzlich -stehen blieb, heftig und erschreckt gegen diesen anrannte.</p> - -<p>Dumfry, der in der letzten Zeit, und hier wohl -keinen Beobachter fürchtend, die Matte von seinem -Gesichte zurückgeschlagen hatte, fuhr zusammen, verhüllte -sich rasch den Kopf wieder und riß, als ob, -trotz allen seinen Betheuerungen vom Gegentheil, -eine Gefahr hier doch nicht zu den Unmöglichkeiten -gehöre, die Flinte empor. Vergebens blickte er aber -forschend nach allen Seiten umher, es ließ sich -Nichts erkennen und nur Tomson stand, die eine -seiner Sattelpistolen gespannt vor sich hinhaltend, -<a class="pagenum" id="page_324" title="324"> </a> -da, und schaute aufmerksam in das Farrenkraut -hinein.</p> - -<p>»Was giebt's, Sir?« rief ihn da Dumfry ungeduldig -an, »haben Sie irgend Verdächtiges gespürt -oder gehört?«</p> - -<p>»Es fuhr mir etwas dicht in meinem Fahrwasser -über den Pfad!« erwiederte der Seemann, ohne -jedoch den Blick von der Stelle zu verwenden, wo -das unbekannte Wesen verschwunden sein mochte.</p> - -<p>»War es ein Mensch?« frug Dumfry schnell.</p> - -<p>»Ich will gekielholt werden, wenn ich's weiß,« -brummte Jener – »verdammt schnell ging's, so viel -ist gewiß, und schwarz war's auch – wenigstens -am Stern, denn weiter hab' ich nicht viel davon -gesehen.«</p> - -<p>»Es wird eines der wildgewordenen Schweine -gewesen sein,« beruhigte sich da Dumfry – »es giebt -viele auf der Insel, und fast sonst keine anderen -wilden Bestien. Ihr braucht keine Angst« –</p> - -<p>»Da ist es wieder!« rief Van Broon und deutete -erschrocken in das dichte Kraut; während aber Alle -schwiegen und aufmerksam horchten, vernahmen sie -deutlich, wie die Büsche, und zwar gar nicht weit von -ihnen entfernt, rauschend zur Seite gedrückt wurden, -als ob sich irgend ein schwerer Körper rasch hindurch -<a class="pagenum" id="page_325" title="325"> </a> -dränge. Dumfry richtete sich, so weit das gehen -wollte, empor, das Dickicht war aber hier höher als er -selbst, es ließ sich Nichts erkennen, und ebensowenig -sah er irgend einen höheren Gegenstand in der Nähe, -den er hätte ersteigen können; nicht einmal ein Baum -stand in mehren hundert Schritt Entfernung.</p> - -<p>»Van Broon – Mr. Van Broon,« flüsterte da -plötzlich der angebliche Neuseeländer, denn das Unbekannte -rührte sich wieder, als ob es noch einmal -über den Pfad brechen wollte – und zu gleicher -Zeit nahm Dumfry seine Flinte wieder in Anschlag -und richtete sie gegen den Ort, von dem das Geräusch -herüber tönte – »versuchen Sie doch einmal, ob -Sie von Mr. Tomson's Schultern aus den Plan -übersehen und erkennen können, was hier eigentlich -in unserer Nähe herumkriecht – ich will indessen die -offene Bahn bewachen.«</p> - -<p>»Ahem,« brummte der kleine Holländer, und -wandte sich gegen den Seemann, der, wenn auch -durch die Zumuthung vielleicht überrascht, doch gutmüthig, -ohne übrigens die Pistole abzulegen, die -linke Hand auf sein linkes Knie stemmte und dadurch -seine Bereitwilligkeit ausdrückte, als Observatorium -benutzt zu werden, – »ahem – will's versuchen – -werde ja wohl hinauf kommen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_326" title="326"> </a> -»Schnell – schnell!« mahnte Dumfry ungeduldig -– »die Pest über das Trödeln, glauben Sie, daß -<em class="ge">der</em> wartet?«</p> - -<p>»Der? wer?« frug Van Broon erstaunt und drehte -sich schnell wieder gegen den Redner herum. Auch -Tomson sah zu ihm auf.</p> - -<p>Dumfry stampfte ärgerlich mit dem Fuß und -Van Broon, der noch nicht recht mit sich einig -schien, ob er wirklich thätigen Antheil an ihrem -Abenteuer nehmen, oder die Sache ruhig abwarten -solle, trat endlich kopfschüttelnd auf den Seemann -zu, faßte ihn von hinten um den Hals, hob ihm -sein linkes Knie über das Hüftbein und warf sich -nun – mit einem Versuch, auf solche Art förmlich -in den Sattel zu springen – dermaßen über den -Matrosen hin, daß er diesen ohne weiteres in -das Farrenkraut hineindrückte und dann gleich -darauf selbst, den Kopf voran, in das Dickicht -nachschoß.</p> - -<p>»Alle Wetter!« schrie Tomson, und fuhr mit -beiden Händen aus, um sich vor dem Falle zu -wahren, gedachte aber dabei nicht der geladenen -Pistole, und während er, von dem schweren Gewicht -des kleinen Holländers niedergezogen, in dem dichten -Farrenkraut verschwand, berührte sein Finger den -<a class="pagenum" id="page_327" title="327"> </a> -Drücker, und die Kugel fuhr, dicht an Van Broon's -Kopf vorüber, in die Luft.</p> - -<p>Dumfry drehte sich fast unwillkürlich nach dem -Schusse um. In demselben Moment glitt aber auch -jener dunkle Gegenstand wieder zurück über den Pfad, -und zwar diesmal vor ihnen vorüber, während der -Neuseeländer durch das, was hinter ihm vorging, -abgezogen, nicht rasch genug die Flinte an den Backen -reißen konnte, den fremden Gegenstand aufs Korn -zu nehmen, ehe dieser schon wieder im Dickicht verschwunden -war. So kurzer Blick ihm übrigens -gestattet gewesen, so mußte dieser doch wohl genügt -haben, seinen Entschluß zu bestimmen, denn, ohne -auch nur einen Moment länger zu zögern, warf er -die Flinte, die ihm in solchem Pflanzengewirr nur -hinderlich sein mußte, von sich, riß den Tomahawk -aus dem Gürtel und sprang dort in das Kraut hinein, -wo die zurückgebogenen Sträuche die Spur des Flüchtigen -verriethen.</p> - -<p>Als sich Tomson und Van Broon, die auch in -der That schnell genug wieder auf die Füße sprangen, -von ihrem Fall erholt hatten und jetzt überrascht umherschauten, -war Dumfry verschwunden und sie selbst -standen, keines Weges kundig, allem Anschein nach -aber von Gefahr umgeben, und wie Van Broon -<a class="pagenum" id="page_328" title="328"> </a> -fürchtete, schon von einer unbestimmten Anzahl -grimmer Menschenfresser umringt, in der öden Wildniß -da.</p> - -<p>Was jetzt thun? den Führer erwarten, oder ohne -weiteres das Boot wieder aufsuchen und entfliehen? -Van Broon stimmte unbedingt für das letzte, Tomson -entschied sich dagegen für das erste und behauptete -nicht mit Unrecht, sie könnten vielleicht, wenn -wirklich Feinde in der Nähe lauern sollten, den -Verdacht derselben gerade durch einen voreiligen -Rückzug erregen, und es war dann fast gewiß, daß -sie, des Waldes unkundig, abgeschnitten würden, ehe -sie im Stande wären ihr Boot zu erreichen.</p> - -<p>Hier jedoch, mitten im Wald, wo ihr Blick nicht -einmal zwei Schritte weit ins Dickicht drang, und -der Feind sich leicht bis dicht an sie anschleichen und -seine tödtlichen Pfeile aus sicherem Hinterhalt auf -sie abfeuern konnte, ruhig stehen zu bleiben, schien -fast ebenso wenig rathsam, und Tomson wandte -schon, nur bei dem bloßen Gedanken daran, unruhig -den Kopf, welcher Bewegung denn Van Broon -blitzesschnell folgte, als ob er nichts Geringeres erwartete, -wie seine entsetzlichsten Befürchtungen verwirklicht -zu sehen.</p> - -<p>Da raschelte es wieder im Dickicht; während -<a class="pagenum" id="page_329" title="329"> </a> -jedoch der Seemann, fest entschlossen, sein Leben so -theuer zu verkaufen als möglich, die indessen wieder -geladene Pistole dorthin gerichtet hielt, traf der leise, -wohlbekannte Pfiff Dumfry's sein Ohr, und gleich -darauf glitt die verkleidete Gestalt desselben gerade -da wieder in den Pfad, wo sie vorhin so rasch und -unerwartet verschwunden war.</p> - -<p>Er hatte die Matte wieder zurückgeschlagen, und -sein Antlitz sah bleich und angegriffen aus, ohne aber -auch nur einen Augenblick Zeit zu verlieren, ja selbst -ohne eine einzige, der an ihn gerichteten Fragen zu -beantworten, winkte er den Gefährten, ihm zu folgen -und schritt, so rasch es die dichten Strauchbüsche erlaubten, -in dem schmalen Pfad voran. Es dauerte -übrigens nicht mehr lang, so erreichten sie den Waldrand -wieder und verließen damit wenigstens die hemmenden -Farrenkräuter, obgleich umgestürzte Bäume, -dornige Cyanen und dichtes Unterholz ihren Fortgang -dennoch sehr aufhielten. Aber auch diese lichteten sich -endlich, als sich Dumfry jetzt plötzlich einer kahlen -Steinfläche zuwandte, und von dieser aus eine schroff -und fast kahl emporsteigende Bergspitze rasch emporkletterte. -Tomson und Van Broon schienen erst unschlüssig, -ob sie ihm da hinauf folgen sollten; sein -ungeduldiger Wink rief sie aber bald nach, und sie -<a class="pagenum" id="page_330" title="330"> </a> -standen wenige Minuten nachher auf einem schmalen, -wunderlich geformten und von allen Seiten fast schroff -empordämmenden Felskegel, der sie über dem riesigen -Wuchs des Urwalds erhob, und von dem sie, wenigstens -einen kleinen Theil der Insel, wie das sie umgürtende -Meer überschauen konnten.</p> - -<p>Der Anblick war wundervoll; das dunkle Grün -der Bäume, nur hie und da von dem lichten Grau -einzelner Farrenstrecken durchbrochen, deckte wie mit -einer festen, undurchdringlichen Masse das Land, und -dicht hinangeschmiegt, und von dem klaren funkelnden -Sonnengestirn überstrahlt, lag das blaue, ätherreine -Meer. Unfern der Küste aber, von dem weißschäumenden -Streifen der Korallenriffbrandung eingeschlossen, -schaukelte der »Kasuar,« während weiter hinter -ihm, und hie und da die einförmige Stille des Horizonts -unterbrechend, einzelne Segel sichtbar wurden, -die mit der frischer wehenden Briese rasch und lautlos -dahinglitten.</p> - -<p>Der Himmel war rein und wolkenlos, nur im -Süden lagerte auf den düsteren Waldschichten ein -durchsichtiger, rosenfarbener Nebel, der von einem -etwas dunkleren Hintergrund begrenzt schien.</p> - -<p>Der Felskegel selbst war kahl, nur an seinem einen -Rand hing ein dichtes Gewirr von wildverschlungenen -<a class="pagenum" id="page_331" title="331"> </a> -Blumen, aus denen einzelne niedere, aber dichtbelaubte -Sträucher emporstiegen und nach dieser Richtung -hin die Aussicht gegen die im Innern gelegenen -Berge zu abdämmte.</p> - -<p>Wenn nun aber auch unsere drei Freunde, sobald -sie die höchste Kuppe erreicht hatten, forschend und -aufmerksam die Blicke nach allen Richtungen hinschweifen -ließen, so schien doch Keinen, obgleich Alle -von verschiedenen Gefühlen bewegt wurden, die Scenerie -selbst zu interessiren, wenigstens verrieth kein -Laut der Bewunderung, kein einziger Ausruf, kein -Wort der Mittheilung, daß sie sich des wunderherrlichen, -sie umgebenden Panoramas auch nur bewußt -waren. Van Broon suchte nur rings umher ihre nächste -Umgebung zu erforschen, ob sie nicht unmittelbare -Verfolger zu fürchten hätten, und Dumfry, der im -Anfang seinen Blicken folgte, seine Untersuchung aber -deßhalb schneller beendete, da er genau die Gegend -wußte, in der ihnen Gefahr drohen konnte, schaute -weiter aus, und schien sich mit den nächsten auf ihrer -Bahn liegenden Landmarken vertraut zu machen, indessen -Tomson gar nicht auf das Land achtete, sondern -nur mit den Augen den Horizont überflog, zuerst sein -eigenes kleines Fahrzeug beobachtete, wie es ruhig -und friedlich mit den scharf gezeichneten Masten in der -<a class="pagenum" id="page_332" title="332"> </a> -Bai lag, und dann aufmerksamer, als es der Gegenstand -zu verdienen schien, nach dem Nebel sah, der -von Süden aus nach West und Ost in kleinen, dunstigen -Strahlen hinüberstrebte.</p> - -<p>»Tomson – sehen Sie dort drüben jene dunkle -Bergkuppe?« brach Dumfry endlich das Schweigen -– »gleich links von dem helleren Grün jener einzeln -stehenden Palmengruppe?«</p> - -<p>»Gerad' unter dem silbergrauen, glatten Wolkenstreifen, -der sich dort hinüberdehnt?«</p> - -<p>»Dieselbe – das ist der Punkt, von dem die südliche -Grenzscheide meines Landes, ein anderer kleiner -Bach, aus den Bergen sprudelt, und in fast östlicher -Richtung, etwa fünf Meilen unterhalb der Bai, -in die wir eingelaufen sind, mündet. Getrauen Sie -sich jetzt den Platz später einmal wieder finden zu -können?«</p> - -<p>»Auf jeden Fall, wenn wir den Weg gemacht -haben,« meinte Tomson, und schob dabei die eine -Pistole, die er bis jetzt noch immer schußfertig in der -Hand gehalten, in den Gürtel zurück. – »Ich dächte -auch, wir brächen auf; könnten wir die Sache beenden, -<em class="ge">ohne</em> den dunkelhäutigen Schuften zu begegnen, -desto besser, mich gelüstet's keineswegs nach -einer genaueren Bekanntschaft, als wir sie bis jetzt gemacht -<a class="pagenum" id="page_333" title="333"> </a> -haben. Das war doch ein Indianer, der uns -da vorhin im Fahrwasser herumkreuzte – eh?«</p> - -<p>»Wir dürfen die Grenzen nicht weiter verfolgen,« -entgegnete Dumfry finster, ohne die an ihn gerichtete -Frage zu beantworten; – »Sie kennen Beide die -Gefahren, die uns von Seiten der Eingeborenen -drohen, sobald sie <em class="ge">Landvermesser</em> in uns zu finden -glauben; laufen wir daher den ganzen Bereich ab, -so müssen wir fast ihren Verdacht erregen. Das vermeiden -wir, sobald wir uns von hier aus gerade -durch den Wald der Küste zuschlagen, und dadurch -hoffe ich auch jede Spur zu vernichten, die wir bis jetzt -etwa könnten zurückgelassen haben, denn während wir -in einem rechten Winkel von dem bisherigen, fast geraden -Curs abspringen, bleiben wir wohl eine Meile -lang auf felsigem Boden, wo es selbst dem Auge eines -Indianers schwer werden sollte, Fährten zu verfolgen.«</p> - -<p>»Aber der Schatz?« fiel ihm hier Tomson in die -Rede, »haben Sie es etwa aufgegeben, den zu finden, -und kehren wir jetzt gleich zum Boot zurück?«</p> - -<p>»Ja – zum Boot wohl,« erwiederte Dumfry – -»doch hoffentlich nicht ohne das, um was ich mein -Leben hier eingesetzt habe. Getrauen Sie sich also -diese Grenzlinie, wie ich Sie Ihnen jetzt bezeichnet, -wieder zu finden?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_334" title="334"> </a> -»Hm – ich weiß doch nicht,« brummte Tomson -halblaut vor sich hin – »wenn man das Ding nachher -beschwören sollte – hätten wir nur wenigstens -die Verschreibung mit.« –</p> - -<p>»Die führe ich bei mir,« sagte Van Broon, und -holte, nicht ohne einige Schwierigkeit, das vorsichtig -in einer Blechbüchse verwahrte Document aus der -vollgepfropften Tasche; »hier Gentlemen, aber ich -weiß wahrlich nicht, wie <em class="ge">das</em> Ihnen dabei helfen soll -– es ist doch nicht« –</p> - -<p>»Sehen Sie!« rief Dumfry jetzt, der das Papier -rasch entfaltet hatte – »hier ist der Bach, an dem -wir heraufkommen – Sie wissen den Namen, und -Jedermann an dieser Küste wird Ihnen später die -Mündung zeigen können – das etwa ist die kleine -Farrenprairie, wo ich heute die Palme zeichnete. Sie -getrauen sich doch <em class="ge">die</em> wiederzufinden?«</p> - -<p>»Ja, von der Mündung aus gewiß,« sagte Tomson.</p> - -<p>»Gut,« fuhr Dumfry in seiner Beschreibung fort, -»hier der, durch ein Kreuz bezeichnete Punkt ist der -Felsgipfel, auf dem wir stehen, und jene südlich -gelegene Abdachung dieselbe, auf welcher dorten -der Nebel liegt, und von wo aus Sie dem niederströmenden -Bach an der Grenze hin zu See -<a class="pagenum" id="page_335" title="335"> </a> -folgen können. Eine Verwechselung ist hier unmöglich.«</p> - -<p>Tomson hatte die Karte aufmerksam eine Zeitlang -betrachtet; endlich legte er sie wieder zusammen, schob -sie in ihr Futteral zurück, reichte es Van Broon und -sagte, zu gleicher Zeit nach Süden hinüberdeutend, -wo die bezeichnete Gegend lag: –</p> - -<p>»Den Platz getrau ich mich von hier aus selber zu -finden, nicht aber mein eigenes, kleines Fahrzeug, -wenn wir länger hier zögern, als es unumgänglich -nöthig ist – es liegt weit draußen an den Riffen, -und da drüben braut ein Wetter, oder ich will im Leben -kein Salzwasser wieder schmecken.«</p> - -<p>»Die Stürme wüthen oft fürchterlich an dieser -Küste,« fiel Dumfry rasch ein, dem nichts Erwünschteres -kommen konnte, als durch solchen Grund ihre -Rückkehr zu beschleunigen.</p> - -<p>»Aber der Schatz,« sagte Van Broon, keineswegs -gesonnen, das jetzt soweit ausgeführte Wagestück ohne -einigen persönlichen Nutzen zu beenden.</p> - -<p>»Auf unserem Weg zum Boot passiren wir den -Platz,« erwiederte Dumfry – »und nun rasch. Gentlemen, -der größte Theil, ja der einzig gefährliche -unseres ganzen Marsches ist beendet, jetzt gilt es einfach -noch eine kurze Strecke Weges zurückzulegen, und -<a class="pagenum" id="page_336" title="336"> </a> -ehe jene düsteren Nebelstreifen im Stande sein werden -auch nur mit ihren äußersten Spitzen die Sonne zu -erreichen, hoff' ich, schaukeln wir wieder auf den stillen -Wassern der Bai und Freund Tomson mag uns -dann so sicher zurück nach Port Jackson führen, als -er uns hierher gebracht.«</p> - -<p>Und ohne weiter eine Antwort seiner beiden Begleiter -abzuwarten, sprang er flüchtig an den vorragenden -Felsenspitzen nieder, die, fast wie durch -Menschenhand ausgeführt, die einzigen Haltpunkte -an einer wohl zwanzig Fuß hohen Felsenwand für -Fuß oder Hand boten. Tomson folgte ihm ebenso -rasch; viel schwerer wurde es aber dem an solche -Bahn keineswegs gewöhnten Buchhalter, und nur -mühsam war er im Stande, seinen um so Vieles gewandteren -Gefährten zu folgen. An solches Bergeklettern -aber nicht gewohnt, und mit, durch zu vieles -Sitzen versteiften Gliedern, verlor er bald seinen Fußhalt, -fing an auszurutschen, fiel, klammerte sich wieder -fest, mußte, durch sein eigenes Gewicht gedrängt, -noch einmal loslassen, und polterte endlich, Flaschen -und Proviant von sich schleudernd, und die bis dahin -so sorgsam bewahrten Provisionen nach allen Richtungen -hinausstreuend, über rauhes, schroff ablagerndes -Felsgestein wimmernd nieder, bis er, von -<a class="pagenum" id="page_337" title="337"> </a> -einer jungen Farrenpalme angehalten, hängen blieb, -und nun verzweiflungsvoll die Bahn zurückblickte, -die er eben so unfreiwillig rasch herniedergerasselt war.</p> - -<p>Oben aber, aus dem kleinen Lianendickicht, das -auf dem Felskegel wucherte, kroch vorsichtig und geräuschlos -eine dunkle tättowirte Gestalt, glitt bis -zu dem Felsrand hin, wo noch leise rollender Kies -die Stelle verrieth, welche die Männer eben zurückgelegt, -und beobachtete hier, von niederem Mooswuchs -und einzelnen Farrenkräutern verdeckt, mit -den aus dem narbigen Gesicht unheimlich vorfunkelnden -Augen die Bewegungen der Fremden, von denen -Tomson und Dumfry erst zu dem Gefallenen traten -und dann, als sie sahen, daß dieser selbst keinen -weiteren Schaden genommen, und noch stehen und -gehen konnte, in den östlich gelegenen Büschen mit -ihm verschwanden.</p> - -<p>Der Indianer blieb wohl eine Viertelstunde lang -regungslos in seinem Verstecke liegen, und erst dann, -als er sich fest davon überzeugt haben mochte, daß -die Fremden den Platz auch wirklich verlassen hätten, -erschien seine Gestalt plötzlich am Rande des Abhanges. -Blitzesschnell glitt er hinab, wich aber, unten angelangt, -den Spuren der Weißen in einem weiten -Bogen aus – er vermied die Stelle, wo die zersplitterten -<a class="pagenum" id="page_338" title="338"> </a> -Glasflaschen lagen – und nahm erst -dort die Fährte wieder auf, wo die Fremden, dem -felsigen Bette eines vertrockneten Baches folgend, in -den Wald eingedrungen waren.</p> - -<hr /> - -<p>Ruhig lag indessen der Kasuar vor seinem Anker, -und die Matrosen hatten sich, als das kleine Boot -zwischen die vorhängenden Büsche des Ufers schoß -und von diesen verdeckt wurde, lässig unter das aufgespannte -Sonnensegel gelagert, und schauten träumend -auf das blaue, nur leise wogende Meer hinaus, -das, wie sie, in müßiger Ruhe die heiße, sonnige -Tageszeit zu verschlafen schien. Selbst die Fische -mußten sich in die dunkle, kühle Tiefe zurückgezogen -haben, denn nur selten zuckte ein goldschillernder -Delphin strahlenblitzend über die gebrochene Spiegeldecke -der Fluth, und Careys Mutter Küchelchen<span class="top">[13]</span> selbst -schaukelten sich mit nur selten gehobenen Schwingen -auf ihrem heimathlichen Element.</p> - -<p class="ci fss">[13]: Die kleine schwarze Seeschwalbe, die den Schiffer auf -seinen weiten Reisen begleitet.</p> - -<p>Das Steuer des kleinen Fahrzeugs stand verlassen, -nicht weit aber davon lagen, anscheinend -<a class="pagenum" id="page_339" title="339"> </a> -ebenso unthätig als die Uebrigen, der Sträfling und -sein neugewonnener Freund, der irische Matrose, -dicht neben dem Gangspill, und hatten beide die -Köpfe auf den unteren, vorstehenden Theil desselben -gelegt, in welchem die starken messingenen Einhemmer -ruhten.</p> - -<p>»Bill« flüsterte da der Sträfling endlich und berührte -leise den Ellbogen des Kameraden.</p> - -<p>Der Ire hob den Kopf ein wenig und schaute -vorsichtig hinüber.</p> - -<p>»Wenn der Koch zum Essen ruft,« fuhr Ned eben -so leise fort, »so geh' nach vorn, und thu' wie ich -Dir sagen werde; noch habe ich nicht alle Hoffnung -aufgegeben, und, wenn mein Plan gelingen soll, so -ist das der einzige Augenblick zur Ausführung.«</p> - -<p>»Aber wie und was?« brummte der Ire, »an -Schwimmen dürfen wir nicht denken, denn ich will -verdammt viel lieber Matrose bleiben, als mich von -Haifischen fressen lassen und das Canoe können wir -zwei unmöglich über Bord heben.«</p> - -<p>»Nein,« flüsterte der Sträfling zurück – »dennoch -giebt's ein Mittel es hinüberzubekommen; wo Gewalt -Nichts auszurichten vermag, muß List helfen. -Doch die Zeit drängt – steh' Du jetzt auf und mache -Dir in der Nähe des Kochs etwas zu thun, sobald -<a class="pagenum" id="page_340" title="340"> </a> -der aber anfängt das Essen in die Schalen zu füllen, -so ruf' »Segel ahoi!« – Ist auch nichts zu sehen, -sie mögen Dich nachher auslachen, oder darüber -fluchen, komme aber nachher sobald Du es unbemerkt -thun kannst und – hörst Du – so schnell als möglich -hierher zurück.«</p> - -<p>»Was soll das aber helfen?« frug der Ire erstaunt.</p> - -<p>»Wirst's schon sehen,« sagte Ned, und drehte sich -auf die andere Seite herum, Bill aber, der sich noch -ein paar Mal streckte und dehnte, stand endlich langsam -auf, und schlenderte kopfschüttelnd dem Vordertheil -des Schooners zu, wo der Koch, ein feister -ächter »Buck nigger« – von der Mannschaft jedoch -nur gewöhnlich schlichthin Doktor genannt – emsig -in der kleinen, heißen Kambüse beschäftigt war, -großmächtige Kessel heraus und hineinzuheben, Pfannen -zu rücken und Seewasser in entsetzlichen Quantitäten -an Bord zu ziehen und wieder auszuschütten, -bis ihm der Schweiß in großen, hellen Tropfen von -Stirn und Schläfen lief, und sein Antlitz mit einer -wahren, glänzenden Fettdecke überzog. Die Matrosen -hatten aber auch heute einen Festtag, denn, um sie -in etwas dafür zu trösten, daß sie nicht mit ans Land -durften, war ihnen Pudding und Schweinfleisch -bewilligt worden, und verschiedene, hungrige Abgesandte -<a class="pagenum" id="page_341" title="341"> </a> -hatten sich schon in kurz aufeinanderfolgenden -Zwischenräumen erkundigt: »ob heute wirklich noch -zu Mittag gegessen würde.« –</p> - -<p>Ned wußte das Alles, und baute darauf seinen -Plan, der in nichts Geringerem bestand, als noch vor -dem Essen die Mannschaft des Kasuar dahin zu -bringen, das an Bord liegende Canoe selbst mit in -See zu heben, und es auch dorten die Mittagszeit -hindurch zu lassen.</p> - -<p>Nicht weit von dort wo er lag, standen nämlich -dicht am Steuerrad zwei grünlackirte Eimer, die den -Namen des Schooners trugen, und mit theils dem -»Capitän«, theils dem Zimmermann gehörige Wäsche -angefüllt waren. Ned, der nie eine Gelegenheit vorbeigehen -ließ, Geld zu verdienen, da er recht gut -wußte, daß er <em class="ge">Geld</em> sowohl zum Fliehen, als auch -zum späteren Fortkommen nothwendig haben müsse, -hatte es auch hier an Bord für eine mäßige Vergütung -übernommen, die Wäsche dieser beiden »Offiziere« -in Ordnung zu halten, und dorthin begab er -sich jetzt, als ihn der Ire eine Zeitlang verlassen, -und er sich von sonst keinem weiter beachtet wußte.</p> - -<p>Neben den beiden, bis zum Rande mit Seewasser -angefüllten Eimern stellte er jetzt noch einen leeren -dritten, nahm dann aus den ersten einen Theil der -<a class="pagenum" id="page_342" title="342"> </a> -Hemden, rang sie trocken aus, füllte damit den -letztgebrachten Eimer mehr als halbvoll, hob ihn -auf die, nicht eben hohe Verschanzung und goß -nachher aus den anderen das gebrauchte Seewasser -über Bord.</p> - -<p>»Du wirst den Eimer hinunterfallen lassen Ned,« -rief ihm der Kajütenjunge zu, der eben die Treppe -niedersteigen wollte – »wenn's ein Bischen schwankt, -liegt er drüben, und 's ist nicht einmal ein Tau dran.«</p> - -<p>»Kümmere Du Dich um Deinen Kram,« brummte -der Sträfling, warf der schlanken, lachend niedertauchenden -Gestalt einen giftigen Blick nach und -fuhr in seiner Arbeit fort; sein Blick aber schweifte -oft rasch nach dem Bug des Schooners hinüber, wo -Bill nachlässig an der Ankerwinde lehnte, und anscheinend -halb im Schlaf nur dann und wann einmal -nach dem Koch hinüberblinzte. Da kam dieser -mit den hölzernen Schaalen aus dem Vorcastle -herauf, und der Ire stand auf, trat an die Bulwarks -und stützte sich mit dem Ellbogen auf den einen dort -festgeschnürten Anker – jetzt hob er sich etwas empor -und schützte mit vorgehaltener Hand seine Augen -gegen das Sonnenlicht. Am fernen Horizont waren -indessen in der That mehrere kleine weiße Punkte -sichtbar geworden, doch achteten die übrigen Matrosen -<a class="pagenum" id="page_343" title="343"> </a> -nicht darauf, denn einestheils brauchten sie hier in -der Gegend keine Seeräuber zu fürchten, und dann -nahm auch wirklich in diesem Augenblick der Koch -ihre ganze Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, -um gerade jetzt auf irgend etwas Anderes zu denken.</p> - -<p>Ein kleiner Büschel Werg – Ueberbleibsel eines -zerzupften Taues – lag dicht neben Ned an Deck; -dieser hob ihn auf, warf ihn über Bord und folgte -ihm mit den Augen. Das Werg trieb, durch die -Strömung getragen, langsam am Riff hinauf, und -der Sträfling lächelte still vergnügt in sich hinein, -denn gerade dort wurde jetzt die hohe, dicke Rückenflosse -eines Hai sichtbar, der sich in dem schäumenden -Rauschen der Untiefe zu sonnen schien, als er sich -aber wieder nach seiner Arbeit umwandte, sah er, -wie der Zimmermann aufgestanden war und gerade -auf ihn zukam. Blieb der in seiner Nähe, so wurde -die Ausführung des erdachten Planes zur Unmöglichkeit.</p> - -<p>»Gift und Tod!« knirrschte der Sidneyer wild in -sich hinein, »hat denn dieser vermaledeite Schuft von -Koch« –</p> - -<p>»Segel ahoi!« rief plötzlich der Ire am Bug des -Schooners, und der Zimmermann wandte sich, erstaunter -über den Ruf als das Segel selbst, nach -<a class="pagenum" id="page_344" title="344"> </a> -jenem um, Ned aber trat rasch gegen die Bulwarks -an und stieß hier den, nur leicht auf den Bord gestellten -Eimer in See.</p> - -<p>»Seht Ihr – hab ich's nicht gesagt?« schrie da -der Kajütenjunge, der eben wieder an Deck kam, und -jetzt vor die Verschanzung sprang, um hinüber zu -sehen, – »ei Du lieber Gott, da schwimmen ja des -Zimmermanns Hemden mit fort, na der wird schön -schimpfen – jetzt kann Tom wieder hinterherschwimmen.« -Und als ob sich das von selbst verstünde, warf er -seine Jacke ab und wollte eben ohne Weiteres in See -springen, den langsam dahintreibenden Wäscheimer -zurückzubringen.</p> - -<p>Das vertrug sich aber keineswegs, mit Ned's -Plane, der dadurch vernichtet worden wäre.</p> - -<p>»Halt, um Gotteswillen!« rief er, und ergriff -den Arm des kecken jungen Burschen – »Ihr wäret -verloren – seht Ihr denn nicht dort den Hai!«</p> - -<p>»Hallo, was giebt's da?« sagte in diesem Augenblick -der Zimmermann, als er rasch an die beiden -hinantrat, zu gleicher Zeit aber auch den, jetzt schon -ein ziemliches Stück vom Schooner entfernten Eimer -erkannte - »Wasserhosen und Seeschlangen, meine -Hemden – Ned, Hallunke, das hast Du mit Fleiß -gethan – aber warte Canaille, das zieh' ich Dir am -<a class="pagenum" id="page_345" title="345"> </a> -Lohn ab, und wenn Du ein Jahr lang für mich -waschen sollst. Willst Du den Jungen loslassen, -Bestie – was giebt's mit dem?«</p> - -<p>»Er wollte über Bord springen, Sir,« stammelte -in anscheinender Angst und Zerknirschung der Sträfling -– »und da hinten – da hinten der Hai« –</p> - -<p>»Was geht's <em class="ge">Dich</em> an, wenn er seine Haut riskirt -– Lubber Du!« donnerte ihn da der Zimmermann -an – »bist Du sein Wächter, oder ist Dir's -wohl etwa nicht einmal recht, daß der Capitän seine -Hemden wiederkriegt? – Hinüber mein Bursche – -der Hai wird Dich nicht gleich – ja so, Donnerwetter -nein – mit den Haifischen ist hier nicht zu spaßen« -unterbrach er sich aber plötzlich selber, denn es fiel ihm -gerade noch zur rechten Zeit ein, daß Tomson die ja -eben für die Wächter des Fahrzeugs erklärt hatte. -Schickte er jetzt den Jungen selber über Bord, und -kehrte der ungefährdet zurück, wer stand ihm denn dafür, -daß sich nach Dunkelwerden nicht gar ein Theil -seiner Matrosen über Bord ließ und ans Ufer -schwamm, denn ein guter Schwimmer hätte die kurze -Strecke, wenn er noch dazu die Fluth abwartete, wohl -glücklich zurücklegen können. Der junge Bursche schien -sich übrigens, nachdem er erst einmal auf die keineswegs -unbedeutende und so nahe Gefahr aufmerksam -<a class="pagenum" id="page_346" title="346"> </a> -gemacht war, auch gar nicht mehr zu dem erst so bereitwillig -angebotenen Ritterdienst zu drängen, und -trat fast unwillkürlich vom Bord zurück.</p> - -<p>»<i>Dinner, boys – Dinner!</i>« schallte in diesem -Augenblick des Kochs Stimme herüber, der die -Schaalen im Arm eben damit nach dem Vorcastle -schritt.</p> - -<p>»Halt da!« schrie der Zimmermann, als er sah, -daß sich einige der Matrosen nach vorn stehlen wollten, -wo er nicht mit Unrecht fürchtete, sie würden die -besten Stücke für sich heraussuchen – »laßt das Canoe -in See – hierher ihr Schufte – wollt Ihr, daß -ich Euch fünfzigmal rufen soll? – hinüber damit – -Wo ist Bill? – hierher Sir, mit angefaßt – Euerem -albernen Segelahoischreien haben wir den ganzen -Unsinn zu danken. Schnell Ihr Seehunde – denkt -Ihr der Eimer wartet auf Euch? – heilige Dreifaltigkeit, -er segelte wie ein portugiesischer Man of war<span class="top">[14]</span>! -und Du, Ned, kannst Dich freuen – warte Du -Strick, das soll Dir angerechnet werden, wenn Tomson -zurückkommt – ich wünsche jetzt nur weiter Nichts, -als daß wir die Hemden nicht wieder kriegten.«</p> - -<p class="ci fss">[14]: Portugiesischer Man of war, der Beiname des Nautilus.</p> - -<p>Trotz diesen, mit einem wilden Seitenblick auf -<a class="pagenum" id="page_347" title="347"> </a> -den Strafwürdigen, heftig ausgestoßenen Worten, -gab sich der wackere Zimmermann aber wirklich die -größte Mühe zum Gegentheil, und hob und schob mit -aus Leibeskräften, das etwas unbehülfliche Boot über -Bord zu heben. Dieses war ein ächt Neuseeländisches -Canoe, mit reich geschnitztem Vordertheil, schwarz -und roth bemalten Seiten, und hinten im Stern mit -Albatroßfedern verziert; obgleich aber zwei zierlich -ausgeschnittene, kurze Ruder, wie sie die Eingeborenen -führen, darin lagen, so schien es doch fast zu -schmal und schwank, zwei große erwachsene Personen -zu tragen, und der Zimmermann zog es denn auch, -vielleicht nur aus diesem Grunde, vor, allein niederzusteigen, -und dem, indessen schon wenigstens zweihundert -Schritt entfernten Eimer nachzurudern. Ned -hütete sich auch wohl, seine eigenen Dienste zu diesem -Zweck anzubieten, da er recht gut wußte, der Zimmermann -würde ihm nicht allein nie gestatten das Boot -allein zu betreten, sondern auch, wenn das bis jetzt -wirklich noch nicht geschehen, auf jeden Fall Verdacht -schöpfen, und ihn dann so genau bewachen, daß all -seine bisherige List und Schlauheit vergebens gewesen -wäre.</p> - -<p>Jener aber, ehe er abstieß und in dem scharf gebauten, -flüchtigen Kahn leicht mit der Fluth dahin -<a class="pagenum" id="page_348" title="348"> </a> -schoß, rief den jetzt über Bord und ihm nachschauenden -Matrosen noch einmal zu, ja nicht etwa fortzulaufen, -sondern dort seiner zu harren, bis er zurückkehre, -damit sie das Canoe nachher gleich wieder hinauf -hissen könnten.</p> - -<p>Vielleicht hätten sie gehorcht, aber mahnend erschallte -gerade da noch einmal der jetzt schon ungeduldigere -Ruf des Kochs: »<i>Dinner ready, boys!</i> – -macht, oder es wird kalt,« und der Ire, überhaupt -schon als ein fürchterlicher Esser gekannt und gefürchtet, -der nun auch vollkommen einsah, was seines -Kameraden Absicht sei, schob die Hände in die Taschen -seiner kurzen Jacke, spuckte sein Priemchen über Bord -und sagte, während er entschlossen nach vorn ging –</p> - -<p>»Bis der wieder hier ist, können wir fertig sein!«</p> - -<p>»Bleib lieber da, Bill,« riefen ihm ein Paar von -den Andern nach, »der Zimmermann flucht und wettert -nachher den ganzen Tag.« –</p> - -<p>»Wenn's <em class="ge">ihm</em> Spaß macht,« brummte Bill, ohne -die Aufforderung weiter zu beachten, »<em class="ge">mir</em> kann's recht -sein, so oft haben wir aber kein Schweinfleisch, daß -ich der Letzte dabei sein möchte.«</p> - -<p>Er schritt rasch den dampfenden Schüsseln zu, und -dieß Beispiel half, denn die Anderen kannten ihn nur -zu gut; wo der Ire einmal angefaßt hatte, bekamen -<a class="pagenum" id="page_349" title="349"> </a> -die Nachzügler auch gewöhnlich nur das Nachsehen, -und während der Zimmermann aus Leibeskräften dem -langsam davon treibenden Eimer nachruderte, stürmte -die Mannschaft des Kasuar dem Vorcastle zu, und -fiel hier mit einem wahren Heißhunger über die ausgetheilten -Speisen her.</p> - -<p>Ned allein blieb am Hinterdeck stehen, und erwartete -die Rückkehr des Canoes. Der Zimmermann ließ -denn auch nicht lange auf sich warten – er hatte sich -einmal umgesehen, und bald gefunden, daß all seine -Leute ihre Posten verlassen hatten – womit sie sich -jetzt beschäftigten, konnte er sich leicht denken; mit dem -besten Willen legte er sich daher in das Ruder und -murmelte dabei nur leise, aber desto grimmigere Verwünschungen -in den Bart, die sich theils über die -»gefräßigen Schufte,« theils über den »Hund von -Canarienvogel« ergossen, den er im Geist schon züchtigen -und abstrafen ließ. Bald erreichte er den Eimer, -faßte ihn am Henkeltau, hob ihn in sein schwankes -Boot, und drehte dann den Bug desselben rasch wieder -seinem eigenen Schooner zu. Allerdings mußte er -jetzt gegen die Fluth ankämpfen, die neuseeländischen -Fahrzeuge sind aber auch hierzu so spitz und schneidig -gebaut, und leicht konnte er damit den nicht allzustarken -Widerstand bekämpfen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_350" title="350"> </a> -Wie er mit dem Bug seines schwanken Fahrzeugs -gegen den Stern des Schooners anlief, warf ihm -Ned ein Tau zu. Rasch befestigte er dieses vorn am -Springfall und kletterte dann ohne weiteres Zögern -an Deck.</p> - -<p>»Und die anderen Hallunken,« rief er hier, als er -den geretteten Eimer an Bord warf und mit dem Fuße -stampfend nach vorn blickte.</p> - -<p>»Sind beim Essen, Sir,« erwiederte ihm demüthig -der Sträfling – »ich bat sie, Euerer hier zu warten, -aber sie sagten, ich solle zum Teufel gehen – Ihr – -Ihr« –</p> - -<p>»Nun was, Ihr? heraus mit der Sprache, was -Ihr?« rief ärgerlich der Zimmermann – »weshalb -stotterst Du – was Ihr?«</p> - -<p>»Ja ich kann doch nicht dafür, daß Jene es sagten« -– bat, einen Schritt zurücktretend, der Sidneyer. –</p> - -<p>»<em class="ge">Was</em> sagten – Hallunke,« rief aber auch jetzt -der Zimmermann, auf das Aeußerste entrüstet – »wird -dieser Carnarienvogel singen, oder soll ich ihm die -Zunge lösen« –</p> - -<p>»Ihr fräßt ihnen so Alles weg, wenn Ihr kämt, -sagten die Leute« – betheuerte Ned und zog sich -dabei immer mehr zurück.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_351" title="351"> </a> -Der Zimmermann, ohne weiter eine Sylbe zu -erwiedern, griff mit einem, zwischen den zusammengebissenen -Zähnen halblaut vorgestoßenen Fluch nach -einem kurzen Ende Tau, was dort lag, und schritt -rasch auf dem Starbordgangway entlang, dem Vorcastle -zu. Zu gleicher Zeit aber, und sobald er nur -die midschips aufgestapelten Wasserfässer und Nothspieren -erreicht hatte, glitt die niedergebückte Gestalt -des Irländers auf dem Larbordgang nach hinten, -und wie sich Ned eben – denn jetzt war der Augenblick -zum Handeln gekommen – über die Bulwarks -schwang, und in das, von dem so plötzlich niederdrückenden -Gewicht hochaufschaukelnde Canoe sprang, -griff Bill in einer Art Humor eben den Eimer -wieder auf, den der Zimmermann mit so viel Anstrengung -zurückgebracht und folgte seinem Gefährten -in demselben Moment, als dieser, um nicht Zeit mit -dem Aufknüpfen zu verlieren, das schwache Tau, -das sie noch hielt, durchschnitt und blitzesschnell von -Bord stieß.</p> - -<p>Das Ganze hatte nur wenige Sekunden zu seiner -Ausführung gebraucht, und die Flüchtlinge würden -Vorsprung genug gewonnen haben, wenigstens aus -jedem gefährlichen Bereich des Schooners zu kommen, -hätten nicht zwei, den beiden Leuten keineswegs -<a class="pagenum" id="page_352" title="352"> </a> -günstige Augen das Ganze mit angesehen. Der -Kajütenjunge erschien in dem nämlichen Augenblick -an Deck, als Bill über dem Rand desselben verschwand, -und ohne weiter seine Zeit mit Anrufen -zu verschwenden, die doch, wie er recht gut wußte, -ganz nutzlos gewesen wäre, rannte er spornstreichs -nach vorn, und sein Hülferuf machte nur zu schnell -die Mannschaft und besonders den jetzigen Befehlshaber -des Fahrzeugs, den Zimmermann, darauf -aufmerksam, was hier eigentlich vorgehe.</p> - -<p>»Teufel!« schrie der alte Seemann, und sprang -mit flüchtigen Sätzen dem Hinterdeck zu – aber zu -spät, denn eben trieb das schlanke Canoe vom Schooner -ab, und Ned, der sich in den Stern desselben -geworfen hatte, ergriff das Ruder, und neigte es -freundlich grüßend gegen den Wuth schäumenden -Matrosen.</p> - -<p>»<i>Good bye</i>, Sir!« rief er dabei lachend – »wollen -dem Capitän die Hemden mit hinüber nehmen – -wird sich ungemein darüber freuen – etwas sehr angenehmes -an solch' heißem Tag, die Wäsche wechseln -zu können – bitte mich gehorsamst in Sidney zu empfehlen!«</p> - -<p>Der Zimmermann, der mit einem Blick die Lage -der Dinge überschaute, war mit wenigen Sätzen in -<a class="pagenum" id="page_353" title="353"> </a> -der Kajüte unten, ergriff die, dort in der Ecke lehnende -und stets geladene Büchse, stieß das kleine, -dicht über dem Steuerruder angebrachte Fenster auf, -hielt die Mündung des Gewehres hinaus und donnerte -den Flüchtigen nach:</p> - -<p>»Halt! – halt, sag' ich, oder ich schieße!«</p> - -<p>»Bücke Dich, Bill!« rief der Sträfling, der in -diesem Augenblicke gerade den Kopf zurückwandte – -»nieder mit Dir!« und zu gleicher Zeit warf er sich -flach auf den Boden des Canoes. Der Ire aber, theils -durch die schaukelnde Bewegung des schwanken Bootes, -theils durch die Worte selbst erschreckt, kehrte -sich, da ihm überdies nicht einmal Raum genug blieb, -dem Rath zu folgen, rasch nach dem Drohruf des -Zimmermanns um, und vermehrte dadurch, freilich -unbewußt, die Unsicherheit seiner Stellung um ein -Bedeutendes.</p> - -<p>Da zuckte aus dem Kajütenfenster des Kasuar ein -scharfer blendender Strahl, und mit dem Ausruf: -»Jesus Maria!« fuhr der Ire zur Seite. Wohl hob -sich auch zu gleicher Zeit der Sträfling, und suchte -dadurch, daß er sich auf den entgegengesetzten Bord -warf, das Schifflein im Gleichgewicht zu halten, der -Verwundete schwankte jedoch eben so rasch auch dort -hinüber, und das Canoe, das flach im Boden, wie -<a class="pagenum" id="page_354" title="354"> </a> -fast alle diese ausgehauenen Fahrzeuge, einem solchen -Druck nicht widerstehen konnte, entlud im nächsten -Moment seine Last in die hoch über ihr zusammenschlagende -Fluth, füllte sich dann, da der Ire krampfhaft -daran festhielt, und sank.</p> - -<p>Vom Bord des Kasuar stieg der Jubelruf des -Zimmermanns empor, die Matrosen aber beobachteten -mit schweigendem Entsetzen die Folgen dieses so -unheilvollen Schusses, denn kaum hundert Schritt -von dem umgeschlagenen Canoe entfernt, wurde im -nämlichen Augenblick die Haiflosse wieder sichtbar; -deutlich konnten sie dabei erkennen, wie sich das Ungeheuer -der Tiefe mehr und mehr den, jetzt eben wieder -emportauchenden Unglücklichen näherte, und ihr -Athem stockte, da sie das Fürchterlichste fast unvermeidlich -sahen, und doch nicht im Stande waren zu -helfen.</p> - -<p>Das Canoe selbst konnte übrigens, seiner eigenen -Leichtigkeit wegen, nicht ganz zum Grunde gehen, -sondern trieb nur, die Ränder kaum über der Oberfläche -zeigend, langsam in der Strömung hin. Ned, -der dicht daneben wieder auftauchte, versuchte allerdings -seinen Arm darunter zu schieben, um dadurch -vielleicht einen Theil des Wassers auszuwerfen, fand -aber gar bald, daß er solcher Arbeit allein nicht gewachsen -<a class="pagenum" id="page_355" title="355"> </a> -sei. Rasch sah er sich nach dem Kameraden -um – da fiel sein Blick über diesen hinweg, auf die -nicht ferne Brandung der Riffe – großer allmächtiger -Gott – jener dunkle Punkt auf dem sonnenhellen -Meer – ein wilder, stechender Schmerz durchzuckte -sein Hirn, und unwillkührlich fast maß das Auge die -Entfernung zum Schooner. Es war das aber auch -nur ein Moment, denn hätte er selbst in seine Ketten -zurückkehren <em class="ge">wollen</em>, jetzt <em class="ge">konnte</em> er nicht mehr; er -vermochte ja nicht solche Strecke <em class="ge">gegen</em> die Strömung -anzuschwimmen.</p> - -<p>»Ned,« stöhnte da dicht neben ihm sein Kamerad -– »Ned – ich bin verwundet – heiliger Patrick – -der Mann hat mich durch die Schulter geschossen, – -laß uns – laß uns das Boot flott machen – noch -habe ich Kräfte, aber ich fühle, wie ich mit jeder -Sekunde schwächer werde.«</p> - -<p>»Wir sind nicht im Stande das Boot auszuschöpfen!« -rief Ned rasch und seine Pulse stockten, als -er die Spitze der Flosse gerade auf sie zugewandt sah -– hatte sie der Hai gewittert, so war Einer von -ihnen verloren – »komm Bill – wir müssen dem -Ufer zuschwimmen – es ist ein Hai in der Nähe.«</p> - -<p>»Ein Hai?« ächzte der Ire, und es war fast, als -ob nicht jene Kugel, sondern erst dieses Wort ihm den -<a class="pagenum" id="page_356" title="356"> </a> -Todesstoß gegeben. Es ist das Fürchterlichste für das -Ohr des Schwimmenden, und seine Wirkung trifft -wie ein lähmender, vernichtender Schlag. »Ein Hai« -– wiederholte er zitternd und faßte krampfhaft nach -dem, unter seinem Gewicht versinkenden Boot, »heilige -Jungfrau, wir sind verloren!«</p> - -<p>Ned zögerte noch einen Augenblick – sollte er das -Canoe verlassen und in seiner eigenen Kraft die Rettung -suchen? – aber sein Kamerad – da fiel sein -Blick auf den Unglücklichen, der sich, von dem, wenigstens -etwas Widerstand leistenden Holz gestützt, über -die Oberfläche der See erhob und mit bleichem, stieren -Antlitz nach dem nahenden Feind hinüber starrte; -zu gleicher Zeit sah er, wie ein rother, verrätherischer -Blutstrom von ihm ausging und die See schon auf -mehrere Schritte im Umkreis färbte.</p> - -<p>Länger bei ihm zu verweilen, wäre sicherer Tod -gewesen – der gierige Hai, vielleicht schon durch den -Schuß, wie durch den Schrei des Opfers aufmerksam -gemacht, kam in kurzen Gängen heran und wurde, -sobald er nur einmal das Blut witterte, zum erbarmungslosen -Vernichter. Nicht einmal die gewöhnliche, -und sonst nicht selten mit Vortheil angewandte -List, wie das Schlagen mit Armen und Beinen und -Schreien und Plätschern, konnte ihn mehr zurückschrecken. -<a class="pagenum" id="page_357" title="357"> </a> -Ohne also auch nur ein Wort weiter -auf den Hülferuf dessen zu erwiedern, der sich doch -eigentlich nur seiner Leitung vertraut hatte, glitt er, -so schnell und geräuschlos als möglich, von ihm fort, -und strich in langen kräftigen Zügen aus, dem Lande -zu. Die Schooner-Männer sahen seine Bewegung, -und ihr wilder Schrei der Entrüstung verrieth nur zu -deutlich, daß seine Absicht, wie die Ursache derselben, -an Bord deutlich erkannt sei.</p> - -<p>Dieser Schrei rief aber auch den unglücklichen -Iren zu dem ganzen, fürchterlichen Bewußtsein seiner -Lage zurück; ein einziger Blick verrieth ihm die feige -Flucht seines Kameraden, dem er nicht einmal nachrufen -durfte, wenn er nicht den grimmen Feind auf -seine Spur bringen wollte. Verzweiflungsvoll starrte -er jetzt nach dem Schooner zurück, und selbst in dem -Gedanken schon drängte er die breite kräftige Brust -der Strömung entgegen, das Unmögliche zu versuchen. -– Umsonst, die Fluth, die dem Lande zustrebte, -führte ihn weiter und weiter zurück, und mit -dem warmen, quellenden Lebensstrom wich auch seine -Kraft; die Sehnen, jetzt nur noch durch Todesangst -und Noth in Spannung erhalten, schlafften in der -übernatürlichen Anstrengung.</p> - -<p>Näher und näher kam indessen der Hai – witterte -<a class="pagenum" id="page_358" title="358"> </a> -er wirklich das Blut seines Opfers in so großer Entfernung? -– noch schien er unschlüssig wohin er sich -wenden solle, denn die Matrosen auf dem Schooner, -obgleich der Arme unter der Zeit weit abwärts getrieben -war, und trotz dem, wild dagegen protestirenden -Zimmermann, schrieen und schossen mit Pistolen und -Gewehren, um die Aufmerksamkeit des Unthiers von -seinem Opfer abzulenken. Der Hai beschrieb auch, dadurch -vielleicht irre gemacht, mehrere weite Kreise und -strich einmal schon dem matt zu ihm herüber tönenden -Lärmen entgegen, so nahe war er aber zugleich dem -gesunkenen Canoe gekommen, daß ihm die von dort -langsam herüber drängenden Ringwellen auch den -Blutgeruch mit zuführen mußten. Plötzlich hielt er -mitten in seinem Zug regungslos still – die Flosse -stand unbeweglich fest, und wieder senkte sich ein -Strahl von Hoffnung in O'Learys Herz, vielleicht -nahm der Hai eine andere Richtung und er selbst -trieb indessen dem Lande zu. – Da hatte der Raubfisch -seine Witterung gespürt – nach rechts und links -kreuzte er hinüber, als ob er die genaue Lage desselben -erst ergründen wolle – jetzt hielt er wieder, und -regungslos stand er wohl eine halbe Minute still, bis -er sich endlich, wie seines Siegs gewiß, mit solch' -entsetzlicher Kraft nach vorne schnellte, daß die Hälfte -<a class="pagenum" id="page_359" title="359"> </a> -seines glatten, blitzenden Körpers in der hochaufspritzenden -Fluth erschien; im nächsten Moment schoß -er pfeilgeschwind der Richtung zu, wo der Unglückliche, -immer noch mit der einen Hand krampfhaft -das gesunkene Canoe erfaßt hielt, und zitternd nach -dem Fürchterlichen hinüber starrte.</p> - -<p>Da erkannte er das Nahen des Todesboten, sah, -daß jetzt jede menschliche Hülfe vergebens sei, und -von letzter, verzweifelter Angst, fast seiner Sinne beraubt, -wandte er sich zur unmöglichen, trostlosen -Flucht. Weit in die Bai griff er aus, den Kopf scheu -dabei nach dem Verfolger zurück gedreht – aber seine -Kräfte waren erschöpft – kaum vermochte er noch, -sich über Wasser zu halten, dennoch ließ er nicht nach -– der Kopf sank ihm, aber die Glieder arbeiteten -fort, und nicht einmal mehr der Richtung bewußt, -die er nahm, strebte er jetzt gerade dem Feind entgegen. -Das Ungeheuer der Tiefe schoß herbei – der -weiße, silberglänzende Bauch wurde sichtbar – ein -Schrei, von dem Todesgurgeln erstickt, rang sich aus -der Brust des Unglücklichen, und wenige Secunden -später verrieth nur noch das vom Blut gefärbte Meer -und das Kochen der aufsprudelnden Wasser die Stelle, -wo eben ein Mensch geendet.</p> - -<p>Und der flüchtige Sträfling? sah er noch den Tod -<a class="pagenum" id="page_360" title="360"> </a> -seines unglückseligen Gefährten? – nein, sein Blick -konnte jene Stelle nicht mehr überschauen; der gellende -Nothschrei aber drang bis zu ihm hinüber, und -sagte ihm mit fürchterlicher Schnelle, welcher Gefahr -er selber ausgesetzt sei, wenn andere Hai's, durch den -Blutgeruch herbei gelockt, die Bucht durchkreuzten. In -wilder Verzweiflung strebte er jetzt dem Lande zu, das -sich, nur noch kurze Strecke entfernt, vor ihm ausbreitete -– er wandte auch den Kopf nicht mehr zurück; -mehr noch fast, als das gefräßige Unthier des -Oceans selbst, fürchtete er die lähmende Angst, die -ihn bei dessen bloßem Anblick ergreifen und vernichten -mußte, denn nur in Schnelle und Ausdauer lag noch -seine Rettung. Er schwamm um sein Leben, und als -er endlich die schwache Brandung erreichte, als ihn -die Wogen faßten und hoben und hinüber trugen auf -den rettenden Sand, da vergingen ihm die Sinne, er -hatte nicht einmal mehr Kraft genug behalten, sich -hinauf, dem höher liegenden Ufer zuzuschleppen, und -fühlte nur noch, wie ihn hülfreiche Arme erfaßten, aufhoben -und forttrugen. Er wollte schreien, doch die -Stimme versagte ihm, er wollte die Augen aufschlagen, -aber er vermochte es nicht mehr, ein toller -Schwindel bemächtigte sich seiner Sinne, und ohnmächtig -und bewußtlos brach er zusammen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_361" title="361"> </a> -Wie lange er so gelegen, wußte er nicht; als er -aber nach wildem, wunderlichen Traum die Blicke -aufschlug, und zu den wehenden, grünen Wipfeln -schattiger Bäume emporschaute, da sah er auch, wie -er von Eingeborenen umgeben war, und ein hoher, -stattlicher Insulaner, mit einem langen, sonderbaren -Stab in der Hand und ein paar Falkenflügeln an beiden -Seiten des Kopfes, stand vor ihm, und starrte -ihm fest und finster ins Angesicht. Einzelne der Wilden -begannen jetzt, als sie nun sahen, daß er wieder -zu sich kam, ihn mit Fragen zu überhäufen, Ned verstand -aber ihre Sprache nicht, und blickte nur scheu -von Einem zum Andern, bis der Mann mit den Raubvogelflügeln, -und wahrscheinlich auch der Führer der -Schaar, ihn in gutem, flüssigen Englisch anredete, -und zu wissen verlangte, was er hier an dieser Küste, -suche. Auf diese Frage war aber der Sträfling schon -vorbereitet, denn natürlich konnte er denken, daß er -unter Eingeborene gerathen müsse, wenn er, der Küste -folgend, die erste europäische Ansiedelung aufsuchen -wollte; er hatte denn auch eine ziemlich glaubwürdige -Erzählung bereit, und sagte, er wäre auf jenes, dort -vor Anker liegende englische Fahrzeug gepreßt und unmenschlich -behandelt worden, und hätte sich, ehe er -ein solches Schicksal länger ertrüge, lieber mit der -<a class="pagenum" id="page_362" title="362"> </a> -Gefahr, von Haifischen gefressen zu werden, zu den -Eingeborenen dieser Insel geflüchtet.</p> - -<p>»Ist die gelbe Jacke die Matrosentracht der englischen -Fahrzeuge?« frug der Häuptling ruhig, als jener -sein Märchen beendet hatte.</p> - -<p>»Die gelbe Jacke?« wiederholte der Sträfling, und -blickte überrascht und etwas außer Fassung gebracht -zu ihm auf, dieser aber schien das nicht zu bemerken -und fuhr nur fort, während er sich halb von ihm abwandte, -und nach der Waldspitze deutete, wo der -Ta-po-kaï mündete:</p> - -<p>»Wem gehört jenes Boot, und wo sind die Männer -die es hierher gerudert?« –</p> - -<p>Ned zögerte mit der Antwort – er dachte an den -Schatz und wußte nicht, ob er durch eine Enthüllung -alles dessen, was ihm bekannt, des Häuptlings Vertrauen -erwecken, oder selber suchen solle, den Schatz -an sich zu bringen. Wie das aber? als er seinen Plan -zuerst gemacht, hatte er auf des Iren Hülfe gerechnet, -jetzt stand er allein – wäre es ihm möglich gewesen, -unbewaffnet auch nur das Mindeste gegen drei starke -Männer zu unternehmen? Nein, vielleicht half ihm -aber die Entdeckung desselben zu der Freundschaft des -Indianers, und ohne dessen kalt und ruhig auf ihm -haftenden Blick zu begegnen, versprach er eine für -<a class="pagenum" id="page_363" title="363"> </a> -diesen höchst wichtige und nützliche Enthüllung machen -zu wollen, die ihm reiche Beute brächte, wenn ihm -sein eignes Leben dabei gesichert würde.</p> - -<p>Der Insulaner sagte ihm das zu, und der Sträfling, -dadurch kühner gemacht, forderte nun auch noch, -in seinen Stamm aufgenommen, und von diesem selbst -gegen die Verfolgung der Weißen geschützt zu werden. -Das aber wies der Häuptling unwillig von sich.</p> - -<p>»Ich sicherte Dir Dein Leben!« rief er finster »und -brauchte selbst das nicht zu thun. Liebe zu uns hat -Dich nicht hergeführt, und Deine Hülfe brauch' ich -kaum, denn seit jene Dreie gelandet, folgen ihnen -meine Späher, und ihr Boot ist in meiner Gewalt; -doch bist Du wahr gegen mich, so sei ein Theil der -Beute Dein – thue dann damit, was Du willst. -Die Gier der Weißen geht nach Gold – das mag -Dir genügen.«</p> - -<p>Freudig ging der Sträfling in diesen Vorschlag -ein, den er gar nicht zu machen gewagt, da er kaum -geglaubt hatte, daß die Wilden je wieder ein erbeutetes -Gut herausgeben würden. Er erzählte nun aber -auch Alles, was er erlauscht; daß der Eine der Weißen -– die Pest über ihn, er hatte ihn stets wie einen -Hund behandelt – als Indianer verkleidet, das Gesicht -aber mit einer Matte verhangen, das Ufer betreten -<a class="pagenum" id="page_364" title="364"> </a> -habe und eine Landverschreibung mit sich führe, -die seiner Aussage nach Heki selbst unterzeichnet -hätte.</p> - -<p>Der Häuptling, der im Anfang kaum den Worten -gelauscht, horchte hoch auf, und schien dem Erzählenden -das Wort von den Lippen zu stehlen, mit keiner -Sylbe unterbrach er ihn aber, und erst nachdem -Ned Alles das, was er an Bord erhorcht, gebeichtet, -that er ihm einige Fragen nach der Gestalt, dem Aussehen, -den Augen, Zügen und dem ganzen Wesen -jenes Mannes, der unter dem falschen Schutz ihres -heiligsten Gesetzes dieses Ufer betreten habe. Ned gab -das so gut er konnte, und der Neuseeländer nickte dabei -ingrimmig lächelnd mit dem Kopf. Endlich zog er -sich eine Zeitlang zu den Seinen zurück, und der -Sträfling konnte jetzt nur nach den wilden lebendigen -Gestikulationen, mit denen sie die, ihm fremden Worte -begleiteten, schließen, daß es ein reges Interesse sei, -was die düstern Gestalten jetzt bewegte und ihren Augen -ein soviel wilderes, unheimlicheres Feuer verlieh.</p> - -<p>Niemand kümmerte sich mehr um ihn, stundenlang -lagerten die Krieger in dem kühlen Waldesschatten, -und die Sonne hatte schon geraume Zeit den Zenith -überschritten, während weiße, wehende Nebelstreifen -am südlichen Horizont heraufstiegen, und ihre milchigen -<a class="pagenum" id="page_365" title="365"> </a> -Strahlen weit hin über das Firmament schossen, -als plötzlich die Büsche raschelten und ein einzelner -Krieger, das dunkle, tättowirte Gesicht von einigen, -kaum geheilten Narben fürchterlich entstellt, aus dem -Dickicht sprang, an dessen äußerstem Rande sie lagerten. -<em class="ge">Was</em> er berichtete, konnte Ned nicht verstehen, -doch mußte seine Mittheilung von Wichtigkeit sein. -Auf jeden Fall war sie lang erwartet, denn von mehren -Seiten kehrten jetzt augenscheinlich früher ausgestellte -Posten zurück, und die Schaar, die aus etwa -fünfzehn Männern bestand, theilte sich in zwei ziemlich -gleiche Haufen.</p> - -<p>Der Eine von diesen zerstreute sich in den benachbarten -Büschen, der Andere aber schlich langsam am -Waldrand hin, der Mündung des Ta-po-kaï zu. Der -Sträfling blieb unter der Aufsicht zweier Krieger und -mußte der letzten Schaar folgen, doch schien man -nichts von ihm zu fürchten, oder keine weiteren Vorsichtsmaßregeln -für nöthig zu halten, denn er durfte -frei neben seinen Begleitern hergehen, deren ganzes -Aeußere ihn aber dennoch überzeugte, daß Flucht, -wenn er daran wirklich noch gedacht hätte, hier ganz -hoffnungslos gewesen wäre. Rasch schritt er denn -auch an ihrer Seite fort, und wie der letzte in den -laubigen, dunkelschattigen Büschen verschwunden war, -<a class="pagenum" id="page_366" title="366"> </a> -lag der Platz wieder so einsam ruhig da, als ob ihn -noch nie ein menschlicher Fuß betreten oder menschliche -Leidenschaft seinen heiligen Frieden gestört habe.</p> - -<hr /> - -<p>Still und heimlich rauschten die hohen, majestätischen -Wipfel des düsteren Urwalds, und flochten ihre -riesigen Arme fest, fest in einander, daß die sengenden -Strahlen der Sonne nicht Eingang fänden in ihr heiliges -Dunkel, und die zarten Kinder ihrer Sorgfalt, -die jungen saftigen Palmen und die wuchernden, blumigen -Moose nicht erreichen und welken könnten. Es -war Mittagszeit – heimlich drückten sich die munteren -Waldvögel in den kühlen, duftigen Schatten der -Sträuche, und die schillernde Eidechse nur glitt geräuschlos -an Stämmen und Zweigen hin, und schaukelte -sich an schwanken Ruthen oder haschte auch nach -vorbeifliegenden Insekten und Käfern.</p> - -<p>Still und heimlich rauschten aber auch die hohen, -majestätischen Wipfel um eine einzige, kleine Lichtung, -die an der sanften, grasigen Abdachung eines niederen -Hügels lag, und jetzt nur von astigen Fruchtbäumen -und einzelnen, früher vielleicht gepflegten Palmen -beschattet wurde. Es war ein neuseeländischer -<em class="ge">Pah</em>, die Wohnung, aber auch zugleich das Fort -<a class="pagenum" id="page_367" title="367"> </a> -Eines der Eingeborenen, ganz nach Art der, über die -Insel zerstreuten Befestigungswerke mit starken spitzen -Pallisaden umgeben, und im Innern durch niedere -Fenzen wiederum in einzelne, jedoch mit einander in -Verbindung stehende Höfe abgetheilt. Inmitten desselben -lag das flache, breitausgedehnte, niedere -Wohnhaus, mit phantastisch geschnitzten Holzsäulen -und kühler, luftiger Veranda. Schmale Bänke zogen -sich im Innern dicht an den Wänden des Hauses hin, -und zwischen zwei der Säulen hing, regungslos und -leer, eine einzelne, von den Fasern des neuseeländischen -Flachses gewebte Hängematte. Aber kein lebendes -Wesen ließ sich sehen – Alles schien ausgestorben -und öde, ja die Nebengebäude, großentheils nur -Schuppen und Ställe, standen offen und leer, das -Kochhaus, das sich früher dicht an das Wohnhaus -geschmiegt, war auf der rechten Seite niedergebrochen -und verfallen, die Hängematte hing in Streifen nieder, -am Dach fehlten ganze Stücke; die Umzäumungen -lagen theils niedergeworfen, theils von Moosen -überwachsen; kein Hausthier belebte den Hof, und -nur ein Habicht, der vielleicht in der Nähe horstete -und hier, in den stillen, öden Gebäuden nach Nahrung -gesucht, stieg jetzt kreisend empor, stand mit -schnellem, kräftigem Flügelschlag wohl eine Minute -<a class="pagenum" id="page_368" title="368"> </a> -lang still über dem, für ihn zur Heimath gewordenen -Platz, und strich dann, den schönen Kopf noch immer -zurückgebogen, langsam dem Meeresufer zu.</p> - -<p>Er hatte seinen Feind, den Menschen, gewittert, -und kaum verschwand er auch hinter den hohen, laubigen -Bäumen, als eine wilde Gestalt die niederen -Büsche theilte, die sich dicht an die halbniedergebrochenen -Pallisaden anschmiegten, ja sogar einen Theil -derselben schon mit ihren weitausgreifenden Schmarotzerpflanzen -wie mit einem blumendurchwebten Laubnetz -überzogen.</p> - -<p>Es war Dumfry der, das Gesicht wieder dicht -mit der Matte verhüllt, die Büchse fest und im Anschlag -in der Hand, die Lichtung betrat und ernst und -schweigend den Schauplatz früherer Zeiten überschaute, -der – <em class="ge">seine</em> Wohnung getragen. Und wo hinaus hatte -das Schicksal die gestreut, die früher die Waldeseinsamkeit -mit ihm getheilt? wo weilten die Lieben, die -auch eine Wildniß im Stande sind zum Paradies zu -wandeln – welcher Boden war es, der ihre Fährten -trug und ihnen Nahrung gab? Oder hatte Dumfry -freundlos und allein hier gelebt? wurde kein Auge -naß, als er seine neue Heimath verließ, harrte kein -hoffender Blick mit freudiger Zuversicht seiner Wiederkehr? -– Niemand wußte es – sein Mund schwieg -<a class="pagenum" id="page_369" title="369"> </a> -über die Vergangenheit, und wer ihm später in Sidney -befreundet gewesen, vermied es gern, auch nur die -Erinnerung an frühere Zeit in ihm zu erwecken, -denn finstere Geister waren es, die dadurch heraufbeschworen -wurden.</p> - -<p>Welche Gefühle mußten da aber jetzt sein Herz -bestürmen, als er Alles das wieder vor sich sah, was -in lebendiger Frische das Andenken an vergangene, -und wohl kaum vergessene Stunden erneute – was -die kaum vernarbten Wunden wieder aufriß und sein -Auge fest und stier an jene Stelle fesselte, wo er –</p> - -<p>»Gift und Tod!« murmelte er durch die fest zusammengebissenen -Zähne vor sich hin, und stampfte -unwillig und in ausbrechendem Grimme den Boden – -»was kümmert's mich, wenn sie den Platz meiden und -ihr wahnsinniges Gesetz den Ort selbst öde legt und -verlassen. Um so besser – desto sicherer bin ich und -desto unbewachter.«</p> - -<p>Rasch glitt er in das Dickicht zurück, wo die Gefährten -seiner harrten und ein Zeichen bedeutete sie ihm -zu folgen, wohin er sie führen würde. Ihr Pfad, der -bis jetzt durch die wildeste und rauhste Waldung geführt, -wurde aber jetzt ebener; eine Art ausgehauener -Weg, wenn auch allem Anschein nach lange nicht begangen, -zog sich, wie Tomson glaubte, in ziemlich -<a class="pagenum" id="page_370" title="370"> </a> -paralleler Richtung mit der See fort, und die Hügel -hatten sie ebenfalls verlassen, oder hielten sich wenigstens -nur noch am Fuß derselben hin, wo sie zweimal -kleine, sprudelnde Bäche überschritten, und plötzlich -auf einer sanften Abdachung des hohen Landes einen -kleinen, vielleicht zwanzig Fuß steil emporsteigenden -Erdaufwurf erreichten, dessen Gipfel ein eigenes, -wunderliches Denkmal zierte.</p> - -<p>Die Hälfte eines quer durchschnittenen Canoes -stand dort wie ein Schilderhaus aufgerichtet; die beiden -Seiten desselben waren mit weißen, schwarzen -und grellrothen Farben bunt bemalt, und den oberen -Theil schmückten hohe, wehende Federn, wie sie wohl -sonst das Haupt des Kriegers und Jägers als stolzen -Kopfputz zieren. Besonders prangten einzelne hohe, -weiße Federn des Albatroß, die den Mittelpunkt des -Busches bildeten, und eine bunt gefärbte Matte hing -von oben herab und verdeckte den inneren Theil dieses -eigenthümlichen Zierraths.</p> - -<p>Die Fremden konnten, als sie den offenen Platz -erreichten, das eben beschriebene Bauwerk leicht übersehen, -desto schwieriger aber schien es hinaufzugelangen, -denn hohe und fest eingerammelte spitze Pallisaden, -auch keineswegs verfallen, wie die, der früheren -Wohnung, sondern allem Anschein nach in gutem -<a class="pagenum" id="page_371" title="371"> </a> -und trefflichem Stand erhalten, umgaben den Erdhügel. -Der innere Raum zwischen diesem und seiner -Verschanzung war von üppiger Vegetation dicht überwuchert, -und es ließ sich unmöglich unterscheiden, ob -der von Bäumen allerdings leere Platz früher bebaut, -oder nur von dem hohen Holz befreit worden sei, um -jenes Gestell auf dem Gipfel desto freier und besser -herauszuheben.</p> - -<p>Die Männer hatten, bis dahin noch von einer -kleinen Gruppe palmenartiger Farrenbäume verdeckt, -den stillen wunderlichen Ort in lautlosem Schweigen -eine Zeitlang beobachtet, endlich flüsterte Van Broon, -dem es hier unter den hohen Bäumen und vor dem -einzeln dastehenden, indianischen Bau, der wie eine -Schildwache das Herz der Waldung zu bewachen -schien, anfing unheimlich zu werden:</p> - -<p>»Ist dies denn nun endlich der Ort, zu dem wir -jetzt, Gott weiß, wie viele Meilen durch Dornen -und Schlingpflanzen gerannt sind, als ob uns der -böse Feind auf den Hacken säße?«</p> - -<p>Dumfry nickte, noch immer ohne ein Wort zu erwiedern, -einfach mit dem Kopf.</p> - -<p>»Der Eingang wird wohl an der andern Seite sein,« -meinte Tomson, und richtete sich auf den Zehen empor, -um soviel Raum als möglich übersehen zu können.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_372" title="372"> </a> -»Gentlemen!« wandte sich jetzt Dumfry plötzlich -und mit leiser, unterdrückter Stimme, aber mit freudig -blitzenden Augen, an seine Begleiter – »die Zeit -unseres Handelns ist gekommen, wir haben den lang -erstrebten Platz erreicht, aber all die Gefahren, die ich -gefürchtet, ja fest erwartet, sind ausgeblieben. Die -Gegend ist menschenleer, die Entfernung zum Meer, -ja zu der Stelle, wo unser Boot verborgen liegt, beträgt -von hier aus kaum tausend Schritt – dort, -wo jener helle Fleck die Waldung lichtet, mündet der -Bach, in dessen heimlichen Schatten wir eingelaufen. -In einer halben Stunde können wir unten sein, und -unsere Ruder tragen uns dann rasch dem sicheren -Fahrzeug entgegen.«</p> - -<p>»Warum gehen wir denn aber nicht an die Arbeit?« -frug Van Broon ungeduldig; »zum Henker -noch einmal, mir wird's nicht behaglich zu Muthe, -so lange ich diesen cannibalischen Boden unter mir -fühle; es ist mir immer, als ob uns die Bäume -ordentlich so mit einer Art von Gier und Gefräßigkeit -ansähen, und mit dem größten Vergnügen das Holz -dazu hergeben würden, uns zu braten. Wo hat denn -dieses Monument, oder was es sonst sein mag, seinen -Eingang?«</p> - -<p>»Nirgends,« erwiederte ihm Dumfry, aber immer -<a class="pagenum" id="page_373" title="373"> </a> -noch mit vorsichtiger Stimme – »es ist ringsherum -auf solche Art umgeben – Manawatus Begräbnißplatz -liegt unter dem geheiligten Gesetz des Tabu, nur -wenn Einer aus seinem Geschlecht wieder stirbt, -erlischt das Verbot. Nach der bestimmten Zeit und der -Feier der Tangi<span class="top">[15]</span> bringen die »weisen Männer« die -Gebeine hierher und wiederum verschließt das Gesetz -den Eingang Jedermann.«</p> - -<p class="ci fss">[15]: Bei dem Tod eines Häuptlings oder eines sonst angesehenen -Indianers entsteht ein großes Wehklagen, das die Neuseeländer -<em class="ge">Tangi</em> nennen. Die Frauen zerschneiden sich Arme, Gesicht -und Brust mit scharfen Muscheln, und die Kleider und das -Eigenthum des Verstorbenen wird dann gewöhnlich in das Grab -desselben gelegt – in den sogenannten <em class="ge">wahi tapu</em>, und muß -dort mit ihm verwesen.</p> - -<p>»Wie kommen wir aber hinüber?« brummte Van -Broon – »wir wollen wohl hier warten, bis Jemand -kommt, um nachher die ganze Bevölkerung bei der -Hand zu haben. Gebt dem Volk nur einen Vorwand, -und wir stecken noch heute Abend Alle mit einander -am schönsten Bratspieß, den sie auftreiben können.«</p> - -<p>Dumfry wandte sich von ihm ab, glitt eine kurze -Strecke rasch zwischen, ja fast unter den hohen Farrenkräutern -hin, die das Stacket dicht umschlossen, prüfte -einige der Pallisaden mit der Hand, und kam auch -bald an eine, die weniger fest in der Erde stack als die -<a class="pagenum" id="page_374" title="374"> </a> -übrigen. In diese schlug er mit aller ihm zu Gebote -stehenden Kraft, indem er sich mit dem Rücken an -die nächsten dicht daneben stellte, seinen Tomahawk, -daß der Stiel nach oben kam. Der scharfe Stahl fuhr -in das, durch die Jahre ziemlich weich gewordene -Holz bis ans Heft hinein, und er gewann dadurch -eine Handhabe, den sonst nicht gut erreichbaren -Stamm anzufassen, und aus seinem Bett zu heben. -Nach einigen, vergeblichen Versuchen gelang ihm dieß -auch endlich, was einen schmalen Eingang in das -Innere herstellte.</p> - -<p>Van Broon, obgleich er die Größe der Gefahr, -der sie hier ausgesetzt waren, gar nicht kannte, ja -nicht einmal ahnte, er wäre sonst wahrlich nicht so -geduldig dabei stehen geblieben, fühlte doch eine gewisse, -ihm selbst kaum erklärliche Angst, als er die -Vorsicht und unverkennbare Scheu des sonst so kecken, -trotzigen Mannes sah. Dumfry, der ihnen winkte, -dort zu bleiben, wo sie gerade standen, kroch nämlich -rasch und vorsichtig in das tollste Gewirr des hier dicht -verschlungenen Oberholzes, und kein Laut wurde weiter -von ihm gehört, kein Zeichen gab er, bis plötzlich seine -Gestalt, aber weiter unterhalb, wieder auftauchte. -Er trug jetzt das zusammengeheftete Fell irgend -eines ihnen unbekannten Thieres im Arme und lief -<a class="pagenum" id="page_375" title="375"> </a> -mehr als er ging, dem engen Ausgange der Pallisaden -zu, durch die er sich mit fast ängstlicher Hast ins -Freie drängte. Kaum hatte er jedoch den inneren -Raum verlassen, so legte er schnell seinen Pack auf -den Boden nieder, stieß die früher herausgehobenen -Pallisaden an ihren Ort zurück, und schien jetzt erst -jedes Gefühl, was ihm bis dahin vielleicht Herz und -Seele beengt haben mochte, stark und freudig von sich -abzuschütteln.</p> - -<p>Hochauf athmete er, aus tiefer, voller Brust, und -ein triumphirendes, fast höhnisches Lächeln zuckte um -seine Lippen.</p> - -<p>»Nun fort,« rief er, und hob seine Last rasch wieder -vom Boden auf, »fort, in wenigen Minuten sind -wir am Ufer, dann zu Schiff und einem frohen, freudigen -Leben entgegen!«</p> - -<p>»Und ist das Alles?«, frug Tomson erstaunt, -»Alles was wir zu thun haben? Darum die entsetzlichen -Vorbereitungen und Zurüstungen?«</p> - -<p>»Kommt! an Bord unseres guten Kasuar sollt -Ihr Alles erfahren, nur jetzt von diesem Boden fort, -der mir unter den Füßen zu brennen anfängt.«</p> - -<p>Und ohne weiter auch nur eine Antwort abzuwarten, -warf er einen flüchtigen Blick zu der jetzt von dem -gestiegenen Nebel fast umdüsterten Sonne empor, die -<a class="pagenum" id="page_376" title="376"> </a> -den Schleier mit ihrem rothen Gluthenlicht kaum zu -durchdringen vermochte, und eilte so flüchtigen -Schrittes rechts in das Dickicht hinein, daß ihm seine -beiden Begleiter kaum zu folgen vermochten. Wohl eine -Viertelstunde behielten sie diese Richtung bei, und jetzt -zwar fortwährend thalab, die Hügel hinter sich lassend. -Die Lichtung, auf die sie Dumfry schon am Begräbnißplatz -aufmerksam gemacht, trat denn auch immer -deutlicher und heller hervor, und einer kleinen, schmalen -Anhöhe folgend, die als Scheide zweier Bäche -dem Ufer entgegenlief, erreichten sie dieses, kaum -zweihundert Schritte von der nämlichen Stelle, wo -sie es betreten hatten, doch mehr seitwärts von der -Mündung des Baches, und an einer von Holz -fast freien, sandigen Fläche, die sich zwischen da, -wo sie sich jetzt befanden und dem Ta-po-kaï ausdehnte.</p> - -<p>Dumfry überflog mit prüfenden Blicken das Terrain, -nirgends aber ließ sich auch nur das mindeste -Außergewöhnliche oder gar Gefährliche entdecken; -kein lebendes Wesen war zu sehen, nur ein paar Albatrosse -strichen mit langsam bedächtigen Flügelschlägen -über die Bai, und dort hinten – gerade vor dem hellglänzenden, -weißen Streifen, der den Eingang der -Bucht wie mit einem schimmernden Zirkel umgab, lag -<a class="pagenum" id="page_377" title="377"> </a> -still und regungslos, die schneeigen Segel fest gegen -die Masten geschlagen, der Kasuar, wie ein müder -Seevogel, der nach langer, mühseliger Fahrt den -Kopf unter die Flügel steckt, und sich schaukeln läßt -von den krystallhellen, leise schwellenden Wogen – -seiner Wiege und Heimath.</p> - -<p>»Bei Gott!« brach da Tomson das Schweigen, -und schaute ängstlich nach dem südlichen Horizont -hinüber, den er erst von hier aus recht überblicken -konnte – »es wird Zeit, daß wir an Bord kommen -– Dumfry, dort hinten steigt ein Wetter herauf, -und, wenn uns das hier noch in der Nähe jener Riffe -erwischt, so können wir uns auf das Schlimmste gefaßt -machen. Es wäre ein Spaß, wenn wir nachher -wieder an die Küste geworfen würden.«</p> - -<p>»Sollten jene weißgrauen Streifen Böses deuten?« -frug der Verkleidete, und schien sie scheu und finster -zu betrachten –</p> - -<p>»Gutes auf keinen Fall,« brummte der Seemann, -»will's wünschen, daß wir mit 'nem blauen Auge -davonkommen.«</p> - -<p>»Gentlemen beabsichtigen vielleicht, hier am Waldrand -heute Abend Thee zu trinken,« unterbrach sie -aber hier der ungeduldig werdende Holländer – »zum -Henker auch, sollen wir etwa hier stehen bleiben, <em class="ge">bis</em> -<a class="pagenum" id="page_378" title="378"> </a> -das Alles eintrifft, was Sie beide jetzt befürchten? -– Wo liegt unser Boot?«</p> - -<p>»Gerade dort drüben in jener Waldecke,« erwiederte -ihm Dumfry – »aber Sie haben recht, ein -Ueberlegen könnte hier ohnedieß nichts frommen, <em class="ge">jetzt</em> -müssen wir durch – kommen Sie« – und wiederum -zog er die Matte über sein Gesicht, die er, seit sie den -Begräbnißplatz verlassen, fast fortwährend zurück -geworfen getragen hatte, und schritt den beiden Freunden -rasch voran, zuerst in die niedere Sandfläche hinab, -die in Zeit der Fluth von den Wogen bedeckt -wurde, und dann einen grasigen Anwuchs wieder -hinauf, der sich der Waldspitze zuzog und überhaupt -den ganzen, bewachsenen Küstenstrich mit einem hellgrünen -freundlichen Kranz umgürtete.</p> - -<p>Je weiter sie aber jetzt den Wald hinter sich ließen, -desto freieren Ueberblick gewannen sie über den, mit -jedem Augenblick drohender werdenden Himmel, und -Tomson blieb, als sie etwa die Mitte der Sandfläche -erreicht, stehen, um das Aussehen der Wolken besser -beobachten zu können. Da fiel sein Auge, vielleicht -durch einen sich dort regenden Gegenstand hingezogen, -auf den hellgrünen Rand des Waldes, und ein Ausruf -der Ueberraschung entfuhr fast unwillkürlich seinen -Lippen, als er gerade da, wo sie eben die Holzung -<a class="pagenum" id="page_379" title="379"> </a> -verlassen, mehre in bunte Matten gekleidete Indianer -erblickte, die eben den Baumschatten verließen, und -langsam ihren Fährten zu folgen schienen.</p> - -<p>Dumfry und Van Broon drehten sich rasch nach -ihm um, die dunklen Gestalten traten aber zu deutlich -aus dem lichten Hintergrund hervor, als daß es noch -einer Erklärung bedurft hätte. Van Broon wollte -sich denn auch, sowie sein Blick nur auf den Federschmuck -der Krieger fiel, ohne weiteres davon machen, -Dumfry aber erfaßte seinen Arm und flüsterte -ihm schnell und heftig zu:</p> - -<p>»Halt, Sir, keine Uebereilung – wenige hundert -Schritt von hier entfernt liegt unser Boot, fliehen -wir jetzt, so erregen wir Verdacht, gehen wir aber -ruhig fort, bis wir nur erst die Büsche zwischen uns -und jenen haben, so gewinnen wir entweder hinlänglichen -Vorsprung uns einzuschiffen, oder – wir -haben Feuergewehre genug, jene kleine Schaar unschädlich -zu machen. Langsam, Gentlemen, langsam -sehen Sie, dort vorne – ha!« schrie er und riß sein -Gewehr entsetzt empor, denn auch vor ihnen, gerade -dort, wohin ihr Weg gerichtet war, und wohin er -deutete, theilten sich die Büsche, und sieben oder acht -braune, trotzige Gestalten, mit Büchsen und Streitkolben -bewaffnet, ja Einzelne sogar mit der, ihm nur -<a class="pagenum" id="page_380" title="380"> </a> -zu gut bekannten, langhaarigen Kriegsmatte bekleidet, -traten ihnen entgegen, und hielten somit genau den -Pfad besetzt, der sie allein zu ihrem Boote führen -konnte.</p> - -<p>Van Broon stieß einen Schrei des Entsetzens aus, -Tomson aber, der schon aus dem Benehmen Dumfry's -ersehen hatte, daß ihnen in der That mehr Gefahr -drohe, als dieser eigentlich gestehen wollte, griff -nach seinen Pistolen, untersuchte, ob die Zündhütchen -noch festsäßen, rückte den Griff seines Cutlaß ein klein -wenig mehr nach vorn, und schien dann ruhig den -Erfolg abwarten zu wollen. Dumfry selbst war wohl -ebenfalls nur durch die erste Ueberraschung außer -Fassung gebracht, denn auf ein Zusammentreffen mit -Indianern hatte er sich ja schon durch seine angenommene -Tracht vorbereitet; fester nur zog er die Matte -über sein Gesicht nieder, flüsterte seinen beiden Begleitern -leise Muth zu, und schritt dann, die Richtung -ein klein wenig verändernd, der äußersten Waldspitze -zu, um, wenn die Indianer ihre Jölle etwa noch -nicht gefunden hätten, wenigstens nicht selbst zu voreilig -deren Lage zu verrathen. Hatte er aber zugleich -gehofft, von den Eingeborenen unbeachtet zu bleiben, -so sah er sich darin jedenfalls getäuscht, denn diese -wandten sich, sobald sie seinen veränderten Curs bemerkten, -<a class="pagenum" id="page_381" title="381"> </a> -ebenfalls langsam der Waldspitze zu, und -Dumfry, der nun wohl fand, daß er nicht im Stande -sein würde, ihnen auszuweichen, suchte jetzt nur so -unerschrocken als möglich aufzutreten. Hielten ihn die -Neuseeländer, was auch von vornherein seine Absicht -gewesen, für einen, unter dem Tabu stehenden Führer -der Weißen, so hatten sie nichts zu fürchten, denn -noch waren diese uncivilisirten Stämme zu wenig mit -Weißen in Berührung gekommen, die Pflicht der -Gastfreundschaft gegen Fremde ganz vergessen zu -haben.</p> - -<p>Rasch näherten sie sich den Insulanern, die nun -ihrerseits die drei Fremden ruhig erwarteten; Dumfry -aber, so keck und zuversichtlich er früher gewesen schien, -schrack doch, als er nahe genug kam, die Züge des -Häuptlings zu erkennen, augenscheinlich zurück und -sprach, anstatt die erste Begrüßung diesen Herrn des -Bodens zu geben, kein einziges Wort. Die Wilden -ihrerseits, die, hier noch dazu in der Mehrzahl, eine -solche Artigkeit wohl erwarten zu können glaubten, -schwiegen ebenfalls und Tomson, durch Dumfry's -Betragen zuerst überrascht, trat endlich vor, streckte -dem, den er für den Häuptling hielt, die Hand entgegen -und sagte mit seinem offenen und ehrlichen -Ton:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_382" title="382"> </a> -»Gott zum Gruß, Gentlemen, ich weiß freilich -nicht, ob Sie englisch verstehen, thut aber auch nichts -– werden schon wissen –«</p> - -<p>»Sei der Gruß so treu gemeint, wie er klingt!« -erwiederte, zu des Seemanns unbegrenztem Erstaunen, -der Wilde nicht allein in ziemlich reinem Englisch, -sondern auch noch sogar mit einem leichten Anflug -irischen Dialekts, und ergriff dabei die dargebotene -Rechte.</p> - -<p>Es war eine hohe, stattliche Figur dieser Häuptling -der neuseeländischen Krieger – sein braunes, -von funkelnden, sprechenden Augen belebtes Antlitz -durchzogen die regelmäßig, ja fast zierlichen Linien, -die des Tättowirers Hand darauf zurückgelassen; sein -Haupt schmückten rechts und links die mächtigen Flügel -eines schwarzen Falken, und die rauhe Kriegsmatte -hing ihm weit nach vorn über die linke Schulter -und den Rücken hinab, daß nur der rechte, nackte -Arm frei und unbehindert blieb. Einzelne weiße -Albatroßfedern trug er in den Ohren, um den Nacken -aber das Amulet seines Stammes, den grünen Teiki<span class="top">[16]</span> -<a class="pagenum" id="page_383" title="383"> </a> -mit seinen rothen, glänzenden Augen. Das Haar -hing ihm, wie das auch theilweise auf den Inseln -Sitte ist, lang und glatt über den Nacken herab, und -seine Füße waren – ein nicht seltener Tauschartikel -nordamerikanischer Wallfischfänger – mit buntgestickten -Moccasins bedeckt, die vielleicht eine junge -Squaw,<span class="top">[17]</span> weit in den fernen Prairieen Amerikas -gearbeitet, ohne daran zu denken, daß sie die Füße -eines tausende von Meilen entfernten Kriegers schmücken -sollten.</p> - -<p class="ci fss">[16]: Die Neuseeländer lieben, wie fast alle wilde Nationen, den -Putz, und schmücken besonders gern Kopf und Ohren, wie ihre -Waffen, Häuser und Begräbnißplätze mit bunten, wehenden Federn; -der kostbarste geachtetste Zierrath aber ist eine kleine, eigenthümliche -Figur, Teiki genannt, die einen wunderlich gestalteten -Mann mit großen rothen Augen vorstellt. Dieser Schmuck wird -aus einem besondern grünen Stein geschnitten, und für einen -Amulet, daher auch für ungemein werthvoll gehalten, und selten -trennt sich ein Eingeborner von solchem Heiligthum, das als Erbstück -gewöhnlich in den Familien bleibt.</p> - -<p class="ci fss">[17]: Nordamerikanische Indianerin.</p> - -<p>Seine Begleiter waren sämmtlich mit Feuergewehren -bewaffnet, er selbst aber trug nur an seinem -Handgelenk den Mirei, und zwar aus einem einzigen -Stück eben des kostbaren, grünen Steines geschnitten, -aus dem auch das, an seinem Nacken hängende Amulet -bestand, während er in der Rechten den Häuptlingsstab<span class="top">[18]</span> -hielt, der mit seinem wunderlich geschnitzten -<a class="pagenum" id="page_384" title="384"> </a> -Kopf, den rothen Papageifedern und Büscheln -von Hundehaaren von weitem einer jener alten Hellebarden -glich, aber keineswegs als Waffe bestimmt -schien, sondern nur die Autorität des Führers bezeichnen -sollte.</p> - -<p class="ci fss">[18]: Dieser Stab, von den Neuseeländern I Henei genannt, -ist ein eigenthümliches, fast scepterartiges Emblem der Häuptlinge. -Er besteht aus hartem Holz, und trägt als Knopf ein grotesk geschnitztes -Gesicht mit ausgestreckter Zunge – was den Trotz gegen -die Feinde bedeuten soll – die Augen sind aus kleinen Stücken -Perlmutter hergestellt, und rothe Papageienfedern und Büschel -von Hundehaaren umwehen ihn. Dieser Stab wird sowohl im -Krieg als am Berathungsfeuer geführt, und zwar jedesmal dem -Häuptling übergeben, der gerade das Wort führt. Er behält ihn -dann hoch in der Hand und läuft damit vor den ihm aufmerksam -Zuhörenden, im Eifer seiner lebendig ausgestoßenen Worte, auf -und ab.</p> - -<p>Während er dem Europäer die rechte Hand reichte, -ließ er diesen Stab gegen seine Schulter fallen, und -nahm ihn erst wieder auf, als er einen Schritt zurücktrat, -und seine Augen jetzt fest auf den angeblichen -Indianer geheftet hielt, der jedoch, seinen Kopf ebenfalls -erhoben, die Büchse, wie nachlässig, in der -Biegung des linken Armes, doch zum augenblicklichen -Dienst bereit, trug, und nur einmal leise das Haupt -wandte, um zu sehen, ob sich die übrigen Indianer -ebenfalls zu ihnen gesellt hätten. Diese waren kaum -noch hundert Schritte zurück, und einige von ihnen -<a class="pagenum" id="page_385" title="385"> </a> -zogen sich langsam nach dem Meeresufer hinab. Die -Weißen wurden auf diese Art von den dunklen, drohenden -Gestalten rings umzingelt, und durften an -Flucht nicht mehr denken; es galt jetzt nur noch, das -Spiel, was sie begonnen, fest und ernst zu Ende zu -führen.</p> - -<p>Da brach der neuseeländische Häuptling zuerst das -Schweigen, er stützte sich auf den Henei, den er in -der Hand hielt, und sagte, während er die Blicke fest -auf den falschen Indianer heftete, in der Sprache der -Maories:</p> - -<p>»Deine Hand ist bewaffnet, aber Dein Antlitz -verhüllt, – braucht das Haupt, das der Tabu beschützt, -die feindliche Wehr? fürchtet mein Bruder, -daß ein Maori die Keule gegen ihn zücken werde? oder -kennt er die Gesetze des Landes nicht? – Ein <em class="ge">Maori</em> -ist sicher!«</p> - -<p>»Wohl kenn' ich die heiligen Gesetze« erwiederte -der Verkleidete, und die Stimme drang unter der vorhängenden -Matte dumpf hervor – »ich habe Nichts -zu fürchten, und nur als Begleiter dieser Weißen -trage ich die Waffe – kein Freundesblut klebt an -meiner Hand, und daheim in meinem Pah stehen die -Schädel meiner Feinde – ein Maori ist sicher!«</p> - -<p>»Das lügst Du, <em class="ge">falscher</em> Maori!« schrie da -<a class="pagenum" id="page_386" title="386"> </a> -plötzlich, sich zu seiner vollen Höhe erhebend, der -wilde Krieger, und schwang den Stab, den er in der -Rechten hielt – »Bleicher Verräther! wirf die heilige -Hülle ab, die Dir nicht gebührt – zu Boden mit -Dir, Mac Donald – Mörder Deines Weibes, zu -Boden, denn die Stunde der Rache hat Dich ereilt!«</p> - -<p>Wie von einem jähen Strahl getroffen, schrack der -entlarvte Verbrecher, als die ersten zürnenden Laute -sein Ohr erreichten, zusammen. – <em class="ge">Verloren</em> – das -Blut schoß ihm in eisiger Kälte zum Herzen, – aber -es war nur ein Augenblick, was hatte er auch jetzt -noch zu wagen, wo <em class="ge">Alles</em> auf dem Spiele stand.</p> - -<p>»Zu mir, Tomson!« schrie er, und mit Blitzesschnelle -fuhr die Büchse empor – ein Moment, und -der scharfe, blendende Strahl zuckte aus dem Lauf – -harmlos aber zischte die Kugel über dem Kopf des -Häuptlings hin in die Luft, denn dieser, die Absicht des -Feindes schon vorherahnend, traf mit seinem langen, -gewichtigen Stab das Rohr von unten, und schlug -es gerade im entscheidenden Augenblick empor. Tomson -riß jetzt zwar auch mit der Rechten seinen Cutlaß, -mit der Linken die eine Pistole hervor, von allen -Seiten warfen sich aber die Eingeborenen über ihn, -und während die Nächsten gegen Mac Donald anstürmten, -und ihn zu Boden schleuderten, faßten und -umschlangen die Uebrigen den Seemann und seinen, -<a class="pagenum" id="page_387" title="387"> </a> -schon vor Angst halbtodten Gefährten, banden ihnen -die Hände auf den Rücken, und nahmen ihnen Alles -ab, was niet- und nagellos an ihnen war.</p> - -<p>Mac Donald kämpfte aber wie ein Rasender – -den Tomahawk hatte er, als er seine Kugel vergeudet -sah, aus der Scheide gerissen, und der Streich, den -er damit gegen den, auf ihn eindringenden Häuptling -führte, wäre jedenfalls für diesen verderblich geworden, -hätte nicht in demselben Augenblick der -Schlag eines Patu<span class="top">[19]</span> seine Stirne getroffen, und ihn -besinnungslos zu Boden geworfen.</p> - -<p class="ci fss">[19]: Der <em class="ge">Patu</em> ist ebenfalls eine beliebte und fürchterliche -Waffe der Insulaner. Er besteht aus leichtem Holz, ist etwa vier -Fuß lang und hat oben eine beilartig geschärfte Kante. Der -Kopf ist, wie bei dem Henei, mit Federn und Haarbüscheln geschmückt.</p> - -<p>Noch im Stürzen griff er nach dem Fell, das er -bis dahin, von dem Tapamantel verdeckt, bei sich getragen, -des Häuptlings Faust lag aber an seiner -Kehle, und als dieser die Matte von seinem Antlitz -riß, und die wilde, ihn umdrängende Schaar <em class="ge">den</em> -erkannte, den sie als ihren Todfeind geächtet und verfolgt, -da stieg jauchzendes Triumphgeschrei in die -Lüfte, und der Führer mußte seinen Stab über das -Opfer legen, daß die gerechte Rache nicht dem entzogen -würde, dem sie gebührte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_388" title="388"> </a> -Tomson, der in Kampf und Ueberfall, ja sogar -in der eigenen Noth und Lebensgefahr, in der er -selbst sich befand, doch nicht das immer drohender -werdende Firmament vergessen hatte, und ängstlich -dabei seines armen Fahrzeugs gedachte, rang noch -wüthend mit denen, die ihn hielten und bewachten. -Der Häuptling aber, als er den eigenen Feind in -sicherem Gewahrsam sah, schritt auf ihn zu, legte die -Hand leicht auf seine Schulter und sagte, während -ihm der Seemann mit finster drohendem Blick ins -Auge schaute.</p> - -<p>»Fürchtet nichts, Sir. – Nicht Ihr habt die Gesetze -unseres Landes gebrochen und mit Füßen getreten, -wie es Jener that. Er <em class="ge">log</em>, als er Euch -sagte, daß er nur Einen der ihm feindlich gesinnten -Häuptlinge im offenen Kampfe erschlagen. Er log, -als er sich unter Heki's Schutz erklärte, denn ich bin -Heki selbst, und keinen grimmigeren Feind hat er auf -dieser Welt, als mich. Aus dem, durch das Gesetz -des Tabu geheiligten Platz stahl er das Eigenthum -seines, durch ihn schändlich gemordeten Weibes, und -wie ein feiger Verräther entfloh er damals der gerechten -Strafe. Er <em class="ge">log</em> auch, als er sich für den -Eigenthümer, auch nur eines Fuß breit neuseeländischen -Bodens erklärte – dem <em class="ge">Gatten</em> meiner Schwester -gehörte es, nicht ihrem <em class="ge">Mörder</em>. Nur zu gut -<a class="pagenum" id="page_389" title="389"> </a> -kannte er aber unsere Sitten, und vielleicht wäre es -ihm gelungen, unter dem Schutz desselben Glaubens, -den er zu gleicher Zeit brach und schändete, seinen -Raub in Sicherheit zu bringen, hätte ihn nicht sein -Etuë<span class="top">[20]</span> selbst in die Hand der Rache gegeben. Nur -ihm gilt jetzt unser Zorn. Ihr dagegen mögt in -kurzer Zeit ungehindert zu Euerem Fahrzeug zurückkehren; -doch hütet Euch, neuseeländischen Boden -wieder zu betreten.«</p> - -<p class="ci fss">[20]: Die bösen Geister der Neuseeländer.</p> - -<p>Tomson, obgleich aufs Aeußerste erstaunt, wie -der Neuseeländer Alles das wissen konnte, was sie -doch an Bord seines eigenen kleinen Kasuar verhandelt, -war dennoch gerade jetzt viel zu sehr mit -diesem selbst beschäftigt, um irgend einem anderen -Gegenstand einen mehr als flüchtigen Gedanken zu zollen.</p> - -<p>»Ungehindert?« rief er trotzig, und schaute mit -wildem und doch besorgtem Blick nach dem südlichen -Horizont hinüber – »seht dort das aufsteigende -Wetter an, und sagt dann noch einmal, daß es ungehindert -geschehen wird. Seeschlangen und Eisbären! -wenn der Sturm dort unser kleines Fahrzeug -an jenen verdammten Riffen überrascht, möchte ich -keinen Schilling für Alles, was an Bord lebt, geben.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_390" title="390"> </a> -»Will Euch Euer Gott strafen, daß Ihr den -Frieden dieses Landes gebrochen,« sagte der Wilde -ruhig, »was kümmert das mich. Ich war es nicht, -der Euch hierhergerufen.« Und ohne die Gefangenen -weiter eines Blickes zu würdigen, wechselte er einige -Worte mit seinen Leuten, und schritt diesen langsam -voran in das Dickicht, wohin ihm die Schaar, die -Gefangenen in der Mitte, folgte.</p> - -<hr /> - -<p>Die Sonne sank – im Westen deckten nur leise, -purpurne Dunstschleier den Horizont, düster aber -und schwarz von dem Wiederglanz der scheidenden -Strahlen, thürmten sich im Süden immer dichtere, -undurchdringlichere Wolkenmassen empor. Was der -Tag und die sengende Gluth seines Gestirns bis -dahin niedergehalten, quoll jetzt in nicht mehr dämmbarer -Gewalt höher und höher. Aber nicht rasch -stürmte es herbei, wie die jähen Gewitter des Golfstroms, -mit ihren daherjagenden Böen und Wirbelstößen, -langsam kämpfte es seine Bahn herauf, -gegen den heißen Nord, langsam aber sicher gewann -es sich jeden Fuß breit Bahn, und die Wasser der -Bai, als ob sie den nahen und fürchterlichen Kampf -der Elemente ahneten, schmiegten sich leicht zitternd -an das Ufer an, und hoben nur manchmal, in -<a class="pagenum" id="page_391" title="391"> </a> -kleinen, ängstlichen Spritzwellen die Häupter, um zu -sehen, ob der gefürchtete Gegner noch nicht nahe, -und sie aufrüttele aus ihrer stillen, friedlichen Ruhe.</p> - -<p>Delphin und Schwertfisch zogen sich in ihre -dunkle Tiefe hinab, und das Albatroß selbst suchte, -die schweren, mächtigen Fittiche hebend, den Schutz -des festen Landes, während nur noch »Mutter Careys -Küchelchen,« die flüchtige Sturmschwalbe der Meere, -in leichten Kreisen über die Wogen strich, und mit -den nach ihr aufspritzenden Wassern zu spielen schien.</p> - -<p>Rasch, wie der Tag entstanden, sank er in Nacht -zurück, graue Dämmerung, durch all' die schwarzen, -empordrängenden Nebelschichten nur noch unheimlicher -und düsterer gemacht, hüllte bald den stillen Wald in -ihren grauen Schleier, und Meer und Luft verschmolzen -zu einer ununterscheidbaren Masse.</p> - -<p>Nur der leuchtende Schaum einzelner Wellen stach -weiß und geisterhaft gegen seinen dunklen Hintergrund -ab, und durch das leise, kochende Gähren und Brausen, -aus all' der Nacht und Finsterniß hervor, strahlte -das helle, einzelne Licht des fernen Schooners, während -drei, rasch nach einander abgefeuerte Schüsse die -fernen Freunde vor der nahen drohenden Gefahr -warnten.</p> - -<p>Da glitt aus der sicheren, schmalen Mündung des -Ta-po-kaï, zwischen den weit überhängenden, schaukelnden -<a class="pagenum" id="page_392" title="392"> </a> -Zweigen vor, eines der langen, scharfgebauten, -neuseeländischen Canoes, deren Führung die -Eingeborenen mit so meisterhafter Hand zu leiten -wissen. Acht Männer saßen an den Rudern, doch mit -den Gesichtern nach vorn, und die Ruder frei in den -Händen, während Heki, seinen Stab noch immer in -der Rechten, mit der Linken dagegen das hohe, mit -Albatroßfedern gezierte Steuer regierend, aufrecht im -Stern des Canoes stand und den Lauf des flüchtigen -Bootes lenkte. Im Boden desselben, und dicht vor -dem Häuptling, lagen drei dunkle gebundene Gestalten, -aber kein Wort kam über ihre Lippen, schweigend -starrten sie zu dem, drohend über ihn ausgespannten -Firmament empor, und ebenso lautlos tauchten die -Eingeborenen ihre Ruder in die nur leise zischenden -Wogen, über die sie mit Pfeilesschnelle dahinschossen.</p> - -<p>Es war Ebbe und die Strömung trug sie ihrem -Ziel gerade entgegen, doch hielt der Steuernde nicht -gerade auf das Licht zu, sondern ließ dasselbe eher -zur rechten liegen, als ob er durch den engen Kanal -in die offene See hinausfahren wollte. Tomson mußte -auch wohl einen solchen Verdacht gefaßt haben, denn -er hob mehre Male ängstlich den Kopf und starrte -nach seinem Fahrzeug hinüber; endlich konnte er es -aber nicht länger aushalten, und versuchte sich mit -<a class="pagenum" id="page_393" title="393"> </a> -einem leise gemurmelten Fluch emporzurichten. Da -wandte sich der, dicht vor ihm kauernde Insulaner -rasch nach ihm um, und das drohend gehobene, -schwere Ruder verrieth nur zu deutlich, was ihm bevorstehe, -wenn er sich jetzt einer Macht nicht geduldig -füge, der er doch keinen Widerstand zu leisten vermochte. -Van Broon lag, halbtodt vor Angst und -Entsetzen, neben ihm – wer aber konnte die dritte, -regungslose Gestalt im Boote sein? Hatten die Wilden -ihrer Rache wirklich entsagt, oder – großer Gott, -war es gar <em class="ge">die Leiche</em> Dumfry's, die sie – nein, -der Körper lebte und bewegte sich, doch weiter vermochte -der Seemann Nichts zu erkennen. Seine Aufmerksamkeit -wurde auch jetzt zu sehr auf den Schooner -selbst gelenkt, denn der Bug ihres Canoes neigte sich -plötzlich diesem zu, und hielt gerade darauf hin.</p> - -<p>Jetzt schienen aber auch die Geister des Sturmes -zum ersten Mal die Fesseln zu brechen, die sie bis dahin -in Schranken gehalten; ein greller Blitz erleuchtete -mit fast mehr als Tageshelle das südliche Firmament, -die hochaufkochenden Wasser, und während -noch der Donner in weiter Ferne nachrollte, kam der -brausende Orkan jubelnd und jauchzend über das -Meer daher, griff wie im Spiel die zurückschreckenden -Wogen auf, und trug ihren glänzenden, funkelnden -Schaum hoch mit sich in die wirbelnde Luft hinein.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_394" title="394"> </a> -Das Canoe arbeitete sich indessen mit rasender -Schnelle durch und über den gährenden Schaum hin, -der die ganze See bedeckte. Schon konnten sie die -dunklen Umrisse des Kasuar selbst erkennen, und in -dem nämlichen Augenblick, als ein zweiter blendender -Strahl sein weißes Licht über das Meer goß, glitt -es dicht an die Bulwarks des, noch vor seinem Anker -reitenden Schooners hinan. Im Nu war es am Bug -desselben befestigt, und die wachthabenden Matrosen -fuhren entsetzt empor, als plötzlich, wie der stürmischen -Tiefe entstiegen, dunkle, geisterhafte Gestalten -an ihren Bord sprangen. Wohl griffen sie, kaum -etwas anderes, als einen nächtlichen Ueberfall der -Wilden ahnend, und zum Tod erschreckt, zu Allem, -was ihnen nur als Wehr und Waffe unter die Hände -kam. Ehe sie aber selbst im Stande waren, das recht -zu begreifen, was um sie her vorging, erschütterte -plötzlich ein heftiger Stoß den zitternden Schooner -bis in seinen Kiel hinab. Zu gleicher Zeit, ja fast in -demselben Moment, gellte ein wildes, dämonisches -Jubelgeschrei in ihre Ohren, und der dunkle Schatten -des schlanken Canoes schnellte plötzlich wieder von -ihrem Fahrzeug zurück, in die weiße, zischende Fluth. -Trotzig bäumten sich die in zürnendem Unmuth anwachsenden -Wogen darum her, und griffen mit den -zerrinnenden Armen danach, doch unberührt von dem -<a class="pagenum" id="page_395" title="395"> </a> -Allen, und still und regungslos, wie sie gekommen, -stand die hohe, dunkle Gestalt am Steuer, die Ruderer -arbeiteten, und das Canoe schoß, wie von Geisterhand -getragen, durch den aufgerüttelten Grimm des -tobenden Elements.</p> - -<p>»Hülfe!« ächzte in diesem Augenblick Van Broon, -der durch das Steigen des Schooners von dem Platz -wo er lag, gegen die Bulwarks angeworfen wurde -und jetzt nichts anderes glaubte, als er läge schon -über Bord – »Hülfe – Hülfe!«</p> - -<p>Die Matrosen trauten kaum ihren Sinnen, als -sie die bekannte Stimme hörten, der Ruf ihres Capitäns -riß sie aber bald aus ihrem ersten stummen -Staunen.</p> - -<p>»Alle an Deck!« schrie er. »Alle an Deck, und hier -– Bill, Ned – Bob – Donnerwetter ist keiner der -Hallunken da – bindet uns los hier – verdamm -Euere Augen, hört Ihr nicht?«</p> - -<p>Rasch sprangen die ihm nächsten hinzu, und wenn -sie auch nicht begreifen konnten, was hier vorgegangen, -ja kaum, wie ihr Capitän eigentlich an Bord -gekommen sei, so ließ ihnen die Gefahr des Augenblicks -doch keine Zeit zu Fragen und Erstaunen – -hier galt es nur zu handeln, und schnell banden sie -die Stricke los, mit denen die drei Gefangenen umwunden -waren. Da erhellte wiederum ein zuckender -<a class="pagenum" id="page_396" title="396"> </a> -Strahl das Meer – Tomson's, wie fast aller Uebrigen -Blicke fielen neugierig auf die dritte Gestalt, die -noch immer laut- und regungslos zwischen ihnen -stand, und das Erstaunen läßt sich denken, mit dem -sie fast zu gleicher Zeit ausriefen – »Ned – der -Sträfling!«</p> - -<p>Obgleich nun Tomson allerdings nicht begriff, -wie der Sträfling sowohl ans Ufer, als auch in ihr -Boot gekommen sein könne, so wurde ihm doch jetzt -auch plötzlich klar, daß es eben dieser Bube sein müsse, -der sie verrathen und ihren Feinden überliefert hätte. -Die Sorge um sein Fahrzeug ließ ihm aber für den -Augenblick keine Zeit zu solchen Betrachtungen.</p> - -<p>»Segel los« – schrie er – »Pest und Teufel, wir -treiben – die heillosen Schufte haben unser Ankertau -durchgehauen – steht bei dem Gaffelsegel, ihr Leute -– die Brefock auf – steht bei, sag' ich – Schufte -die Ihr seid« – und rasch, unter wild gegebenen Befehlen -und Flüchen sprang der würdige Seemann -selbst ans Steuerruder, während die Matrosen, in -der eigenen Gefahr Alles übrige um sich her vergessend, -nur den Schooner vor dem ihm drohenden Verderben -zu bewahren suchten.</p> - -<p>So rasch die Fluth nämlich, als sie an diesem -Morgen in die Bucht eingelaufen, das enge Felsenthor -landeinwärts durchströmte, so reißend schoß auch -<a class="pagenum" id="page_397" title="397"> </a> -jetzt, noch von dem wirbelnden Wind getrieben, die -Ebbe hinaus, und das kleine, schaukelnde Fahrzeug, -das in der letzten Minute den Felsen näher und näher -getrieben war, fühlte kaum den Druck des Segels, -unter den es das schnell gerichtete Steuer brachte, als -es sich auch im wilden Ansprung auf die nächste Woge -schwang, und jetzt, von Strömung und Wind begünstigt, -rasend schnell durch die Fluth dem gähnenden -Thor entgegen brauste. Kaum noch hundert -Schritt war es von diesem entfernt – deutlich konnten -sie das wilde Anstürmen der Wogen erkennen, die -sich wie feurige Strahlenkämme an seinen starren -Häuptern brachen – jetzt schien es, als ob der -zitternde Schooner, mit vollem, gewaltigen Anlauf, -toll und wild gerade hinanstürmen wolle auf den Felsenkamm, -der ihn zerschmettert der Tiefe zusenden -mußte. Die Mannschaft stand unthätig am Bug – -die nächste Secunde sollte ihr Schicksal entscheiden, -und nur noch wenige Klaftern Seeraum trennte sie -von ihrem Tod. Dicht vor ihnen ragte der Fels empor, -und das Schiff – ha, es neigte sich ab – großer -Gott, jener scharrende Laut, der das Herzblut der -Männer stocken machte – es war die Seitenwand -des Kasuar im vorbeischnellenden Druck an der Steinsäule -des linken Thores. – Und der Schooner? – -frei und frank schoß er von der nachdrängenden Fluth -<a class="pagenum" id="page_398" title="398"> </a> -gehoben, in die offene See hinaus, dicht hinein in -das enggereefte Segel legte sich der nachdrängende -Sturm, und wie dem Element angehörig, tanzte das -wackere, kleine Seeboot gerettet auf dem wogenden, -zürnenden Meer.</p> - -<p>Noch hatten sich die Matrosen nicht von der fürchterlichen -Angst des Augenblicks erholt – noch standen -die Leute still und regungslos an ihren Plätzen, und -wagten es kaum zu glauben, daß die Gefahr jetzt -wirklich vorüber sei, denn die offene See fürchtete -keiner, da rief sie aufs Neue Tomson's Stimme zu den -eben vorübergegangenen, aber in der Gefahr des -Augenblicks schon fast vergessenen Scenen zurück.</p> - -<p>»Bindet den Schuft – den Ned, und werft ihn -in den Raum hinunter – Du Bob, nimm hier das -Steuer, bis ich einen Anderen der Leute herschicke. -Hallo – wo ist Van Broon – wo ist der Holländer, -hat ihn die Angst getödtet?«</p> - -<p>Das war jedoch keineswegs der Fall; der würdige -Mann hatte in der That von dem Umfang der Gefahr, -die sie eben noch bedroht, keine Ahnung gehabt, -sondern nur ruhig seinen Platz hinter einem der -Wasserfässer behauptet, wo er wenigstens nicht durch -das Schaukeln des Fahrzeugs umhergeworfen werden -konnte. Seine ganze Aufmerksamkeit schien aber bis -dahin ein ziemliches, ansehnliches Packet ausschließlich -<a class="pagenum" id="page_399" title="399"> </a> -beschäftigt zu haben, das ihm die Insulaner, als -sie ihre Gefangenen an Bord des Kasuar gebracht, in -den Arm gedrückt, und dessen Inhalt er der vielen -darum gewundenen Bänder wegen, noch nicht erforschen -gekonnt, obgleich es ihm bei dem Leuchten der -Blitze allerdings so vorkam, als ob das darumgeschlagene -Fell dasselbe sei, was Dumfry auf der Insel -geraubt und wegen dem sie, wie er jetzt wohl glauben -mußte, die ganze unglückselige Fahrt unternommen. -Sobald er übrigens Tomson's Ruf hörte, arbeitete -er sich nach besten Kräften zu ihm hin, und dieser, -nachdem er ihm mit kurzen Worten die Existenz des -Packets, wie die Schwierigkeit es zu öffnen, angezeigt, -zog rasch sein Messer und durchschnitt die Schnüre.</p> - -<p>»Capitän,« sagte da Einer der Matrosen, der in -gleicher Zeit zu ihnen trat, »Ned trägt, in ein Stück -indianische Matte eingeschlagen, eine ganze Parthie -Geldstücke um den Hals gebunden, will aber nicht -gestehen, woher er sie hat – wollt Ihr so gut sein -und sie in Verwahr nehmen?«</p> - -<p>»Geld!« frug Tomson erstaunt, »wo mag der Schuft -das aufgetrieben haben? – und dieß Packet?«</p> - -<p>Er hatte die Bänder gelöst, schlug das Fell auseinander, -und wollte eben mit der Hand nach dem -Inhalte fühlen, da zuckte wieder ein heller Blitz von -den grollenden Wolken nieder, und einen Schrei des -<a class="pagenum" id="page_400" title="400"> </a> -Entsetzens stießen die Männer aus, denn von der -dunklen Hülle umgeben, dem schwefelgelben Strahl -schauerlich und graß beleuchtet, starrten ihnen die bleichen, -verzerrten Todtenzüge Dumfry's entgegen.</p> - -<p>Wild tobte der Sturm – die Wogen schäumten -und brausten, und das kleine Fahrzeug kämpfte die -ganze Nacht gegen den heulenden Grimm der Elemente -an. Endlich dämmerte der Morgen, das milde -Tageslicht beschwichtigte den Orkan, und die weißen -Segel des Kasuar blähten sich der Heimat entgegen; -am Starbordgangweg aber standen die Matrosen, -und mit dem leise gemurmelten Gebet der ernsten -Schaar sank, während eben am östlichen Horizont die -aufsteigende Sonne ihr heiteres Leben über die See -blitzte, das blutige Todtenhaupt des Gerichteten in -die dunkle Tiefe hinab.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_401" title="401"> </a> -Berlin und das Schauspielhaus im -Belagerungszustand.<br /> - -<span class="subheader ge">Eine Skizze.</span></h2> - - -<p>Im Jahre 1848, am 12. November Abends war -Berlin in Belagerungszustand erklärt und am 13. -Mittags glitt ich im zitternden Coupé, von der keuchenden -Locomotive blitzschnell über das flache, reizlose -Land gerissen, der bedrohten Residenz entgegen.</p> - -<p>»Werden wir noch hinein kommen? – wird man -uns Fremden den Aufenthalt dort gestatten?« solche -Fragen kreuzten sich besonders auf den letzten Stationen, -wo militärische Helme zu immer unausweichbareren -Gegenständen wurden, häufig herüber und hinüber, -und endlich ergab sich die peinliche Gewißheit -des Nichthineinlassens, als in Jüterbock ein Lieutenant -mit sechzig Mann zu uns stieß und uns, freilich auf -die freundlichste und artigste Weise, die Nachricht -<a class="pagenum" id="page_402" title="402"> </a> -gab, er habe bestimmte Ordre, den ganzen Zug nicht -weiter als Trebbin zu lassen.</p> - -<p>Guter Gott! Trebbin! – vier Meilen von Berlin, -auf wohlriechender Haide, Abends acht Uhr, in -stockfinsterer kalter Nacht! Und dazu die Erklärung -Mehrerer, die dort bekannt waren, daß im ganzen -Neste wahrscheinlich nicht einmal Leiterwagen genug -aufzutreiben sein würden, um uns weiter zu transportiren! -Reizende Lage, in der es noch als ein Glück -erschien, die ganze Nacht auf einem Leiterwagen und -schlechten Wegen durch das Land gerädert zu werden!</p> - -<p>»Schafft man die königlichen Beamten auch nicht -weiter?« fragte ein beleibter, bleichwangiger Gesell in -einem feinen grauen Tuchmantel und einer Art Dienstmütze, -in einem Ton, der gar nicht verkennen ließ, -wie er bei beruhigender Antwort mit der Maßregel -vollkommen einverstanden gewesen wäre. – »Thut -mir leid; meine Ordre besagt, den <em class="ge">ganzen Zug</em> -ohne Ausnahme anzuhalten,« lautete die Antwort des -Offiziers. – Das war doch ein Trost; die preußischen -Beamten blieben wenigstens nicht im Coupé -sitzen, und »Arm in Arm mit ihnen« konnten wir das -Geschick in die Schranken fordern.</p> - -<p>In Jüterbock hielt der Zug wegen der Aufnahme -des Militärs länger an als gewöhnlich, und der Beamte -<a class="pagenum" id="page_403" title="403"> </a> -unterhielt sich indessen aus dem Coupé heraus -mit einigen davorstehenden Soldaten, die eben ihrem -Lieutenant drei donnernde Hurrahs gebracht hatten. -– »Morgen kommen wir auch nach Berlin!« riefen -diese und die Wirkung starker Getränke war bei ihnen -nicht zu verkennen. »Hussah, morgen kommen wir!« -– »Das ist recht, Kinder,« sagte der freundliche Beamte -und nickte ihnen lächelnd zu; »haltet nur nicht -zu hoch!« – »Bewahre, altes Haus!« sagte einer -der jungen Bursche, »eben die rechte Höhe und mitten -hinein!« – »Bravo, meine Jungen!« nickte der Beamte -und der plötzliche Ruck, den der Wagen that, -setzte ihn einem hagern, hohläugigen Mann, der in -einfach grober, aber sauberer Tuchkleidung dicht -hinter ihm saß, auf den Schooß.</p> - -<p>Der Hagere entschuldigte sich auf das ängstlichste, -daß er dem Manne, von dem ihm wahrscheinlich -sein Instinkt sagte, es sei Einer, der mit der Regierung -in Verbindung stehe, im Wege gesessen habe, -rückte, so weit es anging, von ihm zurück und benahm -sich überhaupt so eigenthümlich, daß ich nicht -umhin konnte ihn etwas genauer zu betrachten.</p> - -<p>Er mochte etwa in den vierzigen sein, vielleicht -war er auch jünger, denn die fahlen Züge sprachen -von ertragenem Leid. Scheu und doch auch wieder -<a class="pagenum" id="page_404" title="404"> </a> -neugierig blickten die hellgrauen Augen um sich, -schienen auf nichts zu haften und begegneten nie -einem andern Blick. Ich würde den Mann für einen -Verbrecher gehalten haben, hätte mich nicht die unverkennbare -Behaglichkeit, mit der er sich manchmal, -besonders wenn er einen Augenblick vor sich niedergesehen -hatte, die Hände rieb und leise vor sich hinschmunzelte, -irre gemacht.</p> - -<p>Das Licht wurde plötzlich draußen weggenommen, -Dunkelheit umgab uns wieder, und weiter ging's in -sausender Schnelle von Jüterbock fort; hinter uns -drein tönte das Hurrah der Soldaten, und unter -uns, um uns, vor und hinter uns klapperten, -keuchten, knarrten und rasselten Räder, Schienen -und Achsen. – Nicht lange, so war die nächste -Station erreicht; hier sollten wir den Güterzug von -Berlin erwarten; kurzer Aufenthalt wurde uns angekündigt -und die meisten stiegen aus, um eine Tasse -heißen Kaffee zu trinken; das Wetter rechtfertigte -wenigstens ein solches Verlangen. In der Restauration -sah ich zufällig meinen hagern Nachbar neben -mir; er stand nicht weit vom Büffet und schaute -nach der großmächtigen Kanne und den Tassen hinüber. -– »Haben wir von hier aus noch weit nach -Trebbin?« fragte ich ihn, mehr eigentlich, um ein -<a class="pagenum" id="page_405" title="405"> </a> -Gespräch mit ihm anzuknüpfen, als aus wirklichem -Interesse für die Antwort. –</p> - -<p>»Das weiß ich nicht,« sagte der Hagere schnell, -schüttelte dabei das lächelnde Gesicht mit dem halbgeöffneten -Mund und sah mich zum erstenmal mit den -hellglänzenden Augen fest an. »Ich weiß gar nichts,« -fuhr er gleich darauf fort, noch ehe ich mich von ihm -abwenden konnte, »nicht das mindeste. – Sie wissen -doch wohl, wo ich herkomme?«</p> - -<p>Ich blickte erstaunt zu ihm hinüber. »Ich weiß -gar nichts! – Sie wissen doch wohl wo ich herkomme?« -– was sollte das heißen? –</p> - -<p>»Sind Sie hier fremd?« frug ich ihn. –</p> - -<p>»Fremd? ja, ich komme von Torgau,« lächelte -der Mann und rieb sich immer eifriger und mit immer -mehr aufgeheiterten Zügen die Hände. »Ich bin mit -unter den Amnestirten; ich weiß gar nichts von der -Welt – ich sitze seit 1831 auf der Festung.«</p> - -<p>Allmächtiger Gott! mir zog es eiskalt durch -Mark und Bein. Der Mann war siebzehn Jahre -hinter Festungsmauern begraben gewesen, und jetzt, -in diesem Augenblick, in diesen Zuständen, sprang -er auf einmal, wie neugeboren, aber mit vollem -staunenden Bewußtsein, mitten in's Leben hinein. – -»Ja,« lächelte der Unglückliche und rieb sich noch -<a class="pagenum" id="page_406" title="406"> </a> -immer stillvergnügt die Hände, »da können Sie sich -wohl denken, daß ich gar nichts weiß. – Ach bitte, -nicht wahr, das ist Kaffee dort, was der Mann ausschenkt?« -– »Ja,« erwiderte ich und konnte den -Blick nicht abwenden von der Leidensgestalt. – »Der -wird wohl verkauft?« – In dem Moment wurde -draußen hastig die Glocke gezogen; wir mußten -schnell in unser Coupé zurück, denn der Güterzug -kam eben mit rothglühendem Rachen und leuchtendem -Athem auf dem schmalen, dunkeln Damm herangeschnaubt.</p> - -<p>Dicht neben uns hielt der Zug und alle Fenster -waren rasch besetzt, um Neuigkeiten von Berlin zu -erfragen. »Wie steht's dort? kommen wir noch hinein? -– ist schon geschossen worden?« – »Ganz gut -– Alles ruhig – keine Gefahr!« tönte es hin und -wieder. Ein junger Mann, der mit dem Güterzug -gekommen war, sah die Soldaten in unserem Train. -– »Euch wollen sie nach Berlin haben, daß ihr das -Volk sollt unterdrücken helfen!« rief er ihnen zu, »und -ihr seid doch unsere Brüder!«</p> - -<p>Der Beamte mit dem bleichen Gesicht und der -Dienstmütze, der die Worte gehört hatte, bog sich -rasch zum andern Fenster nach der Restauration zu -hinaus und flüsterte draußen Stehenden etwas zu. -<a class="pagenum" id="page_407" title="407"> </a> -»Was? der Kerl will die Soldaten aufreizen?« riefen -dort ein paar Männer und schauten zwischen den -Wagen unseres zur Abfahrt bereiten Zuges nach den -Wagen des Güterzugs hinüber. »Wart, Canaille, -wenn hier der Zug fort ist, mit dir wollen wir sprechen!« -– »Holt ihn ein Bischen heraus,« sagte der -Beamte freundlich; »den müßt ihr euch einmal besehen.« -– »Na wart nur!« riefen die Gereizten, »also -die Weißmütze? – ich sehe sie schon in der Ecke!«</p> - -<p>Ich bog mich rasch aus dem Wagen nach dem -Güterzug hin und rief dem jungen, wirklich bedrohten -Fremden zu, in ein anderes Coupé überzusteigen; -dann aber und während jetzt unsere eigene Locomotive -mit gellendem Jubelschrei aufbrach, wandte ich mich -an den freundlichen Beamten und sagte ihm frei, was -ich von ihm dachte. Er war geschmeidig wie ein Ohrwurm; -er hatte es ja gar nicht so bös gemeint, »<em class="ge">die</em> -Leute thäten nichts der Art, <em class="ge">das</em> wären Menschen -wie die Kinder etc.« – Pfui über den Schuft, das sind -die wahren Wühler, die heimlich, wie giftiges Geschmeiß, -im Lande herumkrochen und in der Stille -hetzten und geiferten dem offenen Wort gegenüber, -und dabei süß, unschuldig drein schauten und fromm -und liberal thaten.</p> - -<p>Eine halbe Stunde später kamen wir nach Trebbin, -<a class="pagenum" id="page_408" title="408"> </a> -und glücklicher Weise fand unsere Eskorte daselbst -Contreordre. Der Lieutenant, den es selbst zu freuen -schien, daß er uns den unangenehmen Aufenthalt ersparen -konnte, verkündete uns, der Zug dürfe ungesäumt -weiter gehen. Um neun Uhr liefen wir in den -Berliner Bahnhof ein, und Massen dort aufgestellten -Militärs verkündeten uns, wären wir nicht schon unterrichtet -gewesen, den Belagerungszustand der Stadt. -Es wurden uns weiter keine Schwierigkeiten in den -Weg gelegt, nur Bewaffnete, deren wir jedoch keine -bei uns hatten, sollten nicht eingelassen werden.</p> - -<p>Ich durchwanderte die Friedrichsstadt noch am selben -Abend nach allen Richtungen. Todtenstille in den -Straßen; nur hie und da an den Ecken kleine Trupps -vor einem von der Laterne beleuchteten Plakat. Dieses -handelte von Zusammenrottungen auf den Straßen; -am Tage durften nicht mehr als zwanzig, Abends -nicht mehr als zehn Menschen beisammen stehen; gingen -sie nicht auseinander auf die Aufforderung der Patrouille, -so hatte das Militär von seinen Waffen Gebrauch -zu machen. – Unter den Linden, besonders an -den Ecken der Friedrichsstraße, standen Menschengruppen; -Jungen verkauften ein Plakat des Referendars -Wache, mit der Anempfehlung: »ohne Erlaubniß -Wrangels.« Unter der einen Laterne erzählte Jemand -<a class="pagenum" id="page_409" title="409"> </a> -irgend einen Vorfall; Neugierige traten hinzu und es -bildete sich bald ein Haufen von wohl fünfzig bis -sechszig Personen. Da tönte der schwere gleichmäßige -Schritt einer Patrouille die Allee herab. –</p> - -<p>»Meine Herrn, treten Sie in kleinere Trupps,« bat -der Sprecher; »immer zehn und zehn, wenn ich bitten -darf.« – Die Menge zertheilte sich schnell und ohne -weitern Zuredens zu bedürfen. – »Hier können wir noch -zwei brauchen,« sagte Einer; »so, jetzt haben wir gerade -das Deputat!« ein Anderer. Hie und da lachte Einer, -als die Soldaten ernst und schweigend vorbei schritten, -die verschiedenen kleinen Trupps aber nicht weiter -belästigten. »Ruhe! – nicht lachen!« riefen Andere -und die Patrouille bog in die Friedrichsstraße ein.</p> - -<p>Dieselbe Ruhe herrschte in andern Straßen, -dieselbe Ordnung; wer nicht manchmal einer Patrouille -begegnete; hätte nicht daran gedacht, daß er sich in -einer belagerten Stadt befinde. – Am nämlichen -Abend war eine Deputation von Stettin aus unterwegs, -welche folgende Demonstration beabsichtigte. -Die achthundert Mann trugen alle breite weiße Papierstreifen -an den Hüten, auf denen mit großen Buchstaben -gedruckt stand: <em class="ge">Ehre der Nationalversammlung! -Stettin</em>. – So hatten sie am nächsten -Morgen in feierlicher Procession die Stadt durchziehen -<a class="pagenum" id="page_410" title="410"> </a> -wollen, aber der ganze Bahnzug war (wie man das -auch bei uns, wo man wohl eine ähnliche Deputation -vermuthet, anfangs beabsichtigt hatte) auf der letzten -Station vor Berlin aufgehalten worden, und nur -einzelne Mitglieder, ich glaube acht oder zehn, ließen -sich auf einem Leiterwagen nach Berlin schaffen. Einige -derselben sollen, wie man sagte, gerade wegen jener, -als Plakate angesehenen Zettel verhaftet worden sein.</p> - -<p>Am nächsten Morgen brachte ein frisches Plakat -des Kommandirenden etwas regeres Leben in die -Masse; die Patrouillen seien verspottet worden, hieß -es, und haben jetzt strengen Befehl erhalten, bei der -geringsten Widersetzlichkeit vollen Gebrauch von ihren -Schießwaffen zu machen. Die Jungen rissen hie und -da solche Zettel herunter und klebten dafür die von -Wache an, worin Wrangel und seine Proklamation -verhöhnt waren, und die ihrerseits wieder -von den Soldaten entfernt wurden. So sah ich -am Schloß einen Jungen am eisernen Gitter -eines der untern Fenster hoch emporklettern und -soweit darüber, als er reichen konnte – gewiß -18-20 Fuß vom Boden – eine Wache'sche Proklamation -ankleben. Gleich darauf kam eine Patrouille, -und einer der Soldaten mußte jetzt ebenfalls dort -hinauf und mit dem Bajonett das mißliebige Papier -<a class="pagenum" id="page_411" title="411"> </a> -unter dem Jubel der umstehenden Jugend herunterstoßen.</p> - -<p>Wunderlich sahen die königlichen Gebäude aus. -Das Schauspielhaus, das Museum, die Münze, des -verstorbenen Königs Palais, das Schloß, die Bauakademie, -das Zeughaus, alle Gebäude der Art -wimmelten von Militär, Helm an Helm sah aus den -Fenstern heraus und doppelte Schildwachen, alle -marschfertig gerüstet, standen davor Wache.</p> - -<p>Und was sagte das nämliche Volk, das sich am -18. März mit so kecker Todesverachtung, fast ganz -unbewaffnet, auf den Barrikaden eben dieser Straßen -geschlagen hatte – was sagte das Volk zu dem Herrscherton, -wie ihn Wrangel annahm? – Eigenthümlich -war die Stimmung der Stadt: überall Entrüstung -über Wrangel, überall verhaltener Grimm, und doch -fast ängstliche Besorgniß vor einem Zusammenstoß mit -den Truppen.</p> - -<p>An irgend einer Ecke, der Leipziger Straße glaub' -ich, hatte das Militär mit einbrechender Dämmerung -ein Haus besetzt, das von oben bis unten, wie man -draußen sagte, nach einer Vitriolspritze durchsucht -wurde; man fand jedoch nichts und die Patrouille -zog wieder ab. Vor dem Gebäude hatte sich indeß -eine ziemliche Schaar Neugieriger versammelt, doch -<a class="pagenum" id="page_412" title="412"> </a> -nahmen die Soldaten keine Notiz davon und marschirten -die Straße hinab. Gleich darauf kam eine -Uhlanenpatrouille und der Offizier forderte die Menge -auf, sich zu zerstreuen. Dieß geschah auch, und nur -vor dem durchsuchten Haus blieben noch etwa zwanzig -oder dreißig Personen zurück. Die Uhlanen ritten -langsam daran vorbei, als Einer aus der Menge -höhnisch hinter ihnen her lachte und ein Schimpfwort -rief. Das wäre ihm aber beinahe übel bekommen; die -Uhlanen achteten es allerdings nicht, aber die Umstehenden -fielen unter dem Ruf: »verdammter Reaktionär!« -über den Lacher her, und er konnte einer tüchtigen -Tracht Schläge nur durch die heilige Versicherung -entgehen, daß er keinen der Soldaten, sondern »einen -Freund von sich« gemeint habe.</p> - -<p>An diesem Tage war auch auf's Neue ein Plakat, -die Einlieferung der Waffen betreffend, angeschlagen -und die Stimmung, die sich darüber aussprach, schien -eine allgemeine: man wollte die Waffen unter keiner -Bedingung ausliefern. Der angesetzte Termin bis -Abends fünf Uhr verlief deßhalb auch, ohne daß dem -Befehl, mit einigen Ausnahmen allerdings, Folge geleistet -worden wäre; ja man sprach sogar von einer -großartigen Demonstration. Ein Theil der Bürgerwehr, -wie mir gesagt wurde, 15,000 Mann, wollte -<a class="pagenum" id="page_413" title="413"> </a> -vor dem Zeughaus aufmarschiren und dort dem Feldmarschall -erklären, sie liefern die Waffen nicht ab, und -wenn er Bürgerblut vergießen wolle, so möge er auf -sie schießen. Das unterblieb aber, aus welchem -Grunde weiß ich nicht, und man beschränkte sich einfach -darauf, dem Befehl nicht nachzukommen.</p> - -<p>Am nächsten Morgen, am vierzehnten, fing man -an in der Behrenstraße und der benachbarten Gegend -die Waffen <em class="ge">einzusammeln</em>. Eine Patrouille ging -mit einem Rüstwagen herum, die Enden der Gasse -wurden mit Militär besetzt, aber nicht abgesperrt, denn -es konnte Jeder frei hin und wieder gehen, und ein -Trommelwirbel verkündete den Bewohnern des Hauses, -vor dem der Wagen hielt, daß sie die in ihrer -Wohnung befindlichen Gewehre in die Hausflur -herabbringen sollten; wo das nicht geschah, hatten -die Soldaten Auftrag in die Zimmer zu gehen und -nachzusehen, ob sich Waffen darin befanden.</p> - -<p>Wie ein Lauffeuer schoß die Nachricht, daß man -die Waffen abhole, in die entferntesten Theile der -Stadt, und die Aufregung unter den Arbeitern, vorzüglich -den Maschinenbauern, wurde bedenklich. In -der Königsstadt, in Moabit und den äußern Stadttheilen -schien man fest entschlossen die Waffen <em class="ge">nicht</em> -gutwillig herzugeben, und daß gerade dort, wo man -<a class="pagenum" id="page_414" title="414"> </a> -begonnen, das Einsammeln ziemlich günstigen Erfolg -gehabt, konnte Jene nicht anders stimmen. – »Das -ist das Geheimerathsviertel,« sagten die Arbeiter; -»ob das die Waffen behalten hätte oder nicht, beim -Kampf wär' das gleichviel gewesen.«</p> - -<p>Straße um Straße durchzog das Militär; Wagen -nach Wagen voll Gewehren wurden in das -Zeughaus, stets unter starker Bedeckung abgeliefert, -und in der ganzen Friedrichsstadt schien sich kein einziger -Bürger dem Befehl ernstlich widersetzen zu wollen. -Der »passive Widerstand,« den die Nationalversammlung -behauptete, dehnte sich auch auf diese Maßregel -der Militärgewalt aus. – »Abliefern thun wir -die Gewehre nicht,« meinten die Bürger; »wenn sie -unsere Flinten haben wollen, mögen sie sie holen.« – -Sollten die Arbeiter allein vor die Bresche stehen? sollten -sie, die im März die Barrikaden errichtet und vertheidigt, -noch einmal zu diesem letzten Mittel greifen? -– »Und für wen? – für die Bürger?« – »Hol' sie -der Teufel!« sagten am 16. die Maschinenbauer in -Moabit; »wenn die nicht selbst den Muth haben für -ihre Freiheiten einzutreten, so sehen wir nicht ein, -weßhalb wir wieder die Katzen sein sollen, mit deren -Pfoten sie die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Bis -jetzt sind sie mit ihren blanken Pulverhörnern und -<a class="pagenum" id="page_415" title="415"> </a> -bunten Quasten in einem fort durch die Straßen gerannt; -nun auf einmal läßt sich keiner mehr sehen; -wir wollen uns auch nicht todtschießen lassen.« Und -das Resultat war, daß der »passive Widerstand« auch -unter den Arbeitern seine Proselyten machte.</p> - -<p>Am 15. Abends war die Nationalversammlung, -die seit mehreren Tagen an verschiedenen Orten heimlich -Sitzung gehalten hatte, unter den Linden im -Hotel Milentz beisammen. Doch auch dieser Platz -war verrathen worden, und als ich, etwas nach neun -Uhr Abends, dort vorüber kam, stand ein starkes -Piket Militär vor der Thür und hatte das Haus -gesperrt. Mehrere hundert Menschen sammelten sich, -aber Alles blieb ruhig; es wurde ihnen keine Aufforderung -auseinanderzugehen, und sie selber schienen auch -nur durch Neugierde an den Platz gefesselt. Da näherte -sich eine Patrouille, und als der Offizier die -Menschenmasse erblickte, rief er: »Tambour vor!« um -zum Auseinandergehen aufzufordern. Aber der Führer -der vor dem Hotel aufgestellten Truppen ging auf -ihn zu, sprach ein paar Worte mit ihm und gleich -darauf folgte das »kehrt, marsch!« der eben Gekommenen. -Die Patrouille zog wieder ab und die Menschenmassen -blieben unbelästigt stehen.</p> - -<p>Noch hatte sich aber die Patrouille keine hundert -<a class="pagenum" id="page_416" title="416"> </a> -Schritt entfernt, als aus dem Hotel heraus die Abgeordneten -kamen; die Soldaten ließen sie ungehindert -durch und von allen Seiten drängte man hinzu, -das Resultat der Sitzung zu hören. Der Beschluß, -die Steuern zu verweigern, war gefaßt worden und -blitzschnell lief das Gerücht durch die Menge; auch -die Einzelnheiten der Sitzung wurden rasch von den -Mitgliedern der Versammlung selbst Fremden auf -offener Straße mitgetheilt. Die Männer waren augenscheinlich -in der gereiztesten Stimmung.</p> - -<p>Die augenblickliche Wirkung dieses wichtigen Beschlusses -schien mir keine so gewaltige, als man hätte -vermuthen sollen; man schien die Sache vorhergesehen -zu haben, und wenn auch hie und da aus einer -kleinen Gruppe ein jubelndes Hurrah empor stieg, -standen andere wieder schweigend und fast theilnahmlos -daneben. Einige Männer, an denen ich vorüberging, -fragten mich, was es da gebe; ich sagte ihnen, -was ich eben aus dem Munde eines der Abgeordneten -gehört: die Nationalversammlung habe in diesem -Augenblick beschlossen, die Steuern zu verweigern. – -»So?« erwiderte Einer, »hm – nun – <em class="ge">wir</em> zahlen -sie doch!«</p> - -<p>Auch am andern Tage ließ sich deßhalb keine -größere Aufregung in der Stadt bemerken, und man -<a class="pagenum" id="page_417" title="417"> </a> -erzählte sich den Beschluß in einem Tone, als ob es -sich um eine ganz gleichgültige Sache handelte. Mir -kam das anfangs räthselhaft vor, und doch stand es -wieder mit dem ganzen eigenthümlichen Wesen dieses -»passiven Widerstands« in genauer Verbindung. Die -Berliner wußten, daß dieses das letzte Mittel der -Versammlung sein sollte; <em class="ge">sie</em> hatten somit Alles gethan, -was von ihnen verlangt worden war: sie hatten -sich ruhig verhalten, und den Provinzen blieb es jetzt -überlassen, durch ein Einhalten der Steuern ihr -Vertrauensvotum für die Nationalversammlung zu -geben, oder im entgegengesetzten Fall durch ein -Zahlen derselben an den Tag zu legen, daß sie -mit den Beschlüssen derselben nicht einverstanden -seien.</p> - -<p>Die Stadt war äußerlich ruhig, wie in ihrer -ruhigsten Zeit; sobald sich das Wetter nur irgend -freundlich zeigte, sah man Spaziergänger unter den -Linden; selbst das Theater war, wenn auch schwach, -doch besucht. Gespielt wurde im Opernhaus, das -Schauspielhaus stand starr und kriegerisch da, »belagert -in einer belagerten Stadt,« wie ein Soldat -selber äußerte. Das Säulenportal über der großen -Treppe war mit Schildwachen besetzt, eben so die -Eingänge an allen Seiten; aus allen Fenstern schauten -<a class="pagenum" id="page_418" title="418"> </a> -behelmte Gesichter, überall blinkten Bajonette -und Helmspitzen. –</p> - -<p>Tausend Mann lagen in diesem einzigen Gebäude, -das sogar seinen eigenen Kommandanten hatte, und -es war dieß dasselbe Regiment (Alexander), das in -den Märztagen schon einmal seine Kraft mit den -Bürgern gemessen und gewiß seine Tapferkeit bewährt, -dennoch aber jetzt, wenn es wirklich wieder -zum Kampfe kam, eine Scharte auszuwetzen hatte. -Streitgerüstet lagen die Grenadiere in die Mauern -des Schauspielhauses gebannt, des Rufs gewärtig -zu Bürgerkrieg und Straßenkampf; bloß zu Patrouillen -zogen dann und wann einzelne Trupps aus, und -Urlaub bekamen nur zehn zugleich, und immer nur -auf ganz kurze Zeit.</p> - -<p>Schon am zweiten Tag hatte ich einen Versuch -gemacht, in das Innere des Gebäudes, das mit solcher -Bevölkerung abenteuerlich genug aussehen mußte, -einzudringen, war jedoch kurz und entschieden von -einem halben Dutzend Schildwachen abgewiesen worden. -Ich erfuhr auch von einigen Mitgliedern des -Theaterpersonals, daß Niemand, sie selber nicht ausgenommen, -hinein dürfe, da das Militär für den -Augenblick im alleinigen und unumschränkten Besitz -des Musentempels sei. Und oben auf dem Giebel -<a class="pagenum" id="page_419" title="419"> </a> -desselben stand scheu und unwirsch, mit schnaubenden -Nüstern und vorgestrecktem Huf, Pegasus, das -edle Musenroß, als ob es sich eben nach einem nur -einigermaßen anständigen Hügel in der trostlosen -Ebene umschaute, zu dem es aus dem entweihten -Heiligthume entfliehen könnte.</p> - -<p>Wie bekannt hatte die Nationalversammlung -früher im Concertsaal des Schauspielhauses ihre -Sitzungen gehalten; auch dort sollten jetzt Truppen -liegen, und meine Neugierde wurde sehr gespannt, -als ich hörte, die Soldaten spielten in demselben -Raum, wo ihr Vertreter getagt, Abends Nationalversammlung. -Wie aber hineinkommen? Schon verzweifelte -ich an der Möglichkeit, als mir der Zufall -günstiger war, als ich es je hätte erwarten können. -Ich bekam Gelegenheit, sogar Abends einer sogenannten -»Sitzung« beizuwohnen; das <em class="ge">wie</em> mag mir der -Leser erlauben zu verschweigen.</p> - -<p>Durch zehnfache Schildwachen, über einen Theil -der Bühne hin, auf die ich aber kaum einen flüchtigen -Blick werfen konnte, da der enge Gang meine -ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, erreichte ich -den Concertsaal und überschaute hier gleich ein so -eigenthümliches als wunderliches Bild. Der prachtvoll -eingerichtete Saal war in ein rohes, wüstes -<a class="pagenum" id="page_420" title="420"> </a> -Soldatenlager verwandelt. Auf den rothgepolsterten -Sesseln und Bänken lagen und saßen in allen nur -möglichen Stellungen die Soldaten, manche lang -ausgestreckt auf den Polstern, mit der Pfeife im -Mund und die schmutzigen Stiefeln auf den geschnitzten -Lehnen; hie und da eine kleine Gesellschaft um -einen Tisch gedrängt, im eifrigen Kartenspiel; dort -ein paar eingeschlafen in der Ecke, die Mützen in's -Gesicht gezogen, das Kinn auf die Brust gedrückt, die -Hände über dem Magen gefaltet, die meisten aber aufmerksam -der »Abendunterhaltung« lauschend, die eben -ihren Anfang genommen zu haben schien. – Ich war -etwas verwundert, auch einen Offizier unter den Zuhörern -zu erkennen.</p> - -<p>Die Abendunterhaltung bestand aber in Folgendem. -Auf dem, ich glaube der königlichen Loge gegenüber -befindlichen Präsidentensitz hatte sich ein Musikchor -eingenistet, das mit, wahrscheinlich im Orchester -vorgefundenen Baßgeigen und Violinen und mit -eigenen Flöten, Pfeifen und Trommeln Walzer und -Märsche spielte; nur Blechinstrumente schienen, wohl -des allzulauten Tones wegen, ausgeschlossen. Die -einzelnen Musikstücke wurden jedesmal von den Zuhörern -mit Bravoruf und Beifallklatschen belohnt, -und beim Sturm- und Attaquemarsch, dem ein -<a class="pagenum" id="page_421" title="421"> </a> -kurzer, nervenerregender Trommelwirbel folgte, fiel -die ganze Schaar jedesmal in das übliche, aber gleichfalls -etwas gedämpfte Hurrah ein. – Dann kam -wieder irgend ein trauriger Walzer, dem die faule -Baßgeige nur mit Widerstreben zu folgen schien, und -der Violine fehlte es an Colophonium, das sich im -Orchester wohl nicht mit vorgefunden hatte. Die Finger -des Spielers mochten sich auch nicht eben gelenk -oder taktfest der ungewohnten Beschäftigung fügen; -denn man kann gewiß ein ausgezeichneter Trommelschläger -und doch nur ein mittelmäßiger Violinist -sein. Kurz, es waren außer den gewöhnlichen Märschen -klägliche Weisen, die den gepeinigten Instrumenten -abgemartert wurden. Und rings umher an -den Wänden des durch wenige Oellampen nothdürftig -erleuchteten Saals schauten wehmüthig die Büsten -von Gluck, Händel, Mozart, Weber, Haydn, Bach, -Beethoven und anderer alter Meister der Töne hernieder -und schienen in den an ihnen vorbeistreichenden -düstern Tabakswolken die Stirnen zu runzeln ob dem -ohrzerreißenden Greuel.</p> - -<p>Die Hauptperson des Ganzen stand auf der -Rednerbühne unter dem frühern Sitz des Präsidenten, -und zwar in Civil, in schwarzem etwas schäbigen Frack, -Halsbinde und Vatermördern und weißen Beinkleidern, -<a class="pagenum" id="page_422" title="422"> </a> -und diese Maske – ebenfalls ein Gardist desselben -Regiments – sollte den Präsidenten der Nationalversammlung -vorstellen. Es war ein noch junger -Bursche mit nicht gerade auffallendem Berliner Dialekt, -und er führte einen Taktstock, den er auf carrikirte -Art handhabte, damit bald nach dem Orchester hinauf, -bald nach den Zuhörern hin gestikulirte und dazwischen -zum großen Ergötzen der leicht Befriedigten das Spielen -der verschiedenen Instrumente nachahmte. Auf der -Nase trug er eine Klemmbrille, die er übrigens später, -weil sie ihn genirte, ablegte.</p> - -<p>Endlich, nachdem die Spieler eine lange Weile -musicirt hatten, eröffnete der Präsident die Sitzung. -Mit affektirter Stimme begrüßte er die »Nationalversammlung« -und sprach von der schwierigen Aufgabe, -sechzehn Millionen zu vertreten, erklärte, daß sie hier -zusammen gekommen seien, ihr eigenes Wohl zu berathen, -und ließ dann wieder, unter den frühern -Possen, ein Lied aufspielen. Hierauf ging er, und -nicht ganz ohne Gewandtheit, auf seine wie seiner -Kameraden Verhältnisse ein, in welch sonderbarer -Lage sie sich eigentlich befänden, belagert in einer belagerten -Stadt, und wie wenig man dabei auf ihre -eigene Bequemlichkeit bedacht gewesen. Mehrere Tage -lang hätten sie auf der bloßen Erde campiren müssen, -<a class="pagenum" id="page_423" title="423"> </a> -jetzt, nachdem sie sich wund gelegen, bekämen sie -Strohsäcke; der Kaffe sei, trotz einer jüngst eingegangenen -Schenkung, ungenießbar, das Fleisch so, daß -es sämmtliche vier Köche nicht gahr bekommen könnten, -und der innere Zustand des Schauspielhauses, -was die Reinlichkeit betreffe, dermaßen schaudererregend, -daß eine genauere Beschreibung gar nicht zulässig -erscheine.</p> - -<p>Nach einer ziemlich weitläufigen, manchmal wirklich -witzigen, nur zu oft aber auch sehr matten Auseinandersetzung -der Gründe, die ihn eine Aenderung -ihres Zustandes wünschen ließen, wandte er sich an -die Versammlung, ihre Meinung darüber zu hören, -und zwar zuerst an die »äußerste Linke,« die mit einem -ziemlich allgemeinen vernehmlichen <em class="ge">Ja</em> antwortete. – -»Und was sagt die äußerste <em class="ge">Rechte</em> zu meinem Vorschlag?« -sprach er dann, sich nach der Seite wendend, -welche die Rechte früher eingenommen hatte. – »Nein!« -lautete hier die vom lachenden Beifallsruf der Zuhörer -begrüßte Antwort, und mit einem ruhigen: »Ließ sich -nicht anders erwarten,« rückte er sich die Brille wieder -zurecht und gab, ohne weiter auf die Abstimmung -einzugehen, dem Orchester das Zeichen zum Wiederbeginn -eines seiner verzweifelten Stücke.</p> - -<p>Sodann nahm er eine Partie Bittschriften, wie -<a class="pagenum" id="page_424" title="424"> </a> -sie der Nationalversammlung wirklich eingegangen, -und von denen er eine sogar als fingirtes Taschentuch -benutzte, und las sie mit possenhaften, nicht selten -zweideutigen Bemerkungen vor; eben so mißbrauchte -er das preußische Landrecht, von dem ein Exemplar -ebenfalls in einem unteren Gefach der Rednertribüne -lag. Und die Soldaten amüsirten sich herrlich, aber -der Offizier stand nach einer Weile auf und verließ -den Saal.</p> - -<p>Man müsse den Soldaten den unschuldigen Spaß -lassen, um sie bei guter Laune zu erhalten; die armen -Teufel haben viele Beschwerden zu ertragen, stehen -vielleicht auf der Schwelle eines Bürgerkriegs; das -Schauspielhaus dürften sie Abends nicht verlassen, -die Langeweile hätte sie ja getödtet – solches und -anderes wurde mir vorgestellt. Ich aber fragte mich, -ob denn das alles, was mich hier im tollen Possenspiel -umgab, Wirklichkeit sei? Mir kam das Ganze -oft wie ein Traum vor. – Die Halle hier, in der -die Vertreter des ganzen mächtigen Preußenvolkes -das Wohl des Landes, das Wohl von Millionen berathen, -von Bajonnetten geräumt, von Bajonnetten -besetzt, auf der Tribüne ein in Civiltracht possenhaft -verkleideter Soldat; die Bittschriften, die das Volk, -seinen Vertretern eingesandt, gemißbraucht! – Das -<a class="pagenum" id="page_425" title="425"> </a> -Andenken an das Edelste, was die Freiheit eines -Volks gewährleisten kann, seine Vertretung durch Abgeordnete -im eigenen Parlament, verhöhnt und lächerlich -gemacht! Und hier die Männer, die lachend dem -Spiele zuschauten oder träumend in der Ecke saßen, -jede Minute bereit, beim ersten Trompetenstoß, beim -ersten Trommelwirbel in die Höhe zu fahren und mit -dem schon geladenen Gewehr, dem schon aufgesteckten -Bajonett sich den, vielleicht durch nur irgend einen -bösen Zufall aufgereizten Bürgern entgegen zu werfen! -Ein eigenes, recht häßliches Gefühl war es, -das mich durchzuckte, und ich verließ den entweihten -Raum, verließ die armen in <i>effigie</i> gepeinigten Heroen -der Musik unter den quitschenden Tönen der Geige, -dem brummenden falschen Accompagnement des Basses -und dem Beifallssturm der dankbaren Grenadiere.</p> - -<p>Um die Mittelthür und die Haupttreppe auf dem -nächsten Weg zu erreichen, mußte ich über die Bühne -weg, und ich werde <em class="ge">den</em> Anblick im Leben nicht vergessen. -– Im ungeheuern Raum hingen in der Mitte -an Brettern drei Doppellampen, die aber ein düsteres -mattes Licht gaben und das Ganze kaum nothdürftig -erhellten. Auf der Bühne selbst befand sich die Wache -und wenn auch hie und da zwischen den Coulissen Gruppen -von Kartenspielern an kleinen Tischen saßen, so -<a class="pagenum" id="page_426" title="426"> </a> -mußte doch die Bühne selbst von solchem Treiben frei -bleiben. – Hier standen die Gewehre der Wache zusammengestellt, -und ernste Posten wanderten schweigend -daneben auf und ab. Ich ging zwischen ihnen -durch und betrat die Bretterbrücke, die über die Banklehnen -des Parterres hinweg dem Ausgang zuführt. -– Hier aber blieb ich stehen und überschaute nun zurückblickend -das ganze eigenthümliche Bild, das vor -mir ausgebreitet lag.</p> - -<p>Die Coulissen waren unordentlich durcheinander, -hier Säulen, dort Wald, vorgeschoben; den Hintergrund -aber bildete (die Leinwand war wegen des -Luftzugs von hinten herabgelassen) wohl zufällig eine -weite, den Horizont begrenzende Seefläche. Zur Rechten -und dicht vor dem zackigen Felsenufer lagen die -erst heute eingelieferten, noch ganz neuen Strohsäcke -der Soldaten aufgeschichtet, und es sah täuschend so -aus, als ob ein Schiff dort gerade seine Waaren gelandet -hätte. Links standen, von hinten vor, bis dicht -an die vordere Lampe, die mit den Bajonnetten zusammengreifenden -Gewehre, und auf jeder Waffenpyramide -ein Helm. Ueber die Bühne aber zerstreut, -auf die Ellbogen gestützt, oder das erste beste, was -sich ihnen geboten, unter den Kopf gerückt, lagerten -einzelne Grenadiere und schauten träumend nach den -<a class="pagenum" id="page_427" title="427"> </a> -öden Galerien hinauf, in denen nur hie und da -einzelne Kameraden Platz genommen hatten und -die Scene unter sich gerade so theilnahmlos und -schläfrig betrachteten. Rechts neben mir im Parterre -unten saßen zwei neben einander auf einer Bank und -nickten, und links lag ein Dritter, auf der Bank ausgestreckt, -und schnarchte laut.</p> - -<p>Die Schildwachen schritten still und lautlos ihre -befohlene Bahn hin und her; manchmal aber blieben -sie, dem Hintergrund zugewandt, stehen, und es war -dann, als ob sie das weite Meer beobachteten, das -Nahen fremder Schiffe zu erkunden, denn der matte, -ungewisse Dämmerschein machte die Täuschung fast -vollständig. Es lag wahrlich eine gewisse Poesie in -dieser entsetzlichen Prosa, – aber es war eine Poesie -zum Tollwerden und ich athmete ordentlich frei und -leicht auf, als ich das entweihte Heiligthum der Kunst -hinter mir hatte und wieder in die freie frische Luft -hinaustrat.</p> - -<p>Es ist wahr, jene Zeit hat bewiesen, daß man -Komödie spielen kann ohne gerade auf dem Theater -zu stehen, und wir sehen die Wirklichkeit oft genug -auf die Breter gebracht, ohne eben davor zu erschrecken; -aber es ist das immer eine Wirklichkeit wie etwa ein -beängstigender Traum, von dem wir wissen, daß es -<a class="pagenum" id="page_428" title="428"> </a> -ein Traum ist und uns wohl in der Hoffnung des -Erwachens fühlen. – Wenn aber der Traum dann -in den hellen Tag hineinreicht und uns kalt und -frostig in das warme Leben greift, dann schnürt uns -das Bewußtsein <em class="ge">solchen</em> Zustandes Herz und Seele -zusammen, wie mir der Anblick der entweihten Bühne, -und wir ersehnen heiß und brünstig einen Morgen.</p> - -<p>Ich verließ Berlin am nämlichen Abend wieder.</p> - - -<p class="ce mt2"><span class="fss">Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.</span></p> - -<hr /> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription -werden <em class="ge">gesperrt</em> gesetzte Schrift, <span class="fss">kleine</span> Schrift, <b>fettgedruckte</b> -Schrift sowie Textanteile in <i>Antiqua-Schrift</i> hervorgehoben.</p> - -<p class="in0">Der Halbtitel wurde entfernt.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise -"auseinander" – "aus einander", "Bret" – "Brett", "Canarienvogel" – "Carnarienvogel", "Hackebret" – "Hackebrett", "Kaffe" – "Kaffee", "widerfahren" – "wiederfahren",</p> - -<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_029">29</a>:<br /> -"einen" geändert in "einem"<br /> -(in kaum einem halben Jahre)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_039">39</a>:<br /> -"Sädten" geändert in "Städten"<br /> -(wie sie in den Städten ausgedacht werden)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_046">46</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Metcamp hatte verdammt gute Aussichten)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_048">48</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(hahaha – angeführt haben!«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_057">57</a>:<br /> -"sein" geändert in "seine"<br /> -(daß ihm diese, seine beste Falle)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_060">60</a>:<br /> -"wieß" geändert in "wies"<br /> -(dort aber wies sie jede Aufforderung)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_062">62</a>:<br /> -"dich" geändert in "Dich"<br /> -(und wenn sie Dich nicht vergessen könnte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_068">68</a>:<br /> -"fest-zusammengebissenen" geändert in "fest zusammengebissenen"<br /> -(die er mit fest zusammengebissenen Zähnen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_071">71</a>:<br /> -"«" hinter "tödten?" entfernt<br /> -(Was aber nun thun? – den Wolf tödten?)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_079">79</a>:<br /> -"daß" geändert in "das"<br /> -(das soll mir der Mr. Metcamp einmal nachmachen!)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_087">87</a>:<br /> -"einen" geändert in "einem"<br /> -(und schaute mit einem schelmischen Blicke zu ihm auf)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_087">87</a>:<br /> -"mich ich mag" geändert in "ich mag mich"<br /> -(und ich mag mich nicht in einem fort umsehen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_088">88/89</a>:<br /> -"der" geändert in "den"<br /> -(eine sogenannte Gänsehaut über den ganzen Leib)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_097">97</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»da ist wohl Mancher Wochen lang)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_106">106</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(Gehen Sie mit, Schulmeister?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_109">109</a>:<br /> -"meint" geändert in "meinte"<br /> -(»Ach, nicht Frauen allein,« meinte der Schulmeister)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_114">114</a>:<br /> -"sage" geändert in "sagte"<br /> -(mir heute noch gefehlt, sagte die Pastorin, und räumte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_119">119</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Du bist heute aufgeregt, Kind)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_121">121</a>:<br /> -"»" vor "Im" entfernt<br /> -(Im nächsten Moment glitt die Erscheinung)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_124">124</a>:<br /> -"flimmerden" geändert in "flimmernden"<br /> -(und las mit flimmernden Augen, während das Schreiben)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_134">134</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Und der Fensterladen?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_135">135</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(heute Mittag müßt Ihr bei mir essen.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_144">144</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»denn im weichen Quellboden sah ich deutlich)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_151">151</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»sie vertheidigen die Sclaverei)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_154">154</a>:<br /> -"Preßbyterianer" geändert in "Presbyterianer"<br /> -(und die Presbyterianer halten ihn für ein besonderes Licht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_155">155</a>:<br /> -"Worte" geändert in "Worten"<br /> -(mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs bösgemeinten Worten)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_158">158</a>:<br /> -"»" vor "Sally" entfernt<br /> -(Sally sprang singend hinaus)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_161">161</a>:<br /> -"Reale" geändert in "Regale"<br /> -(in einem Eimer auf dem dort angebrachten Regale stand)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_173">173</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»wir haben weder Schreibzeug, noch Papier)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_179">179</a>:<br /> -"«" hinter "können," entfernt<br /> -(viel mehr in Erstaunen setzen zu können,)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_182">182</a>:<br /> -"sie" geändert in "Sie"<br /> -(Wallis hat, wie Sie vielleicht wissen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_184">184</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(da ist's doch besser sie suchen Dach und Fach.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_184">184</a>:<br /> -"Virtelstunden" geändert in "Viertelstunden"<br /> -(in höchstens drei Viertelstunden können sie)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_187">187</a>:<br /> -"Verguügen" geändert in "Vergnügen"<br /> -(mit dem größten Vergnügen, was ist es?)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_188">188</a>:<br /> -"sie" geändert in "Sie"<br /> -(mit der Sie meine armseligen poetischen Versuche)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_201">201</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Mr. Hennigs kommt auch nicht wieder)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_203">203</a>:<br /> -"Taschentnch" geändert in "Taschentuch"<br /> -(sein Taschentuch hervorzuholen und sich)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_207">207</a>:<br /> -"Reger" geändert in "Neger"<br /> -(mein Thier eben einem Neger übergeben)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_216">216</a>:<br /> -"das" geändert in "daß"<br /> -(schmerzt es Sie denn, daß Sie ein Menschenleben)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_225">225</a>:<br /> -"Spitzhake" geändert in "Spitzhacke"<br /> -(hatte in Rache und Wuth eine Spitzhacke ergriffen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_243">243</a>:<br /> -"«" hinter "vertrüge." entfernt<br /> -(und diese allerdings <em class="ge">keinen</em> Chor vertrüge.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_246">246</a>:<br /> -"sie" geändert in "Sie"<br /> -(»Sehen Sie,« sagte er)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_247">247</a>:<br /> -"gehts" geändert in "geht's"<br /> -(in die schwarze Gasse – dann geht's auch)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_256">256</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»Herrliches Jagdwetter heute!«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_257">257</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»es ist überdieß nicht gut)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_266">266</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(»was zeig' ich denn an?« und trat auf die)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_266">266</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»werden wir die Ehre haben)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_269">269</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»ich bin alt und schwächlich)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_269">269</a>:<br /> -"Bespiel" geändert in "Beispiel"<br /> -(würde Ihnen zum Beispiel einen viel größeren Zuhörerkreis)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_273">273</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(mich ergebenst, meine Herrn!« – und damit)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_273">273</a>:<br /> -"," hinter "Leute" entfernt<br /> -(Die jungen Leute sahen ihm mit einem Gemisch)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_276">276</a>:<br /> -"aufathmen" geändert in "aufathme"<br /> -(kräftig und wohlgemuth aufathme aus tiefster Brust)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_281">281</a>:<br /> -"von" geändert in "vor"<br /> -(wenn Sie ihm, so aufgetakelt, vor den Bug kämen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_283">283</a>:<br /> -"hierzu" geändert in "hier zu"<br /> -(mit welchem wir es hier zu thun haben)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_283">283</a>:<br /> -"-" eingefügt<br /> -(damit er die Beweggründe der Schooner-Passagiere begreifen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_284">284</a>:<br /> -"das" geändert in "daß"<br /> -(imponirt, daß einzelne <em class="ge">unbewaffnete</em> Männer)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_293">293</a>:<br /> -"Geduldsfadenriß" geändert in "Geduldsfaden riß"<br /> -(dem kleinen Van Broon der letzte Geduldsfaden riß)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_314">314</a>:<br /> -"»" vor "Bob" entfernt<br /> -(Bob grunzte eine Art Beistimmung)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_315">315</a>:<br /> -"Sideny" geändert in "Sidney"<br /> -(sobald wir unseren Anker wieder in Sidney auswerfen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_324">324</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»es giebt viele auf der Insel)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_333">333</a>:<br /> -"Berreich" geändert in "Bereich"<br /> -(laufen wir daher den ganzen Bereich ab)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_334">334</a>:<br /> -"»" eingefügt<br /> -(»hier der, durch ein Kreuz bezeichnete Punkt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_338">338</a>:<br /> -"Schiffen" geändert in "Schiffer"<br /> -(die den Schiffer auf seinen weiten Reisen begleitet)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_341">341</a>:<br /> -",«" geändert in "«,"<br /> -(theils dem »Capitän«, theils dem Zimmermann gehörige)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_347">347</a>:<br /> -"Zimmerman" geändert in "Zimmermann"<br /> -(der Zimmermann zog es denn auch, vielleicht nur aus)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_365">365</a>:<br /> -"Anderr" geändert in "Andere"<br /> -(der Andere aber schlich langsam am Waldrand hin)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_372">372</a>:<br /> -"." geändert in "?"<br /> -(was es sonst sein mag, seinen Eingang?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_375">375</a>:<br /> -"?" geändert in "!"<br /> -(und einem frohen, freudigen Leben entgegen!«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_382">382</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(– werden schon wissen –«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_391">391</a>:<br /> -"enstanden" geändert in "entstanden"<br /> -(wie der Tag entstanden, sank er in Nacht zurück)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_420">420</a>:<br /> -"dem" geändert in "den"<br /> -(Auf den rothgepolsterten Sesseln und Bänken lagen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_425">425</a>:<br /> -"ich" geändert in "auch"<br /> -(und wenn auch hie und da zwischen den Coulissen)</p> - - -<p class="ci mt2">sowie jeweils "«," geändert in ",«"</p> - -<p class="ci">auf Seite <a class="nd" href="#page_050">50</a>:<br /> -(»Dort unten,« lautete die monotone Antwort)<br /> -(»Na, das ist eine schöne Geschichte,« murmelte Sutton)</p> - -<p class="ci">und Seite <a class="nd" href="#page_072">72</a>:<br /> -(»Entweder oder,« murmelte er)</p> - -<p class="ci">und Seite <a class="nd" href="#page_142">142</a>:<br /> -(durch den Wald reiten müssen,« entgegnete die Frau)<br /> -(»Ja, das läßt sich nicht läugnen,« lachte der Reiter)<br /> -(»Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs,« rief jetzt)</p> - -<p class="ci">und Seite <a class="nd" href="#page_144">144</a>:<br /> -(draußen im Wald, er sucht die Pferde,« entgegnete)<br /> -(aus den Hügeln herunter gekommen sein,« meinte Hennigs)<br /> -(»Ah, dann findet sie Vater gewiß nicht,« rief Sally)</p> - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen, Erster Band., by -Friedrich Gerstäcker - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN, ERSTER BAND. *** - -***** This file should be named 50187-h.htm or 50187-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/1/8/50187/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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