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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-07 17:55:38 -0800 |
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Pst!« + +Und die tausend kleinen Vögel zwitscherten zur Antwort und verstummten +gehorsam. + +Der Advokat legte sich einen dicken wollenen Schal um die Schultern, denn +er fror immerfort, er schlüpfte in wattierte Stiefel, zog Handschuhe an, +setzte sich eine gefütterte Kappe auf den kahlen Schädel und trat ins +Freie. + +Es war noch Nacht, und alle Dinge sahen unwirklich und verzaubert aus. +Zuweilen neigten sich die Gräser mit einem plötzlichen Ruck, ganz wie +Schlafende sich neigen, die träumen, daß sie fallen, und dann spürte der +Advokat einen kurzen warmen Hauch, der ebenso unvermittelt verschwand wie +er kam. Am Himmel oben trieb eilig ein Gemisch von grauem und schwarzem +Gewölk dahin, und im Zenit waren drei gelbe Sterne sichtbar, die in einer +Richtung standen und wie ein fliegender Speer durch das Gewölk zu schießen +schienen. Der Advokat betrachtete eine Weile aufmerksam den fliegenden +Speer, und irgendein Gedanke rang in seinem Kopf. Dann eilte er mit +kleinen, schlürfenden Schritten und so leise wie möglich über die +sandbedeckten Wege des Anstaltsgartens dahin. + +»Pst, stille!« flüsterte er, wenn er an Büschen vorbeikam, in denen es sich +regen wollte. + +Wo die Gemüsegärten anfingen, stand ein alter Pumpbrunnen, der nicht mehr +benutzt wurde, und hier begann der Advokat seine Tätigkeit. Er stellte die +Gießkanne unter das Rohr und zog den Schwengel, immerfort bestrebt, keinen +Lärm zu machen. Da der Brunnen wenig Wasser gab und der Advokat langsam und +vorsichtig pumpte, war die Kanne erst nach halbstündiger Arbeit gefüllt. +Darauf schleppte sie der kleine Advokat keuchend und hüstelnd bis zu den +Blumenbeeten und fing an, die Blumen unter glückseligem Lächeln und leisen +Koseworten zu begießen. »Nicht so hastig, ihr Kleinen,« flüsterte er, +»meine Kinderchen, wie ihr schluckt! Guten Morgen!« + +Da aber wurde es in einem Holunderbusch lebendig. Hunderte von kleinen +Vögeln streckten auf einmal die Köpfe aus dem Laub und zwitscherten dem +Advokaten zu. + +Er hob erschrocken die Hand. »Ruhig, still, um Gottes willen!« sagte er. +»Immer wollt ihr die ersten sein! Jeden Morgen. Pst!« Und im Busch wurde es +augenblicklich still. + +Der Advokat ging lautlos von Beet zu Beet und begoß seine Blumen. Manchmal +hielt er aufatmend inne und blickte zum Himmel empor, wo noch immer der +goldene Speer durch das Gewölk schoß, ohne je von der Stelle zu kommen. +Dann dachte er lange nach und schüttelte den Kopf. Aus dem Pavillon der +Schwerkranken drang ein langgezogenes Heulen, das in regelmäßigen +Intervallen in ein jammerndes Weinen überging. Der Advokat aber hörte es +nicht. Er hörte nur, daß drinnen in den Büschen die Vögel die Flügel +schüttelten und die Schnäbel wetzten. + +Eine übernächtige Wärterin ging fröstelnd an ihm vorüber. + +»Schon so früh bei der Arbeit?« sagte sie und wandte ihm das bleiche +Gesicht zu. + +Der Advokat stellte die Gießkanne ab, verbeugte sich und zog die Mütze. +»Man muß sich daranhalten,« flüsterte er, »die Kleinen warten nicht.« + +Hierauf begoß er die Beete, die sich am Hauptgebäude entlangzogen, +andächtig und hingegeben. An den offenen Küchenfenstern, die sehr niedrig +lagen, machte er halt und suchte mit den Augen die Fensterbretter ab. Er +schüttelte enttäuscht und niedergeschlagen den Kopf. Ja, sie hatten es +wiederum vergessen, ihm Brotkrumen für seine Vögel herauszustellen! Wer +konnte sich auf diese Mägde verlassen? + +Er suchte ein paar kleine Kieselsteine am Wege und warf sie, einen nach dem +andern, mit leisem Kichern in die schwarze Küche hinein: Sollten sie es nur +lernen, aufmerksamer zu sein! Oh, er würde es ihnen schon beibringen, die +Brotkrumen regelmäßig aufs Fensterbrett zu stellen. Es gab ja genug Kiesel +auf den Wegen. Und wenn sie sich noch so oft beschwerten! + +Die Gießkanne war leer, und der Advokat machte im Morgengrauen den Weg zum +Pumpbrunnen zurück. + +Der Advokat war seit dem Tode seiner Frau ein Freund der Blumen und Vögel +geworden. Als sie starb, in der Agonie, sagte sie: »Man muß die Blumen +begießen. Die Vögel müssen ihr Futter haben.« Das waren ihre letzten Worte, +und der Advokat hörte sie Tag und Nacht in seinen Ohren wiederklingen. Er +hörte sie aus jedem Windhauch, aus dem Gespräch zweier Menschen heraus, ja +sogar aus der Stille vernahm er sie. Im Zimmer seiner Frau stand ein +schwarzer schwerer Wäscheschrank (an den er sich merkwürdigerweise noch +heute erinnerte), und auch dieser schwarze breite Schrank wiederholte ihm +die letzten _Worte_ seiner Frau, obschon er keinen Laut von sich gab. Der +Advokat lebte still und einsam weiter und begoß die Blumen in den +Vorfenstern und gab den Vögeln in den Bauern Futter und Wasser. Die Blumen +gingen ein, und die Vögel starben, einer nach dem andern. Der Advokat aber +bemerkte es nicht. Ihm schien es vielmehr, als ob die Vögel munter in ihren +Bauern hüpften und zwitscherten. Sie brüteten, und es wurden ihrer immer +mehr. Und der Advokat hatte seine kindliche Freude daran. Endlich waren es +Hunderte, die ihm von früh bis spät in die Ohren zwitscherten, Tausende. +Sie lebten in den Wänden, an der Decke, überall. Und der Advokat konnte +nicht verstehen, daß die andern sie weder sahen noch hörten. + + * * * * * + +Als die Sonne aufging, hatte der Advokat schon ein gutes Stück seiner +Tagesarbeit hinter sich und kehrte in den Pavillon zurück, der wie ein +Landhaus im grünen Garten lag. + +Unter der Türe, leicht gegen den Pfosten gelehnt, stand lächelnd Michael +Petroff, ehemals Offizier in der russischen Armee, und begrüßte ihn mit +einem heiteren, hellen: »Guten Morgen, mein Freund!« + +Der Advokat in seinem wollenen Schal, der Halsbinde, den wattierten +Stiefeln, verneigte sich und zog die Kappe. + +»Guten Morgen, Herr Kapitän!« + +Sie verbeugten sich einigemal, denn sie hatten die größte Hochachtung +voreinander, dann erst reichten sie sich die Hand. + +»Haben Sie gut geschlafen, Herr Advokat?« fragte Michael Petroff und beugte +sich etwas herab, wobei er liebenswürdig lächelte. + +»Geschlafen? Ja, ich danke.« + +»Auch ich verbrachte die Nacht vorzüglich!« fuhr Michael Petroff fort und +ließ ein helles, fröhliches Lachen hören. »Vorzüglich, in der Tat. Ich +träumte --«, setzte er hinzu und blickte lächelnd, das rechte Auge halb +zusammengekniffen, in den Garten hinaus. »Ja! -- Und nun treten Sie ein in +mein Bureau, mein Freund. Es gibt Neuigkeiten. Bitte!« Er legte die Hand +auf die Schulter des kleinen Advokaten und ließ ihm mit einer kleinen +Verbeugung den Vortritt. + +Kapitän Michael Petroff war ein schlanker, großer Mann, mit stahlblauen, +heiteren Augen und einem kleinen blonden Schnurrbart, der wie sein blondes, +seidenweiches gescheiteltes Haar zu erbleichen begann. Er war peinlich +sauber gekleidet und sorgfältig rasiert. Sein Kinn war rund und schön +geformt, etwas zu zart, sein Mund von außerordentlich schöner und weicher +Zeichnung, wie der Mund eines Knaben. + +»Bitte!« sagte Michael Petroff und lud den Advokaten mit einer Handbewegung +ein, auf dem Sofa Platz zu nehmen. + +»Ich störe. Störe ich nicht?« flüsterte der Advokat und blieb stehen. + +»Nein! Sie, wie sollten Sie --?« Und Michael Petroff drängte den Advokaten +auf das Sofa. Der kleine Advokat nahm scheu und mit einem dankbaren Blick +Platz. »Sie haben ja so viele Arbeit -- ich weiß --«, sagte er und deutete +mit dem Kopf auf den Schreibtisch, der überladen war mit Akten, Zeitungen +und Manuskripten. + +»Es gibt zu tun, ja!« versetzte Michael Petroff mit einem merkwürdigen +Lächeln auf den schönen knabenhaften Lippen. »Aber für seine Freunde hat +man immer Zeit. -- Hier, nun hören Sie! Ich habe heute ein Memorandum an +die hessische Regierung entworfen --,« Michael Petroff wippte lächelnd ein +Papier in der Hand -- »die hessische Regierung wird auf das +nachdrücklichste -- auf -- das -- nachdrücklichste -- ersucht, den Prozeß +eines Lehrers zu revidieren!« + +Hier blickte Michael Petroff auf seinen Gast, und seine Stirn legte sich +urplötzlich in vier tiefe Falten. »Dieser Lehrer,« fuhr er fort, »wurde zu +vier Jahren, sage vier Jahren, Gefängnis verurteilt. Er hatte zehn Mäuler +zu stopfen und unterschlug Kassengelder. Voilà tout! Was sagen Sie dazu, +wie. Hahaha, sehen Sie, so ist die Welt! Ich fordere in meinem Memorandum +nicht allein eine Revision des Prozesses, sondern auch dringend die +Erhöhung der Beamtengehälter. Ich forderte -- ich, Kapitän Michael Petroff, +und ich werde auch Stellung im >Unparteiischen< nehmen. Sie werden sehen, +mein Freund!« Michael Petroff ließ einen kühnen, triumphierenden Blick über +den kleinen kahlköpfigen Advokaten hingehen, der nickend zuhörte, ohne +recht zu verstehen, was der Kapitän wollte. + +»Sie tun viel Gutes!« flüsterte er und nickte, und über sein kleines, +fahles, verwüstetes Gesicht glitt ein kindliches Lächeln. Und nach einigem +Nachdenken setzte er hinzu: »Sie sind ein guter Mensch, das ist es!« + +Michael Petroff schüttelte den Kopf. »Ich tue meine Pflicht!« versetzte er +ernst. Und indem er die Hand auf das Herz legte und seine hellen, +stahlblauen Augen aufleuchten ließ, fügte er hinzu: »Meine heilige +Pflicht!« + +Kapitän Michael Petroff, früher Offizier in einem Petersburger Regiment, +betrachtete es als seine Lebensaufgabe, die Gerechtigkeit auf Erden zu +vertreten. »Tribunal des Rechts und der Gerechtigkeit« nannte er sich. Er +war auf zwei große Tageszeitungen abonniert, die er jeden Tag nach Fällen +durchsuchte, in denen seiner Ansicht nach jemand ein Unrecht geschehen war. +Und jeden Tag fand Michael Petroff Fälle! Fälle, nichts als Fälle! Diese +Fälle schnitt er aus, ordnete sie nach dem Datum und begann hierauf sie zu +verarbeiten. + +Er saß oft bis spät in der Nacht in seinem Bureau, wie er sein Zimmer +nannte, oder in seiner Redaktion, wie er sein Zimmer zuweilen im Flüsterton +seinem Vertrauten gegenüber bezeichnete. Da saß er und schrieb mit einer +sauberen gestochenen Hand seine Eingaben, Proteste, Memoranden und übergab +sie täglich um sechs Uhr dem Chefarzt Doktor März, der ihre Beförderung ein +für allemal übernommen hatte. Doktor März nahm die Schriftstücke +bereitwillig entgegen und legte sie in ein besonderes Fach, um sie +gelegentlich als Material für sein Werk über Graphomanie zu benützen. + +Die wenigen Stunden, die ihm diese Tätigkeit übrig ließ, verwandte Michael +Petroff auf die Redaktion seiner Zeitung. Und diese Zeitung war die +Ursache, daß er sein Zimmer zuweilen im geheimen Redaktion nannte. Diese +Zeitung erschien nicht regelmäßig, sondern wenn sie gerade fertig wurde. +Gewöhnlich erschien sie im Jahre einmal, manchmal aber auch, wenn ihn seine +nervösen Zustände zur Eile antrieben, zweimal. + +Michael Petroffs Zeitung war das genaue Abbild einer gewöhnlichen +Tageszeitung, vom Kopf an, wo die Bezugsbedingungen vermerkt waren, und die +Stadt, in der sie erschien -- die Michael Petroff willkürlich wählte -- bis +auf die fingierten Namen der Herausgeber und Redakteure. Sie enthielt, wie +jede andere Zeitung, Annoncen, die Michael Petroff höchst einfach aus +anderen Zeitungen herausschnitt, einen Leitartikel, ein Feuilleton. + +Der ganze redaktionelle Teil aber beschäftigte sich -- mit Ausnahme weniger +Artikel, die zur Maskierung eingeschoben waren -- mit der Frage: Ist die +Internierung Michael Petroffs, Kapitän der russischen Armee, berechtigt? +Die Überschriften der einzelnen Artikel lauteten in jedem Jahre anders, +wenn sie auch einen ähnlichen Sinn hatten! Das Ultimatum der russischen +Regierung! -- Ein Brief des Zaren an den Chefarzt Doktor März! -- Die +Zeitung erschien auch in jedem Jahr unter einem anderen Namen. Michael +Petroff nannte sie »Weltauge«, »Europas Gewissen«, »Das Bajonett«. + +Aus seinen Petitionen machte Michael Petroff kein Geheimnis, über seine +Zeitung aber sprach er nur zu seinem Vertrauten, dem Advokaten. Und es ist +möglich, daß er, obschon von Natur aus gesellig und äußerst gutherzig, nur +deshalb den kleinen Advokaten so sehr ans Herz geschlossen hatte, weil er +mit ihm über seine Zeitung plaudern konnte. + +»Einen Augenblick, mein Freund!« sagte er. »Es gibt Neuigkeiten. Ich möchte +Ihnen gerne das Neueste mitteilen, bleiben Sie.« + +Er trat zur Türe und räusperte sich, während er lauschte. Dann trat er +hinaus auf den Korridor, hustete, kam befriedigt zurück. Er zog die +Redaktionsschublade, deren Schlüssel er am Halse trug, auf, lachte hell und +heiter und begann: »Das Neueste, hören Sie! Es kann seine Wirkung unmöglich +verfehlen. Hören Sie nur die Überschrift: Doktor März verhaftet!« + +»Doktor März verhaftet?« flüsterte der Advokat ängstlich, und sah mit +schlaffem Mund zu Petroff empor. + +Michael Petroff lachte. + +»Verhaftet? Nein, natürlich nicht. Ich führe in dem Artikel aus, daß die +Verhaftung des Doktor März bevorstände und er sich ihr nur entziehen +könnte, wenn er Michael Petroff augenblicklich freigäbe!« + +Der Advokat nickte. »Ich verstehe«, sagte er und lächelte, da er Petroffs +heitere Miene sah. Und doch dachte er gar nicht an Petroffs Artikel, +sondern daran, daß er den Vögeln Wasser hinstellen müsse. Er wurde unruhig +und machte Miene aufzustehen. + +»Einen Augenblick noch, ich bitte Sie!« drängte Michael Petroff. »Ja, die +Idee ist prächtig, in der Tat«, fuhr er lebhaft fort, und seine Wangen +färbten sich vor Freude mit einem flüchtigen Rot. »Ich erkläre in dem +Artikel ausdrücklich, daß Doktor März ein Ehrenmann sei, ein hochgeachteter +und allgemein geschätzter Arzt, so daß seine Handlungsweise in diesem +speziellen Falle allgemeines Überraschen errege. Ich bitte Sie, mein +Freund, was wird er tun, wenn er diesen Artikel liest? Hahaha, Sie werden +etwas erleben, lieber Freund. Ich werde ihm ja nicht böse sein, ganz und +gar nicht. Nun -- endlich, endlich! werde ich sagen, lieber Doktor, haha! +Aber sehen Sie weiter, was der >Unparteiische< schreibt. Sehen Sie sich +einmal diesen Titel an, bitte sehr!« + +»Welchen --?« + +»Nun, diesen hier!« + +»Ein -- Fragezeichen?« + +»Ja! Haha -- nichts als ein Fragezeichen! Und darunter: Wo ist Michael +Petroff? Ein öffentlicher Aufruf! Aber sehen Sie hier, im kleinen +Feuilleton: Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee, hat soeben ein +sechsbändiges Werk über Sternschnuppen beendet. Die gesamte Fachpresse +rühmt den Scharfsinn und die Klarheit des epochemachenden Werkes. Hahaha, +sagte ich Ihnen nicht, daß es Neuigkeiten gäbe, mein Freund!« + +Der Advokat saß zusammengekauert auf dem Sofa und dachte angestrengt nach, +wobei er den Atem anhielt. + +»Ich begreife nicht --?« flüsterte er und schüttelte langsam den Kopf. + +»Was begreifen Sie nicht?« + +»Daß er Sie festhält.« + +Michael Petroff sah den Advokaten erstaunt an. Dann beugte er den Kopf +herab und flüsterte: »Ich sagte es Ihnen doch schon, daß meine Verwandten +ihn bezahlen!« + +»Sie bezahlen?« + +»Ja, natürlich!« antwortete Michael Petroff heiter. »Unsummen. Millionen!« + +»Oh!« Nun verstand der Advokat. + +»Ja, sehen Sie, so ist es auf der Welt!« sagte Michael Petroff und +schnippte mit den Fingern. + +Aber der Advokat konnte doch nicht recht begreifen. + +»Ich verstehe nicht,« begann er von neuem, »Doktor März ist ja so gütig. +Ich wohne hier, lebe hier, habe mein Essen und bezahle nichts. Er hat noch +nie Geld von mir verlangt. -- Ich habe ja kein Geld, Sie wissen«, schloß er +noch leiser und ängstlich. + +Michael Petroff legte ihm wohlwollend und wichtigtuend die Hand auf die +Schulter. »Sie arbeiten ja im Garten,« sagte er, »begießen die Blumen. Wie +sollte er es also wagen, Geld von Ihnen zu fordern? So einfach ist das. +Vielleicht haben Sie aber auch Verwandte da draußen, die für Sie bezahlen?« + +»Verwandte?« + +»Ja. Da -- draußen!« Auf den schönen knabenhaften Lippen Petroffs erschien +ein grausames Lächeln. Sollte er diesem kleinen alten Mann in dem wollenen +Schal erklären, wo er sich befand? Sollte er diesem kleinen alten Mann mit +dem grauen faltigen Gesicht vielleicht erklären, daß es ein »Da draußen« +gab -- wo sie zum Beispiel eben in einen Schnellzug einsteigen oder sich +die Hände waschen, um sich an den Tisch zu setzen? Er wippte sich auf den +Zehen, und plötzlich verlor er die Vorstellung seiner Körperlichkeit: er +kam sich vor wie ein riesiger in die Wolken ragender Turm, der auf den +kleinen, kahlköpfigen Mann, der nur ein paar dünne Haarbüschel über den +Ohren hatte, herabblickte. Eine Lust erfaßte ihn, den Advokaten zum Weinen +zu bringen. + +Da aber verbeugte er sich plötzlich leicht vor dem Advokaten und sagte: +»Vergeben Sie Michael Petroff!« Er machte ein paar Schritte durchs Zimmer, +dann wandte er sich in ganz dem gleichen Ton wie vorhin an seinen Gast: +»Wird es schönes Wetter bleiben, heute?« + +»Ich glaube -- ich weiß es nicht«, erwiderte der Advokat unsicher. + +»Nun, wir wollen Kricket spielen, heute nachmittag. Sie frieren?« + +»Ja«, flüsterte der Advokat und zog die Halsbinde enger. + +Michael Petroff sah ihn mit schräg geneigtem Kopf an. »Ich kann nicht +begreifen, daß Sie heute frieren können.« Und er lachte fröhlich. »Kommen +Sie,« sagte er dann, »wir wollen --« er hielt inne, denn er wußte nicht, +was er wollte -- »wir wollen -- ja, wir wollen Freund Engelhardt besuchen. +Kommen Sie! -- Der Arzt war heute nacht bei ihm«, schloß er geheimnisvoll. + +»Der Arzt?« + +»Ja. Er ist krank, unser Freund. Hm, hm.« Michael Petroff schloß sorgfältig +das Manuskript der Zeitung ein, setzte eine große graue englische +Reisemütze auf, warf einen Blick in den Spiegel, und sie verließen zusammen +das Zimmer. Michael Petroff lachte leise, tief innen in der Kehle. An der +Türe Engelhardts angelangt, blieben sie stehen und klopften lauschend. -- + +Für Michael Petroff gab es im Jahr zwei große Tage. + +Der eine war sein Geburtstag, am 16. Mai. Michael Petroff vergaß ihn nie. +Am 16. Mai ging er mit wichtiger Miene und Blicke werfend umher und sagte +zu jedem, den er traf: »Heute ist mein Geburtstag. Danke für die +Glückwünsche!« Vor Tisch kam dann stets der Pfleger und bat ihn, zu Doktor +März zu kommen, der ihm zu gratulieren wünsche. + +Dann begab sich Michael Petroff mit leichten Schritten ins Sprechzimmer des +Doktor März, schüttelte ihm die Hand und dankte für den wunderbaren Strauß +weißer Rosen, den Doktor März ihm überreichte. + +Michael Petroff ahnte nicht, woher der Strauß weißer Rosen kam. Er wußte +nicht, daß an jedem Geburtstag hinter der Portiere des Sprechzimmers seine +Gemahlin und seine Tochter standen, die alljährlich die weite Reise +machten, um ihn zu sehen. In den ersten Jahren war die Gattin des Kapitäns +blond gewesen, dann war sie allmählich grau geworden und jetzt war sie +weiß, obgleich sie noch verhältnismäßig jung war. Früher war sie allein +gekommen, seit drei Jahren war aber stets eine junge Dame in ihrer +Begleitung, die immer schrecklich weinte, wenn sie kam und ging. Die junge +Dame hatte nur ein Ohr und verbarg diese Verunstaltung durch die Frisur. +Das andere Ohr hatte ihr Michael Petroff abgeschnitten, als sie noch ein +Kind war, damals, als sein Leiden ausbrach. + +Michael Petroff plauderte und lachte fröhlich mit dem Chefarzt und brachte +die Rosen seinem Freunde, dem Advokaten. + +»Hier sind Blumen! Ich tue nichts damit!« + +Der Advokat nahm mit vor Freude geweiteten Augen die Rosen entgegen, +vorsichtig wie etwas Zerbrechliches. + +Der zweite große Tag Michael Petroffs war der Tag, an dem die Zeitung +erschien. + +Die Zeitung wurde in der Stadt gedruckt. Michael Petroff hatte den Portier +des Sanatoriums für diese Kommission gewonnen. Der Portier lieferte das +Manuskript an den Drucker ab und überbrachte Michael Petroff die gedruckten +fünfundzwanzig Exemplare. In diesen Tagen befand sich Michael Petroff in +der ungeheuersten Spannung. Er ließ die Zeitung den Ärzten und in erster +Linie Doktor März zustellen und wartete aufgeregt die Wirkung ab. Er +arbeitete in dieser Zeit nicht, sondern ging den ganzen Tag über im Garten +und im Haus umher. Wenn er einem Arzte begegnete, so blieb er stehen und +sandte ihm einen triumphierenden Blick zu, während seine Lippen ein +siegessicheres Lächeln umspielte. + +Nach einigen Tagen aber fragte er die Ärzte: »Hören Sie, haben Sie da nicht +eine Zeitung erhalten?« + +»Eine Zeitung?« + +»Ja! Ich erhielt sie ja auch. >Das Bajonett<?« + +»O ja, ich erinnere mich. Ich werde nachsehen.« + +»Tun Sie das, ja. Es könnten Dinge darin stehen, die Sie interessieren. +Hahaha!« Und er klopfte dem Arzt auf die Schulter und sah ihn vielsagend +an. + +Schließlich aber fragte er den Chefarzt selbst. + +»Jaja,« entgegnete dieser, »diese Zeitung habe ich allerdings gelesen, mein +lieber Kapitän. Eine merkwürdige Sache. Ich habe mich auch sofort +erkundigt. Die Redakteure waren aber nicht aufzufinden, trotz aller +Bemühungen. Sie existieren gar nicht. Oder nicht mehr. Ich weiß nicht +recht, was ich von dieser Zeitung halten soll, mein lieber Kapitän.« + +Dann ging Michael Petroff einige Tage niedergeschlagen umher, und seine +Depression konnte sich bis zur Melancholie und zur Tobsucht steigern. Aber +nach einigen Tagen hellte sich sein Gemüt stets wieder auf. Er begrüßte +seine Freunde, bat sie wegen seines verdrießlichen Benehmens um +Entschuldigung und machte sich augenblicklich daran, eine neue Zeitung zu +entwerfen. Diesmal mußte es ihm gelingen! Aufgepaßt, Doktor März! Dies war +Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee. + + * * * * * + +Freund Engelhardt, dem Michael Petroff und der Advokat einen Besuch +abstatten wollten, war ein etwa fünfzigjähriger, ergrauter Mann, der sich +erst seit einem Jahr in der Anstalt des Doktor März befand. + +Er war Schuhmacher von Beruf und saß sein ganzes Leben lang, jahraus, +jahrein unter seiner Glaskugel und klopfte Leder. Er war nicht verheiratet, +lebte sehr zurückgezogen, und da er fleißig und sparsam war, hatte er sich +sogar ein hübsches kleines Vermögen erworben. Da saß er unter seiner +Glaskugel und hämmerte und nähte, und nichts ereignete sich. Aber +allmählich war ihm diese Glaskugel merkwürdiger und merkwürdiger +erschienen. Sie funkelte ihn an, blendete ihn, so daß er zuweilen +vorübergehend eine gewisse uneingestandene Angst vor ihr empfand. Sie +schien zu wachsen, immer größer und größer zu werden, und ein Tag kam, da +sträubten sich die Haare Engelhardts vor Entsetzen. -- + +Nun litt er an dem wunderlichen und entsetzlichen Wahn, daß er der +Mittelpunkt des Universums sei, dessen Aufgabe darin bestand, das Weltall +im Gleichgewicht zu halten. In ihm liefen die tausendfältigen Kräfte des +Alls zusammen, und er fühlte mit einer marternden Kontinuität, wie die +Planeten und Sonnen um ihn ihre Bahnen schwangen, wie es sauste und +wetterte da draußen. Wenn eine Kette von Schlittschuhläufern sich um einen +in der Mitte dreht, so empfindet der in der Mitte, mit welch ungeheurer +Energie die beiden wirbelnden Flügel um ihn kreisen, und er muß all seine +Kräfte auf das Festhalten seines Standortes konzentrieren. Ähnlich war das +Empfinden Engelhardts, und da die Anstrengung ohne jede Unterbrechung +währte, so erschöpfte ihn seine Wahnidee dergestalt, daß er in einem Jahr +um Jahrzehnte gealtert war. Wenn auch -- wie er sagte -- das Weltengebäude +vom allmächtigen Schöpfer so wunderbar gefügt war, daß es in alle Ewigkeit +in den vorgezeichneten Kreisen und Spiralen (so sagte er) lief, so litt er +doch über seine Kräfte unter den geringsten Störungen da draußen. Im Winter +hatte er vierzehn Tage schlaflos verbracht, da ein heranschwirrendes +Gestirn an ihm zerrte; merkwürdigerweise war in dieser Zeit ein Komet +aufgetaucht, dessen Erscheinen die ganze astronomische Welt überraschte. +Damals war unter merkwürdigen Erscheinungen der Pfleger Schwindt gestorben, +und Engelhardt hatte -- nach seiner eigenen Aussage -- dessen Seele in sich +gesaugt, so daß er zu neuen Kräften kam, die den ganzen Frühling und Sommer +anhielten. Jetzt aber ermattete er wiederum von Tag zu Tag mehr unter +seiner Aufgabe, und die Kräfte verfielen rapid. Die Sternschnuppen und +Meteorschwärme rissen an ihm, so daß ihn Schwindel erfaßte, und besonders +der Mond hatte in dieser Zeit eine schreckliche Macht über ihn. Er saugte +an seinen Kräften, und Engelhardt hatte das Empfinden, als ob jeden +Augenblick der Boden unter ihm einsinken könne und er in die Tiefe sause, +und das Weltall über ihm zusammenstürze. -- + +Als Michael Petroff und der kleine Advokat bei Engelhardt eintraten, +nachdem sie eine lange Weile vergebens an die Türe gepocht hatten, fanden +sie ihn im Bette liegen, die behaarten abgemagerten Hände schlaff auf dem +Kissen. Er hatte die Augen senkrecht in die Höhe gerichtet, und zwar so +stark nach oben gedreht, daß man das Weiße sah, und schien irgendeinen +Punkt an der Decke zu fixieren. Sein Gesicht war von gleichmäßig gelblicher +Tönung und erweckte den Eindruck, als sei es von Porzellan. So glatt war +die Haut und so scharf traten die Kanten der Knochen hervor. Die Stirn war +ungewöhnlich groß im Verhältnis zu dem kleinen Gesicht und dem kleinen +Mund, der wie zum Pfeifen gespitzt schien und eine Menge feiner, der +Mundöffnung zuströmender Linien zeigte. So sehr war der Schuhmacher in +einem Jahre abgemagert, daß der Kragen seines bunten Hemdes fingerbreit von +seinem dünnen Hals abstand. + +»Guten Morgen!« sagte Michael Petroff leise und heiter. »Freunde kommen!« +Der Advokat blieb scheu an der Türe stehen. + +Engelhardt erwiderte nichts. Ein Zittern durchlief seinen Körper, und seine +dünnen behaarten Hände zuckten zuweilen, ganz als ob er einem elektrischen +Strom von wechselnder Stärke ausgesetzt wäre. + +Michael Petroff lächelte und ging näher. »Wie befinden Sie sich, lieber +Freund?« sagte er leise und voller Anteilnahme, indem er sich über +Engelhardt beugte. »Der Arzt war heute nacht bei Ihnen?« + +Engelhardt rollte den Kopf auf dem Kissen hin und her. Er war erschöpft +nach einer schlaflosen Nacht und den Beruhigungsmitteln, die ihm der Arzt +verabreicht hatte. + +»Schlecht!« antwortete er tonlos. + +»Schlecht?« Michael Petroff zog besorgt die Brauen in die Höhe. »Es geht +ihm nicht gut, unserm Freunde!« wandte er sich an den kleinen Advokaten, +der immer noch an der Türe stand. + +»Haben Sie Schmerzen?« Michael Petroff beugte sich wieder über den Kranken +und näherte das Ohr seinem Munde. + +»Ja«, erwiderte Engelhardt tonlos und matt und murmelte in Petroffs Ohr. Es +hörte sich an, als bete er. + +Michael Petroff richtete sich auf und sah den kleinen Advokaten an. »Er +sagt, er sei mit seinen Kräften zu Ende, unser Freund. Er braucht eine neue +Seele, -- wie damals im Winter, als der Pfleger starb, erinnern Sie sich?« +Und in das Ohr des Leidenden rief er hinein, unnötig laut: »Ich werde mit +dem Doktor reden, Freund Engelhardt. Das ist des Doktors Sache. Er wird +Ihnen eine Seele verschaffen, so oder so!« + +Der kleine Advokat aber hüllte sich plötzlich enger in seinen Schal. Ihn +fröstelte. Für gewöhnlich blieben nur wenig Eindrücke in seinem Gedächtnis +haften, aber er erinnerte sich noch deutlich an den Tod des Pflegers +Schwindt, -- wie Michael Petroff zu ihm ins Zimmer kam und ihm +geheimnisvoll ins Ohr flüsterte: »Der Pfleger ist gestorben. Engelhardt +holte sich seine Seele, sehen Sie!« Nun ergriff ihn Schrecken bei dem +Gedanken, daß Engelhardt am Ende seine Seele fordern könnte, und nichts +fürchtete er mehr als den Tod. + +Der Tod lebte in seinem kranken, wirren Kopf als eine Gestalt, die +unsichtbar bis auf die Hände war. Plötzlich, oh, so plötzlich! würde er +neben ihm stehen, dicht an seiner Seite. Und eine entsetzliche Kälte würde +von ihm ausströmen, mit einemmal würden alle Blumen bereift umsinken und +die Millionen rascher Vögel erstarrt aus der Luft stürzen, und er selbst +würde in einen kleinen Schneehaufen verwandelt werden. + +Der Advokat zog den Kopf ein, so daß sich sein dünner grauer Bart über der +Halsbinde sträubte, und richtete die kleinen Mausaugen furchtsam auf +Michael Petroff und zitterte. + +Michael Petroff sah ihn erstaunt an. »Was haben Sie nur, lieber --?« sagte +er gedehnt und lächelte. »Sie ängstigen sich? Ja, weshalb, ich bitte Sie? +Ich werde sofort zu Doktor März gehen und ihm Freund Engelhardts Anliegen +vortragen. Er wird nicht zögern, wie ich ihn kenne, und alles ist in +Ordnung. -- Ich würde Ihnen ja gerne meine Seele zur Disposition stellen, +Freund Engelhardt, aber ich brauche sie selbst noch -- ich habe eine +Mission zu erfüllen, Sie wissen -- ich bin Napoleon, der jeden Tag eine +Schlacht schlägt, ich bin --« Aber er hielt plötzlich inne und lauschte. + +»Hören Sie, da ist der Doktor ja!« flüsterte er. »Er wird sogleich hier +sein --« + + * * * * * + +Doktor März war in den Pavillon eingetreten. Man hörte ihn auf dem Korridor +mit jemand sprechen, und alle drei im Zimmer des Schuhmachers lauschten. +Die Stimme des Arztes allein war imstande, ihren Gedanken eine andere +Richtung zu verleihen und flößte ihnen Hoffnungen, unbestimmte, aber +ungeheure Hoffnungen ein. Sie wirkte auf sie ähnlich wie eine Stimme auf +Verirrte wirkt, die sich in einer unbewohnten Öde verloren glaubten. Und +doch sprach Doktor März nicht viel, er war vielmehr ein Meister im Zuhören +geworden, der stundenlang am Tage den Klagen, den Beschwerden und hundert +Bitten seiner Patienten lauschte. Aber seine wenigen Worte hatten die +Kraft, aufzumuntern, zu trösten, zu erfreuen, und die Stimmung seiner +Patienten für den ganzen Tag zu beeinflussen. + +Der Advokat fror auf einmal nicht mehr, Michael Petroff lächelte aufgeregt, +und Engelhardt hatte den Punkt an der Decke losgelassen und richtete die +Augen auf die halb offenstehende Türe. Er hatte den Blick so stark +konzentriert, daß seine kleinen blendenden Augen zu schielen schienen. + +»Hören Sie, der Rajah spricht mit ihm!« sagte Michael Petroff und hob +lauschend den Finger. + +»Sie werden keineswegs bewacht, lieber Freund«, sagte die ruhige Stimme des +Arztes. + +Und eine fast noch ruhigere tiefe Stimme antwortete: »Ich hörte die Wache +die ganze Nacht vor meiner Türe auf und ab gehen, mein Herr! Ich hörte auch +die Trommel bei der Ablösung.« + +»Lieber Freund,« entgegnete der Arzt, »Sie haben geträumt.« + +»Nein!« fuhr der Mann fort, den Michael Petroff Rajah genannt hatte, »ich +entschuldige Sie, mein Herr. Sie tun nur Ihre Pflicht, ich weiß es. Allein +der Takt sollte es Ihnen verbieten, Ihre Maßnahmen in einer solch +auffallenden Weise zu treffen. Ich habe Ihnen mein Ehrenwort gegeben, +keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Sagen Sie das der englischen +Regierung, in deren Namen Sie mich hier festhalten. Ich habe ebensowenig +Waffen in meinem Zimmer verborgen. Ich ersuche Sie, zu revidieren.« + +»Ich weiß es recht wohl, mein Freund!« + +»Ich ersuche Sie, trotzdem zu revidieren.« + +Der »Rajah« gab sich erst zufrieden, nachdem ihm der Arzt eine sofortige +Revision versprochen hatte. + +Während des Gesprächs war Doktor März im Rahmen der Türe erschienen und +hinter ihm der »Rajah«. Doktor März war ein kleiner, in einen hellgrauen +Anzug gekleideter Herr mit gerötetem bartlosen Gesicht und einem raschen, +prüfenden und dabei doch sanften Blick, und der »Rajah« stand groß und +dunkel hinter ihm und füllte fast die ganze Türe aus. Der »Rajah« hatte +einen langen schwarzen Bart und ein dunkelbraunes kühnes Gesicht, aus dem +das Weiße der Augen abstach. + +Der »Rajah« war ein einfacher Volksschullehrer, der einige Jahre in Indien +an einer deutschen Schule gewirkt hatte. Während eines langwierigen Fiebers +hatte sich in ihm die Basis zu einer Wahnvorstellung gebildet, die nach der +Rückkehr in seine Heimat gänzlich Besitz von ihm ergriff. Er wähnte, ein +indischer Fürst zu sein, den die englische Regierung ins Exil geschickt +hatte. + +Er war ein sehr stiller und verschlossener Kranker, der nie mit den anderen +Patienten sprach. Seine Haltung drückte unermeßliche Ruhe und einen +anscheinend ganz natürlichen Stolz aus. Tagelang würdigte er keinen +Menschen eines Blickes. Er ging im Garten hin und her, ganz langsam, +betrachtete mit verächtlicher Miene Blumen und Bäume und saß jeden Abend, +wenn es das Wetter erlaubte, abseits auf einer Bank und blickte in die +sinkende Sonne, der er sein gebräuntes Gesicht zuwandte, bis sie +verschwand. Und während er in die sinkende Sonne blickte, brannten seine +schwarzen Augen von einem dunkeln, sehnsüchtigen Schmerz. Da sah er Palmen, +die in der Sonne zerschmolzen, so daß man nur ihre mit Feuerrändern +versehenen Kronen, nicht aber die Stämme sah, -- Elefanten, die würdig +dahinschritten, den kleinen braunen Treiber im Nacken, -- goldstrotzende +Tempel, braune halbnackte Volkshaufen, die mit Zweigen in der Hand +dahinhüpften und helle Schreie ausstießen, -- und da sah er auch sich, wie +er den großen Dampfer betrat, der ihn ins Exil bringen sollte, und das +braune Volk warf sich weinend auf dem Kai nieder. Ein heißer ungeheurer +Schmerz erfüllte die Seele des »Rajah«, und er stand auf und schob die +breiten Schultern etwas höher, als trage er eine schwere Last. Und er trug +sie! Nie klagte der »Rajah«, nie zeigte er Niedergeschlagenheit, nie zeigte +er auch nur im geringsten, was in ihm vorging. + +Auch in seinem Zimmer verhielt er sich ruhig. Nur selten hörte man ihn +sprechen, und nur manchmal -- im Schlaf -- stieß er einen gedehnten, +singenden Ruf aus, wie ihn die Straßenverkäufer im Orient hören lassen. + +Als Doktor März eintrat, verbeugte sich der kleine kahlköpfige Advokat, die +Mütze in der Hand, und drückte sich schüchtern an die Wand. Er empfand eine +grenzenlose Dankbarkeit für den Arzt, der ihn hier still und ruhig bei +seinen Blumen und Vögeln leben ließ, ohne je Bezahlung von ihm zu fordern. +Er wagte es heute nicht einmal, Doktor März um Brosamen für seine Vögel zu +bitten und sich über die nachlässigen Mägde in der Küche zu beschweren, +obgleich er es sich fest vorgenommen hatte. + +Den »Rajah« dagegen, der düster, und unnahbar im Gang stand, vermochte der +Advokat nicht ohne Scheu und eine innere leise Angst zu betrachten. Um ihm +seine Ergebenheit auszudrücken, verneigte er sich tief gegen ihn, und da +der »Rajah« ihn nicht beachtete, verbeugte er sich nochmals, während er die +Lippen flüsternd bewegte. Allein der »Rajah« würdigte ihn keines Blickes. +Einen Augenblick lang dachte der Advokat daran, näher zu treten und dem +»Rajah« die Hand zu küssen. Denn er erinnerte sich einer Begebenheit, die +sich scharf seinem Gedächtnis eingeprägt hatte: An einem Abend hatte er den +»Rajah« im Korridor getroffen und ihm seine Verbeugung gemacht. Sie waren +ganz allein. Da kam der »Rajah« auf ihn zu und sagte mit tiefer, gedämpfter +Stimme »Getreuer« und streckte ihm die Hand zum Kusse hin. »Warte!« sagte +der »Rajah« weiter. »Ich will dir meine Gunst bezeugen. Ich habe ja nicht +mehr viel von den Schätzen übrig, die ich mit ins Exil nahm, aber -- hier, +nimm, nimm!« Und der »Rajah« hatte ihm einen kleinen grauen Stein in die +Hand gedrückt. + +Michael Petroff dagegen betrachtete Doktor März mit einem lächelnden und +forschenden Blick, während er sich höflich gegen die Türe zurückzog. Er +beugte den Kopf dabei etwas in den Nacken, neigte ihn ein wenig auf die +Seite, und sah den, Arzt an, als ob er eine ganz besondere Nachricht von +ihm erwarte und als ob er genau wisse, daß Doktor März heute eine ganz +besondere Nachricht für ihn habe. So zuversichtlich sah er ihn an, und ein +Lächeln umspielte seinen schönen Knabenmund. + +Engelhardt aber, dessen Brauen vor Schmerz wie mit Klammern in die Höhe +gespannt waren, hatte sich im Bett halb aufgesetzt und trug dem Arzt seine +Leiden und Wünsche vor. Er sprach in der Kehle, rasch, murmelnd und fast +unverständlich, und seine Stimme klang wie das ferne Kläffen eines +Dorfhundes, das man in einer stillen Nacht hört. + +Daß er zu Ende sei mit seinen Kräften, -- der Mond saugt! -- daß ihn in der +Nacht Tausende von Menschen auf den Knien angefleht hätten, sie nicht der +Vernichtung preiszugeben, -- daß nur eine neue Seele ihm wieder Stärke +verleihen könne, -- daß er fühle, wie er sich mehr und mehr nach links +neige und das Weltall jeden Augenblick zusammenstürzen könne: all das stieß +er wirr und kaum verständlich heraus, die kranken Augen hilfesuchend auf +Doktor März geheftet. + +Doktor März hörte ernst zu, auch Michael Petroff und selbst der »Rajah«, +der unter die Türe getreten war. Und da alle so ernst zuhörten -- besonders +der »Rajah«, der seine großen glühenden Augen auf Engelhardt gerichtet +hatte -- so wurde der kleine Advokat wieder von seiner früheren Angst +gepackt. Es war ihm, als sänken seine Beine, in den Boden hinein, wie in +einen Sumpf, aber gerade in dem Moment, da die Angst wie eine große +schwarze Finsternis über ihn sinken wollte, setzte sich ein Vogel +zwitschernd auf das Fensterbrett, und der Advokat war wie verwandelt. + +»Ich komme!« flüsterte er hastig. + +»Bleiben Sie doch!« sagte Michael Petroff leise zu ihm und griff nach +seinem Arm. »Wohin denn?« + +»Er rief mich!« entgegnete der Advokat und schlüpfte rasch hinaus. + +»Wie er eilt!« dachte Michael Petroff und hörte sich selbst im Innern +lachen. Und später sagte er zu Doktor März, indem er ihm vertraulich die +Hand auf die Schulter legte: »Dieser Advokat ist gewiß ein kluger und +gebildeter Mann, -- und doch glaubt er, daß die Vögel ihn rufen! Unter uns, +Doktor, haben Sie nie den Gedanken gehabt, daß es mit ihm nicht ganz in +Ordnung ist --?« + + * * * * * + +Nach Tisch ergingen sich wie gewöhnlich die Patienten des Doktor März im +Garten. Sie trotteten in kleinen Trüppchen hintereinander her, immer um das +große Blumenbeet herum, in gleichen Abständen, schweigsam, in Gedanken +versunken. Nur der »Erfinder,« ein junger Mann, blieb zuweilen stehen, +stemmte die Hand in die Seite, legte den Finger an die Stirn und fixierte +einen Punkt am Boden. + +Der Advokat begoß seine Blumen und lauschte verzückt auf das Zwitschern der +tausend und abertausend Vögel, die in den Büschen und Wipfeln hüpften. +Michael Petroff war in ganz ausgezeichneter Laune. Es gab da Neuigkeiten +--! Man höre, man höre! Er rauchte, jeden Zug genießend, eine Zigarette, +die ihm Doktor März verehrt hatte. Die Zigarette schwang er zwischen den +kokett gespreizten Fingern in großem Bogen, als zöge er grüßend den Hut, +und so oft er einen Zug nahm, blieb er stehen und blies den Rauch senkrecht +in die sonnige Luft empor und sah zu, wie der blaue Rauch zerging. Aus +allen Dingen strömte ihm Entzücken zu. Selbst das Gehen empfand er als eine +Lust. Er machte kleine Schritte, drückte die Knie durch und fühlte mit +Vergnügen die elastische Behendigkeit, mit der sich seine zuweilen leise +knackenden Zehen und seine Ballen in den dünnsohligen Schuhen vom Boden +abstießen, während seine Fersen den Weg nur flüchtig berührten, und das +Spielen seiner Knie. Blieb er aber stehen, so spannte er die Muskeln seiner +Schenkel durch Eindrücken der Knie an, und empfand wiederum Vergnügen über +die Festigkeit, mit der er dastand, wie eine Statue. Er war überzeugt, daß +nichts ihn hätte umwerfen können. Lächelnd und Seligkeiten mit den Blicken +austeilend ging er dahin, er grüßte jeden, und so oft er einen Bekannten +traf, erzählte er ihm das große Ereignis, das heute eingetreten war. + +»Hören Sie, mein Freund!« rief er dem kleinen Advokaten zu, der in einer +Rasenfläche stand und sich mit der Gießkanne über ein Tulpenbeet beugte, um +die Blumen in der Mitte zu begießen. »So kommen Sie doch heraus! Es gibt +Neuigkeiten! Nun, so kommen Sie doch endlich!« + +Er wartete in liebenswürdiger Ungeduld, bis der Advokat fertig war und auf +den Weg trat, um mit der leeren, grünen Kanne zum Brunnen zu gehen. »Ich +will Ihnen erzählen, was sich heute ereignete,« begann er dann rasch, +»Seine Majestät der König von Sachsen haben geruht --« + +»Verzeihen Sie,« unterbrach ihn flüsternd der Advokat und fing an zu gehen, +»es ist heiß, ich habe es eilig. Die Blumen vertrocknen.« + +»Ich gehe mit Ihnen zum Brunnen,« fuhr Michael Petroff gut gelaunt fort und +ging rasch neben dem eilenden Advokaten her, »ich kann es Ihnen ja +ebensogut im Gehen erzählen. Ich sage also heute zum Doktor: >Nun, Doktor, +für mich haben Sie heute nichts?< >Nein,< sagt er, >lieber Kapitän, leider +nichts.< >Gar nichts,< sage ich und fasse ihn am Arm, >seit Wochen ist +keine einzige Antwort eingelaufen? Wirklich nichts, Doktor?< Er sieht mich +an und denkt nach. >Ach ja,< sagt er, >ich hätte es beinahe vergessen. Es +ist ein Schreiben eingelaufen. Es betrifft diesen Tischlergesellen, Sie +wissen, lieber Kapitän?< >Tischlergesellen? Doktor? Ich erinnere mich +nicht< -- ich ziehe mein Taschenbuch heraus, in das ich alle ausgehenden +Schriftstücke eintrage: >Woher kam die Antwort? Aus Sachsen? Ah,< sage ich, +>dann betrifft es jenen Schlächtergesellen, den man zum Tode verurteilt +hatte.< >Ja,< sagt der Doktor, >ganz richtig, ein Schlächtergeselle war der +Bursche.< Und nun hören Sie, lieber Freund: Seine Majestät der König von +Sachsen haben geruht, ihn auf meine Petition hin zu begnadigen. Ich werde +noch heute ein Dankschreiben an Seine Majestät entwerfen.« + +»Wie sie heute sticht, die Sonne«, antwortete der Advokat auf Michael +Petroffs Erzählung und begann den Pumpenschwengel zu ziehen. »Die Blumen +sehen alle so matt aus.« + +»Hahaha!« Michael Petroff lachte. »Sie hören ja gar nicht zu? Wie?« + +Nein, der Advokat hörte nicht zu. Er sah in die Kanne, ob sie voll wäre. + +Michael Petroff betrachtete ihn eine Weile mit zur Seite geneigtem Kopf, +dann lachte er still vor sich hin und ging rasch weiter. Er blickte über +den Garten und suchte nach jemand, dem er die frohe Botschaft erzählen +könnte. + +Da entdeckte er den »Rajah«, der im Gemüsegarten, zwischen zwei Salatbeeten +hin und her ging. Seiner Gewohnheit gemäß war der »Rajah« allein und da, wo +sonst niemand war. + +Michael Petroff wippte sich auf den Zehen und dachte einen Augenblick +daran, mit einem einzigen Sprung über die Beete zu setzen, die ihn, etwa +hundert Schritt breit, von dem »Rajah« trennten. Er brauchte sich ja nur +ein bißchen in die Höhe zu schnellen und wäre dort. Aber er befürchtete +unhöflich gegen den »Rajah« zu sein, ihn vielleicht zu erschrecken, und +unterließ es. + +Der »Rajah« ging so stolz und würdevoll einher wie gewöhnlich, aber heute +war er unruhig und nachdenklich. Die Worte Engelhardts, der das Weltall im +Gleichgewicht hielt, daß es nicht in Trümmer stürze, hatten seinen Sinn +gefangen genommen. Er dachte darüber nach, und nach langem unerbittlichen +Nachdenken war er zu dem Schlusse gekommen, daß es nur noch eines gäbe -- +eines -- -- + +Da trat Michael Petroff an ihn heran. + +»Erlauben Sie, daß ich störe!« sagte er höflich und zog die graue englische +Reisemütze. »Kapitän Michael Petroff!« + +Der »Rajah«, sah ihn mit seinen schwarzen brennenden Augen ernst an. + +»Was willst du?« fragte er ruhig. + +Michael Petroff lächelte. »Ich möchte Ihnen gerne eine freudige Neuigkeit +mitteilen«, begann er. »Heute morgen also sage ich zum Doktor: >Nun, +Doktor, haben Sie nichts für mich, heute --?<« -- Und er erzählte +freudestrahlend dieselbe Geschichte, die er heute schon dutzendmal erzählt +hatte. + +Der »Rajah« hörte schweigend zu, während er Michael Petroff nachdenklich +betrachtete. Dann sagte er: »Ich möchte gerne mit dir sprechen.« + +»Ich stehe Ihnen zur Verfügung!« + +Der »Rajah« ließ seine Augen langsam und würdevoll über den Garten +schweifen. + +»Wollen wir zu jener Bank gehen!« + +»Mit Vergnügen.« + +Der »Rajah« setzte sich und lud Michael Petroff mit einer herablassenden +Handbewegung ein, ebenfalls Platz zu nehmen. + +»Ich sehe dich immerfort schreiben --« begann er. + +Michael Petroff lüftete die Mütze: »Michael Petroff, Kapitän der russischen +Armee«, sagte er höflich. + +Der »Rajah« sah ihn an und fuhr hierauf mit der gleichen Ruhe und Hoheit +fort: »Wenn du schreibst, so mußt du wissen. Und gewiß hast du Weisheiten +über Menschen und Dinge aus den heiligen Büchern geschöpft, die uns andern +verschlossen bleiben, und dein Leben gemäß den Vorschriften deiner Kaste in +Meditationen verbracht. Gut, so lege mir die Worte des Fakirs aus, der nach +dem unerforschlichen Ratschluß der Götter das Weltengebäude auf den +Schultern trägt! Sprich!« + +Michael Petroff lächelte geschmeichelt und verbeugte sich gegen den +»Rajah«. Er verstand zwar nicht alles, was der »Rajah« sprach, aber er +fühlte Hochachtung und Verehrung aus seinen Worten. Er fand, daß er +gewissermaßen die Verpflichtung habe, den »Rajah« in das Geheimnis seiner +Zeitung einzuweihen, aber zu seiner eigenen Überraschung fragte er: »Sie +meinen Freund Engelhardt?« + +»Du hörtest, was er sagte?« + +»Ja!« + +»So sprich!« Es zeigte sich, daß der »Rajah« kein einziges Wort, das +Engelhardt zu Doktor März sagte, vergessen hatte; Michael Petroff dagegen +wußte nahezu nichts mehr und zog sich den Unwillen des »Rajahs« zu. + +»Pardon!« entschuldigte er sich. »Es gehen mir so viele Dinge durch den +Kopf.« + +»Was aber wird geschehen, wenn er keine neue Seele erhält?« fragte der +»Rajah« weiter. + +»Oh, der Doktor wird wohl Sorge tragen.« + +»Auch Fakire sind nur Menschen. Was wird geschehen, wenn ihm die Kräfte +versagen? Wird die Welt einstürzen?« + +»Sie wird einstürzen!« erwiderte Michael Petroff und mußte lachen. + +»Weshalb lachst du da?« sagte der »Rajah« ruhig, und seine dunkeln Augen +funkelten. »Was wirst du tun, wenn sie einstürzt?« + +»Ich?« Michael Petroff lächelte und deutete auf den Pavillon, der durch die +Büsche schimmerte. »Wenn dieses Haus dort einstürzt,« fuhr er fort, »so +werde ich mich rasch davon machen und in meine Heimat zurückkehren. Meine +Heimat ist Rußland. Sie kennen Rußland? Sie können Deutschland auf der Hand +forttragen, Rußland aber nicht einmal auf dem Rücken. So groß ist meine +Heimat.« + +Der »Rajah« dachte lange und angestrengt nach. Dann sagte er, langsam und +mehr für sich selbst: »Wenn die Welt einstürzt, wird dann auch mein Reich +einstürzen? Die Berge mit den Tempeln, die Wälder und Städte, wird all das +zerstört werden?« + +Michael Petroff nickte und lächelte schadenfroh. »Ich glaube wohl!« + +Auch der »Rajah« nickte nun. Er neigte einigemal langsam sein Haupt. »All +meine Untertanen werden zu Grunde gehen?« fragte er und nickte. Er stand +auf und schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er ernst und sah Michael Petroff +an. »Das soll nicht sein! Wir wünschen es nicht.« + +Der Rajah ging. Langsam und würdevoll schritt er in der Sonne dahin dem +Pavillon zu. + +Michael Petroff sah ihm nach. Er lächelte und schüttelte den Kopf. »Was für +ein wunderlicher Mensch er doch ist!« sagte er und lachte. Und als er sein +Lachen hörte, lachte er nochmals laut und fröhlich und schnippte mit den +Fingern dazu. »Hahahaha!« + + * * * * * + +Der »Rajah« aber trat in Engelhardts Zimmer und teilte ihm mit, daß er +gesonnen sei, ihm seine Seele zu überlassen. »Wenn die Götter mein Opfer +annehmen wollen.« + +Engelhardt, der wie tot auf dem Bett lag, öffnete die Augen und sah ihn an. + +»Wollen Sie?« keuchte er und seine Hände und sein Gesicht zuckten. + +»Ja.« + +»Drei Tage will ich noch kämpfen!« keuchte Engelhardt. + +Der »Rajah« zog die Türe zu. Er begab sich in sein Zimmer und schrieb mit +großen, fliegenden Buchstaben, die alle in verschiedene Richtungen +flatterten, einen kurzen Brief an Doktor März. + +»Euer Hochwohlgeboren,« so schrieb er, »der Himmel hat es beschlossen. Wir +sollen den blauen Fluß nicht mehr sehen. Wir sollen die überschwemmten +Reisfelder nicht mehr sehen und nicht mehr die weißen Elefanten, deren +Zähne goldne Ringe tragen. Der Himmel hat es beschlossen und wir gehorchen. +Sagen Sie der englischen Regierung, daß wir erhaben sind über das Gefühl +der Rachsucht und Bitterkeit. Sagen Sie der englischen Regierung, daß wir +gesonnen sind, unsere Untertanen zu retten und unsere Seele preisgeben, +wenn den Göttern das Opfer gefällt.« + +Der »Rajah« klingelte dem Pfleger und übergab ihm ruhig und voll Würde das +Schreiben. Dann entkleidete er sich und legte sich zu Bett, bereit zu +sterben. + + * * * * * + +Am Abend, als es dunkelte, kam der Advokat verstört in das Zimmer Michael +Petroffs gestürzt, ohne anzuklopfen, ohne unter der Türe zu warten, wie er +es sonst zu tun pflegte. + +»Helfen Sie mir, Kapitän!« flüsterte er und flüchtete sich in die Arme des +erstaunten Michael Petroff. Der Advokat zitterte vor Entsetzen. + +»Was in aller Welt --?« rief Michael Petroff erstaunt und erschrocken aus. + +»Er steht im Gange!« flüsterte der Advokat. + +»Wer? Was haben Sie?« + +»Engelhardt! Er steht vor der Türe des >Rajah<. Er holt sich seine Seele.« + +»Was sagen Sie da?« Michael Petroff lachte leise. + +»Ich sah ihn stehen. Lassen Sie ihn nicht zu mir kommen, oh, du guter +Gott!« + +»Pst!« unterbrach ihn Michael Petroff. »Ich werde nachsehen.« + +Der Advokat umklammerte seine Füße. »Er wird hereinkommen, oh, mein Gott, +mein Gott!« + +»Lieber Freund,« versetzte Michael Petroff, »fassen Sie sich. Er soll nicht +hereinkommen. Ich verspreche es Ihnen. Aber ich will sehen!« + +Der kleine Advokat kauerte auf dem Boden und bedeckte das Gesicht mit den +Händen. Michael Petroff aber ging hinaus. Nach einer Weile kam er zurück. +Er sah etwas blaß aus, aber er lachte, um sich Mut zu machen. + +»Ja,« sagte er gedämpft, »da steht er an seiner Türe und lauscht. Weshalb +zittern Sie so, lieber Freund?« + + +»Verlassen Sie mich nicht!« flüsterte der Advokat, immer noch die Hände vor +dem Gesicht. + +Der »Rajah« lag auf dem Bett, die großen Augen mit einem glänzenden Blick +in die Ferne gerichtet, und regte sich nicht, über sein gebräuntes Gesicht +war eine hoheitsvolle Ruhe und Gelassenheit ausgegossen. Er weigerte sich +aufzustehen und wies jede Nahrung zurück. Doktor März maß die Temperatur +und fand sie einigermaßen niedrig, den Puls etwas langsam, irgendwelche +Symptome einer gesundheitlichen Störung oder Anzeichen einer nahenden +Krankheit konnte er aber nicht entdecken. Er redete dem »Rajah« mit +freundlichem Ernst zu, aufzustehen und zu essen, da der »Rajah« ihm aber +nicht antwortete, ließ er ihn in Ruhe. Er war an die Launen seiner +Patienten gewöhnt und wußte, daß sie ebenso rasch gingen, wie sie kamen. + +Dagegen machte ihm Engelhardt ernstlich Sorge. Er hatte trotz aller +Dauerbäder und Beruhigungsmittel die Nacht wiederum schlaflos und erregt +verbracht. Nun lag er in einer Art Halbschlaf und zitterte und zuckte unter +der Anstrengung, die sein schrecklicher Wahn von ihm forderte. Er vernahm +Stimmen, das Geschrei von Millionen von Menschen, die die Hände nach ihm +rangen und ihn anflehten, sie nicht der Vernichtung preiszugeben, er hörte +das Läuten der Glocken, die Bittgesänge von Prozessionen, die Gebete der +Kaiser und Könige, Bischöfe und Päpste. Seine Haut war trocken und spröde, +sein Puls hüpfend und unstet. Doktor März saß lange Zeit neben seinem Bett +und beobachtete ihn, während er, zuweilen blinzelnd, sein ganzes Wissen und +alle seine Erfahrungen blitzschnell in Gedanken durchflog. Dann verließ er +Engelhardt mit einer nachdenklichen und ratlosen Miene. + +Nach einer Stunde aber war er schon wieder bei ihm. + +Die Patienten des Pavillons wurden von einer sonderbaren Nervosität +ergriffen, die sich stets bei ihnen einstellte, wenn die häufigen Besuche +des Arztes darauf hindeuteten, daß jemand schwer krank war. Sie gingen mit +behutsamen Schritten, sprachen nur halblaut, und manche verließen das +Zimmer überhaupt nicht. Der kleine Advokat wagte kaum sich zu regen und bat +die tausend Vögel, die mit ihm im Zimmer lebten, recht ruhig zu sein, als +er ihnen Brosamen und Wasser auf den Tisch stellte. Wieder und wieder zwang +ihn eine unbekannte Macht durch das Schlüsselloch zu sehen. Da stand er +lange Zeit, die Hand in der Art der Kinder auf das linke Auge gepreßt und +spähte mit dem rechten durch das Schlüsselloch hinaus auf die weiße Wand +des Korridors. Sobald aber ein Vorübergehender den Ausblick verdeckte, fuhr +er erschrocken zurück. Wenn er hinaus zu seinen Blumen mußte, so öffnete er +lautlos und langsam die Türe und ging rückwärts, die Augen auf Engelhardts +Türe gerichtet, bis zu den Stufen. Hier drehte er sich rasch um und eilte +hinab, immer in der Furcht, daß ihn plötzlich eine Hand am Rockkragen +festhalten werde. + +Michael Petroff war der einzige, dem die allgemeine Unruhe nichts anhaben +konnte. Er saß an seinem Schreibtisch, schnitt seine Fälle aus, numerierte, +registrierte, klebte, schrieb. Er schüttelte lächelnd den Kopf über die +Furcht des kleinen Advokaten, versprach ihm aber für alle Fälle seinen +Schutz. + +»Seien Sie ganz ruhig, lieber Freund!« sagte er gönnerhaft. »Solange ich +lebe, haben Sie keine Ursache, sich zu beunruhigen!« Und mit wichtiger +Miene fügte er hinzu: »Ich war bei ihm. Er erzählte mir, daß der >Rajah< +ihm seine Seele versprochen habe. Nun, was weiter? Voilà tout. Sie aber +verlassen sich auf Michael Petroff!« + +»Ich danke Ihnen!« flüsterte der Advokat und griff nach Michael Petroffs +Hand, um sie zu küssen. + +»Nicht das! Wozu?!« wehrte Michael Petroff ab, fühlte sich aber doch +geschmeichelt und geehrt. + +Der Advokat verließ ihn ruhiger. In der Nacht aber hörte er Engelhardt +rufen und verkroch sich zähneklappernd unter die Bettdecke. Nun war es ihm, +als sei er in die Erde eingegraben, in einen hohen Berg und vermochte vor +Angst kaum zu atmen. Da aber sah er plötzlich einen ungeheuren Schwarm von +Vögeln, die pfeilschnell in einer leichten Biegung über den Himmel glitten. +Er winkte und rief empor: »Wohin? Wohin?« -- »Komm mit! Komm mit!« +zwitscherten die Vögel zur Antwort. »Nach Wien! nach Wien!« und sie glitten +in die Ferne. Der Advokat sah ihnen nach und schlief ein. + + * * * * * + +Die Kräfte des »Rajahs« schwanden zusehends, obgleich Doktor März ihm +künstlich Nahrung zuführen ließ. Rasch wie die Dämmerung in den Tropen +erlosch er. Sein braunes Gesicht und seine braunen Hände hatten eine graue, +fahle Färbung angenommen, wie trockene Gartenerde, und seine mächtige +breite Brust hob und senkte sich rasch und lautlos unter der Decke. Seine +Lider, die fahler aussahen als das Gesicht, waren halb über die Augen +gesenkt, aber sobald jemand ins Zimmer trat, hoben sie sich langsam, und +ein großer glänzender Blick traf fragend den Eintretenden. + +Der Puls wurde dünn und fliehend, und Doktor März saß fast die ganze Zeit +am Bett des Kranken. Der rasche Verfall seiner Kräfte war ihm +unverständlich und besonders besorgt machte ihn das unerklärliche, rapide +Nachlassen des Herzens. Er saß und blinzelte zuweilen, beobachtete, dachte, +versuchte alles nur Denkbare, -- und am Abend wußte er, daß der »Rajah« +nicht mehr zu retten war. + +»Wie geht es ihm, Doktor?« fragte Michael Petroff, der im Korridor dem Arzt +aufgelauert hatte, und deutete mit dem Kopf auf die Tür des »Rajah«. + +»Nun, nicht schlecht!« antwortete Doktor März zerstreut. + +Michael Petroff lachte leise hinter ihm her. Dann ging er sofort ins Zimmer +des Advokaten. + +»Der >Rajah< stirbt!«, sagte er mit einem triumphierenden Blick. + +Der Advokat sah ihn furchtsam von unten herauf an; er entgegnete nichts. + +»Ja!« Michael Petroff setzte sich in einen Rohrstuhl und zog die +Beinkleider etwas in die Höhe, damit sich die Knie nicht herausdrückten. +»Ich frage eben den Doktor. Er sagt: nicht schlecht. Nun, das heißt, der +>Rajah< stirbt. Als Heinrich starb, Heinrich, der die lustigen Lieder sang, +über die Sie so lachen konnten, mein Freund, was sagte da der Doktor? Nicht +schlecht! Und Heinrich starb. Ja, ich verstehe mich auf Ärzte.« + +Der kleine Advokat hüllte sich in seinen Schal. Ihn fröstelte. + +»Er saugt ihm die Seele aus dem Leib«, fuhr Michael Petroff mit wichtiger +Miene fort. »Er versteht seine Sache, dieser Engelhardt. Wie machte er es +damals mit dem Pfleger Schwindt? Genau so, sehen Sie!« + +Und Michael Petroff ging, sich fröhlich die Hände reibend. Er fühlte sich +angeregt von all dem, was um ihn vorging, von all den Dingen, die er +durchschaute. Es gab da Neuigkeiten --! In vorzüglicher Laune setzte er +sich an den Schreibtisch, um seinen Artikel: Doktor März verhaftet! +durchzufeilen. + + * * * * * + +In dieser Nacht, gegen drei Uhr, starb der »Rajah«. + +Die Nacht war warm und still und so hell vom Mond, daß man im Freien lesen +konnte. Die Patienten waren unruhig, sie räusperten sich, gingen auf und ab +und sprachen mit sich. Zuweilen aber wurden sie alle still: das war, wenn +Engelhardt zu schreien anhob. Ich kann nicht mehr! Und dazwischen +deklamierte er laut die Ansprachen, die die Könige und Fürsten, die vor ihm +knieten, an ihn richteten. + +Der kleine Advokat hatte es nicht gewagt, sich niederzulegen. Er saß +angekleidet auf dem Sofa, in all seine Decken gehüllt. Und doch fror er, +daß ihm die Zähne klapperten. Wenn Engelhardt zu schreien anfing, bewegte +er betend die Lippen und schlug das Kreuz. + +Michael Petroff aber hatte sich, unbekümmert um alles, zu Bett gelegt. Er +lag, die Arme unter dem Kopf, und dachte über einen geeigneten Titel seiner +Zeitung nach. Denn diesmal wollte er den Doktor überrumpeln, packen, -- ja, +warte nur! Was aber sollte ein Titel wie der »Unparteiische« sagen, bitte +schön? War damit diesem hartgesottenen Doktor beizukommen? Wie? O nein, +nein, ganz und gar nicht. Der Titel mußte nach Feuer und Schwefel riechen, +wie ein Schwert, das geschwungen wird, mußte er sein, wie die Öffnung eines +Gewehres, das auf den Doktor gerichtet war. -- Doktor März mußte +erschrecken, wenn er den Titel las! Und nach langem Nachdenken entschloß +sich Michael Petroff, seine Zeitung diesmal »Schwert des Erzengels« zu +nennen. Er sah diesen Erzengel deutlich dahinfahren, schräg, mit +fürchterlich wehenden Gewändern und erschreckend verzerrter Miene, das +Schwert mit beiden Händen ein wenig nach hinten geneigt in die Höhe +haltend. Und dieses Schwert, das rasiermesserscharf und hinten sehr breit +war, schlitzte das Firmament auf, und ein dampfender blutroter Streifen +wurde sichtbar. Dieser rote dampfende Streifen erfüllte Michael Petroff mit +einem starken Wollustgefühl. Er setzte sich auf und sagte: »Warte nur, +haha!« + +Plötzlich aber legte er die Hand über die Augen. Ein dunkler, wehmütiger +Schmerz hatte ihn überfallen, und er wußte nicht warum. + +»Michael Petroff --?« sagte er leise, »Michael Petroff --?« und Tränen +traten in seine Augen. So, die Hand über den feuchten Augen und einen +dunkeln Schmerz im Herzen schlief er ein. + +Er lag in tiefem Schlaf, als ihn ein Pochen an der Tür weckte: »Ich bin es, +der Pfleger, erschrecken Sie nicht.« + +»Was gibt es?« + +Der Pfleger trat ein und sagte halblaut: »Herr Doktor März läßt Sie +ersuchen zu kommen. Der Lehrer möchte Sie sprechen.« + +»Der Lehrer?« + +»Der >Rajah<, Sie wissen ja.« + +»Sie wissen nicht, was er von mir will?« + +»Nein, Doktor März läßt Sie ersuchen.« + +»Gut, ich komme.« + +Michael Petroff erhob sich und machte langsam und sorgfältig Toilette. Der +Pfleger kam zurück und bat ihn, sich beeilen zu wollen. Michael Petroff +band sich sorgfältig die Krawatte. »Ich komme ja schon,« sagte er unwillig, +»ich kann doch nicht halb angekleidet einen Besuch machen.« + +Endlich war er fertig; er besah sich noch rasch im Spiegel, strich den +Schnurrbart zurecht und ging hinaus. + +»Herr Kapitän!« flüsterte der kleine Advokat durch die Türspalte, denn das +Klopfen und Sprechen in Petroffs Zimmer hatte ihn noch ängstlicher gemacht. +»Ich flehe Sie an --!« + +»Ich habe Eile«, antwortete Michael Petroff und schritt den Korridor +entlang. Er hörte Engelhardt in seinem Zimmer deklamieren: »Wir stehen zu +dir, zerstöre nicht den Dom der Welt, gepriesen sei dein Name!« Und mit +veränderter, keuchender Stimme fuhr Engelhardt fort: »Ich kämpfe, ich +kämpfe --!« Oben im ersten Stock ging ein Schritt hin und her, ruhelos, +immer auf und ab, wie das ferne Stampfen einer Maschine. + +Da öffnete der Pfleger die Tür zu dem Zimmer des »Rajah« und Michael +Petroff trat ein. + +»Guten Morgen!« sagte er laut und heiter, als sei es lichter Tag und der +»Rajah« nicht dem Tode nahe. »Guten Morgen, Doktor! Hier bin ich. -- Guten +Morgen -- Fürst!« fügte er nach einem Blick auf den »Rajah« leiser hinzu. +»Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee.« + +Der Anblick des »Rajah« hatte Michael Petroff betroffen gemacht. Der +»Rajah« saß aufrecht im Bett, die großen schwarzen Augen auf ihn gerichtet. +Ihm zu Häupten brannte eine verschleierte elektrische Lampe, aber trotz des +Halbdunkels leuchtete das von schwarzen Haupt- und Barthaaren umrahmte +Gesicht des »Rajah« wie dunkles Gold, ja, es glänzte. Und gerade dieses +Glänzen hatte Michael Petroff betroffen gemacht, so daß er leiser sprach +und die Anrede »Fürst« gebrauchte. Er hatte eigentlich nie ernsthaft +darüber nachgedacht, wer der »Rajah« war. Er war ein Fürst, der irgendwo +ein großes Reich besaß, in der Verbannung lebte, nun, Michael Petroff +glaubte es, ohne sich dabei etwas zu denken. In diesem Augenblicke jedoch +begriff er, daß der »Rajah« ein Fürst war, und er veränderte vollkommen +seine Haltung. + +»Sie beliebten mich rufen zu lassen?« sagte er, etwas verwirrt und +unsicher, und verbeugte sich. + +Der »Rajah« wandte das Antlitz Doktor März zu. + +»Mein Herr,« sagte er mit ruhiger tiefer Stimme, deren Klang getrübt war, +»ich danke Ihnen. Sie hätten mir, der ich Ihr Gefangener bin, diese Gunst +verweigern können, ich weiß es.« + +»Lieber Freund --«, antwortete der Arzt, aber der »Rajah« beachtete ihn gar +nicht mehr. + +»Ich habe dich rufen lassen,« wandte er sich an Michael Petroff, »damit du +meinen letzten Willen niederschreibst.« + +»Zu Ihrer Verfügung«, erwiderte Michael Petroff mit einer leichten +Verbeugung. + +»So schreibe, was ich dir sage.« + +Michael Petroff betastete verwirrt seine Taschen. »Ich eile,« sagte er, +»ich werde sofort --« und verließ rasch das Zimmer, um in seinem Bureau +Papier und Blei zu holen. + +»Michael Petroff --?« flüsterte stehend der kleine Advokat. »Sie verlassen +mich --?« + +»Der Rajah befiehlt!« entgegnete Michael Petroff ungehalten und eilte an +den ausgestreckten kleinen Händen des zitternden Advokaten vorbei, zurück +in das Sterbezimmer. + +»Hier bin ich, Verzeihung«, stammelte er atemlos. + +»So schreibe!« sagte der »Rajah«. + +Michael Petroff setzte sich zurecht und der »Rajah« begann: + +»Wir, Rajah von Mangalore, verbannt von der englischen Regierung, die wir +sterben, erhaben über das Gefühl der Rachsucht für unsere Feinde, um unsere +Untertanen zu erretten, geben unserem Volke kund: + +Gruß dir, unser Volk! Gruß euch, Palmenwäldern, die die Tempel unserer +Väter beschatten! Gruß dem blauen Fluß, der unser Land erquickt!« -- + +Michael Petroff, der eifrig und hingegeben niederschrieb, was der »Rajah« +diktierte, blickte auf, da der »Rajah« eine Pause machte. Da sah er, daß +aus den glänzenden schwarzen Augen des »Rajahs« zwei große Tränen rannen, +die über seine leuchtenden fahlen Wangen liefen und in den Bart sickerten. + +Der »Rajah« hob die Hand zu einer erhabenen Gebärde. Dann fuhr er fort, bis +ans Ende gleich ruhig und hoheitsvoll: + +»Wir erlassen eine allgemeine Amnestie! Alle unsere Kerker und Gefängnisse +sollen sich öffnen und in Asche gelegt werden. Fortan werde kein Blut mehr +vergossen!« + +»Oh, Herr -- -- Fürst!« flüsterte Michael Petroff und schrieb. + +»Es gebe keine Arme mehr in unserem Land, und niemand soll mit der Schale +betteln gehen. Das Vermögen in unseren Kammern sei zu gleichen Teilen unter +das Volk verteilt. Es gebe fortan weder Kasten noch Stände. Jedermann sei +dem andern gleich und alle seien Brüder und Schwestern. + +Die Greise sollen ihre Hütte haben, um darin zu sterben, und den Kindern +vermachen wir die Wiesen, darauf zu spielen. Den Kranken schenken wir +Gesundheit und den Unglücklichen Schlaf, tiefen Schlaf. Es soll keine +Kriege mehr geben und keinen Haß mehr zwischen den Völkern, gleichviel +welcher Farbe, so bestimmen wir es. Die Richter seien weise und gerecht, +und wer Unrecht tat, dem soll man sagen: geh und sei glücklich, denn das +Schlechte kommt aus dem Unglück hervor. + +Den Menschen vermachen wir die Erde, daß sie sich darin teilen vermögen, +den Fischen das Wasser und Meer, den Vögeln den Himmel und den Tieren die +Wälder und die Auen, die darin versteckt liegen! + +Dich, unser Volk, aber segnen und küssen wir, die wir sterben.« + +Der »Rajah« hob die Arme segnend empor und sank in die Kissen zurück. + +Alle im Zimmer blieben still und sahen auf ihn, dessen Brust rasch und +unmerklich ging und dessen Lider über die Augen herabgesunken waren und wie +helle Flecke in seinem Gesicht erschienen. + +Doktor März trat leise an das Bett heran. + +Da lächelte der »Rajah«. Er bog den Kopf zurück, öffnete die Lippen, und es +sah aus, als wollte er singen. Aber nur ein feiner singender Ruf, der ganz +hoch ausklang, kam über seine Lippen, so fein und fern, als rufe der +»Rajah« schon aus weiter Ferne. Es war der Ruf der Straßenverkäufer im +Orient. + +Der »Rajah« war tot. + +Michael Petroff stand auf den Zehenspitzen und blickte mit halboffenem Mund +in das fahle, unverständlich schöne Gesicht, das aus den schwarzen Haaren +schimmerte. Ein beschämendes Gefühl erfüllte ihn. So lange hatte er mit dem +Toten gelebt, ohne zu denken, wer er war. Er hätte niederknien mögen bei +dem Bett des Toten und flüstern: »Fürst, mein Fürst!« Aber er wagte es +nicht, sich zu nähern, er fürchtete sich und stahl sich aus dem Zimmer. + + * * * * * + +Als Doktor März nach einer geraumen Weile auf den Korridor heraustrat, +überraschte ihn die Ruhe des Pavillons. Kein Laut war zu hören. Der dumpfe +Schritt oben, der stundenlang hin und her gegangen war, war verstummt. Und +Engelhardt hatte aufgehört zu schreien und zu stöhnen. + +Doktor März trat an die Türe des Schuhmachers. Es war totenstill darinnen. +Er öffnete und lauschte: Engelhardt -- schlief! Tief und regelmäßig ging +der Atem . . . Doktor März schüttelte den Kopf und verließ nachdenklich den +Pavillon. Auf der Treppe zum Garten zündete er sich eine Zigarre an und +stülpte den Rockkragen hinauf. Ihn fröstelte. + +Nun schläft er, dachte er, während er durch den nächtigen Garten ging, +dessen Büsche lange fahle Schatten warfen. Ist irgendein Zusammenhang +zwischen dem Tod des Lehrers und dem Schlaf Engelhardts anzunehmen? Und er +dachte weiter an einen Kollegen, der auf jeden Fall einen Zusammenhang +konstruieren würde, und daran, daß er sich jetzt auf eine Tasse starken +Kaffees freue, -- da blieb er leicht erschrocken stehen: im Mondlicht +bewegte sich ein kleiner vermummter Mensch. Es war der Advokat. + +Der kleine Advokat hatte die ganze Nacht zitternd und frierend in seinem +dunklen Zimmer verbracht. Aber als der erste Hahn krähte, hatte er sich aus +dem Pavillon geschlichen, um seine Blumen zu begießen. + +»Pst, pst!« flüsterte er den tausend Vögeln zu, die in den Büschen zu +zwitschern begannen, sobald er sich näherte. »Schlaft noch ein wenig, ihr +Kleinen!« + +Und als er die Blumen begoß, hatte er die Nacht, den »Rajah« und +Engelhardt, der eine Seele brauchte, vergessen und lächelte. »Guten Morgen, +ihr Lieblinge,« sagte er leise und nickte, »da bin ich, da habt ihr mich +wieder.« + +Im Zimmer Michael Petroffs aber brannte Licht. + +Michael Petroff saß an seinem Schreibtisch, lächelnd und gutgelaunt, und +schrieb eifrig. Denn der Eindruck, den der Tod des »Rajahs« auf ihn machte, +hatte sich ebenso rasch verflüchtigt, wie die Tränen, die er um ihn geweint +hatte. Nun arbeitete er an einem Artikel, den er als einen ungeheuer +wertvollen Beitrag für seine Zeitung betrachtete. Und das gab ihm die +heitere, leichte Laune. + +Mit den saubersten Buchstaben schrieb er: + +»Telegramm! Der Rajah von Mangalore -- gegen dessen Exilierung wir bei der +englischen Regierung telegraphisch Protest erhoben haben -- ist heute nacht +um drei Uhr sanft entschlafen. Wir hatten die Ehre, bei seinem Hinscheiden +gegenwärtig zu sein und den letzten Willen des hohen Herrn aufzuzeichnen. +Er sei unseren Lesern mitgeteilt: + +»Wir, Rajah von Mangalore, verbannt von der englischen Regierung, die wir +sterben, erhaben über das Gefühl der Rachsucht für unsere Feinde, um unsere +Untertanen zu erretten, geben unserem Volke kund . . .« + +Erst als die Sonne aufging, begab sich Michael Petroff zur Ruhe. + + Werke von + Bernhard Kellermann + + Ingeborg + Roman. 110. Auflage + + Der Tor + Roman. 46. Auflage + + Das Meer + Roman. 83. Auflage + + Der Tunnel + Roman. 227. Auflage + + Yester und Li + Roman. 152. Tausend + + Der neunte November + Roman. 51. Auflage + + Fischers + Illustrierte Bücher + + Hermann Hesse + In der alten Sonne + Erzählung. 23. Auflage + Mit 16 Bildern von Wilhelm Schulz + + * + + Thomas Mann + Tonio Kröger + Novelle. 33. Auflage + Mit 18 Bildern von E. M. Simon + + * + + E. v. Keyserling + Harmonie + Novelle. 17. Auflage + Mit 18 Bildern von Karl Walser + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Heiligen, by Bernhard Kellermann + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43339 *** diff --git a/43339-8.txt b/43339-8.txt deleted file mode 100644 index 8942c32..0000000 --- a/43339-8.txt +++ /dev/null @@ -1,1808 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Die Heiligen, by Bernhard Kellermann - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Die Heiligen - -Author: Bernhard Kellermann - -Illustrator: Magnus Zeller - -Release Date: July 29, 2013 [EBook #43339] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HEILIGEN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - - - - Die Heiligen - von - Bernhard Kellermann - - - - - 1922 - S. Fischer / Verlag - Berlin - - - - - Erste bis zwölfte Auflage - Illustriert von _Magnus Zeller_ - Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung - Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin - - - - - -Schon vor Tagesgrauen erhob sich der Advokat von seinem Lager. Und im -gleichen Augenblick begannen all die tausend kleinen Vögel, die in seinem -Zimmer mit ihm lebten, zu zwitschern und zu trillern. - -»Schon so früh wach, ihr Kleinen!« flüsterte der Advokat. Er sprach nie -laut. »Nun, guten Morgen! Pst! Pst!« - -Und die tausend kleinen Vögel zwitscherten zur Antwort und verstummten -gehorsam. - -Der Advokat legte sich einen dicken wollenen Schal um die Schultern, denn -er fror immerfort, er schlüpfte in wattierte Stiefel, zog Handschuhe an, -setzte sich eine gefütterte Kappe auf den kahlen Schädel und trat ins -Freie. - -Es war noch Nacht, und alle Dinge sahen unwirklich und verzaubert aus. -Zuweilen neigten sich die Gräser mit einem plötzlichen Ruck, ganz wie -Schlafende sich neigen, die träumen, daß sie fallen, und dann spürte der -Advokat einen kurzen warmen Hauch, der ebenso unvermittelt verschwand wie -er kam. Am Himmel oben trieb eilig ein Gemisch von grauem und schwarzem -Gewölk dahin, und im Zenit waren drei gelbe Sterne sichtbar, die in einer -Richtung standen und wie ein fliegender Speer durch das Gewölk zu schießen -schienen. Der Advokat betrachtete eine Weile aufmerksam den fliegenden -Speer, und irgendein Gedanke rang in seinem Kopf. Dann eilte er mit -kleinen, schlürfenden Schritten und so leise wie möglich über die -sandbedeckten Wege des Anstaltsgartens dahin. - -»Pst, stille!« flüsterte er, wenn er an Büschen vorbeikam, in denen es sich -regen wollte. - -Wo die Gemüsegärten anfingen, stand ein alter Pumpbrunnen, der nicht mehr -benutzt wurde, und hier begann der Advokat seine Tätigkeit. Er stellte die -Gießkanne unter das Rohr und zog den Schwengel, immerfort bestrebt, keinen -Lärm zu machen. Da der Brunnen wenig Wasser gab und der Advokat langsam und -vorsichtig pumpte, war die Kanne erst nach halbstündiger Arbeit gefüllt. -Darauf schleppte sie der kleine Advokat keuchend und hüstelnd bis zu den -Blumenbeeten und fing an, die Blumen unter glückseligem Lächeln und leisen -Koseworten zu begießen. »Nicht so hastig, ihr Kleinen,« flüsterte er, -»meine Kinderchen, wie ihr schluckt! Guten Morgen!« - -Da aber wurde es in einem Holunderbusch lebendig. Hunderte von kleinen -Vögeln streckten auf einmal die Köpfe aus dem Laub und zwitscherten dem -Advokaten zu. - -Er hob erschrocken die Hand. »Ruhig, still, um Gottes willen!« sagte er. -»Immer wollt ihr die ersten sein! Jeden Morgen. Pst!« Und im Busch wurde es -augenblicklich still. - -Der Advokat ging lautlos von Beet zu Beet und begoß seine Blumen. Manchmal -hielt er aufatmend inne und blickte zum Himmel empor, wo noch immer der -goldene Speer durch das Gewölk schoß, ohne je von der Stelle zu kommen. -Dann dachte er lange nach und schüttelte den Kopf. Aus dem Pavillon der -Schwerkranken drang ein langgezogenes Heulen, das in regelmäßigen -Intervallen in ein jammerndes Weinen überging. Der Advokat aber hörte es -nicht. Er hörte nur, daß drinnen in den Büschen die Vögel die Flügel -schüttelten und die Schnäbel wetzten. - -Eine übernächtige Wärterin ging fröstelnd an ihm vorüber. - -»Schon so früh bei der Arbeit?« sagte sie und wandte ihm das bleiche -Gesicht zu. - -Der Advokat stellte die Gießkanne ab, verbeugte sich und zog die Mütze. -»Man muß sich daranhalten,« flüsterte er, »die Kleinen warten nicht.« - -Hierauf begoß er die Beete, die sich am Hauptgebäude entlangzogen, -andächtig und hingegeben. An den offenen Küchenfenstern, die sehr niedrig -lagen, machte er halt und suchte mit den Augen die Fensterbretter ab. Er -schüttelte enttäuscht und niedergeschlagen den Kopf. Ja, sie hatten es -wiederum vergessen, ihm Brotkrumen für seine Vögel herauszustellen! Wer -konnte sich auf diese Mägde verlassen? - -Er suchte ein paar kleine Kieselsteine am Wege und warf sie, einen nach dem -andern, mit leisem Kichern in die schwarze Küche hinein: Sollten sie es nur -lernen, aufmerksamer zu sein! Oh, er würde es ihnen schon beibringen, die -Brotkrumen regelmäßig aufs Fensterbrett zu stellen. Es gab ja genug Kiesel -auf den Wegen. Und wenn sie sich noch so oft beschwerten! - -Die Gießkanne war leer, und der Advokat machte im Morgengrauen den Weg zum -Pumpbrunnen zurück. - -Der Advokat war seit dem Tode seiner Frau ein Freund der Blumen und Vögel -geworden. Als sie starb, in der Agonie, sagte sie: »Man muß die Blumen -begießen. Die Vögel müssen ihr Futter haben.« Das waren ihre letzten Worte, -und der Advokat hörte sie Tag und Nacht in seinen Ohren wiederklingen. Er -hörte sie aus jedem Windhauch, aus dem Gespräch zweier Menschen heraus, ja -sogar aus der Stille vernahm er sie. Im Zimmer seiner Frau stand ein -schwarzer schwerer Wäscheschrank (an den er sich merkwürdigerweise noch -heute erinnerte), und auch dieser schwarze breite Schrank wiederholte ihm -die letzten _Worte_ seiner Frau, obschon er keinen Laut von sich gab. Der -Advokat lebte still und einsam weiter und begoß die Blumen in den -Vorfenstern und gab den Vögeln in den Bauern Futter und Wasser. Die Blumen -gingen ein, und die Vögel starben, einer nach dem andern. Der Advokat aber -bemerkte es nicht. Ihm schien es vielmehr, als ob die Vögel munter in ihren -Bauern hüpften und zwitscherten. Sie brüteten, und es wurden ihrer immer -mehr. Und der Advokat hatte seine kindliche Freude daran. Endlich waren es -Hunderte, die ihm von früh bis spät in die Ohren zwitscherten, Tausende. -Sie lebten in den Wänden, an der Decke, überall. Und der Advokat konnte -nicht verstehen, daß die andern sie weder sahen noch hörten. - - * * * * * - -Als die Sonne aufging, hatte der Advokat schon ein gutes Stück seiner -Tagesarbeit hinter sich und kehrte in den Pavillon zurück, der wie ein -Landhaus im grünen Garten lag. - -Unter der Türe, leicht gegen den Pfosten gelehnt, stand lächelnd Michael -Petroff, ehemals Offizier in der russischen Armee, und begrüßte ihn mit -einem heiteren, hellen: »Guten Morgen, mein Freund!« - -Der Advokat in seinem wollenen Schal, der Halsbinde, den wattierten -Stiefeln, verneigte sich und zog die Kappe. - -»Guten Morgen, Herr Kapitän!« - -Sie verbeugten sich einigemal, denn sie hatten die größte Hochachtung -voreinander, dann erst reichten sie sich die Hand. - -»Haben Sie gut geschlafen, Herr Advokat?« fragte Michael Petroff und beugte -sich etwas herab, wobei er liebenswürdig lächelte. - -»Geschlafen? Ja, ich danke.« - -»Auch ich verbrachte die Nacht vorzüglich!« fuhr Michael Petroff fort und -ließ ein helles, fröhliches Lachen hören. »Vorzüglich, in der Tat. Ich -träumte --«, setzte er hinzu und blickte lächelnd, das rechte Auge halb -zusammengekniffen, in den Garten hinaus. »Ja! -- Und nun treten Sie ein in -mein Bureau, mein Freund. Es gibt Neuigkeiten. Bitte!« Er legte die Hand -auf die Schulter des kleinen Advokaten und ließ ihm mit einer kleinen -Verbeugung den Vortritt. - -Kapitän Michael Petroff war ein schlanker, großer Mann, mit stahlblauen, -heiteren Augen und einem kleinen blonden Schnurrbart, der wie sein blondes, -seidenweiches gescheiteltes Haar zu erbleichen begann. Er war peinlich -sauber gekleidet und sorgfältig rasiert. Sein Kinn war rund und schön -geformt, etwas zu zart, sein Mund von außerordentlich schöner und weicher -Zeichnung, wie der Mund eines Knaben. - -»Bitte!« sagte Michael Petroff und lud den Advokaten mit einer Handbewegung -ein, auf dem Sofa Platz zu nehmen. - -»Ich störe. Störe ich nicht?« flüsterte der Advokat und blieb stehen. - -»Nein! Sie, wie sollten Sie --?« Und Michael Petroff drängte den Advokaten -auf das Sofa. Der kleine Advokat nahm scheu und mit einem dankbaren Blick -Platz. »Sie haben ja so viele Arbeit -- ich weiß --«, sagte er und deutete -mit dem Kopf auf den Schreibtisch, der überladen war mit Akten, Zeitungen -und Manuskripten. - -»Es gibt zu tun, ja!« versetzte Michael Petroff mit einem merkwürdigen -Lächeln auf den schönen knabenhaften Lippen. »Aber für seine Freunde hat -man immer Zeit. -- Hier, nun hören Sie! Ich habe heute ein Memorandum an -die hessische Regierung entworfen --,« Michael Petroff wippte lächelnd ein -Papier in der Hand -- »die hessische Regierung wird auf das -nachdrücklichste -- auf -- das -- nachdrücklichste -- ersucht, den Prozeß -eines Lehrers zu revidieren!« - -Hier blickte Michael Petroff auf seinen Gast, und seine Stirn legte sich -urplötzlich in vier tiefe Falten. »Dieser Lehrer,« fuhr er fort, »wurde zu -vier Jahren, sage vier Jahren, Gefängnis verurteilt. Er hatte zehn Mäuler -zu stopfen und unterschlug Kassengelder. Voilà tout! Was sagen Sie dazu, -wie. Hahaha, sehen Sie, so ist die Welt! Ich fordere in meinem Memorandum -nicht allein eine Revision des Prozesses, sondern auch dringend die -Erhöhung der Beamtengehälter. Ich forderte -- ich, Kapitän Michael Petroff, -und ich werde auch Stellung im >Unparteiischen< nehmen. Sie werden sehen, -mein Freund!« Michael Petroff ließ einen kühnen, triumphierenden Blick über -den kleinen kahlköpfigen Advokaten hingehen, der nickend zuhörte, ohne -recht zu verstehen, was der Kapitän wollte. - -»Sie tun viel Gutes!« flüsterte er und nickte, und über sein kleines, -fahles, verwüstetes Gesicht glitt ein kindliches Lächeln. Und nach einigem -Nachdenken setzte er hinzu: »Sie sind ein guter Mensch, das ist es!« - -Michael Petroff schüttelte den Kopf. »Ich tue meine Pflicht!« versetzte er -ernst. Und indem er die Hand auf das Herz legte und seine hellen, -stahlblauen Augen aufleuchten ließ, fügte er hinzu: »Meine heilige -Pflicht!« - -Kapitän Michael Petroff, früher Offizier in einem Petersburger Regiment, -betrachtete es als seine Lebensaufgabe, die Gerechtigkeit auf Erden zu -vertreten. »Tribunal des Rechts und der Gerechtigkeit« nannte er sich. Er -war auf zwei große Tageszeitungen abonniert, die er jeden Tag nach Fällen -durchsuchte, in denen seiner Ansicht nach jemand ein Unrecht geschehen war. -Und jeden Tag fand Michael Petroff Fälle! Fälle, nichts als Fälle! Diese -Fälle schnitt er aus, ordnete sie nach dem Datum und begann hierauf sie zu -verarbeiten. - -Er saß oft bis spät in der Nacht in seinem Bureau, wie er sein Zimmer -nannte, oder in seiner Redaktion, wie er sein Zimmer zuweilen im Flüsterton -seinem Vertrauten gegenüber bezeichnete. Da saß er und schrieb mit einer -sauberen gestochenen Hand seine Eingaben, Proteste, Memoranden und übergab -sie täglich um sechs Uhr dem Chefarzt Doktor März, der ihre Beförderung ein -für allemal übernommen hatte. Doktor März nahm die Schriftstücke -bereitwillig entgegen und legte sie in ein besonderes Fach, um sie -gelegentlich als Material für sein Werk über Graphomanie zu benützen. - -Die wenigen Stunden, die ihm diese Tätigkeit übrig ließ, verwandte Michael -Petroff auf die Redaktion seiner Zeitung. Und diese Zeitung war die -Ursache, daß er sein Zimmer zuweilen im geheimen Redaktion nannte. Diese -Zeitung erschien nicht regelmäßig, sondern wenn sie gerade fertig wurde. -Gewöhnlich erschien sie im Jahre einmal, manchmal aber auch, wenn ihn seine -nervösen Zustände zur Eile antrieben, zweimal. - -Michael Petroffs Zeitung war das genaue Abbild einer gewöhnlichen -Tageszeitung, vom Kopf an, wo die Bezugsbedingungen vermerkt waren, und die -Stadt, in der sie erschien -- die Michael Petroff willkürlich wählte -- bis -auf die fingierten Namen der Herausgeber und Redakteure. Sie enthielt, wie -jede andere Zeitung, Annoncen, die Michael Petroff höchst einfach aus -anderen Zeitungen herausschnitt, einen Leitartikel, ein Feuilleton. - -Der ganze redaktionelle Teil aber beschäftigte sich -- mit Ausnahme weniger -Artikel, die zur Maskierung eingeschoben waren -- mit der Frage: Ist die -Internierung Michael Petroffs, Kapitän der russischen Armee, berechtigt? -Die Überschriften der einzelnen Artikel lauteten in jedem Jahre anders, -wenn sie auch einen ähnlichen Sinn hatten! Das Ultimatum der russischen -Regierung! -- Ein Brief des Zaren an den Chefarzt Doktor März! -- Die -Zeitung erschien auch in jedem Jahr unter einem anderen Namen. Michael -Petroff nannte sie »Weltauge«, »Europas Gewissen«, »Das Bajonett«. - -Aus seinen Petitionen machte Michael Petroff kein Geheimnis, über seine -Zeitung aber sprach er nur zu seinem Vertrauten, dem Advokaten. Und es ist -möglich, daß er, obschon von Natur aus gesellig und äußerst gutherzig, nur -deshalb den kleinen Advokaten so sehr ans Herz geschlossen hatte, weil er -mit ihm über seine Zeitung plaudern konnte. - -»Einen Augenblick, mein Freund!« sagte er. »Es gibt Neuigkeiten. Ich möchte -Ihnen gerne das Neueste mitteilen, bleiben Sie.« - -Er trat zur Türe und räusperte sich, während er lauschte. Dann trat er -hinaus auf den Korridor, hustete, kam befriedigt zurück. Er zog die -Redaktionsschublade, deren Schlüssel er am Halse trug, auf, lachte hell und -heiter und begann: »Das Neueste, hören Sie! Es kann seine Wirkung unmöglich -verfehlen. Hören Sie nur die Überschrift: Doktor März verhaftet!« - -»Doktor März verhaftet?« flüsterte der Advokat ängstlich, und sah mit -schlaffem Mund zu Petroff empor. - -Michael Petroff lachte. - -»Verhaftet? Nein, natürlich nicht. Ich führe in dem Artikel aus, daß die -Verhaftung des Doktor März bevorstände und er sich ihr nur entziehen -könnte, wenn er Michael Petroff augenblicklich freigäbe!« - -Der Advokat nickte. »Ich verstehe«, sagte er und lächelte, da er Petroffs -heitere Miene sah. Und doch dachte er gar nicht an Petroffs Artikel, -sondern daran, daß er den Vögeln Wasser hinstellen müsse. Er wurde unruhig -und machte Miene aufzustehen. - -»Einen Augenblick noch, ich bitte Sie!« drängte Michael Petroff. »Ja, die -Idee ist prächtig, in der Tat«, fuhr er lebhaft fort, und seine Wangen -färbten sich vor Freude mit einem flüchtigen Rot. »Ich erkläre in dem -Artikel ausdrücklich, daß Doktor März ein Ehrenmann sei, ein hochgeachteter -und allgemein geschätzter Arzt, so daß seine Handlungsweise in diesem -speziellen Falle allgemeines Überraschen errege. Ich bitte Sie, mein -Freund, was wird er tun, wenn er diesen Artikel liest? Hahaha, Sie werden -etwas erleben, lieber Freund. Ich werde ihm ja nicht böse sein, ganz und -gar nicht. Nun -- endlich, endlich! werde ich sagen, lieber Doktor, haha! -Aber sehen Sie weiter, was der >Unparteiische< schreibt. Sehen Sie sich -einmal diesen Titel an, bitte sehr!« - -»Welchen --?« - -»Nun, diesen hier!« - -»Ein -- Fragezeichen?« - -»Ja! Haha -- nichts als ein Fragezeichen! Und darunter: Wo ist Michael -Petroff? Ein öffentlicher Aufruf! Aber sehen Sie hier, im kleinen -Feuilleton: Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee, hat soeben ein -sechsbändiges Werk über Sternschnuppen beendet. Die gesamte Fachpresse -rühmt den Scharfsinn und die Klarheit des epochemachenden Werkes. Hahaha, -sagte ich Ihnen nicht, daß es Neuigkeiten gäbe, mein Freund!« - -Der Advokat saß zusammengekauert auf dem Sofa und dachte angestrengt nach, -wobei er den Atem anhielt. - -»Ich begreife nicht --?« flüsterte er und schüttelte langsam den Kopf. - -»Was begreifen Sie nicht?« - -»Daß er Sie festhält.« - -Michael Petroff sah den Advokaten erstaunt an. Dann beugte er den Kopf -herab und flüsterte: »Ich sagte es Ihnen doch schon, daß meine Verwandten -ihn bezahlen!« - -»Sie bezahlen?« - -»Ja, natürlich!« antwortete Michael Petroff heiter. »Unsummen. Millionen!« - -»Oh!« Nun verstand der Advokat. - -»Ja, sehen Sie, so ist es auf der Welt!« sagte Michael Petroff und -schnippte mit den Fingern. - -Aber der Advokat konnte doch nicht recht begreifen. - -»Ich verstehe nicht,« begann er von neuem, »Doktor März ist ja so gütig. -Ich wohne hier, lebe hier, habe mein Essen und bezahle nichts. Er hat noch -nie Geld von mir verlangt. -- Ich habe ja kein Geld, Sie wissen«, schloß er -noch leiser und ängstlich. - -Michael Petroff legte ihm wohlwollend und wichtigtuend die Hand auf die -Schulter. »Sie arbeiten ja im Garten,« sagte er, »begießen die Blumen. Wie -sollte er es also wagen, Geld von Ihnen zu fordern? So einfach ist das. -Vielleicht haben Sie aber auch Verwandte da draußen, die für Sie bezahlen?« - -»Verwandte?« - -»Ja. Da -- draußen!« Auf den schönen knabenhaften Lippen Petroffs erschien -ein grausames Lächeln. Sollte er diesem kleinen alten Mann in dem wollenen -Schal erklären, wo er sich befand? Sollte er diesem kleinen alten Mann mit -dem grauen faltigen Gesicht vielleicht erklären, daß es ein »Da draußen« -gab -- wo sie zum Beispiel eben in einen Schnellzug einsteigen oder sich -die Hände waschen, um sich an den Tisch zu setzen? Er wippte sich auf den -Zehen, und plötzlich verlor er die Vorstellung seiner Körperlichkeit: er -kam sich vor wie ein riesiger in die Wolken ragender Turm, der auf den -kleinen, kahlköpfigen Mann, der nur ein paar dünne Haarbüschel über den -Ohren hatte, herabblickte. Eine Lust erfaßte ihn, den Advokaten zum Weinen -zu bringen. - -Da aber verbeugte er sich plötzlich leicht vor dem Advokaten und sagte: -»Vergeben Sie Michael Petroff!« Er machte ein paar Schritte durchs Zimmer, -dann wandte er sich in ganz dem gleichen Ton wie vorhin an seinen Gast: -»Wird es schönes Wetter bleiben, heute?« - -»Ich glaube -- ich weiß es nicht«, erwiderte der Advokat unsicher. - -»Nun, wir wollen Kricket spielen, heute nachmittag. Sie frieren?« - -»Ja«, flüsterte der Advokat und zog die Halsbinde enger. - -Michael Petroff sah ihn mit schräg geneigtem Kopf an. »Ich kann nicht -begreifen, daß Sie heute frieren können.« Und er lachte fröhlich. »Kommen -Sie,« sagte er dann, »wir wollen --« er hielt inne, denn er wußte nicht, -was er wollte -- »wir wollen -- ja, wir wollen Freund Engelhardt besuchen. -Kommen Sie! -- Der Arzt war heute nacht bei ihm«, schloß er geheimnisvoll. - -»Der Arzt?« - -»Ja. Er ist krank, unser Freund. Hm, hm.« Michael Petroff schloß sorgfältig -das Manuskript der Zeitung ein, setzte eine große graue englische -Reisemütze auf, warf einen Blick in den Spiegel, und sie verließen zusammen -das Zimmer. Michael Petroff lachte leise, tief innen in der Kehle. An der -Türe Engelhardts angelangt, blieben sie stehen und klopften lauschend. -- - -Für Michael Petroff gab es im Jahr zwei große Tage. - -Der eine war sein Geburtstag, am 16. Mai. Michael Petroff vergaß ihn nie. -Am 16. Mai ging er mit wichtiger Miene und Blicke werfend umher und sagte -zu jedem, den er traf: »Heute ist mein Geburtstag. Danke für die -Glückwünsche!« Vor Tisch kam dann stets der Pfleger und bat ihn, zu Doktor -März zu kommen, der ihm zu gratulieren wünsche. - -Dann begab sich Michael Petroff mit leichten Schritten ins Sprechzimmer des -Doktor März, schüttelte ihm die Hand und dankte für den wunderbaren Strauß -weißer Rosen, den Doktor März ihm überreichte. - -Michael Petroff ahnte nicht, woher der Strauß weißer Rosen kam. Er wußte -nicht, daß an jedem Geburtstag hinter der Portiere des Sprechzimmers seine -Gemahlin und seine Tochter standen, die alljährlich die weite Reise -machten, um ihn zu sehen. In den ersten Jahren war die Gattin des Kapitäns -blond gewesen, dann war sie allmählich grau geworden und jetzt war sie -weiß, obgleich sie noch verhältnismäßig jung war. Früher war sie allein -gekommen, seit drei Jahren war aber stets eine junge Dame in ihrer -Begleitung, die immer schrecklich weinte, wenn sie kam und ging. Die junge -Dame hatte nur ein Ohr und verbarg diese Verunstaltung durch die Frisur. -Das andere Ohr hatte ihr Michael Petroff abgeschnitten, als sie noch ein -Kind war, damals, als sein Leiden ausbrach. - -Michael Petroff plauderte und lachte fröhlich mit dem Chefarzt und brachte -die Rosen seinem Freunde, dem Advokaten. - -»Hier sind Blumen! Ich tue nichts damit!« - -Der Advokat nahm mit vor Freude geweiteten Augen die Rosen entgegen, -vorsichtig wie etwas Zerbrechliches. - -Der zweite große Tag Michael Petroffs war der Tag, an dem die Zeitung -erschien. - -Die Zeitung wurde in der Stadt gedruckt. Michael Petroff hatte den Portier -des Sanatoriums für diese Kommission gewonnen. Der Portier lieferte das -Manuskript an den Drucker ab und überbrachte Michael Petroff die gedruckten -fünfundzwanzig Exemplare. In diesen Tagen befand sich Michael Petroff in -der ungeheuersten Spannung. Er ließ die Zeitung den Ärzten und in erster -Linie Doktor März zustellen und wartete aufgeregt die Wirkung ab. Er -arbeitete in dieser Zeit nicht, sondern ging den ganzen Tag über im Garten -und im Haus umher. Wenn er einem Arzte begegnete, so blieb er stehen und -sandte ihm einen triumphierenden Blick zu, während seine Lippen ein -siegessicheres Lächeln umspielte. - -Nach einigen Tagen aber fragte er die Ärzte: »Hören Sie, haben Sie da nicht -eine Zeitung erhalten?« - -»Eine Zeitung?« - -»Ja! Ich erhielt sie ja auch. >Das Bajonett<?« - -»O ja, ich erinnere mich. Ich werde nachsehen.« - -»Tun Sie das, ja. Es könnten Dinge darin stehen, die Sie interessieren. -Hahaha!« Und er klopfte dem Arzt auf die Schulter und sah ihn vielsagend -an. - -Schließlich aber fragte er den Chefarzt selbst. - -»Jaja,« entgegnete dieser, »diese Zeitung habe ich allerdings gelesen, mein -lieber Kapitän. Eine merkwürdige Sache. Ich habe mich auch sofort -erkundigt. Die Redakteure waren aber nicht aufzufinden, trotz aller -Bemühungen. Sie existieren gar nicht. Oder nicht mehr. Ich weiß nicht -recht, was ich von dieser Zeitung halten soll, mein lieber Kapitän.« - -Dann ging Michael Petroff einige Tage niedergeschlagen umher, und seine -Depression konnte sich bis zur Melancholie und zur Tobsucht steigern. Aber -nach einigen Tagen hellte sich sein Gemüt stets wieder auf. Er begrüßte -seine Freunde, bat sie wegen seines verdrießlichen Benehmens um -Entschuldigung und machte sich augenblicklich daran, eine neue Zeitung zu -entwerfen. Diesmal mußte es ihm gelingen! Aufgepaßt, Doktor März! Dies war -Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee. - - * * * * * - -Freund Engelhardt, dem Michael Petroff und der Advokat einen Besuch -abstatten wollten, war ein etwa fünfzigjähriger, ergrauter Mann, der sich -erst seit einem Jahr in der Anstalt des Doktor März befand. - -Er war Schuhmacher von Beruf und saß sein ganzes Leben lang, jahraus, -jahrein unter seiner Glaskugel und klopfte Leder. Er war nicht verheiratet, -lebte sehr zurückgezogen, und da er fleißig und sparsam war, hatte er sich -sogar ein hübsches kleines Vermögen erworben. Da saß er unter seiner -Glaskugel und hämmerte und nähte, und nichts ereignete sich. Aber -allmählich war ihm diese Glaskugel merkwürdiger und merkwürdiger -erschienen. Sie funkelte ihn an, blendete ihn, so daß er zuweilen -vorübergehend eine gewisse uneingestandene Angst vor ihr empfand. Sie -schien zu wachsen, immer größer und größer zu werden, und ein Tag kam, da -sträubten sich die Haare Engelhardts vor Entsetzen. -- - -Nun litt er an dem wunderlichen und entsetzlichen Wahn, daß er der -Mittelpunkt des Universums sei, dessen Aufgabe darin bestand, das Weltall -im Gleichgewicht zu halten. In ihm liefen die tausendfältigen Kräfte des -Alls zusammen, und er fühlte mit einer marternden Kontinuität, wie die -Planeten und Sonnen um ihn ihre Bahnen schwangen, wie es sauste und -wetterte da draußen. Wenn eine Kette von Schlittschuhläufern sich um einen -in der Mitte dreht, so empfindet der in der Mitte, mit welch ungeheurer -Energie die beiden wirbelnden Flügel um ihn kreisen, und er muß all seine -Kräfte auf das Festhalten seines Standortes konzentrieren. Ähnlich war das -Empfinden Engelhardts, und da die Anstrengung ohne jede Unterbrechung -währte, so erschöpfte ihn seine Wahnidee dergestalt, daß er in einem Jahr -um Jahrzehnte gealtert war. Wenn auch -- wie er sagte -- das Weltengebäude -vom allmächtigen Schöpfer so wunderbar gefügt war, daß es in alle Ewigkeit -in den vorgezeichneten Kreisen und Spiralen (so sagte er) lief, so litt er -doch über seine Kräfte unter den geringsten Störungen da draußen. Im Winter -hatte er vierzehn Tage schlaflos verbracht, da ein heranschwirrendes -Gestirn an ihm zerrte; merkwürdigerweise war in dieser Zeit ein Komet -aufgetaucht, dessen Erscheinen die ganze astronomische Welt überraschte. -Damals war unter merkwürdigen Erscheinungen der Pfleger Schwindt gestorben, -und Engelhardt hatte -- nach seiner eigenen Aussage -- dessen Seele in sich -gesaugt, so daß er zu neuen Kräften kam, die den ganzen Frühling und Sommer -anhielten. Jetzt aber ermattete er wiederum von Tag zu Tag mehr unter -seiner Aufgabe, und die Kräfte verfielen rapid. Die Sternschnuppen und -Meteorschwärme rissen an ihm, so daß ihn Schwindel erfaßte, und besonders -der Mond hatte in dieser Zeit eine schreckliche Macht über ihn. Er saugte -an seinen Kräften, und Engelhardt hatte das Empfinden, als ob jeden -Augenblick der Boden unter ihm einsinken könne und er in die Tiefe sause, -und das Weltall über ihm zusammenstürze. -- - -Als Michael Petroff und der kleine Advokat bei Engelhardt eintraten, -nachdem sie eine lange Weile vergebens an die Türe gepocht hatten, fanden -sie ihn im Bette liegen, die behaarten abgemagerten Hände schlaff auf dem -Kissen. Er hatte die Augen senkrecht in die Höhe gerichtet, und zwar so -stark nach oben gedreht, daß man das Weiße sah, und schien irgendeinen -Punkt an der Decke zu fixieren. Sein Gesicht war von gleichmäßig gelblicher -Tönung und erweckte den Eindruck, als sei es von Porzellan. So glatt war -die Haut und so scharf traten die Kanten der Knochen hervor. Die Stirn war -ungewöhnlich groß im Verhältnis zu dem kleinen Gesicht und dem kleinen -Mund, der wie zum Pfeifen gespitzt schien und eine Menge feiner, der -Mundöffnung zuströmender Linien zeigte. So sehr war der Schuhmacher in -einem Jahre abgemagert, daß der Kragen seines bunten Hemdes fingerbreit von -seinem dünnen Hals abstand. - -»Guten Morgen!« sagte Michael Petroff leise und heiter. »Freunde kommen!« -Der Advokat blieb scheu an der Türe stehen. - -Engelhardt erwiderte nichts. Ein Zittern durchlief seinen Körper, und seine -dünnen behaarten Hände zuckten zuweilen, ganz als ob er einem elektrischen -Strom von wechselnder Stärke ausgesetzt wäre. - -Michael Petroff lächelte und ging näher. »Wie befinden Sie sich, lieber -Freund?« sagte er leise und voller Anteilnahme, indem er sich über -Engelhardt beugte. »Der Arzt war heute nacht bei Ihnen?« - -Engelhardt rollte den Kopf auf dem Kissen hin und her. Er war erschöpft -nach einer schlaflosen Nacht und den Beruhigungsmitteln, die ihm der Arzt -verabreicht hatte. - -»Schlecht!« antwortete er tonlos. - -»Schlecht?« Michael Petroff zog besorgt die Brauen in die Höhe. »Es geht -ihm nicht gut, unserm Freunde!« wandte er sich an den kleinen Advokaten, -der immer noch an der Türe stand. - -»Haben Sie Schmerzen?« Michael Petroff beugte sich wieder über den Kranken -und näherte das Ohr seinem Munde. - -»Ja«, erwiderte Engelhardt tonlos und matt und murmelte in Petroffs Ohr. Es -hörte sich an, als bete er. - -Michael Petroff richtete sich auf und sah den kleinen Advokaten an. »Er -sagt, er sei mit seinen Kräften zu Ende, unser Freund. Er braucht eine neue -Seele, -- wie damals im Winter, als der Pfleger starb, erinnern Sie sich?« -Und in das Ohr des Leidenden rief er hinein, unnötig laut: »Ich werde mit -dem Doktor reden, Freund Engelhardt. Das ist des Doktors Sache. Er wird -Ihnen eine Seele verschaffen, so oder so!« - -Der kleine Advokat aber hüllte sich plötzlich enger in seinen Schal. Ihn -fröstelte. Für gewöhnlich blieben nur wenig Eindrücke in seinem Gedächtnis -haften, aber er erinnerte sich noch deutlich an den Tod des Pflegers -Schwindt, -- wie Michael Petroff zu ihm ins Zimmer kam und ihm -geheimnisvoll ins Ohr flüsterte: »Der Pfleger ist gestorben. Engelhardt -holte sich seine Seele, sehen Sie!« Nun ergriff ihn Schrecken bei dem -Gedanken, daß Engelhardt am Ende seine Seele fordern könnte, und nichts -fürchtete er mehr als den Tod. - -Der Tod lebte in seinem kranken, wirren Kopf als eine Gestalt, die -unsichtbar bis auf die Hände war. Plötzlich, oh, so plötzlich! würde er -neben ihm stehen, dicht an seiner Seite. Und eine entsetzliche Kälte würde -von ihm ausströmen, mit einemmal würden alle Blumen bereift umsinken und -die Millionen rascher Vögel erstarrt aus der Luft stürzen, und er selbst -würde in einen kleinen Schneehaufen verwandelt werden. - -Der Advokat zog den Kopf ein, so daß sich sein dünner grauer Bart über der -Halsbinde sträubte, und richtete die kleinen Mausaugen furchtsam auf -Michael Petroff und zitterte. - -Michael Petroff sah ihn erstaunt an. »Was haben Sie nur, lieber --?« sagte -er gedehnt und lächelte. »Sie ängstigen sich? Ja, weshalb, ich bitte Sie? -Ich werde sofort zu Doktor März gehen und ihm Freund Engelhardts Anliegen -vortragen. Er wird nicht zögern, wie ich ihn kenne, und alles ist in -Ordnung. -- Ich würde Ihnen ja gerne meine Seele zur Disposition stellen, -Freund Engelhardt, aber ich brauche sie selbst noch -- ich habe eine -Mission zu erfüllen, Sie wissen -- ich bin Napoleon, der jeden Tag eine -Schlacht schlägt, ich bin --« Aber er hielt plötzlich inne und lauschte. - -»Hören Sie, da ist der Doktor ja!« flüsterte er. »Er wird sogleich hier -sein --« - - * * * * * - -Doktor März war in den Pavillon eingetreten. Man hörte ihn auf dem Korridor -mit jemand sprechen, und alle drei im Zimmer des Schuhmachers lauschten. -Die Stimme des Arztes allein war imstande, ihren Gedanken eine andere -Richtung zu verleihen und flößte ihnen Hoffnungen, unbestimmte, aber -ungeheure Hoffnungen ein. Sie wirkte auf sie ähnlich wie eine Stimme auf -Verirrte wirkt, die sich in einer unbewohnten Öde verloren glaubten. Und -doch sprach Doktor März nicht viel, er war vielmehr ein Meister im Zuhören -geworden, der stundenlang am Tage den Klagen, den Beschwerden und hundert -Bitten seiner Patienten lauschte. Aber seine wenigen Worte hatten die -Kraft, aufzumuntern, zu trösten, zu erfreuen, und die Stimmung seiner -Patienten für den ganzen Tag zu beeinflussen. - -Der Advokat fror auf einmal nicht mehr, Michael Petroff lächelte aufgeregt, -und Engelhardt hatte den Punkt an der Decke losgelassen und richtete die -Augen auf die halb offenstehende Türe. Er hatte den Blick so stark -konzentriert, daß seine kleinen blendenden Augen zu schielen schienen. - -»Hören Sie, der Rajah spricht mit ihm!« sagte Michael Petroff und hob -lauschend den Finger. - -»Sie werden keineswegs bewacht, lieber Freund«, sagte die ruhige Stimme des -Arztes. - -Und eine fast noch ruhigere tiefe Stimme antwortete: »Ich hörte die Wache -die ganze Nacht vor meiner Türe auf und ab gehen, mein Herr! Ich hörte auch -die Trommel bei der Ablösung.« - -»Lieber Freund,« entgegnete der Arzt, »Sie haben geträumt.« - -»Nein!« fuhr der Mann fort, den Michael Petroff Rajah genannt hatte, »ich -entschuldige Sie, mein Herr. Sie tun nur Ihre Pflicht, ich weiß es. Allein -der Takt sollte es Ihnen verbieten, Ihre Maßnahmen in einer solch -auffallenden Weise zu treffen. Ich habe Ihnen mein Ehrenwort gegeben, -keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Sagen Sie das der englischen -Regierung, in deren Namen Sie mich hier festhalten. Ich habe ebensowenig -Waffen in meinem Zimmer verborgen. Ich ersuche Sie, zu revidieren.« - -»Ich weiß es recht wohl, mein Freund!« - -»Ich ersuche Sie, trotzdem zu revidieren.« - -Der »Rajah« gab sich erst zufrieden, nachdem ihm der Arzt eine sofortige -Revision versprochen hatte. - -Während des Gesprächs war Doktor März im Rahmen der Türe erschienen und -hinter ihm der »Rajah«. Doktor März war ein kleiner, in einen hellgrauen -Anzug gekleideter Herr mit gerötetem bartlosen Gesicht und einem raschen, -prüfenden und dabei doch sanften Blick, und der »Rajah« stand groß und -dunkel hinter ihm und füllte fast die ganze Türe aus. Der »Rajah« hatte -einen langen schwarzen Bart und ein dunkelbraunes kühnes Gesicht, aus dem -das Weiße der Augen abstach. - -Der »Rajah« war ein einfacher Volksschullehrer, der einige Jahre in Indien -an einer deutschen Schule gewirkt hatte. Während eines langwierigen Fiebers -hatte sich in ihm die Basis zu einer Wahnvorstellung gebildet, die nach der -Rückkehr in seine Heimat gänzlich Besitz von ihm ergriff. Er wähnte, ein -indischer Fürst zu sein, den die englische Regierung ins Exil geschickt -hatte. - -Er war ein sehr stiller und verschlossener Kranker, der nie mit den anderen -Patienten sprach. Seine Haltung drückte unermeßliche Ruhe und einen -anscheinend ganz natürlichen Stolz aus. Tagelang würdigte er keinen -Menschen eines Blickes. Er ging im Garten hin und her, ganz langsam, -betrachtete mit verächtlicher Miene Blumen und Bäume und saß jeden Abend, -wenn es das Wetter erlaubte, abseits auf einer Bank und blickte in die -sinkende Sonne, der er sein gebräuntes Gesicht zuwandte, bis sie -verschwand. Und während er in die sinkende Sonne blickte, brannten seine -schwarzen Augen von einem dunkeln, sehnsüchtigen Schmerz. Da sah er Palmen, -die in der Sonne zerschmolzen, so daß man nur ihre mit Feuerrändern -versehenen Kronen, nicht aber die Stämme sah, -- Elefanten, die würdig -dahinschritten, den kleinen braunen Treiber im Nacken, -- goldstrotzende -Tempel, braune halbnackte Volkshaufen, die mit Zweigen in der Hand -dahinhüpften und helle Schreie ausstießen, -- und da sah er auch sich, wie -er den großen Dampfer betrat, der ihn ins Exil bringen sollte, und das -braune Volk warf sich weinend auf dem Kai nieder. Ein heißer ungeheurer -Schmerz erfüllte die Seele des »Rajah«, und er stand auf und schob die -breiten Schultern etwas höher, als trage er eine schwere Last. Und er trug -sie! Nie klagte der »Rajah«, nie zeigte er Niedergeschlagenheit, nie zeigte -er auch nur im geringsten, was in ihm vorging. - -Auch in seinem Zimmer verhielt er sich ruhig. Nur selten hörte man ihn -sprechen, und nur manchmal -- im Schlaf -- stieß er einen gedehnten, -singenden Ruf aus, wie ihn die Straßenverkäufer im Orient hören lassen. - -Als Doktor März eintrat, verbeugte sich der kleine kahlköpfige Advokat, die -Mütze in der Hand, und drückte sich schüchtern an die Wand. Er empfand eine -grenzenlose Dankbarkeit für den Arzt, der ihn hier still und ruhig bei -seinen Blumen und Vögeln leben ließ, ohne je Bezahlung von ihm zu fordern. -Er wagte es heute nicht einmal, Doktor März um Brosamen für seine Vögel zu -bitten und sich über die nachlässigen Mägde in der Küche zu beschweren, -obgleich er es sich fest vorgenommen hatte. - -Den »Rajah« dagegen, der düster, und unnahbar im Gang stand, vermochte der -Advokat nicht ohne Scheu und eine innere leise Angst zu betrachten. Um ihm -seine Ergebenheit auszudrücken, verneigte er sich tief gegen ihn, und da -der »Rajah« ihn nicht beachtete, verbeugte er sich nochmals, während er die -Lippen flüsternd bewegte. Allein der »Rajah« würdigte ihn keines Blickes. -Einen Augenblick lang dachte der Advokat daran, näher zu treten und dem -»Rajah« die Hand zu küssen. Denn er erinnerte sich einer Begebenheit, die -sich scharf seinem Gedächtnis eingeprägt hatte: An einem Abend hatte er den -»Rajah« im Korridor getroffen und ihm seine Verbeugung gemacht. Sie waren -ganz allein. Da kam der »Rajah« auf ihn zu und sagte mit tiefer, gedämpfter -Stimme »Getreuer« und streckte ihm die Hand zum Kusse hin. »Warte!« sagte -der »Rajah« weiter. »Ich will dir meine Gunst bezeugen. Ich habe ja nicht -mehr viel von den Schätzen übrig, die ich mit ins Exil nahm, aber -- hier, -nimm, nimm!« Und der »Rajah« hatte ihm einen kleinen grauen Stein in die -Hand gedrückt. - -Michael Petroff dagegen betrachtete Doktor März mit einem lächelnden und -forschenden Blick, während er sich höflich gegen die Türe zurückzog. Er -beugte den Kopf dabei etwas in den Nacken, neigte ihn ein wenig auf die -Seite, und sah den, Arzt an, als ob er eine ganz besondere Nachricht von -ihm erwarte und als ob er genau wisse, daß Doktor März heute eine ganz -besondere Nachricht für ihn habe. So zuversichtlich sah er ihn an, und ein -Lächeln umspielte seinen schönen Knabenmund. - -Engelhardt aber, dessen Brauen vor Schmerz wie mit Klammern in die Höhe -gespannt waren, hatte sich im Bett halb aufgesetzt und trug dem Arzt seine -Leiden und Wünsche vor. Er sprach in der Kehle, rasch, murmelnd und fast -unverständlich, und seine Stimme klang wie das ferne Kläffen eines -Dorfhundes, das man in einer stillen Nacht hört. - -Daß er zu Ende sei mit seinen Kräften, -- der Mond saugt! -- daß ihn in der -Nacht Tausende von Menschen auf den Knien angefleht hätten, sie nicht der -Vernichtung preiszugeben, -- daß nur eine neue Seele ihm wieder Stärke -verleihen könne, -- daß er fühle, wie er sich mehr und mehr nach links -neige und das Weltall jeden Augenblick zusammenstürzen könne: all das stieß -er wirr und kaum verständlich heraus, die kranken Augen hilfesuchend auf -Doktor März geheftet. - -Doktor März hörte ernst zu, auch Michael Petroff und selbst der »Rajah«, -der unter die Türe getreten war. Und da alle so ernst zuhörten -- besonders -der »Rajah«, der seine großen glühenden Augen auf Engelhardt gerichtet -hatte -- so wurde der kleine Advokat wieder von seiner früheren Angst -gepackt. Es war ihm, als sänken seine Beine, in den Boden hinein, wie in -einen Sumpf, aber gerade in dem Moment, da die Angst wie eine große -schwarze Finsternis über ihn sinken wollte, setzte sich ein Vogel -zwitschernd auf das Fensterbrett, und der Advokat war wie verwandelt. - -»Ich komme!« flüsterte er hastig. - -»Bleiben Sie doch!« sagte Michael Petroff leise zu ihm und griff nach -seinem Arm. »Wohin denn?« - -»Er rief mich!« entgegnete der Advokat und schlüpfte rasch hinaus. - -»Wie er eilt!« dachte Michael Petroff und hörte sich selbst im Innern -lachen. Und später sagte er zu Doktor März, indem er ihm vertraulich die -Hand auf die Schulter legte: »Dieser Advokat ist gewiß ein kluger und -gebildeter Mann, -- und doch glaubt er, daß die Vögel ihn rufen! Unter uns, -Doktor, haben Sie nie den Gedanken gehabt, daß es mit ihm nicht ganz in -Ordnung ist --?« - - * * * * * - -Nach Tisch ergingen sich wie gewöhnlich die Patienten des Doktor März im -Garten. Sie trotteten in kleinen Trüppchen hintereinander her, immer um das -große Blumenbeet herum, in gleichen Abständen, schweigsam, in Gedanken -versunken. Nur der »Erfinder,« ein junger Mann, blieb zuweilen stehen, -stemmte die Hand in die Seite, legte den Finger an die Stirn und fixierte -einen Punkt am Boden. - -Der Advokat begoß seine Blumen und lauschte verzückt auf das Zwitschern der -tausend und abertausend Vögel, die in den Büschen und Wipfeln hüpften. -Michael Petroff war in ganz ausgezeichneter Laune. Es gab da Neuigkeiten ---! Man höre, man höre! Er rauchte, jeden Zug genießend, eine Zigarette, -die ihm Doktor März verehrt hatte. Die Zigarette schwang er zwischen den -kokett gespreizten Fingern in großem Bogen, als zöge er grüßend den Hut, -und so oft er einen Zug nahm, blieb er stehen und blies den Rauch senkrecht -in die sonnige Luft empor und sah zu, wie der blaue Rauch zerging. Aus -allen Dingen strömte ihm Entzücken zu. Selbst das Gehen empfand er als eine -Lust. Er machte kleine Schritte, drückte die Knie durch und fühlte mit -Vergnügen die elastische Behendigkeit, mit der sich seine zuweilen leise -knackenden Zehen und seine Ballen in den dünnsohligen Schuhen vom Boden -abstießen, während seine Fersen den Weg nur flüchtig berührten, und das -Spielen seiner Knie. Blieb er aber stehen, so spannte er die Muskeln seiner -Schenkel durch Eindrücken der Knie an, und empfand wiederum Vergnügen über -die Festigkeit, mit der er dastand, wie eine Statue. Er war überzeugt, daß -nichts ihn hätte umwerfen können. Lächelnd und Seligkeiten mit den Blicken -austeilend ging er dahin, er grüßte jeden, und so oft er einen Bekannten -traf, erzählte er ihm das große Ereignis, das heute eingetreten war. - -»Hören Sie, mein Freund!« rief er dem kleinen Advokaten zu, der in einer -Rasenfläche stand und sich mit der Gießkanne über ein Tulpenbeet beugte, um -die Blumen in der Mitte zu begießen. »So kommen Sie doch heraus! Es gibt -Neuigkeiten! Nun, so kommen Sie doch endlich!« - -Er wartete in liebenswürdiger Ungeduld, bis der Advokat fertig war und auf -den Weg trat, um mit der leeren, grünen Kanne zum Brunnen zu gehen. »Ich -will Ihnen erzählen, was sich heute ereignete,« begann er dann rasch, -»Seine Majestät der König von Sachsen haben geruht --« - -»Verzeihen Sie,« unterbrach ihn flüsternd der Advokat und fing an zu gehen, -»es ist heiß, ich habe es eilig. Die Blumen vertrocknen.« - -»Ich gehe mit Ihnen zum Brunnen,« fuhr Michael Petroff gut gelaunt fort und -ging rasch neben dem eilenden Advokaten her, »ich kann es Ihnen ja -ebensogut im Gehen erzählen. Ich sage also heute zum Doktor: >Nun, Doktor, -für mich haben Sie heute nichts?< >Nein,< sagt er, >lieber Kapitän, leider -nichts.< >Gar nichts,< sage ich und fasse ihn am Arm, >seit Wochen ist -keine einzige Antwort eingelaufen? Wirklich nichts, Doktor?< Er sieht mich -an und denkt nach. >Ach ja,< sagt er, >ich hätte es beinahe vergessen. Es -ist ein Schreiben eingelaufen. Es betrifft diesen Tischlergesellen, Sie -wissen, lieber Kapitän?< >Tischlergesellen? Doktor? Ich erinnere mich -nicht< -- ich ziehe mein Taschenbuch heraus, in das ich alle ausgehenden -Schriftstücke eintrage: >Woher kam die Antwort? Aus Sachsen? Ah,< sage ich, ->dann betrifft es jenen Schlächtergesellen, den man zum Tode verurteilt -hatte.< >Ja,< sagt der Doktor, >ganz richtig, ein Schlächtergeselle war der -Bursche.< Und nun hören Sie, lieber Freund: Seine Majestät der König von -Sachsen haben geruht, ihn auf meine Petition hin zu begnadigen. Ich werde -noch heute ein Dankschreiben an Seine Majestät entwerfen.« - -»Wie sie heute sticht, die Sonne«, antwortete der Advokat auf Michael -Petroffs Erzählung und begann den Pumpenschwengel zu ziehen. »Die Blumen -sehen alle so matt aus.« - -»Hahaha!« Michael Petroff lachte. »Sie hören ja gar nicht zu? Wie?« - -Nein, der Advokat hörte nicht zu. Er sah in die Kanne, ob sie voll wäre. - -Michael Petroff betrachtete ihn eine Weile mit zur Seite geneigtem Kopf, -dann lachte er still vor sich hin und ging rasch weiter. Er blickte über -den Garten und suchte nach jemand, dem er die frohe Botschaft erzählen -könnte. - -Da entdeckte er den »Rajah«, der im Gemüsegarten, zwischen zwei Salatbeeten -hin und her ging. Seiner Gewohnheit gemäß war der »Rajah« allein und da, wo -sonst niemand war. - -Michael Petroff wippte sich auf den Zehen und dachte einen Augenblick -daran, mit einem einzigen Sprung über die Beete zu setzen, die ihn, etwa -hundert Schritt breit, von dem »Rajah« trennten. Er brauchte sich ja nur -ein bißchen in die Höhe zu schnellen und wäre dort. Aber er befürchtete -unhöflich gegen den »Rajah« zu sein, ihn vielleicht zu erschrecken, und -unterließ es. - -Der »Rajah« ging so stolz und würdevoll einher wie gewöhnlich, aber heute -war er unruhig und nachdenklich. Die Worte Engelhardts, der das Weltall im -Gleichgewicht hielt, daß es nicht in Trümmer stürze, hatten seinen Sinn -gefangen genommen. Er dachte darüber nach, und nach langem unerbittlichen -Nachdenken war er zu dem Schlusse gekommen, daß es nur noch eines gäbe -- -eines -- -- - -Da trat Michael Petroff an ihn heran. - -»Erlauben Sie, daß ich störe!« sagte er höflich und zog die graue englische -Reisemütze. »Kapitän Michael Petroff!« - -Der »Rajah«, sah ihn mit seinen schwarzen brennenden Augen ernst an. - -»Was willst du?« fragte er ruhig. - -Michael Petroff lächelte. »Ich möchte Ihnen gerne eine freudige Neuigkeit -mitteilen«, begann er. »Heute morgen also sage ich zum Doktor: >Nun, -Doktor, haben Sie nichts für mich, heute --?<« -- Und er erzählte -freudestrahlend dieselbe Geschichte, die er heute schon dutzendmal erzählt -hatte. - -Der »Rajah« hörte schweigend zu, während er Michael Petroff nachdenklich -betrachtete. Dann sagte er: »Ich möchte gerne mit dir sprechen.« - -»Ich stehe Ihnen zur Verfügung!« - -Der »Rajah« ließ seine Augen langsam und würdevoll über den Garten -schweifen. - -»Wollen wir zu jener Bank gehen!« - -»Mit Vergnügen.« - -Der »Rajah« setzte sich und lud Michael Petroff mit einer herablassenden -Handbewegung ein, ebenfalls Platz zu nehmen. - -»Ich sehe dich immerfort schreiben --« begann er. - -Michael Petroff lüftete die Mütze: »Michael Petroff, Kapitän der russischen -Armee«, sagte er höflich. - -Der »Rajah« sah ihn an und fuhr hierauf mit der gleichen Ruhe und Hoheit -fort: »Wenn du schreibst, so mußt du wissen. Und gewiß hast du Weisheiten -über Menschen und Dinge aus den heiligen Büchern geschöpft, die uns andern -verschlossen bleiben, und dein Leben gemäß den Vorschriften deiner Kaste in -Meditationen verbracht. Gut, so lege mir die Worte des Fakirs aus, der nach -dem unerforschlichen Ratschluß der Götter das Weltengebäude auf den -Schultern trägt! Sprich!« - -Michael Petroff lächelte geschmeichelt und verbeugte sich gegen den -»Rajah«. Er verstand zwar nicht alles, was der »Rajah« sprach, aber er -fühlte Hochachtung und Verehrung aus seinen Worten. Er fand, daß er -gewissermaßen die Verpflichtung habe, den »Rajah« in das Geheimnis seiner -Zeitung einzuweihen, aber zu seiner eigenen Überraschung fragte er: »Sie -meinen Freund Engelhardt?« - -»Du hörtest, was er sagte?« - -»Ja!« - -»So sprich!« Es zeigte sich, daß der »Rajah« kein einziges Wort, das -Engelhardt zu Doktor März sagte, vergessen hatte; Michael Petroff dagegen -wußte nahezu nichts mehr und zog sich den Unwillen des »Rajahs« zu. - -»Pardon!« entschuldigte er sich. »Es gehen mir so viele Dinge durch den -Kopf.« - -»Was aber wird geschehen, wenn er keine neue Seele erhält?« fragte der -»Rajah« weiter. - -»Oh, der Doktor wird wohl Sorge tragen.« - -»Auch Fakire sind nur Menschen. Was wird geschehen, wenn ihm die Kräfte -versagen? Wird die Welt einstürzen?« - -»Sie wird einstürzen!« erwiderte Michael Petroff und mußte lachen. - -»Weshalb lachst du da?« sagte der »Rajah« ruhig, und seine dunkeln Augen -funkelten. »Was wirst du tun, wenn sie einstürzt?« - -»Ich?« Michael Petroff lächelte und deutete auf den Pavillon, der durch die -Büsche schimmerte. »Wenn dieses Haus dort einstürzt,« fuhr er fort, »so -werde ich mich rasch davon machen und in meine Heimat zurückkehren. Meine -Heimat ist Rußland. Sie kennen Rußland? Sie können Deutschland auf der Hand -forttragen, Rußland aber nicht einmal auf dem Rücken. So groß ist meine -Heimat.« - -Der »Rajah« dachte lange und angestrengt nach. Dann sagte er, langsam und -mehr für sich selbst: »Wenn die Welt einstürzt, wird dann auch mein Reich -einstürzen? Die Berge mit den Tempeln, die Wälder und Städte, wird all das -zerstört werden?« - -Michael Petroff nickte und lächelte schadenfroh. »Ich glaube wohl!« - -Auch der »Rajah« nickte nun. Er neigte einigemal langsam sein Haupt. »All -meine Untertanen werden zu Grunde gehen?« fragte er und nickte. Er stand -auf und schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er ernst und sah Michael Petroff -an. »Das soll nicht sein! Wir wünschen es nicht.« - -Der Rajah ging. Langsam und würdevoll schritt er in der Sonne dahin dem -Pavillon zu. - -Michael Petroff sah ihm nach. Er lächelte und schüttelte den Kopf. »Was für -ein wunderlicher Mensch er doch ist!« sagte er und lachte. Und als er sein -Lachen hörte, lachte er nochmals laut und fröhlich und schnippte mit den -Fingern dazu. »Hahahaha!« - - * * * * * - -Der »Rajah« aber trat in Engelhardts Zimmer und teilte ihm mit, daß er -gesonnen sei, ihm seine Seele zu überlassen. »Wenn die Götter mein Opfer -annehmen wollen.« - -Engelhardt, der wie tot auf dem Bett lag, öffnete die Augen und sah ihn an. - -»Wollen Sie?« keuchte er und seine Hände und sein Gesicht zuckten. - -»Ja.« - -»Drei Tage will ich noch kämpfen!« keuchte Engelhardt. - -Der »Rajah« zog die Türe zu. Er begab sich in sein Zimmer und schrieb mit -großen, fliegenden Buchstaben, die alle in verschiedene Richtungen -flatterten, einen kurzen Brief an Doktor März. - -»Euer Hochwohlgeboren,« so schrieb er, »der Himmel hat es beschlossen. Wir -sollen den blauen Fluß nicht mehr sehen. Wir sollen die überschwemmten -Reisfelder nicht mehr sehen und nicht mehr die weißen Elefanten, deren -Zähne goldne Ringe tragen. Der Himmel hat es beschlossen und wir gehorchen. -Sagen Sie der englischen Regierung, daß wir erhaben sind über das Gefühl -der Rachsucht und Bitterkeit. Sagen Sie der englischen Regierung, daß wir -gesonnen sind, unsere Untertanen zu retten und unsere Seele preisgeben, -wenn den Göttern das Opfer gefällt.« - -Der »Rajah« klingelte dem Pfleger und übergab ihm ruhig und voll Würde das -Schreiben. Dann entkleidete er sich und legte sich zu Bett, bereit zu -sterben. - - * * * * * - -Am Abend, als es dunkelte, kam der Advokat verstört in das Zimmer Michael -Petroffs gestürzt, ohne anzuklopfen, ohne unter der Türe zu warten, wie er -es sonst zu tun pflegte. - -»Helfen Sie mir, Kapitän!« flüsterte er und flüchtete sich in die Arme des -erstaunten Michael Petroff. Der Advokat zitterte vor Entsetzen. - -»Was in aller Welt --?« rief Michael Petroff erstaunt und erschrocken aus. - -»Er steht im Gange!« flüsterte der Advokat. - -»Wer? Was haben Sie?« - -»Engelhardt! Er steht vor der Türe des >Rajah<. Er holt sich seine Seele.« - -»Was sagen Sie da?« Michael Petroff lachte leise. - -»Ich sah ihn stehen. Lassen Sie ihn nicht zu mir kommen, oh, du guter -Gott!« - -»Pst!« unterbrach ihn Michael Petroff. »Ich werde nachsehen.« - -Der Advokat umklammerte seine Füße. »Er wird hereinkommen, oh, mein Gott, -mein Gott!« - -»Lieber Freund,« versetzte Michael Petroff, »fassen Sie sich. Er soll nicht -hereinkommen. Ich verspreche es Ihnen. Aber ich will sehen!« - -Der kleine Advokat kauerte auf dem Boden und bedeckte das Gesicht mit den -Händen. Michael Petroff aber ging hinaus. Nach einer Weile kam er zurück. -Er sah etwas blaß aus, aber er lachte, um sich Mut zu machen. - -»Ja,« sagte er gedämpft, »da steht er an seiner Türe und lauscht. Weshalb -zittern Sie so, lieber Freund?« - - -»Verlassen Sie mich nicht!« flüsterte der Advokat, immer noch die Hände vor -dem Gesicht. - -Der »Rajah« lag auf dem Bett, die großen Augen mit einem glänzenden Blick -in die Ferne gerichtet, und regte sich nicht, über sein gebräuntes Gesicht -war eine hoheitsvolle Ruhe und Gelassenheit ausgegossen. Er weigerte sich -aufzustehen und wies jede Nahrung zurück. Doktor März maß die Temperatur -und fand sie einigermaßen niedrig, den Puls etwas langsam, irgendwelche -Symptome einer gesundheitlichen Störung oder Anzeichen einer nahenden -Krankheit konnte er aber nicht entdecken. Er redete dem »Rajah« mit -freundlichem Ernst zu, aufzustehen und zu essen, da der »Rajah« ihm aber -nicht antwortete, ließ er ihn in Ruhe. Er war an die Launen seiner -Patienten gewöhnt und wußte, daß sie ebenso rasch gingen, wie sie kamen. - -Dagegen machte ihm Engelhardt ernstlich Sorge. Er hatte trotz aller -Dauerbäder und Beruhigungsmittel die Nacht wiederum schlaflos und erregt -verbracht. Nun lag er in einer Art Halbschlaf und zitterte und zuckte unter -der Anstrengung, die sein schrecklicher Wahn von ihm forderte. Er vernahm -Stimmen, das Geschrei von Millionen von Menschen, die die Hände nach ihm -rangen und ihn anflehten, sie nicht der Vernichtung preiszugeben, er hörte -das Läuten der Glocken, die Bittgesänge von Prozessionen, die Gebete der -Kaiser und Könige, Bischöfe und Päpste. Seine Haut war trocken und spröde, -sein Puls hüpfend und unstet. Doktor März saß lange Zeit neben seinem Bett -und beobachtete ihn, während er, zuweilen blinzelnd, sein ganzes Wissen und -alle seine Erfahrungen blitzschnell in Gedanken durchflog. Dann verließ er -Engelhardt mit einer nachdenklichen und ratlosen Miene. - -Nach einer Stunde aber war er schon wieder bei ihm. - -Die Patienten des Pavillons wurden von einer sonderbaren Nervosität -ergriffen, die sich stets bei ihnen einstellte, wenn die häufigen Besuche -des Arztes darauf hindeuteten, daß jemand schwer krank war. Sie gingen mit -behutsamen Schritten, sprachen nur halblaut, und manche verließen das -Zimmer überhaupt nicht. Der kleine Advokat wagte kaum sich zu regen und bat -die tausend Vögel, die mit ihm im Zimmer lebten, recht ruhig zu sein, als -er ihnen Brosamen und Wasser auf den Tisch stellte. Wieder und wieder zwang -ihn eine unbekannte Macht durch das Schlüsselloch zu sehen. Da stand er -lange Zeit, die Hand in der Art der Kinder auf das linke Auge gepreßt und -spähte mit dem rechten durch das Schlüsselloch hinaus auf die weiße Wand -des Korridors. Sobald aber ein Vorübergehender den Ausblick verdeckte, fuhr -er erschrocken zurück. Wenn er hinaus zu seinen Blumen mußte, so öffnete er -lautlos und langsam die Türe und ging rückwärts, die Augen auf Engelhardts -Türe gerichtet, bis zu den Stufen. Hier drehte er sich rasch um und eilte -hinab, immer in der Furcht, daß ihn plötzlich eine Hand am Rockkragen -festhalten werde. - -Michael Petroff war der einzige, dem die allgemeine Unruhe nichts anhaben -konnte. Er saß an seinem Schreibtisch, schnitt seine Fälle aus, numerierte, -registrierte, klebte, schrieb. Er schüttelte lächelnd den Kopf über die -Furcht des kleinen Advokaten, versprach ihm aber für alle Fälle seinen -Schutz. - -»Seien Sie ganz ruhig, lieber Freund!« sagte er gönnerhaft. »Solange ich -lebe, haben Sie keine Ursache, sich zu beunruhigen!« Und mit wichtiger -Miene fügte er hinzu: »Ich war bei ihm. Er erzählte mir, daß der >Rajah< -ihm seine Seele versprochen habe. Nun, was weiter? Voilà tout. Sie aber -verlassen sich auf Michael Petroff!« - -»Ich danke Ihnen!« flüsterte der Advokat und griff nach Michael Petroffs -Hand, um sie zu küssen. - -»Nicht das! Wozu?!« wehrte Michael Petroff ab, fühlte sich aber doch -geschmeichelt und geehrt. - -Der Advokat verließ ihn ruhiger. In der Nacht aber hörte er Engelhardt -rufen und verkroch sich zähneklappernd unter die Bettdecke. Nun war es ihm, -als sei er in die Erde eingegraben, in einen hohen Berg und vermochte vor -Angst kaum zu atmen. Da aber sah er plötzlich einen ungeheuren Schwarm von -Vögeln, die pfeilschnell in einer leichten Biegung über den Himmel glitten. -Er winkte und rief empor: »Wohin? Wohin?« -- »Komm mit! Komm mit!« -zwitscherten die Vögel zur Antwort. »Nach Wien! nach Wien!« und sie glitten -in die Ferne. Der Advokat sah ihnen nach und schlief ein. - - * * * * * - -Die Kräfte des »Rajahs« schwanden zusehends, obgleich Doktor März ihm -künstlich Nahrung zuführen ließ. Rasch wie die Dämmerung in den Tropen -erlosch er. Sein braunes Gesicht und seine braunen Hände hatten eine graue, -fahle Färbung angenommen, wie trockene Gartenerde, und seine mächtige -breite Brust hob und senkte sich rasch und lautlos unter der Decke. Seine -Lider, die fahler aussahen als das Gesicht, waren halb über die Augen -gesenkt, aber sobald jemand ins Zimmer trat, hoben sie sich langsam, und -ein großer glänzender Blick traf fragend den Eintretenden. - -Der Puls wurde dünn und fliehend, und Doktor März saß fast die ganze Zeit -am Bett des Kranken. Der rasche Verfall seiner Kräfte war ihm -unverständlich und besonders besorgt machte ihn das unerklärliche, rapide -Nachlassen des Herzens. Er saß und blinzelte zuweilen, beobachtete, dachte, -versuchte alles nur Denkbare, -- und am Abend wußte er, daß der »Rajah« -nicht mehr zu retten war. - -»Wie geht es ihm, Doktor?« fragte Michael Petroff, der im Korridor dem Arzt -aufgelauert hatte, und deutete mit dem Kopf auf die Tür des »Rajah«. - -»Nun, nicht schlecht!« antwortete Doktor März zerstreut. - -Michael Petroff lachte leise hinter ihm her. Dann ging er sofort ins Zimmer -des Advokaten. - -»Der >Rajah< stirbt!«, sagte er mit einem triumphierenden Blick. - -Der Advokat sah ihn furchtsam von unten herauf an; er entgegnete nichts. - -»Ja!« Michael Petroff setzte sich in einen Rohrstuhl und zog die -Beinkleider etwas in die Höhe, damit sich die Knie nicht herausdrückten. -»Ich frage eben den Doktor. Er sagt: nicht schlecht. Nun, das heißt, der ->Rajah< stirbt. Als Heinrich starb, Heinrich, der die lustigen Lieder sang, -über die Sie so lachen konnten, mein Freund, was sagte da der Doktor? Nicht -schlecht! Und Heinrich starb. Ja, ich verstehe mich auf Ärzte.« - -Der kleine Advokat hüllte sich in seinen Schal. Ihn fröstelte. - -»Er saugt ihm die Seele aus dem Leib«, fuhr Michael Petroff mit wichtiger -Miene fort. »Er versteht seine Sache, dieser Engelhardt. Wie machte er es -damals mit dem Pfleger Schwindt? Genau so, sehen Sie!« - -Und Michael Petroff ging, sich fröhlich die Hände reibend. Er fühlte sich -angeregt von all dem, was um ihn vorging, von all den Dingen, die er -durchschaute. Es gab da Neuigkeiten --! In vorzüglicher Laune setzte er -sich an den Schreibtisch, um seinen Artikel: Doktor März verhaftet! -durchzufeilen. - - * * * * * - -In dieser Nacht, gegen drei Uhr, starb der »Rajah«. - -Die Nacht war warm und still und so hell vom Mond, daß man im Freien lesen -konnte. Die Patienten waren unruhig, sie räusperten sich, gingen auf und ab -und sprachen mit sich. Zuweilen aber wurden sie alle still: das war, wenn -Engelhardt zu schreien anhob. Ich kann nicht mehr! Und dazwischen -deklamierte er laut die Ansprachen, die die Könige und Fürsten, die vor ihm -knieten, an ihn richteten. - -Der kleine Advokat hatte es nicht gewagt, sich niederzulegen. Er saß -angekleidet auf dem Sofa, in all seine Decken gehüllt. Und doch fror er, -daß ihm die Zähne klapperten. Wenn Engelhardt zu schreien anfing, bewegte -er betend die Lippen und schlug das Kreuz. - -Michael Petroff aber hatte sich, unbekümmert um alles, zu Bett gelegt. Er -lag, die Arme unter dem Kopf, und dachte über einen geeigneten Titel seiner -Zeitung nach. Denn diesmal wollte er den Doktor überrumpeln, packen, -- ja, -warte nur! Was aber sollte ein Titel wie der »Unparteiische« sagen, bitte -schön? War damit diesem hartgesottenen Doktor beizukommen? Wie? O nein, -nein, ganz und gar nicht. Der Titel mußte nach Feuer und Schwefel riechen, -wie ein Schwert, das geschwungen wird, mußte er sein, wie die Öffnung eines -Gewehres, das auf den Doktor gerichtet war. -- Doktor März mußte -erschrecken, wenn er den Titel las! Und nach langem Nachdenken entschloß -sich Michael Petroff, seine Zeitung diesmal »Schwert des Erzengels« zu -nennen. Er sah diesen Erzengel deutlich dahinfahren, schräg, mit -fürchterlich wehenden Gewändern und erschreckend verzerrter Miene, das -Schwert mit beiden Händen ein wenig nach hinten geneigt in die Höhe -haltend. Und dieses Schwert, das rasiermesserscharf und hinten sehr breit -war, schlitzte das Firmament auf, und ein dampfender blutroter Streifen -wurde sichtbar. Dieser rote dampfende Streifen erfüllte Michael Petroff mit -einem starken Wollustgefühl. Er setzte sich auf und sagte: »Warte nur, -haha!« - -Plötzlich aber legte er die Hand über die Augen. Ein dunkler, wehmütiger -Schmerz hatte ihn überfallen, und er wußte nicht warum. - -»Michael Petroff --?« sagte er leise, »Michael Petroff --?« und Tränen -traten in seine Augen. So, die Hand über den feuchten Augen und einen -dunkeln Schmerz im Herzen schlief er ein. - -Er lag in tiefem Schlaf, als ihn ein Pochen an der Tür weckte: »Ich bin es, -der Pfleger, erschrecken Sie nicht.« - -»Was gibt es?« - -Der Pfleger trat ein und sagte halblaut: »Herr Doktor März läßt Sie -ersuchen zu kommen. Der Lehrer möchte Sie sprechen.« - -»Der Lehrer?« - -»Der >Rajah<, Sie wissen ja.« - -»Sie wissen nicht, was er von mir will?« - -»Nein, Doktor März läßt Sie ersuchen.« - -»Gut, ich komme.« - -Michael Petroff erhob sich und machte langsam und sorgfältig Toilette. Der -Pfleger kam zurück und bat ihn, sich beeilen zu wollen. Michael Petroff -band sich sorgfältig die Krawatte. »Ich komme ja schon,« sagte er unwillig, -»ich kann doch nicht halb angekleidet einen Besuch machen.« - -Endlich war er fertig; er besah sich noch rasch im Spiegel, strich den -Schnurrbart zurecht und ging hinaus. - -»Herr Kapitän!« flüsterte der kleine Advokat durch die Türspalte, denn das -Klopfen und Sprechen in Petroffs Zimmer hatte ihn noch ängstlicher gemacht. -»Ich flehe Sie an --!« - -»Ich habe Eile«, antwortete Michael Petroff und schritt den Korridor -entlang. Er hörte Engelhardt in seinem Zimmer deklamieren: »Wir stehen zu -dir, zerstöre nicht den Dom der Welt, gepriesen sei dein Name!« Und mit -veränderter, keuchender Stimme fuhr Engelhardt fort: »Ich kämpfe, ich -kämpfe --!« Oben im ersten Stock ging ein Schritt hin und her, ruhelos, -immer auf und ab, wie das ferne Stampfen einer Maschine. - -Da öffnete der Pfleger die Tür zu dem Zimmer des »Rajah« und Michael -Petroff trat ein. - -»Guten Morgen!« sagte er laut und heiter, als sei es lichter Tag und der -»Rajah« nicht dem Tode nahe. »Guten Morgen, Doktor! Hier bin ich. -- Guten -Morgen -- Fürst!« fügte er nach einem Blick auf den »Rajah« leiser hinzu. -»Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee.« - -Der Anblick des »Rajah« hatte Michael Petroff betroffen gemacht. Der -»Rajah« saß aufrecht im Bett, die großen schwarzen Augen auf ihn gerichtet. -Ihm zu Häupten brannte eine verschleierte elektrische Lampe, aber trotz des -Halbdunkels leuchtete das von schwarzen Haupt- und Barthaaren umrahmte -Gesicht des »Rajah« wie dunkles Gold, ja, es glänzte. Und gerade dieses -Glänzen hatte Michael Petroff betroffen gemacht, so daß er leiser sprach -und die Anrede »Fürst« gebrauchte. Er hatte eigentlich nie ernsthaft -darüber nachgedacht, wer der »Rajah« war. Er war ein Fürst, der irgendwo -ein großes Reich besaß, in der Verbannung lebte, nun, Michael Petroff -glaubte es, ohne sich dabei etwas zu denken. In diesem Augenblicke jedoch -begriff er, daß der »Rajah« ein Fürst war, und er veränderte vollkommen -seine Haltung. - -»Sie beliebten mich rufen zu lassen?« sagte er, etwas verwirrt und -unsicher, und verbeugte sich. - -Der »Rajah« wandte das Antlitz Doktor März zu. - -»Mein Herr,« sagte er mit ruhiger tiefer Stimme, deren Klang getrübt war, -»ich danke Ihnen. Sie hätten mir, der ich Ihr Gefangener bin, diese Gunst -verweigern können, ich weiß es.« - -»Lieber Freund --«, antwortete der Arzt, aber der »Rajah« beachtete ihn gar -nicht mehr. - -»Ich habe dich rufen lassen,« wandte er sich an Michael Petroff, »damit du -meinen letzten Willen niederschreibst.« - -»Zu Ihrer Verfügung«, erwiderte Michael Petroff mit einer leichten -Verbeugung. - -»So schreibe, was ich dir sage.« - -Michael Petroff betastete verwirrt seine Taschen. »Ich eile,« sagte er, -»ich werde sofort --« und verließ rasch das Zimmer, um in seinem Bureau -Papier und Blei zu holen. - -»Michael Petroff --?« flüsterte stehend der kleine Advokat. »Sie verlassen -mich --?« - -»Der Rajah befiehlt!« entgegnete Michael Petroff ungehalten und eilte an -den ausgestreckten kleinen Händen des zitternden Advokaten vorbei, zurück -in das Sterbezimmer. - -»Hier bin ich, Verzeihung«, stammelte er atemlos. - -»So schreibe!« sagte der »Rajah«. - -Michael Petroff setzte sich zurecht und der »Rajah« begann: - -»Wir, Rajah von Mangalore, verbannt von der englischen Regierung, die wir -sterben, erhaben über das Gefühl der Rachsucht für unsere Feinde, um unsere -Untertanen zu erretten, geben unserem Volke kund: - -Gruß dir, unser Volk! Gruß euch, Palmenwäldern, die die Tempel unserer -Väter beschatten! Gruß dem blauen Fluß, der unser Land erquickt!« -- - -Michael Petroff, der eifrig und hingegeben niederschrieb, was der »Rajah« -diktierte, blickte auf, da der »Rajah« eine Pause machte. Da sah er, daß -aus den glänzenden schwarzen Augen des »Rajahs« zwei große Tränen rannen, -die über seine leuchtenden fahlen Wangen liefen und in den Bart sickerten. - -Der »Rajah« hob die Hand zu einer erhabenen Gebärde. Dann fuhr er fort, bis -ans Ende gleich ruhig und hoheitsvoll: - -»Wir erlassen eine allgemeine Amnestie! Alle unsere Kerker und Gefängnisse -sollen sich öffnen und in Asche gelegt werden. Fortan werde kein Blut mehr -vergossen!« - -»Oh, Herr -- -- Fürst!« flüsterte Michael Petroff und schrieb. - -»Es gebe keine Arme mehr in unserem Land, und niemand soll mit der Schale -betteln gehen. Das Vermögen in unseren Kammern sei zu gleichen Teilen unter -das Volk verteilt. Es gebe fortan weder Kasten noch Stände. Jedermann sei -dem andern gleich und alle seien Brüder und Schwestern. - -Die Greise sollen ihre Hütte haben, um darin zu sterben, und den Kindern -vermachen wir die Wiesen, darauf zu spielen. Den Kranken schenken wir -Gesundheit und den Unglücklichen Schlaf, tiefen Schlaf. Es soll keine -Kriege mehr geben und keinen Haß mehr zwischen den Völkern, gleichviel -welcher Farbe, so bestimmen wir es. Die Richter seien weise und gerecht, -und wer Unrecht tat, dem soll man sagen: geh und sei glücklich, denn das -Schlechte kommt aus dem Unglück hervor. - -Den Menschen vermachen wir die Erde, daß sie sich darin teilen vermögen, -den Fischen das Wasser und Meer, den Vögeln den Himmel und den Tieren die -Wälder und die Auen, die darin versteckt liegen! - -Dich, unser Volk, aber segnen und küssen wir, die wir sterben.« - -Der »Rajah« hob die Arme segnend empor und sank in die Kissen zurück. - -Alle im Zimmer blieben still und sahen auf ihn, dessen Brust rasch und -unmerklich ging und dessen Lider über die Augen herabgesunken waren und wie -helle Flecke in seinem Gesicht erschienen. - -Doktor März trat leise an das Bett heran. - -Da lächelte der »Rajah«. Er bog den Kopf zurück, öffnete die Lippen, und es -sah aus, als wollte er singen. Aber nur ein feiner singender Ruf, der ganz -hoch ausklang, kam über seine Lippen, so fein und fern, als rufe der -»Rajah« schon aus weiter Ferne. Es war der Ruf der Straßenverkäufer im -Orient. - -Der »Rajah« war tot. - -Michael Petroff stand auf den Zehenspitzen und blickte mit halboffenem Mund -in das fahle, unverständlich schöne Gesicht, das aus den schwarzen Haaren -schimmerte. Ein beschämendes Gefühl erfüllte ihn. So lange hatte er mit dem -Toten gelebt, ohne zu denken, wer er war. Er hätte niederknien mögen bei -dem Bett des Toten und flüstern: »Fürst, mein Fürst!« Aber er wagte es -nicht, sich zu nähern, er fürchtete sich und stahl sich aus dem Zimmer. - - * * * * * - -Als Doktor März nach einer geraumen Weile auf den Korridor heraustrat, -überraschte ihn die Ruhe des Pavillons. Kein Laut war zu hören. Der dumpfe -Schritt oben, der stundenlang hin und her gegangen war, war verstummt. Und -Engelhardt hatte aufgehört zu schreien und zu stöhnen. - -Doktor März trat an die Türe des Schuhmachers. Es war totenstill darinnen. -Er öffnete und lauschte: Engelhardt -- schlief! Tief und regelmäßig ging -der Atem . . . Doktor März schüttelte den Kopf und verließ nachdenklich den -Pavillon. Auf der Treppe zum Garten zündete er sich eine Zigarre an und -stülpte den Rockkragen hinauf. Ihn fröstelte. - -Nun schläft er, dachte er, während er durch den nächtigen Garten ging, -dessen Büsche lange fahle Schatten warfen. Ist irgendein Zusammenhang -zwischen dem Tod des Lehrers und dem Schlaf Engelhardts anzunehmen? Und er -dachte weiter an einen Kollegen, der auf jeden Fall einen Zusammenhang -konstruieren würde, und daran, daß er sich jetzt auf eine Tasse starken -Kaffees freue, -- da blieb er leicht erschrocken stehen: im Mondlicht -bewegte sich ein kleiner vermummter Mensch. Es war der Advokat. - -Der kleine Advokat hatte die ganze Nacht zitternd und frierend in seinem -dunklen Zimmer verbracht. Aber als der erste Hahn krähte, hatte er sich aus -dem Pavillon geschlichen, um seine Blumen zu begießen. - -»Pst, pst!« flüsterte er den tausend Vögeln zu, die in den Büschen zu -zwitschern begannen, sobald er sich näherte. »Schlaft noch ein wenig, ihr -Kleinen!« - -Und als er die Blumen begoß, hatte er die Nacht, den »Rajah« und -Engelhardt, der eine Seele brauchte, vergessen und lächelte. »Guten Morgen, -ihr Lieblinge,« sagte er leise und nickte, »da bin ich, da habt ihr mich -wieder.« - -Im Zimmer Michael Petroffs aber brannte Licht. - -Michael Petroff saß an seinem Schreibtisch, lächelnd und gutgelaunt, und -schrieb eifrig. Denn der Eindruck, den der Tod des »Rajahs« auf ihn machte, -hatte sich ebenso rasch verflüchtigt, wie die Tränen, die er um ihn geweint -hatte. Nun arbeitete er an einem Artikel, den er als einen ungeheuer -wertvollen Beitrag für seine Zeitung betrachtete. Und das gab ihm die -heitere, leichte Laune. - -Mit den saubersten Buchstaben schrieb er: - -»Telegramm! Der Rajah von Mangalore -- gegen dessen Exilierung wir bei der -englischen Regierung telegraphisch Protest erhoben haben -- ist heute nacht -um drei Uhr sanft entschlafen. Wir hatten die Ehre, bei seinem Hinscheiden -gegenwärtig zu sein und den letzten Willen des hohen Herrn aufzuzeichnen. -Er sei unseren Lesern mitgeteilt: - -»Wir, Rajah von Mangalore, verbannt von der englischen Regierung, die wir -sterben, erhaben über das Gefühl der Rachsucht für unsere Feinde, um unsere -Untertanen zu erretten, geben unserem Volke kund . . .« - -Erst als die Sonne aufging, begab sich Michael Petroff zur Ruhe. - - Werke von - Bernhard Kellermann - - Ingeborg - Roman. 110. Auflage - - Der Tor - Roman. 46. Auflage - - Das Meer - Roman. 83. Auflage - - Der Tunnel - Roman. 227. Auflage - - Yester und Li - Roman. 152. Tausend - - Der neunte November - Roman. 51. Auflage - - Fischers - Illustrierte Bücher - - Hermann Hesse - In der alten Sonne - Erzählung. 23. Auflage - Mit 16 Bildern von Wilhelm Schulz - - * - - Thomas Mann - Tonio Kröger - Novelle. 33. Auflage - Mit 18 Bildern von E. M. Simon - - * - - E. v. Keyserling - Harmonie - Novelle. 17. Auflage - Mit 18 Bildern von Karl Walser - -Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Heiligen, by Bernhard Kellermann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HEILIGEN *** - -***** This file should be named 43339-8.txt or 43339-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/3/3/3/43339/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. 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Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/43339-8.zip b/43339-8.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 65d4e47..0000000 --- a/43339-8.zip +++ /dev/null diff --git a/43339-h.zip b/43339-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index ef801e1..0000000 --- a/43339-h.zip +++ /dev/null diff --git a/43339-h/43339-h.htm b/43339-h/43339-h.htm index cadff44..1ae465c 100644 --- a/43339-h/43339-h.htm +++ b/43339-h/43339-h.htm @@ -2,7 +2,7 @@ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> <html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> <head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> <title>The Project Gutenberg eBook of Die Heiligen, by Bernhard Kellermann</title> <!-- TITLE="Die Heiligen" --> <!-- AUTHOR="Bernhard Kellermann" --> @@ -108,43 +108,7 @@ hr.hr10 { margin-left:45%; width:10%; } </head> <body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Die Heiligen, by Bernhard Kellermann - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Die Heiligen - -Author: Bernhard Kellermann - -Illustrator: Magnus Zeller - -Release Date: July 29, 2013 [EBook #43339] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HEILIGEN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - -</pre> - +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43339 ***</div> <div class="centerpic" style="margin-top:2em; margin-bottom:4em;"> <img id="cover_illu" src="images/cover_illu.jpg" alt="Umchlagsllustration" /> @@ -169,9 +133,9 @@ Berlin </p> <p class="center" style="font-size:0.8em; margin-top:6em; margin-bottom:6em; page-break-before:always;"> -Erste bis zwölfte Auflage<br /> +Erste bis zwölfte Auflage<br /> Illustriert von <span class="sperr">Magnus Zeller</span><br /> -Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung<br /> +Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung<br /> Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin </p> @@ -180,77 +144,77 @@ Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin <a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> <span class="firstchar">S</span>chon vor Tagesgrauen erhob sich der Advokat von seinem Lager. Und im gleichen Augenblick -begannen all die tausend kleinen Vögel, die in +begannen all die tausend kleinen Vögel, die in seinem Zimmer mit ihm lebten, zu zwitschern und zu trillern. </p> <p> -„Schon so früh wach, ihr Kleinen!“ flüsterte +„Schon so früh wach, ihr Kleinen!“ flüsterte der Advokat. Er sprach nie laut. „Nun, guten Morgen! Pst! Pst!“ </p> <p> -Und die tausend kleinen Vögel zwitscherten zur +Und die tausend kleinen Vögel zwitscherten zur Antwort und verstummten gehorsam. </p> <p> Der Advokat legte sich einen dicken wollenen Schal um die Schultern, denn er fror immerfort, -er schlüpfte in wattierte Stiefel, zog Handschuhe -an, setzte sich eine gefütterte Kappe auf den kahlen -Schädel und trat ins Freie. +er schlüpfte in wattierte Stiefel, zog Handschuhe +an, setzte sich eine gefütterte Kappe auf den kahlen +Schädel und trat ins Freie. </p> <p> Es war noch Nacht, und alle Dinge sahen unwirklich und verzaubert aus. Zuweilen neigten sich -die Gräser mit einem plötzlichen Ruck, ganz wie -Schlafende sich neigen, die träumen, daß sie fallen, -und dann spürte der Advokat einen kurzen warmen +die Gräser mit einem plötzlichen Ruck, ganz wie +Schlafende sich neigen, die träumen, daß sie fallen, +und dann spürte der Advokat einen kurzen warmen Hauch, der ebenso unvermittelt verschwand wie er <a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> kam. Am Himmel oben trieb eilig ein Gemisch -von grauem und schwarzem Gewölk dahin, und +von grauem und schwarzem Gewölk dahin, und im Zenit waren drei gelbe Sterne sichtbar, die in einer Richtung standen und wie ein fliegender -Speer durch das Gewölk zu schießen schienen. +Speer durch das Gewölk zu schießen schienen. Der Advokat betrachtete eine Weile aufmerksam den fliegenden Speer, und irgendein Gedanke rang -in seinem Kopf. Dann eilte er mit kleinen, schlürfenden -Schritten und so leise wie möglich über +in seinem Kopf. Dann eilte er mit kleinen, schlürfenden +Schritten und so leise wie möglich über die sandbedeckten Wege des Anstaltsgartens dahin. </p> <p> -„Pst, stille!“ flüsterte er, wenn er an Büschen +„Pst, stille!“ flüsterte er, wenn er an Büschen vorbeikam, in denen es sich regen wollte. </p> <p> -Wo die Gemüsegärten anfingen, stand ein alter +Wo die Gemüsegärten anfingen, stand ein alter Pumpbrunnen, der nicht mehr benutzt wurde, und -hier begann der Advokat seine Tätigkeit. Er stellte -die Gießkanne unter das Rohr und zog den Schwengel, -immerfort bestrebt, keinen Lärm zu machen. +hier begann der Advokat seine Tätigkeit. Er stellte +die Gießkanne unter das Rohr und zog den Schwengel, +immerfort bestrebt, keinen Lärm zu machen. Da der Brunnen wenig Wasser gab und der Advokat langsam und vorsichtig pumpte, war die -Kanne erst nach halbstündiger Arbeit gefüllt. Darauf +Kanne erst nach halbstündiger Arbeit gefüllt. Darauf schleppte sie der kleine Advokat keuchend und -hüstelnd bis zu den Blumenbeeten und fing an, -die Blumen unter glückseligem Lächeln und leisen -Koseworten zu begießen. „Nicht so hastig, ihr -Kleinen,“ flüsterte er, „meine Kinderchen, wie ihr +hüstelnd bis zu den Blumenbeeten und fing an, +die Blumen unter glückseligem Lächeln und leisen +Koseworten zu begießen. „Nicht so hastig, ihr +Kleinen,“ flüsterte er, „meine Kinderchen, wie ihr schluckt! Guten Morgen!“ </p> <p> Da aber wurde es in einem Holunderbusch -lebendig. Hunderte von kleinen Vögeln streckten +lebendig. Hunderte von kleinen Vögeln streckten <a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -auf einmal die Köpfe aus dem Laub und zwitscherten +auf einmal die Köpfe aus dem Laub und zwitscherten dem Advokaten zu. </p> @@ -267,96 +231,96 @@ Busch wurde es augenblicklich still. <p> Der Advokat ging lautlos von Beet zu Beet -und begoß seine Blumen. Manchmal hielt er aufatmend +und begoß seine Blumen. Manchmal hielt er aufatmend inne und blickte zum Himmel empor, wo -noch immer der goldene Speer durch das Gewölk -schoß, ohne je von der Stelle zu kommen. Dann -dachte er lange nach und schüttelte den Kopf. Aus +noch immer der goldene Speer durch das Gewölk +schoß, ohne je von der Stelle zu kommen. Dann +dachte er lange nach und schüttelte den Kopf. Aus dem Pavillon der Schwerkranken drang ein langgezogenes -Heulen, das in regelmäßigen Intervallen -in ein jammerndes Weinen überging. Der -Advokat aber hörte es nicht. Er hörte nur, daß -drinnen in den Büschen die Vögel die Flügel -schüttelten und die Schnäbel wetzten. +Heulen, das in regelmäßigen Intervallen +in ein jammerndes Weinen überging. Der +Advokat aber hörte es nicht. Er hörte nur, daß +drinnen in den Büschen die Vögel die Flügel +schüttelten und die Schnäbel wetzten. </p> <p> -Eine übernächtige Wärterin ging fröstelnd an -ihm vorüber. +Eine übernächtige Wärterin ging fröstelnd an +ihm vorüber. </p> <p> -„Schon so früh bei der Arbeit?“ sagte sie und +„Schon so früh bei der Arbeit?“ sagte sie und wandte ihm das bleiche Gesicht zu. </p> <p> -Der Advokat stellte die Gießkanne ab, verbeugte -sich und zog die Mütze. „Man muß sich -daranhalten,“ flüsterte er, „die Kleinen warten +Der Advokat stellte die Gießkanne ab, verbeugte +sich und zog die Mütze. „Man muß sich +daranhalten,“ flüsterte er, „die Kleinen warten nicht.“ </p> <p> -Hierauf begoß er die Beete, die sich am Hauptgebäude -entlangzogen, andächtig und hingegeben. +Hierauf begoß er die Beete, die sich am Hauptgebäude +entlangzogen, andächtig und hingegeben. <a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -An den offenen Küchenfenstern, die sehr niedrig +An den offenen Küchenfenstern, die sehr niedrig lagen, machte er halt und suchte mit den Augen -die Fensterbretter ab. Er schüttelte enttäuscht und +die Fensterbretter ab. Er schüttelte enttäuscht und niedergeschlagen den Kopf. Ja, sie hatten es -wiederum vergessen, ihm Brotkrumen für seine -Vögel herauszustellen! Wer konnte sich auf diese -Mägde verlassen? +wiederum vergessen, ihm Brotkrumen für seine +Vögel herauszustellen! Wer konnte sich auf diese +Mägde verlassen? </p> <p> Er suchte ein paar kleine Kieselsteine am Wege und warf sie, einen nach dem andern, mit leisem -Kichern in die schwarze Küche hinein: Sollten sie -es nur lernen, aufmerksamer zu sein! Oh, er würde -es ihnen schon beibringen, die Brotkrumen regelmäßig +Kichern in die schwarze Küche hinein: Sollten sie +es nur lernen, aufmerksamer zu sein! Oh, er würde +es ihnen schon beibringen, die Brotkrumen regelmäßig aufs Fensterbrett zu stellen. Es gab ja genug Kiesel auf den Wegen. Und wenn sie sich noch so oft beschwerten! </p> <p> -Die Gießkanne war leer, und der Advokat +Die Gießkanne war leer, und der Advokat machte im Morgengrauen den Weg zum Pumpbrunnen -zurück. +zurück. </p> <p> Der Advokat war seit dem Tode seiner Frau -ein Freund der Blumen und Vögel geworden. -Als sie starb, in der Agonie, sagte sie: „Man muß -die Blumen begießen. Die Vögel müssen ihr Futter +ein Freund der Blumen und Vögel geworden. +Als sie starb, in der Agonie, sagte sie: „Man muß +die Blumen begießen. Die Vögel müssen ihr Futter haben.“ Das waren ihre letzten Worte, und der -Advokat hörte sie Tag und Nacht in seinen Ohren -wiederklingen. Er hörte sie aus jedem Windhauch, -aus dem Gespräch zweier Menschen heraus, ja +Advokat hörte sie Tag und Nacht in seinen Ohren +wiederklingen. Er hörte sie aus jedem Windhauch, +aus dem Gespräch zweier Menschen heraus, ja sogar aus der Stille vernahm er sie. Im Zimmer -seiner Frau stand ein schwarzer schwerer Wäscheschrank +seiner Frau stand ein schwarzer schwerer Wäscheschrank <a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -(an den er sich merkwürdigerweise noch +(an den er sich merkwürdigerweise noch heute erinnerte), und auch dieser schwarze breite Schrank wiederholte ihm die letzten <span class="em">Worte</span> seiner Frau, obschon er keinen Laut von sich gab. Der -Advokat lebte still und einsam weiter und begoß -die Blumen in den Vorfenstern und gab den Vögeln +Advokat lebte still und einsam weiter und begoß +die Blumen in den Vorfenstern und gab den Vögeln in den Bauern Futter und Wasser. Die Blumen -gingen ein, und die Vögel starben, einer nach dem +gingen ein, und die Vögel starben, einer nach dem andern. Der Advokat aber bemerkte es nicht. Ihm -schien es vielmehr, als ob die Vögel munter in -ihren Bauern hüpften und zwitscherten. Sie -brüteten, und es wurden ihrer immer mehr. Und +schien es vielmehr, als ob die Vögel munter in +ihren Bauern hüpften und zwitscherten. Sie +brüteten, und es wurden ihrer immer mehr. Und der Advokat hatte seine kindliche Freude daran. -Endlich waren es Hunderte, die ihm von früh bis -spät in die Ohren zwitscherten, Tausende. Sie -lebten in den Wänden, an der Decke, überall. Und -der Advokat konnte nicht verstehen, daß die andern -sie weder sahen noch hörten. +Endlich waren es Hunderte, die ihm von früh bis +spät in die Ohren zwitscherten, Tausende. Sie +lebten in den Wänden, an der Decke, überall. Und +der Advokat konnte nicht verstehen, daß die andern +sie weder sahen noch hörten. </p> <p class="tb"> @@ -365,15 +329,15 @@ sie weder sahen noch hörten. <p class="first"> <span class="firstchar">A</span>ls die Sonne aufging, hatte der Advokat schon -ein gutes Stück seiner Tagesarbeit hinter sich und -kehrte in den Pavillon zurück, der wie ein Landhaus -im grünen Garten lag. +ein gutes Stück seiner Tagesarbeit hinter sich und +kehrte in den Pavillon zurück, der wie ein Landhaus +im grünen Garten lag. </p> <p> -Unter der Türe, leicht gegen den Pfosten gelehnt, -stand lächelnd Michael Petroff, ehemals -Offizier in der russischen Armee, und begrüßte ihn +Unter der Türe, leicht gegen den Pfosten gelehnt, +stand lächelnd Michael Petroff, ehemals +Offizier in der russischen Armee, und begrüßte ihn mit einem heiteren, hellen: „Guten Morgen, mein Freund!“ </p> @@ -386,19 +350,19 @@ und zog die Kappe. </p> <p> -„Guten Morgen, Herr Kapitän!“ +„Guten Morgen, Herr Kapitän!“ </p> <p> Sie verbeugten sich einigemal, denn sie hatten -die größte Hochachtung voreinander, dann erst +die größte Hochachtung voreinander, dann erst reichten sie sich die Hand. </p> <p> „Haben Sie gut geschlafen, Herr Advokat?“ fragte Michael Petroff und beugte sich etwas -herab, wobei er liebenswürdig lächelte. +herab, wobei er liebenswürdig lächelte. </p> <p> @@ -406,28 +370,28 @@ herab, wobei er liebenswürdig lächelte. </p> <p> -„Auch ich verbrachte die Nacht vorzüglich!“ -fuhr Michael Petroff fort und ließ ein helles, -fröhliches Lachen hören. „Vorzüglich, in der Tat. -Ich träumte —“, setzte er hinzu und blickte -lächelnd, das rechte Auge halb zusammengekniffen, +„Auch ich verbrachte die Nacht vorzüglich!“ +fuhr Michael Petroff fort und ließ ein helles, +fröhliches Lachen hören. „Vorzüglich, in der Tat. +Ich träumte —“, setzte er hinzu und blickte +lächelnd, das rechte Auge halb zusammengekniffen, in den Garten hinaus. „Ja! — Und nun treten Sie ein in mein Bureau, mein Freund. Es gibt Neuigkeiten. Bitte!“ Er legte die Hand auf die -Schulter des kleinen Advokaten und ließ ihm mit +Schulter des kleinen Advokaten und ließ ihm mit einer kleinen Verbeugung den Vortritt. </p> <p> -Kapitän Michael Petroff war ein schlanker, -großer Mann, mit stahlblauen, heiteren Augen +Kapitän Michael Petroff war ein schlanker, +großer Mann, mit stahlblauen, heiteren Augen und einem kleinen blonden Schnurrbart, der wie sein blondes, seidenweiches gescheiteltes Haar zu erbleichen begann. Er war peinlich sauber gekleidet -und sorgfältig rasiert. Sein Kinn war rund und -schön geformt, etwas zu zart, sein Mund von +und sorgfältig rasiert. Sein Kinn war rund und +schön geformt, etwas zu zart, sein Mund von <a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -außerordentlich schöner und weicher Zeichnung, wie +außerordentlich schöner und weicher Zeichnung, wie der Mund eines Knaben. </p> @@ -438,135 +402,135 @@ Sofa Platz zu nehmen. </p> <p> -„Ich störe. Störe ich nicht?“ flüsterte der Advokat +„Ich störe. Störe ich nicht?“ flüsterte der Advokat und blieb stehen. </p> <p> „Nein! Sie, wie sollten Sie —?“ Und Michael -Petroff drängte den Advokaten auf das Sofa. Der +Petroff drängte den Advokaten auf das Sofa. Der kleine Advokat nahm scheu und mit einem dankbaren Blick Platz. „Sie haben ja so viele Arbeit — -ich weiß —“, sagte er und deutete mit dem Kopf -auf den Schreibtisch, der überladen war mit Akten, +ich weiß —“, sagte er und deutete mit dem Kopf +auf den Schreibtisch, der überladen war mit Akten, Zeitungen und Manuskripten. </p> <p> „Es gibt zu tun, ja!“ versetzte Michael Petroff -mit einem merkwürdigen Lächeln auf den schönen -knabenhaften Lippen. „Aber für seine Freunde -hat man immer Zeit. — Hier, nun hören Sie! +mit einem merkwürdigen Lächeln auf den schönen +knabenhaften Lippen. „Aber für seine Freunde +hat man immer Zeit. — Hier, nun hören Sie! Ich habe heute ein Memorandum an die hessische Regierung entworfen —,“ Michael Petroff wippte -lächelnd ein Papier in der Hand — „die hessische -Regierung wird auf das nachdrücklichste — auf -— das — nachdrücklichste — ersucht, den Prozeß +lächelnd ein Papier in der Hand — „die hessische +Regierung wird auf das nachdrücklichste — auf +— das — nachdrücklichste — ersucht, den Prozeß eines Lehrers zu revidieren!“ </p> <p> Hier blickte Michael Petroff auf seinen Gast, -und seine Stirn legte sich urplötzlich in vier tiefe +und seine Stirn legte sich urplötzlich in vier tiefe Falten. „Dieser Lehrer,“ fuhr er fort, „wurde -zu vier Jahren, sage vier Jahren, Gefängnis +zu vier Jahren, sage vier Jahren, Gefängnis <a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -verurteilt. Er hatte zehn Mäuler zu stopfen und -unterschlug Kassengelder. Voilà tout! Was sagen +verurteilt. Er hatte zehn Mäuler zu stopfen und +unterschlug Kassengelder. Voilà tout! Was sagen Sie dazu, wie. Hahaha, sehen Sie, so ist die Welt! Ich fordere in meinem Memorandum nicht allein eine Revision des Prozesses, sondern auch dringend -die Erhöhung der Beamtengehälter. Ich forderte -— ich, Kapitän Michael Petroff, und ich werde +die Erhöhung der Beamtengehälter. Ich forderte +— ich, Kapitän Michael Petroff, und ich werde auch Stellung im ‚Unparteiischen‘ nehmen. Sie werden sehen, mein Freund!“ Michael Petroff -ließ einen kühnen, triumphierenden Blick über den -kleinen kahlköpfigen Advokaten hingehen, der nickend -zuhörte, ohne recht zu verstehen, was der Kapitän +ließ einen kühnen, triumphierenden Blick über den +kleinen kahlköpfigen Advokaten hingehen, der nickend +zuhörte, ohne recht zu verstehen, was der Kapitän wollte. </p> <p> -„Sie tun viel Gutes!“ flüsterte er und nickte, -und über sein kleines, fahles, verwüstetes Gesicht -glitt ein kindliches Lächeln. Und nach einigem +„Sie tun viel Gutes!“ flüsterte er und nickte, +und über sein kleines, fahles, verwüstetes Gesicht +glitt ein kindliches Lächeln. Und nach einigem Nachdenken setzte er hinzu: „Sie sind ein guter Mensch, das ist es!“ </p> <p> -Michael Petroff schüttelte den Kopf. „Ich tue +Michael Petroff schüttelte den Kopf. „Ich tue meine Pflicht!“ versetzte er ernst. Und indem er die Hand auf das Herz legte und seine hellen, stahlblauen -Augen aufleuchten ließ, fügte er hinzu: +Augen aufleuchten ließ, fügte er hinzu: „Meine heilige Pflicht!“ </p> <p> -Kapitän Michael Petroff, früher Offizier in +Kapitän Michael Petroff, früher Offizier in einem Petersburger Regiment, betrachtete es als seine Lebensaufgabe, die Gerechtigkeit auf Erden zu vertreten. „Tribunal des Rechts und der Gerechtigkeit“ -nannte er sich. Er war auf zwei große +nannte er sich. Er war auf zwei große <a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> Tageszeitungen abonniert, die er jeden Tag nach -Fällen durchsuchte, in denen seiner Ansicht nach +Fällen durchsuchte, in denen seiner Ansicht nach jemand ein Unrecht geschehen war. Und jeden -Tag fand Michael Petroff Fälle! Fälle, nichts -als Fälle! Diese Fälle schnitt er aus, ordnete sie +Tag fand Michael Petroff Fälle! Fälle, nichts +als Fälle! Diese Fälle schnitt er aus, ordnete sie nach dem Datum und begann hierauf sie zu verarbeiten. </p> <p> -Er saß oft bis spät in der Nacht in seinem Bureau, +Er saß oft bis spät in der Nacht in seinem Bureau, wie er sein Zimmer nannte, oder in seiner Redaktion, -wie er sein Zimmer zuweilen im Flüsterton seinem -Vertrauten gegenüber bezeichnete. Da saß er und +wie er sein Zimmer zuweilen im Flüsterton seinem +Vertrauten gegenüber bezeichnete. Da saß er und schrieb mit einer sauberen gestochenen Hand seine -Eingaben, Proteste, Memoranden und übergab sie -täglich um sechs Uhr dem Chefarzt Doktor März, -der ihre Beförderung ein für allemal übernommen -hatte. Doktor März nahm die Schriftstücke bereitwillig +Eingaben, Proteste, Memoranden und übergab sie +täglich um sechs Uhr dem Chefarzt Doktor März, +der ihre Beförderung ein für allemal übernommen +hatte. Doktor März nahm die Schriftstücke bereitwillig entgegen und legte sie in ein besonderes -Fach, um sie gelegentlich als Material für sein -Werk über Graphomanie zu benützen. +Fach, um sie gelegentlich als Material für sein +Werk über Graphomanie zu benützen. </p> <p> -Die wenigen Stunden, die ihm diese Tätigkeit -übrig ließ, verwandte Michael Petroff auf die +Die wenigen Stunden, die ihm diese Tätigkeit +übrig ließ, verwandte Michael Petroff auf die Redaktion seiner Zeitung. Und diese Zeitung war -die Ursache, daß er sein Zimmer zuweilen im geheimen +die Ursache, daß er sein Zimmer zuweilen im geheimen Redaktion nannte. Diese Zeitung erschien -nicht regelmäßig, sondern wenn sie gerade fertig -wurde. Gewöhnlich erschien sie im Jahre einmal, -manchmal aber auch, wenn ihn seine nervösen Zustände +nicht regelmäßig, sondern wenn sie gerade fertig +wurde. Gewöhnlich erschien sie im Jahre einmal, +manchmal aber auch, wenn ihn seine nervösen Zustände zur Eile antrieben, zweimal. </p> <p> <a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> Michael Petroffs Zeitung war das genaue Abbild -einer gewöhnlichen Tageszeitung, vom Kopf +einer gewöhnlichen Tageszeitung, vom Kopf an, wo die Bezugsbedingungen vermerkt waren, und die Stadt, in der sie erschien — die Michael -Petroff willkürlich wählte — bis auf die fingierten +Petroff willkürlich wählte — bis auf die fingierten Namen der Herausgeber und Redakteure. Sie enthielt, wie jede andere Zeitung, Annoncen, die -Michael Petroff höchst einfach aus anderen Zeitungen +Michael Petroff höchst einfach aus anderen Zeitungen herausschnitt, einen Leitartikel, ein Feuilleton. </p> <p> -Der ganze redaktionelle Teil aber beschäftigte +Der ganze redaktionelle Teil aber beschäftigte sich — mit Ausnahme weniger Artikel, die zur Maskierung eingeschoben waren — mit der Frage: -Ist die Internierung Michael Petroffs, Kapitän -der russischen Armee, berechtigt? Die Überschriften +Ist die Internierung Michael Petroffs, Kapitän +der russischen Armee, berechtigt? Die Überschriften der einzelnen Artikel lauteten in jedem Jahre anders, -wenn sie auch einen ähnlichen Sinn hatten! Das +wenn sie auch einen ähnlichen Sinn hatten! Das Ultimatum der russischen Regierung! — Ein Brief -des Zaren an den Chefarzt Doktor März! — Die +des Zaren an den Chefarzt Doktor März! — Die Zeitung erschien auch in jedem Jahr unter einem anderen Namen. Michael Petroff nannte sie „Weltauge“, „Europas Gewissen“, „Das Bajonett“. @@ -574,35 +538,35 @@ anderen Namen. Michael Petroff nannte sie „Weltauge“, <p> Aus seinen Petitionen machte Michael Petroff -kein Geheimnis, über seine Zeitung aber sprach er +kein Geheimnis, über seine Zeitung aber sprach er nur zu seinem Vertrauten, dem Advokaten. Und -es ist möglich, daß er, obschon von Natur aus gesellig -und äußerst gutherzig, nur deshalb den kleinen +es ist möglich, daß er, obschon von Natur aus gesellig +und äußerst gutherzig, nur deshalb den kleinen Advokaten so sehr ans Herz geschlossen hatte, weil -er mit ihm über seine Zeitung plaudern konnte. +er mit ihm über seine Zeitung plaudern konnte. </p> <p> <a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> „Einen Augenblick, mein Freund!“ sagte er. -„Es gibt Neuigkeiten. Ich möchte Ihnen gerne +„Es gibt Neuigkeiten. Ich möchte Ihnen gerne das Neueste mitteilen, bleiben Sie.“ </p> <p> -Er trat zur Türe und räusperte sich, während +Er trat zur Türe und räusperte sich, während er lauschte. Dann trat er hinaus auf den Korridor, -hustete, kam befriedigt zurück. Er zog die Redaktionsschublade, -deren Schlüssel er am Halse trug, +hustete, kam befriedigt zurück. Er zog die Redaktionsschublade, +deren Schlüssel er am Halse trug, auf, lachte hell und heiter und begann: „Das -Neueste, hören Sie! Es kann seine Wirkung unmöglich -verfehlen. Hören Sie nur die Überschrift: -Doktor März verhaftet!“ +Neueste, hören Sie! Es kann seine Wirkung unmöglich +verfehlen. Hören Sie nur die Überschrift: +Doktor März verhaftet!“ </p> <p> -„Doktor März verhaftet?“ flüsterte der Advokat -ängstlich, und sah mit schlaffem Mund zu Petroff +„Doktor März verhaftet?“ flüsterte der Advokat +ängstlich, und sah mit schlaffem Mund zu Petroff empor. </p> @@ -611,36 +575,36 @@ Michael Petroff lachte. </p> <p> -„Verhaftet? Nein, natürlich nicht. Ich führe -in dem Artikel aus, daß die Verhaftung des Doktor -März bevorstände und er sich ihr nur entziehen -könnte, wenn er Michael Petroff augenblicklich -freigäbe!“ +„Verhaftet? Nein, natürlich nicht. Ich führe +in dem Artikel aus, daß die Verhaftung des Doktor +März bevorstände und er sich ihr nur entziehen +könnte, wenn er Michael Petroff augenblicklich +freigäbe!“ </p> <p> Der Advokat nickte. „Ich verstehe“, sagte er -und lächelte, da er Petroffs heitere Miene sah. +und lächelte, da er Petroffs heitere Miene sah. Und doch dachte er gar nicht an Petroffs Artikel, -sondern daran, daß er den Vögeln Wasser hinstellen -müsse. Er wurde unruhig und machte +sondern daran, daß er den Vögeln Wasser hinstellen +müsse. Er wurde unruhig und machte Miene aufzustehen. </p> <p> -„Einen Augenblick noch, ich bitte Sie!“ drängte -Michael Petroff. „Ja, die Idee ist prächtig, in +„Einen Augenblick noch, ich bitte Sie!“ drängte +Michael Petroff. „Ja, die Idee ist prächtig, in <a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> der Tat“, fuhr er lebhaft fort, und seine Wangen -färbten sich vor Freude mit einem flüchtigen Rot. -„Ich erkläre in dem Artikel ausdrücklich, daß -Doktor März ein Ehrenmann sei, ein hochgeachteter -und allgemein geschätzter Arzt, so daß +färbten sich vor Freude mit einem flüchtigen Rot. +„Ich erkläre in dem Artikel ausdrücklich, daß +Doktor März ein Ehrenmann sei, ein hochgeachteter +und allgemein geschätzter Arzt, so daß seine Handlungsweise in diesem speziellen Falle -allgemeines Überraschen errege. Ich bitte Sie, +allgemeines Überraschen errege. Ich bitte Sie, mein Freund, was wird er tun, wenn er diesen Artikel liest? Hahaha, Sie werden etwas erleben, -lieber Freund. Ich werde ihm ja nicht böse +lieber Freund. Ich werde ihm ja nicht böse sein, ganz und gar nicht. Nun — endlich, endlich! werde ich sagen, lieber Doktor, haha! Aber sehen Sie weiter, was der ‚Unparteiische‘ @@ -663,25 +627,25 @@ bitte sehr!“ <p> „Ja! Haha — nichts als ein Fragezeichen! Und darunter: Wo ist Michael Petroff? Ein -öffentlicher Aufruf! Aber sehen Sie hier, im kleinen -Feuilleton: Michael Petroff, Kapitän der russischen -Armee, hat soeben ein sechsbändiges Werk über +öffentlicher Aufruf! Aber sehen Sie hier, im kleinen +Feuilleton: Michael Petroff, Kapitän der russischen +Armee, hat soeben ein sechsbändiges Werk über Sternschnuppen beendet. Die gesamte Fachpresse -rühmt den Scharfsinn und die Klarheit des +rühmt den Scharfsinn und die Klarheit des epochemachenden Werkes. Hahaha, sagte ich -Ihnen nicht, daß es Neuigkeiten gäbe, mein +Ihnen nicht, daß es Neuigkeiten gäbe, mein Freund!“ </p> <p> <a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -Der Advokat saß zusammengekauert auf dem +Der Advokat saß zusammengekauert auf dem Sofa und dachte angestrengt nach, wobei er den Atem anhielt. </p> <p> -„Ich begreife nicht —?“ flüsterte er und schüttelte +„Ich begreife nicht —?“ flüsterte er und schüttelte langsam den Kopf. </p> @@ -690,13 +654,13 @@ langsam den Kopf. </p> <p> -„Daß er Sie festhält.“ +„Daß er Sie festhält.“ </p> <p> Michael Petroff sah den Advokaten erstaunt an. -Dann beugte er den Kopf herab und flüsterte: -„Ich sagte es Ihnen doch schon, daß meine Verwandten +Dann beugte er den Kopf herab und flüsterte: +„Ich sagte es Ihnen doch schon, daß meine Verwandten ihn bezahlen!“ </p> @@ -705,7 +669,7 @@ ihn bezahlen!“ </p> <p> -„Ja, natürlich!“ antwortete Michael Petroff +„Ja, natürlich!“ antwortete Michael Petroff heiter. „Unsummen. Millionen!“ </p> @@ -724,22 +688,22 @@ Aber der Advokat konnte doch nicht recht begreifen. <p> „Ich verstehe nicht,“ begann er von neuem, -„Doktor März ist ja so gütig. Ich wohne hier, +„Doktor März ist ja so gütig. Ich wohne hier, lebe hier, habe mein Essen und bezahle nichts. Er hat noch nie Geld von mir verlangt. — Ich -habe ja kein Geld, Sie wissen“, schloß er noch -leiser und ängstlich. +habe ja kein Geld, Sie wissen“, schloß er noch +leiser und ängstlich. </p> <p> Michael Petroff legte ihm wohlwollend und wichtigtuend die Hand auf die Schulter. „Sie -arbeiten ja im Garten,“ sagte er, „begießen die +arbeiten ja im Garten,“ sagte er, „begießen die Blumen. Wie sollte er es also wagen, Geld von <a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> Ihnen zu fordern? So einfach ist das. Vielleicht -haben Sie aber auch Verwandte da draußen, -die für Sie bezahlen?“ +haben Sie aber auch Verwandte da draußen, +die für Sie bezahlen?“ </p> <p> @@ -747,35 +711,35 @@ die für Sie bezahlen?“ </p> <p> -„Ja. Da — draußen!“ Auf den schönen knabenhaften +„Ja. Da — draußen!“ Auf den schönen knabenhaften Lippen Petroffs erschien ein grausames -Lächeln. Sollte er diesem kleinen alten Mann in -dem wollenen Schal erklären, wo er sich befand? +Lächeln. Sollte er diesem kleinen alten Mann in +dem wollenen Schal erklären, wo er sich befand? Sollte er diesem kleinen alten Mann mit dem -grauen faltigen Gesicht vielleicht erklären, daß es -ein „Da draußen“ gab — wo sie zum Beispiel eben -in einen Schnellzug einsteigen oder sich die Hände +grauen faltigen Gesicht vielleicht erklären, daß es +ein „Da draußen“ gab — wo sie zum Beispiel eben +in einen Schnellzug einsteigen oder sich die Hände waschen, um sich an den Tisch zu setzen? Er wippte -sich auf den Zehen, und plötzlich verlor er die Vorstellung -seiner Körperlichkeit: er kam sich vor +sich auf den Zehen, und plötzlich verlor er die Vorstellung +seiner Körperlichkeit: er kam sich vor wie ein riesiger in die Wolken ragender Turm, der -auf den kleinen, kahlköpfigen Mann, der nur ein -paar dünne Haarbüschel über den Ohren hatte, -herabblickte. Eine Lust erfaßte ihn, den Advokaten +auf den kleinen, kahlköpfigen Mann, der nur ein +paar dünne Haarbüschel über den Ohren hatte, +herabblickte. Eine Lust erfaßte ihn, den Advokaten zum Weinen zu bringen. </p> <p> -Da aber verbeugte er sich plötzlich leicht vor +Da aber verbeugte er sich plötzlich leicht vor dem Advokaten und sagte: „Vergeben Sie Michael Petroff!“ Er machte ein paar Schritte durchs Zimmer, dann wandte er sich in ganz dem gleichen -Ton wie vorhin an seinen Gast: „Wird es schönes +Ton wie vorhin an seinen Gast: „Wird es schönes Wetter bleiben, heute?“ </p> <p> -„Ich glaube — ich weiß es nicht“, erwiderte +„Ich glaube — ich weiß es nicht“, erwiderte der Advokat unsicher. </p> @@ -786,19 +750,19 @@ Sie frieren?“ </p> <p> -„Ja“, flüsterte der Advokat und zog die Halsbinde +„Ja“, flüsterte der Advokat und zog die Halsbinde enger. </p> <p> -Michael Petroff sah ihn mit schräg geneigtem -Kopf an. „Ich kann nicht begreifen, daß Sie -heute frieren können.“ Und er lachte fröhlich. +Michael Petroff sah ihn mit schräg geneigtem +Kopf an. „Ich kann nicht begreifen, daß Sie +heute frieren können.“ Und er lachte fröhlich. „Kommen Sie,“ sagte er dann, „wir wollen —“ -er hielt inne, denn er wußte nicht, was er wollte — +er hielt inne, denn er wußte nicht, was er wollte — „wir wollen — ja, wir wollen Freund Engelhardt besuchen. Kommen Sie! — Der Arzt war heute -nacht bei ihm“, schloß er geheimnisvoll. +nacht bei ihm“, schloß er geheimnisvoll. </p> <p> @@ -807,50 +771,50 @@ nacht bei ihm“, schloß er geheimnisvoll. <p> „Ja. Er ist krank, unser Freund. Hm, hm.“ -Michael Petroff schloß sorgfältig das Manuskript -der Zeitung ein, setzte eine große graue englische -Reisemütze auf, warf einen Blick in den Spiegel, -und sie verließen zusammen das Zimmer. Michael +Michael Petroff schloß sorgfältig das Manuskript +der Zeitung ein, setzte eine große graue englische +Reisemütze auf, warf einen Blick in den Spiegel, +und sie verließen zusammen das Zimmer. Michael Petroff lachte leise, tief innen in der Kehle. An -der Türe Engelhardts angelangt, blieben sie stehen +der Türe Engelhardts angelangt, blieben sie stehen und klopften lauschend. — </p> <p> -Für Michael Petroff gab es im Jahr zwei -große Tage. +Für Michael Petroff gab es im Jahr zwei +große Tage. </p> <p> Der eine war sein Geburtstag, am 16. Mai. -Michael Petroff vergaß ihn nie. Am 16. Mai +Michael Petroff vergaß ihn nie. Am 16. Mai ging er mit wichtiger Miene und Blicke werfend umher und sagte zu jedem, den er traf: „Heute -ist mein Geburtstag. Danke für die Glückwünsche!“ +ist mein Geburtstag. Danke für die Glückwünsche!“ <a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> Vor Tisch kam dann stets der Pfleger und bat -ihn, zu Doktor März zu kommen, der ihm zu -gratulieren wünsche. +ihn, zu Doktor März zu kommen, der ihm zu +gratulieren wünsche. </p> <p> Dann begab sich Michael Petroff mit leichten -Schritten ins Sprechzimmer des Doktor März, -schüttelte ihm die Hand und dankte für den wunderbaren -Strauß weißer Rosen, den Doktor März -ihm überreichte. +Schritten ins Sprechzimmer des Doktor März, +schüttelte ihm die Hand und dankte für den wunderbaren +Strauß weißer Rosen, den Doktor März +ihm überreichte. </p> <p> -Michael Petroff ahnte nicht, woher der Strauß -weißer Rosen kam. Er wußte nicht, daß an jedem +Michael Petroff ahnte nicht, woher der Strauß +weißer Rosen kam. Er wußte nicht, daß an jedem Geburtstag hinter der Portiere des Sprechzimmers -seine Gemahlin und seine Tochter standen, die alljährlich +seine Gemahlin und seine Tochter standen, die alljährlich die weite Reise machten, um ihn zu sehen. -In den ersten Jahren war die Gattin des Kapitäns -blond gewesen, dann war sie allmählich grau geworden -und jetzt war sie weiß, obgleich sie noch -verhältnismäßig jung war. Früher war sie allein +In den ersten Jahren war die Gattin des Kapitäns +blond gewesen, dann war sie allmählich grau geworden +und jetzt war sie weiß, obgleich sie noch +verhältnismäßig jung war. Früher war sie allein gekommen, seit drei Jahren war aber stets eine junge Dame in ihrer Begleitung, die immer schrecklich weinte, wenn sie kam und ging. Die @@ -861,7 +825,7 @@ noch ein Kind war, damals, als sein Leiden ausbrach. </p> <p> -Michael Petroff plauderte und lachte fröhlich +Michael Petroff plauderte und lachte fröhlich mit dem Chefarzt und brachte die Rosen seinem Freunde, dem Advokaten. </p> @@ -878,31 +842,31 @@ Zerbrechliches. </p> <p> -Der zweite große Tag Michael Petroffs war +Der zweite große Tag Michael Petroffs war der Tag, an dem die Zeitung erschien. </p> <p> Die Zeitung wurde in der Stadt gedruckt. Michael Petroff hatte den Portier des Sanatoriums -für diese Kommission gewonnen. Der Portier +für diese Kommission gewonnen. Der Portier lieferte das Manuskript an den Drucker ab und -überbrachte Michael Petroff die gedruckten fünfundzwanzig +überbrachte Michael Petroff die gedruckten fünfundzwanzig Exemplare. In diesen Tagen befand sich Michael Petroff in der ungeheuersten Spannung. -Er ließ die Zeitung den Ärzten und in -erster Linie Doktor März zustellen und wartete aufgeregt +Er ließ die Zeitung den Ärzten und in +erster Linie Doktor März zustellen und wartete aufgeregt die Wirkung ab. Er arbeitete in dieser Zeit -nicht, sondern ging den ganzen Tag über im +nicht, sondern ging den ganzen Tag über im Garten und im Haus umher. Wenn er einem Arzte begegnete, so blieb er stehen und sandte ihm -einen triumphierenden Blick zu, während seine -Lippen ein siegessicheres Lächeln umspielte. +einen triumphierenden Blick zu, während seine +Lippen ein siegessicheres Lächeln umspielte. </p> <p> -Nach einigen Tagen aber fragte er die Ärzte: -„Hören Sie, haben Sie da nicht eine Zeitung erhalten?“ +Nach einigen Tagen aber fragte er die Ärzte: +„Hören Sie, haben Sie da nicht eine Zeitung erhalten?“ </p> <p> @@ -919,38 +883,38 @@ Nach einigen Tagen aber fragte er die Ärzte: <p> <a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -„Tun Sie das, ja. Es könnten Dinge darin +„Tun Sie das, ja. Es könnten Dinge darin stehen, die Sie interessieren. Hahaha!“ Und er klopfte dem Arzt auf die Schulter und sah ihn vielsagend an. </p> <p> -Schließlich aber fragte er den Chefarzt selbst. +Schließlich aber fragte er den Chefarzt selbst. </p> <p> „Jaja,“ entgegnete dieser, „diese Zeitung habe -ich allerdings gelesen, mein lieber Kapitän. Eine -merkwürdige Sache. Ich habe mich auch sofort +ich allerdings gelesen, mein lieber Kapitän. Eine +merkwürdige Sache. Ich habe mich auch sofort erkundigt. Die Redakteure waren aber nicht aufzufinden, -trotz aller Bemühungen. Sie existieren -gar nicht. Oder nicht mehr. Ich weiß nicht recht, +trotz aller Bemühungen. Sie existieren +gar nicht. Oder nicht mehr. Ich weiß nicht recht, was ich von dieser Zeitung halten soll, mein lieber -Kapitän.“ +Kapitän.“ </p> <p> Dann ging Michael Petroff einige Tage niedergeschlagen umher, und seine Depression konnte sich bis zur Melancholie und zur Tobsucht steigern. -Aber nach einigen Tagen hellte sich sein Gemüt -stets wieder auf. Er begrüßte seine Freunde, bat -sie wegen seines verdrießlichen Benehmens um +Aber nach einigen Tagen hellte sich sein Gemüt +stets wieder auf. Er begrüßte seine Freunde, bat +sie wegen seines verdrießlichen Benehmens um Entschuldigung und machte sich augenblicklich daran, eine neue Zeitung zu entwerfen. Diesmal -mußte es ihm gelingen! Aufgepaßt, Doktor März! -Dies war Michael Petroff, Kapitän der russischen +mußte es ihm gelingen! Aufgepaßt, Doktor März! +Dies war Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee. </p> @@ -961,76 +925,76 @@ Armee. <p class="first"> <span class="firstchar">F</span>reund Engelhardt, dem Michael Petroff und der Advokat einen Besuch abstatten wollten, war -ein etwa fünfzigjähriger, ergrauter Mann, der sich +ein etwa fünfzigjähriger, ergrauter Mann, der sich <a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> erst seit einem Jahr in der Anstalt des Doktor -März befand. +März befand. </p> <p> -Er war Schuhmacher von Beruf und saß sein +Er war Schuhmacher von Beruf und saß sein ganzes Leben lang, jahraus, jahrein unter seiner Glaskugel und klopfte Leder. Er war nicht verheiratet, -lebte sehr zurückgezogen, und da er fleißig -und sparsam war, hatte er sich sogar ein hübsches -kleines Vermögen erworben. Da saß er unter -seiner Glaskugel und hämmerte und nähte, und -nichts ereignete sich. Aber allmählich war ihm -diese Glaskugel merkwürdiger und merkwürdiger +lebte sehr zurückgezogen, und da er fleißig +und sparsam war, hatte er sich sogar ein hübsches +kleines Vermögen erworben. Da saß er unter +seiner Glaskugel und hämmerte und nähte, und +nichts ereignete sich. Aber allmählich war ihm +diese Glaskugel merkwürdiger und merkwürdiger erschienen. Sie funkelte ihn an, blendete ihn, so -daß er zuweilen vorübergehend eine gewisse uneingestandene +daß er zuweilen vorübergehend eine gewisse uneingestandene Angst vor ihr empfand. Sie schien zu -wachsen, immer größer und größer zu werden, -und ein Tag kam, da sträubten sich die Haare +wachsen, immer größer und größer zu werden, +und ein Tag kam, da sträubten sich die Haare Engelhardts vor Entsetzen. — </p> <p> Nun litt er an dem wunderlichen und entsetzlichen -Wahn, daß er der Mittelpunkt des Universums +Wahn, daß er der Mittelpunkt des Universums sei, dessen Aufgabe darin bestand, das Weltall im Gleichgewicht zu halten. In ihm -liefen die tausendfältigen Kräfte des Alls zusammen, -und er fühlte mit einer marternden Kontinuität, +liefen die tausendfältigen Kräfte des Alls zusammen, +und er fühlte mit einer marternden Kontinuität, wie die Planeten und Sonnen um ihn ihre Bahnen schwangen, wie es sauste und wetterte -da draußen. Wenn eine Kette von Schlittschuhläufern +da draußen. Wenn eine Kette von Schlittschuhläufern sich um einen in der Mitte dreht, so empfindet der in der Mitte, mit welch ungeheurer <a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -Energie die beiden wirbelnden Flügel um ihn -kreisen, und er muß all seine Kräfte auf das Festhalten -seines Standortes konzentrieren. Ähnlich +Energie die beiden wirbelnden Flügel um ihn +kreisen, und er muß all seine Kräfte auf das Festhalten +seines Standortes konzentrieren. Ähnlich war das Empfinden Engelhardts, und da die Anstrengung -ohne jede Unterbrechung währte, so erschöpfte -ihn seine Wahnidee dergestalt, daß er in +ohne jede Unterbrechung währte, so erschöpfte +ihn seine Wahnidee dergestalt, daß er in einem Jahr um Jahrzehnte gealtert war. Wenn -auch — wie er sagte — das Weltengebäude vom -allmächtigen Schöpfer so wunderbar gefügt war, -daß es in alle Ewigkeit in den vorgezeichneten +auch — wie er sagte — das Weltengebäude vom +allmächtigen Schöpfer so wunderbar gefügt war, +daß es in alle Ewigkeit in den vorgezeichneten <a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> Kreisen und Spiralen (so sagte er) lief, so litt er -doch über seine Kräfte unter den geringsten Störungen -da draußen. Im Winter hatte er vierzehn +doch über seine Kräfte unter den geringsten Störungen +da draußen. Im Winter hatte er vierzehn Tage schlaflos verbracht, da ein heranschwirrendes -Gestirn an ihm zerrte; merkwürdigerweise war in +Gestirn an ihm zerrte; merkwürdigerweise war in dieser Zeit ein Komet aufgetaucht, dessen Erscheinen -die ganze astronomische Welt überraschte. -Damals war unter merkwürdigen Erscheinungen +die ganze astronomische Welt überraschte. +Damals war unter merkwürdigen Erscheinungen der Pfleger Schwindt gestorben, und Engelhardt hatte — nach seiner eigenen Aussage — dessen Seele -in sich gesaugt, so daß er zu neuen Kräften kam, -die den ganzen Frühling und Sommer anhielten. +in sich gesaugt, so daß er zu neuen Kräften kam, +die den ganzen Frühling und Sommer anhielten. Jetzt aber ermattete er wiederum von Tag zu Tag -mehr unter seiner Aufgabe, und die Kräfte verfielen -rapid. Die Sternschnuppen und Meteorschwärme -rissen an ihm, so daß ihn Schwindel -erfaßte, und besonders der Mond hatte in dieser -Zeit eine schreckliche Macht über ihn. Er saugte -an seinen Kräften, und Engelhardt hatte das Empfinden, +mehr unter seiner Aufgabe, und die Kräfte verfielen +rapid. Die Sternschnuppen und Meteorschwärme +rissen an ihm, so daß ihn Schwindel +erfaßte, und besonders der Mond hatte in dieser +Zeit eine schreckliche Macht über ihn. Er saugte +an seinen Kräften, und Engelhardt hatte das Empfinden, als ob jeden Augenblick der Boden unter -ihm einsinken könne und er in die Tiefe sause, und -das Weltall über ihm zusammenstürze. — +ihm einsinken könne und er in die Tiefe sause, und +das Weltall über ihm zusammenstürze. — </p> <div class="centerpic"> @@ -1040,24 +1004,24 @@ das Weltall über ihm zusammenstürze. — <p> Als Michael Petroff und der kleine Advokat bei Engelhardt eintraten, nachdem sie eine lange Weile -vergebens an die Türe gepocht hatten, fanden sie +vergebens an die Türe gepocht hatten, fanden sie ihn im Bette liegen, die behaarten abgemagerten -Hände schlaff auf dem Kissen. Er hatte die Augen -senkrecht in die Höhe gerichtet, und zwar so stark +Hände schlaff auf dem Kissen. Er hatte die Augen +senkrecht in die Höhe gerichtet, und zwar so stark <a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -nach oben gedreht, daß man das Weiße sah, und +nach oben gedreht, daß man das Weiße sah, und schien irgendeinen Punkt an der Decke zu fixieren. -Sein Gesicht war von gleichmäßig gelblicher Tönung +Sein Gesicht war von gleichmäßig gelblicher Tönung und erweckte den Eindruck, als sei es von Porzellan. So glatt war die Haut und so scharf traten die -Kanten der Knochen hervor. Die Stirn war ungewöhnlich -groß im Verhältnis zu dem kleinen +Kanten der Knochen hervor. Die Stirn war ungewöhnlich +groß im Verhältnis zu dem kleinen Gesicht und dem kleinen Mund, der wie zum Pfeifen -gespitzt schien und eine Menge feiner, der Mundöffnung -zuströmender Linien zeigte. So sehr war -der Schuhmacher in einem Jahre abgemagert, daß +gespitzt schien und eine Menge feiner, der Mundöffnung +zuströmender Linien zeigte. So sehr war +der Schuhmacher in einem Jahre abgemagert, daß der Kragen seines bunten Hemdes fingerbreit von -seinem dünnen Hals abstand. +seinem dünnen Hals abstand. </p> <div class="centerpic"> @@ -1067,26 +1031,26 @@ seinem dünnen Hals abstand. <p> „Guten Morgen!“ sagte Michael Petroff leise und heiter. „Freunde kommen!“ Der Advokat blieb -scheu an der Türe stehen. +scheu an der Türe stehen. </p> <p> Engelhardt erwiderte nichts. Ein Zittern durchlief -seinen Körper, und seine dünnen behaarten Hände +seinen Körper, und seine dünnen behaarten Hände zuckten zuweilen, ganz als ob er einem elektrischen -Strom von wechselnder Stärke ausgesetzt wäre. +Strom von wechselnder Stärke ausgesetzt wäre. </p> <p> -Michael Petroff lächelte und ging näher. „Wie +Michael Petroff lächelte und ging näher. „Wie befinden Sie sich, lieber Freund?“ sagte er leise -und voller Anteilnahme, indem er sich über Engelhardt +und voller Anteilnahme, indem er sich über Engelhardt beugte. „Der Arzt war heute nacht bei Ihnen?“ </p> <p> Engelhardt rollte den Kopf auf dem Kissen hin -und her. Er war erschöpft nach einer schlaflosen +und her. Er war erschöpft nach einer schlaflosen Nacht und den Beruhigungsmitteln, die ihm der Arzt verabreicht hatte. </p> @@ -1098,65 +1062,65 @@ Arzt verabreicht hatte. <p> „Schlecht?“ Michael Petroff zog besorgt die -Brauen in die Höhe. „Es geht ihm nicht gut, +Brauen in die Höhe. „Es geht ihm nicht gut, unserm Freunde!“ wandte er sich an den kleinen -Advokaten, der immer noch an der Türe stand. +Advokaten, der immer noch an der Türe stand. </p> <p> „Haben Sie Schmerzen?“ Michael Petroff -beugte sich wieder über den Kranken und näherte +beugte sich wieder über den Kranken und näherte das Ohr seinem Munde. </p> <p> „Ja“, erwiderte Engelhardt tonlos und matt -und murmelte in Petroffs Ohr. Es hörte sich an, +und murmelte in Petroffs Ohr. Es hörte sich an, als bete er. </p> <p> Michael Petroff richtete sich auf und sah den kleinen Advokaten an. „Er sagt, er sei mit seinen -Kräften zu Ende, unser Freund. Er braucht eine +Kräften zu Ende, unser Freund. Er braucht eine neue Seele, — wie damals im Winter, als der Pfleger starb, erinnern Sie sich?“ Und in das Ohr des -Leidenden rief er hinein, unnötig laut: „Ich werde +Leidenden rief er hinein, unnötig laut: „Ich werde mit dem Doktor reden, Freund Engelhardt. Das ist des Doktors Sache. Er wird Ihnen eine Seele verschaffen, so oder so!“ </p> <p> -Der kleine Advokat aber hüllte sich plötzlich enger -in seinen Schal. Ihn fröstelte. Für gewöhnlich -blieben nur wenig Eindrücke in seinem Gedächtnis +Der kleine Advokat aber hüllte sich plötzlich enger +in seinen Schal. Ihn fröstelte. Für gewöhnlich +blieben nur wenig Eindrücke in seinem Gedächtnis haften, aber er erinnerte sich noch deutlich an den Tod des Pflegers Schwindt, — wie Michael Petroff zu ihm ins Zimmer kam und ihm geheimnisvoll -ins Ohr flüsterte: „Der Pfleger ist gestorben. Engelhardt +ins Ohr flüsterte: „Der Pfleger ist gestorben. Engelhardt holte sich seine Seele, sehen Sie!“ Nun <a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -ergriff ihn Schrecken bei dem Gedanken, daß Engelhardt -am Ende seine Seele fordern könnte, und -nichts fürchtete er mehr als den Tod. +ergriff ihn Schrecken bei dem Gedanken, daß Engelhardt +am Ende seine Seele fordern könnte, und +nichts fürchtete er mehr als den Tod. </p> <p> Der Tod lebte in seinem kranken, wirren Kopf -als eine Gestalt, die unsichtbar bis auf die Hände -war. Plötzlich, oh, so plötzlich! würde er neben +als eine Gestalt, die unsichtbar bis auf die Hände +war. Plötzlich, oh, so plötzlich! würde er neben ihm stehen, dicht an seiner Seite. Und eine entsetzliche -Kälte würde von ihm ausströmen, mit einemmal -würden alle Blumen bereift umsinken und die -Millionen rascher Vögel erstarrt aus der Luft -stürzen, und er selbst würde in einen kleinen Schneehaufen +Kälte würde von ihm ausströmen, mit einemmal +würden alle Blumen bereift umsinken und die +Millionen rascher Vögel erstarrt aus der Luft +stürzen, und er selbst würde in einen kleinen Schneehaufen verwandelt werden. </p> <p> -Der Advokat zog den Kopf ein, so daß sich sein -dünner grauer Bart über der Halsbinde sträubte, +Der Advokat zog den Kopf ein, so daß sich sein +dünner grauer Bart über der Halsbinde sträubte, und richtete die kleinen Mausaugen furchtsam auf Michael Petroff und zitterte. </p> @@ -1164,21 +1128,21 @@ Michael Petroff und zitterte. <p> Michael Petroff sah ihn erstaunt an. „Was haben Sie nur, lieber —?“ sagte er gedehnt und -lächelte. „Sie ängstigen sich? Ja, weshalb, ich -bitte Sie? Ich werde sofort zu Doktor März gehen +lächelte. „Sie ängstigen sich? Ja, weshalb, ich +bitte Sie? Ich werde sofort zu Doktor März gehen und ihm Freund Engelhardts Anliegen vortragen. -Er wird nicht zögern, wie ich ihn kenne, und alles -ist in Ordnung. — Ich würde Ihnen ja gerne +Er wird nicht zögern, wie ich ihn kenne, und alles +ist in Ordnung. — Ich würde Ihnen ja gerne meine Seele zur Disposition stellen, Freund Engelhardt, aber ich brauche sie selbst noch — ich habe -eine Mission zu erfüllen, Sie wissen — ich bin -Napoleon, der jeden Tag eine Schlacht schlägt, ich -bin —“ Aber er hielt plötzlich inne und lauschte. +eine Mission zu erfüllen, Sie wissen — ich bin +Napoleon, der jeden Tag eine Schlacht schlägt, ich +bin —“ Aber er hielt plötzlich inne und lauschte. </p> <p> <a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -„Hören Sie, da ist der Doktor ja!“ flüsterte er. +„Hören Sie, da ist der Doktor ja!“ flüsterte er. „Er wird sogleich hier sein —“ </p> @@ -1187,35 +1151,35 @@ bin —“ Aber er hielt plötzlich inne und lauschte. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>oktor März war in den Pavillon eingetreten. -Man hörte ihn auf dem Korridor mit jemand +<span class="firstchar">D</span>oktor März war in den Pavillon eingetreten. +Man hörte ihn auf dem Korridor mit jemand sprechen, und alle drei im Zimmer des Schuhmachers lauschten. Die Stimme des Arztes allein war imstande, ihren Gedanken eine andere Richtung -zu verleihen und flößte ihnen Hoffnungen, unbestimmte, +zu verleihen und flößte ihnen Hoffnungen, unbestimmte, aber ungeheure Hoffnungen ein. Sie -wirkte auf sie ähnlich wie eine Stimme auf Verirrte -wirkt, die sich in einer unbewohnten Öde verloren -glaubten. Und doch sprach Doktor März -nicht viel, er war vielmehr ein Meister im Zuhören +wirkte auf sie ähnlich wie eine Stimme auf Verirrte +wirkt, die sich in einer unbewohnten Öde verloren +glaubten. Und doch sprach Doktor März +nicht viel, er war vielmehr ein Meister im Zuhören geworden, der stundenlang am Tage den Klagen, den Beschwerden und hundert Bitten seiner Patienten lauschte. Aber seine wenigen Worte hatten die Kraft, -aufzumuntern, zu trösten, zu erfreuen, und die Stimmung -seiner Patienten für den ganzen Tag zu beeinflussen. +aufzumuntern, zu trösten, zu erfreuen, und die Stimmung +seiner Patienten für den ganzen Tag zu beeinflussen. </p> <p> Der Advokat fror auf einmal nicht mehr, Michael -Petroff lächelte aufgeregt, und Engelhardt hatte den +Petroff lächelte aufgeregt, und Engelhardt hatte den Punkt an der Decke losgelassen und richtete die -Augen auf die halb offenstehende Türe. Er hatte -den Blick so stark konzentriert, daß seine kleinen +Augen auf die halb offenstehende Türe. Er hatte +den Blick so stark konzentriert, daß seine kleinen blendenden Augen zu schielen schienen. </p> <p> -„Hören Sie, der Rajah spricht mit ihm!“ sagte +„Hören Sie, der Rajah spricht mit ihm!“ sagte Michael Petroff und hob lauschend den Finger. </p> @@ -1227,22 +1191,22 @@ sagte die ruhige Stimme des Arztes. <p> Und eine fast noch ruhigere tiefe Stimme antwortete: -„Ich hörte die Wache die ganze Nacht -vor meiner Türe auf und ab gehen, mein Herr! -Ich hörte auch die Trommel bei der Ablösung.“ +„Ich hörte die Wache die ganze Nacht +vor meiner Türe auf und ab gehen, mein Herr! +Ich hörte auch die Trommel bei der Ablösung.“ </p> <p> „Lieber Freund,“ entgegnete der Arzt, „Sie -haben geträumt.“ +haben geträumt.“ </p> <p> „Nein!“ fuhr der Mann fort, den Michael Petroff Rajah genannt hatte, „ich entschuldige Sie, -mein Herr. Sie tun nur Ihre Pflicht, ich weiß +mein Herr. Sie tun nur Ihre Pflicht, ich weiß es. Allein der Takt sollte es Ihnen verbieten, Ihre -Maßnahmen in einer solch auffallenden Weise zu +Maßnahmen in einer solch auffallenden Weise zu treffen. Ich habe Ihnen mein Ehrenwort gegeben, keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Sagen Sie das der englischen Regierung, in deren Namen @@ -1252,7 +1216,7 @@ Sie, zu revidieren.“ </p> <p> -„Ich weiß es recht wohl, mein Freund!“ +„Ich weiß es recht wohl, mein Freund!“ </p> <p> @@ -1265,59 +1229,59 @@ ihm der Arzt eine sofortige Revision versprochen hatte. </p> <p> -Während des Gesprächs war Doktor März im -Rahmen der Türe erschienen und hinter ihm der -„Rajah“. Doktor März war ein kleiner, in einen -hellgrauen Anzug gekleideter Herr mit gerötetem -bartlosen Gesicht und einem raschen, prüfenden +Während des Gesprächs war Doktor März im +Rahmen der Türe erschienen und hinter ihm der +„Rajah“. Doktor März war ein kleiner, in einen +hellgrauen Anzug gekleideter Herr mit gerötetem +bartlosen Gesicht und einem raschen, prüfenden <a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> und dabei doch sanften Blick, und der „Rajah“ -stand groß und dunkel hinter ihm und füllte fast -die ganze Türe aus. Der „Rajah“ hatte einen +stand groß und dunkel hinter ihm und füllte fast +die ganze Türe aus. Der „Rajah“ hatte einen langen schwarzen Bart und ein dunkelbraunes -kühnes Gesicht, aus dem das Weiße der Augen +kühnes Gesicht, aus dem das Weiße der Augen abstach. </p> <p> Der „Rajah“ war ein einfacher Volksschullehrer, der einige Jahre in Indien an einer deutschen -Schule gewirkt hatte. Während eines langwierigen +Schule gewirkt hatte. Während eines langwierigen Fiebers hatte sich in ihm die Basis zu einer Wahnvorstellung -gebildet, die nach der Rückkehr in seine -Heimat gänzlich Besitz von ihm ergriff. Er wähnte, -ein indischer Fürst zu sein, den die englische Regierung +gebildet, die nach der Rückkehr in seine +Heimat gänzlich Besitz von ihm ergriff. Er wähnte, +ein indischer Fürst zu sein, den die englische Regierung ins Exil geschickt hatte. </p> <p> Er war ein sehr stiller und verschlossener Kranker, der nie mit den anderen Patienten sprach. Seine -Haltung drückte unermeßliche Ruhe und einen anscheinend -ganz natürlichen Stolz aus. Tagelang -würdigte er keinen Menschen eines Blickes. Er +Haltung drückte unermeßliche Ruhe und einen anscheinend +ganz natürlichen Stolz aus. Tagelang +würdigte er keinen Menschen eines Blickes. Er ging im Garten hin und her, ganz langsam, betrachtete -mit verächtlicher Miene Blumen und -Bäume und saß jeden Abend, wenn es das Wetter +mit verächtlicher Miene Blumen und +Bäume und saß jeden Abend, wenn es das Wetter erlaubte, abseits auf einer Bank und blickte in die -sinkende Sonne, der er sein gebräuntes Gesicht zuwandte, -bis sie verschwand. Und während er in die +sinkende Sonne, der er sein gebräuntes Gesicht zuwandte, +bis sie verschwand. Und während er in die sinkende Sonne blickte, brannten seine schwarzen -Augen von einem dunkeln, sehnsüchtigen Schmerz. +Augen von einem dunkeln, sehnsüchtigen Schmerz. Da sah er Palmen, die in der Sonne zerschmolzen, <a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -so daß man nur ihre mit Feuerrändern versehenen -Kronen, nicht aber die Stämme sah, — Elefanten, -die würdig dahinschritten, den kleinen braunen +so daß man nur ihre mit Feuerrändern versehenen +Kronen, nicht aber die Stämme sah, — Elefanten, +die würdig dahinschritten, den kleinen braunen Treiber im Nacken, — goldstrotzende Tempel, braune halbnackte Volkshaufen, die mit Zweigen in der -Hand dahinhüpften und helle Schreie ausstießen, — -und da sah er auch sich, wie er den großen Dampfer +Hand dahinhüpften und helle Schreie ausstießen, — +und da sah er auch sich, wie er den großen Dampfer betrat, der ihn ins Exil bringen sollte, und das braune Volk warf sich weinend auf dem Kai nieder. -Ein heißer ungeheurer Schmerz erfüllte die Seele +Ein heißer ungeheurer Schmerz erfüllte die Seele des „Rajah“, und er stand auf und schob die -breiten Schultern etwas höher, als trage er eine +breiten Schultern etwas höher, als trage er eine schwere Last. Und er trug sie! Nie klagte der „Rajah“, nie zeigte er Niedergeschlagenheit, nie zeigte er auch nur im geringsten, was in ihm vorging. @@ -1325,108 +1289,108 @@ er auch nur im geringsten, was in ihm vorging. <p> Auch in seinem Zimmer verhielt er sich ruhig. -Nur selten hörte man ihn sprechen, und nur manchmal -— im Schlaf — stieß er einen gedehnten, singenden -Ruf aus, wie ihn die Straßenverkäufer im -Orient hören lassen. +Nur selten hörte man ihn sprechen, und nur manchmal +— im Schlaf — stieß er einen gedehnten, singenden +Ruf aus, wie ihn die Straßenverkäufer im +Orient hören lassen. </p> <p> -Als Doktor März eintrat, verbeugte sich der -kleine kahlköpfige Advokat, die Mütze in der Hand, -und drückte sich schüchtern an die Wand. Er empfand -eine grenzenlose Dankbarkeit für den Arzt, der +Als Doktor März eintrat, verbeugte sich der +kleine kahlköpfige Advokat, die Mütze in der Hand, +und drückte sich schüchtern an die Wand. Er empfand +eine grenzenlose Dankbarkeit für den Arzt, der ihn hier still und ruhig bei seinen Blumen und -Vögeln leben ließ, ohne je Bezahlung von ihm zu +Vögeln leben ließ, ohne je Bezahlung von ihm zu fordern. Er wagte es heute nicht einmal, Doktor -März um Brosamen für seine Vögel zu bitten und +März um Brosamen für seine Vögel zu bitten und <a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -sich über die nachlässigen Mägde in der Küche zu +sich über die nachlässigen Mägde in der Küche zu beschweren, obgleich er es sich fest vorgenommen hatte. </p> <p> -Den „Rajah“ dagegen, der düster, und unnahbar +Den „Rajah“ dagegen, der düster, und unnahbar im Gang stand, vermochte der Advokat nicht ohne Scheu und eine innere leise Angst zu betrachten. -Um ihm seine Ergebenheit auszudrücken, verneigte +Um ihm seine Ergebenheit auszudrücken, verneigte er sich tief gegen ihn, und da der „Rajah“ ihn -nicht beachtete, verbeugte er sich nochmals, während -er die Lippen flüsternd bewegte. Allein der „Rajah“ -würdigte ihn keines Blickes. Einen Augenblick lang -dachte der Advokat daran, näher zu treten und dem -„Rajah“ die Hand zu küssen. Denn er erinnerte -sich einer Begebenheit, die sich scharf seinem Gedächtnis -eingeprägt hatte: An einem Abend hatte +nicht beachtete, verbeugte er sich nochmals, während +er die Lippen flüsternd bewegte. Allein der „Rajah“ +würdigte ihn keines Blickes. Einen Augenblick lang +dachte der Advokat daran, näher zu treten und dem +„Rajah“ die Hand zu küssen. Denn er erinnerte +sich einer Begebenheit, die sich scharf seinem Gedächtnis +eingeprägt hatte: An einem Abend hatte er den „Rajah“ im Korridor getroffen und ihm seine Verbeugung gemacht. Sie waren ganz allein. Da kam der „Rajah“ auf ihn zu und sagte mit -tiefer, gedämpfter Stimme „Getreuer“ und streckte +tiefer, gedämpfter Stimme „Getreuer“ und streckte ihm die Hand zum Kusse hin. „Warte!“ sagte der „Rajah“ weiter. „Ich will dir meine Gunst bezeugen. Ich habe ja nicht mehr viel von den -Schätzen übrig, die ich mit ins Exil nahm, aber — +Schätzen übrig, die ich mit ins Exil nahm, aber — hier, nimm, nimm!“ Und der „Rajah“ hatte ihm -einen kleinen grauen Stein in die Hand gedrückt. +einen kleinen grauen Stein in die Hand gedrückt. </p> <p> -Michael Petroff dagegen betrachtete Doktor März -mit einem lächelnden und forschenden Blick, während -er sich höflich gegen die Türe zurückzog. Er beugte +Michael Petroff dagegen betrachtete Doktor März +mit einem lächelnden und forschenden Blick, während +er sich höflich gegen die Türe zurückzog. Er beugte <a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> den Kopf dabei etwas in den Nacken, neigte ihn ein wenig auf die Seite, und sah den, Arzt an, als ob er eine ganz besondere Nachricht von ihm erwarte -und als ob er genau wisse, daß Doktor März -heute eine ganz besondere Nachricht für ihn habe. -So zuversichtlich sah er ihn an, und ein Lächeln -umspielte seinen schönen Knabenmund. +und als ob er genau wisse, daß Doktor März +heute eine ganz besondere Nachricht für ihn habe. +So zuversichtlich sah er ihn an, und ein Lächeln +umspielte seinen schönen Knabenmund. </p> <p> Engelhardt aber, dessen Brauen vor Schmerz -wie mit Klammern in die Höhe gespannt waren, +wie mit Klammern in die Höhe gespannt waren, hatte sich im Bett halb aufgesetzt und trug dem -Arzt seine Leiden und Wünsche vor. Er sprach in -der Kehle, rasch, murmelnd und fast unverständlich, -und seine Stimme klang wie das ferne Kläffen +Arzt seine Leiden und Wünsche vor. Er sprach in +der Kehle, rasch, murmelnd und fast unverständlich, +und seine Stimme klang wie das ferne Kläffen eines Dorfhundes, das man in einer stillen Nacht -hört. +hört. </p> <p> -Daß er zu Ende sei mit seinen Kräften, — der -Mond saugt! — daß ihn in der Nacht Tausende -von Menschen auf den Knien angefleht hätten, sie -nicht der Vernichtung preiszugeben, — daß nur eine -neue Seele ihm wieder Stärke verleihen könne, — -daß er fühle, wie er sich mehr und mehr nach links -neige und das Weltall jeden Augenblick zusammenstürzen -könne: all das stieß er wirr und kaum verständlich +Daß er zu Ende sei mit seinen Kräften, — der +Mond saugt! — daß ihn in der Nacht Tausende +von Menschen auf den Knien angefleht hätten, sie +nicht der Vernichtung preiszugeben, — daß nur eine +neue Seele ihm wieder Stärke verleihen könne, — +daß er fühle, wie er sich mehr und mehr nach links +neige und das Weltall jeden Augenblick zusammenstürzen +könne: all das stieß er wirr und kaum verständlich heraus, die kranken Augen hilfesuchend -auf Doktor März geheftet. +auf Doktor März geheftet. </p> <p> -Doktor März hörte ernst zu, auch Michael +Doktor März hörte ernst zu, auch Michael Petroff und selbst der „Rajah“, der unter die -Türe getreten war. Und da alle so ernst zuhörten +Türe getreten war. Und da alle so ernst zuhörten <a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -— besonders der „Rajah“, der seine großen glühenden +— besonders der „Rajah“, der seine großen glühenden Augen auf Engelhardt gerichtet hatte — so wurde -der kleine Advokat wieder von seiner früheren Angst -gepackt. Es war ihm, als sänken seine Beine, in +der kleine Advokat wieder von seiner früheren Angst +gepackt. Es war ihm, als sänken seine Beine, in den Boden hinein, wie in einen Sumpf, aber gerade -in dem Moment, da die Angst wie eine große -schwarze Finsternis über ihn sinken wollte, setzte +in dem Moment, da die Angst wie eine große +schwarze Finsternis über ihn sinken wollte, setzte sich ein Vogel zwitschernd auf das Fensterbrett, und der Advokat war wie verwandelt. </p> <p> -„Ich komme!“ flüsterte er hastig. +„Ich komme!“ flüsterte er hastig. </p> <p> @@ -1436,17 +1400,17 @@ zu ihm und griff nach seinem Arm. „Wohin denn?“ <p> „Er rief mich!“ entgegnete der Advokat und -schlüpfte rasch hinaus. +schlüpfte rasch hinaus. </p> <p> -„Wie er eilt!“ dachte Michael Petroff und hörte -sich selbst im Innern lachen. Und später sagte er -zu Doktor März, indem er ihm vertraulich die Hand -auf die Schulter legte: „Dieser Advokat ist gewiß +„Wie er eilt!“ dachte Michael Petroff und hörte +sich selbst im Innern lachen. Und später sagte er +zu Doktor März, indem er ihm vertraulich die Hand +auf die Schulter legte: „Dieser Advokat ist gewiß ein kluger und gebildeter Mann, — und doch glaubt -er, daß die Vögel ihn rufen! Unter uns, Doktor, -haben Sie nie den Gedanken gehabt, daß es mit +er, daß die Vögel ihn rufen! Unter uns, Doktor, +haben Sie nie den Gedanken gehabt, daß es mit ihm nicht ganz in Ordnung ist —?“ </p> @@ -1455,10 +1419,10 @@ ihm nicht ganz in Ordnung ist —?“ </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">N</span>ach Tisch ergingen sich wie gewöhnlich die -Patienten des Doktor März im Garten. Sie trotteten -in kleinen Trüppchen hintereinander her, immer -um das große Blumenbeet herum, in gleichen Abständen, +<span class="firstchar">N</span>ach Tisch ergingen sich wie gewöhnlich die +Patienten des Doktor März im Garten. Sie trotteten +in kleinen Trüppchen hintereinander her, immer +um das große Blumenbeet herum, in gleichen Abständen, schweigsam, in Gedanken versunken. Nur <a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> der „Erfinder,“ ein junger Mann, blieb zuweilen @@ -1468,36 +1432,36 @@ Boden. </p> <p> -Der Advokat begoß seine Blumen und lauschte -verzückt auf das Zwitschern der tausend und abertausend -Vögel, die in den Büschen und Wipfeln -hüpften. Michael Petroff war in ganz ausgezeichneter +Der Advokat begoß seine Blumen und lauschte +verzückt auf das Zwitschern der tausend und abertausend +Vögel, die in den Büschen und Wipfeln +hüpften. Michael Petroff war in ganz ausgezeichneter Laune. Es gab da Neuigkeiten —! Man -höre, man höre! Er rauchte, jeden Zug genießend, -eine Zigarette, die ihm Doktor März verehrt hatte. +höre, man höre! Er rauchte, jeden Zug genießend, +eine Zigarette, die ihm Doktor März verehrt hatte. Die Zigarette schwang er zwischen den kokett gespreizten -Fingern in großem Bogen, als zöge er -grüßend den Hut, und so oft er einen Zug nahm, +Fingern in großem Bogen, als zöge er +grüßend den Hut, und so oft er einen Zug nahm, blieb er stehen und blies den Rauch senkrecht in die sonnige Luft empor und sah zu, wie der blaue -Rauch zerging. Aus allen Dingen strömte ihm -Entzücken zu. Selbst das Gehen empfand er als -eine Lust. Er machte kleine Schritte, drückte die -Knie durch und fühlte mit Vergnügen die elastische +Rauch zerging. Aus allen Dingen strömte ihm +Entzücken zu. Selbst das Gehen empfand er als +eine Lust. Er machte kleine Schritte, drückte die +Knie durch und fühlte mit Vergnügen die elastische Behendigkeit, mit der sich seine zuweilen leise knackenden -Zehen und seine Ballen in den dünnsohligen -Schuhen vom Boden abstießen, während seine -Fersen den Weg nur flüchtig berührten, und das +Zehen und seine Ballen in den dünnsohligen +Schuhen vom Boden abstießen, während seine +Fersen den Weg nur flüchtig berührten, und das Spielen seiner Knie. Blieb er aber stehen, so spannte -er die Muskeln seiner Schenkel durch Eindrücken -der Knie an, und empfand wiederum Vergnügen -über die Festigkeit, mit der er dastand, wie eine +er die Muskeln seiner Schenkel durch Eindrücken +der Knie an, und empfand wiederum Vergnügen +über die Festigkeit, mit der er dastand, wie eine <a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -Statue. Er war überzeugt, daß nichts ihn hätte -umwerfen können. Lächelnd und Seligkeiten mit -den Blicken austeilend ging er dahin, er grüßte -jeden, und so oft er einen Bekannten traf, erzählte -er ihm das große Ereignis, das heute eingetreten war. +Statue. Er war überzeugt, daß nichts ihn hätte +umwerfen können. Lächelnd und Seligkeiten mit +den Blicken austeilend ging er dahin, er grüßte +jeden, und so oft er einen Bekannten traf, erzählte +er ihm das große Ereignis, das heute eingetreten war. </p> <div class="centerpic"> @@ -1505,26 +1469,26 @@ er ihm das große Ereignis, das heute eingetreten war. </div> <p> -„Hören Sie, mein Freund!“ rief er dem kleinen -Advokaten zu, der in einer Rasenfläche stand und -sich mit der Gießkanne über ein Tulpenbeet beugte, -um die Blumen in der Mitte zu begießen. „So +„Hören Sie, mein Freund!“ rief er dem kleinen +Advokaten zu, der in einer Rasenfläche stand und +sich mit der Gießkanne über ein Tulpenbeet beugte, +um die Blumen in der Mitte zu begießen. „So kommen Sie doch heraus! Es gibt Neuigkeiten! Nun, so kommen Sie doch endlich!“ </p> <p> -Er wartete in liebenswürdiger Ungeduld, bis der +Er wartete in liebenswürdiger Ungeduld, bis der Advokat fertig war und auf den Weg trat, um mit -der leeren, grünen Kanne zum Brunnen zu gehen. -„Ich will Ihnen erzählen, was sich heute ereignete,“ -begann er dann rasch, „Seine Majestät der König +der leeren, grünen Kanne zum Brunnen zu gehen. +„Ich will Ihnen erzählen, was sich heute ereignete,“ +begann er dann rasch, „Seine Majestät der König von Sachsen haben geruht —“ </p> <p> -„Verzeihen Sie,“ unterbrach ihn flüsternd der -Advokat und fing an zu gehen, „es ist heiß, ich +„Verzeihen Sie,“ unterbrach ihn flüsternd der +Advokat und fing an zu gehen, „es ist heiß, ich habe es eilig. Die Blumen vertrocknen.“ </p> @@ -1532,84 +1496,84 @@ habe es eilig. Die Blumen vertrocknen.“ „Ich gehe mit Ihnen zum Brunnen,“ fuhr Michael Petroff gut gelaunt fort und ging rasch neben dem eilenden Advokaten her, „ich kann es -Ihnen ja ebensogut im Gehen erzählen. Ich sage -also heute zum Doktor: ‚Nun, Doktor, für mich +Ihnen ja ebensogut im Gehen erzählen. Ich sage +also heute zum Doktor: ‚Nun, Doktor, für mich haben Sie heute nichts?‘ ‚Nein,‘ sagt er, ‚lieber -Kapitän, leider nichts.‘ ‚Gar nichts,‘ sage ich und +Kapitän, leider nichts.‘ ‚Gar nichts,‘ sage ich und fasse ihn am Arm, ‚seit Wochen ist keine einzige <a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> Antwort eingelaufen? Wirklich nichts, Doktor?‘ Er sieht mich an und denkt nach. ‚Ach ja,‘ sagt -er, ‚ich hätte es beinahe vergessen. Es ist ein +er, ‚ich hätte es beinahe vergessen. Es ist ein Schreiben eingelaufen. Es betrifft diesen Tischlergesellen, -Sie wissen, lieber Kapitän?‘ ‚Tischlergesellen? +Sie wissen, lieber Kapitän?‘ ‚Tischlergesellen? Doktor? Ich erinnere mich nicht‘ — ich ziehe mein Taschenbuch heraus, in das ich alle -ausgehenden Schriftstücke eintrage: ‚Woher kam +ausgehenden Schriftstücke eintrage: ‚Woher kam die Antwort? Aus Sachsen? Ah,‘ sage ich, ‚dann -betrifft es jenen Schlächtergesellen, den man zum +betrifft es jenen Schlächtergesellen, den man zum Tode verurteilt hatte.‘ ‚Ja,‘ sagt der Doktor, ‚ganz -richtig, ein Schlächtergeselle war der Bursche.‘ Und -nun hören Sie, lieber Freund: Seine Majestät -der König von Sachsen haben geruht, ihn auf +richtig, ein Schlächtergeselle war der Bursche.‘ Und +nun hören Sie, lieber Freund: Seine Majestät +der König von Sachsen haben geruht, ihn auf meine Petition hin zu begnadigen. Ich werde -noch heute ein Dankschreiben an Seine Majestät +noch heute ein Dankschreiben an Seine Majestät entwerfen.“ </p> <p> „Wie sie heute sticht, die Sonne“, antwortete -der Advokat auf Michael Petroffs Erzählung und +der Advokat auf Michael Petroffs Erzählung und begann den Pumpenschwengel zu ziehen. „Die Blumen sehen alle so matt aus.“ </p> <p> -„Hahaha!“ Michael Petroff lachte. „Sie hören +„Hahaha!“ Michael Petroff lachte. „Sie hören ja gar nicht zu? Wie?“ </p> <p> -Nein, der Advokat hörte nicht zu. Er sah in -die Kanne, ob sie voll wäre. +Nein, der Advokat hörte nicht zu. Er sah in +die Kanne, ob sie voll wäre. </p> <p> Michael Petroff betrachtete ihn eine Weile mit zur Seite geneigtem Kopf, dann lachte er still vor -sich hin und ging rasch weiter. Er blickte über +sich hin und ging rasch weiter. Er blickte über <a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> den Garten und suchte nach jemand, dem er die -frohe Botschaft erzählen könnte. +frohe Botschaft erzählen könnte. </p> <p> -Da entdeckte er den „Rajah“, der im Gemüsegarten, +Da entdeckte er den „Rajah“, der im Gemüsegarten, zwischen zwei Salatbeeten hin und her ging. -Seiner Gewohnheit gemäß war der „Rajah“ allein +Seiner Gewohnheit gemäß war der „Rajah“ allein und da, wo sonst niemand war. </p> <p> Michael Petroff wippte sich auf den Zehen und dachte einen Augenblick daran, mit einem einzigen -Sprung über die Beete zu setzen, die ihn, etwa +Sprung über die Beete zu setzen, die ihn, etwa hundert Schritt breit, von dem „Rajah“ trennten. -Er brauchte sich ja nur ein bißchen in die Höhe -zu schnellen und wäre dort. Aber er befürchtete -unhöflich gegen den „Rajah“ zu sein, ihn vielleicht -zu erschrecken, und unterließ es. +Er brauchte sich ja nur ein bißchen in die Höhe +zu schnellen und wäre dort. Aber er befürchtete +unhöflich gegen den „Rajah“ zu sein, ihn vielleicht +zu erschrecken, und unterließ es. </p> <p> -Der „Rajah“ ging so stolz und würdevoll einher -wie gewöhnlich, aber heute war er unruhig +Der „Rajah“ ging so stolz und würdevoll einher +wie gewöhnlich, aber heute war er unruhig und nachdenklich. Die Worte Engelhardts, der das -Weltall im Gleichgewicht hielt, daß es nicht in -Trümmer stürze, hatten seinen Sinn gefangen genommen. -Er dachte darüber nach, und nach langem +Weltall im Gleichgewicht hielt, daß es nicht in +Trümmer stürze, hatten seinen Sinn gefangen genommen. +Er dachte darüber nach, und nach langem unerbittlichen Nachdenken war er zu dem Schlusse -gekommen, daß es nur noch eines gäbe — eines — — +gekommen, daß es nur noch eines gäbe — eines — — </p> <p> @@ -1617,8 +1581,8 @@ Da trat Michael Petroff an ihn heran. </p> <p> -„Erlauben Sie, daß ich störe!“ sagte er höflich -und zog die graue englische Reisemütze. „Kapitän +„Erlauben Sie, daß ich störe!“ sagte er höflich +und zog die graue englische Reisemütze. „Kapitän Michael Petroff!“ </p> @@ -1633,27 +1597,27 @@ brennenden Augen ernst an. </p> <p> -Michael Petroff lächelte. „Ich möchte Ihnen +Michael Petroff lächelte. „Ich möchte Ihnen gerne eine freudige Neuigkeit mitteilen“, begann er. „Heute morgen also sage ich zum Doktor: ‚Nun, -Doktor, haben Sie nichts für mich, heute —?‘“ — -Und er erzählte freudestrahlend dieselbe Geschichte, -die er heute schon dutzendmal erzählt hatte. +Doktor, haben Sie nichts für mich, heute —?‘“ — +Und er erzählte freudestrahlend dieselbe Geschichte, +die er heute schon dutzendmal erzählt hatte. </p> <p> -Der „Rajah“ hörte schweigend zu, während er +Der „Rajah“ hörte schweigend zu, während er Michael Petroff nachdenklich betrachtete. Dann -sagte er: „Ich möchte gerne mit dir sprechen.“ +sagte er: „Ich möchte gerne mit dir sprechen.“ </p> <p> -„Ich stehe Ihnen zur Verfügung!“ +„Ich stehe Ihnen zur Verfügung!“ </p> <p> -Der „Rajah“ ließ seine Augen langsam und -würdevoll über den Garten schweifen. +Der „Rajah“ ließ seine Augen langsam und +würdevoll über den Garten schweifen. </p> <p> @@ -1661,7 +1625,7 @@ würdevoll über den Garten schweifen. </p> <p> -„Mit Vergnügen.“ +„Mit Vergnügen.“ </p> <p> @@ -1675,39 +1639,39 @@ ebenfalls Platz zu nehmen. </p> <p> -Michael Petroff lüftete die Mütze: „Michael -Petroff, Kapitän der russischen Armee“, sagte er -höflich. +Michael Petroff lüftete die Mütze: „Michael +Petroff, Kapitän der russischen Armee“, sagte er +höflich. </p> <p> Der „Rajah“ sah ihn an und fuhr hierauf mit der gleichen Ruhe und Hoheit fort: „Wenn du -schreibst, so mußt du wissen. Und gewiß hast du -Weisheiten über Menschen und Dinge aus den -heiligen Büchern geschöpft, die uns andern verschlossen -bleiben, und dein Leben gemäß den Vorschriften +schreibst, so mußt du wissen. Und gewiß hast du +Weisheiten über Menschen und Dinge aus den +heiligen Büchern geschöpft, die uns andern verschlossen +bleiben, und dein Leben gemäß den Vorschriften <a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> deiner Kaste in Meditationen verbracht. Gut, so lege mir die Worte des Fakirs aus, der -nach dem unerforschlichen Ratschluß der Götter -das Weltengebäude auf den Schultern trägt! +nach dem unerforschlichen Ratschluß der Götter +das Weltengebäude auf den Schultern trägt! Sprich!“ </p> <p> -Michael Petroff lächelte geschmeichelt und verbeugte +Michael Petroff lächelte geschmeichelt und verbeugte sich gegen den „Rajah“. Er verstand zwar -nicht alles, was der „Rajah“ sprach, aber er fühlte +nicht alles, was der „Rajah“ sprach, aber er fühlte Hochachtung und Verehrung aus seinen Worten. -Er fand, daß er gewissermaßen die Verpflichtung +Er fand, daß er gewissermaßen die Verpflichtung habe, den „Rajah“ in das Geheimnis seiner Zeitung -einzuweihen, aber zu seiner eigenen Überraschung +einzuweihen, aber zu seiner eigenen Überraschung fragte er: „Sie meinen Freund Engelhardt?“ </p> <p> -„Du hörtest, was er sagte?“ +„Du hörtest, was er sagte?“ </p> <p> @@ -1715,10 +1679,10 @@ fragte er: „Sie meinen Freund Engelhardt?“ </p> <p> -„So sprich!“ Es zeigte sich, daß der „Rajah“ +„So sprich!“ Es zeigte sich, daß der „Rajah“ kein einziges Wort, das Engelhardt zu Doktor -März sagte, vergessen hatte; Michael Petroff dagegen -wußte nahezu nichts mehr und zog sich den +März sagte, vergessen hatte; Michael Petroff dagegen +wußte nahezu nichts mehr und zog sich den Unwillen des „Rajahs“ zu. </p> @@ -1729,7 +1693,7 @@ so viele Dinge durch den Kopf.“ <p> „Was aber wird geschehen, wenn er keine neue -Seele erhält?“ fragte der „Rajah“ weiter. +Seele erhält?“ fragte der „Rajah“ weiter. </p> <p> @@ -1738,31 +1702,31 @@ Seele erhält?“ fragte der „Rajah“ weiter. <p> „Auch Fakire sind nur Menschen. Was wird -geschehen, wenn ihm die Kräfte versagen? Wird -die Welt einstürzen?“ +geschehen, wenn ihm die Kräfte versagen? Wird +die Welt einstürzen?“ </p> <p> <a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -„Sie wird einstürzen!“ erwiderte Michael Petroff -und mußte lachen. +„Sie wird einstürzen!“ erwiderte Michael Petroff +und mußte lachen. </p> <p> „Weshalb lachst du da?“ sagte der „Rajah“ ruhig, und seine dunkeln Augen funkelten. „Was -wirst du tun, wenn sie einstürzt?“ +wirst du tun, wenn sie einstürzt?“ </p> <p> -„Ich?“ Michael Petroff lächelte und deutete -auf den Pavillon, der durch die Büsche schimmerte. -„Wenn dieses Haus dort einstürzt,“ fuhr er fort, +„Ich?“ Michael Petroff lächelte und deutete +auf den Pavillon, der durch die Büsche schimmerte. +„Wenn dieses Haus dort einstürzt,“ fuhr er fort, „so werde ich mich rasch davon machen und in -meine Heimat zurückkehren. Meine Heimat ist -Rußland. Sie kennen Rußland? Sie können -Deutschland auf der Hand forttragen, Rußland -aber nicht einmal auf dem Rücken. So groß ist +meine Heimat zurückkehren. Meine Heimat ist +Rußland. Sie kennen Rußland? Sie können +Deutschland auf der Hand forttragen, Rußland +aber nicht einmal auf dem Rücken. So groß ist meine Heimat.“ </p> @@ -1772,16 +1736,16 @@ meine Heimat.“ <p> Der „Rajah“ dachte lange und angestrengt nach. -Dann sagte er, langsam und mehr für sich selbst: -„Wenn die Welt einstürzt, wird dann auch mein +Dann sagte er, langsam und mehr für sich selbst: +„Wenn die Welt einstürzt, wird dann auch mein <a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -Reich einstürzen? Die Berge mit den Tempeln, -die Wälder und Städte, wird all das zerstört +Reich einstürzen? Die Berge mit den Tempeln, +die Wälder und Städte, wird all das zerstört werden?“ </p> <p> -Michael Petroff nickte und lächelte schadenfroh. +Michael Petroff nickte und lächelte schadenfroh. „Ich glaube wohl!“ </p> @@ -1789,22 +1753,22 @@ Michael Petroff nickte und lächelte schadenfroh. Auch der „Rajah“ nickte nun. Er neigte einigemal langsam sein Haupt. „All meine Untertanen werden zu Grunde gehen?“ fragte er und nickte. -Er stand auf und schüttelte den Kopf. „Nein“, +Er stand auf und schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er ernst und sah Michael Petroff an. „Das -soll nicht sein! Wir wünschen es nicht.“ +soll nicht sein! Wir wünschen es nicht.“ </p> <p> -Der Rajah ging. Langsam und würdevoll schritt +Der Rajah ging. Langsam und würdevoll schritt er in der Sonne dahin dem Pavillon zu. </p> <p> -Michael Petroff sah ihm nach. Er lächelte und -schüttelte den Kopf. „Was für ein wunderlicher +Michael Petroff sah ihm nach. Er lächelte und +schüttelte den Kopf. „Was für ein wunderlicher Mensch er doch ist!“ sagte er und lachte. Und als -er sein Lachen hörte, lachte er nochmals laut und -fröhlich und schnippte mit den Fingern dazu. „Hahahaha!“ +er sein Lachen hörte, lachte er nochmals laut und +fröhlich und schnippte mit den Fingern dazu. „Hahahaha!“ </p> <p class="tb"> @@ -1813,18 +1777,18 @@ fröhlich und schnippte mit den Fingern dazu. „Hahahaha!“ <p class="first"> <span class="firstchar">D</span>er „Rajah“ aber trat in Engelhardts Zimmer -und teilte ihm mit, daß er gesonnen sei, ihm seine -Seele zu überlassen. „Wenn die Götter mein Opfer +und teilte ihm mit, daß er gesonnen sei, ihm seine +Seele zu überlassen. „Wenn die Götter mein Opfer annehmen wollen.“ </p> <p> -Engelhardt, der wie tot auf dem Bett lag, öffnete +Engelhardt, der wie tot auf dem Bett lag, öffnete die Augen und sah ihn an. </p> <p> -„Wollen Sie?“ keuchte er und seine Hände und +„Wollen Sie?“ keuchte er und seine Hände und sein Gesicht zuckten. </p> @@ -1834,35 +1798,35 @@ sein Gesicht zuckten. </p> <p> -„Drei Tage will ich noch kämpfen!“ keuchte +„Drei Tage will ich noch kämpfen!“ keuchte Engelhardt. </p> <p> -Der „Rajah“ zog die Türe zu. Er begab sich -in sein Zimmer und schrieb mit großen, fliegenden +Der „Rajah“ zog die Türe zu. Er begab sich +in sein Zimmer und schrieb mit großen, fliegenden Buchstaben, die alle in verschiedene Richtungen -flatterten, einen kurzen Brief an Doktor März. +flatterten, einen kurzen Brief an Doktor März. </p> <p> „Euer Hochwohlgeboren,“ so schrieb er, „der Himmel hat es beschlossen. Wir sollen den blauen -Fluß nicht mehr sehen. Wir sollen die überschwemmten +Fluß nicht mehr sehen. Wir sollen die überschwemmten Reisfelder nicht mehr sehen und nicht -mehr die weißen Elefanten, deren Zähne goldne +mehr die weißen Elefanten, deren Zähne goldne Ringe tragen. Der Himmel hat es beschlossen und wir gehorchen. Sagen Sie der englischen Regierung, -daß wir erhaben sind über das Gefühl der Rachsucht +daß wir erhaben sind über das Gefühl der Rachsucht und Bitterkeit. Sagen Sie der englischen -Regierung, daß wir gesonnen sind, unsere Untertanen +Regierung, daß wir gesonnen sind, unsere Untertanen zu retten und unsere Seele preisgeben, wenn -den Göttern das Opfer gefällt.“ +den Göttern das Opfer gefällt.“ </p> <p> -Der „Rajah“ klingelte dem Pfleger und übergab -ihm ruhig und voll Würde das Schreiben. +Der „Rajah“ klingelte dem Pfleger und übergab +ihm ruhig und voll Würde das Schreiben. Dann entkleidete er sich und legte sich zu Bett, bereit zu sterben. </p> @@ -1872,16 +1836,16 @@ bereit zu sterben. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>m Abend, als es dunkelte, kam der Advokat verstört -in das Zimmer Michael Petroffs gestürzt, -ohne anzuklopfen, ohne unter der Türe zu warten, +<span class="firstchar">A</span>m Abend, als es dunkelte, kam der Advokat verstört +in das Zimmer Michael Petroffs gestürzt, +ohne anzuklopfen, ohne unter der Türe zu warten, wie er es sonst zu tun pflegte. </p> <p> <a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -„Helfen Sie mir, Kapitän!“ flüsterte er und -flüchtete sich in die Arme des erstaunten Michael +„Helfen Sie mir, Kapitän!“ flüsterte er und +flüchtete sich in die Arme des erstaunten Michael Petroff. Der Advokat zitterte vor Entsetzen. </p> @@ -1891,7 +1855,7 @@ erstaunt und erschrocken aus. </p> <p> -„Er steht im Gange!“ flüsterte der Advokat. +„Er steht im Gange!“ flüsterte der Advokat. </p> <p> @@ -1899,7 +1863,7 @@ erstaunt und erschrocken aus. </p> <p> -„Engelhardt! Er steht vor der Türe des ‚Rajah‘. +„Engelhardt! Er steht vor der Türe des ‚Rajah‘. Er holt sich seine Seele.“ </p> @@ -1919,7 +1883,7 @@ werde nachsehen.“ </p> <p> -Der Advokat umklammerte seine Füße. „Er wird +Der Advokat umklammerte seine Füße. „Er wird hereinkommen, oh, mein Gott, mein Gott!“ </p> @@ -1931,15 +1895,15 @@ es Ihnen. Aber ich will sehen!“ <p> Der kleine Advokat kauerte auf dem Boden und -bedeckte das Gesicht mit den Händen. Michael +bedeckte das Gesicht mit den Händen. Michael Petroff aber ging hinaus. Nach einer Weile kam -er zurück. Er sah etwas blaß aus, aber er lachte, +er zurück. Er sah etwas blaß aus, aber er lachte, um sich Mut zu machen. </p> <p> -„Ja,“ sagte er gedämpft, „da steht er an seiner -Türe und lauscht. Weshalb zittern Sie so, lieber +„Ja,“ sagte er gedämpft, „da steht er an seiner +Türe und lauscht. Weshalb zittern Sie so, lieber Freund?“ </p> @@ -1949,47 +1913,47 @@ Freund?“ </p> <p> -„Verlassen Sie mich nicht!“ flüsterte der Advokat, -immer noch die Hände vor dem Gesicht. +„Verlassen Sie mich nicht!“ flüsterte der Advokat, +immer noch die Hände vor dem Gesicht. </p> <p> -Der „Rajah“ lag auf dem Bett, die großen -Augen mit einem glänzenden Blick in die Ferne -gerichtet, und regte sich nicht, über sein gebräuntes +Der „Rajah“ lag auf dem Bett, die großen +Augen mit einem glänzenden Blick in die Ferne +gerichtet, und regte sich nicht, über sein gebräuntes Gesicht war eine hoheitsvolle Ruhe und Gelassenheit ausgegossen. Er weigerte sich aufzustehen und -wies jede Nahrung zurück. Doktor März maß die -Temperatur und fand sie einigermaßen niedrig, den +wies jede Nahrung zurück. Doktor März maß die +Temperatur und fand sie einigermaßen niedrig, den Puls etwas langsam, irgendwelche Symptome -einer gesundheitlichen Störung oder Anzeichen einer +einer gesundheitlichen Störung oder Anzeichen einer nahenden Krankheit konnte er aber nicht entdecken. Er redete dem „Rajah“ mit freundlichem Ernst zu, aufzustehen und zu essen, da der „Rajah“ ihm -aber nicht antwortete, ließ er ihn in Ruhe. Er -war an die Launen seiner Patienten gewöhnt und -wußte, daß sie ebenso rasch gingen, wie sie kamen. +aber nicht antwortete, ließ er ihn in Ruhe. Er +war an die Launen seiner Patienten gewöhnt und +wußte, daß sie ebenso rasch gingen, wie sie kamen. </p> <p> Dagegen machte ihm Engelhardt ernstlich Sorge. -Er hatte trotz aller Dauerbäder und Beruhigungsmittel +Er hatte trotz aller Dauerbäder und Beruhigungsmittel die Nacht wiederum schlaflos und erregt verbracht. Nun lag er in einer Art Halbschlaf und zitterte und zuckte unter der Anstrengung, die sein schrecklicher Wahn von ihm forderte. Er vernahm Stimmen, das Geschrei von Millionen von -Menschen, die die Hände nach ihm rangen und +Menschen, die die Hände nach ihm rangen und ihn anflehten, sie nicht der Vernichtung preiszugeben, -er hörte das Läuten der Glocken, die Bittgesänge +er hörte das Läuten der Glocken, die Bittgesänge von Prozessionen, die Gebete der Kaiser <a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -und Könige, Bischöfe und Päpste. Seine Haut war -trocken und spröde, sein Puls hüpfend und unstet. -Doktor März saß lange Zeit neben seinem Bett und -beobachtete ihn, während er, zuweilen blinzelnd, sein +und Könige, Bischöfe und Päpste. Seine Haut war +trocken und spröde, sein Puls hüpfend und unstet. +Doktor März saß lange Zeit neben seinem Bett und +beobachtete ihn, während er, zuweilen blinzelnd, sein ganzes Wissen und alle seine Erfahrungen blitzschnell -in Gedanken durchflog. Dann verließ er Engelhardt +in Gedanken durchflog. Dann verließ er Engelhardt mit einer nachdenklichen und ratlosen Miene. </p> @@ -2004,72 +1968,72 @@ bei ihm. <p> Die Patienten des Pavillons wurden von einer -sonderbaren Nervosität ergriffen, die sich stets bei -ihnen einstellte, wenn die häufigen Besuche des -Arztes darauf hindeuteten, daß jemand schwer krank +sonderbaren Nervosität ergriffen, die sich stets bei +ihnen einstellte, wenn die häufigen Besuche des +Arztes darauf hindeuteten, daß jemand schwer krank war. Sie gingen mit behutsamen Schritten, sprachen -nur halblaut, und manche verließen das Zimmer -überhaupt nicht. Der kleine Advokat wagte kaum -sich zu regen und bat die tausend Vögel, die mit +nur halblaut, und manche verließen das Zimmer +überhaupt nicht. Der kleine Advokat wagte kaum +sich zu regen und bat die tausend Vögel, die mit <a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> ihm im Zimmer lebten, recht ruhig zu sein, als er ihnen Brosamen und Wasser auf den Tisch stellte. Wieder und wieder zwang ihn eine unbekannte -Macht durch das Schlüsselloch zu sehen. Da stand +Macht durch das Schlüsselloch zu sehen. Da stand er lange Zeit, die Hand in der Art der Kinder -auf das linke Auge gepreßt und spähte mit dem -rechten durch das Schlüsselloch hinaus auf die -weiße Wand des Korridors. Sobald aber ein -Vorübergehender den Ausblick verdeckte, fuhr er erschrocken -zurück. Wenn er hinaus zu seinen Blumen -mußte, so öffnete er lautlos und langsam die Türe -und ging rückwärts, die Augen auf Engelhardts Türe +auf das linke Auge gepreßt und spähte mit dem +rechten durch das Schlüsselloch hinaus auf die +weiße Wand des Korridors. Sobald aber ein +Vorübergehender den Ausblick verdeckte, fuhr er erschrocken +zurück. Wenn er hinaus zu seinen Blumen +mußte, so öffnete er lautlos und langsam die Türe +und ging rückwärts, die Augen auf Engelhardts Türe gerichtet, bis zu den Stufen. Hier drehte er sich rasch -um und eilte hinab, immer in der Furcht, daß ihn -plötzlich eine Hand am Rockkragen festhalten werde. +um und eilte hinab, immer in der Furcht, daß ihn +plötzlich eine Hand am Rockkragen festhalten werde. </p> <p> Michael Petroff war der einzige, dem die allgemeine -Unruhe nichts anhaben konnte. Er saß an -seinem Schreibtisch, schnitt seine Fälle aus, numerierte, -registrierte, klebte, schrieb. Er schüttelte lächelnd -den Kopf über die Furcht des kleinen Advokaten, -versprach ihm aber für alle Fälle seinen Schutz. +Unruhe nichts anhaben konnte. Er saß an +seinem Schreibtisch, schnitt seine Fälle aus, numerierte, +registrierte, klebte, schrieb. Er schüttelte lächelnd +den Kopf über die Furcht des kleinen Advokaten, +versprach ihm aber für alle Fälle seinen Schutz. </p> <p> „Seien Sie ganz ruhig, lieber Freund!“ sagte -er gönnerhaft. „Solange ich lebe, haben Sie keine +er gönnerhaft. „Solange ich lebe, haben Sie keine Ursache, sich zu beunruhigen!“ Und mit wichtiger -Miene fügte er hinzu: „Ich war bei ihm. Er erzählte -mir, daß der ‚Rajah‘ ihm seine Seele versprochen -habe. Nun, was weiter? Voilà tout. +Miene fügte er hinzu: „Ich war bei ihm. Er erzählte +mir, daß der ‚Rajah‘ ihm seine Seele versprochen +habe. Nun, was weiter? Voilà tout. Sie aber verlassen sich auf Michael Petroff!“ </p> <p> <a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -„Ich danke Ihnen!“ flüsterte der Advokat und -griff nach Michael Petroffs Hand, um sie zu küssen. +„Ich danke Ihnen!“ flüsterte der Advokat und +griff nach Michael Petroffs Hand, um sie zu küssen. </p> <p> „Nicht das! Wozu?!“ wehrte Michael Petroff -ab, fühlte sich aber doch geschmeichelt und geehrt. +ab, fühlte sich aber doch geschmeichelt und geehrt. </p> <p> -Der Advokat verließ ihn ruhiger. In der Nacht -aber hörte er Engelhardt rufen und verkroch sich -zähneklappernd unter die Bettdecke. Nun war es +Der Advokat verließ ihn ruhiger. In der Nacht +aber hörte er Engelhardt rufen und verkroch sich +zähneklappernd unter die Bettdecke. Nun war es ihm, als sei er in die Erde eingegraben, in einen hohen Berg und vermochte vor Angst kaum zu -atmen. Da aber sah er plötzlich einen ungeheuren -Schwarm von Vögeln, die pfeilschnell in einer -leichten Biegung über den Himmel glitten. Er +atmen. Da aber sah er plötzlich einen ungeheuren +Schwarm von Vögeln, die pfeilschnell in einer +leichten Biegung über den Himmel glitten. Er winkte und rief empor: „Wohin? Wohin?“ — -„Komm mit! Komm mit!“ zwitscherten die Vögel +„Komm mit! Komm mit!“ zwitscherten die Vögel zur Antwort. „Nach Wien! nach Wien!“ und sie glitten in die Ferne. Der Advokat sah ihnen nach und schlief ein. @@ -2080,42 +2044,42 @@ und schlief ein. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie Kräfte des „Rajahs“ schwanden zusehends, -obgleich Doktor März ihm künstlich Nahrung zuführen -ließ. Rasch wie die Dämmerung in den +<span class="firstchar">D</span>ie Kräfte des „Rajahs“ schwanden zusehends, +obgleich Doktor März ihm künstlich Nahrung zuführen +ließ. Rasch wie die Dämmerung in den Tropen erlosch er. Sein braunes Gesicht und seine -braunen Hände hatten eine graue, fahle Färbung +braunen Hände hatten eine graue, fahle Färbung angenommen, wie trockene Gartenerde, und seine -mächtige breite Brust hob und senkte sich rasch +mächtige breite Brust hob und senkte sich rasch und lautlos unter der Decke. Seine Lider, die fahler -aussahen als das Gesicht, waren halb über die +aussahen als das Gesicht, waren halb über die Augen gesenkt, aber sobald jemand ins Zimmer trat, <a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -hoben sie sich langsam, und ein großer glänzender +hoben sie sich langsam, und ein großer glänzender Blick traf fragend den Eintretenden. </p> <p> -Der Puls wurde dünn und fliehend, und Doktor -März saß fast die ganze Zeit am Bett des Kranken. -Der rasche Verfall seiner Kräfte war ihm unverständlich +Der Puls wurde dünn und fliehend, und Doktor +März saß fast die ganze Zeit am Bett des Kranken. +Der rasche Verfall seiner Kräfte war ihm unverständlich und besonders besorgt machte ihn das -unerklärliche, rapide Nachlassen des Herzens. Er -saß und blinzelte zuweilen, beobachtete, dachte, +unerklärliche, rapide Nachlassen des Herzens. Er +saß und blinzelte zuweilen, beobachtete, dachte, versuchte alles nur Denkbare, — und am Abend -wußte er, daß der „Rajah“ nicht mehr zu retten +wußte er, daß der „Rajah“ nicht mehr zu retten war. </p> <p> „Wie geht es ihm, Doktor?“ fragte Michael Petroff, der im Korridor dem Arzt aufgelauert -hatte, und deutete mit dem Kopf auf die Tür des +hatte, und deutete mit dem Kopf auf die Tür des „Rajah“. </p> <p> -„Nun, nicht schlecht!“ antwortete Doktor März +„Nun, nicht schlecht!“ antwortete Doktor März zerstreut. </p> @@ -2136,20 +2100,20 @@ an; er entgegnete nichts. <p> „Ja!“ Michael Petroff setzte sich in einen Rohrstuhl -und zog die Beinkleider etwas in die Höhe, -damit sich die Knie nicht herausdrückten. „Ich +und zog die Beinkleider etwas in die Höhe, +damit sich die Knie nicht herausdrückten. „Ich frage eben den Doktor. Er sagt: nicht schlecht. -Nun, das heißt, der ‚Rajah‘ stirbt. Als Heinrich +Nun, das heißt, der ‚Rajah‘ stirbt. Als Heinrich <a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -starb, Heinrich, der die lustigen Lieder sang, über +starb, Heinrich, der die lustigen Lieder sang, über die Sie so lachen konnten, mein Freund, was sagte da der Doktor? Nicht schlecht! Und Heinrich starb. -Ja, ich verstehe mich auf Ärzte.“ +Ja, ich verstehe mich auf Ärzte.“ </p> <p> -Der kleine Advokat hüllte sich in seinen Schal. -Ihn fröstelte. +Der kleine Advokat hüllte sich in seinen Schal. +Ihn fröstelte. </p> <p> @@ -2161,12 +2125,12 @@ so, sehen Sie!“ </p> <p> -Und Michael Petroff ging, sich fröhlich die Hände -reibend. Er fühlte sich angeregt von all dem, was +Und Michael Petroff ging, sich fröhlich die Hände +reibend. Er fühlte sich angeregt von all dem, was um ihn vorging, von all den Dingen, die er durchschaute. -Es gab da Neuigkeiten —! In vorzüglicher +Es gab da Neuigkeiten —! In vorzüglicher Laune setzte er sich an den Schreibtisch, um -seinen Artikel: Doktor März verhaftet! durchzufeilen. +seinen Artikel: Doktor März verhaftet! durchzufeilen. </p> <p class="tb"> @@ -2179,72 +2143,72 @@ seinen Artikel: Doktor März verhaftet! durchzufeilen. <p> Die Nacht war warm und still und so hell -vom Mond, daß man im Freien lesen konnte. Die -Patienten waren unruhig, sie räusperten sich, gingen +vom Mond, daß man im Freien lesen konnte. Die +Patienten waren unruhig, sie räusperten sich, gingen auf und ab und sprachen mit sich. Zuweilen aber wurden sie alle still: das war, wenn Engelhardt zu schreien anhob. Ich kann nicht mehr! Und dazwischen deklamierte er laut die Ansprachen, die die -Könige und Fürsten, die vor ihm knieten, an ihn +Könige und Fürsten, die vor ihm knieten, an ihn richteten. </p> <p> <a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> Der kleine Advokat hatte es nicht gewagt, sich -niederzulegen. Er saß angekleidet auf dem Sofa, -in all seine Decken gehüllt. Und doch fror er, daß -ihm die Zähne klapperten. Wenn Engelhardt zu +niederzulegen. Er saß angekleidet auf dem Sofa, +in all seine Decken gehüllt. Und doch fror er, daß +ihm die Zähne klapperten. Wenn Engelhardt zu schreien anfing, bewegte er betend die Lippen und schlug das Kreuz. </p> <p> -Michael Petroff aber hatte sich, unbekümmert +Michael Petroff aber hatte sich, unbekümmert um alles, zu Bett gelegt. Er lag, die Arme unter -dem Kopf, und dachte über einen geeigneten Titel +dem Kopf, und dachte über einen geeigneten Titel seiner Zeitung nach. Denn diesmal wollte er den -Doktor überrumpeln, packen, — ja, warte nur! +Doktor überrumpeln, packen, — ja, warte nur! Was aber sollte ein Titel wie der „Unparteiische“ -sagen, bitte schön? War damit diesem hartgesottenen +sagen, bitte schön? War damit diesem hartgesottenen Doktor beizukommen? Wie? O nein, -nein, ganz und gar nicht. Der Titel mußte nach +nein, ganz und gar nicht. Der Titel mußte nach Feuer und Schwefel riechen, wie ein Schwert, das -geschwungen wird, mußte er sein, wie die Öffnung +geschwungen wird, mußte er sein, wie die Öffnung eines Gewehres, das auf den Doktor gerichtet war. -— Doktor März mußte erschrecken, wenn er den -Titel las! Und nach langem Nachdenken entschloß +— Doktor März mußte erschrecken, wenn er den +Titel las! Und nach langem Nachdenken entschloß sich Michael Petroff, seine Zeitung diesmal „Schwert des Erzengels“ zu nennen. Er sah diesen Erzengel -deutlich dahinfahren, schräg, mit fürchterlich wehenden -Gewändern und erschreckend verzerrter Miene, -das Schwert mit beiden Händen ein wenig nach -hinten geneigt in die Höhe haltend. Und dieses +deutlich dahinfahren, schräg, mit fürchterlich wehenden +Gewändern und erschreckend verzerrter Miene, +das Schwert mit beiden Händen ein wenig nach +hinten geneigt in die Höhe haltend. Und dieses Schwert, das rasiermesserscharf und hinten sehr breit war, schlitzte das Firmament auf, und ein <a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> dampfender blutroter Streifen wurde sichtbar. Dieser -rote dampfende Streifen erfüllte Michael Petroff -mit einem starken Wollustgefühl. Er setzte sich auf +rote dampfende Streifen erfüllte Michael Petroff +mit einem starken Wollustgefühl. Er setzte sich auf und sagte: „Warte nur, haha!“ </p> <p> -Plötzlich aber legte er die Hand über die Augen. -Ein dunkler, wehmütiger Schmerz hatte ihn überfallen, -und er wußte nicht warum. +Plötzlich aber legte er die Hand über die Augen. +Ein dunkler, wehmütiger Schmerz hatte ihn überfallen, +und er wußte nicht warum. </p> <p> „Michael Petroff —?“ sagte er leise, „Michael -Petroff —?“ und Tränen traten in seine Augen. -So, die Hand über den feuchten Augen und einen +Petroff —?“ und Tränen traten in seine Augen. +So, die Hand über den feuchten Augen und einen dunkeln Schmerz im Herzen schlief er ein. </p> <p> Er lag in tiefem Schlaf, als ihn ein Pochen -an der Tür weckte: „Ich bin es, der Pfleger, erschrecken +an der Tür weckte: „Ich bin es, der Pfleger, erschrecken Sie nicht.“ </p> @@ -2254,8 +2218,8 @@ Sie nicht.“ <p> Der Pfleger trat ein und sagte halblaut: „Herr -Doktor März läßt Sie ersuchen zu kommen. Der -Lehrer möchte Sie sprechen.“ +Doktor März läßt Sie ersuchen zu kommen. Der +Lehrer möchte Sie sprechen.“ </p> <p> @@ -2271,7 +2235,7 @@ Lehrer möchte Sie sprechen.“ </p> <p> -„Nein, Doktor März läßt Sie ersuchen.“ +„Nein, Doktor März läßt Sie ersuchen.“ </p> <p> @@ -2280,9 +2244,9 @@ Lehrer möchte Sie sprechen.“ <p> Michael Petroff erhob sich und machte langsam -und sorgfältig Toilette. Der Pfleger kam zurück +und sorgfältig Toilette. Der Pfleger kam zurück und bat ihn, sich beeilen zu wollen. Michael -Petroff band sich sorgfältig die Krawatte. +Petroff band sich sorgfältig die Krawatte. „Ich komme ja schon,“ sagte er unwillig, „ich <a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> kann doch nicht halb angekleidet einen Besuch @@ -2296,26 +2260,26 @@ ging hinaus. </p> <p> -„Herr Kapitän!“ flüsterte der kleine Advokat -durch die Türspalte, denn das Klopfen und -Sprechen in Petroffs Zimmer hatte ihn noch ängstlicher +„Herr Kapitän!“ flüsterte der kleine Advokat +durch die Türspalte, denn das Klopfen und +Sprechen in Petroffs Zimmer hatte ihn noch ängstlicher gemacht. „Ich flehe Sie an —!“ </p> <p> „Ich habe Eile“, antwortete Michael Petroff -und schritt den Korridor entlang. Er hörte Engelhardt +und schritt den Korridor entlang. Er hörte Engelhardt in seinem Zimmer deklamieren: „Wir stehen -zu dir, zerstöre nicht den Dom der Welt, gepriesen -sei dein Name!“ Und mit veränderter, keuchender -Stimme fuhr Engelhardt fort: „Ich kämpfe, ich -kämpfe —!“ Oben im ersten Stock ging ein +zu dir, zerstöre nicht den Dom der Welt, gepriesen +sei dein Name!“ Und mit veränderter, keuchender +Stimme fuhr Engelhardt fort: „Ich kämpfe, ich +kämpfe —!“ Oben im ersten Stock ging ein Schritt hin und her, ruhelos, immer auf und ab, wie das ferne Stampfen einer Maschine. </p> <p> -Da öffnete der Pfleger die Tür zu dem Zimmer +Da öffnete der Pfleger die Tür zu dem Zimmer des „Rajah“ und Michael Petroff trat ein. </p> @@ -2323,30 +2287,30 @@ des „Rajah“ und Michael Petroff trat ein. „Guten Morgen!“ sagte er laut und heiter, als sei es lichter Tag und der „Rajah“ nicht dem Tode nahe. „Guten Morgen, Doktor! Hier bin -ich. — Guten Morgen — Fürst!“ fügte er nach +ich. — Guten Morgen — Fürst!“ fügte er nach einem Blick auf den „Rajah“ leiser hinzu. -„Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee.“ +„Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee.“ </p> <p> Der Anblick des „Rajah“ hatte Michael Petroff -betroffen gemacht. Der „Rajah“ saß aufrecht im +betroffen gemacht. Der „Rajah“ saß aufrecht im <a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -Bett, die großen schwarzen Augen auf ihn gerichtet. -Ihm zu Häupten brannte eine verschleierte +Bett, die großen schwarzen Augen auf ihn gerichtet. +Ihm zu Häupten brannte eine verschleierte elektrische Lampe, aber trotz des Halbdunkels leuchtete das von schwarzen Haupt- und Barthaaren umrahmte Gesicht des „Rajah“ wie dunkles -Gold, ja, es glänzte. Und gerade dieses Glänzen -hatte Michael Petroff betroffen gemacht, so daß -er leiser sprach und die Anrede „Fürst“ gebrauchte. -Er hatte eigentlich nie ernsthaft darüber nachgedacht, -wer der „Rajah“ war. Er war ein Fürst, -der irgendwo ein großes Reich besaß, in der Verbannung +Gold, ja, es glänzte. Und gerade dieses Glänzen +hatte Michael Petroff betroffen gemacht, so daß +er leiser sprach und die Anrede „Fürst“ gebrauchte. +Er hatte eigentlich nie ernsthaft darüber nachgedacht, +wer der „Rajah“ war. Er war ein Fürst, +der irgendwo ein großes Reich besaß, in der Verbannung lebte, nun, Michael Petroff glaubte es, ohne sich dabei etwas zu denken. In diesem Augenblicke -jedoch begriff er, daß der „Rajah“ ein -Fürst war, und er veränderte vollkommen seine +jedoch begriff er, daß der „Rajah“ ein +Fürst war, und er veränderte vollkommen seine Haltung. </p> @@ -2360,14 +2324,14 @@ etwas verwirrt und unsicher, und verbeugte sich. </p> <p> -Der „Rajah“ wandte das Antlitz Doktor März zu. +Der „Rajah“ wandte das Antlitz Doktor März zu. </p> <p> „Mein Herr,“ sagte er mit ruhiger tiefer -Stimme, deren Klang getrübt war, „ich danke -Ihnen. Sie hätten mir, der ich Ihr Gefangener -bin, diese Gunst verweigern können, ich weiß es.“ +Stimme, deren Klang getrübt war, „ich danke +Ihnen. Sie hätten mir, der ich Ihr Gefangener +bin, diese Gunst verweigern können, ich weiß es.“ </p> <p> @@ -2383,7 +2347,7 @@ Willen niederschreibst.“ <p> <a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -„Zu Ihrer Verfügung“, erwiderte Michael +„Zu Ihrer Verfügung“, erwiderte Michael Petroff mit einer leichten Verbeugung. </p> @@ -2394,20 +2358,20 @@ Petroff mit einer leichten Verbeugung. <p> Michael Petroff betastete verwirrt seine Taschen. „Ich eile,“ sagte er, „ich werde sofort —“ und -verließ rasch das Zimmer, um in seinem Bureau +verließ rasch das Zimmer, um in seinem Bureau Papier und Blei zu holen. </p> <p> -„Michael Petroff —?“ flüsterte stehend der kleine +„Michael Petroff —?“ flüsterte stehend der kleine Advokat. „Sie verlassen mich —?“ </p> <p> „Der Rajah befiehlt!“ entgegnete Michael Petroff ungehalten und eilte an den ausgestreckten -kleinen Händen des zitternden Advokaten vorbei, -zurück in das Sterbezimmer. +kleinen Händen des zitternden Advokaten vorbei, +zurück in das Sterbezimmer. </p> <p> @@ -2427,15 +2391,15 @@ Michael Petroff setzte sich zurecht und der <p> „Wir, Rajah von Mangalore, verbannt von der englischen Regierung, die wir sterben, erhaben -über das Gefühl der Rachsucht für unsere Feinde, +über das Gefühl der Rachsucht für unsere Feinde, um unsere Untertanen zu erretten, geben unserem Volke kund: </p> <p> -Gruß dir, unser Volk! Gruß euch, Palmenwäldern, -die die Tempel unserer Väter beschatten! -Gruß dem blauen Fluß, der unser Land erquickt!“ — +Gruß dir, unser Volk! Gruß euch, Palmenwäldern, +die die Tempel unserer Väter beschatten! +Gruß dem blauen Fluß, der unser Land erquickt!“ — </p> <p> @@ -2443,51 +2407,51 @@ Michael Petroff, der eifrig und hingegeben niederschrieb, was der „Rajah“ diktierte, blickte <a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> auf, da der „Rajah“ eine Pause machte. Da sah -er, daß aus den glänzenden schwarzen Augen des -„Rajahs“ zwei große Tränen rannen, die über +er, daß aus den glänzenden schwarzen Augen des +„Rajahs“ zwei große Tränen rannen, die über seine leuchtenden fahlen Wangen liefen und in den Bart sickerten. </p> <p> Der „Rajah“ hob die Hand zu einer erhabenen -Gebärde. Dann fuhr er fort, bis ans Ende gleich +Gebärde. Dann fuhr er fort, bis ans Ende gleich ruhig und hoheitsvoll: </p> <p> „Wir erlassen eine allgemeine Amnestie! Alle -unsere Kerker und Gefängnisse sollen sich öffnen +unsere Kerker und Gefängnisse sollen sich öffnen und in Asche gelegt werden. Fortan werde kein Blut mehr vergossen!“ </p> <p> -„Oh, Herr — — Fürst!“ flüsterte Michael +„Oh, Herr — — Fürst!“ flüsterte Michael Petroff und schrieb. </p> <p> „Es gebe keine Arme mehr in unserem Land, und niemand soll mit der Schale betteln gehen. -Das Vermögen in unseren Kammern sei zu gleichen +Das Vermögen in unseren Kammern sei zu gleichen Teilen unter das Volk verteilt. Es gebe fortan -weder Kasten noch Stände. Jedermann sei dem -andern gleich und alle seien Brüder und Schwestern. +weder Kasten noch Stände. Jedermann sei dem +andern gleich und alle seien Brüder und Schwestern. </p> <p> -Die Greise sollen ihre Hütte haben, um darin +Die Greise sollen ihre Hütte haben, um darin zu sterben, und den Kindern vermachen wir die Wiesen, darauf zu spielen. Den Kranken schenken -wir Gesundheit und den Unglücklichen Schlaf, +wir Gesundheit und den Unglücklichen Schlaf, tiefen Schlaf. Es soll keine Kriege mehr geben -und keinen Haß mehr zwischen den Völkern, gleichviel +und keinen Haß mehr zwischen den Völkern, gleichviel welcher Farbe, so bestimmen wir es. Die Richter seien weise und gerecht, und wer Unrecht <a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -tat, dem soll man sagen: geh und sei glücklich, -denn das Schlechte kommt aus dem Unglück hervor. +tat, dem soll man sagen: geh und sei glücklich, +denn das Schlechte kommt aus dem Unglück hervor. </p> <div class="centerpic"> @@ -2495,43 +2459,43 @@ denn das Schlechte kommt aus dem Unglück hervor. </div> <p> -Den Menschen vermachen wir die Erde, daß -sie sich darin teilen vermögen, den Fischen das +Den Menschen vermachen wir die Erde, daß +sie sich darin teilen vermögen, den Fischen das <a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -Wasser und Meer, den Vögeln den Himmel und -den Tieren die Wälder und die Auen, die darin +Wasser und Meer, den Vögeln den Himmel und +den Tieren die Wälder und die Auen, die darin versteckt liegen! </p> <p> -Dich, unser Volk, aber segnen und küssen wir, +Dich, unser Volk, aber segnen und küssen wir, die wir sterben.“ </p> <p> Der „Rajah“ hob die Arme segnend empor und -sank in die Kissen zurück. +sank in die Kissen zurück. </p> <p> Alle im Zimmer blieben still und sahen auf ihn, dessen Brust rasch und unmerklich ging und dessen -Lider über die Augen herabgesunken waren und +Lider über die Augen herabgesunken waren und wie helle Flecke in seinem Gesicht erschienen. </p> <p> -Doktor März trat leise an das Bett heran. +Doktor März trat leise an das Bett heran. </p> <p> -Da lächelte der „Rajah“. Er bog den Kopf -zurück, öffnete die Lippen, und es sah aus, als +Da lächelte der „Rajah“. Er bog den Kopf +zurück, öffnete die Lippen, und es sah aus, als wollte er singen. Aber nur ein feiner singender -Ruf, der ganz hoch ausklang, kam über seine +Ruf, der ganz hoch ausklang, kam über seine Lippen, so fein und fern, als rufe der „Rajah“ schon aus weiter Ferne. Es war der Ruf der -Straßenverkäufer im Orient. +Straßenverkäufer im Orient. </p> <p> @@ -2540,15 +2504,15 @@ Der „Rajah“ war tot. <p> Michael Petroff stand auf den Zehenspitzen und -blickte mit halboffenem Mund in das fahle, unverständlich -schöne Gesicht, das aus den schwarzen -Haaren schimmerte. Ein beschämendes Gefühl -erfüllte ihn. So lange hatte er mit dem Toten -gelebt, ohne zu denken, wer er war. Er hätte -niederknien mögen bei dem Bett des Toten und -flüstern: „Fürst, mein Fürst!“ Aber er wagte es +blickte mit halboffenem Mund in das fahle, unverständlich +schöne Gesicht, das aus den schwarzen +Haaren schimmerte. Ein beschämendes Gefühl +erfüllte ihn. So lange hatte er mit dem Toten +gelebt, ohne zu denken, wer er war. Er hätte +niederknien mögen bei dem Bett des Toten und +flüstern: „Fürst, mein Fürst!“ Aber er wagte es <a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -nicht, sich zu nähern, er fürchtete sich und stahl +nicht, sich zu nähern, er fürchtete sich und stahl sich aus dem Zimmer. </p> @@ -2557,34 +2521,34 @@ sich aus dem Zimmer. </p> <p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>ls Doktor März nach einer geraumen Weile -auf den Korridor heraustrat, überraschte ihn die -Ruhe des Pavillons. Kein Laut war zu hören. +<span class="firstchar">A</span>ls Doktor März nach einer geraumen Weile +auf den Korridor heraustrat, überraschte ihn die +Ruhe des Pavillons. Kein Laut war zu hören. Der dumpfe Schritt oben, der stundenlang hin und her gegangen war, war verstummt. Und Engelhardt -hatte aufgehört zu schreien und zu stöhnen. +hatte aufgehört zu schreien und zu stöhnen. </p> <p> -Doktor März trat an die Türe des Schuhmachers. -Es war totenstill darinnen. Er öffnete +Doktor März trat an die Türe des Schuhmachers. +Es war totenstill darinnen. Er öffnete und lauschte: Engelhardt — schlief! Tief und -regelmäßig ging der Atem . . . Doktor März -schüttelte den Kopf und verließ nachdenklich den -Pavillon. Auf der Treppe zum Garten zündete -er sich eine Zigarre an und stülpte den Rockkragen -hinauf. Ihn fröstelte. +regelmäßig ging der Atem . . . Doktor März +schüttelte den Kopf und verließ nachdenklich den +Pavillon. Auf der Treppe zum Garten zündete +er sich eine Zigarre an und stülpte den Rockkragen +hinauf. Ihn fröstelte. </p> <p> -Nun schläft er, dachte er, während er durch -den nächtigen Garten ging, dessen Büsche lange +Nun schläft er, dachte er, während er durch +den nächtigen Garten ging, dessen Büsche lange fahle Schatten warfen. Ist irgendein Zusammenhang zwischen dem Tod des Lehrers und dem Schlaf Engelhardts anzunehmen? Und er dachte weiter an einen Kollegen, der auf jeden Fall einen -Zusammenhang konstruieren würde, und daran, -daß er sich jetzt auf eine Tasse starken Kaffees +Zusammenhang konstruieren würde, und daran, +daß er sich jetzt auf eine Tasse starken Kaffees freue, — da blieb er leicht erschrocken stehen: im Mondlicht bewegte sich ein kleiner vermummter Mensch. Es war der Advokat. @@ -2594,22 +2558,22 @@ Mensch. Es war der Advokat. <a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> Der kleine Advokat hatte die ganze Nacht zitternd und frierend in seinem dunklen Zimmer verbracht. -Aber als der erste Hahn krähte, hatte er sich aus +Aber als der erste Hahn krähte, hatte er sich aus dem Pavillon geschlichen, um seine Blumen zu -begießen. +begießen. </p> <p> -„Pst, pst!“ flüsterte er den tausend Vögeln zu, -die in den Büschen zu zwitschern begannen, sobald -er sich näherte. „Schlaft noch ein wenig, ihr +„Pst, pst!“ flüsterte er den tausend Vögeln zu, +die in den Büschen zu zwitschern begannen, sobald +er sich näherte. „Schlaft noch ein wenig, ihr Kleinen!“ </p> <p> -Und als er die Blumen begoß, hatte er die +Und als er die Blumen begoß, hatte er die Nacht, den „Rajah“ und Engelhardt, der eine -Seele brauchte, vergessen und lächelte. „Guten +Seele brauchte, vergessen und lächelte. „Guten Morgen, ihr Lieblinge,“ sagte er leise und nickte, „da bin ich, da habt ihr mich wieder.“ </p> @@ -2620,13 +2584,13 @@ Licht. </p> <p> -Michael Petroff saß an seinem Schreibtisch, -lächelnd und gutgelaunt, und schrieb eifrig. Denn +Michael Petroff saß an seinem Schreibtisch, +lächelnd und gutgelaunt, und schrieb eifrig. Denn der Eindruck, den der Tod des „Rajahs“ auf -ihn machte, hatte sich ebenso rasch verflüchtigt, -wie die Tränen, die er um ihn geweint hatte. +ihn machte, hatte sich ebenso rasch verflüchtigt, +wie die Tränen, die er um ihn geweint hatte. Nun arbeitete er an einem Artikel, den er als -einen ungeheuer wertvollen Beitrag für seine +einen ungeheuer wertvollen Beitrag für seine Zeitung betrachtete. Und das gab ihm die heitere, leichte Laune. </p> @@ -2641,7 +2605,7 @@ gegen dessen Exilierung wir bei der englischen <a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> Regierung telegraphisch Protest erhoben haben — ist heute nacht um drei Uhr sanft entschlafen. -Wir hatten die Ehre, bei seinem Hinscheiden gegenwärtig +Wir hatten die Ehre, bei seinem Hinscheiden gegenwärtig zu sein und den letzten Willen des hohen Herrn aufzuzeichnen. Er sei unseren Lesern mitgeteilt: </p> @@ -2653,7 +2617,7 @@ aufzuzeichnen. Er sei unseren Lesern mitgeteilt: <p> „Wir, Rajah von Mangalore, verbannt von der englischen Regierung, die wir sterben, erhaben -über das Gefühl der Rachsucht für unsere Feinde, +über das Gefühl der Rachsucht für unsere Feinde, um unsere Untertanen zu erretten, geben unserem Volke kund . . .“ </p> @@ -2714,7 +2678,7 @@ Roman. 51. Auflage <p class="adhdr"> <a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> Fischers<br /> -Illustrierte Bücher +Illustrierte Bücher </p> <hr class="hr10" /> @@ -2722,7 +2686,7 @@ Illustrierte Bücher <p class="ads2"> Hermann Hesse<br /> In der alten Sonne<br /> -Erzählung. 23. Auflage<br /> +Erzählung. 23. Auflage<br /> Mit 16 Bildern von Wilhelm Schulz </p> @@ -2732,7 +2696,7 @@ Mit 16 Bildern von Wilhelm Schulz <p class="ads2"> Thomas Mann<br /> -Tonio Kröger<br /> +Tonio Kröger<br /> Novelle. 33. Auflage<br /> Mit 18 Bildern von E. M. Simon </p> @@ -2755,384 +2719,6 @@ Mit 18 Bildern von Karl Walser Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig </p> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Heiligen, by Bernhard Kellermann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HEILIGEN *** - -***** This file should be named 43339-h.htm or 43339-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/3/3/3/43339/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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