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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-07 17:57:20 -0800 |
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Dennoch pflückte sie, ohne +aufzusehen, emsig fort. »Denn, sagte sie freudig, indem sie mit ihrem +weißen Tuche den Schweiß abwischte, es ist ja für meine kranke Mutter. Das +Geld, das ich aus den Beeren erlöse, verschafft ihr doch wieder eine kleine +Erquickung!« + +Gegen Abend ging sie, mit ihrem Körbchen voll Beeren am Arme, durch den +Wald nach Hause. Es fing an zu regnen. Immer lauter rauschten die +Regentropfen in den Blättern der Bäume, und aus der Ferne her donnerte es +sehr stark. Als sie aus dem Walde heraus kam, erhob sich ein Sturmwind; ein +heftiger Platzregen schlug ihr entgegen, und an dem glühendrothen +Abendhimmel standen dunkle Gewitterwolken, wie Gebirge auf einander +gethürmt. Sie suchte sich, fern von den hohen Bäumen, unter niedrigen +Haselstauden ein sicheres Plätzchen, stand hier unter, und wartete, bis das +Gewitter vorüber wäre. + +Allein mit Einem Mahle hörte sie in dem nahen Erlengesträuche ein +klägliches Geschrey -- fast wie das Geschrey eines kleinen Kindes. Das gute +mitleidige Mädchen ließ sich von Sturm und Regen, Blitz und Donner nicht +abhalten, nachzusehen, was es doch wohl seyn möge? Sie ging hin -- und sieh +da! es war ein kleines, zartes Lämmchen, das vom Regen tröpfelte, zitterte +und nicht wußte wohin. »Ach du armes, armes Thierchen! sagte Christine. +Nein, du sollst nicht umkommen. Komm, ich nehme dich mit mir nach Hause.« +Sie nahm das Lämmchen sorgfältig in die Arme, und eilte damit, sobald der +Regen nachließ, ihrer kleinen, strohbedeckten Wohnung zu. + +»O sieh doch, liebe Mutter, rief sie, so bald sie in das niedre, reinliche +Stübchen trat -- sieh doch, was ich da gefunden habe! Sieh, ein +wunderschönes Schäflein! O wie glücklich war ich! Wie will ich es pflegen! +Es soll meine ganze Freude seyn!« + +»Kind, sagte die kranke Mutter, indem sie sich in dem Bette aufrichtete und +den Kopf auf die Hand stürzte, du vergissest in deiner Freude, daß dieses +Lämmchen schon seinen Herrn haben muß. Es ist bloß verloren -- und da +müssen wir es wieder zurückstellen. Gewiß gehört es dem reichen Bauern auf +dem Eichhofe. Fremdes Gut sollen wir nicht einmal über Nacht im Hause +behalten. Trag' es also heute noch hin.« + +»Ihr seyd nicht gescheid, rief jetzt eine rauhe Stimme zum offnen Fenster +herein; man muß nicht alles so genau nehmen!« Der Mann, der dieses sagte, +war ein Maurer, der draußen an der Mauer des kleinen Hauses etwas +ausbesserte und ihr Gespräch behorcht hatte. Mutter und Tochter blickten +ihn erschrocken an. Er aber sprach weiter: »Macht keine so seltsamen +Gesichter! Ich meyne es gut. Wir wollen das Thierchen metzgen, und es mit +einander theilen. Das Fleisch giebt gerade ein Paar kleine Braten, und das +Fellchen ist auch noch einige Kreuzer werth. Der reiche Bauer hat über +hundert schöne, große Schafe; ob er das winzig kleine Ding da noch habe +oder nicht, daran ist nichts gelegen. Ich will es also geschwind +schlachten. Ihr dürft euch dabey nicht fürchten. Es siehts ja niemand. Und +mir dürft ihr schon trauen. Ich kann schweigen -- sagte er und warf eine +Kelle voll Mörtel an die Wand -- wie eine Mauer.« + +Christine entsetzte sich über die Reden des Mannes. Der Gedanke, das +Lämmchen zu behalten, kam ihr jetzt abscheulich vor. »Ihr habt Unrecht! +sagte sie zu dem Maurer. Was kein Mensch sieht, sieht doch Gott! Du aber, +liebe Mutter, hast Recht -- und mich wundert nur, daß mir das, was du +sagtest, nicht von selbst einfiel. Ich hätte das Schäflein -- fuhr sie fort +und Zähren traten in ihre blauen Augen -- freylich so gern, o so gern +behalten! Allein dem lieben Gott müssen wir willig gehorchen.« Sie wickelte +das Lämmchen in ihre Schürze, und wanderte damit dem Eichhofe zu, obwohl es +noch nicht ganz aufhörte zu regnen und die Sonne bereits unterging. + +Als Christine, auf dem Eichhofe ankam, stand die Bäuerin, mit ihrem +kleinsten Kinde auf dem Arm, eben vor der Hausthüre, und die größeren +Kinder standen um sie her. Sie betrachteten andächtig den schönen +Regenbogen, der jetzt nach dem Gewitter in der ganzen Pracht seiner sieben +Farben im schwarzgrauen Gewölke zu sehen war. »Seht den Regenbogen an, +sprach die Mutter, indem sie mit ausgestrecktem Arme darauf hinzeigte, und +preiset Denjenigen, der ihn gemacht hat. In dem flammenden Blitze und dem +furchtbaren Donner zeigt uns Gott seine große Macht und Herrlichkeit; in +den schönen Farben des Regenbogens aber seine Güte und Freundlichkeit.« + +Christine ergötzte sich bald an den lieblichen Farben des Regenbogens, bald +an den lächelnden Gesichtchen der Kinder, und schwieg, bis der Regenbogen +verschwunden war. Nun nahm sie das Lämmchen aus ihrer Schürze hervor, +stellte es auf die Füße, und erzählte, wie sie es gefunden habe. + +»Das ist ja recht schön und brav, sagte die Bäuerin freundlich, daß du noch +so spät am Abend und noch dazu im Regen da herausgehest! Du bist ein sehr +gutes, grundehrliches Mädchen.« + +»Ja wahrhaftig, das ist sie! sprach der Bauer, der jetzt auch zur Hausthüre +herauskam. So ehrlich und rechtschaffen, wie dieses arme Mädchen, müßt ihr +auch seyn und bleiben, meine Kinder! Besser ists, nicht einmal ein einziges +Schäflein im Vermögen haben, und dabey ehrlich und redlich seyn, als +hundert Schafe besitzen, und dabey ehrlos und unredlich seyn. Die +Ehrlichkeit, mit der das arme Kind hier das Lamm zurück gab, ist ein Schatz +im Herzen, der reicher macht, als eine ganze Schafheerde -- und diesen +Schatz kann uns kein Wolf und kein Feind rauben.« + +Franz, der Knabe des Bauers, lief jetzt zum Schafstalle hin, und führte das +alte Schaf heraus. Wie da das Junge darauf zusprang und sich freute! +Christine sah das so mit an und sagte: »Schon um dieser Freude willen, die +das arme Thierchen jetzt hat, reuet es mich nicht, daß ich es zurückgab -- +so lieb es mir auch war, und so gern ich es behalten hätte!« + +»Weißt du was, sprach der Bauer, da du so ehrlich bist und an dem Thierchen +eine so große Freude hast, so will ich es dir schenken. Jetzt würde es dir +aber nichts helfen. Es kann noch nicht ohne Milch leben und würde elend +umkommen. Allein in vierzehn Tagen wird es stark genug seyn, sich von Gras +und Kräutern zu ernähren -- und dann soll mein Franz es dir bringen.« + +»Gieb aber dann wohl darauf Acht! sagte die Bäuerin. Es kostet dich nicht +viel es aufzuziehen. Während du Erdbeeren sammelst oder strickest, kannst +du es leicht hüthen, und so viel Gras kannst du auch leicht sammeln, und zu +Heu auftrocknen, als es für den Winter nöthig hat. Wenn es einst groß ist, +wird die Milch dir und deiner Mutter in eurer kleinen Haushaltung wohl +kommen, und die Wolle giebt euch jährlich einige Paar Strümpfe.« + +»Und wenn ihr glücklich damit seyd, sprach der kleine Bauerknabe, so könnet +ihr wohl noch gar eine ganze Schafheerde bekommen!« + +Christine mußte nun noch mit Brod eingebrockte Milch und ein Butterbrod mit +essen -- und die gute Bäuerin gab ihr überdies noch ein schönes Stück +goldgelbe Butter, das sie in grüne Rebenblätter einmachte, und ein Dutzend +Eyer mit nach Hause. »Bring das deiner Mutter, sagte sie, indem sie die +Eyer vorsichtig in die Schürze that; ich lasse sie freundlich grüßen und +Gott wolle sie bald gesund werden lassen.« + +Christine eilte voll Freude durch das blumige Thälchen ihrer Hütte zu. Der +Himmel hatte sich indeß aufgehellt, und der Abendstern und ein zartes +Streifchen des Mondes, der heute das erste Mal wieder sichtbar war, +glänzten freundlich in das Thal. Alle Blumen und Kräuter tröpfelten noch +von Regen, und dufteten von Wohlgeruch. Es war Christinen unbeschreiblich +wohl um das Herz. »Nach einem Gewitter, dachte sie, sind Himmel und Erde +zwar immer schöner; allein so schön und freundlich, wie diesen Abend, sind +sie mir noch nie vorgekommen.« + +Sie erzählte dieses, als sie nach Hause kam, ihrer Mutter. »Siehst du, +sprach die Mutter, das ists eben, was ich dir immer sage. Es ist die Freude +des guten Gewissens. Wenn wir recht thun, so erfüllt süßer Friede unser +Herz. Gott giebt uns durch das Gewissen zu erkennen, daß Er mit uns +zufrieden sey. O Christine, gieb daher der Stimme deines Gewissens immer +Gehör, und thu nie etwas anders, als was vor Gott recht und gut ist. Du +weißt wohl, wir sind arm und haben wenig in der Welt. Aber laß uns nur ein +gutes Gewissen bewahren, so sind wir reich genug, und es fehlt uns nie an +Freude -- ja die edelste und süßeste aller Freuden ist dann unser.« + +Christine zählte nun alle Tage, bis sie ihr Lämmchen bekommen würde. Sie +hätte auch alle Tage in den Kalender gesehen, wenn sie einen im Hause +gehabt hätte. Nun sah sie aber alle Abende nach dem Monde, und ging dann +vergnügt zu Bette. »Denn, sagte sie, wenn er voll ist, bekomme ich mein +Lämmchen.« + +Endlich ward es Vollmond, und der Mond nahm wieder merklich ab -- allein +das Lämmchen wollte nicht kommen. Christine wartete -- und wartete -- und +hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben. »Ich werde von meinem Schäflein +wohl nichts mehr sehen!« sagte sie eines Abends, als sie eben traurig neben +dem Bette ihrer Mutter saß. »Habe Geduld, sagte die Mutter; Geduld bringt +Rosen.« Und sieh -- da ging auf einmal die Stubenthüre auf, und der muntere +Bauernknabe trat mit dem Lamme und einem Korbe voll frischen, grünen +Futters herein. Christine sprang vor Freude auf, kniete zu dem Lämmchen +hin, streichelte es freundlich und sagte: »O wie groß und schön es indeß +geworden ist! Ich kenne es ja fast nicht mehr! Und wie die Wolle so schön +weiß und zart geringelt ist! O jetzt ist meine Freude erst vollkommen.« + +»Ich wollte dir das Lämmlein schon vor einigen Tagen bringen, sagte der +Knabe. Allein mein Vater sagte: Laß es noch eine Zeit da. Es gedeiht dann +besser, und wird noch größer und stärker.« + +»Du und deine Aeltern sind doch recht gut! sprach Christine. Wenn ich nur +nicht so arm wäre, und dir auch etwas schenken könnte! Allein von der +ersten Wolle, die ich von dem Schäflein bekomme, stricke ich dir ein +schönes Paar Strümpfe. Du sollst gewiß sehen, daß ich die Wahrheit rede.« + +Der Knabe ging, und Christine führte das Lamm in den kleinen Stall, der +sich im Hause befand, und streute ihm Futter vor. Das Lamm gewöhnte sich +bald an sie, und wurde so zahm, daß es das Brod aus ihrer Hand aß, aus +ihrem Schälchen Milch trank, und ihr wie ein Hündchen nachlief. Christine +durfte nur rufen, so kam das Lamm sogleich daher gesprungen. Wenn nun die +Mutter es so mit ansah, was für eine große Freude Christine mit dem +Lämmchen hatte, da sagte die Mutter öfter: »Nicht wahr, jetzt reuet es dich +doch nicht, daß du mir gefolgt und das Lämmchen zurück gegeben hast?« »O +Mutter! antwortete Christine, wie mein Lämmlein mir auf den Ruf folgt, so +will ich dir immer folgen. Denn ich weiß es ja, du liebst mich doch noch +unendlich mehr, als ich mein Lämmchen.« + + + + +Zweytes Kapitel. +Frau von Waldheim und ihre Tochter +Emilie. + + +Das Dörflein, in dem Christine lebte, lag unten an einem waldichten Berge. +Oben aus den Eichen des Berges ragte ein altes Schloß mit einem großen +Thurme hervor. Hier wohnte seit einigen Wochen die Frau von Waldheim. Das +Schloß hatte ehemals ihr gehört; allein nach dem Tode ihres Gemahls war es +ihr blos zu ihrem Wittwensitze angewiesen worden. Sie hatte sich hier, weil +das Schloß etwas vergangen war, einige Zimmer neu eingerichtet, die eine +sehr schöne Aussicht hatten, und lebte nun da in ländlicher Einsamkeit ganz +der Erziehung ihrer einzigen Tochter Emilie, eines sehr liebenswürdigen +Fräuleins von Christinens Alter. + +Christine kam, so lange es Erdbeeren gab, beynahe täglich in das Schloß. +Fräulein Emilie kaufte die Beeren von niemand lieber als von ihr, und +nannte sie nur ihr artiges Erdbeermädchen. Denn die Beeren, die Christine +pflückte, waren alle vollkommen reif und roth wie Scharlach; die Schale, in +der sie die Beeren brachte, war, wiewohl nur von geringem Porzellane, weiß +und rein wie Schnee; und die Reinlichkeit ihrer Hände und ihres ganzen +Anzuges schickte sich genau zu dem reinlichen Geschirre. + +Indessen war Christine acht Tage nicht mehr in das Schloß gekommen. Emilie, +der die Erdbeeren lieber als alles Zuckerwerk waren, beklagte sich öfter, +daß ihr Erdbeermädchen so lange ausbleibe. Eines Morgens kam endlich +Christine wieder in das Schloß. Die Köchin ging in das Zimmer der +Herrschaft, sie zu melden, und Christine blieb indessen draußen stehen. +Emilie kam sogleich heraus und sagte: »Warum ließest du mich denn so lange +ohne Erdbeeren? Das ist nicht schön! Du weißt ja, daß ich immer nur von dir +kaufte. Wenn du so wenig Aufmerksamkeit für mich hast, so wirst du meine +Kundschaft verlieren.« + +Christinens blaue Augen füllten sich mit Thränen. »Ach, gnädiges Fräulein, +sagte sie, meine Mutter ist schon den ganzen Frühling krank. Diese Woche +aber war es so schlimm mit ihr, daß ich mir sie nicht eine Stunde zu +verlassen getraute. Nur gestern Abends wurde sie ein wenig besser, und da +eilte ich heute sogleich mit Anbruch des Tages in den Wald, um wieder +einmal einige Kreuzer für sie zu verdienen.« + +Emilie sprach: »Warum hast du mir aber nicht schon längst von der Krankheit +deiner Mutter gesagt? Meine Mutter ist nicht hart gegen die Armen. Sie +hätte es euch in dieser Noth gewiß nicht an Unterstützung fehlen lassen.« + +»O gnädiges Fräulein, sagte Christine, ich weiß wohl, daß Sie und die +gnädige Frau Mutter gegen die Armen sehr gütig sind. Allein meine Mutter +sagt: So lange man sein Brod selbst erwerben kann, muß man Andern nicht zur +Last fallen. Es giebt viele Arme, die gar nichts mehr erarbeiten können. Es +wäre Sünde, diesen das Brod abzustehlen.« + +Diese Worte gefielen Emilien sehr wohl. »Warte hier ein wenig!« sagte sie +freundlich, und eilte in das Zimmer, mit ihrer Mutter zu reden. Ihre +Mutter, die Frau von Waldheim, wollte Christinen sehen. Emilie führte sie +herein -- und Christine erstaunte nicht wenig über das prächtige Zimmer, +die lieblich-grünen mit bunten Blumenkränzen bemahlten Wände, den großen +Spiegel mit goldenem Rahmen, die zierlichen Schränke und Tische von +glänzend braunem Holze, das Kanapee und die Sessel mit grünseidenen +Ueberzügen und den eingelegten, geglätteten Boden. In ihrem Leben hatte sie +noch nichts dergleichen gesehen, und es wandelte sie bey dem Anblicke all +dieser Pracht eine Art von Ehrfurcht an. + +Die gnädige Frau aber, die eben an ihrer Stickrahme saß, ward innig +gerührt, als sie das arme schüchterne Kind in seinem dürftigen, aber +reinlichen Kleidchen von weiß und roth gestreifter Leinwand, mit seinem +gelben Strohhütchen, auf dem ein Sträußchen von Erdbeerkraut voll weißer +Blüthen und rother Beeren steckte, mit den hellen Thränen in den blauen +Augen, und der reinlichen Schale voll Erdbeeren in der zitternden Hand so +bey der Thüre stehen sah. + +»Komm doch näher zu mir her, sagte sie freundlich. Du darfst dich nicht +fürchten.« Indem Christine näher trat, erblickte sie ihr Bild im Spiegel. +Sie hatte noch nie einen großen Spiegel gesehen; der ihrige zu Hause war +nicht größer, als ein Taschenkalender. Sie glaubte im ersten Augenblicke +noch ein anderes Erdbeermädchen, das ihr die Kundschaft streitig machen +wolle, gehe auf sie zu. Sie blieb verwundert stehen. Am meisten aber +erstaunte sie darüber, daß dieses Mädchen gerade so wie sie gekleidet sey, +eben ein solches Strohhütchen mit einem Erdbeersträußchen aufhabe, und eben +eine solche Schale mit Erdbeeren in der Hand halte. Indeß merkte sie bald, +daß sie sich geirrt habe, und wurde über und über roth. + +Frau von Waldheim lächelte über den unschuldigen Irrthum des armen Kindes +und erkundigte sich auf das liebreichste nach den Umständen der kranken +Mutter. Christine bekam wieder Muth und gab auf jede Frage eine verständige +Antwort. Als sie aber von der Armuth und den vielen Leiden und Schmerzen +ihrer lieben Mutter erzählte, konnte sie vor Betrübniß fast nicht mehr +reden. Sie schluchzte und reichliche Thränen floßen über ihre Wangen. + +»Weine nicht so, liebes Kind, sagte die gnädige Frau; ich werde für deine +Mutter sorgen. Du mußt mir jetzt nur noch sagen, wo ihr wohnet?« »In der +letzten Hütte des Dorfes, antwortete Christine. Sie können aus dem Fenster +hier das Strohdach dort zwischen den Bäumen sehen.« »Nun wohl, sprach Frau +von Waldheim, das kleine Haus mit den weißen Mauern und dem gelben Dache +nimmt sich zwischen den dunkelgrünen Bäumen sehr artig aus. Da wohnt also +deine Mutter. Und wie heißt sie denn?« »Sie heißt Rosalie West, sagte +Christine; in dem Dorfe heißt man sie aber gewöhnlich nur die arme +Rosalie.« + +Die gnädige Frau bezahlte hierauf die Erdbeeren dreyfach, und befahl, die +Porzellanschale, in der Christine die Beeren gebracht hatte, mit der besten +Fleischsuppe für die kranke Mutter zu füllen. + +»Das ist ja ein überaus liebes, gutes Kind! sagte die Frau von Waldheim zu +Emilien, als Christine fort war. Ich will nicht einmal etwas davon sagen, +daß sie bey all ihrer Armuth schon in ihrem Aeußerlichen ein Muster der +Reinlichkeit und Ordnung ist. Allein ihre Liebe zu ihrer Mutter geht über +alles. Ein solches Herz voll kindlicher Liebe ist mehr werth, als ein +Diamantstern auf der Brust. O Emilie! wenn ich einmal -- was zu seiner Zeit +auch eintreffen wird -- so krank und elend daläge, wie Christinens Mutter, +würdest du wohl auch so zärtlich um mich besorgt seyn, meiner so liebreich +pflegen, und so vieles für mich thun?« + +Emilie, der bey Christinens Erzählung die Thränen schon immer in den Augen +standen, fiel ihrer Mutter weinend um den Hals. »Das wolle Gott verhüthen, +sprach sie schluchzend, daß Sie, liebste Mutter, krank und elend werden. +Lieber wolle Er mir eine Krankheit zuschicken. Aber wenn es denn doch so +seyn müßte, und Sie krank werden sollten -- o gewiß, gewiß, ich würde nicht +weniger für Sie thun, als Christine für ihre Mutter thut.« + +»Gott segne dich, liebes Kind, für diese deine kindliche Liebe, sprach die +gerührte Mutter. O bleibe immer so gesinnt, und du wirst auf Erden noch +viele frohe Tage erleben. Denn glaube mir, jedem Kinde, das seine Aeltern +aufrichtig ehrt und liebt, läßt es Gott wohl gehen. Und so wird -- denke du +an mich! -- auch die arme Christine noch bessere Tage sehen!« + +Christine war indeß vergnügt und fröhlich nach Hause geeilt. Ihre Mutter +ward über ihre Erzählung hoch erfreut, und die kräftige Fleischbrühe kam +der armen Frau, die seit langer Zeit nichts als Wassersuppen gegessen +hatte, sehr wohl. »O liebe Christine, sagte sie, indem sie mit aufgehobenen +Händen andächtig zum Himmel blickte, so verläßt Gott die Seinen doch nie! +Er hilft allemal noch zur rechten Zeit! -- Laß uns fernerhin auf Ihn +vertrauen; allein dabey auch immer das Unsrige treu und redlich thun. Denn +sieh, liebe Christine, wenn du, aus kindlicher Liebe zu mir, nicht so +fleißig Erdbeeren gesammelt und meinen Ermahnungen zur Reinlichkeit und +Ordnung nicht gefolgt hättest -- so hätten wir das Glück wohl nicht gehabt, +daß die gnädige Frau und das liebe Fräulein sich unsrer Armuth so liebreich +annehmen wollen. Sieh, nicht das geringste Gute bleibt ohne gute Folgen; +Gott bedient sich desselben, edle Herzen zu rühren, und durch sie uns aus +der Noth zu erretten.« + + + + +Drittes Kapitel. +Die Schicksale der beyden Mütter. + + +Der folgende Tag war ein Sonntag. Christine saß des Abends, nachdem sie +ihre kleinen Hausgeschäfte besorgt und ihr Lämmchen gefüttert hatte, neben +dem Bette ihrer Mutter, und las ihr aus einem Buche mit sanfter, lieblicher +Stimme deutlich und langsam vor. Der Abend war sehr schön und die +untergehende Sonne schien durch die Rebenblätter am Fenster glutroth in das +kleine Stüblein. Da trat auf einmal die Frau von Waldheim mit Emilien +herein. »Je, rief Christine und sprang auf, die gnädige Frau und das +Fräulein!« Die Kranke war von der Gnade dieses Besuches sehr gerührt. + +Die Frau von Waldheim blickte vergnügt in dem engen Stübchen umher. Die +Wände waren schneeweiß, die wenigen Schüsseln und Teller auf dem Rahmen an +der Wand hell und glänzend! der Tisch, die Bank, das Paar Stühle und der +Stubenboden rein gefegt. Auch die Bettüberzüge und die Kleidung der kranken +Frau waren, so ärmlich sie aussahen, äußerst reinlich. Die Frau von +Waldheim setzte sich auf den Stuhl, von dem Christine aufgestanden war. Mit +Wohlgefallen vernahm sie, daß Christine alles so in Ordnung halte. Sie +blätterte in dem Buche, lobte das Buch und Christinens gutes vernehmliches +Lesen, das sie noch gehört hatte. Sie bemerkte auf dem Kasten an der Wand +ein Paar Strickkörbchen, durchsuchte sie, und war mit den Arbeiten, der +Mutter sowohl als der Tochter, sehr zufrieden. + +»Ihr seyd sicher nicht aus dem Dorfe dahier, sagte die gnädige Frau. Denn +Ihr habt das Stricken und Eure Tochter hat das Lesen nicht dahier gelernt. +Ihr müßt wohl durch besondere Schicksale hieher gekommen seyn?« + +»Ja wohl hatte ich besondere und sehr harte Schicksale!« sagte die Kranke +und fing an zu erzählen. »Mein Mann, sprach sie, war Leibjäger in den +Diensten einer Herrschaft jenseits des Rheins. Wir waren kaum ein Paar +Jahre verheirathet und hatten diese Zeit ungemein glücklich und vergnügt +gelebt -- da brach der Französische Krieg aus. Unsere Herrschaft flüchtete, +und konnte uns nicht mitnehmen. Mein Mann trat auf ihr Anrathen bey einem +Jägerchor in Dienste. Ich konnte ihm mit meiner Tochter, die damals noch so +klein war, daß sie den Namen Vater noch nicht aussprechen konnte, natürlich +nicht folgen. Unter tausend Thränen nahmen wir Abschied. Ach es war das +letzte Mal, daß ich ihn sah! Er schrieb mir zwar von Zeit zu Zeit, daß er +gesund sey. Allein plötzlich vernahm ich, er sey schwer verwundet, und bald +darauf erhielt ich die Nachricht, er sey an seinen Wunden gestorben. Mein +Jammer war unbeschreiblich! Ach, er war ein guter Mann, ehrlich und +redlich! Ich weiß zwar sein Grab nicht; allein seine Gebeine ruhen gewiß in +Frieden! -- Ich gerieth nun mit meiner Tochter bald in sehr großes Elend. +Ich hatte mich nach Hause zu meinen Aeltern begeben. Allein auch diese +Gegenden wurden nunmehr von dem Kriege schrecklich heimgesucht. Meine +Aeltern verloren all das Ihrige, und starben bald darauf an einer +ansteckenden Krankheit, die der Krieg verbreitet hatte. Ich war genöthiget, +auszuwandern. Meine Habseligkeiten waren klein beysammen. Ich hatte fast +nichts, als diese zwey Hände. Ich irrte weit umher. Endlich kam ich in +dieses Dorf. Diese Hütte stand eben leer. Die wackern Bauersleute, deren +Nebenhaus sie ist, gestatteten mir, hinein zu ziehen, unter der Bedingung, +daß ich ihre zwey kleinen Mädchen im Nähen und Stricken unterrichte, was +ich denn auch sehr gerne that! Ich habe allerdings viel gelitten -- allein +Gott hat doch immer treulich für mich gesorgt und mir immer und überall +durchgeholfen, bis auf diesen Augenblick, da Er Sie, edle Wohlthäterin, +unter dieses Strohdach führte. Ihm sey Dank für alles -- für Leiden und +Freuden!« + +Die Frau von Waldheim hörte sehr aufmerksam zu, und die hellen Thränen +glänzten ihr in den Augen. »Ach, sagte sie, mein Schicksal gleicht sehr dem +Eurigen, nur ist es noch trauriger! Ich habe nicht nur, wie Ihr, Aeltern +und Ehegemahl verloren, sondern überdieß noch meinen einzigen Sohn. Mein +Gemahl war Major eines Husarenregiments. Sogleich in einer der ersten +Schlachten, in der er sich sehr auszeichnete, die aber unglücklich ausfiel, +ward er gefährlich verwundet. Ich eilte auf die Schreckensnachricht mit +meinen zwey Kindern unverzüglich zu ihm. Allein mir ward nur mehr der +traurige Trost, ihn noch einmal zu sehen. Er starb in meinen Armen. Wie mir +zu Muthe war, könnet Ihr Euch denken, beschreiben kann ich es unmöglich. -- +Auf die unglückliche Schlacht folgte eine übereilte Flucht. Alle Strassen +waren mit Flüchtlingen bedeckt. Ich ward unter dem Gewühle von Menschen mit +fortgerissen, fast ohne zu wissen wohin. Meine zwey Kinder -- ein +lieblicher Knabe von kaum vier Jahren, und diese Tochter hier, die damals +noch kein Jahr alt war, vermehrten noch meinen Jammer. Als ich mit ihnen an +den Rhein kam und über die Brücke wollte, war das Gedränge von Kriegswagen, +Kanonen, Pulverkarren, Wagen voll verwundeter Krieger, die alle hinüber +wollten, so groß, daß ich mich der Brücke gar nicht nähern konnte. Indeß +war die Sonne untergegangen. In einiger Entfernung wurde noch gefochten, um +den Uebergang über den Fluß zu decken. Allein der Donner der Kanonen rückte +immer näher. Ach es war der schrecklichste Abend meines Lebens! Einige der +Flüchtlinge bemächtigten sich weiter hinab an dem Flusse eines Schiffes, um +das andere Ufer zu erreichen. Aus Mitleid nahmen sie mich und meine Kinder +in das Schiff auf. Allein das Schiff war so mit Menschen überladen, und sie +waren des Fahrens so unkundig, daß er umschlug. + +Ein Offizier am andern Ufer hatte unsre Gefahr bemerkt und uns zwey +Soldaten mit einem kleinen Schifflein, dem einzigen, das eben vorhanden +war, zu Hülfe geschickt. Es kam eben an, als das unsrige gesunken war. Ich +und meine Tochter, die ich fest in den Armen hielt, wurden mit genauer Noth +aus den Fluthen gerettet und halb todt an das Land gebracht. Allein mein +Sohn war untergegangen und von ihm ward nichts mehr gesehen.« + +Frau von Waldheim konnte hier vor Weinen nicht mehr reden, und verbarg ihr +Gesicht in ihr weißes Tuch. Ueber eine Weile sprach sie weiter: »Ich und +meine Tochter wären vor Frost und Nässe wohl auch noch umgekommen, wenn +nicht eine mitleidige Herrschaft, die eben vorbey kam und auch auf der +Flucht war, uns in ihren Reisewagen aufgenommen hätte. Allein die Angst und +der Schrecken beym Schiffbruche, die beständige Traurigkeit über den Tod +meines Gemahls und Sohnes, und die Beschwerlichkeiten auf der Flucht, zogen +mir eine Krankheit zu. Als ich wieder hergestellt war, dachte ich erst an +eine andere nachtheilige Folge dieses zweyfachen Todfalles. Weil mein +Gemahl ohne einen männlichen Erben gestorben war, so fielen unsre Güter dem +Landesherrn anheim. Unser Schloß dahier wurde sogleich in Besitz genommen +und zu einem Spitale für kranke und verwundete Krieger eingerichtet. Ich +mußte, was ich jedoch nur den unruhigen Zeiten zuschreiben kann, lange ohne +Pension leben; da ich keine eigene Wohnung mehr hatte, mußte ich in der +Stadt einen sehr hohen Hauszins bezahlen, und zuletzt wirklich Mangel +leiden. Endlich ward mir ein anständiger Wittwengehalt ausgeworfen, der +Betrag für die verflossenen Jahre baar ausbezahlt, und mir ein Theil des +Schlosses dahier, das ehemals unser Eigenthum war, zum Aufenthalt +angewiesen. Allein der Verlust meines Gemahls und meines Sohnes bleiben +doch unersetzlich! So groß indeß auch dieser Verlust ist, so ist doch dieß +ein schöner Gewinn dabey, daß meine Leiden mich Gott mehr kennen lehrten +und mich gefühlvoller für die Leiden meiner Mitmenschen machten. Und dann +-- was können wir uns auf Erden mehr wünschen, als unser ordentliches +Auskommen und ein ruhiges Plätzchen, wo wir im Frieden leben, Gott dienen +und unsern Mitmenschen Gutes thun können -- in der seligen Hoffnung, unsre +verklärten Geliebten in einer bessern Welt wieder zu sehen.« + +Indeß war es spät geworden. Die Frau von Waldheim sah an ihre Uhr, und +stand auf. »Bedient Ihr Euch auch der Hülfe eines Arztes?« fragte sie noch. +»Ach nein, sagte die Kranke. Einen ordentlichen Arzt vermag ich nicht, und +mich eines Pfuschers zu bedienen, trage ich Bedenken.«»Ihr habt Recht! +sagte die gnädige Frau. Besser gar keine Hülfe, als eine solche.« Sie +versprach der Kranken ihren eigenen Arzt zu schicken, und tröstete sie mit +der Hoffnung, unter Gottes Beystande werde es dann bald besser werden. +Hierauf befahl sie, Christine solle alle Tage in dem Schlosse für ihre +Mutter das Essen holen, wünschte Beyden freundlich gute Nacht, und kehrte +mit Emilien wieder zurück in das Schloß. + + + + +Viertes Kapitel. +Unterhaltungen der beyden Töchter. + + +Nach vierzehn Tagen besuchten Frau von Waldheim und Emilie die kranke +Rosalie wieder. Es hatte sich mit ihr indessen sehr gebessert. Die +trefflichen Arzneyen und die angemessenen Speisen hatten ihr überaus gut +angeschlagen. Sie war bereits auf, saß an der Tischecke auf der Bank und +strickte. Sobald sie die gnädige Frau erblickte, stand sie auf, eilte ihr +entgegen, und die Zähren liefen ihr über die blassen Wangen. Sie konnte +keine Worte finden, ihren Dank auszudrücken. Die Frau von Waldheim setzte +sich an die andere Ecke des Tisches. Sie hatte ihr Arbeitskörbchen +mitgebracht und nahm ihr Gestrick hervor. Emilien erlaubte sie, mit +Christinen indessen in den Baumgarten zu gehen, der sich von der Hütte bis +an den Bach erstreckte, und den guten Bauersleuten gehörte, von denen +Rosalie so liebreich aufgenommen worden. + +Während nun die zwey Mütter sich über ihre Schicksale miteinander +unterredeten, unterhielten sich die zwey Töchter in dem Garten. Christine +führte Emilien ihr zahmes Lämmchen vor. Emilie hatte über das artige +Thierchen eine ungemeine Freude. Da sie in einer großen Stadt erzogen +worden, kannte sie die Schafe beynahe nur aus ihrem Bilderbuche. Noch nie +hatte sie ein Lamm in der Nähe gesehen. Das Lamm ließ sich von Emilien +streicheln, fraß die zarten, grünen Blättchen, die Emilie ihm vorhielt, ihr +aus der Hand, und lief ihr sogleich nach, als wollte es noch mehr. Emilie +war ganz entzückt. Auch ein solches Lämmchen zu haben, war ihr herzlichster +Wunsch. Allein sie war zu bescheiden, es sich merken zu lassen. »Nein, +dachte sie, um alles in der Welt möchte ich die arme Christine nicht um +ihre einzige Freude bringen!« + +Nachdem Frau von Waldheim und Emilie fort waren, erzählte Christine ihrer +Mutter, welche große Freude das Fräulein an dem Lämmchen gehabt habe. Da +sprach die Mutter: »Höre einmal, Christine! Emilie und ihre Mutter haben +viele Güte für uns gehabt. Ohne sie läge ich vielleicht in dem Grabe, und +du hättest keine Mutter mehr. Es ist billig, daß wir uns so dankbar +bezeigen, als möglich. Du könntest Emilien nun wohl auch eine große Freude +machen -- aber ich fürchte, es kommt dich zu schwer an. Allein an deiner +Stelle wüßte ich wohl, was ich thun würde!« + +»Ihr mein Lämmchen schenken!« fiel Christine ihrer Mutter schnell ins Wort. +»Ja, das will ich! rief sie. Morgen in aller Frühe soll sie es haben. +Emiliens Mutter hat mir das Liebste erhalten, was ich in der Welt habe -- +dich liebste Mutter! Warum sollte ich Emilien nicht mit Freuden das +schenken, was mir nach dir das Liebste ist -- mein Lämmchen!« + +»Nun, das freut mich, sprach die Mutter, daß du ein dankbares Herz hast. +Das ist mehr werth, als wenn man dir das Lamm mit Gold aufwägen würde.« + +Die Mutter erinnerte sich, daß sie unter ihren Sachen noch ein kleines +Streifchen rothen Atlaß und einige vergoldete Flittern habe. Sie suchte sie +unverzüglich hervor, und saß sogleich hin, aus dem Atlasse für das Lämmchen +ein Halsband zu machen, und mit den Flittern Emiliens Namen +hineinzusticken. Emilie hatte Christinen ein feines, weißes Halstuch +geschenkt. In der Ecke desselben waren die Anfangsbuchstaben von Emiliens +Namen zierlich mit blauer Seide eingenäht. Diese Buchstaben dienten der +Mutter zum Muster. Sie war gesonnen, so lange aufzubleiben, bis sie mit +dieser Arbeit fertig wäre. Christine leistete ihr treulich Gesellschaft, +fädelte ihr jedesmal die Nadel ein, und suchte die schönsten und +tauglichsten Flittern heraus und both sie ihr hin. Endlich gegen +Mitternacht war die Stickerey vollendet, und Christine war über das schön +gelungene Werk so erfreut, daß sie vor Freude fast nicht schlafen konnte. + +Sobald am andern Tage die Morgenröthe anbrach, eilte das gute Mädchen mit +dem Lamme dem Bache zu, und wendete ihr letztes Stückchen Seife daran, das +nette Thierchen so rein zu waschen, als möglich. Und sieh da -- es ward +fast so weiß, wie neugefallener Schnee. Die Mutter legte nun dem Lämmchen +das Halsbändchen an. Der hochrothe Atlas mit den goldenen Buchstaben und +der goldenen Einfassung nahm sich zwischen dem reinen, weißen Gekräusel der +Wolle ganz unvergleichlich schön aus. Christine und ihre Mutter +betrachteten das Lämmchen mit Entzücken, und konnten kaum aufhören es zu +loben. + +Christine trug nun das Lämmchen in das Schloß. Sie ging zuerst in die Küche +zur alten Köchin, die sich immer besonders liebreich gegen Christine +bezeugt hatte, und redete mit ihr, wie sie ihr Geschenk am schicklichsten +anbringen könne. Die Köchin hatte an dem schön geschmückten Lamme ein +großes Wohlgefallen und lobte Christinens Einfall sehr. Sie nahm das +Lämmchen, ging, und öffnete leise die Zimmerthüre der Herrschaft. Die +gnädige Frau saß am offenen Fenster und strickte. Emilie las ihr aus einem +Buche vor. Beyde waren so emsig, daß sie nicht aufblickten. Da schob die +Köchin das Lämmchen geschwind zur Thüre hinein, machte die Thüre eben so +leise wieder zu, und eilte zurück in die Küche. + +Frau von Waldheim und Emilie hatten von allem nichts gemerkt. Das Lämmchen +blieb an der Thüre stehen, schaute eine Weile umher, und fing dann laut an +zu blöcken. Emilie blickte auf, und rief: »Je das Lämmchen!« Sie nahm von +dem Seitentischchen ein wenig Brod, das von dem Frühstücke über geblieben +war, und hielt es dem Lämmchen hin, und das arme Thierchen, das den Morgen +noch kein Futter bekommen hatte, lief sogleich auf sie zu, und fraß es ihr +aus der Hand. Emilie hatte eine unbeschreibliche Freude. Das Lämmchen kam +ihr ohne Vergleich schöner vor als gestern, und als sie erst die goldenen +Anfangsbuchstaben ihres Namens bemerkte, und daraus ersah, das Lämmchen sey +zum Geschenk für sie bestimmt, da war ihre Freude noch größer. + +»O wie gut ist doch Christine, sagte sie, daß sie mir ihr Liebstes giebt! +Ich getraue mir kaum es anzunehmen. Was meynen Sie, liebste Mutter, daß ich +thun soll?« + +»Du mußt es annehmen, sagte die Mutter, sonst würdest du das gute Kind +betrüben. Ich werde Christinen auf eine andere Art entschädigen.« + +Emilie eilte nun in die Küche, ihr gutes Erdbeermädchen zu rufen. Christine +hatte sogleich fort gewollt; allein die Köchin hatte sie aufgehalten. Es +kostete Emilien viele Mühe, das bescheidene Mädchen herein zu nöthigen in +das Zimmer. + +Die Frau von Waldheim hatte indessen aus ihrem Schreibkasten ein Goldstück +hervor gesucht, auf dem ein Lamm abgebildet war. »Du hast ein sehr +dankbares Herz, mein liebes Kind! sagte sie, als das erröthende Mädchen an +Emiliens Hand in das Zimmer trat. Du hast meiner Tochter ein Geschenk +gemacht, das ihr wohl nicht für Gold feil wäre. Nimm hier als eine kleine +Gegenerkenntlichkeit dieses goldene Lämmchen.« + +Die gute Christine war von dieser feinen Art zu geben so gerührt, daß es +ihr sehr schwer ankam, das Geschenk zurück zu weisen. Allein noch mehr +würde es sie geschmerzt und gekränkt haben, sich ihr dankbares Gemüth +bezahlen zu lassen. Sie kam in große Verlegenheit und die Thränen traten +ihr in die Augen. »O nein, nein, gnädige Frau, sagte sie; ich kann das Gold +wahrhaftig nicht nehmen. Es würde mir meine ganze Freude verderben. Nichts, +als die reinste, herzlichste Dankbarkeit bewog mich, Fräulein Emilien mein +Lämmchen als ein armes, geringes Geschenk darzubringen, und es ist mir +unmöglich, mich dafür so überreichlich belohnen zu lassen.« Sie blieb +ungeachtet alles Zuredens darauf, nichts zu nehmen. + +Diese Uneigennützigkeit an einem so armen Mädchen gefiel der Frau von +Waldheim noch mehr, als das überbrachte ländliche Geschenk. »Nun, sagte +sie, so will ich dich auf eine andere Art zu belohnen suchen, die deiner +Denkart angemessener ist. Wegen deines edlen Herzens sollst du von nun an +die Gespielin meiner Emilie seyn. In deiner Gesellschaft läuft sie keine +Gefahr, niedrige Gesinnungen anzunehmen. Komm fürs erste nur allzeit nach +Tische hieher -- da will ich euch mit einander Arbeit geben, und dann +wollen wir schon sehen, was noch weiter zu thun ist.« + +Als Christine nach Hause kam und erzählte, wie es gegangen, war ihre Mutter +mit ihrem Betragen sehr zufrieden. »Siehst du nun, sprach sie, es ist so, +wie ich dir schon öfter gesagt habe. Das ärmste Kind -- wenn es sich nur +bestrebt, von Herzen gut zu seyn, findet am Ende doch Menschen, die es um +seiner Güte willen mehr schätzen, als wäre es mit Gold und Perlen behängt. +Das reichste und schönste Mädchen hingegen -- wenn es sonst nichts weiter +ist -- wird der gerechten Verachtung am Ende doch nie entgehen, und das +Glück, von guten Menschen aufrichtig geliebt und geehrt zu seyn, wird ihm +nie zu Theil werden. Gutseyn, Gutseyn ist das Einzige, was uns wahrhaft +froh, reich und geehrt macht.« + + + + +Fünftes Kapitel. +Ein Fremder tritt auf. + + +An dem goldgestickten Halsbändchen, mit dem das Lämmchen geschmückt war, +hatte die Frau von Waldheim entdeckt, daß Rosalie eine sehr geschickte +Stickerin sey. Rosalie hatte aber diese Kunst, weil dergleichen Arbeiten in +dem Dorfe nicht geschätzt wurden, lange nicht mehr geübt, und sich blos auf +das Stricken und Nähen verlegt. Frau von Waldheim gab ihr nun manches zu +verdienen, und verschaffte ihr auch anderwärts her Bestellungen. Die arme +Rosalie fand auf diese Art nicht nur ihr hinreichendes Auskommen, sondern +überdieß noch öfteren Zutritt in das Schloß. + +Frau von Waldheim hatte Anfangs sich Rosaliens nur aus Mitleid angenommen; +allein so wie sie dieselbe näher kennen lernte, verwandelte sich dieses +Mitleid nach und nach in Hochachtung. Sie fand an dem Umgange mit ihr immer +mehr Vergnügen. Man wunderte sich, daß eine adeliche Dame, die Gemahlin +eines Stabsoffiziers, mit einer armen Soldatenwittwe Freundschaft machen +möge. Allein Frau von Waldheim sagte lächelnd: »Nun, Ihr werdet doch nicht +behaupten, mein seeliger Mann, der tapfre Major, sey kein Soldat gewesen? +Doch im Ernste! Eben dieses, daß auch ihr Mann zum Militär gehörte, und wie +der Meinige den Tod für das Vaterland starb, diente ihr bey mir zur +Empfehlung. Die Aehnlichkeit unsrer Schicksale vermehrte meine Zuneigung zu +ihr. Sie ist Wittwe, wie ich, mußte vieles leiden, wie ich, hat wie ich nur +eine einzige Tochter. Unsre Töchter sind von gleichem Alter, und lieben +einander herzlich -- und wenn meine Emilie so gut und edel ist als ihre +Christine, und Emiliens Mutter so gut und edel als Christinens Mutter, so +will ich es gerne zufrieden seyn. Die äusserlichen Verhältnisse weisen dem +Menschen allerdings seinen Rang in der menschlichen Gesellschaft an; allein +nur ein wahrhaft gutes edles Herz macht den wahren Werth des Menschen aus. +Diese arme Soldatenwittwe ist so bescheiden, so sanft, so rechtschaffen, so +durch Leiden bewährt, so von Herzen fromm, und dabey so verständig und +gebildet, daß ich dadurch mich geehrt fühle, sie meine Freundin zu nennen.« + +Frau von Waldheim zeichnete auch ihre arme Freundin immer mehr aus. Sie kam +jeden Sonntag von dem Schlosse in das Dorf herab zur Kirche, und da ging +sie nach dem Gottesdienste nie an Rosaliens armer Wohnung vorüber, ohne +wenigstens auf einige Augenblicke einzukehren. Sie gab Christinen, die +täglich in das Schloß kam, öfter auf, ihre Mutter mitzubringen, und bald +mußten beyde alle Tage nach Tische in das Schloß kommen. Die gnädige Frau +und das Fräulein, Rosalie und Christine saßen dann zusammen an Einem +Arbeitstische, und beschäftigten sich einige Stunden sehr emsig mit +allerley schönen Arbeiten. Rosalie mußte hierauf mit der gnädigen Frau Thee +trinken, und Christine mit Emilien ein Butterbrod essen. Auf den Abend +machten sie gewöhnlich alle zusammen noch einen kleinen Spaziergang. + +Einmal an einem schönen Sommerabend gingen sie nun mit einander in den +Eichwald, der sich am Abhange des Schloßberges herumzog. Mehrere +schattichte Gänge, die mit reinlichem Kiese bestreut waren, führten durch +den Wald, und hie und da war eine bequeme Bank zum Ausruhen angebracht. Der +Tag war sehr heiß gewesen und noch war es ziemlich schwühl. Die Frau von +Waldheim setzte sich daher mit ihrer Begleiterin Rosalie auf eine steinerne +Bank, die in einen Felsen des Berges eingehauen und von einem Paar Eichen +beschattet war. Das Plätzchen war, wegen der herrlichen Aussicht, die man +hier genoß, ihr Lieblingsplätzchen. + +Emilie und Christine gingen noch eine Strecke weiter, und jede trug ein +niedliches Körbchen am Arme. Es war gerade die Zeit der Himbeeren, und +Emilie hätte deren schon lange selbst gerne im Walde gepflückt. Christine +führte sie zu einer ausgehauenen Stelle des Waldes, die beynahe ganz mit +Himbeersträuchen bedeckt war. Beyde Mädchen pflückten nun sehr geschäftig +und ließen sich die duftenden Beeren sehr wohl schmecken. Bald rief diese, +bald jene, hier gebe es noch schönere. Die allerschönsten thaten sie aber +in ihre Körbchen, um sie Emiliens Mutter zu bringen. Das Lämmchen, das sie +mitgenommen hatten, lief indeß auf dem offenen Platze herum, graste hier +ein wenig, nagte dort an den Blättern der Gesträuche, und hatte sich nach +und nach ziemlich weit von ihnen entfernt. + +Da bemerkte Emilie auf einmal einen fremden Jüngling, der das Lämmchen +streichelte und das Halsband desselben sehr aufmerksam betrachtete. Emilie +und Christine eilten sogleich hin, denn sie fürchteten, er wolle das +Halsband oder gar das Lämmchen mit sich fort nehmen. Der Jüngling blickte, +als er sie kommen hörte, auf. Er war sehr schön und blühend von Angesicht +und hatte ein dunkelgrünes Sommerkleid an und einen runden Kastorhut auf. +Er schien bis zu Thränen gerührt, und blickte Emilien mit einer Art von +Erstaunen und Verwunderung an. Endlich nahm er mit seiner Rechten +ehrerbietig den Hut ab; in seiner Linken aber hielt er -- was Emilien +äußerst seltsam vorkam -- einen goldenen Ring. + +»Verzeihen Sie, mein Fräulein, sagte er, da er Emiliens Aengstlichkeit +bemerkte, ich wollte dem Lämmchen, das, wie ich sehe, Ihnen gehört, nichts +zu leid thun. Es fielen mir nur die Buchstaben auf, die hier auf das +Halsband gestickt sind. Sind das vielleicht die Anfangsbuchstaben ihres +Namens?« + +»Ja, sagte Emilie befremdet, das sind sie. Die drey goldenen Buchstaben auf +dem rothen Atlasse hier heißen E. v. W. Ich aber heiße Emilie von +Waldheim.« + +»Emilie! Emilie!« rief der Jüngling erstaunt. + +Emilie erschrak über seine Heftigkeit. Sie glaubte, er sey nicht recht bey +Sinnen und es, ward ihr unheimlich. »Komm, da ist nicht gut seyn!« sagte +sie zu Christine, nahm sie bey der Hand, und wollte mit ihr davon laufen. +Der fremde Jüngling aber faßte sich wieder, und sagte ganz ruhig: »Ich +bitte Sie, bleiben Sie nur noch einen Augenblick! Ich habe da einen +goldenen Ring, auf dem die drey nämlichen Buchstaben eingegraben sind. +Sehen Sie da E. v. W.! Deßhalb betrachtete ich die Buchgaben da auf dem +Halsbändchen so aufmerksam und verwundert. Es liegt mir äusserst viel +daran, inne zu werden, woher dieser Ring sey. Allein, fügte er traurig bey, +Ihnen gehört der Ring zuverläßig nicht. Es stehet da, den Buchstaben, +gegenüber, noch die Jahrzahl 1786. Dieses vereitelt meine Hoffnung. Ach, +damals waren sie noch nicht geboren!« + +Emilie sagte: »Meine Mutter hat eben den Namen wie ich; auch sie heißt +Emilie von Waldheim.« + +»Wie! rief der Jüngling aufs neue erschüttert. Wäre es möglich! Ach +vielleicht gehört der Ring ihrer Mutter. Könnten Sie mich nicht zu ihr +führen?« + +»Mit Vergnügen, sagte Emilie. Sie ist kaum ein Paar hundert Schritte von +hier. Haben Sie nur die Güte, mir zu folgen.« Sie gingen. Der Jüngling ließ +Emilien die rechte Seite, und Christine mit dem Lämmchen begleitete sie. + +Als sie zur Felsenbank kamen, blieb der Jüngling in einiger Entfernung +schüchtern stehen, und betrachtete die Frau von Waldheim einige Augenblicke +stillschweigend. Sein Angesicht war wie von Schrecken bleich und die Hand, +in der er den Ring hielt, zitterte. Indeß ermannte er sich, trat näher, +verbeugte sich mit Anstand, erzählte kurz den sonderbaren Zufall mit dem +Zusammentreffen der Buchstaben -- und überreichte ihr den Ring. + +Die Frau von Waldheim nahm den Ring -- erblickte die drey Buchstaben -- +that einen lauten Schrey -- und wäre umgesunken, wenn Rosalie sie nicht +gehalten hätte. + +»Gott im Himmel, was ist das? rief sie, als sie sich von dem Schrecken ein +wenig erholt hatte. Das ist der Ehering meines seligen Gemahls. Sehen Sie, +der Ring hier an meinem Finger, den mein Gemahl mir als Bräutigam gab und +den ich noch immer zu seinem Andenken trage, ist genau auf die nämliche Art +gearbeitet, nur etwas kleiner. O reden Sie, reden Sie doch, wie kamen Sie +zu dem Ringe? Wer sind Sie? Wer sind Ihre Aeltern?« + +Der Jüngling ward noch bleicher und zitterte an allen Gliedern. »Mein +Vater, sprach er, ward im Kriege erschossen. Meine Mutter war eine schöne +Frau, trug ein schwarzes Kleid, und weinte immer sehr viel. Ich hatte noch +ein kleines Schwesterchen, die Emilie hieß. Die Mutter fuhr mit uns zwey +Kindern über den Rhein. Das Schiff ging unter. Ich ward, als ein Kind von +etwa vier Jahren, aus dem Wasser gezogen. Von Mutter und Schwester hörte +ich seit dieser Zeit nichts mehr. Den Ring fand man, nebst einigen andern +Kleinigkeiten, in einem Päckchen, das Kleidungsstücke von mir enthielt und +also für mein Eigenthum erklärt wurde. Sonst weiß ich von meinen Aeltern +und meinem Vaterlande nichts zu sagen. Mein Name ist Karl.« -- -- + +»O Karl, rief jetzt Frau von Waldheim aus und fiel dem Jünglinge um den +Hals, du bist mein Sohn! Wahrhaftig; du bist es! Du bist das Ebenbild +deines Vaters!« -- -- »O Gott, o Gott! wie wunderbar bist Du in deinen +Fügungen!« rief sie dann wieder, indem sie mit aufgehobenen Armen weinend +zum Himmel blickte. Und dann umfaßte sie wieder ihren Sohn und benetzte +sein Angesicht mit Thränen. Der Jüngling war so außer sich, daß er keine +anderen Worte hervorbringen konnte, als: »Mutter! Mutter! Gott! Gott! O du +guter Gott!« + +Emilie stand an Christinen gelehnt -- und zitterte und weinte. »Emilie! +rief endlich die Mutter, Emilie, o sieh da deinen Bruder! Karl, Karl, sieh +da deine Schwester! O grüßt euch doch auch!« + +Karl schloß seine Schwester weinend in seine Arme, und rief: »O meine +liebe, liebe Schwester! O Gott, welche Freude machst du mir -- so +unerwartet Mutter und Schwester zu finden!« Und auch Emilie konnte vor +Weinen kein Wort vorbringen, als: »Lieber, lieber Bruder!« + +Alle Drey aber waren so selig und hatten sich so viel zu fragen und zu +sagen, daß sie die ganze Welt um sich her vergaßen. Die Sonne war +untergegangen und es wurde bereits dunkel, ohne, daß sie es merkten. +Rosalie erinnerte sie endlich, es sey Zeit, sich nach Hause zu begeben. +Frau von Waldheim ging nun, an jedem Arm eines ihren Kinder, auf das Schloß +zu, und Rosalie und Christine folgten ihnen. + + + + +Sechstes Kapitel. +Karls Jugendgeschichte. + + +Die Frau von Waldheim veranstaltete nun in dem Schlosse eine kleine +Freudenmahlzeit. Emilie deckte den Tisch mit dem feinsten blendend weißen +Tafeltuche und zwei helle Wachskerzen auf silbernen Leuchtern spiegelten +sich in dem glänzend reinen Tischgeräthe. Karl mußte zwischen seiner Mutter +und Schwester Platz nehmen, und Rosalie und Christine mußten auch +mitspeisen. »Denn, sprach die Frau von Waldheim, ohne Euch und Euer +Lämmchen hätte ich ja meinen lieben Sohn Karl nicht gefunden!« Karl, der +von der Reise hungrig geworden, ließ sich das Abendessen sehr wohl +schmecken. Seine Mutter und Schwester aber konnten vor Freude fast nicht +essen, und sahen ihn nur immer an. Sie fragten ihn bald dieses, bald jenes. +Allein erst nach Tische bathen sie ihn, seine Geschichte im Zusammenhange +zu erzählen, was er denn auch sehr gerne that. + +»Mein Kindheit und meine Jugendjahre, sprach er, brachte ich, von dem +Abende an, da ich aus dem Flusse gezogen wurde, beständig bey einem sehr +ehrwürdigen Pfarrer, Namens Engelhard, jenseits des Rheins zu. Ich würde +von den Schicksalen meiner ersten Kindheit und von meinen lieben Aeltern +wohl kaum mehr etwas wissen, wenn er das Wenige, was ich damals -- in einem +Alter von vier Jahren ihm sagen konnte -- mir nicht öfters wiederholt +hätte. Selbst unsers Schiffbruches erinnere ich mich jetzt nur mehr dunkel. +Allein der gute Pfarrer, der nicht weit von jener Unglücksstätte wohnt und +sich nach allem, was mich betraf, genau erkundigt hatte, beschrieb mir +jenen fürchterlichen Abend und die darauf folgende Schreckensnacht sehr +oft. Der Krieg hatte mit allem, was er Schreckliches haben kann, sich +gleich einem verheerenden Gewitter, ganz in jene Gegend gezogen. Zwey +Dörfer standen im Brande, und die hoch auflodernden Feuerflammen erhellten +mit ihrem rothen Glanze weit umher die Gegend, rötheten die Wolken des +Himmels, und strahlten schauerlich aus dem Flusse wieder. Die geschlagene +Armee rettete sich über den Fluß. Die Sieger drangen ihr auf dem Fuße nach. +Man glaubte ein furchtbares Hochgewitter zu hören, so laut donnerten die +Kanonen, und man vernahm bereits das kleine Gewehrfeuer sehr deutlich. +Ganze Familien, Väter, Mütter und Kinder, hatten theils zu Fuß, theils zu +Wagen sich hieher geflüchtet, und wußten nun nicht mehr weiter. Das +Gedränge und die Verwirrung war unbeschreiblich. Auch der gute Pfarrer +hatte das Haus voll Geflüchteter, und war unermüdet beschäftiget, sie zu +trösten und zu bewirthen -- da wurde auf einmal sehr stark an die Hausthüre +geklopft. Er öffnete sie -- und ein Soldat mit einem kleinen weinenden +Knäblein auf dem Arme stand vor der Thür. Dieses Knäblein war ich!« + +»Um Gottes willen, Herr Pfarrer, rief der edle Krieger, erbarmen Sie sich +dieses armen Kindes, und nehmen Sie es zu sich. Ich riß es dort aus dem +Fluß. Ich weiß es nirgends unterzubringen. Dieses nasse Päcklein hier +enthält die Kleider des Kindes und einiges andere. Nehmen Sie -- ich muß +augenblicklich weiter.« Der gutherzige Pfarrer nahm mich liebreich in seine +Arme -- und der Soldat stürzte fort, indem er noch rief: »Gott wird es +Ihnen vergelten! Leben Sie wohl!« + +Der würdige Geistliche brachte nun wohl so viel aus mir heraus, mein Vater, +ein Offizier, sey im Kriege umgekommen, und meine Mutter sey mit mir und +meinem kleinen Schwesterchen auf ihrer Fahrt über den Rhein verunglückt. Er +unterließ nicht, nachzuforschen, ob meine Mutter und Schwester dem +schauerlichen Tode des Ertrinkens nicht etwa noch entgangen seyen. Er begab +sich, so bald es möglich war, in die benachbarten Orte, und fragte überall +nach ihr. Er traf auch einige Menschen, die auf eben dem Schiffe gewesen, +und gerettet worden. Sie sprachen mit Achtung und Mitleid von der +tiefbetrübten Offizierswittwe; allein sie sagten einmüthig, sie sey mit +ihrem kleinen Kinde sicher ertrunken. Die Gewalt des Stromes habe blos +einige wenige Menschen, die sich auf dem untergegangenen Schiffe befunden +hatten, an das Ufer, von dem sie hergekommen, zurück geworfen; Es sey gar +nicht wahrscheinlich, daß irgend eine Seele das andere Ufer erreicht habe. +Der edle Pfarrer hielt es indeß doch für möglich. Allein er konnte sobald +keine Erkundigungen einziehen. Die Verbindung zwischen den beyden +Rheinufern war des Krieges wegen lange Zeit aufgehoben. Und nachher, als +man wieder Nachrichten von dem andern Ufer des Flusses erhalten konnte, +stimmten alle darin überein, nirgends habe man eine solche Frau gesehen, +wie die beschriebene Offizierswittwe, und sie sey also ganz gewiß todt. + +Der menschenfreundliche Pfarrer behielt mich nun bey sich, um mich zu +erziehen. Er war ein sehr liebvoller, schon etwas betagter Mann, und ein +wahrer Kinderfreund. Die Tage meiner Kindheit hätten wohl nicht glücklicher +seyn können. Er war immer heiter und freundlich, und wußte mich mit einem +Wink zu leiten. Denn sein ganzes Betragen war, bey aller Freundlichkeit, +immer so ernst und würdig, daß ich eine große Ehrfurcht gegen ihn fühlte, +und um alles in der Welt es nicht gewagt hätte, mich gegen ihn im +geringsten widerspenstig zu zeigen. + +Seine erste Angelegenheit war es, mich in der Religion zu unterrichten; was +er sagte, war alles so klar und herzlich, daß ich Gott und meinen Erlöser +von Herzen lieb gewann. Er lehrte mich lesen und schreiben, und da er +besondere Fähigkeiten an mir zu entdecken glaubte, so gab er mir Unterricht +in der lateinischen Sprache. Er las mit mir lateinische Bücher, und wußte +immer die schönsten Stellen auszuwählen, die meinem Alter angemessen waren. +Was ich gelesen hatte, mußte ich dann schriftlich ins Deutsche übertragen. +Ich bekam so mehrere Bücher, von meiner Hand rein und deutlich geschrieben, +zusammen, die er alle sehr schön binden ließ. Ich hatte dabey ungemeine +Freude, und erwarb mir eine Fertigkeit, jedes lateinische Buch zu +verstehen, wenn nur sonst der Inhalt meine Fassungskraft nicht überstieg. +In der Folge gab er mir auch Unterricht im Griechischen. + +Sein kleines freundliches Pfarrhaus war von einem schönen Gemüsgarten und +einem großen Baumgarten umgeben. Wenn wir nun eine Stunde gelesen hatten, +arbeiteten wir allemal eine Zeit im Garten. Denn er baute ihn selbst und +ich mußte ihm dabey helfen. Diese Arbeit war Erholung vom Studieren. Im +Winter oder an Regentagen brachte er seine Nebenstunden mit Zeichnen zu, +worin er es sehr weit gebracht hatte. Er verstand seine Zeichnungen mit +Tuschfarben so schön und lieblich auszumahlen, daß Kenner sie den +vollendetsten Kunstwerken der Art an die Seite setzten. Auch ich hatte +große Lust am Zeichnen und Mahlen. Er gestattete es mir aber allemal nur +als eine Belohnung meines besondern Fleißes im Studieren, und unter seiner +vortrefflichen Anleitung machte ich auch in dieser Kunst gute Fortschritte. +So verfloß mir jeder Tag unter nützlichen und angenehmen Beschäftigungen; +ich war immer so fröhlich und vergnügt, als je ein Kind in dem väterlichen +Hause es sein kann. + +Der gute Pfarrer hatte indeß auch Manches zu leiden. Er mußte die Trübsalen +des Krieges hart empfinden. Einquartierungen und Lieferungen kosteten ihm +sehr viel, und zwey bis dreymal ward sein Pfarrhaus ganz ausgeplündert. Er +würde dieses wenig geachtet haben, wenn es ihm nicht um mich gewesen wäre. +Er hatte mich öfters versichert, er werde mich studieren lassen. Obwohl die +Erträgnisse seiner Pfarrey nicht sehr bedeutend waren, so hatte er bey +seiner mäßigen Lebensart doch so viel zurück gelegt, daß er die Kosten des +Studierens hätte bestreiten können. Allein nun war es ihm unmöglich; er +selbst war durch den Krieg in dürftige Umstände gerathen. + +Er hatte indessen in Wien einen Jugendfreund, der in großem Ansehen stand, +und unter dem Adel und den Gelehrten viele Freunde hatte. An diesen schrieb +er, ob er einem armen Jünglinge, der eine entschiedene Anlage und Neigung +zum Studieren habe, nicht Gelegenheit dazu verschaffen könnte? Es kam +sogleich die erfreuliche Antwort, er wolle mich mit offnen Armen in sein +Haus aufnehmen, und dann weiter für mich sorgen. Ich möchte mich aber, +schrieb er, sogleich auf die Reise machen, indem ich eine vorläufige +Prüfung zu bestehen hätte, um unter die Zahl der Studierenden aufgenommen +zu werden. + +Ein Kaufmann, der meinen Pflegvater öfter besuchte, hatte eben eine Reise +in die hießige Gegend vor, und erboth sich, mich unentgeldlich mit zu +nehmen. Da ich auf diese Art beynahe die Hälfte des Weges in einem bequemen +Reisewagen zurücklegen konnte, so wurde dieses Anerbiethen mit Freude +angenommen. + +Der Morgen, an dem ich von meinem guten Pflegevater Abschied nahm, wird mir +ewig unvergeßlich seyn. Der gute Mann mit seinem frommen blassen Gesichte +und seinen ehrwürdigen grauen Haaren, schloß mich in seine Arme und +benetzte mein Angesicht mit Thränen. »Liebster Karl, sprach er, der +Augenblick ist jetzt da, wo du hinaus mußt in die Welt. In unserm stillen +abgelegenen Dorfe und in meinem Hause hier hast du, wills Gott, nichts als +Gutes gesehen und gehört. In der großen Stadt, in die du jetzt kommst, wird +es anders seyn. Du kommst zwar in das Haus eines guten Mannes und wirst +auch in der Stadt viele gute Menschen kennen lernen; allein du wirst auch +der bösen Beyspiele genug sehen und mancherley Böses hören. O Karl, vergiß +meiner guten Ermahnungen nicht -- laß dich nicht verführen -- bleibe ein +edler Jüngling.« + +»Vor allem bleibe dir unsre heilige Religion stets theuer. Sie ist der +kostbarste Schatz, den wir hier auf Erden haben, und ein wahres Himmelbrod +für unsern unsterblichen Geist. Wohne nicht nur dem öffentlichen +Gottesdienste andächtig und ehrerbietig bey, sondern weihe auch deine +stille Kammer zum Tempel der Andacht. Vergiß es nie, daß Gottes Auge dich +überall sieht, und thue alles wie vor seinem Angesichte. Ihm klage deine +Noth und vertrau auf Ihn. Verlaß Ihn nicht, und Er wird dich ewig nicht +verlassen.« + +»Du wirst mancherley leichtsinnige Reden über Religion hören. Solche Reden +verabscheue. Wer die Lehren der christlichen Religion befolgt, der erfährt +es an seinem Herzen, daß sie von Gott sey. An diesem Prüfsteine, den ihr +Stifter selbst angab, bewährt sie sich als lauteres Gold. Das hat sich mir +durch eine Erfahrung von fast siebenzig Jahren bestätiget. Das ist ihr +schönster Triumpf über alle Zweifel ihrer Freunde, die noch nicht ganz zur +hellen Erkenntniß gekommen sind, und über alle Einwendungen ihrer +verblendeten Feinde.« + +»Thu nie etwas Böses und handle nie gegen die Stimme deines Gewissens. +Geselle dich nicht zu solchen Menschen, die über Unschuld und +Schamhaftigkeit spotten und aus dem Laster einen Scherz machen; fliehe sie +als wären sie vom gelben Fieber angesteckt. Eine solche leichtfertige +Denkart verleitete schon manchen schönen blühenden Jüngling, die kurze Lust +der Sünde zu genießen, machte ihn zum lebendigen Gerippe und stürzte ihn in +ein frühes Grab. Bewahre dein Herz rein und unbefleckt, und du wirst die +schöne Farbe deiner Wangen, das Feuer deiner Augen, die Ruhe deines +Gewissens und die Heiterkeit des Geistes bewahren, und mein erster Blick, +wenn ich dich, je wiedersehe, wird mir sagen, ob du noch gut und +unverdorben seyest.« + +»Sey unermüdet in den Arbeiten deines Berufes. Der Beruf eines Studierenden +ist ein schöner, edler Beruf. Es sey nun, daß du Rechtsgelehrter, Arzt oder +Gottesgelehrter werden wollest -- allemal wird das zeitliche oder ewige +Wohl deiner Mitmenschen dir anvertraut werden. Es wäre ja wohl schrecklich, +wenn du es dir nicht Ernst seyn ließest, deiner Wissenschaft Meister zu +werden, und wenn du einst, anstatt zum Glücke der Menschen beyzutragen, aus +Unfähigkeit und Unwissenheit nur Unheil stiften würdest. Die Studierjahre +sind die Zeit der Saat; benütze diese köstliche Zeit, ehe sie entflieht -- +sonst ist an keine erfreuliche Aernte zu gedenken. Du hast es in unserm +Dorfe gesehen, wie die Landleute sich plagen müssen, wie sie vor Tag +aufstehen, Frost und Hitze dulden, und alle Kräfte aufbiethen -- nicht nur +um sich zu ernähren, sondern um auch die Abgaben zu bestreiten, die zur +Unterhaltung der gelehrten Stände nöthig sind. Arbeite also auch unermüdet, +um für sie, die so vieles für uns thun, dereinst auch etwas thun zu können, +und ihnen nicht zur unnützen Last, sondern zum Segen zu werden.« + +»Erlaube dir aber auch zu rechter Zeit eine unschuldige Erholung. Nur laß +den sinnlichen Vergnügungen keine Herrschaft über dein Herz. Wer sich von +der Sinnlichkeit -- von Spiel, Trunk, Tanz und dergleichen -- hinreißen +läßt, der ist, wenn er auch eben nichts offenbar Böses thut, dennoch ein +Sklave seiner Lust -- und also ein schlechter Mensch. Der ungeordnete Hang +zu sinnlichen Vergnügungen zerstört in unserm Herzen das Gefühl für alles +wahrhaft Große, Schöne und Gute, und macht uns unfähig, edlere Vergnügungen +zu genießen.« + +»O mein liebster Sohn! Vielleicht ist es das letzte Mal, daß du mein +Angesicht siehest. Ich bin bald siebenzig Jahre alt und nicht mehr fern vom +Grabe. Erfahrung, Welt- und Menschen-Kenntniß wirst du mir nicht absprechen +wollen. Und dann -- was für einen Gewinn könnte ich davon haben, dir eine +Unwahrheit zu sagen? Glaube mir also -- und bleibe gut. Denn sieh -- wenn +du gut bist, so bist du _dir_ gut, und du wirst den Segen davon haben. +Könntest du aber je böse werden, so wärest du _dir_ böse, und _dein_ wäre +der Schaden, und _dich_ träfe das Verderben. Liebster Karl -- bleibe, +bleibe gut!« + +Der gute, liebvolle Greis nahm nun die letzten zwey Goldstücke, die er noch +hatte, aus seinem Pulte hervor. Ach er hatte schon all seine Baarschaft +darauf verwendet, mich wohlanständig zu kleiden, und mich mit dem nöthigen +Reisegeld zu versehen. Er gab mir diese Goldstücke, die Sie hier sehen und +sagte: »Nimm dieses Wenige noch, liebster Sohn, als einen Nothpfenning -- +und dann hier noch etwas, das mehr werth ist, als alles Gold -- das neue +Testament! Mehr kann ich dir jetzt, nicht geben. Allein lebe nur so, wie +dieses göttliche Buch es uns lehrt, bleibe gottesfürchtig, edel und gut -- +dann bist du reich genug.« + +Hierauf segnete er mich noch mit zitternden Händen und weinenden Augen, +schloß mich noch einmal in seine Arme, sagte mir Lebewohl -- und ich ging +schluchzend und tief gerührt zur Thüre hinaus. + +Karl weinte, indem er dieses sagte, aufs neue; auch seiner Mutter und +Schwester und den Uebrigen flossen die hellen Zähren über die Wangen. +»Dieser Pfarrer, sprach die Mutter, ist wahrhaftig ein sehr -- sehr edler +Mann. Es ist etwas Großes, sich eines fremden armen Kindes so herzlich und +thätig anzunehmen, so viele Jahre hindurch so viele Zeit, Mühe und Kosten +aufzuwenden, und so zu sagen noch den letzten Heller hinzugeben, um es zu +einem guten und glücklichen Menschen zu erziehen. Doch -- nur die +christliche Religion kann das menschliche Herz so uneigennützig und +wohlwollend machen, alle Menschen auf Erden wie seine nächsten +Blutsverwandten mit Liebe zu umfassen.« + + + + +Siebentes Kapitel. +Wie Karl hiehergekommen. + + +Karl schwieg eine Weile und trocknete seine Thränen; dann erzählte er +weiter. »Der Kaufmann, der mir den leeren Platz in seinem Reisewagen +eingeräumt hatte, ist ein sehr rechtschaffner Mann und ein recht fröhlicher +Gesellschafter. Er wußte immer etwas zu sagen, und that alles, mich den +traurigen Abschied vergessen zu machen. Bald erzählte er ein artiges +Geschichtchen, bald gab er mir Räthsel auf, bald sang oder pfiff er ein +munteres Liedchen. Jedes Dorf wußte er mit Namen zu nennen, und in den +Städten zeigte er mir die Merkwürdigkeiten, wenn es darin deren einige gab. +Etwa drey Meilen von hier mußte ich mich aber von ihm trennen; denn er +mußte einen andern Weg einschlagen. Er wünschte mir nun Glück und Gottes +Segen zu meinem Vorhaben, ermahnte mich zum Fleiße und zum Vertrauen auf +Gott, sorgte noch dafür, daß mein kleines Koffer, das er aufgepackt hatte, +durch einen Fuhrmann an Ort und Stelle gebracht werde, schenkte mir ein +Goldstück, drückte mir zum Abschied kräftig die Hand und fuhr in seiner +Kutsche weiter. + +Auch dieser Abschied war mir sehr schwer gefallen. Ich war ja nun von allen +bekannten Menschen getrennt! Ich setzte indeß meine Reise zu Fuße fort. +Gegen Abend wanderte ich durch den Wald, der dieses Schloß umgiebt. Ich war +von der Hitze des Tages und dem weiten Gehen, das ich nicht gewohnt bin, +sehr ermüdet. Ich setzte mich daher, um ein wenig auszuruhen, auf einen +Rasensitz, den ich unter einem Buchbaum erblickte. Das alte Schloß, das von +der Abendsonne vergoldet aus dem waldichten Berge hervorragte, gewährte +hier einen unvergleichlich schönen mahlerischen Anblick. Ich nahm ein Blatt +Papier aus meiner Brieftasche hervor, und fing an das Schloß abzuzeichnen. + +Allein ich mußte die angefangene Zeichnung bald wieder weglegen. Der +Untergang der Sonne -- die Stille des einsamen Waldes -- und die +herannahende Nacht erregten sehr wehmüthige Empfindungen in mir! Ein Gefühl +von Verlassenheit wandelte mich an. »Ach, dachte ich, die Nacht bricht +herein, und ich weiß noch nicht einmal, wo ich übernachten soll! Auf viele +Meilen weit rings umher kenne ich keine Seele und komme nun zu lauter +fremden Menschen. Mein liebevoller Pflegvater, von dem ich nun schon einige +Tagreisen weit entfernt bin, ist bereits sehr alt und vielleicht sehe ich +sein ehrwürdiges Angesicht in meinem Leben nicht mehr! Und meine guten +Aeltern habe ich kaum gekannt! Ich kann mir meinen Vater nur mehr als +Leiche und meine Mutter in schwarzen Trauerkleidern und mit roth geweinten +Augen denken.« + +Bey diesem Gedanken drangen auch mir die Thränen in die Augen. Ich zog den +goldenen Ring heraus, den mir der gute Pfarrer gegeben hatte. »Mein Gott, +seufzte ich, dieser Ring rührt noch von meinen Aeltern her, und er ist das +einzige Erbtheil, das ich armer Waise von ihnen habe! Die drey kleinen +Buchstaben sind die Anfangsbuchstaben, von dem theuren Namen meines Vaters +oder meiner Mutter, und ich weiß nicht einmal, wie diese Namen heißen! +Diesen Ring trug entweder mein Vater, dessen Hand längst im Grabe modert, +oder meine Mutter, die vielleicht doch noch am Leben ist! Ja vielleicht +lebte sie einst -- vielleicht lebt sie noch in eben diesen Gegenden, die +ich jetzt durchwandere.« + +Mein Herz wurde von diesen Gedanken mächtig ergriffen! Ein Gefühl voll der +schmerzlichsten Wehmuth und der seligsten Hoffnung bemächtigte sich meiner! +Ich fiel auf die Knie nieder, ich rang die Hände, ich flehte mit Inbrunst +zum Himmel: »O lieber Gott! Du allein weißt es, ob meine Mutter noch lebe! +Du allein kannst, wenn sie noch lebt, mich sie wieder finden lassen! Ach +vielleicht ließest Du diesen Ring nicht ohne weise Absicht in meine Hände +kommen. Die Buchstaben darauf könnten mich unter deiner Leitung leicht zur +Entdeckung meiner Mutter führen. O die liebe gute Mutter! Sie beweint -- +wenn sie noch am Leben ist -- mich als todt; sie glaubt, ich sey als ein +zartes Knäblein in den Fluthen des Rheines ertrunken; o welche Freude würde +sie haben, mich jetzt als einen Jüngling in ihre Arme zu schließen! Welche +Seligkeit wäre es für mich, ihr freundliches mütterliches Angesicht zu +erblicken, ihr zu danken für das, was sie an mir gethan, als ich ihre Liebe +noch nicht zu schätzen wußte und ihr noch nicht dafür danken konnte. Wie +unbeschreiblich glücklich würde ich mich schätzen, ihr meinen Dank jetzt zu +bezeigen, und die Stütze ihres herannahenden Alters zu werden! O du guter +Gott, du Vater der Wittwen und Waisen -- wenn -- wenn sie je noch lebt -- o +so führe -- führe Du mich in ihre Arme! Höre mein kindliches Flehen, und +laß mich sie wieder finden!« + +Als ich so gebethet hatte, und mit meinen Augen voll Thränen durch die +Aeste der Buche noch immer zum blauen Himmel aufblickte, hörte ich in dem +nahen Gesträuch ein leises Knistern. Ich sah hin, erblickte das Lamm -- und +die goldenen Buchstaben auf dem purpurrothen Halsbande strahlten mir im +Glanze der untergehenden Sonne hellschimmernd ins Auge. Eine wunderbare, +unbeschreibliche Empfindung -- ein schauerliches Entzücken bemächtigte sich +meiner. Es war mir, als umleuchtete mich ein Licht vom Himmel, als hätte +ein Lichtstrahl von oben die Buchstaben erhellt; sie schienen mir wie +verklärt. Ich glaubte die Nähe Gottes zu fühlen, und es dünkte mich, die +Blätter aller Bäume rings umher zitterten aus Ehrfurcht vor Ihm. Mir war +es, als spreche etwas in meinem Innersten: »Dein Gebeth ist erhört!« Und so +war es auch. Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Gleich einem Engel des +Himmels kam in ihrem weißen Kleide und im Schimmer der Abendsonne meine +Schwester auf mich zu, und nannte mir das erstemal den theuren Namen meiner +Mutter. So, beste Mutter, hat Gott mich in Ihre Arme, und in deine Arme, +liebste Schwester, wunderbar zurück geführt!« + +»Ja, so ist es, meine liebsten Kinder, sagte die Mutter, indem sie ihre +beyden Kinder in die Arme schloß. Er hat uns alle drey wieder zusammen +gebracht. Er hat dich, liebster Karl, als einen zarten Knaben mir genommen +und dich einem edlen Manne anvertraut, der dir aus der reinsten +Menschenliebe eine Erziehung gab, die ich als Frau und als eine verlassene +Wittwe dir unmöglich so gut geben konnte, und die dir keine Fürstin für +Gold hätte besser verschaffen können. Er hat dich als einen blühenden +Jüngling mir wieder zurück gegeben -- und mir die Thränen des Schmerzens, +die ich über deinen Verlust weinte, in Freudenthränen verwandelt. Er hat +alles wohl gemacht und alle seine Wege sind die lautere Weisheit und Liebe. +O liebsten Kinder! laßt uns Ihm danken und seine heilige Vorsehung in +Demuth und mit tiefer Ehrfurcht anbethen!« Alle drey schwiegen mit tief +gerührtem Herzen lange still, und nur ihr Herz sprach mit Gott. Auch +Rosalie und Christine saßen mit gefalteten Händen, mit thränenvollen Augen, +und mit einem Herzen voll Rührung und Andacht stillschweigend da und +athmeten kaum. + +»Welche Freude, sagte Karl nach einiger Zeit, wird der edle Greis, mein +zweyter Vater, empfinden, wenn er diese wunderbare Fügung vernimmt! Diese +Nacht noch muß ich ihm diese Freudennachricht schreiben.« Es war bereits +Mitternacht, bis Karl auf sein Zimmer kam. Allein es wäre ihm unmöglich +gewesen, zu Bette zu gehen. Er setzte sich an den Schreibtisch, der in dem +Zimmer stand, und schrieb an seinen theuren Pflegvater, den ehrwürdigen +Pfarrer, so ausführlich, so begeistert, daß er noch bey der brennenden +Wachskerze saß und schrieb, als die goldene Morgenröthe bereits zum Fenster +herein strahlte und das Kerzenlicht überflüssig machte. + + + + +Achtes Kapitel. +Karls Pflegevater. + + +Karl lebte auf seinem väterlichen Schlosse so vergnügt, als wäre er in den +Himmel versetzt. Je mehr er seine Mutter kennen lernte, desto mehr mußte er +die vortreffliche Frau verehren. Eben so mußte er seine Schwester, die +unermüdet fleißig, und dabey immer fröhlich und freundlich war, mit jedem +Tage mehr schätzen. Seine Ankunft in Waldheim hatte indeß noch eine andere +glückliche Folge für ihn. Das Schloß, das vorhin das Eigenthum seiner Väter +gewesen, war gegenwärtig nur mehr der Wittwensitz seiner Mutter; allein +jetzt konnte er dieses Schloß wieder als sein väterliches Erbtheil zurück +fordern, und die Bewohner unten in dem Dorfe und einigen benachbarten +Weilern als seine künftigen Unterthanen ansehen. Seine Mutter führte ihn +daher voll Freude überall im Schlosse herum, zeigte ihm die Umgebungen des +Schlosses nebst den Gütern, die dazu gehörten, und redete mit ihm sehr +vieles über seine künftige schöne Bestimmung, zum Glücke der Bewohner +dieses kleinen Thales so vieles beytragen zu können. + +Unter solchen Gesprächen saßen Frau von Waldheim, Karl und Emilie einmal am +Nachmittage auf der eichenen Bank, die, nebst einem ähnlichen ländlichen +Tische, auf einem schönen, mit Kies beschütteten Platze vor dem äußern +Thore des Schloßhofes stand, und von zwey dichten Kastanienbäumen +beschattet war. Da sahen sie einen ehrwürdigen Greis mit schneeweißen +Haaren und schwarzer Kleidung auf sich zukommen, der einen ziemlich langen +Reisestab in der Hand führte und einen dreyfach aufgeschlagenen Hut unter +dem Arme hielt. »Gott im Himmel! mein Pflegevater! rief Karl, indem er +aufsprang und mit weit offenen Armen auf ihn zu eilte. Ists möglich, Sie +sind es, liebster, bester Herr Pfarrer! Wie kommen Sie hieher?« + +»Lieber Karl! theurer Pflegesohn! sprach der Pfarrer; sobald ich deinen +Brief erhalten hatte, war ich sogleich entschlossen, ungeachtet meines +hohen Alters die weite Reise hieher noch zu machen. Ich hielt aus wichtigen +Gründen meine Gegenwart dahier für nützlich, ja für nothwendig. Auch war es +mein lebhaftester Wunsch, die Mutter und Schwester meines lieben +Pflegesohnes kennen zu lernen, und die Freude, die Gott allen Dreyen +beschert hat, nicht nur in weiter Ferne, sondern an Ort und Stelle zu +theilen.« Karl fiel ihm um den Hals, und die Mutter und Emilie konnten +nicht Worte genug finden, dem edlen Manne ihre Dankbarkeit auszudrücken. + +Der ehrwürdige Greis, den das Ersteigen des Berges ermüdet hatte, setzte +sich nun zu ihnen auf die Bank. Frau von Waldheim both ihm Erfrischungen +an. Allein dem edlen Greise war es jetzt gar nicht um Speis und Trank. Er +fing sogleich an mit eben so viel Einsicht als Rührung von den wunderbaren +Wegen der göttlichen Vorsehung zu reden; er sagte hierauf, was nun zu thun +sey, damit der Landesfürst Karln als einen jungen Herrn von Waldheim +anerkenne; auch sprach er noch sehr ausführlich davon, was Karl noch alles +zu lernen habe, um ein weiser und guter Vater seiner künftigen Unterthanen +zu werden. + +Indessen kamen Rosalie und ihre Tochter, wie gewöhnlich, auf Besuch. Frau +von Waldheim stellte beyde dem ehrwürdigen Pfarrer vor. »Sehen Sie, mein +lieber Herr Pfarrer, sagte sie, dieses da ist das gute Kind, das uns mit +dem Lamme ein so segenreiches Geschenk gemacht hat, und hier ist ihre +Mutter, die das Halsband mit den drey entscheidenden Buchstaben geziert +hat.« Der edle Pfarrer freute sich sehr, die gute Rosalie und ihre Tochter +kennen zu lernen, und grüßte beyde auf das freundlichste. + +Frau von Waldheim trug nun Rosalien auf, den Thee, nebst Brod und Butter, +Wein und Obst unter die Kastanienbäume herab zu bringen. Emilie und +Christine aber schlichen sich fort, zierten das Lämmchen, das immer rein +und weiß war wie Schnee, mit Kränzen von frischem grünen Laub und jungen, +halbgeöffneten Rosen, legten ihm das goldgestickte Halsband an, und führten +es dem Herrn Pfarrer vor. Der freundliche Greis betrachtete es mit +Wohlgefallen, streichelte es und sagte zu Frau von Waldheim und zu Emilien: +»Sie haben mich mit den zwey werthen Personen, durch die Ihnen Gott ein so +großes Glück bereitete, bekannt gemacht, und sogar das Lamm nicht +vergessen, das, ohne es zu wissen, zu diesem Glücke so vieles beygetragen +hat. Nun muß ich Sie aber auch noch den Mann kennen lehren, der nach Gott +die vorzüglichste Ursache dieser erfreulichen Ereignisse war, und der das +Größte that, was Menschen thun konnten, Ihrer aller Glück zu gründen. Ich +meyne jenen edelmüthigen Soldaten, der sich mit Gefahr seines eigenen +Lebens muthig in den Rhein stürzte, und unsern lieben Karl hier, als ein +zartes unmündiges Knäblein, aus den reißenden Fluthen glücklich +herausholte.« + +»Der gute Mann hatte, seit dem er jene edle That vollbrachte, sehr vieles +auszustehen. Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Wesentliche davon kurz +erzähle. Er machte mehrere Feldzüge mit, hatte unsägliche Mühseligkeiten zu +erdulden und wurde endlich schwer verwundet. Er und eine Menge anderer +Verwundeter wurden auf Wagen geladen und weiter geführt. Nun traf sichs, +daß der lange Zug von Wagen an dem Hause eines Wollfärbers vorbeykam, der +außen vor dem Thore eines kleinen Städtchens nahe am Wasser wohnte. In +diesem Hause war der brave Krieger ehemals einige Wochen im Quartier +gelegen, und hatte dem Färber, dessen Wohnung dem Uebermuthe der Soldaten +am meisten ausgesetzt war, ganz ungemeine Dienste geleistet, und ihm +Vermögen und Leben gerettet. Der Färber schaute eben jetzt aus dem Fenster, +die Wagen vorüber ziehen zu sehen -- und erblickte unter den Verwundeten +seinen ehemaligen Beschützer, der sich auf dem Wagen mühsam aufrichtete und +sehnlich zu den Fenstern heraufsah. Augenblicklich eilte der Färber hinab, +grüßte ihn, und bath den Offizier, der den Zug begleitete, den armen +todtschwachen Mann ihm zu überlassen. Der Feldarzt ward gerufen und dieser +erklärte, der Mann werde ohnehin, wie schon hundert Andere, das +Militärspital nicht mehr erreichen und zuverläßig unterwegs sterben. Man +solle ihn also ohne weiters in das Haus des barmherzigen Mannes bringen, so +würde der arme Leidende wenigstens für seine letzten Augenblicke noch +einige Erleichterungen finden.« + +»Der Färber nahm nun seinen ehemaligen Hausfreund und Wohlthäter voll des +herzlichsten Mitleids in sein Haus auf. Die sorgfältigste Pflege und der +Fleiß des geschickten Wundarztes im Orte retteten ihm wider alle Erwartung +das Leben; nur blieb er noch lange Zeit so schwach, daß er nicht weiter +reisen, auch keine etwas schwere Arbeit verrichten konnte. Der Färber, der +ein reicher Mann war und ein sehr weitläuftiges Gewerbe hatte, behielt ihn +aber sehr gerne bey sich, und der dankbare Krieger, der eine sehr schöne +Handschrift hat, besorgte ihm seinen Briefwechsel und führte ihm sein +Handlungsbuch mit dem größten Fleiße und mit der pünktlichsten Genauigkeit. +Beyde gewannen einander immer lieber, und lebten zusammen in wahrhaft +brüderlicher Eintracht.« + +»Allein nun änderte sich auf einmal die Sache. Der brave Soldat war kaum +vollends hergestellt und wieder zu Kräften gekommen, so starb der ehrliche +Färber sehr unvermuthet hinweg. Der Tod hatte ihn zu schnell übereilt, +sonst würde er seinen Freund sicher in seinem Testamente bedacht haben. +Sein Vermögen fiel den Verwandten zu; die Färberey wurde verkauft; die +hartherzigen Erben ließen den guten Mann mit leeren Händen abziehen. Er +mußte sein Unterkommen weiter suchen. Er wollte jedoch zuvor zu seinem +Regimente reisen, und, weil sein linker Arm etwas gelähmt blieb, um seinen +Abschied bitten. Der Weg führte ihn nahe bey meinem Pfarrdorfe vorbey. Da +regte sich natürlich in seinem Herzen der Wunsch zu erfahren, was aus dem +Kinde geworden sey, das er einst aus dem Wasser gezogen hatte. Er besuchte +mich -- eben ein Paar Tage, nachdem Karl abgereist war. Ich hatte eine +große Freude, den edelmüthigen Krieger wieder zu sehen behielt ihn bey mir, +und sann nach, ob ich ihm nicht irgendwo ein angemessenes Plätzchen +verschaffen könnte. + +Da kam Karls Brief -- mit der unerwarteten Freudennachricht. Ich hielt es +für sehr zweckmäßig, den braven Mann mit hieher zu nehmen. Denn fürs Erste, +dachte ich, wird sein Zeugniß, daß er in jenem Jahre und an jenem Tage ein +Knäblein von etwa vier Jahren aus dem Rheine zog, und es nebst einem +Päcklein mit dessen Kleidern, in dem sich jener Ring fand, mir übergeben +habe, sehr dienlich seyn, zu erweisen, Karl sey wirklich der Sohn der +gnädigen Frau von Waldheim, von dem man glaubte, er sey ertrunken. Fürs +Zweyte hoffte ich, Karl werde gegen den Retter seines Lebens gewiß nicht +unerkenntlich seyn -- zumal der brave Mann treu wie Gold, im Schreiben und +Rechnen sehr gewandt, besonders aber ein treflicher Forstmann ist, und dem +künftigen Herrn von Waldheim in Verwaltung seiner Güter sehr nützliche +Dienste leisten kann.« + +»O, wo ist er denn? Wo ist er?« riefen Frau von Waldheim, Karl und Emilie +fast mit einer Stimme. + +Der Pfarrer wandte sich um, winkte einem ordentlich gekleideten Manne, der +bescheiden in einiger Entfernung stand, nahm ihn bey der Hand, stellte ihn +der gnädigen Frau vor, und sprach: »Hier ist er -- mein guter, ehrlicher, +vortrefflicher Johann West!« + +»Johann West! rief die arme Rosalie ganz außer sich. O Gott, er ist mein +Mann!« Sie flog in seine Arme; sie begrüßte ihn zitternd und bebend vor +Freudenschrecken. + +Alle erstaunten über diese neue Fügung der göttlichen Vorsehung. Der Mann +aber stand wie versteinert da. Es währte lange, bis er sich in dieses +unverhoffte Glück finden konnte und endlich in Freudenthränen ausbrach. Die +hocherfreute Rosalie rief nun ihrer Tochter zu: »O Christine, er ist dein +Vater! O grüße ihn doch auch!« Christine, die bisher mit gefalteten Händen +unbeweglich da gestanden, näherte sich ihm nun schüchtern, und er schloß +sie unter heißen Thränen in seine Vaterarme. Alle drey hatten eine Freude +-- wie vor einigen Tagen Frau von Waldheim, Karl und Emilie sie gehabt +hatten. + +Nachdem sie sich von der ersten, ungestümen Freude erholt hatten, trat Karl +herbey und umarmte den Retter seines Lebens mit unaussprechlicher Rührung. +Die Frau von Waldheim und Emilie aber bothen ihm freundlich die Hand, und +überhäuften ihn mit Danksagungen und Lobeserhebungen. »Lieber West, sagte +Frau von Waldheim, Ihr, Eure Frau und Eure Tochter sollen von diesem +Augenblicke an in dieses Schloß aufgenommen seyn, und nie mehr von mir +getrennt werden; und wenn ich, wie ich hoffe, meine Güter wieder zurück +bekomme, so sollet Ihr eine solche Anstellung erhalten, mit der Ihr gewiß +zufrieden seyn werdet.« + + + + +Neuntes Kapitel. +Allgemeine Freude im Dorfe. + + +Die Frau von Waldheim hatte es nicht sogleich bekannt werden lassen, daß +der fremde Jüngling, der sich auf ihrem Schlosse befand, ihr Sohn sey; sie +wollte sich ihres Glückes einige Tage im Stillen ungestört freuen. Allein +der Kutscher, der den Pfarrer und dessen Reisegefährten hergeführt, und +seine Pferde unten im Wirthshause des Dorfes eingestellt hatte, plauderte +alles aus. Als er Abends die Kutsche wusch und die Pferde tränkte, kamen +mehrere Leute aus dem Dorfe, die eben Feyerabend gemacht hatten, herbey und +fragten, wem die Kutsche gehöre? Denn eine fremde Kutsche war etwas +Seltenes im Dorfe. Der Kutscher sagte: »Ich habe den Herrn Pfarrer hieher +gefahren, der euren jungen gnädigen Herrn erzogen hat.« »Ey was, riefen die +Leute, der junge Herr ist ja als ein Kind ertrunken!« »Nein, sprach der +Kutscher, er lebt, er ist droben auf dem Schlosse. Er wurde von dem Manne, +der bey dem Herrn Pfarrer in der Kutsche saß, aus dem Wasser gezogen; sonst +wäre er freylich ertrunken. Ich bin des Herrn Pfarrers sein Knecht, und +habe euren jungen Herrn, als er noch klein war, viel hundert Mal auf dem +alten Braunen, den ihr da stehen sehet, mit auf den Acker oder auf die +Wiese reiten lassen. Der Karl ist aber auch ein recht braver, lieber junger +Herr, und er hat auf mich, seinen alten Hanns, immer recht viel gehalten! +Ihr werdet Freude an ihm haben und er wird euch zum Segen seyn.« + +Die Nachricht, der Baron Karl, der droben auf dem Schlosse geboren und in +der Pfarrkirche zu Waldheim getauft war, den aber seine Aeltern einige +Monate nach seiner Geburt mit sich fort genommen, und den man schon so +lange für todt gehalten, sey wieder gefunden, verbreitete sich sogleich +durch das ganze Dorf. Alles im Dorfe, Jung und Alt, lief voll Freuden dem +Schlosse zu. Da die Leute aber die Herrschaft auf der Bank unter den +Kastanienbäumen erblickten, blieben sie in einiger Entfernung stehen. Es +sammelte sich ein dichtgedrängter Kreis von Vätern, Mütter und Kinder -- +ohne daß die Herrschaft und die übrige Gesellschaft in ihrer großen Freude +es sogleich in Acht nahmen. + +Die Frau von Waldheim bemerkte es zuerst, und fragte: »Was wollen denn die +vielen Leute?« Die Köchin, die eben zum zweyten Male heißes Wasser zum Thee +brachte, weil das erstere kalt geworden war, sagte: »Die Leute möchten gern +den jungen gnädigen Herrn sehen; sie haben es den Augenblick erst erfahren, +daß er da sey.« + +Der würdige Pfarrer sprach: »Das ist schön! Das gefällt mir von den Leuten! +Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich den wackern Leuten meinen Pflegesohn +als ihren künftigen Gutsherrn vorstelle, und ihnen einige Worte an das Herz +lege.« Der edle Greis nahm gerührt sein schwarzes Sammetkäppchen von seinem +ehrwürdigen schneeweißen Haupte, stand auf, trat etwas vorwärts, blickte +mit Thränen im Auge zum Himmel und fing dann ganz begeistert an zu reden: + +»Ihr Aeltern und Kinder, Ihr Väter und Mütter, Söhne und Töchter, tretet +näher, und sehet und höret, was Gott Eurer gnädigen Herrschaft und auch +Euch für eine große Freude bereitet hat!« + +»Gott, ohne dessen Wissen kein Sperling vom Dache fällt und der die Haare +unsers Hauptes gezählt hat, ist wunderbar in seinen Wegen und weiß alles +weislich zu fügen. Er, der Gott der Wittwen und Waisen, der Vater aller +Leidenden und Bedrängten, lebt noch, und nimmt sich ihrer stets, und oft so +wunderbar an, daß wir es deutlich mit Augen sehen und gleichsam mit Händen +greifen können. Nicht das geringste Gute läßt Er, der reiche Vergelter, +unbelohnt, und belohnt es oft schon hier auf Erden auf eine herrliche, +göttlichschöne Weise.« + +Der würdige Pfarrer erzählte nun die vorzüglichsten Begebenheiten der +Geschichte, die seinen Zuhörern noch unbekannt waren, und fuhr dann weiter +fort. + +»Seht, so herrlich belohnte Gott Eure edle gnädige Frau für ihre +menschenfreundliche Güte, mit der sie sich der armen, kranken Rosalie, die +sich für eine Wittwe hielt und ihren Mann als todt beweinte, angenommen -- +so schön vergalt Er ihr, dieser wahrhaft gnädigen Frau, die Barmherzigkeit, +die sie Rosaliens Tochter, der armen Christine, erwiesen hat! Gott gewährte +ihr die größte Freude, die ihr in ihrem eigenen Wittwenstande werden +konnte, und ließ sie ihren eigenen geliebten Sohn wieder finden!« + +»Reichlich segnete Gott Fräulein Emilien hier für ihr Mitleid gegen ein +armes Mädchen und für ihre freundliche Güte, die nichts von Stolz weiß. Sie +begegnete der armen Christine so freundlich und liebreich, als wäre +Christine ihre eigene Schwester -- und Gott machte dem guten Fräulein dafür +die unerwartete Freude, ihren eigenen lieben Bruder wieder zu finden.« + +»Herrlich belohnte Gott die arme Rosalie, daß sie die Leiden ihrer +Krankheit und ihrer Armuth so geduldig ertrug, ihre Tochter so gut erzog, +sie zur Redlichkeit, zur Dankbarkeit, zum Fleiße, zur Reinlichkeit und +jeder anderen Tugend anhielt. Diese gute Erziehung brachte der guten Mutter +jetzt schon die erfreulichsten Früchte und verwandelte ihre Leiden in +Freuden!« + +»Schön vergalt Gott der guten Christine ihr Mitleid gegen ein verlornes +Lamm, ihren Gehorsam gegen ihre Mutter, die Redlichkeit, mit der sie das +Lamm dem Eigenthümer zurück gab, die Dankbarkeit, mit der sie es dem +Fräulein hier zum Geschenke machte. Diese liebenswürdigen Eigenschaften +gewannen ihr die Zuneigung Eurer gnädigen Frau und Fräulein Emiliens, waren +die Veranlassung, daß sie ihren Vater wieder fand und werden sie auch +fernerhin glücklicher machen, als der reichste Brautschatz sie machen +könnte.« + +»Wie wunderbar führte Gott Euren jungen gnädigen Herrn in die Arme der +geliebten Mutter, die ihn längst für todt hielt, zurück, um ihn für seinen +Fleiß, seinen Gehorsam, sein gutes Betragen von der zartesten Kindheit an, +zu segnen, sein kindliches Gefühl gegen seine Mutter, die er nicht kannte, +zu belohnen, und sein herzliches, inniges Gebeth dort in dem Walde gnädig +zu erhören!« + +»Wie augenscheinlich belohnte Er die edle Handlung des wackern Kriegers +hier! Ach, der gute Mann sprang voll herzlichen Erbarmens in das Wasser, um +mit Gefahr seines eigenen Lebens dem Kinde einer trauernden Wittwe das +Leben zu retten. Dafür erbarmte sich Gott auch über desselben Weib und +Kind, rettete sie aus Noth und Mangel, erweckte edle Herzen, die sich ihrer +gütig annahmen, und ließ ihn Mutter und Kind, von denen er ungeachtet aller +seiner Nachforschungen nichts mehr erfragen konnte, wieder finden! Vater, +Mutter und Kind sehen nun nach vielen überstandenen Leiden ruhigern und +glücklichern Tagen entgegen.« + +»Und dieses alles führte Gott durch dieses Lamm hier aus, das als ein +liebliches Bild der Unschuld, weiß wie Lilien und mit jungen Rosen +geschmückt, in Eurer Mitte steht. Er, der liebe Gott, ließ es verloren +gehen; Er leitete Christinens Tritte, daß sie es fand; Er bewegte das Herz +des ehrlichen Landmanns, es ihr zu überlassen; Er gab Christinen und ihrer +Mutter in den Sinn, es Emilien zu schenken; Er führte das Lamm gleichsam an +der Hand dem reisenden Jünglinge zu, um ihn in die Arme der geliebten +Mutter zu führen. Er setzt ihn durch ein Lamm wieder in seine Güter ein, +und bereitet dadurch auch Euch ein großes Glück. Denn ich kann Euch +versichern, Karl ist ein edler, hoffnungsvoller Jüngling. Er fürchtet Gott +und liebt die Menschen. Er wird Euch und Euren Kindern ein guter milder +Herr seyn.« + +»Und sollte nun Gott, der den Lebenslauf eines Lammes so sicher leitet, den +Eurigen ausser Acht lassen können? O mit mehr Liebe und Mitleid, als +Christine das Lamm hier aufnahm, trägt Er euch alle am Herzen.« + +»Meine geliebten Freunde! Wie könnte ein Diener des Evangeliums ein Lamm +sehen, ohne daß ihm Derjenige zu Sinne käme, der gleich einem schuldlosen +Lamme zum Besten seiner lieben Menschen verblutete und der sich selbst +öfter einem guten Hirten verglich! Ja, Er, dessen Diener ich bin, dessen +Evangelium ich predige, ist der ewig treue, liebevolle Hirt unser Aller. Er +kennet alle seine Schafe, Er nennet sie mit Namen, Er ruft sie mit sanfter +Stimme, Er lenkt sie mit seinem milden Hirtenstabe, Er beschützt sie vor +Gefahren, Er weidet sie. Er sucht die verlornen auf; Er möchte jedes +gleichsam auf seinen Schultern in den Himmel tragen! Vertrauet Ihm daher +vom ganzen Herzen!« + +»Laßt uns aber auch seine Stimme hören und Ihm folgen, und Gutes thun, so +viel wir können. Denn seht, Gott bedient sich unsrer guten Handlungen, uns +und Anderen große Freude, Segen und Heil zu bereiten. Hätte zum Beyspiele +Eure gnädige Frau gegen die arme, kranke Rosalie sich nicht so wohlthätig +erzeigt; wäre Emilie gegen die arme Christine nicht so freundlich gewesen, +ja hätte sie ihr auch nur das kleine Halstuch nicht geschenkt; hätte +Christine etwa aus Eigennutz Emilien das Lamm nicht schenken mögen; oder +hätte Christinens Mutter nicht aus herzlicher Dankbarkeit das schöne +Halsbändchen gestickt; hätte Karl nicht eine so kindliche Liebe zu seiner +Mutter gehabt, sich nicht so nach ihr gesehnt, dort im Walde nicht so innig +gebethet: so wäre alles nicht so gegangen, und der heutige Tag wäre nicht +für uns alle ein so großer Freudentag geworden. So bringt alles, auch das +kleinste Gute, das wir thun, reichen Segen über uns und Andere. Edle +Handlungen sind Perlen, die Gottes heilige Vorsicht nicht verloren gehen +läßt, sondern sie gleichsam an eine Schnur reihet; gute Thaten sind goldene +Ringe, aus denen Gott eine goldene Kette herrlicher und erfreulicher +Begebenheiten zusammen fügt.« + +»Ihr aber, meine lieben Kinder, beschloß der Pfarrer seine Anrede, in dem +er sich zu den Kindern wandte, ihr Größern, die ihr mir so aufmerksam +zugehört habt, und ihr Kleinern, die ihr nur nach dem niedlichen weißen +Lämmchen hinblickt, das so schön mit Rosen geschmückt in eurer Mitte steht +-- euch alle wolle Gott segnen -- und geben, daß ihr alle so unschuldig +bleibet, wie ein Lamm, und so sanft und geduldig, wie ein Lamm, wenn ihr, +wie manches arme Lämmchen, unter rauhe Hände fallen solltet. Er, der das +Leben für seine Schäflein gab, wolle euch in seinen Armen und an seinem +Herzen tragen; Er wolle euch in seinen mächtigen Schutz nehmen, wenn das +Verderben eurer Unschuld droht, wie ein grimmiger Wolf einem sanften, +schuldlosen Lamme. Ihr holden Kleinen seyd ja auch die Schäflein seiner +Heerde! Er wolle euch ewig nicht seinen Händen entreissen lassen.« + +So redete der Pfarrer; sein Angesicht war von den Strahlen der +untergehenden Sonne beleuchtet, und sein ehrwürdiges weißes Haar glänzte in +dem hellen Abendschimmer. Er stand da mit seinen zum Himmel gerichteten +Blicken voll Thränen wie verklärt -- und alle, die ihn hörten, hatten +Thränen in den Augen und neues Vertrauen auf den Gott, der alles wohl +macht, kam in ihr Herz, und erquickte es sanft, wie der Thau, der bereits +die Blumen im Thale erfrischte. Die guten Landleute gingen alle gerührt und +voll guter Vorsätze nach Hause. »Das ist schön gewesen! sagten sie auf dem +Heimwege zu einander, und eine solche allgemeine Freude ist wohl, seit das +Dorf steht, noch nicht erlebt worden.« + + + + +Zehntes Kapitel. +Ein Kinderfest. + + +Die Frau von Waldheim reisete nun mit Karl in die Residenz, stellte diesen +ihren wieder gefundenen Sohn dem Fürsten vor, und bath um die +Wiedereinsetzung in ihre Güter. Der ehrwürdige Pfarrer, und der wackere +West waren auch mitgekommen, um durch ihr vereintes Zeugniß zu beweisen, +Karl sey wirklich ein junger Herr von Waldheim. Der Fürst hörte sie sehr +gnädig an, fand die vorgebrachten Beweise vollkommen hinreichend und +befahl, die Güter unverzüglich ausfolgen zu lassen; verordnete jedoch, daß +die Frau von Waldheim, so lange bis Karl das gesetzliche Alter erreicht +haben würde, die Verwaltung der Güter übernehmen solle. + +Voll Freude kam Frau von Waldheim mit ihrer Reisegesellschaft zurück auf +ihr Schloß. Der würdige Pfarrer reisete nach einen Paar Tagen unter den +dankbaren Thränen der Frau von Waldheim, Karls und Emiliens ab, um sich +wieder zu seiner geliebten Pfarrgemeine zu begeben. Karl bezog, reichlich +ausgestattet und unter glänzendern Umständen als vorhin, die hohe Schule. +Den trefflichen West aber ernannte die gnädige, nunmehr wieder gebiethende +Frau, nachdem er seiner Kriegsdienste entlassen war, zu ihrem Rentmeister, +und übergab ihm, als einem sehr geschickten Forstmanne, zugleich die +Oberaufsicht über die Waldungen, die zu dem Gute gehörten und sehr +ansehnlich waren. + +Nachdem Karl seine Studien rühmlichst vollendet, dann zu seiner weiteren +Belehrung und Bildung eine große Reise gemacht, und nunmehr seine +Herrschaft übernommen hatte, saß er eines Abends mit seiner Mutter und mit +Emilien, die nun eine erwachsene schönblühende Jungfrau war, auf der +eichenen Bank nächst dem Schloßthore. Es wurden eben die Schafe +eingetrieben, deren Frau von Waldheim sehr viele angeschafft hatte. Auch +jenes Lamm hatte sich zu einer kleinen Heerde vermehrt, die aber von Emilie +als ihr besonderes Eigenthum betrachtet wurde. Karl und Emilie unterhielten +sich damit, die Schafe und Lämmer zu zählen. »Nun Kinder, fing die Frau von +Waldheim an, als die Heerde vorbey getrieben war, können wir den Gedanken +ausführen, mit dem ich Euch schon längst bekannt gemacht habe. Die Heerde +ist jetzt zahlreich genug. Morgen ist es abermals ein Jahr, daß Gott mir +und Euch, meine lieben Kinder, durch jenes Lamm eine so unbeschreibliche +Freude gemacht hat, an der alle Aeltern und Kinder unsrer kleinen +Gutsherrschaft den herzlichsten Antheil genommen haben. Der morgige Tag +soll daher ein allgemeines Kinderfest werden für das ganze Dorf und alle +dazu gehörige Orte. Ja, auch die Aeltern sollen nicht leer ausgehen.« Frau +von Waldheim ging nun mit Karl und Emilien in den Schloßhof, suchte eine +Anzahl der schönsten Schafe heraus und befahl dem Schäfer, sie besonders +einzuschließen. Am folgenden Morgen geboth sie den Mägden im Schlosse, die +Schafe reinlich zu waschen, und die Mägde wetteiferten, es nur recht schön +zu machen. Die Schafe wurden fast so weiß wie Schnee, und Emilie und +Christine schmückten sie überdieß noch mit rosenfarbenen Bändern. + +Frau von Waldheim ließ nun alle Kinder des Dorfes und des umliegenden +Thales, die in die Schule zu Waldheim gingen, einladen, nachmittags um zwey +Uhr auf das Schloß zu kommen. Die Kinder, Knaben und Mägdlein, kamen mit +tausend Freuden, und waren wohl schon eine Stunde früher in ihrem schönsten +Aufputze vor dem Schloßthore versammelt. Zur bestimmten Zeit wurden sie in +den Schloßhof gerufen. Und sieh -- da stand zu ihrem Erstaunen eine lange +Tafel, fast so lang, als der Schloßhof, und auf der Tafel erblickten sie, +zu ihrer nicht geringen Freude, große schöne Kuchen, blinkende Schüsseln, +aufgehäuft voll mit allerley Backwerk, und zierliche Körbchen, aus denen +ihnen Aepfel, Birnen und Pflaumen, roth, gelb und blau entgegen lachten. +Auch standen einige große gläserne Flaschen mit dunkelrothem Methe +dazwischen. Die Kinder mußten nun auf den langen Bänken zu beiden Seiten +des Tisches, und zwar auf einer Seite die Knaben und auf der andern die +Mädchen, Platz nehmen, und es wurde ihnen von allem reichlich vorgelegt. Da +sah man nun lauter fröhliche Gesichter. Die Kinder ließen es sich recht +wohl schmecken, und vergaßen auch nicht von dem süßen Methe auf die +Gesundheit der gnädigen Frau, Karls und Emiliens zu trinken. + +Nachdem alle satt waren, ertönten auf einmal fröhliche Schallmeyen. Die +Söhne des Schäfers zogen mit dieser ihrer ländlichen Musik in den +Schloßhof; die reinliche, schön geschmückte Schafheerde folgte ihnen, und +der alte Schäfer machte den Beschluß. Die Kinder hatten an den schönen +Schafen große Freude, und bald rief dieses, bald jenes: »O wie schön! So +schöne blüthenweiße Schafe, die mit so schönen rothen Bändern geziert sind, +haben wir noch nie gesehen.« Aber wie groß war erst die Freude der Kinder, +als sie hörten, die Schafe sollten unter sie vertheilt werden, und die +Kinder jedes Hauses sollten zusammen ein Schaf bekommen. Die Frau von +Waldheim wollte die Schafe durch das Loos vertheilen lassen, um die +Vertheilung unterhaltender zu machen und jeden Schein von Partheilichkeit +zu vermeiden. Jedes Schaf hatte ein Blatt mit einer Nummer anhängen. In +einem großen irdenen Topfe befanden sich auf zusammen gerollten Blättchen +eben die Nummern, wie an den Schafen. Nun mußte ein Kind nach dem andern +eine Nummer ziehen, und sobald es gezogen hatte, erschallten die +Schallmeyen und spielten so lange fort, bis das Schaf mit eben derselben +Nummer aus der Heerde herausgefunden war. Die Begierde der Kinder bey dem +Ziehen, die Erwartung, welches Schaf dem ziehenden Kinde zu Theil werden +würde, die Freude des Kindes, wenn ihm das Schaf wirklich übergeben wurde, +lassen sich gar nicht beschreiben. Der ganze Schloßhof war voll Jubel. + +Nachdem die Schafe alle vertheilt waren, zogen die Kinder damit hinab in +das Dorf. Die Schäferssöhne mit ihren helltönenden Schallmeyen gingen +voran, die Schafe von den Kindern begleitet folgten, und der alte Schäfer +beschloß den Zug. Gleichsam im Triumpfe zogen sie in dem Dorfe ein. Als die +Leute die Schallmeyen und das Jubeln der Kinder hörten, und die +schöngeschmückten Schafe erblickten, wunderten sie sich sehr, was doch +dieses alles zu bedeuten habe. Allein da sie vernahmen, daß die gnädige +Herrschaft die Kinder so gütig beschenkt habe -- da hätte ihre Freude kaum +größer seyn können. Viele Aeltern vergossen über die mildthätigen +Gesinnungen ihrer gnädigen Herrschaft Freudenthränen. + +In jene Häuser, wo sich kein Schulkind befand, schickte Frau von Waldheim +dennoch ein Schaf hin; den wackern Bauersleuten aber, die einst die arme +Rosalie so liebreich in ihr Nebenhäuschen aufgenommen hatten, schenkte sie +zehn Schafe. Auch den ehrlichen Bauern und die gute Bäuerin auf dem +Eichhofe, die einst der kleinen Christine jenes Lamm geschenkt und sie so +freundlich zum Nachtessen eingeladen hatten, vergaß sie nicht. Da diese +Leute sehr reich waren, und noch immer Schafe genug hatten, so ließ sie auf +den folgenden Sonntag beyde zum Mittagsessen einladen, und der Bauer +versicherte öfter, diese Ehre schätze er viel höher, als wenn die gnädige +Frau ihm hundert Schafe geschenkt hätte. + +Am andern Morgen kamen alle Hausväter aus dem Dorfe in ihren +Sonntagskleidern auf das Schloß, der gnädigen Herrschaft für die erzeigte +Wohlthat zu danken. Nun nahm Karl das Wort und sagte: »Liebe Männer! Ihr +wißt, als ein armer Jüngling, der beynahe nichts hatte, als seinen Stab, +wanderte ich einst durch diese Gegend. Durch ein Lamm half mir Gott wieder +zu meinem väterlichen Erbtheile, und machte mich so glücklich, der Gutsherr +von Euch lieben Leuten zu werden. Meine Mutter, meine Schwester, und ich +wünschten, daß die Wohlthat, die Gott uns durch ein Lamm erwies, auch noch +für unsre und Eure Nachkommen unvergeßlich bleiben, und ihnen noch zum +Segen werden möchte. Hört deßhalb, was wir beschlossen haben!« + +»Das Recht in unserm Dorfe hier Schafe zu halten, gehörte bisher +Ausschließungsweise der Herrschaft zu. Dieses Recht sollt ihr von dem +heutigen Tage an nun alle genießen. Deßwegen gab meine Mutter Euren Kindern +zu einem kleinen Anfange die Schafe. Gott wolle sie Euch segnen!« + +»Ich hoffe, Euer Ackerbau soll durch die Schafzucht sehr verbessert werden, +nach dem alten Sprichworte: Die Fußtritte der Schafe verwandeln sich in +Gold. Aber auch den Aermern, die keinen Acker haben, wird wenigstens Wolle +und Milch sehr gut kommen.« + +»Ich werde die Anstalt treffen, daß die Wolle, die wir gewinnen, sogleich +in unserm Dorfe verarbeitet werde, und ich hoffe, es soll noch der Tag +kommen, daß die Kleider aller Bewohner meiner Herrschaft von selbst +gewonnener Wolle verfertigt seyn werden. Gott gebe seinen Segen dazu!« + +Karls Wunsch ging auch vollkommen in Erfüllung. Die arme Rosalie, nunmehr +Frau Rentmeisterin, und ihre Tochter Christine gaben Unterricht im +Wollspinnen und Stricken. Ein Tuchmacher, ein Hutmacher und ein +Strumpfwirker zogen auf Karls Veranstaltung in das Dorf. Es wurden sehr +schöne Tücher von allen Farben und auch sehr gute Hüte und Strümpfe +verfertigt. Karl bemerkte oft mit Rührung, wie Groß und Klein im Dorfe vom +Haupte bis zu den Füssen mit selbst gewonnener und verfertigter Kleidung +versehen waren, und wie alle Getreidfelder des ganzen Thales in einen +blühenderen Zustand kamen und reichlichere Früchte trugen. + +Emilie verlegte sich noch besonders auf die Stickerey mit gefärbter Wolle. +Sie hatte von ihrer kleinen Heerde einen Vorrath an Wolle gesammelt, die +von sehr feiner Art war. Der Rentmeister West legte ganz unerwartet ein +neues Talent an den Tag. Er hatte von seinem Färber gelernt, der Wolle alle +Farben, und jeder Farbe alle mögliche Abstufungen zu geben, von dem +hellsten Lichte bis zum dunkelsten Schatten. Emilie war daher in den Stand +gesetzt, ganz vorzüglich schöne Stickereyen zu verfertigen. Karl machte +dazu die Zeichnungen und Christine leistete ihr dabey trefliche Hülfe. Sie +stickten bunte Blumenkränze und niedliche Körbchen voll Blumen von allen +Farben, große Rosensträuche, die mit halb und ganz aufgeblühten Rosen und +reichlichem grünem Laube prangten, ja ganze Landschaften, in denen +Baumschläge, Felsen, Wasserfälle und dergleichen zu sehen waren, und die +mit Gewinden von Reblaube und gelbgrünen und purpurblauen Trauben +dazwischen oder mit andern schönen Verzierungen eingefaßt waren. Emilie +richtete so nach und nach ein ganzes Zimmer im Schlosse sehr schön ein. Der +Teppich auf dem Tische, die Ueberzüge der Sessel und des Kanapees und auch +der Fußteppich waren auf diese Art gestickt, und wer hineintrat, erstaunte +über die Pracht der lebhaften Farben, die Richtigkeit der Zeichnung, und +die kunstreiche Schattirung. + +Da alle die schön gefärbte Wolle, die dazu verwendet worden, ursprünglich +von jenem einzigen Lamme herkam, so machte Karl, nunmehr, gnädiger Herr von +Waldheim, eine sehr schöne, große Zeichnung, in der er den ihm +unvergeßlichen Augenblick abbildete, in dem er Mutter und Schwester +vermittelst des Lammes wieder gefunden. Ganz im Vordergrunde auf der +Felsenbank unter den Eichen zeichnete er seine Mutter nebst ihrer +Gesellschafterin Rosalie. Weiterhin in dem Walde erblickte man Emilie und +Christine und ihn selbst, und in ihrer Mitte befand sich das Lamm. Er hielt +in einer Hand den Ring und deutete mit dem Zeigefinger der andern Hand auf +die goldenen Buchstaben, die auf dem rothen Halsbande des Lämmchens +deutlich zu sehen waren. Emilie aber zeigte mit ausgestrecktem Arme nach +der Gegend hin, wo ihre Mutter saß, als wollte sie sagen: »Dort ist sie!« +Karl mahlte die Zeichnung mit sehr lebhaften Farben vortrefflich aus, und +die sehr kenntlichen Personen auf dem Bilde, die nebst dem Lamme von der +untergehenden Sonne kräftig beleuchtet waren, machten zwischen den dunkeln +Schatten des Waldes eine unvergleichliche Wirkung. Er hängte das Gemälde, +in einen goldenen Rahmen gefaßt, in dem Zimmer auf, nachdem er zuvor mit +goldenen Buchstaben die drey Worte darunter geschrieben hatte: + + »_Unter Gottes Leitung!_« + +Bei _Philipp Krüll_ in _Landshut_ ist zu haben: + +_Genovefa_. Eine der schönsten und rührendsten Geschichten des Alterthums, +neu erzählt für alle guten Menschen, besonders für Mütter und Kinder. 4te +rechtmäßige Auflage, m. 1 Kupf. 8. 1825. 24 kr. oder 6 gr. + +_Ostereyer_, die, eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder, von dem +Verfasser der Genovefa. 2te Auflage. 12. 1818. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr. + +_Wie Heinrich von Eichenfels_ zur Erkenntniß Gottes kam; eine Erzählung für +Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der Ostereyer. 2te verbesserte +Auflage. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr. + +_Blüthen_, dem blühenden Alter gewidmet, von dem Verfasser der Ostereyer. +2te verb. und vermehrte Ausgabe. 8. 1826. 24 kr. 6 gr. + +_Erzählungen_ für Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der +Ostereyer. 1s Bändchen. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr. + +-- -- desselben Werks 2s Bändchen. 12. 1825. der _Weihnachtsabend_, eine +Erzählung zum Weihnachtsgeschenke für Kinder, von dem Verfasser der +Ostereyer. 12. 1825. 15 kr. 4 gr. + +_Blumenkörbchen_, das, eine Erzählung dem blühenden Alter gewidmet, von dem +Verfasser der Ostereyer: mit 1 Titelkupfer. 8. 1823. 24 kr. 6 gr. Velinpap. +1 fl. 48 kr. Rthl. 1. + +_Rosa_ von Tannenburg. Eine Geschichte des Alterthums, für Aeltern und +Kinder. Erzählt von dem Verfasser der Genovefa; mit 1 Kupf. 8. 1823. 30 kr. +8 gr. + +_Itha_, Gräfin von Toggenburg; eine sehr schöne und lehrreiche Geschichte +aus dem 12ten Jahrhundert, neu erzählt für alle guten Christen, besonders +für unschuldig Leidende. Ein Seitenstück zur Genovefa; mit 1 Kupf. 7te +Auflage. 8. 1825. 24 kr. 6 gr. + +_Hirlanda_, Herzogin von Bretagne, oder der Sieg der Tugend und Unschuld; +eine erbauliche und lehrreiche Geschichte des Alterthums, neu erzählt für +Junge und Alte von dem Verfasser der Gräfin Itha von Toggenburg. 3te +rechtmäßige Auflage. 8. 1822. 18 kr. 5 gr. + +_Geschichten_, biblische, für Kinder. 3 Thle. (v. Christoph Schmidt). 8. +1822. netto 1 fl. 9 kr. 18 gr. + +-- -- dieselben im Auszug. 2 Thle. 8. 1821. netto 30 kr. 8 gr. + +_Engelbrecht_, A., Aufsätze pädagogischen Inhalts; ein Buch für Seelsorger +und Volksschullehrer, zur angenehmen und belehrenden Unterhaltung; mit 1 +Kupfer. 8. 1821. 1 fl. 30 kr. Rthl. 1. + +_Hausaufgaben_ für Schreib- und Rechnungsschüler in Volksschulen, oder +Aufgaben zur Selbstbeschäftigung der Schüler. 2te verbesserte Auflage. 8. +1823. 15 kr. 4 gr. + +_Diktirübungen_ nach den Regeln der Orthographie geordnet, nebst einem +Diktir-Surrogat für Volksschulen; ein Hand- und Lesebuch für +Elementarschulen, vom Verfasser der Hausaufgaben. 8. 1822. 12 kr. 3 gr. + +_Maurer_, K., Lesebuch für geübtere Leseschüler. 8. 1818. 15 kr. 4 gr. + +-- -- kleine lehrreiche Erzählungen u. Lesesätze, nebst einigen +Gleichnissen und Denksprüchen aus dem Munde Jesu. Ein Geschenk für Kinder. +8. 1820. 8 kr. 2 gr. + +-- -- Briefe für Kinder, nebst einigen Anreden bei öffentlichen +Schulprüfungen. 3te Auflage, gr. 12. 1824. 12 kr. 3 gr. + +-- -- Tabelle zur Kenntniß der Buchstaben. 8. 1817.; auf Pappendeckel +gezogen 2 kr. + +-- -- Lesebuch für Anfänger im Lesen. 3 Abtheil. 2te verb. Aufl. 12. 1824. +7 kr. 2 gr. + +Alte, der, von den Bergen; eine Erzählung für Kinder. 2te verbesserte +Auflage. 12. 1822. 9 kr. Z gr. + +_Heilingbrunner_ und _Zeheters_ drittes Elementarbuch der nöthigsten Sach- +und Sprachgegenstände für Volksschulen. 8. 1822. 30 kr. 8 gr. + +_Jais_, P. A., schöne Geschichten und lehrreiche Erzählungen, zur +Sittenlehre für Kinder und wohl auch für Erwachsene. 2 Bändchen. 10 kr. 3 +gr. + +_Fabeln_ für unsere Zeiten und Sitten. 2 Bändchen. 8. 1821. 1 fl. 16 gr. + +_Ackermann_, G., kurze Volkspredigten über sinnliche Lust und sinnliche +Abtödtung; auf die Faßnachts- und Fastenzeit. 8. 1825. 36 kr. 8 gr. + +_Schmid_, J. G., Versuch einer Sittenlehre in Denkreimen, gesammelt für +Schulkinder auf dem Lande. 12. 1825. 2 kr. + +_Sailer_, Bischof, J. M., das christliche Monat, oder Gebethe und +Betrachtungen auf jeden Tag des Monats, mit Kupf. 8. 1826. 1 fl. 24 kr. + +_Nikolaus_ von Myra, eine eben so lehrreiche als wundervolle Geschichte aus +dem 3 und 4ten christl. Jahrhundert, neu erzählt, und mit moral. Anwendung +vorzüglich für Hausväter, Eltern u. Kinder begleitet. 8. 1821. 8 gr. 30 kr. + +_Lebensgeschichte_, erbauliche, der Dienerin Gottes, Marie Clotilde von +Frankreich, Königin von Sardinien; aus d. Franz. übers. 8. 1819. 6 gr. 24 +kr. + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das Lämmchen, by Christoph von Schmid + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43332 *** diff --git a/43332-8.txt b/43332-8.txt deleted file mode 100644 index 159a872..0000000 --- a/43332-8.txt +++ /dev/null @@ -1,2234 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Das Lämmchen, by Christoph von Schmid - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Das Lämmchen - -Author: Christoph von Schmid - -Release Date: July 28, 2013 [EBook #43332] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LÄMMCHEN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski (based on a copy preserved by -Kurt Linack and Katrin Walter) - - - - - - - - - - Erzählungen - für - Kinder - und - Kinderfreunde. - - - Von - dem Verfasser der Ostereyer. - - - - - Drittes Bändchen. - - Landshut, 1826. - in der Krüll'schen Buchhandlung. - - - - - Inhalt. - - Das Lämmchen. - - - - - - - - -Das Lämmchen. - - - - - -Erstes Kapitel. -Christine und ihre Mutter Rosalie. - - -Christine, ein armes Mädchen von etwa zehn Jahren, pflückte in dem Walde -Erdbeeren. Es war ein heißer Nachmittag, und an den sonnichten Waldplätzen, -wo kein kühlendes Lüftchen hinkam, war es fast zum verschmachten schwühl. -Ihr leichtes Strohhütchen vermochte nicht mehr den brennenden -Sonnenstrahlen zu wehren. Die hellen Schweißtropfen standen ihr beständig -auf der Stirne, und ihre Wangen waren wie Glut. Dennoch pflückte sie, ohne -aufzusehen, emsig fort. »Denn, sagte sie freudig, indem sie mit ihrem -weißen Tuche den Schweiß abwischte, es ist ja für meine kranke Mutter. Das -Geld, das ich aus den Beeren erlöse, verschafft ihr doch wieder eine kleine -Erquickung!« - -Gegen Abend ging sie, mit ihrem Körbchen voll Beeren am Arme, durch den -Wald nach Hause. Es fing an zu regnen. Immer lauter rauschten die -Regentropfen in den Blättern der Bäume, und aus der Ferne her donnerte es -sehr stark. Als sie aus dem Walde heraus kam, erhob sich ein Sturmwind; ein -heftiger Platzregen schlug ihr entgegen, und an dem glühendrothen -Abendhimmel standen dunkle Gewitterwolken, wie Gebirge auf einander -gethürmt. Sie suchte sich, fern von den hohen Bäumen, unter niedrigen -Haselstauden ein sicheres Plätzchen, stand hier unter, und wartete, bis das -Gewitter vorüber wäre. - -Allein mit Einem Mahle hörte sie in dem nahen Erlengesträuche ein -klägliches Geschrey -- fast wie das Geschrey eines kleinen Kindes. Das gute -mitleidige Mädchen ließ sich von Sturm und Regen, Blitz und Donner nicht -abhalten, nachzusehen, was es doch wohl seyn möge? Sie ging hin -- und sieh -da! es war ein kleines, zartes Lämmchen, das vom Regen tröpfelte, zitterte -und nicht wußte wohin. »Ach du armes, armes Thierchen! sagte Christine. -Nein, du sollst nicht umkommen. Komm, ich nehme dich mit mir nach Hause.« -Sie nahm das Lämmchen sorgfältig in die Arme, und eilte damit, sobald der -Regen nachließ, ihrer kleinen, strohbedeckten Wohnung zu. - -»O sieh doch, liebe Mutter, rief sie, so bald sie in das niedre, reinliche -Stübchen trat -- sieh doch, was ich da gefunden habe! Sieh, ein -wunderschönes Schäflein! O wie glücklich war ich! Wie will ich es pflegen! -Es soll meine ganze Freude seyn!« - -»Kind, sagte die kranke Mutter, indem sie sich in dem Bette aufrichtete und -den Kopf auf die Hand stürzte, du vergissest in deiner Freude, daß dieses -Lämmchen schon seinen Herrn haben muß. Es ist bloß verloren -- und da -müssen wir es wieder zurückstellen. Gewiß gehört es dem reichen Bauern auf -dem Eichhofe. Fremdes Gut sollen wir nicht einmal über Nacht im Hause -behalten. Trag' es also heute noch hin.« - -»Ihr seyd nicht gescheid, rief jetzt eine rauhe Stimme zum offnen Fenster -herein; man muß nicht alles so genau nehmen!« Der Mann, der dieses sagte, -war ein Maurer, der draußen an der Mauer des kleinen Hauses etwas -ausbesserte und ihr Gespräch behorcht hatte. Mutter und Tochter blickten -ihn erschrocken an. Er aber sprach weiter: »Macht keine so seltsamen -Gesichter! Ich meyne es gut. Wir wollen das Thierchen metzgen, und es mit -einander theilen. Das Fleisch giebt gerade ein Paar kleine Braten, und das -Fellchen ist auch noch einige Kreuzer werth. Der reiche Bauer hat über -hundert schöne, große Schafe; ob er das winzig kleine Ding da noch habe -oder nicht, daran ist nichts gelegen. Ich will es also geschwind -schlachten. Ihr dürft euch dabey nicht fürchten. Es siehts ja niemand. Und -mir dürft ihr schon trauen. Ich kann schweigen -- sagte er und warf eine -Kelle voll Mörtel an die Wand -- wie eine Mauer.« - -Christine entsetzte sich über die Reden des Mannes. Der Gedanke, das -Lämmchen zu behalten, kam ihr jetzt abscheulich vor. »Ihr habt Unrecht! -sagte sie zu dem Maurer. Was kein Mensch sieht, sieht doch Gott! Du aber, -liebe Mutter, hast Recht -- und mich wundert nur, daß mir das, was du -sagtest, nicht von selbst einfiel. Ich hätte das Schäflein -- fuhr sie fort -und Zähren traten in ihre blauen Augen -- freylich so gern, o so gern -behalten! Allein dem lieben Gott müssen wir willig gehorchen.« Sie wickelte -das Lämmchen in ihre Schürze, und wanderte damit dem Eichhofe zu, obwohl es -noch nicht ganz aufhörte zu regnen und die Sonne bereits unterging. - -Als Christine, auf dem Eichhofe ankam, stand die Bäuerin, mit ihrem -kleinsten Kinde auf dem Arm, eben vor der Hausthüre, und die größeren -Kinder standen um sie her. Sie betrachteten andächtig den schönen -Regenbogen, der jetzt nach dem Gewitter in der ganzen Pracht seiner sieben -Farben im schwarzgrauen Gewölke zu sehen war. »Seht den Regenbogen an, -sprach die Mutter, indem sie mit ausgestrecktem Arme darauf hinzeigte, und -preiset Denjenigen, der ihn gemacht hat. In dem flammenden Blitze und dem -furchtbaren Donner zeigt uns Gott seine große Macht und Herrlichkeit; in -den schönen Farben des Regenbogens aber seine Güte und Freundlichkeit.« - -Christine ergötzte sich bald an den lieblichen Farben des Regenbogens, bald -an den lächelnden Gesichtchen der Kinder, und schwieg, bis der Regenbogen -verschwunden war. Nun nahm sie das Lämmchen aus ihrer Schürze hervor, -stellte es auf die Füße, und erzählte, wie sie es gefunden habe. - -»Das ist ja recht schön und brav, sagte die Bäuerin freundlich, daß du noch -so spät am Abend und noch dazu im Regen da herausgehest! Du bist ein sehr -gutes, grundehrliches Mädchen.« - -»Ja wahrhaftig, das ist sie! sprach der Bauer, der jetzt auch zur Hausthüre -herauskam. So ehrlich und rechtschaffen, wie dieses arme Mädchen, müßt ihr -auch seyn und bleiben, meine Kinder! Besser ists, nicht einmal ein einziges -Schäflein im Vermögen haben, und dabey ehrlich und redlich seyn, als -hundert Schafe besitzen, und dabey ehrlos und unredlich seyn. Die -Ehrlichkeit, mit der das arme Kind hier das Lamm zurück gab, ist ein Schatz -im Herzen, der reicher macht, als eine ganze Schafheerde -- und diesen -Schatz kann uns kein Wolf und kein Feind rauben.« - -Franz, der Knabe des Bauers, lief jetzt zum Schafstalle hin, und führte das -alte Schaf heraus. Wie da das Junge darauf zusprang und sich freute! -Christine sah das so mit an und sagte: »Schon um dieser Freude willen, die -das arme Thierchen jetzt hat, reuet es mich nicht, daß ich es zurückgab -- -so lieb es mir auch war, und so gern ich es behalten hätte!« - -»Weißt du was, sprach der Bauer, da du so ehrlich bist und an dem Thierchen -eine so große Freude hast, so will ich es dir schenken. Jetzt würde es dir -aber nichts helfen. Es kann noch nicht ohne Milch leben und würde elend -umkommen. Allein in vierzehn Tagen wird es stark genug seyn, sich von Gras -und Kräutern zu ernähren -- und dann soll mein Franz es dir bringen.« - -»Gieb aber dann wohl darauf Acht! sagte die Bäuerin. Es kostet dich nicht -viel es aufzuziehen. Während du Erdbeeren sammelst oder strickest, kannst -du es leicht hüthen, und so viel Gras kannst du auch leicht sammeln, und zu -Heu auftrocknen, als es für den Winter nöthig hat. Wenn es einst groß ist, -wird die Milch dir und deiner Mutter in eurer kleinen Haushaltung wohl -kommen, und die Wolle giebt euch jährlich einige Paar Strümpfe.« - -»Und wenn ihr glücklich damit seyd, sprach der kleine Bauerknabe, so könnet -ihr wohl noch gar eine ganze Schafheerde bekommen!« - -Christine mußte nun noch mit Brod eingebrockte Milch und ein Butterbrod mit -essen -- und die gute Bäuerin gab ihr überdies noch ein schönes Stück -goldgelbe Butter, das sie in grüne Rebenblätter einmachte, und ein Dutzend -Eyer mit nach Hause. »Bring das deiner Mutter, sagte sie, indem sie die -Eyer vorsichtig in die Schürze that; ich lasse sie freundlich grüßen und -Gott wolle sie bald gesund werden lassen.« - -Christine eilte voll Freude durch das blumige Thälchen ihrer Hütte zu. Der -Himmel hatte sich indeß aufgehellt, und der Abendstern und ein zartes -Streifchen des Mondes, der heute das erste Mal wieder sichtbar war, -glänzten freundlich in das Thal. Alle Blumen und Kräuter tröpfelten noch -von Regen, und dufteten von Wohlgeruch. Es war Christinen unbeschreiblich -wohl um das Herz. »Nach einem Gewitter, dachte sie, sind Himmel und Erde -zwar immer schöner; allein so schön und freundlich, wie diesen Abend, sind -sie mir noch nie vorgekommen.« - -Sie erzählte dieses, als sie nach Hause kam, ihrer Mutter. »Siehst du, -sprach die Mutter, das ists eben, was ich dir immer sage. Es ist die Freude -des guten Gewissens. Wenn wir recht thun, so erfüllt süßer Friede unser -Herz. Gott giebt uns durch das Gewissen zu erkennen, daß Er mit uns -zufrieden sey. O Christine, gieb daher der Stimme deines Gewissens immer -Gehör, und thu nie etwas anders, als was vor Gott recht und gut ist. Du -weißt wohl, wir sind arm und haben wenig in der Welt. Aber laß uns nur ein -gutes Gewissen bewahren, so sind wir reich genug, und es fehlt uns nie an -Freude -- ja die edelste und süßeste aller Freuden ist dann unser.« - -Christine zählte nun alle Tage, bis sie ihr Lämmchen bekommen würde. Sie -hätte auch alle Tage in den Kalender gesehen, wenn sie einen im Hause -gehabt hätte. Nun sah sie aber alle Abende nach dem Monde, und ging dann -vergnügt zu Bette. »Denn, sagte sie, wenn er voll ist, bekomme ich mein -Lämmchen.« - -Endlich ward es Vollmond, und der Mond nahm wieder merklich ab -- allein -das Lämmchen wollte nicht kommen. Christine wartete -- und wartete -- und -hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben. »Ich werde von meinem Schäflein -wohl nichts mehr sehen!« sagte sie eines Abends, als sie eben traurig neben -dem Bette ihrer Mutter saß. »Habe Geduld, sagte die Mutter; Geduld bringt -Rosen.« Und sieh -- da ging auf einmal die Stubenthüre auf, und der muntere -Bauernknabe trat mit dem Lamme und einem Korbe voll frischen, grünen -Futters herein. Christine sprang vor Freude auf, kniete zu dem Lämmchen -hin, streichelte es freundlich und sagte: »O wie groß und schön es indeß -geworden ist! Ich kenne es ja fast nicht mehr! Und wie die Wolle so schön -weiß und zart geringelt ist! O jetzt ist meine Freude erst vollkommen.« - -»Ich wollte dir das Lämmlein schon vor einigen Tagen bringen, sagte der -Knabe. Allein mein Vater sagte: Laß es noch eine Zeit da. Es gedeiht dann -besser, und wird noch größer und stärker.« - -»Du und deine Aeltern sind doch recht gut! sprach Christine. Wenn ich nur -nicht so arm wäre, und dir auch etwas schenken könnte! Allein von der -ersten Wolle, die ich von dem Schäflein bekomme, stricke ich dir ein -schönes Paar Strümpfe. Du sollst gewiß sehen, daß ich die Wahrheit rede.« - -Der Knabe ging, und Christine führte das Lamm in den kleinen Stall, der -sich im Hause befand, und streute ihm Futter vor. Das Lamm gewöhnte sich -bald an sie, und wurde so zahm, daß es das Brod aus ihrer Hand aß, aus -ihrem Schälchen Milch trank, und ihr wie ein Hündchen nachlief. Christine -durfte nur rufen, so kam das Lamm sogleich daher gesprungen. Wenn nun die -Mutter es so mit ansah, was für eine große Freude Christine mit dem -Lämmchen hatte, da sagte die Mutter öfter: »Nicht wahr, jetzt reuet es dich -doch nicht, daß du mir gefolgt und das Lämmchen zurück gegeben hast?« »O -Mutter! antwortete Christine, wie mein Lämmlein mir auf den Ruf folgt, so -will ich dir immer folgen. Denn ich weiß es ja, du liebst mich doch noch -unendlich mehr, als ich mein Lämmchen.« - - - - -Zweytes Kapitel. -Frau von Waldheim und ihre Tochter -Emilie. - - -Das Dörflein, in dem Christine lebte, lag unten an einem waldichten Berge. -Oben aus den Eichen des Berges ragte ein altes Schloß mit einem großen -Thurme hervor. Hier wohnte seit einigen Wochen die Frau von Waldheim. Das -Schloß hatte ehemals ihr gehört; allein nach dem Tode ihres Gemahls war es -ihr blos zu ihrem Wittwensitze angewiesen worden. Sie hatte sich hier, weil -das Schloß etwas vergangen war, einige Zimmer neu eingerichtet, die eine -sehr schöne Aussicht hatten, und lebte nun da in ländlicher Einsamkeit ganz -der Erziehung ihrer einzigen Tochter Emilie, eines sehr liebenswürdigen -Fräuleins von Christinens Alter. - -Christine kam, so lange es Erdbeeren gab, beynahe täglich in das Schloß. -Fräulein Emilie kaufte die Beeren von niemand lieber als von ihr, und -nannte sie nur ihr artiges Erdbeermädchen. Denn die Beeren, die Christine -pflückte, waren alle vollkommen reif und roth wie Scharlach; die Schale, in -der sie die Beeren brachte, war, wiewohl nur von geringem Porzellane, weiß -und rein wie Schnee; und die Reinlichkeit ihrer Hände und ihres ganzen -Anzuges schickte sich genau zu dem reinlichen Geschirre. - -Indessen war Christine acht Tage nicht mehr in das Schloß gekommen. Emilie, -der die Erdbeeren lieber als alles Zuckerwerk waren, beklagte sich öfter, -daß ihr Erdbeermädchen so lange ausbleibe. Eines Morgens kam endlich -Christine wieder in das Schloß. Die Köchin ging in das Zimmer der -Herrschaft, sie zu melden, und Christine blieb indessen draußen stehen. -Emilie kam sogleich heraus und sagte: »Warum ließest du mich denn so lange -ohne Erdbeeren? Das ist nicht schön! Du weißt ja, daß ich immer nur von dir -kaufte. Wenn du so wenig Aufmerksamkeit für mich hast, so wirst du meine -Kundschaft verlieren.« - -Christinens blaue Augen füllten sich mit Thränen. »Ach, gnädiges Fräulein, -sagte sie, meine Mutter ist schon den ganzen Frühling krank. Diese Woche -aber war es so schlimm mit ihr, daß ich mir sie nicht eine Stunde zu -verlassen getraute. Nur gestern Abends wurde sie ein wenig besser, und da -eilte ich heute sogleich mit Anbruch des Tages in den Wald, um wieder -einmal einige Kreuzer für sie zu verdienen.« - -Emilie sprach: »Warum hast du mir aber nicht schon längst von der Krankheit -deiner Mutter gesagt? Meine Mutter ist nicht hart gegen die Armen. Sie -hätte es euch in dieser Noth gewiß nicht an Unterstützung fehlen lassen.« - -»O gnädiges Fräulein, sagte Christine, ich weiß wohl, daß Sie und die -gnädige Frau Mutter gegen die Armen sehr gütig sind. Allein meine Mutter -sagt: So lange man sein Brod selbst erwerben kann, muß man Andern nicht zur -Last fallen. Es giebt viele Arme, die gar nichts mehr erarbeiten können. Es -wäre Sünde, diesen das Brod abzustehlen.« - -Diese Worte gefielen Emilien sehr wohl. »Warte hier ein wenig!« sagte sie -freundlich, und eilte in das Zimmer, mit ihrer Mutter zu reden. Ihre -Mutter, die Frau von Waldheim, wollte Christinen sehen. Emilie führte sie -herein -- und Christine erstaunte nicht wenig über das prächtige Zimmer, -die lieblich-grünen mit bunten Blumenkränzen bemahlten Wände, den großen -Spiegel mit goldenem Rahmen, die zierlichen Schränke und Tische von -glänzend braunem Holze, das Kanapee und die Sessel mit grünseidenen -Ueberzügen und den eingelegten, geglätteten Boden. In ihrem Leben hatte sie -noch nichts dergleichen gesehen, und es wandelte sie bey dem Anblicke all -dieser Pracht eine Art von Ehrfurcht an. - -Die gnädige Frau aber, die eben an ihrer Stickrahme saß, ward innig -gerührt, als sie das arme schüchterne Kind in seinem dürftigen, aber -reinlichen Kleidchen von weiß und roth gestreifter Leinwand, mit seinem -gelben Strohhütchen, auf dem ein Sträußchen von Erdbeerkraut voll weißer -Blüthen und rother Beeren steckte, mit den hellen Thränen in den blauen -Augen, und der reinlichen Schale voll Erdbeeren in der zitternden Hand so -bey der Thüre stehen sah. - -»Komm doch näher zu mir her, sagte sie freundlich. Du darfst dich nicht -fürchten.« Indem Christine näher trat, erblickte sie ihr Bild im Spiegel. -Sie hatte noch nie einen großen Spiegel gesehen; der ihrige zu Hause war -nicht größer, als ein Taschenkalender. Sie glaubte im ersten Augenblicke -noch ein anderes Erdbeermädchen, das ihr die Kundschaft streitig machen -wolle, gehe auf sie zu. Sie blieb verwundert stehen. Am meisten aber -erstaunte sie darüber, daß dieses Mädchen gerade so wie sie gekleidet sey, -eben ein solches Strohhütchen mit einem Erdbeersträußchen aufhabe, und eben -eine solche Schale mit Erdbeeren in der Hand halte. Indeß merkte sie bald, -daß sie sich geirrt habe, und wurde über und über roth. - -Frau von Waldheim lächelte über den unschuldigen Irrthum des armen Kindes -und erkundigte sich auf das liebreichste nach den Umständen der kranken -Mutter. Christine bekam wieder Muth und gab auf jede Frage eine verständige -Antwort. Als sie aber von der Armuth und den vielen Leiden und Schmerzen -ihrer lieben Mutter erzählte, konnte sie vor Betrübniß fast nicht mehr -reden. Sie schluchzte und reichliche Thränen floßen über ihre Wangen. - -»Weine nicht so, liebes Kind, sagte die gnädige Frau; ich werde für deine -Mutter sorgen. Du mußt mir jetzt nur noch sagen, wo ihr wohnet?« »In der -letzten Hütte des Dorfes, antwortete Christine. Sie können aus dem Fenster -hier das Strohdach dort zwischen den Bäumen sehen.« »Nun wohl, sprach Frau -von Waldheim, das kleine Haus mit den weißen Mauern und dem gelben Dache -nimmt sich zwischen den dunkelgrünen Bäumen sehr artig aus. Da wohnt also -deine Mutter. Und wie heißt sie denn?« »Sie heißt Rosalie West, sagte -Christine; in dem Dorfe heißt man sie aber gewöhnlich nur die arme -Rosalie.« - -Die gnädige Frau bezahlte hierauf die Erdbeeren dreyfach, und befahl, die -Porzellanschale, in der Christine die Beeren gebracht hatte, mit der besten -Fleischsuppe für die kranke Mutter zu füllen. - -»Das ist ja ein überaus liebes, gutes Kind! sagte die Frau von Waldheim zu -Emilien, als Christine fort war. Ich will nicht einmal etwas davon sagen, -daß sie bey all ihrer Armuth schon in ihrem Aeußerlichen ein Muster der -Reinlichkeit und Ordnung ist. Allein ihre Liebe zu ihrer Mutter geht über -alles. Ein solches Herz voll kindlicher Liebe ist mehr werth, als ein -Diamantstern auf der Brust. O Emilie! wenn ich einmal -- was zu seiner Zeit -auch eintreffen wird -- so krank und elend daläge, wie Christinens Mutter, -würdest du wohl auch so zärtlich um mich besorgt seyn, meiner so liebreich -pflegen, und so vieles für mich thun?« - -Emilie, der bey Christinens Erzählung die Thränen schon immer in den Augen -standen, fiel ihrer Mutter weinend um den Hals. »Das wolle Gott verhüthen, -sprach sie schluchzend, daß Sie, liebste Mutter, krank und elend werden. -Lieber wolle Er mir eine Krankheit zuschicken. Aber wenn es denn doch so -seyn müßte, und Sie krank werden sollten -- o gewiß, gewiß, ich würde nicht -weniger für Sie thun, als Christine für ihre Mutter thut.« - -»Gott segne dich, liebes Kind, für diese deine kindliche Liebe, sprach die -gerührte Mutter. O bleibe immer so gesinnt, und du wirst auf Erden noch -viele frohe Tage erleben. Denn glaube mir, jedem Kinde, das seine Aeltern -aufrichtig ehrt und liebt, läßt es Gott wohl gehen. Und so wird -- denke du -an mich! -- auch die arme Christine noch bessere Tage sehen!« - -Christine war indeß vergnügt und fröhlich nach Hause geeilt. Ihre Mutter -ward über ihre Erzählung hoch erfreut, und die kräftige Fleischbrühe kam -der armen Frau, die seit langer Zeit nichts als Wassersuppen gegessen -hatte, sehr wohl. »O liebe Christine, sagte sie, indem sie mit aufgehobenen -Händen andächtig zum Himmel blickte, so verläßt Gott die Seinen doch nie! -Er hilft allemal noch zur rechten Zeit! -- Laß uns fernerhin auf Ihn -vertrauen; allein dabey auch immer das Unsrige treu und redlich thun. Denn -sieh, liebe Christine, wenn du, aus kindlicher Liebe zu mir, nicht so -fleißig Erdbeeren gesammelt und meinen Ermahnungen zur Reinlichkeit und -Ordnung nicht gefolgt hättest -- so hätten wir das Glück wohl nicht gehabt, -daß die gnädige Frau und das liebe Fräulein sich unsrer Armuth so liebreich -annehmen wollen. Sieh, nicht das geringste Gute bleibt ohne gute Folgen; -Gott bedient sich desselben, edle Herzen zu rühren, und durch sie uns aus -der Noth zu erretten.« - - - - -Drittes Kapitel. -Die Schicksale der beyden Mütter. - - -Der folgende Tag war ein Sonntag. Christine saß des Abends, nachdem sie -ihre kleinen Hausgeschäfte besorgt und ihr Lämmchen gefüttert hatte, neben -dem Bette ihrer Mutter, und las ihr aus einem Buche mit sanfter, lieblicher -Stimme deutlich und langsam vor. Der Abend war sehr schön und die -untergehende Sonne schien durch die Rebenblätter am Fenster glutroth in das -kleine Stüblein. Da trat auf einmal die Frau von Waldheim mit Emilien -herein. »Je, rief Christine und sprang auf, die gnädige Frau und das -Fräulein!« Die Kranke war von der Gnade dieses Besuches sehr gerührt. - -Die Frau von Waldheim blickte vergnügt in dem engen Stübchen umher. Die -Wände waren schneeweiß, die wenigen Schüsseln und Teller auf dem Rahmen an -der Wand hell und glänzend! der Tisch, die Bank, das Paar Stühle und der -Stubenboden rein gefegt. Auch die Bettüberzüge und die Kleidung der kranken -Frau waren, so ärmlich sie aussahen, äußerst reinlich. Die Frau von -Waldheim setzte sich auf den Stuhl, von dem Christine aufgestanden war. Mit -Wohlgefallen vernahm sie, daß Christine alles so in Ordnung halte. Sie -blätterte in dem Buche, lobte das Buch und Christinens gutes vernehmliches -Lesen, das sie noch gehört hatte. Sie bemerkte auf dem Kasten an der Wand -ein Paar Strickkörbchen, durchsuchte sie, und war mit den Arbeiten, der -Mutter sowohl als der Tochter, sehr zufrieden. - -»Ihr seyd sicher nicht aus dem Dorfe dahier, sagte die gnädige Frau. Denn -Ihr habt das Stricken und Eure Tochter hat das Lesen nicht dahier gelernt. -Ihr müßt wohl durch besondere Schicksale hieher gekommen seyn?« - -»Ja wohl hatte ich besondere und sehr harte Schicksale!« sagte die Kranke -und fing an zu erzählen. »Mein Mann, sprach sie, war Leibjäger in den -Diensten einer Herrschaft jenseits des Rheins. Wir waren kaum ein Paar -Jahre verheirathet und hatten diese Zeit ungemein glücklich und vergnügt -gelebt -- da brach der Französische Krieg aus. Unsere Herrschaft flüchtete, -und konnte uns nicht mitnehmen. Mein Mann trat auf ihr Anrathen bey einem -Jägerchor in Dienste. Ich konnte ihm mit meiner Tochter, die damals noch so -klein war, daß sie den Namen Vater noch nicht aussprechen konnte, natürlich -nicht folgen. Unter tausend Thränen nahmen wir Abschied. Ach es war das -letzte Mal, daß ich ihn sah! Er schrieb mir zwar von Zeit zu Zeit, daß er -gesund sey. Allein plötzlich vernahm ich, er sey schwer verwundet, und bald -darauf erhielt ich die Nachricht, er sey an seinen Wunden gestorben. Mein -Jammer war unbeschreiblich! Ach, er war ein guter Mann, ehrlich und -redlich! Ich weiß zwar sein Grab nicht; allein seine Gebeine ruhen gewiß in -Frieden! -- Ich gerieth nun mit meiner Tochter bald in sehr großes Elend. -Ich hatte mich nach Hause zu meinen Aeltern begeben. Allein auch diese -Gegenden wurden nunmehr von dem Kriege schrecklich heimgesucht. Meine -Aeltern verloren all das Ihrige, und starben bald darauf an einer -ansteckenden Krankheit, die der Krieg verbreitet hatte. Ich war genöthiget, -auszuwandern. Meine Habseligkeiten waren klein beysammen. Ich hatte fast -nichts, als diese zwey Hände. Ich irrte weit umher. Endlich kam ich in -dieses Dorf. Diese Hütte stand eben leer. Die wackern Bauersleute, deren -Nebenhaus sie ist, gestatteten mir, hinein zu ziehen, unter der Bedingung, -daß ich ihre zwey kleinen Mädchen im Nähen und Stricken unterrichte, was -ich denn auch sehr gerne that! Ich habe allerdings viel gelitten -- allein -Gott hat doch immer treulich für mich gesorgt und mir immer und überall -durchgeholfen, bis auf diesen Augenblick, da Er Sie, edle Wohlthäterin, -unter dieses Strohdach führte. Ihm sey Dank für alles -- für Leiden und -Freuden!« - -Die Frau von Waldheim hörte sehr aufmerksam zu, und die hellen Thränen -glänzten ihr in den Augen. »Ach, sagte sie, mein Schicksal gleicht sehr dem -Eurigen, nur ist es noch trauriger! Ich habe nicht nur, wie Ihr, Aeltern -und Ehegemahl verloren, sondern überdieß noch meinen einzigen Sohn. Mein -Gemahl war Major eines Husarenregiments. Sogleich in einer der ersten -Schlachten, in der er sich sehr auszeichnete, die aber unglücklich ausfiel, -ward er gefährlich verwundet. Ich eilte auf die Schreckensnachricht mit -meinen zwey Kindern unverzüglich zu ihm. Allein mir ward nur mehr der -traurige Trost, ihn noch einmal zu sehen. Er starb in meinen Armen. Wie mir -zu Muthe war, könnet Ihr Euch denken, beschreiben kann ich es unmöglich. -- -Auf die unglückliche Schlacht folgte eine übereilte Flucht. Alle Strassen -waren mit Flüchtlingen bedeckt. Ich ward unter dem Gewühle von Menschen mit -fortgerissen, fast ohne zu wissen wohin. Meine zwey Kinder -- ein -lieblicher Knabe von kaum vier Jahren, und diese Tochter hier, die damals -noch kein Jahr alt war, vermehrten noch meinen Jammer. Als ich mit ihnen an -den Rhein kam und über die Brücke wollte, war das Gedränge von Kriegswagen, -Kanonen, Pulverkarren, Wagen voll verwundeter Krieger, die alle hinüber -wollten, so groß, daß ich mich der Brücke gar nicht nähern konnte. Indeß -war die Sonne untergegangen. In einiger Entfernung wurde noch gefochten, um -den Uebergang über den Fluß zu decken. Allein der Donner der Kanonen rückte -immer näher. Ach es war der schrecklichste Abend meines Lebens! Einige der -Flüchtlinge bemächtigten sich weiter hinab an dem Flusse eines Schiffes, um -das andere Ufer zu erreichen. Aus Mitleid nahmen sie mich und meine Kinder -in das Schiff auf. Allein das Schiff war so mit Menschen überladen, und sie -waren des Fahrens so unkundig, daß er umschlug. - -Ein Offizier am andern Ufer hatte unsre Gefahr bemerkt und uns zwey -Soldaten mit einem kleinen Schifflein, dem einzigen, das eben vorhanden -war, zu Hülfe geschickt. Es kam eben an, als das unsrige gesunken war. Ich -und meine Tochter, die ich fest in den Armen hielt, wurden mit genauer Noth -aus den Fluthen gerettet und halb todt an das Land gebracht. Allein mein -Sohn war untergegangen und von ihm ward nichts mehr gesehen.« - -Frau von Waldheim konnte hier vor Weinen nicht mehr reden, und verbarg ihr -Gesicht in ihr weißes Tuch. Ueber eine Weile sprach sie weiter: »Ich und -meine Tochter wären vor Frost und Nässe wohl auch noch umgekommen, wenn -nicht eine mitleidige Herrschaft, die eben vorbey kam und auch auf der -Flucht war, uns in ihren Reisewagen aufgenommen hätte. Allein die Angst und -der Schrecken beym Schiffbruche, die beständige Traurigkeit über den Tod -meines Gemahls und Sohnes, und die Beschwerlichkeiten auf der Flucht, zogen -mir eine Krankheit zu. Als ich wieder hergestellt war, dachte ich erst an -eine andere nachtheilige Folge dieses zweyfachen Todfalles. Weil mein -Gemahl ohne einen männlichen Erben gestorben war, so fielen unsre Güter dem -Landesherrn anheim. Unser Schloß dahier wurde sogleich in Besitz genommen -und zu einem Spitale für kranke und verwundete Krieger eingerichtet. Ich -mußte, was ich jedoch nur den unruhigen Zeiten zuschreiben kann, lange ohne -Pension leben; da ich keine eigene Wohnung mehr hatte, mußte ich in der -Stadt einen sehr hohen Hauszins bezahlen, und zuletzt wirklich Mangel -leiden. Endlich ward mir ein anständiger Wittwengehalt ausgeworfen, der -Betrag für die verflossenen Jahre baar ausbezahlt, und mir ein Theil des -Schlosses dahier, das ehemals unser Eigenthum war, zum Aufenthalt -angewiesen. Allein der Verlust meines Gemahls und meines Sohnes bleiben -doch unersetzlich! So groß indeß auch dieser Verlust ist, so ist doch dieß -ein schöner Gewinn dabey, daß meine Leiden mich Gott mehr kennen lehrten -und mich gefühlvoller für die Leiden meiner Mitmenschen machten. Und dann --- was können wir uns auf Erden mehr wünschen, als unser ordentliches -Auskommen und ein ruhiges Plätzchen, wo wir im Frieden leben, Gott dienen -und unsern Mitmenschen Gutes thun können -- in der seligen Hoffnung, unsre -verklärten Geliebten in einer bessern Welt wieder zu sehen.« - -Indeß war es spät geworden. Die Frau von Waldheim sah an ihre Uhr, und -stand auf. »Bedient Ihr Euch auch der Hülfe eines Arztes?« fragte sie noch. -»Ach nein, sagte die Kranke. Einen ordentlichen Arzt vermag ich nicht, und -mich eines Pfuschers zu bedienen, trage ich Bedenken.«»Ihr habt Recht! -sagte die gnädige Frau. Besser gar keine Hülfe, als eine solche.« Sie -versprach der Kranken ihren eigenen Arzt zu schicken, und tröstete sie mit -der Hoffnung, unter Gottes Beystande werde es dann bald besser werden. -Hierauf befahl sie, Christine solle alle Tage in dem Schlosse für ihre -Mutter das Essen holen, wünschte Beyden freundlich gute Nacht, und kehrte -mit Emilien wieder zurück in das Schloß. - - - - -Viertes Kapitel. -Unterhaltungen der beyden Töchter. - - -Nach vierzehn Tagen besuchten Frau von Waldheim und Emilie die kranke -Rosalie wieder. Es hatte sich mit ihr indessen sehr gebessert. Die -trefflichen Arzneyen und die angemessenen Speisen hatten ihr überaus gut -angeschlagen. Sie war bereits auf, saß an der Tischecke auf der Bank und -strickte. Sobald sie die gnädige Frau erblickte, stand sie auf, eilte ihr -entgegen, und die Zähren liefen ihr über die blassen Wangen. Sie konnte -keine Worte finden, ihren Dank auszudrücken. Die Frau von Waldheim setzte -sich an die andere Ecke des Tisches. Sie hatte ihr Arbeitskörbchen -mitgebracht und nahm ihr Gestrick hervor. Emilien erlaubte sie, mit -Christinen indessen in den Baumgarten zu gehen, der sich von der Hütte bis -an den Bach erstreckte, und den guten Bauersleuten gehörte, von denen -Rosalie so liebreich aufgenommen worden. - -Während nun die zwey Mütter sich über ihre Schicksale miteinander -unterredeten, unterhielten sich die zwey Töchter in dem Garten. Christine -führte Emilien ihr zahmes Lämmchen vor. Emilie hatte über das artige -Thierchen eine ungemeine Freude. Da sie in einer großen Stadt erzogen -worden, kannte sie die Schafe beynahe nur aus ihrem Bilderbuche. Noch nie -hatte sie ein Lamm in der Nähe gesehen. Das Lamm ließ sich von Emilien -streicheln, fraß die zarten, grünen Blättchen, die Emilie ihm vorhielt, ihr -aus der Hand, und lief ihr sogleich nach, als wollte es noch mehr. Emilie -war ganz entzückt. Auch ein solches Lämmchen zu haben, war ihr herzlichster -Wunsch. Allein sie war zu bescheiden, es sich merken zu lassen. »Nein, -dachte sie, um alles in der Welt möchte ich die arme Christine nicht um -ihre einzige Freude bringen!« - -Nachdem Frau von Waldheim und Emilie fort waren, erzählte Christine ihrer -Mutter, welche große Freude das Fräulein an dem Lämmchen gehabt habe. Da -sprach die Mutter: »Höre einmal, Christine! Emilie und ihre Mutter haben -viele Güte für uns gehabt. Ohne sie läge ich vielleicht in dem Grabe, und -du hättest keine Mutter mehr. Es ist billig, daß wir uns so dankbar -bezeigen, als möglich. Du könntest Emilien nun wohl auch eine große Freude -machen -- aber ich fürchte, es kommt dich zu schwer an. Allein an deiner -Stelle wüßte ich wohl, was ich thun würde!« - -»Ihr mein Lämmchen schenken!« fiel Christine ihrer Mutter schnell ins Wort. -»Ja, das will ich! rief sie. Morgen in aller Frühe soll sie es haben. -Emiliens Mutter hat mir das Liebste erhalten, was ich in der Welt habe -- -dich liebste Mutter! Warum sollte ich Emilien nicht mit Freuden das -schenken, was mir nach dir das Liebste ist -- mein Lämmchen!« - -»Nun, das freut mich, sprach die Mutter, daß du ein dankbares Herz hast. -Das ist mehr werth, als wenn man dir das Lamm mit Gold aufwägen würde.« - -Die Mutter erinnerte sich, daß sie unter ihren Sachen noch ein kleines -Streifchen rothen Atlaß und einige vergoldete Flittern habe. Sie suchte sie -unverzüglich hervor, und saß sogleich hin, aus dem Atlasse für das Lämmchen -ein Halsband zu machen, und mit den Flittern Emiliens Namen -hineinzusticken. Emilie hatte Christinen ein feines, weißes Halstuch -geschenkt. In der Ecke desselben waren die Anfangsbuchstaben von Emiliens -Namen zierlich mit blauer Seide eingenäht. Diese Buchstaben dienten der -Mutter zum Muster. Sie war gesonnen, so lange aufzubleiben, bis sie mit -dieser Arbeit fertig wäre. Christine leistete ihr treulich Gesellschaft, -fädelte ihr jedesmal die Nadel ein, und suchte die schönsten und -tauglichsten Flittern heraus und both sie ihr hin. Endlich gegen -Mitternacht war die Stickerey vollendet, und Christine war über das schön -gelungene Werk so erfreut, daß sie vor Freude fast nicht schlafen konnte. - -Sobald am andern Tage die Morgenröthe anbrach, eilte das gute Mädchen mit -dem Lamme dem Bache zu, und wendete ihr letztes Stückchen Seife daran, das -nette Thierchen so rein zu waschen, als möglich. Und sieh da -- es ward -fast so weiß, wie neugefallener Schnee. Die Mutter legte nun dem Lämmchen -das Halsbändchen an. Der hochrothe Atlas mit den goldenen Buchstaben und -der goldenen Einfassung nahm sich zwischen dem reinen, weißen Gekräusel der -Wolle ganz unvergleichlich schön aus. Christine und ihre Mutter -betrachteten das Lämmchen mit Entzücken, und konnten kaum aufhören es zu -loben. - -Christine trug nun das Lämmchen in das Schloß. Sie ging zuerst in die Küche -zur alten Köchin, die sich immer besonders liebreich gegen Christine -bezeugt hatte, und redete mit ihr, wie sie ihr Geschenk am schicklichsten -anbringen könne. Die Köchin hatte an dem schön geschmückten Lamme ein -großes Wohlgefallen und lobte Christinens Einfall sehr. Sie nahm das -Lämmchen, ging, und öffnete leise die Zimmerthüre der Herrschaft. Die -gnädige Frau saß am offenen Fenster und strickte. Emilie las ihr aus einem -Buche vor. Beyde waren so emsig, daß sie nicht aufblickten. Da schob die -Köchin das Lämmchen geschwind zur Thüre hinein, machte die Thüre eben so -leise wieder zu, und eilte zurück in die Küche. - -Frau von Waldheim und Emilie hatten von allem nichts gemerkt. Das Lämmchen -blieb an der Thüre stehen, schaute eine Weile umher, und fing dann laut an -zu blöcken. Emilie blickte auf, und rief: »Je das Lämmchen!« Sie nahm von -dem Seitentischchen ein wenig Brod, das von dem Frühstücke über geblieben -war, und hielt es dem Lämmchen hin, und das arme Thierchen, das den Morgen -noch kein Futter bekommen hatte, lief sogleich auf sie zu, und fraß es ihr -aus der Hand. Emilie hatte eine unbeschreibliche Freude. Das Lämmchen kam -ihr ohne Vergleich schöner vor als gestern, und als sie erst die goldenen -Anfangsbuchstaben ihres Namens bemerkte, und daraus ersah, das Lämmchen sey -zum Geschenk für sie bestimmt, da war ihre Freude noch größer. - -»O wie gut ist doch Christine, sagte sie, daß sie mir ihr Liebstes giebt! -Ich getraue mir kaum es anzunehmen. Was meynen Sie, liebste Mutter, daß ich -thun soll?« - -»Du mußt es annehmen, sagte die Mutter, sonst würdest du das gute Kind -betrüben. Ich werde Christinen auf eine andere Art entschädigen.« - -Emilie eilte nun in die Küche, ihr gutes Erdbeermädchen zu rufen. Christine -hatte sogleich fort gewollt; allein die Köchin hatte sie aufgehalten. Es -kostete Emilien viele Mühe, das bescheidene Mädchen herein zu nöthigen in -das Zimmer. - -Die Frau von Waldheim hatte indessen aus ihrem Schreibkasten ein Goldstück -hervor gesucht, auf dem ein Lamm abgebildet war. »Du hast ein sehr -dankbares Herz, mein liebes Kind! sagte sie, als das erröthende Mädchen an -Emiliens Hand in das Zimmer trat. Du hast meiner Tochter ein Geschenk -gemacht, das ihr wohl nicht für Gold feil wäre. Nimm hier als eine kleine -Gegenerkenntlichkeit dieses goldene Lämmchen.« - -Die gute Christine war von dieser feinen Art zu geben so gerührt, daß es -ihr sehr schwer ankam, das Geschenk zurück zu weisen. Allein noch mehr -würde es sie geschmerzt und gekränkt haben, sich ihr dankbares Gemüth -bezahlen zu lassen. Sie kam in große Verlegenheit und die Thränen traten -ihr in die Augen. »O nein, nein, gnädige Frau, sagte sie; ich kann das Gold -wahrhaftig nicht nehmen. Es würde mir meine ganze Freude verderben. Nichts, -als die reinste, herzlichste Dankbarkeit bewog mich, Fräulein Emilien mein -Lämmchen als ein armes, geringes Geschenk darzubringen, und es ist mir -unmöglich, mich dafür so überreichlich belohnen zu lassen.« Sie blieb -ungeachtet alles Zuredens darauf, nichts zu nehmen. - -Diese Uneigennützigkeit an einem so armen Mädchen gefiel der Frau von -Waldheim noch mehr, als das überbrachte ländliche Geschenk. »Nun, sagte -sie, so will ich dich auf eine andere Art zu belohnen suchen, die deiner -Denkart angemessener ist. Wegen deines edlen Herzens sollst du von nun an -die Gespielin meiner Emilie seyn. In deiner Gesellschaft läuft sie keine -Gefahr, niedrige Gesinnungen anzunehmen. Komm fürs erste nur allzeit nach -Tische hieher -- da will ich euch mit einander Arbeit geben, und dann -wollen wir schon sehen, was noch weiter zu thun ist.« - -Als Christine nach Hause kam und erzählte, wie es gegangen, war ihre Mutter -mit ihrem Betragen sehr zufrieden. »Siehst du nun, sprach sie, es ist so, -wie ich dir schon öfter gesagt habe. Das ärmste Kind -- wenn es sich nur -bestrebt, von Herzen gut zu seyn, findet am Ende doch Menschen, die es um -seiner Güte willen mehr schätzen, als wäre es mit Gold und Perlen behängt. -Das reichste und schönste Mädchen hingegen -- wenn es sonst nichts weiter -ist -- wird der gerechten Verachtung am Ende doch nie entgehen, und das -Glück, von guten Menschen aufrichtig geliebt und geehrt zu seyn, wird ihm -nie zu Theil werden. Gutseyn, Gutseyn ist das Einzige, was uns wahrhaft -froh, reich und geehrt macht.« - - - - -Fünftes Kapitel. -Ein Fremder tritt auf. - - -An dem goldgestickten Halsbändchen, mit dem das Lämmchen geschmückt war, -hatte die Frau von Waldheim entdeckt, daß Rosalie eine sehr geschickte -Stickerin sey. Rosalie hatte aber diese Kunst, weil dergleichen Arbeiten in -dem Dorfe nicht geschätzt wurden, lange nicht mehr geübt, und sich blos auf -das Stricken und Nähen verlegt. Frau von Waldheim gab ihr nun manches zu -verdienen, und verschaffte ihr auch anderwärts her Bestellungen. Die arme -Rosalie fand auf diese Art nicht nur ihr hinreichendes Auskommen, sondern -überdieß noch öfteren Zutritt in das Schloß. - -Frau von Waldheim hatte Anfangs sich Rosaliens nur aus Mitleid angenommen; -allein so wie sie dieselbe näher kennen lernte, verwandelte sich dieses -Mitleid nach und nach in Hochachtung. Sie fand an dem Umgange mit ihr immer -mehr Vergnügen. Man wunderte sich, daß eine adeliche Dame, die Gemahlin -eines Stabsoffiziers, mit einer armen Soldatenwittwe Freundschaft machen -möge. Allein Frau von Waldheim sagte lächelnd: »Nun, Ihr werdet doch nicht -behaupten, mein seeliger Mann, der tapfre Major, sey kein Soldat gewesen? -Doch im Ernste! Eben dieses, daß auch ihr Mann zum Militär gehörte, und wie -der Meinige den Tod für das Vaterland starb, diente ihr bey mir zur -Empfehlung. Die Aehnlichkeit unsrer Schicksale vermehrte meine Zuneigung zu -ihr. Sie ist Wittwe, wie ich, mußte vieles leiden, wie ich, hat wie ich nur -eine einzige Tochter. Unsre Töchter sind von gleichem Alter, und lieben -einander herzlich -- und wenn meine Emilie so gut und edel ist als ihre -Christine, und Emiliens Mutter so gut und edel als Christinens Mutter, so -will ich es gerne zufrieden seyn. Die äusserlichen Verhältnisse weisen dem -Menschen allerdings seinen Rang in der menschlichen Gesellschaft an; allein -nur ein wahrhaft gutes edles Herz macht den wahren Werth des Menschen aus. -Diese arme Soldatenwittwe ist so bescheiden, so sanft, so rechtschaffen, so -durch Leiden bewährt, so von Herzen fromm, und dabey so verständig und -gebildet, daß ich dadurch mich geehrt fühle, sie meine Freundin zu nennen.« - -Frau von Waldheim zeichnete auch ihre arme Freundin immer mehr aus. Sie kam -jeden Sonntag von dem Schlosse in das Dorf herab zur Kirche, und da ging -sie nach dem Gottesdienste nie an Rosaliens armer Wohnung vorüber, ohne -wenigstens auf einige Augenblicke einzukehren. Sie gab Christinen, die -täglich in das Schloß kam, öfter auf, ihre Mutter mitzubringen, und bald -mußten beyde alle Tage nach Tische in das Schloß kommen. Die gnädige Frau -und das Fräulein, Rosalie und Christine saßen dann zusammen an Einem -Arbeitstische, und beschäftigten sich einige Stunden sehr emsig mit -allerley schönen Arbeiten. Rosalie mußte hierauf mit der gnädigen Frau Thee -trinken, und Christine mit Emilien ein Butterbrod essen. Auf den Abend -machten sie gewöhnlich alle zusammen noch einen kleinen Spaziergang. - -Einmal an einem schönen Sommerabend gingen sie nun mit einander in den -Eichwald, der sich am Abhange des Schloßberges herumzog. Mehrere -schattichte Gänge, die mit reinlichem Kiese bestreut waren, führten durch -den Wald, und hie und da war eine bequeme Bank zum Ausruhen angebracht. Der -Tag war sehr heiß gewesen und noch war es ziemlich schwühl. Die Frau von -Waldheim setzte sich daher mit ihrer Begleiterin Rosalie auf eine steinerne -Bank, die in einen Felsen des Berges eingehauen und von einem Paar Eichen -beschattet war. Das Plätzchen war, wegen der herrlichen Aussicht, die man -hier genoß, ihr Lieblingsplätzchen. - -Emilie und Christine gingen noch eine Strecke weiter, und jede trug ein -niedliches Körbchen am Arme. Es war gerade die Zeit der Himbeeren, und -Emilie hätte deren schon lange selbst gerne im Walde gepflückt. Christine -führte sie zu einer ausgehauenen Stelle des Waldes, die beynahe ganz mit -Himbeersträuchen bedeckt war. Beyde Mädchen pflückten nun sehr geschäftig -und ließen sich die duftenden Beeren sehr wohl schmecken. Bald rief diese, -bald jene, hier gebe es noch schönere. Die allerschönsten thaten sie aber -in ihre Körbchen, um sie Emiliens Mutter zu bringen. Das Lämmchen, das sie -mitgenommen hatten, lief indeß auf dem offenen Platze herum, graste hier -ein wenig, nagte dort an den Blättern der Gesträuche, und hatte sich nach -und nach ziemlich weit von ihnen entfernt. - -Da bemerkte Emilie auf einmal einen fremden Jüngling, der das Lämmchen -streichelte und das Halsband desselben sehr aufmerksam betrachtete. Emilie -und Christine eilten sogleich hin, denn sie fürchteten, er wolle das -Halsband oder gar das Lämmchen mit sich fort nehmen. Der Jüngling blickte, -als er sie kommen hörte, auf. Er war sehr schön und blühend von Angesicht -und hatte ein dunkelgrünes Sommerkleid an und einen runden Kastorhut auf. -Er schien bis zu Thränen gerührt, und blickte Emilien mit einer Art von -Erstaunen und Verwunderung an. Endlich nahm er mit seiner Rechten -ehrerbietig den Hut ab; in seiner Linken aber hielt er -- was Emilien -äußerst seltsam vorkam -- einen goldenen Ring. - -»Verzeihen Sie, mein Fräulein, sagte er, da er Emiliens Aengstlichkeit -bemerkte, ich wollte dem Lämmchen, das, wie ich sehe, Ihnen gehört, nichts -zu leid thun. Es fielen mir nur die Buchstaben auf, die hier auf das -Halsband gestickt sind. Sind das vielleicht die Anfangsbuchstaben ihres -Namens?« - -»Ja, sagte Emilie befremdet, das sind sie. Die drey goldenen Buchstaben auf -dem rothen Atlasse hier heißen E. v. W. Ich aber heiße Emilie von -Waldheim.« - -»Emilie! Emilie!« rief der Jüngling erstaunt. - -Emilie erschrak über seine Heftigkeit. Sie glaubte, er sey nicht recht bey -Sinnen und es, ward ihr unheimlich. »Komm, da ist nicht gut seyn!« sagte -sie zu Christine, nahm sie bey der Hand, und wollte mit ihr davon laufen. -Der fremde Jüngling aber faßte sich wieder, und sagte ganz ruhig: »Ich -bitte Sie, bleiben Sie nur noch einen Augenblick! Ich habe da einen -goldenen Ring, auf dem die drey nämlichen Buchstaben eingegraben sind. -Sehen Sie da E. v. W.! Deßhalb betrachtete ich die Buchgaben da auf dem -Halsbändchen so aufmerksam und verwundert. Es liegt mir äusserst viel -daran, inne zu werden, woher dieser Ring sey. Allein, fügte er traurig bey, -Ihnen gehört der Ring zuverläßig nicht. Es stehet da, den Buchstaben, -gegenüber, noch die Jahrzahl 1786. Dieses vereitelt meine Hoffnung. Ach, -damals waren sie noch nicht geboren!« - -Emilie sagte: »Meine Mutter hat eben den Namen wie ich; auch sie heißt -Emilie von Waldheim.« - -»Wie! rief der Jüngling aufs neue erschüttert. Wäre es möglich! Ach -vielleicht gehört der Ring ihrer Mutter. Könnten Sie mich nicht zu ihr -führen?« - -»Mit Vergnügen, sagte Emilie. Sie ist kaum ein Paar hundert Schritte von -hier. Haben Sie nur die Güte, mir zu folgen.« Sie gingen. Der Jüngling ließ -Emilien die rechte Seite, und Christine mit dem Lämmchen begleitete sie. - -Als sie zur Felsenbank kamen, blieb der Jüngling in einiger Entfernung -schüchtern stehen, und betrachtete die Frau von Waldheim einige Augenblicke -stillschweigend. Sein Angesicht war wie von Schrecken bleich und die Hand, -in der er den Ring hielt, zitterte. Indeß ermannte er sich, trat näher, -verbeugte sich mit Anstand, erzählte kurz den sonderbaren Zufall mit dem -Zusammentreffen der Buchstaben -- und überreichte ihr den Ring. - -Die Frau von Waldheim nahm den Ring -- erblickte die drey Buchstaben -- -that einen lauten Schrey -- und wäre umgesunken, wenn Rosalie sie nicht -gehalten hätte. - -»Gott im Himmel, was ist das? rief sie, als sie sich von dem Schrecken ein -wenig erholt hatte. Das ist der Ehering meines seligen Gemahls. Sehen Sie, -der Ring hier an meinem Finger, den mein Gemahl mir als Bräutigam gab und -den ich noch immer zu seinem Andenken trage, ist genau auf die nämliche Art -gearbeitet, nur etwas kleiner. O reden Sie, reden Sie doch, wie kamen Sie -zu dem Ringe? Wer sind Sie? Wer sind Ihre Aeltern?« - -Der Jüngling ward noch bleicher und zitterte an allen Gliedern. »Mein -Vater, sprach er, ward im Kriege erschossen. Meine Mutter war eine schöne -Frau, trug ein schwarzes Kleid, und weinte immer sehr viel. Ich hatte noch -ein kleines Schwesterchen, die Emilie hieß. Die Mutter fuhr mit uns zwey -Kindern über den Rhein. Das Schiff ging unter. Ich ward, als ein Kind von -etwa vier Jahren, aus dem Wasser gezogen. Von Mutter und Schwester hörte -ich seit dieser Zeit nichts mehr. Den Ring fand man, nebst einigen andern -Kleinigkeiten, in einem Päckchen, das Kleidungsstücke von mir enthielt und -also für mein Eigenthum erklärt wurde. Sonst weiß ich von meinen Aeltern -und meinem Vaterlande nichts zu sagen. Mein Name ist Karl.« -- -- - -»O Karl, rief jetzt Frau von Waldheim aus und fiel dem Jünglinge um den -Hals, du bist mein Sohn! Wahrhaftig; du bist es! Du bist das Ebenbild -deines Vaters!« -- -- »O Gott, o Gott! wie wunderbar bist Du in deinen -Fügungen!« rief sie dann wieder, indem sie mit aufgehobenen Armen weinend -zum Himmel blickte. Und dann umfaßte sie wieder ihren Sohn und benetzte -sein Angesicht mit Thränen. Der Jüngling war so außer sich, daß er keine -anderen Worte hervorbringen konnte, als: »Mutter! Mutter! Gott! Gott! O du -guter Gott!« - -Emilie stand an Christinen gelehnt -- und zitterte und weinte. »Emilie! -rief endlich die Mutter, Emilie, o sieh da deinen Bruder! Karl, Karl, sieh -da deine Schwester! O grüßt euch doch auch!« - -Karl schloß seine Schwester weinend in seine Arme, und rief: »O meine -liebe, liebe Schwester! O Gott, welche Freude machst du mir -- so -unerwartet Mutter und Schwester zu finden!« Und auch Emilie konnte vor -Weinen kein Wort vorbringen, als: »Lieber, lieber Bruder!« - -Alle Drey aber waren so selig und hatten sich so viel zu fragen und zu -sagen, daß sie die ganze Welt um sich her vergaßen. Die Sonne war -untergegangen und es wurde bereits dunkel, ohne, daß sie es merkten. -Rosalie erinnerte sie endlich, es sey Zeit, sich nach Hause zu begeben. -Frau von Waldheim ging nun, an jedem Arm eines ihren Kinder, auf das Schloß -zu, und Rosalie und Christine folgten ihnen. - - - - -Sechstes Kapitel. -Karls Jugendgeschichte. - - -Die Frau von Waldheim veranstaltete nun in dem Schlosse eine kleine -Freudenmahlzeit. Emilie deckte den Tisch mit dem feinsten blendend weißen -Tafeltuche und zwei helle Wachskerzen auf silbernen Leuchtern spiegelten -sich in dem glänzend reinen Tischgeräthe. Karl mußte zwischen seiner Mutter -und Schwester Platz nehmen, und Rosalie und Christine mußten auch -mitspeisen. »Denn, sprach die Frau von Waldheim, ohne Euch und Euer -Lämmchen hätte ich ja meinen lieben Sohn Karl nicht gefunden!« Karl, der -von der Reise hungrig geworden, ließ sich das Abendessen sehr wohl -schmecken. Seine Mutter und Schwester aber konnten vor Freude fast nicht -essen, und sahen ihn nur immer an. Sie fragten ihn bald dieses, bald jenes. -Allein erst nach Tische bathen sie ihn, seine Geschichte im Zusammenhange -zu erzählen, was er denn auch sehr gerne that. - -»Mein Kindheit und meine Jugendjahre, sprach er, brachte ich, von dem -Abende an, da ich aus dem Flusse gezogen wurde, beständig bey einem sehr -ehrwürdigen Pfarrer, Namens Engelhard, jenseits des Rheins zu. Ich würde -von den Schicksalen meiner ersten Kindheit und von meinen lieben Aeltern -wohl kaum mehr etwas wissen, wenn er das Wenige, was ich damals -- in einem -Alter von vier Jahren ihm sagen konnte -- mir nicht öfters wiederholt -hätte. Selbst unsers Schiffbruches erinnere ich mich jetzt nur mehr dunkel. -Allein der gute Pfarrer, der nicht weit von jener Unglücksstätte wohnt und -sich nach allem, was mich betraf, genau erkundigt hatte, beschrieb mir -jenen fürchterlichen Abend und die darauf folgende Schreckensnacht sehr -oft. Der Krieg hatte mit allem, was er Schreckliches haben kann, sich -gleich einem verheerenden Gewitter, ganz in jene Gegend gezogen. Zwey -Dörfer standen im Brande, und die hoch auflodernden Feuerflammen erhellten -mit ihrem rothen Glanze weit umher die Gegend, rötheten die Wolken des -Himmels, und strahlten schauerlich aus dem Flusse wieder. Die geschlagene -Armee rettete sich über den Fluß. Die Sieger drangen ihr auf dem Fuße nach. -Man glaubte ein furchtbares Hochgewitter zu hören, so laut donnerten die -Kanonen, und man vernahm bereits das kleine Gewehrfeuer sehr deutlich. -Ganze Familien, Väter, Mütter und Kinder, hatten theils zu Fuß, theils zu -Wagen sich hieher geflüchtet, und wußten nun nicht mehr weiter. Das -Gedränge und die Verwirrung war unbeschreiblich. Auch der gute Pfarrer -hatte das Haus voll Geflüchteter, und war unermüdet beschäftiget, sie zu -trösten und zu bewirthen -- da wurde auf einmal sehr stark an die Hausthüre -geklopft. Er öffnete sie -- und ein Soldat mit einem kleinen weinenden -Knäblein auf dem Arme stand vor der Thür. Dieses Knäblein war ich!« - -»Um Gottes willen, Herr Pfarrer, rief der edle Krieger, erbarmen Sie sich -dieses armen Kindes, und nehmen Sie es zu sich. Ich riß es dort aus dem -Fluß. Ich weiß es nirgends unterzubringen. Dieses nasse Päcklein hier -enthält die Kleider des Kindes und einiges andere. Nehmen Sie -- ich muß -augenblicklich weiter.« Der gutherzige Pfarrer nahm mich liebreich in seine -Arme -- und der Soldat stürzte fort, indem er noch rief: »Gott wird es -Ihnen vergelten! Leben Sie wohl!« - -Der würdige Geistliche brachte nun wohl so viel aus mir heraus, mein Vater, -ein Offizier, sey im Kriege umgekommen, und meine Mutter sey mit mir und -meinem kleinen Schwesterchen auf ihrer Fahrt über den Rhein verunglückt. Er -unterließ nicht, nachzuforschen, ob meine Mutter und Schwester dem -schauerlichen Tode des Ertrinkens nicht etwa noch entgangen seyen. Er begab -sich, so bald es möglich war, in die benachbarten Orte, und fragte überall -nach ihr. Er traf auch einige Menschen, die auf eben dem Schiffe gewesen, -und gerettet worden. Sie sprachen mit Achtung und Mitleid von der -tiefbetrübten Offizierswittwe; allein sie sagten einmüthig, sie sey mit -ihrem kleinen Kinde sicher ertrunken. Die Gewalt des Stromes habe blos -einige wenige Menschen, die sich auf dem untergegangenen Schiffe befunden -hatten, an das Ufer, von dem sie hergekommen, zurück geworfen; Es sey gar -nicht wahrscheinlich, daß irgend eine Seele das andere Ufer erreicht habe. -Der edle Pfarrer hielt es indeß doch für möglich. Allein er konnte sobald -keine Erkundigungen einziehen. Die Verbindung zwischen den beyden -Rheinufern war des Krieges wegen lange Zeit aufgehoben. Und nachher, als -man wieder Nachrichten von dem andern Ufer des Flusses erhalten konnte, -stimmten alle darin überein, nirgends habe man eine solche Frau gesehen, -wie die beschriebene Offizierswittwe, und sie sey also ganz gewiß todt. - -Der menschenfreundliche Pfarrer behielt mich nun bey sich, um mich zu -erziehen. Er war ein sehr liebvoller, schon etwas betagter Mann, und ein -wahrer Kinderfreund. Die Tage meiner Kindheit hätten wohl nicht glücklicher -seyn können. Er war immer heiter und freundlich, und wußte mich mit einem -Wink zu leiten. Denn sein ganzes Betragen war, bey aller Freundlichkeit, -immer so ernst und würdig, daß ich eine große Ehrfurcht gegen ihn fühlte, -und um alles in der Welt es nicht gewagt hätte, mich gegen ihn im -geringsten widerspenstig zu zeigen. - -Seine erste Angelegenheit war es, mich in der Religion zu unterrichten; was -er sagte, war alles so klar und herzlich, daß ich Gott und meinen Erlöser -von Herzen lieb gewann. Er lehrte mich lesen und schreiben, und da er -besondere Fähigkeiten an mir zu entdecken glaubte, so gab er mir Unterricht -in der lateinischen Sprache. Er las mit mir lateinische Bücher, und wußte -immer die schönsten Stellen auszuwählen, die meinem Alter angemessen waren. -Was ich gelesen hatte, mußte ich dann schriftlich ins Deutsche übertragen. -Ich bekam so mehrere Bücher, von meiner Hand rein und deutlich geschrieben, -zusammen, die er alle sehr schön binden ließ. Ich hatte dabey ungemeine -Freude, und erwarb mir eine Fertigkeit, jedes lateinische Buch zu -verstehen, wenn nur sonst der Inhalt meine Fassungskraft nicht überstieg. -In der Folge gab er mir auch Unterricht im Griechischen. - -Sein kleines freundliches Pfarrhaus war von einem schönen Gemüsgarten und -einem großen Baumgarten umgeben. Wenn wir nun eine Stunde gelesen hatten, -arbeiteten wir allemal eine Zeit im Garten. Denn er baute ihn selbst und -ich mußte ihm dabey helfen. Diese Arbeit war Erholung vom Studieren. Im -Winter oder an Regentagen brachte er seine Nebenstunden mit Zeichnen zu, -worin er es sehr weit gebracht hatte. Er verstand seine Zeichnungen mit -Tuschfarben so schön und lieblich auszumahlen, daß Kenner sie den -vollendetsten Kunstwerken der Art an die Seite setzten. Auch ich hatte -große Lust am Zeichnen und Mahlen. Er gestattete es mir aber allemal nur -als eine Belohnung meines besondern Fleißes im Studieren, und unter seiner -vortrefflichen Anleitung machte ich auch in dieser Kunst gute Fortschritte. -So verfloß mir jeder Tag unter nützlichen und angenehmen Beschäftigungen; -ich war immer so fröhlich und vergnügt, als je ein Kind in dem väterlichen -Hause es sein kann. - -Der gute Pfarrer hatte indeß auch Manches zu leiden. Er mußte die Trübsalen -des Krieges hart empfinden. Einquartierungen und Lieferungen kosteten ihm -sehr viel, und zwey bis dreymal ward sein Pfarrhaus ganz ausgeplündert. Er -würde dieses wenig geachtet haben, wenn es ihm nicht um mich gewesen wäre. -Er hatte mich öfters versichert, er werde mich studieren lassen. Obwohl die -Erträgnisse seiner Pfarrey nicht sehr bedeutend waren, so hatte er bey -seiner mäßigen Lebensart doch so viel zurück gelegt, daß er die Kosten des -Studierens hätte bestreiten können. Allein nun war es ihm unmöglich; er -selbst war durch den Krieg in dürftige Umstände gerathen. - -Er hatte indessen in Wien einen Jugendfreund, der in großem Ansehen stand, -und unter dem Adel und den Gelehrten viele Freunde hatte. An diesen schrieb -er, ob er einem armen Jünglinge, der eine entschiedene Anlage und Neigung -zum Studieren habe, nicht Gelegenheit dazu verschaffen könnte? Es kam -sogleich die erfreuliche Antwort, er wolle mich mit offnen Armen in sein -Haus aufnehmen, und dann weiter für mich sorgen. Ich möchte mich aber, -schrieb er, sogleich auf die Reise machen, indem ich eine vorläufige -Prüfung zu bestehen hätte, um unter die Zahl der Studierenden aufgenommen -zu werden. - -Ein Kaufmann, der meinen Pflegvater öfter besuchte, hatte eben eine Reise -in die hießige Gegend vor, und erboth sich, mich unentgeldlich mit zu -nehmen. Da ich auf diese Art beynahe die Hälfte des Weges in einem bequemen -Reisewagen zurücklegen konnte, so wurde dieses Anerbiethen mit Freude -angenommen. - -Der Morgen, an dem ich von meinem guten Pflegevater Abschied nahm, wird mir -ewig unvergeßlich seyn. Der gute Mann mit seinem frommen blassen Gesichte -und seinen ehrwürdigen grauen Haaren, schloß mich in seine Arme und -benetzte mein Angesicht mit Thränen. »Liebster Karl, sprach er, der -Augenblick ist jetzt da, wo du hinaus mußt in die Welt. In unserm stillen -abgelegenen Dorfe und in meinem Hause hier hast du, wills Gott, nichts als -Gutes gesehen und gehört. In der großen Stadt, in die du jetzt kommst, wird -es anders seyn. Du kommst zwar in das Haus eines guten Mannes und wirst -auch in der Stadt viele gute Menschen kennen lernen; allein du wirst auch -der bösen Beyspiele genug sehen und mancherley Böses hören. O Karl, vergiß -meiner guten Ermahnungen nicht -- laß dich nicht verführen -- bleibe ein -edler Jüngling.« - -»Vor allem bleibe dir unsre heilige Religion stets theuer. Sie ist der -kostbarste Schatz, den wir hier auf Erden haben, und ein wahres Himmelbrod -für unsern unsterblichen Geist. Wohne nicht nur dem öffentlichen -Gottesdienste andächtig und ehrerbietig bey, sondern weihe auch deine -stille Kammer zum Tempel der Andacht. Vergiß es nie, daß Gottes Auge dich -überall sieht, und thue alles wie vor seinem Angesichte. Ihm klage deine -Noth und vertrau auf Ihn. Verlaß Ihn nicht, und Er wird dich ewig nicht -verlassen.« - -»Du wirst mancherley leichtsinnige Reden über Religion hören. Solche Reden -verabscheue. Wer die Lehren der christlichen Religion befolgt, der erfährt -es an seinem Herzen, daß sie von Gott sey. An diesem Prüfsteine, den ihr -Stifter selbst angab, bewährt sie sich als lauteres Gold. Das hat sich mir -durch eine Erfahrung von fast siebenzig Jahren bestätiget. Das ist ihr -schönster Triumpf über alle Zweifel ihrer Freunde, die noch nicht ganz zur -hellen Erkenntniß gekommen sind, und über alle Einwendungen ihrer -verblendeten Feinde.« - -»Thu nie etwas Böses und handle nie gegen die Stimme deines Gewissens. -Geselle dich nicht zu solchen Menschen, die über Unschuld und -Schamhaftigkeit spotten und aus dem Laster einen Scherz machen; fliehe sie -als wären sie vom gelben Fieber angesteckt. Eine solche leichtfertige -Denkart verleitete schon manchen schönen blühenden Jüngling, die kurze Lust -der Sünde zu genießen, machte ihn zum lebendigen Gerippe und stürzte ihn in -ein frühes Grab. Bewahre dein Herz rein und unbefleckt, und du wirst die -schöne Farbe deiner Wangen, das Feuer deiner Augen, die Ruhe deines -Gewissens und die Heiterkeit des Geistes bewahren, und mein erster Blick, -wenn ich dich, je wiedersehe, wird mir sagen, ob du noch gut und -unverdorben seyest.« - -»Sey unermüdet in den Arbeiten deines Berufes. Der Beruf eines Studierenden -ist ein schöner, edler Beruf. Es sey nun, daß du Rechtsgelehrter, Arzt oder -Gottesgelehrter werden wollest -- allemal wird das zeitliche oder ewige -Wohl deiner Mitmenschen dir anvertraut werden. Es wäre ja wohl schrecklich, -wenn du es dir nicht Ernst seyn ließest, deiner Wissenschaft Meister zu -werden, und wenn du einst, anstatt zum Glücke der Menschen beyzutragen, aus -Unfähigkeit und Unwissenheit nur Unheil stiften würdest. Die Studierjahre -sind die Zeit der Saat; benütze diese köstliche Zeit, ehe sie entflieht -- -sonst ist an keine erfreuliche Aernte zu gedenken. Du hast es in unserm -Dorfe gesehen, wie die Landleute sich plagen müssen, wie sie vor Tag -aufstehen, Frost und Hitze dulden, und alle Kräfte aufbiethen -- nicht nur -um sich zu ernähren, sondern um auch die Abgaben zu bestreiten, die zur -Unterhaltung der gelehrten Stände nöthig sind. Arbeite also auch unermüdet, -um für sie, die so vieles für uns thun, dereinst auch etwas thun zu können, -und ihnen nicht zur unnützen Last, sondern zum Segen zu werden.« - -»Erlaube dir aber auch zu rechter Zeit eine unschuldige Erholung. Nur laß -den sinnlichen Vergnügungen keine Herrschaft über dein Herz. Wer sich von -der Sinnlichkeit -- von Spiel, Trunk, Tanz und dergleichen -- hinreißen -läßt, der ist, wenn er auch eben nichts offenbar Böses thut, dennoch ein -Sklave seiner Lust -- und also ein schlechter Mensch. Der ungeordnete Hang -zu sinnlichen Vergnügungen zerstört in unserm Herzen das Gefühl für alles -wahrhaft Große, Schöne und Gute, und macht uns unfähig, edlere Vergnügungen -zu genießen.« - -»O mein liebster Sohn! Vielleicht ist es das letzte Mal, daß du mein -Angesicht siehest. Ich bin bald siebenzig Jahre alt und nicht mehr fern vom -Grabe. Erfahrung, Welt- und Menschen-Kenntniß wirst du mir nicht absprechen -wollen. Und dann -- was für einen Gewinn könnte ich davon haben, dir eine -Unwahrheit zu sagen? Glaube mir also -- und bleibe gut. Denn sieh -- wenn -du gut bist, so bist du _dir_ gut, und du wirst den Segen davon haben. -Könntest du aber je böse werden, so wärest du _dir_ böse, und _dein_ wäre -der Schaden, und _dich_ träfe das Verderben. Liebster Karl -- bleibe, -bleibe gut!« - -Der gute, liebvolle Greis nahm nun die letzten zwey Goldstücke, die er noch -hatte, aus seinem Pulte hervor. Ach er hatte schon all seine Baarschaft -darauf verwendet, mich wohlanständig zu kleiden, und mich mit dem nöthigen -Reisegeld zu versehen. Er gab mir diese Goldstücke, die Sie hier sehen und -sagte: »Nimm dieses Wenige noch, liebster Sohn, als einen Nothpfenning -- -und dann hier noch etwas, das mehr werth ist, als alles Gold -- das neue -Testament! Mehr kann ich dir jetzt, nicht geben. Allein lebe nur so, wie -dieses göttliche Buch es uns lehrt, bleibe gottesfürchtig, edel und gut -- -dann bist du reich genug.« - -Hierauf segnete er mich noch mit zitternden Händen und weinenden Augen, -schloß mich noch einmal in seine Arme, sagte mir Lebewohl -- und ich ging -schluchzend und tief gerührt zur Thüre hinaus. - -Karl weinte, indem er dieses sagte, aufs neue; auch seiner Mutter und -Schwester und den Uebrigen flossen die hellen Zähren über die Wangen. -»Dieser Pfarrer, sprach die Mutter, ist wahrhaftig ein sehr -- sehr edler -Mann. Es ist etwas Großes, sich eines fremden armen Kindes so herzlich und -thätig anzunehmen, so viele Jahre hindurch so viele Zeit, Mühe und Kosten -aufzuwenden, und so zu sagen noch den letzten Heller hinzugeben, um es zu -einem guten und glücklichen Menschen zu erziehen. Doch -- nur die -christliche Religion kann das menschliche Herz so uneigennützig und -wohlwollend machen, alle Menschen auf Erden wie seine nächsten -Blutsverwandten mit Liebe zu umfassen.« - - - - -Siebentes Kapitel. -Wie Karl hiehergekommen. - - -Karl schwieg eine Weile und trocknete seine Thränen; dann erzählte er -weiter. »Der Kaufmann, der mir den leeren Platz in seinem Reisewagen -eingeräumt hatte, ist ein sehr rechtschaffner Mann und ein recht fröhlicher -Gesellschafter. Er wußte immer etwas zu sagen, und that alles, mich den -traurigen Abschied vergessen zu machen. Bald erzählte er ein artiges -Geschichtchen, bald gab er mir Räthsel auf, bald sang oder pfiff er ein -munteres Liedchen. Jedes Dorf wußte er mit Namen zu nennen, und in den -Städten zeigte er mir die Merkwürdigkeiten, wenn es darin deren einige gab. -Etwa drey Meilen von hier mußte ich mich aber von ihm trennen; denn er -mußte einen andern Weg einschlagen. Er wünschte mir nun Glück und Gottes -Segen zu meinem Vorhaben, ermahnte mich zum Fleiße und zum Vertrauen auf -Gott, sorgte noch dafür, daß mein kleines Koffer, das er aufgepackt hatte, -durch einen Fuhrmann an Ort und Stelle gebracht werde, schenkte mir ein -Goldstück, drückte mir zum Abschied kräftig die Hand und fuhr in seiner -Kutsche weiter. - -Auch dieser Abschied war mir sehr schwer gefallen. Ich war ja nun von allen -bekannten Menschen getrennt! Ich setzte indeß meine Reise zu Fuße fort. -Gegen Abend wanderte ich durch den Wald, der dieses Schloß umgiebt. Ich war -von der Hitze des Tages und dem weiten Gehen, das ich nicht gewohnt bin, -sehr ermüdet. Ich setzte mich daher, um ein wenig auszuruhen, auf einen -Rasensitz, den ich unter einem Buchbaum erblickte. Das alte Schloß, das von -der Abendsonne vergoldet aus dem waldichten Berge hervorragte, gewährte -hier einen unvergleichlich schönen mahlerischen Anblick. Ich nahm ein Blatt -Papier aus meiner Brieftasche hervor, und fing an das Schloß abzuzeichnen. - -Allein ich mußte die angefangene Zeichnung bald wieder weglegen. Der -Untergang der Sonne -- die Stille des einsamen Waldes -- und die -herannahende Nacht erregten sehr wehmüthige Empfindungen in mir! Ein Gefühl -von Verlassenheit wandelte mich an. »Ach, dachte ich, die Nacht bricht -herein, und ich weiß noch nicht einmal, wo ich übernachten soll! Auf viele -Meilen weit rings umher kenne ich keine Seele und komme nun zu lauter -fremden Menschen. Mein liebevoller Pflegvater, von dem ich nun schon einige -Tagreisen weit entfernt bin, ist bereits sehr alt und vielleicht sehe ich -sein ehrwürdiges Angesicht in meinem Leben nicht mehr! Und meine guten -Aeltern habe ich kaum gekannt! Ich kann mir meinen Vater nur mehr als -Leiche und meine Mutter in schwarzen Trauerkleidern und mit roth geweinten -Augen denken.« - -Bey diesem Gedanken drangen auch mir die Thränen in die Augen. Ich zog den -goldenen Ring heraus, den mir der gute Pfarrer gegeben hatte. »Mein Gott, -seufzte ich, dieser Ring rührt noch von meinen Aeltern her, und er ist das -einzige Erbtheil, das ich armer Waise von ihnen habe! Die drey kleinen -Buchstaben sind die Anfangsbuchstaben, von dem theuren Namen meines Vaters -oder meiner Mutter, und ich weiß nicht einmal, wie diese Namen heißen! -Diesen Ring trug entweder mein Vater, dessen Hand längst im Grabe modert, -oder meine Mutter, die vielleicht doch noch am Leben ist! Ja vielleicht -lebte sie einst -- vielleicht lebt sie noch in eben diesen Gegenden, die -ich jetzt durchwandere.« - -Mein Herz wurde von diesen Gedanken mächtig ergriffen! Ein Gefühl voll der -schmerzlichsten Wehmuth und der seligsten Hoffnung bemächtigte sich meiner! -Ich fiel auf die Knie nieder, ich rang die Hände, ich flehte mit Inbrunst -zum Himmel: »O lieber Gott! Du allein weißt es, ob meine Mutter noch lebe! -Du allein kannst, wenn sie noch lebt, mich sie wieder finden lassen! Ach -vielleicht ließest Du diesen Ring nicht ohne weise Absicht in meine Hände -kommen. Die Buchstaben darauf könnten mich unter deiner Leitung leicht zur -Entdeckung meiner Mutter führen. O die liebe gute Mutter! Sie beweint -- -wenn sie noch am Leben ist -- mich als todt; sie glaubt, ich sey als ein -zartes Knäblein in den Fluthen des Rheines ertrunken; o welche Freude würde -sie haben, mich jetzt als einen Jüngling in ihre Arme zu schließen! Welche -Seligkeit wäre es für mich, ihr freundliches mütterliches Angesicht zu -erblicken, ihr zu danken für das, was sie an mir gethan, als ich ihre Liebe -noch nicht zu schätzen wußte und ihr noch nicht dafür danken konnte. Wie -unbeschreiblich glücklich würde ich mich schätzen, ihr meinen Dank jetzt zu -bezeigen, und die Stütze ihres herannahenden Alters zu werden! O du guter -Gott, du Vater der Wittwen und Waisen -- wenn -- wenn sie je noch lebt -- o -so führe -- führe Du mich in ihre Arme! Höre mein kindliches Flehen, und -laß mich sie wieder finden!« - -Als ich so gebethet hatte, und mit meinen Augen voll Thränen durch die -Aeste der Buche noch immer zum blauen Himmel aufblickte, hörte ich in dem -nahen Gesträuch ein leises Knistern. Ich sah hin, erblickte das Lamm -- und -die goldenen Buchstaben auf dem purpurrothen Halsbande strahlten mir im -Glanze der untergehenden Sonne hellschimmernd ins Auge. Eine wunderbare, -unbeschreibliche Empfindung -- ein schauerliches Entzücken bemächtigte sich -meiner. Es war mir, als umleuchtete mich ein Licht vom Himmel, als hätte -ein Lichtstrahl von oben die Buchstaben erhellt; sie schienen mir wie -verklärt. Ich glaubte die Nähe Gottes zu fühlen, und es dünkte mich, die -Blätter aller Bäume rings umher zitterten aus Ehrfurcht vor Ihm. Mir war -es, als spreche etwas in meinem Innersten: »Dein Gebeth ist erhört!« Und so -war es auch. Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Gleich einem Engel des -Himmels kam in ihrem weißen Kleide und im Schimmer der Abendsonne meine -Schwester auf mich zu, und nannte mir das erstemal den theuren Namen meiner -Mutter. So, beste Mutter, hat Gott mich in Ihre Arme, und in deine Arme, -liebste Schwester, wunderbar zurück geführt!« - -»Ja, so ist es, meine liebsten Kinder, sagte die Mutter, indem sie ihre -beyden Kinder in die Arme schloß. Er hat uns alle drey wieder zusammen -gebracht. Er hat dich, liebster Karl, als einen zarten Knaben mir genommen -und dich einem edlen Manne anvertraut, der dir aus der reinsten -Menschenliebe eine Erziehung gab, die ich als Frau und als eine verlassene -Wittwe dir unmöglich so gut geben konnte, und die dir keine Fürstin für -Gold hätte besser verschaffen können. Er hat dich als einen blühenden -Jüngling mir wieder zurück gegeben -- und mir die Thränen des Schmerzens, -die ich über deinen Verlust weinte, in Freudenthränen verwandelt. Er hat -alles wohl gemacht und alle seine Wege sind die lautere Weisheit und Liebe. -O liebsten Kinder! laßt uns Ihm danken und seine heilige Vorsehung in -Demuth und mit tiefer Ehrfurcht anbethen!« Alle drey schwiegen mit tief -gerührtem Herzen lange still, und nur ihr Herz sprach mit Gott. Auch -Rosalie und Christine saßen mit gefalteten Händen, mit thränenvollen Augen, -und mit einem Herzen voll Rührung und Andacht stillschweigend da und -athmeten kaum. - -»Welche Freude, sagte Karl nach einiger Zeit, wird der edle Greis, mein -zweyter Vater, empfinden, wenn er diese wunderbare Fügung vernimmt! Diese -Nacht noch muß ich ihm diese Freudennachricht schreiben.« Es war bereits -Mitternacht, bis Karl auf sein Zimmer kam. Allein es wäre ihm unmöglich -gewesen, zu Bette zu gehen. Er setzte sich an den Schreibtisch, der in dem -Zimmer stand, und schrieb an seinen theuren Pflegvater, den ehrwürdigen -Pfarrer, so ausführlich, so begeistert, daß er noch bey der brennenden -Wachskerze saß und schrieb, als die goldene Morgenröthe bereits zum Fenster -herein strahlte und das Kerzenlicht überflüssig machte. - - - - -Achtes Kapitel. -Karls Pflegevater. - - -Karl lebte auf seinem väterlichen Schlosse so vergnügt, als wäre er in den -Himmel versetzt. Je mehr er seine Mutter kennen lernte, desto mehr mußte er -die vortreffliche Frau verehren. Eben so mußte er seine Schwester, die -unermüdet fleißig, und dabey immer fröhlich und freundlich war, mit jedem -Tage mehr schätzen. Seine Ankunft in Waldheim hatte indeß noch eine andere -glückliche Folge für ihn. Das Schloß, das vorhin das Eigenthum seiner Väter -gewesen, war gegenwärtig nur mehr der Wittwensitz seiner Mutter; allein -jetzt konnte er dieses Schloß wieder als sein väterliches Erbtheil zurück -fordern, und die Bewohner unten in dem Dorfe und einigen benachbarten -Weilern als seine künftigen Unterthanen ansehen. Seine Mutter führte ihn -daher voll Freude überall im Schlosse herum, zeigte ihm die Umgebungen des -Schlosses nebst den Gütern, die dazu gehörten, und redete mit ihm sehr -vieles über seine künftige schöne Bestimmung, zum Glücke der Bewohner -dieses kleinen Thales so vieles beytragen zu können. - -Unter solchen Gesprächen saßen Frau von Waldheim, Karl und Emilie einmal am -Nachmittage auf der eichenen Bank, die, nebst einem ähnlichen ländlichen -Tische, auf einem schönen, mit Kies beschütteten Platze vor dem äußern -Thore des Schloßhofes stand, und von zwey dichten Kastanienbäumen -beschattet war. Da sahen sie einen ehrwürdigen Greis mit schneeweißen -Haaren und schwarzer Kleidung auf sich zukommen, der einen ziemlich langen -Reisestab in der Hand führte und einen dreyfach aufgeschlagenen Hut unter -dem Arme hielt. »Gott im Himmel! mein Pflegevater! rief Karl, indem er -aufsprang und mit weit offenen Armen auf ihn zu eilte. Ists möglich, Sie -sind es, liebster, bester Herr Pfarrer! Wie kommen Sie hieher?« - -»Lieber Karl! theurer Pflegesohn! sprach der Pfarrer; sobald ich deinen -Brief erhalten hatte, war ich sogleich entschlossen, ungeachtet meines -hohen Alters die weite Reise hieher noch zu machen. Ich hielt aus wichtigen -Gründen meine Gegenwart dahier für nützlich, ja für nothwendig. Auch war es -mein lebhaftester Wunsch, die Mutter und Schwester meines lieben -Pflegesohnes kennen zu lernen, und die Freude, die Gott allen Dreyen -beschert hat, nicht nur in weiter Ferne, sondern an Ort und Stelle zu -theilen.« Karl fiel ihm um den Hals, und die Mutter und Emilie konnten -nicht Worte genug finden, dem edlen Manne ihre Dankbarkeit auszudrücken. - -Der ehrwürdige Greis, den das Ersteigen des Berges ermüdet hatte, setzte -sich nun zu ihnen auf die Bank. Frau von Waldheim both ihm Erfrischungen -an. Allein dem edlen Greise war es jetzt gar nicht um Speis und Trank. Er -fing sogleich an mit eben so viel Einsicht als Rührung von den wunderbaren -Wegen der göttlichen Vorsehung zu reden; er sagte hierauf, was nun zu thun -sey, damit der Landesfürst Karln als einen jungen Herrn von Waldheim -anerkenne; auch sprach er noch sehr ausführlich davon, was Karl noch alles -zu lernen habe, um ein weiser und guter Vater seiner künftigen Unterthanen -zu werden. - -Indessen kamen Rosalie und ihre Tochter, wie gewöhnlich, auf Besuch. Frau -von Waldheim stellte beyde dem ehrwürdigen Pfarrer vor. »Sehen Sie, mein -lieber Herr Pfarrer, sagte sie, dieses da ist das gute Kind, das uns mit -dem Lamme ein so segenreiches Geschenk gemacht hat, und hier ist ihre -Mutter, die das Halsband mit den drey entscheidenden Buchstaben geziert -hat.« Der edle Pfarrer freute sich sehr, die gute Rosalie und ihre Tochter -kennen zu lernen, und grüßte beyde auf das freundlichste. - -Frau von Waldheim trug nun Rosalien auf, den Thee, nebst Brod und Butter, -Wein und Obst unter die Kastanienbäume herab zu bringen. Emilie und -Christine aber schlichen sich fort, zierten das Lämmchen, das immer rein -und weiß war wie Schnee, mit Kränzen von frischem grünen Laub und jungen, -halbgeöffneten Rosen, legten ihm das goldgestickte Halsband an, und führten -es dem Herrn Pfarrer vor. Der freundliche Greis betrachtete es mit -Wohlgefallen, streichelte es und sagte zu Frau von Waldheim und zu Emilien: -»Sie haben mich mit den zwey werthen Personen, durch die Ihnen Gott ein so -großes Glück bereitete, bekannt gemacht, und sogar das Lamm nicht -vergessen, das, ohne es zu wissen, zu diesem Glücke so vieles beygetragen -hat. Nun muß ich Sie aber auch noch den Mann kennen lehren, der nach Gott -die vorzüglichste Ursache dieser erfreulichen Ereignisse war, und der das -Größte that, was Menschen thun konnten, Ihrer aller Glück zu gründen. Ich -meyne jenen edelmüthigen Soldaten, der sich mit Gefahr seines eigenen -Lebens muthig in den Rhein stürzte, und unsern lieben Karl hier, als ein -zartes unmündiges Knäblein, aus den reißenden Fluthen glücklich -herausholte.« - -»Der gute Mann hatte, seit dem er jene edle That vollbrachte, sehr vieles -auszustehen. Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Wesentliche davon kurz -erzähle. Er machte mehrere Feldzüge mit, hatte unsägliche Mühseligkeiten zu -erdulden und wurde endlich schwer verwundet. Er und eine Menge anderer -Verwundeter wurden auf Wagen geladen und weiter geführt. Nun traf sichs, -daß der lange Zug von Wagen an dem Hause eines Wollfärbers vorbeykam, der -außen vor dem Thore eines kleinen Städtchens nahe am Wasser wohnte. In -diesem Hause war der brave Krieger ehemals einige Wochen im Quartier -gelegen, und hatte dem Färber, dessen Wohnung dem Uebermuthe der Soldaten -am meisten ausgesetzt war, ganz ungemeine Dienste geleistet, und ihm -Vermögen und Leben gerettet. Der Färber schaute eben jetzt aus dem Fenster, -die Wagen vorüber ziehen zu sehen -- und erblickte unter den Verwundeten -seinen ehemaligen Beschützer, der sich auf dem Wagen mühsam aufrichtete und -sehnlich zu den Fenstern heraufsah. Augenblicklich eilte der Färber hinab, -grüßte ihn, und bath den Offizier, der den Zug begleitete, den armen -todtschwachen Mann ihm zu überlassen. Der Feldarzt ward gerufen und dieser -erklärte, der Mann werde ohnehin, wie schon hundert Andere, das -Militärspital nicht mehr erreichen und zuverläßig unterwegs sterben. Man -solle ihn also ohne weiters in das Haus des barmherzigen Mannes bringen, so -würde der arme Leidende wenigstens für seine letzten Augenblicke noch -einige Erleichterungen finden.« - -»Der Färber nahm nun seinen ehemaligen Hausfreund und Wohlthäter voll des -herzlichsten Mitleids in sein Haus auf. Die sorgfältigste Pflege und der -Fleiß des geschickten Wundarztes im Orte retteten ihm wider alle Erwartung -das Leben; nur blieb er noch lange Zeit so schwach, daß er nicht weiter -reisen, auch keine etwas schwere Arbeit verrichten konnte. Der Färber, der -ein reicher Mann war und ein sehr weitläuftiges Gewerbe hatte, behielt ihn -aber sehr gerne bey sich, und der dankbare Krieger, der eine sehr schöne -Handschrift hat, besorgte ihm seinen Briefwechsel und führte ihm sein -Handlungsbuch mit dem größten Fleiße und mit der pünktlichsten Genauigkeit. -Beyde gewannen einander immer lieber, und lebten zusammen in wahrhaft -brüderlicher Eintracht.« - -»Allein nun änderte sich auf einmal die Sache. Der brave Soldat war kaum -vollends hergestellt und wieder zu Kräften gekommen, so starb der ehrliche -Färber sehr unvermuthet hinweg. Der Tod hatte ihn zu schnell übereilt, -sonst würde er seinen Freund sicher in seinem Testamente bedacht haben. -Sein Vermögen fiel den Verwandten zu; die Färberey wurde verkauft; die -hartherzigen Erben ließen den guten Mann mit leeren Händen abziehen. Er -mußte sein Unterkommen weiter suchen. Er wollte jedoch zuvor zu seinem -Regimente reisen, und, weil sein linker Arm etwas gelähmt blieb, um seinen -Abschied bitten. Der Weg führte ihn nahe bey meinem Pfarrdorfe vorbey. Da -regte sich natürlich in seinem Herzen der Wunsch zu erfahren, was aus dem -Kinde geworden sey, das er einst aus dem Wasser gezogen hatte. Er besuchte -mich -- eben ein Paar Tage, nachdem Karl abgereist war. Ich hatte eine -große Freude, den edelmüthigen Krieger wieder zu sehen behielt ihn bey mir, -und sann nach, ob ich ihm nicht irgendwo ein angemessenes Plätzchen -verschaffen könnte. - -Da kam Karls Brief -- mit der unerwarteten Freudennachricht. Ich hielt es -für sehr zweckmäßig, den braven Mann mit hieher zu nehmen. Denn fürs Erste, -dachte ich, wird sein Zeugniß, daß er in jenem Jahre und an jenem Tage ein -Knäblein von etwa vier Jahren aus dem Rheine zog, und es nebst einem -Päcklein mit dessen Kleidern, in dem sich jener Ring fand, mir übergeben -habe, sehr dienlich seyn, zu erweisen, Karl sey wirklich der Sohn der -gnädigen Frau von Waldheim, von dem man glaubte, er sey ertrunken. Fürs -Zweyte hoffte ich, Karl werde gegen den Retter seines Lebens gewiß nicht -unerkenntlich seyn -- zumal der brave Mann treu wie Gold, im Schreiben und -Rechnen sehr gewandt, besonders aber ein treflicher Forstmann ist, und dem -künftigen Herrn von Waldheim in Verwaltung seiner Güter sehr nützliche -Dienste leisten kann.« - -»O, wo ist er denn? Wo ist er?« riefen Frau von Waldheim, Karl und Emilie -fast mit einer Stimme. - -Der Pfarrer wandte sich um, winkte einem ordentlich gekleideten Manne, der -bescheiden in einiger Entfernung stand, nahm ihn bey der Hand, stellte ihn -der gnädigen Frau vor, und sprach: »Hier ist er -- mein guter, ehrlicher, -vortrefflicher Johann West!« - -»Johann West! rief die arme Rosalie ganz außer sich. O Gott, er ist mein -Mann!« Sie flog in seine Arme; sie begrüßte ihn zitternd und bebend vor -Freudenschrecken. - -Alle erstaunten über diese neue Fügung der göttlichen Vorsehung. Der Mann -aber stand wie versteinert da. Es währte lange, bis er sich in dieses -unverhoffte Glück finden konnte und endlich in Freudenthränen ausbrach. Die -hocherfreute Rosalie rief nun ihrer Tochter zu: »O Christine, er ist dein -Vater! O grüße ihn doch auch!« Christine, die bisher mit gefalteten Händen -unbeweglich da gestanden, näherte sich ihm nun schüchtern, und er schloß -sie unter heißen Thränen in seine Vaterarme. Alle drey hatten eine Freude --- wie vor einigen Tagen Frau von Waldheim, Karl und Emilie sie gehabt -hatten. - -Nachdem sie sich von der ersten, ungestümen Freude erholt hatten, trat Karl -herbey und umarmte den Retter seines Lebens mit unaussprechlicher Rührung. -Die Frau von Waldheim und Emilie aber bothen ihm freundlich die Hand, und -überhäuften ihn mit Danksagungen und Lobeserhebungen. »Lieber West, sagte -Frau von Waldheim, Ihr, Eure Frau und Eure Tochter sollen von diesem -Augenblicke an in dieses Schloß aufgenommen seyn, und nie mehr von mir -getrennt werden; und wenn ich, wie ich hoffe, meine Güter wieder zurück -bekomme, so sollet Ihr eine solche Anstellung erhalten, mit der Ihr gewiß -zufrieden seyn werdet.« - - - - -Neuntes Kapitel. -Allgemeine Freude im Dorfe. - - -Die Frau von Waldheim hatte es nicht sogleich bekannt werden lassen, daß -der fremde Jüngling, der sich auf ihrem Schlosse befand, ihr Sohn sey; sie -wollte sich ihres Glückes einige Tage im Stillen ungestört freuen. Allein -der Kutscher, der den Pfarrer und dessen Reisegefährten hergeführt, und -seine Pferde unten im Wirthshause des Dorfes eingestellt hatte, plauderte -alles aus. Als er Abends die Kutsche wusch und die Pferde tränkte, kamen -mehrere Leute aus dem Dorfe, die eben Feyerabend gemacht hatten, herbey und -fragten, wem die Kutsche gehöre? Denn eine fremde Kutsche war etwas -Seltenes im Dorfe. Der Kutscher sagte: »Ich habe den Herrn Pfarrer hieher -gefahren, der euren jungen gnädigen Herrn erzogen hat.« »Ey was, riefen die -Leute, der junge Herr ist ja als ein Kind ertrunken!« »Nein, sprach der -Kutscher, er lebt, er ist droben auf dem Schlosse. Er wurde von dem Manne, -der bey dem Herrn Pfarrer in der Kutsche saß, aus dem Wasser gezogen; sonst -wäre er freylich ertrunken. Ich bin des Herrn Pfarrers sein Knecht, und -habe euren jungen Herrn, als er noch klein war, viel hundert Mal auf dem -alten Braunen, den ihr da stehen sehet, mit auf den Acker oder auf die -Wiese reiten lassen. Der Karl ist aber auch ein recht braver, lieber junger -Herr, und er hat auf mich, seinen alten Hanns, immer recht viel gehalten! -Ihr werdet Freude an ihm haben und er wird euch zum Segen seyn.« - -Die Nachricht, der Baron Karl, der droben auf dem Schlosse geboren und in -der Pfarrkirche zu Waldheim getauft war, den aber seine Aeltern einige -Monate nach seiner Geburt mit sich fort genommen, und den man schon so -lange für todt gehalten, sey wieder gefunden, verbreitete sich sogleich -durch das ganze Dorf. Alles im Dorfe, Jung und Alt, lief voll Freuden dem -Schlosse zu. Da die Leute aber die Herrschaft auf der Bank unter den -Kastanienbäumen erblickten, blieben sie in einiger Entfernung stehen. Es -sammelte sich ein dichtgedrängter Kreis von Vätern, Mütter und Kinder -- -ohne daß die Herrschaft und die übrige Gesellschaft in ihrer großen Freude -es sogleich in Acht nahmen. - -Die Frau von Waldheim bemerkte es zuerst, und fragte: »Was wollen denn die -vielen Leute?« Die Köchin, die eben zum zweyten Male heißes Wasser zum Thee -brachte, weil das erstere kalt geworden war, sagte: »Die Leute möchten gern -den jungen gnädigen Herrn sehen; sie haben es den Augenblick erst erfahren, -daß er da sey.« - -Der würdige Pfarrer sprach: »Das ist schön! Das gefällt mir von den Leuten! -Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich den wackern Leuten meinen Pflegesohn -als ihren künftigen Gutsherrn vorstelle, und ihnen einige Worte an das Herz -lege.« Der edle Greis nahm gerührt sein schwarzes Sammetkäppchen von seinem -ehrwürdigen schneeweißen Haupte, stand auf, trat etwas vorwärts, blickte -mit Thränen im Auge zum Himmel und fing dann ganz begeistert an zu reden: - -»Ihr Aeltern und Kinder, Ihr Väter und Mütter, Söhne und Töchter, tretet -näher, und sehet und höret, was Gott Eurer gnädigen Herrschaft und auch -Euch für eine große Freude bereitet hat!« - -»Gott, ohne dessen Wissen kein Sperling vom Dache fällt und der die Haare -unsers Hauptes gezählt hat, ist wunderbar in seinen Wegen und weiß alles -weislich zu fügen. Er, der Gott der Wittwen und Waisen, der Vater aller -Leidenden und Bedrängten, lebt noch, und nimmt sich ihrer stets, und oft so -wunderbar an, daß wir es deutlich mit Augen sehen und gleichsam mit Händen -greifen können. Nicht das geringste Gute läßt Er, der reiche Vergelter, -unbelohnt, und belohnt es oft schon hier auf Erden auf eine herrliche, -göttlichschöne Weise.« - -Der würdige Pfarrer erzählte nun die vorzüglichsten Begebenheiten der -Geschichte, die seinen Zuhörern noch unbekannt waren, und fuhr dann weiter -fort. - -»Seht, so herrlich belohnte Gott Eure edle gnädige Frau für ihre -menschenfreundliche Güte, mit der sie sich der armen, kranken Rosalie, die -sich für eine Wittwe hielt und ihren Mann als todt beweinte, angenommen -- -so schön vergalt Er ihr, dieser wahrhaft gnädigen Frau, die Barmherzigkeit, -die sie Rosaliens Tochter, der armen Christine, erwiesen hat! Gott gewährte -ihr die größte Freude, die ihr in ihrem eigenen Wittwenstande werden -konnte, und ließ sie ihren eigenen geliebten Sohn wieder finden!« - -»Reichlich segnete Gott Fräulein Emilien hier für ihr Mitleid gegen ein -armes Mädchen und für ihre freundliche Güte, die nichts von Stolz weiß. Sie -begegnete der armen Christine so freundlich und liebreich, als wäre -Christine ihre eigene Schwester -- und Gott machte dem guten Fräulein dafür -die unerwartete Freude, ihren eigenen lieben Bruder wieder zu finden.« - -»Herrlich belohnte Gott die arme Rosalie, daß sie die Leiden ihrer -Krankheit und ihrer Armuth so geduldig ertrug, ihre Tochter so gut erzog, -sie zur Redlichkeit, zur Dankbarkeit, zum Fleiße, zur Reinlichkeit und -jeder anderen Tugend anhielt. Diese gute Erziehung brachte der guten Mutter -jetzt schon die erfreulichsten Früchte und verwandelte ihre Leiden in -Freuden!« - -»Schön vergalt Gott der guten Christine ihr Mitleid gegen ein verlornes -Lamm, ihren Gehorsam gegen ihre Mutter, die Redlichkeit, mit der sie das -Lamm dem Eigenthümer zurück gab, die Dankbarkeit, mit der sie es dem -Fräulein hier zum Geschenke machte. Diese liebenswürdigen Eigenschaften -gewannen ihr die Zuneigung Eurer gnädigen Frau und Fräulein Emiliens, waren -die Veranlassung, daß sie ihren Vater wieder fand und werden sie auch -fernerhin glücklicher machen, als der reichste Brautschatz sie machen -könnte.« - -»Wie wunderbar führte Gott Euren jungen gnädigen Herrn in die Arme der -geliebten Mutter, die ihn längst für todt hielt, zurück, um ihn für seinen -Fleiß, seinen Gehorsam, sein gutes Betragen von der zartesten Kindheit an, -zu segnen, sein kindliches Gefühl gegen seine Mutter, die er nicht kannte, -zu belohnen, und sein herzliches, inniges Gebeth dort in dem Walde gnädig -zu erhören!« - -»Wie augenscheinlich belohnte Er die edle Handlung des wackern Kriegers -hier! Ach, der gute Mann sprang voll herzlichen Erbarmens in das Wasser, um -mit Gefahr seines eigenen Lebens dem Kinde einer trauernden Wittwe das -Leben zu retten. Dafür erbarmte sich Gott auch über desselben Weib und -Kind, rettete sie aus Noth und Mangel, erweckte edle Herzen, die sich ihrer -gütig annahmen, und ließ ihn Mutter und Kind, von denen er ungeachtet aller -seiner Nachforschungen nichts mehr erfragen konnte, wieder finden! Vater, -Mutter und Kind sehen nun nach vielen überstandenen Leiden ruhigern und -glücklichern Tagen entgegen.« - -»Und dieses alles führte Gott durch dieses Lamm hier aus, das als ein -liebliches Bild der Unschuld, weiß wie Lilien und mit jungen Rosen -geschmückt, in Eurer Mitte steht. Er, der liebe Gott, ließ es verloren -gehen; Er leitete Christinens Tritte, daß sie es fand; Er bewegte das Herz -des ehrlichen Landmanns, es ihr zu überlassen; Er gab Christinen und ihrer -Mutter in den Sinn, es Emilien zu schenken; Er führte das Lamm gleichsam an -der Hand dem reisenden Jünglinge zu, um ihn in die Arme der geliebten -Mutter zu führen. Er setzt ihn durch ein Lamm wieder in seine Güter ein, -und bereitet dadurch auch Euch ein großes Glück. Denn ich kann Euch -versichern, Karl ist ein edler, hoffnungsvoller Jüngling. Er fürchtet Gott -und liebt die Menschen. Er wird Euch und Euren Kindern ein guter milder -Herr seyn.« - -»Und sollte nun Gott, der den Lebenslauf eines Lammes so sicher leitet, den -Eurigen ausser Acht lassen können? O mit mehr Liebe und Mitleid, als -Christine das Lamm hier aufnahm, trägt Er euch alle am Herzen.« - -»Meine geliebten Freunde! Wie könnte ein Diener des Evangeliums ein Lamm -sehen, ohne daß ihm Derjenige zu Sinne käme, der gleich einem schuldlosen -Lamme zum Besten seiner lieben Menschen verblutete und der sich selbst -öfter einem guten Hirten verglich! Ja, Er, dessen Diener ich bin, dessen -Evangelium ich predige, ist der ewig treue, liebevolle Hirt unser Aller. Er -kennet alle seine Schafe, Er nennet sie mit Namen, Er ruft sie mit sanfter -Stimme, Er lenkt sie mit seinem milden Hirtenstabe, Er beschützt sie vor -Gefahren, Er weidet sie. Er sucht die verlornen auf; Er möchte jedes -gleichsam auf seinen Schultern in den Himmel tragen! Vertrauet Ihm daher -vom ganzen Herzen!« - -»Laßt uns aber auch seine Stimme hören und Ihm folgen, und Gutes thun, so -viel wir können. Denn seht, Gott bedient sich unsrer guten Handlungen, uns -und Anderen große Freude, Segen und Heil zu bereiten. Hätte zum Beyspiele -Eure gnädige Frau gegen die arme, kranke Rosalie sich nicht so wohlthätig -erzeigt; wäre Emilie gegen die arme Christine nicht so freundlich gewesen, -ja hätte sie ihr auch nur das kleine Halstuch nicht geschenkt; hätte -Christine etwa aus Eigennutz Emilien das Lamm nicht schenken mögen; oder -hätte Christinens Mutter nicht aus herzlicher Dankbarkeit das schöne -Halsbändchen gestickt; hätte Karl nicht eine so kindliche Liebe zu seiner -Mutter gehabt, sich nicht so nach ihr gesehnt, dort im Walde nicht so innig -gebethet: so wäre alles nicht so gegangen, und der heutige Tag wäre nicht -für uns alle ein so großer Freudentag geworden. So bringt alles, auch das -kleinste Gute, das wir thun, reichen Segen über uns und Andere. Edle -Handlungen sind Perlen, die Gottes heilige Vorsicht nicht verloren gehen -läßt, sondern sie gleichsam an eine Schnur reihet; gute Thaten sind goldene -Ringe, aus denen Gott eine goldene Kette herrlicher und erfreulicher -Begebenheiten zusammen fügt.« - -»Ihr aber, meine lieben Kinder, beschloß der Pfarrer seine Anrede, in dem -er sich zu den Kindern wandte, ihr Größern, die ihr mir so aufmerksam -zugehört habt, und ihr Kleinern, die ihr nur nach dem niedlichen weißen -Lämmchen hinblickt, das so schön mit Rosen geschmückt in eurer Mitte steht --- euch alle wolle Gott segnen -- und geben, daß ihr alle so unschuldig -bleibet, wie ein Lamm, und so sanft und geduldig, wie ein Lamm, wenn ihr, -wie manches arme Lämmchen, unter rauhe Hände fallen solltet. Er, der das -Leben für seine Schäflein gab, wolle euch in seinen Armen und an seinem -Herzen tragen; Er wolle euch in seinen mächtigen Schutz nehmen, wenn das -Verderben eurer Unschuld droht, wie ein grimmiger Wolf einem sanften, -schuldlosen Lamme. Ihr holden Kleinen seyd ja auch die Schäflein seiner -Heerde! Er wolle euch ewig nicht seinen Händen entreissen lassen.« - -So redete der Pfarrer; sein Angesicht war von den Strahlen der -untergehenden Sonne beleuchtet, und sein ehrwürdiges weißes Haar glänzte in -dem hellen Abendschimmer. Er stand da mit seinen zum Himmel gerichteten -Blicken voll Thränen wie verklärt -- und alle, die ihn hörten, hatten -Thränen in den Augen und neues Vertrauen auf den Gott, der alles wohl -macht, kam in ihr Herz, und erquickte es sanft, wie der Thau, der bereits -die Blumen im Thale erfrischte. Die guten Landleute gingen alle gerührt und -voll guter Vorsätze nach Hause. »Das ist schön gewesen! sagten sie auf dem -Heimwege zu einander, und eine solche allgemeine Freude ist wohl, seit das -Dorf steht, noch nicht erlebt worden.« - - - - -Zehntes Kapitel. -Ein Kinderfest. - - -Die Frau von Waldheim reisete nun mit Karl in die Residenz, stellte diesen -ihren wieder gefundenen Sohn dem Fürsten vor, und bath um die -Wiedereinsetzung in ihre Güter. Der ehrwürdige Pfarrer, und der wackere -West waren auch mitgekommen, um durch ihr vereintes Zeugniß zu beweisen, -Karl sey wirklich ein junger Herr von Waldheim. Der Fürst hörte sie sehr -gnädig an, fand die vorgebrachten Beweise vollkommen hinreichend und -befahl, die Güter unverzüglich ausfolgen zu lassen; verordnete jedoch, daß -die Frau von Waldheim, so lange bis Karl das gesetzliche Alter erreicht -haben würde, die Verwaltung der Güter übernehmen solle. - -Voll Freude kam Frau von Waldheim mit ihrer Reisegesellschaft zurück auf -ihr Schloß. Der würdige Pfarrer reisete nach einen Paar Tagen unter den -dankbaren Thränen der Frau von Waldheim, Karls und Emiliens ab, um sich -wieder zu seiner geliebten Pfarrgemeine zu begeben. Karl bezog, reichlich -ausgestattet und unter glänzendern Umständen als vorhin, die hohe Schule. -Den trefflichen West aber ernannte die gnädige, nunmehr wieder gebiethende -Frau, nachdem er seiner Kriegsdienste entlassen war, zu ihrem Rentmeister, -und übergab ihm, als einem sehr geschickten Forstmanne, zugleich die -Oberaufsicht über die Waldungen, die zu dem Gute gehörten und sehr -ansehnlich waren. - -Nachdem Karl seine Studien rühmlichst vollendet, dann zu seiner weiteren -Belehrung und Bildung eine große Reise gemacht, und nunmehr seine -Herrschaft übernommen hatte, saß er eines Abends mit seiner Mutter und mit -Emilien, die nun eine erwachsene schönblühende Jungfrau war, auf der -eichenen Bank nächst dem Schloßthore. Es wurden eben die Schafe -eingetrieben, deren Frau von Waldheim sehr viele angeschafft hatte. Auch -jenes Lamm hatte sich zu einer kleinen Heerde vermehrt, die aber von Emilie -als ihr besonderes Eigenthum betrachtet wurde. Karl und Emilie unterhielten -sich damit, die Schafe und Lämmer zu zählen. »Nun Kinder, fing die Frau von -Waldheim an, als die Heerde vorbey getrieben war, können wir den Gedanken -ausführen, mit dem ich Euch schon längst bekannt gemacht habe. Die Heerde -ist jetzt zahlreich genug. Morgen ist es abermals ein Jahr, daß Gott mir -und Euch, meine lieben Kinder, durch jenes Lamm eine so unbeschreibliche -Freude gemacht hat, an der alle Aeltern und Kinder unsrer kleinen -Gutsherrschaft den herzlichsten Antheil genommen haben. Der morgige Tag -soll daher ein allgemeines Kinderfest werden für das ganze Dorf und alle -dazu gehörige Orte. Ja, auch die Aeltern sollen nicht leer ausgehen.« Frau -von Waldheim ging nun mit Karl und Emilien in den Schloßhof, suchte eine -Anzahl der schönsten Schafe heraus und befahl dem Schäfer, sie besonders -einzuschließen. Am folgenden Morgen geboth sie den Mägden im Schlosse, die -Schafe reinlich zu waschen, und die Mägde wetteiferten, es nur recht schön -zu machen. Die Schafe wurden fast so weiß wie Schnee, und Emilie und -Christine schmückten sie überdieß noch mit rosenfarbenen Bändern. - -Frau von Waldheim ließ nun alle Kinder des Dorfes und des umliegenden -Thales, die in die Schule zu Waldheim gingen, einladen, nachmittags um zwey -Uhr auf das Schloß zu kommen. Die Kinder, Knaben und Mägdlein, kamen mit -tausend Freuden, und waren wohl schon eine Stunde früher in ihrem schönsten -Aufputze vor dem Schloßthore versammelt. Zur bestimmten Zeit wurden sie in -den Schloßhof gerufen. Und sieh -- da stand zu ihrem Erstaunen eine lange -Tafel, fast so lang, als der Schloßhof, und auf der Tafel erblickten sie, -zu ihrer nicht geringen Freude, große schöne Kuchen, blinkende Schüsseln, -aufgehäuft voll mit allerley Backwerk, und zierliche Körbchen, aus denen -ihnen Aepfel, Birnen und Pflaumen, roth, gelb und blau entgegen lachten. -Auch standen einige große gläserne Flaschen mit dunkelrothem Methe -dazwischen. Die Kinder mußten nun auf den langen Bänken zu beiden Seiten -des Tisches, und zwar auf einer Seite die Knaben und auf der andern die -Mädchen, Platz nehmen, und es wurde ihnen von allem reichlich vorgelegt. Da -sah man nun lauter fröhliche Gesichter. Die Kinder ließen es sich recht -wohl schmecken, und vergaßen auch nicht von dem süßen Methe auf die -Gesundheit der gnädigen Frau, Karls und Emiliens zu trinken. - -Nachdem alle satt waren, ertönten auf einmal fröhliche Schallmeyen. Die -Söhne des Schäfers zogen mit dieser ihrer ländlichen Musik in den -Schloßhof; die reinliche, schön geschmückte Schafheerde folgte ihnen, und -der alte Schäfer machte den Beschluß. Die Kinder hatten an den schönen -Schafen große Freude, und bald rief dieses, bald jenes: »O wie schön! So -schöne blüthenweiße Schafe, die mit so schönen rothen Bändern geziert sind, -haben wir noch nie gesehen.« Aber wie groß war erst die Freude der Kinder, -als sie hörten, die Schafe sollten unter sie vertheilt werden, und die -Kinder jedes Hauses sollten zusammen ein Schaf bekommen. Die Frau von -Waldheim wollte die Schafe durch das Loos vertheilen lassen, um die -Vertheilung unterhaltender zu machen und jeden Schein von Partheilichkeit -zu vermeiden. Jedes Schaf hatte ein Blatt mit einer Nummer anhängen. In -einem großen irdenen Topfe befanden sich auf zusammen gerollten Blättchen -eben die Nummern, wie an den Schafen. Nun mußte ein Kind nach dem andern -eine Nummer ziehen, und sobald es gezogen hatte, erschallten die -Schallmeyen und spielten so lange fort, bis das Schaf mit eben derselben -Nummer aus der Heerde herausgefunden war. Die Begierde der Kinder bey dem -Ziehen, die Erwartung, welches Schaf dem ziehenden Kinde zu Theil werden -würde, die Freude des Kindes, wenn ihm das Schaf wirklich übergeben wurde, -lassen sich gar nicht beschreiben. Der ganze Schloßhof war voll Jubel. - -Nachdem die Schafe alle vertheilt waren, zogen die Kinder damit hinab in -das Dorf. Die Schäferssöhne mit ihren helltönenden Schallmeyen gingen -voran, die Schafe von den Kindern begleitet folgten, und der alte Schäfer -beschloß den Zug. Gleichsam im Triumpfe zogen sie in dem Dorfe ein. Als die -Leute die Schallmeyen und das Jubeln der Kinder hörten, und die -schöngeschmückten Schafe erblickten, wunderten sie sich sehr, was doch -dieses alles zu bedeuten habe. Allein da sie vernahmen, daß die gnädige -Herrschaft die Kinder so gütig beschenkt habe -- da hätte ihre Freude kaum -größer seyn können. Viele Aeltern vergossen über die mildthätigen -Gesinnungen ihrer gnädigen Herrschaft Freudenthränen. - -In jene Häuser, wo sich kein Schulkind befand, schickte Frau von Waldheim -dennoch ein Schaf hin; den wackern Bauersleuten aber, die einst die arme -Rosalie so liebreich in ihr Nebenhäuschen aufgenommen hatten, schenkte sie -zehn Schafe. Auch den ehrlichen Bauern und die gute Bäuerin auf dem -Eichhofe, die einst der kleinen Christine jenes Lamm geschenkt und sie so -freundlich zum Nachtessen eingeladen hatten, vergaß sie nicht. Da diese -Leute sehr reich waren, und noch immer Schafe genug hatten, so ließ sie auf -den folgenden Sonntag beyde zum Mittagsessen einladen, und der Bauer -versicherte öfter, diese Ehre schätze er viel höher, als wenn die gnädige -Frau ihm hundert Schafe geschenkt hätte. - -Am andern Morgen kamen alle Hausväter aus dem Dorfe in ihren -Sonntagskleidern auf das Schloß, der gnädigen Herrschaft für die erzeigte -Wohlthat zu danken. Nun nahm Karl das Wort und sagte: »Liebe Männer! Ihr -wißt, als ein armer Jüngling, der beynahe nichts hatte, als seinen Stab, -wanderte ich einst durch diese Gegend. Durch ein Lamm half mir Gott wieder -zu meinem väterlichen Erbtheile, und machte mich so glücklich, der Gutsherr -von Euch lieben Leuten zu werden. Meine Mutter, meine Schwester, und ich -wünschten, daß die Wohlthat, die Gott uns durch ein Lamm erwies, auch noch -für unsre und Eure Nachkommen unvergeßlich bleiben, und ihnen noch zum -Segen werden möchte. Hört deßhalb, was wir beschlossen haben!« - -»Das Recht in unserm Dorfe hier Schafe zu halten, gehörte bisher -Ausschließungsweise der Herrschaft zu. Dieses Recht sollt ihr von dem -heutigen Tage an nun alle genießen. Deßwegen gab meine Mutter Euren Kindern -zu einem kleinen Anfange die Schafe. Gott wolle sie Euch segnen!« - -»Ich hoffe, Euer Ackerbau soll durch die Schafzucht sehr verbessert werden, -nach dem alten Sprichworte: Die Fußtritte der Schafe verwandeln sich in -Gold. Aber auch den Aermern, die keinen Acker haben, wird wenigstens Wolle -und Milch sehr gut kommen.« - -»Ich werde die Anstalt treffen, daß die Wolle, die wir gewinnen, sogleich -in unserm Dorfe verarbeitet werde, und ich hoffe, es soll noch der Tag -kommen, daß die Kleider aller Bewohner meiner Herrschaft von selbst -gewonnener Wolle verfertigt seyn werden. Gott gebe seinen Segen dazu!« - -Karls Wunsch ging auch vollkommen in Erfüllung. Die arme Rosalie, nunmehr -Frau Rentmeisterin, und ihre Tochter Christine gaben Unterricht im -Wollspinnen und Stricken. Ein Tuchmacher, ein Hutmacher und ein -Strumpfwirker zogen auf Karls Veranstaltung in das Dorf. Es wurden sehr -schöne Tücher von allen Farben und auch sehr gute Hüte und Strümpfe -verfertigt. Karl bemerkte oft mit Rührung, wie Groß und Klein im Dorfe vom -Haupte bis zu den Füssen mit selbst gewonnener und verfertigter Kleidung -versehen waren, und wie alle Getreidfelder des ganzen Thales in einen -blühenderen Zustand kamen und reichlichere Früchte trugen. - -Emilie verlegte sich noch besonders auf die Stickerey mit gefärbter Wolle. -Sie hatte von ihrer kleinen Heerde einen Vorrath an Wolle gesammelt, die -von sehr feiner Art war. Der Rentmeister West legte ganz unerwartet ein -neues Talent an den Tag. Er hatte von seinem Färber gelernt, der Wolle alle -Farben, und jeder Farbe alle mögliche Abstufungen zu geben, von dem -hellsten Lichte bis zum dunkelsten Schatten. Emilie war daher in den Stand -gesetzt, ganz vorzüglich schöne Stickereyen zu verfertigen. Karl machte -dazu die Zeichnungen und Christine leistete ihr dabey trefliche Hülfe. Sie -stickten bunte Blumenkränze und niedliche Körbchen voll Blumen von allen -Farben, große Rosensträuche, die mit halb und ganz aufgeblühten Rosen und -reichlichem grünem Laube prangten, ja ganze Landschaften, in denen -Baumschläge, Felsen, Wasserfälle und dergleichen zu sehen waren, und die -mit Gewinden von Reblaube und gelbgrünen und purpurblauen Trauben -dazwischen oder mit andern schönen Verzierungen eingefaßt waren. Emilie -richtete so nach und nach ein ganzes Zimmer im Schlosse sehr schön ein. Der -Teppich auf dem Tische, die Ueberzüge der Sessel und des Kanapees und auch -der Fußteppich waren auf diese Art gestickt, und wer hineintrat, erstaunte -über die Pracht der lebhaften Farben, die Richtigkeit der Zeichnung, und -die kunstreiche Schattirung. - -Da alle die schön gefärbte Wolle, die dazu verwendet worden, ursprünglich -von jenem einzigen Lamme herkam, so machte Karl, nunmehr, gnädiger Herr von -Waldheim, eine sehr schöne, große Zeichnung, in der er den ihm -unvergeßlichen Augenblick abbildete, in dem er Mutter und Schwester -vermittelst des Lammes wieder gefunden. Ganz im Vordergrunde auf der -Felsenbank unter den Eichen zeichnete er seine Mutter nebst ihrer -Gesellschafterin Rosalie. Weiterhin in dem Walde erblickte man Emilie und -Christine und ihn selbst, und in ihrer Mitte befand sich das Lamm. Er hielt -in einer Hand den Ring und deutete mit dem Zeigefinger der andern Hand auf -die goldenen Buchstaben, die auf dem rothen Halsbande des Lämmchens -deutlich zu sehen waren. Emilie aber zeigte mit ausgestrecktem Arme nach -der Gegend hin, wo ihre Mutter saß, als wollte sie sagen: »Dort ist sie!« -Karl mahlte die Zeichnung mit sehr lebhaften Farben vortrefflich aus, und -die sehr kenntlichen Personen auf dem Bilde, die nebst dem Lamme von der -untergehenden Sonne kräftig beleuchtet waren, machten zwischen den dunkeln -Schatten des Waldes eine unvergleichliche Wirkung. Er hängte das Gemälde, -in einen goldenen Rahmen gefaßt, in dem Zimmer auf, nachdem er zuvor mit -goldenen Buchstaben die drey Worte darunter geschrieben hatte: - - »_Unter Gottes Leitung!_« - -Bei _Philipp Krüll_ in _Landshut_ ist zu haben: - -_Genovefa_. Eine der schönsten und rührendsten Geschichten des Alterthums, -neu erzählt für alle guten Menschen, besonders für Mütter und Kinder. 4te -rechtmäßige Auflage, m. 1 Kupf. 8. 1825. 24 kr. oder 6 gr. - -_Ostereyer_, die, eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder, von dem -Verfasser der Genovefa. 2te Auflage. 12. 1818. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr. - -_Wie Heinrich von Eichenfels_ zur Erkenntniß Gottes kam; eine Erzählung für -Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der Ostereyer. 2te verbesserte -Auflage. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr. - -_Blüthen_, dem blühenden Alter gewidmet, von dem Verfasser der Ostereyer. -2te verb. und vermehrte Ausgabe. 8. 1826. 24 kr. 6 gr. - -_Erzählungen_ für Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der -Ostereyer. 1s Bändchen. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr. - --- -- desselben Werks 2s Bändchen. 12. 1825. der _Weihnachtsabend_, eine -Erzählung zum Weihnachtsgeschenke für Kinder, von dem Verfasser der -Ostereyer. 12. 1825. 15 kr. 4 gr. - -_Blumenkörbchen_, das, eine Erzählung dem blühenden Alter gewidmet, von dem -Verfasser der Ostereyer: mit 1 Titelkupfer. 8. 1823. 24 kr. 6 gr. Velinpap. -1 fl. 48 kr. Rthl. 1. - -_Rosa_ von Tannenburg. Eine Geschichte des Alterthums, für Aeltern und -Kinder. Erzählt von dem Verfasser der Genovefa; mit 1 Kupf. 8. 1823. 30 kr. -8 gr. - -_Itha_, Gräfin von Toggenburg; eine sehr schöne und lehrreiche Geschichte -aus dem 12ten Jahrhundert, neu erzählt für alle guten Christen, besonders -für unschuldig Leidende. Ein Seitenstück zur Genovefa; mit 1 Kupf. 7te -Auflage. 8. 1825. 24 kr. 6 gr. - -_Hirlanda_, Herzogin von Bretagne, oder der Sieg der Tugend und Unschuld; -eine erbauliche und lehrreiche Geschichte des Alterthums, neu erzählt für -Junge und Alte von dem Verfasser der Gräfin Itha von Toggenburg. 3te -rechtmäßige Auflage. 8. 1822. 18 kr. 5 gr. - -_Geschichten_, biblische, für Kinder. 3 Thle. (v. Christoph Schmidt). 8. -1822. netto 1 fl. 9 kr. 18 gr. - --- -- dieselben im Auszug. 2 Thle. 8. 1821. netto 30 kr. 8 gr. - -_Engelbrecht_, A., Aufsätze pädagogischen Inhalts; ein Buch für Seelsorger -und Volksschullehrer, zur angenehmen und belehrenden Unterhaltung; mit 1 -Kupfer. 8. 1821. 1 fl. 30 kr. Rthl. 1. - -_Hausaufgaben_ für Schreib- und Rechnungsschüler in Volksschulen, oder -Aufgaben zur Selbstbeschäftigung der Schüler. 2te verbesserte Auflage. 8. -1823. 15 kr. 4 gr. - -_Diktirübungen_ nach den Regeln der Orthographie geordnet, nebst einem -Diktir-Surrogat für Volksschulen; ein Hand- und Lesebuch für -Elementarschulen, vom Verfasser der Hausaufgaben. 8. 1822. 12 kr. 3 gr. - -_Maurer_, K., Lesebuch für geübtere Leseschüler. 8. 1818. 15 kr. 4 gr. - --- -- kleine lehrreiche Erzählungen u. Lesesätze, nebst einigen -Gleichnissen und Denksprüchen aus dem Munde Jesu. Ein Geschenk für Kinder. -8. 1820. 8 kr. 2 gr. - --- -- Briefe für Kinder, nebst einigen Anreden bei öffentlichen -Schulprüfungen. 3te Auflage, gr. 12. 1824. 12 kr. 3 gr. - --- -- Tabelle zur Kenntniß der Buchstaben. 8. 1817.; auf Pappendeckel -gezogen 2 kr. - --- -- Lesebuch für Anfänger im Lesen. 3 Abtheil. 2te verb. Aufl. 12. 1824. -7 kr. 2 gr. - -Alte, der, von den Bergen; eine Erzählung für Kinder. 2te verbesserte -Auflage. 12. 1822. 9 kr. Z gr. - -_Heilingbrunner_ und _Zeheters_ drittes Elementarbuch der nöthigsten Sach- -und Sprachgegenstände für Volksschulen. 8. 1822. 30 kr. 8 gr. - -_Jais_, P. A., schöne Geschichten und lehrreiche Erzählungen, zur -Sittenlehre für Kinder und wohl auch für Erwachsene. 2 Bändchen. 10 kr. 3 -gr. - -_Fabeln_ für unsere Zeiten und Sitten. 2 Bändchen. 8. 1821. 1 fl. 16 gr. - -_Ackermann_, G., kurze Volkspredigten über sinnliche Lust und sinnliche -Abtödtung; auf die Faßnachts- und Fastenzeit. 8. 1825. 36 kr. 8 gr. - -_Schmid_, J. G., Versuch einer Sittenlehre in Denkreimen, gesammelt für -Schulkinder auf dem Lande. 12. 1825. 2 kr. - -_Sailer_, Bischof, J. M., das christliche Monat, oder Gebethe und -Betrachtungen auf jeden Tag des Monats, mit Kupf. 8. 1826. 1 fl. 24 kr. - -_Nikolaus_ von Myra, eine eben so lehrreiche als wundervolle Geschichte aus -dem 3 und 4ten christl. Jahrhundert, neu erzählt, und mit moral. Anwendung -vorzüglich für Hausväter, Eltern u. Kinder begleitet. 8. 1821. 8 gr. 30 kr. - -_Lebensgeschichte_, erbauliche, der Dienerin Gottes, Marie Clotilde von -Frankreich, Königin von Sardinien; aus d. Franz. übers. 8. 1819. 6 gr. 24 -kr. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das Lämmchen, by Christoph von Schmid - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LÄMMCHEN *** - -***** This file should be named 43332-8.txt or 43332-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/3/3/3/43332/ - -Produced by Jens Sadowski (based on a copy preserved by -Kurt Linack and Katrin Walter) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For forty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Das Lämmchen - -Author: Christoph von Schmid - -Release Date: July 28, 2013 [EBook #43332] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LÄMMCHEN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski (based on a copy preserved by -Kurt Linack and Katrin Walter) - - - - - - -</pre> <h1 style="line-height:0.6em; font-weight:normal; margin-top:1em; margin-bottom:1em; page-break-before:always; letter-spacing:0.2em;"> @@ -3894,373 +3861,7 @@ Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachhe -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das Lämmchen, by Christoph von Schmid - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LÄMMCHEN *** - -***** This file should be named 43332-h.htm or 43332-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/3/3/3/43332/ - -Produced by Jens Sadowski (based on a copy preserved by -Kurt Linack and Katrin Walter) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License available with this file or online at - www.gutenberg.org/license. - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at 809 -North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email -contact links and up to date contact information can be found at the -Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. 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