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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-08 09:58:46 -0800
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@@ -0,0 +1,4322 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41818 ***
+
+Hermann Lauscher
+von
+Hermann Hesse
+
+
+Zweites Tausend.
+
+Verlag der Rheinlande
+Düsseldorf
+1908.
+
+
+Druck von August Bagel, Düsseldorf.
+
+
+
+
+Inhalt:
+
+
+ Vorrede zu dieser Ausgabe 1
+ Vorwort der ersten Ausgabe 7
+ Meine Kindheit 11
+ Die Novembernacht 43
+ Lulu 61
+ Schlaflose Nächte 115
+ Tagebuch 1900 145
+ Letzte Gedichte 179
+
+
+
+
+Vorrede zu dieser Ausgabe.
+
+
+Auf den Wunsch einiger Freunde, namentlich aber auf die Aufforderung
+Wilhelm Schäfers hin, soll der verstorbene Hermann Lauscher wieder
+ausgegraben und noch einmal unter die Leute geschickt werden. Da bin ich
+denn eine Erklärung und Rechenschaft schuldig, zumindest eine
+bibliographische.
+
+»Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher« war der Titel
+einer kleinen Schrift, die ich Ende 1900 in Basel erscheinen ließ und in
+der ich pseudonym über meine damals zu einer Krise gediehenen
+Jünglingsträume abrechnete. Ich dachte damals, mit dem von mir erfundenen
+und totgesagten Lauscher meine eigenen Träume, soweit sie mir abgetan
+schienen, einzusargen und zu begraben. Das Büchlein erschien, in kleinster
+Auflage, beinahe mit Ausschluß der Öffentlichkeit, und ist kaum über meinen
+Freundeskreis hinaus bekannt geworden. Wenige andere griffen, da sie meine
+späteren Bücher kannten, nachträglich zu dem Schriftchen und sahen darin
+eine Art von literarischem Kuriosum.
+
+Der Gedanke eines Neudrucks ist mir nie gekommen, bis in der letzten Zeit
+Freunde ihn lebhaft aussprachen und schließlich Wilhelm Schäfers Vorschlag
+kam. Da ich keinen Grund sehe, ein Stück meines Jugendlebens wegzuleugnen,
+und da ich stilistisch den Lauscher noch heute zu verantworten bereit bin,
+gab ich nach.
+
+Nun war die Frage, in welcher Form die Jugendsünde wieder aufleben sollte.
+Ich dachte an eine Überarbeitung, sah aber sofort, daß die Gedanken und
+Stimmungen eines Zwanzigjährigen nicht nach zehn Jahren von ihm selber neu
+redigiert werden können, da ihr einziger, relativer Wert im Ausdruck, im
+Rhythmus, in der Geberde liegt. Und Einzelnes zu streichen oder zu
+beschönigen, schien mir wieder unerlaubt.
+
+Der Text blieb also, auch wo er mir heute fremd, ja zuwider ist, wörtlich
+derselbe. Dagegen schien mir eine Rundung des fragmentarischen und allzu
+umfanglosen Büchleins wünschenswert. Etwas Neues hinzuzufügen hätte keinen
+Sinn gehabt und dem Ganzen geschadet. Doch besaß ich noch zwei kleine
+Dichtungen (»Lulu« und »Schlaflose Nächte«) aus jener Zeit. Die erste ist
+bisher nur in einer schweizerischen Zeitschrift, die zweite überhaupt nicht
+veröffentlicht worden. Beide stehen zum »Lauscher« in engster Beziehung und
+sind in der selben Zeit wie er entstanden. Diese beiden Stücke fügte ich
+ein.
+
+Und nun liegt das Ganze da und schaut mich nicht eben glücklich an:
+Dokumente einer schönen und innigen, doch nicht leichten Jugendzeit. Was
+ich damals wollte, habe ich nicht erreicht; was ich seither erreichte, kam
+beinahe ungewollt und wiegt mir nicht schwer. Dagegen finde ich jetzt
+betroffen und erstaunt in diesen frühen Dichterversuchen Töne klingen und
+Wege angedeutet, die mich heute wieder frisch und ernsthaft anmuten und von
+denen ich nicht weiß, wie sie mir jahrelang fremd werden und beinahe
+verloren gehen konnten. Da ist Vieles, was meine seitherigen Wege mir
+selbst zweifelhaft macht und mich zu bitteren Erkenntnissen nötigt.
+
+Aber bittere Erkenntnisse sind besser als keine, und wer einmal den
+gefährlichen Pfad der Selbstbeobachtung und der Bekenntnisse betreten hat,
+der muß billig die Folgen tragen, auch wenn es unerwartete und peinliche
+sind.
+
+Daß nun Manche kommen werden, die mir Sünden von damals vorhalten, als
+wären es heutige, und daß Andere finden werden, ich hätte besser getan,
+Neues zu arbeiten statt Jugendversuche wieder auszugraben, das ficht mich
+nicht an. Diese wissen und fühlen nicht, wie peinlich mir diese
+Neuherausgabe wurde, und begreifen auch nicht, daß ich sie eben darum doch
+ausführte und damit mein Gewissen erleichtert habe. Im übrigen soll der
+Lauscher, der jetzige wie der alte, eben nichts als ein Bekenntnisbuch für
+mich und meine Freunde sein.
+
+_Hermann Hesse._
+
+Dezember 1907.
+
+
+
+
+Vorwort der ersten Ausgabe.
+(Ende 1900).
+
+
+Der Name Hermann Lauscher tritt mit der vorliegenden Publikation zum ersten
+Mal in die Öffentlichkeit. Lauschers Dichtungen, unter fremdem Namen im
+Druck erschienen, sind einem bestimmten engeren Leserkreise wohlbekannt.
+
+Leider hat der verstorbene Dichter mir verboten, sein Geheimnis
+preiszugeben und seine früher gedruckten Schriften ihm zu vindizieren. Es
+war ein Abend in der Weinstube des »Storchen«; Lauscher war von seiner
+gewöhnlichen traurig bitteren Stimmung befallen, vielleicht warf auch sein
+bald darauf erfolgter Tod den Schatten einer ängstigenden Ahnung voraus. Er
+bat mich förmlich zu schwören, seine Anonymität aufs treueste wahren zu
+helfen. Vor mir, als dem einzigen Literaten seiner Freundschaft, schien er
+in diesem Punkte besonders ängstlich zu sein. Ich schwor lachend ewiges
+Stillschweigen, das Gespräch wendete sich zu literarischen Fragen, wobei
+Lauscher alle Quellen seiner fast feindseligen Ironie springen ließ. Dann
+versank er in Schweigen, trank hastig mehrere Becher Wein und nahm
+plötzlich kurzen Abschied. Ich sah ihn seither nicht wieder -- zehn Tage
+darauf starb er plötzlich auf einer Reise.
+
+Lauschers literarischer Nachlaß enthielt fast nichts als die hier
+mitgeteilten Stücke. Nächst dem rein persönlichen Wert, den diese für seine
+Freunde haben, dürften sie als Dokumente der eigentümlichen Seele eines
+modernen Ästheten und Sonderlings das Interesse aufmerksamer Leser
+verdienen, namentlich durch die herbe, selbstquälerische Wahrheitsliebe des
+»Tagebuchs«. Sie entbehren fast ganz die fleißig geschliffene, preziöse
+Form, welche Lauschers Dichtungen eigen ist, und dürften so, ganz im Sinn
+ihres Verfassers, auch gewandten literarischen Spürern keinerlei Schlüsse
+auf dessen anderwärts existierende Autorschaft zulassen.
+
+Durch weitere Notizen über den Dahingegangenen oder durch eine vielleicht
+zuweilen erwünscht scheinende abrundende Redaktion den persönlich
+lebendigen Duft der nachstehenden Blätter zu beeinträchtigen, schien mir
+unerlaubt.
+
+Mögest du mir verzeihen, mein armer, toter Freund, wenn diese
+Veröffentlichung deiner letzten, einsamen Gedanken und Leiden nicht deinem
+stumm gebliebenen, letzten Wunsche entspricht!
+
+
+
+
+Meine Kindheit.
+(Geschrieben 1896.)
+
+
+Zu allen Zeiten meines späteren Lebens ist meine Kindheit oft in vielfachen
+Bildern zu mir getreten, lockig, fremd und unerlöst wie ein blasses
+Märchenkind. Am meisten suchte mich diese Erinnerung in schlaflosen Nächten
+heim, mit einem Blumenduft oder einer Liedweise beginnend, bis zu Trauer,
+Ungemach und Todesbitterkeit, oder zu einer zärtlichen Sehnsucht nach
+Streichelhänden und einer milden Neigung zu Gebet und Tränen.
+
+Wenn jetzt noch die Kindheit zuweilen an mein Herz rührt, so ist es als ein
+goldgerahmtes, tieftöniges Bild, an welchem vornehmlich eine Fülle laubiger
+Kastanien und Erlen, ein unbeschreiblich köstliches Vormittagssonnenlicht
+und ein Hintergrund herrlicher Berge mir deutlich wird. Alle Stunden meines
+Lebens, in welchen ein kurzes, weltvergessenes Ruhen mir vergönnt war, alle
+einsamen Wanderungen, die ich über schöne Gebirge gemacht habe, alle
+Augenblicke, in welchen ein unvermutetes kleines Glück oder eine
+begierdelose Liebe mir das Gestern und Morgen entrückte, weiß ich nicht
+köstlicher zu benennen, als wenn ich sie mit diesem grünen Bilde meines
+frühesten Lebens vergleiche. So ist es mir auch mit allem, was ich als
+Erholung und höchsten Genuß mein Leben lang liebte und wünschte, alles
+Schreiten durch fremde Dörfer, alles Sternezählen, alles Liegen im grünen
+Schatten, alles Reden mit Bäumen, Wolken und Kindern.
+
+ * * * * *
+
+Der früheste Tag meines Lebens, an den ich mich mit einiger Deutlichkeit
+erinnern kann, mag etwa in den letzten Teil meines dritten Jahres fallen.
+Meine Eltern hatten mich auf einen Berg mitgenommen, der durch eine
+weitläufige Ruine von beträchtlicher Höhe täglich viele Städter anlockte.
+Ein junger Onkel hob mich über die Brüstung einer hohen Mauer und ließ mich
+in die ansehnliche Tiefe hinuntersehen. Davon ergriff mich die Angst des
+Schwindels, ich war aufgeregt und zitterte am ganzen Leibe, bis ich zu
+Hause wieder in meinem Bette lag. Von da an trat in schweren Angstträumen,
+denen ich damals oft zur Beute fiel, häufig diese Tiefe herzbeklemmend vor
+meine Seele, daß ich im Traum stöhnte und weinend erwachte. Was für ein
+reiches und geheimnisvolles Leben muß vor jenem Tage liegen, von dem mir
+keine einzige Stunde bewußt ist! So sehr ich mich plagte, vermochte mein
+Gedächtnis niemals weiter als bis zu jenem Tage vorzudringen. Wenn ich mich
+aber streng auf meine früheste Zeit und ihre Stimmungen besinne, habe ich
+den Eindruck, es müsse nächst dem Sinn für Wohlwollen kein Gefühl so früh
+und stark in mir wach gewesen sein, wie das der Schamhaftigkeit. Ich fand
+bei Kindern von fünf und mehr Jahren manchmal Äußerungen der Schamfreiheit,
+von denen ich weiß, daß ich ihrer in meinem dritten oder vierten Jahre
+unfähig gewesen wäre.
+
+Eine genauere Erinnerung an Erlebnisse und an fortdauernde Zustände kann
+ich nicht weiter als bis in mein fünftes Jahr zurück verfolgen. Hier finde
+ich zuerst ein Bild meiner Umgebung, meiner Eltern und unseres Hauses,
+sowie der Stadt und der Landschaft, in welcher ich aufwuchs. In dieser Zeit
+hat sich die freie, sonnige Straße mit nur einer Häuserreihe vor der Stadt
+mir eingeprägt, in der wir wohnten, ferner die auffallenderen Gebäude der
+Stadt, das Rathaus, das Münster und die Rheinbrücken, und am meisten ein
+weites Wiesenland, hinter unserem Hause beginnend und für meine
+Kinderschritte ohne Grenzen. Alle tiefen Gemütserlebnisse, alle Menschen,
+selbst die Porträts meiner Eltern, scheinen mir nicht so früh deutlich
+geworden, wie diese Wiese mit unzähligen Einzelheiten. Meine Erinnerung an
+sie scheint mir älter zu sein als diejenige an Menschengesichter und
+erlittene eigene Schicksale. Mit meiner Schamhaftigkeit, welche schon früh
+von einem Widerwillen gegen eigenmächtige Berührung meines Leibes durch
+fremde Hände des Arztes oder der Dienstboten begleitet war, hängt
+vielleicht meine frühzeitige Lust am Alleinsein im Freien zusammen. Die
+vielen stundenlangen Spaziergänge jener Zeit hatten immer die
+unbetretensten grünen Wildnisse jener großen Wiese zum Ziel. Diese Zeiten
+der Einsamkeit im Grase sind es auch, die beim Erinnern mich besonders
+stark mit dem wehen Glücksgefühl erfüllen, das unsere Gänge auf
+Kindheitswegen meist begleitet. Auch jetzt steigt mir der Grasduft jener
+Ebene in feinen Wolken zu Haupt, mit der sonderbaren Überzeugung, daß keine
+andere Zeit und keine andere Wiese solche wunderbaren Zittergräser und
+Schmetterlinge hervorbringen kann, so satte Wasserpflanzen, so goldene
+Butterblumen und so reichfarbene köstliche Lichtnelken, Schlüsselblumen,
+Glockenblumen und Skabiosen. Ich fand nie wieder so herrlich schlanken
+Wegerich, so gelbbrennenden Mauerpfeffer, so verlockend schillernde
+Eidechsen und Schmetterlinge, und mein Verstand beharrt nur müde und mit
+geringem Eifer auf der Erkenntnis, daß nicht die Blumen und Eidechsen sich
+seither so zum Üblen verwandelt haben, sondern nur mein Gemüt und mein
+Auge.
+
+Beim Darandenken ist mir zu Mut, als wäre alles Kostbare, was ich später
+mit Augen sah und mit Händen besaß, und selber meine Kunst, gering gegen
+die Herrlichkeiten jener Wiese. Da waren helle Morgen, an denen ich ins
+Gras gestreckt, den Kopf auf den Händen, über das von Sonne flimmernde,
+gekräuselte Meer der Gräser hinwegschaute, in welchem rote Inseln von Mohn,
+blaue von Glockenblumen und lilafarbene von Schaumkraut lagen. Darüber
+flatterten und reizten mich die blitzgelben Zitronenfalter, die zarten
+Bläulinge, die in einem kostbaren, gleichsam antiquarisch seltenen Schimmer
+aufleuchtenden Schiller- und Distelfalter, die schweren Flügel der
+Trauermäntel, das Edelwild der Segler und Schwalbenschwänze, der
+schwarzrote Admiral, der seltene, mit Ehrfurcht genannte Apollo. Dieser,
+den ich aus Beschreibungen meiner Kameraden schon kannte, flog mich eines
+Tages an, setzte sich in meiner Nähe an die Erde und regte langsam die
+wunderbaren, alabasternen Flügel, daß ich ihre feine Zeichnung und Rundung
+sehen konnte, und die blanken Diamantlinien, und auf den Flügelpaaren beide
+hellblutrote Augen. Weniges aus dieser fernen Zeit hat sich so stark und
+frisch in meinem Gedächtnis erhalten, wie die atemlose, herzklopfende
+Wonne, welche mich bei diesem Anblick durchdrang. Aber nach der
+unberechenbaren und grausamen Art der Kinder beschlich ich bald das edle
+Tier und warf meinen Hut nach ihm. Er schaute um sich, stieg mit elegantem
+Schwunge auf und war allsogleich in der flirrend goldigen Sonnenluft
+verschwunden. Irgend eine Art von wissenschaftlichem Interesse war in
+meinen Jagden und Sammlungen niemals. Die Raupen und die Namen der
+Schmetterlinge, dortlands Sommervöglein, »Summervögli« genannt, waren mir
+nicht wichtig, und für viele erfand ich eigene Namen. Eine Art von
+rötlichen Fliegen nannte ich »Zitterlinge«, eine Gattung brauner
+»Schnabler«, und für den gesamten Pöbel der Weißlinge, Waldteufel und
+anderer wenig schöner und rarer Schmetterlinge hatte ich den verächtlichen
+Sammelnamen Tolpatsch. Für die gesammelte tote Beute hatte ich wenig
+Sorgfalt und habe es nie zu einer sauberen Sammlung gebracht.
+
+Von musikalischen Eindrücken vermag ich in diesen Wiesensommern nichts zu
+finden, es sei denn meine außerordentliche Empfindlichkeit und Furcht vor
+den Pfiffen der fern vorüberfahrenden Eisenbahn.
+
+Dennoch muß schon damals die Musik mir nahe getreten sein, denn auch die
+frühesten, undeutlichsten Dämmerbilder des Münsters, welche in mir sich
+unscharf spiegelten, scheinen mir unzertrennlich vom Schall der Orgel.
+
+Dieses Münster und die Stadt überhaupt lernte ich später und langsamer
+kennen als die grüne Natur. Denn während ich mich in dieser halbe Tage lang
+nach Lust allein umtreiben konnte, war mir von den Eltern nicht erlaubt,
+allein in die Stadt zu gehen, wovon mich auch die Furcht vor dem
+ungewohnten Gedräng der Menschen und Wagen abschreckte.
+
+Obwohl die grünen Monate meiner Wiesenzeit mir wie ein schöner, gleichmäßig
+heller, ununterbrochener Traum im Bewußtsein liegen, steigen doch einzelne
+Tage von besonderem Glanz mit weichen Umrissen daraus auf. Ich gäbe Schätze
+dafür, von solchen Tagen mich mehrerer erinnern zu können. So oft ich in
+Gedanken den Weg meines Lebens zurückgehe, so oft überfällt mich eine milde
+Trauer um die tausend vergessenen Tage. Es lebt niemand mehr, mir von mir
+selber zu erzählen, und der größere Teil meiner Kinderjahre liegt
+unerschlossen in unbegreiflicher, goldener Glückseligkeit wie ein Wunder
+vor meiner Sehnsucht. Es gehört zu den Unvollkommenheiten und Entbehrungen
+des menschlichen Lebens, daß unsere Kindheit uns fremd werden muß und in
+Vergessenheit fällt wie ein Schatz, der spielenden Händen entgleitet und
+über den Rand eines tiefen Brunnens fällt. Bis in die Knabenzeit kann ich
+den Faden meines Lebens zurückfinden, weiter zurück aber ragen zerstreut in
+Duft und Dämmerung nur wenige klare Tage, ihn daran zu knüpfen. Von dem
+Gedächtnis dieser Tage aus blicke ich oft wie von einem Turm rückwärts in
+meine ersten Jahre und kann nichts als ein bewegtes Meer von Rätseln und
+Anfängen sehen, ohne Formen, aber mit einem heiligen Ferneduft, einem
+Schleier, der über Wunder und Kostbarkeiten gelegt ist.
+
+Unter jenen vereinzelten Silberblicken ist mir ein Spaziergang besonders
+teuer, da er das früheste Bild meines Vaters enthält. Der saß mit mir auf
+der von der Sonne durchwärmten Mauerbrüstung des Bergkirchleins Sankt
+Margarethen, zum erstenmal mir von der Höhe aus die dortige Rheinebene
+zeigend. Der erste Eindruck dieser anmutig hellgrünen Landschaft vermischt
+sich in meiner Erinnerung mit dem klaren Bilde, das ich später durch den
+häufig wiederholten Anblick gewann. Aber dies älteste Bild von meinem Vater
+unterscheidet sich von allen späteren. Sein schwarzer Bart berührte meine
+blonde Stirn und sein großes, helles Auge ruhte freundlich auf mir. Ich
+glaube wieder sein Gesicht so von der Seite her zu sehen, wenn ich an jene
+Rast auf der Mauer denke, mit dem schwarzen Bart und Haar, mit der starken,
+edlen Nase und dem festen, roten Mund, mit den dunklen Locken im Nacken,
+dabei das große Auge nach mir gesenkt, der ganze Kopf fest und würdig auf
+dem blauen Hintergrunde des Sommerhimmels ruhend.
+
+Demselben Sommer mag ein anderes Bild angehören, das ohne Zusammenhang,
+aber erstaunlich klar und treu mir eingeprägt ist. Ich sehe die ganze hohe,
+magere Gestalt meines Vaters aufrecht mit zurückgelegtem Haupt einer
+untergehenden Sonne entgegengehen, den Filzhut in der Linken tragend. An
+ihn ist meine Mutter sanft im langsamen Gehen gelehnt, kleiner und
+kräftiger, mit einem weißen Tuch auf den Schultern. Zwischen den kaum noch
+getrennten, dunklen Häuptern glüht die blutrote Sonne. Die Umrisse der
+Gestalten sind fest und goldleuchtend gezogen; zu beiden Seiten steht ein
+reiches, reifes Kornfeld. An welchem Tag ich so hinter meinen Eltern
+herwandelte, weiß ich nicht, der Anblick aber ist mir frisch und
+unverlöschlich geblieben. Ich weiß kein lebendiges oder gemaltes Bild, das
+mir in Linien und Farben prächtiger erscheint und das mir teurer ist, als
+diese edlen Gestalten auf dem Fußpfad zwischen den Ähren, der roten Glut
+entgegen wandelnd, schweigsam, vom jenseitigen Glanz übergossen. In
+ungezählten Träumen und wachen Nächten hing mein Auge an diesem liebsten
+Kleinod meiner Erinnerung, dem Vermächtnis einer meiner goldensten Stunden.
+So ist mir nie wieder eine Sonne untergegangen hinter Ährenmeeren, so rot,
+prächtig, friedsam, so voll Glut und Genüge. Und käme sie mir wieder, es
+wäre doch nur ein Abend wie viele sind, und ich würde die vermissen, in
+deren Schatten ich damals ging, müßte mich abwenden und trauern.
+
+Die Erinnerung an Vater und Mutter beginnt von hier an klar zu werden.
+Neben meiner Wieseneinsamkeit ging unabhängig ein freundliches, häusliches
+Leben her. Von diesem ist mein Bewußtsein, der vielerlei Menschen und
+Anregungen wegen, nicht so einheitlich und deutlich, wie von dem Leben im
+Grase. Wie früh die Neigung meines Vaters zum Genuß der bildenden und der
+Dichtkunst, und die meiner Mutter zur Musik auf mich einwirkten, ist mir
+unmöglich zu erkennen, denn einzelne Eindrücke dieser Art sind mir erst aus
+etwas späterer Zeit erinnerlich und müssen notwendig schon viel früher
+dagewesen sein.
+
+Ich wage nicht, von meinen Kinderspielen viel zu reden. Es gibt nichts
+Wunderbareres und Unbegreiflicheres und nichts, was uns fremder wird und
+gründlicher verloren geht, als die Seele des spielenden Kindes. Bei dem
+leidlichen Wohlstand und der überaus freigebigen Güte meiner Eltern fehlte
+es mir an reichlichem Spielzeuge nicht. Ich besaß Soldaten, Bilderbücher,
+Legsteine, Schaukelpferd, Pfeife, Peitsche und Wagen, später auch
+Kaufladen, Wage, Spielgeld und Vorräte, und zum Theaterspielen standen die
+Kasten der Mutter zur Verfügung. Dennoch hängte sich meine Phantasie gerne
+an weniger kommode Gegenstände und schuf Pferde aus Schemeln, Häuser aus
+Tischen, Vögel aus Tuchlappen und ungeheuerliche Höhlen aus Wand,
+Ofenschirm und Bettdecke.
+
+Daneben war in den Erzählungen meiner Mutter ein Überfluß von Welten und
+Brücken für meine Träumerei. Ich habe Leser und Erzähler und Plauderer von
+Weltruhm gehört und fand sie steif und geschmacklos, sobald ich sie mit den
+Erzählungen meiner Mutter verglich. O ihr wunderbar lichten, goldgründigen
+Jesusgeschichten, du Betlehem, du Knabe im Tempel, du Gang nach Emmaus! Die
+ganze überschwänglich reiche Welt des Kindeslebens hat kein süßeres und
+heiligeres Bild als das der erzählenden Mutter, an deren Knie sich ein
+Blondkopf mit tiefen Staunaugen schmiegt. Woher haben die Mütter diese
+gewaltige und heitere Kunst, diese Bildnerseele, diesen unermüdlichen
+Zauberborn der Lippen? Ich sehe dich noch, meine Mutter, mit dem schönen
+Haupt zu mir geneigt, schlank, schmiegsam und geduldig, mit den
+unvergleichlichen Braunaugen!
+
+Nächst dem unerreichbaren Klang und Sinn der Bibelgeschichten sog ich tief
+aus dem Quell der Märchen. Rotkäppchen, der treue Johannes und
+Schneewittchen bei den sieben Zwergen über den sieben Bergen nahmen mich in
+ihren geschwätzigen Kreis. Mein begieriger Sinn erschuf bald aus freier
+Kraft Gebirge mit mondglänzenden Elfentanzwiesen, Paläste mit seidenen
+Königinnen, fabelhaft tiefe und greuliche Berghöhlen, von Geistern,
+Eremiten, Köhlern und Räubern abwechselnd unheimlich bevölkert. Ein
+schmaler Raum im Schlafzimmer, zwischen zwei Bettstellen, war vorzüglich
+der ständige Wohnort schlitzäugiger Kobolde, rußiger Bergmänner, geköpfter
+Umgänger, traumwandelnder Totschläger und grünschielender Raubtiere, so daß
+ich eine Zeitlang nur in Begleitung Erwachsener und noch lange später nur
+mit äußerster Aufbietung alles Knabenstolzes daran vorübergehen konnte.
+Einmal befahl mir mein Vater, von dort seine Pantoffeln zu holen. Ich ging
+in das Schlafzimmer, wagte mich aber nicht an den Ort des Entsetzens und
+kehrte kleinlaut zurück, vorgebend, ich hätte die Schuhe nicht gefunden.
+Mein Vater, der etwas Phantastisches ahnte und ein strenger Feind auch der
+Notlüge war, schickte mich nochmals hin. Ich betrat wieder das
+Schlafzimmer, aber meine Angst war nur größer geworden, so daß ich
+unverrichteter Dinge wiederkehrte, mit derselben Entschuldigung. Der Vater,
+der mich durch den Türspalt beobachtet hatte, sagte sehr ernst: »Du lügst.
+Sie müssen dort stehen.« Gleichzeitig ging er selber sie zu holen. Meine
+Beklemmung aber war so gesteigert, daß ich selbst den allmächtigen Vater
+vor meinen Unholden nicht sicher glaubte und mich heulend an ihn hängte,
+wobei ich ihn unter heißen Tränen beschwor, sich dem Winkel nicht zu
+nähern. Er ging aber doch, zwang mich mit, bückte sich und kehrte
+wohlbehalten aus der greulichen Höhle zurück, was ich lange Zeit, unter
+Dankgebeten, allein seinem unerhörten Mut und einem ganz besonderen Schutz
+des lieben Gottes zuschrieb.
+
+Ein anderes Mal wuchs mein Angstgefühl vollends ins Krankhafte. Die
+Begebenheit hat sich mir scharf und genau mit allen peinlichen Zügen
+eingegraben und hängt wie ein Medusenhaupt schauerlich schön, aber
+vorwiegend schauerlich, über jener ganzen Zeit der Kinderromantik.
+
+Bei Dunkelwerden kehrten wir, schon ein wenig gruselig gestimmt, einst aus
+der Stadt zurück, zwei etwa vierzehnjährige Töchter eines Nachbars, ihr
+Brüderlein und ich. Die hohen Häuser und Türme legten zackige Schatten auf
+die Straße, Laternen wurden schon angezündet. Dazu kam im Vorübergehen ein
+Blick in eine Schmiede, wo rußige, halbnackte Männer an der aus dem Dunkeln
+aufsprühenden Esse mit großen Zangen wie Folterknechte standen, und das mir
+vorher unbekannte trunkene Gejohle einiger Wirtshausbrüder, das mir
+raubtierartig und verbrecherisch vorkam. Nun, schon fast im Finstern,
+erzählte eines der Mädchen, selber gruselnd, mir die Geschichte von der
+Glocke Barbara. Diese hing in der Kirche Barbara und war aus Zauberei und
+Verbrechen hervorgegangen. Sie rief immerfort den Namen einer ruchlos
+erschlagenen Barbara mit blutiger Stimme aus und wurde deshalb von den
+Mördern gestohlen und vergraben. Da, als es Zeit zum Nachtläuten wird,
+beginnt die Glocke aus der Erde laut und jämmerlich zu tönen:
+
+ Barbara bin ich genannt,
+ In der Barbara bin ich gehangt,
+ Barbara ist mein Vaterland.
+
+Diese halbgeflüsterte Geschichte regte mich schrecklich auf. Mein Grausen
+wurde dadurch gesteigert, daß ich es in mir zu verbergen bemüht war, denn
+der kleine Mitgänger hatte nichts verstanden und steuerte sorglos in den
+Abend hinein, und vor den ältern Begleiterinnen, obwohl sie selber Angst
+hatten und nur flüsternd noch redeten, schämte ich mich. So stieg mein
+Schaudergefühl mit jedem Wort der Erzählung, bis mir die Zähne klapperten.
+Als aber nach eben beendeter Geschichte auf Sankt Peter die Abendglocke
+zitternd anschlug, ließ ich in rasender Angst die Hand des kleinen Jungen
+fahren und rannte, von der ganzen Hölle gehetzt, in die Nacht hinein,
+stolperte, stürzte, und wurde keuchend und zitternd heimgebracht. Die ganze
+Nacht zitterte ich in schmerzhaften Angstschauern und eine Zeitlang ging
+mir, so oft ich das Wort Barbara hörte, etwas Eiskaltes durch das innerste
+Mark. Von da an glaubte ich noch lebhafter an Kobolde, Vampyre und böse
+Geister, denn sie waren mir mit allen unerhörten Schrecken selber im Nacken
+gesessen.
+
+Etwa um diese Zeit machte mein eben erwachender Verstand seine ersten
+Ansprüche und quälte mich so sehr, daß ich häufig tobende Anfälle von
+machtloser Wut und Ungeduld gezeigt habe. Hier ist auch ein Stück Kindheit,
+das, wie mir scheint, den meisten Menschen allzu gründlich verloren geht,
+der Drang nach Wahrheit, das Verlangen nach Übersicht der Dinge und ihrer
+Ursachen, die Sehnsucht nach Harmonie und sicherem geistigem Besitz. Ich
+litt unter zahllosen Fragen ohne Antwort, und fand allmählich heraus, daß
+den befragten Erwachsenen meine Fragen oft unwichtig und meine Nöte
+unverständlich waren. Eine Antwort, die ich als Ausflucht oder gar als
+Spott erkannte, schüchterte gar oft meine Seele wieder in ihr allmählich
+wankendes Gebäu von Mythen zurück.
+
+Wie viel ernster, reiner und ehrfürchtiger würde das Leben vieler Menschen
+werden, wenn sie etwas von diesem Suchen und Nach-Namen-Fragen auch über
+die Jugend hinaus in sich bewahrten! Was ist der Regenbogen? Warum winselt
+der Wind? Woher kommt das Verwelken der Wiesen, woher das Wiederblühen,
+woher Regen und Schnee? Warum sind wir reich und der Nachbar Spengler arm?
+Wohin geht am Abend die Sonne?
+
+Auf diese Fragen ging mein Vater, wenn die Weisheit oder Geduld der Mutter
+zu Ende war, oft mit unvergleichlicher Liebe und Feinheit ein. Als die
+ständige Begründung »das hat der liebe Gott eben so gemacht« nicht mehr
+zureichte, erklärte er mir in großen Künstlerzügen die sichtbare Welt, die
+Oberfläche der Erde mit Kraut und Getier, die Wiederkehr der Gestirne.
+Zugleich ließ er neben meinem Märchenwald die Edelgestalten der alten
+Geschichte aufsteigen, und griechische Städte, und das alte Rom. Kinder
+sind weitherzig und vermögen durch den Zauber der Phantasie Dinge in ihrer
+Seele nebeneinander zu beherbergen, deren Widerstreit in älteren Köpfen zum
+heftigsten Krieg und Entweder-Oder wird. Dennoch, da ich selber gerne
+erfand, und mit der kindlichen Schöpferkraft spielte, entstanden vielerlei
+Zweifel. Davon war der lebhafteste gegen die Wahrhaftigkeit eines orbis
+pictus gerichtet, eines Lieblingsbilderbuches, das mich von der ersten
+Schaulust bis weit in das reifende Knabenalter begleitete und so in meiner
+Geschichte die umgekehrte Rolle des Robinson und Gulliver in der wirklichen
+spielte. Ich zweifelte eine Zeitlang sehr stark daran, daß diese Bilder
+Originale in der wirklichen Welt besäßen und nicht lediglich ergötzliche
+Phantasien eines Malers seien. Beim Betrachten der Abbildungen von Rittern
+oder Bauten oder andern historischen Gegenständen erinnerte ich mich mit
+behaglicher Schlauheit, daß ich auch Achillesse und große Kirchen und
+ähnliches gezeichnet oder gebaut und meinen Kameraden als die wahren Dinge
+oder als treue Abbilder ausgegeben hatte. Als mein Vater dahinterkam,
+schlug er auf einer der letzten Seiten des Buches das mir bisher entgangene
+Bild einer Kirche unsrer Stadt auf, welche ich sofort mit großer
+Betroffenheit wiedererkannte. Von da an waren mir auf eine gute Weile
+wenigstens alle Worte meines Vaters wieder unzweifelhaft und beweiskräftig.
+Ein Nachbarsjunge teilte mir eines Tages geheimnisvoll und wichtig mit, der
+»wilde Mann«, eine Hauptfigur in unsern Geschichten und ausgetauschten
+Phantasieerlebnissen, wohne nicht weit vom Tor am Petersgraben in einem
+Kornspeicher, sein Vater hätte es ihm gesagt. Der Trumpf war vergebens
+ausgespielt, denn mein Vater hatte mir bereits eine bessere, wenn schon
+nicht so deutliche Erklärung gegeben. Ich blieb daher nicht nur skeptisch
+und ungerührt, sondern antwortete dem Freunde hohnlächelnd und mit großer
+Genugtuung, er möge nur wieder zu seinem Vater gehen und ihm sagen, er wäre
+ein Kamel. Diese Antwort trug mir erst von dem Beleidigten und dann von
+meinem Vater Prügel ein.
+
+Solchen Züchtigungen von der Hand des geliebten Vaters pflegte ich zwar
+meistens Trotz und Schweigen entgegenzusetzen, aber mein kleines Herz
+empfand sie unsäglich bitter, weh und beugend. Sie sind die frühesten
+Leiden, auf die ich mich besinnen kann und in der Vorstellung, die ich von
+meinen Kinderjahren habe, die einzigen Trübungen, die noch vor der
+Schulzeit eintraten. Auch war es mit dem Schlagen und Trotzbieten
+keineswegs getan, sondern der bittere Kern der Strafe war die Nötigung,
+mich zu demütigen und um Verzeihung zu bitten, ehe ich das Auge der Eltern
+wieder freundlich und ihr Ohr mir offen fand. Freilich wurde dadurch und
+durch die jedesmalige freundlich ernste Versöhnung der Züchtigung der
+Stachel abgebrochen, aber bis ich müd und verständig genug zum »Verzeih«
+sagen war, kostete es immer wieder einen bitteren, tränenreichen Kampf. Der
+erste Abend, an dem ich ohne Kuß und ohne Begleitung der Mutter stumm und
+scheu zu Bette ging, ist mir noch wohl erinnerlich. Vielleicht hat, so oft
+auch später mir das Wasser an die Kehle ging, doch das Gefühl namenlosen
+Schmerzes und Zwiespaltes niemals mehr so unsäglich auf mir gelastet, wie
+an jenem traurigen Abend. Es war auch der erste Abend, an welchem ich nicht
+zu beten vermochte. Der Wortlaut meines Betverses stockte mir auf der
+Zunge, zeigte mir zum erstenmal seinen schweren Ernst und würgte mich wie
+einen Erstickenden. So diente diese dunkelste Stunde dazu, mir auf einmal
+das Beten ohne Gedanken unmöglich zu machen.
+
+Indessen wuchs mein Verstand und begann, auf die ersten Belehrungen und
+Erfahrungen bauend, sich allmählich einer stiller werdenden eigenen
+Tätigkeit zu erfreuen. Meine Spiele nahmen, ohne Vorbilder zu haben, die
+verwickelteren, intelligenteren Formen der eigentlichen Knabenspiele an.
+Das A-B-C gab mir einen angenehm herben Vorschmack der Schule. Ich besaß
+schon Erinnerungen und gewöhnte mich, nachdem ein bestimmter Tag für meinen
+Schulbeginn mir angesagt war, an morgen und übermorgen zu denken.
+
+ * * * * *
+
+Dieses wenige ist der ganze Schatz von Erinnerungen an die ersten Jahre,
+den ich noch besitze. Oder nicht der ganze, denn ich vermochte das Beste
+nicht auszusprechen, die Empfindungen durchträumter Frühlinge und
+beglückender Liebhabereien, das milde Nachgefühl kindlicher Freuden und
+Wehen, herzlicher genossen und tiefer erlitten als viele größere Freuden
+und Wehen der späteren Zeiten. Ich vermochte nicht die feinen Erinnerungen
+niederzuschreiben, deren ich einen holden Strauß besitze, an Waldbesuche,
+an Nachbarfreundschaften, an belauschte Katzenjunge und gestreichelte
+Lämmer.
+
+Komisch wehmütig berührt mich die letzte Zeit vor dem Besuch der Schule,
+das Erwachen des Knabenstolzes, das Unsichere des Übergangs vom Träumen zum
+Denken, und das langsame Verblassen der farbigen Phantasie und des ganzen
+unbeschreiblichen Goldgrundes, auf welchen alle diese frühesten Bilder
+gemalt sind. Mein Gedächtnis schließt mein letztes freies Kinderjahr mit
+einem merkwürdigen Abend ab. Es war kurz vor meinem Eintritt in die Schule,
+und der Geburtstag einer kleinen Schwester, der 27. November. Dieser
+Schwester war für den Augenblick alle Sorgfalt und Liebe des Hauses
+zugewendet, und ich saß beklommen und allein an einem dunkelnden Fenster.
+Draußen war Spätherbst und eine frühe, sternhelle Nacht. Neben dem Gedanken
+an den erwarteten ersten Eintritt ins wirkliche Leben war eine
+Abschiedsstimmung in mir lebendig, und ein halbbewußtes Rückverlangen nach
+der Ungebundenheit und Traumtiefe der bisherigen Tage. Da wars, daß ich
+eine Bewegung unter den Sternen zu sehen glaubte. Ich blickte nun starr und
+unverwandt an den Himmel, und siehe, ein Stern begann seltsam zu flirren
+und schoß plötzlich in die Finsternis, ohne Spur verglimmend. Und da wieder
+einer, und dort zwei zugleich, und am Ende eine ganze bewegte Menge. Der
+Vater kam herein, und die Dienstboten, und so standen wir eine gute Weile
+still im Dunkeln, das seltene Schauspiel unzähliger Sternschnuppen
+betrachtend und von der merkwürdigen Stunde berührt, jeder, wie ich glaube,
+mit dem Gedanken, daß dieser Blick aus dem dunklen Zimmer auf die
+gleitenden Sterne ihm unvergeßlich bleiben würde.
+
+ * * * * *
+
+Mit dem Besuch der Schule begann nun mein menschlich gesellschaftliches
+Leben. Hier wird das Dasein zuerst zum Bild der Welt im kleinen, hier
+treten die Gesetze und Maßstäbe des »wirklichen« Lebens in Kraft, hier
+beginnt Streben und Verzweifeln, Konflikt und Bewußtsein der Person,
+Ungenügen und Zwiespalt, Kampf und Rücksichtnahme, und der ganze endlose
+Kreislauf der Tage. Zuerst die Teilung der Zeit in Alltag und Feiertag! Man
+muß nach Stunden leben und arbeiten, jeder Tag erhält sein Gewicht und
+seine feste Geltung und löst sich aus der Zeit als ein besonderes Stück
+heraus. Die Unergründlichkeit der Monate und Jahreszeiten, das Leben aus
+dem Vollen hat ein Ende; Feste, Sonntage, Geburtstage treten nicht mehr als
+Überraschungen vor uns hin, sondern ihre Zeit und Wiederkehr ist gleich den
+Stundenzahlen auf der Uhr fest angeschrieben und wir wissen, wie lange der
+Zeiger braucht, bis er sie erreicht.
+
+Der Wunsch meines Vaters, mich selber zu unterrichten, hielt dem
+allgemeinen Brauch und dem Rat aller Freunde und Verwandten nicht stand.
+Ich wurde einer öffentlichen Schule übergeben, hatte mehrere Lehrer, die
+jährlich wechselten, und litt unter allen Übelständen dieser Anstalten.
+Schule und Haus waren zwei streng getrennte Dinge, mein Gehorsam hatte zwei
+Oberhäupter, von denen das eine mit meiner Liebe, das andere mit meiner
+Furcht rechnen mußte. Das erste Übel lag darin, daß ich, von einem strengen
+Lehrer an häufige Schläge und Arrest gewöhnt, die väterlichen Strafen bald
+nicht mehr in der früheren Weise achtete, so daß häusliche Züchtigungen
+ihren Wert verloren und meinem Vater dieser einfachste Austrag moralischer
+Unebenheiten allmählich unmöglich gemacht wurde. Daraus folgte für ihn
+unendlich viel Sorge und Mühe und für mich viel Elend, da nun alle
+Besserungen und Verzeihungen erschwert waren und lange Zeit erforderten. In
+solchen kritischen Zeiten war ich manchesmal verzweifelt, krank vor Sorge
+und Wut, und plagte mich mit Elend, Scham, Ärger und Stolz. In der Schule
+übel behandelt, zu Hause von irgend einer begangenen Übeltat schweigend
+bedrückt, warf ich mich oft in der großen Wiese zu Boden und rang
+schluchzend gegen eine unbekannte, grausame Übermacht. Diese Stunden am
+Mittagstisch, wenn kein Gespräch möglich war, wenn ich mit Angst an die
+nächste böse Schulstunde dachte, während eine zurückgedrängte väterliche
+Strafrede den Eltern, den jüngeren Geschwistern und sogar den Dienstboten
+in allen Mienen zu lesen war, diese schweigsamen, trotzigen Spaziergänge
+mit meinem Vater, auf denen ich die Bitte um Verzeihung oder sonst eine
+Aussprache, welche er erwartete, aus Trotz und Scham in mir niederhielt,
+liegen mir noch mit aller Schwere hart und widerlich im Gedächtnis.
+
+Da meine Unruhe und eingedämmte Leidenschaftlichkeit und Lebensfülle Raum
+forderte, warf ich mich auf die mir bisher fremden Knabenspiele mit aller
+Wildheit meiner jungen Sinne. Ich sprang bald allen Kameraden voran, als
+Turner, als Feldherr, als Räuberhauptmann oder Indianerhäuptling, am
+hitzigsten, wenn zu Hause schlechtes Wetter war. Meine Eltern und am
+meisten die bekümmerte Mutter sahen mich mit Trauer in den Ruf eines
+Wildfangs und Anstifters geraten, während ich unter ihren Augen meistens
+stumm und bedrückt umherschlich.
+
+In meinem dritten Schuljahre hatte ich eines Tages einem armen Handwerker
+in unserer Straße mit meiner Schleuder ein Fenster eingeworfen. Der Mann
+lief zu meinem Vater, erzählte ihm meine, wie er glaubte, absichtlich
+begangene Tat und fügte noch hinzu, daß ich auch außerdem ein Tunichtgut
+und Straßentyrann wäre. Als am Abend mein Vater mir dies alles wieder
+berichtete und auf ein Geständnis drang, war ich über den Ankläger so
+empört, daß ich auch den unbestreitbar geschehenen Fensterschuß hartnäckig
+leugnete. Ich wurde ungewöhnlich hart gezüchtigt und glaubte nun vollends
+meinen Trotz nicht brechen lassen zu dürfen. So verhielt ich mich einige
+Tage scheu und feindselig, während mein Vater schwieg und ein Schatten auf
+dem ganzen Hause lag. In diesen Tagen war ich unglücklicher als jemals
+vorher. Nun mußte mein Vater für eine Woche verreisen. Als ich an jenem Tag
+aus der Schule kam, war er schon abgereist und hatte ein Brieflein für mich
+dagelassen. Nach Tisch begab ich mich in die oberste Bodenkammer und
+öffnete den Brief. Ein schönes Bild fiel heraus, und ein Zettel von der
+Hand des Vaters:
+
+»Ich habe dich für ein Vergehen gestraft, das du nicht gestanden hast. Hast
+du die Sache dennoch begangen und mich also angelogen, wie soll ich dann
+noch mit dir reden? Ists anders, dann habe ich dich mit Unrecht geschlagen.
+In einer Woche, wenn ich wiederkomme, sollte doch einer von uns dem andern
+verzeihen können.
+
+Dein Vater.«
+
+Den ganzen Tag lief ich beklommen und erregt mit dem Zettel in Haus und
+Garten herum. Dieses Wort von Mann zu Mann erfüllte mich mit Stolz und Reue
+und traf mich im Herzen, wie kein anderes Wort es hätte können. Am nächsten
+Morgen kam ich mit dem Blatt ans Bett meiner Mutter, weinte und fand keine
+Worte. Darauf ging ich im Hause umher wie nach einer langen Abwesenheit,
+alles war so alt und neu, war mir wiedergeschenkt und von einem Bann
+erlöst. Abends saß ich seit langer Zeit zum erstenmal meiner Mutter zu
+Füßen und hörte sie erzählen wie in den Kleinkinderjahren. Es kam so süß
+und mütterlich von ihrem Munde, aber was sie erzählte, war kein Märchen.
+Sie sagte mir von Zeiten, da ich ihr fremd geworden sei, und wie da ihre
+Angst und Liebe mich begleitete; sie beschämte und beglückte mich mit jedem
+Wort, und dann redeten wir beide mit Namen der Liebe und Ehrfurcht von
+meinem Vater und freuten uns mit Sehnsucht auf seine Heimkehr.
+
+Der Tag seiner Zurückkunft war zugleich der letzte Tag vor meinen
+Sommerferien und vollendete so mein Glück. Nach einer kurzen Unterredung
+kam der Vater mit mir aus seinem Studierzimmer hervor und führte mich der
+Mutter zu, indem er sagte:
+
+»Hier hast du unseren Buben wieder, Mama. Er gehört seit heute wieder mir.«
+
+»Mir schon seit einer Woche!« rief sie lächelnd dagegen, und wir saßen
+fröhlich zu Tische.
+
+Die mit diesem Tag beginnende Ferienzeit liegt in meinen Schuljahren wie
+ein umzäunter, grüner Garten. Tage voll Sonne, Abende mit Spiel und
+Geplauder, Nächte festen Schlafs mit gutem Gewissen! Jeden Abend wanderte
+mein Vater Hand in Hand mit mir in einen Steinbruch, der eine halbe Stunde
+weit vor der Stadt lag. Dort bauten wir Häuser und Höhlen, schleuderten
+Steine nach dem Ziel und hämmerten nach Versteinerungen. Auf dem Rückweg
+tranken wir Milch und aßen Brot in einem Meierhof und verzichteten darauf
+stolz auf das mütterliche Abendessen, die Mutter mit allerlei Geheimnissen
+neckend und uns jedes Meisterwurfes und jedes gefundenen Rötels oder
+Glitzersteines rühmend. Mein Vater erwies sich als Pfadfinder, Jäger,
+Scheibenschütz und Erfinder. Halbe Tage wanderten und ruhten wir in Wiesen
+und an Waldabhängen, ganz mit uns allein, einen Brotlaib in der Tasche,
+Wege entdeckend und Pflanzen sammelnd, und ich spürte etwas davon, daß mein
+Vater seine eigene Jugend wieder aufsuchte und sich seiner erfrischten
+Brust und seiner geröteten Wangen erfreute, denn er war von zarter
+Gesundheit und wurde viel von Kopfschmerzen und anderen Leiden heimgesucht.
+Nun wanderten wir wie zwei Knaben miteinander, schnitten Lanzen, ließen
+Drachen steigen, gruben im Garten und zimmerten im Hofraum allerlei Gerät
+und Kasten zusammen.
+
+In dieser Zeit etwa begann mein Ohr zu erwachen und meine Phantasie sich
+mit Melodien zu beschäftigen. Ich liebte es, in Freistunden zum Münster zu
+gehen und mich durch das Tor zu schleichen, um das Spiel des Organisten zu
+hören, der stundenlang dort sich seiner Kunst erfreute. Ich summte und sang
+auf dem Schulweg, im Garten, sogar im Bette, und prägte mir viele Choräle
+und Liedermelodien frühe ein.
+
+Und mit neun Jahren, an meinem Geburtstage, schenkten mir die Eltern eine
+Geige. Von diesem Tage an ist das hellbraune Geiglein auf allen Fahrten mit
+mir gegangen, viele Jahre lang, und von diesem Tage an hatte ich ein
+Abseits, eine innere Heimat, eine Zuflucht, wo seither unzählige
+Erregungen, Freuden und Kümmernisse sich versammelten.
+
+Der Lehrer war mit mir zufrieden. Mein Gehör und Gedächtnis war scharf und
+peinlich treu, und allmählich zeigte sich im Lauf der Lehrjahre das, was
+den Geiger macht, der feste, fähige Arm, das freie Gelenk, die
+ausdauernden, kräftigen Finger.
+
+Fürs erste erwies sich leider die Musik als ein unerwartetes Übel, denn sie
+nahm mich fast völlig gefangen und verleidete mir den Schülerfleiß. Dagegen
+lenkte sie meinen Ehrgeiz und meine Knabenwildheit von den gröberen Spielen
+und Freveln ab, sie milderte meine Hitze und Leidenschaft, sie machte mich
+schweigsam und verträglich. Ich wurde keineswegs zum Geiger erzogen, mein
+Lehrer war sogar ein Dilettant, daher war der Unterricht mir ein Vergnügen
+und zielte weniger auf strenge Übung und Präzision, als auf ein baldiges
+Etwaskönnen. Der erste Choral, zum Geburtstag der Mutter gespielt, war ein
+festliches Ereignis. Und alsdann die erste Gavotte, die erste Haydnsonate!
+Ich war selber voll Freude und Eitelkeit, aber allmählich spürte meine
+Natur doch einen Mangel, so daß ich vor einem gewissen flotten Strich,
+einer Dilettantenverve gefährlicher Art, bewahrt blieb. Die Schule ging
+neben dem her und behielt für mich alle die Jahre bis zum vierzehnten
+hindurch die Schwüle einer Zwangsanstalt. Wie viel von meinen Leiden und
+meiner Verbitterung, neben meinen eigenen Fehlern, der ganzen Erziehungsart
+zur Last fällt, kann ich nicht urteilen; aber in den acht Jahren, welche
+ich in den niederen Schulen zubrachte, fand ich nur einen einzigen Lehrer,
+den ich liebte und dem ich dankbar sein kann. Wer die Kindesseele ein wenig
+kennt und selber einen Rest ihrer Zartheit sich bewahrt hat, der kennt das
+Leiden, dessen ein Schulknabe fähig ist, und zittert noch in Scham und
+Zorn, wenn er sich der Rohheiten mancher Schulmeister erinnert, der
+Quälereien, der berührten Wunden, der grausamen Strafen, der unzähligen
+Schamlosigkeiten. Wahrlich, ich meine nicht die fleißige Rute, deren jeder
+Knabe bedarf; ich meine aber die Frevel, die an dem Glauben und dem
+Rechtssinn des Kindes geschehen, die rohen Antworten auf schüchterne
+Kinderfragen, die Gleichgültigkeit gegen den Trieb der Kindheit nach einer
+Einigung ihrer stückweise erworbenen Kenntnis der Dinge, den Spott als
+Antwort auf kindergläubige Naivetäten. Ich weiß, daß ich nicht allein in
+solcher Weise gelitten habe, und daß mein Unwille darüber und meine Trauer
+um zerstörte und verkümmerte Teile meiner jungen Seele nicht die
+Verbitterung eines nervösen Einzelnen ist; denn ich habe von vielen diese
+Klagen gehört. Ich weiß wohl mit der eigentümlichen Art des Knabenalters zu
+rechnen, als einer heiklen, problematischen Zeit der Scheidungen,
+Beschneidungen und Häutungen, voll von schwer verständlichen Erregungen und
+Exzessen; aber ich kann mich der Trauer und der Anklage nicht enthalten.
+Die ganze Zeit meines späteren Lebens bin ich mit einer besonderen Vorliebe
+den kleinen Knaben zugetan gewesen und fand gar oft meine ehemaligen Ängste
+in errötenden Knabengesichtern wieder.
+
+Es widerstrebt mir, einige dieser Bitternisse aufzuzeichnen, meine
+Erinnerung irrt in dieser Zeit der verwelkenden Kindheit und erwachsenden
+Jünglingszeit befangen und bedrückt umher.
+
+Hell und verklärt von Verehrung und Liebe zeigen sich mir die
+Unterweisungen, die ich in Garten, Feld und Studierzimmer von meinem Vater
+genoß. Diese schlossen mir die verschwisterten Reiche der Geschichte und
+der Dichtung auf. Mit gekrönten Königen und geschlagenen Duldern, mit
+Heerzügen und prachtvollen Städten breitete sich die Geschichte der
+Griechen aus, und die der Römer mit ruhmbekränzten Siegern, unterjochten
+Erdteilen und fabelhaften Triumphzügen, neben welcher Pracht und Höhe lange
+Zeit die Jagden und blutigen Wanderungen der ältesten deutschen Zeit mir
+wenig Freude machten.
+
+Der freundschaftlich in Frage, Antwort und Erzählung erteilte väterliche
+Unterricht legte einen guten Grund in mir. Was in der Schulstube und im
+Mund der Lehrer mir langweilig und peinlich erschien, gewann hier
+anziehende Formen und schien mir alles ernstlichen Fleißes würdig.
+
+In meiner Klasse pflegte ich, obwohl ich nie ein Lehrerliebling war, meist
+mich auf den oberen Plätzen zu halten und besonders im lateinischen
+Unterricht mir gute Zeugnisse zu erwerben. Die lateinische Sprache lernte
+ich leicht und mit Eifer, sie blieb durch meine Schülerzeit und durch mein
+Leben mir befreundet und geläufig.
+
+So fand man mich zur Vorbereitung auf den Eintritt in eine schwäbische
+gelehrte Schule würdig. Das Examen wurde leidlich bestanden. Meine erste
+Schulzeit war zu Ende und ein sommerlicher Ferienmonat lag vor dem
+ehrgeizig erstrebten Eingang der gelehrten Klosterpforte.
+
+In diesen Ferien las mir mein Vater zum erstenmal Lieder Goethes vor. Ȇber
+allen Wipfeln« war sein Liebling.
+
+An einem silbernen Abend, im frühen Monde, stand er mit mir auf einem
+bewaldeten Berge. Wir atmeten vom Steigen aus und schwiegen nach einem
+ernsten, herzlichen Gespräch vor der Schönheit der mondhellen, stillen
+Landschaft.
+
+Mein Vater setzte sich auf einen Stein, blickte rundum, zog mich zu sich
+nieder, schlang den Arm um mich und sprach leise und feierlich jenes
+unergründliche, wunderbare Lied:
+
+ Über allen Gipfeln
+ Ist Ruh.
+ In allen Wipfeln
+ Spürest du
+ Kaum einen Hauch,
+ Die Vöglein schweigen im Walde,
+ Warte nur, balde
+ Ruhest du auch.
+
+Hundertmal habe ich seitdem diese Worte gehört und gelesen und gesprochen,
+in hundert Lagen und Stimmungen -- die Vöglein schweigen im Walde -- und
+jedesmal befiel mich eine milde, herzlösende Schwermut, und jedesmal senkte
+ich dabei das Haupt und hatte ein seltsam wehes Glücksgefühl, als kämen die
+Worte aus dem Munde meines an mich gelehnten Vaters, als fühlte ich seinen
+Arm um mich gelegt, und sähe seine große, klare Stirn, und hörte seine
+leise Stimme.
+
+
+
+
+Die Novembernacht.
+Eine Tübinger Erinnerung.
+(Geschrieben 1899.)
+
+
+Über Tübingen hing eine schwarze, verwölkte Novembernacht. Sturm und
+Sprühregen klirrte und zitterte durch die engen Gassen, aufflackernde rote
+Laternenlichter glänzten trüb auf dem nassen Pflaster wider. Trüb und
+schwarz mit zwei, drei kleinen roten Fensteraugen lag das alte Schloß wie
+ein halbschlafendes träges Untier auf seinem langen Hügel, Fetzen von
+Wolkenschleiern um die spitzen Dächer. In den großen, ernsten Alleen
+standen die alten Kastanien, Linden und Platanen kahl und hager im Sturm
+wie eine trübselig standhafte Armee von Greisen. Blätterwirbel trieben über
+die feuchten Wege, faul und grau lagen die großen Herbstwiesen, an den
+Rändern da und dort von einer windscheuen Laterne zackig und roh
+beleuchtet. Der langgezogene, müde Pfiff des letzten Reutlinger Zuges drang
+vom nahen Bahnhof durch die schwere Luft und paßte mit seinem heiseren,
+hinsterbenden Geräusch vortrefflich in die Tonart des ganzen Abends.
+
+In den Pausen des Sturmes ward das kühle Rauschen des Neckars laut. Die
+Ufer lagen tief in graue, traurige Ruhe gehüllt und von den vielen hellen
+liederlauten Sommerabendfesten war keine leise Spur mehr geblieben, so
+wenig dem breiten, traurigen Stiftsgebäude noch eine Spur von den
+zahlreichen, glänzenden Geistern anhing, die darin vor Zeiten
+schwärmerische, dämmernde Jugendsemester verlebten. Es seien denn einzelne
+nachklingende, elegische Laute aus der umflorten Harfe des armen Hölderlin.
+Statt dessen brannte dort die strenge, fleißige Gegenwart in zahlreichen
+Studierampeln über die ganze Breitseite des Stifts verteilt und glänzte
+mattrot durch die breiten, niederen Fenster. Dort lagen jetzt Kompendien,
+Wörterbücher und Texte ohne Zahl vor ernsthaften, jungen Augen
+aufgeschlagen, Ausgaben des Platon, Aristoteles, Kants, Fichtes, vielleicht
+auch Schopenhauers, Bibeln in hebräischer, griechischer, lateinischer und
+deutscher Sprache; vielleicht brütete hinter diesen Fenstern zur Stunde ein
+junges, philosophisches Genie über seinen ersten Spekulationen, während
+zugleich ein zukünftiger schwergeharnischter Apologet die ersten Steine
+seines Trutzgebäudes legte.
+
+Zwei junge Männer, die jetzt von der unteren Neckarbrücke her durch die
+Platanenallee gegangen kamen, blickten lachend hinüber und zeigten wenig
+Respekt vor der ernsten zukunftschwangeren Geistesburg. Sie wandelten, in
+grauen Lodenmänteln, des Regens ungeachtet, langsam durch die stürmende
+Herbstnacht. »Hast du noch was drin?« fragte der Kandidat Otto Aber seinen
+Begleiter, worauf dieser, der Dichter Hermann Lauscher, eine bauchige
+Benediktinerflasche aus der Manteltasche zwängte und dem Kandidaten
+reichte.
+
+»Der letzte Schluck!« rief dieser und schwenkte die Flasche gegen das
+jenseits des Flusses ragende Stift. »Prosit Stift!«
+
+Er leerte die Bouteille mit einem kurzen Schluck.
+
+»Was machen wir mit dem Scherben?« fragte Lauscher. »Wir könnten auf die
+Wache gehen und ihn der lieben Tübinger Stadtpolizei verehren.«
+
+»Was Stadtpolizei!« lachte Aber. »Da!« und er schleuderte die Flasche über
+den Neckar, daß sie an einem Pfeiler des Stiftsbaues zersplitterte. »Jetzt
+wohin?«
+
+»Ja wohin?« sagte Lauscher nachdenklich. »In der Steinlach krepiert man am
+Wein, in der Silberburg ist die Schorschel nimmer da, im Kaiser säuft der
+Roigel, in der Sonne ists zu voll, im Löwen --«
+
+»Halloh, in den Löwen!« rief Aber. »Mir fällt ein, daß der Säbelwetzer und
+der Elenderle heut abend dort sind und die Mensur vom Donnerstag
+verschwellen. Komm! Übrigens ists ein Sauwetter.«
+
+Der Kandidat zog seinen langen Mantel enger an sich und schlug ein
+rascheres Tempo an.
+
+»Was rennst du!« rief Lauscher. »Für uns ist das Wetter lang gut genug. Mir
+paßt's so besser, als Lump im Sonnenschein zu spielen. Wenn der
+Benediktiner nicht ausgepfiffen hätte, wär ich für eine Naturkneipe.
+Außerdem ist der Säbelwetzer langweilig und der Elenderle wird schon bald
+wieder am Heulen sein. -- Trinken sie Uhlbacher? Dann geh ich nicht mit,
+der Uhlbacher vom Löwen haßt mich. Aber was versteht ihr von Wein!«
+
+»Weinprotz!« lachte Aber. »Nein, sie haben eine uralte Moselwette dort
+stehen, oder Winkler oder was ähnliches. Jedenfalls was besseres. -- Dabei
+fällt mir ein: warum gründen wir eigentlich nichts? Wir vier oder fünf
+hocken doch ewig zusammen, man könnte den Appenzeller und so ein paar
+Bierhühner mitlotsen, es gäbe so was wie eine Ausstellung der
+Zurückgewiesenen.«
+
+»Gründen?« brauste Lauscher auf, der damals das spätere cénacle noch nicht
+ahnte. »Lieber werd ich Eremit.«
+
+»Warum nicht gar! Es gäbe ein Kollegium von Ausgetretenen aus allen
+fashionablen Verbindungen, oder von Rettungslosen aus allen Fakultäten. Der
+Elenderle würde die Sündenlast der Gesellschaft in Tränen umsetzen, der
+Säbelwetzer bekäme ein Dauerpaukwams und würde auf alle Waffen für uns
+losgehen, ich wäre die Bierkommission, du Schrift- und Weinwärtel . . .«
+
+»Und so weiter. Schon gut.«
+
+»Der Appenzeller würde sich unübertrefflich dazu qualifizieren,
+Mitteilungen und Forderungen der Gesellschaft den Chargierten der
+Verbindungen zu überbringen. Der Nebukadnezar wäre ein censor morum
+ohnegleichen. Der Kaißer hat einen Onkel, der Weinberge besitzen soll; der
+Schnauzer ist reich und dumm --«
+
+»Und dann würden wir eine Kneipe mieten und zweimal in der Woche
+>Altheidelberg< und >es geht ein Lumpidus< miteinander singen. Und Füchse
+keilen. Und Präsidepauken schwingen. Ich danke.«
+
+»Warum? Wir könnten im Schwarzwälder kneipen und im Komment alle
+anständigen Lokäler verbieten. Z. B.: Wer im Ochsen oder im Innern der Aula
+betroffen wird, zahlt eine Mark Buße. Wer fachsimpelt, zahlt zwei Maß
+. . .«
+
+»Nein, bitte, du fängst wieder an nach Komment zu riechen.«
+
+Die Freunde waren auf der alten Brücke angelangt. Aus der Kneipe der
+Burschenschaft klang lauter Chorgesang. Der Neckar strömte wild um den
+breiten Brückenpfeiler, auf dem raschen Wasser glänzten unruhig die
+Laternenlichter, schwarz und großartig streckte sich die Platanenallee in
+die Nacht. Vom Turm der Stiftskirche tönte das Stundenhorn, zackig und
+wechselvoll beleuchtet, stand die malerische Häuserreihe des hohen
+Neckarufers bis zum alten Stift hinab. Beide Freunde schwiegen, so lange
+sie über die Brücke gingen. Vielleicht stieg beim Anblick der schönen,
+nächtlichen Stadt, beim Rauschen des Neckars und Singen der Studenten in
+beiden das Erinnern an die kaum vergangenen Tage auf, da ihnen noch die
+eigentümliche, romantische Schönheit und Stimmung dieser Stelle ahnungsvoll
+und freudig ans Herz gerührt hatte, da sie noch mit der Hoffnung und dem
+ganzen süßen, krausen Stimmungsduft der ersten Semester hier gegangen
+waren.
+
+Sie bogen um die Brückenmühle, stiegen die steile Gasse zum Holzmarkt
+hinauf, gingen an der Stiftskirche vorüber, über die schmale Kirchgasse und
+den öden Markt an der Sonne vorbei und gelangten durch Nässe und Schmutz an
+die Hintertür des Löwen, durch welche man über drei steile Stufen hinab
+direkt in das »Nebenzimmer« tritt. Ehe sie eintraten, blickten sie durch
+eins der niederen Fenster in die schmale Stube hinab und sahen Elenderle
+und Säbelwetzer am letzten Tisch beim Wein sitzen.
+
+»Sie trinken Winkler!« frohlockte Aber. »Hab ich's nicht gesagt? Du meldest
+dich mit deiner Blume, wegen ungebührender Respektlosigkeit.«
+
+»Prolet! Meinetwegen,« murrte Lauscher, und trat zuerst in die schmale Tür.
+Aber folgte nach, drehte unwillig ein an der Wand hängendes Gerolsteiner
+Mineralwasserplakat um und ließ sich von der herzueilenden Wirtstochter
+Mathilde den Mantel abnehmen.
+
+Jetzt bemerkten die Weintrinker die Ankommenden.
+
+»Höchste Zeit,« rief der Säbelwetzer. »Wollet ihr trinken? Wollet ihr ein
+Bad nehmen? Wollet ihr euch ersäufen? An Winkler fehlt es nicht. Mein Leben
+mach ich keine solche Wette mehr. Fünfzehn Flaschen, ists nicht zum
+Langweiligwerden?«
+
+»Keine Angst!« rief Lauscher. »Mathilde, zwei Gläser!« Er prüfte eine der
+im Kübel stehenden Flaschen und schenkte ein. »Meine Blume, Aber!«
+
+»Saufs!«
+
+»Na?« fragte der Säbelwetzer.
+
+»Er ist gut,« gab Lauscher kurz zur Antwort, ließ den linken Arm über die
+Stuhllehne hängen, füllte seinen Römer nach und trank ihn mit einem langen
+sicheren Schluck hinunter.
+
+»Wo spuckts wieder?« fragte der Säbelwetzer. »Du hast deinen
+allerbeinernsten Schädel aufgesetzt.«
+
+»Du weißt,« fiel Aber ein, »Schnaps verträgt er nicht. Der Benediktiner --«
+Lauscher stieß durch die Zähne einen langen Pfiff.
+
+»Halts Maul, Aberchen! Überhaupt fragt man nicht so dumm, Säbelwetzer.« Er
+trank ein neues Glas an. »Ihr seid eigentlich doch eine Schweinebande,
+liebe Freunde,« fuhr er dann langsam und ernsthaft fort, »und mich wunderts
+selber, daß ich allemal wieder bei euch bin.«
+
+Elenderle lachte und trank dem Dichter zu.
+
+»Aber was tun? Ihr seid wenigstens bloß langweilig und im übrigen gute
+Brüder.«
+
+»Hm -- hm --«
+
+»Ja, brummt nur! Oder hat vielleicht einer von euch etwas anderes an Geist
+zu verbrauchen, als die übrigen Brocken aus seiner Fuchsenzeit? Oder hat
+einer von euch eine Ahnung von Humor, von Philosophie, von Kunst? Oder --«
+
+»Na hör mal,« lachte der Kandidat Aber, »eh du so proletest, sei doch so
+gut und serviere uns einmal deine Kunst, deine Philosophie, deinen Humor!
+Er muß anderswo als in deinen sentimentalen Versen stecken --«
+
+»Das tut er auch. Was Verse! Daß ich hier sitze und euren Wein mit euch
+trinke und eure desperaten Schädel betrachte, während ich Gold, Silber,
+Paläste, Märchen und Kleinode in mir liegen habe, das ist der Humor. Was
+verbummelt ihr? Was ersäuft ihr? Ein Examen, ein bißchen Vermögen, ein
+Ämtchen, in dem ihr euch geschunden und gelangweilt hättet. Warum? Weil es
+euch dämmert, daß es sich um solches Zeug nicht zu leben lohnt. Und ich?
+Schluck um Schluck ersäufe ich ein Stück blauen Poetenhimmel, eine Provinz
+meiner Phantasie, eine Farbe von meiner Palette, eine Saite von meiner
+Harfe, ein Stück Kunst, ein Stück Ruhm, ein Stück Ewigkeit. Warum? Weil es
+sich auch um alles das nicht zu leben lohnt. Weil es sich überhaupt nicht
+lohnt zu leben; denn Leben ohne Zweck ist öd und leben mit Zweck ist eine
+Plage.«
+
+Elenderle lachte fortwährend. Aber nahm einen langen Schluck und sagte
+gutmütig: »Trink, Lauscher, und mach uns nix Blaues vor!«
+
+»Aber sag,« redete er darauf Elenderle an, »was machst du denn jetzt
+eigentlich? Weiß dein Alter schon?«
+
+»Was denn?« fragte Lauscher.
+
+»Weißt du nicht? Er ist zum drittenmal nicht ins Examen gestiegen und
+außerdem relegiert. Na, Elenderle, was denkst du?«
+
+»Denken? Ich hab mich anwerben lassen.«
+
+»Sakerlot! Anwerben?«
+
+»Ja ja ja ja!«
+
+»Zu was denn? Ist eine Deliriantenarmee gegründet worden?«
+
+»Ganz so was! Ich meinte, ich hätte in meinen vielen Semestern genug
+Jammertränen vergossen, um mir dafür ein Freibillet in die Gefilde der
+Seligen zu kaufen.«
+
+»Auch gut,« lachte der Säbelwetzer. »Das ist nicht mehr als billig. In die
+Hölle wärst du so wie so nicht gekommen, das weiß ich, denn ich habe einmal
+drei Semester württembergische evangelische Theologie studiert.«
+
+»Aber wer hat dich denn angeworben?« fragte Lauscher.
+
+»Ei wer? Ja, den möchtest du kennen! Ein Herr, sag ich dir, ein feiner Herr
+--«
+
+»Rindvieh!« rief Lauscher. »Was du einen feinen Herrn nennst! War er feiner
+als ich?«
+
+»Viel, viel feiner! Ein Gentleman, sag ich euch. Übrigens dummes Geschwätz!
+-- er kommt heut abend her, er hats versprochen.«
+
+»Wa--as? Kein Schwindel? Auf dein Wort?«
+
+»Natürlich, auf alle meine Wörter. Prost, Lauscher!«
+
+»Prost, Elenderle!«
+
+Lauscher zog ein Paket seiner Giftschlangen hervor, schwarze, lange, dünne
+Zigarren, und bot den andern an. Er zündete sich eine an, blies Wolken,
+streifte die Asche ab, nahm hin und wieder einen schnellen Schluck und
+verfiel in eine träumerisch schwere Trägheit. Auch die andern widmeten sich
+nun still dem Wein und der Zigarre. Eine bläuliche Wolke hing über dem
+Tische, man hörte die wenigen übrigen Gäste reden und lachen. Die Freunde
+tranken Glas um Glas und saßen einander versonnen und fast völlig stumm
+gegenüber, wie sie schon viele Stunden und viele ganze Abende und Nächte
+versonnen und stumm beisammen um irgend einen Trinktisch gesessen waren.
+
+»Ich bin doch neugierig auf deinen Werber,« sagte Aber nach einer langen,
+langen Pause.
+
+Keine Antwort. Mathilde öffnete zwei neue Flaschen. Der Säbelwetzer
+schenkte ein.
+
+»Übrigens,« begann Aber wieder, »übrigens, meine Lieben, was könnte
+eigentlich aus uns noch werden? Wer wird uns anwerben? Sei's noch um zwei
+Semester, so ist bei mir die Gnadenfrist vorbei.«
+
+»Und bei mir der Mammon,« sagte der Säbelwetzer. »Umsatteln kann ich
+nimmer.«
+
+»Ich auch nicht,« gähnte Aber. »Mein Alter ist jetzt schon scheu --
+Amerika?«
+
+Lauscher lachte.
+
+»Afrika, Asien, Australien?« äffte er nach. »Das nenne ich Sorgen! Weißt du
+denn, ob du in zwei Semestern noch lebst? Zwei Semester! Bedenke, was in
+zwei Semestern alles anders werden kann!«
+
+»Zum Beispiel?«
+
+»Zum Beispiel könntest du gerade jetzt, wo du so unvorsichtig deine Zigarre
+anzündest, dem Mund zu nahe kommen und in Spiritusflammen aufgehen. Ein
+schöner Tod! Oder du gründest, was ich kommen sehe, deinen Klub, ihr baut
+ein Klubhaus und du wirst Kellermeister --«
+
+»Dunder!« rief Aber erregt. »Dunder noch mal! Das ist eine feine Idee!«
+
+»Oder du gehst,« fuhr Lauscher fort, »du gehst --«
+
+Er brach mitten im Satze ab und stierte blaß auf das gegenüber
+offenstehende Fenster.
+
+»Na? Was ist los?« rief der Säbelwetzer.
+
+Lauscher deutete mit dem Finger auf das Fenster.
+
+»Da!« rief er stotternd. »Wir spielen doch nicht Freischütz.«
+
+Alle wendeten die Blicke dem ausgestreckten Finger nach. Im Fenster stand
+ein Mensch von schmaler, hoher Figur, regungslos, hager, frech, blaß, mit
+Spitzbärtchen am langen Kinn, hoher Stirn, stand und blickte aus hellen,
+stechenden, stahlgrauen Augen in die Stube.
+
+Der Säbelwetzer war der einzige, der nicht erschrack.
+
+»Sieht aus, als wüßt er nicht, ob er Kasper oder Samiel mimen soll,« lachte
+er. »Soll ich den frechen Bruder anrempeln?«
+
+Der Fremde verschwand vom Fenster. Einen Augenblick später ging die Tür und
+er trat ein, schritt durch die Stube und nahm am Tisch der Kameraden Platz.
+
+Der Säbelwetzer wollte aufstehen und den Eindringling mit einer Grobheit
+fortweisen, da streckte über den Tisch herüber Elenderle dem Gaste die Hand
+entgegen und lachte.
+
+»Entschuldigen Sie, Herr, ich erkenne Sie eben erst. Darf ich Ihnen meine
+Freunde vorstellen?«
+
+Mit schon etwas betrunkenen Gesten führte er die Vorstellung aus. Den Namen
+des Fremden vergaß er zu nennen.
+
+Man saß wieder lange trinkend, stumm und träg am Tische, bis Lauscher sich
+erhob.
+
+»Ich gehe. Macht einer noch ein Billard mit?«
+
+Die Freunde schwiegen.
+
+»Ich, wenn Sie wollen,« sagte aufstehend der Unbekannte. »Wir könnten ja
+alle zusammen in den Walfisch gehen. Ich kam eben dort vorbei, das Billard
+ist frei.«
+
+Alle tranken nun aus und folgten dem Vorschlag. Draußen rann Regen, es war
+frostig naß und die Kornhausgasse ein Meer von Schmutz. Der Walfisch war
+bald erreicht. Elenderle ging voran die Treppe hinauf. Bei der Gasflamme im
+Gang hielt Aber den Fremden an.
+
+»Einen Augenblick, wenn Sie erlauben!«
+
+Er blickte nach der Treppe. Die andern waren schon oben.
+
+»Nun?« fragte der Lange.
+
+»Elenderle hat von Ihnen gesprochen,« sagte Aber verlegen. »Sie werben für
+eine Gesellschaft?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Ich könnte -- es wäre möglich, daß -- kurz, ich möchte Sie kennen lernen.«
+
+»Freut mich. Ich bin nur heute hier, aber Ihr Freund kann Ihnen ja morgen
+Auskunft geben. Ich komme ziemlich jedes Semester einmal nach Tübingen.«
+
+Sie stiegen den andern nach in das räucherige, verrufene Café hinauf.
+Elenderle hatte oben schon Sekt bestellt und sich faul in ein Sofa
+geworfen. Lauscher kreidete schon seinen Billardstock. Der Fremde ergriff
+einen andern. Er spielte brillant.
+
+Die Partie war schnell zu Ende.
+
+»Sie spielen hübsch,« sagte der Lange zum Dichter. »Wenn Sie sich Ihre
+Scheu vor dem Fiedelstoß abgewöhnen, werden Sie vielleicht bald genial
+spielen. Hier fängt das Billardspiel erst an. Sehen Sie --«
+
+Er ergriff noch einmal das Queue und tat einen seiner glänzenden,
+fabelhaften Stöße. Der Ball rollte, nachdem er den weißen Ball berührt, in
+einem eigentümlichen, unglaublichen Bogen zum roten.
+
+Lauscher staunte. Dann setzten sie sich zu den andern. Aber und Lauscher
+tranken Kaffee, die andern Sekt und Sherry. Die kleine, unbändige Molly
+trank mit und freundete sich mit Elenderle auf dem Sofa an.
+
+»Was halten Sie von ihm?« fragte der Fremde Lauschern, indem er leise nach
+jenem hindeutete. »Ein Schwein,« flüsterte Lauscher, »ein komplettes
+Schwein. Aber seelengutmütig.«
+
+»Und der?« Der Lange bewegte das Kinn gegen den Säbelwetzer.
+
+»Nicht ganz so dumm,« urteilte Lauscher, »und auch nicht so geschmacklos.
+Aber ein Säbelheld. Er verschmerzt es nie, daß ihn die Burschenschaft an
+die Luft gesetzt hat.«
+
+»Hm. Und der dritte?«
+
+»Aber? Der beste von den dreien, nur ohne Rückgrat. Er hat im stillen
+heillos vor seiner Krisis Angst.«
+
+»Sie sprechen nett von Ihren Freunden.«
+
+»Warum nicht? Verschiedene Grade von Fäulnis, die verschieden
+phosphoreszieren.«
+
+»Sie gefallen mir.«
+
+»So?«
+
+Lauscher erhob sich. »Komm!« rief er Abern zu, »wir gehen.«
+
+Der Fremde grüßte die Abgehenden mit einem blanken, häßlichen Lächeln. Der
+Säbelwetzer war eingeschlafen. Elenderle und Molly schienen die Anwesenheit
+anderer zu vergessen.
+
+Aber und Lauscher irrten eine halbe Stunde lang im Regen durch die
+finsteren leeren Gassen. Der Löwen war geschlossen, in den Schwarzwälder
+mochten sie nicht gehen, es schlug drei Uhr.
+
+»Komm, ich geh nach Haus!« rief Aber endlich ungeduldig aus.
+
+»Ich nicht.« Lauscher blieb stehen und blickte um sich. »Alles tot! Was
+diese Leute schlafen!«
+
+»Komm, wir tun's auch.«
+
+»Nein. Schlafen!« Der Dichter wendete sich um und blickte Abern in das
+breite, etwas angetrunkene Gesicht. »Du, Aber! Möchtest du jetzt nicht auch
+>Pfui Teufel< zu allem sagen?«
+
+»Hilft nichts. Lieber gehen wir in den Schwarzwälder.«
+
+»Was dasselbe ist. Meinetwegen.«
+
+Sie betraten das Lokal und ließen sich Gilka geben. Aber wurde allmählich
+von der traurigen Laune seines Begleiters angesteckt. Trüb und unzufrieden
+blickten sie mit toten Augen über die Zigarren weg in den Raum. Drei späte
+Bummler würfelten an einem Kaffeetischchen, am Büffet schlief die
+Kellnerin, eine einsame Winterfliege kroch am Gasrohr und schien jeden
+Augenblick in die Flamme fallen zu müssen, an den Fensterladen hörte man
+den Regen tropfen.
+
+»Nicht sentimental werden!« sagte Aber nach einer Stunde. Er stürzte sein
+Gläschen Gilka hinunter; beide verließen den öden Saal und stiegen die
+steile Judengasse hinab. Im Vorbeigehen hörten sie den Knecht im Walfisch
+die Türen schließen. Am Ende der Schmiedthorgasse, bei der alten
+Ammerbrücke, hielten sie einen Augenblick an.
+
+»Gehen wir links!« gähnte Aber.
+
+»Es ist näher über die Brücke,« meinte Lauscher heiser; sie gingen hinüber.
+
+Jenseits der Brücke lag auf den Stufen zur Ammer köpflings gestürzt ein
+Mensch.
+
+»Holla,« rief Aber lachend, »der hat einen guten Schlaf.«
+
+»Jedenfalls einer vom heiligen Verein,« sagte Lauscher und trat näher. »Er
+wird sich morgen über seinen Heiligenschein wundern.«
+
+»Herrgott,« unterbrach ihn Aber plötzlich, »das ist ja der Elenderle. Kein
+Mensch in Europa besitzt einen ähnlichen Bratenrock.«
+
+Sie stiegen einige Stufen hinab, Elenderle lag mit dem Gesicht auf den
+Stufen. Sie hoben ihn auf, geronnenes Blut war auf seinem ganzen Gesicht
+verschmiert.
+
+»Der ist bös gefallen!« seufzte Aber. Da klirrte etwas am Boden. Aus der
+starren Hand Elenderles war ein Revolver gefallen, und nun sahen die
+Freunde auch an der rechten Schläfe eine kleine, schwarze Wunde. Lauscher
+steckte ein Streichholz an.
+
+»Bleib du hier,« sagte Aber mit verwandelter Stimme, »ich gehe zur
+Polizei.«
+
+»Lassen Sie mich das besorgen,« rief da eine scharfe Stimme. Der Fremde kam
+vom Ammerweg her die Treppe herauf. Er rückte giftig lächelnd am Hut und
+blitzte die Freunde grinsend aus den frechen Augen eiskalt und höhnisch an.
+Beide erschraken bis ans Herz und rannten durch die Nacht davon.
+
+Als sie am andern Tag erwachten, glaubten beide den ganzen Spuk geträumt zu
+haben. Die Hauswirtin pochte an Lauschers Tür und kam mit dem Kaffee
+herein.
+
+»Denken Sie, Herr Lauscher, der Jammer! Heute Nacht hat sich ein Student
+das Leben genommen.«
+
+
+
+
+Lulu.
+Ein Jugenderlebnis, dem Gedächtnis
+E. T. A. Hoffmanns gewidmet.
+(Geschrieben 1900.)
+
+
+I.
+
+Die schöne alte Stadt Kirchheim war soeben von einem kurzen sommerlichen
+Regen abgewaschen worden. Die roten Dächer, die Wetterfahnen und
+Gartenzäune, die Gebüsche und die Kastanienbäume auf den Wällen glänzten
+freudig neu und stattlich, und der steinerne Konrad Widerhold mit seiner
+steinernen Ehehälfte freute sich still beglänzt seines noch rüstigen
+Alters. Durch die gereinigten Lüfte schien die Sonne schon wieder mit
+kräftiger Wärme herab, in den letzten hangenden Regentropfen des Gezweiges
+blitzende Funkenspiele entzündend, und die freundliche breite Wallstraße
+floß vom Glanze über. Kinder sprangen einen fröhlichen Reihen, ein Hündlein
+kläffte jauchzend ihnen nach, die Häuserzeile entlang flatterte in
+unruhigen Bögen ein gelber Schmetterling.
+
+Unter den Kastanien des Walls, auf der dritten Ruhebank rechts von der
+Post, saß neben seinem Freunde Ludwig Ugel der durchreisende Schöngeist
+Hermann Lauscher und erging sich in heitern und anmutigen Gesprächen über
+die Wohltat des niedergefallenen Regens und die wieder hervortretende Bläue
+des Himmels. Er knüpfte daran phantasierende Betrachtungen über Dinge, die
+ihm am Herzen lagen, und lustwandelte nach seiner Gewohnheit unermüdet auf
+dem Anger seiner Redekunst. Während der langen schönen Reden des Dichters
+lugte der stille und vergnügte Herr Ludwig Ugel öftere Male scharf über die
+Boihinger Landstraße hinaus, in Erwartung eines Freundes, der von dorther
+eintreffen sollte.
+
+»Ists nicht, wie ich sage?« rief der Dichter lebhaft aus und erhob sich ein
+wenig von der Sitzbank; denn die schlechte Lehne war ihm unbequem, auch war
+er auf einem Stücklein dürren Zweiges gesessen. »Ists nicht so?« rief er
+aus und entfernte mit der Linken das Holzstück und dessen Eindruck auf
+seiner Hose. »Das Wesen der Schönheit muß im Lichte liegen! Glaubst du
+nicht auch, daß es da liegt?«
+
+Ludwig Ugel rieb sich die Augen; er hatte nicht gehört, wovon die Rede war,
+und nur die letzte Frage Lauschers verstanden.
+
+»Freilich, freilich,« entgegnete er hastig. »Nur kann man es von hier aus
+nicht sehen. Es liegt genau dort, hinter der Schlotterbeckschen Scheuer.«
+
+»Wie? Was?« rief Hermann heftig. »Was, sagst du, liege hinter der Scheuer?«
+
+»Nun, Oetlingen! Karl hat keinen andern Weg, er muß notwendig von dorther
+kommen.«
+
+Verdrießlich schweigend starrte nun auch der durchreisende Dichter auf die
+helle weite Landstraße hinüber, und wir können beide Jünglinge auf ihrer
+Bank sitzen und warten lassen; denn der Schatten muß dort noch bei einer
+Stunde anhalten. Wir wenden uns indessen hinter die Schlotterbecksche
+Scheuer, finden dort aber weder das Dorf Oetlingen noch das Wesen der
+Schönheit liegen, sondern eben den erwarteten dritten Freund, den
+Kandidaten der Jurisprudenz Karl Hamelt. Dieser kam von Wendlingen her, wo
+er die Ferien zubrachte. Seine nicht übel gewachsene Figur gewann durch ein
+verfrühtes Fettwerden einen komisch behäbigen Anflug, und in seinem
+gescheiten, eigensinnigen Gesicht lag die kräftige Nase mit den wunderlich
+feisten Lippen und den übervollen Wangen im Streit. Das breite Kinn warf
+über dem engen Stehkragen reichliche Falten, und zwischen Stirn und Hut
+ragte verschwitzt und ungescheitelt das kurze freche Haupthaar hervor. Er
+lag rücklings hingestreckt im kurzen Grase und schien ruhig zu schlafen.
+
+Er schlief wirklich, vom heißen mittäglichen Weg ermüdet; ruhig aber war
+sein Schlummer nicht. Ein seltsam phantastischer Traum hatte ihn
+heimgesucht. Ihm schien nämlich, er liege in einem unbekannten Gartenlande
+unter sonderbaren Bäumen und Gewächsen und lese in einem alten Buche mit
+Pergamentblättern. Das Buch war in wunderlich kühnen, wirr ineinander
+geschlungenen Lettern einer völlig fremden Sprache geschrieben, die Hamelt
+nicht kannte noch verstand. Dennoch aber las er und verstand er den Inhalt
+der Blätter, indem immer wieder, so oft er ermüden wollte, auf zauberische
+Weise aus dem krausen Durcheinander der Schnörkel und Schriftzeichen sich
+Bilder hervorlösten, farbig aufglänzten und wieder versanken. Diese Bilder,
+einander folgend wie in einer magischen Laterne, schilderten die
+nachfolgende, sehr alte, wahre Geschichte.
+
+ * * * * *
+
+Mit demselben Tage, an welchem der Talisman des ehernen Ringes durch
+betrügerische Magie der Quelle Lask entrissen und in die Hände des
+Zwergfürsten gefallen war, begann der helle Stern des Hauses Ask sich zu
+trüben. Die Quelle Lask versiegte bis auf einen schier unsichtbaren
+Silberfaden, unter dem Opalschlosse senkte sich die Erde, die
+unterirdischen Gewölbe wankten und brachen teilweise zusammen, im
+Liliengarten begann ein verheerendes Sterben und nur die doppelkrönige
+Königslilie hielt sich noch eine Zeitlang stolz und aufrecht; denn um sie
+hatte die Schlange Edelzung ihren engsten Reif geschlungen. In der
+verödeten Askenstadt verstummte Fröhlichkeit und Musik, im Opalschlosse
+selbst klang und sang kein Ton mehr, seit die letzte Saite der Harfe
+Silberlied gebrochen war. Der König saß Tag und Nacht wie eine Bildsäule
+allein im großen Festsaal und konnte nicht aufhören, sich über den
+Untergang seines Glückes zu verwundern; denn er war der glücklichste aller
+Könige seit Frohmund dem Großen gewesen. Er war traurig anzusehen, der
+König Ohneleid, wie er im roten Mantel in seinem großen Saale saß und sich
+wunderte und wunderte; denn weinen konnte er nicht, da er ohne die Gabe des
+Schmerzes geboren war. Er wunderte sich auch, wenn er am Morgen und am
+Abend statt der täglichen Früh- und Spätmusik nur die große Stille und von
+der Tür her das leise Weinen der Prinzessin Lilia vernahm. Nur selten noch
+erschütterte ein kurzes, karges Gelächter seine breite Brust, aus
+Gewohnheit; denn sonst hatte er an jedem lieben Tage zweimal
+vierundzwanzigmal gelacht.
+
+Hofstaat und Dienerschaft war in alle Winde zerstoben; außer dem König im
+Saale und der trauernden Prinzessin war einzig der getreue Geist Haderbart
+noch da, der sonst das Amt des Dichters, Philosophen und Hofnarren versehen
+hatte.
+
+In die Macht des ehernen Talismans aber teilte sich der feige Zwergfürst
+mit der Hexe Zischelgift, und man kann sich vorstellen, wie es unter ihrem
+Regimente zuging.
+
+Das Ende der Askenherrlichkeit brach herein. Eines Tages, an dem der König
+kein einziges Mal gelacht hatte, rief er abends die Prinzessin Lilia und
+den Geist Haderbart zu sich in den leeren Festsaal. Ein Wetter stand am
+Himmel und leuchtete durch die schwarzen großen Fensterbogen mit jachem
+Blitzen fahl herein.
+
+»Ich habe heute kein einziges Mal gelacht,« sagte der König Ohneleid.
+
+Der Hofnarr trat vor ihn hin und schnitt einige sehr kühne Grimassen, die
+jedoch in dem alten bekümmerten Gesichte so verzerrt und verzweifelt
+aussahen, daß die Prinzessin die Augen wegwenden mußte und der König das
+schwere Haupt schüttelte, ohne zu lachen.
+
+»Man soll auf der Harfe Silberlied spielen,« rief König Ohneleid. »Man
+soll!« sagte er, und es klang den beiden traurig durchs Herz; denn der
+König wußte nicht, daß Harfner und Spielleute ihn verlassen hatten und daß
+die zwei Getreuen seine letzten Hausgenossen waren.
+
+»Die Harfe Silberlied hat keine Saiten mehr,« sagte der Geist Haderbart.
+
+»Man soll aber dennoch spielen,« sagte der König.
+
+Da nahm Haderbart die Prinzessin Lilia bei der Hand und ging mit ihr aus
+dem Saale. Er führte sie aber in den verwelkten Liliengarten zur
+versiegenden Quelle Lask und schöpfte die allerletzte Handvoll Wasser aus
+dem Marmorbecken in ihre Rechte, und sie kamen damit zum Könige zurück. Nun
+zog die Prinzessin Lilia aus diesem Wasser Lask sieben blanke Saiten über
+die Harfe Silberlied, und für die achte reichte das Wasser nicht mehr hin,
+so daß sie von ihren Tränen zu Hilfe nehmen mußte. Und nun strich sie mit
+der leeren Hand zitternd über die Saiten, daß der alte süße Freudenton noch
+einmal selig schwoll; aber jede Saite brach, nachdem sie angeklungen, und
+als die letzte klang und brach, da klang ein schwerer Donnerschlag und
+brach die ganze Wölbung des Opalschlosses stürzend und krachend zusammen.
+Dieses letzte Harfenlied aber hatte gelautet:
+
+ Silberlied muß schweigen;
+ Aber einst muß steigen
+ Aus der Harfe Silberlied
+ Dieser selbe Reigen.
+
+(Ende der wahren Geschichte vom Wasser Lask).
+
+ * * * * *
+
+Der Kandidat Karl Hamelt erwachte von seinem Traume nicht eher, als bis die
+beiden Freunde, die ungeduldig ein Stück weit die Landstraße
+entgegengegangen waren, ihn im Grase liegen fanden. Diese fuhren ihn über
+seine Saumseligkeit mit unsanften Worten an, auf die jedoch Hamelt mit
+Schweigen antwortete und sich nur zu einem flüchtig genickten »Guten
+Morgen!« verstand.
+
+Ugel war besonders ungehalten. »Ja, Guten Morgen!« zürnte er. »Es ist lang
+nimmer Morgen! Antezipiert hast du wieder, in der Oetlinger Kneipe bist du
+gewesen, der Wein glänzt dir noch aus den Augen!«
+
+Karl grinste und rückte den braunen Filz weiter in die Stirne. »Nun, laß
+gut sein!« sagte Lauscher. Die drei Freunde wandten sich gegen die Stadt,
+am Bahnhof vorüber und über die Bachbrücke, und wandelten langsam auf dem
+Wall dem Gasthaus zur Königskrone entgegen. Dieses war nämlich nicht nur
+der bevorzugte Bierwinkel der Kirchheimer Freunde, sondern auch die
+derzeitige Herberge des durchreisenden Dichters.
+
+Als die Ankommenden sich schon der Kronentreppe näherten, öffnete sich die
+schwere Haustüre plötzlich weit, und ihnen entgegen stürzte mit
+Blitzesschnelle ein weißhaariger, graubärtiger Mann, mit zornrotem Gesicht
+in heftigster Erregung aus dem Hause. Die Freunde erkannten befremdet den
+alten Sonderling und Philosophen Drehdichum und vertraten ihm am Fuß der
+Treppe den Weg.
+
+»Halt, werter Herr Drehdichum!« rief ihm der Dichter Lauscher entgegen.
+»Wie kann ein Philosoph so das Gleichgewicht verlieren? Kehren Sie um,
+Verehrter, und klagen Sie uns Ihren Schmerz im Kühlen drinnen!«
+
+Mit einem schiefen, spitzen Lauerblick des Mißtrauens hob der Philosoph
+seinen struppigen Kopf und erkannte die drei jungen Männer.
+
+»Ah, da seid ihr,« rief er, »das ganze petit cénacle! Eilet ins Innere,
+Freunde, trinket Bier und erlebet Wunder daselbst; aber verlanget nicht die
+Teilnahme des gebrochenen Greises, in dessen Herz und Gehirn die Dämonen
+wühlen!«
+
+»Aber, teurer Herr Drehdichum, was fehlt Ihnen denn heute schon wieder?«
+fragte teilnehmend Ludwig Ugel, taumelte aber sogleich entsetzt wider die
+Treppenbrüstung; denn der Philosoph hatte ihm einen Fauststoß in die Seite
+versetzt und rannte schäumend und fluchend in die Straße.
+
+»Infame Zischelgift,« brüllte er im Wegeilen, »unglückseliger Talisman, in
+rotblauer Blume verzaubert! Mißhandelt die Einzige, in Staub getreten
+. . . Opfer satanischer Bosheit . . . Erneute qualvolle Erinnerung . . .«
+
+Verwundert schüttelten die drei ihre Köpfe, ließen jedoch den Wütenden
+laufen und schickten sich endlich an, die Vortreppe zu ersteigen, als die
+Türe sich von neuem öffnete und mit einem ins Haus zurückgewinkten
+freundlichen Abschiedsgruß der Pfarrvikar Wilhelm Wingolf hervortrat. Er
+wurde von den Untenstehenden mit Heiterkeit begrüßt und sogleich von allen
+um die Ursache des seligen Glanzes befragt, der sein breites Würdehaupt
+vergoldete. Geheimnisvoll streckte er den fetten Zeigefinger auf, nahm den
+Dichter vertraulich beiseite und sagte ihm schalkisch lächelnd ins Ohr:
+»Denk' dir, heute habe ich den ersten Vers in meinem Leben gemacht! Und
+zwar soeben!«
+
+Der Dichter riß die Augen soweit auf, daß sie oben und unten über die
+schmalen Ränder seiner goldenen Brille ragten. »Sag ihn!« rief er laut. Der
+Pfarrvikar wendete sich gegen die drei Freunde, hob wieder den Zeigefinger
+und sagte mit selig verkniffenen Augen seinen Vers auf:
+
+ Vollkommenheit,
+ Man sieht dich selten, aber heut!
+
+Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ er hutschwenkend die
+Kameraden.
+
+»Donnerwetter!« sagte Ludwig Ugel. Der Dichter schwieg nachdenklich. Karl
+Hamelt aber, der seit seinem Erwachen im Grase noch kein Wort von sich
+gelassen hatte, sagte mit Nachdruck: »Der Vers ist gut!«
+
+Auf irgend etwas Ungewöhnliches gefaßt, betraten nun endlich ohne weitere
+Hindernisse die durstig gewordenen Freunde den kühlen Wirtsraum der Krone,
+und zwar die bessere Stube, wo die junge Wirtin selber zu bedienen pflegte
+und wo sie um diese Tageszeit stets die einzigen Gäste waren und mit der
+Frau ihre scherzhaften Höflichkeiten trieben.
+
+Das erste Merkwürdige nun, was alle drei bald nach dem Eintreten und
+Niedersitzen bemerkten, war dieses: daß ihnen die kleine runde Wirtin heute
+zum ersten Mal gar nicht mehr hübsch erschien. Das rührte aber, wie jeder
+im stillen bald wahrnahm, davon her, daß im Halbdunkel über die blanke
+Galerie der geräumigen Kredenz ein fremder schöner Mädchenkopf hervorragte.
+
+
+II.
+
+Das zweite nicht minder Merkwürdige war aber, daß am nächsten kleinen
+Trinktische, ohne die Ankommenden irgend zu bemerken oder zu grüßen, der
+elegante Herr Erich Tänzer saß, ein intimes Mitglied der Brüderschaft des
+Cénacle und Karl Hamelts besonderer Herzensfreund. Er hatte einen Becher
+helles Bier halb ausgetrunken vor sich stehen und in das Bierglas eine
+gelbe Rose gestellt; dazu rollte er langsam seine großen, ein wenig
+hervorstehenden Augen und sah zum ersten Mal in seinem Leben albern aus.
+Zuweilen bog er seine stattliche Nase gegen die Rose hin und roch an ihr,
+wobei er einen nahezu unmöglichen Schielblick nach dem fremden Mädchenkopf
+hinüberlenkte, ohne daß hierdurch der Ausdruck seines Gesichtes wesentlich
+gewonnen hätte.
+
+Und als dritte Absonderlichkeit saß neben Erich mit großer Ruhe der alte
+Drehdichum, hatte einen Pfiff Kulmbacher vor sich stehen und eine von des
+Kronenwirts Kubazigarren im Munde.
+
+»Zum Teufel, Herr Drehdichum,« rief aufspringend Hermann Lauscher, »wie
+kommen Sie hieher? Sah ich Sie doch soeben um den obern Wall davonlaufen
+. . .«
+
+»Und haben Sie mir doch eben noch in der größten zitternden Wut Ihre Faust
+in den Magen gebohrt!« rief Ludwig Ugel.
+
+»Nichts für ungut,« rief der Philosoph mit dem gewinnendsten Lächeln
+zurück, »nichts für ungut, lieber Herr Ugel! Ich empfehle Ihnen das
+Kulmbacher, meine Herren!« Damit leerte er ruhig sein Glas.
+
+Indessen rief Karl Hamelt seinen Freund Erich an, der gegenüber noch immer
+entrückt und schlaff vor seiner ins Bierglas gesteckten gelben Rose saß.
+
+»Erich, schläfst du?«
+
+Erich antwortete ohne aufzusehen: »Ich schläfe nicht.«
+
+»Man sagt nicht, ich schläfe, man sagt, ich schlafe,« rief Ugel.
+
+Da aber bewegte sich der Mädchenkopf hinter der Schenkgalerie, und die
+ganze fremde schöne Person trat hervor und an den Tisch der Freunde.
+
+»Was wünschen die Herren?«
+
+Wem nicht schon, da er vor dem schönen Gemälde einer Frau in seliger
+Begeisterung stand, plötzlich aus der Landschaft des Bildes heraus die
+Schöne lebendig entgegentrat, der weiß nicht, wie den Brüdern des Cénacle
+in diesem Augenblick zumute war. Alle drei erhoben sich von ihren Stühlen
+und machten drei Verbeugungen, jeder eine. »Schöne, teure Dame!« sagte der
+Dichter. »Gnädiges Fräulein!« sagte Ludwig Ugel, und Karl Hamelt sagte gar
+nichts.
+
+»Nun, trinken Sie Kulmbacher?« fragte die Schöne.
+
+»Ja bitte,« sagte Ludwig, und Karl nickte, Lauscher aber bat um einen
+Becher Rotwein.
+
+Als die Getränke nun von der leisen, schlanken Mädchenhand elegant serviert
+wurden, wiederholten sich die verlegenen und ehrerbietigen Komplimente. Da
+kam aus ihrer Ecke die kleine Frau Müller gelaufen.
+
+»Machen Sie doch nicht solche Umstände, meine Herren,« sagte sie, »mit dem
+dummen Ding; sie ist meine Stiefschwester und zum Bedienen hergekommen,
+weil wir eine Hilfe nötig hatten . . . Geh' ins Büffet, Lulu; es schickt
+sich nicht, so bei den Herren stehen zu bleiben.«
+
+Lulu ging langsam weg. Der Philosoph kaute wütend an seiner Kuba, Erich
+Tänzer wälzte einen fabelhaften Jongleurblick nach der Richtung, in der das
+Mädchen verschwunden war. Die drei Freunde schwiegen ärgerlich und
+verlegen. Die Wirtin trug, um sich gefällig zu zeigen und Unterhaltung zu
+machen, vom Fensterbrett einen Blumentopf herbei und zeigte ihn prahlend am
+Tische vor.
+
+»Sehen Sie, was für ein Staat! Diese Blume ist vielleicht die
+allerseltenste, die man nur kennt, und man sagt, sie blühe bloß alle fünf
+oder zehn Jahre.«
+
+Alle betrachteten aufmerksam die Blume, die zart rotblau auf einem kahlen
+langen Stengel schwankte und einen seltsam trüben, warmen Duft ausströmte.
+Der Philosoph Drehdichum geriet in eine große Erregung und warf einen
+schneidend grimmigen Blick auf die Wirtin und ihre Blume, was aber niemand
+beachtete.
+
+Da plötzlich sprang Erich am andern Tische auf, kam herüber, riß die Blume
+mit einem gewaltsamen Ruck mitten ab und war mit ihr in zwei Sätzen ins
+Büffet verschwunden. Drehdichum brach in ein leises Hohngelächter aus. Die
+Wirtin kreischte entsetzlich auf, rannte Tänzern nach, blieb mit dem Rock
+am Stuhle hängen, fiel zu Boden, der nacheilende Ugel über sie weg und über
+ihn der Dichter, der im Aufspringen Weinkelch und Blumentopf mit sich riß.
+Der Philosoph stürzte sich auf die hilflos liegende Wirtin, hielt ihr die
+Fäuste vors Gesicht, fletschte die Zähne und achtete es nicht, daß Ugel und
+Lauscher ihn wie toll an den reißenden Rockschößen zurückzuzerren strebten.
+In diesem Augenblick eilte der Wirt herein; der Philosoph, wie verwandelt,
+half der Frau auf die Beine, aus der Tür der angrenzenden Stube glotzten
+Bauern und Fuhrmänner in den Skandal. Im Büffet hörte man die schöne Lulu
+weinen, und Erich trat mit der ganz zerknitterten Blume in der Hand heraus.
+Alles stürzte sich scheltend, fragend, drohend, lachend auf ihn los; er
+aber hieb mit der zerbrochenen Blume wie ein Verzweifelter um sich und
+gewann ohne Hut das Freie.
+
+
+III.
+
+Am nächsten Morgen hatten sich die Freunde Karl Hamelt, Erich Tänzer und
+Ludwig Ugel im Herbergzimmer Hermann Lauschers versammelt, um seine
+neuesten Gedichte anzuhören. Eine große Flasche Wein stand auf dem Tisch,
+aus der sich jeder bediente. Der Dichter hatte mehrere anmutige Lieder
+vorgetragen und zog nun das letzte kleine Blättlein aus der Brusttasche. Er
+las: »An die Prinzessin Lilia . . .«
+
+»Wie?« rief Karl Hamelt und fuhr vom Kanapee empor. Etwas indigniert
+wiederholte Lauscher den obigen Titel. Karl aber legte sich in tiefem
+Nachdenken in die geblümten Polster zurück. Der Dichter las:
+
+ Ich weiß einen alten Reigen,
+ Ein helles Silberlied,
+ Das lautet fremd und eigen,
+ Wie wenn aus leisen Geigen
+ Ein Heimwehzauber lockend zieht . . .
+
+Hamelt lenkte die Aufmerksamkeit der beiden andern ganz von der Fortsetzung
+des Liedes ab. »Prinzessin Lilia . . . Silberlied . . . Der alte Reigen
+. . .« wiederholte er immer wieder, schüttelte den Kopf, rieb sich die
+Stirn, stierte leer in die Luft und heftete sodann den Blick glühend und
+heftig auf den Dichter. Lauscher war mit dem Lesen zu Ende und begegnete
+aufschauend diesem Blicke.
+
+»Was ist?« rief er verwundert. »Willst du den Blick der Klapperschlange an
+mir armem Vogel versuchen?«
+
+Hamelt erwachte wie aus einem tiefen Traum. »Woher hast du dieses Lied?«
+fragte er tonlos den Dichter. Lauscher zuckte die Achseln. »Woher ich alle
+habe,« sagte er.
+
+»Und die Prinzessin Lilia?« fragte Hamelt wieder. »Und der alte Reigen?
+Siehst du denn nicht, daß dieses Lied das einzige echte ist, das du
+gedichtet hast? Alle deine andern Gedichte . . .« Lauscher unterbrach ihn
+schnell.
+
+»Schon gut; aber in der Tat,« fuhr er fort, »in der Tat, liebe Freunde, ist
+dieses Lied mir selber ein Rätsel. Ich saß und dachte nichts und glaubte
+nur, nach meiner Gewohnheit, aus Langeweile Figuren und Zierbuchstaben auf
+das Blatt zu kritzeln, und als ich aufhörte, stand das Lied auf dem Papier.
+Es ist eine ganz andere Hand, als ich sonst schreibe, sehet nur!«
+
+Damit gab er das Blatt dem zunächst sitzenden Erich in die Hände. Der hielt
+es vors Auge, erstaunte höchlich, sah noch einmal schärfer hin und sank
+alsdann mit dem lauten Ausruf: »Lulu!« in den Stuhl zurück. Ugel und Hamelt
+stürzten hinzu und schauten auf das Papier. »Alle Wetter!« rief Ugel aus;
+Hamelt aber hatte sich ins Kanapee zurückgelehnt und betrachtete das
+merkwürdige Blatt mit allen Zeichen des maßlosesten Erstaunens. Höchste
+Freude und unheimliche Befremdung wechselten auf seinem Gesicht.
+
+»Nun sag mir, Lauscher,« rief er endlich aus, »ist dies unsere Lulu oder
+ist es die Prinzessin Lilia?«
+
+»Unsinn!« rief ärgerlich der Dichter. »Gib mir's her!«
+
+Aber während er das Papier an sich nahm und noch einmal überblickte, machte
+plötzlich ein fremdes, kühles Schaudern seinen Herzschlag stocken. Die
+unregelmäßigen flüchtigen Schriftzeichen flossen in unbeschreiblicher Weise
+zu dem Umriß eines Kopfes zusammen, und beim längern Betrachten
+entwickelten sich aus dem Umrisse feine Züge eines Mädchenangesichts, die
+niemand anders als die schöne fremde Lulu darstellten.
+
+Erich saß wie versteinert im Sessel, Karl lag murmelnd auf dem Kanapee
+neben dem kopfschüttelnden Ludwig Ugel. Der Dichter stand bleich und
+verloren mitten im Zimmer. Da klopfte ihm eine Hand auf die Schulter, und
+als er aufschreckend sich umwendete, stand der Philosoph Drehdichum da und
+grüßte mit dem schäbigen steifen Hute.
+
+»Drehdichum!« rief der Dichter erstaunt. »Zum Hagel, sind Sie durch den
+Plafond herabgefallen?«
+
+»Wieso?« entgegnete lächelnd der Alte.
+
+»Wieso, lieber Herr Lauscher? Ich hatte zweimal angeklopft. Aber lassen Sie
+sehen, Sie haben ja hier ein prachtvolles Manuskript!« Er nahm das Lied
+oder vielmehr das Bild sorgfältig aus Lauschers Händen. »Sie erlauben doch,
+daß ich das Blatt betrachte? Seit wann sammeln Sie solche Raritäten?«
+
+»Raritäten? Sammeln? Werden Sie denn aus dem Wische klug, Herr Drehdichum?«
+Der Alte betrachtete und betastete das Papier mit großem Behagen.
+
+»Ei freilich,« erwiderte er schmunzelnd, »ein schönes Stück eines wenn
+schon verdorbenen und späten Textes! Es ist askisch.«
+
+»Askisch?« rief Karl Hamelt.
+
+»Nun ja, Herr Kandidat,« sagte freundlich der Philosoph. »Aber gestehen Sie
+doch, bester Herr Lauscher, wo Sie den seltenen Fund gemacht haben! Es
+möchte weitere Nachforschungen lohnen.«
+
+»Sie fabeln, Herr Drehdichum,« lachte beklommen der Dichter. »Dieses Blatt
+ist nagelneu, ich selbst habe es gestern nacht geschrieben.«
+
+Der Philosoph maß Lauschern mit einem argwöhnischen Blick.
+
+»Ich muß gestehen,« antwortete er, »ich muß wirklich gestehen, mein lieber
+junger Herr, daß diese Späße mich einigermaßen befremden.«
+
+Lauscher wurde nun aber ernstlich ungehalten.
+
+»Herr Drehdichum,« rief er heftig, »ich muß Sie bitten, mich nicht mit
+einem Hanswurste zu verwechseln und sich, falls Sie selbst, wie es scheint,
+diese heitere Rolle agieren wollen, gefälligst einen andern Schauplatz als
+meine Wohnung zu suchen.«
+
+»Nun, nun,« lächelte gutmütig Drehdichum, »vielleicht denken Sie der Sache
+noch einmal nach! Indessen leben Sie allerseits wohl, meine Herren!« Damit
+rückte er den grünlich schillernden Hut auf dem weißen Kopfe zurecht und
+verließ lautlos das Zimmer.
+
+Unten fand Drehdichum die schöne Lulu allein im leeren Wirtszimmer stehen
+und Weingläser mit einem Tuch ausreiben. Er schenkte sich seinen Becher
+selber am Fasse voll und setzte sich dem Mädchen gegenüber an den Tisch.
+Ohne etwas zu reden, blickte er zuweilen freundlich aus seinen alten hellen
+Augen der Schönen ins Gesicht, und sie, da sie sein Wohlwollen spürte, fuhr
+unbefangen in ihrer Arbeit fort. Der Philosoph ergriff ein leeres
+geschliffenes Glas, füllte ein wenig Wasser hinein und begann den Rand, den
+er befeuchtet hatte, mit der Spitze des Zeigefingers zu reiben. Bald kam
+ein Summen hervor, und dann ein klarer Ton, der ohne Unterbruch bald
+schwellend, bald schwindend die Stube erfüllte. Die schöne Lulu hörte das
+feine Singen gern, sie ließ die Hände ruhen und lauschte und ward von dem
+ewigen süßen Kristalltone ganz bezaubert, indes der Alte manchmal vom Glase
+weg ihr freundschaftlich und eindringend in die Augen blickte. Das ganze
+Zimmer klang von dem Singen des Glases. Lulu stand ruhig damitten und
+dachte nichts und hatte die Augen groß wie ein horchendes Kind.
+
+»Lebt noch der alte König Ohneleid?« vernahm sie eine Stimme fragen und
+wußte nicht, war es der Alte, der fragte, oder kam die Stimme aus dem Ton
+des Glases. Auf die Frage aber mußte sie durch ein Nicken antworten, sie
+wußte nicht warum.
+
+»Und weißt du noch das Lied der Harfe Silberlied?«
+
+Sie mußte nicken und wußte nicht warum. Leiser tönte der Kristallklang. Die
+Stimme fragte:
+
+»Wo sind die Saiten der Harfe Silberlied?«
+
+Der Ton klang immer leiser und schwang in kleinen zarten Wellen aus. Da
+mußte die schöne Lulu weinen, sie wußte nicht warum.
+
+Es war ganz still im Zimmer geworden, und so blieb es eine gute Weile.
+
+»Warum weinen Sie, Lulu?« fragte Drehdichum.
+
+»Ach, hab ich geweint?« antwortete sie schüchtern. »Mir wollte ein Lied aus
+meiner Kinderzeit einfallen; aber ich kann mich nur halb darauf besinnen.«
+
+Hastig ward die Tür aufgerissen, und die Frau Müller kam hereingerannt.
+»Was, noch immer an den paar Gläsern?« rief sie keifend. Lulu weinte
+wieder, die Wirtin rumorte und schimpfte; beide bemerkten es nicht, wie der
+Philosoph aus seiner kurzen Pfeife einen großen Rauchringel blies, sich
+darein setzte und leise auf einem sanften Zugwind durch das offene Fenster
+fuhr.
+
+
+IV.
+
+Die Mitglieder des petit cénacle waren im nahen Walde versammelt. Auch der
+Regierungsreferendar Oskar Ripplein war mitgekommen. Die schwärmerischen
+Gespräche der Jugend und Freundschaft entspannen sich zwischen den im Grase
+liegenden Kameraden, durch Gelächter ebenso oft wie durch Pausen des
+Nachdenkens unterbrochen. Besonders war von des Dichters Meinungen und
+Absichten die Rede, denn dieser wollte nächster Tage eine weite Reise
+antreten, und man wußte nicht, wann und wie man sich wiedersehen würde.
+
+»Ich will ins Ausland,« sagte Hermann Lauscher, »ich muß mich absondern und
+wieder frische Luft um mich her bekommen. Vielleicht werde ich gerne einmal
+zurückkehren; für jetzt aber bin ich dieses engen, burschenhaften Lebens
+und der ganzen leidigen Studenterei von Herzen satt. Mir ist, als röche mir
+alles nach Tabak und Bier; außerdem hab ich in diesen letzten Jahren schon
+fast mehr Wissenschaft aufgesogen als für einen Künstler gut ist.«
+
+»Wie meinst du das?« fiel Oskar ein. »Ich denke, bildungslose Künstler,
+speziell Dichter, hätten wir genug.«
+
+»Vielleicht!« antwortete Lauscher. »Aber Bildung und Wissenschaft ist
+zweierlei. Das Gefährliche, was ich im Sinne hatte, ist die verdammte
+Bewußtheit, in die man sich allmählich hineinstudiert. Alles muß durch den
+Kopf gehen, alles will man begreifen und messen können. Man probiert, man
+mißt sich selber, sucht nach den Grenzen seiner Begabung, experimentiert
+mit sich, und schließlich sieht man zu spät, daß man den bessern Teil
+seiner selbst und seiner Kunst in den verspotteten unbewußten Regungen der
+früheren Jugend zurückgelassen hat. Nun streckt man die Arme nach den
+versunkenen Inseln der Unschuld aus; aber man tut auch das nicht mehr mit
+der ganzen unüberlegten Bewegung eines starken Schmerzes, sondern es ist
+schon wieder ein Stück Bewußtheit, Pose, Absichtlichkeit darin.«
+
+»An was denkst du dabei?« fragte hier lächelnd Karl Hamelt.
+
+»Du weißt es schon!« rief Hermann. »Ja, ich gestehe, mein kürzlich
+gedrucktes Buch beängstigt mich. Ich muß wieder aus dem Vollen schöpfen
+lernen, an die Quellen zurückgehen. Mich verlangt nicht so sehr etwas Neues
+zu dichten, als ein tüchtiges Stück frisch und ungebrochen zu leben. Ich
+möchte wieder wie in meiner Knabenzeit an Bächen liegen, über Berge steigen
+oder wie sonst die Geige spielen, den Mädchen nachlaufen, ins Blaue
+hineinleben und warten, bis die Verse zu mir kommen, statt ihnen atemlos
+und ängstlich nachjagen.«
+
+»Sie haben recht,« klang plötzlich die Stimme Drehdichums, der aus dem
+Walde hervortrat und mitten zwischen den ins Gras gelagerten Jünglingen
+stehen blieb.
+
+»Drehdichum!« riefen alle fröhlich aus. »Guten Tag, Herr Philosoph! Guten
+Morgen, Herr Überall!«
+
+Der Alte setzte sich nieder, sog seine Zigarre kräftig an und wendete sein
+wohlmeinendes, freundliches Gesicht dem Dichter Lauscher zu.
+
+»Es ist«, begann er lächelnd, »noch ein Stück Jugend in mir, das sich gerne
+wieder einmal unter seinesgleichen ausplaudert. Wenn Sie erlauben, nehme
+ich an Ihrer Unterhaltung teil.«
+
+»Gerne,« sagte Karl Hamelt. »Unser Freund Lauscher sprach eben davon, wie
+ein Dichter aus dem Unbewußten schöpfen müsse und wie wenig ihm mit aller
+Wissenschaft gedient sei.«
+
+»Nicht übel!« entgegnete langsam der Alte. »Ich habe immer zu den Dichtern
+eine besondere Neigung gehabt und manchen gekannt, dem meine Freundschaft
+nicht ohne Nutzen blieb. Die Dichter neigen auch heute noch mehr als andere
+Menschen zu dem Glauben, daß im Schoß des Lebens gewisse ewige Mächte und
+Schönheiten halbschlummernd liegen, deren Ahnung durch die rätselhafte
+Gegenwart zuweilen hindurchschimmert wie ein Wetterleuchten durch die
+Nacht. Dann ist ihnen, als seien das ganze gewöhnliche Leben und sie selber
+nur Bilder auf einem gemalten hübschen Vorhang und erst hinter diesem
+Vorhang spiele das eigentliche, das wahre Leben sich ab. Auch scheinen mir
+die höchsten, ewigsten Worte der großen Dichter wie das Lallen eines
+Träumenden zu sein, der, ohne es zu wissen, von den flüchtig erblickten
+Höhen einer jenseitigen Welt mit schweren Lippen murmelt.«
+
+»Sehr schön,« rief hier Oskar Ripplein, »sehr hübsch gesagt, Herr
+Drehdichum, aber weder alt noch neu genug. Diese schwärmerische Lehre ist
+vor hundert Jahren von den sogenannten Romantikern gepredigt worden: man
+träumte damals auch solche Vorgänge und solches Wetterleuchten. Man hört in
+den Schulen noch davon reden als von einer glücklich überwundenen
+Dichterkrankheit, und heute träumt längst kein Mensch mehr so, oder wenn er
+träumt, so weiß er doch, daß das Gehirn . . .«
+
+»Satis!« rief da der Kandidat Hamelt. »Vor hundert und mehr Jahren sind
+auch schon solche . . . solche Gehirnmenschen dagewesen und haben
+langweilige Reden gehalten. Und heute nehmen sich jene Träumer und
+Phantasten immer noch stattlicher und liebenswürdiger aus als diese
+allzuverständigen Schlaumeier. Übrigens was das Träumen betrifft, auch mir
+hat es dieser Tage merkwürdig geträumt.«
+
+»Erzählen Sie doch!« bat der Alte.
+
+»Ein ander Mal!«
+
+»Sie wollen nicht? Aber vielleicht können wirs erraten,« meinte Drehdichum.
+Karl Hamelt lachte laut auf.
+
+»Nun, wir versuchens!« beharrte Drehdichum. »Jeder stellt eine Frage, auf
+welche Sie ehrlich mit Ja oder Nein antworten. Erraten wirs nicht, so wars
+doch ein lustiger Zeitvertreib!«
+
+Alle erklärten sich einverstanden und begannen nun kreuz und quer zu
+fragen. Die besten Fragen stellte aber immer der Philosoph. Als wieder die
+Reihe an ihn kam, fragte er nach einigem Besinnen: »Kam in dem Traume
+Wasser vor?«
+
+»Ja.«
+
+Nun durfte, weil die Frage bejaht war, der Alte noch eine stellen.
+
+»Quellwasser?«
+
+»Ja.«
+
+»Wasser aus einer Wunderquelle?«
+
+»Ja.«
+
+»Wurde das Wasser ausgeschöpft?«
+
+»Ja.«
+
+»Von einem Mädchen?«
+
+»Ja.«
+
+»Nein!« rief Drehdichum. »Besinnen Sie sich!«
+
+»Ja doch!«
+
+»Also von einem Mädchen wurde das Wasser geschöpft?«
+
+»Ja.«
+
+Drehdichum schüttelte heftig den Kopf. »Unmöglich!« sagte er wieder. »Hat
+wirklich das Mädchen selber aus der Quelle geschöpft?«
+
+»Ach nein!« rief Karl verwirrt. »Es war der Geist Haderbart, der zuerst
+schöpfte.«
+
+»Ah, nun haben wirs!« frohlockten die andern. Und nun mußte Karl die ganze
+Geschichte seines Traumes von der Quelle Lask erzählen.
+
+Alle hörten verwundert und seltsam ergriffen zu.
+
+»Prinzessin Lilia!« rief Lauscher aus. »Und Silberlied? Woher sind mir doch
+die Namen so bekannt?«
+
+»Ei,« sagte der Alte, »die Namen stehen beide in der askischen Handschrift,
+die Sie mir gestern zeigten.«
+
+»In meinem Liede!« seufzte der Dichter.
+
+»In dem Bilde der schönen Lulu,« flüsterten Karl und Erich.
+
+Der Philosoph hatte inzwischen eine neue Zigarre angesteckt und qualmte
+mächtig ins Grüne hinein, bis er ganz in eine blaue Wolke von Tabaksrauch
+eingehüllt war.
+
+»Sie rauchen ja wie ein Schornstein,« sagte Oskar Ripplein und wich der
+Wolke aus. »Und was für ein Kraut!«
+
+»Echte Mexikaner!« rief aus seiner Wolke heraus der Alte. Dann hörte er auf
+zu qualmen, und als nun ein Windzug die ganze stark riechende Wolke von
+hinnen führte, war er mit ihr verschwunden.
+
+Karl und Hermann rannten hinter der zerstiebenden Rauchwolke her in den
+Wald hinein. »Dummes Zeug!« brummte der Referendar Oskar und hatte das
+unangenehme Gefühl, in zweideutiger Gesellschaft gewesen zu sein. Erich und
+Ludwig hatten sich schon fortgemacht und wandelten im Golde des klaren
+Spätnachmittags der Stadt und dem Gasthaus zur Krone entgegen.
+
+Karl und Hermann ereilten die letzten zerflatternden Schleier der
+Tabakswolke im tiefen Walde und standen ratlos vor einer dicken Buche
+still. Sie wollten sich eben ins Moos niedersetzen, um wieder zu Atem zu
+kommen, als hinter dem Baume die Stimme Drehdichums laut wurde.
+
+»Nicht dort, ihr Herren, dort ist es ja feucht! Kommen Sie doch auf diese
+Seite!«
+
+Sie kamen und fanden den Alten auf einem großen verdorrten Aste sitzen, der
+wie ein unförmlicher Drache am Boden lag.
+
+»Gut, daß Sie kommen!« sagte er. »Nehmen Sie doch bitte hier neben mir
+Platz! Ihr Traum, Herr Hamelt, und Ihr Manuskript, Herr Lauscher,
+interessieren mich.«
+
+»Zuerst,« fiel ihm Hamelt ungestüm ins Wort, »zuerst sagen Sie mir doch um
+des Himmels willen, wie Sie meinen Traum erraten konnten.«
+
+»Und mein Papier lesen!« fügte Lauscher hinzu.
+
+»Ei nun,« sagte der Alte, »was ist da zu wundern? Man kann alles erraten,
+wenn man vorsichtig fragt. Zudem liegt mir die Geschichte der Prinzessin
+Lilia so nahe, daß ich leicht darauf fallen mußte.«
+
+»Eben das ist es ja!« rief wieder der Kandidat. »Woher wissen Sie denn
+diese Geschichte und wie erklären Sie es, daß mein Traum, von dem ich doch
+niemandem ein Wort gesagt hatte, plötzlich in dem rätselhaften Liede
+unseres Lauscher so auffallend anklingt?«
+
+Der Philosoph lächelte und sagte mit seiner milden Stimme: »Wenn man sich
+mit der Geschichte der Seele und ihrer Erlösung viel beschäftigt hat, kennt
+man ähnliche Fälle ohne Zahl. Es gibt von der Geschichte der Prinzessin
+Lilia mehrere, stark variierende Fassungen; sie spukt vielfach entstellt
+und verändert durch alle Zeiten und liebt namentlich die bequeme
+Erscheinungsform der Vision. Nur selten zeigt sich die Prinzessin selbst,
+deren Vollendungsprozeß übrigens in den letzten Stadien der Läuterung
+stehen muß --, nur selten, sage ich, erscheint sie sichtbar in menschlicher
+Gestalt und wartet unbewußt auf den Augenblick ihrer Erlösung. Ich selbst
+sah sie kürzlich und versuchte mit ihr zu reden. Sie war aber wie im Traum,
+und als ich es wagte, sie nach den Saiten der Harfe Silberlied zu fragen,
+brach sie in Tränen aus.«
+
+Die jungen Leute hörten dem Philosophen mit aufgerissenen Augen zu.
+Ahnungen und Anklänge stiegen in ihnen auf; aber die wunderlich krausen
+Redensarten und halb ironischen Grimassen Drehdichums verwirrten ihnen die
+Fäden unlöslich zu peinlichen Knäueln.
+
+»Sie, Herr Lauscher,« fuhr jener fort, »sind Ästhetiker und müssen wissen,
+wie lockend und gefährlich es ist, die schmale, aber tiefe Kluft zwischen
+Güte und Schönheit zu überbrücken. Wir zweifeln ja nicht, daß diese Kluft
+keine absolute Trennung, sondern nur die Spaltung eines einheitlichen
+Wesens bedeutet und daß beide, Güte sowie Schönheit, nicht Prinzipien,
+sondern Töchter des Prinzips Wahrheit sind. Daß die beiden scheinbar
+einander fremden, ja feindseligen Gipfel tief im Schoß der Erde eins und
+gemeinsam sind. Aber was hilft uns die Erkenntnis, wenn wir auf einem der
+Gipfel stehen und den klaffenden Spalt stündlich vor Augen haben? Das
+Überbrücken dieses Abgrundes aber und die Erlösung der Prinzessin Lilia
+bedeutet ein und dasselbe. Sie ist die blaue Blume, deren Anblick der Seele
+die Schwere und deren Duft dem Geist die spröde Härte nimmt; sie ist das
+Kind, das Königreiche verteilt, die Blüte der vereinten Sehnsucht aller
+großen Seelen. Am Tag ihrer Reife und Erlösung wird die Harfe Silberlied
+erklingen und die Quelle Lask durch den neuerblühten Liliengarten rauschen,
+und wer es sieht und vernimmt, dem wird sein, als wäre er sein Leben lang
+im Alpdruck gelegen und hörte nun zum ersten Male das frische Brausen des
+hellen Morgens . . . Aber noch schmachtet die Prinzessin im Bann der Hexe
+Zischelgift, noch hallt der Donner jener unheilvollen Stunde im
+verschütteten Opalschlosse wider, noch liegt dort in bleiernen Traumfesseln
+mein König im zertrümmerten Saal!«
+
+
+V.
+
+Als die beiden Freunde eine Stunde später aus dem Walde hervorkamen, sahen
+sie Ludwig Ugel, Erich Tänzer und den Regierungsreferendar mit einer
+hellgekleideten Dame vom Dreikönigskeller her den Berg hinaufspazieren.
+Bald erkannten sie mit Freuden die schlanke Lulu und eilten den Ankommenden
+aufs schnellste entgegen. Sie war heiter und plauderte mit ihrer weichen
+Liebesstimme harmlos in das Gespräch hinein. Alle setzten sich in halber
+Höhe des Berges auf eine geräumige Ruhebank. Die helle Stadt lag blank und
+fröhlich im Tale, und ringsum glänzte der goldene Duft des Abends auf den
+hohen Wiesen. Die träumerische Fülle des August war herrlich ausgebreitet,
+aus dem Laub der Bäume quoll schon das grüne Obst, Erntewagen fuhren auf
+der Talstraße bekränzt und leuchtend gegen die Dörfer und Gehöfte.
+
+»Ich weiß nicht,« sagte Ludwig Ugel, »was diese Abende im August so schön
+macht. Man wird nicht fröhlich davon, man legt sich ins hohe Gras und nimmt
+teil an der Milde und Zärtlichkeit der goldenen Stunde.«
+
+»Ja,« sagte der Dichter und blickte der schönen Lulu in die dunkeln reinen
+Augen. »Es ist die Neige der Jahreszeit, die so mild und traurig macht. Die
+ganze reife Süßigkeit des Sommers quillt in diesen Tagen weich und müde
+über, und man weiß, daß morgen oder übermorgen irgendwo schon rote Blätter
+auf den Wegen liegen werden. Es sind die Stunden, da man schweigend das Rad
+der Zeit sich langsam drehen sieht, und man fühlt sich selber langsam und
+traurig mitgetrieben, irgendwohin, wo schon die roten Blätter auf dem Wege
+liegen.«
+
+Alle schwiegen und lauschten in den goldenen Späthimmel und in die farbige
+Landschaft hinein. Leise begann die schöne Lulu eine Melodie zu summen, und
+allmählich ging das halbe Flüstern in ein zartes Singen über. Die Jünglinge
+lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen süßen Töne der edeln
+Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie Träume
+aus der Brust der einschlummernden Erde.
+
+ Aller Friede senkt sich nieder
+ Aus des Himmels klaren Weiten,
+ Alles Freuen, alles Leiden
+ Stirbt den süßen Tod der Lieder.
+
+Mit diesem Verse war ihr Abendlied zu Ende. Sogleich begann Ludwig Ugel,
+der sich zu Füßen der andern ins Gras gelegt hatte, zu singen:
+
+ O Brünnlein unterm Laube, du feiner Silberquell,
+ Fließe verstohlen hinunter zur weißen Waldkapell!
+ Dort liegt auf harten Stufen im Moos Marienfrau,
+ Du sollst sie stille rufen, mit Murmeln und nicht rauh.
+ Und sollst ihr leise künden von meiner tiefen Not:
+ Mein Mund sei, ach, von Sünden und lauter Liedern rot.
+ Und sollst ihr von mir geben eine Lilie, weiß und rein:
+ Sie möge mein rotes Leben und meine Sünden verzeihn!
+ Vielleicht, daß ihre Güte sich lächelnd zu dir neigt,
+ Der holden weißen Blüte ein süßer Duft entsteigt:
+ Weil Lieb- und Sonnetrinken des Sängers Sünde ist,
+ So sei der rote Liedermund in Hulden rein geküßt!
+
+ * * * * *
+
+Darauf sang auch Hermann Lauscher eines von seinen Liedern:
+
+ Der müde Sommer senkt das Haupt
+ Und schaut sein falbes Bild im See;
+ Ich wandle müde und bestaubt
+ Im Schatten der Allee.
+
+ Ich wandle müde und bestaubt,
+ Und hinter mir bleibt zögernd stehn
+ Die Jugend, neigt das schöne Haupt
+ Und will nicht fürder mit mir gehn.
+
+ * * * * *
+
+Mittlerweile war die Sonne untergegangen, der Himmel floß in rotem Lichte.
+Der vorsichtige Referendar Ripplein wollte eben schon zur Heimkehr mahnen,
+da begann die schöne Lulu noch einmal zu singen:
+
+ Mein Vater hat viel Schlösser
+ Und Städte weit und breit,
+ Mein Vater ist der König,
+ Der König Ohneleid.
+
+ Und käm ein schöner Ritter
+ Und wollte mich befrein,
+ Dem würde wohl mein Vater
+ Sein halbes Reich verleihn.
+
+Man erhob sich nun und stieg langsam den verglühenden Berg hinab. Jenseits
+auf dem Gipfel der hohen Teck prangte verloren noch ein später Streifen
+Sonne.
+
+»Woher haben Sie dieses Lied?« fragte Karl Hamelt die schöne Lulu.
+
+»Ich weiß nicht mehr,« sagte sie, »ich glaube, es ist ein Volkslied.« Sie
+ging jetzt schneller und wurde plötzlich von Angst ergriffen, sie möchte zu
+spät heimkommen und von der Wirtin gescholten werden.
+
+»Das leiden wir nicht,« rief Erich Tänzer heftig aus. »Überhaupt habe ich
+im Sinn, der Frau Müller einmal meine Meinung deutlich zu sagen. Ich werde
+sie schon . . .«
+
+»Nein, nein!« unterbrach ihn die schöne Lulu. »Es würde dann für mich nur
+schlimmer werden! Ich bin eine arme Waise und muß tragen, was mir auferlegt
+wird.«
+
+»Ach Fräulein Lulu,« sagte der Referendar, »ich wollte, Sie wären eine
+Prinzessin und ich könnte Sie befreien.«
+
+»Nein,« rief der Schöngeist Lauscher, »Sie sind wirklich eine Prinzessin,
+und nur wir sind nicht Ritter genug, Sie zu erlösen. Aber was hindert mich?
+Ich tue es heute noch. Ich nehme die verdammte Müllerin beim Kragen . . .«
+
+»Still, still!« rief Lulu flehentlich. »Lassen Sie mich doch mein Schicksal
+allein ertragen! Nur heute tut mirs um den schönen Abend leid.«
+
+Man sprach nun wenig mehr und näherte sich rasch der Stadt, wo sich Lulu
+von den anderen trennte, um allein in die Krone zurückzukehren. Die Fünfe
+sahen ihr nach, bis sie in die erste dunkle Straße hinein verschwand.
+
+ »Mein Vater ist der König,
+ Der König Ohneleid . . .«
+
+summte Karl Hamelt vor sich hin und machte sich auf den Heimweg nach dem
+Dorfe Wendlingen.
+
+
+VI.
+
+Spät am Abend desselben Tages dauerte Erich Tänzer noch in der Krone aus,
+bis auch Lauscher mit der Nachtkerze in sein Gastzimmer abging und er
+allein in der stillen Schenkstube war. Lulu saß noch mit am Tische; da
+stieß Erich plötzlich sein Bierglas heftig zur Seite, ergriff die Hand des
+schönen Mädchens, sah sie an, räusperte sich und tat folgende Rede:
+»Fräulein Lulu, ich muß Ihnen eine Rede halten. Ich muß Sie anklagen. Der
+künftige Staatsanwalt regt sich in mir. Sie sind unerlaubt schön, Sie sind
+schöner als man sein darf und machen damit sich und andere unglücklich.
+Versuchen Sie nicht sich zu verteidigen! Wo ist mein schöner Appetit? Und
+mein herrlicher Durst? Wo ist der Vorrat sämtlicher Paragraphen des
+bürgerlichen Gesetzbuches, den ich mir mit Hilfe von Meisels Repertorium so
+mühselig in den Kopf getrichtert hatte? Und die Pandekten? Und das
+Strafrecht und der Zivilprozeß? Ja wo sind sie? In meinem Kopf steht nur
+noch ein einziger Paragraph, der heißt Lulu! Und die Fußnote heißt: O du
+Schönste, o du Allerschönste!«
+
+Erichs Augen standen weit hervor, ingrimmig knetete seine Linke den neuen
+modischen Seidenhut zu schanden, seine Rechte umklammerte Lulus kühle Hand.
+Diese spähte ängstlich nach einer Gelegenheit zu entrinnen. Im Büffet
+schnarchte Herr Müller, sie mochte nicht rufen.
+
+Da ward unversehens die Türe ein wenig geöffnet, eine Hand und ein Stück
+Flanellhemdärmels drang durch den Spalt, etwas Weißes entglitt der Hand und
+flatterte zu Boden; dahinter schloß sich eilends wieder die Türe. Lulu
+hatte sich losgemacht, sie sprang hinzu und hob ein beschriebenes Blatt
+Briefpapier vom Boden auf. Erich schwieg verdrossen. Sie aber lachte
+plötzlich und las ihm das Blatt vor. Darauf stand:
+
+ Herrin, wirst du lachen müssen?
+ Sieh, ein heißes Dichterhaupt,
+ Das du stolz und kühl geglaubt,
+ Liegt beschämt nun dir zu Füßen,
+ Und ein Herz, dem alle höchste Lust
+ Wie das tiefste Leiden ward bewußt,
+ Zittert scheu in deiner kleinen Hand!
+ Rote Rosen, die ich Wandrer fand,
+ Rote Lieder, die ich Sänger sang,
+ Sehnen sich und welken bang,
+ Liegen arm zu deinen Füßen -- -- --
+ Wirst du lachen müssen?
+
+»Lauscher,« rief Erich entrüstet, »das Aas! Sie werden doch nicht glauben,
+es sei dem Luftibus Ernst mit seinen verdammten Versen? Verse! So was
+schreibt er alle drei Wochen einer andren!« Lulu gab dem Erregten keine
+Antwort, sondern lauschte nach dem offenstehenden Fenster hinüber. Von
+dorther kamen wirre Guitarrengriffe geklungen, und eine Baßstimme sang
+dazu:
+
+ Ich stehe hier und harre
+ Und spiele die Guitarre . . .
+ O zögere nicht länger
+ Und liebe deinen Sänger!
+
+Ein Windstoß warf das Fenster klirrend zu. In diesem Augenblick erwachte
+der Wirt im Büffet und kam verdrießlich aus der Schanktüre hervor. Erich
+warf Geld auf den Tisch, ließ sein Bier stehen, verließ ohne Gruß die Stube
+und rannte mit einem Satze die Vortreppe hinunter dem Guitarrespieler in
+den Rücken, der niemand anders als der Referendar Ripplein war, welcher nun
+mit Erich zankend und grimmig auf dem Wall unter den Kastanien davonging.
+
+Die schöne Lulu löschte die Gasflammen in Wirtsstube und Flur aus und stieg
+in ihre Kammer hinauf. Sie hörte beim Vorbeigehen in Hermann Lauschers
+Zimmer aufgeregte Schritte und öftere lange Seufzer tönen. Kopfschüttelnd
+erreichte sie ihr Schlafgemach und legte sich zur Ruhe. Da sie nicht
+sogleich einschlafen konnte, überdachte sie noch einmal den Abend; aber sie
+lachte jetzt nicht mehr, vielmehr war sie traurig, und alles kam ihr wie
+ein mißratenes Possenspiel vor. Sie wunderte sich in ihrem reinen Herzen
+darüber, wie alle diese Menschen so töricht und enge bloß an sich selber
+dachten und auch an ihr im Grunde doch nur das hübsche Gesicht ehrten und
+liebten. Diese jungen Männer schienen ihr wie irregeleitete arme
+Nachtflügler um kleine Lichtlein zu taumeln, während sie große Reden im
+Munde führten. Es erschien ihr traurig und lächerlich, wie sie immerfort
+von Schönheit, Jugend und Rosen redeten, farbige Theaterwände von Worten um
+sich her aufbauten, indes die ganze herbe Wahrheit des Lebens fremd an
+ihnen vorüberlief. In ihrer kleinen einfachen Mädchenseele stand diese
+Wahrheit schlicht und tief geschrieben, und daß die Kunst des Lebens im
+Leidenlernen und Lächelnlernen bestehe.
+
+Der Dichter Lauscher lag in seinem Bette im Halbschlummer. Die Nacht war
+schwül. Rasche, unvollendete, fiebernde Gedanken stiegen in seiner heißen
+Stirn empor und verloren sich in flüchtig verblassenden Träumen, ohne daß
+darüber die schwere Schwüle der Augustnacht und das zähe, peinigende Singen
+einiger Schnaken seinem Bewußtsein entschwunden wäre. Die Schnaken
+folterten ihn am meisten; bald schienen sie zu singen:
+
+ Vollkommenheit,
+ Man sieht dich selten, aber heut . . .
+
+bald war es das Lied der Traumharfe. Dann kam ihm plötzlich wieder in den
+Sinn, daß nun die schöne Lulu seine Verse in Händen habe und von seiner
+Liebe wisse. Daß Oskar Ripplein das Guitarreständchen gebracht, und daß
+wahrscheinlich auch Erich heute Abend dem schönen Mädchen Geständnisse
+gemacht habe, war ihm nicht verborgen geblieben. Das Rätselhafte im Wesen
+der Geliebten, ihre ahnungsvoll unbewußte Verknüpfung mit dem Philosophen
+Drehdichum, mit der askischen Sage und Hamelts Traum, ihre fremdartig
+seelenvolle Schönheit und ihr alltäglich-graues Schicksal beschäftigten des
+Dichters Gedanken. Daß die ganze eng befreundete Runde des Cénacle
+plötzlich wie um den Magnetberg um das fremde Mädchen kreiste und daß er
+selbst, statt Abschied zu nehmen und zu reisen, sich mit jeder Stunde enger
+vom Netz dieses Liebesmärchens umstricken ließ, das alles kam ihm nun vor,
+als wäre er und wären die andern lauter Traumgestalten eines
+phantasierenden Humoristen oder Figuren einer grotesken Sage. In seinem
+schmerzenden Haupte stieg die Vorstellung auf, dieses ganze Durcheinander
+und er selbst und Lulu wären ohnmächtige, willenlose Fragmente aus einem
+Manuskripte des alten Philosophen, hypothetische, versuchsweise kombinierte
+Teile einer unvollendeten ästhetischen Spekulation. Dennoch sträubte sich
+alles in ihm gegen ein solches unglückliches cogito ergo sum, er raffte
+sich zusammen, stand auf und trat ans offene Fenster. Nun bei klarerem
+Nachdenken erkannte er bald die hoffnungslose Albernheit seiner lyrischen
+Liebeserklärung; er fühlte wohl, daß die schöne Lulu ihn nicht liebe und im
+Grunde lächerlich fände. Traurig legte er sich ins Fenster, Sterne traten
+zwischen den leichten Wolken hervor, ein Wind lief über die dunkeln Kronen
+der Kastanien. Der Dichter beschloß, daß morgen sein letzter Tag in
+Kirchheim sein sollte. Zugleich traurig und erlösend drang das Gefühl der
+Entsagung durch seinen müden, vom Traum der letzten Tage schwül umfangenen
+Sinn.
+
+
+VII.
+
+Als Lauscher andern Tages früh in die Wirtsstube hinabkam, war Lulu schon
+mit den Tassen beschäftigt. Beide setzten sich zum dampfenden Kaffee. Lulu
+erschien dem Gaste merkwürdig verändert. Eine fast königliche Klarheit
+leuchtete auf ihrem reinen, süßen Gesicht, und eine besondere Güte und
+Klugheit blickte aus ihren schönen, vertieften Augen.
+
+»Lulu, Sie sind über Nacht schöner geworden,« sagte Lauscher bewundernd.
+»Ich wußte nicht, daß dies möglich wäre.«
+
+Sie lächelte nickend: »Ja, ich habe einen Traum gehabt, einen Traum . . .«
+
+Der Dichter fragte mit einem erstaunten Blick über den Tisch hinüber.
+
+»Nein,« sagte sie. »Ich darf ihn nicht erzählen.«
+
+In diesem Augenblick trat die Morgensonne ins Fenster und glänzte durch die
+dunkeln Haare der schönen Lulu stolz und golden wie eine Glorie. Andächtig
+mit trauriger Freude hing des Dichters Blick an dem köstlichen Bilde. Lulu
+nickte ihm zu, lächelte wieder und sagte: »Ich muß Ihnen noch danken,
+lieber Herr Lauscher. Sie haben mir gestern Verse geschenkt, die mir hübsch
+erscheinen, obwohl ich sie nicht ganz verstehen kann.«
+
+»Es war ein schwüler Abend gestern,« sagte Lauscher und blickte der Schönen
+in die Augen. »Darf ich das Blatt noch einmal sehen?«
+
+Sie gab es ihm hin. Er überlas es leise noch einmal, faltete es zusammen
+und verbarg es in seiner Tasche. Die schöne Lulu sah schweigend zu und
+nickte nachdenklich. Nun wurde der Wirt auf der Treppe hörbar, Lulu sprang
+auf und begann ihre Morgenarbeit. Grüßend trat der kleine, feiste Wirt
+herein.
+
+»Guten Morgen, Herr Müller!« antwortete Hermann Lauscher. »Ich bin heute
+zum letzten Mal Ihr Gast. Morgen früh reise ich.«
+
+»Aber ich hatte doch gedacht, Herr Lauscher . . .«
+
+»Schon gut. Auf heute abend stellen Sie ein paar Flaschen Champagner kalt
+und räumen uns das hintere Zimmer ein, zum Abschiedfeiern!«
+
+»Wie Herr Lauscher befehlen!«
+
+Lauscher verließ Stube und Gasthaus und begab sich auf den Weg zu Ludwig
+Ugel, seinem Liebling, um diesen letzten Tag mit ihm zusammen zu sein.
+
+Aus Ugels kleiner Bude in der Steingaustraße klang schon Morgenmusik. Ugel
+stand in Hemdärmeln noch ungekämmt am Kaffeetisch und spielte seine brave
+Violine, daß es eine Lust war. Das ganze Stüblein war voll Sonne.
+
+»Ist's wahr, du willst morgen reisen?« rief Ugel dem Dichter entgegen. Der
+war nicht wenig verwundert.
+
+»Woher weißt du's denn schon?«
+
+»Von Drehdichum.«
+
+»Drehdichum? Der Teufel werde klug daraus!«
+
+»Ja, der Alte war die halbe Nacht bei mir. Ein toller Bruder! Er faselte
+wieder was Langes, Farbiges von seinen Prinzessingeschichten, Liliengärten
+und dergleichen. Meinte, ich müsse die Prinzessin erlösen; er hätte sich in
+dir getäuscht, du seiest nicht die wahre Harfe Silberlied. Verrückt, nicht?
+Ich verstand kein Wort.«
+
+»Ich verstehe es,« sagte Lauscher leise. »Der Alte hat recht.«
+
+Noch eine Weile hörte er Ugeln zu, der nun die begonnene Sonate zu Ende
+spielte. Bald darauf verließen beide Freunde Arm in Arm die Stadt und
+wandten sich gegen die Plochinger Steige in den Wald. Sie redeten wenig;
+der Abschied machte beide stumm. Der Morgen lag warm und glänzend über den
+schönen Bergen der Alb. Bald bog die Straße in den tiefen Wald, und die
+Spaziergänger legten sich abseits vom Wege in das kühle Moos.
+
+»Wir wollen einen Strauß für die schöne Lulu machen,« sagte Ugel und begann
+im Liegen große Farnkräuter zu brechen.
+
+»Ja,« sagte der andere leise, »einen Strauß für die schöne Lulu!« Er riß
+eine ganze hohe rotblühende Staude aus der Erde. »Nimm das dazu! Roter
+Fingerhut. Ich habe ihr sonst nichts zu geben. Wild, fieberrot und giftig
+. . .«
+
+Er redete nicht weiter; süß und bitter stieg es in seiner Kehle auf, wie
+Schluchzen. Düster wendete er sich ab; Ugel aber bog den Arm um seine
+Schulter, legte sich an seine Seite und wies mit ablenkender Geberde empor
+in das wunderbare Spiel des Lichtes im hellgrünen Laub. Jeder von den
+beiden dachte an seine Liebe, und schweigend ruhten sie lange Zeit,
+Waldkronen und Himmel über sich. Über ihre Stirnen lief der kräftige, kühle
+Wind, über ihre Seelen spannte, vielleicht zum letzten Mal, die selige
+Jugend ihre blauen, ahnungsvollen Himmel aus. Leise begann Ugel ein Lied zu
+singen:
+
+ Die Fürstin heißt Elisabeth --
+ Ein Hauch von Sonne, die vergeht.
+ Ich wollt, ich hätte einen Namen,
+ Der sich verneigt vor lieben Damen,
+ Vor Schönheit, vor Elisabeth,
+ Der süß von zarten Rosen weht,
+ Von Blättern lind, so leicht, so laß,
+ Von Rosen weiß, von Rosen blaß,
+ Ein Schimmer späten Abendgolds
+ Und wie der Fürstin Mund so stolz
+ Und wie der Fürstin Stirn so rein,
+ Und müßte singen von Glück und Pein --
+ So froh und traurig müßt er sein!
+
+Dem Freunde weitete die stille Traurigkeit der schönen Stunde die Brust in
+Schmerz und Lust. Er schloß die Augen; aus seiner Seele stieg das Bild der
+schönen Lulu auf, wie er sie am heutigen Morgen gesehen hatte, so
+sonneverklärt, so milde, so leuchtend, klug und unnahbar, daß sein Herz in
+erregten schmerzlichen Schlägen pochte. Seufzend fuhr er mit der Hand über
+die Stirn, fächerte sich mit dem roten Fingerhut und sang:
+
+ Ich will mich tief verneigen
+ Vor dir und ziehen den Hut,
+ Ich will dir Lieder geigen
+ Rot wie Rosen und rot wie Blut.
+
+ Ich will mich vor dir bücken,
+ Wie man vor Fürstinnen tut,
+ Und will dich mit Rosen schmücken,
+ Mit Rosen rot wie Blut.
+
+ Ich will auch zu dir beten,
+ Wie man vor Heiligen kniet,
+ Mit meiner wilden, verschmähten
+ Liebe und meinem Lied.
+
+ * * * * *
+
+Er hatte kaum geendigt, als aus dem innersten Walde hervor der Philosoph
+Drehdichum die Liegenden anrief. Aufschauend sahen sie ihn aus den
+Gebüschen treten.
+
+»Guten Tag,« rief er näherkommend, »guten Tag, meine Freunde! Nehmet dies
+zu euerm Strauß für die schöne Lulu!« Damit gab er Lauschern eine große
+weiße Lilie in die Hand. Behaglich ließ er sich sodann den Freunden
+gegenüber auf einem moosigen Felsen nieder.
+
+»Sagen Sie, Zauberer,« redete Lauscher ihn an, »da Sie doch überall sind
+und alles wissen: wer ist eigentlich die schöne Lulu?«
+
+»Viel gefragt!« schmunzelte der Graubart. »Sie weiß es selber nicht. Daß
+sie die Stiefschwester der verdammten Müllerin sei, glauben Sie wohl nicht,
+und ich auch nicht. Sie selber hat nicht Vater, nicht Mutter gekannt, und
+ihr einziger Heimatbrief ist die Strophe eines merkwürdigen Liedes, das sie
+zuweilen singt und worin sie einen gewissen König Ohneleid ihren Vater
+nennt.«
+
+»Dummes Zeug!« fluchte Ugel ärgerlich.
+
+»Weshalb, lieber Herr?« entgegnete sanftmütig der Alte. »Aber dem sei wie
+ihm wolle, man darf an solchen Geheimnissen nicht allzuviel tasten . . .
+Ich höre, Herr Lauscher, Sie wollen schon morgen uns und dieses Land
+verlassen? Wie man sich täuschen kann! Ich hätte gewettet, Sie blieben noch
+länger hier, da Sie, wie mir schien, eben durch die Lulu . . .«
+
+»Genug, genug, Herr!« fiel ihm Lauscher wild aufbrausend in die Rede. »Was
+zum Teufel gehen Sie anderer Leute Liebesaffären an!«
+
+»Nicht so heftig!« beruhigte lächelnd der Philosoph. »Davon,
+Wertgeschätzter, war ja gar nicht die Rede. Daß ich mich mit den
+Verwicklungen fremder Schicksale, besonders Dichterschicksale,
+beschäftigte, gehört zu meiner Wissenschaft. Für mich besteht kein Zweifel
+darüber, daß zwischen Ihnen und unserer Lulu gewisse subtile magische
+Beziehungen statthaben, wenn schon, wie ich ahne, ihrer ersprießlichen
+Wirkung zurzeit noch unüberwindliche Hemmnisse im Wege liegen.«
+
+»Erklären Sie mir das doch, bitte, etwas näher!« sagte der Dichter kühl,
+aber doch neugierig.
+
+Der Alte zuckte die Achseln. »Ei nun,« sagte er, »jedes irgend höher
+stehende Menschenwesen strebt instinktmäßig nach jener Harmonie, die im
+glücklichen Gleichgewicht des Bewußten und des Unbewußten bestände. Solange
+aber der zerstörende Dualismus das Lebensprinzip des denkenden Ich zu sein
+scheint, neigen strebende Naturen gerne in halbverstandenem Instinkt zu
+Bündnissen mit entgegengesetzt Strebenden. Sie verstehen mich. Solche
+Bündnisse können ohne Worte, sogar ohne Wissen geschlossen werden, können
+wie Verwandtschaften unerkannt, rein gefühlsmäßig leben und wirken.
+Jedenfalls sind sie vorbestimmt und stehen außerhalb der Sphäre des
+persönlichen Willens. Sie sind ein unermeßlich wichtiges Element dessen,
+was man Schicksal nennt. Es ist vorgekommen, daß das eigentliche,
+wohltätige Leben eines solchen Bündnisses erst im Augenblicke der Trennung
+und Entsagung begann; denn diese unterliegen unserm Wollen, dem die Macht
+jener Sympathie sich entzieht.«
+
+»Ich verstehe Sie,« sagte Lauscher mit verändertem Ton. »Sie scheinen mein
+Freund zu sein, Herr Drehdichum!«
+
+»Zweifelten Sie daran?« lächelte dieser fröhlich.
+
+»Sie kommen heute Abend zu meiner Abschiedsfeier in der Krone!«
+
+»Will sehen, Herr Lauscher. Nach gewissen Berechnungen wird mir diesen
+Abend eine wichtige Aufgabe zuteil werden, ein alter Traum sich erfüllen
+. . . Aber vielleicht läßt es sich vereinigen. Auf Wiedersehen!« Er sprang
+auf, grüßte mit winkender Hand und verlor sich rasch auf der talwärts
+führenden Straße.
+
+Die Freunde blieben bis zum Mittag im Walde, beide von Abschiedsgedanken
+und jeder von seiner Liebe erfüllt und mit widerstreitenden Empfindungen
+gesättigt. Verspätet suchten sie den Mittagstisch der Krone auf. Sie fanden
+Lulu daselbst in fröhlicher Stimmung und mit einem neuen, hellen Kleide
+geschmückt. Freundlich nahm sie die mitgebrachten Blumen an und stellte den
+Strauß in eine Vase auf den Ecktisch, an dem die beiden zu speisen
+pflegten. Heiter und geschäftig bewegte sich die schöne Gestalt bedienend
+mit den Tellern, Schüsseln und Flaschen hin und wider. Nach Tisch, beim
+Weine setzte sie sich zu den Freunden. Man sprach von Lauschers geplanter
+Abschiedsfeier.
+
+»Wir müssen das Zimmer und alles recht festlich zubereiten,« sagte Lulu;
+»wie Sie sehen, habe ich an mir selber den Anfang gemacht und ein
+nagelneues Kleid angezogen. Es fehlt noch an Blumen . . .«
+
+»Besorgen wir schon,« fiel ihr Ugel in die Rede.
+
+»Gut,« lächelte sie. »Dann wäre es hübsch, ein paar Lampions und farbige
+Bänder zu haben.«
+
+»Soviel Sie wollen!« rief wieder Ugel. Lauscher nickte stumm.
+
+»Sie sprechen ja kein Wort, Herr Lauscher!« zürnte nun Lulu. »Sind Sie
+nicht einverstanden?« Lauscher gab keine Antwort. Er sagte nur, während
+sein Auge an ihrer schlanken Gestalt und dem feinen Antlitz hing: »Wie
+schön Sie heute sind, Lulu!« Und noch einmal: »Wie schön Sie sind!«
+
+Er war unersättlich, die ganze ziere Gestalt immer wieder zu betrachten. Zu
+sehen, wie sie mit dem Freunde die Anstalten zu seinem Abschied betrieb,
+verursachte ihm eine eigentümliche Qual und machte ihn stumm und
+verdüstert. Jeden Augenblick kam ihm wieder der Gedanke, peinigend und
+bitter stachelnd, daß seine Entsagung und sein Fortgehen unwahr sei, daß er
+ihr zu Füßen stürzen und sie mit allen lodernden Flammen seiner
+Leidenschaft umgeben müsse, um sie werben, sie anflehen, sie zwingen und
+rauben -- irgend etwas, nur nicht so tatlos vor ihr sitzen und fühlen, wie
+von den letzten Stunden ihrer Gegenwart ein seliger Augenblick um den
+andern eilig und unwiederbringlich zerrann. Dennoch bezwang er sich in
+hartem Kampf und begehrte nur noch in diesen letzten Stunden ihr herrliches
+Bild sich glühend und schmerzlich in die Seele zu senken zu unvergeßlichem
+Heimweh.
+
+Schließlich, da die drei noch allein im Zimmer saßen und Ugel zum Aufbruch
+drängte, erhob sich Lauscher, trat vor Lulu hin und faßte ihre Hand mit
+seiner heißen, zitternden Rechten und sagte leise in einem gezwungenen,
+feierlich komischen Ton: »Meine schöne Prinzessin, wollet geruhen die
+Darbietung meiner Dienste in Hulden anzunehmen! Betrachtet mich, ich bitte
+Euch, als Euern Ritter oder als Euern Sklaven, Euern Hund oder Narren,
+befehlet mir . . .«
+
+»Gut, mein Ritter,« unterbrach Lulu ihn lächelnd. »Ich fordere einen Dienst
+von Euch. Es fehlt mir auf den Abend ein recht herzensfroher Gesellschafter
+und Spaßmacher, der mir ein gewisses Fest unterhaltsam und lustig machen
+helfe. Wollet Ihr das?«
+
+Lauscher wurde sehr bleich. Dann lachte er heftig auf, ließ sich mit
+komischer Verrenkung ins Knie nieder und sprach mit theatralischer
+Feierlichkeit: »Ich gelobe es, edle Dame!«
+
+Nun eilte er mit Ludwig Ugel hinweg. Sie suchten vor allem die schöne
+Kunst- und Handelsgärtnerei beim Friedhofe auf und wüteten mit der Schere
+ohne Schonung in des Gärtners Rosenzucht. Besonders Lauscher war nicht zu
+halten. »Ich muß einen großen Korb voll Weiße haben,« rief er wiederholt,
+wandte alle Zweige um und hieb die Lieblingsrosen der schönen Lulu zu
+Dutzenden ab. Dann bezahlte er den Gärtner, hieß ihn die Rosen auf den
+Abend in die Krone bringen und bummelte mit Ugel weiter durch die Stadt. Wo
+etwas Buntes in den Schaufenstern hing, da brachen sie ein; Fächer, Tücher,
+Seidenbänder, Papierlaternen wurden zusammengekauft, am Ende auch noch ein
+starker Posten Kleinfeuerwerk, so daß in der Krone die schöne Lulu mit
+Inempfangnehmen und Unterbringen alle Hände voll zu tun hatte. Dabei half
+ihr, ohne daß jemand darum wußte, der gute Drehdichum bis zum Abend.
+
+
+VIII.
+
+Lulu war schön und fröhlich wie noch nie. Lauscher und Ugel hatten ihr
+Abendessen beendet; die Freunde kamen nacheinander im Gasthause an. Als
+alle beisammen waren, begab man sich unter dem Vortritt Lauschers, der die
+schöne Lulu zierlich am Arme führte, in die große Hinterstube. Hier waren
+alle Wände mit Tüchern, Bändern und Girlanden behängt, eine Menge farbiger
+Laternen war an der Decke in Figuren gereiht und angezündet, der große
+Tisch weiß gedeckt, mit Champagnerkelchen besetzt und mit frischen Rosen
+überstreut. Der Dichter überreichte seiner Dame die Lilie des Philosophen,
+steckte ihr eine halbgeöffnete Teerose ins Haar und führte sie an den
+Ehrenplatz. Alle setzten sich froh und lärmend; ein im Chor gesungenes Lied
+eröffnete den Abend. Nun sprangen die Stöpsel von den Flaschen,
+überschäumend floß der helle, edle Wein in die zarten Gläser, wozu Erich
+Tänzer die Champagnerrede hielt. Witz und Gelächter löste sich ab, mit
+Tosen wurde der nachträglich angekommene Drehdichum empfangen, Ugel und
+Lauscher trugen jeder ein paar lachende Verse vor. Dann sang die schöne
+Lulu ein Lied, das hieß:
+
+ Ein König lag in Banden
+ Und tief in Dunkelheit --
+ Nun ist er auferstanden
+ Und heißet Ohneleid.
+
+ Nun glänzen bunte Lichter
+ Und Lieder blank ins Land,
+ Nun tragen alle Dichter
+ Ihr farbigstes Festgewand.
+
+ Nun blühen Lilien und Rosen
+ So weiß und rot wie nie,
+ Nun singt die Harfe Silberlied
+ Ihre seligste Melodie.
+
+Als das Lied zu Ende war, griff Lauscher tief in den vor ihm stehenden
+Rosenkorb und warf applaudierend der Sängerin ganze Hände voll weißer Rosen
+zu. Der fröhliche Krieg wurde allgemein, Rosen flogen von Sitz zu Sitz,
+Dutzende, hundert, weiße, rote; dem alten Drehdichum hing das Haar und der
+graue Bart ganz voll davon. Dieser erhob sich nun, es war schon nahe an
+Mitternacht, und begann zu reden:
+
+»Liebe Freunde und schöne Lulu! Wir sehen alle, daß das Reich des Königs
+Ohneleid von neuem beginnt. Auch ich muß heute von euch Abschied nehmen,
+doch nicht ohne Hoffnung auf Wiedersehen; denn mein König, zu dem ich
+zurückkehre, ist ein Freund der Jugend und der Dichter. Wäret ihr
+Philosophen, so würde ich euch eine schöne allegorisch-mystische Geschichte
+von der Wiedergeburt des Schönen und speziell von der Erlösung des
+poetischen Prinzips durch die ironische Metamorphose des Mythus erzählen,
+welche Geschichte heute ihr seliges Ende erfährt. So aber tue ich besser,
+euch den zu lösenden Rest dieser Geschichte in angenehmen Bildern vor Augen
+zu führen. Schauet her, ein askisches Stück!«
+
+Alle blickten seinem ausgestreckten Zeigefinger nach auf einen großen
+gestickten Vorhang, mit dem eine Ecke des Zimmers verhangen war. Dieser
+Vorhang wurde plötzlich sanft von innen erleuchtet und zeigte ein Gewebe
+von zahllosen silbernen Lilien, die eine schön in Marmor gefaßte starke
+Quelle umrahmten. Die Kunst des Gewebes und der Beleuchtung war so
+wunderbar, daß man die Lilien wachsen, sich neigen und verschlingen, daß
+man die Quelle sprudeln und sich ergießen sah, ja, daß man ihr edles kühles
+Rauschen stark vernahm.
+
+Aller Augen hingen an dem prachtvollen Vorhang, und keiner bemerkte, daß
+schnell nacheinander im Zimmer alle Laternen erloschen. Sie folgten
+entzückt und erregt dem Zauberspiel der künstlichen Lilien; nur der Dichter
+achtete es nicht, sondern heftete durch das Dunkel den Blick glühend und
+anbetend auf die schöne Lulu. Ein heilig schönes, zartes Leuchten lag auf
+ihrem feinen Gesicht, matthell und gleichsam vergeistigt schimmerte in
+ihrem prachtvollen dunkeln Haar die weiße Rose.
+
+Die Lilien bewegten sich unbeschreiblich schlank und harmonisch in einem
+seltsamen Blumenreigen um die Quelle. Ihre Bewegung und feine Verschlingung
+hüllte den Sinn der atemlos Zuschauenden in ein süßes, träumendes Netz von
+Wunder und Wohlgefallen. Da schlug eine Uhr Mitternacht. Blitzschnell
+rollte der glänzende Vorhang in die Höhe: eine weite Bühne tat sich in
+tiefer Dämmerung auf. Der Philosoph erhob sich; man hörte im Dunkeln, wie
+er den Sessel rückte. Er verschwand und erschien allsogleich auf der Bühne,
+Haar und Bart noch voll von Rosen. Allmählich war der Raum der Bühne von
+einem immer mehr zunehmenden Licht erfüllt, bis klar und glänzend Quelle
+und Liliengarten des Vorhangs nun in edler Wirklichkeit blühend und
+rauschend zu erblicken waren.
+
+Damitten stand der Geist Haderbart, als Drehdichum trotz der erhöhten
+Gestalt erkennbar. Im Hintergrunde stieg berückend in perlblauer Schönheit
+das Opalschloß empor, in dessen Saale durch die weiten Fensterbögen der
+König Ohneleid in mächtiger Ruhe thronend zu sehen war. Während das Licht
+immer mehr zu strahlendem Glanze wuchs, trug Haderbart durch die sich
+bückenden Lilien eine riesige, fabelhafte Harfe aus Silber in die Mitte der
+Schaubühne. Der Glanz des Lichtes war nun blendend herrlich geworden und
+schauerte in fiebernden Wellen silbern und irisfarbig über die Opalmauern
+hin.
+
+Lauschend schlug der Geist eine einzelne tiefe Saite der Harfe an. Ein
+großer, königlicher Ton erquoll. Langsam traten die Lilien des
+Vordergrundes zur Seite, eine festliche Treppe senkte sich von der Bühne
+herab. Im dunkeln Zimmer erhob sich hoch und schlank die schöne Lulu,
+schritt über die hinter ihr wieder zurückweichende Treppe hinan und stellte
+sich in unsäglicher Schönheit als Prinzessin dar. Mit tiefer Verbeugung
+überließ ihr der Geist Haderbart die Harfe; Tränen flossen aus seinen
+klaren alten Augen und fielen zusammen mit einer gelösten Rose aus seinem
+Bart zur Erde.
+
+Die Prinzessin stand hoch und glänzend vor der Harfe Silberlied. Sie
+streckte die Rechte in höchster Bewegung nach dem Schlosse aus, zog die
+Harfe an ihre Schulter her und lief mit schlanken Fingern über alle Saiten.
+Ein Lied von unerhörter Seligkeit und Harmonie hob an, huldigend scharten
+sich alle hohen Lilien um ihre Herrin. Noch ein voller, reiner Griff in die
+tönenden Zaubersaiten -- da rauschte mit kurzem Aufschlag der Vorhang
+nieder. Einen Augenblick war er noch ganz von inwendigem Glanze
+durchleuchtet, in heftiger Bewegung tanzten die gestickten Lilien
+durcheinander, immer schneller und rasender, bis nur noch ein einziger
+silberner Wirbel zu sehen war, der plötzlich lautlos in völlige Finsternis
+versank.
+
+Betäubt und sprachlos standen und saßen die Freunde im finstern Zimmer.
+Bald sodann fingen sie an sich zu besinnen. Licht wurde gemacht. Durch
+Unvorsichtigkeit kam das ganz vergessene Feuerwerk in Brand und knallte mit
+abscheulichem Lärmen durcheinander. Wirt und Wirtin liefen herzu, klagten
+und schalten. Ein Nachtwächter pochte von der Straße aus mit dem Spieß an
+die verschlossenen Fensterläden. Man schrie und fragte, jeder an den andern
+hin.
+
+Aber niemand fand mehr eine Spur von Lulu und dem Philosophen. Der
+Referendar Ripplein begann ärgerlich zu werden und von Gaunerei zu reden;
+doch hörte niemand auf ihn. Hermann Lauscher war in sein Zimmer entwichen
+und hatte von innen geriegelt.
+
+Als er andern Tages in aller Frühe verreiste, war von der schönen Lulu noch
+keine Spur gefunden. Da Lauscher sich sogleich ins Ausland begab, kann er
+über den ferneren Verlauf der Dinge in Kirchheim keinerlei Mitteilung
+machen. Denn er selber hat die vorstehende Geschichte der Wahrheit gemäß
+aufgeschrieben.
+
+
+
+
+Schlaflose Nächte.
+(Geschrieben 1901.)
+
+
+Widmung.
+
+Kennt ihr die Muse der Schlaflosigkeit? Die bleiche, wachsame, die an
+einsamen Betten sitzt?
+
+An meinem einsamen Bette saß sie viele lange Nächte lang, sie legte mir die
+geschmeidige, kranke Hand auf die Stirn, sie sang mir Lieder mit ihrer
+müden Stimme, Lieder ohne Zahl, Heimatlieder, Kinderlieder, Lieder der
+Liebe, des Heimwehs und der Melancholie. Und statt des entflohenen
+Schlummers breitete sie über meine ermüdeten Augen den dünnen, farbigen
+Schleier der Erinnerung und der Phantasie.
+
+O diese langen, schleichenden Nächte, in denen unser wahrstes Wesen alle
+tagüber gewobenen schmucken Gewänder von sich streift und uns mit Fragen,
+Bitten und Vorwürfen bestürmt wie ein krankes Kind! O diese schmerzhaft
+klaren Erinnerungen an alle Augenblicke unseres Lebens, in denen wir wider
+uns selbst und wider die geheimen Gesetze des Lebens gesündigt haben! Diese
+Kette von Blindheit, Grausamkeit und Mißverständnis, mit der wir uns selbst
+zu unentrinnbarer Qual an diese angstvollen Stunden geschmiedet haben. Gibt
+es einen Menschen von solcher Reinheit, daß er nur eine einzige solche
+Nacht seiner Seele in die wahrhaftigen Kinderaugen blicken könnte, ohne
+unzähligen Vorwürfen und Selbstpeinigungen zur Beute zu fallen?
+
+Ich weiß es nicht und glaube es nicht. Und dennoch entrann ich diesen
+Stunden und lernte sie segnen und sah die Verzweiflung nur auf dunkler
+Lauer verborgen liegen, unberührt von ihrem giftigen Atem.
+
+Das war jene Muse, jene bleiche, wachsame, die mit den geschmeidigen Händen
+mich vom Abgrund zurückhielt. Ich danke dir, du Fremde, Phantastische, und
+widme dir diese Erinnerungen unsrer gemeinsam verträumten, wachen Nächte.
+Wie schön du warst, wenn du dein feines, tröstendes Frauengesicht über
+meine fiebernden Augen beugtest! Wie schön du warst, wenn du mit mir der
+Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still, vorgebeugt, das tiefe Auge
+in die Nacht gewendet, die helle vergeistigte Stirn von einer losen Locke
+märchenblonden Haares überhangen! Wie schön du warst, wenn du weintest,
+wenn du das Auge senktest und schweigend auf dem weißen Bette meine Hand
+mit deiner schmalen Linken suchtest, wenn der Traum einer verlorenen Liebe
+über dein ernstes Gesicht wie ein leiser schmerzlicher Schatten lief!
+
+Wie schön du warst!
+
+ * * * * *
+
+
+Die erste Nacht.
+
+Regen, Stille, Mitternacht. Wie heißest du, schöne Blasse? Du lächelst, du
+legst deine Hand neben meine auf den Rand des Bettes, daß sie wie
+Geschwister aussehen. Ich will dich Maria nennen.
+
+Wie hast du mich wiedergefunden, wunderliche Schwester, die ich so langeher
+nicht mehr gesehen? Das war vor manchem schönen Jahr, daß ich dir jene
+Dichtung vorlas, mit der ich deine Gunst verscherzte. Du bist seither
+schöner geworden -- ach hättest du damals den Schluß meiner Novelle
+abgewartet, so wären wir zusammen jung geblieben und du säßest nicht an
+meinem Bette, um mir die vielen Stunden von Mitternacht bis Morgen ertragen
+zu helfen. Aber du nahmst meine Geschichte für Ernst und hast sie damit uns
+selber zum Ernst gemacht. Jener ungelesene Schluß ist in den Märchenbrunnen
+zurückgefallen und unsre guten Feen weinten, und weinen noch heute darüber.
+
+Erinnerst du dich jenes letzten Abends? Im Veilchengarten, alle Amseln
+schlugen. Wir saßen auf der grünen Großvaterbank und hatten unsere Zukunft
+wie ein großes Fabelbuch vor uns aufgeschlagen. Ich las dir vor, der große
+Ahorn rauschte darein, die Luft und die Geschichte waren voll Veilchenduft.
+Ich las dir vor bis zu jener traurigen Stelle -- weißt du noch? Es war
+beinahe dunkel geworden und im Goldregenbusch begann die Nachtigall. Ach
+hätten wir doch zu Ende gelesen! Aber du weintest und stießest das Buch von
+deinem Schoß und liefest fort. Jenen ganzen Abend und die halbe Nacht sang
+unsre Nachtigall.
+
+Ich weiß jetzt das Geheimnis der Nachtigall und singe schon lang nach
+derselben Weise. Man hört diese Lieder gern, sie gleiten weich und sind
+voll Wohllaut, aber der Text ist traurig, er ist sogar zuweilen bitter,
+sogar gemein. Ach, die besten Lieder standen im Buch meiner Jugend auf
+jenen Seiten, die du so unmutig überschlugst. Sie quälen mich seither, und
+stöhnen, und wollen gesungen sein, aber ihre Zeit ist vorüber, sie ist gar
+nie gewesen, denn die schönsten Seiten im Buch meiner Jugend überschlugst
+du an jenem Abend im Veilchengarten. Die Kapitel waren dir gewidmet --
+warum wolltest du sie nicht lesen? Sie fehlen jetzt mir und dir wie
+gesprungene Saiten auf einer Harfe. Die Harfe klingt wie sonst, nur wenn
+die Melodie auf die gebrochenen Saiten springt, entsteht ein herzbeklemmend
+leeres Schweigen und reißt mitten durch das ganze Lied. Hast du nie auf
+einer Harfe spielen hören, an welcher eine Saite fehlte? War es dir nicht
+jedesmal, wenn jene bange leere Pause kam, als sei es gerade der süßeste,
+erlösende Ton, der nun dem Liede fehlt? Und ist nicht immer das Süßeste,
+Erlösende, brennend Erdürstete gerade das, was mir und dir in jedem
+Augenblicke fehlt?
+
+Hab ich dich traurig gemacht? Verzeih' mir, Maria! Ich wollte es nicht tun,
+ich wollte dir keinen Vorwurf machen. Ich wollte dich nur fragen, ob du
+noch an jenen fernen warmen Frühlingsabend denkst. Ich wollte nur dich
+erinnern, dich fragen und dein Kopfnicken wiedersehen, die träumerisch
+graziöse Bewegung, die schon damals mein knabenhaftes Herz entzückte. Denk'
+dir, der Abend wäre heute wieder! Du brauchst nur die Augen zu schließen,
+zu lächeln und deine Hand auf meine Hand zu legen. Hörst du nicht den
+großen Ahorn rauschen? Siehst du nicht das Veilchenbeet und die
+Taxushecken? Hörst du nicht ein feines knisterndes Wiegen? Ein großes
+helles Ahornblatt wankt hoch oben vom Zweig und dreht sich leise durch die
+warme Luft herab, ganz wie damals, ganz wie damals. --
+
+ * * * * *
+
+O Maria! Warum hast du die Augen aufgemacht? Und siehst mich so traurig,
+bitter und erschrocken an! Der Traum ist hin.
+
+Und das große Ahornblatt dreht sich in der Luft und sinkt und fällt, und
+liegt auf dem Sims meines Fensters. Es ist welk, ich hör's am Fallen, und
+wende das Gesicht zur Seite. Draußen ist Regen, Stille und Mitternacht.
+
+ * * * * *
+
+
+Die zweite Nacht.
+
+Du bist heute schweigsam, meine schöne Muse! Komm, spiel mit mir, die Nacht
+ist so lang! Was spielen wir?
+
+Meine Muse schweigt, nimmt meinen Arm und steigt mit mir in unser
+schneeweißes Nachtschloß, die breite fürstliche Treppe empor, an den
+geduldigen steinernen Löwen vorbei, durch die offenen halbbögigen
+Torflügel, über die schwarzweißen Samtfelder der Flurteppiche und die
+geschwungene massive Treppe hinan. Sie führt mich an den Drachenleuchtern
+vorbei in den großen Flügelsaal, wo unser Brunnen zwischen den glänzenden
+Porphyrsäulen so kühl und weltverloren in seine tiefe Bronzemuschel
+rauscht. Wir sitzen vor der dunklen tönenden Schale nieder, durch die
+offenen Fensterbogen blendet das weiße Mondlicht herein und verzittert auf
+dem sich kräuselnden Wasser in bleichen, zerrinnenden Silberlinien.
+Gegenüber, jenseits des Brunnens, glänzt auf der geräumigen Dreieckfläche
+einer schwarzen Pyramide die smaragdene Tafel des Hermes Trismegistus.
+
+»Wir hätten sie weglassen sollen,« sagt meine Muse.
+
+Du hast recht. Sie ängstigt nur.
+
+»Und doch haben wir sie in so vielen unvergeßlichen Mondnächten zusammen
+gelesen.«
+
+Freilich -- damals.
+
+»Damals! Du mußt das nicht so tragisch sagen.«
+
+Aber doch, -- damals.
+
+»Nein! Das macht traurig.«
+
+Möchtest du lustig sein?
+
+»Man kann es nicht in diesem Saal.«
+
+Nicht? Wir waren's doch, es ist nicht lange her.
+
+»Er wird mir langweilig. Diese Säulen sind so plump, und immer dieses
+Brunnengeräusch, und dieser ewige Delphin.«
+
+Wir müssen einen andern Saal bauen. Beim Schilfsee, oder über dem
+Platanenwald. Einen roten Saal. --
+
+»Rot?«
+
+Meinst du nicht?
+
+»Nun, also rot. Und dann lassen wir die Wände mit goldenen Palmenreliefs
+schmücken, und dann tanzen wir dort nach einer Mozartmusik Gavotte und
+sehen von den hohen Fenstern auf den schwarzen Wald. Und dann werden wir
+traurig, kehren in den alten Porphyrsaal zurück und hören dem Brunnen zu.
+Eigentlich haben wir das schon jetzt. Wir hätten dann zwei Säle, in denen
+wir traurig sein können.«
+
+Dann ist es besser, hier zu bleiben.
+
+»Und traurig zu sein.«
+
+Was fehlt dir nur?
+
+»Ich weiß nicht. -- Schenk mir was!«
+
+Was du haben willst. Soll ich dir das Salzfaß des Cellini schenken?
+
+»Das mit dem Neptun? Nein, nein.«
+
+Oder einen Garten? Ich weiß einen, auf den borromäischen Inseln --
+
+»Ich weiß schon. Was soll er mir?«
+
+Oder ich könnte dich malen lassen. Nicht in der Weise, wie dich Rossetti
+gemalt hat. In deinem Narzissenkleid, als Flora -- ich weiß einen Maler,
+einen Franzosen --
+
+»Oder Spanier, oder Russen. Nein, nein.«
+
+Dann schenk ich dir eine Harfe. Es gibt eine zedernholzene, dreifüßige, aus
+den Schatzkammern des --
+
+»Ich will keine Harfe.«
+
+Dann -- ja was willst du dann haben? Soll ich dir ein Lied singen?
+
+»Ja, wenn du kannst. Ich warte.«
+
+Aber ich kann doch nicht ohne dich --
+
+»Also, was willst du?«
+
+Du bist unersättlich. Was hab ich dir getan?
+
+»Frag nicht! Frag nicht!«
+
+So will ich dir erzählen. Willst du?
+
+»Von den sieben Prinzessinnen?«
+
+Nein. Von einem Garten im Schwarzwald, wo ein kleiner Knabe mit einem
+kleinen Mädchen unter den blauen Fliedern saß. Der Knabe hatte das Mädchen
+lieb, und als sie beide größer geworden waren, an einem Abend im warmen
+Juni, hingen sie mit roten heißen Lippen aneinander. --
+
+»Weiter! Und dann --?«
+
+Dann kam eine fremde schlanke Frau mit dunkelgroßen Augen, ganz wie du sie
+hast. Die sang so schön und war so fremd und lockend, daß der Knabe sein
+liebes Nachbarkind vergaß. Er ging mit der fremden Frau in ein anderes
+Land, wo die Sterne größer und die Nächte blauer sind. Sie bauten sich ein
+helles Schloß und darin einen Saal mit Porphyrsäulen, darin ein ewiger
+Brunnen in eine bronzene Muschelschale klang. Dort sitzen sie nun bei dem
+Brunnen und sehen den Mond im Wasser verleuchten. Sie haben kühle Hände
+ineinander gelegt und reden kühle Worte zu einander, und ich glaube, daß
+jedes von den beiden Heimweh hat. Wenigstens der Knabe, der inzwischen alt
+und anders geworden ist. Ich weiß, daß er an seine Heimat denkt und daß
+eine verjährte, knabenhafte Untreue durch sein Leben geht wie ein feiner
+Sprung durch klares Glas.
+
+»Das ist eine traurige Geschichte. Ist sie zu Ende?«
+
+Noch nicht. Und ich glaube, der Schluß wird das traurigste sein. Glaubst du
+nicht auch?
+
+»Ich weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob der Knabe die fremde Frau noch
+immer liebt.«
+
+Man hat keine Nachricht darüber. Oder soll ich Ja sagen?
+
+ * * * * *
+
+
+Die dritte Nacht.
+
+Lege deinen blonden Kopf an meine Schulter, meine arme Muse! Ich sehe wohl
+auf deiner schönen Stirne diese leisen, schwermütigen Linien, ich sehe wohl
+beim Beugen deines Halses diese müde, kranke Bewegung, und ich vermag auch
+wohl in dem feinen, feinen Aderspiel deiner klaren, weißen Schläfe zu
+lesen.
+
+Komm, weine nur! Das ist Herbst, das ist die letzte zitternde Mahnung der
+unaufhaltsamen Jugendflucht. Du kannst sie auch in meinen Augen lesen, auch
+auf meiner Stirn und auf meinen Händen steht sie geschrieben, tiefer als
+auf deinen, und auch in mir ruft dieses peinigende, schluchzende Wehgefühl:
+es ist zu früh, es ist zu früh!
+
+Komm, weine nur! Wir sind noch nicht am Ende, wenn wir noch weinen können.
+Wir wollen diese Tränen und diese Trauer mit aller eifersüchtigen Sorge
+unserer Liebe bewachen. Vielleicht steht hinter diesen Tränen unser
+Kleinod, unsere Poesie, unser großes Lied, auf das wir warten.
+
+Unsere rosenroten Liebeszeiten sind vorüber, aber sie rühren noch mit so
+viel zarten Fäden an uns -- laß ihnen ihr schmerzlich schönes
+Vergangensein! Wir wollen ihnen mit Kosenamen und mit Liedern rufen, wir
+wollen ihre hellen Erinnerungen wie scheue, geliebte Gäste durch Zartheit
+und schonende Pflege festhalten. Auch wollen wir nicht mehr davon reden,
+wie viele Frühlinge wir uns selber entblättert haben, ich und du; wir
+wollen denken: Es hat so kommen müssen, und wir wollen nicht aufhören uns
+zu schmücken und zu warten -- auf unser Lied.
+
+Unser Lied! Weißt du noch, wie wir von ihm träumten, in jener ersten Zeit
+unserer Liebe? Das war im Kloster, in jener prachtvollen Brunnenkapelle, wo
+sich der Laut des fallenden Wassers so zart mit der klösterlichen
+Schweigsamkeit der gotischen Kreuzgänge verflocht. Weißt du noch? Und jene
+Abende! Die kühlen, mondhellen Abende jenes Spätherbstes, die so weich und
+traumverzaubert auf den Dächern des Klosters lagen, und auf dem kahlen
+Garten und über den duftigen, kühlen Bergen! Der Wind lief durch die
+steinernen Fensterblumen und gewann Klang in den schwarzen Kreuzgewölben,
+der Mondschein lief über die breiten Simse und über die weißen Dielen des
+Oratoriums. Und ich erzählte meinem Freund Wilhelm in der verborgenen
+Fensternische von der fernen dunklen Zeit, in welcher die Klöster und die
+großen Dome aus der Erde wuchsen, und von den Stiftern, Rittern, Bauherren
+und Äbten, deren bildnisgeschmückte Grabsteine drunten im Kreuzgang fremd
+und gespenstisch im weißen Mondschein lagen. Ich hatte damals mehrere
+Freunde, von denen Wilhelm mein Liebling war. Du sahest ihn oft mit mir,
+zumal in solchen Mondnächten, und auch die andern: schlanke, begeisterte
+Knaben wie ich selbst. Frag nicht, wo sie sind und was aus unserer
+Freundschaft geworden ist! Auch jetzt hab ich Freunde, zwei, drei -- von
+den damaligen ist keiner mehr darunter. Aber du bist noch da und liebst
+mich noch, und bald oder spät, wenn auch die Freunde von heute tot oder
+fremd sein werden und kein Mensch mehr von meiner Jugend mit mir plaudern
+wird, wirst du noch immer bei mir sein, und mich zuweilen bitten, von den
+vergangenen schöneren Zeiten zu reden. Dann werden wir auch an heute denken
+und dieses traurige Heute wird uns wunderbar fern und lieb erscheinen wie
+eine ferne kleine Jugend. Und vielleicht wird dann aus diesem
+ferngewordenen, von Erinnerung verklärten Heute unser Lied aufsteigen.
+Unser Lied!
+
+Das Lied wäre dann ein weiches, duftiges Bild voll Zauber und Seele, aus
+dessen dunkeltönigem Grund unsere Gestalten weich wie ein Traum mit
+schwebenden Konturen hervortauchten, der schlaflose Dichter mit der in die
+heiße Hand gestützten regen Stirn und an seine Schulter gelehnt der schöne,
+müde Blondkopf seiner knieenden Muse. Und dieses eine, zarte Bild würde
+allein übrig bleiben von meinem rastlosen Leben; lang nach meinem Tode noch
+würden spätgeborene Freunde es betrachten und lieben. »Der arme Dichter!«
+würden sie sagen und doch den armen Dichter um sein einziges unsterbliches
+Bild und um seine blonde, unbeschreibliche, knieende Muse beneiden.
+
+Du lächelst wieder? Küsse mich, meine blonde Muse! Küsse mich und verzeih
+mir und dir um unseres Liedes willen alle Qual und allen Jugendraub, den
+wir aneinander begangen haben!
+
+ * * * * *
+
+
+Die vierte Nacht.
+
+Warum willst du die alte Geschichte wieder hören? Ich hatte sie selbst fast
+vergessen und das wäre für mich und für die Geschichte das beste gewesen.
+
+-- Der verstorbene Dichter Hermann Lauscher lebte noch und wanderte in den
+alten Straßen der Stadt Bern umher. Es war ein Tag im November, windig und
+regendrohend. Der vereinsamte Dichter genoß in vollen Zügen die ihm
+liebgewordene Stimmung, sich heimatlos am fremden Orte umzutreiben. Die
+alten dunkeln Straßen mit den festen, burgartigen Häusern, vorspringenden
+Kellerhälsen und finster traulichen Arkaden reizten in dem kranken
+Dichtergemüt jene bittere Stimmung aufs höchste, dazu kam die unwirtliche
+Rauheit des Tages, so daß der arme Heimatlose härter als je den Zwiespalt
+seiner krankhaft reizbaren Seele und an den Erinnerungen seines unsteten,
+zerrissenen und fruchtlosen Lebens litt. Wie er mir nachher erzählte,
+spielte seine Phantasie beim Anblick dieser dunkeln, engen Arkaden in
+melancholischer Laune mit hundert eingebildeten Möglichkeiten. Er dachte
+sich einen lang entbehrten Freund, eine verlorene Geliebte, an deren
+Begegnung die wichtigste und seligste Entscheidung seines Glückes hinge, in
+derselben Straße wandeln, zehn Schritte von ihm, von den Schatten der
+nächsten Arkade verborgen. Ein Augenblick vielleicht, in welchem die nahe
+Gestalt sichtbar ward, ja vielleicht herüberblickte -- aber eben in diesem
+einen Augenblick hat er sich abgewendet und hat mit dieser kleinen,
+zufälligen Bewegung Augenblick und Zukunft verscherzt.
+
+Er erschrak, als ich ihn plötzlich auf die Schulter klopfte, und in dieser
+Sekunde sah ich in seinen Augen zum erstenmal den flackernden, traurigen
+Glanz des Irrsinns zucken. Wir gingen nun zusammen durch die Straßen,
+erstiegen den Münsterturm, weideten uns am Anblick der prachtvollen
+Gobelins im historischen Museum, aßen in einem Wirtshause tief unter der
+großen Aarebrücke gebackene Forellen und strandeten nach einer zweiten
+Wanderung im Keller des Kornhauses.
+
+Du weißt, der arme Lauscher war in jener letzten Zeit seines unglücklichen
+Lebens ein starker Weinzecher, und so saßen wir bald bei der zweiten und
+dritten Flasche. Es war der schäumige Neuenburger, den ich schlecht
+ertrage, so daß ich bald mit schwerem Kopf ihn ganz in seinen launisch
+wirren Reden gewähren ließ. Er kam auf jene Arkadenphantasie zu sprechen.
+Ich lachte ihn aus und rühmte mich, jenen wichtigen Augenblick erfaßt und
+ihn, den ich in Bern gewiß nicht zu treffen hoffte, gefunden zu haben. Er
+lächelte rauh und sagte: »Kein Beweis, mein Guter! Das Unglück trifft man
+überall. Aber weißt du denn, ob nicht eben in dem Moment, wo du mich so
+derb aus meinen Gedanken rissest, ob nicht eben in diesem Moment jemand
+hinter uns vorüberging, den du seit Jahren suchst und den du in Jahren
+nicht wieder treffen wirst?« Mir wurde sonderbar zu Mut. »An wen denkst du
+denn dabei?« fragte ich fast schüchtern. Er lachte. »Ei,« sagte er dann,
+»ich denke an niemand besonders. Es ist ja nur eine Hypothese. Aber es
+hätte ja zum Beispiel eine gewisse blonde Maria sein können.«
+
+Ich kann dir nicht sagen, wie bei diesem Namen mein Herz in Grauen und
+Liebe den Takt verlor. »Woher weißt du?« fragte ich Lauschern heftig, »ich
+habe nie einem Menschen von Maria erzählt und glaubte, ich selbst hätte sie
+und ihren Namen vergessen. Kennst du sie? Lebt sie noch? Ist sie hier in
+Bern?«
+
+Lauscher lachte wieder und steckte sich eine neue Zigarre an. »Ob sie noch
+lebt,« sagte er, »weiß ich nicht. Ich habe sie seit vielen Jahren nicht
+wiedergesehen.«
+
+»Wann war das?« fragte ich atemlos.
+
+»Hab ich dirs nie erzählt?« sagte er und nahm einen starken Schluck. »Sie
+war so schön! Sie saß mit mir auf einer grünen Bank im Veilchengarten, die
+Nachtigall sang zum erstenmal im Jahr. Wir lasen zusammen in einem großen
+Buch --«
+
+»Halt ein,« rief ich totblaß, »halt ein oder ich bringe dich um! Das war ja
+ich, das war ich, der mit Maria auf der grünen Bank saß, und das Buch --«
+
+»Schrei doch nicht so,« sagte Lauscher und schenkte mein Glas voll.
+
+»Aber Lauscher, sag mir um Gotteswillen --« flehte ich.
+
+»Bibamus! Dein Wohl!« lächelte er und stieß an. »Soll ich weiter erzählen?
+Das Buch enthielt eine schöne Jugendgeschichte und war höchst angenehm zu
+lesen. Zwischen den Lettern stiegen Maria und ich als kleine arabeskenhafte
+Figuren durch allerlei Blumenranken auf und ab.«
+
+»Maria und ich!« rief ich aus.
+
+»Nun ja, wie ich sage,« fuhr Lauscher fort. »Maria aber las unruhig und
+zerstreut. Und als die Geschichte anfing traurig zu werden, da schlug sie
+eine ganze Handvoll Blätter um und --«
+
+»Und lief in den Wald, und die Nachtigall sang wieder -- o Lauscher!«
+
+»Bibamus,« sagte Lauscher.
+
+Ich legte den schweren Kopf in beide Hände und hätte am liebsten laut
+geschluchzt. Als ich nach einer Weile mich erhob, war Lauscher fort. Mit
+schmerzender Stirne und halb berauscht verließ ich den Keller. Es war kurz
+vor Lauschers Tod.
+
+ * * * * *
+
+
+Die fünfte Nacht.
+
+Eigentlich waren die Veilchen an allem schuld, die Veilchen und der
+Frühling, und ohne sie wäre die ganze süße Pein mir fremd geblieben, an der
+seither mein Leben verblutet.
+
+Jene Veilchen im Garten waren schuld, daß in meiner fröhlichen Knabenseele
+die duftend dunklen Schatten emporstiegen. Ihr Duft war daran schuld, daß
+die Frühlingsgeschichte in unserm Buche plötzlich so beklommen, traurig und
+sehnsüchtig wurde, daß die schöne Maria davonlief und daß die Nachtigall im
+dunkeln Abendlaub so angstvoll süß und herzbeklemmend zu singen begann.
+
+O wenn ich diese Nachtigall nie gehört hätte! Dann hätten nicht die
+liebsten Lieder aufgehört mich zu erfreuen, dann wäre nicht die dunkle
+Sehnsucht in mir erwacht. Dann hätte ich nicht begonnen, von jenem Glück zu
+träumen, das irgendwo hinter dem Leben wie hinter einer verwunschenen Hecke
+schläft. Dann wäre auch der unselige Traum noch ungeträumt, daß das beste,
+seligste Stück meines Lebens in jenem Buche ungelesen und unerlebt
+geblieben sei. Dann wäre ich kein Dichter geworden und die traurig beredte,
+zweifelsüchtige Sprache des Leidens wäre mir unbekannt geblieben.
+
+Aber Träume sind keine Schäume. Und das Lied unserer Nachtigall mit seiner
+letzten, grausam schönen Dissonanz klingt in mir weiter und sehnt sich nach
+seiner Lösung. Und es verwandelte sich in meinen Lieblingstraum von jenem
+Lied der Lieder, dessen ungesungene, vereinzelt aufdämmernde Takte mir in
+Blut und Leben übergegangen sind und mich stündlich mit ihren feinen, noch
+ungelösten Dissonanzen peinigen. Ich glaube nicht an jene Dichter, aus
+deren Haupte, wie man sagt, die fertigen klingenden Verse wie gepanzerte
+Göttinnen hervorspringen. Ich weiß, wieviel innerstes Leben und wieviel
+rotes Herzblut jeder einzige echte Vers getrunken haben muß, ehe er auf
+seinen Füßen stehen und wandeln kann. Und das wäre noch leicht zu ertragen.
+Aber dann jedesmal das spottend grausame Gefühl, daß der Vers, so hübsch er
+sei, doch wieder nicht die Tiefe erschöpft, doch wieder den Keim der alten
+Dissonanz in sich trägt und doch wieder nur ein Spiegel des Dichters und
+nicht der Spiegel seines glühend schönen, sehnsüchtigen Traumes ist! Und
+doch hat er so tief an unserm Leben sich genährt und so viel Herzblut
+mitgenommen! Ach und dann, wenn man älter wird und seine Grenzen ahnt --
+diese Hast, dieses Wechseln von Schonung und Verschwendung, diese immer
+enger drückende, furchtbare Angst zu sterben, ehe der geträumte Ton
+erklang, zu sterben ohne Erfüllung nach einem lebenlangen Warten und
+Vorbereiten! Und dazu bei jedem neuen Unterliegen und Zweifeln diese
+vorwurfsvolle Stimme der dem Unbewußten entrissenen, gemarterten eigenen
+Seele, deren Entblößung nur durch das unberechenbare Glücken des großen,
+unsterblichen Wortes versöhnt und geheiligt wird! Ach, man hat so viel
+Schimpfliches von den Dichtern gesagt, aber das Schimpflichste wußten und
+wissen sie selber und halten es ängstlich geheim -- sogar vor den eigenen
+Augen!
+
+ * * * * *
+
+
+Die sechste Nacht.
+
+Finsternis, Stille, Einsamkeit. Diese furchtbaren Nächte sind endlos für
+das winzige Taktmaß meiner tickenden Uhr und meines in den heißen Schläfen
+fiebernden Blutes. An alles Sanfte und Tröstende versuche ich zu denken,
+ich beschwöre alle milden Erinnerungen, alle freundlichen Sterne des
+Gedankens und der Poesie, alle besänftigenden Gleichnisse. Es ist umsonst,
+und kein Gedanke hält vor der bedrückenden Gegenwart dieser Stunde stand.
+Wenn jetzt selbst meine Mutter sich zu mir setzte und mir alle
+Zärtlichkeiten der Liebe und Erinnerung gewährte -- ich würde lächeln und
+nicht weniger leiden.
+
+O schlaflose Nacht! Alle Kräfte und Beziehungen meines Wesens und meines
+Lebens an die trübe Oberfläche dieser einen Nacht gedrängt zu machtlos
+müder Selbstbetrachtung! Hat kein von mir verehrter Gott so viel Mitleid,
+hat kein Andenken oder Gebet eines fernen Freundes so viel Leben und keine
+meiner liebsten Erinnerungen so viel Wahrheit, den Bann dieses unsäglichen
+Leidens zu brechen? Alles, was mich jemals freute und über die Stunde
+erhob, hat Blick und Wärme verloren. Meine Götter sind steinern, und mein
+Leben war ein blasser Traum, dessen Bildungen mein inneres Auge nur wie
+fremde Schattenbilder berühren.
+
+Liegt jetzt vielleicht einer meiner Freunde in einer fernen Stadt auf
+seinem Bette wach und denkt an mich? Ach, er schläft! Und wohin ich meinen
+trostbedürftigen Gedanken wende, finde ich nichts. Oder finde doch nur
+Mitleidende, andere Dulder, eine blasse müde Gemeinde von Schlaflosen,
+deren jeder so wie ich gepeinigt ohne Ruhe liegt, bleich, großäugig und
+leidend. Ich grüße euch, traurige Brüder, die ihr fern von mir und fern
+voneinander in vielen einsamen und dunkeln Schlafgemächern lieget. Ihr
+leidet wie ich, ihr suchet mit großen Augen die unsichtbaren Gestalten der
+Finsternis und habt Schmerzen, sobald ihr die starren Lider schließet.
+Denkt ihr an Eure Brüder? Denkt ihr an mich? Ach wenn wir alle aneinander
+dächten und alle das Gefühl dieser unsichtbaren schweigenden Gemeinde
+hätten! Ich glaube, wir verständen uns, unsre feinen, rastlosen Nerven
+wären der Mitteilung und Erwiderung fähig. Wir könnten uns ohne Worte über
+viele stille nächtliche Meilen hinweg unser Leben, unsre Leiden und
+Hoffnungen erzählen. Wir könnten vielleicht über fremde Schicksale weinen
+und die eigenen würden uns im Mitteilen wieder neu und lieb. Wir würden
+Zusammenhänge und Ahnungen, die uns im eigenen Leben emporstiegen, bei
+Fremden wiederfinden, der Kreis erweiterte sich und wir sähen die Fäden,
+deren Anfang und Ende wir in Händen zu halten glaubten, über Erdteile und
+Geschlechter gemeinsam gezogen. An diesen Fäden rührend wie an einzelnen
+Saiten einer Riesenharfe würden wir uns ein gemeinsames klareres Leben
+weiterdichten und Schritte in der Erkenntnis des Ewigen tun, die wir allein
+nicht tun können.
+
+Ich kann euch nicht zurufen, meine Brüder. Aber ich will in jeder Nacht
+mich euer erinnern und euch mit dem Gruß des Mitleidenden grüßen.
+
+Indes ich dieses denke, berührt mich eine sanfte Hand. Meine Muse! O wie
+ich Heimweh nach ihr hatte! Und sie wartete nur, bis in meiner
+alleingelassenen Seele ein Gedanke der Güte aufstiege!
+
+Die Nacht wird weicher, linder und freundlicher, die Sterne glänzen zarter,
+und vor meiner Seele beginnt ein bekanntes Bild sich aus der Dunkelheit zu
+lösen. Ich kenne dich! Das ist der Park, das ist die halbrunde Träumerbank,
+das ist der Morgenduft jener Stunde, in der ich mein erstes Lied gedichtet
+habe! Mein erstes Lied! Eine junge frühlinghafte Blutbuche stand darüber
+und hüllte mich in ihre goldig roten Schatten. O jene süße, von Dichtung
+und Liebe schüchtern berührte Stunde! Ich danke dir, meine Muse!
+
+ * * * * *
+
+
+Die siebente Nacht.
+
+Frag nicht so viel! Von der Blutbuchenbank im Park von B . . . soll ich dir
+erzählen? Und von der toten Elise? Und wieder von Maria, und von den andern
+-- lauter Liebesgeschichten?
+
+Es sind so viele! Frauen, die mich liebten, und andere Frauen, schönere,
+wunderbarere, geliebtere, die mich nicht liebten. Ich weiß nicht, welche
+mich mehr gequält haben. Jene drei Sterne erster Größe, die so hell und
+schwärmerisch am Himmel meiner Jugend und meiner Dichtung stehen: Maria,
+Elise, Lilia -- die haben mich nicht geliebt. Von allen dreien aber litt
+ich nicht solche Qual wie von der Einen, wilden Eleonor, und diese liebte
+mich. Eleonor! Schon der Name! Fürstlich, schön, kühl, übermütig, süß und
+feindselig zugleich. Ach, ich werde einmal von ihr singen --: Abend,
+Spätsommer, tiefsammetblau, Sterne fallen aus der warmen Höhe. Wir beide in
+der Spätrosenlaube, ich und Eleonor, selig elend, eins des andern innersten
+Mangel kennend. Eleonor! Vorwissend spielten wir unsre Liebe zu Ende,
+tragisch hohen Stils, mit großen Gebärden und in jedem Blick schon
+unverhüllt der Anfang vom Ende! Und nahmen Abschied in einer
+wetterleuchtenden Spätsommernacht zwischen letzten falben Rosen und rotem
+Weinlaub, lachend-leidend, und gossen die herbe Hefe der Leidenschaft aus
+zerspringenden Gläsern in die Nacht.
+
+Ich will nicht mehr davon erzählen. Es ist seit jener Nacht, daß ich vom
+Leben weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläfers, wie das Aufstehen
+einer kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert
+ist, gelebt zu werden. -- Laß mich lieber von jenen andern Frauen reden!
+Sie liebten mich nicht, sie hatten für mich nur jenes Mitleid, das in
+großen gütigen Frauenaugen so unerträglich schön und grausam aussieht. Und
+Eine davon verstand auch die Schönheit meiner Liebe und begriff, daß sie
+nicht mit Umarmungen zu stillen wäre.
+
+Dichterliebe! Du weißt, die Menschen achten sie nicht hoch, so wenig als
+den Schmerz oder die Schönheit eines Liedes -- es ist ja nur ein Lied! Daß
+einer liebt und vom ersten Tag seiner Liebe an auf den Genuß dieser Liebe
+verzichtet und sie, ihm selbst unerreichbar, bekränzt zu Sehnsucht und
+Traum in den Kreis der Sterne erhebt -- wie sollten sie es auch verstehen?
+Sie wissen ja nicht, was Leben ist. Sie steigen wie kleine Wellen aus dem
+Fluß der Zeit, und fallen zurück, und haben nie gewünscht, ihr Dasein mit
+irgend einem Faden an die Ewigkeit zu knüpfen. Sie wissen nicht, daß jeder
+Dichter sein Leben lang, oft halbbewußt, an den unsinnlich schönen Zügen
+einer Beatrice dichtet. Heraufgespült und rasch stromab getrieben vom
+trüben Fluß der Tage, schiffbrüchig schwimmend zwischen Geburt und Tod --
+wo sollten wir mit unsern sehnsüchtigen Blicken das in uns gespiegelte Bild
+des Ewigen suchen, wenn nicht in den Sternen? Von ihnen wissen wir, daß es
+dieselben sind, an denen schon in heimatlos durchirrten Nächten das kluge,
+traurige Auge des Dulders Odysseus hing.
+
+O meine Muse, laß nicht die schönen Augen so mitleidig auf mir ruhen!
+Siehst du, wie hinter dieser wachen, blassen Stirn ein unbegriffenes
+körperloses Leben in fruchtlos aufzuckenden Flammen verlodert? Siehst du
+schon die Nacht, in der ich so wie jetzt vor dir liegen werde, nur blasser,
+ruhiger; die Nacht, in der die letzten verzweifelten Flammen hinter dieser
+Stirn verglüht sein werden?
+
+Doch nein! Daran denkst du nicht. Ich verstehe dich nun. Dein Blick verrät
+mir: du weißt, daß du meine letzte Liebe bist. Daß du Maria, Elise, Lilia
+und Eleonor hießest. Daß du Beatrice bist! Ich wußte es längst und brauchte
+es nicht aus der florentinischen Schlankheit deiner Glieder, aus deinen
+dantesken Zügen zu lesen. Vor deiner süßen Nähe zitterte mein Knabenherz
+unter der Blutbuche, und es waren deine Augen, aus denen ich in jener
+schwülen Spätsommernacht so viel Liebe und Elend las.
+
+Und dein Blick verrät mir: du weißt, daß ich dein eigen bin und daß du mir
+den Fuß auf den Nacken setzen darfst. Das ist der Mitleidblick im Auge
+jener Frauen, vor denen eine edelgeborene Mannheit auf Knien liegt, jenes
+halbe Herneigen, jene Lust einen Sklaven zu haben -- und dahinter die
+spöttisch traurige Frage: Ist das Alles? Ist das die Liebe?
+
+Wende diesen Blick von mir! Ich ertrage ihn nicht, mit seiner verborgenen
+Frage, mit seiner traurigen Grausamkeit. O wie könnte ich dir mit Vorwürfen
+antworten! Aber ich kenne dich. Du hörst mich an, du lächelst, nickst
+sogar, wenn ich dich der Bitterkeit und des Bruches erinnere, die durch
+dich in mein Leben gekommen sind. Du hörst mich an, du lächelst, du nickst
+sogar und fragst zuletzt: Soll ich fortgehen?
+
+Du weißt: Er sagt nicht Ja.
+
+ * * * * *
+
+
+Die achte Nacht.
+
+Auch heute wieder! Dieses leise Sieden des Blutes, dieses Knistern hinter
+den Tapeten, diese langen Atemzüge des Windes! Eine Sekunde, eine Minute,
+noch eine, wieder eine, und so rinnt ein Tropfen des kurzen, kurzen Lebens
+um den andern fremd und unaufhaltsam an mir vorbei. Wieviele Stunden sind
+mir so unter den fiebernden Händen zerronnen? Vielleicht tausend,
+vielleicht zehntausend! Sie sind hin, sie haben kein Leid noch Glück mehr
+zu verschenken, sie sind ungelebt und doch abgezogen von dem mir
+Bestimmten.
+
+Und dann werde ich weiß und schweigend liegen! Und unter geschmacklosen
+Förmlichkeiten in einem Holzkasten in die schmale feuchte Grube gelegt
+werden! Bekannte werden hinterher gehen, von Tagesgeschichten plaudernd.
+Ein Prediger wird vielleicht am Grabe in der entsetzlichen Sprache Jehovas
+die Lehre von Zeit und Ewigkeit verkündigen. Am Grabe eines Dichters!
+
+Ja, lache nur, schöne Muse! Ich weiß, du wirst hinter dem Prediger stehen
+und deine süßen ironischen Staunaugen machen. Du bist ja schon an so vielen
+Gräbern gestanden. Und wie du aufhorchen wirst, wenn er von meiner
+unsterblichen Seele redet! Diese Seele ist ja du, oder ist doch ein Teil,
+ein Zug von dir. Sie lebt und ist ewig in einer deiner Geberden, in einer
+Art zu lächeln, in einer besonderen Biegung deiner Stimme, in einer Nuance
+deines Lockenfalls. Wieviele tote und vergessene Dichter haben an dir
+gedichtet, bis du zu mir kamst, bis du so gliederschön, schlank und biegsam
+wurdest! Und nun bist du mein! Wenn auch kein Wort noch Reim von mir mich
+überdauert, einen Zug von mir wirst du Unsterbliche doch weitertragen. Und
+den werden meine Nachfolger, die meinen Namen nicht kennen, ehren und
+verstehen. In dem unsterblichen Werke, das einer von ihnen vollenden wird,
+wird irgendwo, sei's nur in einem Wort, einem Ton, einem kleinen zarten
+Zug, mein Leben verewigt sein. Eine kleine Stelle doch wird dich in den
+besonderen Zügen malen, die du mir verdankst. Eine kleine Schönheit doch
+wird in dem unsterblichen Werke sein, die ohne mich nicht wäre möglich
+gewesen, und der unerlöste Nachklang meines Lebens wird als willkommener
+Ton in eine Harmonie der Ewigkeit sich fügen. Ewigkeit! Was ist dann noch
+Tod, Grab und Prediger? Unbequeme Zufälle, wie tausend im Leben sind.
+
+Und so arbeite ich bewußt an meinem Werk, an dem Völker, Erde und Gestirne
+unbewußt mitschaffen. Was sind Jahrtausende? Eine Spanne Zeit, Staub im
+Vergleich mit einem einzigen Blick des Ewigen. Jene schöne junge Nausikaa,
+die vor unendlichen Zeiten am Meere wandelte, ward von einem solchen Blick
+getroffen und ist heute so schön, jung und lebendig wie an jenem seit
+Jahrtausenden vergangenen Tage.
+
+Du lächelst wieder? Meine schöne Muse, du bist ein Weib. Ihr Frauen stehet
+dem Ewigen so nah, daß ihr unser Händeausstrecken und Hinübersehnen nicht
+verstehet. Und was ihr nicht verstehet, darüber lachet ihr. »Wie komisch!«
+-- so könnt ihr ausrufen, wenn eines Andern Züge von Leiden entstellt sind,
+die ihr nicht kennt. Dir zuliebe werde ich einmal versuchen müssen elegant
+zu sterben!
+
+Ich beneide dich, meine Muse! Ach, für dich ist mein ganzes Leben eine
+Episode, eine Herbstgeschichte, eine unruhige, kranke Nacht! Nachher wirst
+du wieder lachen und blühen, als wäre nichts gewesen, nichts als ein
+nervöser, unangenehmer Augenblick. »Nachher« -- das heißt: wenn ich tot
+sein werde. »Ein unangenehmer Augenblick« -- das heißt: mein Leben vom
+ersten bis zum letzten Lallen, mit der ganzen Welt von Jauchzen und
+Verzweifeln. Es wird ja nicht ins Leere fallen, aber was ist dieser
+Schimmer von Ewigkeit? Was sind selbst die größten Toten: der große
+Alexander, der große Tizian, der große Napoleon? Einem Hungernden ist ein
+Bissen Brot wichtiger als der große Alexander. Und wer hungert nicht? Wer
+ist nicht von tausend elenden Bedürfnischen umgeben, deren jedes ihm
+wichtiger ist als der große Alexander? Wieviel von meiner Unsterblichkeit
+würde ich geben, wenn ich jetzt schlafen könnte, wenn ich das leise, infame
+Fiebern der unflüggen Gedanken hinter meiner Stirn und den schmerzenden
+Augen zur Ruhe bringen könnte? Ein Viertel, die halbe, die ganze!
+
+O wie du mich ansiehst! Wie du mich leiden siehst! Und alles um ein Weib,
+und alles um dich! Und jeder schwere Herzschlag in meiner Brust, und jedes
+schmerzliche Zittern meiner Lider, und jedes bedrückte heisere Atemholen
+meines Mundes ist ein Tropfen Leben für dich, ein Meißelführen, ein
+Pinselzug an deinem Bilde.
+
+Ermahne mich nicht! Laß mich nicht denken, wie es wäre, das alles zu leiden
+nicht für dich, ohne dich, für Nichts! Lies mir ein Märchen vor! Sag mir,
+daß du mich liebst, daß die Ewigkeit an meinem Lager sitzt und mit mir
+leidet.
+
+Wie deine Hand zu streicheln versteht! Ich fühle dabei die ganze Geschichte
+dieser Hand, die ganze adlige Kultur ihrer Form und Geste, an der schon die
+Maler des frühen Florenz gearbeitet haben, die auf so viel
+lorbeerbekränzten, ungenügsamen, scharfgefalteten Künstlerstirnen ruhte. Wo
+ist ein Fürst, dessen uradlig geborene Geliebte solche Hände hat? Und auch
+in meiner Hand und auf meiner Stirn ruht deine Rechte nicht vergebens, auch
+von mir geht der leise Strom eines eigenartigen und feinen Lebens in sie
+über. Sie wird, wenn niemand mehr von mir weiß, auf andern Stirnen liegen,
+andere Schultern berühren, und in ihrer Berührung wird mit allen tausend
+andern auch meine Schönheit, Krankheit und Kunst verewigt und tätig sein.
+
+Und diese Kultur, dieser unsichtbare, leise, ununterbrochene Strom bewußten
+Lebens, in welchem Dante und Donatello nur schöne Windungen sind -- das ist
+die Ewigkeit. Das ist die Ewigkeit! Das bist du, meine schöne Muse!
+
+
+
+
+Tagebuch 1900.
+
+
+Basel, 7. April 1900.
+
+Abends. Ein dunkler, kühler Tag. Ich lege Tolstois »Auferstehung« aus der
+Hand. Ich hatte geschworen, sie nicht zu lesen, aber alle Welt war voll
+davon, ich mußte darein beißen, und nun ist es hinter mir. Zwar etwas von
+der trostlos traurigen, rohen, schrecklichen Luft dieses Russen drückt mich
+noch -- es ist körperlich ungesund, solche Sachen zu lesen. Mit Tolstoi
+geht es mir genau wie mit Zola, mit Ibsen, mit Robert, mit Uhde, mit Hebbel
+und zwanzig andern Größen -- sehe ich sie, so muß ich den Hut abnehmen,
+wohler aber ist mir, wenn ich sie nicht sehe. Tolstoi ist von einer
+imponierenden seelischen Größe, er hat einmal die Stimme der Wahrheit
+gehört und folgt ihr nun wie ein Hund und wie ein Märtyrer, durch dick und
+dünn, durch Schmutz und Blut. Was ihn so häßlich macht, ist eben das
+Russische an ihm, dessen Schwere, Düsterkeit, Mangel an Kultur, Mangel an
+Freude sogar den zarten Turgenjew ungenießbar macht. Die Heiligen Martin
+und Franziskus haben dieselbe Lehre wie Tolstoi gepredigt, aber bei ihnen
+ist Person und Lehre ebenso hell, elastisch und erfreuend wie bei Tolstoi
+dunkel, spröde und niederdrückend. Vielleicht, ich will nicht leugnen,
+kommt von dorther die Erneuerung der Welt; aber ehe aus diesen herben,
+frischen, rohen Keimen Kunst werden kann, müssen sie noch hundert Jahre und
+länger reifen.
+
+Mir träumte einmal, ich wäre mitten in einer großen, sonderbar schweigsamen
+Gesellschaft. Ein starker Mann in einem zu weiten Frack trat mich plötzlich
+ernst, streng und herrisch an und fragte mit rauher Stimme: Glaubst du an
+Christus? Während ich mich besann, was ich antworten sollte, sah ich sein
+glühendes Auge und seine groben, herausfordernden Züge so unangenehm nahe,
+daß das Gefühl der Beleidigung sich mir aufdrängte; ich mußte ein eisiges,
+verächtliches Nein sagen, lediglich um diesen aufdringlichen Blick und die
+ganze unerwünschte Gegenwart des groben Fragers abzuweisen.
+
+In dieser Weise fragt Tolstoi. Seine Stimme hat nicht nur die zitternde
+Glut des Fanatikers, sondern auch den peinlich rohen Gurgelton des
+östlichen Barbaren.
+
+Ich habe Sehnsucht danach, mich am nächsten warmen Tage in den hellen
+Frühlingswald zu legen und dort ein paar Seiten Goethe zu lesen.
+
+Basel, 11. April 1900.
+
+Glaubst du an Christus?
+
+Es war gestern, auf Riehenhof, in der kleinen Halle gegen Abend; ich war
+zwei Tage bei Doktor Nagels zu Gast. Die freundliche Wirtin saß mit mir in
+herzlichem Gespräch in der zarten Abendglut, es war eine ungerufene
+glückliche Stunde; unsre Fragen rührten an alles Wichtige, Ernste,
+Beglückende, an den Tod, an die Sterne, an das Wunder. Auf die letzten
+Fragen gab kein Wort mehr Antwort, ein freundschaftlich vertrauendes
+Schweigen, ein Kopfnicken, ein Blick in die Röte des Himmels, ein stummes
+Deuten auf die sammetblauen Vogesen und den klaren, dunkelgrünen
+Schwarzwald --, und vor dem Schlafengehen lasen wir den dritten der Hymnen
+des Novalis.
+
+Auf dem Kanapee im großen Gesellschaftszimmer auf Riehenhof stand ein fast
+vollendetes Bild von Fritz Burger: die Bachwiese mit reichem Obstblust. Bei
+solchen entstehenden oder eben entstandenen Kunstwerken empfinde ich immer
+Schmerz, Erhebung und Neid zugleich, denn ich stehe ja, mitten in Tag und
+Kram, ferner als je von meinem Werk, nach dem ich doch täglich lüsterner
+und sehnsüchtiger werde.
+
+Basel, 15. April 1900.
+
+Diese warmen, grünen Abende auf Riehenhof! Seit Monaten hatte sich mir
+keine Zeile gereimt, und jetzt -- es quillt so weich und ohne Ende, Verse,
+Verse! Es ist ganz wie es in schönen Anthologien steht: Frühling, junges
+Grün und Amselgesang, und dem Dichter verhängt ein selig goldener Nebel die
+Welt. Ich liege im Rasen, ich wandere durch die Wiesen, ich lehne im
+Halbdunkel abends im Zimmer, ich gehe zum Wein, und meine Lippen sind heiß
+und rot von lauter Reimen. Kein Inhalt, kein Gedanke, nur Musik von
+schlanken, lachenden Worten, nur Takt, nur Reim. Ich weiß dabei wohl, daß
+diese Verse, wenn noch so gut, noch nicht einmal Lyrik sind, und weiß, daß
+ich schon bald an heute und gestern als an etwas Unbegreifliches, Schönes,
+Vergangenes denken werde, mit Schmerz und Ironie. Auch ist mir, ein Dichter
+hätte das, was ich eben denke, schon mit sehr schönen Versen zu Tode
+gesungen, und wenn ich mich besinne, so ist es der unangenehme Freund Heine
+und sind es die Zeilen:
+
+ Sag nicht, daß du mich liebst,
+ Ich weiß, das Schönste auf Erden,
+ Der Frühling und die Liebe,
+ Es muß zu schanden werden.
+
+Der Frühling und die Liebe. Liebe? Ich weiß nicht. Es ist nur ein Name, und
+bei mir ist die Liebe eben dieser weich zerfließende Lyrismus, der mich als
+besondere Form des Sentimentalen jeweils befällt und eben so süß als
+schwächend ist. Oder soll ich dabei an Elisabeth denken? Ist das denn
+Liebe, daß ich manchmal Lust habe ihr mehr zu sagen, als man sonst Mädchen
+sagt? Daß es mich zuweilen traurig macht, wenn ich mir vorstelle, ich mache
+ihr Geständnisse und führe mit Schande von dannen? Müßte ich nicht den
+unsichern Grund meines ganzen jetzigen Lebens antasten, einen steinernen
+Grund legen und von da aus mit der roten Fahne der Leidenschaft, mit
+Stürmen und Opfern nach ihr jagen? Wenn ich mich jener ernstlichen,
+brennenden Leidenschaft erinnere, mit der ich noch als halber Knabe der
+ersten Frauenliebe verfiel, an jene Entzückungen, an jene durchweinten
+Nächte, an jene im Fieber entworfenen, von plötzlichen Selbstmordgedanken
+gekreuzten, dennoch selig frechen Lebenspläne, an jene Wut, den Namen Elise
+viele hundert Mal im Bette zu flüstern, im Garten zu singen, im Walde laut
+zu schreien -- wenn ich an das alles denke, so muß ich traurig lachen und
+kann dieses zarte Hinüberneigen nicht Liebe nennen. Eine Stimmung, ein in
+Dämmerung angeschlagener Moll-Akkord, ein scheuer Anfang eines unsicher
+elegischen Gedichtes -- und schließlich eben dennoch seit Jahren die
+einzige, wenn noch so leise Erregung, bei der mir der Name Liebe einfiel.
+Der lodernde Rausch von damals, durch viel Philosophie, viel Ästhetik, viel
+Kunst und viel Ironie jahrelang ins Blassere, Flüchtigere nuanciert, ists
+doch vielleicht. Aber ich träume doch zuweilen von jener alten Liebe so rot
+und feuerfarben, habe Sehnsucht nach einer Leidenschaft, die gellend und
+bacchantisch sich aus Übermut und Ungenügen zum Verhängnis wöbe. Ist dieser
+Traum und diese Sehnsucht alles, was ich vermag, ist es der Nachklang der
+alten Liebe oder Ahnung einer kommenden, noch möglichen? Und steigt dieser
+Traum rein aus dem unbewußten Leben, aus Instinkt und verlorener
+Erinnerung, oder hat er seine Farben von Böcklin und seinen großen,
+dämonischen Takt von Chopin und Wagner?
+
+Ich glaube, daß kein anderer Mensch über die Gründe seines inneren Lebens
+und über die wahren Ursachen seines Begehrens und Ungenügens so durchaus im
+Dunkeln ist und immer tiefere Finsternis findet, wie eben der, der seine
+flüchtigsten Regungen beobachtet und dem Entstehen jeder Reizung nachspürt.
+Als ob dadurch sich das verscheuchte Unbewußte nur enger konzentrierte und
+sich, ängstlich geworden, vollends jedem vorsichtigsten Blick entzöge.
+
+Axenstein, 3. Mai 1900.
+
+Hier darf man nicht schreiben. Mir ists wie eine Ahnung von Gesundwerden.
+
+Basel, 13. Mai 1900.
+
+Der See wirkt noch leise nach. Seine Schönheit ist unerschöpflich und ist
+jetzt, da alle Berge noch tiefen Schnee haben, noch frischer und reiner. So
+oft ich ihn schon besuchte, er ist immer wieder neu, voll Trost und
+Reichtum. Jedesmal, wenn ich in Luzern an den Quai trete, beginnt seine
+Wirkung und ist jedesmal verstärkt oder verändert. Ich meine nicht die
+schönen Matten, nicht den Pilatus, die Wälder oder den Rigi, den
+langweiligsten aller Berge, -- was mein Auge so begeistert, ist einzig die
+Schönheit dieses klaren Wassers, das vom Blauschwarz übers Grün und Grau
+bis zum silbernsten Silber jeder Farbe und Nuance fähig ist. Bald hat das
+Wasser ein metallen schweres Grau, bald bei schwachem Wellenschlag ein
+kühles Hellgrün, bald ist »Öl auf dem See«, wie die Maler verzweifelnd
+sagen. Dies ist das Schönste, diese Flecken von verschiedenster Farbe, oft
+mit scharfem Kontur begrenzt, oft in den verfeinertsten Übergängen
+aufgelöst, darauf tiefblau die Wolkenschatten und silbern oder bleiern, je
+nach der Sonne, die Schneespiegel. Aus großer Höhe verliert der See fast
+allen Reiz, am schönsten ist er vom Boot aus oder, wenn viel Sonne ist, von
+Morschach oder Seelisberg.
+
+Ich sah neulich dort ein kühles, helles Blaugrün, ganz wie am Himmel das
+Spätblau nach dem Abendrot, aber nicht goldig, sondern silbern getönt, --
+diese unbeschreibliche Farbe und ihr Übergang zum völligen Mattsilber
+gewährte mir eine ganz überschwängliche Lust, ein Gefühl der Befreiung vom
+Gesetz der Schwere, ein Gefühl der Auflösung, als läge meine Seele kühl und
+ohne von mir zu wissen auf dem schweigenden Seebusen ausgebreitet, ganz
+Äther, ganz Farbe, ganz Schönheit. Nur äußerst selten hat mich ein Eindruck
+künstlerischer, poetischer oder philosophischer Art in diese Höhe und Ruhe
+versetzt. Das war nicht mehr die Freude am schönen Bild, die freundliche
+Selbsttäuschung, welche man sich vor guten Kunstwerken gestattet -- im
+Anblick dieser Farbe genoß ich für Augenblicke den Triumph der reinen
+Schönheit über alle Regungen des bewußten und unbewußten Lebens. Hatte ich
+nicht doch zuweilen an meinem Stern gezweifelt und war geneigt, einigen
+landläufigen Angriffen gegen die »ästhetische Weltanschauung« Recht zu
+geben? Ich weiß nun, daß meine Religion kein Aberglaube ist, daß es sich
+lohnt, alle körperlichen und geistigen Dinge nur in ihren Beziehungen zur
+Schönheit zu betrachten und daß diese Religion Erhebungen schenken kann,
+die an Reinheit und Seligkeit denen der Märtyrer und Heiligen nicht
+nachstehen. Daß sie zugleich nicht mindere Opfer verlangt und nicht
+geringere Qualen und Zweifel und Kämpfe bringt, wußte ich längst. Der
+Schönheit gegenüber ist in uns dieselbe Erbsünde, dasselbe Fallen und
+Wiederaufstehen, dasselbe mit Beseligungen abwechselnde Elendgefühl, wie im
+Leben des Christen. Überhaupt sind diese wahrhaftig Frommen für uns
+Ästheten die einzigen würdigen Feinde, denn sie allein kennen ebenso tief
+wie wir die Abgründe des täglichen Lebens, das Leiden unter der Gemeinheit,
+das auf Knien Liegen vor dem Ideal, die Ehrfurcht vor der Wahrheit und die
+schonungslose Konsequenz des Glaubens. Seit dem Untergang der von uns immer
+nur höchstens annähernd verstandenen Antike sind immer nur diese beiden
+Wege über das Gemeine hinausgegangen, denn nach meinem Gefühl ließen sich
+die Wege der Ästheten und der Christen durchaus auch in der Geschichte der
+Philosophie verfolgen. Jedenfalls führt auch der Weg des Denkers, sobald er
+irgend eine Stellung zum Ewigen bewahrt, durch dieselben Opfer und Leiden,
+durch schmerzhaftes Berühren einer immer offenen Wunde, durch Weltentsagung
+in irgend einem Sinn, durch niedergezwungenen Ekel und durch die
+Finsternisse des Zweifels am Ideal. Ist es der Philosoph, der
+Schönheitsucher oder der Christ, zu dessen Ideal die immer gleiche »Welt«
+im peinlicheren Kontraste steht? Alle drei jedenfalls leiden und alle drei
+verschmähen die Kompromisse, also das »von Fall zu Fall«, und den Humor.
+Oder gibt es wirklich einen Humor, vom gemeinen Witz abgesehen, dessen
+letzter Grund nicht eine Schwachheit, ein Schwindeln und Zurücktreten vor
+der schmerzlichen Konsequenz des Idealisten ist? Spürt man die Grenze nicht
+in jedem witzigen Gespräch, wenn ein Mitredender noch so geistreich beginnt
+an Dinge zu rühren, deren Wesen Würde ist und deren Mithereinziehen in den
+Kreis des Witzes auch dem Gröbsten zuweilen ans Gewissen greift? Wie kann
+man Mitspieler in einem Lustspiel sein wollen, da man doch weiß, daß der
+Witz der Komödie auf der Erbärmlichkeit der Personen beruht? Jedoch liegt
+für den toleranten Idealisten ein höchster komischer Reiz eben im
+Untersinken eines Helden zum Gemeinen. Es gehört zu den Opfern, die wir dem
+Ideal schuldig sind, auch diesen überaus verführerischen Reiz zu töten. Die
+schwärmerischen Verliebten, die nach erfolgter Aufklärung über die geringe
+Mitgift so komisch Halt machen, die Helden, die auf dem Weg zu etwas Edlem
+im Augenblick des körperlichen Ermattens ihr Ideal für eine Mahlzeit
+verkaufen, diese und alle ähnlichen Lustspielfiguren haben unter ihren
+applaudierenden Zuschauern immer eine Menge von Brüdern, für welche der
+heftigste Reiz des Spiels im halberwachenden Gewissen liegt. Manche von
+diesen hätten vielleicht für Augenblicke Lust zur Entrüstung, da aber der
+Mut fehlt und da sie schon hundertmal an derselben Klippe gestrandet sind,
+applaudieren sie dem Helden und ahmen ihn nach, indem sie ihr Ideal für das
+Vergnügen zu lachen verkaufen. Ich kenne wenige, denen es gelingt, und mir
+selbst gelingt es selten, auch ein solches Spiel, falls dieses es verdient,
+rein als Kunstäußerung und ohne Bezug zur stofflichen Komik zu genießen.
+Die wenigen Lustspiele solcher Art, welche ich besuche, machen mich
+meistens nur ärgerlich oder traurig, je nach der künstlerischen Qualität.
+
+Basel, 19. Mai 1900.
+
+Elisabeth. Ich traf sie im Garten. Sie trug eine neue Sommertoilette, sehr
+einfach, matt hellblau. Sie saß auf der Schaukel und wiegte sich wie ein
+schöner Vogel, der weiß, wie schön er ist. Und dann kam Frau Doktor, und es
+wurde dunkel, man trank Tee und Eiswasser, Sterne kamen herauf. Ich
+begleitete sie nach Hause und fühlte, daß ich heute abend langweilig war.
+Ich erzählte sogar von einem Roman, den ich schreiben wolle und den ich ihr
+zu dedizieren versprach.
+
+Jetzt scheinen mir die Sterne ins Zimmer. Etwas von der ehemaligen süßen
+Trauer klingt in mir an, eine Melodie von Chopin, aus der G-Moll-Ballade,
+fällt mir ein.
+
+Basel, 23. Mai 1900.
+
+Ironie! Wir sprachen den ganzen Abend davon. Natürlich schreib ich wieder
+nachts, ein Uhr. Ironie? Wir haben wenig davon. Und doch, sonderbar, lüstet
+mich oft nach ihr. Meine ganze schwerblütige Art aufzulösen und als
+schmucke Seifenblase ins Blaue zu blasen. Alles zur Oberfläche machen,
+alles Ungesagte mit raffinierter Bewußtheit sich selber als entdecktes
+Mysterium servieren! Ich weiß wohl, das ist Romantik. Das ist Fichte in
+Schlegel, Schlegel in Tieck und Tieck ins Moderne übersetzt. Warum nicht?
+Tieck ist unerreicht, auch von Heine unerreicht, und müßte eigentlich mit
+seiner unplastischen, musikalischen Grazie mein Liebling sein.
+
+Basel, 30. Mai 1900.
+
+Schopenhauer. Ich habe oft das Gefühl, er mime und habe nicht recht, ohne
+daß ich doch etwas besseres wüßte. Oder doch, ich weiß etwas besseres, aber
+es ist zu schwer und unversucht zum Sagen.
+
+Basel, 6. Juni 1900.
+
+Meine Märchennovelle ist fertig. Man lobt sie, zuweilen mit Verständnis.
+Mir genügt sie wieder nicht, so sehr die Lust beim Schreiben wuchs. Den
+Cäsarius hab ich zu Ende. In den Kapiteln de tentationibus (?) speziell de
+tentatione dormiendi (?) einige kleine reizende Stoffe. Meine Sammlung
+Romantica um zwei gute Stücke vermehrt, die »Minnelieder« von 1803 und der
+erste Sternbald, erstere überaus köstlich. Hoffmann tritt mir als
+romantischer Erzähler immer mehr an die erste Stelle, Tieck versagt doch
+öfters, auch in den Märchen, Novalis ist nicht fertig geworden und Brentano
+ist doch zu bewußt formlos. Übrigens ist der Godwi ein geniales Buch,
+oberflächlicher, aber unendlich reizender als der Lovell. Den Ofterdingen
+abgerechnet, der nicht mehr Literatur ist, schätze ich doch eigentlich die
+»Brambilla« am höchsten. Technisch betrachtet ist das meiste Seitherige
+minderwertig, auch Keller hat nur wenige Mal einen Stoff so von innen
+erleuchtet und so ganz zu Kunst gemacht. Wieviel Romantik übrigens in
+Kellers Technik noch steckt, ist auffallend.
+
+Vitznau, 4. September 1900.
+
+In den Uffizien von Florenz könnte ich nicht so fleißig, selig und
+eifersüchtig der Schönheit nachgehen wie auf diesem herrlichen Stück
+Wasser.
+
+September. Vormittagsnebel; selten ein Regentag. Heiße Mittagsstunden,
+kühle Nächte bei zunehmendem Mond. Noch nirgends sieht man ein welkes
+Blatt, das Laub ist spätsommergrün und bekommt schon überall den
+Metallglanz des Septembers; Äpfel, Pfirsiche und Feigen fallen von den
+überladenen Bäumen. Die Abende sind ohne Ausnahme hell, farbig und
+leuchtend.
+
+Vitznau, 5. September 1900.
+
+O wenn ich jetzt die naive Genußsucht meiner früheren Jahre wieder hätte,
+wenn noch mein Herz wie früher des berauschten schwelgerischen Schlagens
+fähig wäre!
+
+Aber trotzdem -- ich feiere täglich einen Kranz von Festen. Der See
+entschleiert sich allmählich meinem fleißigen Auge und hält mich nun
+fortwährend in einem Kreis von Lockungen, Reizen und Überraschungen
+gefangen. Zuweilen hält er an sich, läßt mich warten und wirft mich dann
+unversehens händevoll mit Kostbarkeiten, daß mir die Augen flimmern. Die
+wesentlichen Farbenwechsel der einzelnen Buchten, Himmelsrichtungen und
+Tageszeiten habe ich wohl erfaßt, aber was ist dieses Gerippe gegen das
+überströmend freudige Leben, das sich ohne Ziel und Norm von Augenblick zu
+Augenblick in unglaublicher Üppigkeit verblutet und erneuert!
+
+Ich verbringe alle Stunden des Tages damit, dem See seine Farbenspiele und
+Geheimnisse abzuspähen. Nachdem ich in den ersten Tagen die Uferwege
+unzähligemal hin und her gestrichen, bringe ich nun ziemlich meine ganze
+Zeit auf dem Wasser selbst zu. Zuweilen versuche ich es noch mit dem Blick
+von oben her, ohne große Entdeckungen. Von der Höhe der Hammetschwand ist
+das Wasser für mein Auge eben noch zu genießen, darüber hinaus schwindet
+Glanz und Farbe von Meter zu Meter, und von Rigikulm aus ist der See stumpf
+und beinahe grau anzusehen. In geringerer Höhe gewährt er noch einige feine
+Reize, namentlich durch Wald hindurch betrachtet, wobei Buchen-, Kastanien-
+und Eichenlaub zuweilen köstliche Nuancen gewähren.
+
+Doch wozu diese ärmeren und entlegeneren Blicke suchen und Zeit und Sonne
+daran vergeuden? Statt dessen kreuze ich den ganzen Tag im Boot auf der
+Fläche und in den Buchten umher. Ein leichtes Kielboot, für die Ruhepausen
+eine Zigarre und ein Band Plato, sowie Rute und Angelzeug, das ist meine
+Ausrüstung.
+
+Ob der Tag noch kommen wird, an dem ich in Worten diese Flut von bunten
+Seligkeiten und farbig erregten Momenten werde zu Ende dichten können?
+Diese Lockungen, Lüsternheiten, Begierden, diese plötzlichen
+Befriedigungen, Ekstasen und Blendungen? Heute kann ich nur stammeln und
+prosaisch notieren. Vielleicht wird es dabei bleiben, vielleicht ist es
+überhaupt der Sprache nicht möglich, dem individuell forschenden und
+genießenden Auge auch nur bis über die ersten gröberen Nuancen weg zu
+folgen. Auch die Maler müssen ja schon bei den scheinbar simpelsten
+Mischungen sich dem Instinkt überlassen und problematische eigene Wege
+gehen. -- Kann man sich einen sprachlichen Pointillisten denken? Und doch
+-- was ist Blaugrün? Was ist Perlblau? Wie läßt sich das leise Überwiegen
+etwa des Gelb, des Kobaltblau, des Violett aussprechen? -- und doch liegt
+in diesem leisen Überwiegen das ganze süße Geheimnis einer Stimmung, einer
+beglückenden Kombination beschlossen.
+
+Vitznau, 6. September 1900.
+
+Das ist mein Fluch und Glück, daß ich keine Schönheit grob und froh
+genießen kann, daß ich sie auflösen, durchdringen, in Einheiten zerlegen
+und über die Möglichkeit ihres Wiederaufbauens auf künstlerischem Wege
+nachdenken muß. Nur zuweilen kommt das alte schwere Wesen, das ich so
+konsequent von mir abstreifte, für Augenblicke anklingend wieder über mich
+-- die alte unschuldig stumpfe Hingebung und rechenschaftslose Schwelgerei.
+Diese Augenblicke müssen immer seltener werden, ich darf um ihre kurze
+trübe Lust nicht mein Ideal verkaufen, denn ein völliges Zurückkehren in
+die harmlose Dämmerung ist mir doch nie mehr erlaubt. Wenn irgendwo, so
+liegt für mich Lust und Sinn des Lebens im Fortschreiten, im immer
+bewußteren Klarlegen und Durchdringen der Wesenheit und Gesetze des
+Schönen.
+
+Eine Stunde jenes Zurückdämmerns hatte ich heute. Nach Mittag, in der
+herrlichen Sonnenglut, mitten auf dem breiten See, Weggis gegenüber. Ich
+lag über die Rudersitze hingestreckt und blickte über die Seefläche. Eine
+Flut von Rotblau und Gold schwoll vor meinem Blick breit und rastlos hin.
+Alle meine Sinne schliefen und träumten; ein warmes schwärmerisches
+Wohlsein hielt mich gebannt. Mein Auge vermochte keinen Kontur, keinen
+Strahl, keine Lichtgrenze zu unterscheiden, mein Blick verlor allen Willen
+und taumelte wie ein Freigelassener durch ein Meer von unverstandener
+Schönheit, von Rot, Blau und Gold, ungleich und ziellos wie der Flatterflug
+eines Falters.
+
+Vitznau, 7. September 1900.
+
+Der äußerste Vorsprung der »oberen Nase«, vom Lande unzugänglich, ist mit
+einer kleinen Pflanzung junger, ich schätze etwa fünfzehnjähriger Eichen
+bestanden. Das helle, in der Farbe herbe Laub gibt im Wasser einen
+wunderbaren Effekt. Der ganze Wasserfleck erscheint schon von ferne
+ausgezeichnet durch eine aparte, gelbliche Helligkeit, und überraschend
+köstlich ist es, aus dem tiefgrünen, vormittäglichen See in diese
+scharfbegrenzte, hellere Fläche zu fahren. Ich sah heute dort, leider ohne
+Sonne, den Spiegelkontur einer weißen Wolke diese eichengrüne Grenze
+zweimal schneiden. Das Weiß blieb unverändert und zeigte nur an der
+Seeseite schärfere Konturen. Während ich die schönen Linien verfolgte, ging
+ein Dampfer vorüber, in dessen Kielwasser plötzlich das Silber eines
+flüchtigen Sonnenblickes aufblitzte. Einige Sekunden lang blieb der ebene
+Wasserstreif im Silber, die jenseitigen Schiffswellen glänzten matt
+goldbraun, die diesseitigen blieben hellgrün mit weißen Lichtern. Einige
+Sekunden -- und in diesen Sekunden verstand und genoß ich mit freiem Auge
+diese plötzliche, raffinierte Kombination wie das Lächeln einer Göttin, wie
+den aufleuchtenden, reimgeschmückten, prägnanten Vers eines Gedichtes.
+
+Vitznau, 8. September 1900.
+
+Ein unsicherer, windiger Tag, mit flüchtigen Sonnenblitzen. Ich fuhr Buochs
+gegenüber am Bürgenstock hin. Jenseits glomm der See gegen das Ufer hin
+unzähligemal in einer seltsamen, feinen, kühlen Farbenflucht auf, ganz wie
+blanker Stahl im Verkühlen: rotblau, rotbraun, gelb, weiß. Von halber Höhe
+des Bürgenstocks drang Geläute von Kuhglocken herab. Die schönen, welligen
+Matten standen lichtgrün in den blassen Himmel und zeigten jenen
+unsäglichen, traurig-kühlen herbstlichen Ton, den man nie entstehen sieht
+und der jedes Jahr wieder in irgend einer Stunde plötzlich da ist und uns
+erinnert, wie uns der Name eines lieben Toten erinnert -- an den großen
+Wechsel, an die Unsicherheit des Grundes, auf dem wir bauen, an den Tod, an
+die unzähligen mühsamen Wege, die wir unnützerweise gegangen sind.
+
+Ich ruderte aus, um die Tönungen der Wellen im Buochser See zu betrachten,
+um mein Gedächtnis mit dem Bild einiger Farbenvermischungen, einiger
+Lichtbrechungen, einiger Silbertöne zu bereichern. Ich ruderte aus, kühl,
+fröhlich und elastisch, einen Reim im Ohr, einen Vers auf den Lippen, um
+die Schönheit auf einigen mir noch fremden Wegen, in einigen neuen Spielen
+zu belauschen -- und endete damit, diese Herbstmatten zu finden, die ersten
+dieses Jahrs, diese unabweislichen, zarten, traurigen Boten.
+
+Ich wendete mich um und ließ das Auge lang auf dem bewegten, frischen
+Wasser ruhen, ich beobachtete in der Luft gegen Brunnen und an der Wand des
+Oberbauen einen einzelnen Sonnenstrahl; aber mein Gedanke verfolgte ihn
+nicht mit seinem rastlosen, elastischen Eindringen. Nur mein Auge sah die
+blaßgoldenen Reflexe zittern und verleuchten, mein Gedanke nahm nicht teil,
+er verweilte hinter mir, über dem steilen Walde, auf jenen bleichgrünen
+Matten. -- Herbst!
+
+Und ich besann mich, ob ich auf dem rechten Wege sei, ob mein rastloser
+Lauf mich meinem Sterne nähere oder entführe, ob er mich jemals in geistige
+Höhen führen könne, in welchen dieser Herbst und diese Traurigkeit mich
+nicht mehr würden berühren können.
+
+Hier gab es in meinem Nachsinnen einen Moment, in welchem ich, hätte ich es
+in meiner Macht gehabt, den ganzen Schleier des äußeren Lebens von mir
+gelegt und alle Fäden der Lust, der Liebe, der Trauer, des Heimwehs und der
+Erinnerung abgeschnitten hätte. Ein Höhepunkt, ein kurzes, ruhiges
+Atemholen auf hohen Gipfeln: hinter mir alle Beziehungen des Menschlichen,
+vor mir die leichte, kühle Weite der Schönheit des Absoluten, des
+Unpersönlichen. Ein Augenblick -- ein Atemzug!
+
+Die Glockenlaute schwankten herab, ich schloß die Augen und sank und sank
+von der Höhe. Eine schwere, körperhafte Trauer bekam Gewalt über mich. Ich
+wollte entrinnen, mein Gedanke bäumte sich noch einmal wie ein mißhandeltes
+Roß, aber ich unterlag. Und jene schwere, müde Traurigkeit überwältigte
+mich, beugte mich tiefer und tiefer, löschte alle Sterne aus, quälte mich
+und feierte alle schmachvollen Triumphe eines grausamen Siegers.
+
+Klar und nahe, wie durch eine plötzlich zerrissene Hülle, lag der helle
+Garten meiner frühesten Erinnerungen vor meinem Auge. Und meine Eltern. Und
+meine Knabenzeit, meine ersten Liebeszeiten, meine Jugendfreundschaften. In
+dieser bedrückten Stunde redeten sie alle eine so traurig-fremde, schöne
+Sprache, so heimwehmachend und so ernsthaft fragend wie die Züge von Toten,
+denen wir Tränen nicht getrocknet und Wohltaten nicht erwidert haben. Ich
+wies sie von mir, und sie gingen, eine tote Gegenwart hinterlassend.
+
+Zugleich mit dem lastenden, schwächenden Herbstgefühl stieg eine peinigende
+Abschiedsstimmung in mir auf. Ich sah hinter den wenigen noch freien,
+einsamen Ruhetagen die Stadt und das wiederbeginnende aufreibende Leben auf
+mich warten, die vielen Menschen, die vielen Bücher, die unzähligen
+Nötigungen zu Lüge, Selbstbetrug und Zeitverderb. Und plötzlich brannte
+meine ganze Jugend in schmerzlicher Lebenslust in mir auf, ich warf mich in
+die Ruder, kreuzte auf der großen Bucht umher, kehrte um den Vorsprung des
+Bürgenstocks zurück, bis an die Matt, bis nach Weggis. Die notwendige
+Ermüdung sättigte mich nicht, gierig und verzweifelnd erfüllte mich ein
+klaffendes Ungenügen, eine Lust, alle Freiheit und Kraft meines Lebens in
+eine einzige Stunde gedrängt jäh und lachend zu vergeuden. Der See war mir
+zu schaal, die Berge zu grau, der Himmel zu niedrig. In Weggis nahm ich ein
+Bad und schwamm in den See hinein, drängte mich mit beiden Armen in das
+Wasser, tief atmend. Müde geworden legte ich mich auf den Rücken, ganz
+langsam schwimmend, und hing mit wartenden Augen am Himmel, unbefriedigt,
+überdrüssig. Ich hätte mein Leben für das Gefühl der Fülle und des Genusses
+gegeben, nach dem ich dürstete.
+
+Und dann schwamm ich zurück und bestieg das Boot wieder mit der ganzen
+dumpfen Trauer des Herbstes, des Abschieds und der inneren Ungewißheit.
+
+Seither bin ich ruhiger geworden. Mein Prinzip hat gesiegt, ich genieße nun
+diese Trauer und Hoffnungslosigkeit, wie ich mich gewöhnt habe, auch
+schlechtes Wetter zu genießen. Sie hat ihre eigene Süßigkeit. Ich unterrede
+mich mit ihr und spiele auf ihr, wie ein Sänger auf einer schwarzen in Moll
+gestimmten Harfe spielt. Was will ich im Grunde anders von jedem Tag als
+eine Stimmung, eine ihm eigentümliche Farbe, und, wenn es glückt, ein Lied?
+
+Vitznau, 9. September 1900.
+
+Als ich heute mit der Angelrute am Ufer saß, der nachklingenden gestrigen
+Traurigkeit ergeben, trat mir plötzlich der Name Elisabeth auf die Lippen.
+Es gelang mir, ihre Gestalt scharf und rein in mir heraufzubeschwören, so
+daß sie mich aus meinem Traum wie aus einem tiefen Spiegel anblickte.
+Zugleich empfand ich eine mächtige Sehnsucht nach der Lektüre der vita
+nuova, so daß ich beinahe diesem herrischen Gelüste zulieb schon heute nach
+Basel zurückgekehrt wäre.
+
+Bölsche könnte an mir einen eklatanten Fall von Distanzliebe konstatieren.
+Prüfe ich mich genau, so muß ich sagen, daß die Anziehungskraft, die
+Elisabeth auf mich übt, vom ersten Augenblicke an auf einer einzigen
+frappanten Profillinie beruhte, namentlich auf dem raffiniert eleganten
+Kontur des Halses und des Kinns im Profil. Aber -- was ist an meinem Fall
+am Ende besonderes, da erwiesenermaßen schon eine Frisur, ja schon ein
+Kleid, ein Gürtel, ein Band diese Wirkung üben kann.
+
+Ich besitze die Schönheit meiner Liebe in dieser Linie, wie man ein
+Meisterbild nach reichlicher Anschauung besitzt, so daß es nur an dem
+jeweiligen Versagen der Vorstellungskraft liegt, wenn ich noch nach ihrer
+körperlichen Gegenwart verlange. Und doch -- ich tue Unrecht, meine Liebe,
+das arme Schoßkind, so formal zu deuten. Wie oft habe ich doch gewünscht,
+ihre feine Hand zärtlich zu berühren, sie zum Plaudern zu bringen, lang in
+ihre Augen zu sehen! In diese Gedanken und Begierden spielen schon alle
+unfaßbaren Reflexe der jenseitigen Schönheit herein. Sobald meine Skepsis
+einen Augenblick schläft, höre ich doch in meiner Liebe die Engel singen
+und Paradieserinnerungen an die Pforte meiner Seele pochen. Und sie selbst,
+meine Seele, leidet lächelnd unter allen Rohheiten und Vergewaltigungen des
+herrschsüchtigen Gedankens. Sie schläft unter dunklen Schleiern, schläft
+und träumt vielleicht von den innersten Geheimnissen jener Welt, an deren
+Toren mein bewußtes Leben in seinen höchsten Momenten noch beklommen stehen
+bleibt.
+
+Und diese meine Seele erzählt mir in wohllaut-fremder Sprache von einer
+seligen Heimat, deren wir beide, Elisabeth und ich, verlaufene Kinder und
+verirrte Bürger sind. Wie ein fremdartig süßer Duft, wie Takte einer
+niegehörten, dennoch traumbekannten Melodie -- wie Antwort auf nie
+gefragte, dennoch wohlgefühlte Fragen.
+
+O diese Seele, dieses schöne, dunkle, heimatliche, gefährliche Meer!
+Während ich ihre schillernde Oberfläche unermüdlich prüfe, liebkose,
+befrage und bestürme, spült sie zuweilen immer wieder wie zum Hohn ein
+fremdfarbiges Rätsel aus bodenloser Tiefe vor mir aus, Muscheln, die von
+unermeßlichen, fremden Räumen reden, wie ein Stück uralten Schmuckes
+vereinzelte, unsichere Ahnungen einer versunkenen Vorzeit beschwört.
+
+Dort liegt vielleicht auch meine Kunst, dort schläft vielleicht mein Lied,
+das heiße, stolze Lied mit den stürmenden, bacchischen Takten, während ich
+auf unfruchtbaren Feldern Kraft und Jugend vergeude. O, fände ich jene
+Stimmungen wieder, die in vergangenen Jahren mir jede Frühlingsnacht so
+reich und üppig gab, jenen schwärmerisch maßlosen Herzschlag, jenes satte
+Verlorensein an die Phantasie und an das erregte Klingen des eigenen
+Blutes!
+
+Vitznau, 10. September 1900.
+
+Ich kannte heute kaum die Menschen mehr, die seit acht Tagen neben mir zu
+Tische sitzen. Als wären seit gestern zehn Jahre vergangen. Meine Bücher,
+mein Zimmer, mein Angelzeug, meine Kleider, meine eigene Hand -- alles
+fremd, alles mir nicht zugehörig, alles mich mit seiner unerwarteten
+Gegenwart bedrückend.
+
+O diese Nacht! Zehn Stunden ohne Schlaf, jede Minute ein Kampf meiner
+unterdrückten Seele mit dem grausamen, gewaltherrischen Gedanken, ein Kampf
+mit Zähneknirschen und Schluchzen, ein Ringen ohne Waffen, Brust an Brust,
+mit allen Listen und Grausamkeiten der Verzweiflung. Alle Dämme und
+Grenzen, die ich meinem inneren Leben gezogen hatte, alle mühsam
+vorbereiteten Saaten, alle gelegten Grundsteine sind in diesen Stunden
+zertreten und vernichtet worden. Mir ist es noch wie ein Traum.
+
+Nach einem schweren, traurigmüden Abend -- es war ein Sonnenuntergang, wie
+ich nie einen gesehen -- legte ich mich früh zu Bette. Vor meinem Fenster
+dampfte der See und schlug mit feinen, regelmäßigen Wellen an die Mauern.
+Ich sah vom Bett aus die Hammetschwand in den bleichen Himmel stechen. Da
+begann ich zu fühlen, daß die Stunde eines lang verschobenen Kampfes
+unerbittlich gekommen war, daß alles Unterdrückte, an Ketten Gelegte,
+Halbgebändigte in mir erbittert und drohend an den Fesseln zerrte. Alle
+wichtigen Augenblicke meines Lebens, in denen ich meiner Bestimmung einen
+neuen, engeren Kreis gezogen, in denen ich dem Gefühl des Ewigen, dem
+naiven Instinkt, dem eingeborenen, unbewußten Leben ein Feld entzogen
+hatte, traten in voller, feindseliger Schar vor mein Gedächtnis. Vor ihrem
+Andrängen begannen alle Throne und Säulen zu zittern. Und nun wußte ich
+plötzlich, daß nichts mehr zu retten wäre; freigelassen taumelte die ganze
+untere Welt in mir hervor, zerbrach und verhöhnte die weißen Tempel und
+kühlen Lieblingsbilder. Und dennoch fühlte ich diese verzweifelten Empörer
+und Bilderstürmer mir verwandt, sie trugen Züge meiner liebsten
+Erinnerungen und Kindertage.
+
+Zugleich mit diesem Wiedererkennen drang ein scharfer Schmerz todesbitter
+durch mein innerstes Wesen, der mich in verzerrten, zwiespältigen Gefühlen
+marterte und aufrieb, lang, stundenlang, bis ich wurde wie ein gequältes,
+ratloses, verängstetes Kind. Ein Schluchzen überfiel mich, ein Schluchzen
+ohne Tränen, unsäglich bitter, zuckend und verzweifelnd.
+
+Genug, genug! Die Nacht ist um; ich weiß, daß eine so entsetzliche nicht
+wiederkommen kann. Ich spüre keinen Schmerz mehr, nur eine träge
+Erschlaffung und ein Gefühl, ein müdes, rätselhaftes, unsicher
+schmerzendes, als wäre mir im Innern etwas gesprungen, ein Nerv zerrissen,
+ein Keim geknickt. Und ich glaube -- . . . . Nein, nein!
+
+Und dennoch: ich glaube nicht, ich fühle, ich weiß mit unabänderlicher
+Gewißheit -- das ist meine Jugend, das ist meine Hoffnung, das ist mein
+Bestes und Heiligstes, dessen abgeknickte Ranke ich wie etwas Fremdes,
+Störendes in mir spüre. Herbst.
+
+Es leidet mich nicht länger hier. Morgen will ich in die Stadt zurück.
+Dieser melancholisch stille See mit den bleichen Herbstmatten, diese kühlen
+Berge und dieser kühle Himmel ängstigen mich. Der mitgebrachte Plato liegt
+auf dem Tisch. Elende Scharteke! Was ist mir Plato? Ich muß Menschen sehen,
+Wagen fahren hören, neue Bücher und Zeitungen aufschneiden und den
+frischen, unreifen Duft des schnellen Lebens atmen, auch sehne ich mich
+danach, Nächte in kleinen Weinschenken zu verbringen, mit gemeinen Mädchen
+gemeine Gespräche zu führen, Billard zu spielen und tausend Nichtigkeiten
+zu treiben, die ich mir selber als tausend Gründe dieses Jammergefühls
+aufzählen kann, das ich ohne Gründe und ohne Betäubung nicht länger
+ertrage. Es muß noch Genüsse geben, die mir unbekannt geblieben sind, es
+muß noch Reize geben, auf die meine Nerven heftig reagieren, noch rare
+Bücher, die mir Freude machen können, noch irgend eine neue, raffinierte
+Musik.
+
+Ich werde es nicht vergessen, mein Leben lang nicht. O diese Nacht! Ich
+werde in jeder schlaflosen Nacht an der Erinnerung dieser Qualen leiden,
+sie werden aus jedem Genuß, aus jeder Reizung wie verborgene böse Geister
+hervorblicken, alle Grenzen von Wohl und Weh verwischend und alle
+Empfindungen auflösend in jenes stachelnde, giftig süße, schmerzlich
+ermüdende Gefühl, das mich nie so wie in dieser Nacht gepeinigt hat. Das
+Presto jener unheimlichen B-Moll-Sonate von Chopin hat etwas davon -- es
+ist einem dabei, als würden feine, feine bloßliegende Nerven streichelnd
+berührt. Prickelndes Wehgefühl, leiser süßer Schmerz -- aber ein Takt zu
+viel und man fällt in alle Foltern einer verzweifelten, raffinierten
+Traurigkeit, die bis zum heftigen körperlichen Schmerz zu steigen vermag.
+
+Elisabeth -- . . . . .
+
+Ziehen wir das Fazit! Mir bleibt bei leidlich jungen Jahren der noch
+respektabel konservierte Rest einer ehemals recht ansehnlichen Phantasie,
+eine gewisse, wenn schon etwas abgenützte Fähigkeit zum Genießen und
+Arrangieren schillernder Stimmungen, sowie ein kleiner Fonds von »Seele«,
+der bei vorsichtigem Gebrauch eventuell noch eine und die andere Liebe
+leichteren Genres zu inszenieren und zu überdauern vermag. Rechnen wir dazu
+eine durch lange Gewohnheit erworbene Fertigkeit im Tragisch-Idealischen
+und in der souverän duldenden Pose, so muß ich mir selbst zu so schönen
+dichterischen Fähigkeiten gratulieren und habe keinen Grund, um meine
+Zukunft als Autor besorgt zu sein. Ich werde Niels Lyhne nicht ohne
+persönliche Note imitieren und die sublimsten Wiener in Ekstasen
+übertreffen. Das heißt auf deutsch: Pfui Teufel! Aber wozu habe ich
+Neudeutsch und Wienerisch gelernt?
+
+Basel, 16. September 1900.
+
+Schon wieder genug und übersatt! Ich hatte mich auf meine Bücher gestürzt,
+die Pausen der vita nuova-Lektüre mit E. T. A. Hoffmann und Heine gefüllt,
+in müden Stunden zwischen den preziösen George und den lyrischen
+Hofmannsthal ein Kapitel Jakob Böhme eingeflochten. Übrigens Respekt vor
+meinem Antiquar! Er hat mir den unvergleichlichen 1730er Böhme verschafft,
+ed. Ueberfeld, mit angefügten Kupfern. Wenn nur der »Gottselige
+Hocherleuchtete Teutonicus Philosophus« mit seiner ganzen Theosophia
+revelata etwas amüsanter wäre! Es sind Kapitel von besonderem Reiz
+vorhanden, aber man muß sparsam lesen, um der Sprache die fremde Tonart zu
+lassen. Den Spruch von der Galle, den ich heute bei ihm gelesen, will ich
+mir doch notieren: »Siehe, ein Mensch hat in sich eine Galle, das ist Gift,
+und kann ohne die Galle nicht leben, denn die Galle macht die siderischen
+Geister beweglich, freudenreich, triumphierend oder lachend, denn sie ist
+ein Quell der Freuden. So sie sich aber in einem Element entzündet, so
+verderbt sie den ganzen Menschen, denn der Zorn in den siderischen Geistern
+kommt von der Galle.« Und dann: »Eben einen solchen Quell hat auch die
+Freude, und auch aus derselben Substanz wie der Zorn. Das ist, wenn sich
+die Galle in der liebhabenden oder süßen Qualität entzündet, in dem, was
+dem Menschen lieb ist, so zittert der ganze Leib vor Freuden, in welchem
+manchmal die siderischen Geister auch angesteckt werden, wenn sich die
+Galle zu sehr erhebt und in der süßen Qualität entzündet.«
+
+Vor wenig mehr als zwanzig Jahren machte ich als kleiner, blonder Knabe den
+ersten Leseversuch. Mein Vater fand mich über ein Buch gebückt und nannte
+mir einige Lettern. Dann aber schloß er das Buch und erzählte mir nach
+seiner klugen, liebreichen Art von der großen Welt der Buchstaben und
+Bücher, die sich mir mit dem A-B-C erschließen würde und zu deren Kenntnis
+das längste Leben des fleißigsten Lesers nicht zum tausendsten Teil genüge.
+Er selber war damals schon über Büchern fast grau geworden und trug die
+Werte unzähliger Bände hinter seiner hohen, scharfen, allzu oft
+schmerzenden Stirn gespeichert. Zwanzig Jahre! Ich habe seither ein
+tüchtiges Stück dieser Buchstabenwelt umgeackert und manchen fast
+verschollenen Schmöker hervorgekramt und umgeblättert. Und jetzt -- die
+wenigen überragenden Worte, die noch Gewalt über mich haben, würden keine
+zehn Bände füllen. Es gibt noch eine Zahl von seltenen alten Schriften,
+nach denen ich Verlangen habe und deren jede mich, wenn sie in meine Hände
+fällt, neugierig zu machen und zu erregen vermag -- und dann ist es wie mit
+dem gefangenen Schmetterling: die Lust ist gebüßt, das seltene Exemplar hat
+einen Augenblick den erfreuenden Glanz gehabt, und übrig bleibt -- ein
+Büchertitel und eine Lücke im Register der noch zu erhoffenden
+Befriedigungen.
+
+Basel, ohne Datum.
+
+Ich wartete gestern abends am Kasino, um das Publikum aus dem Konzertsaal
+kommen zu sehen. Es war kalt und regnete. Dann quoll die Menschenmasse
+heraus. Und auf der Treppe von den Balkonsitzen tauchte plötzlich zwischen
+bekannten Gesichtern das Gesicht Elisabeths hervor. Sie stieg langsam herab
+und verschwand mit ihren Begleitern in der Menge. Diese Minute, in welcher
+die ganze schöne Gestalt auf der beleuchteten Treppe warm und fröhlich
+heraustrat, gab mir eine eigentümliche Stimmung. Ganz wie in schönen
+antiquierten Romanen war ich der traurige Liebhaber, der vor erleuchtetem
+Festsaal in der Regennacht steht und seine Dame geschmückt und scherzend
+mit begünstigten Begleitern vorüberschreiten sieht. Sein Hut ist tief in
+die schmerzende Stirn gedrückt, sein grauer Mantel flattert im Wind. Sein
+Auge blickt Verachtung, aber auf den schmerzlich verzogenen Lippen liegt
+Liebesweh und zehrende Trauer. Er wendet sich ab, lüftet den Hut, streicht
+mit der heißen Hand über die heiße Stirn und das regennasse Haar und
+verschwindet in den Nebeln der unwirtlichen Regennacht.
+
+Und zwar zu Frau Buser in die Fischerstube. Diese brachte mir in
+zahlreichen Bechern die »süße Qualität« herbei, nachdem die Reaktion der
+Galle auf die »liebhabende Qualität« den guten Böhme Lügen gestraft hatte.
+Ich hatte dort ein langes Gespräch mit Hesse, der mich natürlich wieder
+nörgelte und zwickte, bis ich grob wurde. Dann war er zufrieden, ich auch,
+und am Ende führte mich der Gute durch alle Fährlichkeiten wankender
+Häuserreihen und walzertanzender Gaslaternen meinen Penaten zu.
+
+Basel, ohne Datum.
+
+Wenn sich mein Jugendfreund Elenderle nicht in jener ärgerlichen Nacht im
+Tübinger »Walfisch« erschossen hätte, würde ich ihn zur Aufnahme in unsern
+famosen Klub vorschlagen. Wir haben nämlich zu dreien einen »Klub der
+Entgleisten« gegründet. Drei Mitglieder ist wenig, aber die Stadt Basel
+vermag in dieser Branche nicht mehr.
+
+Basel, ohne Datum.
+
+Hesse will mir einen Artikel über Tieck abjagen, den er doch besser kennen
+müßte als ich. Dabei fiel mir plötzlich die fabelhafte Ähnlichkeit auf, die
+zwischen jenem Märchendichter und mir besteht. Bei uns beiden dieselben
+sensibeln Nerven, derselbe Mangel an Plastik, derselbe Zug zum
+Flüchtigsten, Oberflächlichsten, zum Schillernden, Flackernden und
+Unfesten, dieselbe launenhaft bewegte Phantasie, dieselbe Verwandtschaft
+mit der Musik, dieselbe Tendenz zur Auflösung der Prinzipien, zur
+künstlerischen Ironie.
+
+Basel, ohne Datum.
+
+Ah! ce n'est point gai tous les jours, la bohème!
+
+Basel, ohne Datum.
+
+Das Weintrinken wird auch nicht lange vorhalten. Ich sitze zuweilen in der
+Wolfsschlucht, trinke Hallauer und blättere in Böhmes »Weg zu Christo«,
+wobei mir zuweilen die eigentliche Ruchlosigkeit dieser Lektüre für
+Augenblicke einen leisen Reiz gewährt. »Ich will dich aber gewarnet haben,«
+sagt der Theosophus, »ist dirs nicht ein Ernst, so laß die teuern Namen
+Gottes, daß sie dir nicht den Zorn Gottes in deiner Seele entzünden.« Und
+später: »Bist du nicht in ernstem Vorsatze, auf dem Wege zur neuen
+Wiedergeburt, so laß die obgeschriebenen Worte im Gebete ungenannt, oder
+sie werden dir in dir zum Gerichte Gottes werden.«
+
+Der fromme Weise hat recht. Seine Worte machen mich unheiligen Leser
+traurig und »wirken Verzweiflung«, denn jedes von ihnen besitzt jene Kraft
+und ewige Jugend der Begeisterung und des Glaubens, deren Anblick mich mit
+Neid und Heimweh erfüllt.
+
+Basel, ohne Datum.
+
+Ich will verreisen. Mir träumte diese Nacht von meiner Jugend, als wohne
+sie irgendwo verzaubert in einem fernen Lande zwischen grünen Bergen. Auch
+war mir, als spielte eine schöne, wohlbekannte Frau auf dem
+Veilchenstraußflügel die Nocturne in Es-Dur von Chopin, jenes Lied, das nur
+Heimweh- und Flügelkranke ganz verstehen, mit seinen zarten, durch ein
+geheimes Leiden vergeistigten Takten. Ich holte meine vergessene und
+verstaubte Geige hervor und rief die zärtlich scheue Melodie mit leisem
+Striche wach, und aus dem alten, braunen Instrument sang meine verlorene
+Jugend in heimlichen Untertönen mit.
+
+
+
+
+Letzte Gedichte.
+(Sommer und Herbst 1900.)
+
+
+Meiner Liebe.
+
+I.
+
+ An meine Schulter lehne
+ Dein schweres Haupt und schweige
+ Und koste jeder Träne
+ Wehsüße, lasse Neige.
+
+ Es werden Tage kommen,
+ Da du nach diesen Tränen
+ Verdürstend und beklommen
+ Dich wirst vergebens sehnen.
+
+II.
+
+ Leg mir aufs Haar
+ Die Hand; schwer ist mein Haupt.
+ Was meine Jugend war,
+ Hast du geraubt.
+
+ Unwiederbringlich ist dahin
+ Der Jugend Glanz, der Freude Born,
+ Der mir so unerschöpflich golden schien,
+ Und überblieben Weh und Zorn
+ Und Nächte, Nächte ohne End,
+ In denen wild und fieberheiß
+ Der alten Liebeslüste Kreis
+ Mein waches Träumen wund durchrennt.
+
+ Nur noch in Stunden seltner Rast
+ Tritt manchmal meine Jugend her
+ Zu mir, ein scheuer blasser Gast,
+ Und stöhnt, und macht das Herz mir schwer . . .
+
+ Leg mir aufs Haar
+ Die Hand. Schwer ist mein Haupt.
+ Was meine Jugend war,
+ Hast du geraubt.
+
+
+Dennoch.
+
+ Dennoch von meiner Jugend Stunden
+ Genoß ich jede. Soll ich klagen,
+ Daß die gehegte Blust nur Wunden
+ Und Bitternis und Weh getragen?
+
+ Wenn sie noch einmal wiederkäme
+ Und trüge alle holden Züge
+ Von ehmals -- fänd ich mein Genüge,
+ Wenn sie ein andres Ende nähme.
+
+
+Philosophie.
+
+ Vom Unbewußten zum Bewußten,
+ Von da zurück durch viele Pfade
+ Zu dem, was unbewußt wir wußten,
+ Von dort verstoßen ohne Gnade
+ Zum Zweifel, zur Philosophie,
+ Erreichen wir die ersten Grade
+ Der Ironie.
+
+ Sodann durch emsige Betrachtung,
+ Durch scharfe Spiegel mannigfalt
+ Nimmt uns zu frierender Umnachtung
+ In grausam eiserne Gewalt
+ Die kühle Kluft der Weltverachtung.
+ Die aber lenkt uns klug zurück
+ Durch der Erkenntnis schmalen Spalt
+ Zum bittersüßen Greisenglück
+ Der Selbstverachtung.
+
+
+Marienlied.
+
+ Ohne Schmuck und Perlenglanz
+ Laß mich auf die Stufen legen,
+ Stumm erflehend deinen Segen,
+ Meiner Jugend welken Kranz.
+
+ Kämpfe, Fahrten, Wunden viel,
+ Ungenossene herbe Siege
+ Ruhmlos durchgekämpfter Kriege
+ Finden müde nun ihr Ziel.
+
+ Lüste bunt und freudefarb
+ Senken müdgewordene Hände,
+ Ihr Gelächter ist zu Ende,
+ Ihre rote Flamme starb.
+
+ Sterbend, blaß und fieberwund
+ Wollen sie, der Welt vergessen,
+ Müd auf harte Stufen pressen
+ Den verblühten Liebesmund.
+
+
+Das ist mein Leid.
+
+ Das ist mein Leid, daß ich in allzuvielen
+ Bemalten Masken allzu gut zu spielen
+ Und mich und andre allzu gut
+ Zu täuschen lernte. Keine leise Regung
+ Zuckt in mir auf und keines Lieds Bewegung,
+ In der nicht Spiel und Absicht ruht.
+
+ Das muß ich meinen Jammer nennen:
+ Mich selber so ins Innerste zu kennen,
+ Vorwissend jedes Pulses Schlag,
+ Daß keines Traumes unbewußte Mahnung
+ Und keiner Lust und keines Leides Ahnung
+ Mir mehr die Seele rühren mag.
+
+
+Spielmann.
+
+ Frühlinge und Sommer steigen
+ Grün herauf und singen Lieder,
+ Schmücken bunt die Welt, und neigen
+ Müde sich zur Erde wieder.
+
+ Träumend aus dem Kranz der Tage
+ Grüßen flüchtig helle Stunden
+ Mir herauf wie schöne Sage,
+ Lächeln, leuchten, sind verschwunden.
+
+ Schauernd in der Tage Wende,
+ Mag auch Gold und Liebe winken,
+ Lassen traurig meine Hände
+ Die geschmückte Leier sinken.
+
+
+Italienische Nacht.
+
+ Ich liebe solche bunt beglänzte Nächte
+ Im Flackerlicht der Lampen, und ich flechte
+ Gern meiner Lieder fiebernd Rot darein.
+ Sieh, Liebste, wie sich dort die Jugend drängt
+ Im späten Tanz, und wie für uns allein
+ Der Sichelmond im Rauch der Fackeln hängt.
+
+ In solchen Nächten lauscht mein zitternd Herz
+ Mit Qual und Lust heimat- und jugendwärts,
+ Und schlägt im Takt verliebter Melodien.
+ Mein Auge aber schaut den fremden Mond
+ Im Silberkahn auf sichern Wegen ziehen
+ Und ist wie er der Einsamkeit gewohnt.
+
+ Sieh, meine Jugend war ein farbig Spiel,
+ Ein Tanz im Fieber, wild und ohne Ziel
+ Und schwand verknisternd wie ein Meteor.
+ Dann kreuzt' ich unstät durch die Welt und fand
+ Dem Haupt kein Lager, meinem Lied kein Ohr,
+ Und nur im Traum ein blasses Heimwehland.
+
+ Schau dort! Die heiße Menge wogt im Tanz
+ Und glüht vor Lust und wirft den Loderkranz
+ Der kurzen Freude jauchzend in die Lüfte.
+ Ists doch, als spielte meine Jugend dort
+ Im süßen Rausch fremdländisch heißer Düfte
+ Das alte Spiel in neuen Tänzen fort.
+
+ Das alte Spiel! Nur daß ich jetzt abseits
+ Zuschauend lehne und den süßen Reiz
+ Des Taumeltranks auf kühler Lippe wäge,
+ Und daß mein Geist gleichgültig Umschau hält
+ Und meines Herzens heimwehrasche Schläge
+ Lächelnd wie Takte eines Liedes zählt.
+
+
+Der schwarze Ritter.
+
+ Ich reite stumm aus dem Turnier,
+ Ich trage aller Siege Namen,
+ Ich neige mich vor dem Balkon der Damen
+ Tief. Aber keine winkt nach mir.
+
+ Ich singe zu der Harfe Ton,
+ Aus der die tiefen Laute steigen.
+ Alle Harfner lauschen und schweigen,
+ Aber die holden Frauen sind entflohn.
+
+ In meines Wappens schwarzem Feld
+ Sind hundert Kränze aufgehangen,
+ Die gold von hundert Siegen prangen.
+ Aber der Kranz der Liebe fehlt.
+
+ An meinem Sarge werden sich bücken
+ Ritter und Sänger und werden ihn
+ Mit Lorbeer bedecken und bleichem Jasmin.
+ Aber keine Rose wird ihn schmücken.
+
+
+Marienlied.
+
+ Deinem Blick darf meiner nicht begegnen,
+ Meine Seele, die so viel gelitten,
+ Darf gebeugt nicht mehr die deine bitten:
+ Wolle die verlorene Schwester segnen!
+
+ Leise nur im allertiefsten Innern
+ Will sie der gewesenen Schwesterzeiten,
+ Der in Schmach verspielten Seligkeiten
+ Schweigend und mit Schmerzen sich erinnern.
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Hermann Lauscher, by Hermann Hesse
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41818 ***
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-The Project Gutenberg EBook of Hermann Lauscher, by Hermann Hesse
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Hermann Lauscher
-
-Author: Hermann Hesse
-
-Release Date: January 11, 2013 [EBook #41818]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN LAUSCHER ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-
-
-
-Hermann Lauscher
-von
-Hermann Hesse
-
-
-Zweites Tausend.
-
-Verlag der Rheinlande
-Düsseldorf
-1908.
-
-
-Druck von August Bagel, Düsseldorf.
-
-
-
-
-Inhalt:
-
-
- Vorrede zu dieser Ausgabe 1
- Vorwort der ersten Ausgabe 7
- Meine Kindheit 11
- Die Novembernacht 43
- Lulu 61
- Schlaflose Nächte 115
- Tagebuch 1900 145
- Letzte Gedichte 179
-
-
-
-
-Vorrede zu dieser Ausgabe.
-
-
-Auf den Wunsch einiger Freunde, namentlich aber auf die Aufforderung
-Wilhelm Schäfers hin, soll der verstorbene Hermann Lauscher wieder
-ausgegraben und noch einmal unter die Leute geschickt werden. Da bin ich
-denn eine Erklärung und Rechenschaft schuldig, zumindest eine
-bibliographische.
-
-»Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher« war der Titel
-einer kleinen Schrift, die ich Ende 1900 in Basel erscheinen ließ und in
-der ich pseudonym über meine damals zu einer Krise gediehenen
-Jünglingsträume abrechnete. Ich dachte damals, mit dem von mir erfundenen
-und totgesagten Lauscher meine eigenen Träume, soweit sie mir abgetan
-schienen, einzusargen und zu begraben. Das Büchlein erschien, in kleinster
-Auflage, beinahe mit Ausschluß der Öffentlichkeit, und ist kaum über meinen
-Freundeskreis hinaus bekannt geworden. Wenige andere griffen, da sie meine
-späteren Bücher kannten, nachträglich zu dem Schriftchen und sahen darin
-eine Art von literarischem Kuriosum.
-
-Der Gedanke eines Neudrucks ist mir nie gekommen, bis in der letzten Zeit
-Freunde ihn lebhaft aussprachen und schließlich Wilhelm Schäfers Vorschlag
-kam. Da ich keinen Grund sehe, ein Stück meines Jugendlebens wegzuleugnen,
-und da ich stilistisch den Lauscher noch heute zu verantworten bereit bin,
-gab ich nach.
-
-Nun war die Frage, in welcher Form die Jugendsünde wieder aufleben sollte.
-Ich dachte an eine Überarbeitung, sah aber sofort, daß die Gedanken und
-Stimmungen eines Zwanzigjährigen nicht nach zehn Jahren von ihm selber neu
-redigiert werden können, da ihr einziger, relativer Wert im Ausdruck, im
-Rhythmus, in der Geberde liegt. Und Einzelnes zu streichen oder zu
-beschönigen, schien mir wieder unerlaubt.
-
-Der Text blieb also, auch wo er mir heute fremd, ja zuwider ist, wörtlich
-derselbe. Dagegen schien mir eine Rundung des fragmentarischen und allzu
-umfanglosen Büchleins wünschenswert. Etwas Neues hinzuzufügen hätte keinen
-Sinn gehabt und dem Ganzen geschadet. Doch besaß ich noch zwei kleine
-Dichtungen (»Lulu« und »Schlaflose Nächte«) aus jener Zeit. Die erste ist
-bisher nur in einer schweizerischen Zeitschrift, die zweite überhaupt nicht
-veröffentlicht worden. Beide stehen zum »Lauscher« in engster Beziehung und
-sind in der selben Zeit wie er entstanden. Diese beiden Stücke fügte ich
-ein.
-
-Und nun liegt das Ganze da und schaut mich nicht eben glücklich an:
-Dokumente einer schönen und innigen, doch nicht leichten Jugendzeit. Was
-ich damals wollte, habe ich nicht erreicht; was ich seither erreichte, kam
-beinahe ungewollt und wiegt mir nicht schwer. Dagegen finde ich jetzt
-betroffen und erstaunt in diesen frühen Dichterversuchen Töne klingen und
-Wege angedeutet, die mich heute wieder frisch und ernsthaft anmuten und von
-denen ich nicht weiß, wie sie mir jahrelang fremd werden und beinahe
-verloren gehen konnten. Da ist Vieles, was meine seitherigen Wege mir
-selbst zweifelhaft macht und mich zu bitteren Erkenntnissen nötigt.
-
-Aber bittere Erkenntnisse sind besser als keine, und wer einmal den
-gefährlichen Pfad der Selbstbeobachtung und der Bekenntnisse betreten hat,
-der muß billig die Folgen tragen, auch wenn es unerwartete und peinliche
-sind.
-
-Daß nun Manche kommen werden, die mir Sünden von damals vorhalten, als
-wären es heutige, und daß Andere finden werden, ich hätte besser getan,
-Neues zu arbeiten statt Jugendversuche wieder auszugraben, das ficht mich
-nicht an. Diese wissen und fühlen nicht, wie peinlich mir diese
-Neuherausgabe wurde, und begreifen auch nicht, daß ich sie eben darum doch
-ausführte und damit mein Gewissen erleichtert habe. Im übrigen soll der
-Lauscher, der jetzige wie der alte, eben nichts als ein Bekenntnisbuch für
-mich und meine Freunde sein.
-
-_Hermann Hesse._
-
-Dezember 1907.
-
-
-
-
-Vorwort der ersten Ausgabe.
-(Ende 1900).
-
-
-Der Name Hermann Lauscher tritt mit der vorliegenden Publikation zum ersten
-Mal in die Öffentlichkeit. Lauschers Dichtungen, unter fremdem Namen im
-Druck erschienen, sind einem bestimmten engeren Leserkreise wohlbekannt.
-
-Leider hat der verstorbene Dichter mir verboten, sein Geheimnis
-preiszugeben und seine früher gedruckten Schriften ihm zu vindizieren. Es
-war ein Abend in der Weinstube des »Storchen«; Lauscher war von seiner
-gewöhnlichen traurig bitteren Stimmung befallen, vielleicht warf auch sein
-bald darauf erfolgter Tod den Schatten einer ängstigenden Ahnung voraus. Er
-bat mich förmlich zu schwören, seine Anonymität aufs treueste wahren zu
-helfen. Vor mir, als dem einzigen Literaten seiner Freundschaft, schien er
-in diesem Punkte besonders ängstlich zu sein. Ich schwor lachend ewiges
-Stillschweigen, das Gespräch wendete sich zu literarischen Fragen, wobei
-Lauscher alle Quellen seiner fast feindseligen Ironie springen ließ. Dann
-versank er in Schweigen, trank hastig mehrere Becher Wein und nahm
-plötzlich kurzen Abschied. Ich sah ihn seither nicht wieder -- zehn Tage
-darauf starb er plötzlich auf einer Reise.
-
-Lauschers literarischer Nachlaß enthielt fast nichts als die hier
-mitgeteilten Stücke. Nächst dem rein persönlichen Wert, den diese für seine
-Freunde haben, dürften sie als Dokumente der eigentümlichen Seele eines
-modernen Ästheten und Sonderlings das Interesse aufmerksamer Leser
-verdienen, namentlich durch die herbe, selbstquälerische Wahrheitsliebe des
-»Tagebuchs«. Sie entbehren fast ganz die fleißig geschliffene, preziöse
-Form, welche Lauschers Dichtungen eigen ist, und dürften so, ganz im Sinn
-ihres Verfassers, auch gewandten literarischen Spürern keinerlei Schlüsse
-auf dessen anderwärts existierende Autorschaft zulassen.
-
-Durch weitere Notizen über den Dahingegangenen oder durch eine vielleicht
-zuweilen erwünscht scheinende abrundende Redaktion den persönlich
-lebendigen Duft der nachstehenden Blätter zu beeinträchtigen, schien mir
-unerlaubt.
-
-Mögest du mir verzeihen, mein armer, toter Freund, wenn diese
-Veröffentlichung deiner letzten, einsamen Gedanken und Leiden nicht deinem
-stumm gebliebenen, letzten Wunsche entspricht!
-
-
-
-
-Meine Kindheit.
-(Geschrieben 1896.)
-
-
-Zu allen Zeiten meines späteren Lebens ist meine Kindheit oft in vielfachen
-Bildern zu mir getreten, lockig, fremd und unerlöst wie ein blasses
-Märchenkind. Am meisten suchte mich diese Erinnerung in schlaflosen Nächten
-heim, mit einem Blumenduft oder einer Liedweise beginnend, bis zu Trauer,
-Ungemach und Todesbitterkeit, oder zu einer zärtlichen Sehnsucht nach
-Streichelhänden und einer milden Neigung zu Gebet und Tränen.
-
-Wenn jetzt noch die Kindheit zuweilen an mein Herz rührt, so ist es als ein
-goldgerahmtes, tieftöniges Bild, an welchem vornehmlich eine Fülle laubiger
-Kastanien und Erlen, ein unbeschreiblich köstliches Vormittagssonnenlicht
-und ein Hintergrund herrlicher Berge mir deutlich wird. Alle Stunden meines
-Lebens, in welchen ein kurzes, weltvergessenes Ruhen mir vergönnt war, alle
-einsamen Wanderungen, die ich über schöne Gebirge gemacht habe, alle
-Augenblicke, in welchen ein unvermutetes kleines Glück oder eine
-begierdelose Liebe mir das Gestern und Morgen entrückte, weiß ich nicht
-köstlicher zu benennen, als wenn ich sie mit diesem grünen Bilde meines
-frühesten Lebens vergleiche. So ist es mir auch mit allem, was ich als
-Erholung und höchsten Genuß mein Leben lang liebte und wünschte, alles
-Schreiten durch fremde Dörfer, alles Sternezählen, alles Liegen im grünen
-Schatten, alles Reden mit Bäumen, Wolken und Kindern.
-
- * * * * *
-
-Der früheste Tag meines Lebens, an den ich mich mit einiger Deutlichkeit
-erinnern kann, mag etwa in den letzten Teil meines dritten Jahres fallen.
-Meine Eltern hatten mich auf einen Berg mitgenommen, der durch eine
-weitläufige Ruine von beträchtlicher Höhe täglich viele Städter anlockte.
-Ein junger Onkel hob mich über die Brüstung einer hohen Mauer und ließ mich
-in die ansehnliche Tiefe hinuntersehen. Davon ergriff mich die Angst des
-Schwindels, ich war aufgeregt und zitterte am ganzen Leibe, bis ich zu
-Hause wieder in meinem Bette lag. Von da an trat in schweren Angstträumen,
-denen ich damals oft zur Beute fiel, häufig diese Tiefe herzbeklemmend vor
-meine Seele, daß ich im Traum stöhnte und weinend erwachte. Was für ein
-reiches und geheimnisvolles Leben muß vor jenem Tage liegen, von dem mir
-keine einzige Stunde bewußt ist! So sehr ich mich plagte, vermochte mein
-Gedächtnis niemals weiter als bis zu jenem Tage vorzudringen. Wenn ich mich
-aber streng auf meine früheste Zeit und ihre Stimmungen besinne, habe ich
-den Eindruck, es müsse nächst dem Sinn für Wohlwollen kein Gefühl so früh
-und stark in mir wach gewesen sein, wie das der Schamhaftigkeit. Ich fand
-bei Kindern von fünf und mehr Jahren manchmal Äußerungen der Schamfreiheit,
-von denen ich weiß, daß ich ihrer in meinem dritten oder vierten Jahre
-unfähig gewesen wäre.
-
-Eine genauere Erinnerung an Erlebnisse und an fortdauernde Zustände kann
-ich nicht weiter als bis in mein fünftes Jahr zurück verfolgen. Hier finde
-ich zuerst ein Bild meiner Umgebung, meiner Eltern und unseres Hauses,
-sowie der Stadt und der Landschaft, in welcher ich aufwuchs. In dieser Zeit
-hat sich die freie, sonnige Straße mit nur einer Häuserreihe vor der Stadt
-mir eingeprägt, in der wir wohnten, ferner die auffallenderen Gebäude der
-Stadt, das Rathaus, das Münster und die Rheinbrücken, und am meisten ein
-weites Wiesenland, hinter unserem Hause beginnend und für meine
-Kinderschritte ohne Grenzen. Alle tiefen Gemütserlebnisse, alle Menschen,
-selbst die Porträts meiner Eltern, scheinen mir nicht so früh deutlich
-geworden, wie diese Wiese mit unzähligen Einzelheiten. Meine Erinnerung an
-sie scheint mir älter zu sein als diejenige an Menschengesichter und
-erlittene eigene Schicksale. Mit meiner Schamhaftigkeit, welche schon früh
-von einem Widerwillen gegen eigenmächtige Berührung meines Leibes durch
-fremde Hände des Arztes oder der Dienstboten begleitet war, hängt
-vielleicht meine frühzeitige Lust am Alleinsein im Freien zusammen. Die
-vielen stundenlangen Spaziergänge jener Zeit hatten immer die
-unbetretensten grünen Wildnisse jener großen Wiese zum Ziel. Diese Zeiten
-der Einsamkeit im Grase sind es auch, die beim Erinnern mich besonders
-stark mit dem wehen Glücksgefühl erfüllen, das unsere Gänge auf
-Kindheitswegen meist begleitet. Auch jetzt steigt mir der Grasduft jener
-Ebene in feinen Wolken zu Haupt, mit der sonderbaren Überzeugung, daß keine
-andere Zeit und keine andere Wiese solche wunderbaren Zittergräser und
-Schmetterlinge hervorbringen kann, so satte Wasserpflanzen, so goldene
-Butterblumen und so reichfarbene köstliche Lichtnelken, Schlüsselblumen,
-Glockenblumen und Skabiosen. Ich fand nie wieder so herrlich schlanken
-Wegerich, so gelbbrennenden Mauerpfeffer, so verlockend schillernde
-Eidechsen und Schmetterlinge, und mein Verstand beharrt nur müde und mit
-geringem Eifer auf der Erkenntnis, daß nicht die Blumen und Eidechsen sich
-seither so zum Üblen verwandelt haben, sondern nur mein Gemüt und mein
-Auge.
-
-Beim Darandenken ist mir zu Mut, als wäre alles Kostbare, was ich später
-mit Augen sah und mit Händen besaß, und selber meine Kunst, gering gegen
-die Herrlichkeiten jener Wiese. Da waren helle Morgen, an denen ich ins
-Gras gestreckt, den Kopf auf den Händen, über das von Sonne flimmernde,
-gekräuselte Meer der Gräser hinwegschaute, in welchem rote Inseln von Mohn,
-blaue von Glockenblumen und lilafarbene von Schaumkraut lagen. Darüber
-flatterten und reizten mich die blitzgelben Zitronenfalter, die zarten
-Bläulinge, die in einem kostbaren, gleichsam antiquarisch seltenen Schimmer
-aufleuchtenden Schiller- und Distelfalter, die schweren Flügel der
-Trauermäntel, das Edelwild der Segler und Schwalbenschwänze, der
-schwarzrote Admiral, der seltene, mit Ehrfurcht genannte Apollo. Dieser,
-den ich aus Beschreibungen meiner Kameraden schon kannte, flog mich eines
-Tages an, setzte sich in meiner Nähe an die Erde und regte langsam die
-wunderbaren, alabasternen Flügel, daß ich ihre feine Zeichnung und Rundung
-sehen konnte, und die blanken Diamantlinien, und auf den Flügelpaaren beide
-hellblutrote Augen. Weniges aus dieser fernen Zeit hat sich so stark und
-frisch in meinem Gedächtnis erhalten, wie die atemlose, herzklopfende
-Wonne, welche mich bei diesem Anblick durchdrang. Aber nach der
-unberechenbaren und grausamen Art der Kinder beschlich ich bald das edle
-Tier und warf meinen Hut nach ihm. Er schaute um sich, stieg mit elegantem
-Schwunge auf und war allsogleich in der flirrend goldigen Sonnenluft
-verschwunden. Irgend eine Art von wissenschaftlichem Interesse war in
-meinen Jagden und Sammlungen niemals. Die Raupen und die Namen der
-Schmetterlinge, dortlands Sommervöglein, »Summervögli« genannt, waren mir
-nicht wichtig, und für viele erfand ich eigene Namen. Eine Art von
-rötlichen Fliegen nannte ich »Zitterlinge«, eine Gattung brauner
-»Schnabler«, und für den gesamten Pöbel der Weißlinge, Waldteufel und
-anderer wenig schöner und rarer Schmetterlinge hatte ich den verächtlichen
-Sammelnamen Tolpatsch. Für die gesammelte tote Beute hatte ich wenig
-Sorgfalt und habe es nie zu einer sauberen Sammlung gebracht.
-
-Von musikalischen Eindrücken vermag ich in diesen Wiesensommern nichts zu
-finden, es sei denn meine außerordentliche Empfindlichkeit und Furcht vor
-den Pfiffen der fern vorüberfahrenden Eisenbahn.
-
-Dennoch muß schon damals die Musik mir nahe getreten sein, denn auch die
-frühesten, undeutlichsten Dämmerbilder des Münsters, welche in mir sich
-unscharf spiegelten, scheinen mir unzertrennlich vom Schall der Orgel.
-
-Dieses Münster und die Stadt überhaupt lernte ich später und langsamer
-kennen als die grüne Natur. Denn während ich mich in dieser halbe Tage lang
-nach Lust allein umtreiben konnte, war mir von den Eltern nicht erlaubt,
-allein in die Stadt zu gehen, wovon mich auch die Furcht vor dem
-ungewohnten Gedräng der Menschen und Wagen abschreckte.
-
-Obwohl die grünen Monate meiner Wiesenzeit mir wie ein schöner, gleichmäßig
-heller, ununterbrochener Traum im Bewußtsein liegen, steigen doch einzelne
-Tage von besonderem Glanz mit weichen Umrissen daraus auf. Ich gäbe Schätze
-dafür, von solchen Tagen mich mehrerer erinnern zu können. So oft ich in
-Gedanken den Weg meines Lebens zurückgehe, so oft überfällt mich eine milde
-Trauer um die tausend vergessenen Tage. Es lebt niemand mehr, mir von mir
-selber zu erzählen, und der größere Teil meiner Kinderjahre liegt
-unerschlossen in unbegreiflicher, goldener Glückseligkeit wie ein Wunder
-vor meiner Sehnsucht. Es gehört zu den Unvollkommenheiten und Entbehrungen
-des menschlichen Lebens, daß unsere Kindheit uns fremd werden muß und in
-Vergessenheit fällt wie ein Schatz, der spielenden Händen entgleitet und
-über den Rand eines tiefen Brunnens fällt. Bis in die Knabenzeit kann ich
-den Faden meines Lebens zurückfinden, weiter zurück aber ragen zerstreut in
-Duft und Dämmerung nur wenige klare Tage, ihn daran zu knüpfen. Von dem
-Gedächtnis dieser Tage aus blicke ich oft wie von einem Turm rückwärts in
-meine ersten Jahre und kann nichts als ein bewegtes Meer von Rätseln und
-Anfängen sehen, ohne Formen, aber mit einem heiligen Ferneduft, einem
-Schleier, der über Wunder und Kostbarkeiten gelegt ist.
-
-Unter jenen vereinzelten Silberblicken ist mir ein Spaziergang besonders
-teuer, da er das früheste Bild meines Vaters enthält. Der saß mit mir auf
-der von der Sonne durchwärmten Mauerbrüstung des Bergkirchleins Sankt
-Margarethen, zum erstenmal mir von der Höhe aus die dortige Rheinebene
-zeigend. Der erste Eindruck dieser anmutig hellgrünen Landschaft vermischt
-sich in meiner Erinnerung mit dem klaren Bilde, das ich später durch den
-häufig wiederholten Anblick gewann. Aber dies älteste Bild von meinem Vater
-unterscheidet sich von allen späteren. Sein schwarzer Bart berührte meine
-blonde Stirn und sein großes, helles Auge ruhte freundlich auf mir. Ich
-glaube wieder sein Gesicht so von der Seite her zu sehen, wenn ich an jene
-Rast auf der Mauer denke, mit dem schwarzen Bart und Haar, mit der starken,
-edlen Nase und dem festen, roten Mund, mit den dunklen Locken im Nacken,
-dabei das große Auge nach mir gesenkt, der ganze Kopf fest und würdig auf
-dem blauen Hintergrunde des Sommerhimmels ruhend.
-
-Demselben Sommer mag ein anderes Bild angehören, das ohne Zusammenhang,
-aber erstaunlich klar und treu mir eingeprägt ist. Ich sehe die ganze hohe,
-magere Gestalt meines Vaters aufrecht mit zurückgelegtem Haupt einer
-untergehenden Sonne entgegengehen, den Filzhut in der Linken tragend. An
-ihn ist meine Mutter sanft im langsamen Gehen gelehnt, kleiner und
-kräftiger, mit einem weißen Tuch auf den Schultern. Zwischen den kaum noch
-getrennten, dunklen Häuptern glüht die blutrote Sonne. Die Umrisse der
-Gestalten sind fest und goldleuchtend gezogen; zu beiden Seiten steht ein
-reiches, reifes Kornfeld. An welchem Tag ich so hinter meinen Eltern
-herwandelte, weiß ich nicht, der Anblick aber ist mir frisch und
-unverlöschlich geblieben. Ich weiß kein lebendiges oder gemaltes Bild, das
-mir in Linien und Farben prächtiger erscheint und das mir teurer ist, als
-diese edlen Gestalten auf dem Fußpfad zwischen den Ähren, der roten Glut
-entgegen wandelnd, schweigsam, vom jenseitigen Glanz übergossen. In
-ungezählten Träumen und wachen Nächten hing mein Auge an diesem liebsten
-Kleinod meiner Erinnerung, dem Vermächtnis einer meiner goldensten Stunden.
-So ist mir nie wieder eine Sonne untergegangen hinter Ährenmeeren, so rot,
-prächtig, friedsam, so voll Glut und Genüge. Und käme sie mir wieder, es
-wäre doch nur ein Abend wie viele sind, und ich würde die vermissen, in
-deren Schatten ich damals ging, müßte mich abwenden und trauern.
-
-Die Erinnerung an Vater und Mutter beginnt von hier an klar zu werden.
-Neben meiner Wieseneinsamkeit ging unabhängig ein freundliches, häusliches
-Leben her. Von diesem ist mein Bewußtsein, der vielerlei Menschen und
-Anregungen wegen, nicht so einheitlich und deutlich, wie von dem Leben im
-Grase. Wie früh die Neigung meines Vaters zum Genuß der bildenden und der
-Dichtkunst, und die meiner Mutter zur Musik auf mich einwirkten, ist mir
-unmöglich zu erkennen, denn einzelne Eindrücke dieser Art sind mir erst aus
-etwas späterer Zeit erinnerlich und müssen notwendig schon viel früher
-dagewesen sein.
-
-Ich wage nicht, von meinen Kinderspielen viel zu reden. Es gibt nichts
-Wunderbareres und Unbegreiflicheres und nichts, was uns fremder wird und
-gründlicher verloren geht, als die Seele des spielenden Kindes. Bei dem
-leidlichen Wohlstand und der überaus freigebigen Güte meiner Eltern fehlte
-es mir an reichlichem Spielzeuge nicht. Ich besaß Soldaten, Bilderbücher,
-Legsteine, Schaukelpferd, Pfeife, Peitsche und Wagen, später auch
-Kaufladen, Wage, Spielgeld und Vorräte, und zum Theaterspielen standen die
-Kasten der Mutter zur Verfügung. Dennoch hängte sich meine Phantasie gerne
-an weniger kommode Gegenstände und schuf Pferde aus Schemeln, Häuser aus
-Tischen, Vögel aus Tuchlappen und ungeheuerliche Höhlen aus Wand,
-Ofenschirm und Bettdecke.
-
-Daneben war in den Erzählungen meiner Mutter ein Überfluß von Welten und
-Brücken für meine Träumerei. Ich habe Leser und Erzähler und Plauderer von
-Weltruhm gehört und fand sie steif und geschmacklos, sobald ich sie mit den
-Erzählungen meiner Mutter verglich. O ihr wunderbar lichten, goldgründigen
-Jesusgeschichten, du Betlehem, du Knabe im Tempel, du Gang nach Emmaus! Die
-ganze überschwänglich reiche Welt des Kindeslebens hat kein süßeres und
-heiligeres Bild als das der erzählenden Mutter, an deren Knie sich ein
-Blondkopf mit tiefen Staunaugen schmiegt. Woher haben die Mütter diese
-gewaltige und heitere Kunst, diese Bildnerseele, diesen unermüdlichen
-Zauberborn der Lippen? Ich sehe dich noch, meine Mutter, mit dem schönen
-Haupt zu mir geneigt, schlank, schmiegsam und geduldig, mit den
-unvergleichlichen Braunaugen!
-
-Nächst dem unerreichbaren Klang und Sinn der Bibelgeschichten sog ich tief
-aus dem Quell der Märchen. Rotkäppchen, der treue Johannes und
-Schneewittchen bei den sieben Zwergen über den sieben Bergen nahmen mich in
-ihren geschwätzigen Kreis. Mein begieriger Sinn erschuf bald aus freier
-Kraft Gebirge mit mondglänzenden Elfentanzwiesen, Paläste mit seidenen
-Königinnen, fabelhaft tiefe und greuliche Berghöhlen, von Geistern,
-Eremiten, Köhlern und Räubern abwechselnd unheimlich bevölkert. Ein
-schmaler Raum im Schlafzimmer, zwischen zwei Bettstellen, war vorzüglich
-der ständige Wohnort schlitzäugiger Kobolde, rußiger Bergmänner, geköpfter
-Umgänger, traumwandelnder Totschläger und grünschielender Raubtiere, so daß
-ich eine Zeitlang nur in Begleitung Erwachsener und noch lange später nur
-mit äußerster Aufbietung alles Knabenstolzes daran vorübergehen konnte.
-Einmal befahl mir mein Vater, von dort seine Pantoffeln zu holen. Ich ging
-in das Schlafzimmer, wagte mich aber nicht an den Ort des Entsetzens und
-kehrte kleinlaut zurück, vorgebend, ich hätte die Schuhe nicht gefunden.
-Mein Vater, der etwas Phantastisches ahnte und ein strenger Feind auch der
-Notlüge war, schickte mich nochmals hin. Ich betrat wieder das
-Schlafzimmer, aber meine Angst war nur größer geworden, so daß ich
-unverrichteter Dinge wiederkehrte, mit derselben Entschuldigung. Der Vater,
-der mich durch den Türspalt beobachtet hatte, sagte sehr ernst: »Du lügst.
-Sie müssen dort stehen.« Gleichzeitig ging er selber sie zu holen. Meine
-Beklemmung aber war so gesteigert, daß ich selbst den allmächtigen Vater
-vor meinen Unholden nicht sicher glaubte und mich heulend an ihn hängte,
-wobei ich ihn unter heißen Tränen beschwor, sich dem Winkel nicht zu
-nähern. Er ging aber doch, zwang mich mit, bückte sich und kehrte
-wohlbehalten aus der greulichen Höhle zurück, was ich lange Zeit, unter
-Dankgebeten, allein seinem unerhörten Mut und einem ganz besonderen Schutz
-des lieben Gottes zuschrieb.
-
-Ein anderes Mal wuchs mein Angstgefühl vollends ins Krankhafte. Die
-Begebenheit hat sich mir scharf und genau mit allen peinlichen Zügen
-eingegraben und hängt wie ein Medusenhaupt schauerlich schön, aber
-vorwiegend schauerlich, über jener ganzen Zeit der Kinderromantik.
-
-Bei Dunkelwerden kehrten wir, schon ein wenig gruselig gestimmt, einst aus
-der Stadt zurück, zwei etwa vierzehnjährige Töchter eines Nachbars, ihr
-Brüderlein und ich. Die hohen Häuser und Türme legten zackige Schatten auf
-die Straße, Laternen wurden schon angezündet. Dazu kam im Vorübergehen ein
-Blick in eine Schmiede, wo rußige, halbnackte Männer an der aus dem Dunkeln
-aufsprühenden Esse mit großen Zangen wie Folterknechte standen, und das mir
-vorher unbekannte trunkene Gejohle einiger Wirtshausbrüder, das mir
-raubtierartig und verbrecherisch vorkam. Nun, schon fast im Finstern,
-erzählte eines der Mädchen, selber gruselnd, mir die Geschichte von der
-Glocke Barbara. Diese hing in der Kirche Barbara und war aus Zauberei und
-Verbrechen hervorgegangen. Sie rief immerfort den Namen einer ruchlos
-erschlagenen Barbara mit blutiger Stimme aus und wurde deshalb von den
-Mördern gestohlen und vergraben. Da, als es Zeit zum Nachtläuten wird,
-beginnt die Glocke aus der Erde laut und jämmerlich zu tönen:
-
- Barbara bin ich genannt,
- In der Barbara bin ich gehangt,
- Barbara ist mein Vaterland.
-
-Diese halbgeflüsterte Geschichte regte mich schrecklich auf. Mein Grausen
-wurde dadurch gesteigert, daß ich es in mir zu verbergen bemüht war, denn
-der kleine Mitgänger hatte nichts verstanden und steuerte sorglos in den
-Abend hinein, und vor den ältern Begleiterinnen, obwohl sie selber Angst
-hatten und nur flüsternd noch redeten, schämte ich mich. So stieg mein
-Schaudergefühl mit jedem Wort der Erzählung, bis mir die Zähne klapperten.
-Als aber nach eben beendeter Geschichte auf Sankt Peter die Abendglocke
-zitternd anschlug, ließ ich in rasender Angst die Hand des kleinen Jungen
-fahren und rannte, von der ganzen Hölle gehetzt, in die Nacht hinein,
-stolperte, stürzte, und wurde keuchend und zitternd heimgebracht. Die ganze
-Nacht zitterte ich in schmerzhaften Angstschauern und eine Zeitlang ging
-mir, so oft ich das Wort Barbara hörte, etwas Eiskaltes durch das innerste
-Mark. Von da an glaubte ich noch lebhafter an Kobolde, Vampyre und böse
-Geister, denn sie waren mir mit allen unerhörten Schrecken selber im Nacken
-gesessen.
-
-Etwa um diese Zeit machte mein eben erwachender Verstand seine ersten
-Ansprüche und quälte mich so sehr, daß ich häufig tobende Anfälle von
-machtloser Wut und Ungeduld gezeigt habe. Hier ist auch ein Stück Kindheit,
-das, wie mir scheint, den meisten Menschen allzu gründlich verloren geht,
-der Drang nach Wahrheit, das Verlangen nach Übersicht der Dinge und ihrer
-Ursachen, die Sehnsucht nach Harmonie und sicherem geistigem Besitz. Ich
-litt unter zahllosen Fragen ohne Antwort, und fand allmählich heraus, daß
-den befragten Erwachsenen meine Fragen oft unwichtig und meine Nöte
-unverständlich waren. Eine Antwort, die ich als Ausflucht oder gar als
-Spott erkannte, schüchterte gar oft meine Seele wieder in ihr allmählich
-wankendes Gebäu von Mythen zurück.
-
-Wie viel ernster, reiner und ehrfürchtiger würde das Leben vieler Menschen
-werden, wenn sie etwas von diesem Suchen und Nach-Namen-Fragen auch über
-die Jugend hinaus in sich bewahrten! Was ist der Regenbogen? Warum winselt
-der Wind? Woher kommt das Verwelken der Wiesen, woher das Wiederblühen,
-woher Regen und Schnee? Warum sind wir reich und der Nachbar Spengler arm?
-Wohin geht am Abend die Sonne?
-
-Auf diese Fragen ging mein Vater, wenn die Weisheit oder Geduld der Mutter
-zu Ende war, oft mit unvergleichlicher Liebe und Feinheit ein. Als die
-ständige Begründung »das hat der liebe Gott eben so gemacht« nicht mehr
-zureichte, erklärte er mir in großen Künstlerzügen die sichtbare Welt, die
-Oberfläche der Erde mit Kraut und Getier, die Wiederkehr der Gestirne.
-Zugleich ließ er neben meinem Märchenwald die Edelgestalten der alten
-Geschichte aufsteigen, und griechische Städte, und das alte Rom. Kinder
-sind weitherzig und vermögen durch den Zauber der Phantasie Dinge in ihrer
-Seele nebeneinander zu beherbergen, deren Widerstreit in älteren Köpfen zum
-heftigsten Krieg und Entweder-Oder wird. Dennoch, da ich selber gerne
-erfand, und mit der kindlichen Schöpferkraft spielte, entstanden vielerlei
-Zweifel. Davon war der lebhafteste gegen die Wahrhaftigkeit eines orbis
-pictus gerichtet, eines Lieblingsbilderbuches, das mich von der ersten
-Schaulust bis weit in das reifende Knabenalter begleitete und so in meiner
-Geschichte die umgekehrte Rolle des Robinson und Gulliver in der wirklichen
-spielte. Ich zweifelte eine Zeitlang sehr stark daran, daß diese Bilder
-Originale in der wirklichen Welt besäßen und nicht lediglich ergötzliche
-Phantasien eines Malers seien. Beim Betrachten der Abbildungen von Rittern
-oder Bauten oder andern historischen Gegenständen erinnerte ich mich mit
-behaglicher Schlauheit, daß ich auch Achillesse und große Kirchen und
-ähnliches gezeichnet oder gebaut und meinen Kameraden als die wahren Dinge
-oder als treue Abbilder ausgegeben hatte. Als mein Vater dahinterkam,
-schlug er auf einer der letzten Seiten des Buches das mir bisher entgangene
-Bild einer Kirche unsrer Stadt auf, welche ich sofort mit großer
-Betroffenheit wiedererkannte. Von da an waren mir auf eine gute Weile
-wenigstens alle Worte meines Vaters wieder unzweifelhaft und beweiskräftig.
-Ein Nachbarsjunge teilte mir eines Tages geheimnisvoll und wichtig mit, der
-»wilde Mann«, eine Hauptfigur in unsern Geschichten und ausgetauschten
-Phantasieerlebnissen, wohne nicht weit vom Tor am Petersgraben in einem
-Kornspeicher, sein Vater hätte es ihm gesagt. Der Trumpf war vergebens
-ausgespielt, denn mein Vater hatte mir bereits eine bessere, wenn schon
-nicht so deutliche Erklärung gegeben. Ich blieb daher nicht nur skeptisch
-und ungerührt, sondern antwortete dem Freunde hohnlächelnd und mit großer
-Genugtuung, er möge nur wieder zu seinem Vater gehen und ihm sagen, er wäre
-ein Kamel. Diese Antwort trug mir erst von dem Beleidigten und dann von
-meinem Vater Prügel ein.
-
-Solchen Züchtigungen von der Hand des geliebten Vaters pflegte ich zwar
-meistens Trotz und Schweigen entgegenzusetzen, aber mein kleines Herz
-empfand sie unsäglich bitter, weh und beugend. Sie sind die frühesten
-Leiden, auf die ich mich besinnen kann und in der Vorstellung, die ich von
-meinen Kinderjahren habe, die einzigen Trübungen, die noch vor der
-Schulzeit eintraten. Auch war es mit dem Schlagen und Trotzbieten
-keineswegs getan, sondern der bittere Kern der Strafe war die Nötigung,
-mich zu demütigen und um Verzeihung zu bitten, ehe ich das Auge der Eltern
-wieder freundlich und ihr Ohr mir offen fand. Freilich wurde dadurch und
-durch die jedesmalige freundlich ernste Versöhnung der Züchtigung der
-Stachel abgebrochen, aber bis ich müd und verständig genug zum »Verzeih«
-sagen war, kostete es immer wieder einen bitteren, tränenreichen Kampf. Der
-erste Abend, an dem ich ohne Kuß und ohne Begleitung der Mutter stumm und
-scheu zu Bette ging, ist mir noch wohl erinnerlich. Vielleicht hat, so oft
-auch später mir das Wasser an die Kehle ging, doch das Gefühl namenlosen
-Schmerzes und Zwiespaltes niemals mehr so unsäglich auf mir gelastet, wie
-an jenem traurigen Abend. Es war auch der erste Abend, an welchem ich nicht
-zu beten vermochte. Der Wortlaut meines Betverses stockte mir auf der
-Zunge, zeigte mir zum erstenmal seinen schweren Ernst und würgte mich wie
-einen Erstickenden. So diente diese dunkelste Stunde dazu, mir auf einmal
-das Beten ohne Gedanken unmöglich zu machen.
-
-Indessen wuchs mein Verstand und begann, auf die ersten Belehrungen und
-Erfahrungen bauend, sich allmählich einer stiller werdenden eigenen
-Tätigkeit zu erfreuen. Meine Spiele nahmen, ohne Vorbilder zu haben, die
-verwickelteren, intelligenteren Formen der eigentlichen Knabenspiele an.
-Das A-B-C gab mir einen angenehm herben Vorschmack der Schule. Ich besaß
-schon Erinnerungen und gewöhnte mich, nachdem ein bestimmter Tag für meinen
-Schulbeginn mir angesagt war, an morgen und übermorgen zu denken.
-
- * * * * *
-
-Dieses wenige ist der ganze Schatz von Erinnerungen an die ersten Jahre,
-den ich noch besitze. Oder nicht der ganze, denn ich vermochte das Beste
-nicht auszusprechen, die Empfindungen durchträumter Frühlinge und
-beglückender Liebhabereien, das milde Nachgefühl kindlicher Freuden und
-Wehen, herzlicher genossen und tiefer erlitten als viele größere Freuden
-und Wehen der späteren Zeiten. Ich vermochte nicht die feinen Erinnerungen
-niederzuschreiben, deren ich einen holden Strauß besitze, an Waldbesuche,
-an Nachbarfreundschaften, an belauschte Katzenjunge und gestreichelte
-Lämmer.
-
-Komisch wehmütig berührt mich die letzte Zeit vor dem Besuch der Schule,
-das Erwachen des Knabenstolzes, das Unsichere des Übergangs vom Träumen zum
-Denken, und das langsame Verblassen der farbigen Phantasie und des ganzen
-unbeschreiblichen Goldgrundes, auf welchen alle diese frühesten Bilder
-gemalt sind. Mein Gedächtnis schließt mein letztes freies Kinderjahr mit
-einem merkwürdigen Abend ab. Es war kurz vor meinem Eintritt in die Schule,
-und der Geburtstag einer kleinen Schwester, der 27. November. Dieser
-Schwester war für den Augenblick alle Sorgfalt und Liebe des Hauses
-zugewendet, und ich saß beklommen und allein an einem dunkelnden Fenster.
-Draußen war Spätherbst und eine frühe, sternhelle Nacht. Neben dem Gedanken
-an den erwarteten ersten Eintritt ins wirkliche Leben war eine
-Abschiedsstimmung in mir lebendig, und ein halbbewußtes Rückverlangen nach
-der Ungebundenheit und Traumtiefe der bisherigen Tage. Da wars, daß ich
-eine Bewegung unter den Sternen zu sehen glaubte. Ich blickte nun starr und
-unverwandt an den Himmel, und siehe, ein Stern begann seltsam zu flirren
-und schoß plötzlich in die Finsternis, ohne Spur verglimmend. Und da wieder
-einer, und dort zwei zugleich, und am Ende eine ganze bewegte Menge. Der
-Vater kam herein, und die Dienstboten, und so standen wir eine gute Weile
-still im Dunkeln, das seltene Schauspiel unzähliger Sternschnuppen
-betrachtend und von der merkwürdigen Stunde berührt, jeder, wie ich glaube,
-mit dem Gedanken, daß dieser Blick aus dem dunklen Zimmer auf die
-gleitenden Sterne ihm unvergeßlich bleiben würde.
-
- * * * * *
-
-Mit dem Besuch der Schule begann nun mein menschlich gesellschaftliches
-Leben. Hier wird das Dasein zuerst zum Bild der Welt im kleinen, hier
-treten die Gesetze und Maßstäbe des »wirklichen« Lebens in Kraft, hier
-beginnt Streben und Verzweifeln, Konflikt und Bewußtsein der Person,
-Ungenügen und Zwiespalt, Kampf und Rücksichtnahme, und der ganze endlose
-Kreislauf der Tage. Zuerst die Teilung der Zeit in Alltag und Feiertag! Man
-muß nach Stunden leben und arbeiten, jeder Tag erhält sein Gewicht und
-seine feste Geltung und löst sich aus der Zeit als ein besonderes Stück
-heraus. Die Unergründlichkeit der Monate und Jahreszeiten, das Leben aus
-dem Vollen hat ein Ende; Feste, Sonntage, Geburtstage treten nicht mehr als
-Überraschungen vor uns hin, sondern ihre Zeit und Wiederkehr ist gleich den
-Stundenzahlen auf der Uhr fest angeschrieben und wir wissen, wie lange der
-Zeiger braucht, bis er sie erreicht.
-
-Der Wunsch meines Vaters, mich selber zu unterrichten, hielt dem
-allgemeinen Brauch und dem Rat aller Freunde und Verwandten nicht stand.
-Ich wurde einer öffentlichen Schule übergeben, hatte mehrere Lehrer, die
-jährlich wechselten, und litt unter allen Übelständen dieser Anstalten.
-Schule und Haus waren zwei streng getrennte Dinge, mein Gehorsam hatte zwei
-Oberhäupter, von denen das eine mit meiner Liebe, das andere mit meiner
-Furcht rechnen mußte. Das erste Übel lag darin, daß ich, von einem strengen
-Lehrer an häufige Schläge und Arrest gewöhnt, die väterlichen Strafen bald
-nicht mehr in der früheren Weise achtete, so daß häusliche Züchtigungen
-ihren Wert verloren und meinem Vater dieser einfachste Austrag moralischer
-Unebenheiten allmählich unmöglich gemacht wurde. Daraus folgte für ihn
-unendlich viel Sorge und Mühe und für mich viel Elend, da nun alle
-Besserungen und Verzeihungen erschwert waren und lange Zeit erforderten. In
-solchen kritischen Zeiten war ich manchesmal verzweifelt, krank vor Sorge
-und Wut, und plagte mich mit Elend, Scham, Ärger und Stolz. In der Schule
-übel behandelt, zu Hause von irgend einer begangenen Übeltat schweigend
-bedrückt, warf ich mich oft in der großen Wiese zu Boden und rang
-schluchzend gegen eine unbekannte, grausame Übermacht. Diese Stunden am
-Mittagstisch, wenn kein Gespräch möglich war, wenn ich mit Angst an die
-nächste böse Schulstunde dachte, während eine zurückgedrängte väterliche
-Strafrede den Eltern, den jüngeren Geschwistern und sogar den Dienstboten
-in allen Mienen zu lesen war, diese schweigsamen, trotzigen Spaziergänge
-mit meinem Vater, auf denen ich die Bitte um Verzeihung oder sonst eine
-Aussprache, welche er erwartete, aus Trotz und Scham in mir niederhielt,
-liegen mir noch mit aller Schwere hart und widerlich im Gedächtnis.
-
-Da meine Unruhe und eingedämmte Leidenschaftlichkeit und Lebensfülle Raum
-forderte, warf ich mich auf die mir bisher fremden Knabenspiele mit aller
-Wildheit meiner jungen Sinne. Ich sprang bald allen Kameraden voran, als
-Turner, als Feldherr, als Räuberhauptmann oder Indianerhäuptling, am
-hitzigsten, wenn zu Hause schlechtes Wetter war. Meine Eltern und am
-meisten die bekümmerte Mutter sahen mich mit Trauer in den Ruf eines
-Wildfangs und Anstifters geraten, während ich unter ihren Augen meistens
-stumm und bedrückt umherschlich.
-
-In meinem dritten Schuljahre hatte ich eines Tages einem armen Handwerker
-in unserer Straße mit meiner Schleuder ein Fenster eingeworfen. Der Mann
-lief zu meinem Vater, erzählte ihm meine, wie er glaubte, absichtlich
-begangene Tat und fügte noch hinzu, daß ich auch außerdem ein Tunichtgut
-und Straßentyrann wäre. Als am Abend mein Vater mir dies alles wieder
-berichtete und auf ein Geständnis drang, war ich über den Ankläger so
-empört, daß ich auch den unbestreitbar geschehenen Fensterschuß hartnäckig
-leugnete. Ich wurde ungewöhnlich hart gezüchtigt und glaubte nun vollends
-meinen Trotz nicht brechen lassen zu dürfen. So verhielt ich mich einige
-Tage scheu und feindselig, während mein Vater schwieg und ein Schatten auf
-dem ganzen Hause lag. In diesen Tagen war ich unglücklicher als jemals
-vorher. Nun mußte mein Vater für eine Woche verreisen. Als ich an jenem Tag
-aus der Schule kam, war er schon abgereist und hatte ein Brieflein für mich
-dagelassen. Nach Tisch begab ich mich in die oberste Bodenkammer und
-öffnete den Brief. Ein schönes Bild fiel heraus, und ein Zettel von der
-Hand des Vaters:
-
-»Ich habe dich für ein Vergehen gestraft, das du nicht gestanden hast. Hast
-du die Sache dennoch begangen und mich also angelogen, wie soll ich dann
-noch mit dir reden? Ists anders, dann habe ich dich mit Unrecht geschlagen.
-In einer Woche, wenn ich wiederkomme, sollte doch einer von uns dem andern
-verzeihen können.
-
-Dein Vater.«
-
-Den ganzen Tag lief ich beklommen und erregt mit dem Zettel in Haus und
-Garten herum. Dieses Wort von Mann zu Mann erfüllte mich mit Stolz und Reue
-und traf mich im Herzen, wie kein anderes Wort es hätte können. Am nächsten
-Morgen kam ich mit dem Blatt ans Bett meiner Mutter, weinte und fand keine
-Worte. Darauf ging ich im Hause umher wie nach einer langen Abwesenheit,
-alles war so alt und neu, war mir wiedergeschenkt und von einem Bann
-erlöst. Abends saß ich seit langer Zeit zum erstenmal meiner Mutter zu
-Füßen und hörte sie erzählen wie in den Kleinkinderjahren. Es kam so süß
-und mütterlich von ihrem Munde, aber was sie erzählte, war kein Märchen.
-Sie sagte mir von Zeiten, da ich ihr fremd geworden sei, und wie da ihre
-Angst und Liebe mich begleitete; sie beschämte und beglückte mich mit jedem
-Wort, und dann redeten wir beide mit Namen der Liebe und Ehrfurcht von
-meinem Vater und freuten uns mit Sehnsucht auf seine Heimkehr.
-
-Der Tag seiner Zurückkunft war zugleich der letzte Tag vor meinen
-Sommerferien und vollendete so mein Glück. Nach einer kurzen Unterredung
-kam der Vater mit mir aus seinem Studierzimmer hervor und führte mich der
-Mutter zu, indem er sagte:
-
-»Hier hast du unseren Buben wieder, Mama. Er gehört seit heute wieder mir.«
-
-»Mir schon seit einer Woche!« rief sie lächelnd dagegen, und wir saßen
-fröhlich zu Tische.
-
-Die mit diesem Tag beginnende Ferienzeit liegt in meinen Schuljahren wie
-ein umzäunter, grüner Garten. Tage voll Sonne, Abende mit Spiel und
-Geplauder, Nächte festen Schlafs mit gutem Gewissen! Jeden Abend wanderte
-mein Vater Hand in Hand mit mir in einen Steinbruch, der eine halbe Stunde
-weit vor der Stadt lag. Dort bauten wir Häuser und Höhlen, schleuderten
-Steine nach dem Ziel und hämmerten nach Versteinerungen. Auf dem Rückweg
-tranken wir Milch und aßen Brot in einem Meierhof und verzichteten darauf
-stolz auf das mütterliche Abendessen, die Mutter mit allerlei Geheimnissen
-neckend und uns jedes Meisterwurfes und jedes gefundenen Rötels oder
-Glitzersteines rühmend. Mein Vater erwies sich als Pfadfinder, Jäger,
-Scheibenschütz und Erfinder. Halbe Tage wanderten und ruhten wir in Wiesen
-und an Waldabhängen, ganz mit uns allein, einen Brotlaib in der Tasche,
-Wege entdeckend und Pflanzen sammelnd, und ich spürte etwas davon, daß mein
-Vater seine eigene Jugend wieder aufsuchte und sich seiner erfrischten
-Brust und seiner geröteten Wangen erfreute, denn er war von zarter
-Gesundheit und wurde viel von Kopfschmerzen und anderen Leiden heimgesucht.
-Nun wanderten wir wie zwei Knaben miteinander, schnitten Lanzen, ließen
-Drachen steigen, gruben im Garten und zimmerten im Hofraum allerlei Gerät
-und Kasten zusammen.
-
-In dieser Zeit etwa begann mein Ohr zu erwachen und meine Phantasie sich
-mit Melodien zu beschäftigen. Ich liebte es, in Freistunden zum Münster zu
-gehen und mich durch das Tor zu schleichen, um das Spiel des Organisten zu
-hören, der stundenlang dort sich seiner Kunst erfreute. Ich summte und sang
-auf dem Schulweg, im Garten, sogar im Bette, und prägte mir viele Choräle
-und Liedermelodien frühe ein.
-
-Und mit neun Jahren, an meinem Geburtstage, schenkten mir die Eltern eine
-Geige. Von diesem Tage an ist das hellbraune Geiglein auf allen Fahrten mit
-mir gegangen, viele Jahre lang, und von diesem Tage an hatte ich ein
-Abseits, eine innere Heimat, eine Zuflucht, wo seither unzählige
-Erregungen, Freuden und Kümmernisse sich versammelten.
-
-Der Lehrer war mit mir zufrieden. Mein Gehör und Gedächtnis war scharf und
-peinlich treu, und allmählich zeigte sich im Lauf der Lehrjahre das, was
-den Geiger macht, der feste, fähige Arm, das freie Gelenk, die
-ausdauernden, kräftigen Finger.
-
-Fürs erste erwies sich leider die Musik als ein unerwartetes Übel, denn sie
-nahm mich fast völlig gefangen und verleidete mir den Schülerfleiß. Dagegen
-lenkte sie meinen Ehrgeiz und meine Knabenwildheit von den gröberen Spielen
-und Freveln ab, sie milderte meine Hitze und Leidenschaft, sie machte mich
-schweigsam und verträglich. Ich wurde keineswegs zum Geiger erzogen, mein
-Lehrer war sogar ein Dilettant, daher war der Unterricht mir ein Vergnügen
-und zielte weniger auf strenge Übung und Präzision, als auf ein baldiges
-Etwaskönnen. Der erste Choral, zum Geburtstag der Mutter gespielt, war ein
-festliches Ereignis. Und alsdann die erste Gavotte, die erste Haydnsonate!
-Ich war selber voll Freude und Eitelkeit, aber allmählich spürte meine
-Natur doch einen Mangel, so daß ich vor einem gewissen flotten Strich,
-einer Dilettantenverve gefährlicher Art, bewahrt blieb. Die Schule ging
-neben dem her und behielt für mich alle die Jahre bis zum vierzehnten
-hindurch die Schwüle einer Zwangsanstalt. Wie viel von meinen Leiden und
-meiner Verbitterung, neben meinen eigenen Fehlern, der ganzen Erziehungsart
-zur Last fällt, kann ich nicht urteilen; aber in den acht Jahren, welche
-ich in den niederen Schulen zubrachte, fand ich nur einen einzigen Lehrer,
-den ich liebte und dem ich dankbar sein kann. Wer die Kindesseele ein wenig
-kennt und selber einen Rest ihrer Zartheit sich bewahrt hat, der kennt das
-Leiden, dessen ein Schulknabe fähig ist, und zittert noch in Scham und
-Zorn, wenn er sich der Rohheiten mancher Schulmeister erinnert, der
-Quälereien, der berührten Wunden, der grausamen Strafen, der unzähligen
-Schamlosigkeiten. Wahrlich, ich meine nicht die fleißige Rute, deren jeder
-Knabe bedarf; ich meine aber die Frevel, die an dem Glauben und dem
-Rechtssinn des Kindes geschehen, die rohen Antworten auf schüchterne
-Kinderfragen, die Gleichgültigkeit gegen den Trieb der Kindheit nach einer
-Einigung ihrer stückweise erworbenen Kenntnis der Dinge, den Spott als
-Antwort auf kindergläubige Naivetäten. Ich weiß, daß ich nicht allein in
-solcher Weise gelitten habe, und daß mein Unwille darüber und meine Trauer
-um zerstörte und verkümmerte Teile meiner jungen Seele nicht die
-Verbitterung eines nervösen Einzelnen ist; denn ich habe von vielen diese
-Klagen gehört. Ich weiß wohl mit der eigentümlichen Art des Knabenalters zu
-rechnen, als einer heiklen, problematischen Zeit der Scheidungen,
-Beschneidungen und Häutungen, voll von schwer verständlichen Erregungen und
-Exzessen; aber ich kann mich der Trauer und der Anklage nicht enthalten.
-Die ganze Zeit meines späteren Lebens bin ich mit einer besonderen Vorliebe
-den kleinen Knaben zugetan gewesen und fand gar oft meine ehemaligen Ängste
-in errötenden Knabengesichtern wieder.
-
-Es widerstrebt mir, einige dieser Bitternisse aufzuzeichnen, meine
-Erinnerung irrt in dieser Zeit der verwelkenden Kindheit und erwachsenden
-Jünglingszeit befangen und bedrückt umher.
-
-Hell und verklärt von Verehrung und Liebe zeigen sich mir die
-Unterweisungen, die ich in Garten, Feld und Studierzimmer von meinem Vater
-genoß. Diese schlossen mir die verschwisterten Reiche der Geschichte und
-der Dichtung auf. Mit gekrönten Königen und geschlagenen Duldern, mit
-Heerzügen und prachtvollen Städten breitete sich die Geschichte der
-Griechen aus, und die der Römer mit ruhmbekränzten Siegern, unterjochten
-Erdteilen und fabelhaften Triumphzügen, neben welcher Pracht und Höhe lange
-Zeit die Jagden und blutigen Wanderungen der ältesten deutschen Zeit mir
-wenig Freude machten.
-
-Der freundschaftlich in Frage, Antwort und Erzählung erteilte väterliche
-Unterricht legte einen guten Grund in mir. Was in der Schulstube und im
-Mund der Lehrer mir langweilig und peinlich erschien, gewann hier
-anziehende Formen und schien mir alles ernstlichen Fleißes würdig.
-
-In meiner Klasse pflegte ich, obwohl ich nie ein Lehrerliebling war, meist
-mich auf den oberen Plätzen zu halten und besonders im lateinischen
-Unterricht mir gute Zeugnisse zu erwerben. Die lateinische Sprache lernte
-ich leicht und mit Eifer, sie blieb durch meine Schülerzeit und durch mein
-Leben mir befreundet und geläufig.
-
-So fand man mich zur Vorbereitung auf den Eintritt in eine schwäbische
-gelehrte Schule würdig. Das Examen wurde leidlich bestanden. Meine erste
-Schulzeit war zu Ende und ein sommerlicher Ferienmonat lag vor dem
-ehrgeizig erstrebten Eingang der gelehrten Klosterpforte.
-
-In diesen Ferien las mir mein Vater zum erstenmal Lieder Goethes vor. Ȇber
-allen Wipfeln« war sein Liebling.
-
-An einem silbernen Abend, im frühen Monde, stand er mit mir auf einem
-bewaldeten Berge. Wir atmeten vom Steigen aus und schwiegen nach einem
-ernsten, herzlichen Gespräch vor der Schönheit der mondhellen, stillen
-Landschaft.
-
-Mein Vater setzte sich auf einen Stein, blickte rundum, zog mich zu sich
-nieder, schlang den Arm um mich und sprach leise und feierlich jenes
-unergründliche, wunderbare Lied:
-
- Über allen Gipfeln
- Ist Ruh.
- In allen Wipfeln
- Spürest du
- Kaum einen Hauch,
- Die Vöglein schweigen im Walde,
- Warte nur, balde
- Ruhest du auch.
-
-Hundertmal habe ich seitdem diese Worte gehört und gelesen und gesprochen,
-in hundert Lagen und Stimmungen -- die Vöglein schweigen im Walde -- und
-jedesmal befiel mich eine milde, herzlösende Schwermut, und jedesmal senkte
-ich dabei das Haupt und hatte ein seltsam wehes Glücksgefühl, als kämen die
-Worte aus dem Munde meines an mich gelehnten Vaters, als fühlte ich seinen
-Arm um mich gelegt, und sähe seine große, klare Stirn, und hörte seine
-leise Stimme.
-
-
-
-
-Die Novembernacht.
-Eine Tübinger Erinnerung.
-(Geschrieben 1899.)
-
-
-Über Tübingen hing eine schwarze, verwölkte Novembernacht. Sturm und
-Sprühregen klirrte und zitterte durch die engen Gassen, aufflackernde rote
-Laternenlichter glänzten trüb auf dem nassen Pflaster wider. Trüb und
-schwarz mit zwei, drei kleinen roten Fensteraugen lag das alte Schloß wie
-ein halbschlafendes träges Untier auf seinem langen Hügel, Fetzen von
-Wolkenschleiern um die spitzen Dächer. In den großen, ernsten Alleen
-standen die alten Kastanien, Linden und Platanen kahl und hager im Sturm
-wie eine trübselig standhafte Armee von Greisen. Blätterwirbel trieben über
-die feuchten Wege, faul und grau lagen die großen Herbstwiesen, an den
-Rändern da und dort von einer windscheuen Laterne zackig und roh
-beleuchtet. Der langgezogene, müde Pfiff des letzten Reutlinger Zuges drang
-vom nahen Bahnhof durch die schwere Luft und paßte mit seinem heiseren,
-hinsterbenden Geräusch vortrefflich in die Tonart des ganzen Abends.
-
-In den Pausen des Sturmes ward das kühle Rauschen des Neckars laut. Die
-Ufer lagen tief in graue, traurige Ruhe gehüllt und von den vielen hellen
-liederlauten Sommerabendfesten war keine leise Spur mehr geblieben, so
-wenig dem breiten, traurigen Stiftsgebäude noch eine Spur von den
-zahlreichen, glänzenden Geistern anhing, die darin vor Zeiten
-schwärmerische, dämmernde Jugendsemester verlebten. Es seien denn einzelne
-nachklingende, elegische Laute aus der umflorten Harfe des armen Hölderlin.
-Statt dessen brannte dort die strenge, fleißige Gegenwart in zahlreichen
-Studierampeln über die ganze Breitseite des Stifts verteilt und glänzte
-mattrot durch die breiten, niederen Fenster. Dort lagen jetzt Kompendien,
-Wörterbücher und Texte ohne Zahl vor ernsthaften, jungen Augen
-aufgeschlagen, Ausgaben des Platon, Aristoteles, Kants, Fichtes, vielleicht
-auch Schopenhauers, Bibeln in hebräischer, griechischer, lateinischer und
-deutscher Sprache; vielleicht brütete hinter diesen Fenstern zur Stunde ein
-junges, philosophisches Genie über seinen ersten Spekulationen, während
-zugleich ein zukünftiger schwergeharnischter Apologet die ersten Steine
-seines Trutzgebäudes legte.
-
-Zwei junge Männer, die jetzt von der unteren Neckarbrücke her durch die
-Platanenallee gegangen kamen, blickten lachend hinüber und zeigten wenig
-Respekt vor der ernsten zukunftschwangeren Geistesburg. Sie wandelten, in
-grauen Lodenmänteln, des Regens ungeachtet, langsam durch die stürmende
-Herbstnacht. »Hast du noch was drin?« fragte der Kandidat Otto Aber seinen
-Begleiter, worauf dieser, der Dichter Hermann Lauscher, eine bauchige
-Benediktinerflasche aus der Manteltasche zwängte und dem Kandidaten
-reichte.
-
-»Der letzte Schluck!« rief dieser und schwenkte die Flasche gegen das
-jenseits des Flusses ragende Stift. »Prosit Stift!«
-
-Er leerte die Bouteille mit einem kurzen Schluck.
-
-»Was machen wir mit dem Scherben?« fragte Lauscher. »Wir könnten auf die
-Wache gehen und ihn der lieben Tübinger Stadtpolizei verehren.«
-
-»Was Stadtpolizei!« lachte Aber. »Da!« und er schleuderte die Flasche über
-den Neckar, daß sie an einem Pfeiler des Stiftsbaues zersplitterte. »Jetzt
-wohin?«
-
-»Ja wohin?« sagte Lauscher nachdenklich. »In der Steinlach krepiert man am
-Wein, in der Silberburg ist die Schorschel nimmer da, im Kaiser säuft der
-Roigel, in der Sonne ists zu voll, im Löwen --«
-
-»Halloh, in den Löwen!« rief Aber. »Mir fällt ein, daß der Säbelwetzer und
-der Elenderle heut abend dort sind und die Mensur vom Donnerstag
-verschwellen. Komm! Übrigens ists ein Sauwetter.«
-
-Der Kandidat zog seinen langen Mantel enger an sich und schlug ein
-rascheres Tempo an.
-
-»Was rennst du!« rief Lauscher. »Für uns ist das Wetter lang gut genug. Mir
-paßt's so besser, als Lump im Sonnenschein zu spielen. Wenn der
-Benediktiner nicht ausgepfiffen hätte, wär ich für eine Naturkneipe.
-Außerdem ist der Säbelwetzer langweilig und der Elenderle wird schon bald
-wieder am Heulen sein. -- Trinken sie Uhlbacher? Dann geh ich nicht mit,
-der Uhlbacher vom Löwen haßt mich. Aber was versteht ihr von Wein!«
-
-»Weinprotz!« lachte Aber. »Nein, sie haben eine uralte Moselwette dort
-stehen, oder Winkler oder was ähnliches. Jedenfalls was besseres. -- Dabei
-fällt mir ein: warum gründen wir eigentlich nichts? Wir vier oder fünf
-hocken doch ewig zusammen, man könnte den Appenzeller und so ein paar
-Bierhühner mitlotsen, es gäbe so was wie eine Ausstellung der
-Zurückgewiesenen.«
-
-»Gründen?« brauste Lauscher auf, der damals das spätere cénacle noch nicht
-ahnte. »Lieber werd ich Eremit.«
-
-»Warum nicht gar! Es gäbe ein Kollegium von Ausgetretenen aus allen
-fashionablen Verbindungen, oder von Rettungslosen aus allen Fakultäten. Der
-Elenderle würde die Sündenlast der Gesellschaft in Tränen umsetzen, der
-Säbelwetzer bekäme ein Dauerpaukwams und würde auf alle Waffen für uns
-losgehen, ich wäre die Bierkommission, du Schrift- und Weinwärtel . . .«
-
-»Und so weiter. Schon gut.«
-
-»Der Appenzeller würde sich unübertrefflich dazu qualifizieren,
-Mitteilungen und Forderungen der Gesellschaft den Chargierten der
-Verbindungen zu überbringen. Der Nebukadnezar wäre ein censor morum
-ohnegleichen. Der Kaißer hat einen Onkel, der Weinberge besitzen soll; der
-Schnauzer ist reich und dumm --«
-
-»Und dann würden wir eine Kneipe mieten und zweimal in der Woche
->Altheidelberg< und >es geht ein Lumpidus< miteinander singen. Und Füchse
-keilen. Und Präsidepauken schwingen. Ich danke.«
-
-»Warum? Wir könnten im Schwarzwälder kneipen und im Komment alle
-anständigen Lokäler verbieten. Z. B.: Wer im Ochsen oder im Innern der Aula
-betroffen wird, zahlt eine Mark Buße. Wer fachsimpelt, zahlt zwei Maß
-. . .«
-
-»Nein, bitte, du fängst wieder an nach Komment zu riechen.«
-
-Die Freunde waren auf der alten Brücke angelangt. Aus der Kneipe der
-Burschenschaft klang lauter Chorgesang. Der Neckar strömte wild um den
-breiten Brückenpfeiler, auf dem raschen Wasser glänzten unruhig die
-Laternenlichter, schwarz und großartig streckte sich die Platanenallee in
-die Nacht. Vom Turm der Stiftskirche tönte das Stundenhorn, zackig und
-wechselvoll beleuchtet, stand die malerische Häuserreihe des hohen
-Neckarufers bis zum alten Stift hinab. Beide Freunde schwiegen, so lange
-sie über die Brücke gingen. Vielleicht stieg beim Anblick der schönen,
-nächtlichen Stadt, beim Rauschen des Neckars und Singen der Studenten in
-beiden das Erinnern an die kaum vergangenen Tage auf, da ihnen noch die
-eigentümliche, romantische Schönheit und Stimmung dieser Stelle ahnungsvoll
-und freudig ans Herz gerührt hatte, da sie noch mit der Hoffnung und dem
-ganzen süßen, krausen Stimmungsduft der ersten Semester hier gegangen
-waren.
-
-Sie bogen um die Brückenmühle, stiegen die steile Gasse zum Holzmarkt
-hinauf, gingen an der Stiftskirche vorüber, über die schmale Kirchgasse und
-den öden Markt an der Sonne vorbei und gelangten durch Nässe und Schmutz an
-die Hintertür des Löwen, durch welche man über drei steile Stufen hinab
-direkt in das »Nebenzimmer« tritt. Ehe sie eintraten, blickten sie durch
-eins der niederen Fenster in die schmale Stube hinab und sahen Elenderle
-und Säbelwetzer am letzten Tisch beim Wein sitzen.
-
-»Sie trinken Winkler!« frohlockte Aber. »Hab ich's nicht gesagt? Du meldest
-dich mit deiner Blume, wegen ungebührender Respektlosigkeit.«
-
-»Prolet! Meinetwegen,« murrte Lauscher, und trat zuerst in die schmale Tür.
-Aber folgte nach, drehte unwillig ein an der Wand hängendes Gerolsteiner
-Mineralwasserplakat um und ließ sich von der herzueilenden Wirtstochter
-Mathilde den Mantel abnehmen.
-
-Jetzt bemerkten die Weintrinker die Ankommenden.
-
-»Höchste Zeit,« rief der Säbelwetzer. »Wollet ihr trinken? Wollet ihr ein
-Bad nehmen? Wollet ihr euch ersäufen? An Winkler fehlt es nicht. Mein Leben
-mach ich keine solche Wette mehr. Fünfzehn Flaschen, ists nicht zum
-Langweiligwerden?«
-
-»Keine Angst!« rief Lauscher. »Mathilde, zwei Gläser!« Er prüfte eine der
-im Kübel stehenden Flaschen und schenkte ein. »Meine Blume, Aber!«
-
-»Saufs!«
-
-»Na?« fragte der Säbelwetzer.
-
-»Er ist gut,« gab Lauscher kurz zur Antwort, ließ den linken Arm über die
-Stuhllehne hängen, füllte seinen Römer nach und trank ihn mit einem langen
-sicheren Schluck hinunter.
-
-»Wo spuckts wieder?« fragte der Säbelwetzer. »Du hast deinen
-allerbeinernsten Schädel aufgesetzt.«
-
-»Du weißt,« fiel Aber ein, »Schnaps verträgt er nicht. Der Benediktiner --«
-Lauscher stieß durch die Zähne einen langen Pfiff.
-
-»Halts Maul, Aberchen! Überhaupt fragt man nicht so dumm, Säbelwetzer.« Er
-trank ein neues Glas an. »Ihr seid eigentlich doch eine Schweinebande,
-liebe Freunde,« fuhr er dann langsam und ernsthaft fort, »und mich wunderts
-selber, daß ich allemal wieder bei euch bin.«
-
-Elenderle lachte und trank dem Dichter zu.
-
-»Aber was tun? Ihr seid wenigstens bloß langweilig und im übrigen gute
-Brüder.«
-
-»Hm -- hm --«
-
-»Ja, brummt nur! Oder hat vielleicht einer von euch etwas anderes an Geist
-zu verbrauchen, als die übrigen Brocken aus seiner Fuchsenzeit? Oder hat
-einer von euch eine Ahnung von Humor, von Philosophie, von Kunst? Oder --«
-
-»Na hör mal,« lachte der Kandidat Aber, »eh du so proletest, sei doch so
-gut und serviere uns einmal deine Kunst, deine Philosophie, deinen Humor!
-Er muß anderswo als in deinen sentimentalen Versen stecken --«
-
-»Das tut er auch. Was Verse! Daß ich hier sitze und euren Wein mit euch
-trinke und eure desperaten Schädel betrachte, während ich Gold, Silber,
-Paläste, Märchen und Kleinode in mir liegen habe, das ist der Humor. Was
-verbummelt ihr? Was ersäuft ihr? Ein Examen, ein bißchen Vermögen, ein
-Ämtchen, in dem ihr euch geschunden und gelangweilt hättet. Warum? Weil es
-euch dämmert, daß es sich um solches Zeug nicht zu leben lohnt. Und ich?
-Schluck um Schluck ersäufe ich ein Stück blauen Poetenhimmel, eine Provinz
-meiner Phantasie, eine Farbe von meiner Palette, eine Saite von meiner
-Harfe, ein Stück Kunst, ein Stück Ruhm, ein Stück Ewigkeit. Warum? Weil es
-sich auch um alles das nicht zu leben lohnt. Weil es sich überhaupt nicht
-lohnt zu leben; denn Leben ohne Zweck ist öd und leben mit Zweck ist eine
-Plage.«
-
-Elenderle lachte fortwährend. Aber nahm einen langen Schluck und sagte
-gutmütig: »Trink, Lauscher, und mach uns nix Blaues vor!«
-
-»Aber sag,« redete er darauf Elenderle an, »was machst du denn jetzt
-eigentlich? Weiß dein Alter schon?«
-
-»Was denn?« fragte Lauscher.
-
-»Weißt du nicht? Er ist zum drittenmal nicht ins Examen gestiegen und
-außerdem relegiert. Na, Elenderle, was denkst du?«
-
-»Denken? Ich hab mich anwerben lassen.«
-
-»Sakerlot! Anwerben?«
-
-»Ja ja ja ja!«
-
-»Zu was denn? Ist eine Deliriantenarmee gegründet worden?«
-
-»Ganz so was! Ich meinte, ich hätte in meinen vielen Semestern genug
-Jammertränen vergossen, um mir dafür ein Freibillet in die Gefilde der
-Seligen zu kaufen.«
-
-»Auch gut,« lachte der Säbelwetzer. »Das ist nicht mehr als billig. In die
-Hölle wärst du so wie so nicht gekommen, das weiß ich, denn ich habe einmal
-drei Semester württembergische evangelische Theologie studiert.«
-
-»Aber wer hat dich denn angeworben?« fragte Lauscher.
-
-»Ei wer? Ja, den möchtest du kennen! Ein Herr, sag ich dir, ein feiner Herr
---«
-
-»Rindvieh!« rief Lauscher. »Was du einen feinen Herrn nennst! War er feiner
-als ich?«
-
-»Viel, viel feiner! Ein Gentleman, sag ich euch. Übrigens dummes Geschwätz!
--- er kommt heut abend her, er hats versprochen.«
-
-»Wa--as? Kein Schwindel? Auf dein Wort?«
-
-»Natürlich, auf alle meine Wörter. Prost, Lauscher!«
-
-»Prost, Elenderle!«
-
-Lauscher zog ein Paket seiner Giftschlangen hervor, schwarze, lange, dünne
-Zigarren, und bot den andern an. Er zündete sich eine an, blies Wolken,
-streifte die Asche ab, nahm hin und wieder einen schnellen Schluck und
-verfiel in eine träumerisch schwere Trägheit. Auch die andern widmeten sich
-nun still dem Wein und der Zigarre. Eine bläuliche Wolke hing über dem
-Tische, man hörte die wenigen übrigen Gäste reden und lachen. Die Freunde
-tranken Glas um Glas und saßen einander versonnen und fast völlig stumm
-gegenüber, wie sie schon viele Stunden und viele ganze Abende und Nächte
-versonnen und stumm beisammen um irgend einen Trinktisch gesessen waren.
-
-»Ich bin doch neugierig auf deinen Werber,« sagte Aber nach einer langen,
-langen Pause.
-
-Keine Antwort. Mathilde öffnete zwei neue Flaschen. Der Säbelwetzer
-schenkte ein.
-
-»Übrigens,« begann Aber wieder, »übrigens, meine Lieben, was könnte
-eigentlich aus uns noch werden? Wer wird uns anwerben? Sei's noch um zwei
-Semester, so ist bei mir die Gnadenfrist vorbei.«
-
-»Und bei mir der Mammon,« sagte der Säbelwetzer. »Umsatteln kann ich
-nimmer.«
-
-»Ich auch nicht,« gähnte Aber. »Mein Alter ist jetzt schon scheu --
-Amerika?«
-
-Lauscher lachte.
-
-»Afrika, Asien, Australien?« äffte er nach. »Das nenne ich Sorgen! Weißt du
-denn, ob du in zwei Semestern noch lebst? Zwei Semester! Bedenke, was in
-zwei Semestern alles anders werden kann!«
-
-»Zum Beispiel?«
-
-»Zum Beispiel könntest du gerade jetzt, wo du so unvorsichtig deine Zigarre
-anzündest, dem Mund zu nahe kommen und in Spiritusflammen aufgehen. Ein
-schöner Tod! Oder du gründest, was ich kommen sehe, deinen Klub, ihr baut
-ein Klubhaus und du wirst Kellermeister --«
-
-»Dunder!« rief Aber erregt. »Dunder noch mal! Das ist eine feine Idee!«
-
-»Oder du gehst,« fuhr Lauscher fort, »du gehst --«
-
-Er brach mitten im Satze ab und stierte blaß auf das gegenüber
-offenstehende Fenster.
-
-»Na? Was ist los?« rief der Säbelwetzer.
-
-Lauscher deutete mit dem Finger auf das Fenster.
-
-»Da!« rief er stotternd. »Wir spielen doch nicht Freischütz.«
-
-Alle wendeten die Blicke dem ausgestreckten Finger nach. Im Fenster stand
-ein Mensch von schmaler, hoher Figur, regungslos, hager, frech, blaß, mit
-Spitzbärtchen am langen Kinn, hoher Stirn, stand und blickte aus hellen,
-stechenden, stahlgrauen Augen in die Stube.
-
-Der Säbelwetzer war der einzige, der nicht erschrack.
-
-»Sieht aus, als wüßt er nicht, ob er Kasper oder Samiel mimen soll,« lachte
-er. »Soll ich den frechen Bruder anrempeln?«
-
-Der Fremde verschwand vom Fenster. Einen Augenblick später ging die Tür und
-er trat ein, schritt durch die Stube und nahm am Tisch der Kameraden Platz.
-
-Der Säbelwetzer wollte aufstehen und den Eindringling mit einer Grobheit
-fortweisen, da streckte über den Tisch herüber Elenderle dem Gaste die Hand
-entgegen und lachte.
-
-»Entschuldigen Sie, Herr, ich erkenne Sie eben erst. Darf ich Ihnen meine
-Freunde vorstellen?«
-
-Mit schon etwas betrunkenen Gesten führte er die Vorstellung aus. Den Namen
-des Fremden vergaß er zu nennen.
-
-Man saß wieder lange trinkend, stumm und träg am Tische, bis Lauscher sich
-erhob.
-
-»Ich gehe. Macht einer noch ein Billard mit?«
-
-Die Freunde schwiegen.
-
-»Ich, wenn Sie wollen,« sagte aufstehend der Unbekannte. »Wir könnten ja
-alle zusammen in den Walfisch gehen. Ich kam eben dort vorbei, das Billard
-ist frei.«
-
-Alle tranken nun aus und folgten dem Vorschlag. Draußen rann Regen, es war
-frostig naß und die Kornhausgasse ein Meer von Schmutz. Der Walfisch war
-bald erreicht. Elenderle ging voran die Treppe hinauf. Bei der Gasflamme im
-Gang hielt Aber den Fremden an.
-
-»Einen Augenblick, wenn Sie erlauben!«
-
-Er blickte nach der Treppe. Die andern waren schon oben.
-
-»Nun?« fragte der Lange.
-
-»Elenderle hat von Ihnen gesprochen,« sagte Aber verlegen. »Sie werben für
-eine Gesellschaft?«
-
-»Allerdings.«
-
-»Ich könnte -- es wäre möglich, daß -- kurz, ich möchte Sie kennen lernen.«
-
-»Freut mich. Ich bin nur heute hier, aber Ihr Freund kann Ihnen ja morgen
-Auskunft geben. Ich komme ziemlich jedes Semester einmal nach Tübingen.«
-
-Sie stiegen den andern nach in das räucherige, verrufene Café hinauf.
-Elenderle hatte oben schon Sekt bestellt und sich faul in ein Sofa
-geworfen. Lauscher kreidete schon seinen Billardstock. Der Fremde ergriff
-einen andern. Er spielte brillant.
-
-Die Partie war schnell zu Ende.
-
-»Sie spielen hübsch,« sagte der Lange zum Dichter. »Wenn Sie sich Ihre
-Scheu vor dem Fiedelstoß abgewöhnen, werden Sie vielleicht bald genial
-spielen. Hier fängt das Billardspiel erst an. Sehen Sie --«
-
-Er ergriff noch einmal das Queue und tat einen seiner glänzenden,
-fabelhaften Stöße. Der Ball rollte, nachdem er den weißen Ball berührt, in
-einem eigentümlichen, unglaublichen Bogen zum roten.
-
-Lauscher staunte. Dann setzten sie sich zu den andern. Aber und Lauscher
-tranken Kaffee, die andern Sekt und Sherry. Die kleine, unbändige Molly
-trank mit und freundete sich mit Elenderle auf dem Sofa an.
-
-»Was halten Sie von ihm?« fragte der Fremde Lauschern, indem er leise nach
-jenem hindeutete. »Ein Schwein,« flüsterte Lauscher, »ein komplettes
-Schwein. Aber seelengutmütig.«
-
-»Und der?« Der Lange bewegte das Kinn gegen den Säbelwetzer.
-
-»Nicht ganz so dumm,« urteilte Lauscher, »und auch nicht so geschmacklos.
-Aber ein Säbelheld. Er verschmerzt es nie, daß ihn die Burschenschaft an
-die Luft gesetzt hat.«
-
-»Hm. Und der dritte?«
-
-»Aber? Der beste von den dreien, nur ohne Rückgrat. Er hat im stillen
-heillos vor seiner Krisis Angst.«
-
-»Sie sprechen nett von Ihren Freunden.«
-
-»Warum nicht? Verschiedene Grade von Fäulnis, die verschieden
-phosphoreszieren.«
-
-»Sie gefallen mir.«
-
-»So?«
-
-Lauscher erhob sich. »Komm!« rief er Abern zu, »wir gehen.«
-
-Der Fremde grüßte die Abgehenden mit einem blanken, häßlichen Lächeln. Der
-Säbelwetzer war eingeschlafen. Elenderle und Molly schienen die Anwesenheit
-anderer zu vergessen.
-
-Aber und Lauscher irrten eine halbe Stunde lang im Regen durch die
-finsteren leeren Gassen. Der Löwen war geschlossen, in den Schwarzwälder
-mochten sie nicht gehen, es schlug drei Uhr.
-
-»Komm, ich geh nach Haus!« rief Aber endlich ungeduldig aus.
-
-»Ich nicht.« Lauscher blieb stehen und blickte um sich. »Alles tot! Was
-diese Leute schlafen!«
-
-»Komm, wir tun's auch.«
-
-»Nein. Schlafen!« Der Dichter wendete sich um und blickte Abern in das
-breite, etwas angetrunkene Gesicht. »Du, Aber! Möchtest du jetzt nicht auch
->Pfui Teufel< zu allem sagen?«
-
-»Hilft nichts. Lieber gehen wir in den Schwarzwälder.«
-
-»Was dasselbe ist. Meinetwegen.«
-
-Sie betraten das Lokal und ließen sich Gilka geben. Aber wurde allmählich
-von der traurigen Laune seines Begleiters angesteckt. Trüb und unzufrieden
-blickten sie mit toten Augen über die Zigarren weg in den Raum. Drei späte
-Bummler würfelten an einem Kaffeetischchen, am Büffet schlief die
-Kellnerin, eine einsame Winterfliege kroch am Gasrohr und schien jeden
-Augenblick in die Flamme fallen zu müssen, an den Fensterladen hörte man
-den Regen tropfen.
-
-»Nicht sentimental werden!« sagte Aber nach einer Stunde. Er stürzte sein
-Gläschen Gilka hinunter; beide verließen den öden Saal und stiegen die
-steile Judengasse hinab. Im Vorbeigehen hörten sie den Knecht im Walfisch
-die Türen schließen. Am Ende der Schmiedthorgasse, bei der alten
-Ammerbrücke, hielten sie einen Augenblick an.
-
-»Gehen wir links!« gähnte Aber.
-
-»Es ist näher über die Brücke,« meinte Lauscher heiser; sie gingen hinüber.
-
-Jenseits der Brücke lag auf den Stufen zur Ammer köpflings gestürzt ein
-Mensch.
-
-»Holla,« rief Aber lachend, »der hat einen guten Schlaf.«
-
-»Jedenfalls einer vom heiligen Verein,« sagte Lauscher und trat näher. »Er
-wird sich morgen über seinen Heiligenschein wundern.«
-
-»Herrgott,« unterbrach ihn Aber plötzlich, »das ist ja der Elenderle. Kein
-Mensch in Europa besitzt einen ähnlichen Bratenrock.«
-
-Sie stiegen einige Stufen hinab, Elenderle lag mit dem Gesicht auf den
-Stufen. Sie hoben ihn auf, geronnenes Blut war auf seinem ganzen Gesicht
-verschmiert.
-
-»Der ist bös gefallen!« seufzte Aber. Da klirrte etwas am Boden. Aus der
-starren Hand Elenderles war ein Revolver gefallen, und nun sahen die
-Freunde auch an der rechten Schläfe eine kleine, schwarze Wunde. Lauscher
-steckte ein Streichholz an.
-
-»Bleib du hier,« sagte Aber mit verwandelter Stimme, »ich gehe zur
-Polizei.«
-
-»Lassen Sie mich das besorgen,« rief da eine scharfe Stimme. Der Fremde kam
-vom Ammerweg her die Treppe herauf. Er rückte giftig lächelnd am Hut und
-blitzte die Freunde grinsend aus den frechen Augen eiskalt und höhnisch an.
-Beide erschraken bis ans Herz und rannten durch die Nacht davon.
-
-Als sie am andern Tag erwachten, glaubten beide den ganzen Spuk geträumt zu
-haben. Die Hauswirtin pochte an Lauschers Tür und kam mit dem Kaffee
-herein.
-
-»Denken Sie, Herr Lauscher, der Jammer! Heute Nacht hat sich ein Student
-das Leben genommen.«
-
-
-
-
-Lulu.
-Ein Jugenderlebnis, dem Gedächtnis
-E. T. A. Hoffmanns gewidmet.
-(Geschrieben 1900.)
-
-
-I.
-
-Die schöne alte Stadt Kirchheim war soeben von einem kurzen sommerlichen
-Regen abgewaschen worden. Die roten Dächer, die Wetterfahnen und
-Gartenzäune, die Gebüsche und die Kastanienbäume auf den Wällen glänzten
-freudig neu und stattlich, und der steinerne Konrad Widerhold mit seiner
-steinernen Ehehälfte freute sich still beglänzt seines noch rüstigen
-Alters. Durch die gereinigten Lüfte schien die Sonne schon wieder mit
-kräftiger Wärme herab, in den letzten hangenden Regentropfen des Gezweiges
-blitzende Funkenspiele entzündend, und die freundliche breite Wallstraße
-floß vom Glanze über. Kinder sprangen einen fröhlichen Reihen, ein Hündlein
-kläffte jauchzend ihnen nach, die Häuserzeile entlang flatterte in
-unruhigen Bögen ein gelber Schmetterling.
-
-Unter den Kastanien des Walls, auf der dritten Ruhebank rechts von der
-Post, saß neben seinem Freunde Ludwig Ugel der durchreisende Schöngeist
-Hermann Lauscher und erging sich in heitern und anmutigen Gesprächen über
-die Wohltat des niedergefallenen Regens und die wieder hervortretende Bläue
-des Himmels. Er knüpfte daran phantasierende Betrachtungen über Dinge, die
-ihm am Herzen lagen, und lustwandelte nach seiner Gewohnheit unermüdet auf
-dem Anger seiner Redekunst. Während der langen schönen Reden des Dichters
-lugte der stille und vergnügte Herr Ludwig Ugel öftere Male scharf über die
-Boihinger Landstraße hinaus, in Erwartung eines Freundes, der von dorther
-eintreffen sollte.
-
-»Ists nicht, wie ich sage?« rief der Dichter lebhaft aus und erhob sich ein
-wenig von der Sitzbank; denn die schlechte Lehne war ihm unbequem, auch war
-er auf einem Stücklein dürren Zweiges gesessen. »Ists nicht so?« rief er
-aus und entfernte mit der Linken das Holzstück und dessen Eindruck auf
-seiner Hose. »Das Wesen der Schönheit muß im Lichte liegen! Glaubst du
-nicht auch, daß es da liegt?«
-
-Ludwig Ugel rieb sich die Augen; er hatte nicht gehört, wovon die Rede war,
-und nur die letzte Frage Lauschers verstanden.
-
-»Freilich, freilich,« entgegnete er hastig. »Nur kann man es von hier aus
-nicht sehen. Es liegt genau dort, hinter der Schlotterbeckschen Scheuer.«
-
-»Wie? Was?« rief Hermann heftig. »Was, sagst du, liege hinter der Scheuer?«
-
-»Nun, Oetlingen! Karl hat keinen andern Weg, er muß notwendig von dorther
-kommen.«
-
-Verdrießlich schweigend starrte nun auch der durchreisende Dichter auf die
-helle weite Landstraße hinüber, und wir können beide Jünglinge auf ihrer
-Bank sitzen und warten lassen; denn der Schatten muß dort noch bei einer
-Stunde anhalten. Wir wenden uns indessen hinter die Schlotterbecksche
-Scheuer, finden dort aber weder das Dorf Oetlingen noch das Wesen der
-Schönheit liegen, sondern eben den erwarteten dritten Freund, den
-Kandidaten der Jurisprudenz Karl Hamelt. Dieser kam von Wendlingen her, wo
-er die Ferien zubrachte. Seine nicht übel gewachsene Figur gewann durch ein
-verfrühtes Fettwerden einen komisch behäbigen Anflug, und in seinem
-gescheiten, eigensinnigen Gesicht lag die kräftige Nase mit den wunderlich
-feisten Lippen und den übervollen Wangen im Streit. Das breite Kinn warf
-über dem engen Stehkragen reichliche Falten, und zwischen Stirn und Hut
-ragte verschwitzt und ungescheitelt das kurze freche Haupthaar hervor. Er
-lag rücklings hingestreckt im kurzen Grase und schien ruhig zu schlafen.
-
-Er schlief wirklich, vom heißen mittäglichen Weg ermüdet; ruhig aber war
-sein Schlummer nicht. Ein seltsam phantastischer Traum hatte ihn
-heimgesucht. Ihm schien nämlich, er liege in einem unbekannten Gartenlande
-unter sonderbaren Bäumen und Gewächsen und lese in einem alten Buche mit
-Pergamentblättern. Das Buch war in wunderlich kühnen, wirr ineinander
-geschlungenen Lettern einer völlig fremden Sprache geschrieben, die Hamelt
-nicht kannte noch verstand. Dennoch aber las er und verstand er den Inhalt
-der Blätter, indem immer wieder, so oft er ermüden wollte, auf zauberische
-Weise aus dem krausen Durcheinander der Schnörkel und Schriftzeichen sich
-Bilder hervorlösten, farbig aufglänzten und wieder versanken. Diese Bilder,
-einander folgend wie in einer magischen Laterne, schilderten die
-nachfolgende, sehr alte, wahre Geschichte.
-
- * * * * *
-
-Mit demselben Tage, an welchem der Talisman des ehernen Ringes durch
-betrügerische Magie der Quelle Lask entrissen und in die Hände des
-Zwergfürsten gefallen war, begann der helle Stern des Hauses Ask sich zu
-trüben. Die Quelle Lask versiegte bis auf einen schier unsichtbaren
-Silberfaden, unter dem Opalschlosse senkte sich die Erde, die
-unterirdischen Gewölbe wankten und brachen teilweise zusammen, im
-Liliengarten begann ein verheerendes Sterben und nur die doppelkrönige
-Königslilie hielt sich noch eine Zeitlang stolz und aufrecht; denn um sie
-hatte die Schlange Edelzung ihren engsten Reif geschlungen. In der
-verödeten Askenstadt verstummte Fröhlichkeit und Musik, im Opalschlosse
-selbst klang und sang kein Ton mehr, seit die letzte Saite der Harfe
-Silberlied gebrochen war. Der König saß Tag und Nacht wie eine Bildsäule
-allein im großen Festsaal und konnte nicht aufhören, sich über den
-Untergang seines Glückes zu verwundern; denn er war der glücklichste aller
-Könige seit Frohmund dem Großen gewesen. Er war traurig anzusehen, der
-König Ohneleid, wie er im roten Mantel in seinem großen Saale saß und sich
-wunderte und wunderte; denn weinen konnte er nicht, da er ohne die Gabe des
-Schmerzes geboren war. Er wunderte sich auch, wenn er am Morgen und am
-Abend statt der täglichen Früh- und Spätmusik nur die große Stille und von
-der Tür her das leise Weinen der Prinzessin Lilia vernahm. Nur selten noch
-erschütterte ein kurzes, karges Gelächter seine breite Brust, aus
-Gewohnheit; denn sonst hatte er an jedem lieben Tage zweimal
-vierundzwanzigmal gelacht.
-
-Hofstaat und Dienerschaft war in alle Winde zerstoben; außer dem König im
-Saale und der trauernden Prinzessin war einzig der getreue Geist Haderbart
-noch da, der sonst das Amt des Dichters, Philosophen und Hofnarren versehen
-hatte.
-
-In die Macht des ehernen Talismans aber teilte sich der feige Zwergfürst
-mit der Hexe Zischelgift, und man kann sich vorstellen, wie es unter ihrem
-Regimente zuging.
-
-Das Ende der Askenherrlichkeit brach herein. Eines Tages, an dem der König
-kein einziges Mal gelacht hatte, rief er abends die Prinzessin Lilia und
-den Geist Haderbart zu sich in den leeren Festsaal. Ein Wetter stand am
-Himmel und leuchtete durch die schwarzen großen Fensterbogen mit jachem
-Blitzen fahl herein.
-
-»Ich habe heute kein einziges Mal gelacht,« sagte der König Ohneleid.
-
-Der Hofnarr trat vor ihn hin und schnitt einige sehr kühne Grimassen, die
-jedoch in dem alten bekümmerten Gesichte so verzerrt und verzweifelt
-aussahen, daß die Prinzessin die Augen wegwenden mußte und der König das
-schwere Haupt schüttelte, ohne zu lachen.
-
-»Man soll auf der Harfe Silberlied spielen,« rief König Ohneleid. »Man
-soll!« sagte er, und es klang den beiden traurig durchs Herz; denn der
-König wußte nicht, daß Harfner und Spielleute ihn verlassen hatten und daß
-die zwei Getreuen seine letzten Hausgenossen waren.
-
-»Die Harfe Silberlied hat keine Saiten mehr,« sagte der Geist Haderbart.
-
-»Man soll aber dennoch spielen,« sagte der König.
-
-Da nahm Haderbart die Prinzessin Lilia bei der Hand und ging mit ihr aus
-dem Saale. Er führte sie aber in den verwelkten Liliengarten zur
-versiegenden Quelle Lask und schöpfte die allerletzte Handvoll Wasser aus
-dem Marmorbecken in ihre Rechte, und sie kamen damit zum Könige zurück. Nun
-zog die Prinzessin Lilia aus diesem Wasser Lask sieben blanke Saiten über
-die Harfe Silberlied, und für die achte reichte das Wasser nicht mehr hin,
-so daß sie von ihren Tränen zu Hilfe nehmen mußte. Und nun strich sie mit
-der leeren Hand zitternd über die Saiten, daß der alte süße Freudenton noch
-einmal selig schwoll; aber jede Saite brach, nachdem sie angeklungen, und
-als die letzte klang und brach, da klang ein schwerer Donnerschlag und
-brach die ganze Wölbung des Opalschlosses stürzend und krachend zusammen.
-Dieses letzte Harfenlied aber hatte gelautet:
-
- Silberlied muß schweigen;
- Aber einst muß steigen
- Aus der Harfe Silberlied
- Dieser selbe Reigen.
-
-(Ende der wahren Geschichte vom Wasser Lask).
-
- * * * * *
-
-Der Kandidat Karl Hamelt erwachte von seinem Traume nicht eher, als bis die
-beiden Freunde, die ungeduldig ein Stück weit die Landstraße
-entgegengegangen waren, ihn im Grase liegen fanden. Diese fuhren ihn über
-seine Saumseligkeit mit unsanften Worten an, auf die jedoch Hamelt mit
-Schweigen antwortete und sich nur zu einem flüchtig genickten »Guten
-Morgen!« verstand.
-
-Ugel war besonders ungehalten. »Ja, Guten Morgen!« zürnte er. »Es ist lang
-nimmer Morgen! Antezipiert hast du wieder, in der Oetlinger Kneipe bist du
-gewesen, der Wein glänzt dir noch aus den Augen!«
-
-Karl grinste und rückte den braunen Filz weiter in die Stirne. »Nun, laß
-gut sein!« sagte Lauscher. Die drei Freunde wandten sich gegen die Stadt,
-am Bahnhof vorüber und über die Bachbrücke, und wandelten langsam auf dem
-Wall dem Gasthaus zur Königskrone entgegen. Dieses war nämlich nicht nur
-der bevorzugte Bierwinkel der Kirchheimer Freunde, sondern auch die
-derzeitige Herberge des durchreisenden Dichters.
-
-Als die Ankommenden sich schon der Kronentreppe näherten, öffnete sich die
-schwere Haustüre plötzlich weit, und ihnen entgegen stürzte mit
-Blitzesschnelle ein weißhaariger, graubärtiger Mann, mit zornrotem Gesicht
-in heftigster Erregung aus dem Hause. Die Freunde erkannten befremdet den
-alten Sonderling und Philosophen Drehdichum und vertraten ihm am Fuß der
-Treppe den Weg.
-
-»Halt, werter Herr Drehdichum!« rief ihm der Dichter Lauscher entgegen.
-»Wie kann ein Philosoph so das Gleichgewicht verlieren? Kehren Sie um,
-Verehrter, und klagen Sie uns Ihren Schmerz im Kühlen drinnen!«
-
-Mit einem schiefen, spitzen Lauerblick des Mißtrauens hob der Philosoph
-seinen struppigen Kopf und erkannte die drei jungen Männer.
-
-»Ah, da seid ihr,« rief er, »das ganze petit cénacle! Eilet ins Innere,
-Freunde, trinket Bier und erlebet Wunder daselbst; aber verlanget nicht die
-Teilnahme des gebrochenen Greises, in dessen Herz und Gehirn die Dämonen
-wühlen!«
-
-»Aber, teurer Herr Drehdichum, was fehlt Ihnen denn heute schon wieder?«
-fragte teilnehmend Ludwig Ugel, taumelte aber sogleich entsetzt wider die
-Treppenbrüstung; denn der Philosoph hatte ihm einen Fauststoß in die Seite
-versetzt und rannte schäumend und fluchend in die Straße.
-
-»Infame Zischelgift,« brüllte er im Wegeilen, »unglückseliger Talisman, in
-rotblauer Blume verzaubert! Mißhandelt die Einzige, in Staub getreten
-. . . Opfer satanischer Bosheit . . . Erneute qualvolle Erinnerung . . .«
-
-Verwundert schüttelten die drei ihre Köpfe, ließen jedoch den Wütenden
-laufen und schickten sich endlich an, die Vortreppe zu ersteigen, als die
-Türe sich von neuem öffnete und mit einem ins Haus zurückgewinkten
-freundlichen Abschiedsgruß der Pfarrvikar Wilhelm Wingolf hervortrat. Er
-wurde von den Untenstehenden mit Heiterkeit begrüßt und sogleich von allen
-um die Ursache des seligen Glanzes befragt, der sein breites Würdehaupt
-vergoldete. Geheimnisvoll streckte er den fetten Zeigefinger auf, nahm den
-Dichter vertraulich beiseite und sagte ihm schalkisch lächelnd ins Ohr:
-»Denk' dir, heute habe ich den ersten Vers in meinem Leben gemacht! Und
-zwar soeben!«
-
-Der Dichter riß die Augen soweit auf, daß sie oben und unten über die
-schmalen Ränder seiner goldenen Brille ragten. »Sag ihn!« rief er laut. Der
-Pfarrvikar wendete sich gegen die drei Freunde, hob wieder den Zeigefinger
-und sagte mit selig verkniffenen Augen seinen Vers auf:
-
- Vollkommenheit,
- Man sieht dich selten, aber heut!
-
-Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ er hutschwenkend die
-Kameraden.
-
-»Donnerwetter!« sagte Ludwig Ugel. Der Dichter schwieg nachdenklich. Karl
-Hamelt aber, der seit seinem Erwachen im Grase noch kein Wort von sich
-gelassen hatte, sagte mit Nachdruck: »Der Vers ist gut!«
-
-Auf irgend etwas Ungewöhnliches gefaßt, betraten nun endlich ohne weitere
-Hindernisse die durstig gewordenen Freunde den kühlen Wirtsraum der Krone,
-und zwar die bessere Stube, wo die junge Wirtin selber zu bedienen pflegte
-und wo sie um diese Tageszeit stets die einzigen Gäste waren und mit der
-Frau ihre scherzhaften Höflichkeiten trieben.
-
-Das erste Merkwürdige nun, was alle drei bald nach dem Eintreten und
-Niedersitzen bemerkten, war dieses: daß ihnen die kleine runde Wirtin heute
-zum ersten Mal gar nicht mehr hübsch erschien. Das rührte aber, wie jeder
-im stillen bald wahrnahm, davon her, daß im Halbdunkel über die blanke
-Galerie der geräumigen Kredenz ein fremder schöner Mädchenkopf hervorragte.
-
-
-II.
-
-Das zweite nicht minder Merkwürdige war aber, daß am nächsten kleinen
-Trinktische, ohne die Ankommenden irgend zu bemerken oder zu grüßen, der
-elegante Herr Erich Tänzer saß, ein intimes Mitglied der Brüderschaft des
-Cénacle und Karl Hamelts besonderer Herzensfreund. Er hatte einen Becher
-helles Bier halb ausgetrunken vor sich stehen und in das Bierglas eine
-gelbe Rose gestellt; dazu rollte er langsam seine großen, ein wenig
-hervorstehenden Augen und sah zum ersten Mal in seinem Leben albern aus.
-Zuweilen bog er seine stattliche Nase gegen die Rose hin und roch an ihr,
-wobei er einen nahezu unmöglichen Schielblick nach dem fremden Mädchenkopf
-hinüberlenkte, ohne daß hierdurch der Ausdruck seines Gesichtes wesentlich
-gewonnen hätte.
-
-Und als dritte Absonderlichkeit saß neben Erich mit großer Ruhe der alte
-Drehdichum, hatte einen Pfiff Kulmbacher vor sich stehen und eine von des
-Kronenwirts Kubazigarren im Munde.
-
-»Zum Teufel, Herr Drehdichum,« rief aufspringend Hermann Lauscher, »wie
-kommen Sie hieher? Sah ich Sie doch soeben um den obern Wall davonlaufen
-. . .«
-
-»Und haben Sie mir doch eben noch in der größten zitternden Wut Ihre Faust
-in den Magen gebohrt!« rief Ludwig Ugel.
-
-»Nichts für ungut,« rief der Philosoph mit dem gewinnendsten Lächeln
-zurück, »nichts für ungut, lieber Herr Ugel! Ich empfehle Ihnen das
-Kulmbacher, meine Herren!« Damit leerte er ruhig sein Glas.
-
-Indessen rief Karl Hamelt seinen Freund Erich an, der gegenüber noch immer
-entrückt und schlaff vor seiner ins Bierglas gesteckten gelben Rose saß.
-
-»Erich, schläfst du?«
-
-Erich antwortete ohne aufzusehen: »Ich schläfe nicht.«
-
-»Man sagt nicht, ich schläfe, man sagt, ich schlafe,« rief Ugel.
-
-Da aber bewegte sich der Mädchenkopf hinter der Schenkgalerie, und die
-ganze fremde schöne Person trat hervor und an den Tisch der Freunde.
-
-»Was wünschen die Herren?«
-
-Wem nicht schon, da er vor dem schönen Gemälde einer Frau in seliger
-Begeisterung stand, plötzlich aus der Landschaft des Bildes heraus die
-Schöne lebendig entgegentrat, der weiß nicht, wie den Brüdern des Cénacle
-in diesem Augenblick zumute war. Alle drei erhoben sich von ihren Stühlen
-und machten drei Verbeugungen, jeder eine. »Schöne, teure Dame!« sagte der
-Dichter. »Gnädiges Fräulein!« sagte Ludwig Ugel, und Karl Hamelt sagte gar
-nichts.
-
-»Nun, trinken Sie Kulmbacher?« fragte die Schöne.
-
-»Ja bitte,« sagte Ludwig, und Karl nickte, Lauscher aber bat um einen
-Becher Rotwein.
-
-Als die Getränke nun von der leisen, schlanken Mädchenhand elegant serviert
-wurden, wiederholten sich die verlegenen und ehrerbietigen Komplimente. Da
-kam aus ihrer Ecke die kleine Frau Müller gelaufen.
-
-»Machen Sie doch nicht solche Umstände, meine Herren,« sagte sie, »mit dem
-dummen Ding; sie ist meine Stiefschwester und zum Bedienen hergekommen,
-weil wir eine Hilfe nötig hatten . . . Geh' ins Büffet, Lulu; es schickt
-sich nicht, so bei den Herren stehen zu bleiben.«
-
-Lulu ging langsam weg. Der Philosoph kaute wütend an seiner Kuba, Erich
-Tänzer wälzte einen fabelhaften Jongleurblick nach der Richtung, in der das
-Mädchen verschwunden war. Die drei Freunde schwiegen ärgerlich und
-verlegen. Die Wirtin trug, um sich gefällig zu zeigen und Unterhaltung zu
-machen, vom Fensterbrett einen Blumentopf herbei und zeigte ihn prahlend am
-Tische vor.
-
-»Sehen Sie, was für ein Staat! Diese Blume ist vielleicht die
-allerseltenste, die man nur kennt, und man sagt, sie blühe bloß alle fünf
-oder zehn Jahre.«
-
-Alle betrachteten aufmerksam die Blume, die zart rotblau auf einem kahlen
-langen Stengel schwankte und einen seltsam trüben, warmen Duft ausströmte.
-Der Philosoph Drehdichum geriet in eine große Erregung und warf einen
-schneidend grimmigen Blick auf die Wirtin und ihre Blume, was aber niemand
-beachtete.
-
-Da plötzlich sprang Erich am andern Tische auf, kam herüber, riß die Blume
-mit einem gewaltsamen Ruck mitten ab und war mit ihr in zwei Sätzen ins
-Büffet verschwunden. Drehdichum brach in ein leises Hohngelächter aus. Die
-Wirtin kreischte entsetzlich auf, rannte Tänzern nach, blieb mit dem Rock
-am Stuhle hängen, fiel zu Boden, der nacheilende Ugel über sie weg und über
-ihn der Dichter, der im Aufspringen Weinkelch und Blumentopf mit sich riß.
-Der Philosoph stürzte sich auf die hilflos liegende Wirtin, hielt ihr die
-Fäuste vors Gesicht, fletschte die Zähne und achtete es nicht, daß Ugel und
-Lauscher ihn wie toll an den reißenden Rockschößen zurückzuzerren strebten.
-In diesem Augenblick eilte der Wirt herein; der Philosoph, wie verwandelt,
-half der Frau auf die Beine, aus der Tür der angrenzenden Stube glotzten
-Bauern und Fuhrmänner in den Skandal. Im Büffet hörte man die schöne Lulu
-weinen, und Erich trat mit der ganz zerknitterten Blume in der Hand heraus.
-Alles stürzte sich scheltend, fragend, drohend, lachend auf ihn los; er
-aber hieb mit der zerbrochenen Blume wie ein Verzweifelter um sich und
-gewann ohne Hut das Freie.
-
-
-III.
-
-Am nächsten Morgen hatten sich die Freunde Karl Hamelt, Erich Tänzer und
-Ludwig Ugel im Herbergzimmer Hermann Lauschers versammelt, um seine
-neuesten Gedichte anzuhören. Eine große Flasche Wein stand auf dem Tisch,
-aus der sich jeder bediente. Der Dichter hatte mehrere anmutige Lieder
-vorgetragen und zog nun das letzte kleine Blättlein aus der Brusttasche. Er
-las: »An die Prinzessin Lilia . . .«
-
-»Wie?« rief Karl Hamelt und fuhr vom Kanapee empor. Etwas indigniert
-wiederholte Lauscher den obigen Titel. Karl aber legte sich in tiefem
-Nachdenken in die geblümten Polster zurück. Der Dichter las:
-
- Ich weiß einen alten Reigen,
- Ein helles Silberlied,
- Das lautet fremd und eigen,
- Wie wenn aus leisen Geigen
- Ein Heimwehzauber lockend zieht . . .
-
-Hamelt lenkte die Aufmerksamkeit der beiden andern ganz von der Fortsetzung
-des Liedes ab. »Prinzessin Lilia . . . Silberlied . . . Der alte Reigen
-. . .« wiederholte er immer wieder, schüttelte den Kopf, rieb sich die
-Stirn, stierte leer in die Luft und heftete sodann den Blick glühend und
-heftig auf den Dichter. Lauscher war mit dem Lesen zu Ende und begegnete
-aufschauend diesem Blicke.
-
-»Was ist?« rief er verwundert. »Willst du den Blick der Klapperschlange an
-mir armem Vogel versuchen?«
-
-Hamelt erwachte wie aus einem tiefen Traum. »Woher hast du dieses Lied?«
-fragte er tonlos den Dichter. Lauscher zuckte die Achseln. »Woher ich alle
-habe,« sagte er.
-
-»Und die Prinzessin Lilia?« fragte Hamelt wieder. »Und der alte Reigen?
-Siehst du denn nicht, daß dieses Lied das einzige echte ist, das du
-gedichtet hast? Alle deine andern Gedichte . . .« Lauscher unterbrach ihn
-schnell.
-
-»Schon gut; aber in der Tat,« fuhr er fort, »in der Tat, liebe Freunde, ist
-dieses Lied mir selber ein Rätsel. Ich saß und dachte nichts und glaubte
-nur, nach meiner Gewohnheit, aus Langeweile Figuren und Zierbuchstaben auf
-das Blatt zu kritzeln, und als ich aufhörte, stand das Lied auf dem Papier.
-Es ist eine ganz andere Hand, als ich sonst schreibe, sehet nur!«
-
-Damit gab er das Blatt dem zunächst sitzenden Erich in die Hände. Der hielt
-es vors Auge, erstaunte höchlich, sah noch einmal schärfer hin und sank
-alsdann mit dem lauten Ausruf: »Lulu!« in den Stuhl zurück. Ugel und Hamelt
-stürzten hinzu und schauten auf das Papier. »Alle Wetter!« rief Ugel aus;
-Hamelt aber hatte sich ins Kanapee zurückgelehnt und betrachtete das
-merkwürdige Blatt mit allen Zeichen des maßlosesten Erstaunens. Höchste
-Freude und unheimliche Befremdung wechselten auf seinem Gesicht.
-
-»Nun sag mir, Lauscher,« rief er endlich aus, »ist dies unsere Lulu oder
-ist es die Prinzessin Lilia?«
-
-»Unsinn!« rief ärgerlich der Dichter. »Gib mir's her!«
-
-Aber während er das Papier an sich nahm und noch einmal überblickte, machte
-plötzlich ein fremdes, kühles Schaudern seinen Herzschlag stocken. Die
-unregelmäßigen flüchtigen Schriftzeichen flossen in unbeschreiblicher Weise
-zu dem Umriß eines Kopfes zusammen, und beim längern Betrachten
-entwickelten sich aus dem Umrisse feine Züge eines Mädchenangesichts, die
-niemand anders als die schöne fremde Lulu darstellten.
-
-Erich saß wie versteinert im Sessel, Karl lag murmelnd auf dem Kanapee
-neben dem kopfschüttelnden Ludwig Ugel. Der Dichter stand bleich und
-verloren mitten im Zimmer. Da klopfte ihm eine Hand auf die Schulter, und
-als er aufschreckend sich umwendete, stand der Philosoph Drehdichum da und
-grüßte mit dem schäbigen steifen Hute.
-
-»Drehdichum!« rief der Dichter erstaunt. »Zum Hagel, sind Sie durch den
-Plafond herabgefallen?«
-
-»Wieso?« entgegnete lächelnd der Alte.
-
-»Wieso, lieber Herr Lauscher? Ich hatte zweimal angeklopft. Aber lassen Sie
-sehen, Sie haben ja hier ein prachtvolles Manuskript!« Er nahm das Lied
-oder vielmehr das Bild sorgfältig aus Lauschers Händen. »Sie erlauben doch,
-daß ich das Blatt betrachte? Seit wann sammeln Sie solche Raritäten?«
-
-»Raritäten? Sammeln? Werden Sie denn aus dem Wische klug, Herr Drehdichum?«
-Der Alte betrachtete und betastete das Papier mit großem Behagen.
-
-»Ei freilich,« erwiderte er schmunzelnd, »ein schönes Stück eines wenn
-schon verdorbenen und späten Textes! Es ist askisch.«
-
-»Askisch?« rief Karl Hamelt.
-
-»Nun ja, Herr Kandidat,« sagte freundlich der Philosoph. »Aber gestehen Sie
-doch, bester Herr Lauscher, wo Sie den seltenen Fund gemacht haben! Es
-möchte weitere Nachforschungen lohnen.«
-
-»Sie fabeln, Herr Drehdichum,« lachte beklommen der Dichter. »Dieses Blatt
-ist nagelneu, ich selbst habe es gestern nacht geschrieben.«
-
-Der Philosoph maß Lauschern mit einem argwöhnischen Blick.
-
-»Ich muß gestehen,« antwortete er, »ich muß wirklich gestehen, mein lieber
-junger Herr, daß diese Späße mich einigermaßen befremden.«
-
-Lauscher wurde nun aber ernstlich ungehalten.
-
-»Herr Drehdichum,« rief er heftig, »ich muß Sie bitten, mich nicht mit
-einem Hanswurste zu verwechseln und sich, falls Sie selbst, wie es scheint,
-diese heitere Rolle agieren wollen, gefälligst einen andern Schauplatz als
-meine Wohnung zu suchen.«
-
-»Nun, nun,« lächelte gutmütig Drehdichum, »vielleicht denken Sie der Sache
-noch einmal nach! Indessen leben Sie allerseits wohl, meine Herren!« Damit
-rückte er den grünlich schillernden Hut auf dem weißen Kopfe zurecht und
-verließ lautlos das Zimmer.
-
-Unten fand Drehdichum die schöne Lulu allein im leeren Wirtszimmer stehen
-und Weingläser mit einem Tuch ausreiben. Er schenkte sich seinen Becher
-selber am Fasse voll und setzte sich dem Mädchen gegenüber an den Tisch.
-Ohne etwas zu reden, blickte er zuweilen freundlich aus seinen alten hellen
-Augen der Schönen ins Gesicht, und sie, da sie sein Wohlwollen spürte, fuhr
-unbefangen in ihrer Arbeit fort. Der Philosoph ergriff ein leeres
-geschliffenes Glas, füllte ein wenig Wasser hinein und begann den Rand, den
-er befeuchtet hatte, mit der Spitze des Zeigefingers zu reiben. Bald kam
-ein Summen hervor, und dann ein klarer Ton, der ohne Unterbruch bald
-schwellend, bald schwindend die Stube erfüllte. Die schöne Lulu hörte das
-feine Singen gern, sie ließ die Hände ruhen und lauschte und ward von dem
-ewigen süßen Kristalltone ganz bezaubert, indes der Alte manchmal vom Glase
-weg ihr freundschaftlich und eindringend in die Augen blickte. Das ganze
-Zimmer klang von dem Singen des Glases. Lulu stand ruhig damitten und
-dachte nichts und hatte die Augen groß wie ein horchendes Kind.
-
-»Lebt noch der alte König Ohneleid?« vernahm sie eine Stimme fragen und
-wußte nicht, war es der Alte, der fragte, oder kam die Stimme aus dem Ton
-des Glases. Auf die Frage aber mußte sie durch ein Nicken antworten, sie
-wußte nicht warum.
-
-»Und weißt du noch das Lied der Harfe Silberlied?«
-
-Sie mußte nicken und wußte nicht warum. Leiser tönte der Kristallklang. Die
-Stimme fragte:
-
-»Wo sind die Saiten der Harfe Silberlied?«
-
-Der Ton klang immer leiser und schwang in kleinen zarten Wellen aus. Da
-mußte die schöne Lulu weinen, sie wußte nicht warum.
-
-Es war ganz still im Zimmer geworden, und so blieb es eine gute Weile.
-
-»Warum weinen Sie, Lulu?« fragte Drehdichum.
-
-»Ach, hab ich geweint?« antwortete sie schüchtern. »Mir wollte ein Lied aus
-meiner Kinderzeit einfallen; aber ich kann mich nur halb darauf besinnen.«
-
-Hastig ward die Tür aufgerissen, und die Frau Müller kam hereingerannt.
-»Was, noch immer an den paar Gläsern?« rief sie keifend. Lulu weinte
-wieder, die Wirtin rumorte und schimpfte; beide bemerkten es nicht, wie der
-Philosoph aus seiner kurzen Pfeife einen großen Rauchringel blies, sich
-darein setzte und leise auf einem sanften Zugwind durch das offene Fenster
-fuhr.
-
-
-IV.
-
-Die Mitglieder des petit cénacle waren im nahen Walde versammelt. Auch der
-Regierungsreferendar Oskar Ripplein war mitgekommen. Die schwärmerischen
-Gespräche der Jugend und Freundschaft entspannen sich zwischen den im Grase
-liegenden Kameraden, durch Gelächter ebenso oft wie durch Pausen des
-Nachdenkens unterbrochen. Besonders war von des Dichters Meinungen und
-Absichten die Rede, denn dieser wollte nächster Tage eine weite Reise
-antreten, und man wußte nicht, wann und wie man sich wiedersehen würde.
-
-»Ich will ins Ausland,« sagte Hermann Lauscher, »ich muß mich absondern und
-wieder frische Luft um mich her bekommen. Vielleicht werde ich gerne einmal
-zurückkehren; für jetzt aber bin ich dieses engen, burschenhaften Lebens
-und der ganzen leidigen Studenterei von Herzen satt. Mir ist, als röche mir
-alles nach Tabak und Bier; außerdem hab ich in diesen letzten Jahren schon
-fast mehr Wissenschaft aufgesogen als für einen Künstler gut ist.«
-
-»Wie meinst du das?« fiel Oskar ein. »Ich denke, bildungslose Künstler,
-speziell Dichter, hätten wir genug.«
-
-»Vielleicht!« antwortete Lauscher. »Aber Bildung und Wissenschaft ist
-zweierlei. Das Gefährliche, was ich im Sinne hatte, ist die verdammte
-Bewußtheit, in die man sich allmählich hineinstudiert. Alles muß durch den
-Kopf gehen, alles will man begreifen und messen können. Man probiert, man
-mißt sich selber, sucht nach den Grenzen seiner Begabung, experimentiert
-mit sich, und schließlich sieht man zu spät, daß man den bessern Teil
-seiner selbst und seiner Kunst in den verspotteten unbewußten Regungen der
-früheren Jugend zurückgelassen hat. Nun streckt man die Arme nach den
-versunkenen Inseln der Unschuld aus; aber man tut auch das nicht mehr mit
-der ganzen unüberlegten Bewegung eines starken Schmerzes, sondern es ist
-schon wieder ein Stück Bewußtheit, Pose, Absichtlichkeit darin.«
-
-»An was denkst du dabei?« fragte hier lächelnd Karl Hamelt.
-
-»Du weißt es schon!« rief Hermann. »Ja, ich gestehe, mein kürzlich
-gedrucktes Buch beängstigt mich. Ich muß wieder aus dem Vollen schöpfen
-lernen, an die Quellen zurückgehen. Mich verlangt nicht so sehr etwas Neues
-zu dichten, als ein tüchtiges Stück frisch und ungebrochen zu leben. Ich
-möchte wieder wie in meiner Knabenzeit an Bächen liegen, über Berge steigen
-oder wie sonst die Geige spielen, den Mädchen nachlaufen, ins Blaue
-hineinleben und warten, bis die Verse zu mir kommen, statt ihnen atemlos
-und ängstlich nachjagen.«
-
-»Sie haben recht,« klang plötzlich die Stimme Drehdichums, der aus dem
-Walde hervortrat und mitten zwischen den ins Gras gelagerten Jünglingen
-stehen blieb.
-
-»Drehdichum!« riefen alle fröhlich aus. »Guten Tag, Herr Philosoph! Guten
-Morgen, Herr Überall!«
-
-Der Alte setzte sich nieder, sog seine Zigarre kräftig an und wendete sein
-wohlmeinendes, freundliches Gesicht dem Dichter Lauscher zu.
-
-»Es ist«, begann er lächelnd, »noch ein Stück Jugend in mir, das sich gerne
-wieder einmal unter seinesgleichen ausplaudert. Wenn Sie erlauben, nehme
-ich an Ihrer Unterhaltung teil.«
-
-»Gerne,« sagte Karl Hamelt. »Unser Freund Lauscher sprach eben davon, wie
-ein Dichter aus dem Unbewußten schöpfen müsse und wie wenig ihm mit aller
-Wissenschaft gedient sei.«
-
-»Nicht übel!« entgegnete langsam der Alte. »Ich habe immer zu den Dichtern
-eine besondere Neigung gehabt und manchen gekannt, dem meine Freundschaft
-nicht ohne Nutzen blieb. Die Dichter neigen auch heute noch mehr als andere
-Menschen zu dem Glauben, daß im Schoß des Lebens gewisse ewige Mächte und
-Schönheiten halbschlummernd liegen, deren Ahnung durch die rätselhafte
-Gegenwart zuweilen hindurchschimmert wie ein Wetterleuchten durch die
-Nacht. Dann ist ihnen, als seien das ganze gewöhnliche Leben und sie selber
-nur Bilder auf einem gemalten hübschen Vorhang und erst hinter diesem
-Vorhang spiele das eigentliche, das wahre Leben sich ab. Auch scheinen mir
-die höchsten, ewigsten Worte der großen Dichter wie das Lallen eines
-Träumenden zu sein, der, ohne es zu wissen, von den flüchtig erblickten
-Höhen einer jenseitigen Welt mit schweren Lippen murmelt.«
-
-»Sehr schön,« rief hier Oskar Ripplein, »sehr hübsch gesagt, Herr
-Drehdichum, aber weder alt noch neu genug. Diese schwärmerische Lehre ist
-vor hundert Jahren von den sogenannten Romantikern gepredigt worden: man
-träumte damals auch solche Vorgänge und solches Wetterleuchten. Man hört in
-den Schulen noch davon reden als von einer glücklich überwundenen
-Dichterkrankheit, und heute träumt längst kein Mensch mehr so, oder wenn er
-träumt, so weiß er doch, daß das Gehirn . . .«
-
-»Satis!« rief da der Kandidat Hamelt. »Vor hundert und mehr Jahren sind
-auch schon solche . . . solche Gehirnmenschen dagewesen und haben
-langweilige Reden gehalten. Und heute nehmen sich jene Träumer und
-Phantasten immer noch stattlicher und liebenswürdiger aus als diese
-allzuverständigen Schlaumeier. Übrigens was das Träumen betrifft, auch mir
-hat es dieser Tage merkwürdig geträumt.«
-
-»Erzählen Sie doch!« bat der Alte.
-
-»Ein ander Mal!«
-
-»Sie wollen nicht? Aber vielleicht können wirs erraten,« meinte Drehdichum.
-Karl Hamelt lachte laut auf.
-
-»Nun, wir versuchens!« beharrte Drehdichum. »Jeder stellt eine Frage, auf
-welche Sie ehrlich mit Ja oder Nein antworten. Erraten wirs nicht, so wars
-doch ein lustiger Zeitvertreib!«
-
-Alle erklärten sich einverstanden und begannen nun kreuz und quer zu
-fragen. Die besten Fragen stellte aber immer der Philosoph. Als wieder die
-Reihe an ihn kam, fragte er nach einigem Besinnen: »Kam in dem Traume
-Wasser vor?«
-
-»Ja.«
-
-Nun durfte, weil die Frage bejaht war, der Alte noch eine stellen.
-
-»Quellwasser?«
-
-»Ja.«
-
-»Wasser aus einer Wunderquelle?«
-
-»Ja.«
-
-»Wurde das Wasser ausgeschöpft?«
-
-»Ja.«
-
-»Von einem Mädchen?«
-
-»Ja.«
-
-»Nein!« rief Drehdichum. »Besinnen Sie sich!«
-
-»Ja doch!«
-
-»Also von einem Mädchen wurde das Wasser geschöpft?«
-
-»Ja.«
-
-Drehdichum schüttelte heftig den Kopf. »Unmöglich!« sagte er wieder. »Hat
-wirklich das Mädchen selber aus der Quelle geschöpft?«
-
-»Ach nein!« rief Karl verwirrt. »Es war der Geist Haderbart, der zuerst
-schöpfte.«
-
-»Ah, nun haben wirs!« frohlockten die andern. Und nun mußte Karl die ganze
-Geschichte seines Traumes von der Quelle Lask erzählen.
-
-Alle hörten verwundert und seltsam ergriffen zu.
-
-»Prinzessin Lilia!« rief Lauscher aus. »Und Silberlied? Woher sind mir doch
-die Namen so bekannt?«
-
-»Ei,« sagte der Alte, »die Namen stehen beide in der askischen Handschrift,
-die Sie mir gestern zeigten.«
-
-»In meinem Liede!« seufzte der Dichter.
-
-»In dem Bilde der schönen Lulu,« flüsterten Karl und Erich.
-
-Der Philosoph hatte inzwischen eine neue Zigarre angesteckt und qualmte
-mächtig ins Grüne hinein, bis er ganz in eine blaue Wolke von Tabaksrauch
-eingehüllt war.
-
-»Sie rauchen ja wie ein Schornstein,« sagte Oskar Ripplein und wich der
-Wolke aus. »Und was für ein Kraut!«
-
-»Echte Mexikaner!« rief aus seiner Wolke heraus der Alte. Dann hörte er auf
-zu qualmen, und als nun ein Windzug die ganze stark riechende Wolke von
-hinnen führte, war er mit ihr verschwunden.
-
-Karl und Hermann rannten hinter der zerstiebenden Rauchwolke her in den
-Wald hinein. »Dummes Zeug!« brummte der Referendar Oskar und hatte das
-unangenehme Gefühl, in zweideutiger Gesellschaft gewesen zu sein. Erich und
-Ludwig hatten sich schon fortgemacht und wandelten im Golde des klaren
-Spätnachmittags der Stadt und dem Gasthaus zur Krone entgegen.
-
-Karl und Hermann ereilten die letzten zerflatternden Schleier der
-Tabakswolke im tiefen Walde und standen ratlos vor einer dicken Buche
-still. Sie wollten sich eben ins Moos niedersetzen, um wieder zu Atem zu
-kommen, als hinter dem Baume die Stimme Drehdichums laut wurde.
-
-»Nicht dort, ihr Herren, dort ist es ja feucht! Kommen Sie doch auf diese
-Seite!«
-
-Sie kamen und fanden den Alten auf einem großen verdorrten Aste sitzen, der
-wie ein unförmlicher Drache am Boden lag.
-
-»Gut, daß Sie kommen!« sagte er. »Nehmen Sie doch bitte hier neben mir
-Platz! Ihr Traum, Herr Hamelt, und Ihr Manuskript, Herr Lauscher,
-interessieren mich.«
-
-»Zuerst,« fiel ihm Hamelt ungestüm ins Wort, »zuerst sagen Sie mir doch um
-des Himmels willen, wie Sie meinen Traum erraten konnten.«
-
-»Und mein Papier lesen!« fügte Lauscher hinzu.
-
-»Ei nun,« sagte der Alte, »was ist da zu wundern? Man kann alles erraten,
-wenn man vorsichtig fragt. Zudem liegt mir die Geschichte der Prinzessin
-Lilia so nahe, daß ich leicht darauf fallen mußte.«
-
-»Eben das ist es ja!« rief wieder der Kandidat. »Woher wissen Sie denn
-diese Geschichte und wie erklären Sie es, daß mein Traum, von dem ich doch
-niemandem ein Wort gesagt hatte, plötzlich in dem rätselhaften Liede
-unseres Lauscher so auffallend anklingt?«
-
-Der Philosoph lächelte und sagte mit seiner milden Stimme: »Wenn man sich
-mit der Geschichte der Seele und ihrer Erlösung viel beschäftigt hat, kennt
-man ähnliche Fälle ohne Zahl. Es gibt von der Geschichte der Prinzessin
-Lilia mehrere, stark variierende Fassungen; sie spukt vielfach entstellt
-und verändert durch alle Zeiten und liebt namentlich die bequeme
-Erscheinungsform der Vision. Nur selten zeigt sich die Prinzessin selbst,
-deren Vollendungsprozeß übrigens in den letzten Stadien der Läuterung
-stehen muß --, nur selten, sage ich, erscheint sie sichtbar in menschlicher
-Gestalt und wartet unbewußt auf den Augenblick ihrer Erlösung. Ich selbst
-sah sie kürzlich und versuchte mit ihr zu reden. Sie war aber wie im Traum,
-und als ich es wagte, sie nach den Saiten der Harfe Silberlied zu fragen,
-brach sie in Tränen aus.«
-
-Die jungen Leute hörten dem Philosophen mit aufgerissenen Augen zu.
-Ahnungen und Anklänge stiegen in ihnen auf; aber die wunderlich krausen
-Redensarten und halb ironischen Grimassen Drehdichums verwirrten ihnen die
-Fäden unlöslich zu peinlichen Knäueln.
-
-»Sie, Herr Lauscher,« fuhr jener fort, »sind Ästhetiker und müssen wissen,
-wie lockend und gefährlich es ist, die schmale, aber tiefe Kluft zwischen
-Güte und Schönheit zu überbrücken. Wir zweifeln ja nicht, daß diese Kluft
-keine absolute Trennung, sondern nur die Spaltung eines einheitlichen
-Wesens bedeutet und daß beide, Güte sowie Schönheit, nicht Prinzipien,
-sondern Töchter des Prinzips Wahrheit sind. Daß die beiden scheinbar
-einander fremden, ja feindseligen Gipfel tief im Schoß der Erde eins und
-gemeinsam sind. Aber was hilft uns die Erkenntnis, wenn wir auf einem der
-Gipfel stehen und den klaffenden Spalt stündlich vor Augen haben? Das
-Überbrücken dieses Abgrundes aber und die Erlösung der Prinzessin Lilia
-bedeutet ein und dasselbe. Sie ist die blaue Blume, deren Anblick der Seele
-die Schwere und deren Duft dem Geist die spröde Härte nimmt; sie ist das
-Kind, das Königreiche verteilt, die Blüte der vereinten Sehnsucht aller
-großen Seelen. Am Tag ihrer Reife und Erlösung wird die Harfe Silberlied
-erklingen und die Quelle Lask durch den neuerblühten Liliengarten rauschen,
-und wer es sieht und vernimmt, dem wird sein, als wäre er sein Leben lang
-im Alpdruck gelegen und hörte nun zum ersten Male das frische Brausen des
-hellen Morgens . . . Aber noch schmachtet die Prinzessin im Bann der Hexe
-Zischelgift, noch hallt der Donner jener unheilvollen Stunde im
-verschütteten Opalschlosse wider, noch liegt dort in bleiernen Traumfesseln
-mein König im zertrümmerten Saal!«
-
-
-V.
-
-Als die beiden Freunde eine Stunde später aus dem Walde hervorkamen, sahen
-sie Ludwig Ugel, Erich Tänzer und den Regierungsreferendar mit einer
-hellgekleideten Dame vom Dreikönigskeller her den Berg hinaufspazieren.
-Bald erkannten sie mit Freuden die schlanke Lulu und eilten den Ankommenden
-aufs schnellste entgegen. Sie war heiter und plauderte mit ihrer weichen
-Liebesstimme harmlos in das Gespräch hinein. Alle setzten sich in halber
-Höhe des Berges auf eine geräumige Ruhebank. Die helle Stadt lag blank und
-fröhlich im Tale, und ringsum glänzte der goldene Duft des Abends auf den
-hohen Wiesen. Die träumerische Fülle des August war herrlich ausgebreitet,
-aus dem Laub der Bäume quoll schon das grüne Obst, Erntewagen fuhren auf
-der Talstraße bekränzt und leuchtend gegen die Dörfer und Gehöfte.
-
-»Ich weiß nicht,« sagte Ludwig Ugel, »was diese Abende im August so schön
-macht. Man wird nicht fröhlich davon, man legt sich ins hohe Gras und nimmt
-teil an der Milde und Zärtlichkeit der goldenen Stunde.«
-
-»Ja,« sagte der Dichter und blickte der schönen Lulu in die dunkeln reinen
-Augen. »Es ist die Neige der Jahreszeit, die so mild und traurig macht. Die
-ganze reife Süßigkeit des Sommers quillt in diesen Tagen weich und müde
-über, und man weiß, daß morgen oder übermorgen irgendwo schon rote Blätter
-auf den Wegen liegen werden. Es sind die Stunden, da man schweigend das Rad
-der Zeit sich langsam drehen sieht, und man fühlt sich selber langsam und
-traurig mitgetrieben, irgendwohin, wo schon die roten Blätter auf dem Wege
-liegen.«
-
-Alle schwiegen und lauschten in den goldenen Späthimmel und in die farbige
-Landschaft hinein. Leise begann die schöne Lulu eine Melodie zu summen, und
-allmählich ging das halbe Flüstern in ein zartes Singen über. Die Jünglinge
-lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen süßen Töne der edeln
-Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie Träume
-aus der Brust der einschlummernden Erde.
-
- Aller Friede senkt sich nieder
- Aus des Himmels klaren Weiten,
- Alles Freuen, alles Leiden
- Stirbt den süßen Tod der Lieder.
-
-Mit diesem Verse war ihr Abendlied zu Ende. Sogleich begann Ludwig Ugel,
-der sich zu Füßen der andern ins Gras gelegt hatte, zu singen:
-
- O Brünnlein unterm Laube, du feiner Silberquell,
- Fließe verstohlen hinunter zur weißen Waldkapell!
- Dort liegt auf harten Stufen im Moos Marienfrau,
- Du sollst sie stille rufen, mit Murmeln und nicht rauh.
- Und sollst ihr leise künden von meiner tiefen Not:
- Mein Mund sei, ach, von Sünden und lauter Liedern rot.
- Und sollst ihr von mir geben eine Lilie, weiß und rein:
- Sie möge mein rotes Leben und meine Sünden verzeihn!
- Vielleicht, daß ihre Güte sich lächelnd zu dir neigt,
- Der holden weißen Blüte ein süßer Duft entsteigt:
- Weil Lieb- und Sonnetrinken des Sängers Sünde ist,
- So sei der rote Liedermund in Hulden rein geküßt!
-
- * * * * *
-
-Darauf sang auch Hermann Lauscher eines von seinen Liedern:
-
- Der müde Sommer senkt das Haupt
- Und schaut sein falbes Bild im See;
- Ich wandle müde und bestaubt
- Im Schatten der Allee.
-
- Ich wandle müde und bestaubt,
- Und hinter mir bleibt zögernd stehn
- Die Jugend, neigt das schöne Haupt
- Und will nicht fürder mit mir gehn.
-
- * * * * *
-
-Mittlerweile war die Sonne untergegangen, der Himmel floß in rotem Lichte.
-Der vorsichtige Referendar Ripplein wollte eben schon zur Heimkehr mahnen,
-da begann die schöne Lulu noch einmal zu singen:
-
- Mein Vater hat viel Schlösser
- Und Städte weit und breit,
- Mein Vater ist der König,
- Der König Ohneleid.
-
- Und käm ein schöner Ritter
- Und wollte mich befrein,
- Dem würde wohl mein Vater
- Sein halbes Reich verleihn.
-
-Man erhob sich nun und stieg langsam den verglühenden Berg hinab. Jenseits
-auf dem Gipfel der hohen Teck prangte verloren noch ein später Streifen
-Sonne.
-
-»Woher haben Sie dieses Lied?« fragte Karl Hamelt die schöne Lulu.
-
-»Ich weiß nicht mehr,« sagte sie, »ich glaube, es ist ein Volkslied.« Sie
-ging jetzt schneller und wurde plötzlich von Angst ergriffen, sie möchte zu
-spät heimkommen und von der Wirtin gescholten werden.
-
-»Das leiden wir nicht,« rief Erich Tänzer heftig aus. »Überhaupt habe ich
-im Sinn, der Frau Müller einmal meine Meinung deutlich zu sagen. Ich werde
-sie schon . . .«
-
-»Nein, nein!« unterbrach ihn die schöne Lulu. »Es würde dann für mich nur
-schlimmer werden! Ich bin eine arme Waise und muß tragen, was mir auferlegt
-wird.«
-
-»Ach Fräulein Lulu,« sagte der Referendar, »ich wollte, Sie wären eine
-Prinzessin und ich könnte Sie befreien.«
-
-»Nein,« rief der Schöngeist Lauscher, »Sie sind wirklich eine Prinzessin,
-und nur wir sind nicht Ritter genug, Sie zu erlösen. Aber was hindert mich?
-Ich tue es heute noch. Ich nehme die verdammte Müllerin beim Kragen . . .«
-
-»Still, still!« rief Lulu flehentlich. »Lassen Sie mich doch mein Schicksal
-allein ertragen! Nur heute tut mirs um den schönen Abend leid.«
-
-Man sprach nun wenig mehr und näherte sich rasch der Stadt, wo sich Lulu
-von den anderen trennte, um allein in die Krone zurückzukehren. Die Fünfe
-sahen ihr nach, bis sie in die erste dunkle Straße hinein verschwand.
-
- »Mein Vater ist der König,
- Der König Ohneleid . . .«
-
-summte Karl Hamelt vor sich hin und machte sich auf den Heimweg nach dem
-Dorfe Wendlingen.
-
-
-VI.
-
-Spät am Abend desselben Tages dauerte Erich Tänzer noch in der Krone aus,
-bis auch Lauscher mit der Nachtkerze in sein Gastzimmer abging und er
-allein in der stillen Schenkstube war. Lulu saß noch mit am Tische; da
-stieß Erich plötzlich sein Bierglas heftig zur Seite, ergriff die Hand des
-schönen Mädchens, sah sie an, räusperte sich und tat folgende Rede:
-»Fräulein Lulu, ich muß Ihnen eine Rede halten. Ich muß Sie anklagen. Der
-künftige Staatsanwalt regt sich in mir. Sie sind unerlaubt schön, Sie sind
-schöner als man sein darf und machen damit sich und andere unglücklich.
-Versuchen Sie nicht sich zu verteidigen! Wo ist mein schöner Appetit? Und
-mein herrlicher Durst? Wo ist der Vorrat sämtlicher Paragraphen des
-bürgerlichen Gesetzbuches, den ich mir mit Hilfe von Meisels Repertorium so
-mühselig in den Kopf getrichtert hatte? Und die Pandekten? Und das
-Strafrecht und der Zivilprozeß? Ja wo sind sie? In meinem Kopf steht nur
-noch ein einziger Paragraph, der heißt Lulu! Und die Fußnote heißt: O du
-Schönste, o du Allerschönste!«
-
-Erichs Augen standen weit hervor, ingrimmig knetete seine Linke den neuen
-modischen Seidenhut zu schanden, seine Rechte umklammerte Lulus kühle Hand.
-Diese spähte ängstlich nach einer Gelegenheit zu entrinnen. Im Büffet
-schnarchte Herr Müller, sie mochte nicht rufen.
-
-Da ward unversehens die Türe ein wenig geöffnet, eine Hand und ein Stück
-Flanellhemdärmels drang durch den Spalt, etwas Weißes entglitt der Hand und
-flatterte zu Boden; dahinter schloß sich eilends wieder die Türe. Lulu
-hatte sich losgemacht, sie sprang hinzu und hob ein beschriebenes Blatt
-Briefpapier vom Boden auf. Erich schwieg verdrossen. Sie aber lachte
-plötzlich und las ihm das Blatt vor. Darauf stand:
-
- Herrin, wirst du lachen müssen?
- Sieh, ein heißes Dichterhaupt,
- Das du stolz und kühl geglaubt,
- Liegt beschämt nun dir zu Füßen,
- Und ein Herz, dem alle höchste Lust
- Wie das tiefste Leiden ward bewußt,
- Zittert scheu in deiner kleinen Hand!
- Rote Rosen, die ich Wandrer fand,
- Rote Lieder, die ich Sänger sang,
- Sehnen sich und welken bang,
- Liegen arm zu deinen Füßen -- -- --
- Wirst du lachen müssen?
-
-»Lauscher,« rief Erich entrüstet, »das Aas! Sie werden doch nicht glauben,
-es sei dem Luftibus Ernst mit seinen verdammten Versen? Verse! So was
-schreibt er alle drei Wochen einer andren!« Lulu gab dem Erregten keine
-Antwort, sondern lauschte nach dem offenstehenden Fenster hinüber. Von
-dorther kamen wirre Guitarrengriffe geklungen, und eine Baßstimme sang
-dazu:
-
- Ich stehe hier und harre
- Und spiele die Guitarre . . .
- O zögere nicht länger
- Und liebe deinen Sänger!
-
-Ein Windstoß warf das Fenster klirrend zu. In diesem Augenblick erwachte
-der Wirt im Büffet und kam verdrießlich aus der Schanktüre hervor. Erich
-warf Geld auf den Tisch, ließ sein Bier stehen, verließ ohne Gruß die Stube
-und rannte mit einem Satze die Vortreppe hinunter dem Guitarrespieler in
-den Rücken, der niemand anders als der Referendar Ripplein war, welcher nun
-mit Erich zankend und grimmig auf dem Wall unter den Kastanien davonging.
-
-Die schöne Lulu löschte die Gasflammen in Wirtsstube und Flur aus und stieg
-in ihre Kammer hinauf. Sie hörte beim Vorbeigehen in Hermann Lauschers
-Zimmer aufgeregte Schritte und öftere lange Seufzer tönen. Kopfschüttelnd
-erreichte sie ihr Schlafgemach und legte sich zur Ruhe. Da sie nicht
-sogleich einschlafen konnte, überdachte sie noch einmal den Abend; aber sie
-lachte jetzt nicht mehr, vielmehr war sie traurig, und alles kam ihr wie
-ein mißratenes Possenspiel vor. Sie wunderte sich in ihrem reinen Herzen
-darüber, wie alle diese Menschen so töricht und enge bloß an sich selber
-dachten und auch an ihr im Grunde doch nur das hübsche Gesicht ehrten und
-liebten. Diese jungen Männer schienen ihr wie irregeleitete arme
-Nachtflügler um kleine Lichtlein zu taumeln, während sie große Reden im
-Munde führten. Es erschien ihr traurig und lächerlich, wie sie immerfort
-von Schönheit, Jugend und Rosen redeten, farbige Theaterwände von Worten um
-sich her aufbauten, indes die ganze herbe Wahrheit des Lebens fremd an
-ihnen vorüberlief. In ihrer kleinen einfachen Mädchenseele stand diese
-Wahrheit schlicht und tief geschrieben, und daß die Kunst des Lebens im
-Leidenlernen und Lächelnlernen bestehe.
-
-Der Dichter Lauscher lag in seinem Bette im Halbschlummer. Die Nacht war
-schwül. Rasche, unvollendete, fiebernde Gedanken stiegen in seiner heißen
-Stirn empor und verloren sich in flüchtig verblassenden Träumen, ohne daß
-darüber die schwere Schwüle der Augustnacht und das zähe, peinigende Singen
-einiger Schnaken seinem Bewußtsein entschwunden wäre. Die Schnaken
-folterten ihn am meisten; bald schienen sie zu singen:
-
- Vollkommenheit,
- Man sieht dich selten, aber heut . . .
-
-bald war es das Lied der Traumharfe. Dann kam ihm plötzlich wieder in den
-Sinn, daß nun die schöne Lulu seine Verse in Händen habe und von seiner
-Liebe wisse. Daß Oskar Ripplein das Guitarreständchen gebracht, und daß
-wahrscheinlich auch Erich heute Abend dem schönen Mädchen Geständnisse
-gemacht habe, war ihm nicht verborgen geblieben. Das Rätselhafte im Wesen
-der Geliebten, ihre ahnungsvoll unbewußte Verknüpfung mit dem Philosophen
-Drehdichum, mit der askischen Sage und Hamelts Traum, ihre fremdartig
-seelenvolle Schönheit und ihr alltäglich-graues Schicksal beschäftigten des
-Dichters Gedanken. Daß die ganze eng befreundete Runde des Cénacle
-plötzlich wie um den Magnetberg um das fremde Mädchen kreiste und daß er
-selbst, statt Abschied zu nehmen und zu reisen, sich mit jeder Stunde enger
-vom Netz dieses Liebesmärchens umstricken ließ, das alles kam ihm nun vor,
-als wäre er und wären die andern lauter Traumgestalten eines
-phantasierenden Humoristen oder Figuren einer grotesken Sage. In seinem
-schmerzenden Haupte stieg die Vorstellung auf, dieses ganze Durcheinander
-und er selbst und Lulu wären ohnmächtige, willenlose Fragmente aus einem
-Manuskripte des alten Philosophen, hypothetische, versuchsweise kombinierte
-Teile einer unvollendeten ästhetischen Spekulation. Dennoch sträubte sich
-alles in ihm gegen ein solches unglückliches cogito ergo sum, er raffte
-sich zusammen, stand auf und trat ans offene Fenster. Nun bei klarerem
-Nachdenken erkannte er bald die hoffnungslose Albernheit seiner lyrischen
-Liebeserklärung; er fühlte wohl, daß die schöne Lulu ihn nicht liebe und im
-Grunde lächerlich fände. Traurig legte er sich ins Fenster, Sterne traten
-zwischen den leichten Wolken hervor, ein Wind lief über die dunkeln Kronen
-der Kastanien. Der Dichter beschloß, daß morgen sein letzter Tag in
-Kirchheim sein sollte. Zugleich traurig und erlösend drang das Gefühl der
-Entsagung durch seinen müden, vom Traum der letzten Tage schwül umfangenen
-Sinn.
-
-
-VII.
-
-Als Lauscher andern Tages früh in die Wirtsstube hinabkam, war Lulu schon
-mit den Tassen beschäftigt. Beide setzten sich zum dampfenden Kaffee. Lulu
-erschien dem Gaste merkwürdig verändert. Eine fast königliche Klarheit
-leuchtete auf ihrem reinen, süßen Gesicht, und eine besondere Güte und
-Klugheit blickte aus ihren schönen, vertieften Augen.
-
-»Lulu, Sie sind über Nacht schöner geworden,« sagte Lauscher bewundernd.
-»Ich wußte nicht, daß dies möglich wäre.«
-
-Sie lächelte nickend: »Ja, ich habe einen Traum gehabt, einen Traum . . .«
-
-Der Dichter fragte mit einem erstaunten Blick über den Tisch hinüber.
-
-»Nein,« sagte sie. »Ich darf ihn nicht erzählen.«
-
-In diesem Augenblick trat die Morgensonne ins Fenster und glänzte durch die
-dunkeln Haare der schönen Lulu stolz und golden wie eine Glorie. Andächtig
-mit trauriger Freude hing des Dichters Blick an dem köstlichen Bilde. Lulu
-nickte ihm zu, lächelte wieder und sagte: »Ich muß Ihnen noch danken,
-lieber Herr Lauscher. Sie haben mir gestern Verse geschenkt, die mir hübsch
-erscheinen, obwohl ich sie nicht ganz verstehen kann.«
-
-»Es war ein schwüler Abend gestern,« sagte Lauscher und blickte der Schönen
-in die Augen. »Darf ich das Blatt noch einmal sehen?«
-
-Sie gab es ihm hin. Er überlas es leise noch einmal, faltete es zusammen
-und verbarg es in seiner Tasche. Die schöne Lulu sah schweigend zu und
-nickte nachdenklich. Nun wurde der Wirt auf der Treppe hörbar, Lulu sprang
-auf und begann ihre Morgenarbeit. Grüßend trat der kleine, feiste Wirt
-herein.
-
-»Guten Morgen, Herr Müller!« antwortete Hermann Lauscher. »Ich bin heute
-zum letzten Mal Ihr Gast. Morgen früh reise ich.«
-
-»Aber ich hatte doch gedacht, Herr Lauscher . . .«
-
-»Schon gut. Auf heute abend stellen Sie ein paar Flaschen Champagner kalt
-und räumen uns das hintere Zimmer ein, zum Abschiedfeiern!«
-
-»Wie Herr Lauscher befehlen!«
-
-Lauscher verließ Stube und Gasthaus und begab sich auf den Weg zu Ludwig
-Ugel, seinem Liebling, um diesen letzten Tag mit ihm zusammen zu sein.
-
-Aus Ugels kleiner Bude in der Steingaustraße klang schon Morgenmusik. Ugel
-stand in Hemdärmeln noch ungekämmt am Kaffeetisch und spielte seine brave
-Violine, daß es eine Lust war. Das ganze Stüblein war voll Sonne.
-
-»Ist's wahr, du willst morgen reisen?« rief Ugel dem Dichter entgegen. Der
-war nicht wenig verwundert.
-
-»Woher weißt du's denn schon?«
-
-»Von Drehdichum.«
-
-»Drehdichum? Der Teufel werde klug daraus!«
-
-»Ja, der Alte war die halbe Nacht bei mir. Ein toller Bruder! Er faselte
-wieder was Langes, Farbiges von seinen Prinzessingeschichten, Liliengärten
-und dergleichen. Meinte, ich müsse die Prinzessin erlösen; er hätte sich in
-dir getäuscht, du seiest nicht die wahre Harfe Silberlied. Verrückt, nicht?
-Ich verstand kein Wort.«
-
-»Ich verstehe es,« sagte Lauscher leise. »Der Alte hat recht.«
-
-Noch eine Weile hörte er Ugeln zu, der nun die begonnene Sonate zu Ende
-spielte. Bald darauf verließen beide Freunde Arm in Arm die Stadt und
-wandten sich gegen die Plochinger Steige in den Wald. Sie redeten wenig;
-der Abschied machte beide stumm. Der Morgen lag warm und glänzend über den
-schönen Bergen der Alb. Bald bog die Straße in den tiefen Wald, und die
-Spaziergänger legten sich abseits vom Wege in das kühle Moos.
-
-»Wir wollen einen Strauß für die schöne Lulu machen,« sagte Ugel und begann
-im Liegen große Farnkräuter zu brechen.
-
-»Ja,« sagte der andere leise, »einen Strauß für die schöne Lulu!« Er riß
-eine ganze hohe rotblühende Staude aus der Erde. »Nimm das dazu! Roter
-Fingerhut. Ich habe ihr sonst nichts zu geben. Wild, fieberrot und giftig
-. . .«
-
-Er redete nicht weiter; süß und bitter stieg es in seiner Kehle auf, wie
-Schluchzen. Düster wendete er sich ab; Ugel aber bog den Arm um seine
-Schulter, legte sich an seine Seite und wies mit ablenkender Geberde empor
-in das wunderbare Spiel des Lichtes im hellgrünen Laub. Jeder von den
-beiden dachte an seine Liebe, und schweigend ruhten sie lange Zeit,
-Waldkronen und Himmel über sich. Über ihre Stirnen lief der kräftige, kühle
-Wind, über ihre Seelen spannte, vielleicht zum letzten Mal, die selige
-Jugend ihre blauen, ahnungsvollen Himmel aus. Leise begann Ugel ein Lied zu
-singen:
-
- Die Fürstin heißt Elisabeth --
- Ein Hauch von Sonne, die vergeht.
- Ich wollt, ich hätte einen Namen,
- Der sich verneigt vor lieben Damen,
- Vor Schönheit, vor Elisabeth,
- Der süß von zarten Rosen weht,
- Von Blättern lind, so leicht, so laß,
- Von Rosen weiß, von Rosen blaß,
- Ein Schimmer späten Abendgolds
- Und wie der Fürstin Mund so stolz
- Und wie der Fürstin Stirn so rein,
- Und müßte singen von Glück und Pein --
- So froh und traurig müßt er sein!
-
-Dem Freunde weitete die stille Traurigkeit der schönen Stunde die Brust in
-Schmerz und Lust. Er schloß die Augen; aus seiner Seele stieg das Bild der
-schönen Lulu auf, wie er sie am heutigen Morgen gesehen hatte, so
-sonneverklärt, so milde, so leuchtend, klug und unnahbar, daß sein Herz in
-erregten schmerzlichen Schlägen pochte. Seufzend fuhr er mit der Hand über
-die Stirn, fächerte sich mit dem roten Fingerhut und sang:
-
- Ich will mich tief verneigen
- Vor dir und ziehen den Hut,
- Ich will dir Lieder geigen
- Rot wie Rosen und rot wie Blut.
-
- Ich will mich vor dir bücken,
- Wie man vor Fürstinnen tut,
- Und will dich mit Rosen schmücken,
- Mit Rosen rot wie Blut.
-
- Ich will auch zu dir beten,
- Wie man vor Heiligen kniet,
- Mit meiner wilden, verschmähten
- Liebe und meinem Lied.
-
- * * * * *
-
-Er hatte kaum geendigt, als aus dem innersten Walde hervor der Philosoph
-Drehdichum die Liegenden anrief. Aufschauend sahen sie ihn aus den
-Gebüschen treten.
-
-»Guten Tag,« rief er näherkommend, »guten Tag, meine Freunde! Nehmet dies
-zu euerm Strauß für die schöne Lulu!« Damit gab er Lauschern eine große
-weiße Lilie in die Hand. Behaglich ließ er sich sodann den Freunden
-gegenüber auf einem moosigen Felsen nieder.
-
-»Sagen Sie, Zauberer,« redete Lauscher ihn an, »da Sie doch überall sind
-und alles wissen: wer ist eigentlich die schöne Lulu?«
-
-»Viel gefragt!« schmunzelte der Graubart. »Sie weiß es selber nicht. Daß
-sie die Stiefschwester der verdammten Müllerin sei, glauben Sie wohl nicht,
-und ich auch nicht. Sie selber hat nicht Vater, nicht Mutter gekannt, und
-ihr einziger Heimatbrief ist die Strophe eines merkwürdigen Liedes, das sie
-zuweilen singt und worin sie einen gewissen König Ohneleid ihren Vater
-nennt.«
-
-»Dummes Zeug!« fluchte Ugel ärgerlich.
-
-»Weshalb, lieber Herr?« entgegnete sanftmütig der Alte. »Aber dem sei wie
-ihm wolle, man darf an solchen Geheimnissen nicht allzuviel tasten . . .
-Ich höre, Herr Lauscher, Sie wollen schon morgen uns und dieses Land
-verlassen? Wie man sich täuschen kann! Ich hätte gewettet, Sie blieben noch
-länger hier, da Sie, wie mir schien, eben durch die Lulu . . .«
-
-»Genug, genug, Herr!« fiel ihm Lauscher wild aufbrausend in die Rede. »Was
-zum Teufel gehen Sie anderer Leute Liebesaffären an!«
-
-»Nicht so heftig!« beruhigte lächelnd der Philosoph. »Davon,
-Wertgeschätzter, war ja gar nicht die Rede. Daß ich mich mit den
-Verwicklungen fremder Schicksale, besonders Dichterschicksale,
-beschäftigte, gehört zu meiner Wissenschaft. Für mich besteht kein Zweifel
-darüber, daß zwischen Ihnen und unserer Lulu gewisse subtile magische
-Beziehungen statthaben, wenn schon, wie ich ahne, ihrer ersprießlichen
-Wirkung zurzeit noch unüberwindliche Hemmnisse im Wege liegen.«
-
-»Erklären Sie mir das doch, bitte, etwas näher!« sagte der Dichter kühl,
-aber doch neugierig.
-
-Der Alte zuckte die Achseln. »Ei nun,« sagte er, »jedes irgend höher
-stehende Menschenwesen strebt instinktmäßig nach jener Harmonie, die im
-glücklichen Gleichgewicht des Bewußten und des Unbewußten bestände. Solange
-aber der zerstörende Dualismus das Lebensprinzip des denkenden Ich zu sein
-scheint, neigen strebende Naturen gerne in halbverstandenem Instinkt zu
-Bündnissen mit entgegengesetzt Strebenden. Sie verstehen mich. Solche
-Bündnisse können ohne Worte, sogar ohne Wissen geschlossen werden, können
-wie Verwandtschaften unerkannt, rein gefühlsmäßig leben und wirken.
-Jedenfalls sind sie vorbestimmt und stehen außerhalb der Sphäre des
-persönlichen Willens. Sie sind ein unermeßlich wichtiges Element dessen,
-was man Schicksal nennt. Es ist vorgekommen, daß das eigentliche,
-wohltätige Leben eines solchen Bündnisses erst im Augenblicke der Trennung
-und Entsagung begann; denn diese unterliegen unserm Wollen, dem die Macht
-jener Sympathie sich entzieht.«
-
-»Ich verstehe Sie,« sagte Lauscher mit verändertem Ton. »Sie scheinen mein
-Freund zu sein, Herr Drehdichum!«
-
-»Zweifelten Sie daran?« lächelte dieser fröhlich.
-
-»Sie kommen heute Abend zu meiner Abschiedsfeier in der Krone!«
-
-»Will sehen, Herr Lauscher. Nach gewissen Berechnungen wird mir diesen
-Abend eine wichtige Aufgabe zuteil werden, ein alter Traum sich erfüllen
-. . . Aber vielleicht läßt es sich vereinigen. Auf Wiedersehen!« Er sprang
-auf, grüßte mit winkender Hand und verlor sich rasch auf der talwärts
-führenden Straße.
-
-Die Freunde blieben bis zum Mittag im Walde, beide von Abschiedsgedanken
-und jeder von seiner Liebe erfüllt und mit widerstreitenden Empfindungen
-gesättigt. Verspätet suchten sie den Mittagstisch der Krone auf. Sie fanden
-Lulu daselbst in fröhlicher Stimmung und mit einem neuen, hellen Kleide
-geschmückt. Freundlich nahm sie die mitgebrachten Blumen an und stellte den
-Strauß in eine Vase auf den Ecktisch, an dem die beiden zu speisen
-pflegten. Heiter und geschäftig bewegte sich die schöne Gestalt bedienend
-mit den Tellern, Schüsseln und Flaschen hin und wider. Nach Tisch, beim
-Weine setzte sie sich zu den Freunden. Man sprach von Lauschers geplanter
-Abschiedsfeier.
-
-»Wir müssen das Zimmer und alles recht festlich zubereiten,« sagte Lulu;
-»wie Sie sehen, habe ich an mir selber den Anfang gemacht und ein
-nagelneues Kleid angezogen. Es fehlt noch an Blumen . . .«
-
-»Besorgen wir schon,« fiel ihr Ugel in die Rede.
-
-»Gut,« lächelte sie. »Dann wäre es hübsch, ein paar Lampions und farbige
-Bänder zu haben.«
-
-»Soviel Sie wollen!« rief wieder Ugel. Lauscher nickte stumm.
-
-»Sie sprechen ja kein Wort, Herr Lauscher!« zürnte nun Lulu. »Sind Sie
-nicht einverstanden?« Lauscher gab keine Antwort. Er sagte nur, während
-sein Auge an ihrer schlanken Gestalt und dem feinen Antlitz hing: »Wie
-schön Sie heute sind, Lulu!« Und noch einmal: »Wie schön Sie sind!«
-
-Er war unersättlich, die ganze ziere Gestalt immer wieder zu betrachten. Zu
-sehen, wie sie mit dem Freunde die Anstalten zu seinem Abschied betrieb,
-verursachte ihm eine eigentümliche Qual und machte ihn stumm und
-verdüstert. Jeden Augenblick kam ihm wieder der Gedanke, peinigend und
-bitter stachelnd, daß seine Entsagung und sein Fortgehen unwahr sei, daß er
-ihr zu Füßen stürzen und sie mit allen lodernden Flammen seiner
-Leidenschaft umgeben müsse, um sie werben, sie anflehen, sie zwingen und
-rauben -- irgend etwas, nur nicht so tatlos vor ihr sitzen und fühlen, wie
-von den letzten Stunden ihrer Gegenwart ein seliger Augenblick um den
-andern eilig und unwiederbringlich zerrann. Dennoch bezwang er sich in
-hartem Kampf und begehrte nur noch in diesen letzten Stunden ihr herrliches
-Bild sich glühend und schmerzlich in die Seele zu senken zu unvergeßlichem
-Heimweh.
-
-Schließlich, da die drei noch allein im Zimmer saßen und Ugel zum Aufbruch
-drängte, erhob sich Lauscher, trat vor Lulu hin und faßte ihre Hand mit
-seiner heißen, zitternden Rechten und sagte leise in einem gezwungenen,
-feierlich komischen Ton: »Meine schöne Prinzessin, wollet geruhen die
-Darbietung meiner Dienste in Hulden anzunehmen! Betrachtet mich, ich bitte
-Euch, als Euern Ritter oder als Euern Sklaven, Euern Hund oder Narren,
-befehlet mir . . .«
-
-»Gut, mein Ritter,« unterbrach Lulu ihn lächelnd. »Ich fordere einen Dienst
-von Euch. Es fehlt mir auf den Abend ein recht herzensfroher Gesellschafter
-und Spaßmacher, der mir ein gewisses Fest unterhaltsam und lustig machen
-helfe. Wollet Ihr das?«
-
-Lauscher wurde sehr bleich. Dann lachte er heftig auf, ließ sich mit
-komischer Verrenkung ins Knie nieder und sprach mit theatralischer
-Feierlichkeit: »Ich gelobe es, edle Dame!«
-
-Nun eilte er mit Ludwig Ugel hinweg. Sie suchten vor allem die schöne
-Kunst- und Handelsgärtnerei beim Friedhofe auf und wüteten mit der Schere
-ohne Schonung in des Gärtners Rosenzucht. Besonders Lauscher war nicht zu
-halten. »Ich muß einen großen Korb voll Weiße haben,« rief er wiederholt,
-wandte alle Zweige um und hieb die Lieblingsrosen der schönen Lulu zu
-Dutzenden ab. Dann bezahlte er den Gärtner, hieß ihn die Rosen auf den
-Abend in die Krone bringen und bummelte mit Ugel weiter durch die Stadt. Wo
-etwas Buntes in den Schaufenstern hing, da brachen sie ein; Fächer, Tücher,
-Seidenbänder, Papierlaternen wurden zusammengekauft, am Ende auch noch ein
-starker Posten Kleinfeuerwerk, so daß in der Krone die schöne Lulu mit
-Inempfangnehmen und Unterbringen alle Hände voll zu tun hatte. Dabei half
-ihr, ohne daß jemand darum wußte, der gute Drehdichum bis zum Abend.
-
-
-VIII.
-
-Lulu war schön und fröhlich wie noch nie. Lauscher und Ugel hatten ihr
-Abendessen beendet; die Freunde kamen nacheinander im Gasthause an. Als
-alle beisammen waren, begab man sich unter dem Vortritt Lauschers, der die
-schöne Lulu zierlich am Arme führte, in die große Hinterstube. Hier waren
-alle Wände mit Tüchern, Bändern und Girlanden behängt, eine Menge farbiger
-Laternen war an der Decke in Figuren gereiht und angezündet, der große
-Tisch weiß gedeckt, mit Champagnerkelchen besetzt und mit frischen Rosen
-überstreut. Der Dichter überreichte seiner Dame die Lilie des Philosophen,
-steckte ihr eine halbgeöffnete Teerose ins Haar und führte sie an den
-Ehrenplatz. Alle setzten sich froh und lärmend; ein im Chor gesungenes Lied
-eröffnete den Abend. Nun sprangen die Stöpsel von den Flaschen,
-überschäumend floß der helle, edle Wein in die zarten Gläser, wozu Erich
-Tänzer die Champagnerrede hielt. Witz und Gelächter löste sich ab, mit
-Tosen wurde der nachträglich angekommene Drehdichum empfangen, Ugel und
-Lauscher trugen jeder ein paar lachende Verse vor. Dann sang die schöne
-Lulu ein Lied, das hieß:
-
- Ein König lag in Banden
- Und tief in Dunkelheit --
- Nun ist er auferstanden
- Und heißet Ohneleid.
-
- Nun glänzen bunte Lichter
- Und Lieder blank ins Land,
- Nun tragen alle Dichter
- Ihr farbigstes Festgewand.
-
- Nun blühen Lilien und Rosen
- So weiß und rot wie nie,
- Nun singt die Harfe Silberlied
- Ihre seligste Melodie.
-
-Als das Lied zu Ende war, griff Lauscher tief in den vor ihm stehenden
-Rosenkorb und warf applaudierend der Sängerin ganze Hände voll weißer Rosen
-zu. Der fröhliche Krieg wurde allgemein, Rosen flogen von Sitz zu Sitz,
-Dutzende, hundert, weiße, rote; dem alten Drehdichum hing das Haar und der
-graue Bart ganz voll davon. Dieser erhob sich nun, es war schon nahe an
-Mitternacht, und begann zu reden:
-
-»Liebe Freunde und schöne Lulu! Wir sehen alle, daß das Reich des Königs
-Ohneleid von neuem beginnt. Auch ich muß heute von euch Abschied nehmen,
-doch nicht ohne Hoffnung auf Wiedersehen; denn mein König, zu dem ich
-zurückkehre, ist ein Freund der Jugend und der Dichter. Wäret ihr
-Philosophen, so würde ich euch eine schöne allegorisch-mystische Geschichte
-von der Wiedergeburt des Schönen und speziell von der Erlösung des
-poetischen Prinzips durch die ironische Metamorphose des Mythus erzählen,
-welche Geschichte heute ihr seliges Ende erfährt. So aber tue ich besser,
-euch den zu lösenden Rest dieser Geschichte in angenehmen Bildern vor Augen
-zu führen. Schauet her, ein askisches Stück!«
-
-Alle blickten seinem ausgestreckten Zeigefinger nach auf einen großen
-gestickten Vorhang, mit dem eine Ecke des Zimmers verhangen war. Dieser
-Vorhang wurde plötzlich sanft von innen erleuchtet und zeigte ein Gewebe
-von zahllosen silbernen Lilien, die eine schön in Marmor gefaßte starke
-Quelle umrahmten. Die Kunst des Gewebes und der Beleuchtung war so
-wunderbar, daß man die Lilien wachsen, sich neigen und verschlingen, daß
-man die Quelle sprudeln und sich ergießen sah, ja, daß man ihr edles kühles
-Rauschen stark vernahm.
-
-Aller Augen hingen an dem prachtvollen Vorhang, und keiner bemerkte, daß
-schnell nacheinander im Zimmer alle Laternen erloschen. Sie folgten
-entzückt und erregt dem Zauberspiel der künstlichen Lilien; nur der Dichter
-achtete es nicht, sondern heftete durch das Dunkel den Blick glühend und
-anbetend auf die schöne Lulu. Ein heilig schönes, zartes Leuchten lag auf
-ihrem feinen Gesicht, matthell und gleichsam vergeistigt schimmerte in
-ihrem prachtvollen dunkeln Haar die weiße Rose.
-
-Die Lilien bewegten sich unbeschreiblich schlank und harmonisch in einem
-seltsamen Blumenreigen um die Quelle. Ihre Bewegung und feine Verschlingung
-hüllte den Sinn der atemlos Zuschauenden in ein süßes, träumendes Netz von
-Wunder und Wohlgefallen. Da schlug eine Uhr Mitternacht. Blitzschnell
-rollte der glänzende Vorhang in die Höhe: eine weite Bühne tat sich in
-tiefer Dämmerung auf. Der Philosoph erhob sich; man hörte im Dunkeln, wie
-er den Sessel rückte. Er verschwand und erschien allsogleich auf der Bühne,
-Haar und Bart noch voll von Rosen. Allmählich war der Raum der Bühne von
-einem immer mehr zunehmenden Licht erfüllt, bis klar und glänzend Quelle
-und Liliengarten des Vorhangs nun in edler Wirklichkeit blühend und
-rauschend zu erblicken waren.
-
-Damitten stand der Geist Haderbart, als Drehdichum trotz der erhöhten
-Gestalt erkennbar. Im Hintergrunde stieg berückend in perlblauer Schönheit
-das Opalschloß empor, in dessen Saale durch die weiten Fensterbögen der
-König Ohneleid in mächtiger Ruhe thronend zu sehen war. Während das Licht
-immer mehr zu strahlendem Glanze wuchs, trug Haderbart durch die sich
-bückenden Lilien eine riesige, fabelhafte Harfe aus Silber in die Mitte der
-Schaubühne. Der Glanz des Lichtes war nun blendend herrlich geworden und
-schauerte in fiebernden Wellen silbern und irisfarbig über die Opalmauern
-hin.
-
-Lauschend schlug der Geist eine einzelne tiefe Saite der Harfe an. Ein
-großer, königlicher Ton erquoll. Langsam traten die Lilien des
-Vordergrundes zur Seite, eine festliche Treppe senkte sich von der Bühne
-herab. Im dunkeln Zimmer erhob sich hoch und schlank die schöne Lulu,
-schritt über die hinter ihr wieder zurückweichende Treppe hinan und stellte
-sich in unsäglicher Schönheit als Prinzessin dar. Mit tiefer Verbeugung
-überließ ihr der Geist Haderbart die Harfe; Tränen flossen aus seinen
-klaren alten Augen und fielen zusammen mit einer gelösten Rose aus seinem
-Bart zur Erde.
-
-Die Prinzessin stand hoch und glänzend vor der Harfe Silberlied. Sie
-streckte die Rechte in höchster Bewegung nach dem Schlosse aus, zog die
-Harfe an ihre Schulter her und lief mit schlanken Fingern über alle Saiten.
-Ein Lied von unerhörter Seligkeit und Harmonie hob an, huldigend scharten
-sich alle hohen Lilien um ihre Herrin. Noch ein voller, reiner Griff in die
-tönenden Zaubersaiten -- da rauschte mit kurzem Aufschlag der Vorhang
-nieder. Einen Augenblick war er noch ganz von inwendigem Glanze
-durchleuchtet, in heftiger Bewegung tanzten die gestickten Lilien
-durcheinander, immer schneller und rasender, bis nur noch ein einziger
-silberner Wirbel zu sehen war, der plötzlich lautlos in völlige Finsternis
-versank.
-
-Betäubt und sprachlos standen und saßen die Freunde im finstern Zimmer.
-Bald sodann fingen sie an sich zu besinnen. Licht wurde gemacht. Durch
-Unvorsichtigkeit kam das ganz vergessene Feuerwerk in Brand und knallte mit
-abscheulichem Lärmen durcheinander. Wirt und Wirtin liefen herzu, klagten
-und schalten. Ein Nachtwächter pochte von der Straße aus mit dem Spieß an
-die verschlossenen Fensterläden. Man schrie und fragte, jeder an den andern
-hin.
-
-Aber niemand fand mehr eine Spur von Lulu und dem Philosophen. Der
-Referendar Ripplein begann ärgerlich zu werden und von Gaunerei zu reden;
-doch hörte niemand auf ihn. Hermann Lauscher war in sein Zimmer entwichen
-und hatte von innen geriegelt.
-
-Als er andern Tages in aller Frühe verreiste, war von der schönen Lulu noch
-keine Spur gefunden. Da Lauscher sich sogleich ins Ausland begab, kann er
-über den ferneren Verlauf der Dinge in Kirchheim keinerlei Mitteilung
-machen. Denn er selber hat die vorstehende Geschichte der Wahrheit gemäß
-aufgeschrieben.
-
-
-
-
-Schlaflose Nächte.
-(Geschrieben 1901.)
-
-
-Widmung.
-
-Kennt ihr die Muse der Schlaflosigkeit? Die bleiche, wachsame, die an
-einsamen Betten sitzt?
-
-An meinem einsamen Bette saß sie viele lange Nächte lang, sie legte mir die
-geschmeidige, kranke Hand auf die Stirn, sie sang mir Lieder mit ihrer
-müden Stimme, Lieder ohne Zahl, Heimatlieder, Kinderlieder, Lieder der
-Liebe, des Heimwehs und der Melancholie. Und statt des entflohenen
-Schlummers breitete sie über meine ermüdeten Augen den dünnen, farbigen
-Schleier der Erinnerung und der Phantasie.
-
-O diese langen, schleichenden Nächte, in denen unser wahrstes Wesen alle
-tagüber gewobenen schmucken Gewänder von sich streift und uns mit Fragen,
-Bitten und Vorwürfen bestürmt wie ein krankes Kind! O diese schmerzhaft
-klaren Erinnerungen an alle Augenblicke unseres Lebens, in denen wir wider
-uns selbst und wider die geheimen Gesetze des Lebens gesündigt haben! Diese
-Kette von Blindheit, Grausamkeit und Mißverständnis, mit der wir uns selbst
-zu unentrinnbarer Qual an diese angstvollen Stunden geschmiedet haben. Gibt
-es einen Menschen von solcher Reinheit, daß er nur eine einzige solche
-Nacht seiner Seele in die wahrhaftigen Kinderaugen blicken könnte, ohne
-unzähligen Vorwürfen und Selbstpeinigungen zur Beute zu fallen?
-
-Ich weiß es nicht und glaube es nicht. Und dennoch entrann ich diesen
-Stunden und lernte sie segnen und sah die Verzweiflung nur auf dunkler
-Lauer verborgen liegen, unberührt von ihrem giftigen Atem.
-
-Das war jene Muse, jene bleiche, wachsame, die mit den geschmeidigen Händen
-mich vom Abgrund zurückhielt. Ich danke dir, du Fremde, Phantastische, und
-widme dir diese Erinnerungen unsrer gemeinsam verträumten, wachen Nächte.
-Wie schön du warst, wenn du dein feines, tröstendes Frauengesicht über
-meine fiebernden Augen beugtest! Wie schön du warst, wenn du mit mir der
-Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still, vorgebeugt, das tiefe Auge
-in die Nacht gewendet, die helle vergeistigte Stirn von einer losen Locke
-märchenblonden Haares überhangen! Wie schön du warst, wenn du weintest,
-wenn du das Auge senktest und schweigend auf dem weißen Bette meine Hand
-mit deiner schmalen Linken suchtest, wenn der Traum einer verlorenen Liebe
-über dein ernstes Gesicht wie ein leiser schmerzlicher Schatten lief!
-
-Wie schön du warst!
-
- * * * * *
-
-
-Die erste Nacht.
-
-Regen, Stille, Mitternacht. Wie heißest du, schöne Blasse? Du lächelst, du
-legst deine Hand neben meine auf den Rand des Bettes, daß sie wie
-Geschwister aussehen. Ich will dich Maria nennen.
-
-Wie hast du mich wiedergefunden, wunderliche Schwester, die ich so langeher
-nicht mehr gesehen? Das war vor manchem schönen Jahr, daß ich dir jene
-Dichtung vorlas, mit der ich deine Gunst verscherzte. Du bist seither
-schöner geworden -- ach hättest du damals den Schluß meiner Novelle
-abgewartet, so wären wir zusammen jung geblieben und du säßest nicht an
-meinem Bette, um mir die vielen Stunden von Mitternacht bis Morgen ertragen
-zu helfen. Aber du nahmst meine Geschichte für Ernst und hast sie damit uns
-selber zum Ernst gemacht. Jener ungelesene Schluß ist in den Märchenbrunnen
-zurückgefallen und unsre guten Feen weinten, und weinen noch heute darüber.
-
-Erinnerst du dich jenes letzten Abends? Im Veilchengarten, alle Amseln
-schlugen. Wir saßen auf der grünen Großvaterbank und hatten unsere Zukunft
-wie ein großes Fabelbuch vor uns aufgeschlagen. Ich las dir vor, der große
-Ahorn rauschte darein, die Luft und die Geschichte waren voll Veilchenduft.
-Ich las dir vor bis zu jener traurigen Stelle -- weißt du noch? Es war
-beinahe dunkel geworden und im Goldregenbusch begann die Nachtigall. Ach
-hätten wir doch zu Ende gelesen! Aber du weintest und stießest das Buch von
-deinem Schoß und liefest fort. Jenen ganzen Abend und die halbe Nacht sang
-unsre Nachtigall.
-
-Ich weiß jetzt das Geheimnis der Nachtigall und singe schon lang nach
-derselben Weise. Man hört diese Lieder gern, sie gleiten weich und sind
-voll Wohllaut, aber der Text ist traurig, er ist sogar zuweilen bitter,
-sogar gemein. Ach, die besten Lieder standen im Buch meiner Jugend auf
-jenen Seiten, die du so unmutig überschlugst. Sie quälen mich seither, und
-stöhnen, und wollen gesungen sein, aber ihre Zeit ist vorüber, sie ist gar
-nie gewesen, denn die schönsten Seiten im Buch meiner Jugend überschlugst
-du an jenem Abend im Veilchengarten. Die Kapitel waren dir gewidmet --
-warum wolltest du sie nicht lesen? Sie fehlen jetzt mir und dir wie
-gesprungene Saiten auf einer Harfe. Die Harfe klingt wie sonst, nur wenn
-die Melodie auf die gebrochenen Saiten springt, entsteht ein herzbeklemmend
-leeres Schweigen und reißt mitten durch das ganze Lied. Hast du nie auf
-einer Harfe spielen hören, an welcher eine Saite fehlte? War es dir nicht
-jedesmal, wenn jene bange leere Pause kam, als sei es gerade der süßeste,
-erlösende Ton, der nun dem Liede fehlt? Und ist nicht immer das Süßeste,
-Erlösende, brennend Erdürstete gerade das, was mir und dir in jedem
-Augenblicke fehlt?
-
-Hab ich dich traurig gemacht? Verzeih' mir, Maria! Ich wollte es nicht tun,
-ich wollte dir keinen Vorwurf machen. Ich wollte dich nur fragen, ob du
-noch an jenen fernen warmen Frühlingsabend denkst. Ich wollte nur dich
-erinnern, dich fragen und dein Kopfnicken wiedersehen, die träumerisch
-graziöse Bewegung, die schon damals mein knabenhaftes Herz entzückte. Denk'
-dir, der Abend wäre heute wieder! Du brauchst nur die Augen zu schließen,
-zu lächeln und deine Hand auf meine Hand zu legen. Hörst du nicht den
-großen Ahorn rauschen? Siehst du nicht das Veilchenbeet und die
-Taxushecken? Hörst du nicht ein feines knisterndes Wiegen? Ein großes
-helles Ahornblatt wankt hoch oben vom Zweig und dreht sich leise durch die
-warme Luft herab, ganz wie damals, ganz wie damals. --
-
- * * * * *
-
-O Maria! Warum hast du die Augen aufgemacht? Und siehst mich so traurig,
-bitter und erschrocken an! Der Traum ist hin.
-
-Und das große Ahornblatt dreht sich in der Luft und sinkt und fällt, und
-liegt auf dem Sims meines Fensters. Es ist welk, ich hör's am Fallen, und
-wende das Gesicht zur Seite. Draußen ist Regen, Stille und Mitternacht.
-
- * * * * *
-
-
-Die zweite Nacht.
-
-Du bist heute schweigsam, meine schöne Muse! Komm, spiel mit mir, die Nacht
-ist so lang! Was spielen wir?
-
-Meine Muse schweigt, nimmt meinen Arm und steigt mit mir in unser
-schneeweißes Nachtschloß, die breite fürstliche Treppe empor, an den
-geduldigen steinernen Löwen vorbei, durch die offenen halbbögigen
-Torflügel, über die schwarzweißen Samtfelder der Flurteppiche und die
-geschwungene massive Treppe hinan. Sie führt mich an den Drachenleuchtern
-vorbei in den großen Flügelsaal, wo unser Brunnen zwischen den glänzenden
-Porphyrsäulen so kühl und weltverloren in seine tiefe Bronzemuschel
-rauscht. Wir sitzen vor der dunklen tönenden Schale nieder, durch die
-offenen Fensterbogen blendet das weiße Mondlicht herein und verzittert auf
-dem sich kräuselnden Wasser in bleichen, zerrinnenden Silberlinien.
-Gegenüber, jenseits des Brunnens, glänzt auf der geräumigen Dreieckfläche
-einer schwarzen Pyramide die smaragdene Tafel des Hermes Trismegistus.
-
-»Wir hätten sie weglassen sollen,« sagt meine Muse.
-
-Du hast recht. Sie ängstigt nur.
-
-»Und doch haben wir sie in so vielen unvergeßlichen Mondnächten zusammen
-gelesen.«
-
-Freilich -- damals.
-
-»Damals! Du mußt das nicht so tragisch sagen.«
-
-Aber doch, -- damals.
-
-»Nein! Das macht traurig.«
-
-Möchtest du lustig sein?
-
-»Man kann es nicht in diesem Saal.«
-
-Nicht? Wir waren's doch, es ist nicht lange her.
-
-»Er wird mir langweilig. Diese Säulen sind so plump, und immer dieses
-Brunnengeräusch, und dieser ewige Delphin.«
-
-Wir müssen einen andern Saal bauen. Beim Schilfsee, oder über dem
-Platanenwald. Einen roten Saal. --
-
-»Rot?«
-
-Meinst du nicht?
-
-»Nun, also rot. Und dann lassen wir die Wände mit goldenen Palmenreliefs
-schmücken, und dann tanzen wir dort nach einer Mozartmusik Gavotte und
-sehen von den hohen Fenstern auf den schwarzen Wald. Und dann werden wir
-traurig, kehren in den alten Porphyrsaal zurück und hören dem Brunnen zu.
-Eigentlich haben wir das schon jetzt. Wir hätten dann zwei Säle, in denen
-wir traurig sein können.«
-
-Dann ist es besser, hier zu bleiben.
-
-»Und traurig zu sein.«
-
-Was fehlt dir nur?
-
-»Ich weiß nicht. -- Schenk mir was!«
-
-Was du haben willst. Soll ich dir das Salzfaß des Cellini schenken?
-
-»Das mit dem Neptun? Nein, nein.«
-
-Oder einen Garten? Ich weiß einen, auf den borromäischen Inseln --
-
-»Ich weiß schon. Was soll er mir?«
-
-Oder ich könnte dich malen lassen. Nicht in der Weise, wie dich Rossetti
-gemalt hat. In deinem Narzissenkleid, als Flora -- ich weiß einen Maler,
-einen Franzosen --
-
-»Oder Spanier, oder Russen. Nein, nein.«
-
-Dann schenk ich dir eine Harfe. Es gibt eine zedernholzene, dreifüßige, aus
-den Schatzkammern des --
-
-»Ich will keine Harfe.«
-
-Dann -- ja was willst du dann haben? Soll ich dir ein Lied singen?
-
-»Ja, wenn du kannst. Ich warte.«
-
-Aber ich kann doch nicht ohne dich --
-
-»Also, was willst du?«
-
-Du bist unersättlich. Was hab ich dir getan?
-
-»Frag nicht! Frag nicht!«
-
-So will ich dir erzählen. Willst du?
-
-»Von den sieben Prinzessinnen?«
-
-Nein. Von einem Garten im Schwarzwald, wo ein kleiner Knabe mit einem
-kleinen Mädchen unter den blauen Fliedern saß. Der Knabe hatte das Mädchen
-lieb, und als sie beide größer geworden waren, an einem Abend im warmen
-Juni, hingen sie mit roten heißen Lippen aneinander. --
-
-»Weiter! Und dann --?«
-
-Dann kam eine fremde schlanke Frau mit dunkelgroßen Augen, ganz wie du sie
-hast. Die sang so schön und war so fremd und lockend, daß der Knabe sein
-liebes Nachbarkind vergaß. Er ging mit der fremden Frau in ein anderes
-Land, wo die Sterne größer und die Nächte blauer sind. Sie bauten sich ein
-helles Schloß und darin einen Saal mit Porphyrsäulen, darin ein ewiger
-Brunnen in eine bronzene Muschelschale klang. Dort sitzen sie nun bei dem
-Brunnen und sehen den Mond im Wasser verleuchten. Sie haben kühle Hände
-ineinander gelegt und reden kühle Worte zu einander, und ich glaube, daß
-jedes von den beiden Heimweh hat. Wenigstens der Knabe, der inzwischen alt
-und anders geworden ist. Ich weiß, daß er an seine Heimat denkt und daß
-eine verjährte, knabenhafte Untreue durch sein Leben geht wie ein feiner
-Sprung durch klares Glas.
-
-»Das ist eine traurige Geschichte. Ist sie zu Ende?«
-
-Noch nicht. Und ich glaube, der Schluß wird das traurigste sein. Glaubst du
-nicht auch?
-
-»Ich weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob der Knabe die fremde Frau noch
-immer liebt.«
-
-Man hat keine Nachricht darüber. Oder soll ich Ja sagen?
-
- * * * * *
-
-
-Die dritte Nacht.
-
-Lege deinen blonden Kopf an meine Schulter, meine arme Muse! Ich sehe wohl
-auf deiner schönen Stirne diese leisen, schwermütigen Linien, ich sehe wohl
-beim Beugen deines Halses diese müde, kranke Bewegung, und ich vermag auch
-wohl in dem feinen, feinen Aderspiel deiner klaren, weißen Schläfe zu
-lesen.
-
-Komm, weine nur! Das ist Herbst, das ist die letzte zitternde Mahnung der
-unaufhaltsamen Jugendflucht. Du kannst sie auch in meinen Augen lesen, auch
-auf meiner Stirn und auf meinen Händen steht sie geschrieben, tiefer als
-auf deinen, und auch in mir ruft dieses peinigende, schluchzende Wehgefühl:
-es ist zu früh, es ist zu früh!
-
-Komm, weine nur! Wir sind noch nicht am Ende, wenn wir noch weinen können.
-Wir wollen diese Tränen und diese Trauer mit aller eifersüchtigen Sorge
-unserer Liebe bewachen. Vielleicht steht hinter diesen Tränen unser
-Kleinod, unsere Poesie, unser großes Lied, auf das wir warten.
-
-Unsere rosenroten Liebeszeiten sind vorüber, aber sie rühren noch mit so
-viel zarten Fäden an uns -- laß ihnen ihr schmerzlich schönes
-Vergangensein! Wir wollen ihnen mit Kosenamen und mit Liedern rufen, wir
-wollen ihre hellen Erinnerungen wie scheue, geliebte Gäste durch Zartheit
-und schonende Pflege festhalten. Auch wollen wir nicht mehr davon reden,
-wie viele Frühlinge wir uns selber entblättert haben, ich und du; wir
-wollen denken: Es hat so kommen müssen, und wir wollen nicht aufhören uns
-zu schmücken und zu warten -- auf unser Lied.
-
-Unser Lied! Weißt du noch, wie wir von ihm träumten, in jener ersten Zeit
-unserer Liebe? Das war im Kloster, in jener prachtvollen Brunnenkapelle, wo
-sich der Laut des fallenden Wassers so zart mit der klösterlichen
-Schweigsamkeit der gotischen Kreuzgänge verflocht. Weißt du noch? Und jene
-Abende! Die kühlen, mondhellen Abende jenes Spätherbstes, die so weich und
-traumverzaubert auf den Dächern des Klosters lagen, und auf dem kahlen
-Garten und über den duftigen, kühlen Bergen! Der Wind lief durch die
-steinernen Fensterblumen und gewann Klang in den schwarzen Kreuzgewölben,
-der Mondschein lief über die breiten Simse und über die weißen Dielen des
-Oratoriums. Und ich erzählte meinem Freund Wilhelm in der verborgenen
-Fensternische von der fernen dunklen Zeit, in welcher die Klöster und die
-großen Dome aus der Erde wuchsen, und von den Stiftern, Rittern, Bauherren
-und Äbten, deren bildnisgeschmückte Grabsteine drunten im Kreuzgang fremd
-und gespenstisch im weißen Mondschein lagen. Ich hatte damals mehrere
-Freunde, von denen Wilhelm mein Liebling war. Du sahest ihn oft mit mir,
-zumal in solchen Mondnächten, und auch die andern: schlanke, begeisterte
-Knaben wie ich selbst. Frag nicht, wo sie sind und was aus unserer
-Freundschaft geworden ist! Auch jetzt hab ich Freunde, zwei, drei -- von
-den damaligen ist keiner mehr darunter. Aber du bist noch da und liebst
-mich noch, und bald oder spät, wenn auch die Freunde von heute tot oder
-fremd sein werden und kein Mensch mehr von meiner Jugend mit mir plaudern
-wird, wirst du noch immer bei mir sein, und mich zuweilen bitten, von den
-vergangenen schöneren Zeiten zu reden. Dann werden wir auch an heute denken
-und dieses traurige Heute wird uns wunderbar fern und lieb erscheinen wie
-eine ferne kleine Jugend. Und vielleicht wird dann aus diesem
-ferngewordenen, von Erinnerung verklärten Heute unser Lied aufsteigen.
-Unser Lied!
-
-Das Lied wäre dann ein weiches, duftiges Bild voll Zauber und Seele, aus
-dessen dunkeltönigem Grund unsere Gestalten weich wie ein Traum mit
-schwebenden Konturen hervortauchten, der schlaflose Dichter mit der in die
-heiße Hand gestützten regen Stirn und an seine Schulter gelehnt der schöne,
-müde Blondkopf seiner knieenden Muse. Und dieses eine, zarte Bild würde
-allein übrig bleiben von meinem rastlosen Leben; lang nach meinem Tode noch
-würden spätgeborene Freunde es betrachten und lieben. »Der arme Dichter!«
-würden sie sagen und doch den armen Dichter um sein einziges unsterbliches
-Bild und um seine blonde, unbeschreibliche, knieende Muse beneiden.
-
-Du lächelst wieder? Küsse mich, meine blonde Muse! Küsse mich und verzeih
-mir und dir um unseres Liedes willen alle Qual und allen Jugendraub, den
-wir aneinander begangen haben!
-
- * * * * *
-
-
-Die vierte Nacht.
-
-Warum willst du die alte Geschichte wieder hören? Ich hatte sie selbst fast
-vergessen und das wäre für mich und für die Geschichte das beste gewesen.
-
--- Der verstorbene Dichter Hermann Lauscher lebte noch und wanderte in den
-alten Straßen der Stadt Bern umher. Es war ein Tag im November, windig und
-regendrohend. Der vereinsamte Dichter genoß in vollen Zügen die ihm
-liebgewordene Stimmung, sich heimatlos am fremden Orte umzutreiben. Die
-alten dunkeln Straßen mit den festen, burgartigen Häusern, vorspringenden
-Kellerhälsen und finster traulichen Arkaden reizten in dem kranken
-Dichtergemüt jene bittere Stimmung aufs höchste, dazu kam die unwirtliche
-Rauheit des Tages, so daß der arme Heimatlose härter als je den Zwiespalt
-seiner krankhaft reizbaren Seele und an den Erinnerungen seines unsteten,
-zerrissenen und fruchtlosen Lebens litt. Wie er mir nachher erzählte,
-spielte seine Phantasie beim Anblick dieser dunkeln, engen Arkaden in
-melancholischer Laune mit hundert eingebildeten Möglichkeiten. Er dachte
-sich einen lang entbehrten Freund, eine verlorene Geliebte, an deren
-Begegnung die wichtigste und seligste Entscheidung seines Glückes hinge, in
-derselben Straße wandeln, zehn Schritte von ihm, von den Schatten der
-nächsten Arkade verborgen. Ein Augenblick vielleicht, in welchem die nahe
-Gestalt sichtbar ward, ja vielleicht herüberblickte -- aber eben in diesem
-einen Augenblick hat er sich abgewendet und hat mit dieser kleinen,
-zufälligen Bewegung Augenblick und Zukunft verscherzt.
-
-Er erschrak, als ich ihn plötzlich auf die Schulter klopfte, und in dieser
-Sekunde sah ich in seinen Augen zum erstenmal den flackernden, traurigen
-Glanz des Irrsinns zucken. Wir gingen nun zusammen durch die Straßen,
-erstiegen den Münsterturm, weideten uns am Anblick der prachtvollen
-Gobelins im historischen Museum, aßen in einem Wirtshause tief unter der
-großen Aarebrücke gebackene Forellen und strandeten nach einer zweiten
-Wanderung im Keller des Kornhauses.
-
-Du weißt, der arme Lauscher war in jener letzten Zeit seines unglücklichen
-Lebens ein starker Weinzecher, und so saßen wir bald bei der zweiten und
-dritten Flasche. Es war der schäumige Neuenburger, den ich schlecht
-ertrage, so daß ich bald mit schwerem Kopf ihn ganz in seinen launisch
-wirren Reden gewähren ließ. Er kam auf jene Arkadenphantasie zu sprechen.
-Ich lachte ihn aus und rühmte mich, jenen wichtigen Augenblick erfaßt und
-ihn, den ich in Bern gewiß nicht zu treffen hoffte, gefunden zu haben. Er
-lächelte rauh und sagte: »Kein Beweis, mein Guter! Das Unglück trifft man
-überall. Aber weißt du denn, ob nicht eben in dem Moment, wo du mich so
-derb aus meinen Gedanken rissest, ob nicht eben in diesem Moment jemand
-hinter uns vorüberging, den du seit Jahren suchst und den du in Jahren
-nicht wieder treffen wirst?« Mir wurde sonderbar zu Mut. »An wen denkst du
-denn dabei?« fragte ich fast schüchtern. Er lachte. »Ei,« sagte er dann,
-»ich denke an niemand besonders. Es ist ja nur eine Hypothese. Aber es
-hätte ja zum Beispiel eine gewisse blonde Maria sein können.«
-
-Ich kann dir nicht sagen, wie bei diesem Namen mein Herz in Grauen und
-Liebe den Takt verlor. »Woher weißt du?« fragte ich Lauschern heftig, »ich
-habe nie einem Menschen von Maria erzählt und glaubte, ich selbst hätte sie
-und ihren Namen vergessen. Kennst du sie? Lebt sie noch? Ist sie hier in
-Bern?«
-
-Lauscher lachte wieder und steckte sich eine neue Zigarre an. »Ob sie noch
-lebt,« sagte er, »weiß ich nicht. Ich habe sie seit vielen Jahren nicht
-wiedergesehen.«
-
-»Wann war das?« fragte ich atemlos.
-
-»Hab ich dirs nie erzählt?« sagte er und nahm einen starken Schluck. »Sie
-war so schön! Sie saß mit mir auf einer grünen Bank im Veilchengarten, die
-Nachtigall sang zum erstenmal im Jahr. Wir lasen zusammen in einem großen
-Buch --«
-
-»Halt ein,« rief ich totblaß, »halt ein oder ich bringe dich um! Das war ja
-ich, das war ich, der mit Maria auf der grünen Bank saß, und das Buch --«
-
-»Schrei doch nicht so,« sagte Lauscher und schenkte mein Glas voll.
-
-»Aber Lauscher, sag mir um Gotteswillen --« flehte ich.
-
-»Bibamus! Dein Wohl!« lächelte er und stieß an. »Soll ich weiter erzählen?
-Das Buch enthielt eine schöne Jugendgeschichte und war höchst angenehm zu
-lesen. Zwischen den Lettern stiegen Maria und ich als kleine arabeskenhafte
-Figuren durch allerlei Blumenranken auf und ab.«
-
-»Maria und ich!« rief ich aus.
-
-»Nun ja, wie ich sage,« fuhr Lauscher fort. »Maria aber las unruhig und
-zerstreut. Und als die Geschichte anfing traurig zu werden, da schlug sie
-eine ganze Handvoll Blätter um und --«
-
-»Und lief in den Wald, und die Nachtigall sang wieder -- o Lauscher!«
-
-»Bibamus,« sagte Lauscher.
-
-Ich legte den schweren Kopf in beide Hände und hätte am liebsten laut
-geschluchzt. Als ich nach einer Weile mich erhob, war Lauscher fort. Mit
-schmerzender Stirne und halb berauscht verließ ich den Keller. Es war kurz
-vor Lauschers Tod.
-
- * * * * *
-
-
-Die fünfte Nacht.
-
-Eigentlich waren die Veilchen an allem schuld, die Veilchen und der
-Frühling, und ohne sie wäre die ganze süße Pein mir fremd geblieben, an der
-seither mein Leben verblutet.
-
-Jene Veilchen im Garten waren schuld, daß in meiner fröhlichen Knabenseele
-die duftend dunklen Schatten emporstiegen. Ihr Duft war daran schuld, daß
-die Frühlingsgeschichte in unserm Buche plötzlich so beklommen, traurig und
-sehnsüchtig wurde, daß die schöne Maria davonlief und daß die Nachtigall im
-dunkeln Abendlaub so angstvoll süß und herzbeklemmend zu singen begann.
-
-O wenn ich diese Nachtigall nie gehört hätte! Dann hätten nicht die
-liebsten Lieder aufgehört mich zu erfreuen, dann wäre nicht die dunkle
-Sehnsucht in mir erwacht. Dann hätte ich nicht begonnen, von jenem Glück zu
-träumen, das irgendwo hinter dem Leben wie hinter einer verwunschenen Hecke
-schläft. Dann wäre auch der unselige Traum noch ungeträumt, daß das beste,
-seligste Stück meines Lebens in jenem Buche ungelesen und unerlebt
-geblieben sei. Dann wäre ich kein Dichter geworden und die traurig beredte,
-zweifelsüchtige Sprache des Leidens wäre mir unbekannt geblieben.
-
-Aber Träume sind keine Schäume. Und das Lied unserer Nachtigall mit seiner
-letzten, grausam schönen Dissonanz klingt in mir weiter und sehnt sich nach
-seiner Lösung. Und es verwandelte sich in meinen Lieblingstraum von jenem
-Lied der Lieder, dessen ungesungene, vereinzelt aufdämmernde Takte mir in
-Blut und Leben übergegangen sind und mich stündlich mit ihren feinen, noch
-ungelösten Dissonanzen peinigen. Ich glaube nicht an jene Dichter, aus
-deren Haupte, wie man sagt, die fertigen klingenden Verse wie gepanzerte
-Göttinnen hervorspringen. Ich weiß, wieviel innerstes Leben und wieviel
-rotes Herzblut jeder einzige echte Vers getrunken haben muß, ehe er auf
-seinen Füßen stehen und wandeln kann. Und das wäre noch leicht zu ertragen.
-Aber dann jedesmal das spottend grausame Gefühl, daß der Vers, so hübsch er
-sei, doch wieder nicht die Tiefe erschöpft, doch wieder den Keim der alten
-Dissonanz in sich trägt und doch wieder nur ein Spiegel des Dichters und
-nicht der Spiegel seines glühend schönen, sehnsüchtigen Traumes ist! Und
-doch hat er so tief an unserm Leben sich genährt und so viel Herzblut
-mitgenommen! Ach und dann, wenn man älter wird und seine Grenzen ahnt --
-diese Hast, dieses Wechseln von Schonung und Verschwendung, diese immer
-enger drückende, furchtbare Angst zu sterben, ehe der geträumte Ton
-erklang, zu sterben ohne Erfüllung nach einem lebenlangen Warten und
-Vorbereiten! Und dazu bei jedem neuen Unterliegen und Zweifeln diese
-vorwurfsvolle Stimme der dem Unbewußten entrissenen, gemarterten eigenen
-Seele, deren Entblößung nur durch das unberechenbare Glücken des großen,
-unsterblichen Wortes versöhnt und geheiligt wird! Ach, man hat so viel
-Schimpfliches von den Dichtern gesagt, aber das Schimpflichste wußten und
-wissen sie selber und halten es ängstlich geheim -- sogar vor den eigenen
-Augen!
-
- * * * * *
-
-
-Die sechste Nacht.
-
-Finsternis, Stille, Einsamkeit. Diese furchtbaren Nächte sind endlos für
-das winzige Taktmaß meiner tickenden Uhr und meines in den heißen Schläfen
-fiebernden Blutes. An alles Sanfte und Tröstende versuche ich zu denken,
-ich beschwöre alle milden Erinnerungen, alle freundlichen Sterne des
-Gedankens und der Poesie, alle besänftigenden Gleichnisse. Es ist umsonst,
-und kein Gedanke hält vor der bedrückenden Gegenwart dieser Stunde stand.
-Wenn jetzt selbst meine Mutter sich zu mir setzte und mir alle
-Zärtlichkeiten der Liebe und Erinnerung gewährte -- ich würde lächeln und
-nicht weniger leiden.
-
-O schlaflose Nacht! Alle Kräfte und Beziehungen meines Wesens und meines
-Lebens an die trübe Oberfläche dieser einen Nacht gedrängt zu machtlos
-müder Selbstbetrachtung! Hat kein von mir verehrter Gott so viel Mitleid,
-hat kein Andenken oder Gebet eines fernen Freundes so viel Leben und keine
-meiner liebsten Erinnerungen so viel Wahrheit, den Bann dieses unsäglichen
-Leidens zu brechen? Alles, was mich jemals freute und über die Stunde
-erhob, hat Blick und Wärme verloren. Meine Götter sind steinern, und mein
-Leben war ein blasser Traum, dessen Bildungen mein inneres Auge nur wie
-fremde Schattenbilder berühren.
-
-Liegt jetzt vielleicht einer meiner Freunde in einer fernen Stadt auf
-seinem Bette wach und denkt an mich? Ach, er schläft! Und wohin ich meinen
-trostbedürftigen Gedanken wende, finde ich nichts. Oder finde doch nur
-Mitleidende, andere Dulder, eine blasse müde Gemeinde von Schlaflosen,
-deren jeder so wie ich gepeinigt ohne Ruhe liegt, bleich, großäugig und
-leidend. Ich grüße euch, traurige Brüder, die ihr fern von mir und fern
-voneinander in vielen einsamen und dunkeln Schlafgemächern lieget. Ihr
-leidet wie ich, ihr suchet mit großen Augen die unsichtbaren Gestalten der
-Finsternis und habt Schmerzen, sobald ihr die starren Lider schließet.
-Denkt ihr an Eure Brüder? Denkt ihr an mich? Ach wenn wir alle aneinander
-dächten und alle das Gefühl dieser unsichtbaren schweigenden Gemeinde
-hätten! Ich glaube, wir verständen uns, unsre feinen, rastlosen Nerven
-wären der Mitteilung und Erwiderung fähig. Wir könnten uns ohne Worte über
-viele stille nächtliche Meilen hinweg unser Leben, unsre Leiden und
-Hoffnungen erzählen. Wir könnten vielleicht über fremde Schicksale weinen
-und die eigenen würden uns im Mitteilen wieder neu und lieb. Wir würden
-Zusammenhänge und Ahnungen, die uns im eigenen Leben emporstiegen, bei
-Fremden wiederfinden, der Kreis erweiterte sich und wir sähen die Fäden,
-deren Anfang und Ende wir in Händen zu halten glaubten, über Erdteile und
-Geschlechter gemeinsam gezogen. An diesen Fäden rührend wie an einzelnen
-Saiten einer Riesenharfe würden wir uns ein gemeinsames klareres Leben
-weiterdichten und Schritte in der Erkenntnis des Ewigen tun, die wir allein
-nicht tun können.
-
-Ich kann euch nicht zurufen, meine Brüder. Aber ich will in jeder Nacht
-mich euer erinnern und euch mit dem Gruß des Mitleidenden grüßen.
-
-Indes ich dieses denke, berührt mich eine sanfte Hand. Meine Muse! O wie
-ich Heimweh nach ihr hatte! Und sie wartete nur, bis in meiner
-alleingelassenen Seele ein Gedanke der Güte aufstiege!
-
-Die Nacht wird weicher, linder und freundlicher, die Sterne glänzen zarter,
-und vor meiner Seele beginnt ein bekanntes Bild sich aus der Dunkelheit zu
-lösen. Ich kenne dich! Das ist der Park, das ist die halbrunde Träumerbank,
-das ist der Morgenduft jener Stunde, in der ich mein erstes Lied gedichtet
-habe! Mein erstes Lied! Eine junge frühlinghafte Blutbuche stand darüber
-und hüllte mich in ihre goldig roten Schatten. O jene süße, von Dichtung
-und Liebe schüchtern berührte Stunde! Ich danke dir, meine Muse!
-
- * * * * *
-
-
-Die siebente Nacht.
-
-Frag nicht so viel! Von der Blutbuchenbank im Park von B . . . soll ich dir
-erzählen? Und von der toten Elise? Und wieder von Maria, und von den andern
--- lauter Liebesgeschichten?
-
-Es sind so viele! Frauen, die mich liebten, und andere Frauen, schönere,
-wunderbarere, geliebtere, die mich nicht liebten. Ich weiß nicht, welche
-mich mehr gequält haben. Jene drei Sterne erster Größe, die so hell und
-schwärmerisch am Himmel meiner Jugend und meiner Dichtung stehen: Maria,
-Elise, Lilia -- die haben mich nicht geliebt. Von allen dreien aber litt
-ich nicht solche Qual wie von der Einen, wilden Eleonor, und diese liebte
-mich. Eleonor! Schon der Name! Fürstlich, schön, kühl, übermütig, süß und
-feindselig zugleich. Ach, ich werde einmal von ihr singen --: Abend,
-Spätsommer, tiefsammetblau, Sterne fallen aus der warmen Höhe. Wir beide in
-der Spätrosenlaube, ich und Eleonor, selig elend, eins des andern innersten
-Mangel kennend. Eleonor! Vorwissend spielten wir unsre Liebe zu Ende,
-tragisch hohen Stils, mit großen Gebärden und in jedem Blick schon
-unverhüllt der Anfang vom Ende! Und nahmen Abschied in einer
-wetterleuchtenden Spätsommernacht zwischen letzten falben Rosen und rotem
-Weinlaub, lachend-leidend, und gossen die herbe Hefe der Leidenschaft aus
-zerspringenden Gläsern in die Nacht.
-
-Ich will nicht mehr davon erzählen. Es ist seit jener Nacht, daß ich vom
-Leben weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläfers, wie das Aufstehen
-einer kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert
-ist, gelebt zu werden. -- Laß mich lieber von jenen andern Frauen reden!
-Sie liebten mich nicht, sie hatten für mich nur jenes Mitleid, das in
-großen gütigen Frauenaugen so unerträglich schön und grausam aussieht. Und
-Eine davon verstand auch die Schönheit meiner Liebe und begriff, daß sie
-nicht mit Umarmungen zu stillen wäre.
-
-Dichterliebe! Du weißt, die Menschen achten sie nicht hoch, so wenig als
-den Schmerz oder die Schönheit eines Liedes -- es ist ja nur ein Lied! Daß
-einer liebt und vom ersten Tag seiner Liebe an auf den Genuß dieser Liebe
-verzichtet und sie, ihm selbst unerreichbar, bekränzt zu Sehnsucht und
-Traum in den Kreis der Sterne erhebt -- wie sollten sie es auch verstehen?
-Sie wissen ja nicht, was Leben ist. Sie steigen wie kleine Wellen aus dem
-Fluß der Zeit, und fallen zurück, und haben nie gewünscht, ihr Dasein mit
-irgend einem Faden an die Ewigkeit zu knüpfen. Sie wissen nicht, daß jeder
-Dichter sein Leben lang, oft halbbewußt, an den unsinnlich schönen Zügen
-einer Beatrice dichtet. Heraufgespült und rasch stromab getrieben vom
-trüben Fluß der Tage, schiffbrüchig schwimmend zwischen Geburt und Tod --
-wo sollten wir mit unsern sehnsüchtigen Blicken das in uns gespiegelte Bild
-des Ewigen suchen, wenn nicht in den Sternen? Von ihnen wissen wir, daß es
-dieselben sind, an denen schon in heimatlos durchirrten Nächten das kluge,
-traurige Auge des Dulders Odysseus hing.
-
-O meine Muse, laß nicht die schönen Augen so mitleidig auf mir ruhen!
-Siehst du, wie hinter dieser wachen, blassen Stirn ein unbegriffenes
-körperloses Leben in fruchtlos aufzuckenden Flammen verlodert? Siehst du
-schon die Nacht, in der ich so wie jetzt vor dir liegen werde, nur blasser,
-ruhiger; die Nacht, in der die letzten verzweifelten Flammen hinter dieser
-Stirn verglüht sein werden?
-
-Doch nein! Daran denkst du nicht. Ich verstehe dich nun. Dein Blick verrät
-mir: du weißt, daß du meine letzte Liebe bist. Daß du Maria, Elise, Lilia
-und Eleonor hießest. Daß du Beatrice bist! Ich wußte es längst und brauchte
-es nicht aus der florentinischen Schlankheit deiner Glieder, aus deinen
-dantesken Zügen zu lesen. Vor deiner süßen Nähe zitterte mein Knabenherz
-unter der Blutbuche, und es waren deine Augen, aus denen ich in jener
-schwülen Spätsommernacht so viel Liebe und Elend las.
-
-Und dein Blick verrät mir: du weißt, daß ich dein eigen bin und daß du mir
-den Fuß auf den Nacken setzen darfst. Das ist der Mitleidblick im Auge
-jener Frauen, vor denen eine edelgeborene Mannheit auf Knien liegt, jenes
-halbe Herneigen, jene Lust einen Sklaven zu haben -- und dahinter die
-spöttisch traurige Frage: Ist das Alles? Ist das die Liebe?
-
-Wende diesen Blick von mir! Ich ertrage ihn nicht, mit seiner verborgenen
-Frage, mit seiner traurigen Grausamkeit. O wie könnte ich dir mit Vorwürfen
-antworten! Aber ich kenne dich. Du hörst mich an, du lächelst, nickst
-sogar, wenn ich dich der Bitterkeit und des Bruches erinnere, die durch
-dich in mein Leben gekommen sind. Du hörst mich an, du lächelst, du nickst
-sogar und fragst zuletzt: Soll ich fortgehen?
-
-Du weißt: Er sagt nicht Ja.
-
- * * * * *
-
-
-Die achte Nacht.
-
-Auch heute wieder! Dieses leise Sieden des Blutes, dieses Knistern hinter
-den Tapeten, diese langen Atemzüge des Windes! Eine Sekunde, eine Minute,
-noch eine, wieder eine, und so rinnt ein Tropfen des kurzen, kurzen Lebens
-um den andern fremd und unaufhaltsam an mir vorbei. Wieviele Stunden sind
-mir so unter den fiebernden Händen zerronnen? Vielleicht tausend,
-vielleicht zehntausend! Sie sind hin, sie haben kein Leid noch Glück mehr
-zu verschenken, sie sind ungelebt und doch abgezogen von dem mir
-Bestimmten.
-
-Und dann werde ich weiß und schweigend liegen! Und unter geschmacklosen
-Förmlichkeiten in einem Holzkasten in die schmale feuchte Grube gelegt
-werden! Bekannte werden hinterher gehen, von Tagesgeschichten plaudernd.
-Ein Prediger wird vielleicht am Grabe in der entsetzlichen Sprache Jehovas
-die Lehre von Zeit und Ewigkeit verkündigen. Am Grabe eines Dichters!
-
-Ja, lache nur, schöne Muse! Ich weiß, du wirst hinter dem Prediger stehen
-und deine süßen ironischen Staunaugen machen. Du bist ja schon an so vielen
-Gräbern gestanden. Und wie du aufhorchen wirst, wenn er von meiner
-unsterblichen Seele redet! Diese Seele ist ja du, oder ist doch ein Teil,
-ein Zug von dir. Sie lebt und ist ewig in einer deiner Geberden, in einer
-Art zu lächeln, in einer besonderen Biegung deiner Stimme, in einer Nuance
-deines Lockenfalls. Wieviele tote und vergessene Dichter haben an dir
-gedichtet, bis du zu mir kamst, bis du so gliederschön, schlank und biegsam
-wurdest! Und nun bist du mein! Wenn auch kein Wort noch Reim von mir mich
-überdauert, einen Zug von mir wirst du Unsterbliche doch weitertragen. Und
-den werden meine Nachfolger, die meinen Namen nicht kennen, ehren und
-verstehen. In dem unsterblichen Werke, das einer von ihnen vollenden wird,
-wird irgendwo, sei's nur in einem Wort, einem Ton, einem kleinen zarten
-Zug, mein Leben verewigt sein. Eine kleine Stelle doch wird dich in den
-besonderen Zügen malen, die du mir verdankst. Eine kleine Schönheit doch
-wird in dem unsterblichen Werke sein, die ohne mich nicht wäre möglich
-gewesen, und der unerlöste Nachklang meines Lebens wird als willkommener
-Ton in eine Harmonie der Ewigkeit sich fügen. Ewigkeit! Was ist dann noch
-Tod, Grab und Prediger? Unbequeme Zufälle, wie tausend im Leben sind.
-
-Und so arbeite ich bewußt an meinem Werk, an dem Völker, Erde und Gestirne
-unbewußt mitschaffen. Was sind Jahrtausende? Eine Spanne Zeit, Staub im
-Vergleich mit einem einzigen Blick des Ewigen. Jene schöne junge Nausikaa,
-die vor unendlichen Zeiten am Meere wandelte, ward von einem solchen Blick
-getroffen und ist heute so schön, jung und lebendig wie an jenem seit
-Jahrtausenden vergangenen Tage.
-
-Du lächelst wieder? Meine schöne Muse, du bist ein Weib. Ihr Frauen stehet
-dem Ewigen so nah, daß ihr unser Händeausstrecken und Hinübersehnen nicht
-verstehet. Und was ihr nicht verstehet, darüber lachet ihr. »Wie komisch!«
--- so könnt ihr ausrufen, wenn eines Andern Züge von Leiden entstellt sind,
-die ihr nicht kennt. Dir zuliebe werde ich einmal versuchen müssen elegant
-zu sterben!
-
-Ich beneide dich, meine Muse! Ach, für dich ist mein ganzes Leben eine
-Episode, eine Herbstgeschichte, eine unruhige, kranke Nacht! Nachher wirst
-du wieder lachen und blühen, als wäre nichts gewesen, nichts als ein
-nervöser, unangenehmer Augenblick. »Nachher« -- das heißt: wenn ich tot
-sein werde. »Ein unangenehmer Augenblick« -- das heißt: mein Leben vom
-ersten bis zum letzten Lallen, mit der ganzen Welt von Jauchzen und
-Verzweifeln. Es wird ja nicht ins Leere fallen, aber was ist dieser
-Schimmer von Ewigkeit? Was sind selbst die größten Toten: der große
-Alexander, der große Tizian, der große Napoleon? Einem Hungernden ist ein
-Bissen Brot wichtiger als der große Alexander. Und wer hungert nicht? Wer
-ist nicht von tausend elenden Bedürfnischen umgeben, deren jedes ihm
-wichtiger ist als der große Alexander? Wieviel von meiner Unsterblichkeit
-würde ich geben, wenn ich jetzt schlafen könnte, wenn ich das leise, infame
-Fiebern der unflüggen Gedanken hinter meiner Stirn und den schmerzenden
-Augen zur Ruhe bringen könnte? Ein Viertel, die halbe, die ganze!
-
-O wie du mich ansiehst! Wie du mich leiden siehst! Und alles um ein Weib,
-und alles um dich! Und jeder schwere Herzschlag in meiner Brust, und jedes
-schmerzliche Zittern meiner Lider, und jedes bedrückte heisere Atemholen
-meines Mundes ist ein Tropfen Leben für dich, ein Meißelführen, ein
-Pinselzug an deinem Bilde.
-
-Ermahne mich nicht! Laß mich nicht denken, wie es wäre, das alles zu leiden
-nicht für dich, ohne dich, für Nichts! Lies mir ein Märchen vor! Sag mir,
-daß du mich liebst, daß die Ewigkeit an meinem Lager sitzt und mit mir
-leidet.
-
-Wie deine Hand zu streicheln versteht! Ich fühle dabei die ganze Geschichte
-dieser Hand, die ganze adlige Kultur ihrer Form und Geste, an der schon die
-Maler des frühen Florenz gearbeitet haben, die auf so viel
-lorbeerbekränzten, ungenügsamen, scharfgefalteten Künstlerstirnen ruhte. Wo
-ist ein Fürst, dessen uradlig geborene Geliebte solche Hände hat? Und auch
-in meiner Hand und auf meiner Stirn ruht deine Rechte nicht vergebens, auch
-von mir geht der leise Strom eines eigenartigen und feinen Lebens in sie
-über. Sie wird, wenn niemand mehr von mir weiß, auf andern Stirnen liegen,
-andere Schultern berühren, und in ihrer Berührung wird mit allen tausend
-andern auch meine Schönheit, Krankheit und Kunst verewigt und tätig sein.
-
-Und diese Kultur, dieser unsichtbare, leise, ununterbrochene Strom bewußten
-Lebens, in welchem Dante und Donatello nur schöne Windungen sind -- das ist
-die Ewigkeit. Das ist die Ewigkeit! Das bist du, meine schöne Muse!
-
-
-
-
-Tagebuch 1900.
-
-
-Basel, 7. April 1900.
-
-Abends. Ein dunkler, kühler Tag. Ich lege Tolstois »Auferstehung« aus der
-Hand. Ich hatte geschworen, sie nicht zu lesen, aber alle Welt war voll
-davon, ich mußte darein beißen, und nun ist es hinter mir. Zwar etwas von
-der trostlos traurigen, rohen, schrecklichen Luft dieses Russen drückt mich
-noch -- es ist körperlich ungesund, solche Sachen zu lesen. Mit Tolstoi
-geht es mir genau wie mit Zola, mit Ibsen, mit Robert, mit Uhde, mit Hebbel
-und zwanzig andern Größen -- sehe ich sie, so muß ich den Hut abnehmen,
-wohler aber ist mir, wenn ich sie nicht sehe. Tolstoi ist von einer
-imponierenden seelischen Größe, er hat einmal die Stimme der Wahrheit
-gehört und folgt ihr nun wie ein Hund und wie ein Märtyrer, durch dick und
-dünn, durch Schmutz und Blut. Was ihn so häßlich macht, ist eben das
-Russische an ihm, dessen Schwere, Düsterkeit, Mangel an Kultur, Mangel an
-Freude sogar den zarten Turgenjew ungenießbar macht. Die Heiligen Martin
-und Franziskus haben dieselbe Lehre wie Tolstoi gepredigt, aber bei ihnen
-ist Person und Lehre ebenso hell, elastisch und erfreuend wie bei Tolstoi
-dunkel, spröde und niederdrückend. Vielleicht, ich will nicht leugnen,
-kommt von dorther die Erneuerung der Welt; aber ehe aus diesen herben,
-frischen, rohen Keimen Kunst werden kann, müssen sie noch hundert Jahre und
-länger reifen.
-
-Mir träumte einmal, ich wäre mitten in einer großen, sonderbar schweigsamen
-Gesellschaft. Ein starker Mann in einem zu weiten Frack trat mich plötzlich
-ernst, streng und herrisch an und fragte mit rauher Stimme: Glaubst du an
-Christus? Während ich mich besann, was ich antworten sollte, sah ich sein
-glühendes Auge und seine groben, herausfordernden Züge so unangenehm nahe,
-daß das Gefühl der Beleidigung sich mir aufdrängte; ich mußte ein eisiges,
-verächtliches Nein sagen, lediglich um diesen aufdringlichen Blick und die
-ganze unerwünschte Gegenwart des groben Fragers abzuweisen.
-
-In dieser Weise fragt Tolstoi. Seine Stimme hat nicht nur die zitternde
-Glut des Fanatikers, sondern auch den peinlich rohen Gurgelton des
-östlichen Barbaren.
-
-Ich habe Sehnsucht danach, mich am nächsten warmen Tage in den hellen
-Frühlingswald zu legen und dort ein paar Seiten Goethe zu lesen.
-
-Basel, 11. April 1900.
-
-Glaubst du an Christus?
-
-Es war gestern, auf Riehenhof, in der kleinen Halle gegen Abend; ich war
-zwei Tage bei Doktor Nagels zu Gast. Die freundliche Wirtin saß mit mir in
-herzlichem Gespräch in der zarten Abendglut, es war eine ungerufene
-glückliche Stunde; unsre Fragen rührten an alles Wichtige, Ernste,
-Beglückende, an den Tod, an die Sterne, an das Wunder. Auf die letzten
-Fragen gab kein Wort mehr Antwort, ein freundschaftlich vertrauendes
-Schweigen, ein Kopfnicken, ein Blick in die Röte des Himmels, ein stummes
-Deuten auf die sammetblauen Vogesen und den klaren, dunkelgrünen
-Schwarzwald --, und vor dem Schlafengehen lasen wir den dritten der Hymnen
-des Novalis.
-
-Auf dem Kanapee im großen Gesellschaftszimmer auf Riehenhof stand ein fast
-vollendetes Bild von Fritz Burger: die Bachwiese mit reichem Obstblust. Bei
-solchen entstehenden oder eben entstandenen Kunstwerken empfinde ich immer
-Schmerz, Erhebung und Neid zugleich, denn ich stehe ja, mitten in Tag und
-Kram, ferner als je von meinem Werk, nach dem ich doch täglich lüsterner
-und sehnsüchtiger werde.
-
-Basel, 15. April 1900.
-
-Diese warmen, grünen Abende auf Riehenhof! Seit Monaten hatte sich mir
-keine Zeile gereimt, und jetzt -- es quillt so weich und ohne Ende, Verse,
-Verse! Es ist ganz wie es in schönen Anthologien steht: Frühling, junges
-Grün und Amselgesang, und dem Dichter verhängt ein selig goldener Nebel die
-Welt. Ich liege im Rasen, ich wandere durch die Wiesen, ich lehne im
-Halbdunkel abends im Zimmer, ich gehe zum Wein, und meine Lippen sind heiß
-und rot von lauter Reimen. Kein Inhalt, kein Gedanke, nur Musik von
-schlanken, lachenden Worten, nur Takt, nur Reim. Ich weiß dabei wohl, daß
-diese Verse, wenn noch so gut, noch nicht einmal Lyrik sind, und weiß, daß
-ich schon bald an heute und gestern als an etwas Unbegreifliches, Schönes,
-Vergangenes denken werde, mit Schmerz und Ironie. Auch ist mir, ein Dichter
-hätte das, was ich eben denke, schon mit sehr schönen Versen zu Tode
-gesungen, und wenn ich mich besinne, so ist es der unangenehme Freund Heine
-und sind es die Zeilen:
-
- Sag nicht, daß du mich liebst,
- Ich weiß, das Schönste auf Erden,
- Der Frühling und die Liebe,
- Es muß zu schanden werden.
-
-Der Frühling und die Liebe. Liebe? Ich weiß nicht. Es ist nur ein Name, und
-bei mir ist die Liebe eben dieser weich zerfließende Lyrismus, der mich als
-besondere Form des Sentimentalen jeweils befällt und eben so süß als
-schwächend ist. Oder soll ich dabei an Elisabeth denken? Ist das denn
-Liebe, daß ich manchmal Lust habe ihr mehr zu sagen, als man sonst Mädchen
-sagt? Daß es mich zuweilen traurig macht, wenn ich mir vorstelle, ich mache
-ihr Geständnisse und führe mit Schande von dannen? Müßte ich nicht den
-unsichern Grund meines ganzen jetzigen Lebens antasten, einen steinernen
-Grund legen und von da aus mit der roten Fahne der Leidenschaft, mit
-Stürmen und Opfern nach ihr jagen? Wenn ich mich jener ernstlichen,
-brennenden Leidenschaft erinnere, mit der ich noch als halber Knabe der
-ersten Frauenliebe verfiel, an jene Entzückungen, an jene durchweinten
-Nächte, an jene im Fieber entworfenen, von plötzlichen Selbstmordgedanken
-gekreuzten, dennoch selig frechen Lebenspläne, an jene Wut, den Namen Elise
-viele hundert Mal im Bette zu flüstern, im Garten zu singen, im Walde laut
-zu schreien -- wenn ich an das alles denke, so muß ich traurig lachen und
-kann dieses zarte Hinüberneigen nicht Liebe nennen. Eine Stimmung, ein in
-Dämmerung angeschlagener Moll-Akkord, ein scheuer Anfang eines unsicher
-elegischen Gedichtes -- und schließlich eben dennoch seit Jahren die
-einzige, wenn noch so leise Erregung, bei der mir der Name Liebe einfiel.
-Der lodernde Rausch von damals, durch viel Philosophie, viel Ästhetik, viel
-Kunst und viel Ironie jahrelang ins Blassere, Flüchtigere nuanciert, ists
-doch vielleicht. Aber ich träume doch zuweilen von jener alten Liebe so rot
-und feuerfarben, habe Sehnsucht nach einer Leidenschaft, die gellend und
-bacchantisch sich aus Übermut und Ungenügen zum Verhängnis wöbe. Ist dieser
-Traum und diese Sehnsucht alles, was ich vermag, ist es der Nachklang der
-alten Liebe oder Ahnung einer kommenden, noch möglichen? Und steigt dieser
-Traum rein aus dem unbewußten Leben, aus Instinkt und verlorener
-Erinnerung, oder hat er seine Farben von Böcklin und seinen großen,
-dämonischen Takt von Chopin und Wagner?
-
-Ich glaube, daß kein anderer Mensch über die Gründe seines inneren Lebens
-und über die wahren Ursachen seines Begehrens und Ungenügens so durchaus im
-Dunkeln ist und immer tiefere Finsternis findet, wie eben der, der seine
-flüchtigsten Regungen beobachtet und dem Entstehen jeder Reizung nachspürt.
-Als ob dadurch sich das verscheuchte Unbewußte nur enger konzentrierte und
-sich, ängstlich geworden, vollends jedem vorsichtigsten Blick entzöge.
-
-Axenstein, 3. Mai 1900.
-
-Hier darf man nicht schreiben. Mir ists wie eine Ahnung von Gesundwerden.
-
-Basel, 13. Mai 1900.
-
-Der See wirkt noch leise nach. Seine Schönheit ist unerschöpflich und ist
-jetzt, da alle Berge noch tiefen Schnee haben, noch frischer und reiner. So
-oft ich ihn schon besuchte, er ist immer wieder neu, voll Trost und
-Reichtum. Jedesmal, wenn ich in Luzern an den Quai trete, beginnt seine
-Wirkung und ist jedesmal verstärkt oder verändert. Ich meine nicht die
-schönen Matten, nicht den Pilatus, die Wälder oder den Rigi, den
-langweiligsten aller Berge, -- was mein Auge so begeistert, ist einzig die
-Schönheit dieses klaren Wassers, das vom Blauschwarz übers Grün und Grau
-bis zum silbernsten Silber jeder Farbe und Nuance fähig ist. Bald hat das
-Wasser ein metallen schweres Grau, bald bei schwachem Wellenschlag ein
-kühles Hellgrün, bald ist »Öl auf dem See«, wie die Maler verzweifelnd
-sagen. Dies ist das Schönste, diese Flecken von verschiedenster Farbe, oft
-mit scharfem Kontur begrenzt, oft in den verfeinertsten Übergängen
-aufgelöst, darauf tiefblau die Wolkenschatten und silbern oder bleiern, je
-nach der Sonne, die Schneespiegel. Aus großer Höhe verliert der See fast
-allen Reiz, am schönsten ist er vom Boot aus oder, wenn viel Sonne ist, von
-Morschach oder Seelisberg.
-
-Ich sah neulich dort ein kühles, helles Blaugrün, ganz wie am Himmel das
-Spätblau nach dem Abendrot, aber nicht goldig, sondern silbern getönt, --
-diese unbeschreibliche Farbe und ihr Übergang zum völligen Mattsilber
-gewährte mir eine ganz überschwängliche Lust, ein Gefühl der Befreiung vom
-Gesetz der Schwere, ein Gefühl der Auflösung, als läge meine Seele kühl und
-ohne von mir zu wissen auf dem schweigenden Seebusen ausgebreitet, ganz
-Äther, ganz Farbe, ganz Schönheit. Nur äußerst selten hat mich ein Eindruck
-künstlerischer, poetischer oder philosophischer Art in diese Höhe und Ruhe
-versetzt. Das war nicht mehr die Freude am schönen Bild, die freundliche
-Selbsttäuschung, welche man sich vor guten Kunstwerken gestattet -- im
-Anblick dieser Farbe genoß ich für Augenblicke den Triumph der reinen
-Schönheit über alle Regungen des bewußten und unbewußten Lebens. Hatte ich
-nicht doch zuweilen an meinem Stern gezweifelt und war geneigt, einigen
-landläufigen Angriffen gegen die »ästhetische Weltanschauung« Recht zu
-geben? Ich weiß nun, daß meine Religion kein Aberglaube ist, daß es sich
-lohnt, alle körperlichen und geistigen Dinge nur in ihren Beziehungen zur
-Schönheit zu betrachten und daß diese Religion Erhebungen schenken kann,
-die an Reinheit und Seligkeit denen der Märtyrer und Heiligen nicht
-nachstehen. Daß sie zugleich nicht mindere Opfer verlangt und nicht
-geringere Qualen und Zweifel und Kämpfe bringt, wußte ich längst. Der
-Schönheit gegenüber ist in uns dieselbe Erbsünde, dasselbe Fallen und
-Wiederaufstehen, dasselbe mit Beseligungen abwechselnde Elendgefühl, wie im
-Leben des Christen. Überhaupt sind diese wahrhaftig Frommen für uns
-Ästheten die einzigen würdigen Feinde, denn sie allein kennen ebenso tief
-wie wir die Abgründe des täglichen Lebens, das Leiden unter der Gemeinheit,
-das auf Knien Liegen vor dem Ideal, die Ehrfurcht vor der Wahrheit und die
-schonungslose Konsequenz des Glaubens. Seit dem Untergang der von uns immer
-nur höchstens annähernd verstandenen Antike sind immer nur diese beiden
-Wege über das Gemeine hinausgegangen, denn nach meinem Gefühl ließen sich
-die Wege der Ästheten und der Christen durchaus auch in der Geschichte der
-Philosophie verfolgen. Jedenfalls führt auch der Weg des Denkers, sobald er
-irgend eine Stellung zum Ewigen bewahrt, durch dieselben Opfer und Leiden,
-durch schmerzhaftes Berühren einer immer offenen Wunde, durch Weltentsagung
-in irgend einem Sinn, durch niedergezwungenen Ekel und durch die
-Finsternisse des Zweifels am Ideal. Ist es der Philosoph, der
-Schönheitsucher oder der Christ, zu dessen Ideal die immer gleiche »Welt«
-im peinlicheren Kontraste steht? Alle drei jedenfalls leiden und alle drei
-verschmähen die Kompromisse, also das »von Fall zu Fall«, und den Humor.
-Oder gibt es wirklich einen Humor, vom gemeinen Witz abgesehen, dessen
-letzter Grund nicht eine Schwachheit, ein Schwindeln und Zurücktreten vor
-der schmerzlichen Konsequenz des Idealisten ist? Spürt man die Grenze nicht
-in jedem witzigen Gespräch, wenn ein Mitredender noch so geistreich beginnt
-an Dinge zu rühren, deren Wesen Würde ist und deren Mithereinziehen in den
-Kreis des Witzes auch dem Gröbsten zuweilen ans Gewissen greift? Wie kann
-man Mitspieler in einem Lustspiel sein wollen, da man doch weiß, daß der
-Witz der Komödie auf der Erbärmlichkeit der Personen beruht? Jedoch liegt
-für den toleranten Idealisten ein höchster komischer Reiz eben im
-Untersinken eines Helden zum Gemeinen. Es gehört zu den Opfern, die wir dem
-Ideal schuldig sind, auch diesen überaus verführerischen Reiz zu töten. Die
-schwärmerischen Verliebten, die nach erfolgter Aufklärung über die geringe
-Mitgift so komisch Halt machen, die Helden, die auf dem Weg zu etwas Edlem
-im Augenblick des körperlichen Ermattens ihr Ideal für eine Mahlzeit
-verkaufen, diese und alle ähnlichen Lustspielfiguren haben unter ihren
-applaudierenden Zuschauern immer eine Menge von Brüdern, für welche der
-heftigste Reiz des Spiels im halberwachenden Gewissen liegt. Manche von
-diesen hätten vielleicht für Augenblicke Lust zur Entrüstung, da aber der
-Mut fehlt und da sie schon hundertmal an derselben Klippe gestrandet sind,
-applaudieren sie dem Helden und ahmen ihn nach, indem sie ihr Ideal für das
-Vergnügen zu lachen verkaufen. Ich kenne wenige, denen es gelingt, und mir
-selbst gelingt es selten, auch ein solches Spiel, falls dieses es verdient,
-rein als Kunstäußerung und ohne Bezug zur stofflichen Komik zu genießen.
-Die wenigen Lustspiele solcher Art, welche ich besuche, machen mich
-meistens nur ärgerlich oder traurig, je nach der künstlerischen Qualität.
-
-Basel, 19. Mai 1900.
-
-Elisabeth. Ich traf sie im Garten. Sie trug eine neue Sommertoilette, sehr
-einfach, matt hellblau. Sie saß auf der Schaukel und wiegte sich wie ein
-schöner Vogel, der weiß, wie schön er ist. Und dann kam Frau Doktor, und es
-wurde dunkel, man trank Tee und Eiswasser, Sterne kamen herauf. Ich
-begleitete sie nach Hause und fühlte, daß ich heute abend langweilig war.
-Ich erzählte sogar von einem Roman, den ich schreiben wolle und den ich ihr
-zu dedizieren versprach.
-
-Jetzt scheinen mir die Sterne ins Zimmer. Etwas von der ehemaligen süßen
-Trauer klingt in mir an, eine Melodie von Chopin, aus der G-Moll-Ballade,
-fällt mir ein.
-
-Basel, 23. Mai 1900.
-
-Ironie! Wir sprachen den ganzen Abend davon. Natürlich schreib ich wieder
-nachts, ein Uhr. Ironie? Wir haben wenig davon. Und doch, sonderbar, lüstet
-mich oft nach ihr. Meine ganze schwerblütige Art aufzulösen und als
-schmucke Seifenblase ins Blaue zu blasen. Alles zur Oberfläche machen,
-alles Ungesagte mit raffinierter Bewußtheit sich selber als entdecktes
-Mysterium servieren! Ich weiß wohl, das ist Romantik. Das ist Fichte in
-Schlegel, Schlegel in Tieck und Tieck ins Moderne übersetzt. Warum nicht?
-Tieck ist unerreicht, auch von Heine unerreicht, und müßte eigentlich mit
-seiner unplastischen, musikalischen Grazie mein Liebling sein.
-
-Basel, 30. Mai 1900.
-
-Schopenhauer. Ich habe oft das Gefühl, er mime und habe nicht recht, ohne
-daß ich doch etwas besseres wüßte. Oder doch, ich weiß etwas besseres, aber
-es ist zu schwer und unversucht zum Sagen.
-
-Basel, 6. Juni 1900.
-
-Meine Märchennovelle ist fertig. Man lobt sie, zuweilen mit Verständnis.
-Mir genügt sie wieder nicht, so sehr die Lust beim Schreiben wuchs. Den
-Cäsarius hab ich zu Ende. In den Kapiteln de tentationibus (?) speziell de
-tentatione dormiendi (?) einige kleine reizende Stoffe. Meine Sammlung
-Romantica um zwei gute Stücke vermehrt, die »Minnelieder« von 1803 und der
-erste Sternbald, erstere überaus köstlich. Hoffmann tritt mir als
-romantischer Erzähler immer mehr an die erste Stelle, Tieck versagt doch
-öfters, auch in den Märchen, Novalis ist nicht fertig geworden und Brentano
-ist doch zu bewußt formlos. Übrigens ist der Godwi ein geniales Buch,
-oberflächlicher, aber unendlich reizender als der Lovell. Den Ofterdingen
-abgerechnet, der nicht mehr Literatur ist, schätze ich doch eigentlich die
-»Brambilla« am höchsten. Technisch betrachtet ist das meiste Seitherige
-minderwertig, auch Keller hat nur wenige Mal einen Stoff so von innen
-erleuchtet und so ganz zu Kunst gemacht. Wieviel Romantik übrigens in
-Kellers Technik noch steckt, ist auffallend.
-
-Vitznau, 4. September 1900.
-
-In den Uffizien von Florenz könnte ich nicht so fleißig, selig und
-eifersüchtig der Schönheit nachgehen wie auf diesem herrlichen Stück
-Wasser.
-
-September. Vormittagsnebel; selten ein Regentag. Heiße Mittagsstunden,
-kühle Nächte bei zunehmendem Mond. Noch nirgends sieht man ein welkes
-Blatt, das Laub ist spätsommergrün und bekommt schon überall den
-Metallglanz des Septembers; Äpfel, Pfirsiche und Feigen fallen von den
-überladenen Bäumen. Die Abende sind ohne Ausnahme hell, farbig und
-leuchtend.
-
-Vitznau, 5. September 1900.
-
-O wenn ich jetzt die naive Genußsucht meiner früheren Jahre wieder hätte,
-wenn noch mein Herz wie früher des berauschten schwelgerischen Schlagens
-fähig wäre!
-
-Aber trotzdem -- ich feiere täglich einen Kranz von Festen. Der See
-entschleiert sich allmählich meinem fleißigen Auge und hält mich nun
-fortwährend in einem Kreis von Lockungen, Reizen und Überraschungen
-gefangen. Zuweilen hält er an sich, läßt mich warten und wirft mich dann
-unversehens händevoll mit Kostbarkeiten, daß mir die Augen flimmern. Die
-wesentlichen Farbenwechsel der einzelnen Buchten, Himmelsrichtungen und
-Tageszeiten habe ich wohl erfaßt, aber was ist dieses Gerippe gegen das
-überströmend freudige Leben, das sich ohne Ziel und Norm von Augenblick zu
-Augenblick in unglaublicher Üppigkeit verblutet und erneuert!
-
-Ich verbringe alle Stunden des Tages damit, dem See seine Farbenspiele und
-Geheimnisse abzuspähen. Nachdem ich in den ersten Tagen die Uferwege
-unzähligemal hin und her gestrichen, bringe ich nun ziemlich meine ganze
-Zeit auf dem Wasser selbst zu. Zuweilen versuche ich es noch mit dem Blick
-von oben her, ohne große Entdeckungen. Von der Höhe der Hammetschwand ist
-das Wasser für mein Auge eben noch zu genießen, darüber hinaus schwindet
-Glanz und Farbe von Meter zu Meter, und von Rigikulm aus ist der See stumpf
-und beinahe grau anzusehen. In geringerer Höhe gewährt er noch einige feine
-Reize, namentlich durch Wald hindurch betrachtet, wobei Buchen-, Kastanien-
-und Eichenlaub zuweilen köstliche Nuancen gewähren.
-
-Doch wozu diese ärmeren und entlegeneren Blicke suchen und Zeit und Sonne
-daran vergeuden? Statt dessen kreuze ich den ganzen Tag im Boot auf der
-Fläche und in den Buchten umher. Ein leichtes Kielboot, für die Ruhepausen
-eine Zigarre und ein Band Plato, sowie Rute und Angelzeug, das ist meine
-Ausrüstung.
-
-Ob der Tag noch kommen wird, an dem ich in Worten diese Flut von bunten
-Seligkeiten und farbig erregten Momenten werde zu Ende dichten können?
-Diese Lockungen, Lüsternheiten, Begierden, diese plötzlichen
-Befriedigungen, Ekstasen und Blendungen? Heute kann ich nur stammeln und
-prosaisch notieren. Vielleicht wird es dabei bleiben, vielleicht ist es
-überhaupt der Sprache nicht möglich, dem individuell forschenden und
-genießenden Auge auch nur bis über die ersten gröberen Nuancen weg zu
-folgen. Auch die Maler müssen ja schon bei den scheinbar simpelsten
-Mischungen sich dem Instinkt überlassen und problematische eigene Wege
-gehen. -- Kann man sich einen sprachlichen Pointillisten denken? Und doch
--- was ist Blaugrün? Was ist Perlblau? Wie läßt sich das leise Überwiegen
-etwa des Gelb, des Kobaltblau, des Violett aussprechen? -- und doch liegt
-in diesem leisen Überwiegen das ganze süße Geheimnis einer Stimmung, einer
-beglückenden Kombination beschlossen.
-
-Vitznau, 6. September 1900.
-
-Das ist mein Fluch und Glück, daß ich keine Schönheit grob und froh
-genießen kann, daß ich sie auflösen, durchdringen, in Einheiten zerlegen
-und über die Möglichkeit ihres Wiederaufbauens auf künstlerischem Wege
-nachdenken muß. Nur zuweilen kommt das alte schwere Wesen, das ich so
-konsequent von mir abstreifte, für Augenblicke anklingend wieder über mich
--- die alte unschuldig stumpfe Hingebung und rechenschaftslose Schwelgerei.
-Diese Augenblicke müssen immer seltener werden, ich darf um ihre kurze
-trübe Lust nicht mein Ideal verkaufen, denn ein völliges Zurückkehren in
-die harmlose Dämmerung ist mir doch nie mehr erlaubt. Wenn irgendwo, so
-liegt für mich Lust und Sinn des Lebens im Fortschreiten, im immer
-bewußteren Klarlegen und Durchdringen der Wesenheit und Gesetze des
-Schönen.
-
-Eine Stunde jenes Zurückdämmerns hatte ich heute. Nach Mittag, in der
-herrlichen Sonnenglut, mitten auf dem breiten See, Weggis gegenüber. Ich
-lag über die Rudersitze hingestreckt und blickte über die Seefläche. Eine
-Flut von Rotblau und Gold schwoll vor meinem Blick breit und rastlos hin.
-Alle meine Sinne schliefen und träumten; ein warmes schwärmerisches
-Wohlsein hielt mich gebannt. Mein Auge vermochte keinen Kontur, keinen
-Strahl, keine Lichtgrenze zu unterscheiden, mein Blick verlor allen Willen
-und taumelte wie ein Freigelassener durch ein Meer von unverstandener
-Schönheit, von Rot, Blau und Gold, ungleich und ziellos wie der Flatterflug
-eines Falters.
-
-Vitznau, 7. September 1900.
-
-Der äußerste Vorsprung der »oberen Nase«, vom Lande unzugänglich, ist mit
-einer kleinen Pflanzung junger, ich schätze etwa fünfzehnjähriger Eichen
-bestanden. Das helle, in der Farbe herbe Laub gibt im Wasser einen
-wunderbaren Effekt. Der ganze Wasserfleck erscheint schon von ferne
-ausgezeichnet durch eine aparte, gelbliche Helligkeit, und überraschend
-köstlich ist es, aus dem tiefgrünen, vormittäglichen See in diese
-scharfbegrenzte, hellere Fläche zu fahren. Ich sah heute dort, leider ohne
-Sonne, den Spiegelkontur einer weißen Wolke diese eichengrüne Grenze
-zweimal schneiden. Das Weiß blieb unverändert und zeigte nur an der
-Seeseite schärfere Konturen. Während ich die schönen Linien verfolgte, ging
-ein Dampfer vorüber, in dessen Kielwasser plötzlich das Silber eines
-flüchtigen Sonnenblickes aufblitzte. Einige Sekunden lang blieb der ebene
-Wasserstreif im Silber, die jenseitigen Schiffswellen glänzten matt
-goldbraun, die diesseitigen blieben hellgrün mit weißen Lichtern. Einige
-Sekunden -- und in diesen Sekunden verstand und genoß ich mit freiem Auge
-diese plötzliche, raffinierte Kombination wie das Lächeln einer Göttin, wie
-den aufleuchtenden, reimgeschmückten, prägnanten Vers eines Gedichtes.
-
-Vitznau, 8. September 1900.
-
-Ein unsicherer, windiger Tag, mit flüchtigen Sonnenblitzen. Ich fuhr Buochs
-gegenüber am Bürgenstock hin. Jenseits glomm der See gegen das Ufer hin
-unzähligemal in einer seltsamen, feinen, kühlen Farbenflucht auf, ganz wie
-blanker Stahl im Verkühlen: rotblau, rotbraun, gelb, weiß. Von halber Höhe
-des Bürgenstocks drang Geläute von Kuhglocken herab. Die schönen, welligen
-Matten standen lichtgrün in den blassen Himmel und zeigten jenen
-unsäglichen, traurig-kühlen herbstlichen Ton, den man nie entstehen sieht
-und der jedes Jahr wieder in irgend einer Stunde plötzlich da ist und uns
-erinnert, wie uns der Name eines lieben Toten erinnert -- an den großen
-Wechsel, an die Unsicherheit des Grundes, auf dem wir bauen, an den Tod, an
-die unzähligen mühsamen Wege, die wir unnützerweise gegangen sind.
-
-Ich ruderte aus, um die Tönungen der Wellen im Buochser See zu betrachten,
-um mein Gedächtnis mit dem Bild einiger Farbenvermischungen, einiger
-Lichtbrechungen, einiger Silbertöne zu bereichern. Ich ruderte aus, kühl,
-fröhlich und elastisch, einen Reim im Ohr, einen Vers auf den Lippen, um
-die Schönheit auf einigen mir noch fremden Wegen, in einigen neuen Spielen
-zu belauschen -- und endete damit, diese Herbstmatten zu finden, die ersten
-dieses Jahrs, diese unabweislichen, zarten, traurigen Boten.
-
-Ich wendete mich um und ließ das Auge lang auf dem bewegten, frischen
-Wasser ruhen, ich beobachtete in der Luft gegen Brunnen und an der Wand des
-Oberbauen einen einzelnen Sonnenstrahl; aber mein Gedanke verfolgte ihn
-nicht mit seinem rastlosen, elastischen Eindringen. Nur mein Auge sah die
-blaßgoldenen Reflexe zittern und verleuchten, mein Gedanke nahm nicht teil,
-er verweilte hinter mir, über dem steilen Walde, auf jenen bleichgrünen
-Matten. -- Herbst!
-
-Und ich besann mich, ob ich auf dem rechten Wege sei, ob mein rastloser
-Lauf mich meinem Sterne nähere oder entführe, ob er mich jemals in geistige
-Höhen führen könne, in welchen dieser Herbst und diese Traurigkeit mich
-nicht mehr würden berühren können.
-
-Hier gab es in meinem Nachsinnen einen Moment, in welchem ich, hätte ich es
-in meiner Macht gehabt, den ganzen Schleier des äußeren Lebens von mir
-gelegt und alle Fäden der Lust, der Liebe, der Trauer, des Heimwehs und der
-Erinnerung abgeschnitten hätte. Ein Höhepunkt, ein kurzes, ruhiges
-Atemholen auf hohen Gipfeln: hinter mir alle Beziehungen des Menschlichen,
-vor mir die leichte, kühle Weite der Schönheit des Absoluten, des
-Unpersönlichen. Ein Augenblick -- ein Atemzug!
-
-Die Glockenlaute schwankten herab, ich schloß die Augen und sank und sank
-von der Höhe. Eine schwere, körperhafte Trauer bekam Gewalt über mich. Ich
-wollte entrinnen, mein Gedanke bäumte sich noch einmal wie ein mißhandeltes
-Roß, aber ich unterlag. Und jene schwere, müde Traurigkeit überwältigte
-mich, beugte mich tiefer und tiefer, löschte alle Sterne aus, quälte mich
-und feierte alle schmachvollen Triumphe eines grausamen Siegers.
-
-Klar und nahe, wie durch eine plötzlich zerrissene Hülle, lag der helle
-Garten meiner frühesten Erinnerungen vor meinem Auge. Und meine Eltern. Und
-meine Knabenzeit, meine ersten Liebeszeiten, meine Jugendfreundschaften. In
-dieser bedrückten Stunde redeten sie alle eine so traurig-fremde, schöne
-Sprache, so heimwehmachend und so ernsthaft fragend wie die Züge von Toten,
-denen wir Tränen nicht getrocknet und Wohltaten nicht erwidert haben. Ich
-wies sie von mir, und sie gingen, eine tote Gegenwart hinterlassend.
-
-Zugleich mit dem lastenden, schwächenden Herbstgefühl stieg eine peinigende
-Abschiedsstimmung in mir auf. Ich sah hinter den wenigen noch freien,
-einsamen Ruhetagen die Stadt und das wiederbeginnende aufreibende Leben auf
-mich warten, die vielen Menschen, die vielen Bücher, die unzähligen
-Nötigungen zu Lüge, Selbstbetrug und Zeitverderb. Und plötzlich brannte
-meine ganze Jugend in schmerzlicher Lebenslust in mir auf, ich warf mich in
-die Ruder, kreuzte auf der großen Bucht umher, kehrte um den Vorsprung des
-Bürgenstocks zurück, bis an die Matt, bis nach Weggis. Die notwendige
-Ermüdung sättigte mich nicht, gierig und verzweifelnd erfüllte mich ein
-klaffendes Ungenügen, eine Lust, alle Freiheit und Kraft meines Lebens in
-eine einzige Stunde gedrängt jäh und lachend zu vergeuden. Der See war mir
-zu schaal, die Berge zu grau, der Himmel zu niedrig. In Weggis nahm ich ein
-Bad und schwamm in den See hinein, drängte mich mit beiden Armen in das
-Wasser, tief atmend. Müde geworden legte ich mich auf den Rücken, ganz
-langsam schwimmend, und hing mit wartenden Augen am Himmel, unbefriedigt,
-überdrüssig. Ich hätte mein Leben für das Gefühl der Fülle und des Genusses
-gegeben, nach dem ich dürstete.
-
-Und dann schwamm ich zurück und bestieg das Boot wieder mit der ganzen
-dumpfen Trauer des Herbstes, des Abschieds und der inneren Ungewißheit.
-
-Seither bin ich ruhiger geworden. Mein Prinzip hat gesiegt, ich genieße nun
-diese Trauer und Hoffnungslosigkeit, wie ich mich gewöhnt habe, auch
-schlechtes Wetter zu genießen. Sie hat ihre eigene Süßigkeit. Ich unterrede
-mich mit ihr und spiele auf ihr, wie ein Sänger auf einer schwarzen in Moll
-gestimmten Harfe spielt. Was will ich im Grunde anders von jedem Tag als
-eine Stimmung, eine ihm eigentümliche Farbe, und, wenn es glückt, ein Lied?
-
-Vitznau, 9. September 1900.
-
-Als ich heute mit der Angelrute am Ufer saß, der nachklingenden gestrigen
-Traurigkeit ergeben, trat mir plötzlich der Name Elisabeth auf die Lippen.
-Es gelang mir, ihre Gestalt scharf und rein in mir heraufzubeschwören, so
-daß sie mich aus meinem Traum wie aus einem tiefen Spiegel anblickte.
-Zugleich empfand ich eine mächtige Sehnsucht nach der Lektüre der vita
-nuova, so daß ich beinahe diesem herrischen Gelüste zulieb schon heute nach
-Basel zurückgekehrt wäre.
-
-Bölsche könnte an mir einen eklatanten Fall von Distanzliebe konstatieren.
-Prüfe ich mich genau, so muß ich sagen, daß die Anziehungskraft, die
-Elisabeth auf mich übt, vom ersten Augenblicke an auf einer einzigen
-frappanten Profillinie beruhte, namentlich auf dem raffiniert eleganten
-Kontur des Halses und des Kinns im Profil. Aber -- was ist an meinem Fall
-am Ende besonderes, da erwiesenermaßen schon eine Frisur, ja schon ein
-Kleid, ein Gürtel, ein Band diese Wirkung üben kann.
-
-Ich besitze die Schönheit meiner Liebe in dieser Linie, wie man ein
-Meisterbild nach reichlicher Anschauung besitzt, so daß es nur an dem
-jeweiligen Versagen der Vorstellungskraft liegt, wenn ich noch nach ihrer
-körperlichen Gegenwart verlange. Und doch -- ich tue Unrecht, meine Liebe,
-das arme Schoßkind, so formal zu deuten. Wie oft habe ich doch gewünscht,
-ihre feine Hand zärtlich zu berühren, sie zum Plaudern zu bringen, lang in
-ihre Augen zu sehen! In diese Gedanken und Begierden spielen schon alle
-unfaßbaren Reflexe der jenseitigen Schönheit herein. Sobald meine Skepsis
-einen Augenblick schläft, höre ich doch in meiner Liebe die Engel singen
-und Paradieserinnerungen an die Pforte meiner Seele pochen. Und sie selbst,
-meine Seele, leidet lächelnd unter allen Rohheiten und Vergewaltigungen des
-herrschsüchtigen Gedankens. Sie schläft unter dunklen Schleiern, schläft
-und träumt vielleicht von den innersten Geheimnissen jener Welt, an deren
-Toren mein bewußtes Leben in seinen höchsten Momenten noch beklommen stehen
-bleibt.
-
-Und diese meine Seele erzählt mir in wohllaut-fremder Sprache von einer
-seligen Heimat, deren wir beide, Elisabeth und ich, verlaufene Kinder und
-verirrte Bürger sind. Wie ein fremdartig süßer Duft, wie Takte einer
-niegehörten, dennoch traumbekannten Melodie -- wie Antwort auf nie
-gefragte, dennoch wohlgefühlte Fragen.
-
-O diese Seele, dieses schöne, dunkle, heimatliche, gefährliche Meer!
-Während ich ihre schillernde Oberfläche unermüdlich prüfe, liebkose,
-befrage und bestürme, spült sie zuweilen immer wieder wie zum Hohn ein
-fremdfarbiges Rätsel aus bodenloser Tiefe vor mir aus, Muscheln, die von
-unermeßlichen, fremden Räumen reden, wie ein Stück uralten Schmuckes
-vereinzelte, unsichere Ahnungen einer versunkenen Vorzeit beschwört.
-
-Dort liegt vielleicht auch meine Kunst, dort schläft vielleicht mein Lied,
-das heiße, stolze Lied mit den stürmenden, bacchischen Takten, während ich
-auf unfruchtbaren Feldern Kraft und Jugend vergeude. O, fände ich jene
-Stimmungen wieder, die in vergangenen Jahren mir jede Frühlingsnacht so
-reich und üppig gab, jenen schwärmerisch maßlosen Herzschlag, jenes satte
-Verlorensein an die Phantasie und an das erregte Klingen des eigenen
-Blutes!
-
-Vitznau, 10. September 1900.
-
-Ich kannte heute kaum die Menschen mehr, die seit acht Tagen neben mir zu
-Tische sitzen. Als wären seit gestern zehn Jahre vergangen. Meine Bücher,
-mein Zimmer, mein Angelzeug, meine Kleider, meine eigene Hand -- alles
-fremd, alles mir nicht zugehörig, alles mich mit seiner unerwarteten
-Gegenwart bedrückend.
-
-O diese Nacht! Zehn Stunden ohne Schlaf, jede Minute ein Kampf meiner
-unterdrückten Seele mit dem grausamen, gewaltherrischen Gedanken, ein Kampf
-mit Zähneknirschen und Schluchzen, ein Ringen ohne Waffen, Brust an Brust,
-mit allen Listen und Grausamkeiten der Verzweiflung. Alle Dämme und
-Grenzen, die ich meinem inneren Leben gezogen hatte, alle mühsam
-vorbereiteten Saaten, alle gelegten Grundsteine sind in diesen Stunden
-zertreten und vernichtet worden. Mir ist es noch wie ein Traum.
-
-Nach einem schweren, traurigmüden Abend -- es war ein Sonnenuntergang, wie
-ich nie einen gesehen -- legte ich mich früh zu Bette. Vor meinem Fenster
-dampfte der See und schlug mit feinen, regelmäßigen Wellen an die Mauern.
-Ich sah vom Bett aus die Hammetschwand in den bleichen Himmel stechen. Da
-begann ich zu fühlen, daß die Stunde eines lang verschobenen Kampfes
-unerbittlich gekommen war, daß alles Unterdrückte, an Ketten Gelegte,
-Halbgebändigte in mir erbittert und drohend an den Fesseln zerrte. Alle
-wichtigen Augenblicke meines Lebens, in denen ich meiner Bestimmung einen
-neuen, engeren Kreis gezogen, in denen ich dem Gefühl des Ewigen, dem
-naiven Instinkt, dem eingeborenen, unbewußten Leben ein Feld entzogen
-hatte, traten in voller, feindseliger Schar vor mein Gedächtnis. Vor ihrem
-Andrängen begannen alle Throne und Säulen zu zittern. Und nun wußte ich
-plötzlich, daß nichts mehr zu retten wäre; freigelassen taumelte die ganze
-untere Welt in mir hervor, zerbrach und verhöhnte die weißen Tempel und
-kühlen Lieblingsbilder. Und dennoch fühlte ich diese verzweifelten Empörer
-und Bilderstürmer mir verwandt, sie trugen Züge meiner liebsten
-Erinnerungen und Kindertage.
-
-Zugleich mit diesem Wiedererkennen drang ein scharfer Schmerz todesbitter
-durch mein innerstes Wesen, der mich in verzerrten, zwiespältigen Gefühlen
-marterte und aufrieb, lang, stundenlang, bis ich wurde wie ein gequältes,
-ratloses, verängstetes Kind. Ein Schluchzen überfiel mich, ein Schluchzen
-ohne Tränen, unsäglich bitter, zuckend und verzweifelnd.
-
-Genug, genug! Die Nacht ist um; ich weiß, daß eine so entsetzliche nicht
-wiederkommen kann. Ich spüre keinen Schmerz mehr, nur eine träge
-Erschlaffung und ein Gefühl, ein müdes, rätselhaftes, unsicher
-schmerzendes, als wäre mir im Innern etwas gesprungen, ein Nerv zerrissen,
-ein Keim geknickt. Und ich glaube -- . . . . Nein, nein!
-
-Und dennoch: ich glaube nicht, ich fühle, ich weiß mit unabänderlicher
-Gewißheit -- das ist meine Jugend, das ist meine Hoffnung, das ist mein
-Bestes und Heiligstes, dessen abgeknickte Ranke ich wie etwas Fremdes,
-Störendes in mir spüre. Herbst.
-
-Es leidet mich nicht länger hier. Morgen will ich in die Stadt zurück.
-Dieser melancholisch stille See mit den bleichen Herbstmatten, diese kühlen
-Berge und dieser kühle Himmel ängstigen mich. Der mitgebrachte Plato liegt
-auf dem Tisch. Elende Scharteke! Was ist mir Plato? Ich muß Menschen sehen,
-Wagen fahren hören, neue Bücher und Zeitungen aufschneiden und den
-frischen, unreifen Duft des schnellen Lebens atmen, auch sehne ich mich
-danach, Nächte in kleinen Weinschenken zu verbringen, mit gemeinen Mädchen
-gemeine Gespräche zu führen, Billard zu spielen und tausend Nichtigkeiten
-zu treiben, die ich mir selber als tausend Gründe dieses Jammergefühls
-aufzählen kann, das ich ohne Gründe und ohne Betäubung nicht länger
-ertrage. Es muß noch Genüsse geben, die mir unbekannt geblieben sind, es
-muß noch Reize geben, auf die meine Nerven heftig reagieren, noch rare
-Bücher, die mir Freude machen können, noch irgend eine neue, raffinierte
-Musik.
-
-Ich werde es nicht vergessen, mein Leben lang nicht. O diese Nacht! Ich
-werde in jeder schlaflosen Nacht an der Erinnerung dieser Qualen leiden,
-sie werden aus jedem Genuß, aus jeder Reizung wie verborgene böse Geister
-hervorblicken, alle Grenzen von Wohl und Weh verwischend und alle
-Empfindungen auflösend in jenes stachelnde, giftig süße, schmerzlich
-ermüdende Gefühl, das mich nie so wie in dieser Nacht gepeinigt hat. Das
-Presto jener unheimlichen B-Moll-Sonate von Chopin hat etwas davon -- es
-ist einem dabei, als würden feine, feine bloßliegende Nerven streichelnd
-berührt. Prickelndes Wehgefühl, leiser süßer Schmerz -- aber ein Takt zu
-viel und man fällt in alle Foltern einer verzweifelten, raffinierten
-Traurigkeit, die bis zum heftigen körperlichen Schmerz zu steigen vermag.
-
-Elisabeth -- . . . . .
-
-Ziehen wir das Fazit! Mir bleibt bei leidlich jungen Jahren der noch
-respektabel konservierte Rest einer ehemals recht ansehnlichen Phantasie,
-eine gewisse, wenn schon etwas abgenützte Fähigkeit zum Genießen und
-Arrangieren schillernder Stimmungen, sowie ein kleiner Fonds von »Seele«,
-der bei vorsichtigem Gebrauch eventuell noch eine und die andere Liebe
-leichteren Genres zu inszenieren und zu überdauern vermag. Rechnen wir dazu
-eine durch lange Gewohnheit erworbene Fertigkeit im Tragisch-Idealischen
-und in der souverän duldenden Pose, so muß ich mir selbst zu so schönen
-dichterischen Fähigkeiten gratulieren und habe keinen Grund, um meine
-Zukunft als Autor besorgt zu sein. Ich werde Niels Lyhne nicht ohne
-persönliche Note imitieren und die sublimsten Wiener in Ekstasen
-übertreffen. Das heißt auf deutsch: Pfui Teufel! Aber wozu habe ich
-Neudeutsch und Wienerisch gelernt?
-
-Basel, 16. September 1900.
-
-Schon wieder genug und übersatt! Ich hatte mich auf meine Bücher gestürzt,
-die Pausen der vita nuova-Lektüre mit E. T. A. Hoffmann und Heine gefüllt,
-in müden Stunden zwischen den preziösen George und den lyrischen
-Hofmannsthal ein Kapitel Jakob Böhme eingeflochten. Übrigens Respekt vor
-meinem Antiquar! Er hat mir den unvergleichlichen 1730er Böhme verschafft,
-ed. Ueberfeld, mit angefügten Kupfern. Wenn nur der »Gottselige
-Hocherleuchtete Teutonicus Philosophus« mit seiner ganzen Theosophia
-revelata etwas amüsanter wäre! Es sind Kapitel von besonderem Reiz
-vorhanden, aber man muß sparsam lesen, um der Sprache die fremde Tonart zu
-lassen. Den Spruch von der Galle, den ich heute bei ihm gelesen, will ich
-mir doch notieren: »Siehe, ein Mensch hat in sich eine Galle, das ist Gift,
-und kann ohne die Galle nicht leben, denn die Galle macht die siderischen
-Geister beweglich, freudenreich, triumphierend oder lachend, denn sie ist
-ein Quell der Freuden. So sie sich aber in einem Element entzündet, so
-verderbt sie den ganzen Menschen, denn der Zorn in den siderischen Geistern
-kommt von der Galle.« Und dann: »Eben einen solchen Quell hat auch die
-Freude, und auch aus derselben Substanz wie der Zorn. Das ist, wenn sich
-die Galle in der liebhabenden oder süßen Qualität entzündet, in dem, was
-dem Menschen lieb ist, so zittert der ganze Leib vor Freuden, in welchem
-manchmal die siderischen Geister auch angesteckt werden, wenn sich die
-Galle zu sehr erhebt und in der süßen Qualität entzündet.«
-
-Vor wenig mehr als zwanzig Jahren machte ich als kleiner, blonder Knabe den
-ersten Leseversuch. Mein Vater fand mich über ein Buch gebückt und nannte
-mir einige Lettern. Dann aber schloß er das Buch und erzählte mir nach
-seiner klugen, liebreichen Art von der großen Welt der Buchstaben und
-Bücher, die sich mir mit dem A-B-C erschließen würde und zu deren Kenntnis
-das längste Leben des fleißigsten Lesers nicht zum tausendsten Teil genüge.
-Er selber war damals schon über Büchern fast grau geworden und trug die
-Werte unzähliger Bände hinter seiner hohen, scharfen, allzu oft
-schmerzenden Stirn gespeichert. Zwanzig Jahre! Ich habe seither ein
-tüchtiges Stück dieser Buchstabenwelt umgeackert und manchen fast
-verschollenen Schmöker hervorgekramt und umgeblättert. Und jetzt -- die
-wenigen überragenden Worte, die noch Gewalt über mich haben, würden keine
-zehn Bände füllen. Es gibt noch eine Zahl von seltenen alten Schriften,
-nach denen ich Verlangen habe und deren jede mich, wenn sie in meine Hände
-fällt, neugierig zu machen und zu erregen vermag -- und dann ist es wie mit
-dem gefangenen Schmetterling: die Lust ist gebüßt, das seltene Exemplar hat
-einen Augenblick den erfreuenden Glanz gehabt, und übrig bleibt -- ein
-Büchertitel und eine Lücke im Register der noch zu erhoffenden
-Befriedigungen.
-
-Basel, ohne Datum.
-
-Ich wartete gestern abends am Kasino, um das Publikum aus dem Konzertsaal
-kommen zu sehen. Es war kalt und regnete. Dann quoll die Menschenmasse
-heraus. Und auf der Treppe von den Balkonsitzen tauchte plötzlich zwischen
-bekannten Gesichtern das Gesicht Elisabeths hervor. Sie stieg langsam herab
-und verschwand mit ihren Begleitern in der Menge. Diese Minute, in welcher
-die ganze schöne Gestalt auf der beleuchteten Treppe warm und fröhlich
-heraustrat, gab mir eine eigentümliche Stimmung. Ganz wie in schönen
-antiquierten Romanen war ich der traurige Liebhaber, der vor erleuchtetem
-Festsaal in der Regennacht steht und seine Dame geschmückt und scherzend
-mit begünstigten Begleitern vorüberschreiten sieht. Sein Hut ist tief in
-die schmerzende Stirn gedrückt, sein grauer Mantel flattert im Wind. Sein
-Auge blickt Verachtung, aber auf den schmerzlich verzogenen Lippen liegt
-Liebesweh und zehrende Trauer. Er wendet sich ab, lüftet den Hut, streicht
-mit der heißen Hand über die heiße Stirn und das regennasse Haar und
-verschwindet in den Nebeln der unwirtlichen Regennacht.
-
-Und zwar zu Frau Buser in die Fischerstube. Diese brachte mir in
-zahlreichen Bechern die »süße Qualität« herbei, nachdem die Reaktion der
-Galle auf die »liebhabende Qualität« den guten Böhme Lügen gestraft hatte.
-Ich hatte dort ein langes Gespräch mit Hesse, der mich natürlich wieder
-nörgelte und zwickte, bis ich grob wurde. Dann war er zufrieden, ich auch,
-und am Ende führte mich der Gute durch alle Fährlichkeiten wankender
-Häuserreihen und walzertanzender Gaslaternen meinen Penaten zu.
-
-Basel, ohne Datum.
-
-Wenn sich mein Jugendfreund Elenderle nicht in jener ärgerlichen Nacht im
-Tübinger »Walfisch« erschossen hätte, würde ich ihn zur Aufnahme in unsern
-famosen Klub vorschlagen. Wir haben nämlich zu dreien einen »Klub der
-Entgleisten« gegründet. Drei Mitglieder ist wenig, aber die Stadt Basel
-vermag in dieser Branche nicht mehr.
-
-Basel, ohne Datum.
-
-Hesse will mir einen Artikel über Tieck abjagen, den er doch besser kennen
-müßte als ich. Dabei fiel mir plötzlich die fabelhafte Ähnlichkeit auf, die
-zwischen jenem Märchendichter und mir besteht. Bei uns beiden dieselben
-sensibeln Nerven, derselbe Mangel an Plastik, derselbe Zug zum
-Flüchtigsten, Oberflächlichsten, zum Schillernden, Flackernden und
-Unfesten, dieselbe launenhaft bewegte Phantasie, dieselbe Verwandtschaft
-mit der Musik, dieselbe Tendenz zur Auflösung der Prinzipien, zur
-künstlerischen Ironie.
-
-Basel, ohne Datum.
-
-Ah! ce n'est point gai tous les jours, la bohème!
-
-Basel, ohne Datum.
-
-Das Weintrinken wird auch nicht lange vorhalten. Ich sitze zuweilen in der
-Wolfsschlucht, trinke Hallauer und blättere in Böhmes »Weg zu Christo«,
-wobei mir zuweilen die eigentliche Ruchlosigkeit dieser Lektüre für
-Augenblicke einen leisen Reiz gewährt. »Ich will dich aber gewarnet haben,«
-sagt der Theosophus, »ist dirs nicht ein Ernst, so laß die teuern Namen
-Gottes, daß sie dir nicht den Zorn Gottes in deiner Seele entzünden.« Und
-später: »Bist du nicht in ernstem Vorsatze, auf dem Wege zur neuen
-Wiedergeburt, so laß die obgeschriebenen Worte im Gebete ungenannt, oder
-sie werden dir in dir zum Gerichte Gottes werden.«
-
-Der fromme Weise hat recht. Seine Worte machen mich unheiligen Leser
-traurig und »wirken Verzweiflung«, denn jedes von ihnen besitzt jene Kraft
-und ewige Jugend der Begeisterung und des Glaubens, deren Anblick mich mit
-Neid und Heimweh erfüllt.
-
-Basel, ohne Datum.
-
-Ich will verreisen. Mir träumte diese Nacht von meiner Jugend, als wohne
-sie irgendwo verzaubert in einem fernen Lande zwischen grünen Bergen. Auch
-war mir, als spielte eine schöne, wohlbekannte Frau auf dem
-Veilchenstraußflügel die Nocturne in Es-Dur von Chopin, jenes Lied, das nur
-Heimweh- und Flügelkranke ganz verstehen, mit seinen zarten, durch ein
-geheimes Leiden vergeistigten Takten. Ich holte meine vergessene und
-verstaubte Geige hervor und rief die zärtlich scheue Melodie mit leisem
-Striche wach, und aus dem alten, braunen Instrument sang meine verlorene
-Jugend in heimlichen Untertönen mit.
-
-
-
-
-Letzte Gedichte.
-(Sommer und Herbst 1900.)
-
-
-Meiner Liebe.
-
-I.
-
- An meine Schulter lehne
- Dein schweres Haupt und schweige
- Und koste jeder Träne
- Wehsüße, lasse Neige.
-
- Es werden Tage kommen,
- Da du nach diesen Tränen
- Verdürstend und beklommen
- Dich wirst vergebens sehnen.
-
-II.
-
- Leg mir aufs Haar
- Die Hand; schwer ist mein Haupt.
- Was meine Jugend war,
- Hast du geraubt.
-
- Unwiederbringlich ist dahin
- Der Jugend Glanz, der Freude Born,
- Der mir so unerschöpflich golden schien,
- Und überblieben Weh und Zorn
- Und Nächte, Nächte ohne End,
- In denen wild und fieberheiß
- Der alten Liebeslüste Kreis
- Mein waches Träumen wund durchrennt.
-
- Nur noch in Stunden seltner Rast
- Tritt manchmal meine Jugend her
- Zu mir, ein scheuer blasser Gast,
- Und stöhnt, und macht das Herz mir schwer . . .
-
- Leg mir aufs Haar
- Die Hand. Schwer ist mein Haupt.
- Was meine Jugend war,
- Hast du geraubt.
-
-
-Dennoch.
-
- Dennoch von meiner Jugend Stunden
- Genoß ich jede. Soll ich klagen,
- Daß die gehegte Blust nur Wunden
- Und Bitternis und Weh getragen?
-
- Wenn sie noch einmal wiederkäme
- Und trüge alle holden Züge
- Von ehmals -- fänd ich mein Genüge,
- Wenn sie ein andres Ende nähme.
-
-
-Philosophie.
-
- Vom Unbewußten zum Bewußten,
- Von da zurück durch viele Pfade
- Zu dem, was unbewußt wir wußten,
- Von dort verstoßen ohne Gnade
- Zum Zweifel, zur Philosophie,
- Erreichen wir die ersten Grade
- Der Ironie.
-
- Sodann durch emsige Betrachtung,
- Durch scharfe Spiegel mannigfalt
- Nimmt uns zu frierender Umnachtung
- In grausam eiserne Gewalt
- Die kühle Kluft der Weltverachtung.
- Die aber lenkt uns klug zurück
- Durch der Erkenntnis schmalen Spalt
- Zum bittersüßen Greisenglück
- Der Selbstverachtung.
-
-
-Marienlied.
-
- Ohne Schmuck und Perlenglanz
- Laß mich auf die Stufen legen,
- Stumm erflehend deinen Segen,
- Meiner Jugend welken Kranz.
-
- Kämpfe, Fahrten, Wunden viel,
- Ungenossene herbe Siege
- Ruhmlos durchgekämpfter Kriege
- Finden müde nun ihr Ziel.
-
- Lüste bunt und freudefarb
- Senken müdgewordene Hände,
- Ihr Gelächter ist zu Ende,
- Ihre rote Flamme starb.
-
- Sterbend, blaß und fieberwund
- Wollen sie, der Welt vergessen,
- Müd auf harte Stufen pressen
- Den verblühten Liebesmund.
-
-
-Das ist mein Leid.
-
- Das ist mein Leid, daß ich in allzuvielen
- Bemalten Masken allzu gut zu spielen
- Und mich und andre allzu gut
- Zu täuschen lernte. Keine leise Regung
- Zuckt in mir auf und keines Lieds Bewegung,
- In der nicht Spiel und Absicht ruht.
-
- Das muß ich meinen Jammer nennen:
- Mich selber so ins Innerste zu kennen,
- Vorwissend jedes Pulses Schlag,
- Daß keines Traumes unbewußte Mahnung
- Und keiner Lust und keines Leides Ahnung
- Mir mehr die Seele rühren mag.
-
-
-Spielmann.
-
- Frühlinge und Sommer steigen
- Grün herauf und singen Lieder,
- Schmücken bunt die Welt, und neigen
- Müde sich zur Erde wieder.
-
- Träumend aus dem Kranz der Tage
- Grüßen flüchtig helle Stunden
- Mir herauf wie schöne Sage,
- Lächeln, leuchten, sind verschwunden.
-
- Schauernd in der Tage Wende,
- Mag auch Gold und Liebe winken,
- Lassen traurig meine Hände
- Die geschmückte Leier sinken.
-
-
-Italienische Nacht.
-
- Ich liebe solche bunt beglänzte Nächte
- Im Flackerlicht der Lampen, und ich flechte
- Gern meiner Lieder fiebernd Rot darein.
- Sieh, Liebste, wie sich dort die Jugend drängt
- Im späten Tanz, und wie für uns allein
- Der Sichelmond im Rauch der Fackeln hängt.
-
- In solchen Nächten lauscht mein zitternd Herz
- Mit Qual und Lust heimat- und jugendwärts,
- Und schlägt im Takt verliebter Melodien.
- Mein Auge aber schaut den fremden Mond
- Im Silberkahn auf sichern Wegen ziehen
- Und ist wie er der Einsamkeit gewohnt.
-
- Sieh, meine Jugend war ein farbig Spiel,
- Ein Tanz im Fieber, wild und ohne Ziel
- Und schwand verknisternd wie ein Meteor.
- Dann kreuzt' ich unstät durch die Welt und fand
- Dem Haupt kein Lager, meinem Lied kein Ohr,
- Und nur im Traum ein blasses Heimwehland.
-
- Schau dort! Die heiße Menge wogt im Tanz
- Und glüht vor Lust und wirft den Loderkranz
- Der kurzen Freude jauchzend in die Lüfte.
- Ists doch, als spielte meine Jugend dort
- Im süßen Rausch fremdländisch heißer Düfte
- Das alte Spiel in neuen Tänzen fort.
-
- Das alte Spiel! Nur daß ich jetzt abseits
- Zuschauend lehne und den süßen Reiz
- Des Taumeltranks auf kühler Lippe wäge,
- Und daß mein Geist gleichgültig Umschau hält
- Und meines Herzens heimwehrasche Schläge
- Lächelnd wie Takte eines Liedes zählt.
-
-
-Der schwarze Ritter.
-
- Ich reite stumm aus dem Turnier,
- Ich trage aller Siege Namen,
- Ich neige mich vor dem Balkon der Damen
- Tief. Aber keine winkt nach mir.
-
- Ich singe zu der Harfe Ton,
- Aus der die tiefen Laute steigen.
- Alle Harfner lauschen und schweigen,
- Aber die holden Frauen sind entflohn.
-
- In meines Wappens schwarzem Feld
- Sind hundert Kränze aufgehangen,
- Die gold von hundert Siegen prangen.
- Aber der Kranz der Liebe fehlt.
-
- An meinem Sarge werden sich bücken
- Ritter und Sänger und werden ihn
- Mit Lorbeer bedecken und bleichem Jasmin.
- Aber keine Rose wird ihn schmücken.
-
-
-Marienlied.
-
- Deinem Blick darf meiner nicht begegnen,
- Meine Seele, die so viel gelitten,
- Darf gebeugt nicht mehr die deine bitten:
- Wolle die verlorene Schwester segnen!
-
- Leise nur im allertiefsten Innern
- Will sie der gewesenen Schwesterzeiten,
- Der in Schmach verspielten Seligkeiten
- Schweigend und mit Schmerzen sich erinnern.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
-
-
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN LAUSCHER ***
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-Foundation
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-<pre>
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-The Project Gutenberg EBook of Hermann Lauscher, by Hermann Hesse
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-Title: Hermann Lauscher
-
-Author: Hermann Hesse
-
-Release Date: January 11, 2013 [EBook #41818]
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-Language: German
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-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN LAUSCHER ***
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-Produced by Jens Sadowski
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-End of the Project Gutenberg EBook of Hermann Lauscher, by Hermann Hesse
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN LAUSCHER ***
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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-and the Foundation information page at www.gutenberg.org
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
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