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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-08 09:58:46 -0800 |
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Da bin ich +denn eine Erklärung und Rechenschaft schuldig, zumindest eine +bibliographische. + +»Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher« war der Titel +einer kleinen Schrift, die ich Ende 1900 in Basel erscheinen ließ und in +der ich pseudonym über meine damals zu einer Krise gediehenen +Jünglingsträume abrechnete. Ich dachte damals, mit dem von mir erfundenen +und totgesagten Lauscher meine eigenen Träume, soweit sie mir abgetan +schienen, einzusargen und zu begraben. Das Büchlein erschien, in kleinster +Auflage, beinahe mit Ausschluß der Öffentlichkeit, und ist kaum über meinen +Freundeskreis hinaus bekannt geworden. Wenige andere griffen, da sie meine +späteren Bücher kannten, nachträglich zu dem Schriftchen und sahen darin +eine Art von literarischem Kuriosum. + +Der Gedanke eines Neudrucks ist mir nie gekommen, bis in der letzten Zeit +Freunde ihn lebhaft aussprachen und schließlich Wilhelm Schäfers Vorschlag +kam. Da ich keinen Grund sehe, ein Stück meines Jugendlebens wegzuleugnen, +und da ich stilistisch den Lauscher noch heute zu verantworten bereit bin, +gab ich nach. + +Nun war die Frage, in welcher Form die Jugendsünde wieder aufleben sollte. +Ich dachte an eine Überarbeitung, sah aber sofort, daß die Gedanken und +Stimmungen eines Zwanzigjährigen nicht nach zehn Jahren von ihm selber neu +redigiert werden können, da ihr einziger, relativer Wert im Ausdruck, im +Rhythmus, in der Geberde liegt. Und Einzelnes zu streichen oder zu +beschönigen, schien mir wieder unerlaubt. + +Der Text blieb also, auch wo er mir heute fremd, ja zuwider ist, wörtlich +derselbe. Dagegen schien mir eine Rundung des fragmentarischen und allzu +umfanglosen Büchleins wünschenswert. Etwas Neues hinzuzufügen hätte keinen +Sinn gehabt und dem Ganzen geschadet. Doch besaß ich noch zwei kleine +Dichtungen (»Lulu« und »Schlaflose Nächte«) aus jener Zeit. Die erste ist +bisher nur in einer schweizerischen Zeitschrift, die zweite überhaupt nicht +veröffentlicht worden. Beide stehen zum »Lauscher« in engster Beziehung und +sind in der selben Zeit wie er entstanden. Diese beiden Stücke fügte ich +ein. + +Und nun liegt das Ganze da und schaut mich nicht eben glücklich an: +Dokumente einer schönen und innigen, doch nicht leichten Jugendzeit. Was +ich damals wollte, habe ich nicht erreicht; was ich seither erreichte, kam +beinahe ungewollt und wiegt mir nicht schwer. Dagegen finde ich jetzt +betroffen und erstaunt in diesen frühen Dichterversuchen Töne klingen und +Wege angedeutet, die mich heute wieder frisch und ernsthaft anmuten und von +denen ich nicht weiß, wie sie mir jahrelang fremd werden und beinahe +verloren gehen konnten. Da ist Vieles, was meine seitherigen Wege mir +selbst zweifelhaft macht und mich zu bitteren Erkenntnissen nötigt. + +Aber bittere Erkenntnisse sind besser als keine, und wer einmal den +gefährlichen Pfad der Selbstbeobachtung und der Bekenntnisse betreten hat, +der muß billig die Folgen tragen, auch wenn es unerwartete und peinliche +sind. + +Daß nun Manche kommen werden, die mir Sünden von damals vorhalten, als +wären es heutige, und daß Andere finden werden, ich hätte besser getan, +Neues zu arbeiten statt Jugendversuche wieder auszugraben, das ficht mich +nicht an. Diese wissen und fühlen nicht, wie peinlich mir diese +Neuherausgabe wurde, und begreifen auch nicht, daß ich sie eben darum doch +ausführte und damit mein Gewissen erleichtert habe. Im übrigen soll der +Lauscher, der jetzige wie der alte, eben nichts als ein Bekenntnisbuch für +mich und meine Freunde sein. + +_Hermann Hesse._ + +Dezember 1907. + + + + +Vorwort der ersten Ausgabe. +(Ende 1900). + + +Der Name Hermann Lauscher tritt mit der vorliegenden Publikation zum ersten +Mal in die Öffentlichkeit. Lauschers Dichtungen, unter fremdem Namen im +Druck erschienen, sind einem bestimmten engeren Leserkreise wohlbekannt. + +Leider hat der verstorbene Dichter mir verboten, sein Geheimnis +preiszugeben und seine früher gedruckten Schriften ihm zu vindizieren. Es +war ein Abend in der Weinstube des »Storchen«; Lauscher war von seiner +gewöhnlichen traurig bitteren Stimmung befallen, vielleicht warf auch sein +bald darauf erfolgter Tod den Schatten einer ängstigenden Ahnung voraus. Er +bat mich förmlich zu schwören, seine Anonymität aufs treueste wahren zu +helfen. Vor mir, als dem einzigen Literaten seiner Freundschaft, schien er +in diesem Punkte besonders ängstlich zu sein. Ich schwor lachend ewiges +Stillschweigen, das Gespräch wendete sich zu literarischen Fragen, wobei +Lauscher alle Quellen seiner fast feindseligen Ironie springen ließ. Dann +versank er in Schweigen, trank hastig mehrere Becher Wein und nahm +plötzlich kurzen Abschied. Ich sah ihn seither nicht wieder -- zehn Tage +darauf starb er plötzlich auf einer Reise. + +Lauschers literarischer Nachlaß enthielt fast nichts als die hier +mitgeteilten Stücke. Nächst dem rein persönlichen Wert, den diese für seine +Freunde haben, dürften sie als Dokumente der eigentümlichen Seele eines +modernen Ästheten und Sonderlings das Interesse aufmerksamer Leser +verdienen, namentlich durch die herbe, selbstquälerische Wahrheitsliebe des +»Tagebuchs«. Sie entbehren fast ganz die fleißig geschliffene, preziöse +Form, welche Lauschers Dichtungen eigen ist, und dürften so, ganz im Sinn +ihres Verfassers, auch gewandten literarischen Spürern keinerlei Schlüsse +auf dessen anderwärts existierende Autorschaft zulassen. + +Durch weitere Notizen über den Dahingegangenen oder durch eine vielleicht +zuweilen erwünscht scheinende abrundende Redaktion den persönlich +lebendigen Duft der nachstehenden Blätter zu beeinträchtigen, schien mir +unerlaubt. + +Mögest du mir verzeihen, mein armer, toter Freund, wenn diese +Veröffentlichung deiner letzten, einsamen Gedanken und Leiden nicht deinem +stumm gebliebenen, letzten Wunsche entspricht! + + + + +Meine Kindheit. +(Geschrieben 1896.) + + +Zu allen Zeiten meines späteren Lebens ist meine Kindheit oft in vielfachen +Bildern zu mir getreten, lockig, fremd und unerlöst wie ein blasses +Märchenkind. Am meisten suchte mich diese Erinnerung in schlaflosen Nächten +heim, mit einem Blumenduft oder einer Liedweise beginnend, bis zu Trauer, +Ungemach und Todesbitterkeit, oder zu einer zärtlichen Sehnsucht nach +Streichelhänden und einer milden Neigung zu Gebet und Tränen. + +Wenn jetzt noch die Kindheit zuweilen an mein Herz rührt, so ist es als ein +goldgerahmtes, tieftöniges Bild, an welchem vornehmlich eine Fülle laubiger +Kastanien und Erlen, ein unbeschreiblich köstliches Vormittagssonnenlicht +und ein Hintergrund herrlicher Berge mir deutlich wird. Alle Stunden meines +Lebens, in welchen ein kurzes, weltvergessenes Ruhen mir vergönnt war, alle +einsamen Wanderungen, die ich über schöne Gebirge gemacht habe, alle +Augenblicke, in welchen ein unvermutetes kleines Glück oder eine +begierdelose Liebe mir das Gestern und Morgen entrückte, weiß ich nicht +köstlicher zu benennen, als wenn ich sie mit diesem grünen Bilde meines +frühesten Lebens vergleiche. So ist es mir auch mit allem, was ich als +Erholung und höchsten Genuß mein Leben lang liebte und wünschte, alles +Schreiten durch fremde Dörfer, alles Sternezählen, alles Liegen im grünen +Schatten, alles Reden mit Bäumen, Wolken und Kindern. + + * * * * * + +Der früheste Tag meines Lebens, an den ich mich mit einiger Deutlichkeit +erinnern kann, mag etwa in den letzten Teil meines dritten Jahres fallen. +Meine Eltern hatten mich auf einen Berg mitgenommen, der durch eine +weitläufige Ruine von beträchtlicher Höhe täglich viele Städter anlockte. +Ein junger Onkel hob mich über die Brüstung einer hohen Mauer und ließ mich +in die ansehnliche Tiefe hinuntersehen. Davon ergriff mich die Angst des +Schwindels, ich war aufgeregt und zitterte am ganzen Leibe, bis ich zu +Hause wieder in meinem Bette lag. Von da an trat in schweren Angstträumen, +denen ich damals oft zur Beute fiel, häufig diese Tiefe herzbeklemmend vor +meine Seele, daß ich im Traum stöhnte und weinend erwachte. Was für ein +reiches und geheimnisvolles Leben muß vor jenem Tage liegen, von dem mir +keine einzige Stunde bewußt ist! So sehr ich mich plagte, vermochte mein +Gedächtnis niemals weiter als bis zu jenem Tage vorzudringen. Wenn ich mich +aber streng auf meine früheste Zeit und ihre Stimmungen besinne, habe ich +den Eindruck, es müsse nächst dem Sinn für Wohlwollen kein Gefühl so früh +und stark in mir wach gewesen sein, wie das der Schamhaftigkeit. Ich fand +bei Kindern von fünf und mehr Jahren manchmal Äußerungen der Schamfreiheit, +von denen ich weiß, daß ich ihrer in meinem dritten oder vierten Jahre +unfähig gewesen wäre. + +Eine genauere Erinnerung an Erlebnisse und an fortdauernde Zustände kann +ich nicht weiter als bis in mein fünftes Jahr zurück verfolgen. Hier finde +ich zuerst ein Bild meiner Umgebung, meiner Eltern und unseres Hauses, +sowie der Stadt und der Landschaft, in welcher ich aufwuchs. In dieser Zeit +hat sich die freie, sonnige Straße mit nur einer Häuserreihe vor der Stadt +mir eingeprägt, in der wir wohnten, ferner die auffallenderen Gebäude der +Stadt, das Rathaus, das Münster und die Rheinbrücken, und am meisten ein +weites Wiesenland, hinter unserem Hause beginnend und für meine +Kinderschritte ohne Grenzen. Alle tiefen Gemütserlebnisse, alle Menschen, +selbst die Porträts meiner Eltern, scheinen mir nicht so früh deutlich +geworden, wie diese Wiese mit unzähligen Einzelheiten. Meine Erinnerung an +sie scheint mir älter zu sein als diejenige an Menschengesichter und +erlittene eigene Schicksale. Mit meiner Schamhaftigkeit, welche schon früh +von einem Widerwillen gegen eigenmächtige Berührung meines Leibes durch +fremde Hände des Arztes oder der Dienstboten begleitet war, hängt +vielleicht meine frühzeitige Lust am Alleinsein im Freien zusammen. Die +vielen stundenlangen Spaziergänge jener Zeit hatten immer die +unbetretensten grünen Wildnisse jener großen Wiese zum Ziel. Diese Zeiten +der Einsamkeit im Grase sind es auch, die beim Erinnern mich besonders +stark mit dem wehen Glücksgefühl erfüllen, das unsere Gänge auf +Kindheitswegen meist begleitet. Auch jetzt steigt mir der Grasduft jener +Ebene in feinen Wolken zu Haupt, mit der sonderbaren Überzeugung, daß keine +andere Zeit und keine andere Wiese solche wunderbaren Zittergräser und +Schmetterlinge hervorbringen kann, so satte Wasserpflanzen, so goldene +Butterblumen und so reichfarbene köstliche Lichtnelken, Schlüsselblumen, +Glockenblumen und Skabiosen. Ich fand nie wieder so herrlich schlanken +Wegerich, so gelbbrennenden Mauerpfeffer, so verlockend schillernde +Eidechsen und Schmetterlinge, und mein Verstand beharrt nur müde und mit +geringem Eifer auf der Erkenntnis, daß nicht die Blumen und Eidechsen sich +seither so zum Üblen verwandelt haben, sondern nur mein Gemüt und mein +Auge. + +Beim Darandenken ist mir zu Mut, als wäre alles Kostbare, was ich später +mit Augen sah und mit Händen besaß, und selber meine Kunst, gering gegen +die Herrlichkeiten jener Wiese. Da waren helle Morgen, an denen ich ins +Gras gestreckt, den Kopf auf den Händen, über das von Sonne flimmernde, +gekräuselte Meer der Gräser hinwegschaute, in welchem rote Inseln von Mohn, +blaue von Glockenblumen und lilafarbene von Schaumkraut lagen. Darüber +flatterten und reizten mich die blitzgelben Zitronenfalter, die zarten +Bläulinge, die in einem kostbaren, gleichsam antiquarisch seltenen Schimmer +aufleuchtenden Schiller- und Distelfalter, die schweren Flügel der +Trauermäntel, das Edelwild der Segler und Schwalbenschwänze, der +schwarzrote Admiral, der seltene, mit Ehrfurcht genannte Apollo. Dieser, +den ich aus Beschreibungen meiner Kameraden schon kannte, flog mich eines +Tages an, setzte sich in meiner Nähe an die Erde und regte langsam die +wunderbaren, alabasternen Flügel, daß ich ihre feine Zeichnung und Rundung +sehen konnte, und die blanken Diamantlinien, und auf den Flügelpaaren beide +hellblutrote Augen. Weniges aus dieser fernen Zeit hat sich so stark und +frisch in meinem Gedächtnis erhalten, wie die atemlose, herzklopfende +Wonne, welche mich bei diesem Anblick durchdrang. Aber nach der +unberechenbaren und grausamen Art der Kinder beschlich ich bald das edle +Tier und warf meinen Hut nach ihm. Er schaute um sich, stieg mit elegantem +Schwunge auf und war allsogleich in der flirrend goldigen Sonnenluft +verschwunden. Irgend eine Art von wissenschaftlichem Interesse war in +meinen Jagden und Sammlungen niemals. Die Raupen und die Namen der +Schmetterlinge, dortlands Sommervöglein, »Summervögli« genannt, waren mir +nicht wichtig, und für viele erfand ich eigene Namen. Eine Art von +rötlichen Fliegen nannte ich »Zitterlinge«, eine Gattung brauner +»Schnabler«, und für den gesamten Pöbel der Weißlinge, Waldteufel und +anderer wenig schöner und rarer Schmetterlinge hatte ich den verächtlichen +Sammelnamen Tolpatsch. Für die gesammelte tote Beute hatte ich wenig +Sorgfalt und habe es nie zu einer sauberen Sammlung gebracht. + +Von musikalischen Eindrücken vermag ich in diesen Wiesensommern nichts zu +finden, es sei denn meine außerordentliche Empfindlichkeit und Furcht vor +den Pfiffen der fern vorüberfahrenden Eisenbahn. + +Dennoch muß schon damals die Musik mir nahe getreten sein, denn auch die +frühesten, undeutlichsten Dämmerbilder des Münsters, welche in mir sich +unscharf spiegelten, scheinen mir unzertrennlich vom Schall der Orgel. + +Dieses Münster und die Stadt überhaupt lernte ich später und langsamer +kennen als die grüne Natur. Denn während ich mich in dieser halbe Tage lang +nach Lust allein umtreiben konnte, war mir von den Eltern nicht erlaubt, +allein in die Stadt zu gehen, wovon mich auch die Furcht vor dem +ungewohnten Gedräng der Menschen und Wagen abschreckte. + +Obwohl die grünen Monate meiner Wiesenzeit mir wie ein schöner, gleichmäßig +heller, ununterbrochener Traum im Bewußtsein liegen, steigen doch einzelne +Tage von besonderem Glanz mit weichen Umrissen daraus auf. Ich gäbe Schätze +dafür, von solchen Tagen mich mehrerer erinnern zu können. So oft ich in +Gedanken den Weg meines Lebens zurückgehe, so oft überfällt mich eine milde +Trauer um die tausend vergessenen Tage. Es lebt niemand mehr, mir von mir +selber zu erzählen, und der größere Teil meiner Kinderjahre liegt +unerschlossen in unbegreiflicher, goldener Glückseligkeit wie ein Wunder +vor meiner Sehnsucht. Es gehört zu den Unvollkommenheiten und Entbehrungen +des menschlichen Lebens, daß unsere Kindheit uns fremd werden muß und in +Vergessenheit fällt wie ein Schatz, der spielenden Händen entgleitet und +über den Rand eines tiefen Brunnens fällt. Bis in die Knabenzeit kann ich +den Faden meines Lebens zurückfinden, weiter zurück aber ragen zerstreut in +Duft und Dämmerung nur wenige klare Tage, ihn daran zu knüpfen. Von dem +Gedächtnis dieser Tage aus blicke ich oft wie von einem Turm rückwärts in +meine ersten Jahre und kann nichts als ein bewegtes Meer von Rätseln und +Anfängen sehen, ohne Formen, aber mit einem heiligen Ferneduft, einem +Schleier, der über Wunder und Kostbarkeiten gelegt ist. + +Unter jenen vereinzelten Silberblicken ist mir ein Spaziergang besonders +teuer, da er das früheste Bild meines Vaters enthält. Der saß mit mir auf +der von der Sonne durchwärmten Mauerbrüstung des Bergkirchleins Sankt +Margarethen, zum erstenmal mir von der Höhe aus die dortige Rheinebene +zeigend. Der erste Eindruck dieser anmutig hellgrünen Landschaft vermischt +sich in meiner Erinnerung mit dem klaren Bilde, das ich später durch den +häufig wiederholten Anblick gewann. Aber dies älteste Bild von meinem Vater +unterscheidet sich von allen späteren. Sein schwarzer Bart berührte meine +blonde Stirn und sein großes, helles Auge ruhte freundlich auf mir. Ich +glaube wieder sein Gesicht so von der Seite her zu sehen, wenn ich an jene +Rast auf der Mauer denke, mit dem schwarzen Bart und Haar, mit der starken, +edlen Nase und dem festen, roten Mund, mit den dunklen Locken im Nacken, +dabei das große Auge nach mir gesenkt, der ganze Kopf fest und würdig auf +dem blauen Hintergrunde des Sommerhimmels ruhend. + +Demselben Sommer mag ein anderes Bild angehören, das ohne Zusammenhang, +aber erstaunlich klar und treu mir eingeprägt ist. Ich sehe die ganze hohe, +magere Gestalt meines Vaters aufrecht mit zurückgelegtem Haupt einer +untergehenden Sonne entgegengehen, den Filzhut in der Linken tragend. An +ihn ist meine Mutter sanft im langsamen Gehen gelehnt, kleiner und +kräftiger, mit einem weißen Tuch auf den Schultern. Zwischen den kaum noch +getrennten, dunklen Häuptern glüht die blutrote Sonne. Die Umrisse der +Gestalten sind fest und goldleuchtend gezogen; zu beiden Seiten steht ein +reiches, reifes Kornfeld. An welchem Tag ich so hinter meinen Eltern +herwandelte, weiß ich nicht, der Anblick aber ist mir frisch und +unverlöschlich geblieben. Ich weiß kein lebendiges oder gemaltes Bild, das +mir in Linien und Farben prächtiger erscheint und das mir teurer ist, als +diese edlen Gestalten auf dem Fußpfad zwischen den Ähren, der roten Glut +entgegen wandelnd, schweigsam, vom jenseitigen Glanz übergossen. In +ungezählten Träumen und wachen Nächten hing mein Auge an diesem liebsten +Kleinod meiner Erinnerung, dem Vermächtnis einer meiner goldensten Stunden. +So ist mir nie wieder eine Sonne untergegangen hinter Ährenmeeren, so rot, +prächtig, friedsam, so voll Glut und Genüge. Und käme sie mir wieder, es +wäre doch nur ein Abend wie viele sind, und ich würde die vermissen, in +deren Schatten ich damals ging, müßte mich abwenden und trauern. + +Die Erinnerung an Vater und Mutter beginnt von hier an klar zu werden. +Neben meiner Wieseneinsamkeit ging unabhängig ein freundliches, häusliches +Leben her. Von diesem ist mein Bewußtsein, der vielerlei Menschen und +Anregungen wegen, nicht so einheitlich und deutlich, wie von dem Leben im +Grase. Wie früh die Neigung meines Vaters zum Genuß der bildenden und der +Dichtkunst, und die meiner Mutter zur Musik auf mich einwirkten, ist mir +unmöglich zu erkennen, denn einzelne Eindrücke dieser Art sind mir erst aus +etwas späterer Zeit erinnerlich und müssen notwendig schon viel früher +dagewesen sein. + +Ich wage nicht, von meinen Kinderspielen viel zu reden. Es gibt nichts +Wunderbareres und Unbegreiflicheres und nichts, was uns fremder wird und +gründlicher verloren geht, als die Seele des spielenden Kindes. Bei dem +leidlichen Wohlstand und der überaus freigebigen Güte meiner Eltern fehlte +es mir an reichlichem Spielzeuge nicht. Ich besaß Soldaten, Bilderbücher, +Legsteine, Schaukelpferd, Pfeife, Peitsche und Wagen, später auch +Kaufladen, Wage, Spielgeld und Vorräte, und zum Theaterspielen standen die +Kasten der Mutter zur Verfügung. Dennoch hängte sich meine Phantasie gerne +an weniger kommode Gegenstände und schuf Pferde aus Schemeln, Häuser aus +Tischen, Vögel aus Tuchlappen und ungeheuerliche Höhlen aus Wand, +Ofenschirm und Bettdecke. + +Daneben war in den Erzählungen meiner Mutter ein Überfluß von Welten und +Brücken für meine Träumerei. Ich habe Leser und Erzähler und Plauderer von +Weltruhm gehört und fand sie steif und geschmacklos, sobald ich sie mit den +Erzählungen meiner Mutter verglich. O ihr wunderbar lichten, goldgründigen +Jesusgeschichten, du Betlehem, du Knabe im Tempel, du Gang nach Emmaus! Die +ganze überschwänglich reiche Welt des Kindeslebens hat kein süßeres und +heiligeres Bild als das der erzählenden Mutter, an deren Knie sich ein +Blondkopf mit tiefen Staunaugen schmiegt. Woher haben die Mütter diese +gewaltige und heitere Kunst, diese Bildnerseele, diesen unermüdlichen +Zauberborn der Lippen? Ich sehe dich noch, meine Mutter, mit dem schönen +Haupt zu mir geneigt, schlank, schmiegsam und geduldig, mit den +unvergleichlichen Braunaugen! + +Nächst dem unerreichbaren Klang und Sinn der Bibelgeschichten sog ich tief +aus dem Quell der Märchen. Rotkäppchen, der treue Johannes und +Schneewittchen bei den sieben Zwergen über den sieben Bergen nahmen mich in +ihren geschwätzigen Kreis. Mein begieriger Sinn erschuf bald aus freier +Kraft Gebirge mit mondglänzenden Elfentanzwiesen, Paläste mit seidenen +Königinnen, fabelhaft tiefe und greuliche Berghöhlen, von Geistern, +Eremiten, Köhlern und Räubern abwechselnd unheimlich bevölkert. Ein +schmaler Raum im Schlafzimmer, zwischen zwei Bettstellen, war vorzüglich +der ständige Wohnort schlitzäugiger Kobolde, rußiger Bergmänner, geköpfter +Umgänger, traumwandelnder Totschläger und grünschielender Raubtiere, so daß +ich eine Zeitlang nur in Begleitung Erwachsener und noch lange später nur +mit äußerster Aufbietung alles Knabenstolzes daran vorübergehen konnte. +Einmal befahl mir mein Vater, von dort seine Pantoffeln zu holen. Ich ging +in das Schlafzimmer, wagte mich aber nicht an den Ort des Entsetzens und +kehrte kleinlaut zurück, vorgebend, ich hätte die Schuhe nicht gefunden. +Mein Vater, der etwas Phantastisches ahnte und ein strenger Feind auch der +Notlüge war, schickte mich nochmals hin. Ich betrat wieder das +Schlafzimmer, aber meine Angst war nur größer geworden, so daß ich +unverrichteter Dinge wiederkehrte, mit derselben Entschuldigung. Der Vater, +der mich durch den Türspalt beobachtet hatte, sagte sehr ernst: »Du lügst. +Sie müssen dort stehen.« Gleichzeitig ging er selber sie zu holen. Meine +Beklemmung aber war so gesteigert, daß ich selbst den allmächtigen Vater +vor meinen Unholden nicht sicher glaubte und mich heulend an ihn hängte, +wobei ich ihn unter heißen Tränen beschwor, sich dem Winkel nicht zu +nähern. Er ging aber doch, zwang mich mit, bückte sich und kehrte +wohlbehalten aus der greulichen Höhle zurück, was ich lange Zeit, unter +Dankgebeten, allein seinem unerhörten Mut und einem ganz besonderen Schutz +des lieben Gottes zuschrieb. + +Ein anderes Mal wuchs mein Angstgefühl vollends ins Krankhafte. Die +Begebenheit hat sich mir scharf und genau mit allen peinlichen Zügen +eingegraben und hängt wie ein Medusenhaupt schauerlich schön, aber +vorwiegend schauerlich, über jener ganzen Zeit der Kinderromantik. + +Bei Dunkelwerden kehrten wir, schon ein wenig gruselig gestimmt, einst aus +der Stadt zurück, zwei etwa vierzehnjährige Töchter eines Nachbars, ihr +Brüderlein und ich. Die hohen Häuser und Türme legten zackige Schatten auf +die Straße, Laternen wurden schon angezündet. Dazu kam im Vorübergehen ein +Blick in eine Schmiede, wo rußige, halbnackte Männer an der aus dem Dunkeln +aufsprühenden Esse mit großen Zangen wie Folterknechte standen, und das mir +vorher unbekannte trunkene Gejohle einiger Wirtshausbrüder, das mir +raubtierartig und verbrecherisch vorkam. Nun, schon fast im Finstern, +erzählte eines der Mädchen, selber gruselnd, mir die Geschichte von der +Glocke Barbara. Diese hing in der Kirche Barbara und war aus Zauberei und +Verbrechen hervorgegangen. Sie rief immerfort den Namen einer ruchlos +erschlagenen Barbara mit blutiger Stimme aus und wurde deshalb von den +Mördern gestohlen und vergraben. Da, als es Zeit zum Nachtläuten wird, +beginnt die Glocke aus der Erde laut und jämmerlich zu tönen: + + Barbara bin ich genannt, + In der Barbara bin ich gehangt, + Barbara ist mein Vaterland. + +Diese halbgeflüsterte Geschichte regte mich schrecklich auf. Mein Grausen +wurde dadurch gesteigert, daß ich es in mir zu verbergen bemüht war, denn +der kleine Mitgänger hatte nichts verstanden und steuerte sorglos in den +Abend hinein, und vor den ältern Begleiterinnen, obwohl sie selber Angst +hatten und nur flüsternd noch redeten, schämte ich mich. So stieg mein +Schaudergefühl mit jedem Wort der Erzählung, bis mir die Zähne klapperten. +Als aber nach eben beendeter Geschichte auf Sankt Peter die Abendglocke +zitternd anschlug, ließ ich in rasender Angst die Hand des kleinen Jungen +fahren und rannte, von der ganzen Hölle gehetzt, in die Nacht hinein, +stolperte, stürzte, und wurde keuchend und zitternd heimgebracht. Die ganze +Nacht zitterte ich in schmerzhaften Angstschauern und eine Zeitlang ging +mir, so oft ich das Wort Barbara hörte, etwas Eiskaltes durch das innerste +Mark. Von da an glaubte ich noch lebhafter an Kobolde, Vampyre und böse +Geister, denn sie waren mir mit allen unerhörten Schrecken selber im Nacken +gesessen. + +Etwa um diese Zeit machte mein eben erwachender Verstand seine ersten +Ansprüche und quälte mich so sehr, daß ich häufig tobende Anfälle von +machtloser Wut und Ungeduld gezeigt habe. Hier ist auch ein Stück Kindheit, +das, wie mir scheint, den meisten Menschen allzu gründlich verloren geht, +der Drang nach Wahrheit, das Verlangen nach Übersicht der Dinge und ihrer +Ursachen, die Sehnsucht nach Harmonie und sicherem geistigem Besitz. Ich +litt unter zahllosen Fragen ohne Antwort, und fand allmählich heraus, daß +den befragten Erwachsenen meine Fragen oft unwichtig und meine Nöte +unverständlich waren. Eine Antwort, die ich als Ausflucht oder gar als +Spott erkannte, schüchterte gar oft meine Seele wieder in ihr allmählich +wankendes Gebäu von Mythen zurück. + +Wie viel ernster, reiner und ehrfürchtiger würde das Leben vieler Menschen +werden, wenn sie etwas von diesem Suchen und Nach-Namen-Fragen auch über +die Jugend hinaus in sich bewahrten! Was ist der Regenbogen? Warum winselt +der Wind? Woher kommt das Verwelken der Wiesen, woher das Wiederblühen, +woher Regen und Schnee? Warum sind wir reich und der Nachbar Spengler arm? +Wohin geht am Abend die Sonne? + +Auf diese Fragen ging mein Vater, wenn die Weisheit oder Geduld der Mutter +zu Ende war, oft mit unvergleichlicher Liebe und Feinheit ein. Als die +ständige Begründung »das hat der liebe Gott eben so gemacht« nicht mehr +zureichte, erklärte er mir in großen Künstlerzügen die sichtbare Welt, die +Oberfläche der Erde mit Kraut und Getier, die Wiederkehr der Gestirne. +Zugleich ließ er neben meinem Märchenwald die Edelgestalten der alten +Geschichte aufsteigen, und griechische Städte, und das alte Rom. Kinder +sind weitherzig und vermögen durch den Zauber der Phantasie Dinge in ihrer +Seele nebeneinander zu beherbergen, deren Widerstreit in älteren Köpfen zum +heftigsten Krieg und Entweder-Oder wird. Dennoch, da ich selber gerne +erfand, und mit der kindlichen Schöpferkraft spielte, entstanden vielerlei +Zweifel. Davon war der lebhafteste gegen die Wahrhaftigkeit eines orbis +pictus gerichtet, eines Lieblingsbilderbuches, das mich von der ersten +Schaulust bis weit in das reifende Knabenalter begleitete und so in meiner +Geschichte die umgekehrte Rolle des Robinson und Gulliver in der wirklichen +spielte. Ich zweifelte eine Zeitlang sehr stark daran, daß diese Bilder +Originale in der wirklichen Welt besäßen und nicht lediglich ergötzliche +Phantasien eines Malers seien. Beim Betrachten der Abbildungen von Rittern +oder Bauten oder andern historischen Gegenständen erinnerte ich mich mit +behaglicher Schlauheit, daß ich auch Achillesse und große Kirchen und +ähnliches gezeichnet oder gebaut und meinen Kameraden als die wahren Dinge +oder als treue Abbilder ausgegeben hatte. Als mein Vater dahinterkam, +schlug er auf einer der letzten Seiten des Buches das mir bisher entgangene +Bild einer Kirche unsrer Stadt auf, welche ich sofort mit großer +Betroffenheit wiedererkannte. Von da an waren mir auf eine gute Weile +wenigstens alle Worte meines Vaters wieder unzweifelhaft und beweiskräftig. +Ein Nachbarsjunge teilte mir eines Tages geheimnisvoll und wichtig mit, der +»wilde Mann«, eine Hauptfigur in unsern Geschichten und ausgetauschten +Phantasieerlebnissen, wohne nicht weit vom Tor am Petersgraben in einem +Kornspeicher, sein Vater hätte es ihm gesagt. Der Trumpf war vergebens +ausgespielt, denn mein Vater hatte mir bereits eine bessere, wenn schon +nicht so deutliche Erklärung gegeben. Ich blieb daher nicht nur skeptisch +und ungerührt, sondern antwortete dem Freunde hohnlächelnd und mit großer +Genugtuung, er möge nur wieder zu seinem Vater gehen und ihm sagen, er wäre +ein Kamel. Diese Antwort trug mir erst von dem Beleidigten und dann von +meinem Vater Prügel ein. + +Solchen Züchtigungen von der Hand des geliebten Vaters pflegte ich zwar +meistens Trotz und Schweigen entgegenzusetzen, aber mein kleines Herz +empfand sie unsäglich bitter, weh und beugend. Sie sind die frühesten +Leiden, auf die ich mich besinnen kann und in der Vorstellung, die ich von +meinen Kinderjahren habe, die einzigen Trübungen, die noch vor der +Schulzeit eintraten. Auch war es mit dem Schlagen und Trotzbieten +keineswegs getan, sondern der bittere Kern der Strafe war die Nötigung, +mich zu demütigen und um Verzeihung zu bitten, ehe ich das Auge der Eltern +wieder freundlich und ihr Ohr mir offen fand. Freilich wurde dadurch und +durch die jedesmalige freundlich ernste Versöhnung der Züchtigung der +Stachel abgebrochen, aber bis ich müd und verständig genug zum »Verzeih« +sagen war, kostete es immer wieder einen bitteren, tränenreichen Kampf. Der +erste Abend, an dem ich ohne Kuß und ohne Begleitung der Mutter stumm und +scheu zu Bette ging, ist mir noch wohl erinnerlich. Vielleicht hat, so oft +auch später mir das Wasser an die Kehle ging, doch das Gefühl namenlosen +Schmerzes und Zwiespaltes niemals mehr so unsäglich auf mir gelastet, wie +an jenem traurigen Abend. Es war auch der erste Abend, an welchem ich nicht +zu beten vermochte. Der Wortlaut meines Betverses stockte mir auf der +Zunge, zeigte mir zum erstenmal seinen schweren Ernst und würgte mich wie +einen Erstickenden. So diente diese dunkelste Stunde dazu, mir auf einmal +das Beten ohne Gedanken unmöglich zu machen. + +Indessen wuchs mein Verstand und begann, auf die ersten Belehrungen und +Erfahrungen bauend, sich allmählich einer stiller werdenden eigenen +Tätigkeit zu erfreuen. Meine Spiele nahmen, ohne Vorbilder zu haben, die +verwickelteren, intelligenteren Formen der eigentlichen Knabenspiele an. +Das A-B-C gab mir einen angenehm herben Vorschmack der Schule. Ich besaß +schon Erinnerungen und gewöhnte mich, nachdem ein bestimmter Tag für meinen +Schulbeginn mir angesagt war, an morgen und übermorgen zu denken. + + * * * * * + +Dieses wenige ist der ganze Schatz von Erinnerungen an die ersten Jahre, +den ich noch besitze. Oder nicht der ganze, denn ich vermochte das Beste +nicht auszusprechen, die Empfindungen durchträumter Frühlinge und +beglückender Liebhabereien, das milde Nachgefühl kindlicher Freuden und +Wehen, herzlicher genossen und tiefer erlitten als viele größere Freuden +und Wehen der späteren Zeiten. Ich vermochte nicht die feinen Erinnerungen +niederzuschreiben, deren ich einen holden Strauß besitze, an Waldbesuche, +an Nachbarfreundschaften, an belauschte Katzenjunge und gestreichelte +Lämmer. + +Komisch wehmütig berührt mich die letzte Zeit vor dem Besuch der Schule, +das Erwachen des Knabenstolzes, das Unsichere des Übergangs vom Träumen zum +Denken, und das langsame Verblassen der farbigen Phantasie und des ganzen +unbeschreiblichen Goldgrundes, auf welchen alle diese frühesten Bilder +gemalt sind. Mein Gedächtnis schließt mein letztes freies Kinderjahr mit +einem merkwürdigen Abend ab. Es war kurz vor meinem Eintritt in die Schule, +und der Geburtstag einer kleinen Schwester, der 27. November. Dieser +Schwester war für den Augenblick alle Sorgfalt und Liebe des Hauses +zugewendet, und ich saß beklommen und allein an einem dunkelnden Fenster. +Draußen war Spätherbst und eine frühe, sternhelle Nacht. Neben dem Gedanken +an den erwarteten ersten Eintritt ins wirkliche Leben war eine +Abschiedsstimmung in mir lebendig, und ein halbbewußtes Rückverlangen nach +der Ungebundenheit und Traumtiefe der bisherigen Tage. Da wars, daß ich +eine Bewegung unter den Sternen zu sehen glaubte. Ich blickte nun starr und +unverwandt an den Himmel, und siehe, ein Stern begann seltsam zu flirren +und schoß plötzlich in die Finsternis, ohne Spur verglimmend. Und da wieder +einer, und dort zwei zugleich, und am Ende eine ganze bewegte Menge. Der +Vater kam herein, und die Dienstboten, und so standen wir eine gute Weile +still im Dunkeln, das seltene Schauspiel unzähliger Sternschnuppen +betrachtend und von der merkwürdigen Stunde berührt, jeder, wie ich glaube, +mit dem Gedanken, daß dieser Blick aus dem dunklen Zimmer auf die +gleitenden Sterne ihm unvergeßlich bleiben würde. + + * * * * * + +Mit dem Besuch der Schule begann nun mein menschlich gesellschaftliches +Leben. Hier wird das Dasein zuerst zum Bild der Welt im kleinen, hier +treten die Gesetze und Maßstäbe des »wirklichen« Lebens in Kraft, hier +beginnt Streben und Verzweifeln, Konflikt und Bewußtsein der Person, +Ungenügen und Zwiespalt, Kampf und Rücksichtnahme, und der ganze endlose +Kreislauf der Tage. Zuerst die Teilung der Zeit in Alltag und Feiertag! Man +muß nach Stunden leben und arbeiten, jeder Tag erhält sein Gewicht und +seine feste Geltung und löst sich aus der Zeit als ein besonderes Stück +heraus. Die Unergründlichkeit der Monate und Jahreszeiten, das Leben aus +dem Vollen hat ein Ende; Feste, Sonntage, Geburtstage treten nicht mehr als +Überraschungen vor uns hin, sondern ihre Zeit und Wiederkehr ist gleich den +Stundenzahlen auf der Uhr fest angeschrieben und wir wissen, wie lange der +Zeiger braucht, bis er sie erreicht. + +Der Wunsch meines Vaters, mich selber zu unterrichten, hielt dem +allgemeinen Brauch und dem Rat aller Freunde und Verwandten nicht stand. +Ich wurde einer öffentlichen Schule übergeben, hatte mehrere Lehrer, die +jährlich wechselten, und litt unter allen Übelständen dieser Anstalten. +Schule und Haus waren zwei streng getrennte Dinge, mein Gehorsam hatte zwei +Oberhäupter, von denen das eine mit meiner Liebe, das andere mit meiner +Furcht rechnen mußte. Das erste Übel lag darin, daß ich, von einem strengen +Lehrer an häufige Schläge und Arrest gewöhnt, die väterlichen Strafen bald +nicht mehr in der früheren Weise achtete, so daß häusliche Züchtigungen +ihren Wert verloren und meinem Vater dieser einfachste Austrag moralischer +Unebenheiten allmählich unmöglich gemacht wurde. Daraus folgte für ihn +unendlich viel Sorge und Mühe und für mich viel Elend, da nun alle +Besserungen und Verzeihungen erschwert waren und lange Zeit erforderten. In +solchen kritischen Zeiten war ich manchesmal verzweifelt, krank vor Sorge +und Wut, und plagte mich mit Elend, Scham, Ärger und Stolz. In der Schule +übel behandelt, zu Hause von irgend einer begangenen Übeltat schweigend +bedrückt, warf ich mich oft in der großen Wiese zu Boden und rang +schluchzend gegen eine unbekannte, grausame Übermacht. Diese Stunden am +Mittagstisch, wenn kein Gespräch möglich war, wenn ich mit Angst an die +nächste böse Schulstunde dachte, während eine zurückgedrängte väterliche +Strafrede den Eltern, den jüngeren Geschwistern und sogar den Dienstboten +in allen Mienen zu lesen war, diese schweigsamen, trotzigen Spaziergänge +mit meinem Vater, auf denen ich die Bitte um Verzeihung oder sonst eine +Aussprache, welche er erwartete, aus Trotz und Scham in mir niederhielt, +liegen mir noch mit aller Schwere hart und widerlich im Gedächtnis. + +Da meine Unruhe und eingedämmte Leidenschaftlichkeit und Lebensfülle Raum +forderte, warf ich mich auf die mir bisher fremden Knabenspiele mit aller +Wildheit meiner jungen Sinne. Ich sprang bald allen Kameraden voran, als +Turner, als Feldherr, als Räuberhauptmann oder Indianerhäuptling, am +hitzigsten, wenn zu Hause schlechtes Wetter war. Meine Eltern und am +meisten die bekümmerte Mutter sahen mich mit Trauer in den Ruf eines +Wildfangs und Anstifters geraten, während ich unter ihren Augen meistens +stumm und bedrückt umherschlich. + +In meinem dritten Schuljahre hatte ich eines Tages einem armen Handwerker +in unserer Straße mit meiner Schleuder ein Fenster eingeworfen. Der Mann +lief zu meinem Vater, erzählte ihm meine, wie er glaubte, absichtlich +begangene Tat und fügte noch hinzu, daß ich auch außerdem ein Tunichtgut +und Straßentyrann wäre. Als am Abend mein Vater mir dies alles wieder +berichtete und auf ein Geständnis drang, war ich über den Ankläger so +empört, daß ich auch den unbestreitbar geschehenen Fensterschuß hartnäckig +leugnete. Ich wurde ungewöhnlich hart gezüchtigt und glaubte nun vollends +meinen Trotz nicht brechen lassen zu dürfen. So verhielt ich mich einige +Tage scheu und feindselig, während mein Vater schwieg und ein Schatten auf +dem ganzen Hause lag. In diesen Tagen war ich unglücklicher als jemals +vorher. Nun mußte mein Vater für eine Woche verreisen. Als ich an jenem Tag +aus der Schule kam, war er schon abgereist und hatte ein Brieflein für mich +dagelassen. Nach Tisch begab ich mich in die oberste Bodenkammer und +öffnete den Brief. Ein schönes Bild fiel heraus, und ein Zettel von der +Hand des Vaters: + +»Ich habe dich für ein Vergehen gestraft, das du nicht gestanden hast. Hast +du die Sache dennoch begangen und mich also angelogen, wie soll ich dann +noch mit dir reden? Ists anders, dann habe ich dich mit Unrecht geschlagen. +In einer Woche, wenn ich wiederkomme, sollte doch einer von uns dem andern +verzeihen können. + +Dein Vater.« + +Den ganzen Tag lief ich beklommen und erregt mit dem Zettel in Haus und +Garten herum. Dieses Wort von Mann zu Mann erfüllte mich mit Stolz und Reue +und traf mich im Herzen, wie kein anderes Wort es hätte können. Am nächsten +Morgen kam ich mit dem Blatt ans Bett meiner Mutter, weinte und fand keine +Worte. Darauf ging ich im Hause umher wie nach einer langen Abwesenheit, +alles war so alt und neu, war mir wiedergeschenkt und von einem Bann +erlöst. Abends saß ich seit langer Zeit zum erstenmal meiner Mutter zu +Füßen und hörte sie erzählen wie in den Kleinkinderjahren. Es kam so süß +und mütterlich von ihrem Munde, aber was sie erzählte, war kein Märchen. +Sie sagte mir von Zeiten, da ich ihr fremd geworden sei, und wie da ihre +Angst und Liebe mich begleitete; sie beschämte und beglückte mich mit jedem +Wort, und dann redeten wir beide mit Namen der Liebe und Ehrfurcht von +meinem Vater und freuten uns mit Sehnsucht auf seine Heimkehr. + +Der Tag seiner Zurückkunft war zugleich der letzte Tag vor meinen +Sommerferien und vollendete so mein Glück. Nach einer kurzen Unterredung +kam der Vater mit mir aus seinem Studierzimmer hervor und führte mich der +Mutter zu, indem er sagte: + +»Hier hast du unseren Buben wieder, Mama. Er gehört seit heute wieder mir.« + +»Mir schon seit einer Woche!« rief sie lächelnd dagegen, und wir saßen +fröhlich zu Tische. + +Die mit diesem Tag beginnende Ferienzeit liegt in meinen Schuljahren wie +ein umzäunter, grüner Garten. Tage voll Sonne, Abende mit Spiel und +Geplauder, Nächte festen Schlafs mit gutem Gewissen! Jeden Abend wanderte +mein Vater Hand in Hand mit mir in einen Steinbruch, der eine halbe Stunde +weit vor der Stadt lag. Dort bauten wir Häuser und Höhlen, schleuderten +Steine nach dem Ziel und hämmerten nach Versteinerungen. Auf dem Rückweg +tranken wir Milch und aßen Brot in einem Meierhof und verzichteten darauf +stolz auf das mütterliche Abendessen, die Mutter mit allerlei Geheimnissen +neckend und uns jedes Meisterwurfes und jedes gefundenen Rötels oder +Glitzersteines rühmend. Mein Vater erwies sich als Pfadfinder, Jäger, +Scheibenschütz und Erfinder. Halbe Tage wanderten und ruhten wir in Wiesen +und an Waldabhängen, ganz mit uns allein, einen Brotlaib in der Tasche, +Wege entdeckend und Pflanzen sammelnd, und ich spürte etwas davon, daß mein +Vater seine eigene Jugend wieder aufsuchte und sich seiner erfrischten +Brust und seiner geröteten Wangen erfreute, denn er war von zarter +Gesundheit und wurde viel von Kopfschmerzen und anderen Leiden heimgesucht. +Nun wanderten wir wie zwei Knaben miteinander, schnitten Lanzen, ließen +Drachen steigen, gruben im Garten und zimmerten im Hofraum allerlei Gerät +und Kasten zusammen. + +In dieser Zeit etwa begann mein Ohr zu erwachen und meine Phantasie sich +mit Melodien zu beschäftigen. Ich liebte es, in Freistunden zum Münster zu +gehen und mich durch das Tor zu schleichen, um das Spiel des Organisten zu +hören, der stundenlang dort sich seiner Kunst erfreute. Ich summte und sang +auf dem Schulweg, im Garten, sogar im Bette, und prägte mir viele Choräle +und Liedermelodien frühe ein. + +Und mit neun Jahren, an meinem Geburtstage, schenkten mir die Eltern eine +Geige. Von diesem Tage an ist das hellbraune Geiglein auf allen Fahrten mit +mir gegangen, viele Jahre lang, und von diesem Tage an hatte ich ein +Abseits, eine innere Heimat, eine Zuflucht, wo seither unzählige +Erregungen, Freuden und Kümmernisse sich versammelten. + +Der Lehrer war mit mir zufrieden. Mein Gehör und Gedächtnis war scharf und +peinlich treu, und allmählich zeigte sich im Lauf der Lehrjahre das, was +den Geiger macht, der feste, fähige Arm, das freie Gelenk, die +ausdauernden, kräftigen Finger. + +Fürs erste erwies sich leider die Musik als ein unerwartetes Übel, denn sie +nahm mich fast völlig gefangen und verleidete mir den Schülerfleiß. Dagegen +lenkte sie meinen Ehrgeiz und meine Knabenwildheit von den gröberen Spielen +und Freveln ab, sie milderte meine Hitze und Leidenschaft, sie machte mich +schweigsam und verträglich. Ich wurde keineswegs zum Geiger erzogen, mein +Lehrer war sogar ein Dilettant, daher war der Unterricht mir ein Vergnügen +und zielte weniger auf strenge Übung und Präzision, als auf ein baldiges +Etwaskönnen. Der erste Choral, zum Geburtstag der Mutter gespielt, war ein +festliches Ereignis. Und alsdann die erste Gavotte, die erste Haydnsonate! +Ich war selber voll Freude und Eitelkeit, aber allmählich spürte meine +Natur doch einen Mangel, so daß ich vor einem gewissen flotten Strich, +einer Dilettantenverve gefährlicher Art, bewahrt blieb. Die Schule ging +neben dem her und behielt für mich alle die Jahre bis zum vierzehnten +hindurch die Schwüle einer Zwangsanstalt. Wie viel von meinen Leiden und +meiner Verbitterung, neben meinen eigenen Fehlern, der ganzen Erziehungsart +zur Last fällt, kann ich nicht urteilen; aber in den acht Jahren, welche +ich in den niederen Schulen zubrachte, fand ich nur einen einzigen Lehrer, +den ich liebte und dem ich dankbar sein kann. Wer die Kindesseele ein wenig +kennt und selber einen Rest ihrer Zartheit sich bewahrt hat, der kennt das +Leiden, dessen ein Schulknabe fähig ist, und zittert noch in Scham und +Zorn, wenn er sich der Rohheiten mancher Schulmeister erinnert, der +Quälereien, der berührten Wunden, der grausamen Strafen, der unzähligen +Schamlosigkeiten. Wahrlich, ich meine nicht die fleißige Rute, deren jeder +Knabe bedarf; ich meine aber die Frevel, die an dem Glauben und dem +Rechtssinn des Kindes geschehen, die rohen Antworten auf schüchterne +Kinderfragen, die Gleichgültigkeit gegen den Trieb der Kindheit nach einer +Einigung ihrer stückweise erworbenen Kenntnis der Dinge, den Spott als +Antwort auf kindergläubige Naivetäten. Ich weiß, daß ich nicht allein in +solcher Weise gelitten habe, und daß mein Unwille darüber und meine Trauer +um zerstörte und verkümmerte Teile meiner jungen Seele nicht die +Verbitterung eines nervösen Einzelnen ist; denn ich habe von vielen diese +Klagen gehört. Ich weiß wohl mit der eigentümlichen Art des Knabenalters zu +rechnen, als einer heiklen, problematischen Zeit der Scheidungen, +Beschneidungen und Häutungen, voll von schwer verständlichen Erregungen und +Exzessen; aber ich kann mich der Trauer und der Anklage nicht enthalten. +Die ganze Zeit meines späteren Lebens bin ich mit einer besonderen Vorliebe +den kleinen Knaben zugetan gewesen und fand gar oft meine ehemaligen Ängste +in errötenden Knabengesichtern wieder. + +Es widerstrebt mir, einige dieser Bitternisse aufzuzeichnen, meine +Erinnerung irrt in dieser Zeit der verwelkenden Kindheit und erwachsenden +Jünglingszeit befangen und bedrückt umher. + +Hell und verklärt von Verehrung und Liebe zeigen sich mir die +Unterweisungen, die ich in Garten, Feld und Studierzimmer von meinem Vater +genoß. Diese schlossen mir die verschwisterten Reiche der Geschichte und +der Dichtung auf. Mit gekrönten Königen und geschlagenen Duldern, mit +Heerzügen und prachtvollen Städten breitete sich die Geschichte der +Griechen aus, und die der Römer mit ruhmbekränzten Siegern, unterjochten +Erdteilen und fabelhaften Triumphzügen, neben welcher Pracht und Höhe lange +Zeit die Jagden und blutigen Wanderungen der ältesten deutschen Zeit mir +wenig Freude machten. + +Der freundschaftlich in Frage, Antwort und Erzählung erteilte väterliche +Unterricht legte einen guten Grund in mir. Was in der Schulstube und im +Mund der Lehrer mir langweilig und peinlich erschien, gewann hier +anziehende Formen und schien mir alles ernstlichen Fleißes würdig. + +In meiner Klasse pflegte ich, obwohl ich nie ein Lehrerliebling war, meist +mich auf den oberen Plätzen zu halten und besonders im lateinischen +Unterricht mir gute Zeugnisse zu erwerben. Die lateinische Sprache lernte +ich leicht und mit Eifer, sie blieb durch meine Schülerzeit und durch mein +Leben mir befreundet und geläufig. + +So fand man mich zur Vorbereitung auf den Eintritt in eine schwäbische +gelehrte Schule würdig. Das Examen wurde leidlich bestanden. Meine erste +Schulzeit war zu Ende und ein sommerlicher Ferienmonat lag vor dem +ehrgeizig erstrebten Eingang der gelehrten Klosterpforte. + +In diesen Ferien las mir mein Vater zum erstenmal Lieder Goethes vor. Ȇber +allen Wipfeln« war sein Liebling. + +An einem silbernen Abend, im frühen Monde, stand er mit mir auf einem +bewaldeten Berge. Wir atmeten vom Steigen aus und schwiegen nach einem +ernsten, herzlichen Gespräch vor der Schönheit der mondhellen, stillen +Landschaft. + +Mein Vater setzte sich auf einen Stein, blickte rundum, zog mich zu sich +nieder, schlang den Arm um mich und sprach leise und feierlich jenes +unergründliche, wunderbare Lied: + + Über allen Gipfeln + Ist Ruh. + In allen Wipfeln + Spürest du + Kaum einen Hauch, + Die Vöglein schweigen im Walde, + Warte nur, balde + Ruhest du auch. + +Hundertmal habe ich seitdem diese Worte gehört und gelesen und gesprochen, +in hundert Lagen und Stimmungen -- die Vöglein schweigen im Walde -- und +jedesmal befiel mich eine milde, herzlösende Schwermut, und jedesmal senkte +ich dabei das Haupt und hatte ein seltsam wehes Glücksgefühl, als kämen die +Worte aus dem Munde meines an mich gelehnten Vaters, als fühlte ich seinen +Arm um mich gelegt, und sähe seine große, klare Stirn, und hörte seine +leise Stimme. + + + + +Die Novembernacht. +Eine Tübinger Erinnerung. +(Geschrieben 1899.) + + +Über Tübingen hing eine schwarze, verwölkte Novembernacht. Sturm und +Sprühregen klirrte und zitterte durch die engen Gassen, aufflackernde rote +Laternenlichter glänzten trüb auf dem nassen Pflaster wider. Trüb und +schwarz mit zwei, drei kleinen roten Fensteraugen lag das alte Schloß wie +ein halbschlafendes träges Untier auf seinem langen Hügel, Fetzen von +Wolkenschleiern um die spitzen Dächer. In den großen, ernsten Alleen +standen die alten Kastanien, Linden und Platanen kahl und hager im Sturm +wie eine trübselig standhafte Armee von Greisen. Blätterwirbel trieben über +die feuchten Wege, faul und grau lagen die großen Herbstwiesen, an den +Rändern da und dort von einer windscheuen Laterne zackig und roh +beleuchtet. Der langgezogene, müde Pfiff des letzten Reutlinger Zuges drang +vom nahen Bahnhof durch die schwere Luft und paßte mit seinem heiseren, +hinsterbenden Geräusch vortrefflich in die Tonart des ganzen Abends. + +In den Pausen des Sturmes ward das kühle Rauschen des Neckars laut. Die +Ufer lagen tief in graue, traurige Ruhe gehüllt und von den vielen hellen +liederlauten Sommerabendfesten war keine leise Spur mehr geblieben, so +wenig dem breiten, traurigen Stiftsgebäude noch eine Spur von den +zahlreichen, glänzenden Geistern anhing, die darin vor Zeiten +schwärmerische, dämmernde Jugendsemester verlebten. Es seien denn einzelne +nachklingende, elegische Laute aus der umflorten Harfe des armen Hölderlin. +Statt dessen brannte dort die strenge, fleißige Gegenwart in zahlreichen +Studierampeln über die ganze Breitseite des Stifts verteilt und glänzte +mattrot durch die breiten, niederen Fenster. Dort lagen jetzt Kompendien, +Wörterbücher und Texte ohne Zahl vor ernsthaften, jungen Augen +aufgeschlagen, Ausgaben des Platon, Aristoteles, Kants, Fichtes, vielleicht +auch Schopenhauers, Bibeln in hebräischer, griechischer, lateinischer und +deutscher Sprache; vielleicht brütete hinter diesen Fenstern zur Stunde ein +junges, philosophisches Genie über seinen ersten Spekulationen, während +zugleich ein zukünftiger schwergeharnischter Apologet die ersten Steine +seines Trutzgebäudes legte. + +Zwei junge Männer, die jetzt von der unteren Neckarbrücke her durch die +Platanenallee gegangen kamen, blickten lachend hinüber und zeigten wenig +Respekt vor der ernsten zukunftschwangeren Geistesburg. Sie wandelten, in +grauen Lodenmänteln, des Regens ungeachtet, langsam durch die stürmende +Herbstnacht. »Hast du noch was drin?« fragte der Kandidat Otto Aber seinen +Begleiter, worauf dieser, der Dichter Hermann Lauscher, eine bauchige +Benediktinerflasche aus der Manteltasche zwängte und dem Kandidaten +reichte. + +»Der letzte Schluck!« rief dieser und schwenkte die Flasche gegen das +jenseits des Flusses ragende Stift. »Prosit Stift!« + +Er leerte die Bouteille mit einem kurzen Schluck. + +»Was machen wir mit dem Scherben?« fragte Lauscher. »Wir könnten auf die +Wache gehen und ihn der lieben Tübinger Stadtpolizei verehren.« + +»Was Stadtpolizei!« lachte Aber. »Da!« und er schleuderte die Flasche über +den Neckar, daß sie an einem Pfeiler des Stiftsbaues zersplitterte. »Jetzt +wohin?« + +»Ja wohin?« sagte Lauscher nachdenklich. »In der Steinlach krepiert man am +Wein, in der Silberburg ist die Schorschel nimmer da, im Kaiser säuft der +Roigel, in der Sonne ists zu voll, im Löwen --« + +»Halloh, in den Löwen!« rief Aber. »Mir fällt ein, daß der Säbelwetzer und +der Elenderle heut abend dort sind und die Mensur vom Donnerstag +verschwellen. Komm! Übrigens ists ein Sauwetter.« + +Der Kandidat zog seinen langen Mantel enger an sich und schlug ein +rascheres Tempo an. + +»Was rennst du!« rief Lauscher. »Für uns ist das Wetter lang gut genug. Mir +paßt's so besser, als Lump im Sonnenschein zu spielen. Wenn der +Benediktiner nicht ausgepfiffen hätte, wär ich für eine Naturkneipe. +Außerdem ist der Säbelwetzer langweilig und der Elenderle wird schon bald +wieder am Heulen sein. -- Trinken sie Uhlbacher? Dann geh ich nicht mit, +der Uhlbacher vom Löwen haßt mich. Aber was versteht ihr von Wein!« + +»Weinprotz!« lachte Aber. »Nein, sie haben eine uralte Moselwette dort +stehen, oder Winkler oder was ähnliches. Jedenfalls was besseres. -- Dabei +fällt mir ein: warum gründen wir eigentlich nichts? Wir vier oder fünf +hocken doch ewig zusammen, man könnte den Appenzeller und so ein paar +Bierhühner mitlotsen, es gäbe so was wie eine Ausstellung der +Zurückgewiesenen.« + +»Gründen?« brauste Lauscher auf, der damals das spätere cénacle noch nicht +ahnte. »Lieber werd ich Eremit.« + +»Warum nicht gar! Es gäbe ein Kollegium von Ausgetretenen aus allen +fashionablen Verbindungen, oder von Rettungslosen aus allen Fakultäten. Der +Elenderle würde die Sündenlast der Gesellschaft in Tränen umsetzen, der +Säbelwetzer bekäme ein Dauerpaukwams und würde auf alle Waffen für uns +losgehen, ich wäre die Bierkommission, du Schrift- und Weinwärtel . . .« + +»Und so weiter. Schon gut.« + +»Der Appenzeller würde sich unübertrefflich dazu qualifizieren, +Mitteilungen und Forderungen der Gesellschaft den Chargierten der +Verbindungen zu überbringen. Der Nebukadnezar wäre ein censor morum +ohnegleichen. Der Kaißer hat einen Onkel, der Weinberge besitzen soll; der +Schnauzer ist reich und dumm --« + +»Und dann würden wir eine Kneipe mieten und zweimal in der Woche +>Altheidelberg< und >es geht ein Lumpidus< miteinander singen. Und Füchse +keilen. Und Präsidepauken schwingen. Ich danke.« + +»Warum? Wir könnten im Schwarzwälder kneipen und im Komment alle +anständigen Lokäler verbieten. Z. B.: Wer im Ochsen oder im Innern der Aula +betroffen wird, zahlt eine Mark Buße. Wer fachsimpelt, zahlt zwei Maß +. . .« + +»Nein, bitte, du fängst wieder an nach Komment zu riechen.« + +Die Freunde waren auf der alten Brücke angelangt. Aus der Kneipe der +Burschenschaft klang lauter Chorgesang. Der Neckar strömte wild um den +breiten Brückenpfeiler, auf dem raschen Wasser glänzten unruhig die +Laternenlichter, schwarz und großartig streckte sich die Platanenallee in +die Nacht. Vom Turm der Stiftskirche tönte das Stundenhorn, zackig und +wechselvoll beleuchtet, stand die malerische Häuserreihe des hohen +Neckarufers bis zum alten Stift hinab. Beide Freunde schwiegen, so lange +sie über die Brücke gingen. Vielleicht stieg beim Anblick der schönen, +nächtlichen Stadt, beim Rauschen des Neckars und Singen der Studenten in +beiden das Erinnern an die kaum vergangenen Tage auf, da ihnen noch die +eigentümliche, romantische Schönheit und Stimmung dieser Stelle ahnungsvoll +und freudig ans Herz gerührt hatte, da sie noch mit der Hoffnung und dem +ganzen süßen, krausen Stimmungsduft der ersten Semester hier gegangen +waren. + +Sie bogen um die Brückenmühle, stiegen die steile Gasse zum Holzmarkt +hinauf, gingen an der Stiftskirche vorüber, über die schmale Kirchgasse und +den öden Markt an der Sonne vorbei und gelangten durch Nässe und Schmutz an +die Hintertür des Löwen, durch welche man über drei steile Stufen hinab +direkt in das »Nebenzimmer« tritt. Ehe sie eintraten, blickten sie durch +eins der niederen Fenster in die schmale Stube hinab und sahen Elenderle +und Säbelwetzer am letzten Tisch beim Wein sitzen. + +»Sie trinken Winkler!« frohlockte Aber. »Hab ich's nicht gesagt? Du meldest +dich mit deiner Blume, wegen ungebührender Respektlosigkeit.« + +»Prolet! Meinetwegen,« murrte Lauscher, und trat zuerst in die schmale Tür. +Aber folgte nach, drehte unwillig ein an der Wand hängendes Gerolsteiner +Mineralwasserplakat um und ließ sich von der herzueilenden Wirtstochter +Mathilde den Mantel abnehmen. + +Jetzt bemerkten die Weintrinker die Ankommenden. + +»Höchste Zeit,« rief der Säbelwetzer. »Wollet ihr trinken? Wollet ihr ein +Bad nehmen? Wollet ihr euch ersäufen? An Winkler fehlt es nicht. Mein Leben +mach ich keine solche Wette mehr. Fünfzehn Flaschen, ists nicht zum +Langweiligwerden?« + +»Keine Angst!« rief Lauscher. »Mathilde, zwei Gläser!« Er prüfte eine der +im Kübel stehenden Flaschen und schenkte ein. »Meine Blume, Aber!« + +»Saufs!« + +»Na?« fragte der Säbelwetzer. + +»Er ist gut,« gab Lauscher kurz zur Antwort, ließ den linken Arm über die +Stuhllehne hängen, füllte seinen Römer nach und trank ihn mit einem langen +sicheren Schluck hinunter. + +»Wo spuckts wieder?« fragte der Säbelwetzer. »Du hast deinen +allerbeinernsten Schädel aufgesetzt.« + +»Du weißt,« fiel Aber ein, »Schnaps verträgt er nicht. Der Benediktiner --« +Lauscher stieß durch die Zähne einen langen Pfiff. + +»Halts Maul, Aberchen! Überhaupt fragt man nicht so dumm, Säbelwetzer.« Er +trank ein neues Glas an. »Ihr seid eigentlich doch eine Schweinebande, +liebe Freunde,« fuhr er dann langsam und ernsthaft fort, »und mich wunderts +selber, daß ich allemal wieder bei euch bin.« + +Elenderle lachte und trank dem Dichter zu. + +»Aber was tun? Ihr seid wenigstens bloß langweilig und im übrigen gute +Brüder.« + +»Hm -- hm --« + +»Ja, brummt nur! Oder hat vielleicht einer von euch etwas anderes an Geist +zu verbrauchen, als die übrigen Brocken aus seiner Fuchsenzeit? Oder hat +einer von euch eine Ahnung von Humor, von Philosophie, von Kunst? Oder --« + +»Na hör mal,« lachte der Kandidat Aber, »eh du so proletest, sei doch so +gut und serviere uns einmal deine Kunst, deine Philosophie, deinen Humor! +Er muß anderswo als in deinen sentimentalen Versen stecken --« + +»Das tut er auch. Was Verse! Daß ich hier sitze und euren Wein mit euch +trinke und eure desperaten Schädel betrachte, während ich Gold, Silber, +Paläste, Märchen und Kleinode in mir liegen habe, das ist der Humor. Was +verbummelt ihr? Was ersäuft ihr? Ein Examen, ein bißchen Vermögen, ein +Ämtchen, in dem ihr euch geschunden und gelangweilt hättet. Warum? Weil es +euch dämmert, daß es sich um solches Zeug nicht zu leben lohnt. Und ich? +Schluck um Schluck ersäufe ich ein Stück blauen Poetenhimmel, eine Provinz +meiner Phantasie, eine Farbe von meiner Palette, eine Saite von meiner +Harfe, ein Stück Kunst, ein Stück Ruhm, ein Stück Ewigkeit. Warum? Weil es +sich auch um alles das nicht zu leben lohnt. Weil es sich überhaupt nicht +lohnt zu leben; denn Leben ohne Zweck ist öd und leben mit Zweck ist eine +Plage.« + +Elenderle lachte fortwährend. Aber nahm einen langen Schluck und sagte +gutmütig: »Trink, Lauscher, und mach uns nix Blaues vor!« + +»Aber sag,« redete er darauf Elenderle an, »was machst du denn jetzt +eigentlich? Weiß dein Alter schon?« + +»Was denn?« fragte Lauscher. + +»Weißt du nicht? Er ist zum drittenmal nicht ins Examen gestiegen und +außerdem relegiert. Na, Elenderle, was denkst du?« + +»Denken? Ich hab mich anwerben lassen.« + +»Sakerlot! Anwerben?« + +»Ja ja ja ja!« + +»Zu was denn? Ist eine Deliriantenarmee gegründet worden?« + +»Ganz so was! Ich meinte, ich hätte in meinen vielen Semestern genug +Jammertränen vergossen, um mir dafür ein Freibillet in die Gefilde der +Seligen zu kaufen.« + +»Auch gut,« lachte der Säbelwetzer. »Das ist nicht mehr als billig. In die +Hölle wärst du so wie so nicht gekommen, das weiß ich, denn ich habe einmal +drei Semester württembergische evangelische Theologie studiert.« + +»Aber wer hat dich denn angeworben?« fragte Lauscher. + +»Ei wer? Ja, den möchtest du kennen! Ein Herr, sag ich dir, ein feiner Herr +--« + +»Rindvieh!« rief Lauscher. »Was du einen feinen Herrn nennst! War er feiner +als ich?« + +»Viel, viel feiner! Ein Gentleman, sag ich euch. Übrigens dummes Geschwätz! +-- er kommt heut abend her, er hats versprochen.« + +»Wa--as? Kein Schwindel? Auf dein Wort?« + +»Natürlich, auf alle meine Wörter. Prost, Lauscher!« + +»Prost, Elenderle!« + +Lauscher zog ein Paket seiner Giftschlangen hervor, schwarze, lange, dünne +Zigarren, und bot den andern an. Er zündete sich eine an, blies Wolken, +streifte die Asche ab, nahm hin und wieder einen schnellen Schluck und +verfiel in eine träumerisch schwere Trägheit. Auch die andern widmeten sich +nun still dem Wein und der Zigarre. Eine bläuliche Wolke hing über dem +Tische, man hörte die wenigen übrigen Gäste reden und lachen. Die Freunde +tranken Glas um Glas und saßen einander versonnen und fast völlig stumm +gegenüber, wie sie schon viele Stunden und viele ganze Abende und Nächte +versonnen und stumm beisammen um irgend einen Trinktisch gesessen waren. + +»Ich bin doch neugierig auf deinen Werber,« sagte Aber nach einer langen, +langen Pause. + +Keine Antwort. Mathilde öffnete zwei neue Flaschen. Der Säbelwetzer +schenkte ein. + +Ȇbrigens,« begann Aber wieder, ȟbrigens, meine Lieben, was könnte +eigentlich aus uns noch werden? Wer wird uns anwerben? Sei's noch um zwei +Semester, so ist bei mir die Gnadenfrist vorbei.« + +»Und bei mir der Mammon,« sagte der Säbelwetzer. »Umsatteln kann ich +nimmer.« + +»Ich auch nicht,« gähnte Aber. »Mein Alter ist jetzt schon scheu -- +Amerika?« + +Lauscher lachte. + +»Afrika, Asien, Australien?« äffte er nach. »Das nenne ich Sorgen! Weißt du +denn, ob du in zwei Semestern noch lebst? Zwei Semester! Bedenke, was in +zwei Semestern alles anders werden kann!« + +»Zum Beispiel?« + +»Zum Beispiel könntest du gerade jetzt, wo du so unvorsichtig deine Zigarre +anzündest, dem Mund zu nahe kommen und in Spiritusflammen aufgehen. Ein +schöner Tod! Oder du gründest, was ich kommen sehe, deinen Klub, ihr baut +ein Klubhaus und du wirst Kellermeister --« + +»Dunder!« rief Aber erregt. »Dunder noch mal! Das ist eine feine Idee!« + +»Oder du gehst,« fuhr Lauscher fort, »du gehst --« + +Er brach mitten im Satze ab und stierte blaß auf das gegenüber +offenstehende Fenster. + +»Na? Was ist los?« rief der Säbelwetzer. + +Lauscher deutete mit dem Finger auf das Fenster. + +»Da!« rief er stotternd. »Wir spielen doch nicht Freischütz.« + +Alle wendeten die Blicke dem ausgestreckten Finger nach. Im Fenster stand +ein Mensch von schmaler, hoher Figur, regungslos, hager, frech, blaß, mit +Spitzbärtchen am langen Kinn, hoher Stirn, stand und blickte aus hellen, +stechenden, stahlgrauen Augen in die Stube. + +Der Säbelwetzer war der einzige, der nicht erschrack. + +»Sieht aus, als wüßt er nicht, ob er Kasper oder Samiel mimen soll,« lachte +er. »Soll ich den frechen Bruder anrempeln?« + +Der Fremde verschwand vom Fenster. Einen Augenblick später ging die Tür und +er trat ein, schritt durch die Stube und nahm am Tisch der Kameraden Platz. + +Der Säbelwetzer wollte aufstehen und den Eindringling mit einer Grobheit +fortweisen, da streckte über den Tisch herüber Elenderle dem Gaste die Hand +entgegen und lachte. + +»Entschuldigen Sie, Herr, ich erkenne Sie eben erst. Darf ich Ihnen meine +Freunde vorstellen?« + +Mit schon etwas betrunkenen Gesten führte er die Vorstellung aus. Den Namen +des Fremden vergaß er zu nennen. + +Man saß wieder lange trinkend, stumm und träg am Tische, bis Lauscher sich +erhob. + +»Ich gehe. Macht einer noch ein Billard mit?« + +Die Freunde schwiegen. + +»Ich, wenn Sie wollen,« sagte aufstehend der Unbekannte. »Wir könnten ja +alle zusammen in den Walfisch gehen. Ich kam eben dort vorbei, das Billard +ist frei.« + +Alle tranken nun aus und folgten dem Vorschlag. Draußen rann Regen, es war +frostig naß und die Kornhausgasse ein Meer von Schmutz. Der Walfisch war +bald erreicht. Elenderle ging voran die Treppe hinauf. Bei der Gasflamme im +Gang hielt Aber den Fremden an. + +»Einen Augenblick, wenn Sie erlauben!« + +Er blickte nach der Treppe. Die andern waren schon oben. + +»Nun?« fragte der Lange. + +»Elenderle hat von Ihnen gesprochen,« sagte Aber verlegen. »Sie werben für +eine Gesellschaft?« + +»Allerdings.« + +»Ich könnte -- es wäre möglich, daß -- kurz, ich möchte Sie kennen lernen.« + +»Freut mich. Ich bin nur heute hier, aber Ihr Freund kann Ihnen ja morgen +Auskunft geben. Ich komme ziemlich jedes Semester einmal nach Tübingen.« + +Sie stiegen den andern nach in das räucherige, verrufene Café hinauf. +Elenderle hatte oben schon Sekt bestellt und sich faul in ein Sofa +geworfen. Lauscher kreidete schon seinen Billardstock. Der Fremde ergriff +einen andern. Er spielte brillant. + +Die Partie war schnell zu Ende. + +»Sie spielen hübsch,« sagte der Lange zum Dichter. »Wenn Sie sich Ihre +Scheu vor dem Fiedelstoß abgewöhnen, werden Sie vielleicht bald genial +spielen. Hier fängt das Billardspiel erst an. Sehen Sie --« + +Er ergriff noch einmal das Queue und tat einen seiner glänzenden, +fabelhaften Stöße. Der Ball rollte, nachdem er den weißen Ball berührt, in +einem eigentümlichen, unglaublichen Bogen zum roten. + +Lauscher staunte. Dann setzten sie sich zu den andern. Aber und Lauscher +tranken Kaffee, die andern Sekt und Sherry. Die kleine, unbändige Molly +trank mit und freundete sich mit Elenderle auf dem Sofa an. + +»Was halten Sie von ihm?« fragte der Fremde Lauschern, indem er leise nach +jenem hindeutete. »Ein Schwein,« flüsterte Lauscher, »ein komplettes +Schwein. Aber seelengutmütig.« + +»Und der?« Der Lange bewegte das Kinn gegen den Säbelwetzer. + +»Nicht ganz so dumm,« urteilte Lauscher, »und auch nicht so geschmacklos. +Aber ein Säbelheld. Er verschmerzt es nie, daß ihn die Burschenschaft an +die Luft gesetzt hat.« + +»Hm. Und der dritte?« + +»Aber? Der beste von den dreien, nur ohne Rückgrat. Er hat im stillen +heillos vor seiner Krisis Angst.« + +»Sie sprechen nett von Ihren Freunden.« + +»Warum nicht? Verschiedene Grade von Fäulnis, die verschieden +phosphoreszieren.« + +»Sie gefallen mir.« + +»So?« + +Lauscher erhob sich. »Komm!« rief er Abern zu, »wir gehen.« + +Der Fremde grüßte die Abgehenden mit einem blanken, häßlichen Lächeln. Der +Säbelwetzer war eingeschlafen. Elenderle und Molly schienen die Anwesenheit +anderer zu vergessen. + +Aber und Lauscher irrten eine halbe Stunde lang im Regen durch die +finsteren leeren Gassen. Der Löwen war geschlossen, in den Schwarzwälder +mochten sie nicht gehen, es schlug drei Uhr. + +»Komm, ich geh nach Haus!« rief Aber endlich ungeduldig aus. + +»Ich nicht.« Lauscher blieb stehen und blickte um sich. »Alles tot! Was +diese Leute schlafen!« + +»Komm, wir tun's auch.« + +»Nein. Schlafen!« Der Dichter wendete sich um und blickte Abern in das +breite, etwas angetrunkene Gesicht. »Du, Aber! Möchtest du jetzt nicht auch +>Pfui Teufel< zu allem sagen?« + +»Hilft nichts. Lieber gehen wir in den Schwarzwälder.« + +»Was dasselbe ist. Meinetwegen.« + +Sie betraten das Lokal und ließen sich Gilka geben. Aber wurde allmählich +von der traurigen Laune seines Begleiters angesteckt. Trüb und unzufrieden +blickten sie mit toten Augen über die Zigarren weg in den Raum. Drei späte +Bummler würfelten an einem Kaffeetischchen, am Büffet schlief die +Kellnerin, eine einsame Winterfliege kroch am Gasrohr und schien jeden +Augenblick in die Flamme fallen zu müssen, an den Fensterladen hörte man +den Regen tropfen. + +»Nicht sentimental werden!« sagte Aber nach einer Stunde. Er stürzte sein +Gläschen Gilka hinunter; beide verließen den öden Saal und stiegen die +steile Judengasse hinab. Im Vorbeigehen hörten sie den Knecht im Walfisch +die Türen schließen. Am Ende der Schmiedthorgasse, bei der alten +Ammerbrücke, hielten sie einen Augenblick an. + +»Gehen wir links!« gähnte Aber. + +»Es ist näher über die Brücke,« meinte Lauscher heiser; sie gingen hinüber. + +Jenseits der Brücke lag auf den Stufen zur Ammer köpflings gestürzt ein +Mensch. + +»Holla,« rief Aber lachend, »der hat einen guten Schlaf.« + +»Jedenfalls einer vom heiligen Verein,« sagte Lauscher und trat näher. »Er +wird sich morgen über seinen Heiligenschein wundern.« + +»Herrgott,« unterbrach ihn Aber plötzlich, »das ist ja der Elenderle. Kein +Mensch in Europa besitzt einen ähnlichen Bratenrock.« + +Sie stiegen einige Stufen hinab, Elenderle lag mit dem Gesicht auf den +Stufen. Sie hoben ihn auf, geronnenes Blut war auf seinem ganzen Gesicht +verschmiert. + +»Der ist bös gefallen!« seufzte Aber. Da klirrte etwas am Boden. Aus der +starren Hand Elenderles war ein Revolver gefallen, und nun sahen die +Freunde auch an der rechten Schläfe eine kleine, schwarze Wunde. Lauscher +steckte ein Streichholz an. + +»Bleib du hier,« sagte Aber mit verwandelter Stimme, »ich gehe zur +Polizei.« + +»Lassen Sie mich das besorgen,« rief da eine scharfe Stimme. Der Fremde kam +vom Ammerweg her die Treppe herauf. Er rückte giftig lächelnd am Hut und +blitzte die Freunde grinsend aus den frechen Augen eiskalt und höhnisch an. +Beide erschraken bis ans Herz und rannten durch die Nacht davon. + +Als sie am andern Tag erwachten, glaubten beide den ganzen Spuk geträumt zu +haben. Die Hauswirtin pochte an Lauschers Tür und kam mit dem Kaffee +herein. + +»Denken Sie, Herr Lauscher, der Jammer! Heute Nacht hat sich ein Student +das Leben genommen.« + + + + +Lulu. +Ein Jugenderlebnis, dem Gedächtnis +E. T. A. Hoffmanns gewidmet. +(Geschrieben 1900.) + + +I. + +Die schöne alte Stadt Kirchheim war soeben von einem kurzen sommerlichen +Regen abgewaschen worden. Die roten Dächer, die Wetterfahnen und +Gartenzäune, die Gebüsche und die Kastanienbäume auf den Wällen glänzten +freudig neu und stattlich, und der steinerne Konrad Widerhold mit seiner +steinernen Ehehälfte freute sich still beglänzt seines noch rüstigen +Alters. Durch die gereinigten Lüfte schien die Sonne schon wieder mit +kräftiger Wärme herab, in den letzten hangenden Regentropfen des Gezweiges +blitzende Funkenspiele entzündend, und die freundliche breite Wallstraße +floß vom Glanze über. Kinder sprangen einen fröhlichen Reihen, ein Hündlein +kläffte jauchzend ihnen nach, die Häuserzeile entlang flatterte in +unruhigen Bögen ein gelber Schmetterling. + +Unter den Kastanien des Walls, auf der dritten Ruhebank rechts von der +Post, saß neben seinem Freunde Ludwig Ugel der durchreisende Schöngeist +Hermann Lauscher und erging sich in heitern und anmutigen Gesprächen über +die Wohltat des niedergefallenen Regens und die wieder hervortretende Bläue +des Himmels. Er knüpfte daran phantasierende Betrachtungen über Dinge, die +ihm am Herzen lagen, und lustwandelte nach seiner Gewohnheit unermüdet auf +dem Anger seiner Redekunst. Während der langen schönen Reden des Dichters +lugte der stille und vergnügte Herr Ludwig Ugel öftere Male scharf über die +Boihinger Landstraße hinaus, in Erwartung eines Freundes, der von dorther +eintreffen sollte. + +»Ists nicht, wie ich sage?« rief der Dichter lebhaft aus und erhob sich ein +wenig von der Sitzbank; denn die schlechte Lehne war ihm unbequem, auch war +er auf einem Stücklein dürren Zweiges gesessen. »Ists nicht so?« rief er +aus und entfernte mit der Linken das Holzstück und dessen Eindruck auf +seiner Hose. »Das Wesen der Schönheit muß im Lichte liegen! Glaubst du +nicht auch, daß es da liegt?« + +Ludwig Ugel rieb sich die Augen; er hatte nicht gehört, wovon die Rede war, +und nur die letzte Frage Lauschers verstanden. + +»Freilich, freilich,« entgegnete er hastig. »Nur kann man es von hier aus +nicht sehen. Es liegt genau dort, hinter der Schlotterbeckschen Scheuer.« + +»Wie? Was?« rief Hermann heftig. »Was, sagst du, liege hinter der Scheuer?« + +»Nun, Oetlingen! Karl hat keinen andern Weg, er muß notwendig von dorther +kommen.« + +Verdrießlich schweigend starrte nun auch der durchreisende Dichter auf die +helle weite Landstraße hinüber, und wir können beide Jünglinge auf ihrer +Bank sitzen und warten lassen; denn der Schatten muß dort noch bei einer +Stunde anhalten. Wir wenden uns indessen hinter die Schlotterbecksche +Scheuer, finden dort aber weder das Dorf Oetlingen noch das Wesen der +Schönheit liegen, sondern eben den erwarteten dritten Freund, den +Kandidaten der Jurisprudenz Karl Hamelt. Dieser kam von Wendlingen her, wo +er die Ferien zubrachte. Seine nicht übel gewachsene Figur gewann durch ein +verfrühtes Fettwerden einen komisch behäbigen Anflug, und in seinem +gescheiten, eigensinnigen Gesicht lag die kräftige Nase mit den wunderlich +feisten Lippen und den übervollen Wangen im Streit. Das breite Kinn warf +über dem engen Stehkragen reichliche Falten, und zwischen Stirn und Hut +ragte verschwitzt und ungescheitelt das kurze freche Haupthaar hervor. Er +lag rücklings hingestreckt im kurzen Grase und schien ruhig zu schlafen. + +Er schlief wirklich, vom heißen mittäglichen Weg ermüdet; ruhig aber war +sein Schlummer nicht. Ein seltsam phantastischer Traum hatte ihn +heimgesucht. Ihm schien nämlich, er liege in einem unbekannten Gartenlande +unter sonderbaren Bäumen und Gewächsen und lese in einem alten Buche mit +Pergamentblättern. Das Buch war in wunderlich kühnen, wirr ineinander +geschlungenen Lettern einer völlig fremden Sprache geschrieben, die Hamelt +nicht kannte noch verstand. Dennoch aber las er und verstand er den Inhalt +der Blätter, indem immer wieder, so oft er ermüden wollte, auf zauberische +Weise aus dem krausen Durcheinander der Schnörkel und Schriftzeichen sich +Bilder hervorlösten, farbig aufglänzten und wieder versanken. Diese Bilder, +einander folgend wie in einer magischen Laterne, schilderten die +nachfolgende, sehr alte, wahre Geschichte. + + * * * * * + +Mit demselben Tage, an welchem der Talisman des ehernen Ringes durch +betrügerische Magie der Quelle Lask entrissen und in die Hände des +Zwergfürsten gefallen war, begann der helle Stern des Hauses Ask sich zu +trüben. Die Quelle Lask versiegte bis auf einen schier unsichtbaren +Silberfaden, unter dem Opalschlosse senkte sich die Erde, die +unterirdischen Gewölbe wankten und brachen teilweise zusammen, im +Liliengarten begann ein verheerendes Sterben und nur die doppelkrönige +Königslilie hielt sich noch eine Zeitlang stolz und aufrecht; denn um sie +hatte die Schlange Edelzung ihren engsten Reif geschlungen. In der +verödeten Askenstadt verstummte Fröhlichkeit und Musik, im Opalschlosse +selbst klang und sang kein Ton mehr, seit die letzte Saite der Harfe +Silberlied gebrochen war. Der König saß Tag und Nacht wie eine Bildsäule +allein im großen Festsaal und konnte nicht aufhören, sich über den +Untergang seines Glückes zu verwundern; denn er war der glücklichste aller +Könige seit Frohmund dem Großen gewesen. Er war traurig anzusehen, der +König Ohneleid, wie er im roten Mantel in seinem großen Saale saß und sich +wunderte und wunderte; denn weinen konnte er nicht, da er ohne die Gabe des +Schmerzes geboren war. Er wunderte sich auch, wenn er am Morgen und am +Abend statt der täglichen Früh- und Spätmusik nur die große Stille und von +der Tür her das leise Weinen der Prinzessin Lilia vernahm. Nur selten noch +erschütterte ein kurzes, karges Gelächter seine breite Brust, aus +Gewohnheit; denn sonst hatte er an jedem lieben Tage zweimal +vierundzwanzigmal gelacht. + +Hofstaat und Dienerschaft war in alle Winde zerstoben; außer dem König im +Saale und der trauernden Prinzessin war einzig der getreue Geist Haderbart +noch da, der sonst das Amt des Dichters, Philosophen und Hofnarren versehen +hatte. + +In die Macht des ehernen Talismans aber teilte sich der feige Zwergfürst +mit der Hexe Zischelgift, und man kann sich vorstellen, wie es unter ihrem +Regimente zuging. + +Das Ende der Askenherrlichkeit brach herein. Eines Tages, an dem der König +kein einziges Mal gelacht hatte, rief er abends die Prinzessin Lilia und +den Geist Haderbart zu sich in den leeren Festsaal. Ein Wetter stand am +Himmel und leuchtete durch die schwarzen großen Fensterbogen mit jachem +Blitzen fahl herein. + +»Ich habe heute kein einziges Mal gelacht,« sagte der König Ohneleid. + +Der Hofnarr trat vor ihn hin und schnitt einige sehr kühne Grimassen, die +jedoch in dem alten bekümmerten Gesichte so verzerrt und verzweifelt +aussahen, daß die Prinzessin die Augen wegwenden mußte und der König das +schwere Haupt schüttelte, ohne zu lachen. + +»Man soll auf der Harfe Silberlied spielen,« rief König Ohneleid. »Man +soll!« sagte er, und es klang den beiden traurig durchs Herz; denn der +König wußte nicht, daß Harfner und Spielleute ihn verlassen hatten und daß +die zwei Getreuen seine letzten Hausgenossen waren. + +»Die Harfe Silberlied hat keine Saiten mehr,« sagte der Geist Haderbart. + +»Man soll aber dennoch spielen,« sagte der König. + +Da nahm Haderbart die Prinzessin Lilia bei der Hand und ging mit ihr aus +dem Saale. Er führte sie aber in den verwelkten Liliengarten zur +versiegenden Quelle Lask und schöpfte die allerletzte Handvoll Wasser aus +dem Marmorbecken in ihre Rechte, und sie kamen damit zum Könige zurück. Nun +zog die Prinzessin Lilia aus diesem Wasser Lask sieben blanke Saiten über +die Harfe Silberlied, und für die achte reichte das Wasser nicht mehr hin, +so daß sie von ihren Tränen zu Hilfe nehmen mußte. Und nun strich sie mit +der leeren Hand zitternd über die Saiten, daß der alte süße Freudenton noch +einmal selig schwoll; aber jede Saite brach, nachdem sie angeklungen, und +als die letzte klang und brach, da klang ein schwerer Donnerschlag und +brach die ganze Wölbung des Opalschlosses stürzend und krachend zusammen. +Dieses letzte Harfenlied aber hatte gelautet: + + Silberlied muß schweigen; + Aber einst muß steigen + Aus der Harfe Silberlied + Dieser selbe Reigen. + +(Ende der wahren Geschichte vom Wasser Lask). + + * * * * * + +Der Kandidat Karl Hamelt erwachte von seinem Traume nicht eher, als bis die +beiden Freunde, die ungeduldig ein Stück weit die Landstraße +entgegengegangen waren, ihn im Grase liegen fanden. Diese fuhren ihn über +seine Saumseligkeit mit unsanften Worten an, auf die jedoch Hamelt mit +Schweigen antwortete und sich nur zu einem flüchtig genickten »Guten +Morgen!« verstand. + +Ugel war besonders ungehalten. »Ja, Guten Morgen!« zürnte er. »Es ist lang +nimmer Morgen! Antezipiert hast du wieder, in der Oetlinger Kneipe bist du +gewesen, der Wein glänzt dir noch aus den Augen!« + +Karl grinste und rückte den braunen Filz weiter in die Stirne. »Nun, laß +gut sein!« sagte Lauscher. Die drei Freunde wandten sich gegen die Stadt, +am Bahnhof vorüber und über die Bachbrücke, und wandelten langsam auf dem +Wall dem Gasthaus zur Königskrone entgegen. Dieses war nämlich nicht nur +der bevorzugte Bierwinkel der Kirchheimer Freunde, sondern auch die +derzeitige Herberge des durchreisenden Dichters. + +Als die Ankommenden sich schon der Kronentreppe näherten, öffnete sich die +schwere Haustüre plötzlich weit, und ihnen entgegen stürzte mit +Blitzesschnelle ein weißhaariger, graubärtiger Mann, mit zornrotem Gesicht +in heftigster Erregung aus dem Hause. Die Freunde erkannten befremdet den +alten Sonderling und Philosophen Drehdichum und vertraten ihm am Fuß der +Treppe den Weg. + +»Halt, werter Herr Drehdichum!« rief ihm der Dichter Lauscher entgegen. +»Wie kann ein Philosoph so das Gleichgewicht verlieren? Kehren Sie um, +Verehrter, und klagen Sie uns Ihren Schmerz im Kühlen drinnen!« + +Mit einem schiefen, spitzen Lauerblick des Mißtrauens hob der Philosoph +seinen struppigen Kopf und erkannte die drei jungen Männer. + +»Ah, da seid ihr,« rief er, »das ganze petit cénacle! Eilet ins Innere, +Freunde, trinket Bier und erlebet Wunder daselbst; aber verlanget nicht die +Teilnahme des gebrochenen Greises, in dessen Herz und Gehirn die Dämonen +wühlen!« + +»Aber, teurer Herr Drehdichum, was fehlt Ihnen denn heute schon wieder?« +fragte teilnehmend Ludwig Ugel, taumelte aber sogleich entsetzt wider die +Treppenbrüstung; denn der Philosoph hatte ihm einen Fauststoß in die Seite +versetzt und rannte schäumend und fluchend in die Straße. + +»Infame Zischelgift,« brüllte er im Wegeilen, »unglückseliger Talisman, in +rotblauer Blume verzaubert! Mißhandelt die Einzige, in Staub getreten +. . . Opfer satanischer Bosheit . . . Erneute qualvolle Erinnerung . . .« + +Verwundert schüttelten die drei ihre Köpfe, ließen jedoch den Wütenden +laufen und schickten sich endlich an, die Vortreppe zu ersteigen, als die +Türe sich von neuem öffnete und mit einem ins Haus zurückgewinkten +freundlichen Abschiedsgruß der Pfarrvikar Wilhelm Wingolf hervortrat. Er +wurde von den Untenstehenden mit Heiterkeit begrüßt und sogleich von allen +um die Ursache des seligen Glanzes befragt, der sein breites Würdehaupt +vergoldete. Geheimnisvoll streckte er den fetten Zeigefinger auf, nahm den +Dichter vertraulich beiseite und sagte ihm schalkisch lächelnd ins Ohr: +»Denk' dir, heute habe ich den ersten Vers in meinem Leben gemacht! Und +zwar soeben!« + +Der Dichter riß die Augen soweit auf, daß sie oben und unten über die +schmalen Ränder seiner goldenen Brille ragten. »Sag ihn!« rief er laut. Der +Pfarrvikar wendete sich gegen die drei Freunde, hob wieder den Zeigefinger +und sagte mit selig verkniffenen Augen seinen Vers auf: + + Vollkommenheit, + Man sieht dich selten, aber heut! + +Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ er hutschwenkend die +Kameraden. + +»Donnerwetter!« sagte Ludwig Ugel. Der Dichter schwieg nachdenklich. Karl +Hamelt aber, der seit seinem Erwachen im Grase noch kein Wort von sich +gelassen hatte, sagte mit Nachdruck: »Der Vers ist gut!« + +Auf irgend etwas Ungewöhnliches gefaßt, betraten nun endlich ohne weitere +Hindernisse die durstig gewordenen Freunde den kühlen Wirtsraum der Krone, +und zwar die bessere Stube, wo die junge Wirtin selber zu bedienen pflegte +und wo sie um diese Tageszeit stets die einzigen Gäste waren und mit der +Frau ihre scherzhaften Höflichkeiten trieben. + +Das erste Merkwürdige nun, was alle drei bald nach dem Eintreten und +Niedersitzen bemerkten, war dieses: daß ihnen die kleine runde Wirtin heute +zum ersten Mal gar nicht mehr hübsch erschien. Das rührte aber, wie jeder +im stillen bald wahrnahm, davon her, daß im Halbdunkel über die blanke +Galerie der geräumigen Kredenz ein fremder schöner Mädchenkopf hervorragte. + + +II. + +Das zweite nicht minder Merkwürdige war aber, daß am nächsten kleinen +Trinktische, ohne die Ankommenden irgend zu bemerken oder zu grüßen, der +elegante Herr Erich Tänzer saß, ein intimes Mitglied der Brüderschaft des +Cénacle und Karl Hamelts besonderer Herzensfreund. Er hatte einen Becher +helles Bier halb ausgetrunken vor sich stehen und in das Bierglas eine +gelbe Rose gestellt; dazu rollte er langsam seine großen, ein wenig +hervorstehenden Augen und sah zum ersten Mal in seinem Leben albern aus. +Zuweilen bog er seine stattliche Nase gegen die Rose hin und roch an ihr, +wobei er einen nahezu unmöglichen Schielblick nach dem fremden Mädchenkopf +hinüberlenkte, ohne daß hierdurch der Ausdruck seines Gesichtes wesentlich +gewonnen hätte. + +Und als dritte Absonderlichkeit saß neben Erich mit großer Ruhe der alte +Drehdichum, hatte einen Pfiff Kulmbacher vor sich stehen und eine von des +Kronenwirts Kubazigarren im Munde. + +»Zum Teufel, Herr Drehdichum,« rief aufspringend Hermann Lauscher, »wie +kommen Sie hieher? Sah ich Sie doch soeben um den obern Wall davonlaufen +. . .« + +»Und haben Sie mir doch eben noch in der größten zitternden Wut Ihre Faust +in den Magen gebohrt!« rief Ludwig Ugel. + +»Nichts für ungut,« rief der Philosoph mit dem gewinnendsten Lächeln +zurück, »nichts für ungut, lieber Herr Ugel! Ich empfehle Ihnen das +Kulmbacher, meine Herren!« Damit leerte er ruhig sein Glas. + +Indessen rief Karl Hamelt seinen Freund Erich an, der gegenüber noch immer +entrückt und schlaff vor seiner ins Bierglas gesteckten gelben Rose saß. + +»Erich, schläfst du?« + +Erich antwortete ohne aufzusehen: »Ich schläfe nicht.« + +»Man sagt nicht, ich schläfe, man sagt, ich schlafe,« rief Ugel. + +Da aber bewegte sich der Mädchenkopf hinter der Schenkgalerie, und die +ganze fremde schöne Person trat hervor und an den Tisch der Freunde. + +»Was wünschen die Herren?« + +Wem nicht schon, da er vor dem schönen Gemälde einer Frau in seliger +Begeisterung stand, plötzlich aus der Landschaft des Bildes heraus die +Schöne lebendig entgegentrat, der weiß nicht, wie den Brüdern des Cénacle +in diesem Augenblick zumute war. Alle drei erhoben sich von ihren Stühlen +und machten drei Verbeugungen, jeder eine. »Schöne, teure Dame!« sagte der +Dichter. »Gnädiges Fräulein!« sagte Ludwig Ugel, und Karl Hamelt sagte gar +nichts. + +»Nun, trinken Sie Kulmbacher?« fragte die Schöne. + +»Ja bitte,« sagte Ludwig, und Karl nickte, Lauscher aber bat um einen +Becher Rotwein. + +Als die Getränke nun von der leisen, schlanken Mädchenhand elegant serviert +wurden, wiederholten sich die verlegenen und ehrerbietigen Komplimente. Da +kam aus ihrer Ecke die kleine Frau Müller gelaufen. + +»Machen Sie doch nicht solche Umstände, meine Herren,« sagte sie, »mit dem +dummen Ding; sie ist meine Stiefschwester und zum Bedienen hergekommen, +weil wir eine Hilfe nötig hatten . . . Geh' ins Büffet, Lulu; es schickt +sich nicht, so bei den Herren stehen zu bleiben.« + +Lulu ging langsam weg. Der Philosoph kaute wütend an seiner Kuba, Erich +Tänzer wälzte einen fabelhaften Jongleurblick nach der Richtung, in der das +Mädchen verschwunden war. Die drei Freunde schwiegen ärgerlich und +verlegen. Die Wirtin trug, um sich gefällig zu zeigen und Unterhaltung zu +machen, vom Fensterbrett einen Blumentopf herbei und zeigte ihn prahlend am +Tische vor. + +»Sehen Sie, was für ein Staat! Diese Blume ist vielleicht die +allerseltenste, die man nur kennt, und man sagt, sie blühe bloß alle fünf +oder zehn Jahre.« + +Alle betrachteten aufmerksam die Blume, die zart rotblau auf einem kahlen +langen Stengel schwankte und einen seltsam trüben, warmen Duft ausströmte. +Der Philosoph Drehdichum geriet in eine große Erregung und warf einen +schneidend grimmigen Blick auf die Wirtin und ihre Blume, was aber niemand +beachtete. + +Da plötzlich sprang Erich am andern Tische auf, kam herüber, riß die Blume +mit einem gewaltsamen Ruck mitten ab und war mit ihr in zwei Sätzen ins +Büffet verschwunden. Drehdichum brach in ein leises Hohngelächter aus. Die +Wirtin kreischte entsetzlich auf, rannte Tänzern nach, blieb mit dem Rock +am Stuhle hängen, fiel zu Boden, der nacheilende Ugel über sie weg und über +ihn der Dichter, der im Aufspringen Weinkelch und Blumentopf mit sich riß. +Der Philosoph stürzte sich auf die hilflos liegende Wirtin, hielt ihr die +Fäuste vors Gesicht, fletschte die Zähne und achtete es nicht, daß Ugel und +Lauscher ihn wie toll an den reißenden Rockschößen zurückzuzerren strebten. +In diesem Augenblick eilte der Wirt herein; der Philosoph, wie verwandelt, +half der Frau auf die Beine, aus der Tür der angrenzenden Stube glotzten +Bauern und Fuhrmänner in den Skandal. Im Büffet hörte man die schöne Lulu +weinen, und Erich trat mit der ganz zerknitterten Blume in der Hand heraus. +Alles stürzte sich scheltend, fragend, drohend, lachend auf ihn los; er +aber hieb mit der zerbrochenen Blume wie ein Verzweifelter um sich und +gewann ohne Hut das Freie. + + +III. + +Am nächsten Morgen hatten sich die Freunde Karl Hamelt, Erich Tänzer und +Ludwig Ugel im Herbergzimmer Hermann Lauschers versammelt, um seine +neuesten Gedichte anzuhören. Eine große Flasche Wein stand auf dem Tisch, +aus der sich jeder bediente. Der Dichter hatte mehrere anmutige Lieder +vorgetragen und zog nun das letzte kleine Blättlein aus der Brusttasche. Er +las: »An die Prinzessin Lilia . . .« + +»Wie?« rief Karl Hamelt und fuhr vom Kanapee empor. Etwas indigniert +wiederholte Lauscher den obigen Titel. Karl aber legte sich in tiefem +Nachdenken in die geblümten Polster zurück. Der Dichter las: + + Ich weiß einen alten Reigen, + Ein helles Silberlied, + Das lautet fremd und eigen, + Wie wenn aus leisen Geigen + Ein Heimwehzauber lockend zieht . . . + +Hamelt lenkte die Aufmerksamkeit der beiden andern ganz von der Fortsetzung +des Liedes ab. »Prinzessin Lilia . . . Silberlied . . . Der alte Reigen +. . .« wiederholte er immer wieder, schüttelte den Kopf, rieb sich die +Stirn, stierte leer in die Luft und heftete sodann den Blick glühend und +heftig auf den Dichter. Lauscher war mit dem Lesen zu Ende und begegnete +aufschauend diesem Blicke. + +»Was ist?« rief er verwundert. »Willst du den Blick der Klapperschlange an +mir armem Vogel versuchen?« + +Hamelt erwachte wie aus einem tiefen Traum. »Woher hast du dieses Lied?« +fragte er tonlos den Dichter. Lauscher zuckte die Achseln. »Woher ich alle +habe,« sagte er. + +»Und die Prinzessin Lilia?« fragte Hamelt wieder. »Und der alte Reigen? +Siehst du denn nicht, daß dieses Lied das einzige echte ist, das du +gedichtet hast? Alle deine andern Gedichte . . .« Lauscher unterbrach ihn +schnell. + +»Schon gut; aber in der Tat,« fuhr er fort, »in der Tat, liebe Freunde, ist +dieses Lied mir selber ein Rätsel. Ich saß und dachte nichts und glaubte +nur, nach meiner Gewohnheit, aus Langeweile Figuren und Zierbuchstaben auf +das Blatt zu kritzeln, und als ich aufhörte, stand das Lied auf dem Papier. +Es ist eine ganz andere Hand, als ich sonst schreibe, sehet nur!« + +Damit gab er das Blatt dem zunächst sitzenden Erich in die Hände. Der hielt +es vors Auge, erstaunte höchlich, sah noch einmal schärfer hin und sank +alsdann mit dem lauten Ausruf: »Lulu!« in den Stuhl zurück. Ugel und Hamelt +stürzten hinzu und schauten auf das Papier. »Alle Wetter!« rief Ugel aus; +Hamelt aber hatte sich ins Kanapee zurückgelehnt und betrachtete das +merkwürdige Blatt mit allen Zeichen des maßlosesten Erstaunens. Höchste +Freude und unheimliche Befremdung wechselten auf seinem Gesicht. + +»Nun sag mir, Lauscher,« rief er endlich aus, »ist dies unsere Lulu oder +ist es die Prinzessin Lilia?« + +»Unsinn!« rief ärgerlich der Dichter. »Gib mir's her!« + +Aber während er das Papier an sich nahm und noch einmal überblickte, machte +plötzlich ein fremdes, kühles Schaudern seinen Herzschlag stocken. Die +unregelmäßigen flüchtigen Schriftzeichen flossen in unbeschreiblicher Weise +zu dem Umriß eines Kopfes zusammen, und beim längern Betrachten +entwickelten sich aus dem Umrisse feine Züge eines Mädchenangesichts, die +niemand anders als die schöne fremde Lulu darstellten. + +Erich saß wie versteinert im Sessel, Karl lag murmelnd auf dem Kanapee +neben dem kopfschüttelnden Ludwig Ugel. Der Dichter stand bleich und +verloren mitten im Zimmer. Da klopfte ihm eine Hand auf die Schulter, und +als er aufschreckend sich umwendete, stand der Philosoph Drehdichum da und +grüßte mit dem schäbigen steifen Hute. + +»Drehdichum!« rief der Dichter erstaunt. »Zum Hagel, sind Sie durch den +Plafond herabgefallen?« + +»Wieso?« entgegnete lächelnd der Alte. + +»Wieso, lieber Herr Lauscher? Ich hatte zweimal angeklopft. Aber lassen Sie +sehen, Sie haben ja hier ein prachtvolles Manuskript!« Er nahm das Lied +oder vielmehr das Bild sorgfältig aus Lauschers Händen. »Sie erlauben doch, +daß ich das Blatt betrachte? Seit wann sammeln Sie solche Raritäten?« + +»Raritäten? Sammeln? Werden Sie denn aus dem Wische klug, Herr Drehdichum?« +Der Alte betrachtete und betastete das Papier mit großem Behagen. + +»Ei freilich,« erwiderte er schmunzelnd, »ein schönes Stück eines wenn +schon verdorbenen und späten Textes! Es ist askisch.« + +»Askisch?« rief Karl Hamelt. + +»Nun ja, Herr Kandidat,« sagte freundlich der Philosoph. »Aber gestehen Sie +doch, bester Herr Lauscher, wo Sie den seltenen Fund gemacht haben! Es +möchte weitere Nachforschungen lohnen.« + +»Sie fabeln, Herr Drehdichum,« lachte beklommen der Dichter. »Dieses Blatt +ist nagelneu, ich selbst habe es gestern nacht geschrieben.« + +Der Philosoph maß Lauschern mit einem argwöhnischen Blick. + +»Ich muß gestehen,« antwortete er, »ich muß wirklich gestehen, mein lieber +junger Herr, daß diese Späße mich einigermaßen befremden.« + +Lauscher wurde nun aber ernstlich ungehalten. + +»Herr Drehdichum,« rief er heftig, »ich muß Sie bitten, mich nicht mit +einem Hanswurste zu verwechseln und sich, falls Sie selbst, wie es scheint, +diese heitere Rolle agieren wollen, gefälligst einen andern Schauplatz als +meine Wohnung zu suchen.« + +»Nun, nun,« lächelte gutmütig Drehdichum, »vielleicht denken Sie der Sache +noch einmal nach! Indessen leben Sie allerseits wohl, meine Herren!« Damit +rückte er den grünlich schillernden Hut auf dem weißen Kopfe zurecht und +verließ lautlos das Zimmer. + +Unten fand Drehdichum die schöne Lulu allein im leeren Wirtszimmer stehen +und Weingläser mit einem Tuch ausreiben. Er schenkte sich seinen Becher +selber am Fasse voll und setzte sich dem Mädchen gegenüber an den Tisch. +Ohne etwas zu reden, blickte er zuweilen freundlich aus seinen alten hellen +Augen der Schönen ins Gesicht, und sie, da sie sein Wohlwollen spürte, fuhr +unbefangen in ihrer Arbeit fort. Der Philosoph ergriff ein leeres +geschliffenes Glas, füllte ein wenig Wasser hinein und begann den Rand, den +er befeuchtet hatte, mit der Spitze des Zeigefingers zu reiben. Bald kam +ein Summen hervor, und dann ein klarer Ton, der ohne Unterbruch bald +schwellend, bald schwindend die Stube erfüllte. Die schöne Lulu hörte das +feine Singen gern, sie ließ die Hände ruhen und lauschte und ward von dem +ewigen süßen Kristalltone ganz bezaubert, indes der Alte manchmal vom Glase +weg ihr freundschaftlich und eindringend in die Augen blickte. Das ganze +Zimmer klang von dem Singen des Glases. Lulu stand ruhig damitten und +dachte nichts und hatte die Augen groß wie ein horchendes Kind. + +»Lebt noch der alte König Ohneleid?« vernahm sie eine Stimme fragen und +wußte nicht, war es der Alte, der fragte, oder kam die Stimme aus dem Ton +des Glases. Auf die Frage aber mußte sie durch ein Nicken antworten, sie +wußte nicht warum. + +»Und weißt du noch das Lied der Harfe Silberlied?« + +Sie mußte nicken und wußte nicht warum. Leiser tönte der Kristallklang. Die +Stimme fragte: + +»Wo sind die Saiten der Harfe Silberlied?« + +Der Ton klang immer leiser und schwang in kleinen zarten Wellen aus. Da +mußte die schöne Lulu weinen, sie wußte nicht warum. + +Es war ganz still im Zimmer geworden, und so blieb es eine gute Weile. + +»Warum weinen Sie, Lulu?« fragte Drehdichum. + +»Ach, hab ich geweint?« antwortete sie schüchtern. »Mir wollte ein Lied aus +meiner Kinderzeit einfallen; aber ich kann mich nur halb darauf besinnen.« + +Hastig ward die Tür aufgerissen, und die Frau Müller kam hereingerannt. +»Was, noch immer an den paar Gläsern?« rief sie keifend. Lulu weinte +wieder, die Wirtin rumorte und schimpfte; beide bemerkten es nicht, wie der +Philosoph aus seiner kurzen Pfeife einen großen Rauchringel blies, sich +darein setzte und leise auf einem sanften Zugwind durch das offene Fenster +fuhr. + + +IV. + +Die Mitglieder des petit cénacle waren im nahen Walde versammelt. Auch der +Regierungsreferendar Oskar Ripplein war mitgekommen. Die schwärmerischen +Gespräche der Jugend und Freundschaft entspannen sich zwischen den im Grase +liegenden Kameraden, durch Gelächter ebenso oft wie durch Pausen des +Nachdenkens unterbrochen. Besonders war von des Dichters Meinungen und +Absichten die Rede, denn dieser wollte nächster Tage eine weite Reise +antreten, und man wußte nicht, wann und wie man sich wiedersehen würde. + +»Ich will ins Ausland,« sagte Hermann Lauscher, »ich muß mich absondern und +wieder frische Luft um mich her bekommen. Vielleicht werde ich gerne einmal +zurückkehren; für jetzt aber bin ich dieses engen, burschenhaften Lebens +und der ganzen leidigen Studenterei von Herzen satt. Mir ist, als röche mir +alles nach Tabak und Bier; außerdem hab ich in diesen letzten Jahren schon +fast mehr Wissenschaft aufgesogen als für einen Künstler gut ist.« + +»Wie meinst du das?« fiel Oskar ein. »Ich denke, bildungslose Künstler, +speziell Dichter, hätten wir genug.« + +»Vielleicht!« antwortete Lauscher. »Aber Bildung und Wissenschaft ist +zweierlei. Das Gefährliche, was ich im Sinne hatte, ist die verdammte +Bewußtheit, in die man sich allmählich hineinstudiert. Alles muß durch den +Kopf gehen, alles will man begreifen und messen können. Man probiert, man +mißt sich selber, sucht nach den Grenzen seiner Begabung, experimentiert +mit sich, und schließlich sieht man zu spät, daß man den bessern Teil +seiner selbst und seiner Kunst in den verspotteten unbewußten Regungen der +früheren Jugend zurückgelassen hat. Nun streckt man die Arme nach den +versunkenen Inseln der Unschuld aus; aber man tut auch das nicht mehr mit +der ganzen unüberlegten Bewegung eines starken Schmerzes, sondern es ist +schon wieder ein Stück Bewußtheit, Pose, Absichtlichkeit darin.« + +»An was denkst du dabei?« fragte hier lächelnd Karl Hamelt. + +»Du weißt es schon!« rief Hermann. »Ja, ich gestehe, mein kürzlich +gedrucktes Buch beängstigt mich. Ich muß wieder aus dem Vollen schöpfen +lernen, an die Quellen zurückgehen. Mich verlangt nicht so sehr etwas Neues +zu dichten, als ein tüchtiges Stück frisch und ungebrochen zu leben. Ich +möchte wieder wie in meiner Knabenzeit an Bächen liegen, über Berge steigen +oder wie sonst die Geige spielen, den Mädchen nachlaufen, ins Blaue +hineinleben und warten, bis die Verse zu mir kommen, statt ihnen atemlos +und ängstlich nachjagen.« + +»Sie haben recht,« klang plötzlich die Stimme Drehdichums, der aus dem +Walde hervortrat und mitten zwischen den ins Gras gelagerten Jünglingen +stehen blieb. + +»Drehdichum!« riefen alle fröhlich aus. »Guten Tag, Herr Philosoph! Guten +Morgen, Herr Überall!« + +Der Alte setzte sich nieder, sog seine Zigarre kräftig an und wendete sein +wohlmeinendes, freundliches Gesicht dem Dichter Lauscher zu. + +»Es ist«, begann er lächelnd, »noch ein Stück Jugend in mir, das sich gerne +wieder einmal unter seinesgleichen ausplaudert. Wenn Sie erlauben, nehme +ich an Ihrer Unterhaltung teil.« + +»Gerne,« sagte Karl Hamelt. »Unser Freund Lauscher sprach eben davon, wie +ein Dichter aus dem Unbewußten schöpfen müsse und wie wenig ihm mit aller +Wissenschaft gedient sei.« + +»Nicht übel!« entgegnete langsam der Alte. »Ich habe immer zu den Dichtern +eine besondere Neigung gehabt und manchen gekannt, dem meine Freundschaft +nicht ohne Nutzen blieb. Die Dichter neigen auch heute noch mehr als andere +Menschen zu dem Glauben, daß im Schoß des Lebens gewisse ewige Mächte und +Schönheiten halbschlummernd liegen, deren Ahnung durch die rätselhafte +Gegenwart zuweilen hindurchschimmert wie ein Wetterleuchten durch die +Nacht. Dann ist ihnen, als seien das ganze gewöhnliche Leben und sie selber +nur Bilder auf einem gemalten hübschen Vorhang und erst hinter diesem +Vorhang spiele das eigentliche, das wahre Leben sich ab. Auch scheinen mir +die höchsten, ewigsten Worte der großen Dichter wie das Lallen eines +Träumenden zu sein, der, ohne es zu wissen, von den flüchtig erblickten +Höhen einer jenseitigen Welt mit schweren Lippen murmelt.« + +»Sehr schön,« rief hier Oskar Ripplein, »sehr hübsch gesagt, Herr +Drehdichum, aber weder alt noch neu genug. Diese schwärmerische Lehre ist +vor hundert Jahren von den sogenannten Romantikern gepredigt worden: man +träumte damals auch solche Vorgänge und solches Wetterleuchten. Man hört in +den Schulen noch davon reden als von einer glücklich überwundenen +Dichterkrankheit, und heute träumt längst kein Mensch mehr so, oder wenn er +träumt, so weiß er doch, daß das Gehirn . . .« + +»Satis!« rief da der Kandidat Hamelt. »Vor hundert und mehr Jahren sind +auch schon solche . . . solche Gehirnmenschen dagewesen und haben +langweilige Reden gehalten. Und heute nehmen sich jene Träumer und +Phantasten immer noch stattlicher und liebenswürdiger aus als diese +allzuverständigen Schlaumeier. Übrigens was das Träumen betrifft, auch mir +hat es dieser Tage merkwürdig geträumt.« + +»Erzählen Sie doch!« bat der Alte. + +»Ein ander Mal!« + +»Sie wollen nicht? Aber vielleicht können wirs erraten,« meinte Drehdichum. +Karl Hamelt lachte laut auf. + +»Nun, wir versuchens!« beharrte Drehdichum. »Jeder stellt eine Frage, auf +welche Sie ehrlich mit Ja oder Nein antworten. Erraten wirs nicht, so wars +doch ein lustiger Zeitvertreib!« + +Alle erklärten sich einverstanden und begannen nun kreuz und quer zu +fragen. Die besten Fragen stellte aber immer der Philosoph. Als wieder die +Reihe an ihn kam, fragte er nach einigem Besinnen: »Kam in dem Traume +Wasser vor?« + +»Ja.« + +Nun durfte, weil die Frage bejaht war, der Alte noch eine stellen. + +»Quellwasser?« + +»Ja.« + +»Wasser aus einer Wunderquelle?« + +»Ja.« + +»Wurde das Wasser ausgeschöpft?« + +»Ja.« + +»Von einem Mädchen?« + +»Ja.« + +»Nein!« rief Drehdichum. »Besinnen Sie sich!« + +»Ja doch!« + +»Also von einem Mädchen wurde das Wasser geschöpft?« + +»Ja.« + +Drehdichum schüttelte heftig den Kopf. »Unmöglich!« sagte er wieder. »Hat +wirklich das Mädchen selber aus der Quelle geschöpft?« + +»Ach nein!« rief Karl verwirrt. »Es war der Geist Haderbart, der zuerst +schöpfte.« + +»Ah, nun haben wirs!« frohlockten die andern. Und nun mußte Karl die ganze +Geschichte seines Traumes von der Quelle Lask erzählen. + +Alle hörten verwundert und seltsam ergriffen zu. + +»Prinzessin Lilia!« rief Lauscher aus. »Und Silberlied? Woher sind mir doch +die Namen so bekannt?« + +»Ei,« sagte der Alte, »die Namen stehen beide in der askischen Handschrift, +die Sie mir gestern zeigten.« + +»In meinem Liede!« seufzte der Dichter. + +»In dem Bilde der schönen Lulu,« flüsterten Karl und Erich. + +Der Philosoph hatte inzwischen eine neue Zigarre angesteckt und qualmte +mächtig ins Grüne hinein, bis er ganz in eine blaue Wolke von Tabaksrauch +eingehüllt war. + +»Sie rauchen ja wie ein Schornstein,« sagte Oskar Ripplein und wich der +Wolke aus. »Und was für ein Kraut!« + +»Echte Mexikaner!« rief aus seiner Wolke heraus der Alte. Dann hörte er auf +zu qualmen, und als nun ein Windzug die ganze stark riechende Wolke von +hinnen führte, war er mit ihr verschwunden. + +Karl und Hermann rannten hinter der zerstiebenden Rauchwolke her in den +Wald hinein. »Dummes Zeug!« brummte der Referendar Oskar und hatte das +unangenehme Gefühl, in zweideutiger Gesellschaft gewesen zu sein. Erich und +Ludwig hatten sich schon fortgemacht und wandelten im Golde des klaren +Spätnachmittags der Stadt und dem Gasthaus zur Krone entgegen. + +Karl und Hermann ereilten die letzten zerflatternden Schleier der +Tabakswolke im tiefen Walde und standen ratlos vor einer dicken Buche +still. Sie wollten sich eben ins Moos niedersetzen, um wieder zu Atem zu +kommen, als hinter dem Baume die Stimme Drehdichums laut wurde. + +»Nicht dort, ihr Herren, dort ist es ja feucht! Kommen Sie doch auf diese +Seite!« + +Sie kamen und fanden den Alten auf einem großen verdorrten Aste sitzen, der +wie ein unförmlicher Drache am Boden lag. + +»Gut, daß Sie kommen!« sagte er. »Nehmen Sie doch bitte hier neben mir +Platz! Ihr Traum, Herr Hamelt, und Ihr Manuskript, Herr Lauscher, +interessieren mich.« + +»Zuerst,« fiel ihm Hamelt ungestüm ins Wort, »zuerst sagen Sie mir doch um +des Himmels willen, wie Sie meinen Traum erraten konnten.« + +»Und mein Papier lesen!« fügte Lauscher hinzu. + +»Ei nun,« sagte der Alte, »was ist da zu wundern? Man kann alles erraten, +wenn man vorsichtig fragt. Zudem liegt mir die Geschichte der Prinzessin +Lilia so nahe, daß ich leicht darauf fallen mußte.« + +»Eben das ist es ja!« rief wieder der Kandidat. »Woher wissen Sie denn +diese Geschichte und wie erklären Sie es, daß mein Traum, von dem ich doch +niemandem ein Wort gesagt hatte, plötzlich in dem rätselhaften Liede +unseres Lauscher so auffallend anklingt?« + +Der Philosoph lächelte und sagte mit seiner milden Stimme: »Wenn man sich +mit der Geschichte der Seele und ihrer Erlösung viel beschäftigt hat, kennt +man ähnliche Fälle ohne Zahl. Es gibt von der Geschichte der Prinzessin +Lilia mehrere, stark variierende Fassungen; sie spukt vielfach entstellt +und verändert durch alle Zeiten und liebt namentlich die bequeme +Erscheinungsform der Vision. Nur selten zeigt sich die Prinzessin selbst, +deren Vollendungsprozeß übrigens in den letzten Stadien der Läuterung +stehen muß --, nur selten, sage ich, erscheint sie sichtbar in menschlicher +Gestalt und wartet unbewußt auf den Augenblick ihrer Erlösung. Ich selbst +sah sie kürzlich und versuchte mit ihr zu reden. Sie war aber wie im Traum, +und als ich es wagte, sie nach den Saiten der Harfe Silberlied zu fragen, +brach sie in Tränen aus.« + +Die jungen Leute hörten dem Philosophen mit aufgerissenen Augen zu. +Ahnungen und Anklänge stiegen in ihnen auf; aber die wunderlich krausen +Redensarten und halb ironischen Grimassen Drehdichums verwirrten ihnen die +Fäden unlöslich zu peinlichen Knäueln. + +»Sie, Herr Lauscher,« fuhr jener fort, »sind Ästhetiker und müssen wissen, +wie lockend und gefährlich es ist, die schmale, aber tiefe Kluft zwischen +Güte und Schönheit zu überbrücken. Wir zweifeln ja nicht, daß diese Kluft +keine absolute Trennung, sondern nur die Spaltung eines einheitlichen +Wesens bedeutet und daß beide, Güte sowie Schönheit, nicht Prinzipien, +sondern Töchter des Prinzips Wahrheit sind. Daß die beiden scheinbar +einander fremden, ja feindseligen Gipfel tief im Schoß der Erde eins und +gemeinsam sind. Aber was hilft uns die Erkenntnis, wenn wir auf einem der +Gipfel stehen und den klaffenden Spalt stündlich vor Augen haben? Das +Überbrücken dieses Abgrundes aber und die Erlösung der Prinzessin Lilia +bedeutet ein und dasselbe. Sie ist die blaue Blume, deren Anblick der Seele +die Schwere und deren Duft dem Geist die spröde Härte nimmt; sie ist das +Kind, das Königreiche verteilt, die Blüte der vereinten Sehnsucht aller +großen Seelen. Am Tag ihrer Reife und Erlösung wird die Harfe Silberlied +erklingen und die Quelle Lask durch den neuerblühten Liliengarten rauschen, +und wer es sieht und vernimmt, dem wird sein, als wäre er sein Leben lang +im Alpdruck gelegen und hörte nun zum ersten Male das frische Brausen des +hellen Morgens . . . Aber noch schmachtet die Prinzessin im Bann der Hexe +Zischelgift, noch hallt der Donner jener unheilvollen Stunde im +verschütteten Opalschlosse wider, noch liegt dort in bleiernen Traumfesseln +mein König im zertrümmerten Saal!« + + +V. + +Als die beiden Freunde eine Stunde später aus dem Walde hervorkamen, sahen +sie Ludwig Ugel, Erich Tänzer und den Regierungsreferendar mit einer +hellgekleideten Dame vom Dreikönigskeller her den Berg hinaufspazieren. +Bald erkannten sie mit Freuden die schlanke Lulu und eilten den Ankommenden +aufs schnellste entgegen. Sie war heiter und plauderte mit ihrer weichen +Liebesstimme harmlos in das Gespräch hinein. Alle setzten sich in halber +Höhe des Berges auf eine geräumige Ruhebank. Die helle Stadt lag blank und +fröhlich im Tale, und ringsum glänzte der goldene Duft des Abends auf den +hohen Wiesen. Die träumerische Fülle des August war herrlich ausgebreitet, +aus dem Laub der Bäume quoll schon das grüne Obst, Erntewagen fuhren auf +der Talstraße bekränzt und leuchtend gegen die Dörfer und Gehöfte. + +»Ich weiß nicht,« sagte Ludwig Ugel, »was diese Abende im August so schön +macht. Man wird nicht fröhlich davon, man legt sich ins hohe Gras und nimmt +teil an der Milde und Zärtlichkeit der goldenen Stunde.« + +»Ja,« sagte der Dichter und blickte der schönen Lulu in die dunkeln reinen +Augen. »Es ist die Neige der Jahreszeit, die so mild und traurig macht. Die +ganze reife Süßigkeit des Sommers quillt in diesen Tagen weich und müde +über, und man weiß, daß morgen oder übermorgen irgendwo schon rote Blätter +auf den Wegen liegen werden. Es sind die Stunden, da man schweigend das Rad +der Zeit sich langsam drehen sieht, und man fühlt sich selber langsam und +traurig mitgetrieben, irgendwohin, wo schon die roten Blätter auf dem Wege +liegen.« + +Alle schwiegen und lauschten in den goldenen Späthimmel und in die farbige +Landschaft hinein. Leise begann die schöne Lulu eine Melodie zu summen, und +allmählich ging das halbe Flüstern in ein zartes Singen über. Die Jünglinge +lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen süßen Töne der edeln +Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie Träume +aus der Brust der einschlummernden Erde. + + Aller Friede senkt sich nieder + Aus des Himmels klaren Weiten, + Alles Freuen, alles Leiden + Stirbt den süßen Tod der Lieder. + +Mit diesem Verse war ihr Abendlied zu Ende. Sogleich begann Ludwig Ugel, +der sich zu Füßen der andern ins Gras gelegt hatte, zu singen: + + O Brünnlein unterm Laube, du feiner Silberquell, + Fließe verstohlen hinunter zur weißen Waldkapell! + Dort liegt auf harten Stufen im Moos Marienfrau, + Du sollst sie stille rufen, mit Murmeln und nicht rauh. + Und sollst ihr leise künden von meiner tiefen Not: + Mein Mund sei, ach, von Sünden und lauter Liedern rot. + Und sollst ihr von mir geben eine Lilie, weiß und rein: + Sie möge mein rotes Leben und meine Sünden verzeihn! + Vielleicht, daß ihre Güte sich lächelnd zu dir neigt, + Der holden weißen Blüte ein süßer Duft entsteigt: + Weil Lieb- und Sonnetrinken des Sängers Sünde ist, + So sei der rote Liedermund in Hulden rein geküßt! + + * * * * * + +Darauf sang auch Hermann Lauscher eines von seinen Liedern: + + Der müde Sommer senkt das Haupt + Und schaut sein falbes Bild im See; + Ich wandle müde und bestaubt + Im Schatten der Allee. + + Ich wandle müde und bestaubt, + Und hinter mir bleibt zögernd stehn + Die Jugend, neigt das schöne Haupt + Und will nicht fürder mit mir gehn. + + * * * * * + +Mittlerweile war die Sonne untergegangen, der Himmel floß in rotem Lichte. +Der vorsichtige Referendar Ripplein wollte eben schon zur Heimkehr mahnen, +da begann die schöne Lulu noch einmal zu singen: + + Mein Vater hat viel Schlösser + Und Städte weit und breit, + Mein Vater ist der König, + Der König Ohneleid. + + Und käm ein schöner Ritter + Und wollte mich befrein, + Dem würde wohl mein Vater + Sein halbes Reich verleihn. + +Man erhob sich nun und stieg langsam den verglühenden Berg hinab. Jenseits +auf dem Gipfel der hohen Teck prangte verloren noch ein später Streifen +Sonne. + +»Woher haben Sie dieses Lied?« fragte Karl Hamelt die schöne Lulu. + +»Ich weiß nicht mehr,« sagte sie, »ich glaube, es ist ein Volkslied.« Sie +ging jetzt schneller und wurde plötzlich von Angst ergriffen, sie möchte zu +spät heimkommen und von der Wirtin gescholten werden. + +»Das leiden wir nicht,« rief Erich Tänzer heftig aus. Ȇberhaupt habe ich +im Sinn, der Frau Müller einmal meine Meinung deutlich zu sagen. Ich werde +sie schon . . .« + +»Nein, nein!« unterbrach ihn die schöne Lulu. »Es würde dann für mich nur +schlimmer werden! Ich bin eine arme Waise und muß tragen, was mir auferlegt +wird.« + +»Ach Fräulein Lulu,« sagte der Referendar, »ich wollte, Sie wären eine +Prinzessin und ich könnte Sie befreien.« + +»Nein,« rief der Schöngeist Lauscher, »Sie sind wirklich eine Prinzessin, +und nur wir sind nicht Ritter genug, Sie zu erlösen. Aber was hindert mich? +Ich tue es heute noch. Ich nehme die verdammte Müllerin beim Kragen . . .« + +»Still, still!« rief Lulu flehentlich. »Lassen Sie mich doch mein Schicksal +allein ertragen! Nur heute tut mirs um den schönen Abend leid.« + +Man sprach nun wenig mehr und näherte sich rasch der Stadt, wo sich Lulu +von den anderen trennte, um allein in die Krone zurückzukehren. Die Fünfe +sahen ihr nach, bis sie in die erste dunkle Straße hinein verschwand. + + »Mein Vater ist der König, + Der König Ohneleid . . .« + +summte Karl Hamelt vor sich hin und machte sich auf den Heimweg nach dem +Dorfe Wendlingen. + + +VI. + +Spät am Abend desselben Tages dauerte Erich Tänzer noch in der Krone aus, +bis auch Lauscher mit der Nachtkerze in sein Gastzimmer abging und er +allein in der stillen Schenkstube war. Lulu saß noch mit am Tische; da +stieß Erich plötzlich sein Bierglas heftig zur Seite, ergriff die Hand des +schönen Mädchens, sah sie an, räusperte sich und tat folgende Rede: +»Fräulein Lulu, ich muß Ihnen eine Rede halten. Ich muß Sie anklagen. Der +künftige Staatsanwalt regt sich in mir. Sie sind unerlaubt schön, Sie sind +schöner als man sein darf und machen damit sich und andere unglücklich. +Versuchen Sie nicht sich zu verteidigen! Wo ist mein schöner Appetit? Und +mein herrlicher Durst? Wo ist der Vorrat sämtlicher Paragraphen des +bürgerlichen Gesetzbuches, den ich mir mit Hilfe von Meisels Repertorium so +mühselig in den Kopf getrichtert hatte? Und die Pandekten? Und das +Strafrecht und der Zivilprozeß? Ja wo sind sie? In meinem Kopf steht nur +noch ein einziger Paragraph, der heißt Lulu! Und die Fußnote heißt: O du +Schönste, o du Allerschönste!« + +Erichs Augen standen weit hervor, ingrimmig knetete seine Linke den neuen +modischen Seidenhut zu schanden, seine Rechte umklammerte Lulus kühle Hand. +Diese spähte ängstlich nach einer Gelegenheit zu entrinnen. Im Büffet +schnarchte Herr Müller, sie mochte nicht rufen. + +Da ward unversehens die Türe ein wenig geöffnet, eine Hand und ein Stück +Flanellhemdärmels drang durch den Spalt, etwas Weißes entglitt der Hand und +flatterte zu Boden; dahinter schloß sich eilends wieder die Türe. Lulu +hatte sich losgemacht, sie sprang hinzu und hob ein beschriebenes Blatt +Briefpapier vom Boden auf. Erich schwieg verdrossen. Sie aber lachte +plötzlich und las ihm das Blatt vor. Darauf stand: + + Herrin, wirst du lachen müssen? + Sieh, ein heißes Dichterhaupt, + Das du stolz und kühl geglaubt, + Liegt beschämt nun dir zu Füßen, + Und ein Herz, dem alle höchste Lust + Wie das tiefste Leiden ward bewußt, + Zittert scheu in deiner kleinen Hand! + Rote Rosen, die ich Wandrer fand, + Rote Lieder, die ich Sänger sang, + Sehnen sich und welken bang, + Liegen arm zu deinen Füßen -- -- -- + Wirst du lachen müssen? + +»Lauscher,« rief Erich entrüstet, »das Aas! Sie werden doch nicht glauben, +es sei dem Luftibus Ernst mit seinen verdammten Versen? Verse! So was +schreibt er alle drei Wochen einer andren!« Lulu gab dem Erregten keine +Antwort, sondern lauschte nach dem offenstehenden Fenster hinüber. Von +dorther kamen wirre Guitarrengriffe geklungen, und eine Baßstimme sang +dazu: + + Ich stehe hier und harre + Und spiele die Guitarre . . . + O zögere nicht länger + Und liebe deinen Sänger! + +Ein Windstoß warf das Fenster klirrend zu. In diesem Augenblick erwachte +der Wirt im Büffet und kam verdrießlich aus der Schanktüre hervor. Erich +warf Geld auf den Tisch, ließ sein Bier stehen, verließ ohne Gruß die Stube +und rannte mit einem Satze die Vortreppe hinunter dem Guitarrespieler in +den Rücken, der niemand anders als der Referendar Ripplein war, welcher nun +mit Erich zankend und grimmig auf dem Wall unter den Kastanien davonging. + +Die schöne Lulu löschte die Gasflammen in Wirtsstube und Flur aus und stieg +in ihre Kammer hinauf. Sie hörte beim Vorbeigehen in Hermann Lauschers +Zimmer aufgeregte Schritte und öftere lange Seufzer tönen. Kopfschüttelnd +erreichte sie ihr Schlafgemach und legte sich zur Ruhe. Da sie nicht +sogleich einschlafen konnte, überdachte sie noch einmal den Abend; aber sie +lachte jetzt nicht mehr, vielmehr war sie traurig, und alles kam ihr wie +ein mißratenes Possenspiel vor. Sie wunderte sich in ihrem reinen Herzen +darüber, wie alle diese Menschen so töricht und enge bloß an sich selber +dachten und auch an ihr im Grunde doch nur das hübsche Gesicht ehrten und +liebten. Diese jungen Männer schienen ihr wie irregeleitete arme +Nachtflügler um kleine Lichtlein zu taumeln, während sie große Reden im +Munde führten. Es erschien ihr traurig und lächerlich, wie sie immerfort +von Schönheit, Jugend und Rosen redeten, farbige Theaterwände von Worten um +sich her aufbauten, indes die ganze herbe Wahrheit des Lebens fremd an +ihnen vorüberlief. In ihrer kleinen einfachen Mädchenseele stand diese +Wahrheit schlicht und tief geschrieben, und daß die Kunst des Lebens im +Leidenlernen und Lächelnlernen bestehe. + +Der Dichter Lauscher lag in seinem Bette im Halbschlummer. Die Nacht war +schwül. Rasche, unvollendete, fiebernde Gedanken stiegen in seiner heißen +Stirn empor und verloren sich in flüchtig verblassenden Träumen, ohne daß +darüber die schwere Schwüle der Augustnacht und das zähe, peinigende Singen +einiger Schnaken seinem Bewußtsein entschwunden wäre. Die Schnaken +folterten ihn am meisten; bald schienen sie zu singen: + + Vollkommenheit, + Man sieht dich selten, aber heut . . . + +bald war es das Lied der Traumharfe. Dann kam ihm plötzlich wieder in den +Sinn, daß nun die schöne Lulu seine Verse in Händen habe und von seiner +Liebe wisse. Daß Oskar Ripplein das Guitarreständchen gebracht, und daß +wahrscheinlich auch Erich heute Abend dem schönen Mädchen Geständnisse +gemacht habe, war ihm nicht verborgen geblieben. Das Rätselhafte im Wesen +der Geliebten, ihre ahnungsvoll unbewußte Verknüpfung mit dem Philosophen +Drehdichum, mit der askischen Sage und Hamelts Traum, ihre fremdartig +seelenvolle Schönheit und ihr alltäglich-graues Schicksal beschäftigten des +Dichters Gedanken. Daß die ganze eng befreundete Runde des Cénacle +plötzlich wie um den Magnetberg um das fremde Mädchen kreiste und daß er +selbst, statt Abschied zu nehmen und zu reisen, sich mit jeder Stunde enger +vom Netz dieses Liebesmärchens umstricken ließ, das alles kam ihm nun vor, +als wäre er und wären die andern lauter Traumgestalten eines +phantasierenden Humoristen oder Figuren einer grotesken Sage. In seinem +schmerzenden Haupte stieg die Vorstellung auf, dieses ganze Durcheinander +und er selbst und Lulu wären ohnmächtige, willenlose Fragmente aus einem +Manuskripte des alten Philosophen, hypothetische, versuchsweise kombinierte +Teile einer unvollendeten ästhetischen Spekulation. Dennoch sträubte sich +alles in ihm gegen ein solches unglückliches cogito ergo sum, er raffte +sich zusammen, stand auf und trat ans offene Fenster. Nun bei klarerem +Nachdenken erkannte er bald die hoffnungslose Albernheit seiner lyrischen +Liebeserklärung; er fühlte wohl, daß die schöne Lulu ihn nicht liebe und im +Grunde lächerlich fände. Traurig legte er sich ins Fenster, Sterne traten +zwischen den leichten Wolken hervor, ein Wind lief über die dunkeln Kronen +der Kastanien. Der Dichter beschloß, daß morgen sein letzter Tag in +Kirchheim sein sollte. Zugleich traurig und erlösend drang das Gefühl der +Entsagung durch seinen müden, vom Traum der letzten Tage schwül umfangenen +Sinn. + + +VII. + +Als Lauscher andern Tages früh in die Wirtsstube hinabkam, war Lulu schon +mit den Tassen beschäftigt. Beide setzten sich zum dampfenden Kaffee. Lulu +erschien dem Gaste merkwürdig verändert. Eine fast königliche Klarheit +leuchtete auf ihrem reinen, süßen Gesicht, und eine besondere Güte und +Klugheit blickte aus ihren schönen, vertieften Augen. + +»Lulu, Sie sind über Nacht schöner geworden,« sagte Lauscher bewundernd. +»Ich wußte nicht, daß dies möglich wäre.« + +Sie lächelte nickend: »Ja, ich habe einen Traum gehabt, einen Traum . . .« + +Der Dichter fragte mit einem erstaunten Blick über den Tisch hinüber. + +»Nein,« sagte sie. »Ich darf ihn nicht erzählen.« + +In diesem Augenblick trat die Morgensonne ins Fenster und glänzte durch die +dunkeln Haare der schönen Lulu stolz und golden wie eine Glorie. Andächtig +mit trauriger Freude hing des Dichters Blick an dem köstlichen Bilde. Lulu +nickte ihm zu, lächelte wieder und sagte: »Ich muß Ihnen noch danken, +lieber Herr Lauscher. Sie haben mir gestern Verse geschenkt, die mir hübsch +erscheinen, obwohl ich sie nicht ganz verstehen kann.« + +»Es war ein schwüler Abend gestern,« sagte Lauscher und blickte der Schönen +in die Augen. »Darf ich das Blatt noch einmal sehen?« + +Sie gab es ihm hin. Er überlas es leise noch einmal, faltete es zusammen +und verbarg es in seiner Tasche. Die schöne Lulu sah schweigend zu und +nickte nachdenklich. Nun wurde der Wirt auf der Treppe hörbar, Lulu sprang +auf und begann ihre Morgenarbeit. Grüßend trat der kleine, feiste Wirt +herein. + +»Guten Morgen, Herr Müller!« antwortete Hermann Lauscher. »Ich bin heute +zum letzten Mal Ihr Gast. Morgen früh reise ich.« + +»Aber ich hatte doch gedacht, Herr Lauscher . . .« + +»Schon gut. Auf heute abend stellen Sie ein paar Flaschen Champagner kalt +und räumen uns das hintere Zimmer ein, zum Abschiedfeiern!« + +»Wie Herr Lauscher befehlen!« + +Lauscher verließ Stube und Gasthaus und begab sich auf den Weg zu Ludwig +Ugel, seinem Liebling, um diesen letzten Tag mit ihm zusammen zu sein. + +Aus Ugels kleiner Bude in der Steingaustraße klang schon Morgenmusik. Ugel +stand in Hemdärmeln noch ungekämmt am Kaffeetisch und spielte seine brave +Violine, daß es eine Lust war. Das ganze Stüblein war voll Sonne. + +»Ist's wahr, du willst morgen reisen?« rief Ugel dem Dichter entgegen. Der +war nicht wenig verwundert. + +»Woher weißt du's denn schon?« + +»Von Drehdichum.« + +»Drehdichum? Der Teufel werde klug daraus!« + +»Ja, der Alte war die halbe Nacht bei mir. Ein toller Bruder! Er faselte +wieder was Langes, Farbiges von seinen Prinzessingeschichten, Liliengärten +und dergleichen. Meinte, ich müsse die Prinzessin erlösen; er hätte sich in +dir getäuscht, du seiest nicht die wahre Harfe Silberlied. Verrückt, nicht? +Ich verstand kein Wort.« + +»Ich verstehe es,« sagte Lauscher leise. »Der Alte hat recht.« + +Noch eine Weile hörte er Ugeln zu, der nun die begonnene Sonate zu Ende +spielte. Bald darauf verließen beide Freunde Arm in Arm die Stadt und +wandten sich gegen die Plochinger Steige in den Wald. Sie redeten wenig; +der Abschied machte beide stumm. Der Morgen lag warm und glänzend über den +schönen Bergen der Alb. Bald bog die Straße in den tiefen Wald, und die +Spaziergänger legten sich abseits vom Wege in das kühle Moos. + +»Wir wollen einen Strauß für die schöne Lulu machen,« sagte Ugel und begann +im Liegen große Farnkräuter zu brechen. + +»Ja,« sagte der andere leise, »einen Strauß für die schöne Lulu!« Er riß +eine ganze hohe rotblühende Staude aus der Erde. »Nimm das dazu! Roter +Fingerhut. Ich habe ihr sonst nichts zu geben. Wild, fieberrot und giftig +. . .« + +Er redete nicht weiter; süß und bitter stieg es in seiner Kehle auf, wie +Schluchzen. Düster wendete er sich ab; Ugel aber bog den Arm um seine +Schulter, legte sich an seine Seite und wies mit ablenkender Geberde empor +in das wunderbare Spiel des Lichtes im hellgrünen Laub. Jeder von den +beiden dachte an seine Liebe, und schweigend ruhten sie lange Zeit, +Waldkronen und Himmel über sich. Über ihre Stirnen lief der kräftige, kühle +Wind, über ihre Seelen spannte, vielleicht zum letzten Mal, die selige +Jugend ihre blauen, ahnungsvollen Himmel aus. Leise begann Ugel ein Lied zu +singen: + + Die Fürstin heißt Elisabeth -- + Ein Hauch von Sonne, die vergeht. + Ich wollt, ich hätte einen Namen, + Der sich verneigt vor lieben Damen, + Vor Schönheit, vor Elisabeth, + Der süß von zarten Rosen weht, + Von Blättern lind, so leicht, so laß, + Von Rosen weiß, von Rosen blaß, + Ein Schimmer späten Abendgolds + Und wie der Fürstin Mund so stolz + Und wie der Fürstin Stirn so rein, + Und müßte singen von Glück und Pein -- + So froh und traurig müßt er sein! + +Dem Freunde weitete die stille Traurigkeit der schönen Stunde die Brust in +Schmerz und Lust. Er schloß die Augen; aus seiner Seele stieg das Bild der +schönen Lulu auf, wie er sie am heutigen Morgen gesehen hatte, so +sonneverklärt, so milde, so leuchtend, klug und unnahbar, daß sein Herz in +erregten schmerzlichen Schlägen pochte. Seufzend fuhr er mit der Hand über +die Stirn, fächerte sich mit dem roten Fingerhut und sang: + + Ich will mich tief verneigen + Vor dir und ziehen den Hut, + Ich will dir Lieder geigen + Rot wie Rosen und rot wie Blut. + + Ich will mich vor dir bücken, + Wie man vor Fürstinnen tut, + Und will dich mit Rosen schmücken, + Mit Rosen rot wie Blut. + + Ich will auch zu dir beten, + Wie man vor Heiligen kniet, + Mit meiner wilden, verschmähten + Liebe und meinem Lied. + + * * * * * + +Er hatte kaum geendigt, als aus dem innersten Walde hervor der Philosoph +Drehdichum die Liegenden anrief. Aufschauend sahen sie ihn aus den +Gebüschen treten. + +»Guten Tag,« rief er näherkommend, »guten Tag, meine Freunde! Nehmet dies +zu euerm Strauß für die schöne Lulu!« Damit gab er Lauschern eine große +weiße Lilie in die Hand. Behaglich ließ er sich sodann den Freunden +gegenüber auf einem moosigen Felsen nieder. + +»Sagen Sie, Zauberer,« redete Lauscher ihn an, »da Sie doch überall sind +und alles wissen: wer ist eigentlich die schöne Lulu?« + +»Viel gefragt!« schmunzelte der Graubart. »Sie weiß es selber nicht. Daß +sie die Stiefschwester der verdammten Müllerin sei, glauben Sie wohl nicht, +und ich auch nicht. Sie selber hat nicht Vater, nicht Mutter gekannt, und +ihr einziger Heimatbrief ist die Strophe eines merkwürdigen Liedes, das sie +zuweilen singt und worin sie einen gewissen König Ohneleid ihren Vater +nennt.« + +»Dummes Zeug!« fluchte Ugel ärgerlich. + +»Weshalb, lieber Herr?« entgegnete sanftmütig der Alte. »Aber dem sei wie +ihm wolle, man darf an solchen Geheimnissen nicht allzuviel tasten . . . +Ich höre, Herr Lauscher, Sie wollen schon morgen uns und dieses Land +verlassen? Wie man sich täuschen kann! Ich hätte gewettet, Sie blieben noch +länger hier, da Sie, wie mir schien, eben durch die Lulu . . .« + +»Genug, genug, Herr!« fiel ihm Lauscher wild aufbrausend in die Rede. »Was +zum Teufel gehen Sie anderer Leute Liebesaffären an!« + +»Nicht so heftig!« beruhigte lächelnd der Philosoph. »Davon, +Wertgeschätzter, war ja gar nicht die Rede. Daß ich mich mit den +Verwicklungen fremder Schicksale, besonders Dichterschicksale, +beschäftigte, gehört zu meiner Wissenschaft. Für mich besteht kein Zweifel +darüber, daß zwischen Ihnen und unserer Lulu gewisse subtile magische +Beziehungen statthaben, wenn schon, wie ich ahne, ihrer ersprießlichen +Wirkung zurzeit noch unüberwindliche Hemmnisse im Wege liegen.« + +»Erklären Sie mir das doch, bitte, etwas näher!« sagte der Dichter kühl, +aber doch neugierig. + +Der Alte zuckte die Achseln. »Ei nun,« sagte er, »jedes irgend höher +stehende Menschenwesen strebt instinktmäßig nach jener Harmonie, die im +glücklichen Gleichgewicht des Bewußten und des Unbewußten bestände. Solange +aber der zerstörende Dualismus das Lebensprinzip des denkenden Ich zu sein +scheint, neigen strebende Naturen gerne in halbverstandenem Instinkt zu +Bündnissen mit entgegengesetzt Strebenden. Sie verstehen mich. Solche +Bündnisse können ohne Worte, sogar ohne Wissen geschlossen werden, können +wie Verwandtschaften unerkannt, rein gefühlsmäßig leben und wirken. +Jedenfalls sind sie vorbestimmt und stehen außerhalb der Sphäre des +persönlichen Willens. Sie sind ein unermeßlich wichtiges Element dessen, +was man Schicksal nennt. Es ist vorgekommen, daß das eigentliche, +wohltätige Leben eines solchen Bündnisses erst im Augenblicke der Trennung +und Entsagung begann; denn diese unterliegen unserm Wollen, dem die Macht +jener Sympathie sich entzieht.« + +»Ich verstehe Sie,« sagte Lauscher mit verändertem Ton. »Sie scheinen mein +Freund zu sein, Herr Drehdichum!« + +»Zweifelten Sie daran?« lächelte dieser fröhlich. + +»Sie kommen heute Abend zu meiner Abschiedsfeier in der Krone!« + +»Will sehen, Herr Lauscher. Nach gewissen Berechnungen wird mir diesen +Abend eine wichtige Aufgabe zuteil werden, ein alter Traum sich erfüllen +. . . Aber vielleicht läßt es sich vereinigen. Auf Wiedersehen!« Er sprang +auf, grüßte mit winkender Hand und verlor sich rasch auf der talwärts +führenden Straße. + +Die Freunde blieben bis zum Mittag im Walde, beide von Abschiedsgedanken +und jeder von seiner Liebe erfüllt und mit widerstreitenden Empfindungen +gesättigt. Verspätet suchten sie den Mittagstisch der Krone auf. Sie fanden +Lulu daselbst in fröhlicher Stimmung und mit einem neuen, hellen Kleide +geschmückt. Freundlich nahm sie die mitgebrachten Blumen an und stellte den +Strauß in eine Vase auf den Ecktisch, an dem die beiden zu speisen +pflegten. Heiter und geschäftig bewegte sich die schöne Gestalt bedienend +mit den Tellern, Schüsseln und Flaschen hin und wider. Nach Tisch, beim +Weine setzte sie sich zu den Freunden. Man sprach von Lauschers geplanter +Abschiedsfeier. + +»Wir müssen das Zimmer und alles recht festlich zubereiten,« sagte Lulu; +»wie Sie sehen, habe ich an mir selber den Anfang gemacht und ein +nagelneues Kleid angezogen. Es fehlt noch an Blumen . . .« + +»Besorgen wir schon,« fiel ihr Ugel in die Rede. + +»Gut,« lächelte sie. »Dann wäre es hübsch, ein paar Lampions und farbige +Bänder zu haben.« + +»Soviel Sie wollen!« rief wieder Ugel. Lauscher nickte stumm. + +»Sie sprechen ja kein Wort, Herr Lauscher!« zürnte nun Lulu. »Sind Sie +nicht einverstanden?« Lauscher gab keine Antwort. Er sagte nur, während +sein Auge an ihrer schlanken Gestalt und dem feinen Antlitz hing: »Wie +schön Sie heute sind, Lulu!« Und noch einmal: »Wie schön Sie sind!« + +Er war unersättlich, die ganze ziere Gestalt immer wieder zu betrachten. Zu +sehen, wie sie mit dem Freunde die Anstalten zu seinem Abschied betrieb, +verursachte ihm eine eigentümliche Qual und machte ihn stumm und +verdüstert. Jeden Augenblick kam ihm wieder der Gedanke, peinigend und +bitter stachelnd, daß seine Entsagung und sein Fortgehen unwahr sei, daß er +ihr zu Füßen stürzen und sie mit allen lodernden Flammen seiner +Leidenschaft umgeben müsse, um sie werben, sie anflehen, sie zwingen und +rauben -- irgend etwas, nur nicht so tatlos vor ihr sitzen und fühlen, wie +von den letzten Stunden ihrer Gegenwart ein seliger Augenblick um den +andern eilig und unwiederbringlich zerrann. Dennoch bezwang er sich in +hartem Kampf und begehrte nur noch in diesen letzten Stunden ihr herrliches +Bild sich glühend und schmerzlich in die Seele zu senken zu unvergeßlichem +Heimweh. + +Schließlich, da die drei noch allein im Zimmer saßen und Ugel zum Aufbruch +drängte, erhob sich Lauscher, trat vor Lulu hin und faßte ihre Hand mit +seiner heißen, zitternden Rechten und sagte leise in einem gezwungenen, +feierlich komischen Ton: »Meine schöne Prinzessin, wollet geruhen die +Darbietung meiner Dienste in Hulden anzunehmen! Betrachtet mich, ich bitte +Euch, als Euern Ritter oder als Euern Sklaven, Euern Hund oder Narren, +befehlet mir . . .« + +»Gut, mein Ritter,« unterbrach Lulu ihn lächelnd. »Ich fordere einen Dienst +von Euch. Es fehlt mir auf den Abend ein recht herzensfroher Gesellschafter +und Spaßmacher, der mir ein gewisses Fest unterhaltsam und lustig machen +helfe. Wollet Ihr das?« + +Lauscher wurde sehr bleich. Dann lachte er heftig auf, ließ sich mit +komischer Verrenkung ins Knie nieder und sprach mit theatralischer +Feierlichkeit: »Ich gelobe es, edle Dame!« + +Nun eilte er mit Ludwig Ugel hinweg. Sie suchten vor allem die schöne +Kunst- und Handelsgärtnerei beim Friedhofe auf und wüteten mit der Schere +ohne Schonung in des Gärtners Rosenzucht. Besonders Lauscher war nicht zu +halten. »Ich muß einen großen Korb voll Weiße haben,« rief er wiederholt, +wandte alle Zweige um und hieb die Lieblingsrosen der schönen Lulu zu +Dutzenden ab. Dann bezahlte er den Gärtner, hieß ihn die Rosen auf den +Abend in die Krone bringen und bummelte mit Ugel weiter durch die Stadt. Wo +etwas Buntes in den Schaufenstern hing, da brachen sie ein; Fächer, Tücher, +Seidenbänder, Papierlaternen wurden zusammengekauft, am Ende auch noch ein +starker Posten Kleinfeuerwerk, so daß in der Krone die schöne Lulu mit +Inempfangnehmen und Unterbringen alle Hände voll zu tun hatte. Dabei half +ihr, ohne daß jemand darum wußte, der gute Drehdichum bis zum Abend. + + +VIII. + +Lulu war schön und fröhlich wie noch nie. Lauscher und Ugel hatten ihr +Abendessen beendet; die Freunde kamen nacheinander im Gasthause an. Als +alle beisammen waren, begab man sich unter dem Vortritt Lauschers, der die +schöne Lulu zierlich am Arme führte, in die große Hinterstube. Hier waren +alle Wände mit Tüchern, Bändern und Girlanden behängt, eine Menge farbiger +Laternen war an der Decke in Figuren gereiht und angezündet, der große +Tisch weiß gedeckt, mit Champagnerkelchen besetzt und mit frischen Rosen +überstreut. Der Dichter überreichte seiner Dame die Lilie des Philosophen, +steckte ihr eine halbgeöffnete Teerose ins Haar und führte sie an den +Ehrenplatz. Alle setzten sich froh und lärmend; ein im Chor gesungenes Lied +eröffnete den Abend. Nun sprangen die Stöpsel von den Flaschen, +überschäumend floß der helle, edle Wein in die zarten Gläser, wozu Erich +Tänzer die Champagnerrede hielt. Witz und Gelächter löste sich ab, mit +Tosen wurde der nachträglich angekommene Drehdichum empfangen, Ugel und +Lauscher trugen jeder ein paar lachende Verse vor. Dann sang die schöne +Lulu ein Lied, das hieß: + + Ein König lag in Banden + Und tief in Dunkelheit -- + Nun ist er auferstanden + Und heißet Ohneleid. + + Nun glänzen bunte Lichter + Und Lieder blank ins Land, + Nun tragen alle Dichter + Ihr farbigstes Festgewand. + + Nun blühen Lilien und Rosen + So weiß und rot wie nie, + Nun singt die Harfe Silberlied + Ihre seligste Melodie. + +Als das Lied zu Ende war, griff Lauscher tief in den vor ihm stehenden +Rosenkorb und warf applaudierend der Sängerin ganze Hände voll weißer Rosen +zu. Der fröhliche Krieg wurde allgemein, Rosen flogen von Sitz zu Sitz, +Dutzende, hundert, weiße, rote; dem alten Drehdichum hing das Haar und der +graue Bart ganz voll davon. Dieser erhob sich nun, es war schon nahe an +Mitternacht, und begann zu reden: + +»Liebe Freunde und schöne Lulu! Wir sehen alle, daß das Reich des Königs +Ohneleid von neuem beginnt. Auch ich muß heute von euch Abschied nehmen, +doch nicht ohne Hoffnung auf Wiedersehen; denn mein König, zu dem ich +zurückkehre, ist ein Freund der Jugend und der Dichter. Wäret ihr +Philosophen, so würde ich euch eine schöne allegorisch-mystische Geschichte +von der Wiedergeburt des Schönen und speziell von der Erlösung des +poetischen Prinzips durch die ironische Metamorphose des Mythus erzählen, +welche Geschichte heute ihr seliges Ende erfährt. So aber tue ich besser, +euch den zu lösenden Rest dieser Geschichte in angenehmen Bildern vor Augen +zu führen. Schauet her, ein askisches Stück!« + +Alle blickten seinem ausgestreckten Zeigefinger nach auf einen großen +gestickten Vorhang, mit dem eine Ecke des Zimmers verhangen war. Dieser +Vorhang wurde plötzlich sanft von innen erleuchtet und zeigte ein Gewebe +von zahllosen silbernen Lilien, die eine schön in Marmor gefaßte starke +Quelle umrahmten. Die Kunst des Gewebes und der Beleuchtung war so +wunderbar, daß man die Lilien wachsen, sich neigen und verschlingen, daß +man die Quelle sprudeln und sich ergießen sah, ja, daß man ihr edles kühles +Rauschen stark vernahm. + +Aller Augen hingen an dem prachtvollen Vorhang, und keiner bemerkte, daß +schnell nacheinander im Zimmer alle Laternen erloschen. Sie folgten +entzückt und erregt dem Zauberspiel der künstlichen Lilien; nur der Dichter +achtete es nicht, sondern heftete durch das Dunkel den Blick glühend und +anbetend auf die schöne Lulu. Ein heilig schönes, zartes Leuchten lag auf +ihrem feinen Gesicht, matthell und gleichsam vergeistigt schimmerte in +ihrem prachtvollen dunkeln Haar die weiße Rose. + +Die Lilien bewegten sich unbeschreiblich schlank und harmonisch in einem +seltsamen Blumenreigen um die Quelle. Ihre Bewegung und feine Verschlingung +hüllte den Sinn der atemlos Zuschauenden in ein süßes, träumendes Netz von +Wunder und Wohlgefallen. Da schlug eine Uhr Mitternacht. Blitzschnell +rollte der glänzende Vorhang in die Höhe: eine weite Bühne tat sich in +tiefer Dämmerung auf. Der Philosoph erhob sich; man hörte im Dunkeln, wie +er den Sessel rückte. Er verschwand und erschien allsogleich auf der Bühne, +Haar und Bart noch voll von Rosen. Allmählich war der Raum der Bühne von +einem immer mehr zunehmenden Licht erfüllt, bis klar und glänzend Quelle +und Liliengarten des Vorhangs nun in edler Wirklichkeit blühend und +rauschend zu erblicken waren. + +Damitten stand der Geist Haderbart, als Drehdichum trotz der erhöhten +Gestalt erkennbar. Im Hintergrunde stieg berückend in perlblauer Schönheit +das Opalschloß empor, in dessen Saale durch die weiten Fensterbögen der +König Ohneleid in mächtiger Ruhe thronend zu sehen war. Während das Licht +immer mehr zu strahlendem Glanze wuchs, trug Haderbart durch die sich +bückenden Lilien eine riesige, fabelhafte Harfe aus Silber in die Mitte der +Schaubühne. Der Glanz des Lichtes war nun blendend herrlich geworden und +schauerte in fiebernden Wellen silbern und irisfarbig über die Opalmauern +hin. + +Lauschend schlug der Geist eine einzelne tiefe Saite der Harfe an. Ein +großer, königlicher Ton erquoll. Langsam traten die Lilien des +Vordergrundes zur Seite, eine festliche Treppe senkte sich von der Bühne +herab. Im dunkeln Zimmer erhob sich hoch und schlank die schöne Lulu, +schritt über die hinter ihr wieder zurückweichende Treppe hinan und stellte +sich in unsäglicher Schönheit als Prinzessin dar. Mit tiefer Verbeugung +überließ ihr der Geist Haderbart die Harfe; Tränen flossen aus seinen +klaren alten Augen und fielen zusammen mit einer gelösten Rose aus seinem +Bart zur Erde. + +Die Prinzessin stand hoch und glänzend vor der Harfe Silberlied. Sie +streckte die Rechte in höchster Bewegung nach dem Schlosse aus, zog die +Harfe an ihre Schulter her und lief mit schlanken Fingern über alle Saiten. +Ein Lied von unerhörter Seligkeit und Harmonie hob an, huldigend scharten +sich alle hohen Lilien um ihre Herrin. Noch ein voller, reiner Griff in die +tönenden Zaubersaiten -- da rauschte mit kurzem Aufschlag der Vorhang +nieder. Einen Augenblick war er noch ganz von inwendigem Glanze +durchleuchtet, in heftiger Bewegung tanzten die gestickten Lilien +durcheinander, immer schneller und rasender, bis nur noch ein einziger +silberner Wirbel zu sehen war, der plötzlich lautlos in völlige Finsternis +versank. + +Betäubt und sprachlos standen und saßen die Freunde im finstern Zimmer. +Bald sodann fingen sie an sich zu besinnen. Licht wurde gemacht. Durch +Unvorsichtigkeit kam das ganz vergessene Feuerwerk in Brand und knallte mit +abscheulichem Lärmen durcheinander. Wirt und Wirtin liefen herzu, klagten +und schalten. Ein Nachtwächter pochte von der Straße aus mit dem Spieß an +die verschlossenen Fensterläden. Man schrie und fragte, jeder an den andern +hin. + +Aber niemand fand mehr eine Spur von Lulu und dem Philosophen. Der +Referendar Ripplein begann ärgerlich zu werden und von Gaunerei zu reden; +doch hörte niemand auf ihn. Hermann Lauscher war in sein Zimmer entwichen +und hatte von innen geriegelt. + +Als er andern Tages in aller Frühe verreiste, war von der schönen Lulu noch +keine Spur gefunden. Da Lauscher sich sogleich ins Ausland begab, kann er +über den ferneren Verlauf der Dinge in Kirchheim keinerlei Mitteilung +machen. Denn er selber hat die vorstehende Geschichte der Wahrheit gemäß +aufgeschrieben. + + + + +Schlaflose Nächte. +(Geschrieben 1901.) + + +Widmung. + +Kennt ihr die Muse der Schlaflosigkeit? Die bleiche, wachsame, die an +einsamen Betten sitzt? + +An meinem einsamen Bette saß sie viele lange Nächte lang, sie legte mir die +geschmeidige, kranke Hand auf die Stirn, sie sang mir Lieder mit ihrer +müden Stimme, Lieder ohne Zahl, Heimatlieder, Kinderlieder, Lieder der +Liebe, des Heimwehs und der Melancholie. Und statt des entflohenen +Schlummers breitete sie über meine ermüdeten Augen den dünnen, farbigen +Schleier der Erinnerung und der Phantasie. + +O diese langen, schleichenden Nächte, in denen unser wahrstes Wesen alle +tagüber gewobenen schmucken Gewänder von sich streift und uns mit Fragen, +Bitten und Vorwürfen bestürmt wie ein krankes Kind! O diese schmerzhaft +klaren Erinnerungen an alle Augenblicke unseres Lebens, in denen wir wider +uns selbst und wider die geheimen Gesetze des Lebens gesündigt haben! Diese +Kette von Blindheit, Grausamkeit und Mißverständnis, mit der wir uns selbst +zu unentrinnbarer Qual an diese angstvollen Stunden geschmiedet haben. Gibt +es einen Menschen von solcher Reinheit, daß er nur eine einzige solche +Nacht seiner Seele in die wahrhaftigen Kinderaugen blicken könnte, ohne +unzähligen Vorwürfen und Selbstpeinigungen zur Beute zu fallen? + +Ich weiß es nicht und glaube es nicht. Und dennoch entrann ich diesen +Stunden und lernte sie segnen und sah die Verzweiflung nur auf dunkler +Lauer verborgen liegen, unberührt von ihrem giftigen Atem. + +Das war jene Muse, jene bleiche, wachsame, die mit den geschmeidigen Händen +mich vom Abgrund zurückhielt. Ich danke dir, du Fremde, Phantastische, und +widme dir diese Erinnerungen unsrer gemeinsam verträumten, wachen Nächte. +Wie schön du warst, wenn du dein feines, tröstendes Frauengesicht über +meine fiebernden Augen beugtest! Wie schön du warst, wenn du mit mir der +Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still, vorgebeugt, das tiefe Auge +in die Nacht gewendet, die helle vergeistigte Stirn von einer losen Locke +märchenblonden Haares überhangen! Wie schön du warst, wenn du weintest, +wenn du das Auge senktest und schweigend auf dem weißen Bette meine Hand +mit deiner schmalen Linken suchtest, wenn der Traum einer verlorenen Liebe +über dein ernstes Gesicht wie ein leiser schmerzlicher Schatten lief! + +Wie schön du warst! + + * * * * * + + +Die erste Nacht. + +Regen, Stille, Mitternacht. Wie heißest du, schöne Blasse? Du lächelst, du +legst deine Hand neben meine auf den Rand des Bettes, daß sie wie +Geschwister aussehen. Ich will dich Maria nennen. + +Wie hast du mich wiedergefunden, wunderliche Schwester, die ich so langeher +nicht mehr gesehen? Das war vor manchem schönen Jahr, daß ich dir jene +Dichtung vorlas, mit der ich deine Gunst verscherzte. Du bist seither +schöner geworden -- ach hättest du damals den Schluß meiner Novelle +abgewartet, so wären wir zusammen jung geblieben und du säßest nicht an +meinem Bette, um mir die vielen Stunden von Mitternacht bis Morgen ertragen +zu helfen. Aber du nahmst meine Geschichte für Ernst und hast sie damit uns +selber zum Ernst gemacht. Jener ungelesene Schluß ist in den Märchenbrunnen +zurückgefallen und unsre guten Feen weinten, und weinen noch heute darüber. + +Erinnerst du dich jenes letzten Abends? Im Veilchengarten, alle Amseln +schlugen. Wir saßen auf der grünen Großvaterbank und hatten unsere Zukunft +wie ein großes Fabelbuch vor uns aufgeschlagen. Ich las dir vor, der große +Ahorn rauschte darein, die Luft und die Geschichte waren voll Veilchenduft. +Ich las dir vor bis zu jener traurigen Stelle -- weißt du noch? Es war +beinahe dunkel geworden und im Goldregenbusch begann die Nachtigall. Ach +hätten wir doch zu Ende gelesen! Aber du weintest und stießest das Buch von +deinem Schoß und liefest fort. Jenen ganzen Abend und die halbe Nacht sang +unsre Nachtigall. + +Ich weiß jetzt das Geheimnis der Nachtigall und singe schon lang nach +derselben Weise. Man hört diese Lieder gern, sie gleiten weich und sind +voll Wohllaut, aber der Text ist traurig, er ist sogar zuweilen bitter, +sogar gemein. Ach, die besten Lieder standen im Buch meiner Jugend auf +jenen Seiten, die du so unmutig überschlugst. Sie quälen mich seither, und +stöhnen, und wollen gesungen sein, aber ihre Zeit ist vorüber, sie ist gar +nie gewesen, denn die schönsten Seiten im Buch meiner Jugend überschlugst +du an jenem Abend im Veilchengarten. Die Kapitel waren dir gewidmet -- +warum wolltest du sie nicht lesen? Sie fehlen jetzt mir und dir wie +gesprungene Saiten auf einer Harfe. Die Harfe klingt wie sonst, nur wenn +die Melodie auf die gebrochenen Saiten springt, entsteht ein herzbeklemmend +leeres Schweigen und reißt mitten durch das ganze Lied. Hast du nie auf +einer Harfe spielen hören, an welcher eine Saite fehlte? War es dir nicht +jedesmal, wenn jene bange leere Pause kam, als sei es gerade der süßeste, +erlösende Ton, der nun dem Liede fehlt? Und ist nicht immer das Süßeste, +Erlösende, brennend Erdürstete gerade das, was mir und dir in jedem +Augenblicke fehlt? + +Hab ich dich traurig gemacht? Verzeih' mir, Maria! Ich wollte es nicht tun, +ich wollte dir keinen Vorwurf machen. Ich wollte dich nur fragen, ob du +noch an jenen fernen warmen Frühlingsabend denkst. Ich wollte nur dich +erinnern, dich fragen und dein Kopfnicken wiedersehen, die träumerisch +graziöse Bewegung, die schon damals mein knabenhaftes Herz entzückte. Denk' +dir, der Abend wäre heute wieder! Du brauchst nur die Augen zu schließen, +zu lächeln und deine Hand auf meine Hand zu legen. Hörst du nicht den +großen Ahorn rauschen? Siehst du nicht das Veilchenbeet und die +Taxushecken? Hörst du nicht ein feines knisterndes Wiegen? Ein großes +helles Ahornblatt wankt hoch oben vom Zweig und dreht sich leise durch die +warme Luft herab, ganz wie damals, ganz wie damals. -- + + * * * * * + +O Maria! Warum hast du die Augen aufgemacht? Und siehst mich so traurig, +bitter und erschrocken an! Der Traum ist hin. + +Und das große Ahornblatt dreht sich in der Luft und sinkt und fällt, und +liegt auf dem Sims meines Fensters. Es ist welk, ich hör's am Fallen, und +wende das Gesicht zur Seite. Draußen ist Regen, Stille und Mitternacht. + + * * * * * + + +Die zweite Nacht. + +Du bist heute schweigsam, meine schöne Muse! Komm, spiel mit mir, die Nacht +ist so lang! Was spielen wir? + +Meine Muse schweigt, nimmt meinen Arm und steigt mit mir in unser +schneeweißes Nachtschloß, die breite fürstliche Treppe empor, an den +geduldigen steinernen Löwen vorbei, durch die offenen halbbögigen +Torflügel, über die schwarzweißen Samtfelder der Flurteppiche und die +geschwungene massive Treppe hinan. Sie führt mich an den Drachenleuchtern +vorbei in den großen Flügelsaal, wo unser Brunnen zwischen den glänzenden +Porphyrsäulen so kühl und weltverloren in seine tiefe Bronzemuschel +rauscht. Wir sitzen vor der dunklen tönenden Schale nieder, durch die +offenen Fensterbogen blendet das weiße Mondlicht herein und verzittert auf +dem sich kräuselnden Wasser in bleichen, zerrinnenden Silberlinien. +Gegenüber, jenseits des Brunnens, glänzt auf der geräumigen Dreieckfläche +einer schwarzen Pyramide die smaragdene Tafel des Hermes Trismegistus. + +»Wir hätten sie weglassen sollen,« sagt meine Muse. + +Du hast recht. Sie ängstigt nur. + +»Und doch haben wir sie in so vielen unvergeßlichen Mondnächten zusammen +gelesen.« + +Freilich -- damals. + +»Damals! Du mußt das nicht so tragisch sagen.« + +Aber doch, -- damals. + +»Nein! Das macht traurig.« + +Möchtest du lustig sein? + +»Man kann es nicht in diesem Saal.« + +Nicht? Wir waren's doch, es ist nicht lange her. + +»Er wird mir langweilig. Diese Säulen sind so plump, und immer dieses +Brunnengeräusch, und dieser ewige Delphin.« + +Wir müssen einen andern Saal bauen. Beim Schilfsee, oder über dem +Platanenwald. Einen roten Saal. -- + +»Rot?« + +Meinst du nicht? + +»Nun, also rot. Und dann lassen wir die Wände mit goldenen Palmenreliefs +schmücken, und dann tanzen wir dort nach einer Mozartmusik Gavotte und +sehen von den hohen Fenstern auf den schwarzen Wald. Und dann werden wir +traurig, kehren in den alten Porphyrsaal zurück und hören dem Brunnen zu. +Eigentlich haben wir das schon jetzt. Wir hätten dann zwei Säle, in denen +wir traurig sein können.« + +Dann ist es besser, hier zu bleiben. + +»Und traurig zu sein.« + +Was fehlt dir nur? + +»Ich weiß nicht. -- Schenk mir was!« + +Was du haben willst. Soll ich dir das Salzfaß des Cellini schenken? + +»Das mit dem Neptun? Nein, nein.« + +Oder einen Garten? Ich weiß einen, auf den borromäischen Inseln -- + +»Ich weiß schon. Was soll er mir?« + +Oder ich könnte dich malen lassen. Nicht in der Weise, wie dich Rossetti +gemalt hat. In deinem Narzissenkleid, als Flora -- ich weiß einen Maler, +einen Franzosen -- + +»Oder Spanier, oder Russen. Nein, nein.« + +Dann schenk ich dir eine Harfe. Es gibt eine zedernholzene, dreifüßige, aus +den Schatzkammern des -- + +»Ich will keine Harfe.« + +Dann -- ja was willst du dann haben? Soll ich dir ein Lied singen? + +»Ja, wenn du kannst. Ich warte.« + +Aber ich kann doch nicht ohne dich -- + +»Also, was willst du?« + +Du bist unersättlich. Was hab ich dir getan? + +»Frag nicht! Frag nicht!« + +So will ich dir erzählen. Willst du? + +»Von den sieben Prinzessinnen?« + +Nein. Von einem Garten im Schwarzwald, wo ein kleiner Knabe mit einem +kleinen Mädchen unter den blauen Fliedern saß. Der Knabe hatte das Mädchen +lieb, und als sie beide größer geworden waren, an einem Abend im warmen +Juni, hingen sie mit roten heißen Lippen aneinander. -- + +»Weiter! Und dann --?« + +Dann kam eine fremde schlanke Frau mit dunkelgroßen Augen, ganz wie du sie +hast. Die sang so schön und war so fremd und lockend, daß der Knabe sein +liebes Nachbarkind vergaß. Er ging mit der fremden Frau in ein anderes +Land, wo die Sterne größer und die Nächte blauer sind. Sie bauten sich ein +helles Schloß und darin einen Saal mit Porphyrsäulen, darin ein ewiger +Brunnen in eine bronzene Muschelschale klang. Dort sitzen sie nun bei dem +Brunnen und sehen den Mond im Wasser verleuchten. Sie haben kühle Hände +ineinander gelegt und reden kühle Worte zu einander, und ich glaube, daß +jedes von den beiden Heimweh hat. Wenigstens der Knabe, der inzwischen alt +und anders geworden ist. Ich weiß, daß er an seine Heimat denkt und daß +eine verjährte, knabenhafte Untreue durch sein Leben geht wie ein feiner +Sprung durch klares Glas. + +»Das ist eine traurige Geschichte. Ist sie zu Ende?« + +Noch nicht. Und ich glaube, der Schluß wird das traurigste sein. Glaubst du +nicht auch? + +»Ich weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob der Knabe die fremde Frau noch +immer liebt.« + +Man hat keine Nachricht darüber. Oder soll ich Ja sagen? + + * * * * * + + +Die dritte Nacht. + +Lege deinen blonden Kopf an meine Schulter, meine arme Muse! Ich sehe wohl +auf deiner schönen Stirne diese leisen, schwermütigen Linien, ich sehe wohl +beim Beugen deines Halses diese müde, kranke Bewegung, und ich vermag auch +wohl in dem feinen, feinen Aderspiel deiner klaren, weißen Schläfe zu +lesen. + +Komm, weine nur! Das ist Herbst, das ist die letzte zitternde Mahnung der +unaufhaltsamen Jugendflucht. Du kannst sie auch in meinen Augen lesen, auch +auf meiner Stirn und auf meinen Händen steht sie geschrieben, tiefer als +auf deinen, und auch in mir ruft dieses peinigende, schluchzende Wehgefühl: +es ist zu früh, es ist zu früh! + +Komm, weine nur! Wir sind noch nicht am Ende, wenn wir noch weinen können. +Wir wollen diese Tränen und diese Trauer mit aller eifersüchtigen Sorge +unserer Liebe bewachen. Vielleicht steht hinter diesen Tränen unser +Kleinod, unsere Poesie, unser großes Lied, auf das wir warten. + +Unsere rosenroten Liebeszeiten sind vorüber, aber sie rühren noch mit so +viel zarten Fäden an uns -- laß ihnen ihr schmerzlich schönes +Vergangensein! Wir wollen ihnen mit Kosenamen und mit Liedern rufen, wir +wollen ihre hellen Erinnerungen wie scheue, geliebte Gäste durch Zartheit +und schonende Pflege festhalten. Auch wollen wir nicht mehr davon reden, +wie viele Frühlinge wir uns selber entblättert haben, ich und du; wir +wollen denken: Es hat so kommen müssen, und wir wollen nicht aufhören uns +zu schmücken und zu warten -- auf unser Lied. + +Unser Lied! Weißt du noch, wie wir von ihm träumten, in jener ersten Zeit +unserer Liebe? Das war im Kloster, in jener prachtvollen Brunnenkapelle, wo +sich der Laut des fallenden Wassers so zart mit der klösterlichen +Schweigsamkeit der gotischen Kreuzgänge verflocht. Weißt du noch? Und jene +Abende! Die kühlen, mondhellen Abende jenes Spätherbstes, die so weich und +traumverzaubert auf den Dächern des Klosters lagen, und auf dem kahlen +Garten und über den duftigen, kühlen Bergen! Der Wind lief durch die +steinernen Fensterblumen und gewann Klang in den schwarzen Kreuzgewölben, +der Mondschein lief über die breiten Simse und über die weißen Dielen des +Oratoriums. Und ich erzählte meinem Freund Wilhelm in der verborgenen +Fensternische von der fernen dunklen Zeit, in welcher die Klöster und die +großen Dome aus der Erde wuchsen, und von den Stiftern, Rittern, Bauherren +und Äbten, deren bildnisgeschmückte Grabsteine drunten im Kreuzgang fremd +und gespenstisch im weißen Mondschein lagen. Ich hatte damals mehrere +Freunde, von denen Wilhelm mein Liebling war. Du sahest ihn oft mit mir, +zumal in solchen Mondnächten, und auch die andern: schlanke, begeisterte +Knaben wie ich selbst. Frag nicht, wo sie sind und was aus unserer +Freundschaft geworden ist! Auch jetzt hab ich Freunde, zwei, drei -- von +den damaligen ist keiner mehr darunter. Aber du bist noch da und liebst +mich noch, und bald oder spät, wenn auch die Freunde von heute tot oder +fremd sein werden und kein Mensch mehr von meiner Jugend mit mir plaudern +wird, wirst du noch immer bei mir sein, und mich zuweilen bitten, von den +vergangenen schöneren Zeiten zu reden. Dann werden wir auch an heute denken +und dieses traurige Heute wird uns wunderbar fern und lieb erscheinen wie +eine ferne kleine Jugend. Und vielleicht wird dann aus diesem +ferngewordenen, von Erinnerung verklärten Heute unser Lied aufsteigen. +Unser Lied! + +Das Lied wäre dann ein weiches, duftiges Bild voll Zauber und Seele, aus +dessen dunkeltönigem Grund unsere Gestalten weich wie ein Traum mit +schwebenden Konturen hervortauchten, der schlaflose Dichter mit der in die +heiße Hand gestützten regen Stirn und an seine Schulter gelehnt der schöne, +müde Blondkopf seiner knieenden Muse. Und dieses eine, zarte Bild würde +allein übrig bleiben von meinem rastlosen Leben; lang nach meinem Tode noch +würden spätgeborene Freunde es betrachten und lieben. »Der arme Dichter!« +würden sie sagen und doch den armen Dichter um sein einziges unsterbliches +Bild und um seine blonde, unbeschreibliche, knieende Muse beneiden. + +Du lächelst wieder? Küsse mich, meine blonde Muse! Küsse mich und verzeih +mir und dir um unseres Liedes willen alle Qual und allen Jugendraub, den +wir aneinander begangen haben! + + * * * * * + + +Die vierte Nacht. + +Warum willst du die alte Geschichte wieder hören? Ich hatte sie selbst fast +vergessen und das wäre für mich und für die Geschichte das beste gewesen. + +-- Der verstorbene Dichter Hermann Lauscher lebte noch und wanderte in den +alten Straßen der Stadt Bern umher. Es war ein Tag im November, windig und +regendrohend. Der vereinsamte Dichter genoß in vollen Zügen die ihm +liebgewordene Stimmung, sich heimatlos am fremden Orte umzutreiben. Die +alten dunkeln Straßen mit den festen, burgartigen Häusern, vorspringenden +Kellerhälsen und finster traulichen Arkaden reizten in dem kranken +Dichtergemüt jene bittere Stimmung aufs höchste, dazu kam die unwirtliche +Rauheit des Tages, so daß der arme Heimatlose härter als je den Zwiespalt +seiner krankhaft reizbaren Seele und an den Erinnerungen seines unsteten, +zerrissenen und fruchtlosen Lebens litt. Wie er mir nachher erzählte, +spielte seine Phantasie beim Anblick dieser dunkeln, engen Arkaden in +melancholischer Laune mit hundert eingebildeten Möglichkeiten. Er dachte +sich einen lang entbehrten Freund, eine verlorene Geliebte, an deren +Begegnung die wichtigste und seligste Entscheidung seines Glückes hinge, in +derselben Straße wandeln, zehn Schritte von ihm, von den Schatten der +nächsten Arkade verborgen. Ein Augenblick vielleicht, in welchem die nahe +Gestalt sichtbar ward, ja vielleicht herüberblickte -- aber eben in diesem +einen Augenblick hat er sich abgewendet und hat mit dieser kleinen, +zufälligen Bewegung Augenblick und Zukunft verscherzt. + +Er erschrak, als ich ihn plötzlich auf die Schulter klopfte, und in dieser +Sekunde sah ich in seinen Augen zum erstenmal den flackernden, traurigen +Glanz des Irrsinns zucken. Wir gingen nun zusammen durch die Straßen, +erstiegen den Münsterturm, weideten uns am Anblick der prachtvollen +Gobelins im historischen Museum, aßen in einem Wirtshause tief unter der +großen Aarebrücke gebackene Forellen und strandeten nach einer zweiten +Wanderung im Keller des Kornhauses. + +Du weißt, der arme Lauscher war in jener letzten Zeit seines unglücklichen +Lebens ein starker Weinzecher, und so saßen wir bald bei der zweiten und +dritten Flasche. Es war der schäumige Neuenburger, den ich schlecht +ertrage, so daß ich bald mit schwerem Kopf ihn ganz in seinen launisch +wirren Reden gewähren ließ. Er kam auf jene Arkadenphantasie zu sprechen. +Ich lachte ihn aus und rühmte mich, jenen wichtigen Augenblick erfaßt und +ihn, den ich in Bern gewiß nicht zu treffen hoffte, gefunden zu haben. Er +lächelte rauh und sagte: »Kein Beweis, mein Guter! Das Unglück trifft man +überall. Aber weißt du denn, ob nicht eben in dem Moment, wo du mich so +derb aus meinen Gedanken rissest, ob nicht eben in diesem Moment jemand +hinter uns vorüberging, den du seit Jahren suchst und den du in Jahren +nicht wieder treffen wirst?« Mir wurde sonderbar zu Mut. »An wen denkst du +denn dabei?« fragte ich fast schüchtern. Er lachte. »Ei,« sagte er dann, +»ich denke an niemand besonders. Es ist ja nur eine Hypothese. Aber es +hätte ja zum Beispiel eine gewisse blonde Maria sein können.« + +Ich kann dir nicht sagen, wie bei diesem Namen mein Herz in Grauen und +Liebe den Takt verlor. »Woher weißt du?« fragte ich Lauschern heftig, »ich +habe nie einem Menschen von Maria erzählt und glaubte, ich selbst hätte sie +und ihren Namen vergessen. Kennst du sie? Lebt sie noch? Ist sie hier in +Bern?« + +Lauscher lachte wieder und steckte sich eine neue Zigarre an. »Ob sie noch +lebt,« sagte er, »weiß ich nicht. Ich habe sie seit vielen Jahren nicht +wiedergesehen.« + +»Wann war das?« fragte ich atemlos. + +»Hab ich dirs nie erzählt?« sagte er und nahm einen starken Schluck. »Sie +war so schön! Sie saß mit mir auf einer grünen Bank im Veilchengarten, die +Nachtigall sang zum erstenmal im Jahr. Wir lasen zusammen in einem großen +Buch --« + +»Halt ein,« rief ich totblaß, »halt ein oder ich bringe dich um! Das war ja +ich, das war ich, der mit Maria auf der grünen Bank saß, und das Buch --« + +»Schrei doch nicht so,« sagte Lauscher und schenkte mein Glas voll. + +»Aber Lauscher, sag mir um Gotteswillen --« flehte ich. + +»Bibamus! Dein Wohl!« lächelte er und stieß an. »Soll ich weiter erzählen? +Das Buch enthielt eine schöne Jugendgeschichte und war höchst angenehm zu +lesen. Zwischen den Lettern stiegen Maria und ich als kleine arabeskenhafte +Figuren durch allerlei Blumenranken auf und ab.« + +»Maria und ich!« rief ich aus. + +»Nun ja, wie ich sage,« fuhr Lauscher fort. »Maria aber las unruhig und +zerstreut. Und als die Geschichte anfing traurig zu werden, da schlug sie +eine ganze Handvoll Blätter um und --« + +»Und lief in den Wald, und die Nachtigall sang wieder -- o Lauscher!« + +»Bibamus,« sagte Lauscher. + +Ich legte den schweren Kopf in beide Hände und hätte am liebsten laut +geschluchzt. Als ich nach einer Weile mich erhob, war Lauscher fort. Mit +schmerzender Stirne und halb berauscht verließ ich den Keller. Es war kurz +vor Lauschers Tod. + + * * * * * + + +Die fünfte Nacht. + +Eigentlich waren die Veilchen an allem schuld, die Veilchen und der +Frühling, und ohne sie wäre die ganze süße Pein mir fremd geblieben, an der +seither mein Leben verblutet. + +Jene Veilchen im Garten waren schuld, daß in meiner fröhlichen Knabenseele +die duftend dunklen Schatten emporstiegen. Ihr Duft war daran schuld, daß +die Frühlingsgeschichte in unserm Buche plötzlich so beklommen, traurig und +sehnsüchtig wurde, daß die schöne Maria davonlief und daß die Nachtigall im +dunkeln Abendlaub so angstvoll süß und herzbeklemmend zu singen begann. + +O wenn ich diese Nachtigall nie gehört hätte! Dann hätten nicht die +liebsten Lieder aufgehört mich zu erfreuen, dann wäre nicht die dunkle +Sehnsucht in mir erwacht. Dann hätte ich nicht begonnen, von jenem Glück zu +träumen, das irgendwo hinter dem Leben wie hinter einer verwunschenen Hecke +schläft. Dann wäre auch der unselige Traum noch ungeträumt, daß das beste, +seligste Stück meines Lebens in jenem Buche ungelesen und unerlebt +geblieben sei. Dann wäre ich kein Dichter geworden und die traurig beredte, +zweifelsüchtige Sprache des Leidens wäre mir unbekannt geblieben. + +Aber Träume sind keine Schäume. Und das Lied unserer Nachtigall mit seiner +letzten, grausam schönen Dissonanz klingt in mir weiter und sehnt sich nach +seiner Lösung. Und es verwandelte sich in meinen Lieblingstraum von jenem +Lied der Lieder, dessen ungesungene, vereinzelt aufdämmernde Takte mir in +Blut und Leben übergegangen sind und mich stündlich mit ihren feinen, noch +ungelösten Dissonanzen peinigen. Ich glaube nicht an jene Dichter, aus +deren Haupte, wie man sagt, die fertigen klingenden Verse wie gepanzerte +Göttinnen hervorspringen. Ich weiß, wieviel innerstes Leben und wieviel +rotes Herzblut jeder einzige echte Vers getrunken haben muß, ehe er auf +seinen Füßen stehen und wandeln kann. Und das wäre noch leicht zu ertragen. +Aber dann jedesmal das spottend grausame Gefühl, daß der Vers, so hübsch er +sei, doch wieder nicht die Tiefe erschöpft, doch wieder den Keim der alten +Dissonanz in sich trägt und doch wieder nur ein Spiegel des Dichters und +nicht der Spiegel seines glühend schönen, sehnsüchtigen Traumes ist! Und +doch hat er so tief an unserm Leben sich genährt und so viel Herzblut +mitgenommen! Ach und dann, wenn man älter wird und seine Grenzen ahnt -- +diese Hast, dieses Wechseln von Schonung und Verschwendung, diese immer +enger drückende, furchtbare Angst zu sterben, ehe der geträumte Ton +erklang, zu sterben ohne Erfüllung nach einem lebenlangen Warten und +Vorbereiten! Und dazu bei jedem neuen Unterliegen und Zweifeln diese +vorwurfsvolle Stimme der dem Unbewußten entrissenen, gemarterten eigenen +Seele, deren Entblößung nur durch das unberechenbare Glücken des großen, +unsterblichen Wortes versöhnt und geheiligt wird! Ach, man hat so viel +Schimpfliches von den Dichtern gesagt, aber das Schimpflichste wußten und +wissen sie selber und halten es ängstlich geheim -- sogar vor den eigenen +Augen! + + * * * * * + + +Die sechste Nacht. + +Finsternis, Stille, Einsamkeit. Diese furchtbaren Nächte sind endlos für +das winzige Taktmaß meiner tickenden Uhr und meines in den heißen Schläfen +fiebernden Blutes. An alles Sanfte und Tröstende versuche ich zu denken, +ich beschwöre alle milden Erinnerungen, alle freundlichen Sterne des +Gedankens und der Poesie, alle besänftigenden Gleichnisse. Es ist umsonst, +und kein Gedanke hält vor der bedrückenden Gegenwart dieser Stunde stand. +Wenn jetzt selbst meine Mutter sich zu mir setzte und mir alle +Zärtlichkeiten der Liebe und Erinnerung gewährte -- ich würde lächeln und +nicht weniger leiden. + +O schlaflose Nacht! Alle Kräfte und Beziehungen meines Wesens und meines +Lebens an die trübe Oberfläche dieser einen Nacht gedrängt zu machtlos +müder Selbstbetrachtung! Hat kein von mir verehrter Gott so viel Mitleid, +hat kein Andenken oder Gebet eines fernen Freundes so viel Leben und keine +meiner liebsten Erinnerungen so viel Wahrheit, den Bann dieses unsäglichen +Leidens zu brechen? Alles, was mich jemals freute und über die Stunde +erhob, hat Blick und Wärme verloren. Meine Götter sind steinern, und mein +Leben war ein blasser Traum, dessen Bildungen mein inneres Auge nur wie +fremde Schattenbilder berühren. + +Liegt jetzt vielleicht einer meiner Freunde in einer fernen Stadt auf +seinem Bette wach und denkt an mich? Ach, er schläft! Und wohin ich meinen +trostbedürftigen Gedanken wende, finde ich nichts. Oder finde doch nur +Mitleidende, andere Dulder, eine blasse müde Gemeinde von Schlaflosen, +deren jeder so wie ich gepeinigt ohne Ruhe liegt, bleich, großäugig und +leidend. Ich grüße euch, traurige Brüder, die ihr fern von mir und fern +voneinander in vielen einsamen und dunkeln Schlafgemächern lieget. Ihr +leidet wie ich, ihr suchet mit großen Augen die unsichtbaren Gestalten der +Finsternis und habt Schmerzen, sobald ihr die starren Lider schließet. +Denkt ihr an Eure Brüder? Denkt ihr an mich? Ach wenn wir alle aneinander +dächten und alle das Gefühl dieser unsichtbaren schweigenden Gemeinde +hätten! Ich glaube, wir verständen uns, unsre feinen, rastlosen Nerven +wären der Mitteilung und Erwiderung fähig. Wir könnten uns ohne Worte über +viele stille nächtliche Meilen hinweg unser Leben, unsre Leiden und +Hoffnungen erzählen. Wir könnten vielleicht über fremde Schicksale weinen +und die eigenen würden uns im Mitteilen wieder neu und lieb. Wir würden +Zusammenhänge und Ahnungen, die uns im eigenen Leben emporstiegen, bei +Fremden wiederfinden, der Kreis erweiterte sich und wir sähen die Fäden, +deren Anfang und Ende wir in Händen zu halten glaubten, über Erdteile und +Geschlechter gemeinsam gezogen. An diesen Fäden rührend wie an einzelnen +Saiten einer Riesenharfe würden wir uns ein gemeinsames klareres Leben +weiterdichten und Schritte in der Erkenntnis des Ewigen tun, die wir allein +nicht tun können. + +Ich kann euch nicht zurufen, meine Brüder. Aber ich will in jeder Nacht +mich euer erinnern und euch mit dem Gruß des Mitleidenden grüßen. + +Indes ich dieses denke, berührt mich eine sanfte Hand. Meine Muse! O wie +ich Heimweh nach ihr hatte! Und sie wartete nur, bis in meiner +alleingelassenen Seele ein Gedanke der Güte aufstiege! + +Die Nacht wird weicher, linder und freundlicher, die Sterne glänzen zarter, +und vor meiner Seele beginnt ein bekanntes Bild sich aus der Dunkelheit zu +lösen. Ich kenne dich! Das ist der Park, das ist die halbrunde Träumerbank, +das ist der Morgenduft jener Stunde, in der ich mein erstes Lied gedichtet +habe! Mein erstes Lied! Eine junge frühlinghafte Blutbuche stand darüber +und hüllte mich in ihre goldig roten Schatten. O jene süße, von Dichtung +und Liebe schüchtern berührte Stunde! Ich danke dir, meine Muse! + + * * * * * + + +Die siebente Nacht. + +Frag nicht so viel! Von der Blutbuchenbank im Park von B . . . soll ich dir +erzählen? Und von der toten Elise? Und wieder von Maria, und von den andern +-- lauter Liebesgeschichten? + +Es sind so viele! Frauen, die mich liebten, und andere Frauen, schönere, +wunderbarere, geliebtere, die mich nicht liebten. Ich weiß nicht, welche +mich mehr gequält haben. Jene drei Sterne erster Größe, die so hell und +schwärmerisch am Himmel meiner Jugend und meiner Dichtung stehen: Maria, +Elise, Lilia -- die haben mich nicht geliebt. Von allen dreien aber litt +ich nicht solche Qual wie von der Einen, wilden Eleonor, und diese liebte +mich. Eleonor! Schon der Name! Fürstlich, schön, kühl, übermütig, süß und +feindselig zugleich. Ach, ich werde einmal von ihr singen --: Abend, +Spätsommer, tiefsammetblau, Sterne fallen aus der warmen Höhe. Wir beide in +der Spätrosenlaube, ich und Eleonor, selig elend, eins des andern innersten +Mangel kennend. Eleonor! Vorwissend spielten wir unsre Liebe zu Ende, +tragisch hohen Stils, mit großen Gebärden und in jedem Blick schon +unverhüllt der Anfang vom Ende! Und nahmen Abschied in einer +wetterleuchtenden Spätsommernacht zwischen letzten falben Rosen und rotem +Weinlaub, lachend-leidend, und gossen die herbe Hefe der Leidenschaft aus +zerspringenden Gläsern in die Nacht. + +Ich will nicht mehr davon erzählen. Es ist seit jener Nacht, daß ich vom +Leben weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläfers, wie das Aufstehen +einer kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert +ist, gelebt zu werden. -- Laß mich lieber von jenen andern Frauen reden! +Sie liebten mich nicht, sie hatten für mich nur jenes Mitleid, das in +großen gütigen Frauenaugen so unerträglich schön und grausam aussieht. Und +Eine davon verstand auch die Schönheit meiner Liebe und begriff, daß sie +nicht mit Umarmungen zu stillen wäre. + +Dichterliebe! Du weißt, die Menschen achten sie nicht hoch, so wenig als +den Schmerz oder die Schönheit eines Liedes -- es ist ja nur ein Lied! Daß +einer liebt und vom ersten Tag seiner Liebe an auf den Genuß dieser Liebe +verzichtet und sie, ihm selbst unerreichbar, bekränzt zu Sehnsucht und +Traum in den Kreis der Sterne erhebt -- wie sollten sie es auch verstehen? +Sie wissen ja nicht, was Leben ist. Sie steigen wie kleine Wellen aus dem +Fluß der Zeit, und fallen zurück, und haben nie gewünscht, ihr Dasein mit +irgend einem Faden an die Ewigkeit zu knüpfen. Sie wissen nicht, daß jeder +Dichter sein Leben lang, oft halbbewußt, an den unsinnlich schönen Zügen +einer Beatrice dichtet. Heraufgespült und rasch stromab getrieben vom +trüben Fluß der Tage, schiffbrüchig schwimmend zwischen Geburt und Tod -- +wo sollten wir mit unsern sehnsüchtigen Blicken das in uns gespiegelte Bild +des Ewigen suchen, wenn nicht in den Sternen? Von ihnen wissen wir, daß es +dieselben sind, an denen schon in heimatlos durchirrten Nächten das kluge, +traurige Auge des Dulders Odysseus hing. + +O meine Muse, laß nicht die schönen Augen so mitleidig auf mir ruhen! +Siehst du, wie hinter dieser wachen, blassen Stirn ein unbegriffenes +körperloses Leben in fruchtlos aufzuckenden Flammen verlodert? Siehst du +schon die Nacht, in der ich so wie jetzt vor dir liegen werde, nur blasser, +ruhiger; die Nacht, in der die letzten verzweifelten Flammen hinter dieser +Stirn verglüht sein werden? + +Doch nein! Daran denkst du nicht. Ich verstehe dich nun. Dein Blick verrät +mir: du weißt, daß du meine letzte Liebe bist. Daß du Maria, Elise, Lilia +und Eleonor hießest. Daß du Beatrice bist! Ich wußte es längst und brauchte +es nicht aus der florentinischen Schlankheit deiner Glieder, aus deinen +dantesken Zügen zu lesen. Vor deiner süßen Nähe zitterte mein Knabenherz +unter der Blutbuche, und es waren deine Augen, aus denen ich in jener +schwülen Spätsommernacht so viel Liebe und Elend las. + +Und dein Blick verrät mir: du weißt, daß ich dein eigen bin und daß du mir +den Fuß auf den Nacken setzen darfst. Das ist der Mitleidblick im Auge +jener Frauen, vor denen eine edelgeborene Mannheit auf Knien liegt, jenes +halbe Herneigen, jene Lust einen Sklaven zu haben -- und dahinter die +spöttisch traurige Frage: Ist das Alles? Ist das die Liebe? + +Wende diesen Blick von mir! Ich ertrage ihn nicht, mit seiner verborgenen +Frage, mit seiner traurigen Grausamkeit. O wie könnte ich dir mit Vorwürfen +antworten! Aber ich kenne dich. Du hörst mich an, du lächelst, nickst +sogar, wenn ich dich der Bitterkeit und des Bruches erinnere, die durch +dich in mein Leben gekommen sind. Du hörst mich an, du lächelst, du nickst +sogar und fragst zuletzt: Soll ich fortgehen? + +Du weißt: Er sagt nicht Ja. + + * * * * * + + +Die achte Nacht. + +Auch heute wieder! Dieses leise Sieden des Blutes, dieses Knistern hinter +den Tapeten, diese langen Atemzüge des Windes! Eine Sekunde, eine Minute, +noch eine, wieder eine, und so rinnt ein Tropfen des kurzen, kurzen Lebens +um den andern fremd und unaufhaltsam an mir vorbei. Wieviele Stunden sind +mir so unter den fiebernden Händen zerronnen? Vielleicht tausend, +vielleicht zehntausend! Sie sind hin, sie haben kein Leid noch Glück mehr +zu verschenken, sie sind ungelebt und doch abgezogen von dem mir +Bestimmten. + +Und dann werde ich weiß und schweigend liegen! Und unter geschmacklosen +Förmlichkeiten in einem Holzkasten in die schmale feuchte Grube gelegt +werden! Bekannte werden hinterher gehen, von Tagesgeschichten plaudernd. +Ein Prediger wird vielleicht am Grabe in der entsetzlichen Sprache Jehovas +die Lehre von Zeit und Ewigkeit verkündigen. Am Grabe eines Dichters! + +Ja, lache nur, schöne Muse! Ich weiß, du wirst hinter dem Prediger stehen +und deine süßen ironischen Staunaugen machen. Du bist ja schon an so vielen +Gräbern gestanden. Und wie du aufhorchen wirst, wenn er von meiner +unsterblichen Seele redet! Diese Seele ist ja du, oder ist doch ein Teil, +ein Zug von dir. Sie lebt und ist ewig in einer deiner Geberden, in einer +Art zu lächeln, in einer besonderen Biegung deiner Stimme, in einer Nuance +deines Lockenfalls. Wieviele tote und vergessene Dichter haben an dir +gedichtet, bis du zu mir kamst, bis du so gliederschön, schlank und biegsam +wurdest! Und nun bist du mein! Wenn auch kein Wort noch Reim von mir mich +überdauert, einen Zug von mir wirst du Unsterbliche doch weitertragen. Und +den werden meine Nachfolger, die meinen Namen nicht kennen, ehren und +verstehen. In dem unsterblichen Werke, das einer von ihnen vollenden wird, +wird irgendwo, sei's nur in einem Wort, einem Ton, einem kleinen zarten +Zug, mein Leben verewigt sein. Eine kleine Stelle doch wird dich in den +besonderen Zügen malen, die du mir verdankst. Eine kleine Schönheit doch +wird in dem unsterblichen Werke sein, die ohne mich nicht wäre möglich +gewesen, und der unerlöste Nachklang meines Lebens wird als willkommener +Ton in eine Harmonie der Ewigkeit sich fügen. Ewigkeit! Was ist dann noch +Tod, Grab und Prediger? Unbequeme Zufälle, wie tausend im Leben sind. + +Und so arbeite ich bewußt an meinem Werk, an dem Völker, Erde und Gestirne +unbewußt mitschaffen. Was sind Jahrtausende? Eine Spanne Zeit, Staub im +Vergleich mit einem einzigen Blick des Ewigen. Jene schöne junge Nausikaa, +die vor unendlichen Zeiten am Meere wandelte, ward von einem solchen Blick +getroffen und ist heute so schön, jung und lebendig wie an jenem seit +Jahrtausenden vergangenen Tage. + +Du lächelst wieder? Meine schöne Muse, du bist ein Weib. Ihr Frauen stehet +dem Ewigen so nah, daß ihr unser Händeausstrecken und Hinübersehnen nicht +verstehet. Und was ihr nicht verstehet, darüber lachet ihr. »Wie komisch!« +-- so könnt ihr ausrufen, wenn eines Andern Züge von Leiden entstellt sind, +die ihr nicht kennt. Dir zuliebe werde ich einmal versuchen müssen elegant +zu sterben! + +Ich beneide dich, meine Muse! Ach, für dich ist mein ganzes Leben eine +Episode, eine Herbstgeschichte, eine unruhige, kranke Nacht! Nachher wirst +du wieder lachen und blühen, als wäre nichts gewesen, nichts als ein +nervöser, unangenehmer Augenblick. »Nachher« -- das heißt: wenn ich tot +sein werde. »Ein unangenehmer Augenblick« -- das heißt: mein Leben vom +ersten bis zum letzten Lallen, mit der ganzen Welt von Jauchzen und +Verzweifeln. Es wird ja nicht ins Leere fallen, aber was ist dieser +Schimmer von Ewigkeit? Was sind selbst die größten Toten: der große +Alexander, der große Tizian, der große Napoleon? Einem Hungernden ist ein +Bissen Brot wichtiger als der große Alexander. Und wer hungert nicht? Wer +ist nicht von tausend elenden Bedürfnischen umgeben, deren jedes ihm +wichtiger ist als der große Alexander? Wieviel von meiner Unsterblichkeit +würde ich geben, wenn ich jetzt schlafen könnte, wenn ich das leise, infame +Fiebern der unflüggen Gedanken hinter meiner Stirn und den schmerzenden +Augen zur Ruhe bringen könnte? Ein Viertel, die halbe, die ganze! + +O wie du mich ansiehst! Wie du mich leiden siehst! Und alles um ein Weib, +und alles um dich! Und jeder schwere Herzschlag in meiner Brust, und jedes +schmerzliche Zittern meiner Lider, und jedes bedrückte heisere Atemholen +meines Mundes ist ein Tropfen Leben für dich, ein Meißelführen, ein +Pinselzug an deinem Bilde. + +Ermahne mich nicht! Laß mich nicht denken, wie es wäre, das alles zu leiden +nicht für dich, ohne dich, für Nichts! Lies mir ein Märchen vor! Sag mir, +daß du mich liebst, daß die Ewigkeit an meinem Lager sitzt und mit mir +leidet. + +Wie deine Hand zu streicheln versteht! Ich fühle dabei die ganze Geschichte +dieser Hand, die ganze adlige Kultur ihrer Form und Geste, an der schon die +Maler des frühen Florenz gearbeitet haben, die auf so viel +lorbeerbekränzten, ungenügsamen, scharfgefalteten Künstlerstirnen ruhte. Wo +ist ein Fürst, dessen uradlig geborene Geliebte solche Hände hat? Und auch +in meiner Hand und auf meiner Stirn ruht deine Rechte nicht vergebens, auch +von mir geht der leise Strom eines eigenartigen und feinen Lebens in sie +über. Sie wird, wenn niemand mehr von mir weiß, auf andern Stirnen liegen, +andere Schultern berühren, und in ihrer Berührung wird mit allen tausend +andern auch meine Schönheit, Krankheit und Kunst verewigt und tätig sein. + +Und diese Kultur, dieser unsichtbare, leise, ununterbrochene Strom bewußten +Lebens, in welchem Dante und Donatello nur schöne Windungen sind -- das ist +die Ewigkeit. Das ist die Ewigkeit! Das bist du, meine schöne Muse! + + + + +Tagebuch 1900. + + +Basel, 7. April 1900. + +Abends. Ein dunkler, kühler Tag. Ich lege Tolstois »Auferstehung« aus der +Hand. Ich hatte geschworen, sie nicht zu lesen, aber alle Welt war voll +davon, ich mußte darein beißen, und nun ist es hinter mir. Zwar etwas von +der trostlos traurigen, rohen, schrecklichen Luft dieses Russen drückt mich +noch -- es ist körperlich ungesund, solche Sachen zu lesen. Mit Tolstoi +geht es mir genau wie mit Zola, mit Ibsen, mit Robert, mit Uhde, mit Hebbel +und zwanzig andern Größen -- sehe ich sie, so muß ich den Hut abnehmen, +wohler aber ist mir, wenn ich sie nicht sehe. Tolstoi ist von einer +imponierenden seelischen Größe, er hat einmal die Stimme der Wahrheit +gehört und folgt ihr nun wie ein Hund und wie ein Märtyrer, durch dick und +dünn, durch Schmutz und Blut. Was ihn so häßlich macht, ist eben das +Russische an ihm, dessen Schwere, Düsterkeit, Mangel an Kultur, Mangel an +Freude sogar den zarten Turgenjew ungenießbar macht. Die Heiligen Martin +und Franziskus haben dieselbe Lehre wie Tolstoi gepredigt, aber bei ihnen +ist Person und Lehre ebenso hell, elastisch und erfreuend wie bei Tolstoi +dunkel, spröde und niederdrückend. Vielleicht, ich will nicht leugnen, +kommt von dorther die Erneuerung der Welt; aber ehe aus diesen herben, +frischen, rohen Keimen Kunst werden kann, müssen sie noch hundert Jahre und +länger reifen. + +Mir träumte einmal, ich wäre mitten in einer großen, sonderbar schweigsamen +Gesellschaft. Ein starker Mann in einem zu weiten Frack trat mich plötzlich +ernst, streng und herrisch an und fragte mit rauher Stimme: Glaubst du an +Christus? Während ich mich besann, was ich antworten sollte, sah ich sein +glühendes Auge und seine groben, herausfordernden Züge so unangenehm nahe, +daß das Gefühl der Beleidigung sich mir aufdrängte; ich mußte ein eisiges, +verächtliches Nein sagen, lediglich um diesen aufdringlichen Blick und die +ganze unerwünschte Gegenwart des groben Fragers abzuweisen. + +In dieser Weise fragt Tolstoi. Seine Stimme hat nicht nur die zitternde +Glut des Fanatikers, sondern auch den peinlich rohen Gurgelton des +östlichen Barbaren. + +Ich habe Sehnsucht danach, mich am nächsten warmen Tage in den hellen +Frühlingswald zu legen und dort ein paar Seiten Goethe zu lesen. + +Basel, 11. April 1900. + +Glaubst du an Christus? + +Es war gestern, auf Riehenhof, in der kleinen Halle gegen Abend; ich war +zwei Tage bei Doktor Nagels zu Gast. Die freundliche Wirtin saß mit mir in +herzlichem Gespräch in der zarten Abendglut, es war eine ungerufene +glückliche Stunde; unsre Fragen rührten an alles Wichtige, Ernste, +Beglückende, an den Tod, an die Sterne, an das Wunder. Auf die letzten +Fragen gab kein Wort mehr Antwort, ein freundschaftlich vertrauendes +Schweigen, ein Kopfnicken, ein Blick in die Röte des Himmels, ein stummes +Deuten auf die sammetblauen Vogesen und den klaren, dunkelgrünen +Schwarzwald --, und vor dem Schlafengehen lasen wir den dritten der Hymnen +des Novalis. + +Auf dem Kanapee im großen Gesellschaftszimmer auf Riehenhof stand ein fast +vollendetes Bild von Fritz Burger: die Bachwiese mit reichem Obstblust. Bei +solchen entstehenden oder eben entstandenen Kunstwerken empfinde ich immer +Schmerz, Erhebung und Neid zugleich, denn ich stehe ja, mitten in Tag und +Kram, ferner als je von meinem Werk, nach dem ich doch täglich lüsterner +und sehnsüchtiger werde. + +Basel, 15. April 1900. + +Diese warmen, grünen Abende auf Riehenhof! Seit Monaten hatte sich mir +keine Zeile gereimt, und jetzt -- es quillt so weich und ohne Ende, Verse, +Verse! Es ist ganz wie es in schönen Anthologien steht: Frühling, junges +Grün und Amselgesang, und dem Dichter verhängt ein selig goldener Nebel die +Welt. Ich liege im Rasen, ich wandere durch die Wiesen, ich lehne im +Halbdunkel abends im Zimmer, ich gehe zum Wein, und meine Lippen sind heiß +und rot von lauter Reimen. Kein Inhalt, kein Gedanke, nur Musik von +schlanken, lachenden Worten, nur Takt, nur Reim. Ich weiß dabei wohl, daß +diese Verse, wenn noch so gut, noch nicht einmal Lyrik sind, und weiß, daß +ich schon bald an heute und gestern als an etwas Unbegreifliches, Schönes, +Vergangenes denken werde, mit Schmerz und Ironie. Auch ist mir, ein Dichter +hätte das, was ich eben denke, schon mit sehr schönen Versen zu Tode +gesungen, und wenn ich mich besinne, so ist es der unangenehme Freund Heine +und sind es die Zeilen: + + Sag nicht, daß du mich liebst, + Ich weiß, das Schönste auf Erden, + Der Frühling und die Liebe, + Es muß zu schanden werden. + +Der Frühling und die Liebe. Liebe? Ich weiß nicht. Es ist nur ein Name, und +bei mir ist die Liebe eben dieser weich zerfließende Lyrismus, der mich als +besondere Form des Sentimentalen jeweils befällt und eben so süß als +schwächend ist. Oder soll ich dabei an Elisabeth denken? Ist das denn +Liebe, daß ich manchmal Lust habe ihr mehr zu sagen, als man sonst Mädchen +sagt? Daß es mich zuweilen traurig macht, wenn ich mir vorstelle, ich mache +ihr Geständnisse und führe mit Schande von dannen? Müßte ich nicht den +unsichern Grund meines ganzen jetzigen Lebens antasten, einen steinernen +Grund legen und von da aus mit der roten Fahne der Leidenschaft, mit +Stürmen und Opfern nach ihr jagen? Wenn ich mich jener ernstlichen, +brennenden Leidenschaft erinnere, mit der ich noch als halber Knabe der +ersten Frauenliebe verfiel, an jene Entzückungen, an jene durchweinten +Nächte, an jene im Fieber entworfenen, von plötzlichen Selbstmordgedanken +gekreuzten, dennoch selig frechen Lebenspläne, an jene Wut, den Namen Elise +viele hundert Mal im Bette zu flüstern, im Garten zu singen, im Walde laut +zu schreien -- wenn ich an das alles denke, so muß ich traurig lachen und +kann dieses zarte Hinüberneigen nicht Liebe nennen. Eine Stimmung, ein in +Dämmerung angeschlagener Moll-Akkord, ein scheuer Anfang eines unsicher +elegischen Gedichtes -- und schließlich eben dennoch seit Jahren die +einzige, wenn noch so leise Erregung, bei der mir der Name Liebe einfiel. +Der lodernde Rausch von damals, durch viel Philosophie, viel Ästhetik, viel +Kunst und viel Ironie jahrelang ins Blassere, Flüchtigere nuanciert, ists +doch vielleicht. Aber ich träume doch zuweilen von jener alten Liebe so rot +und feuerfarben, habe Sehnsucht nach einer Leidenschaft, die gellend und +bacchantisch sich aus Übermut und Ungenügen zum Verhängnis wöbe. Ist dieser +Traum und diese Sehnsucht alles, was ich vermag, ist es der Nachklang der +alten Liebe oder Ahnung einer kommenden, noch möglichen? Und steigt dieser +Traum rein aus dem unbewußten Leben, aus Instinkt und verlorener +Erinnerung, oder hat er seine Farben von Böcklin und seinen großen, +dämonischen Takt von Chopin und Wagner? + +Ich glaube, daß kein anderer Mensch über die Gründe seines inneren Lebens +und über die wahren Ursachen seines Begehrens und Ungenügens so durchaus im +Dunkeln ist und immer tiefere Finsternis findet, wie eben der, der seine +flüchtigsten Regungen beobachtet und dem Entstehen jeder Reizung nachspürt. +Als ob dadurch sich das verscheuchte Unbewußte nur enger konzentrierte und +sich, ängstlich geworden, vollends jedem vorsichtigsten Blick entzöge. + +Axenstein, 3. Mai 1900. + +Hier darf man nicht schreiben. Mir ists wie eine Ahnung von Gesundwerden. + +Basel, 13. Mai 1900. + +Der See wirkt noch leise nach. Seine Schönheit ist unerschöpflich und ist +jetzt, da alle Berge noch tiefen Schnee haben, noch frischer und reiner. So +oft ich ihn schon besuchte, er ist immer wieder neu, voll Trost und +Reichtum. Jedesmal, wenn ich in Luzern an den Quai trete, beginnt seine +Wirkung und ist jedesmal verstärkt oder verändert. Ich meine nicht die +schönen Matten, nicht den Pilatus, die Wälder oder den Rigi, den +langweiligsten aller Berge, -- was mein Auge so begeistert, ist einzig die +Schönheit dieses klaren Wassers, das vom Blauschwarz übers Grün und Grau +bis zum silbernsten Silber jeder Farbe und Nuance fähig ist. Bald hat das +Wasser ein metallen schweres Grau, bald bei schwachem Wellenschlag ein +kühles Hellgrün, bald ist »Öl auf dem See«, wie die Maler verzweifelnd +sagen. Dies ist das Schönste, diese Flecken von verschiedenster Farbe, oft +mit scharfem Kontur begrenzt, oft in den verfeinertsten Übergängen +aufgelöst, darauf tiefblau die Wolkenschatten und silbern oder bleiern, je +nach der Sonne, die Schneespiegel. Aus großer Höhe verliert der See fast +allen Reiz, am schönsten ist er vom Boot aus oder, wenn viel Sonne ist, von +Morschach oder Seelisberg. + +Ich sah neulich dort ein kühles, helles Blaugrün, ganz wie am Himmel das +Spätblau nach dem Abendrot, aber nicht goldig, sondern silbern getönt, -- +diese unbeschreibliche Farbe und ihr Übergang zum völligen Mattsilber +gewährte mir eine ganz überschwängliche Lust, ein Gefühl der Befreiung vom +Gesetz der Schwere, ein Gefühl der Auflösung, als läge meine Seele kühl und +ohne von mir zu wissen auf dem schweigenden Seebusen ausgebreitet, ganz +Äther, ganz Farbe, ganz Schönheit. Nur äußerst selten hat mich ein Eindruck +künstlerischer, poetischer oder philosophischer Art in diese Höhe und Ruhe +versetzt. Das war nicht mehr die Freude am schönen Bild, die freundliche +Selbsttäuschung, welche man sich vor guten Kunstwerken gestattet -- im +Anblick dieser Farbe genoß ich für Augenblicke den Triumph der reinen +Schönheit über alle Regungen des bewußten und unbewußten Lebens. Hatte ich +nicht doch zuweilen an meinem Stern gezweifelt und war geneigt, einigen +landläufigen Angriffen gegen die Ȋsthetische Weltanschauung« Recht zu +geben? Ich weiß nun, daß meine Religion kein Aberglaube ist, daß es sich +lohnt, alle körperlichen und geistigen Dinge nur in ihren Beziehungen zur +Schönheit zu betrachten und daß diese Religion Erhebungen schenken kann, +die an Reinheit und Seligkeit denen der Märtyrer und Heiligen nicht +nachstehen. Daß sie zugleich nicht mindere Opfer verlangt und nicht +geringere Qualen und Zweifel und Kämpfe bringt, wußte ich längst. Der +Schönheit gegenüber ist in uns dieselbe Erbsünde, dasselbe Fallen und +Wiederaufstehen, dasselbe mit Beseligungen abwechselnde Elendgefühl, wie im +Leben des Christen. Überhaupt sind diese wahrhaftig Frommen für uns +Ästheten die einzigen würdigen Feinde, denn sie allein kennen ebenso tief +wie wir die Abgründe des täglichen Lebens, das Leiden unter der Gemeinheit, +das auf Knien Liegen vor dem Ideal, die Ehrfurcht vor der Wahrheit und die +schonungslose Konsequenz des Glaubens. Seit dem Untergang der von uns immer +nur höchstens annähernd verstandenen Antike sind immer nur diese beiden +Wege über das Gemeine hinausgegangen, denn nach meinem Gefühl ließen sich +die Wege der Ästheten und der Christen durchaus auch in der Geschichte der +Philosophie verfolgen. Jedenfalls führt auch der Weg des Denkers, sobald er +irgend eine Stellung zum Ewigen bewahrt, durch dieselben Opfer und Leiden, +durch schmerzhaftes Berühren einer immer offenen Wunde, durch Weltentsagung +in irgend einem Sinn, durch niedergezwungenen Ekel und durch die +Finsternisse des Zweifels am Ideal. Ist es der Philosoph, der +Schönheitsucher oder der Christ, zu dessen Ideal die immer gleiche »Welt« +im peinlicheren Kontraste steht? Alle drei jedenfalls leiden und alle drei +verschmähen die Kompromisse, also das »von Fall zu Fall«, und den Humor. +Oder gibt es wirklich einen Humor, vom gemeinen Witz abgesehen, dessen +letzter Grund nicht eine Schwachheit, ein Schwindeln und Zurücktreten vor +der schmerzlichen Konsequenz des Idealisten ist? Spürt man die Grenze nicht +in jedem witzigen Gespräch, wenn ein Mitredender noch so geistreich beginnt +an Dinge zu rühren, deren Wesen Würde ist und deren Mithereinziehen in den +Kreis des Witzes auch dem Gröbsten zuweilen ans Gewissen greift? Wie kann +man Mitspieler in einem Lustspiel sein wollen, da man doch weiß, daß der +Witz der Komödie auf der Erbärmlichkeit der Personen beruht? Jedoch liegt +für den toleranten Idealisten ein höchster komischer Reiz eben im +Untersinken eines Helden zum Gemeinen. Es gehört zu den Opfern, die wir dem +Ideal schuldig sind, auch diesen überaus verführerischen Reiz zu töten. Die +schwärmerischen Verliebten, die nach erfolgter Aufklärung über die geringe +Mitgift so komisch Halt machen, die Helden, die auf dem Weg zu etwas Edlem +im Augenblick des körperlichen Ermattens ihr Ideal für eine Mahlzeit +verkaufen, diese und alle ähnlichen Lustspielfiguren haben unter ihren +applaudierenden Zuschauern immer eine Menge von Brüdern, für welche der +heftigste Reiz des Spiels im halberwachenden Gewissen liegt. Manche von +diesen hätten vielleicht für Augenblicke Lust zur Entrüstung, da aber der +Mut fehlt und da sie schon hundertmal an derselben Klippe gestrandet sind, +applaudieren sie dem Helden und ahmen ihn nach, indem sie ihr Ideal für das +Vergnügen zu lachen verkaufen. Ich kenne wenige, denen es gelingt, und mir +selbst gelingt es selten, auch ein solches Spiel, falls dieses es verdient, +rein als Kunstäußerung und ohne Bezug zur stofflichen Komik zu genießen. +Die wenigen Lustspiele solcher Art, welche ich besuche, machen mich +meistens nur ärgerlich oder traurig, je nach der künstlerischen Qualität. + +Basel, 19. Mai 1900. + +Elisabeth. Ich traf sie im Garten. Sie trug eine neue Sommertoilette, sehr +einfach, matt hellblau. Sie saß auf der Schaukel und wiegte sich wie ein +schöner Vogel, der weiß, wie schön er ist. Und dann kam Frau Doktor, und es +wurde dunkel, man trank Tee und Eiswasser, Sterne kamen herauf. Ich +begleitete sie nach Hause und fühlte, daß ich heute abend langweilig war. +Ich erzählte sogar von einem Roman, den ich schreiben wolle und den ich ihr +zu dedizieren versprach. + +Jetzt scheinen mir die Sterne ins Zimmer. Etwas von der ehemaligen süßen +Trauer klingt in mir an, eine Melodie von Chopin, aus der G-Moll-Ballade, +fällt mir ein. + +Basel, 23. Mai 1900. + +Ironie! Wir sprachen den ganzen Abend davon. Natürlich schreib ich wieder +nachts, ein Uhr. Ironie? Wir haben wenig davon. Und doch, sonderbar, lüstet +mich oft nach ihr. Meine ganze schwerblütige Art aufzulösen und als +schmucke Seifenblase ins Blaue zu blasen. Alles zur Oberfläche machen, +alles Ungesagte mit raffinierter Bewußtheit sich selber als entdecktes +Mysterium servieren! Ich weiß wohl, das ist Romantik. Das ist Fichte in +Schlegel, Schlegel in Tieck und Tieck ins Moderne übersetzt. Warum nicht? +Tieck ist unerreicht, auch von Heine unerreicht, und müßte eigentlich mit +seiner unplastischen, musikalischen Grazie mein Liebling sein. + +Basel, 30. Mai 1900. + +Schopenhauer. Ich habe oft das Gefühl, er mime und habe nicht recht, ohne +daß ich doch etwas besseres wüßte. Oder doch, ich weiß etwas besseres, aber +es ist zu schwer und unversucht zum Sagen. + +Basel, 6. Juni 1900. + +Meine Märchennovelle ist fertig. Man lobt sie, zuweilen mit Verständnis. +Mir genügt sie wieder nicht, so sehr die Lust beim Schreiben wuchs. Den +Cäsarius hab ich zu Ende. In den Kapiteln de tentationibus (?) speziell de +tentatione dormiendi (?) einige kleine reizende Stoffe. Meine Sammlung +Romantica um zwei gute Stücke vermehrt, die »Minnelieder« von 1803 und der +erste Sternbald, erstere überaus köstlich. Hoffmann tritt mir als +romantischer Erzähler immer mehr an die erste Stelle, Tieck versagt doch +öfters, auch in den Märchen, Novalis ist nicht fertig geworden und Brentano +ist doch zu bewußt formlos. Übrigens ist der Godwi ein geniales Buch, +oberflächlicher, aber unendlich reizender als der Lovell. Den Ofterdingen +abgerechnet, der nicht mehr Literatur ist, schätze ich doch eigentlich die +»Brambilla« am höchsten. Technisch betrachtet ist das meiste Seitherige +minderwertig, auch Keller hat nur wenige Mal einen Stoff so von innen +erleuchtet und so ganz zu Kunst gemacht. Wieviel Romantik übrigens in +Kellers Technik noch steckt, ist auffallend. + +Vitznau, 4. September 1900. + +In den Uffizien von Florenz könnte ich nicht so fleißig, selig und +eifersüchtig der Schönheit nachgehen wie auf diesem herrlichen Stück +Wasser. + +September. Vormittagsnebel; selten ein Regentag. Heiße Mittagsstunden, +kühle Nächte bei zunehmendem Mond. Noch nirgends sieht man ein welkes +Blatt, das Laub ist spätsommergrün und bekommt schon überall den +Metallglanz des Septembers; Äpfel, Pfirsiche und Feigen fallen von den +überladenen Bäumen. Die Abende sind ohne Ausnahme hell, farbig und +leuchtend. + +Vitznau, 5. September 1900. + +O wenn ich jetzt die naive Genußsucht meiner früheren Jahre wieder hätte, +wenn noch mein Herz wie früher des berauschten schwelgerischen Schlagens +fähig wäre! + +Aber trotzdem -- ich feiere täglich einen Kranz von Festen. Der See +entschleiert sich allmählich meinem fleißigen Auge und hält mich nun +fortwährend in einem Kreis von Lockungen, Reizen und Überraschungen +gefangen. Zuweilen hält er an sich, läßt mich warten und wirft mich dann +unversehens händevoll mit Kostbarkeiten, daß mir die Augen flimmern. Die +wesentlichen Farbenwechsel der einzelnen Buchten, Himmelsrichtungen und +Tageszeiten habe ich wohl erfaßt, aber was ist dieses Gerippe gegen das +überströmend freudige Leben, das sich ohne Ziel und Norm von Augenblick zu +Augenblick in unglaublicher Üppigkeit verblutet und erneuert! + +Ich verbringe alle Stunden des Tages damit, dem See seine Farbenspiele und +Geheimnisse abzuspähen. Nachdem ich in den ersten Tagen die Uferwege +unzähligemal hin und her gestrichen, bringe ich nun ziemlich meine ganze +Zeit auf dem Wasser selbst zu. Zuweilen versuche ich es noch mit dem Blick +von oben her, ohne große Entdeckungen. Von der Höhe der Hammetschwand ist +das Wasser für mein Auge eben noch zu genießen, darüber hinaus schwindet +Glanz und Farbe von Meter zu Meter, und von Rigikulm aus ist der See stumpf +und beinahe grau anzusehen. In geringerer Höhe gewährt er noch einige feine +Reize, namentlich durch Wald hindurch betrachtet, wobei Buchen-, Kastanien- +und Eichenlaub zuweilen köstliche Nuancen gewähren. + +Doch wozu diese ärmeren und entlegeneren Blicke suchen und Zeit und Sonne +daran vergeuden? Statt dessen kreuze ich den ganzen Tag im Boot auf der +Fläche und in den Buchten umher. Ein leichtes Kielboot, für die Ruhepausen +eine Zigarre und ein Band Plato, sowie Rute und Angelzeug, das ist meine +Ausrüstung. + +Ob der Tag noch kommen wird, an dem ich in Worten diese Flut von bunten +Seligkeiten und farbig erregten Momenten werde zu Ende dichten können? +Diese Lockungen, Lüsternheiten, Begierden, diese plötzlichen +Befriedigungen, Ekstasen und Blendungen? Heute kann ich nur stammeln und +prosaisch notieren. Vielleicht wird es dabei bleiben, vielleicht ist es +überhaupt der Sprache nicht möglich, dem individuell forschenden und +genießenden Auge auch nur bis über die ersten gröberen Nuancen weg zu +folgen. Auch die Maler müssen ja schon bei den scheinbar simpelsten +Mischungen sich dem Instinkt überlassen und problematische eigene Wege +gehen. -- Kann man sich einen sprachlichen Pointillisten denken? Und doch +-- was ist Blaugrün? Was ist Perlblau? Wie läßt sich das leise Überwiegen +etwa des Gelb, des Kobaltblau, des Violett aussprechen? -- und doch liegt +in diesem leisen Überwiegen das ganze süße Geheimnis einer Stimmung, einer +beglückenden Kombination beschlossen. + +Vitznau, 6. September 1900. + +Das ist mein Fluch und Glück, daß ich keine Schönheit grob und froh +genießen kann, daß ich sie auflösen, durchdringen, in Einheiten zerlegen +und über die Möglichkeit ihres Wiederaufbauens auf künstlerischem Wege +nachdenken muß. Nur zuweilen kommt das alte schwere Wesen, das ich so +konsequent von mir abstreifte, für Augenblicke anklingend wieder über mich +-- die alte unschuldig stumpfe Hingebung und rechenschaftslose Schwelgerei. +Diese Augenblicke müssen immer seltener werden, ich darf um ihre kurze +trübe Lust nicht mein Ideal verkaufen, denn ein völliges Zurückkehren in +die harmlose Dämmerung ist mir doch nie mehr erlaubt. Wenn irgendwo, so +liegt für mich Lust und Sinn des Lebens im Fortschreiten, im immer +bewußteren Klarlegen und Durchdringen der Wesenheit und Gesetze des +Schönen. + +Eine Stunde jenes Zurückdämmerns hatte ich heute. Nach Mittag, in der +herrlichen Sonnenglut, mitten auf dem breiten See, Weggis gegenüber. Ich +lag über die Rudersitze hingestreckt und blickte über die Seefläche. Eine +Flut von Rotblau und Gold schwoll vor meinem Blick breit und rastlos hin. +Alle meine Sinne schliefen und träumten; ein warmes schwärmerisches +Wohlsein hielt mich gebannt. Mein Auge vermochte keinen Kontur, keinen +Strahl, keine Lichtgrenze zu unterscheiden, mein Blick verlor allen Willen +und taumelte wie ein Freigelassener durch ein Meer von unverstandener +Schönheit, von Rot, Blau und Gold, ungleich und ziellos wie der Flatterflug +eines Falters. + +Vitznau, 7. September 1900. + +Der äußerste Vorsprung der »oberen Nase«, vom Lande unzugänglich, ist mit +einer kleinen Pflanzung junger, ich schätze etwa fünfzehnjähriger Eichen +bestanden. Das helle, in der Farbe herbe Laub gibt im Wasser einen +wunderbaren Effekt. Der ganze Wasserfleck erscheint schon von ferne +ausgezeichnet durch eine aparte, gelbliche Helligkeit, und überraschend +köstlich ist es, aus dem tiefgrünen, vormittäglichen See in diese +scharfbegrenzte, hellere Fläche zu fahren. Ich sah heute dort, leider ohne +Sonne, den Spiegelkontur einer weißen Wolke diese eichengrüne Grenze +zweimal schneiden. Das Weiß blieb unverändert und zeigte nur an der +Seeseite schärfere Konturen. Während ich die schönen Linien verfolgte, ging +ein Dampfer vorüber, in dessen Kielwasser plötzlich das Silber eines +flüchtigen Sonnenblickes aufblitzte. Einige Sekunden lang blieb der ebene +Wasserstreif im Silber, die jenseitigen Schiffswellen glänzten matt +goldbraun, die diesseitigen blieben hellgrün mit weißen Lichtern. Einige +Sekunden -- und in diesen Sekunden verstand und genoß ich mit freiem Auge +diese plötzliche, raffinierte Kombination wie das Lächeln einer Göttin, wie +den aufleuchtenden, reimgeschmückten, prägnanten Vers eines Gedichtes. + +Vitznau, 8. September 1900. + +Ein unsicherer, windiger Tag, mit flüchtigen Sonnenblitzen. Ich fuhr Buochs +gegenüber am Bürgenstock hin. Jenseits glomm der See gegen das Ufer hin +unzähligemal in einer seltsamen, feinen, kühlen Farbenflucht auf, ganz wie +blanker Stahl im Verkühlen: rotblau, rotbraun, gelb, weiß. Von halber Höhe +des Bürgenstocks drang Geläute von Kuhglocken herab. Die schönen, welligen +Matten standen lichtgrün in den blassen Himmel und zeigten jenen +unsäglichen, traurig-kühlen herbstlichen Ton, den man nie entstehen sieht +und der jedes Jahr wieder in irgend einer Stunde plötzlich da ist und uns +erinnert, wie uns der Name eines lieben Toten erinnert -- an den großen +Wechsel, an die Unsicherheit des Grundes, auf dem wir bauen, an den Tod, an +die unzähligen mühsamen Wege, die wir unnützerweise gegangen sind. + +Ich ruderte aus, um die Tönungen der Wellen im Buochser See zu betrachten, +um mein Gedächtnis mit dem Bild einiger Farbenvermischungen, einiger +Lichtbrechungen, einiger Silbertöne zu bereichern. Ich ruderte aus, kühl, +fröhlich und elastisch, einen Reim im Ohr, einen Vers auf den Lippen, um +die Schönheit auf einigen mir noch fremden Wegen, in einigen neuen Spielen +zu belauschen -- und endete damit, diese Herbstmatten zu finden, die ersten +dieses Jahrs, diese unabweislichen, zarten, traurigen Boten. + +Ich wendete mich um und ließ das Auge lang auf dem bewegten, frischen +Wasser ruhen, ich beobachtete in der Luft gegen Brunnen und an der Wand des +Oberbauen einen einzelnen Sonnenstrahl; aber mein Gedanke verfolgte ihn +nicht mit seinem rastlosen, elastischen Eindringen. Nur mein Auge sah die +blaßgoldenen Reflexe zittern und verleuchten, mein Gedanke nahm nicht teil, +er verweilte hinter mir, über dem steilen Walde, auf jenen bleichgrünen +Matten. -- Herbst! + +Und ich besann mich, ob ich auf dem rechten Wege sei, ob mein rastloser +Lauf mich meinem Sterne nähere oder entführe, ob er mich jemals in geistige +Höhen führen könne, in welchen dieser Herbst und diese Traurigkeit mich +nicht mehr würden berühren können. + +Hier gab es in meinem Nachsinnen einen Moment, in welchem ich, hätte ich es +in meiner Macht gehabt, den ganzen Schleier des äußeren Lebens von mir +gelegt und alle Fäden der Lust, der Liebe, der Trauer, des Heimwehs und der +Erinnerung abgeschnitten hätte. Ein Höhepunkt, ein kurzes, ruhiges +Atemholen auf hohen Gipfeln: hinter mir alle Beziehungen des Menschlichen, +vor mir die leichte, kühle Weite der Schönheit des Absoluten, des +Unpersönlichen. Ein Augenblick -- ein Atemzug! + +Die Glockenlaute schwankten herab, ich schloß die Augen und sank und sank +von der Höhe. Eine schwere, körperhafte Trauer bekam Gewalt über mich. Ich +wollte entrinnen, mein Gedanke bäumte sich noch einmal wie ein mißhandeltes +Roß, aber ich unterlag. Und jene schwere, müde Traurigkeit überwältigte +mich, beugte mich tiefer und tiefer, löschte alle Sterne aus, quälte mich +und feierte alle schmachvollen Triumphe eines grausamen Siegers. + +Klar und nahe, wie durch eine plötzlich zerrissene Hülle, lag der helle +Garten meiner frühesten Erinnerungen vor meinem Auge. Und meine Eltern. Und +meine Knabenzeit, meine ersten Liebeszeiten, meine Jugendfreundschaften. In +dieser bedrückten Stunde redeten sie alle eine so traurig-fremde, schöne +Sprache, so heimwehmachend und so ernsthaft fragend wie die Züge von Toten, +denen wir Tränen nicht getrocknet und Wohltaten nicht erwidert haben. Ich +wies sie von mir, und sie gingen, eine tote Gegenwart hinterlassend. + +Zugleich mit dem lastenden, schwächenden Herbstgefühl stieg eine peinigende +Abschiedsstimmung in mir auf. Ich sah hinter den wenigen noch freien, +einsamen Ruhetagen die Stadt und das wiederbeginnende aufreibende Leben auf +mich warten, die vielen Menschen, die vielen Bücher, die unzähligen +Nötigungen zu Lüge, Selbstbetrug und Zeitverderb. Und plötzlich brannte +meine ganze Jugend in schmerzlicher Lebenslust in mir auf, ich warf mich in +die Ruder, kreuzte auf der großen Bucht umher, kehrte um den Vorsprung des +Bürgenstocks zurück, bis an die Matt, bis nach Weggis. Die notwendige +Ermüdung sättigte mich nicht, gierig und verzweifelnd erfüllte mich ein +klaffendes Ungenügen, eine Lust, alle Freiheit und Kraft meines Lebens in +eine einzige Stunde gedrängt jäh und lachend zu vergeuden. Der See war mir +zu schaal, die Berge zu grau, der Himmel zu niedrig. In Weggis nahm ich ein +Bad und schwamm in den See hinein, drängte mich mit beiden Armen in das +Wasser, tief atmend. Müde geworden legte ich mich auf den Rücken, ganz +langsam schwimmend, und hing mit wartenden Augen am Himmel, unbefriedigt, +überdrüssig. Ich hätte mein Leben für das Gefühl der Fülle und des Genusses +gegeben, nach dem ich dürstete. + +Und dann schwamm ich zurück und bestieg das Boot wieder mit der ganzen +dumpfen Trauer des Herbstes, des Abschieds und der inneren Ungewißheit. + +Seither bin ich ruhiger geworden. Mein Prinzip hat gesiegt, ich genieße nun +diese Trauer und Hoffnungslosigkeit, wie ich mich gewöhnt habe, auch +schlechtes Wetter zu genießen. Sie hat ihre eigene Süßigkeit. Ich unterrede +mich mit ihr und spiele auf ihr, wie ein Sänger auf einer schwarzen in Moll +gestimmten Harfe spielt. Was will ich im Grunde anders von jedem Tag als +eine Stimmung, eine ihm eigentümliche Farbe, und, wenn es glückt, ein Lied? + +Vitznau, 9. September 1900. + +Als ich heute mit der Angelrute am Ufer saß, der nachklingenden gestrigen +Traurigkeit ergeben, trat mir plötzlich der Name Elisabeth auf die Lippen. +Es gelang mir, ihre Gestalt scharf und rein in mir heraufzubeschwören, so +daß sie mich aus meinem Traum wie aus einem tiefen Spiegel anblickte. +Zugleich empfand ich eine mächtige Sehnsucht nach der Lektüre der vita +nuova, so daß ich beinahe diesem herrischen Gelüste zulieb schon heute nach +Basel zurückgekehrt wäre. + +Bölsche könnte an mir einen eklatanten Fall von Distanzliebe konstatieren. +Prüfe ich mich genau, so muß ich sagen, daß die Anziehungskraft, die +Elisabeth auf mich übt, vom ersten Augenblicke an auf einer einzigen +frappanten Profillinie beruhte, namentlich auf dem raffiniert eleganten +Kontur des Halses und des Kinns im Profil. Aber -- was ist an meinem Fall +am Ende besonderes, da erwiesenermaßen schon eine Frisur, ja schon ein +Kleid, ein Gürtel, ein Band diese Wirkung üben kann. + +Ich besitze die Schönheit meiner Liebe in dieser Linie, wie man ein +Meisterbild nach reichlicher Anschauung besitzt, so daß es nur an dem +jeweiligen Versagen der Vorstellungskraft liegt, wenn ich noch nach ihrer +körperlichen Gegenwart verlange. Und doch -- ich tue Unrecht, meine Liebe, +das arme Schoßkind, so formal zu deuten. Wie oft habe ich doch gewünscht, +ihre feine Hand zärtlich zu berühren, sie zum Plaudern zu bringen, lang in +ihre Augen zu sehen! In diese Gedanken und Begierden spielen schon alle +unfaßbaren Reflexe der jenseitigen Schönheit herein. Sobald meine Skepsis +einen Augenblick schläft, höre ich doch in meiner Liebe die Engel singen +und Paradieserinnerungen an die Pforte meiner Seele pochen. Und sie selbst, +meine Seele, leidet lächelnd unter allen Rohheiten und Vergewaltigungen des +herrschsüchtigen Gedankens. Sie schläft unter dunklen Schleiern, schläft +und träumt vielleicht von den innersten Geheimnissen jener Welt, an deren +Toren mein bewußtes Leben in seinen höchsten Momenten noch beklommen stehen +bleibt. + +Und diese meine Seele erzählt mir in wohllaut-fremder Sprache von einer +seligen Heimat, deren wir beide, Elisabeth und ich, verlaufene Kinder und +verirrte Bürger sind. Wie ein fremdartig süßer Duft, wie Takte einer +niegehörten, dennoch traumbekannten Melodie -- wie Antwort auf nie +gefragte, dennoch wohlgefühlte Fragen. + +O diese Seele, dieses schöne, dunkle, heimatliche, gefährliche Meer! +Während ich ihre schillernde Oberfläche unermüdlich prüfe, liebkose, +befrage und bestürme, spült sie zuweilen immer wieder wie zum Hohn ein +fremdfarbiges Rätsel aus bodenloser Tiefe vor mir aus, Muscheln, die von +unermeßlichen, fremden Räumen reden, wie ein Stück uralten Schmuckes +vereinzelte, unsichere Ahnungen einer versunkenen Vorzeit beschwört. + +Dort liegt vielleicht auch meine Kunst, dort schläft vielleicht mein Lied, +das heiße, stolze Lied mit den stürmenden, bacchischen Takten, während ich +auf unfruchtbaren Feldern Kraft und Jugend vergeude. O, fände ich jene +Stimmungen wieder, die in vergangenen Jahren mir jede Frühlingsnacht so +reich und üppig gab, jenen schwärmerisch maßlosen Herzschlag, jenes satte +Verlorensein an die Phantasie und an das erregte Klingen des eigenen +Blutes! + +Vitznau, 10. September 1900. + +Ich kannte heute kaum die Menschen mehr, die seit acht Tagen neben mir zu +Tische sitzen. Als wären seit gestern zehn Jahre vergangen. Meine Bücher, +mein Zimmer, mein Angelzeug, meine Kleider, meine eigene Hand -- alles +fremd, alles mir nicht zugehörig, alles mich mit seiner unerwarteten +Gegenwart bedrückend. + +O diese Nacht! Zehn Stunden ohne Schlaf, jede Minute ein Kampf meiner +unterdrückten Seele mit dem grausamen, gewaltherrischen Gedanken, ein Kampf +mit Zähneknirschen und Schluchzen, ein Ringen ohne Waffen, Brust an Brust, +mit allen Listen und Grausamkeiten der Verzweiflung. Alle Dämme und +Grenzen, die ich meinem inneren Leben gezogen hatte, alle mühsam +vorbereiteten Saaten, alle gelegten Grundsteine sind in diesen Stunden +zertreten und vernichtet worden. Mir ist es noch wie ein Traum. + +Nach einem schweren, traurigmüden Abend -- es war ein Sonnenuntergang, wie +ich nie einen gesehen -- legte ich mich früh zu Bette. Vor meinem Fenster +dampfte der See und schlug mit feinen, regelmäßigen Wellen an die Mauern. +Ich sah vom Bett aus die Hammetschwand in den bleichen Himmel stechen. Da +begann ich zu fühlen, daß die Stunde eines lang verschobenen Kampfes +unerbittlich gekommen war, daß alles Unterdrückte, an Ketten Gelegte, +Halbgebändigte in mir erbittert und drohend an den Fesseln zerrte. Alle +wichtigen Augenblicke meines Lebens, in denen ich meiner Bestimmung einen +neuen, engeren Kreis gezogen, in denen ich dem Gefühl des Ewigen, dem +naiven Instinkt, dem eingeborenen, unbewußten Leben ein Feld entzogen +hatte, traten in voller, feindseliger Schar vor mein Gedächtnis. Vor ihrem +Andrängen begannen alle Throne und Säulen zu zittern. Und nun wußte ich +plötzlich, daß nichts mehr zu retten wäre; freigelassen taumelte die ganze +untere Welt in mir hervor, zerbrach und verhöhnte die weißen Tempel und +kühlen Lieblingsbilder. Und dennoch fühlte ich diese verzweifelten Empörer +und Bilderstürmer mir verwandt, sie trugen Züge meiner liebsten +Erinnerungen und Kindertage. + +Zugleich mit diesem Wiedererkennen drang ein scharfer Schmerz todesbitter +durch mein innerstes Wesen, der mich in verzerrten, zwiespältigen Gefühlen +marterte und aufrieb, lang, stundenlang, bis ich wurde wie ein gequältes, +ratloses, verängstetes Kind. Ein Schluchzen überfiel mich, ein Schluchzen +ohne Tränen, unsäglich bitter, zuckend und verzweifelnd. + +Genug, genug! Die Nacht ist um; ich weiß, daß eine so entsetzliche nicht +wiederkommen kann. Ich spüre keinen Schmerz mehr, nur eine träge +Erschlaffung und ein Gefühl, ein müdes, rätselhaftes, unsicher +schmerzendes, als wäre mir im Innern etwas gesprungen, ein Nerv zerrissen, +ein Keim geknickt. Und ich glaube -- . . . . Nein, nein! + +Und dennoch: ich glaube nicht, ich fühle, ich weiß mit unabänderlicher +Gewißheit -- das ist meine Jugend, das ist meine Hoffnung, das ist mein +Bestes und Heiligstes, dessen abgeknickte Ranke ich wie etwas Fremdes, +Störendes in mir spüre. Herbst. + +Es leidet mich nicht länger hier. Morgen will ich in die Stadt zurück. +Dieser melancholisch stille See mit den bleichen Herbstmatten, diese kühlen +Berge und dieser kühle Himmel ängstigen mich. Der mitgebrachte Plato liegt +auf dem Tisch. Elende Scharteke! Was ist mir Plato? Ich muß Menschen sehen, +Wagen fahren hören, neue Bücher und Zeitungen aufschneiden und den +frischen, unreifen Duft des schnellen Lebens atmen, auch sehne ich mich +danach, Nächte in kleinen Weinschenken zu verbringen, mit gemeinen Mädchen +gemeine Gespräche zu führen, Billard zu spielen und tausend Nichtigkeiten +zu treiben, die ich mir selber als tausend Gründe dieses Jammergefühls +aufzählen kann, das ich ohne Gründe und ohne Betäubung nicht länger +ertrage. Es muß noch Genüsse geben, die mir unbekannt geblieben sind, es +muß noch Reize geben, auf die meine Nerven heftig reagieren, noch rare +Bücher, die mir Freude machen können, noch irgend eine neue, raffinierte +Musik. + +Ich werde es nicht vergessen, mein Leben lang nicht. O diese Nacht! Ich +werde in jeder schlaflosen Nacht an der Erinnerung dieser Qualen leiden, +sie werden aus jedem Genuß, aus jeder Reizung wie verborgene böse Geister +hervorblicken, alle Grenzen von Wohl und Weh verwischend und alle +Empfindungen auflösend in jenes stachelnde, giftig süße, schmerzlich +ermüdende Gefühl, das mich nie so wie in dieser Nacht gepeinigt hat. Das +Presto jener unheimlichen B-Moll-Sonate von Chopin hat etwas davon -- es +ist einem dabei, als würden feine, feine bloßliegende Nerven streichelnd +berührt. Prickelndes Wehgefühl, leiser süßer Schmerz -- aber ein Takt zu +viel und man fällt in alle Foltern einer verzweifelten, raffinierten +Traurigkeit, die bis zum heftigen körperlichen Schmerz zu steigen vermag. + +Elisabeth -- . . . . . + +Ziehen wir das Fazit! Mir bleibt bei leidlich jungen Jahren der noch +respektabel konservierte Rest einer ehemals recht ansehnlichen Phantasie, +eine gewisse, wenn schon etwas abgenützte Fähigkeit zum Genießen und +Arrangieren schillernder Stimmungen, sowie ein kleiner Fonds von »Seele«, +der bei vorsichtigem Gebrauch eventuell noch eine und die andere Liebe +leichteren Genres zu inszenieren und zu überdauern vermag. Rechnen wir dazu +eine durch lange Gewohnheit erworbene Fertigkeit im Tragisch-Idealischen +und in der souverän duldenden Pose, so muß ich mir selbst zu so schönen +dichterischen Fähigkeiten gratulieren und habe keinen Grund, um meine +Zukunft als Autor besorgt zu sein. Ich werde Niels Lyhne nicht ohne +persönliche Note imitieren und die sublimsten Wiener in Ekstasen +übertreffen. Das heißt auf deutsch: Pfui Teufel! Aber wozu habe ich +Neudeutsch und Wienerisch gelernt? + +Basel, 16. September 1900. + +Schon wieder genug und übersatt! Ich hatte mich auf meine Bücher gestürzt, +die Pausen der vita nuova-Lektüre mit E. T. A. Hoffmann und Heine gefüllt, +in müden Stunden zwischen den preziösen George und den lyrischen +Hofmannsthal ein Kapitel Jakob Böhme eingeflochten. Übrigens Respekt vor +meinem Antiquar! Er hat mir den unvergleichlichen 1730er Böhme verschafft, +ed. Ueberfeld, mit angefügten Kupfern. Wenn nur der »Gottselige +Hocherleuchtete Teutonicus Philosophus« mit seiner ganzen Theosophia +revelata etwas amüsanter wäre! Es sind Kapitel von besonderem Reiz +vorhanden, aber man muß sparsam lesen, um der Sprache die fremde Tonart zu +lassen. Den Spruch von der Galle, den ich heute bei ihm gelesen, will ich +mir doch notieren: »Siehe, ein Mensch hat in sich eine Galle, das ist Gift, +und kann ohne die Galle nicht leben, denn die Galle macht die siderischen +Geister beweglich, freudenreich, triumphierend oder lachend, denn sie ist +ein Quell der Freuden. So sie sich aber in einem Element entzündet, so +verderbt sie den ganzen Menschen, denn der Zorn in den siderischen Geistern +kommt von der Galle.« Und dann: »Eben einen solchen Quell hat auch die +Freude, und auch aus derselben Substanz wie der Zorn. Das ist, wenn sich +die Galle in der liebhabenden oder süßen Qualität entzündet, in dem, was +dem Menschen lieb ist, so zittert der ganze Leib vor Freuden, in welchem +manchmal die siderischen Geister auch angesteckt werden, wenn sich die +Galle zu sehr erhebt und in der süßen Qualität entzündet.« + +Vor wenig mehr als zwanzig Jahren machte ich als kleiner, blonder Knabe den +ersten Leseversuch. Mein Vater fand mich über ein Buch gebückt und nannte +mir einige Lettern. Dann aber schloß er das Buch und erzählte mir nach +seiner klugen, liebreichen Art von der großen Welt der Buchstaben und +Bücher, die sich mir mit dem A-B-C erschließen würde und zu deren Kenntnis +das längste Leben des fleißigsten Lesers nicht zum tausendsten Teil genüge. +Er selber war damals schon über Büchern fast grau geworden und trug die +Werte unzähliger Bände hinter seiner hohen, scharfen, allzu oft +schmerzenden Stirn gespeichert. Zwanzig Jahre! Ich habe seither ein +tüchtiges Stück dieser Buchstabenwelt umgeackert und manchen fast +verschollenen Schmöker hervorgekramt und umgeblättert. Und jetzt -- die +wenigen überragenden Worte, die noch Gewalt über mich haben, würden keine +zehn Bände füllen. Es gibt noch eine Zahl von seltenen alten Schriften, +nach denen ich Verlangen habe und deren jede mich, wenn sie in meine Hände +fällt, neugierig zu machen und zu erregen vermag -- und dann ist es wie mit +dem gefangenen Schmetterling: die Lust ist gebüßt, das seltene Exemplar hat +einen Augenblick den erfreuenden Glanz gehabt, und übrig bleibt -- ein +Büchertitel und eine Lücke im Register der noch zu erhoffenden +Befriedigungen. + +Basel, ohne Datum. + +Ich wartete gestern abends am Kasino, um das Publikum aus dem Konzertsaal +kommen zu sehen. Es war kalt und regnete. Dann quoll die Menschenmasse +heraus. Und auf der Treppe von den Balkonsitzen tauchte plötzlich zwischen +bekannten Gesichtern das Gesicht Elisabeths hervor. Sie stieg langsam herab +und verschwand mit ihren Begleitern in der Menge. Diese Minute, in welcher +die ganze schöne Gestalt auf der beleuchteten Treppe warm und fröhlich +heraustrat, gab mir eine eigentümliche Stimmung. Ganz wie in schönen +antiquierten Romanen war ich der traurige Liebhaber, der vor erleuchtetem +Festsaal in der Regennacht steht und seine Dame geschmückt und scherzend +mit begünstigten Begleitern vorüberschreiten sieht. Sein Hut ist tief in +die schmerzende Stirn gedrückt, sein grauer Mantel flattert im Wind. Sein +Auge blickt Verachtung, aber auf den schmerzlich verzogenen Lippen liegt +Liebesweh und zehrende Trauer. Er wendet sich ab, lüftet den Hut, streicht +mit der heißen Hand über die heiße Stirn und das regennasse Haar und +verschwindet in den Nebeln der unwirtlichen Regennacht. + +Und zwar zu Frau Buser in die Fischerstube. Diese brachte mir in +zahlreichen Bechern die »süße Qualität« herbei, nachdem die Reaktion der +Galle auf die »liebhabende Qualität« den guten Böhme Lügen gestraft hatte. +Ich hatte dort ein langes Gespräch mit Hesse, der mich natürlich wieder +nörgelte und zwickte, bis ich grob wurde. Dann war er zufrieden, ich auch, +und am Ende führte mich der Gute durch alle Fährlichkeiten wankender +Häuserreihen und walzertanzender Gaslaternen meinen Penaten zu. + +Basel, ohne Datum. + +Wenn sich mein Jugendfreund Elenderle nicht in jener ärgerlichen Nacht im +Tübinger »Walfisch« erschossen hätte, würde ich ihn zur Aufnahme in unsern +famosen Klub vorschlagen. Wir haben nämlich zu dreien einen »Klub der +Entgleisten« gegründet. Drei Mitglieder ist wenig, aber die Stadt Basel +vermag in dieser Branche nicht mehr. + +Basel, ohne Datum. + +Hesse will mir einen Artikel über Tieck abjagen, den er doch besser kennen +müßte als ich. Dabei fiel mir plötzlich die fabelhafte Ähnlichkeit auf, die +zwischen jenem Märchendichter und mir besteht. Bei uns beiden dieselben +sensibeln Nerven, derselbe Mangel an Plastik, derselbe Zug zum +Flüchtigsten, Oberflächlichsten, zum Schillernden, Flackernden und +Unfesten, dieselbe launenhaft bewegte Phantasie, dieselbe Verwandtschaft +mit der Musik, dieselbe Tendenz zur Auflösung der Prinzipien, zur +künstlerischen Ironie. + +Basel, ohne Datum. + +Ah! ce n'est point gai tous les jours, la bohème! + +Basel, ohne Datum. + +Das Weintrinken wird auch nicht lange vorhalten. Ich sitze zuweilen in der +Wolfsschlucht, trinke Hallauer und blättere in Böhmes »Weg zu Christo«, +wobei mir zuweilen die eigentliche Ruchlosigkeit dieser Lektüre für +Augenblicke einen leisen Reiz gewährt. »Ich will dich aber gewarnet haben,« +sagt der Theosophus, »ist dirs nicht ein Ernst, so laß die teuern Namen +Gottes, daß sie dir nicht den Zorn Gottes in deiner Seele entzünden.« Und +später: »Bist du nicht in ernstem Vorsatze, auf dem Wege zur neuen +Wiedergeburt, so laß die obgeschriebenen Worte im Gebete ungenannt, oder +sie werden dir in dir zum Gerichte Gottes werden.« + +Der fromme Weise hat recht. Seine Worte machen mich unheiligen Leser +traurig und »wirken Verzweiflung«, denn jedes von ihnen besitzt jene Kraft +und ewige Jugend der Begeisterung und des Glaubens, deren Anblick mich mit +Neid und Heimweh erfüllt. + +Basel, ohne Datum. + +Ich will verreisen. Mir träumte diese Nacht von meiner Jugend, als wohne +sie irgendwo verzaubert in einem fernen Lande zwischen grünen Bergen. Auch +war mir, als spielte eine schöne, wohlbekannte Frau auf dem +Veilchenstraußflügel die Nocturne in Es-Dur von Chopin, jenes Lied, das nur +Heimweh- und Flügelkranke ganz verstehen, mit seinen zarten, durch ein +geheimes Leiden vergeistigten Takten. Ich holte meine vergessene und +verstaubte Geige hervor und rief die zärtlich scheue Melodie mit leisem +Striche wach, und aus dem alten, braunen Instrument sang meine verlorene +Jugend in heimlichen Untertönen mit. + + + + +Letzte Gedichte. +(Sommer und Herbst 1900.) + + +Meiner Liebe. + +I. + + An meine Schulter lehne + Dein schweres Haupt und schweige + Und koste jeder Träne + Wehsüße, lasse Neige. + + Es werden Tage kommen, + Da du nach diesen Tränen + Verdürstend und beklommen + Dich wirst vergebens sehnen. + +II. + + Leg mir aufs Haar + Die Hand; schwer ist mein Haupt. + Was meine Jugend war, + Hast du geraubt. + + Unwiederbringlich ist dahin + Der Jugend Glanz, der Freude Born, + Der mir so unerschöpflich golden schien, + Und überblieben Weh und Zorn + Und Nächte, Nächte ohne End, + In denen wild und fieberheiß + Der alten Liebeslüste Kreis + Mein waches Träumen wund durchrennt. + + Nur noch in Stunden seltner Rast + Tritt manchmal meine Jugend her + Zu mir, ein scheuer blasser Gast, + Und stöhnt, und macht das Herz mir schwer . . . + + Leg mir aufs Haar + Die Hand. Schwer ist mein Haupt. + Was meine Jugend war, + Hast du geraubt. + + +Dennoch. + + Dennoch von meiner Jugend Stunden + Genoß ich jede. Soll ich klagen, + Daß die gehegte Blust nur Wunden + Und Bitternis und Weh getragen? + + Wenn sie noch einmal wiederkäme + Und trüge alle holden Züge + Von ehmals -- fänd ich mein Genüge, + Wenn sie ein andres Ende nähme. + + +Philosophie. + + Vom Unbewußten zum Bewußten, + Von da zurück durch viele Pfade + Zu dem, was unbewußt wir wußten, + Von dort verstoßen ohne Gnade + Zum Zweifel, zur Philosophie, + Erreichen wir die ersten Grade + Der Ironie. + + Sodann durch emsige Betrachtung, + Durch scharfe Spiegel mannigfalt + Nimmt uns zu frierender Umnachtung + In grausam eiserne Gewalt + Die kühle Kluft der Weltverachtung. + Die aber lenkt uns klug zurück + Durch der Erkenntnis schmalen Spalt + Zum bittersüßen Greisenglück + Der Selbstverachtung. + + +Marienlied. + + Ohne Schmuck und Perlenglanz + Laß mich auf die Stufen legen, + Stumm erflehend deinen Segen, + Meiner Jugend welken Kranz. + + Kämpfe, Fahrten, Wunden viel, + Ungenossene herbe Siege + Ruhmlos durchgekämpfter Kriege + Finden müde nun ihr Ziel. + + Lüste bunt und freudefarb + Senken müdgewordene Hände, + Ihr Gelächter ist zu Ende, + Ihre rote Flamme starb. + + Sterbend, blaß und fieberwund + Wollen sie, der Welt vergessen, + Müd auf harte Stufen pressen + Den verblühten Liebesmund. + + +Das ist mein Leid. + + Das ist mein Leid, daß ich in allzuvielen + Bemalten Masken allzu gut zu spielen + Und mich und andre allzu gut + Zu täuschen lernte. Keine leise Regung + Zuckt in mir auf und keines Lieds Bewegung, + In der nicht Spiel und Absicht ruht. + + Das muß ich meinen Jammer nennen: + Mich selber so ins Innerste zu kennen, + Vorwissend jedes Pulses Schlag, + Daß keines Traumes unbewußte Mahnung + Und keiner Lust und keines Leides Ahnung + Mir mehr die Seele rühren mag. + + +Spielmann. + + Frühlinge und Sommer steigen + Grün herauf und singen Lieder, + Schmücken bunt die Welt, und neigen + Müde sich zur Erde wieder. + + Träumend aus dem Kranz der Tage + Grüßen flüchtig helle Stunden + Mir herauf wie schöne Sage, + Lächeln, leuchten, sind verschwunden. + + Schauernd in der Tage Wende, + Mag auch Gold und Liebe winken, + Lassen traurig meine Hände + Die geschmückte Leier sinken. + + +Italienische Nacht. + + Ich liebe solche bunt beglänzte Nächte + Im Flackerlicht der Lampen, und ich flechte + Gern meiner Lieder fiebernd Rot darein. + Sieh, Liebste, wie sich dort die Jugend drängt + Im späten Tanz, und wie für uns allein + Der Sichelmond im Rauch der Fackeln hängt. + + In solchen Nächten lauscht mein zitternd Herz + Mit Qual und Lust heimat- und jugendwärts, + Und schlägt im Takt verliebter Melodien. + Mein Auge aber schaut den fremden Mond + Im Silberkahn auf sichern Wegen ziehen + Und ist wie er der Einsamkeit gewohnt. + + Sieh, meine Jugend war ein farbig Spiel, + Ein Tanz im Fieber, wild und ohne Ziel + Und schwand verknisternd wie ein Meteor. + Dann kreuzt' ich unstät durch die Welt und fand + Dem Haupt kein Lager, meinem Lied kein Ohr, + Und nur im Traum ein blasses Heimwehland. + + Schau dort! Die heiße Menge wogt im Tanz + Und glüht vor Lust und wirft den Loderkranz + Der kurzen Freude jauchzend in die Lüfte. + Ists doch, als spielte meine Jugend dort + Im süßen Rausch fremdländisch heißer Düfte + Das alte Spiel in neuen Tänzen fort. + + Das alte Spiel! Nur daß ich jetzt abseits + Zuschauend lehne und den süßen Reiz + Des Taumeltranks auf kühler Lippe wäge, + Und daß mein Geist gleichgültig Umschau hält + Und meines Herzens heimwehrasche Schläge + Lächelnd wie Takte eines Liedes zählt. + + +Der schwarze Ritter. + + Ich reite stumm aus dem Turnier, + Ich trage aller Siege Namen, + Ich neige mich vor dem Balkon der Damen + Tief. Aber keine winkt nach mir. + + Ich singe zu der Harfe Ton, + Aus der die tiefen Laute steigen. + Alle Harfner lauschen und schweigen, + Aber die holden Frauen sind entflohn. + + In meines Wappens schwarzem Feld + Sind hundert Kränze aufgehangen, + Die gold von hundert Siegen prangen. + Aber der Kranz der Liebe fehlt. + + An meinem Sarge werden sich bücken + Ritter und Sänger und werden ihn + Mit Lorbeer bedecken und bleichem Jasmin. + Aber keine Rose wird ihn schmücken. + + +Marienlied. + + Deinem Blick darf meiner nicht begegnen, + Meine Seele, die so viel gelitten, + Darf gebeugt nicht mehr die deine bitten: + Wolle die verlorene Schwester segnen! + + Leise nur im allertiefsten Innern + Will sie der gewesenen Schwesterzeiten, + Der in Schmach verspielten Seligkeiten + Schweigend und mit Schmerzen sich erinnern. + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Hermann Lauscher, by Hermann Hesse + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41818 *** diff --git a/41818-8.txt b/41818-8.txt deleted file mode 100644 index b6cf875..0000000 --- a/41818-8.txt +++ /dev/null @@ -1,4705 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Hermann Lauscher, by Hermann Hesse - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Hermann Lauscher - -Author: Hermann Hesse - -Release Date: January 11, 2013 [EBook #41818] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN LAUSCHER *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - - - -Hermann Lauscher -von -Hermann Hesse - - -Zweites Tausend. - -Verlag der Rheinlande -Düsseldorf -1908. - - -Druck von August Bagel, Düsseldorf. - - - - -Inhalt: - - - Vorrede zu dieser Ausgabe 1 - Vorwort der ersten Ausgabe 7 - Meine Kindheit 11 - Die Novembernacht 43 - Lulu 61 - Schlaflose Nächte 115 - Tagebuch 1900 145 - Letzte Gedichte 179 - - - - -Vorrede zu dieser Ausgabe. - - -Auf den Wunsch einiger Freunde, namentlich aber auf die Aufforderung -Wilhelm Schäfers hin, soll der verstorbene Hermann Lauscher wieder -ausgegraben und noch einmal unter die Leute geschickt werden. Da bin ich -denn eine Erklärung und Rechenschaft schuldig, zumindest eine -bibliographische. - -»Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher« war der Titel -einer kleinen Schrift, die ich Ende 1900 in Basel erscheinen ließ und in -der ich pseudonym über meine damals zu einer Krise gediehenen -Jünglingsträume abrechnete. Ich dachte damals, mit dem von mir erfundenen -und totgesagten Lauscher meine eigenen Träume, soweit sie mir abgetan -schienen, einzusargen und zu begraben. Das Büchlein erschien, in kleinster -Auflage, beinahe mit Ausschluß der Öffentlichkeit, und ist kaum über meinen -Freundeskreis hinaus bekannt geworden. Wenige andere griffen, da sie meine -späteren Bücher kannten, nachträglich zu dem Schriftchen und sahen darin -eine Art von literarischem Kuriosum. - -Der Gedanke eines Neudrucks ist mir nie gekommen, bis in der letzten Zeit -Freunde ihn lebhaft aussprachen und schließlich Wilhelm Schäfers Vorschlag -kam. Da ich keinen Grund sehe, ein Stück meines Jugendlebens wegzuleugnen, -und da ich stilistisch den Lauscher noch heute zu verantworten bereit bin, -gab ich nach. - -Nun war die Frage, in welcher Form die Jugendsünde wieder aufleben sollte. -Ich dachte an eine Überarbeitung, sah aber sofort, daß die Gedanken und -Stimmungen eines Zwanzigjährigen nicht nach zehn Jahren von ihm selber neu -redigiert werden können, da ihr einziger, relativer Wert im Ausdruck, im -Rhythmus, in der Geberde liegt. Und Einzelnes zu streichen oder zu -beschönigen, schien mir wieder unerlaubt. - -Der Text blieb also, auch wo er mir heute fremd, ja zuwider ist, wörtlich -derselbe. Dagegen schien mir eine Rundung des fragmentarischen und allzu -umfanglosen Büchleins wünschenswert. Etwas Neues hinzuzufügen hätte keinen -Sinn gehabt und dem Ganzen geschadet. Doch besaß ich noch zwei kleine -Dichtungen (»Lulu« und »Schlaflose Nächte«) aus jener Zeit. Die erste ist -bisher nur in einer schweizerischen Zeitschrift, die zweite überhaupt nicht -veröffentlicht worden. Beide stehen zum »Lauscher« in engster Beziehung und -sind in der selben Zeit wie er entstanden. Diese beiden Stücke fügte ich -ein. - -Und nun liegt das Ganze da und schaut mich nicht eben glücklich an: -Dokumente einer schönen und innigen, doch nicht leichten Jugendzeit. Was -ich damals wollte, habe ich nicht erreicht; was ich seither erreichte, kam -beinahe ungewollt und wiegt mir nicht schwer. Dagegen finde ich jetzt -betroffen und erstaunt in diesen frühen Dichterversuchen Töne klingen und -Wege angedeutet, die mich heute wieder frisch und ernsthaft anmuten und von -denen ich nicht weiß, wie sie mir jahrelang fremd werden und beinahe -verloren gehen konnten. Da ist Vieles, was meine seitherigen Wege mir -selbst zweifelhaft macht und mich zu bitteren Erkenntnissen nötigt. - -Aber bittere Erkenntnisse sind besser als keine, und wer einmal den -gefährlichen Pfad der Selbstbeobachtung und der Bekenntnisse betreten hat, -der muß billig die Folgen tragen, auch wenn es unerwartete und peinliche -sind. - -Daß nun Manche kommen werden, die mir Sünden von damals vorhalten, als -wären es heutige, und daß Andere finden werden, ich hätte besser getan, -Neues zu arbeiten statt Jugendversuche wieder auszugraben, das ficht mich -nicht an. Diese wissen und fühlen nicht, wie peinlich mir diese -Neuherausgabe wurde, und begreifen auch nicht, daß ich sie eben darum doch -ausführte und damit mein Gewissen erleichtert habe. Im übrigen soll der -Lauscher, der jetzige wie der alte, eben nichts als ein Bekenntnisbuch für -mich und meine Freunde sein. - -_Hermann Hesse._ - -Dezember 1907. - - - - -Vorwort der ersten Ausgabe. -(Ende 1900). - - -Der Name Hermann Lauscher tritt mit der vorliegenden Publikation zum ersten -Mal in die Öffentlichkeit. Lauschers Dichtungen, unter fremdem Namen im -Druck erschienen, sind einem bestimmten engeren Leserkreise wohlbekannt. - -Leider hat der verstorbene Dichter mir verboten, sein Geheimnis -preiszugeben und seine früher gedruckten Schriften ihm zu vindizieren. Es -war ein Abend in der Weinstube des »Storchen«; Lauscher war von seiner -gewöhnlichen traurig bitteren Stimmung befallen, vielleicht warf auch sein -bald darauf erfolgter Tod den Schatten einer ängstigenden Ahnung voraus. Er -bat mich förmlich zu schwören, seine Anonymität aufs treueste wahren zu -helfen. Vor mir, als dem einzigen Literaten seiner Freundschaft, schien er -in diesem Punkte besonders ängstlich zu sein. Ich schwor lachend ewiges -Stillschweigen, das Gespräch wendete sich zu literarischen Fragen, wobei -Lauscher alle Quellen seiner fast feindseligen Ironie springen ließ. Dann -versank er in Schweigen, trank hastig mehrere Becher Wein und nahm -plötzlich kurzen Abschied. Ich sah ihn seither nicht wieder -- zehn Tage -darauf starb er plötzlich auf einer Reise. - -Lauschers literarischer Nachlaß enthielt fast nichts als die hier -mitgeteilten Stücke. Nächst dem rein persönlichen Wert, den diese für seine -Freunde haben, dürften sie als Dokumente der eigentümlichen Seele eines -modernen Ästheten und Sonderlings das Interesse aufmerksamer Leser -verdienen, namentlich durch die herbe, selbstquälerische Wahrheitsliebe des -»Tagebuchs«. Sie entbehren fast ganz die fleißig geschliffene, preziöse -Form, welche Lauschers Dichtungen eigen ist, und dürften so, ganz im Sinn -ihres Verfassers, auch gewandten literarischen Spürern keinerlei Schlüsse -auf dessen anderwärts existierende Autorschaft zulassen. - -Durch weitere Notizen über den Dahingegangenen oder durch eine vielleicht -zuweilen erwünscht scheinende abrundende Redaktion den persönlich -lebendigen Duft der nachstehenden Blätter zu beeinträchtigen, schien mir -unerlaubt. - -Mögest du mir verzeihen, mein armer, toter Freund, wenn diese -Veröffentlichung deiner letzten, einsamen Gedanken und Leiden nicht deinem -stumm gebliebenen, letzten Wunsche entspricht! - - - - -Meine Kindheit. -(Geschrieben 1896.) - - -Zu allen Zeiten meines späteren Lebens ist meine Kindheit oft in vielfachen -Bildern zu mir getreten, lockig, fremd und unerlöst wie ein blasses -Märchenkind. Am meisten suchte mich diese Erinnerung in schlaflosen Nächten -heim, mit einem Blumenduft oder einer Liedweise beginnend, bis zu Trauer, -Ungemach und Todesbitterkeit, oder zu einer zärtlichen Sehnsucht nach -Streichelhänden und einer milden Neigung zu Gebet und Tränen. - -Wenn jetzt noch die Kindheit zuweilen an mein Herz rührt, so ist es als ein -goldgerahmtes, tieftöniges Bild, an welchem vornehmlich eine Fülle laubiger -Kastanien und Erlen, ein unbeschreiblich köstliches Vormittagssonnenlicht -und ein Hintergrund herrlicher Berge mir deutlich wird. Alle Stunden meines -Lebens, in welchen ein kurzes, weltvergessenes Ruhen mir vergönnt war, alle -einsamen Wanderungen, die ich über schöne Gebirge gemacht habe, alle -Augenblicke, in welchen ein unvermutetes kleines Glück oder eine -begierdelose Liebe mir das Gestern und Morgen entrückte, weiß ich nicht -köstlicher zu benennen, als wenn ich sie mit diesem grünen Bilde meines -frühesten Lebens vergleiche. So ist es mir auch mit allem, was ich als -Erholung und höchsten Genuß mein Leben lang liebte und wünschte, alles -Schreiten durch fremde Dörfer, alles Sternezählen, alles Liegen im grünen -Schatten, alles Reden mit Bäumen, Wolken und Kindern. - - * * * * * - -Der früheste Tag meines Lebens, an den ich mich mit einiger Deutlichkeit -erinnern kann, mag etwa in den letzten Teil meines dritten Jahres fallen. -Meine Eltern hatten mich auf einen Berg mitgenommen, der durch eine -weitläufige Ruine von beträchtlicher Höhe täglich viele Städter anlockte. -Ein junger Onkel hob mich über die Brüstung einer hohen Mauer und ließ mich -in die ansehnliche Tiefe hinuntersehen. Davon ergriff mich die Angst des -Schwindels, ich war aufgeregt und zitterte am ganzen Leibe, bis ich zu -Hause wieder in meinem Bette lag. Von da an trat in schweren Angstträumen, -denen ich damals oft zur Beute fiel, häufig diese Tiefe herzbeklemmend vor -meine Seele, daß ich im Traum stöhnte und weinend erwachte. Was für ein -reiches und geheimnisvolles Leben muß vor jenem Tage liegen, von dem mir -keine einzige Stunde bewußt ist! So sehr ich mich plagte, vermochte mein -Gedächtnis niemals weiter als bis zu jenem Tage vorzudringen. Wenn ich mich -aber streng auf meine früheste Zeit und ihre Stimmungen besinne, habe ich -den Eindruck, es müsse nächst dem Sinn für Wohlwollen kein Gefühl so früh -und stark in mir wach gewesen sein, wie das der Schamhaftigkeit. Ich fand -bei Kindern von fünf und mehr Jahren manchmal Äußerungen der Schamfreiheit, -von denen ich weiß, daß ich ihrer in meinem dritten oder vierten Jahre -unfähig gewesen wäre. - -Eine genauere Erinnerung an Erlebnisse und an fortdauernde Zustände kann -ich nicht weiter als bis in mein fünftes Jahr zurück verfolgen. Hier finde -ich zuerst ein Bild meiner Umgebung, meiner Eltern und unseres Hauses, -sowie der Stadt und der Landschaft, in welcher ich aufwuchs. In dieser Zeit -hat sich die freie, sonnige Straße mit nur einer Häuserreihe vor der Stadt -mir eingeprägt, in der wir wohnten, ferner die auffallenderen Gebäude der -Stadt, das Rathaus, das Münster und die Rheinbrücken, und am meisten ein -weites Wiesenland, hinter unserem Hause beginnend und für meine -Kinderschritte ohne Grenzen. Alle tiefen Gemütserlebnisse, alle Menschen, -selbst die Porträts meiner Eltern, scheinen mir nicht so früh deutlich -geworden, wie diese Wiese mit unzähligen Einzelheiten. Meine Erinnerung an -sie scheint mir älter zu sein als diejenige an Menschengesichter und -erlittene eigene Schicksale. Mit meiner Schamhaftigkeit, welche schon früh -von einem Widerwillen gegen eigenmächtige Berührung meines Leibes durch -fremde Hände des Arztes oder der Dienstboten begleitet war, hängt -vielleicht meine frühzeitige Lust am Alleinsein im Freien zusammen. Die -vielen stundenlangen Spaziergänge jener Zeit hatten immer die -unbetretensten grünen Wildnisse jener großen Wiese zum Ziel. Diese Zeiten -der Einsamkeit im Grase sind es auch, die beim Erinnern mich besonders -stark mit dem wehen Glücksgefühl erfüllen, das unsere Gänge auf -Kindheitswegen meist begleitet. Auch jetzt steigt mir der Grasduft jener -Ebene in feinen Wolken zu Haupt, mit der sonderbaren Überzeugung, daß keine -andere Zeit und keine andere Wiese solche wunderbaren Zittergräser und -Schmetterlinge hervorbringen kann, so satte Wasserpflanzen, so goldene -Butterblumen und so reichfarbene köstliche Lichtnelken, Schlüsselblumen, -Glockenblumen und Skabiosen. Ich fand nie wieder so herrlich schlanken -Wegerich, so gelbbrennenden Mauerpfeffer, so verlockend schillernde -Eidechsen und Schmetterlinge, und mein Verstand beharrt nur müde und mit -geringem Eifer auf der Erkenntnis, daß nicht die Blumen und Eidechsen sich -seither so zum Üblen verwandelt haben, sondern nur mein Gemüt und mein -Auge. - -Beim Darandenken ist mir zu Mut, als wäre alles Kostbare, was ich später -mit Augen sah und mit Händen besaß, und selber meine Kunst, gering gegen -die Herrlichkeiten jener Wiese. Da waren helle Morgen, an denen ich ins -Gras gestreckt, den Kopf auf den Händen, über das von Sonne flimmernde, -gekräuselte Meer der Gräser hinwegschaute, in welchem rote Inseln von Mohn, -blaue von Glockenblumen und lilafarbene von Schaumkraut lagen. Darüber -flatterten und reizten mich die blitzgelben Zitronenfalter, die zarten -Bläulinge, die in einem kostbaren, gleichsam antiquarisch seltenen Schimmer -aufleuchtenden Schiller- und Distelfalter, die schweren Flügel der -Trauermäntel, das Edelwild der Segler und Schwalbenschwänze, der -schwarzrote Admiral, der seltene, mit Ehrfurcht genannte Apollo. Dieser, -den ich aus Beschreibungen meiner Kameraden schon kannte, flog mich eines -Tages an, setzte sich in meiner Nähe an die Erde und regte langsam die -wunderbaren, alabasternen Flügel, daß ich ihre feine Zeichnung und Rundung -sehen konnte, und die blanken Diamantlinien, und auf den Flügelpaaren beide -hellblutrote Augen. Weniges aus dieser fernen Zeit hat sich so stark und -frisch in meinem Gedächtnis erhalten, wie die atemlose, herzklopfende -Wonne, welche mich bei diesem Anblick durchdrang. Aber nach der -unberechenbaren und grausamen Art der Kinder beschlich ich bald das edle -Tier und warf meinen Hut nach ihm. Er schaute um sich, stieg mit elegantem -Schwunge auf und war allsogleich in der flirrend goldigen Sonnenluft -verschwunden. Irgend eine Art von wissenschaftlichem Interesse war in -meinen Jagden und Sammlungen niemals. Die Raupen und die Namen der -Schmetterlinge, dortlands Sommervöglein, »Summervögli« genannt, waren mir -nicht wichtig, und für viele erfand ich eigene Namen. Eine Art von -rötlichen Fliegen nannte ich »Zitterlinge«, eine Gattung brauner -»Schnabler«, und für den gesamten Pöbel der Weißlinge, Waldteufel und -anderer wenig schöner und rarer Schmetterlinge hatte ich den verächtlichen -Sammelnamen Tolpatsch. Für die gesammelte tote Beute hatte ich wenig -Sorgfalt und habe es nie zu einer sauberen Sammlung gebracht. - -Von musikalischen Eindrücken vermag ich in diesen Wiesensommern nichts zu -finden, es sei denn meine außerordentliche Empfindlichkeit und Furcht vor -den Pfiffen der fern vorüberfahrenden Eisenbahn. - -Dennoch muß schon damals die Musik mir nahe getreten sein, denn auch die -frühesten, undeutlichsten Dämmerbilder des Münsters, welche in mir sich -unscharf spiegelten, scheinen mir unzertrennlich vom Schall der Orgel. - -Dieses Münster und die Stadt überhaupt lernte ich später und langsamer -kennen als die grüne Natur. Denn während ich mich in dieser halbe Tage lang -nach Lust allein umtreiben konnte, war mir von den Eltern nicht erlaubt, -allein in die Stadt zu gehen, wovon mich auch die Furcht vor dem -ungewohnten Gedräng der Menschen und Wagen abschreckte. - -Obwohl die grünen Monate meiner Wiesenzeit mir wie ein schöner, gleichmäßig -heller, ununterbrochener Traum im Bewußtsein liegen, steigen doch einzelne -Tage von besonderem Glanz mit weichen Umrissen daraus auf. Ich gäbe Schätze -dafür, von solchen Tagen mich mehrerer erinnern zu können. So oft ich in -Gedanken den Weg meines Lebens zurückgehe, so oft überfällt mich eine milde -Trauer um die tausend vergessenen Tage. Es lebt niemand mehr, mir von mir -selber zu erzählen, und der größere Teil meiner Kinderjahre liegt -unerschlossen in unbegreiflicher, goldener Glückseligkeit wie ein Wunder -vor meiner Sehnsucht. Es gehört zu den Unvollkommenheiten und Entbehrungen -des menschlichen Lebens, daß unsere Kindheit uns fremd werden muß und in -Vergessenheit fällt wie ein Schatz, der spielenden Händen entgleitet und -über den Rand eines tiefen Brunnens fällt. Bis in die Knabenzeit kann ich -den Faden meines Lebens zurückfinden, weiter zurück aber ragen zerstreut in -Duft und Dämmerung nur wenige klare Tage, ihn daran zu knüpfen. Von dem -Gedächtnis dieser Tage aus blicke ich oft wie von einem Turm rückwärts in -meine ersten Jahre und kann nichts als ein bewegtes Meer von Rätseln und -Anfängen sehen, ohne Formen, aber mit einem heiligen Ferneduft, einem -Schleier, der über Wunder und Kostbarkeiten gelegt ist. - -Unter jenen vereinzelten Silberblicken ist mir ein Spaziergang besonders -teuer, da er das früheste Bild meines Vaters enthält. Der saß mit mir auf -der von der Sonne durchwärmten Mauerbrüstung des Bergkirchleins Sankt -Margarethen, zum erstenmal mir von der Höhe aus die dortige Rheinebene -zeigend. Der erste Eindruck dieser anmutig hellgrünen Landschaft vermischt -sich in meiner Erinnerung mit dem klaren Bilde, das ich später durch den -häufig wiederholten Anblick gewann. Aber dies älteste Bild von meinem Vater -unterscheidet sich von allen späteren. Sein schwarzer Bart berührte meine -blonde Stirn und sein großes, helles Auge ruhte freundlich auf mir. Ich -glaube wieder sein Gesicht so von der Seite her zu sehen, wenn ich an jene -Rast auf der Mauer denke, mit dem schwarzen Bart und Haar, mit der starken, -edlen Nase und dem festen, roten Mund, mit den dunklen Locken im Nacken, -dabei das große Auge nach mir gesenkt, der ganze Kopf fest und würdig auf -dem blauen Hintergrunde des Sommerhimmels ruhend. - -Demselben Sommer mag ein anderes Bild angehören, das ohne Zusammenhang, -aber erstaunlich klar und treu mir eingeprägt ist. Ich sehe die ganze hohe, -magere Gestalt meines Vaters aufrecht mit zurückgelegtem Haupt einer -untergehenden Sonne entgegengehen, den Filzhut in der Linken tragend. An -ihn ist meine Mutter sanft im langsamen Gehen gelehnt, kleiner und -kräftiger, mit einem weißen Tuch auf den Schultern. Zwischen den kaum noch -getrennten, dunklen Häuptern glüht die blutrote Sonne. Die Umrisse der -Gestalten sind fest und goldleuchtend gezogen; zu beiden Seiten steht ein -reiches, reifes Kornfeld. An welchem Tag ich so hinter meinen Eltern -herwandelte, weiß ich nicht, der Anblick aber ist mir frisch und -unverlöschlich geblieben. Ich weiß kein lebendiges oder gemaltes Bild, das -mir in Linien und Farben prächtiger erscheint und das mir teurer ist, als -diese edlen Gestalten auf dem Fußpfad zwischen den Ähren, der roten Glut -entgegen wandelnd, schweigsam, vom jenseitigen Glanz übergossen. In -ungezählten Träumen und wachen Nächten hing mein Auge an diesem liebsten -Kleinod meiner Erinnerung, dem Vermächtnis einer meiner goldensten Stunden. -So ist mir nie wieder eine Sonne untergegangen hinter Ährenmeeren, so rot, -prächtig, friedsam, so voll Glut und Genüge. Und käme sie mir wieder, es -wäre doch nur ein Abend wie viele sind, und ich würde die vermissen, in -deren Schatten ich damals ging, müßte mich abwenden und trauern. - -Die Erinnerung an Vater und Mutter beginnt von hier an klar zu werden. -Neben meiner Wieseneinsamkeit ging unabhängig ein freundliches, häusliches -Leben her. Von diesem ist mein Bewußtsein, der vielerlei Menschen und -Anregungen wegen, nicht so einheitlich und deutlich, wie von dem Leben im -Grase. Wie früh die Neigung meines Vaters zum Genuß der bildenden und der -Dichtkunst, und die meiner Mutter zur Musik auf mich einwirkten, ist mir -unmöglich zu erkennen, denn einzelne Eindrücke dieser Art sind mir erst aus -etwas späterer Zeit erinnerlich und müssen notwendig schon viel früher -dagewesen sein. - -Ich wage nicht, von meinen Kinderspielen viel zu reden. Es gibt nichts -Wunderbareres und Unbegreiflicheres und nichts, was uns fremder wird und -gründlicher verloren geht, als die Seele des spielenden Kindes. Bei dem -leidlichen Wohlstand und der überaus freigebigen Güte meiner Eltern fehlte -es mir an reichlichem Spielzeuge nicht. Ich besaß Soldaten, Bilderbücher, -Legsteine, Schaukelpferd, Pfeife, Peitsche und Wagen, später auch -Kaufladen, Wage, Spielgeld und Vorräte, und zum Theaterspielen standen die -Kasten der Mutter zur Verfügung. Dennoch hängte sich meine Phantasie gerne -an weniger kommode Gegenstände und schuf Pferde aus Schemeln, Häuser aus -Tischen, Vögel aus Tuchlappen und ungeheuerliche Höhlen aus Wand, -Ofenschirm und Bettdecke. - -Daneben war in den Erzählungen meiner Mutter ein Überfluß von Welten und -Brücken für meine Träumerei. Ich habe Leser und Erzähler und Plauderer von -Weltruhm gehört und fand sie steif und geschmacklos, sobald ich sie mit den -Erzählungen meiner Mutter verglich. O ihr wunderbar lichten, goldgründigen -Jesusgeschichten, du Betlehem, du Knabe im Tempel, du Gang nach Emmaus! Die -ganze überschwänglich reiche Welt des Kindeslebens hat kein süßeres und -heiligeres Bild als das der erzählenden Mutter, an deren Knie sich ein -Blondkopf mit tiefen Staunaugen schmiegt. Woher haben die Mütter diese -gewaltige und heitere Kunst, diese Bildnerseele, diesen unermüdlichen -Zauberborn der Lippen? Ich sehe dich noch, meine Mutter, mit dem schönen -Haupt zu mir geneigt, schlank, schmiegsam und geduldig, mit den -unvergleichlichen Braunaugen! - -Nächst dem unerreichbaren Klang und Sinn der Bibelgeschichten sog ich tief -aus dem Quell der Märchen. Rotkäppchen, der treue Johannes und -Schneewittchen bei den sieben Zwergen über den sieben Bergen nahmen mich in -ihren geschwätzigen Kreis. Mein begieriger Sinn erschuf bald aus freier -Kraft Gebirge mit mondglänzenden Elfentanzwiesen, Paläste mit seidenen -Königinnen, fabelhaft tiefe und greuliche Berghöhlen, von Geistern, -Eremiten, Köhlern und Räubern abwechselnd unheimlich bevölkert. Ein -schmaler Raum im Schlafzimmer, zwischen zwei Bettstellen, war vorzüglich -der ständige Wohnort schlitzäugiger Kobolde, rußiger Bergmänner, geköpfter -Umgänger, traumwandelnder Totschläger und grünschielender Raubtiere, so daß -ich eine Zeitlang nur in Begleitung Erwachsener und noch lange später nur -mit äußerster Aufbietung alles Knabenstolzes daran vorübergehen konnte. -Einmal befahl mir mein Vater, von dort seine Pantoffeln zu holen. Ich ging -in das Schlafzimmer, wagte mich aber nicht an den Ort des Entsetzens und -kehrte kleinlaut zurück, vorgebend, ich hätte die Schuhe nicht gefunden. -Mein Vater, der etwas Phantastisches ahnte und ein strenger Feind auch der -Notlüge war, schickte mich nochmals hin. Ich betrat wieder das -Schlafzimmer, aber meine Angst war nur größer geworden, so daß ich -unverrichteter Dinge wiederkehrte, mit derselben Entschuldigung. Der Vater, -der mich durch den Türspalt beobachtet hatte, sagte sehr ernst: »Du lügst. -Sie müssen dort stehen.« Gleichzeitig ging er selber sie zu holen. Meine -Beklemmung aber war so gesteigert, daß ich selbst den allmächtigen Vater -vor meinen Unholden nicht sicher glaubte und mich heulend an ihn hängte, -wobei ich ihn unter heißen Tränen beschwor, sich dem Winkel nicht zu -nähern. Er ging aber doch, zwang mich mit, bückte sich und kehrte -wohlbehalten aus der greulichen Höhle zurück, was ich lange Zeit, unter -Dankgebeten, allein seinem unerhörten Mut und einem ganz besonderen Schutz -des lieben Gottes zuschrieb. - -Ein anderes Mal wuchs mein Angstgefühl vollends ins Krankhafte. Die -Begebenheit hat sich mir scharf und genau mit allen peinlichen Zügen -eingegraben und hängt wie ein Medusenhaupt schauerlich schön, aber -vorwiegend schauerlich, über jener ganzen Zeit der Kinderromantik. - -Bei Dunkelwerden kehrten wir, schon ein wenig gruselig gestimmt, einst aus -der Stadt zurück, zwei etwa vierzehnjährige Töchter eines Nachbars, ihr -Brüderlein und ich. Die hohen Häuser und Türme legten zackige Schatten auf -die Straße, Laternen wurden schon angezündet. Dazu kam im Vorübergehen ein -Blick in eine Schmiede, wo rußige, halbnackte Männer an der aus dem Dunkeln -aufsprühenden Esse mit großen Zangen wie Folterknechte standen, und das mir -vorher unbekannte trunkene Gejohle einiger Wirtshausbrüder, das mir -raubtierartig und verbrecherisch vorkam. Nun, schon fast im Finstern, -erzählte eines der Mädchen, selber gruselnd, mir die Geschichte von der -Glocke Barbara. Diese hing in der Kirche Barbara und war aus Zauberei und -Verbrechen hervorgegangen. Sie rief immerfort den Namen einer ruchlos -erschlagenen Barbara mit blutiger Stimme aus und wurde deshalb von den -Mördern gestohlen und vergraben. Da, als es Zeit zum Nachtläuten wird, -beginnt die Glocke aus der Erde laut und jämmerlich zu tönen: - - Barbara bin ich genannt, - In der Barbara bin ich gehangt, - Barbara ist mein Vaterland. - -Diese halbgeflüsterte Geschichte regte mich schrecklich auf. Mein Grausen -wurde dadurch gesteigert, daß ich es in mir zu verbergen bemüht war, denn -der kleine Mitgänger hatte nichts verstanden und steuerte sorglos in den -Abend hinein, und vor den ältern Begleiterinnen, obwohl sie selber Angst -hatten und nur flüsternd noch redeten, schämte ich mich. So stieg mein -Schaudergefühl mit jedem Wort der Erzählung, bis mir die Zähne klapperten. -Als aber nach eben beendeter Geschichte auf Sankt Peter die Abendglocke -zitternd anschlug, ließ ich in rasender Angst die Hand des kleinen Jungen -fahren und rannte, von der ganzen Hölle gehetzt, in die Nacht hinein, -stolperte, stürzte, und wurde keuchend und zitternd heimgebracht. Die ganze -Nacht zitterte ich in schmerzhaften Angstschauern und eine Zeitlang ging -mir, so oft ich das Wort Barbara hörte, etwas Eiskaltes durch das innerste -Mark. Von da an glaubte ich noch lebhafter an Kobolde, Vampyre und böse -Geister, denn sie waren mir mit allen unerhörten Schrecken selber im Nacken -gesessen. - -Etwa um diese Zeit machte mein eben erwachender Verstand seine ersten -Ansprüche und quälte mich so sehr, daß ich häufig tobende Anfälle von -machtloser Wut und Ungeduld gezeigt habe. Hier ist auch ein Stück Kindheit, -das, wie mir scheint, den meisten Menschen allzu gründlich verloren geht, -der Drang nach Wahrheit, das Verlangen nach Übersicht der Dinge und ihrer -Ursachen, die Sehnsucht nach Harmonie und sicherem geistigem Besitz. Ich -litt unter zahllosen Fragen ohne Antwort, und fand allmählich heraus, daß -den befragten Erwachsenen meine Fragen oft unwichtig und meine Nöte -unverständlich waren. Eine Antwort, die ich als Ausflucht oder gar als -Spott erkannte, schüchterte gar oft meine Seele wieder in ihr allmählich -wankendes Gebäu von Mythen zurück. - -Wie viel ernster, reiner und ehrfürchtiger würde das Leben vieler Menschen -werden, wenn sie etwas von diesem Suchen und Nach-Namen-Fragen auch über -die Jugend hinaus in sich bewahrten! Was ist der Regenbogen? Warum winselt -der Wind? Woher kommt das Verwelken der Wiesen, woher das Wiederblühen, -woher Regen und Schnee? Warum sind wir reich und der Nachbar Spengler arm? -Wohin geht am Abend die Sonne? - -Auf diese Fragen ging mein Vater, wenn die Weisheit oder Geduld der Mutter -zu Ende war, oft mit unvergleichlicher Liebe und Feinheit ein. Als die -ständige Begründung »das hat der liebe Gott eben so gemacht« nicht mehr -zureichte, erklärte er mir in großen Künstlerzügen die sichtbare Welt, die -Oberfläche der Erde mit Kraut und Getier, die Wiederkehr der Gestirne. -Zugleich ließ er neben meinem Märchenwald die Edelgestalten der alten -Geschichte aufsteigen, und griechische Städte, und das alte Rom. Kinder -sind weitherzig und vermögen durch den Zauber der Phantasie Dinge in ihrer -Seele nebeneinander zu beherbergen, deren Widerstreit in älteren Köpfen zum -heftigsten Krieg und Entweder-Oder wird. Dennoch, da ich selber gerne -erfand, und mit der kindlichen Schöpferkraft spielte, entstanden vielerlei -Zweifel. Davon war der lebhafteste gegen die Wahrhaftigkeit eines orbis -pictus gerichtet, eines Lieblingsbilderbuches, das mich von der ersten -Schaulust bis weit in das reifende Knabenalter begleitete und so in meiner -Geschichte die umgekehrte Rolle des Robinson und Gulliver in der wirklichen -spielte. Ich zweifelte eine Zeitlang sehr stark daran, daß diese Bilder -Originale in der wirklichen Welt besäßen und nicht lediglich ergötzliche -Phantasien eines Malers seien. Beim Betrachten der Abbildungen von Rittern -oder Bauten oder andern historischen Gegenständen erinnerte ich mich mit -behaglicher Schlauheit, daß ich auch Achillesse und große Kirchen und -ähnliches gezeichnet oder gebaut und meinen Kameraden als die wahren Dinge -oder als treue Abbilder ausgegeben hatte. Als mein Vater dahinterkam, -schlug er auf einer der letzten Seiten des Buches das mir bisher entgangene -Bild einer Kirche unsrer Stadt auf, welche ich sofort mit großer -Betroffenheit wiedererkannte. Von da an waren mir auf eine gute Weile -wenigstens alle Worte meines Vaters wieder unzweifelhaft und beweiskräftig. -Ein Nachbarsjunge teilte mir eines Tages geheimnisvoll und wichtig mit, der -»wilde Mann«, eine Hauptfigur in unsern Geschichten und ausgetauschten -Phantasieerlebnissen, wohne nicht weit vom Tor am Petersgraben in einem -Kornspeicher, sein Vater hätte es ihm gesagt. Der Trumpf war vergebens -ausgespielt, denn mein Vater hatte mir bereits eine bessere, wenn schon -nicht so deutliche Erklärung gegeben. Ich blieb daher nicht nur skeptisch -und ungerührt, sondern antwortete dem Freunde hohnlächelnd und mit großer -Genugtuung, er möge nur wieder zu seinem Vater gehen und ihm sagen, er wäre -ein Kamel. Diese Antwort trug mir erst von dem Beleidigten und dann von -meinem Vater Prügel ein. - -Solchen Züchtigungen von der Hand des geliebten Vaters pflegte ich zwar -meistens Trotz und Schweigen entgegenzusetzen, aber mein kleines Herz -empfand sie unsäglich bitter, weh und beugend. Sie sind die frühesten -Leiden, auf die ich mich besinnen kann und in der Vorstellung, die ich von -meinen Kinderjahren habe, die einzigen Trübungen, die noch vor der -Schulzeit eintraten. Auch war es mit dem Schlagen und Trotzbieten -keineswegs getan, sondern der bittere Kern der Strafe war die Nötigung, -mich zu demütigen und um Verzeihung zu bitten, ehe ich das Auge der Eltern -wieder freundlich und ihr Ohr mir offen fand. Freilich wurde dadurch und -durch die jedesmalige freundlich ernste Versöhnung der Züchtigung der -Stachel abgebrochen, aber bis ich müd und verständig genug zum »Verzeih« -sagen war, kostete es immer wieder einen bitteren, tränenreichen Kampf. Der -erste Abend, an dem ich ohne Kuß und ohne Begleitung der Mutter stumm und -scheu zu Bette ging, ist mir noch wohl erinnerlich. Vielleicht hat, so oft -auch später mir das Wasser an die Kehle ging, doch das Gefühl namenlosen -Schmerzes und Zwiespaltes niemals mehr so unsäglich auf mir gelastet, wie -an jenem traurigen Abend. Es war auch der erste Abend, an welchem ich nicht -zu beten vermochte. Der Wortlaut meines Betverses stockte mir auf der -Zunge, zeigte mir zum erstenmal seinen schweren Ernst und würgte mich wie -einen Erstickenden. So diente diese dunkelste Stunde dazu, mir auf einmal -das Beten ohne Gedanken unmöglich zu machen. - -Indessen wuchs mein Verstand und begann, auf die ersten Belehrungen und -Erfahrungen bauend, sich allmählich einer stiller werdenden eigenen -Tätigkeit zu erfreuen. Meine Spiele nahmen, ohne Vorbilder zu haben, die -verwickelteren, intelligenteren Formen der eigentlichen Knabenspiele an. -Das A-B-C gab mir einen angenehm herben Vorschmack der Schule. Ich besaß -schon Erinnerungen und gewöhnte mich, nachdem ein bestimmter Tag für meinen -Schulbeginn mir angesagt war, an morgen und übermorgen zu denken. - - * * * * * - -Dieses wenige ist der ganze Schatz von Erinnerungen an die ersten Jahre, -den ich noch besitze. Oder nicht der ganze, denn ich vermochte das Beste -nicht auszusprechen, die Empfindungen durchträumter Frühlinge und -beglückender Liebhabereien, das milde Nachgefühl kindlicher Freuden und -Wehen, herzlicher genossen und tiefer erlitten als viele größere Freuden -und Wehen der späteren Zeiten. Ich vermochte nicht die feinen Erinnerungen -niederzuschreiben, deren ich einen holden Strauß besitze, an Waldbesuche, -an Nachbarfreundschaften, an belauschte Katzenjunge und gestreichelte -Lämmer. - -Komisch wehmütig berührt mich die letzte Zeit vor dem Besuch der Schule, -das Erwachen des Knabenstolzes, das Unsichere des Übergangs vom Träumen zum -Denken, und das langsame Verblassen der farbigen Phantasie und des ganzen -unbeschreiblichen Goldgrundes, auf welchen alle diese frühesten Bilder -gemalt sind. Mein Gedächtnis schließt mein letztes freies Kinderjahr mit -einem merkwürdigen Abend ab. Es war kurz vor meinem Eintritt in die Schule, -und der Geburtstag einer kleinen Schwester, der 27. November. Dieser -Schwester war für den Augenblick alle Sorgfalt und Liebe des Hauses -zugewendet, und ich saß beklommen und allein an einem dunkelnden Fenster. -Draußen war Spätherbst und eine frühe, sternhelle Nacht. Neben dem Gedanken -an den erwarteten ersten Eintritt ins wirkliche Leben war eine -Abschiedsstimmung in mir lebendig, und ein halbbewußtes Rückverlangen nach -der Ungebundenheit und Traumtiefe der bisherigen Tage. Da wars, daß ich -eine Bewegung unter den Sternen zu sehen glaubte. Ich blickte nun starr und -unverwandt an den Himmel, und siehe, ein Stern begann seltsam zu flirren -und schoß plötzlich in die Finsternis, ohne Spur verglimmend. Und da wieder -einer, und dort zwei zugleich, und am Ende eine ganze bewegte Menge. Der -Vater kam herein, und die Dienstboten, und so standen wir eine gute Weile -still im Dunkeln, das seltene Schauspiel unzähliger Sternschnuppen -betrachtend und von der merkwürdigen Stunde berührt, jeder, wie ich glaube, -mit dem Gedanken, daß dieser Blick aus dem dunklen Zimmer auf die -gleitenden Sterne ihm unvergeßlich bleiben würde. - - * * * * * - -Mit dem Besuch der Schule begann nun mein menschlich gesellschaftliches -Leben. Hier wird das Dasein zuerst zum Bild der Welt im kleinen, hier -treten die Gesetze und Maßstäbe des »wirklichen« Lebens in Kraft, hier -beginnt Streben und Verzweifeln, Konflikt und Bewußtsein der Person, -Ungenügen und Zwiespalt, Kampf und Rücksichtnahme, und der ganze endlose -Kreislauf der Tage. Zuerst die Teilung der Zeit in Alltag und Feiertag! Man -muß nach Stunden leben und arbeiten, jeder Tag erhält sein Gewicht und -seine feste Geltung und löst sich aus der Zeit als ein besonderes Stück -heraus. Die Unergründlichkeit der Monate und Jahreszeiten, das Leben aus -dem Vollen hat ein Ende; Feste, Sonntage, Geburtstage treten nicht mehr als -Überraschungen vor uns hin, sondern ihre Zeit und Wiederkehr ist gleich den -Stundenzahlen auf der Uhr fest angeschrieben und wir wissen, wie lange der -Zeiger braucht, bis er sie erreicht. - -Der Wunsch meines Vaters, mich selber zu unterrichten, hielt dem -allgemeinen Brauch und dem Rat aller Freunde und Verwandten nicht stand. -Ich wurde einer öffentlichen Schule übergeben, hatte mehrere Lehrer, die -jährlich wechselten, und litt unter allen Übelständen dieser Anstalten. -Schule und Haus waren zwei streng getrennte Dinge, mein Gehorsam hatte zwei -Oberhäupter, von denen das eine mit meiner Liebe, das andere mit meiner -Furcht rechnen mußte. Das erste Übel lag darin, daß ich, von einem strengen -Lehrer an häufige Schläge und Arrest gewöhnt, die väterlichen Strafen bald -nicht mehr in der früheren Weise achtete, so daß häusliche Züchtigungen -ihren Wert verloren und meinem Vater dieser einfachste Austrag moralischer -Unebenheiten allmählich unmöglich gemacht wurde. Daraus folgte für ihn -unendlich viel Sorge und Mühe und für mich viel Elend, da nun alle -Besserungen und Verzeihungen erschwert waren und lange Zeit erforderten. In -solchen kritischen Zeiten war ich manchesmal verzweifelt, krank vor Sorge -und Wut, und plagte mich mit Elend, Scham, Ärger und Stolz. In der Schule -übel behandelt, zu Hause von irgend einer begangenen Übeltat schweigend -bedrückt, warf ich mich oft in der großen Wiese zu Boden und rang -schluchzend gegen eine unbekannte, grausame Übermacht. Diese Stunden am -Mittagstisch, wenn kein Gespräch möglich war, wenn ich mit Angst an die -nächste böse Schulstunde dachte, während eine zurückgedrängte väterliche -Strafrede den Eltern, den jüngeren Geschwistern und sogar den Dienstboten -in allen Mienen zu lesen war, diese schweigsamen, trotzigen Spaziergänge -mit meinem Vater, auf denen ich die Bitte um Verzeihung oder sonst eine -Aussprache, welche er erwartete, aus Trotz und Scham in mir niederhielt, -liegen mir noch mit aller Schwere hart und widerlich im Gedächtnis. - -Da meine Unruhe und eingedämmte Leidenschaftlichkeit und Lebensfülle Raum -forderte, warf ich mich auf die mir bisher fremden Knabenspiele mit aller -Wildheit meiner jungen Sinne. Ich sprang bald allen Kameraden voran, als -Turner, als Feldherr, als Räuberhauptmann oder Indianerhäuptling, am -hitzigsten, wenn zu Hause schlechtes Wetter war. Meine Eltern und am -meisten die bekümmerte Mutter sahen mich mit Trauer in den Ruf eines -Wildfangs und Anstifters geraten, während ich unter ihren Augen meistens -stumm und bedrückt umherschlich. - -In meinem dritten Schuljahre hatte ich eines Tages einem armen Handwerker -in unserer Straße mit meiner Schleuder ein Fenster eingeworfen. Der Mann -lief zu meinem Vater, erzählte ihm meine, wie er glaubte, absichtlich -begangene Tat und fügte noch hinzu, daß ich auch außerdem ein Tunichtgut -und Straßentyrann wäre. Als am Abend mein Vater mir dies alles wieder -berichtete und auf ein Geständnis drang, war ich über den Ankläger so -empört, daß ich auch den unbestreitbar geschehenen Fensterschuß hartnäckig -leugnete. Ich wurde ungewöhnlich hart gezüchtigt und glaubte nun vollends -meinen Trotz nicht brechen lassen zu dürfen. So verhielt ich mich einige -Tage scheu und feindselig, während mein Vater schwieg und ein Schatten auf -dem ganzen Hause lag. In diesen Tagen war ich unglücklicher als jemals -vorher. Nun mußte mein Vater für eine Woche verreisen. Als ich an jenem Tag -aus der Schule kam, war er schon abgereist und hatte ein Brieflein für mich -dagelassen. Nach Tisch begab ich mich in die oberste Bodenkammer und -öffnete den Brief. Ein schönes Bild fiel heraus, und ein Zettel von der -Hand des Vaters: - -»Ich habe dich für ein Vergehen gestraft, das du nicht gestanden hast. Hast -du die Sache dennoch begangen und mich also angelogen, wie soll ich dann -noch mit dir reden? Ists anders, dann habe ich dich mit Unrecht geschlagen. -In einer Woche, wenn ich wiederkomme, sollte doch einer von uns dem andern -verzeihen können. - -Dein Vater.« - -Den ganzen Tag lief ich beklommen und erregt mit dem Zettel in Haus und -Garten herum. Dieses Wort von Mann zu Mann erfüllte mich mit Stolz und Reue -und traf mich im Herzen, wie kein anderes Wort es hätte können. Am nächsten -Morgen kam ich mit dem Blatt ans Bett meiner Mutter, weinte und fand keine -Worte. Darauf ging ich im Hause umher wie nach einer langen Abwesenheit, -alles war so alt und neu, war mir wiedergeschenkt und von einem Bann -erlöst. Abends saß ich seit langer Zeit zum erstenmal meiner Mutter zu -Füßen und hörte sie erzählen wie in den Kleinkinderjahren. Es kam so süß -und mütterlich von ihrem Munde, aber was sie erzählte, war kein Märchen. -Sie sagte mir von Zeiten, da ich ihr fremd geworden sei, und wie da ihre -Angst und Liebe mich begleitete; sie beschämte und beglückte mich mit jedem -Wort, und dann redeten wir beide mit Namen der Liebe und Ehrfurcht von -meinem Vater und freuten uns mit Sehnsucht auf seine Heimkehr. - -Der Tag seiner Zurückkunft war zugleich der letzte Tag vor meinen -Sommerferien und vollendete so mein Glück. Nach einer kurzen Unterredung -kam der Vater mit mir aus seinem Studierzimmer hervor und führte mich der -Mutter zu, indem er sagte: - -»Hier hast du unseren Buben wieder, Mama. Er gehört seit heute wieder mir.« - -»Mir schon seit einer Woche!« rief sie lächelnd dagegen, und wir saßen -fröhlich zu Tische. - -Die mit diesem Tag beginnende Ferienzeit liegt in meinen Schuljahren wie -ein umzäunter, grüner Garten. Tage voll Sonne, Abende mit Spiel und -Geplauder, Nächte festen Schlafs mit gutem Gewissen! Jeden Abend wanderte -mein Vater Hand in Hand mit mir in einen Steinbruch, der eine halbe Stunde -weit vor der Stadt lag. Dort bauten wir Häuser und Höhlen, schleuderten -Steine nach dem Ziel und hämmerten nach Versteinerungen. Auf dem Rückweg -tranken wir Milch und aßen Brot in einem Meierhof und verzichteten darauf -stolz auf das mütterliche Abendessen, die Mutter mit allerlei Geheimnissen -neckend und uns jedes Meisterwurfes und jedes gefundenen Rötels oder -Glitzersteines rühmend. Mein Vater erwies sich als Pfadfinder, Jäger, -Scheibenschütz und Erfinder. Halbe Tage wanderten und ruhten wir in Wiesen -und an Waldabhängen, ganz mit uns allein, einen Brotlaib in der Tasche, -Wege entdeckend und Pflanzen sammelnd, und ich spürte etwas davon, daß mein -Vater seine eigene Jugend wieder aufsuchte und sich seiner erfrischten -Brust und seiner geröteten Wangen erfreute, denn er war von zarter -Gesundheit und wurde viel von Kopfschmerzen und anderen Leiden heimgesucht. -Nun wanderten wir wie zwei Knaben miteinander, schnitten Lanzen, ließen -Drachen steigen, gruben im Garten und zimmerten im Hofraum allerlei Gerät -und Kasten zusammen. - -In dieser Zeit etwa begann mein Ohr zu erwachen und meine Phantasie sich -mit Melodien zu beschäftigen. Ich liebte es, in Freistunden zum Münster zu -gehen und mich durch das Tor zu schleichen, um das Spiel des Organisten zu -hören, der stundenlang dort sich seiner Kunst erfreute. Ich summte und sang -auf dem Schulweg, im Garten, sogar im Bette, und prägte mir viele Choräle -und Liedermelodien frühe ein. - -Und mit neun Jahren, an meinem Geburtstage, schenkten mir die Eltern eine -Geige. Von diesem Tage an ist das hellbraune Geiglein auf allen Fahrten mit -mir gegangen, viele Jahre lang, und von diesem Tage an hatte ich ein -Abseits, eine innere Heimat, eine Zuflucht, wo seither unzählige -Erregungen, Freuden und Kümmernisse sich versammelten. - -Der Lehrer war mit mir zufrieden. Mein Gehör und Gedächtnis war scharf und -peinlich treu, und allmählich zeigte sich im Lauf der Lehrjahre das, was -den Geiger macht, der feste, fähige Arm, das freie Gelenk, die -ausdauernden, kräftigen Finger. - -Fürs erste erwies sich leider die Musik als ein unerwartetes Übel, denn sie -nahm mich fast völlig gefangen und verleidete mir den Schülerfleiß. Dagegen -lenkte sie meinen Ehrgeiz und meine Knabenwildheit von den gröberen Spielen -und Freveln ab, sie milderte meine Hitze und Leidenschaft, sie machte mich -schweigsam und verträglich. Ich wurde keineswegs zum Geiger erzogen, mein -Lehrer war sogar ein Dilettant, daher war der Unterricht mir ein Vergnügen -und zielte weniger auf strenge Übung und Präzision, als auf ein baldiges -Etwaskönnen. Der erste Choral, zum Geburtstag der Mutter gespielt, war ein -festliches Ereignis. Und alsdann die erste Gavotte, die erste Haydnsonate! -Ich war selber voll Freude und Eitelkeit, aber allmählich spürte meine -Natur doch einen Mangel, so daß ich vor einem gewissen flotten Strich, -einer Dilettantenverve gefährlicher Art, bewahrt blieb. Die Schule ging -neben dem her und behielt für mich alle die Jahre bis zum vierzehnten -hindurch die Schwüle einer Zwangsanstalt. Wie viel von meinen Leiden und -meiner Verbitterung, neben meinen eigenen Fehlern, der ganzen Erziehungsart -zur Last fällt, kann ich nicht urteilen; aber in den acht Jahren, welche -ich in den niederen Schulen zubrachte, fand ich nur einen einzigen Lehrer, -den ich liebte und dem ich dankbar sein kann. Wer die Kindesseele ein wenig -kennt und selber einen Rest ihrer Zartheit sich bewahrt hat, der kennt das -Leiden, dessen ein Schulknabe fähig ist, und zittert noch in Scham und -Zorn, wenn er sich der Rohheiten mancher Schulmeister erinnert, der -Quälereien, der berührten Wunden, der grausamen Strafen, der unzähligen -Schamlosigkeiten. Wahrlich, ich meine nicht die fleißige Rute, deren jeder -Knabe bedarf; ich meine aber die Frevel, die an dem Glauben und dem -Rechtssinn des Kindes geschehen, die rohen Antworten auf schüchterne -Kinderfragen, die Gleichgültigkeit gegen den Trieb der Kindheit nach einer -Einigung ihrer stückweise erworbenen Kenntnis der Dinge, den Spott als -Antwort auf kindergläubige Naivetäten. Ich weiß, daß ich nicht allein in -solcher Weise gelitten habe, und daß mein Unwille darüber und meine Trauer -um zerstörte und verkümmerte Teile meiner jungen Seele nicht die -Verbitterung eines nervösen Einzelnen ist; denn ich habe von vielen diese -Klagen gehört. Ich weiß wohl mit der eigentümlichen Art des Knabenalters zu -rechnen, als einer heiklen, problematischen Zeit der Scheidungen, -Beschneidungen und Häutungen, voll von schwer verständlichen Erregungen und -Exzessen; aber ich kann mich der Trauer und der Anklage nicht enthalten. -Die ganze Zeit meines späteren Lebens bin ich mit einer besonderen Vorliebe -den kleinen Knaben zugetan gewesen und fand gar oft meine ehemaligen Ängste -in errötenden Knabengesichtern wieder. - -Es widerstrebt mir, einige dieser Bitternisse aufzuzeichnen, meine -Erinnerung irrt in dieser Zeit der verwelkenden Kindheit und erwachsenden -Jünglingszeit befangen und bedrückt umher. - -Hell und verklärt von Verehrung und Liebe zeigen sich mir die -Unterweisungen, die ich in Garten, Feld und Studierzimmer von meinem Vater -genoß. Diese schlossen mir die verschwisterten Reiche der Geschichte und -der Dichtung auf. Mit gekrönten Königen und geschlagenen Duldern, mit -Heerzügen und prachtvollen Städten breitete sich die Geschichte der -Griechen aus, und die der Römer mit ruhmbekränzten Siegern, unterjochten -Erdteilen und fabelhaften Triumphzügen, neben welcher Pracht und Höhe lange -Zeit die Jagden und blutigen Wanderungen der ältesten deutschen Zeit mir -wenig Freude machten. - -Der freundschaftlich in Frage, Antwort und Erzählung erteilte väterliche -Unterricht legte einen guten Grund in mir. Was in der Schulstube und im -Mund der Lehrer mir langweilig und peinlich erschien, gewann hier -anziehende Formen und schien mir alles ernstlichen Fleißes würdig. - -In meiner Klasse pflegte ich, obwohl ich nie ein Lehrerliebling war, meist -mich auf den oberen Plätzen zu halten und besonders im lateinischen -Unterricht mir gute Zeugnisse zu erwerben. Die lateinische Sprache lernte -ich leicht und mit Eifer, sie blieb durch meine Schülerzeit und durch mein -Leben mir befreundet und geläufig. - -So fand man mich zur Vorbereitung auf den Eintritt in eine schwäbische -gelehrte Schule würdig. Das Examen wurde leidlich bestanden. Meine erste -Schulzeit war zu Ende und ein sommerlicher Ferienmonat lag vor dem -ehrgeizig erstrebten Eingang der gelehrten Klosterpforte. - -In diesen Ferien las mir mein Vater zum erstenmal Lieder Goethes vor. »Über -allen Wipfeln« war sein Liebling. - -An einem silbernen Abend, im frühen Monde, stand er mit mir auf einem -bewaldeten Berge. Wir atmeten vom Steigen aus und schwiegen nach einem -ernsten, herzlichen Gespräch vor der Schönheit der mondhellen, stillen -Landschaft. - -Mein Vater setzte sich auf einen Stein, blickte rundum, zog mich zu sich -nieder, schlang den Arm um mich und sprach leise und feierlich jenes -unergründliche, wunderbare Lied: - - Über allen Gipfeln - Ist Ruh. - In allen Wipfeln - Spürest du - Kaum einen Hauch, - Die Vöglein schweigen im Walde, - Warte nur, balde - Ruhest du auch. - -Hundertmal habe ich seitdem diese Worte gehört und gelesen und gesprochen, -in hundert Lagen und Stimmungen -- die Vöglein schweigen im Walde -- und -jedesmal befiel mich eine milde, herzlösende Schwermut, und jedesmal senkte -ich dabei das Haupt und hatte ein seltsam wehes Glücksgefühl, als kämen die -Worte aus dem Munde meines an mich gelehnten Vaters, als fühlte ich seinen -Arm um mich gelegt, und sähe seine große, klare Stirn, und hörte seine -leise Stimme. - - - - -Die Novembernacht. -Eine Tübinger Erinnerung. -(Geschrieben 1899.) - - -Über Tübingen hing eine schwarze, verwölkte Novembernacht. Sturm und -Sprühregen klirrte und zitterte durch die engen Gassen, aufflackernde rote -Laternenlichter glänzten trüb auf dem nassen Pflaster wider. Trüb und -schwarz mit zwei, drei kleinen roten Fensteraugen lag das alte Schloß wie -ein halbschlafendes träges Untier auf seinem langen Hügel, Fetzen von -Wolkenschleiern um die spitzen Dächer. In den großen, ernsten Alleen -standen die alten Kastanien, Linden und Platanen kahl und hager im Sturm -wie eine trübselig standhafte Armee von Greisen. Blätterwirbel trieben über -die feuchten Wege, faul und grau lagen die großen Herbstwiesen, an den -Rändern da und dort von einer windscheuen Laterne zackig und roh -beleuchtet. Der langgezogene, müde Pfiff des letzten Reutlinger Zuges drang -vom nahen Bahnhof durch die schwere Luft und paßte mit seinem heiseren, -hinsterbenden Geräusch vortrefflich in die Tonart des ganzen Abends. - -In den Pausen des Sturmes ward das kühle Rauschen des Neckars laut. Die -Ufer lagen tief in graue, traurige Ruhe gehüllt und von den vielen hellen -liederlauten Sommerabendfesten war keine leise Spur mehr geblieben, so -wenig dem breiten, traurigen Stiftsgebäude noch eine Spur von den -zahlreichen, glänzenden Geistern anhing, die darin vor Zeiten -schwärmerische, dämmernde Jugendsemester verlebten. Es seien denn einzelne -nachklingende, elegische Laute aus der umflorten Harfe des armen Hölderlin. -Statt dessen brannte dort die strenge, fleißige Gegenwart in zahlreichen -Studierampeln über die ganze Breitseite des Stifts verteilt und glänzte -mattrot durch die breiten, niederen Fenster. Dort lagen jetzt Kompendien, -Wörterbücher und Texte ohne Zahl vor ernsthaften, jungen Augen -aufgeschlagen, Ausgaben des Platon, Aristoteles, Kants, Fichtes, vielleicht -auch Schopenhauers, Bibeln in hebräischer, griechischer, lateinischer und -deutscher Sprache; vielleicht brütete hinter diesen Fenstern zur Stunde ein -junges, philosophisches Genie über seinen ersten Spekulationen, während -zugleich ein zukünftiger schwergeharnischter Apologet die ersten Steine -seines Trutzgebäudes legte. - -Zwei junge Männer, die jetzt von der unteren Neckarbrücke her durch die -Platanenallee gegangen kamen, blickten lachend hinüber und zeigten wenig -Respekt vor der ernsten zukunftschwangeren Geistesburg. Sie wandelten, in -grauen Lodenmänteln, des Regens ungeachtet, langsam durch die stürmende -Herbstnacht. »Hast du noch was drin?« fragte der Kandidat Otto Aber seinen -Begleiter, worauf dieser, der Dichter Hermann Lauscher, eine bauchige -Benediktinerflasche aus der Manteltasche zwängte und dem Kandidaten -reichte. - -»Der letzte Schluck!« rief dieser und schwenkte die Flasche gegen das -jenseits des Flusses ragende Stift. »Prosit Stift!« - -Er leerte die Bouteille mit einem kurzen Schluck. - -»Was machen wir mit dem Scherben?« fragte Lauscher. »Wir könnten auf die -Wache gehen und ihn der lieben Tübinger Stadtpolizei verehren.« - -»Was Stadtpolizei!« lachte Aber. »Da!« und er schleuderte die Flasche über -den Neckar, daß sie an einem Pfeiler des Stiftsbaues zersplitterte. »Jetzt -wohin?« - -»Ja wohin?« sagte Lauscher nachdenklich. »In der Steinlach krepiert man am -Wein, in der Silberburg ist die Schorschel nimmer da, im Kaiser säuft der -Roigel, in der Sonne ists zu voll, im Löwen --« - -»Halloh, in den Löwen!« rief Aber. »Mir fällt ein, daß der Säbelwetzer und -der Elenderle heut abend dort sind und die Mensur vom Donnerstag -verschwellen. Komm! Übrigens ists ein Sauwetter.« - -Der Kandidat zog seinen langen Mantel enger an sich und schlug ein -rascheres Tempo an. - -»Was rennst du!« rief Lauscher. »Für uns ist das Wetter lang gut genug. Mir -paßt's so besser, als Lump im Sonnenschein zu spielen. Wenn der -Benediktiner nicht ausgepfiffen hätte, wär ich für eine Naturkneipe. -Außerdem ist der Säbelwetzer langweilig und der Elenderle wird schon bald -wieder am Heulen sein. -- Trinken sie Uhlbacher? Dann geh ich nicht mit, -der Uhlbacher vom Löwen haßt mich. Aber was versteht ihr von Wein!« - -»Weinprotz!« lachte Aber. »Nein, sie haben eine uralte Moselwette dort -stehen, oder Winkler oder was ähnliches. Jedenfalls was besseres. -- Dabei -fällt mir ein: warum gründen wir eigentlich nichts? Wir vier oder fünf -hocken doch ewig zusammen, man könnte den Appenzeller und so ein paar -Bierhühner mitlotsen, es gäbe so was wie eine Ausstellung der -Zurückgewiesenen.« - -»Gründen?« brauste Lauscher auf, der damals das spätere cénacle noch nicht -ahnte. »Lieber werd ich Eremit.« - -»Warum nicht gar! Es gäbe ein Kollegium von Ausgetretenen aus allen -fashionablen Verbindungen, oder von Rettungslosen aus allen Fakultäten. Der -Elenderle würde die Sündenlast der Gesellschaft in Tränen umsetzen, der -Säbelwetzer bekäme ein Dauerpaukwams und würde auf alle Waffen für uns -losgehen, ich wäre die Bierkommission, du Schrift- und Weinwärtel . . .« - -»Und so weiter. Schon gut.« - -»Der Appenzeller würde sich unübertrefflich dazu qualifizieren, -Mitteilungen und Forderungen der Gesellschaft den Chargierten der -Verbindungen zu überbringen. Der Nebukadnezar wäre ein censor morum -ohnegleichen. Der Kaißer hat einen Onkel, der Weinberge besitzen soll; der -Schnauzer ist reich und dumm --« - -»Und dann würden wir eine Kneipe mieten und zweimal in der Woche ->Altheidelberg< und >es geht ein Lumpidus< miteinander singen. Und Füchse -keilen. Und Präsidepauken schwingen. Ich danke.« - -»Warum? Wir könnten im Schwarzwälder kneipen und im Komment alle -anständigen Lokäler verbieten. Z. B.: Wer im Ochsen oder im Innern der Aula -betroffen wird, zahlt eine Mark Buße. Wer fachsimpelt, zahlt zwei Maß -. . .« - -»Nein, bitte, du fängst wieder an nach Komment zu riechen.« - -Die Freunde waren auf der alten Brücke angelangt. Aus der Kneipe der -Burschenschaft klang lauter Chorgesang. Der Neckar strömte wild um den -breiten Brückenpfeiler, auf dem raschen Wasser glänzten unruhig die -Laternenlichter, schwarz und großartig streckte sich die Platanenallee in -die Nacht. Vom Turm der Stiftskirche tönte das Stundenhorn, zackig und -wechselvoll beleuchtet, stand die malerische Häuserreihe des hohen -Neckarufers bis zum alten Stift hinab. Beide Freunde schwiegen, so lange -sie über die Brücke gingen. Vielleicht stieg beim Anblick der schönen, -nächtlichen Stadt, beim Rauschen des Neckars und Singen der Studenten in -beiden das Erinnern an die kaum vergangenen Tage auf, da ihnen noch die -eigentümliche, romantische Schönheit und Stimmung dieser Stelle ahnungsvoll -und freudig ans Herz gerührt hatte, da sie noch mit der Hoffnung und dem -ganzen süßen, krausen Stimmungsduft der ersten Semester hier gegangen -waren. - -Sie bogen um die Brückenmühle, stiegen die steile Gasse zum Holzmarkt -hinauf, gingen an der Stiftskirche vorüber, über die schmale Kirchgasse und -den öden Markt an der Sonne vorbei und gelangten durch Nässe und Schmutz an -die Hintertür des Löwen, durch welche man über drei steile Stufen hinab -direkt in das »Nebenzimmer« tritt. Ehe sie eintraten, blickten sie durch -eins der niederen Fenster in die schmale Stube hinab und sahen Elenderle -und Säbelwetzer am letzten Tisch beim Wein sitzen. - -»Sie trinken Winkler!« frohlockte Aber. »Hab ich's nicht gesagt? Du meldest -dich mit deiner Blume, wegen ungebührender Respektlosigkeit.« - -»Prolet! Meinetwegen,« murrte Lauscher, und trat zuerst in die schmale Tür. -Aber folgte nach, drehte unwillig ein an der Wand hängendes Gerolsteiner -Mineralwasserplakat um und ließ sich von der herzueilenden Wirtstochter -Mathilde den Mantel abnehmen. - -Jetzt bemerkten die Weintrinker die Ankommenden. - -»Höchste Zeit,« rief der Säbelwetzer. »Wollet ihr trinken? Wollet ihr ein -Bad nehmen? Wollet ihr euch ersäufen? An Winkler fehlt es nicht. Mein Leben -mach ich keine solche Wette mehr. Fünfzehn Flaschen, ists nicht zum -Langweiligwerden?« - -»Keine Angst!« rief Lauscher. »Mathilde, zwei Gläser!« Er prüfte eine der -im Kübel stehenden Flaschen und schenkte ein. »Meine Blume, Aber!« - -»Saufs!« - -»Na?« fragte der Säbelwetzer. - -»Er ist gut,« gab Lauscher kurz zur Antwort, ließ den linken Arm über die -Stuhllehne hängen, füllte seinen Römer nach und trank ihn mit einem langen -sicheren Schluck hinunter. - -»Wo spuckts wieder?« fragte der Säbelwetzer. »Du hast deinen -allerbeinernsten Schädel aufgesetzt.« - -»Du weißt,« fiel Aber ein, »Schnaps verträgt er nicht. Der Benediktiner --« -Lauscher stieß durch die Zähne einen langen Pfiff. - -»Halts Maul, Aberchen! Überhaupt fragt man nicht so dumm, Säbelwetzer.« Er -trank ein neues Glas an. »Ihr seid eigentlich doch eine Schweinebande, -liebe Freunde,« fuhr er dann langsam und ernsthaft fort, »und mich wunderts -selber, daß ich allemal wieder bei euch bin.« - -Elenderle lachte und trank dem Dichter zu. - -»Aber was tun? Ihr seid wenigstens bloß langweilig und im übrigen gute -Brüder.« - -»Hm -- hm --« - -»Ja, brummt nur! Oder hat vielleicht einer von euch etwas anderes an Geist -zu verbrauchen, als die übrigen Brocken aus seiner Fuchsenzeit? Oder hat -einer von euch eine Ahnung von Humor, von Philosophie, von Kunst? Oder --« - -»Na hör mal,« lachte der Kandidat Aber, »eh du so proletest, sei doch so -gut und serviere uns einmal deine Kunst, deine Philosophie, deinen Humor! -Er muß anderswo als in deinen sentimentalen Versen stecken --« - -»Das tut er auch. Was Verse! Daß ich hier sitze und euren Wein mit euch -trinke und eure desperaten Schädel betrachte, während ich Gold, Silber, -Paläste, Märchen und Kleinode in mir liegen habe, das ist der Humor. Was -verbummelt ihr? Was ersäuft ihr? Ein Examen, ein bißchen Vermögen, ein -Ämtchen, in dem ihr euch geschunden und gelangweilt hättet. Warum? Weil es -euch dämmert, daß es sich um solches Zeug nicht zu leben lohnt. Und ich? -Schluck um Schluck ersäufe ich ein Stück blauen Poetenhimmel, eine Provinz -meiner Phantasie, eine Farbe von meiner Palette, eine Saite von meiner -Harfe, ein Stück Kunst, ein Stück Ruhm, ein Stück Ewigkeit. Warum? Weil es -sich auch um alles das nicht zu leben lohnt. Weil es sich überhaupt nicht -lohnt zu leben; denn Leben ohne Zweck ist öd und leben mit Zweck ist eine -Plage.« - -Elenderle lachte fortwährend. Aber nahm einen langen Schluck und sagte -gutmütig: »Trink, Lauscher, und mach uns nix Blaues vor!« - -»Aber sag,« redete er darauf Elenderle an, »was machst du denn jetzt -eigentlich? Weiß dein Alter schon?« - -»Was denn?« fragte Lauscher. - -»Weißt du nicht? Er ist zum drittenmal nicht ins Examen gestiegen und -außerdem relegiert. Na, Elenderle, was denkst du?« - -»Denken? Ich hab mich anwerben lassen.« - -»Sakerlot! Anwerben?« - -»Ja ja ja ja!« - -»Zu was denn? Ist eine Deliriantenarmee gegründet worden?« - -»Ganz so was! Ich meinte, ich hätte in meinen vielen Semestern genug -Jammertränen vergossen, um mir dafür ein Freibillet in die Gefilde der -Seligen zu kaufen.« - -»Auch gut,« lachte der Säbelwetzer. »Das ist nicht mehr als billig. In die -Hölle wärst du so wie so nicht gekommen, das weiß ich, denn ich habe einmal -drei Semester württembergische evangelische Theologie studiert.« - -»Aber wer hat dich denn angeworben?« fragte Lauscher. - -»Ei wer? Ja, den möchtest du kennen! Ein Herr, sag ich dir, ein feiner Herr ---« - -»Rindvieh!« rief Lauscher. »Was du einen feinen Herrn nennst! War er feiner -als ich?« - -»Viel, viel feiner! Ein Gentleman, sag ich euch. Übrigens dummes Geschwätz! --- er kommt heut abend her, er hats versprochen.« - -»Wa--as? Kein Schwindel? Auf dein Wort?« - -»Natürlich, auf alle meine Wörter. Prost, Lauscher!« - -»Prost, Elenderle!« - -Lauscher zog ein Paket seiner Giftschlangen hervor, schwarze, lange, dünne -Zigarren, und bot den andern an. Er zündete sich eine an, blies Wolken, -streifte die Asche ab, nahm hin und wieder einen schnellen Schluck und -verfiel in eine träumerisch schwere Trägheit. Auch die andern widmeten sich -nun still dem Wein und der Zigarre. Eine bläuliche Wolke hing über dem -Tische, man hörte die wenigen übrigen Gäste reden und lachen. Die Freunde -tranken Glas um Glas und saßen einander versonnen und fast völlig stumm -gegenüber, wie sie schon viele Stunden und viele ganze Abende und Nächte -versonnen und stumm beisammen um irgend einen Trinktisch gesessen waren. - -»Ich bin doch neugierig auf deinen Werber,« sagte Aber nach einer langen, -langen Pause. - -Keine Antwort. Mathilde öffnete zwei neue Flaschen. Der Säbelwetzer -schenkte ein. - -»Übrigens,« begann Aber wieder, »übrigens, meine Lieben, was könnte -eigentlich aus uns noch werden? Wer wird uns anwerben? Sei's noch um zwei -Semester, so ist bei mir die Gnadenfrist vorbei.« - -»Und bei mir der Mammon,« sagte der Säbelwetzer. »Umsatteln kann ich -nimmer.« - -»Ich auch nicht,« gähnte Aber. »Mein Alter ist jetzt schon scheu -- -Amerika?« - -Lauscher lachte. - -»Afrika, Asien, Australien?« äffte er nach. »Das nenne ich Sorgen! Weißt du -denn, ob du in zwei Semestern noch lebst? Zwei Semester! Bedenke, was in -zwei Semestern alles anders werden kann!« - -»Zum Beispiel?« - -»Zum Beispiel könntest du gerade jetzt, wo du so unvorsichtig deine Zigarre -anzündest, dem Mund zu nahe kommen und in Spiritusflammen aufgehen. Ein -schöner Tod! Oder du gründest, was ich kommen sehe, deinen Klub, ihr baut -ein Klubhaus und du wirst Kellermeister --« - -»Dunder!« rief Aber erregt. »Dunder noch mal! Das ist eine feine Idee!« - -»Oder du gehst,« fuhr Lauscher fort, »du gehst --« - -Er brach mitten im Satze ab und stierte blaß auf das gegenüber -offenstehende Fenster. - -»Na? Was ist los?« rief der Säbelwetzer. - -Lauscher deutete mit dem Finger auf das Fenster. - -»Da!« rief er stotternd. »Wir spielen doch nicht Freischütz.« - -Alle wendeten die Blicke dem ausgestreckten Finger nach. Im Fenster stand -ein Mensch von schmaler, hoher Figur, regungslos, hager, frech, blaß, mit -Spitzbärtchen am langen Kinn, hoher Stirn, stand und blickte aus hellen, -stechenden, stahlgrauen Augen in die Stube. - -Der Säbelwetzer war der einzige, der nicht erschrack. - -»Sieht aus, als wüßt er nicht, ob er Kasper oder Samiel mimen soll,« lachte -er. »Soll ich den frechen Bruder anrempeln?« - -Der Fremde verschwand vom Fenster. Einen Augenblick später ging die Tür und -er trat ein, schritt durch die Stube und nahm am Tisch der Kameraden Platz. - -Der Säbelwetzer wollte aufstehen und den Eindringling mit einer Grobheit -fortweisen, da streckte über den Tisch herüber Elenderle dem Gaste die Hand -entgegen und lachte. - -»Entschuldigen Sie, Herr, ich erkenne Sie eben erst. Darf ich Ihnen meine -Freunde vorstellen?« - -Mit schon etwas betrunkenen Gesten führte er die Vorstellung aus. Den Namen -des Fremden vergaß er zu nennen. - -Man saß wieder lange trinkend, stumm und träg am Tische, bis Lauscher sich -erhob. - -»Ich gehe. Macht einer noch ein Billard mit?« - -Die Freunde schwiegen. - -»Ich, wenn Sie wollen,« sagte aufstehend der Unbekannte. »Wir könnten ja -alle zusammen in den Walfisch gehen. Ich kam eben dort vorbei, das Billard -ist frei.« - -Alle tranken nun aus und folgten dem Vorschlag. Draußen rann Regen, es war -frostig naß und die Kornhausgasse ein Meer von Schmutz. Der Walfisch war -bald erreicht. Elenderle ging voran die Treppe hinauf. Bei der Gasflamme im -Gang hielt Aber den Fremden an. - -»Einen Augenblick, wenn Sie erlauben!« - -Er blickte nach der Treppe. Die andern waren schon oben. - -»Nun?« fragte der Lange. - -»Elenderle hat von Ihnen gesprochen,« sagte Aber verlegen. »Sie werben für -eine Gesellschaft?« - -»Allerdings.« - -»Ich könnte -- es wäre möglich, daß -- kurz, ich möchte Sie kennen lernen.« - -»Freut mich. Ich bin nur heute hier, aber Ihr Freund kann Ihnen ja morgen -Auskunft geben. Ich komme ziemlich jedes Semester einmal nach Tübingen.« - -Sie stiegen den andern nach in das räucherige, verrufene Café hinauf. -Elenderle hatte oben schon Sekt bestellt und sich faul in ein Sofa -geworfen. Lauscher kreidete schon seinen Billardstock. Der Fremde ergriff -einen andern. Er spielte brillant. - -Die Partie war schnell zu Ende. - -»Sie spielen hübsch,« sagte der Lange zum Dichter. »Wenn Sie sich Ihre -Scheu vor dem Fiedelstoß abgewöhnen, werden Sie vielleicht bald genial -spielen. Hier fängt das Billardspiel erst an. Sehen Sie --« - -Er ergriff noch einmal das Queue und tat einen seiner glänzenden, -fabelhaften Stöße. Der Ball rollte, nachdem er den weißen Ball berührt, in -einem eigentümlichen, unglaublichen Bogen zum roten. - -Lauscher staunte. Dann setzten sie sich zu den andern. Aber und Lauscher -tranken Kaffee, die andern Sekt und Sherry. Die kleine, unbändige Molly -trank mit und freundete sich mit Elenderle auf dem Sofa an. - -»Was halten Sie von ihm?« fragte der Fremde Lauschern, indem er leise nach -jenem hindeutete. »Ein Schwein,« flüsterte Lauscher, »ein komplettes -Schwein. Aber seelengutmütig.« - -»Und der?« Der Lange bewegte das Kinn gegen den Säbelwetzer. - -»Nicht ganz so dumm,« urteilte Lauscher, »und auch nicht so geschmacklos. -Aber ein Säbelheld. Er verschmerzt es nie, daß ihn die Burschenschaft an -die Luft gesetzt hat.« - -»Hm. Und der dritte?« - -»Aber? Der beste von den dreien, nur ohne Rückgrat. Er hat im stillen -heillos vor seiner Krisis Angst.« - -»Sie sprechen nett von Ihren Freunden.« - -»Warum nicht? Verschiedene Grade von Fäulnis, die verschieden -phosphoreszieren.« - -»Sie gefallen mir.« - -»So?« - -Lauscher erhob sich. »Komm!« rief er Abern zu, »wir gehen.« - -Der Fremde grüßte die Abgehenden mit einem blanken, häßlichen Lächeln. Der -Säbelwetzer war eingeschlafen. Elenderle und Molly schienen die Anwesenheit -anderer zu vergessen. - -Aber und Lauscher irrten eine halbe Stunde lang im Regen durch die -finsteren leeren Gassen. Der Löwen war geschlossen, in den Schwarzwälder -mochten sie nicht gehen, es schlug drei Uhr. - -»Komm, ich geh nach Haus!« rief Aber endlich ungeduldig aus. - -»Ich nicht.« Lauscher blieb stehen und blickte um sich. »Alles tot! Was -diese Leute schlafen!« - -»Komm, wir tun's auch.« - -»Nein. Schlafen!« Der Dichter wendete sich um und blickte Abern in das -breite, etwas angetrunkene Gesicht. »Du, Aber! Möchtest du jetzt nicht auch ->Pfui Teufel< zu allem sagen?« - -»Hilft nichts. Lieber gehen wir in den Schwarzwälder.« - -»Was dasselbe ist. Meinetwegen.« - -Sie betraten das Lokal und ließen sich Gilka geben. Aber wurde allmählich -von der traurigen Laune seines Begleiters angesteckt. Trüb und unzufrieden -blickten sie mit toten Augen über die Zigarren weg in den Raum. Drei späte -Bummler würfelten an einem Kaffeetischchen, am Büffet schlief die -Kellnerin, eine einsame Winterfliege kroch am Gasrohr und schien jeden -Augenblick in die Flamme fallen zu müssen, an den Fensterladen hörte man -den Regen tropfen. - -»Nicht sentimental werden!« sagte Aber nach einer Stunde. Er stürzte sein -Gläschen Gilka hinunter; beide verließen den öden Saal und stiegen die -steile Judengasse hinab. Im Vorbeigehen hörten sie den Knecht im Walfisch -die Türen schließen. Am Ende der Schmiedthorgasse, bei der alten -Ammerbrücke, hielten sie einen Augenblick an. - -»Gehen wir links!« gähnte Aber. - -»Es ist näher über die Brücke,« meinte Lauscher heiser; sie gingen hinüber. - -Jenseits der Brücke lag auf den Stufen zur Ammer köpflings gestürzt ein -Mensch. - -»Holla,« rief Aber lachend, »der hat einen guten Schlaf.« - -»Jedenfalls einer vom heiligen Verein,« sagte Lauscher und trat näher. »Er -wird sich morgen über seinen Heiligenschein wundern.« - -»Herrgott,« unterbrach ihn Aber plötzlich, »das ist ja der Elenderle. Kein -Mensch in Europa besitzt einen ähnlichen Bratenrock.« - -Sie stiegen einige Stufen hinab, Elenderle lag mit dem Gesicht auf den -Stufen. Sie hoben ihn auf, geronnenes Blut war auf seinem ganzen Gesicht -verschmiert. - -»Der ist bös gefallen!« seufzte Aber. Da klirrte etwas am Boden. Aus der -starren Hand Elenderles war ein Revolver gefallen, und nun sahen die -Freunde auch an der rechten Schläfe eine kleine, schwarze Wunde. Lauscher -steckte ein Streichholz an. - -»Bleib du hier,« sagte Aber mit verwandelter Stimme, »ich gehe zur -Polizei.« - -»Lassen Sie mich das besorgen,« rief da eine scharfe Stimme. Der Fremde kam -vom Ammerweg her die Treppe herauf. Er rückte giftig lächelnd am Hut und -blitzte die Freunde grinsend aus den frechen Augen eiskalt und höhnisch an. -Beide erschraken bis ans Herz und rannten durch die Nacht davon. - -Als sie am andern Tag erwachten, glaubten beide den ganzen Spuk geträumt zu -haben. Die Hauswirtin pochte an Lauschers Tür und kam mit dem Kaffee -herein. - -»Denken Sie, Herr Lauscher, der Jammer! Heute Nacht hat sich ein Student -das Leben genommen.« - - - - -Lulu. -Ein Jugenderlebnis, dem Gedächtnis -E. T. A. Hoffmanns gewidmet. -(Geschrieben 1900.) - - -I. - -Die schöne alte Stadt Kirchheim war soeben von einem kurzen sommerlichen -Regen abgewaschen worden. Die roten Dächer, die Wetterfahnen und -Gartenzäune, die Gebüsche und die Kastanienbäume auf den Wällen glänzten -freudig neu und stattlich, und der steinerne Konrad Widerhold mit seiner -steinernen Ehehälfte freute sich still beglänzt seines noch rüstigen -Alters. Durch die gereinigten Lüfte schien die Sonne schon wieder mit -kräftiger Wärme herab, in den letzten hangenden Regentropfen des Gezweiges -blitzende Funkenspiele entzündend, und die freundliche breite Wallstraße -floß vom Glanze über. Kinder sprangen einen fröhlichen Reihen, ein Hündlein -kläffte jauchzend ihnen nach, die Häuserzeile entlang flatterte in -unruhigen Bögen ein gelber Schmetterling. - -Unter den Kastanien des Walls, auf der dritten Ruhebank rechts von der -Post, saß neben seinem Freunde Ludwig Ugel der durchreisende Schöngeist -Hermann Lauscher und erging sich in heitern und anmutigen Gesprächen über -die Wohltat des niedergefallenen Regens und die wieder hervortretende Bläue -des Himmels. Er knüpfte daran phantasierende Betrachtungen über Dinge, die -ihm am Herzen lagen, und lustwandelte nach seiner Gewohnheit unermüdet auf -dem Anger seiner Redekunst. Während der langen schönen Reden des Dichters -lugte der stille und vergnügte Herr Ludwig Ugel öftere Male scharf über die -Boihinger Landstraße hinaus, in Erwartung eines Freundes, der von dorther -eintreffen sollte. - -»Ists nicht, wie ich sage?« rief der Dichter lebhaft aus und erhob sich ein -wenig von der Sitzbank; denn die schlechte Lehne war ihm unbequem, auch war -er auf einem Stücklein dürren Zweiges gesessen. »Ists nicht so?« rief er -aus und entfernte mit der Linken das Holzstück und dessen Eindruck auf -seiner Hose. »Das Wesen der Schönheit muß im Lichte liegen! Glaubst du -nicht auch, daß es da liegt?« - -Ludwig Ugel rieb sich die Augen; er hatte nicht gehört, wovon die Rede war, -und nur die letzte Frage Lauschers verstanden. - -»Freilich, freilich,« entgegnete er hastig. »Nur kann man es von hier aus -nicht sehen. Es liegt genau dort, hinter der Schlotterbeckschen Scheuer.« - -»Wie? Was?« rief Hermann heftig. »Was, sagst du, liege hinter der Scheuer?« - -»Nun, Oetlingen! Karl hat keinen andern Weg, er muß notwendig von dorther -kommen.« - -Verdrießlich schweigend starrte nun auch der durchreisende Dichter auf die -helle weite Landstraße hinüber, und wir können beide Jünglinge auf ihrer -Bank sitzen und warten lassen; denn der Schatten muß dort noch bei einer -Stunde anhalten. Wir wenden uns indessen hinter die Schlotterbecksche -Scheuer, finden dort aber weder das Dorf Oetlingen noch das Wesen der -Schönheit liegen, sondern eben den erwarteten dritten Freund, den -Kandidaten der Jurisprudenz Karl Hamelt. Dieser kam von Wendlingen her, wo -er die Ferien zubrachte. Seine nicht übel gewachsene Figur gewann durch ein -verfrühtes Fettwerden einen komisch behäbigen Anflug, und in seinem -gescheiten, eigensinnigen Gesicht lag die kräftige Nase mit den wunderlich -feisten Lippen und den übervollen Wangen im Streit. Das breite Kinn warf -über dem engen Stehkragen reichliche Falten, und zwischen Stirn und Hut -ragte verschwitzt und ungescheitelt das kurze freche Haupthaar hervor. Er -lag rücklings hingestreckt im kurzen Grase und schien ruhig zu schlafen. - -Er schlief wirklich, vom heißen mittäglichen Weg ermüdet; ruhig aber war -sein Schlummer nicht. Ein seltsam phantastischer Traum hatte ihn -heimgesucht. Ihm schien nämlich, er liege in einem unbekannten Gartenlande -unter sonderbaren Bäumen und Gewächsen und lese in einem alten Buche mit -Pergamentblättern. Das Buch war in wunderlich kühnen, wirr ineinander -geschlungenen Lettern einer völlig fremden Sprache geschrieben, die Hamelt -nicht kannte noch verstand. Dennoch aber las er und verstand er den Inhalt -der Blätter, indem immer wieder, so oft er ermüden wollte, auf zauberische -Weise aus dem krausen Durcheinander der Schnörkel und Schriftzeichen sich -Bilder hervorlösten, farbig aufglänzten und wieder versanken. Diese Bilder, -einander folgend wie in einer magischen Laterne, schilderten die -nachfolgende, sehr alte, wahre Geschichte. - - * * * * * - -Mit demselben Tage, an welchem der Talisman des ehernen Ringes durch -betrügerische Magie der Quelle Lask entrissen und in die Hände des -Zwergfürsten gefallen war, begann der helle Stern des Hauses Ask sich zu -trüben. Die Quelle Lask versiegte bis auf einen schier unsichtbaren -Silberfaden, unter dem Opalschlosse senkte sich die Erde, die -unterirdischen Gewölbe wankten und brachen teilweise zusammen, im -Liliengarten begann ein verheerendes Sterben und nur die doppelkrönige -Königslilie hielt sich noch eine Zeitlang stolz und aufrecht; denn um sie -hatte die Schlange Edelzung ihren engsten Reif geschlungen. In der -verödeten Askenstadt verstummte Fröhlichkeit und Musik, im Opalschlosse -selbst klang und sang kein Ton mehr, seit die letzte Saite der Harfe -Silberlied gebrochen war. Der König saß Tag und Nacht wie eine Bildsäule -allein im großen Festsaal und konnte nicht aufhören, sich über den -Untergang seines Glückes zu verwundern; denn er war der glücklichste aller -Könige seit Frohmund dem Großen gewesen. Er war traurig anzusehen, der -König Ohneleid, wie er im roten Mantel in seinem großen Saale saß und sich -wunderte und wunderte; denn weinen konnte er nicht, da er ohne die Gabe des -Schmerzes geboren war. Er wunderte sich auch, wenn er am Morgen und am -Abend statt der täglichen Früh- und Spätmusik nur die große Stille und von -der Tür her das leise Weinen der Prinzessin Lilia vernahm. Nur selten noch -erschütterte ein kurzes, karges Gelächter seine breite Brust, aus -Gewohnheit; denn sonst hatte er an jedem lieben Tage zweimal -vierundzwanzigmal gelacht. - -Hofstaat und Dienerschaft war in alle Winde zerstoben; außer dem König im -Saale und der trauernden Prinzessin war einzig der getreue Geist Haderbart -noch da, der sonst das Amt des Dichters, Philosophen und Hofnarren versehen -hatte. - -In die Macht des ehernen Talismans aber teilte sich der feige Zwergfürst -mit der Hexe Zischelgift, und man kann sich vorstellen, wie es unter ihrem -Regimente zuging. - -Das Ende der Askenherrlichkeit brach herein. Eines Tages, an dem der König -kein einziges Mal gelacht hatte, rief er abends die Prinzessin Lilia und -den Geist Haderbart zu sich in den leeren Festsaal. Ein Wetter stand am -Himmel und leuchtete durch die schwarzen großen Fensterbogen mit jachem -Blitzen fahl herein. - -»Ich habe heute kein einziges Mal gelacht,« sagte der König Ohneleid. - -Der Hofnarr trat vor ihn hin und schnitt einige sehr kühne Grimassen, die -jedoch in dem alten bekümmerten Gesichte so verzerrt und verzweifelt -aussahen, daß die Prinzessin die Augen wegwenden mußte und der König das -schwere Haupt schüttelte, ohne zu lachen. - -»Man soll auf der Harfe Silberlied spielen,« rief König Ohneleid. »Man -soll!« sagte er, und es klang den beiden traurig durchs Herz; denn der -König wußte nicht, daß Harfner und Spielleute ihn verlassen hatten und daß -die zwei Getreuen seine letzten Hausgenossen waren. - -»Die Harfe Silberlied hat keine Saiten mehr,« sagte der Geist Haderbart. - -»Man soll aber dennoch spielen,« sagte der König. - -Da nahm Haderbart die Prinzessin Lilia bei der Hand und ging mit ihr aus -dem Saale. Er führte sie aber in den verwelkten Liliengarten zur -versiegenden Quelle Lask und schöpfte die allerletzte Handvoll Wasser aus -dem Marmorbecken in ihre Rechte, und sie kamen damit zum Könige zurück. Nun -zog die Prinzessin Lilia aus diesem Wasser Lask sieben blanke Saiten über -die Harfe Silberlied, und für die achte reichte das Wasser nicht mehr hin, -so daß sie von ihren Tränen zu Hilfe nehmen mußte. Und nun strich sie mit -der leeren Hand zitternd über die Saiten, daß der alte süße Freudenton noch -einmal selig schwoll; aber jede Saite brach, nachdem sie angeklungen, und -als die letzte klang und brach, da klang ein schwerer Donnerschlag und -brach die ganze Wölbung des Opalschlosses stürzend und krachend zusammen. -Dieses letzte Harfenlied aber hatte gelautet: - - Silberlied muß schweigen; - Aber einst muß steigen - Aus der Harfe Silberlied - Dieser selbe Reigen. - -(Ende der wahren Geschichte vom Wasser Lask). - - * * * * * - -Der Kandidat Karl Hamelt erwachte von seinem Traume nicht eher, als bis die -beiden Freunde, die ungeduldig ein Stück weit die Landstraße -entgegengegangen waren, ihn im Grase liegen fanden. Diese fuhren ihn über -seine Saumseligkeit mit unsanften Worten an, auf die jedoch Hamelt mit -Schweigen antwortete und sich nur zu einem flüchtig genickten »Guten -Morgen!« verstand. - -Ugel war besonders ungehalten. »Ja, Guten Morgen!« zürnte er. »Es ist lang -nimmer Morgen! Antezipiert hast du wieder, in der Oetlinger Kneipe bist du -gewesen, der Wein glänzt dir noch aus den Augen!« - -Karl grinste und rückte den braunen Filz weiter in die Stirne. »Nun, laß -gut sein!« sagte Lauscher. Die drei Freunde wandten sich gegen die Stadt, -am Bahnhof vorüber und über die Bachbrücke, und wandelten langsam auf dem -Wall dem Gasthaus zur Königskrone entgegen. Dieses war nämlich nicht nur -der bevorzugte Bierwinkel der Kirchheimer Freunde, sondern auch die -derzeitige Herberge des durchreisenden Dichters. - -Als die Ankommenden sich schon der Kronentreppe näherten, öffnete sich die -schwere Haustüre plötzlich weit, und ihnen entgegen stürzte mit -Blitzesschnelle ein weißhaariger, graubärtiger Mann, mit zornrotem Gesicht -in heftigster Erregung aus dem Hause. Die Freunde erkannten befremdet den -alten Sonderling und Philosophen Drehdichum und vertraten ihm am Fuß der -Treppe den Weg. - -»Halt, werter Herr Drehdichum!« rief ihm der Dichter Lauscher entgegen. -»Wie kann ein Philosoph so das Gleichgewicht verlieren? Kehren Sie um, -Verehrter, und klagen Sie uns Ihren Schmerz im Kühlen drinnen!« - -Mit einem schiefen, spitzen Lauerblick des Mißtrauens hob der Philosoph -seinen struppigen Kopf und erkannte die drei jungen Männer. - -»Ah, da seid ihr,« rief er, »das ganze petit cénacle! Eilet ins Innere, -Freunde, trinket Bier und erlebet Wunder daselbst; aber verlanget nicht die -Teilnahme des gebrochenen Greises, in dessen Herz und Gehirn die Dämonen -wühlen!« - -»Aber, teurer Herr Drehdichum, was fehlt Ihnen denn heute schon wieder?« -fragte teilnehmend Ludwig Ugel, taumelte aber sogleich entsetzt wider die -Treppenbrüstung; denn der Philosoph hatte ihm einen Fauststoß in die Seite -versetzt und rannte schäumend und fluchend in die Straße. - -»Infame Zischelgift,« brüllte er im Wegeilen, »unglückseliger Talisman, in -rotblauer Blume verzaubert! Mißhandelt die Einzige, in Staub getreten -. . . Opfer satanischer Bosheit . . . Erneute qualvolle Erinnerung . . .« - -Verwundert schüttelten die drei ihre Köpfe, ließen jedoch den Wütenden -laufen und schickten sich endlich an, die Vortreppe zu ersteigen, als die -Türe sich von neuem öffnete und mit einem ins Haus zurückgewinkten -freundlichen Abschiedsgruß der Pfarrvikar Wilhelm Wingolf hervortrat. Er -wurde von den Untenstehenden mit Heiterkeit begrüßt und sogleich von allen -um die Ursache des seligen Glanzes befragt, der sein breites Würdehaupt -vergoldete. Geheimnisvoll streckte er den fetten Zeigefinger auf, nahm den -Dichter vertraulich beiseite und sagte ihm schalkisch lächelnd ins Ohr: -»Denk' dir, heute habe ich den ersten Vers in meinem Leben gemacht! Und -zwar soeben!« - -Der Dichter riß die Augen soweit auf, daß sie oben und unten über die -schmalen Ränder seiner goldenen Brille ragten. »Sag ihn!« rief er laut. Der -Pfarrvikar wendete sich gegen die drei Freunde, hob wieder den Zeigefinger -und sagte mit selig verkniffenen Augen seinen Vers auf: - - Vollkommenheit, - Man sieht dich selten, aber heut! - -Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ er hutschwenkend die -Kameraden. - -»Donnerwetter!« sagte Ludwig Ugel. Der Dichter schwieg nachdenklich. Karl -Hamelt aber, der seit seinem Erwachen im Grase noch kein Wort von sich -gelassen hatte, sagte mit Nachdruck: »Der Vers ist gut!« - -Auf irgend etwas Ungewöhnliches gefaßt, betraten nun endlich ohne weitere -Hindernisse die durstig gewordenen Freunde den kühlen Wirtsraum der Krone, -und zwar die bessere Stube, wo die junge Wirtin selber zu bedienen pflegte -und wo sie um diese Tageszeit stets die einzigen Gäste waren und mit der -Frau ihre scherzhaften Höflichkeiten trieben. - -Das erste Merkwürdige nun, was alle drei bald nach dem Eintreten und -Niedersitzen bemerkten, war dieses: daß ihnen die kleine runde Wirtin heute -zum ersten Mal gar nicht mehr hübsch erschien. Das rührte aber, wie jeder -im stillen bald wahrnahm, davon her, daß im Halbdunkel über die blanke -Galerie der geräumigen Kredenz ein fremder schöner Mädchenkopf hervorragte. - - -II. - -Das zweite nicht minder Merkwürdige war aber, daß am nächsten kleinen -Trinktische, ohne die Ankommenden irgend zu bemerken oder zu grüßen, der -elegante Herr Erich Tänzer saß, ein intimes Mitglied der Brüderschaft des -Cénacle und Karl Hamelts besonderer Herzensfreund. Er hatte einen Becher -helles Bier halb ausgetrunken vor sich stehen und in das Bierglas eine -gelbe Rose gestellt; dazu rollte er langsam seine großen, ein wenig -hervorstehenden Augen und sah zum ersten Mal in seinem Leben albern aus. -Zuweilen bog er seine stattliche Nase gegen die Rose hin und roch an ihr, -wobei er einen nahezu unmöglichen Schielblick nach dem fremden Mädchenkopf -hinüberlenkte, ohne daß hierdurch der Ausdruck seines Gesichtes wesentlich -gewonnen hätte. - -Und als dritte Absonderlichkeit saß neben Erich mit großer Ruhe der alte -Drehdichum, hatte einen Pfiff Kulmbacher vor sich stehen und eine von des -Kronenwirts Kubazigarren im Munde. - -»Zum Teufel, Herr Drehdichum,« rief aufspringend Hermann Lauscher, »wie -kommen Sie hieher? Sah ich Sie doch soeben um den obern Wall davonlaufen -. . .« - -»Und haben Sie mir doch eben noch in der größten zitternden Wut Ihre Faust -in den Magen gebohrt!« rief Ludwig Ugel. - -»Nichts für ungut,« rief der Philosoph mit dem gewinnendsten Lächeln -zurück, »nichts für ungut, lieber Herr Ugel! Ich empfehle Ihnen das -Kulmbacher, meine Herren!« Damit leerte er ruhig sein Glas. - -Indessen rief Karl Hamelt seinen Freund Erich an, der gegenüber noch immer -entrückt und schlaff vor seiner ins Bierglas gesteckten gelben Rose saß. - -»Erich, schläfst du?« - -Erich antwortete ohne aufzusehen: »Ich schläfe nicht.« - -»Man sagt nicht, ich schläfe, man sagt, ich schlafe,« rief Ugel. - -Da aber bewegte sich der Mädchenkopf hinter der Schenkgalerie, und die -ganze fremde schöne Person trat hervor und an den Tisch der Freunde. - -»Was wünschen die Herren?« - -Wem nicht schon, da er vor dem schönen Gemälde einer Frau in seliger -Begeisterung stand, plötzlich aus der Landschaft des Bildes heraus die -Schöne lebendig entgegentrat, der weiß nicht, wie den Brüdern des Cénacle -in diesem Augenblick zumute war. Alle drei erhoben sich von ihren Stühlen -und machten drei Verbeugungen, jeder eine. »Schöne, teure Dame!« sagte der -Dichter. »Gnädiges Fräulein!« sagte Ludwig Ugel, und Karl Hamelt sagte gar -nichts. - -»Nun, trinken Sie Kulmbacher?« fragte die Schöne. - -»Ja bitte,« sagte Ludwig, und Karl nickte, Lauscher aber bat um einen -Becher Rotwein. - -Als die Getränke nun von der leisen, schlanken Mädchenhand elegant serviert -wurden, wiederholten sich die verlegenen und ehrerbietigen Komplimente. Da -kam aus ihrer Ecke die kleine Frau Müller gelaufen. - -»Machen Sie doch nicht solche Umstände, meine Herren,« sagte sie, »mit dem -dummen Ding; sie ist meine Stiefschwester und zum Bedienen hergekommen, -weil wir eine Hilfe nötig hatten . . . Geh' ins Büffet, Lulu; es schickt -sich nicht, so bei den Herren stehen zu bleiben.« - -Lulu ging langsam weg. Der Philosoph kaute wütend an seiner Kuba, Erich -Tänzer wälzte einen fabelhaften Jongleurblick nach der Richtung, in der das -Mädchen verschwunden war. Die drei Freunde schwiegen ärgerlich und -verlegen. Die Wirtin trug, um sich gefällig zu zeigen und Unterhaltung zu -machen, vom Fensterbrett einen Blumentopf herbei und zeigte ihn prahlend am -Tische vor. - -»Sehen Sie, was für ein Staat! Diese Blume ist vielleicht die -allerseltenste, die man nur kennt, und man sagt, sie blühe bloß alle fünf -oder zehn Jahre.« - -Alle betrachteten aufmerksam die Blume, die zart rotblau auf einem kahlen -langen Stengel schwankte und einen seltsam trüben, warmen Duft ausströmte. -Der Philosoph Drehdichum geriet in eine große Erregung und warf einen -schneidend grimmigen Blick auf die Wirtin und ihre Blume, was aber niemand -beachtete. - -Da plötzlich sprang Erich am andern Tische auf, kam herüber, riß die Blume -mit einem gewaltsamen Ruck mitten ab und war mit ihr in zwei Sätzen ins -Büffet verschwunden. Drehdichum brach in ein leises Hohngelächter aus. Die -Wirtin kreischte entsetzlich auf, rannte Tänzern nach, blieb mit dem Rock -am Stuhle hängen, fiel zu Boden, der nacheilende Ugel über sie weg und über -ihn der Dichter, der im Aufspringen Weinkelch und Blumentopf mit sich riß. -Der Philosoph stürzte sich auf die hilflos liegende Wirtin, hielt ihr die -Fäuste vors Gesicht, fletschte die Zähne und achtete es nicht, daß Ugel und -Lauscher ihn wie toll an den reißenden Rockschößen zurückzuzerren strebten. -In diesem Augenblick eilte der Wirt herein; der Philosoph, wie verwandelt, -half der Frau auf die Beine, aus der Tür der angrenzenden Stube glotzten -Bauern und Fuhrmänner in den Skandal. Im Büffet hörte man die schöne Lulu -weinen, und Erich trat mit der ganz zerknitterten Blume in der Hand heraus. -Alles stürzte sich scheltend, fragend, drohend, lachend auf ihn los; er -aber hieb mit der zerbrochenen Blume wie ein Verzweifelter um sich und -gewann ohne Hut das Freie. - - -III. - -Am nächsten Morgen hatten sich die Freunde Karl Hamelt, Erich Tänzer und -Ludwig Ugel im Herbergzimmer Hermann Lauschers versammelt, um seine -neuesten Gedichte anzuhören. Eine große Flasche Wein stand auf dem Tisch, -aus der sich jeder bediente. Der Dichter hatte mehrere anmutige Lieder -vorgetragen und zog nun das letzte kleine Blättlein aus der Brusttasche. Er -las: »An die Prinzessin Lilia . . .« - -»Wie?« rief Karl Hamelt und fuhr vom Kanapee empor. Etwas indigniert -wiederholte Lauscher den obigen Titel. Karl aber legte sich in tiefem -Nachdenken in die geblümten Polster zurück. Der Dichter las: - - Ich weiß einen alten Reigen, - Ein helles Silberlied, - Das lautet fremd und eigen, - Wie wenn aus leisen Geigen - Ein Heimwehzauber lockend zieht . . . - -Hamelt lenkte die Aufmerksamkeit der beiden andern ganz von der Fortsetzung -des Liedes ab. »Prinzessin Lilia . . . Silberlied . . . Der alte Reigen -. . .« wiederholte er immer wieder, schüttelte den Kopf, rieb sich die -Stirn, stierte leer in die Luft und heftete sodann den Blick glühend und -heftig auf den Dichter. Lauscher war mit dem Lesen zu Ende und begegnete -aufschauend diesem Blicke. - -»Was ist?« rief er verwundert. »Willst du den Blick der Klapperschlange an -mir armem Vogel versuchen?« - -Hamelt erwachte wie aus einem tiefen Traum. »Woher hast du dieses Lied?« -fragte er tonlos den Dichter. Lauscher zuckte die Achseln. »Woher ich alle -habe,« sagte er. - -»Und die Prinzessin Lilia?« fragte Hamelt wieder. »Und der alte Reigen? -Siehst du denn nicht, daß dieses Lied das einzige echte ist, das du -gedichtet hast? Alle deine andern Gedichte . . .« Lauscher unterbrach ihn -schnell. - -»Schon gut; aber in der Tat,« fuhr er fort, »in der Tat, liebe Freunde, ist -dieses Lied mir selber ein Rätsel. Ich saß und dachte nichts und glaubte -nur, nach meiner Gewohnheit, aus Langeweile Figuren und Zierbuchstaben auf -das Blatt zu kritzeln, und als ich aufhörte, stand das Lied auf dem Papier. -Es ist eine ganz andere Hand, als ich sonst schreibe, sehet nur!« - -Damit gab er das Blatt dem zunächst sitzenden Erich in die Hände. Der hielt -es vors Auge, erstaunte höchlich, sah noch einmal schärfer hin und sank -alsdann mit dem lauten Ausruf: »Lulu!« in den Stuhl zurück. Ugel und Hamelt -stürzten hinzu und schauten auf das Papier. »Alle Wetter!« rief Ugel aus; -Hamelt aber hatte sich ins Kanapee zurückgelehnt und betrachtete das -merkwürdige Blatt mit allen Zeichen des maßlosesten Erstaunens. Höchste -Freude und unheimliche Befremdung wechselten auf seinem Gesicht. - -»Nun sag mir, Lauscher,« rief er endlich aus, »ist dies unsere Lulu oder -ist es die Prinzessin Lilia?« - -»Unsinn!« rief ärgerlich der Dichter. »Gib mir's her!« - -Aber während er das Papier an sich nahm und noch einmal überblickte, machte -plötzlich ein fremdes, kühles Schaudern seinen Herzschlag stocken. Die -unregelmäßigen flüchtigen Schriftzeichen flossen in unbeschreiblicher Weise -zu dem Umriß eines Kopfes zusammen, und beim längern Betrachten -entwickelten sich aus dem Umrisse feine Züge eines Mädchenangesichts, die -niemand anders als die schöne fremde Lulu darstellten. - -Erich saß wie versteinert im Sessel, Karl lag murmelnd auf dem Kanapee -neben dem kopfschüttelnden Ludwig Ugel. Der Dichter stand bleich und -verloren mitten im Zimmer. Da klopfte ihm eine Hand auf die Schulter, und -als er aufschreckend sich umwendete, stand der Philosoph Drehdichum da und -grüßte mit dem schäbigen steifen Hute. - -»Drehdichum!« rief der Dichter erstaunt. »Zum Hagel, sind Sie durch den -Plafond herabgefallen?« - -»Wieso?« entgegnete lächelnd der Alte. - -»Wieso, lieber Herr Lauscher? Ich hatte zweimal angeklopft. Aber lassen Sie -sehen, Sie haben ja hier ein prachtvolles Manuskript!« Er nahm das Lied -oder vielmehr das Bild sorgfältig aus Lauschers Händen. »Sie erlauben doch, -daß ich das Blatt betrachte? Seit wann sammeln Sie solche Raritäten?« - -»Raritäten? Sammeln? Werden Sie denn aus dem Wische klug, Herr Drehdichum?« -Der Alte betrachtete und betastete das Papier mit großem Behagen. - -»Ei freilich,« erwiderte er schmunzelnd, »ein schönes Stück eines wenn -schon verdorbenen und späten Textes! Es ist askisch.« - -»Askisch?« rief Karl Hamelt. - -»Nun ja, Herr Kandidat,« sagte freundlich der Philosoph. »Aber gestehen Sie -doch, bester Herr Lauscher, wo Sie den seltenen Fund gemacht haben! Es -möchte weitere Nachforschungen lohnen.« - -»Sie fabeln, Herr Drehdichum,« lachte beklommen der Dichter. »Dieses Blatt -ist nagelneu, ich selbst habe es gestern nacht geschrieben.« - -Der Philosoph maß Lauschern mit einem argwöhnischen Blick. - -»Ich muß gestehen,« antwortete er, »ich muß wirklich gestehen, mein lieber -junger Herr, daß diese Späße mich einigermaßen befremden.« - -Lauscher wurde nun aber ernstlich ungehalten. - -»Herr Drehdichum,« rief er heftig, »ich muß Sie bitten, mich nicht mit -einem Hanswurste zu verwechseln und sich, falls Sie selbst, wie es scheint, -diese heitere Rolle agieren wollen, gefälligst einen andern Schauplatz als -meine Wohnung zu suchen.« - -»Nun, nun,« lächelte gutmütig Drehdichum, »vielleicht denken Sie der Sache -noch einmal nach! Indessen leben Sie allerseits wohl, meine Herren!« Damit -rückte er den grünlich schillernden Hut auf dem weißen Kopfe zurecht und -verließ lautlos das Zimmer. - -Unten fand Drehdichum die schöne Lulu allein im leeren Wirtszimmer stehen -und Weingläser mit einem Tuch ausreiben. Er schenkte sich seinen Becher -selber am Fasse voll und setzte sich dem Mädchen gegenüber an den Tisch. -Ohne etwas zu reden, blickte er zuweilen freundlich aus seinen alten hellen -Augen der Schönen ins Gesicht, und sie, da sie sein Wohlwollen spürte, fuhr -unbefangen in ihrer Arbeit fort. Der Philosoph ergriff ein leeres -geschliffenes Glas, füllte ein wenig Wasser hinein und begann den Rand, den -er befeuchtet hatte, mit der Spitze des Zeigefingers zu reiben. Bald kam -ein Summen hervor, und dann ein klarer Ton, der ohne Unterbruch bald -schwellend, bald schwindend die Stube erfüllte. Die schöne Lulu hörte das -feine Singen gern, sie ließ die Hände ruhen und lauschte und ward von dem -ewigen süßen Kristalltone ganz bezaubert, indes der Alte manchmal vom Glase -weg ihr freundschaftlich und eindringend in die Augen blickte. Das ganze -Zimmer klang von dem Singen des Glases. Lulu stand ruhig damitten und -dachte nichts und hatte die Augen groß wie ein horchendes Kind. - -»Lebt noch der alte König Ohneleid?« vernahm sie eine Stimme fragen und -wußte nicht, war es der Alte, der fragte, oder kam die Stimme aus dem Ton -des Glases. Auf die Frage aber mußte sie durch ein Nicken antworten, sie -wußte nicht warum. - -»Und weißt du noch das Lied der Harfe Silberlied?« - -Sie mußte nicken und wußte nicht warum. Leiser tönte der Kristallklang. Die -Stimme fragte: - -»Wo sind die Saiten der Harfe Silberlied?« - -Der Ton klang immer leiser und schwang in kleinen zarten Wellen aus. Da -mußte die schöne Lulu weinen, sie wußte nicht warum. - -Es war ganz still im Zimmer geworden, und so blieb es eine gute Weile. - -»Warum weinen Sie, Lulu?« fragte Drehdichum. - -»Ach, hab ich geweint?« antwortete sie schüchtern. »Mir wollte ein Lied aus -meiner Kinderzeit einfallen; aber ich kann mich nur halb darauf besinnen.« - -Hastig ward die Tür aufgerissen, und die Frau Müller kam hereingerannt. -»Was, noch immer an den paar Gläsern?« rief sie keifend. Lulu weinte -wieder, die Wirtin rumorte und schimpfte; beide bemerkten es nicht, wie der -Philosoph aus seiner kurzen Pfeife einen großen Rauchringel blies, sich -darein setzte und leise auf einem sanften Zugwind durch das offene Fenster -fuhr. - - -IV. - -Die Mitglieder des petit cénacle waren im nahen Walde versammelt. Auch der -Regierungsreferendar Oskar Ripplein war mitgekommen. Die schwärmerischen -Gespräche der Jugend und Freundschaft entspannen sich zwischen den im Grase -liegenden Kameraden, durch Gelächter ebenso oft wie durch Pausen des -Nachdenkens unterbrochen. Besonders war von des Dichters Meinungen und -Absichten die Rede, denn dieser wollte nächster Tage eine weite Reise -antreten, und man wußte nicht, wann und wie man sich wiedersehen würde. - -»Ich will ins Ausland,« sagte Hermann Lauscher, »ich muß mich absondern und -wieder frische Luft um mich her bekommen. Vielleicht werde ich gerne einmal -zurückkehren; für jetzt aber bin ich dieses engen, burschenhaften Lebens -und der ganzen leidigen Studenterei von Herzen satt. Mir ist, als röche mir -alles nach Tabak und Bier; außerdem hab ich in diesen letzten Jahren schon -fast mehr Wissenschaft aufgesogen als für einen Künstler gut ist.« - -»Wie meinst du das?« fiel Oskar ein. »Ich denke, bildungslose Künstler, -speziell Dichter, hätten wir genug.« - -»Vielleicht!« antwortete Lauscher. »Aber Bildung und Wissenschaft ist -zweierlei. Das Gefährliche, was ich im Sinne hatte, ist die verdammte -Bewußtheit, in die man sich allmählich hineinstudiert. Alles muß durch den -Kopf gehen, alles will man begreifen und messen können. Man probiert, man -mißt sich selber, sucht nach den Grenzen seiner Begabung, experimentiert -mit sich, und schließlich sieht man zu spät, daß man den bessern Teil -seiner selbst und seiner Kunst in den verspotteten unbewußten Regungen der -früheren Jugend zurückgelassen hat. Nun streckt man die Arme nach den -versunkenen Inseln der Unschuld aus; aber man tut auch das nicht mehr mit -der ganzen unüberlegten Bewegung eines starken Schmerzes, sondern es ist -schon wieder ein Stück Bewußtheit, Pose, Absichtlichkeit darin.« - -»An was denkst du dabei?« fragte hier lächelnd Karl Hamelt. - -»Du weißt es schon!« rief Hermann. »Ja, ich gestehe, mein kürzlich -gedrucktes Buch beängstigt mich. Ich muß wieder aus dem Vollen schöpfen -lernen, an die Quellen zurückgehen. Mich verlangt nicht so sehr etwas Neues -zu dichten, als ein tüchtiges Stück frisch und ungebrochen zu leben. Ich -möchte wieder wie in meiner Knabenzeit an Bächen liegen, über Berge steigen -oder wie sonst die Geige spielen, den Mädchen nachlaufen, ins Blaue -hineinleben und warten, bis die Verse zu mir kommen, statt ihnen atemlos -und ängstlich nachjagen.« - -»Sie haben recht,« klang plötzlich die Stimme Drehdichums, der aus dem -Walde hervortrat und mitten zwischen den ins Gras gelagerten Jünglingen -stehen blieb. - -»Drehdichum!« riefen alle fröhlich aus. »Guten Tag, Herr Philosoph! Guten -Morgen, Herr Überall!« - -Der Alte setzte sich nieder, sog seine Zigarre kräftig an und wendete sein -wohlmeinendes, freundliches Gesicht dem Dichter Lauscher zu. - -»Es ist«, begann er lächelnd, »noch ein Stück Jugend in mir, das sich gerne -wieder einmal unter seinesgleichen ausplaudert. Wenn Sie erlauben, nehme -ich an Ihrer Unterhaltung teil.« - -»Gerne,« sagte Karl Hamelt. »Unser Freund Lauscher sprach eben davon, wie -ein Dichter aus dem Unbewußten schöpfen müsse und wie wenig ihm mit aller -Wissenschaft gedient sei.« - -»Nicht übel!« entgegnete langsam der Alte. »Ich habe immer zu den Dichtern -eine besondere Neigung gehabt und manchen gekannt, dem meine Freundschaft -nicht ohne Nutzen blieb. Die Dichter neigen auch heute noch mehr als andere -Menschen zu dem Glauben, daß im Schoß des Lebens gewisse ewige Mächte und -Schönheiten halbschlummernd liegen, deren Ahnung durch die rätselhafte -Gegenwart zuweilen hindurchschimmert wie ein Wetterleuchten durch die -Nacht. Dann ist ihnen, als seien das ganze gewöhnliche Leben und sie selber -nur Bilder auf einem gemalten hübschen Vorhang und erst hinter diesem -Vorhang spiele das eigentliche, das wahre Leben sich ab. Auch scheinen mir -die höchsten, ewigsten Worte der großen Dichter wie das Lallen eines -Träumenden zu sein, der, ohne es zu wissen, von den flüchtig erblickten -Höhen einer jenseitigen Welt mit schweren Lippen murmelt.« - -»Sehr schön,« rief hier Oskar Ripplein, »sehr hübsch gesagt, Herr -Drehdichum, aber weder alt noch neu genug. Diese schwärmerische Lehre ist -vor hundert Jahren von den sogenannten Romantikern gepredigt worden: man -träumte damals auch solche Vorgänge und solches Wetterleuchten. Man hört in -den Schulen noch davon reden als von einer glücklich überwundenen -Dichterkrankheit, und heute träumt längst kein Mensch mehr so, oder wenn er -träumt, so weiß er doch, daß das Gehirn . . .« - -»Satis!« rief da der Kandidat Hamelt. »Vor hundert und mehr Jahren sind -auch schon solche . . . solche Gehirnmenschen dagewesen und haben -langweilige Reden gehalten. Und heute nehmen sich jene Träumer und -Phantasten immer noch stattlicher und liebenswürdiger aus als diese -allzuverständigen Schlaumeier. Übrigens was das Träumen betrifft, auch mir -hat es dieser Tage merkwürdig geträumt.« - -»Erzählen Sie doch!« bat der Alte. - -»Ein ander Mal!« - -»Sie wollen nicht? Aber vielleicht können wirs erraten,« meinte Drehdichum. -Karl Hamelt lachte laut auf. - -»Nun, wir versuchens!« beharrte Drehdichum. »Jeder stellt eine Frage, auf -welche Sie ehrlich mit Ja oder Nein antworten. Erraten wirs nicht, so wars -doch ein lustiger Zeitvertreib!« - -Alle erklärten sich einverstanden und begannen nun kreuz und quer zu -fragen. Die besten Fragen stellte aber immer der Philosoph. Als wieder die -Reihe an ihn kam, fragte er nach einigem Besinnen: »Kam in dem Traume -Wasser vor?« - -»Ja.« - -Nun durfte, weil die Frage bejaht war, der Alte noch eine stellen. - -»Quellwasser?« - -»Ja.« - -»Wasser aus einer Wunderquelle?« - -»Ja.« - -»Wurde das Wasser ausgeschöpft?« - -»Ja.« - -»Von einem Mädchen?« - -»Ja.« - -»Nein!« rief Drehdichum. »Besinnen Sie sich!« - -»Ja doch!« - -»Also von einem Mädchen wurde das Wasser geschöpft?« - -»Ja.« - -Drehdichum schüttelte heftig den Kopf. »Unmöglich!« sagte er wieder. »Hat -wirklich das Mädchen selber aus der Quelle geschöpft?« - -»Ach nein!« rief Karl verwirrt. »Es war der Geist Haderbart, der zuerst -schöpfte.« - -»Ah, nun haben wirs!« frohlockten die andern. Und nun mußte Karl die ganze -Geschichte seines Traumes von der Quelle Lask erzählen. - -Alle hörten verwundert und seltsam ergriffen zu. - -»Prinzessin Lilia!« rief Lauscher aus. »Und Silberlied? Woher sind mir doch -die Namen so bekannt?« - -»Ei,« sagte der Alte, »die Namen stehen beide in der askischen Handschrift, -die Sie mir gestern zeigten.« - -»In meinem Liede!« seufzte der Dichter. - -»In dem Bilde der schönen Lulu,« flüsterten Karl und Erich. - -Der Philosoph hatte inzwischen eine neue Zigarre angesteckt und qualmte -mächtig ins Grüne hinein, bis er ganz in eine blaue Wolke von Tabaksrauch -eingehüllt war. - -»Sie rauchen ja wie ein Schornstein,« sagte Oskar Ripplein und wich der -Wolke aus. »Und was für ein Kraut!« - -»Echte Mexikaner!« rief aus seiner Wolke heraus der Alte. Dann hörte er auf -zu qualmen, und als nun ein Windzug die ganze stark riechende Wolke von -hinnen führte, war er mit ihr verschwunden. - -Karl und Hermann rannten hinter der zerstiebenden Rauchwolke her in den -Wald hinein. »Dummes Zeug!« brummte der Referendar Oskar und hatte das -unangenehme Gefühl, in zweideutiger Gesellschaft gewesen zu sein. Erich und -Ludwig hatten sich schon fortgemacht und wandelten im Golde des klaren -Spätnachmittags der Stadt und dem Gasthaus zur Krone entgegen. - -Karl und Hermann ereilten die letzten zerflatternden Schleier der -Tabakswolke im tiefen Walde und standen ratlos vor einer dicken Buche -still. Sie wollten sich eben ins Moos niedersetzen, um wieder zu Atem zu -kommen, als hinter dem Baume die Stimme Drehdichums laut wurde. - -»Nicht dort, ihr Herren, dort ist es ja feucht! Kommen Sie doch auf diese -Seite!« - -Sie kamen und fanden den Alten auf einem großen verdorrten Aste sitzen, der -wie ein unförmlicher Drache am Boden lag. - -»Gut, daß Sie kommen!« sagte er. »Nehmen Sie doch bitte hier neben mir -Platz! Ihr Traum, Herr Hamelt, und Ihr Manuskript, Herr Lauscher, -interessieren mich.« - -»Zuerst,« fiel ihm Hamelt ungestüm ins Wort, »zuerst sagen Sie mir doch um -des Himmels willen, wie Sie meinen Traum erraten konnten.« - -»Und mein Papier lesen!« fügte Lauscher hinzu. - -»Ei nun,« sagte der Alte, »was ist da zu wundern? Man kann alles erraten, -wenn man vorsichtig fragt. Zudem liegt mir die Geschichte der Prinzessin -Lilia so nahe, daß ich leicht darauf fallen mußte.« - -»Eben das ist es ja!« rief wieder der Kandidat. »Woher wissen Sie denn -diese Geschichte und wie erklären Sie es, daß mein Traum, von dem ich doch -niemandem ein Wort gesagt hatte, plötzlich in dem rätselhaften Liede -unseres Lauscher so auffallend anklingt?« - -Der Philosoph lächelte und sagte mit seiner milden Stimme: »Wenn man sich -mit der Geschichte der Seele und ihrer Erlösung viel beschäftigt hat, kennt -man ähnliche Fälle ohne Zahl. Es gibt von der Geschichte der Prinzessin -Lilia mehrere, stark variierende Fassungen; sie spukt vielfach entstellt -und verändert durch alle Zeiten und liebt namentlich die bequeme -Erscheinungsform der Vision. Nur selten zeigt sich die Prinzessin selbst, -deren Vollendungsprozeß übrigens in den letzten Stadien der Läuterung -stehen muß --, nur selten, sage ich, erscheint sie sichtbar in menschlicher -Gestalt und wartet unbewußt auf den Augenblick ihrer Erlösung. Ich selbst -sah sie kürzlich und versuchte mit ihr zu reden. Sie war aber wie im Traum, -und als ich es wagte, sie nach den Saiten der Harfe Silberlied zu fragen, -brach sie in Tränen aus.« - -Die jungen Leute hörten dem Philosophen mit aufgerissenen Augen zu. -Ahnungen und Anklänge stiegen in ihnen auf; aber die wunderlich krausen -Redensarten und halb ironischen Grimassen Drehdichums verwirrten ihnen die -Fäden unlöslich zu peinlichen Knäueln. - -»Sie, Herr Lauscher,« fuhr jener fort, »sind Ästhetiker und müssen wissen, -wie lockend und gefährlich es ist, die schmale, aber tiefe Kluft zwischen -Güte und Schönheit zu überbrücken. Wir zweifeln ja nicht, daß diese Kluft -keine absolute Trennung, sondern nur die Spaltung eines einheitlichen -Wesens bedeutet und daß beide, Güte sowie Schönheit, nicht Prinzipien, -sondern Töchter des Prinzips Wahrheit sind. Daß die beiden scheinbar -einander fremden, ja feindseligen Gipfel tief im Schoß der Erde eins und -gemeinsam sind. Aber was hilft uns die Erkenntnis, wenn wir auf einem der -Gipfel stehen und den klaffenden Spalt stündlich vor Augen haben? Das -Überbrücken dieses Abgrundes aber und die Erlösung der Prinzessin Lilia -bedeutet ein und dasselbe. Sie ist die blaue Blume, deren Anblick der Seele -die Schwere und deren Duft dem Geist die spröde Härte nimmt; sie ist das -Kind, das Königreiche verteilt, die Blüte der vereinten Sehnsucht aller -großen Seelen. Am Tag ihrer Reife und Erlösung wird die Harfe Silberlied -erklingen und die Quelle Lask durch den neuerblühten Liliengarten rauschen, -und wer es sieht und vernimmt, dem wird sein, als wäre er sein Leben lang -im Alpdruck gelegen und hörte nun zum ersten Male das frische Brausen des -hellen Morgens . . . Aber noch schmachtet die Prinzessin im Bann der Hexe -Zischelgift, noch hallt der Donner jener unheilvollen Stunde im -verschütteten Opalschlosse wider, noch liegt dort in bleiernen Traumfesseln -mein König im zertrümmerten Saal!« - - -V. - -Als die beiden Freunde eine Stunde später aus dem Walde hervorkamen, sahen -sie Ludwig Ugel, Erich Tänzer und den Regierungsreferendar mit einer -hellgekleideten Dame vom Dreikönigskeller her den Berg hinaufspazieren. -Bald erkannten sie mit Freuden die schlanke Lulu und eilten den Ankommenden -aufs schnellste entgegen. Sie war heiter und plauderte mit ihrer weichen -Liebesstimme harmlos in das Gespräch hinein. Alle setzten sich in halber -Höhe des Berges auf eine geräumige Ruhebank. Die helle Stadt lag blank und -fröhlich im Tale, und ringsum glänzte der goldene Duft des Abends auf den -hohen Wiesen. Die träumerische Fülle des August war herrlich ausgebreitet, -aus dem Laub der Bäume quoll schon das grüne Obst, Erntewagen fuhren auf -der Talstraße bekränzt und leuchtend gegen die Dörfer und Gehöfte. - -»Ich weiß nicht,« sagte Ludwig Ugel, »was diese Abende im August so schön -macht. Man wird nicht fröhlich davon, man legt sich ins hohe Gras und nimmt -teil an der Milde und Zärtlichkeit der goldenen Stunde.« - -»Ja,« sagte der Dichter und blickte der schönen Lulu in die dunkeln reinen -Augen. »Es ist die Neige der Jahreszeit, die so mild und traurig macht. Die -ganze reife Süßigkeit des Sommers quillt in diesen Tagen weich und müde -über, und man weiß, daß morgen oder übermorgen irgendwo schon rote Blätter -auf den Wegen liegen werden. Es sind die Stunden, da man schweigend das Rad -der Zeit sich langsam drehen sieht, und man fühlt sich selber langsam und -traurig mitgetrieben, irgendwohin, wo schon die roten Blätter auf dem Wege -liegen.« - -Alle schwiegen und lauschten in den goldenen Späthimmel und in die farbige -Landschaft hinein. Leise begann die schöne Lulu eine Melodie zu summen, und -allmählich ging das halbe Flüstern in ein zartes Singen über. Die Jünglinge -lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen süßen Töne der edeln -Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie Träume -aus der Brust der einschlummernden Erde. - - Aller Friede senkt sich nieder - Aus des Himmels klaren Weiten, - Alles Freuen, alles Leiden - Stirbt den süßen Tod der Lieder. - -Mit diesem Verse war ihr Abendlied zu Ende. Sogleich begann Ludwig Ugel, -der sich zu Füßen der andern ins Gras gelegt hatte, zu singen: - - O Brünnlein unterm Laube, du feiner Silberquell, - Fließe verstohlen hinunter zur weißen Waldkapell! - Dort liegt auf harten Stufen im Moos Marienfrau, - Du sollst sie stille rufen, mit Murmeln und nicht rauh. - Und sollst ihr leise künden von meiner tiefen Not: - Mein Mund sei, ach, von Sünden und lauter Liedern rot. - Und sollst ihr von mir geben eine Lilie, weiß und rein: - Sie möge mein rotes Leben und meine Sünden verzeihn! - Vielleicht, daß ihre Güte sich lächelnd zu dir neigt, - Der holden weißen Blüte ein süßer Duft entsteigt: - Weil Lieb- und Sonnetrinken des Sängers Sünde ist, - So sei der rote Liedermund in Hulden rein geküßt! - - * * * * * - -Darauf sang auch Hermann Lauscher eines von seinen Liedern: - - Der müde Sommer senkt das Haupt - Und schaut sein falbes Bild im See; - Ich wandle müde und bestaubt - Im Schatten der Allee. - - Ich wandle müde und bestaubt, - Und hinter mir bleibt zögernd stehn - Die Jugend, neigt das schöne Haupt - Und will nicht fürder mit mir gehn. - - * * * * * - -Mittlerweile war die Sonne untergegangen, der Himmel floß in rotem Lichte. -Der vorsichtige Referendar Ripplein wollte eben schon zur Heimkehr mahnen, -da begann die schöne Lulu noch einmal zu singen: - - Mein Vater hat viel Schlösser - Und Städte weit und breit, - Mein Vater ist der König, - Der König Ohneleid. - - Und käm ein schöner Ritter - Und wollte mich befrein, - Dem würde wohl mein Vater - Sein halbes Reich verleihn. - -Man erhob sich nun und stieg langsam den verglühenden Berg hinab. Jenseits -auf dem Gipfel der hohen Teck prangte verloren noch ein später Streifen -Sonne. - -»Woher haben Sie dieses Lied?« fragte Karl Hamelt die schöne Lulu. - -»Ich weiß nicht mehr,« sagte sie, »ich glaube, es ist ein Volkslied.« Sie -ging jetzt schneller und wurde plötzlich von Angst ergriffen, sie möchte zu -spät heimkommen und von der Wirtin gescholten werden. - -»Das leiden wir nicht,« rief Erich Tänzer heftig aus. »Überhaupt habe ich -im Sinn, der Frau Müller einmal meine Meinung deutlich zu sagen. Ich werde -sie schon . . .« - -»Nein, nein!« unterbrach ihn die schöne Lulu. »Es würde dann für mich nur -schlimmer werden! Ich bin eine arme Waise und muß tragen, was mir auferlegt -wird.« - -»Ach Fräulein Lulu,« sagte der Referendar, »ich wollte, Sie wären eine -Prinzessin und ich könnte Sie befreien.« - -»Nein,« rief der Schöngeist Lauscher, »Sie sind wirklich eine Prinzessin, -und nur wir sind nicht Ritter genug, Sie zu erlösen. Aber was hindert mich? -Ich tue es heute noch. Ich nehme die verdammte Müllerin beim Kragen . . .« - -»Still, still!« rief Lulu flehentlich. »Lassen Sie mich doch mein Schicksal -allein ertragen! Nur heute tut mirs um den schönen Abend leid.« - -Man sprach nun wenig mehr und näherte sich rasch der Stadt, wo sich Lulu -von den anderen trennte, um allein in die Krone zurückzukehren. Die Fünfe -sahen ihr nach, bis sie in die erste dunkle Straße hinein verschwand. - - »Mein Vater ist der König, - Der König Ohneleid . . .« - -summte Karl Hamelt vor sich hin und machte sich auf den Heimweg nach dem -Dorfe Wendlingen. - - -VI. - -Spät am Abend desselben Tages dauerte Erich Tänzer noch in der Krone aus, -bis auch Lauscher mit der Nachtkerze in sein Gastzimmer abging und er -allein in der stillen Schenkstube war. Lulu saß noch mit am Tische; da -stieß Erich plötzlich sein Bierglas heftig zur Seite, ergriff die Hand des -schönen Mädchens, sah sie an, räusperte sich und tat folgende Rede: -»Fräulein Lulu, ich muß Ihnen eine Rede halten. Ich muß Sie anklagen. Der -künftige Staatsanwalt regt sich in mir. Sie sind unerlaubt schön, Sie sind -schöner als man sein darf und machen damit sich und andere unglücklich. -Versuchen Sie nicht sich zu verteidigen! Wo ist mein schöner Appetit? Und -mein herrlicher Durst? Wo ist der Vorrat sämtlicher Paragraphen des -bürgerlichen Gesetzbuches, den ich mir mit Hilfe von Meisels Repertorium so -mühselig in den Kopf getrichtert hatte? Und die Pandekten? Und das -Strafrecht und der Zivilprozeß? Ja wo sind sie? In meinem Kopf steht nur -noch ein einziger Paragraph, der heißt Lulu! Und die Fußnote heißt: O du -Schönste, o du Allerschönste!« - -Erichs Augen standen weit hervor, ingrimmig knetete seine Linke den neuen -modischen Seidenhut zu schanden, seine Rechte umklammerte Lulus kühle Hand. -Diese spähte ängstlich nach einer Gelegenheit zu entrinnen. Im Büffet -schnarchte Herr Müller, sie mochte nicht rufen. - -Da ward unversehens die Türe ein wenig geöffnet, eine Hand und ein Stück -Flanellhemdärmels drang durch den Spalt, etwas Weißes entglitt der Hand und -flatterte zu Boden; dahinter schloß sich eilends wieder die Türe. Lulu -hatte sich losgemacht, sie sprang hinzu und hob ein beschriebenes Blatt -Briefpapier vom Boden auf. Erich schwieg verdrossen. Sie aber lachte -plötzlich und las ihm das Blatt vor. Darauf stand: - - Herrin, wirst du lachen müssen? - Sieh, ein heißes Dichterhaupt, - Das du stolz und kühl geglaubt, - Liegt beschämt nun dir zu Füßen, - Und ein Herz, dem alle höchste Lust - Wie das tiefste Leiden ward bewußt, - Zittert scheu in deiner kleinen Hand! - Rote Rosen, die ich Wandrer fand, - Rote Lieder, die ich Sänger sang, - Sehnen sich und welken bang, - Liegen arm zu deinen Füßen -- -- -- - Wirst du lachen müssen? - -»Lauscher,« rief Erich entrüstet, »das Aas! Sie werden doch nicht glauben, -es sei dem Luftibus Ernst mit seinen verdammten Versen? Verse! So was -schreibt er alle drei Wochen einer andren!« Lulu gab dem Erregten keine -Antwort, sondern lauschte nach dem offenstehenden Fenster hinüber. Von -dorther kamen wirre Guitarrengriffe geklungen, und eine Baßstimme sang -dazu: - - Ich stehe hier und harre - Und spiele die Guitarre . . . - O zögere nicht länger - Und liebe deinen Sänger! - -Ein Windstoß warf das Fenster klirrend zu. In diesem Augenblick erwachte -der Wirt im Büffet und kam verdrießlich aus der Schanktüre hervor. Erich -warf Geld auf den Tisch, ließ sein Bier stehen, verließ ohne Gruß die Stube -und rannte mit einem Satze die Vortreppe hinunter dem Guitarrespieler in -den Rücken, der niemand anders als der Referendar Ripplein war, welcher nun -mit Erich zankend und grimmig auf dem Wall unter den Kastanien davonging. - -Die schöne Lulu löschte die Gasflammen in Wirtsstube und Flur aus und stieg -in ihre Kammer hinauf. Sie hörte beim Vorbeigehen in Hermann Lauschers -Zimmer aufgeregte Schritte und öftere lange Seufzer tönen. Kopfschüttelnd -erreichte sie ihr Schlafgemach und legte sich zur Ruhe. Da sie nicht -sogleich einschlafen konnte, überdachte sie noch einmal den Abend; aber sie -lachte jetzt nicht mehr, vielmehr war sie traurig, und alles kam ihr wie -ein mißratenes Possenspiel vor. Sie wunderte sich in ihrem reinen Herzen -darüber, wie alle diese Menschen so töricht und enge bloß an sich selber -dachten und auch an ihr im Grunde doch nur das hübsche Gesicht ehrten und -liebten. Diese jungen Männer schienen ihr wie irregeleitete arme -Nachtflügler um kleine Lichtlein zu taumeln, während sie große Reden im -Munde führten. Es erschien ihr traurig und lächerlich, wie sie immerfort -von Schönheit, Jugend und Rosen redeten, farbige Theaterwände von Worten um -sich her aufbauten, indes die ganze herbe Wahrheit des Lebens fremd an -ihnen vorüberlief. In ihrer kleinen einfachen Mädchenseele stand diese -Wahrheit schlicht und tief geschrieben, und daß die Kunst des Lebens im -Leidenlernen und Lächelnlernen bestehe. - -Der Dichter Lauscher lag in seinem Bette im Halbschlummer. Die Nacht war -schwül. Rasche, unvollendete, fiebernde Gedanken stiegen in seiner heißen -Stirn empor und verloren sich in flüchtig verblassenden Träumen, ohne daß -darüber die schwere Schwüle der Augustnacht und das zähe, peinigende Singen -einiger Schnaken seinem Bewußtsein entschwunden wäre. Die Schnaken -folterten ihn am meisten; bald schienen sie zu singen: - - Vollkommenheit, - Man sieht dich selten, aber heut . . . - -bald war es das Lied der Traumharfe. Dann kam ihm plötzlich wieder in den -Sinn, daß nun die schöne Lulu seine Verse in Händen habe und von seiner -Liebe wisse. Daß Oskar Ripplein das Guitarreständchen gebracht, und daß -wahrscheinlich auch Erich heute Abend dem schönen Mädchen Geständnisse -gemacht habe, war ihm nicht verborgen geblieben. Das Rätselhafte im Wesen -der Geliebten, ihre ahnungsvoll unbewußte Verknüpfung mit dem Philosophen -Drehdichum, mit der askischen Sage und Hamelts Traum, ihre fremdartig -seelenvolle Schönheit und ihr alltäglich-graues Schicksal beschäftigten des -Dichters Gedanken. Daß die ganze eng befreundete Runde des Cénacle -plötzlich wie um den Magnetberg um das fremde Mädchen kreiste und daß er -selbst, statt Abschied zu nehmen und zu reisen, sich mit jeder Stunde enger -vom Netz dieses Liebesmärchens umstricken ließ, das alles kam ihm nun vor, -als wäre er und wären die andern lauter Traumgestalten eines -phantasierenden Humoristen oder Figuren einer grotesken Sage. In seinem -schmerzenden Haupte stieg die Vorstellung auf, dieses ganze Durcheinander -und er selbst und Lulu wären ohnmächtige, willenlose Fragmente aus einem -Manuskripte des alten Philosophen, hypothetische, versuchsweise kombinierte -Teile einer unvollendeten ästhetischen Spekulation. Dennoch sträubte sich -alles in ihm gegen ein solches unglückliches cogito ergo sum, er raffte -sich zusammen, stand auf und trat ans offene Fenster. Nun bei klarerem -Nachdenken erkannte er bald die hoffnungslose Albernheit seiner lyrischen -Liebeserklärung; er fühlte wohl, daß die schöne Lulu ihn nicht liebe und im -Grunde lächerlich fände. Traurig legte er sich ins Fenster, Sterne traten -zwischen den leichten Wolken hervor, ein Wind lief über die dunkeln Kronen -der Kastanien. Der Dichter beschloß, daß morgen sein letzter Tag in -Kirchheim sein sollte. Zugleich traurig und erlösend drang das Gefühl der -Entsagung durch seinen müden, vom Traum der letzten Tage schwül umfangenen -Sinn. - - -VII. - -Als Lauscher andern Tages früh in die Wirtsstube hinabkam, war Lulu schon -mit den Tassen beschäftigt. Beide setzten sich zum dampfenden Kaffee. Lulu -erschien dem Gaste merkwürdig verändert. Eine fast königliche Klarheit -leuchtete auf ihrem reinen, süßen Gesicht, und eine besondere Güte und -Klugheit blickte aus ihren schönen, vertieften Augen. - -»Lulu, Sie sind über Nacht schöner geworden,« sagte Lauscher bewundernd. -»Ich wußte nicht, daß dies möglich wäre.« - -Sie lächelte nickend: »Ja, ich habe einen Traum gehabt, einen Traum . . .« - -Der Dichter fragte mit einem erstaunten Blick über den Tisch hinüber. - -»Nein,« sagte sie. »Ich darf ihn nicht erzählen.« - -In diesem Augenblick trat die Morgensonne ins Fenster und glänzte durch die -dunkeln Haare der schönen Lulu stolz und golden wie eine Glorie. Andächtig -mit trauriger Freude hing des Dichters Blick an dem köstlichen Bilde. Lulu -nickte ihm zu, lächelte wieder und sagte: »Ich muß Ihnen noch danken, -lieber Herr Lauscher. Sie haben mir gestern Verse geschenkt, die mir hübsch -erscheinen, obwohl ich sie nicht ganz verstehen kann.« - -»Es war ein schwüler Abend gestern,« sagte Lauscher und blickte der Schönen -in die Augen. »Darf ich das Blatt noch einmal sehen?« - -Sie gab es ihm hin. Er überlas es leise noch einmal, faltete es zusammen -und verbarg es in seiner Tasche. Die schöne Lulu sah schweigend zu und -nickte nachdenklich. Nun wurde der Wirt auf der Treppe hörbar, Lulu sprang -auf und begann ihre Morgenarbeit. Grüßend trat der kleine, feiste Wirt -herein. - -»Guten Morgen, Herr Müller!« antwortete Hermann Lauscher. »Ich bin heute -zum letzten Mal Ihr Gast. Morgen früh reise ich.« - -»Aber ich hatte doch gedacht, Herr Lauscher . . .« - -»Schon gut. Auf heute abend stellen Sie ein paar Flaschen Champagner kalt -und räumen uns das hintere Zimmer ein, zum Abschiedfeiern!« - -»Wie Herr Lauscher befehlen!« - -Lauscher verließ Stube und Gasthaus und begab sich auf den Weg zu Ludwig -Ugel, seinem Liebling, um diesen letzten Tag mit ihm zusammen zu sein. - -Aus Ugels kleiner Bude in der Steingaustraße klang schon Morgenmusik. Ugel -stand in Hemdärmeln noch ungekämmt am Kaffeetisch und spielte seine brave -Violine, daß es eine Lust war. Das ganze Stüblein war voll Sonne. - -»Ist's wahr, du willst morgen reisen?« rief Ugel dem Dichter entgegen. Der -war nicht wenig verwundert. - -»Woher weißt du's denn schon?« - -»Von Drehdichum.« - -»Drehdichum? Der Teufel werde klug daraus!« - -»Ja, der Alte war die halbe Nacht bei mir. Ein toller Bruder! Er faselte -wieder was Langes, Farbiges von seinen Prinzessingeschichten, Liliengärten -und dergleichen. Meinte, ich müsse die Prinzessin erlösen; er hätte sich in -dir getäuscht, du seiest nicht die wahre Harfe Silberlied. Verrückt, nicht? -Ich verstand kein Wort.« - -»Ich verstehe es,« sagte Lauscher leise. »Der Alte hat recht.« - -Noch eine Weile hörte er Ugeln zu, der nun die begonnene Sonate zu Ende -spielte. Bald darauf verließen beide Freunde Arm in Arm die Stadt und -wandten sich gegen die Plochinger Steige in den Wald. Sie redeten wenig; -der Abschied machte beide stumm. Der Morgen lag warm und glänzend über den -schönen Bergen der Alb. Bald bog die Straße in den tiefen Wald, und die -Spaziergänger legten sich abseits vom Wege in das kühle Moos. - -»Wir wollen einen Strauß für die schöne Lulu machen,« sagte Ugel und begann -im Liegen große Farnkräuter zu brechen. - -»Ja,« sagte der andere leise, »einen Strauß für die schöne Lulu!« Er riß -eine ganze hohe rotblühende Staude aus der Erde. »Nimm das dazu! Roter -Fingerhut. Ich habe ihr sonst nichts zu geben. Wild, fieberrot und giftig -. . .« - -Er redete nicht weiter; süß und bitter stieg es in seiner Kehle auf, wie -Schluchzen. Düster wendete er sich ab; Ugel aber bog den Arm um seine -Schulter, legte sich an seine Seite und wies mit ablenkender Geberde empor -in das wunderbare Spiel des Lichtes im hellgrünen Laub. Jeder von den -beiden dachte an seine Liebe, und schweigend ruhten sie lange Zeit, -Waldkronen und Himmel über sich. Über ihre Stirnen lief der kräftige, kühle -Wind, über ihre Seelen spannte, vielleicht zum letzten Mal, die selige -Jugend ihre blauen, ahnungsvollen Himmel aus. Leise begann Ugel ein Lied zu -singen: - - Die Fürstin heißt Elisabeth -- - Ein Hauch von Sonne, die vergeht. - Ich wollt, ich hätte einen Namen, - Der sich verneigt vor lieben Damen, - Vor Schönheit, vor Elisabeth, - Der süß von zarten Rosen weht, - Von Blättern lind, so leicht, so laß, - Von Rosen weiß, von Rosen blaß, - Ein Schimmer späten Abendgolds - Und wie der Fürstin Mund so stolz - Und wie der Fürstin Stirn so rein, - Und müßte singen von Glück und Pein -- - So froh und traurig müßt er sein! - -Dem Freunde weitete die stille Traurigkeit der schönen Stunde die Brust in -Schmerz und Lust. Er schloß die Augen; aus seiner Seele stieg das Bild der -schönen Lulu auf, wie er sie am heutigen Morgen gesehen hatte, so -sonneverklärt, so milde, so leuchtend, klug und unnahbar, daß sein Herz in -erregten schmerzlichen Schlägen pochte. Seufzend fuhr er mit der Hand über -die Stirn, fächerte sich mit dem roten Fingerhut und sang: - - Ich will mich tief verneigen - Vor dir und ziehen den Hut, - Ich will dir Lieder geigen - Rot wie Rosen und rot wie Blut. - - Ich will mich vor dir bücken, - Wie man vor Fürstinnen tut, - Und will dich mit Rosen schmücken, - Mit Rosen rot wie Blut. - - Ich will auch zu dir beten, - Wie man vor Heiligen kniet, - Mit meiner wilden, verschmähten - Liebe und meinem Lied. - - * * * * * - -Er hatte kaum geendigt, als aus dem innersten Walde hervor der Philosoph -Drehdichum die Liegenden anrief. Aufschauend sahen sie ihn aus den -Gebüschen treten. - -»Guten Tag,« rief er näherkommend, »guten Tag, meine Freunde! Nehmet dies -zu euerm Strauß für die schöne Lulu!« Damit gab er Lauschern eine große -weiße Lilie in die Hand. Behaglich ließ er sich sodann den Freunden -gegenüber auf einem moosigen Felsen nieder. - -»Sagen Sie, Zauberer,« redete Lauscher ihn an, »da Sie doch überall sind -und alles wissen: wer ist eigentlich die schöne Lulu?« - -»Viel gefragt!« schmunzelte der Graubart. »Sie weiß es selber nicht. Daß -sie die Stiefschwester der verdammten Müllerin sei, glauben Sie wohl nicht, -und ich auch nicht. Sie selber hat nicht Vater, nicht Mutter gekannt, und -ihr einziger Heimatbrief ist die Strophe eines merkwürdigen Liedes, das sie -zuweilen singt und worin sie einen gewissen König Ohneleid ihren Vater -nennt.« - -»Dummes Zeug!« fluchte Ugel ärgerlich. - -»Weshalb, lieber Herr?« entgegnete sanftmütig der Alte. »Aber dem sei wie -ihm wolle, man darf an solchen Geheimnissen nicht allzuviel tasten . . . -Ich höre, Herr Lauscher, Sie wollen schon morgen uns und dieses Land -verlassen? Wie man sich täuschen kann! Ich hätte gewettet, Sie blieben noch -länger hier, da Sie, wie mir schien, eben durch die Lulu . . .« - -»Genug, genug, Herr!« fiel ihm Lauscher wild aufbrausend in die Rede. »Was -zum Teufel gehen Sie anderer Leute Liebesaffären an!« - -»Nicht so heftig!« beruhigte lächelnd der Philosoph. »Davon, -Wertgeschätzter, war ja gar nicht die Rede. Daß ich mich mit den -Verwicklungen fremder Schicksale, besonders Dichterschicksale, -beschäftigte, gehört zu meiner Wissenschaft. Für mich besteht kein Zweifel -darüber, daß zwischen Ihnen und unserer Lulu gewisse subtile magische -Beziehungen statthaben, wenn schon, wie ich ahne, ihrer ersprießlichen -Wirkung zurzeit noch unüberwindliche Hemmnisse im Wege liegen.« - -»Erklären Sie mir das doch, bitte, etwas näher!« sagte der Dichter kühl, -aber doch neugierig. - -Der Alte zuckte die Achseln. »Ei nun,« sagte er, »jedes irgend höher -stehende Menschenwesen strebt instinktmäßig nach jener Harmonie, die im -glücklichen Gleichgewicht des Bewußten und des Unbewußten bestände. Solange -aber der zerstörende Dualismus das Lebensprinzip des denkenden Ich zu sein -scheint, neigen strebende Naturen gerne in halbverstandenem Instinkt zu -Bündnissen mit entgegengesetzt Strebenden. Sie verstehen mich. Solche -Bündnisse können ohne Worte, sogar ohne Wissen geschlossen werden, können -wie Verwandtschaften unerkannt, rein gefühlsmäßig leben und wirken. -Jedenfalls sind sie vorbestimmt und stehen außerhalb der Sphäre des -persönlichen Willens. Sie sind ein unermeßlich wichtiges Element dessen, -was man Schicksal nennt. Es ist vorgekommen, daß das eigentliche, -wohltätige Leben eines solchen Bündnisses erst im Augenblicke der Trennung -und Entsagung begann; denn diese unterliegen unserm Wollen, dem die Macht -jener Sympathie sich entzieht.« - -»Ich verstehe Sie,« sagte Lauscher mit verändertem Ton. »Sie scheinen mein -Freund zu sein, Herr Drehdichum!« - -»Zweifelten Sie daran?« lächelte dieser fröhlich. - -»Sie kommen heute Abend zu meiner Abschiedsfeier in der Krone!« - -»Will sehen, Herr Lauscher. Nach gewissen Berechnungen wird mir diesen -Abend eine wichtige Aufgabe zuteil werden, ein alter Traum sich erfüllen -. . . Aber vielleicht läßt es sich vereinigen. Auf Wiedersehen!« Er sprang -auf, grüßte mit winkender Hand und verlor sich rasch auf der talwärts -führenden Straße. - -Die Freunde blieben bis zum Mittag im Walde, beide von Abschiedsgedanken -und jeder von seiner Liebe erfüllt und mit widerstreitenden Empfindungen -gesättigt. Verspätet suchten sie den Mittagstisch der Krone auf. Sie fanden -Lulu daselbst in fröhlicher Stimmung und mit einem neuen, hellen Kleide -geschmückt. Freundlich nahm sie die mitgebrachten Blumen an und stellte den -Strauß in eine Vase auf den Ecktisch, an dem die beiden zu speisen -pflegten. Heiter und geschäftig bewegte sich die schöne Gestalt bedienend -mit den Tellern, Schüsseln und Flaschen hin und wider. Nach Tisch, beim -Weine setzte sie sich zu den Freunden. Man sprach von Lauschers geplanter -Abschiedsfeier. - -»Wir müssen das Zimmer und alles recht festlich zubereiten,« sagte Lulu; -»wie Sie sehen, habe ich an mir selber den Anfang gemacht und ein -nagelneues Kleid angezogen. Es fehlt noch an Blumen . . .« - -»Besorgen wir schon,« fiel ihr Ugel in die Rede. - -»Gut,« lächelte sie. »Dann wäre es hübsch, ein paar Lampions und farbige -Bänder zu haben.« - -»Soviel Sie wollen!« rief wieder Ugel. Lauscher nickte stumm. - -»Sie sprechen ja kein Wort, Herr Lauscher!« zürnte nun Lulu. »Sind Sie -nicht einverstanden?« Lauscher gab keine Antwort. Er sagte nur, während -sein Auge an ihrer schlanken Gestalt und dem feinen Antlitz hing: »Wie -schön Sie heute sind, Lulu!« Und noch einmal: »Wie schön Sie sind!« - -Er war unersättlich, die ganze ziere Gestalt immer wieder zu betrachten. Zu -sehen, wie sie mit dem Freunde die Anstalten zu seinem Abschied betrieb, -verursachte ihm eine eigentümliche Qual und machte ihn stumm und -verdüstert. Jeden Augenblick kam ihm wieder der Gedanke, peinigend und -bitter stachelnd, daß seine Entsagung und sein Fortgehen unwahr sei, daß er -ihr zu Füßen stürzen und sie mit allen lodernden Flammen seiner -Leidenschaft umgeben müsse, um sie werben, sie anflehen, sie zwingen und -rauben -- irgend etwas, nur nicht so tatlos vor ihr sitzen und fühlen, wie -von den letzten Stunden ihrer Gegenwart ein seliger Augenblick um den -andern eilig und unwiederbringlich zerrann. Dennoch bezwang er sich in -hartem Kampf und begehrte nur noch in diesen letzten Stunden ihr herrliches -Bild sich glühend und schmerzlich in die Seele zu senken zu unvergeßlichem -Heimweh. - -Schließlich, da die drei noch allein im Zimmer saßen und Ugel zum Aufbruch -drängte, erhob sich Lauscher, trat vor Lulu hin und faßte ihre Hand mit -seiner heißen, zitternden Rechten und sagte leise in einem gezwungenen, -feierlich komischen Ton: »Meine schöne Prinzessin, wollet geruhen die -Darbietung meiner Dienste in Hulden anzunehmen! Betrachtet mich, ich bitte -Euch, als Euern Ritter oder als Euern Sklaven, Euern Hund oder Narren, -befehlet mir . . .« - -»Gut, mein Ritter,« unterbrach Lulu ihn lächelnd. »Ich fordere einen Dienst -von Euch. Es fehlt mir auf den Abend ein recht herzensfroher Gesellschafter -und Spaßmacher, der mir ein gewisses Fest unterhaltsam und lustig machen -helfe. Wollet Ihr das?« - -Lauscher wurde sehr bleich. Dann lachte er heftig auf, ließ sich mit -komischer Verrenkung ins Knie nieder und sprach mit theatralischer -Feierlichkeit: »Ich gelobe es, edle Dame!« - -Nun eilte er mit Ludwig Ugel hinweg. Sie suchten vor allem die schöne -Kunst- und Handelsgärtnerei beim Friedhofe auf und wüteten mit der Schere -ohne Schonung in des Gärtners Rosenzucht. Besonders Lauscher war nicht zu -halten. »Ich muß einen großen Korb voll Weiße haben,« rief er wiederholt, -wandte alle Zweige um und hieb die Lieblingsrosen der schönen Lulu zu -Dutzenden ab. Dann bezahlte er den Gärtner, hieß ihn die Rosen auf den -Abend in die Krone bringen und bummelte mit Ugel weiter durch die Stadt. Wo -etwas Buntes in den Schaufenstern hing, da brachen sie ein; Fächer, Tücher, -Seidenbänder, Papierlaternen wurden zusammengekauft, am Ende auch noch ein -starker Posten Kleinfeuerwerk, so daß in der Krone die schöne Lulu mit -Inempfangnehmen und Unterbringen alle Hände voll zu tun hatte. Dabei half -ihr, ohne daß jemand darum wußte, der gute Drehdichum bis zum Abend. - - -VIII. - -Lulu war schön und fröhlich wie noch nie. Lauscher und Ugel hatten ihr -Abendessen beendet; die Freunde kamen nacheinander im Gasthause an. Als -alle beisammen waren, begab man sich unter dem Vortritt Lauschers, der die -schöne Lulu zierlich am Arme führte, in die große Hinterstube. Hier waren -alle Wände mit Tüchern, Bändern und Girlanden behängt, eine Menge farbiger -Laternen war an der Decke in Figuren gereiht und angezündet, der große -Tisch weiß gedeckt, mit Champagnerkelchen besetzt und mit frischen Rosen -überstreut. Der Dichter überreichte seiner Dame die Lilie des Philosophen, -steckte ihr eine halbgeöffnete Teerose ins Haar und führte sie an den -Ehrenplatz. Alle setzten sich froh und lärmend; ein im Chor gesungenes Lied -eröffnete den Abend. Nun sprangen die Stöpsel von den Flaschen, -überschäumend floß der helle, edle Wein in die zarten Gläser, wozu Erich -Tänzer die Champagnerrede hielt. Witz und Gelächter löste sich ab, mit -Tosen wurde der nachträglich angekommene Drehdichum empfangen, Ugel und -Lauscher trugen jeder ein paar lachende Verse vor. Dann sang die schöne -Lulu ein Lied, das hieß: - - Ein König lag in Banden - Und tief in Dunkelheit -- - Nun ist er auferstanden - Und heißet Ohneleid. - - Nun glänzen bunte Lichter - Und Lieder blank ins Land, - Nun tragen alle Dichter - Ihr farbigstes Festgewand. - - Nun blühen Lilien und Rosen - So weiß und rot wie nie, - Nun singt die Harfe Silberlied - Ihre seligste Melodie. - -Als das Lied zu Ende war, griff Lauscher tief in den vor ihm stehenden -Rosenkorb und warf applaudierend der Sängerin ganze Hände voll weißer Rosen -zu. Der fröhliche Krieg wurde allgemein, Rosen flogen von Sitz zu Sitz, -Dutzende, hundert, weiße, rote; dem alten Drehdichum hing das Haar und der -graue Bart ganz voll davon. Dieser erhob sich nun, es war schon nahe an -Mitternacht, und begann zu reden: - -»Liebe Freunde und schöne Lulu! Wir sehen alle, daß das Reich des Königs -Ohneleid von neuem beginnt. Auch ich muß heute von euch Abschied nehmen, -doch nicht ohne Hoffnung auf Wiedersehen; denn mein König, zu dem ich -zurückkehre, ist ein Freund der Jugend und der Dichter. Wäret ihr -Philosophen, so würde ich euch eine schöne allegorisch-mystische Geschichte -von der Wiedergeburt des Schönen und speziell von der Erlösung des -poetischen Prinzips durch die ironische Metamorphose des Mythus erzählen, -welche Geschichte heute ihr seliges Ende erfährt. So aber tue ich besser, -euch den zu lösenden Rest dieser Geschichte in angenehmen Bildern vor Augen -zu führen. Schauet her, ein askisches Stück!« - -Alle blickten seinem ausgestreckten Zeigefinger nach auf einen großen -gestickten Vorhang, mit dem eine Ecke des Zimmers verhangen war. Dieser -Vorhang wurde plötzlich sanft von innen erleuchtet und zeigte ein Gewebe -von zahllosen silbernen Lilien, die eine schön in Marmor gefaßte starke -Quelle umrahmten. Die Kunst des Gewebes und der Beleuchtung war so -wunderbar, daß man die Lilien wachsen, sich neigen und verschlingen, daß -man die Quelle sprudeln und sich ergießen sah, ja, daß man ihr edles kühles -Rauschen stark vernahm. - -Aller Augen hingen an dem prachtvollen Vorhang, und keiner bemerkte, daß -schnell nacheinander im Zimmer alle Laternen erloschen. Sie folgten -entzückt und erregt dem Zauberspiel der künstlichen Lilien; nur der Dichter -achtete es nicht, sondern heftete durch das Dunkel den Blick glühend und -anbetend auf die schöne Lulu. Ein heilig schönes, zartes Leuchten lag auf -ihrem feinen Gesicht, matthell und gleichsam vergeistigt schimmerte in -ihrem prachtvollen dunkeln Haar die weiße Rose. - -Die Lilien bewegten sich unbeschreiblich schlank und harmonisch in einem -seltsamen Blumenreigen um die Quelle. Ihre Bewegung und feine Verschlingung -hüllte den Sinn der atemlos Zuschauenden in ein süßes, träumendes Netz von -Wunder und Wohlgefallen. Da schlug eine Uhr Mitternacht. Blitzschnell -rollte der glänzende Vorhang in die Höhe: eine weite Bühne tat sich in -tiefer Dämmerung auf. Der Philosoph erhob sich; man hörte im Dunkeln, wie -er den Sessel rückte. Er verschwand und erschien allsogleich auf der Bühne, -Haar und Bart noch voll von Rosen. Allmählich war der Raum der Bühne von -einem immer mehr zunehmenden Licht erfüllt, bis klar und glänzend Quelle -und Liliengarten des Vorhangs nun in edler Wirklichkeit blühend und -rauschend zu erblicken waren. - -Damitten stand der Geist Haderbart, als Drehdichum trotz der erhöhten -Gestalt erkennbar. Im Hintergrunde stieg berückend in perlblauer Schönheit -das Opalschloß empor, in dessen Saale durch die weiten Fensterbögen der -König Ohneleid in mächtiger Ruhe thronend zu sehen war. Während das Licht -immer mehr zu strahlendem Glanze wuchs, trug Haderbart durch die sich -bückenden Lilien eine riesige, fabelhafte Harfe aus Silber in die Mitte der -Schaubühne. Der Glanz des Lichtes war nun blendend herrlich geworden und -schauerte in fiebernden Wellen silbern und irisfarbig über die Opalmauern -hin. - -Lauschend schlug der Geist eine einzelne tiefe Saite der Harfe an. Ein -großer, königlicher Ton erquoll. Langsam traten die Lilien des -Vordergrundes zur Seite, eine festliche Treppe senkte sich von der Bühne -herab. Im dunkeln Zimmer erhob sich hoch und schlank die schöne Lulu, -schritt über die hinter ihr wieder zurückweichende Treppe hinan und stellte -sich in unsäglicher Schönheit als Prinzessin dar. Mit tiefer Verbeugung -überließ ihr der Geist Haderbart die Harfe; Tränen flossen aus seinen -klaren alten Augen und fielen zusammen mit einer gelösten Rose aus seinem -Bart zur Erde. - -Die Prinzessin stand hoch und glänzend vor der Harfe Silberlied. Sie -streckte die Rechte in höchster Bewegung nach dem Schlosse aus, zog die -Harfe an ihre Schulter her und lief mit schlanken Fingern über alle Saiten. -Ein Lied von unerhörter Seligkeit und Harmonie hob an, huldigend scharten -sich alle hohen Lilien um ihre Herrin. Noch ein voller, reiner Griff in die -tönenden Zaubersaiten -- da rauschte mit kurzem Aufschlag der Vorhang -nieder. Einen Augenblick war er noch ganz von inwendigem Glanze -durchleuchtet, in heftiger Bewegung tanzten die gestickten Lilien -durcheinander, immer schneller und rasender, bis nur noch ein einziger -silberner Wirbel zu sehen war, der plötzlich lautlos in völlige Finsternis -versank. - -Betäubt und sprachlos standen und saßen die Freunde im finstern Zimmer. -Bald sodann fingen sie an sich zu besinnen. Licht wurde gemacht. Durch -Unvorsichtigkeit kam das ganz vergessene Feuerwerk in Brand und knallte mit -abscheulichem Lärmen durcheinander. Wirt und Wirtin liefen herzu, klagten -und schalten. Ein Nachtwächter pochte von der Straße aus mit dem Spieß an -die verschlossenen Fensterläden. Man schrie und fragte, jeder an den andern -hin. - -Aber niemand fand mehr eine Spur von Lulu und dem Philosophen. Der -Referendar Ripplein begann ärgerlich zu werden und von Gaunerei zu reden; -doch hörte niemand auf ihn. Hermann Lauscher war in sein Zimmer entwichen -und hatte von innen geriegelt. - -Als er andern Tages in aller Frühe verreiste, war von der schönen Lulu noch -keine Spur gefunden. Da Lauscher sich sogleich ins Ausland begab, kann er -über den ferneren Verlauf der Dinge in Kirchheim keinerlei Mitteilung -machen. Denn er selber hat die vorstehende Geschichte der Wahrheit gemäß -aufgeschrieben. - - - - -Schlaflose Nächte. -(Geschrieben 1901.) - - -Widmung. - -Kennt ihr die Muse der Schlaflosigkeit? Die bleiche, wachsame, die an -einsamen Betten sitzt? - -An meinem einsamen Bette saß sie viele lange Nächte lang, sie legte mir die -geschmeidige, kranke Hand auf die Stirn, sie sang mir Lieder mit ihrer -müden Stimme, Lieder ohne Zahl, Heimatlieder, Kinderlieder, Lieder der -Liebe, des Heimwehs und der Melancholie. Und statt des entflohenen -Schlummers breitete sie über meine ermüdeten Augen den dünnen, farbigen -Schleier der Erinnerung und der Phantasie. - -O diese langen, schleichenden Nächte, in denen unser wahrstes Wesen alle -tagüber gewobenen schmucken Gewänder von sich streift und uns mit Fragen, -Bitten und Vorwürfen bestürmt wie ein krankes Kind! O diese schmerzhaft -klaren Erinnerungen an alle Augenblicke unseres Lebens, in denen wir wider -uns selbst und wider die geheimen Gesetze des Lebens gesündigt haben! Diese -Kette von Blindheit, Grausamkeit und Mißverständnis, mit der wir uns selbst -zu unentrinnbarer Qual an diese angstvollen Stunden geschmiedet haben. Gibt -es einen Menschen von solcher Reinheit, daß er nur eine einzige solche -Nacht seiner Seele in die wahrhaftigen Kinderaugen blicken könnte, ohne -unzähligen Vorwürfen und Selbstpeinigungen zur Beute zu fallen? - -Ich weiß es nicht und glaube es nicht. Und dennoch entrann ich diesen -Stunden und lernte sie segnen und sah die Verzweiflung nur auf dunkler -Lauer verborgen liegen, unberührt von ihrem giftigen Atem. - -Das war jene Muse, jene bleiche, wachsame, die mit den geschmeidigen Händen -mich vom Abgrund zurückhielt. Ich danke dir, du Fremde, Phantastische, und -widme dir diese Erinnerungen unsrer gemeinsam verträumten, wachen Nächte. -Wie schön du warst, wenn du dein feines, tröstendes Frauengesicht über -meine fiebernden Augen beugtest! Wie schön du warst, wenn du mit mir der -Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still, vorgebeugt, das tiefe Auge -in die Nacht gewendet, die helle vergeistigte Stirn von einer losen Locke -märchenblonden Haares überhangen! Wie schön du warst, wenn du weintest, -wenn du das Auge senktest und schweigend auf dem weißen Bette meine Hand -mit deiner schmalen Linken suchtest, wenn der Traum einer verlorenen Liebe -über dein ernstes Gesicht wie ein leiser schmerzlicher Schatten lief! - -Wie schön du warst! - - * * * * * - - -Die erste Nacht. - -Regen, Stille, Mitternacht. Wie heißest du, schöne Blasse? Du lächelst, du -legst deine Hand neben meine auf den Rand des Bettes, daß sie wie -Geschwister aussehen. Ich will dich Maria nennen. - -Wie hast du mich wiedergefunden, wunderliche Schwester, die ich so langeher -nicht mehr gesehen? Das war vor manchem schönen Jahr, daß ich dir jene -Dichtung vorlas, mit der ich deine Gunst verscherzte. Du bist seither -schöner geworden -- ach hättest du damals den Schluß meiner Novelle -abgewartet, so wären wir zusammen jung geblieben und du säßest nicht an -meinem Bette, um mir die vielen Stunden von Mitternacht bis Morgen ertragen -zu helfen. Aber du nahmst meine Geschichte für Ernst und hast sie damit uns -selber zum Ernst gemacht. Jener ungelesene Schluß ist in den Märchenbrunnen -zurückgefallen und unsre guten Feen weinten, und weinen noch heute darüber. - -Erinnerst du dich jenes letzten Abends? Im Veilchengarten, alle Amseln -schlugen. Wir saßen auf der grünen Großvaterbank und hatten unsere Zukunft -wie ein großes Fabelbuch vor uns aufgeschlagen. Ich las dir vor, der große -Ahorn rauschte darein, die Luft und die Geschichte waren voll Veilchenduft. -Ich las dir vor bis zu jener traurigen Stelle -- weißt du noch? Es war -beinahe dunkel geworden und im Goldregenbusch begann die Nachtigall. Ach -hätten wir doch zu Ende gelesen! Aber du weintest und stießest das Buch von -deinem Schoß und liefest fort. Jenen ganzen Abend und die halbe Nacht sang -unsre Nachtigall. - -Ich weiß jetzt das Geheimnis der Nachtigall und singe schon lang nach -derselben Weise. Man hört diese Lieder gern, sie gleiten weich und sind -voll Wohllaut, aber der Text ist traurig, er ist sogar zuweilen bitter, -sogar gemein. Ach, die besten Lieder standen im Buch meiner Jugend auf -jenen Seiten, die du so unmutig überschlugst. Sie quälen mich seither, und -stöhnen, und wollen gesungen sein, aber ihre Zeit ist vorüber, sie ist gar -nie gewesen, denn die schönsten Seiten im Buch meiner Jugend überschlugst -du an jenem Abend im Veilchengarten. Die Kapitel waren dir gewidmet -- -warum wolltest du sie nicht lesen? Sie fehlen jetzt mir und dir wie -gesprungene Saiten auf einer Harfe. Die Harfe klingt wie sonst, nur wenn -die Melodie auf die gebrochenen Saiten springt, entsteht ein herzbeklemmend -leeres Schweigen und reißt mitten durch das ganze Lied. Hast du nie auf -einer Harfe spielen hören, an welcher eine Saite fehlte? War es dir nicht -jedesmal, wenn jene bange leere Pause kam, als sei es gerade der süßeste, -erlösende Ton, der nun dem Liede fehlt? Und ist nicht immer das Süßeste, -Erlösende, brennend Erdürstete gerade das, was mir und dir in jedem -Augenblicke fehlt? - -Hab ich dich traurig gemacht? Verzeih' mir, Maria! Ich wollte es nicht tun, -ich wollte dir keinen Vorwurf machen. Ich wollte dich nur fragen, ob du -noch an jenen fernen warmen Frühlingsabend denkst. Ich wollte nur dich -erinnern, dich fragen und dein Kopfnicken wiedersehen, die träumerisch -graziöse Bewegung, die schon damals mein knabenhaftes Herz entzückte. Denk' -dir, der Abend wäre heute wieder! Du brauchst nur die Augen zu schließen, -zu lächeln und deine Hand auf meine Hand zu legen. Hörst du nicht den -großen Ahorn rauschen? Siehst du nicht das Veilchenbeet und die -Taxushecken? Hörst du nicht ein feines knisterndes Wiegen? Ein großes -helles Ahornblatt wankt hoch oben vom Zweig und dreht sich leise durch die -warme Luft herab, ganz wie damals, ganz wie damals. -- - - * * * * * - -O Maria! Warum hast du die Augen aufgemacht? Und siehst mich so traurig, -bitter und erschrocken an! Der Traum ist hin. - -Und das große Ahornblatt dreht sich in der Luft und sinkt und fällt, und -liegt auf dem Sims meines Fensters. Es ist welk, ich hör's am Fallen, und -wende das Gesicht zur Seite. Draußen ist Regen, Stille und Mitternacht. - - * * * * * - - -Die zweite Nacht. - -Du bist heute schweigsam, meine schöne Muse! Komm, spiel mit mir, die Nacht -ist so lang! Was spielen wir? - -Meine Muse schweigt, nimmt meinen Arm und steigt mit mir in unser -schneeweißes Nachtschloß, die breite fürstliche Treppe empor, an den -geduldigen steinernen Löwen vorbei, durch die offenen halbbögigen -Torflügel, über die schwarzweißen Samtfelder der Flurteppiche und die -geschwungene massive Treppe hinan. Sie führt mich an den Drachenleuchtern -vorbei in den großen Flügelsaal, wo unser Brunnen zwischen den glänzenden -Porphyrsäulen so kühl und weltverloren in seine tiefe Bronzemuschel -rauscht. Wir sitzen vor der dunklen tönenden Schale nieder, durch die -offenen Fensterbogen blendet das weiße Mondlicht herein und verzittert auf -dem sich kräuselnden Wasser in bleichen, zerrinnenden Silberlinien. -Gegenüber, jenseits des Brunnens, glänzt auf der geräumigen Dreieckfläche -einer schwarzen Pyramide die smaragdene Tafel des Hermes Trismegistus. - -»Wir hätten sie weglassen sollen,« sagt meine Muse. - -Du hast recht. Sie ängstigt nur. - -»Und doch haben wir sie in so vielen unvergeßlichen Mondnächten zusammen -gelesen.« - -Freilich -- damals. - -»Damals! Du mußt das nicht so tragisch sagen.« - -Aber doch, -- damals. - -»Nein! Das macht traurig.« - -Möchtest du lustig sein? - -»Man kann es nicht in diesem Saal.« - -Nicht? Wir waren's doch, es ist nicht lange her. - -»Er wird mir langweilig. Diese Säulen sind so plump, und immer dieses -Brunnengeräusch, und dieser ewige Delphin.« - -Wir müssen einen andern Saal bauen. Beim Schilfsee, oder über dem -Platanenwald. Einen roten Saal. -- - -»Rot?« - -Meinst du nicht? - -»Nun, also rot. Und dann lassen wir die Wände mit goldenen Palmenreliefs -schmücken, und dann tanzen wir dort nach einer Mozartmusik Gavotte und -sehen von den hohen Fenstern auf den schwarzen Wald. Und dann werden wir -traurig, kehren in den alten Porphyrsaal zurück und hören dem Brunnen zu. -Eigentlich haben wir das schon jetzt. Wir hätten dann zwei Säle, in denen -wir traurig sein können.« - -Dann ist es besser, hier zu bleiben. - -»Und traurig zu sein.« - -Was fehlt dir nur? - -»Ich weiß nicht. -- Schenk mir was!« - -Was du haben willst. Soll ich dir das Salzfaß des Cellini schenken? - -»Das mit dem Neptun? Nein, nein.« - -Oder einen Garten? Ich weiß einen, auf den borromäischen Inseln -- - -»Ich weiß schon. Was soll er mir?« - -Oder ich könnte dich malen lassen. Nicht in der Weise, wie dich Rossetti -gemalt hat. In deinem Narzissenkleid, als Flora -- ich weiß einen Maler, -einen Franzosen -- - -»Oder Spanier, oder Russen. Nein, nein.« - -Dann schenk ich dir eine Harfe. Es gibt eine zedernholzene, dreifüßige, aus -den Schatzkammern des -- - -»Ich will keine Harfe.« - -Dann -- ja was willst du dann haben? Soll ich dir ein Lied singen? - -»Ja, wenn du kannst. Ich warte.« - -Aber ich kann doch nicht ohne dich -- - -»Also, was willst du?« - -Du bist unersättlich. Was hab ich dir getan? - -»Frag nicht! Frag nicht!« - -So will ich dir erzählen. Willst du? - -»Von den sieben Prinzessinnen?« - -Nein. Von einem Garten im Schwarzwald, wo ein kleiner Knabe mit einem -kleinen Mädchen unter den blauen Fliedern saß. Der Knabe hatte das Mädchen -lieb, und als sie beide größer geworden waren, an einem Abend im warmen -Juni, hingen sie mit roten heißen Lippen aneinander. -- - -»Weiter! Und dann --?« - -Dann kam eine fremde schlanke Frau mit dunkelgroßen Augen, ganz wie du sie -hast. Die sang so schön und war so fremd und lockend, daß der Knabe sein -liebes Nachbarkind vergaß. Er ging mit der fremden Frau in ein anderes -Land, wo die Sterne größer und die Nächte blauer sind. Sie bauten sich ein -helles Schloß und darin einen Saal mit Porphyrsäulen, darin ein ewiger -Brunnen in eine bronzene Muschelschale klang. Dort sitzen sie nun bei dem -Brunnen und sehen den Mond im Wasser verleuchten. Sie haben kühle Hände -ineinander gelegt und reden kühle Worte zu einander, und ich glaube, daß -jedes von den beiden Heimweh hat. Wenigstens der Knabe, der inzwischen alt -und anders geworden ist. Ich weiß, daß er an seine Heimat denkt und daß -eine verjährte, knabenhafte Untreue durch sein Leben geht wie ein feiner -Sprung durch klares Glas. - -»Das ist eine traurige Geschichte. Ist sie zu Ende?« - -Noch nicht. Und ich glaube, der Schluß wird das traurigste sein. Glaubst du -nicht auch? - -»Ich weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob der Knabe die fremde Frau noch -immer liebt.« - -Man hat keine Nachricht darüber. Oder soll ich Ja sagen? - - * * * * * - - -Die dritte Nacht. - -Lege deinen blonden Kopf an meine Schulter, meine arme Muse! Ich sehe wohl -auf deiner schönen Stirne diese leisen, schwermütigen Linien, ich sehe wohl -beim Beugen deines Halses diese müde, kranke Bewegung, und ich vermag auch -wohl in dem feinen, feinen Aderspiel deiner klaren, weißen Schläfe zu -lesen. - -Komm, weine nur! Das ist Herbst, das ist die letzte zitternde Mahnung der -unaufhaltsamen Jugendflucht. Du kannst sie auch in meinen Augen lesen, auch -auf meiner Stirn und auf meinen Händen steht sie geschrieben, tiefer als -auf deinen, und auch in mir ruft dieses peinigende, schluchzende Wehgefühl: -es ist zu früh, es ist zu früh! - -Komm, weine nur! Wir sind noch nicht am Ende, wenn wir noch weinen können. -Wir wollen diese Tränen und diese Trauer mit aller eifersüchtigen Sorge -unserer Liebe bewachen. Vielleicht steht hinter diesen Tränen unser -Kleinod, unsere Poesie, unser großes Lied, auf das wir warten. - -Unsere rosenroten Liebeszeiten sind vorüber, aber sie rühren noch mit so -viel zarten Fäden an uns -- laß ihnen ihr schmerzlich schönes -Vergangensein! Wir wollen ihnen mit Kosenamen und mit Liedern rufen, wir -wollen ihre hellen Erinnerungen wie scheue, geliebte Gäste durch Zartheit -und schonende Pflege festhalten. Auch wollen wir nicht mehr davon reden, -wie viele Frühlinge wir uns selber entblättert haben, ich und du; wir -wollen denken: Es hat so kommen müssen, und wir wollen nicht aufhören uns -zu schmücken und zu warten -- auf unser Lied. - -Unser Lied! Weißt du noch, wie wir von ihm träumten, in jener ersten Zeit -unserer Liebe? Das war im Kloster, in jener prachtvollen Brunnenkapelle, wo -sich der Laut des fallenden Wassers so zart mit der klösterlichen -Schweigsamkeit der gotischen Kreuzgänge verflocht. Weißt du noch? Und jene -Abende! Die kühlen, mondhellen Abende jenes Spätherbstes, die so weich und -traumverzaubert auf den Dächern des Klosters lagen, und auf dem kahlen -Garten und über den duftigen, kühlen Bergen! Der Wind lief durch die -steinernen Fensterblumen und gewann Klang in den schwarzen Kreuzgewölben, -der Mondschein lief über die breiten Simse und über die weißen Dielen des -Oratoriums. Und ich erzählte meinem Freund Wilhelm in der verborgenen -Fensternische von der fernen dunklen Zeit, in welcher die Klöster und die -großen Dome aus der Erde wuchsen, und von den Stiftern, Rittern, Bauherren -und Äbten, deren bildnisgeschmückte Grabsteine drunten im Kreuzgang fremd -und gespenstisch im weißen Mondschein lagen. Ich hatte damals mehrere -Freunde, von denen Wilhelm mein Liebling war. Du sahest ihn oft mit mir, -zumal in solchen Mondnächten, und auch die andern: schlanke, begeisterte -Knaben wie ich selbst. Frag nicht, wo sie sind und was aus unserer -Freundschaft geworden ist! Auch jetzt hab ich Freunde, zwei, drei -- von -den damaligen ist keiner mehr darunter. Aber du bist noch da und liebst -mich noch, und bald oder spät, wenn auch die Freunde von heute tot oder -fremd sein werden und kein Mensch mehr von meiner Jugend mit mir plaudern -wird, wirst du noch immer bei mir sein, und mich zuweilen bitten, von den -vergangenen schöneren Zeiten zu reden. Dann werden wir auch an heute denken -und dieses traurige Heute wird uns wunderbar fern und lieb erscheinen wie -eine ferne kleine Jugend. Und vielleicht wird dann aus diesem -ferngewordenen, von Erinnerung verklärten Heute unser Lied aufsteigen. -Unser Lied! - -Das Lied wäre dann ein weiches, duftiges Bild voll Zauber und Seele, aus -dessen dunkeltönigem Grund unsere Gestalten weich wie ein Traum mit -schwebenden Konturen hervortauchten, der schlaflose Dichter mit der in die -heiße Hand gestützten regen Stirn und an seine Schulter gelehnt der schöne, -müde Blondkopf seiner knieenden Muse. Und dieses eine, zarte Bild würde -allein übrig bleiben von meinem rastlosen Leben; lang nach meinem Tode noch -würden spätgeborene Freunde es betrachten und lieben. »Der arme Dichter!« -würden sie sagen und doch den armen Dichter um sein einziges unsterbliches -Bild und um seine blonde, unbeschreibliche, knieende Muse beneiden. - -Du lächelst wieder? Küsse mich, meine blonde Muse! Küsse mich und verzeih -mir und dir um unseres Liedes willen alle Qual und allen Jugendraub, den -wir aneinander begangen haben! - - * * * * * - - -Die vierte Nacht. - -Warum willst du die alte Geschichte wieder hören? Ich hatte sie selbst fast -vergessen und das wäre für mich und für die Geschichte das beste gewesen. - --- Der verstorbene Dichter Hermann Lauscher lebte noch und wanderte in den -alten Straßen der Stadt Bern umher. Es war ein Tag im November, windig und -regendrohend. Der vereinsamte Dichter genoß in vollen Zügen die ihm -liebgewordene Stimmung, sich heimatlos am fremden Orte umzutreiben. Die -alten dunkeln Straßen mit den festen, burgartigen Häusern, vorspringenden -Kellerhälsen und finster traulichen Arkaden reizten in dem kranken -Dichtergemüt jene bittere Stimmung aufs höchste, dazu kam die unwirtliche -Rauheit des Tages, so daß der arme Heimatlose härter als je den Zwiespalt -seiner krankhaft reizbaren Seele und an den Erinnerungen seines unsteten, -zerrissenen und fruchtlosen Lebens litt. Wie er mir nachher erzählte, -spielte seine Phantasie beim Anblick dieser dunkeln, engen Arkaden in -melancholischer Laune mit hundert eingebildeten Möglichkeiten. Er dachte -sich einen lang entbehrten Freund, eine verlorene Geliebte, an deren -Begegnung die wichtigste und seligste Entscheidung seines Glückes hinge, in -derselben Straße wandeln, zehn Schritte von ihm, von den Schatten der -nächsten Arkade verborgen. Ein Augenblick vielleicht, in welchem die nahe -Gestalt sichtbar ward, ja vielleicht herüberblickte -- aber eben in diesem -einen Augenblick hat er sich abgewendet und hat mit dieser kleinen, -zufälligen Bewegung Augenblick und Zukunft verscherzt. - -Er erschrak, als ich ihn plötzlich auf die Schulter klopfte, und in dieser -Sekunde sah ich in seinen Augen zum erstenmal den flackernden, traurigen -Glanz des Irrsinns zucken. Wir gingen nun zusammen durch die Straßen, -erstiegen den Münsterturm, weideten uns am Anblick der prachtvollen -Gobelins im historischen Museum, aßen in einem Wirtshause tief unter der -großen Aarebrücke gebackene Forellen und strandeten nach einer zweiten -Wanderung im Keller des Kornhauses. - -Du weißt, der arme Lauscher war in jener letzten Zeit seines unglücklichen -Lebens ein starker Weinzecher, und so saßen wir bald bei der zweiten und -dritten Flasche. Es war der schäumige Neuenburger, den ich schlecht -ertrage, so daß ich bald mit schwerem Kopf ihn ganz in seinen launisch -wirren Reden gewähren ließ. Er kam auf jene Arkadenphantasie zu sprechen. -Ich lachte ihn aus und rühmte mich, jenen wichtigen Augenblick erfaßt und -ihn, den ich in Bern gewiß nicht zu treffen hoffte, gefunden zu haben. Er -lächelte rauh und sagte: »Kein Beweis, mein Guter! Das Unglück trifft man -überall. Aber weißt du denn, ob nicht eben in dem Moment, wo du mich so -derb aus meinen Gedanken rissest, ob nicht eben in diesem Moment jemand -hinter uns vorüberging, den du seit Jahren suchst und den du in Jahren -nicht wieder treffen wirst?« Mir wurde sonderbar zu Mut. »An wen denkst du -denn dabei?« fragte ich fast schüchtern. Er lachte. »Ei,« sagte er dann, -»ich denke an niemand besonders. Es ist ja nur eine Hypothese. Aber es -hätte ja zum Beispiel eine gewisse blonde Maria sein können.« - -Ich kann dir nicht sagen, wie bei diesem Namen mein Herz in Grauen und -Liebe den Takt verlor. »Woher weißt du?« fragte ich Lauschern heftig, »ich -habe nie einem Menschen von Maria erzählt und glaubte, ich selbst hätte sie -und ihren Namen vergessen. Kennst du sie? Lebt sie noch? Ist sie hier in -Bern?« - -Lauscher lachte wieder und steckte sich eine neue Zigarre an. »Ob sie noch -lebt,« sagte er, »weiß ich nicht. Ich habe sie seit vielen Jahren nicht -wiedergesehen.« - -»Wann war das?« fragte ich atemlos. - -»Hab ich dirs nie erzählt?« sagte er und nahm einen starken Schluck. »Sie -war so schön! Sie saß mit mir auf einer grünen Bank im Veilchengarten, die -Nachtigall sang zum erstenmal im Jahr. Wir lasen zusammen in einem großen -Buch --« - -»Halt ein,« rief ich totblaß, »halt ein oder ich bringe dich um! Das war ja -ich, das war ich, der mit Maria auf der grünen Bank saß, und das Buch --« - -»Schrei doch nicht so,« sagte Lauscher und schenkte mein Glas voll. - -»Aber Lauscher, sag mir um Gotteswillen --« flehte ich. - -»Bibamus! Dein Wohl!« lächelte er und stieß an. »Soll ich weiter erzählen? -Das Buch enthielt eine schöne Jugendgeschichte und war höchst angenehm zu -lesen. Zwischen den Lettern stiegen Maria und ich als kleine arabeskenhafte -Figuren durch allerlei Blumenranken auf und ab.« - -»Maria und ich!« rief ich aus. - -»Nun ja, wie ich sage,« fuhr Lauscher fort. »Maria aber las unruhig und -zerstreut. Und als die Geschichte anfing traurig zu werden, da schlug sie -eine ganze Handvoll Blätter um und --« - -»Und lief in den Wald, und die Nachtigall sang wieder -- o Lauscher!« - -»Bibamus,« sagte Lauscher. - -Ich legte den schweren Kopf in beide Hände und hätte am liebsten laut -geschluchzt. Als ich nach einer Weile mich erhob, war Lauscher fort. Mit -schmerzender Stirne und halb berauscht verließ ich den Keller. Es war kurz -vor Lauschers Tod. - - * * * * * - - -Die fünfte Nacht. - -Eigentlich waren die Veilchen an allem schuld, die Veilchen und der -Frühling, und ohne sie wäre die ganze süße Pein mir fremd geblieben, an der -seither mein Leben verblutet. - -Jene Veilchen im Garten waren schuld, daß in meiner fröhlichen Knabenseele -die duftend dunklen Schatten emporstiegen. Ihr Duft war daran schuld, daß -die Frühlingsgeschichte in unserm Buche plötzlich so beklommen, traurig und -sehnsüchtig wurde, daß die schöne Maria davonlief und daß die Nachtigall im -dunkeln Abendlaub so angstvoll süß und herzbeklemmend zu singen begann. - -O wenn ich diese Nachtigall nie gehört hätte! Dann hätten nicht die -liebsten Lieder aufgehört mich zu erfreuen, dann wäre nicht die dunkle -Sehnsucht in mir erwacht. Dann hätte ich nicht begonnen, von jenem Glück zu -träumen, das irgendwo hinter dem Leben wie hinter einer verwunschenen Hecke -schläft. Dann wäre auch der unselige Traum noch ungeträumt, daß das beste, -seligste Stück meines Lebens in jenem Buche ungelesen und unerlebt -geblieben sei. Dann wäre ich kein Dichter geworden und die traurig beredte, -zweifelsüchtige Sprache des Leidens wäre mir unbekannt geblieben. - -Aber Träume sind keine Schäume. Und das Lied unserer Nachtigall mit seiner -letzten, grausam schönen Dissonanz klingt in mir weiter und sehnt sich nach -seiner Lösung. Und es verwandelte sich in meinen Lieblingstraum von jenem -Lied der Lieder, dessen ungesungene, vereinzelt aufdämmernde Takte mir in -Blut und Leben übergegangen sind und mich stündlich mit ihren feinen, noch -ungelösten Dissonanzen peinigen. Ich glaube nicht an jene Dichter, aus -deren Haupte, wie man sagt, die fertigen klingenden Verse wie gepanzerte -Göttinnen hervorspringen. Ich weiß, wieviel innerstes Leben und wieviel -rotes Herzblut jeder einzige echte Vers getrunken haben muß, ehe er auf -seinen Füßen stehen und wandeln kann. Und das wäre noch leicht zu ertragen. -Aber dann jedesmal das spottend grausame Gefühl, daß der Vers, so hübsch er -sei, doch wieder nicht die Tiefe erschöpft, doch wieder den Keim der alten -Dissonanz in sich trägt und doch wieder nur ein Spiegel des Dichters und -nicht der Spiegel seines glühend schönen, sehnsüchtigen Traumes ist! Und -doch hat er so tief an unserm Leben sich genährt und so viel Herzblut -mitgenommen! Ach und dann, wenn man älter wird und seine Grenzen ahnt -- -diese Hast, dieses Wechseln von Schonung und Verschwendung, diese immer -enger drückende, furchtbare Angst zu sterben, ehe der geträumte Ton -erklang, zu sterben ohne Erfüllung nach einem lebenlangen Warten und -Vorbereiten! Und dazu bei jedem neuen Unterliegen und Zweifeln diese -vorwurfsvolle Stimme der dem Unbewußten entrissenen, gemarterten eigenen -Seele, deren Entblößung nur durch das unberechenbare Glücken des großen, -unsterblichen Wortes versöhnt und geheiligt wird! Ach, man hat so viel -Schimpfliches von den Dichtern gesagt, aber das Schimpflichste wußten und -wissen sie selber und halten es ängstlich geheim -- sogar vor den eigenen -Augen! - - * * * * * - - -Die sechste Nacht. - -Finsternis, Stille, Einsamkeit. Diese furchtbaren Nächte sind endlos für -das winzige Taktmaß meiner tickenden Uhr und meines in den heißen Schläfen -fiebernden Blutes. An alles Sanfte und Tröstende versuche ich zu denken, -ich beschwöre alle milden Erinnerungen, alle freundlichen Sterne des -Gedankens und der Poesie, alle besänftigenden Gleichnisse. Es ist umsonst, -und kein Gedanke hält vor der bedrückenden Gegenwart dieser Stunde stand. -Wenn jetzt selbst meine Mutter sich zu mir setzte und mir alle -Zärtlichkeiten der Liebe und Erinnerung gewährte -- ich würde lächeln und -nicht weniger leiden. - -O schlaflose Nacht! Alle Kräfte und Beziehungen meines Wesens und meines -Lebens an die trübe Oberfläche dieser einen Nacht gedrängt zu machtlos -müder Selbstbetrachtung! Hat kein von mir verehrter Gott so viel Mitleid, -hat kein Andenken oder Gebet eines fernen Freundes so viel Leben und keine -meiner liebsten Erinnerungen so viel Wahrheit, den Bann dieses unsäglichen -Leidens zu brechen? Alles, was mich jemals freute und über die Stunde -erhob, hat Blick und Wärme verloren. Meine Götter sind steinern, und mein -Leben war ein blasser Traum, dessen Bildungen mein inneres Auge nur wie -fremde Schattenbilder berühren. - -Liegt jetzt vielleicht einer meiner Freunde in einer fernen Stadt auf -seinem Bette wach und denkt an mich? Ach, er schläft! Und wohin ich meinen -trostbedürftigen Gedanken wende, finde ich nichts. Oder finde doch nur -Mitleidende, andere Dulder, eine blasse müde Gemeinde von Schlaflosen, -deren jeder so wie ich gepeinigt ohne Ruhe liegt, bleich, großäugig und -leidend. Ich grüße euch, traurige Brüder, die ihr fern von mir und fern -voneinander in vielen einsamen und dunkeln Schlafgemächern lieget. Ihr -leidet wie ich, ihr suchet mit großen Augen die unsichtbaren Gestalten der -Finsternis und habt Schmerzen, sobald ihr die starren Lider schließet. -Denkt ihr an Eure Brüder? Denkt ihr an mich? Ach wenn wir alle aneinander -dächten und alle das Gefühl dieser unsichtbaren schweigenden Gemeinde -hätten! Ich glaube, wir verständen uns, unsre feinen, rastlosen Nerven -wären der Mitteilung und Erwiderung fähig. Wir könnten uns ohne Worte über -viele stille nächtliche Meilen hinweg unser Leben, unsre Leiden und -Hoffnungen erzählen. Wir könnten vielleicht über fremde Schicksale weinen -und die eigenen würden uns im Mitteilen wieder neu und lieb. Wir würden -Zusammenhänge und Ahnungen, die uns im eigenen Leben emporstiegen, bei -Fremden wiederfinden, der Kreis erweiterte sich und wir sähen die Fäden, -deren Anfang und Ende wir in Händen zu halten glaubten, über Erdteile und -Geschlechter gemeinsam gezogen. An diesen Fäden rührend wie an einzelnen -Saiten einer Riesenharfe würden wir uns ein gemeinsames klareres Leben -weiterdichten und Schritte in der Erkenntnis des Ewigen tun, die wir allein -nicht tun können. - -Ich kann euch nicht zurufen, meine Brüder. Aber ich will in jeder Nacht -mich euer erinnern und euch mit dem Gruß des Mitleidenden grüßen. - -Indes ich dieses denke, berührt mich eine sanfte Hand. Meine Muse! O wie -ich Heimweh nach ihr hatte! Und sie wartete nur, bis in meiner -alleingelassenen Seele ein Gedanke der Güte aufstiege! - -Die Nacht wird weicher, linder und freundlicher, die Sterne glänzen zarter, -und vor meiner Seele beginnt ein bekanntes Bild sich aus der Dunkelheit zu -lösen. Ich kenne dich! Das ist der Park, das ist die halbrunde Träumerbank, -das ist der Morgenduft jener Stunde, in der ich mein erstes Lied gedichtet -habe! Mein erstes Lied! Eine junge frühlinghafte Blutbuche stand darüber -und hüllte mich in ihre goldig roten Schatten. O jene süße, von Dichtung -und Liebe schüchtern berührte Stunde! Ich danke dir, meine Muse! - - * * * * * - - -Die siebente Nacht. - -Frag nicht so viel! Von der Blutbuchenbank im Park von B . . . soll ich dir -erzählen? Und von der toten Elise? Und wieder von Maria, und von den andern --- lauter Liebesgeschichten? - -Es sind so viele! Frauen, die mich liebten, und andere Frauen, schönere, -wunderbarere, geliebtere, die mich nicht liebten. Ich weiß nicht, welche -mich mehr gequält haben. Jene drei Sterne erster Größe, die so hell und -schwärmerisch am Himmel meiner Jugend und meiner Dichtung stehen: Maria, -Elise, Lilia -- die haben mich nicht geliebt. Von allen dreien aber litt -ich nicht solche Qual wie von der Einen, wilden Eleonor, und diese liebte -mich. Eleonor! Schon der Name! Fürstlich, schön, kühl, übermütig, süß und -feindselig zugleich. Ach, ich werde einmal von ihr singen --: Abend, -Spätsommer, tiefsammetblau, Sterne fallen aus der warmen Höhe. Wir beide in -der Spätrosenlaube, ich und Eleonor, selig elend, eins des andern innersten -Mangel kennend. Eleonor! Vorwissend spielten wir unsre Liebe zu Ende, -tragisch hohen Stils, mit großen Gebärden und in jedem Blick schon -unverhüllt der Anfang vom Ende! Und nahmen Abschied in einer -wetterleuchtenden Spätsommernacht zwischen letzten falben Rosen und rotem -Weinlaub, lachend-leidend, und gossen die herbe Hefe der Leidenschaft aus -zerspringenden Gläsern in die Nacht. - -Ich will nicht mehr davon erzählen. Es ist seit jener Nacht, daß ich vom -Leben weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläfers, wie das Aufstehen -einer kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert -ist, gelebt zu werden. -- Laß mich lieber von jenen andern Frauen reden! -Sie liebten mich nicht, sie hatten für mich nur jenes Mitleid, das in -großen gütigen Frauenaugen so unerträglich schön und grausam aussieht. Und -Eine davon verstand auch die Schönheit meiner Liebe und begriff, daß sie -nicht mit Umarmungen zu stillen wäre. - -Dichterliebe! Du weißt, die Menschen achten sie nicht hoch, so wenig als -den Schmerz oder die Schönheit eines Liedes -- es ist ja nur ein Lied! Daß -einer liebt und vom ersten Tag seiner Liebe an auf den Genuß dieser Liebe -verzichtet und sie, ihm selbst unerreichbar, bekränzt zu Sehnsucht und -Traum in den Kreis der Sterne erhebt -- wie sollten sie es auch verstehen? -Sie wissen ja nicht, was Leben ist. Sie steigen wie kleine Wellen aus dem -Fluß der Zeit, und fallen zurück, und haben nie gewünscht, ihr Dasein mit -irgend einem Faden an die Ewigkeit zu knüpfen. Sie wissen nicht, daß jeder -Dichter sein Leben lang, oft halbbewußt, an den unsinnlich schönen Zügen -einer Beatrice dichtet. Heraufgespült und rasch stromab getrieben vom -trüben Fluß der Tage, schiffbrüchig schwimmend zwischen Geburt und Tod -- -wo sollten wir mit unsern sehnsüchtigen Blicken das in uns gespiegelte Bild -des Ewigen suchen, wenn nicht in den Sternen? Von ihnen wissen wir, daß es -dieselben sind, an denen schon in heimatlos durchirrten Nächten das kluge, -traurige Auge des Dulders Odysseus hing. - -O meine Muse, laß nicht die schönen Augen so mitleidig auf mir ruhen! -Siehst du, wie hinter dieser wachen, blassen Stirn ein unbegriffenes -körperloses Leben in fruchtlos aufzuckenden Flammen verlodert? Siehst du -schon die Nacht, in der ich so wie jetzt vor dir liegen werde, nur blasser, -ruhiger; die Nacht, in der die letzten verzweifelten Flammen hinter dieser -Stirn verglüht sein werden? - -Doch nein! Daran denkst du nicht. Ich verstehe dich nun. Dein Blick verrät -mir: du weißt, daß du meine letzte Liebe bist. Daß du Maria, Elise, Lilia -und Eleonor hießest. Daß du Beatrice bist! Ich wußte es längst und brauchte -es nicht aus der florentinischen Schlankheit deiner Glieder, aus deinen -dantesken Zügen zu lesen. Vor deiner süßen Nähe zitterte mein Knabenherz -unter der Blutbuche, und es waren deine Augen, aus denen ich in jener -schwülen Spätsommernacht so viel Liebe und Elend las. - -Und dein Blick verrät mir: du weißt, daß ich dein eigen bin und daß du mir -den Fuß auf den Nacken setzen darfst. Das ist der Mitleidblick im Auge -jener Frauen, vor denen eine edelgeborene Mannheit auf Knien liegt, jenes -halbe Herneigen, jene Lust einen Sklaven zu haben -- und dahinter die -spöttisch traurige Frage: Ist das Alles? Ist das die Liebe? - -Wende diesen Blick von mir! Ich ertrage ihn nicht, mit seiner verborgenen -Frage, mit seiner traurigen Grausamkeit. O wie könnte ich dir mit Vorwürfen -antworten! Aber ich kenne dich. Du hörst mich an, du lächelst, nickst -sogar, wenn ich dich der Bitterkeit und des Bruches erinnere, die durch -dich in mein Leben gekommen sind. Du hörst mich an, du lächelst, du nickst -sogar und fragst zuletzt: Soll ich fortgehen? - -Du weißt: Er sagt nicht Ja. - - * * * * * - - -Die achte Nacht. - -Auch heute wieder! Dieses leise Sieden des Blutes, dieses Knistern hinter -den Tapeten, diese langen Atemzüge des Windes! Eine Sekunde, eine Minute, -noch eine, wieder eine, und so rinnt ein Tropfen des kurzen, kurzen Lebens -um den andern fremd und unaufhaltsam an mir vorbei. Wieviele Stunden sind -mir so unter den fiebernden Händen zerronnen? Vielleicht tausend, -vielleicht zehntausend! Sie sind hin, sie haben kein Leid noch Glück mehr -zu verschenken, sie sind ungelebt und doch abgezogen von dem mir -Bestimmten. - -Und dann werde ich weiß und schweigend liegen! Und unter geschmacklosen -Förmlichkeiten in einem Holzkasten in die schmale feuchte Grube gelegt -werden! Bekannte werden hinterher gehen, von Tagesgeschichten plaudernd. -Ein Prediger wird vielleicht am Grabe in der entsetzlichen Sprache Jehovas -die Lehre von Zeit und Ewigkeit verkündigen. Am Grabe eines Dichters! - -Ja, lache nur, schöne Muse! Ich weiß, du wirst hinter dem Prediger stehen -und deine süßen ironischen Staunaugen machen. Du bist ja schon an so vielen -Gräbern gestanden. Und wie du aufhorchen wirst, wenn er von meiner -unsterblichen Seele redet! Diese Seele ist ja du, oder ist doch ein Teil, -ein Zug von dir. Sie lebt und ist ewig in einer deiner Geberden, in einer -Art zu lächeln, in einer besonderen Biegung deiner Stimme, in einer Nuance -deines Lockenfalls. Wieviele tote und vergessene Dichter haben an dir -gedichtet, bis du zu mir kamst, bis du so gliederschön, schlank und biegsam -wurdest! Und nun bist du mein! Wenn auch kein Wort noch Reim von mir mich -überdauert, einen Zug von mir wirst du Unsterbliche doch weitertragen. Und -den werden meine Nachfolger, die meinen Namen nicht kennen, ehren und -verstehen. In dem unsterblichen Werke, das einer von ihnen vollenden wird, -wird irgendwo, sei's nur in einem Wort, einem Ton, einem kleinen zarten -Zug, mein Leben verewigt sein. Eine kleine Stelle doch wird dich in den -besonderen Zügen malen, die du mir verdankst. Eine kleine Schönheit doch -wird in dem unsterblichen Werke sein, die ohne mich nicht wäre möglich -gewesen, und der unerlöste Nachklang meines Lebens wird als willkommener -Ton in eine Harmonie der Ewigkeit sich fügen. Ewigkeit! Was ist dann noch -Tod, Grab und Prediger? Unbequeme Zufälle, wie tausend im Leben sind. - -Und so arbeite ich bewußt an meinem Werk, an dem Völker, Erde und Gestirne -unbewußt mitschaffen. Was sind Jahrtausende? Eine Spanne Zeit, Staub im -Vergleich mit einem einzigen Blick des Ewigen. Jene schöne junge Nausikaa, -die vor unendlichen Zeiten am Meere wandelte, ward von einem solchen Blick -getroffen und ist heute so schön, jung und lebendig wie an jenem seit -Jahrtausenden vergangenen Tage. - -Du lächelst wieder? Meine schöne Muse, du bist ein Weib. Ihr Frauen stehet -dem Ewigen so nah, daß ihr unser Händeausstrecken und Hinübersehnen nicht -verstehet. Und was ihr nicht verstehet, darüber lachet ihr. »Wie komisch!« --- so könnt ihr ausrufen, wenn eines Andern Züge von Leiden entstellt sind, -die ihr nicht kennt. Dir zuliebe werde ich einmal versuchen müssen elegant -zu sterben! - -Ich beneide dich, meine Muse! Ach, für dich ist mein ganzes Leben eine -Episode, eine Herbstgeschichte, eine unruhige, kranke Nacht! Nachher wirst -du wieder lachen und blühen, als wäre nichts gewesen, nichts als ein -nervöser, unangenehmer Augenblick. »Nachher« -- das heißt: wenn ich tot -sein werde. »Ein unangenehmer Augenblick« -- das heißt: mein Leben vom -ersten bis zum letzten Lallen, mit der ganzen Welt von Jauchzen und -Verzweifeln. Es wird ja nicht ins Leere fallen, aber was ist dieser -Schimmer von Ewigkeit? Was sind selbst die größten Toten: der große -Alexander, der große Tizian, der große Napoleon? Einem Hungernden ist ein -Bissen Brot wichtiger als der große Alexander. Und wer hungert nicht? Wer -ist nicht von tausend elenden Bedürfnischen umgeben, deren jedes ihm -wichtiger ist als der große Alexander? Wieviel von meiner Unsterblichkeit -würde ich geben, wenn ich jetzt schlafen könnte, wenn ich das leise, infame -Fiebern der unflüggen Gedanken hinter meiner Stirn und den schmerzenden -Augen zur Ruhe bringen könnte? Ein Viertel, die halbe, die ganze! - -O wie du mich ansiehst! Wie du mich leiden siehst! Und alles um ein Weib, -und alles um dich! Und jeder schwere Herzschlag in meiner Brust, und jedes -schmerzliche Zittern meiner Lider, und jedes bedrückte heisere Atemholen -meines Mundes ist ein Tropfen Leben für dich, ein Meißelführen, ein -Pinselzug an deinem Bilde. - -Ermahne mich nicht! Laß mich nicht denken, wie es wäre, das alles zu leiden -nicht für dich, ohne dich, für Nichts! Lies mir ein Märchen vor! Sag mir, -daß du mich liebst, daß die Ewigkeit an meinem Lager sitzt und mit mir -leidet. - -Wie deine Hand zu streicheln versteht! Ich fühle dabei die ganze Geschichte -dieser Hand, die ganze adlige Kultur ihrer Form und Geste, an der schon die -Maler des frühen Florenz gearbeitet haben, die auf so viel -lorbeerbekränzten, ungenügsamen, scharfgefalteten Künstlerstirnen ruhte. Wo -ist ein Fürst, dessen uradlig geborene Geliebte solche Hände hat? Und auch -in meiner Hand und auf meiner Stirn ruht deine Rechte nicht vergebens, auch -von mir geht der leise Strom eines eigenartigen und feinen Lebens in sie -über. Sie wird, wenn niemand mehr von mir weiß, auf andern Stirnen liegen, -andere Schultern berühren, und in ihrer Berührung wird mit allen tausend -andern auch meine Schönheit, Krankheit und Kunst verewigt und tätig sein. - -Und diese Kultur, dieser unsichtbare, leise, ununterbrochene Strom bewußten -Lebens, in welchem Dante und Donatello nur schöne Windungen sind -- das ist -die Ewigkeit. Das ist die Ewigkeit! Das bist du, meine schöne Muse! - - - - -Tagebuch 1900. - - -Basel, 7. April 1900. - -Abends. Ein dunkler, kühler Tag. Ich lege Tolstois »Auferstehung« aus der -Hand. Ich hatte geschworen, sie nicht zu lesen, aber alle Welt war voll -davon, ich mußte darein beißen, und nun ist es hinter mir. Zwar etwas von -der trostlos traurigen, rohen, schrecklichen Luft dieses Russen drückt mich -noch -- es ist körperlich ungesund, solche Sachen zu lesen. Mit Tolstoi -geht es mir genau wie mit Zola, mit Ibsen, mit Robert, mit Uhde, mit Hebbel -und zwanzig andern Größen -- sehe ich sie, so muß ich den Hut abnehmen, -wohler aber ist mir, wenn ich sie nicht sehe. Tolstoi ist von einer -imponierenden seelischen Größe, er hat einmal die Stimme der Wahrheit -gehört und folgt ihr nun wie ein Hund und wie ein Märtyrer, durch dick und -dünn, durch Schmutz und Blut. Was ihn so häßlich macht, ist eben das -Russische an ihm, dessen Schwere, Düsterkeit, Mangel an Kultur, Mangel an -Freude sogar den zarten Turgenjew ungenießbar macht. Die Heiligen Martin -und Franziskus haben dieselbe Lehre wie Tolstoi gepredigt, aber bei ihnen -ist Person und Lehre ebenso hell, elastisch und erfreuend wie bei Tolstoi -dunkel, spröde und niederdrückend. Vielleicht, ich will nicht leugnen, -kommt von dorther die Erneuerung der Welt; aber ehe aus diesen herben, -frischen, rohen Keimen Kunst werden kann, müssen sie noch hundert Jahre und -länger reifen. - -Mir träumte einmal, ich wäre mitten in einer großen, sonderbar schweigsamen -Gesellschaft. Ein starker Mann in einem zu weiten Frack trat mich plötzlich -ernst, streng und herrisch an und fragte mit rauher Stimme: Glaubst du an -Christus? Während ich mich besann, was ich antworten sollte, sah ich sein -glühendes Auge und seine groben, herausfordernden Züge so unangenehm nahe, -daß das Gefühl der Beleidigung sich mir aufdrängte; ich mußte ein eisiges, -verächtliches Nein sagen, lediglich um diesen aufdringlichen Blick und die -ganze unerwünschte Gegenwart des groben Fragers abzuweisen. - -In dieser Weise fragt Tolstoi. Seine Stimme hat nicht nur die zitternde -Glut des Fanatikers, sondern auch den peinlich rohen Gurgelton des -östlichen Barbaren. - -Ich habe Sehnsucht danach, mich am nächsten warmen Tage in den hellen -Frühlingswald zu legen und dort ein paar Seiten Goethe zu lesen. - -Basel, 11. April 1900. - -Glaubst du an Christus? - -Es war gestern, auf Riehenhof, in der kleinen Halle gegen Abend; ich war -zwei Tage bei Doktor Nagels zu Gast. Die freundliche Wirtin saß mit mir in -herzlichem Gespräch in der zarten Abendglut, es war eine ungerufene -glückliche Stunde; unsre Fragen rührten an alles Wichtige, Ernste, -Beglückende, an den Tod, an die Sterne, an das Wunder. Auf die letzten -Fragen gab kein Wort mehr Antwort, ein freundschaftlich vertrauendes -Schweigen, ein Kopfnicken, ein Blick in die Röte des Himmels, ein stummes -Deuten auf die sammetblauen Vogesen und den klaren, dunkelgrünen -Schwarzwald --, und vor dem Schlafengehen lasen wir den dritten der Hymnen -des Novalis. - -Auf dem Kanapee im großen Gesellschaftszimmer auf Riehenhof stand ein fast -vollendetes Bild von Fritz Burger: die Bachwiese mit reichem Obstblust. Bei -solchen entstehenden oder eben entstandenen Kunstwerken empfinde ich immer -Schmerz, Erhebung und Neid zugleich, denn ich stehe ja, mitten in Tag und -Kram, ferner als je von meinem Werk, nach dem ich doch täglich lüsterner -und sehnsüchtiger werde. - -Basel, 15. April 1900. - -Diese warmen, grünen Abende auf Riehenhof! Seit Monaten hatte sich mir -keine Zeile gereimt, und jetzt -- es quillt so weich und ohne Ende, Verse, -Verse! Es ist ganz wie es in schönen Anthologien steht: Frühling, junges -Grün und Amselgesang, und dem Dichter verhängt ein selig goldener Nebel die -Welt. Ich liege im Rasen, ich wandere durch die Wiesen, ich lehne im -Halbdunkel abends im Zimmer, ich gehe zum Wein, und meine Lippen sind heiß -und rot von lauter Reimen. Kein Inhalt, kein Gedanke, nur Musik von -schlanken, lachenden Worten, nur Takt, nur Reim. Ich weiß dabei wohl, daß -diese Verse, wenn noch so gut, noch nicht einmal Lyrik sind, und weiß, daß -ich schon bald an heute und gestern als an etwas Unbegreifliches, Schönes, -Vergangenes denken werde, mit Schmerz und Ironie. Auch ist mir, ein Dichter -hätte das, was ich eben denke, schon mit sehr schönen Versen zu Tode -gesungen, und wenn ich mich besinne, so ist es der unangenehme Freund Heine -und sind es die Zeilen: - - Sag nicht, daß du mich liebst, - Ich weiß, das Schönste auf Erden, - Der Frühling und die Liebe, - Es muß zu schanden werden. - -Der Frühling und die Liebe. Liebe? Ich weiß nicht. Es ist nur ein Name, und -bei mir ist die Liebe eben dieser weich zerfließende Lyrismus, der mich als -besondere Form des Sentimentalen jeweils befällt und eben so süß als -schwächend ist. Oder soll ich dabei an Elisabeth denken? Ist das denn -Liebe, daß ich manchmal Lust habe ihr mehr zu sagen, als man sonst Mädchen -sagt? Daß es mich zuweilen traurig macht, wenn ich mir vorstelle, ich mache -ihr Geständnisse und führe mit Schande von dannen? Müßte ich nicht den -unsichern Grund meines ganzen jetzigen Lebens antasten, einen steinernen -Grund legen und von da aus mit der roten Fahne der Leidenschaft, mit -Stürmen und Opfern nach ihr jagen? Wenn ich mich jener ernstlichen, -brennenden Leidenschaft erinnere, mit der ich noch als halber Knabe der -ersten Frauenliebe verfiel, an jene Entzückungen, an jene durchweinten -Nächte, an jene im Fieber entworfenen, von plötzlichen Selbstmordgedanken -gekreuzten, dennoch selig frechen Lebenspläne, an jene Wut, den Namen Elise -viele hundert Mal im Bette zu flüstern, im Garten zu singen, im Walde laut -zu schreien -- wenn ich an das alles denke, so muß ich traurig lachen und -kann dieses zarte Hinüberneigen nicht Liebe nennen. Eine Stimmung, ein in -Dämmerung angeschlagener Moll-Akkord, ein scheuer Anfang eines unsicher -elegischen Gedichtes -- und schließlich eben dennoch seit Jahren die -einzige, wenn noch so leise Erregung, bei der mir der Name Liebe einfiel. -Der lodernde Rausch von damals, durch viel Philosophie, viel Ästhetik, viel -Kunst und viel Ironie jahrelang ins Blassere, Flüchtigere nuanciert, ists -doch vielleicht. Aber ich träume doch zuweilen von jener alten Liebe so rot -und feuerfarben, habe Sehnsucht nach einer Leidenschaft, die gellend und -bacchantisch sich aus Übermut und Ungenügen zum Verhängnis wöbe. Ist dieser -Traum und diese Sehnsucht alles, was ich vermag, ist es der Nachklang der -alten Liebe oder Ahnung einer kommenden, noch möglichen? Und steigt dieser -Traum rein aus dem unbewußten Leben, aus Instinkt und verlorener -Erinnerung, oder hat er seine Farben von Böcklin und seinen großen, -dämonischen Takt von Chopin und Wagner? - -Ich glaube, daß kein anderer Mensch über die Gründe seines inneren Lebens -und über die wahren Ursachen seines Begehrens und Ungenügens so durchaus im -Dunkeln ist und immer tiefere Finsternis findet, wie eben der, der seine -flüchtigsten Regungen beobachtet und dem Entstehen jeder Reizung nachspürt. -Als ob dadurch sich das verscheuchte Unbewußte nur enger konzentrierte und -sich, ängstlich geworden, vollends jedem vorsichtigsten Blick entzöge. - -Axenstein, 3. Mai 1900. - -Hier darf man nicht schreiben. Mir ists wie eine Ahnung von Gesundwerden. - -Basel, 13. Mai 1900. - -Der See wirkt noch leise nach. Seine Schönheit ist unerschöpflich und ist -jetzt, da alle Berge noch tiefen Schnee haben, noch frischer und reiner. So -oft ich ihn schon besuchte, er ist immer wieder neu, voll Trost und -Reichtum. Jedesmal, wenn ich in Luzern an den Quai trete, beginnt seine -Wirkung und ist jedesmal verstärkt oder verändert. Ich meine nicht die -schönen Matten, nicht den Pilatus, die Wälder oder den Rigi, den -langweiligsten aller Berge, -- was mein Auge so begeistert, ist einzig die -Schönheit dieses klaren Wassers, das vom Blauschwarz übers Grün und Grau -bis zum silbernsten Silber jeder Farbe und Nuance fähig ist. Bald hat das -Wasser ein metallen schweres Grau, bald bei schwachem Wellenschlag ein -kühles Hellgrün, bald ist »Öl auf dem See«, wie die Maler verzweifelnd -sagen. Dies ist das Schönste, diese Flecken von verschiedenster Farbe, oft -mit scharfem Kontur begrenzt, oft in den verfeinertsten Übergängen -aufgelöst, darauf tiefblau die Wolkenschatten und silbern oder bleiern, je -nach der Sonne, die Schneespiegel. Aus großer Höhe verliert der See fast -allen Reiz, am schönsten ist er vom Boot aus oder, wenn viel Sonne ist, von -Morschach oder Seelisberg. - -Ich sah neulich dort ein kühles, helles Blaugrün, ganz wie am Himmel das -Spätblau nach dem Abendrot, aber nicht goldig, sondern silbern getönt, -- -diese unbeschreibliche Farbe und ihr Übergang zum völligen Mattsilber -gewährte mir eine ganz überschwängliche Lust, ein Gefühl der Befreiung vom -Gesetz der Schwere, ein Gefühl der Auflösung, als läge meine Seele kühl und -ohne von mir zu wissen auf dem schweigenden Seebusen ausgebreitet, ganz -Äther, ganz Farbe, ganz Schönheit. Nur äußerst selten hat mich ein Eindruck -künstlerischer, poetischer oder philosophischer Art in diese Höhe und Ruhe -versetzt. Das war nicht mehr die Freude am schönen Bild, die freundliche -Selbsttäuschung, welche man sich vor guten Kunstwerken gestattet -- im -Anblick dieser Farbe genoß ich für Augenblicke den Triumph der reinen -Schönheit über alle Regungen des bewußten und unbewußten Lebens. Hatte ich -nicht doch zuweilen an meinem Stern gezweifelt und war geneigt, einigen -landläufigen Angriffen gegen die »ästhetische Weltanschauung« Recht zu -geben? Ich weiß nun, daß meine Religion kein Aberglaube ist, daß es sich -lohnt, alle körperlichen und geistigen Dinge nur in ihren Beziehungen zur -Schönheit zu betrachten und daß diese Religion Erhebungen schenken kann, -die an Reinheit und Seligkeit denen der Märtyrer und Heiligen nicht -nachstehen. Daß sie zugleich nicht mindere Opfer verlangt und nicht -geringere Qualen und Zweifel und Kämpfe bringt, wußte ich längst. Der -Schönheit gegenüber ist in uns dieselbe Erbsünde, dasselbe Fallen und -Wiederaufstehen, dasselbe mit Beseligungen abwechselnde Elendgefühl, wie im -Leben des Christen. Überhaupt sind diese wahrhaftig Frommen für uns -Ästheten die einzigen würdigen Feinde, denn sie allein kennen ebenso tief -wie wir die Abgründe des täglichen Lebens, das Leiden unter der Gemeinheit, -das auf Knien Liegen vor dem Ideal, die Ehrfurcht vor der Wahrheit und die -schonungslose Konsequenz des Glaubens. Seit dem Untergang der von uns immer -nur höchstens annähernd verstandenen Antike sind immer nur diese beiden -Wege über das Gemeine hinausgegangen, denn nach meinem Gefühl ließen sich -die Wege der Ästheten und der Christen durchaus auch in der Geschichte der -Philosophie verfolgen. Jedenfalls führt auch der Weg des Denkers, sobald er -irgend eine Stellung zum Ewigen bewahrt, durch dieselben Opfer und Leiden, -durch schmerzhaftes Berühren einer immer offenen Wunde, durch Weltentsagung -in irgend einem Sinn, durch niedergezwungenen Ekel und durch die -Finsternisse des Zweifels am Ideal. Ist es der Philosoph, der -Schönheitsucher oder der Christ, zu dessen Ideal die immer gleiche »Welt« -im peinlicheren Kontraste steht? Alle drei jedenfalls leiden und alle drei -verschmähen die Kompromisse, also das »von Fall zu Fall«, und den Humor. -Oder gibt es wirklich einen Humor, vom gemeinen Witz abgesehen, dessen -letzter Grund nicht eine Schwachheit, ein Schwindeln und Zurücktreten vor -der schmerzlichen Konsequenz des Idealisten ist? Spürt man die Grenze nicht -in jedem witzigen Gespräch, wenn ein Mitredender noch so geistreich beginnt -an Dinge zu rühren, deren Wesen Würde ist und deren Mithereinziehen in den -Kreis des Witzes auch dem Gröbsten zuweilen ans Gewissen greift? Wie kann -man Mitspieler in einem Lustspiel sein wollen, da man doch weiß, daß der -Witz der Komödie auf der Erbärmlichkeit der Personen beruht? Jedoch liegt -für den toleranten Idealisten ein höchster komischer Reiz eben im -Untersinken eines Helden zum Gemeinen. Es gehört zu den Opfern, die wir dem -Ideal schuldig sind, auch diesen überaus verführerischen Reiz zu töten. Die -schwärmerischen Verliebten, die nach erfolgter Aufklärung über die geringe -Mitgift so komisch Halt machen, die Helden, die auf dem Weg zu etwas Edlem -im Augenblick des körperlichen Ermattens ihr Ideal für eine Mahlzeit -verkaufen, diese und alle ähnlichen Lustspielfiguren haben unter ihren -applaudierenden Zuschauern immer eine Menge von Brüdern, für welche der -heftigste Reiz des Spiels im halberwachenden Gewissen liegt. Manche von -diesen hätten vielleicht für Augenblicke Lust zur Entrüstung, da aber der -Mut fehlt und da sie schon hundertmal an derselben Klippe gestrandet sind, -applaudieren sie dem Helden und ahmen ihn nach, indem sie ihr Ideal für das -Vergnügen zu lachen verkaufen. Ich kenne wenige, denen es gelingt, und mir -selbst gelingt es selten, auch ein solches Spiel, falls dieses es verdient, -rein als Kunstäußerung und ohne Bezug zur stofflichen Komik zu genießen. -Die wenigen Lustspiele solcher Art, welche ich besuche, machen mich -meistens nur ärgerlich oder traurig, je nach der künstlerischen Qualität. - -Basel, 19. Mai 1900. - -Elisabeth. Ich traf sie im Garten. Sie trug eine neue Sommertoilette, sehr -einfach, matt hellblau. Sie saß auf der Schaukel und wiegte sich wie ein -schöner Vogel, der weiß, wie schön er ist. Und dann kam Frau Doktor, und es -wurde dunkel, man trank Tee und Eiswasser, Sterne kamen herauf. Ich -begleitete sie nach Hause und fühlte, daß ich heute abend langweilig war. -Ich erzählte sogar von einem Roman, den ich schreiben wolle und den ich ihr -zu dedizieren versprach. - -Jetzt scheinen mir die Sterne ins Zimmer. Etwas von der ehemaligen süßen -Trauer klingt in mir an, eine Melodie von Chopin, aus der G-Moll-Ballade, -fällt mir ein. - -Basel, 23. Mai 1900. - -Ironie! Wir sprachen den ganzen Abend davon. Natürlich schreib ich wieder -nachts, ein Uhr. Ironie? Wir haben wenig davon. Und doch, sonderbar, lüstet -mich oft nach ihr. Meine ganze schwerblütige Art aufzulösen und als -schmucke Seifenblase ins Blaue zu blasen. Alles zur Oberfläche machen, -alles Ungesagte mit raffinierter Bewußtheit sich selber als entdecktes -Mysterium servieren! Ich weiß wohl, das ist Romantik. Das ist Fichte in -Schlegel, Schlegel in Tieck und Tieck ins Moderne übersetzt. Warum nicht? -Tieck ist unerreicht, auch von Heine unerreicht, und müßte eigentlich mit -seiner unplastischen, musikalischen Grazie mein Liebling sein. - -Basel, 30. Mai 1900. - -Schopenhauer. Ich habe oft das Gefühl, er mime und habe nicht recht, ohne -daß ich doch etwas besseres wüßte. Oder doch, ich weiß etwas besseres, aber -es ist zu schwer und unversucht zum Sagen. - -Basel, 6. Juni 1900. - -Meine Märchennovelle ist fertig. Man lobt sie, zuweilen mit Verständnis. -Mir genügt sie wieder nicht, so sehr die Lust beim Schreiben wuchs. Den -Cäsarius hab ich zu Ende. In den Kapiteln de tentationibus (?) speziell de -tentatione dormiendi (?) einige kleine reizende Stoffe. Meine Sammlung -Romantica um zwei gute Stücke vermehrt, die »Minnelieder« von 1803 und der -erste Sternbald, erstere überaus köstlich. Hoffmann tritt mir als -romantischer Erzähler immer mehr an die erste Stelle, Tieck versagt doch -öfters, auch in den Märchen, Novalis ist nicht fertig geworden und Brentano -ist doch zu bewußt formlos. Übrigens ist der Godwi ein geniales Buch, -oberflächlicher, aber unendlich reizender als der Lovell. Den Ofterdingen -abgerechnet, der nicht mehr Literatur ist, schätze ich doch eigentlich die -»Brambilla« am höchsten. Technisch betrachtet ist das meiste Seitherige -minderwertig, auch Keller hat nur wenige Mal einen Stoff so von innen -erleuchtet und so ganz zu Kunst gemacht. Wieviel Romantik übrigens in -Kellers Technik noch steckt, ist auffallend. - -Vitznau, 4. September 1900. - -In den Uffizien von Florenz könnte ich nicht so fleißig, selig und -eifersüchtig der Schönheit nachgehen wie auf diesem herrlichen Stück -Wasser. - -September. Vormittagsnebel; selten ein Regentag. Heiße Mittagsstunden, -kühle Nächte bei zunehmendem Mond. Noch nirgends sieht man ein welkes -Blatt, das Laub ist spätsommergrün und bekommt schon überall den -Metallglanz des Septembers; Äpfel, Pfirsiche und Feigen fallen von den -überladenen Bäumen. Die Abende sind ohne Ausnahme hell, farbig und -leuchtend. - -Vitznau, 5. September 1900. - -O wenn ich jetzt die naive Genußsucht meiner früheren Jahre wieder hätte, -wenn noch mein Herz wie früher des berauschten schwelgerischen Schlagens -fähig wäre! - -Aber trotzdem -- ich feiere täglich einen Kranz von Festen. Der See -entschleiert sich allmählich meinem fleißigen Auge und hält mich nun -fortwährend in einem Kreis von Lockungen, Reizen und Überraschungen -gefangen. Zuweilen hält er an sich, läßt mich warten und wirft mich dann -unversehens händevoll mit Kostbarkeiten, daß mir die Augen flimmern. Die -wesentlichen Farbenwechsel der einzelnen Buchten, Himmelsrichtungen und -Tageszeiten habe ich wohl erfaßt, aber was ist dieses Gerippe gegen das -überströmend freudige Leben, das sich ohne Ziel und Norm von Augenblick zu -Augenblick in unglaublicher Üppigkeit verblutet und erneuert! - -Ich verbringe alle Stunden des Tages damit, dem See seine Farbenspiele und -Geheimnisse abzuspähen. Nachdem ich in den ersten Tagen die Uferwege -unzähligemal hin und her gestrichen, bringe ich nun ziemlich meine ganze -Zeit auf dem Wasser selbst zu. Zuweilen versuche ich es noch mit dem Blick -von oben her, ohne große Entdeckungen. Von der Höhe der Hammetschwand ist -das Wasser für mein Auge eben noch zu genießen, darüber hinaus schwindet -Glanz und Farbe von Meter zu Meter, und von Rigikulm aus ist der See stumpf -und beinahe grau anzusehen. In geringerer Höhe gewährt er noch einige feine -Reize, namentlich durch Wald hindurch betrachtet, wobei Buchen-, Kastanien- -und Eichenlaub zuweilen köstliche Nuancen gewähren. - -Doch wozu diese ärmeren und entlegeneren Blicke suchen und Zeit und Sonne -daran vergeuden? Statt dessen kreuze ich den ganzen Tag im Boot auf der -Fläche und in den Buchten umher. Ein leichtes Kielboot, für die Ruhepausen -eine Zigarre und ein Band Plato, sowie Rute und Angelzeug, das ist meine -Ausrüstung. - -Ob der Tag noch kommen wird, an dem ich in Worten diese Flut von bunten -Seligkeiten und farbig erregten Momenten werde zu Ende dichten können? -Diese Lockungen, Lüsternheiten, Begierden, diese plötzlichen -Befriedigungen, Ekstasen und Blendungen? Heute kann ich nur stammeln und -prosaisch notieren. Vielleicht wird es dabei bleiben, vielleicht ist es -überhaupt der Sprache nicht möglich, dem individuell forschenden und -genießenden Auge auch nur bis über die ersten gröberen Nuancen weg zu -folgen. Auch die Maler müssen ja schon bei den scheinbar simpelsten -Mischungen sich dem Instinkt überlassen und problematische eigene Wege -gehen. -- Kann man sich einen sprachlichen Pointillisten denken? Und doch --- was ist Blaugrün? Was ist Perlblau? Wie läßt sich das leise Überwiegen -etwa des Gelb, des Kobaltblau, des Violett aussprechen? -- und doch liegt -in diesem leisen Überwiegen das ganze süße Geheimnis einer Stimmung, einer -beglückenden Kombination beschlossen. - -Vitznau, 6. September 1900. - -Das ist mein Fluch und Glück, daß ich keine Schönheit grob und froh -genießen kann, daß ich sie auflösen, durchdringen, in Einheiten zerlegen -und über die Möglichkeit ihres Wiederaufbauens auf künstlerischem Wege -nachdenken muß. Nur zuweilen kommt das alte schwere Wesen, das ich so -konsequent von mir abstreifte, für Augenblicke anklingend wieder über mich --- die alte unschuldig stumpfe Hingebung und rechenschaftslose Schwelgerei. -Diese Augenblicke müssen immer seltener werden, ich darf um ihre kurze -trübe Lust nicht mein Ideal verkaufen, denn ein völliges Zurückkehren in -die harmlose Dämmerung ist mir doch nie mehr erlaubt. Wenn irgendwo, so -liegt für mich Lust und Sinn des Lebens im Fortschreiten, im immer -bewußteren Klarlegen und Durchdringen der Wesenheit und Gesetze des -Schönen. - -Eine Stunde jenes Zurückdämmerns hatte ich heute. Nach Mittag, in der -herrlichen Sonnenglut, mitten auf dem breiten See, Weggis gegenüber. Ich -lag über die Rudersitze hingestreckt und blickte über die Seefläche. Eine -Flut von Rotblau und Gold schwoll vor meinem Blick breit und rastlos hin. -Alle meine Sinne schliefen und träumten; ein warmes schwärmerisches -Wohlsein hielt mich gebannt. Mein Auge vermochte keinen Kontur, keinen -Strahl, keine Lichtgrenze zu unterscheiden, mein Blick verlor allen Willen -und taumelte wie ein Freigelassener durch ein Meer von unverstandener -Schönheit, von Rot, Blau und Gold, ungleich und ziellos wie der Flatterflug -eines Falters. - -Vitznau, 7. September 1900. - -Der äußerste Vorsprung der »oberen Nase«, vom Lande unzugänglich, ist mit -einer kleinen Pflanzung junger, ich schätze etwa fünfzehnjähriger Eichen -bestanden. Das helle, in der Farbe herbe Laub gibt im Wasser einen -wunderbaren Effekt. Der ganze Wasserfleck erscheint schon von ferne -ausgezeichnet durch eine aparte, gelbliche Helligkeit, und überraschend -köstlich ist es, aus dem tiefgrünen, vormittäglichen See in diese -scharfbegrenzte, hellere Fläche zu fahren. Ich sah heute dort, leider ohne -Sonne, den Spiegelkontur einer weißen Wolke diese eichengrüne Grenze -zweimal schneiden. Das Weiß blieb unverändert und zeigte nur an der -Seeseite schärfere Konturen. Während ich die schönen Linien verfolgte, ging -ein Dampfer vorüber, in dessen Kielwasser plötzlich das Silber eines -flüchtigen Sonnenblickes aufblitzte. Einige Sekunden lang blieb der ebene -Wasserstreif im Silber, die jenseitigen Schiffswellen glänzten matt -goldbraun, die diesseitigen blieben hellgrün mit weißen Lichtern. Einige -Sekunden -- und in diesen Sekunden verstand und genoß ich mit freiem Auge -diese plötzliche, raffinierte Kombination wie das Lächeln einer Göttin, wie -den aufleuchtenden, reimgeschmückten, prägnanten Vers eines Gedichtes. - -Vitznau, 8. September 1900. - -Ein unsicherer, windiger Tag, mit flüchtigen Sonnenblitzen. Ich fuhr Buochs -gegenüber am Bürgenstock hin. Jenseits glomm der See gegen das Ufer hin -unzähligemal in einer seltsamen, feinen, kühlen Farbenflucht auf, ganz wie -blanker Stahl im Verkühlen: rotblau, rotbraun, gelb, weiß. Von halber Höhe -des Bürgenstocks drang Geläute von Kuhglocken herab. Die schönen, welligen -Matten standen lichtgrün in den blassen Himmel und zeigten jenen -unsäglichen, traurig-kühlen herbstlichen Ton, den man nie entstehen sieht -und der jedes Jahr wieder in irgend einer Stunde plötzlich da ist und uns -erinnert, wie uns der Name eines lieben Toten erinnert -- an den großen -Wechsel, an die Unsicherheit des Grundes, auf dem wir bauen, an den Tod, an -die unzähligen mühsamen Wege, die wir unnützerweise gegangen sind. - -Ich ruderte aus, um die Tönungen der Wellen im Buochser See zu betrachten, -um mein Gedächtnis mit dem Bild einiger Farbenvermischungen, einiger -Lichtbrechungen, einiger Silbertöne zu bereichern. Ich ruderte aus, kühl, -fröhlich und elastisch, einen Reim im Ohr, einen Vers auf den Lippen, um -die Schönheit auf einigen mir noch fremden Wegen, in einigen neuen Spielen -zu belauschen -- und endete damit, diese Herbstmatten zu finden, die ersten -dieses Jahrs, diese unabweislichen, zarten, traurigen Boten. - -Ich wendete mich um und ließ das Auge lang auf dem bewegten, frischen -Wasser ruhen, ich beobachtete in der Luft gegen Brunnen und an der Wand des -Oberbauen einen einzelnen Sonnenstrahl; aber mein Gedanke verfolgte ihn -nicht mit seinem rastlosen, elastischen Eindringen. Nur mein Auge sah die -blaßgoldenen Reflexe zittern und verleuchten, mein Gedanke nahm nicht teil, -er verweilte hinter mir, über dem steilen Walde, auf jenen bleichgrünen -Matten. -- Herbst! - -Und ich besann mich, ob ich auf dem rechten Wege sei, ob mein rastloser -Lauf mich meinem Sterne nähere oder entführe, ob er mich jemals in geistige -Höhen führen könne, in welchen dieser Herbst und diese Traurigkeit mich -nicht mehr würden berühren können. - -Hier gab es in meinem Nachsinnen einen Moment, in welchem ich, hätte ich es -in meiner Macht gehabt, den ganzen Schleier des äußeren Lebens von mir -gelegt und alle Fäden der Lust, der Liebe, der Trauer, des Heimwehs und der -Erinnerung abgeschnitten hätte. Ein Höhepunkt, ein kurzes, ruhiges -Atemholen auf hohen Gipfeln: hinter mir alle Beziehungen des Menschlichen, -vor mir die leichte, kühle Weite der Schönheit des Absoluten, des -Unpersönlichen. Ein Augenblick -- ein Atemzug! - -Die Glockenlaute schwankten herab, ich schloß die Augen und sank und sank -von der Höhe. Eine schwere, körperhafte Trauer bekam Gewalt über mich. Ich -wollte entrinnen, mein Gedanke bäumte sich noch einmal wie ein mißhandeltes -Roß, aber ich unterlag. Und jene schwere, müde Traurigkeit überwältigte -mich, beugte mich tiefer und tiefer, löschte alle Sterne aus, quälte mich -und feierte alle schmachvollen Triumphe eines grausamen Siegers. - -Klar und nahe, wie durch eine plötzlich zerrissene Hülle, lag der helle -Garten meiner frühesten Erinnerungen vor meinem Auge. Und meine Eltern. Und -meine Knabenzeit, meine ersten Liebeszeiten, meine Jugendfreundschaften. In -dieser bedrückten Stunde redeten sie alle eine so traurig-fremde, schöne -Sprache, so heimwehmachend und so ernsthaft fragend wie die Züge von Toten, -denen wir Tränen nicht getrocknet und Wohltaten nicht erwidert haben. Ich -wies sie von mir, und sie gingen, eine tote Gegenwart hinterlassend. - -Zugleich mit dem lastenden, schwächenden Herbstgefühl stieg eine peinigende -Abschiedsstimmung in mir auf. Ich sah hinter den wenigen noch freien, -einsamen Ruhetagen die Stadt und das wiederbeginnende aufreibende Leben auf -mich warten, die vielen Menschen, die vielen Bücher, die unzähligen -Nötigungen zu Lüge, Selbstbetrug und Zeitverderb. Und plötzlich brannte -meine ganze Jugend in schmerzlicher Lebenslust in mir auf, ich warf mich in -die Ruder, kreuzte auf der großen Bucht umher, kehrte um den Vorsprung des -Bürgenstocks zurück, bis an die Matt, bis nach Weggis. Die notwendige -Ermüdung sättigte mich nicht, gierig und verzweifelnd erfüllte mich ein -klaffendes Ungenügen, eine Lust, alle Freiheit und Kraft meines Lebens in -eine einzige Stunde gedrängt jäh und lachend zu vergeuden. Der See war mir -zu schaal, die Berge zu grau, der Himmel zu niedrig. In Weggis nahm ich ein -Bad und schwamm in den See hinein, drängte mich mit beiden Armen in das -Wasser, tief atmend. Müde geworden legte ich mich auf den Rücken, ganz -langsam schwimmend, und hing mit wartenden Augen am Himmel, unbefriedigt, -überdrüssig. Ich hätte mein Leben für das Gefühl der Fülle und des Genusses -gegeben, nach dem ich dürstete. - -Und dann schwamm ich zurück und bestieg das Boot wieder mit der ganzen -dumpfen Trauer des Herbstes, des Abschieds und der inneren Ungewißheit. - -Seither bin ich ruhiger geworden. Mein Prinzip hat gesiegt, ich genieße nun -diese Trauer und Hoffnungslosigkeit, wie ich mich gewöhnt habe, auch -schlechtes Wetter zu genießen. Sie hat ihre eigene Süßigkeit. Ich unterrede -mich mit ihr und spiele auf ihr, wie ein Sänger auf einer schwarzen in Moll -gestimmten Harfe spielt. Was will ich im Grunde anders von jedem Tag als -eine Stimmung, eine ihm eigentümliche Farbe, und, wenn es glückt, ein Lied? - -Vitznau, 9. September 1900. - -Als ich heute mit der Angelrute am Ufer saß, der nachklingenden gestrigen -Traurigkeit ergeben, trat mir plötzlich der Name Elisabeth auf die Lippen. -Es gelang mir, ihre Gestalt scharf und rein in mir heraufzubeschwören, so -daß sie mich aus meinem Traum wie aus einem tiefen Spiegel anblickte. -Zugleich empfand ich eine mächtige Sehnsucht nach der Lektüre der vita -nuova, so daß ich beinahe diesem herrischen Gelüste zulieb schon heute nach -Basel zurückgekehrt wäre. - -Bölsche könnte an mir einen eklatanten Fall von Distanzliebe konstatieren. -Prüfe ich mich genau, so muß ich sagen, daß die Anziehungskraft, die -Elisabeth auf mich übt, vom ersten Augenblicke an auf einer einzigen -frappanten Profillinie beruhte, namentlich auf dem raffiniert eleganten -Kontur des Halses und des Kinns im Profil. Aber -- was ist an meinem Fall -am Ende besonderes, da erwiesenermaßen schon eine Frisur, ja schon ein -Kleid, ein Gürtel, ein Band diese Wirkung üben kann. - -Ich besitze die Schönheit meiner Liebe in dieser Linie, wie man ein -Meisterbild nach reichlicher Anschauung besitzt, so daß es nur an dem -jeweiligen Versagen der Vorstellungskraft liegt, wenn ich noch nach ihrer -körperlichen Gegenwart verlange. Und doch -- ich tue Unrecht, meine Liebe, -das arme Schoßkind, so formal zu deuten. Wie oft habe ich doch gewünscht, -ihre feine Hand zärtlich zu berühren, sie zum Plaudern zu bringen, lang in -ihre Augen zu sehen! In diese Gedanken und Begierden spielen schon alle -unfaßbaren Reflexe der jenseitigen Schönheit herein. Sobald meine Skepsis -einen Augenblick schläft, höre ich doch in meiner Liebe die Engel singen -und Paradieserinnerungen an die Pforte meiner Seele pochen. Und sie selbst, -meine Seele, leidet lächelnd unter allen Rohheiten und Vergewaltigungen des -herrschsüchtigen Gedankens. Sie schläft unter dunklen Schleiern, schläft -und träumt vielleicht von den innersten Geheimnissen jener Welt, an deren -Toren mein bewußtes Leben in seinen höchsten Momenten noch beklommen stehen -bleibt. - -Und diese meine Seele erzählt mir in wohllaut-fremder Sprache von einer -seligen Heimat, deren wir beide, Elisabeth und ich, verlaufene Kinder und -verirrte Bürger sind. Wie ein fremdartig süßer Duft, wie Takte einer -niegehörten, dennoch traumbekannten Melodie -- wie Antwort auf nie -gefragte, dennoch wohlgefühlte Fragen. - -O diese Seele, dieses schöne, dunkle, heimatliche, gefährliche Meer! -Während ich ihre schillernde Oberfläche unermüdlich prüfe, liebkose, -befrage und bestürme, spült sie zuweilen immer wieder wie zum Hohn ein -fremdfarbiges Rätsel aus bodenloser Tiefe vor mir aus, Muscheln, die von -unermeßlichen, fremden Räumen reden, wie ein Stück uralten Schmuckes -vereinzelte, unsichere Ahnungen einer versunkenen Vorzeit beschwört. - -Dort liegt vielleicht auch meine Kunst, dort schläft vielleicht mein Lied, -das heiße, stolze Lied mit den stürmenden, bacchischen Takten, während ich -auf unfruchtbaren Feldern Kraft und Jugend vergeude. O, fände ich jene -Stimmungen wieder, die in vergangenen Jahren mir jede Frühlingsnacht so -reich und üppig gab, jenen schwärmerisch maßlosen Herzschlag, jenes satte -Verlorensein an die Phantasie und an das erregte Klingen des eigenen -Blutes! - -Vitznau, 10. September 1900. - -Ich kannte heute kaum die Menschen mehr, die seit acht Tagen neben mir zu -Tische sitzen. Als wären seit gestern zehn Jahre vergangen. Meine Bücher, -mein Zimmer, mein Angelzeug, meine Kleider, meine eigene Hand -- alles -fremd, alles mir nicht zugehörig, alles mich mit seiner unerwarteten -Gegenwart bedrückend. - -O diese Nacht! Zehn Stunden ohne Schlaf, jede Minute ein Kampf meiner -unterdrückten Seele mit dem grausamen, gewaltherrischen Gedanken, ein Kampf -mit Zähneknirschen und Schluchzen, ein Ringen ohne Waffen, Brust an Brust, -mit allen Listen und Grausamkeiten der Verzweiflung. Alle Dämme und -Grenzen, die ich meinem inneren Leben gezogen hatte, alle mühsam -vorbereiteten Saaten, alle gelegten Grundsteine sind in diesen Stunden -zertreten und vernichtet worden. Mir ist es noch wie ein Traum. - -Nach einem schweren, traurigmüden Abend -- es war ein Sonnenuntergang, wie -ich nie einen gesehen -- legte ich mich früh zu Bette. Vor meinem Fenster -dampfte der See und schlug mit feinen, regelmäßigen Wellen an die Mauern. -Ich sah vom Bett aus die Hammetschwand in den bleichen Himmel stechen. Da -begann ich zu fühlen, daß die Stunde eines lang verschobenen Kampfes -unerbittlich gekommen war, daß alles Unterdrückte, an Ketten Gelegte, -Halbgebändigte in mir erbittert und drohend an den Fesseln zerrte. Alle -wichtigen Augenblicke meines Lebens, in denen ich meiner Bestimmung einen -neuen, engeren Kreis gezogen, in denen ich dem Gefühl des Ewigen, dem -naiven Instinkt, dem eingeborenen, unbewußten Leben ein Feld entzogen -hatte, traten in voller, feindseliger Schar vor mein Gedächtnis. Vor ihrem -Andrängen begannen alle Throne und Säulen zu zittern. Und nun wußte ich -plötzlich, daß nichts mehr zu retten wäre; freigelassen taumelte die ganze -untere Welt in mir hervor, zerbrach und verhöhnte die weißen Tempel und -kühlen Lieblingsbilder. Und dennoch fühlte ich diese verzweifelten Empörer -und Bilderstürmer mir verwandt, sie trugen Züge meiner liebsten -Erinnerungen und Kindertage. - -Zugleich mit diesem Wiedererkennen drang ein scharfer Schmerz todesbitter -durch mein innerstes Wesen, der mich in verzerrten, zwiespältigen Gefühlen -marterte und aufrieb, lang, stundenlang, bis ich wurde wie ein gequältes, -ratloses, verängstetes Kind. Ein Schluchzen überfiel mich, ein Schluchzen -ohne Tränen, unsäglich bitter, zuckend und verzweifelnd. - -Genug, genug! Die Nacht ist um; ich weiß, daß eine so entsetzliche nicht -wiederkommen kann. Ich spüre keinen Schmerz mehr, nur eine träge -Erschlaffung und ein Gefühl, ein müdes, rätselhaftes, unsicher -schmerzendes, als wäre mir im Innern etwas gesprungen, ein Nerv zerrissen, -ein Keim geknickt. Und ich glaube -- . . . . Nein, nein! - -Und dennoch: ich glaube nicht, ich fühle, ich weiß mit unabänderlicher -Gewißheit -- das ist meine Jugend, das ist meine Hoffnung, das ist mein -Bestes und Heiligstes, dessen abgeknickte Ranke ich wie etwas Fremdes, -Störendes in mir spüre. Herbst. - -Es leidet mich nicht länger hier. Morgen will ich in die Stadt zurück. -Dieser melancholisch stille See mit den bleichen Herbstmatten, diese kühlen -Berge und dieser kühle Himmel ängstigen mich. Der mitgebrachte Plato liegt -auf dem Tisch. Elende Scharteke! Was ist mir Plato? Ich muß Menschen sehen, -Wagen fahren hören, neue Bücher und Zeitungen aufschneiden und den -frischen, unreifen Duft des schnellen Lebens atmen, auch sehne ich mich -danach, Nächte in kleinen Weinschenken zu verbringen, mit gemeinen Mädchen -gemeine Gespräche zu führen, Billard zu spielen und tausend Nichtigkeiten -zu treiben, die ich mir selber als tausend Gründe dieses Jammergefühls -aufzählen kann, das ich ohne Gründe und ohne Betäubung nicht länger -ertrage. Es muß noch Genüsse geben, die mir unbekannt geblieben sind, es -muß noch Reize geben, auf die meine Nerven heftig reagieren, noch rare -Bücher, die mir Freude machen können, noch irgend eine neue, raffinierte -Musik. - -Ich werde es nicht vergessen, mein Leben lang nicht. O diese Nacht! Ich -werde in jeder schlaflosen Nacht an der Erinnerung dieser Qualen leiden, -sie werden aus jedem Genuß, aus jeder Reizung wie verborgene böse Geister -hervorblicken, alle Grenzen von Wohl und Weh verwischend und alle -Empfindungen auflösend in jenes stachelnde, giftig süße, schmerzlich -ermüdende Gefühl, das mich nie so wie in dieser Nacht gepeinigt hat. Das -Presto jener unheimlichen B-Moll-Sonate von Chopin hat etwas davon -- es -ist einem dabei, als würden feine, feine bloßliegende Nerven streichelnd -berührt. Prickelndes Wehgefühl, leiser süßer Schmerz -- aber ein Takt zu -viel und man fällt in alle Foltern einer verzweifelten, raffinierten -Traurigkeit, die bis zum heftigen körperlichen Schmerz zu steigen vermag. - -Elisabeth -- . . . . . - -Ziehen wir das Fazit! Mir bleibt bei leidlich jungen Jahren der noch -respektabel konservierte Rest einer ehemals recht ansehnlichen Phantasie, -eine gewisse, wenn schon etwas abgenützte Fähigkeit zum Genießen und -Arrangieren schillernder Stimmungen, sowie ein kleiner Fonds von »Seele«, -der bei vorsichtigem Gebrauch eventuell noch eine und die andere Liebe -leichteren Genres zu inszenieren und zu überdauern vermag. Rechnen wir dazu -eine durch lange Gewohnheit erworbene Fertigkeit im Tragisch-Idealischen -und in der souverän duldenden Pose, so muß ich mir selbst zu so schönen -dichterischen Fähigkeiten gratulieren und habe keinen Grund, um meine -Zukunft als Autor besorgt zu sein. Ich werde Niels Lyhne nicht ohne -persönliche Note imitieren und die sublimsten Wiener in Ekstasen -übertreffen. Das heißt auf deutsch: Pfui Teufel! Aber wozu habe ich -Neudeutsch und Wienerisch gelernt? - -Basel, 16. September 1900. - -Schon wieder genug und übersatt! Ich hatte mich auf meine Bücher gestürzt, -die Pausen der vita nuova-Lektüre mit E. T. A. Hoffmann und Heine gefüllt, -in müden Stunden zwischen den preziösen George und den lyrischen -Hofmannsthal ein Kapitel Jakob Böhme eingeflochten. Übrigens Respekt vor -meinem Antiquar! Er hat mir den unvergleichlichen 1730er Böhme verschafft, -ed. Ueberfeld, mit angefügten Kupfern. Wenn nur der »Gottselige -Hocherleuchtete Teutonicus Philosophus« mit seiner ganzen Theosophia -revelata etwas amüsanter wäre! Es sind Kapitel von besonderem Reiz -vorhanden, aber man muß sparsam lesen, um der Sprache die fremde Tonart zu -lassen. Den Spruch von der Galle, den ich heute bei ihm gelesen, will ich -mir doch notieren: »Siehe, ein Mensch hat in sich eine Galle, das ist Gift, -und kann ohne die Galle nicht leben, denn die Galle macht die siderischen -Geister beweglich, freudenreich, triumphierend oder lachend, denn sie ist -ein Quell der Freuden. So sie sich aber in einem Element entzündet, so -verderbt sie den ganzen Menschen, denn der Zorn in den siderischen Geistern -kommt von der Galle.« Und dann: »Eben einen solchen Quell hat auch die -Freude, und auch aus derselben Substanz wie der Zorn. Das ist, wenn sich -die Galle in der liebhabenden oder süßen Qualität entzündet, in dem, was -dem Menschen lieb ist, so zittert der ganze Leib vor Freuden, in welchem -manchmal die siderischen Geister auch angesteckt werden, wenn sich die -Galle zu sehr erhebt und in der süßen Qualität entzündet.« - -Vor wenig mehr als zwanzig Jahren machte ich als kleiner, blonder Knabe den -ersten Leseversuch. Mein Vater fand mich über ein Buch gebückt und nannte -mir einige Lettern. Dann aber schloß er das Buch und erzählte mir nach -seiner klugen, liebreichen Art von der großen Welt der Buchstaben und -Bücher, die sich mir mit dem A-B-C erschließen würde und zu deren Kenntnis -das längste Leben des fleißigsten Lesers nicht zum tausendsten Teil genüge. -Er selber war damals schon über Büchern fast grau geworden und trug die -Werte unzähliger Bände hinter seiner hohen, scharfen, allzu oft -schmerzenden Stirn gespeichert. Zwanzig Jahre! Ich habe seither ein -tüchtiges Stück dieser Buchstabenwelt umgeackert und manchen fast -verschollenen Schmöker hervorgekramt und umgeblättert. Und jetzt -- die -wenigen überragenden Worte, die noch Gewalt über mich haben, würden keine -zehn Bände füllen. Es gibt noch eine Zahl von seltenen alten Schriften, -nach denen ich Verlangen habe und deren jede mich, wenn sie in meine Hände -fällt, neugierig zu machen und zu erregen vermag -- und dann ist es wie mit -dem gefangenen Schmetterling: die Lust ist gebüßt, das seltene Exemplar hat -einen Augenblick den erfreuenden Glanz gehabt, und übrig bleibt -- ein -Büchertitel und eine Lücke im Register der noch zu erhoffenden -Befriedigungen. - -Basel, ohne Datum. - -Ich wartete gestern abends am Kasino, um das Publikum aus dem Konzertsaal -kommen zu sehen. Es war kalt und regnete. Dann quoll die Menschenmasse -heraus. Und auf der Treppe von den Balkonsitzen tauchte plötzlich zwischen -bekannten Gesichtern das Gesicht Elisabeths hervor. Sie stieg langsam herab -und verschwand mit ihren Begleitern in der Menge. Diese Minute, in welcher -die ganze schöne Gestalt auf der beleuchteten Treppe warm und fröhlich -heraustrat, gab mir eine eigentümliche Stimmung. Ganz wie in schönen -antiquierten Romanen war ich der traurige Liebhaber, der vor erleuchtetem -Festsaal in der Regennacht steht und seine Dame geschmückt und scherzend -mit begünstigten Begleitern vorüberschreiten sieht. Sein Hut ist tief in -die schmerzende Stirn gedrückt, sein grauer Mantel flattert im Wind. Sein -Auge blickt Verachtung, aber auf den schmerzlich verzogenen Lippen liegt -Liebesweh und zehrende Trauer. Er wendet sich ab, lüftet den Hut, streicht -mit der heißen Hand über die heiße Stirn und das regennasse Haar und -verschwindet in den Nebeln der unwirtlichen Regennacht. - -Und zwar zu Frau Buser in die Fischerstube. Diese brachte mir in -zahlreichen Bechern die »süße Qualität« herbei, nachdem die Reaktion der -Galle auf die »liebhabende Qualität« den guten Böhme Lügen gestraft hatte. -Ich hatte dort ein langes Gespräch mit Hesse, der mich natürlich wieder -nörgelte und zwickte, bis ich grob wurde. Dann war er zufrieden, ich auch, -und am Ende führte mich der Gute durch alle Fährlichkeiten wankender -Häuserreihen und walzertanzender Gaslaternen meinen Penaten zu. - -Basel, ohne Datum. - -Wenn sich mein Jugendfreund Elenderle nicht in jener ärgerlichen Nacht im -Tübinger »Walfisch« erschossen hätte, würde ich ihn zur Aufnahme in unsern -famosen Klub vorschlagen. Wir haben nämlich zu dreien einen »Klub der -Entgleisten« gegründet. Drei Mitglieder ist wenig, aber die Stadt Basel -vermag in dieser Branche nicht mehr. - -Basel, ohne Datum. - -Hesse will mir einen Artikel über Tieck abjagen, den er doch besser kennen -müßte als ich. Dabei fiel mir plötzlich die fabelhafte Ähnlichkeit auf, die -zwischen jenem Märchendichter und mir besteht. Bei uns beiden dieselben -sensibeln Nerven, derselbe Mangel an Plastik, derselbe Zug zum -Flüchtigsten, Oberflächlichsten, zum Schillernden, Flackernden und -Unfesten, dieselbe launenhaft bewegte Phantasie, dieselbe Verwandtschaft -mit der Musik, dieselbe Tendenz zur Auflösung der Prinzipien, zur -künstlerischen Ironie. - -Basel, ohne Datum. - -Ah! ce n'est point gai tous les jours, la bohème! - -Basel, ohne Datum. - -Das Weintrinken wird auch nicht lange vorhalten. Ich sitze zuweilen in der -Wolfsschlucht, trinke Hallauer und blättere in Böhmes »Weg zu Christo«, -wobei mir zuweilen die eigentliche Ruchlosigkeit dieser Lektüre für -Augenblicke einen leisen Reiz gewährt. »Ich will dich aber gewarnet haben,« -sagt der Theosophus, »ist dirs nicht ein Ernst, so laß die teuern Namen -Gottes, daß sie dir nicht den Zorn Gottes in deiner Seele entzünden.« Und -später: »Bist du nicht in ernstem Vorsatze, auf dem Wege zur neuen -Wiedergeburt, so laß die obgeschriebenen Worte im Gebete ungenannt, oder -sie werden dir in dir zum Gerichte Gottes werden.« - -Der fromme Weise hat recht. Seine Worte machen mich unheiligen Leser -traurig und »wirken Verzweiflung«, denn jedes von ihnen besitzt jene Kraft -und ewige Jugend der Begeisterung und des Glaubens, deren Anblick mich mit -Neid und Heimweh erfüllt. - -Basel, ohne Datum. - -Ich will verreisen. Mir träumte diese Nacht von meiner Jugend, als wohne -sie irgendwo verzaubert in einem fernen Lande zwischen grünen Bergen. Auch -war mir, als spielte eine schöne, wohlbekannte Frau auf dem -Veilchenstraußflügel die Nocturne in Es-Dur von Chopin, jenes Lied, das nur -Heimweh- und Flügelkranke ganz verstehen, mit seinen zarten, durch ein -geheimes Leiden vergeistigten Takten. Ich holte meine vergessene und -verstaubte Geige hervor und rief die zärtlich scheue Melodie mit leisem -Striche wach, und aus dem alten, braunen Instrument sang meine verlorene -Jugend in heimlichen Untertönen mit. - - - - -Letzte Gedichte. -(Sommer und Herbst 1900.) - - -Meiner Liebe. - -I. - - An meine Schulter lehne - Dein schweres Haupt und schweige - Und koste jeder Träne - Wehsüße, lasse Neige. - - Es werden Tage kommen, - Da du nach diesen Tränen - Verdürstend und beklommen - Dich wirst vergebens sehnen. - -II. - - Leg mir aufs Haar - Die Hand; schwer ist mein Haupt. - Was meine Jugend war, - Hast du geraubt. - - Unwiederbringlich ist dahin - Der Jugend Glanz, der Freude Born, - Der mir so unerschöpflich golden schien, - Und überblieben Weh und Zorn - Und Nächte, Nächte ohne End, - In denen wild und fieberheiß - Der alten Liebeslüste Kreis - Mein waches Träumen wund durchrennt. - - Nur noch in Stunden seltner Rast - Tritt manchmal meine Jugend her - Zu mir, ein scheuer blasser Gast, - Und stöhnt, und macht das Herz mir schwer . . . - - Leg mir aufs Haar - Die Hand. Schwer ist mein Haupt. - Was meine Jugend war, - Hast du geraubt. - - -Dennoch. - - Dennoch von meiner Jugend Stunden - Genoß ich jede. Soll ich klagen, - Daß die gehegte Blust nur Wunden - Und Bitternis und Weh getragen? - - Wenn sie noch einmal wiederkäme - Und trüge alle holden Züge - Von ehmals -- fänd ich mein Genüge, - Wenn sie ein andres Ende nähme. - - -Philosophie. - - Vom Unbewußten zum Bewußten, - Von da zurück durch viele Pfade - Zu dem, was unbewußt wir wußten, - Von dort verstoßen ohne Gnade - Zum Zweifel, zur Philosophie, - Erreichen wir die ersten Grade - Der Ironie. - - Sodann durch emsige Betrachtung, - Durch scharfe Spiegel mannigfalt - Nimmt uns zu frierender Umnachtung - In grausam eiserne Gewalt - Die kühle Kluft der Weltverachtung. - Die aber lenkt uns klug zurück - Durch der Erkenntnis schmalen Spalt - Zum bittersüßen Greisenglück - Der Selbstverachtung. - - -Marienlied. - - Ohne Schmuck und Perlenglanz - Laß mich auf die Stufen legen, - Stumm erflehend deinen Segen, - Meiner Jugend welken Kranz. - - Kämpfe, Fahrten, Wunden viel, - Ungenossene herbe Siege - Ruhmlos durchgekämpfter Kriege - Finden müde nun ihr Ziel. - - Lüste bunt und freudefarb - Senken müdgewordene Hände, - Ihr Gelächter ist zu Ende, - Ihre rote Flamme starb. - - Sterbend, blaß und fieberwund - Wollen sie, der Welt vergessen, - Müd auf harte Stufen pressen - Den verblühten Liebesmund. - - -Das ist mein Leid. - - Das ist mein Leid, daß ich in allzuvielen - Bemalten Masken allzu gut zu spielen - Und mich und andre allzu gut - Zu täuschen lernte. Keine leise Regung - Zuckt in mir auf und keines Lieds Bewegung, - In der nicht Spiel und Absicht ruht. - - Das muß ich meinen Jammer nennen: - Mich selber so ins Innerste zu kennen, - Vorwissend jedes Pulses Schlag, - Daß keines Traumes unbewußte Mahnung - Und keiner Lust und keines Leides Ahnung - Mir mehr die Seele rühren mag. - - -Spielmann. - - Frühlinge und Sommer steigen - Grün herauf und singen Lieder, - Schmücken bunt die Welt, und neigen - Müde sich zur Erde wieder. - - Träumend aus dem Kranz der Tage - Grüßen flüchtig helle Stunden - Mir herauf wie schöne Sage, - Lächeln, leuchten, sind verschwunden. - - Schauernd in der Tage Wende, - Mag auch Gold und Liebe winken, - Lassen traurig meine Hände - Die geschmückte Leier sinken. - - -Italienische Nacht. - - Ich liebe solche bunt beglänzte Nächte - Im Flackerlicht der Lampen, und ich flechte - Gern meiner Lieder fiebernd Rot darein. - Sieh, Liebste, wie sich dort die Jugend drängt - Im späten Tanz, und wie für uns allein - Der Sichelmond im Rauch der Fackeln hängt. - - In solchen Nächten lauscht mein zitternd Herz - Mit Qual und Lust heimat- und jugendwärts, - Und schlägt im Takt verliebter Melodien. - Mein Auge aber schaut den fremden Mond - Im Silberkahn auf sichern Wegen ziehen - Und ist wie er der Einsamkeit gewohnt. - - Sieh, meine Jugend war ein farbig Spiel, - Ein Tanz im Fieber, wild und ohne Ziel - Und schwand verknisternd wie ein Meteor. - Dann kreuzt' ich unstät durch die Welt und fand - Dem Haupt kein Lager, meinem Lied kein Ohr, - Und nur im Traum ein blasses Heimwehland. - - Schau dort! Die heiße Menge wogt im Tanz - Und glüht vor Lust und wirft den Loderkranz - Der kurzen Freude jauchzend in die Lüfte. - Ists doch, als spielte meine Jugend dort - Im süßen Rausch fremdländisch heißer Düfte - Das alte Spiel in neuen Tänzen fort. - - Das alte Spiel! Nur daß ich jetzt abseits - Zuschauend lehne und den süßen Reiz - Des Taumeltranks auf kühler Lippe wäge, - Und daß mein Geist gleichgültig Umschau hält - Und meines Herzens heimwehrasche Schläge - Lächelnd wie Takte eines Liedes zählt. - - -Der schwarze Ritter. - - Ich reite stumm aus dem Turnier, - Ich trage aller Siege Namen, - Ich neige mich vor dem Balkon der Damen - Tief. Aber keine winkt nach mir. - - Ich singe zu der Harfe Ton, - Aus der die tiefen Laute steigen. - Alle Harfner lauschen und schweigen, - Aber die holden Frauen sind entflohn. - - In meines Wappens schwarzem Feld - Sind hundert Kränze aufgehangen, - Die gold von hundert Siegen prangen. - Aber der Kranz der Liebe fehlt. - - An meinem Sarge werden sich bücken - Ritter und Sänger und werden ihn - Mit Lorbeer bedecken und bleichem Jasmin. - Aber keine Rose wird ihn schmücken. - - -Marienlied. - - Deinem Blick darf meiner nicht begegnen, - Meine Seele, die so viel gelitten, - Darf gebeugt nicht mehr die deine bitten: - Wolle die verlorene Schwester segnen! - - Leise nur im allertiefsten Innern - Will sie der gewesenen Schwesterzeiten, - Der in Schmach verspielten Seligkeiten - Schweigend und mit Schmerzen sich erinnern. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Hermann Lauscher, by Hermann Hesse - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN LAUSCHER *** - -***** This file should be named 41818-8.txt or 41818-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/1/8/1/41818/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License available with this file or online at - www.gutenberg.org/license. - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For forty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Hermann Lauscher - -Author: Hermann Hesse - -Release Date: January 11, 2013 [EBook #41818] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN LAUSCHER *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - -</pre> <h1 style="line-height:1.5em; font-weight:normal; margin-bottom:4em; page-break-before:always"> @@ -7767,371 +7736,7 @@ Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachhe -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Hermann Lauscher, by Hermann Hesse - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN LAUSCHER *** - -***** This file should be named 41818-h.htm or 41818-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/1/8/1/41818/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For forty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. 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