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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:22:04 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Versuchung des Pescara + +Author: Conrad Ferdinand Meyer + +Posting Date: June 7, 2009 [EBook #3675] +Release Date: January, 2003 +First Posted: July 12, 2001 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE VERSUCHUNG DES PESCARA *** + + + + +Produced by Michelle Mokowska, Mike Pullen, and Mary Cicora. +HTML version by Al Haines. + + + + + + + + + + + +Die Versuchung des Pescara + +Conrad Ferdinand Meyer + +Novelle + + + + +Erstes Kapitel + + +In einem Saale des mailändischen Kastelles saß der junge Herzog +Sforza über den Staatsrechnungen. Neben ihn hatte sich sein Kanzler +gestellt und erklärte die Zahlen mit gleitendem Finger. + +"Eine furchtbare Ziffer!" seufzte der Herzog und entsetzte sich vor +der Summe, welche die mit Eile betriebenen Festungsarbeiten +verschlungen hatten. "Wie viele Schweißtropfen meiner armen +hungernden Lombarden!" Und um dem Anblick der verhängnisvollen Zahl +zu entrinnen, ließ er die melancholischen Augen über die Wände laufen, +die mit hellfarbigen Fresken bedeckt waren. + +Links von der Tür hielt Bacchus ein Gelag mit seinem mythologischen +Gesinde, und rechts war als Gegenstück die Speisung in der Wüste +behandelt von einer flotten, aber gedankenlosen, den heiligen +Gegenstand bis an die Grenzen der Ausgelassenheit verweltlichenden +Hand. Oben auf der Höhe, klein und kaum sichtbar, saß der göttliche +Wirt, während sich im Vordergrunde eine lustige Gesellschaft +ausbreitete, die an Tracht und Miene nicht übel einer Mittag +haltenden lombardischen Schnitterbande glich und zum Lachen alle +Gebärden eines gesunden Appetites versinnlichte. + +Der Blick des Herzogs und der demselben aufmerksam folgende seines +Kanzlers fielen auf ein schäkerndes Mädchen, das, einen großen Korb +am Arme, wohl um die überbleibenden Brocken zu sammeln, sich von dem +neben ihr gelagerten Jüngling umfangen und einen gerösteten Fisch +zwischen das blendend blanke Gebiß schieben ließ. "Die da wenigstens +verhungert noch nicht", scherzte der Kanzler mit mutwilligen Augen. + +Ein trübes Lächeln bildete und verflüchtigte sich auf dem feinen +Munde des Herzogs. "Warum Festungen bauen?" kam er auf den +Gegenstand seiner Sorge zurück. "Das ist ein schlechtes Geschäft! +Pescara, der große Belagerer, wird sie schnell wegnehmen und mir dann +noch die Kriegskosten aufhalsen. Höre, Girolamo", und er richtete +seinen binsenschlanken Körper in die Höhe, "laß mich weg aus deinen +geheimen Bündnissen und Artikeln, du unermüdlicher Zettler! Ich will +nichts davon wissen. Du richtest mich und meine Lombarden zugrunde, +du Strafe Gottes! Ich will mich nicht an dem Kaiser versündigen: er +ist mein Lehensherr. Und lieber will ich mich von seinen höllischen +Spaniern schinden lassen, als daß mich meine neuen Bundesgenossen +voranschieben und verraten." Wie ein sich Aufgebender ließ er sich, +die spitzen Knie vorgestreckt, in seinen Sessel niedergleiten und +rief voller Verzweiflung: "Ich will eine Muhme oder eine Schwester +des Kaisers heiraten! Das sollst du veranstalten, wenn du der große +Staatsmann bist, der zu sein du dir einbildest." + +Der Kanzler brach in ein zügelloses Gelächter aus. + +"Du hast gut lachen, Girolamo. Von den steilsten Dächern +herabrollend, kommst du wie eine Katze immer wieder auf die Füße zu +stehen! Ich aber gehe in Stücke! Ich und mein Herzogtum +verflüchtigen uns in dem Hexenkessel, der in deinem Kopfe brodelt. +Miserere: eine Liga mit dem heiligen Vater, mit San Marco, mit den +Lilien! O die böse Klimax! O die unheilige Dreieinigkeit! Dem +Papste traut man nicht über den Weg, weder ich noch irgendeiner. Er +ist ein Medici! Marcus aber, mein natürlicher Feind und Nachbar, ist +der ruchloseste aller Heiligen. Und nun gar Frankreich, das mir den +Vater in einem Kerkerloche verwesen ließ und den armen Bruder Max, +den du verkauft hast, du Schlimmer, in Paris versorgt!" Die +beweglichen Züge des fürstlichen Knaben entstellten sich, als sehe er +den Genius seines Hauses die Fackel langsam senken und auslöschen. +Eine Träne rann über seine magere Wange. + +Der Kanzler streichelte sie ihm väterlich. "Sei nicht unklug, +Fränzchen", tröstete er. "Ich hätte den Max verraten? Keineswegs. +Es war die Logik der Dinge, daß er sich gab nach der Zermalmung der +Schweizer. Ich habe seine Rente mit König Franz vereinbart und noch +um ein Gutes hinaufgemarktet. Er selbst sah ein, daß ich es redlich +mit ihm meine, und dankte mir. Er ist ein Philosoph, sage ich dir, +der die Welt von oben herunter betrachtet, und da er zu Rosse stieg, +um von hinnen zu ziehen, hat er, schon im Bügel, noch Weisheit +geredet. 'Ich segne den Himmel', sprach er, 'daß ich in Zukunft +nichts mehr zu schaffen habe mit den groben Fäusten der Schweizer, +den langen Fingern des Kaisers'--er meinte die hochselige Majestät, +Fränzchen--'und den spanischen Meuchlerhänden.' Auch hatte der Max +gar nicht das Zeug, einen italienischen Fürsten darzustellen, plump +und unreinlich wie er ist. Da bist du denn doch eine andere +Erscheinung, Fränzchen. Du hast etwas Fürstliches, wenn du dich +aufrecht hältst, und dazu die Kunst der Rede, die du von deinem +unvergleichlichen Vater, dem Mohren, geerbt. Ich sage dir, du wirst +mit den Jahren noch der klügste und glücklichste Fürst in Italien +werden." + +Der Herzog betrachtete seinen Kanzler zweifelnd. "Wenn du mich nicht +vorher verkaufst und mein Leibgeding' in die Höhe marktest", lächelte +er. + +Morone, der jetzt in seinem langen schwarzen Juristenrocke vor ihm +stand, entgegnete zärtlich: "Mein holdseliges Fränzchen! Dir tue ich +nichts zuleide. Du weißt ja, daß du mir ins Herz gewachsen bist. Du +bleibst der Herzog von Mailand, so wahr ich der Morone bin. Aber du +mußt dich hübsch belehren und überzeugen lassen, was zu deinem Besten +dient." + +"Nicht einen einzigen guten Grund hast du mir gegeben für deine +neugebackene Liga! Und ich will mich einmal nicht empören gegen +meinen Lehnsherrn! Das ist sündhaft und gefährlich." + +Schnellen Geistes wählte der Kanzler unter den Truggestalten und +Blendwerken, über welche seine Einbildungskraft gebot, eine +hinreichend wahrscheinliche und wirksame Larve, um sie seinem +beweglichen Gebieter entgegenzuhalten und ihn damit heilsam zu +erschrecken. + +"Fränzchen", sagte er, "der Kaiser ist für dich eine verschlossene +Pforte. Hast du ihm nicht die rührendsten Briefe geschrieben, und er +hat niemals geantwortet! Es ist ein in der Ferne verschwindender +Jüngling und, wie man behauptet, die geduldige Wachspuppe in den +formenden Händen seiner burgundischen Höflinge. Da bist du ihm +überlegen, du beurteilst die Dinge selbständig. Das Wetter aber in +Madrid macht der Borbone, der verschwenderische Konnétabel, der das +Gold mit vollen Händen auswirft und dessen Treue außer allem +Verdachte steht, da er seinen König Franz verrathen hat und jetzt in +Ewigkeit zum Dienste des Kaisers verdammt ist. Der Borbone aber will +Mailand. Dein Lehen ist ihm zugesagt. Er ist ein Gonzaga von der +Mutter her und strebt nach einem italienischen Throne. Warum kann +sich der Kaiser nicht entschließen, dich zu belehnen, nachdem du ihm +Hunderttausende bezahlt hast? Weil er dein Mailand dem Borbone +zudenkt, darauf nehme ich Gift. Dieser ist seiner Sache gewiß. +Unlängst, da du mich in das kaiserliche Lager sendetest, hat er mich +mit Liebkosungen fast erdrückt und mir sogar einen Beutel zugesteckt, +um mich auf die günstige Stunde vorzubereiten. Denn freilich sind +wir alte Bekannte von der französischen Herrschaft her." + +Das war Lüge und Wahrheit: der Konnétabel hatte in einer tollen +Weinlaune einen witzigen Einfall seines Gastes fürstlich belohnt. + +"Und du nahmst, Ungeheuer?" entsetzte sich der Herzog. + +"Mit dem besten Gewissen von der Welt", erwiderte Morone leichtfertig. +"Weißt du nicht, Fränzchen, was die Kasuisten lehren, daß ein Weib +soviel nehmen darf, als man ihr giebt, wenn sie nur ihre Tugend +behauptet? Das gilt auch für Minister und erlaubt mir, in dieser +kargen Zeit unter Umständen auf mein Gehalt zu verzichten. Dafür +kannst du dir zuweilen ein gutes Bild kaufen, Fränzchen. Du mußt +auch deine ehrbare Ergötzung haben." + +Sforza war erbleicht. Das Schreckbild des Borbone in seiner Burg und +in seinem Reiche, welche beide dieser schon einmal--vor seinem +berühmten Verrat--jahre lang als französischer Statthalter besessen +hatte, brachte ihn um alle Besinnung. "Ich habe immer geglaubt, und +es verfolgt mich auf Schritt und Tritt", jammerte der Ärmste, "daß +der Borbone mein Mailand haben will. Rette mich, Girolamo! Schließe +die Liga! ohne Verzug! Sonst bin ich verloren." Er sprang auf und +ergriff den Kanzler am Arm. + +Dieser erwiderte gelassen: "Ja, das geht nicht so geschwind, +Fränzchen. Doch wird sich vielleicht heute noch etwas dafür thun +lassen. Es trifft sich. Gestern ist die Exzellenz Nasi--nicht der +Horatius, sondern der schöne Lälius--bei unserm Wechsler Lolli +abgestiegen, und durch einen glücklichen Zufall auch Guicciardin hier +angekommen, der trotz seiner Borsten im Vatikan eine angenehme Person +ist. Mit diesen zwei gescheiten Leuten ließe sich reden, und ich +habe den Venezianer und den Florentiner an deine Abendtafel geladen, +da ich weiß, daß du ein harmloses Geplauder und eine unterhaltende +Gesellschaft liebst." + +"O verfluchte, nichtswürdige Verschwörung!" klagte der Herzog +wankelmütig. + +"Und auch noch ein anderer ist eingeritten, im Morgengrauen. Dieser +hat sich auf die dritte Stunde nachmittags angesagt, er wolle erst +ausschlafen." + +"Ein anderer? Welcher andere?" Der Herzog zitterte. + +"Der Borbone." + +"Gott verpeste den bleichen Verräter!" schrie Sforza. "Was will der +hier?" + +"Das wird er selbst dir sagen. Horch! es läutet Vesper im Dome." + +"Empfange du ihn, Kanzler!" flehte der Herzog und wollte durch eine +Tür entwischen. Morone aber ergriff ihn am Arm und führte ihn zu +seinem Sessel zurück. "Ich bitte, Hoheit! Es geht vorüber. Wenn +der Konnétabel eintritt, erhebe sich die Hoheit und empfange ihn +stehend. Das kürzt ab." Er umkleidete seinen Herrn mit dem am +Stuhle hängengebliebenen Mantel, und dieser nahm allmählich, seine +Angst bekämpfend, eine fürstlichere Haltung an, indem er seinen +hübschen Wuchs geltend machte und den natürlichen Anstand, den er +besaß. + +Inzwischen blickte der Kanzler durch das Fenster, das den Schloßplatz +und hinter demselben den Umriß eines der neuangelegten Bollwerke des +Kastelles zeigte. "Köstlich!" sagte er. "Da steht dieser +treuherzige Konnétabel, zehn Schritte vor seinem Gefolge, und +zeichnet unbefangen unsere neue Schanze in sein Taschenbuch. Ich +will nur gehen und ihn einführen." + +Da er mit Morone eintrat, der berühmte Verräter, eine schlanke und +hohe Gestalt und ein stolzes, farbloses Haupt mit feinen Zügen und +auffallend dunkeln Augen, eine unheimliche, aber große Erscheinung, +verbeugte er sich höflich vor Franz Sforza, der ihn scheu betrachtete. + +"Hoheit", sprach Karl Bourbon, "ich bezeuge meine schuldige +Ehrerbietung und bitte um Gehör für eine Botschaft der Kaiserlichen +Majestät." + +Herzog Franz antwortete mit Würde, daß er bereit sei, den Willen +seines erhabenen Lehensherrn ehrfürchtig zu vernehmen, wankte dann +aber und glitt in seinen Sessel zurück. + +Als der Konnétabel den Herzog sich setzen sah, blickte auch er sich +nach einem Stuhl oder wenigstens nach einem Schemel um. Nichts +dergleichen war vorhanden und auch kein Page gegenwärtig. Da warf er +seinen kostbaren Mantel dem Herzog gegenüber an den Marmorboden und +lagerte sich geschmeidig, den linken Arm aufgestützt, den rechten in +die Hüfte setzend. "Hoheit erlaube", sagte er. + +Karl Bourbon lebte seit seinem Verrate in einer sengenden und +verzehrenden Atmosphäre des Selbsthasses. Niemand, sogar der +Vornehmste nicht, hätte es gewagt, den stolzen Mann auch nur mit +einer Miene an seine Tat zu erinnern und ihn das Urteil erraten zu +lassen, welches die öffentliche Meinung seines Jahrhunderts +einstimmig und mit ungewöhnlicher Härte über ihn gefällt hatte, aber +er kannte dieses strenge Urteil, und sein Gewissen bestätigte es. +Die gründlichste Menschenverachtung brachte er, bei sich selbst +anfangend, der ganzen Welt entgegen, doch beherrschte er sich +vollkommen, und niemand benahm sich tadelfreier und redete farbloser, +jeden Hohn, jede Ironie, selbst die leiseste Anspielung sich und +damit auch den andern untersagend. Nur selten verriet, wie eine +plötzlich aus dem Boden zuckende Flamme, ein höllischer Witz oder ein +zynischer Spaß den Zustand seiner Seele. + +Nachdem der Konnétabel eine Weile gesonnen, begann er mit angenehmer +Stimme und einer leichten Wendung des Kopfes: "Ich bitte Hoheit, mich +nicht entgelten zu lassen, was meine Sendung Unwillkommenes für Sie +haben könnte. Meine Person völlig zurückstellend, übermittle ich der +Hoheit einen Beschluß der Kaiserlichen Majestät, welchen dieselbe in +ihrem Ministerrate gefaßt hat, allerdings nach Vernehmung ihrer drei +italienischen Feldherrn, Pescara, Leyva und meiner Untertänigkeit." + +"Wie befindet sich Pescara?" fragte der Kanzler, der in gleicher +Entfernung von den zwei Hoheiten stand, frech dazwischen. "Ist er +geheilt von seiner Speerwunde bei Pavia?" + +"Freundchen", versetzte der Konnétabel geringschätzig, "ich bitte +Euch, nicht zu reden, wo Ihr nicht gefragt werdet." + +Da nahm der Herzog die Frage auf. "Herr Konnétabel", sagte er, "wie +befindet sich der Sieger von Pavia?" + +Bourbon verneigte sich verbindlich. "Ich danke der Hoheit für die +huldvolle Nachfrage. Mein erlauchter und geliebter Kollege Ferdinand +Avalos Marchese von Pescara ist völlig hergestellt. Er reitet ohne +Beschwerde seine zehn Stunden." Dann fuhr er fort: "Lasset mich +jetzt zur Sache kommen, Hoheit. Bittere Arznei will schnell gereicht +sein. Die Kaiserliche Majestät wünscht sehr, daß die Hoheit +zurücktrete aus der neuen Liga, die Sie mit der Heiligkeit, den +Kronen von Frankreich und England und der Republik Venedig +abgeschlossen hat oder abzuschließen im Begriffe ist." + +Jetzt fand der Herr von Mailand den Fluß der Rede und beteuerte mit +gut gespieltem Erstaunen und herzlicher Entrüstung, daß ihm von einer +solchen Liga nichts bekannt sei und er selbst sicherlich der erste +wäre, nach seiner Lehenspflicht den Kaiser ungesäumt zu unterrichten, +wenn seines Wissens in Oberitalien derlei gegen die Majestät +gesponnen würde. Und er legte die Hand auf das feige Herz. + +Mit vorgebogenem Haupte höflich lauschend, ließ der Konnétabel den +jungen Heuchler seine Lüge in immer neuen Wendungen wiederholen. +Dann erwiderte er in kühlem Tone, mit einer unmerklichen Färbung +verächtlichen Mitleids: "Die Worte der Hoheit unangetastet, muß ich +glauben, daß dieselbe von der Sachlage nicht genau unterrichtet ist. +Wir denken es besser zu sein. Der Friede zwischen Frankreich und +England mit einer bösen Absicht gegen den Kaiser ist eine Tatsache, +die uns mit Sicherheit aus den Niederlanden gemeldet wurde. Ebenso +gewiß sind wir, daß in Oberitalien gegen uns gerüstet wird. Und +soweit sich der Heilige Vater beurteilen läßt, scheint auch er, den +wir verwöhnt haben, sich verdeckt gegen uns zu wenden. Zu +unterscheiden, was gethan und was im Werden ist, kann nicht unsere +Aufgabe sein: wir bauen vor. Ehe die Liga", fügte er mit leiserer +Stimme bedeutsam hinzu, "einen Feldherrn gefunden hat." + +Dann stellte er seine Forderung: "Hoheit giebt uns Sicherheit, in +Monatsfrist, daß Sie Neutralität hält. Das ist die inständige Bitte +Kaiserlicher Majestät. Unter Sicherheit aber versteht sie: +Verabschiedung der Schweizer, Beurlaubung der lombardischen Waffen +auf die Hälfte, Einstellung aller und jeder Festungsbauten und +Überlassung dieses erfindungsreichen Mannes"--er wies mit dem Haupte +seitwärts--"an Kaiserliche Majestät. Wo nicht"--und er erhob sich +ungestüm, als wollte er zu Pferde springen--"wo nicht, blasen wir zum +Aufbruch, den letzten September, um Mitternacht, keine Stunde früher, +keine später, und besetzen in wenigen Märschen das Herzogthum. Hoheit +überlege." Er verbeugte sich und schied. + +Da ihm Morone das Geleite geben wollte, verfiel Bourbon in eine +seiner tollen Launen und wies den Kanzler mit einer possenhaften +Gebärde ab. "Adieu, Pantalon mon ami!" rief er über die Schulter +zurück. + +Morone gerieth in Wuth über diese Benennung, welche seiner Person allen +Ernst und Wert abzusprechen schien, und entrüstet auf und nieder +schreitend, verwickelte er sich mit den Füßen in den +liegengebliebenen Mantel des Konnétable; der junge Herzog aber hielt +den Kanzler fest, hing sich ihm an den Arm und weinte: "Girolamo, ich +habe ihn beobachtet! Er glaubt sich hier schon in dem Seinigen. +Schließe ab! Heute noch! Sonst entthront mich dieser Teufel!" + +Noch lag der hilflose Knabe in den Armen seines Kanzlers, als ein +greiser Kämmerer den Rücken vor ihm bog und feierlich das Wort sprach: +"Die Tafel der Hoheit ist gedeckt." Die beiden folgten ihm, der mit +wichtiger Miene durch eine Reihe von Zimmern voranschritt. Eines +derselben, ein Kabinett, das keinen eigenen Ausgang hatte, schien mit +seiner Tapete von moosgrünem Sammet und seinen vier gleichfarbigen +Schemeln ein für trauliche Mitteilungen bestimmter Schlupfwinkel zu +sein. In seiner Mitte blieb der Herzog verwundert stehen, denn die +Hinterwand des sonst leeren Raumes füllte jetzt ein Bild, das er +nicht als sein Eigenthum kannte. Es war heimlich in den Palast +gekommen, eine ihm bereitete Überraschung, das Geschenk des +Markgrafen von Mantua, wie auf dem Rahmen zu lesen stand. Der Herzog +ergriff seinen Kanzler an der Hand, und beide Italiener näherten sich +mit leisen Tritten und einer stillen, andächtigen Freude dem +machtvollen Gemälde: auf einem weißen Marmortischchen spielten Schach +ein Mann und ein Weib in Lebensgröße. Dieses, ein helles und warmes +Geschöpf in fürstlichen Gewändern, berührte mit zögerndem Finger die +Königin und forschte zugleich verstohlenen Blickes in der Miene des +Mitspielers, der, ein Krieger von ernsten und durchgearbeiteten Zügen, +in dem streng gesenkten Mundwinkel ein Lächeln, versteckte. + +Beide, Herzog und Kanzler, erkannten ihn sogleich. Es war Pescara. +Die Frau erriethen sie mit Leichtigkeit. Wer war es, wenn nicht +Victoria Colonna, das Weib des Pescara und die Perle Italiens? Sie +konnten sich nicht von dem Bilde trennen. Sie fühlten, daß sein +größter Reiz die hohe und zärtliche Liebe sei, welche die weichen +Züge der Dichterin und die harten des Feldherrn in ein warmes Leben +verschmolz, und nicht minder die Jugend der Beiden, denn auch der +benarbte und gebräunte Pescara erschien als ein heldenhafter Jüngling. + +In der That, achtzehnjährig Beide, waren sie miteinander an den Altar +getreten, und sie hatten sich mit Leib und Seele Treue gehalten, oft +und lang getrennt, sie bei der keuschen Ampel in Italiens große +Dichter vertieft, er vor einem glimmenden Lagerfeuer über der Karte +brütend, dann endlich wieder auf Ischia, dem Besitzthum des Marchese, +wie auf einer seligen Insel sich vereinigend. Solches wußte das +sittenlose Italien und zweifelte nicht, sondern bewunderte mit einem +Lächeln. + +Auch die zwei vor dem Bilde Stehenden empfanden die Schönheit dieses +Bundes der weiblichen Begeisterung mit der männlichen +Selbstbeherrschung. Sie empfanden sie nicht mit der Seele, aber mit +den feinen Fingerspitzen des Kunstgefühls. So wären sie noch lange +gestanden, wenn nicht der Kammerherr unterthänig gemahnt hätte, daß +zwei Geladene im Vorzimmer des Eßsaales warteten. Durch ein paar +Thüren wurde jenes erreicht und, nach einer kurzen Vorstellung der +Gäste, dieser betreten. + +Jetzt saßen die Viere an der nicht überladenen, aber ausgesuchten +Tafel. Während des ersten leichten Gespräches besah sich der Herzog +insgeheim seine Gäste. Keine Gesichter konnten unähnlicher sein als +diese dreie. Den häßlichen Kopf und die grotesken Züge seines +Kanzlers freilich wußte er auswendig, aber es fiel ihm auf, wie +ruhelos dieser heute die feurigen Augen rollte und wie über der +dreisten Stirn das pechschwarze Kraushaar sich zu sträuben schien. +Daneben hob sich das Haupt Guicciardins durch männlichen Bau und +einen republikanisch stolzen Ausdruck sehr edel ab. Der Venezianer +endlich war eines schönen Mannes Bild mit einem vollen weichen Haar, +leise spottenden Augen und einem liebenswürdigen verrätherischen +Lächeln. Auch in der Farbe unterschieden sich die drei Angesichter. +Die des Kanzlers war olivenbraun, der Venezianer besaß die +durchsichtige Blässe der Lagunenbewohner, und Guicciardin sah so gelb +und gallig aus, daß der Herzog sich bewogen fühlte ihn nach seiner +Gesundheit zu fragen. + +"Hoheit, ich litt an der Gelbsucht", versetzte der Florentiner kurz. +"Die Galle ist mir ausgetreten, und das ist nicht zum Verwundern, +wenn man weiß, daß mich die Heiligkeit in ihre Legationen versendet +hat, um dieselben zu einem ordentlichen Staate einzurichten. Da +schaffe einer Ordnung, wo die Pfaffen Meister sind! Nichts mehr +davon, sonst packt mich das Fieber, trotz der gesunden Luft von +Mailand und den guten deutschen Nachrichten." Er wies eine süße +Schüssel zurück und bereitete sich mit mehr Essig als Öl einen +Gurkensalat. + +"Nachrichten aus Deutschland?" fragte der Kanzler. + +"Nun ja, Morone. Ich habe Briefe von kundiger Hand. Die Mordbauern +sind zu Paaren getrieben und--das Schönste--Fra Martino selbst ist +mit Schrift und Wort gewaltig gegen sie aufgetreten. Das freut mich +und läßt mich an seine Sendung glauben. Denn, Herrschaften, ein +weltbewegender Mensch hat zwei Ämter: er vollzieht, was die Zeit +fordert, dann aber--und das ist sein schwereres Amt--steht er wie ein +Gigant gegen den aufspritzenden Gischt des Jahrhunderts und +schleudert hinter sich die aufgeregten Narren und bösen Buben, die +mitthun wollen, das gerechte Werk übertreibend und schändend." + +Der Herzog war ein wenig enttäuscht, denn er liebte Krieg und Aufruhr, +wenn sie jenseits der Berge wütheten und seine Einbildungskraft +beschäftigten, während er selbst außer Gefahr stand. Der Kanzler +aber that einen Seufzer und sagte mit einem wahren menschlichen +Gefühle: "In Germanien mag nun viel Grausames geschehen." + +"Thut mir leid", versetzte der Florentiner, "doch ich behalte das +Ganze im Auge. Jetzt, nach Bändigung der trotzigen Ritter und der +rebellischen Bauern, führen die Fürsten. Die Reformation, oder wie +ihr es nennen wollet, ist gerettet." + +"Und Ihr seid ein Republikaner?" stichelte der Kanzler. + +"Nicht in Deutschland." + +Auch der schöne Lälius gönnte sich einen Scherz. "Und Ihr dienet dem +heiligen Vater, Guicciardin?" lispelte er. + +Dieser, dem das süßliche Lächeln widerstand und den seine Gelbsucht +reizbar machte, antwortete freimüthig: "Jawohl, Herrlichkeit, zur +Strafe meiner Sünden! Der Papst ist ein Medici, und diesem Hause ist +Florenz verfallen. Ich aber will nicht aus meiner Vaterstadt +vertrieben werden, denn flüchtig sein ist das schlimmste Los und +gegen seine Heimat zu Felde liegen das größte Verbrechen. Der +Heilige Vater weiß, wer ich bin, und nimmt mich nicht anders, als ich +bin. Ich diene ihm, und er hat nicht über mich zu klagen. Aber ich +lasse mir nicht das Maul verbinden, und so sei es mit Wonne +ausgesprochen unter uns Wissenden: Fra Martino hat eine gerechte +Sache, und sie wird sich behaupten." + +Dem Herzog machte es Spaß, und er empfand eine Schadenfreude, es zu +erleben, wie der große germanische Ketzer von einem Sachwalter des +heiligen Vaters verherrlicht wurde. Freilich überlief ihn eine +Gänsehaut, daß solches in seiner Gegenwart und in seinem Palaste +geschehe. Er winkte die Diener weg, welche eben die Früchte +aufgesetzt hatten und der spannenden Unterhaltung ihre stille +Aufmerksamkeit widmeten. + +Jetzt forderte Morone, der sich auf seinem Stuhle hin und her +geworfen, mit flammenden Augen den Florentiner auf: "Ihr seid ein +Staatsmann, Guicciardin, und auch ich pfusche ins Handwerk. Wohlan, +begründet eure merkwürdigen Sätze: Bruder Martinus thut ein gerechtes +Werk, und dieses Werk wird gelingen und dauern." + +Guicciardin leerte ruhig seinen Becher, während der schöne Lälius ein +Zuckerbrot zerbröckelte, der Herzog nach seiner Art sich im Sessel +gleiten ließ und Morone begeistert von dem seinigen aufsprang. + +"Nicht wahr, Herrschaften", begann der Florentiner, "kein Kind, kein +Thor würde es ertragen, wenn ein Ding vorgeben wollte, dasselbe Ding +geblieben zu sein, nachdem es sich in sein Gegentheil verwandelt hätte, +zum Beispiel das Lamm in den Wolf, oder ein Engel in einen Teufel. +Wie wir nun in unserm gebildeten Italien von der heiligen Gestalt +denken mögen, die sich in den Päpsten fortsetzt, eines ist nicht zu +leugnen: daß sie nur Gutes und Schönes gewollt hat. Und ihre +Nachfolger, die das Werk und Amt des Nazareners übernommen +haben--sehet nur die viere der Wende des Jahrhunderts! Da ist der +Verschwörer, der unsern gütigen Julian gemeuchelt hat! Dann kommt +der schamlose Verkäufer der göttlichen Vergebung! Nach ihm der +Mörder, jener unheimliche zärtliche Familienvater! Keine +Fabelgestalten, sondern Ungeheuer von Fleisch und Blut, in kolossalen +Verhältnissen vor dem Auge der Gegenwart stehend! Und der vierte, +den ich von Jenen trenne: unser großer Julius, ein Heros, der Gott +Mars, aber ein Gegensatz, noch schreiender als jene Dreie zu dem +sanftmüthigen Friedestifter! Viermal nacheinander dieser Widerspruch, +das ist ein Hohn gegen die menschliche Vernunft. Es nimmt ein Ende: +entweder verschwindet jene erste himmlische Gestalt in dieser +dampfenden Hölle und flammenden Waffenschmiede, oder Bruder Martinus +löst sie mit einem scharfen Schnitt von solchen Nachfolgern und +Amtsbrüdern." + +"Das ist lustig", meinte der Herzog, während der Kanzler wie besessen +in die Hände klatschte. + +"Eine Predigt Savonarolas", ließ sich der schöne Lelio vernehmen, ein +Gähnen verwindend. "Wenn wir Fra Martino in Venedig hätten, so +könnten wir ihn zügeln und sachdienlich verwenden. Aber seinem +germanischen Trotzkopf überlassen, wird er, fürcht' ich, über kurz +oder lang dem Andern auf den Scheiterhaufen folgen." + +"Nein", versetzte Guicciardin heiter, "seine braven deutschen Fürsten +werden ihr Schwert vor ihn halten und ihn schützen." + +"Doch wer schützt seine Fürsten?" spottete der Venezianer. + +Guicciardin schlug eine fröhliche Lache auf. "Der heilige Vater", +sagte er. "Sehet, Herrschaften, das ist eine jener verdammt feinen +Zwickmühlen, wie sie der Zufall oder ein Besserer in der +Weltgeschichte anlegt. Seit unsere Päpste sich verweltlicht haben +und einen Staat in Italien besitzen, ist ihnen das kleine Zepter +theurer als der lange Hirtenstab. Ist nicht, diesem Scepter zuliebe, +unser Clemens im Begriff, dem frommgläubigen Kaiser förmlich den +Krieg zu erklären? Einem heiligen Vater aber, der mit Kanonen auf +ihn schießt, wird Karl kaum den Gefallen thun, seine tapfern +germanischen Landsknechte in die Kirche zurückzuzwingen. Und +umgekehrt: wenn die ketzerischen deutschen Fürsten gegen die +Kaiserliche Majestät sich empören und Panier aufwerfen, wird der +heilige Vater nicht ihre Seele vorläufig in Ruhe lassen und sich +heimlich ihrer Waffen bedienen? Unterdessen aber wächst der Baum und +streckt seine Wurzeln." + +Jetzt wurde der Herzog unruhig. Es kam die angenehme Stunde seines +Tagewerkes, in welcher er seine Hunde und Falken mit eigenen Händen +fütterte. "Herrschaften", sagte er, "mich würde dieser germanische +Mönch nicht verführen. Man hat mir sein Bildnis gezeigt: ein plumper +Bauernkopf, ohne Hals, tief in den Schultern. Und seine Gönner, die +saxonischen Fürsten--Bierfässer!" + +Guicciardin zerdrückte den feinen Kelch in der Hand und einen Fluch +zwischen den Zähnen. "Es ist schwül hier im Saale", entschuldigte er +sich, und gleich hob der Herzog die Tafel auf. "Wir wollen frische +Luft schöpfen", meinte er. "Auf Wiedersehen, Herrschaften, nach +Sonnenuntergang, im grünen Kabinette." + +Er verließ das Zimmer, um dem Venezianer, an welchem er ein +Wohlgefallen fand, seine Gebäude, Terrassen und Gärten zu zeigen. Es +waren noch jene unvergleichlichen Anlagen, welche der letzte Visconte +gebaut und mit seinem gespenstischen Treiben erfüllt hatte, die +Überbleibsel jener "Burg des Glückes", wo er, wie ein scheuer Dämon +in seinem Zauberschlosse, Italien mit vollendeter Kunst regierte, und +aus welcher er seine Günstlinge, sobald sie erkrankten, wegtragen +ließ, damit niemals der Tod an diese Marmorpforten klopfe. + +Ein guter Theil der alten Pracht war verfallen, oder zertreten und +verschüttet durch den Krieg und die neu aufgeworfenen Bollwerke. +Immerhin blieb noch genug übrig für die schmeichelnde Bewunderung des +schönen Lälius, und Franz Sforza verlebte ein paar hübsche Stunden. +Nur da sie eine Reitbahn betraten, welche der Bourbon während seiner +mailändischen Statthalterschaft errichtet, verschatteten sich die +fürstlichen Züge, um sich dann aber gleich wieder zu erheitern. Er +hatte das schallende Gelächter Guicciardins vernommen und darauf +diesen selbst erblickt, der sich in eine ländliche Veranda hemdärmlig +mitten unter lombardische Stallknechte gesetzt hatte, mit ihnen +Karten spielte und einem herben Landweine zusprach. "Die +Vergnügungen eines Republikaners", spottete Franz Sforza. "Er erholt +sich von seinem fürstlichen Umgange." Der schöne Lelio lächelte +zweideutig, und sie setzten ihren Lustwandel fort. + +Der Erste, welcher sich in dem moosgrünen Kabinette einfand, wenn er +es nicht etwa gleich nach aufgehobener Tafel betreten und nicht +wieder verlassen hatte, war Girolamo Morone. Er stand vertieft in +das Bild. Eine Weile mochte er die entzückten Augen an dem +holdseligen Weibe geweidet haben, jetzt aber durchforschte er mit +angestrengtem Blicke das Antlitz des Pescara, und was er aus den +starken Zügen heraus oder in dieselben hinein las, gestaltete sich in +dem erregten Manne zu heftigen Gebärden und abgebrochenen Lauten. +"Wie wirst du spielen, Pescara?" stammelte er, die schalkhafte Frage, +die in Victorias unschuldigem Auge lag, ingrimmig wiederholend und +die pechschwarze Braue zusammenziehend. + +Da erhielt er einen kräftigen Schlag auf die Schulter. "Verliebst du +dich in die göttliche Victoria, du Sumpf?" fragte ihn Guicciardin mit +einem derben Gelächter. + +"Spaß beiseite, Guicciardin, was denkst du von Dem hier mit dem rothen +Wamse?", und der Kanzler wies auf den Feldherrn. + +"Er sieht wie ein Henker." + +"Nicht, Guicciardin. Ich meine: was sagst du zu diesen Zügen? Sind +es die eines Italieners oder die eines Spaniers?" + +"Eine schöne Mischung, Morone. Die Laster von beiden: falsch, +grausam und geizig! So habe ich ihn erfahren, und du selbst, Kanzler, +hast mir ihn so gezeichnet. Erinnere dich! in Rom, vor zwei Jahren, +da der witzige Jakob uns zusammen über den Tiber setzte." + +"Hab ich? Dann war es der Irrthum eines momentanen Eindrucks. +Menschen und Dinge wechseln." + +"Die Dinge, ja; die Menschen, nein: sie verkleiden und spreizen sich, +doch sie bleiben, wer sie sind. Nicht wahr, Hoheit?" Guicciardin +wendete sich gegen den Herzog, welcher eben eintrat und dem der +Venezianer auf dem Fuße folgte. + +Die vier grünen Schemel besetzten sich und die Türen wurden verboten. +Das offene Fenster füllte ein glühender Abendhimmel. + +"Herrschaften", begann der Herzog mit würdiger Miene, "wie weit die +Vollmachten?" + +"Meine Bescheidenheit", sagte der schöne Lälius, "ist beauftragt +abzuschließen." + +"Die Weisheit des heiligen Vaters", folgte Guicciardin, "wünscht +ebenfalls ein Ende. Die Liga war langeher der Liebling ihrer +Gedanken: sie stellt sich, wie ihr gebührt, an die Spitze, mit +Vorbehalt der schonenden Formen des höchsten Hirtenamtes." + +"Die Liga ist geschlossen!" rief der Herzog muthig. "Kanzler, statte +Bericht ab!" + +"Herrschaften", begann dieser, "in ihren Briefen verspricht die +französische Regentschaft, im Einverständnis mit dem zu Madrid +gefangen sitzenden Könige, ein ansehnliches Heer und entsagt zugleich +endgültig, in die Hände des heiligen Vaters, den Ansprüchen auf +Neapel und Mailand." + +"Optime!" jubelte der Herzog. "Und Schweizer bekämen wir soviel wir +wollen, in lichten Haufen, wenn wir nur Ducaten hätten, ihnen damit +zu klingeln. Nicht wahr, Kanzler?" + +"Da ist Rat zu schaffen", versicherten die zwei Andern. + +"Aber, Herren", drängte Morone, "es eilt! Der Borbone war hier. Man +blickt uns in die Karten. Die drei Feldherrn drohen in Monatsfrist +Mailand zu nehmen, wenn wir nicht abrüsten. Wir müssen losschlagen, +und um loszuschlagen, müssen wir unsern Capitano wählen, jetzt, +sogleich!" + +"Dazu sind wir gekommen", sprachen die Zweie wiederum einstimmig. + +"Der Liga den Feldherrn geben!" wiederholte der Kanzler. "Das ist +nicht weniger als über das Los Italiens entscheiden! Wen stellen wir +dem Pescara entgegen, dem größten Feldherrn der Gegenwart? Nennet +mir den ebenbürtigen Geist! Unsern großen Kriegsleuten, dem Alviano, +dem Trivulzio, ist längst die Grabschrift gemacht, und die übrigen +hat Pavia getödtet. Nennet mir ihn! Zeiget mir die mächtige Gestalt! +Wo ist die gepanzerte rettende Hand, daß ich sie ergreife?" + +Eine trübe Stimmung kam über die Gesellschaft, und der Kanzler +weidete sich an der Niedergeschlagenheit der Verbündeten. + +"Wir haben den Urbinaten oder den Ferraresen", meinte Nasi, doch +Guicciardin erklärte bündig, den Herzog von Ferrara schließe die +Heiligkeit aus als ihren abtrünnigen Lehensmann. "Wählen wir den +Herzog von Urbino. Er ist kleinlich und selbstsüchtig, ohne weiten +Blick, ein ewiger Verschlepper und Zauderer, aber ein versuchter +Kriegsmann, und es bleibt uns kein Anderer", sprach der Florentiner +mit gerunzelter Stirn. + +"Da wäre noch Euer Hans Medici, Guicciardin, und Ihr hättet den +jungen Waghals, nach dem euer Herz zu begehren scheint", neckte ihn +der Venezianer. + +"Höhnt Ihr mich, Nasi?" zürnte Guicciardin. "Daß ein junger Frevler +unsere patriotische Sache entweihe und ein tollkühner Bube unsern +letzten Krieg mit den Würfeln einer leichtsinnigen Schlacht +verspiele? Der Urbinate wird uns wenigstens nicht verderben, wenn er +den Krieg verewigt, die Hilfe eines würgenden Fiebers oder eines +Auflaufes der Landsknechte im kaiserlichen Lager abwartend. Wählen +wir ihn." Er seufzte, und in demselben Augenblicke fuhr er wüthend +gegen den Kanzler los, den er das Ende seiner Rede mit einem +verzweifelnden Gebärdenspiele begleiten sah. "Laß die Grimassen, +Narr!" schrie er ihn an, "... ich bitte um Vergebung, Hoheit, wenn ich +ungeduldig werde, und Hoheit ist auf meiner Seite, wie ich glaube..." +Der Herzog blickte auf seinen Kanzler. + +"Sei es", sagte Morone, "wir stimmen bei, aber es ist ein unfreudiges +Ja, das die Hoheit zu dem seelenlosen Anfange unsers Bündnisses giebt." +Der Herzog nickte trübselig. "Nein", rief der Kanzler, "sie giebt +es nicht, die Hoheit tritt zurück, sie kann es nicht verantworten, +die letzten Kräfte dieses Herzogtums zu erschöpfen! Sie zieht nicht +zu Felde, im voraus entmuthigt und geschlagen! Die Liga ist +aufgehoben! Oder wir suchen ihr einen siegenden Feldherrn." + +Die zwei Andern schwiegen mißmuthig. + +"Und ich weiß einen!" sagte Morone. + +"Du weißt ihn?" schrie Guicciardin. "Bei allen Teufeln, heraus damit! +Rede! Wen werfen wir in die Wagschale gegen Pescara?" + +"Redet, Kanzler!" trieb auch der Venezianer. + +Morone, der von seinem Schemel aufgesprungen war, trat einen Schritt +vorwärts und sprach mit starker Stimme: "Wen wir gegen Pescara in die +Wagschale werfen? Welchen Ebenbürtigen? Pescara, ihn selber!" + +Ein Schrecken versteinerte die Gesellschaft. Der Herzog starrte +seinen außerordentlichen Kanzler mit aufgerissenen Augen an, während +Guicciardin und der Venezianer langsam die Hand an die Stirn legten +und zu sinnen begannen. Beide erriethen sie als kluge Leute ohne +Schwierigkeit, wie Morone es meinte. Sie waren die Söhne eines +Jahrhunderts, wo jede Art von Verrath und Wortbruch zu den +alltäglichen Dingen gehörte. Hätte es sich um einen gewöhnlichen +Kondottiere gehandelt, einen jener fürstlichen oder plebejischen +Abenteurer, welche ihre Banden dem Meistbietenden verkauften, sie +hätten wohl dem Kanzler sein frevles Wort von den Lippen +vorweggenommen. Aber den ersten Kaiserlichen Heerführer? aber +Pescara? Unmöglich! Doch warum nicht Pescara? Und da Morone +leidenschaftlich zu sprechen begann, verschlangen sie seine Worte. + +"Herrschaften", sagte dieser, "Pescara ist unter uns geboren. Er hat +Spanien niemals betreten. Die herrlichste Italienerin ist sein Weib. +Er muß Italien lieben. Er gehört zu uns, und in dieser +Schicksalsstunde, da wir mit dem noch ledigen Arm unsern andern schon +gefesselten befreien wollen, nehmen wir den größten Sohn der Heimat +und ihren einzigen Feldherrn in Anspruch. Wir wollen zu ihm gehen, +ihn umschlingen und ihn anrufen: Rette Italien, Pescara! Ziehe es +empor! Oder es reißt dich mit in den Abgrund!" + +"Genug declamiert!" rief Guicciardin. "Ein Phantast wie du, Kanzler, +mit den unbändigen Sprüngen deiner Einbildungskraft ist dazu da, das +Unmögliche zu erdenken und auszusprechen, das vielleicht, näher +betrachtet, nicht völlig unmöglich ist. Jetzt aber sei stille und +laß die Vernünftigen es beschauen und sich zurechtlegen, was du im +Fieber geweissagt hast. Gebärde dich nicht wie ein Rasender, sondern +setze dich und laß mich reden! + +Herrschaften, oft, und in verzweifelten Lagen immer, ist Kühnheit der +beste und einzige Rath. Der Krieg unter dem Urbinaten starrt uns an +wie eine Maske mit leeren Augen. Wir alle fühlen, er würde uns +langsam lähmen und methodisch zu Grunde richten. Lieber ein +halsbrechendes Wagnis. Also ja! Wenn es nach mir geht, versuchen +wir den Pescara! Verräth er uns an den Kaiser, so kann er uns alle +verderben. Aber wer weiß, ob er nicht seinem Dämon unterliegt? +Zuerst müssen wir uns fragen: Wer ist Pescara? Ich will es euch +sagen: ein genialer Rechner, der die Möglichkeiten scharfsinnig +scheidet und abwägt, der die Dinge unter ihrem trügerischen Antlitz +auf ihren wahren Werth und ihre reale Macht zu untersuchen die +Gewohnheit hat. Wäre er sonst, der er ist, der Sieger von Bicocca +und Pavia? Wenn wir ihn antreten, wird er zuerst eine große +Entrüstung heucheln über eine Sache, die er sicherlich selbst schon +in gewissen Stunden sich besehen und betrachtet hat, wenn auch +vielleicht nur als Übung seines immerfort arbeitenden Verstandes. +Dann wird er langsam und sorgfältig abwägen: den Stoff, den wir ihm +geben, das heißt unser Italien, ob sich daraus ein Heer und später +ein Reich bilden ließe, und--seinen Lohn. Und da der Stoff zwar edel, +aber spröde ist und einer gewaltig bildenden Hand bedarf, müssen wir +ihm die größte Belohnung bieten: eine Krone." + +"Welche Krone?" stammelte der Herzog angstvoll. + +"Eine Krone, Hoheit, sagte ich, keinen Herzogshut, und meinte die +schöne von Neapel. Sie ist in Feindeshand, also erledigt, und ein +Lehen der Heiligkeit." + +"Wenn wir Kronen austheilen", spottete der Venezianer, "warum bieten +wir dem Pescara nicht gleich die Fabel- und Traumkrone von Italien?" + +"Die Traumkrone!" Das Antlitz des Florentiners zuckte schmerzlich. +Dann sprach er trotzig, sich und die Umsitzenden vergessend: "Die +Krone von Italien! Wenn Pescara an der Spitze unserer Heere reitet, +wird sie ungenannt vor ihm herschweben. Möchte er sie, als der +Größte unserer Geschichte, fassen und ergreifen, diese ideale Krone, +nach welcher schon so manche Hände und die frevelhaftesten sich +gestreckt haben! Möge sie auf seinem Haupte zur Wahrheit werden! +Und", sagte er kühn, "weil wir heute jedes gewöhnliche Maß verlassen +und unsern Endgedanken und innersten Wünschen Gestalt geben, so +wisset, Herrschaften: ist Pescara der Vorausbestimmte, wie es möglich +wäre, in der Zeit liegen große Begünstigungen und in den Sternen +glückliche Verheißungen. Baut er Italien, so wird er es auch +beherrschen. Aber, Kanzler, ich habe dich einen Phantasten genannt +und phantasiere größer als du. Kehren wir zurück aus dem Reiche des +Ungebornen in die Wirklichkeit und stellen wir die Frage: wer +übernimmt die Rolle des Versuchers?" + +"Ich stürze mich wie Curtius in den Abgrund!" rief der Kanzler aus. + +"Recht", billigte Guicciardin. "Du bist die Person dazu. Einem +Andern würde die Stimme versagen, und er würde vor Scham versinken, +wenn er vor Pescara träte, um mit ihm von seinem Verrathe zu reden. +Du Schamloser aber bist zu allem fähig, und deine Schellenkappe +bringt dich aus Lagen und Verwicklungen, wo jeder Andere hängen +bliebe. Will Pescara nicht, so nimmt er dich von deiner närrischen +Seite und behandelt dich als Possenreißer; will er, so wird er unter +deinen tragischen Gebärden und deinen komischen Runzeln den Ernst und +die Größe der Sache schon zu entdecken wissen. Gehe du hin, mein +Sohn, und versuche den Pescara!" + +Der Herzog, der sich grübelnd auf seinem Schemel zusammengekauert +hatte, wollte eben nach Licht rufen, denn die Dämmerung wuchs, und er +fürchtete das Dunkel. Da sah er die Dinge unvermuthet auf ihre Spitze +kommen und wurde ängstlich. "Kanzler, du darfst nicht!" verbot er. +"Ich will mit diesem großmächtigen Pescara nichts zu schaffen haben. +Bekommen wir ihn, so wird er zuerst meine Ebenen nehmen, welche den +Krieg anlocken, und meine Festungen, welche sie behaupten. Und hat +er sie, so wird er sie behalten. Verspielt er aber, so büße ich +zuerst und verfalle ohne Gnade dem Spruche des Kaisers, meines +Lehensherrn. Oh, ich durchschaue euch! Ihr Alle, selbst Dieser +da"--er blickte wehmüthig nach seinem Kanzler--"habet immer nur euer +Italien im Sinne, und ich gelte euch"--er blies über die flache +Hand--"soviel! Ich aber bin ein Fürst und will mein Erbe, mein +Mailand, und nichts als mein Mailand! Und du, Girolamo, gehst nicht +zu Pescara. Die Geschäfte würden darunter leiden. Ich kann dich +keine Stunde entbehren!" + +Jetzt nahm der schöne Lälius das Wort und lispelte: "Wenn Hoheit +darauf bestünde, so würde durch ihren Einspruch unser Plan hinfällig, +und ich hätte einen andern. Da wir uns einmal, sonderbarerweise, +nach unserm Capitano unter den kaiserlichen Feldherrn umsehen, wäre +nicht etwa der Versuch zu machen, ob sich der Borbone, gegen ein +großes Anerbieten, zu einem zweiten Verrath entschlösse?" + +Der Herzog schrak zusammen. "Wann verreisest du, mein Girolamo?" +fragte er. + +"Zuerst, Kanzler", fiel Guicciardin ein, "habe ich Auftrag, dich nach +Rom mitzunehmen. Der heilige Vater wünscht dich näher kennen zu lernen. +Denn er hat eine große Meinung von dir. Er nennt dich den Kanzler +Proteus und behauptet, du seiest, trotz deiner tollen Augen, einer +der klügsten Männer Italiens." + +"Das ist gut", bemerkte der Venezianer, "schon weil es die +entscheidende Stunde verschiebt, in welcher Girolamo Morone als +Versucher zu Pescara tritt. Ich wünsche dieser Stunde zuvor einen +Grund und eine Wurzel in der öffentlichen Meinung zu geben. Darf ich +mich darüber verbreiten, Herrschaften?" + +Das fade Gesicht des Venezianers nahm, soweit sich in der Dämmerung +noch unterscheiden ließ, einen energischen Ausdruck an und er redete +mit markiger Stimme: "Der Kanzler, da er sein bedeutendes Wort +aussprach, hat uns ohne Zweifel erschreckt, aber nicht eigentlich in +Verwunderung gesetzt. Nachdem der vernichtende Schlag von Pavia dem +Kaiser unser ganzes Italien wehrlos zu Füßen geworfen hatte, suchte +die öffentliche Meinung von selbst eine Schranke gegen die drohende +Allmacht und ließ aus der Natur der Dinge unsere Liga emporwachsen. +Zugleich beschäftigte sich die öffentliche Meinung mit dem Lohne, der +Pescara für seinen vollkommenen Sieg und die Erbeutung eines Königes +gebühre. Und da die Kargheit und der Undank des Kaisers weltbekannt +sind, zog sie den Schluß, daß er seinen Feldherrn nicht +zufriedenstellen und dieser anderwärts einen Ersatz suchen werde. +Jetzt verbindet die öffentliche Meinung diese beiden Dinge: unsern +schon durchschimmernden patriotischen Bund und einen möglichen +größern Gewinn des Pescara. So wird sein Übertritt glaubwürdig, +bevor er sich vollzieht. Nur ist es dienlich, daß dieser begründeten +allgemeinen Ansicht durch eine geschickte Hand eine überzeugende +Gestalt und durch eine geläufige Zunge eine für ganz Italien +verständliche Sprache gegeben werde. Nun ist seit kurzem ein +wanderndes Talent unter uns aufgetaucht, ein vielversprechender +junger Mann, der sich hoffentlich noch an Venedig fesseln läßt--" + +"Einen Fußtritt dem Aretiner! Er hat mich schändlich verleumdet..." +"Ein göttlicher Mann! Er hat mich den ersten Fürsten Italiens +genannt!" riefen Guicciardin und der Herzog miteinander aus. + +"Ich sehe", lächelte Nasi, "daß der Mann auch hier nach seinem Werthe +gekannt ist. Seine Briefe, an wahre oder erfundene Personen, in +tausend und tausend Blättern ausgestreut, sind eine Macht und +beherrschen die Welt. Ich will ihm eine sehr starke Summe senden, +und ihr werdet euch über die Saat von schönfarbigen Giftpilzen +verwundern, die über Nacht aus dem ganzen Boden Italiens emporschießt: +Verse, Abhandlungen, Briefwechsel, ein bacchantisch aufspringender, +taumelnder Reigen verhüllter und nackter, drohender und verlockender +Figuren und Wendungen, alle um Pescara sich drehend und um die +Wahrscheinlichkeit und Schönheit seines Verrathes. So bildet sich +eine unüberwindliche allgemeine Überzeugung, welche den Pescara zu +uns herüberreißt und ihn zugleich--da liegt es--am kaiserlichen Hofe +so gründlich und endgültig untergräbt, daß er zum Verräther werden muß, +er wolle oder nicht." + +"Nichts da, Exzellenz!" rief der Kanzler aus dem Dunkel. "Ihr +verderbt mir das Spiel! Der Befreier Italiens soll sich in voller +Freiheit entscheiden, nicht als das Opfer einer teuflischen Umgarnung..." + +"Du bist prächtig, Kanzler, mit deinen moralischen Skrupeln!" +unterbrach ihn Guicciardin. "Wisse, auch mein Herz empört sich und +nimmt Theil für den unrettbar Überlisteten! Aber ich heiße den +Menschen schweigen und handle als Staatsmann. Das Mittel der +Exzellenz ist ohne Vergleichung unter alle dem, was heute Abend +gefunden wurde, das Ruchloseste, aber auch das Klügste und Wirksamste. +Erst jetzt wird die Sache wahrhaft gefährlich für Pescara, und sein +Verrath wahrscheinlich. Ans Werk." + +"Er ist unter uns und lauscht!" schrie der Herzog mit gellender +Stimme, daß Alle zusammenfuhren. Ihre Blicke folgten seinem +geängstigten. Der Mond, der als blendende Silberscheibe über den +Horizont getreten war und seine schrägen Strahlen in das kleine +Gemach zu werfen begann, spielte wunderlich auf der Schachpartie. +Victorias hervorquellendes Auge blickte erzürnt, als spräche es: Hast +du gehört, Pescara? Welche Verruchtheit! und jetzt fragte es +angstvoll: Was wirst du thun, Pescara? Dieser war bleich wie der Tod, +mit einem Lächeln in den Mundwinkeln. + + + + +Zweites Kapitel + + +In der weiten hellen Fensternische jener edeln vatikanischen Kammer, +an deren Dielen und Wänden Raphael die Triumphe des Menschengeistes +verherrlicht, saß ein Greis mit großen Zügen und von ehrwürdiger +Erscheinung. Er sprach bedächtig zu dem emporgewendeten, mit +dunkelblonden Flechten umwundenen Haupte eines Weibes, das zu seinen +Füßen saß und mit einem warmen menschlichen Blut in den Adern ebenso +schön war als die Begriffe des Rechtes und der Theologie, wie sie der +Urbinate in herrlichen weiblichen Gestalten verkörpert. Der betagte +Papst mit seinem langen gebückten Rücken und in seinem fließenden +weißen Gewande ähnelte einer klugen Matrone, welche lehrhaft mit +einem jungen Weibe plaudert. + +Noch nicht gar lange mochte Victoria auf ihrem Schemel gesessen haben, +denn der heilige Vater erkundigte sich eben erst nach dem Befinden +ihres Gatten, des Marchese von Pescara. "Die Seitenwunde von Pavia +macht sich nicht mehr fühlbar?" sagte er. + +"Der Marchese ist völlig geheilt", erwiderte Victoria unschuldig. +"Die Seitenwunde ist vernarbt, sowie auch die schlimmere Stirnwunde. +Er wird Eure Heiligkeit begrüßen, wenn er den Urlaub antritt, den ihm +die Gnade des Kaisers zugesagt hat und der uns Glückselige"--sie +sprach es mit jubelnden Augen--"auf unserer Meeresinsel vereinigen +wird. Aber er selbst verweigert sich denselben für einmal noch, +weniger des politischen Horizontes wegen, der nicht heller noch +trüber sei als sonst--so schreibt er--, sondern weil er gerade jetzt +das Heer ungern verlasse. Der Mörder", sagte sie lächelnd, +"beschäftigt sich nämlich mit einer vervollkommneten Feuerwaffe und +einem neuen Manöver. Das brächte er nun gerne erst zu einem Ergebnis. +So hat er mich, die er anfänglich hier in Rom überraschen wollte, +in sein Feldlager nach Novara beschieden und ich reise morgen, nicht +im Schneckenhaus meiner Sänfte, sondern im Sattel meines hitzigen +türkischen Pferdchens. Hätte ich Flügel! mich verlangt nach den +Narben meines Herrn, dessen Antlitz ich nicht gesehen seit jener +berühmten Schlacht, die ihn unsterblich gemacht hat. Und so bin ich +zu der Heiligkeit geeilt in der Freude meines Herzens, um mich bei +Ihr zu beurlauben: denn das ist der Zweck meines Besuches." So +redete Victoria aufwallend und überquellend wie ein römischer Brunnen. + +Ihre aufrichtigen Worte belehrten den Heiligen Vater, daß Pescara +sein Thun und Lassen in dasselbe Zwielicht stelle, welches auch er +liebte. Nur mit dem Unterschiede, daß der junge Pescara im +entscheidenden Augenblicke wie ein Blitz aus seiner Wolke +hervorsprang, während Clemens unentschlossen, über sich selbst zornig, +in der seinigen verborgen blieb, weil er aus greisenhafter +Überklugheit den Moment zu ergreifen versäumte. Er schärfte, in +einem andern Bilde gesprochen, den Stift so lange, bis zu seinem +Ärger die allzufeine Spitze abbrach. Jetzt trat er leise und +tastete. + +"Einen Urlaub hat der Marchese verlangt?" verwunderte er sich. "Ich +dächte, seinen Abschied? Achilles zürnt im Zelte, so hörte ich." + +"Davon weiß ich nichts, und das glaube ich nicht, Heiliger Vater", +entgegnete Victoria und warf mit einer stolzen Gebärde das Haupt +zurück. "Warum seinen Abschied?" + +"Nicht wegen einer rosigen Briseis, Madonna", antwortete Clemens +ärgerlich mit einem frostigen Scherze, "sondern geprellt um einen +erbeuteten König und um die Thürme von Sora und Carpi." + +Damit spielte der Papst auf zwei bekannte Thatsachen an. Der +Vicekönig von Neapel hatte bei Pavia, Pescara zuvorkommend, den Degen +des französischen Königs in Empfang und damit die Ehre vorweggenommen, +die erlauchte Beute nach Spanien führen zu dürfen. Und dann hatte +der Kaiser Sora und Carpi den begehrlichen Colonnen, den eigenen +Verwandten der Victoria geschenkt, nicht seinem großen Feldherrn, +welcher ebenfalls einen Blick danach geworfen. + +Victoria erröthete unwillig. "Heiliger Vater, Ihr denkt gering von +meinem Gemahl. Ihr stellet Euch einen kleinlichen Pescara vor: gebet +mir Urlaub, damit ich reise und mich überzeuge, daß euer Pescara +nicht mein Pescara ist. Ich habe Eile, vor den wahren zu treten." + +Sie erhob sich und stand groß vor dem Papste, aber schon verbeugte +sie sich wieder tief mit demüthiger Gebärde, um seinen Segen flehend. +Da bat er sie, sich wiederum zu setzen, und sie gehorchte. Clemens +durfte sich die Gelegenheit nicht entrinnen lassen, Pescara durch den +geliebten Mund seines Weibes zum Abfalle zu bereden. Daß aber mit +Anspielungen und Vorbereitungen bei der Colonna, wie er sie vor sich +sah, nichts gethan wäre, begriff er leicht: entweder würde sie sich +gegen das Zweideutige aufbäumen oder es als etwas Unverständliches +und Nichtiges unbesehen in den Winkel werfen. Er mußte dieser wahren +und auf Wahrheit dringenden Natur die Sache in klaren Umrissen +vorzeichnen und in ein volles Licht stellen, damit sie dieselbe ihres +Blickes würdige. Das ging ihm gegen seine Art, und er that einen +schweren Seufzer. + +Da fand er eine Auskunft, die nicht ohne Geist und List war. Er +fragte Victoria mit einer harmlosen Miene, während er die Hand mit +dem Fischerring auf ein in blauen Sammet gebundenes Buch mit +vergoldeten Schlössern legte: "Spinnst du wieder etwas Poetisches, +geliebte Tochter? Wahrlich, ich bin ein Verehrer deiner Muse, weil +sie sich mit dem Guten und Heiligen beschäftigt. Und ich liebe sie +insbesondere, wo sie moralische Fragen stellt und beantwortet. Aber +das schwerste sittliche Problem hast du noch in keinem deiner Sonette +behandelt. Weißt du, welches ich meine, Victoria Colonna?" + +Diese wunderte sich nicht über den plötzlichen Einfall des Heiligen +Vaters, weil sie hier auf dem eigenen Boden stand und, bei ihrem +schon gefeierten Namen, Gelehrte und Laien wohl nicht selten ähnliche +Fragen an sie richten mochten. Sie fühlte sich und erhob den +schlanken Leib kampflustig, während sich ihre Augen mit Licht füllten. +"Der größte sittliche Streit", sagte sie ohne Besinnen, "ist der +zwischen zwei höchsten Pflichten." + +Jetzt hatte der Heilige Vater Fahrwasser gewonnen. "So ist es", +bekräftigte er mit theologischem Ernste. "Das heißt: scheinbar +höchsten, denn eine der beiden ist immer die höhere, sonst gäbe es +keine sittliche Weltordnung. Ich flehe zu Gott und seinen Heiligen, +daß sie dir beistehen und dich die höhere Pflicht erkennen lassen, +damit du sie der geringem vorziehest, du und dein Gatte, denn siehe, +dieser große und schwere Kampf wird an euch Beide herantreten." + +Victoria erblaßte, da ihr die akademische Frage plötzlich in das +lebendige Fleisch schnitt, der Heilige Vater aber redete feierlich: +"Höre mich, meine Tochter! Alles, was ich dir jetzt zu sagen habe, +ist auch dem Marchese gesagt, den meine Worte durch dich erreichen. +Vernimm es: der Heilige Stuhl trennt sich zu dieser Stunde von der +kaiserlichen Majestät und bietet ihr die Spitze. Ich handle so als +Fürst und als Hirte. Als Fürst: weil heute die Schicksalsstunde +Italiens ist. Lassen wir sie verrinnen, so verfallen wir +italienischen Fürsten alle auf Jahrhunderte hinaus dem spanischen +Joche. Frage, wen du willst: so urtheilen alle Einsichtigen. Aber +auch als höchster Hirte. Ersteht in jenem räthselhaften Jüngling, der +Völker in seinem Blut und auf seinem Haupte Kronen vereinigt, der +alte Kaisergedanke, so ist die ganze leidenvolle Arbeit meiner +heiligen Vorgänger umsonst gewesen, und die Kirche wird durch die +neue Staatskunst enger gefesselt und tiefer gedemüthigt als von den +eisernen Fäusten jener fabelhaften germanischen Ungetüme, der Salier +und der Staufen. So steht es. Blieb dir fremd, was Italien mit +Furcht und Hoffnung erfüllt?" + +"Der Marchese will es nicht glauben", sagte Victoria mit einem +schnellen Erröthen. Der Heilige Vater lächelte. "Heiligkeit vergesse +nicht", lächelte sie ebenfalls, "ich bin eine Colonna, das ist eine +Ghibellinin." + +"Du bist eine Römerin, meine Tochter, und eine Christin", wies sie +Clemens zurecht. + +Es entstand eine Pause. Dann fragte sie: "Und Pescara?" + +"Pescara", antwortete der Papst und dämpfte die Stimme, "ist eher +mein Unterthan als derjenige des Kaisers. Denn er ist ein +Neapolitaner, und ich bin der Lehensherr von Neapel. Glaube nicht, +Victoria, daß ich leichthin rede. Wie dürfte ich es, da ich das +Gewissen der Welt bin? Wahrlich, ich sage dir: in schlaflosen +Nächten und bekümmerten Frühstunden habe ich mein Recht auf Pescara +geprüft. Meiner politischen Vernunft mißtrauend, habe ich die zwei +größten Rechtsgelehrten Italiens zu Rate gezogen, Accolti und... hm... +den zweiten." + +Der Papst zerdrückte den Namen klüglich auf der Zunge, da ihm noch +zur rechten Zeit einfiel, dieser zweite Rechtsgelehrte, der Bischof +von Cervia, genieße des Rufes der schamlosesten Käuflichkeit. +"Beide"--Clemens klopfte mit dem Fischerring auf das blaue +Buch--"stimmen zusammen, daß Pescara, nach strengem Rechte betrachtet, +viel mehr mein Mann sei als der des Kaisers, und beide erinnern mich +daran, daß ich überdies, kraft meines Schlüsselamtes, jetzt, da der +Kaiser mein Feind wird, die Macht besitze, den Marchese eines Eides +zu entbinden, den er einem Feinde des Heiliges Stuhles geschworen hat." + +Der Papst hatte sich langsam erhoben. "Und so tue ich!" sagte er +priesterlich. "Ich löse Ferdinand Avalos vom Kaiser und zerbreche +seine Treue. Ich ernenne den Marchese von Pescara zum Gonfaloniere +der Kirche und zum Feldherrn der Liga, welche die Heilige heißt, weil +Christus in der Person seines Nachfolgers an ihrer Spitze steht." +Der Papst hielt inne. + +Jetzt hob er die rechte und die linke Hand in gleicher Höhe, als +hielten sie eine Krone über dem Haupte der Colonna, die, von Staunen +überwältigt, auf die Knie sank, und sprach mit lauter Stimme: "Die +Verdienste meines Gonfaloniere um mich und die Heilige Kirche voraus +belohnend, kröne ich Ferdinand Avalos Marchese von Pescara zum Könige +von Neapel!" Die junge Königin erbebte vor Freude. Sie glaubte eine +Krone zu verdienen. Sprachlos, mit brennenden Wangen empfing sie den +Segen. Dann stand sie auf und ging, in gemessenen, aber eiligen +Schritten, als könne sie es nicht erwarten, dem erhöhten Gemahl seine +Krone zu bringen. + +Der Heilige Vater, selbst aufgeregt, folgte ihr so hastig, daß er +beinahe einen Pantoffel verloren hätte. An der Schwelle erreichte er +sie und wollte ihr den Band von blauem Sammet bieten. "Für den +Marchese", sagte er. + +Da erblickte er hinter ihr Guicciardin mit Morone, die vielleicht ein +bißchen an der Türe gehorcht hatten. Victoria mit strahlenden Augen +voll glühender Wonne erschien dem Kanzler als ein solches Wunder, daß +er fast von Besinnung kam. Rasch gesammelt aber flehte er den Papst +an: "Die Heiligkeit mache mich Unheiligen bekannt mit der himmlischen +Victoria!", worauf Clemens ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter +gab und ihn mit den Worten vorstellte: "Der Kanzler von Mailand, ein +Weltkind, auf das sich der Heilige Geist herabzulassen beginnt!" +Dann wisperte er Viktorien ins Ohr: "Morone, Buffone." + +Diese verschwand in der Verwirrung ihres Glückes, während der Papst +in der seinigen das wichtige blaue Buch zurückbehielt, denn er war +noch ganz berauscht von der kühnen symbolischen That, zu welcher ihn +der Anblick der schönen Frau hingerissen hatte. Nun fühlte er doch, +daß er das Gleichgewicht verloren; er wies mit einer Handbewegung den +Besuch des Florentiners und des Lombarden ab und trat in die +Raffaelische Kammer zurück. + +Die beiden nicht Empfangenen sahen sich einen Augenblick an, dann +ergriff Guicciardin lachend den Arm des Kanzlers und zog ihn +sanftgestufte Treppen hinunter in die Vatikanischen Gärten, deren +Schattengänge sie nicht aufzusuchen brauchten, denn der Himmel hatte +sich mit schwarzen Wolken bedeckt. + +"Eigentlich", plauderte Guicciardin, "mag ich den Alten leiden. So +fein er spinnt und so bedacht er redet, ist er doch innerlich ein +leidenschaftlicher, ein zorniger Mensch wie ich, und jetzt höchst +aufgeregt, weil er der Colonna unsere gefährliche Heimlichkeit +geoffenbart hat. Du in deiner Verzückung hast es freilich nicht +gesehen, wie er ihr die Gutachten des Accolti und des Angelo de Cesis +in die Hand drücken wollte. Zwei käufliche Schurken, die den Meineid +mit Bibelstellen belegen! Übrigens ist es ein starkes Ding, daß +Clemens in seinen alten Tagen so Kühnes und Folgenschweres unternimmt, +und noch mehr, er unternimmt es mit tiefem Mißtrauen gegen sich +selbst, ohne Glauben an seinen Stern, denn er hält sich heimlich für +einen Pechvogel. Das ist schlimm. Da war denn doch der Leo ein +anderer, immer strahlend und triumphierend, und darum immer glücklich, +während die gegenwärtige Heiligkeit, wie sie mir neulich im Tone des +Jeremias prophezeite, die Ewige Stadt schon geplündert und aus diesen +Dächern"--er wies auf den Vatikan--"Rauch und Flamme steigen sieht. +Dennoch beginnt er den Kampf gegen den Kaiser, und das rechne ich ihm +hoch an, ob es ihm auch zuerst um sein Florenz zu thun ist. Er hat +noch Blut in den Adern und knirscht die Zähne, soviel ihm geblieben +sind, wenn er den hochmütigen spanischen Adel auf dem Kapitole +stolzieren sieht wie in Neapel oder Brüssel. Aber wohin träumst du, +Kanzler? Von dem Weibe? Natürlich." + +"Ich will zu der Römerin reden wie ein alter Römer!" rief der Kanzler. + +"Schön! Nur hüte dich, daß du in der Begeisterung nicht deinen +klassischen Bocksfuß unter der Toga hervorstreckest. Sei züchtig, +mache große Worte und packe sie fest an ihrer Eitelkeit!" + +"An ihrem Herzen will ich sie packen!" + +"Das heißt, an ihrer Tintenflasche, denn die Herzen schreibender +Weiber sind mit Tinte gefüllt", lästerte der schmähsüchtige +Florentiner. "Aber weißt du, Kanzler"--und Guicciardin kniff ihn +kräftig in den Arm--"daß es nicht der Heilige Vater allein ist, den +unsere Unternehmung schlaflos macht. Auch ich habe in dieser Woche +noch kein Auge geschlossen. Immer muß ich mir diesen Pescara +zurechtdenken. Auf seinen Groll gegen den Kaiser gebe ich nichts: +sie können sich über Nacht versöhnen. Ebensowenig auf den Einfluß +des Weibes. Sie wird ihm die Botschaft des Papstes ausrichten dürfen: +weiter wird er nicht auf sie hören. Aber ich glaube auch nicht an +seine feudale Treue. Pescara ist kein Cid Campeador, oder wie die +Spanier ihren loyalen Helden nennen, dafür ist er zu sehr ein Sohn +Italiens und des Jahrhunderts. Er glaubt nur an die Macht und an die +einzige Pflicht der großen Menschen, ihren vollen Wuchs zu erreichen +mit den Mitteln und an den Aufgaben der Zeit. So ist er und so paßt +er uns. Unfehlbar, er wird unsere Beute und wir die seinige. +Dennoch... lache mich aus, Morone... etwas umhaucht mich: ich wittere +Verborgenes oder Geheimgehaltenes, etwas Wesentliches oder auch etwas +Zufälliges, etwas Körperliches oder einen Zug seiner Seele, kurz, ein +unbekanntes Hindernis, das uns den Weg vertritt und unsere genaue +Rechnung fälscht und vereitelt." + +"Aber", sagte Morone nachdenklich werdend, "wenn er so ist, wie du +ihn nimmst, und wenn die Thatsachen liegen, wie wir sie kennen, aus +welcher Geisterquelle sollte denn jenes Feindselige aufsteigen?" + +"Ich weiß es nicht! Nur--von diesem Pescara geht der Ruf, er +verstehe es, einen stürmenden Feind alle Höhen erklimmen zu lassen, +um ihm dann plötzlich einen letzten mit Feuerschlünden besetzten und +ihn zerschmetternden Wall entgegenzustellen. Wenn in seinem Innern +ein solcher Wall gegen uns emporstiege, gerade im Augenblicke, da wir +glauben, seine Seele bewältigt zu haben? Doch weg mit dem Spuk, der +nichts ist als die Schwüle vor dem Gewitter, die natürliche Angst und +Ungewißheit, die jedem großen und gefährlichen Unternehmen vorangeht." + +Ein Blitz flammte über den Vatikan. Er stand in weißem Feuer und +zeigte die schönen Verhältnisse der neuen Baukunst. Unter dem Rollen +des Donners verloren sich die zweie zwischen den Säulen eines +Portikus, Guicciardin betroffen und sich fragend, was das Omen +bedeute, der Kanzler unbekümmert um den Himmel und seine Zeichen, +denn er sah sich schon zu den Füßen der Colonna. + +Diese hatte im Taumel ihrer Begeisterung den Vatikan über die nächste +seiner zahlreichen Treppen und durch eines seiner Nebentore verlassen. +Sänfte und Gefolge, welche sie an der Hauptpforte vergeblich +erwarteten, hatte sie vergessen und wandelte, mehr von ihrem +ehrgeizigen Traume getragen als von dem aufziehenden Gewitter gejagt, +mit bewegten Gewanden nach ihrem Palast am Apostelplatze zurück. Sie +schritt mit einer geraubten Krone wie die erste Tullia, nicht über +den Leichnam des Vaters, sondern über die gemeuchelte Staatstreue: +denn die Tochter des Fabricius Colonna und die Gattin Pescaras war +eine Neapolitanerin und die Unterthanin Karls des Fünften, des Königs +von Neapel. + +Die krönende Gebärde des Papstes hatte sie überwältigt. Gewöhnung +und Umgebung, der Glaube der Jahrhunderte und die überlieferten +Formen der Frömmigkeit ließen sie in dem Haupte der Kirche, so +entartet diese sein mochte, immer noch eine Werkstätte des göttlichen +Willens und ein Gefäß der höchsten Ratschlüsse erblicken--und wie +hätte das eigene Selbstgefühl und mehr noch der Stolz auf den Wert +ihres Gatten sie zweifeln lassen an dem päpstlichen Rechte, auf das +würdigste Haupt eine Krone zu setzen? So konnte ihr die anmaßende +Handlung des Mediceers trotz der veränderten Zeiten als ein Ausspruch +der Gottheit erscheinen. + +Die neue Königin ohne Gefolge hatte den Borgo durcheilt, die +Engelsbrücke überschritten und ging nun schon durch die "gerade +Gasse", wie sie hieß, im Gelärme der Menge. Diese gab der Colonna +ehrerbietig Raum, ohne zu erstaunen über den unbegleiteten Gang und +die eilenden Füße der erlauchten Frau, welche jetzt der dem Gewitter +vorangehende Sturm beflügelte. Nach und nach aber verlangsamten sich +ihre Schritte in dem dichter werdenden Gewühle der nicht breiten +Straße, obwohl der schmale Himmel darüber immer dunkler und drohender +wurde. + +Da erblickte sie über die Menge hinweg eine Kavalkade. Herren der +spanischen Gesandtschaft begleiteten, wohl zu einer Audienz im +Vatikan, den dritten kaiserlichen Feldherrn in der Lombardei, Leyva. +Dieser vormalige Stallmeister, der Sohn eines Schenkwirts und einer +Dirne, den ein knechtischer Ehrgeiz und ein eiserner Wille +emporgebracht, hatte einen plumpen Körper und das Gesicht eines +Bullenbeißers, denn Stirn, Nase und Lippe waren ihm von demselben +Schwerthiebe gespaltet. Neben ihm auf einem herrlichen andalusischen +Vollblute ritt, in einen weißen Mantel gehüllt, ein vornehmer Mann +mit braunem Kopf und energischen Zügen, welcher jetzt mit einer +devoten Verbeugung Viktorien zu grüßen schien; aber er hatte sich nur +vor den steinernen Heiligen einer nahen Kirche verneigt. + +War es die grelle Gewitterbeleuchtung oder die gemessen feindselige +Haltung der Herren in einer Stadt, von deren dreigekröntem Gebieter +sie ihren König insgeheim verraten wußten, oder war es Victorias +erregte Einbildungskraft, sie sah und fühlte in der Grandezza der +Reiter und Rosse, den in die Hüfte gesetzten Armen, den verächtlich +halb über die Schulter auf die Romulussöhne niedergleitenden Blicken +und bis in die steifen Bartspitzen den Hohn und die Beleidigung der +beginnenden spanischen Weltherrschaft, sie empfand Grauen und Ekel, +und ein tödlicher Haß regte sich in ihrem römischen Busen gegen diese +fremden Räuber und hochfahrenden Abenteurer, welche die neue und die +alte Erde zusammen erbeuteten. Warum war der junge Kaiser zugleich +der König dieser ruchlosen Nation, in deren Adern maurisches Blut +floß und die Italien mit ihren Borjas vergiftet hatte? + +Sonst hätte sie wohl der uralte Familiengeist ihres gibellinischen +Geschlechtes, das jahrhundertelang seinen Vorteil darin gefunden +hatte, der kaiserlichen Sache ohne Gehorsam zu dienen, an Karl +gefesselt, aber nein, nicht an diesen Kaiser, auch wenn er kein +Spanier gewesen wäre. Sie konnte sich nichts machen aus dem +undeutlichen Knaben, den sie nie von Angesicht gesehen, weder sie +noch irgendwer in Italien, das jener zu betreten zögerte. + +Einen Brief freilich hatte er an sie geschrieben nach dem Siege von +Pavia, um sie zu beglückwünschen, daß sie die Gattin Pescaras sei. +Aber gerade in diesen kargen Zeilen schien sich ein kümmerliches +Gemüt zu spiegeln, und was der großgesinnten Frau am meisten mißfiel, +war die in ihren Augen ängstliche und frömmelnde Demut, mit welcher +der junge Kaiser Gott und seinen Heiligen die ganze Ehre des Sieges +gab. Obwohl selbst dem Himmel dankbar, schätzte Victoria solche +Demut gering an einem Manne und an einem Herrscher. War hier nicht +das Geständnis, daß der begeisternde Sieg den Fernstehenden kühl +gelassen hatte, ja, war hier nicht die kleinliche Absicht, den +Lorbeer Pescaras zu schmälern? Darum mußte der Himmel alles gethan +haben. Victoria aber war brennend eifersüchtig auf den Ruhm ihres +Gatten. Und wie ungroßmütig hatte sich Karl erwiesen! Er hatte es +über sich gebracht, dem Feldherrn, welchem er Italien verdankte, zwei +armselige italienische Städtchen zu verweigern! Nein, einen so +kleinen Menschen konnte man gar nicht verraten, man konnte höchstens +von ihm abfallen und ihn fahrenlassen. + +Jetzt blendete sie ein gewaltiger Blitz, derselbe, der den Kanzler +und Guicciardin unter die Dächer des Vatikans zurückgetrieben, und +eben da der Regen zu stürzen begann, erreichte sie, rechts durch ein +Seitengäßchen biegend, die dunkeln Stufen des Pantheon und seine +erhabene Vorhalle. Ohne das Innere des machtvollen Tempels zu +betreten, lehnte sie, die entstehende Kühle einatmend, an eine der +enge zusammengerückten gewaltigen Säulen, und unter dem Vordache des +alten Bauwerkes kehrte ihr Geist in ein noch früheres Altertum zurück, +dessen Tugenden die flüssige Bildkraft des Jahrhunderts +verherrlichte, ohne sie zu besitzen oder auch nur begreifen zu können +in ihrer eintönigen Starrheit und strengen Wirklichkeit. + +Jene tugendhaften Lucretien und Cornelien traten ihr wie Schwestern +vor das altertumstrunkene Auge, trug sie doch zwei Namen, die beide +so römisch als möglich klangen, und war ihr doch wie jenen hohen +Frauen das weiblich Böse unbekannt. Jene schlichten und stolzen +Geschöpfe hatten die Eroberer der Welt geboren, Virgils großartiges +"Tu regere imperio", das sie sich wie oft schon vorgesagt hatte, +überwältigte sie jetzt bis zu den Tränen. Sie betrat den Tempel und +warf sich nieder in der Mitte desselben unter der wetterleuchtenden +Wölbung und rang die Hände und flehte, daß Rom und Italien nicht +versinke in das Grab der Knechtschaft. Sie flehte in den +christlichen Himmel hinauf und nicht minder zu dem Olympier, der über +ihr donnerte, zu alle dem, was da rettet und Macht hat, mit der +wunderlichen und doch so natürlichen Göttermischung der +Übergangszeiten. + +Da sie das Pantheon verließ--wie lange sie auf den Knien gelegen, +wußte sie nicht--heiterte sich der italienische Himmel eben wieder +auf, und in ihrem gewöhnlichen Wandel, leicht und gemessen, beendigte +sie den Weg nach ihrem Palaste. + +Jetzt kehrten ihre Gedanken zu Pescara zurück. Nicht diese ihre +Frauenhände konnten den Spanier verjagen, sondern nur er vermochte es, +welcher in jeder der seinigen einen Sieg hielt, wenn sie und die +Umstände ihn dazu überredeten. Durfte sie es hoffen? Hatte sie +solche Gewalt über ihn? Und Victoria mußte sich sagen, daß sie trotz +ihrer langen und trauten Ehe den innersten Pescara nicht kenne. Sie +wußte sein Angesicht, seine Gebärde, die kleinste seiner Gewohnheiten +auswendig. Daß der Enthaltsame ihr treu sei, glaubte sie und +täuschte sich nicht. Daß er sie anbetete und als sein höchstes Gut +mit der äußersten Liebe und Sorgfalt hegte, zärtlich und +verehrungsvoll zugleich, darauf war sie stolz. In den seligen +Stunden ihres kurzen, stets wieder von Feldzug und Lager aufgehobenen +Zusammenseins warf er Pläne und Karten und seinen Livius weg, um sein +Weib und gemeinsam mit ihr Meerbläue und wandernde Segel zu +betrachten. Er spielte mit ihr Schach, und sie gewann. Er bat sie, +die Laute zu schlagen, schloß die Augen und lauschte. Er gab ihr für +ihre Sonette spitzfindige Themata auf und verschärfte zuweilen den +Umriß ihrer allgemeinen Gedanken und weiten Wendungen, denn er selbst +hatte früher, in der unfreiwilligen Muße einer Gefangenschaft--und +wahrhaftig gar nicht übel für einen Geharnischten--zur Verherrlichung +Victorias einen "Triumph der Liebe" gedichtet. + +Seine Siege aber erzählte er, jung wie er war und größerer gewärtig, +seinem Weibe niemals, da er sie, wie er sagte, weder langweilen noch +mit Blut bespritzen wolle, denn ein Feldzug sei eine lange +Geduldsprobe, die zu der roten Lache einer Schlachtbank führe. Von +Politik sprach er ihr nur gar nicht, weder von Vergangenem noch von +Schwebendem, obwohl ihm einmal das Wort entschlüpfte, Menschen und +Dinge mit unsichtbaren Händen zu lenken, sei das Feinste des Lebens, +und wer das einmal kenne, möge von nichts anderem mehr kosten. Doch +gewöhnlich meinte er, Politik sei ein schmutziger Markt und sein Weib +dürfe nicht einmal die helle Spitze ihres Fußes in den ekeln Sumpf +tauchen. + +So gestand sich Victoria, daß ihr der alles untäuschbar +durchblickende Pescara undurchdringlich und sein Denken und Glauben +verschlossen sei. + +War das recht? Durfte es für sie verbotene Türen und verschlossene +Kammern geben in der Seele ihres Mannes? Nach den Plänen des +Feldherrn und den Ränken des Staatsmannes war sie nicht begierig, +aber sie verlangte eingeweiht zu werden in seinen Ehrgeiz und in sein +Gewissen. Und jetzt, da Pescara vor einer ungeheuren Entscheidung +stand, nein, jetzt ließ sie sich nicht abschütteln von seinem +kämpfenden Herzen, nicht abspeisen mit einer Liebkosung oder einem +Scherze, jetzt wollte sie mitraten und mithandeln. Hatte sie ihm +nicht eine frische Seele und eine reine Jugend gebracht? War sie +nicht eine Colonna? Brachte sie nicht heute eine Krone? Ob er diese +zurückweise, ob er sie aus ihren Händen nehme und sie sich aufs Haupt +setze, hier wollte sie seine Mitschuldige oder seine Mitentsagende +sein, ein bewußter Teil seiner verschwiegenen Seele. Wäre sie schon +bei Pescara! Herz und Sohlen brannten ihr vor Ungeduld, und schon +durchschritt sie den Apostelplatz, wo ihr ein geharnischter Jüngling +entgegentrat, der unter dem Tor ihres Palastes auf sie gewartet hatte. + +"Ich war um Euch in Sorge, erlauchte Frau", begrüßte er sie, "da Eure +Sänfte und Eure Leute ohne Euch aus dem Vatikan zurückgekehrt sind. +Nun, da seid Ihr ja, Patin, wenn ich Euch so nennen darf, wie ich von +jung an gewohnt war und es auch mein gutes Recht ist." Ohne Antwort +zu geben, stieg sie mit ihm die Treppen hinan, kaum auf seinen +dargebotenen Arm sich lehnend. + +Diesen gewöhnlichen Dienst von ihm anzunehmen, durfte sie sich nicht +weigern, was sie auch gegen ihn haben mochte. Denn Del Guasto--so +hieß der Jüngling--war der Neffe Pescaras und wie er ein Avalos. Der +fünfzehnjährige Pescara und die gleichaltrige Victoria hatten den +Knaben gemeinsam aus der Taufe gehoben. So hatte es der Vater +Victorias, der Feldherr Fabricius Colonna, veranstaltet, um seine +zwei Lieblinge, den jungen Krieger und sein aufgeblühtes Kind, +zusammen vor einen Taufstein zu stellen und die beiden Gesichter und +Gestalten sich einander erblicken zu lassen. + +Später nahm Victoria den wohlgebildeten und feurigen Knaben, der in +seinem kostbaren Taufhäubchen ihre Ehe mit Pescara gestiftet und dem +die Eltern früh wegstarben, an Kindes Statt. Wäre er nur ein Knabe +geblieben! Mit der Weichheit seiner Züge aber verlor er auch die +Liebenswürdigkeit seiner Seele. Das schöne Profil bekam einen +Geierblick und den immer schärfer sich biegenden Umriß eines +Raubvogels, und die sich offenbarende Unbarmherzigkeit begann +Victoria zu befremden und abzustoßen. Pescara hatte ihn dann in den +Krieg entführt, und in der einzigen Schule des von ihm vergötterten +Feldherrn war er zu dem verwegenen Soldaten erwachsen, der in der +Schlacht von Pavia durch Niederlegung der Parkmauer den Sieg begann, +aber auch zu dem harten, grausamen Menschen, der auf dem vorjährigen +schnellen Rückzug aus der Provence ein Haus, in dessen Keller ein +Dutzend seiner Leute sich verspätet hatten, ohne mit der Wimper zu +zucken, anzünden und in Flammen aufgehen ließ. + +Doch Victoria hatte ihm Schlimmeres vorzuwerfen, einen Frevel, der +die Frau in ihr empörte, und davon sollte er nun hören, jetzt, da er +zum ersten Male seit diesem jüngsten Verbrechen vor ihr stand. Sie +erkundigte sich, ob er von Pescara komme und was er bringe. Er +antwortete, daß er da sei, um die Herrin nach Novara zu geleiten. Er +glaube zu wissen, daß sein Anblick der Herrin mißfalle, habe aber den +Auftrag des Feldherrn nicht ablehnen dürfen, der die Marchesa nur dem +sichersten Schwerte anvertrauen wolle. Denn die Straße werde ebenso +unsicher wie die Weltlage, und er müsse die Marchesa ersuchen, sich +morgen in der Frühe bereitzuhalten, er brenne, ins Lager +zurückzukehren, wo jeder nächste Moment den Krieg bringen könne, und +da dürfe er nicht fehlen. Der Mailänder, Venedig, die Heiligkeit +beteuern in die Wette ihre friedlichen Gesinnungen: also stehe der +Kampf bevor. "Das wissen wir lange schon, es ist nur eine Frage des +günstigen Augenblickes. Aber"--er trat einen Schritt zurück--"etwas +anderes, etwas Neues, etwas Ungeheures habe ich auf meiner Reise +durch Mittelitalien gehört, und ich brauchte nicht einmal zu lauschen. +In Städten und Herbergen rauschte es öffentlich wie die Brunnen auf +den Plätzen. Freilich reiste ich unter fremdem Namen und mit nur +einem Diener." Er hielt inne und blickte mit brennenden Augen, als +verfolge er die spannende Wendung einer Jagd oder einen in +Monddämmerung kriechenden Hinterhalt. + +"Redet, Don Juan", flüsterte Victoria. + +"Für Euch, Madonna, die aus dem Vatikan zurückkehrt, gibt es kein +Geheimnis, und es ist nicht einmal eines, sondern, wie ich sagte, ein +öffentliches Geflüster, ein schadenfrohes, rachsüchtiges Gekicher, +ein kaum unterdrückter, italienischer Jubel, eine allgemeine +patriotische Rede und Ermunterung, von der ich die größte Eile habe, +den Feldherrn zu unterrichten. Denn noch weiß er nichts davon. Wie +ich meine", fügte er argwöhnisch bei. + +Victoria erbleichte. "Was wird geflüstert", fragte sie beklommen, +"und über wen? doch nicht über Pescara?" + +"Von ihm. Er ist überall. Sie sagen"--er dämpfte die Stimme--"der +Feldherr löse sich vom Kaiser und unterhandle mit der Heiligkeit und +den italienischen Mächten." + +Victoria erschrak über den glühend sinnlichen Ausdruck seines +Gesichtes. "Und Pescara..." sagte sie undeutlich. + +"Wie ich den Feldherrn beneide!" träumte Don Juan. "Welche +Aufregungen, welche Genüsse! Italia wirft sich ihm in die Arme... er +wird sie liebkosen, unterjochen und wegwerfen... oh, er wird mit ihr +spielen wie die Katze mit der Maus!", und er machte mit der Rechten +eine haschende Gebärde. + +Ein flammender Zorn übermochte die Colonna. "Verworfener", rief sie, +"habe ich dich gefragt, wie Pescara thun würde? Bist du der Mensch, +es zu wissen? Habe ich dir erlaubt, an ihm herumzudeuten?... Wie +die Katze mit der Maus... abscheulich! So hast du mit Julien +gespielt, Ehrloser!" + +Diese Julia stammte aus einem edeln novaresischen Geschlechte und war +die Enkelin des gelehrten Arztes Messer Numa Dati, welcher die +Speerwunde Pescaras geheilt hatte. Del Guasto, der im Hause des +Arztes Quartier genommen, hatte das Mädchen mißleitet und die Wohnung +gewechselt. Die Preisgegebene war dann, von Scham vernichtet, vor +dem arglosen Antlitz ihres Großvaters von Novara weit weg in ein +römisches Kloster geflohen und hatte die mächtige Colonna auf den +Knien angefleht, sich ihrer zu erbarmen und ihre Ehre herzustellen. + +Da ihn Victoria einen Ehrlosen hieß, biß sich Don Juan die Lippe. +"Sachte, Herrin", sagte er, "wäget Eure Worte. Ich bin kein Ehrloser, +sondern ich wäre es, wenn ich Julien nicht verlassen hätte. Ich +rede nicht von dem Unterschiede des Blutes eines Avalos und einer +Dati, sondern einfach davon, daß mir wie jedem Manne keine Gefallene, +sondern eine Unschuldige zur Braut geziemt." + +Victorias menschliches Herz empörte sich. "Du bist es, der die +Ärmste mit deinen Liebkosungen und Beteuerungen, ja vielleicht gar +mit falschen Gelübden und Eiden zu Falle gebracht! Bist du es nicht? +Kannst du es leugnen?" + +Er erwiderte: "Ich leugne es nicht, aber es war mein Kriegsrecht, +denn Krieg ist zwischen dem männlichen Willen und der weiblichen +Unschuld. Ich versuchte sie, ja. Warum widerstand sie nicht? Warum +gab sie sich? Warum beschuldigt Ihr mich, daß sie schwach war und +daß ich sie jetzt verachte und verschmähe?" + +Victoria erstarrte vor Entsetzen. "Ruchloser!" stöhnte sie. + +"Madonna", kürzte der Jüngling das Gespräch, "das ist eine peinliche +Unterhaltung, und Ihr tut mir leid dabei. Ich schlage Euch ein +Tribunal vor. In Novara angelangt, treten wir vor den Feldherrn, und +Ihr verklaget mich. Ich werde mich rechtfertigen, und der Feldherr, +der die Welt und ihre Ordnungen kennt, wird mich freisprechen, wie +ich denke. Jetzt verlasse ich Euch. Ich habe noch Leute zu werben, +denn ohne eine starke Bedeckung wage ich in diesen unruhigen Zeiten +nicht für Euch zu haften." Er verbeugte sich und verließ sie hohen +Hauptes. + +Victoria wendete sich unwillig und wählte den entgegengesetzten +Ausgang. Sie bedurfte Kühlung und stieg in den Garten hinab. Mit +dem letzten Tageslichte betrat sie den hinter dem Palaste liegenden +Raum, welcher, von hohen Mauern eingehüllt, voller Lorbeer und Myrte +war und den der nachtröpfelnde Regen erfrischte. Ihre Schritte +suchten das den Garten abschließende Kasino. + +Die Helle genügte noch, wenn auch mit Mühe die Lettern zu +unterscheiden in dem Evangelienbuche, welches sie im Vorbeigehen aus +der Bibliothek genommen und vor das sie sich gesetzt hatte, die heiße +Stirne in den gefalteten Händen. Ganz erfüllt von dem Schicksale +Juliens und dem größern Pescaras, durchlief sie mit den Augen +gedankenlos die aufgeschlagene Seite und atmete in vollen Zügen die +erfrischte Luft. Nach einer Weile wurde sie sich dessen bewußt, was +sie las: es war die dreimalige Versuchung des Herrn durch den Dämon +in der Wüste. Sie las weniger mit dem leiblichen als dem geistigen +Auge, was sie von Kind an auswendig wußte. + +Sie sah den Dämon vor den Heiland treten, welcher das einfache Wort +der Treue und des Gehorsams den Sophismen des Versuchers +entgegenhielt. Als der Versucher heftiger drängte, deutete des +Menschen Sohn auf die Stelle seiner künftigen Speerwunde... Da +wandelte sich das weiße Kleid in einen hellen Harnisch, und die +friedfertige Rechte bepanzerte sich. Nun war es Pescara, der die +Hand über seine durchschimmernde Wunde legte, während der Dämon jetzt +einen langen schwarzen Juristenrock trug und sich wie ein Gaukler +gebärdete. So sah es die Colonna auf dem vor ihr liegenden +Bibelblatte. Ärgerlich über das Spiel ihrer Sinne, that sie sich +Gewalt an und blickte auf. + +"Wer bist du, und was willst du?" rief sie erstaunt, und eine vor ihr +stehende dunkle Gestalt antwortete: "Ich bin Girolamo Morone und +komme zu reden mit Victoria Colonna." Victoria erinnerte sich, wen +ihr heute der Papst gezeigt hatte, und gewahrte jetzt auch den +einführenden Diener. Dieser entflammte die über der Herrin +schwebende Ampel, rückte dem Kanzler einen Schemel und entfernte sich, +während die Marchesa in der entstehenden Helle das häßliche, aber +mächtige Gesicht ihres nächtlichen Gastes betrachtete, das ihr keinen +Widerwillen einflößte. + +"Zu später Stunde", sagte sie, "suchet Ihr mich; doch Ihr bringt mir +wohl einen Auftrag an meinen Herrn, zu welchem ich morgen in der +Frühe verreise." + +"Vor Pescara denke ich bald selbst zu stehen", erwiderte Morone, "und +nicht von ihm werde ich Euch reden, sondern allein von Victoria +Colonna, welche ich mit ganz Italien verehre und anbete wie eine +Gottheit, der ich aber zürne und gegen die ich Klage erhebe." + +Wer seid Ihr, um so mit mir zu sprechen? lag es auf den Lippen der +Marchesa, doch sie fragte rasch und warmblütig: "Wessen klaget Ihr +mich an? Was ist meine Schuld, Morone?" + +"Daß Ihr Euer helles und begeisterndes Antlitz in Rollen und Bücher +vergrabet und unter Schatten und Fabeln lebet! Daß Ihr den ersten +Cäsar verabscheut und dem neuesten huldigt, daß Ihr Troja beweinet +und Euer Volk vergesset, daß Euch Prometheus' Bande drücken und die +Fesseln Italiens nicht schmerzen! Drei Frauen haben sie geschmiedet!" + +"Welche dreie?" fragte sie. + +"Die erste war Beatrix Este. Wann ihr alternder Gemahl, der Mohr, +sie auf den schwellenden Mund küßte, flüsterte sie, daß ihren blonden +Flechten ein Diadem anstünde, der kluge Mohr verstrickte sich in die +blonden Flechten und vergiftete seinen Neffen, den Erben von Mailand." + +"Die Schändliche!" + +"Der welkende Knabe hatte ein stolzes und feuriges Weib, die +Aragonesin Isabelle, die Beatrix tödlich haßte, und mit ihren jungen, +kräftigen Armen den siechen Knaben, ihren Gemahl, auf den +vorenthaltenen Thron heben wollte, sie beschwor und bestürmte ihren +Vater, den König von Neapel, bis dieser den Mohren bedrohte." + +"Ärmste!" + +"Der Mohr war sicher, solange der Gebieter von Florenz, der junge +Medici, dazwischen stand. Dieser war das Spielzeug seines schönen +Weibes, der hochmütigen Alfonsine Orsini, und das Weib übermochte ihn, +daß der Tor dem Mohren Freundschaft und Bündnis kündigte. Da rief +der Mohr den Fremden." + +"Unselige!" + +"Dreie haben Italien gefesselt. Die vierte, die Ihr seid, muß es +erlösen." + +"Kanzler, ich bin nicht das Weib eines Greises, noch eines Knaben, +noch eines Toren, noch eines andern von denen, die sich vom Weibe +berücken lassen, und... ich begehre keine Krone." Sie errötete und +wurde wie Purpur. + +"Herrin", sagte der Kanzler, "die Krone begehrt Euch. Erbarmt Euch +Eures Volkes, und vertretet es bei Pescara! Ich sage nicht: +liebkoset, umgarnet, verleitet ihn! Ich verschwöre mich nicht mit +Euch, ich verabrede keine Rollenteilung, ich lasse Euch reisen, ich +laufe mit Euch in die Wette, wer ihn zuerst erreiche. Und seid Ihr +die erste, so umfanget seine Knie und redet aus der Fülle Eures +Herzens und flehet: Pescara! Ich bin Italien und liege zu deinen +Füßen: erhebe mich und nimm mich an deine Brust!" + +Victoria war gerührt, und auch der Kanzler vergoß Tränen. + +"Erlauchte Frau", sagte er, "wer bin ich, der so zu Euch reden darf! +Ich bin nicht wert, daß ich den Saum Eures Gewandes küsse. Ludwig +der Mohr, mein allergütigster Herr, hat mich in Mailand von der Gasse +aufgelesen und wie einen drolligen kleinen Pudel zu seinen Füßen +spielen lassen. Da habe ich meine Erziehung genossen und an seinem +Hofe und später in seinem Dienste das Gesicht und die Gebärde meiner +Zeit, den ganzen ausgelassenen Triumphzug des Jahrhunderts betrachtet. + +Der arme Mohr! Sein Unstern und die Franzosen entführten ihn nach +Loches, wo er zehn lange Jahre im Kerker schmachtete. In seinem +letzten habe ich ihn dort wiedergesehen; denn damals, durch die Macht +der Umstände, befand ich mich in französischem Dienste, und mich +verlangte nach dem Antlitz meines Wohltäters. Da ich ihn erblickte, +erschrak ich und hatte Mühe, ihn zu kennen. Er sah wie ein Geist: +Kerker und Elend hatten seine Miene seltsam veredelt. Erst da er den +Mund öffnete, fand ich mich wieder in ihm zurecht. Er lächelte und +sagte in seiner unvergleichlich feinen Weise: 'Bist du es, Girolamo? +Es ist hübsch von dir, daß du mich besuchest. Ich verarge dir nicht, +wenn du in den Dienst meines Feindes getreten bist. Die Umstände +zwingen, und wie ich dich kenne, wirst du meinen Söhnen noch ein +treuer Freund und Berater sein, wenn das Rad der Fortuna sich +wiederum gedreht haben wird. Du bist nun ein gereifter Diplomat +geworden und verrätst keine schlechte Schule. Weißt du noch, wie ich +dir untersagte, dein komisches Gesicht wegzulegen und dein +Gebärdenspiel zu mäßigen, mit welchen du dir jetzt deine neuen +Freunde gewonnen hast?' + +So scherzte er eine Weile großmütig, dann aber redete er ernst und +sagte: 'Weißt du, Girolamo, was mich hier in meiner Muße beschäftigt? +Nicht mein Los, sondern Italien und immer wieder Italien. Ich +betraure als die Qual meiner Seele, daß ich, vom Weibe verlockt, den +Fremden gerufen habe, mit dem ihr jetzt rechnen müßt und der ein +zerstörender Teil eures Körpers zu werden droht. Ich aber sinne, wie +ihr wieder euer werdet. Da war der Valentino, jener Cäsar Borgia, +der versuchte es mit dem reinen Bösen. Aber, Girolamo, mein Söhnchen, +das Böse darf nur in kleinen Portionen und mit Vorsicht gebraucht +werden, sonst bringt es um. Da ist jetzt der Rovere, dieser Papst +Julius, der auf einer Donnerwolke gegen den Fremden fährt, welchen er +selbst gerufen hat, nicht minder als ich. Aber der Greis verzehrt +sich, seine gewalttätige Seele wird bald in den Hades schweben, und +nach ihm bleibt der gewöhnliche Hohepriester, der zu schwach ist, +Italien zu gründen, doch gerade stark genug, um jeden andern an dem +Heilswerke zu hindern. + +Girolamo, mein Liebling: ich glaube nicht, daß mein Italien untergeht, +denn es trägt Unsterblichkeit in sich; aber ich möchte ihm das +Fegefeuer der Knechtschaft ersparen. Gib acht, Söhnchen: ich lese +zwischen deinen Augen, daß du noch eine Rolle spielen wirst in dem +rasenden Reigen von Ereignissen, der über meinen lombardischen Boden +hinwegfegt. Tritt eines Tages aus diesen wechselnden Bildungen eine +Macht und aus diesen flüchtigen Gestalten eine Person, aber weder ein +Frevler noch ein Priester, sondern ein Feldherr, der den Sieg an +seine eiserne Sohle fesselt, wer und wessen Stammes er sei, nur kein +Fremder, dem gib du dich, mit Leib und Seele! Was an List und Lüge +notwendig ist--denn anders gründet sich kein Reich--, das übernimm du, +mein Söhnchen, er aber bleibe makellos!'" + +Der Kanzler war aufgesprungen. Seine begeisterte Rede riß ihn, ohne +daß er es merkte--und auch die ergriffene Victoria merkte es nicht--, +weit über die Grenze der Wahrheit. "Diesem Erkorenen", rief er aus, +"stehe das schönste und reinste Weib zur Seite! Italien will die +Tugend leiblich einherschreiten sehen, um ihr nachzuleben. Unser +Verderben ist die Entfesselung aus der Sitte, der zerrissene Gürtel +der Zucht. Hier ist ein Sieg davonzutragen, größer als der auf dem +Schlachtfelde, und ein Zauberstab zu schwingen, mächtiger als der +Feldherrnstab. Ich sehe sie vor mir, diese Königin der Tugend, die +Priesterin, die das heilige Feuer hütet, die Erhalterin der +Herrschaft, und, Hosianna! ganz Italien wandelt hinter ihren +Schritten, lobpreisend und frohlockend!" Der Kanzler machte Miene, +Viktorien huldigend zu Füßen zu stürzen, doch er trat zurück und +flüsterte verschämt: "So sprach Ludwig der Mohr in seinem Kerker." + +Victoria senkte die Augen, denn sie fühlte, daß sie voller Wonne +waren und brannten wie zwei Sonnen. + +Da sagte der Kanzler: "Ich habe Euch ermüdet, edle Frau, die Augen +fallen Euch zu. Ihr müsset morgen frühe auf und seid schwer von +Schlummer." Und der Listige trat in die Nacht zurück, die sich +inzwischen auf die Ewige Stadt gesenkt hatte. + + + + +Drittes Kapitel + + +An einem Fenster, dessen Blick über die Thürme von Novara und eine +schwül dampfende Ebene hinweg die noch morgenklaren Schneespitzen des +Monte Rosa erreichte, saß Pescara und arbeitete an dem Entwurfe des +Feldplanes, der das Heer des Kaisers nach Mailand führen sollte. So +unablässig ging er seinem Gedanken nach, daß er die leisen Tritte des +Kammerdieners nicht vernahm und ihn erst gewahr wurde, als jener die +Limonade bot. Während er das leichte Getränk mit dem Löffel umrührte, +bemerkte er: "Ich schelte dich nicht, Battista, daß du heute nacht +gegen meinen ausdrücklichen Befehl bei mir eingetreten bist. Du +magst, nebenan schlafend, mich wohl schwerer als gewöhnlich atmen +gehört haben--ein Alp, eine Beklemmung... nicht der Rede wert." Er +nahm einen Schluck aus dem Glase. + +Battista, ein schlauer Neapolitaner, verbarg seinen Schrecken unter +einer devoten Miene. Er log und beteuerte bei der heiligen Jungfrau, +er habe geglaubt sich bei Namen rufen zu hören, nimmer hätte er sich +erdreistet, ohne Befehl das Schlafzimmer der Erlaucht zu betreten, +während er doch in That und Wahrheit ungerufen und gegen ein strenges +Verbot seines Herrn aus einer schönen menschlichen Regung diesem +beigesprungen war. Er hatte ihn schrecklich stöhnen hören und dann +in seinen Armen auf dem Lager emporgehalten, bis der Feldherr den +Atem wiederfand. + +"Es war nichts", wiederholte dieser, "ich bedurfte keinen Beistand. +Doch will ich dich, wie gesagt, nicht schelten, jetzt, da wir uns +trennen müssen. Ich verliere dich ungern, aber Sohnespflicht geht +vor. Und da deine greisen und siechen Eltern in Tricarico darben, +darf ich dich nicht halten. Gehe und bereite ihnen ein sorgenloses +Alter. Als perfekter Barbier und zungenfertiger Schelm, wie ich dich +kenne, wirst du dir überall zu helfen wissen. Gehe mit Gott, mein +Sohn, du sollst mit mir zufrieden sein." Und er ergriff die Feder. + +Battista fiel aus den Wolken. Er verschwor sich mit einer +verzweifelten Gebärde, dieses Mal der Wahrheit gemäß, sein Vater sei +längst im Himmel und seine Mutter, die Carambaccia, gewerbsam und +kerngesund und fett wie ein Aal. Der schreibende Feldherr erwiderte: +"Du hast recht, Battista, in Potenza wohnen deine armen Eltern, nicht +in Tricarico, doch das liegt nahe beisammen." Er reichte dem +verabschiedeten Diener eine Kassenanweisung. + +So niedergeschmettert Battista sein mochte--er wußte, ein Wort +Pescaras sei unwiderruflich--, ließ er doch blitzeschnell einen +schrägen Blick über die Ziffer der Summe gleiten, welche nur eine +bescheidene war. Der Feldherr verschwendete weder im großen noch im +kleinen, weder das Gut des Kaisers noch das seinige. Auch hütete er +sich wohl, den Barbier durch eine allzu reiche Spende auf die +Wichtigkeit des Vorfalles aufmerksam zu machen und in den Schein zu +kommen, als wolle er sein Schweigen erhandeln, denn er war völlig +überzeugt, daß Battista bei erster Gelegenheit sein Wissen noch +teurer verkaufen würde, dort, wo man ein Interesse hatte, von dem +leiblichen Befinden des Feldherrn genau unterrichtet zu sein. + +Schmerzlich enttäuscht und seine Geburtsstunde verwünschend, fiel +Battista dem gnädigen Herrn zu Füßen, umfing ihm das Knie und küßte +ihm die Hand. "Lebe wohl", sagte dieser, "und räume das noch ab." +Er wies auf das Geschirr und winkte den Übertreter seines Befehles +freundlich weg aus seinem Dienste. + +Bevor er sich wieder in seinen Plan vertieft hatte, klirrte draußen +ein fallender Löffel und ein in Scherben springendes Glas, und der +Herzog von Bourbon, der den vernichteten Battista unsanft beiseite +geworfen, zeigte unangemeldet seine hohe schlanke Gestalt, denn er +hatte zu jeder Stunde freien Eintritt bei dem Feldherrn. + +"Hoheit?" wendete sich Pescara gegen ihn und erhob sich vom Sitze. + +"Um Vergebung. Ich war im Begriffe, zu meinen Truppen zu verreiten", +erklärte der Herzog, "da kam mir in der Vorstadt ein reisender +Kaufmann unter die Augen, welcher eben vor der Pforte des Arztes Euer +Erlaucht, des Messer Numa Dati, von seinem Maultier absaß. Hätte die +Gestalt nicht ein würdiges Antlitz getragen, ich hätte darauf +geschworen, meinen unvergeßlichen Freund, den Kanzler von Mailand, zu +erblicken. Ich ließ einen meiner Leute sich nach dem Fremdling +erkundigen und erfuhr, der Reisende sei ein Gastfreund des Arztes, +ein Juwelier aus Mailand namens Scipione Osnago. Vielleicht, oder +auch nicht, sondern eine der zahlreichen Larven des vielgestaltigen +Kanzlers. Er schiebt den Leib auf eine gewisse Weise, die sich +schwer verleugnen läßt, und da ich noch nicht durch das Tor war, ritt +ich leicht wieder zurück, um Euch den wahrscheinlichen Besuch dieses +kostbaren Mannes zu melden." + +"Ich erwartete ihn längst mit den Ausflüchten und Beteuerungen des +Mailänders", erwiderte der Feldherr. "Da er aber nicht erschien und +wir aus guten Quellen wußten, sein Herzog fahre fort zu befestigen +und zu rüsten, begann ich auf den Kanzler zu verzichten. Nun kommt +er zu spät. Morgen, um Mitternacht, verläuft die dem Herzog gegebene +Frist. Schlag zwölf marschieren wir; es wäre denn, Morone brächte +große Neuigkeiten." + +"Ja, dieser Morone!" plauderte der Bourbon. "Der wird schon etwas +gebraut haben. Da ich unser Ultimatum nach Mailand brachte, sah ich +es hinter seiner Stirne wimmeln wie in einem Ameisenhaufen. Ihr +macht Euch keinen Begriff, Marchese, was das für ein frecher Kopf ist. +Während ich in Mailand regierte und er mein Rat und Schreiber war, +hat er mich über Tisch--denn ich liebte es, mit ihm zu speisen und +mich an seinen Fabeln und Einfällen zu ergötzen--auf alle Throne +gesetzt und mit allen Fürstinnen gekuppelt. Und das Tollste: es war +Verstand in dem Unsinn. Ich bin doch neugierig, was er wieder +ausgeheckt haben wird, um sich und seinem Herzog aus der Klemme zu +helfen. Sicherlich etwas ungeheuer Geniales, einen Gipfel, einen +Abgrund. Wenn er zum Beispiel"--der Herzog lachte herzlich--"uns +beiden kaiserlichen Feldherrn die Führung der Liga böte und als +Handgeld zwei verlockende italienische Kronen aus den Falten seiner +Toga zum Vorschein brächte?" + +"Hoheit scherzt!" + +"Wie anders, Marchese!" erwiderte der Herzog und wollte sich +beurlauben. Da ergriff er noch die Hand des Feldherrn und sagte in +einem weichen Tone, der eine vor der Welt verheimlichte Freundschaft +enthüllte: "Pescara, ich danke dir, daß du mir Leyva vom Halse hältst, +indem du mir den rechten Heerflügel gibst und ihm den linken. Ich +mag mit dem Unleidlichen nicht zusammenreiten. Es entstände Unglück +und größeres als jüngst auf dem Markte von Novara. Er könnte sich +wiederum gegen mich vergessen, und ich müßte ihn niederstoßen wie +einen tollen Hund." Er sagte es leise mit gesenktem Blick. + +Pescara behielt die Rechte des Herzogs und warnte und bat. "Welch +ein Auftritt!" sagte er. "Hier auf offenem Markte, wegen der +Armseligkeit eines bestrittenen Quartieres! Ich versendete Leyva +gleich nach Neapel, um vom Vizekönig Truppen für unsern Feldzug zu +verlangen, obwohl ich weiß, daß er keine abgeben kann, nur um Euch +die Verlegenheit und den Anblick eines verhaßten Gesichtes zu +ersparen. Wie konntet Ihr das gegen einen Mitfeldherrn! Das war +nicht gut. Das ist beklagenswert. Das darf sich nicht wiederholen, +ich bitte Euch darum." + +"Der Anlaß war nicht der Rede wert, Pescara, aber--" + +"Das schlimme Wort, das Leyva gebraucht hat, war, nach Zeugen, er +lasse sich nichts bieten von einem Vornehmen, und Ihr zoget und Eure +Leute mußten Euch halten." + +"Oh", flüsterte der Herzog, "von einem Vornehmen? Ich habe feine +Ohren. Es war ein anderes Wort... das ich dem Kaiser und dem Papst +in die Kehle zurückstieße!" + +"Ein anderes Wort?" sagte Pescara, um seine Frage sogleich zu bereuen, +da er den Herzog erbleichen und völlig fahl werden sah. Er erriet, +daß der alte Leyva gemurrt, er lasse sich nichts bieten von einem +Verräter, oder daß das wunde Gewissen des Bourbon so verstanden hatte. + +Die unausgesprochene Freundschaft, die den einfachen Adeligen und den +Mann von königlichem Geblüte verband und die das Wunder that, zwischen +zwei jugendlichen und schon berühmten Feldherrn mit nicht völlig klar +geschiedenen Gewalten und Befugnissen die natürliche Eifersucht zu +ersticken, beruhte einfach auf dem Bewußtsein des Herzogs, daß seine +Verbündung mit dem Feinde Frankreichs der Achtung Pescaras keinen +Eintrag tue. War es Klugheit, war es Gleichgültigkeit gegen die +sittlichen Dinge, war es Freiheit von jedem, auch dem begründetsten +Vorurteil, oder war es die höchste Gerechtigkeit einer vollkommenen +Menschenkenntnis, was immer--Pescara hatte den in kaiserlichen Dienst +tretenden fürstlichen Hochverräter mit offenen Armen empfangen und +mit der feinsten Mischung von Kollegialität und Ehrerbietung +behandelt. Vielleicht auch hatte er in diesem Zerrütteten, der sich +selbst verfluchend sein Vaterland mit fremden Waffen verwüstete, den +ursprünglichen und unzerstörbaren Adel erkannt. Dafür war der Herzog +Pescara dankbar. Der Feldherr, die Hand des Unseligen in der +seinigen, redete ihm mit sanfter Stimme zu: "Gespenster, Hoheit! Ihr +habet gehört, was nicht gesprochen wurde. Werft hinter Euch! +Verschüttet den Abgrund mit Lorbeer! Seid Ihr nicht der Liebling des +Kriegsgottes? und ein Meister der Staatskunst? Sind nicht wir beide +noch Jünglinge mit unzähligen Tagen, diesseits der Lebenshöhe, kaum +in der Hälfte der Dreißig, und im ersten Drittel eines Jahrhunderts, +das überquillt von großen Möglichkeiten und weiten Aussichten! Unser +die Fülle des Daseins! Karl, laß uns leben!" + +Der Bourbon vernahm nicht den verstohlenen Seufzer, welcher sich der +Brust des Feldherrn entwand. Er drückte heftig die Hand Pescaras, +und seine dunkeln Augen blitzten eroberungslustig. Dann, um seine +innere Bewegung zu verbergen, sprang er nach seiner Weise mit beiden +Füßen ins Zynische über. Der feurige Ton Pescaras hatte seine +frechste Jugendlichkeit erweckt. "Und schöne Männer sind wir!" +jubelte er. "Du begreifst, Gatte der prächtigen Victoria, daß sich +mir Herz und Magen umkehrte, da mich diese Porcaccia, die +Königinmutter, um jeden Preis zum Manne haben wollte! Siehst du mich +als den Vater König Franzens? O das liebe Stiefsöhnchen! 'Madame', +sagte ich und machte ihr eine tiefe Verbeugung, 'es geht nicht. Ihr +würdet mich mit Eurer Nase vom Bette stoßen!'--und ganze Wendung und +über die Grenze!" Während er eine ausgelassene Lache aufschlug, trat +der vom Staub der Reise bedeckte Del Guasto ein, begrüßte den Ohm und +Feldherrn und verneigte sich vor der lustigen Hoheit. + +Dann wendete er sich wieder gegen Pescara, welchen er mit erstaunten +und bewundernden Augen betrachtete, als hätte die von der +italienischen Verschwörung dem Feldherrn angesonnene Rolle dessen +Gestalt vergrößert, und erzählte: "Wir verritten von Rom, nicht zur +Freude der Herrin in zahlreicher Gesellschaft, mit Leyva, der aus +Neapel zurück ist, und mit einem Vornehmen, von königlichem Geblüte, +wie sie sagen, der sich Moncada nennt und den Ihr kennen werdet. Er +bringt Euch eine Botschaft des Vizekönigs. Ich gewann einen +Vorsprung, um Donna Victoria anzumelden. Sie strahlt vor Freude, +Euch wiederzusehen, und schließt zugleich fest die Lippen, denn sie +bringt ein politisches Geheimnis, wie ich vermute, und ein +päpstliches Mysterium, wie ich ahne, und dieselbe Donna Victoria legt +die Stirn in zornige Falten gegen Euren bei ihr in Ungnade gefallenen +Neffen, den sie vor Euch in aller Form Rechtens verklagen wird. +Wegen etwas Menschlichem", lächelte er. + +"Oder etwas Unmenschlichem", spottete Pescara. "Meldet Ihr sonst +etwas, Don Juan?" + +"Wenn mich meine Augen nicht getäuscht haben, die Ankunft des +Kanzlers von Mailand." + +"Ah!" lachte Bourbon. + +"Ich bin mit ihm schon in Rom zusammengestoßen, unfern des Palastes +Colonna, da ich nächtlicherweile dahin zurückkehrte. Längs der Mauer +sah ich etwas Diebisches in langer Gewandung schleichen, und da ich +das Verdächtige mit der Fackel meines Dieners beleuchtete, war es die +unverschämte Stumpfnase und unter einem Juristenbarett das freche +Kraushaar, das ich von Pavia her kenne, wohin der tolle Kanzler, wie +sie ihn nennen, nach der Schlacht Euch zu beglückwünschen kam. Er +mag Donna Victoria eine letzte Heimlichkeit des Papstes gebracht +haben, bei welchem sie sich an jenem Nachmittage verabschiedet hatte." +Er sagte das mit einer versteckten Bosheit. + +Der Feldherr blickte streng. "Don Juan", sagte er, "Ihr habet Euch +um den Wandel Donna Victorias nicht zu kümmern und noch weniger ihn +zu beaufsichtigen. Jeden ihrer Schritte, ihre leiseste Miene und +Gebärde billige und lobe ich zum voraus." + +Don Juan verneigte sich. "Unterwegs nach Novara", fuhr er fort, "bin +ich ihm dann noch mehrere Male begegnet, das heißt einem gewissen +Fruchthändler Paciaudi aus den Marken mit einer gräulichen Warze auf +der Nase, welcher mir, da ich ihn anredete, nicht vorenthielt, er sei +ein zugrunde gerichteter Mann: eine unvermutete päpstliche Maßregel +verbiete die Ausfuhr, und er habe einen strengen Lieferungsvertrag +mit Euer Erlaucht. Dabei schob und gebärdete er sich nicht viel +anders als der Kanzler. Dieser hat gegenwärtig allerhand Geschäfte +und nimmt die possierlichsten Figuren an. Man findet ihn überall auf +der Halbinsel wie--ohne die fernste Vergleichung--Eure große Gestalt." + +"Was wollt Ihr sagen, Don Juan?" + +Del Guasto, der vor nichts erschrak, zögerte doch mit der Antwort vor +der kalten Miene Pescaras, und dann hielt ihn die Anwesenheit des +Herzogs zurück. + +"Ich habe kein Geheimnis vor der Hoheit", sagte der Feldherr. "Redet, +Don Juan." + +Trotz diesem Befehle kam dem verwegenen Jüngling die allgemeine Rede +an diesem Orte und zu dieser Stunde, mitten im kaiserlichen Lager und +während er durch das Fenster den taktfesten Schritt eines +vorbeimarschierenden spanischen Heerhaufens vernahm, so ungeheuerlich +vor, daß er der schamlosen Öffentlichkeit der italienischen +Verschwörung ein leichtes Gewand umwarf. + +"Ohm", berichtete er geringschätzig, "wovon mir noch immer die Ohren +gellen, das ist ein wütender Streit, welcher unter allen Ständen, in +Schenken und Barbierstuben, auf den Ballspielplätzen und, wie ich +glaube, bis in die Plauderecke der Sakristeien ausgebrochen ist--über +das wahre und gültige Vaterland der Avalos: ob wir Neapolitaner sind +oder Spanier. Und nicht genug an Geschrei und Gebärde, auch Blätter +und Schriften voll von unserm Ursprung flattern durch die Luft." + +Der Feldherr zuckte die Achseln. "Das Geschreibsel", sagte er, "fand +sich auch über meine Tische verstreut, ich habe es weggeworfen. +Müßiges Gezänke." + +Don Juan wurde hartnäckig. "Zugleich erzählte man mir, daß an den +Universitäten unter Juristen und Theologen wieder heftig über Umfang +und Grenzen des päpstlichen Lehensrechtes auf Neapel gestritten wird." + +"Das überlassen wir diesen Gelehrten. Nicht wahr, Hoheit?" scherzte +Pescara. "Und was das Vaterland der Avalos angeht, Neffe, so rate +ich dir, Ehre zu halten, spanische oder neapolitanische." + +Jetzt meldete der diensttuende Page, ein zarter Knabe mit großen +unschuldigen Augen, ein Enkel des Arztes Numa Dati und der Bruder der +von Del Guasto zerstörten Julia, den Besuch eines Apothekers namens +Baldassare Bosi aus Orvieto, welcher mit einem Paket im Vorzimmer +stehe und sich durchaus nicht abweisen lasse. Er sei bei dem +Großvater abgestiegen, der dem Gaste diesen Zettel für die Erlaucht +gegeben habe. Der Knabe überreichte das Papier, auf welchem mit +verzitterten Zügen "Morone" geschrieben stand. + +Pescara besann sich einen Augenblick. "Weiß der Fremde die Gegenwart +der Herrschaften?" fragte er den Pagen. + +"Ich denke nicht, Erlaucht", antwortete dieser. + +"So führe ihn ein, aber erst, wann ich rufen werde. + +Jetzt wendete er sich rasch gegen den Herzog. "Hoheit muß mir einen +Gefallen thun. Da Sie für möglich hält, daß der Kanzler von Mailand +mit mir konspirieren will, würde ich gegen die gewöhnlichste Vorsicht +fehlen, wenn ich den Menschen, der draußen steht, ohne Zeugen mit mir +reden ließe. Ich muß solche haben, zwei höchst glaubwürdige Zeugen, +wo nicht unserer Gesichter, doch eines jeden unserer Worte, damit +nicht der Argwohn von Madrid, noch die Eifersucht unsers Leyva, +noch"--er dämpfte die Stimme--"jener Verderbliche, mit welchem Ihr +geritten seid, Don Juan, und der unter dem Vorwand einer Botschaft +des Vizekönigs mich hier umlauern soll, Grund finde, mich, ich sage +nicht des Verrates, sondern nur eines falschen Schrittes zu +bezichtigen. Hören aber will ich den Kanzler, der mir in seiner +Torheit und Leidenschaft die Pläne und Mittel des Feindes enthüllen +wird. Er kann es wie kein anderer. Unter dem Zwang dieser Umstände +lasse sich Hoheit herab, den Lauscher zu machen. Und Ihr, Del Guasto, +leistet der Hoheit Gesellschaft." Er schritt auf einen schweren +roten Vorhang mit goldenen Quasten zu, dessen breite Falten den +Eingang in ein Nebenzimmer bis auf die Schwelle nieder verbargen und +den er jetzt auseinanderschlug. "Hier ist Hoheit aufgehoben", sagte +er. + +So sehr den Herzog das würzige Abenteuer lockte, stand er doch einen +Augenblick unschlüssig. "Aber wenn Morone die Decke hebt?" fragte er, +und der Marchese erwiderte: "Das wird er nicht. Keine Besorgnis. +Ich stehe dafür." Del Guasto blähte die Nüstern vor Wollust. Er +rückte einen Schemel für den Herzog, hinter dessen Schultern er +Stellung nahm als der zweite Lauscher. Der rote Vorhang zog sich +zusammen. Pescara aber fühlte sich von dem Pagen Ippolito +umschlungen, der an ihm emporflüsterte, mit Tränen in den Augen: "Es +ist kein Apotheker mehr, sondern ein Zauberer in langen schwarzen +Gewändern mit einem Talisman auf der Brust und einem schrecklichen +Gesichte!" + +"Furchtsamer Junge! Bring ihn!" + +"Da ist er schon!" schrie Ippolito und flüchtete sich. + +"Ihr, Morone? Und im Staatsgewand? Doch von der Reise erhitzt, wie +ich sehe. Eure drei Masken haben Euch wohl den Atem benommen." + +Morone atmete schwer und hörbar. Schweißtropfen quollen ihm auf der +Stirn. Er stand wortlos. + +"Was bringt Eure Weisheit?" fragte der Feldherr mit ernsthaften Augen +und empfing von dem Stammelnden keine deutliche Antwort. Nach einer +Pause ergriff Pescara mit spielender Hand die Münze, welche der +Kanzler an einer schweren goldenen Kette auf der Brust trug. "Ein +Lionardo, Kanzler? Und wen stellt es dar? Den Mohren? Ein +geistvoller Kopf!" + +Aber selbst an seinen geliebten Herrn vermochte der Kanzler nicht +anzuknüpfen, so völlig war er außer Fassung. + +Da begann der Feldherr ohne weitere Einleitung: "Euer Herzog, Morone, +wünscht günstigere Bedingungen? Es könnte Rat werden, sobald mich +die Hoheit von ihren guten Absichten überzeugt haben wird. Nehmen +wir einmal mein Ultimatum Punkt um Punkt miteinander durch." Er trat +an den Tisch und suchte ein Papier. + +Nun empfand er einen heißen Atem an der Wange, und ein Geflüster +füllte sein Ohr. "Pescara", keuchte es, "nicht darum handelt es sich, +sondern Italien gibt dir sein Heer!" + +"So ist es gut", erwiderte der Feldherr, ohne den Kopf zu drehen. +"Es unterwirft sich dem Kaiser?" + +Da schrie es hinter ihm: "Nicht dem Kaiser, sondern dir, wenn du von +ihm abfällst!" + +Jetzt wendete sich Pescara gegen den Tollkühnen und drohte mit +feindseliger Gebärde: "Du rasest! Ich weiß nicht, was mich abhält, +dich zu ergreifen und aus dem Fenster zu werfen!" + +Der Kanzler blieb furchtlos und schrie zum andern Male mit flammenden +Augen: "Diese Stunde bietet dir deine Größe, Pescara! Laß sie nicht +vorüber! Du würdest es bereuen! Du würdest daran sterben! + +"St! Wie du schreist! Wenn man lauschte! hinter diesem Vorhang... +wenn ich selbst... hältst du mich dessen für unfähig? Überzeuge dich +doch und hebe die Decke!" + +Morone war wieder völlig im Besitze seiner selbst, nachdem er die +Scham und den Schreck der ersten Worte überwunden hatte. "Pescara", +sagte er, "ich habe stets gefunden, daß der Schlaueste und am meisten +Argwöhnische endlich doch an eine Stelle tritt und an einem Abgrunde +steht, wo er trauen und glauben muß. So der Valentino mit dem Rovere, +so mein geliebtester Herzog der Mohr mit seinen Hauptleuten und +Schweizern." + +"Beide wurden verraten, Morone!" + +"Ja, Pescara, aber der feine Mohr und der ruchlose Borgia, beide +gingen sie vertrauend unter, und das war ein heller Schimmer von +Menschlichkeit über dem Dunkel ihres verdienten Sturzes. Wenn ich +das Größte wage und von dir das Größte fordere, werde ich in diesem +heiligen Augenblicke so lächerlich sein, einen Vorhang zu heben, wie +ein betrogener Ehemann, der den versteckten Buhlen seines Weibes +sucht? Nein, ich gebe mich preis! Höre mich an, und dann +überliefere mich dem Blocke, wenn du darfst!" + +"Das ist nicht klein", sagte Pescara ohne Spott und fügte dann +zweifelnd hinzu: "Ob ich dich höre? Meine Neugierde ist rege, das +bekenne ich, und einem so heroischen Menschen darf ich doch nicht +einfach die Türe weisen. Zuerst aber saget mir, Kanzler: Habe ich +Euch oder Eurem Fürsten Grund oder auch nur den geringsten Anlaß +gegeben, meine Feldherrntreue zu beargwöhnen?" + +Der Kanzler verneinte. + +"Viel Unwahres wird geredet: die Majestät habe mich schlecht belohnt, +und ich soll dieses schwer empfunden haben. Fußet Ihr auf diesem +Undanke des Kaisers und auf diesem Grolle Pescaras, so tut keinen +Schritt weiter: Ihr würdet in den trügerischen Boden versinken." + +"Da fuße ich nicht." + +"Oder ermutigt Euch jene öffentliche Rede Italiens, die mir +schmeichelt und mir droht, mich verherrlicht und verdächtigt? Diese +italienische Meinung ist eine heimtückische Sache. Sie soll mich in +Madrid entwurzeln und in Italien vergewaltigen. Ich habe vorgebeugt +und die arglistigen Schriften wie in einen Käfig eingesperrte +Schlangen dem Kaiser überliefert. Habet Ihr Eure Finger auch in +dieses Gift getaucht, Morone?" + +Der Kanzler erbleichte. "Bei den Göttern der Unterwelt, daran trage +ich keine Schuld!" rief er aus. + +"Du willst mich nicht überlisten, Kanzler, so willst du mich +überreden?" + +"Nein." + +"Was denn?" + +"Überzeugen." + +"Das Beste. Aber es wird Zeit kosten. Setzet Euch, Kanzler!" Er +rückte mit rascher Bewegung zwei Stühle, und jetzt saßen sie sich +gegenüber, Morone mit vorgebogenem Leib und Knie, während der +Feldherr nachlässig zurücklehnte. + +"Pescara, welches ist die schönste deiner Schlachten, das Wunder der +Kriegskunst?" + +Der Feldherr gab keine Antwort, da sich diese von selbst verstand, +aber er that einen leichten Seufzer. + +"Und was hat der Kaiser aus deinem Siege von Pavia gemacht?" + +Ein Blitz fuhr aus dem grauen Auge Pescaras. "Er hat ihn +verstümpert", murmelte er. + +"Du gabst ihm einen erbeuteten König, und Karl weiß nichts mit ihm +anzufangen! Er preßt ihn wie ein Wucherer. Er verlangt Vielfältiges +und Unmögliches statt des Möglichen und Einfachen. Verzichte auf +Italien, Bruder, so hätte ein großer Sieger zu König Franz geredet, +das ist dein natürliches Lösegeld, und das kannst du, ohne deinem +Frankreich wehe zu thun. Verzichte und ziehe!" + +Pescara lächelte. "Du bist ein gefährlicher Mensch, Morone, wenn du +Gedanken errätst. Aber nicht ich, du hast ihnen Worte gegeben. Ich +habe nichts gesprochen." + +"Ich danke dem Kaiser!" fuhr der Kanzler sich begeisternd fort. "Er +hat die Siegesgöttin von Pavia beleidigt, und sie kehrt zu dir, mein +Pescara, zurück! Nicht nur für, auch gegen den Kaiser hat sie +gekämpft. Sie hat Italien gegen die Fremdherrschaft vereinigt. Sie +hat ihm seinen Feldherrn gezeigt. + +Mein Pescara, welche Sternstellung über dir und für dich! Die Sache +reif und reif du selbst! Eine entscheidende Zeit, ein verzweifeltes +Ringen, Götter und Titanen, Freiheit sich aufbäumend gegen +Zwingherrschaft, die Welt heute noch Bewegung und Fluß, morgen +vielleicht zur Lava erstarrend! Und eine That, die für dich +bereitliegt und zu welcher du geboren wurdest! Zuckt dir die +formende Hand nicht danach? Ein vernünftiges Werk, eine ewige +Gründung! Blick auf die Karte und überschaue die Halbinsel zwischen +zwei Meerfarben und dem Schnee der Gebirge! Befrage die Geschichte: +ein lebendiges Geflecht, oft gewaltsam zerrissen und immer wieder +zusammenwachsend, von Republiken und Fürsten, mit zwei alten Feinden, +zwei falschen Ideen, zwei grausamen Chimären, Papst und Kaiser! +Siehe den ausgestreckten Finger Gottes, daran sich eine neue +Menschheit emporrichtet: eine sich selbst regierende und vereitelnde +Menschheit ohne höchstes Amt, weder weltliches noch geistliches, ein +Reigen frei entwickelten Genien, ein Konzert gleichberechtigter +Staaten--" + +Pescara ergriff den beschwingten Redner am Arm, als wollte er ihn +festhalten. "Fliege mir nicht davon, Girolamo!" scherzte er. + +Dieser riß sich los und: "Laß dich nicht hindern an diesem göttlichen +Werke", rief er, "durch abergläubische Vorurteile und veraltete +Begriffe, die weder in deinem Kopfe noch in deinem Herzen, noch in +der Natur der Dinge sind. Ich kenne dich, Pescara: du bist ein Sohn +Italiens und wie dieses erhaben über Treue und Gewissen!" + +"Ihr seid doch ein lasterhaftes Geschlecht, ihr Italiener", lächelte +Pescara. "Aber du machst dich größer im Bösen, als du bist: denn +diese Weisheit kommt nicht von dir, sondern euer Dämon, der +Florentiner, hat sie dir eingeblasen. Lebt er noch?" + +Der Kanzler wußte, wen Pescara meinte. "Er darbt, vergessen und +verachtet", erwiderte er mit Beschämung, "unser größter Geist." + +"Verdientermaßen. Es gibt politische Sätze, die ihre Bedeutung haben +für kühle Köpfe und besonnene Hände, die aber verderblich und +verwerflich werden, sobald sie ein frecher Mund ausspricht oder eine +strafbare Feder niederschreibt. Doch das sind Allgemeinheiten, und +alles käme auf die Anwendung an. Wie denkst du dir zum Beispiel, +Kanzler, das Thatsächliche meines Verrates?" Dieser öffnete den Mund, +als hätte er unerschöpflich zu reden. Da berührte ihn Pescara leise +mit dem Finger. "Sachte, vorsichtig!" warnte er. "Jetzt betrittst +du ein schmales und schwankes Brett: es könnte kommen, daß ich dich +nach deiner Rede als Verschwörer müßte in Fesseln legen lassen. +Sprich nicht in deinem eigenen Namen, rate ich dir, sondern laß dir +eine Maske bieten, wie du sie liebst, und warum nicht die des +verschollenen florentinischen Sekretärs, ob er nun noch unter uns +wandle oder schon im Geisterreiche? Rede, Niccolò Machiavelli! Ich +werde dich schweigend und bewundernd anhören und dir dann doch +vielleicht beweisen, daß du für einen Staatsmann immer noch viel zu +viel Einbildungskraft besitzest. Oh, ich will dich kritisieren, mein +Niccolò! Aber beginne." + +Dieser fortgesetzt scherzende Ton des Feldherrn beleidigte den +Kanzler, und er empörte sich dagegen: "Jetzt sei des Spieles ein Ende. +Erniedrige den nicht zum Schauspieler, welcher sein Leben wagt für +die Rettung seines Vaterlandes! Pescara, ich bitte dich um Ernst!" + +"Um Ernst? Es sei!" erwiderte der Feldherr und schloß die Augen, wie +um besser zu lauschen. Jetzt erschrak der Kanzler einen Augenblick +vor der Blässe und Strenge des magern Angesichtes. Doch er war +entschlossen. + +"Es ist kein Übel, Erlaucht", begann er, "was Ihr dem Kaiser +berichtet habt; es ist gut, daß Ihr Euch so lange als möglich sein +Vertrauen erhaltet und Euch selbst dann noch nicht erkläret, wann der +Papst und die Liga ihr Manifest werden erlassen haben. Inzwischen +befestigt Ihr Eure Stellungen und sichtet Euer Heer." Pescara +runzelte die Stirn. + +"Leyva muß weg", forderte der Kanzler. + +Pescara zählte an den Fingern. + +"Was rechnet Ihr, Pescara?" fragte der Kanzler verwundert. + +Dieser erwiderte ruhig: "Muß Leyva draufgehen, so dürfen meine +deutschen Hauptleute auch nicht leben bleiben, denn sie hangen an +Kaiser und Reich. Ihre Häupter müssen fallen. Oder vergifte ich sie +in einem gastlichen Trunke? Was rätst du, Kanzler?" + +Morone erbleichte. + +"Und was fange ich mit meinen spanischen Edelleuten an? Lasse ich +sie auch ermorden?" + +"Die Kastilianer", antwortete Morone mit klopfendem Herzen, "fallen +wohl zum Kaiser zurück. Die andern verlocket Ihr mit unendlicher +Beute. Sie widerstehen nicht, am wenigsten die neapolitanischen +Aragonesen. Ich kenne diese Rasse: sie gleicht den räuberischen +Helden der Neuen Welt. Denket nur an Euren Del Guasto, welch ein +Ungeheuer!" + +Pescara widersprach nicht. + +"Eure Gemeinen aber, die aus allen Ländern der Erde zusammengeflossen +sind, beherrschet Ihr durch Eure unerschütterliche Seele und durch +Eure eiserne Kriegszucht, nicht zu vergessen einen regelmäßigen Sold, +wie ihn der Kaiser nie zu geben vermochte, Euch aber gehören jetzt +alle Schätze Italiens. Und erlittet Ihr eine Einbuße an Leuten, so +füllet Ihr das Heer aus den Schweizern, die sich nun überallhin +vermieten, seit sie aus Mangel an Führung und an einem Staatsgedanken +ihre schon gewonnene Weltstellung und ihre auswärtige Politik +verscherzt haben." + +"Schade", redete Pescara mit sich selber. Er hatte eine Art +Zärtlichkeit für die Schweizer, die er zweimal überwunden und von +welchen er bei Bicocca, mit einer insbesondere gegen deren rasende +Sturmläufe erfundenen Stellung des Geschützes, in wenig Minuten ein +volles tollkühnes Tausend vernichtet hatte. Er liebte dieses tapfere +Volk, obwohl er seine Speerwunde von Pavia dem Stoß einer +Schweizerlanze verdankte. "Ihre Freiheit wird ihnen bleiben, aber +schade", wiederholte er. + +"Eures Heeres sicher", fuhr der Kanzler fort--"Nehme ich Mailand", +ergänzte Pescara. "Mein Plan ist entworfen." + +"Ihr braucht es nicht zu nehmen, da der Herzog ein Mitglied der Liga +ist, deren Feldherr Ihr seid." + +"Richtig, das hatte ich vergessen. Auf alle Fälle, Mailand ist der +Zentralpunkt. Und dann?" + +"Gebietet Ihr über die Truppen der Heiligkeit, Venedigs und Neapels, +die Kleinern nicht zu nennen." + +"Halt, Morone! Neapel ist spanisch." + +"Nach Neapel habet Ihr dann Euren Neffen gesendet als Euren Vizekönig, +der es durch seine Grausamkeit in wenigen Wochen unterworfen haben +wird." + +"Als meinen Vizekönig? Ich König von Neapel? Seit wann trage ich +die Krone?" fragte Pescara gelassen. + +"Siehe, die geflügelten Füße, die sie Euch bringen, sind vor Eurer +Schwelle", sprach der Kanzler errötend. + +Die kalte Miene des Feldherrn erwärmte sich, wie von einem Strahle +berührt, nicht aus einer Krone, sondern aus dem Lichtkreise seines +nahenden Weibes. "Weiter geträumt, Morone", sagte er. + +"Einmal an der Spitze der vereinigten italienischen Waffen und in +unnehmbaren Stellungen", fuhr der Kanzler mit erstaunlicher +Sicherheit fort, "hindert nichts, daß Ihr Euch mit dem Kaiser +auseinandersetzet, vielleicht sogar ohne Schlacht, denn ich weiß, daß +Ihr, obschon, nein, weil der erste Feldherr der Zeit, das +scharfsinnige Schachspiel und die umfassenden Berechnungen der +Strategie jenen plötzlichen und immerhin blinden Entscheidungen der +Wahlstatt vorziehet. Ich sage, vielleicht sogar ohne Blutvergießen, +denn der Kaiser wird nicht so leicht einen neuen Feldherrn finden und +ein zweites Heer in Italien zusammenbringen, nachdem er Euch und das +Eurige verloren hat, wenigstens wenn ihm Frankreich und England zu +thun geben, laut des von ihnen mit unserer Liga getroffenen Abkommens." + +"Ich kenne Euer Bündnis mit König Franz, sogar seinen Wortlaut", warf +Pescara hin, "kann aber keinen Wert darauf legen. Der König verquält +sich in seinem spanischen Kerker. Um eine Stunde früher auf ein +gesatteltes Pferd zu springen, verrät er Eure Liga hundertmal, wie +ich ihn zu kennen glaube." + +"Noch vor wenigen Tagen", beteuerte der Kanzler mit einem komischen +Gesichte, "hat mir die Regentin Louise von Paris geschrieben, sie +halte das Bündnis fest wie ihre Tugend--" + +Ein Pfiff durchschnitt das Gemach... der Kanzler horchte verwundert. +Es mochte ein Vogel am Fenster vorbeigeschwirrt sein. + +"Es sind noch andere da, die den Kaiser beschäftigen", fuhr er fort, +"der Halbmond und die deutschen Fürsten." + +"Der Halbmond, ja", urteilte der Feldherr. "Mit den deutschen +Fürsten aber und selbst mit ihrer neuen Lehre könnte sich der Kaiser +allenfalls vertragen. Meinst du nicht, Morone?" + +Dieser antwortete denkend: "Es scheint so, aber ist doch nicht, wenn +ich richtig sehe. Jedenfalls nicht mit der neuen Lehre. Der Kaiser +bedarf der Kirche für sein schweres und dunkles Gemüt, das er von der +Mutter geerbt hat. Der neue Glaube verlangt kräftigere Seelen." + +"Verstehst du etwas von diesen Dingen, Kanzler?" fragte der Feldherr +neugierig. + +"Wie sollte ich, Pescara? Ich bin wie du und wir alle ein Bewohner +der Wirklichkeit, ein Kind der Helle, das mit der antiken Weisheit +über das Ende hinaus nichts sieht als Larven und Scheinen und auf +wogendem Nebel die riesigen Spiegelungen wieder dieses unsers eigenen +und irdischen Daseins. Unter denen aber, welche mit dem Volke Gut +und Böse glauben und Leib und Seele und die Fabel eines letzten +Gerichtes, wird jetzt, wie du weißt, unversöhnlich gestritten über +die beste Rüstung an jenem Tage der blasenden Posaune. Unsere kluge +Kirche öffnet ihre Buden und legt verständig ihren Vorrat an guten +Werken zum Verkauf aus. Der deutsche Mönch aber zankt und schreit: +Das ist Plunder! Werft euer Geld nicht weg! Ihr habt es umsonst. +Eure Schulden sind bezahlt. Glaubet es nur, und sie sind nicht mehr! +Solches aber zu glauben, braucht es eine große Tapferkeit, denn es +ist unter dem Unglaublichen das Unglaublichste. Doch bringen es +diese deutschen Köpfe fertig, so brauchen sie gar keine Pfaffheit +mehr und sind in ihrer trotzigen Sicherheit uns Italienern gewaltig +überlegen, die wir ungläubig sind oder abergläubisch. + +Ich rede im groben, Pescara. Aber diese Vorstellungen, nichtig an +sich, werden im Leben zu den realsten Mächten, die kein Staatsmann +vernachlässigen darf. Und du mit deiner großen Aufgabe am wenigsten, +Pescara, wenn du auch selbst ein Gottloser bist, wie ich dich kenne." +Sein Lächeln blieb unerwidert. + +"Hier irrst du dich, Kanzler", sagte Pescara ernst. "Ich glaube an +eine Gottheit, und wahrlich keine eingebildete. Doch in dem andern +hast du recht. Ich habe es mit Augen gesehen. Am Abende meiner +Schlacht"--er meinte die von Pavia--"sah ich im Lazarett zwei höchst +frevelhafte Menschen sterben, einen Deutschen und einen Spanier, +diesen unter seinen Reliquien und in den Armen zweier Priester +zitternd und bebend, jenen allein, doch voller Zuversicht und Freude. +Ich sprach ihn an, denn ich weiß ein paar deutsche Wörter, und +erfuhr, daß er traue und trotze auf den reuigen Schächer. Doch +lassen wir diese Farben der Seele. Zurück zu deiner Sache, denn ich +meine, daß du noch nicht damit zu Ende bist." "Gewiß nicht, Pescara. +Dann erst, wann du durch das Schwert oder durch ein listiges +Abkommen den Kaiser außer Spiel gesetzt haben wirst, dann erst baust +du deine Größe und Italiens Freiheit. Die zwölf Arbeiten des +Herkules! Doch du rufst alle Seiten und Eigenschaften deines Wesens +unter die Waffen: Geduld und Entschluß, Begeisterung und Berechnung, +Arglist und große Gesinnung. Kein Teilchen von dir wird müßig gehen. +Du kennst dich noch gar nicht, Pescara! Dann erst wirst du dich +zeigen als der, welcher du bist, in deinem ganzen Wuchse: für das +Volk ein furchtbarer und wohltätiger Dämon, für das Heer ein +unfehlbarer Sieger, für den Patrioten der Vollender Italiens, für den +Gelehrten der wiederaufgelebte römische Ehrgeiz, für die Fürsten, +soviel du ihrer bestehen lässest, der herrschende Bundesgenosse. Du +beutest alle Möglichkeiten und Begünstigungen des Jahrhunderts aus. +Du wirst der Verteidiger des Papstes und eroberst ihm seine Städte +und Provinzen zurück, die du für dich behältst; du reitest als +Schiedsrichter zwischen der verröchelnden Republik und den Mediceern +in Florenz ein, und sie gehorchen dir beide. Ja sogar die stolze +Fürstin der Hadria zwingst du in deinen Machtkreis! Ich sehe dich", +jubelte Morone, "wie du ihr Doge wirst und dich dem Meere vermählst. + +So wächsest du, bis dich und dein herrliches Weib auf dem römischen +Kapitol tausend frohlockende Arme vergötternd in die Lüfte heben und +dich ganz Italien als seinen König zeigen, welches du dann, wie dir +jetzt, ich fürchte, noch nicht möglich ist, als deinen Besitz und +deinen Ruhm ein wenig lieben wirst, damit endend, womit ich +angefangen habe, denn allein meine Liebe zu Italien, das Beste, das +einzig Gute an mir, wirft mich dir zu Füßen, du Kaltherziger!" Und +er umfing das Knie des Feldherrn mit einer so inbrünstigen Gebärde, +daß dieser aufspringend einer solchen Anbetung sich entzog, aber doch +innerlich ergriffen schien, sei es, daß ihn diese Wahrheit des +Gefühls in einem lügnerischen Geiste fesselte, sei es, daß sein +mächtiger Verstand die angedeuteten Züge seiner und Italiens +möglicher Größe unwillkürlich zu einem lebensfähigen Ganzen +zusammenschloß. + +Er ließ den Kanzler und schritt mit über der Brust gekreuzten Armen +mehrere Male langsam durch das Zimmer, zuletzt wie zufällig wieder +vor ihm stehenbleibend. "Wie viele meiner Jahre verlangst du von mir, +Morone?" warf er hin. + +"Viele, ohne Zweifel", versetzte der Kanzler. "Je mehrere, desto +besser! Nur mit jenen langen und fruchtbaren Pausen, welche die +Dinge still und unaufhaltsam wachsen lassen, unzerstörlich scheinende +Hindernisse zernagen, die Gewissen abstumpfen und beruhigen und +selbst das ursprünglich Frevle entsühnen und heiligen, nur auf +solchen breiten und notwendigen Stufen ist Bleibendes im Staate +erreichbar. Dein bester Verbündeter, Pescara, ist das Leben. Zehn, +zwanzig, warum nicht dreißig Jahre, Pescara? Du stehst ja in der +Fülle der Kraft und schöpfst nur so mit der Hand aus der +überströmenden Quelle. Du hast deinen Schatz kaum noch angegriffen, +und nicht zum wenigsten darum haben dich die unsterblichen Götter +Italiens zu diesem deinem herrlichen Werke berufen, weil du, römisch +gesprochen, ein Jüngling bist und dich noch lange kein Todesschatten +berühren darf!" + +Ein plötzlich hervortretender harter und finsterer Zug hatte das +Antlitz des Feldherrn verwandelt. Er traf den Kanzler mit einem so +feindseligen Blicke, daß dieser um einen Schritt zurückwich. "Weißt +du", drohte er, "daß, wenn mich mein Ehrgeiz überwältigen sollte, das +erste Opfer dein Gebieter, der Sforza, wäre? Denn ich finge damit an, +euer Mailand dem Bourbon zu geben, der mein Alterego, meine rechte +Hand und ein Gonzaga ist. Ich würde es ihm gönnen! Überlieferst du +mir den Sforza?" + +"Bei allen Göttern, nein!" schrie der entsetzte Kanzler. "Ich meinen +Herzog verraten! Niemals! Nimmermehr! Und", rief er empört, "wie +darfst du daran denken, Pescara, unsere reine und heilige Sache mit +dem Borbone zu beflecken!" + +"Sehet diesen Menschen!" verhöhnte ihn Pescara. "Gibt es etwas +Frecheres? Dem armseligsten Fürsten will er Treue halten, und mutet +mir zu, sie meinem erhabenen Kaiser zu brechen! Sehet diesen +unzusammenhängenden Geist! Er verlockt mich zum Verrat und will rein +bleiben von Verrat!" + +"Das ist etwas völlig anderes", wehklagte der Kanzler. "Der +Konnetabel hat sein Vaterland verraten, und du rettest es, indem du +von einem Fürsten abfällst, welcher nicht der deinige ist. Meinen +Herzog preisgeben, meinen holdseligen Herrn! Der Mohr wird mir im +Traume erscheinen!"... er that einen erbärmlichen Seufzer... "Doch, +dennoch, es sei! Aber jetzt, Pescara, widerstehe auch du nicht +länger! Erbarmst du dich Italiens? Gib Antwort, Grausamer!", und +die Tränen brachen ihm aus den Augen. + +"Heute nicht, Morone!" tröstete ihn Pescara. "Wir sind beide ermüdet +und bedürfen der Ruhe. Es ist die Stunde der Siesta." Er klingelte. +"Ippolito", unterwies er den Knaben, "führe den Herrn, der ein +großer Staatsmann ist, in den Turmflügel. Der Haushofmeister soll +ihm die ganze Zimmerreihe des Oberstockes öffnen und ihn sorgfältig +bedienen und reichlich bewirten lassen. Ihr findet eine gewählte +Bibliothek, Kanzler, und wollet Ihr Luft schöpfen, so steiget in den +Garten hinab, er ist schattig und reicht bis an die Wälle. Ich lade +Euch nicht zu Tafel, da ich Donna Victoria erwarte, der mein Abend +gehört. Lasset Euch die Zeit nicht lange werden. Morgen sehen wir +uns wieder." + +"Wie wird mir der Tag vergehen?" jammerte der Kanzler. + +"Alles geht vorüber. Noch eins: nähert Euch, ich bitte, den +Wachtposten nicht, Ihr verstündet denn das Deutsche." Er sah den +Kanzler erbleichen. "Fürchtet nichts", schloß er freundlich und +entließ ihn. + +Wie er sich wieder umwendete, näherten sich ihm der Herzog und Del +Guasto, die ihr Versteck verlassen hatten, beide in der höchsten +Aufregung, der bleiche Bourbon mit fieberhaft geröteten Wangen, Del +Guasto mit lodernden Augen. Pescara erriet, daß das belauschte +Gespräch und der gezeigte Ruhm sie beide verführt und bezaubert hatte. +Del Guasto lechzte nach Beute und der Herzog nach dem reinigenden +Lorbeer. Noch schwiegen sie, aber ihre dringende und flehende +Gebärde wollte sich in Worte verwandeln. Da schloß ihnen Pescara den +Mund. + +"Herrschaften", sagte er, "hier wurde Theater gespielt. Das Stück +dauerte lange. Habt Ihr nicht gegähnt in Eurer Loge?" + +Da schlug der Bourbon in plötzlich umspringender Stimmung eine gelle +Lache auf. "Trauerspiel oder Posse?" fragte er. + +"Tragödie, Hoheit." + +"Und betitelt sich?" + +"Tod und Narr", antwortete Pescara. + + + + +Viertes Kapitel + + +Durch seine lange Zimmerreihe schritt der Kanzler von Mailand ruhelos +auf und nieder. Die Fensterläden waren gegen die brennende +Nachmittagssonne geschlossen, und nur durch eine Spalte schoß hin und +wieder ein neckischer Strahl in die Dämmerung, einen grellen Streifen +über die Fliesen ziehend, während die Tiefe der Gemächer im Geheimnis +blieb. Doch nicht der schmalste Lichtblitz erhellte dem Kanzler die +Seele Pescaras. Er hatte seinen ganzen Menschen preisgegeben, +Pescara auch nicht ein Teilchen seiner selbst, und nicht nur ein +Schuldiger und Geständiger war jetzt der Kanzler, sondern auch ein +Gefangener oder nicht viel anders. Doch weit entfernt, daß seine +Bloßstellung ihn gereut oder sein Halbgefängnis ihn geängstigt hätte: +im Gegenteil, er schwelgte in der Großmut seiner völligen Hingabe. +Nicht einmal sein schmählich verratener Herzog beunruhigte jetzt sein +Gewissen, so gänzlich erfüllte ihn die Leidenschaft, sich Pescaras zu +bemächtigen, und der Reiz seines Anschlages auf diesen einzigen +Menschen, dessen große Haltung und ernstes Spiel in der eben +beendeten Szene er aufrichtig bewunderte. Er setzte diese Szene fort: +jedes Wort des Zwiegespräches wiederholte sich in seinem Ohr, und +selbst jede Miene und Gebärde desselben bildete sich ab in seinen +Zügen und schwang in seinen Muskeln fort--doch über Sinn und +Tragweite des Gesprochenen verstrickte er sich in unlösbare, in +tödliche Zweifel. Eine Auslegung nach der andern verwarf er, um +zuletzt zu dem wahrscheinlichen Schlusse zu kommen, noch sei Pescara +ungewiß, noch liege er im Kampfe mit sich selber. + +Da gedachte er sehnsüchtig der Bundesgenossin, die jede Stunde, jede +Minute ihm bringen konnte, und der Wert Victoria Colonnas deuchte ihm +unermeßlich. Nur eine solche konnte einen solchen besiegen. Nicht +ein aufstachelndes, herrschsüchtiges Weib, wie damals deren manches +in Italien sein Wesen trieb, sondern die edelste Frau der Zeit führte +seine Sache, und in dieser jede Schönheit und Tugend Italiens +verkörpernden und von seinen Freveln und Sünden freien Gestalt +erschien ihm sein Vaterland so unvergleichlich und der Ruhm, es sich +selbst wiederzugeben, so einzig, daß hier sogar ein Pescara und +gerade ein Pescara unmöglich widerstehen konnte. Ein mit +unsittlichen Mitteln wirkendes Bündnis verklärte sich in diesen +himmlischen Augen zu einer Reinheit, die den Namen einer "heiligen +Liga" in einem freien und weltlichen Sinne rechtfertigte. Die +Bewunderung des göttlichen Weibes, welches, wie er glaubte, Italien +zu retten berufen sei, wurde dem Kanzler zur Anbetung und seligen +Inbrunst, denn er war der erhabensten und der gemeinsten Gefühle in +gleicher Weise und Stärke fähig. + +Jetzt, da die gewonnene Zuversicht sein Inneres erhellte, verlangte +es ihn nach dem Tageslichte, er stieß einen Laden auf und stand, sich +umblickend, in dem sogenannten Schlangensaale, von welchem sein +Herzog ihm oft erzählt, den er selbst aber noch nie gesehen hatte. +Über dem Getäfel lief die vier Wände entlang ein gemaltes Geflechte +von Schlangen, je zweie sich umwindend, die eine der feuerspeiende +Drache der Sforza, die andere das entsetzliche Wappenbild der +Visconti, die Schlange mit dem Kind im Rachen. Legende oder Wahrheit, +der süße Lionardo da Vinci galt als der Schöpfer des scheuseligen +Kranzes: während seines langen Dienstes bei dem Mohren habe er einmal +im herzoglichen Hause zu Novara sich aufgehalten und in wenigen +Stunden dieses Spiel einer grausamen Laune begonnen und beendigt +unter dem Vorwande einer Verherrlichung seines Fürstenhauses. Keine +Unmöglichkeit, denn der Bildner des zärtlichsten Lächelns liebte +zugleich die Fratze und das Grauen. Zuerst mit ergötzten, bald mit +beängstigten Augen betrachtete der Kanzler den wilden Ring, das Werk +einer unerschrockenen Einbildungskraft, die sich daran geübt hatte, +den Ungetümen und dem nackten Kinde in dem verschlingenden Rachen +eine Folge von natürlichen Bewegungen zu geben. Dann plötzlich +erschien es ihm, als lebe und drehe sich das Gewinde. Der Kanzler +wendete sich schaudernd und trat wieder an das Fenster. + +Er erblickte den einsamen Schloßgarten, der sich unter einem weiten +Gewölbe von Bäumen in tiefdunkle Schatten verlor. Darüber das +blendende Lichtmeer, und hin und wieder ein Bruchstück der gezackten +Stadtmauer. Nur in einiger Entfernung stieg aus dem üppigsten Grün +auf drei Terrassen eine kleine Villa, im Winkel und von zwei Seiten +sichtbar, deren jede ein Bild bot, jene mit einem Turmbau endigend, +diese in einen weinumwundenen Säulengang verlaufend. Es wollte +Morone scheinen, das anmutige Landhaus, dessen Teile leicht +auseinander herauswuchsen, müsse für Victoria bestimmt und der +Gedanke Pescaras sein, der ihr nicht in einem schweren und von dem +Schritte der Wachen dröhnenden Schlosse, sondern an einer gefälligen +und friedlichen Stätte liebenden Empfang bereite. Auch deutete +mancherlei drüben hin und her eilende Dienerschaft auf das Kommen +eines Gastes, und jetzt glaubte er aus der entgegengesetzten Richtung +den Lärm einer Ankunft zu vernehmen. Da litt es ihn nicht länger in +den unbehaglichen Räumen, er suchte Treppe und Pforte und wandelte +bald in einem grünen Schattenreiche. + +Seine Schritte führten ihn in ein weites Rondell, wo das lieblichste +Halbdunkel herrschte und in dessen Mitte ein Brunnen seine +schimmernde Schale mit einer langsam strömenden Flut durchsichtig und +einschläfernd verschleierte. Vier breite Marmorsitze standen im +Umkreise. Auf einem derselben, dessen Lehnen zwei Sphinxe bildeten, +schlummerte der Feldherr, das Haupt über die Brust gesenkt. + +Nach einem leichten Erstaunen näherte sich Morone auf vorsichtigen +Füßen, um das schlafende Antlitz zu belauschen, ob nicht die jetzt +willenlose Miene den verschwiegenen Gedanken abbilde und ausdrücke. +Lange stand er davor. Nein, es träumte nicht ehrgeizig, dieses Haupt, +noch sann es Verrat, sondern seine unbeherrschten Züge trugen, ohne +die Spur von Triumph und List, einen Ausdruck, der kein anderer sein +konnte als der des Leidens und der Entsagung. Wie Morone es +betrachtete, erstarrte seine eigene aufgeregte Miene, denn die des +stillen Hauptes war so überredend, daß auch ihn eine fatalistische +Stimmung unwiderstehlich erfaßte, eine Gewißheit von dem Nichts der +menschlichen Pläne und der Allgewalt des Schicksals. Nichts anderes +sagte das mächtige Antlitz als Frömmigkeit und Gehorsam. + +Da legte sich unversehens eine Hand auf die Schulter des Kanzlers. +Nach einem kleinen gespenstischen Schrecken, als ob ihn der Geist des +vor ihm Schlummernden von hinten berühre, wandte er sich und +erblickte einen gelben Schädel und eine von Alter gebrochene Gestalt. +Zwei braune kluge, aber unendlich wehmütige Augen waren ihr einziges +Leben. + +"Numa! Wahrhaftig, du hast mich erschreckt." + +"Ich glaube es. Aber komm, Kanzler. Lassen wir ihn schlummern und +setzen uns dort gegenüber, daß ich ihn von ferne beobachte." Sie +thaten es, und der Arzt, der wohl achtzig zählen mochte, doch sein +feines Gehör bewahrt hatte, ließ sich mit dem Kanzler in ein +lispelndes Gespräch ein. "Du glaubst gewonnen zu haben?" fragte er. + +"Ich weiß nicht", sagte der Kanzler. "Est in votis." + +"Enttäusche dich, Girolamo! Ich sage dir, auch wenn er wollte, so +kann er nicht." + +"Er könnte nicht? Warum? Das tönt geheimnisvoll. Welcher Gott oder +welche Göttin verbietet es ihm? Kreuzige mich nicht! Rede!" + +"Dürfte ich reden, ich hätte dir von der Schwelle meines Hauses und +aus Novara weggewinkt, aber meine Lippen sind gebannt. Doch ich darf +dich, du Ärmster, auch nicht in dein Verderben stürzen lassen. Du +verlierst hier deine Worte und vielleicht dein Leben. Er kann nicht, +beteure ich dir! Es ist ihm versagt. Es ist ihm nicht beschieden. +Fliehe! Es ist alles umsonst." + +"Fliehen? Vor Pescara? Ich denke nicht daran und halte ihn fest +umschlungen! Bei allen Dämonen, warum ist es ihm nicht beschieden?" + +Da hauchte der Arzt, daß ihn Morone kaum verstehen konnte: "Ist nicht +aller sterbliche Wandel in Zeit und Raum? Beide aber versagen diesem." + +Er legte den Finger auf die Lippen, ihnen Schweigen gebietend, und +dann gleich zum andern Male, um den Kanzler auf nahende Schritte +aufmerksam zu machen. "Still! Siehe!" flüsterte er. Auf leisen +Sohlen kam Victoria Colonna in den weiten grünen Saal, den Gatten an +seinem Lieblingsplatze suchend. Noch trug ihr Kleid den Staub der +Straße; sie mochte kaum vom Pferde geglitten sein. Da sie ihn +schlummern sah, blieb sie stehen und verlor sich in seinem Anblick. +Dann zerfloß sie plötzlich in Tränen, aus einem Übermaß der Freude, +oder es erschreckte sie der heilige Ernst der geliebten, nun von +Mühen und Wunden tiefer gegrabenen Züge. Wenige Augenblicke aber, +und sie trat zu ihm. Mit unendlicher Liebe legte sie die Hand unter +das strenge Haupt, und es sachte hebend, weckte sie es mit +inbrünstigen Küssen. Pescara öffnete die Augen. Sanft drückte er +sein Weib an die rechte Brust und gab ihr einen Kuß auf die Stirne. + +Da sich der Feldherr erhob, hatte sich Morone in einer seltenen +Regung von Keuschheit weggeschlichen, und Pescara sah nur den Arzt +vor sich. Die Linke um Victoria schlingend, ergriff er mit der +Rechten die Hand Numas und sprach zu seinem Weibe: "Das ist mein +Arzt", und diese, in ihrer feurigen Art, bog das Knie und bedeckte +die schlaffe Hand mit Küssen. "Sie hat die Wunde meines Helden +geschlossen!" jubelte sie voller Dankbarkeit. Dann aber richtete sie +sich auf und fragte in tiefer Erregung: "Messer Numa Dati?" + +Der Alte verneigte sich. + +Und Victoria, von ihrem warmen Herzen hingerissen, wendete sich an +den Gemahl, Mund gegen Mund, und klagte: "Ehe wir uns freuen, mußt du +mir und diesem Recht schaffen! Unser Neffe hat ihm die Enkelin +verleitet und weigert sich, der Frevler, seine Schuld durch die Ehe +zu sühnen!" + +"Ist es so, Numa?" sagte der Feldherr, und da der Greis traurig +bejahte: "Warum hast du mir das verheimlicht?" + +"Anfangs, Herrlichkeit, war es eine bloße Vermutung, da sie mein Haus +und Novara heimlich verließ. Und wie durfte ich Euch, der sein +eigenes großes Schicksal trägt, mit dem kleinen eines Mädchens +beschäftigen? Erst heute erhielt ich Gewißheit, durch ein Schreiben +aus Rom, von der Äbtissin, in deren Kloster das arme Kind sich +geflüchtet hatte." + +Jetzt drängte sich Victoria flehend an die linke Seite ihres Helden, +der unter dem Drucke des Frauenleibes einen körperlichen Schmerz zu +empfinden schien. Um ihn zu verbergen und zu verwinden, that er ein +paar Schritte vorwärts. + +Die dreie standen vor den spielenden Lichtern des Brunnens. +"Schönste Frau, mich hat herzlich verlangt, Euch wiederzusehen", +sagte der Feldherr, "und da bist du ja, meine Seele!" Er blickte ihr +in die strahlenden Augen. "Aber deine edeln Lider sind ja noch ganz +bestäubt von der Reise. Dein Tuch!" Sie gab es ihm, der es netzte, +und schloß die Augen, während er ihr Stirn und Lid und Wange wusch +und badete. + +"Ich erinnere mich deiner Enkelin ganz wohl, Numa, obwohl ich sie +kaum gesehen habe. Tiefblaue Augen und kastanienbraune Haare, wie +diese da, nicht wahr, und Julia heißt sie? Was ihre Sache betrifft, +die dünkt mich schwer und tragisch. Nicht daß ich anstünde, den +Bösen, den du kennst, Victoria--auch ich kann ihn nicht anders +nennen--zur Ehe mit ihr zu zwingen, er würde sich fügen, ohne Zweifel, +denn er ist mein Geschöpf und ich habe Macht über ihn. Aber ich +frage mich, ob es gut sei, die Verschmähte an einen Herzlosen und +Grausamen zu fesseln, der freilich durch seine Vermessenheit und +Begabung in der Welt die höchsten Stufen erreichen wird. Und sie +selbst? Wird sie es verlangen? Glaubst du, Victoria? Hat sie es +verlangt, die sich dir in Rom zu Füßen geworfen hat, wie ich vermute, +da du sie kennst?" + +"So that sie", sagte Victoria mit flehender Stimme. + +"Ertrug sie deinen reinen Anblick? Und im Ernst, du willst sie dem +Manne geben, der sie verschmäht? Wenn sie mein Kind wäre, ich +vergrübe sie ins Kloster. Ihr aber seid menschlich und barmherzig, +Madonna. Und wer weiß, vielleicht liebt sie ihn noch, oder liebt und +haßt ihn zugleich--ich verstehe das nicht. Doch ich will mich ihrer +annehmen, sie habe die Wahl." + +Jetzt öffnete der Arzt den welken Mund. "Arme Julia! Welche Wahl! +Selig, daß sie ihrer überhoben ist!" + +"Wodurch?" fragte Pescara. + +"Durch eine dunkle, aber weise Gottheit." + +"Ich verstehe", sagte der Feldherr rasch, "sie lebt nicht mehr." + +"Du sagst es, Herrlichkeit." + +"Sie hat sich ein Leides gethan?" wehklagte Victoria. + +"Da sei ihr Schutzengel davor!" + +"Wer weiß es? Als sie in ihr Kloster zurückkam, nachdem sie sich +Euch geoffenbart, ist sie gestorben. Ihr Geständnis muß sie getötet +haben, und der Anblick Eurer Reinheit, Madonna, wie die Herrlichkeit +es gewollt hat. Vielleicht ein Herzschlag, vielleicht--das willige +Mädchen ist mir in meiner Apotheke oft mit Verständnis und Geschick +beigestanden." + +Jetzt urteilte der Feldherr: "Das bleibe unberedet. Sie ist +eingegangen in den Frieden und steht jetzt in Dienst und Pflicht +einer heiligen Macht, die unserer erbärmlichen Gerechtigkeit spottet." + +Victoria weinte, und der Greis flehte: "Ich kann nicht mehr! Es sei +gut!" + +"Ja, es ist gut", schloß der Feldherr. + +Dann bot er Victoria die Hand und sagte leichthin: "Edle Frau, ich +habe Euch und mir, solange wir zusammen sein dürfen, ein helleres +Haus gerüstet als dieses alte Schloß mit seinen plumpen Deckenbalken, +diese Wohnung des Verrates, denn auf seiner Zugbrücke wurde der Mohr +ausgeliefert. Sehet Ihr dort bei den Pinien die anmutige Baute, +Madonna? Die habe ich Euch bestimmt: sie ziemt Eurem klaren Wandel." + +Sie durchschritten den Park und langten am Fuße der drei Treppen an, +wo der greise Arzt stehenblieb, Atem schöpfend und den Feldherrn +zurückerwartend. Da Victoria die dritte Treppe erstieg, erblickte +sie zwei Bildwerke, welche rechts und links die höchste Stufe +schmückten. "Das hat der junge Franz Sforza ersonnen, an welchem +sein guter Geschmack immer noch das Beste ist", plauderte Pescara. +"Diese Gruppen sind hübsche Gedanken aus seinem flüchtigen Kopfe. +Die rechts zum Beispiel. Erst konnte ich nicht aus ihr klug werden, +so sehr sie mir gefiel. Da sagte mir der Gärtner die Inschrift, die +sie anfangs trug, die aber der feine Herzog verschwinden ließ, damit +der Beschauer fühle und rate. Sie lautete... doch das bringst du +heraus, Geliebte?" + +Victoria, nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die linke Gruppe, +ein ungebunden kosendes Paar geworfen hatte, betrachtete lange Zeit +die rechte. Es waren zwei weibliche Gestalten, eine liegend und +etwas wie eine Blume oder einen Schmetterling leichtsinnig +zerpflückend; die andere stand, innig vertieft in sich selbst, oder +in die Ferne verloren. Alle drei Mädchen aber, das kosende, das +vergessende, das sich sehnende, hatten unter verschiedenem Ausdrucke +das gleiche Gesicht. Victoria sann. Da blies ihr der Feldherr +mutwillig ins Ohr, wie in der Schule ein Knabe einem Mädchen: "Tu die +Augen auf, ein paar Buchstaben sind noch lesbar." Victoria entdeckte +links, schwach ausgeprägt: Pres..., rechts aber unterschied sie etwas +deutlicher: Ass... "Presenza und Assenza", ergänzte sie beschämt, +und der Feldherr sagte: "Die Gegenwart ist frech. Die Abwesenheit +aber, die vergißt, ist gedankenlos. Ich preise die gegenwärtige +Abwesenheit: die Sehnsucht." + +"Wir werden uns nicht mehr trennen, Ferdinand, wenn du mich lieb hast." + +"Nur noch einmal. Für einige Tage, höchstens eine Woche, Madonna, +bis ich Mailand werde genommen haben. Ihr folget mir, und forthin, +wenn Ihr wollt, trennen wir uns nicht mehr. Es liegt an dir, +Victoria", sagte er zärtlich. + +"Ob ich will!" + +"Erinnerst du dich, Geliebte", scherzte er wiederum, "daß du mir +einmal in Ischia am plätschernden Strande gesagt hast, du begreifest +nicht, wie ein Weib, das geliebt habe, jemals einem Zweiten gehören +könne? Es widerspricht der Liebe, sagtest du. Freilich, aber es hat +Erfahrung und menschliche Natur für sich. Assenza, Assenza!" + +Jetzt erhob sich Victoria zu ihrem ganzen stolzen Wuchs und streckte +den herrlichen Arm, von welchem der Ärmel zurückfiel, gegen den +leuchtenden Himmel und schwur: "Nie gehöre ich einem andern, bei den +reinen Strahlen dieser Sonne!" + +Der Feldherr beschwichtigte: "Dort stehen deine Kammerfrauen, Kind, +und bestaunen dein Gelübde, das sie dir wahrlich nicht nachtun werden." +Er winkte den in ehrerbietiger Entfernung harrenden Zofen und +beurlaubte sich bei der Marchesa. "Ihr werdet Euch umkleiden, Herrin, +und ich selbst habe noch bis zur Abendstunde zu thun. Auf +Wiedersehen hier, nach Sonnenuntergang, zum Spätmahle." Er wendete +sich und ging, ohne nach ihr sich umzublicken. Unten an der Treppe +nahm er den Arm des greisen Arztes, langsam mit ihm durch einen +Zypressengang nach dem Schlosse zurückwandelnd. "Wie war die Nacht +Eurer Herrlichkeit?" fragte der Alte. + +"Wie gewöhnlich", antwortete Pescara. "Du hast gegen deinen +Gastfreund reinen Mund gehalten, Numa?" + +"Ich erinnerte mich Eures Befehles... Aber wie möget Ihr mit dem +Kanzler und meinem armen Italien dieses grausame Spiel treiben! Wie +dürfet Ihr es?" + +"Ich spiele mit Italien, sagst du? Im Gegenteil, deine Landsleute, +Numa, spielen mit mir: sie heucheln Leben und sind tot in ihren +Übertretungen und Sünden." + +Sie gingen eine Weile schweigend. "Weißt du, Numa", spottete jetzt +der Feldherr, "daß mich neulich ein Astrologe besucht und mir das +Horoskop gestellt hat? Er schätzte mich auf sechzig Jahre, ich fand +das wenig." + +Der Greis seufzte. + +Wieder wandelten sie wortlos. Vor der schmalen Pforte der Burg +beurlaubte Pescara den Alten. "Meine Feldherrn erwarten mich, Numa, +ich habe sie auf diese Stunde beschieden." Da beschlich ihn noch ein +Mitleid mit den guten braunen Augen und dem zahnlosen Munde, und er +sagte freundlich: "Fürchte nichts, Numa. Ich werde dein Italien +nicht mißhandeln, ich werde gerecht und milde verfahren." + +In seinem Vorsaale fand der Feldherr den Herzog von Bourbon und Leyva +sich gegenüberstehen, zwischen ihnen Del Guasto, als ob er sie +auseinanderhielte, und dann noch einen vierten, der in einer +Fensterbrüstung lehnte. Dieser war ein vornehmer Mann in Jahren, +halb Mönch, halb Weltmann, mit einem bronzefarbenen Kopfe und tiefen, +unergründlichen Zügen, in einen kuttenähnlichen weißen Mantel gehüllt. +Wie Pescara ihn erblickte, schien der Feldherr leicht zu schaudern, +ging aber auf ihn zu und begrüßte ihn. + +"Was verschafft mir die Ehre, Moncada?" + +Der andere erwiderte: "Erlaucht, ich bin in Sendung und ersuche im +Namen des Vizekönigs um eine Unterredung." + +"Ich gewähre sie", versetzte der Feldherr, "aber ich bitte Eure Gnade, +sich kurz zu fassen am Vorabende des Feldzugs." + +"Eine geheime Unterredung." + +Pescara besann sich. "Eine geheime? Nicht, Ritter. Geschäftliches +würde ich diesen zwei Herrschaften, meinen Kollegen, nicht +vorenthalten. Ersparet mir die Mühe. Mein Neffe hier ist +verschwiegen. Was ist Euer Auftrag? Sprechet, Ritter!" Er bot +Moncada keinen Stuhl. + +Dieser musterte die anwesenden Gesichter. "Nach Eurem Willen", sagte +er. "Erlaucht, der Vizekönig ist in tiefster Besorgnis. Die +italienische Liga ist eine Thatsache, an welcher Erlaucht nicht +zweifelt, da Sie durch Leyva den Vizekönig um Truppen ersuchen ließ, +welche dieser freilich nicht entbehren kann, selbst ihrer bedürftig, +um im Falle des ausbrechenden Krieges eine ehrfürchtige, aber +drohende Bewegung gegen die irregegangene oder mißleitete Heiligkeit +zu machen. Erlaucht gibt zu, daß unsere Heere im Süden und Norden +der Halbinsel zusammenwirkend in denselben Plan eingreifen müssen. +In diesem Sinne sendet mich der Vizekönig, Euch zu begleiten und ihn +auf dem laufenden zu halten. Genehmigt Erlaucht?" + +Der Feldherr bejahte, seinen Unmut niederkämpfend. + +"Ein anderes", fuhr Moncada fort. "Ich bedaure, daß Ihr mich nicht +geheim empfangen habet, aber ich ergreife den Augenblick. Es wird +gewünscht in Madrid, daß Erlaucht, wenn Sie Mailand erobert haben +wird, dort zum Heile der Monarchie, und um das Übel mit der Wurzel +auszurotten, streng und durchgreifend verfahre. Es wird geraten: der +abtrünnige Herzog werde in Ketten gelegt und nach Spanien gesendet; +der trotzige lombardische Adel verliere seine Güter und besteige das +Schafott; starke Besatzung und schwere Kriegssteuer bändige den +Bürger; der Schrecken herrsche in Mailand!" Er suchte in der Miene +des Feldherrn zu lesen. + +Dieser stand ruhig. "Der Schrecken?" wiederholte er. "Niemals, +solange ich lebe und meinem Kaiser diene! Mailand ist Reichsgebiet, +und der Kaiser will nicht, daß das Reich mißhandelt werde. Wer +wünscht? Wer rät? Verschonet mich mit Räten und Wünschen, Moncada, +ich brauche sie nicht." + +"Hat der Herzog um Aufschub gebeten?" fragte Moncada mißtrauisch. + +"Nein, Ritter." + +"Durch seinen Kanzler?" + +"Der Kanzler der Hoheit von Mailand bewohnt seit heute diese Burg. +Eure Gnade kann ihn sprechen und sich bei ihm selbst erkundigen, Sie +wird ihm damit ein Vergnügen machen, denn ich fürchte, daß er sich +langweilt." + +"Erlaucht hat ihn nicht empfangen? Keine Neugierde läßt mich fragen, +sondern das Interesse der königlichen Sache, welcher wir alle hier +dienen." + +"Ich habe den Kanzler gesprochen, heute morgen, zwei Stunden." + +Diese Aufrichtigkeit setzte Moncada in Erstaunen, aber sie sagte ihm +nichts Neues. Er war durch die spähenden Ohren, welche er unter dem +Gesinde Pescaras besoldete, von der Ankunft und der Audienz Morones +genau unterrichtet. + +"Eine lange Beredung, da doch allein von der Unterwerfung des Herzogs +die Rede sein konnte." + +Pescara schwieg. Geheimer Abscheu, so schien es, verbot ihm, den vor +ihm Stehenden nur eines Wortes zu würdigen über das Nötige hinaus. + +"Ich wundere mich", sprach Moncada weiter, "daß Erlaucht nicht kurz +abgebrochen, und ich erstaune, daß Sie diesen Niederträchtigen +überhaupt empfangen hat, jetzt, da jene Verleumdungen über Erlaucht +Italien erfüllen." + +"Nicht weiter! Jedes Wort wäre eine Beleidigung und ein Zeitverlust! +Ich habe diese Lügen meinem Kaiser berichtet. Das genügt. Ich +kenne meine Feinde..." + +"Weise. Und ebenso weise, wenn Erlaucht Ihrer Unterredung mit Morone +unverdächtige Zeugen gegeben hätte." + +"Das geschah", erwiderte Pescara verächtlich. "Diese Herrschaften +hier." Bourbon und Del Guasto nickten. "Was aber den Inhalt der +Unterredung betrifft, nach welchem Ihr neugierig zu sein scheinet, so +werdet Ihr ihn der Antwort entnehmen, welche ich in Eurer Gegenwart, +wenn Ihr es wünscht, dem Kanzler morgen zu geben gewillt bin, bevor +er meinem Heerzug als ein Gefangener folgen wird. Hier in diesem +Saale. Nun aber lasse ich Euch." Und er entfernte sich in sein +inneres Gemach, wohin die drei andern ihm folgten. + +Moncada stand allein. "Eine Maske", überlegte er, "eine durchdachte +Maske. Welch ein Antlitz verbirgt sie?... Ich werde es wissen... +Du entrinnst mir nicht, ich umschwebe dich, Pescara!" Er ging +langsam weg in streitenden Gedanken. + +Während die drei Feldherrn drinnen den Krieg vorbereiteten, blieb der +Vorsaal eine Weile leer und unbehütet. Der Page Ippolito hatte sich +zu der Herrin hinübergeschlichen, deren Ankunft er belauscht hatte +und deren Schönheit und Leutseligkeit er kindlich bewunderte. Er +brannte, sie zu begrüßen und ihr seine Dienste zu bieten. Dann aber +bevölkerte sich der feierliche Saal mit einer lustigen Gesellschaft. +Die fünf silbergrauen Windspiele des Konnetabel, närrische, noch ganz +junge Tiere, hatten irgendeinen unbewachten Eingang in das Schloß +gefunden und beschnoberten jetzt die Spalten der Türe, hinter welcher +sie ihren Herrn vermuteten. Diese Rasse war Modesache. Nun kam auch +der Windhund des Marchese, ein edles Tier und ein unermüdlicher +Läufer, zu sehen, was es gebe, und war nicht sehr erbaut von dieser +leichtsinnigen Sippe, die ihm nicht in diesen ernsten Raum zu gehören +schien und der er knurrend sein Mißfallen kundgab. + +Siehe, da erschien noch ein zartes, zierliches Windspiel, ein +schneeweißes Geschöpf von den feinsten Formen, das auf schimmerndem +Silberhalsband die Inschrift trug: "Ich gehöre der Victoria Colonna." +Zuerst mit Freude und Bewunderung empfangen, wurde das schmucke +Spielzeug bald zu einem gejagten und gehetzten Wilde, hinter welchem +die ganze jugendliche Meute kläffend im Kreise herumfuhr. Da kam der +Page hereingesprungen, nahm das Eigentum der Herrin, welche ihn +danach gesendet haben mochte, in die Arme und flüchtete es aus dem +Tumulte, die wilde Jagd hinter sich ziehend, den besonnenen Läufer +des Pescara ausgenommen. In demselben Augenblicke trat Leyva aus dem +innern Gemache und beschleunigte die allgemeine Flucht, indem er dem +hintersten Hündchen des Konnetabel einen Tritt versetzte, daß es +winselnd durch die Luft flog. + +Der ergraute Feldherr hatte einen zornroten Kopf und ließ sich von +Pescara, der ihn geleitete, kaum mehr an der Hand zurückhalten. +"Leyva", sagte der Marchese, "ich bitte Euch, bleibt! Beherrschet +Euch! Ich kann Euch nicht zwingen, gegen den Herzog gerecht zu sein, +aber beobachtet wenigstens die Formen! Der Herzog benimmt sich +musterhaft gegen Euch, mit tadelloser Courtoisie, Ihr aber zoget ihm +die grinsende Miene eines Bauers, und jetzt lauft Ihr weg, ehe unsere +Beratung geschlossen ist. Das ist kein Betragen, wie es sich für +Eure Stellung und Euer Verdienst geziemt." "Ich konnte den Verräter +nicht länger ertragen, Pescara! Mit jeder Miene, jeder Bewegung hat +mich der Hochmütige beleidigt! Nichts als Hohn! Seine Kälte +verachtet mich, und seine Verbeugungen spotten meiner. Ich möchte +wissen, woher er das Recht nimmt, auf mich herabzusehen. Ich stehe +über ihm, trotz seiner hohen Geburt, denn meine Ehre ist rein, und +ich bin ein treuer Knecht meines Königs, den seinigen aber hat er +verraten! Er ist gezeichnet und sein glattes Gesicht garstiger als +meine Wunde hier! Doch nicht alle Fürsten verachten mich, es gibt +deren, die meinen Wert kennen. So dieser verständige Moncada, mit +dem ich gereist bin. Der wenigstens hat mich seines Vertrauens +gewürdigt." + +Pescara wurde sehr ernst. "Leyva", sagte er, "Ihr gebet mir die +Genugtuung, daß ich Euch immer für voll genommen habe. Ich frage +nicht nach der Geburt, sondern ich nehme den Menschen, wie ich ihn +erprobe. Habet Ihr mich je hochmütig gesehen oder kleindenkend +erfunden? Du hast nichts gegen mich, Alter", sagte er zutraulich, +"wir kennen uns." Er suchte mit den hellen grauen Augen die des +Mitfeldherrn, der sie ihm aber, den Kopf senkend, hartnäckig entzog. +"Nichts", murrte Leyva, "außer daß Ihr Freundschaft haltet mit dem +andern. Doch ich habe Eile: Erlaucht schickt mir die Instruktionen +nach. Ich besitze dergleichen gerne schriftlich. Leyva tut seine +Pflicht. Zählt darauf!" + +Der Feldherr ließ ihn gehen und streichelte nachdenklich den feinen +Kopf seines Windspieles, das ihm denselben in die Hand zu legen +gekommen war. + +Dann trat er in sein Gemach zurück, wo er Bourbon und Del Guasto in +einem aufgeregten Gespräche fand, wohl über den Kanzler, denn sie +deuteten mit den Blicken in der Richtung der Turmgemächer. Der +Feldherr lächelte. "Herrschaften", sagte er, "Ihr habet heute morgen +eine wunderbare Rede belauscht und--noch wunderbarer--diese Rede hat +mich nicht verführt, aber Euch, meine Zeugen. Meine Treue blieb fest, +und die Eurige wurde erschüttert, wie ich glaube: ein Triumph, den +der Kanzler nicht beabsichtigte, der ihm aber schmeicheln darf." + +Jetzt wendete er sich mit veränderter Miene gegen Del Guasto: "Don +Juan, ich sah Eure Augen habgierig nach Beute flammen. Danket es mir, +daß ich Euch nicht zu Worte kommen und Euern Herrn, den Kaiser, +verraten ließ. Denn gerade Ihr, Don Juan, müsset der Majestät +unverbrüchliche Treue halten, wenn Ihr nicht ein Verbrecher werden +wollet. Treue am Fürsten ist die einzige Tugend, deren Ihr zur Not +fähig seid, und der letzte Ehrbegriff, der Euch übrigbleibt. Sie +wird Eure Unerbittlichkeit adeln, wenn Ihr dieselbe gegen Abfall und +Empörung ausübet, und Eure grausamen Triebe werden der irdischen +Gerechtigkeit dienen. Nehmet das als meinen wohlgemeinten Rat, und +nun gehet und vermeidet heute die Augen Donna Victorias. Euer +Anblick ist ihnen verhaßt, sie können einen Mörder nicht ertragen." + +"Einen Mörder?" Don Juan lehnte sich auf. + +"Einen Mörder. Kennet Ihr Euer Opfer noch nicht? Ich nenne es Euch: +es ist Julia, die Enkelin meines Numa Dati, gestorben in Rom am +gebrochenen Herzen, und Ihr seid es, der sie umgebracht hat. Ihr +geschah wohl, aber das mindert Euren Frevel nicht im geringsten. +Fürchtet nicht, daß sie Euch erscheinen werde, sie ist versenkt in +die Ruhe und überläßt Euch den Furien Eurer Seele, zu früher oder +später Reue." + +Del Guasto erbleichte, und sein Haar sträubte sich wie ein Gewirr von +Schlangen. Nicht seine That erschreckte ihn, aber der furchtbare +Richterernst des Feldherrn, dessen vernichtende Strafgewalt von +jenseits des Grabes zu kommen schien. Er entwich bestürzt vor den +Blitzen dieses Auges. + +"Familienangelegenheiten", bemerkte Bourbon. "Aber weißt du, +Ferdinand, daß der Kanzler mich mehr, als du denkst, begeistert hat? +Trotz seiner Schmähungen--er ist der einzige, dem ich nichts +übelnehme--war er auf dem Wege, mich völlig zu betören, oder vielmehr, +du hast mich betört, da du sagtest, ich sei dein Alterego und du +würdest mir Mailand geben. Du hast dich über mich lustig gemacht, +und ich Stumpfsinniger habe den Spaß nicht verstanden." + +"Vergib, Karl! Ich war neugierig, ob der Kanzler seinem Herzog Treue +hielte. Aber glaube mir, Karl, auch dir bleibt nichts als die Sache +des Kaisers. Der Niedergang Italiens ist unaufhaltsam, es unterhöhlt +sich selbst. Besieh dir doch die Sache: Italien bietet sich mir +flehend und bedingungslos, mit einem Schein von Wahrheit und Größe, +und zugleich zieht es mir mit vollendeter Tücke den Boden unter den +Füßen weg, um mich zum Sprung über den Abgrund zu zwingen. Ich +begreife bei solchen Gerüchten und Verleumdungen, daß mir Madrid +einen Aufseher und Belauscher sendet. Aber warum meinen Feind? +Warum Moncada? Zwar er wird mir nichts anhaben, und ich werde mein +Tagewerk zu Ende bringen, und dir, Karl, werde ich geben, was ich +kann, mein Amt und meine Nachfolge... Nicht wahr, Karl, du bist +gerecht in Italien? Du quälst es nicht? Du drückst es nicht über +das Maß? Das gelobst du mir. Obwohl sie es nicht um mich verdient +haben. Ich kenne dich: du gehst menschlich mit ihnen um." + +"Ausgenommen mit dem Heiligen Vater, der schlecht von mir gesprochen +hat. Aber, Ferdinand, was redest du? Du erschreckst mich! Wir sind +gleichen Alters, und eine Kugel kann mich vor dir oder uns beide +zusammen niederstrecken. Dieser Moncada ist über dich gekommen wie +ein Frost, ich sah dich zusammenschauern. Was liegt zwischen Euch?" + +Jetzt ging die Sonne unter, und es klopfte leise an der Türe. Der +eintretende Ippolito wendete sich flehend gegen seinen Herrn: +"Erlaucht lasse Madonna nicht warten. Die Tafel drüben ist gedeckt, +und Madonna steht harrend auf der Terrasse, wenn sie nicht die Stufen +herabsteigt." + +"Gehe, mein Kind, und sage ihr, ich komme." + +"Das tue ich nicht", versetzte Ippolito mit anmutigem Trotze, "sonst +läßt sich Erlaucht mit Hoheit wieder in ein endloses hochpolitisches +Gespräch ein, und die süße Frau wird vergessen." + +Der Feldherr litt den Knaben neben sich, und die Unterhaltung mit dem +Herzog fortsetzend, um dessen Schulter er vertraulich den Arm +geschlungen hatte, bediente er sich der spanischen Sprache, von +welcher er wußte, daß sie von dem Pagen nicht verstanden wurde. "Was +zwischen mir und Moncada liegt, Karl? Etwas Entsetzliches, ein +Verdacht, der für mich eine Wahrheit ist, für welchen ich aber keinen +Beweis habe als meine Überzeugung. Ich glaube, ja ich bin gewiß: +dieser Mensch hat meinen Vater umgebracht." Er glättete die Locken +des Kindes, das mit unschuldigen Augen zu ihm emporblickte. + +"Es war nach der Wende des Jahrhunderts und ich wie dieser hier, +jedenfalls nicht älter. Mein Vater, ein guter Feldherr und ein +besserer Mann als ich, ein treuherziger Mann, ging in Sendung des +damaligen Vizekönigs, des großen Gonsalvo, der später den spanischen +Undank so grausam erfuhr, nach Barcelona, wo der alte Ferdinand eben +hofhielt. Dort erblickte er den letzten Sprossen unsers +neapolitanischen Fürstenhauses, jenen unglücklichen Jüngling, der +unter dem argwöhnischen Auge Ferdinands welken mußte, mit einem +unfruchtbaren Weibe verheiratet. Arglos und unklug, wie der Vater +war--ich sage dir, es gab keinen schlichtern Mann--, ließ er sich mit +dem entthronten Prinzen in ein teilnehmendes Gespräch ein und +besuchte ihn dann zuweilen im Palaste. Das reichte hin, ihn dem +Könige verdächtig zu machen, und dieser Verdacht genügte, um ihm das +Leben abzusprechen. + +Ich erzähle dir die Sache, wie ich sie nachher erforscht und +zusammengebracht habe, da, bei reiferm Verstande und erlangter +Menschenkenntnis, die Vergangenheit Sinn und Bedeutung für mich +gewann. Es ist höchst wahrscheinlich, daß der König selbst sein +Opfer bezeichnete, wenn auch nur mit einem halben Wort oder einer +kurzen Gebärde. Die Ausführung seines geheimen Spruches aber +übernahm ein junger Mensch, den er um sich hatte und von dem es hieß, +daß er sein natürlicher Sohn sei. Der junge Moncada, kein anderer, +begegnete meinem Vater, der von dem Prinzen zurückkam, in einer +Galerie des Schlosses und stieß ihn nieder. Kein Zweikampf, sondern +ein Meuchelmord, denn die Rechte des Vaters war durch eine alte +Verwundung gelähmt. Und Pescara fiel unschuldig, so wahr ich dich +umschlungen halte, denn nichts lag dem Redlichen ferner als Intrige +und Verschwörung. Ist das nicht verrucht? Und vielleicht glaubte +der junge Moncada eine Pflicht zu erfüllen und als guter Christ zu +handeln, da er dem Wink einer Königsbraue gehorchte. Ist das nicht +abscheulich? Wäre so etwas bei euch möglich, Karl?" "In Frankreich? +Je nachdem. Doch nein, so einfach nicht." + +"Nach Jahren, da ich meine ersten Sporen verdient hatte, treffe ich +den Moncada im Zelte meines Feldherrn und Schwiegervaters, des +Fabricius Colonna. Er umarmt mich, nennt mich seinen jungen Helden, +den aufgehenden Stern und die Hoffnung Spaniens, und sein Blick +gleitet mit ruhiger Beobachtung über meine Züge. Er versichert mir, +ich gleiche meinem Vater, den er gekannt habe, und das Blut erstarrt +mir in den Adern, denn ich hatte die Gewißheit, daß mich der Mörder +Pescaras liebkosend in den Armen halte." + +"Du ließest ihn gehen?" + +"Am Abende jenes Tages ging ich, ihm das Leben zu nehmen oder ihn das +meinige nehmen zu lassen. Er war verschwunden. Ich konnte ihn nicht +verfolgen. Wo hätte ich die Zeit dazu genommen, immer im Zelte und +in der Mitte der Entscheidungen, wie ich lebte? Aber der Geist des +gemordeten Vaters folgte mir überall. + +Später erfuhr ich, der Verhaßte habe sich in irgendeine Kartause +geworfen, um eine Sünde zu büßen. Dann ist er jenseits des Meeres, +in Kuba, wieder aufgetaucht, wo ihm König Ferdinand reiche +Besitzungen verlieh, und hat den kühnen Cortez nach Mexiko begleitet. +Ich denke, um den ehrgeizigen Eroberer zu überwachen: denn Moncada +lebt in den Gedanken und Plänen seines Vaters und ist im +Zusammenhange mit jener fanatischen spanischen Partei am kaiserlichen +Hofe, welcher die Burgunder und Niederländer glücklicherweise die +Waage halten. Über das Meer zurückgekehrt, hat er sich ein Verdienst +daraus gemacht, durch sein verborgenes Wirken Neuspanien der Krone +erhalten zu haben, und steht in halb gefürchtetem Ansehen, auch bei +dem Kaiser, seinem Neffen. Jetzt ist er in Italien, um mich zu +unterjochen oder zu verderben. Das ist Moncada." + +"Weißt du, Ferdinand", sagte Bourbon, der aufmerksam gelauscht hatte, +"ich hätte dir längst gern einen Gefallen gethan. Räche ich dir den +Vater und schaffe dir zugleich den Feind vom Halse? Nicht durch +Meuchelmord, das ist nicht meine Art, sondern in geregeltem Duell, zu +welchem ich schon einen Anlaß finde. Ich gefährde mich nicht, denn, +ohne dir nahezutreten, du gibst zu: wir Franzosen fechten besser als +ihr Spanier. Du bleibst außer Spiel, und mich schützt meine +fürstliche Geburt. Willst du? Ich bin zu deiner Verfügung." + +Da antwortete Pescara mit fast verklärten, bläulich schimmernden +Augen: "Nein. Es ist zu spät. Ich denke jetzt anders und gebe den +Mörder der ewigen Gerechtigkeit." + +Bourbon blickte erstaunt. Pescara aber nahm Ippolito an der Hand und +sagte: "Nun dürfen wir Madonna Victoria nicht länger warten lassen." + +Er gab dem Herzog den Vortritt. Auf der Wendeltreppe fragte er den +Knaben: "Die Herrin ist dir schon so lieb, die du heute zum ersten +Male gesehen hast?" + +"Sie war gleich so gütig", erwiderte Ippolito, "und ihr sah die +Schwester ähnlich, die ich jetzt nicht mehr sehen soll"--helle Zähren +rieselten ihm über die Wange--"weil sie, wie mir der Großvater +erzählte, in einem römischen Kloster ist und dort die Gelübde +abgelegt hat. Und sie war sonst so fröhlich, die Julia, aber +freilich, in der letzten Zeit ist sie sehr still geworden. Wie mag +sich die Schwester so jung begraben!" Er sagte das, während sie ins +Freie traten. + +"Ich flehe, mich der erleuchten Frau vorzustellen", bat der +Konnetabel. "Jüngst fand ich, ein Buch öffnend, die Natur habe das +Herrlichste gebildet und dann die Form zerbrochen, damit Victoria +Colonna einzig bleibe. Ihr gönnet mir den Anblick?" + +Sie beschritten den langen Zypressengang, und jetzt gewahrten sie in +einiger Entfernung einen bewegten Auftritt: eine vorwärts strebende +weibliche Gestalt riß sich von einem Manne los, der ihr zu Füßen lag. +In demselben Augenblicke schrie Ippolito: "Dort ist der böse +Zauberer, er will der Herrin ein Leides thun!", und eilte +spornstreichs Donna Victoria zu Hilfe, während der Kanzler von den +Knien aufsprang und hinter einer Lorbeerhecke verschwand. + +Die Befreite eilte dem lächelnden Gemahl mit schnellen Füßen entgegen +und mit einem so jungen und kräftigen Erröten, daß Pescara sie +niemals schöner gesehen zu haben glaubte. Während ihr Gewand noch +flog, sagte die nicht einmal außer Atem Gekommene. "Ein Flehender +hat mich überfallen und beschworen, seine Sache bei Euer Erlaucht zu +führen: er bittet, ihn nicht allzulange auf Bescheid harren zu lassen, +da er sich in Zweifel und Erwartung verzehre." + +"Er hat seine Fürbitterin gut gewählt, Madonna", versetzte der +Feldherr, "aber alles zu seiner Zeit. Jetzt gestattet, daß ich Euch +die Hoheit Bourbon vorstelle." + +Victoria, lebhaft wie sie war, verbarg einen Ausdruck frauenhafter +Teilnahme nicht. + +Der Herzog ließ nicht im geringsten merken, daß ihn der kniende +Kanzler belustigt hatte. Er verneigte sich ehrerbietig und hielt +sich fein und stolz aus Rücksicht für Pescara und im Bewußtsein +seines schmachvollen Ruhmes, das ihn nie verließ. Er bewunderte die +Schönheit Viktoriens, ohne sein dunkles Auge auf ihrem Antlitz oder +ihrem Wuchse ruhen zu lassen. Er schmeichelte nicht, er streute +keinen Weihrauch, sondern er sagte einfach: "Ich freue mich, Madonna +Victoria zu erblicken, die Gattin meines Freundes, des Marchese, und +huldige ihr nach Gebühr." Dann verwickelte er sie, zu ihrer Linken +gehend, in ein leichtes und gefälliges, aber unbedeutendes Gespräch, +und da sie ihn zur Tafel bat, bedankte er sich und schied unten an +der Treppe des Landhauses mit ruhiger Höflichkeit. Victoria, so +bescheiden sie war, hatte mehr erwartet, schon aus Gewöhnung, denn +ihr pflegte von den Berühmtheiten der Zeit auf das übertriebenste +gehuldigt zu werden. Doch sie verwand leicht und belächelte ihre +Enttäuschung, mit dem Feldherrn die Stufen hinansteigend in der schon +wachsenden Dämmerung. + +Die Mahlzeit war kurz, wie Pescara es liebte. Victoria ließ es sich +nicht nehmen, selbst dem Gemahl die Speisen vorzulegen, er aber +rächte sich beim Nachtisch. Zwischen Eis, Früchten und Naschwerk +erblickte er eine von seinem Zuckerbäcker kunstvoll geformte +Mandelkrone. "Siehe da", scherzte er, "etwas für meine ehrgeizige +Victoria!" Er bot sie ihr, deren Herz zu pochen begann. + +Sie erhoben sich und betraten das Nebenzimmer, das eine schwebende +Ampel gleichmäßig erhellte und in seinem noch frischen Schmucke +schimmern ließ. An den Wänden liefen Kinder mit Blumenkränzen, +während das Lattenwerk der Decke in seinen Feldern grau auf Goldgrund +gemalte Heroenbüsten zeigte, eine willkürlich gewählte Gesellschaft, +auf den vier ampelhellen Mittelfeldern: Äneas, König David, Herkules +und Pescara. Das ganze Gerät war ein Ruhebette, dessen Rücklehne in +ihrem Kastanienholze mit ausgebrochenen Lettern die Schrift trug: +"Hier muß man plaudern." + +"Wie kommt es", fragte Victoria, sich neben Pescara niederlassend, +"daß mir der Konnetabel trotz seiner feinen Art einen unangenehmen +Eindruck macht, daß er mich--geradeheraus gesagt--abstößt?" + +"Der Arme!" scherzte Pescara. "Mars und Muse, Rauheit und Anmut, der +garstige Leyva und die schöne Victoria fühlen sich gleicherweise von +dem Kapetinger beleidigt, der sich doch gegen beide unsträflich +benommen hat, wie ich bezeugen kann. Da muß sich etwas zwischen ihn +und jeden andern, wer es sei, einschleichen, und ich glaube wohl, +dieser entstellende Dunst und verhäßlichende Nebel ist sein Verrat +oder welchen Namen man dem Abfall von seinem Könige geben will." + +Eine leichte Blässe überzog das Antlitz Victorias. + +"Verrat..." Pescara dehnte die zwei Silben des Wortes. "Es ist +begreiflich, daß ein edles Weib diese Sünde verabscheut. Ob ich +meinem Fürsten Treue breche oder meinem Freunde oder meinem +ahnungslosen Weibe oder selbst meinem Mitschuldigen, alles das sind +Spielarten derselben Gesinnung... Schon dein finsterer und großer +Dichter, aus welchem du deine Seele erneuerst, wertet den Verrat als +die schwerste Schuld, da ja in seiner Giudecca sein Zerberus oder +Luzifer in jedem der drei Rachen einen Verräter zermalmt. Den ersten +weiß ich: es ist jener, der den Heiland geküßt hat. Wer aber sind +die zwei andern: die, welche Luzifer an den Füßen gepackt hält und +die das Haupt nach unten schweben? Das ist mir in diesem Augenblicke +nicht erinnerlich. Sprich doch die Stelle, du weißt ja die hundert +Gesänge auswendig." Victoria rezitierte: + +"Degli altri due, ch' hanno il capo di sotto, +Quel, che pende dal nero ceffo, è Bruto: +Vedi come si storce, e non fa motto: +E l'altro è Cassio, che par sì membruto*1*)." +---------------- +Hier windet Brutus sich mit festem Schweigen, +Und aus dem dritten Maul hangt Cassius nieder, +An dessen Leib sich alle Muskeln zeigen. +---------------- + + +Behaglich plauderte der Feldherr weiter: "Dieser schweigend sich +windende Brutus ist gut, doch--mit der schuldigen Ehrfurcht--den +dürren Cassius, dessen Magerkeit Julius Cäsar fürchtete, wie kann ihn +Dante muskulös nennen? Überhaupt, Victoria, wie gefällt dir diese +Speise des Zerberus?" + +Da antwortete Victoria tapfer: "Herr, die Mörder Cäsars gehören nicht +in die Hölle. Hier tadle ich meinen Dichter." + +"Beileibe nicht!" neckte Pescara. "Und doch, brav, meine Römerin! +Treue ist eine Tugend, aber nicht die höchste. Die höchste Tugend +ist die Gerechtigkeit." So schaukelte Pescara sein Weib über dem +Abgrund und dem Geheimnis seiner Seele und hinderte sie, Fuß zu +fassen, die mit dem ganzen Ungestüm ihres Wesens Boden suchte, den +Sieg erstrebend, den zu erringen sie nach Novara geeilt war. Auf +immer neuen Wegen verfolgte sie das Ziel, von welchem Pescara sie +ferne hielt. Jetzt hatte sie die Eingebung, den größten lebenden +Patrioten Italiens zu Hilfe zu nehmen. + +"Ich mußte mich immer wundern, Pescara", sagte sie, "daß du, wie du +bist, unter unsern Bildnern und Dichtern die lieblichen den +gewaltigen vorziehst, den Ariost und Raffael dem erhabenen Dante und +seinem späten, aber ebenbürtigen Bruder, dem Buonarotti--du selbst +aber bist eine tiefe und verborgene Natur." + +"Ebendarum, Victoria, wenn ich es bin. Die Kunst ist eine Ergötzung. +Was aber deinen Michelangelo angeht, so mache mich nur nicht +eifersüchtig auf den Zyklopen mit dem zertrümmerten Nasenbein, da du +ihn so sehr bewunderst." + +Victoria lächelte. "Ich habe sein Angesicht nie gesehen und kenne +nur seine Sistine." + +"Die Propheten und Sibyllen? Diese habe ich vor Jahren auch +betrachtet und aufmerksam, doch sind sie mir wieder verschwommen, bis +auf ein paar Einzelheiten. Zum Beispiel der Mensch mit gesträubtem +Haar, der vor einem Spiegel zurückbebt--" + +"Worin er die Drohungen der Gegenwart erblickt", ergänzte sie erregt. + +"Und dann die Karyatide, von einer ungeheuren Last zusammengedrückt, +das kurze, viereckige, jammervolle Geschöpf! Das häßlichste Weib +ohne Frage, wie du das schönste bist--" + +"Eine Vergewaltigte, eine Unterjochte, eine Sklavin--" + +"Nun tauchen mir auch die Propheten wieder auf: der kahle Sacharja, +oder wer es sein mag, ein Bein oben, eines unten, der scheltende +Hesekiel im Turban, Daniel schreibend, schreibend, schreibend. Auch +die Sibyllen: die gekrümmte Alte mit der Habichtsnase, die glimmenden +Augen in ein winziges Büchlein vertieft, mit der Nachbarin, die sich +Öl in die erlöschende Ampel gießen läßt, und, die schönste von allen, +die Jugendliche mit dem delphischen Dreifuß. Alles in rasender +Tätigkeit. Was soll dieser Sturm? Was predigen und weissagen diese?" + +Da rief Victoria in flammender Begeisterung, als säße sie selbst im +Rate der Prophetinnen: "Sie bejammern die Knechtschaft Italiens und +verkündigen den kommenden Retter und Heiland!" + +"Nein", urteilte Pescara streng, "die Stunde des Heils ist vorüber. +Nicht Gnade verkündigen sie, sondern das Gericht." + +Victoria erbebte, aber schon wieder war der strafende Ernst aus den +Zügen Pescaras gewichen. "Verlassen wir jene prophetische Kapelle", +sagte er schmeichelnd, "und eine Kunst, die erschreckt und +erschüttert. Mich aber darfst du nicht gemeint haben, da du von +einem Heiland Italiens sprachest, obwohl ich freilich die Seitenwunde +schon besäße", schloß er mit einem jener herben Scherze, welche ihm +eigentümlich waren. + +Die ganze Zärtlichkeit Viktoriens überquoll, da Pescara jene Wunde +nannte, welche ihre Tage und Nächte beschäftigt hatte, bis er ihr +schrieb, sie habe sich geschlossen. Das liebende Weib umschlang ihn +mit der Linken, und mit der Rechten strich sie ihm die rötlichblonden, +vorne leicht gelockten Haare tief in die Stirn, so daß er im +Ampellicht und in ihrer wonnigen Nähe ein ganz jugendliches Ansehen +gewann. + +Da überkam sie eine Erinnerung an einen zusammen verlebten, nicht +allzufernen Tag. Es war in der Nähe von Tarent, auf einer ihrer +Besitzungen. Dort hatten sie, freilich erst nach dem völligen +Untergang einer sengenden Erntesonne, unter dem verglühenden +Abendhimmel neben ihren noch rüstigen Schnittern zur Sichel gegriffen +und sich jedes seine Garbe gebunden. Wieder sah sie den Feldherrn +lässig auf der seinigen liegen, während sie die Schnittermädchen, +leicht improvisierend, eine neue Kantilene lehrte nach dem Muster der +dort im Süden gebräuchlichen, die dann das junge Volk bis in die +Nacht zu wiederholen nicht müde wurde. Jenen Abend brachte sie jetzt +dem Feldherrn ins Gedächtnis. + +Es freute ihn. "Weißt du jenes Liedchen noch?" fragte er. + +"Wie sollte ich?" + +"Nun, es gab da einen Reim: Schnitter und Zither. Sonst sagte das +Liedchen nichts weiter, als daß, wie auf dem Felde, auch im Himmel +gesungen und die Garbe getragen werde. Das bescheidene Liedchen +klingt vielleicht noch im Munde des Volkes, wenn ich und später auch +du längst verstummt sind, und, aufrichtig, es gefällt mir besser als +ein mir neulich übersendetes Sonett, in welchem du feierlich zu mir +redest. Ruhig, Victoria! Es ist nicht von dir. Ich weiß, daß es +nicht von dir ist." + +Sie loderte vor Zorn. "Wer erkühnt sich", rief sie aus, "meine Maske +zu nehmen und in meinem Namen zu dir zu reden? Wer ist der Freche? +Wo ist das Machwerk, daß ich es zerreiße!" + +"Oh, das wäre schade. Es sind Verse, die dir keine Schande machen. +Hier." Der Feldherr zog ein Blatt aus dem Busen. Sie entriß es ihm +und trat unter die Ampel. Mit wogender Brust und hastigen Lippen +begann sie: + +"Victoria an Pescara. + +Ich heiße Sieg, Pescara, und ich kröne +Mit Lorbeer deine Schlachten und Gefechte, +Doch wehe mir, wenn ich die Heimat knechte, +Mißbrauchend meines Namens stolze Töne. + + +Da ich mich dir vermählt in Jugendschöne, +Aus Römerblut und fürstlichem Geschlechte, +Gab ich dir in Italien Bürgerrechte +Und brachte dir die Liebe seiner Söhne. + + +Ich komme, Lohn zu fordern für ein Leben, +Nur dir geweiht in hellem Opferbrande! +Mein Held, was wirst du deinem Weibe geben? + +Ich weiß die Geister, welche dich umschweben! +Zerschneidend mit dem Schwert Italiens Bande, +Belohnst du mich mit meinem Vaterlande!" + + +Nie verwandelte sich eine Stimmung seltsamer unter dem Eindruck eines +Gedichtes: unmutig hatte die Colonna das Blatt ergriffen, bald +besänftigte sie sich, dann sprach sie innig, und die letzten Zeilen +jubelte sie hingerissen. Jetzt bekannte sie offen: "So bin ich und +solches hoffe ich, wenn ich dieses auch nicht geschrieben habe!" + +Pescara blickte spöttisch. "Das Sonett", sagte er, "hat sich auf +deinen Lippen wunderbar veredelt, aber es ist innerlich hohl und +stammt aus einer niedrigen Seele. Liebe fordert keinen Lohn, Liebe +gibt sich umsonst, Liebe rechnet nicht. Solches ist gemein. Nein, +so kann Victoria nicht denken. Ein Mietling hat diese Verse gemacht, +und ich weiß seinen Namen. Seine ungeheure Eitelkeit hat ihn +gezwungen, die Maske frech zu lüften. Sieh her." Pescara wies mit +dem Finger auf zwei winzige Buchstaben, ein P und ein A, in die +untere rechte Ecke des Blattes gekritzelt. "Auch ein Göttlicher, wie +er sich nennt! Ich sehe den Aretiner mit seinem Zeltgenossen, dem +Giovanni Medici, dem zügellosesten Jüngling Italiens, weintriefend +und witzereißend zusammensitzen und höre ihn lästern: 'Glaube mir, +Hans, es ist kein leichtes, sich in die göttliche Victoria +hineinzudenken!' Und ein faunischer Jubel. Der Aretiner lacht, daß +er fast mit dem Stuhl überschlägt, er schüttelt sich, er lacht aus +vollem Halse--" + +"Bräche er ihn, der Schamlose!" schluchzte Victoria; denn Petrus +Aretinus und sein Wesen waren schon damals weltkundig. + +"Brav, meine Römerin!" begütigte Pescara. "In einem aber hat er +recht, Geliebte: dein Vorname hat schon den Bräutigam begeistert. Es +ist schön, mit dem Siege vermählt zu sein." Aber die Colonna +verstand keinen Scherz mehr. Sie war in den Tiefen ihrer Seele +aufgewühlt, in den Wurzeln ihres Wesens erschüttert, voller Tränen +und zugleich voller Glut und Leidenschaft. "Doch in dem andern hat +er unrecht!" redete sie heftig. "Ich weiß nicht, auf welchen Geist +du lauschest, und mühe mich umsonst, in deinem Herzen zu lesen! Du +spielst mit deinem Weibe! Du umarmst mich und du drückst mich weg! +Hast du Grausamer mich doch nicht einmal meine Botschaft ausrichten +lassen, die ich dir bringen wollte in dem Jubel meines Herzens!" + +"Weil ich sie erriet. Ich tadle den Heiligen Vater, mein edles Weib +zur Dienerin mißbraucht und dir, der Wahrhaften, eine Botschaft +aufgelistet zu haben, eine Botschaft seiner und deiner unwürdig, +voller Lüge und Sophismen, welche ich, in den nächsten Tagen schon, +ihn nötigen werde zu widerrufen und zu verleugnen. Die Heiligkeit +gibt mir Neapel, wenn ich es erobere, und absolviert mein Gewissen, +wenn ich es abstumpfe. Ich aber glaube nicht an ein solches Binden +und Lösen, nicht in weltlichen Dingen, weder ich noch irgendein +anderer mehr, und", sagte er höhnisch, "auch in geistlichen nicht. +Das ist vorbei, seit Savonarola und dem germanischen Mönche." + +"Und mein Italien, das du wie ein Magnet anziehst, lässest du es an +dir scheitern? Achtest du es für nichts? Verachtest du es?" schrie +Victoria verzweifelnd. + +Der Feldherr erwiderte sanft: "Wie dürfte ich ein Volk verachten, das +mir dich gegeben hat? Aber ich will dir nicht verhehlen: Italien +redet umsonst, es verliert seine Mühe. Ich kannte die Versuchung +lange, ich sah sie kommen und sich gipfeln wie eine heranrollende +Woge und habe nicht geschwankt, nicht einen Augenblick, mit dem +leisesten Gedanken nicht. Denn keine Wahl ist an mich herangetreten, +ich gehörte nicht mir, ich stand außerhalb der Dinge." + +Victoria entsetzte sich. "Wie? Bist du kein Mensch? Bist du ein +Geist ohne Fleisch und Blut? Betrittst du den Boden nicht, über den +du wandelst?" + +"Meine Gottheit", antwortete er, "hat den Sturm rings um meine Ruder +beruhigt." + +Da flehte Victoria: "Deine Gottheit?", und sie umschlang ihn mit +beiden Armen, "ich lasse dich nicht, du nennest mir denn deinen Gott!" + +Pescara löste sich sachte und erwiderte mit schmerzlichen Augen: +"Wenn du es verlangst, aber komm mit mir in den Garten, ich muß Luft +schöpfen." + +Da sie auf die Terrasse traten, standen alle Sterne über ihnen, und +drüben im alten Schlosse erblickten sie noch ein einsames Licht von +irdischer Farbe. "Dort", sagte sie mitleidig, "ist der Kanzler +schlummerlos und verzehrt sich in Angst und Hoffnung." + +"Ich glaube nicht", versetzte Pescara, "eher hat er sich mit einem +Mutwillen oder einer Nichtswürdigkeit in den Schlaf gelesen, und +seine niederbrennende Ampel leuchtet den Wänden." Er hatte es +erraten. Nach qualvollen Stunden hatte sich Morone mit einem Catull +eingeschläfert. + +Der Feldherr nahm seinen Weg nach dem Boskette mit den weißen +Marmorbänken, wo er zu ruhen pflegte. Sie saßen unter dem dunkeln +Laubdache, Hand auf Hand. + +Da flüsterte Victoria: "Nun rede!" Der Feldherr aber schwieg. + +Tritte nahten, und eine andere Bank füllte sich mit Geflüster. +"Steht es wirklich so mit dem Feldherrn, Moncada? Ich habe Mühe, es +zu glauben." + +"Auch ich glaube es noch nicht, Leyva, aber ich forsche. Erlange ich +Gewißheit, so trete ich hervor, und wir handeln. Der König darf sein +Heer in Italien nicht verlieren." + +"Ihr meint?" + +"Du ziehst deine Truppen zusammen, und wir verhaften ihn." + +"Er wird sich zur Wehre setzen." + +"Dann fällt er." + +"Und die Majestät?" + +"Besorge nichts, die Majestät bedarf unser, wir beherrschen sie. +Verweigerst du mir deine Hilfe, so muß ich ihn durch eine gedungene +Hand töten lassen. Kann ich auf dich zählen?" + +"Ihr dürft... eine schwere That..." Da zog ihn der andere fort. "Mir +ist", sagte er, "ich habe hier atmen hören." + +Wirklich, die feuchte Nachtluft drückte den lauschenden Feldherrn und +benahm ihm den Atem. Er keuchte leise. Jetzt sagte auch er: "Gehen +wir. Tau fällt, und Verderben brütet in der Luft." Sie drängte sich +an ihn. + +Drei Hornstöße ertönten, vom alten Schlosse her. + +"Ein Kurier. Ich werde heute noch zu lesen haben." + +"Ferdinand", flehte sie, "du bist umlauert. Du wirst dem Kaiser +verdächtig. Du bist verloren! Wirf dich Italien in die Arme! Da +ist dein Heil und deine einzige Rettung!" + +"Ich fürchte nichts", sagte er. "Der Weg ist dunkel, aber meine +Zuflucht ist offen." + +Jetzt standen sie in der kleinen Halle des Landhauses, und Pescara +weckte den auf einem Schemel schlummernden Ippolito. "Geh hinüber", +befahl er, "und bringe, was eben angelangt ist." Dann sagte er zu +Viktorien: "Ich meine, es ist von Madrid, vielleicht eine Zeile der +Majestät selbst, die mir zuweilen schreibt, ohne das Wissen ihrer +Minister. Ich bin doch begierig." + +Jetzt schlug die Turmuhr des alten Schlosses Mitternacht, müde und +zitternd, mit so weit ausholenden Schlägen, daß je zwischen zweien +ein Leben Raum zu haben schien. Der zwölfte Schlag--unwiderruflich. + +Ippolito kratzte an der Tür und brachte ein Paket, das der Feldherr +öffnete. Es enthielt, neben einigen andern Briefschaften, einen +Kaiserlichen Erlaß, welcher den Marsch auf Mailand guthieß und den +Oberfeldherrn bevollmächtigte, in der genommenen Stadt durchaus nach +seinem Ermessen und gemäß den Umständen zu verfahren. + +"Alles?" fragte Pescara. + +Da bog der Knabe ehrfürchtig das Knie, überreichte ein Briefchen, +welches er dem Kurier mit Not abgerungen hatte, und entfernte sich. +Es war überschrieben: "In die eigenen Hände des Marchese." + +"Vom Kaiser", sagte Pescara und öffnete. "Da, Victoria, lies vor. +Er schreibt so kritzlig." Sie gehorchte. Es war nicht viel, wenige +Zeilen, und lautete: + + +"Mein Pescara! + +Ich bin es, der diese Vollmacht durchgesetzt hat gegen meine Minister. +Ihr habet viele Feinde. Hütet Euch vor Moncada. Ich aber bin +gläubig an Euch, denn ich habe für Euch gebetet und sah einen Engel, +der Euch an der Hand hielt. Ich traue. + +Ich Euer König." + + +Pescara lächelte mühsam. "Karl traut zu leicht", sagte er. "Das +könnte ihn zu Schaden bringen mit einem andern, als ich bin. +Aber--seltsam--er hat meinen Genius erblickt." + +"Jetzt nenne mir deine Gottheit!" flehte Victoria. "Ich beschwöre +dich, Pescara, nenne sie mir!" + +"Ich glaube, da ist sie selbst", keuchte er heiser. Immer schwerer +begann er zu atmen, er stöhnte, er ächzte, er röchelte. Ein +furchtbarer Krampf beklemmte seine Brust. Er sank, mit der Hand nach +dem gepeinigten Herzen langend, auf die Ottomane und rang nach Atem. +Da kniete sich Victoria neben ihn nieder, hielt und stützte ihn mit +ihren Armen und litt mit ihm. Sie wollte Ippolito rufen und den +Knaben nach seinem Großvater, dem Arzte, schicken, er verbot es mit +einer Gebärde. Endlich entschlummerte er, aufs tiefste erschöpft, +nachdem Victoria geglaubt hatte, er stürbe ihr. Da sie sich der +Tränen gesättigt, entschlummerte auch sie. Dann erlosch die Ampel. + +Als Victoria erwachte, lag ihr Haupt auf einem leeren Pfühle, und +durch das geöffnete Fenster strömte die Morgenluft. Sie sprang auf, +den Gatten zu suchen, und fand ihn, der die Terrasse auf und nieder +schritt und den der Schlummer erfrischt und wie neu belebt hatte. +Sie wurde ungläubig an den nächtlichen grausamen Kampf in ihren Armen, +er war ihr wie ein Traum. + +Da begann Pescara: "Gestern, liebe Herrin, habet Ihr mich um den +Namen meines Genius befragt, und mir bangte, ihn vor Euch +auszusprechen. Endlich hättet Ihr mir mein Geheimnis fast entrissen, +denn es ist schwer, einem geliebten Weibe etwas vorzuenthalten. Da +erschien er selbst und berührte mich. Ihr kennet ihn nun, und der +gefürchtete Name bleibe unausgesprochen. Keine Tränen! Ihr habet +sie gestern vergossen. Sondern saget mir jetzt, wohin wünschet Ihr +Euch zu begeben, während ich das Heer des Kaisers gegen Mailand +führe?" + +"Wie konntest du es mir so lange verbergen, Ferdinand?" + +"Zuerst--nicht lange--verheimlichte ich es mir selbst... doch nein, +ich wußte mein Los schon am Schlachtabend von Pavia. Mit jener +blutigen Wintersonne bin ich untergegangen. Meines Zieles und meiner +gezählten Tage gewiß, wie hätte ich die deinigen vorzeitig +verfinstern dürfen? Du sagtest mir zuweilen, es sei grausam, eine +süß Schlummernde zu wecken, und littest es nicht. Ich aber bin nicht +grausam." "Du bist es", erwiderte sie, "sonst hättest du mich nicht +so bitter getäuscht, sondern mich gerufen und dich von mir pflegen +lassen." + +"Niemand durfte darum wissen", sagte er. + +"Und dein Arzt? Der mußte es wissen, und ich zürne ihm, daß er mich +belogen hat, da ich an ihn schrieb und ihn beschwor, mir die Wahrheit +zu sagen!" + +"Der arme Numa!" sagte der Feldherr. "Er ist schon unglücklich genug, +daß er mich nicht heilen kann. Er riet mir damals eine lange Ruhe +auf Ischia, ich aber sagte ihm: Es ist umsonst. Doch wozu dies +alles?... Wohin gedenkst du zu gehen, Victoria?" + +"Nein, Ferdinand, sprich! Verheimliche mir nichts mehr!" + +"Es ist umsonst, sagte ich ihm, die Lunge ist durchbohrt und das Herz +leidet. Friste mich, Numa! Ziehe mich hinaus, in den Sommer, in den +Herbst, bis zu den ersten Flocken! So viel Zeit brauche ich, meinen +Sieg zu vollenden. Und vor allem, sagte ich, halte reinen Mund! +Niemand erfahre unser Geheimnis! Es würde die Kräfte des Feindes +verdreifachen und mich und mein Heer verderben. Noch einmal, +schweige! Ich will es! gebot ich ihm... Und ich habe das Leben +geheuchelt, so gut, daß mir Italien den Brautring bot!" Er lächelte. +"Und ich werde noch einmal zu Pferde sitzen! Du aber, Victoria, +gelobst mir--doch kein Gelübde, du tust es mir zuliebe--, nicht +ungerufen mir nachzueilen durch die Staubwolke meines Marsches und +über blutgetränkte Felder. Auch würdest du dem Kriegsvolke zu +spotten geben, nicht über dich, gut und schön wie du bist, sondern +über den verhätschelten Feldherrn. Also du bleibst. Aber wo? Hier?" + +Victoria besann sich, trostloses Leid in den Zügen. Dann sagte sie: +"Gestern, wie ich herritt, kam ich, schon im Weichbilde der Stadt, an +einem kleinen Frauenkloster vorüber. Es heißt, wie ich erfuhr, +Heiligenwunden. Dort will ich deines Rufes harren, Buße thun und für +deine Genesung beten." + +"Für meine Genesung?" lächelte er. "Tue das. Auch wirst du dich in +Heiligenwunden nicht langweilen; das Kloster, höre ich, hat herrliche +Stimmen und ist berühmt wegen seines Chorgesanges. Reiten wir hin, +bald, jetzt da es frisch und der Staub der Heerstraße noch nicht +aufgewühlt ist." Er ging leichten Schrittes durch den Park nach dem +alten Schlosse hinüber, um satteln zu lassen. + +Victoria folgte mit langsamen Schritten, und da sie Numa den Arzt +erblickte, der sich nach der Nacht des Feldherrn zu erkundigen kam, +ging sie auf ihn zu mit schmerzlich bewegter Miene: sie wollte ihm +vorwerfen, daß er ihr die Wirklichkeit verhehlt, und zugleich ihn +beschwören, mit den letzten Mitteln und Geheimnissen seiner Kunst das +geliebte Leben zu fristen. Da aber der Arzt die Colonna kommen sah, +streckte er in dem Gefühle seiner Ohnmacht die zitternden Hände +abwehrend gegen sie aus, als flehe er: Schone meiner, ich vermag +nichts! Sie verstand die Gebärde und ging ihres Weges, an Ippolito +vorüber, der das Knie vor ihr bog und den sie nicht gewahr wurde, zum +großen Herzeleid des Knaben. + +Im Schloßhofe fand sie den schwer und kostbar geschirrten Rappen +Pescaras und ihren ebenfalls gesattelten falben Berber. Der Feldherr +hob sie zu Pferde, und sie ritten unter grüßendem Trommelwirbel über +die sich senkende Zugbrücke hinaus in die unabsehbaren Reisfelder der +lombardischen Ebene. Ihnen folgte in gemessener Entfernung ein +Reitknecht des Pescara, ein von südlicher Sonne geschwärzter +Kalabrese, und auf einem Maultier die römische Zofe Victorias. + +Hinter den Reisenden verhallten im Schloßhof die ungehörten Hilfrufe +des vergessenen Kanzlers. Er war aus schlimmen Träumen erwacht und +schon in der Frühe durch die Gärten geirrt, immer wieder an Mauern +und Wälle gelangend, hier von deutschen, dort von spanischen +Wachtposten beobachtet. Die Schwaben ergötzten sich weidlich an +seinem ausschweifenden Gebärdenspiel, während die Spanier +einverstandene schadenfrohe Blicke tauschten: sie zweifelten nicht, +der Feldherr habe den Minister des Feindes in die Falle gelockt, und +versprachen sich, ihn morgen, wenn er dem Heere nachgeschleppt würde, +nach Herzenslust zu quälen und gründlich auszuplündern. Endlich war +er in das Rondell gekommen und erschöpft auf dieselbe Bank gesunken, +wo er gestern den schlummernden Pescara gefunden und belauscht hatte. +Da vernahm er den Salut der Torwache, rannte nach dem Schloßhof und +wollte über die Brücke nachstürzen. Von dem Posten mit +vorgestreckten Hellebarden empfangen, sah er jammernd den Feldherrn +und Victoria in den Dunst der Ferne entschwinden. + +Es war nach einem leuchtenden ein trüber Tag. Kein Windhauch und +nicht der leiseste Versuch einer Wolkenbildung. Keine Lerche stieg, +kein Vogel sang, es dämmerte ein stilles Zwielicht wie über den +Wiesen der Unterwelt. Das Frauenkloster wurde sichtbar und +vergrößerte langsam seine friedlichen Mauern. Freilich ritten die +beiden fast nur im Schritte, die verwitwende Victoria in tiefem +Schweigen, während, durch einen wunderbaren Gegensatz, das Gedächtnis +des jetzt ausruhenden Feldherrn auf leichten und liebenden und +inbrünstigen Schwingen in die Jugend zurückkehrte und die an seiner +Seite Trauernde wieder in die reizenden und rührenden Gestalten des +knospenden Mädchens und der zärtlichen Braut verwandelte. Er +enthielt sich nicht, sie an kleine Dinge jener glücklichen Tage zu +erinnern, aber er gewann ihrer Kümmernis kein Lächeln ab. Er war +seines lastenden Geheimnisses ledig, dessen Bitterkeit sie jetzt auf +einmal und in vollen Zügen kostete. + +Nun waren sie schon so nahe, daß sie Chorgesang im Kloster vernahmen. +"Was singen sie dort?" fragte er gleichgültig. "Ich meine, ein +Requiem", sagte sie. + +Wie sie vor dem Kloster abstiegen, da siehe, trat ihnen aus der +Pforte die Äbtissin entgegen, hinter sich zwei bescheidene Nonnen. +Sie mochte irgendein Kind in ein Reisfeld auf die Lauer gelegt haben, +das nun auf schnellen nackten Füßen vorausgelaufen war. Die Äbtissin +hatte die Ankunft Donna Victorias in Novara schon gestern in +Erfahrung gebracht und sich gleich geschmeichelt, die gottesfürchtige +und leutselige Frau werde Heiligenwunden nicht unbesucht lassen, denn +das Kloster besaß neben den geschulten Stimmen seines Chores noch +eine größere Auszeichnung: die mystische und täglich sterbende +Schwester Beate, welche die blutigen Male an ihrem kranken und +abgezehrten Leibe trug. Die unternehmende und beherzte Äbtissin +hatte sich vorgenommen, von der Colonna, der sie Macht über den +Gatten zutraute, den Nachlaß einer schweren Kriegssteuer zu erbitten, +welche der gottlose und habgierige Feldherr--dieses Rufes genoß +Pescara bei der italienischen Klerisei--zuwider den kanonischen +Sätzen und gegen alle Billigkeit auf die Güter des Klosters gelegt +hatte. Daß aber der Feldherr, der es vermied, eine christliche +Stätte zu betreten, Madonna Victoria begleiten würde, war der +Äbtissin nicht im Traume eingefallen. + +Sie begrüßte, eine angenehme Frau mit dunkeln, klugen Augen und +blassen, gefälligen Zügen, das hohe Paar in wenigen gewählten Worten. +Dann schwieg sie aufmerksam, die Rede Pescaras erwartend, dessen +edle Erscheinung ihr Eindruck machte. + +"Ehrwürdige", begann der Feldherr, "Donna Victoria wünscht während +des Feldzuges, den ich morgen beginne und dessen Dauer ich auf eine +Woche berechne, ein paar ruhige und fromme Tage hier in Eurem +Konvente zu genießen, bis ich sie nach Mailand rufen werde, nach +vollendetem Kampfe. Habet Ihr ein schickliches Gemach zu vergeben?" + +Rasch erwiderte die Äbtissin, das ihrige stehe zu Gebote. + +"Ich verlange eine einfache Zelle wie die der geringsten Schwester, +mit dem gewöhnlichen Geräte", sagte Victoria, deren Blässe die +Äbtissin befremdete. Aber sie schrieb dieselbe der begreiflichen +Sorge um den zu Felde ziehenden Gatten zu. + +"Wenn sich Donna Victoria eingerichtet hat", schloß Pescara, "werde +es mir gemeldet. Ich habe noch mit ihr zu sprechen und bitte, +Klausur und Zelle betreten zu dürfen. Ausnahmsweise, da ich dem +Kloster wohlwill. Ihr findet mich in der Kirche." Er verneigte sich +und schritt auf diese zu. + +Victoria fragte, was die Nonnen gesungen hätten, und erhielt die +Antwort: "Ein Requiem. Für die junge Julia Dati, die Enkelin unsers +greisen Arztes, welche in Rom gestorben ist." Dann folgte sie der +Äbtissin, während die beiden Nonnen zugeflüsterte Befehle +auszurichten gingen. Indessen durchmaß der Feldherr, ohne das Haupt +zu entblößen oder irgendeine der üblichen Devotionen zu verrichten, +die Länge der Kirche mit festem Gange, die Arme über dem Panzer +kreuzend. Er hatte sich, da er auf dem Heimritte seinen in Novara +feldmäßig einrückenden Truppen begegnen mußte, leicht behelmt und +beharnischt und schritt wie ein Held und Herrscher auf der Stätte des +Gebetes und der Demut. + +"Nein", sprach er zu sich mit geschlossenem Munde, "es sei heute das +letztemal. Ich will von ihr Abschied nehmen als ein Lebender. Ich +will es ihr ersparen, mich leiden zu sehen. Sie soll mich +wiederfinden, wenn ich ruhe." + +Sich allein glaubend, wurde er durch das Gitter des Chores belauscht. +Diesen hatten die Nonnen wieder betreten, auf das Geheiß der +Äbtissin, denn Pescara sollte die Stimmen ihres Klosters hören. +Selbst die mystische Beate war gekommen und vereinigte ihren +schwärmerischen Blick mit demjenigen vieler feurig braunen oder +schwarzen Augen, welche die Heldengestalt verschlangen. Alle +versammelten Himmelsbräute priesen die Colonna selig und beneideten +ihre irdische Lust, während die glücklich Geglaubte nicht ferne davon +in einer Zelle mit gerungenen Händen verzweifelte. Auch Schwester +Beate erlag der Versuchung, diesen stolzen Herrn der Welt zu +bewundern, überwand sich aber tapfer und flehte den Himmel inbrünstig +an, der Colonna zum Heil ihrer Seele ihren Abgott zu entreißen. Aber +diese heftigen Gefühle wichen dem harmloseren der Eitelkeit. Nach +dem Geflüster einer kleinen Beratung und einem leisen Räuspern +intonierten die Schwestern jubelnd ihr Prachtstück, ein Tedeum, das +sich auch für den Sieger von Pavia besser eignete als irgendeine +andere Prosa oder Sequenz. + +Und er hätte wohl gelauscht, aber er stand regungslos, wie gebannt +vor dem gekreuzigten und schon entseelten Christus eines großen +Altarbildes, dessen helle Farben noch in voller Frische leuchteten. +Doch es war nicht das göttliche Haupt, das er beschaute, sondern er +betrachtete den Kriegsknecht, der seine Lanze in den heiligen Leib +stieß. Dieser war offenbar ein Schweizer; der Maler mußte die Tracht +und Haltung eines solchen mit besonderer Genauigkeit studiert oder +frisch aus dem Leben gegriffen haben. Der Mann stand mit gespreizten +Beinen, von denen das linke gelb, das rechte schwarz behost war, und +stach mit den behandschuhten Fäusten von unten nach oben derb und +gründlich zu. Kesselhaube, Harnischkragen, Brustpanzer, Arm- und +Schenkelschienen, rote Strümpfe, breite Schuhe, nichts fehlte. Aber +nicht diese Tracht, die er zur Genüge kannte, fesselte den Feldherrn, +sondern der auf einem Stiernacken sitzende Kopf. Kleine blaue, +kristallhelle Augen, eingezogene Stumpfnase, grinsender Mund, blonder, +krauser Knebelbart, braune Farbe mit rosigen Wangen, Ohrringe in +Form einer Milchkelle, und ein aus Redlichkeit und Verschmitztheit +wunderlich gemischter Ausdruck. Pescara wußte gleich, mit dem +Gesichtergedächtnis des Heerführers, daß er diesen kleinen, +breitschultrigen, behenden Gesellen, dessen schwarzgelbe Hose den +Urner bedeutete, schon einmal gesehen habe. Aber wann und wo? Da +schmerzte ihn plötzlich die Seite, als empfinge er einen Stich, und +jetzt wußte er auch, wen er da vor sich hatte: es war der Schweizer, +der ihm bei Pavia die Brust durchbohrt. Kein Zweifel. Den +Lanzenstoß des neben ihm an die Erde Geduckten empfangend, hatte er +einen Moment in dieses kristallene Auge geblickt und diesen Mund +vergnüglich grinsen gesehen. Nach der Erkennung machte das +unerwartete Wiederfinden auf den Feldherrn weiter keinen Eindruck, +und mit freundlicher Miene fragte er die Äbtissin, die jetzt neben +ihm stand, um ihn zu Donna Victoria abzuholen, wer das gemalt hätte. +Sie antwortete, die Augen flüchtig niederschlagend: "Zwei Mantovaner, +begabte junge Leute, aber von bedenklichen Sitten, die das Kloster +gerne wieder scheiden sah." + +Da Pescara die Zelle öffnete, sah er Victoria auf den Knien liegen. +Eine Weile schaute er schweigend, als wolle er nicht stören, durch +ein Fenster des gekuppelten Rundbogens, in dessen Brüstung er sich +gesetzt hatte, auf Rasenhügel und Grabkreuze, endlich fragte er: "Was +tust du, Victoria?" + +"Buße", sagte sie. + +"Für wen?" + +Sie erhob sich und antwortete mit noch gefalteten Händen: "Ich tue +Buße für mich und Euch und Italien. Für dieses seiner stolzen Frevel +und ungewöhnlichen Sünden wegen, an denen es zugrunde gehen wird, da +Ihr der einzige waret, der es retten konnte. Für mich, weil ich +gekommen bin, Euch in Versuchung zu führen. Für Euch, da Ihr diese +Erde verlassen wollet. Ich habe gebetet für Euer unvergängliches +Teil, aber der Himmel"--sie schüttelte traurig das Haupt--"hat mich +noch nicht erhört." + +Er zog sie auf die Bank der Fensterbrüstung und nahm sie bei der Hand, +wie der Bruder die Schwester. Eine Lust, sich hinzugeben, überkam +ihn, sei es, weil das Geheimnis zwischen ihm und seinem Weibe +weggenommen war, oder in dem unbewußten Wunsche, das letzte +Beisammensein zu verlängern. + +"Kleingläubige", begann er heiter, "überlasse mich meinem dunkeln +Beschützer! Als ein Knabe glaubte ich mit der Mutter, die eine +Heilige war, an das, was die Kirche verheißt; jetzt sehe ich rings +das Fluten der Ewigkeit. Der Todesengel war mir nahe, schon in +meiner ersten Schlacht, da, von ihm bezeichnet, mein +Zeltgenosse--dein Bruder, Victoria--lautlos, eine Kugel im Herzen, +zusammenbrach. Ich habe ihm manche Hekatombe geschlachtet, und auch +er hat mich oft, fast auf jeder Walstatt, grüßend berührt; denn es +scheint, ich bin verwundbarer als andere. Aber Zeit hat es gebraucht, +bis ich den Schnitter lieben lernte. Noch in den Wochen nach Pavia, +da ich wußte, daß er mich erwählt hatte, habe ich mich gegen ihn +gesträubt und aufgebäumt und empört wie ein trotziger Jüngling. +Allmählich aber ahnte ich, und jetzt bin ich gewiß, daß er die rechte +Stunde kennt. Der Knoten meines Daseins ist unlösbar, er +zerschneidet ihn." + +Die bleiche Victoria hing an seinen Lippen und staunte mit starren +Augen, als sehe sie den herrlichsten Palast brennen und von der +lodernden Flamme jeden Säulenknauf beleuchtet. + +"Ich sage dir, Weib", fuhr er fort, "mein Pfad versinkt vor mir! Ich +gehe unter an meinen Siegen und an meinem Ruhme. Wäre ich ohne meine +Wunde, dennoch könnte ich nicht leben. Drüben in Spanien Neid, +schleichende Verleumdung, hinfällige und endlich untergrabene +Hofgunst, Ungnade und Sturz; hier in Italien Haß und Gift für den, +der es verschmäht hat. + +Wäre ich aber von meinem Kaiser abgefallen, so würde ich an mir +selbst zugrunde gehen und sterben an meiner gebrochenen Treue, denn +ich habe zwei Seelen in meiner Brust, eine italienische und eine +spanische, und sie hätten sich getötet. Auch glaube ich nicht, daß +ich ein lebendiges Italien hätte schaffen können. Zwar es trägt die +strahlende Ampel des Geistes, doch es hat sich aufgelehnt in der +unbändigen Lust eines strotzenden Daseins gegen ewige Gesetze. Es +büße, du hast es gesagt, Victoria; in Fesseln leidend, lerne es die +Freiheit. Dieses spanische Weltreich aber, das in blutroten Wolken +aufsteigt jenseits und diesseits des Meeres, erfüllt mich mit Grauen: +Sklaven und Henker. Ich spüre die grausame Ader in mir selbst. Und +das Entsetzlichste: ich weiß nicht, welcher mönchische Wahnsinn! +Dein verderbtes Italien aber ist wenigstens menschlich." + +Victorias Augen verklärten sich, da sie sah, daß Pescara Italien +liebte. "Du hättest ihm Freiheit und Freiheit ihm Tugend gegeben!" +rief sie, doch Pescara fuhr fort, als hätte er nicht gehört: "Nun +aber bin ich aus der Mitte gehoben, ein Erlöster, und glaube, daß +mein Befreier es gut mit mir meint und mich sanft von hinnen führen +wird. Wohin? In die Ruhe. Und jetzt laß uns scheiden, Victoria." +Er wollte ihr die Tränen vom Auge küssen, fand aber den zärtlichsten +Mund, der ihm entgegenkam. + +"Noch eines", sagte er, "Laß die Welt über mich urteilen, wie sie +will. Ich bin jenseits der Kluft. Lebe wohl! Begleite mich nicht! +Besuche mich in Mailand, aber nicht, bevor ich rufe!" + +Victoria versprach, um nicht Wort zu halten. + +Da Pescara sich bei der Äbtissin verabschiedete, brauchte sie ihr +Anliegen gar nicht auszusprechen. Der Feldherr gewährte den Nachlaß +der Kriegssteuer als ein selbstverständliches Gegengeschenk für die +seinem Weibe gegebene Herberge. Über dieses Ende einer ökonomischen +Bedrängnis und eines schmalen Tisches ward eine solche Freude im +Kloster, daß die Schwestern zu Ehren ihres Gastes die Tafel mit den +ausgesuchtesten Leckerbissen besetzten. Doch Victorias Platz blieb +leer. Sachte ritt Pescara, von den Segnungen des Klosters begleitet, +gegen die Thürme der Stadt zurück. Sein feuriger Rappe schien sich +über den gemessenen Gang zu wundern. Die auf der Ebene gellende +Feldmusik und die überall marschierenden Truppen verrieten ihm den +Beginn eines Feldzuges. Er schnoberte, als wittere er schon den +Pulverdampf, und schritt stolz, als trage er den Sieg. + +Abschied ist schwer, dachte der Feldherr, ich möchte ihn nicht +wiederholen. Noch einmal hatte sich das Leben an ihn gedrängt und er +das Beste des Daseins, Schönheit und Herzenskraft, in den Armen +gehalten. Der Jüngling war in ihm aufgelodert, und wenige +Augenblicke, nachdem er Viktorien so erbaulich zugeredet, lehnte er +sich auf gegen die Vernichtung. Das edle Blut, das in den +sterblichen Adern rinnt, die Thatkraft, empörte sich gegen den ewigen +Frieden. Ein Zorn blitzte auf in seinen hellen grauen Augen gegen +seinen Mörder, den er im Bilde wiedererblickt, und er schlug mit der +gepanzerten Rechten gegen seine Brust, als zerdrücke er darauf die +Wespe, die ihn gestochen hatte. Jetzt wieherte auch der Rappe und +setzte sich in kurzen Galopp, von dem Feldherrn unwissentlich mit der +Ferse berührt oder so verwachsen mit ihm, daß er seinen Unmut +mitfühlte. + +In dieser Stimmung gewahrte Pescara auf einem nahen Reisfelde die +wechselnden Stellungen eines tollen Kampfes, welcher dasselbe +zerstampfte. Ein einzelner wehrte sich verzweifelt gegen eine +Übermacht. Der zerlumpte kleine Kerl in gelben und schwarzen Fetzen +focht wütend mit seiner Speerhälfte wider ein Dutzend Spanier. Zweie +hatte er hingestreckt, wurde jetzt aber von den übrigen überwältigt, +und schon saß ihm eine Schwertspitze an der Kehle, als der auf ihm +kniende Spanier von einem andern zurückgerissen wurde, welcher auf +den heransprengenden Feldherrn deutete. + +Pescara winkte, und der Trupp mit dem Gefangenen folgte ihm unter +eine mächtige Eiche, die an der Landstraße stand, weitum der einzige +Baum in der schwülen Ebene. Der Feldherr stieg ab und lehnte sich an +den bemoosten Riesenstamm. Seine Brust keuchte von dem raschen Ritt, +und es kam ihm gelegen, sie zu beruhigen, Rast haltend unter dem +Vorwand eines Verhöres. + +Der spanische Wachtmeister berichtete: sie hätten einen Schweizer +durch das Getreide laufen sehen, wohl einen Versprengten von Pavia, +welcher bislang sich irgendwo untergeduckt, und ihn gehascht, da es +möglicherweise ein mailändischer Spion sei. Seinen Vortrag +beendigend, blickte der spanische Spitzbart zu einem starken Aste auf, +welchen die Eiche waagerecht hervorstieß. + +Pescara deutete die Spanier weg, die sich in einiger Entfernung +wachehaltend verteilten, und musterte dann den Schweizer vom Wirbel +zur Zehe. So verrostet der Harnisch und so zerlumpt das schwarzgelbe +Unterkleid war, erkannte er doch gleich die Tracht des Klosterbildes +und nicht minder die glitzernden Äuglein, und jetzt, wahrhaftig, +verzog der vor ihm Stehende sein Gesicht zu jenem lächelnden Grinsen, +sei es aus Angst, sei es, weil auch er sich den Feldherrn ins +Gedächtnis zurückrief. + +"Heb auf und gib", befahl dieser und zeigte auf den Lanzenstumpf, +welchen einer der Kriegsknechte zu den Füßen des Gefangenen geworfen +hatte, als Beweisstück für die Verwundung seiner Kameraden. Es war +eine vordere Spießhälfte, deren Spitze blutete. Der Schweizer +gehorchte, und der Feldherr betastete prüfend die Spitze mit dem +Finger; dann warf er den Stummel weg. + +"Wie heißest du?" fragte er. + +"Bläsi Zgraggen aus Uri", war die Antwort. + +Der Feldherr verzichtete darauf, diesen unmundlichen Geschlechtsnamen +zu wiederholen, der von dem zerrissenen Kamm eines Schweizergebirges +zu stammen schien, und bediente sich des Vornamens, welchen er +italianisierte. "Biagio", sagte er, "du hast mir zwei Leute +verwundet; ich denke, ich lasse dich hier aufknüpfen." + +Bläsi Zgraggen versetzte trotzig: "Lasset Ihr mich henken, so ist es +weniger wegen dieses letzten Handels, sondern eher, weil ich--" + +"Schweig!" gebot der Feldherr. Er konnte sich rächen, indem er dem +Kriegsrechte freien Lauf ließ, aber eine solche Rache weder sich +selbst noch seinem Opfer eingestehen. "Wie bist du hier +zurückgeblieben?" fragte er. + +Zgraggen, der ein geläufiges Lombardisch sprach, begann herzhaft: +"Auf dem Felde von Pavia wurde ich verwundet und niedergeritten und +lag, den geknickten Spieß neben mir. Nächtlicherweise schleppte ich +mich dann den Bergen zu, hungernd und bettelnd. Herr, sehet Ihr +rechts von den zwei Pappeln das lange, rote Dach? Dort haust die +Narracivallia mit ihrem Manne. Dieser dingte mich zur +Feldarbeit--bis sich der Krieg verzogen hätte, jetzt käme ich doch +nicht über die Grenze. Hernachmals machte mir die Narracivallia +Augen. Da erschienen mir im Schlaf der Vater und die beiden +Großväter, die mir alle noch daheim leben, wenn auch die Ahnen in +großer Schwachheit. Zuerst kam der Vater, hob den Finger und sagte: +'Nimm dich in acht, Bläsi!' Dann kam der väterliche Ahn, faltete die +Hände und sagte: 'Denk an deine Seele, Bläsi!' Zuletzt kam der +mütterliche Ahn, zeigte die Tür und sagte: 'Lauf, Bläsi!' Da schoß +ich auf und suchte meine Kleider. Freilich meine seidenen Handschuhe +und meinen gekettelten Kragen hatte mir die Narracivallia +abgeschwatzt, um damit in der Kirche Staat zu machen. Ich war nur +noch meines halben Verstandes mächtig und verlor auch diesen, da ich +im Morgenlicht bei Heiligenwunden eintrete zum Englischen Gruß +und--denket Euch meinen Schrecken--mich selber erblicke, wie ich +leibe und lebe und Gott ersteche!" + +"Ei", lächelte Pescara. + +"Ein Schelmstück!" zürnte Zgraggen. "Wisset, Herr, ein paar Pinsler +hatten sich zeither mit ihrem Zeuge da herumgetrieben und ließen sich +einmal in der Meierei ein Glas Milch geben. Der eine faßte mich ins +Auge. 'Da haben wir, den wir brauchen', sagt er und beschaut mein +Schwarzgelb. 'Mann, holt Euern Spieß und Harnisch.' Ich tue ihm den +Willen. Jetzt heißt mich der Pinsler die Beine spreiten, spreitet +sie gleichfalls und reißt mich ab auf ein Stück Leinwand. Dann +versprachen mir die Spitzbuben, mein Konterfei zu hohen Ehren zu +bringen, ich aber stehe in Heiligenwunden und steche in den Salvator!" + +Der Feldherr empfand ein gewisses Wohlwollen für den ehrlichen +Gesellen. "Nimm", rief er in einer seltsamen Laune und streckte dem +Urner seinen vollen Beutel entgegen. Dieser nahm ihn mit der Rechten +und ließ die Goldstücke zählend in die Linke gleiten, ernsthaft und +bedächtig. Dann schob er die Dukaten in die Tasche und wollte den +Beutel dem Feldherrn zurückstellen. + +"Behalte! Er hat goldene Schleifen!" + +Der Urner schickte den Beutel den Dukaten nach. "Wo stellet Ihr mich +ein, Herr?" fragte er. Er konnte sich nichts denken, als daß ihn +Pescara geworben und ihm Handgeld gegeben habe. + +Pescara erwiderte: "Ich habe dich nicht gedingt, und ich meine, +nachdem dich die dreie so ernst vermahnt haben, kehrst du am besten +in deine Heimat zurück und nährst dich redlich, wie es im Sprichwort +heißt." + +"Aber warum denn schenkt Ihr mir so viel Geld, wo ich Euch nichts +zuliebe gethan habe?" fragte Zgraggen. Sondern viel Leides, setzte er +in Gedanken hinzu. Diese Vergeltung Pescaras überstieg das +Fassungsvermögen des Urners und beängstigte seine Rechtlichkeit. + +"Aus Großmut", scherzte der Feldherr. + +Bläsi kannte das Wort nicht. Da fiel ihm ein, es werde Großtun +bedeuten, und da er im Lager oft gesehen hatte, wie Prahlerei das +Geld mit vollen Händen wegwirft, beruhigte er sich dabei. "Ja so", +sagte er. Pescara aber winkte, sein Roß vorzuführen. + +"Und damit du durchkommst", sprach der Feldherr schon im Bügel, "nimm +noch das." Er warf ihm eine Passiermarke zu, und wenig fehlte, +Zgraggen hätte gedankt. Wenigstens wollte er noch langes Leben +wünschen; aber den Feldherrn zum Abschied anschauend, erkannte er das +Siechtum in diesem Antlitze mit seinen Älpleraugen, welche das alle +Welt täuschende geistige Leben desselben nicht bestach. +Unwillkürlich wünschte er: "Gott gebe Euch selige Urständ, Herr!" +Dann über seine eigene Rede und ihre böse Bedeutung bestürzt, lief er +querfeldein mit seinem halben Spieße, den er sorglich aufgehoben und +nun als Reisestab führte. Die Spanier hatten verwundert zugesehen, +der alte Wachtmeister aber schüttelte bedenklich und abergläubisch +den Kopf über die seltsame Freigebigkeit seines sparsamen Feldherrn. +Der Trupp, welcher den Urner gefangen hatte, gehörte zu dem +Heerhaufen, der jetzt in einer Staubwolke hinter schlagenden Trommeln +heranrückte. Der Feldherr ritt seinen Tapfern entgegen, von +brausendem Jubel empfangen, und lenkte das Roß zwischen die Feldmusik +und die erste Kompanie, deren Hauptmann ehrerbietig Raum gab. + +Eine Weile blieb er allein an der Spitze der Truppen. Da nahte von +Novara ein Reitender in weißem Mantel und gesellte sich zu ihm. +Zusammen ritten sie durch das Schloßtor. Schweigend folgte der +Begleiter dem Gange Pescaras und überschritt hinter ihm die Schwelle +des Gemaches. + +Pescara wendete sich. "Was wollt Ihr, Moncada?" fragte er, und +dieser antwortete: "Eine Unterredung ohne Zeugen, die Ihr mir nicht +zum zweiten Male verweigern werdet." + +"Ich stehe zu Diensten." + +"Erlaucht", begann der Ritter, "ich habe, wie Ihr erlaubtet, den +Kanzler drüben gesprochen. Er war voller Angst und Blässe und +beteuerte mit tausend Eiden, er sei gekommen, Aufschub und leichtere +Bedingungen zu erlangen, nur dieses habe ihn nach Novara geführt. +Dann schwatzte er wild durcheinander wie das böse Gewissen. Dieser +Mensch ist ein Abgrund von Lüge, in welchem der Blick sich verliert. +Ich bin sicher, daß er im Namen der Liga hier ist." + +"Nicht anders", sagte der Feldherr. + +"Und daß er Euch die Führung derselben angeboten hat?" + +"Nicht anders." + +Jetzt entstand Lärm im Vorzimmer. Ippolito beiseite werfend, +verwildert, mit rasenden Mienen und verrückten Augen stürzte der +Kanzler herein. Ihm folgten auf dem Fuße, beide schon gepanzert, +Bourbon und Del Guasto, denen er auf dem Gange begegnet und die ihn +zurückhalten wollten. In Verzweiflung warf er sich dem Feldherrn zu +Füßen, während Moncada langsam in den Hintergrund zurückwich. + +"Mein Pescara", schrie der Geängstigte, "alle Geduld nimmt ein Ende! +Ich kann die Marter nicht länger ertragen. Jede Minute dehnt sich +mir zur qualvollen Ewigkeit. Ich vergehe. Sei barmherzig und gib +mir deine Antwort!" + +Pescara erwiderte mit Ruhe: "Vergebet, Kanzler, wenn ich Euch habe +warten lassen. Meine Zeit war nicht frei, doch eben wollte ich nach +Euch schicken. Eure gestrige Rede hat mich beschäftigt, denn das Los +eines Volkes ist keine Kleinigkeit--aber bitte, setzet Euch, ich kann +nicht sprechen, wenn Eure Gebärden so heftig dareinreden." + +Der Kanzler packte krampfhaft die Lehne eines Sessels. + +"Ich habe die Sache gewogen... doch, Kanzler, lassen wir zuerst alles +Persönliche, denket weg von Euch selbst und von mir, es bleibt die +Frage: Verdient Italien zu dieser Stunde die Freiheit und taugt es, +so wie es jetzt beschaffen ist, sie zu empfangen und zu bewahren? +Ich meine nein." Der Feldherr sprach langsam, als prüfe er jedes +seiner Worte auf der Waage der Gerechtigkeit. + +"Zweimal hat Freiheit in Italien gelebt, zu verschiedenen Zeiten. In +der beginnenden römischen Republik, da das Staatswohl alles war. +Dann in jenen herrlichen Gemeinwesen, Mailand, Pisa und den andern. +Jetzt aber steht es an der Schwelle der Knechtschaft, denn es ist los +und ledig aller Ehre und jeder Tugend. Da kann niemand helfen und +retten, weder ein Mensch noch ein Gott. Wie wird verlorene Freiheit +wiedergewonnen? Durch einen aus der Tiefe des Volkes kommenden Stoß +und Sturm der sittlichen Kräfte. Ungefähr wie sie jetzt in Germanien +den Glauben erobern mit den Flammen des Hasses und der Liebe. + +Aber hier! Wo in Italien ist, ich sage nicht Glaube und Gewissen, da +das für euch veraltete Dinge sind, sondern nur Rechtssinn und +Überzeugung? Nicht einmal Ehre und Scham ist euch geblieben, nur die +nackte Selbstsucht. Was vermöget ihr Italiener? Verführung, Verrat +und Meuchelmord. Worauf zählet ihr? Auf die Gunst der Umstände, auf +die Würfel des Zufalls, auf das Spiel der Politik. So gründet, so +erneuert sich keine Nation. Wahrlich, ich sage dir, Kanzler"--und +Pescara erhob die Stimme wie zu einem Urteilsspruch--"dein Italien +ist willkürlich und phantastisch, wie du selbst es bist und deine +Verschwörung!" + +"Wahrheit", ließ sich die Stimme Moncadas vernehmen. + +"Auch der Held, Morone, den ihr euch erwählt habet, entbehrt des +Daseins." + +Doch diese leisen letzten Worte Pescaras wurden überschrien. Morone +hatte schnell den Kopf gewendet und den Ritter erblickt: wie er +seinen Anschlag dem Spanier preisgegeben sah, geriet er in Wut, seine +Züge verzerrten sich, und er tobte wie ein Besessener. "Falsch und +grausam! Falsch und grausam! O ich mit Blindheit Geschlagener!" +Dann von sinnloser Rachgier überwältigt, schrie er gegen Moncada: +"Wisset es, Ritter, dieser"--er wies auf den Feldherrn--"ist der +Schuldige! Seinetwillen die ganze Verschwörung! Ich bin seine +Kreatur, und nun opfert mich der Unmensch!" + +Jetzt sprang der Herzog dazwischen, der mit Del Guasto hinter Pescara +stehend den leidenschaftlichen Auftritt genoß. "Saute, Paillasse mon +ami, saute pour tout le monde!" verhöhnte er Morone. "Ja, wenn wir +nicht gelauscht hätten, wir zweie, hinter dem roten Vorhang und der +goldenen Quaste dort! Ich muß dir das mal erzählen, Schatz, es ist +zum Totlachen. Hörtest du nicht, wie ich dich auspfiff?" Dann +plötzlich ernst werdend, richtete er den Blick fest auf Moncada, +legte die Hand auf die Brust und beteuerte: "Bei meinem königlichen +Blute, der Feldherr hat in jener gestrigen Stunde nicht haarbreit +geschwankt in seiner Ehre und Treue!" + +Morone war vernichtet. Del Guasto legte Hand an ihn und zog ihn mit +sich fort. "Herr Kanzler", spottete er, "bedanket Euch, unser +Lauschen erspart Euch die Folter." Auch der Herzog ging, einer +bittenden Gebärde Pescaras gehorchend. + +"Erlaucht", begann Moncada, "hier bin ich überzeugt. Mit diesem +habet Ihr nur Euer Spiel getrieben, vielleicht herablassender, als +für spanischen Stolz sich geziemte. Mit einem solchen Menschen +konspiriert kein Pescara. Aber, Erlaucht, in seiner ohnmächtigen Wut +hat dieser Verlogene Wahrheit gesprochen, wenn er Euch beschuldigte, +der Urheber der italienischen Verschwörung zu sein. Nicht der +Urheber, aber der Begünstiger. Sie nicht entmutigend, habet Ihr sie +genährt und großgezogen. Es war leicht, ein entschiedenes Wort zu +sprechen und ihr Halt zu gebieten mit einer entrüsteten und weithin +sichtbaren Gebärde. Das habet Ihr nicht gethan. Ihr stundet als eine +dunkle und deutbare Gestalt." + +"Ritter", unterbrach ihn Pescara, "nicht Euch habe ich Rechenschaft +zu geben von meinem Thun und Lassen, sondern allein meinem Kaiser." + +"Eurem Könige", versetzte Moncada. "Ihn so zu nennen, gebietet Euch +die Ehrfurcht, denn ein König von Spanien ist mehr als der Kaiser. +Und der Enkel Ferdinands wird ein König von Spanien werden. Karl +entwickelt sich langsam, unter verschiedenen und streitenden +Einflüssen, aber sein spanisches Blut wird erstarken und sein +deutsches aufsaugen bis auf den letzten Tropfen. Er verabscheut die +Ketzerei, und seine Frömmigkeit wird ihn zum Spanier machen." Er +sagte das mit einem stillen Lächeln und schwärmerisch erglänzenden +Augen. + +"Avalos", fuhr er fort, "deine Väter haben für den Glauben gegen die +maurischen Heiden gekämpft, bis dein Ahn mit jenem Alfons nach Neapel +schiffte. Kehre zu deinem Ursprung zurück! Das edelste Blut fließt +in deinen Adern. Wie kannst du, der das Große liebt, zaudern +zwischen dem spanischen Weltgedanken und den erbärmlichen +italienischen Machenschaften? Unser ist die Erde, wie sie einst den +Römern gehorchte. Siehe die wunderbaren Wege Gottes: Kastilien und +Aragon vermählt, Burgund und Flandern erworben, das gewonnene +Kaisertum, eine entdeckte und eroberte neue Welt, und, das alles +beherrschend, ein gestähltes Volk mit, einem gesegneten, zwiefach in +Heidenblut getauften Schwerte! Was dir jener Elende bot, Spanien +gibt es dir tausendfältig: Schätze, Länder, Ruhm und--den Himmel! + +Denn für den Himmel kämpfen wir und für den katholischen Glauben, daß +eine Kirche herrsche auf Erden. Sonst wäre Gott vergeblich Mensch +geworden. Voraussehend, wie in diesen Tagen die Hölle den +Apostolischen Stuhl besudeln und ihre letzte Ketzerei, den +germanischen Mönch, ausspeien werde, erschuf er den Spanier, jenen zu +reinigen und diese zu zertreten. Darum gibt er uns die Welt zur +Beute, denn alles Irdische hat himmlische Zwecke. Ich habe lange +darüber gesonnen in meinem sizilischen Kloster und wähnte, wohl +selbst der Auserwählte zu sein zu diesem geistlichen Kriegsdienste. +Da wurde er mir in einem Gesichte gezeigt, der andere, der Berufene. +Ich war solcher Ehre unwürdig, meiner Sünde wegen, und trat in die +Welt zurück." Pescara schwieg und betrachtete den Verzückten. + +"Aber ich wirke, solange es Tag ist. Kein Jahr ist um, ich stand +hinter Ferdinand Cortez, da ihm auf dem Berge der Dämon die goldenen +Zinnen Mexikos zeigte, wie er dir, Pescara, jetzt Italien zeigt. +Diese Hand hielt den Strauchelnden zurück, und nun strecke ich sie +gegen dich, Pescara, daß du ein Sohn Spaniens bleibest, welches die +Welt ist und das der in der Glorie schwebende katholische Ferdinand +beschützt." + +Jetzt brach der Feldherr sein Schweigen und zürnte: "Nenne mir jenen +nicht, er hat mir den Vater getötet!" + +Moncada seufzte schwer. + +"Du bereust?" + +Der Ritter schlug sich zerknirscht die Brust und murmelte, mit sich +selbst sprechend: "Meine Sünde... meine Sünde... ungebeichtet und +ungespeist!" + +Da erriet Pescara, daß dieser Fromme nicht seinen Mord bereue, +sondern daß er ihn vollbracht an einem geistlich Unvorbereiteten. +"Weiche von mir!" gebot er. + +Moncada trat zurück bis zur Schwelle, wie aus einem Traum erwachend. +Dann sammelte er sich und sagte: "Verzeihung, Erlaucht! Ich war +abwesend. Noch ein nüchternes Wort. Ich kenne Euer Ziel nicht. +Noch bin ich nicht Euer Feind. So oder so werdet Ihr Mailand nehmen. +Dieser erste Schritt enthält weder Treue noch Untreue. Ich erwarte +Euern zweiten, ob Ihr den Herzog absetzet und die Empörung strafet. +Tut Ihr es nicht, so verratet Ihr Spanien und Euern König!" Und er +verschwand. + +Pescara zog sich zurück und genoß Speise. Dann empfing er vor seinem +flackernden Kaminfeuer, das an einem Herbstabende nicht fehlen durfte, +den Herzog mit Del Guasto und gab ihnen seine letzten Befehle. Den +Rest der Zeit benützte er, um seine geheimen Papiere zu sichten: was +sich um einen Mächtigen dreht, eine Welt von Schlechtigkeit. Er +vernichtete das meiste, es in den Herd werfend: er wollte niemanden +verderben. Auch das Geheimschreiben des Kaisers sollte verschwinden, +doch seine Asche nicht mit der übrigen sich vermengen. Er ließ ein +glimmendes Kohlenbecken bringen, in dessen bläulichen Flämmchen er +den Brief seines Kaisers verbrannte. Als er zu Ende war, hatten sich +seine Kerzen schon zur Hälfte verzehrt: es ging auf Mitternacht. +Pescara kreuzte die Arme über der Brust und verfiel in ein so tiefes +Sinnen, daß er die Schritte eines Eintretenden nicht vernahm. Da +sprach es zu ihm: "Was ist dein Ziel, Avalos?" Er erblickte Moncada. + +Der Feldherr griff mit der Hand in das erloschene Kohlenbecken, +schloß sie und streckte sie gegen Moncada. "Mein Ziel?" sagte er und +öffnete die Hand: Staub und Asche. + +Jetzt gellten Drommetenrufe durch das Schloß. Trommelwirbel folgten. +Alles geriet in Bewegung. Der Feldherr ließ sich von seiner +Dienerschaft waffnen. Als er bei flackerndem Fackellicht, das sich +auf Speeren und Rüstungen spiegelte, die gepflasterte Halle des +Erdgeschosses betrat, erblickte er sein schwarzes Tier, welches, +kostbar geschirrt, mit ungeduldigen Hufen Funken aus dem Boden schlug, +daneben eine Sänfte mit zwei leichten Trabern. Beide hatte er +befohlen, die Wahl dem Augenblicke vorbehaltend. Mit einem Seufzer +bestieg er die Sänfte, seine wiederbeginnenden Schmerzen darin zu +verbergen, und verschwand durch das Tor, während sein verschmähtes +Schlachtroß sich zornig gebärdete und den Reitknecht, welcher es +besteigen wollte, abwarf. Es mußte seinem Herrn ledig nachgeführt +werden. + +Nun wurde auch der gefangene Kanzler gebracht. Spanische Soldaten +umringten ihn, beraubten ihn seiner Kette, seiner Ringe, seines +Beutels und setzten ihn nicht auf sein edles Maultier aus dem +mailändischen Marstalle, sondern rücklings auf einen armseligen Esel, +dessen Schwanz sie ihm nach ihrer grausamen Art durch die gefesselten +Hände zogen. Dann ging es durch das Tor unter einem höllischen +Gelächter, in welches der Kanzler aus Verzweiflung mit einstimmte. + + + + +Letztes Kapitel + + +Inzwischen verlebte in dem aus einer Burg des Glückes zu einer +Behausung der Angst gewordenen Kastelle von Mailand Franz Sforza +jammervolle Tage und noch schlimmere Nächte, hilf- und ratlos nach +seinem Kanzler rufend. Er hatte den Besuch Del Guastos erhalten, der +ihm zu melden kam, sein Feldherr habe vor ablaufender Frist den +Kanzler von Mailand empfangen, dieser ihm aber, statt der erwarteten +Zugeständnisse, im Namen der Hoheit ebenso törichte als +verbrecherische Eröffnungen gemacht, die den Feldherrn bestimmen, +ohne Verzug, übrigens ganz im Sinne seiner ersten Drohung, auf +Mailand zu marschieren und gegen die Hoheit als einen Hochverräter zu +verfahren. Del Guasto hatte sich an dem Zittern des Herzogs geweidet +und war aus der Stadt verschwunden. Während sich die kaiserlichen +Truppen in raschen Märschen näherten, und selbst da sie schon auf den +Wällen von Mailand in Sicht waren, hatte der Kleinmütige zwischen +Übergabe und Verteidigung geschwankt, wurde dann aber von ein paar +tapfern lombardischen Edelleuten auf den Weg der Ehre gerissen und +endlich selbst von einer kriegerischen Stimmung angewandelt, deren er +kraft seines großväterlichen Blutes nicht völlig unfähig war. Er +ließ sich mit einer kunstvoll geschmiedeten Rüstung bekleiden und +setzte sich einen Helm von herrlicher getriebener Arbeit auf das +schwache Haupt. + +Es ist Thatsache, daß er in der großen Schanze stand, in dem +Augenblicke, da Pescara seine Truppen gegen dieselbe zum Sturm führte. +Mit bebender Stimme befahl der Herzog das Feuer seiner auserlesenen +Geschütze. Wie sich der Rauch verzog, lag das Feld mit Spaniern +bedeckt. Zwischen Toten und Verwundeten schritt Pescara, wenige mehr +neben sich und noch unerreicht von den vielen unter der Führung Del +Guastos ihm stürmisch Nacheilenden. Er war ohne Harnisch. Der Helm +war ihm vom Kopfe gerissen, und sein dunkler Mantel flatterte +zerfetzt. In flammend rotem Kleide, mit gelassenen und gleichmäßigen +Schritten ging er weit voran, einen blitzenden Zweihänder schwingend. +Es war, als schritte der Würger Tod in Person gegen die Schanze, und +da sich dort in demselben Augenblicke die böse Kunde verbreitete, der +Borbone habe das Südtor genommen und Leyva stürme an der nördlichen +Pforte, packte der bleiche Schreck die Besatzung. Die wieder +geladenen Stücke blieben ungelöst, die Hauptleute, die sich den +Furchtbetörten entgegenwarfen, wurden niedergetreten, und die +panische Flucht riß den Herzog mit sich fort. + +Wie er, in seinen Palast zurückgekehrt, mit irrenden Schritten den +Thronsaal betrat, siehe, da stürzte vor seinen Augen die +goldbrokatene und mit Löwen und Adlern durchwirkte Bekleidung des +Thronhimmels zusammen. In der allgemeinen Verwirrung hatte sich der +herzogliche Tapezierer in den Saal geschlichen und das Prachtstück +gelockert, um es zu entwenden, war dann aber vor dem sich nahenden +Getöse unverrichteterdinge entwichen. Von dem schlimmen Omen +erschreckt, warf sich der Herzog verzweifelnd in einen Lehnstuhl und +bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, sein Los und den Sieger +erwartend. + +Dieser ließ nicht lange auf sich harren. Ein kurzer Lärm--die treue +schweizerische Palastwache wurde niedergestreckt oder entwaffnet--, +und Pescara betrat den Saal, barhaupt und ohne Schwert, hinter ihm +Karl Bourbon, behelmt, in voller Rüstung, den Degen in blutender +Faust. Er war, der erste auf der Sturmleiter, mit derselben in den +Stadtgraben zurückgeworfen worden, ohne sich jedoch ernstlich zu +verletzen. + +Der Marchese verneigte sich vor seinem Besiegten, der sich von seinem +Sitze aufraffte. "Hoheit beruhige sich", sprach Pescara. "Ich komme +nicht als Feind, sondern um Hoheit aufs neue in Pflicht zu nehmen für +Ihren Lehensherrn, den Kaiser." + +Sforza erhob die Augen, und da er in dem überlegenen Antlitz weder +Hohn noch Strafe las, sondern eher teilnehmende Einsicht und Milde, +brach der haltlose Knabe in Tränen aus und stammelte: "In meinem +Herzen bin ich der Majestät immer treu gewesen, sie hat keinen +ergebeneren Diener und bessern Lehensmann, aber ich Unseliger wurde +mißleitet, wurde irregeführt... mein höllischer Kanzler... auch den +bewaffneten Widerstand habe ich nicht befohlen... ich wurde geschoben, +gestoßen... von dem Valabrega und ein paar andern Edelleuten... bei +allen Aposteln und Märtyrern, ich bin kein italienischer Patriot, +sondern der bedrängteste Fürst in der unmöglichsten Lage!" + +Diese völlige Zerknirschung des Enkels und Urenkels zweier Heroen +schien den Feldherrn peinlich zu berühren. Doch ließ er der Buße +freien Lauf, weigerte aber, scheinbar aus Ehrerbietung, dem endlich +Verstummenden seine Hand, welche dieser zu ergreifen suchte. Er +befürchtete, der gänzlich Vernichtete möchte sie küssen. + +Während dieser Selbsterniedrigung, und sie im Grunde seines +verbitterten Herzens kostend, schlürfte Karl Bourbon, welcher hinter +Pescara stehengeblieben war, in langsamen Zügen einen vollen Becher, +den er sich von einem herbeigewinkten Pagen hatte holen und reichen +lassen. + +"Hoheit", sagte der Feldherr, "ich habe Vollmacht. Wenn Sie davon +durchdrungen ist, daß Sie sich in ein falsches und gefährliches Spiel +eingelassen hat, und wenn sich der feste Wille in Ihr gestalten kann, +forthin Ihr Heil da zu suchen, wo es ist, bei dem Kaiser, und von der +Majestät nimmermehr zu weichen, wage ich es, auf meine +Verantwortlichkeit, Ihr Verzeihung zu gewähren und Ihre Hand darauf +anzunehmen. Hoheit darf es mir glauben, Sie fährt in jedem Falle +besser mit dem Kaiser als mit der Liga." + +Jetzt sah er, wie die unverhoffte Milde den Sohn des Mohren plötzlich +wieder mißtrauisch machte, wie der vom Schicksal zum Argwohn Erzogene +eine List vermutete und wie seine Hand zögerte und zitterte. "Hoheit +darf trauen", sprach er kraftvoll. "Der Kaiser und ich halten Wort." + +Sforza gab die Hand, und der Feldherr fügte freundlich hinzu: "Ich +kenne die schwierige Lage der Hoheit und--wenn ich es aussprechen +darf--Ihre durch eine unglückliche Jugend erkrankte und entkräftete +Seele. Sie bedarf vor allem der Stetigkeit. In der Bahn des Kaisers +wandelnd und verharrend, wird Sie von keiner Zeitwelle verschleudert +werden. Ich persönlich", schloß er, seine Lehrhaftigkeit mildernd, +in einem fast herzlichen Tone, "war der Hoheit immer zugethan, aus +Dank für meine Vorbilder, Ihre zwei herrlichen Ahnen, obwohl mir die +beiden", scherzte er, "in meiner Jugend manchen Schlaf geraubt haben; +ein solcher Reiz und Stachel liegt in Männlichkeit und Seelengröße." + +Franz Sforza getröstete sich dieser Freundschaft, fragte aber doch +ängstlich: "Und ich bleibe Herzog? Euer Wort, Pescara?" + +"Unverbrüchlich. Wenn ich etwas über den Kaiser vermag, und wenn Ihr +es vermöget, Eure Seele zu befestigen." + +"Und meinem Kanzler geschieht nichts?" + +"Ich glaube nein, Hoheit", versprach Pescara. + +"Und er bleibt mein Minister?" + +Der Feldherr konnte ein Lächeln nicht verwinden über die +Unzertrennlichkeit dieses Paares. "Hoheit vergißt, daß Sie soeben +Girolamo Morone den verderblichsten aller Ratgeber genannt hat. Ich +empfehle Hoheit, sich von der Kaiserlichen Majestät für dieses +schwierige Amt einen andern und weisern Kopf zu erbitten. Es gibt +deren in Italien, es braucht kein Spanier zu sein." + +"Nichts da, Hoheit! Ihren Kanzler bekommt Sie nicht heraus!" mischte +sich jetzt der Bourbon ins Gespräch. "Diese Helena ist mein +Beutestück." + +Franz Sforza starrte Bourbon mit angstvollen Augen an. "Der hier?" +stöhnte er. "Er will mein Mailand! Er träumt langeher davon. Hilf +mir, mächtiger Pescara!" + +Da schmetterte Bourbon, als zerstöre er sich selbst, mit einem +zornigen Wurf sein kristallenes Glas an den Marmorboden, daß es mit +schrillem Mißton in Scherben zerfuhr. "Hoheit", rief er, "da liegt +mein Fürstentum Mailand!" + +Während die Scherben flogen, trat Moncada mit Leyva ein, dieser von +oben bis unten mit Staub und Blut besudelt. "Erlaucht", begann der +Ritter, "ich beglückwünsche Sie zu Ihrem heutigen schönen Siege, der, +wieder in voller Kraft erfochten, sich an so viele andere reiht. Ich +hielt mich geziemend im Vorzimmer. Doch da ich bechern und lachen +hörte, und als auch Leyva anlangte, der das Nordtor genommen und +ebenfalls seinen Trunk verdient hat, wagte ich den Eintritt, und ich +glaube zur rechten Stunde. Denn ich meine: hier wird Gericht +gehalten werden, und Hoheit Bourbon hat diesem verräterischen Herzog +in symbolischer Weise seinen verdienten Untergang verkündigt. Aber +nicht so stürmisch, Hoheit! Ich denke, der Feldherr setzt ein +Kriegsgericht zusammen, bei dem ich als ein Angehöriger des +königlichen Hauses Sitz und Stimme beanspruchen darf. Natürlich ein +vorläufiges Gericht, in Erwartung des Entscheides aus Madrid." +Pescara blieb kalt. "So tue ich", sagte er. "Ich ernenne zu +Richtern meine zwei Kollegen, die Hoheit Bourbon und Leyva. Ich +präsidiere. Euch, Ritter, muß ich ausschließen, weil Ihr keinen Rang +bekleidet. Hier meine Beglaubigung." Er zog aus seinem Wams die +kaiserliche Vollmacht. + +Moncada ergriff das Schreiben und las: "Nach seinem Ermessen... gemäß +den Umständen... hm... Erlaucht erlaube... diese kaiserliche Weisung +scheint zu sagen, daß Sie bevollmächtigt ist, alle militärischen und +bürgerlichen Maßregeln in dem genommenen Mailand nach Belieben zu +treffen, präjudiziert aber in keiner Weise die Rechte und Interessen +der katholischen Majestät. Ich werde daher bleiben als ein stummer, +aber aufmerksamer Zuhörer." + +"Sei es", sagte Pescara geduldig. + +Jetzt regte sich auch Leyva und verlangte, daß Girolamo Morone +vorgeführt werde. "Er ist im Palaste", sagte er. "Ich sah ihn +gefesselt einbringen unter den Verwünschungen und Kotwürfen des +mailändischen Volkes, das ihm sein ganzes Elend zurechnet." Pescara +gab den Befehl. + +Eine peinliche Pause. Stühle wurden gerückt von der verlegenen +Dienerschaft, welche ihrem verklagten Herrn ehrerbietig den +herzoglichen Sessel mit Krone und Wappen brachte, und als Morone +erschien, nicht ohne Spuren von Mißhandlung, sah er die drei +Feldherrn als Richter sitzen, Pescara in der Mitte, und vor ihnen +seinen Herzog. "Mut, Fränzchen", flüsterte er ihm zu, neben den er +sich aus alter Gewohnheit gestellt hatte, "wirf du nur alles auf mich!" + +Pescara nahm das Wort: "Die Hoheit von Mailand beteuert, an der Treue +gegen ihren Lehensherrn festzuhalten und nur vorübergehend +fehlgetreten und in den Schein der Felonie gekommen zu sein unter den +Einflüsterungen dieses Mannes da." Der Herzog nickte mit dem Haupt. + +"So ist es! Ich bekenne, daß ich der allein Schuldige bin!" sprach +der Kanzler unerschrocken. + +"Auch die Verteidigung von Mailand gegen das kaiserliche Heer +beteuert die Hoheit nicht befohlen zu haben, sondern sie versichert, +es sei die eigenmächtige That einiger aufrührerischer Lombarden, und +ich halte es für glaublich. Wie urteilt Leyva?" + +Leyva verzog das häßliche Gesicht und murrte: "Dieser Franz Sforza +ist der Felonie schuldig und durch die nackte Thatsache überwiesen. +Er werde in schärfstem Gewahrsam gehalten. Der Kaiser, wie ich meine, +wird ihn absetzen und nach Spanien bringen lassen." + +"Und wie urteilt Sie?" Pescara hatte sich gegen Bourbon gewendet. + +Der Konnetabel spielte mit seinem zerrissenen Handschuh und bemerkte +mit melodischer Stimme: "Die Hoheit wurde betört von dem wunderlichen +Gaukler da, der auch mich und viele andere bezaubert hat, bis er an +unserm Feldherrn seinen Meister fand. Aber sie scheint mir wieder +zur Besinnung gekommen zu sein, und ich meine, daß ihr die Schmach +des Gefängnisses anzutun weder schicklich wäre noch auch notwendig +ist, da sich ja die Stadt in unsern Händen befindet. Die Hoheit von +Mailand bleibe frei." + +"Zwei Stimmen gegen eine, denn so lautet auch meine Meinung", +entschied Pescara. Moncada schwieg mit verschlungenen Armen, Leyva, +dessen große Narbe sich mit Blut zu füllen schien, zerrte den +Schnurrbart, Bourbon aber erhob sich, bot Franz Sforza den Arm und +geleitete ihn aus dem Saale. + +Draußen stieß er mit Del Guasto zusammen, der ihm zuflüsterte, es sei +befremdend: die Truppen Leyvas zögen sich gegen den Palast. Bourbon +runzelte die Stirn. "Beobachtet und berichtet!" gebot er. Del +Guasto wollte enteilen, rief aber zurück: "Noch eins: ich höre, Donna +Victoria sei am Tore angelangt und verlange nach dem Feldherrn." + +Da Bourbon in den Saal zurücktrat, forderte eben Leyva den Kerker, +die Folter und, nach vervollständigtem Bekenntnisse, Block und Beil +für den erbleichenden Morone. + +"Auf die Folter!" stöhnte dieser. "Wenn ihr mich windet wie ein Tuch, +so werdet ihr nichts anderes als Blut und Schweiß aus mir +herauspressen. Ich habe mich vor dem Feldherrn ausgebeichtet. Du +bist nicht grausam, Pescara!" + +"Pfui, Leyva!" rief Bourbon, sich wieder in den Kreis setzend. "Will +sich der Herr an den Zuckungen dieses närrischen Gesichtes ergötzen? +Das leide ich nicht. Ich lasse mir meinen Morone nicht verdrehen. +Zittre nicht, Girolamo! Dir wird kein Haar gekrümmt: du wirst mein +Schreiber. Mein gnädiges Urteil lautet: Girolamo sitze in seinem +Hause, und man bewache ihn, bis ich mir ihn vom Kaiser werde erbeten +haben." + +"Mir scheint, das genügt", entschied der Feldherr. "Morone hat +gestanden vor drei glaubwürdigen Zeugen, deren einer ich selber bin. +Keine unnütze Marter, sondern sichere Haft. Zwei Stimmen gegen eine. +Nehmet ihn, Hoheit. Mir ahnt, daß Girolamo Morone sich noch einmal +umwandelt und in kaiserliche Dienste tritt." + +Da schrie Morone unklug vor Freude über das geschenkte Leben und die +erlassene Folter: "Pescara, ohne dich kein Italien! Das ist vorbei. +Mach mit mir, was du willst. Ich bin das Geschöpf deiner Großmut und +Güte... Und wenn noch weiter geredet werden soll, so erfahret, +Herrschaften, und darin ist alles andere enthalten: die Liga ist dem +Kopfe der Heiligkeit entsprungen, wie Athene der Stirne des Zeus..." +Seine Zunge stand plötzlich still, da er neben sich einen +ansehnlichen Mann im Reisekleid gewahrte, der eben eingetreten war. +Dann rief er: "Das weiß niemand besser als der da!" Es war +Guicciardin, dessen Blicke neugierig im Kreise umliefen, endlich aber +unverwandt auf dem Antlitze des Pescara haften blieben. + +"Ich störe, Erlaucht?" sagte er. "Doch ich werde mich kurz fassen. +Ich komme mit Eilpost von der Heiligkeit, die diesmal besser einen +andern geschickt hätte. Die Heiligkeit läßt Erlaucht wissen, sie +habe auf die erste Kunde der eröffneten Feindseligkeiten einen ihrer +Vertrautesten nach Madrid gesendet, den Kaiser zu unterrichten, daß +sie dem Bündnis der italienischen Staaten fremd geblieben ist. Eine +heilige Liga existiert nicht. Der oberste Hirte schaudert vor dem +Schwert." + +"Halleluja!" rief der Kanzler, den die Lebensfreude berauscht und +völlig toll gemacht zu haben schien, der Feldherr aber entgegnete: +"Wie, Guicciardin? Eben hat Morone an den Tag gebracht, daß die Liga +das Werk der Heiligkeit ist. Was ist Wahrheit?" + +"Beides", versetzte Guicciardin. "Mein Auftrag ist ausgerichtet und +damit gut." Er verbeugte sich und verließ den Saal, aber Bourbon, in +den der Satan fuhr, rief dem Gesandten des Papstes nach: "Florentiner, +sage deinem Herrn, ich werde nach Rom kommen, seiner Wahrhaftigkeit +den Pantoffel zu küssen, mit lauter Lutheranern und Marranen, und +nachts will ich meine brennende Kerze umwerfen, daß der Heiligkeit +ein Licht aufgehe!" Die Lache, die der Unselige aufschlug, scholl +gellend wider aus der Kuppelwölbung und aus den Ecken des Saales wie +aus dem Munde schadenfroher Dämonen, so daß Guicciardin erschreckend +umblickte. Der Feldherr wies nun auch den Kanzler mit seiner Wache +weg, sei es, daß er es für unziemlich hielt, das Haupt der +Christenheit preiszugeben, oder er war der menschlichen Komödie müde. + +Da sich Guicciardin und der Kanzler draußen zusammenfanden, fragte +jener: "Man führt dich zum Blocke?" + +"Bewahre!" + +"Durchgeschlüpft? Unvergleichlicher! Doch wie begab es sich in +Novara?" + +"Oh, ich kam auf den Esel zu sitzen... Dieser Pescara ist das Rätsel +der Sphinx..." + +"Das ich errate, Kanzler, aus seinem Antlitz. Es trägt die +hippokratischen Züge, und ich werde vielleicht der Heiligkeit eine +Todesnachricht zu bringen haben. Erinnerst du dich noch, Girolamo, +was ich dir in den Vatikanischen Gärten sagte, von einem möglichen +letzten Hindernis in der Brust Pescaras? Wenn ich wörtlich wahr +geredet? Wenn der Feldherr bei Pavia den Tod empfing und ihn +verheimlicht hat? Wenn wir einen nicht mehr Versuchbaren in +Versuchung führten?" + +Der Kanzler schlug sich vor die Stirn: "Du sagst es, Guicciardin! +Ähnliches, das ich damals nicht verstand, hat mir der Arzt des +Feldherrn, Messer Numa Dati, in Novara angedeutet." + +"Also die Wahrheit", schloß der Florentiner. "Nicht Pescara trog. +Wir selbst haben uns betrogen. O Weisheit der Menschen!" Mit dieser +Betrachtung schieden die beiden. + +In dem Thronsaal herrschte eine unheimliche Luft. Die drei Feldherrn +und der bei ihnen zurückgebliebene Moncada standen in weiten +Entfernungen. Pescara, völlig entkräftet, wie es schien, hatte sich +auf den über den Thron ausgebreiteten Goldbrokat geworfen. Blässe +bedeckte sein Gesicht, die Brust arbeitete. Bourbon maß den Saal in +leichtfertigem Tanzschritt, während er Moncada scharf beobachtete. +Dieser, in einer Fensterbrüstung lehnend, winkte aus einer andern +Leyva zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: "Es ist Zeit. Er hat sich +enthüllt. Tot oder lebendig..." Jetzt rief auch Pescara den Herzog. +"Setze dich neben mich, Karl", keuchte er leise. "Führst du Papier +und Stift?" + +"Um Gottes willen, Ferdinand, merkst du nichts? Du bist bedroht! +Die beiden flüstern. Leyva ist verdächtig. Sie wollen dich +verhaften!" + +"Führst du Papier und Stift?" wiederholte der Feldherr. Der Herzog +gab sie. Nach ein paar Zügen sagte Pescara: "Meine Hand zittert, +schreibe du, Karl." + +"Ferdinand, bist du blind? Siehst du nicht, wie Moncada sich regt?" + +"Er wird mich nicht erreichen", sagte der Feldherr und diktierte mit +gepreßter Stimme: "An die Majestät des Kaisers. Erhabener Herr, +Mailand ist Euer. Pescara hält Treue bis zum letzten Atemzug. +Lohnet sie ihm mit drei Erfüllungen..." + +"Ich beschwöre dich, Ferdinand! Er kommt auf dich zu! Ermanne dich! +Wir fechten... Ich rufe die Wachen..." Bourbon wollte aufspringen. +Pescara aber hielt ihn fest: "Schreibe! Er erreicht mich nicht, +sage ich dir. Wo bist du?... mit drei Erfüllungen: Majestät schütze +Sforza! Majestät begnadige Morone! Majestät gebe mein Kommando dem +Konnetabel!..." + +"Er steht wenige Schritte vor dir! Zieh! Wo hast du deinen Degen?" + +"Ich vergieße kein Blut mehr..." Pescara unterzeichnete, und der +Stift entglitt seiner Hand. Mit einem schwachen Schrei und +erlöschenden Augen sank er in die Arme seines Freundes. + +Moncada, der jetzt ganz nahe getreten war, stand bestürzt. "Was ist +dem Feldherrn?" fragte er, und ihn betrachtend: "Verschieden?" + +"Geschieden!" weinte der Herzog. + +"Ein Herzschlag. Der Feldzug hat ihn getötet", sagte Moncada und hob +das Papier auf, das an den Boden gefallen war. Er las, und bei der +dritten Bitte angelangt, stand er sinnend. Dann übergab er, ohne die +Miene zu ändern, das Papier dem Herzog mit den Worten: "Wir ehren +seinen letzten Willen. Hoheit hat das Kommando. Hoheit befehle!" + +Bourbon erschien als ein Heimatloser und Entwerteter dem Sohne +Ferdinands des Katholischen ungefährlich und war, ohne Pescara, auch +Leyva minder verhaßt, denn um die Gunst des großen Feldherrn hatte +dieser den Konnetabel beneidet. + +Karl Bourbon winkte sie weg und bettete Pescara auf den Goldbrokat. +Der Palast war ganz stille geworden, und selbst die Wachen an den +Toren schritten leise, in der Meinung, der Feldherr halte zu dieser +Stunde Siesta, wie seine Gewohnheit war. Auch der Herzog, das +geliebte Haupt im Schoße haltend, versank in einen Mittagstraum, er +vergaß das tragische Los des Toten und das eigene aus Ruhm und +Schmach geflochtene, er empfand nur einen dumpfen Schmerz über den +Verlust des einzigen Freundes. + +Stimmen erschollen vor der Saalpforte. "Nein, Madonna, er ruht!" +verbot Del Guasto, und Victoria rief durchdringend: "Weiche, Böser! +Ich will zu ihm!" Bourbon vernahm nahende Schritte, er wendete nicht +einmal das Haupt. Er legte den Finger an den Mund und flüsterte: +"Leise, Madonna! Der Feldherr schlummert." + +Victoria trat zu dem Gatten. Pescara lag ungewaffnet und ungerüstet +auf dem goldenen Bette des gesunkenen Thronhimmels. Der starke Wille +in seinen Zügen hatte sich gelöst, und die Haare waren ihm über die +Stirn gefallen. So glich er einem jungen, magern, von der Ernte +erschöpften und auf seiner Garbe schlafenden Schnitter. + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Versuchung des Pescara, by +Conrad Ferdinand Meyer + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE VERSUCHUNG DES PESCARA *** + +***** This file should be named 3675-8.txt or 3675-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/6/7/3675/ + +Produced by Michelle Mokowska, Mike Pullen, and Mary Cicora. +HTML version by Al Haines. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Versuchung des Pescara + +Author: Conrad Ferdinand Meyer + +Posting Date: June 7, 2009 [EBook #3675] +Release Date: January, 2003 +First Posted: July 12, 2001 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE VERSUCHUNG DES PESCARA *** + + + + +Produced by Michelle Mokowska, Mike Pullen, and Mary Cicora. +HTML version by Al Haines. + + + + + + +</pre> + + +<BR><BR> + +<H1 ALIGN="center"> +Die Versuchung des Pescara +</H1> + +<H2 ALIGN="center"> +Conrad Ferdinand Meyer +</H2> + +<H4 ALIGN="center"> +Novelle +</H4> + +<BR><BR> + +<H4> +<A HREF="#chap01">Erstes Kapitel</A><BR> +<A HREF="#chap02">Zweites Kapitel</A><BR> +<A HREF="#chap03">Drittes Kapitel</A><BR> +<A HREF="#chap04">Viertes Kapitel</A><BR> +<A HREF="#chap05">Letztes Kapitel</A><BR> +</H4> + +<BR><BR><BR> + +<A NAME="chap01"></A> +<H3 ALIGN="center"> +Erstes Kapitel +</H3> + +<P> +In einem Saale des mailändischen Kastelles saß der junge Herzog +Sforza über den Staatsrechnungen. Neben ihn hatte sich sein Kanzler +gestellt und erklärte die Zahlen mit gleitendem Finger. +</P> + +<P> +"Eine furchtbare Ziffer!" seufzte der Herzog und entsetzte sich vor +der Summe, welche die mit Eile betriebenen Festungsarbeiten +verschlungen hatten. "Wie viele Schweißtropfen meiner armen +hungernden Lombarden!" Und um dem Anblick der verhängnisvollen Zahl +zu entrinnen, ließ er die melancholischen Augen über die Wände laufen, +die mit hellfarbigen Fresken bedeckt waren. +</P> + +<P> +Links von der Tür hielt Bacchus ein Gelag mit seinem mythologischen +Gesinde, und rechts war als Gegenstück die Speisung in der Wüste +behandelt von einer flotten, aber gedankenlosen, den heiligen +Gegenstand bis an die Grenzen der Ausgelassenheit verweltlichenden +Hand. Oben auf der Höhe, klein und kaum sichtbar, saß der göttliche +Wirt, während sich im Vordergrunde eine lustige Gesellschaft +ausbreitete, die an Tracht und Miene nicht übel einer Mittag +haltenden lombardischen Schnitterbande glich und zum Lachen alle +Gebärden eines gesunden Appetites versinnlichte. +</P> + +<P> +Der Blick des Herzogs und der demselben aufmerksam folgende seines +Kanzlers fielen auf ein schäkerndes Mädchen, das, einen großen Korb +am Arme, wohl um die überbleibenden Brocken zu sammeln, sich von dem +neben ihr gelagerten Jüngling umfangen und einen gerösteten Fisch +zwischen das blendend blanke Gebiß schieben ließ. "Die da wenigstens +verhungert noch nicht", scherzte der Kanzler mit mutwilligen Augen. +</P> + +<P> +Ein trübes Lächeln bildete und verflüchtigte sich auf dem feinen +Munde des Herzogs. "Warum Festungen bauen?" kam er auf den +Gegenstand seiner Sorge zurück. "Das ist ein schlechtes Geschäft! +Pescara, der große Belagerer, wird sie schnell wegnehmen und mir dann +noch die Kriegskosten aufhalsen. Höre, Girolamo", und er richtete +seinen binsenschlanken Körper in die Höhe, "laß mich weg aus deinen +geheimen Bündnissen und Artikeln, du unermüdlicher Zettler! Ich will +nichts davon wissen. Du richtest mich und meine Lombarden zugrunde, +du Strafe Gottes! Ich will mich nicht an dem Kaiser versündigen: er +ist mein Lehensherr. Und lieber will ich mich von seinen höllischen +Spaniern schinden lassen, als daß mich meine neuen Bundesgenossen +voranschieben und verraten." Wie ein sich Aufgebender ließ er sich, +die spitzen Knie vorgestreckt, in seinen Sessel niedergleiten und +rief voller Verzweiflung: "Ich will eine Muhme oder eine Schwester +des Kaisers heiraten! Das sollst du veranstalten, wenn du der große +Staatsmann bist, der zu sein du dir einbildest." +</P> + +<P> +Der Kanzler brach in ein zügelloses Gelächter aus. +</P> + +<P> +"Du hast gut lachen, Girolamo. Von den steilsten Dächern +herabrollend, kommst du wie eine Katze immer wieder auf die Füße zu +stehen! Ich aber gehe in Stücke! Ich und mein Herzogtum +verflüchtigen uns in dem Hexenkessel, der in deinem Kopfe brodelt. +Miserere: eine Liga mit dem heiligen Vater, mit San Marco, mit den +Lilien! O die böse Klimax! O die unheilige Dreieinigkeit! Dem +Papste traut man nicht über den Weg, weder ich noch irgendeiner. Er +ist ein Medici! Marcus aber, mein natürlicher Feind und Nachbar, ist +der ruchloseste aller Heiligen. Und nun gar Frankreich, das mir den +Vater in einem Kerkerloche verwesen ließ und den armen Bruder Max, +den du verkauft hast, du Schlimmer, in Paris versorgt!" Die +beweglichen Züge des fürstlichen Knaben entstellten sich, als sehe er +den Genius seines Hauses die Fackel langsam senken und auslöschen. +Eine Träne rann über seine magere Wange. +</P> + +<P> +Der Kanzler streichelte sie ihm väterlich. "Sei nicht unklug, +Fränzchen", tröstete er. "Ich hätte den Max verraten? Keineswegs. +Es war die Logik der Dinge, daß er sich gab nach der Zermalmung der +Schweizer. Ich habe seine Rente mit König Franz vereinbart und noch +um ein Gutes hinaufgemarktet. Er selbst sah ein, daß ich es redlich +mit ihm meine, und dankte mir. Er ist ein Philosoph, sage ich dir, +der die Welt von oben herunter betrachtet, und da er zu Rosse stieg, +um von hinnen zu ziehen, hat er, schon im Bügel, noch Weisheit +geredet. 'Ich segne den Himmel', sprach er, 'daß ich in Zukunft +nichts mehr zu schaffen habe mit den groben Fäusten der Schweizer, +den langen Fingern des Kaisers'—er meinte die hochselige Majestät, +Fränzchen—'und den spanischen Meuchlerhänden.' Auch hatte der Max +gar nicht das Zeug, einen italienischen Fürsten darzustellen, plump +und unreinlich wie er ist. Da bist du denn doch eine andere +Erscheinung, Fränzchen. Du hast etwas Fürstliches, wenn du dich +aufrecht hältst, und dazu die Kunst der Rede, die du von deinem +unvergleichlichen Vater, dem Mohren, geerbt. Ich sage dir, du wirst +mit den Jahren noch der klügste und glücklichste Fürst in Italien +werden." +</P> + +<P> +Der Herzog betrachtete seinen Kanzler zweifelnd. "Wenn du mich nicht +vorher verkaufst und mein Leibgeding' in die Höhe marktest", lächelte +er. +</P> + +<P> +Morone, der jetzt in seinem langen schwarzen Juristenrocke vor ihm +stand, entgegnete zärtlich: "Mein holdseliges Fränzchen! Dir tue ich +nichts zuleide. Du weißt ja, daß du mir ins Herz gewachsen bist. Du +bleibst der Herzog von Mailand, so wahr ich der Morone bin. Aber du +mußt dich hübsch belehren und überzeugen lassen, was zu deinem Besten +dient." +</P> + +<P> +"Nicht einen einzigen guten Grund hast du mir gegeben für deine +neugebackene Liga! Und ich will mich einmal nicht empören gegen +meinen Lehnsherrn! Das ist sündhaft und gefährlich." +</P> + +<P> +Schnellen Geistes wählte der Kanzler unter den Truggestalten und +Blendwerken, über welche seine Einbildungskraft gebot, eine +hinreichend wahrscheinliche und wirksame Larve, um sie seinem +beweglichen Gebieter entgegenzuhalten und ihn damit heilsam zu +erschrecken. +</P> + +<P> +"Fränzchen", sagte er, "der Kaiser ist für dich eine verschlossene +Pforte. Hast du ihm nicht die rührendsten Briefe geschrieben, und er +hat niemals geantwortet! Es ist ein in der Ferne verschwindender +Jüngling und, wie man behauptet, die geduldige Wachspuppe in den +formenden Händen seiner burgundischen Höflinge. Da bist du ihm +überlegen, du beurteilst die Dinge selbständig. Das Wetter aber in +Madrid macht der Borbone, der verschwenderische Konnétabel, der das +Gold mit vollen Händen auswirft und dessen Treue außer allem +Verdachte steht, da er seinen König Franz verrathen hat und jetzt in +Ewigkeit zum Dienste des Kaisers verdammt ist. Der Borbone aber will +Mailand. Dein Lehen ist ihm zugesagt. Er ist ein Gonzaga von der +Mutter her und strebt nach einem italienischen Throne. Warum kann +sich der Kaiser nicht entschließen, dich zu belehnen, nachdem du ihm +Hunderttausende bezahlt hast? Weil er dein Mailand dem Borbone +zudenkt, darauf nehme ich Gift. Dieser ist seiner Sache gewiß. +Unlängst, da du mich in das kaiserliche Lager sendetest, hat er mich +mit Liebkosungen fast erdrückt und mir sogar einen Beutel zugesteckt, +um mich auf die günstige Stunde vorzubereiten. Denn freilich sind +wir alte Bekannte von der französischen Herrschaft her." +</P> + +<P> +Das war Lüge und Wahrheit: der Konnétabel hatte in einer tollen +Weinlaune einen witzigen Einfall seines Gastes fürstlich belohnt. +</P> + +<P> +"Und du nahmst, Ungeheuer?" entsetzte sich der Herzog. +</P> + +<P> +"Mit dem besten Gewissen von der Welt", erwiderte Morone leichtfertig. +"Weißt du nicht, Fränzchen, was die Kasuisten lehren, daß ein Weib +soviel nehmen darf, als man ihr giebt, wenn sie nur ihre Tugend +behauptet? Das gilt auch für Minister und erlaubt mir, in dieser +kargen Zeit unter Umständen auf mein Gehalt zu verzichten. Dafür +kannst du dir zuweilen ein gutes Bild kaufen, Fränzchen. Du mußt +auch deine ehrbare Ergötzung haben." +</P> + +<P> +Sforza war erbleicht. Das Schreckbild des Borbone in seiner Burg und +in seinem Reiche, welche beide dieser schon einmal—vor seinem +berühmten Verrat—jahre lang als französischer Statthalter besessen +hatte, brachte ihn um alle Besinnung. "Ich habe immer geglaubt, und +es verfolgt mich auf Schritt und Tritt", jammerte der Ärmste, "daß +der Borbone mein Mailand haben will. Rette mich, Girolamo! Schließe +die Liga! ohne Verzug! Sonst bin ich verloren." Er sprang auf und +ergriff den Kanzler am Arm. +</P> + +<P> +Dieser erwiderte gelassen: "Ja, das geht nicht so geschwind, +Fränzchen. Doch wird sich vielleicht heute noch etwas dafür thun +lassen. Es trifft sich. Gestern ist die Exzellenz Nasi—nicht der +Horatius, sondern der schöne Lälius—bei unserm Wechsler Lolli +abgestiegen, und durch einen glücklichen Zufall auch Guicciardin hier +angekommen, der trotz seiner Borsten im Vatikan eine angenehme Person +ist. Mit diesen zwei gescheiten Leuten ließe sich reden, und ich +habe den Venezianer und den Florentiner an deine Abendtafel geladen, +da ich weiß, daß du ein harmloses Geplauder und eine unterhaltende +Gesellschaft liebst." +</P> + +<P> +"O verfluchte, nichtswürdige Verschwörung!" klagte der Herzog +wankelmütig. +</P> + +<P> +"Und auch noch ein anderer ist eingeritten, im Morgengrauen. Dieser +hat sich auf die dritte Stunde nachmittags angesagt, er wolle erst +ausschlafen." +</P> + +<P> +"Ein anderer? Welcher andere?" Der Herzog zitterte. +</P> + +<P> +"Der Borbone." +</P> + +<P> +"Gott verpeste den bleichen Verräter!" schrie Sforza. "Was will der +hier?" +</P> + +<P> +"Das wird er selbst dir sagen. Horch! es läutet Vesper im Dome." +</P> + +<P> +"Empfange du ihn, Kanzler!" flehte der Herzog und wollte durch eine +Tür entwischen. Morone aber ergriff ihn am Arm und führte ihn zu +seinem Sessel zurück. "Ich bitte, Hoheit! Es geht vorüber. Wenn +der Konnétabel eintritt, erhebe sich die Hoheit und empfange ihn +stehend. Das kürzt ab." Er umkleidete seinen Herrn mit dem am +Stuhle hängengebliebenen Mantel, und dieser nahm allmählich, seine +Angst bekämpfend, eine fürstlichere Haltung an, indem er seinen +hübschen Wuchs geltend machte und den natürlichen Anstand, den er +besaß. +</P> + +<P> +Inzwischen blickte der Kanzler durch das Fenster, das den Schloßplatz +und hinter demselben den Umriß eines der neuangelegten Bollwerke des +Kastelles zeigte. "Köstlich!" sagte er. "Da steht dieser +treuherzige Konnétabel, zehn Schritte vor seinem Gefolge, und +zeichnet unbefangen unsere neue Schanze in sein Taschenbuch. Ich +will nur gehen und ihn einführen." +</P> + +<P> +Da er mit Morone eintrat, der berühmte Verräter, eine schlanke und +hohe Gestalt und ein stolzes, farbloses Haupt mit feinen Zügen und +auffallend dunkeln Augen, eine unheimliche, aber große Erscheinung, +verbeugte er sich höflich vor Franz Sforza, der ihn scheu betrachtete. +</P> + +<P> +"Hoheit", sprach Karl Bourbon, "ich bezeuge meine schuldige +Ehrerbietung und bitte um Gehör für eine Botschaft der Kaiserlichen +Majestät." +</P> + +<P> +Herzog Franz antwortete mit Würde, daß er bereit sei, den Willen +seines erhabenen Lehensherrn ehrfürchtig zu vernehmen, wankte dann +aber und glitt in seinen Sessel zurück. +</P> + +<P> +Als der Konnétabel den Herzog sich setzen sah, blickte auch er sich +nach einem Stuhl oder wenigstens nach einem Schemel um. Nichts +dergleichen war vorhanden und auch kein Page gegenwärtig. Da warf er +seinen kostbaren Mantel dem Herzog gegenüber an den Marmorboden und +lagerte sich geschmeidig, den linken Arm aufgestützt, den rechten in +die Hüfte setzend. "Hoheit erlaube", sagte er. +</P> + +<P> +Karl Bourbon lebte seit seinem Verrate in einer sengenden und +verzehrenden Atmosphäre des Selbsthasses. Niemand, sogar der +Vornehmste nicht, hätte es gewagt, den stolzen Mann auch nur mit +einer Miene an seine Tat zu erinnern und ihn das Urteil erraten zu +lassen, welches die öffentliche Meinung seines Jahrhunderts +einstimmig und mit ungewöhnlicher Härte über ihn gefällt hatte, aber +er kannte dieses strenge Urteil, und sein Gewissen bestätigte es. +Die gründlichste Menschenverachtung brachte er, bei sich selbst +anfangend, der ganzen Welt entgegen, doch beherrschte er sich +vollkommen, und niemand benahm sich tadelfreier und redete farbloser, +jeden Hohn, jede Ironie, selbst die leiseste Anspielung sich und +damit auch den andern untersagend. Nur selten verriet, wie eine +plötzlich aus dem Boden zuckende Flamme, ein höllischer Witz oder ein +zynischer Spaß den Zustand seiner Seele. +</P> + +<P> +Nachdem der Konnétabel eine Weile gesonnen, begann er mit angenehmer +Stimme und einer leichten Wendung des Kopfes: "Ich bitte Hoheit, mich +nicht entgelten zu lassen, was meine Sendung Unwillkommenes für Sie +haben könnte. Meine Person völlig zurückstellend, übermittle ich der +Hoheit einen Beschluß der Kaiserlichen Majestät, welchen dieselbe in +ihrem Ministerrate gefaßt hat, allerdings nach Vernehmung ihrer drei +italienischen Feldherrn, Pescara, Leyva und meiner Untertänigkeit." +</P> + +<P> +"Wie befindet sich Pescara?" fragte der Kanzler, der in gleicher +Entfernung von den zwei Hoheiten stand, frech dazwischen. "Ist er +geheilt von seiner Speerwunde bei Pavia?" +</P> + +<P> +"Freundchen", versetzte der Konnétabel geringschätzig, "ich bitte +Euch, nicht zu reden, wo Ihr nicht gefragt werdet." +</P> + +<P> +Da nahm der Herzog die Frage auf. "Herr Konnétabel", sagte er, "wie +befindet sich der Sieger von Pavia?" +</P> + +<P> +Bourbon verneigte sich verbindlich. "Ich danke der Hoheit für die +huldvolle Nachfrage. Mein erlauchter und geliebter Kollege Ferdinand +Avalos Marchese von Pescara ist völlig hergestellt. Er reitet ohne +Beschwerde seine zehn Stunden." Dann fuhr er fort: "Lasset mich +jetzt zur Sache kommen, Hoheit. Bittere Arznei will schnell gereicht +sein. Die Kaiserliche Majestät wünscht sehr, daß die Hoheit +zurücktrete aus der neuen Liga, die Sie mit der Heiligkeit, den +Kronen von Frankreich und England und der Republik Venedig +abgeschlossen hat oder abzuschließen im Begriffe ist." +</P> + +<P> +Jetzt fand der Herr von Mailand den Fluß der Rede und beteuerte mit +gut gespieltem Erstaunen und herzlicher Entrüstung, daß ihm von einer +solchen Liga nichts bekannt sei und er selbst sicherlich der erste +wäre, nach seiner Lehenspflicht den Kaiser ungesäumt zu unterrichten, +wenn seines Wissens in Oberitalien derlei gegen die Majestät +gesponnen würde. Und er legte die Hand auf das feige Herz. +</P> + +<P> +Mit vorgebogenem Haupte höflich lauschend, ließ der Konnétabel den +jungen Heuchler seine Lüge in immer neuen Wendungen wiederholen. +Dann erwiderte er in kühlem Tone, mit einer unmerklichen Färbung +verächtlichen Mitleids: "Die Worte der Hoheit unangetastet, muß ich +glauben, daß dieselbe von der Sachlage nicht genau unterrichtet ist. +Wir denken es besser zu sein. Der Friede zwischen Frankreich und +England mit einer bösen Absicht gegen den Kaiser ist eine Tatsache, +die uns mit Sicherheit aus den Niederlanden gemeldet wurde. Ebenso +gewiß sind wir, daß in Oberitalien gegen uns gerüstet wird. Und +soweit sich der Heilige Vater beurteilen läßt, scheint auch er, den +wir verwöhnt haben, sich verdeckt gegen uns zu wenden. Zu +unterscheiden, was gethan und was im Werden ist, kann nicht unsere +Aufgabe sein: wir bauen vor. Ehe die Liga", fügte er mit leiserer +Stimme bedeutsam hinzu, "einen Feldherrn gefunden hat." +</P> + +<P> +Dann stellte er seine Forderung: "Hoheit giebt uns Sicherheit, in +Monatsfrist, daß Sie Neutralität hält. Das ist die inständige Bitte +Kaiserlicher Majestät. Unter Sicherheit aber versteht sie: +Verabschiedung der Schweizer, Beurlaubung der lombardischen Waffen +auf die Hälfte, Einstellung aller und jeder Festungsbauten und +Überlassung dieses erfindungsreichen Mannes"—er wies mit dem Haupte +seitwärts—"an Kaiserliche Majestät. Wo nicht"—und er erhob sich +ungestüm, als wollte er zu Pferde springen—"wo nicht, blasen wir zum +Aufbruch, den letzten September, um Mitternacht, keine Stunde früher, +keine später, und besetzen in wenigen Märschen das Herzogthum. Hoheit +überlege." Er verbeugte sich und schied. +</P> + +<P> +Da ihm Morone das Geleite geben wollte, verfiel Bourbon in eine +seiner tollen Launen und wies den Kanzler mit einer possenhaften +Gebärde ab. "Adieu, Pantalon mon ami!" rief er über die Schulter +zurück. +</P> + +<P> +Morone gerieth in Wuth über diese Benennung, welche seiner Person allen +Ernst und Wert abzusprechen schien, und entrüstet auf und nieder +schreitend, verwickelte er sich mit den Füßen in den +liegengebliebenen Mantel des Konnétable; der junge Herzog aber hielt +den Kanzler fest, hing sich ihm an den Arm und weinte: "Girolamo, ich +habe ihn beobachtet! Er glaubt sich hier schon in dem Seinigen. +Schließe ab! Heute noch! Sonst entthront mich dieser Teufel!" +</P> + +<P> +Noch lag der hilflose Knabe in den Armen seines Kanzlers, als ein +greiser Kämmerer den Rücken vor ihm bog und feierlich das Wort sprach: +"Die Tafel der Hoheit ist gedeckt." Die beiden folgten ihm, der mit +wichtiger Miene durch eine Reihe von Zimmern voranschritt. Eines +derselben, ein Kabinett, das keinen eigenen Ausgang hatte, schien mit +seiner Tapete von moosgrünem Sammet und seinen vier gleichfarbigen +Schemeln ein für trauliche Mitteilungen bestimmter Schlupfwinkel zu +sein. In seiner Mitte blieb der Herzog verwundert stehen, denn die +Hinterwand des sonst leeren Raumes füllte jetzt ein Bild, das er +nicht als sein Eigenthum kannte. Es war heimlich in den Palast +gekommen, eine ihm bereitete Überraschung, das Geschenk des +Markgrafen von Mantua, wie auf dem Rahmen zu lesen stand. Der Herzog +ergriff seinen Kanzler an der Hand, und beide Italiener näherten sich +mit leisen Tritten und einer stillen, andächtigen Freude dem +machtvollen Gemälde: auf einem weißen Marmortischchen spielten Schach +ein Mann und ein Weib in Lebensgröße. Dieses, ein helles und warmes +Geschöpf in fürstlichen Gewändern, berührte mit zögerndem Finger die +Königin und forschte zugleich verstohlenen Blickes in der Miene des +Mitspielers, der, ein Krieger von ernsten und durchgearbeiteten Zügen, +in dem streng gesenkten Mundwinkel ein Lächeln, versteckte. +</P> + +<P> +Beide, Herzog und Kanzler, erkannten ihn sogleich. Es war Pescara. +Die Frau erriethen sie mit Leichtigkeit. Wer war es, wenn nicht +Victoria Colonna, das Weib des Pescara und die Perle Italiens? Sie +konnten sich nicht von dem Bilde trennen. Sie fühlten, daß sein +größter Reiz die hohe und zärtliche Liebe sei, welche die weichen +Züge der Dichterin und die harten des Feldherrn in ein warmes Leben +verschmolz, und nicht minder die Jugend der Beiden, denn auch der +benarbte und gebräunte Pescara erschien als ein heldenhafter Jüngling. +</P> + +<P> +In der That, achtzehnjährig Beide, waren sie miteinander an den Altar +getreten, und sie hatten sich mit Leib und Seele Treue gehalten, oft +und lang getrennt, sie bei der keuschen Ampel in Italiens große +Dichter vertieft, er vor einem glimmenden Lagerfeuer über der Karte +brütend, dann endlich wieder auf Ischia, dem Besitzthum des Marchese, +wie auf einer seligen Insel sich vereinigend. Solches wußte das +sittenlose Italien und zweifelte nicht, sondern bewunderte mit einem +Lächeln. +</P> + +<P> +Auch die zwei vor dem Bilde Stehenden empfanden die Schönheit dieses +Bundes der weiblichen Begeisterung mit der männlichen +Selbstbeherrschung. Sie empfanden sie nicht mit der Seele, aber mit +den feinen Fingerspitzen des Kunstgefühls. So wären sie noch lange +gestanden, wenn nicht der Kammerherr unterthänig gemahnt hätte, daß +zwei Geladene im Vorzimmer des Eßsaales warteten. Durch ein paar +Thüren wurde jenes erreicht und, nach einer kurzen Vorstellung der +Gäste, dieser betreten. +</P> + +<P> +Jetzt saßen die Viere an der nicht überladenen, aber ausgesuchten +Tafel. Während des ersten leichten Gespräches besah sich der Herzog +insgeheim seine Gäste. Keine Gesichter konnten unähnlicher sein als +diese dreie. Den häßlichen Kopf und die grotesken Züge seines +Kanzlers freilich wußte er auswendig, aber es fiel ihm auf, wie +ruhelos dieser heute die feurigen Augen rollte und wie über der +dreisten Stirn das pechschwarze Kraushaar sich zu sträuben schien. +Daneben hob sich das Haupt Guicciardins durch männlichen Bau und +einen republikanisch stolzen Ausdruck sehr edel ab. Der Venezianer +endlich war eines schönen Mannes Bild mit einem vollen weichen Haar, +leise spottenden Augen und einem liebenswürdigen verrätherischen +Lächeln. Auch in der Farbe unterschieden sich die drei Angesichter. +Die des Kanzlers war olivenbraun, der Venezianer besaß die +durchsichtige Blässe der Lagunenbewohner, und Guicciardin sah so gelb +und gallig aus, daß der Herzog sich bewogen fühlte ihn nach seiner +Gesundheit zu fragen. +</P> + +<P> +"Hoheit, ich litt an der Gelbsucht", versetzte der Florentiner kurz. +"Die Galle ist mir ausgetreten, und das ist nicht zum Verwundern, +wenn man weiß, daß mich die Heiligkeit in ihre Legationen versendet +hat, um dieselben zu einem ordentlichen Staate einzurichten. Da +schaffe einer Ordnung, wo die Pfaffen Meister sind! Nichts mehr +davon, sonst packt mich das Fieber, trotz der gesunden Luft von +Mailand und den guten deutschen Nachrichten." Er wies eine süße +Schüssel zurück und bereitete sich mit mehr Essig als Öl einen +Gurkensalat. +</P> + +<P> +"Nachrichten aus Deutschland?" fragte der Kanzler. +</P> + +<P> +"Nun ja, Morone. Ich habe Briefe von kundiger Hand. Die Mordbauern +sind zu Paaren getrieben und—das Schönste—Fra Martino selbst ist +mit Schrift und Wort gewaltig gegen sie aufgetreten. Das freut mich +und läßt mich an seine Sendung glauben. Denn, Herrschaften, ein +weltbewegender Mensch hat zwei Ämter: er vollzieht, was die Zeit +fordert, dann aber—und das ist sein schwereres Amt—steht er wie ein +Gigant gegen den aufspritzenden Gischt des Jahrhunderts und +schleudert hinter sich die aufgeregten Narren und bösen Buben, die +mitthun wollen, das gerechte Werk übertreibend und schändend." +</P> + +<P> +Der Herzog war ein wenig enttäuscht, denn er liebte Krieg und Aufruhr, +wenn sie jenseits der Berge wütheten und seine Einbildungskraft +beschäftigten, während er selbst außer Gefahr stand. Der Kanzler +aber that einen Seufzer und sagte mit einem wahren menschlichen +Gefühle: "In Germanien mag nun viel Grausames geschehen." +</P> + +<P> +"Thut mir leid", versetzte der Florentiner, "doch ich behalte das +Ganze im Auge. Jetzt, nach Bändigung der trotzigen Ritter und der +rebellischen Bauern, führen die Fürsten. Die Reformation, oder wie +ihr es nennen wollet, ist gerettet." +</P> + +<P> +"Und Ihr seid ein Republikaner?" stichelte der Kanzler. +</P> + +<P> +"Nicht in Deutschland." +</P> + +<P> +Auch der schöne Lälius gönnte sich einen Scherz. "Und Ihr dienet dem +heiligen Vater, Guicciardin?" lispelte er. +</P> + +<P> +Dieser, dem das süßliche Lächeln widerstand und den seine Gelbsucht +reizbar machte, antwortete freimüthig: "Jawohl, Herrlichkeit, zur +Strafe meiner Sünden! Der Papst ist ein Medici, und diesem Hause ist +Florenz verfallen. Ich aber will nicht aus meiner Vaterstadt +vertrieben werden, denn flüchtig sein ist das schlimmste Los und +gegen seine Heimat zu Felde liegen das größte Verbrechen. Der +Heilige Vater weiß, wer ich bin, und nimmt mich nicht anders, als ich +bin. Ich diene ihm, und er hat nicht über mich zu klagen. Aber ich +lasse mir nicht das Maul verbinden, und so sei es mit Wonne +ausgesprochen unter uns Wissenden: Fra Martino hat eine gerechte +Sache, und sie wird sich behaupten." +</P> + +<P> +Dem Herzog machte es Spaß, und er empfand eine Schadenfreude, es zu +erleben, wie der große germanische Ketzer von einem Sachwalter des +heiligen Vaters verherrlicht wurde. Freilich überlief ihn eine +Gänsehaut, daß solches in seiner Gegenwart und in seinem Palaste +geschehe. Er winkte die Diener weg, welche eben die Früchte +aufgesetzt hatten und der spannenden Unterhaltung ihre stille +Aufmerksamkeit widmeten. +</P> + +<P> +Jetzt forderte Morone, der sich auf seinem Stuhle hin und her +geworfen, mit flammenden Augen den Florentiner auf: "Ihr seid ein +Staatsmann, Guicciardin, und auch ich pfusche ins Handwerk. Wohlan, +begründet eure merkwürdigen Sätze: Bruder Martinus thut ein gerechtes +Werk, und dieses Werk wird gelingen und dauern." +</P> + +<P> +Guicciardin leerte ruhig seinen Becher, während der schöne Lälius ein +Zuckerbrot zerbröckelte, der Herzog nach seiner Art sich im Sessel +gleiten ließ und Morone begeistert von dem seinigen aufsprang. +</P> + +<P> +"Nicht wahr, Herrschaften", begann der Florentiner, "kein Kind, kein +Thor würde es ertragen, wenn ein Ding vorgeben wollte, dasselbe Ding +geblieben zu sein, nachdem es sich in sein Gegentheil verwandelt hätte, +zum Beispiel das Lamm in den Wolf, oder ein Engel in einen Teufel. +Wie wir nun in unserm gebildeten Italien von der heiligen Gestalt +denken mögen, die sich in den Päpsten fortsetzt, eines ist nicht zu +leugnen: daß sie nur Gutes und Schönes gewollt hat. Und ihre +Nachfolger, die das Werk und Amt des Nazareners übernommen +haben—sehet nur die viere der Wende des Jahrhunderts! Da ist der +Verschwörer, der unsern gütigen Julian gemeuchelt hat! Dann kommt +der schamlose Verkäufer der göttlichen Vergebung! Nach ihm der +Mörder, jener unheimliche zärtliche Familienvater! Keine +Fabelgestalten, sondern Ungeheuer von Fleisch und Blut, in kolossalen +Verhältnissen vor dem Auge der Gegenwart stehend! Und der vierte, +den ich von Jenen trenne: unser großer Julius, ein Heros, der Gott +Mars, aber ein Gegensatz, noch schreiender als jene Dreie zu dem +sanftmüthigen Friedestifter! Viermal nacheinander dieser Widerspruch, +das ist ein Hohn gegen die menschliche Vernunft. Es nimmt ein Ende: +entweder verschwindet jene erste himmlische Gestalt in dieser +dampfenden Hölle und flammenden Waffenschmiede, oder Bruder Martinus +löst sie mit einem scharfen Schnitt von solchen Nachfolgern und +Amtsbrüdern." +</P> + +<P> +"Das ist lustig", meinte der Herzog, während der Kanzler wie besessen +in die Hände klatschte. +</P> + +<P> +"Eine Predigt Savonarolas", ließ sich der schöne Lelio vernehmen, ein +Gähnen verwindend. "Wenn wir Fra Martino in Venedig hätten, so +könnten wir ihn zügeln und sachdienlich verwenden. Aber seinem +germanischen Trotzkopf überlassen, wird er, fürcht' ich, über kurz +oder lang dem Andern auf den Scheiterhaufen folgen." +</P> + +<P> +"Nein", versetzte Guicciardin heiter, "seine braven deutschen Fürsten +werden ihr Schwert vor ihn halten und ihn schützen." +</P> + +<P> +"Doch wer schützt seine Fürsten?" spottete der Venezianer. +</P> + +<P> +Guicciardin schlug eine fröhliche Lache auf. "Der heilige Vater", +sagte er. "Sehet, Herrschaften, das ist eine jener verdammt feinen +Zwickmühlen, wie sie der Zufall oder ein Besserer in der +Weltgeschichte anlegt. Seit unsere Päpste sich verweltlicht haben +und einen Staat in Italien besitzen, ist ihnen das kleine Zepter +theurer als der lange Hirtenstab. Ist nicht, diesem Scepter zuliebe, +unser Clemens im Begriff, dem frommgläubigen Kaiser förmlich den +Krieg zu erklären? Einem heiligen Vater aber, der mit Kanonen auf +ihn schießt, wird Karl kaum den Gefallen thun, seine tapfern +germanischen Landsknechte in die Kirche zurückzuzwingen. Und +umgekehrt: wenn die ketzerischen deutschen Fürsten gegen die +Kaiserliche Majestät sich empören und Panier aufwerfen, wird der +heilige Vater nicht ihre Seele vorläufig in Ruhe lassen und sich +heimlich ihrer Waffen bedienen? Unterdessen aber wächst der Baum und +streckt seine Wurzeln." +</P> + +<P> +Jetzt wurde der Herzog unruhig. Es kam die angenehme Stunde seines +Tagewerkes, in welcher er seine Hunde und Falken mit eigenen Händen +fütterte. "Herrschaften", sagte er, "mich würde dieser germanische +Mönch nicht verführen. Man hat mir sein Bildnis gezeigt: ein plumper +Bauernkopf, ohne Hals, tief in den Schultern. Und seine Gönner, die +saxonischen Fürsten—Bierfässer!" +</P> + +<P> +Guicciardin zerdrückte den feinen Kelch in der Hand und einen Fluch +zwischen den Zähnen. "Es ist schwül hier im Saale", entschuldigte er +sich, und gleich hob der Herzog die Tafel auf. "Wir wollen frische +Luft schöpfen", meinte er. "Auf Wiedersehen, Herrschaften, nach +Sonnenuntergang, im grünen Kabinette." +</P> + +<P> +Er verließ das Zimmer, um dem Venezianer, an welchem er ein +Wohlgefallen fand, seine Gebäude, Terrassen und Gärten zu zeigen. Es +waren noch jene unvergleichlichen Anlagen, welche der letzte Visconte +gebaut und mit seinem gespenstischen Treiben erfüllt hatte, die +Überbleibsel jener "Burg des Glückes", wo er, wie ein scheuer Dämon +in seinem Zauberschlosse, Italien mit vollendeter Kunst regierte, und +aus welcher er seine Günstlinge, sobald sie erkrankten, wegtragen +ließ, damit niemals der Tod an diese Marmorpforten klopfe. +</P> + +<P> +Ein guter Theil der alten Pracht war verfallen, oder zertreten und +verschüttet durch den Krieg und die neu aufgeworfenen Bollwerke. +Immerhin blieb noch genug übrig für die schmeichelnde Bewunderung des +schönen Lälius, und Franz Sforza verlebte ein paar hübsche Stunden. +Nur da sie eine Reitbahn betraten, welche der Bourbon während seiner +mailändischen Statthalterschaft errichtet, verschatteten sich die +fürstlichen Züge, um sich dann aber gleich wieder zu erheitern. Er +hatte das schallende Gelächter Guicciardins vernommen und darauf +diesen selbst erblickt, der sich in eine ländliche Veranda hemdärmlig +mitten unter lombardische Stallknechte gesetzt hatte, mit ihnen +Karten spielte und einem herben Landweine zusprach. "Die +Vergnügungen eines Republikaners", spottete Franz Sforza. "Er erholt +sich von seinem fürstlichen Umgange." Der schöne Lelio lächelte +zweideutig, und sie setzten ihren Lustwandel fort. +</P> + +<P> +Der Erste, welcher sich in dem moosgrünen Kabinette einfand, wenn er +es nicht etwa gleich nach aufgehobener Tafel betreten und nicht +wieder verlassen hatte, war Girolamo Morone. Er stand vertieft in +das Bild. Eine Weile mochte er die entzückten Augen an dem +holdseligen Weibe geweidet haben, jetzt aber durchforschte er mit +angestrengtem Blicke das Antlitz des Pescara, und was er aus den +starken Zügen heraus oder in dieselben hinein las, gestaltete sich in +dem erregten Manne zu heftigen Gebärden und abgebrochenen Lauten. +"Wie wirst du spielen, Pescara?" stammelte er, die schalkhafte Frage, +die in Victorias unschuldigem Auge lag, ingrimmig wiederholend und +die pechschwarze Braue zusammenziehend. +</P> + +<P> +Da erhielt er einen kräftigen Schlag auf die Schulter. "Verliebst du +dich in die göttliche Victoria, du Sumpf?" fragte ihn Guicciardin mit +einem derben Gelächter. +</P> + +<P> +"Spaß beiseite, Guicciardin, was denkst du von Dem hier mit dem rothen +Wamse?", und der Kanzler wies auf den Feldherrn. +</P> + +<P> +"Er sieht wie ein Henker." +</P> + +<P> +"Nicht, Guicciardin. Ich meine: was sagst du zu diesen Zügen? Sind +es die eines Italieners oder die eines Spaniers?" +</P> + +<P> +"Eine schöne Mischung, Morone. Die Laster von beiden: falsch, +grausam und geizig! So habe ich ihn erfahren, und du selbst, Kanzler, +hast mir ihn so gezeichnet. Erinnere dich! in Rom, vor zwei Jahren, +da der witzige Jakob uns zusammen über den Tiber setzte." +</P> + +<P> +"Hab ich? Dann war es der Irrthum eines momentanen Eindrucks. +Menschen und Dinge wechseln." +</P> + +<P> +"Die Dinge, ja; die Menschen, nein: sie verkleiden und spreizen sich, +doch sie bleiben, wer sie sind. Nicht wahr, Hoheit?" Guicciardin +wendete sich gegen den Herzog, welcher eben eintrat und dem der +Venezianer auf dem Fuße folgte. +</P> + +<P> +Die vier grünen Schemel besetzten sich und die Türen wurden verboten. +Das offene Fenster füllte ein glühender Abendhimmel. +</P> + +<P> +"Herrschaften", begann der Herzog mit würdiger Miene, "wie weit die +Vollmachten?" +</P> + +<P> +"Meine Bescheidenheit", sagte der schöne Lälius, "ist beauftragt +abzuschließen." +</P> + +<P> +"Die Weisheit des heiligen Vaters", folgte Guicciardin, "wünscht +ebenfalls ein Ende. Die Liga war langeher der Liebling ihrer +Gedanken: sie stellt sich, wie ihr gebührt, an die Spitze, mit +Vorbehalt der schonenden Formen des höchsten Hirtenamtes." +</P> + +<P> +"Die Liga ist geschlossen!" rief der Herzog muthig. "Kanzler, statte +Bericht ab!" +</P> + +<P> +"Herrschaften", begann dieser, "in ihren Briefen verspricht die +französische Regentschaft, im Einverständnis mit dem zu Madrid +gefangen sitzenden Könige, ein ansehnliches Heer und entsagt zugleich +endgültig, in die Hände des heiligen Vaters, den Ansprüchen auf +Neapel und Mailand." +</P> + +<P> +"Optime!" jubelte der Herzog. "Und Schweizer bekämen wir soviel wir +wollen, in lichten Haufen, wenn wir nur Ducaten hätten, ihnen damit +zu klingeln. Nicht wahr, Kanzler?" +</P> + +<P> +"Da ist Rat zu schaffen", versicherten die zwei Andern. +</P> + +<P> +"Aber, Herren", drängte Morone, "es eilt! Der Borbone war hier. Man +blickt uns in die Karten. Die drei Feldherrn drohen in Monatsfrist +Mailand zu nehmen, wenn wir nicht abrüsten. Wir müssen losschlagen, +und um loszuschlagen, müssen wir unsern Capitano wählen, jetzt, +sogleich!" +</P> + +<P> +"Dazu sind wir gekommen", sprachen die Zweie wiederum einstimmig. +</P> + +<P> +"Der Liga den Feldherrn geben!" wiederholte der Kanzler. "Das ist +nicht weniger als über das Los Italiens entscheiden! Wen stellen wir +dem Pescara entgegen, dem größten Feldherrn der Gegenwart? Nennet +mir den ebenbürtigen Geist! Unsern großen Kriegsleuten, dem Alviano, +dem Trivulzio, ist längst die Grabschrift gemacht, und die übrigen +hat Pavia getödtet. Nennet mir ihn! Zeiget mir die mächtige Gestalt! +Wo ist die gepanzerte rettende Hand, daß ich sie ergreife?" +</P> + +<P> +Eine trübe Stimmung kam über die Gesellschaft, und der Kanzler +weidete sich an der Niedergeschlagenheit der Verbündeten. +</P> + +<P> +"Wir haben den Urbinaten oder den Ferraresen", meinte Nasi, doch +Guicciardin erklärte bündig, den Herzog von Ferrara schließe die +Heiligkeit aus als ihren abtrünnigen Lehensmann. "Wählen wir den +Herzog von Urbino. Er ist kleinlich und selbstsüchtig, ohne weiten +Blick, ein ewiger Verschlepper und Zauderer, aber ein versuchter +Kriegsmann, und es bleibt uns kein Anderer", sprach der Florentiner +mit gerunzelter Stirn. +</P> + +<P> +"Da wäre noch Euer Hans Medici, Guicciardin, und Ihr hättet den +jungen Waghals, nach dem euer Herz zu begehren scheint", neckte ihn +der Venezianer. +</P> + +<P> +"Höhnt Ihr mich, Nasi?" zürnte Guicciardin. "Daß ein junger Frevler +unsere patriotische Sache entweihe und ein tollkühner Bube unsern +letzten Krieg mit den Würfeln einer leichtsinnigen Schlacht +verspiele? Der Urbinate wird uns wenigstens nicht verderben, wenn er +den Krieg verewigt, die Hilfe eines würgenden Fiebers oder eines +Auflaufes der Landsknechte im kaiserlichen Lager abwartend. Wählen +wir ihn." Er seufzte, und in demselben Augenblicke fuhr er wüthend +gegen den Kanzler los, den er das Ende seiner Rede mit einem +verzweifelnden Gebärdenspiele begleiten sah. "Laß die Grimassen, +Narr!" schrie er ihn an, "... ich bitte um Vergebung, Hoheit, wenn ich +ungeduldig werde, und Hoheit ist auf meiner Seite, wie ich glaube..." +Der Herzog blickte auf seinen Kanzler. +</P> + +<P> +"Sei es", sagte Morone, "wir stimmen bei, aber es ist ein unfreudiges +Ja, das die Hoheit zu dem seelenlosen Anfange unsers Bündnisses giebt." +Der Herzog nickte trübselig. "Nein", rief der Kanzler, "sie giebt +es nicht, die Hoheit tritt zurück, sie kann es nicht verantworten, +die letzten Kräfte dieses Herzogtums zu erschöpfen! Sie zieht nicht +zu Felde, im voraus entmuthigt und geschlagen! Die Liga ist +aufgehoben! Oder wir suchen ihr einen siegenden Feldherrn." +</P> + +<P> +Die zwei Andern schwiegen mißmuthig. +</P> + +<P> +"Und ich weiß einen!" sagte Morone. +</P> + +<P> +"Du weißt ihn?" schrie Guicciardin. "Bei allen Teufeln, heraus damit! +Rede! Wen werfen wir in die Wagschale gegen Pescara?" +</P> + +<P> +"Redet, Kanzler!" trieb auch der Venezianer. +</P> + +<P> +Morone, der von seinem Schemel aufgesprungen war, trat einen Schritt +vorwärts und sprach mit starker Stimme: "Wen wir gegen Pescara in die +Wagschale werfen? Welchen Ebenbürtigen? Pescara, ihn selber!" +</P> + +<P> +Ein Schrecken versteinerte die Gesellschaft. Der Herzog starrte +seinen außerordentlichen Kanzler mit aufgerissenen Augen an, während +Guicciardin und der Venezianer langsam die Hand an die Stirn legten +und zu sinnen begannen. Beide erriethen sie als kluge Leute ohne +Schwierigkeit, wie Morone es meinte. Sie waren die Söhne eines +Jahrhunderts, wo jede Art von Verrath und Wortbruch zu den +alltäglichen Dingen gehörte. Hätte es sich um einen gewöhnlichen +Kondottiere gehandelt, einen jener fürstlichen oder plebejischen +Abenteurer, welche ihre Banden dem Meistbietenden verkauften, sie +hätten wohl dem Kanzler sein frevles Wort von den Lippen +vorweggenommen. Aber den ersten Kaiserlichen Heerführer? aber +Pescara? Unmöglich! Doch warum nicht Pescara? Und da Morone +leidenschaftlich zu sprechen begann, verschlangen sie seine Worte. +</P> + +<P> +"Herrschaften", sagte dieser, "Pescara ist unter uns geboren. Er hat +Spanien niemals betreten. Die herrlichste Italienerin ist sein Weib. +Er muß Italien lieben. Er gehört zu uns, und in dieser +Schicksalsstunde, da wir mit dem noch ledigen Arm unsern andern schon +gefesselten befreien wollen, nehmen wir den größten Sohn der Heimat +und ihren einzigen Feldherrn in Anspruch. Wir wollen zu ihm gehen, +ihn umschlingen und ihn anrufen: Rette Italien, Pescara! Ziehe es +empor! Oder es reißt dich mit in den Abgrund!" +</P> + +<P> +"Genug declamiert!" rief Guicciardin. "Ein Phantast wie du, Kanzler, +mit den unbändigen Sprüngen deiner Einbildungskraft ist dazu da, das +Unmögliche zu erdenken und auszusprechen, das vielleicht, näher +betrachtet, nicht völlig unmöglich ist. Jetzt aber sei stille und +laß die Vernünftigen es beschauen und sich zurechtlegen, was du im +Fieber geweissagt hast. Gebärde dich nicht wie ein Rasender, sondern +setze dich und laß mich reden! +</P> + +<P> +Herrschaften, oft, und in verzweifelten Lagen immer, ist Kühnheit der +beste und einzige Rath. Der Krieg unter dem Urbinaten starrt uns an +wie eine Maske mit leeren Augen. Wir alle fühlen, er würde uns +langsam lähmen und methodisch zu Grunde richten. Lieber ein +halsbrechendes Wagnis. Also ja! Wenn es nach mir geht, versuchen +wir den Pescara! Verräth er uns an den Kaiser, so kann er uns alle +verderben. Aber wer weiß, ob er nicht seinem Dämon unterliegt? +Zuerst müssen wir uns fragen: Wer ist Pescara? Ich will es euch +sagen: ein genialer Rechner, der die Möglichkeiten scharfsinnig +scheidet und abwägt, der die Dinge unter ihrem trügerischen Antlitz +auf ihren wahren Werth und ihre reale Macht zu untersuchen die +Gewohnheit hat. Wäre er sonst, der er ist, der Sieger von Bicocca +und Pavia? Wenn wir ihn antreten, wird er zuerst eine große +Entrüstung heucheln über eine Sache, die er sicherlich selbst schon +in gewissen Stunden sich besehen und betrachtet hat, wenn auch +vielleicht nur als Übung seines immerfort arbeitenden Verstandes. +Dann wird er langsam und sorgfältig abwägen: den Stoff, den wir ihm +geben, das heißt unser Italien, ob sich daraus ein Heer und später +ein Reich bilden ließe, und—seinen Lohn. Und da der Stoff zwar edel, +aber spröde ist und einer gewaltig bildenden Hand bedarf, müssen wir +ihm die größte Belohnung bieten: eine Krone." +</P> + +<P> +"Welche Krone?" stammelte der Herzog angstvoll. +</P> + +<P> +"Eine Krone, Hoheit, sagte ich, keinen Herzogshut, und meinte die +schöne von Neapel. Sie ist in Feindeshand, also erledigt, und ein +Lehen der Heiligkeit." +</P> + +<P> +"Wenn wir Kronen austheilen", spottete der Venezianer, "warum bieten +wir dem Pescara nicht gleich die Fabel- und Traumkrone von Italien?" +</P> + +<P> +"Die Traumkrone!" Das Antlitz des Florentiners zuckte schmerzlich. +Dann sprach er trotzig, sich und die Umsitzenden vergessend: "Die +Krone von Italien! Wenn Pescara an der Spitze unserer Heere reitet, +wird sie ungenannt vor ihm herschweben. Möchte er sie, als der +Größte unserer Geschichte, fassen und ergreifen, diese ideale Krone, +nach welcher schon so manche Hände und die frevelhaftesten sich +gestreckt haben! Möge sie auf seinem Haupte zur Wahrheit werden! +Und", sagte er kühn, "weil wir heute jedes gewöhnliche Maß verlassen +und unsern Endgedanken und innersten Wünschen Gestalt geben, so +wisset, Herrschaften: ist Pescara der Vorausbestimmte, wie es möglich +wäre, in der Zeit liegen große Begünstigungen und in den Sternen +glückliche Verheißungen. Baut er Italien, so wird er es auch +beherrschen. Aber, Kanzler, ich habe dich einen Phantasten genannt +und phantasiere größer als du. Kehren wir zurück aus dem Reiche des +Ungebornen in die Wirklichkeit und stellen wir die Frage: wer +übernimmt die Rolle des Versuchers?" +</P> + +<P> +"Ich stürze mich wie Curtius in den Abgrund!" rief der Kanzler aus. +</P> + +<P> +"Recht", billigte Guicciardin. "Du bist die Person dazu. Einem +Andern würde die Stimme versagen, und er würde vor Scham versinken, +wenn er vor Pescara träte, um mit ihm von seinem Verrathe zu reden. +Du Schamloser aber bist zu allem fähig, und deine Schellenkappe +bringt dich aus Lagen und Verwicklungen, wo jeder Andere hängen +bliebe. Will Pescara nicht, so nimmt er dich von deiner närrischen +Seite und behandelt dich als Possenreißer; will er, so wird er unter +deinen tragischen Gebärden und deinen komischen Runzeln den Ernst und +die Größe der Sache schon zu entdecken wissen. Gehe du hin, mein +Sohn, und versuche den Pescara!" +</P> + +<P> +Der Herzog, der sich grübelnd auf seinem Schemel zusammengekauert +hatte, wollte eben nach Licht rufen, denn die Dämmerung wuchs, und er +fürchtete das Dunkel. Da sah er die Dinge unvermuthet auf ihre Spitze +kommen und wurde ängstlich. "Kanzler, du darfst nicht!" verbot er. +"Ich will mit diesem großmächtigen Pescara nichts zu schaffen haben. +Bekommen wir ihn, so wird er zuerst meine Ebenen nehmen, welche den +Krieg anlocken, und meine Festungen, welche sie behaupten. Und hat +er sie, so wird er sie behalten. Verspielt er aber, so büße ich +zuerst und verfalle ohne Gnade dem Spruche des Kaisers, meines +Lehensherrn. Oh, ich durchschaue euch! Ihr Alle, selbst Dieser +da"—er blickte wehmüthig nach seinem Kanzler—"habet immer nur euer +Italien im Sinne, und ich gelte euch"—er blies über die flache +Hand—"soviel! Ich aber bin ein Fürst und will mein Erbe, mein +Mailand, und nichts als mein Mailand! Und du, Girolamo, gehst nicht +zu Pescara. Die Geschäfte würden darunter leiden. Ich kann dich +keine Stunde entbehren!" +</P> + +<P> +Jetzt nahm der schöne Lälius das Wort und lispelte: "Wenn Hoheit +darauf bestünde, so würde durch ihren Einspruch unser Plan hinfällig, +und ich hätte einen andern. Da wir uns einmal, sonderbarerweise, +nach unserm Capitano unter den kaiserlichen Feldherrn umsehen, wäre +nicht etwa der Versuch zu machen, ob sich der Borbone, gegen ein +großes Anerbieten, zu einem zweiten Verrath entschlösse?" +</P> + +<P> +Der Herzog schrak zusammen. "Wann verreisest du, mein Girolamo?" +fragte er. +</P> + +<P> +"Zuerst, Kanzler", fiel Guicciardin ein, "habe ich Auftrag, dich nach +Rom mitzunehmen. Der heilige Vater wünscht dich näher kennen zu lernen. +Denn er hat eine große Meinung von dir. Er nennt dich den Kanzler +Proteus und behauptet, du seiest, trotz deiner tollen Augen, einer +der klügsten Männer Italiens." +</P> + +<P> +"Das ist gut", bemerkte der Venezianer, "schon weil es die +entscheidende Stunde verschiebt, in welcher Girolamo Morone als +Versucher zu Pescara tritt. Ich wünsche dieser Stunde zuvor einen +Grund und eine Wurzel in der öffentlichen Meinung zu geben. Darf ich +mich darüber verbreiten, Herrschaften?" +</P> + +<P> +Das fade Gesicht des Venezianers nahm, soweit sich in der Dämmerung +noch unterscheiden ließ, einen energischen Ausdruck an und er redete +mit markiger Stimme: "Der Kanzler, da er sein bedeutendes Wort +aussprach, hat uns ohne Zweifel erschreckt, aber nicht eigentlich in +Verwunderung gesetzt. Nachdem der vernichtende Schlag von Pavia dem +Kaiser unser ganzes Italien wehrlos zu Füßen geworfen hatte, suchte +die öffentliche Meinung von selbst eine Schranke gegen die drohende +Allmacht und ließ aus der Natur der Dinge unsere Liga emporwachsen. +Zugleich beschäftigte sich die öffentliche Meinung mit dem Lohne, der +Pescara für seinen vollkommenen Sieg und die Erbeutung eines Königes +gebühre. Und da die Kargheit und der Undank des Kaisers weltbekannt +sind, zog sie den Schluß, daß er seinen Feldherrn nicht +zufriedenstellen und dieser anderwärts einen Ersatz suchen werde. +Jetzt verbindet die öffentliche Meinung diese beiden Dinge: unsern +schon durchschimmernden patriotischen Bund und einen möglichen +größern Gewinn des Pescara. So wird sein Übertritt glaubwürdig, +bevor er sich vollzieht. Nur ist es dienlich, daß dieser begründeten +allgemeinen Ansicht durch eine geschickte Hand eine überzeugende +Gestalt und durch eine geläufige Zunge eine für ganz Italien +verständliche Sprache gegeben werde. Nun ist seit kurzem ein +wanderndes Talent unter uns aufgetaucht, ein vielversprechender +junger Mann, der sich hoffentlich noch an Venedig fesseln läßt—" +</P> + +<P> +"Einen Fußtritt dem Aretiner! Er hat mich schändlich verleumdet..." +"Ein göttlicher Mann! Er hat mich den ersten Fürsten Italiens +genannt!" riefen Guicciardin und der Herzog miteinander aus. +</P> + +<P> +"Ich sehe", lächelte Nasi, "daß der Mann auch hier nach seinem Werthe +gekannt ist. Seine Briefe, an wahre oder erfundene Personen, in +tausend und tausend Blättern ausgestreut, sind eine Macht und +beherrschen die Welt. Ich will ihm eine sehr starke Summe senden, +und ihr werdet euch über die Saat von schönfarbigen Giftpilzen +verwundern, die über Nacht aus dem ganzen Boden Italiens emporschießt: +Verse, Abhandlungen, Briefwechsel, ein bacchantisch aufspringender, +taumelnder Reigen verhüllter und nackter, drohender und verlockender +Figuren und Wendungen, alle um Pescara sich drehend und um die +Wahrscheinlichkeit und Schönheit seines Verrathes. So bildet sich +eine unüberwindliche allgemeine Überzeugung, welche den Pescara zu +uns herüberreißt und ihn zugleich—da liegt es—am kaiserlichen Hofe +so gründlich und endgültig untergräbt, daß er zum Verräther werden muß, +er wolle oder nicht." +</P> + +<P> +"Nichts da, Exzellenz!" rief der Kanzler aus dem Dunkel. "Ihr +verderbt mir das Spiel! Der Befreier Italiens soll sich in voller +Freiheit entscheiden, nicht als das Opfer einer teuflischen Umgarnung..." +</P> + +<P> +"Du bist prächtig, Kanzler, mit deinen moralischen Skrupeln!" +unterbrach ihn Guicciardin. "Wisse, auch mein Herz empört sich und +nimmt Theil für den unrettbar Überlisteten! Aber ich heiße den +Menschen schweigen und handle als Staatsmann. Das Mittel der +Exzellenz ist ohne Vergleichung unter alle dem, was heute Abend +gefunden wurde, das Ruchloseste, aber auch das Klügste und Wirksamste. +Erst jetzt wird die Sache wahrhaft gefährlich für Pescara, und sein +Verrath wahrscheinlich. Ans Werk." +</P> + +<P> +"Er ist unter uns und lauscht!" schrie der Herzog mit gellender +Stimme, daß Alle zusammenfuhren. Ihre Blicke folgten seinem +geängstigten. Der Mond, der als blendende Silberscheibe über den +Horizont getreten war und seine schrägen Strahlen in das kleine +Gemach zu werfen begann, spielte wunderlich auf der Schachpartie. +Victorias hervorquellendes Auge blickte erzürnt, als spräche es: Hast +du gehört, Pescara? Welche Verruchtheit! und jetzt fragte es +angstvoll: Was wirst du thun, Pescara? Dieser war bleich wie der Tod, +mit einem Lächeln in den Mundwinkeln. +</P> + +<BR><BR><BR> + +<A NAME="chap02"></A> +<H3 ALIGN="center"> +Zweites Kapitel +</H3> + +<P> +In der weiten hellen Fensternische jener edeln vatikanischen Kammer, +an deren Dielen und Wänden Raphael die Triumphe des Menschengeistes +verherrlicht, saß ein Greis mit großen Zügen und von ehrwürdiger +Erscheinung. Er sprach bedächtig zu dem emporgewendeten, mit +dunkelblonden Flechten umwundenen Haupte eines Weibes, das zu seinen +Füßen saß und mit einem warmen menschlichen Blut in den Adern ebenso +schön war als die Begriffe des Rechtes und der Theologie, wie sie der +Urbinate in herrlichen weiblichen Gestalten verkörpert. Der betagte +Papst mit seinem langen gebückten Rücken und in seinem fließenden +weißen Gewande ähnelte einer klugen Matrone, welche lehrhaft mit +einem jungen Weibe plaudert. +</P> + +<P> +Noch nicht gar lange mochte Victoria auf ihrem Schemel gesessen haben, +denn der heilige Vater erkundigte sich eben erst nach dem Befinden +ihres Gatten, des Marchese von Pescara. "Die Seitenwunde von Pavia +macht sich nicht mehr fühlbar?" sagte er. +</P> + +<P> +"Der Marchese ist völlig geheilt", erwiderte Victoria unschuldig. +"Die Seitenwunde ist vernarbt, sowie auch die schlimmere Stirnwunde. +Er wird Eure Heiligkeit begrüßen, wenn er den Urlaub antritt, den ihm +die Gnade des Kaisers zugesagt hat und der uns Glückselige"—sie +sprach es mit jubelnden Augen—"auf unserer Meeresinsel vereinigen +wird. Aber er selbst verweigert sich denselben für einmal noch, +weniger des politischen Horizontes wegen, der nicht heller noch +trüber sei als sonst—so schreibt er—, sondern weil er gerade jetzt +das Heer ungern verlasse. Der Mörder", sagte sie lächelnd, +"beschäftigt sich nämlich mit einer vervollkommneten Feuerwaffe und +einem neuen Manöver. Das brächte er nun gerne erst zu einem Ergebnis. +So hat er mich, die er anfänglich hier in Rom überraschen wollte, +in sein Feldlager nach Novara beschieden und ich reise morgen, nicht +im Schneckenhaus meiner Sänfte, sondern im Sattel meines hitzigen +türkischen Pferdchens. Hätte ich Flügel! mich verlangt nach den +Narben meines Herrn, dessen Antlitz ich nicht gesehen seit jener +berühmten Schlacht, die ihn unsterblich gemacht hat. Und so bin ich +zu der Heiligkeit geeilt in der Freude meines Herzens, um mich bei +Ihr zu beurlauben: denn das ist der Zweck meines Besuches." So +redete Victoria aufwallend und überquellend wie ein römischer Brunnen. +</P> + +<P> +Ihre aufrichtigen Worte belehrten den Heiligen Vater, daß Pescara +sein Thun und Lassen in dasselbe Zwielicht stelle, welches auch er +liebte. Nur mit dem Unterschiede, daß der junge Pescara im +entscheidenden Augenblicke wie ein Blitz aus seiner Wolke +hervorsprang, während Clemens unentschlossen, über sich selbst zornig, +in der seinigen verborgen blieb, weil er aus greisenhafter +Überklugheit den Moment zu ergreifen versäumte. Er schärfte, in +einem andern Bilde gesprochen, den Stift so lange, bis zu seinem +Ärger die allzufeine Spitze abbrach. Jetzt trat er leise und +tastete. +</P> + +<P> +"Einen Urlaub hat der Marchese verlangt?" verwunderte er sich. "Ich +dächte, seinen Abschied? Achilles zürnt im Zelte, so hörte ich." +</P> + +<P> +"Davon weiß ich nichts, und das glaube ich nicht, Heiliger Vater", +entgegnete Victoria und warf mit einer stolzen Gebärde das Haupt +zurück. "Warum seinen Abschied?" +</P> + +<P> +"Nicht wegen einer rosigen Briseis, Madonna", antwortete Clemens +ärgerlich mit einem frostigen Scherze, "sondern geprellt um einen +erbeuteten König und um die Thürme von Sora und Carpi." +</P> + +<P> +Damit spielte der Papst auf zwei bekannte Thatsachen an. Der +Vicekönig von Neapel hatte bei Pavia, Pescara zuvorkommend, den Degen +des französischen Königs in Empfang und damit die Ehre vorweggenommen, +die erlauchte Beute nach Spanien führen zu dürfen. Und dann hatte +der Kaiser Sora und Carpi den begehrlichen Colonnen, den eigenen +Verwandten der Victoria geschenkt, nicht seinem großen Feldherrn, +welcher ebenfalls einen Blick danach geworfen. +</P> + +<P> +Victoria erröthete unwillig. "Heiliger Vater, Ihr denkt gering von +meinem Gemahl. Ihr stellet Euch einen kleinlichen Pescara vor: gebet +mir Urlaub, damit ich reise und mich überzeuge, daß euer Pescara +nicht mein Pescara ist. Ich habe Eile, vor den wahren zu treten." +</P> + +<P> +Sie erhob sich und stand groß vor dem Papste, aber schon verbeugte +sie sich wieder tief mit demüthiger Gebärde, um seinen Segen flehend. +Da bat er sie, sich wiederum zu setzen, und sie gehorchte. Clemens +durfte sich die Gelegenheit nicht entrinnen lassen, Pescara durch den +geliebten Mund seines Weibes zum Abfalle zu bereden. Daß aber mit +Anspielungen und Vorbereitungen bei der Colonna, wie er sie vor sich +sah, nichts gethan wäre, begriff er leicht: entweder würde sie sich +gegen das Zweideutige aufbäumen oder es als etwas Unverständliches +und Nichtiges unbesehen in den Winkel werfen. Er mußte dieser wahren +und auf Wahrheit dringenden Natur die Sache in klaren Umrissen +vorzeichnen und in ein volles Licht stellen, damit sie dieselbe ihres +Blickes würdige. Das ging ihm gegen seine Art, und er that einen +schweren Seufzer. +</P> + +<P> +Da fand er eine Auskunft, die nicht ohne Geist und List war. Er +fragte Victoria mit einer harmlosen Miene, während er die Hand mit +dem Fischerring auf ein in blauen Sammet gebundenes Buch mit +vergoldeten Schlössern legte: "Spinnst du wieder etwas Poetisches, +geliebte Tochter? Wahrlich, ich bin ein Verehrer deiner Muse, weil +sie sich mit dem Guten und Heiligen beschäftigt. Und ich liebe sie +insbesondere, wo sie moralische Fragen stellt und beantwortet. Aber +das schwerste sittliche Problem hast du noch in keinem deiner Sonette +behandelt. Weißt du, welches ich meine, Victoria Colonna?" +</P> + +<P> +Diese wunderte sich nicht über den plötzlichen Einfall des Heiligen +Vaters, weil sie hier auf dem eigenen Boden stand und, bei ihrem +schon gefeierten Namen, Gelehrte und Laien wohl nicht selten ähnliche +Fragen an sie richten mochten. Sie fühlte sich und erhob den +schlanken Leib kampflustig, während sich ihre Augen mit Licht füllten. +"Der größte sittliche Streit", sagte sie ohne Besinnen, "ist der +zwischen zwei höchsten Pflichten." +</P> + +<P> +Jetzt hatte der Heilige Vater Fahrwasser gewonnen. "So ist es", +bekräftigte er mit theologischem Ernste. "Das heißt: scheinbar +höchsten, denn eine der beiden ist immer die höhere, sonst gäbe es +keine sittliche Weltordnung. Ich flehe zu Gott und seinen Heiligen, +daß sie dir beistehen und dich die höhere Pflicht erkennen lassen, +damit du sie der geringem vorziehest, du und dein Gatte, denn siehe, +dieser große und schwere Kampf wird an euch Beide herantreten." +</P> + +<P> +Victoria erblaßte, da ihr die akademische Frage plötzlich in das +lebendige Fleisch schnitt, der Heilige Vater aber redete feierlich: +"Höre mich, meine Tochter! Alles, was ich dir jetzt zu sagen habe, +ist auch dem Marchese gesagt, den meine Worte durch dich erreichen. +Vernimm es: der Heilige Stuhl trennt sich zu dieser Stunde von der +kaiserlichen Majestät und bietet ihr die Spitze. Ich handle so als +Fürst und als Hirte. Als Fürst: weil heute die Schicksalsstunde +Italiens ist. Lassen wir sie verrinnen, so verfallen wir +italienischen Fürsten alle auf Jahrhunderte hinaus dem spanischen +Joche. Frage, wen du willst: so urtheilen alle Einsichtigen. Aber +auch als höchster Hirte. Ersteht in jenem räthselhaften Jüngling, der +Völker in seinem Blut und auf seinem Haupte Kronen vereinigt, der +alte Kaisergedanke, so ist die ganze leidenvolle Arbeit meiner +heiligen Vorgänger umsonst gewesen, und die Kirche wird durch die +neue Staatskunst enger gefesselt und tiefer gedemüthigt als von den +eisernen Fäusten jener fabelhaften germanischen Ungetüme, der Salier +und der Staufen. So steht es. Blieb dir fremd, was Italien mit +Furcht und Hoffnung erfüllt?" +</P> + +<P> +"Der Marchese will es nicht glauben", sagte Victoria mit einem +schnellen Erröthen. Der Heilige Vater lächelte. "Heiligkeit vergesse +nicht", lächelte sie ebenfalls, "ich bin eine Colonna, das ist eine +Ghibellinin." +</P> + +<P> +"Du bist eine Römerin, meine Tochter, und eine Christin", wies sie +Clemens zurecht. +</P> + +<P> +Es entstand eine Pause. Dann fragte sie: "Und Pescara?" +</P> + +<P> +"Pescara", antwortete der Papst und dämpfte die Stimme, "ist eher +mein Unterthan als derjenige des Kaisers. Denn er ist ein +Neapolitaner, und ich bin der Lehensherr von Neapel. Glaube nicht, +Victoria, daß ich leichthin rede. Wie dürfte ich es, da ich das +Gewissen der Welt bin? Wahrlich, ich sage dir: in schlaflosen +Nächten und bekümmerten Frühstunden habe ich mein Recht auf Pescara +geprüft. Meiner politischen Vernunft mißtrauend, habe ich die zwei +größten Rechtsgelehrten Italiens zu Rate gezogen, Accolti und... hm... +den zweiten." +</P> + +<P> +Der Papst zerdrückte den Namen klüglich auf der Zunge, da ihm noch +zur rechten Zeit einfiel, dieser zweite Rechtsgelehrte, der Bischof +von Cervia, genieße des Rufes der schamlosesten Käuflichkeit. +"Beide"—Clemens klopfte mit dem Fischerring auf das blaue +Buch—"stimmen zusammen, daß Pescara, nach strengem Rechte betrachtet, +viel mehr mein Mann sei als der des Kaisers, und beide erinnern mich +daran, daß ich überdies, kraft meines Schlüsselamtes, jetzt, da der +Kaiser mein Feind wird, die Macht besitze, den Marchese eines Eides +zu entbinden, den er einem Feinde des Heiliges Stuhles geschworen hat." +</P> + +<P> +Der Papst hatte sich langsam erhoben. "Und so tue ich!" sagte er +priesterlich. "Ich löse Ferdinand Avalos vom Kaiser und zerbreche +seine Treue. Ich ernenne den Marchese von Pescara zum Gonfaloniere +der Kirche und zum Feldherrn der Liga, welche die Heilige heißt, weil +Christus in der Person seines Nachfolgers an ihrer Spitze steht." +Der Papst hielt inne. +</P> + +<P> +Jetzt hob er die rechte und die linke Hand in gleicher Höhe, als +hielten sie eine Krone über dem Haupte der Colonna, die, von Staunen +überwältigt, auf die Knie sank, und sprach mit lauter Stimme: "Die +Verdienste meines Gonfaloniere um mich und die Heilige Kirche voraus +belohnend, kröne ich Ferdinand Avalos Marchese von Pescara zum Könige +von Neapel!" Die junge Königin erbebte vor Freude. Sie glaubte eine +Krone zu verdienen. Sprachlos, mit brennenden Wangen empfing sie den +Segen. Dann stand sie auf und ging, in gemessenen, aber eiligen +Schritten, als könne sie es nicht erwarten, dem erhöhten Gemahl seine +Krone zu bringen. +</P> + +<P> +Der Heilige Vater, selbst aufgeregt, folgte ihr so hastig, daß er +beinahe einen Pantoffel verloren hätte. An der Schwelle erreichte er +sie und wollte ihr den Band von blauem Sammet bieten. "Für den +Marchese", sagte er. +</P> + +<P> +Da erblickte er hinter ihr Guicciardin mit Morone, die vielleicht ein +bißchen an der Türe gehorcht hatten. Victoria mit strahlenden Augen +voll glühender Wonne erschien dem Kanzler als ein solches Wunder, daß +er fast von Besinnung kam. Rasch gesammelt aber flehte er den Papst +an: "Die Heiligkeit mache mich Unheiligen bekannt mit der himmlischen +Victoria!", worauf Clemens ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter +gab und ihn mit den Worten vorstellte: "Der Kanzler von Mailand, ein +Weltkind, auf das sich der Heilige Geist herabzulassen beginnt!" +Dann wisperte er Viktorien ins Ohr: "Morone, Buffone." +</P> + +<P> +Diese verschwand in der Verwirrung ihres Glückes, während der Papst +in der seinigen das wichtige blaue Buch zurückbehielt, denn er war +noch ganz berauscht von der kühnen symbolischen That, zu welcher ihn +der Anblick der schönen Frau hingerissen hatte. Nun fühlte er doch, +daß er das Gleichgewicht verloren; er wies mit einer Handbewegung den +Besuch des Florentiners und des Lombarden ab und trat in die +Raffaelische Kammer zurück. +</P> + +<P> +Die beiden nicht Empfangenen sahen sich einen Augenblick an, dann +ergriff Guicciardin lachend den Arm des Kanzlers und zog ihn +sanftgestufte Treppen hinunter in die Vatikanischen Gärten, deren +Schattengänge sie nicht aufzusuchen brauchten, denn der Himmel hatte +sich mit schwarzen Wolken bedeckt. +</P> + +<P> +"Eigentlich", plauderte Guicciardin, "mag ich den Alten leiden. So +fein er spinnt und so bedacht er redet, ist er doch innerlich ein +leidenschaftlicher, ein zorniger Mensch wie ich, und jetzt höchst +aufgeregt, weil er der Colonna unsere gefährliche Heimlichkeit +geoffenbart hat. Du in deiner Verzückung hast es freilich nicht +gesehen, wie er ihr die Gutachten des Accolti und des Angelo de Cesis +in die Hand drücken wollte. Zwei käufliche Schurken, die den Meineid +mit Bibelstellen belegen! Übrigens ist es ein starkes Ding, daß +Clemens in seinen alten Tagen so Kühnes und Folgenschweres unternimmt, +und noch mehr, er unternimmt es mit tiefem Mißtrauen gegen sich +selbst, ohne Glauben an seinen Stern, denn er hält sich heimlich für +einen Pechvogel. Das ist schlimm. Da war denn doch der Leo ein +anderer, immer strahlend und triumphierend, und darum immer glücklich, +während die gegenwärtige Heiligkeit, wie sie mir neulich im Tone des +Jeremias prophezeite, die Ewige Stadt schon geplündert und aus diesen +Dächern"—er wies auf den Vatikan—"Rauch und Flamme steigen sieht. +Dennoch beginnt er den Kampf gegen den Kaiser, und das rechne ich ihm +hoch an, ob es ihm auch zuerst um sein Florenz zu thun ist. Er hat +noch Blut in den Adern und knirscht die Zähne, soviel ihm geblieben +sind, wenn er den hochmütigen spanischen Adel auf dem Kapitole +stolzieren sieht wie in Neapel oder Brüssel. Aber wohin träumst du, +Kanzler? Von dem Weibe? Natürlich." +</P> + +<P> +"Ich will zu der Römerin reden wie ein alter Römer!" rief der Kanzler. +</P> + +<P> +"Schön! Nur hüte dich, daß du in der Begeisterung nicht deinen +klassischen Bocksfuß unter der Toga hervorstreckest. Sei züchtig, +mache große Worte und packe sie fest an ihrer Eitelkeit!" +</P> + +<P> +"An ihrem Herzen will ich sie packen!" +</P> + +<P> +"Das heißt, an ihrer Tintenflasche, denn die Herzen schreibender +Weiber sind mit Tinte gefüllt", lästerte der schmähsüchtige +Florentiner. "Aber weißt du, Kanzler"—und Guicciardin kniff ihn +kräftig in den Arm—"daß es nicht der Heilige Vater allein ist, den +unsere Unternehmung schlaflos macht. Auch ich habe in dieser Woche +noch kein Auge geschlossen. Immer muß ich mir diesen Pescara +zurechtdenken. Auf seinen Groll gegen den Kaiser gebe ich nichts: +sie können sich über Nacht versöhnen. Ebensowenig auf den Einfluß +des Weibes. Sie wird ihm die Botschaft des Papstes ausrichten dürfen: +weiter wird er nicht auf sie hören. Aber ich glaube auch nicht an +seine feudale Treue. Pescara ist kein Cid Campeador, oder wie die +Spanier ihren loyalen Helden nennen, dafür ist er zu sehr ein Sohn +Italiens und des Jahrhunderts. Er glaubt nur an die Macht und an die +einzige Pflicht der großen Menschen, ihren vollen Wuchs zu erreichen +mit den Mitteln und an den Aufgaben der Zeit. So ist er und so paßt +er uns. Unfehlbar, er wird unsere Beute und wir die seinige. +Dennoch... lache mich aus, Morone... etwas umhaucht mich: ich wittere +Verborgenes oder Geheimgehaltenes, etwas Wesentliches oder auch etwas +Zufälliges, etwas Körperliches oder einen Zug seiner Seele, kurz, ein +unbekanntes Hindernis, das uns den Weg vertritt und unsere genaue +Rechnung fälscht und vereitelt." +</P> + +<P> +"Aber", sagte Morone nachdenklich werdend, "wenn er so ist, wie du +ihn nimmst, und wenn die Thatsachen liegen, wie wir sie kennen, aus +welcher Geisterquelle sollte denn jenes Feindselige aufsteigen?" +</P> + +<P> +"Ich weiß es nicht! Nur—von diesem Pescara geht der Ruf, er +verstehe es, einen stürmenden Feind alle Höhen erklimmen zu lassen, +um ihm dann plötzlich einen letzten mit Feuerschlünden besetzten und +ihn zerschmetternden Wall entgegenzustellen. Wenn in seinem Innern +ein solcher Wall gegen uns emporstiege, gerade im Augenblicke, da wir +glauben, seine Seele bewältigt zu haben? Doch weg mit dem Spuk, der +nichts ist als die Schwüle vor dem Gewitter, die natürliche Angst und +Ungewißheit, die jedem großen und gefährlichen Unternehmen vorangeht." +</P> + +<P> +Ein Blitz flammte über den Vatikan. Er stand in weißem Feuer und +zeigte die schönen Verhältnisse der neuen Baukunst. Unter dem Rollen +des Donners verloren sich die zweie zwischen den Säulen eines +Portikus, Guicciardin betroffen und sich fragend, was das Omen +bedeute, der Kanzler unbekümmert um den Himmel und seine Zeichen, +denn er sah sich schon zu den Füßen der Colonna. +</P> + +<P> +Diese hatte im Taumel ihrer Begeisterung den Vatikan über die nächste +seiner zahlreichen Treppen und durch eines seiner Nebentore verlassen. +Sänfte und Gefolge, welche sie an der Hauptpforte vergeblich +erwarteten, hatte sie vergessen und wandelte, mehr von ihrem +ehrgeizigen Traume getragen als von dem aufziehenden Gewitter gejagt, +mit bewegten Gewanden nach ihrem Palast am Apostelplatze zurück. Sie +schritt mit einer geraubten Krone wie die erste Tullia, nicht über +den Leichnam des Vaters, sondern über die gemeuchelte Staatstreue: +denn die Tochter des Fabricius Colonna und die Gattin Pescaras war +eine Neapolitanerin und die Unterthanin Karls des Fünften, des Königs +von Neapel. +</P> + +<P> +Die krönende Gebärde des Papstes hatte sie überwältigt. Gewöhnung +und Umgebung, der Glaube der Jahrhunderte und die überlieferten +Formen der Frömmigkeit ließen sie in dem Haupte der Kirche, so +entartet diese sein mochte, immer noch eine Werkstätte des göttlichen +Willens und ein Gefäß der höchsten Ratschlüsse erblicken—und wie +hätte das eigene Selbstgefühl und mehr noch der Stolz auf den Wert +ihres Gatten sie zweifeln lassen an dem päpstlichen Rechte, auf das +würdigste Haupt eine Krone zu setzen? So konnte ihr die anmaßende +Handlung des Mediceers trotz der veränderten Zeiten als ein Ausspruch +der Gottheit erscheinen. +</P> + +<P> +Die neue Königin ohne Gefolge hatte den Borgo durcheilt, die +Engelsbrücke überschritten und ging nun schon durch die "gerade +Gasse", wie sie hieß, im Gelärme der Menge. Diese gab der Colonna +ehrerbietig Raum, ohne zu erstaunen über den unbegleiteten Gang und +die eilenden Füße der erlauchten Frau, welche jetzt der dem Gewitter +vorangehende Sturm beflügelte. Nach und nach aber verlangsamten sich +ihre Schritte in dem dichter werdenden Gewühle der nicht breiten +Straße, obwohl der schmale Himmel darüber immer dunkler und drohender +wurde. +</P> + +<P> +Da erblickte sie über die Menge hinweg eine Kavalkade. Herren der +spanischen Gesandtschaft begleiteten, wohl zu einer Audienz im +Vatikan, den dritten kaiserlichen Feldherrn in der Lombardei, Leyva. +Dieser vormalige Stallmeister, der Sohn eines Schenkwirts und einer +Dirne, den ein knechtischer Ehrgeiz und ein eiserner Wille +emporgebracht, hatte einen plumpen Körper und das Gesicht eines +Bullenbeißers, denn Stirn, Nase und Lippe waren ihm von demselben +Schwerthiebe gespaltet. Neben ihm auf einem herrlichen andalusischen +Vollblute ritt, in einen weißen Mantel gehüllt, ein vornehmer Mann +mit braunem Kopf und energischen Zügen, welcher jetzt mit einer +devoten Verbeugung Viktorien zu grüßen schien; aber er hatte sich nur +vor den steinernen Heiligen einer nahen Kirche verneigt. +</P> + +<P> +War es die grelle Gewitterbeleuchtung oder die gemessen feindselige +Haltung der Herren in einer Stadt, von deren dreigekröntem Gebieter +sie ihren König insgeheim verraten wußten, oder war es Victorias +erregte Einbildungskraft, sie sah und fühlte in der Grandezza der +Reiter und Rosse, den in die Hüfte gesetzten Armen, den verächtlich +halb über die Schulter auf die Romulussöhne niedergleitenden Blicken +und bis in die steifen Bartspitzen den Hohn und die Beleidigung der +beginnenden spanischen Weltherrschaft, sie empfand Grauen und Ekel, +und ein tödlicher Haß regte sich in ihrem römischen Busen gegen diese +fremden Räuber und hochfahrenden Abenteurer, welche die neue und die +alte Erde zusammen erbeuteten. Warum war der junge Kaiser zugleich +der König dieser ruchlosen Nation, in deren Adern maurisches Blut +floß und die Italien mit ihren Borjas vergiftet hatte? +</P> + +<P> +Sonst hätte sie wohl der uralte Familiengeist ihres gibellinischen +Geschlechtes, das jahrhundertelang seinen Vorteil darin gefunden +hatte, der kaiserlichen Sache ohne Gehorsam zu dienen, an Karl +gefesselt, aber nein, nicht an diesen Kaiser, auch wenn er kein +Spanier gewesen wäre. Sie konnte sich nichts machen aus dem +undeutlichen Knaben, den sie nie von Angesicht gesehen, weder sie +noch irgendwer in Italien, das jener zu betreten zögerte. +</P> + +<P> +Einen Brief freilich hatte er an sie geschrieben nach dem Siege von +Pavia, um sie zu beglückwünschen, daß sie die Gattin Pescaras sei. +Aber gerade in diesen kargen Zeilen schien sich ein kümmerliches +Gemüt zu spiegeln, und was der großgesinnten Frau am meisten mißfiel, +war die in ihren Augen ängstliche und frömmelnde Demut, mit welcher +der junge Kaiser Gott und seinen Heiligen die ganze Ehre des Sieges +gab. Obwohl selbst dem Himmel dankbar, schätzte Victoria solche +Demut gering an einem Manne und an einem Herrscher. War hier nicht +das Geständnis, daß der begeisternde Sieg den Fernstehenden kühl +gelassen hatte, ja, war hier nicht die kleinliche Absicht, den +Lorbeer Pescaras zu schmälern? Darum mußte der Himmel alles gethan +haben. Victoria aber war brennend eifersüchtig auf den Ruhm ihres +Gatten. Und wie ungroßmütig hatte sich Karl erwiesen! Er hatte es +über sich gebracht, dem Feldherrn, welchem er Italien verdankte, zwei +armselige italienische Städtchen zu verweigern! Nein, einen so +kleinen Menschen konnte man gar nicht verraten, man konnte höchstens +von ihm abfallen und ihn fahrenlassen. +</P> + +<P> +Jetzt blendete sie ein gewaltiger Blitz, derselbe, der den Kanzler +und Guicciardin unter die Dächer des Vatikans zurückgetrieben, und +eben da der Regen zu stürzen begann, erreichte sie, rechts durch ein +Seitengäßchen biegend, die dunkeln Stufen des Pantheon und seine +erhabene Vorhalle. Ohne das Innere des machtvollen Tempels zu +betreten, lehnte sie, die entstehende Kühle einatmend, an eine der +enge zusammengerückten gewaltigen Säulen, und unter dem Vordache des +alten Bauwerkes kehrte ihr Geist in ein noch früheres Altertum zurück, +dessen Tugenden die flüssige Bildkraft des Jahrhunderts +verherrlichte, ohne sie zu besitzen oder auch nur begreifen zu können +in ihrer eintönigen Starrheit und strengen Wirklichkeit. +</P> + +<P> +Jene tugendhaften Lucretien und Cornelien traten ihr wie Schwestern +vor das altertumstrunkene Auge, trug sie doch zwei Namen, die beide +so römisch als möglich klangen, und war ihr doch wie jenen hohen +Frauen das weiblich Böse unbekannt. Jene schlichten und stolzen +Geschöpfe hatten die Eroberer der Welt geboren, Virgils großartiges +"Tu regere imperio", das sie sich wie oft schon vorgesagt hatte, +überwältigte sie jetzt bis zu den Tränen. Sie betrat den Tempel und +warf sich nieder in der Mitte desselben unter der wetterleuchtenden +Wölbung und rang die Hände und flehte, daß Rom und Italien nicht +versinke in das Grab der Knechtschaft. Sie flehte in den +christlichen Himmel hinauf und nicht minder zu dem Olympier, der über +ihr donnerte, zu alle dem, was da rettet und Macht hat, mit der +wunderlichen und doch so natürlichen Göttermischung der +Übergangszeiten. +</P> + +<P> +Da sie das Pantheon verließ—wie lange sie auf den Knien gelegen, +wußte sie nicht—heiterte sich der italienische Himmel eben wieder +auf, und in ihrem gewöhnlichen Wandel, leicht und gemessen, beendigte +sie den Weg nach ihrem Palaste. +</P> + +<P> +Jetzt kehrten ihre Gedanken zu Pescara zurück. Nicht diese ihre +Frauenhände konnten den Spanier verjagen, sondern nur er vermochte es, +welcher in jeder der seinigen einen Sieg hielt, wenn sie und die +Umstände ihn dazu überredeten. Durfte sie es hoffen? Hatte sie +solche Gewalt über ihn? Und Victoria mußte sich sagen, daß sie trotz +ihrer langen und trauten Ehe den innersten Pescara nicht kenne. Sie +wußte sein Angesicht, seine Gebärde, die kleinste seiner Gewohnheiten +auswendig. Daß der Enthaltsame ihr treu sei, glaubte sie und +täuschte sich nicht. Daß er sie anbetete und als sein höchstes Gut +mit der äußersten Liebe und Sorgfalt hegte, zärtlich und +verehrungsvoll zugleich, darauf war sie stolz. In den seligen +Stunden ihres kurzen, stets wieder von Feldzug und Lager aufgehobenen +Zusammenseins warf er Pläne und Karten und seinen Livius weg, um sein +Weib und gemeinsam mit ihr Meerbläue und wandernde Segel zu +betrachten. Er spielte mit ihr Schach, und sie gewann. Er bat sie, +die Laute zu schlagen, schloß die Augen und lauschte. Er gab ihr für +ihre Sonette spitzfindige Themata auf und verschärfte zuweilen den +Umriß ihrer allgemeinen Gedanken und weiten Wendungen, denn er selbst +hatte früher, in der unfreiwilligen Muße einer Gefangenschaft—und +wahrhaftig gar nicht übel für einen Geharnischten—zur Verherrlichung +Victorias einen "Triumph der Liebe" gedichtet. +</P> + +<P> +Seine Siege aber erzählte er, jung wie er war und größerer gewärtig, +seinem Weibe niemals, da er sie, wie er sagte, weder langweilen noch +mit Blut bespritzen wolle, denn ein Feldzug sei eine lange +Geduldsprobe, die zu der roten Lache einer Schlachtbank führe. Von +Politik sprach er ihr nur gar nicht, weder von Vergangenem noch von +Schwebendem, obwohl ihm einmal das Wort entschlüpfte, Menschen und +Dinge mit unsichtbaren Händen zu lenken, sei das Feinste des Lebens, +und wer das einmal kenne, möge von nichts anderem mehr kosten. Doch +gewöhnlich meinte er, Politik sei ein schmutziger Markt und sein Weib +dürfe nicht einmal die helle Spitze ihres Fußes in den ekeln Sumpf +tauchen. +</P> + +<P> +So gestand sich Victoria, daß ihr der alles untäuschbar +durchblickende Pescara undurchdringlich und sein Denken und Glauben +verschlossen sei. +</P> + +<P> +War das recht? Durfte es für sie verbotene Türen und verschlossene +Kammern geben in der Seele ihres Mannes? Nach den Plänen des +Feldherrn und den Ränken des Staatsmannes war sie nicht begierig, +aber sie verlangte eingeweiht zu werden in seinen Ehrgeiz und in sein +Gewissen. Und jetzt, da Pescara vor einer ungeheuren Entscheidung +stand, nein, jetzt ließ sie sich nicht abschütteln von seinem +kämpfenden Herzen, nicht abspeisen mit einer Liebkosung oder einem +Scherze, jetzt wollte sie mitraten und mithandeln. Hatte sie ihm +nicht eine frische Seele und eine reine Jugend gebracht? War sie +nicht eine Colonna? Brachte sie nicht heute eine Krone? Ob er diese +zurückweise, ob er sie aus ihren Händen nehme und sie sich aufs Haupt +setze, hier wollte sie seine Mitschuldige oder seine Mitentsagende +sein, ein bewußter Teil seiner verschwiegenen Seele. Wäre sie schon +bei Pescara! Herz und Sohlen brannten ihr vor Ungeduld, und schon +durchschritt sie den Apostelplatz, wo ihr ein geharnischter Jüngling +entgegentrat, der unter dem Tor ihres Palastes auf sie gewartet hatte. +</P> + +<P> +"Ich war um Euch in Sorge, erlauchte Frau", begrüßte er sie, "da Eure +Sänfte und Eure Leute ohne Euch aus dem Vatikan zurückgekehrt sind. +Nun, da seid Ihr ja, Patin, wenn ich Euch so nennen darf, wie ich von +jung an gewohnt war und es auch mein gutes Recht ist." Ohne Antwort +zu geben, stieg sie mit ihm die Treppen hinan, kaum auf seinen +dargebotenen Arm sich lehnend. +</P> + +<P> +Diesen gewöhnlichen Dienst von ihm anzunehmen, durfte sie sich nicht +weigern, was sie auch gegen ihn haben mochte. Denn Del Guasto—so +hieß der Jüngling—war der Neffe Pescaras und wie er ein Avalos. Der +fünfzehnjährige Pescara und die gleichaltrige Victoria hatten den +Knaben gemeinsam aus der Taufe gehoben. So hatte es der Vater +Victorias, der Feldherr Fabricius Colonna, veranstaltet, um seine +zwei Lieblinge, den jungen Krieger und sein aufgeblühtes Kind, +zusammen vor einen Taufstein zu stellen und die beiden Gesichter und +Gestalten sich einander erblicken zu lassen. +</P> + +<P> +Später nahm Victoria den wohlgebildeten und feurigen Knaben, der in +seinem kostbaren Taufhäubchen ihre Ehe mit Pescara gestiftet und dem +die Eltern früh wegstarben, an Kindes Statt. Wäre er nur ein Knabe +geblieben! Mit der Weichheit seiner Züge aber verlor er auch die +Liebenswürdigkeit seiner Seele. Das schöne Profil bekam einen +Geierblick und den immer schärfer sich biegenden Umriß eines +Raubvogels, und die sich offenbarende Unbarmherzigkeit begann +Victoria zu befremden und abzustoßen. Pescara hatte ihn dann in den +Krieg entführt, und in der einzigen Schule des von ihm vergötterten +Feldherrn war er zu dem verwegenen Soldaten erwachsen, der in der +Schlacht von Pavia durch Niederlegung der Parkmauer den Sieg begann, +aber auch zu dem harten, grausamen Menschen, der auf dem vorjährigen +schnellen Rückzug aus der Provence ein Haus, in dessen Keller ein +Dutzend seiner Leute sich verspätet hatten, ohne mit der Wimper zu +zucken, anzünden und in Flammen aufgehen ließ. +</P> + +<P> +Doch Victoria hatte ihm Schlimmeres vorzuwerfen, einen Frevel, der +die Frau in ihr empörte, und davon sollte er nun hören, jetzt, da er +zum ersten Male seit diesem jüngsten Verbrechen vor ihr stand. Sie +erkundigte sich, ob er von Pescara komme und was er bringe. Er +antwortete, daß er da sei, um die Herrin nach Novara zu geleiten. Er +glaube zu wissen, daß sein Anblick der Herrin mißfalle, habe aber den +Auftrag des Feldherrn nicht ablehnen dürfen, der die Marchesa nur dem +sichersten Schwerte anvertrauen wolle. Denn die Straße werde ebenso +unsicher wie die Weltlage, und er müsse die Marchesa ersuchen, sich +morgen in der Frühe bereitzuhalten, er brenne, ins Lager +zurückzukehren, wo jeder nächste Moment den Krieg bringen könne, und +da dürfe er nicht fehlen. Der Mailänder, Venedig, die Heiligkeit +beteuern in die Wette ihre friedlichen Gesinnungen: also stehe der +Kampf bevor. "Das wissen wir lange schon, es ist nur eine Frage des +günstigen Augenblickes. Aber"—er trat einen Schritt zurück—"etwas +anderes, etwas Neues, etwas Ungeheures habe ich auf meiner Reise +durch Mittelitalien gehört, und ich brauchte nicht einmal zu lauschen. +In Städten und Herbergen rauschte es öffentlich wie die Brunnen auf +den Plätzen. Freilich reiste ich unter fremdem Namen und mit nur +einem Diener." Er hielt inne und blickte mit brennenden Augen, als +verfolge er die spannende Wendung einer Jagd oder einen in +Monddämmerung kriechenden Hinterhalt. +</P> + +<P> +"Redet, Don Juan", flüsterte Victoria. +</P> + +<P> +"Für Euch, Madonna, die aus dem Vatikan zurückkehrt, gibt es kein +Geheimnis, und es ist nicht einmal eines, sondern, wie ich sagte, ein +öffentliches Geflüster, ein schadenfrohes, rachsüchtiges Gekicher, +ein kaum unterdrückter, italienischer Jubel, eine allgemeine +patriotische Rede und Ermunterung, von der ich die größte Eile habe, +den Feldherrn zu unterrichten. Denn noch weiß er nichts davon. Wie +ich meine", fügte er argwöhnisch bei. +</P> + +<P> +Victoria erbleichte. "Was wird geflüstert", fragte sie beklommen, +"und über wen? doch nicht über Pescara?" +</P> + +<P> +"Von ihm. Er ist überall. Sie sagen"—er dämpfte die Stimme—"der +Feldherr löse sich vom Kaiser und unterhandle mit der Heiligkeit und +den italienischen Mächten." +</P> + +<P> +Victoria erschrak über den glühend sinnlichen Ausdruck seines +Gesichtes. "Und Pescara..." sagte sie undeutlich. +</P> + +<P> +"Wie ich den Feldherrn beneide!" träumte Don Juan. "Welche +Aufregungen, welche Genüsse! Italia wirft sich ihm in die Arme... er +wird sie liebkosen, unterjochen und wegwerfen... oh, er wird mit ihr +spielen wie die Katze mit der Maus!", und er machte mit der Rechten +eine haschende Gebärde. +</P> + +<P> +Ein flammender Zorn übermochte die Colonna. "Verworfener", rief sie, +"habe ich dich gefragt, wie Pescara thun würde? Bist du der Mensch, +es zu wissen? Habe ich dir erlaubt, an ihm herumzudeuten?... Wie +die Katze mit der Maus... abscheulich! So hast du mit Julien +gespielt, Ehrloser!" +</P> + +<P> +Diese Julia stammte aus einem edeln novaresischen Geschlechte und war +die Enkelin des gelehrten Arztes Messer Numa Dati, welcher die +Speerwunde Pescaras geheilt hatte. Del Guasto, der im Hause des +Arztes Quartier genommen, hatte das Mädchen mißleitet und die Wohnung +gewechselt. Die Preisgegebene war dann, von Scham vernichtet, vor +dem arglosen Antlitz ihres Großvaters von Novara weit weg in ein +römisches Kloster geflohen und hatte die mächtige Colonna auf den +Knien angefleht, sich ihrer zu erbarmen und ihre Ehre herzustellen. +</P> + +<P> +Da ihn Victoria einen Ehrlosen hieß, biß sich Don Juan die Lippe. +"Sachte, Herrin", sagte er, "wäget Eure Worte. Ich bin kein Ehrloser, +sondern ich wäre es, wenn ich Julien nicht verlassen hätte. Ich +rede nicht von dem Unterschiede des Blutes eines Avalos und einer +Dati, sondern einfach davon, daß mir wie jedem Manne keine Gefallene, +sondern eine Unschuldige zur Braut geziemt." +</P> + +<P> +Victorias menschliches Herz empörte sich. "Du bist es, der die +Ärmste mit deinen Liebkosungen und Beteuerungen, ja vielleicht gar +mit falschen Gelübden und Eiden zu Falle gebracht! Bist du es nicht? +Kannst du es leugnen?" +</P> + +<P> +Er erwiderte: "Ich leugne es nicht, aber es war mein Kriegsrecht, +denn Krieg ist zwischen dem männlichen Willen und der weiblichen +Unschuld. Ich versuchte sie, ja. Warum widerstand sie nicht? Warum +gab sie sich? Warum beschuldigt Ihr mich, daß sie schwach war und +daß ich sie jetzt verachte und verschmähe?" +</P> + +<P> +Victoria erstarrte vor Entsetzen. "Ruchloser!" stöhnte sie. +</P> + +<P> +"Madonna", kürzte der Jüngling das Gespräch, "das ist eine peinliche +Unterhaltung, und Ihr tut mir leid dabei. Ich schlage Euch ein +Tribunal vor. In Novara angelangt, treten wir vor den Feldherrn, und +Ihr verklaget mich. Ich werde mich rechtfertigen, und der Feldherr, +der die Welt und ihre Ordnungen kennt, wird mich freisprechen, wie +ich denke. Jetzt verlasse ich Euch. Ich habe noch Leute zu werben, +denn ohne eine starke Bedeckung wage ich in diesen unruhigen Zeiten +nicht für Euch zu haften." Er verbeugte sich und verließ sie hohen +Hauptes. +</P> + +<P> +Victoria wendete sich unwillig und wählte den entgegengesetzten +Ausgang. Sie bedurfte Kühlung und stieg in den Garten hinab. Mit +dem letzten Tageslichte betrat sie den hinter dem Palaste liegenden +Raum, welcher, von hohen Mauern eingehüllt, voller Lorbeer und Myrte +war und den der nachtröpfelnde Regen erfrischte. Ihre Schritte +suchten das den Garten abschließende Kasino. +</P> + +<P> +Die Helle genügte noch, wenn auch mit Mühe die Lettern zu +unterscheiden in dem Evangelienbuche, welches sie im Vorbeigehen aus +der Bibliothek genommen und vor das sie sich gesetzt hatte, die heiße +Stirne in den gefalteten Händen. Ganz erfüllt von dem Schicksale +Juliens und dem größern Pescaras, durchlief sie mit den Augen +gedankenlos die aufgeschlagene Seite und atmete in vollen Zügen die +erfrischte Luft. Nach einer Weile wurde sie sich dessen bewußt, was +sie las: es war die dreimalige Versuchung des Herrn durch den Dämon +in der Wüste. Sie las weniger mit dem leiblichen als dem geistigen +Auge, was sie von Kind an auswendig wußte. +</P> + +<P> +Sie sah den Dämon vor den Heiland treten, welcher das einfache Wort +der Treue und des Gehorsams den Sophismen des Versuchers +entgegenhielt. Als der Versucher heftiger drängte, deutete des +Menschen Sohn auf die Stelle seiner künftigen Speerwunde... Da +wandelte sich das weiße Kleid in einen hellen Harnisch, und die +friedfertige Rechte bepanzerte sich. Nun war es Pescara, der die +Hand über seine durchschimmernde Wunde legte, während der Dämon jetzt +einen langen schwarzen Juristenrock trug und sich wie ein Gaukler +gebärdete. So sah es die Colonna auf dem vor ihr liegenden +Bibelblatte. Ärgerlich über das Spiel ihrer Sinne, that sie sich +Gewalt an und blickte auf. +</P> + +<P> +"Wer bist du, und was willst du?" rief sie erstaunt, und eine vor ihr +stehende dunkle Gestalt antwortete: "Ich bin Girolamo Morone und +komme zu reden mit Victoria Colonna." Victoria erinnerte sich, wen +ihr heute der Papst gezeigt hatte, und gewahrte jetzt auch den +einführenden Diener. Dieser entflammte die über der Herrin +schwebende Ampel, rückte dem Kanzler einen Schemel und entfernte sich, +während die Marchesa in der entstehenden Helle das häßliche, aber +mächtige Gesicht ihres nächtlichen Gastes betrachtete, das ihr keinen +Widerwillen einflößte. +</P> + +<P> +"Zu später Stunde", sagte sie, "suchet Ihr mich; doch Ihr bringt mir +wohl einen Auftrag an meinen Herrn, zu welchem ich morgen in der +Frühe verreise." +</P> + +<P> +"Vor Pescara denke ich bald selbst zu stehen", erwiderte Morone, "und +nicht von ihm werde ich Euch reden, sondern allein von Victoria +Colonna, welche ich mit ganz Italien verehre und anbete wie eine +Gottheit, der ich aber zürne und gegen die ich Klage erhebe." +</P> + +<P> +Wer seid Ihr, um so mit mir zu sprechen? lag es auf den Lippen der +Marchesa, doch sie fragte rasch und warmblütig: "Wessen klaget Ihr +mich an? Was ist meine Schuld, Morone?" +</P> + +<P> +"Daß Ihr Euer helles und begeisterndes Antlitz in Rollen und Bücher +vergrabet und unter Schatten und Fabeln lebet! Daß Ihr den ersten +Cäsar verabscheut und dem neuesten huldigt, daß Ihr Troja beweinet +und Euer Volk vergesset, daß Euch Prometheus' Bande drücken und die +Fesseln Italiens nicht schmerzen! Drei Frauen haben sie geschmiedet!" +</P> + +<P> +"Welche dreie?" fragte sie. +</P> + +<P> +"Die erste war Beatrix Este. Wann ihr alternder Gemahl, der Mohr, +sie auf den schwellenden Mund küßte, flüsterte sie, daß ihren blonden +Flechten ein Diadem anstünde, der kluge Mohr verstrickte sich in die +blonden Flechten und vergiftete seinen Neffen, den Erben von Mailand." +</P> + +<P> +"Die Schändliche!" +</P> + +<P> +"Der welkende Knabe hatte ein stolzes und feuriges Weib, die +Aragonesin Isabelle, die Beatrix tödlich haßte, und mit ihren jungen, +kräftigen Armen den siechen Knaben, ihren Gemahl, auf den +vorenthaltenen Thron heben wollte, sie beschwor und bestürmte ihren +Vater, den König von Neapel, bis dieser den Mohren bedrohte." +</P> + +<P> +"Ärmste!" +</P> + +<P> +"Der Mohr war sicher, solange der Gebieter von Florenz, der junge +Medici, dazwischen stand. Dieser war das Spielzeug seines schönen +Weibes, der hochmütigen Alfonsine Orsini, und das Weib übermochte ihn, +daß der Tor dem Mohren Freundschaft und Bündnis kündigte. Da rief +der Mohr den Fremden." +</P> + +<P> +"Unselige!" +</P> + +<P> +"Dreie haben Italien gefesselt. Die vierte, die Ihr seid, muß es +erlösen." +</P> + +<P> +"Kanzler, ich bin nicht das Weib eines Greises, noch eines Knaben, +noch eines Toren, noch eines andern von denen, die sich vom Weibe +berücken lassen, und... ich begehre keine Krone." Sie errötete und +wurde wie Purpur. +</P> + +<P> +"Herrin", sagte der Kanzler, "die Krone begehrt Euch. Erbarmt Euch +Eures Volkes, und vertretet es bei Pescara! Ich sage nicht: +liebkoset, umgarnet, verleitet ihn! Ich verschwöre mich nicht mit +Euch, ich verabrede keine Rollenteilung, ich lasse Euch reisen, ich +laufe mit Euch in die Wette, wer ihn zuerst erreiche. Und seid Ihr +die erste, so umfanget seine Knie und redet aus der Fülle Eures +Herzens und flehet: Pescara! Ich bin Italien und liege zu deinen +Füßen: erhebe mich und nimm mich an deine Brust!" +</P> + +<P> +Victoria war gerührt, und auch der Kanzler vergoß Tränen. +</P> + +<P> +"Erlauchte Frau", sagte er, "wer bin ich, der so zu Euch reden darf! +Ich bin nicht wert, daß ich den Saum Eures Gewandes küsse. Ludwig +der Mohr, mein allergütigster Herr, hat mich in Mailand von der Gasse +aufgelesen und wie einen drolligen kleinen Pudel zu seinen Füßen +spielen lassen. Da habe ich meine Erziehung genossen und an seinem +Hofe und später in seinem Dienste das Gesicht und die Gebärde meiner +Zeit, den ganzen ausgelassenen Triumphzug des Jahrhunderts betrachtet. +</P> + +<P> +Der arme Mohr! Sein Unstern und die Franzosen entführten ihn nach +Loches, wo er zehn lange Jahre im Kerker schmachtete. In seinem +letzten habe ich ihn dort wiedergesehen; denn damals, durch die Macht +der Umstände, befand ich mich in französischem Dienste, und mich +verlangte nach dem Antlitz meines Wohltäters. Da ich ihn erblickte, +erschrak ich und hatte Mühe, ihn zu kennen. Er sah wie ein Geist: +Kerker und Elend hatten seine Miene seltsam veredelt. Erst da er den +Mund öffnete, fand ich mich wieder in ihm zurecht. Er lächelte und +sagte in seiner unvergleichlich feinen Weise: 'Bist du es, Girolamo? +Es ist hübsch von dir, daß du mich besuchest. Ich verarge dir nicht, +wenn du in den Dienst meines Feindes getreten bist. Die Umstände +zwingen, und wie ich dich kenne, wirst du meinen Söhnen noch ein +treuer Freund und Berater sein, wenn das Rad der Fortuna sich +wiederum gedreht haben wird. Du bist nun ein gereifter Diplomat +geworden und verrätst keine schlechte Schule. Weißt du noch, wie ich +dir untersagte, dein komisches Gesicht wegzulegen und dein +Gebärdenspiel zu mäßigen, mit welchen du dir jetzt deine neuen +Freunde gewonnen hast?' +</P> + +<P> +So scherzte er eine Weile großmütig, dann aber redete er ernst und +sagte: 'Weißt du, Girolamo, was mich hier in meiner Muße beschäftigt? +Nicht mein Los, sondern Italien und immer wieder Italien. Ich +betraure als die Qual meiner Seele, daß ich, vom Weibe verlockt, den +Fremden gerufen habe, mit dem ihr jetzt rechnen müßt und der ein +zerstörender Teil eures Körpers zu werden droht. Ich aber sinne, wie +ihr wieder euer werdet. Da war der Valentino, jener Cäsar Borgia, +der versuchte es mit dem reinen Bösen. Aber, Girolamo, mein Söhnchen, +das Böse darf nur in kleinen Portionen und mit Vorsicht gebraucht +werden, sonst bringt es um. Da ist jetzt der Rovere, dieser Papst +Julius, der auf einer Donnerwolke gegen den Fremden fährt, welchen er +selbst gerufen hat, nicht minder als ich. Aber der Greis verzehrt +sich, seine gewalttätige Seele wird bald in den Hades schweben, und +nach ihm bleibt der gewöhnliche Hohepriester, der zu schwach ist, +Italien zu gründen, doch gerade stark genug, um jeden andern an dem +Heilswerke zu hindern. +</P> + +<P> +Girolamo, mein Liebling: ich glaube nicht, daß mein Italien untergeht, +denn es trägt Unsterblichkeit in sich; aber ich möchte ihm das +Fegefeuer der Knechtschaft ersparen. Gib acht, Söhnchen: ich lese +zwischen deinen Augen, daß du noch eine Rolle spielen wirst in dem +rasenden Reigen von Ereignissen, der über meinen lombardischen Boden +hinwegfegt. Tritt eines Tages aus diesen wechselnden Bildungen eine +Macht und aus diesen flüchtigen Gestalten eine Person, aber weder ein +Frevler noch ein Priester, sondern ein Feldherr, der den Sieg an +seine eiserne Sohle fesselt, wer und wessen Stammes er sei, nur kein +Fremder, dem gib du dich, mit Leib und Seele! Was an List und Lüge +notwendig ist—denn anders gründet sich kein Reich—, das übernimm du, +mein Söhnchen, er aber bleibe makellos!'" +</P> + +<P> +Der Kanzler war aufgesprungen. Seine begeisterte Rede riß ihn, ohne +daß er es merkte—und auch die ergriffene Victoria merkte es nicht—, +weit über die Grenze der Wahrheit. "Diesem Erkorenen", rief er aus, +"stehe das schönste und reinste Weib zur Seite! Italien will die +Tugend leiblich einherschreiten sehen, um ihr nachzuleben. Unser +Verderben ist die Entfesselung aus der Sitte, der zerrissene Gürtel +der Zucht. Hier ist ein Sieg davonzutragen, größer als der auf dem +Schlachtfelde, und ein Zauberstab zu schwingen, mächtiger als der +Feldherrnstab. Ich sehe sie vor mir, diese Königin der Tugend, die +Priesterin, die das heilige Feuer hütet, die Erhalterin der +Herrschaft, und, Hosianna! ganz Italien wandelt hinter ihren +Schritten, lobpreisend und frohlockend!" Der Kanzler machte Miene, +Viktorien huldigend zu Füßen zu stürzen, doch er trat zurück und +flüsterte verschämt: "So sprach Ludwig der Mohr in seinem Kerker." +</P> + +<P> +Victoria senkte die Augen, denn sie fühlte, daß sie voller Wonne +waren und brannten wie zwei Sonnen. +</P> + +<P> +Da sagte der Kanzler: "Ich habe Euch ermüdet, edle Frau, die Augen +fallen Euch zu. Ihr müsset morgen frühe auf und seid schwer von +Schlummer." Und der Listige trat in die Nacht zurück, die sich +inzwischen auf die Ewige Stadt gesenkt hatte. +</P> + +<BR><BR><BR> + +<A NAME="chap03"></A> +<H3 ALIGN="center"> +Drittes Kapitel +</H3> + +<P> +An einem Fenster, dessen Blick über die Thürme von Novara und eine +schwül dampfende Ebene hinweg die noch morgenklaren Schneespitzen des +Monte Rosa erreichte, saß Pescara und arbeitete an dem Entwurfe des +Feldplanes, der das Heer des Kaisers nach Mailand führen sollte. So +unablässig ging er seinem Gedanken nach, daß er die leisen Tritte des +Kammerdieners nicht vernahm und ihn erst gewahr wurde, als jener die +Limonade bot. Während er das leichte Getränk mit dem Löffel umrührte, +bemerkte er: "Ich schelte dich nicht, Battista, daß du heute nacht +gegen meinen ausdrücklichen Befehl bei mir eingetreten bist. Du +magst, nebenan schlafend, mich wohl schwerer als gewöhnlich atmen +gehört haben—ein Alp, eine Beklemmung... nicht der Rede wert." Er +nahm einen Schluck aus dem Glase. +</P> + +<P> +Battista, ein schlauer Neapolitaner, verbarg seinen Schrecken unter +einer devoten Miene. Er log und beteuerte bei der heiligen Jungfrau, +er habe geglaubt sich bei Namen rufen zu hören, nimmer hätte er sich +erdreistet, ohne Befehl das Schlafzimmer der Erlaucht zu betreten, +während er doch in That und Wahrheit ungerufen und gegen ein strenges +Verbot seines Herrn aus einer schönen menschlichen Regung diesem +beigesprungen war. Er hatte ihn schrecklich stöhnen hören und dann +in seinen Armen auf dem Lager emporgehalten, bis der Feldherr den +Atem wiederfand. +</P> + +<P> +"Es war nichts", wiederholte dieser, "ich bedurfte keinen Beistand. +Doch will ich dich, wie gesagt, nicht schelten, jetzt, da wir uns +trennen müssen. Ich verliere dich ungern, aber Sohnespflicht geht +vor. Und da deine greisen und siechen Eltern in Tricarico darben, +darf ich dich nicht halten. Gehe und bereite ihnen ein sorgenloses +Alter. Als perfekter Barbier und zungenfertiger Schelm, wie ich dich +kenne, wirst du dir überall zu helfen wissen. Gehe mit Gott, mein +Sohn, du sollst mit mir zufrieden sein." Und er ergriff die Feder. +</P> + +<P> +Battista fiel aus den Wolken. Er verschwor sich mit einer +verzweifelten Gebärde, dieses Mal der Wahrheit gemäß, sein Vater sei +längst im Himmel und seine Mutter, die Carambaccia, gewerbsam und +kerngesund und fett wie ein Aal. Der schreibende Feldherr erwiderte: +"Du hast recht, Battista, in Potenza wohnen deine armen Eltern, nicht +in Tricarico, doch das liegt nahe beisammen." Er reichte dem +verabschiedeten Diener eine Kassenanweisung. +</P> + +<P> +So niedergeschmettert Battista sein mochte—er wußte, ein Wort +Pescaras sei unwiderruflich—, ließ er doch blitzeschnell einen +schrägen Blick über die Ziffer der Summe gleiten, welche nur eine +bescheidene war. Der Feldherr verschwendete weder im großen noch im +kleinen, weder das Gut des Kaisers noch das seinige. Auch hütete er +sich wohl, den Barbier durch eine allzu reiche Spende auf die +Wichtigkeit des Vorfalles aufmerksam zu machen und in den Schein zu +kommen, als wolle er sein Schweigen erhandeln, denn er war völlig +überzeugt, daß Battista bei erster Gelegenheit sein Wissen noch +teurer verkaufen würde, dort, wo man ein Interesse hatte, von dem +leiblichen Befinden des Feldherrn genau unterrichtet zu sein. +</P> + +<P> +Schmerzlich enttäuscht und seine Geburtsstunde verwünschend, fiel +Battista dem gnädigen Herrn zu Füßen, umfing ihm das Knie und küßte +ihm die Hand. "Lebe wohl", sagte dieser, "und räume das noch ab." +Er wies auf das Geschirr und winkte den Übertreter seines Befehles +freundlich weg aus seinem Dienste. +</P> + +<P> +Bevor er sich wieder in seinen Plan vertieft hatte, klirrte draußen +ein fallender Löffel und ein in Scherben springendes Glas, und der +Herzog von Bourbon, der den vernichteten Battista unsanft beiseite +geworfen, zeigte unangemeldet seine hohe schlanke Gestalt, denn er +hatte zu jeder Stunde freien Eintritt bei dem Feldherrn. +</P> + +<P> +"Hoheit?" wendete sich Pescara gegen ihn und erhob sich vom Sitze. +</P> + +<P> +"Um Vergebung. Ich war im Begriffe, zu meinen Truppen zu verreiten", +erklärte der Herzog, "da kam mir in der Vorstadt ein reisender +Kaufmann unter die Augen, welcher eben vor der Pforte des Arztes Euer +Erlaucht, des Messer Numa Dati, von seinem Maultier absaß. Hätte die +Gestalt nicht ein würdiges Antlitz getragen, ich hätte darauf +geschworen, meinen unvergeßlichen Freund, den Kanzler von Mailand, zu +erblicken. Ich ließ einen meiner Leute sich nach dem Fremdling +erkundigen und erfuhr, der Reisende sei ein Gastfreund des Arztes, +ein Juwelier aus Mailand namens Scipione Osnago. Vielleicht, oder +auch nicht, sondern eine der zahlreichen Larven des vielgestaltigen +Kanzlers. Er schiebt den Leib auf eine gewisse Weise, die sich +schwer verleugnen läßt, und da ich noch nicht durch das Tor war, ritt +ich leicht wieder zurück, um Euch den wahrscheinlichen Besuch dieses +kostbaren Mannes zu melden." +</P> + +<P> +"Ich erwartete ihn längst mit den Ausflüchten und Beteuerungen des +Mailänders", erwiderte der Feldherr. "Da er aber nicht erschien und +wir aus guten Quellen wußten, sein Herzog fahre fort zu befestigen +und zu rüsten, begann ich auf den Kanzler zu verzichten. Nun kommt +er zu spät. Morgen, um Mitternacht, verläuft die dem Herzog gegebene +Frist. Schlag zwölf marschieren wir; es wäre denn, Morone brächte +große Neuigkeiten." +</P> + +<P> +"Ja, dieser Morone!" plauderte der Bourbon. "Der wird schon etwas +gebraut haben. Da ich unser Ultimatum nach Mailand brachte, sah ich +es hinter seiner Stirne wimmeln wie in einem Ameisenhaufen. Ihr +macht Euch keinen Begriff, Marchese, was das für ein frecher Kopf ist. +Während ich in Mailand regierte und er mein Rat und Schreiber war, +hat er mich über Tisch—denn ich liebte es, mit ihm zu speisen und +mich an seinen Fabeln und Einfällen zu ergötzen—auf alle Throne +gesetzt und mit allen Fürstinnen gekuppelt. Und das Tollste: es war +Verstand in dem Unsinn. Ich bin doch neugierig, was er wieder +ausgeheckt haben wird, um sich und seinem Herzog aus der Klemme zu +helfen. Sicherlich etwas ungeheuer Geniales, einen Gipfel, einen +Abgrund. Wenn er zum Beispiel"—der Herzog lachte herzlich—"uns +beiden kaiserlichen Feldherrn die Führung der Liga böte und als +Handgeld zwei verlockende italienische Kronen aus den Falten seiner +Toga zum Vorschein brächte?" +</P> + +<P> +"Hoheit scherzt!" +</P> + +<P> +"Wie anders, Marchese!" erwiderte der Herzog und wollte sich +beurlauben. Da ergriff er noch die Hand des Feldherrn und sagte in +einem weichen Tone, der eine vor der Welt verheimlichte Freundschaft +enthüllte: "Pescara, ich danke dir, daß du mir Leyva vom Halse hältst, +indem du mir den rechten Heerflügel gibst und ihm den linken. Ich +mag mit dem Unleidlichen nicht zusammenreiten. Es entstände Unglück +und größeres als jüngst auf dem Markte von Novara. Er könnte sich +wiederum gegen mich vergessen, und ich müßte ihn niederstoßen wie +einen tollen Hund." Er sagte es leise mit gesenktem Blick. +</P> + +<P> +Pescara behielt die Rechte des Herzogs und warnte und bat. "Welch +ein Auftritt!" sagte er. "Hier auf offenem Markte, wegen der +Armseligkeit eines bestrittenen Quartieres! Ich versendete Leyva +gleich nach Neapel, um vom Vizekönig Truppen für unsern Feldzug zu +verlangen, obwohl ich weiß, daß er keine abgeben kann, nur um Euch +die Verlegenheit und den Anblick eines verhaßten Gesichtes zu +ersparen. Wie konntet Ihr das gegen einen Mitfeldherrn! Das war +nicht gut. Das ist beklagenswert. Das darf sich nicht wiederholen, +ich bitte Euch darum." +</P> + +<P> +"Der Anlaß war nicht der Rede wert, Pescara, aber—" +</P> + +<P> +"Das schlimme Wort, das Leyva gebraucht hat, war, nach Zeugen, er +lasse sich nichts bieten von einem Vornehmen, und Ihr zoget und Eure +Leute mußten Euch halten." +</P> + +<P> +"Oh", flüsterte der Herzog, "von einem Vornehmen? Ich habe feine +Ohren. Es war ein anderes Wort... das ich dem Kaiser und dem Papst +in die Kehle zurückstieße!" +</P> + +<P> +"Ein anderes Wort?" sagte Pescara, um seine Frage sogleich zu bereuen, +da er den Herzog erbleichen und völlig fahl werden sah. Er erriet, +daß der alte Leyva gemurrt, er lasse sich nichts bieten von einem +Verräter, oder daß das wunde Gewissen des Bourbon so verstanden hatte. +</P> + +<P> +Die unausgesprochene Freundschaft, die den einfachen Adeligen und den +Mann von königlichem Geblüte verband und die das Wunder that, zwischen +zwei jugendlichen und schon berühmten Feldherrn mit nicht völlig klar +geschiedenen Gewalten und Befugnissen die natürliche Eifersucht zu +ersticken, beruhte einfach auf dem Bewußtsein des Herzogs, daß seine +Verbündung mit dem Feinde Frankreichs der Achtung Pescaras keinen +Eintrag tue. War es Klugheit, war es Gleichgültigkeit gegen die +sittlichen Dinge, war es Freiheit von jedem, auch dem begründetsten +Vorurteil, oder war es die höchste Gerechtigkeit einer vollkommenen +Menschenkenntnis, was immer—Pescara hatte den in kaiserlichen Dienst +tretenden fürstlichen Hochverräter mit offenen Armen empfangen und +mit der feinsten Mischung von Kollegialität und Ehrerbietung +behandelt. Vielleicht auch hatte er in diesem Zerrütteten, der sich +selbst verfluchend sein Vaterland mit fremden Waffen verwüstete, den +ursprünglichen und unzerstörbaren Adel erkannt. Dafür war der Herzog +Pescara dankbar. Der Feldherr, die Hand des Unseligen in der +seinigen, redete ihm mit sanfter Stimme zu: "Gespenster, Hoheit! Ihr +habet gehört, was nicht gesprochen wurde. Werft hinter Euch! +Verschüttet den Abgrund mit Lorbeer! Seid Ihr nicht der Liebling des +Kriegsgottes? und ein Meister der Staatskunst? Sind nicht wir beide +noch Jünglinge mit unzähligen Tagen, diesseits der Lebenshöhe, kaum +in der Hälfte der Dreißig, und im ersten Drittel eines Jahrhunderts, +das überquillt von großen Möglichkeiten und weiten Aussichten! Unser +die Fülle des Daseins! Karl, laß uns leben!" +</P> + +<P> +Der Bourbon vernahm nicht den verstohlenen Seufzer, welcher sich der +Brust des Feldherrn entwand. Er drückte heftig die Hand Pescaras, +und seine dunkeln Augen blitzten eroberungslustig. Dann, um seine +innere Bewegung zu verbergen, sprang er nach seiner Weise mit beiden +Füßen ins Zynische über. Der feurige Ton Pescaras hatte seine +frechste Jugendlichkeit erweckt. "Und schöne Männer sind wir!" +jubelte er. "Du begreifst, Gatte der prächtigen Victoria, daß sich +mir Herz und Magen umkehrte, da mich diese Porcaccia, die +Königinmutter, um jeden Preis zum Manne haben wollte! Siehst du mich +als den Vater König Franzens? O das liebe Stiefsöhnchen! 'Madame', +sagte ich und machte ihr eine tiefe Verbeugung, 'es geht nicht. Ihr +würdet mich mit Eurer Nase vom Bette stoßen!'—und ganze Wendung und +über die Grenze!" Während er eine ausgelassene Lache aufschlug, trat +der vom Staub der Reise bedeckte Del Guasto ein, begrüßte den Ohm und +Feldherrn und verneigte sich vor der lustigen Hoheit. +</P> + +<P> +Dann wendete er sich wieder gegen Pescara, welchen er mit erstaunten +und bewundernden Augen betrachtete, als hätte die von der +italienischen Verschwörung dem Feldherrn angesonnene Rolle dessen +Gestalt vergrößert, und erzählte: "Wir verritten von Rom, nicht zur +Freude der Herrin in zahlreicher Gesellschaft, mit Leyva, der aus +Neapel zurück ist, und mit einem Vornehmen, von königlichem Geblüte, +wie sie sagen, der sich Moncada nennt und den Ihr kennen werdet. Er +bringt Euch eine Botschaft des Vizekönigs. Ich gewann einen +Vorsprung, um Donna Victoria anzumelden. Sie strahlt vor Freude, +Euch wiederzusehen, und schließt zugleich fest die Lippen, denn sie +bringt ein politisches Geheimnis, wie ich vermute, und ein +päpstliches Mysterium, wie ich ahne, und dieselbe Donna Victoria legt +die Stirn in zornige Falten gegen Euren bei ihr in Ungnade gefallenen +Neffen, den sie vor Euch in aller Form Rechtens verklagen wird. +Wegen etwas Menschlichem", lächelte er. +</P> + +<P> +"Oder etwas Unmenschlichem", spottete Pescara. "Meldet Ihr sonst +etwas, Don Juan?" +</P> + +<P> +"Wenn mich meine Augen nicht getäuscht haben, die Ankunft des +Kanzlers von Mailand." +</P> + +<P> +"Ah!" lachte Bourbon. +</P> + +<P> +"Ich bin mit ihm schon in Rom zusammengestoßen, unfern des Palastes +Colonna, da ich nächtlicherweile dahin zurückkehrte. Längs der Mauer +sah ich etwas Diebisches in langer Gewandung schleichen, und da ich +das Verdächtige mit der Fackel meines Dieners beleuchtete, war es die +unverschämte Stumpfnase und unter einem Juristenbarett das freche +Kraushaar, das ich von Pavia her kenne, wohin der tolle Kanzler, wie +sie ihn nennen, nach der Schlacht Euch zu beglückwünschen kam. Er +mag Donna Victoria eine letzte Heimlichkeit des Papstes gebracht +haben, bei welchem sie sich an jenem Nachmittage verabschiedet hatte." +Er sagte das mit einer versteckten Bosheit. +</P> + +<P> +Der Feldherr blickte streng. "Don Juan", sagte er, "Ihr habet Euch +um den Wandel Donna Victorias nicht zu kümmern und noch weniger ihn +zu beaufsichtigen. Jeden ihrer Schritte, ihre leiseste Miene und +Gebärde billige und lobe ich zum voraus." +</P> + +<P> +Don Juan verneigte sich. "Unterwegs nach Novara", fuhr er fort, "bin +ich ihm dann noch mehrere Male begegnet, das heißt einem gewissen +Fruchthändler Paciaudi aus den Marken mit einer gräulichen Warze auf +der Nase, welcher mir, da ich ihn anredete, nicht vorenthielt, er sei +ein zugrunde gerichteter Mann: eine unvermutete päpstliche Maßregel +verbiete die Ausfuhr, und er habe einen strengen Lieferungsvertrag +mit Euer Erlaucht. Dabei schob und gebärdete er sich nicht viel +anders als der Kanzler. Dieser hat gegenwärtig allerhand Geschäfte +und nimmt die possierlichsten Figuren an. Man findet ihn überall auf +der Halbinsel wie—ohne die fernste Vergleichung—Eure große Gestalt." +</P> + +<P> +"Was wollt Ihr sagen, Don Juan?" +</P> + +<P> +Del Guasto, der vor nichts erschrak, zögerte doch mit der Antwort vor +der kalten Miene Pescaras, und dann hielt ihn die Anwesenheit des +Herzogs zurück. +</P> + +<P> +"Ich habe kein Geheimnis vor der Hoheit", sagte der Feldherr. "Redet, +Don Juan." +</P> + +<P> +Trotz diesem Befehle kam dem verwegenen Jüngling die allgemeine Rede +an diesem Orte und zu dieser Stunde, mitten im kaiserlichen Lager und +während er durch das Fenster den taktfesten Schritt eines +vorbeimarschierenden spanischen Heerhaufens vernahm, so ungeheuerlich +vor, daß er der schamlosen Öffentlichkeit der italienischen +Verschwörung ein leichtes Gewand umwarf. +</P> + +<P> +"Ohm", berichtete er geringschätzig, "wovon mir noch immer die Ohren +gellen, das ist ein wütender Streit, welcher unter allen Ständen, in +Schenken und Barbierstuben, auf den Ballspielplätzen und, wie ich +glaube, bis in die Plauderecke der Sakristeien ausgebrochen ist—über +das wahre und gültige Vaterland der Avalos: ob wir Neapolitaner sind +oder Spanier. Und nicht genug an Geschrei und Gebärde, auch Blätter +und Schriften voll von unserm Ursprung flattern durch die Luft." +</P> + +<P> +Der Feldherr zuckte die Achseln. "Das Geschreibsel", sagte er, "fand +sich auch über meine Tische verstreut, ich habe es weggeworfen. +Müßiges Gezänke." +</P> + +<P> +Don Juan wurde hartnäckig. "Zugleich erzählte man mir, daß an den +Universitäten unter Juristen und Theologen wieder heftig über Umfang +und Grenzen des päpstlichen Lehensrechtes auf Neapel gestritten wird." +</P> + +<P> +"Das überlassen wir diesen Gelehrten. Nicht wahr, Hoheit?" scherzte +Pescara. "Und was das Vaterland der Avalos angeht, Neffe, so rate +ich dir, Ehre zu halten, spanische oder neapolitanische." +</P> + +<P> +Jetzt meldete der diensttuende Page, ein zarter Knabe mit großen +unschuldigen Augen, ein Enkel des Arztes Numa Dati und der Bruder der +von Del Guasto zerstörten Julia, den Besuch eines Apothekers namens +Baldassare Bosi aus Orvieto, welcher mit einem Paket im Vorzimmer +stehe und sich durchaus nicht abweisen lasse. Er sei bei dem +Großvater abgestiegen, der dem Gaste diesen Zettel für die Erlaucht +gegeben habe. Der Knabe überreichte das Papier, auf welchem mit +verzitterten Zügen "Morone" geschrieben stand. +</P> + +<P> +Pescara besann sich einen Augenblick. "Weiß der Fremde die Gegenwart +der Herrschaften?" fragte er den Pagen. +</P> + +<P> +"Ich denke nicht, Erlaucht", antwortete dieser. +</P> + +<P> +"So führe ihn ein, aber erst, wann ich rufen werde. +</P> + +<P> +Jetzt wendete er sich rasch gegen den Herzog. "Hoheit muß mir einen +Gefallen thun. Da Sie für möglich hält, daß der Kanzler von Mailand +mit mir konspirieren will, würde ich gegen die gewöhnlichste Vorsicht +fehlen, wenn ich den Menschen, der draußen steht, ohne Zeugen mit mir +reden ließe. Ich muß solche haben, zwei höchst glaubwürdige Zeugen, +wo nicht unserer Gesichter, doch eines jeden unserer Worte, damit +nicht der Argwohn von Madrid, noch die Eifersucht unsers Leyva, +noch"—er dämpfte die Stimme—"jener Verderbliche, mit welchem Ihr +geritten seid, Don Juan, und der unter dem Vorwand einer Botschaft +des Vizekönigs mich hier umlauern soll, Grund finde, mich, ich sage +nicht des Verrates, sondern nur eines falschen Schrittes zu +bezichtigen. Hören aber will ich den Kanzler, der mir in seiner +Torheit und Leidenschaft die Pläne und Mittel des Feindes enthüllen +wird. Er kann es wie kein anderer. Unter dem Zwang dieser Umstände +lasse sich Hoheit herab, den Lauscher zu machen. Und Ihr, Del Guasto, +leistet der Hoheit Gesellschaft." Er schritt auf einen schweren +roten Vorhang mit goldenen Quasten zu, dessen breite Falten den +Eingang in ein Nebenzimmer bis auf die Schwelle nieder verbargen und +den er jetzt auseinanderschlug. "Hier ist Hoheit aufgehoben", sagte +er. +</P> + +<P> +So sehr den Herzog das würzige Abenteuer lockte, stand er doch einen +Augenblick unschlüssig. "Aber wenn Morone die Decke hebt?" fragte er, +und der Marchese erwiderte: "Das wird er nicht. Keine Besorgnis. +Ich stehe dafür." Del Guasto blähte die Nüstern vor Wollust. Er +rückte einen Schemel für den Herzog, hinter dessen Schultern er +Stellung nahm als der zweite Lauscher. Der rote Vorhang zog sich +zusammen. Pescara aber fühlte sich von dem Pagen Ippolito +umschlungen, der an ihm emporflüsterte, mit Tränen in den Augen: "Es +ist kein Apotheker mehr, sondern ein Zauberer in langen schwarzen +Gewändern mit einem Talisman auf der Brust und einem schrecklichen +Gesichte!" +</P> + +<P> +"Furchtsamer Junge! Bring ihn!" +</P> + +<P> +"Da ist er schon!" schrie Ippolito und flüchtete sich. +</P> + +<P> +"Ihr, Morone? Und im Staatsgewand? Doch von der Reise erhitzt, wie +ich sehe. Eure drei Masken haben Euch wohl den Atem benommen." +</P> + +<P> +Morone atmete schwer und hörbar. Schweißtropfen quollen ihm auf der +Stirn. Er stand wortlos. +</P> + +<P> +"Was bringt Eure Weisheit?" fragte der Feldherr mit ernsthaften Augen +und empfing von dem Stammelnden keine deutliche Antwort. Nach einer +Pause ergriff Pescara mit spielender Hand die Münze, welche der +Kanzler an einer schweren goldenen Kette auf der Brust trug. "Ein +Lionardo, Kanzler? Und wen stellt es dar? Den Mohren? Ein +geistvoller Kopf!" +</P> + +<P> +Aber selbst an seinen geliebten Herrn vermochte der Kanzler nicht +anzuknüpfen, so völlig war er außer Fassung. +</P> + +<P> +Da begann der Feldherr ohne weitere Einleitung: "Euer Herzog, Morone, +wünscht günstigere Bedingungen? Es könnte Rat werden, sobald mich +die Hoheit von ihren guten Absichten überzeugt haben wird. Nehmen +wir einmal mein Ultimatum Punkt um Punkt miteinander durch." Er trat +an den Tisch und suchte ein Papier. +</P> + +<P> +Nun empfand er einen heißen Atem an der Wange, und ein Geflüster +füllte sein Ohr. "Pescara", keuchte es, "nicht darum handelt es sich, +sondern Italien gibt dir sein Heer!" +</P> + +<P> +"So ist es gut", erwiderte der Feldherr, ohne den Kopf zu drehen. +"Es unterwirft sich dem Kaiser?" +</P> + +<P> +Da schrie es hinter ihm: "Nicht dem Kaiser, sondern dir, wenn du von +ihm abfällst!" +</P> + +<P> +Jetzt wendete sich Pescara gegen den Tollkühnen und drohte mit +feindseliger Gebärde: "Du rasest! Ich weiß nicht, was mich abhält, +dich zu ergreifen und aus dem Fenster zu werfen!" +</P> + +<P> +Der Kanzler blieb furchtlos und schrie zum andern Male mit flammenden +Augen: "Diese Stunde bietet dir deine Größe, Pescara! Laß sie nicht +vorüber! Du würdest es bereuen! Du würdest daran sterben! +</P> + +<P> +"St! Wie du schreist! Wenn man lauschte! hinter diesem Vorhang... +wenn ich selbst... hältst du mich dessen für unfähig? Überzeuge dich +doch und hebe die Decke!" +</P> + +<P> +Morone war wieder völlig im Besitze seiner selbst, nachdem er die +Scham und den Schreck der ersten Worte überwunden hatte. "Pescara", +sagte er, "ich habe stets gefunden, daß der Schlaueste und am meisten +Argwöhnische endlich doch an eine Stelle tritt und an einem Abgrunde +steht, wo er trauen und glauben muß. So der Valentino mit dem Rovere, +so mein geliebtester Herzog der Mohr mit seinen Hauptleuten und +Schweizern." +</P> + +<P> +"Beide wurden verraten, Morone!" +</P> + +<P> +"Ja, Pescara, aber der feine Mohr und der ruchlose Borgia, beide +gingen sie vertrauend unter, und das war ein heller Schimmer von +Menschlichkeit über dem Dunkel ihres verdienten Sturzes. Wenn ich +das Größte wage und von dir das Größte fordere, werde ich in diesem +heiligen Augenblicke so lächerlich sein, einen Vorhang zu heben, wie +ein betrogener Ehemann, der den versteckten Buhlen seines Weibes +sucht? Nein, ich gebe mich preis! Höre mich an, und dann +überliefere mich dem Blocke, wenn du darfst!" +</P> + +<P> +"Das ist nicht klein", sagte Pescara ohne Spott und fügte dann +zweifelnd hinzu: "Ob ich dich höre? Meine Neugierde ist rege, das +bekenne ich, und einem so heroischen Menschen darf ich doch nicht +einfach die Türe weisen. Zuerst aber saget mir, Kanzler: Habe ich +Euch oder Eurem Fürsten Grund oder auch nur den geringsten Anlaß +gegeben, meine Feldherrntreue zu beargwöhnen?" +</P> + +<P> +Der Kanzler verneinte. +</P> + +<P> +"Viel Unwahres wird geredet: die Majestät habe mich schlecht belohnt, +und ich soll dieses schwer empfunden haben. Fußet Ihr auf diesem +Undanke des Kaisers und auf diesem Grolle Pescaras, so tut keinen +Schritt weiter: Ihr würdet in den trügerischen Boden versinken." +</P> + +<P> +"Da fuße ich nicht." +</P> + +<P> +"Oder ermutigt Euch jene öffentliche Rede Italiens, die mir +schmeichelt und mir droht, mich verherrlicht und verdächtigt? Diese +italienische Meinung ist eine heimtückische Sache. Sie soll mich in +Madrid entwurzeln und in Italien vergewaltigen. Ich habe vorgebeugt +und die arglistigen Schriften wie in einen Käfig eingesperrte +Schlangen dem Kaiser überliefert. Habet Ihr Eure Finger auch in +dieses Gift getaucht, Morone?" +</P> + +<P> +Der Kanzler erbleichte. "Bei den Göttern der Unterwelt, daran trage +ich keine Schuld!" rief er aus. +</P> + +<P> +"Du willst mich nicht überlisten, Kanzler, so willst du mich +überreden?" +</P> + +<P> +"Nein." +</P> + +<P> +"Was denn?" +</P> + +<P> +"Überzeugen." +</P> + +<P> +"Das Beste. Aber es wird Zeit kosten. Setzet Euch, Kanzler!" Er +rückte mit rascher Bewegung zwei Stühle, und jetzt saßen sie sich +gegenüber, Morone mit vorgebogenem Leib und Knie, während der +Feldherr nachlässig zurücklehnte. +</P> + +<P> +"Pescara, welches ist die schönste deiner Schlachten, das Wunder der +Kriegskunst?" +</P> + +<P> +Der Feldherr gab keine Antwort, da sich diese von selbst verstand, +aber er that einen leichten Seufzer. +</P> + +<P> +"Und was hat der Kaiser aus deinem Siege von Pavia gemacht?" +</P> + +<P> +Ein Blitz fuhr aus dem grauen Auge Pescaras. "Er hat ihn +verstümpert", murmelte er. +</P> + +<P> +"Du gabst ihm einen erbeuteten König, und Karl weiß nichts mit ihm +anzufangen! Er preßt ihn wie ein Wucherer. Er verlangt Vielfältiges +und Unmögliches statt des Möglichen und Einfachen. Verzichte auf +Italien, Bruder, so hätte ein großer Sieger zu König Franz geredet, +das ist dein natürliches Lösegeld, und das kannst du, ohne deinem +Frankreich wehe zu thun. Verzichte und ziehe!" +</P> + +<P> +Pescara lächelte. "Du bist ein gefährlicher Mensch, Morone, wenn du +Gedanken errätst. Aber nicht ich, du hast ihnen Worte gegeben. Ich +habe nichts gesprochen." +</P> + +<P> +"Ich danke dem Kaiser!" fuhr der Kanzler sich begeisternd fort. "Er +hat die Siegesgöttin von Pavia beleidigt, und sie kehrt zu dir, mein +Pescara, zurück! Nicht nur für, auch gegen den Kaiser hat sie +gekämpft. Sie hat Italien gegen die Fremdherrschaft vereinigt. Sie +hat ihm seinen Feldherrn gezeigt. +</P> + +<P> +Mein Pescara, welche Sternstellung über dir und für dich! Die Sache +reif und reif du selbst! Eine entscheidende Zeit, ein verzweifeltes +Ringen, Götter und Titanen, Freiheit sich aufbäumend gegen +Zwingherrschaft, die Welt heute noch Bewegung und Fluß, morgen +vielleicht zur Lava erstarrend! Und eine That, die für dich +bereitliegt und zu welcher du geboren wurdest! Zuckt dir die +formende Hand nicht danach? Ein vernünftiges Werk, eine ewige +Gründung! Blick auf die Karte und überschaue die Halbinsel zwischen +zwei Meerfarben und dem Schnee der Gebirge! Befrage die Geschichte: +ein lebendiges Geflecht, oft gewaltsam zerrissen und immer wieder +zusammenwachsend, von Republiken und Fürsten, mit zwei alten Feinden, +zwei falschen Ideen, zwei grausamen Chimären, Papst und Kaiser! +Siehe den ausgestreckten Finger Gottes, daran sich eine neue +Menschheit emporrichtet: eine sich selbst regierende und vereitelnde +Menschheit ohne höchstes Amt, weder weltliches noch geistliches, ein +Reigen frei entwickelten Genien, ein Konzert gleichberechtigter +Staaten—" +</P> + +<P> +Pescara ergriff den beschwingten Redner am Arm, als wollte er ihn +festhalten. "Fliege mir nicht davon, Girolamo!" scherzte er. +</P> + +<P> +Dieser riß sich los und: "Laß dich nicht hindern an diesem göttlichen +Werke", rief er, "durch abergläubische Vorurteile und veraltete +Begriffe, die weder in deinem Kopfe noch in deinem Herzen, noch in +der Natur der Dinge sind. Ich kenne dich, Pescara: du bist ein Sohn +Italiens und wie dieses erhaben über Treue und Gewissen!" +</P> + +<P> +"Ihr seid doch ein lasterhaftes Geschlecht, ihr Italiener", lächelte +Pescara. "Aber du machst dich größer im Bösen, als du bist: denn +diese Weisheit kommt nicht von dir, sondern euer Dämon, der +Florentiner, hat sie dir eingeblasen. Lebt er noch?" +</P> + +<P> +Der Kanzler wußte, wen Pescara meinte. "Er darbt, vergessen und +verachtet", erwiderte er mit Beschämung, "unser größter Geist." +</P> + +<P> +"Verdientermaßen. Es gibt politische Sätze, die ihre Bedeutung haben +für kühle Köpfe und besonnene Hände, die aber verderblich und +verwerflich werden, sobald sie ein frecher Mund ausspricht oder eine +strafbare Feder niederschreibt. Doch das sind Allgemeinheiten, und +alles käme auf die Anwendung an. Wie denkst du dir zum Beispiel, +Kanzler, das Thatsächliche meines Verrates?" Dieser öffnete den Mund, +als hätte er unerschöpflich zu reden. Da berührte ihn Pescara leise +mit dem Finger. "Sachte, vorsichtig!" warnte er. "Jetzt betrittst +du ein schmales und schwankes Brett: es könnte kommen, daß ich dich +nach deiner Rede als Verschwörer müßte in Fesseln legen lassen. +Sprich nicht in deinem eigenen Namen, rate ich dir, sondern laß dir +eine Maske bieten, wie du sie liebst, und warum nicht die des +verschollenen florentinischen Sekretärs, ob er nun noch unter uns +wandle oder schon im Geisterreiche? Rede, Niccolò Machiavelli! Ich +werde dich schweigend und bewundernd anhören und dir dann doch +vielleicht beweisen, daß du für einen Staatsmann immer noch viel zu +viel Einbildungskraft besitzest. Oh, ich will dich kritisieren, mein +Niccolò! Aber beginne." +</P> + +<P> +Dieser fortgesetzt scherzende Ton des Feldherrn beleidigte den +Kanzler, und er empörte sich dagegen: "Jetzt sei des Spieles ein Ende. +Erniedrige den nicht zum Schauspieler, welcher sein Leben wagt für +die Rettung seines Vaterlandes! Pescara, ich bitte dich um Ernst!" +</P> + +<P> +"Um Ernst? Es sei!" erwiderte der Feldherr und schloß die Augen, wie +um besser zu lauschen. Jetzt erschrak der Kanzler einen Augenblick +vor der Blässe und Strenge des magern Angesichtes. Doch er war +entschlossen. +</P> + +<P> +"Es ist kein Übel, Erlaucht", begann er, "was Ihr dem Kaiser +berichtet habt; es ist gut, daß Ihr Euch so lange als möglich sein +Vertrauen erhaltet und Euch selbst dann noch nicht erkläret, wann der +Papst und die Liga ihr Manifest werden erlassen haben. Inzwischen +befestigt Ihr Eure Stellungen und sichtet Euer Heer." Pescara +runzelte die Stirn. +</P> + +<P> +"Leyva muß weg", forderte der Kanzler. +</P> + +<P> +Pescara zählte an den Fingern. +</P> + +<P> +"Was rechnet Ihr, Pescara?" fragte der Kanzler verwundert. +</P> + +<P> +Dieser erwiderte ruhig: "Muß Leyva draufgehen, so dürfen meine +deutschen Hauptleute auch nicht leben bleiben, denn sie hangen an +Kaiser und Reich. Ihre Häupter müssen fallen. Oder vergifte ich sie +in einem gastlichen Trunke? Was rätst du, Kanzler?" +</P> + +<P> +Morone erbleichte. +</P> + +<P> +"Und was fange ich mit meinen spanischen Edelleuten an? Lasse ich +sie auch ermorden?" +</P> + +<P> +"Die Kastilianer", antwortete Morone mit klopfendem Herzen, "fallen +wohl zum Kaiser zurück. Die andern verlocket Ihr mit unendlicher +Beute. Sie widerstehen nicht, am wenigsten die neapolitanischen +Aragonesen. Ich kenne diese Rasse: sie gleicht den räuberischen +Helden der Neuen Welt. Denket nur an Euren Del Guasto, welch ein +Ungeheuer!" +</P> + +<P> +Pescara widersprach nicht. +</P> + +<P> +"Eure Gemeinen aber, die aus allen Ländern der Erde zusammengeflossen +sind, beherrschet Ihr durch Eure unerschütterliche Seele und durch +Eure eiserne Kriegszucht, nicht zu vergessen einen regelmäßigen Sold, +wie ihn der Kaiser nie zu geben vermochte, Euch aber gehören jetzt +alle Schätze Italiens. Und erlittet Ihr eine Einbuße an Leuten, so +füllet Ihr das Heer aus den Schweizern, die sich nun überallhin +vermieten, seit sie aus Mangel an Führung und an einem Staatsgedanken +ihre schon gewonnene Weltstellung und ihre auswärtige Politik +verscherzt haben." +</P> + +<P> +"Schade", redete Pescara mit sich selber. Er hatte eine Art +Zärtlichkeit für die Schweizer, die er zweimal überwunden und von +welchen er bei Bicocca, mit einer insbesondere gegen deren rasende +Sturmläufe erfundenen Stellung des Geschützes, in wenig Minuten ein +volles tollkühnes Tausend vernichtet hatte. Er liebte dieses tapfere +Volk, obwohl er seine Speerwunde von Pavia dem Stoß einer +Schweizerlanze verdankte. "Ihre Freiheit wird ihnen bleiben, aber +schade", wiederholte er. +</P> + +<P> +"Eures Heeres sicher", fuhr der Kanzler fort—"Nehme ich Mailand", +ergänzte Pescara. "Mein Plan ist entworfen." +</P> + +<P> +"Ihr braucht es nicht zu nehmen, da der Herzog ein Mitglied der Liga +ist, deren Feldherr Ihr seid." +</P> + +<P> +"Richtig, das hatte ich vergessen. Auf alle Fälle, Mailand ist der +Zentralpunkt. Und dann?" +</P> + +<P> +"Gebietet Ihr über die Truppen der Heiligkeit, Venedigs und Neapels, +die Kleinern nicht zu nennen." +</P> + +<P> +"Halt, Morone! Neapel ist spanisch." +</P> + +<P> +"Nach Neapel habet Ihr dann Euren Neffen gesendet als Euren Vizekönig, +der es durch seine Grausamkeit in wenigen Wochen unterworfen haben +wird." +</P> + +<P> +"Als meinen Vizekönig? Ich König von Neapel? Seit wann trage ich +die Krone?" fragte Pescara gelassen. +</P> + +<P> +"Siehe, die geflügelten Füße, die sie Euch bringen, sind vor Eurer +Schwelle", sprach der Kanzler errötend. +</P> + +<P> +Die kalte Miene des Feldherrn erwärmte sich, wie von einem Strahle +berührt, nicht aus einer Krone, sondern aus dem Lichtkreise seines +nahenden Weibes. "Weiter geträumt, Morone", sagte er. +</P> + +<P> +"Einmal an der Spitze der vereinigten italienischen Waffen und in +unnehmbaren Stellungen", fuhr der Kanzler mit erstaunlicher +Sicherheit fort, "hindert nichts, daß Ihr Euch mit dem Kaiser +auseinandersetzet, vielleicht sogar ohne Schlacht, denn ich weiß, daß +Ihr, obschon, nein, weil der erste Feldherr der Zeit, das +scharfsinnige Schachspiel und die umfassenden Berechnungen der +Strategie jenen plötzlichen und immerhin blinden Entscheidungen der +Wahlstatt vorziehet. Ich sage, vielleicht sogar ohne Blutvergießen, +denn der Kaiser wird nicht so leicht einen neuen Feldherrn finden und +ein zweites Heer in Italien zusammenbringen, nachdem er Euch und das +Eurige verloren hat, wenigstens wenn ihm Frankreich und England zu +thun geben, laut des von ihnen mit unserer Liga getroffenen Abkommens." +</P> + +<P> +"Ich kenne Euer Bündnis mit König Franz, sogar seinen Wortlaut", warf +Pescara hin, "kann aber keinen Wert darauf legen. Der König verquält +sich in seinem spanischen Kerker. Um eine Stunde früher auf ein +gesatteltes Pferd zu springen, verrät er Eure Liga hundertmal, wie +ich ihn zu kennen glaube." +</P> + +<P> +"Noch vor wenigen Tagen", beteuerte der Kanzler mit einem komischen +Gesichte, "hat mir die Regentin Louise von Paris geschrieben, sie +halte das Bündnis fest wie ihre Tugend—" +</P> + +<P> +Ein Pfiff durchschnitt das Gemach... der Kanzler horchte verwundert. +Es mochte ein Vogel am Fenster vorbeigeschwirrt sein. +</P> + +<P> +"Es sind noch andere da, die den Kaiser beschäftigen", fuhr er fort, +"der Halbmond und die deutschen Fürsten." +</P> + +<P> +"Der Halbmond, ja", urteilte der Feldherr. "Mit den deutschen +Fürsten aber und selbst mit ihrer neuen Lehre könnte sich der Kaiser +allenfalls vertragen. Meinst du nicht, Morone?" +</P> + +<P> +Dieser antwortete denkend: "Es scheint so, aber ist doch nicht, wenn +ich richtig sehe. Jedenfalls nicht mit der neuen Lehre. Der Kaiser +bedarf der Kirche für sein schweres und dunkles Gemüt, das er von der +Mutter geerbt hat. Der neue Glaube verlangt kräftigere Seelen." +</P> + +<P> +"Verstehst du etwas von diesen Dingen, Kanzler?" fragte der Feldherr +neugierig. +</P> + +<P> +"Wie sollte ich, Pescara? Ich bin wie du und wir alle ein Bewohner +der Wirklichkeit, ein Kind der Helle, das mit der antiken Weisheit +über das Ende hinaus nichts sieht als Larven und Scheinen und auf +wogendem Nebel die riesigen Spiegelungen wieder dieses unsers eigenen +und irdischen Daseins. Unter denen aber, welche mit dem Volke Gut +und Böse glauben und Leib und Seele und die Fabel eines letzten +Gerichtes, wird jetzt, wie du weißt, unversöhnlich gestritten über +die beste Rüstung an jenem Tage der blasenden Posaune. Unsere kluge +Kirche öffnet ihre Buden und legt verständig ihren Vorrat an guten +Werken zum Verkauf aus. Der deutsche Mönch aber zankt und schreit: +Das ist Plunder! Werft euer Geld nicht weg! Ihr habt es umsonst. +Eure Schulden sind bezahlt. Glaubet es nur, und sie sind nicht mehr! +Solches aber zu glauben, braucht es eine große Tapferkeit, denn es +ist unter dem Unglaublichen das Unglaublichste. Doch bringen es +diese deutschen Köpfe fertig, so brauchen sie gar keine Pfaffheit +mehr und sind in ihrer trotzigen Sicherheit uns Italienern gewaltig +überlegen, die wir ungläubig sind oder abergläubisch. +</P> + +<P> +Ich rede im groben, Pescara. Aber diese Vorstellungen, nichtig an +sich, werden im Leben zu den realsten Mächten, die kein Staatsmann +vernachlässigen darf. Und du mit deiner großen Aufgabe am wenigsten, +Pescara, wenn du auch selbst ein Gottloser bist, wie ich dich kenne." +Sein Lächeln blieb unerwidert. +</P> + +<P> +"Hier irrst du dich, Kanzler", sagte Pescara ernst. "Ich glaube an +eine Gottheit, und wahrlich keine eingebildete. Doch in dem andern +hast du recht. Ich habe es mit Augen gesehen. Am Abende meiner +Schlacht"—er meinte die von Pavia—"sah ich im Lazarett zwei höchst +frevelhafte Menschen sterben, einen Deutschen und einen Spanier, +diesen unter seinen Reliquien und in den Armen zweier Priester +zitternd und bebend, jenen allein, doch voller Zuversicht und Freude. +Ich sprach ihn an, denn ich weiß ein paar deutsche Wörter, und +erfuhr, daß er traue und trotze auf den reuigen Schächer. Doch +lassen wir diese Farben der Seele. Zurück zu deiner Sache, denn ich +meine, daß du noch nicht damit zu Ende bist." "Gewiß nicht, Pescara. +Dann erst, wann du durch das Schwert oder durch ein listiges +Abkommen den Kaiser außer Spiel gesetzt haben wirst, dann erst baust +du deine Größe und Italiens Freiheit. Die zwölf Arbeiten des +Herkules! Doch du rufst alle Seiten und Eigenschaften deines Wesens +unter die Waffen: Geduld und Entschluß, Begeisterung und Berechnung, +Arglist und große Gesinnung. Kein Teilchen von dir wird müßig gehen. +Du kennst dich noch gar nicht, Pescara! Dann erst wirst du dich +zeigen als der, welcher du bist, in deinem ganzen Wuchse: für das +Volk ein furchtbarer und wohltätiger Dämon, für das Heer ein +unfehlbarer Sieger, für den Patrioten der Vollender Italiens, für den +Gelehrten der wiederaufgelebte römische Ehrgeiz, für die Fürsten, +soviel du ihrer bestehen lässest, der herrschende Bundesgenosse. Du +beutest alle Möglichkeiten und Begünstigungen des Jahrhunderts aus. +Du wirst der Verteidiger des Papstes und eroberst ihm seine Städte +und Provinzen zurück, die du für dich behältst; du reitest als +Schiedsrichter zwischen der verröchelnden Republik und den Mediceern +in Florenz ein, und sie gehorchen dir beide. Ja sogar die stolze +Fürstin der Hadria zwingst du in deinen Machtkreis! Ich sehe dich", +jubelte Morone, "wie du ihr Doge wirst und dich dem Meere vermählst. +</P> + +<P> +So wächsest du, bis dich und dein herrliches Weib auf dem römischen +Kapitol tausend frohlockende Arme vergötternd in die Lüfte heben und +dich ganz Italien als seinen König zeigen, welches du dann, wie dir +jetzt, ich fürchte, noch nicht möglich ist, als deinen Besitz und +deinen Ruhm ein wenig lieben wirst, damit endend, womit ich +angefangen habe, denn allein meine Liebe zu Italien, das Beste, das +einzig Gute an mir, wirft mich dir zu Füßen, du Kaltherziger!" Und +er umfing das Knie des Feldherrn mit einer so inbrünstigen Gebärde, +daß dieser aufspringend einer solchen Anbetung sich entzog, aber doch +innerlich ergriffen schien, sei es, daß ihn diese Wahrheit des +Gefühls in einem lügnerischen Geiste fesselte, sei es, daß sein +mächtiger Verstand die angedeuteten Züge seiner und Italiens +möglicher Größe unwillkürlich zu einem lebensfähigen Ganzen +zusammenschloß. +</P> + +<P> +Er ließ den Kanzler und schritt mit über der Brust gekreuzten Armen +mehrere Male langsam durch das Zimmer, zuletzt wie zufällig wieder +vor ihm stehenbleibend. "Wie viele meiner Jahre verlangst du von mir, +Morone?" warf er hin. +</P> + +<P> +"Viele, ohne Zweifel", versetzte der Kanzler. "Je mehrere, desto +besser! Nur mit jenen langen und fruchtbaren Pausen, welche die +Dinge still und unaufhaltsam wachsen lassen, unzerstörlich scheinende +Hindernisse zernagen, die Gewissen abstumpfen und beruhigen und +selbst das ursprünglich Frevle entsühnen und heiligen, nur auf +solchen breiten und notwendigen Stufen ist Bleibendes im Staate +erreichbar. Dein bester Verbündeter, Pescara, ist das Leben. Zehn, +zwanzig, warum nicht dreißig Jahre, Pescara? Du stehst ja in der +Fülle der Kraft und schöpfst nur so mit der Hand aus der +überströmenden Quelle. Du hast deinen Schatz kaum noch angegriffen, +und nicht zum wenigsten darum haben dich die unsterblichen Götter +Italiens zu diesem deinem herrlichen Werke berufen, weil du, römisch +gesprochen, ein Jüngling bist und dich noch lange kein Todesschatten +berühren darf!" +</P> + +<P> +Ein plötzlich hervortretender harter und finsterer Zug hatte das +Antlitz des Feldherrn verwandelt. Er traf den Kanzler mit einem so +feindseligen Blicke, daß dieser um einen Schritt zurückwich. "Weißt +du", drohte er, "daß, wenn mich mein Ehrgeiz überwältigen sollte, das +erste Opfer dein Gebieter, der Sforza, wäre? Denn ich finge damit an, +euer Mailand dem Bourbon zu geben, der mein Alterego, meine rechte +Hand und ein Gonzaga ist. Ich würde es ihm gönnen! Überlieferst du +mir den Sforza?" +</P> + +<P> +"Bei allen Göttern, nein!" schrie der entsetzte Kanzler. "Ich meinen +Herzog verraten! Niemals! Nimmermehr! Und", rief er empört, "wie +darfst du daran denken, Pescara, unsere reine und heilige Sache mit +dem Borbone zu beflecken!" +</P> + +<P> +"Sehet diesen Menschen!" verhöhnte ihn Pescara. "Gibt es etwas +Frecheres? Dem armseligsten Fürsten will er Treue halten, und mutet +mir zu, sie meinem erhabenen Kaiser zu brechen! Sehet diesen +unzusammenhängenden Geist! Er verlockt mich zum Verrat und will rein +bleiben von Verrat!" +</P> + +<P> +"Das ist etwas völlig anderes", wehklagte der Kanzler. "Der +Konnetabel hat sein Vaterland verraten, und du rettest es, indem du +von einem Fürsten abfällst, welcher nicht der deinige ist. Meinen +Herzog preisgeben, meinen holdseligen Herrn! Der Mohr wird mir im +Traume erscheinen!"... er that einen erbärmlichen Seufzer... "Doch, +dennoch, es sei! Aber jetzt, Pescara, widerstehe auch du nicht +länger! Erbarmst du dich Italiens? Gib Antwort, Grausamer!", und +die Tränen brachen ihm aus den Augen. +</P> + +<P> +"Heute nicht, Morone!" tröstete ihn Pescara. "Wir sind beide ermüdet +und bedürfen der Ruhe. Es ist die Stunde der Siesta." Er klingelte. +"Ippolito", unterwies er den Knaben, "führe den Herrn, der ein +großer Staatsmann ist, in den Turmflügel. Der Haushofmeister soll +ihm die ganze Zimmerreihe des Oberstockes öffnen und ihn sorgfältig +bedienen und reichlich bewirten lassen. Ihr findet eine gewählte +Bibliothek, Kanzler, und wollet Ihr Luft schöpfen, so steiget in den +Garten hinab, er ist schattig und reicht bis an die Wälle. Ich lade +Euch nicht zu Tafel, da ich Donna Victoria erwarte, der mein Abend +gehört. Lasset Euch die Zeit nicht lange werden. Morgen sehen wir +uns wieder." +</P> + +<P> +"Wie wird mir der Tag vergehen?" jammerte der Kanzler. +</P> + +<P> +"Alles geht vorüber. Noch eins: nähert Euch, ich bitte, den +Wachtposten nicht, Ihr verstündet denn das Deutsche." Er sah den +Kanzler erbleichen. "Fürchtet nichts", schloß er freundlich und +entließ ihn. +</P> + +<P> +Wie er sich wieder umwendete, näherten sich ihm der Herzog und Del +Guasto, die ihr Versteck verlassen hatten, beide in der höchsten +Aufregung, der bleiche Bourbon mit fieberhaft geröteten Wangen, Del +Guasto mit lodernden Augen. Pescara erriet, daß das belauschte +Gespräch und der gezeigte Ruhm sie beide verführt und bezaubert hatte. +Del Guasto lechzte nach Beute und der Herzog nach dem reinigenden +Lorbeer. Noch schwiegen sie, aber ihre dringende und flehende +Gebärde wollte sich in Worte verwandeln. Da schloß ihnen Pescara den +Mund. +</P> + +<P> +"Herrschaften", sagte er, "hier wurde Theater gespielt. Das Stück +dauerte lange. Habt Ihr nicht gegähnt in Eurer Loge?" +</P> + +<P> +Da schlug der Bourbon in plötzlich umspringender Stimmung eine gelle +Lache auf. "Trauerspiel oder Posse?" fragte er. +</P> + +<P> +"Tragödie, Hoheit." +</P> + +<P> +"Und betitelt sich?" +</P> + +<P> +"Tod und Narr", antwortete Pescara. +</P> + +<BR><BR><BR> + +<A NAME="chap04"></A> +<H3 ALIGN="center"> +Viertes Kapitel +</H3> + +<P> +Durch seine lange Zimmerreihe schritt der Kanzler von Mailand ruhelos +auf und nieder. Die Fensterläden waren gegen die brennende +Nachmittagssonne geschlossen, und nur durch eine Spalte schoß hin und +wieder ein neckischer Strahl in die Dämmerung, einen grellen Streifen +über die Fliesen ziehend, während die Tiefe der Gemächer im Geheimnis +blieb. Doch nicht der schmalste Lichtblitz erhellte dem Kanzler die +Seele Pescaras. Er hatte seinen ganzen Menschen preisgegeben, +Pescara auch nicht ein Teilchen seiner selbst, und nicht nur ein +Schuldiger und Geständiger war jetzt der Kanzler, sondern auch ein +Gefangener oder nicht viel anders. Doch weit entfernt, daß seine +Bloßstellung ihn gereut oder sein Halbgefängnis ihn geängstigt hätte: +im Gegenteil, er schwelgte in der Großmut seiner völligen Hingabe. +Nicht einmal sein schmählich verratener Herzog beunruhigte jetzt sein +Gewissen, so gänzlich erfüllte ihn die Leidenschaft, sich Pescaras zu +bemächtigen, und der Reiz seines Anschlages auf diesen einzigen +Menschen, dessen große Haltung und ernstes Spiel in der eben +beendeten Szene er aufrichtig bewunderte. Er setzte diese Szene fort: +jedes Wort des Zwiegespräches wiederholte sich in seinem Ohr, und +selbst jede Miene und Gebärde desselben bildete sich ab in seinen +Zügen und schwang in seinen Muskeln fort—doch über Sinn und +Tragweite des Gesprochenen verstrickte er sich in unlösbare, in +tödliche Zweifel. Eine Auslegung nach der andern verwarf er, um +zuletzt zu dem wahrscheinlichen Schlusse zu kommen, noch sei Pescara +ungewiß, noch liege er im Kampfe mit sich selber. +</P> + +<P> +Da gedachte er sehnsüchtig der Bundesgenossin, die jede Stunde, jede +Minute ihm bringen konnte, und der Wert Victoria Colonnas deuchte ihm +unermeßlich. Nur eine solche konnte einen solchen besiegen. Nicht +ein aufstachelndes, herrschsüchtiges Weib, wie damals deren manches +in Italien sein Wesen trieb, sondern die edelste Frau der Zeit führte +seine Sache, und in dieser jede Schönheit und Tugend Italiens +verkörpernden und von seinen Freveln und Sünden freien Gestalt +erschien ihm sein Vaterland so unvergleichlich und der Ruhm, es sich +selbst wiederzugeben, so einzig, daß hier sogar ein Pescara und +gerade ein Pescara unmöglich widerstehen konnte. Ein mit +unsittlichen Mitteln wirkendes Bündnis verklärte sich in diesen +himmlischen Augen zu einer Reinheit, die den Namen einer "heiligen +Liga" in einem freien und weltlichen Sinne rechtfertigte. Die +Bewunderung des göttlichen Weibes, welches, wie er glaubte, Italien +zu retten berufen sei, wurde dem Kanzler zur Anbetung und seligen +Inbrunst, denn er war der erhabensten und der gemeinsten Gefühle in +gleicher Weise und Stärke fähig. +</P> + +<P> +Jetzt, da die gewonnene Zuversicht sein Inneres erhellte, verlangte +es ihn nach dem Tageslichte, er stieß einen Laden auf und stand, sich +umblickend, in dem sogenannten Schlangensaale, von welchem sein +Herzog ihm oft erzählt, den er selbst aber noch nie gesehen hatte. +Über dem Getäfel lief die vier Wände entlang ein gemaltes Geflechte +von Schlangen, je zweie sich umwindend, die eine der feuerspeiende +Drache der Sforza, die andere das entsetzliche Wappenbild der +Visconti, die Schlange mit dem Kind im Rachen. Legende oder Wahrheit, +der süße Lionardo da Vinci galt als der Schöpfer des scheuseligen +Kranzes: während seines langen Dienstes bei dem Mohren habe er einmal +im herzoglichen Hause zu Novara sich aufgehalten und in wenigen +Stunden dieses Spiel einer grausamen Laune begonnen und beendigt +unter dem Vorwande einer Verherrlichung seines Fürstenhauses. Keine +Unmöglichkeit, denn der Bildner des zärtlichsten Lächelns liebte +zugleich die Fratze und das Grauen. Zuerst mit ergötzten, bald mit +beängstigten Augen betrachtete der Kanzler den wilden Ring, das Werk +einer unerschrockenen Einbildungskraft, die sich daran geübt hatte, +den Ungetümen und dem nackten Kinde in dem verschlingenden Rachen +eine Folge von natürlichen Bewegungen zu geben. Dann plötzlich +erschien es ihm, als lebe und drehe sich das Gewinde. Der Kanzler +wendete sich schaudernd und trat wieder an das Fenster. +</P> + +<P> +Er erblickte den einsamen Schloßgarten, der sich unter einem weiten +Gewölbe von Bäumen in tiefdunkle Schatten verlor. Darüber das +blendende Lichtmeer, und hin und wieder ein Bruchstück der gezackten +Stadtmauer. Nur in einiger Entfernung stieg aus dem üppigsten Grün +auf drei Terrassen eine kleine Villa, im Winkel und von zwei Seiten +sichtbar, deren jede ein Bild bot, jene mit einem Turmbau endigend, +diese in einen weinumwundenen Säulengang verlaufend. Es wollte +Morone scheinen, das anmutige Landhaus, dessen Teile leicht +auseinander herauswuchsen, müsse für Victoria bestimmt und der +Gedanke Pescaras sein, der ihr nicht in einem schweren und von dem +Schritte der Wachen dröhnenden Schlosse, sondern an einer gefälligen +und friedlichen Stätte liebenden Empfang bereite. Auch deutete +mancherlei drüben hin und her eilende Dienerschaft auf das Kommen +eines Gastes, und jetzt glaubte er aus der entgegengesetzten Richtung +den Lärm einer Ankunft zu vernehmen. Da litt es ihn nicht länger in +den unbehaglichen Räumen, er suchte Treppe und Pforte und wandelte +bald in einem grünen Schattenreiche. +</P> + +<P> +Seine Schritte führten ihn in ein weites Rondell, wo das lieblichste +Halbdunkel herrschte und in dessen Mitte ein Brunnen seine +schimmernde Schale mit einer langsam strömenden Flut durchsichtig und +einschläfernd verschleierte. Vier breite Marmorsitze standen im +Umkreise. Auf einem derselben, dessen Lehnen zwei Sphinxe bildeten, +schlummerte der Feldherr, das Haupt über die Brust gesenkt. +</P> + +<P> +Nach einem leichten Erstaunen näherte sich Morone auf vorsichtigen +Füßen, um das schlafende Antlitz zu belauschen, ob nicht die jetzt +willenlose Miene den verschwiegenen Gedanken abbilde und ausdrücke. +Lange stand er davor. Nein, es träumte nicht ehrgeizig, dieses Haupt, +noch sann es Verrat, sondern seine unbeherrschten Züge trugen, ohne +die Spur von Triumph und List, einen Ausdruck, der kein anderer sein +konnte als der des Leidens und der Entsagung. Wie Morone es +betrachtete, erstarrte seine eigene aufgeregte Miene, denn die des +stillen Hauptes war so überredend, daß auch ihn eine fatalistische +Stimmung unwiderstehlich erfaßte, eine Gewißheit von dem Nichts der +menschlichen Pläne und der Allgewalt des Schicksals. Nichts anderes +sagte das mächtige Antlitz als Frömmigkeit und Gehorsam. +</P> + +<P> +Da legte sich unversehens eine Hand auf die Schulter des Kanzlers. +Nach einem kleinen gespenstischen Schrecken, als ob ihn der Geist des +vor ihm Schlummernden von hinten berühre, wandte er sich und +erblickte einen gelben Schädel und eine von Alter gebrochene Gestalt. +Zwei braune kluge, aber unendlich wehmütige Augen waren ihr einziges +Leben. +</P> + +<P> +"Numa! Wahrhaftig, du hast mich erschreckt." +</P> + +<P> +"Ich glaube es. Aber komm, Kanzler. Lassen wir ihn schlummern und +setzen uns dort gegenüber, daß ich ihn von ferne beobachte." Sie +thaten es, und der Arzt, der wohl achtzig zählen mochte, doch sein +feines Gehör bewahrt hatte, ließ sich mit dem Kanzler in ein +lispelndes Gespräch ein. "Du glaubst gewonnen zu haben?" fragte er. +</P> + +<P> +"Ich weiß nicht", sagte der Kanzler. "Est in votis." +</P> + +<P> +"Enttäusche dich, Girolamo! Ich sage dir, auch wenn er wollte, so +kann er nicht." +</P> + +<P> +"Er könnte nicht? Warum? Das tönt geheimnisvoll. Welcher Gott oder +welche Göttin verbietet es ihm? Kreuzige mich nicht! Rede!" +</P> + +<P> +"Dürfte ich reden, ich hätte dir von der Schwelle meines Hauses und +aus Novara weggewinkt, aber meine Lippen sind gebannt. Doch ich darf +dich, du Ärmster, auch nicht in dein Verderben stürzen lassen. Du +verlierst hier deine Worte und vielleicht dein Leben. Er kann nicht, +beteure ich dir! Es ist ihm versagt. Es ist ihm nicht beschieden. +Fliehe! Es ist alles umsonst." +</P> + +<P> +"Fliehen? Vor Pescara? Ich denke nicht daran und halte ihn fest +umschlungen! Bei allen Dämonen, warum ist es ihm nicht beschieden?" +</P> + +<P> +Da hauchte der Arzt, daß ihn Morone kaum verstehen konnte: "Ist nicht +aller sterbliche Wandel in Zeit und Raum? Beide aber versagen diesem." +</P> + +<P> +Er legte den Finger auf die Lippen, ihnen Schweigen gebietend, und +dann gleich zum andern Male, um den Kanzler auf nahende Schritte +aufmerksam zu machen. "Still! Siehe!" flüsterte er. Auf leisen +Sohlen kam Victoria Colonna in den weiten grünen Saal, den Gatten an +seinem Lieblingsplatze suchend. Noch trug ihr Kleid den Staub der +Straße; sie mochte kaum vom Pferde geglitten sein. Da sie ihn +schlummern sah, blieb sie stehen und verlor sich in seinem Anblick. +Dann zerfloß sie plötzlich in Tränen, aus einem Übermaß der Freude, +oder es erschreckte sie der heilige Ernst der geliebten, nun von +Mühen und Wunden tiefer gegrabenen Züge. Wenige Augenblicke aber, +und sie trat zu ihm. Mit unendlicher Liebe legte sie die Hand unter +das strenge Haupt, und es sachte hebend, weckte sie es mit +inbrünstigen Küssen. Pescara öffnete die Augen. Sanft drückte er +sein Weib an die rechte Brust und gab ihr einen Kuß auf die Stirne. +</P> + +<P> +Da sich der Feldherr erhob, hatte sich Morone in einer seltenen +Regung von Keuschheit weggeschlichen, und Pescara sah nur den Arzt +vor sich. Die Linke um Victoria schlingend, ergriff er mit der +Rechten die Hand Numas und sprach zu seinem Weibe: "Das ist mein +Arzt", und diese, in ihrer feurigen Art, bog das Knie und bedeckte +die schlaffe Hand mit Küssen. "Sie hat die Wunde meines Helden +geschlossen!" jubelte sie voller Dankbarkeit. Dann aber richtete sie +sich auf und fragte in tiefer Erregung: "Messer Numa Dati?" +</P> + +<P> +Der Alte verneigte sich. +</P> + +<P> +Und Victoria, von ihrem warmen Herzen hingerissen, wendete sich an +den Gemahl, Mund gegen Mund, und klagte: "Ehe wir uns freuen, mußt du +mir und diesem Recht schaffen! Unser Neffe hat ihm die Enkelin +verleitet und weigert sich, der Frevler, seine Schuld durch die Ehe +zu sühnen!" +</P> + +<P> +"Ist es so, Numa?" sagte der Feldherr, und da der Greis traurig +bejahte: "Warum hast du mir das verheimlicht?" +</P> + +<P> +"Anfangs, Herrlichkeit, war es eine bloße Vermutung, da sie mein Haus +und Novara heimlich verließ. Und wie durfte ich Euch, der sein +eigenes großes Schicksal trägt, mit dem kleinen eines Mädchens +beschäftigen? Erst heute erhielt ich Gewißheit, durch ein Schreiben +aus Rom, von der Äbtissin, in deren Kloster das arme Kind sich +geflüchtet hatte." +</P> + +<P> +Jetzt drängte sich Victoria flehend an die linke Seite ihres Helden, +der unter dem Drucke des Frauenleibes einen körperlichen Schmerz zu +empfinden schien. Um ihn zu verbergen und zu verwinden, that er ein +paar Schritte vorwärts. +</P> + +<P> +Die dreie standen vor den spielenden Lichtern des Brunnens. +"Schönste Frau, mich hat herzlich verlangt, Euch wiederzusehen", +sagte der Feldherr, "und da bist du ja, meine Seele!" Er blickte ihr +in die strahlenden Augen. "Aber deine edeln Lider sind ja noch ganz +bestäubt von der Reise. Dein Tuch!" Sie gab es ihm, der es netzte, +und schloß die Augen, während er ihr Stirn und Lid und Wange wusch +und badete. +</P> + +<P> +"Ich erinnere mich deiner Enkelin ganz wohl, Numa, obwohl ich sie +kaum gesehen habe. Tiefblaue Augen und kastanienbraune Haare, wie +diese da, nicht wahr, und Julia heißt sie? Was ihre Sache betrifft, +die dünkt mich schwer und tragisch. Nicht daß ich anstünde, den +Bösen, den du kennst, Victoria—auch ich kann ihn nicht anders +nennen—zur Ehe mit ihr zu zwingen, er würde sich fügen, ohne Zweifel, +denn er ist mein Geschöpf und ich habe Macht über ihn. Aber ich +frage mich, ob es gut sei, die Verschmähte an einen Herzlosen und +Grausamen zu fesseln, der freilich durch seine Vermessenheit und +Begabung in der Welt die höchsten Stufen erreichen wird. Und sie +selbst? Wird sie es verlangen? Glaubst du, Victoria? Hat sie es +verlangt, die sich dir in Rom zu Füßen geworfen hat, wie ich vermute, +da du sie kennst?" +</P> + +<P> +"So that sie", sagte Victoria mit flehender Stimme. +</P> + +<P> +"Ertrug sie deinen reinen Anblick? Und im Ernst, du willst sie dem +Manne geben, der sie verschmäht? Wenn sie mein Kind wäre, ich +vergrübe sie ins Kloster. Ihr aber seid menschlich und barmherzig, +Madonna. Und wer weiß, vielleicht liebt sie ihn noch, oder liebt und +haßt ihn zugleich—ich verstehe das nicht. Doch ich will mich ihrer +annehmen, sie habe die Wahl." +</P> + +<P> +Jetzt öffnete der Arzt den welken Mund. "Arme Julia! Welche Wahl! +Selig, daß sie ihrer überhoben ist!" +</P> + +<P> +"Wodurch?" fragte Pescara. +</P> + +<P> +"Durch eine dunkle, aber weise Gottheit." +</P> + +<P> +"Ich verstehe", sagte der Feldherr rasch, "sie lebt nicht mehr." +</P> + +<P> +"Du sagst es, Herrlichkeit." +</P> + +<P> +"Sie hat sich ein Leides gethan?" wehklagte Victoria. +</P> + +<P> +"Da sei ihr Schutzengel davor!" +</P> + +<P> +"Wer weiß es? Als sie in ihr Kloster zurückkam, nachdem sie sich +Euch geoffenbart, ist sie gestorben. Ihr Geständnis muß sie getötet +haben, und der Anblick Eurer Reinheit, Madonna, wie die Herrlichkeit +es gewollt hat. Vielleicht ein Herzschlag, vielleicht—das willige +Mädchen ist mir in meiner Apotheke oft mit Verständnis und Geschick +beigestanden." +</P> + +<P> +Jetzt urteilte der Feldherr: "Das bleibe unberedet. Sie ist +eingegangen in den Frieden und steht jetzt in Dienst und Pflicht +einer heiligen Macht, die unserer erbärmlichen Gerechtigkeit spottet." +</P> + +<P> +Victoria weinte, und der Greis flehte: "Ich kann nicht mehr! Es sei +gut!" +</P> + +<P> +"Ja, es ist gut", schloß der Feldherr. +</P> + +<P> +Dann bot er Victoria die Hand und sagte leichthin: "Edle Frau, ich +habe Euch und mir, solange wir zusammen sein dürfen, ein helleres +Haus gerüstet als dieses alte Schloß mit seinen plumpen Deckenbalken, +diese Wohnung des Verrates, denn auf seiner Zugbrücke wurde der Mohr +ausgeliefert. Sehet Ihr dort bei den Pinien die anmutige Baute, +Madonna? Die habe ich Euch bestimmt: sie ziemt Eurem klaren Wandel." +</P> + +<P> +Sie durchschritten den Park und langten am Fuße der drei Treppen an, +wo der greise Arzt stehenblieb, Atem schöpfend und den Feldherrn +zurückerwartend. Da Victoria die dritte Treppe erstieg, erblickte +sie zwei Bildwerke, welche rechts und links die höchste Stufe +schmückten. "Das hat der junge Franz Sforza ersonnen, an welchem +sein guter Geschmack immer noch das Beste ist", plauderte Pescara. +"Diese Gruppen sind hübsche Gedanken aus seinem flüchtigen Kopfe. +Die rechts zum Beispiel. Erst konnte ich nicht aus ihr klug werden, +so sehr sie mir gefiel. Da sagte mir der Gärtner die Inschrift, die +sie anfangs trug, die aber der feine Herzog verschwinden ließ, damit +der Beschauer fühle und rate. Sie lautete... doch das bringst du +heraus, Geliebte?" +</P> + +<P> +Victoria, nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die linke Gruppe, +ein ungebunden kosendes Paar geworfen hatte, betrachtete lange Zeit +die rechte. Es waren zwei weibliche Gestalten, eine liegend und +etwas wie eine Blume oder einen Schmetterling leichtsinnig +zerpflückend; die andere stand, innig vertieft in sich selbst, oder +in die Ferne verloren. Alle drei Mädchen aber, das kosende, das +vergessende, das sich sehnende, hatten unter verschiedenem Ausdrucke +das gleiche Gesicht. Victoria sann. Da blies ihr der Feldherr +mutwillig ins Ohr, wie in der Schule ein Knabe einem Mädchen: "Tu die +Augen auf, ein paar Buchstaben sind noch lesbar." Victoria entdeckte +links, schwach ausgeprägt: Pres..., rechts aber unterschied sie etwas +deutlicher: Ass... "Presenza und Assenza", ergänzte sie beschämt, +und der Feldherr sagte: "Die Gegenwart ist frech. Die Abwesenheit +aber, die vergißt, ist gedankenlos. Ich preise die gegenwärtige +Abwesenheit: die Sehnsucht." +</P> + +<P> +"Wir werden uns nicht mehr trennen, Ferdinand, wenn du mich lieb hast." +</P> + +<P> +"Nur noch einmal. Für einige Tage, höchstens eine Woche, Madonna, +bis ich Mailand werde genommen haben. Ihr folget mir, und forthin, +wenn Ihr wollt, trennen wir uns nicht mehr. Es liegt an dir, +Victoria", sagte er zärtlich. +</P> + +<P> +"Ob ich will!" +</P> + +<P> +"Erinnerst du dich, Geliebte", scherzte er wiederum, "daß du mir +einmal in Ischia am plätschernden Strande gesagt hast, du begreifest +nicht, wie ein Weib, das geliebt habe, jemals einem Zweiten gehören +könne? Es widerspricht der Liebe, sagtest du. Freilich, aber es hat +Erfahrung und menschliche Natur für sich. Assenza, Assenza!" +</P> + +<P> +Jetzt erhob sich Victoria zu ihrem ganzen stolzen Wuchs und streckte +den herrlichen Arm, von welchem der Ärmel zurückfiel, gegen den +leuchtenden Himmel und schwur: "Nie gehöre ich einem andern, bei den +reinen Strahlen dieser Sonne!" +</P> + +<P> +Der Feldherr beschwichtigte: "Dort stehen deine Kammerfrauen, Kind, +und bestaunen dein Gelübde, das sie dir wahrlich nicht nachtun werden." +Er winkte den in ehrerbietiger Entfernung harrenden Zofen und +beurlaubte sich bei der Marchesa. "Ihr werdet Euch umkleiden, Herrin, +und ich selbst habe noch bis zur Abendstunde zu thun. Auf +Wiedersehen hier, nach Sonnenuntergang, zum Spätmahle." Er wendete +sich und ging, ohne nach ihr sich umzublicken. Unten an der Treppe +nahm er den Arm des greisen Arztes, langsam mit ihm durch einen +Zypressengang nach dem Schlosse zurückwandelnd. "Wie war die Nacht +Eurer Herrlichkeit?" fragte der Alte. +</P> + +<P> +"Wie gewöhnlich", antwortete Pescara. "Du hast gegen deinen +Gastfreund reinen Mund gehalten, Numa?" +</P> + +<P> +"Ich erinnerte mich Eures Befehles... Aber wie möget Ihr mit dem +Kanzler und meinem armen Italien dieses grausame Spiel treiben! Wie +dürfet Ihr es?" +</P> + +<P> +"Ich spiele mit Italien, sagst du? Im Gegenteil, deine Landsleute, +Numa, spielen mit mir: sie heucheln Leben und sind tot in ihren +Übertretungen und Sünden." +</P> + +<P> +Sie gingen eine Weile schweigend. "Weißt du, Numa", spottete jetzt +der Feldherr, "daß mich neulich ein Astrologe besucht und mir das +Horoskop gestellt hat? Er schätzte mich auf sechzig Jahre, ich fand +das wenig." +</P> + +<P> +Der Greis seufzte. +</P> + +<P> +Wieder wandelten sie wortlos. Vor der schmalen Pforte der Burg +beurlaubte Pescara den Alten. "Meine Feldherrn erwarten mich, Numa, +ich habe sie auf diese Stunde beschieden." Da beschlich ihn noch ein +Mitleid mit den guten braunen Augen und dem zahnlosen Munde, und er +sagte freundlich: "Fürchte nichts, Numa. Ich werde dein Italien +nicht mißhandeln, ich werde gerecht und milde verfahren." +</P> + +<P> +In seinem Vorsaale fand der Feldherr den Herzog von Bourbon und Leyva +sich gegenüberstehen, zwischen ihnen Del Guasto, als ob er sie +auseinanderhielte, und dann noch einen vierten, der in einer +Fensterbrüstung lehnte. Dieser war ein vornehmer Mann in Jahren, +halb Mönch, halb Weltmann, mit einem bronzefarbenen Kopfe und tiefen, +unergründlichen Zügen, in einen kuttenähnlichen weißen Mantel gehüllt. +Wie Pescara ihn erblickte, schien der Feldherr leicht zu schaudern, +ging aber auf ihn zu und begrüßte ihn. +</P> + +<P> +"Was verschafft mir die Ehre, Moncada?" +</P> + +<P> +Der andere erwiderte: "Erlaucht, ich bin in Sendung und ersuche im +Namen des Vizekönigs um eine Unterredung." +</P> + +<P> +"Ich gewähre sie", versetzte der Feldherr, "aber ich bitte Eure Gnade, +sich kurz zu fassen am Vorabende des Feldzugs." +</P> + +<P> +"Eine geheime Unterredung." +</P> + +<P> +Pescara besann sich. "Eine geheime? Nicht, Ritter. Geschäftliches +würde ich diesen zwei Herrschaften, meinen Kollegen, nicht +vorenthalten. Ersparet mir die Mühe. Mein Neffe hier ist +verschwiegen. Was ist Euer Auftrag? Sprechet, Ritter!" Er bot +Moncada keinen Stuhl. +</P> + +<P> +Dieser musterte die anwesenden Gesichter. "Nach Eurem Willen", sagte +er. "Erlaucht, der Vizekönig ist in tiefster Besorgnis. Die +italienische Liga ist eine Thatsache, an welcher Erlaucht nicht +zweifelt, da Sie durch Leyva den Vizekönig um Truppen ersuchen ließ, +welche dieser freilich nicht entbehren kann, selbst ihrer bedürftig, +um im Falle des ausbrechenden Krieges eine ehrfürchtige, aber +drohende Bewegung gegen die irregegangene oder mißleitete Heiligkeit +zu machen. Erlaucht gibt zu, daß unsere Heere im Süden und Norden +der Halbinsel zusammenwirkend in denselben Plan eingreifen müssen. +In diesem Sinne sendet mich der Vizekönig, Euch zu begleiten und ihn +auf dem laufenden zu halten. Genehmigt Erlaucht?" +</P> + +<P> +Der Feldherr bejahte, seinen Unmut niederkämpfend. +</P> + +<P> +"Ein anderes", fuhr Moncada fort. "Ich bedaure, daß Ihr mich nicht +geheim empfangen habet, aber ich ergreife den Augenblick. Es wird +gewünscht in Madrid, daß Erlaucht, wenn Sie Mailand erobert haben +wird, dort zum Heile der Monarchie, und um das Übel mit der Wurzel +auszurotten, streng und durchgreifend verfahre. Es wird geraten: der +abtrünnige Herzog werde in Ketten gelegt und nach Spanien gesendet; +der trotzige lombardische Adel verliere seine Güter und besteige das +Schafott; starke Besatzung und schwere Kriegssteuer bändige den +Bürger; der Schrecken herrsche in Mailand!" Er suchte in der Miene +des Feldherrn zu lesen. +</P> + +<P> +Dieser stand ruhig. "Der Schrecken?" wiederholte er. "Niemals, +solange ich lebe und meinem Kaiser diene! Mailand ist Reichsgebiet, +und der Kaiser will nicht, daß das Reich mißhandelt werde. Wer +wünscht? Wer rät? Verschonet mich mit Räten und Wünschen, Moncada, +ich brauche sie nicht." +</P> + +<P> +"Hat der Herzog um Aufschub gebeten?" fragte Moncada mißtrauisch. +</P> + +<P> +"Nein, Ritter." +</P> + +<P> +"Durch seinen Kanzler?" +</P> + +<P> +"Der Kanzler der Hoheit von Mailand bewohnt seit heute diese Burg. +Eure Gnade kann ihn sprechen und sich bei ihm selbst erkundigen, Sie +wird ihm damit ein Vergnügen machen, denn ich fürchte, daß er sich +langweilt." +</P> + +<P> +"Erlaucht hat ihn nicht empfangen? Keine Neugierde läßt mich fragen, +sondern das Interesse der königlichen Sache, welcher wir alle hier +dienen." +</P> + +<P> +"Ich habe den Kanzler gesprochen, heute morgen, zwei Stunden." +</P> + +<P> +Diese Aufrichtigkeit setzte Moncada in Erstaunen, aber sie sagte ihm +nichts Neues. Er war durch die spähenden Ohren, welche er unter dem +Gesinde Pescaras besoldete, von der Ankunft und der Audienz Morones +genau unterrichtet. +</P> + +<P> +"Eine lange Beredung, da doch allein von der Unterwerfung des Herzogs +die Rede sein konnte." +</P> + +<P> +Pescara schwieg. Geheimer Abscheu, so schien es, verbot ihm, den vor +ihm Stehenden nur eines Wortes zu würdigen über das Nötige hinaus. +</P> + +<P> +"Ich wundere mich", sprach Moncada weiter, "daß Erlaucht nicht kurz +abgebrochen, und ich erstaune, daß Sie diesen Niederträchtigen +überhaupt empfangen hat, jetzt, da jene Verleumdungen über Erlaucht +Italien erfüllen." +</P> + +<P> +"Nicht weiter! Jedes Wort wäre eine Beleidigung und ein Zeitverlust! +Ich habe diese Lügen meinem Kaiser berichtet. Das genügt. Ich +kenne meine Feinde..." +</P> + +<P> +"Weise. Und ebenso weise, wenn Erlaucht Ihrer Unterredung mit Morone +unverdächtige Zeugen gegeben hätte." +</P> + +<P> +"Das geschah", erwiderte Pescara verächtlich. "Diese Herrschaften +hier." Bourbon und Del Guasto nickten. "Was aber den Inhalt der +Unterredung betrifft, nach welchem Ihr neugierig zu sein scheinet, so +werdet Ihr ihn der Antwort entnehmen, welche ich in Eurer Gegenwart, +wenn Ihr es wünscht, dem Kanzler morgen zu geben gewillt bin, bevor +er meinem Heerzug als ein Gefangener folgen wird. Hier in diesem +Saale. Nun aber lasse ich Euch." Und er entfernte sich in sein +inneres Gemach, wohin die drei andern ihm folgten. +</P> + +<P> +Moncada stand allein. "Eine Maske", überlegte er, "eine durchdachte +Maske. Welch ein Antlitz verbirgt sie?... Ich werde es wissen... +Du entrinnst mir nicht, ich umschwebe dich, Pescara!" Er ging +langsam weg in streitenden Gedanken. +</P> + +<P> +Während die drei Feldherrn drinnen den Krieg vorbereiteten, blieb der +Vorsaal eine Weile leer und unbehütet. Der Page Ippolito hatte sich +zu der Herrin hinübergeschlichen, deren Ankunft er belauscht hatte +und deren Schönheit und Leutseligkeit er kindlich bewunderte. Er +brannte, sie zu begrüßen und ihr seine Dienste zu bieten. Dann aber +bevölkerte sich der feierliche Saal mit einer lustigen Gesellschaft. +Die fünf silbergrauen Windspiele des Konnetabel, närrische, noch ganz +junge Tiere, hatten irgendeinen unbewachten Eingang in das Schloß +gefunden und beschnoberten jetzt die Spalten der Türe, hinter welcher +sie ihren Herrn vermuteten. Diese Rasse war Modesache. Nun kam auch +der Windhund des Marchese, ein edles Tier und ein unermüdlicher +Läufer, zu sehen, was es gebe, und war nicht sehr erbaut von dieser +leichtsinnigen Sippe, die ihm nicht in diesen ernsten Raum zu gehören +schien und der er knurrend sein Mißfallen kundgab. +</P> + +<P> +Siehe, da erschien noch ein zartes, zierliches Windspiel, ein +schneeweißes Geschöpf von den feinsten Formen, das auf schimmerndem +Silberhalsband die Inschrift trug: "Ich gehöre der Victoria Colonna." +Zuerst mit Freude und Bewunderung empfangen, wurde das schmucke +Spielzeug bald zu einem gejagten und gehetzten Wilde, hinter welchem +die ganze jugendliche Meute kläffend im Kreise herumfuhr. Da kam der +Page hereingesprungen, nahm das Eigentum der Herrin, welche ihn +danach gesendet haben mochte, in die Arme und flüchtete es aus dem +Tumulte, die wilde Jagd hinter sich ziehend, den besonnenen Läufer +des Pescara ausgenommen. In demselben Augenblicke trat Leyva aus dem +innern Gemache und beschleunigte die allgemeine Flucht, indem er dem +hintersten Hündchen des Konnetabel einen Tritt versetzte, daß es +winselnd durch die Luft flog. +</P> + +<P> +Der ergraute Feldherr hatte einen zornroten Kopf und ließ sich von +Pescara, der ihn geleitete, kaum mehr an der Hand zurückhalten. +"Leyva", sagte der Marchese, "ich bitte Euch, bleibt! Beherrschet +Euch! Ich kann Euch nicht zwingen, gegen den Herzog gerecht zu sein, +aber beobachtet wenigstens die Formen! Der Herzog benimmt sich +musterhaft gegen Euch, mit tadelloser Courtoisie, Ihr aber zoget ihm +die grinsende Miene eines Bauers, und jetzt lauft Ihr weg, ehe unsere +Beratung geschlossen ist. Das ist kein Betragen, wie es sich für +Eure Stellung und Euer Verdienst geziemt." "Ich konnte den Verräter +nicht länger ertragen, Pescara! Mit jeder Miene, jeder Bewegung hat +mich der Hochmütige beleidigt! Nichts als Hohn! Seine Kälte +verachtet mich, und seine Verbeugungen spotten meiner. Ich möchte +wissen, woher er das Recht nimmt, auf mich herabzusehen. Ich stehe +über ihm, trotz seiner hohen Geburt, denn meine Ehre ist rein, und +ich bin ein treuer Knecht meines Königs, den seinigen aber hat er +verraten! Er ist gezeichnet und sein glattes Gesicht garstiger als +meine Wunde hier! Doch nicht alle Fürsten verachten mich, es gibt +deren, die meinen Wert kennen. So dieser verständige Moncada, mit +dem ich gereist bin. Der wenigstens hat mich seines Vertrauens +gewürdigt." +</P> + +<P> +Pescara wurde sehr ernst. "Leyva", sagte er, "Ihr gebet mir die +Genugtuung, daß ich Euch immer für voll genommen habe. Ich frage +nicht nach der Geburt, sondern ich nehme den Menschen, wie ich ihn +erprobe. Habet Ihr mich je hochmütig gesehen oder kleindenkend +erfunden? Du hast nichts gegen mich, Alter", sagte er zutraulich, +"wir kennen uns." Er suchte mit den hellen grauen Augen die des +Mitfeldherrn, der sie ihm aber, den Kopf senkend, hartnäckig entzog. +"Nichts", murrte Leyva, "außer daß Ihr Freundschaft haltet mit dem +andern. Doch ich habe Eile: Erlaucht schickt mir die Instruktionen +nach. Ich besitze dergleichen gerne schriftlich. Leyva tut seine +Pflicht. Zählt darauf!" +</P> + +<P> +Der Feldherr ließ ihn gehen und streichelte nachdenklich den feinen +Kopf seines Windspieles, das ihm denselben in die Hand zu legen +gekommen war. +</P> + +<P> +Dann trat er in sein Gemach zurück, wo er Bourbon und Del Guasto in +einem aufgeregten Gespräche fand, wohl über den Kanzler, denn sie +deuteten mit den Blicken in der Richtung der Turmgemächer. Der +Feldherr lächelte. "Herrschaften", sagte er, "Ihr habet heute morgen +eine wunderbare Rede belauscht und—noch wunderbarer—diese Rede hat +mich nicht verführt, aber Euch, meine Zeugen. Meine Treue blieb fest, +und die Eurige wurde erschüttert, wie ich glaube: ein Triumph, den +der Kanzler nicht beabsichtigte, der ihm aber schmeicheln darf." +</P> + +<P> +Jetzt wendete er sich mit veränderter Miene gegen Del Guasto: "Don +Juan, ich sah Eure Augen habgierig nach Beute flammen. Danket es mir, +daß ich Euch nicht zu Worte kommen und Euern Herrn, den Kaiser, +verraten ließ. Denn gerade Ihr, Don Juan, müsset der Majestät +unverbrüchliche Treue halten, wenn Ihr nicht ein Verbrecher werden +wollet. Treue am Fürsten ist die einzige Tugend, deren Ihr zur Not +fähig seid, und der letzte Ehrbegriff, der Euch übrigbleibt. Sie +wird Eure Unerbittlichkeit adeln, wenn Ihr dieselbe gegen Abfall und +Empörung ausübet, und Eure grausamen Triebe werden der irdischen +Gerechtigkeit dienen. Nehmet das als meinen wohlgemeinten Rat, und +nun gehet und vermeidet heute die Augen Donna Victorias. Euer +Anblick ist ihnen verhaßt, sie können einen Mörder nicht ertragen." +</P> + +<P> +"Einen Mörder?" Don Juan lehnte sich auf. +</P> + +<P> +"Einen Mörder. Kennet Ihr Euer Opfer noch nicht? Ich nenne es Euch: +es ist Julia, die Enkelin meines Numa Dati, gestorben in Rom am +gebrochenen Herzen, und Ihr seid es, der sie umgebracht hat. Ihr +geschah wohl, aber das mindert Euren Frevel nicht im geringsten. +Fürchtet nicht, daß sie Euch erscheinen werde, sie ist versenkt in +die Ruhe und überläßt Euch den Furien Eurer Seele, zu früher oder +später Reue." +</P> + +<P> +Del Guasto erbleichte, und sein Haar sträubte sich wie ein Gewirr von +Schlangen. Nicht seine That erschreckte ihn, aber der furchtbare +Richterernst des Feldherrn, dessen vernichtende Strafgewalt von +jenseits des Grabes zu kommen schien. Er entwich bestürzt vor den +Blitzen dieses Auges. +</P> + +<P> +"Familienangelegenheiten", bemerkte Bourbon. "Aber weißt du, +Ferdinand, daß der Kanzler mich mehr, als du denkst, begeistert hat? +Trotz seiner Schmähungen—er ist der einzige, dem ich nichts +übelnehme—war er auf dem Wege, mich völlig zu betören, oder vielmehr, +du hast mich betört, da du sagtest, ich sei dein Alterego und du +würdest mir Mailand geben. Du hast dich über mich lustig gemacht, +und ich Stumpfsinniger habe den Spaß nicht verstanden." +</P> + +<P> +"Vergib, Karl! Ich war neugierig, ob der Kanzler seinem Herzog Treue +hielte. Aber glaube mir, Karl, auch dir bleibt nichts als die Sache +des Kaisers. Der Niedergang Italiens ist unaufhaltsam, es unterhöhlt +sich selbst. Besieh dir doch die Sache: Italien bietet sich mir +flehend und bedingungslos, mit einem Schein von Wahrheit und Größe, +und zugleich zieht es mir mit vollendeter Tücke den Boden unter den +Füßen weg, um mich zum Sprung über den Abgrund zu zwingen. Ich +begreife bei solchen Gerüchten und Verleumdungen, daß mir Madrid +einen Aufseher und Belauscher sendet. Aber warum meinen Feind? +Warum Moncada? Zwar er wird mir nichts anhaben, und ich werde mein +Tagewerk zu Ende bringen, und dir, Karl, werde ich geben, was ich +kann, mein Amt und meine Nachfolge... Nicht wahr, Karl, du bist +gerecht in Italien? Du quälst es nicht? Du drückst es nicht über +das Maß? Das gelobst du mir. Obwohl sie es nicht um mich verdient +haben. Ich kenne dich: du gehst menschlich mit ihnen um." +</P> + +<P> +"Ausgenommen mit dem Heiligen Vater, der schlecht von mir gesprochen +hat. Aber, Ferdinand, was redest du? Du erschreckst mich! Wir sind +gleichen Alters, und eine Kugel kann mich vor dir oder uns beide +zusammen niederstrecken. Dieser Moncada ist über dich gekommen wie +ein Frost, ich sah dich zusammenschauern. Was liegt zwischen Euch?" +</P> + +<P> +Jetzt ging die Sonne unter, und es klopfte leise an der Türe. Der +eintretende Ippolito wendete sich flehend gegen seinen Herrn: +"Erlaucht lasse Madonna nicht warten. Die Tafel drüben ist gedeckt, +und Madonna steht harrend auf der Terrasse, wenn sie nicht die Stufen +herabsteigt." +</P> + +<P> +"Gehe, mein Kind, und sage ihr, ich komme." +</P> + +<P> +"Das tue ich nicht", versetzte Ippolito mit anmutigem Trotze, "sonst +läßt sich Erlaucht mit Hoheit wieder in ein endloses hochpolitisches +Gespräch ein, und die süße Frau wird vergessen." +</P> + +<P> +Der Feldherr litt den Knaben neben sich, und die Unterhaltung mit dem +Herzog fortsetzend, um dessen Schulter er vertraulich den Arm +geschlungen hatte, bediente er sich der spanischen Sprache, von +welcher er wußte, daß sie von dem Pagen nicht verstanden wurde. "Was +zwischen mir und Moncada liegt, Karl? Etwas Entsetzliches, ein +Verdacht, der für mich eine Wahrheit ist, für welchen ich aber keinen +Beweis habe als meine Überzeugung. Ich glaube, ja ich bin gewiß: +dieser Mensch hat meinen Vater umgebracht." Er glättete die Locken +des Kindes, das mit unschuldigen Augen zu ihm emporblickte. +</P> + +<P> +"Es war nach der Wende des Jahrhunderts und ich wie dieser hier, +jedenfalls nicht älter. Mein Vater, ein guter Feldherr und ein +besserer Mann als ich, ein treuherziger Mann, ging in Sendung des +damaligen Vizekönigs, des großen Gonsalvo, der später den spanischen +Undank so grausam erfuhr, nach Barcelona, wo der alte Ferdinand eben +hofhielt. Dort erblickte er den letzten Sprossen unsers +neapolitanischen Fürstenhauses, jenen unglücklichen Jüngling, der +unter dem argwöhnischen Auge Ferdinands welken mußte, mit einem +unfruchtbaren Weibe verheiratet. Arglos und unklug, wie der Vater +war—ich sage dir, es gab keinen schlichtern Mann—, ließ er sich mit +dem entthronten Prinzen in ein teilnehmendes Gespräch ein und +besuchte ihn dann zuweilen im Palaste. Das reichte hin, ihn dem +Könige verdächtig zu machen, und dieser Verdacht genügte, um ihm das +Leben abzusprechen. +</P> + +<P> +Ich erzähle dir die Sache, wie ich sie nachher erforscht und +zusammengebracht habe, da, bei reiferm Verstande und erlangter +Menschenkenntnis, die Vergangenheit Sinn und Bedeutung für mich +gewann. Es ist höchst wahrscheinlich, daß der König selbst sein +Opfer bezeichnete, wenn auch nur mit einem halben Wort oder einer +kurzen Gebärde. Die Ausführung seines geheimen Spruches aber +übernahm ein junger Mensch, den er um sich hatte und von dem es hieß, +daß er sein natürlicher Sohn sei. Der junge Moncada, kein anderer, +begegnete meinem Vater, der von dem Prinzen zurückkam, in einer +Galerie des Schlosses und stieß ihn nieder. Kein Zweikampf, sondern +ein Meuchelmord, denn die Rechte des Vaters war durch eine alte +Verwundung gelähmt. Und Pescara fiel unschuldig, so wahr ich dich +umschlungen halte, denn nichts lag dem Redlichen ferner als Intrige +und Verschwörung. Ist das nicht verrucht? Und vielleicht glaubte +der junge Moncada eine Pflicht zu erfüllen und als guter Christ zu +handeln, da er dem Wink einer Königsbraue gehorchte. Ist das nicht +abscheulich? Wäre so etwas bei euch möglich, Karl?" "In Frankreich? +Je nachdem. Doch nein, so einfach nicht." +</P> + +<P> +"Nach Jahren, da ich meine ersten Sporen verdient hatte, treffe ich +den Moncada im Zelte meines Feldherrn und Schwiegervaters, des +Fabricius Colonna. Er umarmt mich, nennt mich seinen jungen Helden, +den aufgehenden Stern und die Hoffnung Spaniens, und sein Blick +gleitet mit ruhiger Beobachtung über meine Züge. Er versichert mir, +ich gleiche meinem Vater, den er gekannt habe, und das Blut erstarrt +mir in den Adern, denn ich hatte die Gewißheit, daß mich der Mörder +Pescaras liebkosend in den Armen halte." +</P> + +<P> +"Du ließest ihn gehen?" +</P> + +<P> +"Am Abende jenes Tages ging ich, ihm das Leben zu nehmen oder ihn das +meinige nehmen zu lassen. Er war verschwunden. Ich konnte ihn nicht +verfolgen. Wo hätte ich die Zeit dazu genommen, immer im Zelte und +in der Mitte der Entscheidungen, wie ich lebte? Aber der Geist des +gemordeten Vaters folgte mir überall. +</P> + +<P> +Später erfuhr ich, der Verhaßte habe sich in irgendeine Kartause +geworfen, um eine Sünde zu büßen. Dann ist er jenseits des Meeres, +in Kuba, wieder aufgetaucht, wo ihm König Ferdinand reiche +Besitzungen verlieh, und hat den kühnen Cortez nach Mexiko begleitet. +Ich denke, um den ehrgeizigen Eroberer zu überwachen: denn Moncada +lebt in den Gedanken und Plänen seines Vaters und ist im +Zusammenhange mit jener fanatischen spanischen Partei am kaiserlichen +Hofe, welcher die Burgunder und Niederländer glücklicherweise die +Waage halten. Über das Meer zurückgekehrt, hat er sich ein Verdienst +daraus gemacht, durch sein verborgenes Wirken Neuspanien der Krone +erhalten zu haben, und steht in halb gefürchtetem Ansehen, auch bei +dem Kaiser, seinem Neffen. Jetzt ist er in Italien, um mich zu +unterjochen oder zu verderben. Das ist Moncada." +</P> + +<P> +"Weißt du, Ferdinand", sagte Bourbon, der aufmerksam gelauscht hatte, +"ich hätte dir längst gern einen Gefallen gethan. Räche ich dir den +Vater und schaffe dir zugleich den Feind vom Halse? Nicht durch +Meuchelmord, das ist nicht meine Art, sondern in geregeltem Duell, zu +welchem ich schon einen Anlaß finde. Ich gefährde mich nicht, denn, +ohne dir nahezutreten, du gibst zu: wir Franzosen fechten besser als +ihr Spanier. Du bleibst außer Spiel, und mich schützt meine +fürstliche Geburt. Willst du? Ich bin zu deiner Verfügung." +</P> + +<P> +Da antwortete Pescara mit fast verklärten, bläulich schimmernden +Augen: "Nein. Es ist zu spät. Ich denke jetzt anders und gebe den +Mörder der ewigen Gerechtigkeit." +</P> + +<P> +Bourbon blickte erstaunt. Pescara aber nahm Ippolito an der Hand und +sagte: "Nun dürfen wir Madonna Victoria nicht länger warten lassen." +</P> + +<P> +Er gab dem Herzog den Vortritt. Auf der Wendeltreppe fragte er den +Knaben: "Die Herrin ist dir schon so lieb, die du heute zum ersten +Male gesehen hast?" +</P> + +<P> +"Sie war gleich so gütig", erwiderte Ippolito, "und ihr sah die +Schwester ähnlich, die ich jetzt nicht mehr sehen soll"—helle Zähren +rieselten ihm über die Wange—"weil sie, wie mir der Großvater +erzählte, in einem römischen Kloster ist und dort die Gelübde +abgelegt hat. Und sie war sonst so fröhlich, die Julia, aber +freilich, in der letzten Zeit ist sie sehr still geworden. Wie mag +sich die Schwester so jung begraben!" Er sagte das, während sie ins +Freie traten. +</P> + +<P> +"Ich flehe, mich der erleuchten Frau vorzustellen", bat der +Konnetabel. "Jüngst fand ich, ein Buch öffnend, die Natur habe das +Herrlichste gebildet und dann die Form zerbrochen, damit Victoria +Colonna einzig bleibe. Ihr gönnet mir den Anblick?" +</P> + +<P> +Sie beschritten den langen Zypressengang, und jetzt gewahrten sie in +einiger Entfernung einen bewegten Auftritt: eine vorwärts strebende +weibliche Gestalt riß sich von einem Manne los, der ihr zu Füßen lag. +In demselben Augenblicke schrie Ippolito: "Dort ist der böse +Zauberer, er will der Herrin ein Leides thun!", und eilte +spornstreichs Donna Victoria zu Hilfe, während der Kanzler von den +Knien aufsprang und hinter einer Lorbeerhecke verschwand. +</P> + +<P> +Die Befreite eilte dem lächelnden Gemahl mit schnellen Füßen entgegen +und mit einem so jungen und kräftigen Erröten, daß Pescara sie +niemals schöner gesehen zu haben glaubte. Während ihr Gewand noch +flog, sagte die nicht einmal außer Atem Gekommene. "Ein Flehender +hat mich überfallen und beschworen, seine Sache bei Euer Erlaucht zu +führen: er bittet, ihn nicht allzulange auf Bescheid harren zu lassen, +da er sich in Zweifel und Erwartung verzehre." +</P> + +<P> +"Er hat seine Fürbitterin gut gewählt, Madonna", versetzte der +Feldherr, "aber alles zu seiner Zeit. Jetzt gestattet, daß ich Euch +die Hoheit Bourbon vorstelle." +</P> + +<P> +Victoria, lebhaft wie sie war, verbarg einen Ausdruck frauenhafter +Teilnahme nicht. +</P> + +<P> +Der Herzog ließ nicht im geringsten merken, daß ihn der kniende +Kanzler belustigt hatte. Er verneigte sich ehrerbietig und hielt +sich fein und stolz aus Rücksicht für Pescara und im Bewußtsein +seines schmachvollen Ruhmes, das ihn nie verließ. Er bewunderte die +Schönheit Viktoriens, ohne sein dunkles Auge auf ihrem Antlitz oder +ihrem Wuchse ruhen zu lassen. Er schmeichelte nicht, er streute +keinen Weihrauch, sondern er sagte einfach: "Ich freue mich, Madonna +Victoria zu erblicken, die Gattin meines Freundes, des Marchese, und +huldige ihr nach Gebühr." Dann verwickelte er sie, zu ihrer Linken +gehend, in ein leichtes und gefälliges, aber unbedeutendes Gespräch, +und da sie ihn zur Tafel bat, bedankte er sich und schied unten an +der Treppe des Landhauses mit ruhiger Höflichkeit. Victoria, so +bescheiden sie war, hatte mehr erwartet, schon aus Gewöhnung, denn +ihr pflegte von den Berühmtheiten der Zeit auf das übertriebenste +gehuldigt zu werden. Doch sie verwand leicht und belächelte ihre +Enttäuschung, mit dem Feldherrn die Stufen hinansteigend in der schon +wachsenden Dämmerung. +</P> + +<P> +Die Mahlzeit war kurz, wie Pescara es liebte. Victoria ließ es sich +nicht nehmen, selbst dem Gemahl die Speisen vorzulegen, er aber +rächte sich beim Nachtisch. Zwischen Eis, Früchten und Naschwerk +erblickte er eine von seinem Zuckerbäcker kunstvoll geformte +Mandelkrone. "Siehe da", scherzte er, "etwas für meine ehrgeizige +Victoria!" Er bot sie ihr, deren Herz zu pochen begann. +</P> + +<P> +Sie erhoben sich und betraten das Nebenzimmer, das eine schwebende +Ampel gleichmäßig erhellte und in seinem noch frischen Schmucke +schimmern ließ. An den Wänden liefen Kinder mit Blumenkränzen, +während das Lattenwerk der Decke in seinen Feldern grau auf Goldgrund +gemalte Heroenbüsten zeigte, eine willkürlich gewählte Gesellschaft, +auf den vier ampelhellen Mittelfeldern: Äneas, König David, Herkules +und Pescara. Das ganze Gerät war ein Ruhebette, dessen Rücklehne in +ihrem Kastanienholze mit ausgebrochenen Lettern die Schrift trug: +"Hier muß man plaudern." +</P> + +<P> +"Wie kommt es", fragte Victoria, sich neben Pescara niederlassend, +"daß mir der Konnetabel trotz seiner feinen Art einen unangenehmen +Eindruck macht, daß er mich—geradeheraus gesagt—abstößt?" +</P> + +<P> +"Der Arme!" scherzte Pescara. "Mars und Muse, Rauheit und Anmut, der +garstige Leyva und die schöne Victoria fühlen sich gleicherweise von +dem Kapetinger beleidigt, der sich doch gegen beide unsträflich +benommen hat, wie ich bezeugen kann. Da muß sich etwas zwischen ihn +und jeden andern, wer es sei, einschleichen, und ich glaube wohl, +dieser entstellende Dunst und verhäßlichende Nebel ist sein Verrat +oder welchen Namen man dem Abfall von seinem Könige geben will." +</P> + +<P> +Eine leichte Blässe überzog das Antlitz Victorias. +</P> + +<P> +"Verrat..." Pescara dehnte die zwei Silben des Wortes. "Es ist +begreiflich, daß ein edles Weib diese Sünde verabscheut. Ob ich +meinem Fürsten Treue breche oder meinem Freunde oder meinem +ahnungslosen Weibe oder selbst meinem Mitschuldigen, alles das sind +Spielarten derselben Gesinnung... Schon dein finsterer und großer +Dichter, aus welchem du deine Seele erneuerst, wertet den Verrat als +die schwerste Schuld, da ja in seiner Giudecca sein Zerberus oder +Luzifer in jedem der drei Rachen einen Verräter zermalmt. Den ersten +weiß ich: es ist jener, der den Heiland geküßt hat. Wer aber sind +die zwei andern: die, welche Luzifer an den Füßen gepackt hält und +die das Haupt nach unten schweben? Das ist mir in diesem Augenblicke +nicht erinnerlich. Sprich doch die Stelle, du weißt ja die hundert +Gesänge auswendig." Victoria rezitierte: +</P> + +<P CLASS="poem"> + "Degli altri due, ch' hanno il capo di sotto, + Quel, che pende dal nero ceffo, è Bruto: + Vedi come si storce, e non fa motto: + E l'altro è Cassio, che par sì membruto*1*)." + ———————— + Hier windet Brutus sich mit festem Schweigen, + Und aus dem dritten Maul hangt Cassius nieder, + An dessen Leib sich alle Muskeln zeigen. + ———————— +</P> + +<BR> + +<P> +Behaglich plauderte der Feldherr weiter: "Dieser schweigend sich +windende Brutus ist gut, doch—mit der schuldigen Ehrfurcht—den +dürren Cassius, dessen Magerkeit Julius Cäsar fürchtete, wie kann ihn +Dante muskulös nennen? Überhaupt, Victoria, wie gefällt dir diese +Speise des Zerberus?" +</P> + +<P> +Da antwortete Victoria tapfer: "Herr, die Mörder Cäsars gehören nicht +in die Hölle. Hier tadle ich meinen Dichter." +</P> + +<P> +"Beileibe nicht!" neckte Pescara. "Und doch, brav, meine Römerin! +Treue ist eine Tugend, aber nicht die höchste. Die höchste Tugend +ist die Gerechtigkeit." So schaukelte Pescara sein Weib über dem +Abgrund und dem Geheimnis seiner Seele und hinderte sie, Fuß zu +fassen, die mit dem ganzen Ungestüm ihres Wesens Boden suchte, den +Sieg erstrebend, den zu erringen sie nach Novara geeilt war. Auf +immer neuen Wegen verfolgte sie das Ziel, von welchem Pescara sie +ferne hielt. Jetzt hatte sie die Eingebung, den größten lebenden +Patrioten Italiens zu Hilfe zu nehmen. +</P> + +<P> +"Ich mußte mich immer wundern, Pescara", sagte sie, "daß du, wie du +bist, unter unsern Bildnern und Dichtern die lieblichen den +gewaltigen vorziehst, den Ariost und Raffael dem erhabenen Dante und +seinem späten, aber ebenbürtigen Bruder, dem Buonarotti—du selbst +aber bist eine tiefe und verborgene Natur." +</P> + +<P> +"Ebendarum, Victoria, wenn ich es bin. Die Kunst ist eine Ergötzung. +Was aber deinen Michelangelo angeht, so mache mich nur nicht +eifersüchtig auf den Zyklopen mit dem zertrümmerten Nasenbein, da du +ihn so sehr bewunderst." +</P> + +<P> +Victoria lächelte. "Ich habe sein Angesicht nie gesehen und kenne +nur seine Sistine." +</P> + +<P> +"Die Propheten und Sibyllen? Diese habe ich vor Jahren auch +betrachtet und aufmerksam, doch sind sie mir wieder verschwommen, bis +auf ein paar Einzelheiten. Zum Beispiel der Mensch mit gesträubtem +Haar, der vor einem Spiegel zurückbebt—" +</P> + +<P> +"Worin er die Drohungen der Gegenwart erblickt", ergänzte sie erregt. +</P> + +<P> +"Und dann die Karyatide, von einer ungeheuren Last zusammengedrückt, +das kurze, viereckige, jammervolle Geschöpf! Das häßlichste Weib +ohne Frage, wie du das schönste bist—" +</P> + +<P> +"Eine Vergewaltigte, eine Unterjochte, eine Sklavin—" +</P> + +<P> +"Nun tauchen mir auch die Propheten wieder auf: der kahle Sacharja, +oder wer es sein mag, ein Bein oben, eines unten, der scheltende +Hesekiel im Turban, Daniel schreibend, schreibend, schreibend. Auch +die Sibyllen: die gekrümmte Alte mit der Habichtsnase, die glimmenden +Augen in ein winziges Büchlein vertieft, mit der Nachbarin, die sich +Öl in die erlöschende Ampel gießen läßt, und, die schönste von allen, +die Jugendliche mit dem delphischen Dreifuß. Alles in rasender +Tätigkeit. Was soll dieser Sturm? Was predigen und weissagen diese?" +</P> + +<P> +Da rief Victoria in flammender Begeisterung, als säße sie selbst im +Rate der Prophetinnen: "Sie bejammern die Knechtschaft Italiens und +verkündigen den kommenden Retter und Heiland!" +</P> + +<P> +"Nein", urteilte Pescara streng, "die Stunde des Heils ist vorüber. +Nicht Gnade verkündigen sie, sondern das Gericht." +</P> + +<P> +Victoria erbebte, aber schon wieder war der strafende Ernst aus den +Zügen Pescaras gewichen. "Verlassen wir jene prophetische Kapelle", +sagte er schmeichelnd, "und eine Kunst, die erschreckt und +erschüttert. Mich aber darfst du nicht gemeint haben, da du von +einem Heiland Italiens sprachest, obwohl ich freilich die Seitenwunde +schon besäße", schloß er mit einem jener herben Scherze, welche ihm +eigentümlich waren. +</P> + +<P> +Die ganze Zärtlichkeit Viktoriens überquoll, da Pescara jene Wunde +nannte, welche ihre Tage und Nächte beschäftigt hatte, bis er ihr +schrieb, sie habe sich geschlossen. Das liebende Weib umschlang ihn +mit der Linken, und mit der Rechten strich sie ihm die rötlichblonden, +vorne leicht gelockten Haare tief in die Stirn, so daß er im +Ampellicht und in ihrer wonnigen Nähe ein ganz jugendliches Ansehen +gewann. +</P> + +<P> +Da überkam sie eine Erinnerung an einen zusammen verlebten, nicht +allzufernen Tag. Es war in der Nähe von Tarent, auf einer ihrer +Besitzungen. Dort hatten sie, freilich erst nach dem völligen +Untergang einer sengenden Erntesonne, unter dem verglühenden +Abendhimmel neben ihren noch rüstigen Schnittern zur Sichel gegriffen +und sich jedes seine Garbe gebunden. Wieder sah sie den Feldherrn +lässig auf der seinigen liegen, während sie die Schnittermädchen, +leicht improvisierend, eine neue Kantilene lehrte nach dem Muster der +dort im Süden gebräuchlichen, die dann das junge Volk bis in die +Nacht zu wiederholen nicht müde wurde. Jenen Abend brachte sie jetzt +dem Feldherrn ins Gedächtnis. +</P> + +<P> +Es freute ihn. "Weißt du jenes Liedchen noch?" fragte er. +</P> + +<P> +"Wie sollte ich?" +</P> + +<P> +"Nun, es gab da einen Reim: Schnitter und Zither. Sonst sagte das +Liedchen nichts weiter, als daß, wie auf dem Felde, auch im Himmel +gesungen und die Garbe getragen werde. Das bescheidene Liedchen +klingt vielleicht noch im Munde des Volkes, wenn ich und später auch +du längst verstummt sind, und, aufrichtig, es gefällt mir besser als +ein mir neulich übersendetes Sonett, in welchem du feierlich zu mir +redest. Ruhig, Victoria! Es ist nicht von dir. Ich weiß, daß es +nicht von dir ist." +</P> + +<P> +Sie loderte vor Zorn. "Wer erkühnt sich", rief sie aus, "meine Maske +zu nehmen und in meinem Namen zu dir zu reden? Wer ist der Freche? +Wo ist das Machwerk, daß ich es zerreiße!" +</P> + +<P> +"Oh, das wäre schade. Es sind Verse, die dir keine Schande machen. +Hier." Der Feldherr zog ein Blatt aus dem Busen. Sie entriß es ihm +und trat unter die Ampel. Mit wogender Brust und hastigen Lippen +begann sie: +</P> + +<P CLASS="poem"> +"Victoria an Pescara. +</P> + +<P CLASS="poem"> +Ich heiße Sieg, Pescara, und ich kröne +Mit Lorbeer deine Schlachten und Gefechte, +Doch wehe mir, wenn ich die Heimat knechte, +Mißbrauchend meines Namens stolze Töne. +</P> + +<BR> + +<P CLASS="poem"> +Da ich mich dir vermählt in Jugendschöne, +Aus Römerblut und fürstlichem Geschlechte, +Gab ich dir in Italien Bürgerrechte +Und brachte dir die Liebe seiner Söhne. +</P> + +<BR> + +<P CLASS="poem"> +Ich komme, Lohn zu fordern für ein Leben, +Nur dir geweiht in hellem Opferbrande! +Mein Held, was wirst du deinem Weibe geben? +</P> + +<P CLASS="poem"> +Ich weiß die Geister, welche dich umschweben! +Zerschneidend mit dem Schwert Italiens Bande, +Belohnst du mich mit meinem Vaterlande!" +</P> + +<BR> + +<P> +Nie verwandelte sich eine Stimmung seltsamer unter dem Eindruck eines +Gedichtes: unmutig hatte die Colonna das Blatt ergriffen, bald +besänftigte sie sich, dann sprach sie innig, und die letzten Zeilen +jubelte sie hingerissen. Jetzt bekannte sie offen: "So bin ich und +solches hoffe ich, wenn ich dieses auch nicht geschrieben habe!" +</P> + +<P> +Pescara blickte spöttisch. "Das Sonett", sagte er, "hat sich auf +deinen Lippen wunderbar veredelt, aber es ist innerlich hohl und +stammt aus einer niedrigen Seele. Liebe fordert keinen Lohn, Liebe +gibt sich umsonst, Liebe rechnet nicht. Solches ist gemein. Nein, +so kann Victoria nicht denken. Ein Mietling hat diese Verse gemacht, +und ich weiß seinen Namen. Seine ungeheure Eitelkeit hat ihn +gezwungen, die Maske frech zu lüften. Sieh her." Pescara wies mit +dem Finger auf zwei winzige Buchstaben, ein P und ein A, in die +untere rechte Ecke des Blattes gekritzelt. "Auch ein Göttlicher, wie +er sich nennt! Ich sehe den Aretiner mit seinem Zeltgenossen, dem +Giovanni Medici, dem zügellosesten Jüngling Italiens, weintriefend +und witzereißend zusammensitzen und höre ihn lästern: 'Glaube mir, +Hans, es ist kein leichtes, sich in die göttliche Victoria +hineinzudenken!' Und ein faunischer Jubel. Der Aretiner lacht, daß +er fast mit dem Stuhl überschlägt, er schüttelt sich, er lacht aus +vollem Halse—" +</P> + +<P> +"Bräche er ihn, der Schamlose!" schluchzte Victoria; denn Petrus +Aretinus und sein Wesen waren schon damals weltkundig. +</P> + +<P> +"Brav, meine Römerin!" begütigte Pescara. "In einem aber hat er +recht, Geliebte: dein Vorname hat schon den Bräutigam begeistert. Es +ist schön, mit dem Siege vermählt zu sein." Aber die Colonna +verstand keinen Scherz mehr. Sie war in den Tiefen ihrer Seele +aufgewühlt, in den Wurzeln ihres Wesens erschüttert, voller Tränen +und zugleich voller Glut und Leidenschaft. "Doch in dem andern hat +er unrecht!" redete sie heftig. "Ich weiß nicht, auf welchen Geist +du lauschest, und mühe mich umsonst, in deinem Herzen zu lesen! Du +spielst mit deinem Weibe! Du umarmst mich und du drückst mich weg! +Hast du Grausamer mich doch nicht einmal meine Botschaft ausrichten +lassen, die ich dir bringen wollte in dem Jubel meines Herzens!" +</P> + +<P> +"Weil ich sie erriet. Ich tadle den Heiligen Vater, mein edles Weib +zur Dienerin mißbraucht und dir, der Wahrhaften, eine Botschaft +aufgelistet zu haben, eine Botschaft seiner und deiner unwürdig, +voller Lüge und Sophismen, welche ich, in den nächsten Tagen schon, +ihn nötigen werde zu widerrufen und zu verleugnen. Die Heiligkeit +gibt mir Neapel, wenn ich es erobere, und absolviert mein Gewissen, +wenn ich es abstumpfe. Ich aber glaube nicht an ein solches Binden +und Lösen, nicht in weltlichen Dingen, weder ich noch irgendein +anderer mehr, und", sagte er höhnisch, "auch in geistlichen nicht. +Das ist vorbei, seit Savonarola und dem germanischen Mönche." +</P> + +<P> +"Und mein Italien, das du wie ein Magnet anziehst, lässest du es an +dir scheitern? Achtest du es für nichts? Verachtest du es?" schrie +Victoria verzweifelnd. +</P> + +<P> +Der Feldherr erwiderte sanft: "Wie dürfte ich ein Volk verachten, das +mir dich gegeben hat? Aber ich will dir nicht verhehlen: Italien +redet umsonst, es verliert seine Mühe. Ich kannte die Versuchung +lange, ich sah sie kommen und sich gipfeln wie eine heranrollende +Woge und habe nicht geschwankt, nicht einen Augenblick, mit dem +leisesten Gedanken nicht. Denn keine Wahl ist an mich herangetreten, +ich gehörte nicht mir, ich stand außerhalb der Dinge." +</P> + +<P> +Victoria entsetzte sich. "Wie? Bist du kein Mensch? Bist du ein +Geist ohne Fleisch und Blut? Betrittst du den Boden nicht, über den +du wandelst?" +</P> + +<P> +"Meine Gottheit", antwortete er, "hat den Sturm rings um meine Ruder +beruhigt." +</P> + +<P> +Da flehte Victoria: "Deine Gottheit?", und sie umschlang ihn mit +beiden Armen, "ich lasse dich nicht, du nennest mir denn deinen Gott!" +</P> + +<P> +Pescara löste sich sachte und erwiderte mit schmerzlichen Augen: +"Wenn du es verlangst, aber komm mit mir in den Garten, ich muß Luft +schöpfen." +</P> + +<P> +Da sie auf die Terrasse traten, standen alle Sterne über ihnen, und +drüben im alten Schlosse erblickten sie noch ein einsames Licht von +irdischer Farbe. "Dort", sagte sie mitleidig, "ist der Kanzler +schlummerlos und verzehrt sich in Angst und Hoffnung." +</P> + +<P> +"Ich glaube nicht", versetzte Pescara, "eher hat er sich mit einem +Mutwillen oder einer Nichtswürdigkeit in den Schlaf gelesen, und +seine niederbrennende Ampel leuchtet den Wänden." Er hatte es +erraten. Nach qualvollen Stunden hatte sich Morone mit einem Catull +eingeschläfert. +</P> + +<P> +Der Feldherr nahm seinen Weg nach dem Boskette mit den weißen +Marmorbänken, wo er zu ruhen pflegte. Sie saßen unter dem dunkeln +Laubdache, Hand auf Hand. +</P> + +<P> +Da flüsterte Victoria: "Nun rede!" Der Feldherr aber schwieg. +</P> + +<P> +Tritte nahten, und eine andere Bank füllte sich mit Geflüster. +"Steht es wirklich so mit dem Feldherrn, Moncada? Ich habe Mühe, es +zu glauben." +</P> + +<P> +"Auch ich glaube es noch nicht, Leyva, aber ich forsche. Erlange ich +Gewißheit, so trete ich hervor, und wir handeln. Der König darf sein +Heer in Italien nicht verlieren." +</P> + +<P> +"Ihr meint?" +</P> + +<P> +"Du ziehst deine Truppen zusammen, und wir verhaften ihn." +</P> + +<P> +"Er wird sich zur Wehre setzen." +</P> + +<P> +"Dann fällt er." +</P> + +<P> +"Und die Majestät?" +</P> + +<P> +"Besorge nichts, die Majestät bedarf unser, wir beherrschen sie. +Verweigerst du mir deine Hilfe, so muß ich ihn durch eine gedungene +Hand töten lassen. Kann ich auf dich zählen?" +</P> + +<P> +"Ihr dürft... eine schwere That..." Da zog ihn der andere fort. "Mir +ist", sagte er, "ich habe hier atmen hören." +</P> + +<P> +Wirklich, die feuchte Nachtluft drückte den lauschenden Feldherrn und +benahm ihm den Atem. Er keuchte leise. Jetzt sagte auch er: "Gehen +wir. Tau fällt, und Verderben brütet in der Luft." Sie drängte sich +an ihn. +</P> + +<P> +Drei Hornstöße ertönten, vom alten Schlosse her. +</P> + +<P> +"Ein Kurier. Ich werde heute noch zu lesen haben." +</P> + +<P> +"Ferdinand", flehte sie, "du bist umlauert. Du wirst dem Kaiser +verdächtig. Du bist verloren! Wirf dich Italien in die Arme! Da +ist dein Heil und deine einzige Rettung!" +</P> + +<P> +"Ich fürchte nichts", sagte er. "Der Weg ist dunkel, aber meine +Zuflucht ist offen." +</P> + +<P> +Jetzt standen sie in der kleinen Halle des Landhauses, und Pescara +weckte den auf einem Schemel schlummernden Ippolito. "Geh hinüber", +befahl er, "und bringe, was eben angelangt ist." Dann sagte er zu +Viktorien: "Ich meine, es ist von Madrid, vielleicht eine Zeile der +Majestät selbst, die mir zuweilen schreibt, ohne das Wissen ihrer +Minister. Ich bin doch begierig." +</P> + +<P> +Jetzt schlug die Turmuhr des alten Schlosses Mitternacht, müde und +zitternd, mit so weit ausholenden Schlägen, daß je zwischen zweien +ein Leben Raum zu haben schien. Der zwölfte Schlag—unwiderruflich. +</P> + +<P> +Ippolito kratzte an der Tür und brachte ein Paket, das der Feldherr +öffnete. Es enthielt, neben einigen andern Briefschaften, einen +Kaiserlichen Erlaß, welcher den Marsch auf Mailand guthieß und den +Oberfeldherrn bevollmächtigte, in der genommenen Stadt durchaus nach +seinem Ermessen und gemäß den Umständen zu verfahren. +</P> + +<P> +"Alles?" fragte Pescara. +</P> + +<P> +Da bog der Knabe ehrfürchtig das Knie, überreichte ein Briefchen, +welches er dem Kurier mit Not abgerungen hatte, und entfernte sich. +Es war überschrieben: "In die eigenen Hände des Marchese." +</P> + +<P> +"Vom Kaiser", sagte Pescara und öffnete. "Da, Victoria, lies vor. +Er schreibt so kritzlig." Sie gehorchte. Es war nicht viel, wenige +Zeilen, und lautete: +</P> + +<BR> + +<P> +"Mein Pescara! +</P> + +<P> +Ich bin es, der diese Vollmacht durchgesetzt hat gegen meine Minister. +Ihr habet viele Feinde. Hütet Euch vor Moncada. Ich aber bin +gläubig an Euch, denn ich habe für Euch gebetet und sah einen Engel, +der Euch an der Hand hielt. Ich traue. +</P> + +<P> +Ich Euer König." +</P> + +<BR> + +<P> +Pescara lächelte mühsam. "Karl traut zu leicht", sagte er. "Das +könnte ihn zu Schaden bringen mit einem andern, als ich bin. +Aber—seltsam—er hat meinen Genius erblickt." +</P> + +<P> +"Jetzt nenne mir deine Gottheit!" flehte Victoria. "Ich beschwöre +dich, Pescara, nenne sie mir!" +</P> + +<P> +"Ich glaube, da ist sie selbst", keuchte er heiser. Immer schwerer +begann er zu atmen, er stöhnte, er ächzte, er röchelte. Ein +furchtbarer Krampf beklemmte seine Brust. Er sank, mit der Hand nach +dem gepeinigten Herzen langend, auf die Ottomane und rang nach Atem. +Da kniete sich Victoria neben ihn nieder, hielt und stützte ihn mit +ihren Armen und litt mit ihm. Sie wollte Ippolito rufen und den +Knaben nach seinem Großvater, dem Arzte, schicken, er verbot es mit +einer Gebärde. Endlich entschlummerte er, aufs tiefste erschöpft, +nachdem Victoria geglaubt hatte, er stürbe ihr. Da sie sich der +Tränen gesättigt, entschlummerte auch sie. Dann erlosch die Ampel. +</P> + +<P> +Als Victoria erwachte, lag ihr Haupt auf einem leeren Pfühle, und +durch das geöffnete Fenster strömte die Morgenluft. Sie sprang auf, +den Gatten zu suchen, und fand ihn, der die Terrasse auf und nieder +schritt und den der Schlummer erfrischt und wie neu belebt hatte. +Sie wurde ungläubig an den nächtlichen grausamen Kampf in ihren Armen, +er war ihr wie ein Traum. +</P> + +<P> +Da begann Pescara: "Gestern, liebe Herrin, habet Ihr mich um den +Namen meines Genius befragt, und mir bangte, ihn vor Euch +auszusprechen. Endlich hättet Ihr mir mein Geheimnis fast entrissen, +denn es ist schwer, einem geliebten Weibe etwas vorzuenthalten. Da +erschien er selbst und berührte mich. Ihr kennet ihn nun, und der +gefürchtete Name bleibe unausgesprochen. Keine Tränen! Ihr habet +sie gestern vergossen. Sondern saget mir jetzt, wohin wünschet Ihr +Euch zu begeben, während ich das Heer des Kaisers gegen Mailand +führe?" +</P> + +<P> +"Wie konntest du es mir so lange verbergen, Ferdinand?" +</P> + +<P> +"Zuerst—nicht lange—verheimlichte ich es mir selbst... doch nein, +ich wußte mein Los schon am Schlachtabend von Pavia. Mit jener +blutigen Wintersonne bin ich untergegangen. Meines Zieles und meiner +gezählten Tage gewiß, wie hätte ich die deinigen vorzeitig +verfinstern dürfen? Du sagtest mir zuweilen, es sei grausam, eine +süß Schlummernde zu wecken, und littest es nicht. Ich aber bin nicht +grausam." "Du bist es", erwiderte sie, "sonst hättest du mich nicht +so bitter getäuscht, sondern mich gerufen und dich von mir pflegen +lassen." +</P> + +<P> +"Niemand durfte darum wissen", sagte er. +</P> + +<P> +"Und dein Arzt? Der mußte es wissen, und ich zürne ihm, daß er mich +belogen hat, da ich an ihn schrieb und ihn beschwor, mir die Wahrheit +zu sagen!" +</P> + +<P> +"Der arme Numa!" sagte der Feldherr. "Er ist schon unglücklich genug, +daß er mich nicht heilen kann. Er riet mir damals eine lange Ruhe +auf Ischia, ich aber sagte ihm: Es ist umsonst. Doch wozu dies +alles?... Wohin gedenkst du zu gehen, Victoria?" +</P> + +<P> +"Nein, Ferdinand, sprich! Verheimliche mir nichts mehr!" +</P> + +<P> +"Es ist umsonst, sagte ich ihm, die Lunge ist durchbohrt und das Herz +leidet. Friste mich, Numa! Ziehe mich hinaus, in den Sommer, in den +Herbst, bis zu den ersten Flocken! So viel Zeit brauche ich, meinen +Sieg zu vollenden. Und vor allem, sagte ich, halte reinen Mund! +Niemand erfahre unser Geheimnis! Es würde die Kräfte des Feindes +verdreifachen und mich und mein Heer verderben. Noch einmal, +schweige! Ich will es! gebot ich ihm... Und ich habe das Leben +geheuchelt, so gut, daß mir Italien den Brautring bot!" Er lächelte. +"Und ich werde noch einmal zu Pferde sitzen! Du aber, Victoria, +gelobst mir—doch kein Gelübde, du tust es mir zuliebe—, nicht +ungerufen mir nachzueilen durch die Staubwolke meines Marsches und +über blutgetränkte Felder. Auch würdest du dem Kriegsvolke zu +spotten geben, nicht über dich, gut und schön wie du bist, sondern +über den verhätschelten Feldherrn. Also du bleibst. Aber wo? Hier?" +</P> + +<P> +Victoria besann sich, trostloses Leid in den Zügen. Dann sagte sie: +"Gestern, wie ich herritt, kam ich, schon im Weichbilde der Stadt, an +einem kleinen Frauenkloster vorüber. Es heißt, wie ich erfuhr, +Heiligenwunden. Dort will ich deines Rufes harren, Buße thun und für +deine Genesung beten." +</P> + +<P> +"Für meine Genesung?" lächelte er. "Tue das. Auch wirst du dich in +Heiligenwunden nicht langweilen; das Kloster, höre ich, hat herrliche +Stimmen und ist berühmt wegen seines Chorgesanges. Reiten wir hin, +bald, jetzt da es frisch und der Staub der Heerstraße noch nicht +aufgewühlt ist." Er ging leichten Schrittes durch den Park nach dem +alten Schlosse hinüber, um satteln zu lassen. +</P> + +<P> +Victoria folgte mit langsamen Schritten, und da sie Numa den Arzt +erblickte, der sich nach der Nacht des Feldherrn zu erkundigen kam, +ging sie auf ihn zu mit schmerzlich bewegter Miene: sie wollte ihm +vorwerfen, daß er ihr die Wirklichkeit verhehlt, und zugleich ihn +beschwören, mit den letzten Mitteln und Geheimnissen seiner Kunst das +geliebte Leben zu fristen. Da aber der Arzt die Colonna kommen sah, +streckte er in dem Gefühle seiner Ohnmacht die zitternden Hände +abwehrend gegen sie aus, als flehe er: Schone meiner, ich vermag +nichts! Sie verstand die Gebärde und ging ihres Weges, an Ippolito +vorüber, der das Knie vor ihr bog und den sie nicht gewahr wurde, zum +großen Herzeleid des Knaben. +</P> + +<P> +Im Schloßhofe fand sie den schwer und kostbar geschirrten Rappen +Pescaras und ihren ebenfalls gesattelten falben Berber. Der Feldherr +hob sie zu Pferde, und sie ritten unter grüßendem Trommelwirbel über +die sich senkende Zugbrücke hinaus in die unabsehbaren Reisfelder der +lombardischen Ebene. Ihnen folgte in gemessener Entfernung ein +Reitknecht des Pescara, ein von südlicher Sonne geschwärzter +Kalabrese, und auf einem Maultier die römische Zofe Victorias. +</P> + +<P> +Hinter den Reisenden verhallten im Schloßhof die ungehörten Hilfrufe +des vergessenen Kanzlers. Er war aus schlimmen Träumen erwacht und +schon in der Frühe durch die Gärten geirrt, immer wieder an Mauern +und Wälle gelangend, hier von deutschen, dort von spanischen +Wachtposten beobachtet. Die Schwaben ergötzten sich weidlich an +seinem ausschweifenden Gebärdenspiel, während die Spanier +einverstandene schadenfrohe Blicke tauschten: sie zweifelten nicht, +der Feldherr habe den Minister des Feindes in die Falle gelockt, und +versprachen sich, ihn morgen, wenn er dem Heere nachgeschleppt würde, +nach Herzenslust zu quälen und gründlich auszuplündern. Endlich war +er in das Rondell gekommen und erschöpft auf dieselbe Bank gesunken, +wo er gestern den schlummernden Pescara gefunden und belauscht hatte. +Da vernahm er den Salut der Torwache, rannte nach dem Schloßhof und +wollte über die Brücke nachstürzen. Von dem Posten mit +vorgestreckten Hellebarden empfangen, sah er jammernd den Feldherrn +und Victoria in den Dunst der Ferne entschwinden. +</P> + +<P> +Es war nach einem leuchtenden ein trüber Tag. Kein Windhauch und +nicht der leiseste Versuch einer Wolkenbildung. Keine Lerche stieg, +kein Vogel sang, es dämmerte ein stilles Zwielicht wie über den +Wiesen der Unterwelt. Das Frauenkloster wurde sichtbar und +vergrößerte langsam seine friedlichen Mauern. Freilich ritten die +beiden fast nur im Schritte, die verwitwende Victoria in tiefem +Schweigen, während, durch einen wunderbaren Gegensatz, das Gedächtnis +des jetzt ausruhenden Feldherrn auf leichten und liebenden und +inbrünstigen Schwingen in die Jugend zurückkehrte und die an seiner +Seite Trauernde wieder in die reizenden und rührenden Gestalten des +knospenden Mädchens und der zärtlichen Braut verwandelte. Er +enthielt sich nicht, sie an kleine Dinge jener glücklichen Tage zu +erinnern, aber er gewann ihrer Kümmernis kein Lächeln ab. Er war +seines lastenden Geheimnisses ledig, dessen Bitterkeit sie jetzt auf +einmal und in vollen Zügen kostete. +</P> + +<P> +Nun waren sie schon so nahe, daß sie Chorgesang im Kloster vernahmen. +"Was singen sie dort?" fragte er gleichgültig. "Ich meine, ein +Requiem", sagte sie. +</P> + +<P> +Wie sie vor dem Kloster abstiegen, da siehe, trat ihnen aus der +Pforte die Äbtissin entgegen, hinter sich zwei bescheidene Nonnen. +Sie mochte irgendein Kind in ein Reisfeld auf die Lauer gelegt haben, +das nun auf schnellen nackten Füßen vorausgelaufen war. Die Äbtissin +hatte die Ankunft Donna Victorias in Novara schon gestern in +Erfahrung gebracht und sich gleich geschmeichelt, die gottesfürchtige +und leutselige Frau werde Heiligenwunden nicht unbesucht lassen, denn +das Kloster besaß neben den geschulten Stimmen seines Chores noch +eine größere Auszeichnung: die mystische und täglich sterbende +Schwester Beate, welche die blutigen Male an ihrem kranken und +abgezehrten Leibe trug. Die unternehmende und beherzte Äbtissin +hatte sich vorgenommen, von der Colonna, der sie Macht über den +Gatten zutraute, den Nachlaß einer schweren Kriegssteuer zu erbitten, +welche der gottlose und habgierige Feldherr—dieses Rufes genoß +Pescara bei der italienischen Klerisei—zuwider den kanonischen +Sätzen und gegen alle Billigkeit auf die Güter des Klosters gelegt +hatte. Daß aber der Feldherr, der es vermied, eine christliche +Stätte zu betreten, Madonna Victoria begleiten würde, war der +Äbtissin nicht im Traume eingefallen. +</P> + +<P> +Sie begrüßte, eine angenehme Frau mit dunkeln, klugen Augen und +blassen, gefälligen Zügen, das hohe Paar in wenigen gewählten Worten. +Dann schwieg sie aufmerksam, die Rede Pescaras erwartend, dessen +edle Erscheinung ihr Eindruck machte. +</P> + +<P> +"Ehrwürdige", begann der Feldherr, "Donna Victoria wünscht während +des Feldzuges, den ich morgen beginne und dessen Dauer ich auf eine +Woche berechne, ein paar ruhige und fromme Tage hier in Eurem +Konvente zu genießen, bis ich sie nach Mailand rufen werde, nach +vollendetem Kampfe. Habet Ihr ein schickliches Gemach zu vergeben?" +</P> + +<P> +Rasch erwiderte die Äbtissin, das ihrige stehe zu Gebote. +</P> + +<P> +"Ich verlange eine einfache Zelle wie die der geringsten Schwester, +mit dem gewöhnlichen Geräte", sagte Victoria, deren Blässe die +Äbtissin befremdete. Aber sie schrieb dieselbe der begreiflichen +Sorge um den zu Felde ziehenden Gatten zu. +</P> + +<P> +"Wenn sich Donna Victoria eingerichtet hat", schloß Pescara, "werde +es mir gemeldet. Ich habe noch mit ihr zu sprechen und bitte, +Klausur und Zelle betreten zu dürfen. Ausnahmsweise, da ich dem +Kloster wohlwill. Ihr findet mich in der Kirche." Er verneigte sich +und schritt auf diese zu. +</P> + +<P> +Victoria fragte, was die Nonnen gesungen hätten, und erhielt die +Antwort: "Ein Requiem. Für die junge Julia Dati, die Enkelin unsers +greisen Arztes, welche in Rom gestorben ist." Dann folgte sie der +Äbtissin, während die beiden Nonnen zugeflüsterte Befehle +auszurichten gingen. Indessen durchmaß der Feldherr, ohne das Haupt +zu entblößen oder irgendeine der üblichen Devotionen zu verrichten, +die Länge der Kirche mit festem Gange, die Arme über dem Panzer +kreuzend. Er hatte sich, da er auf dem Heimritte seinen in Novara +feldmäßig einrückenden Truppen begegnen mußte, leicht behelmt und +beharnischt und schritt wie ein Held und Herrscher auf der Stätte des +Gebetes und der Demut. +</P> + +<P> +"Nein", sprach er zu sich mit geschlossenem Munde, "es sei heute das +letztemal. Ich will von ihr Abschied nehmen als ein Lebender. Ich +will es ihr ersparen, mich leiden zu sehen. Sie soll mich +wiederfinden, wenn ich ruhe." +</P> + +<P> +Sich allein glaubend, wurde er durch das Gitter des Chores belauscht. +Diesen hatten die Nonnen wieder betreten, auf das Geheiß der +Äbtissin, denn Pescara sollte die Stimmen ihres Klosters hören. +Selbst die mystische Beate war gekommen und vereinigte ihren +schwärmerischen Blick mit demjenigen vieler feurig braunen oder +schwarzen Augen, welche die Heldengestalt verschlangen. Alle +versammelten Himmelsbräute priesen die Colonna selig und beneideten +ihre irdische Lust, während die glücklich Geglaubte nicht ferne davon +in einer Zelle mit gerungenen Händen verzweifelte. Auch Schwester +Beate erlag der Versuchung, diesen stolzen Herrn der Welt zu +bewundern, überwand sich aber tapfer und flehte den Himmel inbrünstig +an, der Colonna zum Heil ihrer Seele ihren Abgott zu entreißen. Aber +diese heftigen Gefühle wichen dem harmloseren der Eitelkeit. Nach +dem Geflüster einer kleinen Beratung und einem leisen Räuspern +intonierten die Schwestern jubelnd ihr Prachtstück, ein Tedeum, das +sich auch für den Sieger von Pavia besser eignete als irgendeine +andere Prosa oder Sequenz. +</P> + +<P> +Und er hätte wohl gelauscht, aber er stand regungslos, wie gebannt +vor dem gekreuzigten und schon entseelten Christus eines großen +Altarbildes, dessen helle Farben noch in voller Frische leuchteten. +Doch es war nicht das göttliche Haupt, das er beschaute, sondern er +betrachtete den Kriegsknecht, der seine Lanze in den heiligen Leib +stieß. Dieser war offenbar ein Schweizer; der Maler mußte die Tracht +und Haltung eines solchen mit besonderer Genauigkeit studiert oder +frisch aus dem Leben gegriffen haben. Der Mann stand mit gespreizten +Beinen, von denen das linke gelb, das rechte schwarz behost war, und +stach mit den behandschuhten Fäusten von unten nach oben derb und +gründlich zu. Kesselhaube, Harnischkragen, Brustpanzer, Arm- und +Schenkelschienen, rote Strümpfe, breite Schuhe, nichts fehlte. Aber +nicht diese Tracht, die er zur Genüge kannte, fesselte den Feldherrn, +sondern der auf einem Stiernacken sitzende Kopf. Kleine blaue, +kristallhelle Augen, eingezogene Stumpfnase, grinsender Mund, blonder, +krauser Knebelbart, braune Farbe mit rosigen Wangen, Ohrringe in +Form einer Milchkelle, und ein aus Redlichkeit und Verschmitztheit +wunderlich gemischter Ausdruck. Pescara wußte gleich, mit dem +Gesichtergedächtnis des Heerführers, daß er diesen kleinen, +breitschultrigen, behenden Gesellen, dessen schwarzgelbe Hose den +Urner bedeutete, schon einmal gesehen habe. Aber wann und wo? Da +schmerzte ihn plötzlich die Seite, als empfinge er einen Stich, und +jetzt wußte er auch, wen er da vor sich hatte: es war der Schweizer, +der ihm bei Pavia die Brust durchbohrt. Kein Zweifel. Den +Lanzenstoß des neben ihm an die Erde Geduckten empfangend, hatte er +einen Moment in dieses kristallene Auge geblickt und diesen Mund +vergnüglich grinsen gesehen. Nach der Erkennung machte das +unerwartete Wiederfinden auf den Feldherrn weiter keinen Eindruck, +und mit freundlicher Miene fragte er die Äbtissin, die jetzt neben +ihm stand, um ihn zu Donna Victoria abzuholen, wer das gemalt hätte. +Sie antwortete, die Augen flüchtig niederschlagend: "Zwei Mantovaner, +begabte junge Leute, aber von bedenklichen Sitten, die das Kloster +gerne wieder scheiden sah." +</P> + +<P> +Da Pescara die Zelle öffnete, sah er Victoria auf den Knien liegen. +Eine Weile schaute er schweigend, als wolle er nicht stören, durch +ein Fenster des gekuppelten Rundbogens, in dessen Brüstung er sich +gesetzt hatte, auf Rasenhügel und Grabkreuze, endlich fragte er: "Was +tust du, Victoria?" +</P> + +<P> +"Buße", sagte sie. +</P> + +<P> +"Für wen?" +</P> + +<P> +Sie erhob sich und antwortete mit noch gefalteten Händen: "Ich tue +Buße für mich und Euch und Italien. Für dieses seiner stolzen Frevel +und ungewöhnlichen Sünden wegen, an denen es zugrunde gehen wird, da +Ihr der einzige waret, der es retten konnte. Für mich, weil ich +gekommen bin, Euch in Versuchung zu führen. Für Euch, da Ihr diese +Erde verlassen wollet. Ich habe gebetet für Euer unvergängliches +Teil, aber der Himmel"—sie schüttelte traurig das Haupt—"hat mich +noch nicht erhört." +</P> + +<P> +Er zog sie auf die Bank der Fensterbrüstung und nahm sie bei der Hand, +wie der Bruder die Schwester. Eine Lust, sich hinzugeben, überkam +ihn, sei es, weil das Geheimnis zwischen ihm und seinem Weibe +weggenommen war, oder in dem unbewußten Wunsche, das letzte +Beisammensein zu verlängern. +</P> + +<P> +"Kleingläubige", begann er heiter, "überlasse mich meinem dunkeln +Beschützer! Als ein Knabe glaubte ich mit der Mutter, die eine +Heilige war, an das, was die Kirche verheißt; jetzt sehe ich rings +das Fluten der Ewigkeit. Der Todesengel war mir nahe, schon in +meiner ersten Schlacht, da, von ihm bezeichnet, mein +Zeltgenosse—dein Bruder, Victoria—lautlos, eine Kugel im Herzen, +zusammenbrach. Ich habe ihm manche Hekatombe geschlachtet, und auch +er hat mich oft, fast auf jeder Walstatt, grüßend berührt; denn es +scheint, ich bin verwundbarer als andere. Aber Zeit hat es gebraucht, +bis ich den Schnitter lieben lernte. Noch in den Wochen nach Pavia, +da ich wußte, daß er mich erwählt hatte, habe ich mich gegen ihn +gesträubt und aufgebäumt und empört wie ein trotziger Jüngling. +Allmählich aber ahnte ich, und jetzt bin ich gewiß, daß er die rechte +Stunde kennt. Der Knoten meines Daseins ist unlösbar, er +zerschneidet ihn." +</P> + +<P> +Die bleiche Victoria hing an seinen Lippen und staunte mit starren +Augen, als sehe sie den herrlichsten Palast brennen und von der +lodernden Flamme jeden Säulenknauf beleuchtet. +</P> + +<P> +"Ich sage dir, Weib", fuhr er fort, "mein Pfad versinkt vor mir! Ich +gehe unter an meinen Siegen und an meinem Ruhme. Wäre ich ohne meine +Wunde, dennoch könnte ich nicht leben. Drüben in Spanien Neid, +schleichende Verleumdung, hinfällige und endlich untergrabene +Hofgunst, Ungnade und Sturz; hier in Italien Haß und Gift für den, +der es verschmäht hat. +</P> + +<P> +Wäre ich aber von meinem Kaiser abgefallen, so würde ich an mir +selbst zugrunde gehen und sterben an meiner gebrochenen Treue, denn +ich habe zwei Seelen in meiner Brust, eine italienische und eine +spanische, und sie hätten sich getötet. Auch glaube ich nicht, daß +ich ein lebendiges Italien hätte schaffen können. Zwar es trägt die +strahlende Ampel des Geistes, doch es hat sich aufgelehnt in der +unbändigen Lust eines strotzenden Daseins gegen ewige Gesetze. Es +büße, du hast es gesagt, Victoria; in Fesseln leidend, lerne es die +Freiheit. Dieses spanische Weltreich aber, das in blutroten Wolken +aufsteigt jenseits und diesseits des Meeres, erfüllt mich mit Grauen: +Sklaven und Henker. Ich spüre die grausame Ader in mir selbst. Und +das Entsetzlichste: ich weiß nicht, welcher mönchische Wahnsinn! +Dein verderbtes Italien aber ist wenigstens menschlich." +</P> + +<P> +Victorias Augen verklärten sich, da sie sah, daß Pescara Italien +liebte. "Du hättest ihm Freiheit und Freiheit ihm Tugend gegeben!" +rief sie, doch Pescara fuhr fort, als hätte er nicht gehört: "Nun +aber bin ich aus der Mitte gehoben, ein Erlöster, und glaube, daß +mein Befreier es gut mit mir meint und mich sanft von hinnen führen +wird. Wohin? In die Ruhe. Und jetzt laß uns scheiden, Victoria." +Er wollte ihr die Tränen vom Auge küssen, fand aber den zärtlichsten +Mund, der ihm entgegenkam. +</P> + +<P> +"Noch eines", sagte er, "Laß die Welt über mich urteilen, wie sie +will. Ich bin jenseits der Kluft. Lebe wohl! Begleite mich nicht! +Besuche mich in Mailand, aber nicht, bevor ich rufe!" +</P> + +<P> +Victoria versprach, um nicht Wort zu halten. +</P> + +<P> +Da Pescara sich bei der Äbtissin verabschiedete, brauchte sie ihr +Anliegen gar nicht auszusprechen. Der Feldherr gewährte den Nachlaß +der Kriegssteuer als ein selbstverständliches Gegengeschenk für die +seinem Weibe gegebene Herberge. Über dieses Ende einer ökonomischen +Bedrängnis und eines schmalen Tisches ward eine solche Freude im +Kloster, daß die Schwestern zu Ehren ihres Gastes die Tafel mit den +ausgesuchtesten Leckerbissen besetzten. Doch Victorias Platz blieb +leer. Sachte ritt Pescara, von den Segnungen des Klosters begleitet, +gegen die Thürme der Stadt zurück. Sein feuriger Rappe schien sich +über den gemessenen Gang zu wundern. Die auf der Ebene gellende +Feldmusik und die überall marschierenden Truppen verrieten ihm den +Beginn eines Feldzuges. Er schnoberte, als wittere er schon den +Pulverdampf, und schritt stolz, als trage er den Sieg. +</P> + +<P> +Abschied ist schwer, dachte der Feldherr, ich möchte ihn nicht +wiederholen. Noch einmal hatte sich das Leben an ihn gedrängt und er +das Beste des Daseins, Schönheit und Herzenskraft, in den Armen +gehalten. Der Jüngling war in ihm aufgelodert, und wenige +Augenblicke, nachdem er Viktorien so erbaulich zugeredet, lehnte er +sich auf gegen die Vernichtung. Das edle Blut, das in den +sterblichen Adern rinnt, die Thatkraft, empörte sich gegen den ewigen +Frieden. Ein Zorn blitzte auf in seinen hellen grauen Augen gegen +seinen Mörder, den er im Bilde wiedererblickt, und er schlug mit der +gepanzerten Rechten gegen seine Brust, als zerdrücke er darauf die +Wespe, die ihn gestochen hatte. Jetzt wieherte auch der Rappe und +setzte sich in kurzen Galopp, von dem Feldherrn unwissentlich mit der +Ferse berührt oder so verwachsen mit ihm, daß er seinen Unmut +mitfühlte. +</P> + +<P> +In dieser Stimmung gewahrte Pescara auf einem nahen Reisfelde die +wechselnden Stellungen eines tollen Kampfes, welcher dasselbe +zerstampfte. Ein einzelner wehrte sich verzweifelt gegen eine +Übermacht. Der zerlumpte kleine Kerl in gelben und schwarzen Fetzen +focht wütend mit seiner Speerhälfte wider ein Dutzend Spanier. Zweie +hatte er hingestreckt, wurde jetzt aber von den übrigen überwältigt, +und schon saß ihm eine Schwertspitze an der Kehle, als der auf ihm +kniende Spanier von einem andern zurückgerissen wurde, welcher auf +den heransprengenden Feldherrn deutete. +</P> + +<P> +Pescara winkte, und der Trupp mit dem Gefangenen folgte ihm unter +eine mächtige Eiche, die an der Landstraße stand, weitum der einzige +Baum in der schwülen Ebene. Der Feldherr stieg ab und lehnte sich an +den bemoosten Riesenstamm. Seine Brust keuchte von dem raschen Ritt, +und es kam ihm gelegen, sie zu beruhigen, Rast haltend unter dem +Vorwand eines Verhöres. +</P> + +<P> +Der spanische Wachtmeister berichtete: sie hätten einen Schweizer +durch das Getreide laufen sehen, wohl einen Versprengten von Pavia, +welcher bislang sich irgendwo untergeduckt, und ihn gehascht, da es +möglicherweise ein mailändischer Spion sei. Seinen Vortrag +beendigend, blickte der spanische Spitzbart zu einem starken Aste auf, +welchen die Eiche waagerecht hervorstieß. +</P> + +<P> +Pescara deutete die Spanier weg, die sich in einiger Entfernung +wachehaltend verteilten, und musterte dann den Schweizer vom Wirbel +zur Zehe. So verrostet der Harnisch und so zerlumpt das schwarzgelbe +Unterkleid war, erkannte er doch gleich die Tracht des Klosterbildes +und nicht minder die glitzernden Äuglein, und jetzt, wahrhaftig, +verzog der vor ihm Stehende sein Gesicht zu jenem lächelnden Grinsen, +sei es aus Angst, sei es, weil auch er sich den Feldherrn ins +Gedächtnis zurückrief. +</P> + +<P> +"Heb auf und gib", befahl dieser und zeigte auf den Lanzenstumpf, +welchen einer der Kriegsknechte zu den Füßen des Gefangenen geworfen +hatte, als Beweisstück für die Verwundung seiner Kameraden. Es war +eine vordere Spießhälfte, deren Spitze blutete. Der Schweizer +gehorchte, und der Feldherr betastete prüfend die Spitze mit dem +Finger; dann warf er den Stummel weg. +</P> + +<P> +"Wie heißest du?" fragte er. +</P> + +<P> +"Bläsi Zgraggen aus Uri", war die Antwort. +</P> + +<P> +Der Feldherr verzichtete darauf, diesen unmundlichen Geschlechtsnamen +zu wiederholen, der von dem zerrissenen Kamm eines Schweizergebirges +zu stammen schien, und bediente sich des Vornamens, welchen er +italianisierte. "Biagio", sagte er, "du hast mir zwei Leute +verwundet; ich denke, ich lasse dich hier aufknüpfen." +</P> + +<P> +Bläsi Zgraggen versetzte trotzig: "Lasset Ihr mich henken, so ist es +weniger wegen dieses letzten Handels, sondern eher, weil ich—" +</P> + +<P> +"Schweig!" gebot der Feldherr. Er konnte sich rächen, indem er dem +Kriegsrechte freien Lauf ließ, aber eine solche Rache weder sich +selbst noch seinem Opfer eingestehen. "Wie bist du hier +zurückgeblieben?" fragte er. +</P> + +<P> +Zgraggen, der ein geläufiges Lombardisch sprach, begann herzhaft: +"Auf dem Felde von Pavia wurde ich verwundet und niedergeritten und +lag, den geknickten Spieß neben mir. Nächtlicherweise schleppte ich +mich dann den Bergen zu, hungernd und bettelnd. Herr, sehet Ihr +rechts von den zwei Pappeln das lange, rote Dach? Dort haust die +Narracivallia mit ihrem Manne. Dieser dingte mich zur +Feldarbeit—bis sich der Krieg verzogen hätte, jetzt käme ich doch +nicht über die Grenze. Hernachmals machte mir die Narracivallia +Augen. Da erschienen mir im Schlaf der Vater und die beiden +Großväter, die mir alle noch daheim leben, wenn auch die Ahnen in +großer Schwachheit. Zuerst kam der Vater, hob den Finger und sagte: +'Nimm dich in acht, Bläsi!' Dann kam der väterliche Ahn, faltete die +Hände und sagte: 'Denk an deine Seele, Bläsi!' Zuletzt kam der +mütterliche Ahn, zeigte die Tür und sagte: 'Lauf, Bläsi!' Da schoß +ich auf und suchte meine Kleider. Freilich meine seidenen Handschuhe +und meinen gekettelten Kragen hatte mir die Narracivallia +abgeschwatzt, um damit in der Kirche Staat zu machen. Ich war nur +noch meines halben Verstandes mächtig und verlor auch diesen, da ich +im Morgenlicht bei Heiligenwunden eintrete zum Englischen Gruß +und—denket Euch meinen Schrecken—mich selber erblicke, wie ich +leibe und lebe und Gott ersteche!" +</P> + +<P> +"Ei", lächelte Pescara. +</P> + +<P> +"Ein Schelmstück!" zürnte Zgraggen. "Wisset, Herr, ein paar Pinsler +hatten sich zeither mit ihrem Zeuge da herumgetrieben und ließen sich +einmal in der Meierei ein Glas Milch geben. Der eine faßte mich ins +Auge. 'Da haben wir, den wir brauchen', sagt er und beschaut mein +Schwarzgelb. 'Mann, holt Euern Spieß und Harnisch.' Ich tue ihm den +Willen. Jetzt heißt mich der Pinsler die Beine spreiten, spreitet +sie gleichfalls und reißt mich ab auf ein Stück Leinwand. Dann +versprachen mir die Spitzbuben, mein Konterfei zu hohen Ehren zu +bringen, ich aber stehe in Heiligenwunden und steche in den Salvator!" +</P> + +<P> +Der Feldherr empfand ein gewisses Wohlwollen für den ehrlichen +Gesellen. "Nimm", rief er in einer seltsamen Laune und streckte dem +Urner seinen vollen Beutel entgegen. Dieser nahm ihn mit der Rechten +und ließ die Goldstücke zählend in die Linke gleiten, ernsthaft und +bedächtig. Dann schob er die Dukaten in die Tasche und wollte den +Beutel dem Feldherrn zurückstellen. +</P> + +<P> +"Behalte! Er hat goldene Schleifen!" +</P> + +<P> +Der Urner schickte den Beutel den Dukaten nach. "Wo stellet Ihr mich +ein, Herr?" fragte er. Er konnte sich nichts denken, als daß ihn +Pescara geworben und ihm Handgeld gegeben habe. +</P> + +<P> +Pescara erwiderte: "Ich habe dich nicht gedingt, und ich meine, +nachdem dich die dreie so ernst vermahnt haben, kehrst du am besten +in deine Heimat zurück und nährst dich redlich, wie es im Sprichwort +heißt." +</P> + +<P> +"Aber warum denn schenkt Ihr mir so viel Geld, wo ich Euch nichts +zuliebe gethan habe?" fragte Zgraggen. Sondern viel Leides, setzte er +in Gedanken hinzu. Diese Vergeltung Pescaras überstieg das +Fassungsvermögen des Urners und beängstigte seine Rechtlichkeit. +</P> + +<P> +"Aus Großmut", scherzte der Feldherr. +</P> + +<P> +Bläsi kannte das Wort nicht. Da fiel ihm ein, es werde Großtun +bedeuten, und da er im Lager oft gesehen hatte, wie Prahlerei das +Geld mit vollen Händen wegwirft, beruhigte er sich dabei. "Ja so", +sagte er. Pescara aber winkte, sein Roß vorzuführen. +</P> + +<P> +"Und damit du durchkommst", sprach der Feldherr schon im Bügel, "nimm +noch das." Er warf ihm eine Passiermarke zu, und wenig fehlte, +Zgraggen hätte gedankt. Wenigstens wollte er noch langes Leben +wünschen; aber den Feldherrn zum Abschied anschauend, erkannte er das +Siechtum in diesem Antlitze mit seinen Älpleraugen, welche das alle +Welt täuschende geistige Leben desselben nicht bestach. +Unwillkürlich wünschte er: "Gott gebe Euch selige Urständ, Herr!" +Dann über seine eigene Rede und ihre böse Bedeutung bestürzt, lief er +querfeldein mit seinem halben Spieße, den er sorglich aufgehoben und +nun als Reisestab führte. Die Spanier hatten verwundert zugesehen, +der alte Wachtmeister aber schüttelte bedenklich und abergläubisch +den Kopf über die seltsame Freigebigkeit seines sparsamen Feldherrn. +Der Trupp, welcher den Urner gefangen hatte, gehörte zu dem +Heerhaufen, der jetzt in einer Staubwolke hinter schlagenden Trommeln +heranrückte. Der Feldherr ritt seinen Tapfern entgegen, von +brausendem Jubel empfangen, und lenkte das Roß zwischen die Feldmusik +und die erste Kompanie, deren Hauptmann ehrerbietig Raum gab. +</P> + +<P> +Eine Weile blieb er allein an der Spitze der Truppen. Da nahte von +Novara ein Reitender in weißem Mantel und gesellte sich zu ihm. +Zusammen ritten sie durch das Schloßtor. Schweigend folgte der +Begleiter dem Gange Pescaras und überschritt hinter ihm die Schwelle +des Gemaches. +</P> + +<P> +Pescara wendete sich. "Was wollt Ihr, Moncada?" fragte er, und +dieser antwortete: "Eine Unterredung ohne Zeugen, die Ihr mir nicht +zum zweiten Male verweigern werdet." +</P> + +<P> +"Ich stehe zu Diensten." +</P> + +<P> +"Erlaucht", begann der Ritter, "ich habe, wie Ihr erlaubtet, den +Kanzler drüben gesprochen. Er war voller Angst und Blässe und +beteuerte mit tausend Eiden, er sei gekommen, Aufschub und leichtere +Bedingungen zu erlangen, nur dieses habe ihn nach Novara geführt. +Dann schwatzte er wild durcheinander wie das böse Gewissen. Dieser +Mensch ist ein Abgrund von Lüge, in welchem der Blick sich verliert. +Ich bin sicher, daß er im Namen der Liga hier ist." +</P> + +<P> +"Nicht anders", sagte der Feldherr. +</P> + +<P> +"Und daß er Euch die Führung derselben angeboten hat?" +</P> + +<P> +"Nicht anders." +</P> + +<P> +Jetzt entstand Lärm im Vorzimmer. Ippolito beiseite werfend, +verwildert, mit rasenden Mienen und verrückten Augen stürzte der +Kanzler herein. Ihm folgten auf dem Fuße, beide schon gepanzert, +Bourbon und Del Guasto, denen er auf dem Gange begegnet und die ihn +zurückhalten wollten. In Verzweiflung warf er sich dem Feldherrn zu +Füßen, während Moncada langsam in den Hintergrund zurückwich. +</P> + +<P> +"Mein Pescara", schrie der Geängstigte, "alle Geduld nimmt ein Ende! +Ich kann die Marter nicht länger ertragen. Jede Minute dehnt sich +mir zur qualvollen Ewigkeit. Ich vergehe. Sei barmherzig und gib +mir deine Antwort!" +</P> + +<P> +Pescara erwiderte mit Ruhe: "Vergebet, Kanzler, wenn ich Euch habe +warten lassen. Meine Zeit war nicht frei, doch eben wollte ich nach +Euch schicken. Eure gestrige Rede hat mich beschäftigt, denn das Los +eines Volkes ist keine Kleinigkeit—aber bitte, setzet Euch, ich kann +nicht sprechen, wenn Eure Gebärden so heftig dareinreden." +</P> + +<P> +Der Kanzler packte krampfhaft die Lehne eines Sessels. +</P> + +<P> +"Ich habe die Sache gewogen... doch, Kanzler, lassen wir zuerst alles +Persönliche, denket weg von Euch selbst und von mir, es bleibt die +Frage: Verdient Italien zu dieser Stunde die Freiheit und taugt es, +so wie es jetzt beschaffen ist, sie zu empfangen und zu bewahren? +Ich meine nein." Der Feldherr sprach langsam, als prüfe er jedes +seiner Worte auf der Waage der Gerechtigkeit. +</P> + +<P> +"Zweimal hat Freiheit in Italien gelebt, zu verschiedenen Zeiten. In +der beginnenden römischen Republik, da das Staatswohl alles war. +Dann in jenen herrlichen Gemeinwesen, Mailand, Pisa und den andern. +Jetzt aber steht es an der Schwelle der Knechtschaft, denn es ist los +und ledig aller Ehre und jeder Tugend. Da kann niemand helfen und +retten, weder ein Mensch noch ein Gott. Wie wird verlorene Freiheit +wiedergewonnen? Durch einen aus der Tiefe des Volkes kommenden Stoß +und Sturm der sittlichen Kräfte. Ungefähr wie sie jetzt in Germanien +den Glauben erobern mit den Flammen des Hasses und der Liebe. +</P> + +<P> +Aber hier! Wo in Italien ist, ich sage nicht Glaube und Gewissen, da +das für euch veraltete Dinge sind, sondern nur Rechtssinn und +Überzeugung? Nicht einmal Ehre und Scham ist euch geblieben, nur die +nackte Selbstsucht. Was vermöget ihr Italiener? Verführung, Verrat +und Meuchelmord. Worauf zählet ihr? Auf die Gunst der Umstände, auf +die Würfel des Zufalls, auf das Spiel der Politik. So gründet, so +erneuert sich keine Nation. Wahrlich, ich sage dir, Kanzler"—und +Pescara erhob die Stimme wie zu einem Urteilsspruch—"dein Italien +ist willkürlich und phantastisch, wie du selbst es bist und deine +Verschwörung!" +</P> + +<P> +"Wahrheit", ließ sich die Stimme Moncadas vernehmen. +</P> + +<P> +"Auch der Held, Morone, den ihr euch erwählt habet, entbehrt des +Daseins." +</P> + +<P> +Doch diese leisen letzten Worte Pescaras wurden überschrien. Morone +hatte schnell den Kopf gewendet und den Ritter erblickt: wie er +seinen Anschlag dem Spanier preisgegeben sah, geriet er in Wut, seine +Züge verzerrten sich, und er tobte wie ein Besessener. "Falsch und +grausam! Falsch und grausam! O ich mit Blindheit Geschlagener!" +Dann von sinnloser Rachgier überwältigt, schrie er gegen Moncada: +"Wisset es, Ritter, dieser"—er wies auf den Feldherrn—"ist der +Schuldige! Seinetwillen die ganze Verschwörung! Ich bin seine +Kreatur, und nun opfert mich der Unmensch!" +</P> + +<P> +Jetzt sprang der Herzog dazwischen, der mit Del Guasto hinter Pescara +stehend den leidenschaftlichen Auftritt genoß. "Saute, Paillasse mon +ami, saute pour tout le monde!" verhöhnte er Morone. "Ja, wenn wir +nicht gelauscht hätten, wir zweie, hinter dem roten Vorhang und der +goldenen Quaste dort! Ich muß dir das mal erzählen, Schatz, es ist +zum Totlachen. Hörtest du nicht, wie ich dich auspfiff?" Dann +plötzlich ernst werdend, richtete er den Blick fest auf Moncada, +legte die Hand auf die Brust und beteuerte: "Bei meinem königlichen +Blute, der Feldherr hat in jener gestrigen Stunde nicht haarbreit +geschwankt in seiner Ehre und Treue!" +</P> + +<P> +Morone war vernichtet. Del Guasto legte Hand an ihn und zog ihn mit +sich fort. "Herr Kanzler", spottete er, "bedanket Euch, unser +Lauschen erspart Euch die Folter." Auch der Herzog ging, einer +bittenden Gebärde Pescaras gehorchend. +</P> + +<P> +"Erlaucht", begann Moncada, "hier bin ich überzeugt. Mit diesem +habet Ihr nur Euer Spiel getrieben, vielleicht herablassender, als +für spanischen Stolz sich geziemte. Mit einem solchen Menschen +konspiriert kein Pescara. Aber, Erlaucht, in seiner ohnmächtigen Wut +hat dieser Verlogene Wahrheit gesprochen, wenn er Euch beschuldigte, +der Urheber der italienischen Verschwörung zu sein. Nicht der +Urheber, aber der Begünstiger. Sie nicht entmutigend, habet Ihr sie +genährt und großgezogen. Es war leicht, ein entschiedenes Wort zu +sprechen und ihr Halt zu gebieten mit einer entrüsteten und weithin +sichtbaren Gebärde. Das habet Ihr nicht gethan. Ihr stundet als eine +dunkle und deutbare Gestalt." +</P> + +<P> +"Ritter", unterbrach ihn Pescara, "nicht Euch habe ich Rechenschaft +zu geben von meinem Thun und Lassen, sondern allein meinem Kaiser." +</P> + +<P> +"Eurem Könige", versetzte Moncada. "Ihn so zu nennen, gebietet Euch +die Ehrfurcht, denn ein König von Spanien ist mehr als der Kaiser. +Und der Enkel Ferdinands wird ein König von Spanien werden. Karl +entwickelt sich langsam, unter verschiedenen und streitenden +Einflüssen, aber sein spanisches Blut wird erstarken und sein +deutsches aufsaugen bis auf den letzten Tropfen. Er verabscheut die +Ketzerei, und seine Frömmigkeit wird ihn zum Spanier machen." Er +sagte das mit einem stillen Lächeln und schwärmerisch erglänzenden +Augen. +</P> + +<P> +"Avalos", fuhr er fort, "deine Väter haben für den Glauben gegen die +maurischen Heiden gekämpft, bis dein Ahn mit jenem Alfons nach Neapel +schiffte. Kehre zu deinem Ursprung zurück! Das edelste Blut fließt +in deinen Adern. Wie kannst du, der das Große liebt, zaudern +zwischen dem spanischen Weltgedanken und den erbärmlichen +italienischen Machenschaften? Unser ist die Erde, wie sie einst den +Römern gehorchte. Siehe die wunderbaren Wege Gottes: Kastilien und +Aragon vermählt, Burgund und Flandern erworben, das gewonnene +Kaisertum, eine entdeckte und eroberte neue Welt, und, das alles +beherrschend, ein gestähltes Volk mit, einem gesegneten, zwiefach in +Heidenblut getauften Schwerte! Was dir jener Elende bot, Spanien +gibt es dir tausendfältig: Schätze, Länder, Ruhm und—den Himmel! +</P> + +<P> +Denn für den Himmel kämpfen wir und für den katholischen Glauben, daß +eine Kirche herrsche auf Erden. Sonst wäre Gott vergeblich Mensch +geworden. Voraussehend, wie in diesen Tagen die Hölle den +Apostolischen Stuhl besudeln und ihre letzte Ketzerei, den +germanischen Mönch, ausspeien werde, erschuf er den Spanier, jenen zu +reinigen und diese zu zertreten. Darum gibt er uns die Welt zur +Beute, denn alles Irdische hat himmlische Zwecke. Ich habe lange +darüber gesonnen in meinem sizilischen Kloster und wähnte, wohl +selbst der Auserwählte zu sein zu diesem geistlichen Kriegsdienste. +Da wurde er mir in einem Gesichte gezeigt, der andere, der Berufene. +Ich war solcher Ehre unwürdig, meiner Sünde wegen, und trat in die +Welt zurück." Pescara schwieg und betrachtete den Verzückten. +</P> + +<P> +"Aber ich wirke, solange es Tag ist. Kein Jahr ist um, ich stand +hinter Ferdinand Cortez, da ihm auf dem Berge der Dämon die goldenen +Zinnen Mexikos zeigte, wie er dir, Pescara, jetzt Italien zeigt. +Diese Hand hielt den Strauchelnden zurück, und nun strecke ich sie +gegen dich, Pescara, daß du ein Sohn Spaniens bleibest, welches die +Welt ist und das der in der Glorie schwebende katholische Ferdinand +beschützt." +</P> + +<P> +Jetzt brach der Feldherr sein Schweigen und zürnte: "Nenne mir jenen +nicht, er hat mir den Vater getötet!" +</P> + +<P> +Moncada seufzte schwer. +</P> + +<P> +"Du bereust?" +</P> + +<P> +Der Ritter schlug sich zerknirscht die Brust und murmelte, mit sich +selbst sprechend: "Meine Sünde... meine Sünde... ungebeichtet und +ungespeist!" +</P> + +<P> +Da erriet Pescara, daß dieser Fromme nicht seinen Mord bereue, +sondern daß er ihn vollbracht an einem geistlich Unvorbereiteten. +"Weiche von mir!" gebot er. +</P> + +<P> +Moncada trat zurück bis zur Schwelle, wie aus einem Traum erwachend. +Dann sammelte er sich und sagte: "Verzeihung, Erlaucht! Ich war +abwesend. Noch ein nüchternes Wort. Ich kenne Euer Ziel nicht. +Noch bin ich nicht Euer Feind. So oder so werdet Ihr Mailand nehmen. +Dieser erste Schritt enthält weder Treue noch Untreue. Ich erwarte +Euern zweiten, ob Ihr den Herzog absetzet und die Empörung strafet. +Tut Ihr es nicht, so verratet Ihr Spanien und Euern König!" Und er +verschwand. +</P> + +<P> +Pescara zog sich zurück und genoß Speise. Dann empfing er vor seinem +flackernden Kaminfeuer, das an einem Herbstabende nicht fehlen durfte, +den Herzog mit Del Guasto und gab ihnen seine letzten Befehle. Den +Rest der Zeit benützte er, um seine geheimen Papiere zu sichten: was +sich um einen Mächtigen dreht, eine Welt von Schlechtigkeit. Er +vernichtete das meiste, es in den Herd werfend: er wollte niemanden +verderben. Auch das Geheimschreiben des Kaisers sollte verschwinden, +doch seine Asche nicht mit der übrigen sich vermengen. Er ließ ein +glimmendes Kohlenbecken bringen, in dessen bläulichen Flämmchen er +den Brief seines Kaisers verbrannte. Als er zu Ende war, hatten sich +seine Kerzen schon zur Hälfte verzehrt: es ging auf Mitternacht. +Pescara kreuzte die Arme über der Brust und verfiel in ein so tiefes +Sinnen, daß er die Schritte eines Eintretenden nicht vernahm. Da +sprach es zu ihm: "Was ist dein Ziel, Avalos?" Er erblickte Moncada. +</P> + +<P> +Der Feldherr griff mit der Hand in das erloschene Kohlenbecken, +schloß sie und streckte sie gegen Moncada. "Mein Ziel?" sagte er und +öffnete die Hand: Staub und Asche. +</P> + +<P> +Jetzt gellten Drommetenrufe durch das Schloß. Trommelwirbel folgten. +Alles geriet in Bewegung. Der Feldherr ließ sich von seiner +Dienerschaft waffnen. Als er bei flackerndem Fackellicht, das sich +auf Speeren und Rüstungen spiegelte, die gepflasterte Halle des +Erdgeschosses betrat, erblickte er sein schwarzes Tier, welches, +kostbar geschirrt, mit ungeduldigen Hufen Funken aus dem Boden schlug, +daneben eine Sänfte mit zwei leichten Trabern. Beide hatte er +befohlen, die Wahl dem Augenblicke vorbehaltend. Mit einem Seufzer +bestieg er die Sänfte, seine wiederbeginnenden Schmerzen darin zu +verbergen, und verschwand durch das Tor, während sein verschmähtes +Schlachtroß sich zornig gebärdete und den Reitknecht, welcher es +besteigen wollte, abwarf. Es mußte seinem Herrn ledig nachgeführt +werden. +</P> + +<P> +Nun wurde auch der gefangene Kanzler gebracht. Spanische Soldaten +umringten ihn, beraubten ihn seiner Kette, seiner Ringe, seines +Beutels und setzten ihn nicht auf sein edles Maultier aus dem +mailändischen Marstalle, sondern rücklings auf einen armseligen Esel, +dessen Schwanz sie ihm nach ihrer grausamen Art durch die gefesselten +Hände zogen. Dann ging es durch das Tor unter einem höllischen +Gelächter, in welches der Kanzler aus Verzweiflung mit einstimmte. +</P> + +<BR><BR><BR> + +<A NAME="chap05"></A> +<H3 ALIGN="center"> +Letztes Kapitel +</H3> + +<P> +Inzwischen verlebte in dem aus einer Burg des Glückes zu einer +Behausung der Angst gewordenen Kastelle von Mailand Franz Sforza +jammervolle Tage und noch schlimmere Nächte, hilf- und ratlos nach +seinem Kanzler rufend. Er hatte den Besuch Del Guastos erhalten, der +ihm zu melden kam, sein Feldherr habe vor ablaufender Frist den +Kanzler von Mailand empfangen, dieser ihm aber, statt der erwarteten +Zugeständnisse, im Namen der Hoheit ebenso törichte als +verbrecherische Eröffnungen gemacht, die den Feldherrn bestimmen, +ohne Verzug, übrigens ganz im Sinne seiner ersten Drohung, auf +Mailand zu marschieren und gegen die Hoheit als einen Hochverräter zu +verfahren. Del Guasto hatte sich an dem Zittern des Herzogs geweidet +und war aus der Stadt verschwunden. Während sich die kaiserlichen +Truppen in raschen Märschen näherten, und selbst da sie schon auf den +Wällen von Mailand in Sicht waren, hatte der Kleinmütige zwischen +Übergabe und Verteidigung geschwankt, wurde dann aber von ein paar +tapfern lombardischen Edelleuten auf den Weg der Ehre gerissen und +endlich selbst von einer kriegerischen Stimmung angewandelt, deren er +kraft seines großväterlichen Blutes nicht völlig unfähig war. Er +ließ sich mit einer kunstvoll geschmiedeten Rüstung bekleiden und +setzte sich einen Helm von herrlicher getriebener Arbeit auf das +schwache Haupt. +</P> + +<P> +Es ist Thatsache, daß er in der großen Schanze stand, in dem +Augenblicke, da Pescara seine Truppen gegen dieselbe zum Sturm führte. +Mit bebender Stimme befahl der Herzog das Feuer seiner auserlesenen +Geschütze. Wie sich der Rauch verzog, lag das Feld mit Spaniern +bedeckt. Zwischen Toten und Verwundeten schritt Pescara, wenige mehr +neben sich und noch unerreicht von den vielen unter der Führung Del +Guastos ihm stürmisch Nacheilenden. Er war ohne Harnisch. Der Helm +war ihm vom Kopfe gerissen, und sein dunkler Mantel flatterte +zerfetzt. In flammend rotem Kleide, mit gelassenen und gleichmäßigen +Schritten ging er weit voran, einen blitzenden Zweihänder schwingend. +Es war, als schritte der Würger Tod in Person gegen die Schanze, und +da sich dort in demselben Augenblicke die böse Kunde verbreitete, der +Borbone habe das Südtor genommen und Leyva stürme an der nördlichen +Pforte, packte der bleiche Schreck die Besatzung. Die wieder +geladenen Stücke blieben ungelöst, die Hauptleute, die sich den +Furchtbetörten entgegenwarfen, wurden niedergetreten, und die +panische Flucht riß den Herzog mit sich fort. +</P> + +<P> +Wie er, in seinen Palast zurückgekehrt, mit irrenden Schritten den +Thronsaal betrat, siehe, da stürzte vor seinen Augen die +goldbrokatene und mit Löwen und Adlern durchwirkte Bekleidung des +Thronhimmels zusammen. In der allgemeinen Verwirrung hatte sich der +herzogliche Tapezierer in den Saal geschlichen und das Prachtstück +gelockert, um es zu entwenden, war dann aber vor dem sich nahenden +Getöse unverrichteterdinge entwichen. Von dem schlimmen Omen +erschreckt, warf sich der Herzog verzweifelnd in einen Lehnstuhl und +bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, sein Los und den Sieger +erwartend. +</P> + +<P> +Dieser ließ nicht lange auf sich harren. Ein kurzer Lärm—die treue +schweizerische Palastwache wurde niedergestreckt oder entwaffnet—, +und Pescara betrat den Saal, barhaupt und ohne Schwert, hinter ihm +Karl Bourbon, behelmt, in voller Rüstung, den Degen in blutender +Faust. Er war, der erste auf der Sturmleiter, mit derselben in den +Stadtgraben zurückgeworfen worden, ohne sich jedoch ernstlich zu +verletzen. +</P> + +<P> +Der Marchese verneigte sich vor seinem Besiegten, der sich von seinem +Sitze aufraffte. "Hoheit beruhige sich", sprach Pescara. "Ich komme +nicht als Feind, sondern um Hoheit aufs neue in Pflicht zu nehmen für +Ihren Lehensherrn, den Kaiser." +</P> + +<P> +Sforza erhob die Augen, und da er in dem überlegenen Antlitz weder +Hohn noch Strafe las, sondern eher teilnehmende Einsicht und Milde, +brach der haltlose Knabe in Tränen aus und stammelte: "In meinem +Herzen bin ich der Majestät immer treu gewesen, sie hat keinen +ergebeneren Diener und bessern Lehensmann, aber ich Unseliger wurde +mißleitet, wurde irregeführt... mein höllischer Kanzler... auch den +bewaffneten Widerstand habe ich nicht befohlen... ich wurde geschoben, +gestoßen... von dem Valabrega und ein paar andern Edelleuten... bei +allen Aposteln und Märtyrern, ich bin kein italienischer Patriot, +sondern der bedrängteste Fürst in der unmöglichsten Lage!" +</P> + +<P> +Diese völlige Zerknirschung des Enkels und Urenkels zweier Heroen +schien den Feldherrn peinlich zu berühren. Doch ließ er der Buße +freien Lauf, weigerte aber, scheinbar aus Ehrerbietung, dem endlich +Verstummenden seine Hand, welche dieser zu ergreifen suchte. Er +befürchtete, der gänzlich Vernichtete möchte sie küssen. +</P> + +<P> +Während dieser Selbsterniedrigung, und sie im Grunde seines +verbitterten Herzens kostend, schlürfte Karl Bourbon, welcher hinter +Pescara stehengeblieben war, in langsamen Zügen einen vollen Becher, +den er sich von einem herbeigewinkten Pagen hatte holen und reichen +lassen. +</P> + +<P> +"Hoheit", sagte der Feldherr, "ich habe Vollmacht. Wenn Sie davon +durchdrungen ist, daß Sie sich in ein falsches und gefährliches Spiel +eingelassen hat, und wenn sich der feste Wille in Ihr gestalten kann, +forthin Ihr Heil da zu suchen, wo es ist, bei dem Kaiser, und von der +Majestät nimmermehr zu weichen, wage ich es, auf meine +Verantwortlichkeit, Ihr Verzeihung zu gewähren und Ihre Hand darauf +anzunehmen. Hoheit darf es mir glauben, Sie fährt in jedem Falle +besser mit dem Kaiser als mit der Liga." +</P> + +<P> +Jetzt sah er, wie die unverhoffte Milde den Sohn des Mohren plötzlich +wieder mißtrauisch machte, wie der vom Schicksal zum Argwohn Erzogene +eine List vermutete und wie seine Hand zögerte und zitterte. "Hoheit +darf trauen", sprach er kraftvoll. "Der Kaiser und ich halten Wort." +</P> + +<P> +Sforza gab die Hand, und der Feldherr fügte freundlich hinzu: "Ich +kenne die schwierige Lage der Hoheit und—wenn ich es aussprechen +darf—Ihre durch eine unglückliche Jugend erkrankte und entkräftete +Seele. Sie bedarf vor allem der Stetigkeit. In der Bahn des Kaisers +wandelnd und verharrend, wird Sie von keiner Zeitwelle verschleudert +werden. Ich persönlich", schloß er, seine Lehrhaftigkeit mildernd, +in einem fast herzlichen Tone, "war der Hoheit immer zugethan, aus +Dank für meine Vorbilder, Ihre zwei herrlichen Ahnen, obwohl mir die +beiden", scherzte er, "in meiner Jugend manchen Schlaf geraubt haben; +ein solcher Reiz und Stachel liegt in Männlichkeit und Seelengröße." +</P> + +<P> +Franz Sforza getröstete sich dieser Freundschaft, fragte aber doch +ängstlich: "Und ich bleibe Herzog? Euer Wort, Pescara?" +</P> + +<P> +"Unverbrüchlich. Wenn ich etwas über den Kaiser vermag, und wenn Ihr +es vermöget, Eure Seele zu befestigen." +</P> + +<P> +"Und meinem Kanzler geschieht nichts?" +</P> + +<P> +"Ich glaube nein, Hoheit", versprach Pescara. +</P> + +<P> +"Und er bleibt mein Minister?" +</P> + +<P> +Der Feldherr konnte ein Lächeln nicht verwinden über die +Unzertrennlichkeit dieses Paares. "Hoheit vergißt, daß Sie soeben +Girolamo Morone den verderblichsten aller Ratgeber genannt hat. Ich +empfehle Hoheit, sich von der Kaiserlichen Majestät für dieses +schwierige Amt einen andern und weisern Kopf zu erbitten. Es gibt +deren in Italien, es braucht kein Spanier zu sein." +</P> + +<P> +"Nichts da, Hoheit! Ihren Kanzler bekommt Sie nicht heraus!" mischte +sich jetzt der Bourbon ins Gespräch. "Diese Helena ist mein +Beutestück." +</P> + +<P> +Franz Sforza starrte Bourbon mit angstvollen Augen an. "Der hier?" +stöhnte er. "Er will mein Mailand! Er träumt langeher davon. Hilf +mir, mächtiger Pescara!" +</P> + +<P> +Da schmetterte Bourbon, als zerstöre er sich selbst, mit einem +zornigen Wurf sein kristallenes Glas an den Marmorboden, daß es mit +schrillem Mißton in Scherben zerfuhr. "Hoheit", rief er, "da liegt +mein Fürstentum Mailand!" +</P> + +<P> +Während die Scherben flogen, trat Moncada mit Leyva ein, dieser von +oben bis unten mit Staub und Blut besudelt. "Erlaucht", begann der +Ritter, "ich beglückwünsche Sie zu Ihrem heutigen schönen Siege, der, +wieder in voller Kraft erfochten, sich an so viele andere reiht. Ich +hielt mich geziemend im Vorzimmer. Doch da ich bechern und lachen +hörte, und als auch Leyva anlangte, der das Nordtor genommen und +ebenfalls seinen Trunk verdient hat, wagte ich den Eintritt, und ich +glaube zur rechten Stunde. Denn ich meine: hier wird Gericht +gehalten werden, und Hoheit Bourbon hat diesem verräterischen Herzog +in symbolischer Weise seinen verdienten Untergang verkündigt. Aber +nicht so stürmisch, Hoheit! Ich denke, der Feldherr setzt ein +Kriegsgericht zusammen, bei dem ich als ein Angehöriger des +königlichen Hauses Sitz und Stimme beanspruchen darf. Natürlich ein +vorläufiges Gericht, in Erwartung des Entscheides aus Madrid." +Pescara blieb kalt. "So tue ich", sagte er. "Ich ernenne zu +Richtern meine zwei Kollegen, die Hoheit Bourbon und Leyva. Ich +präsidiere. Euch, Ritter, muß ich ausschließen, weil Ihr keinen Rang +bekleidet. Hier meine Beglaubigung." Er zog aus seinem Wams die +kaiserliche Vollmacht. +</P> + +<P> +Moncada ergriff das Schreiben und las: "Nach seinem Ermessen... gemäß +den Umständen... hm... Erlaucht erlaube... diese kaiserliche Weisung +scheint zu sagen, daß Sie bevollmächtigt ist, alle militärischen und +bürgerlichen Maßregeln in dem genommenen Mailand nach Belieben zu +treffen, präjudiziert aber in keiner Weise die Rechte und Interessen +der katholischen Majestät. Ich werde daher bleiben als ein stummer, +aber aufmerksamer Zuhörer." +</P> + +<P> +"Sei es", sagte Pescara geduldig. +</P> + +<P> +Jetzt regte sich auch Leyva und verlangte, daß Girolamo Morone +vorgeführt werde. "Er ist im Palaste", sagte er. "Ich sah ihn +gefesselt einbringen unter den Verwünschungen und Kotwürfen des +mailändischen Volkes, das ihm sein ganzes Elend zurechnet." Pescara +gab den Befehl. +</P> + +<P> +Eine peinliche Pause. Stühle wurden gerückt von der verlegenen +Dienerschaft, welche ihrem verklagten Herrn ehrerbietig den +herzoglichen Sessel mit Krone und Wappen brachte, und als Morone +erschien, nicht ohne Spuren von Mißhandlung, sah er die drei +Feldherrn als Richter sitzen, Pescara in der Mitte, und vor ihnen +seinen Herzog. "Mut, Fränzchen", flüsterte er ihm zu, neben den er +sich aus alter Gewohnheit gestellt hatte, "wirf du nur alles auf mich!" +</P> + +<P> +Pescara nahm das Wort: "Die Hoheit von Mailand beteuert, an der Treue +gegen ihren Lehensherrn festzuhalten und nur vorübergehend +fehlgetreten und in den Schein der Felonie gekommen zu sein unter den +Einflüsterungen dieses Mannes da." Der Herzog nickte mit dem Haupt. +</P> + +<P> +"So ist es! Ich bekenne, daß ich der allein Schuldige bin!" sprach +der Kanzler unerschrocken. +</P> + +<P> +"Auch die Verteidigung von Mailand gegen das kaiserliche Heer +beteuert die Hoheit nicht befohlen zu haben, sondern sie versichert, +es sei die eigenmächtige That einiger aufrührerischer Lombarden, und +ich halte es für glaublich. Wie urteilt Leyva?" +</P> + +<P> +Leyva verzog das häßliche Gesicht und murrte: "Dieser Franz Sforza +ist der Felonie schuldig und durch die nackte Thatsache überwiesen. +Er werde in schärfstem Gewahrsam gehalten. Der Kaiser, wie ich meine, +wird ihn absetzen und nach Spanien bringen lassen." +</P> + +<P> +"Und wie urteilt Sie?" Pescara hatte sich gegen Bourbon gewendet. +</P> + +<P> +Der Konnetabel spielte mit seinem zerrissenen Handschuh und bemerkte +mit melodischer Stimme: "Die Hoheit wurde betört von dem wunderlichen +Gaukler da, der auch mich und viele andere bezaubert hat, bis er an +unserm Feldherrn seinen Meister fand. Aber sie scheint mir wieder +zur Besinnung gekommen zu sein, und ich meine, daß ihr die Schmach +des Gefängnisses anzutun weder schicklich wäre noch auch notwendig +ist, da sich ja die Stadt in unsern Händen befindet. Die Hoheit von +Mailand bleibe frei." +</P> + +<P> +"Zwei Stimmen gegen eine, denn so lautet auch meine Meinung", +entschied Pescara. Moncada schwieg mit verschlungenen Armen, Leyva, +dessen große Narbe sich mit Blut zu füllen schien, zerrte den +Schnurrbart, Bourbon aber erhob sich, bot Franz Sforza den Arm und +geleitete ihn aus dem Saale. +</P> + +<P> +Draußen stieß er mit Del Guasto zusammen, der ihm zuflüsterte, es sei +befremdend: die Truppen Leyvas zögen sich gegen den Palast. Bourbon +runzelte die Stirn. "Beobachtet und berichtet!" gebot er. Del +Guasto wollte enteilen, rief aber zurück: "Noch eins: ich höre, Donna +Victoria sei am Tore angelangt und verlange nach dem Feldherrn." +</P> + +<P> +Da Bourbon in den Saal zurücktrat, forderte eben Leyva den Kerker, +die Folter und, nach vervollständigtem Bekenntnisse, Block und Beil +für den erbleichenden Morone. +</P> + +<P> +"Auf die Folter!" stöhnte dieser. "Wenn ihr mich windet wie ein Tuch, +so werdet ihr nichts anderes als Blut und Schweiß aus mir +herauspressen. Ich habe mich vor dem Feldherrn ausgebeichtet. Du +bist nicht grausam, Pescara!" +</P> + +<P> +"Pfui, Leyva!" rief Bourbon, sich wieder in den Kreis setzend. "Will +sich der Herr an den Zuckungen dieses närrischen Gesichtes ergötzen? +Das leide ich nicht. Ich lasse mir meinen Morone nicht verdrehen. +Zittre nicht, Girolamo! Dir wird kein Haar gekrümmt: du wirst mein +Schreiber. Mein gnädiges Urteil lautet: Girolamo sitze in seinem +Hause, und man bewache ihn, bis ich mir ihn vom Kaiser werde erbeten +haben." +</P> + +<P> +"Mir scheint, das genügt", entschied der Feldherr. "Morone hat +gestanden vor drei glaubwürdigen Zeugen, deren einer ich selber bin. +Keine unnütze Marter, sondern sichere Haft. Zwei Stimmen gegen eine. +Nehmet ihn, Hoheit. Mir ahnt, daß Girolamo Morone sich noch einmal +umwandelt und in kaiserliche Dienste tritt." +</P> + +<P> +Da schrie Morone unklug vor Freude über das geschenkte Leben und die +erlassene Folter: "Pescara, ohne dich kein Italien! Das ist vorbei. +Mach mit mir, was du willst. Ich bin das Geschöpf deiner Großmut und +Güte... Und wenn noch weiter geredet werden soll, so erfahret, +Herrschaften, und darin ist alles andere enthalten: die Liga ist dem +Kopfe der Heiligkeit entsprungen, wie Athene der Stirne des Zeus..." +Seine Zunge stand plötzlich still, da er neben sich einen +ansehnlichen Mann im Reisekleid gewahrte, der eben eingetreten war. +Dann rief er: "Das weiß niemand besser als der da!" Es war +Guicciardin, dessen Blicke neugierig im Kreise umliefen, endlich aber +unverwandt auf dem Antlitze des Pescara haften blieben. +</P> + +<P> +"Ich störe, Erlaucht?" sagte er. "Doch ich werde mich kurz fassen. +Ich komme mit Eilpost von der Heiligkeit, die diesmal besser einen +andern geschickt hätte. Die Heiligkeit läßt Erlaucht wissen, sie +habe auf die erste Kunde der eröffneten Feindseligkeiten einen ihrer +Vertrautesten nach Madrid gesendet, den Kaiser zu unterrichten, daß +sie dem Bündnis der italienischen Staaten fremd geblieben ist. Eine +heilige Liga existiert nicht. Der oberste Hirte schaudert vor dem +Schwert." +</P> + +<P> +"Halleluja!" rief der Kanzler, den die Lebensfreude berauscht und +völlig toll gemacht zu haben schien, der Feldherr aber entgegnete: +"Wie, Guicciardin? Eben hat Morone an den Tag gebracht, daß die Liga +das Werk der Heiligkeit ist. Was ist Wahrheit?" +</P> + +<P> +"Beides", versetzte Guicciardin. "Mein Auftrag ist ausgerichtet und +damit gut." Er verbeugte sich und verließ den Saal, aber Bourbon, in +den der Satan fuhr, rief dem Gesandten des Papstes nach: "Florentiner, +sage deinem Herrn, ich werde nach Rom kommen, seiner Wahrhaftigkeit +den Pantoffel zu küssen, mit lauter Lutheranern und Marranen, und +nachts will ich meine brennende Kerze umwerfen, daß der Heiligkeit +ein Licht aufgehe!" Die Lache, die der Unselige aufschlug, scholl +gellend wider aus der Kuppelwölbung und aus den Ecken des Saales wie +aus dem Munde schadenfroher Dämonen, so daß Guicciardin erschreckend +umblickte. Der Feldherr wies nun auch den Kanzler mit seiner Wache +weg, sei es, daß er es für unziemlich hielt, das Haupt der +Christenheit preiszugeben, oder er war der menschlichen Komödie müde. +</P> + +<P> +Da sich Guicciardin und der Kanzler draußen zusammenfanden, fragte +jener: "Man führt dich zum Blocke?" +</P> + +<P> +"Bewahre!" +</P> + +<P> +"Durchgeschlüpft? Unvergleichlicher! Doch wie begab es sich in +Novara?" +</P> + +<P> +"Oh, ich kam auf den Esel zu sitzen... Dieser Pescara ist das Rätsel +der Sphinx..." +</P> + +<P> +"Das ich errate, Kanzler, aus seinem Antlitz. Es trägt die +hippokratischen Züge, und ich werde vielleicht der Heiligkeit eine +Todesnachricht zu bringen haben. Erinnerst du dich noch, Girolamo, +was ich dir in den Vatikanischen Gärten sagte, von einem möglichen +letzten Hindernis in der Brust Pescaras? Wenn ich wörtlich wahr +geredet? Wenn der Feldherr bei Pavia den Tod empfing und ihn +verheimlicht hat? Wenn wir einen nicht mehr Versuchbaren in +Versuchung führten?" +</P> + +<P> +Der Kanzler schlug sich vor die Stirn: "Du sagst es, Guicciardin! +Ähnliches, das ich damals nicht verstand, hat mir der Arzt des +Feldherrn, Messer Numa Dati, in Novara angedeutet." +</P> + +<P> +"Also die Wahrheit", schloß der Florentiner. "Nicht Pescara trog. +Wir selbst haben uns betrogen. O Weisheit der Menschen!" Mit dieser +Betrachtung schieden die beiden. +</P> + +<P> +In dem Thronsaal herrschte eine unheimliche Luft. Die drei Feldherrn +und der bei ihnen zurückgebliebene Moncada standen in weiten +Entfernungen. Pescara, völlig entkräftet, wie es schien, hatte sich +auf den über den Thron ausgebreiteten Goldbrokat geworfen. Blässe +bedeckte sein Gesicht, die Brust arbeitete. Bourbon maß den Saal in +leichtfertigem Tanzschritt, während er Moncada scharf beobachtete. +Dieser, in einer Fensterbrüstung lehnend, winkte aus einer andern +Leyva zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: "Es ist Zeit. Er hat sich +enthüllt. Tot oder lebendig..." Jetzt rief auch Pescara den Herzog. +"Setze dich neben mich, Karl", keuchte er leise. "Führst du Papier +und Stift?" +</P> + +<P> +"Um Gottes willen, Ferdinand, merkst du nichts? Du bist bedroht! +Die beiden flüstern. Leyva ist verdächtig. Sie wollen dich +verhaften!" +</P> + +<P> +"Führst du Papier und Stift?" wiederholte der Feldherr. Der Herzog +gab sie. Nach ein paar Zügen sagte Pescara: "Meine Hand zittert, +schreibe du, Karl." +</P> + +<P> +"Ferdinand, bist du blind? Siehst du nicht, wie Moncada sich regt?" +</P> + +<P> +"Er wird mich nicht erreichen", sagte der Feldherr und diktierte mit +gepreßter Stimme: "An die Majestät des Kaisers. Erhabener Herr, +Mailand ist Euer. Pescara hält Treue bis zum letzten Atemzug. +Lohnet sie ihm mit drei Erfüllungen..." +</P> + +<P> +"Ich beschwöre dich, Ferdinand! Er kommt auf dich zu! Ermanne dich! +Wir fechten... Ich rufe die Wachen..." Bourbon wollte aufspringen. +Pescara aber hielt ihn fest: "Schreibe! Er erreicht mich nicht, +sage ich dir. Wo bist du?... mit drei Erfüllungen: Majestät schütze +Sforza! Majestät begnadige Morone! Majestät gebe mein Kommando dem +Konnetabel!..." +</P> + +<P> +"Er steht wenige Schritte vor dir! Zieh! Wo hast du deinen Degen?" +</P> + +<P> +"Ich vergieße kein Blut mehr..." Pescara unterzeichnete, und der +Stift entglitt seiner Hand. Mit einem schwachen Schrei und +erlöschenden Augen sank er in die Arme seines Freundes. +</P> + +<P> +Moncada, der jetzt ganz nahe getreten war, stand bestürzt. "Was ist +dem Feldherrn?" fragte er, und ihn betrachtend: "Verschieden?" +</P> + +<P> +"Geschieden!" weinte der Herzog. +</P> + +<P> +"Ein Herzschlag. Der Feldzug hat ihn getötet", sagte Moncada und hob +das Papier auf, das an den Boden gefallen war. Er las, und bei der +dritten Bitte angelangt, stand er sinnend. Dann übergab er, ohne die +Miene zu ändern, das Papier dem Herzog mit den Worten: "Wir ehren +seinen letzten Willen. Hoheit hat das Kommando. Hoheit befehle!" +</P> + +<P> +Bourbon erschien als ein Heimatloser und Entwerteter dem Sohne +Ferdinands des Katholischen ungefährlich und war, ohne Pescara, auch +Leyva minder verhaßt, denn um die Gunst des großen Feldherrn hatte +dieser den Konnetabel beneidet. +</P> + +<P> +Karl Bourbon winkte sie weg und bettete Pescara auf den Goldbrokat. +Der Palast war ganz stille geworden, und selbst die Wachen an den +Toren schritten leise, in der Meinung, der Feldherr halte zu dieser +Stunde Siesta, wie seine Gewohnheit war. Auch der Herzog, das +geliebte Haupt im Schoße haltend, versank in einen Mittagstraum, er +vergaß das tragische Los des Toten und das eigene aus Ruhm und +Schmach geflochtene, er empfand nur einen dumpfen Schmerz über den +Verlust des einzigen Freundes. +</P> + +<P> +Stimmen erschollen vor der Saalpforte. "Nein, Madonna, er ruht!" +verbot Del Guasto, und Victoria rief durchdringend: "Weiche, Böser! +Ich will zu ihm!" Bourbon vernahm nahende Schritte, er wendete nicht +einmal das Haupt. Er legte den Finger an den Mund und flüsterte: +"Leise, Madonna! Der Feldherr schlummert." +</P> + +<P> +Victoria trat zu dem Gatten. Pescara lag ungewaffnet und ungerüstet +auf dem goldenen Bette des gesunkenen Thronhimmels. Der starke Wille +in seinen Zügen hatte sich gelöst, und die Haare waren ihm über die +Stirn gefallen. So glich er einem jungen, magern, von der Ernte +erschöpften und auf seiner Garbe schlafenden Schnitter. +</P> + +<BR><BR><BR><BR> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Versuchung des Pescara, by +Conrad Ferdinand Meyer + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE VERSUCHUNG DES PESCARA *** + +***** This file should be named 3675-h.htm or 3675-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/6/7/3675/ + +Produced by Michelle Mokowska, Mike Pullen, and Mary Cicora. +HTML version by Al Haines. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</BODY> + +</HTML> + + diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..a30b26c --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #3675 (https://www.gutenberg.org/ebooks/3675) diff --git a/old/7vers10.txt b/old/7vers10.txt new file mode 100644 index 0000000..0889eff --- /dev/null +++ b/old/7vers10.txt @@ -0,0 +1,5104 @@ +The Project Gutenberg Etext Die Versuchung des Pescara, by Meyer +#1 in our series by Conrad Ferdinand Meyer + +This Etext is provided in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + +Copyright laws are changing all over the world, be sure to check +the laws for your country before redistributing these files!!! + +Please take a look at the important information in this header. +We encourage you to keep this file on your own disk, keeping an +electronic path open for the next readers. + +Please do not remove this. + +This should be the first thing seen when anyone opens the book. +Do not change or edit it without written permission. The words +are carefully chosen to provide users with the information they +need about what they can legally do with the texts. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**Etexts Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These Etexts Are Prepared By Thousands of Volunteers!***** + +Information on contacting Project Gutenberg to get Etexts, and +further information is included below, including for donations. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a 501(c)(3) +organization with EIN [Employee Identification Number] 64-6221541 + + + +Title: Die Versuchung des Pescara + +Author: Conrad Ferdinand Meyer + +Release Date: January, 2003 [Etext 3675] +[Yes, we are about one year ahead of schedule] +[The actual date this file first posted = 07/12/01] + +Edition: 10 + +Language: German + +The Project Gutenberg Etext Die Versuchung des Pescara, by Meyer +******This file should be named 7vers10.txt or 7vers10.zip****** + +Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, 7vers11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7vers10a.txt + +This etext was prepared by Michelle Mokowska, micaela@poczta.wp.pl +and Mike Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com, and proofread by Dr. +Mary Cicora, mcicora@yahoo.com. + +Project Gutenberg Etexts are usually created from multiple editions, +all of which are in the Public Domain in the United States, unless a +copyright notice is included. Therefore, we usually do NOT keep any +of these books in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our books one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to send us error messages even years after +the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our sites at: +http://gutenberg.net +http://promo.net/pg + + +Those of you who want to download any Etext before announcement +can surf to them as follows, and just download by date; this is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 +or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03 + +Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. This +projected audience is one hundred million readers. If our value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour this year as we release fifty new Etext +files per month, or 500 more Etexts in 2000 for a total of 3000+ +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +should reach over 300 billion Etexts given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext +Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion] +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +At our revised rates of production, we will reach only one-third +of that goal by the end of 2001, or about 4,000 Etexts unless we +manage to get some real funding. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of June 1, 2001 contributions are only being solicited from people +in: +Arkansas, Colorado, Connecticut, Delaware, Hawaii, Idaho, Indiana, +Iowa, Kansas, Louisiana, Maine, Massachusetts, Minnesota, Missouri, +Montana, Nebraska, Nevada, New Jersey, New York, Ohio, Oklahoma, +Oregon, Rhode Island, South Carolina, South Dakota, Tennessee, +Texas, Vermont, Virginia, Washington, West Virginia, and Wyoming. + +We have filed in about 45 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, +additions to this list will be made and fund raising +will begin in the additional states. Please feel +free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork +to legally request donations in all 50 states. If +your state is not listed and you would like to know +if we have added it since the list you have, just ask. + +While we cannot solicit donations from people in +states where we are not yet registered, we know +of no prohibition against accepting donations +from donors in these states who approach us with +an offer to donate. + + +International donations are accepted, +but we don't know ANYTHING about how +to make them tax-deductible, or +even if they CAN be made deductible, +and don't have the staff to handle it +even if there are ways. + +All donations should be made to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a 501(c)(3) +organization with EIN [Employee Identification Number] 64-6221541, +and has been approved as a 501(c)(3) organization by the US Internal +Revenue Service (IRS). Donations are tax-deductible to the maximum +extent permitted by law. As the requirements for other states are +met, +additions to this list will be made and fund raising will begin in +the +additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information at: + +http://www.gutenberg.net/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +hart@pobox.com forwards to hart@prairienet.org and archive.org +if your mail bounces from archive.org, I will still see it, if +it bounces from prairienet.org, better resend later on. . . . + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +*** + + +Example command-line FTP session: + +ftp ftp.ibiblio.org +login: anonymous +password: your@login +cd pub/docs/books/gutenberg +cd etext90 through etext99 or etext00 through etext02, etc. +dir [to see files] +get or mget [to get files. . .set bin for zip files] +GET GUTINDEX.?? [to get a year's listing of books, e.g., +GUTINDEX.99] +GET GUTINDEX.ALL [to get a listing of ALL books] + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this etext, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this etext if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS ETEXT +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +etext, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this etext by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this etext on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM ETEXTS +This PROJECT GUTENBERG-tm etext, like most PROJECT GUTENBERG-tm +etexts, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart +through the Project Gutenberg Association (the "Project"). +Among other things, this means that no one owns a United States +copyright +on or for this work, so the Project (and you!) can copy and +distribute it in the United States without permission and +without paying copyright royalties. Special rules, set forth +below, apply if you wish to copy and distribute this etext +under the "PROJECT GUTENBERG" trademark. + +Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market +any commercial products without permission. + +To create these etexts, the Project expends considerable +efforts to identify, transcribe and proofread public domain +works. Despite these efforts, the Project's etexts and any +medium they may be on may contain "Defects". Among other +things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged +disk or other etext medium, a computer virus, or computer +codes that damage or cannot be read by your equipment. + +LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES +But for the "Right of Replacement or Refund" described below, +[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may +receive this etext from as a PROJECT GUTENBERG-tm etext) disclaims +all liability to you for damages, costs and expenses, including +legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR +UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT, +INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE +OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE +POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES. + +If you discover a Defect in this etext within 90 days of +receiving it, you can receive a refund of the money (if any) +you paid for it by sending an explanatory note within that +time to the person you received it from. If you received it +on a physical medium, you must return it with your note, and +such person may choose to alternatively give you a replacement +copy. If you received it electronically, such person may +choose to alternatively give you a second opportunity to +receive it electronically. + +THIS ETEXT IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS +TO THE ETEXT OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A +PARTICULAR PURPOSE. + +Some states do not allow disclaimers of implied warranties or +the exclusion or limitation of consequential damages, so the +above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you +may have other legal rights. + +INDEMNITY +You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation, +and its trustees and agents, and any volunteers associated +with the production and distribution of Project Gutenberg-tm +texts harmless, from all liability, cost and expense, including +legal fees, that arise directly or indirectly from any of the +following that you do or cause: [1] distribution of this etext, +[2] alteration, modification, or addition to the etext, +or [3] any Defect. + +DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm" +You may distribute copies of this etext electronically, or by +disk, book or any other medium if you either delete this +"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg, +or: + +[1] Only give exact copies of it. Among other things, this + requires that you do not remove, alter or modify the + etext or this "small print!" statement. You may however, + if you wish, distribute this etext in machine readable + binary, compressed, mark-up, or proprietary form, + including any form resulting from conversion by word + processing or hypertext software, but only so long as + *EITHER*: + + [*] The etext, when displayed, is clearly readable, and + does *not* contain characters other than those + intended by the author of the work, although tilde + (~), asterisk (*) and underline (_) characters may + be used to convey punctuation intended by the + author, and additional characters may be used to + indicate hypertext links; OR + + [*] The etext may be readily converted by the reader at + no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent + form by the program that displays the etext (as is + the case, for instance, with most word processors); + OR + + [*] You provide, or agree to also provide on request at + no additional cost, fee or expense, a copy of the + etext in its original plain ASCII form (or in EBCDIC + or other equivalent proprietary form). + +[2] Honor the etext refund and replacement provisions of this + "Small Print!" statement. + +[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the + gross profits you derive calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. If you + don't derive profits, no royalty is due. Royalties are + payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation" + the 60 days following each date you prepare (or were + legally required to prepare) your annual (or equivalent + periodic) tax return. Please contact us beforehand to + let us know your plans and to work out the details. + +WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO? +Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of +public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form. + +The Project gratefully accepts contributions of money, time, +public domain materials, or royalty free copyright licenses. +Money should be paid to the: +"Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +If you are interested in contributing scanning equipment or +software or other items, please contact Michael Hart at: +hart@pobox.com + +*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN ETEXTS*Ver.06/12/01*END* +[Portions of this header are copyright (C) 2001 by Michael S. Hart +and may be reprinted only when these Etexts are free of all fees.] +[Project Gutenberg is a TradeMark and may not be used in any sales +of Project Gutenberg Etexts or other materials be they hardware or +software or any other related product without express permission.] + + + +This etext was prepared by Michelle Mokowska, micaela@poczta.wp.pl +and Mike Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com, and proofread by Dr. +Mary Cicora, mcicora@yahoo.com. + + + + + +This etext is provided in German. + + + + + +Die Versuchung des Pescara + +Conrad Ferdinand Meyer + +Novelle + + + + +Erstes Kapitel + + + +In einem Saale des mailaendischen Kastelles sass der junge Herzog +Sforza ueber den Staatsrechnungen. Neben ihn hatte sich sein Kanzler +gestellt und erklaerte die Zahlen mit gleitendem Finger. + +"Eine furchtbare Ziffer!" seufzte der Herzog und entsetzte sich vor +der Summe, welche die mit Eile betriebenen Festungsarbeiten +verschlungen hatten. "Wie viele Schweisstropfen meiner armen +hungernden Lombarden!" Und um dem Anblick der verhaengnisvollen Zahl +zu entrinnen, liess er die melancholischen Augen ueber die Waende laufen, +die mit hellfarbigen Fresken bedeckt waren. + +Links von der Tuer hielt Bacchus ein Gelag mit seinem mythologischen +Gesinde, und rechts war als Gegenstueck die Speisung in der Wueste +behandelt von einer flotten, aber gedankenlosen, den heiligen +Gegenstand bis an die Grenzen der Ausgelassenheit verweltlichenden +Hand. Oben auf der Hoehe, klein und kaum sichtbar, sass der goettliche +Wirt, waehrend sich im Vordergrunde eine lustige Gesellschaft +ausbreitete, die an Tracht und Miene nicht uebel einer Mittag +haltenden lombardischen Schnitterbande glich und zum Lachen alle +Gebaerden eines gesunden Appetites versinnlichte. + +Der Blick des Herzogs und der demselben aufmerksam folgende seines +Kanzlers fielen auf ein schaekerndes Maedchen, das, einen grossen Korb +am Arme, wohl um die ueberbleibenden Brocken zu sammeln, sich von dem +neben ihr gelagerten Juengling umfangen und einen geroesteten Fisch +zwischen das blendend blanke Gebiss schieben liess. "Die da wenigstens +verhungert noch nicht", scherzte der Kanzler mit mutwilligen Augen. + +Ein truebes Laecheln bildete und verfluechtigte sich auf dem feinen +Munde des Herzogs. "Warum Festungen bauen?" kam er auf den +Gegenstand seiner Sorge zurueck. "Das ist ein schlechtes Geschaeft! +Pescara, der grosse Belagerer, wird sie schnell wegnehmen und mir dann +noch die Kriegskosten aufhalsen. Hoere, Girolamo", und er richtete +seinen binsenschlanken Koerper in die Hoehe, "lass mich weg aus deinen +geheimen Buendnissen und Artikeln, du unermuedlicher Zettler! Ich will +nichts davon wissen. Du richtest mich und meine Lombarden zugrunde, +du Strafe Gottes! Ich will mich nicht an dem Kaiser versuendigen: er +ist mein Lehensherr. Und lieber will ich mich von seinen hoellischen +Spaniern schinden lassen, als dass mich meine neuen Bundesgenossen +voranschieben und verraten." Wie ein sich Aufgebender liess er sich, +die spitzen Knie vorgestreckt, in seinen Sessel niedergleiten und +rief voller Verzweiflung: "Ich will eine Muhme oder eine Schwester +des Kaisers heiraten! Das sollst du veranstalten, wenn du der grosse +Staatsmann bist, der zu sein du dir einbildest." + +Der Kanzler brach in ein zuegelloses Gelaechter aus. + +"Du hast gut lachen, Girolamo. Von den steilsten Daechern +herabrollend, kommst du wie eine Katze immer wieder auf die Fuesse zu +stehen! Ich aber gehe in Stuecke! Ich und mein Herzogtum +verfluechtigen uns in dem Hexenkessel, der in deinem Kopfe brodelt. +Miserere: eine Liga mit dem heiligen Vater, mit San Marco, mit den +Lilien! O die boese Klimax! O die unheilige Dreieinigkeit! Dem +Papste traut man nicht ueber den Weg, weder ich noch irgendeiner. Er +ist ein Medici! Marcus aber, mein natuerlicher Feind und Nachbar, ist +der ruchloseste aller Heiligen. Und nun gar Frankreich, das mir den +Vater in einem Kerkerloche verwesen liess und den armen Bruder Max, +den du verkauft hast, du Schlimmer, in Paris versorgt!" Die +beweglichen Zuege des fuerstlichen Knaben entstellten sich, als sehe er +den Genius seines Hauses die Fackel langsam senken und ausloeschen. +Eine Traene rann ueber seine magere Wange. + +Der Kanzler streichelte sie ihm vaeterlich. "Sei nicht unklug, +Fraenzchen", troestete er. "Ich haette den Max verraten? Keineswegs. +Es war die Logik der Dinge, dass er sich gab nach der Zermalmung der +Schweizer. Ich habe seine Rente mit Koenig Franz vereinbart und noch +um ein Gutes hinaufgemarktet. Er selbst sah ein, dass ich es redlich +mit ihm meine, und dankte mir. Er ist ein Philosoph, sage ich dir, +der die Welt von oben herunter betrachtet, und da er zu Rosse stieg, +um von hinnen zu ziehen, hat er, schon im Buegel, noch Weisheit +geredet. 'Ich segne den Himmel', sprach er, 'dass ich in Zukunft +nichts mehr zu schaffen habe mit den groben Faeusten der Schweizer, +den langen Fingern des Kaisers'--er meinte die hochselige Majestaet, +Fraenzchen--'und den spanischen Meuchlerhaenden.' Auch hatte der Max +gar nicht das Zeug, einen italienischen Fuersten darzustellen, plump +und unreinlich wie er ist. Da bist du denn doch eine andere +Erscheinung, Fraenzchen. Du hast etwas Fuerstliches, wenn du dich +aufrecht haeltst, und dazu die Kunst der Rede, die du von deinem +unvergleichlichen Vater, dem Mohren, geerbt. Ich sage dir, du wirst +mit den Jahren noch der kluegste und gluecklichste Fuerst in Italien +werden." + +Der Herzog betrachtete seinen Kanzler zweifelnd. "Wenn du mich nicht +vorher verkaufst und mein Leibgeding' in die Hoehe marktest", laechelte +er. + +Morone, der jetzt in seinem langen schwarzen Juristenrocke vor ihm +stand, entgegnete zaertlich: "Mein holdseliges Fraenzchen! Dir tue ich +nichts zuleide. Du weisst ja, dass du mir ins Herz gewachsen bist. Du +bleibst der Herzog von Mailand, so wahr ich der Morone bin. Aber du +musst dich huebsch belehren und ueberzeugen lassen, was zu deinem Besten +dient." + +"Nicht einen einzigen guten Grund hast du mir gegeben fuer deine +neugebackene Liga! Und ich will mich einmal nicht empoeren gegen +meinen Lehnsherrn! Das ist suendhaft und gefaehrlich." + +Schnellen Geistes waehlte der Kanzler unter den Truggestalten und +Blendwerken, ueber welche seine Einbildungskraft gebot, eine +hinreichend wahrscheinliche und wirksame Larve, um sie seinem +beweglichen Gebieter entgegenzuhalten und ihn damit heilsam zu +erschrecken. + +"Fraenzchen", sagte er, "der Kaiser ist fuer dich eine verschlossene +Pforte. Hast du ihm nicht die ruehrendsten Briefe geschrieben, und er +hat niemals geantwortet! Es ist ein in der Ferne verschwindender +Juengling und, wie man behauptet, die geduldige Wachspuppe in den +formenden Haenden seiner burgundischen Hoeflinge. Da bist du ihm +ueberlegen, du beurteilst die Dinge selbstaendig. Das Wetter aber in +Madrid macht der Borbone, der verschwenderische Konnetabel, der das +Gold mit vollen Haenden auswirft und dessen Treue ausser allem +Verdachte steht, da er seinen Koenig Franz verrathen hat und jetzt in +Ewigkeit zum Dienste des Kaisers verdammt ist. Der Borbone aber will +Mailand. Dein Lehen ist ihm zugesagt. Er ist ein Gonzaga von der +Mutter her und strebt nach einem italienischen Throne. Warum kann +sich der Kaiser nicht entschliessen, dich zu belehnen, nachdem du ihm +Hunderttausende bezahlt hast? Weil er dein Mailand dem Borbone +zudenkt, darauf nehme ich Gift. Dieser ist seiner Sache gewiss. +Unlaengst, da du mich in das kaiserliche Lager sendetest, hat er mich +mit Liebkosungen fast erdrueckt und mir sogar einen Beutel zugesteckt, +um mich auf die guenstige Stunde vorzubereiten. Denn freilich sind +wir alte Bekannte von der franzoesischen Herrschaft her." + +Das war Luege und Wahrheit: der Konnetabel hatte in einer tollen +Weinlaune einen witzigen Einfall seines Gastes fuerstlich belohnt. + +"Und du nahmst, Ungeheuer?" entsetzte sich der Herzog. + +"Mit dem besten Gewissen von der Welt", erwiderte Morone leichtfertig. +"Weisst du nicht, Fraenzchen, was die Kasuisten lehren, dass ein Weib +soviel nehmen darf, als man ihr giebt, wenn sie nur ihre Tugend +behauptet? Das gilt auch fuer Minister und erlaubt mir, in dieser +kargen Zeit unter Umstaenden auf mein Gehalt zu verzichten. Dafuer +kannst du dir zuweilen ein gutes Bild kaufen, Fraenzchen. Du musst +auch deine ehrbare Ergoetzung haben." + +Sforza war erbleicht. Das Schreckbild des Borbone in seiner Burg und +in seinem Reiche, welche beide dieser schon einmal--vor seinem +beruehmten Verrat--jahre lang als franzoesischer Statthalter besessen +hatte, brachte ihn um alle Besinnung. "Ich habe immer geglaubt, und +es verfolgt mich auf Schritt und Tritt", jammerte der AErmste, "dass +der Borbone mein Mailand haben will. Rette mich, Girolamo! Schliesse +die Liga! ohne Verzug! Sonst bin ich verloren." Er sprang auf und +ergriff den Kanzler am Arm. + +Dieser erwiderte gelassen: "Ja, das geht nicht so geschwind, +Fraenzchen. Doch wird sich vielleicht heute noch etwas dafuer thun +lassen. Es trifft sich. Gestern ist die Exzellenz Nasi--nicht der +Horatius, sondern der schoene Laelius--bei unserm Wechsler Lolli +abgestiegen, und durch einen gluecklichen Zufall auch Guicciardin hier +angekommen, der trotz seiner Borsten im Vatikan eine angenehme Person +ist. Mit diesen zwei gescheiten Leuten liesse sich reden, und ich +habe den Venezianer und den Florentiner an deine Abendtafel geladen, +da ich weiss, dass du ein harmloses Geplauder und eine unterhaltende +Gesellschaft liebst." + +"O verfluchte, nichtswuerdige Verschwoerung!" klagte der Herzog +wankelmuetig. + +"Und auch noch ein anderer ist eingeritten, im Morgengrauen. Dieser +hat sich auf die dritte Stunde nachmittags angesagt, er wolle erst +ausschlafen." + +"Ein anderer? Welcher andere?" Der Herzog zitterte. + +"Der Borbone." + +"Gott verpeste den bleichen Verraeter!" schrie Sforza. "Was will der +hier?" + +"Das wird er selbst dir sagen. Horch! es laeutet Vesper im Dome." + +"Empfange du ihn, Kanzler!" flehte der Herzog und wollte durch eine +Tuer entwischen. Morone aber ergriff ihn am Arm und fuehrte ihn zu +seinem Sessel zurueck. "Ich bitte, Hoheit! Es geht vorueber. Wenn +der Konnetabel eintritt, erhebe sich die Hoheit und empfange ihn +stehend. Das kuerzt ab." Er umkleidete seinen Herrn mit dem am +Stuhle haengengebliebenen Mantel, und dieser nahm allmaehlich, seine +Angst bekaempfend, eine fuerstlichere Haltung an, indem er seinen +huebschen Wuchs geltend machte und den natuerlichen Anstand, den er +besass. + +Inzwischen blickte der Kanzler durch das Fenster, das den Schlossplatz +und hinter demselben den Umriss eines der neuangelegten Bollwerke des +Kastelles zeigte. "Koestlich!" sagte er. "Da steht dieser +treuherzige Konnetabel, zehn Schritte vor seinem Gefolge, und +zeichnet unbefangen unsere neue Schanze in sein Taschenbuch. Ich +will nur gehen und ihn einfuehren." + +Da er mit Morone eintrat, der beruehmte Verraeter, eine schlanke und +hohe Gestalt und ein stolzes, farbloses Haupt mit feinen Zuegen und +auffallend dunkeln Augen, eine unheimliche, aber grosse Erscheinung, +verbeugte er sich hoeflich vor Franz Sforza, der ihn scheu betrachtete. + +"Hoheit", sprach Karl Bourbon, "ich bezeuge meine schuldige +Ehrerbietung und bitte um Gehoer fuer eine Botschaft der Kaiserlichen +Majestaet." + +Herzog Franz antwortete mit Wuerde, dass er bereit sei, den Willen +seines erhabenen Lehensherrn ehrfuerchtig zu vernehmen, wankte dann +aber und glitt in seinen Sessel zurueck. + +Als der Konnetabel den Herzog sich setzen sah, blickte auch er sich +nach einem Stuhl oder wenigstens nach einem Schemel um. Nichts +dergleichen war vorhanden und auch kein Page gegenwaertig. Da warf er +seinen kostbaren Mantel dem Herzog gegenueber an den Marmorboden und +lagerte sich geschmeidig, den linken Arm aufgestuetzt, den rechten in +die Huefte setzend. "Hoheit erlaube", sagte er. + +Karl Bourbon lebte seit seinem Verrate in einer sengenden und +verzehrenden Atmosphaere des Selbsthasses. Niemand, sogar der +Vornehmste nicht, haette es gewagt, den stolzen Mann auch nur mit +einer Miene an seine Tat zu erinnern und ihn das Urteil erraten zu +lassen, welches die oeffentliche Meinung seines Jahrhunderts +einstimmig und mit ungewoehnlicher Haerte ueber ihn gefaellt hatte, aber +er kannte dieses strenge Urteil, und sein Gewissen bestaetigte es. +Die gruendlichste Menschenverachtung brachte er, bei sich selbst +anfangend, der ganzen Welt entgegen, doch beherrschte er sich +vollkommen, und niemand benahm sich tadelfreier und redete farbloser, +jeden Hohn, jede Ironie, selbst die leiseste Anspielung sich und +damit auch den andern untersagend. Nur selten verriet, wie eine +ploetzlich aus dem Boden zuckende Flamme, ein hoellischer Witz oder ein +zynischer Spass den Zustand seiner Seele. + +Nachdem der Konnetabel eine Weile gesonnen, begann er mit angenehmer +Stimme und einer leichten Wendung des Kopfes: "Ich bitte Hoheit, mich +nicht entgelten zu lassen, was meine Sendung Unwillkommenes fuer Sie +haben koennte. Meine Person voellig zurueckstellend, uebermittle ich der +Hoheit einen Beschluss der Kaiserlichen Majestaet, welchen dieselbe in +ihrem Ministerrate gefasst hat, allerdings nach Vernehmung ihrer drei +italienischen Feldherrn, Pescara, Leyva und meiner Untertaenigkeit." + +"Wie befindet sich Pescara?" fragte der Kanzler, der in gleicher +Entfernung von den zwei Hoheiten stand, frech dazwischen. "Ist er +geheilt von seiner Speerwunde bei Pavia?" + +"Freundchen", versetzte der Konnetabel geringschaetzig, "ich bitte +Euch, nicht zu reden, wo Ihr nicht gefragt werdet." + +Da nahm der Herzog die Frage auf. "Herr Konnetabel", sagte er, "wie +befindet sich der Sieger von Pavia?" + +Bourbon verneigte sich verbindlich. "Ich danke der Hoheit fuer die +huldvolle Nachfrage. Mein erlauchter und geliebter Kollege Ferdinand +Avalos Marchese von Pescara ist voellig hergestellt. Er reitet ohne +Beschwerde seine zehn Stunden." Dann fuhr er fort: "Lasset mich +jetzt zur Sache kommen, Hoheit. Bittere Arznei will schnell gereicht +sein. Die Kaiserliche Majestaet wuenscht sehr, dass die Hoheit +zuruecktrete aus der neuen Liga, die Sie mit der Heiligkeit, den +Kronen von Frankreich und England und der Republik Venedig +abgeschlossen hat oder abzuschliessen im Begriffe ist." + +Jetzt fand der Herr von Mailand den Fluss der Rede und beteuerte mit +gut gespieltem Erstaunen und herzlicher Entruestung, dass ihm von einer +solchen Liga nichts bekannt sei und er selbst sicherlich der erste +waere, nach seiner Lehenspflicht den Kaiser ungesaeumt zu unterrichten, +wenn seines Wissens in Oberitalien derlei gegen die Majestaet +gesponnen wuerde. Und er legte die Hand auf das feige Herz. + +Mit vorgebogenem Haupte hoeflich lauschend, liess der Konnetabel den +jungen Heuchler seine Luege in immer neuen Wendungen wiederholen. +Dann erwiderte er in kuehlem Tone, mit einer unmerklichen Faerbung +veraechtlichen Mitleids: "Die Worte der Hoheit unangetastet, muss ich +glauben, dass dieselbe von der Sachlage nicht genau unterrichtet ist. +Wir denken es besser zu sein. Der Friede zwischen Frankreich und +England mit einer boesen Absicht gegen den Kaiser ist eine Tatsache, +die uns mit Sicherheit aus den Niederlanden gemeldet wurde. Ebenso +gewiss sind wir, dass in Oberitalien gegen uns geruestet wird. Und +soweit sich der Heilige Vater beurteilen laesst, scheint auch er, den +wir verwoehnt haben, sich verdeckt gegen uns zu wenden. Zu +unterscheiden, was gethan und was im Werden ist, kann nicht unsere +Aufgabe sein: wir bauen vor. Ehe die Liga", fuegte er mit leiserer +Stimme bedeutsam hinzu, "einen Feldherrn gefunden hat." + +Dann stellte er seine Forderung: "Hoheit giebt uns Sicherheit, in +Monatsfrist, dass Sie Neutralitaet haelt. Das ist die instaendige Bitte +Kaiserlicher Majestaet. Unter Sicherheit aber versteht sie: +Verabschiedung der Schweizer, Beurlaubung der lombardischen Waffen +auf die Haelfte, Einstellung aller und jeder Festungsbauten und +UEberlassung dieses erfindungsreichen Mannes"--er wies mit dem Haupte +seitwaerts--"an Kaiserliche Majestaet. Wo nicht"--und er erhob sich +ungestuem, als wollte er zu Pferde springen--"wo nicht, blasen wir zum +Aufbruch, den letzten September, um Mitternacht, keine Stunde frueher, +keine spaeter, und besetzen in wenigen Maerschen das Herzogthum. Hoheit +ueberlege." Er verbeugte sich und schied. + +Da ihm Morone das Geleite geben wollte, verfiel Bourbon in eine +seiner tollen Launen und wies den Kanzler mit einer possenhaften +Gebaerde ab. "Adieu, Pantalon mon ami!" rief er ueber die Schulter +zurueck. + +Morone gerieth in Wuth ueber diese Benennung, welche seiner Person allen +Ernst und Wert abzusprechen schien, und entruestet auf und nieder +schreitend, verwickelte er sich mit den Fuessen in den +liegengebliebenen Mantel des Konnetable; der junge Herzog aber hielt +den Kanzler fest, hing sich ihm an den Arm und weinte: "Girolamo, ich +habe ihn beobachtet! Er glaubt sich hier schon in dem Seinigen. +Schliesse ab! Heute noch! Sonst entthront mich dieser Teufel!" + +Noch lag der hilflose Knabe in den Armen seines Kanzlers, als ein +greiser Kaemmerer den Ruecken vor ihm bog und feierlich das Wort sprach: +"Die Tafel der Hoheit ist gedeckt." Die beiden folgten ihm, der mit +wichtiger Miene durch eine Reihe von Zimmern voranschritt. Eines +derselben, ein Kabinett, das keinen eigenen Ausgang hatte, schien mit +seiner Tapete von moosgruenem Sammet und seinen vier gleichfarbigen +Schemeln ein fuer trauliche Mitteilungen bestimmter Schlupfwinkel zu +sein. In seiner Mitte blieb der Herzog verwundert stehen, denn die +Hinterwand des sonst leeren Raumes fuellte jetzt ein Bild, das er +nicht als sein Eigenthum kannte. Es war heimlich in den Palast +gekommen, eine ihm bereitete UEberraschung, das Geschenk des +Markgrafen von Mantua, wie auf dem Rahmen zu lesen stand. Der Herzog +ergriff seinen Kanzler an der Hand, und beide Italiener naeherten sich +mit leisen Tritten und einer stillen, andaechtigen Freude dem +machtvollen Gemaelde: auf einem weissen Marmortischchen spielten Schach +ein Mann und ein Weib in Lebensgroesse. Dieses, ein helles und warmes +Geschoepf in fuerstlichen Gewaendern, beruehrte mit zoegerndem Finger die +Koenigin und forschte zugleich verstohlenen Blickes in der Miene des +Mitspielers, der, ein Krieger von ernsten und durchgearbeiteten Zuegen, +in dem streng gesenkten Mundwinkel ein Laecheln, versteckte. + +Beide, Herzog und Kanzler, erkannten ihn sogleich. Es war Pescara. +Die Frau erriethen sie mit Leichtigkeit. Wer war es, wenn nicht +Victoria Colonna, das Weib des Pescara und die Perle Italiens? Sie +konnten sich nicht von dem Bilde trennen. Sie fuehlten, dass sein +groesster Reiz die hohe und zaertliche Liebe sei, welche die weichen +Zuege der Dichterin und die harten des Feldherrn in ein warmes Leben +verschmolz, und nicht minder die Jugend der Beiden, denn auch der +benarbte und gebraeunte Pescara erschien als ein heldenhafter Juengling. + +In der That, achtzehnjaehrig Beide, waren sie miteinander an den Altar +getreten, und sie hatten sich mit Leib und Seele Treue gehalten, oft +und lang getrennt, sie bei der keuschen Ampel in Italiens grosse +Dichter vertieft, er vor einem glimmenden Lagerfeuer ueber der Karte +bruetend, dann endlich wieder auf Ischia, dem Besitzthum des Marchese, +wie auf einer seligen Insel sich vereinigend. Solches wusste das +sittenlose Italien und zweifelte nicht, sondern bewunderte mit einem +Laecheln. + +Auch die zwei vor dem Bilde Stehenden empfanden die Schoenheit dieses +Bundes der weiblichen Begeisterung mit der maennlichen +Selbstbeherrschung. Sie empfanden sie nicht mit der Seele, aber mit +den feinen Fingerspitzen des Kunstgefuehls. So waeren sie noch lange +gestanden, wenn nicht der Kammerherr unterthaenig gemahnt haette, dass +zwei Geladene im Vorzimmer des Esssaales warteten. Durch ein paar +Thueren wurde jenes erreicht und, nach einer kurzen Vorstellung der +Gaeste, dieser betreten. + +Jetzt sassen die Viere an der nicht ueberladenen, aber ausgesuchten +Tafel. Waehrend des ersten leichten Gespraeches besah sich der Herzog +insgeheim seine Gaeste. Keine Gesichter konnten unaehnlicher sein als +diese dreie. Den haesslichen Kopf und die grotesken Zuege seines +Kanzlers freilich wusste er auswendig, aber es fiel ihm auf, wie +ruhelos dieser heute die feurigen Augen rollte und wie ueber der +dreisten Stirn das pechschwarze Kraushaar sich zu straeuben schien. +Daneben hob sich das Haupt Guicciardins durch maennlichen Bau und +einen republikanisch stolzen Ausdruck sehr edel ab. Der Venezianer +endlich war eines schoenen Mannes Bild mit einem vollen weichen Haar, +leise spottenden Augen und einem liebenswuerdigen verraetherischen +Laecheln. Auch in der Farbe unterschieden sich die drei Angesichter. +Die des Kanzlers war olivenbraun, der Venezianer besass die +durchsichtige Blaesse der Lagunenbewohner, und Guicciardin sah so gelb +und gallig aus, dass der Herzog sich bewogen fuehlte ihn nach seiner +Gesundheit zu fragen. + +"Hoheit, ich litt an der Gelbsucht", versetzte der Florentiner kurz. +"Die Galle ist mir ausgetreten, und das ist nicht zum Verwundern, +wenn man weiss, dass mich die Heiligkeit in ihre Legationen versendet +hat, um dieselben zu einem ordentlichen Staate einzurichten. Da +schaffe einer Ordnung, wo die Pfaffen Meister sind! Nichts mehr +davon, sonst packt mich das Fieber, trotz der gesunden Luft von +Mailand und den guten deutschen Nachrichten." Er wies eine suesse +Schuessel zurueck und bereitete sich mit mehr Essig als OEl einen +Gurkensalat. + +"Nachrichten aus Deutschland?" fragte der Kanzler. + +"Nun ja, Morone. Ich habe Briefe von kundiger Hand. Die Mordbauern +sind zu Paaren getrieben und--das Schoenste--Fra Martino selbst ist +mit Schrift und Wort gewaltig gegen sie aufgetreten. Das freut mich +und laesst mich an seine Sendung glauben. Denn, Herrschaften, ein +weltbewegender Mensch hat zwei AEmter: er vollzieht, was die Zeit +fordert, dann aber--und das ist sein schwereres Amt--steht er wie ein +Gigant gegen den aufspritzenden Gischt des Jahrhunderts und +schleudert hinter sich die aufgeregten Narren und boesen Buben, die +mitthun wollen, das gerechte Werk uebertreibend und schaendend." + +Der Herzog war ein wenig enttaeuscht, denn er liebte Krieg und Aufruhr, +wenn sie jenseits der Berge wuetheten und seine Einbildungskraft +beschaeftigten, waehrend er selbst ausser Gefahr stand. Der Kanzler +aber that einen Seufzer und sagte mit einem wahren menschlichen +Gefuehle: "In Germanien mag nun viel Grausames geschehen." + +"Thut mir leid", versetzte der Florentiner, "doch ich behalte das +Ganze im Auge. Jetzt, nach Baendigung der trotzigen Ritter und der +rebellischen Bauern, fuehren die Fuersten. Die Reformation, oder wie +ihr es nennen wollet, ist gerettet." + +"Und Ihr seid ein Republikaner?" stichelte der Kanzler. + +"Nicht in Deutschland." + +Auch der schoene Laelius goennte sich einen Scherz. "Und Ihr dienet dem +heiligen Vater, Guicciardin?" lispelte er. + +Dieser, dem das suessliche Laecheln widerstand und den seine Gelbsucht +reizbar machte, antwortete freimuethig: "Jawohl, Herrlichkeit, zur +Strafe meiner Suenden! Der Papst ist ein Medici, und diesem Hause ist +Florenz verfallen. Ich aber will nicht aus meiner Vaterstadt +vertrieben werden, denn fluechtig sein ist das schlimmste Los und +gegen seine Heimat zu Felde liegen das groesste Verbrechen. Der +Heilige Vater weiss, wer ich bin, und nimmt mich nicht anders, als ich +bin. Ich diene ihm, und er hat nicht ueber mich zu klagen. Aber ich +lasse mir nicht das Maul verbinden, und so sei es mit Wonne +ausgesprochen unter uns Wissenden: Fra Martino hat eine gerechte +Sache, und sie wird sich behaupten." + +Dem Herzog machte es Spass, und er empfand eine Schadenfreude, es zu +erleben, wie der grosse germanische Ketzer von einem Sachwalter des +heiligen Vaters verherrlicht wurde. Freilich ueberlief ihn eine +Gaensehaut, dass solches in seiner Gegenwart und in seinem Palaste +geschehe. Er winkte die Diener weg, welche eben die Fruechte +aufgesetzt hatten und der spannenden Unterhaltung ihre stille +Aufmerksamkeit widmeten. + +Jetzt forderte Morone, der sich auf seinem Stuhle hin und her +geworfen, mit flammenden Augen den Florentiner auf: "Ihr seid ein +Staatsmann, Guicciardin, und auch ich pfusche ins Handwerk. Wohlan, +begruendet eure merkwuerdigen Saetze: Bruder Martinus thut ein gerechtes +Werk, und dieses Werk wird gelingen und dauern." + +Guicciardin leerte ruhig seinen Becher, waehrend der schoene Laelius ein +Zuckerbrot zerbroeckelte, der Herzog nach seiner Art sich im Sessel +gleiten liess und Morone begeistert von dem seinigen aufsprang. + +"Nicht wahr, Herrschaften", begann der Florentiner, "kein Kind, kein +Thor wuerde es ertragen, wenn ein Ding vorgeben wollte, dasselbe Ding +geblieben zu sein, nachdem es sich in sein Gegentheil verwandelt haette, +zum Beispiel das Lamm in den Wolf, oder ein Engel in einen Teufel. +Wie wir nun in unserm gebildeten Italien von der heiligen Gestalt +denken moegen, die sich in den Paepsten fortsetzt, eines ist nicht zu +leugnen: dass sie nur Gutes und Schoenes gewollt hat. Und ihre +Nachfolger, die das Werk und Amt des Nazareners uebernommen +haben--sehet nur die viere der Wende des Jahrhunderts! Da ist der +Verschwoerer, der unsern guetigen Julian gemeuchelt hat! Dann kommt +der schamlose Verkaeufer der goettlichen Vergebung! Nach ihm der +Moerder, jener unheimliche zaertliche Familienvater! Keine +Fabelgestalten, sondern Ungeheuer von Fleisch und Blut, in kolossalen +Verhaeltnissen vor dem Auge der Gegenwart stehend! Und der vierte, +den ich von Jenen trenne: unser grosser Julius, ein Heros, der Gott +Mars, aber ein Gegensatz, noch schreiender als jene Dreie zu dem +sanftmuethigen Friedestifter! Viermal nacheinander dieser Widerspruch, +das ist ein Hohn gegen die menschliche Vernunft. Es nimmt ein Ende: +entweder verschwindet jene erste himmlische Gestalt in dieser +dampfenden Hoelle und flammenden Waffenschmiede, oder Bruder Martinus +loest sie mit einem scharfen Schnitt von solchen Nachfolgern und +Amtsbruedern." + +"Das ist lustig", meinte der Herzog, waehrend der Kanzler wie besessen +in die Haende klatschte. + +"Eine Predigt Savonarolas", liess sich der schoene Lelio vernehmen, ein +Gaehnen verwindend. "Wenn wir Fra Martino in Venedig haetten, so +koennten wir ihn zuegeln und sachdienlich verwenden. Aber seinem +germanischen Trotzkopf ueberlassen, wird er, fuercht' ich, ueber kurz +oder lang dem Andern auf den Scheiterhaufen folgen." + +"Nein", versetzte Guicciardin heiter, "seine braven deutschen Fuersten +werden ihr Schwert vor ihn halten und ihn schuetzen." + +"Doch wer schuetzt seine Fuersten?" spottete der Venezianer. + +Guicciardin schlug eine froehliche Lache auf. "Der heilige Vater", +sagte er. "Sehet, Herrschaften, das ist eine jener verdammt feinen +Zwickmuehlen, wie sie der Zufall oder ein Besserer in der +Weltgeschichte anlegt. Seit unsere Paepste sich verweltlicht haben +und einen Staat in Italien besitzen, ist ihnen das kleine Zepter +theurer als der lange Hirtenstab. Ist nicht, diesem Scepter zuliebe, +unser Clemens im Begriff, dem frommglaeubigen Kaiser foermlich den +Krieg zu erklaeren? Einem heiligen Vater aber, der mit Kanonen auf +ihn schiesst, wird Karl kaum den Gefallen thun, seine tapfern +germanischen Landsknechte in die Kirche zurueckzuzwingen. Und +umgekehrt: wenn die ketzerischen deutschen Fuersten gegen die +Kaiserliche Majestaet sich empoeren und Panier aufwerfen, wird der +heilige Vater nicht ihre Seele vorlaeufig in Ruhe lassen und sich +heimlich ihrer Waffen bedienen? Unterdessen aber waechst der Baum und +streckt seine Wurzeln." + +Jetzt wurde der Herzog unruhig. Es kam die angenehme Stunde seines +Tagewerkes, in welcher er seine Hunde und Falken mit eigenen Haenden +fuetterte. "Herrschaften", sagte er, "mich wuerde dieser germanische +Moench nicht verfuehren. Man hat mir sein Bildnis gezeigt: ein plumper +Bauernkopf, ohne Hals, tief in den Schultern. Und seine Goenner, die +saxonischen Fuersten--Bierfaesser!" + +Guicciardin zerdrueckte den feinen Kelch in der Hand und einen Fluch +zwischen den Zaehnen. "Es ist schwuel hier im Saale", entschuldigte er +sich, und gleich hob der Herzog die Tafel auf. "Wir wollen frische +Luft schoepfen", meinte er. "Auf Wiedersehen, Herrschaften, nach +Sonnenuntergang, im gruenen Kabinette." + +Er verliess das Zimmer, um dem Venezianer, an welchem er ein +Wohlgefallen fand, seine Gebaeude, Terrassen und Gaerten zu zeigen. Es +waren noch jene unvergleichlichen Anlagen, welche der letzte Visconte +gebaut und mit seinem gespenstischen Treiben erfuellt hatte, die +UEberbleibsel jener "Burg des Glueckes", wo er, wie ein scheuer Daemon +in seinem Zauberschlosse, Italien mit vollendeter Kunst regierte, und +aus welcher er seine Guenstlinge, sobald sie erkrankten, wegtragen +liess, damit niemals der Tod an diese Marmorpforten klopfe. + +Ein guter Theil der alten Pracht war verfallen, oder zertreten und +verschuettet durch den Krieg und die neu aufgeworfenen Bollwerke. +Immerhin blieb noch genug uebrig fuer die schmeichelnde Bewunderung des +schoenen Laelius, und Franz Sforza verlebte ein paar huebsche Stunden. +Nur da sie eine Reitbahn betraten, welche der Bourbon waehrend seiner +mailaendischen Statthalterschaft errichtet, verschatteten sich die +fuerstlichen Zuege, um sich dann aber gleich wieder zu erheitern. Er +hatte das schallende Gelaechter Guicciardins vernommen und darauf +diesen selbst erblickt, der sich in eine laendliche Veranda hemdaermlig +mitten unter lombardische Stallknechte gesetzt hatte, mit ihnen +Karten spielte und einem herben Landweine zusprach. "Die +Vergnuegungen eines Republikaners", spottete Franz Sforza. "Er erholt +sich von seinem fuerstlichen Umgange." Der schoene Lelio laechelte +zweideutig, und sie setzten ihren Lustwandel fort. + +Der Erste, welcher sich in dem moosgruenen Kabinette einfand, wenn er +es nicht etwa gleich nach aufgehobener Tafel betreten und nicht +wieder verlassen hatte, war Girolamo Morone. Er stand vertieft in +das Bild. Eine Weile mochte er die entzueckten Augen an dem +holdseligen Weibe geweidet haben, jetzt aber durchforschte er mit +angestrengtem Blicke das Antlitz des Pescara, und was er aus den +starken Zuegen heraus oder in dieselben hinein las, gestaltete sich in +dem erregten Manne zu heftigen Gebaerden und abgebrochenen Lauten. +"Wie wirst du spielen, Pescara?" stammelte er, die schalkhafte Frage, +die in Victorias unschuldigem Auge lag, ingrimmig wiederholend und +die pechschwarze Braue zusammenziehend. + +Da erhielt er einen kraeftigen Schlag auf die Schulter. "Verliebst du +dich in die goettliche Victoria, du Sumpf?" fragte ihn Guicciardin mit +einem derben Gelaechter. + +"Spass beiseite, Guicciardin, was denkst du von Dem hier mit dem rothen +Wamse?", und der Kanzler wies auf den Feldherrn. + +"Er sieht wie ein Henker." + +"Nicht, Guicciardin. Ich meine: was sagst du zu diesen Zuegen? Sind +es die eines Italieners oder die eines Spaniers?" + +"Eine schoene Mischung, Morone. Die Laster von beiden: falsch, +grausam und geizig! So habe ich ihn erfahren, und du selbst, Kanzler, +hast mir ihn so gezeichnet. Erinnere dich! in Rom, vor zwei Jahren, +da der witzige Jakob uns zusammen ueber den Tiber setzte." + +"Hab ich? Dann war es der Irrthum eines momentanen Eindrucks. +Menschen und Dinge wechseln." + +"Die Dinge, ja; die Menschen, nein: sie verkleiden und spreizen sich, +doch sie bleiben, wer sie sind. Nicht wahr, Hoheit?" Guicciardin +wendete sich gegen den Herzog, welcher eben eintrat und dem der +Venezianer auf dem Fusse folgte. + +Die vier gruenen Schemel besetzten sich und die Tueren wurden verboten. +Das offene Fenster fuellte ein gluehender Abendhimmel. + +"Herrschaften", begann der Herzog mit wuerdiger Miene, "wie weit die +Vollmachten?" + +"Meine Bescheidenheit", sagte der schoene Laelius, "ist beauftragt +abzuschliessen." + +"Die Weisheit des heiligen Vaters", folgte Guicciardin, "wuenscht +ebenfalls ein Ende. Die Liga war langeher der Liebling ihrer +Gedanken: sie stellt sich, wie ihr gebuehrt, an die Spitze, mit +Vorbehalt der schonenden Formen des hoechsten Hirtenamtes." + +"Die Liga ist geschlossen!" rief der Herzog muthig. "Kanzler, statte +Bericht ab!" + +"Herrschaften", begann dieser, "in ihren Briefen verspricht die +franzoesische Regentschaft, im Einverstaendnis mit dem zu Madrid +gefangen sitzenden Koenige, ein ansehnliches Heer und entsagt zugleich +endgueltig, in die Haende des heiligen Vaters, den Anspruechen auf +Neapel und Mailand." + +"Optime!" jubelte der Herzog. "Und Schweizer bekaemen wir soviel wir +wollen, in lichten Haufen, wenn wir nur Ducaten haetten, ihnen damit +zu klingeln. Nicht wahr, Kanzler?" + +"Da ist Rat zu schaffen", versicherten die zwei Andern. + +"Aber, Herren", draengte Morone, "es eilt! Der Borbone war hier. Man +blickt uns in die Karten. Die drei Feldherrn drohen in Monatsfrist +Mailand zu nehmen, wenn wir nicht abruesten. Wir muessen losschlagen, +und um loszuschlagen, muessen wir unsern Capitano waehlen, jetzt, +sogleich!" + +"Dazu sind wir gekommen", sprachen die Zweie wiederum einstimmig. + +"Der Liga den Feldherrn geben!" wiederholte der Kanzler. "Das ist +nicht weniger als ueber das Los Italiens entscheiden! Wen stellen wir +dem Pescara entgegen, dem groessten Feldherrn der Gegenwart? Nennet +mir den ebenbuertigen Geist! Unsern grossen Kriegsleuten, dem Alviano, +dem Trivulzio, ist laengst die Grabschrift gemacht, und die uebrigen +hat Pavia getoedtet. Nennet mir ihn! Zeiget mir die maechtige Gestalt! +Wo ist die gepanzerte rettende Hand, dass ich sie ergreife?" + +Eine truebe Stimmung kam ueber die Gesellschaft, und der Kanzler +weidete sich an der Niedergeschlagenheit der Verbuendeten. + +"Wir haben den Urbinaten oder den Ferraresen", meinte Nasi, doch +Guicciardin erklaerte buendig, den Herzog von Ferrara schliesse die +Heiligkeit aus als ihren abtruennigen Lehensmann. "Waehlen wir den +Herzog von Urbino. Er ist kleinlich und selbstsuechtig, ohne weiten +Blick, ein ewiger Verschlepper und Zauderer, aber ein versuchter +Kriegsmann, und es bleibt uns kein Anderer", sprach der Florentiner +mit gerunzelter Stirn. + +"Da waere noch Euer Hans Medici, Guicciardin, und Ihr haettet den +jungen Waghals, nach dem euer Herz zu begehren scheint", neckte ihn +der Venezianer. + +"Hoehnt Ihr mich, Nasi?" zuernte Guicciardin. "Dass ein junger Frevler +unsere patriotische Sache entweihe und ein tollkuehner Bube unsern +letzten Krieg mit den Wuerfeln einer leichtsinnigen Schlacht +verspiele? Der Urbinate wird uns wenigstens nicht verderben, wenn er +den Krieg verewigt, die Hilfe eines wuergenden Fiebers oder eines +Auflaufes der Landsknechte im kaiserlichen Lager abwartend. Waehlen +wir ihn." Er seufzte, und in demselben Augenblicke fuhr er wuethend +gegen den Kanzler los, den er das Ende seiner Rede mit einem +verzweifelnden Gebaerdenspiele begleiten sah. "Lass die Grimassen, +Narr!" schrie er ihn an, "... ich bitte um Vergebung, Hoheit, wenn ich +ungeduldig werde, und Hoheit ist auf meiner Seite, wie ich glaube..." +Der Herzog blickte auf seinen Kanzler. + +"Sei es", sagte Morone, "wir stimmen bei, aber es ist ein unfreudiges +Ja, das die Hoheit zu dem seelenlosen Anfange unsers Buendnisses giebt." +Der Herzog nickte truebselig. "Nein", rief der Kanzler, "sie giebt +es nicht, die Hoheit tritt zurueck, sie kann es nicht verantworten, +die letzten Kraefte dieses Herzogtums zu erschoepfen! Sie zieht nicht +zu Felde, im voraus entmuthigt und geschlagen! Die Liga ist +aufgehoben! Oder wir suchen ihr einen siegenden Feldherrn." + +Die zwei Andern schwiegen missmuthig. + +"Und ich weiss einen!" sagte Morone. + +"Du weisst ihn?" schrie Guicciardin. "Bei allen Teufeln, heraus damit! +Rede! Wen werfen wir in die Wagschale gegen Pescara?" + +"Redet, Kanzler!" trieb auch der Venezianer. + +Morone, der von seinem Schemel aufgesprungen war, trat einen Schritt +vorwaerts und sprach mit starker Stimme: "Wen wir gegen Pescara in die +Wagschale werfen? Welchen Ebenbuertigen? Pescara, ihn selber!" + +Ein Schrecken versteinerte die Gesellschaft. Der Herzog starrte +seinen ausserordentlichen Kanzler mit aufgerissenen Augen an, waehrend +Guicciardin und der Venezianer langsam die Hand an die Stirn legten +und zu sinnen begannen. Beide erriethen sie als kluge Leute ohne +Schwierigkeit, wie Morone es meinte. Sie waren die Soehne eines +Jahrhunderts, wo jede Art von Verrath und Wortbruch zu den +alltaeglichen Dingen gehoerte. Haette es sich um einen gewoehnlichen +Kondottiere gehandelt, einen jener fuerstlichen oder plebejischen +Abenteurer, welche ihre Banden dem Meistbietenden verkauften, sie +haetten wohl dem Kanzler sein frevles Wort von den Lippen +vorweggenommen. Aber den ersten Kaiserlichen Heerfuehrer? aber +Pescara? Unmoeglich! Doch warum nicht Pescara? Und da Morone +leidenschaftlich zu sprechen begann, verschlangen sie seine Worte. + +"Herrschaften", sagte dieser, "Pescara ist unter uns geboren. Er hat +Spanien niemals betreten. Die herrlichste Italienerin ist sein Weib. +Er muss Italien lieben. Er gehoert zu uns, und in dieser +Schicksalsstunde, da wir mit dem noch ledigen Arm unsern andern schon +gefesselten befreien wollen, nehmen wir den groessten Sohn der Heimat +und ihren einzigen Feldherrn in Anspruch. Wir wollen zu ihm gehen, +ihn umschlingen und ihn anrufen: Rette Italien, Pescara! Ziehe es +empor! Oder es reisst dich mit in den Abgrund!" + +"Genug declamiert!" rief Guicciardin. "Ein Phantast wie du, Kanzler, +mit den unbaendigen Spruengen deiner Einbildungskraft ist dazu da, das +Unmoegliche zu erdenken und auszusprechen, das vielleicht, naeher +betrachtet, nicht voellig unmoeglich ist. Jetzt aber sei stille und +lass die Vernuenftigen es beschauen und sich zurechtlegen, was du im +Fieber geweissagt hast. Gebaerde dich nicht wie ein Rasender, sondern +setze dich und lass mich reden! + +Herrschaften, oft, und in verzweifelten Lagen immer, ist Kuehnheit der +beste und einzige Rath. Der Krieg unter dem Urbinaten starrt uns an +wie eine Maske mit leeren Augen. Wir alle fuehlen, er wuerde uns +langsam laehmen und methodisch zu Grunde richten. Lieber ein +halsbrechendes Wagnis. Also ja! Wenn es nach mir geht, versuchen +wir den Pescara! Verraeth er uns an den Kaiser, so kann er uns alle +verderben. Aber wer weiss, ob er nicht seinem Daemon unterliegt? +Zuerst muessen wir uns fragen: Wer ist Pescara? Ich will es euch +sagen: ein genialer Rechner, der die Moeglichkeiten scharfsinnig +scheidet und abwaegt, der die Dinge unter ihrem truegerischen Antlitz +auf ihren wahren Werth und ihre reale Macht zu untersuchen die +Gewohnheit hat. Waere er sonst, der er ist, der Sieger von Bicocca +und Pavia? Wenn wir ihn antreten, wird er zuerst eine grosse +Entruestung heucheln ueber eine Sache, die er sicherlich selbst schon +in gewissen Stunden sich besehen und betrachtet hat, wenn auch +vielleicht nur als UEbung seines immerfort arbeitenden Verstandes. +Dann wird er langsam und sorgfaeltig abwaegen: den Stoff, den wir ihm +geben, das heisst unser Italien, ob sich daraus ein Heer und spaeter +ein Reich bilden liesse, und--seinen Lohn. Und da der Stoff zwar edel, +aber sproede ist und einer gewaltig bildenden Hand bedarf, muessen wir +ihm die groesste Belohnung bieten: eine Krone." + +"Welche Krone?" stammelte der Herzog angstvoll. + +"Eine Krone, Hoheit, sagte ich, keinen Herzogshut, und meinte die +schoene von Neapel. Sie ist in Feindeshand, also erledigt, und ein +Lehen der Heiligkeit." + +"Wenn wir Kronen austheilen", spottete der Venezianer, "warum bieten +wir dem Pescara nicht gleich die Fabel- und Traumkrone von Italien?" + +"Die Traumkrone!" Das Antlitz des Florentiners zuckte schmerzlich. +Dann sprach er trotzig, sich und die Umsitzenden vergessend: "Die +Krone von Italien! Wenn Pescara an der Spitze unserer Heere reitet, +wird sie ungenannt vor ihm herschweben. Moechte er sie, als der +Groesste unserer Geschichte, fassen und ergreifen, diese ideale Krone, +nach welcher schon so manche Haende und die frevelhaftesten sich +gestreckt haben! Moege sie auf seinem Haupte zur Wahrheit werden! +Und", sagte er kuehn, "weil wir heute jedes gewoehnliche Mass verlassen +und unsern Endgedanken und innersten Wuenschen Gestalt geben, so +wisset, Herrschaften: ist Pescara der Vorausbestimmte, wie es moeglich +waere, in der Zeit liegen grosse Beguenstigungen und in den Sternen +glueckliche Verheissungen. Baut er Italien, so wird er es auch +beherrschen. Aber, Kanzler, ich habe dich einen Phantasten genannt +und phantasiere groesser als du. Kehren wir zurueck aus dem Reiche des +Ungebornen in die Wirklichkeit und stellen wir die Frage: wer +uebernimmt die Rolle des Versuchers?" + +"Ich stuerze mich wie Curtius in den Abgrund!" rief der Kanzler aus. + +"Recht", billigte Guicciardin. "Du bist die Person dazu. Einem +Andern wuerde die Stimme versagen, und er wuerde vor Scham versinken, +wenn er vor Pescara traete, um mit ihm von seinem Verrathe zu reden. +Du Schamloser aber bist zu allem faehig, und deine Schellenkappe +bringt dich aus Lagen und Verwicklungen, wo jeder Andere haengen +bliebe. Will Pescara nicht, so nimmt er dich von deiner naerrischen +Seite und behandelt dich als Possenreisser; will er, so wird er unter +deinen tragischen Gebaerden und deinen komischen Runzeln den Ernst und +die Groesse der Sache schon zu entdecken wissen. Gehe du hin, mein +Sohn, und versuche den Pescara!" + +Der Herzog, der sich gruebelnd auf seinem Schemel zusammengekauert +hatte, wollte eben nach Licht rufen, denn die Daemmerung wuchs, und er +fuerchtete das Dunkel. Da sah er die Dinge unvermuthet auf ihre Spitze +kommen und wurde aengstlich. "Kanzler, du darfst nicht!" verbot er. +"Ich will mit diesem grossmaechtigen Pescara nichts zu schaffen haben. +Bekommen wir ihn, so wird er zuerst meine Ebenen nehmen, welche den +Krieg anlocken, und meine Festungen, welche sie behaupten. Und hat +er sie, so wird er sie behalten. Verspielt er aber, so buesse ich +zuerst und verfalle ohne Gnade dem Spruche des Kaisers, meines +Lehensherrn. Oh, ich durchschaue euch! Ihr Alle, selbst Dieser +da"--er blickte wehmuethig nach seinem Kanzler--"habet immer nur euer +Italien im Sinne, und ich gelte euch"--er blies ueber die flache +Hand--"soviel! Ich aber bin ein Fuerst und will mein Erbe, mein +Mailand, und nichts als mein Mailand! Und du, Girolamo, gehst nicht +zu Pescara. Die Geschaefte wuerden darunter leiden. Ich kann dich +keine Stunde entbehren!" + +Jetzt nahm der schoene Laelius das Wort und lispelte: "Wenn Hoheit +darauf bestuende, so wuerde durch ihren Einspruch unser Plan hinfaellig, +und ich haette einen andern. Da wir uns einmal, sonderbarerweise, +nach unserm Capitano unter den kaiserlichen Feldherrn umsehen, waere +nicht etwa der Versuch zu machen, ob sich der Borbone, gegen ein +grosses Anerbieten, zu einem zweiten Verrath entschloesse?" + +Der Herzog schrak zusammen. "Wann verreisest du, mein Girolamo?" +fragte er. + +"Zuerst, Kanzler", fiel Guicciardin ein, "habe ich Auftrag, dich nach +Rom mitzunehmen. Der heilige Vater wuenscht dich naeher kennen zu lernen. +Denn er hat eine grosse Meinung von dir. Er nennt dich den Kanzler +Proteus und behauptet, du seiest, trotz deiner tollen Augen, einer +der kluegsten Maenner Italiens." + +"Das ist gut", bemerkte der Venezianer, "schon weil es die +entscheidende Stunde verschiebt, in welcher Girolamo Morone als +Versucher zu Pescara tritt. Ich wuensche dieser Stunde zuvor einen +Grund und eine Wurzel in der oeffentlichen Meinung zu geben. Darf ich +mich darueber verbreiten, Herrschaften?" + +Das fade Gesicht des Venezianers nahm, soweit sich in der Daemmerung +noch unterscheiden liess, einen energischen Ausdruck an und er redete +mit markiger Stimme: "Der Kanzler, da er sein bedeutendes Wort +aussprach, hat uns ohne Zweifel erschreckt, aber nicht eigentlich in +Verwunderung gesetzt. Nachdem der vernichtende Schlag von Pavia dem +Kaiser unser ganzes Italien wehrlos zu Fuessen geworfen hatte, suchte +die oeffentliche Meinung von selbst eine Schranke gegen die drohende +Allmacht und liess aus der Natur der Dinge unsere Liga emporwachsen. +Zugleich beschaeftigte sich die oeffentliche Meinung mit dem Lohne, der +Pescara fuer seinen vollkommenen Sieg und die Erbeutung eines Koeniges +gebuehre. Und da die Kargheit und der Undank des Kaisers weltbekannt +sind, zog sie den Schluss, dass er seinen Feldherrn nicht +zufriedenstellen und dieser anderwaerts einen Ersatz suchen werde. +Jetzt verbindet die oeffentliche Meinung diese beiden Dinge: unsern +schon durchschimmernden patriotischen Bund und einen moeglichen +groessern Gewinn des Pescara. So wird sein UEbertritt glaubwuerdig, +bevor er sich vollzieht. Nur ist es dienlich, dass dieser begruendeten +allgemeinen Ansicht durch eine geschickte Hand eine ueberzeugende +Gestalt und durch eine gelaeufige Zunge eine fuer ganz Italien +verstaendliche Sprache gegeben werde. Nun ist seit kurzem ein +wanderndes Talent unter uns aufgetaucht, ein vielversprechender +junger Mann, der sich hoffentlich noch an Venedig fesseln laesst--" + +"Einen Fusstritt dem Aretiner! Er hat mich schaendlich verleumdet..." +"Ein goettlicher Mann! Er hat mich den ersten Fuersten Italiens +genannt!" riefen Guicciardin und der Herzog miteinander aus. + +"Ich sehe", laechelte Nasi, "dass der Mann auch hier nach seinem Werthe +gekannt ist. Seine Briefe, an wahre oder erfundene Personen, in +tausend und tausend Blaettern ausgestreut, sind eine Macht und +beherrschen die Welt. Ich will ihm eine sehr starke Summe senden, +und ihr werdet euch ueber die Saat von schoenfarbigen Giftpilzen +verwundern, die ueber Nacht aus dem ganzen Boden Italiens emporschiesst: +Verse, Abhandlungen, Briefwechsel, ein bacchantisch aufspringender, +taumelnder Reigen verhuellter und nackter, drohender und verlockender +Figuren und Wendungen, alle um Pescara sich drehend und um die +Wahrscheinlichkeit und Schoenheit seines Verrathes. So bildet sich +eine unueberwindliche allgemeine UEberzeugung, welche den Pescara zu +uns herueberreisst und ihn zugleich--da liegt es--am kaiserlichen Hofe +so gruendlich und endgueltig untergraebt, dass er zum Verraether werden muss, +er wolle oder nicht." + +"Nichts da, Exzellenz!" rief der Kanzler aus dem Dunkel. "Ihr +verderbt mir das Spiel! Der Befreier Italiens soll sich in voller +Freiheit entscheiden, nicht als das Opfer einer teuflischen Umgarnung..." + +"Du bist praechtig, Kanzler, mit deinen moralischen Skrupeln!" +unterbrach ihn Guicciardin. "Wisse, auch mein Herz empoert sich und +nimmt Theil fuer den unrettbar UEberlisteten! Aber ich heisse den +Menschen schweigen und handle als Staatsmann. Das Mittel der +Exzellenz ist ohne Vergleichung unter alle dem, was heute Abend +gefunden wurde, das Ruchloseste, aber auch das Kluegste und Wirksamste. +Erst jetzt wird die Sache wahrhaft gefaehrlich fuer Pescara, und sein +Verrath wahrscheinlich. Ans Werk." + +"Er ist unter uns und lauscht!" schrie der Herzog mit gellender +Stimme, dass Alle zusammenfuhren. Ihre Blicke folgten seinem +geaengstigten. Der Mond, der als blendende Silberscheibe ueber den +Horizont getreten war und seine schraegen Strahlen in das kleine +Gemach zu werfen begann, spielte wunderlich auf der Schachpartie. +Victorias hervorquellendes Auge blickte erzuernt, als spraeche es: Hast +du gehoert, Pescara? Welche Verruchtheit! und jetzt fragte es +angstvoll: Was wirst du thun, Pescara? Dieser war bleich wie der Tod, +mit einem Laecheln in den Mundwinkeln. + + + + + +Zweites Kapitel + + + +In der weiten hellen Fensternische jener edeln vatikanischen Kammer, +an deren Dielen und Waenden Raphael die Triumphe des Menschengeistes +verherrlicht, sass ein Greis mit grossen Zuegen und von ehrwuerdiger +Erscheinung. Er sprach bedaechtig zu dem emporgewendeten, mit +dunkelblonden Flechten umwundenen Haupte eines Weibes, das zu seinen +Fuessen sass und mit einem warmen menschlichen Blut in den Adern ebenso +schoen war als die Begriffe des Rechtes und der Theologie, wie sie der +Urbinate in herrlichen weiblichen Gestalten verkoerpert. Der betagte +Papst mit seinem langen gebueckten Ruecken und in seinem fliessenden +weissen Gewande aehnelte einer klugen Matrone, welche lehrhaft mit +einem jungen Weibe plaudert. + +Noch nicht gar lange mochte Victoria auf ihrem Schemel gesessen haben, +denn der heilige Vater erkundigte sich eben erst nach dem Befinden +ihres Gatten, des Marchese von Pescara. "Die Seitenwunde von Pavia +macht sich nicht mehr fuehlbar?" sagte er. + +"Der Marchese ist voellig geheilt", erwiderte Victoria unschuldig. +"Die Seitenwunde ist vernarbt, sowie auch die schlimmere Stirnwunde. +Er wird Eure Heiligkeit begruessen, wenn er den Urlaub antritt, den ihm +die Gnade des Kaisers zugesagt hat und der uns Glueckselige"--sie +sprach es mit jubelnden Augen--"auf unserer Meeresinsel vereinigen +wird. Aber er selbst verweigert sich denselben fuer einmal noch, +weniger des politischen Horizontes wegen, der nicht heller noch +trueber sei als sonst--so schreibt er--, sondern weil er gerade jetzt +das Heer ungern verlasse. Der Moerder", sagte sie laechelnd, +"beschaeftigt sich naemlich mit einer vervollkommneten Feuerwaffe und +einem neuen Manoever. Das braechte er nun gerne erst zu einem Ergebnis. +So hat er mich, die er anfaenglich hier in Rom ueberraschen wollte, +in sein Feldlager nach Novara beschieden und ich reise morgen, nicht +im Schneckenhaus meiner Saenfte, sondern im Sattel meines hitzigen +tuerkischen Pferdchens. Haette ich Fluegel! mich verlangt nach den +Narben meines Herrn, dessen Antlitz ich nicht gesehen seit jener +beruehmten Schlacht, die ihn unsterblich gemacht hat. Und so bin ich +zu der Heiligkeit geeilt in der Freude meines Herzens, um mich bei +Ihr zu beurlauben: denn das ist der Zweck meines Besuches." So +redete Victoria aufwallend und ueberquellend wie ein roemischer Brunnen. + +Ihre aufrichtigen Worte belehrten den Heiligen Vater, dass Pescara +sein Thun und Lassen in dasselbe Zwielicht stelle, welches auch er +liebte. Nur mit dem Unterschiede, dass der junge Pescara im +entscheidenden Augenblicke wie ein Blitz aus seiner Wolke +hervorsprang, waehrend Clemens unentschlossen, ueber sich selbst zornig, +in der seinigen verborgen blieb, weil er aus greisenhafter +UEberklugheit den Moment zu ergreifen versaeumte. Er schaerfte, in +einem andern Bilde gesprochen, den Stift so lange, bis zu seinem +AErger die allzufeine Spitze abbrach. Jetzt trat er leise und +tastete. + +"Einen Urlaub hat der Marchese verlangt?" verwunderte er sich. "Ich +daechte, seinen Abschied? Achilles zuernt im Zelte, so hoerte ich." + +"Davon weiss ich nichts, und das glaube ich nicht, Heiliger Vater", +entgegnete Victoria und warf mit einer stolzen Gebaerde das Haupt +zurueck. "Warum seinen Abschied?" + +"Nicht wegen einer rosigen Briseis, Madonna", antwortete Clemens +aergerlich mit einem frostigen Scherze, "sondern geprellt um einen +erbeuteten Koenig und um die Thuerme von Sora und Carpi." + +Damit spielte der Papst auf zwei bekannte Thatsachen an. Der +Vicekoenig von Neapel hatte bei Pavia, Pescara zuvorkommend, den Degen +des franzoesischen Koenigs in Empfang und damit die Ehre vorweggenommen, +die erlauchte Beute nach Spanien fuehren zu duerfen. Und dann hatte +der Kaiser Sora und Carpi den begehrlichen Colonnen, den eigenen +Verwandten der Victoria geschenkt, nicht seinem grossen Feldherrn, +welcher ebenfalls einen Blick danach geworfen. + +Victoria erroethete unwillig. "Heiliger Vater, Ihr denkt gering von +meinem Gemahl. Ihr stellet Euch einen kleinlichen Pescara vor: gebet +mir Urlaub, damit ich reise und mich ueberzeuge, dass euer Pescara +nicht mein Pescara ist. Ich habe Eile, vor den wahren zu treten." + +Sie erhob sich und stand gross vor dem Papste, aber schon verbeugte +sie sich wieder tief mit demuethiger Gebaerde, um seinen Segen flehend. +Da bat er sie, sich wiederum zu setzen, und sie gehorchte. Clemens +durfte sich die Gelegenheit nicht entrinnen lassen, Pescara durch den +geliebten Mund seines Weibes zum Abfalle zu bereden. Dass aber mit +Anspielungen und Vorbereitungen bei der Colonna, wie er sie vor sich +sah, nichts gethan waere, begriff er leicht: entweder wuerde sie sich +gegen das Zweideutige aufbaeumen oder es als etwas Unverstaendliches +und Nichtiges unbesehen in den Winkel werfen. Er musste dieser wahren +und auf Wahrheit dringenden Natur die Sache in klaren Umrissen +vorzeichnen und in ein volles Licht stellen, damit sie dieselbe ihres +Blickes wuerdige. Das ging ihm gegen seine Art, und er that einen +schweren Seufzer. + +Da fand er eine Auskunft, die nicht ohne Geist und List war. Er +fragte Victoria mit einer harmlosen Miene, waehrend er die Hand mit +dem Fischerring auf ein in blauen Sammet gebundenes Buch mit +vergoldeten Schloessern legte: "Spinnst du wieder etwas Poetisches, +geliebte Tochter? Wahrlich, ich bin ein Verehrer deiner Muse, weil +sie sich mit dem Guten und Heiligen beschaeftigt. Und ich liebe sie +insbesondere, wo sie moralische Fragen stellt und beantwortet. Aber +das schwerste sittliche Problem hast du noch in keinem deiner Sonette +behandelt. Weisst du, welches ich meine, Victoria Colonna?" + +Diese wunderte sich nicht ueber den ploetzlichen Einfall des Heiligen +Vaters, weil sie hier auf dem eigenen Boden stand und, bei ihrem +schon gefeierten Namen, Gelehrte und Laien wohl nicht selten aehnliche +Fragen an sie richten mochten. Sie fuehlte sich und erhob den +schlanken Leib kampflustig, waehrend sich ihre Augen mit Licht fuellten. +"Der groesste sittliche Streit", sagte sie ohne Besinnen, "ist der +zwischen zwei hoechsten Pflichten." + +Jetzt hatte der Heilige Vater Fahrwasser gewonnen. "So ist es", +bekraeftigte er mit theologischem Ernste. "Das heisst: scheinbar +hoechsten, denn eine der beiden ist immer die hoehere, sonst gaebe es +keine sittliche Weltordnung. Ich flehe zu Gott und seinen Heiligen, +dass sie dir beistehen und dich die hoehere Pflicht erkennen lassen, +damit du sie der geringem vorziehest, du und dein Gatte, denn siehe, +dieser grosse und schwere Kampf wird an euch Beide herantreten." + +Victoria erblasste, da ihr die akademische Frage ploetzlich in das +lebendige Fleisch schnitt, der Heilige Vater aber redete feierlich: +"Hoere mich, meine Tochter! Alles, was ich dir jetzt zu sagen habe, +ist auch dem Marchese gesagt, den meine Worte durch dich erreichen. +Vernimm es: der Heilige Stuhl trennt sich zu dieser Stunde von der +kaiserlichen Majestaet und bietet ihr die Spitze. Ich handle so als +Fuerst und als Hirte. Als Fuerst: weil heute die Schicksalsstunde +Italiens ist. Lassen wir sie verrinnen, so verfallen wir +italienischen Fuersten alle auf Jahrhunderte hinaus dem spanischen +Joche. Frage, wen du willst: so urtheilen alle Einsichtigen. Aber +auch als hoechster Hirte. Ersteht in jenem raethselhaften Juengling, der +Voelker in seinem Blut und auf seinem Haupte Kronen vereinigt, der +alte Kaisergedanke, so ist die ganze leidenvolle Arbeit meiner +heiligen Vorgaenger umsonst gewesen, und die Kirche wird durch die +neue Staatskunst enger gefesselt und tiefer gedemuethigt als von den +eisernen Faeusten jener fabelhaften germanischen Ungetueme, der Salier +und der Staufen. So steht es. Blieb dir fremd, was Italien mit +Furcht und Hoffnung erfuellt?" + +"Der Marchese will es nicht glauben", sagte Victoria mit einem +schnellen Erroethen. Der Heilige Vater laechelte. "Heiligkeit vergesse +nicht", laechelte sie ebenfalls, "ich bin eine Colonna, das ist eine +Ghibellinin." + +"Du bist eine Roemerin, meine Tochter, und eine Christin", wies sie +Clemens zurecht. + +Es entstand eine Pause. Dann fragte sie: "Und Pescara?" + +"Pescara", antwortete der Papst und daempfte die Stimme, "ist eher +mein Unterthan als derjenige des Kaisers. Denn er ist ein +Neapolitaner, und ich bin der Lehensherr von Neapel. Glaube nicht, +Victoria, dass ich leichthin rede. Wie duerfte ich es, da ich das +Gewissen der Welt bin? Wahrlich, ich sage dir: in schlaflosen +Naechten und bekuemmerten Fruehstunden habe ich mein Recht auf Pescara +geprueft. Meiner politischen Vernunft misstrauend, habe ich die zwei +groessten Rechtsgelehrten Italiens zu Rate gezogen, Accolti und... hm... +den zweiten." + +Der Papst zerdrueckte den Namen klueglich auf der Zunge, da ihm noch +zur rechten Zeit einfiel, dieser zweite Rechtsgelehrte, der Bischof +von Cervia, geniesse des Rufes der schamlosesten Kaeuflichkeit. +"Beide"--Clemens klopfte mit dem Fischerring auf das blaue +Buch--"stimmen zusammen, dass Pescara, nach strengem Rechte betrachtet, +viel mehr mein Mann sei als der des Kaisers, und beide erinnern mich +daran, dass ich ueberdies, kraft meines Schluesselamtes, jetzt, da der +Kaiser mein Feind wird, die Macht besitze, den Marchese eines Eides +zu entbinden, den er einem Feinde des Heiliges Stuhles geschworen hat." + +Der Papst hatte sich langsam erhoben. "Und so tue ich!" sagte er +priesterlich. "Ich loese Ferdinand Avalos vom Kaiser und zerbreche +seine Treue. Ich ernenne den Marchese von Pescara zum Gonfaloniere +der Kirche und zum Feldherrn der Liga, welche die Heilige heisst, weil +Christus in der Person seines Nachfolgers an ihrer Spitze steht." +Der Papst hielt inne. + +Jetzt hob er die rechte und die linke Hand in gleicher Hoehe, als +hielten sie eine Krone ueber dem Haupte der Colonna, die, von Staunen +ueberwaeltigt, auf die Knie sank, und sprach mit lauter Stimme: "Die +Verdienste meines Gonfaloniere um mich und die Heilige Kirche voraus +belohnend, kroene ich Ferdinand Avalos Marchese von Pescara zum Koenige +von Neapel!" Die junge Koenigin erbebte vor Freude. Sie glaubte eine +Krone zu verdienen. Sprachlos, mit brennenden Wangen empfing sie den +Segen. Dann stand sie auf und ging, in gemessenen, aber eiligen +Schritten, als koenne sie es nicht erwarten, dem erhoehten Gemahl seine +Krone zu bringen. + +Der Heilige Vater, selbst aufgeregt, folgte ihr so hastig, dass er +beinahe einen Pantoffel verloren haette. An der Schwelle erreichte er +sie und wollte ihr den Band von blauem Sammet bieten. "Fuer den +Marchese", sagte er. + +Da erblickte er hinter ihr Guicciardin mit Morone, die vielleicht ein +bisschen an der Tuere gehorcht hatten. Victoria mit strahlenden Augen +voll gluehender Wonne erschien dem Kanzler als ein solches Wunder, dass +er fast von Besinnung kam. Rasch gesammelt aber flehte er den Papst +an: "Die Heiligkeit mache mich Unheiligen bekannt mit der himmlischen +Victoria!", worauf Clemens ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter +gab und ihn mit den Worten vorstellte: "Der Kanzler von Mailand, ein +Weltkind, auf das sich der Heilige Geist herabzulassen beginnt!" +Dann wisperte er Viktorien ins Ohr: "Morone, Buffone." + +Diese verschwand in der Verwirrung ihres Glueckes, waehrend der Papst +in der seinigen das wichtige blaue Buch zurueckbehielt, denn er war +noch ganz berauscht von der kuehnen symbolischen That, zu welcher ihn +der Anblick der schoenen Frau hingerissen hatte. Nun fuehlte er doch, +dass er das Gleichgewicht verloren; er wies mit einer Handbewegung den +Besuch des Florentiners und des Lombarden ab und trat in die +Raffaelische Kammer zurueck. + +Die beiden nicht Empfangenen sahen sich einen Augenblick an, dann +ergriff Guicciardin lachend den Arm des Kanzlers und zog ihn +sanftgestufte Treppen hinunter in die Vatikanischen Gaerten, deren +Schattengaenge sie nicht aufzusuchen brauchten, denn der Himmel hatte +sich mit schwarzen Wolken bedeckt. + +"Eigentlich", plauderte Guicciardin, "mag ich den Alten leiden. So +fein er spinnt und so bedacht er redet, ist er doch innerlich ein +leidenschaftlicher, ein zorniger Mensch wie ich, und jetzt hoechst +aufgeregt, weil er der Colonna unsere gefaehrliche Heimlichkeit +geoffenbart hat. Du in deiner Verzueckung hast es freilich nicht +gesehen, wie er ihr die Gutachten des Accolti und des Angelo de Cesis +in die Hand druecken wollte. Zwei kaeufliche Schurken, die den Meineid +mit Bibelstellen belegen! UEbrigens ist es ein starkes Ding, dass +Clemens in seinen alten Tagen so Kuehnes und Folgenschweres unternimmt, +und noch mehr, er unternimmt es mit tiefem Misstrauen gegen sich +selbst, ohne Glauben an seinen Stern, denn er haelt sich heimlich fuer +einen Pechvogel. Das ist schlimm. Da war denn doch der Leo ein +anderer, immer strahlend und triumphierend, und darum immer gluecklich, +waehrend die gegenwaertige Heiligkeit, wie sie mir neulich im Tone des +Jeremias prophezeite, die Ewige Stadt schon gepluendert und aus diesen +Daechern"--er wies auf den Vatikan--"Rauch und Flamme steigen sieht. +Dennoch beginnt er den Kampf gegen den Kaiser, und das rechne ich ihm +hoch an, ob es ihm auch zuerst um sein Florenz zu thun ist. Er hat +noch Blut in den Adern und knirscht die Zaehne, soviel ihm geblieben +sind, wenn er den hochmuetigen spanischen Adel auf dem Kapitole +stolzieren sieht wie in Neapel oder Bruessel. Aber wohin traeumst du, +Kanzler? Von dem Weibe? Natuerlich." + +"Ich will zu der Roemerin reden wie ein alter Roemer!" rief der Kanzler. + +"Schoen! Nur huete dich, dass du in der Begeisterung nicht deinen +klassischen Bocksfuss unter der Toga hervorstreckest. Sei zuechtig, +mache grosse Worte und packe sie fest an ihrer Eitelkeit!" + +"An ihrem Herzen will ich sie packen!" + +"Das heisst, an ihrer Tintenflasche, denn die Herzen schreibender +Weiber sind mit Tinte gefuellt", laesterte der schmaehsuechtige +Florentiner. "Aber weisst du, Kanzler"--und Guicciardin kniff ihn +kraeftig in den Arm--"dass es nicht der Heilige Vater allein ist, den +unsere Unternehmung schlaflos macht. Auch ich habe in dieser Woche +noch kein Auge geschlossen. Immer muss ich mir diesen Pescara +zurechtdenken. Auf seinen Groll gegen den Kaiser gebe ich nichts: +sie koennen sich ueber Nacht versoehnen. Ebensowenig auf den Einfluss +des Weibes. Sie wird ihm die Botschaft des Papstes ausrichten duerfen: +weiter wird er nicht auf sie hoeren. Aber ich glaube auch nicht an +seine feudale Treue. Pescara ist kein Cid Campeador, oder wie die +Spanier ihren loyalen Helden nennen, dafuer ist er zu sehr ein Sohn +Italiens und des Jahrhunderts. Er glaubt nur an die Macht und an die +einzige Pflicht der grossen Menschen, ihren vollen Wuchs zu erreichen +mit den Mitteln und an den Aufgaben der Zeit. So ist er und so passt +er uns. Unfehlbar, er wird unsere Beute und wir die seinige. +Dennoch... lache mich aus, Morone... etwas umhaucht mich: ich wittere +Verborgenes oder Geheimgehaltenes, etwas Wesentliches oder auch etwas +Zufaelliges, etwas Koerperliches oder einen Zug seiner Seele, kurz, ein +unbekanntes Hindernis, das uns den Weg vertritt und unsere genaue +Rechnung faelscht und vereitelt." + +"Aber", sagte Morone nachdenklich werdend, "wenn er so ist, wie du +ihn nimmst, und wenn die Thatsachen liegen, wie wir sie kennen, aus +welcher Geisterquelle sollte denn jenes Feindselige aufsteigen?" + +"Ich weiss es nicht! Nur--von diesem Pescara geht der Ruf, er +verstehe es, einen stuermenden Feind alle Hoehen erklimmen zu lassen, +um ihm dann ploetzlich einen letzten mit Feuerschluenden besetzten und +ihn zerschmetternden Wall entgegenzustellen. Wenn in seinem Innern +ein solcher Wall gegen uns emporstiege, gerade im Augenblicke, da wir +glauben, seine Seele bewaeltigt zu haben? Doch weg mit dem Spuk, der +nichts ist als die Schwuele vor dem Gewitter, die natuerliche Angst und +Ungewissheit, die jedem grossen und gefaehrlichen Unternehmen vorangeht." + +Ein Blitz flammte ueber den Vatikan. Er stand in weissem Feuer und +zeigte die schoenen Verhaeltnisse der neuen Baukunst. Unter dem Rollen +des Donners verloren sich die zweie zwischen den Saeulen eines +Portikus, Guicciardin betroffen und sich fragend, was das Omen +bedeute, der Kanzler unbekuemmert um den Himmel und seine Zeichen, +denn er sah sich schon zu den Fuessen der Colonna. + +Diese hatte im Taumel ihrer Begeisterung den Vatikan ueber die naechste +seiner zahlreichen Treppen und durch eines seiner Nebentore verlassen. +Saenfte und Gefolge, welche sie an der Hauptpforte vergeblich +erwarteten, hatte sie vergessen und wandelte, mehr von ihrem +ehrgeizigen Traume getragen als von dem aufziehenden Gewitter gejagt, +mit bewegten Gewanden nach ihrem Palast am Apostelplatze zurueck. Sie +schritt mit einer geraubten Krone wie die erste Tullia, nicht ueber +den Leichnam des Vaters, sondern ueber die gemeuchelte Staatstreue: +denn die Tochter des Fabricius Colonna und die Gattin Pescaras war +eine Neapolitanerin und die Unterthanin Karls des Fuenften, des Koenigs +von Neapel. + +Die kroenende Gebaerde des Papstes hatte sie ueberwaeltigt. Gewoehnung +und Umgebung, der Glaube der Jahrhunderte und die ueberlieferten +Formen der Froemmigkeit liessen sie in dem Haupte der Kirche, so +entartet diese sein mochte, immer noch eine Werkstaette des goettlichen +Willens und ein Gefaess der hoechsten Ratschluesse erblicken--und wie +haette das eigene Selbstgefuehl und mehr noch der Stolz auf den Wert +ihres Gatten sie zweifeln lassen an dem paepstlichen Rechte, auf das +wuerdigste Haupt eine Krone zu setzen? So konnte ihr die anmassende +Handlung des Mediceers trotz der veraenderten Zeiten als ein Ausspruch +der Gottheit erscheinen. + +Die neue Koenigin ohne Gefolge hatte den Borgo durcheilt, die +Engelsbruecke ueberschritten und ging nun schon durch die "gerade +Gasse", wie sie hiess, im Gelaerme der Menge. Diese gab der Colonna +ehrerbietig Raum, ohne zu erstaunen ueber den unbegleiteten Gang und +die eilenden Fuesse der erlauchten Frau, welche jetzt der dem Gewitter +vorangehende Sturm befluegelte. Nach und nach aber verlangsamten sich +ihre Schritte in dem dichter werdenden Gewuehle der nicht breiten +Strasse, obwohl der schmale Himmel darueber immer dunkler und drohender +wurde. + +Da erblickte sie ueber die Menge hinweg eine Kavalkade. Herren der +spanischen Gesandtschaft begleiteten, wohl zu einer Audienz im +Vatikan, den dritten kaiserlichen Feldherrn in der Lombardei, Leyva. +Dieser vormalige Stallmeister, der Sohn eines Schenkwirts und einer +Dirne, den ein knechtischer Ehrgeiz und ein eiserner Wille +emporgebracht, hatte einen plumpen Koerper und das Gesicht eines +Bullenbeissers, denn Stirn, Nase und Lippe waren ihm von demselben +Schwerthiebe gespaltet. Neben ihm auf einem herrlichen andalusischen +Vollblute ritt, in einen weissen Mantel gehuellt, ein vornehmer Mann +mit braunem Kopf und energischen Zuegen, welcher jetzt mit einer +devoten Verbeugung Viktorien zu gruessen schien; aber er hatte sich nur +vor den steinernen Heiligen einer nahen Kirche verneigt. + +War es die grelle Gewitterbeleuchtung oder die gemessen feindselige +Haltung der Herren in einer Stadt, von deren dreigekroentem Gebieter +sie ihren Koenig insgeheim verraten wussten, oder war es Victorias +erregte Einbildungskraft, sie sah und fuehlte in der Grandezza der +Reiter und Rosse, den in die Huefte gesetzten Armen, den veraechtlich +halb ueber die Schulter auf die Romulussoehne niedergleitenden Blicken +und bis in die steifen Bartspitzen den Hohn und die Beleidigung der +beginnenden spanischen Weltherrschaft, sie empfand Grauen und Ekel, +und ein toedlicher Hass regte sich in ihrem roemischen Busen gegen diese +fremden Raeuber und hochfahrenden Abenteurer, welche die neue und die +alte Erde zusammen erbeuteten. Warum war der junge Kaiser zugleich +der Koenig dieser ruchlosen Nation, in deren Adern maurisches Blut +floss und die Italien mit ihren Borjas vergiftet hatte? + +Sonst haette sie wohl der uralte Familiengeist ihres gibellinischen +Geschlechtes, das jahrhundertelang seinen Vorteil darin gefunden +hatte, der kaiserlichen Sache ohne Gehorsam zu dienen, an Karl +gefesselt, aber nein, nicht an diesen Kaiser, auch wenn er kein +Spanier gewesen waere. Sie konnte sich nichts machen aus dem +undeutlichen Knaben, den sie nie von Angesicht gesehen, weder sie +noch irgendwer in Italien, das jener zu betreten zoegerte. + +Einen Brief freilich hatte er an sie geschrieben nach dem Siege von +Pavia, um sie zu beglueckwuenschen, dass sie die Gattin Pescaras sei. +Aber gerade in diesen kargen Zeilen schien sich ein kuemmerliches +Gemuet zu spiegeln, und was der grossgesinnten Frau am meisten missfiel, +war die in ihren Augen aengstliche und froemmelnde Demut, mit welcher +der junge Kaiser Gott und seinen Heiligen die ganze Ehre des Sieges +gab. Obwohl selbst dem Himmel dankbar, schaetzte Victoria solche +Demut gering an einem Manne und an einem Herrscher. War hier nicht +das Gestaendnis, dass der begeisternde Sieg den Fernstehenden kuehl +gelassen hatte, ja, war hier nicht die kleinliche Absicht, den +Lorbeer Pescaras zu schmaelern? Darum musste der Himmel alles gethan +haben. Victoria aber war brennend eifersuechtig auf den Ruhm ihres +Gatten. Und wie ungrossmuetig hatte sich Karl erwiesen! Er hatte es +ueber sich gebracht, dem Feldherrn, welchem er Italien verdankte, zwei +armselige italienische Staedtchen zu verweigern! Nein, einen so +kleinen Menschen konnte man gar nicht verraten, man konnte hoechstens +von ihm abfallen und ihn fahrenlassen. + +Jetzt blendete sie ein gewaltiger Blitz, derselbe, der den Kanzler +und Guicciardin unter die Daecher des Vatikans zurueckgetrieben, und +eben da der Regen zu stuerzen begann, erreichte sie, rechts durch ein +Seitengaesschen biegend, die dunkeln Stufen des Pantheon und seine +erhabene Vorhalle. Ohne das Innere des machtvollen Tempels zu +betreten, lehnte sie, die entstehende Kuehle einatmend, an eine der +enge zusammengerueckten gewaltigen Saeulen, und unter dem Vordache des +alten Bauwerkes kehrte ihr Geist in ein noch frueheres Altertum zurueck, +dessen Tugenden die fluessige Bildkraft des Jahrhunderts +verherrlichte, ohne sie zu besitzen oder auch nur begreifen zu koennen +in ihrer eintoenigen Starrheit und strengen Wirklichkeit. + +Jene tugendhaften Lucretien und Cornelien traten ihr wie Schwestern +vor das altertumstrunkene Auge, trug sie doch zwei Namen, die beide +so roemisch als moeglich klangen, und war ihr doch wie jenen hohen +Frauen das weiblich Boese unbekannt. Jene schlichten und stolzen +Geschoepfe hatten die Eroberer der Welt geboren, Virgils grossartiges +"Tu regere imperio", das sie sich wie oft schon vorgesagt hatte, +ueberwaeltigte sie jetzt bis zu den Traenen. Sie betrat den Tempel und +warf sich nieder in der Mitte desselben unter der wetterleuchtenden +Woelbung und rang die Haende und flehte, dass Rom und Italien nicht +versinke in das Grab der Knechtschaft. Sie flehte in den +christlichen Himmel hinauf und nicht minder zu dem Olympier, der ueber +ihr donnerte, zu alle dem, was da rettet und Macht hat, mit der +wunderlichen und doch so natuerlichen Goettermischung der +UEbergangszeiten. + +Da sie das Pantheon verliess--wie lange sie auf den Knien gelegen, +wusste sie nicht--heiterte sich der italienische Himmel eben wieder +auf, und in ihrem gewoehnlichen Wandel, leicht und gemessen, beendigte +sie den Weg nach ihrem Palaste. + +Jetzt kehrten ihre Gedanken zu Pescara zurueck. Nicht diese ihre +Frauenhaende konnten den Spanier verjagen, sondern nur er vermochte es, +welcher in jeder der seinigen einen Sieg hielt, wenn sie und die +Umstaende ihn dazu ueberredeten. Durfte sie es hoffen? Hatte sie +solche Gewalt ueber ihn? Und Victoria musste sich sagen, dass sie trotz +ihrer langen und trauten Ehe den innersten Pescara nicht kenne. Sie +wusste sein Angesicht, seine Gebaerde, die kleinste seiner Gewohnheiten +auswendig. Dass der Enthaltsame ihr treu sei, glaubte sie und +taeuschte sich nicht. Dass er sie anbetete und als sein hoechstes Gut +mit der aeussersten Liebe und Sorgfalt hegte, zaertlich und +verehrungsvoll zugleich, darauf war sie stolz. In den seligen +Stunden ihres kurzen, stets wieder von Feldzug und Lager aufgehobenen +Zusammenseins warf er Plaene und Karten und seinen Livius weg, um sein +Weib und gemeinsam mit ihr Meerblaeue und wandernde Segel zu +betrachten. Er spielte mit ihr Schach, und sie gewann. Er bat sie, +die Laute zu schlagen, schloss die Augen und lauschte. Er gab ihr fuer +ihre Sonette spitzfindige Themata auf und verschaerfte zuweilen den +Umriss ihrer allgemeinen Gedanken und weiten Wendungen, denn er selbst +hatte frueher, in der unfreiwilligen Musse einer Gefangenschaft--und +wahrhaftig gar nicht uebel fuer einen Geharnischten--zur Verherrlichung +Victorias einen "Triumph der Liebe" gedichtet. + +Seine Siege aber erzaehlte er, jung wie er war und groesserer gewaertig, +seinem Weibe niemals, da er sie, wie er sagte, weder langweilen noch +mit Blut bespritzen wolle, denn ein Feldzug sei eine lange +Geduldsprobe, die zu der roten Lache einer Schlachtbank fuehre. Von +Politik sprach er ihr nur gar nicht, weder von Vergangenem noch von +Schwebendem, obwohl ihm einmal das Wort entschluepfte, Menschen und +Dinge mit unsichtbaren Haenden zu lenken, sei das Feinste des Lebens, +und wer das einmal kenne, moege von nichts anderem mehr kosten. Doch +gewoehnlich meinte er, Politik sei ein schmutziger Markt und sein Weib +duerfe nicht einmal die helle Spitze ihres Fusses in den ekeln Sumpf +tauchen. + +So gestand sich Victoria, dass ihr der alles untaeuschbar +durchblickende Pescara undurchdringlich und sein Denken und Glauben +verschlossen sei. + +War das recht? Durfte es fuer sie verbotene Tueren und verschlossene +Kammern geben in der Seele ihres Mannes? Nach den Plaenen des +Feldherrn und den Raenken des Staatsmannes war sie nicht begierig, +aber sie verlangte eingeweiht zu werden in seinen Ehrgeiz und in sein +Gewissen. Und jetzt, da Pescara vor einer ungeheuren Entscheidung +stand, nein, jetzt liess sie sich nicht abschuetteln von seinem +kaempfenden Herzen, nicht abspeisen mit einer Liebkosung oder einem +Scherze, jetzt wollte sie mitraten und mithandeln. Hatte sie ihm +nicht eine frische Seele und eine reine Jugend gebracht? War sie +nicht eine Colonna? Brachte sie nicht heute eine Krone? Ob er diese +zurueckweise, ob er sie aus ihren Haenden nehme und sie sich aufs Haupt +setze, hier wollte sie seine Mitschuldige oder seine Mitentsagende +sein, ein bewusster Teil seiner verschwiegenen Seele. Waere sie schon +bei Pescara! Herz und Sohlen brannten ihr vor Ungeduld, und schon +durchschritt sie den Apostelplatz, wo ihr ein geharnischter Juengling +entgegentrat, der unter dem Tor ihres Palastes auf sie gewartet hatte. + +"Ich war um Euch in Sorge, erlauchte Frau", begruesste er sie, "da Eure +Saenfte und Eure Leute ohne Euch aus dem Vatikan zurueckgekehrt sind. +Nun, da seid Ihr ja, Patin, wenn ich Euch so nennen darf, wie ich von +jung an gewohnt war und es auch mein gutes Recht ist." Ohne Antwort +zu geben, stieg sie mit ihm die Treppen hinan, kaum auf seinen +dargebotenen Arm sich lehnend. + +Diesen gewoehnlichen Dienst von ihm anzunehmen, durfte sie sich nicht +weigern, was sie auch gegen ihn haben mochte. Denn Del Guasto--so +hiess der Juengling--war der Neffe Pescaras und wie er ein Avalos. Der +fuenfzehnjaehrige Pescara und die gleichaltrige Victoria hatten den +Knaben gemeinsam aus der Taufe gehoben. So hatte es der Vater +Victorias, der Feldherr Fabricius Colonna, veranstaltet, um seine +zwei Lieblinge, den jungen Krieger und sein aufgebluehtes Kind, +zusammen vor einen Taufstein zu stellen und die beiden Gesichter und +Gestalten sich einander erblicken zu lassen. + +Spaeter nahm Victoria den wohlgebildeten und feurigen Knaben, der in +seinem kostbaren Taufhaeubchen ihre Ehe mit Pescara gestiftet und dem +die Eltern frueh wegstarben, an Kindes Statt. Waere er nur ein Knabe +geblieben! Mit der Weichheit seiner Zuege aber verlor er auch die +Liebenswuerdigkeit seiner Seele. Das schoene Profil bekam einen +Geierblick und den immer schaerfer sich biegenden Umriss eines +Raubvogels, und die sich offenbarende Unbarmherzigkeit begann +Victoria zu befremden und abzustossen. Pescara hatte ihn dann in den +Krieg entfuehrt, und in der einzigen Schule des von ihm vergoetterten +Feldherrn war er zu dem verwegenen Soldaten erwachsen, der in der +Schlacht von Pavia durch Niederlegung der Parkmauer den Sieg begann, +aber auch zu dem harten, grausamen Menschen, der auf dem vorjaehrigen +schnellen Rueckzug aus der Provence ein Haus, in dessen Keller ein +Dutzend seiner Leute sich verspaetet hatten, ohne mit der Wimper zu +zucken, anzuenden und in Flammen aufgehen liess. + +Doch Victoria hatte ihm Schlimmeres vorzuwerfen, einen Frevel, der +die Frau in ihr empoerte, und davon sollte er nun hoeren, jetzt, da er +zum ersten Male seit diesem juengsten Verbrechen vor ihr stand. Sie +erkundigte sich, ob er von Pescara komme und was er bringe. Er +antwortete, dass er da sei, um die Herrin nach Novara zu geleiten. Er +glaube zu wissen, dass sein Anblick der Herrin missfalle, habe aber den +Auftrag des Feldherrn nicht ablehnen duerfen, der die Marchesa nur dem +sichersten Schwerte anvertrauen wolle. Denn die Strasse werde ebenso +unsicher wie die Weltlage, und er muesse die Marchesa ersuchen, sich +morgen in der Fruehe bereitzuhalten, er brenne, ins Lager +zurueckzukehren, wo jeder naechste Moment den Krieg bringen koenne, und +da duerfe er nicht fehlen. Der Mailaender, Venedig, die Heiligkeit +beteuern in die Wette ihre friedlichen Gesinnungen: also stehe der +Kampf bevor. "Das wissen wir lange schon, es ist nur eine Frage des +guenstigen Augenblickes. Aber"--er trat einen Schritt zurueck--"etwas +anderes, etwas Neues, etwas Ungeheures habe ich auf meiner Reise +durch Mittelitalien gehoert, und ich brauchte nicht einmal zu lauschen. +In Staedten und Herbergen rauschte es oeffentlich wie die Brunnen auf +den Plaetzen. Freilich reiste ich unter fremdem Namen und mit nur +einem Diener." Er hielt inne und blickte mit brennenden Augen, als +verfolge er die spannende Wendung einer Jagd oder einen in +Monddaemmerung kriechenden Hinterhalt. + +"Redet, Don Juan", fluesterte Victoria. + +"Fuer Euch, Madonna, die aus dem Vatikan zurueckkehrt, gibt es kein +Geheimnis, und es ist nicht einmal eines, sondern, wie ich sagte, ein +oeffentliches Gefluester, ein schadenfrohes, rachsuechtiges Gekicher, +ein kaum unterdrueckter, italienischer Jubel, eine allgemeine +patriotische Rede und Ermunterung, von der ich die groesste Eile habe, +den Feldherrn zu unterrichten. Denn noch weiss er nichts davon. Wie +ich meine", fuegte er argwoehnisch bei. + +Victoria erbleichte. "Was wird gefluestert", fragte sie beklommen, +"und ueber wen? doch nicht ueber Pescara?" + +"Von ihm. Er ist ueberall. Sie sagen"--er daempfte die Stimme--"der +Feldherr loese sich vom Kaiser und unterhandle mit der Heiligkeit und +den italienischen Maechten." + +Victoria erschrak ueber den gluehend sinnlichen Ausdruck seines +Gesichtes. "Und Pescara..." sagte sie undeutlich. + +"Wie ich den Feldherrn beneide!" traeumte Don Juan. "Welche +Aufregungen, welche Genuesse! Italia wirft sich ihm in die Arme... er +wird sie liebkosen, unterjochen und wegwerfen... oh, er wird mit ihr +spielen wie die Katze mit der Maus!", und er machte mit der Rechten +eine haschende Gebaerde. + +Ein flammender Zorn uebermochte die Colonna. "Verworfener", rief sie, +"habe ich dich gefragt, wie Pescara thun wuerde? Bist du der Mensch, +es zu wissen? Habe ich dir erlaubt, an ihm herumzudeuten?... Wie +die Katze mit der Maus... abscheulich! So hast du mit Julien +gespielt, Ehrloser!" + +Diese Julia stammte aus einem edeln novaresischen Geschlechte und war +die Enkelin des gelehrten Arztes Messer Numa Dati, welcher die +Speerwunde Pescaras geheilt hatte. Del Guasto, der im Hause des +Arztes Quartier genommen, hatte das Maedchen missleitet und die Wohnung +gewechselt. Die Preisgegebene war dann, von Scham vernichtet, vor +dem arglosen Antlitz ihres Grossvaters von Novara weit weg in ein +roemisches Kloster geflohen und hatte die maechtige Colonna auf den +Knien angefleht, sich ihrer zu erbarmen und ihre Ehre herzustellen. + +Da ihn Victoria einen Ehrlosen hiess, biss sich Don Juan die Lippe. +"Sachte, Herrin", sagte er, "waeget Eure Worte. Ich bin kein Ehrloser, +sondern ich waere es, wenn ich Julien nicht verlassen haette. Ich +rede nicht von dem Unterschiede des Blutes eines Avalos und einer +Dati, sondern einfach davon, dass mir wie jedem Manne keine Gefallene, +sondern eine Unschuldige zur Braut geziemt." + +Victorias menschliches Herz empoerte sich. "Du bist es, der die +AErmste mit deinen Liebkosungen und Beteuerungen, ja vielleicht gar +mit falschen Geluebden und Eiden zu Falle gebracht! Bist du es nicht? +Kannst du es leugnen?" + +Er erwiderte: "Ich leugne es nicht, aber es war mein Kriegsrecht, +denn Krieg ist zwischen dem maennlichen Willen und der weiblichen +Unschuld. Ich versuchte sie, ja. Warum widerstand sie nicht? Warum +gab sie sich? Warum beschuldigt Ihr mich, dass sie schwach war und +dass ich sie jetzt verachte und verschmaehe?" + +Victoria erstarrte vor Entsetzen. "Ruchloser!" stoehnte sie. + +"Madonna", kuerzte der Juengling das Gespraech, "das ist eine peinliche +Unterhaltung, und Ihr tut mir leid dabei. Ich schlage Euch ein +Tribunal vor. In Novara angelangt, treten wir vor den Feldherrn, und +Ihr verklaget mich. Ich werde mich rechtfertigen, und der Feldherr, +der die Welt und ihre Ordnungen kennt, wird mich freisprechen, wie +ich denke. Jetzt verlasse ich Euch. Ich habe noch Leute zu werben, +denn ohne eine starke Bedeckung wage ich in diesen unruhigen Zeiten +nicht fuer Euch zu haften." Er verbeugte sich und verliess sie hohen +Hauptes. + +Victoria wendete sich unwillig und waehlte den entgegengesetzten +Ausgang. Sie bedurfte Kuehlung und stieg in den Garten hinab. Mit +dem letzten Tageslichte betrat sie den hinter dem Palaste liegenden +Raum, welcher, von hohen Mauern eingehuellt, voller Lorbeer und Myrte +war und den der nachtroepfelnde Regen erfrischte. Ihre Schritte +suchten das den Garten abschliessende Kasino. + +Die Helle genuegte noch, wenn auch mit Muehe die Lettern zu +unterscheiden in dem Evangelienbuche, welches sie im Vorbeigehen aus +der Bibliothek genommen und vor das sie sich gesetzt hatte, die heisse +Stirne in den gefalteten Haenden. Ganz erfuellt von dem Schicksale +Juliens und dem groessern Pescaras, durchlief sie mit den Augen +gedankenlos die aufgeschlagene Seite und atmete in vollen Zuegen die +erfrischte Luft. Nach einer Weile wurde sie sich dessen bewusst, was +sie las: es war die dreimalige Versuchung des Herrn durch den Daemon +in der Wueste. Sie las weniger mit dem leiblichen als dem geistigen +Auge, was sie von Kind an auswendig wusste. + +Sie sah den Daemon vor den Heiland treten, welcher das einfache Wort +der Treue und des Gehorsams den Sophismen des Versuchers +entgegenhielt. Als der Versucher heftiger draengte, deutete des +Menschen Sohn auf die Stelle seiner kuenftigen Speerwunde... Da +wandelte sich das weisse Kleid in einen hellen Harnisch, und die +friedfertige Rechte bepanzerte sich. Nun war es Pescara, der die +Hand ueber seine durchschimmernde Wunde legte, waehrend der Daemon jetzt +einen langen schwarzen Juristenrock trug und sich wie ein Gaukler +gebaerdete. So sah es die Colonna auf dem vor ihr liegenden +Bibelblatte. AErgerlich ueber das Spiel ihrer Sinne, that sie sich +Gewalt an und blickte auf. + +"Wer bist du, und was willst du?" rief sie erstaunt, und eine vor ihr +stehende dunkle Gestalt antwortete: "Ich bin Girolamo Morone und +komme zu reden mit Victoria Colonna." Victoria erinnerte sich, wen +ihr heute der Papst gezeigt hatte, und gewahrte jetzt auch den +einfuehrenden Diener. Dieser entflammte die ueber der Herrin +schwebende Ampel, rueckte dem Kanzler einen Schemel und entfernte sich, +waehrend die Marchesa in der entstehenden Helle das haessliche, aber +maechtige Gesicht ihres naechtlichen Gastes betrachtete, das ihr keinen +Widerwillen einfloesste. + +"Zu spaeter Stunde", sagte sie, "suchet Ihr mich; doch Ihr bringt mir +wohl einen Auftrag an meinen Herrn, zu welchem ich morgen in der +Fruehe verreise." + +"Vor Pescara denke ich bald selbst zu stehen", erwiderte Morone, "und +nicht von ihm werde ich Euch reden, sondern allein von Victoria +Colonna, welche ich mit ganz Italien verehre und anbete wie eine +Gottheit, der ich aber zuerne und gegen die ich Klage erhebe." + +Wer seid Ihr, um so mit mir zu sprechen? lag es auf den Lippen der +Marchesa, doch sie fragte rasch und warmbluetig: "Wessen klaget Ihr +mich an? Was ist meine Schuld, Morone?" + +"Dass Ihr Euer helles und begeisterndes Antlitz in Rollen und Buecher +vergrabet und unter Schatten und Fabeln lebet! Dass Ihr den ersten +Caesar verabscheut und dem neuesten huldigt, dass Ihr Troja beweinet +und Euer Volk vergesset, dass Euch Prometheus' Bande druecken und die +Fesseln Italiens nicht schmerzen! Drei Frauen haben sie geschmiedet!" + +"Welche dreie?" fragte sie. + +"Die erste war Beatrix Este. Wann ihr alternder Gemahl, der Mohr, +sie auf den schwellenden Mund kuesste, fluesterte sie, dass ihren blonden +Flechten ein Diadem anstuende, der kluge Mohr verstrickte sich in die +blonden Flechten und vergiftete seinen Neffen, den Erben von Mailand." + +"Die Schaendliche!" + +"Der welkende Knabe hatte ein stolzes und feuriges Weib, die +Aragonesin Isabelle, die Beatrix toedlich hasste, und mit ihren jungen, +kraeftigen Armen den siechen Knaben, ihren Gemahl, auf den +vorenthaltenen Thron heben wollte, sie beschwor und bestuermte ihren +Vater, den Koenig von Neapel, bis dieser den Mohren bedrohte." + +"AErmste!" + +"Der Mohr war sicher, solange der Gebieter von Florenz, der junge +Medici, dazwischen stand. Dieser war das Spielzeug seines schoenen +Weibes, der hochmuetigen Alfonsine Orsini, und das Weib uebermochte ihn, +dass der Tor dem Mohren Freundschaft und Buendnis kuendigte. Da rief +der Mohr den Fremden." + +"Unselige!" + +"Dreie haben Italien gefesselt. Die vierte, die Ihr seid, muss es +erloesen." + +"Kanzler, ich bin nicht das Weib eines Greises, noch eines Knaben, +noch eines Toren, noch eines andern von denen, die sich vom Weibe +beruecken lassen, und... ich begehre keine Krone." Sie erroetete und +wurde wie Purpur. + +"Herrin", sagte der Kanzler, "die Krone begehrt Euch. Erbarmt Euch +Eures Volkes, und vertretet es bei Pescara! Ich sage nicht: +liebkoset, umgarnet, verleitet ihn! Ich verschwoere mich nicht mit +Euch, ich verabrede keine Rollenteilung, ich lasse Euch reisen, ich +laufe mit Euch in die Wette, wer ihn zuerst erreiche. Und seid Ihr +die erste, so umfanget seine Knie und redet aus der Fuelle Eures +Herzens und flehet: Pescara! Ich bin Italien und liege zu deinen +Fuessen: erhebe mich und nimm mich an deine Brust!" + +Victoria war geruehrt, und auch der Kanzler vergoss Traenen. + +"Erlauchte Frau", sagte er, "wer bin ich, der so zu Euch reden darf! +Ich bin nicht wert, dass ich den Saum Eures Gewandes kuesse. Ludwig +der Mohr, mein allerguetigster Herr, hat mich in Mailand von der Gasse +aufgelesen und wie einen drolligen kleinen Pudel zu seinen Fuessen +spielen lassen. Da habe ich meine Erziehung genossen und an seinem +Hofe und spaeter in seinem Dienste das Gesicht und die Gebaerde meiner +Zeit, den ganzen ausgelassenen Triumphzug des Jahrhunderts betrachtet. + +Der arme Mohr! Sein Unstern und die Franzosen entfuehrten ihn nach +Loches, wo er zehn lange Jahre im Kerker schmachtete. In seinem +letzten habe ich ihn dort wiedergesehen; denn damals, durch die Macht +der Umstaende, befand ich mich in franzoesischem Dienste, und mich +verlangte nach dem Antlitz meines Wohltaeters. Da ich ihn erblickte, +erschrak ich und hatte Muehe, ihn zu kennen. Er sah wie ein Geist: +Kerker und Elend hatten seine Miene seltsam veredelt. Erst da er den +Mund oeffnete, fand ich mich wieder in ihm zurecht. Er laechelte und +sagte in seiner unvergleichlich feinen Weise: 'Bist du es, Girolamo? +Es ist huebsch von dir, dass du mich besuchest. Ich verarge dir nicht, +wenn du in den Dienst meines Feindes getreten bist. Die Umstaende +zwingen, und wie ich dich kenne, wirst du meinen Soehnen noch ein +treuer Freund und Berater sein, wenn das Rad der Fortuna sich +wiederum gedreht haben wird. Du bist nun ein gereifter Diplomat +geworden und verraetst keine schlechte Schule. Weisst du noch, wie ich +dir untersagte, dein komisches Gesicht wegzulegen und dein +Gebaerdenspiel zu maessigen, mit welchen du dir jetzt deine neuen +Freunde gewonnen hast?' + +So scherzte er eine Weile grossmuetig, dann aber redete er ernst und +sagte: 'Weisst du, Girolamo, was mich hier in meiner Musse beschaeftigt? +Nicht mein Los, sondern Italien und immer wieder Italien. Ich +betraure als die Qual meiner Seele, dass ich, vom Weibe verlockt, den +Fremden gerufen habe, mit dem ihr jetzt rechnen muesst und der ein +zerstoerender Teil eures Koerpers zu werden droht. Ich aber sinne, wie +ihr wieder euer werdet. Da war der Valentino, jener Caesar Borgia, +der versuchte es mit dem reinen Boesen. Aber, Girolamo, mein Soehnchen, +das Boese darf nur in kleinen Portionen und mit Vorsicht gebraucht +werden, sonst bringt es um. Da ist jetzt der Rovere, dieser Papst +Julius, der auf einer Donnerwolke gegen den Fremden faehrt, welchen er +selbst gerufen hat, nicht minder als ich. Aber der Greis verzehrt +sich, seine gewalttaetige Seele wird bald in den Hades schweben, und +nach ihm bleibt der gewoehnliche Hohepriester, der zu schwach ist, +Italien zu gruenden, doch gerade stark genug, um jeden andern an dem +Heilswerke zu hindern. + +Girolamo, mein Liebling: ich glaube nicht, dass mein Italien untergeht, +denn es traegt Unsterblichkeit in sich; aber ich moechte ihm das +Fegefeuer der Knechtschaft ersparen. Gib acht, Soehnchen: ich lese +zwischen deinen Augen, dass du noch eine Rolle spielen wirst in dem +rasenden Reigen von Ereignissen, der ueber meinen lombardischen Boden +hinwegfegt. Tritt eines Tages aus diesen wechselnden Bildungen eine +Macht und aus diesen fluechtigen Gestalten eine Person, aber weder ein +Frevler noch ein Priester, sondern ein Feldherr, der den Sieg an +seine eiserne Sohle fesselt, wer und wessen Stammes er sei, nur kein +Fremder, dem gib du dich, mit Leib und Seele! Was an List und Luege +notwendig ist--denn anders gruendet sich kein Reich--, das uebernimm du, +mein Soehnchen, er aber bleibe makellos!'" + +Der Kanzler war aufgesprungen. Seine begeisterte Rede riss ihn, ohne +dass er es merkte--und auch die ergriffene Victoria merkte es nicht--, +weit ueber die Grenze der Wahrheit. "Diesem Erkorenen", rief er aus, +"stehe das schoenste und reinste Weib zur Seite! Italien will die +Tugend leiblich einherschreiten sehen, um ihr nachzuleben. Unser +Verderben ist die Entfesselung aus der Sitte, der zerrissene Guertel +der Zucht. Hier ist ein Sieg davonzutragen, groesser als der auf dem +Schlachtfelde, und ein Zauberstab zu schwingen, maechtiger als der +Feldherrnstab. Ich sehe sie vor mir, diese Koenigin der Tugend, die +Priesterin, die das heilige Feuer huetet, die Erhalterin der +Herrschaft, und, Hosianna! ganz Italien wandelt hinter ihren +Schritten, lobpreisend und frohlockend!" Der Kanzler machte Miene, +Viktorien huldigend zu Fuessen zu stuerzen, doch er trat zurueck und +fluesterte verschaemt: "So sprach Ludwig der Mohr in seinem Kerker." + +Victoria senkte die Augen, denn sie fuehlte, dass sie voller Wonne +waren und brannten wie zwei Sonnen. + +Da sagte der Kanzler: "Ich habe Euch ermuedet, edle Frau, die Augen +fallen Euch zu. Ihr muesset morgen fruehe auf und seid schwer von +Schlummer." Und der Listige trat in die Nacht zurueck, die sich +inzwischen auf die Ewige Stadt gesenkt hatte. + + + + +Drittes Kapitel + + +An einem Fenster, dessen Blick ueber die Thuerme von Novara und eine +schwuel dampfende Ebene hinweg die noch morgenklaren Schneespitzen des +Monte Rosa erreichte, sass Pescara und arbeitete an dem Entwurfe des +Feldplanes, der das Heer des Kaisers nach Mailand fuehren sollte. So +unablaessig ging er seinem Gedanken nach, dass er die leisen Tritte des +Kammerdieners nicht vernahm und ihn erst gewahr wurde, als jener die +Limonade bot. Waehrend er das leichte Getraenk mit dem Loeffel umruehrte, +bemerkte er: "Ich schelte dich nicht, Battista, dass du heute nacht +gegen meinen ausdruecklichen Befehl bei mir eingetreten bist. Du +magst, nebenan schlafend, mich wohl schwerer als gewoehnlich atmen +gehoert haben--ein Alp, eine Beklemmung... nicht der Rede wert." Er +nahm einen Schluck aus dem Glase. + +Battista, ein schlauer Neapolitaner, verbarg seinen Schrecken unter +einer devoten Miene. Er log und beteuerte bei der heiligen Jungfrau, +er habe geglaubt sich bei Namen rufen zu hoeren, nimmer haette er sich +erdreistet, ohne Befehl das Schlafzimmer der Erlaucht zu betreten, +waehrend er doch in That und Wahrheit ungerufen und gegen ein strenges +Verbot seines Herrn aus einer schoenen menschlichen Regung diesem +beigesprungen war. Er hatte ihn schrecklich stoehnen hoeren und dann +in seinen Armen auf dem Lager emporgehalten, bis der Feldherr den +Atem wiederfand. + +"Es war nichts", wiederholte dieser, "ich bedurfte keinen Beistand. +Doch will ich dich, wie gesagt, nicht schelten, jetzt, da wir uns +trennen muessen. Ich verliere dich ungern, aber Sohnespflicht geht +vor. Und da deine greisen und siechen Eltern in Tricarico darben, +darf ich dich nicht halten. Gehe und bereite ihnen ein sorgenloses +Alter. Als perfekter Barbier und zungenfertiger Schelm, wie ich dich +kenne, wirst du dir ueberall zu helfen wissen. Gehe mit Gott, mein +Sohn, du sollst mit mir zufrieden sein." Und er ergriff die Feder. + +Battista fiel aus den Wolken. Er verschwor sich mit einer +verzweifelten Gebaerde, dieses Mal der Wahrheit gemaess, sein Vater sei +laengst im Himmel und seine Mutter, die Carambaccia, gewerbsam und +kerngesund und fett wie ein Aal. Der schreibende Feldherr erwiderte: +"Du hast recht, Battista, in Potenza wohnen deine armen Eltern, nicht +in Tricarico, doch das liegt nahe beisammen." Er reichte dem +verabschiedeten Diener eine Kassenanweisung. + +So niedergeschmettert Battista sein mochte--er wusste, ein Wort +Pescaras sei unwiderruflich--, liess er doch blitzeschnell einen +schraegen Blick ueber die Ziffer der Summe gleiten, welche nur eine +bescheidene war. Der Feldherr verschwendete weder im grossen noch im +kleinen, weder das Gut des Kaisers noch das seinige. Auch huetete er +sich wohl, den Barbier durch eine allzu reiche Spende auf die +Wichtigkeit des Vorfalles aufmerksam zu machen und in den Schein zu +kommen, als wolle er sein Schweigen erhandeln, denn er war voellig +ueberzeugt, dass Battista bei erster Gelegenheit sein Wissen noch +teurer verkaufen wuerde, dort, wo man ein Interesse hatte, von dem +leiblichen Befinden des Feldherrn genau unterrichtet zu sein. + +Schmerzlich enttaeuscht und seine Geburtsstunde verwuenschend, fiel +Battista dem gnaedigen Herrn zu Fuessen, umfing ihm das Knie und kuesste +ihm die Hand. "Lebe wohl", sagte dieser, "und raeume das noch ab." +Er wies auf das Geschirr und winkte den UEbertreter seines Befehles +freundlich weg aus seinem Dienste. + +Bevor er sich wieder in seinen Plan vertieft hatte, klirrte draussen +ein fallender Loeffel und ein in Scherben springendes Glas, und der +Herzog von Bourbon, der den vernichteten Battista unsanft beiseite +geworfen, zeigte unangemeldet seine hohe schlanke Gestalt, denn er +hatte zu jeder Stunde freien Eintritt bei dem Feldherrn. + +"Hoheit?" wendete sich Pescara gegen ihn und erhob sich vom Sitze. + +"Um Vergebung. Ich war im Begriffe, zu meinen Truppen zu verreiten", +erklaerte der Herzog, "da kam mir in der Vorstadt ein reisender +Kaufmann unter die Augen, welcher eben vor der Pforte des Arztes Euer +Erlaucht, des Messer Numa Dati, von seinem Maultier absass. Haette die +Gestalt nicht ein wuerdiges Antlitz getragen, ich haette darauf +geschworen, meinen unvergesslichen Freund, den Kanzler von Mailand, zu +erblicken. Ich liess einen meiner Leute sich nach dem Fremdling +erkundigen und erfuhr, der Reisende sei ein Gastfreund des Arztes, +ein Juwelier aus Mailand namens Scipione Osnago. Vielleicht, oder +auch nicht, sondern eine der zahlreichen Larven des vielgestaltigen +Kanzlers. Er schiebt den Leib auf eine gewisse Weise, die sich +schwer verleugnen laesst, und da ich noch nicht durch das Tor war, ritt +ich leicht wieder zurueck, um Euch den wahrscheinlichen Besuch dieses +kostbaren Mannes zu melden." + +"Ich erwartete ihn laengst mit den Ausfluechten und Beteuerungen des +Mailaenders", erwiderte der Feldherr. "Da er aber nicht erschien und +wir aus guten Quellen wussten, sein Herzog fahre fort zu befestigen +und zu ruesten, begann ich auf den Kanzler zu verzichten. Nun kommt +er zu spaet. Morgen, um Mitternacht, verlaeuft die dem Herzog gegebene +Frist. Schlag zwoelf marschieren wir; es waere denn, Morone braechte +grosse Neuigkeiten." + +"Ja, dieser Morone!" plauderte der Bourbon. "Der wird schon etwas +gebraut haben. Da ich unser Ultimatum nach Mailand brachte, sah ich +es hinter seiner Stirne wimmeln wie in einem Ameisenhaufen. Ihr +macht Euch keinen Begriff, Marchese, was das fuer ein frecher Kopf ist. +Waehrend ich in Mailand regierte und er mein Rat und Schreiber war, +hat er mich ueber Tisch--denn ich liebte es, mit ihm zu speisen und +mich an seinen Fabeln und Einfaellen zu ergoetzen--auf alle Throne +gesetzt und mit allen Fuerstinnen gekuppelt. Und das Tollste: es war +Verstand in dem Unsinn. Ich bin doch neugierig, was er wieder +ausgeheckt haben wird, um sich und seinem Herzog aus der Klemme zu +helfen. Sicherlich etwas ungeheuer Geniales, einen Gipfel, einen +Abgrund. Wenn er zum Beispiel"--der Herzog lachte herzlich--"uns +beiden kaiserlichen Feldherrn die Fuehrung der Liga boete und als +Handgeld zwei verlockende italienische Kronen aus den Falten seiner +Toga zum Vorschein braechte?" + +"Hoheit scherzt!" + +"Wie anders, Marchese!" erwiderte der Herzog und wollte sich +beurlauben. Da ergriff er noch die Hand des Feldherrn und sagte in +einem weichen Tone, der eine vor der Welt verheimlichte Freundschaft +enthuellte: "Pescara, ich danke dir, dass du mir Leyva vom Halse haeltst, +indem du mir den rechten Heerfluegel gibst und ihm den linken. Ich +mag mit dem Unleidlichen nicht zusammenreiten. Es entstaende Unglueck +und groesseres als juengst auf dem Markte von Novara. Er koennte sich +wiederum gegen mich vergessen, und ich muesste ihn niederstossen wie +einen tollen Hund." Er sagte es leise mit gesenktem Blick. + +Pescara behielt die Rechte des Herzogs und warnte und bat. "Welch +ein Auftritt!" sagte er. "Hier auf offenem Markte, wegen der +Armseligkeit eines bestrittenen Quartieres! Ich versendete Leyva +gleich nach Neapel, um vom Vizekoenig Truppen fuer unsern Feldzug zu +verlangen, obwohl ich weiss, dass er keine abgeben kann, nur um Euch +die Verlegenheit und den Anblick eines verhassten Gesichtes zu +ersparen. Wie konntet Ihr das gegen einen Mitfeldherrn! Das war +nicht gut. Das ist beklagenswert. Das darf sich nicht wiederholen, +ich bitte Euch darum." + +"Der Anlass war nicht der Rede wert, Pescara, aber--" + +"Das schlimme Wort, das Leyva gebraucht hat, war, nach Zeugen, er +lasse sich nichts bieten von einem Vornehmen, und Ihr zoget und Eure +Leute mussten Euch halten." + +"Oh", fluesterte der Herzog, "von einem Vornehmen? Ich habe feine +Ohren. Es war ein anderes Wort... das ich dem Kaiser und dem Papst +in die Kehle zurueckstiesse!" + +"Ein anderes Wort?" sagte Pescara, um seine Frage sogleich zu bereuen, +da er den Herzog erbleichen und voellig fahl werden sah. Er erriet, +dass der alte Leyva gemurrt, er lasse sich nichts bieten von einem +Verraeter, oder dass das wunde Gewissen des Bourbon so verstanden hatte. + +Die unausgesprochene Freundschaft, die den einfachen Adeligen und den +Mann von koeniglichem Gebluete verband und die das Wunder that, zwischen +zwei jugendlichen und schon beruehmten Feldherrn mit nicht voellig klar +geschiedenen Gewalten und Befugnissen die natuerliche Eifersucht zu +ersticken, beruhte einfach auf dem Bewusstsein des Herzogs, dass seine +Verbuendung mit dem Feinde Frankreichs der Achtung Pescaras keinen +Eintrag tue. War es Klugheit, war es Gleichgueltigkeit gegen die +sittlichen Dinge, war es Freiheit von jedem, auch dem begruendetsten +Vorurteil, oder war es die hoechste Gerechtigkeit einer vollkommenen +Menschenkenntnis, was immer--Pescara hatte den in kaiserlichen Dienst +tretenden fuerstlichen Hochverraeter mit offenen Armen empfangen und +mit der feinsten Mischung von Kollegialitaet und Ehrerbietung +behandelt. Vielleicht auch hatte er in diesem Zerruetteten, der sich +selbst verfluchend sein Vaterland mit fremden Waffen verwuestete, den +urspruenglichen und unzerstoerbaren Adel erkannt. Dafuer war der Herzog +Pescara dankbar. Der Feldherr, die Hand des Unseligen in der +seinigen, redete ihm mit sanfter Stimme zu: "Gespenster, Hoheit! Ihr +habet gehoert, was nicht gesprochen wurde. Werft hinter Euch! +Verschuettet den Abgrund mit Lorbeer! Seid Ihr nicht der Liebling des +Kriegsgottes? und ein Meister der Staatskunst? Sind nicht wir beide +noch Juenglinge mit unzaehligen Tagen, diesseits der Lebenshoehe, kaum +in der Haelfte der Dreissig, und im ersten Drittel eines Jahrhunderts, +das ueberquillt von grossen Moeglichkeiten und weiten Aussichten! Unser +die Fuelle des Daseins! Karl, lass uns leben!" + +Der Bourbon vernahm nicht den verstohlenen Seufzer, welcher sich der +Brust des Feldherrn entwand. Er drueckte heftig die Hand Pescaras, +und seine dunkeln Augen blitzten eroberungslustig. Dann, um seine +innere Bewegung zu verbergen, sprang er nach seiner Weise mit beiden +Fuessen ins Zynische ueber. Der feurige Ton Pescaras hatte seine +frechste Jugendlichkeit erweckt. "Und schoene Maenner sind wir!" +jubelte er. "Du begreifst, Gatte der praechtigen Victoria, dass sich +mir Herz und Magen umkehrte, da mich diese Porcaccia, die +Koeniginmutter, um jeden Preis zum Manne haben wollte! Siehst du mich +als den Vater Koenig Franzens? O das liebe Stiefsoehnchen! 'Madame', +sagte ich und machte ihr eine tiefe Verbeugung, 'es geht nicht. Ihr +wuerdet mich mit Eurer Nase vom Bette stossen!'--und ganze Wendung und +ueber die Grenze!" Waehrend er eine ausgelassene Lache aufschlug, trat +der vom Staub der Reise bedeckte Del Guasto ein, begruesste den Ohm und +Feldherrn und verneigte sich vor der lustigen Hoheit. + +Dann wendete er sich wieder gegen Pescara, welchen er mit erstaunten +und bewundernden Augen betrachtete, als haette die von der +italienischen Verschwoerung dem Feldherrn angesonnene Rolle dessen +Gestalt vergroessert, und erzaehlte: "Wir verritten von Rom, nicht zur +Freude der Herrin in zahlreicher Gesellschaft, mit Leyva, der aus +Neapel zurueck ist, und mit einem Vornehmen, von koeniglichem Gebluete, +wie sie sagen, der sich Moncada nennt und den Ihr kennen werdet. Er +bringt Euch eine Botschaft des Vizekoenigs. Ich gewann einen +Vorsprung, um Donna Victoria anzumelden. Sie strahlt vor Freude, +Euch wiederzusehen, und schliesst zugleich fest die Lippen, denn sie +bringt ein politisches Geheimnis, wie ich vermute, und ein +paepstliches Mysterium, wie ich ahne, und dieselbe Donna Victoria legt +die Stirn in zornige Falten gegen Euren bei ihr in Ungnade gefallenen +Neffen, den sie vor Euch in aller Form Rechtens verklagen wird. +Wegen etwas Menschlichem", laechelte er. + +"Oder etwas Unmenschlichem", spottete Pescara. "Meldet Ihr sonst +etwas, Don Juan?" + +"Wenn mich meine Augen nicht getaeuscht haben, die Ankunft des +Kanzlers von Mailand." + +"Ah!" lachte Bourbon. + +"Ich bin mit ihm schon in Rom zusammengestossen, unfern des Palastes +Colonna, da ich naechtlicherweile dahin zurueckkehrte. Laengs der Mauer +sah ich etwas Diebisches in langer Gewandung schleichen, und da ich +das Verdaechtige mit der Fackel meines Dieners beleuchtete, war es die +unverschaemte Stumpfnase und unter einem Juristenbarett das freche +Kraushaar, das ich von Pavia her kenne, wohin der tolle Kanzler, wie +sie ihn nennen, nach der Schlacht Euch zu beglueckwuenschen kam. Er +mag Donna Victoria eine letzte Heimlichkeit des Papstes gebracht +haben, bei welchem sie sich an jenem Nachmittage verabschiedet hatte." +Er sagte das mit einer versteckten Bosheit. + +Der Feldherr blickte streng. "Don Juan", sagte er, "Ihr habet Euch +um den Wandel Donna Victorias nicht zu kuemmern und noch weniger ihn +zu beaufsichtigen. Jeden ihrer Schritte, ihre leiseste Miene und +Gebaerde billige und lobe ich zum voraus." + +Don Juan verneigte sich. "Unterwegs nach Novara", fuhr er fort, "bin +ich ihm dann noch mehrere Male begegnet, das heisst einem gewissen +Fruchthaendler Paciaudi aus den Marken mit einer graeulichen Warze auf +der Nase, welcher mir, da ich ihn anredete, nicht vorenthielt, er sei +ein zugrunde gerichteter Mann: eine unvermutete paepstliche Massregel +verbiete die Ausfuhr, und er habe einen strengen Lieferungsvertrag +mit Euer Erlaucht. Dabei schob und gebaerdete er sich nicht viel +anders als der Kanzler. Dieser hat gegenwaertig allerhand Geschaefte +und nimmt die possierlichsten Figuren an. Man findet ihn ueberall auf +der Halbinsel wie--ohne die fernste Vergleichung--Eure grosse Gestalt." + +"Was wollt Ihr sagen, Don Juan?" + +Del Guasto, der vor nichts erschrak, zoegerte doch mit der Antwort vor +der kalten Miene Pescaras, und dann hielt ihn die Anwesenheit des +Herzogs zurueck. + +"Ich habe kein Geheimnis vor der Hoheit", sagte der Feldherr. "Redet, +Don Juan." + +Trotz diesem Befehle kam dem verwegenen Juengling die allgemeine Rede +an diesem Orte und zu dieser Stunde, mitten im kaiserlichen Lager und +waehrend er durch das Fenster den taktfesten Schritt eines +vorbeimarschierenden spanischen Heerhaufens vernahm, so ungeheuerlich +vor, dass er der schamlosen OEffentlichkeit der italienischen +Verschwoerung ein leichtes Gewand umwarf. + +"Ohm", berichtete er geringschaetzig, "wovon mir noch immer die Ohren +gellen, das ist ein wuetender Streit, welcher unter allen Staenden, in +Schenken und Barbierstuben, auf den Ballspielplaetzen und, wie ich +glaube, bis in die Plauderecke der Sakristeien ausgebrochen ist--ueber +das wahre und gueltige Vaterland der Avalos: ob wir Neapolitaner sind +oder Spanier. Und nicht genug an Geschrei und Gebaerde, auch Blaetter +und Schriften voll von unserm Ursprung flattern durch die Luft." + +Der Feldherr zuckte die Achseln. "Das Geschreibsel", sagte er, "fand +sich auch ueber meine Tische verstreut, ich habe es weggeworfen. +Muessiges Gezaenke." + +Don Juan wurde hartnaeckig. "Zugleich erzaehlte man mir, dass an den +Universitaeten unter Juristen und Theologen wieder heftig ueber Umfang +und Grenzen des paepstlichen Lehensrechtes auf Neapel gestritten wird." + +"Das ueberlassen wir diesen Gelehrten. Nicht wahr, Hoheit?" scherzte +Pescara. "Und was das Vaterland der Avalos angeht, Neffe, so rate +ich dir, Ehre zu halten, spanische oder neapolitanische." + +Jetzt meldete der diensttuende Page, ein zarter Knabe mit grossen +unschuldigen Augen, ein Enkel des Arztes Numa Dati und der Bruder der +von Del Guasto zerstoerten Julia, den Besuch eines Apothekers namens +Baldassare Bosi aus Orvieto, welcher mit einem Paket im Vorzimmer +stehe und sich durchaus nicht abweisen lasse. Er sei bei dem +Grossvater abgestiegen, der dem Gaste diesen Zettel fuer die Erlaucht +gegeben habe. Der Knabe ueberreichte das Papier, auf welchem mit +verzitterten Zuegen "Morone" geschrieben stand. + +Pescara besann sich einen Augenblick. "Weiss der Fremde die Gegenwart +der Herrschaften?" fragte er den Pagen. + +"Ich denke nicht, Erlaucht", antwortete dieser. + +"So fuehre ihn ein, aber erst, wann ich rufen werde. + +Jetzt wendete er sich rasch gegen den Herzog. "Hoheit muss mir einen +Gefallen thun. Da Sie fuer moeglich haelt, dass der Kanzler von Mailand +mit mir konspirieren will, wuerde ich gegen die gewoehnlichste Vorsicht +fehlen, wenn ich den Menschen, der draussen steht, ohne Zeugen mit mir +reden liesse. Ich muss solche haben, zwei hoechst glaubwuerdige Zeugen, +wo nicht unserer Gesichter, doch eines jeden unserer Worte, damit +nicht der Argwohn von Madrid, noch die Eifersucht unsers Leyva, +noch"--er daempfte die Stimme--"jener Verderbliche, mit welchem Ihr +geritten seid, Don Juan, und der unter dem Vorwand einer Botschaft +des Vizekoenigs mich hier umlauern soll, Grund finde, mich, ich sage +nicht des Verrates, sondern nur eines falschen Schrittes zu +bezichtigen. Hoeren aber will ich den Kanzler, der mir in seiner +Torheit und Leidenschaft die Plaene und Mittel des Feindes enthuellen +wird. Er kann es wie kein anderer. Unter dem Zwang dieser Umstaende +lasse sich Hoheit herab, den Lauscher zu machen. Und Ihr, Del Guasto, +leistet der Hoheit Gesellschaft." Er schritt auf einen schweren +roten Vorhang mit goldenen Quasten zu, dessen breite Falten den +Eingang in ein Nebenzimmer bis auf die Schwelle nieder verbargen und +den er jetzt auseinanderschlug. "Hier ist Hoheit aufgehoben", sagte +er. + +So sehr den Herzog das wuerzige Abenteuer lockte, stand er doch einen +Augenblick unschluessig. "Aber wenn Morone die Decke hebt?" fragte er, +und der Marchese erwiderte: "Das wird er nicht. Keine Besorgnis. +Ich stehe dafuer." Del Guasto blaehte die Nuestern vor Wollust. Er +rueckte einen Schemel fuer den Herzog, hinter dessen Schultern er +Stellung nahm als der zweite Lauscher. Der rote Vorhang zog sich +zusammen. Pescara aber fuehlte sich von dem Pagen Ippolito +umschlungen, der an ihm emporfluesterte, mit Traenen in den Augen: "Es +ist kein Apotheker mehr, sondern ein Zauberer in langen schwarzen +Gewaendern mit einem Talisman auf der Brust und einem schrecklichen +Gesichte!" + +"Furchtsamer Junge! Bring ihn!" + +"Da ist er schon!" schrie Ippolito und fluechtete sich. + +"Ihr, Morone? Und im Staatsgewand? Doch von der Reise erhitzt, wie +ich sehe. Eure drei Masken haben Euch wohl den Atem benommen." + +Morone atmete schwer und hoerbar. Schweisstropfen quollen ihm auf der +Stirn. Er stand wortlos. + +"Was bringt Eure Weisheit?" fragte der Feldherr mit ernsthaften Augen +und empfing von dem Stammelnden keine deutliche Antwort. Nach einer +Pause ergriff Pescara mit spielender Hand die Muenze, welche der +Kanzler an einer schweren goldenen Kette auf der Brust trug. "Ein +Lionardo, Kanzler? Und wen stellt es dar? Den Mohren? Ein +geistvoller Kopf!" + +Aber selbst an seinen geliebten Herrn vermochte der Kanzler nicht +anzuknuepfen, so voellig war er ausser Fassung. + +Da begann der Feldherr ohne weitere Einleitung: "Euer Herzog, Morone, +wuenscht guenstigere Bedingungen? Es koennte Rat werden, sobald mich +die Hoheit von ihren guten Absichten ueberzeugt haben wird. Nehmen +wir einmal mein Ultimatum Punkt um Punkt miteinander durch." Er trat +an den Tisch und suchte ein Papier. + +Nun empfand er einen heissen Atem an der Wange, und ein Gefluester +fuellte sein Ohr. "Pescara", keuchte es, "nicht darum handelt es sich, +sondern Italien gibt dir sein Heer!" + +"So ist es gut", erwiderte der Feldherr, ohne den Kopf zu drehen. +"Es unterwirft sich dem Kaiser?" + +Da schrie es hinter ihm: "Nicht dem Kaiser, sondern dir, wenn du von +ihm abfaellst!" + +Jetzt wendete sich Pescara gegen den Tollkuehnen und drohte mit +feindseliger Gebaerde: "Du rasest! Ich weiss nicht, was mich abhaelt, +dich zu ergreifen und aus dem Fenster zu werfen!" + +Der Kanzler blieb furchtlos und schrie zum andern Male mit flammenden +Augen: "Diese Stunde bietet dir deine Groesse, Pescara! Lass sie nicht +vorueber! Du wuerdest es bereuen! Du wuerdest daran sterben! + +"St! Wie du schreist! Wenn man lauschte! hinter diesem Vorhang... +wenn ich selbst... haeltst du mich dessen fuer unfaehig? UEberzeuge dich +doch und hebe die Decke!" + +Morone war wieder voellig im Besitze seiner selbst, nachdem er die +Scham und den Schreck der ersten Worte ueberwunden hatte. "Pescara", +sagte er, "ich habe stets gefunden, dass der Schlaueste und am meisten +Argwoehnische endlich doch an eine Stelle tritt und an einem Abgrunde +steht, wo er trauen und glauben muss. So der Valentino mit dem Rovere, +so mein geliebtester Herzog der Mohr mit seinen Hauptleuten und +Schweizern." + +"Beide wurden verraten, Morone!" + +"Ja, Pescara, aber der feine Mohr und der ruchlose Borgia, beide +gingen sie vertrauend unter, und das war ein heller Schimmer von +Menschlichkeit ueber dem Dunkel ihres verdienten Sturzes. Wenn ich +das Groesste wage und von dir das Groesste fordere, werde ich in diesem +heiligen Augenblicke so laecherlich sein, einen Vorhang zu heben, wie +ein betrogener Ehemann, der den versteckten Buhlen seines Weibes +sucht? Nein, ich gebe mich preis! Hoere mich an, und dann +ueberliefere mich dem Blocke, wenn du darfst!" + +"Das ist nicht klein", sagte Pescara ohne Spott und fuegte dann +zweifelnd hinzu: "Ob ich dich hoere? Meine Neugierde ist rege, das +bekenne ich, und einem so heroischen Menschen darf ich doch nicht +einfach die Tuere weisen. Zuerst aber saget mir, Kanzler: Habe ich +Euch oder Eurem Fuersten Grund oder auch nur den geringsten Anlass +gegeben, meine Feldherrntreue zu beargwoehnen?" + +Der Kanzler verneinte. + +"Viel Unwahres wird geredet: die Majestaet habe mich schlecht belohnt, +und ich soll dieses schwer empfunden haben. Fusset Ihr auf diesem +Undanke des Kaisers und auf diesem Grolle Pescaras, so tut keinen +Schritt weiter: Ihr wuerdet in den truegerischen Boden versinken." + +"Da fusse ich nicht." + +"Oder ermutigt Euch jene oeffentliche Rede Italiens, die mir +schmeichelt und mir droht, mich verherrlicht und verdaechtigt? Diese +italienische Meinung ist eine heimtueckische Sache. Sie soll mich in +Madrid entwurzeln und in Italien vergewaltigen. Ich habe vorgebeugt +und die arglistigen Schriften wie in einen Kaefig eingesperrte +Schlangen dem Kaiser ueberliefert. Habet Ihr Eure Finger auch in +dieses Gift getaucht, Morone?" + +Der Kanzler erbleichte. "Bei den Goettern der Unterwelt, daran trage +ich keine Schuld!" rief er aus. + +"Du willst mich nicht ueberlisten, Kanzler, so willst du mich +ueberreden?" + +"Nein." + +"Was denn?" + +"UEberzeugen." + +"Das Beste. Aber es wird Zeit kosten. Setzet Euch, Kanzler!" Er +rueckte mit rascher Bewegung zwei Stuehle, und jetzt sassen sie sich +gegenueber, Morone mit vorgebogenem Leib und Knie, waehrend der +Feldherr nachlaessig zuruecklehnte. + +"Pescara, welches ist die schoenste deiner Schlachten, das Wunder der +Kriegskunst?" + +Der Feldherr gab keine Antwort, da sich diese von selbst verstand, +aber er that einen leichten Seufzer. + +"Und was hat der Kaiser aus deinem Siege von Pavia gemacht?" + +Ein Blitz fuhr aus dem grauen Auge Pescaras. "Er hat ihn +verstuempert", murmelte er. + +"Du gabst ihm einen erbeuteten Koenig, und Karl weiss nichts mit ihm +anzufangen! Er presst ihn wie ein Wucherer. Er verlangt Vielfaeltiges +und Unmoegliches statt des Moeglichen und Einfachen. Verzichte auf +Italien, Bruder, so haette ein grosser Sieger zu Koenig Franz geredet, +das ist dein natuerliches Loesegeld, und das kannst du, ohne deinem +Frankreich wehe zu thun. Verzichte und ziehe!" + +Pescara laechelte. "Du bist ein gefaehrlicher Mensch, Morone, wenn du +Gedanken erraetst. Aber nicht ich, du hast ihnen Worte gegeben. Ich +habe nichts gesprochen." + +"Ich danke dem Kaiser!" fuhr der Kanzler sich begeisternd fort. "Er +hat die Siegesgoettin von Pavia beleidigt, und sie kehrt zu dir, mein +Pescara, zurueck! Nicht nur fuer, auch gegen den Kaiser hat sie +gekaempft. Sie hat Italien gegen die Fremdherrschaft vereinigt. Sie +hat ihm seinen Feldherrn gezeigt. + +Mein Pescara, welche Sternstellung ueber dir und fuer dich! Die Sache +reif und reif du selbst! Eine entscheidende Zeit, ein verzweifeltes +Ringen, Goetter und Titanen, Freiheit sich aufbaeumend gegen +Zwingherrschaft, die Welt heute noch Bewegung und Fluss, morgen +vielleicht zur Lava erstarrend! Und eine That, die fuer dich +bereitliegt und zu welcher du geboren wurdest! Zuckt dir die +formende Hand nicht danach? Ein vernuenftiges Werk, eine ewige +Gruendung! Blick auf die Karte und ueberschaue die Halbinsel zwischen +zwei Meerfarben und dem Schnee der Gebirge! Befrage die Geschichte: +ein lebendiges Geflecht, oft gewaltsam zerrissen und immer wieder +zusammenwachsend, von Republiken und Fuersten, mit zwei alten Feinden, +zwei falschen Ideen, zwei grausamen Chimaeren, Papst und Kaiser! +Siehe den ausgestreckten Finger Gottes, daran sich eine neue +Menschheit emporrichtet: eine sich selbst regierende und vereitelnde +Menschheit ohne hoechstes Amt, weder weltliches noch geistliches, ein +Reigen frei entwickelten Genien, ein Konzert gleichberechtigter +Staaten--" + +Pescara ergriff den beschwingten Redner am Arm, als wollte er ihn +festhalten. "Fliege mir nicht davon, Girolamo!" scherzte er. + +Dieser riss sich los und: "Lass dich nicht hindern an diesem goettlichen +Werke", rief er, "durch aberglaeubische Vorurteile und veraltete +Begriffe, die weder in deinem Kopfe noch in deinem Herzen, noch in +der Natur der Dinge sind. Ich kenne dich, Pescara: du bist ein Sohn +Italiens und wie dieses erhaben ueber Treue und Gewissen!" + +"Ihr seid doch ein lasterhaftes Geschlecht, ihr Italiener", laechelte +Pescara. "Aber du machst dich groesser im Boesen, als du bist: denn +diese Weisheit kommt nicht von dir, sondern euer Daemon, der +Florentiner, hat sie dir eingeblasen. Lebt er noch?" + +Der Kanzler wusste, wen Pescara meinte. "Er darbt, vergessen und +verachtet", erwiderte er mit Beschaemung, "unser groesster Geist." + +"Verdientermassen. Es gibt politische Saetze, die ihre Bedeutung haben +fuer kuehle Koepfe und besonnene Haende, die aber verderblich und +verwerflich werden, sobald sie ein frecher Mund ausspricht oder eine +strafbare Feder niederschreibt. Doch das sind Allgemeinheiten, und +alles kaeme auf die Anwendung an. Wie denkst du dir zum Beispiel, +Kanzler, das Thatsaechliche meines Verrates?" Dieser oeffnete den Mund, +als haette er unerschoepflich zu reden. Da beruehrte ihn Pescara leise +mit dem Finger. "Sachte, vorsichtig!" warnte er. "Jetzt betrittst +du ein schmales und schwankes Brett: es koennte kommen, dass ich dich +nach deiner Rede als Verschwoerer muesste in Fesseln legen lassen. +Sprich nicht in deinem eigenen Namen, rate ich dir, sondern lass dir +eine Maske bieten, wie du sie liebst, und warum nicht die des +verschollenen florentinischen Sekretaers, ob er nun noch unter uns +wandle oder schon im Geisterreiche? Rede, Niccolo Machiavelli! Ich +werde dich schweigend und bewundernd anhoeren und dir dann doch +vielleicht beweisen, dass du fuer einen Staatsmann immer noch viel zu +viel Einbildungskraft besitzest. Oh, ich will dich kritisieren, mein +Niccolo! Aber beginne." + +Dieser fortgesetzt scherzende Ton des Feldherrn beleidigte den +Kanzler, und er empoerte sich dagegen: "Jetzt sei des Spieles ein Ende. +Erniedrige den nicht zum Schauspieler, welcher sein Leben wagt fuer +die Rettung seines Vaterlandes! Pescara, ich bitte dich um Ernst!" + +"Um Ernst? Es sei!" erwiderte der Feldherr und schloss die Augen, wie +um besser zu lauschen. Jetzt erschrak der Kanzler einen Augenblick +vor der Blaesse und Strenge des magern Angesichtes. Doch er war +entschlossen. + +"Es ist kein UEbel, Erlaucht", begann er, "was Ihr dem Kaiser +berichtet habt; es ist gut, dass Ihr Euch so lange als moeglich sein +Vertrauen erhaltet und Euch selbst dann noch nicht erklaeret, wann der +Papst und die Liga ihr Manifest werden erlassen haben. Inzwischen +befestigt Ihr Eure Stellungen und sichtet Euer Heer." Pescara +runzelte die Stirn. + +"Leyva muss weg", forderte der Kanzler. + +Pescara zaehlte an den Fingern. + +"Was rechnet Ihr, Pescara?" fragte der Kanzler verwundert. + +Dieser erwiderte ruhig: "Muss Leyva draufgehen, so duerfen meine +deutschen Hauptleute auch nicht leben bleiben, denn sie hangen an +Kaiser und Reich. Ihre Haeupter muessen fallen. Oder vergifte ich sie +in einem gastlichen Trunke? Was raetst du, Kanzler?" + +Morone erbleichte. + +"Und was fange ich mit meinen spanischen Edelleuten an? Lasse ich +sie auch ermorden?" + +"Die Kastilianer", antwortete Morone mit klopfendem Herzen, "fallen +wohl zum Kaiser zurueck. Die andern verlocket Ihr mit unendlicher +Beute. Sie widerstehen nicht, am wenigsten die neapolitanischen +Aragonesen. Ich kenne diese Rasse: sie gleicht den raeuberischen +Helden der Neuen Welt. Denket nur an Euren Del Guasto, welch ein +Ungeheuer!" + +Pescara widersprach nicht. + +"Eure Gemeinen aber, die aus allen Laendern der Erde zusammengeflossen +sind, beherrschet Ihr durch Eure unerschuetterliche Seele und durch +Eure eiserne Kriegszucht, nicht zu vergessen einen regelmaessigen Sold, +wie ihn der Kaiser nie zu geben vermochte, Euch aber gehoeren jetzt +alle Schaetze Italiens. Und erlittet Ihr eine Einbusse an Leuten, so +fuellet Ihr das Heer aus den Schweizern, die sich nun ueberallhin +vermieten, seit sie aus Mangel an Fuehrung und an einem Staatsgedanken +ihre schon gewonnene Weltstellung und ihre auswaertige Politik +verscherzt haben." + +"Schade", redete Pescara mit sich selber. Er hatte eine Art +Zaertlichkeit fuer die Schweizer, die er zweimal ueberwunden und von +welchen er bei Bicocca, mit einer insbesondere gegen deren rasende +Sturmlaeufe erfundenen Stellung des Geschuetzes, in wenig Minuten ein +volles tollkuehnes Tausend vernichtet hatte. Er liebte dieses tapfere +Volk, obwohl er seine Speerwunde von Pavia dem Stoss einer +Schweizerlanze verdankte. "Ihre Freiheit wird ihnen bleiben, aber +schade", wiederholte er. + +"Eures Heeres sicher", fuhr der Kanzler fort--"Nehme ich Mailand", +ergaenzte Pescara. "Mein Plan ist entworfen." + +"Ihr braucht es nicht zu nehmen, da der Herzog ein Mitglied der Liga +ist, deren Feldherr Ihr seid." + +"Richtig, das hatte ich vergessen. Auf alle Faelle, Mailand ist der +Zentralpunkt. Und dann?" + +"Gebietet Ihr ueber die Truppen der Heiligkeit, Venedigs und Neapels, +die Kleinern nicht zu nennen." + +"Halt, Morone! Neapel ist spanisch." + +"Nach Neapel habet Ihr dann Euren Neffen gesendet als Euren Vizekoenig, +der es durch seine Grausamkeit in wenigen Wochen unterworfen haben +wird." + +"Als meinen Vizekoenig? Ich Koenig von Neapel? Seit wann trage ich +die Krone?" fragte Pescara gelassen. + +"Siehe, die gefluegelten Fuesse, die sie Euch bringen, sind vor Eurer +Schwelle", sprach der Kanzler erroetend. + +Die kalte Miene des Feldherrn erwaermte sich, wie von einem Strahle +beruehrt, nicht aus einer Krone, sondern aus dem Lichtkreise seines +nahenden Weibes. "Weiter getraeumt, Morone", sagte er. + +"Einmal an der Spitze der vereinigten italienischen Waffen und in +unnehmbaren Stellungen", fuhr der Kanzler mit erstaunlicher +Sicherheit fort, "hindert nichts, dass Ihr Euch mit dem Kaiser +auseinandersetzet, vielleicht sogar ohne Schlacht, denn ich weiss, dass +Ihr, obschon, nein, weil der erste Feldherr der Zeit, das +scharfsinnige Schachspiel und die umfassenden Berechnungen der +Strategie jenen ploetzlichen und immerhin blinden Entscheidungen der +Wahlstatt vorziehet. Ich sage, vielleicht sogar ohne Blutvergiessen, +denn der Kaiser wird nicht so leicht einen neuen Feldherrn finden und +ein zweites Heer in Italien zusammenbringen, nachdem er Euch und das +Eurige verloren hat, wenigstens wenn ihm Frankreich und England zu +thun geben, laut des von ihnen mit unserer Liga getroffenen Abkommens." + +"Ich kenne Euer Buendnis mit Koenig Franz, sogar seinen Wortlaut", warf +Pescara hin, "kann aber keinen Wert darauf legen. Der Koenig verquaelt +sich in seinem spanischen Kerker. Um eine Stunde frueher auf ein +gesatteltes Pferd zu springen, verraet er Eure Liga hundertmal, wie +ich ihn zu kennen glaube." + +"Noch vor wenigen Tagen", beteuerte der Kanzler mit einem komischen +Gesichte, "hat mir die Regentin Louise von Paris geschrieben, sie +halte das Buendnis fest wie ihre Tugend--" + +Ein Pfiff durchschnitt das Gemach... der Kanzler horchte verwundert. +Es mochte ein Vogel am Fenster vorbeigeschwirrt sein. + +"Es sind noch andere da, die den Kaiser beschaeftigen", fuhr er fort, +"der Halbmond und die deutschen Fuersten." + +"Der Halbmond, ja", urteilte der Feldherr. "Mit den deutschen +Fuersten aber und selbst mit ihrer neuen Lehre koennte sich der Kaiser +allenfalls vertragen. Meinst du nicht, Morone?" + +Dieser antwortete denkend: "Es scheint so, aber ist doch nicht, wenn +ich richtig sehe. Jedenfalls nicht mit der neuen Lehre. Der Kaiser +bedarf der Kirche fuer sein schweres und dunkles Gemuet, das er von der +Mutter geerbt hat. Der neue Glaube verlangt kraeftigere Seelen." + +"Verstehst du etwas von diesen Dingen, Kanzler?" fragte der Feldherr +neugierig. + +"Wie sollte ich, Pescara? Ich bin wie du und wir alle ein Bewohner +der Wirklichkeit, ein Kind der Helle, das mit der antiken Weisheit +ueber das Ende hinaus nichts sieht als Larven und Scheinen und auf +wogendem Nebel die riesigen Spiegelungen wieder dieses unsers eigenen +und irdischen Daseins. Unter denen aber, welche mit dem Volke Gut +und Boese glauben und Leib und Seele und die Fabel eines letzten +Gerichtes, wird jetzt, wie du weisst, unversoehnlich gestritten ueber +die beste Ruestung an jenem Tage der blasenden Posaune. Unsere kluge +Kirche oeffnet ihre Buden und legt verstaendig ihren Vorrat an guten +Werken zum Verkauf aus. Der deutsche Moench aber zankt und schreit: +Das ist Plunder! Werft euer Geld nicht weg! Ihr habt es umsonst. +Eure Schulden sind bezahlt. Glaubet es nur, und sie sind nicht mehr! +Solches aber zu glauben, braucht es eine grosse Tapferkeit, denn es +ist unter dem Unglaublichen das Unglaublichste. Doch bringen es +diese deutschen Koepfe fertig, so brauchen sie gar keine Pfaffheit +mehr und sind in ihrer trotzigen Sicherheit uns Italienern gewaltig +ueberlegen, die wir unglaeubig sind oder aberglaeubisch. + +Ich rede im groben, Pescara. Aber diese Vorstellungen, nichtig an +sich, werden im Leben zu den realsten Maechten, die kein Staatsmann +vernachlaessigen darf. Und du mit deiner grossen Aufgabe am wenigsten, +Pescara, wenn du auch selbst ein Gottloser bist, wie ich dich kenne." +Sein Laecheln blieb unerwidert. + +"Hier irrst du dich, Kanzler", sagte Pescara ernst. "Ich glaube an +eine Gottheit, und wahrlich keine eingebildete. Doch in dem andern +hast du recht. Ich habe es mit Augen gesehen. Am Abende meiner +Schlacht"--er meinte die von Pavia--"sah ich im Lazarett zwei hoechst +frevelhafte Menschen sterben, einen Deutschen und einen Spanier, +diesen unter seinen Reliquien und in den Armen zweier Priester +zitternd und bebend, jenen allein, doch voller Zuversicht und Freude. +Ich sprach ihn an, denn ich weiss ein paar deutsche Woerter, und +erfuhr, dass er traue und trotze auf den reuigen Schaecher. Doch +lassen wir diese Farben der Seele. Zurueck zu deiner Sache, denn ich +meine, dass du noch nicht damit zu Ende bist." "Gewiss nicht, Pescara. +Dann erst, wann du durch das Schwert oder durch ein listiges +Abkommen den Kaiser ausser Spiel gesetzt haben wirst, dann erst baust +du deine Groesse und Italiens Freiheit. Die zwoelf Arbeiten des +Herkules! Doch du rufst alle Seiten und Eigenschaften deines Wesens +unter die Waffen: Geduld und Entschluss, Begeisterung und Berechnung, +Arglist und grosse Gesinnung. Kein Teilchen von dir wird muessig gehen. +Du kennst dich noch gar nicht, Pescara! Dann erst wirst du dich +zeigen als der, welcher du bist, in deinem ganzen Wuchse: fuer das +Volk ein furchtbarer und wohltaetiger Daemon, fuer das Heer ein +unfehlbarer Sieger, fuer den Patrioten der Vollender Italiens, fuer den +Gelehrten der wiederaufgelebte roemische Ehrgeiz, fuer die Fuersten, +soviel du ihrer bestehen laessest, der herrschende Bundesgenosse. Du +beutest alle Moeglichkeiten und Beguenstigungen des Jahrhunderts aus. +Du wirst der Verteidiger des Papstes und eroberst ihm seine Staedte +und Provinzen zurueck, die du fuer dich behaeltst; du reitest als +Schiedsrichter zwischen der verroechelnden Republik und den Mediceern +in Florenz ein, und sie gehorchen dir beide. Ja sogar die stolze +Fuerstin der Hadria zwingst du in deinen Machtkreis! Ich sehe dich", +jubelte Morone, "wie du ihr Doge wirst und dich dem Meere vermaehlst. + +So waechsest du, bis dich und dein herrliches Weib auf dem roemischen +Kapitol tausend frohlockende Arme vergoetternd in die Luefte heben und +dich ganz Italien als seinen Koenig zeigen, welches du dann, wie dir +jetzt, ich fuerchte, noch nicht moeglich ist, als deinen Besitz und +deinen Ruhm ein wenig lieben wirst, damit endend, womit ich +angefangen habe, denn allein meine Liebe zu Italien, das Beste, das +einzig Gute an mir, wirft mich dir zu Fuessen, du Kaltherziger!" Und +er umfing das Knie des Feldherrn mit einer so inbruenstigen Gebaerde, +dass dieser aufspringend einer solchen Anbetung sich entzog, aber doch +innerlich ergriffen schien, sei es, dass ihn diese Wahrheit des +Gefuehls in einem luegnerischen Geiste fesselte, sei es, dass sein +maechtiger Verstand die angedeuteten Zuege seiner und Italiens +moeglicher Groesse unwillkuerlich zu einem lebensfaehigen Ganzen +zusammenschloss. + +Er liess den Kanzler und schritt mit ueber der Brust gekreuzten Armen +mehrere Male langsam durch das Zimmer, zuletzt wie zufaellig wieder +vor ihm stehenbleibend. "Wie viele meiner Jahre verlangst du von mir, +Morone?" warf er hin. + +"Viele, ohne Zweifel", versetzte der Kanzler. "Je mehrere, desto +besser! Nur mit jenen langen und fruchtbaren Pausen, welche die +Dinge still und unaufhaltsam wachsen lassen, unzerstoerlich scheinende +Hindernisse zernagen, die Gewissen abstumpfen und beruhigen und +selbst das urspruenglich Frevle entsuehnen und heiligen, nur auf +solchen breiten und notwendigen Stufen ist Bleibendes im Staate +erreichbar. Dein bester Verbuendeter, Pescara, ist das Leben. Zehn, +zwanzig, warum nicht dreissig Jahre, Pescara? Du stehst ja in der +Fuelle der Kraft und schoepfst nur so mit der Hand aus der +ueberstroemenden Quelle. Du hast deinen Schatz kaum noch angegriffen, +und nicht zum wenigsten darum haben dich die unsterblichen Goetter +Italiens zu diesem deinem herrlichen Werke berufen, weil du, roemisch +gesprochen, ein Juengling bist und dich noch lange kein Todesschatten +beruehren darf!" + +Ein ploetzlich hervortretender harter und finsterer Zug hatte das +Antlitz des Feldherrn verwandelt. Er traf den Kanzler mit einem so +feindseligen Blicke, dass dieser um einen Schritt zurueckwich. "Weisst +du", drohte er, "dass, wenn mich mein Ehrgeiz ueberwaeltigen sollte, das +erste Opfer dein Gebieter, der Sforza, waere? Denn ich finge damit an, +euer Mailand dem Bourbon zu geben, der mein Alterego, meine rechte +Hand und ein Gonzaga ist. Ich wuerde es ihm goennen! UEberlieferst du +mir den Sforza?" + +"Bei allen Goettern, nein!" schrie der entsetzte Kanzler. "Ich meinen +Herzog verraten! Niemals! Nimmermehr! Und", rief er empoert, "wie +darfst du daran denken, Pescara, unsere reine und heilige Sache mit +dem Borbone zu beflecken!" + +"Sehet diesen Menschen!" verhoehnte ihn Pescara. "Gibt es etwas +Frecheres? Dem armseligsten Fuersten will er Treue halten, und mutet +mir zu, sie meinem erhabenen Kaiser zu brechen! Sehet diesen +unzusammenhaengenden Geist! Er verlockt mich zum Verrat und will rein +bleiben von Verrat!" + +"Das ist etwas voellig anderes", wehklagte der Kanzler. "Der +Konnetabel hat sein Vaterland verraten, und du rettest es, indem du +von einem Fuersten abfaellst, welcher nicht der deinige ist. Meinen +Herzog preisgeben, meinen holdseligen Herrn! Der Mohr wird mir im +Traume erscheinen!"... er that einen erbaermlichen Seufzer... "Doch, +dennoch, es sei! Aber jetzt, Pescara, widerstehe auch du nicht +laenger! Erbarmst du dich Italiens? Gib Antwort, Grausamer!", und +die Traenen brachen ihm aus den Augen. + +"Heute nicht, Morone!" troestete ihn Pescara. "Wir sind beide ermuedet +und beduerfen der Ruhe. Es ist die Stunde der Siesta." Er klingelte. +"Ippolito", unterwies er den Knaben, "fuehre den Herrn, der ein +grosser Staatsmann ist, in den Turmfluegel. Der Haushofmeister soll +ihm die ganze Zimmerreihe des Oberstockes oeffnen und ihn sorgfaeltig +bedienen und reichlich bewirten lassen. Ihr findet eine gewaehlte +Bibliothek, Kanzler, und wollet Ihr Luft schoepfen, so steiget in den +Garten hinab, er ist schattig und reicht bis an die Waelle. Ich lade +Euch nicht zu Tafel, da ich Donna Victoria erwarte, der mein Abend +gehoert. Lasset Euch die Zeit nicht lange werden. Morgen sehen wir +uns wieder." + +"Wie wird mir der Tag vergehen?" jammerte der Kanzler. + +"Alles geht vorueber. Noch eins: naehert Euch, ich bitte, den +Wachtposten nicht, Ihr verstuendet denn das Deutsche." Er sah den +Kanzler erbleichen. "Fuerchtet nichts", schloss er freundlich und +entliess ihn. + +Wie er sich wieder umwendete, naeherten sich ihm der Herzog und Del +Guasto, die ihr Versteck verlassen hatten, beide in der hoechsten +Aufregung, der bleiche Bourbon mit fieberhaft geroeteten Wangen, Del +Guasto mit lodernden Augen. Pescara erriet, dass das belauschte +Gespraech und der gezeigte Ruhm sie beide verfuehrt und bezaubert hatte. +Del Guasto lechzte nach Beute und der Herzog nach dem reinigenden +Lorbeer. Noch schwiegen sie, aber ihre dringende und flehende +Gebaerde wollte sich in Worte verwandeln. Da schloss ihnen Pescara den +Mund. + +"Herrschaften", sagte er, "hier wurde Theater gespielt. Das Stueck +dauerte lange. Habt Ihr nicht gegaehnt in Eurer Loge?" + +Da schlug der Bourbon in ploetzlich umspringender Stimmung eine gelle +Lache auf. "Trauerspiel oder Posse?" fragte er. + +"Tragoedie, Hoheit." + +"Und betitelt sich?" + +"Tod und Narr", antwortete Pescara. + + + + + +Viertes Kapitel + + + +Durch seine lange Zimmerreihe schritt der Kanzler von Mailand ruhelos +auf und nieder. Die Fensterlaeden waren gegen die brennende +Nachmittagssonne geschlossen, und nur durch eine Spalte schoss hin und +wieder ein neckischer Strahl in die Daemmerung, einen grellen Streifen +ueber die Fliesen ziehend, waehrend die Tiefe der Gemaecher im Geheimnis +blieb. Doch nicht der schmalste Lichtblitz erhellte dem Kanzler die +Seele Pescaras. Er hatte seinen ganzen Menschen preisgegeben, +Pescara auch nicht ein Teilchen seiner selbst, und nicht nur ein +Schuldiger und Gestaendiger war jetzt der Kanzler, sondern auch ein +Gefangener oder nicht viel anders. Doch weit entfernt, dass seine +Blossstellung ihn gereut oder sein Halbgefaengnis ihn geaengstigt haette: +im Gegenteil, er schwelgte in der Grossmut seiner voelligen Hingabe. +Nicht einmal sein schmaehlich verratener Herzog beunruhigte jetzt sein +Gewissen, so gaenzlich erfuellte ihn die Leidenschaft, sich Pescaras zu +bemaechtigen, und der Reiz seines Anschlages auf diesen einzigen +Menschen, dessen grosse Haltung und ernstes Spiel in der eben +beendeten Szene er aufrichtig bewunderte. Er setzte diese Szene fort: +jedes Wort des Zwiegespraeches wiederholte sich in seinem Ohr, und +selbst jede Miene und Gebaerde desselben bildete sich ab in seinen +Zuegen und schwang in seinen Muskeln fort--doch ueber Sinn und +Tragweite des Gesprochenen verstrickte er sich in unloesbare, in +toedliche Zweifel. Eine Auslegung nach der andern verwarf er, um +zuletzt zu dem wahrscheinlichen Schlusse zu kommen, noch sei Pescara +ungewiss, noch liege er im Kampfe mit sich selber. + +Da gedachte er sehnsuechtig der Bundesgenossin, die jede Stunde, jede +Minute ihm bringen konnte, und der Wert Victoria Colonnas deuchte ihm +unermesslich. Nur eine solche konnte einen solchen besiegen. Nicht +ein aufstachelndes, herrschsuechtiges Weib, wie damals deren manches +in Italien sein Wesen trieb, sondern die edelste Frau der Zeit fuehrte +seine Sache, und in dieser jede Schoenheit und Tugend Italiens +verkoerpernden und von seinen Freveln und Suenden freien Gestalt +erschien ihm sein Vaterland so unvergleichlich und der Ruhm, es sich +selbst wiederzugeben, so einzig, dass hier sogar ein Pescara und +gerade ein Pescara unmoeglich widerstehen konnte. Ein mit +unsittlichen Mitteln wirkendes Buendnis verklaerte sich in diesen +himmlischen Augen zu einer Reinheit, die den Namen einer "heiligen +Liga" in einem freien und weltlichen Sinne rechtfertigte. Die +Bewunderung des goettlichen Weibes, welches, wie er glaubte, Italien +zu retten berufen sei, wurde dem Kanzler zur Anbetung und seligen +Inbrunst, denn er war der erhabensten und der gemeinsten Gefuehle in +gleicher Weise und Staerke faehig. + +Jetzt, da die gewonnene Zuversicht sein Inneres erhellte, verlangte +es ihn nach dem Tageslichte, er stiess einen Laden auf und stand, sich +umblickend, in dem sogenannten Schlangensaale, von welchem sein +Herzog ihm oft erzaehlt, den er selbst aber noch nie gesehen hatte. +UEber dem Getaefel lief die vier Waende entlang ein gemaltes Geflechte +von Schlangen, je zweie sich umwindend, die eine der feuerspeiende +Drache der Sforza, die andere das entsetzliche Wappenbild der +Visconti, die Schlange mit dem Kind im Rachen. Legende oder Wahrheit, +der suesse Lionardo da Vinci galt als der Schoepfer des scheuseligen +Kranzes: waehrend seines langen Dienstes bei dem Mohren habe er einmal +im herzoglichen Hause zu Novara sich aufgehalten und in wenigen +Stunden dieses Spiel einer grausamen Laune begonnen und beendigt +unter dem Vorwande einer Verherrlichung seines Fuerstenhauses. Keine +Unmoeglichkeit, denn der Bildner des zaertlichsten Laechelns liebte +zugleich die Fratze und das Grauen. Zuerst mit ergoetzten, bald mit +beaengstigten Augen betrachtete der Kanzler den wilden Ring, das Werk +einer unerschrockenen Einbildungskraft, die sich daran geuebt hatte, +den Ungetuemen und dem nackten Kinde in dem verschlingenden Rachen +eine Folge von natuerlichen Bewegungen zu geben. Dann ploetzlich +erschien es ihm, als lebe und drehe sich das Gewinde. Der Kanzler +wendete sich schaudernd und trat wieder an das Fenster. + +Er erblickte den einsamen Schlossgarten, der sich unter einem weiten +Gewoelbe von Baeumen in tiefdunkle Schatten verlor. Darueber das +blendende Lichtmeer, und hin und wieder ein Bruchstueck der gezackten +Stadtmauer. Nur in einiger Entfernung stieg aus dem ueppigsten Gruen +auf drei Terrassen eine kleine Villa, im Winkel und von zwei Seiten +sichtbar, deren jede ein Bild bot, jene mit einem Turmbau endigend, +diese in einen weinumwundenen Saeulengang verlaufend. Es wollte +Morone scheinen, das anmutige Landhaus, dessen Teile leicht +auseinander herauswuchsen, muesse fuer Victoria bestimmt und der +Gedanke Pescaras sein, der ihr nicht in einem schweren und von dem +Schritte der Wachen droehnenden Schlosse, sondern an einer gefaelligen +und friedlichen Staette liebenden Empfang bereite. Auch deutete +mancherlei drueben hin und her eilende Dienerschaft auf das Kommen +eines Gastes, und jetzt glaubte er aus der entgegengesetzten Richtung +den Laerm einer Ankunft zu vernehmen. Da litt es ihn nicht laenger in +den unbehaglichen Raeumen, er suchte Treppe und Pforte und wandelte +bald in einem gruenen Schattenreiche. + +Seine Schritte fuehrten ihn in ein weites Rondell, wo das lieblichste +Halbdunkel herrschte und in dessen Mitte ein Brunnen seine +schimmernde Schale mit einer langsam stroemenden Flut durchsichtig und +einschlaefernd verschleierte. Vier breite Marmorsitze standen im +Umkreise. Auf einem derselben, dessen Lehnen zwei Sphinxe bildeten, +schlummerte der Feldherr, das Haupt ueber die Brust gesenkt. + +Nach einem leichten Erstaunen naeherte sich Morone auf vorsichtigen +Fuessen, um das schlafende Antlitz zu belauschen, ob nicht die jetzt +willenlose Miene den verschwiegenen Gedanken abbilde und ausdruecke. +Lange stand er davor. Nein, es traeumte nicht ehrgeizig, dieses Haupt, +noch sann es Verrat, sondern seine unbeherrschten Zuege trugen, ohne +die Spur von Triumph und List, einen Ausdruck, der kein anderer sein +konnte als der des Leidens und der Entsagung. Wie Morone es +betrachtete, erstarrte seine eigene aufgeregte Miene, denn die des +stillen Hauptes war so ueberredend, dass auch ihn eine fatalistische +Stimmung unwiderstehlich erfasste, eine Gewissheit von dem Nichts der +menschlichen Plaene und der Allgewalt des Schicksals. Nichts anderes +sagte das maechtige Antlitz als Froemmigkeit und Gehorsam. + +Da legte sich unversehens eine Hand auf die Schulter des Kanzlers. +Nach einem kleinen gespenstischen Schrecken, als ob ihn der Geist des +vor ihm Schlummernden von hinten beruehre, wandte er sich und +erblickte einen gelben Schaedel und eine von Alter gebrochene Gestalt. +Zwei braune kluge, aber unendlich wehmuetige Augen waren ihr einziges +Leben. + +"Numa! Wahrhaftig, du hast mich erschreckt." + +"Ich glaube es. Aber komm, Kanzler. Lassen wir ihn schlummern und +setzen uns dort gegenueber, dass ich ihn von ferne beobachte." Sie +thaten es, und der Arzt, der wohl achtzig zaehlen mochte, doch sein +feines Gehoer bewahrt hatte, liess sich mit dem Kanzler in ein +lispelndes Gespraech ein. "Du glaubst gewonnen zu haben?" fragte er. + +"Ich weiss nicht", sagte der Kanzler. "Est in votis." + +"Enttaeusche dich, Girolamo! Ich sage dir, auch wenn er wollte, so +kann er nicht." + +"Er koennte nicht? Warum? Das toent geheimnisvoll. Welcher Gott oder +welche Goettin verbietet es ihm? Kreuzige mich nicht! Rede!" + +"Duerfte ich reden, ich haette dir von der Schwelle meines Hauses und +aus Novara weggewinkt, aber meine Lippen sind gebannt. Doch ich darf +dich, du AErmster, auch nicht in dein Verderben stuerzen lassen. Du +verlierst hier deine Worte und vielleicht dein Leben. Er kann nicht, +beteure ich dir! Es ist ihm versagt. Es ist ihm nicht beschieden. +Fliehe! Es ist alles umsonst." + +"Fliehen? Vor Pescara? Ich denke nicht daran und halte ihn fest +umschlungen! Bei allen Daemonen, warum ist es ihm nicht beschieden?" + +Da hauchte der Arzt, dass ihn Morone kaum verstehen konnte: "Ist nicht +aller sterbliche Wandel in Zeit und Raum? Beide aber versagen diesem." + +Er legte den Finger auf die Lippen, ihnen Schweigen gebietend, und +dann gleich zum andern Male, um den Kanzler auf nahende Schritte +aufmerksam zu machen. "Still! Siehe!" fluesterte er. Auf leisen +Sohlen kam Victoria Colonna in den weiten gruenen Saal, den Gatten an +seinem Lieblingsplatze suchend. Noch trug ihr Kleid den Staub der +Strasse; sie mochte kaum vom Pferde geglitten sein. Da sie ihn +schlummern sah, blieb sie stehen und verlor sich in seinem Anblick. +Dann zerfloss sie ploetzlich in Traenen, aus einem UEbermass der Freude, +oder es erschreckte sie der heilige Ernst der geliebten, nun von +Muehen und Wunden tiefer gegrabenen Zuege. Wenige Augenblicke aber, +und sie trat zu ihm. Mit unendlicher Liebe legte sie die Hand unter +das strenge Haupt, und es sachte hebend, weckte sie es mit +inbruenstigen Kuessen. Pescara oeffnete die Augen. Sanft drueckte er +sein Weib an die rechte Brust und gab ihr einen Kuss auf die Stirne. + +Da sich der Feldherr erhob, hatte sich Morone in einer seltenen +Regung von Keuschheit weggeschlichen, und Pescara sah nur den Arzt +vor sich. Die Linke um Victoria schlingend, ergriff er mit der +Rechten die Hand Numas und sprach zu seinem Weibe: "Das ist mein +Arzt", und diese, in ihrer feurigen Art, bog das Knie und bedeckte +die schlaffe Hand mit Kuessen. "Sie hat die Wunde meines Helden +geschlossen!" jubelte sie voller Dankbarkeit. Dann aber richtete sie +sich auf und fragte in tiefer Erregung: "Messer Numa Dati?" + +Der Alte verneigte sich. + +Und Victoria, von ihrem warmen Herzen hingerissen, wendete sich an +den Gemahl, Mund gegen Mund, und klagte: "Ehe wir uns freuen, musst du +mir und diesem Recht schaffen! Unser Neffe hat ihm die Enkelin +verleitet und weigert sich, der Frevler, seine Schuld durch die Ehe +zu suehnen!" + +"Ist es so, Numa?" sagte der Feldherr, und da der Greis traurig +bejahte: "Warum hast du mir das verheimlicht?" + +"Anfangs, Herrlichkeit, war es eine blosse Vermutung, da sie mein Haus +und Novara heimlich verliess. Und wie durfte ich Euch, der sein +eigenes grosses Schicksal traegt, mit dem kleinen eines Maedchens +beschaeftigen? Erst heute erhielt ich Gewissheit, durch ein Schreiben +aus Rom, von der AEbtissin, in deren Kloster das arme Kind sich +gefluechtet hatte." + +Jetzt draengte sich Victoria flehend an die linke Seite ihres Helden, +der unter dem Drucke des Frauenleibes einen koerperlichen Schmerz zu +empfinden schien. Um ihn zu verbergen und zu verwinden, that er ein +paar Schritte vorwaerts. + +Die dreie standen vor den spielenden Lichtern des Brunnens. +"Schoenste Frau, mich hat herzlich verlangt, Euch wiederzusehen", +sagte der Feldherr, "und da bist du ja, meine Seele!" Er blickte ihr +in die strahlenden Augen. "Aber deine edeln Lider sind ja noch ganz +bestaeubt von der Reise. Dein Tuch!" Sie gab es ihm, der es netzte, +und schloss die Augen, waehrend er ihr Stirn und Lid und Wange wusch +und badete. + +"Ich erinnere mich deiner Enkelin ganz wohl, Numa, obwohl ich sie +kaum gesehen habe. Tiefblaue Augen und kastanienbraune Haare, wie +diese da, nicht wahr, und Julia heisst sie? Was ihre Sache betrifft, +die duenkt mich schwer und tragisch. Nicht dass ich anstuende, den +Boesen, den du kennst, Victoria--auch ich kann ihn nicht anders +nennen--zur Ehe mit ihr zu zwingen, er wuerde sich fuegen, ohne Zweifel, +denn er ist mein Geschoepf und ich habe Macht ueber ihn. Aber ich +frage mich, ob es gut sei, die Verschmaehte an einen Herzlosen und +Grausamen zu fesseln, der freilich durch seine Vermessenheit und +Begabung in der Welt die hoechsten Stufen erreichen wird. Und sie +selbst? Wird sie es verlangen? Glaubst du, Victoria? Hat sie es +verlangt, die sich dir in Rom zu Fuessen geworfen hat, wie ich vermute, +da du sie kennst?" + +"So that sie", sagte Victoria mit flehender Stimme. + +"Ertrug sie deinen reinen Anblick? Und im Ernst, du willst sie dem +Manne geben, der sie verschmaeht? Wenn sie mein Kind waere, ich +vergruebe sie ins Kloster. Ihr aber seid menschlich und barmherzig, +Madonna. Und wer weiss, vielleicht liebt sie ihn noch, oder liebt und +hasst ihn zugleich--ich verstehe das nicht. Doch ich will mich ihrer +annehmen, sie habe die Wahl." + +Jetzt oeffnete der Arzt den welken Mund. "Arme Julia! Welche Wahl! +Selig, dass sie ihrer ueberhoben ist!" + +"Wodurch?" fragte Pescara. + +"Durch eine dunkle, aber weise Gottheit." + +"Ich verstehe", sagte der Feldherr rasch, "sie lebt nicht mehr." + +"Du sagst es, Herrlichkeit." + +"Sie hat sich ein Leides gethan?" wehklagte Victoria. + +"Da sei ihr Schutzengel davor!" + +"Wer weiss es? Als sie in ihr Kloster zurueckkam, nachdem sie sich +Euch geoffenbart, ist sie gestorben. Ihr Gestaendnis muss sie getoetet +haben, und der Anblick Eurer Reinheit, Madonna, wie die Herrlichkeit +es gewollt hat. Vielleicht ein Herzschlag, vielleicht--das willige +Maedchen ist mir in meiner Apotheke oft mit Verstaendnis und Geschick +beigestanden." + +Jetzt urteilte der Feldherr: "Das bleibe unberedet. Sie ist +eingegangen in den Frieden und steht jetzt in Dienst und Pflicht +einer heiligen Macht, die unserer erbaermlichen Gerechtigkeit spottet." + +Victoria weinte, und der Greis flehte: "Ich kann nicht mehr! Es sei +gut!" + +"Ja, es ist gut", schloss der Feldherr. + +Dann bot er Victoria die Hand und sagte leichthin: "Edle Frau, ich +habe Euch und mir, solange wir zusammen sein duerfen, ein helleres +Haus geruestet als dieses alte Schloss mit seinen plumpen Deckenbalken, +diese Wohnung des Verrates, denn auf seiner Zugbruecke wurde der Mohr +ausgeliefert. Sehet Ihr dort bei den Pinien die anmutige Baute, +Madonna? Die habe ich Euch bestimmt: sie ziemt Eurem klaren Wandel." + +Sie durchschritten den Park und langten am Fusse der drei Treppen an, +wo der greise Arzt stehenblieb, Atem schoepfend und den Feldherrn +zurueckerwartend. Da Victoria die dritte Treppe erstieg, erblickte +sie zwei Bildwerke, welche rechts und links die hoechste Stufe +schmueckten. "Das hat der junge Franz Sforza ersonnen, an welchem +sein guter Geschmack immer noch das Beste ist", plauderte Pescara. +"Diese Gruppen sind huebsche Gedanken aus seinem fluechtigen Kopfe. +Die rechts zum Beispiel. Erst konnte ich nicht aus ihr klug werden, +so sehr sie mir gefiel. Da sagte mir der Gaertner die Inschrift, die +sie anfangs trug, die aber der feine Herzog verschwinden liess, damit +der Beschauer fuehle und rate. Sie lautete... doch das bringst du +heraus, Geliebte?" + +Victoria, nachdem sie einen fluechtigen Blick auf die linke Gruppe, +ein ungebunden kosendes Paar geworfen hatte, betrachtete lange Zeit +die rechte. Es waren zwei weibliche Gestalten, eine liegend und +etwas wie eine Blume oder einen Schmetterling leichtsinnig +zerpflueckend; die andere stand, innig vertieft in sich selbst, oder +in die Ferne verloren. Alle drei Maedchen aber, das kosende, das +vergessende, das sich sehnende, hatten unter verschiedenem Ausdrucke +das gleiche Gesicht. Victoria sann. Da blies ihr der Feldherr +mutwillig ins Ohr, wie in der Schule ein Knabe einem Maedchen: "Tu die +Augen auf, ein paar Buchstaben sind noch lesbar." Victoria entdeckte +links, schwach ausgepraegt: Pres..., rechts aber unterschied sie etwas +deutlicher: Ass... "Presenza und Assenza", ergaenzte sie beschaemt, +und der Feldherr sagte: "Die Gegenwart ist frech. Die Abwesenheit +aber, die vergisst, ist gedankenlos. Ich preise die gegenwaertige +Abwesenheit: die Sehnsucht." + +"Wir werden uns nicht mehr trennen, Ferdinand, wenn du mich lieb hast." + +"Nur noch einmal. Fuer einige Tage, hoechstens eine Woche, Madonna, +bis ich Mailand werde genommen haben. Ihr folget mir, und forthin, +wenn Ihr wollt, trennen wir uns nicht mehr. Es liegt an dir, +Victoria", sagte er zaertlich. + +"Ob ich will!" + +"Erinnerst du dich, Geliebte", scherzte er wiederum, "dass du mir +einmal in Ischia am plaetschernden Strande gesagt hast, du begreifest +nicht, wie ein Weib, das geliebt habe, jemals einem Zweiten gehoeren +koenne? Es widerspricht der Liebe, sagtest du. Freilich, aber es hat +Erfahrung und menschliche Natur fuer sich. Assenza, Assenza!" + +Jetzt erhob sich Victoria zu ihrem ganzen stolzen Wuchs und streckte +den herrlichen Arm, von welchem der AErmel zurueckfiel, gegen den +leuchtenden Himmel und schwur: "Nie gehoere ich einem andern, bei den +reinen Strahlen dieser Sonne!" + +Der Feldherr beschwichtigte: "Dort stehen deine Kammerfrauen, Kind, +und bestaunen dein Geluebde, das sie dir wahrlich nicht nachtun werden." +Er winkte den in ehrerbietiger Entfernung harrenden Zofen und +beurlaubte sich bei der Marchesa. "Ihr werdet Euch umkleiden, Herrin, +und ich selbst habe noch bis zur Abendstunde zu thun. Auf +Wiedersehen hier, nach Sonnenuntergang, zum Spaetmahle." Er wendete +sich und ging, ohne nach ihr sich umzublicken. Unten an der Treppe +nahm er den Arm des greisen Arztes, langsam mit ihm durch einen +Zypressengang nach dem Schlosse zurueckwandelnd. "Wie war die Nacht +Eurer Herrlichkeit?" fragte der Alte. + +"Wie gewoehnlich", antwortete Pescara. "Du hast gegen deinen +Gastfreund reinen Mund gehalten, Numa?" + +"Ich erinnerte mich Eures Befehles... Aber wie moeget Ihr mit dem +Kanzler und meinem armen Italien dieses grausame Spiel treiben! Wie +duerfet Ihr es?" + +"Ich spiele mit Italien, sagst du? Im Gegenteil, deine Landsleute, +Numa, spielen mit mir: sie heucheln Leben und sind tot in ihren +UEbertretungen und Suenden." + +Sie gingen eine Weile schweigend. "Weisst du, Numa", spottete jetzt +der Feldherr, "dass mich neulich ein Astrologe besucht und mir das +Horoskop gestellt hat? Er schaetzte mich auf sechzig Jahre, ich fand +das wenig." + +Der Greis seufzte. + +Wieder wandelten sie wortlos. Vor der schmalen Pforte der Burg +beurlaubte Pescara den Alten. "Meine Feldherrn erwarten mich, Numa, +ich habe sie auf diese Stunde beschieden." Da beschlich ihn noch ein +Mitleid mit den guten braunen Augen und dem zahnlosen Munde, und er +sagte freundlich: "Fuerchte nichts, Numa. Ich werde dein Italien +nicht misshandeln, ich werde gerecht und milde verfahren." + +In seinem Vorsaale fand der Feldherr den Herzog von Bourbon und Leyva +sich gegenueberstehen, zwischen ihnen Del Guasto, als ob er sie +auseinanderhielte, und dann noch einen vierten, der in einer +Fensterbruestung lehnte. Dieser war ein vornehmer Mann in Jahren, +halb Moench, halb Weltmann, mit einem bronzefarbenen Kopfe und tiefen, +unergruendlichen Zuegen, in einen kuttenaehnlichen weissen Mantel gehuellt. +Wie Pescara ihn erblickte, schien der Feldherr leicht zu schaudern, +ging aber auf ihn zu und begruesste ihn. + +"Was verschafft mir die Ehre, Moncada?" + +Der andere erwiderte: "Erlaucht, ich bin in Sendung und ersuche im +Namen des Vizekoenigs um eine Unterredung." + +"Ich gewaehre sie", versetzte der Feldherr, "aber ich bitte Eure Gnade, +sich kurz zu fassen am Vorabende des Feldzugs." + +"Eine geheime Unterredung." + +Pescara besann sich. "Eine geheime? Nicht, Ritter. Geschaeftliches +wuerde ich diesen zwei Herrschaften, meinen Kollegen, nicht +vorenthalten. Ersparet mir die Muehe. Mein Neffe hier ist +verschwiegen. Was ist Euer Auftrag? Sprechet, Ritter!" Er bot +Moncada keinen Stuhl. + +Dieser musterte die anwesenden Gesichter. "Nach Eurem Willen", sagte +er. "Erlaucht, der Vizekoenig ist in tiefster Besorgnis. Die +italienische Liga ist eine Thatsache, an welcher Erlaucht nicht +zweifelt, da Sie durch Leyva den Vizekoenig um Truppen ersuchen liess, +welche dieser freilich nicht entbehren kann, selbst ihrer beduerftig, +um im Falle des ausbrechenden Krieges eine ehrfuerchtige, aber +drohende Bewegung gegen die irregegangene oder missleitete Heiligkeit +zu machen. Erlaucht gibt zu, dass unsere Heere im Sueden und Norden +der Halbinsel zusammenwirkend in denselben Plan eingreifen muessen. +In diesem Sinne sendet mich der Vizekoenig, Euch zu begleiten und ihn +auf dem laufenden zu halten. Genehmigt Erlaucht?" + +Der Feldherr bejahte, seinen Unmut niederkaempfend. + +"Ein anderes", fuhr Moncada fort. "Ich bedaure, dass Ihr mich nicht +geheim empfangen habet, aber ich ergreife den Augenblick. Es wird +gewuenscht in Madrid, dass Erlaucht, wenn Sie Mailand erobert haben +wird, dort zum Heile der Monarchie, und um das UEbel mit der Wurzel +auszurotten, streng und durchgreifend verfahre. Es wird geraten: der +abtruennige Herzog werde in Ketten gelegt und nach Spanien gesendet; +der trotzige lombardische Adel verliere seine Gueter und besteige das +Schafott; starke Besatzung und schwere Kriegssteuer baendige den +Buerger; der Schrecken herrsche in Mailand!" Er suchte in der Miene +des Feldherrn zu lesen. + +Dieser stand ruhig. "Der Schrecken?" wiederholte er. "Niemals, +solange ich lebe und meinem Kaiser diene! Mailand ist Reichsgebiet, +und der Kaiser will nicht, dass das Reich misshandelt werde. Wer +wuenscht? Wer raet? Verschonet mich mit Raeten und Wuenschen, Moncada, +ich brauche sie nicht." + +"Hat der Herzog um Aufschub gebeten?" fragte Moncada misstrauisch. + +"Nein, Ritter." + +"Durch seinen Kanzler?" + +"Der Kanzler der Hoheit von Mailand bewohnt seit heute diese Burg. +Eure Gnade kann ihn sprechen und sich bei ihm selbst erkundigen, Sie +wird ihm damit ein Vergnuegen machen, denn ich fuerchte, dass er sich +langweilt." + +"Erlaucht hat ihn nicht empfangen? Keine Neugierde laesst mich fragen, +sondern das Interesse der koeniglichen Sache, welcher wir alle hier +dienen." + +"Ich habe den Kanzler gesprochen, heute morgen, zwei Stunden." + +Diese Aufrichtigkeit setzte Moncada in Erstaunen, aber sie sagte ihm +nichts Neues. Er war durch die spaehenden Ohren, welche er unter dem +Gesinde Pescaras besoldete, von der Ankunft und der Audienz Morones +genau unterrichtet. + +"Eine lange Beredung, da doch allein von der Unterwerfung des Herzogs +die Rede sein konnte." + +Pescara schwieg. Geheimer Abscheu, so schien es, verbot ihm, den vor +ihm Stehenden nur eines Wortes zu wuerdigen ueber das Noetige hinaus. + +"Ich wundere mich", sprach Moncada weiter, "dass Erlaucht nicht kurz +abgebrochen, und ich erstaune, dass Sie diesen Niedertraechtigen +ueberhaupt empfangen hat, jetzt, da jene Verleumdungen ueber Erlaucht +Italien erfuellen." + +"Nicht weiter! Jedes Wort waere eine Beleidigung und ein Zeitverlust! +Ich habe diese Luegen meinem Kaiser berichtet. Das genuegt. Ich +kenne meine Feinde..." + +"Weise. Und ebenso weise, wenn Erlaucht Ihrer Unterredung mit Morone +unverdaechtige Zeugen gegeben haette." + +"Das geschah", erwiderte Pescara veraechtlich. "Diese Herrschaften +hier." Bourbon und Del Guasto nickten. "Was aber den Inhalt der +Unterredung betrifft, nach welchem Ihr neugierig zu sein scheinet, so +werdet Ihr ihn der Antwort entnehmen, welche ich in Eurer Gegenwart, +wenn Ihr es wuenscht, dem Kanzler morgen zu geben gewillt bin, bevor +er meinem Heerzug als ein Gefangener folgen wird. Hier in diesem +Saale. Nun aber lasse ich Euch." Und er entfernte sich in sein +inneres Gemach, wohin die drei andern ihm folgten. + +Moncada stand allein. "Eine Maske", ueberlegte er, "eine durchdachte +Maske. Welch ein Antlitz verbirgt sie?... Ich werde es wissen... +Du entrinnst mir nicht, ich umschwebe dich, Pescara!" Er ging +langsam weg in streitenden Gedanken. + +Waehrend die drei Feldherrn drinnen den Krieg vorbereiteten, blieb der +Vorsaal eine Weile leer und unbehuetet. Der Page Ippolito hatte sich +zu der Herrin hinuebergeschlichen, deren Ankunft er belauscht hatte +und deren Schoenheit und Leutseligkeit er kindlich bewunderte. Er +brannte, sie zu begruessen und ihr seine Dienste zu bieten. Dann aber +bevoelkerte sich der feierliche Saal mit einer lustigen Gesellschaft. +Die fuenf silbergrauen Windspiele des Konnetabel, naerrische, noch ganz +junge Tiere, hatten irgendeinen unbewachten Eingang in das Schloss +gefunden und beschnoberten jetzt die Spalten der Tuere, hinter welcher +sie ihren Herrn vermuteten. Diese Rasse war Modesache. Nun kam auch +der Windhund des Marchese, ein edles Tier und ein unermuedlicher +Laeufer, zu sehen, was es gebe, und war nicht sehr erbaut von dieser +leichtsinnigen Sippe, die ihm nicht in diesen ernsten Raum zu gehoeren +schien und der er knurrend sein Missfallen kundgab. + +Siehe, da erschien noch ein zartes, zierliches Windspiel, ein +schneeweisses Geschoepf von den feinsten Formen, das auf schimmerndem +Silberhalsband die Inschrift trug: "Ich gehoere der Victoria Colonna." +Zuerst mit Freude und Bewunderung empfangen, wurde das schmucke +Spielzeug bald zu einem gejagten und gehetzten Wilde, hinter welchem +die ganze jugendliche Meute klaeffend im Kreise herumfuhr. Da kam der +Page hereingesprungen, nahm das Eigentum der Herrin, welche ihn +danach gesendet haben mochte, in die Arme und fluechtete es aus dem +Tumulte, die wilde Jagd hinter sich ziehend, den besonnenen Laeufer +des Pescara ausgenommen. In demselben Augenblicke trat Leyva aus dem +innern Gemache und beschleunigte die allgemeine Flucht, indem er dem +hintersten Huendchen des Konnetabel einen Tritt versetzte, dass es +winselnd durch die Luft flog. + +Der ergraute Feldherr hatte einen zornroten Kopf und liess sich von +Pescara, der ihn geleitete, kaum mehr an der Hand zurueckhalten. +"Leyva", sagte der Marchese, "ich bitte Euch, bleibt! Beherrschet +Euch! Ich kann Euch nicht zwingen, gegen den Herzog gerecht zu sein, +aber beobachtet wenigstens die Formen! Der Herzog benimmt sich +musterhaft gegen Euch, mit tadelloser Courtoisie, Ihr aber zoget ihm +die grinsende Miene eines Bauers, und jetzt lauft Ihr weg, ehe unsere +Beratung geschlossen ist. Das ist kein Betragen, wie es sich fuer +Eure Stellung und Euer Verdienst geziemt." "Ich konnte den Verraeter +nicht laenger ertragen, Pescara! Mit jeder Miene, jeder Bewegung hat +mich der Hochmuetige beleidigt! Nichts als Hohn! Seine Kaelte +verachtet mich, und seine Verbeugungen spotten meiner. Ich moechte +wissen, woher er das Recht nimmt, auf mich herabzusehen. Ich stehe +ueber ihm, trotz seiner hohen Geburt, denn meine Ehre ist rein, und +ich bin ein treuer Knecht meines Koenigs, den seinigen aber hat er +verraten! Er ist gezeichnet und sein glattes Gesicht garstiger als +meine Wunde hier! Doch nicht alle Fuersten verachten mich, es gibt +deren, die meinen Wert kennen. So dieser verstaendige Moncada, mit +dem ich gereist bin. Der wenigstens hat mich seines Vertrauens +gewuerdigt." + +Pescara wurde sehr ernst. "Leyva", sagte er, "Ihr gebet mir die +Genugtuung, dass ich Euch immer fuer voll genommen habe. Ich frage +nicht nach der Geburt, sondern ich nehme den Menschen, wie ich ihn +erprobe. Habet Ihr mich je hochmuetig gesehen oder kleindenkend +erfunden? Du hast nichts gegen mich, Alter", sagte er zutraulich, +"wir kennen uns." Er suchte mit den hellen grauen Augen die des +Mitfeldherrn, der sie ihm aber, den Kopf senkend, hartnaeckig entzog. +"Nichts", murrte Leyva, "ausser dass Ihr Freundschaft haltet mit dem +andern. Doch ich habe Eile: Erlaucht schickt mir die Instruktionen +nach. Ich besitze dergleichen gerne schriftlich. Leyva tut seine +Pflicht. Zaehlt darauf!" + +Der Feldherr liess ihn gehen und streichelte nachdenklich den feinen +Kopf seines Windspieles, das ihm denselben in die Hand zu legen +gekommen war. + +Dann trat er in sein Gemach zurueck, wo er Bourbon und Del Guasto in +einem aufgeregten Gespraeche fand, wohl ueber den Kanzler, denn sie +deuteten mit den Blicken in der Richtung der Turmgemaecher. Der +Feldherr laechelte. "Herrschaften", sagte er, "Ihr habet heute morgen +eine wunderbare Rede belauscht und--noch wunderbarer--diese Rede hat +mich nicht verfuehrt, aber Euch, meine Zeugen. Meine Treue blieb fest, +und die Eurige wurde erschuettert, wie ich glaube: ein Triumph, den +der Kanzler nicht beabsichtigte, der ihm aber schmeicheln darf." + +Jetzt wendete er sich mit veraenderter Miene gegen Del Guasto: "Don +Juan, ich sah Eure Augen habgierig nach Beute flammen. Danket es mir, +dass ich Euch nicht zu Worte kommen und Euern Herrn, den Kaiser, +verraten liess. Denn gerade Ihr, Don Juan, muesset der Majestaet +unverbruechliche Treue halten, wenn Ihr nicht ein Verbrecher werden +wollet. Treue am Fuersten ist die einzige Tugend, deren Ihr zur Not +faehig seid, und der letzte Ehrbegriff, der Euch uebrigbleibt. Sie +wird Eure Unerbittlichkeit adeln, wenn Ihr dieselbe gegen Abfall und +Empoerung ausuebet, und Eure grausamen Triebe werden der irdischen +Gerechtigkeit dienen. Nehmet das als meinen wohlgemeinten Rat, und +nun gehet und vermeidet heute die Augen Donna Victorias. Euer +Anblick ist ihnen verhasst, sie koennen einen Moerder nicht ertragen." + +"Einen Moerder?" Don Juan lehnte sich auf. + +"Einen Moerder. Kennet Ihr Euer Opfer noch nicht? Ich nenne es Euch: +es ist Julia, die Enkelin meines Numa Dati, gestorben in Rom am +gebrochenen Herzen, und Ihr seid es, der sie umgebracht hat. Ihr +geschah wohl, aber das mindert Euren Frevel nicht im geringsten. +Fuerchtet nicht, dass sie Euch erscheinen werde, sie ist versenkt in +die Ruhe und ueberlaesst Euch den Furien Eurer Seele, zu frueher oder +spaeter Reue." + +Del Guasto erbleichte, und sein Haar straeubte sich wie ein Gewirr von +Schlangen. Nicht seine That erschreckte ihn, aber der furchtbare +Richterernst des Feldherrn, dessen vernichtende Strafgewalt von +jenseits des Grabes zu kommen schien. Er entwich bestuerzt vor den +Blitzen dieses Auges. + +"Familienangelegenheiten", bemerkte Bourbon. "Aber weisst du, +Ferdinand, dass der Kanzler mich mehr, als du denkst, begeistert hat? +Trotz seiner Schmaehungen--er ist der einzige, dem ich nichts +uebelnehme--war er auf dem Wege, mich voellig zu betoeren, oder vielmehr, +du hast mich betoert, da du sagtest, ich sei dein Alterego und du +wuerdest mir Mailand geben. Du hast dich ueber mich lustig gemacht, +und ich Stumpfsinniger habe den Spass nicht verstanden." + +"Vergib, Karl! Ich war neugierig, ob der Kanzler seinem Herzog Treue +hielte. Aber glaube mir, Karl, auch dir bleibt nichts als die Sache +des Kaisers. Der Niedergang Italiens ist unaufhaltsam, es unterhoehlt +sich selbst. Besieh dir doch die Sache: Italien bietet sich mir +flehend und bedingungslos, mit einem Schein von Wahrheit und Groesse, +und zugleich zieht es mir mit vollendeter Tuecke den Boden unter den +Fuessen weg, um mich zum Sprung ueber den Abgrund zu zwingen. Ich +begreife bei solchen Geruechten und Verleumdungen, dass mir Madrid +einen Aufseher und Belauscher sendet. Aber warum meinen Feind? +Warum Moncada? Zwar er wird mir nichts anhaben, und ich werde mein +Tagewerk zu Ende bringen, und dir, Karl, werde ich geben, was ich +kann, mein Amt und meine Nachfolge... Nicht wahr, Karl, du bist +gerecht in Italien? Du quaelst es nicht? Du drueckst es nicht ueber +das Mass? Das gelobst du mir. Obwohl sie es nicht um mich verdient +haben. Ich kenne dich: du gehst menschlich mit ihnen um." + +"Ausgenommen mit dem Heiligen Vater, der schlecht von mir gesprochen +hat. Aber, Ferdinand, was redest du? Du erschreckst mich! Wir sind +gleichen Alters, und eine Kugel kann mich vor dir oder uns beide +zusammen niederstrecken. Dieser Moncada ist ueber dich gekommen wie +ein Frost, ich sah dich zusammenschauern. Was liegt zwischen Euch?" + +Jetzt ging die Sonne unter, und es klopfte leise an der Tuere. Der +eintretende Ippolito wendete sich flehend gegen seinen Herrn: +"Erlaucht lasse Madonna nicht warten. Die Tafel drueben ist gedeckt, +und Madonna steht harrend auf der Terrasse, wenn sie nicht die Stufen +herabsteigt." + +"Gehe, mein Kind, und sage ihr, ich komme." + +"Das tue ich nicht", versetzte Ippolito mit anmutigem Trotze, "sonst +laesst sich Erlaucht mit Hoheit wieder in ein endloses hochpolitisches +Gespraech ein, und die suesse Frau wird vergessen." + +Der Feldherr litt den Knaben neben sich, und die Unterhaltung mit dem +Herzog fortsetzend, um dessen Schulter er vertraulich den Arm +geschlungen hatte, bediente er sich der spanischen Sprache, von +welcher er wusste, dass sie von dem Pagen nicht verstanden wurde. "Was +zwischen mir und Moncada liegt, Karl? Etwas Entsetzliches, ein +Verdacht, der fuer mich eine Wahrheit ist, fuer welchen ich aber keinen +Beweis habe als meine UEberzeugung. Ich glaube, ja ich bin gewiss: +dieser Mensch hat meinen Vater umgebracht." Er glaettete die Locken +des Kindes, das mit unschuldigen Augen zu ihm emporblickte. + +"Es war nach der Wende des Jahrhunderts und ich wie dieser hier, +jedenfalls nicht aelter. Mein Vater, ein guter Feldherr und ein +besserer Mann als ich, ein treuherziger Mann, ging in Sendung des +damaligen Vizekoenigs, des grossen Gonsalvo, der spaeter den spanischen +Undank so grausam erfuhr, nach Barcelona, wo der alte Ferdinand eben +hofhielt. Dort erblickte er den letzten Sprossen unsers +neapolitanischen Fuerstenhauses, jenen ungluecklichen Juengling, der +unter dem argwoehnischen Auge Ferdinands welken musste, mit einem +unfruchtbaren Weibe verheiratet. Arglos und unklug, wie der Vater +war--ich sage dir, es gab keinen schlichtern Mann--, liess er sich mit +dem entthronten Prinzen in ein teilnehmendes Gespraech ein und +besuchte ihn dann zuweilen im Palaste. Das reichte hin, ihn dem +Koenige verdaechtig zu machen, und dieser Verdacht genuegte, um ihm das +Leben abzusprechen. + +Ich erzaehle dir die Sache, wie ich sie nachher erforscht und +zusammengebracht habe, da, bei reiferm Verstande und erlangter +Menschenkenntnis, die Vergangenheit Sinn und Bedeutung fuer mich +gewann. Es ist hoechst wahrscheinlich, dass der Koenig selbst sein +Opfer bezeichnete, wenn auch nur mit einem halben Wort oder einer +kurzen Gebaerde. Die Ausfuehrung seines geheimen Spruches aber +uebernahm ein junger Mensch, den er um sich hatte und von dem es hiess, +dass er sein natuerlicher Sohn sei. Der junge Moncada, kein anderer, +begegnete meinem Vater, der von dem Prinzen zurueckkam, in einer +Galerie des Schlosses und stiess ihn nieder. Kein Zweikampf, sondern +ein Meuchelmord, denn die Rechte des Vaters war durch eine alte +Verwundung gelaehmt. Und Pescara fiel unschuldig, so wahr ich dich +umschlungen halte, denn nichts lag dem Redlichen ferner als Intrige +und Verschwoerung. Ist das nicht verrucht? Und vielleicht glaubte +der junge Moncada eine Pflicht zu erfuellen und als guter Christ zu +handeln, da er dem Wink einer Koenigsbraue gehorchte. Ist das nicht +abscheulich? Waere so etwas bei euch moeglich, Karl?" "In Frankreich? +Je nachdem. Doch nein, so einfach nicht." + +"Nach Jahren, da ich meine ersten Sporen verdient hatte, treffe ich +den Moncada im Zelte meines Feldherrn und Schwiegervaters, des +Fabricius Colonna. Er umarmt mich, nennt mich seinen jungen Helden, +den aufgehenden Stern und die Hoffnung Spaniens, und sein Blick +gleitet mit ruhiger Beobachtung ueber meine Zuege. Er versichert mir, +ich gleiche meinem Vater, den er gekannt habe, und das Blut erstarrt +mir in den Adern, denn ich hatte die Gewissheit, dass mich der Moerder +Pescaras liebkosend in den Armen halte." + +"Du liessest ihn gehen?" + +"Am Abende jenes Tages ging ich, ihm das Leben zu nehmen oder ihn das +meinige nehmen zu lassen. Er war verschwunden. Ich konnte ihn nicht +verfolgen. Wo haette ich die Zeit dazu genommen, immer im Zelte und +in der Mitte der Entscheidungen, wie ich lebte? Aber der Geist des +gemordeten Vaters folgte mir ueberall. + +Spaeter erfuhr ich, der Verhasste habe sich in irgendeine Kartause +geworfen, um eine Suende zu buessen. Dann ist er jenseits des Meeres, +in Kuba, wieder aufgetaucht, wo ihm Koenig Ferdinand reiche +Besitzungen verlieh, und hat den kuehnen Cortez nach Mexiko begleitet. +Ich denke, um den ehrgeizigen Eroberer zu ueberwachen: denn Moncada +lebt in den Gedanken und Plaenen seines Vaters und ist im +Zusammenhange mit jener fanatischen spanischen Partei am kaiserlichen +Hofe, welcher die Burgunder und Niederlaender gluecklicherweise die +Waage halten. UEber das Meer zurueckgekehrt, hat er sich ein Verdienst +daraus gemacht, durch sein verborgenes Wirken Neuspanien der Krone +erhalten zu haben, und steht in halb gefuerchtetem Ansehen, auch bei +dem Kaiser, seinem Neffen. Jetzt ist er in Italien, um mich zu +unterjochen oder zu verderben. Das ist Moncada." + +"Weisst du, Ferdinand", sagte Bourbon, der aufmerksam gelauscht hatte, +"ich haette dir laengst gern einen Gefallen gethan. Raeche ich dir den +Vater und schaffe dir zugleich den Feind vom Halse? Nicht durch +Meuchelmord, das ist nicht meine Art, sondern in geregeltem Duell, zu +welchem ich schon einen Anlass finde. Ich gefaehrde mich nicht, denn, +ohne dir nahezutreten, du gibst zu: wir Franzosen fechten besser als +ihr Spanier. Du bleibst ausser Spiel, und mich schuetzt meine +fuerstliche Geburt. Willst du? Ich bin zu deiner Verfuegung." + +Da antwortete Pescara mit fast verklaerten, blaeulich schimmernden +Augen: "Nein. Es ist zu spaet. Ich denke jetzt anders und gebe den +Moerder der ewigen Gerechtigkeit." + +Bourbon blickte erstaunt. Pescara aber nahm Ippolito an der Hand und +sagte: "Nun duerfen wir Madonna Victoria nicht laenger warten lassen." + +Er gab dem Herzog den Vortritt. Auf der Wendeltreppe fragte er den +Knaben: "Die Herrin ist dir schon so lieb, die du heute zum ersten +Male gesehen hast?" + +"Sie war gleich so guetig", erwiderte Ippolito, "und ihr sah die +Schwester aehnlich, die ich jetzt nicht mehr sehen soll"--helle Zaehren +rieselten ihm ueber die Wange--"weil sie, wie mir der Grossvater +erzaehlte, in einem roemischen Kloster ist und dort die Geluebde +abgelegt hat. Und sie war sonst so froehlich, die Julia, aber +freilich, in der letzten Zeit ist sie sehr still geworden. Wie mag +sich die Schwester so jung begraben!" Er sagte das, waehrend sie ins +Freie traten. + +"Ich flehe, mich der erleuchten Frau vorzustellen", bat der +Konnetabel. "Juengst fand ich, ein Buch oeffnend, die Natur habe das +Herrlichste gebildet und dann die Form zerbrochen, damit Victoria +Colonna einzig bleibe. Ihr goennet mir den Anblick?" + +Sie beschritten den langen Zypressengang, und jetzt gewahrten sie in +einiger Entfernung einen bewegten Auftritt: eine vorwaerts strebende +weibliche Gestalt riss sich von einem Manne los, der ihr zu Fuessen lag. +In demselben Augenblicke schrie Ippolito: "Dort ist der boese +Zauberer, er will der Herrin ein Leides thun!", und eilte +spornstreichs Donna Victoria zu Hilfe, waehrend der Kanzler von den +Knien aufsprang und hinter einer Lorbeerhecke verschwand. + +Die Befreite eilte dem laechelnden Gemahl mit schnellen Fuessen entgegen +und mit einem so jungen und kraeftigen Erroeten, dass Pescara sie +niemals schoener gesehen zu haben glaubte. Waehrend ihr Gewand noch +flog, sagte die nicht einmal ausser Atem Gekommene. "Ein Flehender +hat mich ueberfallen und beschworen, seine Sache bei Euer Erlaucht zu +fuehren: er bittet, ihn nicht allzulange auf Bescheid harren zu lassen, +da er sich in Zweifel und Erwartung verzehre." + +"Er hat seine Fuerbitterin gut gewaehlt, Madonna", versetzte der +Feldherr, "aber alles zu seiner Zeit. Jetzt gestattet, dass ich Euch +die Hoheit Bourbon vorstelle." + +Victoria, lebhaft wie sie war, verbarg einen Ausdruck frauenhafter +Teilnahme nicht. + +Der Herzog liess nicht im geringsten merken, dass ihn der kniende +Kanzler belustigt hatte. Er verneigte sich ehrerbietig und hielt +sich fein und stolz aus Ruecksicht fuer Pescara und im Bewusstsein +seines schmachvollen Ruhmes, das ihn nie verliess. Er bewunderte die +Schoenheit Viktoriens, ohne sein dunkles Auge auf ihrem Antlitz oder +ihrem Wuchse ruhen zu lassen. Er schmeichelte nicht, er streute +keinen Weihrauch, sondern er sagte einfach: "Ich freue mich, Madonna +Victoria zu erblicken, die Gattin meines Freundes, des Marchese, und +huldige ihr nach Gebuehr." Dann verwickelte er sie, zu ihrer Linken +gehend, in ein leichtes und gefaelliges, aber unbedeutendes Gespraech, +und da sie ihn zur Tafel bat, bedankte er sich und schied unten an +der Treppe des Landhauses mit ruhiger Hoeflichkeit. Victoria, so +bescheiden sie war, hatte mehr erwartet, schon aus Gewoehnung, denn +ihr pflegte von den Beruehmtheiten der Zeit auf das uebertriebenste +gehuldigt zu werden. Doch sie verwand leicht und belaechelte ihre +Enttaeuschung, mit dem Feldherrn die Stufen hinansteigend in der schon +wachsenden Daemmerung. + +Die Mahlzeit war kurz, wie Pescara es liebte. Victoria liess es sich +nicht nehmen, selbst dem Gemahl die Speisen vorzulegen, er aber +raechte sich beim Nachtisch. Zwischen Eis, Fruechten und Naschwerk +erblickte er eine von seinem Zuckerbaecker kunstvoll geformte +Mandelkrone. "Siehe da", scherzte er, "etwas fuer meine ehrgeizige +Victoria!" Er bot sie ihr, deren Herz zu pochen begann. + +Sie erhoben sich und betraten das Nebenzimmer, das eine schwebende +Ampel gleichmaessig erhellte und in seinem noch frischen Schmucke +schimmern liess. An den Waenden liefen Kinder mit Blumenkraenzen, +waehrend das Lattenwerk der Decke in seinen Feldern grau auf Goldgrund +gemalte Heroenbuesten zeigte, eine willkuerlich gewaehlte Gesellschaft, +auf den vier ampelhellen Mittelfeldern: AEneas, Koenig David, Herkules +und Pescara. Das ganze Geraet war ein Ruhebette, dessen Ruecklehne in +ihrem Kastanienholze mit ausgebrochenen Lettern die Schrift trug: +"Hier muss man plaudern." + +"Wie kommt es", fragte Victoria, sich neben Pescara niederlassend, +"dass mir der Konnetabel trotz seiner feinen Art einen unangenehmen +Eindruck macht, dass er mich--geradeheraus gesagt--abstoesst?" + +"Der Arme!" scherzte Pescara. "Mars und Muse, Rauheit und Anmut, der +garstige Leyva und die schoene Victoria fuehlen sich gleicherweise von +dem Kapetinger beleidigt, der sich doch gegen beide unstraeflich +benommen hat, wie ich bezeugen kann. Da muss sich etwas zwischen ihn +und jeden andern, wer es sei, einschleichen, und ich glaube wohl, +dieser entstellende Dunst und verhaesslichende Nebel ist sein Verrat +oder welchen Namen man dem Abfall von seinem Koenige geben will." + +Eine leichte Blaesse ueberzog das Antlitz Victorias. + +"Verrat..." Pescara dehnte die zwei Silben des Wortes. "Es ist +begreiflich, dass ein edles Weib diese Suende verabscheut. Ob ich +meinem Fuersten Treue breche oder meinem Freunde oder meinem +ahnungslosen Weibe oder selbst meinem Mitschuldigen, alles das sind +Spielarten derselben Gesinnung... Schon dein finsterer und grosser +Dichter, aus welchem du deine Seele erneuerst, wertet den Verrat als +die schwerste Schuld, da ja in seiner Giudecca sein Zerberus oder +Luzifer in jedem der drei Rachen einen Verraeter zermalmt. Den ersten +weiss ich: es ist jener, der den Heiland gekuesst hat. Wer aber sind +die zwei andern: die, welche Luzifer an den Fuessen gepackt haelt und +die das Haupt nach unten schweben? Das ist mir in diesem Augenblicke +nicht erinnerlich. Sprich doch die Stelle, du weisst ja die hundert +Gesaenge auswendig." Victoria rezitierte: + +"Degli altri due, ch' hanno il capo di sotto, +Quel, che pende dal nero ceffo, e Bruto: +Vedi come si storce, e non fa motto: +E l'altro e Cassio, che par si membruto*1*)." +---------------- +Hier windet Brutus sich mit festem Schweigen, +Und aus dem dritten Maul hangt Cassius nieder, +An dessen Leib sich alle Muskeln zeigen. +---------------- + + +Behaglich plauderte der Feldherr weiter: "Dieser schweigend sich +windende Brutus ist gut, doch--mit der schuldigen Ehrfurcht--den +duerren Cassius, dessen Magerkeit Julius Caesar fuerchtete, wie kann ihn +Dante muskuloes nennen? UEberhaupt, Victoria, wie gefaellt dir diese +Speise des Zerberus?" + +Da antwortete Victoria tapfer: "Herr, die Moerder Caesars gehoeren nicht +in die Hoelle. Hier tadle ich meinen Dichter." + +"Beileibe nicht!" neckte Pescara. "Und doch, brav, meine Roemerin! +Treue ist eine Tugend, aber nicht die hoechste. Die hoechste Tugend +ist die Gerechtigkeit." So schaukelte Pescara sein Weib ueber dem +Abgrund und dem Geheimnis seiner Seele und hinderte sie, Fuss zu +fassen, die mit dem ganzen Ungestuem ihres Wesens Boden suchte, den +Sieg erstrebend, den zu erringen sie nach Novara geeilt war. Auf +immer neuen Wegen verfolgte sie das Ziel, von welchem Pescara sie +ferne hielt. Jetzt hatte sie die Eingebung, den groessten lebenden +Patrioten Italiens zu Hilfe zu nehmen. + +"Ich musste mich immer wundern, Pescara", sagte sie, "dass du, wie du +bist, unter unsern Bildnern und Dichtern die lieblichen den +gewaltigen vorziehst, den Ariost und Raffael dem erhabenen Dante und +seinem spaeten, aber ebenbuertigen Bruder, dem Buonarotti--du selbst +aber bist eine tiefe und verborgene Natur." + +"Ebendarum, Victoria, wenn ich es bin. Die Kunst ist eine Ergoetzung. +Was aber deinen Michelangelo angeht, so mache mich nur nicht +eifersuechtig auf den Zyklopen mit dem zertruemmerten Nasenbein, da du +ihn so sehr bewunderst." + +Victoria laechelte. "Ich habe sein Angesicht nie gesehen und kenne +nur seine Sistine." + +"Die Propheten und Sibyllen? Diese habe ich vor Jahren auch +betrachtet und aufmerksam, doch sind sie mir wieder verschwommen, bis +auf ein paar Einzelheiten. Zum Beispiel der Mensch mit gestraeubtem +Haar, der vor einem Spiegel zurueckbebt--" + +"Worin er die Drohungen der Gegenwart erblickt", ergaenzte sie erregt. + +"Und dann die Karyatide, von einer ungeheuren Last zusammengedrueckt, +das kurze, viereckige, jammervolle Geschoepf! Das haesslichste Weib +ohne Frage, wie du das schoenste bist--" + +"Eine Vergewaltigte, eine Unterjochte, eine Sklavin--" + +"Nun tauchen mir auch die Propheten wieder auf: der kahle Sacharja, +oder wer es sein mag, ein Bein oben, eines unten, der scheltende +Hesekiel im Turban, Daniel schreibend, schreibend, schreibend. Auch +die Sibyllen: die gekruemmte Alte mit der Habichtsnase, die glimmenden +Augen in ein winziges Buechlein vertieft, mit der Nachbarin, die sich +OEl in die erloeschende Ampel giessen laesst, und, die schoenste von allen, +die Jugendliche mit dem delphischen Dreifuss. Alles in rasender +Taetigkeit. Was soll dieser Sturm? Was predigen und weissagen diese?" + +Da rief Victoria in flammender Begeisterung, als saesse sie selbst im +Rate der Prophetinnen: "Sie bejammern die Knechtschaft Italiens und +verkuendigen den kommenden Retter und Heiland!" + +"Nein", urteilte Pescara streng, "die Stunde des Heils ist vorueber. +Nicht Gnade verkuendigen sie, sondern das Gericht." + +Victoria erbebte, aber schon wieder war der strafende Ernst aus den +Zuegen Pescaras gewichen. "Verlassen wir jene prophetische Kapelle", +sagte er schmeichelnd, "und eine Kunst, die erschreckt und +erschuettert. Mich aber darfst du nicht gemeint haben, da du von +einem Heiland Italiens sprachest, obwohl ich freilich die Seitenwunde +schon besaesse", schloss er mit einem jener herben Scherze, welche ihm +eigentuemlich waren. + +Die ganze Zaertlichkeit Viktoriens ueberquoll, da Pescara jene Wunde +nannte, welche ihre Tage und Naechte beschaeftigt hatte, bis er ihr +schrieb, sie habe sich geschlossen. Das liebende Weib umschlang ihn +mit der Linken, und mit der Rechten strich sie ihm die roetlichblonden, +vorne leicht gelockten Haare tief in die Stirn, so dass er im +Ampellicht und in ihrer wonnigen Naehe ein ganz jugendliches Ansehen +gewann. + +Da ueberkam sie eine Erinnerung an einen zusammen verlebten, nicht +allzufernen Tag. Es war in der Naehe von Tarent, auf einer ihrer +Besitzungen. Dort hatten sie, freilich erst nach dem voelligen +Untergang einer sengenden Erntesonne, unter dem vergluehenden +Abendhimmel neben ihren noch ruestigen Schnittern zur Sichel gegriffen +und sich jedes seine Garbe gebunden. Wieder sah sie den Feldherrn +laessig auf der seinigen liegen, waehrend sie die Schnittermaedchen, +leicht improvisierend, eine neue Kantilene lehrte nach dem Muster der +dort im Sueden gebraeuchlichen, die dann das junge Volk bis in die +Nacht zu wiederholen nicht muede wurde. Jenen Abend brachte sie jetzt +dem Feldherrn ins Gedaechtnis. + +Es freute ihn. "Weisst du jenes Liedchen noch?" fragte er. + +"Wie sollte ich?" + +"Nun, es gab da einen Reim: Schnitter und Zither. Sonst sagte das +Liedchen nichts weiter, als dass, wie auf dem Felde, auch im Himmel +gesungen und die Garbe getragen werde. Das bescheidene Liedchen +klingt vielleicht noch im Munde des Volkes, wenn ich und spaeter auch +du laengst verstummt sind, und, aufrichtig, es gefaellt mir besser als +ein mir neulich uebersendetes Sonett, in welchem du feierlich zu mir +redest. Ruhig, Victoria! Es ist nicht von dir. Ich weiss, dass es +nicht von dir ist." + +Sie loderte vor Zorn. "Wer erkuehnt sich", rief sie aus, "meine Maske +zu nehmen und in meinem Namen zu dir zu reden? Wer ist der Freche? +Wo ist das Machwerk, dass ich es zerreisse!" + +"Oh, das waere schade. Es sind Verse, die dir keine Schande machen. +Hier." Der Feldherr zog ein Blatt aus dem Busen. Sie entriss es ihm +und trat unter die Ampel. Mit wogender Brust und hastigen Lippen +begann sie: + +"Victoria an Pescara. + +Ich heisse Sieg, Pescara, und ich kroene +Mit Lorbeer deine Schlachten und Gefechte, +Doch wehe mir, wenn ich die Heimat knechte, +Missbrauchend meines Namens stolze Toene. + + +Da ich mich dir vermaehlt in Jugendschoene, +Aus Roemerblut und fuerstlichem Geschlechte, +Gab ich dir in Italien Buergerrechte +Und brachte dir die Liebe seiner Soehne. + + +Ich komme, Lohn zu fordern fuer ein Leben, +Nur dir geweiht in hellem Opferbrande! +Mein Held, was wirst du deinem Weibe geben? + +Ich weiss die Geister, welche dich umschweben! +Zerschneidend mit dem Schwert Italiens Bande, +Belohnst du mich mit meinem Vaterlande!" + + +Nie verwandelte sich eine Stimmung seltsamer unter dem Eindruck eines +Gedichtes: unmutig hatte die Colonna das Blatt ergriffen, bald +besaenftigte sie sich, dann sprach sie innig, und die letzten Zeilen +jubelte sie hingerissen. Jetzt bekannte sie offen: "So bin ich und +solches hoffe ich, wenn ich dieses auch nicht geschrieben habe!" + +Pescara blickte spoettisch. "Das Sonett", sagte er, "hat sich auf +deinen Lippen wunderbar veredelt, aber es ist innerlich hohl und +stammt aus einer niedrigen Seele. Liebe fordert keinen Lohn, Liebe +gibt sich umsonst, Liebe rechnet nicht. Solches ist gemein. Nein, +so kann Victoria nicht denken. Ein Mietling hat diese Verse gemacht, +und ich weiss seinen Namen. Seine ungeheure Eitelkeit hat ihn +gezwungen, die Maske frech zu lueften. Sieh her." Pescara wies mit +dem Finger auf zwei winzige Buchstaben, ein P und ein A, in die +untere rechte Ecke des Blattes gekritzelt. "Auch ein Goettlicher, wie +er sich nennt! Ich sehe den Aretiner mit seinem Zeltgenossen, dem +Giovanni Medici, dem zuegellosesten Juengling Italiens, weintriefend +und witzereissend zusammensitzen und hoere ihn laestern: 'Glaube mir, +Hans, es ist kein leichtes, sich in die goettliche Victoria +hineinzudenken!' Und ein faunischer Jubel. Der Aretiner lacht, dass +er fast mit dem Stuhl ueberschlaegt, er schuettelt sich, er lacht aus +vollem Halse--" + +"Braeche er ihn, der Schamlose!" schluchzte Victoria; denn Petrus +Aretinus und sein Wesen waren schon damals weltkundig. + +"Brav, meine Roemerin!" beguetigte Pescara. "In einem aber hat er +recht, Geliebte: dein Vorname hat schon den Braeutigam begeistert. Es +ist schoen, mit dem Siege vermaehlt zu sein." Aber die Colonna +verstand keinen Scherz mehr. Sie war in den Tiefen ihrer Seele +aufgewuehlt, in den Wurzeln ihres Wesens erschuettert, voller Traenen +und zugleich voller Glut und Leidenschaft. "Doch in dem andern hat +er unrecht!" redete sie heftig. "Ich weiss nicht, auf welchen Geist +du lauschest, und muehe mich umsonst, in deinem Herzen zu lesen! Du +spielst mit deinem Weibe! Du umarmst mich und du drueckst mich weg! +Hast du Grausamer mich doch nicht einmal meine Botschaft ausrichten +lassen, die ich dir bringen wollte in dem Jubel meines Herzens!" + +"Weil ich sie erriet. Ich tadle den Heiligen Vater, mein edles Weib +zur Dienerin missbraucht und dir, der Wahrhaften, eine Botschaft +aufgelistet zu haben, eine Botschaft seiner und deiner unwuerdig, +voller Luege und Sophismen, welche ich, in den naechsten Tagen schon, +ihn noetigen werde zu widerrufen und zu verleugnen. Die Heiligkeit +gibt mir Neapel, wenn ich es erobere, und absolviert mein Gewissen, +wenn ich es abstumpfe. Ich aber glaube nicht an ein solches Binden +und Loesen, nicht in weltlichen Dingen, weder ich noch irgendein +anderer mehr, und", sagte er hoehnisch, "auch in geistlichen nicht. +Das ist vorbei, seit Savonarola und dem germanischen Moenche." + +"Und mein Italien, das du wie ein Magnet anziehst, laessest du es an +dir scheitern? Achtest du es fuer nichts? Verachtest du es?" schrie +Victoria verzweifelnd. + +Der Feldherr erwiderte sanft: "Wie duerfte ich ein Volk verachten, das +mir dich gegeben hat? Aber ich will dir nicht verhehlen: Italien +redet umsonst, es verliert seine Muehe. Ich kannte die Versuchung +lange, ich sah sie kommen und sich gipfeln wie eine heranrollende +Woge und habe nicht geschwankt, nicht einen Augenblick, mit dem +leisesten Gedanken nicht. Denn keine Wahl ist an mich herangetreten, +ich gehoerte nicht mir, ich stand ausserhalb der Dinge." + +Victoria entsetzte sich. "Wie? Bist du kein Mensch? Bist du ein +Geist ohne Fleisch und Blut? Betrittst du den Boden nicht, ueber den +du wandelst?" + +"Meine Gottheit", antwortete er, "hat den Sturm rings um meine Ruder +beruhigt." + +Da flehte Victoria: "Deine Gottheit?", und sie umschlang ihn mit +beiden Armen, "ich lasse dich nicht, du nennest mir denn deinen Gott!" + +Pescara loeste sich sachte und erwiderte mit schmerzlichen Augen: +"Wenn du es verlangst, aber komm mit mir in den Garten, ich muss Luft +schoepfen." + +Da sie auf die Terrasse traten, standen alle Sterne ueber ihnen, und +drueben im alten Schlosse erblickten sie noch ein einsames Licht von +irdischer Farbe. "Dort", sagte sie mitleidig, "ist der Kanzler +schlummerlos und verzehrt sich in Angst und Hoffnung." + +"Ich glaube nicht", versetzte Pescara, "eher hat er sich mit einem +Mutwillen oder einer Nichtswuerdigkeit in den Schlaf gelesen, und +seine niederbrennende Ampel leuchtet den Waenden." Er hatte es +erraten. Nach qualvollen Stunden hatte sich Morone mit einem Catull +eingeschlaefert. + +Der Feldherr nahm seinen Weg nach dem Boskette mit den weissen +Marmorbaenken, wo er zu ruhen pflegte. Sie sassen unter dem dunkeln +Laubdache, Hand auf Hand. + +Da fluesterte Victoria: "Nun rede!" Der Feldherr aber schwieg. + +Tritte nahten, und eine andere Bank fuellte sich mit Gefluester. +"Steht es wirklich so mit dem Feldherrn, Moncada? Ich habe Muehe, es +zu glauben." + +"Auch ich glaube es noch nicht, Leyva, aber ich forsche. Erlange ich +Gewissheit, so trete ich hervor, und wir handeln. Der Koenig darf sein +Heer in Italien nicht verlieren." + +"Ihr meint?" + +"Du ziehst deine Truppen zusammen, und wir verhaften ihn." + +"Er wird sich zur Wehre setzen." + +"Dann faellt er." + +"Und die Majestaet?" + +"Besorge nichts, die Majestaet bedarf unser, wir beherrschen sie. +Verweigerst du mir deine Hilfe, so muss ich ihn durch eine gedungene +Hand toeten lassen. Kann ich auf dich zaehlen?" + +"Ihr duerft... eine schwere That..." Da zog ihn der andere fort. "Mir +ist", sagte er, "ich habe hier atmen hoeren." + +Wirklich, die feuchte Nachtluft drueckte den lauschenden Feldherrn und +benahm ihm den Atem. Er keuchte leise. Jetzt sagte auch er: "Gehen +wir. Tau faellt, und Verderben bruetet in der Luft." Sie draengte sich +an ihn. + +Drei Hornstoesse ertoenten, vom alten Schlosse her. + +"Ein Kurier. Ich werde heute noch zu lesen haben." + +"Ferdinand", flehte sie, "du bist umlauert. Du wirst dem Kaiser +verdaechtig. Du bist verloren! Wirf dich Italien in die Arme! Da +ist dein Heil und deine einzige Rettung!" + +"Ich fuerchte nichts", sagte er. "Der Weg ist dunkel, aber meine +Zuflucht ist offen." + +Jetzt standen sie in der kleinen Halle des Landhauses, und Pescara +weckte den auf einem Schemel schlummernden Ippolito. "Geh hinueber", +befahl er, "und bringe, was eben angelangt ist." Dann sagte er zu +Viktorien: "Ich meine, es ist von Madrid, vielleicht eine Zeile der +Majestaet selbst, die mir zuweilen schreibt, ohne das Wissen ihrer +Minister. Ich bin doch begierig." + +Jetzt schlug die Turmuhr des alten Schlosses Mitternacht, muede und +zitternd, mit so weit ausholenden Schlaegen, dass je zwischen zweien +ein Leben Raum zu haben schien. Der zwoelfte Schlag--unwiderruflich. + +Ippolito kratzte an der Tuer und brachte ein Paket, das der Feldherr +oeffnete. Es enthielt, neben einigen andern Briefschaften, einen +Kaiserlichen Erlass, welcher den Marsch auf Mailand guthiess und den +Oberfeldherrn bevollmaechtigte, in der genommenen Stadt durchaus nach +seinem Ermessen und gemaess den Umstaenden zu verfahren. + +"Alles?" fragte Pescara. + +Da bog der Knabe ehrfuerchtig das Knie, ueberreichte ein Briefchen, +welches er dem Kurier mit Not abgerungen hatte, und entfernte sich. +Es war ueberschrieben: "In die eigenen Haende des Marchese." + +"Vom Kaiser", sagte Pescara und oeffnete. "Da, Victoria, lies vor. +Er schreibt so kritzlig." Sie gehorchte. Es war nicht viel, wenige +Zeilen, und lautete: + + +"Mein Pescara! + +Ich bin es, der diese Vollmacht durchgesetzt hat gegen meine Minister. +Ihr habet viele Feinde. Huetet Euch vor Moncada. Ich aber bin +glaeubig an Euch, denn ich habe fuer Euch gebetet und sah einen Engel, +der Euch an der Hand hielt. Ich traue. + +Ich Euer Koenig." + + +Pescara laechelte muehsam. "Karl traut zu leicht", sagte er. "Das +koennte ihn zu Schaden bringen mit einem andern, als ich bin. +Aber--seltsam--er hat meinen Genius erblickt." + +"Jetzt nenne mir deine Gottheit!" flehte Victoria. "Ich beschwoere +dich, Pescara, nenne sie mir!" + +"Ich glaube, da ist sie selbst", keuchte er heiser. Immer schwerer +begann er zu atmen, er stoehnte, er aechzte, er roechelte. Ein +furchtbarer Krampf beklemmte seine Brust. Er sank, mit der Hand nach +dem gepeinigten Herzen langend, auf die Ottomane und rang nach Atem. +Da kniete sich Victoria neben ihn nieder, hielt und stuetzte ihn mit +ihren Armen und litt mit ihm. Sie wollte Ippolito rufen und den +Knaben nach seinem Grossvater, dem Arzte, schicken, er verbot es mit +einer Gebaerde. Endlich entschlummerte er, aufs tiefste erschoepft, +nachdem Victoria geglaubt hatte, er stuerbe ihr. Da sie sich der +Traenen gesaettigt, entschlummerte auch sie. Dann erlosch die Ampel. + +Als Victoria erwachte, lag ihr Haupt auf einem leeren Pfuehle, und +durch das geoeffnete Fenster stroemte die Morgenluft. Sie sprang auf, +den Gatten zu suchen, und fand ihn, der die Terrasse auf und nieder +schritt und den der Schlummer erfrischt und wie neu belebt hatte. +Sie wurde unglaeubig an den naechtlichen grausamen Kampf in ihren Armen, +er war ihr wie ein Traum. + +Da begann Pescara: "Gestern, liebe Herrin, habet Ihr mich um den +Namen meines Genius befragt, und mir bangte, ihn vor Euch +auszusprechen. Endlich haettet Ihr mir mein Geheimnis fast entrissen, +denn es ist schwer, einem geliebten Weibe etwas vorzuenthalten. Da +erschien er selbst und beruehrte mich. Ihr kennet ihn nun, und der +gefuerchtete Name bleibe unausgesprochen. Keine Traenen! Ihr habet +sie gestern vergossen. Sondern saget mir jetzt, wohin wuenschet Ihr +Euch zu begeben, waehrend ich das Heer des Kaisers gegen Mailand +fuehre?" + +"Wie konntest du es mir so lange verbergen, Ferdinand?" + +"Zuerst--nicht lange--verheimlichte ich es mir selbst... doch nein, +ich wusste mein Los schon am Schlachtabend von Pavia. Mit jener +blutigen Wintersonne bin ich untergegangen. Meines Zieles und meiner +gezaehlten Tage gewiss, wie haette ich die deinigen vorzeitig +verfinstern duerfen? Du sagtest mir zuweilen, es sei grausam, eine +suess Schlummernde zu wecken, und littest es nicht. Ich aber bin nicht +grausam." "Du bist es", erwiderte sie, "sonst haettest du mich nicht +so bitter getaeuscht, sondern mich gerufen und dich von mir pflegen +lassen." + +"Niemand durfte darum wissen", sagte er. + +"Und dein Arzt? Der musste es wissen, und ich zuerne ihm, dass er mich +belogen hat, da ich an ihn schrieb und ihn beschwor, mir die Wahrheit +zu sagen!" + +"Der arme Numa!" sagte der Feldherr. "Er ist schon ungluecklich genug, +dass er mich nicht heilen kann. Er riet mir damals eine lange Ruhe +auf Ischia, ich aber sagte ihm: Es ist umsonst. Doch wozu dies +alles?... Wohin gedenkst du zu gehen, Victoria?" + +"Nein, Ferdinand, sprich! Verheimliche mir nichts mehr!" + +"Es ist umsonst, sagte ich ihm, die Lunge ist durchbohrt und das Herz +leidet. Friste mich, Numa! Ziehe mich hinaus, in den Sommer, in den +Herbst, bis zu den ersten Flocken! So viel Zeit brauche ich, meinen +Sieg zu vollenden. Und vor allem, sagte ich, halte reinen Mund! +Niemand erfahre unser Geheimnis! Es wuerde die Kraefte des Feindes +verdreifachen und mich und mein Heer verderben. Noch einmal, +schweige! Ich will es! gebot ich ihm... Und ich habe das Leben +geheuchelt, so gut, dass mir Italien den Brautring bot!" Er laechelte. +"Und ich werde noch einmal zu Pferde sitzen! Du aber, Victoria, +gelobst mir--doch kein Geluebde, du tust es mir zuliebe--, nicht +ungerufen mir nachzueilen durch die Staubwolke meines Marsches und +ueber blutgetraenkte Felder. Auch wuerdest du dem Kriegsvolke zu +spotten geben, nicht ueber dich, gut und schoen wie du bist, sondern +ueber den verhaetschelten Feldherrn. Also du bleibst. Aber wo? Hier?" + +Victoria besann sich, trostloses Leid in den Zuegen. Dann sagte sie: +"Gestern, wie ich herritt, kam ich, schon im Weichbilde der Stadt, an +einem kleinen Frauenkloster vorueber. Es heisst, wie ich erfuhr, +Heiligenwunden. Dort will ich deines Rufes harren, Busse thun und fuer +deine Genesung beten." + +"Fuer meine Genesung?" laechelte er. "Tue das. Auch wirst du dich in +Heiligenwunden nicht langweilen; das Kloster, hoere ich, hat herrliche +Stimmen und ist beruehmt wegen seines Chorgesanges. Reiten wir hin, +bald, jetzt da es frisch und der Staub der Heerstrasse noch nicht +aufgewuehlt ist." Er ging leichten Schrittes durch den Park nach dem +alten Schlosse hinueber, um satteln zu lassen. + +Victoria folgte mit langsamen Schritten, und da sie Numa den Arzt +erblickte, der sich nach der Nacht des Feldherrn zu erkundigen kam, +ging sie auf ihn zu mit schmerzlich bewegter Miene: sie wollte ihm +vorwerfen, dass er ihr die Wirklichkeit verhehlt, und zugleich ihn +beschwoeren, mit den letzten Mitteln und Geheimnissen seiner Kunst das +geliebte Leben zu fristen. Da aber der Arzt die Colonna kommen sah, +streckte er in dem Gefuehle seiner Ohnmacht die zitternden Haende +abwehrend gegen sie aus, als flehe er: Schone meiner, ich vermag +nichts! Sie verstand die Gebaerde und ging ihres Weges, an Ippolito +vorueber, der das Knie vor ihr bog und den sie nicht gewahr wurde, zum +grossen Herzeleid des Knaben. + +Im Schlosshofe fand sie den schwer und kostbar geschirrten Rappen +Pescaras und ihren ebenfalls gesattelten falben Berber. Der Feldherr +hob sie zu Pferde, und sie ritten unter gruessendem Trommelwirbel ueber +die sich senkende Zugbruecke hinaus in die unabsehbaren Reisfelder der +lombardischen Ebene. Ihnen folgte in gemessener Entfernung ein +Reitknecht des Pescara, ein von suedlicher Sonne geschwaerzter +Kalabrese, und auf einem Maultier die roemische Zofe Victorias. + +Hinter den Reisenden verhallten im Schlosshof die ungehoerten Hilfrufe +des vergessenen Kanzlers. Er war aus schlimmen Traeumen erwacht und +schon in der Fruehe durch die Gaerten geirrt, immer wieder an Mauern +und Waelle gelangend, hier von deutschen, dort von spanischen +Wachtposten beobachtet. Die Schwaben ergoetzten sich weidlich an +seinem ausschweifenden Gebaerdenspiel, waehrend die Spanier +einverstandene schadenfrohe Blicke tauschten: sie zweifelten nicht, +der Feldherr habe den Minister des Feindes in die Falle gelockt, und +versprachen sich, ihn morgen, wenn er dem Heere nachgeschleppt wuerde, +nach Herzenslust zu quaelen und gruendlich auszupluendern. Endlich war +er in das Rondell gekommen und erschoepft auf dieselbe Bank gesunken, +wo er gestern den schlummernden Pescara gefunden und belauscht hatte. +Da vernahm er den Salut der Torwache, rannte nach dem Schlosshof und +wollte ueber die Bruecke nachstuerzen. Von dem Posten mit +vorgestreckten Hellebarden empfangen, sah er jammernd den Feldherrn +und Victoria in den Dunst der Ferne entschwinden. + +Es war nach einem leuchtenden ein trueber Tag. Kein Windhauch und +nicht der leiseste Versuch einer Wolkenbildung. Keine Lerche stieg, +kein Vogel sang, es daemmerte ein stilles Zwielicht wie ueber den +Wiesen der Unterwelt. Das Frauenkloster wurde sichtbar und +vergroesserte langsam seine friedlichen Mauern. Freilich ritten die +beiden fast nur im Schritte, die verwitwende Victoria in tiefem +Schweigen, waehrend, durch einen wunderbaren Gegensatz, das Gedaechtnis +des jetzt ausruhenden Feldherrn auf leichten und liebenden und +inbruenstigen Schwingen in die Jugend zurueckkehrte und die an seiner +Seite Trauernde wieder in die reizenden und ruehrenden Gestalten des +knospenden Maedchens und der zaertlichen Braut verwandelte. Er +enthielt sich nicht, sie an kleine Dinge jener gluecklichen Tage zu +erinnern, aber er gewann ihrer Kuemmernis kein Laecheln ab. Er war +seines lastenden Geheimnisses ledig, dessen Bitterkeit sie jetzt auf +einmal und in vollen Zuegen kostete. + +Nun waren sie schon so nahe, dass sie Chorgesang im Kloster vernahmen. +"Was singen sie dort?" fragte er gleichgueltig. "Ich meine, ein +Requiem", sagte sie. + +Wie sie vor dem Kloster abstiegen, da siehe, trat ihnen aus der +Pforte die AEbtissin entgegen, hinter sich zwei bescheidene Nonnen. +Sie mochte irgendein Kind in ein Reisfeld auf die Lauer gelegt haben, +das nun auf schnellen nackten Fuessen vorausgelaufen war. Die AEbtissin +hatte die Ankunft Donna Victorias in Novara schon gestern in +Erfahrung gebracht und sich gleich geschmeichelt, die gottesfuerchtige +und leutselige Frau werde Heiligenwunden nicht unbesucht lassen, denn +das Kloster besass neben den geschulten Stimmen seines Chores noch +eine groessere Auszeichnung: die mystische und taeglich sterbende +Schwester Beate, welche die blutigen Male an ihrem kranken und +abgezehrten Leibe trug. Die unternehmende und beherzte AEbtissin +hatte sich vorgenommen, von der Colonna, der sie Macht ueber den +Gatten zutraute, den Nachlass einer schweren Kriegssteuer zu erbitten, +welche der gottlose und habgierige Feldherr--dieses Rufes genoss +Pescara bei der italienischen Klerisei--zuwider den kanonischen +Saetzen und gegen alle Billigkeit auf die Gueter des Klosters gelegt +hatte. Dass aber der Feldherr, der es vermied, eine christliche +Staette zu betreten, Madonna Victoria begleiten wuerde, war der +AEbtissin nicht im Traume eingefallen. + +Sie begruesste, eine angenehme Frau mit dunkeln, klugen Augen und +blassen, gefaelligen Zuegen, das hohe Paar in wenigen gewaehlten Worten. +Dann schwieg sie aufmerksam, die Rede Pescaras erwartend, dessen +edle Erscheinung ihr Eindruck machte. + +"Ehrwuerdige", begann der Feldherr, "Donna Victoria wuenscht waehrend +des Feldzuges, den ich morgen beginne und dessen Dauer ich auf eine +Woche berechne, ein paar ruhige und fromme Tage hier in Eurem +Konvente zu geniessen, bis ich sie nach Mailand rufen werde, nach +vollendetem Kampfe. Habet Ihr ein schickliches Gemach zu vergeben?" + +Rasch erwiderte die AEbtissin, das ihrige stehe zu Gebote. + +"Ich verlange eine einfache Zelle wie die der geringsten Schwester, +mit dem gewoehnlichen Geraete", sagte Victoria, deren Blaesse die +AEbtissin befremdete. Aber sie schrieb dieselbe der begreiflichen +Sorge um den zu Felde ziehenden Gatten zu. + +"Wenn sich Donna Victoria eingerichtet hat", schloss Pescara, "werde +es mir gemeldet. Ich habe noch mit ihr zu sprechen und bitte, +Klausur und Zelle betreten zu duerfen. Ausnahmsweise, da ich dem +Kloster wohlwill. Ihr findet mich in der Kirche." Er verneigte sich +und schritt auf diese zu. + +Victoria fragte, was die Nonnen gesungen haetten, und erhielt die +Antwort: "Ein Requiem. Fuer die junge Julia Dati, die Enkelin unsers +greisen Arztes, welche in Rom gestorben ist." Dann folgte sie der +AEbtissin, waehrend die beiden Nonnen zugefluesterte Befehle +auszurichten gingen. Indessen durchmass der Feldherr, ohne das Haupt +zu entbloessen oder irgendeine der ueblichen Devotionen zu verrichten, +die Laenge der Kirche mit festem Gange, die Arme ueber dem Panzer +kreuzend. Er hatte sich, da er auf dem Heimritte seinen in Novara +feldmaessig einrueckenden Truppen begegnen musste, leicht behelmt und +beharnischt und schritt wie ein Held und Herrscher auf der Staette des +Gebetes und der Demut. + +"Nein", sprach er zu sich mit geschlossenem Munde, "es sei heute das +letztemal. Ich will von ihr Abschied nehmen als ein Lebender. Ich +will es ihr ersparen, mich leiden zu sehen. Sie soll mich +wiederfinden, wenn ich ruhe." + +Sich allein glaubend, wurde er durch das Gitter des Chores belauscht. +Diesen hatten die Nonnen wieder betreten, auf das Geheiss der +AEbtissin, denn Pescara sollte die Stimmen ihres Klosters hoeren. +Selbst die mystische Beate war gekommen und vereinigte ihren +schwaermerischen Blick mit demjenigen vieler feurig braunen oder +schwarzen Augen, welche die Heldengestalt verschlangen. Alle +versammelten Himmelsbraeute priesen die Colonna selig und beneideten +ihre irdische Lust, waehrend die gluecklich Geglaubte nicht ferne davon +in einer Zelle mit gerungenen Haenden verzweifelte. Auch Schwester +Beate erlag der Versuchung, diesen stolzen Herrn der Welt zu +bewundern, ueberwand sich aber tapfer und flehte den Himmel inbruenstig +an, der Colonna zum Heil ihrer Seele ihren Abgott zu entreissen. Aber +diese heftigen Gefuehle wichen dem harmloseren der Eitelkeit. Nach +dem Gefluester einer kleinen Beratung und einem leisen Raeuspern +intonierten die Schwestern jubelnd ihr Prachtstueck, ein Tedeum, das +sich auch fuer den Sieger von Pavia besser eignete als irgendeine +andere Prosa oder Sequenz. + +Und er haette wohl gelauscht, aber er stand regungslos, wie gebannt +vor dem gekreuzigten und schon entseelten Christus eines grossen +Altarbildes, dessen helle Farben noch in voller Frische leuchteten. +Doch es war nicht das goettliche Haupt, das er beschaute, sondern er +betrachtete den Kriegsknecht, der seine Lanze in den heiligen Leib +stiess. Dieser war offenbar ein Schweizer; der Maler musste die Tracht +und Haltung eines solchen mit besonderer Genauigkeit studiert oder +frisch aus dem Leben gegriffen haben. Der Mann stand mit gespreizten +Beinen, von denen das linke gelb, das rechte schwarz behost war, und +stach mit den behandschuhten Faeusten von unten nach oben derb und +gruendlich zu. Kesselhaube, Harnischkragen, Brustpanzer, Arm- und +Schenkelschienen, rote Struempfe, breite Schuhe, nichts fehlte. Aber +nicht diese Tracht, die er zur Genuege kannte, fesselte den Feldherrn, +sondern der auf einem Stiernacken sitzende Kopf. Kleine blaue, +kristallhelle Augen, eingezogene Stumpfnase, grinsender Mund, blonder, +krauser Knebelbart, braune Farbe mit rosigen Wangen, Ohrringe in +Form einer Milchkelle, und ein aus Redlichkeit und Verschmitztheit +wunderlich gemischter Ausdruck. Pescara wusste gleich, mit dem +Gesichtergedaechtnis des Heerfuehrers, dass er diesen kleinen, +breitschultrigen, behenden Gesellen, dessen schwarzgelbe Hose den +Urner bedeutete, schon einmal gesehen habe. Aber wann und wo? Da +schmerzte ihn ploetzlich die Seite, als empfinge er einen Stich, und +jetzt wusste er auch, wen er da vor sich hatte: es war der Schweizer, +der ihm bei Pavia die Brust durchbohrt. Kein Zweifel. Den +Lanzenstoss des neben ihm an die Erde Geduckten empfangend, hatte er +einen Moment in dieses kristallene Auge geblickt und diesen Mund +vergnueglich grinsen gesehen. Nach der Erkennung machte das +unerwartete Wiederfinden auf den Feldherrn weiter keinen Eindruck, +und mit freundlicher Miene fragte er die AEbtissin, die jetzt neben +ihm stand, um ihn zu Donna Victoria abzuholen, wer das gemalt haette. +Sie antwortete, die Augen fluechtig niederschlagend: "Zwei Mantovaner, +begabte junge Leute, aber von bedenklichen Sitten, die das Kloster +gerne wieder scheiden sah." + +Da Pescara die Zelle oeffnete, sah er Victoria auf den Knien liegen. +Eine Weile schaute er schweigend, als wolle er nicht stoeren, durch +ein Fenster des gekuppelten Rundbogens, in dessen Bruestung er sich +gesetzt hatte, auf Rasenhuegel und Grabkreuze, endlich fragte er: "Was +tust du, Victoria?" + +"Busse", sagte sie. + +"Fuer wen?" + +Sie erhob sich und antwortete mit noch gefalteten Haenden: "Ich tue +Busse fuer mich und Euch und Italien. Fuer dieses seiner stolzen Frevel +und ungewoehnlichen Suenden wegen, an denen es zugrunde gehen wird, da +Ihr der einzige waret, der es retten konnte. Fuer mich, weil ich +gekommen bin, Euch in Versuchung zu fuehren. Fuer Euch, da Ihr diese +Erde verlassen wollet. Ich habe gebetet fuer Euer unvergaengliches +Teil, aber der Himmel"--sie schuettelte traurig das Haupt--"hat mich +noch nicht erhoert." + +Er zog sie auf die Bank der Fensterbruestung und nahm sie bei der Hand, +wie der Bruder die Schwester. Eine Lust, sich hinzugeben, ueberkam +ihn, sei es, weil das Geheimnis zwischen ihm und seinem Weibe +weggenommen war, oder in dem unbewussten Wunsche, das letzte +Beisammensein zu verlaengern. + +"Kleinglaeubige", begann er heiter, "ueberlasse mich meinem dunkeln +Beschuetzer! Als ein Knabe glaubte ich mit der Mutter, die eine +Heilige war, an das, was die Kirche verheisst; jetzt sehe ich rings +das Fluten der Ewigkeit. Der Todesengel war mir nahe, schon in +meiner ersten Schlacht, da, von ihm bezeichnet, mein +Zeltgenosse--dein Bruder, Victoria--lautlos, eine Kugel im Herzen, +zusammenbrach. Ich habe ihm manche Hekatombe geschlachtet, und auch +er hat mich oft, fast auf jeder Walstatt, gruessend beruehrt; denn es +scheint, ich bin verwundbarer als andere. Aber Zeit hat es gebraucht, +bis ich den Schnitter lieben lernte. Noch in den Wochen nach Pavia, +da ich wusste, dass er mich erwaehlt hatte, habe ich mich gegen ihn +gestraeubt und aufgebaeumt und empoert wie ein trotziger Juengling. +Allmaehlich aber ahnte ich, und jetzt bin ich gewiss, dass er die rechte +Stunde kennt. Der Knoten meines Daseins ist unloesbar, er +zerschneidet ihn." + +Die bleiche Victoria hing an seinen Lippen und staunte mit starren +Augen, als sehe sie den herrlichsten Palast brennen und von der +lodernden Flamme jeden Saeulenknauf beleuchtet. + +"Ich sage dir, Weib", fuhr er fort, "mein Pfad versinkt vor mir! Ich +gehe unter an meinen Siegen und an meinem Ruhme. Waere ich ohne meine +Wunde, dennoch koennte ich nicht leben. Drueben in Spanien Neid, +schleichende Verleumdung, hinfaellige und endlich untergrabene +Hofgunst, Ungnade und Sturz; hier in Italien Hass und Gift fuer den, +der es verschmaeht hat. + +Waere ich aber von meinem Kaiser abgefallen, so wuerde ich an mir +selbst zugrunde gehen und sterben an meiner gebrochenen Treue, denn +ich habe zwei Seelen in meiner Brust, eine italienische und eine +spanische, und sie haetten sich getoetet. Auch glaube ich nicht, dass +ich ein lebendiges Italien haette schaffen koennen. Zwar es traegt die +strahlende Ampel des Geistes, doch es hat sich aufgelehnt in der +unbaendigen Lust eines strotzenden Daseins gegen ewige Gesetze. Es +buesse, du hast es gesagt, Victoria; in Fesseln leidend, lerne es die +Freiheit. Dieses spanische Weltreich aber, das in blutroten Wolken +aufsteigt jenseits und diesseits des Meeres, erfuellt mich mit Grauen: +Sklaven und Henker. Ich spuere die grausame Ader in mir selbst. Und +das Entsetzlichste: ich weiss nicht, welcher moenchische Wahnsinn! +Dein verderbtes Italien aber ist wenigstens menschlich." + +Victorias Augen verklaerten sich, da sie sah, dass Pescara Italien +liebte. "Du haettest ihm Freiheit und Freiheit ihm Tugend gegeben!" +rief sie, doch Pescara fuhr fort, als haette er nicht gehoert: "Nun +aber bin ich aus der Mitte gehoben, ein Erloester, und glaube, dass +mein Befreier es gut mit mir meint und mich sanft von hinnen fuehren +wird. Wohin? In die Ruhe. Und jetzt lass uns scheiden, Victoria." +Er wollte ihr die Traenen vom Auge kuessen, fand aber den zaertlichsten +Mund, der ihm entgegenkam. + +"Noch eines", sagte er, "Lass die Welt ueber mich urteilen, wie sie +will. Ich bin jenseits der Kluft. Lebe wohl! Begleite mich nicht! +Besuche mich in Mailand, aber nicht, bevor ich rufe!" + +Victoria versprach, um nicht Wort zu halten. + +Da Pescara sich bei der AEbtissin verabschiedete, brauchte sie ihr +Anliegen gar nicht auszusprechen. Der Feldherr gewaehrte den Nachlass +der Kriegssteuer als ein selbstverstaendliches Gegengeschenk fuer die +seinem Weibe gegebene Herberge. UEber dieses Ende einer oekonomischen +Bedraengnis und eines schmalen Tisches ward eine solche Freude im +Kloster, dass die Schwestern zu Ehren ihres Gastes die Tafel mit den +ausgesuchtesten Leckerbissen besetzten. Doch Victorias Platz blieb +leer. Sachte ritt Pescara, von den Segnungen des Klosters begleitet, +gegen die Thuerme der Stadt zurueck. Sein feuriger Rappe schien sich +ueber den gemessenen Gang zu wundern. Die auf der Ebene gellende +Feldmusik und die ueberall marschierenden Truppen verrieten ihm den +Beginn eines Feldzuges. Er schnoberte, als wittere er schon den +Pulverdampf, und schritt stolz, als trage er den Sieg. + +Abschied ist schwer, dachte der Feldherr, ich moechte ihn nicht +wiederholen. Noch einmal hatte sich das Leben an ihn gedraengt und er +das Beste des Daseins, Schoenheit und Herzenskraft, in den Armen +gehalten. Der Juengling war in ihm aufgelodert, und wenige +Augenblicke, nachdem er Viktorien so erbaulich zugeredet, lehnte er +sich auf gegen die Vernichtung. Das edle Blut, das in den +sterblichen Adern rinnt, die Thatkraft, empoerte sich gegen den ewigen +Frieden. Ein Zorn blitzte auf in seinen hellen grauen Augen gegen +seinen Moerder, den er im Bilde wiedererblickt, und er schlug mit der +gepanzerten Rechten gegen seine Brust, als zerdruecke er darauf die +Wespe, die ihn gestochen hatte. Jetzt wieherte auch der Rappe und +setzte sich in kurzen Galopp, von dem Feldherrn unwissentlich mit der +Ferse beruehrt oder so verwachsen mit ihm, dass er seinen Unmut +mitfuehlte. + +In dieser Stimmung gewahrte Pescara auf einem nahen Reisfelde die +wechselnden Stellungen eines tollen Kampfes, welcher dasselbe +zerstampfte. Ein einzelner wehrte sich verzweifelt gegen eine +UEbermacht. Der zerlumpte kleine Kerl in gelben und schwarzen Fetzen +focht wuetend mit seiner Speerhaelfte wider ein Dutzend Spanier. Zweie +hatte er hingestreckt, wurde jetzt aber von den uebrigen ueberwaeltigt, +und schon sass ihm eine Schwertspitze an der Kehle, als der auf ihm +kniende Spanier von einem andern zurueckgerissen wurde, welcher auf +den heransprengenden Feldherrn deutete. + +Pescara winkte, und der Trupp mit dem Gefangenen folgte ihm unter +eine maechtige Eiche, die an der Landstrasse stand, weitum der einzige +Baum in der schwuelen Ebene. Der Feldherr stieg ab und lehnte sich an +den bemoosten Riesenstamm. Seine Brust keuchte von dem raschen Ritt, +und es kam ihm gelegen, sie zu beruhigen, Rast haltend unter dem +Vorwand eines Verhoeres. + +Der spanische Wachtmeister berichtete: sie haetten einen Schweizer +durch das Getreide laufen sehen, wohl einen Versprengten von Pavia, +welcher bislang sich irgendwo untergeduckt, und ihn gehascht, da es +moeglicherweise ein mailaendischer Spion sei. Seinen Vortrag +beendigend, blickte der spanische Spitzbart zu einem starken Aste auf, +welchen die Eiche waagerecht hervorstiess. + +Pescara deutete die Spanier weg, die sich in einiger Entfernung +wachehaltend verteilten, und musterte dann den Schweizer vom Wirbel +zur Zehe. So verrostet der Harnisch und so zerlumpt das schwarzgelbe +Unterkleid war, erkannte er doch gleich die Tracht des Klosterbildes +und nicht minder die glitzernden AEuglein, und jetzt, wahrhaftig, +verzog der vor ihm Stehende sein Gesicht zu jenem laechelnden Grinsen, +sei es aus Angst, sei es, weil auch er sich den Feldherrn ins +Gedaechtnis zurueckrief. + +"Heb auf und gib", befahl dieser und zeigte auf den Lanzenstumpf, +welchen einer der Kriegsknechte zu den Fuessen des Gefangenen geworfen +hatte, als Beweisstueck fuer die Verwundung seiner Kameraden. Es war +eine vordere Spiesshaelfte, deren Spitze blutete. Der Schweizer +gehorchte, und der Feldherr betastete pruefend die Spitze mit dem +Finger; dann warf er den Stummel weg. + +"Wie heissest du?" fragte er. + +"Blaesi Zgraggen aus Uri", war die Antwort. + +Der Feldherr verzichtete darauf, diesen unmundlichen Geschlechtsnamen +zu wiederholen, der von dem zerrissenen Kamm eines Schweizergebirges +zu stammen schien, und bediente sich des Vornamens, welchen er +italianisierte. "Biagio", sagte er, "du hast mir zwei Leute +verwundet; ich denke, ich lasse dich hier aufknuepfen." + +Blaesi Zgraggen versetzte trotzig: "Lasset Ihr mich henken, so ist es +weniger wegen dieses letzten Handels, sondern eher, weil ich--" + +"Schweig!" gebot der Feldherr. Er konnte sich raechen, indem er dem +Kriegsrechte freien Lauf liess, aber eine solche Rache weder sich +selbst noch seinem Opfer eingestehen. "Wie bist du hier +zurueckgeblieben?" fragte er. + +Zgraggen, der ein gelaeufiges Lombardisch sprach, begann herzhaft: +"Auf dem Felde von Pavia wurde ich verwundet und niedergeritten und +lag, den geknickten Spiess neben mir. Naechtlicherweise schleppte ich +mich dann den Bergen zu, hungernd und bettelnd. Herr, sehet Ihr +rechts von den zwei Pappeln das lange, rote Dach? Dort haust die +Narracivallia mit ihrem Manne. Dieser dingte mich zur +Feldarbeit--bis sich der Krieg verzogen haette, jetzt kaeme ich doch +nicht ueber die Grenze. Hernachmals machte mir die Narracivallia +Augen. Da erschienen mir im Schlaf der Vater und die beiden +Grossvaeter, die mir alle noch daheim leben, wenn auch die Ahnen in +grosser Schwachheit. Zuerst kam der Vater, hob den Finger und sagte: +'Nimm dich in acht, Blaesi!' Dann kam der vaeterliche Ahn, faltete die +Haende und sagte: 'Denk an deine Seele, Blaesi!' Zuletzt kam der +muetterliche Ahn, zeigte die Tuer und sagte: 'Lauf, Blaesi!' Da schoss +ich auf und suchte meine Kleider. Freilich meine seidenen Handschuhe +und meinen gekettelten Kragen hatte mir die Narracivallia +abgeschwatzt, um damit in der Kirche Staat zu machen. Ich war nur +noch meines halben Verstandes maechtig und verlor auch diesen, da ich +im Morgenlicht bei Heiligenwunden eintrete zum Englischen Gruss +und--denket Euch meinen Schrecken--mich selber erblicke, wie ich +leibe und lebe und Gott ersteche!" + +"Ei", laechelte Pescara. + +"Ein Schelmstueck!" zuernte Zgraggen. "Wisset, Herr, ein paar Pinsler +hatten sich zeither mit ihrem Zeuge da herumgetrieben und liessen sich +einmal in der Meierei ein Glas Milch geben. Der eine fasste mich ins +Auge. 'Da haben wir, den wir brauchen', sagt er und beschaut mein +Schwarzgelb. 'Mann, holt Euern Spiess und Harnisch.' Ich tue ihm den +Willen. Jetzt heisst mich der Pinsler die Beine spreiten, spreitet +sie gleichfalls und reisst mich ab auf ein Stueck Leinwand. Dann +versprachen mir die Spitzbuben, mein Konterfei zu hohen Ehren zu +bringen, ich aber stehe in Heiligenwunden und steche in den Salvator!" + +Der Feldherr empfand ein gewisses Wohlwollen fuer den ehrlichen +Gesellen. "Nimm", rief er in einer seltsamen Laune und streckte dem +Urner seinen vollen Beutel entgegen. Dieser nahm ihn mit der Rechten +und liess die Goldstuecke zaehlend in die Linke gleiten, ernsthaft und +bedaechtig. Dann schob er die Dukaten in die Tasche und wollte den +Beutel dem Feldherrn zurueckstellen. + +"Behalte! Er hat goldene Schleifen!" + +Der Urner schickte den Beutel den Dukaten nach. "Wo stellet Ihr mich +ein, Herr?" fragte er. Er konnte sich nichts denken, als dass ihn +Pescara geworben und ihm Handgeld gegeben habe. + +Pescara erwiderte: "Ich habe dich nicht gedingt, und ich meine, +nachdem dich die dreie so ernst vermahnt haben, kehrst du am besten +in deine Heimat zurueck und naehrst dich redlich, wie es im Sprichwort +heisst." + +"Aber warum denn schenkt Ihr mir so viel Geld, wo ich Euch nichts +zuliebe gethan habe?" fragte Zgraggen. Sondern viel Leides, setzte er +in Gedanken hinzu. Diese Vergeltung Pescaras ueberstieg das +Fassungsvermoegen des Urners und beaengstigte seine Rechtlichkeit. + +"Aus Grossmut", scherzte der Feldherr. + +Blaesi kannte das Wort nicht. Da fiel ihm ein, es werde Grosstun +bedeuten, und da er im Lager oft gesehen hatte, wie Prahlerei das +Geld mit vollen Haenden wegwirft, beruhigte er sich dabei. "Ja so", +sagte er. Pescara aber winkte, sein Ross vorzufuehren. + +"Und damit du durchkommst", sprach der Feldherr schon im Buegel, "nimm +noch das." Er warf ihm eine Passiermarke zu, und wenig fehlte, +Zgraggen haette gedankt. Wenigstens wollte er noch langes Leben +wuenschen; aber den Feldherrn zum Abschied anschauend, erkannte er das +Siechtum in diesem Antlitze mit seinen AElpleraugen, welche das alle +Welt taeuschende geistige Leben desselben nicht bestach. +Unwillkuerlich wuenschte er: "Gott gebe Euch selige Urstaend, Herr!" +Dann ueber seine eigene Rede und ihre boese Bedeutung bestuerzt, lief er +querfeldein mit seinem halben Spiesse, den er sorglich aufgehoben und +nun als Reisestab fuehrte. Die Spanier hatten verwundert zugesehen, +der alte Wachtmeister aber schuettelte bedenklich und aberglaeubisch +den Kopf ueber die seltsame Freigebigkeit seines sparsamen Feldherrn. +Der Trupp, welcher den Urner gefangen hatte, gehoerte zu dem +Heerhaufen, der jetzt in einer Staubwolke hinter schlagenden Trommeln +heranrueckte. Der Feldherr ritt seinen Tapfern entgegen, von +brausendem Jubel empfangen, und lenkte das Ross zwischen die Feldmusik +und die erste Kompanie, deren Hauptmann ehrerbietig Raum gab. + +Eine Weile blieb er allein an der Spitze der Truppen. Da nahte von +Novara ein Reitender in weissem Mantel und gesellte sich zu ihm. +Zusammen ritten sie durch das Schlosstor. Schweigend folgte der +Begleiter dem Gange Pescaras und ueberschritt hinter ihm die Schwelle +des Gemaches. + +Pescara wendete sich. "Was wollt Ihr, Moncada?" fragte er, und +dieser antwortete: "Eine Unterredung ohne Zeugen, die Ihr mir nicht +zum zweiten Male verweigern werdet." + +"Ich stehe zu Diensten." + +"Erlaucht", begann der Ritter, "ich habe, wie Ihr erlaubtet, den +Kanzler drueben gesprochen. Er war voller Angst und Blaesse und +beteuerte mit tausend Eiden, er sei gekommen, Aufschub und leichtere +Bedingungen zu erlangen, nur dieses habe ihn nach Novara gefuehrt. +Dann schwatzte er wild durcheinander wie das boese Gewissen. Dieser +Mensch ist ein Abgrund von Luege, in welchem der Blick sich verliert. +Ich bin sicher, dass er im Namen der Liga hier ist." + +"Nicht anders", sagte der Feldherr. + +"Und dass er Euch die Fuehrung derselben angeboten hat?" + +"Nicht anders." + +Jetzt entstand Laerm im Vorzimmer. Ippolito beiseite werfend, +verwildert, mit rasenden Mienen und verrueckten Augen stuerzte der +Kanzler herein. Ihm folgten auf dem Fusse, beide schon gepanzert, +Bourbon und Del Guasto, denen er auf dem Gange begegnet und die ihn +zurueckhalten wollten. In Verzweiflung warf er sich dem Feldherrn zu +Fuessen, waehrend Moncada langsam in den Hintergrund zurueckwich. + +"Mein Pescara", schrie der Geaengstigte, "alle Geduld nimmt ein Ende! +Ich kann die Marter nicht laenger ertragen. Jede Minute dehnt sich +mir zur qualvollen Ewigkeit. Ich vergehe. Sei barmherzig und gib +mir deine Antwort!" + +Pescara erwiderte mit Ruhe: "Vergebet, Kanzler, wenn ich Euch habe +warten lassen. Meine Zeit war nicht frei, doch eben wollte ich nach +Euch schicken. Eure gestrige Rede hat mich beschaeftigt, denn das Los +eines Volkes ist keine Kleinigkeit--aber bitte, setzet Euch, ich kann +nicht sprechen, wenn Eure Gebaerden so heftig dareinreden." + +Der Kanzler packte krampfhaft die Lehne eines Sessels. + +"Ich habe die Sache gewogen... doch, Kanzler, lassen wir zuerst alles +Persoenliche, denket weg von Euch selbst und von mir, es bleibt die +Frage: Verdient Italien zu dieser Stunde die Freiheit und taugt es, +so wie es jetzt beschaffen ist, sie zu empfangen und zu bewahren? +Ich meine nein." Der Feldherr sprach langsam, als pruefe er jedes +seiner Worte auf der Waage der Gerechtigkeit. + +"Zweimal hat Freiheit in Italien gelebt, zu verschiedenen Zeiten. In +der beginnenden roemischen Republik, da das Staatswohl alles war. +Dann in jenen herrlichen Gemeinwesen, Mailand, Pisa und den andern. +Jetzt aber steht es an der Schwelle der Knechtschaft, denn es ist los +und ledig aller Ehre und jeder Tugend. Da kann niemand helfen und +retten, weder ein Mensch noch ein Gott. Wie wird verlorene Freiheit +wiedergewonnen? Durch einen aus der Tiefe des Volkes kommenden Stoss +und Sturm der sittlichen Kraefte. Ungefaehr wie sie jetzt in Germanien +den Glauben erobern mit den Flammen des Hasses und der Liebe. + +Aber hier! Wo in Italien ist, ich sage nicht Glaube und Gewissen, da +das fuer euch veraltete Dinge sind, sondern nur Rechtssinn und +UEberzeugung? Nicht einmal Ehre und Scham ist euch geblieben, nur die +nackte Selbstsucht. Was vermoeget ihr Italiener? Verfuehrung, Verrat +und Meuchelmord. Worauf zaehlet ihr? Auf die Gunst der Umstaende, auf +die Wuerfel des Zufalls, auf das Spiel der Politik. So gruendet, so +erneuert sich keine Nation. Wahrlich, ich sage dir, Kanzler"--und +Pescara erhob die Stimme wie zu einem Urteilsspruch--"dein Italien +ist willkuerlich und phantastisch, wie du selbst es bist und deine +Verschwoerung!" + +"Wahrheit", liess sich die Stimme Moncadas vernehmen. + +"Auch der Held, Morone, den ihr euch erwaehlt habet, entbehrt des +Daseins." + +Doch diese leisen letzten Worte Pescaras wurden ueberschrien. Morone +hatte schnell den Kopf gewendet und den Ritter erblickt: wie er +seinen Anschlag dem Spanier preisgegeben sah, geriet er in Wut, seine +Zuege verzerrten sich, und er tobte wie ein Besessener. "Falsch und +grausam! Falsch und grausam! O ich mit Blindheit Geschlagener!" +Dann von sinnloser Rachgier ueberwaeltigt, schrie er gegen Moncada: +"Wisset es, Ritter, dieser"--er wies auf den Feldherrn--"ist der +Schuldige! Seinetwillen die ganze Verschwoerung! Ich bin seine +Kreatur, und nun opfert mich der Unmensch!" + +Jetzt sprang der Herzog dazwischen, der mit Del Guasto hinter Pescara +stehend den leidenschaftlichen Auftritt genoss. "Saute, Paillasse mon +ami, saute pour tout le monde!" verhoehnte er Morone. "Ja, wenn wir +nicht gelauscht haetten, wir zweie, hinter dem roten Vorhang und der +goldenen Quaste dort! Ich muss dir das mal erzaehlen, Schatz, es ist +zum Totlachen. Hoertest du nicht, wie ich dich auspfiff?" Dann +ploetzlich ernst werdend, richtete er den Blick fest auf Moncada, +legte die Hand auf die Brust und beteuerte: "Bei meinem koeniglichen +Blute, der Feldherr hat in jener gestrigen Stunde nicht haarbreit +geschwankt in seiner Ehre und Treue!" + +Morone war vernichtet. Del Guasto legte Hand an ihn und zog ihn mit +sich fort. "Herr Kanzler", spottete er, "bedanket Euch, unser +Lauschen erspart Euch die Folter." Auch der Herzog ging, einer +bittenden Gebaerde Pescaras gehorchend. + +"Erlaucht", begann Moncada, "hier bin ich ueberzeugt. Mit diesem +habet Ihr nur Euer Spiel getrieben, vielleicht herablassender, als +fuer spanischen Stolz sich geziemte. Mit einem solchen Menschen +konspiriert kein Pescara. Aber, Erlaucht, in seiner ohnmaechtigen Wut +hat dieser Verlogene Wahrheit gesprochen, wenn er Euch beschuldigte, +der Urheber der italienischen Verschwoerung zu sein. Nicht der +Urheber, aber der Beguenstiger. Sie nicht entmutigend, habet Ihr sie +genaehrt und grossgezogen. Es war leicht, ein entschiedenes Wort zu +sprechen und ihr Halt zu gebieten mit einer entruesteten und weithin +sichtbaren Gebaerde. Das habet Ihr nicht gethan. Ihr stundet als eine +dunkle und deutbare Gestalt." + +"Ritter", unterbrach ihn Pescara, "nicht Euch habe ich Rechenschaft +zu geben von meinem Thun und Lassen, sondern allein meinem Kaiser." + +"Eurem Koenige", versetzte Moncada. "Ihn so zu nennen, gebietet Euch +die Ehrfurcht, denn ein Koenig von Spanien ist mehr als der Kaiser. +Und der Enkel Ferdinands wird ein Koenig von Spanien werden. Karl +entwickelt sich langsam, unter verschiedenen und streitenden +Einfluessen, aber sein spanisches Blut wird erstarken und sein +deutsches aufsaugen bis auf den letzten Tropfen. Er verabscheut die +Ketzerei, und seine Froemmigkeit wird ihn zum Spanier machen." Er +sagte das mit einem stillen Laecheln und schwaermerisch erglaenzenden +Augen. + +"Avalos", fuhr er fort, "deine Vaeter haben fuer den Glauben gegen die +maurischen Heiden gekaempft, bis dein Ahn mit jenem Alfons nach Neapel +schiffte. Kehre zu deinem Ursprung zurueck! Das edelste Blut fliesst +in deinen Adern. Wie kannst du, der das Grosse liebt, zaudern +zwischen dem spanischen Weltgedanken und den erbaermlichen +italienischen Machenschaften? Unser ist die Erde, wie sie einst den +Roemern gehorchte. Siehe die wunderbaren Wege Gottes: Kastilien und +Aragon vermaehlt, Burgund und Flandern erworben, das gewonnene +Kaisertum, eine entdeckte und eroberte neue Welt, und, das alles +beherrschend, ein gestaehltes Volk mit, einem gesegneten, zwiefach in +Heidenblut getauften Schwerte! Was dir jener Elende bot, Spanien +gibt es dir tausendfaeltig: Schaetze, Laender, Ruhm und--den Himmel! + +Denn fuer den Himmel kaempfen wir und fuer den katholischen Glauben, dass +eine Kirche herrsche auf Erden. Sonst waere Gott vergeblich Mensch +geworden. Voraussehend, wie in diesen Tagen die Hoelle den +Apostolischen Stuhl besudeln und ihre letzte Ketzerei, den +germanischen Moench, ausspeien werde, erschuf er den Spanier, jenen zu +reinigen und diese zu zertreten. Darum gibt er uns die Welt zur +Beute, denn alles Irdische hat himmlische Zwecke. Ich habe lange +darueber gesonnen in meinem sizilischen Kloster und waehnte, wohl +selbst der Auserwaehlte zu sein zu diesem geistlichen Kriegsdienste. +Da wurde er mir in einem Gesichte gezeigt, der andere, der Berufene. +Ich war solcher Ehre unwuerdig, meiner Suende wegen, und trat in die +Welt zurueck." Pescara schwieg und betrachtete den Verzueckten. + +"Aber ich wirke, solange es Tag ist. Kein Jahr ist um, ich stand +hinter Ferdinand Cortez, da ihm auf dem Berge der Daemon die goldenen +Zinnen Mexikos zeigte, wie er dir, Pescara, jetzt Italien zeigt. +Diese Hand hielt den Strauchelnden zurueck, und nun strecke ich sie +gegen dich, Pescara, dass du ein Sohn Spaniens bleibest, welches die +Welt ist und das der in der Glorie schwebende katholische Ferdinand +beschuetzt." + +Jetzt brach der Feldherr sein Schweigen und zuernte: "Nenne mir jenen +nicht, er hat mir den Vater getoetet!" + +Moncada seufzte schwer. + +"Du bereust?" + +Der Ritter schlug sich zerknirscht die Brust und murmelte, mit sich +selbst sprechend: "Meine Suende... meine Suende... ungebeichtet und +ungespeist!" + +Da erriet Pescara, dass dieser Fromme nicht seinen Mord bereue, +sondern dass er ihn vollbracht an einem geistlich Unvorbereiteten. +"Weiche von mir!" gebot er. + +Moncada trat zurueck bis zur Schwelle, wie aus einem Traum erwachend. +Dann sammelte er sich und sagte: "Verzeihung, Erlaucht! Ich war +abwesend. Noch ein nuechternes Wort. Ich kenne Euer Ziel nicht. +Noch bin ich nicht Euer Feind. So oder so werdet Ihr Mailand nehmen. +Dieser erste Schritt enthaelt weder Treue noch Untreue. Ich erwarte +Euern zweiten, ob Ihr den Herzog absetzet und die Empoerung strafet. +Tut Ihr es nicht, so verratet Ihr Spanien und Euern Koenig!" Und er +verschwand. + +Pescara zog sich zurueck und genoss Speise. Dann empfing er vor seinem +flackernden Kaminfeuer, das an einem Herbstabende nicht fehlen durfte, +den Herzog mit Del Guasto und gab ihnen seine letzten Befehle. Den +Rest der Zeit benuetzte er, um seine geheimen Papiere zu sichten: was +sich um einen Maechtigen dreht, eine Welt von Schlechtigkeit. Er +vernichtete das meiste, es in den Herd werfend: er wollte niemanden +verderben. Auch das Geheimschreiben des Kaisers sollte verschwinden, +doch seine Asche nicht mit der uebrigen sich vermengen. Er liess ein +glimmendes Kohlenbecken bringen, in dessen blaeulichen Flaemmchen er +den Brief seines Kaisers verbrannte. Als er zu Ende war, hatten sich +seine Kerzen schon zur Haelfte verzehrt: es ging auf Mitternacht. +Pescara kreuzte die Arme ueber der Brust und verfiel in ein so tiefes +Sinnen, dass er die Schritte eines Eintretenden nicht vernahm. Da +sprach es zu ihm: "Was ist dein Ziel, Avalos?" Er erblickte Moncada. + +Der Feldherr griff mit der Hand in das erloschene Kohlenbecken, +schloss sie und streckte sie gegen Moncada. "Mein Ziel?" sagte er und +oeffnete die Hand: Staub und Asche. + +Jetzt gellten Drommetenrufe durch das Schloss. Trommelwirbel folgten. +Alles geriet in Bewegung. Der Feldherr liess sich von seiner +Dienerschaft waffnen. Als er bei flackerndem Fackellicht, das sich +auf Speeren und Ruestungen spiegelte, die gepflasterte Halle des +Erdgeschosses betrat, erblickte er sein schwarzes Tier, welches, +kostbar geschirrt, mit ungeduldigen Hufen Funken aus dem Boden schlug, +daneben eine Saenfte mit zwei leichten Trabern. Beide hatte er +befohlen, die Wahl dem Augenblicke vorbehaltend. Mit einem Seufzer +bestieg er die Saenfte, seine wiederbeginnenden Schmerzen darin zu +verbergen, und verschwand durch das Tor, waehrend sein verschmaehtes +Schlachtross sich zornig gebaerdete und den Reitknecht, welcher es +besteigen wollte, abwarf. Es musste seinem Herrn ledig nachgefuehrt +werden. + +Nun wurde auch der gefangene Kanzler gebracht. Spanische Soldaten +umringten ihn, beraubten ihn seiner Kette, seiner Ringe, seines +Beutels und setzten ihn nicht auf sein edles Maultier aus dem +mailaendischen Marstalle, sondern ruecklings auf einen armseligen Esel, +dessen Schwanz sie ihm nach ihrer grausamen Art durch die gefesselten +Haende zogen. Dann ging es durch das Tor unter einem hoellischen +Gelaechter, in welches der Kanzler aus Verzweiflung mit einstimmte. + + + + + +Letztes Kapitel + + + +Inzwischen verlebte in dem aus einer Burg des Glueckes zu einer +Behausung der Angst gewordenen Kastelle von Mailand Franz Sforza +jammervolle Tage und noch schlimmere Naechte, hilf- und ratlos nach +seinem Kanzler rufend. Er hatte den Besuch Del Guastos erhalten, der +ihm zu melden kam, sein Feldherr habe vor ablaufender Frist den +Kanzler von Mailand empfangen, dieser ihm aber, statt der erwarteten +Zugestaendnisse, im Namen der Hoheit ebenso toerichte als +verbrecherische Eroeffnungen gemacht, die den Feldherrn bestimmen, +ohne Verzug, uebrigens ganz im Sinne seiner ersten Drohung, auf +Mailand zu marschieren und gegen die Hoheit als einen Hochverraeter zu +verfahren. Del Guasto hatte sich an dem Zittern des Herzogs geweidet +und war aus der Stadt verschwunden. Waehrend sich die kaiserlichen +Truppen in raschen Maerschen naeherten, und selbst da sie schon auf den +Waellen von Mailand in Sicht waren, hatte der Kleinmuetige zwischen +UEbergabe und Verteidigung geschwankt, wurde dann aber von ein paar +tapfern lombardischen Edelleuten auf den Weg der Ehre gerissen und +endlich selbst von einer kriegerischen Stimmung angewandelt, deren er +kraft seines grossvaeterlichen Blutes nicht voellig unfaehig war. Er +liess sich mit einer kunstvoll geschmiedeten Ruestung bekleiden und +setzte sich einen Helm von herrlicher getriebener Arbeit auf das +schwache Haupt. + +Es ist Thatsache, dass er in der grossen Schanze stand, in dem +Augenblicke, da Pescara seine Truppen gegen dieselbe zum Sturm fuehrte. +Mit bebender Stimme befahl der Herzog das Feuer seiner auserlesenen +Geschuetze. Wie sich der Rauch verzog, lag das Feld mit Spaniern +bedeckt. Zwischen Toten und Verwundeten schritt Pescara, wenige mehr +neben sich und noch unerreicht von den vielen unter der Fuehrung Del +Guastos ihm stuermisch Nacheilenden. Er war ohne Harnisch. Der Helm +war ihm vom Kopfe gerissen, und sein dunkler Mantel flatterte +zerfetzt. In flammend rotem Kleide, mit gelassenen und gleichmaessigen +Schritten ging er weit voran, einen blitzenden Zweihaender schwingend. +Es war, als schritte der Wuerger Tod in Person gegen die Schanze, und +da sich dort in demselben Augenblicke die boese Kunde verbreitete, der +Borbone habe das Suedtor genommen und Leyva stuerme an der noerdlichen +Pforte, packte der bleiche Schreck die Besatzung. Die wieder +geladenen Stuecke blieben ungeloest, die Hauptleute, die sich den +Furchtbetoerten entgegenwarfen, wurden niedergetreten, und die +panische Flucht riss den Herzog mit sich fort. + +Wie er, in seinen Palast zurueckgekehrt, mit irrenden Schritten den +Thronsaal betrat, siehe, da stuerzte vor seinen Augen die +goldbrokatene und mit Loewen und Adlern durchwirkte Bekleidung des +Thronhimmels zusammen. In der allgemeinen Verwirrung hatte sich der +herzogliche Tapezierer in den Saal geschlichen und das Prachtstueck +gelockert, um es zu entwenden, war dann aber vor dem sich nahenden +Getoese unverrichteterdinge entwichen. Von dem schlimmen Omen +erschreckt, warf sich der Herzog verzweifelnd in einen Lehnstuhl und +bedeckte das Gesicht mit beiden Haenden, sein Los und den Sieger +erwartend. + +Dieser liess nicht lange auf sich harren. Ein kurzer Laerm--die treue +schweizerische Palastwache wurde niedergestreckt oder entwaffnet--, +und Pescara betrat den Saal, barhaupt und ohne Schwert, hinter ihm +Karl Bourbon, behelmt, in voller Ruestung, den Degen in blutender +Faust. Er war, der erste auf der Sturmleiter, mit derselben in den +Stadtgraben zurueckgeworfen worden, ohne sich jedoch ernstlich zu +verletzen. + +Der Marchese verneigte sich vor seinem Besiegten, der sich von seinem +Sitze aufraffte. "Hoheit beruhige sich", sprach Pescara. "Ich komme +nicht als Feind, sondern um Hoheit aufs neue in Pflicht zu nehmen fuer +Ihren Lehensherrn, den Kaiser." + +Sforza erhob die Augen, und da er in dem ueberlegenen Antlitz weder +Hohn noch Strafe las, sondern eher teilnehmende Einsicht und Milde, +brach der haltlose Knabe in Traenen aus und stammelte: "In meinem +Herzen bin ich der Majestaet immer treu gewesen, sie hat keinen +ergebeneren Diener und bessern Lehensmann, aber ich Unseliger wurde +missleitet, wurde irregefuehrt... mein hoellischer Kanzler... auch den +bewaffneten Widerstand habe ich nicht befohlen... ich wurde geschoben, +gestossen... von dem Valabrega und ein paar andern Edelleuten... bei +allen Aposteln und Maertyrern, ich bin kein italienischer Patriot, +sondern der bedraengteste Fuerst in der unmoeglichsten Lage!" + +Diese voellige Zerknirschung des Enkels und Urenkels zweier Heroen +schien den Feldherrn peinlich zu beruehren. Doch liess er der Busse +freien Lauf, weigerte aber, scheinbar aus Ehrerbietung, dem endlich +Verstummenden seine Hand, welche dieser zu ergreifen suchte. Er +befuerchtete, der gaenzlich Vernichtete moechte sie kuessen. + +Waehrend dieser Selbsterniedrigung, und sie im Grunde seines +verbitterten Herzens kostend, schluerfte Karl Bourbon, welcher hinter +Pescara stehengeblieben war, in langsamen Zuegen einen vollen Becher, +den er sich von einem herbeigewinkten Pagen hatte holen und reichen +lassen. + +"Hoheit", sagte der Feldherr, "ich habe Vollmacht. Wenn Sie davon +durchdrungen ist, dass Sie sich in ein falsches und gefaehrliches Spiel +eingelassen hat, und wenn sich der feste Wille in Ihr gestalten kann, +forthin Ihr Heil da zu suchen, wo es ist, bei dem Kaiser, und von der +Majestaet nimmermehr zu weichen, wage ich es, auf meine +Verantwortlichkeit, Ihr Verzeihung zu gewaehren und Ihre Hand darauf +anzunehmen. Hoheit darf es mir glauben, Sie faehrt in jedem Falle +besser mit dem Kaiser als mit der Liga." + +Jetzt sah er, wie die unverhoffte Milde den Sohn des Mohren ploetzlich +wieder misstrauisch machte, wie der vom Schicksal zum Argwohn Erzogene +eine List vermutete und wie seine Hand zoegerte und zitterte. "Hoheit +darf trauen", sprach er kraftvoll. "Der Kaiser und ich halten Wort." + +Sforza gab die Hand, und der Feldherr fuegte freundlich hinzu: "Ich +kenne die schwierige Lage der Hoheit und--wenn ich es aussprechen +darf--Ihre durch eine unglueckliche Jugend erkrankte und entkraeftete +Seele. Sie bedarf vor allem der Stetigkeit. In der Bahn des Kaisers +wandelnd und verharrend, wird Sie von keiner Zeitwelle verschleudert +werden. Ich persoenlich", schloss er, seine Lehrhaftigkeit mildernd, +in einem fast herzlichen Tone, "war der Hoheit immer zugethan, aus +Dank fuer meine Vorbilder, Ihre zwei herrlichen Ahnen, obwohl mir die +beiden", scherzte er, "in meiner Jugend manchen Schlaf geraubt haben; +ein solcher Reiz und Stachel liegt in Maennlichkeit und Seelengroesse." + +Franz Sforza getroestete sich dieser Freundschaft, fragte aber doch +aengstlich: "Und ich bleibe Herzog? Euer Wort, Pescara?" + +"Unverbruechlich. Wenn ich etwas ueber den Kaiser vermag, und wenn Ihr +es vermoeget, Eure Seele zu befestigen." + +"Und meinem Kanzler geschieht nichts?" + +"Ich glaube nein, Hoheit", versprach Pescara. + +"Und er bleibt mein Minister?" + +Der Feldherr konnte ein Laecheln nicht verwinden ueber die +Unzertrennlichkeit dieses Paares. "Hoheit vergisst, dass Sie soeben +Girolamo Morone den verderblichsten aller Ratgeber genannt hat. Ich +empfehle Hoheit, sich von der Kaiserlichen Majestaet fuer dieses +schwierige Amt einen andern und weisern Kopf zu erbitten. Es gibt +deren in Italien, es braucht kein Spanier zu sein." + +"Nichts da, Hoheit! Ihren Kanzler bekommt Sie nicht heraus!" mischte +sich jetzt der Bourbon ins Gespraech. "Diese Helena ist mein +Beutestueck." + +Franz Sforza starrte Bourbon mit angstvollen Augen an. "Der hier?" +stoehnte er. "Er will mein Mailand! Er traeumt langeher davon. Hilf +mir, maechtiger Pescara!" + +Da schmetterte Bourbon, als zerstoere er sich selbst, mit einem +zornigen Wurf sein kristallenes Glas an den Marmorboden, dass es mit +schrillem Misston in Scherben zerfuhr. "Hoheit", rief er, "da liegt +mein Fuerstentum Mailand!" + +Waehrend die Scherben flogen, trat Moncada mit Leyva ein, dieser von +oben bis unten mit Staub und Blut besudelt. "Erlaucht", begann der +Ritter, "ich beglueckwuensche Sie zu Ihrem heutigen schoenen Siege, der, +wieder in voller Kraft erfochten, sich an so viele andere reiht. Ich +hielt mich geziemend im Vorzimmer. Doch da ich bechern und lachen +hoerte, und als auch Leyva anlangte, der das Nordtor genommen und +ebenfalls seinen Trunk verdient hat, wagte ich den Eintritt, und ich +glaube zur rechten Stunde. Denn ich meine: hier wird Gericht +gehalten werden, und Hoheit Bourbon hat diesem verraeterischen Herzog +in symbolischer Weise seinen verdienten Untergang verkuendigt. Aber +nicht so stuermisch, Hoheit! Ich denke, der Feldherr setzt ein +Kriegsgericht zusammen, bei dem ich als ein Angehoeriger des +koeniglichen Hauses Sitz und Stimme beanspruchen darf. Natuerlich ein +vorlaeufiges Gericht, in Erwartung des Entscheides aus Madrid." +Pescara blieb kalt. "So tue ich", sagte er. "Ich ernenne zu +Richtern meine zwei Kollegen, die Hoheit Bourbon und Leyva. Ich +praesidiere. Euch, Ritter, muss ich ausschliessen, weil Ihr keinen Rang +bekleidet. Hier meine Beglaubigung." Er zog aus seinem Wams die +kaiserliche Vollmacht. + +Moncada ergriff das Schreiben und las: "Nach seinem Ermessen... gemaess +den Umstaenden... hm... Erlaucht erlaube... diese kaiserliche Weisung +scheint zu sagen, dass Sie bevollmaechtigt ist, alle militaerischen und +buergerlichen Massregeln in dem genommenen Mailand nach Belieben zu +treffen, praejudiziert aber in keiner Weise die Rechte und Interessen +der katholischen Majestaet. Ich werde daher bleiben als ein stummer, +aber aufmerksamer Zuhoerer." + +"Sei es", sagte Pescara geduldig. + +Jetzt regte sich auch Leyva und verlangte, dass Girolamo Morone +vorgefuehrt werde. "Er ist im Palaste", sagte er. "Ich sah ihn +gefesselt einbringen unter den Verwuenschungen und Kotwuerfen des +mailaendischen Volkes, das ihm sein ganzes Elend zurechnet." Pescara +gab den Befehl. + +Eine peinliche Pause. Stuehle wurden gerueckt von der verlegenen +Dienerschaft, welche ihrem verklagten Herrn ehrerbietig den +herzoglichen Sessel mit Krone und Wappen brachte, und als Morone +erschien, nicht ohne Spuren von Misshandlung, sah er die drei +Feldherrn als Richter sitzen, Pescara in der Mitte, und vor ihnen +seinen Herzog. "Mut, Fraenzchen", fluesterte er ihm zu, neben den er +sich aus alter Gewohnheit gestellt hatte, "wirf du nur alles auf mich!" + +Pescara nahm das Wort: "Die Hoheit von Mailand beteuert, an der Treue +gegen ihren Lehensherrn festzuhalten und nur voruebergehend +fehlgetreten und in den Schein der Felonie gekommen zu sein unter den +Einfluesterungen dieses Mannes da." Der Herzog nickte mit dem Haupt. + +"So ist es! Ich bekenne, dass ich der allein Schuldige bin!" sprach +der Kanzler unerschrocken. + +"Auch die Verteidigung von Mailand gegen das kaiserliche Heer +beteuert die Hoheit nicht befohlen zu haben, sondern sie versichert, +es sei die eigenmaechtige That einiger aufruehrerischer Lombarden, und +ich halte es fuer glaublich. Wie urteilt Leyva?" + +Leyva verzog das haessliche Gesicht und murrte: "Dieser Franz Sforza +ist der Felonie schuldig und durch die nackte Thatsache ueberwiesen. +Er werde in schaerfstem Gewahrsam gehalten. Der Kaiser, wie ich meine, +wird ihn absetzen und nach Spanien bringen lassen." + +"Und wie urteilt Sie?" Pescara hatte sich gegen Bourbon gewendet. + +Der Konnetabel spielte mit seinem zerrissenen Handschuh und bemerkte +mit melodischer Stimme: "Die Hoheit wurde betoert von dem wunderlichen +Gaukler da, der auch mich und viele andere bezaubert hat, bis er an +unserm Feldherrn seinen Meister fand. Aber sie scheint mir wieder +zur Besinnung gekommen zu sein, und ich meine, dass ihr die Schmach +des Gefaengnisses anzutun weder schicklich waere noch auch notwendig +ist, da sich ja die Stadt in unsern Haenden befindet. Die Hoheit von +Mailand bleibe frei." + +"Zwei Stimmen gegen eine, denn so lautet auch meine Meinung", +entschied Pescara. Moncada schwieg mit verschlungenen Armen, Leyva, +dessen grosse Narbe sich mit Blut zu fuellen schien, zerrte den +Schnurrbart, Bourbon aber erhob sich, bot Franz Sforza den Arm und +geleitete ihn aus dem Saale. + +Draussen stiess er mit Del Guasto zusammen, der ihm zufluesterte, es sei +befremdend: die Truppen Leyvas zoegen sich gegen den Palast. Bourbon +runzelte die Stirn. "Beobachtet und berichtet!" gebot er. Del +Guasto wollte enteilen, rief aber zurueck: "Noch eins: ich hoere, Donna +Victoria sei am Tore angelangt und verlange nach dem Feldherrn." + +Da Bourbon in den Saal zuruecktrat, forderte eben Leyva den Kerker, +die Folter und, nach vervollstaendigtem Bekenntnisse, Block und Beil +fuer den erbleichenden Morone. + +"Auf die Folter!" stoehnte dieser. "Wenn ihr mich windet wie ein Tuch, +so werdet ihr nichts anderes als Blut und Schweiss aus mir +herauspressen. Ich habe mich vor dem Feldherrn ausgebeichtet. Du +bist nicht grausam, Pescara!" + +"Pfui, Leyva!" rief Bourbon, sich wieder in den Kreis setzend. "Will +sich der Herr an den Zuckungen dieses naerrischen Gesichtes ergoetzen? +Das leide ich nicht. Ich lasse mir meinen Morone nicht verdrehen. +Zittre nicht, Girolamo! Dir wird kein Haar gekruemmt: du wirst mein +Schreiber. Mein gnaediges Urteil lautet: Girolamo sitze in seinem +Hause, und man bewache ihn, bis ich mir ihn vom Kaiser werde erbeten +haben." + +"Mir scheint, das genuegt", entschied der Feldherr. "Morone hat +gestanden vor drei glaubwuerdigen Zeugen, deren einer ich selber bin. +Keine unnuetze Marter, sondern sichere Haft. Zwei Stimmen gegen eine. +Nehmet ihn, Hoheit. Mir ahnt, dass Girolamo Morone sich noch einmal +umwandelt und in kaiserliche Dienste tritt." + +Da schrie Morone unklug vor Freude ueber das geschenkte Leben und die +erlassene Folter: "Pescara, ohne dich kein Italien! Das ist vorbei. +Mach mit mir, was du willst. Ich bin das Geschoepf deiner Grossmut und +Guete... Und wenn noch weiter geredet werden soll, so erfahret, +Herrschaften, und darin ist alles andere enthalten: die Liga ist dem +Kopfe der Heiligkeit entsprungen, wie Athene der Stirne des Zeus..." +Seine Zunge stand ploetzlich still, da er neben sich einen +ansehnlichen Mann im Reisekleid gewahrte, der eben eingetreten war. +Dann rief er: "Das weiss niemand besser als der da!" Es war +Guicciardin, dessen Blicke neugierig im Kreise umliefen, endlich aber +unverwandt auf dem Antlitze des Pescara haften blieben. + +"Ich stoere, Erlaucht?" sagte er. "Doch ich werde mich kurz fassen. +Ich komme mit Eilpost von der Heiligkeit, die diesmal besser einen +andern geschickt haette. Die Heiligkeit laesst Erlaucht wissen, sie +habe auf die erste Kunde der eroeffneten Feindseligkeiten einen ihrer +Vertrautesten nach Madrid gesendet, den Kaiser zu unterrichten, dass +sie dem Buendnis der italienischen Staaten fremd geblieben ist. Eine +heilige Liga existiert nicht. Der oberste Hirte schaudert vor dem +Schwert." + +"Halleluja!" rief der Kanzler, den die Lebensfreude berauscht und +voellig toll gemacht zu haben schien, der Feldherr aber entgegnete: +"Wie, Guicciardin? Eben hat Morone an den Tag gebracht, dass die Liga +das Werk der Heiligkeit ist. Was ist Wahrheit?" + +"Beides", versetzte Guicciardin. "Mein Auftrag ist ausgerichtet und +damit gut." Er verbeugte sich und verliess den Saal, aber Bourbon, in +den der Satan fuhr, rief dem Gesandten des Papstes nach: "Florentiner, +sage deinem Herrn, ich werde nach Rom kommen, seiner Wahrhaftigkeit +den Pantoffel zu kuessen, mit lauter Lutheranern und Marranen, und +nachts will ich meine brennende Kerze umwerfen, dass der Heiligkeit +ein Licht aufgehe!" Die Lache, die der Unselige aufschlug, scholl +gellend wider aus der Kuppelwoelbung und aus den Ecken des Saales wie +aus dem Munde schadenfroher Daemonen, so dass Guicciardin erschreckend +umblickte. Der Feldherr wies nun auch den Kanzler mit seiner Wache +weg, sei es, dass er es fuer unziemlich hielt, das Haupt der +Christenheit preiszugeben, oder er war der menschlichen Komoedie muede. + +Da sich Guicciardin und der Kanzler draussen zusammenfanden, fragte +jener: "Man fuehrt dich zum Blocke?" + +"Bewahre!" + +"Durchgeschluepft? Unvergleichlicher! Doch wie begab es sich in +Novara?" + +"Oh, ich kam auf den Esel zu sitzen... Dieser Pescara ist das Raetsel +der Sphinx..." + +"Das ich errate, Kanzler, aus seinem Antlitz. Es traegt die +hippokratischen Zuege, und ich werde vielleicht der Heiligkeit eine +Todesnachricht zu bringen haben. Erinnerst du dich noch, Girolamo, +was ich dir in den Vatikanischen Gaerten sagte, von einem moeglichen +letzten Hindernis in der Brust Pescaras? Wenn ich woertlich wahr +geredet? Wenn der Feldherr bei Pavia den Tod empfing und ihn +verheimlicht hat? Wenn wir einen nicht mehr Versuchbaren in +Versuchung fuehrten?" + +Der Kanzler schlug sich vor die Stirn: "Du sagst es, Guicciardin! +AEhnliches, das ich damals nicht verstand, hat mir der Arzt des +Feldherrn, Messer Numa Dati, in Novara angedeutet." + +"Also die Wahrheit", schloss der Florentiner. "Nicht Pescara trog. +Wir selbst haben uns betrogen. O Weisheit der Menschen!" Mit dieser +Betrachtung schieden die beiden. + +In dem Thronsaal herrschte eine unheimliche Luft. Die drei Feldherrn +und der bei ihnen zurueckgebliebene Moncada standen in weiten +Entfernungen. Pescara, voellig entkraeftet, wie es schien, hatte sich +auf den ueber den Thron ausgebreiteten Goldbrokat geworfen. Blaesse +bedeckte sein Gesicht, die Brust arbeitete. Bourbon mass den Saal in +leichtfertigem Tanzschritt, waehrend er Moncada scharf beobachtete. +Dieser, in einer Fensterbruestung lehnend, winkte aus einer andern +Leyva zu sich und fluesterte ihm ins Ohr: "Es ist Zeit. Er hat sich +enthuellt. Tot oder lebendig..." Jetzt rief auch Pescara den Herzog. +"Setze dich neben mich, Karl", keuchte er leise. "Fuehrst du Papier +und Stift?" + +"Um Gottes willen, Ferdinand, merkst du nichts? Du bist bedroht! +Die beiden fluestern. Leyva ist verdaechtig. Sie wollen dich +verhaften!" + +"Fuehrst du Papier und Stift?" wiederholte der Feldherr. Der Herzog +gab sie. Nach ein paar Zuegen sagte Pescara: "Meine Hand zittert, +schreibe du, Karl." + +"Ferdinand, bist du blind? Siehst du nicht, wie Moncada sich regt?" + +"Er wird mich nicht erreichen", sagte der Feldherr und diktierte mit +gepresster Stimme: "An die Majestaet des Kaisers. Erhabener Herr, +Mailand ist Euer. Pescara haelt Treue bis zum letzten Atemzug. +Lohnet sie ihm mit drei Erfuellungen..." + +"Ich beschwoere dich, Ferdinand! Er kommt auf dich zu! Ermanne dich! +Wir fechten... Ich rufe die Wachen..." Bourbon wollte aufspringen. +Pescara aber hielt ihn fest: "Schreibe! Er erreicht mich nicht, +sage ich dir. Wo bist du?... mit drei Erfuellungen: Majestaet schuetze +Sforza! Majestaet begnadige Morone! Majestaet gebe mein Kommando dem +Konnetabel!..." + +"Er steht wenige Schritte vor dir! Zieh! Wo hast du deinen Degen?" + +"Ich vergiesse kein Blut mehr..." Pescara unterzeichnete, und der +Stift entglitt seiner Hand. Mit einem schwachen Schrei und +erloeschenden Augen sank er in die Arme seines Freundes. + +Moncada, der jetzt ganz nahe getreten war, stand bestuerzt. "Was ist +dem Feldherrn?" fragte er, und ihn betrachtend: "Verschieden?" + +"Geschieden!" weinte der Herzog. + +"Ein Herzschlag. Der Feldzug hat ihn getoetet", sagte Moncada und hob +das Papier auf, das an den Boden gefallen war. Er las, und bei der +dritten Bitte angelangt, stand er sinnend. Dann uebergab er, ohne die +Miene zu aendern, das Papier dem Herzog mit den Worten: "Wir ehren +seinen letzten Willen. Hoheit hat das Kommando. Hoheit befehle!" + +Bourbon erschien als ein Heimatloser und Entwerteter dem Sohne +Ferdinands des Katholischen ungefaehrlich und war, ohne Pescara, auch +Leyva minder verhasst, denn um die Gunst des grossen Feldherrn hatte +dieser den Konnetabel beneidet. + +Karl Bourbon winkte sie weg und bettete Pescara auf den Goldbrokat. +Der Palast war ganz stille geworden, und selbst die Wachen an den +Toren schritten leise, in der Meinung, der Feldherr halte zu dieser +Stunde Siesta, wie seine Gewohnheit war. Auch der Herzog, das +geliebte Haupt im Schosse haltend, versank in einen Mittagstraum, er +vergass das tragische Los des Toten und das eigene aus Ruhm und +Schmach geflochtene, er empfand nur einen dumpfen Schmerz ueber den +Verlust des einzigen Freundes. + +Stimmen erschollen vor der Saalpforte. "Nein, Madonna, er ruht!" +verbot Del Guasto, und Victoria rief durchdringend: "Weiche, Boeser! +Ich will zu ihm!" Bourbon vernahm nahende Schritte, er wendete nicht +einmal das Haupt. Er legte den Finger an den Mund und fluesterte: +"Leise, Madonna! Der Feldherr schlummert." + +Victoria trat zu dem Gatten. Pescara lag ungewaffnet und ungeruestet +auf dem goldenen Bette des gesunkenen Thronhimmels. Der starke Wille +in seinen Zuegen hatte sich geloest, und die Haare waren ihm ueber die +Stirn gefallen. So glich er einem jungen, magern, von der Ernte +erschoepften und auf seiner Garbe schlafenden Schnitter. + + + + + +Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Die Versuchung des Pescara" +von Conrad Ferdinand Meyer. + diff --git a/old/7vers10.zip b/old/7vers10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4acd985 --- /dev/null +++ b/old/7vers10.zip diff --git a/old/8vers10.txt b/old/8vers10.txt new file mode 100644 index 0000000..281eab2 --- /dev/null +++ b/old/8vers10.txt @@ -0,0 +1,5101 @@ +The Project Gutenberg Etext Die Versuchung des Pescara, by Meyer +#1 in our series by Conrad Ferdinand Meyer + +This Etext is provided in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + +Copyright laws are changing all over the world, be sure to check +the laws for your country before redistributing these files!!! + +Please take a look at the important information in this header. +We encourage you to keep this file on your own disk, keeping an +electronic path open for the next readers. + +Please do not remove this. + +This should be the first thing seen when anyone opens the book. +Do not change or edit it without written permission. The words +are carefully chosen to provide users with the information they +need about what they can legally do with the texts. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**Etexts Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These Etexts Are Prepared By Thousands of Volunteers!***** + +Information on contacting Project Gutenberg to get Etexts, and +further information is included below, including for donations. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a 501(c)(3) +organization with EIN [Employee Identification Number] 64-6221541 + + + +Title: Die Versuchung des Pescara + +Author: Conrad Ferdinand Meyer + +Release Date: January, 2003 [Etext 3675] +[Yes, we are about one year ahead of schedule] +[The actual date this file first posted = 07/12/01] + +Edition: 10 + +Language: German + +The Project Gutenberg Etext Die Versuchung des Pescara, by Meyer +******This file should be named 8vers10.txt or 8vers10.zip****** + +Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, 8vers11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8vers10a.txt + +This etext was prepared by Michelle Mokowska, micaela@poczta.wp.pl +and Mike Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com, and proofread by Dr. +Mary Cicora, mcicora@yahoo.com. + +Project Gutenberg Etexts are usually created from multiple editions, +all of which are in the Public Domain in the United States, unless a +copyright notice is included. Therefore, we usually do NOT keep any +of these books in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our books one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to send us error messages even years after +the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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[10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion] +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +At our revised rates of production, we will reach only one-third +of that goal by the end of 2001, or about 4,000 Etexts unless we +manage to get some real funding. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of June 1, 2001 contributions are only being solicited from people +in: +Arkansas, Colorado, Connecticut, Delaware, Hawaii, Idaho, Indiana, +Iowa, Kansas, Louisiana, Maine, Massachusetts, Minnesota, Missouri, +Montana, Nebraska, Nevada, New Jersey, New York, Ohio, Oklahoma, +Oregon, Rhode Island, South Carolina, South Dakota, Tennessee, +Texas, Vermont, Virginia, Washington, West Virginia, and Wyoming. + +We have filed in about 45 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, +additions to this list will be made and fund raising +will begin in the additional states. 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Neben ihn hatte sich sein Kanzler +gestellt und erklärte die Zahlen mit gleitendem Finger. + +"Eine furchtbare Ziffer!" seufzte der Herzog und entsetzte sich vor +der Summe, welche die mit Eile betriebenen Festungsarbeiten +verschlungen hatten. "Wie viele Schweißtropfen meiner armen +hungernden Lombarden!" Und um dem Anblick der verhängnisvollen Zahl +zu entrinnen, ließ er die melancholischen Augen über die Wände laufen, +die mit hellfarbigen Fresken bedeckt waren. + +Links von der Tür hielt Bacchus ein Gelag mit seinem mythologischen +Gesinde, und rechts war als Gegenstück die Speisung in der Wüste +behandelt von einer flotten, aber gedankenlosen, den heiligen +Gegenstand bis an die Grenzen der Ausgelassenheit verweltlichenden +Hand. Oben auf der Höhe, klein und kaum sichtbar, saß der göttliche +Wirt, während sich im Vordergrunde eine lustige Gesellschaft +ausbreitete, die an Tracht und Miene nicht übel einer Mittag +haltenden lombardischen Schnitterbande glich und zum Lachen alle +Gebärden eines gesunden Appetites versinnlichte. + +Der Blick des Herzogs und der demselben aufmerksam folgende seines +Kanzlers fielen auf ein schäkerndes Mädchen, das, einen großen Korb +am Arme, wohl um die überbleibenden Brocken zu sammeln, sich von dem +neben ihr gelagerten Jüngling umfangen und einen gerösteten Fisch +zwischen das blendend blanke Gebiß schieben ließ. "Die da wenigstens +verhungert noch nicht", scherzte der Kanzler mit mutwilligen Augen. + +Ein trübes Lächeln bildete und verflüchtigte sich auf dem feinen +Munde des Herzogs. "Warum Festungen bauen?" kam er auf den +Gegenstand seiner Sorge zurück. "Das ist ein schlechtes Geschäft! +Pescara, der große Belagerer, wird sie schnell wegnehmen und mir dann +noch die Kriegskosten aufhalsen. Höre, Girolamo", und er richtete +seinen binsenschlanken Körper in die Höhe, "laß mich weg aus deinen +geheimen Bündnissen und Artikeln, du unermüdlicher Zettler! Ich will +nichts davon wissen. Du richtest mich und meine Lombarden zugrunde, +du Strafe Gottes! Ich will mich nicht an dem Kaiser versündigen: er +ist mein Lehensherr. Und lieber will ich mich von seinen höllischen +Spaniern schinden lassen, als daß mich meine neuen Bundesgenossen +voranschieben und verraten." Wie ein sich Aufgebender ließ er sich, +die spitzen Knie vorgestreckt, in seinen Sessel niedergleiten und +rief voller Verzweiflung: "Ich will eine Muhme oder eine Schwester +des Kaisers heiraten! Das sollst du veranstalten, wenn du der große +Staatsmann bist, der zu sein du dir einbildest." + +Der Kanzler brach in ein zügelloses Gelächter aus. + +"Du hast gut lachen, Girolamo. Von den steilsten Dächern +herabrollend, kommst du wie eine Katze immer wieder auf die Füße zu +stehen! Ich aber gehe in Stücke! Ich und mein Herzogtum +verflüchtigen uns in dem Hexenkessel, der in deinem Kopfe brodelt. +Miserere: eine Liga mit dem heiligen Vater, mit San Marco, mit den +Lilien! O die böse Klimax! O die unheilige Dreieinigkeit! Dem +Papste traut man nicht über den Weg, weder ich noch irgendeiner. Er +ist ein Medici! Marcus aber, mein natürlicher Feind und Nachbar, ist +der ruchloseste aller Heiligen. Und nun gar Frankreich, das mir den +Vater in einem Kerkerloche verwesen ließ und den armen Bruder Max, +den du verkauft hast, du Schlimmer, in Paris versorgt!" Die +beweglichen Züge des fürstlichen Knaben entstellten sich, als sehe er +den Genius seines Hauses die Fackel langsam senken und auslöschen. +Eine Träne rann über seine magere Wange. + +Der Kanzler streichelte sie ihm väterlich. "Sei nicht unklug, +Fränzchen", tröstete er. "Ich hätte den Max verraten? Keineswegs. +Es war die Logik der Dinge, daß er sich gab nach der Zermalmung der +Schweizer. Ich habe seine Rente mit König Franz vereinbart und noch +um ein Gutes hinaufgemarktet. Er selbst sah ein, daß ich es redlich +mit ihm meine, und dankte mir. Er ist ein Philosoph, sage ich dir, +der die Welt von oben herunter betrachtet, und da er zu Rosse stieg, +um von hinnen zu ziehen, hat er, schon im Bügel, noch Weisheit +geredet. 'Ich segne den Himmel', sprach er, 'daß ich in Zukunft +nichts mehr zu schaffen habe mit den groben Fäusten der Schweizer, +den langen Fingern des Kaisers'--er meinte die hochselige Majestät, +Fränzchen--'und den spanischen Meuchlerhänden.' Auch hatte der Max +gar nicht das Zeug, einen italienischen Fürsten darzustellen, plump +und unreinlich wie er ist. Da bist du denn doch eine andere +Erscheinung, Fränzchen. Du hast etwas Fürstliches, wenn du dich +aufrecht hältst, und dazu die Kunst der Rede, die du von deinem +unvergleichlichen Vater, dem Mohren, geerbt. Ich sage dir, du wirst +mit den Jahren noch der klügste und glücklichste Fürst in Italien +werden." + +Der Herzog betrachtete seinen Kanzler zweifelnd. "Wenn du mich nicht +vorher verkaufst und mein Leibgeding' in die Höhe marktest", lächelte +er. + +Morone, der jetzt in seinem langen schwarzen Juristenrocke vor ihm +stand, entgegnete zärtlich: "Mein holdseliges Fränzchen! Dir tue ich +nichts zuleide. Du weißt ja, daß du mir ins Herz gewachsen bist. Du +bleibst der Herzog von Mailand, so wahr ich der Morone bin. Aber du +mußt dich hübsch belehren und überzeugen lassen, was zu deinem Besten +dient." + +"Nicht einen einzigen guten Grund hast du mir gegeben für deine +neugebackene Liga! Und ich will mich einmal nicht empören gegen +meinen Lehnsherrn! Das ist sündhaft und gefährlich." + +Schnellen Geistes wählte der Kanzler unter den Truggestalten und +Blendwerken, über welche seine Einbildungskraft gebot, eine +hinreichend wahrscheinliche und wirksame Larve, um sie seinem +beweglichen Gebieter entgegenzuhalten und ihn damit heilsam zu +erschrecken. + +"Fränzchen", sagte er, "der Kaiser ist für dich eine verschlossene +Pforte. Hast du ihm nicht die rührendsten Briefe geschrieben, und er +hat niemals geantwortet! Es ist ein in der Ferne verschwindender +Jüngling und, wie man behauptet, die geduldige Wachspuppe in den +formenden Händen seiner burgundischen Höflinge. Da bist du ihm +überlegen, du beurteilst die Dinge selbständig. Das Wetter aber in +Madrid macht der Borbone, der verschwenderische Konnétabel, der das +Gold mit vollen Händen auswirft und dessen Treue außer allem +Verdachte steht, da er seinen König Franz verrathen hat und jetzt in +Ewigkeit zum Dienste des Kaisers verdammt ist. Der Borbone aber will +Mailand. Dein Lehen ist ihm zugesagt. Er ist ein Gonzaga von der +Mutter her und strebt nach einem italienischen Throne. Warum kann +sich der Kaiser nicht entschließen, dich zu belehnen, nachdem du ihm +Hunderttausende bezahlt hast? Weil er dein Mailand dem Borbone +zudenkt, darauf nehme ich Gift. Dieser ist seiner Sache gewiß. +Unlängst, da du mich in das kaiserliche Lager sendetest, hat er mich +mit Liebkosungen fast erdrückt und mir sogar einen Beutel zugesteckt, +um mich auf die günstige Stunde vorzubereiten. Denn freilich sind +wir alte Bekannte von der französischen Herrschaft her." + +Das war Lüge und Wahrheit: der Konnétabel hatte in einer tollen +Weinlaune einen witzigen Einfall seines Gastes fürstlich belohnt. + +"Und du nahmst, Ungeheuer?" entsetzte sich der Herzog. + +"Mit dem besten Gewissen von der Welt", erwiderte Morone leichtfertig. +"Weißt du nicht, Fränzchen, was die Kasuisten lehren, daß ein Weib +soviel nehmen darf, als man ihr giebt, wenn sie nur ihre Tugend +behauptet? Das gilt auch für Minister und erlaubt mir, in dieser +kargen Zeit unter Umständen auf mein Gehalt zu verzichten. Dafür +kannst du dir zuweilen ein gutes Bild kaufen, Fränzchen. Du mußt +auch deine ehrbare Ergötzung haben." + +Sforza war erbleicht. Das Schreckbild des Borbone in seiner Burg und +in seinem Reiche, welche beide dieser schon einmal--vor seinem +berühmten Verrat--jahre lang als französischer Statthalter besessen +hatte, brachte ihn um alle Besinnung. "Ich habe immer geglaubt, und +es verfolgt mich auf Schritt und Tritt", jammerte der Ärmste, "daß +der Borbone mein Mailand haben will. Rette mich, Girolamo! Schließe +die Liga! ohne Verzug! Sonst bin ich verloren." Er sprang auf und +ergriff den Kanzler am Arm. + +Dieser erwiderte gelassen: "Ja, das geht nicht so geschwind, +Fränzchen. Doch wird sich vielleicht heute noch etwas dafür thun +lassen. Es trifft sich. Gestern ist die Exzellenz Nasi--nicht der +Horatius, sondern der schöne Lälius--bei unserm Wechsler Lolli +abgestiegen, und durch einen glücklichen Zufall auch Guicciardin hier +angekommen, der trotz seiner Borsten im Vatikan eine angenehme Person +ist. Mit diesen zwei gescheiten Leuten ließe sich reden, und ich +habe den Venezianer und den Florentiner an deine Abendtafel geladen, +da ich weiß, daß du ein harmloses Geplauder und eine unterhaltende +Gesellschaft liebst." + +"O verfluchte, nichtswürdige Verschwörung!" klagte der Herzog +wankelmütig. + +"Und auch noch ein anderer ist eingeritten, im Morgengrauen. Dieser +hat sich auf die dritte Stunde nachmittags angesagt, er wolle erst +ausschlafen." + +"Ein anderer? Welcher andere?" Der Herzog zitterte. + +"Der Borbone." + +"Gott verpeste den bleichen Verräter!" schrie Sforza. "Was will der +hier?" + +"Das wird er selbst dir sagen. Horch! es läutet Vesper im Dome." + +"Empfange du ihn, Kanzler!" flehte der Herzog und wollte durch eine +Tür entwischen. Morone aber ergriff ihn am Arm und führte ihn zu +seinem Sessel zurück. "Ich bitte, Hoheit! Es geht vorüber. Wenn +der Konnétabel eintritt, erhebe sich die Hoheit und empfange ihn +stehend. Das kürzt ab." Er umkleidete seinen Herrn mit dem am +Stuhle hängengebliebenen Mantel, und dieser nahm allmählich, seine +Angst bekämpfend, eine fürstlichere Haltung an, indem er seinen +hübschen Wuchs geltend machte und den natürlichen Anstand, den er +besaß. + +Inzwischen blickte der Kanzler durch das Fenster, das den Schloßplatz +und hinter demselben den Umriß eines der neuangelegten Bollwerke des +Kastelles zeigte. "Köstlich!" sagte er. "Da steht dieser +treuherzige Konnétabel, zehn Schritte vor seinem Gefolge, und +zeichnet unbefangen unsere neue Schanze in sein Taschenbuch. Ich +will nur gehen und ihn einführen." + +Da er mit Morone eintrat, der berühmte Verräter, eine schlanke und +hohe Gestalt und ein stolzes, farbloses Haupt mit feinen Zügen und +auffallend dunkeln Augen, eine unheimliche, aber große Erscheinung, +verbeugte er sich höflich vor Franz Sforza, der ihn scheu betrachtete. + +"Hoheit", sprach Karl Bourbon, "ich bezeuge meine schuldige +Ehrerbietung und bitte um Gehör für eine Botschaft der Kaiserlichen +Majestät." + +Herzog Franz antwortete mit Würde, daß er bereit sei, den Willen +seines erhabenen Lehensherrn ehrfürchtig zu vernehmen, wankte dann +aber und glitt in seinen Sessel zurück. + +Als der Konnétabel den Herzog sich setzen sah, blickte auch er sich +nach einem Stuhl oder wenigstens nach einem Schemel um. Nichts +dergleichen war vorhanden und auch kein Page gegenwärtig. Da warf er +seinen kostbaren Mantel dem Herzog gegenüber an den Marmorboden und +lagerte sich geschmeidig, den linken Arm aufgestützt, den rechten in +die Hüfte setzend. "Hoheit erlaube", sagte er. + +Karl Bourbon lebte seit seinem Verrate in einer sengenden und +verzehrenden Atmosphäre des Selbsthasses. Niemand, sogar der +Vornehmste nicht, hätte es gewagt, den stolzen Mann auch nur mit +einer Miene an seine Tat zu erinnern und ihn das Urteil erraten zu +lassen, welches die öffentliche Meinung seines Jahrhunderts +einstimmig und mit ungewöhnlicher Härte über ihn gefällt hatte, aber +er kannte dieses strenge Urteil, und sein Gewissen bestätigte es. +Die gründlichste Menschenverachtung brachte er, bei sich selbst +anfangend, der ganzen Welt entgegen, doch beherrschte er sich +vollkommen, und niemand benahm sich tadelfreier und redete farbloser, +jeden Hohn, jede Ironie, selbst die leiseste Anspielung sich und +damit auch den andern untersagend. Nur selten verriet, wie eine +plötzlich aus dem Boden zuckende Flamme, ein höllischer Witz oder ein +zynischer Spaß den Zustand seiner Seele. + +Nachdem der Konnétabel eine Weile gesonnen, begann er mit angenehmer +Stimme und einer leichten Wendung des Kopfes: "Ich bitte Hoheit, mich +nicht entgelten zu lassen, was meine Sendung Unwillkommenes für Sie +haben könnte. Meine Person völlig zurückstellend, übermittle ich der +Hoheit einen Beschluß der Kaiserlichen Majestät, welchen dieselbe in +ihrem Ministerrate gefaßt hat, allerdings nach Vernehmung ihrer drei +italienischen Feldherrn, Pescara, Leyva und meiner Untertänigkeit." + +"Wie befindet sich Pescara?" fragte der Kanzler, der in gleicher +Entfernung von den zwei Hoheiten stand, frech dazwischen. "Ist er +geheilt von seiner Speerwunde bei Pavia?" + +"Freundchen", versetzte der Konnétabel geringschätzig, "ich bitte +Euch, nicht zu reden, wo Ihr nicht gefragt werdet." + +Da nahm der Herzog die Frage auf. "Herr Konnétabel", sagte er, "wie +befindet sich der Sieger von Pavia?" + +Bourbon verneigte sich verbindlich. "Ich danke der Hoheit für die +huldvolle Nachfrage. Mein erlauchter und geliebter Kollege Ferdinand +Avalos Marchese von Pescara ist völlig hergestellt. Er reitet ohne +Beschwerde seine zehn Stunden." Dann fuhr er fort: "Lasset mich +jetzt zur Sache kommen, Hoheit. Bittere Arznei will schnell gereicht +sein. Die Kaiserliche Majestät wünscht sehr, daß die Hoheit +zurücktrete aus der neuen Liga, die Sie mit der Heiligkeit, den +Kronen von Frankreich und England und der Republik Venedig +abgeschlossen hat oder abzuschließen im Begriffe ist." + +Jetzt fand der Herr von Mailand den Fluß der Rede und beteuerte mit +gut gespieltem Erstaunen und herzlicher Entrüstung, daß ihm von einer +solchen Liga nichts bekannt sei und er selbst sicherlich der erste +wäre, nach seiner Lehenspflicht den Kaiser ungesäumt zu unterrichten, +wenn seines Wissens in Oberitalien derlei gegen die Majestät +gesponnen würde. Und er legte die Hand auf das feige Herz. + +Mit vorgebogenem Haupte höflich lauschend, ließ der Konnétabel den +jungen Heuchler seine Lüge in immer neuen Wendungen wiederholen. +Dann erwiderte er in kühlem Tone, mit einer unmerklichen Färbung +verächtlichen Mitleids: "Die Worte der Hoheit unangetastet, muß ich +glauben, daß dieselbe von der Sachlage nicht genau unterrichtet ist. +Wir denken es besser zu sein. Der Friede zwischen Frankreich und +England mit einer bösen Absicht gegen den Kaiser ist eine Tatsache, +die uns mit Sicherheit aus den Niederlanden gemeldet wurde. Ebenso +gewiß sind wir, daß in Oberitalien gegen uns gerüstet wird. Und +soweit sich der Heilige Vater beurteilen läßt, scheint auch er, den +wir verwöhnt haben, sich verdeckt gegen uns zu wenden. Zu +unterscheiden, was gethan und was im Werden ist, kann nicht unsere +Aufgabe sein: wir bauen vor. Ehe die Liga", fügte er mit leiserer +Stimme bedeutsam hinzu, "einen Feldherrn gefunden hat." + +Dann stellte er seine Forderung: "Hoheit giebt uns Sicherheit, in +Monatsfrist, daß Sie Neutralität hält. Das ist die inständige Bitte +Kaiserlicher Majestät. Unter Sicherheit aber versteht sie: +Verabschiedung der Schweizer, Beurlaubung der lombardischen Waffen +auf die Hälfte, Einstellung aller und jeder Festungsbauten und +Überlassung dieses erfindungsreichen Mannes"--er wies mit dem Haupte +seitwärts--"an Kaiserliche Majestät. Wo nicht"--und er erhob sich +ungestüm, als wollte er zu Pferde springen--"wo nicht, blasen wir zum +Aufbruch, den letzten September, um Mitternacht, keine Stunde früher, +keine später, und besetzen in wenigen Märschen das Herzogthum. Hoheit +überlege." Er verbeugte sich und schied. + +Da ihm Morone das Geleite geben wollte, verfiel Bourbon in eine +seiner tollen Launen und wies den Kanzler mit einer possenhaften +Gebärde ab. "Adieu, Pantalon mon ami!" rief er über die Schulter +zurück. + +Morone gerieth in Wuth über diese Benennung, welche seiner Person allen +Ernst und Wert abzusprechen schien, und entrüstet auf und nieder +schreitend, verwickelte er sich mit den Füßen in den +liegengebliebenen Mantel des Konnétable; der junge Herzog aber hielt +den Kanzler fest, hing sich ihm an den Arm und weinte: "Girolamo, ich +habe ihn beobachtet! Er glaubt sich hier schon in dem Seinigen. +Schließe ab! Heute noch! Sonst entthront mich dieser Teufel!" + +Noch lag der hilflose Knabe in den Armen seines Kanzlers, als ein +greiser Kämmerer den Rücken vor ihm bog und feierlich das Wort sprach: +"Die Tafel der Hoheit ist gedeckt." Die beiden folgten ihm, der mit +wichtiger Miene durch eine Reihe von Zimmern voranschritt. Eines +derselben, ein Kabinett, das keinen eigenen Ausgang hatte, schien mit +seiner Tapete von moosgrünem Sammet und seinen vier gleichfarbigen +Schemeln ein für trauliche Mitteilungen bestimmter Schlupfwinkel zu +sein. In seiner Mitte blieb der Herzog verwundert stehen, denn die +Hinterwand des sonst leeren Raumes füllte jetzt ein Bild, das er +nicht als sein Eigenthum kannte. Es war heimlich in den Palast +gekommen, eine ihm bereitete Überraschung, das Geschenk des +Markgrafen von Mantua, wie auf dem Rahmen zu lesen stand. Der Herzog +ergriff seinen Kanzler an der Hand, und beide Italiener näherten sich +mit leisen Tritten und einer stillen, andächtigen Freude dem +machtvollen Gemälde: auf einem weißen Marmortischchen spielten Schach +ein Mann und ein Weib in Lebensgröße. Dieses, ein helles und warmes +Geschöpf in fürstlichen Gewändern, berührte mit zögerndem Finger die +Königin und forschte zugleich verstohlenen Blickes in der Miene des +Mitspielers, der, ein Krieger von ernsten und durchgearbeiteten Zügen, +in dem streng gesenkten Mundwinkel ein Lächeln, versteckte. + +Beide, Herzog und Kanzler, erkannten ihn sogleich. Es war Pescara. +Die Frau erriethen sie mit Leichtigkeit. Wer war es, wenn nicht +Victoria Colonna, das Weib des Pescara und die Perle Italiens? Sie +konnten sich nicht von dem Bilde trennen. Sie fühlten, daß sein +größter Reiz die hohe und zärtliche Liebe sei, welche die weichen +Züge der Dichterin und die harten des Feldherrn in ein warmes Leben +verschmolz, und nicht minder die Jugend der Beiden, denn auch der +benarbte und gebräunte Pescara erschien als ein heldenhafter Jüngling. + +In der That, achtzehnjährig Beide, waren sie miteinander an den Altar +getreten, und sie hatten sich mit Leib und Seele Treue gehalten, oft +und lang getrennt, sie bei der keuschen Ampel in Italiens große +Dichter vertieft, er vor einem glimmenden Lagerfeuer über der Karte +brütend, dann endlich wieder auf Ischia, dem Besitzthum des Marchese, +wie auf einer seligen Insel sich vereinigend. Solches wußte das +sittenlose Italien und zweifelte nicht, sondern bewunderte mit einem +Lächeln. + +Auch die zwei vor dem Bilde Stehenden empfanden die Schönheit dieses +Bundes der weiblichen Begeisterung mit der männlichen +Selbstbeherrschung. Sie empfanden sie nicht mit der Seele, aber mit +den feinen Fingerspitzen des Kunstgefühls. So wären sie noch lange +gestanden, wenn nicht der Kammerherr unterthänig gemahnt hätte, daß +zwei Geladene im Vorzimmer des Eßsaales warteten. Durch ein paar +Thüren wurde jenes erreicht und, nach einer kurzen Vorstellung der +Gäste, dieser betreten. + +Jetzt saßen die Viere an der nicht überladenen, aber ausgesuchten +Tafel. Während des ersten leichten Gespräches besah sich der Herzog +insgeheim seine Gäste. Keine Gesichter konnten unähnlicher sein als +diese dreie. Den häßlichen Kopf und die grotesken Züge seines +Kanzlers freilich wußte er auswendig, aber es fiel ihm auf, wie +ruhelos dieser heute die feurigen Augen rollte und wie über der +dreisten Stirn das pechschwarze Kraushaar sich zu sträuben schien. +Daneben hob sich das Haupt Guicciardins durch männlichen Bau und +einen republikanisch stolzen Ausdruck sehr edel ab. Der Venezianer +endlich war eines schönen Mannes Bild mit einem vollen weichen Haar, +leise spottenden Augen und einem liebenswürdigen verrätherischen +Lächeln. Auch in der Farbe unterschieden sich die drei Angesichter. +Die des Kanzlers war olivenbraun, der Venezianer besaß die +durchsichtige Blässe der Lagunenbewohner, und Guicciardin sah so gelb +und gallig aus, daß der Herzog sich bewogen fühlte ihn nach seiner +Gesundheit zu fragen. + +"Hoheit, ich litt an der Gelbsucht", versetzte der Florentiner kurz. +"Die Galle ist mir ausgetreten, und das ist nicht zum Verwundern, +wenn man weiß, daß mich die Heiligkeit in ihre Legationen versendet +hat, um dieselben zu einem ordentlichen Staate einzurichten. Da +schaffe einer Ordnung, wo die Pfaffen Meister sind! Nichts mehr +davon, sonst packt mich das Fieber, trotz der gesunden Luft von +Mailand und den guten deutschen Nachrichten." Er wies eine süße +Schüssel zurück und bereitete sich mit mehr Essig als Öl einen +Gurkensalat. + +"Nachrichten aus Deutschland?" fragte der Kanzler. + +"Nun ja, Morone. Ich habe Briefe von kundiger Hand. Die Mordbauern +sind zu Paaren getrieben und--das Schönste--Fra Martino selbst ist +mit Schrift und Wort gewaltig gegen sie aufgetreten. Das freut mich +und läßt mich an seine Sendung glauben. Denn, Herrschaften, ein +weltbewegender Mensch hat zwei Ämter: er vollzieht, was die Zeit +fordert, dann aber--und das ist sein schwereres Amt--steht er wie ein +Gigant gegen den aufspritzenden Gischt des Jahrhunderts und +schleudert hinter sich die aufgeregten Narren und bösen Buben, die +mitthun wollen, das gerechte Werk übertreibend und schändend." + +Der Herzog war ein wenig enttäuscht, denn er liebte Krieg und Aufruhr, +wenn sie jenseits der Berge wütheten und seine Einbildungskraft +beschäftigten, während er selbst außer Gefahr stand. Der Kanzler +aber that einen Seufzer und sagte mit einem wahren menschlichen +Gefühle: "In Germanien mag nun viel Grausames geschehen." + +"Thut mir leid", versetzte der Florentiner, "doch ich behalte das +Ganze im Auge. Jetzt, nach Bändigung der trotzigen Ritter und der +rebellischen Bauern, führen die Fürsten. Die Reformation, oder wie +ihr es nennen wollet, ist gerettet." + +"Und Ihr seid ein Republikaner?" stichelte der Kanzler. + +"Nicht in Deutschland." + +Auch der schöne Lälius gönnte sich einen Scherz. "Und Ihr dienet dem +heiligen Vater, Guicciardin?" lispelte er. + +Dieser, dem das süßliche Lächeln widerstand und den seine Gelbsucht +reizbar machte, antwortete freimüthig: "Jawohl, Herrlichkeit, zur +Strafe meiner Sünden! Der Papst ist ein Medici, und diesem Hause ist +Florenz verfallen. Ich aber will nicht aus meiner Vaterstadt +vertrieben werden, denn flüchtig sein ist das schlimmste Los und +gegen seine Heimat zu Felde liegen das größte Verbrechen. Der +Heilige Vater weiß, wer ich bin, und nimmt mich nicht anders, als ich +bin. Ich diene ihm, und er hat nicht über mich zu klagen. Aber ich +lasse mir nicht das Maul verbinden, und so sei es mit Wonne +ausgesprochen unter uns Wissenden: Fra Martino hat eine gerechte +Sache, und sie wird sich behaupten." + +Dem Herzog machte es Spaß, und er empfand eine Schadenfreude, es zu +erleben, wie der große germanische Ketzer von einem Sachwalter des +heiligen Vaters verherrlicht wurde. Freilich überlief ihn eine +Gänsehaut, daß solches in seiner Gegenwart und in seinem Palaste +geschehe. Er winkte die Diener weg, welche eben die Früchte +aufgesetzt hatten und der spannenden Unterhaltung ihre stille +Aufmerksamkeit widmeten. + +Jetzt forderte Morone, der sich auf seinem Stuhle hin und her +geworfen, mit flammenden Augen den Florentiner auf: "Ihr seid ein +Staatsmann, Guicciardin, und auch ich pfusche ins Handwerk. Wohlan, +begründet eure merkwürdigen Sätze: Bruder Martinus thut ein gerechtes +Werk, und dieses Werk wird gelingen und dauern." + +Guicciardin leerte ruhig seinen Becher, während der schöne Lälius ein +Zuckerbrot zerbröckelte, der Herzog nach seiner Art sich im Sessel +gleiten ließ und Morone begeistert von dem seinigen aufsprang. + +"Nicht wahr, Herrschaften", begann der Florentiner, "kein Kind, kein +Thor würde es ertragen, wenn ein Ding vorgeben wollte, dasselbe Ding +geblieben zu sein, nachdem es sich in sein Gegentheil verwandelt hätte, +zum Beispiel das Lamm in den Wolf, oder ein Engel in einen Teufel. +Wie wir nun in unserm gebildeten Italien von der heiligen Gestalt +denken mögen, die sich in den Päpsten fortsetzt, eines ist nicht zu +leugnen: daß sie nur Gutes und Schönes gewollt hat. Und ihre +Nachfolger, die das Werk und Amt des Nazareners übernommen +haben--sehet nur die viere der Wende des Jahrhunderts! Da ist der +Verschwörer, der unsern gütigen Julian gemeuchelt hat! Dann kommt +der schamlose Verkäufer der göttlichen Vergebung! Nach ihm der +Mörder, jener unheimliche zärtliche Familienvater! Keine +Fabelgestalten, sondern Ungeheuer von Fleisch und Blut, in kolossalen +Verhältnissen vor dem Auge der Gegenwart stehend! Und der vierte, +den ich von Jenen trenne: unser großer Julius, ein Heros, der Gott +Mars, aber ein Gegensatz, noch schreiender als jene Dreie zu dem +sanftmüthigen Friedestifter! Viermal nacheinander dieser Widerspruch, +das ist ein Hohn gegen die menschliche Vernunft. Es nimmt ein Ende: +entweder verschwindet jene erste himmlische Gestalt in dieser +dampfenden Hölle und flammenden Waffenschmiede, oder Bruder Martinus +löst sie mit einem scharfen Schnitt von solchen Nachfolgern und +Amtsbrüdern." + +"Das ist lustig", meinte der Herzog, während der Kanzler wie besessen +in die Hände klatschte. + +"Eine Predigt Savonarolas", ließ sich der schöne Lelio vernehmen, ein +Gähnen verwindend. "Wenn wir Fra Martino in Venedig hätten, so +könnten wir ihn zügeln und sachdienlich verwenden. Aber seinem +germanischen Trotzkopf überlassen, wird er, fürcht' ich, über kurz +oder lang dem Andern auf den Scheiterhaufen folgen." + +"Nein", versetzte Guicciardin heiter, "seine braven deutschen Fürsten +werden ihr Schwert vor ihn halten und ihn schützen." + +"Doch wer schützt seine Fürsten?" spottete der Venezianer. + +Guicciardin schlug eine fröhliche Lache auf. "Der heilige Vater", +sagte er. "Sehet, Herrschaften, das ist eine jener verdammt feinen +Zwickmühlen, wie sie der Zufall oder ein Besserer in der +Weltgeschichte anlegt. Seit unsere Päpste sich verweltlicht haben +und einen Staat in Italien besitzen, ist ihnen das kleine Zepter +theurer als der lange Hirtenstab. Ist nicht, diesem Scepter zuliebe, +unser Clemens im Begriff, dem frommgläubigen Kaiser förmlich den +Krieg zu erklären? Einem heiligen Vater aber, der mit Kanonen auf +ihn schießt, wird Karl kaum den Gefallen thun, seine tapfern +germanischen Landsknechte in die Kirche zurückzuzwingen. Und +umgekehrt: wenn die ketzerischen deutschen Fürsten gegen die +Kaiserliche Majestät sich empören und Panier aufwerfen, wird der +heilige Vater nicht ihre Seele vorläufig in Ruhe lassen und sich +heimlich ihrer Waffen bedienen? Unterdessen aber wächst der Baum und +streckt seine Wurzeln." + +Jetzt wurde der Herzog unruhig. Es kam die angenehme Stunde seines +Tagewerkes, in welcher er seine Hunde und Falken mit eigenen Händen +fütterte. "Herrschaften", sagte er, "mich würde dieser germanische +Mönch nicht verführen. Man hat mir sein Bildnis gezeigt: ein plumper +Bauernkopf, ohne Hals, tief in den Schultern. Und seine Gönner, die +saxonischen Fürsten--Bierfässer!" + +Guicciardin zerdrückte den feinen Kelch in der Hand und einen Fluch +zwischen den Zähnen. "Es ist schwül hier im Saale", entschuldigte er +sich, und gleich hob der Herzog die Tafel auf. "Wir wollen frische +Luft schöpfen", meinte er. "Auf Wiedersehen, Herrschaften, nach +Sonnenuntergang, im grünen Kabinette." + +Er verließ das Zimmer, um dem Venezianer, an welchem er ein +Wohlgefallen fand, seine Gebäude, Terrassen und Gärten zu zeigen. Es +waren noch jene unvergleichlichen Anlagen, welche der letzte Visconte +gebaut und mit seinem gespenstischen Treiben erfüllt hatte, die +Überbleibsel jener "Burg des Glückes", wo er, wie ein scheuer Dämon +in seinem Zauberschlosse, Italien mit vollendeter Kunst regierte, und +aus welcher er seine Günstlinge, sobald sie erkrankten, wegtragen +ließ, damit niemals der Tod an diese Marmorpforten klopfe. + +Ein guter Theil der alten Pracht war verfallen, oder zertreten und +verschüttet durch den Krieg und die neu aufgeworfenen Bollwerke. +Immerhin blieb noch genug übrig für die schmeichelnde Bewunderung des +schönen Lälius, und Franz Sforza verlebte ein paar hübsche Stunden. +Nur da sie eine Reitbahn betraten, welche der Bourbon während seiner +mailändischen Statthalterschaft errichtet, verschatteten sich die +fürstlichen Züge, um sich dann aber gleich wieder zu erheitern. Er +hatte das schallende Gelächter Guicciardins vernommen und darauf +diesen selbst erblickt, der sich in eine ländliche Veranda hemdärmlig +mitten unter lombardische Stallknechte gesetzt hatte, mit ihnen +Karten spielte und einem herben Landweine zusprach. "Die +Vergnügungen eines Republikaners", spottete Franz Sforza. "Er erholt +sich von seinem fürstlichen Umgange." Der schöne Lelio lächelte +zweideutig, und sie setzten ihren Lustwandel fort. + +Der Erste, welcher sich in dem moosgrünen Kabinette einfand, wenn er +es nicht etwa gleich nach aufgehobener Tafel betreten und nicht +wieder verlassen hatte, war Girolamo Morone. Er stand vertieft in +das Bild. Eine Weile mochte er die entzückten Augen an dem +holdseligen Weibe geweidet haben, jetzt aber durchforschte er mit +angestrengtem Blicke das Antlitz des Pescara, und was er aus den +starken Zügen heraus oder in dieselben hinein las, gestaltete sich in +dem erregten Manne zu heftigen Gebärden und abgebrochenen Lauten. +"Wie wirst du spielen, Pescara?" stammelte er, die schalkhafte Frage, +die in Victorias unschuldigem Auge lag, ingrimmig wiederholend und +die pechschwarze Braue zusammenziehend. + +Da erhielt er einen kräftigen Schlag auf die Schulter. "Verliebst du +dich in die göttliche Victoria, du Sumpf?" fragte ihn Guicciardin mit +einem derben Gelächter. + +"Spaß beiseite, Guicciardin, was denkst du von Dem hier mit dem rothen +Wamse?", und der Kanzler wies auf den Feldherrn. + +"Er sieht wie ein Henker." + +"Nicht, Guicciardin. Ich meine: was sagst du zu diesen Zügen? Sind +es die eines Italieners oder die eines Spaniers?" + +"Eine schöne Mischung, Morone. Die Laster von beiden: falsch, +grausam und geizig! So habe ich ihn erfahren, und du selbst, Kanzler, +hast mir ihn so gezeichnet. Erinnere dich! in Rom, vor zwei Jahren, +da der witzige Jakob uns zusammen über den Tiber setzte." + +"Hab ich? Dann war es der Irrthum eines momentanen Eindrucks. +Menschen und Dinge wechseln." + +"Die Dinge, ja; die Menschen, nein: sie verkleiden und spreizen sich, +doch sie bleiben, wer sie sind. Nicht wahr, Hoheit?" Guicciardin +wendete sich gegen den Herzog, welcher eben eintrat und dem der +Venezianer auf dem Fuße folgte. + +Die vier grünen Schemel besetzten sich und die Türen wurden verboten. +Das offene Fenster füllte ein glühender Abendhimmel. + +"Herrschaften", begann der Herzog mit würdiger Miene, "wie weit die +Vollmachten?" + +"Meine Bescheidenheit", sagte der schöne Lälius, "ist beauftragt +abzuschließen." + +"Die Weisheit des heiligen Vaters", folgte Guicciardin, "wünscht +ebenfalls ein Ende. Die Liga war langeher der Liebling ihrer +Gedanken: sie stellt sich, wie ihr gebührt, an die Spitze, mit +Vorbehalt der schonenden Formen des höchsten Hirtenamtes." + +"Die Liga ist geschlossen!" rief der Herzog muthig. "Kanzler, statte +Bericht ab!" + +"Herrschaften", begann dieser, "in ihren Briefen verspricht die +französische Regentschaft, im Einverständnis mit dem zu Madrid +gefangen sitzenden Könige, ein ansehnliches Heer und entsagt zugleich +endgültig, in die Hände des heiligen Vaters, den Ansprüchen auf +Neapel und Mailand." + +"Optime!" jubelte der Herzog. "Und Schweizer bekämen wir soviel wir +wollen, in lichten Haufen, wenn wir nur Ducaten hätten, ihnen damit +zu klingeln. Nicht wahr, Kanzler?" + +"Da ist Rat zu schaffen", versicherten die zwei Andern. + +"Aber, Herren", drängte Morone, "es eilt! Der Borbone war hier. Man +blickt uns in die Karten. Die drei Feldherrn drohen in Monatsfrist +Mailand zu nehmen, wenn wir nicht abrüsten. Wir müssen losschlagen, +und um loszuschlagen, müssen wir unsern Capitano wählen, jetzt, +sogleich!" + +"Dazu sind wir gekommen", sprachen die Zweie wiederum einstimmig. + +"Der Liga den Feldherrn geben!" wiederholte der Kanzler. "Das ist +nicht weniger als über das Los Italiens entscheiden! Wen stellen wir +dem Pescara entgegen, dem größten Feldherrn der Gegenwart? Nennet +mir den ebenbürtigen Geist! Unsern großen Kriegsleuten, dem Alviano, +dem Trivulzio, ist längst die Grabschrift gemacht, und die übrigen +hat Pavia getödtet. Nennet mir ihn! Zeiget mir die mächtige Gestalt! +Wo ist die gepanzerte rettende Hand, daß ich sie ergreife?" + +Eine trübe Stimmung kam über die Gesellschaft, und der Kanzler +weidete sich an der Niedergeschlagenheit der Verbündeten. + +"Wir haben den Urbinaten oder den Ferraresen", meinte Nasi, doch +Guicciardin erklärte bündig, den Herzog von Ferrara schließe die +Heiligkeit aus als ihren abtrünnigen Lehensmann. "Wählen wir den +Herzog von Urbino. Er ist kleinlich und selbstsüchtig, ohne weiten +Blick, ein ewiger Verschlepper und Zauderer, aber ein versuchter +Kriegsmann, und es bleibt uns kein Anderer", sprach der Florentiner +mit gerunzelter Stirn. + +"Da wäre noch Euer Hans Medici, Guicciardin, und Ihr hättet den +jungen Waghals, nach dem euer Herz zu begehren scheint", neckte ihn +der Venezianer. + +"Höhnt Ihr mich, Nasi?" zürnte Guicciardin. "Daß ein junger Frevler +unsere patriotische Sache entweihe und ein tollkühner Bube unsern +letzten Krieg mit den Würfeln einer leichtsinnigen Schlacht +verspiele? Der Urbinate wird uns wenigstens nicht verderben, wenn er +den Krieg verewigt, die Hilfe eines würgenden Fiebers oder eines +Auflaufes der Landsknechte im kaiserlichen Lager abwartend. Wählen +wir ihn." Er seufzte, und in demselben Augenblicke fuhr er wüthend +gegen den Kanzler los, den er das Ende seiner Rede mit einem +verzweifelnden Gebärdenspiele begleiten sah. "Laß die Grimassen, +Narr!" schrie er ihn an, "... ich bitte um Vergebung, Hoheit, wenn ich +ungeduldig werde, und Hoheit ist auf meiner Seite, wie ich glaube..." +Der Herzog blickte auf seinen Kanzler. + +"Sei es", sagte Morone, "wir stimmen bei, aber es ist ein unfreudiges +Ja, das die Hoheit zu dem seelenlosen Anfange unsers Bündnisses giebt." +Der Herzog nickte trübselig. "Nein", rief der Kanzler, "sie giebt +es nicht, die Hoheit tritt zurück, sie kann es nicht verantworten, +die letzten Kräfte dieses Herzogtums zu erschöpfen! Sie zieht nicht +zu Felde, im voraus entmuthigt und geschlagen! Die Liga ist +aufgehoben! Oder wir suchen ihr einen siegenden Feldherrn." + +Die zwei Andern schwiegen mißmuthig. + +"Und ich weiß einen!" sagte Morone. + +"Du weißt ihn?" schrie Guicciardin. "Bei allen Teufeln, heraus damit! +Rede! Wen werfen wir in die Wagschale gegen Pescara?" + +"Redet, Kanzler!" trieb auch der Venezianer. + +Morone, der von seinem Schemel aufgesprungen war, trat einen Schritt +vorwärts und sprach mit starker Stimme: "Wen wir gegen Pescara in die +Wagschale werfen? Welchen Ebenbürtigen? Pescara, ihn selber!" + +Ein Schrecken versteinerte die Gesellschaft. Der Herzog starrte +seinen außerordentlichen Kanzler mit aufgerissenen Augen an, während +Guicciardin und der Venezianer langsam die Hand an die Stirn legten +und zu sinnen begannen. Beide erriethen sie als kluge Leute ohne +Schwierigkeit, wie Morone es meinte. Sie waren die Söhne eines +Jahrhunderts, wo jede Art von Verrath und Wortbruch zu den +alltäglichen Dingen gehörte. Hätte es sich um einen gewöhnlichen +Kondottiere gehandelt, einen jener fürstlichen oder plebejischen +Abenteurer, welche ihre Banden dem Meistbietenden verkauften, sie +hätten wohl dem Kanzler sein frevles Wort von den Lippen +vorweggenommen. Aber den ersten Kaiserlichen Heerführer? aber +Pescara? Unmöglich! Doch warum nicht Pescara? Und da Morone +leidenschaftlich zu sprechen begann, verschlangen sie seine Worte. + +"Herrschaften", sagte dieser, "Pescara ist unter uns geboren. Er hat +Spanien niemals betreten. Die herrlichste Italienerin ist sein Weib. +Er muß Italien lieben. Er gehört zu uns, und in dieser +Schicksalsstunde, da wir mit dem noch ledigen Arm unsern andern schon +gefesselten befreien wollen, nehmen wir den größten Sohn der Heimat +und ihren einzigen Feldherrn in Anspruch. Wir wollen zu ihm gehen, +ihn umschlingen und ihn anrufen: Rette Italien, Pescara! Ziehe es +empor! Oder es reißt dich mit in den Abgrund!" + +"Genug declamiert!" rief Guicciardin. "Ein Phantast wie du, Kanzler, +mit den unbändigen Sprüngen deiner Einbildungskraft ist dazu da, das +Unmögliche zu erdenken und auszusprechen, das vielleicht, näher +betrachtet, nicht völlig unmöglich ist. Jetzt aber sei stille und +laß die Vernünftigen es beschauen und sich zurechtlegen, was du im +Fieber geweissagt hast. Gebärde dich nicht wie ein Rasender, sondern +setze dich und laß mich reden! + +Herrschaften, oft, und in verzweifelten Lagen immer, ist Kühnheit der +beste und einzige Rath. Der Krieg unter dem Urbinaten starrt uns an +wie eine Maske mit leeren Augen. Wir alle fühlen, er würde uns +langsam lähmen und methodisch zu Grunde richten. Lieber ein +halsbrechendes Wagnis. Also ja! Wenn es nach mir geht, versuchen +wir den Pescara! Verräth er uns an den Kaiser, so kann er uns alle +verderben. Aber wer weiß, ob er nicht seinem Dämon unterliegt? +Zuerst müssen wir uns fragen: Wer ist Pescara? Ich will es euch +sagen: ein genialer Rechner, der die Möglichkeiten scharfsinnig +scheidet und abwägt, der die Dinge unter ihrem trügerischen Antlitz +auf ihren wahren Werth und ihre reale Macht zu untersuchen die +Gewohnheit hat. Wäre er sonst, der er ist, der Sieger von Bicocca +und Pavia? Wenn wir ihn antreten, wird er zuerst eine große +Entrüstung heucheln über eine Sache, die er sicherlich selbst schon +in gewissen Stunden sich besehen und betrachtet hat, wenn auch +vielleicht nur als Übung seines immerfort arbeitenden Verstandes. +Dann wird er langsam und sorgfältig abwägen: den Stoff, den wir ihm +geben, das heißt unser Italien, ob sich daraus ein Heer und später +ein Reich bilden ließe, und--seinen Lohn. Und da der Stoff zwar edel, +aber spröde ist und einer gewaltig bildenden Hand bedarf, müssen wir +ihm die größte Belohnung bieten: eine Krone." + +"Welche Krone?" stammelte der Herzog angstvoll. + +"Eine Krone, Hoheit, sagte ich, keinen Herzogshut, und meinte die +schöne von Neapel. Sie ist in Feindeshand, also erledigt, und ein +Lehen der Heiligkeit." + +"Wenn wir Kronen austheilen", spottete der Venezianer, "warum bieten +wir dem Pescara nicht gleich die Fabel- und Traumkrone von Italien?" + +"Die Traumkrone!" Das Antlitz des Florentiners zuckte schmerzlich. +Dann sprach er trotzig, sich und die Umsitzenden vergessend: "Die +Krone von Italien! Wenn Pescara an der Spitze unserer Heere reitet, +wird sie ungenannt vor ihm herschweben. Möchte er sie, als der +Größte unserer Geschichte, fassen und ergreifen, diese ideale Krone, +nach welcher schon so manche Hände und die frevelhaftesten sich +gestreckt haben! Möge sie auf seinem Haupte zur Wahrheit werden! +Und", sagte er kühn, "weil wir heute jedes gewöhnliche Maß verlassen +und unsern Endgedanken und innersten Wünschen Gestalt geben, so +wisset, Herrschaften: ist Pescara der Vorausbestimmte, wie es möglich +wäre, in der Zeit liegen große Begünstigungen und in den Sternen +glückliche Verheißungen. Baut er Italien, so wird er es auch +beherrschen. Aber, Kanzler, ich habe dich einen Phantasten genannt +und phantasiere größer als du. Kehren wir zurück aus dem Reiche des +Ungebornen in die Wirklichkeit und stellen wir die Frage: wer +übernimmt die Rolle des Versuchers?" + +"Ich stürze mich wie Curtius in den Abgrund!" rief der Kanzler aus. + +"Recht", billigte Guicciardin. "Du bist die Person dazu. Einem +Andern würde die Stimme versagen, und er würde vor Scham versinken, +wenn er vor Pescara träte, um mit ihm von seinem Verrathe zu reden. +Du Schamloser aber bist zu allem fähig, und deine Schellenkappe +bringt dich aus Lagen und Verwicklungen, wo jeder Andere hängen +bliebe. Will Pescara nicht, so nimmt er dich von deiner närrischen +Seite und behandelt dich als Possenreißer; will er, so wird er unter +deinen tragischen Gebärden und deinen komischen Runzeln den Ernst und +die Größe der Sache schon zu entdecken wissen. Gehe du hin, mein +Sohn, und versuche den Pescara!" + +Der Herzog, der sich grübelnd auf seinem Schemel zusammengekauert +hatte, wollte eben nach Licht rufen, denn die Dämmerung wuchs, und er +fürchtete das Dunkel. Da sah er die Dinge unvermuthet auf ihre Spitze +kommen und wurde ängstlich. "Kanzler, du darfst nicht!" verbot er. +"Ich will mit diesem großmächtigen Pescara nichts zu schaffen haben. +Bekommen wir ihn, so wird er zuerst meine Ebenen nehmen, welche den +Krieg anlocken, und meine Festungen, welche sie behaupten. Und hat +er sie, so wird er sie behalten. Verspielt er aber, so büße ich +zuerst und verfalle ohne Gnade dem Spruche des Kaisers, meines +Lehensherrn. Oh, ich durchschaue euch! Ihr Alle, selbst Dieser +da"--er blickte wehmüthig nach seinem Kanzler--"habet immer nur euer +Italien im Sinne, und ich gelte euch"--er blies über die flache +Hand--"soviel! Ich aber bin ein Fürst und will mein Erbe, mein +Mailand, und nichts als mein Mailand! Und du, Girolamo, gehst nicht +zu Pescara. Die Geschäfte würden darunter leiden. Ich kann dich +keine Stunde entbehren!" + +Jetzt nahm der schöne Lälius das Wort und lispelte: "Wenn Hoheit +darauf bestünde, so würde durch ihren Einspruch unser Plan hinfällig, +und ich hätte einen andern. Da wir uns einmal, sonderbarerweise, +nach unserm Capitano unter den kaiserlichen Feldherrn umsehen, wäre +nicht etwa der Versuch zu machen, ob sich der Borbone, gegen ein +großes Anerbieten, zu einem zweiten Verrath entschlösse?" + +Der Herzog schrak zusammen. "Wann verreisest du, mein Girolamo?" +fragte er. + +"Zuerst, Kanzler", fiel Guicciardin ein, "habe ich Auftrag, dich nach +Rom mitzunehmen. Der heilige Vater wünscht dich näher kennen zu lernen. +Denn er hat eine große Meinung von dir. Er nennt dich den Kanzler +Proteus und behauptet, du seiest, trotz deiner tollen Augen, einer +der klügsten Männer Italiens." + +"Das ist gut", bemerkte der Venezianer, "schon weil es die +entscheidende Stunde verschiebt, in welcher Girolamo Morone als +Versucher zu Pescara tritt. Ich wünsche dieser Stunde zuvor einen +Grund und eine Wurzel in der öffentlichen Meinung zu geben. Darf ich +mich darüber verbreiten, Herrschaften?" + +Das fade Gesicht des Venezianers nahm, soweit sich in der Dämmerung +noch unterscheiden ließ, einen energischen Ausdruck an und er redete +mit markiger Stimme: "Der Kanzler, da er sein bedeutendes Wort +aussprach, hat uns ohne Zweifel erschreckt, aber nicht eigentlich in +Verwunderung gesetzt. Nachdem der vernichtende Schlag von Pavia dem +Kaiser unser ganzes Italien wehrlos zu Füßen geworfen hatte, suchte +die öffentliche Meinung von selbst eine Schranke gegen die drohende +Allmacht und ließ aus der Natur der Dinge unsere Liga emporwachsen. +Zugleich beschäftigte sich die öffentliche Meinung mit dem Lohne, der +Pescara für seinen vollkommenen Sieg und die Erbeutung eines Königes +gebühre. Und da die Kargheit und der Undank des Kaisers weltbekannt +sind, zog sie den Schluß, daß er seinen Feldherrn nicht +zufriedenstellen und dieser anderwärts einen Ersatz suchen werde. +Jetzt verbindet die öffentliche Meinung diese beiden Dinge: unsern +schon durchschimmernden patriotischen Bund und einen möglichen +größern Gewinn des Pescara. So wird sein Übertritt glaubwürdig, +bevor er sich vollzieht. Nur ist es dienlich, daß dieser begründeten +allgemeinen Ansicht durch eine geschickte Hand eine überzeugende +Gestalt und durch eine geläufige Zunge eine für ganz Italien +verständliche Sprache gegeben werde. Nun ist seit kurzem ein +wanderndes Talent unter uns aufgetaucht, ein vielversprechender +junger Mann, der sich hoffentlich noch an Venedig fesseln läßt--" + +"Einen Fußtritt dem Aretiner! Er hat mich schändlich verleumdet..." +"Ein göttlicher Mann! Er hat mich den ersten Fürsten Italiens +genannt!" riefen Guicciardin und der Herzog miteinander aus. + +"Ich sehe", lächelte Nasi, "daß der Mann auch hier nach seinem Werthe +gekannt ist. Seine Briefe, an wahre oder erfundene Personen, in +tausend und tausend Blättern ausgestreut, sind eine Macht und +beherrschen die Welt. Ich will ihm eine sehr starke Summe senden, +und ihr werdet euch über die Saat von schönfarbigen Giftpilzen +verwundern, die über Nacht aus dem ganzen Boden Italiens emporschießt: +Verse, Abhandlungen, Briefwechsel, ein bacchantisch aufspringender, +taumelnder Reigen verhüllter und nackter, drohender und verlockender +Figuren und Wendungen, alle um Pescara sich drehend und um die +Wahrscheinlichkeit und Schönheit seines Verrathes. So bildet sich +eine unüberwindliche allgemeine Überzeugung, welche den Pescara zu +uns herüberreißt und ihn zugleich--da liegt es--am kaiserlichen Hofe +so gründlich und endgültig untergräbt, daß er zum Verräther werden muß, +er wolle oder nicht." + +"Nichts da, Exzellenz!" rief der Kanzler aus dem Dunkel. "Ihr +verderbt mir das Spiel! Der Befreier Italiens soll sich in voller +Freiheit entscheiden, nicht als das Opfer einer teuflischen Umgarnung..." + +"Du bist prächtig, Kanzler, mit deinen moralischen Skrupeln!" +unterbrach ihn Guicciardin. "Wisse, auch mein Herz empört sich und +nimmt Theil für den unrettbar Überlisteten! Aber ich heiße den +Menschen schweigen und handle als Staatsmann. Das Mittel der +Exzellenz ist ohne Vergleichung unter alle dem, was heute Abend +gefunden wurde, das Ruchloseste, aber auch das Klügste und Wirksamste. +Erst jetzt wird die Sache wahrhaft gefährlich für Pescara, und sein +Verrath wahrscheinlich. Ans Werk." + +"Er ist unter uns und lauscht!" schrie der Herzog mit gellender +Stimme, daß Alle zusammenfuhren. Ihre Blicke folgten seinem +geängstigten. Der Mond, der als blendende Silberscheibe über den +Horizont getreten war und seine schrägen Strahlen in das kleine +Gemach zu werfen begann, spielte wunderlich auf der Schachpartie. +Victorias hervorquellendes Auge blickte erzürnt, als spräche es: Hast +du gehört, Pescara? Welche Verruchtheit! und jetzt fragte es +angstvoll: Was wirst du thun, Pescara? Dieser war bleich wie der Tod, +mit einem Lächeln in den Mundwinkeln. + + + + + +Zweites Kapitel + + + +In der weiten hellen Fensternische jener edeln vatikanischen Kammer, +an deren Dielen und Wänden Raphael die Triumphe des Menschengeistes +verherrlicht, saß ein Greis mit großen Zügen und von ehrwürdiger +Erscheinung. Er sprach bedächtig zu dem emporgewendeten, mit +dunkelblonden Flechten umwundenen Haupte eines Weibes, das zu seinen +Füßen saß und mit einem warmen menschlichen Blut in den Adern ebenso +schön war als die Begriffe des Rechtes und der Theologie, wie sie der +Urbinate in herrlichen weiblichen Gestalten verkörpert. Der betagte +Papst mit seinem langen gebückten Rücken und in seinem fließenden +weißen Gewande ähnelte einer klugen Matrone, welche lehrhaft mit +einem jungen Weibe plaudert. + +Noch nicht gar lange mochte Victoria auf ihrem Schemel gesessen haben, +denn der heilige Vater erkundigte sich eben erst nach dem Befinden +ihres Gatten, des Marchese von Pescara. "Die Seitenwunde von Pavia +macht sich nicht mehr fühlbar?" sagte er. + +"Der Marchese ist völlig geheilt", erwiderte Victoria unschuldig. +"Die Seitenwunde ist vernarbt, sowie auch die schlimmere Stirnwunde. +Er wird Eure Heiligkeit begrüßen, wenn er den Urlaub antritt, den ihm +die Gnade des Kaisers zugesagt hat und der uns Glückselige"--sie +sprach es mit jubelnden Augen--"auf unserer Meeresinsel vereinigen +wird. Aber er selbst verweigert sich denselben für einmal noch, +weniger des politischen Horizontes wegen, der nicht heller noch +trüber sei als sonst--so schreibt er--, sondern weil er gerade jetzt +das Heer ungern verlasse. Der Mörder", sagte sie lächelnd, +"beschäftigt sich nämlich mit einer vervollkommneten Feuerwaffe und +einem neuen Manöver. Das brächte er nun gerne erst zu einem Ergebnis. +So hat er mich, die er anfänglich hier in Rom überraschen wollte, +in sein Feldlager nach Novara beschieden und ich reise morgen, nicht +im Schneckenhaus meiner Sänfte, sondern im Sattel meines hitzigen +türkischen Pferdchens. Hätte ich Flügel! mich verlangt nach den +Narben meines Herrn, dessen Antlitz ich nicht gesehen seit jener +berühmten Schlacht, die ihn unsterblich gemacht hat. Und so bin ich +zu der Heiligkeit geeilt in der Freude meines Herzens, um mich bei +Ihr zu beurlauben: denn das ist der Zweck meines Besuches." So +redete Victoria aufwallend und überquellend wie ein römischer Brunnen. + +Ihre aufrichtigen Worte belehrten den Heiligen Vater, daß Pescara +sein Thun und Lassen in dasselbe Zwielicht stelle, welches auch er +liebte. Nur mit dem Unterschiede, daß der junge Pescara im +entscheidenden Augenblicke wie ein Blitz aus seiner Wolke +hervorsprang, während Clemens unentschlossen, über sich selbst zornig, +in der seinigen verborgen blieb, weil er aus greisenhafter +Überklugheit den Moment zu ergreifen versäumte. Er schärfte, in +einem andern Bilde gesprochen, den Stift so lange, bis zu seinem +Ärger die allzufeine Spitze abbrach. Jetzt trat er leise und +tastete. + +"Einen Urlaub hat der Marchese verlangt?" verwunderte er sich. "Ich +dächte, seinen Abschied? Achilles zürnt im Zelte, so hörte ich." + +"Davon weiß ich nichts, und das glaube ich nicht, Heiliger Vater", +entgegnete Victoria und warf mit einer stolzen Gebärde das Haupt +zurück. "Warum seinen Abschied?" + +"Nicht wegen einer rosigen Briseis, Madonna", antwortete Clemens +ärgerlich mit einem frostigen Scherze, "sondern geprellt um einen +erbeuteten König und um die Thürme von Sora und Carpi." + +Damit spielte der Papst auf zwei bekannte Thatsachen an. Der +Vicekönig von Neapel hatte bei Pavia, Pescara zuvorkommend, den Degen +des französischen Königs in Empfang und damit die Ehre vorweggenommen, +die erlauchte Beute nach Spanien führen zu dürfen. Und dann hatte +der Kaiser Sora und Carpi den begehrlichen Colonnen, den eigenen +Verwandten der Victoria geschenkt, nicht seinem großen Feldherrn, +welcher ebenfalls einen Blick danach geworfen. + +Victoria erröthete unwillig. "Heiliger Vater, Ihr denkt gering von +meinem Gemahl. Ihr stellet Euch einen kleinlichen Pescara vor: gebet +mir Urlaub, damit ich reise und mich überzeuge, daß euer Pescara +nicht mein Pescara ist. Ich habe Eile, vor den wahren zu treten." + +Sie erhob sich und stand groß vor dem Papste, aber schon verbeugte +sie sich wieder tief mit demüthiger Gebärde, um seinen Segen flehend. +Da bat er sie, sich wiederum zu setzen, und sie gehorchte. Clemens +durfte sich die Gelegenheit nicht entrinnen lassen, Pescara durch den +geliebten Mund seines Weibes zum Abfalle zu bereden. Daß aber mit +Anspielungen und Vorbereitungen bei der Colonna, wie er sie vor sich +sah, nichts gethan wäre, begriff er leicht: entweder würde sie sich +gegen das Zweideutige aufbäumen oder es als etwas Unverständliches +und Nichtiges unbesehen in den Winkel werfen. Er mußte dieser wahren +und auf Wahrheit dringenden Natur die Sache in klaren Umrissen +vorzeichnen und in ein volles Licht stellen, damit sie dieselbe ihres +Blickes würdige. Das ging ihm gegen seine Art, und er that einen +schweren Seufzer. + +Da fand er eine Auskunft, die nicht ohne Geist und List war. Er +fragte Victoria mit einer harmlosen Miene, während er die Hand mit +dem Fischerring auf ein in blauen Sammet gebundenes Buch mit +vergoldeten Schlössern legte: "Spinnst du wieder etwas Poetisches, +geliebte Tochter? Wahrlich, ich bin ein Verehrer deiner Muse, weil +sie sich mit dem Guten und Heiligen beschäftigt. Und ich liebe sie +insbesondere, wo sie moralische Fragen stellt und beantwortet. Aber +das schwerste sittliche Problem hast du noch in keinem deiner Sonette +behandelt. Weißt du, welches ich meine, Victoria Colonna?" + +Diese wunderte sich nicht über den plötzlichen Einfall des Heiligen +Vaters, weil sie hier auf dem eigenen Boden stand und, bei ihrem +schon gefeierten Namen, Gelehrte und Laien wohl nicht selten ähnliche +Fragen an sie richten mochten. Sie fühlte sich und erhob den +schlanken Leib kampflustig, während sich ihre Augen mit Licht füllten. +"Der größte sittliche Streit", sagte sie ohne Besinnen, "ist der +zwischen zwei höchsten Pflichten." + +Jetzt hatte der Heilige Vater Fahrwasser gewonnen. "So ist es", +bekräftigte er mit theologischem Ernste. "Das heißt: scheinbar +höchsten, denn eine der beiden ist immer die höhere, sonst gäbe es +keine sittliche Weltordnung. Ich flehe zu Gott und seinen Heiligen, +daß sie dir beistehen und dich die höhere Pflicht erkennen lassen, +damit du sie der geringem vorziehest, du und dein Gatte, denn siehe, +dieser große und schwere Kampf wird an euch Beide herantreten." + +Victoria erblaßte, da ihr die akademische Frage plötzlich in das +lebendige Fleisch schnitt, der Heilige Vater aber redete feierlich: +"Höre mich, meine Tochter! Alles, was ich dir jetzt zu sagen habe, +ist auch dem Marchese gesagt, den meine Worte durch dich erreichen. +Vernimm es: der Heilige Stuhl trennt sich zu dieser Stunde von der +kaiserlichen Majestät und bietet ihr die Spitze. Ich handle so als +Fürst und als Hirte. Als Fürst: weil heute die Schicksalsstunde +Italiens ist. Lassen wir sie verrinnen, so verfallen wir +italienischen Fürsten alle auf Jahrhunderte hinaus dem spanischen +Joche. Frage, wen du willst: so urtheilen alle Einsichtigen. Aber +auch als höchster Hirte. Ersteht in jenem räthselhaften Jüngling, der +Völker in seinem Blut und auf seinem Haupte Kronen vereinigt, der +alte Kaisergedanke, so ist die ganze leidenvolle Arbeit meiner +heiligen Vorgänger umsonst gewesen, und die Kirche wird durch die +neue Staatskunst enger gefesselt und tiefer gedemüthigt als von den +eisernen Fäusten jener fabelhaften germanischen Ungetüme, der Salier +und der Staufen. So steht es. Blieb dir fremd, was Italien mit +Furcht und Hoffnung erfüllt?" + +"Der Marchese will es nicht glauben", sagte Victoria mit einem +schnellen Erröthen. Der Heilige Vater lächelte. "Heiligkeit vergesse +nicht", lächelte sie ebenfalls, "ich bin eine Colonna, das ist eine +Ghibellinin." + +"Du bist eine Römerin, meine Tochter, und eine Christin", wies sie +Clemens zurecht. + +Es entstand eine Pause. Dann fragte sie: "Und Pescara?" + +"Pescara", antwortete der Papst und dämpfte die Stimme, "ist eher +mein Unterthan als derjenige des Kaisers. Denn er ist ein +Neapolitaner, und ich bin der Lehensherr von Neapel. Glaube nicht, +Victoria, daß ich leichthin rede. Wie dürfte ich es, da ich das +Gewissen der Welt bin? Wahrlich, ich sage dir: in schlaflosen +Nächten und bekümmerten Frühstunden habe ich mein Recht auf Pescara +geprüft. Meiner politischen Vernunft mißtrauend, habe ich die zwei +größten Rechtsgelehrten Italiens zu Rate gezogen, Accolti und... hm... +den zweiten." + +Der Papst zerdrückte den Namen klüglich auf der Zunge, da ihm noch +zur rechten Zeit einfiel, dieser zweite Rechtsgelehrte, der Bischof +von Cervia, genieße des Rufes der schamlosesten Käuflichkeit. +"Beide"--Clemens klopfte mit dem Fischerring auf das blaue +Buch--"stimmen zusammen, daß Pescara, nach strengem Rechte betrachtet, +viel mehr mein Mann sei als der des Kaisers, und beide erinnern mich +daran, daß ich überdies, kraft meines Schlüsselamtes, jetzt, da der +Kaiser mein Feind wird, die Macht besitze, den Marchese eines Eides +zu entbinden, den er einem Feinde des Heiliges Stuhles geschworen hat." + +Der Papst hatte sich langsam erhoben. "Und so tue ich!" sagte er +priesterlich. "Ich löse Ferdinand Avalos vom Kaiser und zerbreche +seine Treue. Ich ernenne den Marchese von Pescara zum Gonfaloniere +der Kirche und zum Feldherrn der Liga, welche die Heilige heißt, weil +Christus in der Person seines Nachfolgers an ihrer Spitze steht." +Der Papst hielt inne. + +Jetzt hob er die rechte und die linke Hand in gleicher Höhe, als +hielten sie eine Krone über dem Haupte der Colonna, die, von Staunen +überwältigt, auf die Knie sank, und sprach mit lauter Stimme: "Die +Verdienste meines Gonfaloniere um mich und die Heilige Kirche voraus +belohnend, kröne ich Ferdinand Avalos Marchese von Pescara zum Könige +von Neapel!" Die junge Königin erbebte vor Freude. Sie glaubte eine +Krone zu verdienen. Sprachlos, mit brennenden Wangen empfing sie den +Segen. Dann stand sie auf und ging, in gemessenen, aber eiligen +Schritten, als könne sie es nicht erwarten, dem erhöhten Gemahl seine +Krone zu bringen. + +Der Heilige Vater, selbst aufgeregt, folgte ihr so hastig, daß er +beinahe einen Pantoffel verloren hätte. An der Schwelle erreichte er +sie und wollte ihr den Band von blauem Sammet bieten. "Für den +Marchese", sagte er. + +Da erblickte er hinter ihr Guicciardin mit Morone, die vielleicht ein +bißchen an der Türe gehorcht hatten. Victoria mit strahlenden Augen +voll glühender Wonne erschien dem Kanzler als ein solches Wunder, daß +er fast von Besinnung kam. Rasch gesammelt aber flehte er den Papst +an: "Die Heiligkeit mache mich Unheiligen bekannt mit der himmlischen +Victoria!", worauf Clemens ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter +gab und ihn mit den Worten vorstellte: "Der Kanzler von Mailand, ein +Weltkind, auf das sich der Heilige Geist herabzulassen beginnt!" +Dann wisperte er Viktorien ins Ohr: "Morone, Buffone." + +Diese verschwand in der Verwirrung ihres Glückes, während der Papst +in der seinigen das wichtige blaue Buch zurückbehielt, denn er war +noch ganz berauscht von der kühnen symbolischen That, zu welcher ihn +der Anblick der schönen Frau hingerissen hatte. Nun fühlte er doch, +daß er das Gleichgewicht verloren; er wies mit einer Handbewegung den +Besuch des Florentiners und des Lombarden ab und trat in die +Raffaelische Kammer zurück. + +Die beiden nicht Empfangenen sahen sich einen Augenblick an, dann +ergriff Guicciardin lachend den Arm des Kanzlers und zog ihn +sanftgestufte Treppen hinunter in die Vatikanischen Gärten, deren +Schattengänge sie nicht aufzusuchen brauchten, denn der Himmel hatte +sich mit schwarzen Wolken bedeckt. + +"Eigentlich", plauderte Guicciardin, "mag ich den Alten leiden. So +fein er spinnt und so bedacht er redet, ist er doch innerlich ein +leidenschaftlicher, ein zorniger Mensch wie ich, und jetzt höchst +aufgeregt, weil er der Colonna unsere gefährliche Heimlichkeit +geoffenbart hat. Du in deiner Verzückung hast es freilich nicht +gesehen, wie er ihr die Gutachten des Accolti und des Angelo de Cesis +in die Hand drücken wollte. Zwei käufliche Schurken, die den Meineid +mit Bibelstellen belegen! Übrigens ist es ein starkes Ding, daß +Clemens in seinen alten Tagen so Kühnes und Folgenschweres unternimmt, +und noch mehr, er unternimmt es mit tiefem Mißtrauen gegen sich +selbst, ohne Glauben an seinen Stern, denn er hält sich heimlich für +einen Pechvogel. Das ist schlimm. Da war denn doch der Leo ein +anderer, immer strahlend und triumphierend, und darum immer glücklich, +während die gegenwärtige Heiligkeit, wie sie mir neulich im Tone des +Jeremias prophezeite, die Ewige Stadt schon geplündert und aus diesen +Dächern"--er wies auf den Vatikan--"Rauch und Flamme steigen sieht. +Dennoch beginnt er den Kampf gegen den Kaiser, und das rechne ich ihm +hoch an, ob es ihm auch zuerst um sein Florenz zu thun ist. Er hat +noch Blut in den Adern und knirscht die Zähne, soviel ihm geblieben +sind, wenn er den hochmütigen spanischen Adel auf dem Kapitole +stolzieren sieht wie in Neapel oder Brüssel. Aber wohin träumst du, +Kanzler? Von dem Weibe? Natürlich." + +"Ich will zu der Römerin reden wie ein alter Römer!" rief der Kanzler. + +"Schön! Nur hüte dich, daß du in der Begeisterung nicht deinen +klassischen Bocksfuß unter der Toga hervorstreckest. Sei züchtig, +mache große Worte und packe sie fest an ihrer Eitelkeit!" + +"An ihrem Herzen will ich sie packen!" + +"Das heißt, an ihrer Tintenflasche, denn die Herzen schreibender +Weiber sind mit Tinte gefüllt", lästerte der schmähsüchtige +Florentiner. "Aber weißt du, Kanzler"--und Guicciardin kniff ihn +kräftig in den Arm--"daß es nicht der Heilige Vater allein ist, den +unsere Unternehmung schlaflos macht. Auch ich habe in dieser Woche +noch kein Auge geschlossen. Immer muß ich mir diesen Pescara +zurechtdenken. Auf seinen Groll gegen den Kaiser gebe ich nichts: +sie können sich über Nacht versöhnen. Ebensowenig auf den Einfluß +des Weibes. Sie wird ihm die Botschaft des Papstes ausrichten dürfen: +weiter wird er nicht auf sie hören. Aber ich glaube auch nicht an +seine feudale Treue. Pescara ist kein Cid Campeador, oder wie die +Spanier ihren loyalen Helden nennen, dafür ist er zu sehr ein Sohn +Italiens und des Jahrhunderts. Er glaubt nur an die Macht und an die +einzige Pflicht der großen Menschen, ihren vollen Wuchs zu erreichen +mit den Mitteln und an den Aufgaben der Zeit. So ist er und so paßt +er uns. Unfehlbar, er wird unsere Beute und wir die seinige. +Dennoch... lache mich aus, Morone... etwas umhaucht mich: ich wittere +Verborgenes oder Geheimgehaltenes, etwas Wesentliches oder auch etwas +Zufälliges, etwas Körperliches oder einen Zug seiner Seele, kurz, ein +unbekanntes Hindernis, das uns den Weg vertritt und unsere genaue +Rechnung fälscht und vereitelt." + +"Aber", sagte Morone nachdenklich werdend, "wenn er so ist, wie du +ihn nimmst, und wenn die Thatsachen liegen, wie wir sie kennen, aus +welcher Geisterquelle sollte denn jenes Feindselige aufsteigen?" + +"Ich weiß es nicht! Nur--von diesem Pescara geht der Ruf, er +verstehe es, einen stürmenden Feind alle Höhen erklimmen zu lassen, +um ihm dann plötzlich einen letzten mit Feuerschlünden besetzten und +ihn zerschmetternden Wall entgegenzustellen. Wenn in seinem Innern +ein solcher Wall gegen uns emporstiege, gerade im Augenblicke, da wir +glauben, seine Seele bewältigt zu haben? Doch weg mit dem Spuk, der +nichts ist als die Schwüle vor dem Gewitter, die natürliche Angst und +Ungewißheit, die jedem großen und gefährlichen Unternehmen vorangeht." + +Ein Blitz flammte über den Vatikan. Er stand in weißem Feuer und +zeigte die schönen Verhältnisse der neuen Baukunst. Unter dem Rollen +des Donners verloren sich die zweie zwischen den Säulen eines +Portikus, Guicciardin betroffen und sich fragend, was das Omen +bedeute, der Kanzler unbekümmert um den Himmel und seine Zeichen, +denn er sah sich schon zu den Füßen der Colonna. + +Diese hatte im Taumel ihrer Begeisterung den Vatikan über die nächste +seiner zahlreichen Treppen und durch eines seiner Nebentore verlassen. +Sänfte und Gefolge, welche sie an der Hauptpforte vergeblich +erwarteten, hatte sie vergessen und wandelte, mehr von ihrem +ehrgeizigen Traume getragen als von dem aufziehenden Gewitter gejagt, +mit bewegten Gewanden nach ihrem Palast am Apostelplatze zurück. Sie +schritt mit einer geraubten Krone wie die erste Tullia, nicht über +den Leichnam des Vaters, sondern über die gemeuchelte Staatstreue: +denn die Tochter des Fabricius Colonna und die Gattin Pescaras war +eine Neapolitanerin und die Unterthanin Karls des Fünften, des Königs +von Neapel. + +Die krönende Gebärde des Papstes hatte sie überwältigt. Gewöhnung +und Umgebung, der Glaube der Jahrhunderte und die überlieferten +Formen der Frömmigkeit ließen sie in dem Haupte der Kirche, so +entartet diese sein mochte, immer noch eine Werkstätte des göttlichen +Willens und ein Gefäß der höchsten Ratschlüsse erblicken--und wie +hätte das eigene Selbstgefühl und mehr noch der Stolz auf den Wert +ihres Gatten sie zweifeln lassen an dem päpstlichen Rechte, auf das +würdigste Haupt eine Krone zu setzen? So konnte ihr die anmaßende +Handlung des Mediceers trotz der veränderten Zeiten als ein Ausspruch +der Gottheit erscheinen. + +Die neue Königin ohne Gefolge hatte den Borgo durcheilt, die +Engelsbrücke überschritten und ging nun schon durch die "gerade +Gasse", wie sie hieß, im Gelärme der Menge. Diese gab der Colonna +ehrerbietig Raum, ohne zu erstaunen über den unbegleiteten Gang und +die eilenden Füße der erlauchten Frau, welche jetzt der dem Gewitter +vorangehende Sturm beflügelte. Nach und nach aber verlangsamten sich +ihre Schritte in dem dichter werdenden Gewühle der nicht breiten +Straße, obwohl der schmale Himmel darüber immer dunkler und drohender +wurde. + +Da erblickte sie über die Menge hinweg eine Kavalkade. Herren der +spanischen Gesandtschaft begleiteten, wohl zu einer Audienz im +Vatikan, den dritten kaiserlichen Feldherrn in der Lombardei, Leyva. +Dieser vormalige Stallmeister, der Sohn eines Schenkwirts und einer +Dirne, den ein knechtischer Ehrgeiz und ein eiserner Wille +emporgebracht, hatte einen plumpen Körper und das Gesicht eines +Bullenbeißers, denn Stirn, Nase und Lippe waren ihm von demselben +Schwerthiebe gespaltet. Neben ihm auf einem herrlichen andalusischen +Vollblute ritt, in einen weißen Mantel gehüllt, ein vornehmer Mann +mit braunem Kopf und energischen Zügen, welcher jetzt mit einer +devoten Verbeugung Viktorien zu grüßen schien; aber er hatte sich nur +vor den steinernen Heiligen einer nahen Kirche verneigt. + +War es die grelle Gewitterbeleuchtung oder die gemessen feindselige +Haltung der Herren in einer Stadt, von deren dreigekröntem Gebieter +sie ihren König insgeheim verraten wußten, oder war es Victorias +erregte Einbildungskraft, sie sah und fühlte in der Grandezza der +Reiter und Rosse, den in die Hüfte gesetzten Armen, den verächtlich +halb über die Schulter auf die Romulussöhne niedergleitenden Blicken +und bis in die steifen Bartspitzen den Hohn und die Beleidigung der +beginnenden spanischen Weltherrschaft, sie empfand Grauen und Ekel, +und ein tödlicher Haß regte sich in ihrem römischen Busen gegen diese +fremden Räuber und hochfahrenden Abenteurer, welche die neue und die +alte Erde zusammen erbeuteten. Warum war der junge Kaiser zugleich +der König dieser ruchlosen Nation, in deren Adern maurisches Blut +floß und die Italien mit ihren Borjas vergiftet hatte? + +Sonst hätte sie wohl der uralte Familiengeist ihres gibellinischen +Geschlechtes, das jahrhundertelang seinen Vorteil darin gefunden +hatte, der kaiserlichen Sache ohne Gehorsam zu dienen, an Karl +gefesselt, aber nein, nicht an diesen Kaiser, auch wenn er kein +Spanier gewesen wäre. Sie konnte sich nichts machen aus dem +undeutlichen Knaben, den sie nie von Angesicht gesehen, weder sie +noch irgendwer in Italien, das jener zu betreten zögerte. + +Einen Brief freilich hatte er an sie geschrieben nach dem Siege von +Pavia, um sie zu beglückwünschen, daß sie die Gattin Pescaras sei. +Aber gerade in diesen kargen Zeilen schien sich ein kümmerliches +Gemüt zu spiegeln, und was der großgesinnten Frau am meisten mißfiel, +war die in ihren Augen ängstliche und frömmelnde Demut, mit welcher +der junge Kaiser Gott und seinen Heiligen die ganze Ehre des Sieges +gab. Obwohl selbst dem Himmel dankbar, schätzte Victoria solche +Demut gering an einem Manne und an einem Herrscher. War hier nicht +das Geständnis, daß der begeisternde Sieg den Fernstehenden kühl +gelassen hatte, ja, war hier nicht die kleinliche Absicht, den +Lorbeer Pescaras zu schmälern? Darum mußte der Himmel alles gethan +haben. Victoria aber war brennend eifersüchtig auf den Ruhm ihres +Gatten. Und wie ungroßmütig hatte sich Karl erwiesen! Er hatte es +über sich gebracht, dem Feldherrn, welchem er Italien verdankte, zwei +armselige italienische Städtchen zu verweigern! Nein, einen so +kleinen Menschen konnte man gar nicht verraten, man konnte höchstens +von ihm abfallen und ihn fahrenlassen. + +Jetzt blendete sie ein gewaltiger Blitz, derselbe, der den Kanzler +und Guicciardin unter die Dächer des Vatikans zurückgetrieben, und +eben da der Regen zu stürzen begann, erreichte sie, rechts durch ein +Seitengäßchen biegend, die dunkeln Stufen des Pantheon und seine +erhabene Vorhalle. Ohne das Innere des machtvollen Tempels zu +betreten, lehnte sie, die entstehende Kühle einatmend, an eine der +enge zusammengerückten gewaltigen Säulen, und unter dem Vordache des +alten Bauwerkes kehrte ihr Geist in ein noch früheres Altertum zurück, +dessen Tugenden die flüssige Bildkraft des Jahrhunderts +verherrlichte, ohne sie zu besitzen oder auch nur begreifen zu können +in ihrer eintönigen Starrheit und strengen Wirklichkeit. + +Jene tugendhaften Lucretien und Cornelien traten ihr wie Schwestern +vor das altertumstrunkene Auge, trug sie doch zwei Namen, die beide +so römisch als möglich klangen, und war ihr doch wie jenen hohen +Frauen das weiblich Böse unbekannt. Jene schlichten und stolzen +Geschöpfe hatten die Eroberer der Welt geboren, Virgils großartiges +"Tu regere imperio", das sie sich wie oft schon vorgesagt hatte, +überwältigte sie jetzt bis zu den Tränen. Sie betrat den Tempel und +warf sich nieder in der Mitte desselben unter der wetterleuchtenden +Wölbung und rang die Hände und flehte, daß Rom und Italien nicht +versinke in das Grab der Knechtschaft. Sie flehte in den +christlichen Himmel hinauf und nicht minder zu dem Olympier, der über +ihr donnerte, zu alle dem, was da rettet und Macht hat, mit der +wunderlichen und doch so natürlichen Göttermischung der +Übergangszeiten. + +Da sie das Pantheon verließ--wie lange sie auf den Knien gelegen, +wußte sie nicht--heiterte sich der italienische Himmel eben wieder +auf, und in ihrem gewöhnlichen Wandel, leicht und gemessen, beendigte +sie den Weg nach ihrem Palaste. + +Jetzt kehrten ihre Gedanken zu Pescara zurück. Nicht diese ihre +Frauenhände konnten den Spanier verjagen, sondern nur er vermochte es, +welcher in jeder der seinigen einen Sieg hielt, wenn sie und die +Umstände ihn dazu überredeten. Durfte sie es hoffen? Hatte sie +solche Gewalt über ihn? Und Victoria mußte sich sagen, daß sie trotz +ihrer langen und trauten Ehe den innersten Pescara nicht kenne. Sie +wußte sein Angesicht, seine Gebärde, die kleinste seiner Gewohnheiten +auswendig. Daß der Enthaltsame ihr treu sei, glaubte sie und +täuschte sich nicht. Daß er sie anbetete und als sein höchstes Gut +mit der äußersten Liebe und Sorgfalt hegte, zärtlich und +verehrungsvoll zugleich, darauf war sie stolz. In den seligen +Stunden ihres kurzen, stets wieder von Feldzug und Lager aufgehobenen +Zusammenseins warf er Pläne und Karten und seinen Livius weg, um sein +Weib und gemeinsam mit ihr Meerbläue und wandernde Segel zu +betrachten. Er spielte mit ihr Schach, und sie gewann. Er bat sie, +die Laute zu schlagen, schloß die Augen und lauschte. Er gab ihr für +ihre Sonette spitzfindige Themata auf und verschärfte zuweilen den +Umriß ihrer allgemeinen Gedanken und weiten Wendungen, denn er selbst +hatte früher, in der unfreiwilligen Muße einer Gefangenschaft--und +wahrhaftig gar nicht übel für einen Geharnischten--zur Verherrlichung +Victorias einen "Triumph der Liebe" gedichtet. + +Seine Siege aber erzählte er, jung wie er war und größerer gewärtig, +seinem Weibe niemals, da er sie, wie er sagte, weder langweilen noch +mit Blut bespritzen wolle, denn ein Feldzug sei eine lange +Geduldsprobe, die zu der roten Lache einer Schlachtbank führe. Von +Politik sprach er ihr nur gar nicht, weder von Vergangenem noch von +Schwebendem, obwohl ihm einmal das Wort entschlüpfte, Menschen und +Dinge mit unsichtbaren Händen zu lenken, sei das Feinste des Lebens, +und wer das einmal kenne, möge von nichts anderem mehr kosten. Doch +gewöhnlich meinte er, Politik sei ein schmutziger Markt und sein Weib +dürfe nicht einmal die helle Spitze ihres Fußes in den ekeln Sumpf +tauchen. + +So gestand sich Victoria, daß ihr der alles untäuschbar +durchblickende Pescara undurchdringlich und sein Denken und Glauben +verschlossen sei. + +War das recht? Durfte es für sie verbotene Türen und verschlossene +Kammern geben in der Seele ihres Mannes? Nach den Plänen des +Feldherrn und den Ränken des Staatsmannes war sie nicht begierig, +aber sie verlangte eingeweiht zu werden in seinen Ehrgeiz und in sein +Gewissen. Und jetzt, da Pescara vor einer ungeheuren Entscheidung +stand, nein, jetzt ließ sie sich nicht abschütteln von seinem +kämpfenden Herzen, nicht abspeisen mit einer Liebkosung oder einem +Scherze, jetzt wollte sie mitraten und mithandeln. Hatte sie ihm +nicht eine frische Seele und eine reine Jugend gebracht? War sie +nicht eine Colonna? Brachte sie nicht heute eine Krone? Ob er diese +zurückweise, ob er sie aus ihren Händen nehme und sie sich aufs Haupt +setze, hier wollte sie seine Mitschuldige oder seine Mitentsagende +sein, ein bewußter Teil seiner verschwiegenen Seele. Wäre sie schon +bei Pescara! Herz und Sohlen brannten ihr vor Ungeduld, und schon +durchschritt sie den Apostelplatz, wo ihr ein geharnischter Jüngling +entgegentrat, der unter dem Tor ihres Palastes auf sie gewartet hatte. + +"Ich war um Euch in Sorge, erlauchte Frau", begrüßte er sie, "da Eure +Sänfte und Eure Leute ohne Euch aus dem Vatikan zurückgekehrt sind. +Nun, da seid Ihr ja, Patin, wenn ich Euch so nennen darf, wie ich von +jung an gewohnt war und es auch mein gutes Recht ist." Ohne Antwort +zu geben, stieg sie mit ihm die Treppen hinan, kaum auf seinen +dargebotenen Arm sich lehnend. + +Diesen gewöhnlichen Dienst von ihm anzunehmen, durfte sie sich nicht +weigern, was sie auch gegen ihn haben mochte. Denn Del Guasto--so +hieß der Jüngling--war der Neffe Pescaras und wie er ein Avalos. Der +fünfzehnjährige Pescara und die gleichaltrige Victoria hatten den +Knaben gemeinsam aus der Taufe gehoben. So hatte es der Vater +Victorias, der Feldherr Fabricius Colonna, veranstaltet, um seine +zwei Lieblinge, den jungen Krieger und sein aufgeblühtes Kind, +zusammen vor einen Taufstein zu stellen und die beiden Gesichter und +Gestalten sich einander erblicken zu lassen. + +Später nahm Victoria den wohlgebildeten und feurigen Knaben, der in +seinem kostbaren Taufhäubchen ihre Ehe mit Pescara gestiftet und dem +die Eltern früh wegstarben, an Kindes Statt. Wäre er nur ein Knabe +geblieben! Mit der Weichheit seiner Züge aber verlor er auch die +Liebenswürdigkeit seiner Seele. Das schöne Profil bekam einen +Geierblick und den immer schärfer sich biegenden Umriß eines +Raubvogels, und die sich offenbarende Unbarmherzigkeit begann +Victoria zu befremden und abzustoßen. Pescara hatte ihn dann in den +Krieg entführt, und in der einzigen Schule des von ihm vergötterten +Feldherrn war er zu dem verwegenen Soldaten erwachsen, der in der +Schlacht von Pavia durch Niederlegung der Parkmauer den Sieg begann, +aber auch zu dem harten, grausamen Menschen, der auf dem vorjährigen +schnellen Rückzug aus der Provence ein Haus, in dessen Keller ein +Dutzend seiner Leute sich verspätet hatten, ohne mit der Wimper zu +zucken, anzünden und in Flammen aufgehen ließ. + +Doch Victoria hatte ihm Schlimmeres vorzuwerfen, einen Frevel, der +die Frau in ihr empörte, und davon sollte er nun hören, jetzt, da er +zum ersten Male seit diesem jüngsten Verbrechen vor ihr stand. Sie +erkundigte sich, ob er von Pescara komme und was er bringe. Er +antwortete, daß er da sei, um die Herrin nach Novara zu geleiten. Er +glaube zu wissen, daß sein Anblick der Herrin mißfalle, habe aber den +Auftrag des Feldherrn nicht ablehnen dürfen, der die Marchesa nur dem +sichersten Schwerte anvertrauen wolle. Denn die Straße werde ebenso +unsicher wie die Weltlage, und er müsse die Marchesa ersuchen, sich +morgen in der Frühe bereitzuhalten, er brenne, ins Lager +zurückzukehren, wo jeder nächste Moment den Krieg bringen könne, und +da dürfe er nicht fehlen. Der Mailänder, Venedig, die Heiligkeit +beteuern in die Wette ihre friedlichen Gesinnungen: also stehe der +Kampf bevor. "Das wissen wir lange schon, es ist nur eine Frage des +günstigen Augenblickes. Aber"--er trat einen Schritt zurück--"etwas +anderes, etwas Neues, etwas Ungeheures habe ich auf meiner Reise +durch Mittelitalien gehört, und ich brauchte nicht einmal zu lauschen. +In Städten und Herbergen rauschte es öffentlich wie die Brunnen auf +den Plätzen. Freilich reiste ich unter fremdem Namen und mit nur +einem Diener." Er hielt inne und blickte mit brennenden Augen, als +verfolge er die spannende Wendung einer Jagd oder einen in +Monddämmerung kriechenden Hinterhalt. + +"Redet, Don Juan", flüsterte Victoria. + +"Für Euch, Madonna, die aus dem Vatikan zurückkehrt, gibt es kein +Geheimnis, und es ist nicht einmal eines, sondern, wie ich sagte, ein +öffentliches Geflüster, ein schadenfrohes, rachsüchtiges Gekicher, +ein kaum unterdrückter, italienischer Jubel, eine allgemeine +patriotische Rede und Ermunterung, von der ich die größte Eile habe, +den Feldherrn zu unterrichten. Denn noch weiß er nichts davon. Wie +ich meine", fügte er argwöhnisch bei. + +Victoria erbleichte. "Was wird geflüstert", fragte sie beklommen, +"und über wen? doch nicht über Pescara?" + +"Von ihm. Er ist überall. Sie sagen"--er dämpfte die Stimme--"der +Feldherr löse sich vom Kaiser und unterhandle mit der Heiligkeit und +den italienischen Mächten." + +Victoria erschrak über den glühend sinnlichen Ausdruck seines +Gesichtes. "Und Pescara..." sagte sie undeutlich. + +"Wie ich den Feldherrn beneide!" träumte Don Juan. "Welche +Aufregungen, welche Genüsse! Italia wirft sich ihm in die Arme... er +wird sie liebkosen, unterjochen und wegwerfen... oh, er wird mit ihr +spielen wie die Katze mit der Maus!", und er machte mit der Rechten +eine haschende Gebärde. + +Ein flammender Zorn übermochte die Colonna. "Verworfener", rief sie, +"habe ich dich gefragt, wie Pescara thun würde? Bist du der Mensch, +es zu wissen? Habe ich dir erlaubt, an ihm herumzudeuten?... Wie +die Katze mit der Maus... abscheulich! So hast du mit Julien +gespielt, Ehrloser!" + +Diese Julia stammte aus einem edeln novaresischen Geschlechte und war +die Enkelin des gelehrten Arztes Messer Numa Dati, welcher die +Speerwunde Pescaras geheilt hatte. Del Guasto, der im Hause des +Arztes Quartier genommen, hatte das Mädchen mißleitet und die Wohnung +gewechselt. Die Preisgegebene war dann, von Scham vernichtet, vor +dem arglosen Antlitz ihres Großvaters von Novara weit weg in ein +römisches Kloster geflohen und hatte die mächtige Colonna auf den +Knien angefleht, sich ihrer zu erbarmen und ihre Ehre herzustellen. + +Da ihn Victoria einen Ehrlosen hieß, biß sich Don Juan die Lippe. +"Sachte, Herrin", sagte er, "wäget Eure Worte. Ich bin kein Ehrloser, +sondern ich wäre es, wenn ich Julien nicht verlassen hätte. Ich +rede nicht von dem Unterschiede des Blutes eines Avalos und einer +Dati, sondern einfach davon, daß mir wie jedem Manne keine Gefallene, +sondern eine Unschuldige zur Braut geziemt." + +Victorias menschliches Herz empörte sich. "Du bist es, der die +Ärmste mit deinen Liebkosungen und Beteuerungen, ja vielleicht gar +mit falschen Gelübden und Eiden zu Falle gebracht! Bist du es nicht? +Kannst du es leugnen?" + +Er erwiderte: "Ich leugne es nicht, aber es war mein Kriegsrecht, +denn Krieg ist zwischen dem männlichen Willen und der weiblichen +Unschuld. Ich versuchte sie, ja. Warum widerstand sie nicht? Warum +gab sie sich? Warum beschuldigt Ihr mich, daß sie schwach war und +daß ich sie jetzt verachte und verschmähe?" + +Victoria erstarrte vor Entsetzen. "Ruchloser!" stöhnte sie. + +"Madonna", kürzte der Jüngling das Gespräch, "das ist eine peinliche +Unterhaltung, und Ihr tut mir leid dabei. Ich schlage Euch ein +Tribunal vor. In Novara angelangt, treten wir vor den Feldherrn, und +Ihr verklaget mich. Ich werde mich rechtfertigen, und der Feldherr, +der die Welt und ihre Ordnungen kennt, wird mich freisprechen, wie +ich denke. Jetzt verlasse ich Euch. Ich habe noch Leute zu werben, +denn ohne eine starke Bedeckung wage ich in diesen unruhigen Zeiten +nicht für Euch zu haften." Er verbeugte sich und verließ sie hohen +Hauptes. + +Victoria wendete sich unwillig und wählte den entgegengesetzten +Ausgang. Sie bedurfte Kühlung und stieg in den Garten hinab. Mit +dem letzten Tageslichte betrat sie den hinter dem Palaste liegenden +Raum, welcher, von hohen Mauern eingehüllt, voller Lorbeer und Myrte +war und den der nachtröpfelnde Regen erfrischte. Ihre Schritte +suchten das den Garten abschließende Kasino. + +Die Helle genügte noch, wenn auch mit Mühe die Lettern zu +unterscheiden in dem Evangelienbuche, welches sie im Vorbeigehen aus +der Bibliothek genommen und vor das sie sich gesetzt hatte, die heiße +Stirne in den gefalteten Händen. Ganz erfüllt von dem Schicksale +Juliens und dem größern Pescaras, durchlief sie mit den Augen +gedankenlos die aufgeschlagene Seite und atmete in vollen Zügen die +erfrischte Luft. Nach einer Weile wurde sie sich dessen bewußt, was +sie las: es war die dreimalige Versuchung des Herrn durch den Dämon +in der Wüste. Sie las weniger mit dem leiblichen als dem geistigen +Auge, was sie von Kind an auswendig wußte. + +Sie sah den Dämon vor den Heiland treten, welcher das einfache Wort +der Treue und des Gehorsams den Sophismen des Versuchers +entgegenhielt. Als der Versucher heftiger drängte, deutete des +Menschen Sohn auf die Stelle seiner künftigen Speerwunde... Da +wandelte sich das weiße Kleid in einen hellen Harnisch, und die +friedfertige Rechte bepanzerte sich. Nun war es Pescara, der die +Hand über seine durchschimmernde Wunde legte, während der Dämon jetzt +einen langen schwarzen Juristenrock trug und sich wie ein Gaukler +gebärdete. So sah es die Colonna auf dem vor ihr liegenden +Bibelblatte. Ärgerlich über das Spiel ihrer Sinne, that sie sich +Gewalt an und blickte auf. + +"Wer bist du, und was willst du?" rief sie erstaunt, und eine vor ihr +stehende dunkle Gestalt antwortete: "Ich bin Girolamo Morone und +komme zu reden mit Victoria Colonna." Victoria erinnerte sich, wen +ihr heute der Papst gezeigt hatte, und gewahrte jetzt auch den +einführenden Diener. Dieser entflammte die über der Herrin +schwebende Ampel, rückte dem Kanzler einen Schemel und entfernte sich, +während die Marchesa in der entstehenden Helle das häßliche, aber +mächtige Gesicht ihres nächtlichen Gastes betrachtete, das ihr keinen +Widerwillen einflößte. + +"Zu später Stunde", sagte sie, "suchet Ihr mich; doch Ihr bringt mir +wohl einen Auftrag an meinen Herrn, zu welchem ich morgen in der +Frühe verreise." + +"Vor Pescara denke ich bald selbst zu stehen", erwiderte Morone, "und +nicht von ihm werde ich Euch reden, sondern allein von Victoria +Colonna, welche ich mit ganz Italien verehre und anbete wie eine +Gottheit, der ich aber zürne und gegen die ich Klage erhebe." + +Wer seid Ihr, um so mit mir zu sprechen? lag es auf den Lippen der +Marchesa, doch sie fragte rasch und warmblütig: "Wessen klaget Ihr +mich an? Was ist meine Schuld, Morone?" + +"Daß Ihr Euer helles und begeisterndes Antlitz in Rollen und Bücher +vergrabet und unter Schatten und Fabeln lebet! Daß Ihr den ersten +Cäsar verabscheut und dem neuesten huldigt, daß Ihr Troja beweinet +und Euer Volk vergesset, daß Euch Prometheus' Bande drücken und die +Fesseln Italiens nicht schmerzen! Drei Frauen haben sie geschmiedet!" + +"Welche dreie?" fragte sie. + +"Die erste war Beatrix Este. Wann ihr alternder Gemahl, der Mohr, +sie auf den schwellenden Mund küßte, flüsterte sie, daß ihren blonden +Flechten ein Diadem anstünde, der kluge Mohr verstrickte sich in die +blonden Flechten und vergiftete seinen Neffen, den Erben von Mailand." + +"Die Schändliche!" + +"Der welkende Knabe hatte ein stolzes und feuriges Weib, die +Aragonesin Isabelle, die Beatrix tödlich haßte, und mit ihren jungen, +kräftigen Armen den siechen Knaben, ihren Gemahl, auf den +vorenthaltenen Thron heben wollte, sie beschwor und bestürmte ihren +Vater, den König von Neapel, bis dieser den Mohren bedrohte." + +"Ärmste!" + +"Der Mohr war sicher, solange der Gebieter von Florenz, der junge +Medici, dazwischen stand. Dieser war das Spielzeug seines schönen +Weibes, der hochmütigen Alfonsine Orsini, und das Weib übermochte ihn, +daß der Tor dem Mohren Freundschaft und Bündnis kündigte. Da rief +der Mohr den Fremden." + +"Unselige!" + +"Dreie haben Italien gefesselt. Die vierte, die Ihr seid, muß es +erlösen." + +"Kanzler, ich bin nicht das Weib eines Greises, noch eines Knaben, +noch eines Toren, noch eines andern von denen, die sich vom Weibe +berücken lassen, und... ich begehre keine Krone." Sie errötete und +wurde wie Purpur. + +"Herrin", sagte der Kanzler, "die Krone begehrt Euch. Erbarmt Euch +Eures Volkes, und vertretet es bei Pescara! Ich sage nicht: +liebkoset, umgarnet, verleitet ihn! Ich verschwöre mich nicht mit +Euch, ich verabrede keine Rollenteilung, ich lasse Euch reisen, ich +laufe mit Euch in die Wette, wer ihn zuerst erreiche. Und seid Ihr +die erste, so umfanget seine Knie und redet aus der Fülle Eures +Herzens und flehet: Pescara! Ich bin Italien und liege zu deinen +Füßen: erhebe mich und nimm mich an deine Brust!" + +Victoria war gerührt, und auch der Kanzler vergoß Tränen. + +"Erlauchte Frau", sagte er, "wer bin ich, der so zu Euch reden darf! +Ich bin nicht wert, daß ich den Saum Eures Gewandes küsse. Ludwig +der Mohr, mein allergütigster Herr, hat mich in Mailand von der Gasse +aufgelesen und wie einen drolligen kleinen Pudel zu seinen Füßen +spielen lassen. Da habe ich meine Erziehung genossen und an seinem +Hofe und später in seinem Dienste das Gesicht und die Gebärde meiner +Zeit, den ganzen ausgelassenen Triumphzug des Jahrhunderts betrachtet. + +Der arme Mohr! Sein Unstern und die Franzosen entführten ihn nach +Loches, wo er zehn lange Jahre im Kerker schmachtete. In seinem +letzten habe ich ihn dort wiedergesehen; denn damals, durch die Macht +der Umstände, befand ich mich in französischem Dienste, und mich +verlangte nach dem Antlitz meines Wohltäters. Da ich ihn erblickte, +erschrak ich und hatte Mühe, ihn zu kennen. Er sah wie ein Geist: +Kerker und Elend hatten seine Miene seltsam veredelt. Erst da er den +Mund öffnete, fand ich mich wieder in ihm zurecht. Er lächelte und +sagte in seiner unvergleichlich feinen Weise: 'Bist du es, Girolamo? +Es ist hübsch von dir, daß du mich besuchest. Ich verarge dir nicht, +wenn du in den Dienst meines Feindes getreten bist. Die Umstände +zwingen, und wie ich dich kenne, wirst du meinen Söhnen noch ein +treuer Freund und Berater sein, wenn das Rad der Fortuna sich +wiederum gedreht haben wird. Du bist nun ein gereifter Diplomat +geworden und verrätst keine schlechte Schule. Weißt du noch, wie ich +dir untersagte, dein komisches Gesicht wegzulegen und dein +Gebärdenspiel zu mäßigen, mit welchen du dir jetzt deine neuen +Freunde gewonnen hast?' + +So scherzte er eine Weile großmütig, dann aber redete er ernst und +sagte: 'Weißt du, Girolamo, was mich hier in meiner Muße beschäftigt? +Nicht mein Los, sondern Italien und immer wieder Italien. Ich +betraure als die Qual meiner Seele, daß ich, vom Weibe verlockt, den +Fremden gerufen habe, mit dem ihr jetzt rechnen müßt und der ein +zerstörender Teil eures Körpers zu werden droht. Ich aber sinne, wie +ihr wieder euer werdet. Da war der Valentino, jener Cäsar Borgia, +der versuchte es mit dem reinen Bösen. Aber, Girolamo, mein Söhnchen, +das Böse darf nur in kleinen Portionen und mit Vorsicht gebraucht +werden, sonst bringt es um. Da ist jetzt der Rovere, dieser Papst +Julius, der auf einer Donnerwolke gegen den Fremden fährt, welchen er +selbst gerufen hat, nicht minder als ich. Aber der Greis verzehrt +sich, seine gewalttätige Seele wird bald in den Hades schweben, und +nach ihm bleibt der gewöhnliche Hohepriester, der zu schwach ist, +Italien zu gründen, doch gerade stark genug, um jeden andern an dem +Heilswerke zu hindern. + +Girolamo, mein Liebling: ich glaube nicht, daß mein Italien untergeht, +denn es trägt Unsterblichkeit in sich; aber ich möchte ihm das +Fegefeuer der Knechtschaft ersparen. Gib acht, Söhnchen: ich lese +zwischen deinen Augen, daß du noch eine Rolle spielen wirst in dem +rasenden Reigen von Ereignissen, der über meinen lombardischen Boden +hinwegfegt. Tritt eines Tages aus diesen wechselnden Bildungen eine +Macht und aus diesen flüchtigen Gestalten eine Person, aber weder ein +Frevler noch ein Priester, sondern ein Feldherr, der den Sieg an +seine eiserne Sohle fesselt, wer und wessen Stammes er sei, nur kein +Fremder, dem gib du dich, mit Leib und Seele! Was an List und Lüge +notwendig ist--denn anders gründet sich kein Reich--, das übernimm du, +mein Söhnchen, er aber bleibe makellos!'" + +Der Kanzler war aufgesprungen. Seine begeisterte Rede riß ihn, ohne +daß er es merkte--und auch die ergriffene Victoria merkte es nicht--, +weit über die Grenze der Wahrheit. "Diesem Erkorenen", rief er aus, +"stehe das schönste und reinste Weib zur Seite! Italien will die +Tugend leiblich einherschreiten sehen, um ihr nachzuleben. Unser +Verderben ist die Entfesselung aus der Sitte, der zerrissene Gürtel +der Zucht. Hier ist ein Sieg davonzutragen, größer als der auf dem +Schlachtfelde, und ein Zauberstab zu schwingen, mächtiger als der +Feldherrnstab. Ich sehe sie vor mir, diese Königin der Tugend, die +Priesterin, die das heilige Feuer hütet, die Erhalterin der +Herrschaft, und, Hosianna! ganz Italien wandelt hinter ihren +Schritten, lobpreisend und frohlockend!" Der Kanzler machte Miene, +Viktorien huldigend zu Füßen zu stürzen, doch er trat zurück und +flüsterte verschämt: "So sprach Ludwig der Mohr in seinem Kerker." + +Victoria senkte die Augen, denn sie fühlte, daß sie voller Wonne +waren und brannten wie zwei Sonnen. + +Da sagte der Kanzler: "Ich habe Euch ermüdet, edle Frau, die Augen +fallen Euch zu. Ihr müsset morgen frühe auf und seid schwer von +Schlummer." Und der Listige trat in die Nacht zurück, die sich +inzwischen auf die Ewige Stadt gesenkt hatte. + + + + +Drittes Kapitel + + +An einem Fenster, dessen Blick über die Thürme von Novara und eine +schwül dampfende Ebene hinweg die noch morgenklaren Schneespitzen des +Monte Rosa erreichte, saß Pescara und arbeitete an dem Entwurfe des +Feldplanes, der das Heer des Kaisers nach Mailand führen sollte. So +unablässig ging er seinem Gedanken nach, daß er die leisen Tritte des +Kammerdieners nicht vernahm und ihn erst gewahr wurde, als jener die +Limonade bot. Während er das leichte Getränk mit dem Löffel umrührte, +bemerkte er: "Ich schelte dich nicht, Battista, daß du heute nacht +gegen meinen ausdrücklichen Befehl bei mir eingetreten bist. Du +magst, nebenan schlafend, mich wohl schwerer als gewöhnlich atmen +gehört haben--ein Alp, eine Beklemmung... nicht der Rede wert." Er +nahm einen Schluck aus dem Glase. + +Battista, ein schlauer Neapolitaner, verbarg seinen Schrecken unter +einer devoten Miene. Er log und beteuerte bei der heiligen Jungfrau, +er habe geglaubt sich bei Namen rufen zu hören, nimmer hätte er sich +erdreistet, ohne Befehl das Schlafzimmer der Erlaucht zu betreten, +während er doch in That und Wahrheit ungerufen und gegen ein strenges +Verbot seines Herrn aus einer schönen menschlichen Regung diesem +beigesprungen war. Er hatte ihn schrecklich stöhnen hören und dann +in seinen Armen auf dem Lager emporgehalten, bis der Feldherr den +Atem wiederfand. + +"Es war nichts", wiederholte dieser, "ich bedurfte keinen Beistand. +Doch will ich dich, wie gesagt, nicht schelten, jetzt, da wir uns +trennen müssen. Ich verliere dich ungern, aber Sohnespflicht geht +vor. Und da deine greisen und siechen Eltern in Tricarico darben, +darf ich dich nicht halten. Gehe und bereite ihnen ein sorgenloses +Alter. Als perfekter Barbier und zungenfertiger Schelm, wie ich dich +kenne, wirst du dir überall zu helfen wissen. Gehe mit Gott, mein +Sohn, du sollst mit mir zufrieden sein." Und er ergriff die Feder. + +Battista fiel aus den Wolken. Er verschwor sich mit einer +verzweifelten Gebärde, dieses Mal der Wahrheit gemäß, sein Vater sei +längst im Himmel und seine Mutter, die Carambaccia, gewerbsam und +kerngesund und fett wie ein Aal. Der schreibende Feldherr erwiderte: +"Du hast recht, Battista, in Potenza wohnen deine armen Eltern, nicht +in Tricarico, doch das liegt nahe beisammen." Er reichte dem +verabschiedeten Diener eine Kassenanweisung. + +So niedergeschmettert Battista sein mochte--er wußte, ein Wort +Pescaras sei unwiderruflich--, ließ er doch blitzeschnell einen +schrägen Blick über die Ziffer der Summe gleiten, welche nur eine +bescheidene war. Der Feldherr verschwendete weder im großen noch im +kleinen, weder das Gut des Kaisers noch das seinige. Auch hütete er +sich wohl, den Barbier durch eine allzu reiche Spende auf die +Wichtigkeit des Vorfalles aufmerksam zu machen und in den Schein zu +kommen, als wolle er sein Schweigen erhandeln, denn er war völlig +überzeugt, daß Battista bei erster Gelegenheit sein Wissen noch +teurer verkaufen würde, dort, wo man ein Interesse hatte, von dem +leiblichen Befinden des Feldherrn genau unterrichtet zu sein. + +Schmerzlich enttäuscht und seine Geburtsstunde verwünschend, fiel +Battista dem gnädigen Herrn zu Füßen, umfing ihm das Knie und küßte +ihm die Hand. "Lebe wohl", sagte dieser, "und räume das noch ab." +Er wies auf das Geschirr und winkte den Übertreter seines Befehles +freundlich weg aus seinem Dienste. + +Bevor er sich wieder in seinen Plan vertieft hatte, klirrte draußen +ein fallender Löffel und ein in Scherben springendes Glas, und der +Herzog von Bourbon, der den vernichteten Battista unsanft beiseite +geworfen, zeigte unangemeldet seine hohe schlanke Gestalt, denn er +hatte zu jeder Stunde freien Eintritt bei dem Feldherrn. + +"Hoheit?" wendete sich Pescara gegen ihn und erhob sich vom Sitze. + +"Um Vergebung. Ich war im Begriffe, zu meinen Truppen zu verreiten", +erklärte der Herzog, "da kam mir in der Vorstadt ein reisender +Kaufmann unter die Augen, welcher eben vor der Pforte des Arztes Euer +Erlaucht, des Messer Numa Dati, von seinem Maultier absaß. Hätte die +Gestalt nicht ein würdiges Antlitz getragen, ich hätte darauf +geschworen, meinen unvergeßlichen Freund, den Kanzler von Mailand, zu +erblicken. Ich ließ einen meiner Leute sich nach dem Fremdling +erkundigen und erfuhr, der Reisende sei ein Gastfreund des Arztes, +ein Juwelier aus Mailand namens Scipione Osnago. Vielleicht, oder +auch nicht, sondern eine der zahlreichen Larven des vielgestaltigen +Kanzlers. Er schiebt den Leib auf eine gewisse Weise, die sich +schwer verleugnen läßt, und da ich noch nicht durch das Tor war, ritt +ich leicht wieder zurück, um Euch den wahrscheinlichen Besuch dieses +kostbaren Mannes zu melden." + +"Ich erwartete ihn längst mit den Ausflüchten und Beteuerungen des +Mailänders", erwiderte der Feldherr. "Da er aber nicht erschien und +wir aus guten Quellen wußten, sein Herzog fahre fort zu befestigen +und zu rüsten, begann ich auf den Kanzler zu verzichten. Nun kommt +er zu spät. Morgen, um Mitternacht, verläuft die dem Herzog gegebene +Frist. Schlag zwölf marschieren wir; es wäre denn, Morone brächte +große Neuigkeiten." + +"Ja, dieser Morone!" plauderte der Bourbon. "Der wird schon etwas +gebraut haben. Da ich unser Ultimatum nach Mailand brachte, sah ich +es hinter seiner Stirne wimmeln wie in einem Ameisenhaufen. Ihr +macht Euch keinen Begriff, Marchese, was das für ein frecher Kopf ist. +Während ich in Mailand regierte und er mein Rat und Schreiber war, +hat er mich über Tisch--denn ich liebte es, mit ihm zu speisen und +mich an seinen Fabeln und Einfällen zu ergötzen--auf alle Throne +gesetzt und mit allen Fürstinnen gekuppelt. Und das Tollste: es war +Verstand in dem Unsinn. Ich bin doch neugierig, was er wieder +ausgeheckt haben wird, um sich und seinem Herzog aus der Klemme zu +helfen. Sicherlich etwas ungeheuer Geniales, einen Gipfel, einen +Abgrund. Wenn er zum Beispiel"--der Herzog lachte herzlich--"uns +beiden kaiserlichen Feldherrn die Führung der Liga böte und als +Handgeld zwei verlockende italienische Kronen aus den Falten seiner +Toga zum Vorschein brächte?" + +"Hoheit scherzt!" + +"Wie anders, Marchese!" erwiderte der Herzog und wollte sich +beurlauben. Da ergriff er noch die Hand des Feldherrn und sagte in +einem weichen Tone, der eine vor der Welt verheimlichte Freundschaft +enthüllte: "Pescara, ich danke dir, daß du mir Leyva vom Halse hältst, +indem du mir den rechten Heerflügel gibst und ihm den linken. Ich +mag mit dem Unleidlichen nicht zusammenreiten. Es entstände Unglück +und größeres als jüngst auf dem Markte von Novara. Er könnte sich +wiederum gegen mich vergessen, und ich müßte ihn niederstoßen wie +einen tollen Hund." Er sagte es leise mit gesenktem Blick. + +Pescara behielt die Rechte des Herzogs und warnte und bat. "Welch +ein Auftritt!" sagte er. "Hier auf offenem Markte, wegen der +Armseligkeit eines bestrittenen Quartieres! Ich versendete Leyva +gleich nach Neapel, um vom Vizekönig Truppen für unsern Feldzug zu +verlangen, obwohl ich weiß, daß er keine abgeben kann, nur um Euch +die Verlegenheit und den Anblick eines verhaßten Gesichtes zu +ersparen. Wie konntet Ihr das gegen einen Mitfeldherrn! Das war +nicht gut. Das ist beklagenswert. Das darf sich nicht wiederholen, +ich bitte Euch darum." + +"Der Anlaß war nicht der Rede wert, Pescara, aber--" + +"Das schlimme Wort, das Leyva gebraucht hat, war, nach Zeugen, er +lasse sich nichts bieten von einem Vornehmen, und Ihr zoget und Eure +Leute mußten Euch halten." + +"Oh", flüsterte der Herzog, "von einem Vornehmen? Ich habe feine +Ohren. Es war ein anderes Wort... das ich dem Kaiser und dem Papst +in die Kehle zurückstieße!" + +"Ein anderes Wort?" sagte Pescara, um seine Frage sogleich zu bereuen, +da er den Herzog erbleichen und völlig fahl werden sah. Er erriet, +daß der alte Leyva gemurrt, er lasse sich nichts bieten von einem +Verräter, oder daß das wunde Gewissen des Bourbon so verstanden hatte. + +Die unausgesprochene Freundschaft, die den einfachen Adeligen und den +Mann von königlichem Geblüte verband und die das Wunder that, zwischen +zwei jugendlichen und schon berühmten Feldherrn mit nicht völlig klar +geschiedenen Gewalten und Befugnissen die natürliche Eifersucht zu +ersticken, beruhte einfach auf dem Bewußtsein des Herzogs, daß seine +Verbündung mit dem Feinde Frankreichs der Achtung Pescaras keinen +Eintrag tue. War es Klugheit, war es Gleichgültigkeit gegen die +sittlichen Dinge, war es Freiheit von jedem, auch dem begründetsten +Vorurteil, oder war es die höchste Gerechtigkeit einer vollkommenen +Menschenkenntnis, was immer--Pescara hatte den in kaiserlichen Dienst +tretenden fürstlichen Hochverräter mit offenen Armen empfangen und +mit der feinsten Mischung von Kollegialität und Ehrerbietung +behandelt. Vielleicht auch hatte er in diesem Zerrütteten, der sich +selbst verfluchend sein Vaterland mit fremden Waffen verwüstete, den +ursprünglichen und unzerstörbaren Adel erkannt. Dafür war der Herzog +Pescara dankbar. Der Feldherr, die Hand des Unseligen in der +seinigen, redete ihm mit sanfter Stimme zu: "Gespenster, Hoheit! Ihr +habet gehört, was nicht gesprochen wurde. Werft hinter Euch! +Verschüttet den Abgrund mit Lorbeer! Seid Ihr nicht der Liebling des +Kriegsgottes? und ein Meister der Staatskunst? Sind nicht wir beide +noch Jünglinge mit unzähligen Tagen, diesseits der Lebenshöhe, kaum +in der Hälfte der Dreißig, und im ersten Drittel eines Jahrhunderts, +das überquillt von großen Möglichkeiten und weiten Aussichten! Unser +die Fülle des Daseins! Karl, laß uns leben!" + +Der Bourbon vernahm nicht den verstohlenen Seufzer, welcher sich der +Brust des Feldherrn entwand. Er drückte heftig die Hand Pescaras, +und seine dunkeln Augen blitzten eroberungslustig. Dann, um seine +innere Bewegung zu verbergen, sprang er nach seiner Weise mit beiden +Füßen ins Zynische über. Der feurige Ton Pescaras hatte seine +frechste Jugendlichkeit erweckt. "Und schöne Männer sind wir!" +jubelte er. "Du begreifst, Gatte der prächtigen Victoria, daß sich +mir Herz und Magen umkehrte, da mich diese Porcaccia, die +Königinmutter, um jeden Preis zum Manne haben wollte! Siehst du mich +als den Vater König Franzens? O das liebe Stiefsöhnchen! 'Madame', +sagte ich und machte ihr eine tiefe Verbeugung, 'es geht nicht. Ihr +würdet mich mit Eurer Nase vom Bette stoßen!'--und ganze Wendung und +über die Grenze!" Während er eine ausgelassene Lache aufschlug, trat +der vom Staub der Reise bedeckte Del Guasto ein, begrüßte den Ohm und +Feldherrn und verneigte sich vor der lustigen Hoheit. + +Dann wendete er sich wieder gegen Pescara, welchen er mit erstaunten +und bewundernden Augen betrachtete, als hätte die von der +italienischen Verschwörung dem Feldherrn angesonnene Rolle dessen +Gestalt vergrößert, und erzählte: "Wir verritten von Rom, nicht zur +Freude der Herrin in zahlreicher Gesellschaft, mit Leyva, der aus +Neapel zurück ist, und mit einem Vornehmen, von königlichem Geblüte, +wie sie sagen, der sich Moncada nennt und den Ihr kennen werdet. Er +bringt Euch eine Botschaft des Vizekönigs. Ich gewann einen +Vorsprung, um Donna Victoria anzumelden. Sie strahlt vor Freude, +Euch wiederzusehen, und schließt zugleich fest die Lippen, denn sie +bringt ein politisches Geheimnis, wie ich vermute, und ein +päpstliches Mysterium, wie ich ahne, und dieselbe Donna Victoria legt +die Stirn in zornige Falten gegen Euren bei ihr in Ungnade gefallenen +Neffen, den sie vor Euch in aller Form Rechtens verklagen wird. +Wegen etwas Menschlichem", lächelte er. + +"Oder etwas Unmenschlichem", spottete Pescara. "Meldet Ihr sonst +etwas, Don Juan?" + +"Wenn mich meine Augen nicht getäuscht haben, die Ankunft des +Kanzlers von Mailand." + +"Ah!" lachte Bourbon. + +"Ich bin mit ihm schon in Rom zusammengestoßen, unfern des Palastes +Colonna, da ich nächtlicherweile dahin zurückkehrte. Längs der Mauer +sah ich etwas Diebisches in langer Gewandung schleichen, und da ich +das Verdächtige mit der Fackel meines Dieners beleuchtete, war es die +unverschämte Stumpfnase und unter einem Juristenbarett das freche +Kraushaar, das ich von Pavia her kenne, wohin der tolle Kanzler, wie +sie ihn nennen, nach der Schlacht Euch zu beglückwünschen kam. Er +mag Donna Victoria eine letzte Heimlichkeit des Papstes gebracht +haben, bei welchem sie sich an jenem Nachmittage verabschiedet hatte." +Er sagte das mit einer versteckten Bosheit. + +Der Feldherr blickte streng. "Don Juan", sagte er, "Ihr habet Euch +um den Wandel Donna Victorias nicht zu kümmern und noch weniger ihn +zu beaufsichtigen. Jeden ihrer Schritte, ihre leiseste Miene und +Gebärde billige und lobe ich zum voraus." + +Don Juan verneigte sich. "Unterwegs nach Novara", fuhr er fort, "bin +ich ihm dann noch mehrere Male begegnet, das heißt einem gewissen +Fruchthändler Paciaudi aus den Marken mit einer gräulichen Warze auf +der Nase, welcher mir, da ich ihn anredete, nicht vorenthielt, er sei +ein zugrunde gerichteter Mann: eine unvermutete päpstliche Maßregel +verbiete die Ausfuhr, und er habe einen strengen Lieferungsvertrag +mit Euer Erlaucht. Dabei schob und gebärdete er sich nicht viel +anders als der Kanzler. Dieser hat gegenwärtig allerhand Geschäfte +und nimmt die possierlichsten Figuren an. Man findet ihn überall auf +der Halbinsel wie--ohne die fernste Vergleichung--Eure große Gestalt." + +"Was wollt Ihr sagen, Don Juan?" + +Del Guasto, der vor nichts erschrak, zögerte doch mit der Antwort vor +der kalten Miene Pescaras, und dann hielt ihn die Anwesenheit des +Herzogs zurück. + +"Ich habe kein Geheimnis vor der Hoheit", sagte der Feldherr. "Redet, +Don Juan." + +Trotz diesem Befehle kam dem verwegenen Jüngling die allgemeine Rede +an diesem Orte und zu dieser Stunde, mitten im kaiserlichen Lager und +während er durch das Fenster den taktfesten Schritt eines +vorbeimarschierenden spanischen Heerhaufens vernahm, so ungeheuerlich +vor, daß er der schamlosen Öffentlichkeit der italienischen +Verschwörung ein leichtes Gewand umwarf. + +"Ohm", berichtete er geringschätzig, "wovon mir noch immer die Ohren +gellen, das ist ein wütender Streit, welcher unter allen Ständen, in +Schenken und Barbierstuben, auf den Ballspielplätzen und, wie ich +glaube, bis in die Plauderecke der Sakristeien ausgebrochen ist--über +das wahre und gültige Vaterland der Avalos: ob wir Neapolitaner sind +oder Spanier. Und nicht genug an Geschrei und Gebärde, auch Blätter +und Schriften voll von unserm Ursprung flattern durch die Luft." + +Der Feldherr zuckte die Achseln. "Das Geschreibsel", sagte er, "fand +sich auch über meine Tische verstreut, ich habe es weggeworfen. +Müßiges Gezänke." + +Don Juan wurde hartnäckig. "Zugleich erzählte man mir, daß an den +Universitäten unter Juristen und Theologen wieder heftig über Umfang +und Grenzen des päpstlichen Lehensrechtes auf Neapel gestritten wird." + +"Das überlassen wir diesen Gelehrten. Nicht wahr, Hoheit?" scherzte +Pescara. "Und was das Vaterland der Avalos angeht, Neffe, so rate +ich dir, Ehre zu halten, spanische oder neapolitanische." + +Jetzt meldete der diensttuende Page, ein zarter Knabe mit großen +unschuldigen Augen, ein Enkel des Arztes Numa Dati und der Bruder der +von Del Guasto zerstörten Julia, den Besuch eines Apothekers namens +Baldassare Bosi aus Orvieto, welcher mit einem Paket im Vorzimmer +stehe und sich durchaus nicht abweisen lasse. Er sei bei dem +Großvater abgestiegen, der dem Gaste diesen Zettel für die Erlaucht +gegeben habe. Der Knabe überreichte das Papier, auf welchem mit +verzitterten Zügen "Morone" geschrieben stand. + +Pescara besann sich einen Augenblick. "Weiß der Fremde die Gegenwart +der Herrschaften?" fragte er den Pagen. + +"Ich denke nicht, Erlaucht", antwortete dieser. + +"So führe ihn ein, aber erst, wann ich rufen werde. + +Jetzt wendete er sich rasch gegen den Herzog. "Hoheit muß mir einen +Gefallen thun. Da Sie für möglich hält, daß der Kanzler von Mailand +mit mir konspirieren will, würde ich gegen die gewöhnlichste Vorsicht +fehlen, wenn ich den Menschen, der draußen steht, ohne Zeugen mit mir +reden ließe. Ich muß solche haben, zwei höchst glaubwürdige Zeugen, +wo nicht unserer Gesichter, doch eines jeden unserer Worte, damit +nicht der Argwohn von Madrid, noch die Eifersucht unsers Leyva, +noch"--er dämpfte die Stimme--"jener Verderbliche, mit welchem Ihr +geritten seid, Don Juan, und der unter dem Vorwand einer Botschaft +des Vizekönigs mich hier umlauern soll, Grund finde, mich, ich sage +nicht des Verrates, sondern nur eines falschen Schrittes zu +bezichtigen. Hören aber will ich den Kanzler, der mir in seiner +Torheit und Leidenschaft die Pläne und Mittel des Feindes enthüllen +wird. Er kann es wie kein anderer. Unter dem Zwang dieser Umstände +lasse sich Hoheit herab, den Lauscher zu machen. Und Ihr, Del Guasto, +leistet der Hoheit Gesellschaft." Er schritt auf einen schweren +roten Vorhang mit goldenen Quasten zu, dessen breite Falten den +Eingang in ein Nebenzimmer bis auf die Schwelle nieder verbargen und +den er jetzt auseinanderschlug. "Hier ist Hoheit aufgehoben", sagte +er. + +So sehr den Herzog das würzige Abenteuer lockte, stand er doch einen +Augenblick unschlüssig. "Aber wenn Morone die Decke hebt?" fragte er, +und der Marchese erwiderte: "Das wird er nicht. Keine Besorgnis. +Ich stehe dafür." Del Guasto blähte die Nüstern vor Wollust. Er +rückte einen Schemel für den Herzog, hinter dessen Schultern er +Stellung nahm als der zweite Lauscher. Der rote Vorhang zog sich +zusammen. Pescara aber fühlte sich von dem Pagen Ippolito +umschlungen, der an ihm emporflüsterte, mit Tränen in den Augen: "Es +ist kein Apotheker mehr, sondern ein Zauberer in langen schwarzen +Gewändern mit einem Talisman auf der Brust und einem schrecklichen +Gesichte!" + +"Furchtsamer Junge! Bring ihn!" + +"Da ist er schon!" schrie Ippolito und flüchtete sich. + +"Ihr, Morone? Und im Staatsgewand? Doch von der Reise erhitzt, wie +ich sehe. Eure drei Masken haben Euch wohl den Atem benommen." + +Morone atmete schwer und hörbar. Schweißtropfen quollen ihm auf der +Stirn. Er stand wortlos. + +"Was bringt Eure Weisheit?" fragte der Feldherr mit ernsthaften Augen +und empfing von dem Stammelnden keine deutliche Antwort. Nach einer +Pause ergriff Pescara mit spielender Hand die Münze, welche der +Kanzler an einer schweren goldenen Kette auf der Brust trug. "Ein +Lionardo, Kanzler? Und wen stellt es dar? Den Mohren? Ein +geistvoller Kopf!" + +Aber selbst an seinen geliebten Herrn vermochte der Kanzler nicht +anzuknüpfen, so völlig war er außer Fassung. + +Da begann der Feldherr ohne weitere Einleitung: "Euer Herzog, Morone, +wünscht günstigere Bedingungen? Es könnte Rat werden, sobald mich +die Hoheit von ihren guten Absichten überzeugt haben wird. Nehmen +wir einmal mein Ultimatum Punkt um Punkt miteinander durch." Er trat +an den Tisch und suchte ein Papier. + +Nun empfand er einen heißen Atem an der Wange, und ein Geflüster +füllte sein Ohr. "Pescara", keuchte es, "nicht darum handelt es sich, +sondern Italien gibt dir sein Heer!" + +"So ist es gut", erwiderte der Feldherr, ohne den Kopf zu drehen. +"Es unterwirft sich dem Kaiser?" + +Da schrie es hinter ihm: "Nicht dem Kaiser, sondern dir, wenn du von +ihm abfällst!" + +Jetzt wendete sich Pescara gegen den Tollkühnen und drohte mit +feindseliger Gebärde: "Du rasest! Ich weiß nicht, was mich abhält, +dich zu ergreifen und aus dem Fenster zu werfen!" + +Der Kanzler blieb furchtlos und schrie zum andern Male mit flammenden +Augen: "Diese Stunde bietet dir deine Größe, Pescara! Laß sie nicht +vorüber! Du würdest es bereuen! Du würdest daran sterben! + +"St! Wie du schreist! Wenn man lauschte! hinter diesem Vorhang... +wenn ich selbst... hältst du mich dessen für unfähig? Überzeuge dich +doch und hebe die Decke!" + +Morone war wieder völlig im Besitze seiner selbst, nachdem er die +Scham und den Schreck der ersten Worte überwunden hatte. "Pescara", +sagte er, "ich habe stets gefunden, daß der Schlaueste und am meisten +Argwöhnische endlich doch an eine Stelle tritt und an einem Abgrunde +steht, wo er trauen und glauben muß. So der Valentino mit dem Rovere, +so mein geliebtester Herzog der Mohr mit seinen Hauptleuten und +Schweizern." + +"Beide wurden verraten, Morone!" + +"Ja, Pescara, aber der feine Mohr und der ruchlose Borgia, beide +gingen sie vertrauend unter, und das war ein heller Schimmer von +Menschlichkeit über dem Dunkel ihres verdienten Sturzes. Wenn ich +das Größte wage und von dir das Größte fordere, werde ich in diesem +heiligen Augenblicke so lächerlich sein, einen Vorhang zu heben, wie +ein betrogener Ehemann, der den versteckten Buhlen seines Weibes +sucht? Nein, ich gebe mich preis! Höre mich an, und dann +überliefere mich dem Blocke, wenn du darfst!" + +"Das ist nicht klein", sagte Pescara ohne Spott und fügte dann +zweifelnd hinzu: "Ob ich dich höre? Meine Neugierde ist rege, das +bekenne ich, und einem so heroischen Menschen darf ich doch nicht +einfach die Türe weisen. Zuerst aber saget mir, Kanzler: Habe ich +Euch oder Eurem Fürsten Grund oder auch nur den geringsten Anlaß +gegeben, meine Feldherrntreue zu beargwöhnen?" + +Der Kanzler verneinte. + +"Viel Unwahres wird geredet: die Majestät habe mich schlecht belohnt, +und ich soll dieses schwer empfunden haben. Fußet Ihr auf diesem +Undanke des Kaisers und auf diesem Grolle Pescaras, so tut keinen +Schritt weiter: Ihr würdet in den trügerischen Boden versinken." + +"Da fuße ich nicht." + +"Oder ermutigt Euch jene öffentliche Rede Italiens, die mir +schmeichelt und mir droht, mich verherrlicht und verdächtigt? Diese +italienische Meinung ist eine heimtückische Sache. Sie soll mich in +Madrid entwurzeln und in Italien vergewaltigen. Ich habe vorgebeugt +und die arglistigen Schriften wie in einen Käfig eingesperrte +Schlangen dem Kaiser überliefert. Habet Ihr Eure Finger auch in +dieses Gift getaucht, Morone?" + +Der Kanzler erbleichte. "Bei den Göttern der Unterwelt, daran trage +ich keine Schuld!" rief er aus. + +"Du willst mich nicht überlisten, Kanzler, so willst du mich +überreden?" + +"Nein." + +"Was denn?" + +"Überzeugen." + +"Das Beste. Aber es wird Zeit kosten. Setzet Euch, Kanzler!" Er +rückte mit rascher Bewegung zwei Stühle, und jetzt saßen sie sich +gegenüber, Morone mit vorgebogenem Leib und Knie, während der +Feldherr nachlässig zurücklehnte. + +"Pescara, welches ist die schönste deiner Schlachten, das Wunder der +Kriegskunst?" + +Der Feldherr gab keine Antwort, da sich diese von selbst verstand, +aber er that einen leichten Seufzer. + +"Und was hat der Kaiser aus deinem Siege von Pavia gemacht?" + +Ein Blitz fuhr aus dem grauen Auge Pescaras. "Er hat ihn +verstümpert", murmelte er. + +"Du gabst ihm einen erbeuteten König, und Karl weiß nichts mit ihm +anzufangen! Er preßt ihn wie ein Wucherer. Er verlangt Vielfältiges +und Unmögliches statt des Möglichen und Einfachen. Verzichte auf +Italien, Bruder, so hätte ein großer Sieger zu König Franz geredet, +das ist dein natürliches Lösegeld, und das kannst du, ohne deinem +Frankreich wehe zu thun. Verzichte und ziehe!" + +Pescara lächelte. "Du bist ein gefährlicher Mensch, Morone, wenn du +Gedanken errätst. Aber nicht ich, du hast ihnen Worte gegeben. Ich +habe nichts gesprochen." + +"Ich danke dem Kaiser!" fuhr der Kanzler sich begeisternd fort. "Er +hat die Siegesgöttin von Pavia beleidigt, und sie kehrt zu dir, mein +Pescara, zurück! Nicht nur für, auch gegen den Kaiser hat sie +gekämpft. Sie hat Italien gegen die Fremdherrschaft vereinigt. Sie +hat ihm seinen Feldherrn gezeigt. + +Mein Pescara, welche Sternstellung über dir und für dich! Die Sache +reif und reif du selbst! Eine entscheidende Zeit, ein verzweifeltes +Ringen, Götter und Titanen, Freiheit sich aufbäumend gegen +Zwingherrschaft, die Welt heute noch Bewegung und Fluß, morgen +vielleicht zur Lava erstarrend! Und eine That, die für dich +bereitliegt und zu welcher du geboren wurdest! Zuckt dir die +formende Hand nicht danach? Ein vernünftiges Werk, eine ewige +Gründung! Blick auf die Karte und überschaue die Halbinsel zwischen +zwei Meerfarben und dem Schnee der Gebirge! Befrage die Geschichte: +ein lebendiges Geflecht, oft gewaltsam zerrissen und immer wieder +zusammenwachsend, von Republiken und Fürsten, mit zwei alten Feinden, +zwei falschen Ideen, zwei grausamen Chimären, Papst und Kaiser! +Siehe den ausgestreckten Finger Gottes, daran sich eine neue +Menschheit emporrichtet: eine sich selbst regierende und vereitelnde +Menschheit ohne höchstes Amt, weder weltliches noch geistliches, ein +Reigen frei entwickelten Genien, ein Konzert gleichberechtigter +Staaten--" + +Pescara ergriff den beschwingten Redner am Arm, als wollte er ihn +festhalten. "Fliege mir nicht davon, Girolamo!" scherzte er. + +Dieser riß sich los und: "Laß dich nicht hindern an diesem göttlichen +Werke", rief er, "durch abergläubische Vorurteile und veraltete +Begriffe, die weder in deinem Kopfe noch in deinem Herzen, noch in +der Natur der Dinge sind. Ich kenne dich, Pescara: du bist ein Sohn +Italiens und wie dieses erhaben über Treue und Gewissen!" + +"Ihr seid doch ein lasterhaftes Geschlecht, ihr Italiener", lächelte +Pescara. "Aber du machst dich größer im Bösen, als du bist: denn +diese Weisheit kommt nicht von dir, sondern euer Dämon, der +Florentiner, hat sie dir eingeblasen. Lebt er noch?" + +Der Kanzler wußte, wen Pescara meinte. "Er darbt, vergessen und +verachtet", erwiderte er mit Beschämung, "unser größter Geist." + +"Verdientermaßen. Es gibt politische Sätze, die ihre Bedeutung haben +für kühle Köpfe und besonnene Hände, die aber verderblich und +verwerflich werden, sobald sie ein frecher Mund ausspricht oder eine +strafbare Feder niederschreibt. Doch das sind Allgemeinheiten, und +alles käme auf die Anwendung an. Wie denkst du dir zum Beispiel, +Kanzler, das Thatsächliche meines Verrates?" Dieser öffnete den Mund, +als hätte er unerschöpflich zu reden. Da berührte ihn Pescara leise +mit dem Finger. "Sachte, vorsichtig!" warnte er. "Jetzt betrittst +du ein schmales und schwankes Brett: es könnte kommen, daß ich dich +nach deiner Rede als Verschwörer müßte in Fesseln legen lassen. +Sprich nicht in deinem eigenen Namen, rate ich dir, sondern laß dir +eine Maske bieten, wie du sie liebst, und warum nicht die des +verschollenen florentinischen Sekretärs, ob er nun noch unter uns +wandle oder schon im Geisterreiche? Rede, Niccolò Machiavelli! Ich +werde dich schweigend und bewundernd anhören und dir dann doch +vielleicht beweisen, daß du für einen Staatsmann immer noch viel zu +viel Einbildungskraft besitzest. Oh, ich will dich kritisieren, mein +Niccolò! Aber beginne." + +Dieser fortgesetzt scherzende Ton des Feldherrn beleidigte den +Kanzler, und er empörte sich dagegen: "Jetzt sei des Spieles ein Ende. +Erniedrige den nicht zum Schauspieler, welcher sein Leben wagt für +die Rettung seines Vaterlandes! Pescara, ich bitte dich um Ernst!" + +"Um Ernst? Es sei!" erwiderte der Feldherr und schloß die Augen, wie +um besser zu lauschen. Jetzt erschrak der Kanzler einen Augenblick +vor der Blässe und Strenge des magern Angesichtes. Doch er war +entschlossen. + +"Es ist kein Übel, Erlaucht", begann er, "was Ihr dem Kaiser +berichtet habt; es ist gut, daß Ihr Euch so lange als möglich sein +Vertrauen erhaltet und Euch selbst dann noch nicht erkläret, wann der +Papst und die Liga ihr Manifest werden erlassen haben. Inzwischen +befestigt Ihr Eure Stellungen und sichtet Euer Heer." Pescara +runzelte die Stirn. + +"Leyva muß weg", forderte der Kanzler. + +Pescara zählte an den Fingern. + +"Was rechnet Ihr, Pescara?" fragte der Kanzler verwundert. + +Dieser erwiderte ruhig: "Muß Leyva draufgehen, so dürfen meine +deutschen Hauptleute auch nicht leben bleiben, denn sie hangen an +Kaiser und Reich. Ihre Häupter müssen fallen. Oder vergifte ich sie +in einem gastlichen Trunke? Was rätst du, Kanzler?" + +Morone erbleichte. + +"Und was fange ich mit meinen spanischen Edelleuten an? Lasse ich +sie auch ermorden?" + +"Die Kastilianer", antwortete Morone mit klopfendem Herzen, "fallen +wohl zum Kaiser zurück. Die andern verlocket Ihr mit unendlicher +Beute. Sie widerstehen nicht, am wenigsten die neapolitanischen +Aragonesen. Ich kenne diese Rasse: sie gleicht den räuberischen +Helden der Neuen Welt. Denket nur an Euren Del Guasto, welch ein +Ungeheuer!" + +Pescara widersprach nicht. + +"Eure Gemeinen aber, die aus allen Ländern der Erde zusammengeflossen +sind, beherrschet Ihr durch Eure unerschütterliche Seele und durch +Eure eiserne Kriegszucht, nicht zu vergessen einen regelmäßigen Sold, +wie ihn der Kaiser nie zu geben vermochte, Euch aber gehören jetzt +alle Schätze Italiens. Und erlittet Ihr eine Einbuße an Leuten, so +füllet Ihr das Heer aus den Schweizern, die sich nun überallhin +vermieten, seit sie aus Mangel an Führung und an einem Staatsgedanken +ihre schon gewonnene Weltstellung und ihre auswärtige Politik +verscherzt haben." + +"Schade", redete Pescara mit sich selber. Er hatte eine Art +Zärtlichkeit für die Schweizer, die er zweimal überwunden und von +welchen er bei Bicocca, mit einer insbesondere gegen deren rasende +Sturmläufe erfundenen Stellung des Geschützes, in wenig Minuten ein +volles tollkühnes Tausend vernichtet hatte. Er liebte dieses tapfere +Volk, obwohl er seine Speerwunde von Pavia dem Stoß einer +Schweizerlanze verdankte. "Ihre Freiheit wird ihnen bleiben, aber +schade", wiederholte er. + +"Eures Heeres sicher", fuhr der Kanzler fort--"Nehme ich Mailand", +ergänzte Pescara. "Mein Plan ist entworfen." + +"Ihr braucht es nicht zu nehmen, da der Herzog ein Mitglied der Liga +ist, deren Feldherr Ihr seid." + +"Richtig, das hatte ich vergessen. Auf alle Fälle, Mailand ist der +Zentralpunkt. Und dann?" + +"Gebietet Ihr über die Truppen der Heiligkeit, Venedigs und Neapels, +die Kleinern nicht zu nennen." + +"Halt, Morone! Neapel ist spanisch." + +"Nach Neapel habet Ihr dann Euren Neffen gesendet als Euren Vizekönig, +der es durch seine Grausamkeit in wenigen Wochen unterworfen haben +wird." + +"Als meinen Vizekönig? Ich König von Neapel? Seit wann trage ich +die Krone?" fragte Pescara gelassen. + +"Siehe, die geflügelten Füße, die sie Euch bringen, sind vor Eurer +Schwelle", sprach der Kanzler errötend. + +Die kalte Miene des Feldherrn erwärmte sich, wie von einem Strahle +berührt, nicht aus einer Krone, sondern aus dem Lichtkreise seines +nahenden Weibes. "Weiter geträumt, Morone", sagte er. + +"Einmal an der Spitze der vereinigten italienischen Waffen und in +unnehmbaren Stellungen", fuhr der Kanzler mit erstaunlicher +Sicherheit fort, "hindert nichts, daß Ihr Euch mit dem Kaiser +auseinandersetzet, vielleicht sogar ohne Schlacht, denn ich weiß, daß +Ihr, obschon, nein, weil der erste Feldherr der Zeit, das +scharfsinnige Schachspiel und die umfassenden Berechnungen der +Strategie jenen plötzlichen und immerhin blinden Entscheidungen der +Wahlstatt vorziehet. Ich sage, vielleicht sogar ohne Blutvergießen, +denn der Kaiser wird nicht so leicht einen neuen Feldherrn finden und +ein zweites Heer in Italien zusammenbringen, nachdem er Euch und das +Eurige verloren hat, wenigstens wenn ihm Frankreich und England zu +thun geben, laut des von ihnen mit unserer Liga getroffenen Abkommens." + +"Ich kenne Euer Bündnis mit König Franz, sogar seinen Wortlaut", warf +Pescara hin, "kann aber keinen Wert darauf legen. Der König verquält +sich in seinem spanischen Kerker. Um eine Stunde früher auf ein +gesatteltes Pferd zu springen, verrät er Eure Liga hundertmal, wie +ich ihn zu kennen glaube." + +"Noch vor wenigen Tagen", beteuerte der Kanzler mit einem komischen +Gesichte, "hat mir die Regentin Louise von Paris geschrieben, sie +halte das Bündnis fest wie ihre Tugend--" + +Ein Pfiff durchschnitt das Gemach... der Kanzler horchte verwundert. +Es mochte ein Vogel am Fenster vorbeigeschwirrt sein. + +"Es sind noch andere da, die den Kaiser beschäftigen", fuhr er fort, +"der Halbmond und die deutschen Fürsten." + +"Der Halbmond, ja", urteilte der Feldherr. "Mit den deutschen +Fürsten aber und selbst mit ihrer neuen Lehre könnte sich der Kaiser +allenfalls vertragen. Meinst du nicht, Morone?" + +Dieser antwortete denkend: "Es scheint so, aber ist doch nicht, wenn +ich richtig sehe. Jedenfalls nicht mit der neuen Lehre. Der Kaiser +bedarf der Kirche für sein schweres und dunkles Gemüt, das er von der +Mutter geerbt hat. Der neue Glaube verlangt kräftigere Seelen." + +"Verstehst du etwas von diesen Dingen, Kanzler?" fragte der Feldherr +neugierig. + +"Wie sollte ich, Pescara? Ich bin wie du und wir alle ein Bewohner +der Wirklichkeit, ein Kind der Helle, das mit der antiken Weisheit +über das Ende hinaus nichts sieht als Larven und Scheinen und auf +wogendem Nebel die riesigen Spiegelungen wieder dieses unsers eigenen +und irdischen Daseins. Unter denen aber, welche mit dem Volke Gut +und Böse glauben und Leib und Seele und die Fabel eines letzten +Gerichtes, wird jetzt, wie du weißt, unversöhnlich gestritten über +die beste Rüstung an jenem Tage der blasenden Posaune. Unsere kluge +Kirche öffnet ihre Buden und legt verständig ihren Vorrat an guten +Werken zum Verkauf aus. Der deutsche Mönch aber zankt und schreit: +Das ist Plunder! Werft euer Geld nicht weg! Ihr habt es umsonst. +Eure Schulden sind bezahlt. Glaubet es nur, und sie sind nicht mehr! +Solches aber zu glauben, braucht es eine große Tapferkeit, denn es +ist unter dem Unglaublichen das Unglaublichste. Doch bringen es +diese deutschen Köpfe fertig, so brauchen sie gar keine Pfaffheit +mehr und sind in ihrer trotzigen Sicherheit uns Italienern gewaltig +überlegen, die wir ungläubig sind oder abergläubisch. + +Ich rede im groben, Pescara. Aber diese Vorstellungen, nichtig an +sich, werden im Leben zu den realsten Mächten, die kein Staatsmann +vernachlässigen darf. Und du mit deiner großen Aufgabe am wenigsten, +Pescara, wenn du auch selbst ein Gottloser bist, wie ich dich kenne." +Sein Lächeln blieb unerwidert. + +"Hier irrst du dich, Kanzler", sagte Pescara ernst. "Ich glaube an +eine Gottheit, und wahrlich keine eingebildete. Doch in dem andern +hast du recht. Ich habe es mit Augen gesehen. Am Abende meiner +Schlacht"--er meinte die von Pavia--"sah ich im Lazarett zwei höchst +frevelhafte Menschen sterben, einen Deutschen und einen Spanier, +diesen unter seinen Reliquien und in den Armen zweier Priester +zitternd und bebend, jenen allein, doch voller Zuversicht und Freude. +Ich sprach ihn an, denn ich weiß ein paar deutsche Wörter, und +erfuhr, daß er traue und trotze auf den reuigen Schächer. Doch +lassen wir diese Farben der Seele. Zurück zu deiner Sache, denn ich +meine, daß du noch nicht damit zu Ende bist." "Gewiß nicht, Pescara. +Dann erst, wann du durch das Schwert oder durch ein listiges +Abkommen den Kaiser außer Spiel gesetzt haben wirst, dann erst baust +du deine Größe und Italiens Freiheit. Die zwölf Arbeiten des +Herkules! Doch du rufst alle Seiten und Eigenschaften deines Wesens +unter die Waffen: Geduld und Entschluß, Begeisterung und Berechnung, +Arglist und große Gesinnung. Kein Teilchen von dir wird müßig gehen. +Du kennst dich noch gar nicht, Pescara! Dann erst wirst du dich +zeigen als der, welcher du bist, in deinem ganzen Wuchse: für das +Volk ein furchtbarer und wohltätiger Dämon, für das Heer ein +unfehlbarer Sieger, für den Patrioten der Vollender Italiens, für den +Gelehrten der wiederaufgelebte römische Ehrgeiz, für die Fürsten, +soviel du ihrer bestehen lässest, der herrschende Bundesgenosse. Du +beutest alle Möglichkeiten und Begünstigungen des Jahrhunderts aus. +Du wirst der Verteidiger des Papstes und eroberst ihm seine Städte +und Provinzen zurück, die du für dich behältst; du reitest als +Schiedsrichter zwischen der verröchelnden Republik und den Mediceern +in Florenz ein, und sie gehorchen dir beide. Ja sogar die stolze +Fürstin der Hadria zwingst du in deinen Machtkreis! Ich sehe dich", +jubelte Morone, "wie du ihr Doge wirst und dich dem Meere vermählst. + +So wächsest du, bis dich und dein herrliches Weib auf dem römischen +Kapitol tausend frohlockende Arme vergötternd in die Lüfte heben und +dich ganz Italien als seinen König zeigen, welches du dann, wie dir +jetzt, ich fürchte, noch nicht möglich ist, als deinen Besitz und +deinen Ruhm ein wenig lieben wirst, damit endend, womit ich +angefangen habe, denn allein meine Liebe zu Italien, das Beste, das +einzig Gute an mir, wirft mich dir zu Füßen, du Kaltherziger!" Und +er umfing das Knie des Feldherrn mit einer so inbrünstigen Gebärde, +daß dieser aufspringend einer solchen Anbetung sich entzog, aber doch +innerlich ergriffen schien, sei es, daß ihn diese Wahrheit des +Gefühls in einem lügnerischen Geiste fesselte, sei es, daß sein +mächtiger Verstand die angedeuteten Züge seiner und Italiens +möglicher Größe unwillkürlich zu einem lebensfähigen Ganzen +zusammenschloß. + +Er ließ den Kanzler und schritt mit über der Brust gekreuzten Armen +mehrere Male langsam durch das Zimmer, zuletzt wie zufällig wieder +vor ihm stehenbleibend. "Wie viele meiner Jahre verlangst du von mir, +Morone?" warf er hin. + +"Viele, ohne Zweifel", versetzte der Kanzler. "Je mehrere, desto +besser! Nur mit jenen langen und fruchtbaren Pausen, welche die +Dinge still und unaufhaltsam wachsen lassen, unzerstörlich scheinende +Hindernisse zernagen, die Gewissen abstumpfen und beruhigen und +selbst das ursprünglich Frevle entsühnen und heiligen, nur auf +solchen breiten und notwendigen Stufen ist Bleibendes im Staate +erreichbar. Dein bester Verbündeter, Pescara, ist das Leben. Zehn, +zwanzig, warum nicht dreißig Jahre, Pescara? Du stehst ja in der +Fülle der Kraft und schöpfst nur so mit der Hand aus der +überströmenden Quelle. Du hast deinen Schatz kaum noch angegriffen, +und nicht zum wenigsten darum haben dich die unsterblichen Götter +Italiens zu diesem deinem herrlichen Werke berufen, weil du, römisch +gesprochen, ein Jüngling bist und dich noch lange kein Todesschatten +berühren darf!" + +Ein plötzlich hervortretender harter und finsterer Zug hatte das +Antlitz des Feldherrn verwandelt. Er traf den Kanzler mit einem so +feindseligen Blicke, daß dieser um einen Schritt zurückwich. "Weißt +du", drohte er, "daß, wenn mich mein Ehrgeiz überwältigen sollte, das +erste Opfer dein Gebieter, der Sforza, wäre? Denn ich finge damit an, +euer Mailand dem Bourbon zu geben, der mein Alterego, meine rechte +Hand und ein Gonzaga ist. Ich würde es ihm gönnen! Überlieferst du +mir den Sforza?" + +"Bei allen Göttern, nein!" schrie der entsetzte Kanzler. "Ich meinen +Herzog verraten! Niemals! Nimmermehr! Und", rief er empört, "wie +darfst du daran denken, Pescara, unsere reine und heilige Sache mit +dem Borbone zu beflecken!" + +"Sehet diesen Menschen!" verhöhnte ihn Pescara. "Gibt es etwas +Frecheres? Dem armseligsten Fürsten will er Treue halten, und mutet +mir zu, sie meinem erhabenen Kaiser zu brechen! Sehet diesen +unzusammenhängenden Geist! Er verlockt mich zum Verrat und will rein +bleiben von Verrat!" + +"Das ist etwas völlig anderes", wehklagte der Kanzler. "Der +Konnetabel hat sein Vaterland verraten, und du rettest es, indem du +von einem Fürsten abfällst, welcher nicht der deinige ist. Meinen +Herzog preisgeben, meinen holdseligen Herrn! Der Mohr wird mir im +Traume erscheinen!"... er that einen erbärmlichen Seufzer... "Doch, +dennoch, es sei! Aber jetzt, Pescara, widerstehe auch du nicht +länger! Erbarmst du dich Italiens? Gib Antwort, Grausamer!", und +die Tränen brachen ihm aus den Augen. + +"Heute nicht, Morone!" tröstete ihn Pescara. "Wir sind beide ermüdet +und bedürfen der Ruhe. Es ist die Stunde der Siesta." Er klingelte. +"Ippolito", unterwies er den Knaben, "führe den Herrn, der ein +großer Staatsmann ist, in den Turmflügel. Der Haushofmeister soll +ihm die ganze Zimmerreihe des Oberstockes öffnen und ihn sorgfältig +bedienen und reichlich bewirten lassen. Ihr findet eine gewählte +Bibliothek, Kanzler, und wollet Ihr Luft schöpfen, so steiget in den +Garten hinab, er ist schattig und reicht bis an die Wälle. Ich lade +Euch nicht zu Tafel, da ich Donna Victoria erwarte, der mein Abend +gehört. Lasset Euch die Zeit nicht lange werden. Morgen sehen wir +uns wieder." + +"Wie wird mir der Tag vergehen?" jammerte der Kanzler. + +"Alles geht vorüber. Noch eins: nähert Euch, ich bitte, den +Wachtposten nicht, Ihr verstündet denn das Deutsche." Er sah den +Kanzler erbleichen. "Fürchtet nichts", schloß er freundlich und +entließ ihn. + +Wie er sich wieder umwendete, näherten sich ihm der Herzog und Del +Guasto, die ihr Versteck verlassen hatten, beide in der höchsten +Aufregung, der bleiche Bourbon mit fieberhaft geröteten Wangen, Del +Guasto mit lodernden Augen. Pescara erriet, daß das belauschte +Gespräch und der gezeigte Ruhm sie beide verführt und bezaubert hatte. +Del Guasto lechzte nach Beute und der Herzog nach dem reinigenden +Lorbeer. Noch schwiegen sie, aber ihre dringende und flehende +Gebärde wollte sich in Worte verwandeln. Da schloß ihnen Pescara den +Mund. + +"Herrschaften", sagte er, "hier wurde Theater gespielt. Das Stück +dauerte lange. Habt Ihr nicht gegähnt in Eurer Loge?" + +Da schlug der Bourbon in plötzlich umspringender Stimmung eine gelle +Lache auf. "Trauerspiel oder Posse?" fragte er. + +"Tragödie, Hoheit." + +"Und betitelt sich?" + +"Tod und Narr", antwortete Pescara. + + + + + +Viertes Kapitel + + + +Durch seine lange Zimmerreihe schritt der Kanzler von Mailand ruhelos +auf und nieder. Die Fensterläden waren gegen die brennende +Nachmittagssonne geschlossen, und nur durch eine Spalte schoß hin und +wieder ein neckischer Strahl in die Dämmerung, einen grellen Streifen +über die Fliesen ziehend, während die Tiefe der Gemächer im Geheimnis +blieb. Doch nicht der schmalste Lichtblitz erhellte dem Kanzler die +Seele Pescaras. Er hatte seinen ganzen Menschen preisgegeben, +Pescara auch nicht ein Teilchen seiner selbst, und nicht nur ein +Schuldiger und Geständiger war jetzt der Kanzler, sondern auch ein +Gefangener oder nicht viel anders. Doch weit entfernt, daß seine +Bloßstellung ihn gereut oder sein Halbgefängnis ihn geängstigt hätte: +im Gegenteil, er schwelgte in der Großmut seiner völligen Hingabe. +Nicht einmal sein schmählich verratener Herzog beunruhigte jetzt sein +Gewissen, so gänzlich erfüllte ihn die Leidenschaft, sich Pescaras zu +bemächtigen, und der Reiz seines Anschlages auf diesen einzigen +Menschen, dessen große Haltung und ernstes Spiel in der eben +beendeten Szene er aufrichtig bewunderte. Er setzte diese Szene fort: +jedes Wort des Zwiegespräches wiederholte sich in seinem Ohr, und +selbst jede Miene und Gebärde desselben bildete sich ab in seinen +Zügen und schwang in seinen Muskeln fort--doch über Sinn und +Tragweite des Gesprochenen verstrickte er sich in unlösbare, in +tödliche Zweifel. Eine Auslegung nach der andern verwarf er, um +zuletzt zu dem wahrscheinlichen Schlusse zu kommen, noch sei Pescara +ungewiß, noch liege er im Kampfe mit sich selber. + +Da gedachte er sehnsüchtig der Bundesgenossin, die jede Stunde, jede +Minute ihm bringen konnte, und der Wert Victoria Colonnas deuchte ihm +unermeßlich. Nur eine solche konnte einen solchen besiegen. Nicht +ein aufstachelndes, herrschsüchtiges Weib, wie damals deren manches +in Italien sein Wesen trieb, sondern die edelste Frau der Zeit führte +seine Sache, und in dieser jede Schönheit und Tugend Italiens +verkörpernden und von seinen Freveln und Sünden freien Gestalt +erschien ihm sein Vaterland so unvergleichlich und der Ruhm, es sich +selbst wiederzugeben, so einzig, daß hier sogar ein Pescara und +gerade ein Pescara unmöglich widerstehen konnte. Ein mit +unsittlichen Mitteln wirkendes Bündnis verklärte sich in diesen +himmlischen Augen zu einer Reinheit, die den Namen einer "heiligen +Liga" in einem freien und weltlichen Sinne rechtfertigte. Die +Bewunderung des göttlichen Weibes, welches, wie er glaubte, Italien +zu retten berufen sei, wurde dem Kanzler zur Anbetung und seligen +Inbrunst, denn er war der erhabensten und der gemeinsten Gefühle in +gleicher Weise und Stärke fähig. + +Jetzt, da die gewonnene Zuversicht sein Inneres erhellte, verlangte +es ihn nach dem Tageslichte, er stieß einen Laden auf und stand, sich +umblickend, in dem sogenannten Schlangensaale, von welchem sein +Herzog ihm oft erzählt, den er selbst aber noch nie gesehen hatte. +Über dem Getäfel lief die vier Wände entlang ein gemaltes Geflechte +von Schlangen, je zweie sich umwindend, die eine der feuerspeiende +Drache der Sforza, die andere das entsetzliche Wappenbild der +Visconti, die Schlange mit dem Kind im Rachen. Legende oder Wahrheit, +der süße Lionardo da Vinci galt als der Schöpfer des scheuseligen +Kranzes: während seines langen Dienstes bei dem Mohren habe er einmal +im herzoglichen Hause zu Novara sich aufgehalten und in wenigen +Stunden dieses Spiel einer grausamen Laune begonnen und beendigt +unter dem Vorwande einer Verherrlichung seines Fürstenhauses. Keine +Unmöglichkeit, denn der Bildner des zärtlichsten Lächelns liebte +zugleich die Fratze und das Grauen. Zuerst mit ergötzten, bald mit +beängstigten Augen betrachtete der Kanzler den wilden Ring, das Werk +einer unerschrockenen Einbildungskraft, die sich daran geübt hatte, +den Ungetümen und dem nackten Kinde in dem verschlingenden Rachen +eine Folge von natürlichen Bewegungen zu geben. Dann plötzlich +erschien es ihm, als lebe und drehe sich das Gewinde. Der Kanzler +wendete sich schaudernd und trat wieder an das Fenster. + +Er erblickte den einsamen Schloßgarten, der sich unter einem weiten +Gewölbe von Bäumen in tiefdunkle Schatten verlor. Darüber das +blendende Lichtmeer, und hin und wieder ein Bruchstück der gezackten +Stadtmauer. Nur in einiger Entfernung stieg aus dem üppigsten Grün +auf drei Terrassen eine kleine Villa, im Winkel und von zwei Seiten +sichtbar, deren jede ein Bild bot, jene mit einem Turmbau endigend, +diese in einen weinumwundenen Säulengang verlaufend. Es wollte +Morone scheinen, das anmutige Landhaus, dessen Teile leicht +auseinander herauswuchsen, müsse für Victoria bestimmt und der +Gedanke Pescaras sein, der ihr nicht in einem schweren und von dem +Schritte der Wachen dröhnenden Schlosse, sondern an einer gefälligen +und friedlichen Stätte liebenden Empfang bereite. Auch deutete +mancherlei drüben hin und her eilende Dienerschaft auf das Kommen +eines Gastes, und jetzt glaubte er aus der entgegengesetzten Richtung +den Lärm einer Ankunft zu vernehmen. Da litt es ihn nicht länger in +den unbehaglichen Räumen, er suchte Treppe und Pforte und wandelte +bald in einem grünen Schattenreiche. + +Seine Schritte führten ihn in ein weites Rondell, wo das lieblichste +Halbdunkel herrschte und in dessen Mitte ein Brunnen seine +schimmernde Schale mit einer langsam strömenden Flut durchsichtig und +einschläfernd verschleierte. Vier breite Marmorsitze standen im +Umkreise. Auf einem derselben, dessen Lehnen zwei Sphinxe bildeten, +schlummerte der Feldherr, das Haupt über die Brust gesenkt. + +Nach einem leichten Erstaunen näherte sich Morone auf vorsichtigen +Füßen, um das schlafende Antlitz zu belauschen, ob nicht die jetzt +willenlose Miene den verschwiegenen Gedanken abbilde und ausdrücke. +Lange stand er davor. Nein, es träumte nicht ehrgeizig, dieses Haupt, +noch sann es Verrat, sondern seine unbeherrschten Züge trugen, ohne +die Spur von Triumph und List, einen Ausdruck, der kein anderer sein +konnte als der des Leidens und der Entsagung. Wie Morone es +betrachtete, erstarrte seine eigene aufgeregte Miene, denn die des +stillen Hauptes war so überredend, daß auch ihn eine fatalistische +Stimmung unwiderstehlich erfaßte, eine Gewißheit von dem Nichts der +menschlichen Pläne und der Allgewalt des Schicksals. Nichts anderes +sagte das mächtige Antlitz als Frömmigkeit und Gehorsam. + +Da legte sich unversehens eine Hand auf die Schulter des Kanzlers. +Nach einem kleinen gespenstischen Schrecken, als ob ihn der Geist des +vor ihm Schlummernden von hinten berühre, wandte er sich und +erblickte einen gelben Schädel und eine von Alter gebrochene Gestalt. +Zwei braune kluge, aber unendlich wehmütige Augen waren ihr einziges +Leben. + +"Numa! Wahrhaftig, du hast mich erschreckt." + +"Ich glaube es. Aber komm, Kanzler. Lassen wir ihn schlummern und +setzen uns dort gegenüber, daß ich ihn von ferne beobachte." Sie +thaten es, und der Arzt, der wohl achtzig zählen mochte, doch sein +feines Gehör bewahrt hatte, ließ sich mit dem Kanzler in ein +lispelndes Gespräch ein. "Du glaubst gewonnen zu haben?" fragte er. + +"Ich weiß nicht", sagte der Kanzler. "Est in votis." + +"Enttäusche dich, Girolamo! Ich sage dir, auch wenn er wollte, so +kann er nicht." + +"Er könnte nicht? Warum? Das tönt geheimnisvoll. Welcher Gott oder +welche Göttin verbietet es ihm? Kreuzige mich nicht! Rede!" + +"Dürfte ich reden, ich hätte dir von der Schwelle meines Hauses und +aus Novara weggewinkt, aber meine Lippen sind gebannt. Doch ich darf +dich, du Ärmster, auch nicht in dein Verderben stürzen lassen. Du +verlierst hier deine Worte und vielleicht dein Leben. Er kann nicht, +beteure ich dir! Es ist ihm versagt. Es ist ihm nicht beschieden. +Fliehe! Es ist alles umsonst." + +"Fliehen? Vor Pescara? Ich denke nicht daran und halte ihn fest +umschlungen! Bei allen Dämonen, warum ist es ihm nicht beschieden?" + +Da hauchte der Arzt, daß ihn Morone kaum verstehen konnte: "Ist nicht +aller sterbliche Wandel in Zeit und Raum? Beide aber versagen diesem." + +Er legte den Finger auf die Lippen, ihnen Schweigen gebietend, und +dann gleich zum andern Male, um den Kanzler auf nahende Schritte +aufmerksam zu machen. "Still! Siehe!" flüsterte er. Auf leisen +Sohlen kam Victoria Colonna in den weiten grünen Saal, den Gatten an +seinem Lieblingsplatze suchend. Noch trug ihr Kleid den Staub der +Straße; sie mochte kaum vom Pferde geglitten sein. Da sie ihn +schlummern sah, blieb sie stehen und verlor sich in seinem Anblick. +Dann zerfloß sie plötzlich in Tränen, aus einem Übermaß der Freude, +oder es erschreckte sie der heilige Ernst der geliebten, nun von +Mühen und Wunden tiefer gegrabenen Züge. Wenige Augenblicke aber, +und sie trat zu ihm. Mit unendlicher Liebe legte sie die Hand unter +das strenge Haupt, und es sachte hebend, weckte sie es mit +inbrünstigen Küssen. Pescara öffnete die Augen. Sanft drückte er +sein Weib an die rechte Brust und gab ihr einen Kuß auf die Stirne. + +Da sich der Feldherr erhob, hatte sich Morone in einer seltenen +Regung von Keuschheit weggeschlichen, und Pescara sah nur den Arzt +vor sich. Die Linke um Victoria schlingend, ergriff er mit der +Rechten die Hand Numas und sprach zu seinem Weibe: "Das ist mein +Arzt", und diese, in ihrer feurigen Art, bog das Knie und bedeckte +die schlaffe Hand mit Küssen. "Sie hat die Wunde meines Helden +geschlossen!" jubelte sie voller Dankbarkeit. Dann aber richtete sie +sich auf und fragte in tiefer Erregung: "Messer Numa Dati?" + +Der Alte verneigte sich. + +Und Victoria, von ihrem warmen Herzen hingerissen, wendete sich an +den Gemahl, Mund gegen Mund, und klagte: "Ehe wir uns freuen, mußt du +mir und diesem Recht schaffen! Unser Neffe hat ihm die Enkelin +verleitet und weigert sich, der Frevler, seine Schuld durch die Ehe +zu sühnen!" + +"Ist es so, Numa?" sagte der Feldherr, und da der Greis traurig +bejahte: "Warum hast du mir das verheimlicht?" + +"Anfangs, Herrlichkeit, war es eine bloße Vermutung, da sie mein Haus +und Novara heimlich verließ. Und wie durfte ich Euch, der sein +eigenes großes Schicksal trägt, mit dem kleinen eines Mädchens +beschäftigen? Erst heute erhielt ich Gewißheit, durch ein Schreiben +aus Rom, von der Äbtissin, in deren Kloster das arme Kind sich +geflüchtet hatte." + +Jetzt drängte sich Victoria flehend an die linke Seite ihres Helden, +der unter dem Drucke des Frauenleibes einen körperlichen Schmerz zu +empfinden schien. Um ihn zu verbergen und zu verwinden, that er ein +paar Schritte vorwärts. + +Die dreie standen vor den spielenden Lichtern des Brunnens. +"Schönste Frau, mich hat herzlich verlangt, Euch wiederzusehen", +sagte der Feldherr, "und da bist du ja, meine Seele!" Er blickte ihr +in die strahlenden Augen. "Aber deine edeln Lider sind ja noch ganz +bestäubt von der Reise. Dein Tuch!" Sie gab es ihm, der es netzte, +und schloß die Augen, während er ihr Stirn und Lid und Wange wusch +und badete. + +"Ich erinnere mich deiner Enkelin ganz wohl, Numa, obwohl ich sie +kaum gesehen habe. Tiefblaue Augen und kastanienbraune Haare, wie +diese da, nicht wahr, und Julia heißt sie? Was ihre Sache betrifft, +die dünkt mich schwer und tragisch. Nicht daß ich anstünde, den +Bösen, den du kennst, Victoria--auch ich kann ihn nicht anders +nennen--zur Ehe mit ihr zu zwingen, er würde sich fügen, ohne Zweifel, +denn er ist mein Geschöpf und ich habe Macht über ihn. Aber ich +frage mich, ob es gut sei, die Verschmähte an einen Herzlosen und +Grausamen zu fesseln, der freilich durch seine Vermessenheit und +Begabung in der Welt die höchsten Stufen erreichen wird. Und sie +selbst? Wird sie es verlangen? Glaubst du, Victoria? Hat sie es +verlangt, die sich dir in Rom zu Füßen geworfen hat, wie ich vermute, +da du sie kennst?" + +"So that sie", sagte Victoria mit flehender Stimme. + +"Ertrug sie deinen reinen Anblick? Und im Ernst, du willst sie dem +Manne geben, der sie verschmäht? Wenn sie mein Kind wäre, ich +vergrübe sie ins Kloster. Ihr aber seid menschlich und barmherzig, +Madonna. Und wer weiß, vielleicht liebt sie ihn noch, oder liebt und +haßt ihn zugleich--ich verstehe das nicht. Doch ich will mich ihrer +annehmen, sie habe die Wahl." + +Jetzt öffnete der Arzt den welken Mund. "Arme Julia! Welche Wahl! +Selig, daß sie ihrer überhoben ist!" + +"Wodurch?" fragte Pescara. + +"Durch eine dunkle, aber weise Gottheit." + +"Ich verstehe", sagte der Feldherr rasch, "sie lebt nicht mehr." + +"Du sagst es, Herrlichkeit." + +"Sie hat sich ein Leides gethan?" wehklagte Victoria. + +"Da sei ihr Schutzengel davor!" + +"Wer weiß es? Als sie in ihr Kloster zurückkam, nachdem sie sich +Euch geoffenbart, ist sie gestorben. Ihr Geständnis muß sie getötet +haben, und der Anblick Eurer Reinheit, Madonna, wie die Herrlichkeit +es gewollt hat. Vielleicht ein Herzschlag, vielleicht--das willige +Mädchen ist mir in meiner Apotheke oft mit Verständnis und Geschick +beigestanden." + +Jetzt urteilte der Feldherr: "Das bleibe unberedet. Sie ist +eingegangen in den Frieden und steht jetzt in Dienst und Pflicht +einer heiligen Macht, die unserer erbärmlichen Gerechtigkeit spottet." + +Victoria weinte, und der Greis flehte: "Ich kann nicht mehr! Es sei +gut!" + +"Ja, es ist gut", schloß der Feldherr. + +Dann bot er Victoria die Hand und sagte leichthin: "Edle Frau, ich +habe Euch und mir, solange wir zusammen sein dürfen, ein helleres +Haus gerüstet als dieses alte Schloß mit seinen plumpen Deckenbalken, +diese Wohnung des Verrates, denn auf seiner Zugbrücke wurde der Mohr +ausgeliefert. Sehet Ihr dort bei den Pinien die anmutige Baute, +Madonna? Die habe ich Euch bestimmt: sie ziemt Eurem klaren Wandel." + +Sie durchschritten den Park und langten am Fuße der drei Treppen an, +wo der greise Arzt stehenblieb, Atem schöpfend und den Feldherrn +zurückerwartend. Da Victoria die dritte Treppe erstieg, erblickte +sie zwei Bildwerke, welche rechts und links die höchste Stufe +schmückten. "Das hat der junge Franz Sforza ersonnen, an welchem +sein guter Geschmack immer noch das Beste ist", plauderte Pescara. +"Diese Gruppen sind hübsche Gedanken aus seinem flüchtigen Kopfe. +Die rechts zum Beispiel. Erst konnte ich nicht aus ihr klug werden, +so sehr sie mir gefiel. Da sagte mir der Gärtner die Inschrift, die +sie anfangs trug, die aber der feine Herzog verschwinden ließ, damit +der Beschauer fühle und rate. Sie lautete... doch das bringst du +heraus, Geliebte?" + +Victoria, nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die linke Gruppe, +ein ungebunden kosendes Paar geworfen hatte, betrachtete lange Zeit +die rechte. Es waren zwei weibliche Gestalten, eine liegend und +etwas wie eine Blume oder einen Schmetterling leichtsinnig +zerpflückend; die andere stand, innig vertieft in sich selbst, oder +in die Ferne verloren. Alle drei Mädchen aber, das kosende, das +vergessende, das sich sehnende, hatten unter verschiedenem Ausdrucke +das gleiche Gesicht. Victoria sann. Da blies ihr der Feldherr +mutwillig ins Ohr, wie in der Schule ein Knabe einem Mädchen: "Tu die +Augen auf, ein paar Buchstaben sind noch lesbar." Victoria entdeckte +links, schwach ausgeprägt: Pres..., rechts aber unterschied sie etwas +deutlicher: Ass... "Presenza und Assenza", ergänzte sie beschämt, +und der Feldherr sagte: "Die Gegenwart ist frech. Die Abwesenheit +aber, die vergißt, ist gedankenlos. Ich preise die gegenwärtige +Abwesenheit: die Sehnsucht." + +"Wir werden uns nicht mehr trennen, Ferdinand, wenn du mich lieb hast." + +"Nur noch einmal. Für einige Tage, höchstens eine Woche, Madonna, +bis ich Mailand werde genommen haben. Ihr folget mir, und forthin, +wenn Ihr wollt, trennen wir uns nicht mehr. Es liegt an dir, +Victoria", sagte er zärtlich. + +"Ob ich will!" + +"Erinnerst du dich, Geliebte", scherzte er wiederum, "daß du mir +einmal in Ischia am plätschernden Strande gesagt hast, du begreifest +nicht, wie ein Weib, das geliebt habe, jemals einem Zweiten gehören +könne? Es widerspricht der Liebe, sagtest du. Freilich, aber es hat +Erfahrung und menschliche Natur für sich. Assenza, Assenza!" + +Jetzt erhob sich Victoria zu ihrem ganzen stolzen Wuchs und streckte +den herrlichen Arm, von welchem der Ärmel zurückfiel, gegen den +leuchtenden Himmel und schwur: "Nie gehöre ich einem andern, bei den +reinen Strahlen dieser Sonne!" + +Der Feldherr beschwichtigte: "Dort stehen deine Kammerfrauen, Kind, +und bestaunen dein Gelübde, das sie dir wahrlich nicht nachtun werden." +Er winkte den in ehrerbietiger Entfernung harrenden Zofen und +beurlaubte sich bei der Marchesa. "Ihr werdet Euch umkleiden, Herrin, +und ich selbst habe noch bis zur Abendstunde zu thun. Auf +Wiedersehen hier, nach Sonnenuntergang, zum Spätmahle." Er wendete +sich und ging, ohne nach ihr sich umzublicken. Unten an der Treppe +nahm er den Arm des greisen Arztes, langsam mit ihm durch einen +Zypressengang nach dem Schlosse zurückwandelnd. "Wie war die Nacht +Eurer Herrlichkeit?" fragte der Alte. + +"Wie gewöhnlich", antwortete Pescara. "Du hast gegen deinen +Gastfreund reinen Mund gehalten, Numa?" + +"Ich erinnerte mich Eures Befehles... Aber wie möget Ihr mit dem +Kanzler und meinem armen Italien dieses grausame Spiel treiben! Wie +dürfet Ihr es?" + +"Ich spiele mit Italien, sagst du? Im Gegenteil, deine Landsleute, +Numa, spielen mit mir: sie heucheln Leben und sind tot in ihren +Übertretungen und Sünden." + +Sie gingen eine Weile schweigend. "Weißt du, Numa", spottete jetzt +der Feldherr, "daß mich neulich ein Astrologe besucht und mir das +Horoskop gestellt hat? Er schätzte mich auf sechzig Jahre, ich fand +das wenig." + +Der Greis seufzte. + +Wieder wandelten sie wortlos. Vor der schmalen Pforte der Burg +beurlaubte Pescara den Alten. "Meine Feldherrn erwarten mich, Numa, +ich habe sie auf diese Stunde beschieden." Da beschlich ihn noch ein +Mitleid mit den guten braunen Augen und dem zahnlosen Munde, und er +sagte freundlich: "Fürchte nichts, Numa. Ich werde dein Italien +nicht mißhandeln, ich werde gerecht und milde verfahren." + +In seinem Vorsaale fand der Feldherr den Herzog von Bourbon und Leyva +sich gegenüberstehen, zwischen ihnen Del Guasto, als ob er sie +auseinanderhielte, und dann noch einen vierten, der in einer +Fensterbrüstung lehnte. Dieser war ein vornehmer Mann in Jahren, +halb Mönch, halb Weltmann, mit einem bronzefarbenen Kopfe und tiefen, +unergründlichen Zügen, in einen kuttenähnlichen weißen Mantel gehüllt. +Wie Pescara ihn erblickte, schien der Feldherr leicht zu schaudern, +ging aber auf ihn zu und begrüßte ihn. + +"Was verschafft mir die Ehre, Moncada?" + +Der andere erwiderte: "Erlaucht, ich bin in Sendung und ersuche im +Namen des Vizekönigs um eine Unterredung." + +"Ich gewähre sie", versetzte der Feldherr, "aber ich bitte Eure Gnade, +sich kurz zu fassen am Vorabende des Feldzugs." + +"Eine geheime Unterredung." + +Pescara besann sich. "Eine geheime? Nicht, Ritter. Geschäftliches +würde ich diesen zwei Herrschaften, meinen Kollegen, nicht +vorenthalten. Ersparet mir die Mühe. Mein Neffe hier ist +verschwiegen. Was ist Euer Auftrag? Sprechet, Ritter!" Er bot +Moncada keinen Stuhl. + +Dieser musterte die anwesenden Gesichter. "Nach Eurem Willen", sagte +er. "Erlaucht, der Vizekönig ist in tiefster Besorgnis. Die +italienische Liga ist eine Thatsache, an welcher Erlaucht nicht +zweifelt, da Sie durch Leyva den Vizekönig um Truppen ersuchen ließ, +welche dieser freilich nicht entbehren kann, selbst ihrer bedürftig, +um im Falle des ausbrechenden Krieges eine ehrfürchtige, aber +drohende Bewegung gegen die irregegangene oder mißleitete Heiligkeit +zu machen. Erlaucht gibt zu, daß unsere Heere im Süden und Norden +der Halbinsel zusammenwirkend in denselben Plan eingreifen müssen. +In diesem Sinne sendet mich der Vizekönig, Euch zu begleiten und ihn +auf dem laufenden zu halten. Genehmigt Erlaucht?" + +Der Feldherr bejahte, seinen Unmut niederkämpfend. + +"Ein anderes", fuhr Moncada fort. "Ich bedaure, daß Ihr mich nicht +geheim empfangen habet, aber ich ergreife den Augenblick. Es wird +gewünscht in Madrid, daß Erlaucht, wenn Sie Mailand erobert haben +wird, dort zum Heile der Monarchie, und um das Übel mit der Wurzel +auszurotten, streng und durchgreifend verfahre. Es wird geraten: der +abtrünnige Herzog werde in Ketten gelegt und nach Spanien gesendet; +der trotzige lombardische Adel verliere seine Güter und besteige das +Schafott; starke Besatzung und schwere Kriegssteuer bändige den +Bürger; der Schrecken herrsche in Mailand!" Er suchte in der Miene +des Feldherrn zu lesen. + +Dieser stand ruhig. "Der Schrecken?" wiederholte er. "Niemals, +solange ich lebe und meinem Kaiser diene! Mailand ist Reichsgebiet, +und der Kaiser will nicht, daß das Reich mißhandelt werde. Wer +wünscht? Wer rät? Verschonet mich mit Räten und Wünschen, Moncada, +ich brauche sie nicht." + +"Hat der Herzog um Aufschub gebeten?" fragte Moncada mißtrauisch. + +"Nein, Ritter." + +"Durch seinen Kanzler?" + +"Der Kanzler der Hoheit von Mailand bewohnt seit heute diese Burg. +Eure Gnade kann ihn sprechen und sich bei ihm selbst erkundigen, Sie +wird ihm damit ein Vergnügen machen, denn ich fürchte, daß er sich +langweilt." + +"Erlaucht hat ihn nicht empfangen? Keine Neugierde läßt mich fragen, +sondern das Interesse der königlichen Sache, welcher wir alle hier +dienen." + +"Ich habe den Kanzler gesprochen, heute morgen, zwei Stunden." + +Diese Aufrichtigkeit setzte Moncada in Erstaunen, aber sie sagte ihm +nichts Neues. Er war durch die spähenden Ohren, welche er unter dem +Gesinde Pescaras besoldete, von der Ankunft und der Audienz Morones +genau unterrichtet. + +"Eine lange Beredung, da doch allein von der Unterwerfung des Herzogs +die Rede sein konnte." + +Pescara schwieg. Geheimer Abscheu, so schien es, verbot ihm, den vor +ihm Stehenden nur eines Wortes zu würdigen über das Nötige hinaus. + +"Ich wundere mich", sprach Moncada weiter, "daß Erlaucht nicht kurz +abgebrochen, und ich erstaune, daß Sie diesen Niederträchtigen +überhaupt empfangen hat, jetzt, da jene Verleumdungen über Erlaucht +Italien erfüllen." + +"Nicht weiter! Jedes Wort wäre eine Beleidigung und ein Zeitverlust! +Ich habe diese Lügen meinem Kaiser berichtet. Das genügt. Ich +kenne meine Feinde..." + +"Weise. Und ebenso weise, wenn Erlaucht Ihrer Unterredung mit Morone +unverdächtige Zeugen gegeben hätte." + +"Das geschah", erwiderte Pescara verächtlich. "Diese Herrschaften +hier." Bourbon und Del Guasto nickten. "Was aber den Inhalt der +Unterredung betrifft, nach welchem Ihr neugierig zu sein scheinet, so +werdet Ihr ihn der Antwort entnehmen, welche ich in Eurer Gegenwart, +wenn Ihr es wünscht, dem Kanzler morgen zu geben gewillt bin, bevor +er meinem Heerzug als ein Gefangener folgen wird. Hier in diesem +Saale. Nun aber lasse ich Euch." Und er entfernte sich in sein +inneres Gemach, wohin die drei andern ihm folgten. + +Moncada stand allein. "Eine Maske", überlegte er, "eine durchdachte +Maske. Welch ein Antlitz verbirgt sie?... Ich werde es wissen... +Du entrinnst mir nicht, ich umschwebe dich, Pescara!" Er ging +langsam weg in streitenden Gedanken. + +Während die drei Feldherrn drinnen den Krieg vorbereiteten, blieb der +Vorsaal eine Weile leer und unbehütet. Der Page Ippolito hatte sich +zu der Herrin hinübergeschlichen, deren Ankunft er belauscht hatte +und deren Schönheit und Leutseligkeit er kindlich bewunderte. Er +brannte, sie zu begrüßen und ihr seine Dienste zu bieten. Dann aber +bevölkerte sich der feierliche Saal mit einer lustigen Gesellschaft. +Die fünf silbergrauen Windspiele des Konnetabel, närrische, noch ganz +junge Tiere, hatten irgendeinen unbewachten Eingang in das Schloß +gefunden und beschnoberten jetzt die Spalten der Türe, hinter welcher +sie ihren Herrn vermuteten. Diese Rasse war Modesache. Nun kam auch +der Windhund des Marchese, ein edles Tier und ein unermüdlicher +Läufer, zu sehen, was es gebe, und war nicht sehr erbaut von dieser +leichtsinnigen Sippe, die ihm nicht in diesen ernsten Raum zu gehören +schien und der er knurrend sein Mißfallen kundgab. + +Siehe, da erschien noch ein zartes, zierliches Windspiel, ein +schneeweißes Geschöpf von den feinsten Formen, das auf schimmerndem +Silberhalsband die Inschrift trug: "Ich gehöre der Victoria Colonna." +Zuerst mit Freude und Bewunderung empfangen, wurde das schmucke +Spielzeug bald zu einem gejagten und gehetzten Wilde, hinter welchem +die ganze jugendliche Meute kläffend im Kreise herumfuhr. Da kam der +Page hereingesprungen, nahm das Eigentum der Herrin, welche ihn +danach gesendet haben mochte, in die Arme und flüchtete es aus dem +Tumulte, die wilde Jagd hinter sich ziehend, den besonnenen Läufer +des Pescara ausgenommen. In demselben Augenblicke trat Leyva aus dem +innern Gemache und beschleunigte die allgemeine Flucht, indem er dem +hintersten Hündchen des Konnetabel einen Tritt versetzte, daß es +winselnd durch die Luft flog. + +Der ergraute Feldherr hatte einen zornroten Kopf und ließ sich von +Pescara, der ihn geleitete, kaum mehr an der Hand zurückhalten. +"Leyva", sagte der Marchese, "ich bitte Euch, bleibt! Beherrschet +Euch! Ich kann Euch nicht zwingen, gegen den Herzog gerecht zu sein, +aber beobachtet wenigstens die Formen! Der Herzog benimmt sich +musterhaft gegen Euch, mit tadelloser Courtoisie, Ihr aber zoget ihm +die grinsende Miene eines Bauers, und jetzt lauft Ihr weg, ehe unsere +Beratung geschlossen ist. Das ist kein Betragen, wie es sich für +Eure Stellung und Euer Verdienst geziemt." "Ich konnte den Verräter +nicht länger ertragen, Pescara! Mit jeder Miene, jeder Bewegung hat +mich der Hochmütige beleidigt! Nichts als Hohn! Seine Kälte +verachtet mich, und seine Verbeugungen spotten meiner. Ich möchte +wissen, woher er das Recht nimmt, auf mich herabzusehen. Ich stehe +über ihm, trotz seiner hohen Geburt, denn meine Ehre ist rein, und +ich bin ein treuer Knecht meines Königs, den seinigen aber hat er +verraten! Er ist gezeichnet und sein glattes Gesicht garstiger als +meine Wunde hier! Doch nicht alle Fürsten verachten mich, es gibt +deren, die meinen Wert kennen. So dieser verständige Moncada, mit +dem ich gereist bin. Der wenigstens hat mich seines Vertrauens +gewürdigt." + +Pescara wurde sehr ernst. "Leyva", sagte er, "Ihr gebet mir die +Genugtuung, daß ich Euch immer für voll genommen habe. Ich frage +nicht nach der Geburt, sondern ich nehme den Menschen, wie ich ihn +erprobe. Habet Ihr mich je hochmütig gesehen oder kleindenkend +erfunden? Du hast nichts gegen mich, Alter", sagte er zutraulich, +"wir kennen uns." Er suchte mit den hellen grauen Augen die des +Mitfeldherrn, der sie ihm aber, den Kopf senkend, hartnäckig entzog. +"Nichts", murrte Leyva, "außer daß Ihr Freundschaft haltet mit dem +andern. Doch ich habe Eile: Erlaucht schickt mir die Instruktionen +nach. Ich besitze dergleichen gerne schriftlich. Leyva tut seine +Pflicht. Zählt darauf!" + +Der Feldherr ließ ihn gehen und streichelte nachdenklich den feinen +Kopf seines Windspieles, das ihm denselben in die Hand zu legen +gekommen war. + +Dann trat er in sein Gemach zurück, wo er Bourbon und Del Guasto in +einem aufgeregten Gespräche fand, wohl über den Kanzler, denn sie +deuteten mit den Blicken in der Richtung der Turmgemächer. Der +Feldherr lächelte. "Herrschaften", sagte er, "Ihr habet heute morgen +eine wunderbare Rede belauscht und--noch wunderbarer--diese Rede hat +mich nicht verführt, aber Euch, meine Zeugen. Meine Treue blieb fest, +und die Eurige wurde erschüttert, wie ich glaube: ein Triumph, den +der Kanzler nicht beabsichtigte, der ihm aber schmeicheln darf." + +Jetzt wendete er sich mit veränderter Miene gegen Del Guasto: "Don +Juan, ich sah Eure Augen habgierig nach Beute flammen. Danket es mir, +daß ich Euch nicht zu Worte kommen und Euern Herrn, den Kaiser, +verraten ließ. Denn gerade Ihr, Don Juan, müsset der Majestät +unverbrüchliche Treue halten, wenn Ihr nicht ein Verbrecher werden +wollet. Treue am Fürsten ist die einzige Tugend, deren Ihr zur Not +fähig seid, und der letzte Ehrbegriff, der Euch übrigbleibt. Sie +wird Eure Unerbittlichkeit adeln, wenn Ihr dieselbe gegen Abfall und +Empörung ausübet, und Eure grausamen Triebe werden der irdischen +Gerechtigkeit dienen. Nehmet das als meinen wohlgemeinten Rat, und +nun gehet und vermeidet heute die Augen Donna Victorias. Euer +Anblick ist ihnen verhaßt, sie können einen Mörder nicht ertragen." + +"Einen Mörder?" Don Juan lehnte sich auf. + +"Einen Mörder. Kennet Ihr Euer Opfer noch nicht? Ich nenne es Euch: +es ist Julia, die Enkelin meines Numa Dati, gestorben in Rom am +gebrochenen Herzen, und Ihr seid es, der sie umgebracht hat. Ihr +geschah wohl, aber das mindert Euren Frevel nicht im geringsten. +Fürchtet nicht, daß sie Euch erscheinen werde, sie ist versenkt in +die Ruhe und überläßt Euch den Furien Eurer Seele, zu früher oder +später Reue." + +Del Guasto erbleichte, und sein Haar sträubte sich wie ein Gewirr von +Schlangen. Nicht seine That erschreckte ihn, aber der furchtbare +Richterernst des Feldherrn, dessen vernichtende Strafgewalt von +jenseits des Grabes zu kommen schien. Er entwich bestürzt vor den +Blitzen dieses Auges. + +"Familienangelegenheiten", bemerkte Bourbon. "Aber weißt du, +Ferdinand, daß der Kanzler mich mehr, als du denkst, begeistert hat? +Trotz seiner Schmähungen--er ist der einzige, dem ich nichts +übelnehme--war er auf dem Wege, mich völlig zu betören, oder vielmehr, +du hast mich betört, da du sagtest, ich sei dein Alterego und du +würdest mir Mailand geben. Du hast dich über mich lustig gemacht, +und ich Stumpfsinniger habe den Spaß nicht verstanden." + +"Vergib, Karl! Ich war neugierig, ob der Kanzler seinem Herzog Treue +hielte. Aber glaube mir, Karl, auch dir bleibt nichts als die Sache +des Kaisers. Der Niedergang Italiens ist unaufhaltsam, es unterhöhlt +sich selbst. Besieh dir doch die Sache: Italien bietet sich mir +flehend und bedingungslos, mit einem Schein von Wahrheit und Größe, +und zugleich zieht es mir mit vollendeter Tücke den Boden unter den +Füßen weg, um mich zum Sprung über den Abgrund zu zwingen. Ich +begreife bei solchen Gerüchten und Verleumdungen, daß mir Madrid +einen Aufseher und Belauscher sendet. Aber warum meinen Feind? +Warum Moncada? Zwar er wird mir nichts anhaben, und ich werde mein +Tagewerk zu Ende bringen, und dir, Karl, werde ich geben, was ich +kann, mein Amt und meine Nachfolge... Nicht wahr, Karl, du bist +gerecht in Italien? Du quälst es nicht? Du drückst es nicht über +das Maß? Das gelobst du mir. Obwohl sie es nicht um mich verdient +haben. Ich kenne dich: du gehst menschlich mit ihnen um." + +"Ausgenommen mit dem Heiligen Vater, der schlecht von mir gesprochen +hat. Aber, Ferdinand, was redest du? Du erschreckst mich! Wir sind +gleichen Alters, und eine Kugel kann mich vor dir oder uns beide +zusammen niederstrecken. Dieser Moncada ist über dich gekommen wie +ein Frost, ich sah dich zusammenschauern. Was liegt zwischen Euch?" + +Jetzt ging die Sonne unter, und es klopfte leise an der Türe. Der +eintretende Ippolito wendete sich flehend gegen seinen Herrn: +"Erlaucht lasse Madonna nicht warten. Die Tafel drüben ist gedeckt, +und Madonna steht harrend auf der Terrasse, wenn sie nicht die Stufen +herabsteigt." + +"Gehe, mein Kind, und sage ihr, ich komme." + +"Das tue ich nicht", versetzte Ippolito mit anmutigem Trotze, "sonst +läßt sich Erlaucht mit Hoheit wieder in ein endloses hochpolitisches +Gespräch ein, und die süße Frau wird vergessen." + +Der Feldherr litt den Knaben neben sich, und die Unterhaltung mit dem +Herzog fortsetzend, um dessen Schulter er vertraulich den Arm +geschlungen hatte, bediente er sich der spanischen Sprache, von +welcher er wußte, daß sie von dem Pagen nicht verstanden wurde. "Was +zwischen mir und Moncada liegt, Karl? Etwas Entsetzliches, ein +Verdacht, der für mich eine Wahrheit ist, für welchen ich aber keinen +Beweis habe als meine Überzeugung. Ich glaube, ja ich bin gewiß: +dieser Mensch hat meinen Vater umgebracht." Er glättete die Locken +des Kindes, das mit unschuldigen Augen zu ihm emporblickte. + +"Es war nach der Wende des Jahrhunderts und ich wie dieser hier, +jedenfalls nicht älter. Mein Vater, ein guter Feldherr und ein +besserer Mann als ich, ein treuherziger Mann, ging in Sendung des +damaligen Vizekönigs, des großen Gonsalvo, der später den spanischen +Undank so grausam erfuhr, nach Barcelona, wo der alte Ferdinand eben +hofhielt. Dort erblickte er den letzten Sprossen unsers +neapolitanischen Fürstenhauses, jenen unglücklichen Jüngling, der +unter dem argwöhnischen Auge Ferdinands welken mußte, mit einem +unfruchtbaren Weibe verheiratet. Arglos und unklug, wie der Vater +war--ich sage dir, es gab keinen schlichtern Mann--, ließ er sich mit +dem entthronten Prinzen in ein teilnehmendes Gespräch ein und +besuchte ihn dann zuweilen im Palaste. Das reichte hin, ihn dem +Könige verdächtig zu machen, und dieser Verdacht genügte, um ihm das +Leben abzusprechen. + +Ich erzähle dir die Sache, wie ich sie nachher erforscht und +zusammengebracht habe, da, bei reiferm Verstande und erlangter +Menschenkenntnis, die Vergangenheit Sinn und Bedeutung für mich +gewann. Es ist höchst wahrscheinlich, daß der König selbst sein +Opfer bezeichnete, wenn auch nur mit einem halben Wort oder einer +kurzen Gebärde. Die Ausführung seines geheimen Spruches aber +übernahm ein junger Mensch, den er um sich hatte und von dem es hieß, +daß er sein natürlicher Sohn sei. Der junge Moncada, kein anderer, +begegnete meinem Vater, der von dem Prinzen zurückkam, in einer +Galerie des Schlosses und stieß ihn nieder. Kein Zweikampf, sondern +ein Meuchelmord, denn die Rechte des Vaters war durch eine alte +Verwundung gelähmt. Und Pescara fiel unschuldig, so wahr ich dich +umschlungen halte, denn nichts lag dem Redlichen ferner als Intrige +und Verschwörung. Ist das nicht verrucht? Und vielleicht glaubte +der junge Moncada eine Pflicht zu erfüllen und als guter Christ zu +handeln, da er dem Wink einer Königsbraue gehorchte. Ist das nicht +abscheulich? Wäre so etwas bei euch möglich, Karl?" "In Frankreich? +Je nachdem. Doch nein, so einfach nicht." + +"Nach Jahren, da ich meine ersten Sporen verdient hatte, treffe ich +den Moncada im Zelte meines Feldherrn und Schwiegervaters, des +Fabricius Colonna. Er umarmt mich, nennt mich seinen jungen Helden, +den aufgehenden Stern und die Hoffnung Spaniens, und sein Blick +gleitet mit ruhiger Beobachtung über meine Züge. Er versichert mir, +ich gleiche meinem Vater, den er gekannt habe, und das Blut erstarrt +mir in den Adern, denn ich hatte die Gewißheit, daß mich der Mörder +Pescaras liebkosend in den Armen halte." + +"Du ließest ihn gehen?" + +"Am Abende jenes Tages ging ich, ihm das Leben zu nehmen oder ihn das +meinige nehmen zu lassen. Er war verschwunden. Ich konnte ihn nicht +verfolgen. Wo hätte ich die Zeit dazu genommen, immer im Zelte und +in der Mitte der Entscheidungen, wie ich lebte? Aber der Geist des +gemordeten Vaters folgte mir überall. + +Später erfuhr ich, der Verhaßte habe sich in irgendeine Kartause +geworfen, um eine Sünde zu büßen. Dann ist er jenseits des Meeres, +in Kuba, wieder aufgetaucht, wo ihm König Ferdinand reiche +Besitzungen verlieh, und hat den kühnen Cortez nach Mexiko begleitet. +Ich denke, um den ehrgeizigen Eroberer zu überwachen: denn Moncada +lebt in den Gedanken und Plänen seines Vaters und ist im +Zusammenhange mit jener fanatischen spanischen Partei am kaiserlichen +Hofe, welcher die Burgunder und Niederländer glücklicherweise die +Waage halten. Über das Meer zurückgekehrt, hat er sich ein Verdienst +daraus gemacht, durch sein verborgenes Wirken Neuspanien der Krone +erhalten zu haben, und steht in halb gefürchtetem Ansehen, auch bei +dem Kaiser, seinem Neffen. Jetzt ist er in Italien, um mich zu +unterjochen oder zu verderben. Das ist Moncada." + +"Weißt du, Ferdinand", sagte Bourbon, der aufmerksam gelauscht hatte, +"ich hätte dir längst gern einen Gefallen gethan. Räche ich dir den +Vater und schaffe dir zugleich den Feind vom Halse? Nicht durch +Meuchelmord, das ist nicht meine Art, sondern in geregeltem Duell, zu +welchem ich schon einen Anlaß finde. Ich gefährde mich nicht, denn, +ohne dir nahezutreten, du gibst zu: wir Franzosen fechten besser als +ihr Spanier. Du bleibst außer Spiel, und mich schützt meine +fürstliche Geburt. Willst du? Ich bin zu deiner Verfügung." + +Da antwortete Pescara mit fast verklärten, bläulich schimmernden +Augen: "Nein. Es ist zu spät. Ich denke jetzt anders und gebe den +Mörder der ewigen Gerechtigkeit." + +Bourbon blickte erstaunt. Pescara aber nahm Ippolito an der Hand und +sagte: "Nun dürfen wir Madonna Victoria nicht länger warten lassen." + +Er gab dem Herzog den Vortritt. Auf der Wendeltreppe fragte er den +Knaben: "Die Herrin ist dir schon so lieb, die du heute zum ersten +Male gesehen hast?" + +"Sie war gleich so gütig", erwiderte Ippolito, "und ihr sah die +Schwester ähnlich, die ich jetzt nicht mehr sehen soll"--helle Zähren +rieselten ihm über die Wange--"weil sie, wie mir der Großvater +erzählte, in einem römischen Kloster ist und dort die Gelübde +abgelegt hat. Und sie war sonst so fröhlich, die Julia, aber +freilich, in der letzten Zeit ist sie sehr still geworden. Wie mag +sich die Schwester so jung begraben!" Er sagte das, während sie ins +Freie traten. + +"Ich flehe, mich der erleuchten Frau vorzustellen", bat der +Konnetabel. "Jüngst fand ich, ein Buch öffnend, die Natur habe das +Herrlichste gebildet und dann die Form zerbrochen, damit Victoria +Colonna einzig bleibe. Ihr gönnet mir den Anblick?" + +Sie beschritten den langen Zypressengang, und jetzt gewahrten sie in +einiger Entfernung einen bewegten Auftritt: eine vorwärts strebende +weibliche Gestalt riß sich von einem Manne los, der ihr zu Füßen lag. +In demselben Augenblicke schrie Ippolito: "Dort ist der böse +Zauberer, er will der Herrin ein Leides thun!", und eilte +spornstreichs Donna Victoria zu Hilfe, während der Kanzler von den +Knien aufsprang und hinter einer Lorbeerhecke verschwand. + +Die Befreite eilte dem lächelnden Gemahl mit schnellen Füßen entgegen +und mit einem so jungen und kräftigen Erröten, daß Pescara sie +niemals schöner gesehen zu haben glaubte. Während ihr Gewand noch +flog, sagte die nicht einmal außer Atem Gekommene. "Ein Flehender +hat mich überfallen und beschworen, seine Sache bei Euer Erlaucht zu +führen: er bittet, ihn nicht allzulange auf Bescheid harren zu lassen, +da er sich in Zweifel und Erwartung verzehre." + +"Er hat seine Fürbitterin gut gewählt, Madonna", versetzte der +Feldherr, "aber alles zu seiner Zeit. Jetzt gestattet, daß ich Euch +die Hoheit Bourbon vorstelle." + +Victoria, lebhaft wie sie war, verbarg einen Ausdruck frauenhafter +Teilnahme nicht. + +Der Herzog ließ nicht im geringsten merken, daß ihn der kniende +Kanzler belustigt hatte. Er verneigte sich ehrerbietig und hielt +sich fein und stolz aus Rücksicht für Pescara und im Bewußtsein +seines schmachvollen Ruhmes, das ihn nie verließ. Er bewunderte die +Schönheit Viktoriens, ohne sein dunkles Auge auf ihrem Antlitz oder +ihrem Wuchse ruhen zu lassen. Er schmeichelte nicht, er streute +keinen Weihrauch, sondern er sagte einfach: "Ich freue mich, Madonna +Victoria zu erblicken, die Gattin meines Freundes, des Marchese, und +huldige ihr nach Gebühr." Dann verwickelte er sie, zu ihrer Linken +gehend, in ein leichtes und gefälliges, aber unbedeutendes Gespräch, +und da sie ihn zur Tafel bat, bedankte er sich und schied unten an +der Treppe des Landhauses mit ruhiger Höflichkeit. Victoria, so +bescheiden sie war, hatte mehr erwartet, schon aus Gewöhnung, denn +ihr pflegte von den Berühmtheiten der Zeit auf das übertriebenste +gehuldigt zu werden. Doch sie verwand leicht und belächelte ihre +Enttäuschung, mit dem Feldherrn die Stufen hinansteigend in der schon +wachsenden Dämmerung. + +Die Mahlzeit war kurz, wie Pescara es liebte. Victoria ließ es sich +nicht nehmen, selbst dem Gemahl die Speisen vorzulegen, er aber +rächte sich beim Nachtisch. Zwischen Eis, Früchten und Naschwerk +erblickte er eine von seinem Zuckerbäcker kunstvoll geformte +Mandelkrone. "Siehe da", scherzte er, "etwas für meine ehrgeizige +Victoria!" Er bot sie ihr, deren Herz zu pochen begann. + +Sie erhoben sich und betraten das Nebenzimmer, das eine schwebende +Ampel gleichmäßig erhellte und in seinem noch frischen Schmucke +schimmern ließ. An den Wänden liefen Kinder mit Blumenkränzen, +während das Lattenwerk der Decke in seinen Feldern grau auf Goldgrund +gemalte Heroenbüsten zeigte, eine willkürlich gewählte Gesellschaft, +auf den vier ampelhellen Mittelfeldern: Äneas, König David, Herkules +und Pescara. Das ganze Gerät war ein Ruhebette, dessen Rücklehne in +ihrem Kastanienholze mit ausgebrochenen Lettern die Schrift trug: +"Hier muß man plaudern." + +"Wie kommt es", fragte Victoria, sich neben Pescara niederlassend, +"daß mir der Konnetabel trotz seiner feinen Art einen unangenehmen +Eindruck macht, daß er mich--geradeheraus gesagt--abstößt?" + +"Der Arme!" scherzte Pescara. "Mars und Muse, Rauheit und Anmut, der +garstige Leyva und die schöne Victoria fühlen sich gleicherweise von +dem Kapetinger beleidigt, der sich doch gegen beide unsträflich +benommen hat, wie ich bezeugen kann. Da muß sich etwas zwischen ihn +und jeden andern, wer es sei, einschleichen, und ich glaube wohl, +dieser entstellende Dunst und verhäßlichende Nebel ist sein Verrat +oder welchen Namen man dem Abfall von seinem Könige geben will." + +Eine leichte Blässe überzog das Antlitz Victorias. + +"Verrat..." Pescara dehnte die zwei Silben des Wortes. "Es ist +begreiflich, daß ein edles Weib diese Sünde verabscheut. Ob ich +meinem Fürsten Treue breche oder meinem Freunde oder meinem +ahnungslosen Weibe oder selbst meinem Mitschuldigen, alles das sind +Spielarten derselben Gesinnung... Schon dein finsterer und großer +Dichter, aus welchem du deine Seele erneuerst, wertet den Verrat als +die schwerste Schuld, da ja in seiner Giudecca sein Zerberus oder +Luzifer in jedem der drei Rachen einen Verräter zermalmt. Den ersten +weiß ich: es ist jener, der den Heiland geküßt hat. Wer aber sind +die zwei andern: die, welche Luzifer an den Füßen gepackt hält und +die das Haupt nach unten schweben? Das ist mir in diesem Augenblicke +nicht erinnerlich. Sprich doch die Stelle, du weißt ja die hundert +Gesänge auswendig." Victoria rezitierte: + +"Degli altri due, ch' hanno il capo di sotto, +Quel, che pende dal nero ceffo, è Bruto: +Vedi come si storce, e non fa motto: +E l'altro è Cassio, che par sì membruto*1*)." +---------------- +Hier windet Brutus sich mit festem Schweigen, +Und aus dem dritten Maul hangt Cassius nieder, +An dessen Leib sich alle Muskeln zeigen. +---------------- + + +Behaglich plauderte der Feldherr weiter: "Dieser schweigend sich +windende Brutus ist gut, doch--mit der schuldigen Ehrfurcht--den +dürren Cassius, dessen Magerkeit Julius Cäsar fürchtete, wie kann ihn +Dante muskulös nennen? Überhaupt, Victoria, wie gefällt dir diese +Speise des Zerberus?" + +Da antwortete Victoria tapfer: "Herr, die Mörder Cäsars gehören nicht +in die Hölle. Hier tadle ich meinen Dichter." + +"Beileibe nicht!" neckte Pescara. "Und doch, brav, meine Römerin! +Treue ist eine Tugend, aber nicht die höchste. Die höchste Tugend +ist die Gerechtigkeit." So schaukelte Pescara sein Weib über dem +Abgrund und dem Geheimnis seiner Seele und hinderte sie, Fuß zu +fassen, die mit dem ganzen Ungestüm ihres Wesens Boden suchte, den +Sieg erstrebend, den zu erringen sie nach Novara geeilt war. Auf +immer neuen Wegen verfolgte sie das Ziel, von welchem Pescara sie +ferne hielt. Jetzt hatte sie die Eingebung, den größten lebenden +Patrioten Italiens zu Hilfe zu nehmen. + +"Ich mußte mich immer wundern, Pescara", sagte sie, "daß du, wie du +bist, unter unsern Bildnern und Dichtern die lieblichen den +gewaltigen vorziehst, den Ariost und Raffael dem erhabenen Dante und +seinem späten, aber ebenbürtigen Bruder, dem Buonarotti--du selbst +aber bist eine tiefe und verborgene Natur." + +"Ebendarum, Victoria, wenn ich es bin. Die Kunst ist eine Ergötzung. +Was aber deinen Michelangelo angeht, so mache mich nur nicht +eifersüchtig auf den Zyklopen mit dem zertrümmerten Nasenbein, da du +ihn so sehr bewunderst." + +Victoria lächelte. "Ich habe sein Angesicht nie gesehen und kenne +nur seine Sistine." + +"Die Propheten und Sibyllen? Diese habe ich vor Jahren auch +betrachtet und aufmerksam, doch sind sie mir wieder verschwommen, bis +auf ein paar Einzelheiten. Zum Beispiel der Mensch mit gesträubtem +Haar, der vor einem Spiegel zurückbebt--" + +"Worin er die Drohungen der Gegenwart erblickt", ergänzte sie erregt. + +"Und dann die Karyatide, von einer ungeheuren Last zusammengedrückt, +das kurze, viereckige, jammervolle Geschöpf! Das häßlichste Weib +ohne Frage, wie du das schönste bist--" + +"Eine Vergewaltigte, eine Unterjochte, eine Sklavin--" + +"Nun tauchen mir auch die Propheten wieder auf: der kahle Sacharja, +oder wer es sein mag, ein Bein oben, eines unten, der scheltende +Hesekiel im Turban, Daniel schreibend, schreibend, schreibend. Auch +die Sibyllen: die gekrümmte Alte mit der Habichtsnase, die glimmenden +Augen in ein winziges Büchlein vertieft, mit der Nachbarin, die sich +Öl in die erlöschende Ampel gießen läßt, und, die schönste von allen, +die Jugendliche mit dem delphischen Dreifuß. Alles in rasender +Tätigkeit. Was soll dieser Sturm? Was predigen und weissagen diese?" + +Da rief Victoria in flammender Begeisterung, als säße sie selbst im +Rate der Prophetinnen: "Sie bejammern die Knechtschaft Italiens und +verkündigen den kommenden Retter und Heiland!" + +"Nein", urteilte Pescara streng, "die Stunde des Heils ist vorüber. +Nicht Gnade verkündigen sie, sondern das Gericht." + +Victoria erbebte, aber schon wieder war der strafende Ernst aus den +Zügen Pescaras gewichen. "Verlassen wir jene prophetische Kapelle", +sagte er schmeichelnd, "und eine Kunst, die erschreckt und +erschüttert. Mich aber darfst du nicht gemeint haben, da du von +einem Heiland Italiens sprachest, obwohl ich freilich die Seitenwunde +schon besäße", schloß er mit einem jener herben Scherze, welche ihm +eigentümlich waren. + +Die ganze Zärtlichkeit Viktoriens überquoll, da Pescara jene Wunde +nannte, welche ihre Tage und Nächte beschäftigt hatte, bis er ihr +schrieb, sie habe sich geschlossen. Das liebende Weib umschlang ihn +mit der Linken, und mit der Rechten strich sie ihm die rötlichblonden, +vorne leicht gelockten Haare tief in die Stirn, so daß er im +Ampellicht und in ihrer wonnigen Nähe ein ganz jugendliches Ansehen +gewann. + +Da überkam sie eine Erinnerung an einen zusammen verlebten, nicht +allzufernen Tag. Es war in der Nähe von Tarent, auf einer ihrer +Besitzungen. Dort hatten sie, freilich erst nach dem völligen +Untergang einer sengenden Erntesonne, unter dem verglühenden +Abendhimmel neben ihren noch rüstigen Schnittern zur Sichel gegriffen +und sich jedes seine Garbe gebunden. Wieder sah sie den Feldherrn +lässig auf der seinigen liegen, während sie die Schnittermädchen, +leicht improvisierend, eine neue Kantilene lehrte nach dem Muster der +dort im Süden gebräuchlichen, die dann das junge Volk bis in die +Nacht zu wiederholen nicht müde wurde. Jenen Abend brachte sie jetzt +dem Feldherrn ins Gedächtnis. + +Es freute ihn. "Weißt du jenes Liedchen noch?" fragte er. + +"Wie sollte ich?" + +"Nun, es gab da einen Reim: Schnitter und Zither. Sonst sagte das +Liedchen nichts weiter, als daß, wie auf dem Felde, auch im Himmel +gesungen und die Garbe getragen werde. Das bescheidene Liedchen +klingt vielleicht noch im Munde des Volkes, wenn ich und später auch +du längst verstummt sind, und, aufrichtig, es gefällt mir besser als +ein mir neulich übersendetes Sonett, in welchem du feierlich zu mir +redest. Ruhig, Victoria! Es ist nicht von dir. Ich weiß, daß es +nicht von dir ist." + +Sie loderte vor Zorn. "Wer erkühnt sich", rief sie aus, "meine Maske +zu nehmen und in meinem Namen zu dir zu reden? Wer ist der Freche? +Wo ist das Machwerk, daß ich es zerreiße!" + +"Oh, das wäre schade. Es sind Verse, die dir keine Schande machen. +Hier." Der Feldherr zog ein Blatt aus dem Busen. Sie entriß es ihm +und trat unter die Ampel. Mit wogender Brust und hastigen Lippen +begann sie: + +"Victoria an Pescara. + +Ich heiße Sieg, Pescara, und ich kröne +Mit Lorbeer deine Schlachten und Gefechte, +Doch wehe mir, wenn ich die Heimat knechte, +Mißbrauchend meines Namens stolze Töne. + + +Da ich mich dir vermählt in Jugendschöne, +Aus Römerblut und fürstlichem Geschlechte, +Gab ich dir in Italien Bürgerrechte +Und brachte dir die Liebe seiner Söhne. + + +Ich komme, Lohn zu fordern für ein Leben, +Nur dir geweiht in hellem Opferbrande! +Mein Held, was wirst du deinem Weibe geben? + +Ich weiß die Geister, welche dich umschweben! +Zerschneidend mit dem Schwert Italiens Bande, +Belohnst du mich mit meinem Vaterlande!" + + +Nie verwandelte sich eine Stimmung seltsamer unter dem Eindruck eines +Gedichtes: unmutig hatte die Colonna das Blatt ergriffen, bald +besänftigte sie sich, dann sprach sie innig, und die letzten Zeilen +jubelte sie hingerissen. Jetzt bekannte sie offen: "So bin ich und +solches hoffe ich, wenn ich dieses auch nicht geschrieben habe!" + +Pescara blickte spöttisch. "Das Sonett", sagte er, "hat sich auf +deinen Lippen wunderbar veredelt, aber es ist innerlich hohl und +stammt aus einer niedrigen Seele. Liebe fordert keinen Lohn, Liebe +gibt sich umsonst, Liebe rechnet nicht. Solches ist gemein. Nein, +so kann Victoria nicht denken. Ein Mietling hat diese Verse gemacht, +und ich weiß seinen Namen. Seine ungeheure Eitelkeit hat ihn +gezwungen, die Maske frech zu lüften. Sieh her." Pescara wies mit +dem Finger auf zwei winzige Buchstaben, ein P und ein A, in die +untere rechte Ecke des Blattes gekritzelt. "Auch ein Göttlicher, wie +er sich nennt! Ich sehe den Aretiner mit seinem Zeltgenossen, dem +Giovanni Medici, dem zügellosesten Jüngling Italiens, weintriefend +und witzereißend zusammensitzen und höre ihn lästern: 'Glaube mir, +Hans, es ist kein leichtes, sich in die göttliche Victoria +hineinzudenken!' Und ein faunischer Jubel. Der Aretiner lacht, daß +er fast mit dem Stuhl überschlägt, er schüttelt sich, er lacht aus +vollem Halse--" + +"Bräche er ihn, der Schamlose!" schluchzte Victoria; denn Petrus +Aretinus und sein Wesen waren schon damals weltkundig. + +"Brav, meine Römerin!" begütigte Pescara. "In einem aber hat er +recht, Geliebte: dein Vorname hat schon den Bräutigam begeistert. Es +ist schön, mit dem Siege vermählt zu sein." Aber die Colonna +verstand keinen Scherz mehr. Sie war in den Tiefen ihrer Seele +aufgewühlt, in den Wurzeln ihres Wesens erschüttert, voller Tränen +und zugleich voller Glut und Leidenschaft. "Doch in dem andern hat +er unrecht!" redete sie heftig. "Ich weiß nicht, auf welchen Geist +du lauschest, und mühe mich umsonst, in deinem Herzen zu lesen! Du +spielst mit deinem Weibe! Du umarmst mich und du drückst mich weg! +Hast du Grausamer mich doch nicht einmal meine Botschaft ausrichten +lassen, die ich dir bringen wollte in dem Jubel meines Herzens!" + +"Weil ich sie erriet. Ich tadle den Heiligen Vater, mein edles Weib +zur Dienerin mißbraucht und dir, der Wahrhaften, eine Botschaft +aufgelistet zu haben, eine Botschaft seiner und deiner unwürdig, +voller Lüge und Sophismen, welche ich, in den nächsten Tagen schon, +ihn nötigen werde zu widerrufen und zu verleugnen. Die Heiligkeit +gibt mir Neapel, wenn ich es erobere, und absolviert mein Gewissen, +wenn ich es abstumpfe. Ich aber glaube nicht an ein solches Binden +und Lösen, nicht in weltlichen Dingen, weder ich noch irgendein +anderer mehr, und", sagte er höhnisch, "auch in geistlichen nicht. +Das ist vorbei, seit Savonarola und dem germanischen Mönche." + +"Und mein Italien, das du wie ein Magnet anziehst, lässest du es an +dir scheitern? Achtest du es für nichts? Verachtest du es?" schrie +Victoria verzweifelnd. + +Der Feldherr erwiderte sanft: "Wie dürfte ich ein Volk verachten, das +mir dich gegeben hat? Aber ich will dir nicht verhehlen: Italien +redet umsonst, es verliert seine Mühe. Ich kannte die Versuchung +lange, ich sah sie kommen und sich gipfeln wie eine heranrollende +Woge und habe nicht geschwankt, nicht einen Augenblick, mit dem +leisesten Gedanken nicht. Denn keine Wahl ist an mich herangetreten, +ich gehörte nicht mir, ich stand außerhalb der Dinge." + +Victoria entsetzte sich. "Wie? Bist du kein Mensch? Bist du ein +Geist ohne Fleisch und Blut? Betrittst du den Boden nicht, über den +du wandelst?" + +"Meine Gottheit", antwortete er, "hat den Sturm rings um meine Ruder +beruhigt." + +Da flehte Victoria: "Deine Gottheit?", und sie umschlang ihn mit +beiden Armen, "ich lasse dich nicht, du nennest mir denn deinen Gott!" + +Pescara löste sich sachte und erwiderte mit schmerzlichen Augen: +"Wenn du es verlangst, aber komm mit mir in den Garten, ich muß Luft +schöpfen." + +Da sie auf die Terrasse traten, standen alle Sterne über ihnen, und +drüben im alten Schlosse erblickten sie noch ein einsames Licht von +irdischer Farbe. "Dort", sagte sie mitleidig, "ist der Kanzler +schlummerlos und verzehrt sich in Angst und Hoffnung." + +"Ich glaube nicht", versetzte Pescara, "eher hat er sich mit einem +Mutwillen oder einer Nichtswürdigkeit in den Schlaf gelesen, und +seine niederbrennende Ampel leuchtet den Wänden." Er hatte es +erraten. Nach qualvollen Stunden hatte sich Morone mit einem Catull +eingeschläfert. + +Der Feldherr nahm seinen Weg nach dem Boskette mit den weißen +Marmorbänken, wo er zu ruhen pflegte. Sie saßen unter dem dunkeln +Laubdache, Hand auf Hand. + +Da flüsterte Victoria: "Nun rede!" Der Feldherr aber schwieg. + +Tritte nahten, und eine andere Bank füllte sich mit Geflüster. +"Steht es wirklich so mit dem Feldherrn, Moncada? Ich habe Mühe, es +zu glauben." + +"Auch ich glaube es noch nicht, Leyva, aber ich forsche. Erlange ich +Gewißheit, so trete ich hervor, und wir handeln. Der König darf sein +Heer in Italien nicht verlieren." + +"Ihr meint?" + +"Du ziehst deine Truppen zusammen, und wir verhaften ihn." + +"Er wird sich zur Wehre setzen." + +"Dann fällt er." + +"Und die Majestät?" + +"Besorge nichts, die Majestät bedarf unser, wir beherrschen sie. +Verweigerst du mir deine Hilfe, so muß ich ihn durch eine gedungene +Hand töten lassen. Kann ich auf dich zählen?" + +"Ihr dürft... eine schwere That..." Da zog ihn der andere fort. "Mir +ist", sagte er, "ich habe hier atmen hören." + +Wirklich, die feuchte Nachtluft drückte den lauschenden Feldherrn und +benahm ihm den Atem. Er keuchte leise. Jetzt sagte auch er: "Gehen +wir. Tau fällt, und Verderben brütet in der Luft." Sie drängte sich +an ihn. + +Drei Hornstöße ertönten, vom alten Schlosse her. + +"Ein Kurier. Ich werde heute noch zu lesen haben." + +"Ferdinand", flehte sie, "du bist umlauert. Du wirst dem Kaiser +verdächtig. Du bist verloren! Wirf dich Italien in die Arme! Da +ist dein Heil und deine einzige Rettung!" + +"Ich fürchte nichts", sagte er. "Der Weg ist dunkel, aber meine +Zuflucht ist offen." + +Jetzt standen sie in der kleinen Halle des Landhauses, und Pescara +weckte den auf einem Schemel schlummernden Ippolito. "Geh hinüber", +befahl er, "und bringe, was eben angelangt ist." Dann sagte er zu +Viktorien: "Ich meine, es ist von Madrid, vielleicht eine Zeile der +Majestät selbst, die mir zuweilen schreibt, ohne das Wissen ihrer +Minister. Ich bin doch begierig." + +Jetzt schlug die Turmuhr des alten Schlosses Mitternacht, müde und +zitternd, mit so weit ausholenden Schlägen, daß je zwischen zweien +ein Leben Raum zu haben schien. Der zwölfte Schlag--unwiderruflich. + +Ippolito kratzte an der Tür und brachte ein Paket, das der Feldherr +öffnete. Es enthielt, neben einigen andern Briefschaften, einen +Kaiserlichen Erlaß, welcher den Marsch auf Mailand guthieß und den +Oberfeldherrn bevollmächtigte, in der genommenen Stadt durchaus nach +seinem Ermessen und gemäß den Umständen zu verfahren. + +"Alles?" fragte Pescara. + +Da bog der Knabe ehrfürchtig das Knie, überreichte ein Briefchen, +welches er dem Kurier mit Not abgerungen hatte, und entfernte sich. +Es war überschrieben: "In die eigenen Hände des Marchese." + +"Vom Kaiser", sagte Pescara und öffnete. "Da, Victoria, lies vor. +Er schreibt so kritzlig." Sie gehorchte. Es war nicht viel, wenige +Zeilen, und lautete: + + +"Mein Pescara! + +Ich bin es, der diese Vollmacht durchgesetzt hat gegen meine Minister. +Ihr habet viele Feinde. Hütet Euch vor Moncada. Ich aber bin +gläubig an Euch, denn ich habe für Euch gebetet und sah einen Engel, +der Euch an der Hand hielt. Ich traue. + +Ich Euer König." + + +Pescara lächelte mühsam. "Karl traut zu leicht", sagte er. "Das +könnte ihn zu Schaden bringen mit einem andern, als ich bin. +Aber--seltsam--er hat meinen Genius erblickt." + +"Jetzt nenne mir deine Gottheit!" flehte Victoria. "Ich beschwöre +dich, Pescara, nenne sie mir!" + +"Ich glaube, da ist sie selbst", keuchte er heiser. Immer schwerer +begann er zu atmen, er stöhnte, er ächzte, er röchelte. Ein +furchtbarer Krampf beklemmte seine Brust. Er sank, mit der Hand nach +dem gepeinigten Herzen langend, auf die Ottomane und rang nach Atem. +Da kniete sich Victoria neben ihn nieder, hielt und stützte ihn mit +ihren Armen und litt mit ihm. Sie wollte Ippolito rufen und den +Knaben nach seinem Großvater, dem Arzte, schicken, er verbot es mit +einer Gebärde. Endlich entschlummerte er, aufs tiefste erschöpft, +nachdem Victoria geglaubt hatte, er stürbe ihr. Da sie sich der +Tränen gesättigt, entschlummerte auch sie. Dann erlosch die Ampel. + +Als Victoria erwachte, lag ihr Haupt auf einem leeren Pfühle, und +durch das geöffnete Fenster strömte die Morgenluft. Sie sprang auf, +den Gatten zu suchen, und fand ihn, der die Terrasse auf und nieder +schritt und den der Schlummer erfrischt und wie neu belebt hatte. +Sie wurde ungläubig an den nächtlichen grausamen Kampf in ihren Armen, +er war ihr wie ein Traum. + +Da begann Pescara: "Gestern, liebe Herrin, habet Ihr mich um den +Namen meines Genius befragt, und mir bangte, ihn vor Euch +auszusprechen. Endlich hättet Ihr mir mein Geheimnis fast entrissen, +denn es ist schwer, einem geliebten Weibe etwas vorzuenthalten. Da +erschien er selbst und berührte mich. Ihr kennet ihn nun, und der +gefürchtete Name bleibe unausgesprochen. Keine Tränen! Ihr habet +sie gestern vergossen. Sondern saget mir jetzt, wohin wünschet Ihr +Euch zu begeben, während ich das Heer des Kaisers gegen Mailand +führe?" + +"Wie konntest du es mir so lange verbergen, Ferdinand?" + +"Zuerst--nicht lange--verheimlichte ich es mir selbst... doch nein, +ich wußte mein Los schon am Schlachtabend von Pavia. Mit jener +blutigen Wintersonne bin ich untergegangen. Meines Zieles und meiner +gezählten Tage gewiß, wie hätte ich die deinigen vorzeitig +verfinstern dürfen? Du sagtest mir zuweilen, es sei grausam, eine +süß Schlummernde zu wecken, und littest es nicht. Ich aber bin nicht +grausam." "Du bist es", erwiderte sie, "sonst hättest du mich nicht +so bitter getäuscht, sondern mich gerufen und dich von mir pflegen +lassen." + +"Niemand durfte darum wissen", sagte er. + +"Und dein Arzt? Der mußte es wissen, und ich zürne ihm, daß er mich +belogen hat, da ich an ihn schrieb und ihn beschwor, mir die Wahrheit +zu sagen!" + +"Der arme Numa!" sagte der Feldherr. "Er ist schon unglücklich genug, +daß er mich nicht heilen kann. Er riet mir damals eine lange Ruhe +auf Ischia, ich aber sagte ihm: Es ist umsonst. Doch wozu dies +alles?... Wohin gedenkst du zu gehen, Victoria?" + +"Nein, Ferdinand, sprich! Verheimliche mir nichts mehr!" + +"Es ist umsonst, sagte ich ihm, die Lunge ist durchbohrt und das Herz +leidet. Friste mich, Numa! Ziehe mich hinaus, in den Sommer, in den +Herbst, bis zu den ersten Flocken! So viel Zeit brauche ich, meinen +Sieg zu vollenden. Und vor allem, sagte ich, halte reinen Mund! +Niemand erfahre unser Geheimnis! Es würde die Kräfte des Feindes +verdreifachen und mich und mein Heer verderben. Noch einmal, +schweige! Ich will es! gebot ich ihm... Und ich habe das Leben +geheuchelt, so gut, daß mir Italien den Brautring bot!" Er lächelte. +"Und ich werde noch einmal zu Pferde sitzen! Du aber, Victoria, +gelobst mir--doch kein Gelübde, du tust es mir zuliebe--, nicht +ungerufen mir nachzueilen durch die Staubwolke meines Marsches und +über blutgetränkte Felder. Auch würdest du dem Kriegsvolke zu +spotten geben, nicht über dich, gut und schön wie du bist, sondern +über den verhätschelten Feldherrn. Also du bleibst. Aber wo? Hier?" + +Victoria besann sich, trostloses Leid in den Zügen. Dann sagte sie: +"Gestern, wie ich herritt, kam ich, schon im Weichbilde der Stadt, an +einem kleinen Frauenkloster vorüber. Es heißt, wie ich erfuhr, +Heiligenwunden. Dort will ich deines Rufes harren, Buße thun und für +deine Genesung beten." + +"Für meine Genesung?" lächelte er. "Tue das. Auch wirst du dich in +Heiligenwunden nicht langweilen; das Kloster, höre ich, hat herrliche +Stimmen und ist berühmt wegen seines Chorgesanges. Reiten wir hin, +bald, jetzt da es frisch und der Staub der Heerstraße noch nicht +aufgewühlt ist." Er ging leichten Schrittes durch den Park nach dem +alten Schlosse hinüber, um satteln zu lassen. + +Victoria folgte mit langsamen Schritten, und da sie Numa den Arzt +erblickte, der sich nach der Nacht des Feldherrn zu erkundigen kam, +ging sie auf ihn zu mit schmerzlich bewegter Miene: sie wollte ihm +vorwerfen, daß er ihr die Wirklichkeit verhehlt, und zugleich ihn +beschwören, mit den letzten Mitteln und Geheimnissen seiner Kunst das +geliebte Leben zu fristen. Da aber der Arzt die Colonna kommen sah, +streckte er in dem Gefühle seiner Ohnmacht die zitternden Hände +abwehrend gegen sie aus, als flehe er: Schone meiner, ich vermag +nichts! Sie verstand die Gebärde und ging ihres Weges, an Ippolito +vorüber, der das Knie vor ihr bog und den sie nicht gewahr wurde, zum +großen Herzeleid des Knaben. + +Im Schloßhofe fand sie den schwer und kostbar geschirrten Rappen +Pescaras und ihren ebenfalls gesattelten falben Berber. Der Feldherr +hob sie zu Pferde, und sie ritten unter grüßendem Trommelwirbel über +die sich senkende Zugbrücke hinaus in die unabsehbaren Reisfelder der +lombardischen Ebene. Ihnen folgte in gemessener Entfernung ein +Reitknecht des Pescara, ein von südlicher Sonne geschwärzter +Kalabrese, und auf einem Maultier die römische Zofe Victorias. + +Hinter den Reisenden verhallten im Schloßhof die ungehörten Hilfrufe +des vergessenen Kanzlers. Er war aus schlimmen Träumen erwacht und +schon in der Frühe durch die Gärten geirrt, immer wieder an Mauern +und Wälle gelangend, hier von deutschen, dort von spanischen +Wachtposten beobachtet. Die Schwaben ergötzten sich weidlich an +seinem ausschweifenden Gebärdenspiel, während die Spanier +einverstandene schadenfrohe Blicke tauschten: sie zweifelten nicht, +der Feldherr habe den Minister des Feindes in die Falle gelockt, und +versprachen sich, ihn morgen, wenn er dem Heere nachgeschleppt würde, +nach Herzenslust zu quälen und gründlich auszuplündern. Endlich war +er in das Rondell gekommen und erschöpft auf dieselbe Bank gesunken, +wo er gestern den schlummernden Pescara gefunden und belauscht hatte. +Da vernahm er den Salut der Torwache, rannte nach dem Schloßhof und +wollte über die Brücke nachstürzen. Von dem Posten mit +vorgestreckten Hellebarden empfangen, sah er jammernd den Feldherrn +und Victoria in den Dunst der Ferne entschwinden. + +Es war nach einem leuchtenden ein trüber Tag. Kein Windhauch und +nicht der leiseste Versuch einer Wolkenbildung. Keine Lerche stieg, +kein Vogel sang, es dämmerte ein stilles Zwielicht wie über den +Wiesen der Unterwelt. Das Frauenkloster wurde sichtbar und +vergrößerte langsam seine friedlichen Mauern. Freilich ritten die +beiden fast nur im Schritte, die verwitwende Victoria in tiefem +Schweigen, während, durch einen wunderbaren Gegensatz, das Gedächtnis +des jetzt ausruhenden Feldherrn auf leichten und liebenden und +inbrünstigen Schwingen in die Jugend zurückkehrte und die an seiner +Seite Trauernde wieder in die reizenden und rührenden Gestalten des +knospenden Mädchens und der zärtlichen Braut verwandelte. Er +enthielt sich nicht, sie an kleine Dinge jener glücklichen Tage zu +erinnern, aber er gewann ihrer Kümmernis kein Lächeln ab. Er war +seines lastenden Geheimnisses ledig, dessen Bitterkeit sie jetzt auf +einmal und in vollen Zügen kostete. + +Nun waren sie schon so nahe, daß sie Chorgesang im Kloster vernahmen. +"Was singen sie dort?" fragte er gleichgültig. "Ich meine, ein +Requiem", sagte sie. + +Wie sie vor dem Kloster abstiegen, da siehe, trat ihnen aus der +Pforte die Äbtissin entgegen, hinter sich zwei bescheidene Nonnen. +Sie mochte irgendein Kind in ein Reisfeld auf die Lauer gelegt haben, +das nun auf schnellen nackten Füßen vorausgelaufen war. Die Äbtissin +hatte die Ankunft Donna Victorias in Novara schon gestern in +Erfahrung gebracht und sich gleich geschmeichelt, die gottesfürchtige +und leutselige Frau werde Heiligenwunden nicht unbesucht lassen, denn +das Kloster besaß neben den geschulten Stimmen seines Chores noch +eine größere Auszeichnung: die mystische und täglich sterbende +Schwester Beate, welche die blutigen Male an ihrem kranken und +abgezehrten Leibe trug. Die unternehmende und beherzte Äbtissin +hatte sich vorgenommen, von der Colonna, der sie Macht über den +Gatten zutraute, den Nachlaß einer schweren Kriegssteuer zu erbitten, +welche der gottlose und habgierige Feldherr--dieses Rufes genoß +Pescara bei der italienischen Klerisei--zuwider den kanonischen +Sätzen und gegen alle Billigkeit auf die Güter des Klosters gelegt +hatte. Daß aber der Feldherr, der es vermied, eine christliche +Stätte zu betreten, Madonna Victoria begleiten würde, war der +Äbtissin nicht im Traume eingefallen. + +Sie begrüßte, eine angenehme Frau mit dunkeln, klugen Augen und +blassen, gefälligen Zügen, das hohe Paar in wenigen gewählten Worten. +Dann schwieg sie aufmerksam, die Rede Pescaras erwartend, dessen +edle Erscheinung ihr Eindruck machte. + +"Ehrwürdige", begann der Feldherr, "Donna Victoria wünscht während +des Feldzuges, den ich morgen beginne und dessen Dauer ich auf eine +Woche berechne, ein paar ruhige und fromme Tage hier in Eurem +Konvente zu genießen, bis ich sie nach Mailand rufen werde, nach +vollendetem Kampfe. Habet Ihr ein schickliches Gemach zu vergeben?" + +Rasch erwiderte die Äbtissin, das ihrige stehe zu Gebote. + +"Ich verlange eine einfache Zelle wie die der geringsten Schwester, +mit dem gewöhnlichen Geräte", sagte Victoria, deren Blässe die +Äbtissin befremdete. Aber sie schrieb dieselbe der begreiflichen +Sorge um den zu Felde ziehenden Gatten zu. + +"Wenn sich Donna Victoria eingerichtet hat", schloß Pescara, "werde +es mir gemeldet. Ich habe noch mit ihr zu sprechen und bitte, +Klausur und Zelle betreten zu dürfen. Ausnahmsweise, da ich dem +Kloster wohlwill. Ihr findet mich in der Kirche." Er verneigte sich +und schritt auf diese zu. + +Victoria fragte, was die Nonnen gesungen hätten, und erhielt die +Antwort: "Ein Requiem. Für die junge Julia Dati, die Enkelin unsers +greisen Arztes, welche in Rom gestorben ist." Dann folgte sie der +Äbtissin, während die beiden Nonnen zugeflüsterte Befehle +auszurichten gingen. Indessen durchmaß der Feldherr, ohne das Haupt +zu entblößen oder irgendeine der üblichen Devotionen zu verrichten, +die Länge der Kirche mit festem Gange, die Arme über dem Panzer +kreuzend. Er hatte sich, da er auf dem Heimritte seinen in Novara +feldmäßig einrückenden Truppen begegnen mußte, leicht behelmt und +beharnischt und schritt wie ein Held und Herrscher auf der Stätte des +Gebetes und der Demut. + +"Nein", sprach er zu sich mit geschlossenem Munde, "es sei heute das +letztemal. Ich will von ihr Abschied nehmen als ein Lebender. Ich +will es ihr ersparen, mich leiden zu sehen. Sie soll mich +wiederfinden, wenn ich ruhe." + +Sich allein glaubend, wurde er durch das Gitter des Chores belauscht. +Diesen hatten die Nonnen wieder betreten, auf das Geheiß der +Äbtissin, denn Pescara sollte die Stimmen ihres Klosters hören. +Selbst die mystische Beate war gekommen und vereinigte ihren +schwärmerischen Blick mit demjenigen vieler feurig braunen oder +schwarzen Augen, welche die Heldengestalt verschlangen. Alle +versammelten Himmelsbräute priesen die Colonna selig und beneideten +ihre irdische Lust, während die glücklich Geglaubte nicht ferne davon +in einer Zelle mit gerungenen Händen verzweifelte. Auch Schwester +Beate erlag der Versuchung, diesen stolzen Herrn der Welt zu +bewundern, überwand sich aber tapfer und flehte den Himmel inbrünstig +an, der Colonna zum Heil ihrer Seele ihren Abgott zu entreißen. Aber +diese heftigen Gefühle wichen dem harmloseren der Eitelkeit. Nach +dem Geflüster einer kleinen Beratung und einem leisen Räuspern +intonierten die Schwestern jubelnd ihr Prachtstück, ein Tedeum, das +sich auch für den Sieger von Pavia besser eignete als irgendeine +andere Prosa oder Sequenz. + +Und er hätte wohl gelauscht, aber er stand regungslos, wie gebannt +vor dem gekreuzigten und schon entseelten Christus eines großen +Altarbildes, dessen helle Farben noch in voller Frische leuchteten. +Doch es war nicht das göttliche Haupt, das er beschaute, sondern er +betrachtete den Kriegsknecht, der seine Lanze in den heiligen Leib +stieß. Dieser war offenbar ein Schweizer; der Maler mußte die Tracht +und Haltung eines solchen mit besonderer Genauigkeit studiert oder +frisch aus dem Leben gegriffen haben. Der Mann stand mit gespreizten +Beinen, von denen das linke gelb, das rechte schwarz behost war, und +stach mit den behandschuhten Fäusten von unten nach oben derb und +gründlich zu. Kesselhaube, Harnischkragen, Brustpanzer, Arm- und +Schenkelschienen, rote Strümpfe, breite Schuhe, nichts fehlte. Aber +nicht diese Tracht, die er zur Genüge kannte, fesselte den Feldherrn, +sondern der auf einem Stiernacken sitzende Kopf. Kleine blaue, +kristallhelle Augen, eingezogene Stumpfnase, grinsender Mund, blonder, +krauser Knebelbart, braune Farbe mit rosigen Wangen, Ohrringe in +Form einer Milchkelle, und ein aus Redlichkeit und Verschmitztheit +wunderlich gemischter Ausdruck. Pescara wußte gleich, mit dem +Gesichtergedächtnis des Heerführers, daß er diesen kleinen, +breitschultrigen, behenden Gesellen, dessen schwarzgelbe Hose den +Urner bedeutete, schon einmal gesehen habe. Aber wann und wo? Da +schmerzte ihn plötzlich die Seite, als empfinge er einen Stich, und +jetzt wußte er auch, wen er da vor sich hatte: es war der Schweizer, +der ihm bei Pavia die Brust durchbohrt. Kein Zweifel. Den +Lanzenstoß des neben ihm an die Erde Geduckten empfangend, hatte er +einen Moment in dieses kristallene Auge geblickt und diesen Mund +vergnüglich grinsen gesehen. Nach der Erkennung machte das +unerwartete Wiederfinden auf den Feldherrn weiter keinen Eindruck, +und mit freundlicher Miene fragte er die Äbtissin, die jetzt neben +ihm stand, um ihn zu Donna Victoria abzuholen, wer das gemalt hätte. +Sie antwortete, die Augen flüchtig niederschlagend: "Zwei Mantovaner, +begabte junge Leute, aber von bedenklichen Sitten, die das Kloster +gerne wieder scheiden sah." + +Da Pescara die Zelle öffnete, sah er Victoria auf den Knien liegen. +Eine Weile schaute er schweigend, als wolle er nicht stören, durch +ein Fenster des gekuppelten Rundbogens, in dessen Brüstung er sich +gesetzt hatte, auf Rasenhügel und Grabkreuze, endlich fragte er: "Was +tust du, Victoria?" + +"Buße", sagte sie. + +"Für wen?" + +Sie erhob sich und antwortete mit noch gefalteten Händen: "Ich tue +Buße für mich und Euch und Italien. Für dieses seiner stolzen Frevel +und ungewöhnlichen Sünden wegen, an denen es zugrunde gehen wird, da +Ihr der einzige waret, der es retten konnte. Für mich, weil ich +gekommen bin, Euch in Versuchung zu führen. Für Euch, da Ihr diese +Erde verlassen wollet. Ich habe gebetet für Euer unvergängliches +Teil, aber der Himmel"--sie schüttelte traurig das Haupt--"hat mich +noch nicht erhört." + +Er zog sie auf die Bank der Fensterbrüstung und nahm sie bei der Hand, +wie der Bruder die Schwester. Eine Lust, sich hinzugeben, überkam +ihn, sei es, weil das Geheimnis zwischen ihm und seinem Weibe +weggenommen war, oder in dem unbewußten Wunsche, das letzte +Beisammensein zu verlängern. + +"Kleingläubige", begann er heiter, "überlasse mich meinem dunkeln +Beschützer! Als ein Knabe glaubte ich mit der Mutter, die eine +Heilige war, an das, was die Kirche verheißt; jetzt sehe ich rings +das Fluten der Ewigkeit. Der Todesengel war mir nahe, schon in +meiner ersten Schlacht, da, von ihm bezeichnet, mein +Zeltgenosse--dein Bruder, Victoria--lautlos, eine Kugel im Herzen, +zusammenbrach. Ich habe ihm manche Hekatombe geschlachtet, und auch +er hat mich oft, fast auf jeder Walstatt, grüßend berührt; denn es +scheint, ich bin verwundbarer als andere. Aber Zeit hat es gebraucht, +bis ich den Schnitter lieben lernte. Noch in den Wochen nach Pavia, +da ich wußte, daß er mich erwählt hatte, habe ich mich gegen ihn +gesträubt und aufgebäumt und empört wie ein trotziger Jüngling. +Allmählich aber ahnte ich, und jetzt bin ich gewiß, daß er die rechte +Stunde kennt. Der Knoten meines Daseins ist unlösbar, er +zerschneidet ihn." + +Die bleiche Victoria hing an seinen Lippen und staunte mit starren +Augen, als sehe sie den herrlichsten Palast brennen und von der +lodernden Flamme jeden Säulenknauf beleuchtet. + +"Ich sage dir, Weib", fuhr er fort, "mein Pfad versinkt vor mir! Ich +gehe unter an meinen Siegen und an meinem Ruhme. Wäre ich ohne meine +Wunde, dennoch könnte ich nicht leben. Drüben in Spanien Neid, +schleichende Verleumdung, hinfällige und endlich untergrabene +Hofgunst, Ungnade und Sturz; hier in Italien Haß und Gift für den, +der es verschmäht hat. + +Wäre ich aber von meinem Kaiser abgefallen, so würde ich an mir +selbst zugrunde gehen und sterben an meiner gebrochenen Treue, denn +ich habe zwei Seelen in meiner Brust, eine italienische und eine +spanische, und sie hätten sich getötet. Auch glaube ich nicht, daß +ich ein lebendiges Italien hätte schaffen können. Zwar es trägt die +strahlende Ampel des Geistes, doch es hat sich aufgelehnt in der +unbändigen Lust eines strotzenden Daseins gegen ewige Gesetze. Es +büße, du hast es gesagt, Victoria; in Fesseln leidend, lerne es die +Freiheit. Dieses spanische Weltreich aber, das in blutroten Wolken +aufsteigt jenseits und diesseits des Meeres, erfüllt mich mit Grauen: +Sklaven und Henker. Ich spüre die grausame Ader in mir selbst. Und +das Entsetzlichste: ich weiß nicht, welcher mönchische Wahnsinn! +Dein verderbtes Italien aber ist wenigstens menschlich." + +Victorias Augen verklärten sich, da sie sah, daß Pescara Italien +liebte. "Du hättest ihm Freiheit und Freiheit ihm Tugend gegeben!" +rief sie, doch Pescara fuhr fort, als hätte er nicht gehört: "Nun +aber bin ich aus der Mitte gehoben, ein Erlöster, und glaube, daß +mein Befreier es gut mit mir meint und mich sanft von hinnen führen +wird. Wohin? In die Ruhe. Und jetzt laß uns scheiden, Victoria." +Er wollte ihr die Tränen vom Auge küssen, fand aber den zärtlichsten +Mund, der ihm entgegenkam. + +"Noch eines", sagte er, "Laß die Welt über mich urteilen, wie sie +will. Ich bin jenseits der Kluft. Lebe wohl! Begleite mich nicht! +Besuche mich in Mailand, aber nicht, bevor ich rufe!" + +Victoria versprach, um nicht Wort zu halten. + +Da Pescara sich bei der Äbtissin verabschiedete, brauchte sie ihr +Anliegen gar nicht auszusprechen. Der Feldherr gewährte den Nachlaß +der Kriegssteuer als ein selbstverständliches Gegengeschenk für die +seinem Weibe gegebene Herberge. Über dieses Ende einer ökonomischen +Bedrängnis und eines schmalen Tisches ward eine solche Freude im +Kloster, daß die Schwestern zu Ehren ihres Gastes die Tafel mit den +ausgesuchtesten Leckerbissen besetzten. Doch Victorias Platz blieb +leer. Sachte ritt Pescara, von den Segnungen des Klosters begleitet, +gegen die Thürme der Stadt zurück. Sein feuriger Rappe schien sich +über den gemessenen Gang zu wundern. Die auf der Ebene gellende +Feldmusik und die überall marschierenden Truppen verrieten ihm den +Beginn eines Feldzuges. Er schnoberte, als wittere er schon den +Pulverdampf, und schritt stolz, als trage er den Sieg. + +Abschied ist schwer, dachte der Feldherr, ich möchte ihn nicht +wiederholen. Noch einmal hatte sich das Leben an ihn gedrängt und er +das Beste des Daseins, Schönheit und Herzenskraft, in den Armen +gehalten. Der Jüngling war in ihm aufgelodert, und wenige +Augenblicke, nachdem er Viktorien so erbaulich zugeredet, lehnte er +sich auf gegen die Vernichtung. Das edle Blut, das in den +sterblichen Adern rinnt, die Thatkraft, empörte sich gegen den ewigen +Frieden. Ein Zorn blitzte auf in seinen hellen grauen Augen gegen +seinen Mörder, den er im Bilde wiedererblickt, und er schlug mit der +gepanzerten Rechten gegen seine Brust, als zerdrücke er darauf die +Wespe, die ihn gestochen hatte. Jetzt wieherte auch der Rappe und +setzte sich in kurzen Galopp, von dem Feldherrn unwissentlich mit der +Ferse berührt oder so verwachsen mit ihm, daß er seinen Unmut +mitfühlte. + +In dieser Stimmung gewahrte Pescara auf einem nahen Reisfelde die +wechselnden Stellungen eines tollen Kampfes, welcher dasselbe +zerstampfte. Ein einzelner wehrte sich verzweifelt gegen eine +Übermacht. Der zerlumpte kleine Kerl in gelben und schwarzen Fetzen +focht wütend mit seiner Speerhälfte wider ein Dutzend Spanier. Zweie +hatte er hingestreckt, wurde jetzt aber von den übrigen überwältigt, +und schon saß ihm eine Schwertspitze an der Kehle, als der auf ihm +kniende Spanier von einem andern zurückgerissen wurde, welcher auf +den heransprengenden Feldherrn deutete. + +Pescara winkte, und der Trupp mit dem Gefangenen folgte ihm unter +eine mächtige Eiche, die an der Landstraße stand, weitum der einzige +Baum in der schwülen Ebene. Der Feldherr stieg ab und lehnte sich an +den bemoosten Riesenstamm. Seine Brust keuchte von dem raschen Ritt, +und es kam ihm gelegen, sie zu beruhigen, Rast haltend unter dem +Vorwand eines Verhöres. + +Der spanische Wachtmeister berichtete: sie hätten einen Schweizer +durch das Getreide laufen sehen, wohl einen Versprengten von Pavia, +welcher bislang sich irgendwo untergeduckt, und ihn gehascht, da es +möglicherweise ein mailändischer Spion sei. Seinen Vortrag +beendigend, blickte der spanische Spitzbart zu einem starken Aste auf, +welchen die Eiche waagerecht hervorstieß. + +Pescara deutete die Spanier weg, die sich in einiger Entfernung +wachehaltend verteilten, und musterte dann den Schweizer vom Wirbel +zur Zehe. So verrostet der Harnisch und so zerlumpt das schwarzgelbe +Unterkleid war, erkannte er doch gleich die Tracht des Klosterbildes +und nicht minder die glitzernden Äuglein, und jetzt, wahrhaftig, +verzog der vor ihm Stehende sein Gesicht zu jenem lächelnden Grinsen, +sei es aus Angst, sei es, weil auch er sich den Feldherrn ins +Gedächtnis zurückrief. + +"Heb auf und gib", befahl dieser und zeigte auf den Lanzenstumpf, +welchen einer der Kriegsknechte zu den Füßen des Gefangenen geworfen +hatte, als Beweisstück für die Verwundung seiner Kameraden. Es war +eine vordere Spießhälfte, deren Spitze blutete. Der Schweizer +gehorchte, und der Feldherr betastete prüfend die Spitze mit dem +Finger; dann warf er den Stummel weg. + +"Wie heißest du?" fragte er. + +"Bläsi Zgraggen aus Uri", war die Antwort. + +Der Feldherr verzichtete darauf, diesen unmundlichen Geschlechtsnamen +zu wiederholen, der von dem zerrissenen Kamm eines Schweizergebirges +zu stammen schien, und bediente sich des Vornamens, welchen er +italianisierte. "Biagio", sagte er, "du hast mir zwei Leute +verwundet; ich denke, ich lasse dich hier aufknüpfen." + +Bläsi Zgraggen versetzte trotzig: "Lasset Ihr mich henken, so ist es +weniger wegen dieses letzten Handels, sondern eher, weil ich--" + +"Schweig!" gebot der Feldherr. Er konnte sich rächen, indem er dem +Kriegsrechte freien Lauf ließ, aber eine solche Rache weder sich +selbst noch seinem Opfer eingestehen. "Wie bist du hier +zurückgeblieben?" fragte er. + +Zgraggen, der ein geläufiges Lombardisch sprach, begann herzhaft: +"Auf dem Felde von Pavia wurde ich verwundet und niedergeritten und +lag, den geknickten Spieß neben mir. Nächtlicherweise schleppte ich +mich dann den Bergen zu, hungernd und bettelnd. Herr, sehet Ihr +rechts von den zwei Pappeln das lange, rote Dach? Dort haust die +Narracivallia mit ihrem Manne. Dieser dingte mich zur +Feldarbeit--bis sich der Krieg verzogen hätte, jetzt käme ich doch +nicht über die Grenze. Hernachmals machte mir die Narracivallia +Augen. Da erschienen mir im Schlaf der Vater und die beiden +Großväter, die mir alle noch daheim leben, wenn auch die Ahnen in +großer Schwachheit. Zuerst kam der Vater, hob den Finger und sagte: +'Nimm dich in acht, Bläsi!' Dann kam der väterliche Ahn, faltete die +Hände und sagte: 'Denk an deine Seele, Bläsi!' Zuletzt kam der +mütterliche Ahn, zeigte die Tür und sagte: 'Lauf, Bläsi!' Da schoß +ich auf und suchte meine Kleider. Freilich meine seidenen Handschuhe +und meinen gekettelten Kragen hatte mir die Narracivallia +abgeschwatzt, um damit in der Kirche Staat zu machen. Ich war nur +noch meines halben Verstandes mächtig und verlor auch diesen, da ich +im Morgenlicht bei Heiligenwunden eintrete zum Englischen Gruß +und--denket Euch meinen Schrecken--mich selber erblicke, wie ich +leibe und lebe und Gott ersteche!" + +"Ei", lächelte Pescara. + +"Ein Schelmstück!" zürnte Zgraggen. "Wisset, Herr, ein paar Pinsler +hatten sich zeither mit ihrem Zeuge da herumgetrieben und ließen sich +einmal in der Meierei ein Glas Milch geben. Der eine faßte mich ins +Auge. 'Da haben wir, den wir brauchen', sagt er und beschaut mein +Schwarzgelb. 'Mann, holt Euern Spieß und Harnisch.' Ich tue ihm den +Willen. Jetzt heißt mich der Pinsler die Beine spreiten, spreitet +sie gleichfalls und reißt mich ab auf ein Stück Leinwand. Dann +versprachen mir die Spitzbuben, mein Konterfei zu hohen Ehren zu +bringen, ich aber stehe in Heiligenwunden und steche in den Salvator!" + +Der Feldherr empfand ein gewisses Wohlwollen für den ehrlichen +Gesellen. "Nimm", rief er in einer seltsamen Laune und streckte dem +Urner seinen vollen Beutel entgegen. Dieser nahm ihn mit der Rechten +und ließ die Goldstücke zählend in die Linke gleiten, ernsthaft und +bedächtig. Dann schob er die Dukaten in die Tasche und wollte den +Beutel dem Feldherrn zurückstellen. + +"Behalte! Er hat goldene Schleifen!" + +Der Urner schickte den Beutel den Dukaten nach. "Wo stellet Ihr mich +ein, Herr?" fragte er. Er konnte sich nichts denken, als daß ihn +Pescara geworben und ihm Handgeld gegeben habe. + +Pescara erwiderte: "Ich habe dich nicht gedingt, und ich meine, +nachdem dich die dreie so ernst vermahnt haben, kehrst du am besten +in deine Heimat zurück und nährst dich redlich, wie es im Sprichwort +heißt." + +"Aber warum denn schenkt Ihr mir so viel Geld, wo ich Euch nichts +zuliebe gethan habe?" fragte Zgraggen. Sondern viel Leides, setzte er +in Gedanken hinzu. Diese Vergeltung Pescaras überstieg das +Fassungsvermögen des Urners und beängstigte seine Rechtlichkeit. + +"Aus Großmut", scherzte der Feldherr. + +Bläsi kannte das Wort nicht. Da fiel ihm ein, es werde Großtun +bedeuten, und da er im Lager oft gesehen hatte, wie Prahlerei das +Geld mit vollen Händen wegwirft, beruhigte er sich dabei. "Ja so", +sagte er. Pescara aber winkte, sein Roß vorzuführen. + +"Und damit du durchkommst", sprach der Feldherr schon im Bügel, "nimm +noch das." Er warf ihm eine Passiermarke zu, und wenig fehlte, +Zgraggen hätte gedankt. Wenigstens wollte er noch langes Leben +wünschen; aber den Feldherrn zum Abschied anschauend, erkannte er das +Siechtum in diesem Antlitze mit seinen Älpleraugen, welche das alle +Welt täuschende geistige Leben desselben nicht bestach. +Unwillkürlich wünschte er: "Gott gebe Euch selige Urständ, Herr!" +Dann über seine eigene Rede und ihre böse Bedeutung bestürzt, lief er +querfeldein mit seinem halben Spieße, den er sorglich aufgehoben und +nun als Reisestab führte. Die Spanier hatten verwundert zugesehen, +der alte Wachtmeister aber schüttelte bedenklich und abergläubisch +den Kopf über die seltsame Freigebigkeit seines sparsamen Feldherrn. +Der Trupp, welcher den Urner gefangen hatte, gehörte zu dem +Heerhaufen, der jetzt in einer Staubwolke hinter schlagenden Trommeln +heranrückte. Der Feldherr ritt seinen Tapfern entgegen, von +brausendem Jubel empfangen, und lenkte das Roß zwischen die Feldmusik +und die erste Kompanie, deren Hauptmann ehrerbietig Raum gab. + +Eine Weile blieb er allein an der Spitze der Truppen. Da nahte von +Novara ein Reitender in weißem Mantel und gesellte sich zu ihm. +Zusammen ritten sie durch das Schloßtor. Schweigend folgte der +Begleiter dem Gange Pescaras und überschritt hinter ihm die Schwelle +des Gemaches. + +Pescara wendete sich. "Was wollt Ihr, Moncada?" fragte er, und +dieser antwortete: "Eine Unterredung ohne Zeugen, die Ihr mir nicht +zum zweiten Male verweigern werdet." + +"Ich stehe zu Diensten." + +"Erlaucht", begann der Ritter, "ich habe, wie Ihr erlaubtet, den +Kanzler drüben gesprochen. Er war voller Angst und Blässe und +beteuerte mit tausend Eiden, er sei gekommen, Aufschub und leichtere +Bedingungen zu erlangen, nur dieses habe ihn nach Novara geführt. +Dann schwatzte er wild durcheinander wie das böse Gewissen. Dieser +Mensch ist ein Abgrund von Lüge, in welchem der Blick sich verliert. +Ich bin sicher, daß er im Namen der Liga hier ist." + +"Nicht anders", sagte der Feldherr. + +"Und daß er Euch die Führung derselben angeboten hat?" + +"Nicht anders." + +Jetzt entstand Lärm im Vorzimmer. Ippolito beiseite werfend, +verwildert, mit rasenden Mienen und verrückten Augen stürzte der +Kanzler herein. Ihm folgten auf dem Fuße, beide schon gepanzert, +Bourbon und Del Guasto, denen er auf dem Gange begegnet und die ihn +zurückhalten wollten. In Verzweiflung warf er sich dem Feldherrn zu +Füßen, während Moncada langsam in den Hintergrund zurückwich. + +"Mein Pescara", schrie der Geängstigte, "alle Geduld nimmt ein Ende! +Ich kann die Marter nicht länger ertragen. Jede Minute dehnt sich +mir zur qualvollen Ewigkeit. Ich vergehe. Sei barmherzig und gib +mir deine Antwort!" + +Pescara erwiderte mit Ruhe: "Vergebet, Kanzler, wenn ich Euch habe +warten lassen. Meine Zeit war nicht frei, doch eben wollte ich nach +Euch schicken. Eure gestrige Rede hat mich beschäftigt, denn das Los +eines Volkes ist keine Kleinigkeit--aber bitte, setzet Euch, ich kann +nicht sprechen, wenn Eure Gebärden so heftig dareinreden." + +Der Kanzler packte krampfhaft die Lehne eines Sessels. + +"Ich habe die Sache gewogen... doch, Kanzler, lassen wir zuerst alles +Persönliche, denket weg von Euch selbst und von mir, es bleibt die +Frage: Verdient Italien zu dieser Stunde die Freiheit und taugt es, +so wie es jetzt beschaffen ist, sie zu empfangen und zu bewahren? +Ich meine nein." Der Feldherr sprach langsam, als prüfe er jedes +seiner Worte auf der Waage der Gerechtigkeit. + +"Zweimal hat Freiheit in Italien gelebt, zu verschiedenen Zeiten. In +der beginnenden römischen Republik, da das Staatswohl alles war. +Dann in jenen herrlichen Gemeinwesen, Mailand, Pisa und den andern. +Jetzt aber steht es an der Schwelle der Knechtschaft, denn es ist los +und ledig aller Ehre und jeder Tugend. Da kann niemand helfen und +retten, weder ein Mensch noch ein Gott. Wie wird verlorene Freiheit +wiedergewonnen? Durch einen aus der Tiefe des Volkes kommenden Stoß +und Sturm der sittlichen Kräfte. Ungefähr wie sie jetzt in Germanien +den Glauben erobern mit den Flammen des Hasses und der Liebe. + +Aber hier! Wo in Italien ist, ich sage nicht Glaube und Gewissen, da +das für euch veraltete Dinge sind, sondern nur Rechtssinn und +Überzeugung? Nicht einmal Ehre und Scham ist euch geblieben, nur die +nackte Selbstsucht. Was vermöget ihr Italiener? Verführung, Verrat +und Meuchelmord. Worauf zählet ihr? Auf die Gunst der Umstände, auf +die Würfel des Zufalls, auf das Spiel der Politik. So gründet, so +erneuert sich keine Nation. Wahrlich, ich sage dir, Kanzler"--und +Pescara erhob die Stimme wie zu einem Urteilsspruch--"dein Italien +ist willkürlich und phantastisch, wie du selbst es bist und deine +Verschwörung!" + +"Wahrheit", ließ sich die Stimme Moncadas vernehmen. + +"Auch der Held, Morone, den ihr euch erwählt habet, entbehrt des +Daseins." + +Doch diese leisen letzten Worte Pescaras wurden überschrien. Morone +hatte schnell den Kopf gewendet und den Ritter erblickt: wie er +seinen Anschlag dem Spanier preisgegeben sah, geriet er in Wut, seine +Züge verzerrten sich, und er tobte wie ein Besessener. "Falsch und +grausam! Falsch und grausam! O ich mit Blindheit Geschlagener!" +Dann von sinnloser Rachgier überwältigt, schrie er gegen Moncada: +"Wisset es, Ritter, dieser"--er wies auf den Feldherrn--"ist der +Schuldige! Seinetwillen die ganze Verschwörung! Ich bin seine +Kreatur, und nun opfert mich der Unmensch!" + +Jetzt sprang der Herzog dazwischen, der mit Del Guasto hinter Pescara +stehend den leidenschaftlichen Auftritt genoß. "Saute, Paillasse mon +ami, saute pour tout le monde!" verhöhnte er Morone. "Ja, wenn wir +nicht gelauscht hätten, wir zweie, hinter dem roten Vorhang und der +goldenen Quaste dort! Ich muß dir das mal erzählen, Schatz, es ist +zum Totlachen. Hörtest du nicht, wie ich dich auspfiff?" Dann +plötzlich ernst werdend, richtete er den Blick fest auf Moncada, +legte die Hand auf die Brust und beteuerte: "Bei meinem königlichen +Blute, der Feldherr hat in jener gestrigen Stunde nicht haarbreit +geschwankt in seiner Ehre und Treue!" + +Morone war vernichtet. Del Guasto legte Hand an ihn und zog ihn mit +sich fort. "Herr Kanzler", spottete er, "bedanket Euch, unser +Lauschen erspart Euch die Folter." Auch der Herzog ging, einer +bittenden Gebärde Pescaras gehorchend. + +"Erlaucht", begann Moncada, "hier bin ich überzeugt. Mit diesem +habet Ihr nur Euer Spiel getrieben, vielleicht herablassender, als +für spanischen Stolz sich geziemte. Mit einem solchen Menschen +konspiriert kein Pescara. Aber, Erlaucht, in seiner ohnmächtigen Wut +hat dieser Verlogene Wahrheit gesprochen, wenn er Euch beschuldigte, +der Urheber der italienischen Verschwörung zu sein. Nicht der +Urheber, aber der Begünstiger. Sie nicht entmutigend, habet Ihr sie +genährt und großgezogen. Es war leicht, ein entschiedenes Wort zu +sprechen und ihr Halt zu gebieten mit einer entrüsteten und weithin +sichtbaren Gebärde. Das habet Ihr nicht gethan. Ihr stundet als eine +dunkle und deutbare Gestalt." + +"Ritter", unterbrach ihn Pescara, "nicht Euch habe ich Rechenschaft +zu geben von meinem Thun und Lassen, sondern allein meinem Kaiser." + +"Eurem Könige", versetzte Moncada. "Ihn so zu nennen, gebietet Euch +die Ehrfurcht, denn ein König von Spanien ist mehr als der Kaiser. +Und der Enkel Ferdinands wird ein König von Spanien werden. Karl +entwickelt sich langsam, unter verschiedenen und streitenden +Einflüssen, aber sein spanisches Blut wird erstarken und sein +deutsches aufsaugen bis auf den letzten Tropfen. Er verabscheut die +Ketzerei, und seine Frömmigkeit wird ihn zum Spanier machen." Er +sagte das mit einem stillen Lächeln und schwärmerisch erglänzenden +Augen. + +"Avalos", fuhr er fort, "deine Väter haben für den Glauben gegen die +maurischen Heiden gekämpft, bis dein Ahn mit jenem Alfons nach Neapel +schiffte. Kehre zu deinem Ursprung zurück! Das edelste Blut fließt +in deinen Adern. Wie kannst du, der das Große liebt, zaudern +zwischen dem spanischen Weltgedanken und den erbärmlichen +italienischen Machenschaften? Unser ist die Erde, wie sie einst den +Römern gehorchte. Siehe die wunderbaren Wege Gottes: Kastilien und +Aragon vermählt, Burgund und Flandern erworben, das gewonnene +Kaisertum, eine entdeckte und eroberte neue Welt, und, das alles +beherrschend, ein gestähltes Volk mit, einem gesegneten, zwiefach in +Heidenblut getauften Schwerte! Was dir jener Elende bot, Spanien +gibt es dir tausendfältig: Schätze, Länder, Ruhm und--den Himmel! + +Denn für den Himmel kämpfen wir und für den katholischen Glauben, daß +eine Kirche herrsche auf Erden. Sonst wäre Gott vergeblich Mensch +geworden. Voraussehend, wie in diesen Tagen die Hölle den +Apostolischen Stuhl besudeln und ihre letzte Ketzerei, den +germanischen Mönch, ausspeien werde, erschuf er den Spanier, jenen zu +reinigen und diese zu zertreten. Darum gibt er uns die Welt zur +Beute, denn alles Irdische hat himmlische Zwecke. Ich habe lange +darüber gesonnen in meinem sizilischen Kloster und wähnte, wohl +selbst der Auserwählte zu sein zu diesem geistlichen Kriegsdienste. +Da wurde er mir in einem Gesichte gezeigt, der andere, der Berufene. +Ich war solcher Ehre unwürdig, meiner Sünde wegen, und trat in die +Welt zurück." Pescara schwieg und betrachtete den Verzückten. + +"Aber ich wirke, solange es Tag ist. Kein Jahr ist um, ich stand +hinter Ferdinand Cortez, da ihm auf dem Berge der Dämon die goldenen +Zinnen Mexikos zeigte, wie er dir, Pescara, jetzt Italien zeigt. +Diese Hand hielt den Strauchelnden zurück, und nun strecke ich sie +gegen dich, Pescara, daß du ein Sohn Spaniens bleibest, welches die +Welt ist und das der in der Glorie schwebende katholische Ferdinand +beschützt." + +Jetzt brach der Feldherr sein Schweigen und zürnte: "Nenne mir jenen +nicht, er hat mir den Vater getötet!" + +Moncada seufzte schwer. + +"Du bereust?" + +Der Ritter schlug sich zerknirscht die Brust und murmelte, mit sich +selbst sprechend: "Meine Sünde... meine Sünde... ungebeichtet und +ungespeist!" + +Da erriet Pescara, daß dieser Fromme nicht seinen Mord bereue, +sondern daß er ihn vollbracht an einem geistlich Unvorbereiteten. +"Weiche von mir!" gebot er. + +Moncada trat zurück bis zur Schwelle, wie aus einem Traum erwachend. +Dann sammelte er sich und sagte: "Verzeihung, Erlaucht! Ich war +abwesend. Noch ein nüchternes Wort. Ich kenne Euer Ziel nicht. +Noch bin ich nicht Euer Feind. So oder so werdet Ihr Mailand nehmen. +Dieser erste Schritt enthält weder Treue noch Untreue. Ich erwarte +Euern zweiten, ob Ihr den Herzog absetzet und die Empörung strafet. +Tut Ihr es nicht, so verratet Ihr Spanien und Euern König!" Und er +verschwand. + +Pescara zog sich zurück und genoß Speise. Dann empfing er vor seinem +flackernden Kaminfeuer, das an einem Herbstabende nicht fehlen durfte, +den Herzog mit Del Guasto und gab ihnen seine letzten Befehle. Den +Rest der Zeit benützte er, um seine geheimen Papiere zu sichten: was +sich um einen Mächtigen dreht, eine Welt von Schlechtigkeit. Er +vernichtete das meiste, es in den Herd werfend: er wollte niemanden +verderben. Auch das Geheimschreiben des Kaisers sollte verschwinden, +doch seine Asche nicht mit der übrigen sich vermengen. Er ließ ein +glimmendes Kohlenbecken bringen, in dessen bläulichen Flämmchen er +den Brief seines Kaisers verbrannte. Als er zu Ende war, hatten sich +seine Kerzen schon zur Hälfte verzehrt: es ging auf Mitternacht. +Pescara kreuzte die Arme über der Brust und verfiel in ein so tiefes +Sinnen, daß er die Schritte eines Eintretenden nicht vernahm. Da +sprach es zu ihm: "Was ist dein Ziel, Avalos?" Er erblickte Moncada. + +Der Feldherr griff mit der Hand in das erloschene Kohlenbecken, +schloß sie und streckte sie gegen Moncada. "Mein Ziel?" sagte er und +öffnete die Hand: Staub und Asche. + +Jetzt gellten Drommetenrufe durch das Schloß. Trommelwirbel folgten. +Alles geriet in Bewegung. Der Feldherr ließ sich von seiner +Dienerschaft waffnen. Als er bei flackerndem Fackellicht, das sich +auf Speeren und Rüstungen spiegelte, die gepflasterte Halle des +Erdgeschosses betrat, erblickte er sein schwarzes Tier, welches, +kostbar geschirrt, mit ungeduldigen Hufen Funken aus dem Boden schlug, +daneben eine Sänfte mit zwei leichten Trabern. Beide hatte er +befohlen, die Wahl dem Augenblicke vorbehaltend. Mit einem Seufzer +bestieg er die Sänfte, seine wiederbeginnenden Schmerzen darin zu +verbergen, und verschwand durch das Tor, während sein verschmähtes +Schlachtroß sich zornig gebärdete und den Reitknecht, welcher es +besteigen wollte, abwarf. Es mußte seinem Herrn ledig nachgeführt +werden. + +Nun wurde auch der gefangene Kanzler gebracht. Spanische Soldaten +umringten ihn, beraubten ihn seiner Kette, seiner Ringe, seines +Beutels und setzten ihn nicht auf sein edles Maultier aus dem +mailändischen Marstalle, sondern rücklings auf einen armseligen Esel, +dessen Schwanz sie ihm nach ihrer grausamen Art durch die gefesselten +Hände zogen. Dann ging es durch das Tor unter einem höllischen +Gelächter, in welches der Kanzler aus Verzweiflung mit einstimmte. + + + + + +Letztes Kapitel + + + +Inzwischen verlebte in dem aus einer Burg des Glückes zu einer +Behausung der Angst gewordenen Kastelle von Mailand Franz Sforza +jammervolle Tage und noch schlimmere Nächte, hilf- und ratlos nach +seinem Kanzler rufend. Er hatte den Besuch Del Guastos erhalten, der +ihm zu melden kam, sein Feldherr habe vor ablaufender Frist den +Kanzler von Mailand empfangen, dieser ihm aber, statt der erwarteten +Zugeständnisse, im Namen der Hoheit ebenso törichte als +verbrecherische Eröffnungen gemacht, die den Feldherrn bestimmen, +ohne Verzug, übrigens ganz im Sinne seiner ersten Drohung, auf +Mailand zu marschieren und gegen die Hoheit als einen Hochverräter zu +verfahren. Del Guasto hatte sich an dem Zittern des Herzogs geweidet +und war aus der Stadt verschwunden. Während sich die kaiserlichen +Truppen in raschen Märschen näherten, und selbst da sie schon auf den +Wällen von Mailand in Sicht waren, hatte der Kleinmütige zwischen +Übergabe und Verteidigung geschwankt, wurde dann aber von ein paar +tapfern lombardischen Edelleuten auf den Weg der Ehre gerissen und +endlich selbst von einer kriegerischen Stimmung angewandelt, deren er +kraft seines großväterlichen Blutes nicht völlig unfähig war. Er +ließ sich mit einer kunstvoll geschmiedeten Rüstung bekleiden und +setzte sich einen Helm von herrlicher getriebener Arbeit auf das +schwache Haupt. + +Es ist Thatsache, daß er in der großen Schanze stand, in dem +Augenblicke, da Pescara seine Truppen gegen dieselbe zum Sturm führte. +Mit bebender Stimme befahl der Herzog das Feuer seiner auserlesenen +Geschütze. Wie sich der Rauch verzog, lag das Feld mit Spaniern +bedeckt. Zwischen Toten und Verwundeten schritt Pescara, wenige mehr +neben sich und noch unerreicht von den vielen unter der Führung Del +Guastos ihm stürmisch Nacheilenden. Er war ohne Harnisch. Der Helm +war ihm vom Kopfe gerissen, und sein dunkler Mantel flatterte +zerfetzt. In flammend rotem Kleide, mit gelassenen und gleichmäßigen +Schritten ging er weit voran, einen blitzenden Zweihänder schwingend. +Es war, als schritte der Würger Tod in Person gegen die Schanze, und +da sich dort in demselben Augenblicke die böse Kunde verbreitete, der +Borbone habe das Südtor genommen und Leyva stürme an der nördlichen +Pforte, packte der bleiche Schreck die Besatzung. Die wieder +geladenen Stücke blieben ungelöst, die Hauptleute, die sich den +Furchtbetörten entgegenwarfen, wurden niedergetreten, und die +panische Flucht riß den Herzog mit sich fort. + +Wie er, in seinen Palast zurückgekehrt, mit irrenden Schritten den +Thronsaal betrat, siehe, da stürzte vor seinen Augen die +goldbrokatene und mit Löwen und Adlern durchwirkte Bekleidung des +Thronhimmels zusammen. In der allgemeinen Verwirrung hatte sich der +herzogliche Tapezierer in den Saal geschlichen und das Prachtstück +gelockert, um es zu entwenden, war dann aber vor dem sich nahenden +Getöse unverrichteterdinge entwichen. Von dem schlimmen Omen +erschreckt, warf sich der Herzog verzweifelnd in einen Lehnstuhl und +bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, sein Los und den Sieger +erwartend. + +Dieser ließ nicht lange auf sich harren. Ein kurzer Lärm--die treue +schweizerische Palastwache wurde niedergestreckt oder entwaffnet--, +und Pescara betrat den Saal, barhaupt und ohne Schwert, hinter ihm +Karl Bourbon, behelmt, in voller Rüstung, den Degen in blutender +Faust. Er war, der erste auf der Sturmleiter, mit derselben in den +Stadtgraben zurückgeworfen worden, ohne sich jedoch ernstlich zu +verletzen. + +Der Marchese verneigte sich vor seinem Besiegten, der sich von seinem +Sitze aufraffte. "Hoheit beruhige sich", sprach Pescara. "Ich komme +nicht als Feind, sondern um Hoheit aufs neue in Pflicht zu nehmen für +Ihren Lehensherrn, den Kaiser." + +Sforza erhob die Augen, und da er in dem überlegenen Antlitz weder +Hohn noch Strafe las, sondern eher teilnehmende Einsicht und Milde, +brach der haltlose Knabe in Tränen aus und stammelte: "In meinem +Herzen bin ich der Majestät immer treu gewesen, sie hat keinen +ergebeneren Diener und bessern Lehensmann, aber ich Unseliger wurde +mißleitet, wurde irregeführt... mein höllischer Kanzler... auch den +bewaffneten Widerstand habe ich nicht befohlen... ich wurde geschoben, +gestoßen... von dem Valabrega und ein paar andern Edelleuten... bei +allen Aposteln und Märtyrern, ich bin kein italienischer Patriot, +sondern der bedrängteste Fürst in der unmöglichsten Lage!" + +Diese völlige Zerknirschung des Enkels und Urenkels zweier Heroen +schien den Feldherrn peinlich zu berühren. Doch ließ er der Buße +freien Lauf, weigerte aber, scheinbar aus Ehrerbietung, dem endlich +Verstummenden seine Hand, welche dieser zu ergreifen suchte. Er +befürchtete, der gänzlich Vernichtete möchte sie küssen. + +Während dieser Selbsterniedrigung, und sie im Grunde seines +verbitterten Herzens kostend, schlürfte Karl Bourbon, welcher hinter +Pescara stehengeblieben war, in langsamen Zügen einen vollen Becher, +den er sich von einem herbeigewinkten Pagen hatte holen und reichen +lassen. + +"Hoheit", sagte der Feldherr, "ich habe Vollmacht. Wenn Sie davon +durchdrungen ist, daß Sie sich in ein falsches und gefährliches Spiel +eingelassen hat, und wenn sich der feste Wille in Ihr gestalten kann, +forthin Ihr Heil da zu suchen, wo es ist, bei dem Kaiser, und von der +Majestät nimmermehr zu weichen, wage ich es, auf meine +Verantwortlichkeit, Ihr Verzeihung zu gewähren und Ihre Hand darauf +anzunehmen. Hoheit darf es mir glauben, Sie fährt in jedem Falle +besser mit dem Kaiser als mit der Liga." + +Jetzt sah er, wie die unverhoffte Milde den Sohn des Mohren plötzlich +wieder mißtrauisch machte, wie der vom Schicksal zum Argwohn Erzogene +eine List vermutete und wie seine Hand zögerte und zitterte. "Hoheit +darf trauen", sprach er kraftvoll. "Der Kaiser und ich halten Wort." + +Sforza gab die Hand, und der Feldherr fügte freundlich hinzu: "Ich +kenne die schwierige Lage der Hoheit und--wenn ich es aussprechen +darf--Ihre durch eine unglückliche Jugend erkrankte und entkräftete +Seele. Sie bedarf vor allem der Stetigkeit. In der Bahn des Kaisers +wandelnd und verharrend, wird Sie von keiner Zeitwelle verschleudert +werden. Ich persönlich", schloß er, seine Lehrhaftigkeit mildernd, +in einem fast herzlichen Tone, "war der Hoheit immer zugethan, aus +Dank für meine Vorbilder, Ihre zwei herrlichen Ahnen, obwohl mir die +beiden", scherzte er, "in meiner Jugend manchen Schlaf geraubt haben; +ein solcher Reiz und Stachel liegt in Männlichkeit und Seelengröße." + +Franz Sforza getröstete sich dieser Freundschaft, fragte aber doch +ängstlich: "Und ich bleibe Herzog? Euer Wort, Pescara?" + +"Unverbrüchlich. Wenn ich etwas über den Kaiser vermag, und wenn Ihr +es vermöget, Eure Seele zu befestigen." + +"Und meinem Kanzler geschieht nichts?" + +"Ich glaube nein, Hoheit", versprach Pescara. + +"Und er bleibt mein Minister?" + +Der Feldherr konnte ein Lächeln nicht verwinden über die +Unzertrennlichkeit dieses Paares. "Hoheit vergißt, daß Sie soeben +Girolamo Morone den verderblichsten aller Ratgeber genannt hat. Ich +empfehle Hoheit, sich von der Kaiserlichen Majestät für dieses +schwierige Amt einen andern und weisern Kopf zu erbitten. Es gibt +deren in Italien, es braucht kein Spanier zu sein." + +"Nichts da, Hoheit! Ihren Kanzler bekommt Sie nicht heraus!" mischte +sich jetzt der Bourbon ins Gespräch. "Diese Helena ist mein +Beutestück." + +Franz Sforza starrte Bourbon mit angstvollen Augen an. "Der hier?" +stöhnte er. "Er will mein Mailand! Er träumt langeher davon. Hilf +mir, mächtiger Pescara!" + +Da schmetterte Bourbon, als zerstöre er sich selbst, mit einem +zornigen Wurf sein kristallenes Glas an den Marmorboden, daß es mit +schrillem Mißton in Scherben zerfuhr. "Hoheit", rief er, "da liegt +mein Fürstentum Mailand!" + +Während die Scherben flogen, trat Moncada mit Leyva ein, dieser von +oben bis unten mit Staub und Blut besudelt. "Erlaucht", begann der +Ritter, "ich beglückwünsche Sie zu Ihrem heutigen schönen Siege, der, +wieder in voller Kraft erfochten, sich an so viele andere reiht. Ich +hielt mich geziemend im Vorzimmer. Doch da ich bechern und lachen +hörte, und als auch Leyva anlangte, der das Nordtor genommen und +ebenfalls seinen Trunk verdient hat, wagte ich den Eintritt, und ich +glaube zur rechten Stunde. Denn ich meine: hier wird Gericht +gehalten werden, und Hoheit Bourbon hat diesem verräterischen Herzog +in symbolischer Weise seinen verdienten Untergang verkündigt. Aber +nicht so stürmisch, Hoheit! Ich denke, der Feldherr setzt ein +Kriegsgericht zusammen, bei dem ich als ein Angehöriger des +königlichen Hauses Sitz und Stimme beanspruchen darf. Natürlich ein +vorläufiges Gericht, in Erwartung des Entscheides aus Madrid." +Pescara blieb kalt. "So tue ich", sagte er. "Ich ernenne zu +Richtern meine zwei Kollegen, die Hoheit Bourbon und Leyva. Ich +präsidiere. Euch, Ritter, muß ich ausschließen, weil Ihr keinen Rang +bekleidet. Hier meine Beglaubigung." Er zog aus seinem Wams die +kaiserliche Vollmacht. + +Moncada ergriff das Schreiben und las: "Nach seinem Ermessen... gemäß +den Umständen... hm... Erlaucht erlaube... diese kaiserliche Weisung +scheint zu sagen, daß Sie bevollmächtigt ist, alle militärischen und +bürgerlichen Maßregeln in dem genommenen Mailand nach Belieben zu +treffen, präjudiziert aber in keiner Weise die Rechte und Interessen +der katholischen Majestät. Ich werde daher bleiben als ein stummer, +aber aufmerksamer Zuhörer." + +"Sei es", sagte Pescara geduldig. + +Jetzt regte sich auch Leyva und verlangte, daß Girolamo Morone +vorgeführt werde. "Er ist im Palaste", sagte er. "Ich sah ihn +gefesselt einbringen unter den Verwünschungen und Kotwürfen des +mailändischen Volkes, das ihm sein ganzes Elend zurechnet." Pescara +gab den Befehl. + +Eine peinliche Pause. Stühle wurden gerückt von der verlegenen +Dienerschaft, welche ihrem verklagten Herrn ehrerbietig den +herzoglichen Sessel mit Krone und Wappen brachte, und als Morone +erschien, nicht ohne Spuren von Mißhandlung, sah er die drei +Feldherrn als Richter sitzen, Pescara in der Mitte, und vor ihnen +seinen Herzog. "Mut, Fränzchen", flüsterte er ihm zu, neben den er +sich aus alter Gewohnheit gestellt hatte, "wirf du nur alles auf mich!" + +Pescara nahm das Wort: "Die Hoheit von Mailand beteuert, an der Treue +gegen ihren Lehensherrn festzuhalten und nur vorübergehend +fehlgetreten und in den Schein der Felonie gekommen zu sein unter den +Einflüsterungen dieses Mannes da." Der Herzog nickte mit dem Haupt. + +"So ist es! Ich bekenne, daß ich der allein Schuldige bin!" sprach +der Kanzler unerschrocken. + +"Auch die Verteidigung von Mailand gegen das kaiserliche Heer +beteuert die Hoheit nicht befohlen zu haben, sondern sie versichert, +es sei die eigenmächtige That einiger aufrührerischer Lombarden, und +ich halte es für glaublich. Wie urteilt Leyva?" + +Leyva verzog das häßliche Gesicht und murrte: "Dieser Franz Sforza +ist der Felonie schuldig und durch die nackte Thatsache überwiesen. +Er werde in schärfstem Gewahrsam gehalten. Der Kaiser, wie ich meine, +wird ihn absetzen und nach Spanien bringen lassen." + +"Und wie urteilt Sie?" Pescara hatte sich gegen Bourbon gewendet. + +Der Konnetabel spielte mit seinem zerrissenen Handschuh und bemerkte +mit melodischer Stimme: "Die Hoheit wurde betört von dem wunderlichen +Gaukler da, der auch mich und viele andere bezaubert hat, bis er an +unserm Feldherrn seinen Meister fand. Aber sie scheint mir wieder +zur Besinnung gekommen zu sein, und ich meine, daß ihr die Schmach +des Gefängnisses anzutun weder schicklich wäre noch auch notwendig +ist, da sich ja die Stadt in unsern Händen befindet. Die Hoheit von +Mailand bleibe frei." + +"Zwei Stimmen gegen eine, denn so lautet auch meine Meinung", +entschied Pescara. Moncada schwieg mit verschlungenen Armen, Leyva, +dessen große Narbe sich mit Blut zu füllen schien, zerrte den +Schnurrbart, Bourbon aber erhob sich, bot Franz Sforza den Arm und +geleitete ihn aus dem Saale. + +Draußen stieß er mit Del Guasto zusammen, der ihm zuflüsterte, es sei +befremdend: die Truppen Leyvas zögen sich gegen den Palast. Bourbon +runzelte die Stirn. "Beobachtet und berichtet!" gebot er. Del +Guasto wollte enteilen, rief aber zurück: "Noch eins: ich höre, Donna +Victoria sei am Tore angelangt und verlange nach dem Feldherrn." + +Da Bourbon in den Saal zurücktrat, forderte eben Leyva den Kerker, +die Folter und, nach vervollständigtem Bekenntnisse, Block und Beil +für den erbleichenden Morone. + +"Auf die Folter!" stöhnte dieser. "Wenn ihr mich windet wie ein Tuch, +so werdet ihr nichts anderes als Blut und Schweiß aus mir +herauspressen. Ich habe mich vor dem Feldherrn ausgebeichtet. Du +bist nicht grausam, Pescara!" + +"Pfui, Leyva!" rief Bourbon, sich wieder in den Kreis setzend. "Will +sich der Herr an den Zuckungen dieses närrischen Gesichtes ergötzen? +Das leide ich nicht. Ich lasse mir meinen Morone nicht verdrehen. +Zittre nicht, Girolamo! Dir wird kein Haar gekrümmt: du wirst mein +Schreiber. Mein gnädiges Urteil lautet: Girolamo sitze in seinem +Hause, und man bewache ihn, bis ich mir ihn vom Kaiser werde erbeten +haben." + +"Mir scheint, das genügt", entschied der Feldherr. "Morone hat +gestanden vor drei glaubwürdigen Zeugen, deren einer ich selber bin. +Keine unnütze Marter, sondern sichere Haft. Zwei Stimmen gegen eine. +Nehmet ihn, Hoheit. Mir ahnt, daß Girolamo Morone sich noch einmal +umwandelt und in kaiserliche Dienste tritt." + +Da schrie Morone unklug vor Freude über das geschenkte Leben und die +erlassene Folter: "Pescara, ohne dich kein Italien! Das ist vorbei. +Mach mit mir, was du willst. Ich bin das Geschöpf deiner Großmut und +Güte... Und wenn noch weiter geredet werden soll, so erfahret, +Herrschaften, und darin ist alles andere enthalten: die Liga ist dem +Kopfe der Heiligkeit entsprungen, wie Athene der Stirne des Zeus..." +Seine Zunge stand plötzlich still, da er neben sich einen +ansehnlichen Mann im Reisekleid gewahrte, der eben eingetreten war. +Dann rief er: "Das weiß niemand besser als der da!" Es war +Guicciardin, dessen Blicke neugierig im Kreise umliefen, endlich aber +unverwandt auf dem Antlitze des Pescara haften blieben. + +"Ich störe, Erlaucht?" sagte er. "Doch ich werde mich kurz fassen. +Ich komme mit Eilpost von der Heiligkeit, die diesmal besser einen +andern geschickt hätte. Die Heiligkeit läßt Erlaucht wissen, sie +habe auf die erste Kunde der eröffneten Feindseligkeiten einen ihrer +Vertrautesten nach Madrid gesendet, den Kaiser zu unterrichten, daß +sie dem Bündnis der italienischen Staaten fremd geblieben ist. Eine +heilige Liga existiert nicht. Der oberste Hirte schaudert vor dem +Schwert." + +"Halleluja!" rief der Kanzler, den die Lebensfreude berauscht und +völlig toll gemacht zu haben schien, der Feldherr aber entgegnete: +"Wie, Guicciardin? Eben hat Morone an den Tag gebracht, daß die Liga +das Werk der Heiligkeit ist. Was ist Wahrheit?" + +"Beides", versetzte Guicciardin. "Mein Auftrag ist ausgerichtet und +damit gut." Er verbeugte sich und verließ den Saal, aber Bourbon, in +den der Satan fuhr, rief dem Gesandten des Papstes nach: "Florentiner, +sage deinem Herrn, ich werde nach Rom kommen, seiner Wahrhaftigkeit +den Pantoffel zu küssen, mit lauter Lutheranern und Marranen, und +nachts will ich meine brennende Kerze umwerfen, daß der Heiligkeit +ein Licht aufgehe!" Die Lache, die der Unselige aufschlug, scholl +gellend wider aus der Kuppelwölbung und aus den Ecken des Saales wie +aus dem Munde schadenfroher Dämonen, so daß Guicciardin erschreckend +umblickte. Der Feldherr wies nun auch den Kanzler mit seiner Wache +weg, sei es, daß er es für unziemlich hielt, das Haupt der +Christenheit preiszugeben, oder er war der menschlichen Komödie müde. + +Da sich Guicciardin und der Kanzler draußen zusammenfanden, fragte +jener: "Man führt dich zum Blocke?" + +"Bewahre!" + +"Durchgeschlüpft? Unvergleichlicher! Doch wie begab es sich in +Novara?" + +"Oh, ich kam auf den Esel zu sitzen... Dieser Pescara ist das Rätsel +der Sphinx..." + +"Das ich errate, Kanzler, aus seinem Antlitz. Es trägt die +hippokratischen Züge, und ich werde vielleicht der Heiligkeit eine +Todesnachricht zu bringen haben. Erinnerst du dich noch, Girolamo, +was ich dir in den Vatikanischen Gärten sagte, von einem möglichen +letzten Hindernis in der Brust Pescaras? Wenn ich wörtlich wahr +geredet? Wenn der Feldherr bei Pavia den Tod empfing und ihn +verheimlicht hat? Wenn wir einen nicht mehr Versuchbaren in +Versuchung führten?" + +Der Kanzler schlug sich vor die Stirn: "Du sagst es, Guicciardin! +Ähnliches, das ich damals nicht verstand, hat mir der Arzt des +Feldherrn, Messer Numa Dati, in Novara angedeutet." + +"Also die Wahrheit", schloß der Florentiner. "Nicht Pescara trog. +Wir selbst haben uns betrogen. O Weisheit der Menschen!" Mit dieser +Betrachtung schieden die beiden. + +In dem Thronsaal herrschte eine unheimliche Luft. Die drei Feldherrn +und der bei ihnen zurückgebliebene Moncada standen in weiten +Entfernungen. Pescara, völlig entkräftet, wie es schien, hatte sich +auf den über den Thron ausgebreiteten Goldbrokat geworfen. Blässe +bedeckte sein Gesicht, die Brust arbeitete. Bourbon maß den Saal in +leichtfertigem Tanzschritt, während er Moncada scharf beobachtete. +Dieser, in einer Fensterbrüstung lehnend, winkte aus einer andern +Leyva zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: "Es ist Zeit. Er hat sich +enthüllt. Tot oder lebendig..." Jetzt rief auch Pescara den Herzog. +"Setze dich neben mich, Karl", keuchte er leise. "Führst du Papier +und Stift?" + +"Um Gottes willen, Ferdinand, merkst du nichts? Du bist bedroht! +Die beiden flüstern. Leyva ist verdächtig. Sie wollen dich +verhaften!" + +"Führst du Papier und Stift?" wiederholte der Feldherr. Der Herzog +gab sie. Nach ein paar Zügen sagte Pescara: "Meine Hand zittert, +schreibe du, Karl." + +"Ferdinand, bist du blind? Siehst du nicht, wie Moncada sich regt?" + +"Er wird mich nicht erreichen", sagte der Feldherr und diktierte mit +gepreßter Stimme: "An die Majestät des Kaisers. Erhabener Herr, +Mailand ist Euer. Pescara hält Treue bis zum letzten Atemzug. +Lohnet sie ihm mit drei Erfüllungen..." + +"Ich beschwöre dich, Ferdinand! Er kommt auf dich zu! Ermanne dich! +Wir fechten... Ich rufe die Wachen..." Bourbon wollte aufspringen. +Pescara aber hielt ihn fest: "Schreibe! Er erreicht mich nicht, +sage ich dir. Wo bist du?... mit drei Erfüllungen: Majestät schütze +Sforza! Majestät begnadige Morone! Majestät gebe mein Kommando dem +Konnetabel!..." + +"Er steht wenige Schritte vor dir! Zieh! Wo hast du deinen Degen?" + +"Ich vergieße kein Blut mehr..." Pescara unterzeichnete, und der +Stift entglitt seiner Hand. Mit einem schwachen Schrei und +erlöschenden Augen sank er in die Arme seines Freundes. + +Moncada, der jetzt ganz nahe getreten war, stand bestürzt. "Was ist +dem Feldherrn?" fragte er, und ihn betrachtend: "Verschieden?" + +"Geschieden!" weinte der Herzog. + +"Ein Herzschlag. Der Feldzug hat ihn getötet", sagte Moncada und hob +das Papier auf, das an den Boden gefallen war. Er las, und bei der +dritten Bitte angelangt, stand er sinnend. Dann übergab er, ohne die +Miene zu ändern, das Papier dem Herzog mit den Worten: "Wir ehren +seinen letzten Willen. Hoheit hat das Kommando. Hoheit befehle!" + +Bourbon erschien als ein Heimatloser und Entwerteter dem Sohne +Ferdinands des Katholischen ungefährlich und war, ohne Pescara, auch +Leyva minder verhaßt, denn um die Gunst des großen Feldherrn hatte +dieser den Konnetabel beneidet. + +Karl Bourbon winkte sie weg und bettete Pescara auf den Goldbrokat. +Der Palast war ganz stille geworden, und selbst die Wachen an den +Toren schritten leise, in der Meinung, der Feldherr halte zu dieser +Stunde Siesta, wie seine Gewohnheit war. Auch der Herzog, das +geliebte Haupt im Schoße haltend, versank in einen Mittagstraum, er +vergaß das tragische Los des Toten und das eigene aus Ruhm und +Schmach geflochtene, er empfand nur einen dumpfen Schmerz über den +Verlust des einzigen Freundes. + +Stimmen erschollen vor der Saalpforte. "Nein, Madonna, er ruht!" +verbot Del Guasto, und Victoria rief durchdringend: "Weiche, Böser! +Ich will zu ihm!" Bourbon vernahm nahende Schritte, er wendete nicht +einmal das Haupt. Er legte den Finger an den Mund und flüsterte: +"Leise, Madonna! Der Feldherr schlummert." + +Victoria trat zu dem Gatten. Pescara lag ungewaffnet und ungerüstet +auf dem goldenen Bette des gesunkenen Thronhimmels. Der starke Wille +in seinen Zügen hatte sich gelöst, und die Haare waren ihm über die +Stirn gefallen. So glich er einem jungen, magern, von der Ernte +erschöpften und auf seiner Garbe schlafenden Schnitter. + + +Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Die Versuchung des Pescara" +von Conrad Ferdinand Meyer. + diff --git a/old/8vers10.zip b/old/8vers10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4f1ba22 --- /dev/null +++ b/old/8vers10.zip |
