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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:22:04 -0700
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+Project Gutenberg's Die Versuchung des Pescara, by Conrad Ferdinand Meyer
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Versuchung des Pescara
+
+Author: Conrad Ferdinand Meyer
+
+Posting Date: June 7, 2009 [EBook #3675]
+Release Date: January, 2003
+First Posted: July 12, 2001
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE VERSUCHUNG DES PESCARA ***
+
+
+
+
+Produced by Michelle Mokowska, Mike Pullen, and Mary Cicora.
+HTML version by Al Haines.
+
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+
+Die Versuchung des Pescara
+
+Conrad Ferdinand Meyer
+
+Novelle
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+In einem Saale des mailändischen Kastelles saß der junge Herzog
+Sforza über den Staatsrechnungen. Neben ihn hatte sich sein Kanzler
+gestellt und erklärte die Zahlen mit gleitendem Finger.
+
+"Eine furchtbare Ziffer!" seufzte der Herzog und entsetzte sich vor
+der Summe, welche die mit Eile betriebenen Festungsarbeiten
+verschlungen hatten. "Wie viele Schweißtropfen meiner armen
+hungernden Lombarden!" Und um dem Anblick der verhängnisvollen Zahl
+zu entrinnen, ließ er die melancholischen Augen über die Wände laufen,
+die mit hellfarbigen Fresken bedeckt waren.
+
+Links von der Tür hielt Bacchus ein Gelag mit seinem mythologischen
+Gesinde, und rechts war als Gegenstück die Speisung in der Wüste
+behandelt von einer flotten, aber gedankenlosen, den heiligen
+Gegenstand bis an die Grenzen der Ausgelassenheit verweltlichenden
+Hand. Oben auf der Höhe, klein und kaum sichtbar, saß der göttliche
+Wirt, während sich im Vordergrunde eine lustige Gesellschaft
+ausbreitete, die an Tracht und Miene nicht übel einer Mittag
+haltenden lombardischen Schnitterbande glich und zum Lachen alle
+Gebärden eines gesunden Appetites versinnlichte.
+
+Der Blick des Herzogs und der demselben aufmerksam folgende seines
+Kanzlers fielen auf ein schäkerndes Mädchen, das, einen großen Korb
+am Arme, wohl um die überbleibenden Brocken zu sammeln, sich von dem
+neben ihr gelagerten Jüngling umfangen und einen gerösteten Fisch
+zwischen das blendend blanke Gebiß schieben ließ. "Die da wenigstens
+verhungert noch nicht", scherzte der Kanzler mit mutwilligen Augen.
+
+Ein trübes Lächeln bildete und verflüchtigte sich auf dem feinen
+Munde des Herzogs. "Warum Festungen bauen?" kam er auf den
+Gegenstand seiner Sorge zurück. "Das ist ein schlechtes Geschäft!
+Pescara, der große Belagerer, wird sie schnell wegnehmen und mir dann
+noch die Kriegskosten aufhalsen. Höre, Girolamo", und er richtete
+seinen binsenschlanken Körper in die Höhe, "laß mich weg aus deinen
+geheimen Bündnissen und Artikeln, du unermüdlicher Zettler! Ich will
+nichts davon wissen. Du richtest mich und meine Lombarden zugrunde,
+du Strafe Gottes! Ich will mich nicht an dem Kaiser versündigen: er
+ist mein Lehensherr. Und lieber will ich mich von seinen höllischen
+Spaniern schinden lassen, als daß mich meine neuen Bundesgenossen
+voranschieben und verraten." Wie ein sich Aufgebender ließ er sich,
+die spitzen Knie vorgestreckt, in seinen Sessel niedergleiten und
+rief voller Verzweiflung: "Ich will eine Muhme oder eine Schwester
+des Kaisers heiraten! Das sollst du veranstalten, wenn du der große
+Staatsmann bist, der zu sein du dir einbildest."
+
+Der Kanzler brach in ein zügelloses Gelächter aus.
+
+"Du hast gut lachen, Girolamo. Von den steilsten Dächern
+herabrollend, kommst du wie eine Katze immer wieder auf die Füße zu
+stehen! Ich aber gehe in Stücke! Ich und mein Herzogtum
+verflüchtigen uns in dem Hexenkessel, der in deinem Kopfe brodelt.
+Miserere: eine Liga mit dem heiligen Vater, mit San Marco, mit den
+Lilien! O die böse Klimax! O die unheilige Dreieinigkeit! Dem
+Papste traut man nicht über den Weg, weder ich noch irgendeiner. Er
+ist ein Medici! Marcus aber, mein natürlicher Feind und Nachbar, ist
+der ruchloseste aller Heiligen. Und nun gar Frankreich, das mir den
+Vater in einem Kerkerloche verwesen ließ und den armen Bruder Max,
+den du verkauft hast, du Schlimmer, in Paris versorgt!" Die
+beweglichen Züge des fürstlichen Knaben entstellten sich, als sehe er
+den Genius seines Hauses die Fackel langsam senken und auslöschen.
+Eine Träne rann über seine magere Wange.
+
+Der Kanzler streichelte sie ihm väterlich. "Sei nicht unklug,
+Fränzchen", tröstete er. "Ich hätte den Max verraten? Keineswegs.
+Es war die Logik der Dinge, daß er sich gab nach der Zermalmung der
+Schweizer. Ich habe seine Rente mit König Franz vereinbart und noch
+um ein Gutes hinaufgemarktet. Er selbst sah ein, daß ich es redlich
+mit ihm meine, und dankte mir. Er ist ein Philosoph, sage ich dir,
+der die Welt von oben herunter betrachtet, und da er zu Rosse stieg,
+um von hinnen zu ziehen, hat er, schon im Bügel, noch Weisheit
+geredet. 'Ich segne den Himmel', sprach er, 'daß ich in Zukunft
+nichts mehr zu schaffen habe mit den groben Fäusten der Schweizer,
+den langen Fingern des Kaisers'--er meinte die hochselige Majestät,
+Fränzchen--'und den spanischen Meuchlerhänden.' Auch hatte der Max
+gar nicht das Zeug, einen italienischen Fürsten darzustellen, plump
+und unreinlich wie er ist. Da bist du denn doch eine andere
+Erscheinung, Fränzchen. Du hast etwas Fürstliches, wenn du dich
+aufrecht hältst, und dazu die Kunst der Rede, die du von deinem
+unvergleichlichen Vater, dem Mohren, geerbt. Ich sage dir, du wirst
+mit den Jahren noch der klügste und glücklichste Fürst in Italien
+werden."
+
+Der Herzog betrachtete seinen Kanzler zweifelnd. "Wenn du mich nicht
+vorher verkaufst und mein Leibgeding' in die Höhe marktest", lächelte
+er.
+
+Morone, der jetzt in seinem langen schwarzen Juristenrocke vor ihm
+stand, entgegnete zärtlich: "Mein holdseliges Fränzchen! Dir tue ich
+nichts zuleide. Du weißt ja, daß du mir ins Herz gewachsen bist. Du
+bleibst der Herzog von Mailand, so wahr ich der Morone bin. Aber du
+mußt dich hübsch belehren und überzeugen lassen, was zu deinem Besten
+dient."
+
+"Nicht einen einzigen guten Grund hast du mir gegeben für deine
+neugebackene Liga! Und ich will mich einmal nicht empören gegen
+meinen Lehnsherrn! Das ist sündhaft und gefährlich."
+
+Schnellen Geistes wählte der Kanzler unter den Truggestalten und
+Blendwerken, über welche seine Einbildungskraft gebot, eine
+hinreichend wahrscheinliche und wirksame Larve, um sie seinem
+beweglichen Gebieter entgegenzuhalten und ihn damit heilsam zu
+erschrecken.
+
+"Fränzchen", sagte er, "der Kaiser ist für dich eine verschlossene
+Pforte. Hast du ihm nicht die rührendsten Briefe geschrieben, und er
+hat niemals geantwortet! Es ist ein in der Ferne verschwindender
+Jüngling und, wie man behauptet, die geduldige Wachspuppe in den
+formenden Händen seiner burgundischen Höflinge. Da bist du ihm
+überlegen, du beurteilst die Dinge selbständig. Das Wetter aber in
+Madrid macht der Borbone, der verschwenderische Konnétabel, der das
+Gold mit vollen Händen auswirft und dessen Treue außer allem
+Verdachte steht, da er seinen König Franz verrathen hat und jetzt in
+Ewigkeit zum Dienste des Kaisers verdammt ist. Der Borbone aber will
+Mailand. Dein Lehen ist ihm zugesagt. Er ist ein Gonzaga von der
+Mutter her und strebt nach einem italienischen Throne. Warum kann
+sich der Kaiser nicht entschließen, dich zu belehnen, nachdem du ihm
+Hunderttausende bezahlt hast? Weil er dein Mailand dem Borbone
+zudenkt, darauf nehme ich Gift. Dieser ist seiner Sache gewiß.
+Unlängst, da du mich in das kaiserliche Lager sendetest, hat er mich
+mit Liebkosungen fast erdrückt und mir sogar einen Beutel zugesteckt,
+um mich auf die günstige Stunde vorzubereiten. Denn freilich sind
+wir alte Bekannte von der französischen Herrschaft her."
+
+Das war Lüge und Wahrheit: der Konnétabel hatte in einer tollen
+Weinlaune einen witzigen Einfall seines Gastes fürstlich belohnt.
+
+"Und du nahmst, Ungeheuer?" entsetzte sich der Herzog.
+
+"Mit dem besten Gewissen von der Welt", erwiderte Morone leichtfertig.
+"Weißt du nicht, Fränzchen, was die Kasuisten lehren, daß ein Weib
+soviel nehmen darf, als man ihr giebt, wenn sie nur ihre Tugend
+behauptet? Das gilt auch für Minister und erlaubt mir, in dieser
+kargen Zeit unter Umständen auf mein Gehalt zu verzichten. Dafür
+kannst du dir zuweilen ein gutes Bild kaufen, Fränzchen. Du mußt
+auch deine ehrbare Ergötzung haben."
+
+Sforza war erbleicht. Das Schreckbild des Borbone in seiner Burg und
+in seinem Reiche, welche beide dieser schon einmal--vor seinem
+berühmten Verrat--jahre lang als französischer Statthalter besessen
+hatte, brachte ihn um alle Besinnung. "Ich habe immer geglaubt, und
+es verfolgt mich auf Schritt und Tritt", jammerte der Ärmste, "daß
+der Borbone mein Mailand haben will. Rette mich, Girolamo! Schließe
+die Liga! ohne Verzug! Sonst bin ich verloren." Er sprang auf und
+ergriff den Kanzler am Arm.
+
+Dieser erwiderte gelassen: "Ja, das geht nicht so geschwind,
+Fränzchen. Doch wird sich vielleicht heute noch etwas dafür thun
+lassen. Es trifft sich. Gestern ist die Exzellenz Nasi--nicht der
+Horatius, sondern der schöne Lälius--bei unserm Wechsler Lolli
+abgestiegen, und durch einen glücklichen Zufall auch Guicciardin hier
+angekommen, der trotz seiner Borsten im Vatikan eine angenehme Person
+ist. Mit diesen zwei gescheiten Leuten ließe sich reden, und ich
+habe den Venezianer und den Florentiner an deine Abendtafel geladen,
+da ich weiß, daß du ein harmloses Geplauder und eine unterhaltende
+Gesellschaft liebst."
+
+"O verfluchte, nichtswürdige Verschwörung!" klagte der Herzog
+wankelmütig.
+
+"Und auch noch ein anderer ist eingeritten, im Morgengrauen. Dieser
+hat sich auf die dritte Stunde nachmittags angesagt, er wolle erst
+ausschlafen."
+
+"Ein anderer? Welcher andere?" Der Herzog zitterte.
+
+"Der Borbone."
+
+"Gott verpeste den bleichen Verräter!" schrie Sforza. "Was will der
+hier?"
+
+"Das wird er selbst dir sagen. Horch! es läutet Vesper im Dome."
+
+"Empfange du ihn, Kanzler!" flehte der Herzog und wollte durch eine
+Tür entwischen. Morone aber ergriff ihn am Arm und führte ihn zu
+seinem Sessel zurück. "Ich bitte, Hoheit! Es geht vorüber. Wenn
+der Konnétabel eintritt, erhebe sich die Hoheit und empfange ihn
+stehend. Das kürzt ab." Er umkleidete seinen Herrn mit dem am
+Stuhle hängengebliebenen Mantel, und dieser nahm allmählich, seine
+Angst bekämpfend, eine fürstlichere Haltung an, indem er seinen
+hübschen Wuchs geltend machte und den natürlichen Anstand, den er
+besaß.
+
+Inzwischen blickte der Kanzler durch das Fenster, das den Schloßplatz
+und hinter demselben den Umriß eines der neuangelegten Bollwerke des
+Kastelles zeigte. "Köstlich!" sagte er. "Da steht dieser
+treuherzige Konnétabel, zehn Schritte vor seinem Gefolge, und
+zeichnet unbefangen unsere neue Schanze in sein Taschenbuch. Ich
+will nur gehen und ihn einführen."
+
+Da er mit Morone eintrat, der berühmte Verräter, eine schlanke und
+hohe Gestalt und ein stolzes, farbloses Haupt mit feinen Zügen und
+auffallend dunkeln Augen, eine unheimliche, aber große Erscheinung,
+verbeugte er sich höflich vor Franz Sforza, der ihn scheu betrachtete.
+
+"Hoheit", sprach Karl Bourbon, "ich bezeuge meine schuldige
+Ehrerbietung und bitte um Gehör für eine Botschaft der Kaiserlichen
+Majestät."
+
+Herzog Franz antwortete mit Würde, daß er bereit sei, den Willen
+seines erhabenen Lehensherrn ehrfürchtig zu vernehmen, wankte dann
+aber und glitt in seinen Sessel zurück.
+
+Als der Konnétabel den Herzog sich setzen sah, blickte auch er sich
+nach einem Stuhl oder wenigstens nach einem Schemel um. Nichts
+dergleichen war vorhanden und auch kein Page gegenwärtig. Da warf er
+seinen kostbaren Mantel dem Herzog gegenüber an den Marmorboden und
+lagerte sich geschmeidig, den linken Arm aufgestützt, den rechten in
+die Hüfte setzend. "Hoheit erlaube", sagte er.
+
+Karl Bourbon lebte seit seinem Verrate in einer sengenden und
+verzehrenden Atmosphäre des Selbsthasses. Niemand, sogar der
+Vornehmste nicht, hätte es gewagt, den stolzen Mann auch nur mit
+einer Miene an seine Tat zu erinnern und ihn das Urteil erraten zu
+lassen, welches die öffentliche Meinung seines Jahrhunderts
+einstimmig und mit ungewöhnlicher Härte über ihn gefällt hatte, aber
+er kannte dieses strenge Urteil, und sein Gewissen bestätigte es.
+Die gründlichste Menschenverachtung brachte er, bei sich selbst
+anfangend, der ganzen Welt entgegen, doch beherrschte er sich
+vollkommen, und niemand benahm sich tadelfreier und redete farbloser,
+jeden Hohn, jede Ironie, selbst die leiseste Anspielung sich und
+damit auch den andern untersagend. Nur selten verriet, wie eine
+plötzlich aus dem Boden zuckende Flamme, ein höllischer Witz oder ein
+zynischer Spaß den Zustand seiner Seele.
+
+Nachdem der Konnétabel eine Weile gesonnen, begann er mit angenehmer
+Stimme und einer leichten Wendung des Kopfes: "Ich bitte Hoheit, mich
+nicht entgelten zu lassen, was meine Sendung Unwillkommenes für Sie
+haben könnte. Meine Person völlig zurückstellend, übermittle ich der
+Hoheit einen Beschluß der Kaiserlichen Majestät, welchen dieselbe in
+ihrem Ministerrate gefaßt hat, allerdings nach Vernehmung ihrer drei
+italienischen Feldherrn, Pescara, Leyva und meiner Untertänigkeit."
+
+"Wie befindet sich Pescara?" fragte der Kanzler, der in gleicher
+Entfernung von den zwei Hoheiten stand, frech dazwischen. "Ist er
+geheilt von seiner Speerwunde bei Pavia?"
+
+"Freundchen", versetzte der Konnétabel geringschätzig, "ich bitte
+Euch, nicht zu reden, wo Ihr nicht gefragt werdet."
+
+Da nahm der Herzog die Frage auf. "Herr Konnétabel", sagte er, "wie
+befindet sich der Sieger von Pavia?"
+
+Bourbon verneigte sich verbindlich. "Ich danke der Hoheit für die
+huldvolle Nachfrage. Mein erlauchter und geliebter Kollege Ferdinand
+Avalos Marchese von Pescara ist völlig hergestellt. Er reitet ohne
+Beschwerde seine zehn Stunden." Dann fuhr er fort: "Lasset mich
+jetzt zur Sache kommen, Hoheit. Bittere Arznei will schnell gereicht
+sein. Die Kaiserliche Majestät wünscht sehr, daß die Hoheit
+zurücktrete aus der neuen Liga, die Sie mit der Heiligkeit, den
+Kronen von Frankreich und England und der Republik Venedig
+abgeschlossen hat oder abzuschließen im Begriffe ist."
+
+Jetzt fand der Herr von Mailand den Fluß der Rede und beteuerte mit
+gut gespieltem Erstaunen und herzlicher Entrüstung, daß ihm von einer
+solchen Liga nichts bekannt sei und er selbst sicherlich der erste
+wäre, nach seiner Lehenspflicht den Kaiser ungesäumt zu unterrichten,
+wenn seines Wissens in Oberitalien derlei gegen die Majestät
+gesponnen würde. Und er legte die Hand auf das feige Herz.
+
+Mit vorgebogenem Haupte höflich lauschend, ließ der Konnétabel den
+jungen Heuchler seine Lüge in immer neuen Wendungen wiederholen.
+Dann erwiderte er in kühlem Tone, mit einer unmerklichen Färbung
+verächtlichen Mitleids: "Die Worte der Hoheit unangetastet, muß ich
+glauben, daß dieselbe von der Sachlage nicht genau unterrichtet ist.
+Wir denken es besser zu sein. Der Friede zwischen Frankreich und
+England mit einer bösen Absicht gegen den Kaiser ist eine Tatsache,
+die uns mit Sicherheit aus den Niederlanden gemeldet wurde. Ebenso
+gewiß sind wir, daß in Oberitalien gegen uns gerüstet wird. Und
+soweit sich der Heilige Vater beurteilen läßt, scheint auch er, den
+wir verwöhnt haben, sich verdeckt gegen uns zu wenden. Zu
+unterscheiden, was gethan und was im Werden ist, kann nicht unsere
+Aufgabe sein: wir bauen vor. Ehe die Liga", fügte er mit leiserer
+Stimme bedeutsam hinzu, "einen Feldherrn gefunden hat."
+
+Dann stellte er seine Forderung: "Hoheit giebt uns Sicherheit, in
+Monatsfrist, daß Sie Neutralität hält. Das ist die inständige Bitte
+Kaiserlicher Majestät. Unter Sicherheit aber versteht sie:
+Verabschiedung der Schweizer, Beurlaubung der lombardischen Waffen
+auf die Hälfte, Einstellung aller und jeder Festungsbauten und
+Überlassung dieses erfindungsreichen Mannes"--er wies mit dem Haupte
+seitwärts--"an Kaiserliche Majestät. Wo nicht"--und er erhob sich
+ungestüm, als wollte er zu Pferde springen--"wo nicht, blasen wir zum
+Aufbruch, den letzten September, um Mitternacht, keine Stunde früher,
+keine später, und besetzen in wenigen Märschen das Herzogthum. Hoheit
+überlege." Er verbeugte sich und schied.
+
+Da ihm Morone das Geleite geben wollte, verfiel Bourbon in eine
+seiner tollen Launen und wies den Kanzler mit einer possenhaften
+Gebärde ab. "Adieu, Pantalon mon ami!" rief er über die Schulter
+zurück.
+
+Morone gerieth in Wuth über diese Benennung, welche seiner Person allen
+Ernst und Wert abzusprechen schien, und entrüstet auf und nieder
+schreitend, verwickelte er sich mit den Füßen in den
+liegengebliebenen Mantel des Konnétable; der junge Herzog aber hielt
+den Kanzler fest, hing sich ihm an den Arm und weinte: "Girolamo, ich
+habe ihn beobachtet! Er glaubt sich hier schon in dem Seinigen.
+Schließe ab! Heute noch! Sonst entthront mich dieser Teufel!"
+
+Noch lag der hilflose Knabe in den Armen seines Kanzlers, als ein
+greiser Kämmerer den Rücken vor ihm bog und feierlich das Wort sprach:
+"Die Tafel der Hoheit ist gedeckt." Die beiden folgten ihm, der mit
+wichtiger Miene durch eine Reihe von Zimmern voranschritt. Eines
+derselben, ein Kabinett, das keinen eigenen Ausgang hatte, schien mit
+seiner Tapete von moosgrünem Sammet und seinen vier gleichfarbigen
+Schemeln ein für trauliche Mitteilungen bestimmter Schlupfwinkel zu
+sein. In seiner Mitte blieb der Herzog verwundert stehen, denn die
+Hinterwand des sonst leeren Raumes füllte jetzt ein Bild, das er
+nicht als sein Eigenthum kannte. Es war heimlich in den Palast
+gekommen, eine ihm bereitete Überraschung, das Geschenk des
+Markgrafen von Mantua, wie auf dem Rahmen zu lesen stand. Der Herzog
+ergriff seinen Kanzler an der Hand, und beide Italiener näherten sich
+mit leisen Tritten und einer stillen, andächtigen Freude dem
+machtvollen Gemälde: auf einem weißen Marmortischchen spielten Schach
+ein Mann und ein Weib in Lebensgröße. Dieses, ein helles und warmes
+Geschöpf in fürstlichen Gewändern, berührte mit zögerndem Finger die
+Königin und forschte zugleich verstohlenen Blickes in der Miene des
+Mitspielers, der, ein Krieger von ernsten und durchgearbeiteten Zügen,
+in dem streng gesenkten Mundwinkel ein Lächeln, versteckte.
+
+Beide, Herzog und Kanzler, erkannten ihn sogleich. Es war Pescara.
+Die Frau erriethen sie mit Leichtigkeit. Wer war es, wenn nicht
+Victoria Colonna, das Weib des Pescara und die Perle Italiens? Sie
+konnten sich nicht von dem Bilde trennen. Sie fühlten, daß sein
+größter Reiz die hohe und zärtliche Liebe sei, welche die weichen
+Züge der Dichterin und die harten des Feldherrn in ein warmes Leben
+verschmolz, und nicht minder die Jugend der Beiden, denn auch der
+benarbte und gebräunte Pescara erschien als ein heldenhafter Jüngling.
+
+In der That, achtzehnjährig Beide, waren sie miteinander an den Altar
+getreten, und sie hatten sich mit Leib und Seele Treue gehalten, oft
+und lang getrennt, sie bei der keuschen Ampel in Italiens große
+Dichter vertieft, er vor einem glimmenden Lagerfeuer über der Karte
+brütend, dann endlich wieder auf Ischia, dem Besitzthum des Marchese,
+wie auf einer seligen Insel sich vereinigend. Solches wußte das
+sittenlose Italien und zweifelte nicht, sondern bewunderte mit einem
+Lächeln.
+
+Auch die zwei vor dem Bilde Stehenden empfanden die Schönheit dieses
+Bundes der weiblichen Begeisterung mit der männlichen
+Selbstbeherrschung. Sie empfanden sie nicht mit der Seele, aber mit
+den feinen Fingerspitzen des Kunstgefühls. So wären sie noch lange
+gestanden, wenn nicht der Kammerherr unterthänig gemahnt hätte, daß
+zwei Geladene im Vorzimmer des Eßsaales warteten. Durch ein paar
+Thüren wurde jenes erreicht und, nach einer kurzen Vorstellung der
+Gäste, dieser betreten.
+
+Jetzt saßen die Viere an der nicht überladenen, aber ausgesuchten
+Tafel. Während des ersten leichten Gespräches besah sich der Herzog
+insgeheim seine Gäste. Keine Gesichter konnten unähnlicher sein als
+diese dreie. Den häßlichen Kopf und die grotesken Züge seines
+Kanzlers freilich wußte er auswendig, aber es fiel ihm auf, wie
+ruhelos dieser heute die feurigen Augen rollte und wie über der
+dreisten Stirn das pechschwarze Kraushaar sich zu sträuben schien.
+Daneben hob sich das Haupt Guicciardins durch männlichen Bau und
+einen republikanisch stolzen Ausdruck sehr edel ab. Der Venezianer
+endlich war eines schönen Mannes Bild mit einem vollen weichen Haar,
+leise spottenden Augen und einem liebenswürdigen verrätherischen
+Lächeln. Auch in der Farbe unterschieden sich die drei Angesichter.
+Die des Kanzlers war olivenbraun, der Venezianer besaß die
+durchsichtige Blässe der Lagunenbewohner, und Guicciardin sah so gelb
+und gallig aus, daß der Herzog sich bewogen fühlte ihn nach seiner
+Gesundheit zu fragen.
+
+"Hoheit, ich litt an der Gelbsucht", versetzte der Florentiner kurz.
+"Die Galle ist mir ausgetreten, und das ist nicht zum Verwundern,
+wenn man weiß, daß mich die Heiligkeit in ihre Legationen versendet
+hat, um dieselben zu einem ordentlichen Staate einzurichten. Da
+schaffe einer Ordnung, wo die Pfaffen Meister sind! Nichts mehr
+davon, sonst packt mich das Fieber, trotz der gesunden Luft von
+Mailand und den guten deutschen Nachrichten." Er wies eine süße
+Schüssel zurück und bereitete sich mit mehr Essig als Öl einen
+Gurkensalat.
+
+"Nachrichten aus Deutschland?" fragte der Kanzler.
+
+"Nun ja, Morone. Ich habe Briefe von kundiger Hand. Die Mordbauern
+sind zu Paaren getrieben und--das Schönste--Fra Martino selbst ist
+mit Schrift und Wort gewaltig gegen sie aufgetreten. Das freut mich
+und läßt mich an seine Sendung glauben. Denn, Herrschaften, ein
+weltbewegender Mensch hat zwei Ämter: er vollzieht, was die Zeit
+fordert, dann aber--und das ist sein schwereres Amt--steht er wie ein
+Gigant gegen den aufspritzenden Gischt des Jahrhunderts und
+schleudert hinter sich die aufgeregten Narren und bösen Buben, die
+mitthun wollen, das gerechte Werk übertreibend und schändend."
+
+Der Herzog war ein wenig enttäuscht, denn er liebte Krieg und Aufruhr,
+wenn sie jenseits der Berge wütheten und seine Einbildungskraft
+beschäftigten, während er selbst außer Gefahr stand. Der Kanzler
+aber that einen Seufzer und sagte mit einem wahren menschlichen
+Gefühle: "In Germanien mag nun viel Grausames geschehen."
+
+"Thut mir leid", versetzte der Florentiner, "doch ich behalte das
+Ganze im Auge. Jetzt, nach Bändigung der trotzigen Ritter und der
+rebellischen Bauern, führen die Fürsten. Die Reformation, oder wie
+ihr es nennen wollet, ist gerettet."
+
+"Und Ihr seid ein Republikaner?" stichelte der Kanzler.
+
+"Nicht in Deutschland."
+
+Auch der schöne Lälius gönnte sich einen Scherz. "Und Ihr dienet dem
+heiligen Vater, Guicciardin?" lispelte er.
+
+Dieser, dem das süßliche Lächeln widerstand und den seine Gelbsucht
+reizbar machte, antwortete freimüthig: "Jawohl, Herrlichkeit, zur
+Strafe meiner Sünden! Der Papst ist ein Medici, und diesem Hause ist
+Florenz verfallen. Ich aber will nicht aus meiner Vaterstadt
+vertrieben werden, denn flüchtig sein ist das schlimmste Los und
+gegen seine Heimat zu Felde liegen das größte Verbrechen. Der
+Heilige Vater weiß, wer ich bin, und nimmt mich nicht anders, als ich
+bin. Ich diene ihm, und er hat nicht über mich zu klagen. Aber ich
+lasse mir nicht das Maul verbinden, und so sei es mit Wonne
+ausgesprochen unter uns Wissenden: Fra Martino hat eine gerechte
+Sache, und sie wird sich behaupten."
+
+Dem Herzog machte es Spaß, und er empfand eine Schadenfreude, es zu
+erleben, wie der große germanische Ketzer von einem Sachwalter des
+heiligen Vaters verherrlicht wurde. Freilich überlief ihn eine
+Gänsehaut, daß solches in seiner Gegenwart und in seinem Palaste
+geschehe. Er winkte die Diener weg, welche eben die Früchte
+aufgesetzt hatten und der spannenden Unterhaltung ihre stille
+Aufmerksamkeit widmeten.
+
+Jetzt forderte Morone, der sich auf seinem Stuhle hin und her
+geworfen, mit flammenden Augen den Florentiner auf: "Ihr seid ein
+Staatsmann, Guicciardin, und auch ich pfusche ins Handwerk. Wohlan,
+begründet eure merkwürdigen Sätze: Bruder Martinus thut ein gerechtes
+Werk, und dieses Werk wird gelingen und dauern."
+
+Guicciardin leerte ruhig seinen Becher, während der schöne Lälius ein
+Zuckerbrot zerbröckelte, der Herzog nach seiner Art sich im Sessel
+gleiten ließ und Morone begeistert von dem seinigen aufsprang.
+
+"Nicht wahr, Herrschaften", begann der Florentiner, "kein Kind, kein
+Thor würde es ertragen, wenn ein Ding vorgeben wollte, dasselbe Ding
+geblieben zu sein, nachdem es sich in sein Gegentheil verwandelt hätte,
+zum Beispiel das Lamm in den Wolf, oder ein Engel in einen Teufel.
+Wie wir nun in unserm gebildeten Italien von der heiligen Gestalt
+denken mögen, die sich in den Päpsten fortsetzt, eines ist nicht zu
+leugnen: daß sie nur Gutes und Schönes gewollt hat. Und ihre
+Nachfolger, die das Werk und Amt des Nazareners übernommen
+haben--sehet nur die viere der Wende des Jahrhunderts! Da ist der
+Verschwörer, der unsern gütigen Julian gemeuchelt hat! Dann kommt
+der schamlose Verkäufer der göttlichen Vergebung! Nach ihm der
+Mörder, jener unheimliche zärtliche Familienvater! Keine
+Fabelgestalten, sondern Ungeheuer von Fleisch und Blut, in kolossalen
+Verhältnissen vor dem Auge der Gegenwart stehend! Und der vierte,
+den ich von Jenen trenne: unser großer Julius, ein Heros, der Gott
+Mars, aber ein Gegensatz, noch schreiender als jene Dreie zu dem
+sanftmüthigen Friedestifter! Viermal nacheinander dieser Widerspruch,
+das ist ein Hohn gegen die menschliche Vernunft. Es nimmt ein Ende:
+entweder verschwindet jene erste himmlische Gestalt in dieser
+dampfenden Hölle und flammenden Waffenschmiede, oder Bruder Martinus
+löst sie mit einem scharfen Schnitt von solchen Nachfolgern und
+Amtsbrüdern."
+
+"Das ist lustig", meinte der Herzog, während der Kanzler wie besessen
+in die Hände klatschte.
+
+"Eine Predigt Savonarolas", ließ sich der schöne Lelio vernehmen, ein
+Gähnen verwindend. "Wenn wir Fra Martino in Venedig hätten, so
+könnten wir ihn zügeln und sachdienlich verwenden. Aber seinem
+germanischen Trotzkopf überlassen, wird er, fürcht' ich, über kurz
+oder lang dem Andern auf den Scheiterhaufen folgen."
+
+"Nein", versetzte Guicciardin heiter, "seine braven deutschen Fürsten
+werden ihr Schwert vor ihn halten und ihn schützen."
+
+"Doch wer schützt seine Fürsten?" spottete der Venezianer.
+
+Guicciardin schlug eine fröhliche Lache auf. "Der heilige Vater",
+sagte er. "Sehet, Herrschaften, das ist eine jener verdammt feinen
+Zwickmühlen, wie sie der Zufall oder ein Besserer in der
+Weltgeschichte anlegt. Seit unsere Päpste sich verweltlicht haben
+und einen Staat in Italien besitzen, ist ihnen das kleine Zepter
+theurer als der lange Hirtenstab. Ist nicht, diesem Scepter zuliebe,
+unser Clemens im Begriff, dem frommgläubigen Kaiser förmlich den
+Krieg zu erklären? Einem heiligen Vater aber, der mit Kanonen auf
+ihn schießt, wird Karl kaum den Gefallen thun, seine tapfern
+germanischen Landsknechte in die Kirche zurückzuzwingen. Und
+umgekehrt: wenn die ketzerischen deutschen Fürsten gegen die
+Kaiserliche Majestät sich empören und Panier aufwerfen, wird der
+heilige Vater nicht ihre Seele vorläufig in Ruhe lassen und sich
+heimlich ihrer Waffen bedienen? Unterdessen aber wächst der Baum und
+streckt seine Wurzeln."
+
+Jetzt wurde der Herzog unruhig. Es kam die angenehme Stunde seines
+Tagewerkes, in welcher er seine Hunde und Falken mit eigenen Händen
+fütterte. "Herrschaften", sagte er, "mich würde dieser germanische
+Mönch nicht verführen. Man hat mir sein Bildnis gezeigt: ein plumper
+Bauernkopf, ohne Hals, tief in den Schultern. Und seine Gönner, die
+saxonischen Fürsten--Bierfässer!"
+
+Guicciardin zerdrückte den feinen Kelch in der Hand und einen Fluch
+zwischen den Zähnen. "Es ist schwül hier im Saale", entschuldigte er
+sich, und gleich hob der Herzog die Tafel auf. "Wir wollen frische
+Luft schöpfen", meinte er. "Auf Wiedersehen, Herrschaften, nach
+Sonnenuntergang, im grünen Kabinette."
+
+Er verließ das Zimmer, um dem Venezianer, an welchem er ein
+Wohlgefallen fand, seine Gebäude, Terrassen und Gärten zu zeigen. Es
+waren noch jene unvergleichlichen Anlagen, welche der letzte Visconte
+gebaut und mit seinem gespenstischen Treiben erfüllt hatte, die
+Überbleibsel jener "Burg des Glückes", wo er, wie ein scheuer Dämon
+in seinem Zauberschlosse, Italien mit vollendeter Kunst regierte, und
+aus welcher er seine Günstlinge, sobald sie erkrankten, wegtragen
+ließ, damit niemals der Tod an diese Marmorpforten klopfe.
+
+Ein guter Theil der alten Pracht war verfallen, oder zertreten und
+verschüttet durch den Krieg und die neu aufgeworfenen Bollwerke.
+Immerhin blieb noch genug übrig für die schmeichelnde Bewunderung des
+schönen Lälius, und Franz Sforza verlebte ein paar hübsche Stunden.
+Nur da sie eine Reitbahn betraten, welche der Bourbon während seiner
+mailändischen Statthalterschaft errichtet, verschatteten sich die
+fürstlichen Züge, um sich dann aber gleich wieder zu erheitern. Er
+hatte das schallende Gelächter Guicciardins vernommen und darauf
+diesen selbst erblickt, der sich in eine ländliche Veranda hemdärmlig
+mitten unter lombardische Stallknechte gesetzt hatte, mit ihnen
+Karten spielte und einem herben Landweine zusprach. "Die
+Vergnügungen eines Republikaners", spottete Franz Sforza. "Er erholt
+sich von seinem fürstlichen Umgange." Der schöne Lelio lächelte
+zweideutig, und sie setzten ihren Lustwandel fort.
+
+Der Erste, welcher sich in dem moosgrünen Kabinette einfand, wenn er
+es nicht etwa gleich nach aufgehobener Tafel betreten und nicht
+wieder verlassen hatte, war Girolamo Morone. Er stand vertieft in
+das Bild. Eine Weile mochte er die entzückten Augen an dem
+holdseligen Weibe geweidet haben, jetzt aber durchforschte er mit
+angestrengtem Blicke das Antlitz des Pescara, und was er aus den
+starken Zügen heraus oder in dieselben hinein las, gestaltete sich in
+dem erregten Manne zu heftigen Gebärden und abgebrochenen Lauten.
+"Wie wirst du spielen, Pescara?" stammelte er, die schalkhafte Frage,
+die in Victorias unschuldigem Auge lag, ingrimmig wiederholend und
+die pechschwarze Braue zusammenziehend.
+
+Da erhielt er einen kräftigen Schlag auf die Schulter. "Verliebst du
+dich in die göttliche Victoria, du Sumpf?" fragte ihn Guicciardin mit
+einem derben Gelächter.
+
+"Spaß beiseite, Guicciardin, was denkst du von Dem hier mit dem rothen
+Wamse?", und der Kanzler wies auf den Feldherrn.
+
+"Er sieht wie ein Henker."
+
+"Nicht, Guicciardin. Ich meine: was sagst du zu diesen Zügen? Sind
+es die eines Italieners oder die eines Spaniers?"
+
+"Eine schöne Mischung, Morone. Die Laster von beiden: falsch,
+grausam und geizig! So habe ich ihn erfahren, und du selbst, Kanzler,
+hast mir ihn so gezeichnet. Erinnere dich! in Rom, vor zwei Jahren,
+da der witzige Jakob uns zusammen über den Tiber setzte."
+
+"Hab ich? Dann war es der Irrthum eines momentanen Eindrucks.
+Menschen und Dinge wechseln."
+
+"Die Dinge, ja; die Menschen, nein: sie verkleiden und spreizen sich,
+doch sie bleiben, wer sie sind. Nicht wahr, Hoheit?" Guicciardin
+wendete sich gegen den Herzog, welcher eben eintrat und dem der
+Venezianer auf dem Fuße folgte.
+
+Die vier grünen Schemel besetzten sich und die Türen wurden verboten.
+Das offene Fenster füllte ein glühender Abendhimmel.
+
+"Herrschaften", begann der Herzog mit würdiger Miene, "wie weit die
+Vollmachten?"
+
+"Meine Bescheidenheit", sagte der schöne Lälius, "ist beauftragt
+abzuschließen."
+
+"Die Weisheit des heiligen Vaters", folgte Guicciardin, "wünscht
+ebenfalls ein Ende. Die Liga war langeher der Liebling ihrer
+Gedanken: sie stellt sich, wie ihr gebührt, an die Spitze, mit
+Vorbehalt der schonenden Formen des höchsten Hirtenamtes."
+
+"Die Liga ist geschlossen!" rief der Herzog muthig. "Kanzler, statte
+Bericht ab!"
+
+"Herrschaften", begann dieser, "in ihren Briefen verspricht die
+französische Regentschaft, im Einverständnis mit dem zu Madrid
+gefangen sitzenden Könige, ein ansehnliches Heer und entsagt zugleich
+endgültig, in die Hände des heiligen Vaters, den Ansprüchen auf
+Neapel und Mailand."
+
+"Optime!" jubelte der Herzog. "Und Schweizer bekämen wir soviel wir
+wollen, in lichten Haufen, wenn wir nur Ducaten hätten, ihnen damit
+zu klingeln. Nicht wahr, Kanzler?"
+
+"Da ist Rat zu schaffen", versicherten die zwei Andern.
+
+"Aber, Herren", drängte Morone, "es eilt! Der Borbone war hier. Man
+blickt uns in die Karten. Die drei Feldherrn drohen in Monatsfrist
+Mailand zu nehmen, wenn wir nicht abrüsten. Wir müssen losschlagen,
+und um loszuschlagen, müssen wir unsern Capitano wählen, jetzt,
+sogleich!"
+
+"Dazu sind wir gekommen", sprachen die Zweie wiederum einstimmig.
+
+"Der Liga den Feldherrn geben!" wiederholte der Kanzler. "Das ist
+nicht weniger als über das Los Italiens entscheiden! Wen stellen wir
+dem Pescara entgegen, dem größten Feldherrn der Gegenwart? Nennet
+mir den ebenbürtigen Geist! Unsern großen Kriegsleuten, dem Alviano,
+dem Trivulzio, ist längst die Grabschrift gemacht, und die übrigen
+hat Pavia getödtet. Nennet mir ihn! Zeiget mir die mächtige Gestalt!
+Wo ist die gepanzerte rettende Hand, daß ich sie ergreife?"
+
+Eine trübe Stimmung kam über die Gesellschaft, und der Kanzler
+weidete sich an der Niedergeschlagenheit der Verbündeten.
+
+"Wir haben den Urbinaten oder den Ferraresen", meinte Nasi, doch
+Guicciardin erklärte bündig, den Herzog von Ferrara schließe die
+Heiligkeit aus als ihren abtrünnigen Lehensmann. "Wählen wir den
+Herzog von Urbino. Er ist kleinlich und selbstsüchtig, ohne weiten
+Blick, ein ewiger Verschlepper und Zauderer, aber ein versuchter
+Kriegsmann, und es bleibt uns kein Anderer", sprach der Florentiner
+mit gerunzelter Stirn.
+
+"Da wäre noch Euer Hans Medici, Guicciardin, und Ihr hättet den
+jungen Waghals, nach dem euer Herz zu begehren scheint", neckte ihn
+der Venezianer.
+
+"Höhnt Ihr mich, Nasi?" zürnte Guicciardin. "Daß ein junger Frevler
+unsere patriotische Sache entweihe und ein tollkühner Bube unsern
+letzten Krieg mit den Würfeln einer leichtsinnigen Schlacht
+verspiele? Der Urbinate wird uns wenigstens nicht verderben, wenn er
+den Krieg verewigt, die Hilfe eines würgenden Fiebers oder eines
+Auflaufes der Landsknechte im kaiserlichen Lager abwartend. Wählen
+wir ihn." Er seufzte, und in demselben Augenblicke fuhr er wüthend
+gegen den Kanzler los, den er das Ende seiner Rede mit einem
+verzweifelnden Gebärdenspiele begleiten sah. "Laß die Grimassen,
+Narr!" schrie er ihn an, "... ich bitte um Vergebung, Hoheit, wenn ich
+ungeduldig werde, und Hoheit ist auf meiner Seite, wie ich glaube..."
+Der Herzog blickte auf seinen Kanzler.
+
+"Sei es", sagte Morone, "wir stimmen bei, aber es ist ein unfreudiges
+Ja, das die Hoheit zu dem seelenlosen Anfange unsers Bündnisses giebt."
+Der Herzog nickte trübselig. "Nein", rief der Kanzler, "sie giebt
+es nicht, die Hoheit tritt zurück, sie kann es nicht verantworten,
+die letzten Kräfte dieses Herzogtums zu erschöpfen! Sie zieht nicht
+zu Felde, im voraus entmuthigt und geschlagen! Die Liga ist
+aufgehoben! Oder wir suchen ihr einen siegenden Feldherrn."
+
+Die zwei Andern schwiegen mißmuthig.
+
+"Und ich weiß einen!" sagte Morone.
+
+"Du weißt ihn?" schrie Guicciardin. "Bei allen Teufeln, heraus damit!
+Rede! Wen werfen wir in die Wagschale gegen Pescara?"
+
+"Redet, Kanzler!" trieb auch der Venezianer.
+
+Morone, der von seinem Schemel aufgesprungen war, trat einen Schritt
+vorwärts und sprach mit starker Stimme: "Wen wir gegen Pescara in die
+Wagschale werfen? Welchen Ebenbürtigen? Pescara, ihn selber!"
+
+Ein Schrecken versteinerte die Gesellschaft. Der Herzog starrte
+seinen außerordentlichen Kanzler mit aufgerissenen Augen an, während
+Guicciardin und der Venezianer langsam die Hand an die Stirn legten
+und zu sinnen begannen. Beide erriethen sie als kluge Leute ohne
+Schwierigkeit, wie Morone es meinte. Sie waren die Söhne eines
+Jahrhunderts, wo jede Art von Verrath und Wortbruch zu den
+alltäglichen Dingen gehörte. Hätte es sich um einen gewöhnlichen
+Kondottiere gehandelt, einen jener fürstlichen oder plebejischen
+Abenteurer, welche ihre Banden dem Meistbietenden verkauften, sie
+hätten wohl dem Kanzler sein frevles Wort von den Lippen
+vorweggenommen. Aber den ersten Kaiserlichen Heerführer? aber
+Pescara? Unmöglich! Doch warum nicht Pescara? Und da Morone
+leidenschaftlich zu sprechen begann, verschlangen sie seine Worte.
+
+"Herrschaften", sagte dieser, "Pescara ist unter uns geboren. Er hat
+Spanien niemals betreten. Die herrlichste Italienerin ist sein Weib.
+Er muß Italien lieben. Er gehört zu uns, und in dieser
+Schicksalsstunde, da wir mit dem noch ledigen Arm unsern andern schon
+gefesselten befreien wollen, nehmen wir den größten Sohn der Heimat
+und ihren einzigen Feldherrn in Anspruch. Wir wollen zu ihm gehen,
+ihn umschlingen und ihn anrufen: Rette Italien, Pescara! Ziehe es
+empor! Oder es reißt dich mit in den Abgrund!"
+
+"Genug declamiert!" rief Guicciardin. "Ein Phantast wie du, Kanzler,
+mit den unbändigen Sprüngen deiner Einbildungskraft ist dazu da, das
+Unmögliche zu erdenken und auszusprechen, das vielleicht, näher
+betrachtet, nicht völlig unmöglich ist. Jetzt aber sei stille und
+laß die Vernünftigen es beschauen und sich zurechtlegen, was du im
+Fieber geweissagt hast. Gebärde dich nicht wie ein Rasender, sondern
+setze dich und laß mich reden!
+
+Herrschaften, oft, und in verzweifelten Lagen immer, ist Kühnheit der
+beste und einzige Rath. Der Krieg unter dem Urbinaten starrt uns an
+wie eine Maske mit leeren Augen. Wir alle fühlen, er würde uns
+langsam lähmen und methodisch zu Grunde richten. Lieber ein
+halsbrechendes Wagnis. Also ja! Wenn es nach mir geht, versuchen
+wir den Pescara! Verräth er uns an den Kaiser, so kann er uns alle
+verderben. Aber wer weiß, ob er nicht seinem Dämon unterliegt?
+Zuerst müssen wir uns fragen: Wer ist Pescara? Ich will es euch
+sagen: ein genialer Rechner, der die Möglichkeiten scharfsinnig
+scheidet und abwägt, der die Dinge unter ihrem trügerischen Antlitz
+auf ihren wahren Werth und ihre reale Macht zu untersuchen die
+Gewohnheit hat. Wäre er sonst, der er ist, der Sieger von Bicocca
+und Pavia? Wenn wir ihn antreten, wird er zuerst eine große
+Entrüstung heucheln über eine Sache, die er sicherlich selbst schon
+in gewissen Stunden sich besehen und betrachtet hat, wenn auch
+vielleicht nur als Übung seines immerfort arbeitenden Verstandes.
+Dann wird er langsam und sorgfältig abwägen: den Stoff, den wir ihm
+geben, das heißt unser Italien, ob sich daraus ein Heer und später
+ein Reich bilden ließe, und--seinen Lohn. Und da der Stoff zwar edel,
+aber spröde ist und einer gewaltig bildenden Hand bedarf, müssen wir
+ihm die größte Belohnung bieten: eine Krone."
+
+"Welche Krone?" stammelte der Herzog angstvoll.
+
+"Eine Krone, Hoheit, sagte ich, keinen Herzogshut, und meinte die
+schöne von Neapel. Sie ist in Feindeshand, also erledigt, und ein
+Lehen der Heiligkeit."
+
+"Wenn wir Kronen austheilen", spottete der Venezianer, "warum bieten
+wir dem Pescara nicht gleich die Fabel- und Traumkrone von Italien?"
+
+"Die Traumkrone!" Das Antlitz des Florentiners zuckte schmerzlich.
+Dann sprach er trotzig, sich und die Umsitzenden vergessend: "Die
+Krone von Italien! Wenn Pescara an der Spitze unserer Heere reitet,
+wird sie ungenannt vor ihm herschweben. Möchte er sie, als der
+Größte unserer Geschichte, fassen und ergreifen, diese ideale Krone,
+nach welcher schon so manche Hände und die frevelhaftesten sich
+gestreckt haben! Möge sie auf seinem Haupte zur Wahrheit werden!
+Und", sagte er kühn, "weil wir heute jedes gewöhnliche Maß verlassen
+und unsern Endgedanken und innersten Wünschen Gestalt geben, so
+wisset, Herrschaften: ist Pescara der Vorausbestimmte, wie es möglich
+wäre, in der Zeit liegen große Begünstigungen und in den Sternen
+glückliche Verheißungen. Baut er Italien, so wird er es auch
+beherrschen. Aber, Kanzler, ich habe dich einen Phantasten genannt
+und phantasiere größer als du. Kehren wir zurück aus dem Reiche des
+Ungebornen in die Wirklichkeit und stellen wir die Frage: wer
+übernimmt die Rolle des Versuchers?"
+
+"Ich stürze mich wie Curtius in den Abgrund!" rief der Kanzler aus.
+
+"Recht", billigte Guicciardin. "Du bist die Person dazu. Einem
+Andern würde die Stimme versagen, und er würde vor Scham versinken,
+wenn er vor Pescara träte, um mit ihm von seinem Verrathe zu reden.
+Du Schamloser aber bist zu allem fähig, und deine Schellenkappe
+bringt dich aus Lagen und Verwicklungen, wo jeder Andere hängen
+bliebe. Will Pescara nicht, so nimmt er dich von deiner närrischen
+Seite und behandelt dich als Possenreißer; will er, so wird er unter
+deinen tragischen Gebärden und deinen komischen Runzeln den Ernst und
+die Größe der Sache schon zu entdecken wissen. Gehe du hin, mein
+Sohn, und versuche den Pescara!"
+
+Der Herzog, der sich grübelnd auf seinem Schemel zusammengekauert
+hatte, wollte eben nach Licht rufen, denn die Dämmerung wuchs, und er
+fürchtete das Dunkel. Da sah er die Dinge unvermuthet auf ihre Spitze
+kommen und wurde ängstlich. "Kanzler, du darfst nicht!" verbot er.
+"Ich will mit diesem großmächtigen Pescara nichts zu schaffen haben.
+Bekommen wir ihn, so wird er zuerst meine Ebenen nehmen, welche den
+Krieg anlocken, und meine Festungen, welche sie behaupten. Und hat
+er sie, so wird er sie behalten. Verspielt er aber, so büße ich
+zuerst und verfalle ohne Gnade dem Spruche des Kaisers, meines
+Lehensherrn. Oh, ich durchschaue euch! Ihr Alle, selbst Dieser
+da"--er blickte wehmüthig nach seinem Kanzler--"habet immer nur euer
+Italien im Sinne, und ich gelte euch"--er blies über die flache
+Hand--"soviel! Ich aber bin ein Fürst und will mein Erbe, mein
+Mailand, und nichts als mein Mailand! Und du, Girolamo, gehst nicht
+zu Pescara. Die Geschäfte würden darunter leiden. Ich kann dich
+keine Stunde entbehren!"
+
+Jetzt nahm der schöne Lälius das Wort und lispelte: "Wenn Hoheit
+darauf bestünde, so würde durch ihren Einspruch unser Plan hinfällig,
+und ich hätte einen andern. Da wir uns einmal, sonderbarerweise,
+nach unserm Capitano unter den kaiserlichen Feldherrn umsehen, wäre
+nicht etwa der Versuch zu machen, ob sich der Borbone, gegen ein
+großes Anerbieten, zu einem zweiten Verrath entschlösse?"
+
+Der Herzog schrak zusammen. "Wann verreisest du, mein Girolamo?"
+fragte er.
+
+"Zuerst, Kanzler", fiel Guicciardin ein, "habe ich Auftrag, dich nach
+Rom mitzunehmen. Der heilige Vater wünscht dich näher kennen zu lernen.
+Denn er hat eine große Meinung von dir. Er nennt dich den Kanzler
+Proteus und behauptet, du seiest, trotz deiner tollen Augen, einer
+der klügsten Männer Italiens."
+
+"Das ist gut", bemerkte der Venezianer, "schon weil es die
+entscheidende Stunde verschiebt, in welcher Girolamo Morone als
+Versucher zu Pescara tritt. Ich wünsche dieser Stunde zuvor einen
+Grund und eine Wurzel in der öffentlichen Meinung zu geben. Darf ich
+mich darüber verbreiten, Herrschaften?"
+
+Das fade Gesicht des Venezianers nahm, soweit sich in der Dämmerung
+noch unterscheiden ließ, einen energischen Ausdruck an und er redete
+mit markiger Stimme: "Der Kanzler, da er sein bedeutendes Wort
+aussprach, hat uns ohne Zweifel erschreckt, aber nicht eigentlich in
+Verwunderung gesetzt. Nachdem der vernichtende Schlag von Pavia dem
+Kaiser unser ganzes Italien wehrlos zu Füßen geworfen hatte, suchte
+die öffentliche Meinung von selbst eine Schranke gegen die drohende
+Allmacht und ließ aus der Natur der Dinge unsere Liga emporwachsen.
+Zugleich beschäftigte sich die öffentliche Meinung mit dem Lohne, der
+Pescara für seinen vollkommenen Sieg und die Erbeutung eines Königes
+gebühre. Und da die Kargheit und der Undank des Kaisers weltbekannt
+sind, zog sie den Schluß, daß er seinen Feldherrn nicht
+zufriedenstellen und dieser anderwärts einen Ersatz suchen werde.
+Jetzt verbindet die öffentliche Meinung diese beiden Dinge: unsern
+schon durchschimmernden patriotischen Bund und einen möglichen
+größern Gewinn des Pescara. So wird sein Übertritt glaubwürdig,
+bevor er sich vollzieht. Nur ist es dienlich, daß dieser begründeten
+allgemeinen Ansicht durch eine geschickte Hand eine überzeugende
+Gestalt und durch eine geläufige Zunge eine für ganz Italien
+verständliche Sprache gegeben werde. Nun ist seit kurzem ein
+wanderndes Talent unter uns aufgetaucht, ein vielversprechender
+junger Mann, der sich hoffentlich noch an Venedig fesseln läßt--"
+
+"Einen Fußtritt dem Aretiner! Er hat mich schändlich verleumdet..."
+"Ein göttlicher Mann! Er hat mich den ersten Fürsten Italiens
+genannt!" riefen Guicciardin und der Herzog miteinander aus.
+
+"Ich sehe", lächelte Nasi, "daß der Mann auch hier nach seinem Werthe
+gekannt ist. Seine Briefe, an wahre oder erfundene Personen, in
+tausend und tausend Blättern ausgestreut, sind eine Macht und
+beherrschen die Welt. Ich will ihm eine sehr starke Summe senden,
+und ihr werdet euch über die Saat von schönfarbigen Giftpilzen
+verwundern, die über Nacht aus dem ganzen Boden Italiens emporschießt:
+Verse, Abhandlungen, Briefwechsel, ein bacchantisch aufspringender,
+taumelnder Reigen verhüllter und nackter, drohender und verlockender
+Figuren und Wendungen, alle um Pescara sich drehend und um die
+Wahrscheinlichkeit und Schönheit seines Verrathes. So bildet sich
+eine unüberwindliche allgemeine Überzeugung, welche den Pescara zu
+uns herüberreißt und ihn zugleich--da liegt es--am kaiserlichen Hofe
+so gründlich und endgültig untergräbt, daß er zum Verräther werden muß,
+er wolle oder nicht."
+
+"Nichts da, Exzellenz!" rief der Kanzler aus dem Dunkel. "Ihr
+verderbt mir das Spiel! Der Befreier Italiens soll sich in voller
+Freiheit entscheiden, nicht als das Opfer einer teuflischen Umgarnung..."
+
+"Du bist prächtig, Kanzler, mit deinen moralischen Skrupeln!"
+unterbrach ihn Guicciardin. "Wisse, auch mein Herz empört sich und
+nimmt Theil für den unrettbar Überlisteten! Aber ich heiße den
+Menschen schweigen und handle als Staatsmann. Das Mittel der
+Exzellenz ist ohne Vergleichung unter alle dem, was heute Abend
+gefunden wurde, das Ruchloseste, aber auch das Klügste und Wirksamste.
+Erst jetzt wird die Sache wahrhaft gefährlich für Pescara, und sein
+Verrath wahrscheinlich. Ans Werk."
+
+"Er ist unter uns und lauscht!" schrie der Herzog mit gellender
+Stimme, daß Alle zusammenfuhren. Ihre Blicke folgten seinem
+geängstigten. Der Mond, der als blendende Silberscheibe über den
+Horizont getreten war und seine schrägen Strahlen in das kleine
+Gemach zu werfen begann, spielte wunderlich auf der Schachpartie.
+Victorias hervorquellendes Auge blickte erzürnt, als spräche es: Hast
+du gehört, Pescara? Welche Verruchtheit! und jetzt fragte es
+angstvoll: Was wirst du thun, Pescara? Dieser war bleich wie der Tod,
+mit einem Lächeln in den Mundwinkeln.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+In der weiten hellen Fensternische jener edeln vatikanischen Kammer,
+an deren Dielen und Wänden Raphael die Triumphe des Menschengeistes
+verherrlicht, saß ein Greis mit großen Zügen und von ehrwürdiger
+Erscheinung. Er sprach bedächtig zu dem emporgewendeten, mit
+dunkelblonden Flechten umwundenen Haupte eines Weibes, das zu seinen
+Füßen saß und mit einem warmen menschlichen Blut in den Adern ebenso
+schön war als die Begriffe des Rechtes und der Theologie, wie sie der
+Urbinate in herrlichen weiblichen Gestalten verkörpert. Der betagte
+Papst mit seinem langen gebückten Rücken und in seinem fließenden
+weißen Gewande ähnelte einer klugen Matrone, welche lehrhaft mit
+einem jungen Weibe plaudert.
+
+Noch nicht gar lange mochte Victoria auf ihrem Schemel gesessen haben,
+denn der heilige Vater erkundigte sich eben erst nach dem Befinden
+ihres Gatten, des Marchese von Pescara. "Die Seitenwunde von Pavia
+macht sich nicht mehr fühlbar?" sagte er.
+
+"Der Marchese ist völlig geheilt", erwiderte Victoria unschuldig.
+"Die Seitenwunde ist vernarbt, sowie auch die schlimmere Stirnwunde.
+Er wird Eure Heiligkeit begrüßen, wenn er den Urlaub antritt, den ihm
+die Gnade des Kaisers zugesagt hat und der uns Glückselige"--sie
+sprach es mit jubelnden Augen--"auf unserer Meeresinsel vereinigen
+wird. Aber er selbst verweigert sich denselben für einmal noch,
+weniger des politischen Horizontes wegen, der nicht heller noch
+trüber sei als sonst--so schreibt er--, sondern weil er gerade jetzt
+das Heer ungern verlasse. Der Mörder", sagte sie lächelnd,
+"beschäftigt sich nämlich mit einer vervollkommneten Feuerwaffe und
+einem neuen Manöver. Das brächte er nun gerne erst zu einem Ergebnis.
+So hat er mich, die er anfänglich hier in Rom überraschen wollte,
+in sein Feldlager nach Novara beschieden und ich reise morgen, nicht
+im Schneckenhaus meiner Sänfte, sondern im Sattel meines hitzigen
+türkischen Pferdchens. Hätte ich Flügel! mich verlangt nach den
+Narben meines Herrn, dessen Antlitz ich nicht gesehen seit jener
+berühmten Schlacht, die ihn unsterblich gemacht hat. Und so bin ich
+zu der Heiligkeit geeilt in der Freude meines Herzens, um mich bei
+Ihr zu beurlauben: denn das ist der Zweck meines Besuches." So
+redete Victoria aufwallend und überquellend wie ein römischer Brunnen.
+
+Ihre aufrichtigen Worte belehrten den Heiligen Vater, daß Pescara
+sein Thun und Lassen in dasselbe Zwielicht stelle, welches auch er
+liebte. Nur mit dem Unterschiede, daß der junge Pescara im
+entscheidenden Augenblicke wie ein Blitz aus seiner Wolke
+hervorsprang, während Clemens unentschlossen, über sich selbst zornig,
+in der seinigen verborgen blieb, weil er aus greisenhafter
+Überklugheit den Moment zu ergreifen versäumte. Er schärfte, in
+einem andern Bilde gesprochen, den Stift so lange, bis zu seinem
+Ärger die allzufeine Spitze abbrach. Jetzt trat er leise und
+tastete.
+
+"Einen Urlaub hat der Marchese verlangt?" verwunderte er sich. "Ich
+dächte, seinen Abschied? Achilles zürnt im Zelte, so hörte ich."
+
+"Davon weiß ich nichts, und das glaube ich nicht, Heiliger Vater",
+entgegnete Victoria und warf mit einer stolzen Gebärde das Haupt
+zurück. "Warum seinen Abschied?"
+
+"Nicht wegen einer rosigen Briseis, Madonna", antwortete Clemens
+ärgerlich mit einem frostigen Scherze, "sondern geprellt um einen
+erbeuteten König und um die Thürme von Sora und Carpi."
+
+Damit spielte der Papst auf zwei bekannte Thatsachen an. Der
+Vicekönig von Neapel hatte bei Pavia, Pescara zuvorkommend, den Degen
+des französischen Königs in Empfang und damit die Ehre vorweggenommen,
+die erlauchte Beute nach Spanien führen zu dürfen. Und dann hatte
+der Kaiser Sora und Carpi den begehrlichen Colonnen, den eigenen
+Verwandten der Victoria geschenkt, nicht seinem großen Feldherrn,
+welcher ebenfalls einen Blick danach geworfen.
+
+Victoria erröthete unwillig. "Heiliger Vater, Ihr denkt gering von
+meinem Gemahl. Ihr stellet Euch einen kleinlichen Pescara vor: gebet
+mir Urlaub, damit ich reise und mich überzeuge, daß euer Pescara
+nicht mein Pescara ist. Ich habe Eile, vor den wahren zu treten."
+
+Sie erhob sich und stand groß vor dem Papste, aber schon verbeugte
+sie sich wieder tief mit demüthiger Gebärde, um seinen Segen flehend.
+Da bat er sie, sich wiederum zu setzen, und sie gehorchte. Clemens
+durfte sich die Gelegenheit nicht entrinnen lassen, Pescara durch den
+geliebten Mund seines Weibes zum Abfalle zu bereden. Daß aber mit
+Anspielungen und Vorbereitungen bei der Colonna, wie er sie vor sich
+sah, nichts gethan wäre, begriff er leicht: entweder würde sie sich
+gegen das Zweideutige aufbäumen oder es als etwas Unverständliches
+und Nichtiges unbesehen in den Winkel werfen. Er mußte dieser wahren
+und auf Wahrheit dringenden Natur die Sache in klaren Umrissen
+vorzeichnen und in ein volles Licht stellen, damit sie dieselbe ihres
+Blickes würdige. Das ging ihm gegen seine Art, und er that einen
+schweren Seufzer.
+
+Da fand er eine Auskunft, die nicht ohne Geist und List war. Er
+fragte Victoria mit einer harmlosen Miene, während er die Hand mit
+dem Fischerring auf ein in blauen Sammet gebundenes Buch mit
+vergoldeten Schlössern legte: "Spinnst du wieder etwas Poetisches,
+geliebte Tochter? Wahrlich, ich bin ein Verehrer deiner Muse, weil
+sie sich mit dem Guten und Heiligen beschäftigt. Und ich liebe sie
+insbesondere, wo sie moralische Fragen stellt und beantwortet. Aber
+das schwerste sittliche Problem hast du noch in keinem deiner Sonette
+behandelt. Weißt du, welches ich meine, Victoria Colonna?"
+
+Diese wunderte sich nicht über den plötzlichen Einfall des Heiligen
+Vaters, weil sie hier auf dem eigenen Boden stand und, bei ihrem
+schon gefeierten Namen, Gelehrte und Laien wohl nicht selten ähnliche
+Fragen an sie richten mochten. Sie fühlte sich und erhob den
+schlanken Leib kampflustig, während sich ihre Augen mit Licht füllten.
+"Der größte sittliche Streit", sagte sie ohne Besinnen, "ist der
+zwischen zwei höchsten Pflichten."
+
+Jetzt hatte der Heilige Vater Fahrwasser gewonnen. "So ist es",
+bekräftigte er mit theologischem Ernste. "Das heißt: scheinbar
+höchsten, denn eine der beiden ist immer die höhere, sonst gäbe es
+keine sittliche Weltordnung. Ich flehe zu Gott und seinen Heiligen,
+daß sie dir beistehen und dich die höhere Pflicht erkennen lassen,
+damit du sie der geringem vorziehest, du und dein Gatte, denn siehe,
+dieser große und schwere Kampf wird an euch Beide herantreten."
+
+Victoria erblaßte, da ihr die akademische Frage plötzlich in das
+lebendige Fleisch schnitt, der Heilige Vater aber redete feierlich:
+"Höre mich, meine Tochter! Alles, was ich dir jetzt zu sagen habe,
+ist auch dem Marchese gesagt, den meine Worte durch dich erreichen.
+Vernimm es: der Heilige Stuhl trennt sich zu dieser Stunde von der
+kaiserlichen Majestät und bietet ihr die Spitze. Ich handle so als
+Fürst und als Hirte. Als Fürst: weil heute die Schicksalsstunde
+Italiens ist. Lassen wir sie verrinnen, so verfallen wir
+italienischen Fürsten alle auf Jahrhunderte hinaus dem spanischen
+Joche. Frage, wen du willst: so urtheilen alle Einsichtigen. Aber
+auch als höchster Hirte. Ersteht in jenem räthselhaften Jüngling, der
+Völker in seinem Blut und auf seinem Haupte Kronen vereinigt, der
+alte Kaisergedanke, so ist die ganze leidenvolle Arbeit meiner
+heiligen Vorgänger umsonst gewesen, und die Kirche wird durch die
+neue Staatskunst enger gefesselt und tiefer gedemüthigt als von den
+eisernen Fäusten jener fabelhaften germanischen Ungetüme, der Salier
+und der Staufen. So steht es. Blieb dir fremd, was Italien mit
+Furcht und Hoffnung erfüllt?"
+
+"Der Marchese will es nicht glauben", sagte Victoria mit einem
+schnellen Erröthen. Der Heilige Vater lächelte. "Heiligkeit vergesse
+nicht", lächelte sie ebenfalls, "ich bin eine Colonna, das ist eine
+Ghibellinin."
+
+"Du bist eine Römerin, meine Tochter, und eine Christin", wies sie
+Clemens zurecht.
+
+Es entstand eine Pause. Dann fragte sie: "Und Pescara?"
+
+"Pescara", antwortete der Papst und dämpfte die Stimme, "ist eher
+mein Unterthan als derjenige des Kaisers. Denn er ist ein
+Neapolitaner, und ich bin der Lehensherr von Neapel. Glaube nicht,
+Victoria, daß ich leichthin rede. Wie dürfte ich es, da ich das
+Gewissen der Welt bin? Wahrlich, ich sage dir: in schlaflosen
+Nächten und bekümmerten Frühstunden habe ich mein Recht auf Pescara
+geprüft. Meiner politischen Vernunft mißtrauend, habe ich die zwei
+größten Rechtsgelehrten Italiens zu Rate gezogen, Accolti und... hm...
+den zweiten."
+
+Der Papst zerdrückte den Namen klüglich auf der Zunge, da ihm noch
+zur rechten Zeit einfiel, dieser zweite Rechtsgelehrte, der Bischof
+von Cervia, genieße des Rufes der schamlosesten Käuflichkeit.
+"Beide"--Clemens klopfte mit dem Fischerring auf das blaue
+Buch--"stimmen zusammen, daß Pescara, nach strengem Rechte betrachtet,
+viel mehr mein Mann sei als der des Kaisers, und beide erinnern mich
+daran, daß ich überdies, kraft meines Schlüsselamtes, jetzt, da der
+Kaiser mein Feind wird, die Macht besitze, den Marchese eines Eides
+zu entbinden, den er einem Feinde des Heiliges Stuhles geschworen hat."
+
+Der Papst hatte sich langsam erhoben. "Und so tue ich!" sagte er
+priesterlich. "Ich löse Ferdinand Avalos vom Kaiser und zerbreche
+seine Treue. Ich ernenne den Marchese von Pescara zum Gonfaloniere
+der Kirche und zum Feldherrn der Liga, welche die Heilige heißt, weil
+Christus in der Person seines Nachfolgers an ihrer Spitze steht."
+Der Papst hielt inne.
+
+Jetzt hob er die rechte und die linke Hand in gleicher Höhe, als
+hielten sie eine Krone über dem Haupte der Colonna, die, von Staunen
+überwältigt, auf die Knie sank, und sprach mit lauter Stimme: "Die
+Verdienste meines Gonfaloniere um mich und die Heilige Kirche voraus
+belohnend, kröne ich Ferdinand Avalos Marchese von Pescara zum Könige
+von Neapel!" Die junge Königin erbebte vor Freude. Sie glaubte eine
+Krone zu verdienen. Sprachlos, mit brennenden Wangen empfing sie den
+Segen. Dann stand sie auf und ging, in gemessenen, aber eiligen
+Schritten, als könne sie es nicht erwarten, dem erhöhten Gemahl seine
+Krone zu bringen.
+
+Der Heilige Vater, selbst aufgeregt, folgte ihr so hastig, daß er
+beinahe einen Pantoffel verloren hätte. An der Schwelle erreichte er
+sie und wollte ihr den Band von blauem Sammet bieten. "Für den
+Marchese", sagte er.
+
+Da erblickte er hinter ihr Guicciardin mit Morone, die vielleicht ein
+bißchen an der Türe gehorcht hatten. Victoria mit strahlenden Augen
+voll glühender Wonne erschien dem Kanzler als ein solches Wunder, daß
+er fast von Besinnung kam. Rasch gesammelt aber flehte er den Papst
+an: "Die Heiligkeit mache mich Unheiligen bekannt mit der himmlischen
+Victoria!", worauf Clemens ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter
+gab und ihn mit den Worten vorstellte: "Der Kanzler von Mailand, ein
+Weltkind, auf das sich der Heilige Geist herabzulassen beginnt!"
+Dann wisperte er Viktorien ins Ohr: "Morone, Buffone."
+
+Diese verschwand in der Verwirrung ihres Glückes, während der Papst
+in der seinigen das wichtige blaue Buch zurückbehielt, denn er war
+noch ganz berauscht von der kühnen symbolischen That, zu welcher ihn
+der Anblick der schönen Frau hingerissen hatte. Nun fühlte er doch,
+daß er das Gleichgewicht verloren; er wies mit einer Handbewegung den
+Besuch des Florentiners und des Lombarden ab und trat in die
+Raffaelische Kammer zurück.
+
+Die beiden nicht Empfangenen sahen sich einen Augenblick an, dann
+ergriff Guicciardin lachend den Arm des Kanzlers und zog ihn
+sanftgestufte Treppen hinunter in die Vatikanischen Gärten, deren
+Schattengänge sie nicht aufzusuchen brauchten, denn der Himmel hatte
+sich mit schwarzen Wolken bedeckt.
+
+"Eigentlich", plauderte Guicciardin, "mag ich den Alten leiden. So
+fein er spinnt und so bedacht er redet, ist er doch innerlich ein
+leidenschaftlicher, ein zorniger Mensch wie ich, und jetzt höchst
+aufgeregt, weil er der Colonna unsere gefährliche Heimlichkeit
+geoffenbart hat. Du in deiner Verzückung hast es freilich nicht
+gesehen, wie er ihr die Gutachten des Accolti und des Angelo de Cesis
+in die Hand drücken wollte. Zwei käufliche Schurken, die den Meineid
+mit Bibelstellen belegen! Übrigens ist es ein starkes Ding, daß
+Clemens in seinen alten Tagen so Kühnes und Folgenschweres unternimmt,
+und noch mehr, er unternimmt es mit tiefem Mißtrauen gegen sich
+selbst, ohne Glauben an seinen Stern, denn er hält sich heimlich für
+einen Pechvogel. Das ist schlimm. Da war denn doch der Leo ein
+anderer, immer strahlend und triumphierend, und darum immer glücklich,
+während die gegenwärtige Heiligkeit, wie sie mir neulich im Tone des
+Jeremias prophezeite, die Ewige Stadt schon geplündert und aus diesen
+Dächern"--er wies auf den Vatikan--"Rauch und Flamme steigen sieht.
+Dennoch beginnt er den Kampf gegen den Kaiser, und das rechne ich ihm
+hoch an, ob es ihm auch zuerst um sein Florenz zu thun ist. Er hat
+noch Blut in den Adern und knirscht die Zähne, soviel ihm geblieben
+sind, wenn er den hochmütigen spanischen Adel auf dem Kapitole
+stolzieren sieht wie in Neapel oder Brüssel. Aber wohin träumst du,
+Kanzler? Von dem Weibe? Natürlich."
+
+"Ich will zu der Römerin reden wie ein alter Römer!" rief der Kanzler.
+
+"Schön! Nur hüte dich, daß du in der Begeisterung nicht deinen
+klassischen Bocksfuß unter der Toga hervorstreckest. Sei züchtig,
+mache große Worte und packe sie fest an ihrer Eitelkeit!"
+
+"An ihrem Herzen will ich sie packen!"
+
+"Das heißt, an ihrer Tintenflasche, denn die Herzen schreibender
+Weiber sind mit Tinte gefüllt", lästerte der schmähsüchtige
+Florentiner. "Aber weißt du, Kanzler"--und Guicciardin kniff ihn
+kräftig in den Arm--"daß es nicht der Heilige Vater allein ist, den
+unsere Unternehmung schlaflos macht. Auch ich habe in dieser Woche
+noch kein Auge geschlossen. Immer muß ich mir diesen Pescara
+zurechtdenken. Auf seinen Groll gegen den Kaiser gebe ich nichts:
+sie können sich über Nacht versöhnen. Ebensowenig auf den Einfluß
+des Weibes. Sie wird ihm die Botschaft des Papstes ausrichten dürfen:
+weiter wird er nicht auf sie hören. Aber ich glaube auch nicht an
+seine feudale Treue. Pescara ist kein Cid Campeador, oder wie die
+Spanier ihren loyalen Helden nennen, dafür ist er zu sehr ein Sohn
+Italiens und des Jahrhunderts. Er glaubt nur an die Macht und an die
+einzige Pflicht der großen Menschen, ihren vollen Wuchs zu erreichen
+mit den Mitteln und an den Aufgaben der Zeit. So ist er und so paßt
+er uns. Unfehlbar, er wird unsere Beute und wir die seinige.
+Dennoch... lache mich aus, Morone... etwas umhaucht mich: ich wittere
+Verborgenes oder Geheimgehaltenes, etwas Wesentliches oder auch etwas
+Zufälliges, etwas Körperliches oder einen Zug seiner Seele, kurz, ein
+unbekanntes Hindernis, das uns den Weg vertritt und unsere genaue
+Rechnung fälscht und vereitelt."
+
+"Aber", sagte Morone nachdenklich werdend, "wenn er so ist, wie du
+ihn nimmst, und wenn die Thatsachen liegen, wie wir sie kennen, aus
+welcher Geisterquelle sollte denn jenes Feindselige aufsteigen?"
+
+"Ich weiß es nicht! Nur--von diesem Pescara geht der Ruf, er
+verstehe es, einen stürmenden Feind alle Höhen erklimmen zu lassen,
+um ihm dann plötzlich einen letzten mit Feuerschlünden besetzten und
+ihn zerschmetternden Wall entgegenzustellen. Wenn in seinem Innern
+ein solcher Wall gegen uns emporstiege, gerade im Augenblicke, da wir
+glauben, seine Seele bewältigt zu haben? Doch weg mit dem Spuk, der
+nichts ist als die Schwüle vor dem Gewitter, die natürliche Angst und
+Ungewißheit, die jedem großen und gefährlichen Unternehmen vorangeht."
+
+Ein Blitz flammte über den Vatikan. Er stand in weißem Feuer und
+zeigte die schönen Verhältnisse der neuen Baukunst. Unter dem Rollen
+des Donners verloren sich die zweie zwischen den Säulen eines
+Portikus, Guicciardin betroffen und sich fragend, was das Omen
+bedeute, der Kanzler unbekümmert um den Himmel und seine Zeichen,
+denn er sah sich schon zu den Füßen der Colonna.
+
+Diese hatte im Taumel ihrer Begeisterung den Vatikan über die nächste
+seiner zahlreichen Treppen und durch eines seiner Nebentore verlassen.
+Sänfte und Gefolge, welche sie an der Hauptpforte vergeblich
+erwarteten, hatte sie vergessen und wandelte, mehr von ihrem
+ehrgeizigen Traume getragen als von dem aufziehenden Gewitter gejagt,
+mit bewegten Gewanden nach ihrem Palast am Apostelplatze zurück. Sie
+schritt mit einer geraubten Krone wie die erste Tullia, nicht über
+den Leichnam des Vaters, sondern über die gemeuchelte Staatstreue:
+denn die Tochter des Fabricius Colonna und die Gattin Pescaras war
+eine Neapolitanerin und die Unterthanin Karls des Fünften, des Königs
+von Neapel.
+
+Die krönende Gebärde des Papstes hatte sie überwältigt. Gewöhnung
+und Umgebung, der Glaube der Jahrhunderte und die überlieferten
+Formen der Frömmigkeit ließen sie in dem Haupte der Kirche, so
+entartet diese sein mochte, immer noch eine Werkstätte des göttlichen
+Willens und ein Gefäß der höchsten Ratschlüsse erblicken--und wie
+hätte das eigene Selbstgefühl und mehr noch der Stolz auf den Wert
+ihres Gatten sie zweifeln lassen an dem päpstlichen Rechte, auf das
+würdigste Haupt eine Krone zu setzen? So konnte ihr die anmaßende
+Handlung des Mediceers trotz der veränderten Zeiten als ein Ausspruch
+der Gottheit erscheinen.
+
+Die neue Königin ohne Gefolge hatte den Borgo durcheilt, die
+Engelsbrücke überschritten und ging nun schon durch die "gerade
+Gasse", wie sie hieß, im Gelärme der Menge. Diese gab der Colonna
+ehrerbietig Raum, ohne zu erstaunen über den unbegleiteten Gang und
+die eilenden Füße der erlauchten Frau, welche jetzt der dem Gewitter
+vorangehende Sturm beflügelte. Nach und nach aber verlangsamten sich
+ihre Schritte in dem dichter werdenden Gewühle der nicht breiten
+Straße, obwohl der schmale Himmel darüber immer dunkler und drohender
+wurde.
+
+Da erblickte sie über die Menge hinweg eine Kavalkade. Herren der
+spanischen Gesandtschaft begleiteten, wohl zu einer Audienz im
+Vatikan, den dritten kaiserlichen Feldherrn in der Lombardei, Leyva.
+Dieser vormalige Stallmeister, der Sohn eines Schenkwirts und einer
+Dirne, den ein knechtischer Ehrgeiz und ein eiserner Wille
+emporgebracht, hatte einen plumpen Körper und das Gesicht eines
+Bullenbeißers, denn Stirn, Nase und Lippe waren ihm von demselben
+Schwerthiebe gespaltet. Neben ihm auf einem herrlichen andalusischen
+Vollblute ritt, in einen weißen Mantel gehüllt, ein vornehmer Mann
+mit braunem Kopf und energischen Zügen, welcher jetzt mit einer
+devoten Verbeugung Viktorien zu grüßen schien; aber er hatte sich nur
+vor den steinernen Heiligen einer nahen Kirche verneigt.
+
+War es die grelle Gewitterbeleuchtung oder die gemessen feindselige
+Haltung der Herren in einer Stadt, von deren dreigekröntem Gebieter
+sie ihren König insgeheim verraten wußten, oder war es Victorias
+erregte Einbildungskraft, sie sah und fühlte in der Grandezza der
+Reiter und Rosse, den in die Hüfte gesetzten Armen, den verächtlich
+halb über die Schulter auf die Romulussöhne niedergleitenden Blicken
+und bis in die steifen Bartspitzen den Hohn und die Beleidigung der
+beginnenden spanischen Weltherrschaft, sie empfand Grauen und Ekel,
+und ein tödlicher Haß regte sich in ihrem römischen Busen gegen diese
+fremden Räuber und hochfahrenden Abenteurer, welche die neue und die
+alte Erde zusammen erbeuteten. Warum war der junge Kaiser zugleich
+der König dieser ruchlosen Nation, in deren Adern maurisches Blut
+floß und die Italien mit ihren Borjas vergiftet hatte?
+
+Sonst hätte sie wohl der uralte Familiengeist ihres gibellinischen
+Geschlechtes, das jahrhundertelang seinen Vorteil darin gefunden
+hatte, der kaiserlichen Sache ohne Gehorsam zu dienen, an Karl
+gefesselt, aber nein, nicht an diesen Kaiser, auch wenn er kein
+Spanier gewesen wäre. Sie konnte sich nichts machen aus dem
+undeutlichen Knaben, den sie nie von Angesicht gesehen, weder sie
+noch irgendwer in Italien, das jener zu betreten zögerte.
+
+Einen Brief freilich hatte er an sie geschrieben nach dem Siege von
+Pavia, um sie zu beglückwünschen, daß sie die Gattin Pescaras sei.
+Aber gerade in diesen kargen Zeilen schien sich ein kümmerliches
+Gemüt zu spiegeln, und was der großgesinnten Frau am meisten mißfiel,
+war die in ihren Augen ängstliche und frömmelnde Demut, mit welcher
+der junge Kaiser Gott und seinen Heiligen die ganze Ehre des Sieges
+gab. Obwohl selbst dem Himmel dankbar, schätzte Victoria solche
+Demut gering an einem Manne und an einem Herrscher. War hier nicht
+das Geständnis, daß der begeisternde Sieg den Fernstehenden kühl
+gelassen hatte, ja, war hier nicht die kleinliche Absicht, den
+Lorbeer Pescaras zu schmälern? Darum mußte der Himmel alles gethan
+haben. Victoria aber war brennend eifersüchtig auf den Ruhm ihres
+Gatten. Und wie ungroßmütig hatte sich Karl erwiesen! Er hatte es
+über sich gebracht, dem Feldherrn, welchem er Italien verdankte, zwei
+armselige italienische Städtchen zu verweigern! Nein, einen so
+kleinen Menschen konnte man gar nicht verraten, man konnte höchstens
+von ihm abfallen und ihn fahrenlassen.
+
+Jetzt blendete sie ein gewaltiger Blitz, derselbe, der den Kanzler
+und Guicciardin unter die Dächer des Vatikans zurückgetrieben, und
+eben da der Regen zu stürzen begann, erreichte sie, rechts durch ein
+Seitengäßchen biegend, die dunkeln Stufen des Pantheon und seine
+erhabene Vorhalle. Ohne das Innere des machtvollen Tempels zu
+betreten, lehnte sie, die entstehende Kühle einatmend, an eine der
+enge zusammengerückten gewaltigen Säulen, und unter dem Vordache des
+alten Bauwerkes kehrte ihr Geist in ein noch früheres Altertum zurück,
+dessen Tugenden die flüssige Bildkraft des Jahrhunderts
+verherrlichte, ohne sie zu besitzen oder auch nur begreifen zu können
+in ihrer eintönigen Starrheit und strengen Wirklichkeit.
+
+Jene tugendhaften Lucretien und Cornelien traten ihr wie Schwestern
+vor das altertumstrunkene Auge, trug sie doch zwei Namen, die beide
+so römisch als möglich klangen, und war ihr doch wie jenen hohen
+Frauen das weiblich Böse unbekannt. Jene schlichten und stolzen
+Geschöpfe hatten die Eroberer der Welt geboren, Virgils großartiges
+"Tu regere imperio", das sie sich wie oft schon vorgesagt hatte,
+überwältigte sie jetzt bis zu den Tränen. Sie betrat den Tempel und
+warf sich nieder in der Mitte desselben unter der wetterleuchtenden
+Wölbung und rang die Hände und flehte, daß Rom und Italien nicht
+versinke in das Grab der Knechtschaft. Sie flehte in den
+christlichen Himmel hinauf und nicht minder zu dem Olympier, der über
+ihr donnerte, zu alle dem, was da rettet und Macht hat, mit der
+wunderlichen und doch so natürlichen Göttermischung der
+Übergangszeiten.
+
+Da sie das Pantheon verließ--wie lange sie auf den Knien gelegen,
+wußte sie nicht--heiterte sich der italienische Himmel eben wieder
+auf, und in ihrem gewöhnlichen Wandel, leicht und gemessen, beendigte
+sie den Weg nach ihrem Palaste.
+
+Jetzt kehrten ihre Gedanken zu Pescara zurück. Nicht diese ihre
+Frauenhände konnten den Spanier verjagen, sondern nur er vermochte es,
+welcher in jeder der seinigen einen Sieg hielt, wenn sie und die
+Umstände ihn dazu überredeten. Durfte sie es hoffen? Hatte sie
+solche Gewalt über ihn? Und Victoria mußte sich sagen, daß sie trotz
+ihrer langen und trauten Ehe den innersten Pescara nicht kenne. Sie
+wußte sein Angesicht, seine Gebärde, die kleinste seiner Gewohnheiten
+auswendig. Daß der Enthaltsame ihr treu sei, glaubte sie und
+täuschte sich nicht. Daß er sie anbetete und als sein höchstes Gut
+mit der äußersten Liebe und Sorgfalt hegte, zärtlich und
+verehrungsvoll zugleich, darauf war sie stolz. In den seligen
+Stunden ihres kurzen, stets wieder von Feldzug und Lager aufgehobenen
+Zusammenseins warf er Pläne und Karten und seinen Livius weg, um sein
+Weib und gemeinsam mit ihr Meerbläue und wandernde Segel zu
+betrachten. Er spielte mit ihr Schach, und sie gewann. Er bat sie,
+die Laute zu schlagen, schloß die Augen und lauschte. Er gab ihr für
+ihre Sonette spitzfindige Themata auf und verschärfte zuweilen den
+Umriß ihrer allgemeinen Gedanken und weiten Wendungen, denn er selbst
+hatte früher, in der unfreiwilligen Muße einer Gefangenschaft--und
+wahrhaftig gar nicht übel für einen Geharnischten--zur Verherrlichung
+Victorias einen "Triumph der Liebe" gedichtet.
+
+Seine Siege aber erzählte er, jung wie er war und größerer gewärtig,
+seinem Weibe niemals, da er sie, wie er sagte, weder langweilen noch
+mit Blut bespritzen wolle, denn ein Feldzug sei eine lange
+Geduldsprobe, die zu der roten Lache einer Schlachtbank führe. Von
+Politik sprach er ihr nur gar nicht, weder von Vergangenem noch von
+Schwebendem, obwohl ihm einmal das Wort entschlüpfte, Menschen und
+Dinge mit unsichtbaren Händen zu lenken, sei das Feinste des Lebens,
+und wer das einmal kenne, möge von nichts anderem mehr kosten. Doch
+gewöhnlich meinte er, Politik sei ein schmutziger Markt und sein Weib
+dürfe nicht einmal die helle Spitze ihres Fußes in den ekeln Sumpf
+tauchen.
+
+So gestand sich Victoria, daß ihr der alles untäuschbar
+durchblickende Pescara undurchdringlich und sein Denken und Glauben
+verschlossen sei.
+
+War das recht? Durfte es für sie verbotene Türen und verschlossene
+Kammern geben in der Seele ihres Mannes? Nach den Plänen des
+Feldherrn und den Ränken des Staatsmannes war sie nicht begierig,
+aber sie verlangte eingeweiht zu werden in seinen Ehrgeiz und in sein
+Gewissen. Und jetzt, da Pescara vor einer ungeheuren Entscheidung
+stand, nein, jetzt ließ sie sich nicht abschütteln von seinem
+kämpfenden Herzen, nicht abspeisen mit einer Liebkosung oder einem
+Scherze, jetzt wollte sie mitraten und mithandeln. Hatte sie ihm
+nicht eine frische Seele und eine reine Jugend gebracht? War sie
+nicht eine Colonna? Brachte sie nicht heute eine Krone? Ob er diese
+zurückweise, ob er sie aus ihren Händen nehme und sie sich aufs Haupt
+setze, hier wollte sie seine Mitschuldige oder seine Mitentsagende
+sein, ein bewußter Teil seiner verschwiegenen Seele. Wäre sie schon
+bei Pescara! Herz und Sohlen brannten ihr vor Ungeduld, und schon
+durchschritt sie den Apostelplatz, wo ihr ein geharnischter Jüngling
+entgegentrat, der unter dem Tor ihres Palastes auf sie gewartet hatte.
+
+"Ich war um Euch in Sorge, erlauchte Frau", begrüßte er sie, "da Eure
+Sänfte und Eure Leute ohne Euch aus dem Vatikan zurückgekehrt sind.
+Nun, da seid Ihr ja, Patin, wenn ich Euch so nennen darf, wie ich von
+jung an gewohnt war und es auch mein gutes Recht ist." Ohne Antwort
+zu geben, stieg sie mit ihm die Treppen hinan, kaum auf seinen
+dargebotenen Arm sich lehnend.
+
+Diesen gewöhnlichen Dienst von ihm anzunehmen, durfte sie sich nicht
+weigern, was sie auch gegen ihn haben mochte. Denn Del Guasto--so
+hieß der Jüngling--war der Neffe Pescaras und wie er ein Avalos. Der
+fünfzehnjährige Pescara und die gleichaltrige Victoria hatten den
+Knaben gemeinsam aus der Taufe gehoben. So hatte es der Vater
+Victorias, der Feldherr Fabricius Colonna, veranstaltet, um seine
+zwei Lieblinge, den jungen Krieger und sein aufgeblühtes Kind,
+zusammen vor einen Taufstein zu stellen und die beiden Gesichter und
+Gestalten sich einander erblicken zu lassen.
+
+Später nahm Victoria den wohlgebildeten und feurigen Knaben, der in
+seinem kostbaren Taufhäubchen ihre Ehe mit Pescara gestiftet und dem
+die Eltern früh wegstarben, an Kindes Statt. Wäre er nur ein Knabe
+geblieben! Mit der Weichheit seiner Züge aber verlor er auch die
+Liebenswürdigkeit seiner Seele. Das schöne Profil bekam einen
+Geierblick und den immer schärfer sich biegenden Umriß eines
+Raubvogels, und die sich offenbarende Unbarmherzigkeit begann
+Victoria zu befremden und abzustoßen. Pescara hatte ihn dann in den
+Krieg entführt, und in der einzigen Schule des von ihm vergötterten
+Feldherrn war er zu dem verwegenen Soldaten erwachsen, der in der
+Schlacht von Pavia durch Niederlegung der Parkmauer den Sieg begann,
+aber auch zu dem harten, grausamen Menschen, der auf dem vorjährigen
+schnellen Rückzug aus der Provence ein Haus, in dessen Keller ein
+Dutzend seiner Leute sich verspätet hatten, ohne mit der Wimper zu
+zucken, anzünden und in Flammen aufgehen ließ.
+
+Doch Victoria hatte ihm Schlimmeres vorzuwerfen, einen Frevel, der
+die Frau in ihr empörte, und davon sollte er nun hören, jetzt, da er
+zum ersten Male seit diesem jüngsten Verbrechen vor ihr stand. Sie
+erkundigte sich, ob er von Pescara komme und was er bringe. Er
+antwortete, daß er da sei, um die Herrin nach Novara zu geleiten. Er
+glaube zu wissen, daß sein Anblick der Herrin mißfalle, habe aber den
+Auftrag des Feldherrn nicht ablehnen dürfen, der die Marchesa nur dem
+sichersten Schwerte anvertrauen wolle. Denn die Straße werde ebenso
+unsicher wie die Weltlage, und er müsse die Marchesa ersuchen, sich
+morgen in der Frühe bereitzuhalten, er brenne, ins Lager
+zurückzukehren, wo jeder nächste Moment den Krieg bringen könne, und
+da dürfe er nicht fehlen. Der Mailänder, Venedig, die Heiligkeit
+beteuern in die Wette ihre friedlichen Gesinnungen: also stehe der
+Kampf bevor. "Das wissen wir lange schon, es ist nur eine Frage des
+günstigen Augenblickes. Aber"--er trat einen Schritt zurück--"etwas
+anderes, etwas Neues, etwas Ungeheures habe ich auf meiner Reise
+durch Mittelitalien gehört, und ich brauchte nicht einmal zu lauschen.
+In Städten und Herbergen rauschte es öffentlich wie die Brunnen auf
+den Plätzen. Freilich reiste ich unter fremdem Namen und mit nur
+einem Diener." Er hielt inne und blickte mit brennenden Augen, als
+verfolge er die spannende Wendung einer Jagd oder einen in
+Monddämmerung kriechenden Hinterhalt.
+
+"Redet, Don Juan", flüsterte Victoria.
+
+"Für Euch, Madonna, die aus dem Vatikan zurückkehrt, gibt es kein
+Geheimnis, und es ist nicht einmal eines, sondern, wie ich sagte, ein
+öffentliches Geflüster, ein schadenfrohes, rachsüchtiges Gekicher,
+ein kaum unterdrückter, italienischer Jubel, eine allgemeine
+patriotische Rede und Ermunterung, von der ich die größte Eile habe,
+den Feldherrn zu unterrichten. Denn noch weiß er nichts davon. Wie
+ich meine", fügte er argwöhnisch bei.
+
+Victoria erbleichte. "Was wird geflüstert", fragte sie beklommen,
+"und über wen? doch nicht über Pescara?"
+
+"Von ihm. Er ist überall. Sie sagen"--er dämpfte die Stimme--"der
+Feldherr löse sich vom Kaiser und unterhandle mit der Heiligkeit und
+den italienischen Mächten."
+
+Victoria erschrak über den glühend sinnlichen Ausdruck seines
+Gesichtes. "Und Pescara..." sagte sie undeutlich.
+
+"Wie ich den Feldherrn beneide!" träumte Don Juan. "Welche
+Aufregungen, welche Genüsse! Italia wirft sich ihm in die Arme... er
+wird sie liebkosen, unterjochen und wegwerfen... oh, er wird mit ihr
+spielen wie die Katze mit der Maus!", und er machte mit der Rechten
+eine haschende Gebärde.
+
+Ein flammender Zorn übermochte die Colonna. "Verworfener", rief sie,
+"habe ich dich gefragt, wie Pescara thun würde? Bist du der Mensch,
+es zu wissen? Habe ich dir erlaubt, an ihm herumzudeuten?... Wie
+die Katze mit der Maus... abscheulich! So hast du mit Julien
+gespielt, Ehrloser!"
+
+Diese Julia stammte aus einem edeln novaresischen Geschlechte und war
+die Enkelin des gelehrten Arztes Messer Numa Dati, welcher die
+Speerwunde Pescaras geheilt hatte. Del Guasto, der im Hause des
+Arztes Quartier genommen, hatte das Mädchen mißleitet und die Wohnung
+gewechselt. Die Preisgegebene war dann, von Scham vernichtet, vor
+dem arglosen Antlitz ihres Großvaters von Novara weit weg in ein
+römisches Kloster geflohen und hatte die mächtige Colonna auf den
+Knien angefleht, sich ihrer zu erbarmen und ihre Ehre herzustellen.
+
+Da ihn Victoria einen Ehrlosen hieß, biß sich Don Juan die Lippe.
+"Sachte, Herrin", sagte er, "wäget Eure Worte. Ich bin kein Ehrloser,
+sondern ich wäre es, wenn ich Julien nicht verlassen hätte. Ich
+rede nicht von dem Unterschiede des Blutes eines Avalos und einer
+Dati, sondern einfach davon, daß mir wie jedem Manne keine Gefallene,
+sondern eine Unschuldige zur Braut geziemt."
+
+Victorias menschliches Herz empörte sich. "Du bist es, der die
+Ärmste mit deinen Liebkosungen und Beteuerungen, ja vielleicht gar
+mit falschen Gelübden und Eiden zu Falle gebracht! Bist du es nicht?
+Kannst du es leugnen?"
+
+Er erwiderte: "Ich leugne es nicht, aber es war mein Kriegsrecht,
+denn Krieg ist zwischen dem männlichen Willen und der weiblichen
+Unschuld. Ich versuchte sie, ja. Warum widerstand sie nicht? Warum
+gab sie sich? Warum beschuldigt Ihr mich, daß sie schwach war und
+daß ich sie jetzt verachte und verschmähe?"
+
+Victoria erstarrte vor Entsetzen. "Ruchloser!" stöhnte sie.
+
+"Madonna", kürzte der Jüngling das Gespräch, "das ist eine peinliche
+Unterhaltung, und Ihr tut mir leid dabei. Ich schlage Euch ein
+Tribunal vor. In Novara angelangt, treten wir vor den Feldherrn, und
+Ihr verklaget mich. Ich werde mich rechtfertigen, und der Feldherr,
+der die Welt und ihre Ordnungen kennt, wird mich freisprechen, wie
+ich denke. Jetzt verlasse ich Euch. Ich habe noch Leute zu werben,
+denn ohne eine starke Bedeckung wage ich in diesen unruhigen Zeiten
+nicht für Euch zu haften." Er verbeugte sich und verließ sie hohen
+Hauptes.
+
+Victoria wendete sich unwillig und wählte den entgegengesetzten
+Ausgang. Sie bedurfte Kühlung und stieg in den Garten hinab. Mit
+dem letzten Tageslichte betrat sie den hinter dem Palaste liegenden
+Raum, welcher, von hohen Mauern eingehüllt, voller Lorbeer und Myrte
+war und den der nachtröpfelnde Regen erfrischte. Ihre Schritte
+suchten das den Garten abschließende Kasino.
+
+Die Helle genügte noch, wenn auch mit Mühe die Lettern zu
+unterscheiden in dem Evangelienbuche, welches sie im Vorbeigehen aus
+der Bibliothek genommen und vor das sie sich gesetzt hatte, die heiße
+Stirne in den gefalteten Händen. Ganz erfüllt von dem Schicksale
+Juliens und dem größern Pescaras, durchlief sie mit den Augen
+gedankenlos die aufgeschlagene Seite und atmete in vollen Zügen die
+erfrischte Luft. Nach einer Weile wurde sie sich dessen bewußt, was
+sie las: es war die dreimalige Versuchung des Herrn durch den Dämon
+in der Wüste. Sie las weniger mit dem leiblichen als dem geistigen
+Auge, was sie von Kind an auswendig wußte.
+
+Sie sah den Dämon vor den Heiland treten, welcher das einfache Wort
+der Treue und des Gehorsams den Sophismen des Versuchers
+entgegenhielt. Als der Versucher heftiger drängte, deutete des
+Menschen Sohn auf die Stelle seiner künftigen Speerwunde... Da
+wandelte sich das weiße Kleid in einen hellen Harnisch, und die
+friedfertige Rechte bepanzerte sich. Nun war es Pescara, der die
+Hand über seine durchschimmernde Wunde legte, während der Dämon jetzt
+einen langen schwarzen Juristenrock trug und sich wie ein Gaukler
+gebärdete. So sah es die Colonna auf dem vor ihr liegenden
+Bibelblatte. Ärgerlich über das Spiel ihrer Sinne, that sie sich
+Gewalt an und blickte auf.
+
+"Wer bist du, und was willst du?" rief sie erstaunt, und eine vor ihr
+stehende dunkle Gestalt antwortete: "Ich bin Girolamo Morone und
+komme zu reden mit Victoria Colonna." Victoria erinnerte sich, wen
+ihr heute der Papst gezeigt hatte, und gewahrte jetzt auch den
+einführenden Diener. Dieser entflammte die über der Herrin
+schwebende Ampel, rückte dem Kanzler einen Schemel und entfernte sich,
+während die Marchesa in der entstehenden Helle das häßliche, aber
+mächtige Gesicht ihres nächtlichen Gastes betrachtete, das ihr keinen
+Widerwillen einflößte.
+
+"Zu später Stunde", sagte sie, "suchet Ihr mich; doch Ihr bringt mir
+wohl einen Auftrag an meinen Herrn, zu welchem ich morgen in der
+Frühe verreise."
+
+"Vor Pescara denke ich bald selbst zu stehen", erwiderte Morone, "und
+nicht von ihm werde ich Euch reden, sondern allein von Victoria
+Colonna, welche ich mit ganz Italien verehre und anbete wie eine
+Gottheit, der ich aber zürne und gegen die ich Klage erhebe."
+
+Wer seid Ihr, um so mit mir zu sprechen? lag es auf den Lippen der
+Marchesa, doch sie fragte rasch und warmblütig: "Wessen klaget Ihr
+mich an? Was ist meine Schuld, Morone?"
+
+"Daß Ihr Euer helles und begeisterndes Antlitz in Rollen und Bücher
+vergrabet und unter Schatten und Fabeln lebet! Daß Ihr den ersten
+Cäsar verabscheut und dem neuesten huldigt, daß Ihr Troja beweinet
+und Euer Volk vergesset, daß Euch Prometheus' Bande drücken und die
+Fesseln Italiens nicht schmerzen! Drei Frauen haben sie geschmiedet!"
+
+"Welche dreie?" fragte sie.
+
+"Die erste war Beatrix Este. Wann ihr alternder Gemahl, der Mohr,
+sie auf den schwellenden Mund küßte, flüsterte sie, daß ihren blonden
+Flechten ein Diadem anstünde, der kluge Mohr verstrickte sich in die
+blonden Flechten und vergiftete seinen Neffen, den Erben von Mailand."
+
+"Die Schändliche!"
+
+"Der welkende Knabe hatte ein stolzes und feuriges Weib, die
+Aragonesin Isabelle, die Beatrix tödlich haßte, und mit ihren jungen,
+kräftigen Armen den siechen Knaben, ihren Gemahl, auf den
+vorenthaltenen Thron heben wollte, sie beschwor und bestürmte ihren
+Vater, den König von Neapel, bis dieser den Mohren bedrohte."
+
+"Ärmste!"
+
+"Der Mohr war sicher, solange der Gebieter von Florenz, der junge
+Medici, dazwischen stand. Dieser war das Spielzeug seines schönen
+Weibes, der hochmütigen Alfonsine Orsini, und das Weib übermochte ihn,
+daß der Tor dem Mohren Freundschaft und Bündnis kündigte. Da rief
+der Mohr den Fremden."
+
+"Unselige!"
+
+"Dreie haben Italien gefesselt. Die vierte, die Ihr seid, muß es
+erlösen."
+
+"Kanzler, ich bin nicht das Weib eines Greises, noch eines Knaben,
+noch eines Toren, noch eines andern von denen, die sich vom Weibe
+berücken lassen, und... ich begehre keine Krone." Sie errötete und
+wurde wie Purpur.
+
+"Herrin", sagte der Kanzler, "die Krone begehrt Euch. Erbarmt Euch
+Eures Volkes, und vertretet es bei Pescara! Ich sage nicht:
+liebkoset, umgarnet, verleitet ihn! Ich verschwöre mich nicht mit
+Euch, ich verabrede keine Rollenteilung, ich lasse Euch reisen, ich
+laufe mit Euch in die Wette, wer ihn zuerst erreiche. Und seid Ihr
+die erste, so umfanget seine Knie und redet aus der Fülle Eures
+Herzens und flehet: Pescara! Ich bin Italien und liege zu deinen
+Füßen: erhebe mich und nimm mich an deine Brust!"
+
+Victoria war gerührt, und auch der Kanzler vergoß Tränen.
+
+"Erlauchte Frau", sagte er, "wer bin ich, der so zu Euch reden darf!
+Ich bin nicht wert, daß ich den Saum Eures Gewandes küsse. Ludwig
+der Mohr, mein allergütigster Herr, hat mich in Mailand von der Gasse
+aufgelesen und wie einen drolligen kleinen Pudel zu seinen Füßen
+spielen lassen. Da habe ich meine Erziehung genossen und an seinem
+Hofe und später in seinem Dienste das Gesicht und die Gebärde meiner
+Zeit, den ganzen ausgelassenen Triumphzug des Jahrhunderts betrachtet.
+
+Der arme Mohr! Sein Unstern und die Franzosen entführten ihn nach
+Loches, wo er zehn lange Jahre im Kerker schmachtete. In seinem
+letzten habe ich ihn dort wiedergesehen; denn damals, durch die Macht
+der Umstände, befand ich mich in französischem Dienste, und mich
+verlangte nach dem Antlitz meines Wohltäters. Da ich ihn erblickte,
+erschrak ich und hatte Mühe, ihn zu kennen. Er sah wie ein Geist:
+Kerker und Elend hatten seine Miene seltsam veredelt. Erst da er den
+Mund öffnete, fand ich mich wieder in ihm zurecht. Er lächelte und
+sagte in seiner unvergleichlich feinen Weise: 'Bist du es, Girolamo?
+Es ist hübsch von dir, daß du mich besuchest. Ich verarge dir nicht,
+wenn du in den Dienst meines Feindes getreten bist. Die Umstände
+zwingen, und wie ich dich kenne, wirst du meinen Söhnen noch ein
+treuer Freund und Berater sein, wenn das Rad der Fortuna sich
+wiederum gedreht haben wird. Du bist nun ein gereifter Diplomat
+geworden und verrätst keine schlechte Schule. Weißt du noch, wie ich
+dir untersagte, dein komisches Gesicht wegzulegen und dein
+Gebärdenspiel zu mäßigen, mit welchen du dir jetzt deine neuen
+Freunde gewonnen hast?'
+
+So scherzte er eine Weile großmütig, dann aber redete er ernst und
+sagte: 'Weißt du, Girolamo, was mich hier in meiner Muße beschäftigt?
+Nicht mein Los, sondern Italien und immer wieder Italien. Ich
+betraure als die Qual meiner Seele, daß ich, vom Weibe verlockt, den
+Fremden gerufen habe, mit dem ihr jetzt rechnen müßt und der ein
+zerstörender Teil eures Körpers zu werden droht. Ich aber sinne, wie
+ihr wieder euer werdet. Da war der Valentino, jener Cäsar Borgia,
+der versuchte es mit dem reinen Bösen. Aber, Girolamo, mein Söhnchen,
+das Böse darf nur in kleinen Portionen und mit Vorsicht gebraucht
+werden, sonst bringt es um. Da ist jetzt der Rovere, dieser Papst
+Julius, der auf einer Donnerwolke gegen den Fremden fährt, welchen er
+selbst gerufen hat, nicht minder als ich. Aber der Greis verzehrt
+sich, seine gewalttätige Seele wird bald in den Hades schweben, und
+nach ihm bleibt der gewöhnliche Hohepriester, der zu schwach ist,
+Italien zu gründen, doch gerade stark genug, um jeden andern an dem
+Heilswerke zu hindern.
+
+Girolamo, mein Liebling: ich glaube nicht, daß mein Italien untergeht,
+denn es trägt Unsterblichkeit in sich; aber ich möchte ihm das
+Fegefeuer der Knechtschaft ersparen. Gib acht, Söhnchen: ich lese
+zwischen deinen Augen, daß du noch eine Rolle spielen wirst in dem
+rasenden Reigen von Ereignissen, der über meinen lombardischen Boden
+hinwegfegt. Tritt eines Tages aus diesen wechselnden Bildungen eine
+Macht und aus diesen flüchtigen Gestalten eine Person, aber weder ein
+Frevler noch ein Priester, sondern ein Feldherr, der den Sieg an
+seine eiserne Sohle fesselt, wer und wessen Stammes er sei, nur kein
+Fremder, dem gib du dich, mit Leib und Seele! Was an List und Lüge
+notwendig ist--denn anders gründet sich kein Reich--, das übernimm du,
+mein Söhnchen, er aber bleibe makellos!'"
+
+Der Kanzler war aufgesprungen. Seine begeisterte Rede riß ihn, ohne
+daß er es merkte--und auch die ergriffene Victoria merkte es nicht--,
+weit über die Grenze der Wahrheit. "Diesem Erkorenen", rief er aus,
+"stehe das schönste und reinste Weib zur Seite! Italien will die
+Tugend leiblich einherschreiten sehen, um ihr nachzuleben. Unser
+Verderben ist die Entfesselung aus der Sitte, der zerrissene Gürtel
+der Zucht. Hier ist ein Sieg davonzutragen, größer als der auf dem
+Schlachtfelde, und ein Zauberstab zu schwingen, mächtiger als der
+Feldherrnstab. Ich sehe sie vor mir, diese Königin der Tugend, die
+Priesterin, die das heilige Feuer hütet, die Erhalterin der
+Herrschaft, und, Hosianna! ganz Italien wandelt hinter ihren
+Schritten, lobpreisend und frohlockend!" Der Kanzler machte Miene,
+Viktorien huldigend zu Füßen zu stürzen, doch er trat zurück und
+flüsterte verschämt: "So sprach Ludwig der Mohr in seinem Kerker."
+
+Victoria senkte die Augen, denn sie fühlte, daß sie voller Wonne
+waren und brannten wie zwei Sonnen.
+
+Da sagte der Kanzler: "Ich habe Euch ermüdet, edle Frau, die Augen
+fallen Euch zu. Ihr müsset morgen frühe auf und seid schwer von
+Schlummer." Und der Listige trat in die Nacht zurück, die sich
+inzwischen auf die Ewige Stadt gesenkt hatte.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+An einem Fenster, dessen Blick über die Thürme von Novara und eine
+schwül dampfende Ebene hinweg die noch morgenklaren Schneespitzen des
+Monte Rosa erreichte, saß Pescara und arbeitete an dem Entwurfe des
+Feldplanes, der das Heer des Kaisers nach Mailand führen sollte. So
+unablässig ging er seinem Gedanken nach, daß er die leisen Tritte des
+Kammerdieners nicht vernahm und ihn erst gewahr wurde, als jener die
+Limonade bot. Während er das leichte Getränk mit dem Löffel umrührte,
+bemerkte er: "Ich schelte dich nicht, Battista, daß du heute nacht
+gegen meinen ausdrücklichen Befehl bei mir eingetreten bist. Du
+magst, nebenan schlafend, mich wohl schwerer als gewöhnlich atmen
+gehört haben--ein Alp, eine Beklemmung... nicht der Rede wert." Er
+nahm einen Schluck aus dem Glase.
+
+Battista, ein schlauer Neapolitaner, verbarg seinen Schrecken unter
+einer devoten Miene. Er log und beteuerte bei der heiligen Jungfrau,
+er habe geglaubt sich bei Namen rufen zu hören, nimmer hätte er sich
+erdreistet, ohne Befehl das Schlafzimmer der Erlaucht zu betreten,
+während er doch in That und Wahrheit ungerufen und gegen ein strenges
+Verbot seines Herrn aus einer schönen menschlichen Regung diesem
+beigesprungen war. Er hatte ihn schrecklich stöhnen hören und dann
+in seinen Armen auf dem Lager emporgehalten, bis der Feldherr den
+Atem wiederfand.
+
+"Es war nichts", wiederholte dieser, "ich bedurfte keinen Beistand.
+Doch will ich dich, wie gesagt, nicht schelten, jetzt, da wir uns
+trennen müssen. Ich verliere dich ungern, aber Sohnespflicht geht
+vor. Und da deine greisen und siechen Eltern in Tricarico darben,
+darf ich dich nicht halten. Gehe und bereite ihnen ein sorgenloses
+Alter. Als perfekter Barbier und zungenfertiger Schelm, wie ich dich
+kenne, wirst du dir überall zu helfen wissen. Gehe mit Gott, mein
+Sohn, du sollst mit mir zufrieden sein." Und er ergriff die Feder.
+
+Battista fiel aus den Wolken. Er verschwor sich mit einer
+verzweifelten Gebärde, dieses Mal der Wahrheit gemäß, sein Vater sei
+längst im Himmel und seine Mutter, die Carambaccia, gewerbsam und
+kerngesund und fett wie ein Aal. Der schreibende Feldherr erwiderte:
+"Du hast recht, Battista, in Potenza wohnen deine armen Eltern, nicht
+in Tricarico, doch das liegt nahe beisammen." Er reichte dem
+verabschiedeten Diener eine Kassenanweisung.
+
+So niedergeschmettert Battista sein mochte--er wußte, ein Wort
+Pescaras sei unwiderruflich--, ließ er doch blitzeschnell einen
+schrägen Blick über die Ziffer der Summe gleiten, welche nur eine
+bescheidene war. Der Feldherr verschwendete weder im großen noch im
+kleinen, weder das Gut des Kaisers noch das seinige. Auch hütete er
+sich wohl, den Barbier durch eine allzu reiche Spende auf die
+Wichtigkeit des Vorfalles aufmerksam zu machen und in den Schein zu
+kommen, als wolle er sein Schweigen erhandeln, denn er war völlig
+überzeugt, daß Battista bei erster Gelegenheit sein Wissen noch
+teurer verkaufen würde, dort, wo man ein Interesse hatte, von dem
+leiblichen Befinden des Feldherrn genau unterrichtet zu sein.
+
+Schmerzlich enttäuscht und seine Geburtsstunde verwünschend, fiel
+Battista dem gnädigen Herrn zu Füßen, umfing ihm das Knie und küßte
+ihm die Hand. "Lebe wohl", sagte dieser, "und räume das noch ab."
+Er wies auf das Geschirr und winkte den Übertreter seines Befehles
+freundlich weg aus seinem Dienste.
+
+Bevor er sich wieder in seinen Plan vertieft hatte, klirrte draußen
+ein fallender Löffel und ein in Scherben springendes Glas, und der
+Herzog von Bourbon, der den vernichteten Battista unsanft beiseite
+geworfen, zeigte unangemeldet seine hohe schlanke Gestalt, denn er
+hatte zu jeder Stunde freien Eintritt bei dem Feldherrn.
+
+"Hoheit?" wendete sich Pescara gegen ihn und erhob sich vom Sitze.
+
+"Um Vergebung. Ich war im Begriffe, zu meinen Truppen zu verreiten",
+erklärte der Herzog, "da kam mir in der Vorstadt ein reisender
+Kaufmann unter die Augen, welcher eben vor der Pforte des Arztes Euer
+Erlaucht, des Messer Numa Dati, von seinem Maultier absaß. Hätte die
+Gestalt nicht ein würdiges Antlitz getragen, ich hätte darauf
+geschworen, meinen unvergeßlichen Freund, den Kanzler von Mailand, zu
+erblicken. Ich ließ einen meiner Leute sich nach dem Fremdling
+erkundigen und erfuhr, der Reisende sei ein Gastfreund des Arztes,
+ein Juwelier aus Mailand namens Scipione Osnago. Vielleicht, oder
+auch nicht, sondern eine der zahlreichen Larven des vielgestaltigen
+Kanzlers. Er schiebt den Leib auf eine gewisse Weise, die sich
+schwer verleugnen läßt, und da ich noch nicht durch das Tor war, ritt
+ich leicht wieder zurück, um Euch den wahrscheinlichen Besuch dieses
+kostbaren Mannes zu melden."
+
+"Ich erwartete ihn längst mit den Ausflüchten und Beteuerungen des
+Mailänders", erwiderte der Feldherr. "Da er aber nicht erschien und
+wir aus guten Quellen wußten, sein Herzog fahre fort zu befestigen
+und zu rüsten, begann ich auf den Kanzler zu verzichten. Nun kommt
+er zu spät. Morgen, um Mitternacht, verläuft die dem Herzog gegebene
+Frist. Schlag zwölf marschieren wir; es wäre denn, Morone brächte
+große Neuigkeiten."
+
+"Ja, dieser Morone!" plauderte der Bourbon. "Der wird schon etwas
+gebraut haben. Da ich unser Ultimatum nach Mailand brachte, sah ich
+es hinter seiner Stirne wimmeln wie in einem Ameisenhaufen. Ihr
+macht Euch keinen Begriff, Marchese, was das für ein frecher Kopf ist.
+Während ich in Mailand regierte und er mein Rat und Schreiber war,
+hat er mich über Tisch--denn ich liebte es, mit ihm zu speisen und
+mich an seinen Fabeln und Einfällen zu ergötzen--auf alle Throne
+gesetzt und mit allen Fürstinnen gekuppelt. Und das Tollste: es war
+Verstand in dem Unsinn. Ich bin doch neugierig, was er wieder
+ausgeheckt haben wird, um sich und seinem Herzog aus der Klemme zu
+helfen. Sicherlich etwas ungeheuer Geniales, einen Gipfel, einen
+Abgrund. Wenn er zum Beispiel"--der Herzog lachte herzlich--"uns
+beiden kaiserlichen Feldherrn die Führung der Liga böte und als
+Handgeld zwei verlockende italienische Kronen aus den Falten seiner
+Toga zum Vorschein brächte?"
+
+"Hoheit scherzt!"
+
+"Wie anders, Marchese!" erwiderte der Herzog und wollte sich
+beurlauben. Da ergriff er noch die Hand des Feldherrn und sagte in
+einem weichen Tone, der eine vor der Welt verheimlichte Freundschaft
+enthüllte: "Pescara, ich danke dir, daß du mir Leyva vom Halse hältst,
+indem du mir den rechten Heerflügel gibst und ihm den linken. Ich
+mag mit dem Unleidlichen nicht zusammenreiten. Es entstände Unglück
+und größeres als jüngst auf dem Markte von Novara. Er könnte sich
+wiederum gegen mich vergessen, und ich müßte ihn niederstoßen wie
+einen tollen Hund." Er sagte es leise mit gesenktem Blick.
+
+Pescara behielt die Rechte des Herzogs und warnte und bat. "Welch
+ein Auftritt!" sagte er. "Hier auf offenem Markte, wegen der
+Armseligkeit eines bestrittenen Quartieres! Ich versendete Leyva
+gleich nach Neapel, um vom Vizekönig Truppen für unsern Feldzug zu
+verlangen, obwohl ich weiß, daß er keine abgeben kann, nur um Euch
+die Verlegenheit und den Anblick eines verhaßten Gesichtes zu
+ersparen. Wie konntet Ihr das gegen einen Mitfeldherrn! Das war
+nicht gut. Das ist beklagenswert. Das darf sich nicht wiederholen,
+ich bitte Euch darum."
+
+"Der Anlaß war nicht der Rede wert, Pescara, aber--"
+
+"Das schlimme Wort, das Leyva gebraucht hat, war, nach Zeugen, er
+lasse sich nichts bieten von einem Vornehmen, und Ihr zoget und Eure
+Leute mußten Euch halten."
+
+"Oh", flüsterte der Herzog, "von einem Vornehmen? Ich habe feine
+Ohren. Es war ein anderes Wort... das ich dem Kaiser und dem Papst
+in die Kehle zurückstieße!"
+
+"Ein anderes Wort?" sagte Pescara, um seine Frage sogleich zu bereuen,
+da er den Herzog erbleichen und völlig fahl werden sah. Er erriet,
+daß der alte Leyva gemurrt, er lasse sich nichts bieten von einem
+Verräter, oder daß das wunde Gewissen des Bourbon so verstanden hatte.
+
+Die unausgesprochene Freundschaft, die den einfachen Adeligen und den
+Mann von königlichem Geblüte verband und die das Wunder that, zwischen
+zwei jugendlichen und schon berühmten Feldherrn mit nicht völlig klar
+geschiedenen Gewalten und Befugnissen die natürliche Eifersucht zu
+ersticken, beruhte einfach auf dem Bewußtsein des Herzogs, daß seine
+Verbündung mit dem Feinde Frankreichs der Achtung Pescaras keinen
+Eintrag tue. War es Klugheit, war es Gleichgültigkeit gegen die
+sittlichen Dinge, war es Freiheit von jedem, auch dem begründetsten
+Vorurteil, oder war es die höchste Gerechtigkeit einer vollkommenen
+Menschenkenntnis, was immer--Pescara hatte den in kaiserlichen Dienst
+tretenden fürstlichen Hochverräter mit offenen Armen empfangen und
+mit der feinsten Mischung von Kollegialität und Ehrerbietung
+behandelt. Vielleicht auch hatte er in diesem Zerrütteten, der sich
+selbst verfluchend sein Vaterland mit fremden Waffen verwüstete, den
+ursprünglichen und unzerstörbaren Adel erkannt. Dafür war der Herzog
+Pescara dankbar. Der Feldherr, die Hand des Unseligen in der
+seinigen, redete ihm mit sanfter Stimme zu: "Gespenster, Hoheit! Ihr
+habet gehört, was nicht gesprochen wurde. Werft hinter Euch!
+Verschüttet den Abgrund mit Lorbeer! Seid Ihr nicht der Liebling des
+Kriegsgottes? und ein Meister der Staatskunst? Sind nicht wir beide
+noch Jünglinge mit unzähligen Tagen, diesseits der Lebenshöhe, kaum
+in der Hälfte der Dreißig, und im ersten Drittel eines Jahrhunderts,
+das überquillt von großen Möglichkeiten und weiten Aussichten! Unser
+die Fülle des Daseins! Karl, laß uns leben!"
+
+Der Bourbon vernahm nicht den verstohlenen Seufzer, welcher sich der
+Brust des Feldherrn entwand. Er drückte heftig die Hand Pescaras,
+und seine dunkeln Augen blitzten eroberungslustig. Dann, um seine
+innere Bewegung zu verbergen, sprang er nach seiner Weise mit beiden
+Füßen ins Zynische über. Der feurige Ton Pescaras hatte seine
+frechste Jugendlichkeit erweckt. "Und schöne Männer sind wir!"
+jubelte er. "Du begreifst, Gatte der prächtigen Victoria, daß sich
+mir Herz und Magen umkehrte, da mich diese Porcaccia, die
+Königinmutter, um jeden Preis zum Manne haben wollte! Siehst du mich
+als den Vater König Franzens? O das liebe Stiefsöhnchen! 'Madame',
+sagte ich und machte ihr eine tiefe Verbeugung, 'es geht nicht. Ihr
+würdet mich mit Eurer Nase vom Bette stoßen!'--und ganze Wendung und
+über die Grenze!" Während er eine ausgelassene Lache aufschlug, trat
+der vom Staub der Reise bedeckte Del Guasto ein, begrüßte den Ohm und
+Feldherrn und verneigte sich vor der lustigen Hoheit.
+
+Dann wendete er sich wieder gegen Pescara, welchen er mit erstaunten
+und bewundernden Augen betrachtete, als hätte die von der
+italienischen Verschwörung dem Feldherrn angesonnene Rolle dessen
+Gestalt vergrößert, und erzählte: "Wir verritten von Rom, nicht zur
+Freude der Herrin in zahlreicher Gesellschaft, mit Leyva, der aus
+Neapel zurück ist, und mit einem Vornehmen, von königlichem Geblüte,
+wie sie sagen, der sich Moncada nennt und den Ihr kennen werdet. Er
+bringt Euch eine Botschaft des Vizekönigs. Ich gewann einen
+Vorsprung, um Donna Victoria anzumelden. Sie strahlt vor Freude,
+Euch wiederzusehen, und schließt zugleich fest die Lippen, denn sie
+bringt ein politisches Geheimnis, wie ich vermute, und ein
+päpstliches Mysterium, wie ich ahne, und dieselbe Donna Victoria legt
+die Stirn in zornige Falten gegen Euren bei ihr in Ungnade gefallenen
+Neffen, den sie vor Euch in aller Form Rechtens verklagen wird.
+Wegen etwas Menschlichem", lächelte er.
+
+"Oder etwas Unmenschlichem", spottete Pescara. "Meldet Ihr sonst
+etwas, Don Juan?"
+
+"Wenn mich meine Augen nicht getäuscht haben, die Ankunft des
+Kanzlers von Mailand."
+
+"Ah!" lachte Bourbon.
+
+"Ich bin mit ihm schon in Rom zusammengestoßen, unfern des Palastes
+Colonna, da ich nächtlicherweile dahin zurückkehrte. Längs der Mauer
+sah ich etwas Diebisches in langer Gewandung schleichen, und da ich
+das Verdächtige mit der Fackel meines Dieners beleuchtete, war es die
+unverschämte Stumpfnase und unter einem Juristenbarett das freche
+Kraushaar, das ich von Pavia her kenne, wohin der tolle Kanzler, wie
+sie ihn nennen, nach der Schlacht Euch zu beglückwünschen kam. Er
+mag Donna Victoria eine letzte Heimlichkeit des Papstes gebracht
+haben, bei welchem sie sich an jenem Nachmittage verabschiedet hatte."
+Er sagte das mit einer versteckten Bosheit.
+
+Der Feldherr blickte streng. "Don Juan", sagte er, "Ihr habet Euch
+um den Wandel Donna Victorias nicht zu kümmern und noch weniger ihn
+zu beaufsichtigen. Jeden ihrer Schritte, ihre leiseste Miene und
+Gebärde billige und lobe ich zum voraus."
+
+Don Juan verneigte sich. "Unterwegs nach Novara", fuhr er fort, "bin
+ich ihm dann noch mehrere Male begegnet, das heißt einem gewissen
+Fruchthändler Paciaudi aus den Marken mit einer gräulichen Warze auf
+der Nase, welcher mir, da ich ihn anredete, nicht vorenthielt, er sei
+ein zugrunde gerichteter Mann: eine unvermutete päpstliche Maßregel
+verbiete die Ausfuhr, und er habe einen strengen Lieferungsvertrag
+mit Euer Erlaucht. Dabei schob und gebärdete er sich nicht viel
+anders als der Kanzler. Dieser hat gegenwärtig allerhand Geschäfte
+und nimmt die possierlichsten Figuren an. Man findet ihn überall auf
+der Halbinsel wie--ohne die fernste Vergleichung--Eure große Gestalt."
+
+"Was wollt Ihr sagen, Don Juan?"
+
+Del Guasto, der vor nichts erschrak, zögerte doch mit der Antwort vor
+der kalten Miene Pescaras, und dann hielt ihn die Anwesenheit des
+Herzogs zurück.
+
+"Ich habe kein Geheimnis vor der Hoheit", sagte der Feldherr. "Redet,
+Don Juan."
+
+Trotz diesem Befehle kam dem verwegenen Jüngling die allgemeine Rede
+an diesem Orte und zu dieser Stunde, mitten im kaiserlichen Lager und
+während er durch das Fenster den taktfesten Schritt eines
+vorbeimarschierenden spanischen Heerhaufens vernahm, so ungeheuerlich
+vor, daß er der schamlosen Öffentlichkeit der italienischen
+Verschwörung ein leichtes Gewand umwarf.
+
+"Ohm", berichtete er geringschätzig, "wovon mir noch immer die Ohren
+gellen, das ist ein wütender Streit, welcher unter allen Ständen, in
+Schenken und Barbierstuben, auf den Ballspielplätzen und, wie ich
+glaube, bis in die Plauderecke der Sakristeien ausgebrochen ist--über
+das wahre und gültige Vaterland der Avalos: ob wir Neapolitaner sind
+oder Spanier. Und nicht genug an Geschrei und Gebärde, auch Blätter
+und Schriften voll von unserm Ursprung flattern durch die Luft."
+
+Der Feldherr zuckte die Achseln. "Das Geschreibsel", sagte er, "fand
+sich auch über meine Tische verstreut, ich habe es weggeworfen.
+Müßiges Gezänke."
+
+Don Juan wurde hartnäckig. "Zugleich erzählte man mir, daß an den
+Universitäten unter Juristen und Theologen wieder heftig über Umfang
+und Grenzen des päpstlichen Lehensrechtes auf Neapel gestritten wird."
+
+"Das überlassen wir diesen Gelehrten. Nicht wahr, Hoheit?" scherzte
+Pescara. "Und was das Vaterland der Avalos angeht, Neffe, so rate
+ich dir, Ehre zu halten, spanische oder neapolitanische."
+
+Jetzt meldete der diensttuende Page, ein zarter Knabe mit großen
+unschuldigen Augen, ein Enkel des Arztes Numa Dati und der Bruder der
+von Del Guasto zerstörten Julia, den Besuch eines Apothekers namens
+Baldassare Bosi aus Orvieto, welcher mit einem Paket im Vorzimmer
+stehe und sich durchaus nicht abweisen lasse. Er sei bei dem
+Großvater abgestiegen, der dem Gaste diesen Zettel für die Erlaucht
+gegeben habe. Der Knabe überreichte das Papier, auf welchem mit
+verzitterten Zügen "Morone" geschrieben stand.
+
+Pescara besann sich einen Augenblick. "Weiß der Fremde die Gegenwart
+der Herrschaften?" fragte er den Pagen.
+
+"Ich denke nicht, Erlaucht", antwortete dieser.
+
+"So führe ihn ein, aber erst, wann ich rufen werde.
+
+Jetzt wendete er sich rasch gegen den Herzog. "Hoheit muß mir einen
+Gefallen thun. Da Sie für möglich hält, daß der Kanzler von Mailand
+mit mir konspirieren will, würde ich gegen die gewöhnlichste Vorsicht
+fehlen, wenn ich den Menschen, der draußen steht, ohne Zeugen mit mir
+reden ließe. Ich muß solche haben, zwei höchst glaubwürdige Zeugen,
+wo nicht unserer Gesichter, doch eines jeden unserer Worte, damit
+nicht der Argwohn von Madrid, noch die Eifersucht unsers Leyva,
+noch"--er dämpfte die Stimme--"jener Verderbliche, mit welchem Ihr
+geritten seid, Don Juan, und der unter dem Vorwand einer Botschaft
+des Vizekönigs mich hier umlauern soll, Grund finde, mich, ich sage
+nicht des Verrates, sondern nur eines falschen Schrittes zu
+bezichtigen. Hören aber will ich den Kanzler, der mir in seiner
+Torheit und Leidenschaft die Pläne und Mittel des Feindes enthüllen
+wird. Er kann es wie kein anderer. Unter dem Zwang dieser Umstände
+lasse sich Hoheit herab, den Lauscher zu machen. Und Ihr, Del Guasto,
+leistet der Hoheit Gesellschaft." Er schritt auf einen schweren
+roten Vorhang mit goldenen Quasten zu, dessen breite Falten den
+Eingang in ein Nebenzimmer bis auf die Schwelle nieder verbargen und
+den er jetzt auseinanderschlug. "Hier ist Hoheit aufgehoben", sagte
+er.
+
+So sehr den Herzog das würzige Abenteuer lockte, stand er doch einen
+Augenblick unschlüssig. "Aber wenn Morone die Decke hebt?" fragte er,
+und der Marchese erwiderte: "Das wird er nicht. Keine Besorgnis.
+Ich stehe dafür." Del Guasto blähte die Nüstern vor Wollust. Er
+rückte einen Schemel für den Herzog, hinter dessen Schultern er
+Stellung nahm als der zweite Lauscher. Der rote Vorhang zog sich
+zusammen. Pescara aber fühlte sich von dem Pagen Ippolito
+umschlungen, der an ihm emporflüsterte, mit Tränen in den Augen: "Es
+ist kein Apotheker mehr, sondern ein Zauberer in langen schwarzen
+Gewändern mit einem Talisman auf der Brust und einem schrecklichen
+Gesichte!"
+
+"Furchtsamer Junge! Bring ihn!"
+
+"Da ist er schon!" schrie Ippolito und flüchtete sich.
+
+"Ihr, Morone? Und im Staatsgewand? Doch von der Reise erhitzt, wie
+ich sehe. Eure drei Masken haben Euch wohl den Atem benommen."
+
+Morone atmete schwer und hörbar. Schweißtropfen quollen ihm auf der
+Stirn. Er stand wortlos.
+
+"Was bringt Eure Weisheit?" fragte der Feldherr mit ernsthaften Augen
+und empfing von dem Stammelnden keine deutliche Antwort. Nach einer
+Pause ergriff Pescara mit spielender Hand die Münze, welche der
+Kanzler an einer schweren goldenen Kette auf der Brust trug. "Ein
+Lionardo, Kanzler? Und wen stellt es dar? Den Mohren? Ein
+geistvoller Kopf!"
+
+Aber selbst an seinen geliebten Herrn vermochte der Kanzler nicht
+anzuknüpfen, so völlig war er außer Fassung.
+
+Da begann der Feldherr ohne weitere Einleitung: "Euer Herzog, Morone,
+wünscht günstigere Bedingungen? Es könnte Rat werden, sobald mich
+die Hoheit von ihren guten Absichten überzeugt haben wird. Nehmen
+wir einmal mein Ultimatum Punkt um Punkt miteinander durch." Er trat
+an den Tisch und suchte ein Papier.
+
+Nun empfand er einen heißen Atem an der Wange, und ein Geflüster
+füllte sein Ohr. "Pescara", keuchte es, "nicht darum handelt es sich,
+sondern Italien gibt dir sein Heer!"
+
+"So ist es gut", erwiderte der Feldherr, ohne den Kopf zu drehen.
+"Es unterwirft sich dem Kaiser?"
+
+Da schrie es hinter ihm: "Nicht dem Kaiser, sondern dir, wenn du von
+ihm abfällst!"
+
+Jetzt wendete sich Pescara gegen den Tollkühnen und drohte mit
+feindseliger Gebärde: "Du rasest! Ich weiß nicht, was mich abhält,
+dich zu ergreifen und aus dem Fenster zu werfen!"
+
+Der Kanzler blieb furchtlos und schrie zum andern Male mit flammenden
+Augen: "Diese Stunde bietet dir deine Größe, Pescara! Laß sie nicht
+vorüber! Du würdest es bereuen! Du würdest daran sterben!
+
+"St! Wie du schreist! Wenn man lauschte! hinter diesem Vorhang...
+wenn ich selbst... hältst du mich dessen für unfähig? Überzeuge dich
+doch und hebe die Decke!"
+
+Morone war wieder völlig im Besitze seiner selbst, nachdem er die
+Scham und den Schreck der ersten Worte überwunden hatte. "Pescara",
+sagte er, "ich habe stets gefunden, daß der Schlaueste und am meisten
+Argwöhnische endlich doch an eine Stelle tritt und an einem Abgrunde
+steht, wo er trauen und glauben muß. So der Valentino mit dem Rovere,
+so mein geliebtester Herzog der Mohr mit seinen Hauptleuten und
+Schweizern."
+
+"Beide wurden verraten, Morone!"
+
+"Ja, Pescara, aber der feine Mohr und der ruchlose Borgia, beide
+gingen sie vertrauend unter, und das war ein heller Schimmer von
+Menschlichkeit über dem Dunkel ihres verdienten Sturzes. Wenn ich
+das Größte wage und von dir das Größte fordere, werde ich in diesem
+heiligen Augenblicke so lächerlich sein, einen Vorhang zu heben, wie
+ein betrogener Ehemann, der den versteckten Buhlen seines Weibes
+sucht? Nein, ich gebe mich preis! Höre mich an, und dann
+überliefere mich dem Blocke, wenn du darfst!"
+
+"Das ist nicht klein", sagte Pescara ohne Spott und fügte dann
+zweifelnd hinzu: "Ob ich dich höre? Meine Neugierde ist rege, das
+bekenne ich, und einem so heroischen Menschen darf ich doch nicht
+einfach die Türe weisen. Zuerst aber saget mir, Kanzler: Habe ich
+Euch oder Eurem Fürsten Grund oder auch nur den geringsten Anlaß
+gegeben, meine Feldherrntreue zu beargwöhnen?"
+
+Der Kanzler verneinte.
+
+"Viel Unwahres wird geredet: die Majestät habe mich schlecht belohnt,
+und ich soll dieses schwer empfunden haben. Fußet Ihr auf diesem
+Undanke des Kaisers und auf diesem Grolle Pescaras, so tut keinen
+Schritt weiter: Ihr würdet in den trügerischen Boden versinken."
+
+"Da fuße ich nicht."
+
+"Oder ermutigt Euch jene öffentliche Rede Italiens, die mir
+schmeichelt und mir droht, mich verherrlicht und verdächtigt? Diese
+italienische Meinung ist eine heimtückische Sache. Sie soll mich in
+Madrid entwurzeln und in Italien vergewaltigen. Ich habe vorgebeugt
+und die arglistigen Schriften wie in einen Käfig eingesperrte
+Schlangen dem Kaiser überliefert. Habet Ihr Eure Finger auch in
+dieses Gift getaucht, Morone?"
+
+Der Kanzler erbleichte. "Bei den Göttern der Unterwelt, daran trage
+ich keine Schuld!" rief er aus.
+
+"Du willst mich nicht überlisten, Kanzler, so willst du mich
+überreden?"
+
+"Nein."
+
+"Was denn?"
+
+"Überzeugen."
+
+"Das Beste. Aber es wird Zeit kosten. Setzet Euch, Kanzler!" Er
+rückte mit rascher Bewegung zwei Stühle, und jetzt saßen sie sich
+gegenüber, Morone mit vorgebogenem Leib und Knie, während der
+Feldherr nachlässig zurücklehnte.
+
+"Pescara, welches ist die schönste deiner Schlachten, das Wunder der
+Kriegskunst?"
+
+Der Feldherr gab keine Antwort, da sich diese von selbst verstand,
+aber er that einen leichten Seufzer.
+
+"Und was hat der Kaiser aus deinem Siege von Pavia gemacht?"
+
+Ein Blitz fuhr aus dem grauen Auge Pescaras. "Er hat ihn
+verstümpert", murmelte er.
+
+"Du gabst ihm einen erbeuteten König, und Karl weiß nichts mit ihm
+anzufangen! Er preßt ihn wie ein Wucherer. Er verlangt Vielfältiges
+und Unmögliches statt des Möglichen und Einfachen. Verzichte auf
+Italien, Bruder, so hätte ein großer Sieger zu König Franz geredet,
+das ist dein natürliches Lösegeld, und das kannst du, ohne deinem
+Frankreich wehe zu thun. Verzichte und ziehe!"
+
+Pescara lächelte. "Du bist ein gefährlicher Mensch, Morone, wenn du
+Gedanken errätst. Aber nicht ich, du hast ihnen Worte gegeben. Ich
+habe nichts gesprochen."
+
+"Ich danke dem Kaiser!" fuhr der Kanzler sich begeisternd fort. "Er
+hat die Siegesgöttin von Pavia beleidigt, und sie kehrt zu dir, mein
+Pescara, zurück! Nicht nur für, auch gegen den Kaiser hat sie
+gekämpft. Sie hat Italien gegen die Fremdherrschaft vereinigt. Sie
+hat ihm seinen Feldherrn gezeigt.
+
+Mein Pescara, welche Sternstellung über dir und für dich! Die Sache
+reif und reif du selbst! Eine entscheidende Zeit, ein verzweifeltes
+Ringen, Götter und Titanen, Freiheit sich aufbäumend gegen
+Zwingherrschaft, die Welt heute noch Bewegung und Fluß, morgen
+vielleicht zur Lava erstarrend! Und eine That, die für dich
+bereitliegt und zu welcher du geboren wurdest! Zuckt dir die
+formende Hand nicht danach? Ein vernünftiges Werk, eine ewige
+Gründung! Blick auf die Karte und überschaue die Halbinsel zwischen
+zwei Meerfarben und dem Schnee der Gebirge! Befrage die Geschichte:
+ein lebendiges Geflecht, oft gewaltsam zerrissen und immer wieder
+zusammenwachsend, von Republiken und Fürsten, mit zwei alten Feinden,
+zwei falschen Ideen, zwei grausamen Chimären, Papst und Kaiser!
+Siehe den ausgestreckten Finger Gottes, daran sich eine neue
+Menschheit emporrichtet: eine sich selbst regierende und vereitelnde
+Menschheit ohne höchstes Amt, weder weltliches noch geistliches, ein
+Reigen frei entwickelten Genien, ein Konzert gleichberechtigter
+Staaten--"
+
+Pescara ergriff den beschwingten Redner am Arm, als wollte er ihn
+festhalten. "Fliege mir nicht davon, Girolamo!" scherzte er.
+
+Dieser riß sich los und: "Laß dich nicht hindern an diesem göttlichen
+Werke", rief er, "durch abergläubische Vorurteile und veraltete
+Begriffe, die weder in deinem Kopfe noch in deinem Herzen, noch in
+der Natur der Dinge sind. Ich kenne dich, Pescara: du bist ein Sohn
+Italiens und wie dieses erhaben über Treue und Gewissen!"
+
+"Ihr seid doch ein lasterhaftes Geschlecht, ihr Italiener", lächelte
+Pescara. "Aber du machst dich größer im Bösen, als du bist: denn
+diese Weisheit kommt nicht von dir, sondern euer Dämon, der
+Florentiner, hat sie dir eingeblasen. Lebt er noch?"
+
+Der Kanzler wußte, wen Pescara meinte. "Er darbt, vergessen und
+verachtet", erwiderte er mit Beschämung, "unser größter Geist."
+
+"Verdientermaßen. Es gibt politische Sätze, die ihre Bedeutung haben
+für kühle Köpfe und besonnene Hände, die aber verderblich und
+verwerflich werden, sobald sie ein frecher Mund ausspricht oder eine
+strafbare Feder niederschreibt. Doch das sind Allgemeinheiten, und
+alles käme auf die Anwendung an. Wie denkst du dir zum Beispiel,
+Kanzler, das Thatsächliche meines Verrates?" Dieser öffnete den Mund,
+als hätte er unerschöpflich zu reden. Da berührte ihn Pescara leise
+mit dem Finger. "Sachte, vorsichtig!" warnte er. "Jetzt betrittst
+du ein schmales und schwankes Brett: es könnte kommen, daß ich dich
+nach deiner Rede als Verschwörer müßte in Fesseln legen lassen.
+Sprich nicht in deinem eigenen Namen, rate ich dir, sondern laß dir
+eine Maske bieten, wie du sie liebst, und warum nicht die des
+verschollenen florentinischen Sekretärs, ob er nun noch unter uns
+wandle oder schon im Geisterreiche? Rede, Niccolò Machiavelli! Ich
+werde dich schweigend und bewundernd anhören und dir dann doch
+vielleicht beweisen, daß du für einen Staatsmann immer noch viel zu
+viel Einbildungskraft besitzest. Oh, ich will dich kritisieren, mein
+Niccolò! Aber beginne."
+
+Dieser fortgesetzt scherzende Ton des Feldherrn beleidigte den
+Kanzler, und er empörte sich dagegen: "Jetzt sei des Spieles ein Ende.
+Erniedrige den nicht zum Schauspieler, welcher sein Leben wagt für
+die Rettung seines Vaterlandes! Pescara, ich bitte dich um Ernst!"
+
+"Um Ernst? Es sei!" erwiderte der Feldherr und schloß die Augen, wie
+um besser zu lauschen. Jetzt erschrak der Kanzler einen Augenblick
+vor der Blässe und Strenge des magern Angesichtes. Doch er war
+entschlossen.
+
+"Es ist kein Übel, Erlaucht", begann er, "was Ihr dem Kaiser
+berichtet habt; es ist gut, daß Ihr Euch so lange als möglich sein
+Vertrauen erhaltet und Euch selbst dann noch nicht erkläret, wann der
+Papst und die Liga ihr Manifest werden erlassen haben. Inzwischen
+befestigt Ihr Eure Stellungen und sichtet Euer Heer." Pescara
+runzelte die Stirn.
+
+"Leyva muß weg", forderte der Kanzler.
+
+Pescara zählte an den Fingern.
+
+"Was rechnet Ihr, Pescara?" fragte der Kanzler verwundert.
+
+Dieser erwiderte ruhig: "Muß Leyva draufgehen, so dürfen meine
+deutschen Hauptleute auch nicht leben bleiben, denn sie hangen an
+Kaiser und Reich. Ihre Häupter müssen fallen. Oder vergifte ich sie
+in einem gastlichen Trunke? Was rätst du, Kanzler?"
+
+Morone erbleichte.
+
+"Und was fange ich mit meinen spanischen Edelleuten an? Lasse ich
+sie auch ermorden?"
+
+"Die Kastilianer", antwortete Morone mit klopfendem Herzen, "fallen
+wohl zum Kaiser zurück. Die andern verlocket Ihr mit unendlicher
+Beute. Sie widerstehen nicht, am wenigsten die neapolitanischen
+Aragonesen. Ich kenne diese Rasse: sie gleicht den räuberischen
+Helden der Neuen Welt. Denket nur an Euren Del Guasto, welch ein
+Ungeheuer!"
+
+Pescara widersprach nicht.
+
+"Eure Gemeinen aber, die aus allen Ländern der Erde zusammengeflossen
+sind, beherrschet Ihr durch Eure unerschütterliche Seele und durch
+Eure eiserne Kriegszucht, nicht zu vergessen einen regelmäßigen Sold,
+wie ihn der Kaiser nie zu geben vermochte, Euch aber gehören jetzt
+alle Schätze Italiens. Und erlittet Ihr eine Einbuße an Leuten, so
+füllet Ihr das Heer aus den Schweizern, die sich nun überallhin
+vermieten, seit sie aus Mangel an Führung und an einem Staatsgedanken
+ihre schon gewonnene Weltstellung und ihre auswärtige Politik
+verscherzt haben."
+
+"Schade", redete Pescara mit sich selber. Er hatte eine Art
+Zärtlichkeit für die Schweizer, die er zweimal überwunden und von
+welchen er bei Bicocca, mit einer insbesondere gegen deren rasende
+Sturmläufe erfundenen Stellung des Geschützes, in wenig Minuten ein
+volles tollkühnes Tausend vernichtet hatte. Er liebte dieses tapfere
+Volk, obwohl er seine Speerwunde von Pavia dem Stoß einer
+Schweizerlanze verdankte. "Ihre Freiheit wird ihnen bleiben, aber
+schade", wiederholte er.
+
+"Eures Heeres sicher", fuhr der Kanzler fort--"Nehme ich Mailand",
+ergänzte Pescara. "Mein Plan ist entworfen."
+
+"Ihr braucht es nicht zu nehmen, da der Herzog ein Mitglied der Liga
+ist, deren Feldherr Ihr seid."
+
+"Richtig, das hatte ich vergessen. Auf alle Fälle, Mailand ist der
+Zentralpunkt. Und dann?"
+
+"Gebietet Ihr über die Truppen der Heiligkeit, Venedigs und Neapels,
+die Kleinern nicht zu nennen."
+
+"Halt, Morone! Neapel ist spanisch."
+
+"Nach Neapel habet Ihr dann Euren Neffen gesendet als Euren Vizekönig,
+der es durch seine Grausamkeit in wenigen Wochen unterworfen haben
+wird."
+
+"Als meinen Vizekönig? Ich König von Neapel? Seit wann trage ich
+die Krone?" fragte Pescara gelassen.
+
+"Siehe, die geflügelten Füße, die sie Euch bringen, sind vor Eurer
+Schwelle", sprach der Kanzler errötend.
+
+Die kalte Miene des Feldherrn erwärmte sich, wie von einem Strahle
+berührt, nicht aus einer Krone, sondern aus dem Lichtkreise seines
+nahenden Weibes. "Weiter geträumt, Morone", sagte er.
+
+"Einmal an der Spitze der vereinigten italienischen Waffen und in
+unnehmbaren Stellungen", fuhr der Kanzler mit erstaunlicher
+Sicherheit fort, "hindert nichts, daß Ihr Euch mit dem Kaiser
+auseinandersetzet, vielleicht sogar ohne Schlacht, denn ich weiß, daß
+Ihr, obschon, nein, weil der erste Feldherr der Zeit, das
+scharfsinnige Schachspiel und die umfassenden Berechnungen der
+Strategie jenen plötzlichen und immerhin blinden Entscheidungen der
+Wahlstatt vorziehet. Ich sage, vielleicht sogar ohne Blutvergießen,
+denn der Kaiser wird nicht so leicht einen neuen Feldherrn finden und
+ein zweites Heer in Italien zusammenbringen, nachdem er Euch und das
+Eurige verloren hat, wenigstens wenn ihm Frankreich und England zu
+thun geben, laut des von ihnen mit unserer Liga getroffenen Abkommens."
+
+"Ich kenne Euer Bündnis mit König Franz, sogar seinen Wortlaut", warf
+Pescara hin, "kann aber keinen Wert darauf legen. Der König verquält
+sich in seinem spanischen Kerker. Um eine Stunde früher auf ein
+gesatteltes Pferd zu springen, verrät er Eure Liga hundertmal, wie
+ich ihn zu kennen glaube."
+
+"Noch vor wenigen Tagen", beteuerte der Kanzler mit einem komischen
+Gesichte, "hat mir die Regentin Louise von Paris geschrieben, sie
+halte das Bündnis fest wie ihre Tugend--"
+
+Ein Pfiff durchschnitt das Gemach... der Kanzler horchte verwundert.
+Es mochte ein Vogel am Fenster vorbeigeschwirrt sein.
+
+"Es sind noch andere da, die den Kaiser beschäftigen", fuhr er fort,
+"der Halbmond und die deutschen Fürsten."
+
+"Der Halbmond, ja", urteilte der Feldherr. "Mit den deutschen
+Fürsten aber und selbst mit ihrer neuen Lehre könnte sich der Kaiser
+allenfalls vertragen. Meinst du nicht, Morone?"
+
+Dieser antwortete denkend: "Es scheint so, aber ist doch nicht, wenn
+ich richtig sehe. Jedenfalls nicht mit der neuen Lehre. Der Kaiser
+bedarf der Kirche für sein schweres und dunkles Gemüt, das er von der
+Mutter geerbt hat. Der neue Glaube verlangt kräftigere Seelen."
+
+"Verstehst du etwas von diesen Dingen, Kanzler?" fragte der Feldherr
+neugierig.
+
+"Wie sollte ich, Pescara? Ich bin wie du und wir alle ein Bewohner
+der Wirklichkeit, ein Kind der Helle, das mit der antiken Weisheit
+über das Ende hinaus nichts sieht als Larven und Scheinen und auf
+wogendem Nebel die riesigen Spiegelungen wieder dieses unsers eigenen
+und irdischen Daseins. Unter denen aber, welche mit dem Volke Gut
+und Böse glauben und Leib und Seele und die Fabel eines letzten
+Gerichtes, wird jetzt, wie du weißt, unversöhnlich gestritten über
+die beste Rüstung an jenem Tage der blasenden Posaune. Unsere kluge
+Kirche öffnet ihre Buden und legt verständig ihren Vorrat an guten
+Werken zum Verkauf aus. Der deutsche Mönch aber zankt und schreit:
+Das ist Plunder! Werft euer Geld nicht weg! Ihr habt es umsonst.
+Eure Schulden sind bezahlt. Glaubet es nur, und sie sind nicht mehr!
+Solches aber zu glauben, braucht es eine große Tapferkeit, denn es
+ist unter dem Unglaublichen das Unglaublichste. Doch bringen es
+diese deutschen Köpfe fertig, so brauchen sie gar keine Pfaffheit
+mehr und sind in ihrer trotzigen Sicherheit uns Italienern gewaltig
+überlegen, die wir ungläubig sind oder abergläubisch.
+
+Ich rede im groben, Pescara. Aber diese Vorstellungen, nichtig an
+sich, werden im Leben zu den realsten Mächten, die kein Staatsmann
+vernachlässigen darf. Und du mit deiner großen Aufgabe am wenigsten,
+Pescara, wenn du auch selbst ein Gottloser bist, wie ich dich kenne."
+Sein Lächeln blieb unerwidert.
+
+"Hier irrst du dich, Kanzler", sagte Pescara ernst. "Ich glaube an
+eine Gottheit, und wahrlich keine eingebildete. Doch in dem andern
+hast du recht. Ich habe es mit Augen gesehen. Am Abende meiner
+Schlacht"--er meinte die von Pavia--"sah ich im Lazarett zwei höchst
+frevelhafte Menschen sterben, einen Deutschen und einen Spanier,
+diesen unter seinen Reliquien und in den Armen zweier Priester
+zitternd und bebend, jenen allein, doch voller Zuversicht und Freude.
+Ich sprach ihn an, denn ich weiß ein paar deutsche Wörter, und
+erfuhr, daß er traue und trotze auf den reuigen Schächer. Doch
+lassen wir diese Farben der Seele. Zurück zu deiner Sache, denn ich
+meine, daß du noch nicht damit zu Ende bist." "Gewiß nicht, Pescara.
+Dann erst, wann du durch das Schwert oder durch ein listiges
+Abkommen den Kaiser außer Spiel gesetzt haben wirst, dann erst baust
+du deine Größe und Italiens Freiheit. Die zwölf Arbeiten des
+Herkules! Doch du rufst alle Seiten und Eigenschaften deines Wesens
+unter die Waffen: Geduld und Entschluß, Begeisterung und Berechnung,
+Arglist und große Gesinnung. Kein Teilchen von dir wird müßig gehen.
+Du kennst dich noch gar nicht, Pescara! Dann erst wirst du dich
+zeigen als der, welcher du bist, in deinem ganzen Wuchse: für das
+Volk ein furchtbarer und wohltätiger Dämon, für das Heer ein
+unfehlbarer Sieger, für den Patrioten der Vollender Italiens, für den
+Gelehrten der wiederaufgelebte römische Ehrgeiz, für die Fürsten,
+soviel du ihrer bestehen lässest, der herrschende Bundesgenosse. Du
+beutest alle Möglichkeiten und Begünstigungen des Jahrhunderts aus.
+Du wirst der Verteidiger des Papstes und eroberst ihm seine Städte
+und Provinzen zurück, die du für dich behältst; du reitest als
+Schiedsrichter zwischen der verröchelnden Republik und den Mediceern
+in Florenz ein, und sie gehorchen dir beide. Ja sogar die stolze
+Fürstin der Hadria zwingst du in deinen Machtkreis! Ich sehe dich",
+jubelte Morone, "wie du ihr Doge wirst und dich dem Meere vermählst.
+
+So wächsest du, bis dich und dein herrliches Weib auf dem römischen
+Kapitol tausend frohlockende Arme vergötternd in die Lüfte heben und
+dich ganz Italien als seinen König zeigen, welches du dann, wie dir
+jetzt, ich fürchte, noch nicht möglich ist, als deinen Besitz und
+deinen Ruhm ein wenig lieben wirst, damit endend, womit ich
+angefangen habe, denn allein meine Liebe zu Italien, das Beste, das
+einzig Gute an mir, wirft mich dir zu Füßen, du Kaltherziger!" Und
+er umfing das Knie des Feldherrn mit einer so inbrünstigen Gebärde,
+daß dieser aufspringend einer solchen Anbetung sich entzog, aber doch
+innerlich ergriffen schien, sei es, daß ihn diese Wahrheit des
+Gefühls in einem lügnerischen Geiste fesselte, sei es, daß sein
+mächtiger Verstand die angedeuteten Züge seiner und Italiens
+möglicher Größe unwillkürlich zu einem lebensfähigen Ganzen
+zusammenschloß.
+
+Er ließ den Kanzler und schritt mit über der Brust gekreuzten Armen
+mehrere Male langsam durch das Zimmer, zuletzt wie zufällig wieder
+vor ihm stehenbleibend. "Wie viele meiner Jahre verlangst du von mir,
+Morone?" warf er hin.
+
+"Viele, ohne Zweifel", versetzte der Kanzler. "Je mehrere, desto
+besser! Nur mit jenen langen und fruchtbaren Pausen, welche die
+Dinge still und unaufhaltsam wachsen lassen, unzerstörlich scheinende
+Hindernisse zernagen, die Gewissen abstumpfen und beruhigen und
+selbst das ursprünglich Frevle entsühnen und heiligen, nur auf
+solchen breiten und notwendigen Stufen ist Bleibendes im Staate
+erreichbar. Dein bester Verbündeter, Pescara, ist das Leben. Zehn,
+zwanzig, warum nicht dreißig Jahre, Pescara? Du stehst ja in der
+Fülle der Kraft und schöpfst nur so mit der Hand aus der
+überströmenden Quelle. Du hast deinen Schatz kaum noch angegriffen,
+und nicht zum wenigsten darum haben dich die unsterblichen Götter
+Italiens zu diesem deinem herrlichen Werke berufen, weil du, römisch
+gesprochen, ein Jüngling bist und dich noch lange kein Todesschatten
+berühren darf!"
+
+Ein plötzlich hervortretender harter und finsterer Zug hatte das
+Antlitz des Feldherrn verwandelt. Er traf den Kanzler mit einem so
+feindseligen Blicke, daß dieser um einen Schritt zurückwich. "Weißt
+du", drohte er, "daß, wenn mich mein Ehrgeiz überwältigen sollte, das
+erste Opfer dein Gebieter, der Sforza, wäre? Denn ich finge damit an,
+euer Mailand dem Bourbon zu geben, der mein Alterego, meine rechte
+Hand und ein Gonzaga ist. Ich würde es ihm gönnen! Überlieferst du
+mir den Sforza?"
+
+"Bei allen Göttern, nein!" schrie der entsetzte Kanzler. "Ich meinen
+Herzog verraten! Niemals! Nimmermehr! Und", rief er empört, "wie
+darfst du daran denken, Pescara, unsere reine und heilige Sache mit
+dem Borbone zu beflecken!"
+
+"Sehet diesen Menschen!" verhöhnte ihn Pescara. "Gibt es etwas
+Frecheres? Dem armseligsten Fürsten will er Treue halten, und mutet
+mir zu, sie meinem erhabenen Kaiser zu brechen! Sehet diesen
+unzusammenhängenden Geist! Er verlockt mich zum Verrat und will rein
+bleiben von Verrat!"
+
+"Das ist etwas völlig anderes", wehklagte der Kanzler. "Der
+Konnetabel hat sein Vaterland verraten, und du rettest es, indem du
+von einem Fürsten abfällst, welcher nicht der deinige ist. Meinen
+Herzog preisgeben, meinen holdseligen Herrn! Der Mohr wird mir im
+Traume erscheinen!"... er that einen erbärmlichen Seufzer... "Doch,
+dennoch, es sei! Aber jetzt, Pescara, widerstehe auch du nicht
+länger! Erbarmst du dich Italiens? Gib Antwort, Grausamer!", und
+die Tränen brachen ihm aus den Augen.
+
+"Heute nicht, Morone!" tröstete ihn Pescara. "Wir sind beide ermüdet
+und bedürfen der Ruhe. Es ist die Stunde der Siesta." Er klingelte.
+"Ippolito", unterwies er den Knaben, "führe den Herrn, der ein
+großer Staatsmann ist, in den Turmflügel. Der Haushofmeister soll
+ihm die ganze Zimmerreihe des Oberstockes öffnen und ihn sorgfältig
+bedienen und reichlich bewirten lassen. Ihr findet eine gewählte
+Bibliothek, Kanzler, und wollet Ihr Luft schöpfen, so steiget in den
+Garten hinab, er ist schattig und reicht bis an die Wälle. Ich lade
+Euch nicht zu Tafel, da ich Donna Victoria erwarte, der mein Abend
+gehört. Lasset Euch die Zeit nicht lange werden. Morgen sehen wir
+uns wieder."
+
+"Wie wird mir der Tag vergehen?" jammerte der Kanzler.
+
+"Alles geht vorüber. Noch eins: nähert Euch, ich bitte, den
+Wachtposten nicht, Ihr verstündet denn das Deutsche." Er sah den
+Kanzler erbleichen. "Fürchtet nichts", schloß er freundlich und
+entließ ihn.
+
+Wie er sich wieder umwendete, näherten sich ihm der Herzog und Del
+Guasto, die ihr Versteck verlassen hatten, beide in der höchsten
+Aufregung, der bleiche Bourbon mit fieberhaft geröteten Wangen, Del
+Guasto mit lodernden Augen. Pescara erriet, daß das belauschte
+Gespräch und der gezeigte Ruhm sie beide verführt und bezaubert hatte.
+Del Guasto lechzte nach Beute und der Herzog nach dem reinigenden
+Lorbeer. Noch schwiegen sie, aber ihre dringende und flehende
+Gebärde wollte sich in Worte verwandeln. Da schloß ihnen Pescara den
+Mund.
+
+"Herrschaften", sagte er, "hier wurde Theater gespielt. Das Stück
+dauerte lange. Habt Ihr nicht gegähnt in Eurer Loge?"
+
+Da schlug der Bourbon in plötzlich umspringender Stimmung eine gelle
+Lache auf. "Trauerspiel oder Posse?" fragte er.
+
+"Tragödie, Hoheit."
+
+"Und betitelt sich?"
+
+"Tod und Narr", antwortete Pescara.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Durch seine lange Zimmerreihe schritt der Kanzler von Mailand ruhelos
+auf und nieder. Die Fensterläden waren gegen die brennende
+Nachmittagssonne geschlossen, und nur durch eine Spalte schoß hin und
+wieder ein neckischer Strahl in die Dämmerung, einen grellen Streifen
+über die Fliesen ziehend, während die Tiefe der Gemächer im Geheimnis
+blieb. Doch nicht der schmalste Lichtblitz erhellte dem Kanzler die
+Seele Pescaras. Er hatte seinen ganzen Menschen preisgegeben,
+Pescara auch nicht ein Teilchen seiner selbst, und nicht nur ein
+Schuldiger und Geständiger war jetzt der Kanzler, sondern auch ein
+Gefangener oder nicht viel anders. Doch weit entfernt, daß seine
+Bloßstellung ihn gereut oder sein Halbgefängnis ihn geängstigt hätte:
+im Gegenteil, er schwelgte in der Großmut seiner völligen Hingabe.
+Nicht einmal sein schmählich verratener Herzog beunruhigte jetzt sein
+Gewissen, so gänzlich erfüllte ihn die Leidenschaft, sich Pescaras zu
+bemächtigen, und der Reiz seines Anschlages auf diesen einzigen
+Menschen, dessen große Haltung und ernstes Spiel in der eben
+beendeten Szene er aufrichtig bewunderte. Er setzte diese Szene fort:
+jedes Wort des Zwiegespräches wiederholte sich in seinem Ohr, und
+selbst jede Miene und Gebärde desselben bildete sich ab in seinen
+Zügen und schwang in seinen Muskeln fort--doch über Sinn und
+Tragweite des Gesprochenen verstrickte er sich in unlösbare, in
+tödliche Zweifel. Eine Auslegung nach der andern verwarf er, um
+zuletzt zu dem wahrscheinlichen Schlusse zu kommen, noch sei Pescara
+ungewiß, noch liege er im Kampfe mit sich selber.
+
+Da gedachte er sehnsüchtig der Bundesgenossin, die jede Stunde, jede
+Minute ihm bringen konnte, und der Wert Victoria Colonnas deuchte ihm
+unermeßlich. Nur eine solche konnte einen solchen besiegen. Nicht
+ein aufstachelndes, herrschsüchtiges Weib, wie damals deren manches
+in Italien sein Wesen trieb, sondern die edelste Frau der Zeit führte
+seine Sache, und in dieser jede Schönheit und Tugend Italiens
+verkörpernden und von seinen Freveln und Sünden freien Gestalt
+erschien ihm sein Vaterland so unvergleichlich und der Ruhm, es sich
+selbst wiederzugeben, so einzig, daß hier sogar ein Pescara und
+gerade ein Pescara unmöglich widerstehen konnte. Ein mit
+unsittlichen Mitteln wirkendes Bündnis verklärte sich in diesen
+himmlischen Augen zu einer Reinheit, die den Namen einer "heiligen
+Liga" in einem freien und weltlichen Sinne rechtfertigte. Die
+Bewunderung des göttlichen Weibes, welches, wie er glaubte, Italien
+zu retten berufen sei, wurde dem Kanzler zur Anbetung und seligen
+Inbrunst, denn er war der erhabensten und der gemeinsten Gefühle in
+gleicher Weise und Stärke fähig.
+
+Jetzt, da die gewonnene Zuversicht sein Inneres erhellte, verlangte
+es ihn nach dem Tageslichte, er stieß einen Laden auf und stand, sich
+umblickend, in dem sogenannten Schlangensaale, von welchem sein
+Herzog ihm oft erzählt, den er selbst aber noch nie gesehen hatte.
+Über dem Getäfel lief die vier Wände entlang ein gemaltes Geflechte
+von Schlangen, je zweie sich umwindend, die eine der feuerspeiende
+Drache der Sforza, die andere das entsetzliche Wappenbild der
+Visconti, die Schlange mit dem Kind im Rachen. Legende oder Wahrheit,
+der süße Lionardo da Vinci galt als der Schöpfer des scheuseligen
+Kranzes: während seines langen Dienstes bei dem Mohren habe er einmal
+im herzoglichen Hause zu Novara sich aufgehalten und in wenigen
+Stunden dieses Spiel einer grausamen Laune begonnen und beendigt
+unter dem Vorwande einer Verherrlichung seines Fürstenhauses. Keine
+Unmöglichkeit, denn der Bildner des zärtlichsten Lächelns liebte
+zugleich die Fratze und das Grauen. Zuerst mit ergötzten, bald mit
+beängstigten Augen betrachtete der Kanzler den wilden Ring, das Werk
+einer unerschrockenen Einbildungskraft, die sich daran geübt hatte,
+den Ungetümen und dem nackten Kinde in dem verschlingenden Rachen
+eine Folge von natürlichen Bewegungen zu geben. Dann plötzlich
+erschien es ihm, als lebe und drehe sich das Gewinde. Der Kanzler
+wendete sich schaudernd und trat wieder an das Fenster.
+
+Er erblickte den einsamen Schloßgarten, der sich unter einem weiten
+Gewölbe von Bäumen in tiefdunkle Schatten verlor. Darüber das
+blendende Lichtmeer, und hin und wieder ein Bruchstück der gezackten
+Stadtmauer. Nur in einiger Entfernung stieg aus dem üppigsten Grün
+auf drei Terrassen eine kleine Villa, im Winkel und von zwei Seiten
+sichtbar, deren jede ein Bild bot, jene mit einem Turmbau endigend,
+diese in einen weinumwundenen Säulengang verlaufend. Es wollte
+Morone scheinen, das anmutige Landhaus, dessen Teile leicht
+auseinander herauswuchsen, müsse für Victoria bestimmt und der
+Gedanke Pescaras sein, der ihr nicht in einem schweren und von dem
+Schritte der Wachen dröhnenden Schlosse, sondern an einer gefälligen
+und friedlichen Stätte liebenden Empfang bereite. Auch deutete
+mancherlei drüben hin und her eilende Dienerschaft auf das Kommen
+eines Gastes, und jetzt glaubte er aus der entgegengesetzten Richtung
+den Lärm einer Ankunft zu vernehmen. Da litt es ihn nicht länger in
+den unbehaglichen Räumen, er suchte Treppe und Pforte und wandelte
+bald in einem grünen Schattenreiche.
+
+Seine Schritte führten ihn in ein weites Rondell, wo das lieblichste
+Halbdunkel herrschte und in dessen Mitte ein Brunnen seine
+schimmernde Schale mit einer langsam strömenden Flut durchsichtig und
+einschläfernd verschleierte. Vier breite Marmorsitze standen im
+Umkreise. Auf einem derselben, dessen Lehnen zwei Sphinxe bildeten,
+schlummerte der Feldherr, das Haupt über die Brust gesenkt.
+
+Nach einem leichten Erstaunen näherte sich Morone auf vorsichtigen
+Füßen, um das schlafende Antlitz zu belauschen, ob nicht die jetzt
+willenlose Miene den verschwiegenen Gedanken abbilde und ausdrücke.
+Lange stand er davor. Nein, es träumte nicht ehrgeizig, dieses Haupt,
+noch sann es Verrat, sondern seine unbeherrschten Züge trugen, ohne
+die Spur von Triumph und List, einen Ausdruck, der kein anderer sein
+konnte als der des Leidens und der Entsagung. Wie Morone es
+betrachtete, erstarrte seine eigene aufgeregte Miene, denn die des
+stillen Hauptes war so überredend, daß auch ihn eine fatalistische
+Stimmung unwiderstehlich erfaßte, eine Gewißheit von dem Nichts der
+menschlichen Pläne und der Allgewalt des Schicksals. Nichts anderes
+sagte das mächtige Antlitz als Frömmigkeit und Gehorsam.
+
+Da legte sich unversehens eine Hand auf die Schulter des Kanzlers.
+Nach einem kleinen gespenstischen Schrecken, als ob ihn der Geist des
+vor ihm Schlummernden von hinten berühre, wandte er sich und
+erblickte einen gelben Schädel und eine von Alter gebrochene Gestalt.
+Zwei braune kluge, aber unendlich wehmütige Augen waren ihr einziges
+Leben.
+
+"Numa! Wahrhaftig, du hast mich erschreckt."
+
+"Ich glaube es. Aber komm, Kanzler. Lassen wir ihn schlummern und
+setzen uns dort gegenüber, daß ich ihn von ferne beobachte." Sie
+thaten es, und der Arzt, der wohl achtzig zählen mochte, doch sein
+feines Gehör bewahrt hatte, ließ sich mit dem Kanzler in ein
+lispelndes Gespräch ein. "Du glaubst gewonnen zu haben?" fragte er.
+
+"Ich weiß nicht", sagte der Kanzler. "Est in votis."
+
+"Enttäusche dich, Girolamo! Ich sage dir, auch wenn er wollte, so
+kann er nicht."
+
+"Er könnte nicht? Warum? Das tönt geheimnisvoll. Welcher Gott oder
+welche Göttin verbietet es ihm? Kreuzige mich nicht! Rede!"
+
+"Dürfte ich reden, ich hätte dir von der Schwelle meines Hauses und
+aus Novara weggewinkt, aber meine Lippen sind gebannt. Doch ich darf
+dich, du Ärmster, auch nicht in dein Verderben stürzen lassen. Du
+verlierst hier deine Worte und vielleicht dein Leben. Er kann nicht,
+beteure ich dir! Es ist ihm versagt. Es ist ihm nicht beschieden.
+Fliehe! Es ist alles umsonst."
+
+"Fliehen? Vor Pescara? Ich denke nicht daran und halte ihn fest
+umschlungen! Bei allen Dämonen, warum ist es ihm nicht beschieden?"
+
+Da hauchte der Arzt, daß ihn Morone kaum verstehen konnte: "Ist nicht
+aller sterbliche Wandel in Zeit und Raum? Beide aber versagen diesem."
+
+Er legte den Finger auf die Lippen, ihnen Schweigen gebietend, und
+dann gleich zum andern Male, um den Kanzler auf nahende Schritte
+aufmerksam zu machen. "Still! Siehe!" flüsterte er. Auf leisen
+Sohlen kam Victoria Colonna in den weiten grünen Saal, den Gatten an
+seinem Lieblingsplatze suchend. Noch trug ihr Kleid den Staub der
+Straße; sie mochte kaum vom Pferde geglitten sein. Da sie ihn
+schlummern sah, blieb sie stehen und verlor sich in seinem Anblick.
+Dann zerfloß sie plötzlich in Tränen, aus einem Übermaß der Freude,
+oder es erschreckte sie der heilige Ernst der geliebten, nun von
+Mühen und Wunden tiefer gegrabenen Züge. Wenige Augenblicke aber,
+und sie trat zu ihm. Mit unendlicher Liebe legte sie die Hand unter
+das strenge Haupt, und es sachte hebend, weckte sie es mit
+inbrünstigen Küssen. Pescara öffnete die Augen. Sanft drückte er
+sein Weib an die rechte Brust und gab ihr einen Kuß auf die Stirne.
+
+Da sich der Feldherr erhob, hatte sich Morone in einer seltenen
+Regung von Keuschheit weggeschlichen, und Pescara sah nur den Arzt
+vor sich. Die Linke um Victoria schlingend, ergriff er mit der
+Rechten die Hand Numas und sprach zu seinem Weibe: "Das ist mein
+Arzt", und diese, in ihrer feurigen Art, bog das Knie und bedeckte
+die schlaffe Hand mit Küssen. "Sie hat die Wunde meines Helden
+geschlossen!" jubelte sie voller Dankbarkeit. Dann aber richtete sie
+sich auf und fragte in tiefer Erregung: "Messer Numa Dati?"
+
+Der Alte verneigte sich.
+
+Und Victoria, von ihrem warmen Herzen hingerissen, wendete sich an
+den Gemahl, Mund gegen Mund, und klagte: "Ehe wir uns freuen, mußt du
+mir und diesem Recht schaffen! Unser Neffe hat ihm die Enkelin
+verleitet und weigert sich, der Frevler, seine Schuld durch die Ehe
+zu sühnen!"
+
+"Ist es so, Numa?" sagte der Feldherr, und da der Greis traurig
+bejahte: "Warum hast du mir das verheimlicht?"
+
+"Anfangs, Herrlichkeit, war es eine bloße Vermutung, da sie mein Haus
+und Novara heimlich verließ. Und wie durfte ich Euch, der sein
+eigenes großes Schicksal trägt, mit dem kleinen eines Mädchens
+beschäftigen? Erst heute erhielt ich Gewißheit, durch ein Schreiben
+aus Rom, von der Äbtissin, in deren Kloster das arme Kind sich
+geflüchtet hatte."
+
+Jetzt drängte sich Victoria flehend an die linke Seite ihres Helden,
+der unter dem Drucke des Frauenleibes einen körperlichen Schmerz zu
+empfinden schien. Um ihn zu verbergen und zu verwinden, that er ein
+paar Schritte vorwärts.
+
+Die dreie standen vor den spielenden Lichtern des Brunnens.
+"Schönste Frau, mich hat herzlich verlangt, Euch wiederzusehen",
+sagte der Feldherr, "und da bist du ja, meine Seele!" Er blickte ihr
+in die strahlenden Augen. "Aber deine edeln Lider sind ja noch ganz
+bestäubt von der Reise. Dein Tuch!" Sie gab es ihm, der es netzte,
+und schloß die Augen, während er ihr Stirn und Lid und Wange wusch
+und badete.
+
+"Ich erinnere mich deiner Enkelin ganz wohl, Numa, obwohl ich sie
+kaum gesehen habe. Tiefblaue Augen und kastanienbraune Haare, wie
+diese da, nicht wahr, und Julia heißt sie? Was ihre Sache betrifft,
+die dünkt mich schwer und tragisch. Nicht daß ich anstünde, den
+Bösen, den du kennst, Victoria--auch ich kann ihn nicht anders
+nennen--zur Ehe mit ihr zu zwingen, er würde sich fügen, ohne Zweifel,
+denn er ist mein Geschöpf und ich habe Macht über ihn. Aber ich
+frage mich, ob es gut sei, die Verschmähte an einen Herzlosen und
+Grausamen zu fesseln, der freilich durch seine Vermessenheit und
+Begabung in der Welt die höchsten Stufen erreichen wird. Und sie
+selbst? Wird sie es verlangen? Glaubst du, Victoria? Hat sie es
+verlangt, die sich dir in Rom zu Füßen geworfen hat, wie ich vermute,
+da du sie kennst?"
+
+"So that sie", sagte Victoria mit flehender Stimme.
+
+"Ertrug sie deinen reinen Anblick? Und im Ernst, du willst sie dem
+Manne geben, der sie verschmäht? Wenn sie mein Kind wäre, ich
+vergrübe sie ins Kloster. Ihr aber seid menschlich und barmherzig,
+Madonna. Und wer weiß, vielleicht liebt sie ihn noch, oder liebt und
+haßt ihn zugleich--ich verstehe das nicht. Doch ich will mich ihrer
+annehmen, sie habe die Wahl."
+
+Jetzt öffnete der Arzt den welken Mund. "Arme Julia! Welche Wahl!
+Selig, daß sie ihrer überhoben ist!"
+
+"Wodurch?" fragte Pescara.
+
+"Durch eine dunkle, aber weise Gottheit."
+
+"Ich verstehe", sagte der Feldherr rasch, "sie lebt nicht mehr."
+
+"Du sagst es, Herrlichkeit."
+
+"Sie hat sich ein Leides gethan?" wehklagte Victoria.
+
+"Da sei ihr Schutzengel davor!"
+
+"Wer weiß es? Als sie in ihr Kloster zurückkam, nachdem sie sich
+Euch geoffenbart, ist sie gestorben. Ihr Geständnis muß sie getötet
+haben, und der Anblick Eurer Reinheit, Madonna, wie die Herrlichkeit
+es gewollt hat. Vielleicht ein Herzschlag, vielleicht--das willige
+Mädchen ist mir in meiner Apotheke oft mit Verständnis und Geschick
+beigestanden."
+
+Jetzt urteilte der Feldherr: "Das bleibe unberedet. Sie ist
+eingegangen in den Frieden und steht jetzt in Dienst und Pflicht
+einer heiligen Macht, die unserer erbärmlichen Gerechtigkeit spottet."
+
+Victoria weinte, und der Greis flehte: "Ich kann nicht mehr! Es sei
+gut!"
+
+"Ja, es ist gut", schloß der Feldherr.
+
+Dann bot er Victoria die Hand und sagte leichthin: "Edle Frau, ich
+habe Euch und mir, solange wir zusammen sein dürfen, ein helleres
+Haus gerüstet als dieses alte Schloß mit seinen plumpen Deckenbalken,
+diese Wohnung des Verrates, denn auf seiner Zugbrücke wurde der Mohr
+ausgeliefert. Sehet Ihr dort bei den Pinien die anmutige Baute,
+Madonna? Die habe ich Euch bestimmt: sie ziemt Eurem klaren Wandel."
+
+Sie durchschritten den Park und langten am Fuße der drei Treppen an,
+wo der greise Arzt stehenblieb, Atem schöpfend und den Feldherrn
+zurückerwartend. Da Victoria die dritte Treppe erstieg, erblickte
+sie zwei Bildwerke, welche rechts und links die höchste Stufe
+schmückten. "Das hat der junge Franz Sforza ersonnen, an welchem
+sein guter Geschmack immer noch das Beste ist", plauderte Pescara.
+"Diese Gruppen sind hübsche Gedanken aus seinem flüchtigen Kopfe.
+Die rechts zum Beispiel. Erst konnte ich nicht aus ihr klug werden,
+so sehr sie mir gefiel. Da sagte mir der Gärtner die Inschrift, die
+sie anfangs trug, die aber der feine Herzog verschwinden ließ, damit
+der Beschauer fühle und rate. Sie lautete... doch das bringst du
+heraus, Geliebte?"
+
+Victoria, nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die linke Gruppe,
+ein ungebunden kosendes Paar geworfen hatte, betrachtete lange Zeit
+die rechte. Es waren zwei weibliche Gestalten, eine liegend und
+etwas wie eine Blume oder einen Schmetterling leichtsinnig
+zerpflückend; die andere stand, innig vertieft in sich selbst, oder
+in die Ferne verloren. Alle drei Mädchen aber, das kosende, das
+vergessende, das sich sehnende, hatten unter verschiedenem Ausdrucke
+das gleiche Gesicht. Victoria sann. Da blies ihr der Feldherr
+mutwillig ins Ohr, wie in der Schule ein Knabe einem Mädchen: "Tu die
+Augen auf, ein paar Buchstaben sind noch lesbar." Victoria entdeckte
+links, schwach ausgeprägt: Pres..., rechts aber unterschied sie etwas
+deutlicher: Ass... "Presenza und Assenza", ergänzte sie beschämt,
+und der Feldherr sagte: "Die Gegenwart ist frech. Die Abwesenheit
+aber, die vergißt, ist gedankenlos. Ich preise die gegenwärtige
+Abwesenheit: die Sehnsucht."
+
+"Wir werden uns nicht mehr trennen, Ferdinand, wenn du mich lieb hast."
+
+"Nur noch einmal. Für einige Tage, höchstens eine Woche, Madonna,
+bis ich Mailand werde genommen haben. Ihr folget mir, und forthin,
+wenn Ihr wollt, trennen wir uns nicht mehr. Es liegt an dir,
+Victoria", sagte er zärtlich.
+
+"Ob ich will!"
+
+"Erinnerst du dich, Geliebte", scherzte er wiederum, "daß du mir
+einmal in Ischia am plätschernden Strande gesagt hast, du begreifest
+nicht, wie ein Weib, das geliebt habe, jemals einem Zweiten gehören
+könne? Es widerspricht der Liebe, sagtest du. Freilich, aber es hat
+Erfahrung und menschliche Natur für sich. Assenza, Assenza!"
+
+Jetzt erhob sich Victoria zu ihrem ganzen stolzen Wuchs und streckte
+den herrlichen Arm, von welchem der Ärmel zurückfiel, gegen den
+leuchtenden Himmel und schwur: "Nie gehöre ich einem andern, bei den
+reinen Strahlen dieser Sonne!"
+
+Der Feldherr beschwichtigte: "Dort stehen deine Kammerfrauen, Kind,
+und bestaunen dein Gelübde, das sie dir wahrlich nicht nachtun werden."
+Er winkte den in ehrerbietiger Entfernung harrenden Zofen und
+beurlaubte sich bei der Marchesa. "Ihr werdet Euch umkleiden, Herrin,
+und ich selbst habe noch bis zur Abendstunde zu thun. Auf
+Wiedersehen hier, nach Sonnenuntergang, zum Spätmahle." Er wendete
+sich und ging, ohne nach ihr sich umzublicken. Unten an der Treppe
+nahm er den Arm des greisen Arztes, langsam mit ihm durch einen
+Zypressengang nach dem Schlosse zurückwandelnd. "Wie war die Nacht
+Eurer Herrlichkeit?" fragte der Alte.
+
+"Wie gewöhnlich", antwortete Pescara. "Du hast gegen deinen
+Gastfreund reinen Mund gehalten, Numa?"
+
+"Ich erinnerte mich Eures Befehles... Aber wie möget Ihr mit dem
+Kanzler und meinem armen Italien dieses grausame Spiel treiben! Wie
+dürfet Ihr es?"
+
+"Ich spiele mit Italien, sagst du? Im Gegenteil, deine Landsleute,
+Numa, spielen mit mir: sie heucheln Leben und sind tot in ihren
+Übertretungen und Sünden."
+
+Sie gingen eine Weile schweigend. "Weißt du, Numa", spottete jetzt
+der Feldherr, "daß mich neulich ein Astrologe besucht und mir das
+Horoskop gestellt hat? Er schätzte mich auf sechzig Jahre, ich fand
+das wenig."
+
+Der Greis seufzte.
+
+Wieder wandelten sie wortlos. Vor der schmalen Pforte der Burg
+beurlaubte Pescara den Alten. "Meine Feldherrn erwarten mich, Numa,
+ich habe sie auf diese Stunde beschieden." Da beschlich ihn noch ein
+Mitleid mit den guten braunen Augen und dem zahnlosen Munde, und er
+sagte freundlich: "Fürchte nichts, Numa. Ich werde dein Italien
+nicht mißhandeln, ich werde gerecht und milde verfahren."
+
+In seinem Vorsaale fand der Feldherr den Herzog von Bourbon und Leyva
+sich gegenüberstehen, zwischen ihnen Del Guasto, als ob er sie
+auseinanderhielte, und dann noch einen vierten, der in einer
+Fensterbrüstung lehnte. Dieser war ein vornehmer Mann in Jahren,
+halb Mönch, halb Weltmann, mit einem bronzefarbenen Kopfe und tiefen,
+unergründlichen Zügen, in einen kuttenähnlichen weißen Mantel gehüllt.
+Wie Pescara ihn erblickte, schien der Feldherr leicht zu schaudern,
+ging aber auf ihn zu und begrüßte ihn.
+
+"Was verschafft mir die Ehre, Moncada?"
+
+Der andere erwiderte: "Erlaucht, ich bin in Sendung und ersuche im
+Namen des Vizekönigs um eine Unterredung."
+
+"Ich gewähre sie", versetzte der Feldherr, "aber ich bitte Eure Gnade,
+sich kurz zu fassen am Vorabende des Feldzugs."
+
+"Eine geheime Unterredung."
+
+Pescara besann sich. "Eine geheime? Nicht, Ritter. Geschäftliches
+würde ich diesen zwei Herrschaften, meinen Kollegen, nicht
+vorenthalten. Ersparet mir die Mühe. Mein Neffe hier ist
+verschwiegen. Was ist Euer Auftrag? Sprechet, Ritter!" Er bot
+Moncada keinen Stuhl.
+
+Dieser musterte die anwesenden Gesichter. "Nach Eurem Willen", sagte
+er. "Erlaucht, der Vizekönig ist in tiefster Besorgnis. Die
+italienische Liga ist eine Thatsache, an welcher Erlaucht nicht
+zweifelt, da Sie durch Leyva den Vizekönig um Truppen ersuchen ließ,
+welche dieser freilich nicht entbehren kann, selbst ihrer bedürftig,
+um im Falle des ausbrechenden Krieges eine ehrfürchtige, aber
+drohende Bewegung gegen die irregegangene oder mißleitete Heiligkeit
+zu machen. Erlaucht gibt zu, daß unsere Heere im Süden und Norden
+der Halbinsel zusammenwirkend in denselben Plan eingreifen müssen.
+In diesem Sinne sendet mich der Vizekönig, Euch zu begleiten und ihn
+auf dem laufenden zu halten. Genehmigt Erlaucht?"
+
+Der Feldherr bejahte, seinen Unmut niederkämpfend.
+
+"Ein anderes", fuhr Moncada fort. "Ich bedaure, daß Ihr mich nicht
+geheim empfangen habet, aber ich ergreife den Augenblick. Es wird
+gewünscht in Madrid, daß Erlaucht, wenn Sie Mailand erobert haben
+wird, dort zum Heile der Monarchie, und um das Übel mit der Wurzel
+auszurotten, streng und durchgreifend verfahre. Es wird geraten: der
+abtrünnige Herzog werde in Ketten gelegt und nach Spanien gesendet;
+der trotzige lombardische Adel verliere seine Güter und besteige das
+Schafott; starke Besatzung und schwere Kriegssteuer bändige den
+Bürger; der Schrecken herrsche in Mailand!" Er suchte in der Miene
+des Feldherrn zu lesen.
+
+Dieser stand ruhig. "Der Schrecken?" wiederholte er. "Niemals,
+solange ich lebe und meinem Kaiser diene! Mailand ist Reichsgebiet,
+und der Kaiser will nicht, daß das Reich mißhandelt werde. Wer
+wünscht? Wer rät? Verschonet mich mit Räten und Wünschen, Moncada,
+ich brauche sie nicht."
+
+"Hat der Herzog um Aufschub gebeten?" fragte Moncada mißtrauisch.
+
+"Nein, Ritter."
+
+"Durch seinen Kanzler?"
+
+"Der Kanzler der Hoheit von Mailand bewohnt seit heute diese Burg.
+Eure Gnade kann ihn sprechen und sich bei ihm selbst erkundigen, Sie
+wird ihm damit ein Vergnügen machen, denn ich fürchte, daß er sich
+langweilt."
+
+"Erlaucht hat ihn nicht empfangen? Keine Neugierde läßt mich fragen,
+sondern das Interesse der königlichen Sache, welcher wir alle hier
+dienen."
+
+"Ich habe den Kanzler gesprochen, heute morgen, zwei Stunden."
+
+Diese Aufrichtigkeit setzte Moncada in Erstaunen, aber sie sagte ihm
+nichts Neues. Er war durch die spähenden Ohren, welche er unter dem
+Gesinde Pescaras besoldete, von der Ankunft und der Audienz Morones
+genau unterrichtet.
+
+"Eine lange Beredung, da doch allein von der Unterwerfung des Herzogs
+die Rede sein konnte."
+
+Pescara schwieg. Geheimer Abscheu, so schien es, verbot ihm, den vor
+ihm Stehenden nur eines Wortes zu würdigen über das Nötige hinaus.
+
+"Ich wundere mich", sprach Moncada weiter, "daß Erlaucht nicht kurz
+abgebrochen, und ich erstaune, daß Sie diesen Niederträchtigen
+überhaupt empfangen hat, jetzt, da jene Verleumdungen über Erlaucht
+Italien erfüllen."
+
+"Nicht weiter! Jedes Wort wäre eine Beleidigung und ein Zeitverlust!
+Ich habe diese Lügen meinem Kaiser berichtet. Das genügt. Ich
+kenne meine Feinde..."
+
+"Weise. Und ebenso weise, wenn Erlaucht Ihrer Unterredung mit Morone
+unverdächtige Zeugen gegeben hätte."
+
+"Das geschah", erwiderte Pescara verächtlich. "Diese Herrschaften
+hier." Bourbon und Del Guasto nickten. "Was aber den Inhalt der
+Unterredung betrifft, nach welchem Ihr neugierig zu sein scheinet, so
+werdet Ihr ihn der Antwort entnehmen, welche ich in Eurer Gegenwart,
+wenn Ihr es wünscht, dem Kanzler morgen zu geben gewillt bin, bevor
+er meinem Heerzug als ein Gefangener folgen wird. Hier in diesem
+Saale. Nun aber lasse ich Euch." Und er entfernte sich in sein
+inneres Gemach, wohin die drei andern ihm folgten.
+
+Moncada stand allein. "Eine Maske", überlegte er, "eine durchdachte
+Maske. Welch ein Antlitz verbirgt sie?... Ich werde es wissen...
+Du entrinnst mir nicht, ich umschwebe dich, Pescara!" Er ging
+langsam weg in streitenden Gedanken.
+
+Während die drei Feldherrn drinnen den Krieg vorbereiteten, blieb der
+Vorsaal eine Weile leer und unbehütet. Der Page Ippolito hatte sich
+zu der Herrin hinübergeschlichen, deren Ankunft er belauscht hatte
+und deren Schönheit und Leutseligkeit er kindlich bewunderte. Er
+brannte, sie zu begrüßen und ihr seine Dienste zu bieten. Dann aber
+bevölkerte sich der feierliche Saal mit einer lustigen Gesellschaft.
+Die fünf silbergrauen Windspiele des Konnetabel, närrische, noch ganz
+junge Tiere, hatten irgendeinen unbewachten Eingang in das Schloß
+gefunden und beschnoberten jetzt die Spalten der Türe, hinter welcher
+sie ihren Herrn vermuteten. Diese Rasse war Modesache. Nun kam auch
+der Windhund des Marchese, ein edles Tier und ein unermüdlicher
+Läufer, zu sehen, was es gebe, und war nicht sehr erbaut von dieser
+leichtsinnigen Sippe, die ihm nicht in diesen ernsten Raum zu gehören
+schien und der er knurrend sein Mißfallen kundgab.
+
+Siehe, da erschien noch ein zartes, zierliches Windspiel, ein
+schneeweißes Geschöpf von den feinsten Formen, das auf schimmerndem
+Silberhalsband die Inschrift trug: "Ich gehöre der Victoria Colonna."
+Zuerst mit Freude und Bewunderung empfangen, wurde das schmucke
+Spielzeug bald zu einem gejagten und gehetzten Wilde, hinter welchem
+die ganze jugendliche Meute kläffend im Kreise herumfuhr. Da kam der
+Page hereingesprungen, nahm das Eigentum der Herrin, welche ihn
+danach gesendet haben mochte, in die Arme und flüchtete es aus dem
+Tumulte, die wilde Jagd hinter sich ziehend, den besonnenen Läufer
+des Pescara ausgenommen. In demselben Augenblicke trat Leyva aus dem
+innern Gemache und beschleunigte die allgemeine Flucht, indem er dem
+hintersten Hündchen des Konnetabel einen Tritt versetzte, daß es
+winselnd durch die Luft flog.
+
+Der ergraute Feldherr hatte einen zornroten Kopf und ließ sich von
+Pescara, der ihn geleitete, kaum mehr an der Hand zurückhalten.
+"Leyva", sagte der Marchese, "ich bitte Euch, bleibt! Beherrschet
+Euch! Ich kann Euch nicht zwingen, gegen den Herzog gerecht zu sein,
+aber beobachtet wenigstens die Formen! Der Herzog benimmt sich
+musterhaft gegen Euch, mit tadelloser Courtoisie, Ihr aber zoget ihm
+die grinsende Miene eines Bauers, und jetzt lauft Ihr weg, ehe unsere
+Beratung geschlossen ist. Das ist kein Betragen, wie es sich für
+Eure Stellung und Euer Verdienst geziemt." "Ich konnte den Verräter
+nicht länger ertragen, Pescara! Mit jeder Miene, jeder Bewegung hat
+mich der Hochmütige beleidigt! Nichts als Hohn! Seine Kälte
+verachtet mich, und seine Verbeugungen spotten meiner. Ich möchte
+wissen, woher er das Recht nimmt, auf mich herabzusehen. Ich stehe
+über ihm, trotz seiner hohen Geburt, denn meine Ehre ist rein, und
+ich bin ein treuer Knecht meines Königs, den seinigen aber hat er
+verraten! Er ist gezeichnet und sein glattes Gesicht garstiger als
+meine Wunde hier! Doch nicht alle Fürsten verachten mich, es gibt
+deren, die meinen Wert kennen. So dieser verständige Moncada, mit
+dem ich gereist bin. Der wenigstens hat mich seines Vertrauens
+gewürdigt."
+
+Pescara wurde sehr ernst. "Leyva", sagte er, "Ihr gebet mir die
+Genugtuung, daß ich Euch immer für voll genommen habe. Ich frage
+nicht nach der Geburt, sondern ich nehme den Menschen, wie ich ihn
+erprobe. Habet Ihr mich je hochmütig gesehen oder kleindenkend
+erfunden? Du hast nichts gegen mich, Alter", sagte er zutraulich,
+"wir kennen uns." Er suchte mit den hellen grauen Augen die des
+Mitfeldherrn, der sie ihm aber, den Kopf senkend, hartnäckig entzog.
+"Nichts", murrte Leyva, "außer daß Ihr Freundschaft haltet mit dem
+andern. Doch ich habe Eile: Erlaucht schickt mir die Instruktionen
+nach. Ich besitze dergleichen gerne schriftlich. Leyva tut seine
+Pflicht. Zählt darauf!"
+
+Der Feldherr ließ ihn gehen und streichelte nachdenklich den feinen
+Kopf seines Windspieles, das ihm denselben in die Hand zu legen
+gekommen war.
+
+Dann trat er in sein Gemach zurück, wo er Bourbon und Del Guasto in
+einem aufgeregten Gespräche fand, wohl über den Kanzler, denn sie
+deuteten mit den Blicken in der Richtung der Turmgemächer. Der
+Feldherr lächelte. "Herrschaften", sagte er, "Ihr habet heute morgen
+eine wunderbare Rede belauscht und--noch wunderbarer--diese Rede hat
+mich nicht verführt, aber Euch, meine Zeugen. Meine Treue blieb fest,
+und die Eurige wurde erschüttert, wie ich glaube: ein Triumph, den
+der Kanzler nicht beabsichtigte, der ihm aber schmeicheln darf."
+
+Jetzt wendete er sich mit veränderter Miene gegen Del Guasto: "Don
+Juan, ich sah Eure Augen habgierig nach Beute flammen. Danket es mir,
+daß ich Euch nicht zu Worte kommen und Euern Herrn, den Kaiser,
+verraten ließ. Denn gerade Ihr, Don Juan, müsset der Majestät
+unverbrüchliche Treue halten, wenn Ihr nicht ein Verbrecher werden
+wollet. Treue am Fürsten ist die einzige Tugend, deren Ihr zur Not
+fähig seid, und der letzte Ehrbegriff, der Euch übrigbleibt. Sie
+wird Eure Unerbittlichkeit adeln, wenn Ihr dieselbe gegen Abfall und
+Empörung ausübet, und Eure grausamen Triebe werden der irdischen
+Gerechtigkeit dienen. Nehmet das als meinen wohlgemeinten Rat, und
+nun gehet und vermeidet heute die Augen Donna Victorias. Euer
+Anblick ist ihnen verhaßt, sie können einen Mörder nicht ertragen."
+
+"Einen Mörder?" Don Juan lehnte sich auf.
+
+"Einen Mörder. Kennet Ihr Euer Opfer noch nicht? Ich nenne es Euch:
+es ist Julia, die Enkelin meines Numa Dati, gestorben in Rom am
+gebrochenen Herzen, und Ihr seid es, der sie umgebracht hat. Ihr
+geschah wohl, aber das mindert Euren Frevel nicht im geringsten.
+Fürchtet nicht, daß sie Euch erscheinen werde, sie ist versenkt in
+die Ruhe und überläßt Euch den Furien Eurer Seele, zu früher oder
+später Reue."
+
+Del Guasto erbleichte, und sein Haar sträubte sich wie ein Gewirr von
+Schlangen. Nicht seine That erschreckte ihn, aber der furchtbare
+Richterernst des Feldherrn, dessen vernichtende Strafgewalt von
+jenseits des Grabes zu kommen schien. Er entwich bestürzt vor den
+Blitzen dieses Auges.
+
+"Familienangelegenheiten", bemerkte Bourbon. "Aber weißt du,
+Ferdinand, daß der Kanzler mich mehr, als du denkst, begeistert hat?
+Trotz seiner Schmähungen--er ist der einzige, dem ich nichts
+übelnehme--war er auf dem Wege, mich völlig zu betören, oder vielmehr,
+du hast mich betört, da du sagtest, ich sei dein Alterego und du
+würdest mir Mailand geben. Du hast dich über mich lustig gemacht,
+und ich Stumpfsinniger habe den Spaß nicht verstanden."
+
+"Vergib, Karl! Ich war neugierig, ob der Kanzler seinem Herzog Treue
+hielte. Aber glaube mir, Karl, auch dir bleibt nichts als die Sache
+des Kaisers. Der Niedergang Italiens ist unaufhaltsam, es unterhöhlt
+sich selbst. Besieh dir doch die Sache: Italien bietet sich mir
+flehend und bedingungslos, mit einem Schein von Wahrheit und Größe,
+und zugleich zieht es mir mit vollendeter Tücke den Boden unter den
+Füßen weg, um mich zum Sprung über den Abgrund zu zwingen. Ich
+begreife bei solchen Gerüchten und Verleumdungen, daß mir Madrid
+einen Aufseher und Belauscher sendet. Aber warum meinen Feind?
+Warum Moncada? Zwar er wird mir nichts anhaben, und ich werde mein
+Tagewerk zu Ende bringen, und dir, Karl, werde ich geben, was ich
+kann, mein Amt und meine Nachfolge... Nicht wahr, Karl, du bist
+gerecht in Italien? Du quälst es nicht? Du drückst es nicht über
+das Maß? Das gelobst du mir. Obwohl sie es nicht um mich verdient
+haben. Ich kenne dich: du gehst menschlich mit ihnen um."
+
+"Ausgenommen mit dem Heiligen Vater, der schlecht von mir gesprochen
+hat. Aber, Ferdinand, was redest du? Du erschreckst mich! Wir sind
+gleichen Alters, und eine Kugel kann mich vor dir oder uns beide
+zusammen niederstrecken. Dieser Moncada ist über dich gekommen wie
+ein Frost, ich sah dich zusammenschauern. Was liegt zwischen Euch?"
+
+Jetzt ging die Sonne unter, und es klopfte leise an der Türe. Der
+eintretende Ippolito wendete sich flehend gegen seinen Herrn:
+"Erlaucht lasse Madonna nicht warten. Die Tafel drüben ist gedeckt,
+und Madonna steht harrend auf der Terrasse, wenn sie nicht die Stufen
+herabsteigt."
+
+"Gehe, mein Kind, und sage ihr, ich komme."
+
+"Das tue ich nicht", versetzte Ippolito mit anmutigem Trotze, "sonst
+läßt sich Erlaucht mit Hoheit wieder in ein endloses hochpolitisches
+Gespräch ein, und die süße Frau wird vergessen."
+
+Der Feldherr litt den Knaben neben sich, und die Unterhaltung mit dem
+Herzog fortsetzend, um dessen Schulter er vertraulich den Arm
+geschlungen hatte, bediente er sich der spanischen Sprache, von
+welcher er wußte, daß sie von dem Pagen nicht verstanden wurde. "Was
+zwischen mir und Moncada liegt, Karl? Etwas Entsetzliches, ein
+Verdacht, der für mich eine Wahrheit ist, für welchen ich aber keinen
+Beweis habe als meine Überzeugung. Ich glaube, ja ich bin gewiß:
+dieser Mensch hat meinen Vater umgebracht." Er glättete die Locken
+des Kindes, das mit unschuldigen Augen zu ihm emporblickte.
+
+"Es war nach der Wende des Jahrhunderts und ich wie dieser hier,
+jedenfalls nicht älter. Mein Vater, ein guter Feldherr und ein
+besserer Mann als ich, ein treuherziger Mann, ging in Sendung des
+damaligen Vizekönigs, des großen Gonsalvo, der später den spanischen
+Undank so grausam erfuhr, nach Barcelona, wo der alte Ferdinand eben
+hofhielt. Dort erblickte er den letzten Sprossen unsers
+neapolitanischen Fürstenhauses, jenen unglücklichen Jüngling, der
+unter dem argwöhnischen Auge Ferdinands welken mußte, mit einem
+unfruchtbaren Weibe verheiratet. Arglos und unklug, wie der Vater
+war--ich sage dir, es gab keinen schlichtern Mann--, ließ er sich mit
+dem entthronten Prinzen in ein teilnehmendes Gespräch ein und
+besuchte ihn dann zuweilen im Palaste. Das reichte hin, ihn dem
+Könige verdächtig zu machen, und dieser Verdacht genügte, um ihm das
+Leben abzusprechen.
+
+Ich erzähle dir die Sache, wie ich sie nachher erforscht und
+zusammengebracht habe, da, bei reiferm Verstande und erlangter
+Menschenkenntnis, die Vergangenheit Sinn und Bedeutung für mich
+gewann. Es ist höchst wahrscheinlich, daß der König selbst sein
+Opfer bezeichnete, wenn auch nur mit einem halben Wort oder einer
+kurzen Gebärde. Die Ausführung seines geheimen Spruches aber
+übernahm ein junger Mensch, den er um sich hatte und von dem es hieß,
+daß er sein natürlicher Sohn sei. Der junge Moncada, kein anderer,
+begegnete meinem Vater, der von dem Prinzen zurückkam, in einer
+Galerie des Schlosses und stieß ihn nieder. Kein Zweikampf, sondern
+ein Meuchelmord, denn die Rechte des Vaters war durch eine alte
+Verwundung gelähmt. Und Pescara fiel unschuldig, so wahr ich dich
+umschlungen halte, denn nichts lag dem Redlichen ferner als Intrige
+und Verschwörung. Ist das nicht verrucht? Und vielleicht glaubte
+der junge Moncada eine Pflicht zu erfüllen und als guter Christ zu
+handeln, da er dem Wink einer Königsbraue gehorchte. Ist das nicht
+abscheulich? Wäre so etwas bei euch möglich, Karl?" "In Frankreich?
+Je nachdem. Doch nein, so einfach nicht."
+
+"Nach Jahren, da ich meine ersten Sporen verdient hatte, treffe ich
+den Moncada im Zelte meines Feldherrn und Schwiegervaters, des
+Fabricius Colonna. Er umarmt mich, nennt mich seinen jungen Helden,
+den aufgehenden Stern und die Hoffnung Spaniens, und sein Blick
+gleitet mit ruhiger Beobachtung über meine Züge. Er versichert mir,
+ich gleiche meinem Vater, den er gekannt habe, und das Blut erstarrt
+mir in den Adern, denn ich hatte die Gewißheit, daß mich der Mörder
+Pescaras liebkosend in den Armen halte."
+
+"Du ließest ihn gehen?"
+
+"Am Abende jenes Tages ging ich, ihm das Leben zu nehmen oder ihn das
+meinige nehmen zu lassen. Er war verschwunden. Ich konnte ihn nicht
+verfolgen. Wo hätte ich die Zeit dazu genommen, immer im Zelte und
+in der Mitte der Entscheidungen, wie ich lebte? Aber der Geist des
+gemordeten Vaters folgte mir überall.
+
+Später erfuhr ich, der Verhaßte habe sich in irgendeine Kartause
+geworfen, um eine Sünde zu büßen. Dann ist er jenseits des Meeres,
+in Kuba, wieder aufgetaucht, wo ihm König Ferdinand reiche
+Besitzungen verlieh, und hat den kühnen Cortez nach Mexiko begleitet.
+Ich denke, um den ehrgeizigen Eroberer zu überwachen: denn Moncada
+lebt in den Gedanken und Plänen seines Vaters und ist im
+Zusammenhange mit jener fanatischen spanischen Partei am kaiserlichen
+Hofe, welcher die Burgunder und Niederländer glücklicherweise die
+Waage halten. Über das Meer zurückgekehrt, hat er sich ein Verdienst
+daraus gemacht, durch sein verborgenes Wirken Neuspanien der Krone
+erhalten zu haben, und steht in halb gefürchtetem Ansehen, auch bei
+dem Kaiser, seinem Neffen. Jetzt ist er in Italien, um mich zu
+unterjochen oder zu verderben. Das ist Moncada."
+
+"Weißt du, Ferdinand", sagte Bourbon, der aufmerksam gelauscht hatte,
+"ich hätte dir längst gern einen Gefallen gethan. Räche ich dir den
+Vater und schaffe dir zugleich den Feind vom Halse? Nicht durch
+Meuchelmord, das ist nicht meine Art, sondern in geregeltem Duell, zu
+welchem ich schon einen Anlaß finde. Ich gefährde mich nicht, denn,
+ohne dir nahezutreten, du gibst zu: wir Franzosen fechten besser als
+ihr Spanier. Du bleibst außer Spiel, und mich schützt meine
+fürstliche Geburt. Willst du? Ich bin zu deiner Verfügung."
+
+Da antwortete Pescara mit fast verklärten, bläulich schimmernden
+Augen: "Nein. Es ist zu spät. Ich denke jetzt anders und gebe den
+Mörder der ewigen Gerechtigkeit."
+
+Bourbon blickte erstaunt. Pescara aber nahm Ippolito an der Hand und
+sagte: "Nun dürfen wir Madonna Victoria nicht länger warten lassen."
+
+Er gab dem Herzog den Vortritt. Auf der Wendeltreppe fragte er den
+Knaben: "Die Herrin ist dir schon so lieb, die du heute zum ersten
+Male gesehen hast?"
+
+"Sie war gleich so gütig", erwiderte Ippolito, "und ihr sah die
+Schwester ähnlich, die ich jetzt nicht mehr sehen soll"--helle Zähren
+rieselten ihm über die Wange--"weil sie, wie mir der Großvater
+erzählte, in einem römischen Kloster ist und dort die Gelübde
+abgelegt hat. Und sie war sonst so fröhlich, die Julia, aber
+freilich, in der letzten Zeit ist sie sehr still geworden. Wie mag
+sich die Schwester so jung begraben!" Er sagte das, während sie ins
+Freie traten.
+
+"Ich flehe, mich der erleuchten Frau vorzustellen", bat der
+Konnetabel. "Jüngst fand ich, ein Buch öffnend, die Natur habe das
+Herrlichste gebildet und dann die Form zerbrochen, damit Victoria
+Colonna einzig bleibe. Ihr gönnet mir den Anblick?"
+
+Sie beschritten den langen Zypressengang, und jetzt gewahrten sie in
+einiger Entfernung einen bewegten Auftritt: eine vorwärts strebende
+weibliche Gestalt riß sich von einem Manne los, der ihr zu Füßen lag.
+In demselben Augenblicke schrie Ippolito: "Dort ist der böse
+Zauberer, er will der Herrin ein Leides thun!", und eilte
+spornstreichs Donna Victoria zu Hilfe, während der Kanzler von den
+Knien aufsprang und hinter einer Lorbeerhecke verschwand.
+
+Die Befreite eilte dem lächelnden Gemahl mit schnellen Füßen entgegen
+und mit einem so jungen und kräftigen Erröten, daß Pescara sie
+niemals schöner gesehen zu haben glaubte. Während ihr Gewand noch
+flog, sagte die nicht einmal außer Atem Gekommene. "Ein Flehender
+hat mich überfallen und beschworen, seine Sache bei Euer Erlaucht zu
+führen: er bittet, ihn nicht allzulange auf Bescheid harren zu lassen,
+da er sich in Zweifel und Erwartung verzehre."
+
+"Er hat seine Fürbitterin gut gewählt, Madonna", versetzte der
+Feldherr, "aber alles zu seiner Zeit. Jetzt gestattet, daß ich Euch
+die Hoheit Bourbon vorstelle."
+
+Victoria, lebhaft wie sie war, verbarg einen Ausdruck frauenhafter
+Teilnahme nicht.
+
+Der Herzog ließ nicht im geringsten merken, daß ihn der kniende
+Kanzler belustigt hatte. Er verneigte sich ehrerbietig und hielt
+sich fein und stolz aus Rücksicht für Pescara und im Bewußtsein
+seines schmachvollen Ruhmes, das ihn nie verließ. Er bewunderte die
+Schönheit Viktoriens, ohne sein dunkles Auge auf ihrem Antlitz oder
+ihrem Wuchse ruhen zu lassen. Er schmeichelte nicht, er streute
+keinen Weihrauch, sondern er sagte einfach: "Ich freue mich, Madonna
+Victoria zu erblicken, die Gattin meines Freundes, des Marchese, und
+huldige ihr nach Gebühr." Dann verwickelte er sie, zu ihrer Linken
+gehend, in ein leichtes und gefälliges, aber unbedeutendes Gespräch,
+und da sie ihn zur Tafel bat, bedankte er sich und schied unten an
+der Treppe des Landhauses mit ruhiger Höflichkeit. Victoria, so
+bescheiden sie war, hatte mehr erwartet, schon aus Gewöhnung, denn
+ihr pflegte von den Berühmtheiten der Zeit auf das übertriebenste
+gehuldigt zu werden. Doch sie verwand leicht und belächelte ihre
+Enttäuschung, mit dem Feldherrn die Stufen hinansteigend in der schon
+wachsenden Dämmerung.
+
+Die Mahlzeit war kurz, wie Pescara es liebte. Victoria ließ es sich
+nicht nehmen, selbst dem Gemahl die Speisen vorzulegen, er aber
+rächte sich beim Nachtisch. Zwischen Eis, Früchten und Naschwerk
+erblickte er eine von seinem Zuckerbäcker kunstvoll geformte
+Mandelkrone. "Siehe da", scherzte er, "etwas für meine ehrgeizige
+Victoria!" Er bot sie ihr, deren Herz zu pochen begann.
+
+Sie erhoben sich und betraten das Nebenzimmer, das eine schwebende
+Ampel gleichmäßig erhellte und in seinem noch frischen Schmucke
+schimmern ließ. An den Wänden liefen Kinder mit Blumenkränzen,
+während das Lattenwerk der Decke in seinen Feldern grau auf Goldgrund
+gemalte Heroenbüsten zeigte, eine willkürlich gewählte Gesellschaft,
+auf den vier ampelhellen Mittelfeldern: Äneas, König David, Herkules
+und Pescara. Das ganze Gerät war ein Ruhebette, dessen Rücklehne in
+ihrem Kastanienholze mit ausgebrochenen Lettern die Schrift trug:
+"Hier muß man plaudern."
+
+"Wie kommt es", fragte Victoria, sich neben Pescara niederlassend,
+"daß mir der Konnetabel trotz seiner feinen Art einen unangenehmen
+Eindruck macht, daß er mich--geradeheraus gesagt--abstößt?"
+
+"Der Arme!" scherzte Pescara. "Mars und Muse, Rauheit und Anmut, der
+garstige Leyva und die schöne Victoria fühlen sich gleicherweise von
+dem Kapetinger beleidigt, der sich doch gegen beide unsträflich
+benommen hat, wie ich bezeugen kann. Da muß sich etwas zwischen ihn
+und jeden andern, wer es sei, einschleichen, und ich glaube wohl,
+dieser entstellende Dunst und verhäßlichende Nebel ist sein Verrat
+oder welchen Namen man dem Abfall von seinem Könige geben will."
+
+Eine leichte Blässe überzog das Antlitz Victorias.
+
+"Verrat..." Pescara dehnte die zwei Silben des Wortes. "Es ist
+begreiflich, daß ein edles Weib diese Sünde verabscheut. Ob ich
+meinem Fürsten Treue breche oder meinem Freunde oder meinem
+ahnungslosen Weibe oder selbst meinem Mitschuldigen, alles das sind
+Spielarten derselben Gesinnung... Schon dein finsterer und großer
+Dichter, aus welchem du deine Seele erneuerst, wertet den Verrat als
+die schwerste Schuld, da ja in seiner Giudecca sein Zerberus oder
+Luzifer in jedem der drei Rachen einen Verräter zermalmt. Den ersten
+weiß ich: es ist jener, der den Heiland geküßt hat. Wer aber sind
+die zwei andern: die, welche Luzifer an den Füßen gepackt hält und
+die das Haupt nach unten schweben? Das ist mir in diesem Augenblicke
+nicht erinnerlich. Sprich doch die Stelle, du weißt ja die hundert
+Gesänge auswendig." Victoria rezitierte:
+
+"Degli altri due, ch' hanno il capo di sotto,
+Quel, che pende dal nero ceffo, è Bruto:
+Vedi come si storce, e non fa motto:
+E l'altro è Cassio, che par sì membruto*1*)."
+----------------
+Hier windet Brutus sich mit festem Schweigen,
+Und aus dem dritten Maul hangt Cassius nieder,
+An dessen Leib sich alle Muskeln zeigen.
+----------------
+
+
+Behaglich plauderte der Feldherr weiter: "Dieser schweigend sich
+windende Brutus ist gut, doch--mit der schuldigen Ehrfurcht--den
+dürren Cassius, dessen Magerkeit Julius Cäsar fürchtete, wie kann ihn
+Dante muskulös nennen? Überhaupt, Victoria, wie gefällt dir diese
+Speise des Zerberus?"
+
+Da antwortete Victoria tapfer: "Herr, die Mörder Cäsars gehören nicht
+in die Hölle. Hier tadle ich meinen Dichter."
+
+"Beileibe nicht!" neckte Pescara. "Und doch, brav, meine Römerin!
+Treue ist eine Tugend, aber nicht die höchste. Die höchste Tugend
+ist die Gerechtigkeit." So schaukelte Pescara sein Weib über dem
+Abgrund und dem Geheimnis seiner Seele und hinderte sie, Fuß zu
+fassen, die mit dem ganzen Ungestüm ihres Wesens Boden suchte, den
+Sieg erstrebend, den zu erringen sie nach Novara geeilt war. Auf
+immer neuen Wegen verfolgte sie das Ziel, von welchem Pescara sie
+ferne hielt. Jetzt hatte sie die Eingebung, den größten lebenden
+Patrioten Italiens zu Hilfe zu nehmen.
+
+"Ich mußte mich immer wundern, Pescara", sagte sie, "daß du, wie du
+bist, unter unsern Bildnern und Dichtern die lieblichen den
+gewaltigen vorziehst, den Ariost und Raffael dem erhabenen Dante und
+seinem späten, aber ebenbürtigen Bruder, dem Buonarotti--du selbst
+aber bist eine tiefe und verborgene Natur."
+
+"Ebendarum, Victoria, wenn ich es bin. Die Kunst ist eine Ergötzung.
+Was aber deinen Michelangelo angeht, so mache mich nur nicht
+eifersüchtig auf den Zyklopen mit dem zertrümmerten Nasenbein, da du
+ihn so sehr bewunderst."
+
+Victoria lächelte. "Ich habe sein Angesicht nie gesehen und kenne
+nur seine Sistine."
+
+"Die Propheten und Sibyllen? Diese habe ich vor Jahren auch
+betrachtet und aufmerksam, doch sind sie mir wieder verschwommen, bis
+auf ein paar Einzelheiten. Zum Beispiel der Mensch mit gesträubtem
+Haar, der vor einem Spiegel zurückbebt--"
+
+"Worin er die Drohungen der Gegenwart erblickt", ergänzte sie erregt.
+
+"Und dann die Karyatide, von einer ungeheuren Last zusammengedrückt,
+das kurze, viereckige, jammervolle Geschöpf! Das häßlichste Weib
+ohne Frage, wie du das schönste bist--"
+
+"Eine Vergewaltigte, eine Unterjochte, eine Sklavin--"
+
+"Nun tauchen mir auch die Propheten wieder auf: der kahle Sacharja,
+oder wer es sein mag, ein Bein oben, eines unten, der scheltende
+Hesekiel im Turban, Daniel schreibend, schreibend, schreibend. Auch
+die Sibyllen: die gekrümmte Alte mit der Habichtsnase, die glimmenden
+Augen in ein winziges Büchlein vertieft, mit der Nachbarin, die sich
+Öl in die erlöschende Ampel gießen läßt, und, die schönste von allen,
+die Jugendliche mit dem delphischen Dreifuß. Alles in rasender
+Tätigkeit. Was soll dieser Sturm? Was predigen und weissagen diese?"
+
+Da rief Victoria in flammender Begeisterung, als säße sie selbst im
+Rate der Prophetinnen: "Sie bejammern die Knechtschaft Italiens und
+verkündigen den kommenden Retter und Heiland!"
+
+"Nein", urteilte Pescara streng, "die Stunde des Heils ist vorüber.
+Nicht Gnade verkündigen sie, sondern das Gericht."
+
+Victoria erbebte, aber schon wieder war der strafende Ernst aus den
+Zügen Pescaras gewichen. "Verlassen wir jene prophetische Kapelle",
+sagte er schmeichelnd, "und eine Kunst, die erschreckt und
+erschüttert. Mich aber darfst du nicht gemeint haben, da du von
+einem Heiland Italiens sprachest, obwohl ich freilich die Seitenwunde
+schon besäße", schloß er mit einem jener herben Scherze, welche ihm
+eigentümlich waren.
+
+Die ganze Zärtlichkeit Viktoriens überquoll, da Pescara jene Wunde
+nannte, welche ihre Tage und Nächte beschäftigt hatte, bis er ihr
+schrieb, sie habe sich geschlossen. Das liebende Weib umschlang ihn
+mit der Linken, und mit der Rechten strich sie ihm die rötlichblonden,
+vorne leicht gelockten Haare tief in die Stirn, so daß er im
+Ampellicht und in ihrer wonnigen Nähe ein ganz jugendliches Ansehen
+gewann.
+
+Da überkam sie eine Erinnerung an einen zusammen verlebten, nicht
+allzufernen Tag. Es war in der Nähe von Tarent, auf einer ihrer
+Besitzungen. Dort hatten sie, freilich erst nach dem völligen
+Untergang einer sengenden Erntesonne, unter dem verglühenden
+Abendhimmel neben ihren noch rüstigen Schnittern zur Sichel gegriffen
+und sich jedes seine Garbe gebunden. Wieder sah sie den Feldherrn
+lässig auf der seinigen liegen, während sie die Schnittermädchen,
+leicht improvisierend, eine neue Kantilene lehrte nach dem Muster der
+dort im Süden gebräuchlichen, die dann das junge Volk bis in die
+Nacht zu wiederholen nicht müde wurde. Jenen Abend brachte sie jetzt
+dem Feldherrn ins Gedächtnis.
+
+Es freute ihn. "Weißt du jenes Liedchen noch?" fragte er.
+
+"Wie sollte ich?"
+
+"Nun, es gab da einen Reim: Schnitter und Zither. Sonst sagte das
+Liedchen nichts weiter, als daß, wie auf dem Felde, auch im Himmel
+gesungen und die Garbe getragen werde. Das bescheidene Liedchen
+klingt vielleicht noch im Munde des Volkes, wenn ich und später auch
+du längst verstummt sind, und, aufrichtig, es gefällt mir besser als
+ein mir neulich übersendetes Sonett, in welchem du feierlich zu mir
+redest. Ruhig, Victoria! Es ist nicht von dir. Ich weiß, daß es
+nicht von dir ist."
+
+Sie loderte vor Zorn. "Wer erkühnt sich", rief sie aus, "meine Maske
+zu nehmen und in meinem Namen zu dir zu reden? Wer ist der Freche?
+Wo ist das Machwerk, daß ich es zerreiße!"
+
+"Oh, das wäre schade. Es sind Verse, die dir keine Schande machen.
+Hier." Der Feldherr zog ein Blatt aus dem Busen. Sie entriß es ihm
+und trat unter die Ampel. Mit wogender Brust und hastigen Lippen
+begann sie:
+
+"Victoria an Pescara.
+
+Ich heiße Sieg, Pescara, und ich kröne
+Mit Lorbeer deine Schlachten und Gefechte,
+Doch wehe mir, wenn ich die Heimat knechte,
+Mißbrauchend meines Namens stolze Töne.
+
+
+Da ich mich dir vermählt in Jugendschöne,
+Aus Römerblut und fürstlichem Geschlechte,
+Gab ich dir in Italien Bürgerrechte
+Und brachte dir die Liebe seiner Söhne.
+
+
+Ich komme, Lohn zu fordern für ein Leben,
+Nur dir geweiht in hellem Opferbrande!
+Mein Held, was wirst du deinem Weibe geben?
+
+Ich weiß die Geister, welche dich umschweben!
+Zerschneidend mit dem Schwert Italiens Bande,
+Belohnst du mich mit meinem Vaterlande!"
+
+
+Nie verwandelte sich eine Stimmung seltsamer unter dem Eindruck eines
+Gedichtes: unmutig hatte die Colonna das Blatt ergriffen, bald
+besänftigte sie sich, dann sprach sie innig, und die letzten Zeilen
+jubelte sie hingerissen. Jetzt bekannte sie offen: "So bin ich und
+solches hoffe ich, wenn ich dieses auch nicht geschrieben habe!"
+
+Pescara blickte spöttisch. "Das Sonett", sagte er, "hat sich auf
+deinen Lippen wunderbar veredelt, aber es ist innerlich hohl und
+stammt aus einer niedrigen Seele. Liebe fordert keinen Lohn, Liebe
+gibt sich umsonst, Liebe rechnet nicht. Solches ist gemein. Nein,
+so kann Victoria nicht denken. Ein Mietling hat diese Verse gemacht,
+und ich weiß seinen Namen. Seine ungeheure Eitelkeit hat ihn
+gezwungen, die Maske frech zu lüften. Sieh her." Pescara wies mit
+dem Finger auf zwei winzige Buchstaben, ein P und ein A, in die
+untere rechte Ecke des Blattes gekritzelt. "Auch ein Göttlicher, wie
+er sich nennt! Ich sehe den Aretiner mit seinem Zeltgenossen, dem
+Giovanni Medici, dem zügellosesten Jüngling Italiens, weintriefend
+und witzereißend zusammensitzen und höre ihn lästern: 'Glaube mir,
+Hans, es ist kein leichtes, sich in die göttliche Victoria
+hineinzudenken!' Und ein faunischer Jubel. Der Aretiner lacht, daß
+er fast mit dem Stuhl überschlägt, er schüttelt sich, er lacht aus
+vollem Halse--"
+
+"Bräche er ihn, der Schamlose!" schluchzte Victoria; denn Petrus
+Aretinus und sein Wesen waren schon damals weltkundig.
+
+"Brav, meine Römerin!" begütigte Pescara. "In einem aber hat er
+recht, Geliebte: dein Vorname hat schon den Bräutigam begeistert. Es
+ist schön, mit dem Siege vermählt zu sein." Aber die Colonna
+verstand keinen Scherz mehr. Sie war in den Tiefen ihrer Seele
+aufgewühlt, in den Wurzeln ihres Wesens erschüttert, voller Tränen
+und zugleich voller Glut und Leidenschaft. "Doch in dem andern hat
+er unrecht!" redete sie heftig. "Ich weiß nicht, auf welchen Geist
+du lauschest, und mühe mich umsonst, in deinem Herzen zu lesen! Du
+spielst mit deinem Weibe! Du umarmst mich und du drückst mich weg!
+Hast du Grausamer mich doch nicht einmal meine Botschaft ausrichten
+lassen, die ich dir bringen wollte in dem Jubel meines Herzens!"
+
+"Weil ich sie erriet. Ich tadle den Heiligen Vater, mein edles Weib
+zur Dienerin mißbraucht und dir, der Wahrhaften, eine Botschaft
+aufgelistet zu haben, eine Botschaft seiner und deiner unwürdig,
+voller Lüge und Sophismen, welche ich, in den nächsten Tagen schon,
+ihn nötigen werde zu widerrufen und zu verleugnen. Die Heiligkeit
+gibt mir Neapel, wenn ich es erobere, und absolviert mein Gewissen,
+wenn ich es abstumpfe. Ich aber glaube nicht an ein solches Binden
+und Lösen, nicht in weltlichen Dingen, weder ich noch irgendein
+anderer mehr, und", sagte er höhnisch, "auch in geistlichen nicht.
+Das ist vorbei, seit Savonarola und dem germanischen Mönche."
+
+"Und mein Italien, das du wie ein Magnet anziehst, lässest du es an
+dir scheitern? Achtest du es für nichts? Verachtest du es?" schrie
+Victoria verzweifelnd.
+
+Der Feldherr erwiderte sanft: "Wie dürfte ich ein Volk verachten, das
+mir dich gegeben hat? Aber ich will dir nicht verhehlen: Italien
+redet umsonst, es verliert seine Mühe. Ich kannte die Versuchung
+lange, ich sah sie kommen und sich gipfeln wie eine heranrollende
+Woge und habe nicht geschwankt, nicht einen Augenblick, mit dem
+leisesten Gedanken nicht. Denn keine Wahl ist an mich herangetreten,
+ich gehörte nicht mir, ich stand außerhalb der Dinge."
+
+Victoria entsetzte sich. "Wie? Bist du kein Mensch? Bist du ein
+Geist ohne Fleisch und Blut? Betrittst du den Boden nicht, über den
+du wandelst?"
+
+"Meine Gottheit", antwortete er, "hat den Sturm rings um meine Ruder
+beruhigt."
+
+Da flehte Victoria: "Deine Gottheit?", und sie umschlang ihn mit
+beiden Armen, "ich lasse dich nicht, du nennest mir denn deinen Gott!"
+
+Pescara löste sich sachte und erwiderte mit schmerzlichen Augen:
+"Wenn du es verlangst, aber komm mit mir in den Garten, ich muß Luft
+schöpfen."
+
+Da sie auf die Terrasse traten, standen alle Sterne über ihnen, und
+drüben im alten Schlosse erblickten sie noch ein einsames Licht von
+irdischer Farbe. "Dort", sagte sie mitleidig, "ist der Kanzler
+schlummerlos und verzehrt sich in Angst und Hoffnung."
+
+"Ich glaube nicht", versetzte Pescara, "eher hat er sich mit einem
+Mutwillen oder einer Nichtswürdigkeit in den Schlaf gelesen, und
+seine niederbrennende Ampel leuchtet den Wänden." Er hatte es
+erraten. Nach qualvollen Stunden hatte sich Morone mit einem Catull
+eingeschläfert.
+
+Der Feldherr nahm seinen Weg nach dem Boskette mit den weißen
+Marmorbänken, wo er zu ruhen pflegte. Sie saßen unter dem dunkeln
+Laubdache, Hand auf Hand.
+
+Da flüsterte Victoria: "Nun rede!" Der Feldherr aber schwieg.
+
+Tritte nahten, und eine andere Bank füllte sich mit Geflüster.
+"Steht es wirklich so mit dem Feldherrn, Moncada? Ich habe Mühe, es
+zu glauben."
+
+"Auch ich glaube es noch nicht, Leyva, aber ich forsche. Erlange ich
+Gewißheit, so trete ich hervor, und wir handeln. Der König darf sein
+Heer in Italien nicht verlieren."
+
+"Ihr meint?"
+
+"Du ziehst deine Truppen zusammen, und wir verhaften ihn."
+
+"Er wird sich zur Wehre setzen."
+
+"Dann fällt er."
+
+"Und die Majestät?"
+
+"Besorge nichts, die Majestät bedarf unser, wir beherrschen sie.
+Verweigerst du mir deine Hilfe, so muß ich ihn durch eine gedungene
+Hand töten lassen. Kann ich auf dich zählen?"
+
+"Ihr dürft... eine schwere That..." Da zog ihn der andere fort. "Mir
+ist", sagte er, "ich habe hier atmen hören."
+
+Wirklich, die feuchte Nachtluft drückte den lauschenden Feldherrn und
+benahm ihm den Atem. Er keuchte leise. Jetzt sagte auch er: "Gehen
+wir. Tau fällt, und Verderben brütet in der Luft." Sie drängte sich
+an ihn.
+
+Drei Hornstöße ertönten, vom alten Schlosse her.
+
+"Ein Kurier. Ich werde heute noch zu lesen haben."
+
+"Ferdinand", flehte sie, "du bist umlauert. Du wirst dem Kaiser
+verdächtig. Du bist verloren! Wirf dich Italien in die Arme! Da
+ist dein Heil und deine einzige Rettung!"
+
+"Ich fürchte nichts", sagte er. "Der Weg ist dunkel, aber meine
+Zuflucht ist offen."
+
+Jetzt standen sie in der kleinen Halle des Landhauses, und Pescara
+weckte den auf einem Schemel schlummernden Ippolito. "Geh hinüber",
+befahl er, "und bringe, was eben angelangt ist." Dann sagte er zu
+Viktorien: "Ich meine, es ist von Madrid, vielleicht eine Zeile der
+Majestät selbst, die mir zuweilen schreibt, ohne das Wissen ihrer
+Minister. Ich bin doch begierig."
+
+Jetzt schlug die Turmuhr des alten Schlosses Mitternacht, müde und
+zitternd, mit so weit ausholenden Schlägen, daß je zwischen zweien
+ein Leben Raum zu haben schien. Der zwölfte Schlag--unwiderruflich.
+
+Ippolito kratzte an der Tür und brachte ein Paket, das der Feldherr
+öffnete. Es enthielt, neben einigen andern Briefschaften, einen
+Kaiserlichen Erlaß, welcher den Marsch auf Mailand guthieß und den
+Oberfeldherrn bevollmächtigte, in der genommenen Stadt durchaus nach
+seinem Ermessen und gemäß den Umständen zu verfahren.
+
+"Alles?" fragte Pescara.
+
+Da bog der Knabe ehrfürchtig das Knie, überreichte ein Briefchen,
+welches er dem Kurier mit Not abgerungen hatte, und entfernte sich.
+Es war überschrieben: "In die eigenen Hände des Marchese."
+
+"Vom Kaiser", sagte Pescara und öffnete. "Da, Victoria, lies vor.
+Er schreibt so kritzlig." Sie gehorchte. Es war nicht viel, wenige
+Zeilen, und lautete:
+
+
+"Mein Pescara!
+
+Ich bin es, der diese Vollmacht durchgesetzt hat gegen meine Minister.
+Ihr habet viele Feinde. Hütet Euch vor Moncada. Ich aber bin
+gläubig an Euch, denn ich habe für Euch gebetet und sah einen Engel,
+der Euch an der Hand hielt. Ich traue.
+
+Ich Euer König."
+
+
+Pescara lächelte mühsam. "Karl traut zu leicht", sagte er. "Das
+könnte ihn zu Schaden bringen mit einem andern, als ich bin.
+Aber--seltsam--er hat meinen Genius erblickt."
+
+"Jetzt nenne mir deine Gottheit!" flehte Victoria. "Ich beschwöre
+dich, Pescara, nenne sie mir!"
+
+"Ich glaube, da ist sie selbst", keuchte er heiser. Immer schwerer
+begann er zu atmen, er stöhnte, er ächzte, er röchelte. Ein
+furchtbarer Krampf beklemmte seine Brust. Er sank, mit der Hand nach
+dem gepeinigten Herzen langend, auf die Ottomane und rang nach Atem.
+Da kniete sich Victoria neben ihn nieder, hielt und stützte ihn mit
+ihren Armen und litt mit ihm. Sie wollte Ippolito rufen und den
+Knaben nach seinem Großvater, dem Arzte, schicken, er verbot es mit
+einer Gebärde. Endlich entschlummerte er, aufs tiefste erschöpft,
+nachdem Victoria geglaubt hatte, er stürbe ihr. Da sie sich der
+Tränen gesättigt, entschlummerte auch sie. Dann erlosch die Ampel.
+
+Als Victoria erwachte, lag ihr Haupt auf einem leeren Pfühle, und
+durch das geöffnete Fenster strömte die Morgenluft. Sie sprang auf,
+den Gatten zu suchen, und fand ihn, der die Terrasse auf und nieder
+schritt und den der Schlummer erfrischt und wie neu belebt hatte.
+Sie wurde ungläubig an den nächtlichen grausamen Kampf in ihren Armen,
+er war ihr wie ein Traum.
+
+Da begann Pescara: "Gestern, liebe Herrin, habet Ihr mich um den
+Namen meines Genius befragt, und mir bangte, ihn vor Euch
+auszusprechen. Endlich hättet Ihr mir mein Geheimnis fast entrissen,
+denn es ist schwer, einem geliebten Weibe etwas vorzuenthalten. Da
+erschien er selbst und berührte mich. Ihr kennet ihn nun, und der
+gefürchtete Name bleibe unausgesprochen. Keine Tränen! Ihr habet
+sie gestern vergossen. Sondern saget mir jetzt, wohin wünschet Ihr
+Euch zu begeben, während ich das Heer des Kaisers gegen Mailand
+führe?"
+
+"Wie konntest du es mir so lange verbergen, Ferdinand?"
+
+"Zuerst--nicht lange--verheimlichte ich es mir selbst... doch nein,
+ich wußte mein Los schon am Schlachtabend von Pavia. Mit jener
+blutigen Wintersonne bin ich untergegangen. Meines Zieles und meiner
+gezählten Tage gewiß, wie hätte ich die deinigen vorzeitig
+verfinstern dürfen? Du sagtest mir zuweilen, es sei grausam, eine
+süß Schlummernde zu wecken, und littest es nicht. Ich aber bin nicht
+grausam." "Du bist es", erwiderte sie, "sonst hättest du mich nicht
+so bitter getäuscht, sondern mich gerufen und dich von mir pflegen
+lassen."
+
+"Niemand durfte darum wissen", sagte er.
+
+"Und dein Arzt? Der mußte es wissen, und ich zürne ihm, daß er mich
+belogen hat, da ich an ihn schrieb und ihn beschwor, mir die Wahrheit
+zu sagen!"
+
+"Der arme Numa!" sagte der Feldherr. "Er ist schon unglücklich genug,
+daß er mich nicht heilen kann. Er riet mir damals eine lange Ruhe
+auf Ischia, ich aber sagte ihm: Es ist umsonst. Doch wozu dies
+alles?... Wohin gedenkst du zu gehen, Victoria?"
+
+"Nein, Ferdinand, sprich! Verheimliche mir nichts mehr!"
+
+"Es ist umsonst, sagte ich ihm, die Lunge ist durchbohrt und das Herz
+leidet. Friste mich, Numa! Ziehe mich hinaus, in den Sommer, in den
+Herbst, bis zu den ersten Flocken! So viel Zeit brauche ich, meinen
+Sieg zu vollenden. Und vor allem, sagte ich, halte reinen Mund!
+Niemand erfahre unser Geheimnis! Es würde die Kräfte des Feindes
+verdreifachen und mich und mein Heer verderben. Noch einmal,
+schweige! Ich will es! gebot ich ihm... Und ich habe das Leben
+geheuchelt, so gut, daß mir Italien den Brautring bot!" Er lächelte.
+"Und ich werde noch einmal zu Pferde sitzen! Du aber, Victoria,
+gelobst mir--doch kein Gelübde, du tust es mir zuliebe--, nicht
+ungerufen mir nachzueilen durch die Staubwolke meines Marsches und
+über blutgetränkte Felder. Auch würdest du dem Kriegsvolke zu
+spotten geben, nicht über dich, gut und schön wie du bist, sondern
+über den verhätschelten Feldherrn. Also du bleibst. Aber wo? Hier?"
+
+Victoria besann sich, trostloses Leid in den Zügen. Dann sagte sie:
+"Gestern, wie ich herritt, kam ich, schon im Weichbilde der Stadt, an
+einem kleinen Frauenkloster vorüber. Es heißt, wie ich erfuhr,
+Heiligenwunden. Dort will ich deines Rufes harren, Buße thun und für
+deine Genesung beten."
+
+"Für meine Genesung?" lächelte er. "Tue das. Auch wirst du dich in
+Heiligenwunden nicht langweilen; das Kloster, höre ich, hat herrliche
+Stimmen und ist berühmt wegen seines Chorgesanges. Reiten wir hin,
+bald, jetzt da es frisch und der Staub der Heerstraße noch nicht
+aufgewühlt ist." Er ging leichten Schrittes durch den Park nach dem
+alten Schlosse hinüber, um satteln zu lassen.
+
+Victoria folgte mit langsamen Schritten, und da sie Numa den Arzt
+erblickte, der sich nach der Nacht des Feldherrn zu erkundigen kam,
+ging sie auf ihn zu mit schmerzlich bewegter Miene: sie wollte ihm
+vorwerfen, daß er ihr die Wirklichkeit verhehlt, und zugleich ihn
+beschwören, mit den letzten Mitteln und Geheimnissen seiner Kunst das
+geliebte Leben zu fristen. Da aber der Arzt die Colonna kommen sah,
+streckte er in dem Gefühle seiner Ohnmacht die zitternden Hände
+abwehrend gegen sie aus, als flehe er: Schone meiner, ich vermag
+nichts! Sie verstand die Gebärde und ging ihres Weges, an Ippolito
+vorüber, der das Knie vor ihr bog und den sie nicht gewahr wurde, zum
+großen Herzeleid des Knaben.
+
+Im Schloßhofe fand sie den schwer und kostbar geschirrten Rappen
+Pescaras und ihren ebenfalls gesattelten falben Berber. Der Feldherr
+hob sie zu Pferde, und sie ritten unter grüßendem Trommelwirbel über
+die sich senkende Zugbrücke hinaus in die unabsehbaren Reisfelder der
+lombardischen Ebene. Ihnen folgte in gemessener Entfernung ein
+Reitknecht des Pescara, ein von südlicher Sonne geschwärzter
+Kalabrese, und auf einem Maultier die römische Zofe Victorias.
+
+Hinter den Reisenden verhallten im Schloßhof die ungehörten Hilfrufe
+des vergessenen Kanzlers. Er war aus schlimmen Träumen erwacht und
+schon in der Frühe durch die Gärten geirrt, immer wieder an Mauern
+und Wälle gelangend, hier von deutschen, dort von spanischen
+Wachtposten beobachtet. Die Schwaben ergötzten sich weidlich an
+seinem ausschweifenden Gebärdenspiel, während die Spanier
+einverstandene schadenfrohe Blicke tauschten: sie zweifelten nicht,
+der Feldherr habe den Minister des Feindes in die Falle gelockt, und
+versprachen sich, ihn morgen, wenn er dem Heere nachgeschleppt würde,
+nach Herzenslust zu quälen und gründlich auszuplündern. Endlich war
+er in das Rondell gekommen und erschöpft auf dieselbe Bank gesunken,
+wo er gestern den schlummernden Pescara gefunden und belauscht hatte.
+Da vernahm er den Salut der Torwache, rannte nach dem Schloßhof und
+wollte über die Brücke nachstürzen. Von dem Posten mit
+vorgestreckten Hellebarden empfangen, sah er jammernd den Feldherrn
+und Victoria in den Dunst der Ferne entschwinden.
+
+Es war nach einem leuchtenden ein trüber Tag. Kein Windhauch und
+nicht der leiseste Versuch einer Wolkenbildung. Keine Lerche stieg,
+kein Vogel sang, es dämmerte ein stilles Zwielicht wie über den
+Wiesen der Unterwelt. Das Frauenkloster wurde sichtbar und
+vergrößerte langsam seine friedlichen Mauern. Freilich ritten die
+beiden fast nur im Schritte, die verwitwende Victoria in tiefem
+Schweigen, während, durch einen wunderbaren Gegensatz, das Gedächtnis
+des jetzt ausruhenden Feldherrn auf leichten und liebenden und
+inbrünstigen Schwingen in die Jugend zurückkehrte und die an seiner
+Seite Trauernde wieder in die reizenden und rührenden Gestalten des
+knospenden Mädchens und der zärtlichen Braut verwandelte. Er
+enthielt sich nicht, sie an kleine Dinge jener glücklichen Tage zu
+erinnern, aber er gewann ihrer Kümmernis kein Lächeln ab. Er war
+seines lastenden Geheimnisses ledig, dessen Bitterkeit sie jetzt auf
+einmal und in vollen Zügen kostete.
+
+Nun waren sie schon so nahe, daß sie Chorgesang im Kloster vernahmen.
+"Was singen sie dort?" fragte er gleichgültig. "Ich meine, ein
+Requiem", sagte sie.
+
+Wie sie vor dem Kloster abstiegen, da siehe, trat ihnen aus der
+Pforte die Äbtissin entgegen, hinter sich zwei bescheidene Nonnen.
+Sie mochte irgendein Kind in ein Reisfeld auf die Lauer gelegt haben,
+das nun auf schnellen nackten Füßen vorausgelaufen war. Die Äbtissin
+hatte die Ankunft Donna Victorias in Novara schon gestern in
+Erfahrung gebracht und sich gleich geschmeichelt, die gottesfürchtige
+und leutselige Frau werde Heiligenwunden nicht unbesucht lassen, denn
+das Kloster besaß neben den geschulten Stimmen seines Chores noch
+eine größere Auszeichnung: die mystische und täglich sterbende
+Schwester Beate, welche die blutigen Male an ihrem kranken und
+abgezehrten Leibe trug. Die unternehmende und beherzte Äbtissin
+hatte sich vorgenommen, von der Colonna, der sie Macht über den
+Gatten zutraute, den Nachlaß einer schweren Kriegssteuer zu erbitten,
+welche der gottlose und habgierige Feldherr--dieses Rufes genoß
+Pescara bei der italienischen Klerisei--zuwider den kanonischen
+Sätzen und gegen alle Billigkeit auf die Güter des Klosters gelegt
+hatte. Daß aber der Feldherr, der es vermied, eine christliche
+Stätte zu betreten, Madonna Victoria begleiten würde, war der
+Äbtissin nicht im Traume eingefallen.
+
+Sie begrüßte, eine angenehme Frau mit dunkeln, klugen Augen und
+blassen, gefälligen Zügen, das hohe Paar in wenigen gewählten Worten.
+Dann schwieg sie aufmerksam, die Rede Pescaras erwartend, dessen
+edle Erscheinung ihr Eindruck machte.
+
+"Ehrwürdige", begann der Feldherr, "Donna Victoria wünscht während
+des Feldzuges, den ich morgen beginne und dessen Dauer ich auf eine
+Woche berechne, ein paar ruhige und fromme Tage hier in Eurem
+Konvente zu genießen, bis ich sie nach Mailand rufen werde, nach
+vollendetem Kampfe. Habet Ihr ein schickliches Gemach zu vergeben?"
+
+Rasch erwiderte die Äbtissin, das ihrige stehe zu Gebote.
+
+"Ich verlange eine einfache Zelle wie die der geringsten Schwester,
+mit dem gewöhnlichen Geräte", sagte Victoria, deren Blässe die
+Äbtissin befremdete. Aber sie schrieb dieselbe der begreiflichen
+Sorge um den zu Felde ziehenden Gatten zu.
+
+"Wenn sich Donna Victoria eingerichtet hat", schloß Pescara, "werde
+es mir gemeldet. Ich habe noch mit ihr zu sprechen und bitte,
+Klausur und Zelle betreten zu dürfen. Ausnahmsweise, da ich dem
+Kloster wohlwill. Ihr findet mich in der Kirche." Er verneigte sich
+und schritt auf diese zu.
+
+Victoria fragte, was die Nonnen gesungen hätten, und erhielt die
+Antwort: "Ein Requiem. Für die junge Julia Dati, die Enkelin unsers
+greisen Arztes, welche in Rom gestorben ist." Dann folgte sie der
+Äbtissin, während die beiden Nonnen zugeflüsterte Befehle
+auszurichten gingen. Indessen durchmaß der Feldherr, ohne das Haupt
+zu entblößen oder irgendeine der üblichen Devotionen zu verrichten,
+die Länge der Kirche mit festem Gange, die Arme über dem Panzer
+kreuzend. Er hatte sich, da er auf dem Heimritte seinen in Novara
+feldmäßig einrückenden Truppen begegnen mußte, leicht behelmt und
+beharnischt und schritt wie ein Held und Herrscher auf der Stätte des
+Gebetes und der Demut.
+
+"Nein", sprach er zu sich mit geschlossenem Munde, "es sei heute das
+letztemal. Ich will von ihr Abschied nehmen als ein Lebender. Ich
+will es ihr ersparen, mich leiden zu sehen. Sie soll mich
+wiederfinden, wenn ich ruhe."
+
+Sich allein glaubend, wurde er durch das Gitter des Chores belauscht.
+Diesen hatten die Nonnen wieder betreten, auf das Geheiß der
+Äbtissin, denn Pescara sollte die Stimmen ihres Klosters hören.
+Selbst die mystische Beate war gekommen und vereinigte ihren
+schwärmerischen Blick mit demjenigen vieler feurig braunen oder
+schwarzen Augen, welche die Heldengestalt verschlangen. Alle
+versammelten Himmelsbräute priesen die Colonna selig und beneideten
+ihre irdische Lust, während die glücklich Geglaubte nicht ferne davon
+in einer Zelle mit gerungenen Händen verzweifelte. Auch Schwester
+Beate erlag der Versuchung, diesen stolzen Herrn der Welt zu
+bewundern, überwand sich aber tapfer und flehte den Himmel inbrünstig
+an, der Colonna zum Heil ihrer Seele ihren Abgott zu entreißen. Aber
+diese heftigen Gefühle wichen dem harmloseren der Eitelkeit. Nach
+dem Geflüster einer kleinen Beratung und einem leisen Räuspern
+intonierten die Schwestern jubelnd ihr Prachtstück, ein Tedeum, das
+sich auch für den Sieger von Pavia besser eignete als irgendeine
+andere Prosa oder Sequenz.
+
+Und er hätte wohl gelauscht, aber er stand regungslos, wie gebannt
+vor dem gekreuzigten und schon entseelten Christus eines großen
+Altarbildes, dessen helle Farben noch in voller Frische leuchteten.
+Doch es war nicht das göttliche Haupt, das er beschaute, sondern er
+betrachtete den Kriegsknecht, der seine Lanze in den heiligen Leib
+stieß. Dieser war offenbar ein Schweizer; der Maler mußte die Tracht
+und Haltung eines solchen mit besonderer Genauigkeit studiert oder
+frisch aus dem Leben gegriffen haben. Der Mann stand mit gespreizten
+Beinen, von denen das linke gelb, das rechte schwarz behost war, und
+stach mit den behandschuhten Fäusten von unten nach oben derb und
+gründlich zu. Kesselhaube, Harnischkragen, Brustpanzer, Arm- und
+Schenkelschienen, rote Strümpfe, breite Schuhe, nichts fehlte. Aber
+nicht diese Tracht, die er zur Genüge kannte, fesselte den Feldherrn,
+sondern der auf einem Stiernacken sitzende Kopf. Kleine blaue,
+kristallhelle Augen, eingezogene Stumpfnase, grinsender Mund, blonder,
+krauser Knebelbart, braune Farbe mit rosigen Wangen, Ohrringe in
+Form einer Milchkelle, und ein aus Redlichkeit und Verschmitztheit
+wunderlich gemischter Ausdruck. Pescara wußte gleich, mit dem
+Gesichtergedächtnis des Heerführers, daß er diesen kleinen,
+breitschultrigen, behenden Gesellen, dessen schwarzgelbe Hose den
+Urner bedeutete, schon einmal gesehen habe. Aber wann und wo? Da
+schmerzte ihn plötzlich die Seite, als empfinge er einen Stich, und
+jetzt wußte er auch, wen er da vor sich hatte: es war der Schweizer,
+der ihm bei Pavia die Brust durchbohrt. Kein Zweifel. Den
+Lanzenstoß des neben ihm an die Erde Geduckten empfangend, hatte er
+einen Moment in dieses kristallene Auge geblickt und diesen Mund
+vergnüglich grinsen gesehen. Nach der Erkennung machte das
+unerwartete Wiederfinden auf den Feldherrn weiter keinen Eindruck,
+und mit freundlicher Miene fragte er die Äbtissin, die jetzt neben
+ihm stand, um ihn zu Donna Victoria abzuholen, wer das gemalt hätte.
+Sie antwortete, die Augen flüchtig niederschlagend: "Zwei Mantovaner,
+begabte junge Leute, aber von bedenklichen Sitten, die das Kloster
+gerne wieder scheiden sah."
+
+Da Pescara die Zelle öffnete, sah er Victoria auf den Knien liegen.
+Eine Weile schaute er schweigend, als wolle er nicht stören, durch
+ein Fenster des gekuppelten Rundbogens, in dessen Brüstung er sich
+gesetzt hatte, auf Rasenhügel und Grabkreuze, endlich fragte er: "Was
+tust du, Victoria?"
+
+"Buße", sagte sie.
+
+"Für wen?"
+
+Sie erhob sich und antwortete mit noch gefalteten Händen: "Ich tue
+Buße für mich und Euch und Italien. Für dieses seiner stolzen Frevel
+und ungewöhnlichen Sünden wegen, an denen es zugrunde gehen wird, da
+Ihr der einzige waret, der es retten konnte. Für mich, weil ich
+gekommen bin, Euch in Versuchung zu führen. Für Euch, da Ihr diese
+Erde verlassen wollet. Ich habe gebetet für Euer unvergängliches
+Teil, aber der Himmel"--sie schüttelte traurig das Haupt--"hat mich
+noch nicht erhört."
+
+Er zog sie auf die Bank der Fensterbrüstung und nahm sie bei der Hand,
+wie der Bruder die Schwester. Eine Lust, sich hinzugeben, überkam
+ihn, sei es, weil das Geheimnis zwischen ihm und seinem Weibe
+weggenommen war, oder in dem unbewußten Wunsche, das letzte
+Beisammensein zu verlängern.
+
+"Kleingläubige", begann er heiter, "überlasse mich meinem dunkeln
+Beschützer! Als ein Knabe glaubte ich mit der Mutter, die eine
+Heilige war, an das, was die Kirche verheißt; jetzt sehe ich rings
+das Fluten der Ewigkeit. Der Todesengel war mir nahe, schon in
+meiner ersten Schlacht, da, von ihm bezeichnet, mein
+Zeltgenosse--dein Bruder, Victoria--lautlos, eine Kugel im Herzen,
+zusammenbrach. Ich habe ihm manche Hekatombe geschlachtet, und auch
+er hat mich oft, fast auf jeder Walstatt, grüßend berührt; denn es
+scheint, ich bin verwundbarer als andere. Aber Zeit hat es gebraucht,
+bis ich den Schnitter lieben lernte. Noch in den Wochen nach Pavia,
+da ich wußte, daß er mich erwählt hatte, habe ich mich gegen ihn
+gesträubt und aufgebäumt und empört wie ein trotziger Jüngling.
+Allmählich aber ahnte ich, und jetzt bin ich gewiß, daß er die rechte
+Stunde kennt. Der Knoten meines Daseins ist unlösbar, er
+zerschneidet ihn."
+
+Die bleiche Victoria hing an seinen Lippen und staunte mit starren
+Augen, als sehe sie den herrlichsten Palast brennen und von der
+lodernden Flamme jeden Säulenknauf beleuchtet.
+
+"Ich sage dir, Weib", fuhr er fort, "mein Pfad versinkt vor mir! Ich
+gehe unter an meinen Siegen und an meinem Ruhme. Wäre ich ohne meine
+Wunde, dennoch könnte ich nicht leben. Drüben in Spanien Neid,
+schleichende Verleumdung, hinfällige und endlich untergrabene
+Hofgunst, Ungnade und Sturz; hier in Italien Haß und Gift für den,
+der es verschmäht hat.
+
+Wäre ich aber von meinem Kaiser abgefallen, so würde ich an mir
+selbst zugrunde gehen und sterben an meiner gebrochenen Treue, denn
+ich habe zwei Seelen in meiner Brust, eine italienische und eine
+spanische, und sie hätten sich getötet. Auch glaube ich nicht, daß
+ich ein lebendiges Italien hätte schaffen können. Zwar es trägt die
+strahlende Ampel des Geistes, doch es hat sich aufgelehnt in der
+unbändigen Lust eines strotzenden Daseins gegen ewige Gesetze. Es
+büße, du hast es gesagt, Victoria; in Fesseln leidend, lerne es die
+Freiheit. Dieses spanische Weltreich aber, das in blutroten Wolken
+aufsteigt jenseits und diesseits des Meeres, erfüllt mich mit Grauen:
+Sklaven und Henker. Ich spüre die grausame Ader in mir selbst. Und
+das Entsetzlichste: ich weiß nicht, welcher mönchische Wahnsinn!
+Dein verderbtes Italien aber ist wenigstens menschlich."
+
+Victorias Augen verklärten sich, da sie sah, daß Pescara Italien
+liebte. "Du hättest ihm Freiheit und Freiheit ihm Tugend gegeben!"
+rief sie, doch Pescara fuhr fort, als hätte er nicht gehört: "Nun
+aber bin ich aus der Mitte gehoben, ein Erlöster, und glaube, daß
+mein Befreier es gut mit mir meint und mich sanft von hinnen führen
+wird. Wohin? In die Ruhe. Und jetzt laß uns scheiden, Victoria."
+Er wollte ihr die Tränen vom Auge küssen, fand aber den zärtlichsten
+Mund, der ihm entgegenkam.
+
+"Noch eines", sagte er, "Laß die Welt über mich urteilen, wie sie
+will. Ich bin jenseits der Kluft. Lebe wohl! Begleite mich nicht!
+Besuche mich in Mailand, aber nicht, bevor ich rufe!"
+
+Victoria versprach, um nicht Wort zu halten.
+
+Da Pescara sich bei der Äbtissin verabschiedete, brauchte sie ihr
+Anliegen gar nicht auszusprechen. Der Feldherr gewährte den Nachlaß
+der Kriegssteuer als ein selbstverständliches Gegengeschenk für die
+seinem Weibe gegebene Herberge. Über dieses Ende einer ökonomischen
+Bedrängnis und eines schmalen Tisches ward eine solche Freude im
+Kloster, daß die Schwestern zu Ehren ihres Gastes die Tafel mit den
+ausgesuchtesten Leckerbissen besetzten. Doch Victorias Platz blieb
+leer. Sachte ritt Pescara, von den Segnungen des Klosters begleitet,
+gegen die Thürme der Stadt zurück. Sein feuriger Rappe schien sich
+über den gemessenen Gang zu wundern. Die auf der Ebene gellende
+Feldmusik und die überall marschierenden Truppen verrieten ihm den
+Beginn eines Feldzuges. Er schnoberte, als wittere er schon den
+Pulverdampf, und schritt stolz, als trage er den Sieg.
+
+Abschied ist schwer, dachte der Feldherr, ich möchte ihn nicht
+wiederholen. Noch einmal hatte sich das Leben an ihn gedrängt und er
+das Beste des Daseins, Schönheit und Herzenskraft, in den Armen
+gehalten. Der Jüngling war in ihm aufgelodert, und wenige
+Augenblicke, nachdem er Viktorien so erbaulich zugeredet, lehnte er
+sich auf gegen die Vernichtung. Das edle Blut, das in den
+sterblichen Adern rinnt, die Thatkraft, empörte sich gegen den ewigen
+Frieden. Ein Zorn blitzte auf in seinen hellen grauen Augen gegen
+seinen Mörder, den er im Bilde wiedererblickt, und er schlug mit der
+gepanzerten Rechten gegen seine Brust, als zerdrücke er darauf die
+Wespe, die ihn gestochen hatte. Jetzt wieherte auch der Rappe und
+setzte sich in kurzen Galopp, von dem Feldherrn unwissentlich mit der
+Ferse berührt oder so verwachsen mit ihm, daß er seinen Unmut
+mitfühlte.
+
+In dieser Stimmung gewahrte Pescara auf einem nahen Reisfelde die
+wechselnden Stellungen eines tollen Kampfes, welcher dasselbe
+zerstampfte. Ein einzelner wehrte sich verzweifelt gegen eine
+Übermacht. Der zerlumpte kleine Kerl in gelben und schwarzen Fetzen
+focht wütend mit seiner Speerhälfte wider ein Dutzend Spanier. Zweie
+hatte er hingestreckt, wurde jetzt aber von den übrigen überwältigt,
+und schon saß ihm eine Schwertspitze an der Kehle, als der auf ihm
+kniende Spanier von einem andern zurückgerissen wurde, welcher auf
+den heransprengenden Feldherrn deutete.
+
+Pescara winkte, und der Trupp mit dem Gefangenen folgte ihm unter
+eine mächtige Eiche, die an der Landstraße stand, weitum der einzige
+Baum in der schwülen Ebene. Der Feldherr stieg ab und lehnte sich an
+den bemoosten Riesenstamm. Seine Brust keuchte von dem raschen Ritt,
+und es kam ihm gelegen, sie zu beruhigen, Rast haltend unter dem
+Vorwand eines Verhöres.
+
+Der spanische Wachtmeister berichtete: sie hätten einen Schweizer
+durch das Getreide laufen sehen, wohl einen Versprengten von Pavia,
+welcher bislang sich irgendwo untergeduckt, und ihn gehascht, da es
+möglicherweise ein mailändischer Spion sei. Seinen Vortrag
+beendigend, blickte der spanische Spitzbart zu einem starken Aste auf,
+welchen die Eiche waagerecht hervorstieß.
+
+Pescara deutete die Spanier weg, die sich in einiger Entfernung
+wachehaltend verteilten, und musterte dann den Schweizer vom Wirbel
+zur Zehe. So verrostet der Harnisch und so zerlumpt das schwarzgelbe
+Unterkleid war, erkannte er doch gleich die Tracht des Klosterbildes
+und nicht minder die glitzernden Äuglein, und jetzt, wahrhaftig,
+verzog der vor ihm Stehende sein Gesicht zu jenem lächelnden Grinsen,
+sei es aus Angst, sei es, weil auch er sich den Feldherrn ins
+Gedächtnis zurückrief.
+
+"Heb auf und gib", befahl dieser und zeigte auf den Lanzenstumpf,
+welchen einer der Kriegsknechte zu den Füßen des Gefangenen geworfen
+hatte, als Beweisstück für die Verwundung seiner Kameraden. Es war
+eine vordere Spießhälfte, deren Spitze blutete. Der Schweizer
+gehorchte, und der Feldherr betastete prüfend die Spitze mit dem
+Finger; dann warf er den Stummel weg.
+
+"Wie heißest du?" fragte er.
+
+"Bläsi Zgraggen aus Uri", war die Antwort.
+
+Der Feldherr verzichtete darauf, diesen unmundlichen Geschlechtsnamen
+zu wiederholen, der von dem zerrissenen Kamm eines Schweizergebirges
+zu stammen schien, und bediente sich des Vornamens, welchen er
+italianisierte. "Biagio", sagte er, "du hast mir zwei Leute
+verwundet; ich denke, ich lasse dich hier aufknüpfen."
+
+Bläsi Zgraggen versetzte trotzig: "Lasset Ihr mich henken, so ist es
+weniger wegen dieses letzten Handels, sondern eher, weil ich--"
+
+"Schweig!" gebot der Feldherr. Er konnte sich rächen, indem er dem
+Kriegsrechte freien Lauf ließ, aber eine solche Rache weder sich
+selbst noch seinem Opfer eingestehen. "Wie bist du hier
+zurückgeblieben?" fragte er.
+
+Zgraggen, der ein geläufiges Lombardisch sprach, begann herzhaft:
+"Auf dem Felde von Pavia wurde ich verwundet und niedergeritten und
+lag, den geknickten Spieß neben mir. Nächtlicherweise schleppte ich
+mich dann den Bergen zu, hungernd und bettelnd. Herr, sehet Ihr
+rechts von den zwei Pappeln das lange, rote Dach? Dort haust die
+Narracivallia mit ihrem Manne. Dieser dingte mich zur
+Feldarbeit--bis sich der Krieg verzogen hätte, jetzt käme ich doch
+nicht über die Grenze. Hernachmals machte mir die Narracivallia
+Augen. Da erschienen mir im Schlaf der Vater und die beiden
+Großväter, die mir alle noch daheim leben, wenn auch die Ahnen in
+großer Schwachheit. Zuerst kam der Vater, hob den Finger und sagte:
+'Nimm dich in acht, Bläsi!' Dann kam der väterliche Ahn, faltete die
+Hände und sagte: 'Denk an deine Seele, Bläsi!' Zuletzt kam der
+mütterliche Ahn, zeigte die Tür und sagte: 'Lauf, Bläsi!' Da schoß
+ich auf und suchte meine Kleider. Freilich meine seidenen Handschuhe
+und meinen gekettelten Kragen hatte mir die Narracivallia
+abgeschwatzt, um damit in der Kirche Staat zu machen. Ich war nur
+noch meines halben Verstandes mächtig und verlor auch diesen, da ich
+im Morgenlicht bei Heiligenwunden eintrete zum Englischen Gruß
+und--denket Euch meinen Schrecken--mich selber erblicke, wie ich
+leibe und lebe und Gott ersteche!"
+
+"Ei", lächelte Pescara.
+
+"Ein Schelmstück!" zürnte Zgraggen. "Wisset, Herr, ein paar Pinsler
+hatten sich zeither mit ihrem Zeuge da herumgetrieben und ließen sich
+einmal in der Meierei ein Glas Milch geben. Der eine faßte mich ins
+Auge. 'Da haben wir, den wir brauchen', sagt er und beschaut mein
+Schwarzgelb. 'Mann, holt Euern Spieß und Harnisch.' Ich tue ihm den
+Willen. Jetzt heißt mich der Pinsler die Beine spreiten, spreitet
+sie gleichfalls und reißt mich ab auf ein Stück Leinwand. Dann
+versprachen mir die Spitzbuben, mein Konterfei zu hohen Ehren zu
+bringen, ich aber stehe in Heiligenwunden und steche in den Salvator!"
+
+Der Feldherr empfand ein gewisses Wohlwollen für den ehrlichen
+Gesellen. "Nimm", rief er in einer seltsamen Laune und streckte dem
+Urner seinen vollen Beutel entgegen. Dieser nahm ihn mit der Rechten
+und ließ die Goldstücke zählend in die Linke gleiten, ernsthaft und
+bedächtig. Dann schob er die Dukaten in die Tasche und wollte den
+Beutel dem Feldherrn zurückstellen.
+
+"Behalte! Er hat goldene Schleifen!"
+
+Der Urner schickte den Beutel den Dukaten nach. "Wo stellet Ihr mich
+ein, Herr?" fragte er. Er konnte sich nichts denken, als daß ihn
+Pescara geworben und ihm Handgeld gegeben habe.
+
+Pescara erwiderte: "Ich habe dich nicht gedingt, und ich meine,
+nachdem dich die dreie so ernst vermahnt haben, kehrst du am besten
+in deine Heimat zurück und nährst dich redlich, wie es im Sprichwort
+heißt."
+
+"Aber warum denn schenkt Ihr mir so viel Geld, wo ich Euch nichts
+zuliebe gethan habe?" fragte Zgraggen. Sondern viel Leides, setzte er
+in Gedanken hinzu. Diese Vergeltung Pescaras überstieg das
+Fassungsvermögen des Urners und beängstigte seine Rechtlichkeit.
+
+"Aus Großmut", scherzte der Feldherr.
+
+Bläsi kannte das Wort nicht. Da fiel ihm ein, es werde Großtun
+bedeuten, und da er im Lager oft gesehen hatte, wie Prahlerei das
+Geld mit vollen Händen wegwirft, beruhigte er sich dabei. "Ja so",
+sagte er. Pescara aber winkte, sein Roß vorzuführen.
+
+"Und damit du durchkommst", sprach der Feldherr schon im Bügel, "nimm
+noch das." Er warf ihm eine Passiermarke zu, und wenig fehlte,
+Zgraggen hätte gedankt. Wenigstens wollte er noch langes Leben
+wünschen; aber den Feldherrn zum Abschied anschauend, erkannte er das
+Siechtum in diesem Antlitze mit seinen Älpleraugen, welche das alle
+Welt täuschende geistige Leben desselben nicht bestach.
+Unwillkürlich wünschte er: "Gott gebe Euch selige Urständ, Herr!"
+Dann über seine eigene Rede und ihre böse Bedeutung bestürzt, lief er
+querfeldein mit seinem halben Spieße, den er sorglich aufgehoben und
+nun als Reisestab führte. Die Spanier hatten verwundert zugesehen,
+der alte Wachtmeister aber schüttelte bedenklich und abergläubisch
+den Kopf über die seltsame Freigebigkeit seines sparsamen Feldherrn.
+Der Trupp, welcher den Urner gefangen hatte, gehörte zu dem
+Heerhaufen, der jetzt in einer Staubwolke hinter schlagenden Trommeln
+heranrückte. Der Feldherr ritt seinen Tapfern entgegen, von
+brausendem Jubel empfangen, und lenkte das Roß zwischen die Feldmusik
+und die erste Kompanie, deren Hauptmann ehrerbietig Raum gab.
+
+Eine Weile blieb er allein an der Spitze der Truppen. Da nahte von
+Novara ein Reitender in weißem Mantel und gesellte sich zu ihm.
+Zusammen ritten sie durch das Schloßtor. Schweigend folgte der
+Begleiter dem Gange Pescaras und überschritt hinter ihm die Schwelle
+des Gemaches.
+
+Pescara wendete sich. "Was wollt Ihr, Moncada?" fragte er, und
+dieser antwortete: "Eine Unterredung ohne Zeugen, die Ihr mir nicht
+zum zweiten Male verweigern werdet."
+
+"Ich stehe zu Diensten."
+
+"Erlaucht", begann der Ritter, "ich habe, wie Ihr erlaubtet, den
+Kanzler drüben gesprochen. Er war voller Angst und Blässe und
+beteuerte mit tausend Eiden, er sei gekommen, Aufschub und leichtere
+Bedingungen zu erlangen, nur dieses habe ihn nach Novara geführt.
+Dann schwatzte er wild durcheinander wie das böse Gewissen. Dieser
+Mensch ist ein Abgrund von Lüge, in welchem der Blick sich verliert.
+Ich bin sicher, daß er im Namen der Liga hier ist."
+
+"Nicht anders", sagte der Feldherr.
+
+"Und daß er Euch die Führung derselben angeboten hat?"
+
+"Nicht anders."
+
+Jetzt entstand Lärm im Vorzimmer. Ippolito beiseite werfend,
+verwildert, mit rasenden Mienen und verrückten Augen stürzte der
+Kanzler herein. Ihm folgten auf dem Fuße, beide schon gepanzert,
+Bourbon und Del Guasto, denen er auf dem Gange begegnet und die ihn
+zurückhalten wollten. In Verzweiflung warf er sich dem Feldherrn zu
+Füßen, während Moncada langsam in den Hintergrund zurückwich.
+
+"Mein Pescara", schrie der Geängstigte, "alle Geduld nimmt ein Ende!
+Ich kann die Marter nicht länger ertragen. Jede Minute dehnt sich
+mir zur qualvollen Ewigkeit. Ich vergehe. Sei barmherzig und gib
+mir deine Antwort!"
+
+Pescara erwiderte mit Ruhe: "Vergebet, Kanzler, wenn ich Euch habe
+warten lassen. Meine Zeit war nicht frei, doch eben wollte ich nach
+Euch schicken. Eure gestrige Rede hat mich beschäftigt, denn das Los
+eines Volkes ist keine Kleinigkeit--aber bitte, setzet Euch, ich kann
+nicht sprechen, wenn Eure Gebärden so heftig dareinreden."
+
+Der Kanzler packte krampfhaft die Lehne eines Sessels.
+
+"Ich habe die Sache gewogen... doch, Kanzler, lassen wir zuerst alles
+Persönliche, denket weg von Euch selbst und von mir, es bleibt die
+Frage: Verdient Italien zu dieser Stunde die Freiheit und taugt es,
+so wie es jetzt beschaffen ist, sie zu empfangen und zu bewahren?
+Ich meine nein." Der Feldherr sprach langsam, als prüfe er jedes
+seiner Worte auf der Waage der Gerechtigkeit.
+
+"Zweimal hat Freiheit in Italien gelebt, zu verschiedenen Zeiten. In
+der beginnenden römischen Republik, da das Staatswohl alles war.
+Dann in jenen herrlichen Gemeinwesen, Mailand, Pisa und den andern.
+Jetzt aber steht es an der Schwelle der Knechtschaft, denn es ist los
+und ledig aller Ehre und jeder Tugend. Da kann niemand helfen und
+retten, weder ein Mensch noch ein Gott. Wie wird verlorene Freiheit
+wiedergewonnen? Durch einen aus der Tiefe des Volkes kommenden Stoß
+und Sturm der sittlichen Kräfte. Ungefähr wie sie jetzt in Germanien
+den Glauben erobern mit den Flammen des Hasses und der Liebe.
+
+Aber hier! Wo in Italien ist, ich sage nicht Glaube und Gewissen, da
+das für euch veraltete Dinge sind, sondern nur Rechtssinn und
+Überzeugung? Nicht einmal Ehre und Scham ist euch geblieben, nur die
+nackte Selbstsucht. Was vermöget ihr Italiener? Verführung, Verrat
+und Meuchelmord. Worauf zählet ihr? Auf die Gunst der Umstände, auf
+die Würfel des Zufalls, auf das Spiel der Politik. So gründet, so
+erneuert sich keine Nation. Wahrlich, ich sage dir, Kanzler"--und
+Pescara erhob die Stimme wie zu einem Urteilsspruch--"dein Italien
+ist willkürlich und phantastisch, wie du selbst es bist und deine
+Verschwörung!"
+
+"Wahrheit", ließ sich die Stimme Moncadas vernehmen.
+
+"Auch der Held, Morone, den ihr euch erwählt habet, entbehrt des
+Daseins."
+
+Doch diese leisen letzten Worte Pescaras wurden überschrien. Morone
+hatte schnell den Kopf gewendet und den Ritter erblickt: wie er
+seinen Anschlag dem Spanier preisgegeben sah, geriet er in Wut, seine
+Züge verzerrten sich, und er tobte wie ein Besessener. "Falsch und
+grausam! Falsch und grausam! O ich mit Blindheit Geschlagener!"
+Dann von sinnloser Rachgier überwältigt, schrie er gegen Moncada:
+"Wisset es, Ritter, dieser"--er wies auf den Feldherrn--"ist der
+Schuldige! Seinetwillen die ganze Verschwörung! Ich bin seine
+Kreatur, und nun opfert mich der Unmensch!"
+
+Jetzt sprang der Herzog dazwischen, der mit Del Guasto hinter Pescara
+stehend den leidenschaftlichen Auftritt genoß. "Saute, Paillasse mon
+ami, saute pour tout le monde!" verhöhnte er Morone. "Ja, wenn wir
+nicht gelauscht hätten, wir zweie, hinter dem roten Vorhang und der
+goldenen Quaste dort! Ich muß dir das mal erzählen, Schatz, es ist
+zum Totlachen. Hörtest du nicht, wie ich dich auspfiff?" Dann
+plötzlich ernst werdend, richtete er den Blick fest auf Moncada,
+legte die Hand auf die Brust und beteuerte: "Bei meinem königlichen
+Blute, der Feldherr hat in jener gestrigen Stunde nicht haarbreit
+geschwankt in seiner Ehre und Treue!"
+
+Morone war vernichtet. Del Guasto legte Hand an ihn und zog ihn mit
+sich fort. "Herr Kanzler", spottete er, "bedanket Euch, unser
+Lauschen erspart Euch die Folter." Auch der Herzog ging, einer
+bittenden Gebärde Pescaras gehorchend.
+
+"Erlaucht", begann Moncada, "hier bin ich überzeugt. Mit diesem
+habet Ihr nur Euer Spiel getrieben, vielleicht herablassender, als
+für spanischen Stolz sich geziemte. Mit einem solchen Menschen
+konspiriert kein Pescara. Aber, Erlaucht, in seiner ohnmächtigen Wut
+hat dieser Verlogene Wahrheit gesprochen, wenn er Euch beschuldigte,
+der Urheber der italienischen Verschwörung zu sein. Nicht der
+Urheber, aber der Begünstiger. Sie nicht entmutigend, habet Ihr sie
+genährt und großgezogen. Es war leicht, ein entschiedenes Wort zu
+sprechen und ihr Halt zu gebieten mit einer entrüsteten und weithin
+sichtbaren Gebärde. Das habet Ihr nicht gethan. Ihr stundet als eine
+dunkle und deutbare Gestalt."
+
+"Ritter", unterbrach ihn Pescara, "nicht Euch habe ich Rechenschaft
+zu geben von meinem Thun und Lassen, sondern allein meinem Kaiser."
+
+"Eurem Könige", versetzte Moncada. "Ihn so zu nennen, gebietet Euch
+die Ehrfurcht, denn ein König von Spanien ist mehr als der Kaiser.
+Und der Enkel Ferdinands wird ein König von Spanien werden. Karl
+entwickelt sich langsam, unter verschiedenen und streitenden
+Einflüssen, aber sein spanisches Blut wird erstarken und sein
+deutsches aufsaugen bis auf den letzten Tropfen. Er verabscheut die
+Ketzerei, und seine Frömmigkeit wird ihn zum Spanier machen." Er
+sagte das mit einem stillen Lächeln und schwärmerisch erglänzenden
+Augen.
+
+"Avalos", fuhr er fort, "deine Väter haben für den Glauben gegen die
+maurischen Heiden gekämpft, bis dein Ahn mit jenem Alfons nach Neapel
+schiffte. Kehre zu deinem Ursprung zurück! Das edelste Blut fließt
+in deinen Adern. Wie kannst du, der das Große liebt, zaudern
+zwischen dem spanischen Weltgedanken und den erbärmlichen
+italienischen Machenschaften? Unser ist die Erde, wie sie einst den
+Römern gehorchte. Siehe die wunderbaren Wege Gottes: Kastilien und
+Aragon vermählt, Burgund und Flandern erworben, das gewonnene
+Kaisertum, eine entdeckte und eroberte neue Welt, und, das alles
+beherrschend, ein gestähltes Volk mit, einem gesegneten, zwiefach in
+Heidenblut getauften Schwerte! Was dir jener Elende bot, Spanien
+gibt es dir tausendfältig: Schätze, Länder, Ruhm und--den Himmel!
+
+Denn für den Himmel kämpfen wir und für den katholischen Glauben, daß
+eine Kirche herrsche auf Erden. Sonst wäre Gott vergeblich Mensch
+geworden. Voraussehend, wie in diesen Tagen die Hölle den
+Apostolischen Stuhl besudeln und ihre letzte Ketzerei, den
+germanischen Mönch, ausspeien werde, erschuf er den Spanier, jenen zu
+reinigen und diese zu zertreten. Darum gibt er uns die Welt zur
+Beute, denn alles Irdische hat himmlische Zwecke. Ich habe lange
+darüber gesonnen in meinem sizilischen Kloster und wähnte, wohl
+selbst der Auserwählte zu sein zu diesem geistlichen Kriegsdienste.
+Da wurde er mir in einem Gesichte gezeigt, der andere, der Berufene.
+Ich war solcher Ehre unwürdig, meiner Sünde wegen, und trat in die
+Welt zurück." Pescara schwieg und betrachtete den Verzückten.
+
+"Aber ich wirke, solange es Tag ist. Kein Jahr ist um, ich stand
+hinter Ferdinand Cortez, da ihm auf dem Berge der Dämon die goldenen
+Zinnen Mexikos zeigte, wie er dir, Pescara, jetzt Italien zeigt.
+Diese Hand hielt den Strauchelnden zurück, und nun strecke ich sie
+gegen dich, Pescara, daß du ein Sohn Spaniens bleibest, welches die
+Welt ist und das der in der Glorie schwebende katholische Ferdinand
+beschützt."
+
+Jetzt brach der Feldherr sein Schweigen und zürnte: "Nenne mir jenen
+nicht, er hat mir den Vater getötet!"
+
+Moncada seufzte schwer.
+
+"Du bereust?"
+
+Der Ritter schlug sich zerknirscht die Brust und murmelte, mit sich
+selbst sprechend: "Meine Sünde... meine Sünde... ungebeichtet und
+ungespeist!"
+
+Da erriet Pescara, daß dieser Fromme nicht seinen Mord bereue,
+sondern daß er ihn vollbracht an einem geistlich Unvorbereiteten.
+"Weiche von mir!" gebot er.
+
+Moncada trat zurück bis zur Schwelle, wie aus einem Traum erwachend.
+Dann sammelte er sich und sagte: "Verzeihung, Erlaucht! Ich war
+abwesend. Noch ein nüchternes Wort. Ich kenne Euer Ziel nicht.
+Noch bin ich nicht Euer Feind. So oder so werdet Ihr Mailand nehmen.
+Dieser erste Schritt enthält weder Treue noch Untreue. Ich erwarte
+Euern zweiten, ob Ihr den Herzog absetzet und die Empörung strafet.
+Tut Ihr es nicht, so verratet Ihr Spanien und Euern König!" Und er
+verschwand.
+
+Pescara zog sich zurück und genoß Speise. Dann empfing er vor seinem
+flackernden Kaminfeuer, das an einem Herbstabende nicht fehlen durfte,
+den Herzog mit Del Guasto und gab ihnen seine letzten Befehle. Den
+Rest der Zeit benützte er, um seine geheimen Papiere zu sichten: was
+sich um einen Mächtigen dreht, eine Welt von Schlechtigkeit. Er
+vernichtete das meiste, es in den Herd werfend: er wollte niemanden
+verderben. Auch das Geheimschreiben des Kaisers sollte verschwinden,
+doch seine Asche nicht mit der übrigen sich vermengen. Er ließ ein
+glimmendes Kohlenbecken bringen, in dessen bläulichen Flämmchen er
+den Brief seines Kaisers verbrannte. Als er zu Ende war, hatten sich
+seine Kerzen schon zur Hälfte verzehrt: es ging auf Mitternacht.
+Pescara kreuzte die Arme über der Brust und verfiel in ein so tiefes
+Sinnen, daß er die Schritte eines Eintretenden nicht vernahm. Da
+sprach es zu ihm: "Was ist dein Ziel, Avalos?" Er erblickte Moncada.
+
+Der Feldherr griff mit der Hand in das erloschene Kohlenbecken,
+schloß sie und streckte sie gegen Moncada. "Mein Ziel?" sagte er und
+öffnete die Hand: Staub und Asche.
+
+Jetzt gellten Drommetenrufe durch das Schloß. Trommelwirbel folgten.
+Alles geriet in Bewegung. Der Feldherr ließ sich von seiner
+Dienerschaft waffnen. Als er bei flackerndem Fackellicht, das sich
+auf Speeren und Rüstungen spiegelte, die gepflasterte Halle des
+Erdgeschosses betrat, erblickte er sein schwarzes Tier, welches,
+kostbar geschirrt, mit ungeduldigen Hufen Funken aus dem Boden schlug,
+daneben eine Sänfte mit zwei leichten Trabern. Beide hatte er
+befohlen, die Wahl dem Augenblicke vorbehaltend. Mit einem Seufzer
+bestieg er die Sänfte, seine wiederbeginnenden Schmerzen darin zu
+verbergen, und verschwand durch das Tor, während sein verschmähtes
+Schlachtroß sich zornig gebärdete und den Reitknecht, welcher es
+besteigen wollte, abwarf. Es mußte seinem Herrn ledig nachgeführt
+werden.
+
+Nun wurde auch der gefangene Kanzler gebracht. Spanische Soldaten
+umringten ihn, beraubten ihn seiner Kette, seiner Ringe, seines
+Beutels und setzten ihn nicht auf sein edles Maultier aus dem
+mailändischen Marstalle, sondern rücklings auf einen armseligen Esel,
+dessen Schwanz sie ihm nach ihrer grausamen Art durch die gefesselten
+Hände zogen. Dann ging es durch das Tor unter einem höllischen
+Gelächter, in welches der Kanzler aus Verzweiflung mit einstimmte.
+
+
+
+
+Letztes Kapitel
+
+
+Inzwischen verlebte in dem aus einer Burg des Glückes zu einer
+Behausung der Angst gewordenen Kastelle von Mailand Franz Sforza
+jammervolle Tage und noch schlimmere Nächte, hilf- und ratlos nach
+seinem Kanzler rufend. Er hatte den Besuch Del Guastos erhalten, der
+ihm zu melden kam, sein Feldherr habe vor ablaufender Frist den
+Kanzler von Mailand empfangen, dieser ihm aber, statt der erwarteten
+Zugeständnisse, im Namen der Hoheit ebenso törichte als
+verbrecherische Eröffnungen gemacht, die den Feldherrn bestimmen,
+ohne Verzug, übrigens ganz im Sinne seiner ersten Drohung, auf
+Mailand zu marschieren und gegen die Hoheit als einen Hochverräter zu
+verfahren. Del Guasto hatte sich an dem Zittern des Herzogs geweidet
+und war aus der Stadt verschwunden. Während sich die kaiserlichen
+Truppen in raschen Märschen näherten, und selbst da sie schon auf den
+Wällen von Mailand in Sicht waren, hatte der Kleinmütige zwischen
+Übergabe und Verteidigung geschwankt, wurde dann aber von ein paar
+tapfern lombardischen Edelleuten auf den Weg der Ehre gerissen und
+endlich selbst von einer kriegerischen Stimmung angewandelt, deren er
+kraft seines großväterlichen Blutes nicht völlig unfähig war. Er
+ließ sich mit einer kunstvoll geschmiedeten Rüstung bekleiden und
+setzte sich einen Helm von herrlicher getriebener Arbeit auf das
+schwache Haupt.
+
+Es ist Thatsache, daß er in der großen Schanze stand, in dem
+Augenblicke, da Pescara seine Truppen gegen dieselbe zum Sturm führte.
+Mit bebender Stimme befahl der Herzog das Feuer seiner auserlesenen
+Geschütze. Wie sich der Rauch verzog, lag das Feld mit Spaniern
+bedeckt. Zwischen Toten und Verwundeten schritt Pescara, wenige mehr
+neben sich und noch unerreicht von den vielen unter der Führung Del
+Guastos ihm stürmisch Nacheilenden. Er war ohne Harnisch. Der Helm
+war ihm vom Kopfe gerissen, und sein dunkler Mantel flatterte
+zerfetzt. In flammend rotem Kleide, mit gelassenen und gleichmäßigen
+Schritten ging er weit voran, einen blitzenden Zweihänder schwingend.
+Es war, als schritte der Würger Tod in Person gegen die Schanze, und
+da sich dort in demselben Augenblicke die böse Kunde verbreitete, der
+Borbone habe das Südtor genommen und Leyva stürme an der nördlichen
+Pforte, packte der bleiche Schreck die Besatzung. Die wieder
+geladenen Stücke blieben ungelöst, die Hauptleute, die sich den
+Furchtbetörten entgegenwarfen, wurden niedergetreten, und die
+panische Flucht riß den Herzog mit sich fort.
+
+Wie er, in seinen Palast zurückgekehrt, mit irrenden Schritten den
+Thronsaal betrat, siehe, da stürzte vor seinen Augen die
+goldbrokatene und mit Löwen und Adlern durchwirkte Bekleidung des
+Thronhimmels zusammen. In der allgemeinen Verwirrung hatte sich der
+herzogliche Tapezierer in den Saal geschlichen und das Prachtstück
+gelockert, um es zu entwenden, war dann aber vor dem sich nahenden
+Getöse unverrichteterdinge entwichen. Von dem schlimmen Omen
+erschreckt, warf sich der Herzog verzweifelnd in einen Lehnstuhl und
+bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, sein Los und den Sieger
+erwartend.
+
+Dieser ließ nicht lange auf sich harren. Ein kurzer Lärm--die treue
+schweizerische Palastwache wurde niedergestreckt oder entwaffnet--,
+und Pescara betrat den Saal, barhaupt und ohne Schwert, hinter ihm
+Karl Bourbon, behelmt, in voller Rüstung, den Degen in blutender
+Faust. Er war, der erste auf der Sturmleiter, mit derselben in den
+Stadtgraben zurückgeworfen worden, ohne sich jedoch ernstlich zu
+verletzen.
+
+Der Marchese verneigte sich vor seinem Besiegten, der sich von seinem
+Sitze aufraffte. "Hoheit beruhige sich", sprach Pescara. "Ich komme
+nicht als Feind, sondern um Hoheit aufs neue in Pflicht zu nehmen für
+Ihren Lehensherrn, den Kaiser."
+
+Sforza erhob die Augen, und da er in dem überlegenen Antlitz weder
+Hohn noch Strafe las, sondern eher teilnehmende Einsicht und Milde,
+brach der haltlose Knabe in Tränen aus und stammelte: "In meinem
+Herzen bin ich der Majestät immer treu gewesen, sie hat keinen
+ergebeneren Diener und bessern Lehensmann, aber ich Unseliger wurde
+mißleitet, wurde irregeführt... mein höllischer Kanzler... auch den
+bewaffneten Widerstand habe ich nicht befohlen... ich wurde geschoben,
+gestoßen... von dem Valabrega und ein paar andern Edelleuten... bei
+allen Aposteln und Märtyrern, ich bin kein italienischer Patriot,
+sondern der bedrängteste Fürst in der unmöglichsten Lage!"
+
+Diese völlige Zerknirschung des Enkels und Urenkels zweier Heroen
+schien den Feldherrn peinlich zu berühren. Doch ließ er der Buße
+freien Lauf, weigerte aber, scheinbar aus Ehrerbietung, dem endlich
+Verstummenden seine Hand, welche dieser zu ergreifen suchte. Er
+befürchtete, der gänzlich Vernichtete möchte sie küssen.
+
+Während dieser Selbsterniedrigung, und sie im Grunde seines
+verbitterten Herzens kostend, schlürfte Karl Bourbon, welcher hinter
+Pescara stehengeblieben war, in langsamen Zügen einen vollen Becher,
+den er sich von einem herbeigewinkten Pagen hatte holen und reichen
+lassen.
+
+"Hoheit", sagte der Feldherr, "ich habe Vollmacht. Wenn Sie davon
+durchdrungen ist, daß Sie sich in ein falsches und gefährliches Spiel
+eingelassen hat, und wenn sich der feste Wille in Ihr gestalten kann,
+forthin Ihr Heil da zu suchen, wo es ist, bei dem Kaiser, und von der
+Majestät nimmermehr zu weichen, wage ich es, auf meine
+Verantwortlichkeit, Ihr Verzeihung zu gewähren und Ihre Hand darauf
+anzunehmen. Hoheit darf es mir glauben, Sie fährt in jedem Falle
+besser mit dem Kaiser als mit der Liga."
+
+Jetzt sah er, wie die unverhoffte Milde den Sohn des Mohren plötzlich
+wieder mißtrauisch machte, wie der vom Schicksal zum Argwohn Erzogene
+eine List vermutete und wie seine Hand zögerte und zitterte. "Hoheit
+darf trauen", sprach er kraftvoll. "Der Kaiser und ich halten Wort."
+
+Sforza gab die Hand, und der Feldherr fügte freundlich hinzu: "Ich
+kenne die schwierige Lage der Hoheit und--wenn ich es aussprechen
+darf--Ihre durch eine unglückliche Jugend erkrankte und entkräftete
+Seele. Sie bedarf vor allem der Stetigkeit. In der Bahn des Kaisers
+wandelnd und verharrend, wird Sie von keiner Zeitwelle verschleudert
+werden. Ich persönlich", schloß er, seine Lehrhaftigkeit mildernd,
+in einem fast herzlichen Tone, "war der Hoheit immer zugethan, aus
+Dank für meine Vorbilder, Ihre zwei herrlichen Ahnen, obwohl mir die
+beiden", scherzte er, "in meiner Jugend manchen Schlaf geraubt haben;
+ein solcher Reiz und Stachel liegt in Männlichkeit und Seelengröße."
+
+Franz Sforza getröstete sich dieser Freundschaft, fragte aber doch
+ängstlich: "Und ich bleibe Herzog? Euer Wort, Pescara?"
+
+"Unverbrüchlich. Wenn ich etwas über den Kaiser vermag, und wenn Ihr
+es vermöget, Eure Seele zu befestigen."
+
+"Und meinem Kanzler geschieht nichts?"
+
+"Ich glaube nein, Hoheit", versprach Pescara.
+
+"Und er bleibt mein Minister?"
+
+Der Feldherr konnte ein Lächeln nicht verwinden über die
+Unzertrennlichkeit dieses Paares. "Hoheit vergißt, daß Sie soeben
+Girolamo Morone den verderblichsten aller Ratgeber genannt hat. Ich
+empfehle Hoheit, sich von der Kaiserlichen Majestät für dieses
+schwierige Amt einen andern und weisern Kopf zu erbitten. Es gibt
+deren in Italien, es braucht kein Spanier zu sein."
+
+"Nichts da, Hoheit! Ihren Kanzler bekommt Sie nicht heraus!" mischte
+sich jetzt der Bourbon ins Gespräch. "Diese Helena ist mein
+Beutestück."
+
+Franz Sforza starrte Bourbon mit angstvollen Augen an. "Der hier?"
+stöhnte er. "Er will mein Mailand! Er träumt langeher davon. Hilf
+mir, mächtiger Pescara!"
+
+Da schmetterte Bourbon, als zerstöre er sich selbst, mit einem
+zornigen Wurf sein kristallenes Glas an den Marmorboden, daß es mit
+schrillem Mißton in Scherben zerfuhr. "Hoheit", rief er, "da liegt
+mein Fürstentum Mailand!"
+
+Während die Scherben flogen, trat Moncada mit Leyva ein, dieser von
+oben bis unten mit Staub und Blut besudelt. "Erlaucht", begann der
+Ritter, "ich beglückwünsche Sie zu Ihrem heutigen schönen Siege, der,
+wieder in voller Kraft erfochten, sich an so viele andere reiht. Ich
+hielt mich geziemend im Vorzimmer. Doch da ich bechern und lachen
+hörte, und als auch Leyva anlangte, der das Nordtor genommen und
+ebenfalls seinen Trunk verdient hat, wagte ich den Eintritt, und ich
+glaube zur rechten Stunde. Denn ich meine: hier wird Gericht
+gehalten werden, und Hoheit Bourbon hat diesem verräterischen Herzog
+in symbolischer Weise seinen verdienten Untergang verkündigt. Aber
+nicht so stürmisch, Hoheit! Ich denke, der Feldherr setzt ein
+Kriegsgericht zusammen, bei dem ich als ein Angehöriger des
+königlichen Hauses Sitz und Stimme beanspruchen darf. Natürlich ein
+vorläufiges Gericht, in Erwartung des Entscheides aus Madrid."
+Pescara blieb kalt. "So tue ich", sagte er. "Ich ernenne zu
+Richtern meine zwei Kollegen, die Hoheit Bourbon und Leyva. Ich
+präsidiere. Euch, Ritter, muß ich ausschließen, weil Ihr keinen Rang
+bekleidet. Hier meine Beglaubigung." Er zog aus seinem Wams die
+kaiserliche Vollmacht.
+
+Moncada ergriff das Schreiben und las: "Nach seinem Ermessen... gemäß
+den Umständen... hm... Erlaucht erlaube... diese kaiserliche Weisung
+scheint zu sagen, daß Sie bevollmächtigt ist, alle militärischen und
+bürgerlichen Maßregeln in dem genommenen Mailand nach Belieben zu
+treffen, präjudiziert aber in keiner Weise die Rechte und Interessen
+der katholischen Majestät. Ich werde daher bleiben als ein stummer,
+aber aufmerksamer Zuhörer."
+
+"Sei es", sagte Pescara geduldig.
+
+Jetzt regte sich auch Leyva und verlangte, daß Girolamo Morone
+vorgeführt werde. "Er ist im Palaste", sagte er. "Ich sah ihn
+gefesselt einbringen unter den Verwünschungen und Kotwürfen des
+mailändischen Volkes, das ihm sein ganzes Elend zurechnet." Pescara
+gab den Befehl.
+
+Eine peinliche Pause. Stühle wurden gerückt von der verlegenen
+Dienerschaft, welche ihrem verklagten Herrn ehrerbietig den
+herzoglichen Sessel mit Krone und Wappen brachte, und als Morone
+erschien, nicht ohne Spuren von Mißhandlung, sah er die drei
+Feldherrn als Richter sitzen, Pescara in der Mitte, und vor ihnen
+seinen Herzog. "Mut, Fränzchen", flüsterte er ihm zu, neben den er
+sich aus alter Gewohnheit gestellt hatte, "wirf du nur alles auf mich!"
+
+Pescara nahm das Wort: "Die Hoheit von Mailand beteuert, an der Treue
+gegen ihren Lehensherrn festzuhalten und nur vorübergehend
+fehlgetreten und in den Schein der Felonie gekommen zu sein unter den
+Einflüsterungen dieses Mannes da." Der Herzog nickte mit dem Haupt.
+
+"So ist es! Ich bekenne, daß ich der allein Schuldige bin!" sprach
+der Kanzler unerschrocken.
+
+"Auch die Verteidigung von Mailand gegen das kaiserliche Heer
+beteuert die Hoheit nicht befohlen zu haben, sondern sie versichert,
+es sei die eigenmächtige That einiger aufrührerischer Lombarden, und
+ich halte es für glaublich. Wie urteilt Leyva?"
+
+Leyva verzog das häßliche Gesicht und murrte: "Dieser Franz Sforza
+ist der Felonie schuldig und durch die nackte Thatsache überwiesen.
+Er werde in schärfstem Gewahrsam gehalten. Der Kaiser, wie ich meine,
+wird ihn absetzen und nach Spanien bringen lassen."
+
+"Und wie urteilt Sie?" Pescara hatte sich gegen Bourbon gewendet.
+
+Der Konnetabel spielte mit seinem zerrissenen Handschuh und bemerkte
+mit melodischer Stimme: "Die Hoheit wurde betört von dem wunderlichen
+Gaukler da, der auch mich und viele andere bezaubert hat, bis er an
+unserm Feldherrn seinen Meister fand. Aber sie scheint mir wieder
+zur Besinnung gekommen zu sein, und ich meine, daß ihr die Schmach
+des Gefängnisses anzutun weder schicklich wäre noch auch notwendig
+ist, da sich ja die Stadt in unsern Händen befindet. Die Hoheit von
+Mailand bleibe frei."
+
+"Zwei Stimmen gegen eine, denn so lautet auch meine Meinung",
+entschied Pescara. Moncada schwieg mit verschlungenen Armen, Leyva,
+dessen große Narbe sich mit Blut zu füllen schien, zerrte den
+Schnurrbart, Bourbon aber erhob sich, bot Franz Sforza den Arm und
+geleitete ihn aus dem Saale.
+
+Draußen stieß er mit Del Guasto zusammen, der ihm zuflüsterte, es sei
+befremdend: die Truppen Leyvas zögen sich gegen den Palast. Bourbon
+runzelte die Stirn. "Beobachtet und berichtet!" gebot er. Del
+Guasto wollte enteilen, rief aber zurück: "Noch eins: ich höre, Donna
+Victoria sei am Tore angelangt und verlange nach dem Feldherrn."
+
+Da Bourbon in den Saal zurücktrat, forderte eben Leyva den Kerker,
+die Folter und, nach vervollständigtem Bekenntnisse, Block und Beil
+für den erbleichenden Morone.
+
+"Auf die Folter!" stöhnte dieser. "Wenn ihr mich windet wie ein Tuch,
+so werdet ihr nichts anderes als Blut und Schweiß aus mir
+herauspressen. Ich habe mich vor dem Feldherrn ausgebeichtet. Du
+bist nicht grausam, Pescara!"
+
+"Pfui, Leyva!" rief Bourbon, sich wieder in den Kreis setzend. "Will
+sich der Herr an den Zuckungen dieses närrischen Gesichtes ergötzen?
+Das leide ich nicht. Ich lasse mir meinen Morone nicht verdrehen.
+Zittre nicht, Girolamo! Dir wird kein Haar gekrümmt: du wirst mein
+Schreiber. Mein gnädiges Urteil lautet: Girolamo sitze in seinem
+Hause, und man bewache ihn, bis ich mir ihn vom Kaiser werde erbeten
+haben."
+
+"Mir scheint, das genügt", entschied der Feldherr. "Morone hat
+gestanden vor drei glaubwürdigen Zeugen, deren einer ich selber bin.
+Keine unnütze Marter, sondern sichere Haft. Zwei Stimmen gegen eine.
+Nehmet ihn, Hoheit. Mir ahnt, daß Girolamo Morone sich noch einmal
+umwandelt und in kaiserliche Dienste tritt."
+
+Da schrie Morone unklug vor Freude über das geschenkte Leben und die
+erlassene Folter: "Pescara, ohne dich kein Italien! Das ist vorbei.
+Mach mit mir, was du willst. Ich bin das Geschöpf deiner Großmut und
+Güte... Und wenn noch weiter geredet werden soll, so erfahret,
+Herrschaften, und darin ist alles andere enthalten: die Liga ist dem
+Kopfe der Heiligkeit entsprungen, wie Athene der Stirne des Zeus..."
+Seine Zunge stand plötzlich still, da er neben sich einen
+ansehnlichen Mann im Reisekleid gewahrte, der eben eingetreten war.
+Dann rief er: "Das weiß niemand besser als der da!" Es war
+Guicciardin, dessen Blicke neugierig im Kreise umliefen, endlich aber
+unverwandt auf dem Antlitze des Pescara haften blieben.
+
+"Ich störe, Erlaucht?" sagte er. "Doch ich werde mich kurz fassen.
+Ich komme mit Eilpost von der Heiligkeit, die diesmal besser einen
+andern geschickt hätte. Die Heiligkeit läßt Erlaucht wissen, sie
+habe auf die erste Kunde der eröffneten Feindseligkeiten einen ihrer
+Vertrautesten nach Madrid gesendet, den Kaiser zu unterrichten, daß
+sie dem Bündnis der italienischen Staaten fremd geblieben ist. Eine
+heilige Liga existiert nicht. Der oberste Hirte schaudert vor dem
+Schwert."
+
+"Halleluja!" rief der Kanzler, den die Lebensfreude berauscht und
+völlig toll gemacht zu haben schien, der Feldherr aber entgegnete:
+"Wie, Guicciardin? Eben hat Morone an den Tag gebracht, daß die Liga
+das Werk der Heiligkeit ist. Was ist Wahrheit?"
+
+"Beides", versetzte Guicciardin. "Mein Auftrag ist ausgerichtet und
+damit gut." Er verbeugte sich und verließ den Saal, aber Bourbon, in
+den der Satan fuhr, rief dem Gesandten des Papstes nach: "Florentiner,
+sage deinem Herrn, ich werde nach Rom kommen, seiner Wahrhaftigkeit
+den Pantoffel zu küssen, mit lauter Lutheranern und Marranen, und
+nachts will ich meine brennende Kerze umwerfen, daß der Heiligkeit
+ein Licht aufgehe!" Die Lache, die der Unselige aufschlug, scholl
+gellend wider aus der Kuppelwölbung und aus den Ecken des Saales wie
+aus dem Munde schadenfroher Dämonen, so daß Guicciardin erschreckend
+umblickte. Der Feldherr wies nun auch den Kanzler mit seiner Wache
+weg, sei es, daß er es für unziemlich hielt, das Haupt der
+Christenheit preiszugeben, oder er war der menschlichen Komödie müde.
+
+Da sich Guicciardin und der Kanzler draußen zusammenfanden, fragte
+jener: "Man führt dich zum Blocke?"
+
+"Bewahre!"
+
+"Durchgeschlüpft? Unvergleichlicher! Doch wie begab es sich in
+Novara?"
+
+"Oh, ich kam auf den Esel zu sitzen... Dieser Pescara ist das Rätsel
+der Sphinx..."
+
+"Das ich errate, Kanzler, aus seinem Antlitz. Es trägt die
+hippokratischen Züge, und ich werde vielleicht der Heiligkeit eine
+Todesnachricht zu bringen haben. Erinnerst du dich noch, Girolamo,
+was ich dir in den Vatikanischen Gärten sagte, von einem möglichen
+letzten Hindernis in der Brust Pescaras? Wenn ich wörtlich wahr
+geredet? Wenn der Feldherr bei Pavia den Tod empfing und ihn
+verheimlicht hat? Wenn wir einen nicht mehr Versuchbaren in
+Versuchung führten?"
+
+Der Kanzler schlug sich vor die Stirn: "Du sagst es, Guicciardin!
+Ähnliches, das ich damals nicht verstand, hat mir der Arzt des
+Feldherrn, Messer Numa Dati, in Novara angedeutet."
+
+"Also die Wahrheit", schloß der Florentiner. "Nicht Pescara trog.
+Wir selbst haben uns betrogen. O Weisheit der Menschen!" Mit dieser
+Betrachtung schieden die beiden.
+
+In dem Thronsaal herrschte eine unheimliche Luft. Die drei Feldherrn
+und der bei ihnen zurückgebliebene Moncada standen in weiten
+Entfernungen. Pescara, völlig entkräftet, wie es schien, hatte sich
+auf den über den Thron ausgebreiteten Goldbrokat geworfen. Blässe
+bedeckte sein Gesicht, die Brust arbeitete. Bourbon maß den Saal in
+leichtfertigem Tanzschritt, während er Moncada scharf beobachtete.
+Dieser, in einer Fensterbrüstung lehnend, winkte aus einer andern
+Leyva zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: "Es ist Zeit. Er hat sich
+enthüllt. Tot oder lebendig..." Jetzt rief auch Pescara den Herzog.
+"Setze dich neben mich, Karl", keuchte er leise. "Führst du Papier
+und Stift?"
+
+"Um Gottes willen, Ferdinand, merkst du nichts? Du bist bedroht!
+Die beiden flüstern. Leyva ist verdächtig. Sie wollen dich
+verhaften!"
+
+"Führst du Papier und Stift?" wiederholte der Feldherr. Der Herzog
+gab sie. Nach ein paar Zügen sagte Pescara: "Meine Hand zittert,
+schreibe du, Karl."
+
+"Ferdinand, bist du blind? Siehst du nicht, wie Moncada sich regt?"
+
+"Er wird mich nicht erreichen", sagte der Feldherr und diktierte mit
+gepreßter Stimme: "An die Majestät des Kaisers. Erhabener Herr,
+Mailand ist Euer. Pescara hält Treue bis zum letzten Atemzug.
+Lohnet sie ihm mit drei Erfüllungen..."
+
+"Ich beschwöre dich, Ferdinand! Er kommt auf dich zu! Ermanne dich!
+Wir fechten... Ich rufe die Wachen..." Bourbon wollte aufspringen.
+Pescara aber hielt ihn fest: "Schreibe! Er erreicht mich nicht,
+sage ich dir. Wo bist du?... mit drei Erfüllungen: Majestät schütze
+Sforza! Majestät begnadige Morone! Majestät gebe mein Kommando dem
+Konnetabel!..."
+
+"Er steht wenige Schritte vor dir! Zieh! Wo hast du deinen Degen?"
+
+"Ich vergieße kein Blut mehr..." Pescara unterzeichnete, und der
+Stift entglitt seiner Hand. Mit einem schwachen Schrei und
+erlöschenden Augen sank er in die Arme seines Freundes.
+
+Moncada, der jetzt ganz nahe getreten war, stand bestürzt. "Was ist
+dem Feldherrn?" fragte er, und ihn betrachtend: "Verschieden?"
+
+"Geschieden!" weinte der Herzog.
+
+"Ein Herzschlag. Der Feldzug hat ihn getötet", sagte Moncada und hob
+das Papier auf, das an den Boden gefallen war. Er las, und bei der
+dritten Bitte angelangt, stand er sinnend. Dann übergab er, ohne die
+Miene zu ändern, das Papier dem Herzog mit den Worten: "Wir ehren
+seinen letzten Willen. Hoheit hat das Kommando. Hoheit befehle!"
+
+Bourbon erschien als ein Heimatloser und Entwerteter dem Sohne
+Ferdinands des Katholischen ungefährlich und war, ohne Pescara, auch
+Leyva minder verhaßt, denn um die Gunst des großen Feldherrn hatte
+dieser den Konnetabel beneidet.
+
+Karl Bourbon winkte sie weg und bettete Pescara auf den Goldbrokat.
+Der Palast war ganz stille geworden, und selbst die Wachen an den
+Toren schritten leise, in der Meinung, der Feldherr halte zu dieser
+Stunde Siesta, wie seine Gewohnheit war. Auch der Herzog, das
+geliebte Haupt im Schoße haltend, versank in einen Mittagstraum, er
+vergaß das tragische Los des Toten und das eigene aus Ruhm und
+Schmach geflochtene, er empfand nur einen dumpfen Schmerz über den
+Verlust des einzigen Freundes.
+
+Stimmen erschollen vor der Saalpforte. "Nein, Madonna, er ruht!"
+verbot Del Guasto, und Victoria rief durchdringend: "Weiche, Böser!
+Ich will zu ihm!" Bourbon vernahm nahende Schritte, er wendete nicht
+einmal das Haupt. Er legte den Finger an den Mund und flüsterte:
+"Leise, Madonna! Der Feldherr schlummert."
+
+Victoria trat zu dem Gatten. Pescara lag ungewaffnet und ungerüstet
+auf dem goldenen Bette des gesunkenen Thronhimmels. Der starke Wille
+in seinen Zügen hatte sich gelöst, und die Haare waren ihm über die
+Stirn gefallen. So glich er einem jungen, magern, von der Ernte
+erschöpften und auf seiner Garbe schlafenden Schnitter.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Versuchung des Pescara, by
+Conrad Ferdinand Meyer
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE VERSUCHUNG DES PESCARA ***
+
+***** This file should be named 3675-8.txt or 3675-8.zip *****
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+Produced by Michelle Mokowska, Mike Pullen, and Mary Cicora.
+HTML version by Al Haines.
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+
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+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
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+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg E-text of Die Versuchung des Pescara, by Conrad Ferdinand Meyer
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+Title: Die Versuchung des Pescara
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+Author: Conrad Ferdinand Meyer
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+Posting Date: June 7, 2009 [EBook #3675]
+Release Date: January, 2003
+First Posted: July 12, 2001
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+
+<P>
+In einem Saale des mailändischen Kastelles saß der junge Herzog
+Sforza über den Staatsrechnungen. Neben ihn hatte sich sein Kanzler
+gestellt und erklärte die Zahlen mit gleitendem Finger.
+</P>
+
+<P>
+"Eine furchtbare Ziffer!" seufzte der Herzog und entsetzte sich vor
+der Summe, welche die mit Eile betriebenen Festungsarbeiten
+verschlungen hatten. "Wie viele Schweißtropfen meiner armen
+hungernden Lombarden!" Und um dem Anblick der verhängnisvollen Zahl
+zu entrinnen, ließ er die melancholischen Augen über die Wände laufen,
+die mit hellfarbigen Fresken bedeckt waren.
+</P>
+
+<P>
+Links von der Tür hielt Bacchus ein Gelag mit seinem mythologischen
+Gesinde, und rechts war als Gegenstück die Speisung in der Wüste
+behandelt von einer flotten, aber gedankenlosen, den heiligen
+Gegenstand bis an die Grenzen der Ausgelassenheit verweltlichenden
+Hand. Oben auf der Höhe, klein und kaum sichtbar, saß der göttliche
+Wirt, während sich im Vordergrunde eine lustige Gesellschaft
+ausbreitete, die an Tracht und Miene nicht übel einer Mittag
+haltenden lombardischen Schnitterbande glich und zum Lachen alle
+Gebärden eines gesunden Appetites versinnlichte.
+</P>
+
+<P>
+Der Blick des Herzogs und der demselben aufmerksam folgende seines
+Kanzlers fielen auf ein schäkerndes Mädchen, das, einen großen Korb
+am Arme, wohl um die überbleibenden Brocken zu sammeln, sich von dem
+neben ihr gelagerten Jüngling umfangen und einen gerösteten Fisch
+zwischen das blendend blanke Gebiß schieben ließ. "Die da wenigstens
+verhungert noch nicht", scherzte der Kanzler mit mutwilligen Augen.
+</P>
+
+<P>
+Ein trübes Lächeln bildete und verflüchtigte sich auf dem feinen
+Munde des Herzogs. "Warum Festungen bauen?" kam er auf den
+Gegenstand seiner Sorge zurück. "Das ist ein schlechtes Geschäft!
+Pescara, der große Belagerer, wird sie schnell wegnehmen und mir dann
+noch die Kriegskosten aufhalsen. Höre, Girolamo", und er richtete
+seinen binsenschlanken Körper in die Höhe, "laß mich weg aus deinen
+geheimen Bündnissen und Artikeln, du unermüdlicher Zettler! Ich will
+nichts davon wissen. Du richtest mich und meine Lombarden zugrunde,
+du Strafe Gottes! Ich will mich nicht an dem Kaiser versündigen: er
+ist mein Lehensherr. Und lieber will ich mich von seinen höllischen
+Spaniern schinden lassen, als daß mich meine neuen Bundesgenossen
+voranschieben und verraten." Wie ein sich Aufgebender ließ er sich,
+die spitzen Knie vorgestreckt, in seinen Sessel niedergleiten und
+rief voller Verzweiflung: "Ich will eine Muhme oder eine Schwester
+des Kaisers heiraten! Das sollst du veranstalten, wenn du der große
+Staatsmann bist, der zu sein du dir einbildest."
+</P>
+
+<P>
+Der Kanzler brach in ein zügelloses Gelächter aus.
+</P>
+
+<P>
+"Du hast gut lachen, Girolamo. Von den steilsten Dächern
+herabrollend, kommst du wie eine Katze immer wieder auf die Füße zu
+stehen! Ich aber gehe in Stücke! Ich und mein Herzogtum
+verflüchtigen uns in dem Hexenkessel, der in deinem Kopfe brodelt.
+Miserere: eine Liga mit dem heiligen Vater, mit San Marco, mit den
+Lilien! O die böse Klimax! O die unheilige Dreieinigkeit! Dem
+Papste traut man nicht über den Weg, weder ich noch irgendeiner. Er
+ist ein Medici! Marcus aber, mein natürlicher Feind und Nachbar, ist
+der ruchloseste aller Heiligen. Und nun gar Frankreich, das mir den
+Vater in einem Kerkerloche verwesen ließ und den armen Bruder Max,
+den du verkauft hast, du Schlimmer, in Paris versorgt!" Die
+beweglichen Züge des fürstlichen Knaben entstellten sich, als sehe er
+den Genius seines Hauses die Fackel langsam senken und auslöschen.
+Eine Träne rann über seine magere Wange.
+</P>
+
+<P>
+Der Kanzler streichelte sie ihm väterlich. "Sei nicht unklug,
+Fränzchen", tröstete er. "Ich hätte den Max verraten? Keineswegs.
+Es war die Logik der Dinge, daß er sich gab nach der Zermalmung der
+Schweizer. Ich habe seine Rente mit König Franz vereinbart und noch
+um ein Gutes hinaufgemarktet. Er selbst sah ein, daß ich es redlich
+mit ihm meine, und dankte mir. Er ist ein Philosoph, sage ich dir,
+der die Welt von oben herunter betrachtet, und da er zu Rosse stieg,
+um von hinnen zu ziehen, hat er, schon im Bügel, noch Weisheit
+geredet. 'Ich segne den Himmel', sprach er, 'daß ich in Zukunft
+nichts mehr zu schaffen habe mit den groben Fäusten der Schweizer,
+den langen Fingern des Kaisers'&mdash;er meinte die hochselige Majestät,
+Fränzchen&mdash;'und den spanischen Meuchlerhänden.' Auch hatte der Max
+gar nicht das Zeug, einen italienischen Fürsten darzustellen, plump
+und unreinlich wie er ist. Da bist du denn doch eine andere
+Erscheinung, Fränzchen. Du hast etwas Fürstliches, wenn du dich
+aufrecht hältst, und dazu die Kunst der Rede, die du von deinem
+unvergleichlichen Vater, dem Mohren, geerbt. Ich sage dir, du wirst
+mit den Jahren noch der klügste und glücklichste Fürst in Italien
+werden."
+</P>
+
+<P>
+Der Herzog betrachtete seinen Kanzler zweifelnd. "Wenn du mich nicht
+vorher verkaufst und mein Leibgeding' in die Höhe marktest", lächelte
+er.
+</P>
+
+<P>
+Morone, der jetzt in seinem langen schwarzen Juristenrocke vor ihm
+stand, entgegnete zärtlich: "Mein holdseliges Fränzchen! Dir tue ich
+nichts zuleide. Du weißt ja, daß du mir ins Herz gewachsen bist. Du
+bleibst der Herzog von Mailand, so wahr ich der Morone bin. Aber du
+mußt dich hübsch belehren und überzeugen lassen, was zu deinem Besten
+dient."
+</P>
+
+<P>
+"Nicht einen einzigen guten Grund hast du mir gegeben für deine
+neugebackene Liga! Und ich will mich einmal nicht empören gegen
+meinen Lehnsherrn! Das ist sündhaft und gefährlich."
+</P>
+
+<P>
+Schnellen Geistes wählte der Kanzler unter den Truggestalten und
+Blendwerken, über welche seine Einbildungskraft gebot, eine
+hinreichend wahrscheinliche und wirksame Larve, um sie seinem
+beweglichen Gebieter entgegenzuhalten und ihn damit heilsam zu
+erschrecken.
+</P>
+
+<P>
+"Fränzchen", sagte er, "der Kaiser ist für dich eine verschlossene
+Pforte. Hast du ihm nicht die rührendsten Briefe geschrieben, und er
+hat niemals geantwortet! Es ist ein in der Ferne verschwindender
+Jüngling und, wie man behauptet, die geduldige Wachspuppe in den
+formenden Händen seiner burgundischen Höflinge. Da bist du ihm
+überlegen, du beurteilst die Dinge selbständig. Das Wetter aber in
+Madrid macht der Borbone, der verschwenderische Konnétabel, der das
+Gold mit vollen Händen auswirft und dessen Treue außer allem
+Verdachte steht, da er seinen König Franz verrathen hat und jetzt in
+Ewigkeit zum Dienste des Kaisers verdammt ist. Der Borbone aber will
+Mailand. Dein Lehen ist ihm zugesagt. Er ist ein Gonzaga von der
+Mutter her und strebt nach einem italienischen Throne. Warum kann
+sich der Kaiser nicht entschließen, dich zu belehnen, nachdem du ihm
+Hunderttausende bezahlt hast? Weil er dein Mailand dem Borbone
+zudenkt, darauf nehme ich Gift. Dieser ist seiner Sache gewiß.
+Unlängst, da du mich in das kaiserliche Lager sendetest, hat er mich
+mit Liebkosungen fast erdrückt und mir sogar einen Beutel zugesteckt,
+um mich auf die günstige Stunde vorzubereiten. Denn freilich sind
+wir alte Bekannte von der französischen Herrschaft her."
+</P>
+
+<P>
+Das war Lüge und Wahrheit: der Konnétabel hatte in einer tollen
+Weinlaune einen witzigen Einfall seines Gastes fürstlich belohnt.
+</P>
+
+<P>
+"Und du nahmst, Ungeheuer?" entsetzte sich der Herzog.
+</P>
+
+<P>
+"Mit dem besten Gewissen von der Welt", erwiderte Morone leichtfertig.
+"Weißt du nicht, Fränzchen, was die Kasuisten lehren, daß ein Weib
+soviel nehmen darf, als man ihr giebt, wenn sie nur ihre Tugend
+behauptet? Das gilt auch für Minister und erlaubt mir, in dieser
+kargen Zeit unter Umständen auf mein Gehalt zu verzichten. Dafür
+kannst du dir zuweilen ein gutes Bild kaufen, Fränzchen. Du mußt
+auch deine ehrbare Ergötzung haben."
+</P>
+
+<P>
+Sforza war erbleicht. Das Schreckbild des Borbone in seiner Burg und
+in seinem Reiche, welche beide dieser schon einmal&mdash;vor seinem
+berühmten Verrat&mdash;jahre lang als französischer Statthalter besessen
+hatte, brachte ihn um alle Besinnung. "Ich habe immer geglaubt, und
+es verfolgt mich auf Schritt und Tritt", jammerte der Ärmste, "daß
+der Borbone mein Mailand haben will. Rette mich, Girolamo! Schließe
+die Liga! ohne Verzug! Sonst bin ich verloren." Er sprang auf und
+ergriff den Kanzler am Arm.
+</P>
+
+<P>
+Dieser erwiderte gelassen: "Ja, das geht nicht so geschwind,
+Fränzchen. Doch wird sich vielleicht heute noch etwas dafür thun
+lassen. Es trifft sich. Gestern ist die Exzellenz Nasi&mdash;nicht der
+Horatius, sondern der schöne Lälius&mdash;bei unserm Wechsler Lolli
+abgestiegen, und durch einen glücklichen Zufall auch Guicciardin hier
+angekommen, der trotz seiner Borsten im Vatikan eine angenehme Person
+ist. Mit diesen zwei gescheiten Leuten ließe sich reden, und ich
+habe den Venezianer und den Florentiner an deine Abendtafel geladen,
+da ich weiß, daß du ein harmloses Geplauder und eine unterhaltende
+Gesellschaft liebst."
+</P>
+
+<P>
+"O verfluchte, nichtswürdige Verschwörung!" klagte der Herzog
+wankelmütig.
+</P>
+
+<P>
+"Und auch noch ein anderer ist eingeritten, im Morgengrauen. Dieser
+hat sich auf die dritte Stunde nachmittags angesagt, er wolle erst
+ausschlafen."
+</P>
+
+<P>
+"Ein anderer? Welcher andere?" Der Herzog zitterte.
+</P>
+
+<P>
+"Der Borbone."
+</P>
+
+<P>
+"Gott verpeste den bleichen Verräter!" schrie Sforza. "Was will der
+hier?"
+</P>
+
+<P>
+"Das wird er selbst dir sagen. Horch! es läutet Vesper im Dome."
+</P>
+
+<P>
+"Empfange du ihn, Kanzler!" flehte der Herzog und wollte durch eine
+Tür entwischen. Morone aber ergriff ihn am Arm und führte ihn zu
+seinem Sessel zurück. "Ich bitte, Hoheit! Es geht vorüber. Wenn
+der Konnétabel eintritt, erhebe sich die Hoheit und empfange ihn
+stehend. Das kürzt ab." Er umkleidete seinen Herrn mit dem am
+Stuhle hängengebliebenen Mantel, und dieser nahm allmählich, seine
+Angst bekämpfend, eine fürstlichere Haltung an, indem er seinen
+hübschen Wuchs geltend machte und den natürlichen Anstand, den er
+besaß.
+</P>
+
+<P>
+Inzwischen blickte der Kanzler durch das Fenster, das den Schloßplatz
+und hinter demselben den Umriß eines der neuangelegten Bollwerke des
+Kastelles zeigte. "Köstlich!" sagte er. "Da steht dieser
+treuherzige Konnétabel, zehn Schritte vor seinem Gefolge, und
+zeichnet unbefangen unsere neue Schanze in sein Taschenbuch. Ich
+will nur gehen und ihn einführen."
+</P>
+
+<P>
+Da er mit Morone eintrat, der berühmte Verräter, eine schlanke und
+hohe Gestalt und ein stolzes, farbloses Haupt mit feinen Zügen und
+auffallend dunkeln Augen, eine unheimliche, aber große Erscheinung,
+verbeugte er sich höflich vor Franz Sforza, der ihn scheu betrachtete.
+</P>
+
+<P>
+"Hoheit", sprach Karl Bourbon, "ich bezeuge meine schuldige
+Ehrerbietung und bitte um Gehör für eine Botschaft der Kaiserlichen
+Majestät."
+</P>
+
+<P>
+Herzog Franz antwortete mit Würde, daß er bereit sei, den Willen
+seines erhabenen Lehensherrn ehrfürchtig zu vernehmen, wankte dann
+aber und glitt in seinen Sessel zurück.
+</P>
+
+<P>
+Als der Konnétabel den Herzog sich setzen sah, blickte auch er sich
+nach einem Stuhl oder wenigstens nach einem Schemel um. Nichts
+dergleichen war vorhanden und auch kein Page gegenwärtig. Da warf er
+seinen kostbaren Mantel dem Herzog gegenüber an den Marmorboden und
+lagerte sich geschmeidig, den linken Arm aufgestützt, den rechten in
+die Hüfte setzend. "Hoheit erlaube", sagte er.
+</P>
+
+<P>
+Karl Bourbon lebte seit seinem Verrate in einer sengenden und
+verzehrenden Atmosphäre des Selbsthasses. Niemand, sogar der
+Vornehmste nicht, hätte es gewagt, den stolzen Mann auch nur mit
+einer Miene an seine Tat zu erinnern und ihn das Urteil erraten zu
+lassen, welches die öffentliche Meinung seines Jahrhunderts
+einstimmig und mit ungewöhnlicher Härte über ihn gefällt hatte, aber
+er kannte dieses strenge Urteil, und sein Gewissen bestätigte es.
+Die gründlichste Menschenverachtung brachte er, bei sich selbst
+anfangend, der ganzen Welt entgegen, doch beherrschte er sich
+vollkommen, und niemand benahm sich tadelfreier und redete farbloser,
+jeden Hohn, jede Ironie, selbst die leiseste Anspielung sich und
+damit auch den andern untersagend. Nur selten verriet, wie eine
+plötzlich aus dem Boden zuckende Flamme, ein höllischer Witz oder ein
+zynischer Spaß den Zustand seiner Seele.
+</P>
+
+<P>
+Nachdem der Konnétabel eine Weile gesonnen, begann er mit angenehmer
+Stimme und einer leichten Wendung des Kopfes: "Ich bitte Hoheit, mich
+nicht entgelten zu lassen, was meine Sendung Unwillkommenes für Sie
+haben könnte. Meine Person völlig zurückstellend, übermittle ich der
+Hoheit einen Beschluß der Kaiserlichen Majestät, welchen dieselbe in
+ihrem Ministerrate gefaßt hat, allerdings nach Vernehmung ihrer drei
+italienischen Feldherrn, Pescara, Leyva und meiner Untertänigkeit."
+</P>
+
+<P>
+"Wie befindet sich Pescara?" fragte der Kanzler, der in gleicher
+Entfernung von den zwei Hoheiten stand, frech dazwischen. "Ist er
+geheilt von seiner Speerwunde bei Pavia?"
+</P>
+
+<P>
+"Freundchen", versetzte der Konnétabel geringschätzig, "ich bitte
+Euch, nicht zu reden, wo Ihr nicht gefragt werdet."
+</P>
+
+<P>
+Da nahm der Herzog die Frage auf. "Herr Konnétabel", sagte er, "wie
+befindet sich der Sieger von Pavia?"
+</P>
+
+<P>
+Bourbon verneigte sich verbindlich. "Ich danke der Hoheit für die
+huldvolle Nachfrage. Mein erlauchter und geliebter Kollege Ferdinand
+Avalos Marchese von Pescara ist völlig hergestellt. Er reitet ohne
+Beschwerde seine zehn Stunden." Dann fuhr er fort: "Lasset mich
+jetzt zur Sache kommen, Hoheit. Bittere Arznei will schnell gereicht
+sein. Die Kaiserliche Majestät wünscht sehr, daß die Hoheit
+zurücktrete aus der neuen Liga, die Sie mit der Heiligkeit, den
+Kronen von Frankreich und England und der Republik Venedig
+abgeschlossen hat oder abzuschließen im Begriffe ist."
+</P>
+
+<P>
+Jetzt fand der Herr von Mailand den Fluß der Rede und beteuerte mit
+gut gespieltem Erstaunen und herzlicher Entrüstung, daß ihm von einer
+solchen Liga nichts bekannt sei und er selbst sicherlich der erste
+wäre, nach seiner Lehenspflicht den Kaiser ungesäumt zu unterrichten,
+wenn seines Wissens in Oberitalien derlei gegen die Majestät
+gesponnen würde. Und er legte die Hand auf das feige Herz.
+</P>
+
+<P>
+Mit vorgebogenem Haupte höflich lauschend, ließ der Konnétabel den
+jungen Heuchler seine Lüge in immer neuen Wendungen wiederholen.
+Dann erwiderte er in kühlem Tone, mit einer unmerklichen Färbung
+verächtlichen Mitleids: "Die Worte der Hoheit unangetastet, muß ich
+glauben, daß dieselbe von der Sachlage nicht genau unterrichtet ist.
+Wir denken es besser zu sein. Der Friede zwischen Frankreich und
+England mit einer bösen Absicht gegen den Kaiser ist eine Tatsache,
+die uns mit Sicherheit aus den Niederlanden gemeldet wurde. Ebenso
+gewiß sind wir, daß in Oberitalien gegen uns gerüstet wird. Und
+soweit sich der Heilige Vater beurteilen läßt, scheint auch er, den
+wir verwöhnt haben, sich verdeckt gegen uns zu wenden. Zu
+unterscheiden, was gethan und was im Werden ist, kann nicht unsere
+Aufgabe sein: wir bauen vor. Ehe die Liga", fügte er mit leiserer
+Stimme bedeutsam hinzu, "einen Feldherrn gefunden hat."
+</P>
+
+<P>
+Dann stellte er seine Forderung: "Hoheit giebt uns Sicherheit, in
+Monatsfrist, daß Sie Neutralität hält. Das ist die inständige Bitte
+Kaiserlicher Majestät. Unter Sicherheit aber versteht sie:
+Verabschiedung der Schweizer, Beurlaubung der lombardischen Waffen
+auf die Hälfte, Einstellung aller und jeder Festungsbauten und
+Überlassung dieses erfindungsreichen Mannes"&mdash;er wies mit dem Haupte
+seitwärts&mdash;"an Kaiserliche Majestät. Wo nicht"&mdash;und er erhob sich
+ungestüm, als wollte er zu Pferde springen&mdash;"wo nicht, blasen wir zum
+Aufbruch, den letzten September, um Mitternacht, keine Stunde früher,
+keine später, und besetzen in wenigen Märschen das Herzogthum. Hoheit
+überlege." Er verbeugte sich und schied.
+</P>
+
+<P>
+Da ihm Morone das Geleite geben wollte, verfiel Bourbon in eine
+seiner tollen Launen und wies den Kanzler mit einer possenhaften
+Gebärde ab. "Adieu, Pantalon mon ami!" rief er über die Schulter
+zurück.
+</P>
+
+<P>
+Morone gerieth in Wuth über diese Benennung, welche seiner Person allen
+Ernst und Wert abzusprechen schien, und entrüstet auf und nieder
+schreitend, verwickelte er sich mit den Füßen in den
+liegengebliebenen Mantel des Konnétable; der junge Herzog aber hielt
+den Kanzler fest, hing sich ihm an den Arm und weinte: "Girolamo, ich
+habe ihn beobachtet! Er glaubt sich hier schon in dem Seinigen.
+Schließe ab! Heute noch! Sonst entthront mich dieser Teufel!"
+</P>
+
+<P>
+Noch lag der hilflose Knabe in den Armen seines Kanzlers, als ein
+greiser Kämmerer den Rücken vor ihm bog und feierlich das Wort sprach:
+"Die Tafel der Hoheit ist gedeckt." Die beiden folgten ihm, der mit
+wichtiger Miene durch eine Reihe von Zimmern voranschritt. Eines
+derselben, ein Kabinett, das keinen eigenen Ausgang hatte, schien mit
+seiner Tapete von moosgrünem Sammet und seinen vier gleichfarbigen
+Schemeln ein für trauliche Mitteilungen bestimmter Schlupfwinkel zu
+sein. In seiner Mitte blieb der Herzog verwundert stehen, denn die
+Hinterwand des sonst leeren Raumes füllte jetzt ein Bild, das er
+nicht als sein Eigenthum kannte. Es war heimlich in den Palast
+gekommen, eine ihm bereitete Überraschung, das Geschenk des
+Markgrafen von Mantua, wie auf dem Rahmen zu lesen stand. Der Herzog
+ergriff seinen Kanzler an der Hand, und beide Italiener näherten sich
+mit leisen Tritten und einer stillen, andächtigen Freude dem
+machtvollen Gemälde: auf einem weißen Marmortischchen spielten Schach
+ein Mann und ein Weib in Lebensgröße. Dieses, ein helles und warmes
+Geschöpf in fürstlichen Gewändern, berührte mit zögerndem Finger die
+Königin und forschte zugleich verstohlenen Blickes in der Miene des
+Mitspielers, der, ein Krieger von ernsten und durchgearbeiteten Zügen,
+in dem streng gesenkten Mundwinkel ein Lächeln, versteckte.
+</P>
+
+<P>
+Beide, Herzog und Kanzler, erkannten ihn sogleich. Es war Pescara.
+Die Frau erriethen sie mit Leichtigkeit. Wer war es, wenn nicht
+Victoria Colonna, das Weib des Pescara und die Perle Italiens? Sie
+konnten sich nicht von dem Bilde trennen. Sie fühlten, daß sein
+größter Reiz die hohe und zärtliche Liebe sei, welche die weichen
+Züge der Dichterin und die harten des Feldherrn in ein warmes Leben
+verschmolz, und nicht minder die Jugend der Beiden, denn auch der
+benarbte und gebräunte Pescara erschien als ein heldenhafter Jüngling.
+</P>
+
+<P>
+In der That, achtzehnjährig Beide, waren sie miteinander an den Altar
+getreten, und sie hatten sich mit Leib und Seele Treue gehalten, oft
+und lang getrennt, sie bei der keuschen Ampel in Italiens große
+Dichter vertieft, er vor einem glimmenden Lagerfeuer über der Karte
+brütend, dann endlich wieder auf Ischia, dem Besitzthum des Marchese,
+wie auf einer seligen Insel sich vereinigend. Solches wußte das
+sittenlose Italien und zweifelte nicht, sondern bewunderte mit einem
+Lächeln.
+</P>
+
+<P>
+Auch die zwei vor dem Bilde Stehenden empfanden die Schönheit dieses
+Bundes der weiblichen Begeisterung mit der männlichen
+Selbstbeherrschung. Sie empfanden sie nicht mit der Seele, aber mit
+den feinen Fingerspitzen des Kunstgefühls. So wären sie noch lange
+gestanden, wenn nicht der Kammerherr unterthänig gemahnt hätte, daß
+zwei Geladene im Vorzimmer des Eßsaales warteten. Durch ein paar
+Thüren wurde jenes erreicht und, nach einer kurzen Vorstellung der
+Gäste, dieser betreten.
+</P>
+
+<P>
+Jetzt saßen die Viere an der nicht überladenen, aber ausgesuchten
+Tafel. Während des ersten leichten Gespräches besah sich der Herzog
+insgeheim seine Gäste. Keine Gesichter konnten unähnlicher sein als
+diese dreie. Den häßlichen Kopf und die grotesken Züge seines
+Kanzlers freilich wußte er auswendig, aber es fiel ihm auf, wie
+ruhelos dieser heute die feurigen Augen rollte und wie über der
+dreisten Stirn das pechschwarze Kraushaar sich zu sträuben schien.
+Daneben hob sich das Haupt Guicciardins durch männlichen Bau und
+einen republikanisch stolzen Ausdruck sehr edel ab. Der Venezianer
+endlich war eines schönen Mannes Bild mit einem vollen weichen Haar,
+leise spottenden Augen und einem liebenswürdigen verrätherischen
+Lächeln. Auch in der Farbe unterschieden sich die drei Angesichter.
+Die des Kanzlers war olivenbraun, der Venezianer besaß die
+durchsichtige Blässe der Lagunenbewohner, und Guicciardin sah so gelb
+und gallig aus, daß der Herzog sich bewogen fühlte ihn nach seiner
+Gesundheit zu fragen.
+</P>
+
+<P>
+"Hoheit, ich litt an der Gelbsucht", versetzte der Florentiner kurz.
+"Die Galle ist mir ausgetreten, und das ist nicht zum Verwundern,
+wenn man weiß, daß mich die Heiligkeit in ihre Legationen versendet
+hat, um dieselben zu einem ordentlichen Staate einzurichten. Da
+schaffe einer Ordnung, wo die Pfaffen Meister sind! Nichts mehr
+davon, sonst packt mich das Fieber, trotz der gesunden Luft von
+Mailand und den guten deutschen Nachrichten." Er wies eine süße
+Schüssel zurück und bereitete sich mit mehr Essig als Öl einen
+Gurkensalat.
+</P>
+
+<P>
+"Nachrichten aus Deutschland?" fragte der Kanzler.
+</P>
+
+<P>
+"Nun ja, Morone. Ich habe Briefe von kundiger Hand. Die Mordbauern
+sind zu Paaren getrieben und&mdash;das Schönste&mdash;Fra Martino selbst ist
+mit Schrift und Wort gewaltig gegen sie aufgetreten. Das freut mich
+und läßt mich an seine Sendung glauben. Denn, Herrschaften, ein
+weltbewegender Mensch hat zwei Ämter: er vollzieht, was die Zeit
+fordert, dann aber&mdash;und das ist sein schwereres Amt&mdash;steht er wie ein
+Gigant gegen den aufspritzenden Gischt des Jahrhunderts und
+schleudert hinter sich die aufgeregten Narren und bösen Buben, die
+mitthun wollen, das gerechte Werk übertreibend und schändend."
+</P>
+
+<P>
+Der Herzog war ein wenig enttäuscht, denn er liebte Krieg und Aufruhr,
+wenn sie jenseits der Berge wütheten und seine Einbildungskraft
+beschäftigten, während er selbst außer Gefahr stand. Der Kanzler
+aber that einen Seufzer und sagte mit einem wahren menschlichen
+Gefühle: "In Germanien mag nun viel Grausames geschehen."
+</P>
+
+<P>
+"Thut mir leid", versetzte der Florentiner, "doch ich behalte das
+Ganze im Auge. Jetzt, nach Bändigung der trotzigen Ritter und der
+rebellischen Bauern, führen die Fürsten. Die Reformation, oder wie
+ihr es nennen wollet, ist gerettet."
+</P>
+
+<P>
+"Und Ihr seid ein Republikaner?" stichelte der Kanzler.
+</P>
+
+<P>
+"Nicht in Deutschland."
+</P>
+
+<P>
+Auch der schöne Lälius gönnte sich einen Scherz. "Und Ihr dienet dem
+heiligen Vater, Guicciardin?" lispelte er.
+</P>
+
+<P>
+Dieser, dem das süßliche Lächeln widerstand und den seine Gelbsucht
+reizbar machte, antwortete freimüthig: "Jawohl, Herrlichkeit, zur
+Strafe meiner Sünden! Der Papst ist ein Medici, und diesem Hause ist
+Florenz verfallen. Ich aber will nicht aus meiner Vaterstadt
+vertrieben werden, denn flüchtig sein ist das schlimmste Los und
+gegen seine Heimat zu Felde liegen das größte Verbrechen. Der
+Heilige Vater weiß, wer ich bin, und nimmt mich nicht anders, als ich
+bin. Ich diene ihm, und er hat nicht über mich zu klagen. Aber ich
+lasse mir nicht das Maul verbinden, und so sei es mit Wonne
+ausgesprochen unter uns Wissenden: Fra Martino hat eine gerechte
+Sache, und sie wird sich behaupten."
+</P>
+
+<P>
+Dem Herzog machte es Spaß, und er empfand eine Schadenfreude, es zu
+erleben, wie der große germanische Ketzer von einem Sachwalter des
+heiligen Vaters verherrlicht wurde. Freilich überlief ihn eine
+Gänsehaut, daß solches in seiner Gegenwart und in seinem Palaste
+geschehe. Er winkte die Diener weg, welche eben die Früchte
+aufgesetzt hatten und der spannenden Unterhaltung ihre stille
+Aufmerksamkeit widmeten.
+</P>
+
+<P>
+Jetzt forderte Morone, der sich auf seinem Stuhle hin und her
+geworfen, mit flammenden Augen den Florentiner auf: "Ihr seid ein
+Staatsmann, Guicciardin, und auch ich pfusche ins Handwerk. Wohlan,
+begründet eure merkwürdigen Sätze: Bruder Martinus thut ein gerechtes
+Werk, und dieses Werk wird gelingen und dauern."
+</P>
+
+<P>
+Guicciardin leerte ruhig seinen Becher, während der schöne Lälius ein
+Zuckerbrot zerbröckelte, der Herzog nach seiner Art sich im Sessel
+gleiten ließ und Morone begeistert von dem seinigen aufsprang.
+</P>
+
+<P>
+"Nicht wahr, Herrschaften", begann der Florentiner, "kein Kind, kein
+Thor würde es ertragen, wenn ein Ding vorgeben wollte, dasselbe Ding
+geblieben zu sein, nachdem es sich in sein Gegentheil verwandelt hätte,
+zum Beispiel das Lamm in den Wolf, oder ein Engel in einen Teufel.
+Wie wir nun in unserm gebildeten Italien von der heiligen Gestalt
+denken mögen, die sich in den Päpsten fortsetzt, eines ist nicht zu
+leugnen: daß sie nur Gutes und Schönes gewollt hat. Und ihre
+Nachfolger, die das Werk und Amt des Nazareners übernommen
+haben&mdash;sehet nur die viere der Wende des Jahrhunderts! Da ist der
+Verschwörer, der unsern gütigen Julian gemeuchelt hat! Dann kommt
+der schamlose Verkäufer der göttlichen Vergebung! Nach ihm der
+Mörder, jener unheimliche zärtliche Familienvater! Keine
+Fabelgestalten, sondern Ungeheuer von Fleisch und Blut, in kolossalen
+Verhältnissen vor dem Auge der Gegenwart stehend! Und der vierte,
+den ich von Jenen trenne: unser großer Julius, ein Heros, der Gott
+Mars, aber ein Gegensatz, noch schreiender als jene Dreie zu dem
+sanftmüthigen Friedestifter! Viermal nacheinander dieser Widerspruch,
+das ist ein Hohn gegen die menschliche Vernunft. Es nimmt ein Ende:
+entweder verschwindet jene erste himmlische Gestalt in dieser
+dampfenden Hölle und flammenden Waffenschmiede, oder Bruder Martinus
+löst sie mit einem scharfen Schnitt von solchen Nachfolgern und
+Amtsbrüdern."
+</P>
+
+<P>
+"Das ist lustig", meinte der Herzog, während der Kanzler wie besessen
+in die Hände klatschte.
+</P>
+
+<P>
+"Eine Predigt Savonarolas", ließ sich der schöne Lelio vernehmen, ein
+Gähnen verwindend. "Wenn wir Fra Martino in Venedig hätten, so
+könnten wir ihn zügeln und sachdienlich verwenden. Aber seinem
+germanischen Trotzkopf überlassen, wird er, fürcht' ich, über kurz
+oder lang dem Andern auf den Scheiterhaufen folgen."
+</P>
+
+<P>
+"Nein", versetzte Guicciardin heiter, "seine braven deutschen Fürsten
+werden ihr Schwert vor ihn halten und ihn schützen."
+</P>
+
+<P>
+"Doch wer schützt seine Fürsten?" spottete der Venezianer.
+</P>
+
+<P>
+Guicciardin schlug eine fröhliche Lache auf. "Der heilige Vater",
+sagte er. "Sehet, Herrschaften, das ist eine jener verdammt feinen
+Zwickmühlen, wie sie der Zufall oder ein Besserer in der
+Weltgeschichte anlegt. Seit unsere Päpste sich verweltlicht haben
+und einen Staat in Italien besitzen, ist ihnen das kleine Zepter
+theurer als der lange Hirtenstab. Ist nicht, diesem Scepter zuliebe,
+unser Clemens im Begriff, dem frommgläubigen Kaiser förmlich den
+Krieg zu erklären? Einem heiligen Vater aber, der mit Kanonen auf
+ihn schießt, wird Karl kaum den Gefallen thun, seine tapfern
+germanischen Landsknechte in die Kirche zurückzuzwingen. Und
+umgekehrt: wenn die ketzerischen deutschen Fürsten gegen die
+Kaiserliche Majestät sich empören und Panier aufwerfen, wird der
+heilige Vater nicht ihre Seele vorläufig in Ruhe lassen und sich
+heimlich ihrer Waffen bedienen? Unterdessen aber wächst der Baum und
+streckt seine Wurzeln."
+</P>
+
+<P>
+Jetzt wurde der Herzog unruhig. Es kam die angenehme Stunde seines
+Tagewerkes, in welcher er seine Hunde und Falken mit eigenen Händen
+fütterte. "Herrschaften", sagte er, "mich würde dieser germanische
+Mönch nicht verführen. Man hat mir sein Bildnis gezeigt: ein plumper
+Bauernkopf, ohne Hals, tief in den Schultern. Und seine Gönner, die
+saxonischen Fürsten&mdash;Bierfässer!"
+</P>
+
+<P>
+Guicciardin zerdrückte den feinen Kelch in der Hand und einen Fluch
+zwischen den Zähnen. "Es ist schwül hier im Saale", entschuldigte er
+sich, und gleich hob der Herzog die Tafel auf. "Wir wollen frische
+Luft schöpfen", meinte er. "Auf Wiedersehen, Herrschaften, nach
+Sonnenuntergang, im grünen Kabinette."
+</P>
+
+<P>
+Er verließ das Zimmer, um dem Venezianer, an welchem er ein
+Wohlgefallen fand, seine Gebäude, Terrassen und Gärten zu zeigen. Es
+waren noch jene unvergleichlichen Anlagen, welche der letzte Visconte
+gebaut und mit seinem gespenstischen Treiben erfüllt hatte, die
+Überbleibsel jener "Burg des Glückes", wo er, wie ein scheuer Dämon
+in seinem Zauberschlosse, Italien mit vollendeter Kunst regierte, und
+aus welcher er seine Günstlinge, sobald sie erkrankten, wegtragen
+ließ, damit niemals der Tod an diese Marmorpforten klopfe.
+</P>
+
+<P>
+Ein guter Theil der alten Pracht war verfallen, oder zertreten und
+verschüttet durch den Krieg und die neu aufgeworfenen Bollwerke.
+Immerhin blieb noch genug übrig für die schmeichelnde Bewunderung des
+schönen Lälius, und Franz Sforza verlebte ein paar hübsche Stunden.
+Nur da sie eine Reitbahn betraten, welche der Bourbon während seiner
+mailändischen Statthalterschaft errichtet, verschatteten sich die
+fürstlichen Züge, um sich dann aber gleich wieder zu erheitern. Er
+hatte das schallende Gelächter Guicciardins vernommen und darauf
+diesen selbst erblickt, der sich in eine ländliche Veranda hemdärmlig
+mitten unter lombardische Stallknechte gesetzt hatte, mit ihnen
+Karten spielte und einem herben Landweine zusprach. "Die
+Vergnügungen eines Republikaners", spottete Franz Sforza. "Er erholt
+sich von seinem fürstlichen Umgange." Der schöne Lelio lächelte
+zweideutig, und sie setzten ihren Lustwandel fort.
+</P>
+
+<P>
+Der Erste, welcher sich in dem moosgrünen Kabinette einfand, wenn er
+es nicht etwa gleich nach aufgehobener Tafel betreten und nicht
+wieder verlassen hatte, war Girolamo Morone. Er stand vertieft in
+das Bild. Eine Weile mochte er die entzückten Augen an dem
+holdseligen Weibe geweidet haben, jetzt aber durchforschte er mit
+angestrengtem Blicke das Antlitz des Pescara, und was er aus den
+starken Zügen heraus oder in dieselben hinein las, gestaltete sich in
+dem erregten Manne zu heftigen Gebärden und abgebrochenen Lauten.
+"Wie wirst du spielen, Pescara?" stammelte er, die schalkhafte Frage,
+die in Victorias unschuldigem Auge lag, ingrimmig wiederholend und
+die pechschwarze Braue zusammenziehend.
+</P>
+
+<P>
+Da erhielt er einen kräftigen Schlag auf die Schulter. "Verliebst du
+dich in die göttliche Victoria, du Sumpf?" fragte ihn Guicciardin mit
+einem derben Gelächter.
+</P>
+
+<P>
+"Spaß beiseite, Guicciardin, was denkst du von Dem hier mit dem rothen
+Wamse?", und der Kanzler wies auf den Feldherrn.
+</P>
+
+<P>
+"Er sieht wie ein Henker."
+</P>
+
+<P>
+"Nicht, Guicciardin. Ich meine: was sagst du zu diesen Zügen? Sind
+es die eines Italieners oder die eines Spaniers?"
+</P>
+
+<P>
+"Eine schöne Mischung, Morone. Die Laster von beiden: falsch,
+grausam und geizig! So habe ich ihn erfahren, und du selbst, Kanzler,
+hast mir ihn so gezeichnet. Erinnere dich! in Rom, vor zwei Jahren,
+da der witzige Jakob uns zusammen über den Tiber setzte."
+</P>
+
+<P>
+"Hab ich? Dann war es der Irrthum eines momentanen Eindrucks.
+Menschen und Dinge wechseln."
+</P>
+
+<P>
+"Die Dinge, ja; die Menschen, nein: sie verkleiden und spreizen sich,
+doch sie bleiben, wer sie sind. Nicht wahr, Hoheit?" Guicciardin
+wendete sich gegen den Herzog, welcher eben eintrat und dem der
+Venezianer auf dem Fuße folgte.
+</P>
+
+<P>
+Die vier grünen Schemel besetzten sich und die Türen wurden verboten.
+Das offene Fenster füllte ein glühender Abendhimmel.
+</P>
+
+<P>
+"Herrschaften", begann der Herzog mit würdiger Miene, "wie weit die
+Vollmachten?"
+</P>
+
+<P>
+"Meine Bescheidenheit", sagte der schöne Lälius, "ist beauftragt
+abzuschließen."
+</P>
+
+<P>
+"Die Weisheit des heiligen Vaters", folgte Guicciardin, "wünscht
+ebenfalls ein Ende. Die Liga war langeher der Liebling ihrer
+Gedanken: sie stellt sich, wie ihr gebührt, an die Spitze, mit
+Vorbehalt der schonenden Formen des höchsten Hirtenamtes."
+</P>
+
+<P>
+"Die Liga ist geschlossen!" rief der Herzog muthig. "Kanzler, statte
+Bericht ab!"
+</P>
+
+<P>
+"Herrschaften", begann dieser, "in ihren Briefen verspricht die
+französische Regentschaft, im Einverständnis mit dem zu Madrid
+gefangen sitzenden Könige, ein ansehnliches Heer und entsagt zugleich
+endgültig, in die Hände des heiligen Vaters, den Ansprüchen auf
+Neapel und Mailand."
+</P>
+
+<P>
+"Optime!" jubelte der Herzog. "Und Schweizer bekämen wir soviel wir
+wollen, in lichten Haufen, wenn wir nur Ducaten hätten, ihnen damit
+zu klingeln. Nicht wahr, Kanzler?"
+</P>
+
+<P>
+"Da ist Rat zu schaffen", versicherten die zwei Andern.
+</P>
+
+<P>
+"Aber, Herren", drängte Morone, "es eilt! Der Borbone war hier. Man
+blickt uns in die Karten. Die drei Feldherrn drohen in Monatsfrist
+Mailand zu nehmen, wenn wir nicht abrüsten. Wir müssen losschlagen,
+und um loszuschlagen, müssen wir unsern Capitano wählen, jetzt,
+sogleich!"
+</P>
+
+<P>
+"Dazu sind wir gekommen", sprachen die Zweie wiederum einstimmig.
+</P>
+
+<P>
+"Der Liga den Feldherrn geben!" wiederholte der Kanzler. "Das ist
+nicht weniger als über das Los Italiens entscheiden! Wen stellen wir
+dem Pescara entgegen, dem größten Feldherrn der Gegenwart? Nennet
+mir den ebenbürtigen Geist! Unsern großen Kriegsleuten, dem Alviano,
+dem Trivulzio, ist längst die Grabschrift gemacht, und die übrigen
+hat Pavia getödtet. Nennet mir ihn! Zeiget mir die mächtige Gestalt!
+Wo ist die gepanzerte rettende Hand, daß ich sie ergreife?"
+</P>
+
+<P>
+Eine trübe Stimmung kam über die Gesellschaft, und der Kanzler
+weidete sich an der Niedergeschlagenheit der Verbündeten.
+</P>
+
+<P>
+"Wir haben den Urbinaten oder den Ferraresen", meinte Nasi, doch
+Guicciardin erklärte bündig, den Herzog von Ferrara schließe die
+Heiligkeit aus als ihren abtrünnigen Lehensmann. "Wählen wir den
+Herzog von Urbino. Er ist kleinlich und selbstsüchtig, ohne weiten
+Blick, ein ewiger Verschlepper und Zauderer, aber ein versuchter
+Kriegsmann, und es bleibt uns kein Anderer", sprach der Florentiner
+mit gerunzelter Stirn.
+</P>
+
+<P>
+"Da wäre noch Euer Hans Medici, Guicciardin, und Ihr hättet den
+jungen Waghals, nach dem euer Herz zu begehren scheint", neckte ihn
+der Venezianer.
+</P>
+
+<P>
+"Höhnt Ihr mich, Nasi?" zürnte Guicciardin. "Daß ein junger Frevler
+unsere patriotische Sache entweihe und ein tollkühner Bube unsern
+letzten Krieg mit den Würfeln einer leichtsinnigen Schlacht
+verspiele? Der Urbinate wird uns wenigstens nicht verderben, wenn er
+den Krieg verewigt, die Hilfe eines würgenden Fiebers oder eines
+Auflaufes der Landsknechte im kaiserlichen Lager abwartend. Wählen
+wir ihn." Er seufzte, und in demselben Augenblicke fuhr er wüthend
+gegen den Kanzler los, den er das Ende seiner Rede mit einem
+verzweifelnden Gebärdenspiele begleiten sah. "Laß die Grimassen,
+Narr!" schrie er ihn an, "... ich bitte um Vergebung, Hoheit, wenn ich
+ungeduldig werde, und Hoheit ist auf meiner Seite, wie ich glaube..."
+Der Herzog blickte auf seinen Kanzler.
+</P>
+
+<P>
+"Sei es", sagte Morone, "wir stimmen bei, aber es ist ein unfreudiges
+Ja, das die Hoheit zu dem seelenlosen Anfange unsers Bündnisses giebt."
+Der Herzog nickte trübselig. "Nein", rief der Kanzler, "sie giebt
+es nicht, die Hoheit tritt zurück, sie kann es nicht verantworten,
+die letzten Kräfte dieses Herzogtums zu erschöpfen! Sie zieht nicht
+zu Felde, im voraus entmuthigt und geschlagen! Die Liga ist
+aufgehoben! Oder wir suchen ihr einen siegenden Feldherrn."
+</P>
+
+<P>
+Die zwei Andern schwiegen mißmuthig.
+</P>
+
+<P>
+"Und ich weiß einen!" sagte Morone.
+</P>
+
+<P>
+"Du weißt ihn?" schrie Guicciardin. "Bei allen Teufeln, heraus damit!
+Rede! Wen werfen wir in die Wagschale gegen Pescara?"
+</P>
+
+<P>
+"Redet, Kanzler!" trieb auch der Venezianer.
+</P>
+
+<P>
+Morone, der von seinem Schemel aufgesprungen war, trat einen Schritt
+vorwärts und sprach mit starker Stimme: "Wen wir gegen Pescara in die
+Wagschale werfen? Welchen Ebenbürtigen? Pescara, ihn selber!"
+</P>
+
+<P>
+Ein Schrecken versteinerte die Gesellschaft. Der Herzog starrte
+seinen außerordentlichen Kanzler mit aufgerissenen Augen an, während
+Guicciardin und der Venezianer langsam die Hand an die Stirn legten
+und zu sinnen begannen. Beide erriethen sie als kluge Leute ohne
+Schwierigkeit, wie Morone es meinte. Sie waren die Söhne eines
+Jahrhunderts, wo jede Art von Verrath und Wortbruch zu den
+alltäglichen Dingen gehörte. Hätte es sich um einen gewöhnlichen
+Kondottiere gehandelt, einen jener fürstlichen oder plebejischen
+Abenteurer, welche ihre Banden dem Meistbietenden verkauften, sie
+hätten wohl dem Kanzler sein frevles Wort von den Lippen
+vorweggenommen. Aber den ersten Kaiserlichen Heerführer? aber
+Pescara? Unmöglich! Doch warum nicht Pescara? Und da Morone
+leidenschaftlich zu sprechen begann, verschlangen sie seine Worte.
+</P>
+
+<P>
+"Herrschaften", sagte dieser, "Pescara ist unter uns geboren. Er hat
+Spanien niemals betreten. Die herrlichste Italienerin ist sein Weib.
+Er muß Italien lieben. Er gehört zu uns, und in dieser
+Schicksalsstunde, da wir mit dem noch ledigen Arm unsern andern schon
+gefesselten befreien wollen, nehmen wir den größten Sohn der Heimat
+und ihren einzigen Feldherrn in Anspruch. Wir wollen zu ihm gehen,
+ihn umschlingen und ihn anrufen: Rette Italien, Pescara! Ziehe es
+empor! Oder es reißt dich mit in den Abgrund!"
+</P>
+
+<P>
+"Genug declamiert!" rief Guicciardin. "Ein Phantast wie du, Kanzler,
+mit den unbändigen Sprüngen deiner Einbildungskraft ist dazu da, das
+Unmögliche zu erdenken und auszusprechen, das vielleicht, näher
+betrachtet, nicht völlig unmöglich ist. Jetzt aber sei stille und
+laß die Vernünftigen es beschauen und sich zurechtlegen, was du im
+Fieber geweissagt hast. Gebärde dich nicht wie ein Rasender, sondern
+setze dich und laß mich reden!
+</P>
+
+<P>
+Herrschaften, oft, und in verzweifelten Lagen immer, ist Kühnheit der
+beste und einzige Rath. Der Krieg unter dem Urbinaten starrt uns an
+wie eine Maske mit leeren Augen. Wir alle fühlen, er würde uns
+langsam lähmen und methodisch zu Grunde richten. Lieber ein
+halsbrechendes Wagnis. Also ja! Wenn es nach mir geht, versuchen
+wir den Pescara! Verräth er uns an den Kaiser, so kann er uns alle
+verderben. Aber wer weiß, ob er nicht seinem Dämon unterliegt?
+Zuerst müssen wir uns fragen: Wer ist Pescara? Ich will es euch
+sagen: ein genialer Rechner, der die Möglichkeiten scharfsinnig
+scheidet und abwägt, der die Dinge unter ihrem trügerischen Antlitz
+auf ihren wahren Werth und ihre reale Macht zu untersuchen die
+Gewohnheit hat. Wäre er sonst, der er ist, der Sieger von Bicocca
+und Pavia? Wenn wir ihn antreten, wird er zuerst eine große
+Entrüstung heucheln über eine Sache, die er sicherlich selbst schon
+in gewissen Stunden sich besehen und betrachtet hat, wenn auch
+vielleicht nur als Übung seines immerfort arbeitenden Verstandes.
+Dann wird er langsam und sorgfältig abwägen: den Stoff, den wir ihm
+geben, das heißt unser Italien, ob sich daraus ein Heer und später
+ein Reich bilden ließe, und&mdash;seinen Lohn. Und da der Stoff zwar edel,
+aber spröde ist und einer gewaltig bildenden Hand bedarf, müssen wir
+ihm die größte Belohnung bieten: eine Krone."
+</P>
+
+<P>
+"Welche Krone?" stammelte der Herzog angstvoll.
+</P>
+
+<P>
+"Eine Krone, Hoheit, sagte ich, keinen Herzogshut, und meinte die
+schöne von Neapel. Sie ist in Feindeshand, also erledigt, und ein
+Lehen der Heiligkeit."
+</P>
+
+<P>
+"Wenn wir Kronen austheilen", spottete der Venezianer, "warum bieten
+wir dem Pescara nicht gleich die Fabel- und Traumkrone von Italien?"
+</P>
+
+<P>
+"Die Traumkrone!" Das Antlitz des Florentiners zuckte schmerzlich.
+Dann sprach er trotzig, sich und die Umsitzenden vergessend: "Die
+Krone von Italien! Wenn Pescara an der Spitze unserer Heere reitet,
+wird sie ungenannt vor ihm herschweben. Möchte er sie, als der
+Größte unserer Geschichte, fassen und ergreifen, diese ideale Krone,
+nach welcher schon so manche Hände und die frevelhaftesten sich
+gestreckt haben! Möge sie auf seinem Haupte zur Wahrheit werden!
+Und", sagte er kühn, "weil wir heute jedes gewöhnliche Maß verlassen
+und unsern Endgedanken und innersten Wünschen Gestalt geben, so
+wisset, Herrschaften: ist Pescara der Vorausbestimmte, wie es möglich
+wäre, in der Zeit liegen große Begünstigungen und in den Sternen
+glückliche Verheißungen. Baut er Italien, so wird er es auch
+beherrschen. Aber, Kanzler, ich habe dich einen Phantasten genannt
+und phantasiere größer als du. Kehren wir zurück aus dem Reiche des
+Ungebornen in die Wirklichkeit und stellen wir die Frage: wer
+übernimmt die Rolle des Versuchers?"
+</P>
+
+<P>
+"Ich stürze mich wie Curtius in den Abgrund!" rief der Kanzler aus.
+</P>
+
+<P>
+"Recht", billigte Guicciardin. "Du bist die Person dazu. Einem
+Andern würde die Stimme versagen, und er würde vor Scham versinken,
+wenn er vor Pescara träte, um mit ihm von seinem Verrathe zu reden.
+Du Schamloser aber bist zu allem fähig, und deine Schellenkappe
+bringt dich aus Lagen und Verwicklungen, wo jeder Andere hängen
+bliebe. Will Pescara nicht, so nimmt er dich von deiner närrischen
+Seite und behandelt dich als Possenreißer; will er, so wird er unter
+deinen tragischen Gebärden und deinen komischen Runzeln den Ernst und
+die Größe der Sache schon zu entdecken wissen. Gehe du hin, mein
+Sohn, und versuche den Pescara!"
+</P>
+
+<P>
+Der Herzog, der sich grübelnd auf seinem Schemel zusammengekauert
+hatte, wollte eben nach Licht rufen, denn die Dämmerung wuchs, und er
+fürchtete das Dunkel. Da sah er die Dinge unvermuthet auf ihre Spitze
+kommen und wurde ängstlich. "Kanzler, du darfst nicht!" verbot er.
+"Ich will mit diesem großmächtigen Pescara nichts zu schaffen haben.
+Bekommen wir ihn, so wird er zuerst meine Ebenen nehmen, welche den
+Krieg anlocken, und meine Festungen, welche sie behaupten. Und hat
+er sie, so wird er sie behalten. Verspielt er aber, so büße ich
+zuerst und verfalle ohne Gnade dem Spruche des Kaisers, meines
+Lehensherrn. Oh, ich durchschaue euch! Ihr Alle, selbst Dieser
+da"&mdash;er blickte wehmüthig nach seinem Kanzler&mdash;"habet immer nur euer
+Italien im Sinne, und ich gelte euch"&mdash;er blies über die flache
+Hand&mdash;"soviel! Ich aber bin ein Fürst und will mein Erbe, mein
+Mailand, und nichts als mein Mailand! Und du, Girolamo, gehst nicht
+zu Pescara. Die Geschäfte würden darunter leiden. Ich kann dich
+keine Stunde entbehren!"
+</P>
+
+<P>
+Jetzt nahm der schöne Lälius das Wort und lispelte: "Wenn Hoheit
+darauf bestünde, so würde durch ihren Einspruch unser Plan hinfällig,
+und ich hätte einen andern. Da wir uns einmal, sonderbarerweise,
+nach unserm Capitano unter den kaiserlichen Feldherrn umsehen, wäre
+nicht etwa der Versuch zu machen, ob sich der Borbone, gegen ein
+großes Anerbieten, zu einem zweiten Verrath entschlösse?"
+</P>
+
+<P>
+Der Herzog schrak zusammen. "Wann verreisest du, mein Girolamo?"
+fragte er.
+</P>
+
+<P>
+"Zuerst, Kanzler", fiel Guicciardin ein, "habe ich Auftrag, dich nach
+Rom mitzunehmen. Der heilige Vater wünscht dich näher kennen zu lernen.
+Denn er hat eine große Meinung von dir. Er nennt dich den Kanzler
+Proteus und behauptet, du seiest, trotz deiner tollen Augen, einer
+der klügsten Männer Italiens."
+</P>
+
+<P>
+"Das ist gut", bemerkte der Venezianer, "schon weil es die
+entscheidende Stunde verschiebt, in welcher Girolamo Morone als
+Versucher zu Pescara tritt. Ich wünsche dieser Stunde zuvor einen
+Grund und eine Wurzel in der öffentlichen Meinung zu geben. Darf ich
+mich darüber verbreiten, Herrschaften?"
+</P>
+
+<P>
+Das fade Gesicht des Venezianers nahm, soweit sich in der Dämmerung
+noch unterscheiden ließ, einen energischen Ausdruck an und er redete
+mit markiger Stimme: "Der Kanzler, da er sein bedeutendes Wort
+aussprach, hat uns ohne Zweifel erschreckt, aber nicht eigentlich in
+Verwunderung gesetzt. Nachdem der vernichtende Schlag von Pavia dem
+Kaiser unser ganzes Italien wehrlos zu Füßen geworfen hatte, suchte
+die öffentliche Meinung von selbst eine Schranke gegen die drohende
+Allmacht und ließ aus der Natur der Dinge unsere Liga emporwachsen.
+Zugleich beschäftigte sich die öffentliche Meinung mit dem Lohne, der
+Pescara für seinen vollkommenen Sieg und die Erbeutung eines Königes
+gebühre. Und da die Kargheit und der Undank des Kaisers weltbekannt
+sind, zog sie den Schluß, daß er seinen Feldherrn nicht
+zufriedenstellen und dieser anderwärts einen Ersatz suchen werde.
+Jetzt verbindet die öffentliche Meinung diese beiden Dinge: unsern
+schon durchschimmernden patriotischen Bund und einen möglichen
+größern Gewinn des Pescara. So wird sein Übertritt glaubwürdig,
+bevor er sich vollzieht. Nur ist es dienlich, daß dieser begründeten
+allgemeinen Ansicht durch eine geschickte Hand eine überzeugende
+Gestalt und durch eine geläufige Zunge eine für ganz Italien
+verständliche Sprache gegeben werde. Nun ist seit kurzem ein
+wanderndes Talent unter uns aufgetaucht, ein vielversprechender
+junger Mann, der sich hoffentlich noch an Venedig fesseln läßt&mdash;"
+</P>
+
+<P>
+"Einen Fußtritt dem Aretiner! Er hat mich schändlich verleumdet..."
+"Ein göttlicher Mann! Er hat mich den ersten Fürsten Italiens
+genannt!" riefen Guicciardin und der Herzog miteinander aus.
+</P>
+
+<P>
+"Ich sehe", lächelte Nasi, "daß der Mann auch hier nach seinem Werthe
+gekannt ist. Seine Briefe, an wahre oder erfundene Personen, in
+tausend und tausend Blättern ausgestreut, sind eine Macht und
+beherrschen die Welt. Ich will ihm eine sehr starke Summe senden,
+und ihr werdet euch über die Saat von schönfarbigen Giftpilzen
+verwundern, die über Nacht aus dem ganzen Boden Italiens emporschießt:
+Verse, Abhandlungen, Briefwechsel, ein bacchantisch aufspringender,
+taumelnder Reigen verhüllter und nackter, drohender und verlockender
+Figuren und Wendungen, alle um Pescara sich drehend und um die
+Wahrscheinlichkeit und Schönheit seines Verrathes. So bildet sich
+eine unüberwindliche allgemeine Überzeugung, welche den Pescara zu
+uns herüberreißt und ihn zugleich&mdash;da liegt es&mdash;am kaiserlichen Hofe
+so gründlich und endgültig untergräbt, daß er zum Verräther werden muß,
+er wolle oder nicht."
+</P>
+
+<P>
+"Nichts da, Exzellenz!" rief der Kanzler aus dem Dunkel. "Ihr
+verderbt mir das Spiel! Der Befreier Italiens soll sich in voller
+Freiheit entscheiden, nicht als das Opfer einer teuflischen Umgarnung..."
+</P>
+
+<P>
+"Du bist prächtig, Kanzler, mit deinen moralischen Skrupeln!"
+unterbrach ihn Guicciardin. "Wisse, auch mein Herz empört sich und
+nimmt Theil für den unrettbar Überlisteten! Aber ich heiße den
+Menschen schweigen und handle als Staatsmann. Das Mittel der
+Exzellenz ist ohne Vergleichung unter alle dem, was heute Abend
+gefunden wurde, das Ruchloseste, aber auch das Klügste und Wirksamste.
+Erst jetzt wird die Sache wahrhaft gefährlich für Pescara, und sein
+Verrath wahrscheinlich. Ans Werk."
+</P>
+
+<P>
+"Er ist unter uns und lauscht!" schrie der Herzog mit gellender
+Stimme, daß Alle zusammenfuhren. Ihre Blicke folgten seinem
+geängstigten. Der Mond, der als blendende Silberscheibe über den
+Horizont getreten war und seine schrägen Strahlen in das kleine
+Gemach zu werfen begann, spielte wunderlich auf der Schachpartie.
+Victorias hervorquellendes Auge blickte erzürnt, als spräche es: Hast
+du gehört, Pescara? Welche Verruchtheit! und jetzt fragte es
+angstvoll: Was wirst du thun, Pescara? Dieser war bleich wie der Tod,
+mit einem Lächeln in den Mundwinkeln.
+</P>
+
+<BR><BR><BR>
+
+<A NAME="chap02"></A>
+<H3 ALIGN="center">
+Zweites Kapitel
+</H3>
+
+<P>
+In der weiten hellen Fensternische jener edeln vatikanischen Kammer,
+an deren Dielen und Wänden Raphael die Triumphe des Menschengeistes
+verherrlicht, saß ein Greis mit großen Zügen und von ehrwürdiger
+Erscheinung. Er sprach bedächtig zu dem emporgewendeten, mit
+dunkelblonden Flechten umwundenen Haupte eines Weibes, das zu seinen
+Füßen saß und mit einem warmen menschlichen Blut in den Adern ebenso
+schön war als die Begriffe des Rechtes und der Theologie, wie sie der
+Urbinate in herrlichen weiblichen Gestalten verkörpert. Der betagte
+Papst mit seinem langen gebückten Rücken und in seinem fließenden
+weißen Gewande ähnelte einer klugen Matrone, welche lehrhaft mit
+einem jungen Weibe plaudert.
+</P>
+
+<P>
+Noch nicht gar lange mochte Victoria auf ihrem Schemel gesessen haben,
+denn der heilige Vater erkundigte sich eben erst nach dem Befinden
+ihres Gatten, des Marchese von Pescara. "Die Seitenwunde von Pavia
+macht sich nicht mehr fühlbar?" sagte er.
+</P>
+
+<P>
+"Der Marchese ist völlig geheilt", erwiderte Victoria unschuldig.
+"Die Seitenwunde ist vernarbt, sowie auch die schlimmere Stirnwunde.
+Er wird Eure Heiligkeit begrüßen, wenn er den Urlaub antritt, den ihm
+die Gnade des Kaisers zugesagt hat und der uns Glückselige"&mdash;sie
+sprach es mit jubelnden Augen&mdash;"auf unserer Meeresinsel vereinigen
+wird. Aber er selbst verweigert sich denselben für einmal noch,
+weniger des politischen Horizontes wegen, der nicht heller noch
+trüber sei als sonst&mdash;so schreibt er&mdash;, sondern weil er gerade jetzt
+das Heer ungern verlasse. Der Mörder", sagte sie lächelnd,
+"beschäftigt sich nämlich mit einer vervollkommneten Feuerwaffe und
+einem neuen Manöver. Das brächte er nun gerne erst zu einem Ergebnis.
+So hat er mich, die er anfänglich hier in Rom überraschen wollte,
+in sein Feldlager nach Novara beschieden und ich reise morgen, nicht
+im Schneckenhaus meiner Sänfte, sondern im Sattel meines hitzigen
+türkischen Pferdchens. Hätte ich Flügel! mich verlangt nach den
+Narben meines Herrn, dessen Antlitz ich nicht gesehen seit jener
+berühmten Schlacht, die ihn unsterblich gemacht hat. Und so bin ich
+zu der Heiligkeit geeilt in der Freude meines Herzens, um mich bei
+Ihr zu beurlauben: denn das ist der Zweck meines Besuches." So
+redete Victoria aufwallend und überquellend wie ein römischer Brunnen.
+</P>
+
+<P>
+Ihre aufrichtigen Worte belehrten den Heiligen Vater, daß Pescara
+sein Thun und Lassen in dasselbe Zwielicht stelle, welches auch er
+liebte. Nur mit dem Unterschiede, daß der junge Pescara im
+entscheidenden Augenblicke wie ein Blitz aus seiner Wolke
+hervorsprang, während Clemens unentschlossen, über sich selbst zornig,
+in der seinigen verborgen blieb, weil er aus greisenhafter
+Überklugheit den Moment zu ergreifen versäumte. Er schärfte, in
+einem andern Bilde gesprochen, den Stift so lange, bis zu seinem
+Ärger die allzufeine Spitze abbrach. Jetzt trat er leise und
+tastete.
+</P>
+
+<P>
+"Einen Urlaub hat der Marchese verlangt?" verwunderte er sich. "Ich
+dächte, seinen Abschied? Achilles zürnt im Zelte, so hörte ich."
+</P>
+
+<P>
+"Davon weiß ich nichts, und das glaube ich nicht, Heiliger Vater",
+entgegnete Victoria und warf mit einer stolzen Gebärde das Haupt
+zurück. "Warum seinen Abschied?"
+</P>
+
+<P>
+"Nicht wegen einer rosigen Briseis, Madonna", antwortete Clemens
+ärgerlich mit einem frostigen Scherze, "sondern geprellt um einen
+erbeuteten König und um die Thürme von Sora und Carpi."
+</P>
+
+<P>
+Damit spielte der Papst auf zwei bekannte Thatsachen an. Der
+Vicekönig von Neapel hatte bei Pavia, Pescara zuvorkommend, den Degen
+des französischen Königs in Empfang und damit die Ehre vorweggenommen,
+die erlauchte Beute nach Spanien führen zu dürfen. Und dann hatte
+der Kaiser Sora und Carpi den begehrlichen Colonnen, den eigenen
+Verwandten der Victoria geschenkt, nicht seinem großen Feldherrn,
+welcher ebenfalls einen Blick danach geworfen.
+</P>
+
+<P>
+Victoria erröthete unwillig. "Heiliger Vater, Ihr denkt gering von
+meinem Gemahl. Ihr stellet Euch einen kleinlichen Pescara vor: gebet
+mir Urlaub, damit ich reise und mich überzeuge, daß euer Pescara
+nicht mein Pescara ist. Ich habe Eile, vor den wahren zu treten."
+</P>
+
+<P>
+Sie erhob sich und stand groß vor dem Papste, aber schon verbeugte
+sie sich wieder tief mit demüthiger Gebärde, um seinen Segen flehend.
+Da bat er sie, sich wiederum zu setzen, und sie gehorchte. Clemens
+durfte sich die Gelegenheit nicht entrinnen lassen, Pescara durch den
+geliebten Mund seines Weibes zum Abfalle zu bereden. Daß aber mit
+Anspielungen und Vorbereitungen bei der Colonna, wie er sie vor sich
+sah, nichts gethan wäre, begriff er leicht: entweder würde sie sich
+gegen das Zweideutige aufbäumen oder es als etwas Unverständliches
+und Nichtiges unbesehen in den Winkel werfen. Er mußte dieser wahren
+und auf Wahrheit dringenden Natur die Sache in klaren Umrissen
+vorzeichnen und in ein volles Licht stellen, damit sie dieselbe ihres
+Blickes würdige. Das ging ihm gegen seine Art, und er that einen
+schweren Seufzer.
+</P>
+
+<P>
+Da fand er eine Auskunft, die nicht ohne Geist und List war. Er
+fragte Victoria mit einer harmlosen Miene, während er die Hand mit
+dem Fischerring auf ein in blauen Sammet gebundenes Buch mit
+vergoldeten Schlössern legte: "Spinnst du wieder etwas Poetisches,
+geliebte Tochter? Wahrlich, ich bin ein Verehrer deiner Muse, weil
+sie sich mit dem Guten und Heiligen beschäftigt. Und ich liebe sie
+insbesondere, wo sie moralische Fragen stellt und beantwortet. Aber
+das schwerste sittliche Problem hast du noch in keinem deiner Sonette
+behandelt. Weißt du, welches ich meine, Victoria Colonna?"
+</P>
+
+<P>
+Diese wunderte sich nicht über den plötzlichen Einfall des Heiligen
+Vaters, weil sie hier auf dem eigenen Boden stand und, bei ihrem
+schon gefeierten Namen, Gelehrte und Laien wohl nicht selten ähnliche
+Fragen an sie richten mochten. Sie fühlte sich und erhob den
+schlanken Leib kampflustig, während sich ihre Augen mit Licht füllten.
+"Der größte sittliche Streit", sagte sie ohne Besinnen, "ist der
+zwischen zwei höchsten Pflichten."
+</P>
+
+<P>
+Jetzt hatte der Heilige Vater Fahrwasser gewonnen. "So ist es",
+bekräftigte er mit theologischem Ernste. "Das heißt: scheinbar
+höchsten, denn eine der beiden ist immer die höhere, sonst gäbe es
+keine sittliche Weltordnung. Ich flehe zu Gott und seinen Heiligen,
+daß sie dir beistehen und dich die höhere Pflicht erkennen lassen,
+damit du sie der geringem vorziehest, du und dein Gatte, denn siehe,
+dieser große und schwere Kampf wird an euch Beide herantreten."
+</P>
+
+<P>
+Victoria erblaßte, da ihr die akademische Frage plötzlich in das
+lebendige Fleisch schnitt, der Heilige Vater aber redete feierlich:
+"Höre mich, meine Tochter! Alles, was ich dir jetzt zu sagen habe,
+ist auch dem Marchese gesagt, den meine Worte durch dich erreichen.
+Vernimm es: der Heilige Stuhl trennt sich zu dieser Stunde von der
+kaiserlichen Majestät und bietet ihr die Spitze. Ich handle so als
+Fürst und als Hirte. Als Fürst: weil heute die Schicksalsstunde
+Italiens ist. Lassen wir sie verrinnen, so verfallen wir
+italienischen Fürsten alle auf Jahrhunderte hinaus dem spanischen
+Joche. Frage, wen du willst: so urtheilen alle Einsichtigen. Aber
+auch als höchster Hirte. Ersteht in jenem räthselhaften Jüngling, der
+Völker in seinem Blut und auf seinem Haupte Kronen vereinigt, der
+alte Kaisergedanke, so ist die ganze leidenvolle Arbeit meiner
+heiligen Vorgänger umsonst gewesen, und die Kirche wird durch die
+neue Staatskunst enger gefesselt und tiefer gedemüthigt als von den
+eisernen Fäusten jener fabelhaften germanischen Ungetüme, der Salier
+und der Staufen. So steht es. Blieb dir fremd, was Italien mit
+Furcht und Hoffnung erfüllt?"
+</P>
+
+<P>
+"Der Marchese will es nicht glauben", sagte Victoria mit einem
+schnellen Erröthen. Der Heilige Vater lächelte. "Heiligkeit vergesse
+nicht", lächelte sie ebenfalls, "ich bin eine Colonna, das ist eine
+Ghibellinin."
+</P>
+
+<P>
+"Du bist eine Römerin, meine Tochter, und eine Christin", wies sie
+Clemens zurecht.
+</P>
+
+<P>
+Es entstand eine Pause. Dann fragte sie: "Und Pescara?"
+</P>
+
+<P>
+"Pescara", antwortete der Papst und dämpfte die Stimme, "ist eher
+mein Unterthan als derjenige des Kaisers. Denn er ist ein
+Neapolitaner, und ich bin der Lehensherr von Neapel. Glaube nicht,
+Victoria, daß ich leichthin rede. Wie dürfte ich es, da ich das
+Gewissen der Welt bin? Wahrlich, ich sage dir: in schlaflosen
+Nächten und bekümmerten Frühstunden habe ich mein Recht auf Pescara
+geprüft. Meiner politischen Vernunft mißtrauend, habe ich die zwei
+größten Rechtsgelehrten Italiens zu Rate gezogen, Accolti und... hm...
+den zweiten."
+</P>
+
+<P>
+Der Papst zerdrückte den Namen klüglich auf der Zunge, da ihm noch
+zur rechten Zeit einfiel, dieser zweite Rechtsgelehrte, der Bischof
+von Cervia, genieße des Rufes der schamlosesten Käuflichkeit.
+"Beide"&mdash;Clemens klopfte mit dem Fischerring auf das blaue
+Buch&mdash;"stimmen zusammen, daß Pescara, nach strengem Rechte betrachtet,
+viel mehr mein Mann sei als der des Kaisers, und beide erinnern mich
+daran, daß ich überdies, kraft meines Schlüsselamtes, jetzt, da der
+Kaiser mein Feind wird, die Macht besitze, den Marchese eines Eides
+zu entbinden, den er einem Feinde des Heiliges Stuhles geschworen hat."
+</P>
+
+<P>
+Der Papst hatte sich langsam erhoben. "Und so tue ich!" sagte er
+priesterlich. "Ich löse Ferdinand Avalos vom Kaiser und zerbreche
+seine Treue. Ich ernenne den Marchese von Pescara zum Gonfaloniere
+der Kirche und zum Feldherrn der Liga, welche die Heilige heißt, weil
+Christus in der Person seines Nachfolgers an ihrer Spitze steht."
+Der Papst hielt inne.
+</P>
+
+<P>
+Jetzt hob er die rechte und die linke Hand in gleicher Höhe, als
+hielten sie eine Krone über dem Haupte der Colonna, die, von Staunen
+überwältigt, auf die Knie sank, und sprach mit lauter Stimme: "Die
+Verdienste meines Gonfaloniere um mich und die Heilige Kirche voraus
+belohnend, kröne ich Ferdinand Avalos Marchese von Pescara zum Könige
+von Neapel!" Die junge Königin erbebte vor Freude. Sie glaubte eine
+Krone zu verdienen. Sprachlos, mit brennenden Wangen empfing sie den
+Segen. Dann stand sie auf und ging, in gemessenen, aber eiligen
+Schritten, als könne sie es nicht erwarten, dem erhöhten Gemahl seine
+Krone zu bringen.
+</P>
+
+<P>
+Der Heilige Vater, selbst aufgeregt, folgte ihr so hastig, daß er
+beinahe einen Pantoffel verloren hätte. An der Schwelle erreichte er
+sie und wollte ihr den Band von blauem Sammet bieten. "Für den
+Marchese", sagte er.
+</P>
+
+<P>
+Da erblickte er hinter ihr Guicciardin mit Morone, die vielleicht ein
+bißchen an der Türe gehorcht hatten. Victoria mit strahlenden Augen
+voll glühender Wonne erschien dem Kanzler als ein solches Wunder, daß
+er fast von Besinnung kam. Rasch gesammelt aber flehte er den Papst
+an: "Die Heiligkeit mache mich Unheiligen bekannt mit der himmlischen
+Victoria!", worauf Clemens ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter
+gab und ihn mit den Worten vorstellte: "Der Kanzler von Mailand, ein
+Weltkind, auf das sich der Heilige Geist herabzulassen beginnt!"
+Dann wisperte er Viktorien ins Ohr: "Morone, Buffone."
+</P>
+
+<P>
+Diese verschwand in der Verwirrung ihres Glückes, während der Papst
+in der seinigen das wichtige blaue Buch zurückbehielt, denn er war
+noch ganz berauscht von der kühnen symbolischen That, zu welcher ihn
+der Anblick der schönen Frau hingerissen hatte. Nun fühlte er doch,
+daß er das Gleichgewicht verloren; er wies mit einer Handbewegung den
+Besuch des Florentiners und des Lombarden ab und trat in die
+Raffaelische Kammer zurück.
+</P>
+
+<P>
+Die beiden nicht Empfangenen sahen sich einen Augenblick an, dann
+ergriff Guicciardin lachend den Arm des Kanzlers und zog ihn
+sanftgestufte Treppen hinunter in die Vatikanischen Gärten, deren
+Schattengänge sie nicht aufzusuchen brauchten, denn der Himmel hatte
+sich mit schwarzen Wolken bedeckt.
+</P>
+
+<P>
+"Eigentlich", plauderte Guicciardin, "mag ich den Alten leiden. So
+fein er spinnt und so bedacht er redet, ist er doch innerlich ein
+leidenschaftlicher, ein zorniger Mensch wie ich, und jetzt höchst
+aufgeregt, weil er der Colonna unsere gefährliche Heimlichkeit
+geoffenbart hat. Du in deiner Verzückung hast es freilich nicht
+gesehen, wie er ihr die Gutachten des Accolti und des Angelo de Cesis
+in die Hand drücken wollte. Zwei käufliche Schurken, die den Meineid
+mit Bibelstellen belegen! Übrigens ist es ein starkes Ding, daß
+Clemens in seinen alten Tagen so Kühnes und Folgenschweres unternimmt,
+und noch mehr, er unternimmt es mit tiefem Mißtrauen gegen sich
+selbst, ohne Glauben an seinen Stern, denn er hält sich heimlich für
+einen Pechvogel. Das ist schlimm. Da war denn doch der Leo ein
+anderer, immer strahlend und triumphierend, und darum immer glücklich,
+während die gegenwärtige Heiligkeit, wie sie mir neulich im Tone des
+Jeremias prophezeite, die Ewige Stadt schon geplündert und aus diesen
+Dächern"&mdash;er wies auf den Vatikan&mdash;"Rauch und Flamme steigen sieht.
+Dennoch beginnt er den Kampf gegen den Kaiser, und das rechne ich ihm
+hoch an, ob es ihm auch zuerst um sein Florenz zu thun ist. Er hat
+noch Blut in den Adern und knirscht die Zähne, soviel ihm geblieben
+sind, wenn er den hochmütigen spanischen Adel auf dem Kapitole
+stolzieren sieht wie in Neapel oder Brüssel. Aber wohin träumst du,
+Kanzler? Von dem Weibe? Natürlich."
+</P>
+
+<P>
+"Ich will zu der Römerin reden wie ein alter Römer!" rief der Kanzler.
+</P>
+
+<P>
+"Schön! Nur hüte dich, daß du in der Begeisterung nicht deinen
+klassischen Bocksfuß unter der Toga hervorstreckest. Sei züchtig,
+mache große Worte und packe sie fest an ihrer Eitelkeit!"
+</P>
+
+<P>
+"An ihrem Herzen will ich sie packen!"
+</P>
+
+<P>
+"Das heißt, an ihrer Tintenflasche, denn die Herzen schreibender
+Weiber sind mit Tinte gefüllt", lästerte der schmähsüchtige
+Florentiner. "Aber weißt du, Kanzler"&mdash;und Guicciardin kniff ihn
+kräftig in den Arm&mdash;"daß es nicht der Heilige Vater allein ist, den
+unsere Unternehmung schlaflos macht. Auch ich habe in dieser Woche
+noch kein Auge geschlossen. Immer muß ich mir diesen Pescara
+zurechtdenken. Auf seinen Groll gegen den Kaiser gebe ich nichts:
+sie können sich über Nacht versöhnen. Ebensowenig auf den Einfluß
+des Weibes. Sie wird ihm die Botschaft des Papstes ausrichten dürfen:
+weiter wird er nicht auf sie hören. Aber ich glaube auch nicht an
+seine feudale Treue. Pescara ist kein Cid Campeador, oder wie die
+Spanier ihren loyalen Helden nennen, dafür ist er zu sehr ein Sohn
+Italiens und des Jahrhunderts. Er glaubt nur an die Macht und an die
+einzige Pflicht der großen Menschen, ihren vollen Wuchs zu erreichen
+mit den Mitteln und an den Aufgaben der Zeit. So ist er und so paßt
+er uns. Unfehlbar, er wird unsere Beute und wir die seinige.
+Dennoch... lache mich aus, Morone... etwas umhaucht mich: ich wittere
+Verborgenes oder Geheimgehaltenes, etwas Wesentliches oder auch etwas
+Zufälliges, etwas Körperliches oder einen Zug seiner Seele, kurz, ein
+unbekanntes Hindernis, das uns den Weg vertritt und unsere genaue
+Rechnung fälscht und vereitelt."
+</P>
+
+<P>
+"Aber", sagte Morone nachdenklich werdend, "wenn er so ist, wie du
+ihn nimmst, und wenn die Thatsachen liegen, wie wir sie kennen, aus
+welcher Geisterquelle sollte denn jenes Feindselige aufsteigen?"
+</P>
+
+<P>
+"Ich weiß es nicht! Nur&mdash;von diesem Pescara geht der Ruf, er
+verstehe es, einen stürmenden Feind alle Höhen erklimmen zu lassen,
+um ihm dann plötzlich einen letzten mit Feuerschlünden besetzten und
+ihn zerschmetternden Wall entgegenzustellen. Wenn in seinem Innern
+ein solcher Wall gegen uns emporstiege, gerade im Augenblicke, da wir
+glauben, seine Seele bewältigt zu haben? Doch weg mit dem Spuk, der
+nichts ist als die Schwüle vor dem Gewitter, die natürliche Angst und
+Ungewißheit, die jedem großen und gefährlichen Unternehmen vorangeht."
+</P>
+
+<P>
+Ein Blitz flammte über den Vatikan. Er stand in weißem Feuer und
+zeigte die schönen Verhältnisse der neuen Baukunst. Unter dem Rollen
+des Donners verloren sich die zweie zwischen den Säulen eines
+Portikus, Guicciardin betroffen und sich fragend, was das Omen
+bedeute, der Kanzler unbekümmert um den Himmel und seine Zeichen,
+denn er sah sich schon zu den Füßen der Colonna.
+</P>
+
+<P>
+Diese hatte im Taumel ihrer Begeisterung den Vatikan über die nächste
+seiner zahlreichen Treppen und durch eines seiner Nebentore verlassen.
+Sänfte und Gefolge, welche sie an der Hauptpforte vergeblich
+erwarteten, hatte sie vergessen und wandelte, mehr von ihrem
+ehrgeizigen Traume getragen als von dem aufziehenden Gewitter gejagt,
+mit bewegten Gewanden nach ihrem Palast am Apostelplatze zurück. Sie
+schritt mit einer geraubten Krone wie die erste Tullia, nicht über
+den Leichnam des Vaters, sondern über die gemeuchelte Staatstreue:
+denn die Tochter des Fabricius Colonna und die Gattin Pescaras war
+eine Neapolitanerin und die Unterthanin Karls des Fünften, des Königs
+von Neapel.
+</P>
+
+<P>
+Die krönende Gebärde des Papstes hatte sie überwältigt. Gewöhnung
+und Umgebung, der Glaube der Jahrhunderte und die überlieferten
+Formen der Frömmigkeit ließen sie in dem Haupte der Kirche, so
+entartet diese sein mochte, immer noch eine Werkstätte des göttlichen
+Willens und ein Gefäß der höchsten Ratschlüsse erblicken&mdash;und wie
+hätte das eigene Selbstgefühl und mehr noch der Stolz auf den Wert
+ihres Gatten sie zweifeln lassen an dem päpstlichen Rechte, auf das
+würdigste Haupt eine Krone zu setzen? So konnte ihr die anmaßende
+Handlung des Mediceers trotz der veränderten Zeiten als ein Ausspruch
+der Gottheit erscheinen.
+</P>
+
+<P>
+Die neue Königin ohne Gefolge hatte den Borgo durcheilt, die
+Engelsbrücke überschritten und ging nun schon durch die "gerade
+Gasse", wie sie hieß, im Gelärme der Menge. Diese gab der Colonna
+ehrerbietig Raum, ohne zu erstaunen über den unbegleiteten Gang und
+die eilenden Füße der erlauchten Frau, welche jetzt der dem Gewitter
+vorangehende Sturm beflügelte. Nach und nach aber verlangsamten sich
+ihre Schritte in dem dichter werdenden Gewühle der nicht breiten
+Straße, obwohl der schmale Himmel darüber immer dunkler und drohender
+wurde.
+</P>
+
+<P>
+Da erblickte sie über die Menge hinweg eine Kavalkade. Herren der
+spanischen Gesandtschaft begleiteten, wohl zu einer Audienz im
+Vatikan, den dritten kaiserlichen Feldherrn in der Lombardei, Leyva.
+Dieser vormalige Stallmeister, der Sohn eines Schenkwirts und einer
+Dirne, den ein knechtischer Ehrgeiz und ein eiserner Wille
+emporgebracht, hatte einen plumpen Körper und das Gesicht eines
+Bullenbeißers, denn Stirn, Nase und Lippe waren ihm von demselben
+Schwerthiebe gespaltet. Neben ihm auf einem herrlichen andalusischen
+Vollblute ritt, in einen weißen Mantel gehüllt, ein vornehmer Mann
+mit braunem Kopf und energischen Zügen, welcher jetzt mit einer
+devoten Verbeugung Viktorien zu grüßen schien; aber er hatte sich nur
+vor den steinernen Heiligen einer nahen Kirche verneigt.
+</P>
+
+<P>
+War es die grelle Gewitterbeleuchtung oder die gemessen feindselige
+Haltung der Herren in einer Stadt, von deren dreigekröntem Gebieter
+sie ihren König insgeheim verraten wußten, oder war es Victorias
+erregte Einbildungskraft, sie sah und fühlte in der Grandezza der
+Reiter und Rosse, den in die Hüfte gesetzten Armen, den verächtlich
+halb über die Schulter auf die Romulussöhne niedergleitenden Blicken
+und bis in die steifen Bartspitzen den Hohn und die Beleidigung der
+beginnenden spanischen Weltherrschaft, sie empfand Grauen und Ekel,
+und ein tödlicher Haß regte sich in ihrem römischen Busen gegen diese
+fremden Räuber und hochfahrenden Abenteurer, welche die neue und die
+alte Erde zusammen erbeuteten. Warum war der junge Kaiser zugleich
+der König dieser ruchlosen Nation, in deren Adern maurisches Blut
+floß und die Italien mit ihren Borjas vergiftet hatte?
+</P>
+
+<P>
+Sonst hätte sie wohl der uralte Familiengeist ihres gibellinischen
+Geschlechtes, das jahrhundertelang seinen Vorteil darin gefunden
+hatte, der kaiserlichen Sache ohne Gehorsam zu dienen, an Karl
+gefesselt, aber nein, nicht an diesen Kaiser, auch wenn er kein
+Spanier gewesen wäre. Sie konnte sich nichts machen aus dem
+undeutlichen Knaben, den sie nie von Angesicht gesehen, weder sie
+noch irgendwer in Italien, das jener zu betreten zögerte.
+</P>
+
+<P>
+Einen Brief freilich hatte er an sie geschrieben nach dem Siege von
+Pavia, um sie zu beglückwünschen, daß sie die Gattin Pescaras sei.
+Aber gerade in diesen kargen Zeilen schien sich ein kümmerliches
+Gemüt zu spiegeln, und was der großgesinnten Frau am meisten mißfiel,
+war die in ihren Augen ängstliche und frömmelnde Demut, mit welcher
+der junge Kaiser Gott und seinen Heiligen die ganze Ehre des Sieges
+gab. Obwohl selbst dem Himmel dankbar, schätzte Victoria solche
+Demut gering an einem Manne und an einem Herrscher. War hier nicht
+das Geständnis, daß der begeisternde Sieg den Fernstehenden kühl
+gelassen hatte, ja, war hier nicht die kleinliche Absicht, den
+Lorbeer Pescaras zu schmälern? Darum mußte der Himmel alles gethan
+haben. Victoria aber war brennend eifersüchtig auf den Ruhm ihres
+Gatten. Und wie ungroßmütig hatte sich Karl erwiesen! Er hatte es
+über sich gebracht, dem Feldherrn, welchem er Italien verdankte, zwei
+armselige italienische Städtchen zu verweigern! Nein, einen so
+kleinen Menschen konnte man gar nicht verraten, man konnte höchstens
+von ihm abfallen und ihn fahrenlassen.
+</P>
+
+<P>
+Jetzt blendete sie ein gewaltiger Blitz, derselbe, der den Kanzler
+und Guicciardin unter die Dächer des Vatikans zurückgetrieben, und
+eben da der Regen zu stürzen begann, erreichte sie, rechts durch ein
+Seitengäßchen biegend, die dunkeln Stufen des Pantheon und seine
+erhabene Vorhalle. Ohne das Innere des machtvollen Tempels zu
+betreten, lehnte sie, die entstehende Kühle einatmend, an eine der
+enge zusammengerückten gewaltigen Säulen, und unter dem Vordache des
+alten Bauwerkes kehrte ihr Geist in ein noch früheres Altertum zurück,
+dessen Tugenden die flüssige Bildkraft des Jahrhunderts
+verherrlichte, ohne sie zu besitzen oder auch nur begreifen zu können
+in ihrer eintönigen Starrheit und strengen Wirklichkeit.
+</P>
+
+<P>
+Jene tugendhaften Lucretien und Cornelien traten ihr wie Schwestern
+vor das altertumstrunkene Auge, trug sie doch zwei Namen, die beide
+so römisch als möglich klangen, und war ihr doch wie jenen hohen
+Frauen das weiblich Böse unbekannt. Jene schlichten und stolzen
+Geschöpfe hatten die Eroberer der Welt geboren, Virgils großartiges
+"Tu regere imperio", das sie sich wie oft schon vorgesagt hatte,
+überwältigte sie jetzt bis zu den Tränen. Sie betrat den Tempel und
+warf sich nieder in der Mitte desselben unter der wetterleuchtenden
+Wölbung und rang die Hände und flehte, daß Rom und Italien nicht
+versinke in das Grab der Knechtschaft. Sie flehte in den
+christlichen Himmel hinauf und nicht minder zu dem Olympier, der über
+ihr donnerte, zu alle dem, was da rettet und Macht hat, mit der
+wunderlichen und doch so natürlichen Göttermischung der
+Übergangszeiten.
+</P>
+
+<P>
+Da sie das Pantheon verließ&mdash;wie lange sie auf den Knien gelegen,
+wußte sie nicht&mdash;heiterte sich der italienische Himmel eben wieder
+auf, und in ihrem gewöhnlichen Wandel, leicht und gemessen, beendigte
+sie den Weg nach ihrem Palaste.
+</P>
+
+<P>
+Jetzt kehrten ihre Gedanken zu Pescara zurück. Nicht diese ihre
+Frauenhände konnten den Spanier verjagen, sondern nur er vermochte es,
+welcher in jeder der seinigen einen Sieg hielt, wenn sie und die
+Umstände ihn dazu überredeten. Durfte sie es hoffen? Hatte sie
+solche Gewalt über ihn? Und Victoria mußte sich sagen, daß sie trotz
+ihrer langen und trauten Ehe den innersten Pescara nicht kenne. Sie
+wußte sein Angesicht, seine Gebärde, die kleinste seiner Gewohnheiten
+auswendig. Daß der Enthaltsame ihr treu sei, glaubte sie und
+täuschte sich nicht. Daß er sie anbetete und als sein höchstes Gut
+mit der äußersten Liebe und Sorgfalt hegte, zärtlich und
+verehrungsvoll zugleich, darauf war sie stolz. In den seligen
+Stunden ihres kurzen, stets wieder von Feldzug und Lager aufgehobenen
+Zusammenseins warf er Pläne und Karten und seinen Livius weg, um sein
+Weib und gemeinsam mit ihr Meerbläue und wandernde Segel zu
+betrachten. Er spielte mit ihr Schach, und sie gewann. Er bat sie,
+die Laute zu schlagen, schloß die Augen und lauschte. Er gab ihr für
+ihre Sonette spitzfindige Themata auf und verschärfte zuweilen den
+Umriß ihrer allgemeinen Gedanken und weiten Wendungen, denn er selbst
+hatte früher, in der unfreiwilligen Muße einer Gefangenschaft&mdash;und
+wahrhaftig gar nicht übel für einen Geharnischten&mdash;zur Verherrlichung
+Victorias einen "Triumph der Liebe" gedichtet.
+</P>
+
+<P>
+Seine Siege aber erzählte er, jung wie er war und größerer gewärtig,
+seinem Weibe niemals, da er sie, wie er sagte, weder langweilen noch
+mit Blut bespritzen wolle, denn ein Feldzug sei eine lange
+Geduldsprobe, die zu der roten Lache einer Schlachtbank führe. Von
+Politik sprach er ihr nur gar nicht, weder von Vergangenem noch von
+Schwebendem, obwohl ihm einmal das Wort entschlüpfte, Menschen und
+Dinge mit unsichtbaren Händen zu lenken, sei das Feinste des Lebens,
+und wer das einmal kenne, möge von nichts anderem mehr kosten. Doch
+gewöhnlich meinte er, Politik sei ein schmutziger Markt und sein Weib
+dürfe nicht einmal die helle Spitze ihres Fußes in den ekeln Sumpf
+tauchen.
+</P>
+
+<P>
+So gestand sich Victoria, daß ihr der alles untäuschbar
+durchblickende Pescara undurchdringlich und sein Denken und Glauben
+verschlossen sei.
+</P>
+
+<P>
+War das recht? Durfte es für sie verbotene Türen und verschlossene
+Kammern geben in der Seele ihres Mannes? Nach den Plänen des
+Feldherrn und den Ränken des Staatsmannes war sie nicht begierig,
+aber sie verlangte eingeweiht zu werden in seinen Ehrgeiz und in sein
+Gewissen. Und jetzt, da Pescara vor einer ungeheuren Entscheidung
+stand, nein, jetzt ließ sie sich nicht abschütteln von seinem
+kämpfenden Herzen, nicht abspeisen mit einer Liebkosung oder einem
+Scherze, jetzt wollte sie mitraten und mithandeln. Hatte sie ihm
+nicht eine frische Seele und eine reine Jugend gebracht? War sie
+nicht eine Colonna? Brachte sie nicht heute eine Krone? Ob er diese
+zurückweise, ob er sie aus ihren Händen nehme und sie sich aufs Haupt
+setze, hier wollte sie seine Mitschuldige oder seine Mitentsagende
+sein, ein bewußter Teil seiner verschwiegenen Seele. Wäre sie schon
+bei Pescara! Herz und Sohlen brannten ihr vor Ungeduld, und schon
+durchschritt sie den Apostelplatz, wo ihr ein geharnischter Jüngling
+entgegentrat, der unter dem Tor ihres Palastes auf sie gewartet hatte.
+</P>
+
+<P>
+"Ich war um Euch in Sorge, erlauchte Frau", begrüßte er sie, "da Eure
+Sänfte und Eure Leute ohne Euch aus dem Vatikan zurückgekehrt sind.
+Nun, da seid Ihr ja, Patin, wenn ich Euch so nennen darf, wie ich von
+jung an gewohnt war und es auch mein gutes Recht ist." Ohne Antwort
+zu geben, stieg sie mit ihm die Treppen hinan, kaum auf seinen
+dargebotenen Arm sich lehnend.
+</P>
+
+<P>
+Diesen gewöhnlichen Dienst von ihm anzunehmen, durfte sie sich nicht
+weigern, was sie auch gegen ihn haben mochte. Denn Del Guasto&mdash;so
+hieß der Jüngling&mdash;war der Neffe Pescaras und wie er ein Avalos. Der
+fünfzehnjährige Pescara und die gleichaltrige Victoria hatten den
+Knaben gemeinsam aus der Taufe gehoben. So hatte es der Vater
+Victorias, der Feldherr Fabricius Colonna, veranstaltet, um seine
+zwei Lieblinge, den jungen Krieger und sein aufgeblühtes Kind,
+zusammen vor einen Taufstein zu stellen und die beiden Gesichter und
+Gestalten sich einander erblicken zu lassen.
+</P>
+
+<P>
+Später nahm Victoria den wohlgebildeten und feurigen Knaben, der in
+seinem kostbaren Taufhäubchen ihre Ehe mit Pescara gestiftet und dem
+die Eltern früh wegstarben, an Kindes Statt. Wäre er nur ein Knabe
+geblieben! Mit der Weichheit seiner Züge aber verlor er auch die
+Liebenswürdigkeit seiner Seele. Das schöne Profil bekam einen
+Geierblick und den immer schärfer sich biegenden Umriß eines
+Raubvogels, und die sich offenbarende Unbarmherzigkeit begann
+Victoria zu befremden und abzustoßen. Pescara hatte ihn dann in den
+Krieg entführt, und in der einzigen Schule des von ihm vergötterten
+Feldherrn war er zu dem verwegenen Soldaten erwachsen, der in der
+Schlacht von Pavia durch Niederlegung der Parkmauer den Sieg begann,
+aber auch zu dem harten, grausamen Menschen, der auf dem vorjährigen
+schnellen Rückzug aus der Provence ein Haus, in dessen Keller ein
+Dutzend seiner Leute sich verspätet hatten, ohne mit der Wimper zu
+zucken, anzünden und in Flammen aufgehen ließ.
+</P>
+
+<P>
+Doch Victoria hatte ihm Schlimmeres vorzuwerfen, einen Frevel, der
+die Frau in ihr empörte, und davon sollte er nun hören, jetzt, da er
+zum ersten Male seit diesem jüngsten Verbrechen vor ihr stand. Sie
+erkundigte sich, ob er von Pescara komme und was er bringe. Er
+antwortete, daß er da sei, um die Herrin nach Novara zu geleiten. Er
+glaube zu wissen, daß sein Anblick der Herrin mißfalle, habe aber den
+Auftrag des Feldherrn nicht ablehnen dürfen, der die Marchesa nur dem
+sichersten Schwerte anvertrauen wolle. Denn die Straße werde ebenso
+unsicher wie die Weltlage, und er müsse die Marchesa ersuchen, sich
+morgen in der Frühe bereitzuhalten, er brenne, ins Lager
+zurückzukehren, wo jeder nächste Moment den Krieg bringen könne, und
+da dürfe er nicht fehlen. Der Mailänder, Venedig, die Heiligkeit
+beteuern in die Wette ihre friedlichen Gesinnungen: also stehe der
+Kampf bevor. "Das wissen wir lange schon, es ist nur eine Frage des
+günstigen Augenblickes. Aber"&mdash;er trat einen Schritt zurück&mdash;"etwas
+anderes, etwas Neues, etwas Ungeheures habe ich auf meiner Reise
+durch Mittelitalien gehört, und ich brauchte nicht einmal zu lauschen.
+In Städten und Herbergen rauschte es öffentlich wie die Brunnen auf
+den Plätzen. Freilich reiste ich unter fremdem Namen und mit nur
+einem Diener." Er hielt inne und blickte mit brennenden Augen, als
+verfolge er die spannende Wendung einer Jagd oder einen in
+Monddämmerung kriechenden Hinterhalt.
+</P>
+
+<P>
+"Redet, Don Juan", flüsterte Victoria.
+</P>
+
+<P>
+"Für Euch, Madonna, die aus dem Vatikan zurückkehrt, gibt es kein
+Geheimnis, und es ist nicht einmal eines, sondern, wie ich sagte, ein
+öffentliches Geflüster, ein schadenfrohes, rachsüchtiges Gekicher,
+ein kaum unterdrückter, italienischer Jubel, eine allgemeine
+patriotische Rede und Ermunterung, von der ich die größte Eile habe,
+den Feldherrn zu unterrichten. Denn noch weiß er nichts davon. Wie
+ich meine", fügte er argwöhnisch bei.
+</P>
+
+<P>
+Victoria erbleichte. "Was wird geflüstert", fragte sie beklommen,
+"und über wen? doch nicht über Pescara?"
+</P>
+
+<P>
+"Von ihm. Er ist überall. Sie sagen"&mdash;er dämpfte die Stimme&mdash;"der
+Feldherr löse sich vom Kaiser und unterhandle mit der Heiligkeit und
+den italienischen Mächten."
+</P>
+
+<P>
+Victoria erschrak über den glühend sinnlichen Ausdruck seines
+Gesichtes. "Und Pescara..." sagte sie undeutlich.
+</P>
+
+<P>
+"Wie ich den Feldherrn beneide!" träumte Don Juan. "Welche
+Aufregungen, welche Genüsse! Italia wirft sich ihm in die Arme... er
+wird sie liebkosen, unterjochen und wegwerfen... oh, er wird mit ihr
+spielen wie die Katze mit der Maus!", und er machte mit der Rechten
+eine haschende Gebärde.
+</P>
+
+<P>
+Ein flammender Zorn übermochte die Colonna. "Verworfener", rief sie,
+"habe ich dich gefragt, wie Pescara thun würde? Bist du der Mensch,
+es zu wissen? Habe ich dir erlaubt, an ihm herumzudeuten?... Wie
+die Katze mit der Maus... abscheulich! So hast du mit Julien
+gespielt, Ehrloser!"
+</P>
+
+<P>
+Diese Julia stammte aus einem edeln novaresischen Geschlechte und war
+die Enkelin des gelehrten Arztes Messer Numa Dati, welcher die
+Speerwunde Pescaras geheilt hatte. Del Guasto, der im Hause des
+Arztes Quartier genommen, hatte das Mädchen mißleitet und die Wohnung
+gewechselt. Die Preisgegebene war dann, von Scham vernichtet, vor
+dem arglosen Antlitz ihres Großvaters von Novara weit weg in ein
+römisches Kloster geflohen und hatte die mächtige Colonna auf den
+Knien angefleht, sich ihrer zu erbarmen und ihre Ehre herzustellen.
+</P>
+
+<P>
+Da ihn Victoria einen Ehrlosen hieß, biß sich Don Juan die Lippe.
+"Sachte, Herrin", sagte er, "wäget Eure Worte. Ich bin kein Ehrloser,
+sondern ich wäre es, wenn ich Julien nicht verlassen hätte. Ich
+rede nicht von dem Unterschiede des Blutes eines Avalos und einer
+Dati, sondern einfach davon, daß mir wie jedem Manne keine Gefallene,
+sondern eine Unschuldige zur Braut geziemt."
+</P>
+
+<P>
+Victorias menschliches Herz empörte sich. "Du bist es, der die
+Ärmste mit deinen Liebkosungen und Beteuerungen, ja vielleicht gar
+mit falschen Gelübden und Eiden zu Falle gebracht! Bist du es nicht?
+Kannst du es leugnen?"
+</P>
+
+<P>
+Er erwiderte: "Ich leugne es nicht, aber es war mein Kriegsrecht,
+denn Krieg ist zwischen dem männlichen Willen und der weiblichen
+Unschuld. Ich versuchte sie, ja. Warum widerstand sie nicht? Warum
+gab sie sich? Warum beschuldigt Ihr mich, daß sie schwach war und
+daß ich sie jetzt verachte und verschmähe?"
+</P>
+
+<P>
+Victoria erstarrte vor Entsetzen. "Ruchloser!" stöhnte sie.
+</P>
+
+<P>
+"Madonna", kürzte der Jüngling das Gespräch, "das ist eine peinliche
+Unterhaltung, und Ihr tut mir leid dabei. Ich schlage Euch ein
+Tribunal vor. In Novara angelangt, treten wir vor den Feldherrn, und
+Ihr verklaget mich. Ich werde mich rechtfertigen, und der Feldherr,
+der die Welt und ihre Ordnungen kennt, wird mich freisprechen, wie
+ich denke. Jetzt verlasse ich Euch. Ich habe noch Leute zu werben,
+denn ohne eine starke Bedeckung wage ich in diesen unruhigen Zeiten
+nicht für Euch zu haften." Er verbeugte sich und verließ sie hohen
+Hauptes.
+</P>
+
+<P>
+Victoria wendete sich unwillig und wählte den entgegengesetzten
+Ausgang. Sie bedurfte Kühlung und stieg in den Garten hinab. Mit
+dem letzten Tageslichte betrat sie den hinter dem Palaste liegenden
+Raum, welcher, von hohen Mauern eingehüllt, voller Lorbeer und Myrte
+war und den der nachtröpfelnde Regen erfrischte. Ihre Schritte
+suchten das den Garten abschließende Kasino.
+</P>
+
+<P>
+Die Helle genügte noch, wenn auch mit Mühe die Lettern zu
+unterscheiden in dem Evangelienbuche, welches sie im Vorbeigehen aus
+der Bibliothek genommen und vor das sie sich gesetzt hatte, die heiße
+Stirne in den gefalteten Händen. Ganz erfüllt von dem Schicksale
+Juliens und dem größern Pescaras, durchlief sie mit den Augen
+gedankenlos die aufgeschlagene Seite und atmete in vollen Zügen die
+erfrischte Luft. Nach einer Weile wurde sie sich dessen bewußt, was
+sie las: es war die dreimalige Versuchung des Herrn durch den Dämon
+in der Wüste. Sie las weniger mit dem leiblichen als dem geistigen
+Auge, was sie von Kind an auswendig wußte.
+</P>
+
+<P>
+Sie sah den Dämon vor den Heiland treten, welcher das einfache Wort
+der Treue und des Gehorsams den Sophismen des Versuchers
+entgegenhielt. Als der Versucher heftiger drängte, deutete des
+Menschen Sohn auf die Stelle seiner künftigen Speerwunde... Da
+wandelte sich das weiße Kleid in einen hellen Harnisch, und die
+friedfertige Rechte bepanzerte sich. Nun war es Pescara, der die
+Hand über seine durchschimmernde Wunde legte, während der Dämon jetzt
+einen langen schwarzen Juristenrock trug und sich wie ein Gaukler
+gebärdete. So sah es die Colonna auf dem vor ihr liegenden
+Bibelblatte. Ärgerlich über das Spiel ihrer Sinne, that sie sich
+Gewalt an und blickte auf.
+</P>
+
+<P>
+"Wer bist du, und was willst du?" rief sie erstaunt, und eine vor ihr
+stehende dunkle Gestalt antwortete: "Ich bin Girolamo Morone und
+komme zu reden mit Victoria Colonna." Victoria erinnerte sich, wen
+ihr heute der Papst gezeigt hatte, und gewahrte jetzt auch den
+einführenden Diener. Dieser entflammte die über der Herrin
+schwebende Ampel, rückte dem Kanzler einen Schemel und entfernte sich,
+während die Marchesa in der entstehenden Helle das häßliche, aber
+mächtige Gesicht ihres nächtlichen Gastes betrachtete, das ihr keinen
+Widerwillen einflößte.
+</P>
+
+<P>
+"Zu später Stunde", sagte sie, "suchet Ihr mich; doch Ihr bringt mir
+wohl einen Auftrag an meinen Herrn, zu welchem ich morgen in der
+Frühe verreise."
+</P>
+
+<P>
+"Vor Pescara denke ich bald selbst zu stehen", erwiderte Morone, "und
+nicht von ihm werde ich Euch reden, sondern allein von Victoria
+Colonna, welche ich mit ganz Italien verehre und anbete wie eine
+Gottheit, der ich aber zürne und gegen die ich Klage erhebe."
+</P>
+
+<P>
+Wer seid Ihr, um so mit mir zu sprechen? lag es auf den Lippen der
+Marchesa, doch sie fragte rasch und warmblütig: "Wessen klaget Ihr
+mich an? Was ist meine Schuld, Morone?"
+</P>
+
+<P>
+"Daß Ihr Euer helles und begeisterndes Antlitz in Rollen und Bücher
+vergrabet und unter Schatten und Fabeln lebet! Daß Ihr den ersten
+Cäsar verabscheut und dem neuesten huldigt, daß Ihr Troja beweinet
+und Euer Volk vergesset, daß Euch Prometheus' Bande drücken und die
+Fesseln Italiens nicht schmerzen! Drei Frauen haben sie geschmiedet!"
+</P>
+
+<P>
+"Welche dreie?" fragte sie.
+</P>
+
+<P>
+"Die erste war Beatrix Este. Wann ihr alternder Gemahl, der Mohr,
+sie auf den schwellenden Mund küßte, flüsterte sie, daß ihren blonden
+Flechten ein Diadem anstünde, der kluge Mohr verstrickte sich in die
+blonden Flechten und vergiftete seinen Neffen, den Erben von Mailand."
+</P>
+
+<P>
+"Die Schändliche!"
+</P>
+
+<P>
+"Der welkende Knabe hatte ein stolzes und feuriges Weib, die
+Aragonesin Isabelle, die Beatrix tödlich haßte, und mit ihren jungen,
+kräftigen Armen den siechen Knaben, ihren Gemahl, auf den
+vorenthaltenen Thron heben wollte, sie beschwor und bestürmte ihren
+Vater, den König von Neapel, bis dieser den Mohren bedrohte."
+</P>
+
+<P>
+"Ärmste!"
+</P>
+
+<P>
+"Der Mohr war sicher, solange der Gebieter von Florenz, der junge
+Medici, dazwischen stand. Dieser war das Spielzeug seines schönen
+Weibes, der hochmütigen Alfonsine Orsini, und das Weib übermochte ihn,
+daß der Tor dem Mohren Freundschaft und Bündnis kündigte. Da rief
+der Mohr den Fremden."
+</P>
+
+<P>
+"Unselige!"
+</P>
+
+<P>
+"Dreie haben Italien gefesselt. Die vierte, die Ihr seid, muß es
+erlösen."
+</P>
+
+<P>
+"Kanzler, ich bin nicht das Weib eines Greises, noch eines Knaben,
+noch eines Toren, noch eines andern von denen, die sich vom Weibe
+berücken lassen, und... ich begehre keine Krone." Sie errötete und
+wurde wie Purpur.
+</P>
+
+<P>
+"Herrin", sagte der Kanzler, "die Krone begehrt Euch. Erbarmt Euch
+Eures Volkes, und vertretet es bei Pescara! Ich sage nicht:
+liebkoset, umgarnet, verleitet ihn! Ich verschwöre mich nicht mit
+Euch, ich verabrede keine Rollenteilung, ich lasse Euch reisen, ich
+laufe mit Euch in die Wette, wer ihn zuerst erreiche. Und seid Ihr
+die erste, so umfanget seine Knie und redet aus der Fülle Eures
+Herzens und flehet: Pescara! Ich bin Italien und liege zu deinen
+Füßen: erhebe mich und nimm mich an deine Brust!"
+</P>
+
+<P>
+Victoria war gerührt, und auch der Kanzler vergoß Tränen.
+</P>
+
+<P>
+"Erlauchte Frau", sagte er, "wer bin ich, der so zu Euch reden darf!
+Ich bin nicht wert, daß ich den Saum Eures Gewandes küsse. Ludwig
+der Mohr, mein allergütigster Herr, hat mich in Mailand von der Gasse
+aufgelesen und wie einen drolligen kleinen Pudel zu seinen Füßen
+spielen lassen. Da habe ich meine Erziehung genossen und an seinem
+Hofe und später in seinem Dienste das Gesicht und die Gebärde meiner
+Zeit, den ganzen ausgelassenen Triumphzug des Jahrhunderts betrachtet.
+</P>
+
+<P>
+Der arme Mohr! Sein Unstern und die Franzosen entführten ihn nach
+Loches, wo er zehn lange Jahre im Kerker schmachtete. In seinem
+letzten habe ich ihn dort wiedergesehen; denn damals, durch die Macht
+der Umstände, befand ich mich in französischem Dienste, und mich
+verlangte nach dem Antlitz meines Wohltäters. Da ich ihn erblickte,
+erschrak ich und hatte Mühe, ihn zu kennen. Er sah wie ein Geist:
+Kerker und Elend hatten seine Miene seltsam veredelt. Erst da er den
+Mund öffnete, fand ich mich wieder in ihm zurecht. Er lächelte und
+sagte in seiner unvergleichlich feinen Weise: 'Bist du es, Girolamo?
+Es ist hübsch von dir, daß du mich besuchest. Ich verarge dir nicht,
+wenn du in den Dienst meines Feindes getreten bist. Die Umstände
+zwingen, und wie ich dich kenne, wirst du meinen Söhnen noch ein
+treuer Freund und Berater sein, wenn das Rad der Fortuna sich
+wiederum gedreht haben wird. Du bist nun ein gereifter Diplomat
+geworden und verrätst keine schlechte Schule. Weißt du noch, wie ich
+dir untersagte, dein komisches Gesicht wegzulegen und dein
+Gebärdenspiel zu mäßigen, mit welchen du dir jetzt deine neuen
+Freunde gewonnen hast?'
+</P>
+
+<P>
+So scherzte er eine Weile großmütig, dann aber redete er ernst und
+sagte: 'Weißt du, Girolamo, was mich hier in meiner Muße beschäftigt?
+Nicht mein Los, sondern Italien und immer wieder Italien. Ich
+betraure als die Qual meiner Seele, daß ich, vom Weibe verlockt, den
+Fremden gerufen habe, mit dem ihr jetzt rechnen müßt und der ein
+zerstörender Teil eures Körpers zu werden droht. Ich aber sinne, wie
+ihr wieder euer werdet. Da war der Valentino, jener Cäsar Borgia,
+der versuchte es mit dem reinen Bösen. Aber, Girolamo, mein Söhnchen,
+das Böse darf nur in kleinen Portionen und mit Vorsicht gebraucht
+werden, sonst bringt es um. Da ist jetzt der Rovere, dieser Papst
+Julius, der auf einer Donnerwolke gegen den Fremden fährt, welchen er
+selbst gerufen hat, nicht minder als ich. Aber der Greis verzehrt
+sich, seine gewalttätige Seele wird bald in den Hades schweben, und
+nach ihm bleibt der gewöhnliche Hohepriester, der zu schwach ist,
+Italien zu gründen, doch gerade stark genug, um jeden andern an dem
+Heilswerke zu hindern.
+</P>
+
+<P>
+Girolamo, mein Liebling: ich glaube nicht, daß mein Italien untergeht,
+denn es trägt Unsterblichkeit in sich; aber ich möchte ihm das
+Fegefeuer der Knechtschaft ersparen. Gib acht, Söhnchen: ich lese
+zwischen deinen Augen, daß du noch eine Rolle spielen wirst in dem
+rasenden Reigen von Ereignissen, der über meinen lombardischen Boden
+hinwegfegt. Tritt eines Tages aus diesen wechselnden Bildungen eine
+Macht und aus diesen flüchtigen Gestalten eine Person, aber weder ein
+Frevler noch ein Priester, sondern ein Feldherr, der den Sieg an
+seine eiserne Sohle fesselt, wer und wessen Stammes er sei, nur kein
+Fremder, dem gib du dich, mit Leib und Seele! Was an List und Lüge
+notwendig ist&mdash;denn anders gründet sich kein Reich&mdash;, das übernimm du,
+mein Söhnchen, er aber bleibe makellos!'"
+</P>
+
+<P>
+Der Kanzler war aufgesprungen. Seine begeisterte Rede riß ihn, ohne
+daß er es merkte&mdash;und auch die ergriffene Victoria merkte es nicht&mdash;,
+weit über die Grenze der Wahrheit. "Diesem Erkorenen", rief er aus,
+"stehe das schönste und reinste Weib zur Seite! Italien will die
+Tugend leiblich einherschreiten sehen, um ihr nachzuleben. Unser
+Verderben ist die Entfesselung aus der Sitte, der zerrissene Gürtel
+der Zucht. Hier ist ein Sieg davonzutragen, größer als der auf dem
+Schlachtfelde, und ein Zauberstab zu schwingen, mächtiger als der
+Feldherrnstab. Ich sehe sie vor mir, diese Königin der Tugend, die
+Priesterin, die das heilige Feuer hütet, die Erhalterin der
+Herrschaft, und, Hosianna! ganz Italien wandelt hinter ihren
+Schritten, lobpreisend und frohlockend!" Der Kanzler machte Miene,
+Viktorien huldigend zu Füßen zu stürzen, doch er trat zurück und
+flüsterte verschämt: "So sprach Ludwig der Mohr in seinem Kerker."
+</P>
+
+<P>
+Victoria senkte die Augen, denn sie fühlte, daß sie voller Wonne
+waren und brannten wie zwei Sonnen.
+</P>
+
+<P>
+Da sagte der Kanzler: "Ich habe Euch ermüdet, edle Frau, die Augen
+fallen Euch zu. Ihr müsset morgen frühe auf und seid schwer von
+Schlummer." Und der Listige trat in die Nacht zurück, die sich
+inzwischen auf die Ewige Stadt gesenkt hatte.
+</P>
+
+<BR><BR><BR>
+
+<A NAME="chap03"></A>
+<H3 ALIGN="center">
+Drittes Kapitel
+</H3>
+
+<P>
+An einem Fenster, dessen Blick über die Thürme von Novara und eine
+schwül dampfende Ebene hinweg die noch morgenklaren Schneespitzen des
+Monte Rosa erreichte, saß Pescara und arbeitete an dem Entwurfe des
+Feldplanes, der das Heer des Kaisers nach Mailand führen sollte. So
+unablässig ging er seinem Gedanken nach, daß er die leisen Tritte des
+Kammerdieners nicht vernahm und ihn erst gewahr wurde, als jener die
+Limonade bot. Während er das leichte Getränk mit dem Löffel umrührte,
+bemerkte er: "Ich schelte dich nicht, Battista, daß du heute nacht
+gegen meinen ausdrücklichen Befehl bei mir eingetreten bist. Du
+magst, nebenan schlafend, mich wohl schwerer als gewöhnlich atmen
+gehört haben&mdash;ein Alp, eine Beklemmung... nicht der Rede wert." Er
+nahm einen Schluck aus dem Glase.
+</P>
+
+<P>
+Battista, ein schlauer Neapolitaner, verbarg seinen Schrecken unter
+einer devoten Miene. Er log und beteuerte bei der heiligen Jungfrau,
+er habe geglaubt sich bei Namen rufen zu hören, nimmer hätte er sich
+erdreistet, ohne Befehl das Schlafzimmer der Erlaucht zu betreten,
+während er doch in That und Wahrheit ungerufen und gegen ein strenges
+Verbot seines Herrn aus einer schönen menschlichen Regung diesem
+beigesprungen war. Er hatte ihn schrecklich stöhnen hören und dann
+in seinen Armen auf dem Lager emporgehalten, bis der Feldherr den
+Atem wiederfand.
+</P>
+
+<P>
+"Es war nichts", wiederholte dieser, "ich bedurfte keinen Beistand.
+Doch will ich dich, wie gesagt, nicht schelten, jetzt, da wir uns
+trennen müssen. Ich verliere dich ungern, aber Sohnespflicht geht
+vor. Und da deine greisen und siechen Eltern in Tricarico darben,
+darf ich dich nicht halten. Gehe und bereite ihnen ein sorgenloses
+Alter. Als perfekter Barbier und zungenfertiger Schelm, wie ich dich
+kenne, wirst du dir überall zu helfen wissen. Gehe mit Gott, mein
+Sohn, du sollst mit mir zufrieden sein." Und er ergriff die Feder.
+</P>
+
+<P>
+Battista fiel aus den Wolken. Er verschwor sich mit einer
+verzweifelten Gebärde, dieses Mal der Wahrheit gemäß, sein Vater sei
+längst im Himmel und seine Mutter, die Carambaccia, gewerbsam und
+kerngesund und fett wie ein Aal. Der schreibende Feldherr erwiderte:
+"Du hast recht, Battista, in Potenza wohnen deine armen Eltern, nicht
+in Tricarico, doch das liegt nahe beisammen." Er reichte dem
+verabschiedeten Diener eine Kassenanweisung.
+</P>
+
+<P>
+So niedergeschmettert Battista sein mochte&mdash;er wußte, ein Wort
+Pescaras sei unwiderruflich&mdash;, ließ er doch blitzeschnell einen
+schrägen Blick über die Ziffer der Summe gleiten, welche nur eine
+bescheidene war. Der Feldherr verschwendete weder im großen noch im
+kleinen, weder das Gut des Kaisers noch das seinige. Auch hütete er
+sich wohl, den Barbier durch eine allzu reiche Spende auf die
+Wichtigkeit des Vorfalles aufmerksam zu machen und in den Schein zu
+kommen, als wolle er sein Schweigen erhandeln, denn er war völlig
+überzeugt, daß Battista bei erster Gelegenheit sein Wissen noch
+teurer verkaufen würde, dort, wo man ein Interesse hatte, von dem
+leiblichen Befinden des Feldherrn genau unterrichtet zu sein.
+</P>
+
+<P>
+Schmerzlich enttäuscht und seine Geburtsstunde verwünschend, fiel
+Battista dem gnädigen Herrn zu Füßen, umfing ihm das Knie und küßte
+ihm die Hand. "Lebe wohl", sagte dieser, "und räume das noch ab."
+Er wies auf das Geschirr und winkte den Übertreter seines Befehles
+freundlich weg aus seinem Dienste.
+</P>
+
+<P>
+Bevor er sich wieder in seinen Plan vertieft hatte, klirrte draußen
+ein fallender Löffel und ein in Scherben springendes Glas, und der
+Herzog von Bourbon, der den vernichteten Battista unsanft beiseite
+geworfen, zeigte unangemeldet seine hohe schlanke Gestalt, denn er
+hatte zu jeder Stunde freien Eintritt bei dem Feldherrn.
+</P>
+
+<P>
+"Hoheit?" wendete sich Pescara gegen ihn und erhob sich vom Sitze.
+</P>
+
+<P>
+"Um Vergebung. Ich war im Begriffe, zu meinen Truppen zu verreiten",
+erklärte der Herzog, "da kam mir in der Vorstadt ein reisender
+Kaufmann unter die Augen, welcher eben vor der Pforte des Arztes Euer
+Erlaucht, des Messer Numa Dati, von seinem Maultier absaß. Hätte die
+Gestalt nicht ein würdiges Antlitz getragen, ich hätte darauf
+geschworen, meinen unvergeßlichen Freund, den Kanzler von Mailand, zu
+erblicken. Ich ließ einen meiner Leute sich nach dem Fremdling
+erkundigen und erfuhr, der Reisende sei ein Gastfreund des Arztes,
+ein Juwelier aus Mailand namens Scipione Osnago. Vielleicht, oder
+auch nicht, sondern eine der zahlreichen Larven des vielgestaltigen
+Kanzlers. Er schiebt den Leib auf eine gewisse Weise, die sich
+schwer verleugnen läßt, und da ich noch nicht durch das Tor war, ritt
+ich leicht wieder zurück, um Euch den wahrscheinlichen Besuch dieses
+kostbaren Mannes zu melden."
+</P>
+
+<P>
+"Ich erwartete ihn längst mit den Ausflüchten und Beteuerungen des
+Mailänders", erwiderte der Feldherr. "Da er aber nicht erschien und
+wir aus guten Quellen wußten, sein Herzog fahre fort zu befestigen
+und zu rüsten, begann ich auf den Kanzler zu verzichten. Nun kommt
+er zu spät. Morgen, um Mitternacht, verläuft die dem Herzog gegebene
+Frist. Schlag zwölf marschieren wir; es wäre denn, Morone brächte
+große Neuigkeiten."
+</P>
+
+<P>
+"Ja, dieser Morone!" plauderte der Bourbon. "Der wird schon etwas
+gebraut haben. Da ich unser Ultimatum nach Mailand brachte, sah ich
+es hinter seiner Stirne wimmeln wie in einem Ameisenhaufen. Ihr
+macht Euch keinen Begriff, Marchese, was das für ein frecher Kopf ist.
+Während ich in Mailand regierte und er mein Rat und Schreiber war,
+hat er mich über Tisch&mdash;denn ich liebte es, mit ihm zu speisen und
+mich an seinen Fabeln und Einfällen zu ergötzen&mdash;auf alle Throne
+gesetzt und mit allen Fürstinnen gekuppelt. Und das Tollste: es war
+Verstand in dem Unsinn. Ich bin doch neugierig, was er wieder
+ausgeheckt haben wird, um sich und seinem Herzog aus der Klemme zu
+helfen. Sicherlich etwas ungeheuer Geniales, einen Gipfel, einen
+Abgrund. Wenn er zum Beispiel"&mdash;der Herzog lachte herzlich&mdash;"uns
+beiden kaiserlichen Feldherrn die Führung der Liga böte und als
+Handgeld zwei verlockende italienische Kronen aus den Falten seiner
+Toga zum Vorschein brächte?"
+</P>
+
+<P>
+"Hoheit scherzt!"
+</P>
+
+<P>
+"Wie anders, Marchese!" erwiderte der Herzog und wollte sich
+beurlauben. Da ergriff er noch die Hand des Feldherrn und sagte in
+einem weichen Tone, der eine vor der Welt verheimlichte Freundschaft
+enthüllte: "Pescara, ich danke dir, daß du mir Leyva vom Halse hältst,
+indem du mir den rechten Heerflügel gibst und ihm den linken. Ich
+mag mit dem Unleidlichen nicht zusammenreiten. Es entstände Unglück
+und größeres als jüngst auf dem Markte von Novara. Er könnte sich
+wiederum gegen mich vergessen, und ich müßte ihn niederstoßen wie
+einen tollen Hund." Er sagte es leise mit gesenktem Blick.
+</P>
+
+<P>
+Pescara behielt die Rechte des Herzogs und warnte und bat. "Welch
+ein Auftritt!" sagte er. "Hier auf offenem Markte, wegen der
+Armseligkeit eines bestrittenen Quartieres! Ich versendete Leyva
+gleich nach Neapel, um vom Vizekönig Truppen für unsern Feldzug zu
+verlangen, obwohl ich weiß, daß er keine abgeben kann, nur um Euch
+die Verlegenheit und den Anblick eines verhaßten Gesichtes zu
+ersparen. Wie konntet Ihr das gegen einen Mitfeldherrn! Das war
+nicht gut. Das ist beklagenswert. Das darf sich nicht wiederholen,
+ich bitte Euch darum."
+</P>
+
+<P>
+"Der Anlaß war nicht der Rede wert, Pescara, aber&mdash;"
+</P>
+
+<P>
+"Das schlimme Wort, das Leyva gebraucht hat, war, nach Zeugen, er
+lasse sich nichts bieten von einem Vornehmen, und Ihr zoget und Eure
+Leute mußten Euch halten."
+</P>
+
+<P>
+"Oh", flüsterte der Herzog, "von einem Vornehmen? Ich habe feine
+Ohren. Es war ein anderes Wort... das ich dem Kaiser und dem Papst
+in die Kehle zurückstieße!"
+</P>
+
+<P>
+"Ein anderes Wort?" sagte Pescara, um seine Frage sogleich zu bereuen,
+da er den Herzog erbleichen und völlig fahl werden sah. Er erriet,
+daß der alte Leyva gemurrt, er lasse sich nichts bieten von einem
+Verräter, oder daß das wunde Gewissen des Bourbon so verstanden hatte.
+</P>
+
+<P>
+Die unausgesprochene Freundschaft, die den einfachen Adeligen und den
+Mann von königlichem Geblüte verband und die das Wunder that, zwischen
+zwei jugendlichen und schon berühmten Feldherrn mit nicht völlig klar
+geschiedenen Gewalten und Befugnissen die natürliche Eifersucht zu
+ersticken, beruhte einfach auf dem Bewußtsein des Herzogs, daß seine
+Verbündung mit dem Feinde Frankreichs der Achtung Pescaras keinen
+Eintrag tue. War es Klugheit, war es Gleichgültigkeit gegen die
+sittlichen Dinge, war es Freiheit von jedem, auch dem begründetsten
+Vorurteil, oder war es die höchste Gerechtigkeit einer vollkommenen
+Menschenkenntnis, was immer&mdash;Pescara hatte den in kaiserlichen Dienst
+tretenden fürstlichen Hochverräter mit offenen Armen empfangen und
+mit der feinsten Mischung von Kollegialität und Ehrerbietung
+behandelt. Vielleicht auch hatte er in diesem Zerrütteten, der sich
+selbst verfluchend sein Vaterland mit fremden Waffen verwüstete, den
+ursprünglichen und unzerstörbaren Adel erkannt. Dafür war der Herzog
+Pescara dankbar. Der Feldherr, die Hand des Unseligen in der
+seinigen, redete ihm mit sanfter Stimme zu: "Gespenster, Hoheit! Ihr
+habet gehört, was nicht gesprochen wurde. Werft hinter Euch!
+Verschüttet den Abgrund mit Lorbeer! Seid Ihr nicht der Liebling des
+Kriegsgottes? und ein Meister der Staatskunst? Sind nicht wir beide
+noch Jünglinge mit unzähligen Tagen, diesseits der Lebenshöhe, kaum
+in der Hälfte der Dreißig, und im ersten Drittel eines Jahrhunderts,
+das überquillt von großen Möglichkeiten und weiten Aussichten! Unser
+die Fülle des Daseins! Karl, laß uns leben!"
+</P>
+
+<P>
+Der Bourbon vernahm nicht den verstohlenen Seufzer, welcher sich der
+Brust des Feldherrn entwand. Er drückte heftig die Hand Pescaras,
+und seine dunkeln Augen blitzten eroberungslustig. Dann, um seine
+innere Bewegung zu verbergen, sprang er nach seiner Weise mit beiden
+Füßen ins Zynische über. Der feurige Ton Pescaras hatte seine
+frechste Jugendlichkeit erweckt. "Und schöne Männer sind wir!"
+jubelte er. "Du begreifst, Gatte der prächtigen Victoria, daß sich
+mir Herz und Magen umkehrte, da mich diese Porcaccia, die
+Königinmutter, um jeden Preis zum Manne haben wollte! Siehst du mich
+als den Vater König Franzens? O das liebe Stiefsöhnchen! 'Madame',
+sagte ich und machte ihr eine tiefe Verbeugung, 'es geht nicht. Ihr
+würdet mich mit Eurer Nase vom Bette stoßen!'&mdash;und ganze Wendung und
+über die Grenze!" Während er eine ausgelassene Lache aufschlug, trat
+der vom Staub der Reise bedeckte Del Guasto ein, begrüßte den Ohm und
+Feldherrn und verneigte sich vor der lustigen Hoheit.
+</P>
+
+<P>
+Dann wendete er sich wieder gegen Pescara, welchen er mit erstaunten
+und bewundernden Augen betrachtete, als hätte die von der
+italienischen Verschwörung dem Feldherrn angesonnene Rolle dessen
+Gestalt vergrößert, und erzählte: "Wir verritten von Rom, nicht zur
+Freude der Herrin in zahlreicher Gesellschaft, mit Leyva, der aus
+Neapel zurück ist, und mit einem Vornehmen, von königlichem Geblüte,
+wie sie sagen, der sich Moncada nennt und den Ihr kennen werdet. Er
+bringt Euch eine Botschaft des Vizekönigs. Ich gewann einen
+Vorsprung, um Donna Victoria anzumelden. Sie strahlt vor Freude,
+Euch wiederzusehen, und schließt zugleich fest die Lippen, denn sie
+bringt ein politisches Geheimnis, wie ich vermute, und ein
+päpstliches Mysterium, wie ich ahne, und dieselbe Donna Victoria legt
+die Stirn in zornige Falten gegen Euren bei ihr in Ungnade gefallenen
+Neffen, den sie vor Euch in aller Form Rechtens verklagen wird.
+Wegen etwas Menschlichem", lächelte er.
+</P>
+
+<P>
+"Oder etwas Unmenschlichem", spottete Pescara. "Meldet Ihr sonst
+etwas, Don Juan?"
+</P>
+
+<P>
+"Wenn mich meine Augen nicht getäuscht haben, die Ankunft des
+Kanzlers von Mailand."
+</P>
+
+<P>
+"Ah!" lachte Bourbon.
+</P>
+
+<P>
+"Ich bin mit ihm schon in Rom zusammengestoßen, unfern des Palastes
+Colonna, da ich nächtlicherweile dahin zurückkehrte. Längs der Mauer
+sah ich etwas Diebisches in langer Gewandung schleichen, und da ich
+das Verdächtige mit der Fackel meines Dieners beleuchtete, war es die
+unverschämte Stumpfnase und unter einem Juristenbarett das freche
+Kraushaar, das ich von Pavia her kenne, wohin der tolle Kanzler, wie
+sie ihn nennen, nach der Schlacht Euch zu beglückwünschen kam. Er
+mag Donna Victoria eine letzte Heimlichkeit des Papstes gebracht
+haben, bei welchem sie sich an jenem Nachmittage verabschiedet hatte."
+Er sagte das mit einer versteckten Bosheit.
+</P>
+
+<P>
+Der Feldherr blickte streng. "Don Juan", sagte er, "Ihr habet Euch
+um den Wandel Donna Victorias nicht zu kümmern und noch weniger ihn
+zu beaufsichtigen. Jeden ihrer Schritte, ihre leiseste Miene und
+Gebärde billige und lobe ich zum voraus."
+</P>
+
+<P>
+Don Juan verneigte sich. "Unterwegs nach Novara", fuhr er fort, "bin
+ich ihm dann noch mehrere Male begegnet, das heißt einem gewissen
+Fruchthändler Paciaudi aus den Marken mit einer gräulichen Warze auf
+der Nase, welcher mir, da ich ihn anredete, nicht vorenthielt, er sei
+ein zugrunde gerichteter Mann: eine unvermutete päpstliche Maßregel
+verbiete die Ausfuhr, und er habe einen strengen Lieferungsvertrag
+mit Euer Erlaucht. Dabei schob und gebärdete er sich nicht viel
+anders als der Kanzler. Dieser hat gegenwärtig allerhand Geschäfte
+und nimmt die possierlichsten Figuren an. Man findet ihn überall auf
+der Halbinsel wie&mdash;ohne die fernste Vergleichung&mdash;Eure große Gestalt."
+</P>
+
+<P>
+"Was wollt Ihr sagen, Don Juan?"
+</P>
+
+<P>
+Del Guasto, der vor nichts erschrak, zögerte doch mit der Antwort vor
+der kalten Miene Pescaras, und dann hielt ihn die Anwesenheit des
+Herzogs zurück.
+</P>
+
+<P>
+"Ich habe kein Geheimnis vor der Hoheit", sagte der Feldherr. "Redet,
+Don Juan."
+</P>
+
+<P>
+Trotz diesem Befehle kam dem verwegenen Jüngling die allgemeine Rede
+an diesem Orte und zu dieser Stunde, mitten im kaiserlichen Lager und
+während er durch das Fenster den taktfesten Schritt eines
+vorbeimarschierenden spanischen Heerhaufens vernahm, so ungeheuerlich
+vor, daß er der schamlosen Öffentlichkeit der italienischen
+Verschwörung ein leichtes Gewand umwarf.
+</P>
+
+<P>
+"Ohm", berichtete er geringschätzig, "wovon mir noch immer die Ohren
+gellen, das ist ein wütender Streit, welcher unter allen Ständen, in
+Schenken und Barbierstuben, auf den Ballspielplätzen und, wie ich
+glaube, bis in die Plauderecke der Sakristeien ausgebrochen ist&mdash;über
+das wahre und gültige Vaterland der Avalos: ob wir Neapolitaner sind
+oder Spanier. Und nicht genug an Geschrei und Gebärde, auch Blätter
+und Schriften voll von unserm Ursprung flattern durch die Luft."
+</P>
+
+<P>
+Der Feldherr zuckte die Achseln. "Das Geschreibsel", sagte er, "fand
+sich auch über meine Tische verstreut, ich habe es weggeworfen.
+Müßiges Gezänke."
+</P>
+
+<P>
+Don Juan wurde hartnäckig. "Zugleich erzählte man mir, daß an den
+Universitäten unter Juristen und Theologen wieder heftig über Umfang
+und Grenzen des päpstlichen Lehensrechtes auf Neapel gestritten wird."
+</P>
+
+<P>
+"Das überlassen wir diesen Gelehrten. Nicht wahr, Hoheit?" scherzte
+Pescara. "Und was das Vaterland der Avalos angeht, Neffe, so rate
+ich dir, Ehre zu halten, spanische oder neapolitanische."
+</P>
+
+<P>
+Jetzt meldete der diensttuende Page, ein zarter Knabe mit großen
+unschuldigen Augen, ein Enkel des Arztes Numa Dati und der Bruder der
+von Del Guasto zerstörten Julia, den Besuch eines Apothekers namens
+Baldassare Bosi aus Orvieto, welcher mit einem Paket im Vorzimmer
+stehe und sich durchaus nicht abweisen lasse. Er sei bei dem
+Großvater abgestiegen, der dem Gaste diesen Zettel für die Erlaucht
+gegeben habe. Der Knabe überreichte das Papier, auf welchem mit
+verzitterten Zügen "Morone" geschrieben stand.
+</P>
+
+<P>
+Pescara besann sich einen Augenblick. "Weiß der Fremde die Gegenwart
+der Herrschaften?" fragte er den Pagen.
+</P>
+
+<P>
+"Ich denke nicht, Erlaucht", antwortete dieser.
+</P>
+
+<P>
+"So führe ihn ein, aber erst, wann ich rufen werde.
+</P>
+
+<P>
+Jetzt wendete er sich rasch gegen den Herzog. "Hoheit muß mir einen
+Gefallen thun. Da Sie für möglich hält, daß der Kanzler von Mailand
+mit mir konspirieren will, würde ich gegen die gewöhnlichste Vorsicht
+fehlen, wenn ich den Menschen, der draußen steht, ohne Zeugen mit mir
+reden ließe. Ich muß solche haben, zwei höchst glaubwürdige Zeugen,
+wo nicht unserer Gesichter, doch eines jeden unserer Worte, damit
+nicht der Argwohn von Madrid, noch die Eifersucht unsers Leyva,
+noch"&mdash;er dämpfte die Stimme&mdash;"jener Verderbliche, mit welchem Ihr
+geritten seid, Don Juan, und der unter dem Vorwand einer Botschaft
+des Vizekönigs mich hier umlauern soll, Grund finde, mich, ich sage
+nicht des Verrates, sondern nur eines falschen Schrittes zu
+bezichtigen. Hören aber will ich den Kanzler, der mir in seiner
+Torheit und Leidenschaft die Pläne und Mittel des Feindes enthüllen
+wird. Er kann es wie kein anderer. Unter dem Zwang dieser Umstände
+lasse sich Hoheit herab, den Lauscher zu machen. Und Ihr, Del Guasto,
+leistet der Hoheit Gesellschaft." Er schritt auf einen schweren
+roten Vorhang mit goldenen Quasten zu, dessen breite Falten den
+Eingang in ein Nebenzimmer bis auf die Schwelle nieder verbargen und
+den er jetzt auseinanderschlug. "Hier ist Hoheit aufgehoben", sagte
+er.
+</P>
+
+<P>
+So sehr den Herzog das würzige Abenteuer lockte, stand er doch einen
+Augenblick unschlüssig. "Aber wenn Morone die Decke hebt?" fragte er,
+und der Marchese erwiderte: "Das wird er nicht. Keine Besorgnis.
+Ich stehe dafür." Del Guasto blähte die Nüstern vor Wollust. Er
+rückte einen Schemel für den Herzog, hinter dessen Schultern er
+Stellung nahm als der zweite Lauscher. Der rote Vorhang zog sich
+zusammen. Pescara aber fühlte sich von dem Pagen Ippolito
+umschlungen, der an ihm emporflüsterte, mit Tränen in den Augen: "Es
+ist kein Apotheker mehr, sondern ein Zauberer in langen schwarzen
+Gewändern mit einem Talisman auf der Brust und einem schrecklichen
+Gesichte!"
+</P>
+
+<P>
+"Furchtsamer Junge! Bring ihn!"
+</P>
+
+<P>
+"Da ist er schon!" schrie Ippolito und flüchtete sich.
+</P>
+
+<P>
+"Ihr, Morone? Und im Staatsgewand? Doch von der Reise erhitzt, wie
+ich sehe. Eure drei Masken haben Euch wohl den Atem benommen."
+</P>
+
+<P>
+Morone atmete schwer und hörbar. Schweißtropfen quollen ihm auf der
+Stirn. Er stand wortlos.
+</P>
+
+<P>
+"Was bringt Eure Weisheit?" fragte der Feldherr mit ernsthaften Augen
+und empfing von dem Stammelnden keine deutliche Antwort. Nach einer
+Pause ergriff Pescara mit spielender Hand die Münze, welche der
+Kanzler an einer schweren goldenen Kette auf der Brust trug. "Ein
+Lionardo, Kanzler? Und wen stellt es dar? Den Mohren? Ein
+geistvoller Kopf!"
+</P>
+
+<P>
+Aber selbst an seinen geliebten Herrn vermochte der Kanzler nicht
+anzuknüpfen, so völlig war er außer Fassung.
+</P>
+
+<P>
+Da begann der Feldherr ohne weitere Einleitung: "Euer Herzog, Morone,
+wünscht günstigere Bedingungen? Es könnte Rat werden, sobald mich
+die Hoheit von ihren guten Absichten überzeugt haben wird. Nehmen
+wir einmal mein Ultimatum Punkt um Punkt miteinander durch." Er trat
+an den Tisch und suchte ein Papier.
+</P>
+
+<P>
+Nun empfand er einen heißen Atem an der Wange, und ein Geflüster
+füllte sein Ohr. "Pescara", keuchte es, "nicht darum handelt es sich,
+sondern Italien gibt dir sein Heer!"
+</P>
+
+<P>
+"So ist es gut", erwiderte der Feldherr, ohne den Kopf zu drehen.
+"Es unterwirft sich dem Kaiser?"
+</P>
+
+<P>
+Da schrie es hinter ihm: "Nicht dem Kaiser, sondern dir, wenn du von
+ihm abfällst!"
+</P>
+
+<P>
+Jetzt wendete sich Pescara gegen den Tollkühnen und drohte mit
+feindseliger Gebärde: "Du rasest! Ich weiß nicht, was mich abhält,
+dich zu ergreifen und aus dem Fenster zu werfen!"
+</P>
+
+<P>
+Der Kanzler blieb furchtlos und schrie zum andern Male mit flammenden
+Augen: "Diese Stunde bietet dir deine Größe, Pescara! Laß sie nicht
+vorüber! Du würdest es bereuen! Du würdest daran sterben!
+</P>
+
+<P>
+"St! Wie du schreist! Wenn man lauschte! hinter diesem Vorhang...
+wenn ich selbst... hältst du mich dessen für unfähig? Überzeuge dich
+doch und hebe die Decke!"
+</P>
+
+<P>
+Morone war wieder völlig im Besitze seiner selbst, nachdem er die
+Scham und den Schreck der ersten Worte überwunden hatte. "Pescara",
+sagte er, "ich habe stets gefunden, daß der Schlaueste und am meisten
+Argwöhnische endlich doch an eine Stelle tritt und an einem Abgrunde
+steht, wo er trauen und glauben muß. So der Valentino mit dem Rovere,
+so mein geliebtester Herzog der Mohr mit seinen Hauptleuten und
+Schweizern."
+</P>
+
+<P>
+"Beide wurden verraten, Morone!"
+</P>
+
+<P>
+"Ja, Pescara, aber der feine Mohr und der ruchlose Borgia, beide
+gingen sie vertrauend unter, und das war ein heller Schimmer von
+Menschlichkeit über dem Dunkel ihres verdienten Sturzes. Wenn ich
+das Größte wage und von dir das Größte fordere, werde ich in diesem
+heiligen Augenblicke so lächerlich sein, einen Vorhang zu heben, wie
+ein betrogener Ehemann, der den versteckten Buhlen seines Weibes
+sucht? Nein, ich gebe mich preis! Höre mich an, und dann
+überliefere mich dem Blocke, wenn du darfst!"
+</P>
+
+<P>
+"Das ist nicht klein", sagte Pescara ohne Spott und fügte dann
+zweifelnd hinzu: "Ob ich dich höre? Meine Neugierde ist rege, das
+bekenne ich, und einem so heroischen Menschen darf ich doch nicht
+einfach die Türe weisen. Zuerst aber saget mir, Kanzler: Habe ich
+Euch oder Eurem Fürsten Grund oder auch nur den geringsten Anlaß
+gegeben, meine Feldherrntreue zu beargwöhnen?"
+</P>
+
+<P>
+Der Kanzler verneinte.
+</P>
+
+<P>
+"Viel Unwahres wird geredet: die Majestät habe mich schlecht belohnt,
+und ich soll dieses schwer empfunden haben. Fußet Ihr auf diesem
+Undanke des Kaisers und auf diesem Grolle Pescaras, so tut keinen
+Schritt weiter: Ihr würdet in den trügerischen Boden versinken."
+</P>
+
+<P>
+"Da fuße ich nicht."
+</P>
+
+<P>
+"Oder ermutigt Euch jene öffentliche Rede Italiens, die mir
+schmeichelt und mir droht, mich verherrlicht und verdächtigt? Diese
+italienische Meinung ist eine heimtückische Sache. Sie soll mich in
+Madrid entwurzeln und in Italien vergewaltigen. Ich habe vorgebeugt
+und die arglistigen Schriften wie in einen Käfig eingesperrte
+Schlangen dem Kaiser überliefert. Habet Ihr Eure Finger auch in
+dieses Gift getaucht, Morone?"
+</P>
+
+<P>
+Der Kanzler erbleichte. "Bei den Göttern der Unterwelt, daran trage
+ich keine Schuld!" rief er aus.
+</P>
+
+<P>
+"Du willst mich nicht überlisten, Kanzler, so willst du mich
+überreden?"
+</P>
+
+<P>
+"Nein."
+</P>
+
+<P>
+"Was denn?"
+</P>
+
+<P>
+"Überzeugen."
+</P>
+
+<P>
+"Das Beste. Aber es wird Zeit kosten. Setzet Euch, Kanzler!" Er
+rückte mit rascher Bewegung zwei Stühle, und jetzt saßen sie sich
+gegenüber, Morone mit vorgebogenem Leib und Knie, während der
+Feldherr nachlässig zurücklehnte.
+</P>
+
+<P>
+"Pescara, welches ist die schönste deiner Schlachten, das Wunder der
+Kriegskunst?"
+</P>
+
+<P>
+Der Feldherr gab keine Antwort, da sich diese von selbst verstand,
+aber er that einen leichten Seufzer.
+</P>
+
+<P>
+"Und was hat der Kaiser aus deinem Siege von Pavia gemacht?"
+</P>
+
+<P>
+Ein Blitz fuhr aus dem grauen Auge Pescaras. "Er hat ihn
+verstümpert", murmelte er.
+</P>
+
+<P>
+"Du gabst ihm einen erbeuteten König, und Karl weiß nichts mit ihm
+anzufangen! Er preßt ihn wie ein Wucherer. Er verlangt Vielfältiges
+und Unmögliches statt des Möglichen und Einfachen. Verzichte auf
+Italien, Bruder, so hätte ein großer Sieger zu König Franz geredet,
+das ist dein natürliches Lösegeld, und das kannst du, ohne deinem
+Frankreich wehe zu thun. Verzichte und ziehe!"
+</P>
+
+<P>
+Pescara lächelte. "Du bist ein gefährlicher Mensch, Morone, wenn du
+Gedanken errätst. Aber nicht ich, du hast ihnen Worte gegeben. Ich
+habe nichts gesprochen."
+</P>
+
+<P>
+"Ich danke dem Kaiser!" fuhr der Kanzler sich begeisternd fort. "Er
+hat die Siegesgöttin von Pavia beleidigt, und sie kehrt zu dir, mein
+Pescara, zurück! Nicht nur für, auch gegen den Kaiser hat sie
+gekämpft. Sie hat Italien gegen die Fremdherrschaft vereinigt. Sie
+hat ihm seinen Feldherrn gezeigt.
+</P>
+
+<P>
+Mein Pescara, welche Sternstellung über dir und für dich! Die Sache
+reif und reif du selbst! Eine entscheidende Zeit, ein verzweifeltes
+Ringen, Götter und Titanen, Freiheit sich aufbäumend gegen
+Zwingherrschaft, die Welt heute noch Bewegung und Fluß, morgen
+vielleicht zur Lava erstarrend! Und eine That, die für dich
+bereitliegt und zu welcher du geboren wurdest! Zuckt dir die
+formende Hand nicht danach? Ein vernünftiges Werk, eine ewige
+Gründung! Blick auf die Karte und überschaue die Halbinsel zwischen
+zwei Meerfarben und dem Schnee der Gebirge! Befrage die Geschichte:
+ein lebendiges Geflecht, oft gewaltsam zerrissen und immer wieder
+zusammenwachsend, von Republiken und Fürsten, mit zwei alten Feinden,
+zwei falschen Ideen, zwei grausamen Chimären, Papst und Kaiser!
+Siehe den ausgestreckten Finger Gottes, daran sich eine neue
+Menschheit emporrichtet: eine sich selbst regierende und vereitelnde
+Menschheit ohne höchstes Amt, weder weltliches noch geistliches, ein
+Reigen frei entwickelten Genien, ein Konzert gleichberechtigter
+Staaten&mdash;"
+</P>
+
+<P>
+Pescara ergriff den beschwingten Redner am Arm, als wollte er ihn
+festhalten. "Fliege mir nicht davon, Girolamo!" scherzte er.
+</P>
+
+<P>
+Dieser riß sich los und: "Laß dich nicht hindern an diesem göttlichen
+Werke", rief er, "durch abergläubische Vorurteile und veraltete
+Begriffe, die weder in deinem Kopfe noch in deinem Herzen, noch in
+der Natur der Dinge sind. Ich kenne dich, Pescara: du bist ein Sohn
+Italiens und wie dieses erhaben über Treue und Gewissen!"
+</P>
+
+<P>
+"Ihr seid doch ein lasterhaftes Geschlecht, ihr Italiener", lächelte
+Pescara. "Aber du machst dich größer im Bösen, als du bist: denn
+diese Weisheit kommt nicht von dir, sondern euer Dämon, der
+Florentiner, hat sie dir eingeblasen. Lebt er noch?"
+</P>
+
+<P>
+Der Kanzler wußte, wen Pescara meinte. "Er darbt, vergessen und
+verachtet", erwiderte er mit Beschämung, "unser größter Geist."
+</P>
+
+<P>
+"Verdientermaßen. Es gibt politische Sätze, die ihre Bedeutung haben
+für kühle Köpfe und besonnene Hände, die aber verderblich und
+verwerflich werden, sobald sie ein frecher Mund ausspricht oder eine
+strafbare Feder niederschreibt. Doch das sind Allgemeinheiten, und
+alles käme auf die Anwendung an. Wie denkst du dir zum Beispiel,
+Kanzler, das Thatsächliche meines Verrates?" Dieser öffnete den Mund,
+als hätte er unerschöpflich zu reden. Da berührte ihn Pescara leise
+mit dem Finger. "Sachte, vorsichtig!" warnte er. "Jetzt betrittst
+du ein schmales und schwankes Brett: es könnte kommen, daß ich dich
+nach deiner Rede als Verschwörer müßte in Fesseln legen lassen.
+Sprich nicht in deinem eigenen Namen, rate ich dir, sondern laß dir
+eine Maske bieten, wie du sie liebst, und warum nicht die des
+verschollenen florentinischen Sekretärs, ob er nun noch unter uns
+wandle oder schon im Geisterreiche? Rede, Niccolò Machiavelli! Ich
+werde dich schweigend und bewundernd anhören und dir dann doch
+vielleicht beweisen, daß du für einen Staatsmann immer noch viel zu
+viel Einbildungskraft besitzest. Oh, ich will dich kritisieren, mein
+Niccolò! Aber beginne."
+</P>
+
+<P>
+Dieser fortgesetzt scherzende Ton des Feldherrn beleidigte den
+Kanzler, und er empörte sich dagegen: "Jetzt sei des Spieles ein Ende.
+Erniedrige den nicht zum Schauspieler, welcher sein Leben wagt für
+die Rettung seines Vaterlandes! Pescara, ich bitte dich um Ernst!"
+</P>
+
+<P>
+"Um Ernst? Es sei!" erwiderte der Feldherr und schloß die Augen, wie
+um besser zu lauschen. Jetzt erschrak der Kanzler einen Augenblick
+vor der Blässe und Strenge des magern Angesichtes. Doch er war
+entschlossen.
+</P>
+
+<P>
+"Es ist kein Übel, Erlaucht", begann er, "was Ihr dem Kaiser
+berichtet habt; es ist gut, daß Ihr Euch so lange als möglich sein
+Vertrauen erhaltet und Euch selbst dann noch nicht erkläret, wann der
+Papst und die Liga ihr Manifest werden erlassen haben. Inzwischen
+befestigt Ihr Eure Stellungen und sichtet Euer Heer." Pescara
+runzelte die Stirn.
+</P>
+
+<P>
+"Leyva muß weg", forderte der Kanzler.
+</P>
+
+<P>
+Pescara zählte an den Fingern.
+</P>
+
+<P>
+"Was rechnet Ihr, Pescara?" fragte der Kanzler verwundert.
+</P>
+
+<P>
+Dieser erwiderte ruhig: "Muß Leyva draufgehen, so dürfen meine
+deutschen Hauptleute auch nicht leben bleiben, denn sie hangen an
+Kaiser und Reich. Ihre Häupter müssen fallen. Oder vergifte ich sie
+in einem gastlichen Trunke? Was rätst du, Kanzler?"
+</P>
+
+<P>
+Morone erbleichte.
+</P>
+
+<P>
+"Und was fange ich mit meinen spanischen Edelleuten an? Lasse ich
+sie auch ermorden?"
+</P>
+
+<P>
+"Die Kastilianer", antwortete Morone mit klopfendem Herzen, "fallen
+wohl zum Kaiser zurück. Die andern verlocket Ihr mit unendlicher
+Beute. Sie widerstehen nicht, am wenigsten die neapolitanischen
+Aragonesen. Ich kenne diese Rasse: sie gleicht den räuberischen
+Helden der Neuen Welt. Denket nur an Euren Del Guasto, welch ein
+Ungeheuer!"
+</P>
+
+<P>
+Pescara widersprach nicht.
+</P>
+
+<P>
+"Eure Gemeinen aber, die aus allen Ländern der Erde zusammengeflossen
+sind, beherrschet Ihr durch Eure unerschütterliche Seele und durch
+Eure eiserne Kriegszucht, nicht zu vergessen einen regelmäßigen Sold,
+wie ihn der Kaiser nie zu geben vermochte, Euch aber gehören jetzt
+alle Schätze Italiens. Und erlittet Ihr eine Einbuße an Leuten, so
+füllet Ihr das Heer aus den Schweizern, die sich nun überallhin
+vermieten, seit sie aus Mangel an Führung und an einem Staatsgedanken
+ihre schon gewonnene Weltstellung und ihre auswärtige Politik
+verscherzt haben."
+</P>
+
+<P>
+"Schade", redete Pescara mit sich selber. Er hatte eine Art
+Zärtlichkeit für die Schweizer, die er zweimal überwunden und von
+welchen er bei Bicocca, mit einer insbesondere gegen deren rasende
+Sturmläufe erfundenen Stellung des Geschützes, in wenig Minuten ein
+volles tollkühnes Tausend vernichtet hatte. Er liebte dieses tapfere
+Volk, obwohl er seine Speerwunde von Pavia dem Stoß einer
+Schweizerlanze verdankte. "Ihre Freiheit wird ihnen bleiben, aber
+schade", wiederholte er.
+</P>
+
+<P>
+"Eures Heeres sicher", fuhr der Kanzler fort&mdash;"Nehme ich Mailand",
+ergänzte Pescara. "Mein Plan ist entworfen."
+</P>
+
+<P>
+"Ihr braucht es nicht zu nehmen, da der Herzog ein Mitglied der Liga
+ist, deren Feldherr Ihr seid."
+</P>
+
+<P>
+"Richtig, das hatte ich vergessen. Auf alle Fälle, Mailand ist der
+Zentralpunkt. Und dann?"
+</P>
+
+<P>
+"Gebietet Ihr über die Truppen der Heiligkeit, Venedigs und Neapels,
+die Kleinern nicht zu nennen."
+</P>
+
+<P>
+"Halt, Morone! Neapel ist spanisch."
+</P>
+
+<P>
+"Nach Neapel habet Ihr dann Euren Neffen gesendet als Euren Vizekönig,
+der es durch seine Grausamkeit in wenigen Wochen unterworfen haben
+wird."
+</P>
+
+<P>
+"Als meinen Vizekönig? Ich König von Neapel? Seit wann trage ich
+die Krone?" fragte Pescara gelassen.
+</P>
+
+<P>
+"Siehe, die geflügelten Füße, die sie Euch bringen, sind vor Eurer
+Schwelle", sprach der Kanzler errötend.
+</P>
+
+<P>
+Die kalte Miene des Feldherrn erwärmte sich, wie von einem Strahle
+berührt, nicht aus einer Krone, sondern aus dem Lichtkreise seines
+nahenden Weibes. "Weiter geträumt, Morone", sagte er.
+</P>
+
+<P>
+"Einmal an der Spitze der vereinigten italienischen Waffen und in
+unnehmbaren Stellungen", fuhr der Kanzler mit erstaunlicher
+Sicherheit fort, "hindert nichts, daß Ihr Euch mit dem Kaiser
+auseinandersetzet, vielleicht sogar ohne Schlacht, denn ich weiß, daß
+Ihr, obschon, nein, weil der erste Feldherr der Zeit, das
+scharfsinnige Schachspiel und die umfassenden Berechnungen der
+Strategie jenen plötzlichen und immerhin blinden Entscheidungen der
+Wahlstatt vorziehet. Ich sage, vielleicht sogar ohne Blutvergießen,
+denn der Kaiser wird nicht so leicht einen neuen Feldherrn finden und
+ein zweites Heer in Italien zusammenbringen, nachdem er Euch und das
+Eurige verloren hat, wenigstens wenn ihm Frankreich und England zu
+thun geben, laut des von ihnen mit unserer Liga getroffenen Abkommens."
+</P>
+
+<P>
+"Ich kenne Euer Bündnis mit König Franz, sogar seinen Wortlaut", warf
+Pescara hin, "kann aber keinen Wert darauf legen. Der König verquält
+sich in seinem spanischen Kerker. Um eine Stunde früher auf ein
+gesatteltes Pferd zu springen, verrät er Eure Liga hundertmal, wie
+ich ihn zu kennen glaube."
+</P>
+
+<P>
+"Noch vor wenigen Tagen", beteuerte der Kanzler mit einem komischen
+Gesichte, "hat mir die Regentin Louise von Paris geschrieben, sie
+halte das Bündnis fest wie ihre Tugend&mdash;"
+</P>
+
+<P>
+Ein Pfiff durchschnitt das Gemach... der Kanzler horchte verwundert.
+Es mochte ein Vogel am Fenster vorbeigeschwirrt sein.
+</P>
+
+<P>
+"Es sind noch andere da, die den Kaiser beschäftigen", fuhr er fort,
+"der Halbmond und die deutschen Fürsten."
+</P>
+
+<P>
+"Der Halbmond, ja", urteilte der Feldherr. "Mit den deutschen
+Fürsten aber und selbst mit ihrer neuen Lehre könnte sich der Kaiser
+allenfalls vertragen. Meinst du nicht, Morone?"
+</P>
+
+<P>
+Dieser antwortete denkend: "Es scheint so, aber ist doch nicht, wenn
+ich richtig sehe. Jedenfalls nicht mit der neuen Lehre. Der Kaiser
+bedarf der Kirche für sein schweres und dunkles Gemüt, das er von der
+Mutter geerbt hat. Der neue Glaube verlangt kräftigere Seelen."
+</P>
+
+<P>
+"Verstehst du etwas von diesen Dingen, Kanzler?" fragte der Feldherr
+neugierig.
+</P>
+
+<P>
+"Wie sollte ich, Pescara? Ich bin wie du und wir alle ein Bewohner
+der Wirklichkeit, ein Kind der Helle, das mit der antiken Weisheit
+über das Ende hinaus nichts sieht als Larven und Scheinen und auf
+wogendem Nebel die riesigen Spiegelungen wieder dieses unsers eigenen
+und irdischen Daseins. Unter denen aber, welche mit dem Volke Gut
+und Böse glauben und Leib und Seele und die Fabel eines letzten
+Gerichtes, wird jetzt, wie du weißt, unversöhnlich gestritten über
+die beste Rüstung an jenem Tage der blasenden Posaune. Unsere kluge
+Kirche öffnet ihre Buden und legt verständig ihren Vorrat an guten
+Werken zum Verkauf aus. Der deutsche Mönch aber zankt und schreit:
+Das ist Plunder! Werft euer Geld nicht weg! Ihr habt es umsonst.
+Eure Schulden sind bezahlt. Glaubet es nur, und sie sind nicht mehr!
+Solches aber zu glauben, braucht es eine große Tapferkeit, denn es
+ist unter dem Unglaublichen das Unglaublichste. Doch bringen es
+diese deutschen Köpfe fertig, so brauchen sie gar keine Pfaffheit
+mehr und sind in ihrer trotzigen Sicherheit uns Italienern gewaltig
+überlegen, die wir ungläubig sind oder abergläubisch.
+</P>
+
+<P>
+Ich rede im groben, Pescara. Aber diese Vorstellungen, nichtig an
+sich, werden im Leben zu den realsten Mächten, die kein Staatsmann
+vernachlässigen darf. Und du mit deiner großen Aufgabe am wenigsten,
+Pescara, wenn du auch selbst ein Gottloser bist, wie ich dich kenne."
+Sein Lächeln blieb unerwidert.
+</P>
+
+<P>
+"Hier irrst du dich, Kanzler", sagte Pescara ernst. "Ich glaube an
+eine Gottheit, und wahrlich keine eingebildete. Doch in dem andern
+hast du recht. Ich habe es mit Augen gesehen. Am Abende meiner
+Schlacht"&mdash;er meinte die von Pavia&mdash;"sah ich im Lazarett zwei höchst
+frevelhafte Menschen sterben, einen Deutschen und einen Spanier,
+diesen unter seinen Reliquien und in den Armen zweier Priester
+zitternd und bebend, jenen allein, doch voller Zuversicht und Freude.
+Ich sprach ihn an, denn ich weiß ein paar deutsche Wörter, und
+erfuhr, daß er traue und trotze auf den reuigen Schächer. Doch
+lassen wir diese Farben der Seele. Zurück zu deiner Sache, denn ich
+meine, daß du noch nicht damit zu Ende bist." "Gewiß nicht, Pescara.
+Dann erst, wann du durch das Schwert oder durch ein listiges
+Abkommen den Kaiser außer Spiel gesetzt haben wirst, dann erst baust
+du deine Größe und Italiens Freiheit. Die zwölf Arbeiten des
+Herkules! Doch du rufst alle Seiten und Eigenschaften deines Wesens
+unter die Waffen: Geduld und Entschluß, Begeisterung und Berechnung,
+Arglist und große Gesinnung. Kein Teilchen von dir wird müßig gehen.
+Du kennst dich noch gar nicht, Pescara! Dann erst wirst du dich
+zeigen als der, welcher du bist, in deinem ganzen Wuchse: für das
+Volk ein furchtbarer und wohltätiger Dämon, für das Heer ein
+unfehlbarer Sieger, für den Patrioten der Vollender Italiens, für den
+Gelehrten der wiederaufgelebte römische Ehrgeiz, für die Fürsten,
+soviel du ihrer bestehen lässest, der herrschende Bundesgenosse. Du
+beutest alle Möglichkeiten und Begünstigungen des Jahrhunderts aus.
+Du wirst der Verteidiger des Papstes und eroberst ihm seine Städte
+und Provinzen zurück, die du für dich behältst; du reitest als
+Schiedsrichter zwischen der verröchelnden Republik und den Mediceern
+in Florenz ein, und sie gehorchen dir beide. Ja sogar die stolze
+Fürstin der Hadria zwingst du in deinen Machtkreis! Ich sehe dich",
+jubelte Morone, "wie du ihr Doge wirst und dich dem Meere vermählst.
+</P>
+
+<P>
+So wächsest du, bis dich und dein herrliches Weib auf dem römischen
+Kapitol tausend frohlockende Arme vergötternd in die Lüfte heben und
+dich ganz Italien als seinen König zeigen, welches du dann, wie dir
+jetzt, ich fürchte, noch nicht möglich ist, als deinen Besitz und
+deinen Ruhm ein wenig lieben wirst, damit endend, womit ich
+angefangen habe, denn allein meine Liebe zu Italien, das Beste, das
+einzig Gute an mir, wirft mich dir zu Füßen, du Kaltherziger!" Und
+er umfing das Knie des Feldherrn mit einer so inbrünstigen Gebärde,
+daß dieser aufspringend einer solchen Anbetung sich entzog, aber doch
+innerlich ergriffen schien, sei es, daß ihn diese Wahrheit des
+Gefühls in einem lügnerischen Geiste fesselte, sei es, daß sein
+mächtiger Verstand die angedeuteten Züge seiner und Italiens
+möglicher Größe unwillkürlich zu einem lebensfähigen Ganzen
+zusammenschloß.
+</P>
+
+<P>
+Er ließ den Kanzler und schritt mit über der Brust gekreuzten Armen
+mehrere Male langsam durch das Zimmer, zuletzt wie zufällig wieder
+vor ihm stehenbleibend. "Wie viele meiner Jahre verlangst du von mir,
+Morone?" warf er hin.
+</P>
+
+<P>
+"Viele, ohne Zweifel", versetzte der Kanzler. "Je mehrere, desto
+besser! Nur mit jenen langen und fruchtbaren Pausen, welche die
+Dinge still und unaufhaltsam wachsen lassen, unzerstörlich scheinende
+Hindernisse zernagen, die Gewissen abstumpfen und beruhigen und
+selbst das ursprünglich Frevle entsühnen und heiligen, nur auf
+solchen breiten und notwendigen Stufen ist Bleibendes im Staate
+erreichbar. Dein bester Verbündeter, Pescara, ist das Leben. Zehn,
+zwanzig, warum nicht dreißig Jahre, Pescara? Du stehst ja in der
+Fülle der Kraft und schöpfst nur so mit der Hand aus der
+überströmenden Quelle. Du hast deinen Schatz kaum noch angegriffen,
+und nicht zum wenigsten darum haben dich die unsterblichen Götter
+Italiens zu diesem deinem herrlichen Werke berufen, weil du, römisch
+gesprochen, ein Jüngling bist und dich noch lange kein Todesschatten
+berühren darf!"
+</P>
+
+<P>
+Ein plötzlich hervortretender harter und finsterer Zug hatte das
+Antlitz des Feldherrn verwandelt. Er traf den Kanzler mit einem so
+feindseligen Blicke, daß dieser um einen Schritt zurückwich. "Weißt
+du", drohte er, "daß, wenn mich mein Ehrgeiz überwältigen sollte, das
+erste Opfer dein Gebieter, der Sforza, wäre? Denn ich finge damit an,
+euer Mailand dem Bourbon zu geben, der mein Alterego, meine rechte
+Hand und ein Gonzaga ist. Ich würde es ihm gönnen! Überlieferst du
+mir den Sforza?"
+</P>
+
+<P>
+"Bei allen Göttern, nein!" schrie der entsetzte Kanzler. "Ich meinen
+Herzog verraten! Niemals! Nimmermehr! Und", rief er empört, "wie
+darfst du daran denken, Pescara, unsere reine und heilige Sache mit
+dem Borbone zu beflecken!"
+</P>
+
+<P>
+"Sehet diesen Menschen!" verhöhnte ihn Pescara. "Gibt es etwas
+Frecheres? Dem armseligsten Fürsten will er Treue halten, und mutet
+mir zu, sie meinem erhabenen Kaiser zu brechen! Sehet diesen
+unzusammenhängenden Geist! Er verlockt mich zum Verrat und will rein
+bleiben von Verrat!"
+</P>
+
+<P>
+"Das ist etwas völlig anderes", wehklagte der Kanzler. "Der
+Konnetabel hat sein Vaterland verraten, und du rettest es, indem du
+von einem Fürsten abfällst, welcher nicht der deinige ist. Meinen
+Herzog preisgeben, meinen holdseligen Herrn! Der Mohr wird mir im
+Traume erscheinen!"... er that einen erbärmlichen Seufzer... "Doch,
+dennoch, es sei! Aber jetzt, Pescara, widerstehe auch du nicht
+länger! Erbarmst du dich Italiens? Gib Antwort, Grausamer!", und
+die Tränen brachen ihm aus den Augen.
+</P>
+
+<P>
+"Heute nicht, Morone!" tröstete ihn Pescara. "Wir sind beide ermüdet
+und bedürfen der Ruhe. Es ist die Stunde der Siesta." Er klingelte.
+"Ippolito", unterwies er den Knaben, "führe den Herrn, der ein
+großer Staatsmann ist, in den Turmflügel. Der Haushofmeister soll
+ihm die ganze Zimmerreihe des Oberstockes öffnen und ihn sorgfältig
+bedienen und reichlich bewirten lassen. Ihr findet eine gewählte
+Bibliothek, Kanzler, und wollet Ihr Luft schöpfen, so steiget in den
+Garten hinab, er ist schattig und reicht bis an die Wälle. Ich lade
+Euch nicht zu Tafel, da ich Donna Victoria erwarte, der mein Abend
+gehört. Lasset Euch die Zeit nicht lange werden. Morgen sehen wir
+uns wieder."
+</P>
+
+<P>
+"Wie wird mir der Tag vergehen?" jammerte der Kanzler.
+</P>
+
+<P>
+"Alles geht vorüber. Noch eins: nähert Euch, ich bitte, den
+Wachtposten nicht, Ihr verstündet denn das Deutsche." Er sah den
+Kanzler erbleichen. "Fürchtet nichts", schloß er freundlich und
+entließ ihn.
+</P>
+
+<P>
+Wie er sich wieder umwendete, näherten sich ihm der Herzog und Del
+Guasto, die ihr Versteck verlassen hatten, beide in der höchsten
+Aufregung, der bleiche Bourbon mit fieberhaft geröteten Wangen, Del
+Guasto mit lodernden Augen. Pescara erriet, daß das belauschte
+Gespräch und der gezeigte Ruhm sie beide verführt und bezaubert hatte.
+Del Guasto lechzte nach Beute und der Herzog nach dem reinigenden
+Lorbeer. Noch schwiegen sie, aber ihre dringende und flehende
+Gebärde wollte sich in Worte verwandeln. Da schloß ihnen Pescara den
+Mund.
+</P>
+
+<P>
+"Herrschaften", sagte er, "hier wurde Theater gespielt. Das Stück
+dauerte lange. Habt Ihr nicht gegähnt in Eurer Loge?"
+</P>
+
+<P>
+Da schlug der Bourbon in plötzlich umspringender Stimmung eine gelle
+Lache auf. "Trauerspiel oder Posse?" fragte er.
+</P>
+
+<P>
+"Tragödie, Hoheit."
+</P>
+
+<P>
+"Und betitelt sich?"
+</P>
+
+<P>
+"Tod und Narr", antwortete Pescara.
+</P>
+
+<BR><BR><BR>
+
+<A NAME="chap04"></A>
+<H3 ALIGN="center">
+Viertes Kapitel
+</H3>
+
+<P>
+Durch seine lange Zimmerreihe schritt der Kanzler von Mailand ruhelos
+auf und nieder. Die Fensterläden waren gegen die brennende
+Nachmittagssonne geschlossen, und nur durch eine Spalte schoß hin und
+wieder ein neckischer Strahl in die Dämmerung, einen grellen Streifen
+über die Fliesen ziehend, während die Tiefe der Gemächer im Geheimnis
+blieb. Doch nicht der schmalste Lichtblitz erhellte dem Kanzler die
+Seele Pescaras. Er hatte seinen ganzen Menschen preisgegeben,
+Pescara auch nicht ein Teilchen seiner selbst, und nicht nur ein
+Schuldiger und Geständiger war jetzt der Kanzler, sondern auch ein
+Gefangener oder nicht viel anders. Doch weit entfernt, daß seine
+Bloßstellung ihn gereut oder sein Halbgefängnis ihn geängstigt hätte:
+im Gegenteil, er schwelgte in der Großmut seiner völligen Hingabe.
+Nicht einmal sein schmählich verratener Herzog beunruhigte jetzt sein
+Gewissen, so gänzlich erfüllte ihn die Leidenschaft, sich Pescaras zu
+bemächtigen, und der Reiz seines Anschlages auf diesen einzigen
+Menschen, dessen große Haltung und ernstes Spiel in der eben
+beendeten Szene er aufrichtig bewunderte. Er setzte diese Szene fort:
+jedes Wort des Zwiegespräches wiederholte sich in seinem Ohr, und
+selbst jede Miene und Gebärde desselben bildete sich ab in seinen
+Zügen und schwang in seinen Muskeln fort&mdash;doch über Sinn und
+Tragweite des Gesprochenen verstrickte er sich in unlösbare, in
+tödliche Zweifel. Eine Auslegung nach der andern verwarf er, um
+zuletzt zu dem wahrscheinlichen Schlusse zu kommen, noch sei Pescara
+ungewiß, noch liege er im Kampfe mit sich selber.
+</P>
+
+<P>
+Da gedachte er sehnsüchtig der Bundesgenossin, die jede Stunde, jede
+Minute ihm bringen konnte, und der Wert Victoria Colonnas deuchte ihm
+unermeßlich. Nur eine solche konnte einen solchen besiegen. Nicht
+ein aufstachelndes, herrschsüchtiges Weib, wie damals deren manches
+in Italien sein Wesen trieb, sondern die edelste Frau der Zeit führte
+seine Sache, und in dieser jede Schönheit und Tugend Italiens
+verkörpernden und von seinen Freveln und Sünden freien Gestalt
+erschien ihm sein Vaterland so unvergleichlich und der Ruhm, es sich
+selbst wiederzugeben, so einzig, daß hier sogar ein Pescara und
+gerade ein Pescara unmöglich widerstehen konnte. Ein mit
+unsittlichen Mitteln wirkendes Bündnis verklärte sich in diesen
+himmlischen Augen zu einer Reinheit, die den Namen einer "heiligen
+Liga" in einem freien und weltlichen Sinne rechtfertigte. Die
+Bewunderung des göttlichen Weibes, welches, wie er glaubte, Italien
+zu retten berufen sei, wurde dem Kanzler zur Anbetung und seligen
+Inbrunst, denn er war der erhabensten und der gemeinsten Gefühle in
+gleicher Weise und Stärke fähig.
+</P>
+
+<P>
+Jetzt, da die gewonnene Zuversicht sein Inneres erhellte, verlangte
+es ihn nach dem Tageslichte, er stieß einen Laden auf und stand, sich
+umblickend, in dem sogenannten Schlangensaale, von welchem sein
+Herzog ihm oft erzählt, den er selbst aber noch nie gesehen hatte.
+Über dem Getäfel lief die vier Wände entlang ein gemaltes Geflechte
+von Schlangen, je zweie sich umwindend, die eine der feuerspeiende
+Drache der Sforza, die andere das entsetzliche Wappenbild der
+Visconti, die Schlange mit dem Kind im Rachen. Legende oder Wahrheit,
+der süße Lionardo da Vinci galt als der Schöpfer des scheuseligen
+Kranzes: während seines langen Dienstes bei dem Mohren habe er einmal
+im herzoglichen Hause zu Novara sich aufgehalten und in wenigen
+Stunden dieses Spiel einer grausamen Laune begonnen und beendigt
+unter dem Vorwande einer Verherrlichung seines Fürstenhauses. Keine
+Unmöglichkeit, denn der Bildner des zärtlichsten Lächelns liebte
+zugleich die Fratze und das Grauen. Zuerst mit ergötzten, bald mit
+beängstigten Augen betrachtete der Kanzler den wilden Ring, das Werk
+einer unerschrockenen Einbildungskraft, die sich daran geübt hatte,
+den Ungetümen und dem nackten Kinde in dem verschlingenden Rachen
+eine Folge von natürlichen Bewegungen zu geben. Dann plötzlich
+erschien es ihm, als lebe und drehe sich das Gewinde. Der Kanzler
+wendete sich schaudernd und trat wieder an das Fenster.
+</P>
+
+<P>
+Er erblickte den einsamen Schloßgarten, der sich unter einem weiten
+Gewölbe von Bäumen in tiefdunkle Schatten verlor. Darüber das
+blendende Lichtmeer, und hin und wieder ein Bruchstück der gezackten
+Stadtmauer. Nur in einiger Entfernung stieg aus dem üppigsten Grün
+auf drei Terrassen eine kleine Villa, im Winkel und von zwei Seiten
+sichtbar, deren jede ein Bild bot, jene mit einem Turmbau endigend,
+diese in einen weinumwundenen Säulengang verlaufend. Es wollte
+Morone scheinen, das anmutige Landhaus, dessen Teile leicht
+auseinander herauswuchsen, müsse für Victoria bestimmt und der
+Gedanke Pescaras sein, der ihr nicht in einem schweren und von dem
+Schritte der Wachen dröhnenden Schlosse, sondern an einer gefälligen
+und friedlichen Stätte liebenden Empfang bereite. Auch deutete
+mancherlei drüben hin und her eilende Dienerschaft auf das Kommen
+eines Gastes, und jetzt glaubte er aus der entgegengesetzten Richtung
+den Lärm einer Ankunft zu vernehmen. Da litt es ihn nicht länger in
+den unbehaglichen Räumen, er suchte Treppe und Pforte und wandelte
+bald in einem grünen Schattenreiche.
+</P>
+
+<P>
+Seine Schritte führten ihn in ein weites Rondell, wo das lieblichste
+Halbdunkel herrschte und in dessen Mitte ein Brunnen seine
+schimmernde Schale mit einer langsam strömenden Flut durchsichtig und
+einschläfernd verschleierte. Vier breite Marmorsitze standen im
+Umkreise. Auf einem derselben, dessen Lehnen zwei Sphinxe bildeten,
+schlummerte der Feldherr, das Haupt über die Brust gesenkt.
+</P>
+
+<P>
+Nach einem leichten Erstaunen näherte sich Morone auf vorsichtigen
+Füßen, um das schlafende Antlitz zu belauschen, ob nicht die jetzt
+willenlose Miene den verschwiegenen Gedanken abbilde und ausdrücke.
+Lange stand er davor. Nein, es träumte nicht ehrgeizig, dieses Haupt,
+noch sann es Verrat, sondern seine unbeherrschten Züge trugen, ohne
+die Spur von Triumph und List, einen Ausdruck, der kein anderer sein
+konnte als der des Leidens und der Entsagung. Wie Morone es
+betrachtete, erstarrte seine eigene aufgeregte Miene, denn die des
+stillen Hauptes war so überredend, daß auch ihn eine fatalistische
+Stimmung unwiderstehlich erfaßte, eine Gewißheit von dem Nichts der
+menschlichen Pläne und der Allgewalt des Schicksals. Nichts anderes
+sagte das mächtige Antlitz als Frömmigkeit und Gehorsam.
+</P>
+
+<P>
+Da legte sich unversehens eine Hand auf die Schulter des Kanzlers.
+Nach einem kleinen gespenstischen Schrecken, als ob ihn der Geist des
+vor ihm Schlummernden von hinten berühre, wandte er sich und
+erblickte einen gelben Schädel und eine von Alter gebrochene Gestalt.
+Zwei braune kluge, aber unendlich wehmütige Augen waren ihr einziges
+Leben.
+</P>
+
+<P>
+"Numa! Wahrhaftig, du hast mich erschreckt."
+</P>
+
+<P>
+"Ich glaube es. Aber komm, Kanzler. Lassen wir ihn schlummern und
+setzen uns dort gegenüber, daß ich ihn von ferne beobachte." Sie
+thaten es, und der Arzt, der wohl achtzig zählen mochte, doch sein
+feines Gehör bewahrt hatte, ließ sich mit dem Kanzler in ein
+lispelndes Gespräch ein. "Du glaubst gewonnen zu haben?" fragte er.
+</P>
+
+<P>
+"Ich weiß nicht", sagte der Kanzler. "Est in votis."
+</P>
+
+<P>
+"Enttäusche dich, Girolamo! Ich sage dir, auch wenn er wollte, so
+kann er nicht."
+</P>
+
+<P>
+"Er könnte nicht? Warum? Das tönt geheimnisvoll. Welcher Gott oder
+welche Göttin verbietet es ihm? Kreuzige mich nicht! Rede!"
+</P>
+
+<P>
+"Dürfte ich reden, ich hätte dir von der Schwelle meines Hauses und
+aus Novara weggewinkt, aber meine Lippen sind gebannt. Doch ich darf
+dich, du Ärmster, auch nicht in dein Verderben stürzen lassen. Du
+verlierst hier deine Worte und vielleicht dein Leben. Er kann nicht,
+beteure ich dir! Es ist ihm versagt. Es ist ihm nicht beschieden.
+Fliehe! Es ist alles umsonst."
+</P>
+
+<P>
+"Fliehen? Vor Pescara? Ich denke nicht daran und halte ihn fest
+umschlungen! Bei allen Dämonen, warum ist es ihm nicht beschieden?"
+</P>
+
+<P>
+Da hauchte der Arzt, daß ihn Morone kaum verstehen konnte: "Ist nicht
+aller sterbliche Wandel in Zeit und Raum? Beide aber versagen diesem."
+</P>
+
+<P>
+Er legte den Finger auf die Lippen, ihnen Schweigen gebietend, und
+dann gleich zum andern Male, um den Kanzler auf nahende Schritte
+aufmerksam zu machen. "Still! Siehe!" flüsterte er. Auf leisen
+Sohlen kam Victoria Colonna in den weiten grünen Saal, den Gatten an
+seinem Lieblingsplatze suchend. Noch trug ihr Kleid den Staub der
+Straße; sie mochte kaum vom Pferde geglitten sein. Da sie ihn
+schlummern sah, blieb sie stehen und verlor sich in seinem Anblick.
+Dann zerfloß sie plötzlich in Tränen, aus einem Übermaß der Freude,
+oder es erschreckte sie der heilige Ernst der geliebten, nun von
+Mühen und Wunden tiefer gegrabenen Züge. Wenige Augenblicke aber,
+und sie trat zu ihm. Mit unendlicher Liebe legte sie die Hand unter
+das strenge Haupt, und es sachte hebend, weckte sie es mit
+inbrünstigen Küssen. Pescara öffnete die Augen. Sanft drückte er
+sein Weib an die rechte Brust und gab ihr einen Kuß auf die Stirne.
+</P>
+
+<P>
+Da sich der Feldherr erhob, hatte sich Morone in einer seltenen
+Regung von Keuschheit weggeschlichen, und Pescara sah nur den Arzt
+vor sich. Die Linke um Victoria schlingend, ergriff er mit der
+Rechten die Hand Numas und sprach zu seinem Weibe: "Das ist mein
+Arzt", und diese, in ihrer feurigen Art, bog das Knie und bedeckte
+die schlaffe Hand mit Küssen. "Sie hat die Wunde meines Helden
+geschlossen!" jubelte sie voller Dankbarkeit. Dann aber richtete sie
+sich auf und fragte in tiefer Erregung: "Messer Numa Dati?"
+</P>
+
+<P>
+Der Alte verneigte sich.
+</P>
+
+<P>
+Und Victoria, von ihrem warmen Herzen hingerissen, wendete sich an
+den Gemahl, Mund gegen Mund, und klagte: "Ehe wir uns freuen, mußt du
+mir und diesem Recht schaffen! Unser Neffe hat ihm die Enkelin
+verleitet und weigert sich, der Frevler, seine Schuld durch die Ehe
+zu sühnen!"
+</P>
+
+<P>
+"Ist es so, Numa?" sagte der Feldherr, und da der Greis traurig
+bejahte: "Warum hast du mir das verheimlicht?"
+</P>
+
+<P>
+"Anfangs, Herrlichkeit, war es eine bloße Vermutung, da sie mein Haus
+und Novara heimlich verließ. Und wie durfte ich Euch, der sein
+eigenes großes Schicksal trägt, mit dem kleinen eines Mädchens
+beschäftigen? Erst heute erhielt ich Gewißheit, durch ein Schreiben
+aus Rom, von der Äbtissin, in deren Kloster das arme Kind sich
+geflüchtet hatte."
+</P>
+
+<P>
+Jetzt drängte sich Victoria flehend an die linke Seite ihres Helden,
+der unter dem Drucke des Frauenleibes einen körperlichen Schmerz zu
+empfinden schien. Um ihn zu verbergen und zu verwinden, that er ein
+paar Schritte vorwärts.
+</P>
+
+<P>
+Die dreie standen vor den spielenden Lichtern des Brunnens.
+"Schönste Frau, mich hat herzlich verlangt, Euch wiederzusehen",
+sagte der Feldherr, "und da bist du ja, meine Seele!" Er blickte ihr
+in die strahlenden Augen. "Aber deine edeln Lider sind ja noch ganz
+bestäubt von der Reise. Dein Tuch!" Sie gab es ihm, der es netzte,
+und schloß die Augen, während er ihr Stirn und Lid und Wange wusch
+und badete.
+</P>
+
+<P>
+"Ich erinnere mich deiner Enkelin ganz wohl, Numa, obwohl ich sie
+kaum gesehen habe. Tiefblaue Augen und kastanienbraune Haare, wie
+diese da, nicht wahr, und Julia heißt sie? Was ihre Sache betrifft,
+die dünkt mich schwer und tragisch. Nicht daß ich anstünde, den
+Bösen, den du kennst, Victoria&mdash;auch ich kann ihn nicht anders
+nennen&mdash;zur Ehe mit ihr zu zwingen, er würde sich fügen, ohne Zweifel,
+denn er ist mein Geschöpf und ich habe Macht über ihn. Aber ich
+frage mich, ob es gut sei, die Verschmähte an einen Herzlosen und
+Grausamen zu fesseln, der freilich durch seine Vermessenheit und
+Begabung in der Welt die höchsten Stufen erreichen wird. Und sie
+selbst? Wird sie es verlangen? Glaubst du, Victoria? Hat sie es
+verlangt, die sich dir in Rom zu Füßen geworfen hat, wie ich vermute,
+da du sie kennst?"
+</P>
+
+<P>
+"So that sie", sagte Victoria mit flehender Stimme.
+</P>
+
+<P>
+"Ertrug sie deinen reinen Anblick? Und im Ernst, du willst sie dem
+Manne geben, der sie verschmäht? Wenn sie mein Kind wäre, ich
+vergrübe sie ins Kloster. Ihr aber seid menschlich und barmherzig,
+Madonna. Und wer weiß, vielleicht liebt sie ihn noch, oder liebt und
+haßt ihn zugleich&mdash;ich verstehe das nicht. Doch ich will mich ihrer
+annehmen, sie habe die Wahl."
+</P>
+
+<P>
+Jetzt öffnete der Arzt den welken Mund. "Arme Julia! Welche Wahl!
+Selig, daß sie ihrer überhoben ist!"
+</P>
+
+<P>
+"Wodurch?" fragte Pescara.
+</P>
+
+<P>
+"Durch eine dunkle, aber weise Gottheit."
+</P>
+
+<P>
+"Ich verstehe", sagte der Feldherr rasch, "sie lebt nicht mehr."
+</P>
+
+<P>
+"Du sagst es, Herrlichkeit."
+</P>
+
+<P>
+"Sie hat sich ein Leides gethan?" wehklagte Victoria.
+</P>
+
+<P>
+"Da sei ihr Schutzengel davor!"
+</P>
+
+<P>
+"Wer weiß es? Als sie in ihr Kloster zurückkam, nachdem sie sich
+Euch geoffenbart, ist sie gestorben. Ihr Geständnis muß sie getötet
+haben, und der Anblick Eurer Reinheit, Madonna, wie die Herrlichkeit
+es gewollt hat. Vielleicht ein Herzschlag, vielleicht&mdash;das willige
+Mädchen ist mir in meiner Apotheke oft mit Verständnis und Geschick
+beigestanden."
+</P>
+
+<P>
+Jetzt urteilte der Feldherr: "Das bleibe unberedet. Sie ist
+eingegangen in den Frieden und steht jetzt in Dienst und Pflicht
+einer heiligen Macht, die unserer erbärmlichen Gerechtigkeit spottet."
+</P>
+
+<P>
+Victoria weinte, und der Greis flehte: "Ich kann nicht mehr! Es sei
+gut!"
+</P>
+
+<P>
+"Ja, es ist gut", schloß der Feldherr.
+</P>
+
+<P>
+Dann bot er Victoria die Hand und sagte leichthin: "Edle Frau, ich
+habe Euch und mir, solange wir zusammen sein dürfen, ein helleres
+Haus gerüstet als dieses alte Schloß mit seinen plumpen Deckenbalken,
+diese Wohnung des Verrates, denn auf seiner Zugbrücke wurde der Mohr
+ausgeliefert. Sehet Ihr dort bei den Pinien die anmutige Baute,
+Madonna? Die habe ich Euch bestimmt: sie ziemt Eurem klaren Wandel."
+</P>
+
+<P>
+Sie durchschritten den Park und langten am Fuße der drei Treppen an,
+wo der greise Arzt stehenblieb, Atem schöpfend und den Feldherrn
+zurückerwartend. Da Victoria die dritte Treppe erstieg, erblickte
+sie zwei Bildwerke, welche rechts und links die höchste Stufe
+schmückten. "Das hat der junge Franz Sforza ersonnen, an welchem
+sein guter Geschmack immer noch das Beste ist", plauderte Pescara.
+"Diese Gruppen sind hübsche Gedanken aus seinem flüchtigen Kopfe.
+Die rechts zum Beispiel. Erst konnte ich nicht aus ihr klug werden,
+so sehr sie mir gefiel. Da sagte mir der Gärtner die Inschrift, die
+sie anfangs trug, die aber der feine Herzog verschwinden ließ, damit
+der Beschauer fühle und rate. Sie lautete... doch das bringst du
+heraus, Geliebte?"
+</P>
+
+<P>
+Victoria, nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die linke Gruppe,
+ein ungebunden kosendes Paar geworfen hatte, betrachtete lange Zeit
+die rechte. Es waren zwei weibliche Gestalten, eine liegend und
+etwas wie eine Blume oder einen Schmetterling leichtsinnig
+zerpflückend; die andere stand, innig vertieft in sich selbst, oder
+in die Ferne verloren. Alle drei Mädchen aber, das kosende, das
+vergessende, das sich sehnende, hatten unter verschiedenem Ausdrucke
+das gleiche Gesicht. Victoria sann. Da blies ihr der Feldherr
+mutwillig ins Ohr, wie in der Schule ein Knabe einem Mädchen: "Tu die
+Augen auf, ein paar Buchstaben sind noch lesbar." Victoria entdeckte
+links, schwach ausgeprägt: Pres..., rechts aber unterschied sie etwas
+deutlicher: Ass... "Presenza und Assenza", ergänzte sie beschämt,
+und der Feldherr sagte: "Die Gegenwart ist frech. Die Abwesenheit
+aber, die vergißt, ist gedankenlos. Ich preise die gegenwärtige
+Abwesenheit: die Sehnsucht."
+</P>
+
+<P>
+"Wir werden uns nicht mehr trennen, Ferdinand, wenn du mich lieb hast."
+</P>
+
+<P>
+"Nur noch einmal. Für einige Tage, höchstens eine Woche, Madonna,
+bis ich Mailand werde genommen haben. Ihr folget mir, und forthin,
+wenn Ihr wollt, trennen wir uns nicht mehr. Es liegt an dir,
+Victoria", sagte er zärtlich.
+</P>
+
+<P>
+"Ob ich will!"
+</P>
+
+<P>
+"Erinnerst du dich, Geliebte", scherzte er wiederum, "daß du mir
+einmal in Ischia am plätschernden Strande gesagt hast, du begreifest
+nicht, wie ein Weib, das geliebt habe, jemals einem Zweiten gehören
+könne? Es widerspricht der Liebe, sagtest du. Freilich, aber es hat
+Erfahrung und menschliche Natur für sich. Assenza, Assenza!"
+</P>
+
+<P>
+Jetzt erhob sich Victoria zu ihrem ganzen stolzen Wuchs und streckte
+den herrlichen Arm, von welchem der Ärmel zurückfiel, gegen den
+leuchtenden Himmel und schwur: "Nie gehöre ich einem andern, bei den
+reinen Strahlen dieser Sonne!"
+</P>
+
+<P>
+Der Feldherr beschwichtigte: "Dort stehen deine Kammerfrauen, Kind,
+und bestaunen dein Gelübde, das sie dir wahrlich nicht nachtun werden."
+Er winkte den in ehrerbietiger Entfernung harrenden Zofen und
+beurlaubte sich bei der Marchesa. "Ihr werdet Euch umkleiden, Herrin,
+und ich selbst habe noch bis zur Abendstunde zu thun. Auf
+Wiedersehen hier, nach Sonnenuntergang, zum Spätmahle." Er wendete
+sich und ging, ohne nach ihr sich umzublicken. Unten an der Treppe
+nahm er den Arm des greisen Arztes, langsam mit ihm durch einen
+Zypressengang nach dem Schlosse zurückwandelnd. "Wie war die Nacht
+Eurer Herrlichkeit?" fragte der Alte.
+</P>
+
+<P>
+"Wie gewöhnlich", antwortete Pescara. "Du hast gegen deinen
+Gastfreund reinen Mund gehalten, Numa?"
+</P>
+
+<P>
+"Ich erinnerte mich Eures Befehles... Aber wie möget Ihr mit dem
+Kanzler und meinem armen Italien dieses grausame Spiel treiben! Wie
+dürfet Ihr es?"
+</P>
+
+<P>
+"Ich spiele mit Italien, sagst du? Im Gegenteil, deine Landsleute,
+Numa, spielen mit mir: sie heucheln Leben und sind tot in ihren
+Übertretungen und Sünden."
+</P>
+
+<P>
+Sie gingen eine Weile schweigend. "Weißt du, Numa", spottete jetzt
+der Feldherr, "daß mich neulich ein Astrologe besucht und mir das
+Horoskop gestellt hat? Er schätzte mich auf sechzig Jahre, ich fand
+das wenig."
+</P>
+
+<P>
+Der Greis seufzte.
+</P>
+
+<P>
+Wieder wandelten sie wortlos. Vor der schmalen Pforte der Burg
+beurlaubte Pescara den Alten. "Meine Feldherrn erwarten mich, Numa,
+ich habe sie auf diese Stunde beschieden." Da beschlich ihn noch ein
+Mitleid mit den guten braunen Augen und dem zahnlosen Munde, und er
+sagte freundlich: "Fürchte nichts, Numa. Ich werde dein Italien
+nicht mißhandeln, ich werde gerecht und milde verfahren."
+</P>
+
+<P>
+In seinem Vorsaale fand der Feldherr den Herzog von Bourbon und Leyva
+sich gegenüberstehen, zwischen ihnen Del Guasto, als ob er sie
+auseinanderhielte, und dann noch einen vierten, der in einer
+Fensterbrüstung lehnte. Dieser war ein vornehmer Mann in Jahren,
+halb Mönch, halb Weltmann, mit einem bronzefarbenen Kopfe und tiefen,
+unergründlichen Zügen, in einen kuttenähnlichen weißen Mantel gehüllt.
+Wie Pescara ihn erblickte, schien der Feldherr leicht zu schaudern,
+ging aber auf ihn zu und begrüßte ihn.
+</P>
+
+<P>
+"Was verschafft mir die Ehre, Moncada?"
+</P>
+
+<P>
+Der andere erwiderte: "Erlaucht, ich bin in Sendung und ersuche im
+Namen des Vizekönigs um eine Unterredung."
+</P>
+
+<P>
+"Ich gewähre sie", versetzte der Feldherr, "aber ich bitte Eure Gnade,
+sich kurz zu fassen am Vorabende des Feldzugs."
+</P>
+
+<P>
+"Eine geheime Unterredung."
+</P>
+
+<P>
+Pescara besann sich. "Eine geheime? Nicht, Ritter. Geschäftliches
+würde ich diesen zwei Herrschaften, meinen Kollegen, nicht
+vorenthalten. Ersparet mir die Mühe. Mein Neffe hier ist
+verschwiegen. Was ist Euer Auftrag? Sprechet, Ritter!" Er bot
+Moncada keinen Stuhl.
+</P>
+
+<P>
+Dieser musterte die anwesenden Gesichter. "Nach Eurem Willen", sagte
+er. "Erlaucht, der Vizekönig ist in tiefster Besorgnis. Die
+italienische Liga ist eine Thatsache, an welcher Erlaucht nicht
+zweifelt, da Sie durch Leyva den Vizekönig um Truppen ersuchen ließ,
+welche dieser freilich nicht entbehren kann, selbst ihrer bedürftig,
+um im Falle des ausbrechenden Krieges eine ehrfürchtige, aber
+drohende Bewegung gegen die irregegangene oder mißleitete Heiligkeit
+zu machen. Erlaucht gibt zu, daß unsere Heere im Süden und Norden
+der Halbinsel zusammenwirkend in denselben Plan eingreifen müssen.
+In diesem Sinne sendet mich der Vizekönig, Euch zu begleiten und ihn
+auf dem laufenden zu halten. Genehmigt Erlaucht?"
+</P>
+
+<P>
+Der Feldherr bejahte, seinen Unmut niederkämpfend.
+</P>
+
+<P>
+"Ein anderes", fuhr Moncada fort. "Ich bedaure, daß Ihr mich nicht
+geheim empfangen habet, aber ich ergreife den Augenblick. Es wird
+gewünscht in Madrid, daß Erlaucht, wenn Sie Mailand erobert haben
+wird, dort zum Heile der Monarchie, und um das Übel mit der Wurzel
+auszurotten, streng und durchgreifend verfahre. Es wird geraten: der
+abtrünnige Herzog werde in Ketten gelegt und nach Spanien gesendet;
+der trotzige lombardische Adel verliere seine Güter und besteige das
+Schafott; starke Besatzung und schwere Kriegssteuer bändige den
+Bürger; der Schrecken herrsche in Mailand!" Er suchte in der Miene
+des Feldherrn zu lesen.
+</P>
+
+<P>
+Dieser stand ruhig. "Der Schrecken?" wiederholte er. "Niemals,
+solange ich lebe und meinem Kaiser diene! Mailand ist Reichsgebiet,
+und der Kaiser will nicht, daß das Reich mißhandelt werde. Wer
+wünscht? Wer rät? Verschonet mich mit Räten und Wünschen, Moncada,
+ich brauche sie nicht."
+</P>
+
+<P>
+"Hat der Herzog um Aufschub gebeten?" fragte Moncada mißtrauisch.
+</P>
+
+<P>
+"Nein, Ritter."
+</P>
+
+<P>
+"Durch seinen Kanzler?"
+</P>
+
+<P>
+"Der Kanzler der Hoheit von Mailand bewohnt seit heute diese Burg.
+Eure Gnade kann ihn sprechen und sich bei ihm selbst erkundigen, Sie
+wird ihm damit ein Vergnügen machen, denn ich fürchte, daß er sich
+langweilt."
+</P>
+
+<P>
+"Erlaucht hat ihn nicht empfangen? Keine Neugierde läßt mich fragen,
+sondern das Interesse der königlichen Sache, welcher wir alle hier
+dienen."
+</P>
+
+<P>
+"Ich habe den Kanzler gesprochen, heute morgen, zwei Stunden."
+</P>
+
+<P>
+Diese Aufrichtigkeit setzte Moncada in Erstaunen, aber sie sagte ihm
+nichts Neues. Er war durch die spähenden Ohren, welche er unter dem
+Gesinde Pescaras besoldete, von der Ankunft und der Audienz Morones
+genau unterrichtet.
+</P>
+
+<P>
+"Eine lange Beredung, da doch allein von der Unterwerfung des Herzogs
+die Rede sein konnte."
+</P>
+
+<P>
+Pescara schwieg. Geheimer Abscheu, so schien es, verbot ihm, den vor
+ihm Stehenden nur eines Wortes zu würdigen über das Nötige hinaus.
+</P>
+
+<P>
+"Ich wundere mich", sprach Moncada weiter, "daß Erlaucht nicht kurz
+abgebrochen, und ich erstaune, daß Sie diesen Niederträchtigen
+überhaupt empfangen hat, jetzt, da jene Verleumdungen über Erlaucht
+Italien erfüllen."
+</P>
+
+<P>
+"Nicht weiter! Jedes Wort wäre eine Beleidigung und ein Zeitverlust!
+Ich habe diese Lügen meinem Kaiser berichtet. Das genügt. Ich
+kenne meine Feinde..."
+</P>
+
+<P>
+"Weise. Und ebenso weise, wenn Erlaucht Ihrer Unterredung mit Morone
+unverdächtige Zeugen gegeben hätte."
+</P>
+
+<P>
+"Das geschah", erwiderte Pescara verächtlich. "Diese Herrschaften
+hier." Bourbon und Del Guasto nickten. "Was aber den Inhalt der
+Unterredung betrifft, nach welchem Ihr neugierig zu sein scheinet, so
+werdet Ihr ihn der Antwort entnehmen, welche ich in Eurer Gegenwart,
+wenn Ihr es wünscht, dem Kanzler morgen zu geben gewillt bin, bevor
+er meinem Heerzug als ein Gefangener folgen wird. Hier in diesem
+Saale. Nun aber lasse ich Euch." Und er entfernte sich in sein
+inneres Gemach, wohin die drei andern ihm folgten.
+</P>
+
+<P>
+Moncada stand allein. "Eine Maske", überlegte er, "eine durchdachte
+Maske. Welch ein Antlitz verbirgt sie?... Ich werde es wissen...
+Du entrinnst mir nicht, ich umschwebe dich, Pescara!" Er ging
+langsam weg in streitenden Gedanken.
+</P>
+
+<P>
+Während die drei Feldherrn drinnen den Krieg vorbereiteten, blieb der
+Vorsaal eine Weile leer und unbehütet. Der Page Ippolito hatte sich
+zu der Herrin hinübergeschlichen, deren Ankunft er belauscht hatte
+und deren Schönheit und Leutseligkeit er kindlich bewunderte. Er
+brannte, sie zu begrüßen und ihr seine Dienste zu bieten. Dann aber
+bevölkerte sich der feierliche Saal mit einer lustigen Gesellschaft.
+Die fünf silbergrauen Windspiele des Konnetabel, närrische, noch ganz
+junge Tiere, hatten irgendeinen unbewachten Eingang in das Schloß
+gefunden und beschnoberten jetzt die Spalten der Türe, hinter welcher
+sie ihren Herrn vermuteten. Diese Rasse war Modesache. Nun kam auch
+der Windhund des Marchese, ein edles Tier und ein unermüdlicher
+Läufer, zu sehen, was es gebe, und war nicht sehr erbaut von dieser
+leichtsinnigen Sippe, die ihm nicht in diesen ernsten Raum zu gehören
+schien und der er knurrend sein Mißfallen kundgab.
+</P>
+
+<P>
+Siehe, da erschien noch ein zartes, zierliches Windspiel, ein
+schneeweißes Geschöpf von den feinsten Formen, das auf schimmerndem
+Silberhalsband die Inschrift trug: "Ich gehöre der Victoria Colonna."
+Zuerst mit Freude und Bewunderung empfangen, wurde das schmucke
+Spielzeug bald zu einem gejagten und gehetzten Wilde, hinter welchem
+die ganze jugendliche Meute kläffend im Kreise herumfuhr. Da kam der
+Page hereingesprungen, nahm das Eigentum der Herrin, welche ihn
+danach gesendet haben mochte, in die Arme und flüchtete es aus dem
+Tumulte, die wilde Jagd hinter sich ziehend, den besonnenen Läufer
+des Pescara ausgenommen. In demselben Augenblicke trat Leyva aus dem
+innern Gemache und beschleunigte die allgemeine Flucht, indem er dem
+hintersten Hündchen des Konnetabel einen Tritt versetzte, daß es
+winselnd durch die Luft flog.
+</P>
+
+<P>
+Der ergraute Feldherr hatte einen zornroten Kopf und ließ sich von
+Pescara, der ihn geleitete, kaum mehr an der Hand zurückhalten.
+"Leyva", sagte der Marchese, "ich bitte Euch, bleibt! Beherrschet
+Euch! Ich kann Euch nicht zwingen, gegen den Herzog gerecht zu sein,
+aber beobachtet wenigstens die Formen! Der Herzog benimmt sich
+musterhaft gegen Euch, mit tadelloser Courtoisie, Ihr aber zoget ihm
+die grinsende Miene eines Bauers, und jetzt lauft Ihr weg, ehe unsere
+Beratung geschlossen ist. Das ist kein Betragen, wie es sich für
+Eure Stellung und Euer Verdienst geziemt." "Ich konnte den Verräter
+nicht länger ertragen, Pescara! Mit jeder Miene, jeder Bewegung hat
+mich der Hochmütige beleidigt! Nichts als Hohn! Seine Kälte
+verachtet mich, und seine Verbeugungen spotten meiner. Ich möchte
+wissen, woher er das Recht nimmt, auf mich herabzusehen. Ich stehe
+über ihm, trotz seiner hohen Geburt, denn meine Ehre ist rein, und
+ich bin ein treuer Knecht meines Königs, den seinigen aber hat er
+verraten! Er ist gezeichnet und sein glattes Gesicht garstiger als
+meine Wunde hier! Doch nicht alle Fürsten verachten mich, es gibt
+deren, die meinen Wert kennen. So dieser verständige Moncada, mit
+dem ich gereist bin. Der wenigstens hat mich seines Vertrauens
+gewürdigt."
+</P>
+
+<P>
+Pescara wurde sehr ernst. "Leyva", sagte er, "Ihr gebet mir die
+Genugtuung, daß ich Euch immer für voll genommen habe. Ich frage
+nicht nach der Geburt, sondern ich nehme den Menschen, wie ich ihn
+erprobe. Habet Ihr mich je hochmütig gesehen oder kleindenkend
+erfunden? Du hast nichts gegen mich, Alter", sagte er zutraulich,
+"wir kennen uns." Er suchte mit den hellen grauen Augen die des
+Mitfeldherrn, der sie ihm aber, den Kopf senkend, hartnäckig entzog.
+"Nichts", murrte Leyva, "außer daß Ihr Freundschaft haltet mit dem
+andern. Doch ich habe Eile: Erlaucht schickt mir die Instruktionen
+nach. Ich besitze dergleichen gerne schriftlich. Leyva tut seine
+Pflicht. Zählt darauf!"
+</P>
+
+<P>
+Der Feldherr ließ ihn gehen und streichelte nachdenklich den feinen
+Kopf seines Windspieles, das ihm denselben in die Hand zu legen
+gekommen war.
+</P>
+
+<P>
+Dann trat er in sein Gemach zurück, wo er Bourbon und Del Guasto in
+einem aufgeregten Gespräche fand, wohl über den Kanzler, denn sie
+deuteten mit den Blicken in der Richtung der Turmgemächer. Der
+Feldherr lächelte. "Herrschaften", sagte er, "Ihr habet heute morgen
+eine wunderbare Rede belauscht und&mdash;noch wunderbarer&mdash;diese Rede hat
+mich nicht verführt, aber Euch, meine Zeugen. Meine Treue blieb fest,
+und die Eurige wurde erschüttert, wie ich glaube: ein Triumph, den
+der Kanzler nicht beabsichtigte, der ihm aber schmeicheln darf."
+</P>
+
+<P>
+Jetzt wendete er sich mit veränderter Miene gegen Del Guasto: "Don
+Juan, ich sah Eure Augen habgierig nach Beute flammen. Danket es mir,
+daß ich Euch nicht zu Worte kommen und Euern Herrn, den Kaiser,
+verraten ließ. Denn gerade Ihr, Don Juan, müsset der Majestät
+unverbrüchliche Treue halten, wenn Ihr nicht ein Verbrecher werden
+wollet. Treue am Fürsten ist die einzige Tugend, deren Ihr zur Not
+fähig seid, und der letzte Ehrbegriff, der Euch übrigbleibt. Sie
+wird Eure Unerbittlichkeit adeln, wenn Ihr dieselbe gegen Abfall und
+Empörung ausübet, und Eure grausamen Triebe werden der irdischen
+Gerechtigkeit dienen. Nehmet das als meinen wohlgemeinten Rat, und
+nun gehet und vermeidet heute die Augen Donna Victorias. Euer
+Anblick ist ihnen verhaßt, sie können einen Mörder nicht ertragen."
+</P>
+
+<P>
+"Einen Mörder?" Don Juan lehnte sich auf.
+</P>
+
+<P>
+"Einen Mörder. Kennet Ihr Euer Opfer noch nicht? Ich nenne es Euch:
+es ist Julia, die Enkelin meines Numa Dati, gestorben in Rom am
+gebrochenen Herzen, und Ihr seid es, der sie umgebracht hat. Ihr
+geschah wohl, aber das mindert Euren Frevel nicht im geringsten.
+Fürchtet nicht, daß sie Euch erscheinen werde, sie ist versenkt in
+die Ruhe und überläßt Euch den Furien Eurer Seele, zu früher oder
+später Reue."
+</P>
+
+<P>
+Del Guasto erbleichte, und sein Haar sträubte sich wie ein Gewirr von
+Schlangen. Nicht seine That erschreckte ihn, aber der furchtbare
+Richterernst des Feldherrn, dessen vernichtende Strafgewalt von
+jenseits des Grabes zu kommen schien. Er entwich bestürzt vor den
+Blitzen dieses Auges.
+</P>
+
+<P>
+"Familienangelegenheiten", bemerkte Bourbon. "Aber weißt du,
+Ferdinand, daß der Kanzler mich mehr, als du denkst, begeistert hat?
+Trotz seiner Schmähungen&mdash;er ist der einzige, dem ich nichts
+übelnehme&mdash;war er auf dem Wege, mich völlig zu betören, oder vielmehr,
+du hast mich betört, da du sagtest, ich sei dein Alterego und du
+würdest mir Mailand geben. Du hast dich über mich lustig gemacht,
+und ich Stumpfsinniger habe den Spaß nicht verstanden."
+</P>
+
+<P>
+"Vergib, Karl! Ich war neugierig, ob der Kanzler seinem Herzog Treue
+hielte. Aber glaube mir, Karl, auch dir bleibt nichts als die Sache
+des Kaisers. Der Niedergang Italiens ist unaufhaltsam, es unterhöhlt
+sich selbst. Besieh dir doch die Sache: Italien bietet sich mir
+flehend und bedingungslos, mit einem Schein von Wahrheit und Größe,
+und zugleich zieht es mir mit vollendeter Tücke den Boden unter den
+Füßen weg, um mich zum Sprung über den Abgrund zu zwingen. Ich
+begreife bei solchen Gerüchten und Verleumdungen, daß mir Madrid
+einen Aufseher und Belauscher sendet. Aber warum meinen Feind?
+Warum Moncada? Zwar er wird mir nichts anhaben, und ich werde mein
+Tagewerk zu Ende bringen, und dir, Karl, werde ich geben, was ich
+kann, mein Amt und meine Nachfolge... Nicht wahr, Karl, du bist
+gerecht in Italien? Du quälst es nicht? Du drückst es nicht über
+das Maß? Das gelobst du mir. Obwohl sie es nicht um mich verdient
+haben. Ich kenne dich: du gehst menschlich mit ihnen um."
+</P>
+
+<P>
+"Ausgenommen mit dem Heiligen Vater, der schlecht von mir gesprochen
+hat. Aber, Ferdinand, was redest du? Du erschreckst mich! Wir sind
+gleichen Alters, und eine Kugel kann mich vor dir oder uns beide
+zusammen niederstrecken. Dieser Moncada ist über dich gekommen wie
+ein Frost, ich sah dich zusammenschauern. Was liegt zwischen Euch?"
+</P>
+
+<P>
+Jetzt ging die Sonne unter, und es klopfte leise an der Türe. Der
+eintretende Ippolito wendete sich flehend gegen seinen Herrn:
+"Erlaucht lasse Madonna nicht warten. Die Tafel drüben ist gedeckt,
+und Madonna steht harrend auf der Terrasse, wenn sie nicht die Stufen
+herabsteigt."
+</P>
+
+<P>
+"Gehe, mein Kind, und sage ihr, ich komme."
+</P>
+
+<P>
+"Das tue ich nicht", versetzte Ippolito mit anmutigem Trotze, "sonst
+läßt sich Erlaucht mit Hoheit wieder in ein endloses hochpolitisches
+Gespräch ein, und die süße Frau wird vergessen."
+</P>
+
+<P>
+Der Feldherr litt den Knaben neben sich, und die Unterhaltung mit dem
+Herzog fortsetzend, um dessen Schulter er vertraulich den Arm
+geschlungen hatte, bediente er sich der spanischen Sprache, von
+welcher er wußte, daß sie von dem Pagen nicht verstanden wurde. "Was
+zwischen mir und Moncada liegt, Karl? Etwas Entsetzliches, ein
+Verdacht, der für mich eine Wahrheit ist, für welchen ich aber keinen
+Beweis habe als meine Überzeugung. Ich glaube, ja ich bin gewiß:
+dieser Mensch hat meinen Vater umgebracht." Er glättete die Locken
+des Kindes, das mit unschuldigen Augen zu ihm emporblickte.
+</P>
+
+<P>
+"Es war nach der Wende des Jahrhunderts und ich wie dieser hier,
+jedenfalls nicht älter. Mein Vater, ein guter Feldherr und ein
+besserer Mann als ich, ein treuherziger Mann, ging in Sendung des
+damaligen Vizekönigs, des großen Gonsalvo, der später den spanischen
+Undank so grausam erfuhr, nach Barcelona, wo der alte Ferdinand eben
+hofhielt. Dort erblickte er den letzten Sprossen unsers
+neapolitanischen Fürstenhauses, jenen unglücklichen Jüngling, der
+unter dem argwöhnischen Auge Ferdinands welken mußte, mit einem
+unfruchtbaren Weibe verheiratet. Arglos und unklug, wie der Vater
+war&mdash;ich sage dir, es gab keinen schlichtern Mann&mdash;, ließ er sich mit
+dem entthronten Prinzen in ein teilnehmendes Gespräch ein und
+besuchte ihn dann zuweilen im Palaste. Das reichte hin, ihn dem
+Könige verdächtig zu machen, und dieser Verdacht genügte, um ihm das
+Leben abzusprechen.
+</P>
+
+<P>
+Ich erzähle dir die Sache, wie ich sie nachher erforscht und
+zusammengebracht habe, da, bei reiferm Verstande und erlangter
+Menschenkenntnis, die Vergangenheit Sinn und Bedeutung für mich
+gewann. Es ist höchst wahrscheinlich, daß der König selbst sein
+Opfer bezeichnete, wenn auch nur mit einem halben Wort oder einer
+kurzen Gebärde. Die Ausführung seines geheimen Spruches aber
+übernahm ein junger Mensch, den er um sich hatte und von dem es hieß,
+daß er sein natürlicher Sohn sei. Der junge Moncada, kein anderer,
+begegnete meinem Vater, der von dem Prinzen zurückkam, in einer
+Galerie des Schlosses und stieß ihn nieder. Kein Zweikampf, sondern
+ein Meuchelmord, denn die Rechte des Vaters war durch eine alte
+Verwundung gelähmt. Und Pescara fiel unschuldig, so wahr ich dich
+umschlungen halte, denn nichts lag dem Redlichen ferner als Intrige
+und Verschwörung. Ist das nicht verrucht? Und vielleicht glaubte
+der junge Moncada eine Pflicht zu erfüllen und als guter Christ zu
+handeln, da er dem Wink einer Königsbraue gehorchte. Ist das nicht
+abscheulich? Wäre so etwas bei euch möglich, Karl?" "In Frankreich?
+Je nachdem. Doch nein, so einfach nicht."
+</P>
+
+<P>
+"Nach Jahren, da ich meine ersten Sporen verdient hatte, treffe ich
+den Moncada im Zelte meines Feldherrn und Schwiegervaters, des
+Fabricius Colonna. Er umarmt mich, nennt mich seinen jungen Helden,
+den aufgehenden Stern und die Hoffnung Spaniens, und sein Blick
+gleitet mit ruhiger Beobachtung über meine Züge. Er versichert mir,
+ich gleiche meinem Vater, den er gekannt habe, und das Blut erstarrt
+mir in den Adern, denn ich hatte die Gewißheit, daß mich der Mörder
+Pescaras liebkosend in den Armen halte."
+</P>
+
+<P>
+"Du ließest ihn gehen?"
+</P>
+
+<P>
+"Am Abende jenes Tages ging ich, ihm das Leben zu nehmen oder ihn das
+meinige nehmen zu lassen. Er war verschwunden. Ich konnte ihn nicht
+verfolgen. Wo hätte ich die Zeit dazu genommen, immer im Zelte und
+in der Mitte der Entscheidungen, wie ich lebte? Aber der Geist des
+gemordeten Vaters folgte mir überall.
+</P>
+
+<P>
+Später erfuhr ich, der Verhaßte habe sich in irgendeine Kartause
+geworfen, um eine Sünde zu büßen. Dann ist er jenseits des Meeres,
+in Kuba, wieder aufgetaucht, wo ihm König Ferdinand reiche
+Besitzungen verlieh, und hat den kühnen Cortez nach Mexiko begleitet.
+Ich denke, um den ehrgeizigen Eroberer zu überwachen: denn Moncada
+lebt in den Gedanken und Plänen seines Vaters und ist im
+Zusammenhange mit jener fanatischen spanischen Partei am kaiserlichen
+Hofe, welcher die Burgunder und Niederländer glücklicherweise die
+Waage halten. Über das Meer zurückgekehrt, hat er sich ein Verdienst
+daraus gemacht, durch sein verborgenes Wirken Neuspanien der Krone
+erhalten zu haben, und steht in halb gefürchtetem Ansehen, auch bei
+dem Kaiser, seinem Neffen. Jetzt ist er in Italien, um mich zu
+unterjochen oder zu verderben. Das ist Moncada."
+</P>
+
+<P>
+"Weißt du, Ferdinand", sagte Bourbon, der aufmerksam gelauscht hatte,
+"ich hätte dir längst gern einen Gefallen gethan. Räche ich dir den
+Vater und schaffe dir zugleich den Feind vom Halse? Nicht durch
+Meuchelmord, das ist nicht meine Art, sondern in geregeltem Duell, zu
+welchem ich schon einen Anlaß finde. Ich gefährde mich nicht, denn,
+ohne dir nahezutreten, du gibst zu: wir Franzosen fechten besser als
+ihr Spanier. Du bleibst außer Spiel, und mich schützt meine
+fürstliche Geburt. Willst du? Ich bin zu deiner Verfügung."
+</P>
+
+<P>
+Da antwortete Pescara mit fast verklärten, bläulich schimmernden
+Augen: "Nein. Es ist zu spät. Ich denke jetzt anders und gebe den
+Mörder der ewigen Gerechtigkeit."
+</P>
+
+<P>
+Bourbon blickte erstaunt. Pescara aber nahm Ippolito an der Hand und
+sagte: "Nun dürfen wir Madonna Victoria nicht länger warten lassen."
+</P>
+
+<P>
+Er gab dem Herzog den Vortritt. Auf der Wendeltreppe fragte er den
+Knaben: "Die Herrin ist dir schon so lieb, die du heute zum ersten
+Male gesehen hast?"
+</P>
+
+<P>
+"Sie war gleich so gütig", erwiderte Ippolito, "und ihr sah die
+Schwester ähnlich, die ich jetzt nicht mehr sehen soll"&mdash;helle Zähren
+rieselten ihm über die Wange&mdash;"weil sie, wie mir der Großvater
+erzählte, in einem römischen Kloster ist und dort die Gelübde
+abgelegt hat. Und sie war sonst so fröhlich, die Julia, aber
+freilich, in der letzten Zeit ist sie sehr still geworden. Wie mag
+sich die Schwester so jung begraben!" Er sagte das, während sie ins
+Freie traten.
+</P>
+
+<P>
+"Ich flehe, mich der erleuchten Frau vorzustellen", bat der
+Konnetabel. "Jüngst fand ich, ein Buch öffnend, die Natur habe das
+Herrlichste gebildet und dann die Form zerbrochen, damit Victoria
+Colonna einzig bleibe. Ihr gönnet mir den Anblick?"
+</P>
+
+<P>
+Sie beschritten den langen Zypressengang, und jetzt gewahrten sie in
+einiger Entfernung einen bewegten Auftritt: eine vorwärts strebende
+weibliche Gestalt riß sich von einem Manne los, der ihr zu Füßen lag.
+In demselben Augenblicke schrie Ippolito: "Dort ist der böse
+Zauberer, er will der Herrin ein Leides thun!", und eilte
+spornstreichs Donna Victoria zu Hilfe, während der Kanzler von den
+Knien aufsprang und hinter einer Lorbeerhecke verschwand.
+</P>
+
+<P>
+Die Befreite eilte dem lächelnden Gemahl mit schnellen Füßen entgegen
+und mit einem so jungen und kräftigen Erröten, daß Pescara sie
+niemals schöner gesehen zu haben glaubte. Während ihr Gewand noch
+flog, sagte die nicht einmal außer Atem Gekommene. "Ein Flehender
+hat mich überfallen und beschworen, seine Sache bei Euer Erlaucht zu
+führen: er bittet, ihn nicht allzulange auf Bescheid harren zu lassen,
+da er sich in Zweifel und Erwartung verzehre."
+</P>
+
+<P>
+"Er hat seine Fürbitterin gut gewählt, Madonna", versetzte der
+Feldherr, "aber alles zu seiner Zeit. Jetzt gestattet, daß ich Euch
+die Hoheit Bourbon vorstelle."
+</P>
+
+<P>
+Victoria, lebhaft wie sie war, verbarg einen Ausdruck frauenhafter
+Teilnahme nicht.
+</P>
+
+<P>
+Der Herzog ließ nicht im geringsten merken, daß ihn der kniende
+Kanzler belustigt hatte. Er verneigte sich ehrerbietig und hielt
+sich fein und stolz aus Rücksicht für Pescara und im Bewußtsein
+seines schmachvollen Ruhmes, das ihn nie verließ. Er bewunderte die
+Schönheit Viktoriens, ohne sein dunkles Auge auf ihrem Antlitz oder
+ihrem Wuchse ruhen zu lassen. Er schmeichelte nicht, er streute
+keinen Weihrauch, sondern er sagte einfach: "Ich freue mich, Madonna
+Victoria zu erblicken, die Gattin meines Freundes, des Marchese, und
+huldige ihr nach Gebühr." Dann verwickelte er sie, zu ihrer Linken
+gehend, in ein leichtes und gefälliges, aber unbedeutendes Gespräch,
+und da sie ihn zur Tafel bat, bedankte er sich und schied unten an
+der Treppe des Landhauses mit ruhiger Höflichkeit. Victoria, so
+bescheiden sie war, hatte mehr erwartet, schon aus Gewöhnung, denn
+ihr pflegte von den Berühmtheiten der Zeit auf das übertriebenste
+gehuldigt zu werden. Doch sie verwand leicht und belächelte ihre
+Enttäuschung, mit dem Feldherrn die Stufen hinansteigend in der schon
+wachsenden Dämmerung.
+</P>
+
+<P>
+Die Mahlzeit war kurz, wie Pescara es liebte. Victoria ließ es sich
+nicht nehmen, selbst dem Gemahl die Speisen vorzulegen, er aber
+rächte sich beim Nachtisch. Zwischen Eis, Früchten und Naschwerk
+erblickte er eine von seinem Zuckerbäcker kunstvoll geformte
+Mandelkrone. "Siehe da", scherzte er, "etwas für meine ehrgeizige
+Victoria!" Er bot sie ihr, deren Herz zu pochen begann.
+</P>
+
+<P>
+Sie erhoben sich und betraten das Nebenzimmer, das eine schwebende
+Ampel gleichmäßig erhellte und in seinem noch frischen Schmucke
+schimmern ließ. An den Wänden liefen Kinder mit Blumenkränzen,
+während das Lattenwerk der Decke in seinen Feldern grau auf Goldgrund
+gemalte Heroenbüsten zeigte, eine willkürlich gewählte Gesellschaft,
+auf den vier ampelhellen Mittelfeldern: Äneas, König David, Herkules
+und Pescara. Das ganze Gerät war ein Ruhebette, dessen Rücklehne in
+ihrem Kastanienholze mit ausgebrochenen Lettern die Schrift trug:
+"Hier muß man plaudern."
+</P>
+
+<P>
+"Wie kommt es", fragte Victoria, sich neben Pescara niederlassend,
+"daß mir der Konnetabel trotz seiner feinen Art einen unangenehmen
+Eindruck macht, daß er mich&mdash;geradeheraus gesagt&mdash;abstößt?"
+</P>
+
+<P>
+"Der Arme!" scherzte Pescara. "Mars und Muse, Rauheit und Anmut, der
+garstige Leyva und die schöne Victoria fühlen sich gleicherweise von
+dem Kapetinger beleidigt, der sich doch gegen beide unsträflich
+benommen hat, wie ich bezeugen kann. Da muß sich etwas zwischen ihn
+und jeden andern, wer es sei, einschleichen, und ich glaube wohl,
+dieser entstellende Dunst und verhäßlichende Nebel ist sein Verrat
+oder welchen Namen man dem Abfall von seinem Könige geben will."
+</P>
+
+<P>
+Eine leichte Blässe überzog das Antlitz Victorias.
+</P>
+
+<P>
+"Verrat..." Pescara dehnte die zwei Silben des Wortes. "Es ist
+begreiflich, daß ein edles Weib diese Sünde verabscheut. Ob ich
+meinem Fürsten Treue breche oder meinem Freunde oder meinem
+ahnungslosen Weibe oder selbst meinem Mitschuldigen, alles das sind
+Spielarten derselben Gesinnung... Schon dein finsterer und großer
+Dichter, aus welchem du deine Seele erneuerst, wertet den Verrat als
+die schwerste Schuld, da ja in seiner Giudecca sein Zerberus oder
+Luzifer in jedem der drei Rachen einen Verräter zermalmt. Den ersten
+weiß ich: es ist jener, der den Heiland geküßt hat. Wer aber sind
+die zwei andern: die, welche Luzifer an den Füßen gepackt hält und
+die das Haupt nach unten schweben? Das ist mir in diesem Augenblicke
+nicht erinnerlich. Sprich doch die Stelle, du weißt ja die hundert
+Gesänge auswendig." Victoria rezitierte:
+</P>
+
+<P CLASS="poem">
+ "Degli altri due, ch' hanno il capo di sotto,
+ Quel, che pende dal nero ceffo, è Bruto:
+ Vedi come si storce, e non fa motto:
+ E l'altro è Cassio, che par sì membruto*1*)."
+ &mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;
+ Hier windet Brutus sich mit festem Schweigen,
+ Und aus dem dritten Maul hangt Cassius nieder,
+ An dessen Leib sich alle Muskeln zeigen.
+ &mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;
+</P>
+
+<BR>
+
+<P>
+Behaglich plauderte der Feldherr weiter: "Dieser schweigend sich
+windende Brutus ist gut, doch&mdash;mit der schuldigen Ehrfurcht&mdash;den
+dürren Cassius, dessen Magerkeit Julius Cäsar fürchtete, wie kann ihn
+Dante muskulös nennen? Überhaupt, Victoria, wie gefällt dir diese
+Speise des Zerberus?"
+</P>
+
+<P>
+Da antwortete Victoria tapfer: "Herr, die Mörder Cäsars gehören nicht
+in die Hölle. Hier tadle ich meinen Dichter."
+</P>
+
+<P>
+"Beileibe nicht!" neckte Pescara. "Und doch, brav, meine Römerin!
+Treue ist eine Tugend, aber nicht die höchste. Die höchste Tugend
+ist die Gerechtigkeit." So schaukelte Pescara sein Weib über dem
+Abgrund und dem Geheimnis seiner Seele und hinderte sie, Fuß zu
+fassen, die mit dem ganzen Ungestüm ihres Wesens Boden suchte, den
+Sieg erstrebend, den zu erringen sie nach Novara geeilt war. Auf
+immer neuen Wegen verfolgte sie das Ziel, von welchem Pescara sie
+ferne hielt. Jetzt hatte sie die Eingebung, den größten lebenden
+Patrioten Italiens zu Hilfe zu nehmen.
+</P>
+
+<P>
+"Ich mußte mich immer wundern, Pescara", sagte sie, "daß du, wie du
+bist, unter unsern Bildnern und Dichtern die lieblichen den
+gewaltigen vorziehst, den Ariost und Raffael dem erhabenen Dante und
+seinem späten, aber ebenbürtigen Bruder, dem Buonarotti&mdash;du selbst
+aber bist eine tiefe und verborgene Natur."
+</P>
+
+<P>
+"Ebendarum, Victoria, wenn ich es bin. Die Kunst ist eine Ergötzung.
+Was aber deinen Michelangelo angeht, so mache mich nur nicht
+eifersüchtig auf den Zyklopen mit dem zertrümmerten Nasenbein, da du
+ihn so sehr bewunderst."
+</P>
+
+<P>
+Victoria lächelte. "Ich habe sein Angesicht nie gesehen und kenne
+nur seine Sistine."
+</P>
+
+<P>
+"Die Propheten und Sibyllen? Diese habe ich vor Jahren auch
+betrachtet und aufmerksam, doch sind sie mir wieder verschwommen, bis
+auf ein paar Einzelheiten. Zum Beispiel der Mensch mit gesträubtem
+Haar, der vor einem Spiegel zurückbebt&mdash;"
+</P>
+
+<P>
+"Worin er die Drohungen der Gegenwart erblickt", ergänzte sie erregt.
+</P>
+
+<P>
+"Und dann die Karyatide, von einer ungeheuren Last zusammengedrückt,
+das kurze, viereckige, jammervolle Geschöpf! Das häßlichste Weib
+ohne Frage, wie du das schönste bist&mdash;"
+</P>
+
+<P>
+"Eine Vergewaltigte, eine Unterjochte, eine Sklavin&mdash;"
+</P>
+
+<P>
+"Nun tauchen mir auch die Propheten wieder auf: der kahle Sacharja,
+oder wer es sein mag, ein Bein oben, eines unten, der scheltende
+Hesekiel im Turban, Daniel schreibend, schreibend, schreibend. Auch
+die Sibyllen: die gekrümmte Alte mit der Habichtsnase, die glimmenden
+Augen in ein winziges Büchlein vertieft, mit der Nachbarin, die sich
+Öl in die erlöschende Ampel gießen läßt, und, die schönste von allen,
+die Jugendliche mit dem delphischen Dreifuß. Alles in rasender
+Tätigkeit. Was soll dieser Sturm? Was predigen und weissagen diese?"
+</P>
+
+<P>
+Da rief Victoria in flammender Begeisterung, als säße sie selbst im
+Rate der Prophetinnen: "Sie bejammern die Knechtschaft Italiens und
+verkündigen den kommenden Retter und Heiland!"
+</P>
+
+<P>
+"Nein", urteilte Pescara streng, "die Stunde des Heils ist vorüber.
+Nicht Gnade verkündigen sie, sondern das Gericht."
+</P>
+
+<P>
+Victoria erbebte, aber schon wieder war der strafende Ernst aus den
+Zügen Pescaras gewichen. "Verlassen wir jene prophetische Kapelle",
+sagte er schmeichelnd, "und eine Kunst, die erschreckt und
+erschüttert. Mich aber darfst du nicht gemeint haben, da du von
+einem Heiland Italiens sprachest, obwohl ich freilich die Seitenwunde
+schon besäße", schloß er mit einem jener herben Scherze, welche ihm
+eigentümlich waren.
+</P>
+
+<P>
+Die ganze Zärtlichkeit Viktoriens überquoll, da Pescara jene Wunde
+nannte, welche ihre Tage und Nächte beschäftigt hatte, bis er ihr
+schrieb, sie habe sich geschlossen. Das liebende Weib umschlang ihn
+mit der Linken, und mit der Rechten strich sie ihm die rötlichblonden,
+vorne leicht gelockten Haare tief in die Stirn, so daß er im
+Ampellicht und in ihrer wonnigen Nähe ein ganz jugendliches Ansehen
+gewann.
+</P>
+
+<P>
+Da überkam sie eine Erinnerung an einen zusammen verlebten, nicht
+allzufernen Tag. Es war in der Nähe von Tarent, auf einer ihrer
+Besitzungen. Dort hatten sie, freilich erst nach dem völligen
+Untergang einer sengenden Erntesonne, unter dem verglühenden
+Abendhimmel neben ihren noch rüstigen Schnittern zur Sichel gegriffen
+und sich jedes seine Garbe gebunden. Wieder sah sie den Feldherrn
+lässig auf der seinigen liegen, während sie die Schnittermädchen,
+leicht improvisierend, eine neue Kantilene lehrte nach dem Muster der
+dort im Süden gebräuchlichen, die dann das junge Volk bis in die
+Nacht zu wiederholen nicht müde wurde. Jenen Abend brachte sie jetzt
+dem Feldherrn ins Gedächtnis.
+</P>
+
+<P>
+Es freute ihn. "Weißt du jenes Liedchen noch?" fragte er.
+</P>
+
+<P>
+"Wie sollte ich?"
+</P>
+
+<P>
+"Nun, es gab da einen Reim: Schnitter und Zither. Sonst sagte das
+Liedchen nichts weiter, als daß, wie auf dem Felde, auch im Himmel
+gesungen und die Garbe getragen werde. Das bescheidene Liedchen
+klingt vielleicht noch im Munde des Volkes, wenn ich und später auch
+du längst verstummt sind, und, aufrichtig, es gefällt mir besser als
+ein mir neulich übersendetes Sonett, in welchem du feierlich zu mir
+redest. Ruhig, Victoria! Es ist nicht von dir. Ich weiß, daß es
+nicht von dir ist."
+</P>
+
+<P>
+Sie loderte vor Zorn. "Wer erkühnt sich", rief sie aus, "meine Maske
+zu nehmen und in meinem Namen zu dir zu reden? Wer ist der Freche?
+Wo ist das Machwerk, daß ich es zerreiße!"
+</P>
+
+<P>
+"Oh, das wäre schade. Es sind Verse, die dir keine Schande machen.
+Hier." Der Feldherr zog ein Blatt aus dem Busen. Sie entriß es ihm
+und trat unter die Ampel. Mit wogender Brust und hastigen Lippen
+begann sie:
+</P>
+
+<P CLASS="poem">
+"Victoria an Pescara.
+</P>
+
+<P CLASS="poem">
+Ich heiße Sieg, Pescara, und ich kröne
+Mit Lorbeer deine Schlachten und Gefechte,
+Doch wehe mir, wenn ich die Heimat knechte,
+Mißbrauchend meines Namens stolze Töne.
+</P>
+
+<BR>
+
+<P CLASS="poem">
+Da ich mich dir vermählt in Jugendschöne,
+Aus Römerblut und fürstlichem Geschlechte,
+Gab ich dir in Italien Bürgerrechte
+Und brachte dir die Liebe seiner Söhne.
+</P>
+
+<BR>
+
+<P CLASS="poem">
+Ich komme, Lohn zu fordern für ein Leben,
+Nur dir geweiht in hellem Opferbrande!
+Mein Held, was wirst du deinem Weibe geben?
+</P>
+
+<P CLASS="poem">
+Ich weiß die Geister, welche dich umschweben!
+Zerschneidend mit dem Schwert Italiens Bande,
+Belohnst du mich mit meinem Vaterlande!"
+</P>
+
+<BR>
+
+<P>
+Nie verwandelte sich eine Stimmung seltsamer unter dem Eindruck eines
+Gedichtes: unmutig hatte die Colonna das Blatt ergriffen, bald
+besänftigte sie sich, dann sprach sie innig, und die letzten Zeilen
+jubelte sie hingerissen. Jetzt bekannte sie offen: "So bin ich und
+solches hoffe ich, wenn ich dieses auch nicht geschrieben habe!"
+</P>
+
+<P>
+Pescara blickte spöttisch. "Das Sonett", sagte er, "hat sich auf
+deinen Lippen wunderbar veredelt, aber es ist innerlich hohl und
+stammt aus einer niedrigen Seele. Liebe fordert keinen Lohn, Liebe
+gibt sich umsonst, Liebe rechnet nicht. Solches ist gemein. Nein,
+so kann Victoria nicht denken. Ein Mietling hat diese Verse gemacht,
+und ich weiß seinen Namen. Seine ungeheure Eitelkeit hat ihn
+gezwungen, die Maske frech zu lüften. Sieh her." Pescara wies mit
+dem Finger auf zwei winzige Buchstaben, ein P und ein A, in die
+untere rechte Ecke des Blattes gekritzelt. "Auch ein Göttlicher, wie
+er sich nennt! Ich sehe den Aretiner mit seinem Zeltgenossen, dem
+Giovanni Medici, dem zügellosesten Jüngling Italiens, weintriefend
+und witzereißend zusammensitzen und höre ihn lästern: 'Glaube mir,
+Hans, es ist kein leichtes, sich in die göttliche Victoria
+hineinzudenken!' Und ein faunischer Jubel. Der Aretiner lacht, daß
+er fast mit dem Stuhl überschlägt, er schüttelt sich, er lacht aus
+vollem Halse&mdash;"
+</P>
+
+<P>
+"Bräche er ihn, der Schamlose!" schluchzte Victoria; denn Petrus
+Aretinus und sein Wesen waren schon damals weltkundig.
+</P>
+
+<P>
+"Brav, meine Römerin!" begütigte Pescara. "In einem aber hat er
+recht, Geliebte: dein Vorname hat schon den Bräutigam begeistert. Es
+ist schön, mit dem Siege vermählt zu sein." Aber die Colonna
+verstand keinen Scherz mehr. Sie war in den Tiefen ihrer Seele
+aufgewühlt, in den Wurzeln ihres Wesens erschüttert, voller Tränen
+und zugleich voller Glut und Leidenschaft. "Doch in dem andern hat
+er unrecht!" redete sie heftig. "Ich weiß nicht, auf welchen Geist
+du lauschest, und mühe mich umsonst, in deinem Herzen zu lesen! Du
+spielst mit deinem Weibe! Du umarmst mich und du drückst mich weg!
+Hast du Grausamer mich doch nicht einmal meine Botschaft ausrichten
+lassen, die ich dir bringen wollte in dem Jubel meines Herzens!"
+</P>
+
+<P>
+"Weil ich sie erriet. Ich tadle den Heiligen Vater, mein edles Weib
+zur Dienerin mißbraucht und dir, der Wahrhaften, eine Botschaft
+aufgelistet zu haben, eine Botschaft seiner und deiner unwürdig,
+voller Lüge und Sophismen, welche ich, in den nächsten Tagen schon,
+ihn nötigen werde zu widerrufen und zu verleugnen. Die Heiligkeit
+gibt mir Neapel, wenn ich es erobere, und absolviert mein Gewissen,
+wenn ich es abstumpfe. Ich aber glaube nicht an ein solches Binden
+und Lösen, nicht in weltlichen Dingen, weder ich noch irgendein
+anderer mehr, und", sagte er höhnisch, "auch in geistlichen nicht.
+Das ist vorbei, seit Savonarola und dem germanischen Mönche."
+</P>
+
+<P>
+"Und mein Italien, das du wie ein Magnet anziehst, lässest du es an
+dir scheitern? Achtest du es für nichts? Verachtest du es?" schrie
+Victoria verzweifelnd.
+</P>
+
+<P>
+Der Feldherr erwiderte sanft: "Wie dürfte ich ein Volk verachten, das
+mir dich gegeben hat? Aber ich will dir nicht verhehlen: Italien
+redet umsonst, es verliert seine Mühe. Ich kannte die Versuchung
+lange, ich sah sie kommen und sich gipfeln wie eine heranrollende
+Woge und habe nicht geschwankt, nicht einen Augenblick, mit dem
+leisesten Gedanken nicht. Denn keine Wahl ist an mich herangetreten,
+ich gehörte nicht mir, ich stand außerhalb der Dinge."
+</P>
+
+<P>
+Victoria entsetzte sich. "Wie? Bist du kein Mensch? Bist du ein
+Geist ohne Fleisch und Blut? Betrittst du den Boden nicht, über den
+du wandelst?"
+</P>
+
+<P>
+"Meine Gottheit", antwortete er, "hat den Sturm rings um meine Ruder
+beruhigt."
+</P>
+
+<P>
+Da flehte Victoria: "Deine Gottheit?", und sie umschlang ihn mit
+beiden Armen, "ich lasse dich nicht, du nennest mir denn deinen Gott!"
+</P>
+
+<P>
+Pescara löste sich sachte und erwiderte mit schmerzlichen Augen:
+"Wenn du es verlangst, aber komm mit mir in den Garten, ich muß Luft
+schöpfen."
+</P>
+
+<P>
+Da sie auf die Terrasse traten, standen alle Sterne über ihnen, und
+drüben im alten Schlosse erblickten sie noch ein einsames Licht von
+irdischer Farbe. "Dort", sagte sie mitleidig, "ist der Kanzler
+schlummerlos und verzehrt sich in Angst und Hoffnung."
+</P>
+
+<P>
+"Ich glaube nicht", versetzte Pescara, "eher hat er sich mit einem
+Mutwillen oder einer Nichtswürdigkeit in den Schlaf gelesen, und
+seine niederbrennende Ampel leuchtet den Wänden." Er hatte es
+erraten. Nach qualvollen Stunden hatte sich Morone mit einem Catull
+eingeschläfert.
+</P>
+
+<P>
+Der Feldherr nahm seinen Weg nach dem Boskette mit den weißen
+Marmorbänken, wo er zu ruhen pflegte. Sie saßen unter dem dunkeln
+Laubdache, Hand auf Hand.
+</P>
+
+<P>
+Da flüsterte Victoria: "Nun rede!" Der Feldherr aber schwieg.
+</P>
+
+<P>
+Tritte nahten, und eine andere Bank füllte sich mit Geflüster.
+"Steht es wirklich so mit dem Feldherrn, Moncada? Ich habe Mühe, es
+zu glauben."
+</P>
+
+<P>
+"Auch ich glaube es noch nicht, Leyva, aber ich forsche. Erlange ich
+Gewißheit, so trete ich hervor, und wir handeln. Der König darf sein
+Heer in Italien nicht verlieren."
+</P>
+
+<P>
+"Ihr meint?"
+</P>
+
+<P>
+"Du ziehst deine Truppen zusammen, und wir verhaften ihn."
+</P>
+
+<P>
+"Er wird sich zur Wehre setzen."
+</P>
+
+<P>
+"Dann fällt er."
+</P>
+
+<P>
+"Und die Majestät?"
+</P>
+
+<P>
+"Besorge nichts, die Majestät bedarf unser, wir beherrschen sie.
+Verweigerst du mir deine Hilfe, so muß ich ihn durch eine gedungene
+Hand töten lassen. Kann ich auf dich zählen?"
+</P>
+
+<P>
+"Ihr dürft... eine schwere That..." Da zog ihn der andere fort. "Mir
+ist", sagte er, "ich habe hier atmen hören."
+</P>
+
+<P>
+Wirklich, die feuchte Nachtluft drückte den lauschenden Feldherrn und
+benahm ihm den Atem. Er keuchte leise. Jetzt sagte auch er: "Gehen
+wir. Tau fällt, und Verderben brütet in der Luft." Sie drängte sich
+an ihn.
+</P>
+
+<P>
+Drei Hornstöße ertönten, vom alten Schlosse her.
+</P>
+
+<P>
+"Ein Kurier. Ich werde heute noch zu lesen haben."
+</P>
+
+<P>
+"Ferdinand", flehte sie, "du bist umlauert. Du wirst dem Kaiser
+verdächtig. Du bist verloren! Wirf dich Italien in die Arme! Da
+ist dein Heil und deine einzige Rettung!"
+</P>
+
+<P>
+"Ich fürchte nichts", sagte er. "Der Weg ist dunkel, aber meine
+Zuflucht ist offen."
+</P>
+
+<P>
+Jetzt standen sie in der kleinen Halle des Landhauses, und Pescara
+weckte den auf einem Schemel schlummernden Ippolito. "Geh hinüber",
+befahl er, "und bringe, was eben angelangt ist." Dann sagte er zu
+Viktorien: "Ich meine, es ist von Madrid, vielleicht eine Zeile der
+Majestät selbst, die mir zuweilen schreibt, ohne das Wissen ihrer
+Minister. Ich bin doch begierig."
+</P>
+
+<P>
+Jetzt schlug die Turmuhr des alten Schlosses Mitternacht, müde und
+zitternd, mit so weit ausholenden Schlägen, daß je zwischen zweien
+ein Leben Raum zu haben schien. Der zwölfte Schlag&mdash;unwiderruflich.
+</P>
+
+<P>
+Ippolito kratzte an der Tür und brachte ein Paket, das der Feldherr
+öffnete. Es enthielt, neben einigen andern Briefschaften, einen
+Kaiserlichen Erlaß, welcher den Marsch auf Mailand guthieß und den
+Oberfeldherrn bevollmächtigte, in der genommenen Stadt durchaus nach
+seinem Ermessen und gemäß den Umständen zu verfahren.
+</P>
+
+<P>
+"Alles?" fragte Pescara.
+</P>
+
+<P>
+Da bog der Knabe ehrfürchtig das Knie, überreichte ein Briefchen,
+welches er dem Kurier mit Not abgerungen hatte, und entfernte sich.
+Es war überschrieben: "In die eigenen Hände des Marchese."
+</P>
+
+<P>
+"Vom Kaiser", sagte Pescara und öffnete. "Da, Victoria, lies vor.
+Er schreibt so kritzlig." Sie gehorchte. Es war nicht viel, wenige
+Zeilen, und lautete:
+</P>
+
+<BR>
+
+<P>
+"Mein Pescara!
+</P>
+
+<P>
+Ich bin es, der diese Vollmacht durchgesetzt hat gegen meine Minister.
+Ihr habet viele Feinde. Hütet Euch vor Moncada. Ich aber bin
+gläubig an Euch, denn ich habe für Euch gebetet und sah einen Engel,
+der Euch an der Hand hielt. Ich traue.
+</P>
+
+<P>
+Ich Euer König."
+</P>
+
+<BR>
+
+<P>
+Pescara lächelte mühsam. "Karl traut zu leicht", sagte er. "Das
+könnte ihn zu Schaden bringen mit einem andern, als ich bin.
+Aber&mdash;seltsam&mdash;er hat meinen Genius erblickt."
+</P>
+
+<P>
+"Jetzt nenne mir deine Gottheit!" flehte Victoria. "Ich beschwöre
+dich, Pescara, nenne sie mir!"
+</P>
+
+<P>
+"Ich glaube, da ist sie selbst", keuchte er heiser. Immer schwerer
+begann er zu atmen, er stöhnte, er ächzte, er röchelte. Ein
+furchtbarer Krampf beklemmte seine Brust. Er sank, mit der Hand nach
+dem gepeinigten Herzen langend, auf die Ottomane und rang nach Atem.
+Da kniete sich Victoria neben ihn nieder, hielt und stützte ihn mit
+ihren Armen und litt mit ihm. Sie wollte Ippolito rufen und den
+Knaben nach seinem Großvater, dem Arzte, schicken, er verbot es mit
+einer Gebärde. Endlich entschlummerte er, aufs tiefste erschöpft,
+nachdem Victoria geglaubt hatte, er stürbe ihr. Da sie sich der
+Tränen gesättigt, entschlummerte auch sie. Dann erlosch die Ampel.
+</P>
+
+<P>
+Als Victoria erwachte, lag ihr Haupt auf einem leeren Pfühle, und
+durch das geöffnete Fenster strömte die Morgenluft. Sie sprang auf,
+den Gatten zu suchen, und fand ihn, der die Terrasse auf und nieder
+schritt und den der Schlummer erfrischt und wie neu belebt hatte.
+Sie wurde ungläubig an den nächtlichen grausamen Kampf in ihren Armen,
+er war ihr wie ein Traum.
+</P>
+
+<P>
+Da begann Pescara: "Gestern, liebe Herrin, habet Ihr mich um den
+Namen meines Genius befragt, und mir bangte, ihn vor Euch
+auszusprechen. Endlich hättet Ihr mir mein Geheimnis fast entrissen,
+denn es ist schwer, einem geliebten Weibe etwas vorzuenthalten. Da
+erschien er selbst und berührte mich. Ihr kennet ihn nun, und der
+gefürchtete Name bleibe unausgesprochen. Keine Tränen! Ihr habet
+sie gestern vergossen. Sondern saget mir jetzt, wohin wünschet Ihr
+Euch zu begeben, während ich das Heer des Kaisers gegen Mailand
+führe?"
+</P>
+
+<P>
+"Wie konntest du es mir so lange verbergen, Ferdinand?"
+</P>
+
+<P>
+"Zuerst&mdash;nicht lange&mdash;verheimlichte ich es mir selbst... doch nein,
+ich wußte mein Los schon am Schlachtabend von Pavia. Mit jener
+blutigen Wintersonne bin ich untergegangen. Meines Zieles und meiner
+gezählten Tage gewiß, wie hätte ich die deinigen vorzeitig
+verfinstern dürfen? Du sagtest mir zuweilen, es sei grausam, eine
+süß Schlummernde zu wecken, und littest es nicht. Ich aber bin nicht
+grausam." "Du bist es", erwiderte sie, "sonst hättest du mich nicht
+so bitter getäuscht, sondern mich gerufen und dich von mir pflegen
+lassen."
+</P>
+
+<P>
+"Niemand durfte darum wissen", sagte er.
+</P>
+
+<P>
+"Und dein Arzt? Der mußte es wissen, und ich zürne ihm, daß er mich
+belogen hat, da ich an ihn schrieb und ihn beschwor, mir die Wahrheit
+zu sagen!"
+</P>
+
+<P>
+"Der arme Numa!" sagte der Feldherr. "Er ist schon unglücklich genug,
+daß er mich nicht heilen kann. Er riet mir damals eine lange Ruhe
+auf Ischia, ich aber sagte ihm: Es ist umsonst. Doch wozu dies
+alles?... Wohin gedenkst du zu gehen, Victoria?"
+</P>
+
+<P>
+"Nein, Ferdinand, sprich! Verheimliche mir nichts mehr!"
+</P>
+
+<P>
+"Es ist umsonst, sagte ich ihm, die Lunge ist durchbohrt und das Herz
+leidet. Friste mich, Numa! Ziehe mich hinaus, in den Sommer, in den
+Herbst, bis zu den ersten Flocken! So viel Zeit brauche ich, meinen
+Sieg zu vollenden. Und vor allem, sagte ich, halte reinen Mund!
+Niemand erfahre unser Geheimnis! Es würde die Kräfte des Feindes
+verdreifachen und mich und mein Heer verderben. Noch einmal,
+schweige! Ich will es! gebot ich ihm... Und ich habe das Leben
+geheuchelt, so gut, daß mir Italien den Brautring bot!" Er lächelte.
+"Und ich werde noch einmal zu Pferde sitzen! Du aber, Victoria,
+gelobst mir&mdash;doch kein Gelübde, du tust es mir zuliebe&mdash;, nicht
+ungerufen mir nachzueilen durch die Staubwolke meines Marsches und
+über blutgetränkte Felder. Auch würdest du dem Kriegsvolke zu
+spotten geben, nicht über dich, gut und schön wie du bist, sondern
+über den verhätschelten Feldherrn. Also du bleibst. Aber wo? Hier?"
+</P>
+
+<P>
+Victoria besann sich, trostloses Leid in den Zügen. Dann sagte sie:
+"Gestern, wie ich herritt, kam ich, schon im Weichbilde der Stadt, an
+einem kleinen Frauenkloster vorüber. Es heißt, wie ich erfuhr,
+Heiligenwunden. Dort will ich deines Rufes harren, Buße thun und für
+deine Genesung beten."
+</P>
+
+<P>
+"Für meine Genesung?" lächelte er. "Tue das. Auch wirst du dich in
+Heiligenwunden nicht langweilen; das Kloster, höre ich, hat herrliche
+Stimmen und ist berühmt wegen seines Chorgesanges. Reiten wir hin,
+bald, jetzt da es frisch und der Staub der Heerstraße noch nicht
+aufgewühlt ist." Er ging leichten Schrittes durch den Park nach dem
+alten Schlosse hinüber, um satteln zu lassen.
+</P>
+
+<P>
+Victoria folgte mit langsamen Schritten, und da sie Numa den Arzt
+erblickte, der sich nach der Nacht des Feldherrn zu erkundigen kam,
+ging sie auf ihn zu mit schmerzlich bewegter Miene: sie wollte ihm
+vorwerfen, daß er ihr die Wirklichkeit verhehlt, und zugleich ihn
+beschwören, mit den letzten Mitteln und Geheimnissen seiner Kunst das
+geliebte Leben zu fristen. Da aber der Arzt die Colonna kommen sah,
+streckte er in dem Gefühle seiner Ohnmacht die zitternden Hände
+abwehrend gegen sie aus, als flehe er: Schone meiner, ich vermag
+nichts! Sie verstand die Gebärde und ging ihres Weges, an Ippolito
+vorüber, der das Knie vor ihr bog und den sie nicht gewahr wurde, zum
+großen Herzeleid des Knaben.
+</P>
+
+<P>
+Im Schloßhofe fand sie den schwer und kostbar geschirrten Rappen
+Pescaras und ihren ebenfalls gesattelten falben Berber. Der Feldherr
+hob sie zu Pferde, und sie ritten unter grüßendem Trommelwirbel über
+die sich senkende Zugbrücke hinaus in die unabsehbaren Reisfelder der
+lombardischen Ebene. Ihnen folgte in gemessener Entfernung ein
+Reitknecht des Pescara, ein von südlicher Sonne geschwärzter
+Kalabrese, und auf einem Maultier die römische Zofe Victorias.
+</P>
+
+<P>
+Hinter den Reisenden verhallten im Schloßhof die ungehörten Hilfrufe
+des vergessenen Kanzlers. Er war aus schlimmen Träumen erwacht und
+schon in der Frühe durch die Gärten geirrt, immer wieder an Mauern
+und Wälle gelangend, hier von deutschen, dort von spanischen
+Wachtposten beobachtet. Die Schwaben ergötzten sich weidlich an
+seinem ausschweifenden Gebärdenspiel, während die Spanier
+einverstandene schadenfrohe Blicke tauschten: sie zweifelten nicht,
+der Feldherr habe den Minister des Feindes in die Falle gelockt, und
+versprachen sich, ihn morgen, wenn er dem Heere nachgeschleppt würde,
+nach Herzenslust zu quälen und gründlich auszuplündern. Endlich war
+er in das Rondell gekommen und erschöpft auf dieselbe Bank gesunken,
+wo er gestern den schlummernden Pescara gefunden und belauscht hatte.
+Da vernahm er den Salut der Torwache, rannte nach dem Schloßhof und
+wollte über die Brücke nachstürzen. Von dem Posten mit
+vorgestreckten Hellebarden empfangen, sah er jammernd den Feldherrn
+und Victoria in den Dunst der Ferne entschwinden.
+</P>
+
+<P>
+Es war nach einem leuchtenden ein trüber Tag. Kein Windhauch und
+nicht der leiseste Versuch einer Wolkenbildung. Keine Lerche stieg,
+kein Vogel sang, es dämmerte ein stilles Zwielicht wie über den
+Wiesen der Unterwelt. Das Frauenkloster wurde sichtbar und
+vergrößerte langsam seine friedlichen Mauern. Freilich ritten die
+beiden fast nur im Schritte, die verwitwende Victoria in tiefem
+Schweigen, während, durch einen wunderbaren Gegensatz, das Gedächtnis
+des jetzt ausruhenden Feldherrn auf leichten und liebenden und
+inbrünstigen Schwingen in die Jugend zurückkehrte und die an seiner
+Seite Trauernde wieder in die reizenden und rührenden Gestalten des
+knospenden Mädchens und der zärtlichen Braut verwandelte. Er
+enthielt sich nicht, sie an kleine Dinge jener glücklichen Tage zu
+erinnern, aber er gewann ihrer Kümmernis kein Lächeln ab. Er war
+seines lastenden Geheimnisses ledig, dessen Bitterkeit sie jetzt auf
+einmal und in vollen Zügen kostete.
+</P>
+
+<P>
+Nun waren sie schon so nahe, daß sie Chorgesang im Kloster vernahmen.
+"Was singen sie dort?" fragte er gleichgültig. "Ich meine, ein
+Requiem", sagte sie.
+</P>
+
+<P>
+Wie sie vor dem Kloster abstiegen, da siehe, trat ihnen aus der
+Pforte die Äbtissin entgegen, hinter sich zwei bescheidene Nonnen.
+Sie mochte irgendein Kind in ein Reisfeld auf die Lauer gelegt haben,
+das nun auf schnellen nackten Füßen vorausgelaufen war. Die Äbtissin
+hatte die Ankunft Donna Victorias in Novara schon gestern in
+Erfahrung gebracht und sich gleich geschmeichelt, die gottesfürchtige
+und leutselige Frau werde Heiligenwunden nicht unbesucht lassen, denn
+das Kloster besaß neben den geschulten Stimmen seines Chores noch
+eine größere Auszeichnung: die mystische und täglich sterbende
+Schwester Beate, welche die blutigen Male an ihrem kranken und
+abgezehrten Leibe trug. Die unternehmende und beherzte Äbtissin
+hatte sich vorgenommen, von der Colonna, der sie Macht über den
+Gatten zutraute, den Nachlaß einer schweren Kriegssteuer zu erbitten,
+welche der gottlose und habgierige Feldherr&mdash;dieses Rufes genoß
+Pescara bei der italienischen Klerisei&mdash;zuwider den kanonischen
+Sätzen und gegen alle Billigkeit auf die Güter des Klosters gelegt
+hatte. Daß aber der Feldherr, der es vermied, eine christliche
+Stätte zu betreten, Madonna Victoria begleiten würde, war der
+Äbtissin nicht im Traume eingefallen.
+</P>
+
+<P>
+Sie begrüßte, eine angenehme Frau mit dunkeln, klugen Augen und
+blassen, gefälligen Zügen, das hohe Paar in wenigen gewählten Worten.
+Dann schwieg sie aufmerksam, die Rede Pescaras erwartend, dessen
+edle Erscheinung ihr Eindruck machte.
+</P>
+
+<P>
+"Ehrwürdige", begann der Feldherr, "Donna Victoria wünscht während
+des Feldzuges, den ich morgen beginne und dessen Dauer ich auf eine
+Woche berechne, ein paar ruhige und fromme Tage hier in Eurem
+Konvente zu genießen, bis ich sie nach Mailand rufen werde, nach
+vollendetem Kampfe. Habet Ihr ein schickliches Gemach zu vergeben?"
+</P>
+
+<P>
+Rasch erwiderte die Äbtissin, das ihrige stehe zu Gebote.
+</P>
+
+<P>
+"Ich verlange eine einfache Zelle wie die der geringsten Schwester,
+mit dem gewöhnlichen Geräte", sagte Victoria, deren Blässe die
+Äbtissin befremdete. Aber sie schrieb dieselbe der begreiflichen
+Sorge um den zu Felde ziehenden Gatten zu.
+</P>
+
+<P>
+"Wenn sich Donna Victoria eingerichtet hat", schloß Pescara, "werde
+es mir gemeldet. Ich habe noch mit ihr zu sprechen und bitte,
+Klausur und Zelle betreten zu dürfen. Ausnahmsweise, da ich dem
+Kloster wohlwill. Ihr findet mich in der Kirche." Er verneigte sich
+und schritt auf diese zu.
+</P>
+
+<P>
+Victoria fragte, was die Nonnen gesungen hätten, und erhielt die
+Antwort: "Ein Requiem. Für die junge Julia Dati, die Enkelin unsers
+greisen Arztes, welche in Rom gestorben ist." Dann folgte sie der
+Äbtissin, während die beiden Nonnen zugeflüsterte Befehle
+auszurichten gingen. Indessen durchmaß der Feldherr, ohne das Haupt
+zu entblößen oder irgendeine der üblichen Devotionen zu verrichten,
+die Länge der Kirche mit festem Gange, die Arme über dem Panzer
+kreuzend. Er hatte sich, da er auf dem Heimritte seinen in Novara
+feldmäßig einrückenden Truppen begegnen mußte, leicht behelmt und
+beharnischt und schritt wie ein Held und Herrscher auf der Stätte des
+Gebetes und der Demut.
+</P>
+
+<P>
+"Nein", sprach er zu sich mit geschlossenem Munde, "es sei heute das
+letztemal. Ich will von ihr Abschied nehmen als ein Lebender. Ich
+will es ihr ersparen, mich leiden zu sehen. Sie soll mich
+wiederfinden, wenn ich ruhe."
+</P>
+
+<P>
+Sich allein glaubend, wurde er durch das Gitter des Chores belauscht.
+Diesen hatten die Nonnen wieder betreten, auf das Geheiß der
+Äbtissin, denn Pescara sollte die Stimmen ihres Klosters hören.
+Selbst die mystische Beate war gekommen und vereinigte ihren
+schwärmerischen Blick mit demjenigen vieler feurig braunen oder
+schwarzen Augen, welche die Heldengestalt verschlangen. Alle
+versammelten Himmelsbräute priesen die Colonna selig und beneideten
+ihre irdische Lust, während die glücklich Geglaubte nicht ferne davon
+in einer Zelle mit gerungenen Händen verzweifelte. Auch Schwester
+Beate erlag der Versuchung, diesen stolzen Herrn der Welt zu
+bewundern, überwand sich aber tapfer und flehte den Himmel inbrünstig
+an, der Colonna zum Heil ihrer Seele ihren Abgott zu entreißen. Aber
+diese heftigen Gefühle wichen dem harmloseren der Eitelkeit. Nach
+dem Geflüster einer kleinen Beratung und einem leisen Räuspern
+intonierten die Schwestern jubelnd ihr Prachtstück, ein Tedeum, das
+sich auch für den Sieger von Pavia besser eignete als irgendeine
+andere Prosa oder Sequenz.
+</P>
+
+<P>
+Und er hätte wohl gelauscht, aber er stand regungslos, wie gebannt
+vor dem gekreuzigten und schon entseelten Christus eines großen
+Altarbildes, dessen helle Farben noch in voller Frische leuchteten.
+Doch es war nicht das göttliche Haupt, das er beschaute, sondern er
+betrachtete den Kriegsknecht, der seine Lanze in den heiligen Leib
+stieß. Dieser war offenbar ein Schweizer; der Maler mußte die Tracht
+und Haltung eines solchen mit besonderer Genauigkeit studiert oder
+frisch aus dem Leben gegriffen haben. Der Mann stand mit gespreizten
+Beinen, von denen das linke gelb, das rechte schwarz behost war, und
+stach mit den behandschuhten Fäusten von unten nach oben derb und
+gründlich zu. Kesselhaube, Harnischkragen, Brustpanzer, Arm- und
+Schenkelschienen, rote Strümpfe, breite Schuhe, nichts fehlte. Aber
+nicht diese Tracht, die er zur Genüge kannte, fesselte den Feldherrn,
+sondern der auf einem Stiernacken sitzende Kopf. Kleine blaue,
+kristallhelle Augen, eingezogene Stumpfnase, grinsender Mund, blonder,
+krauser Knebelbart, braune Farbe mit rosigen Wangen, Ohrringe in
+Form einer Milchkelle, und ein aus Redlichkeit und Verschmitztheit
+wunderlich gemischter Ausdruck. Pescara wußte gleich, mit dem
+Gesichtergedächtnis des Heerführers, daß er diesen kleinen,
+breitschultrigen, behenden Gesellen, dessen schwarzgelbe Hose den
+Urner bedeutete, schon einmal gesehen habe. Aber wann und wo? Da
+schmerzte ihn plötzlich die Seite, als empfinge er einen Stich, und
+jetzt wußte er auch, wen er da vor sich hatte: es war der Schweizer,
+der ihm bei Pavia die Brust durchbohrt. Kein Zweifel. Den
+Lanzenstoß des neben ihm an die Erde Geduckten empfangend, hatte er
+einen Moment in dieses kristallene Auge geblickt und diesen Mund
+vergnüglich grinsen gesehen. Nach der Erkennung machte das
+unerwartete Wiederfinden auf den Feldherrn weiter keinen Eindruck,
+und mit freundlicher Miene fragte er die Äbtissin, die jetzt neben
+ihm stand, um ihn zu Donna Victoria abzuholen, wer das gemalt hätte.
+Sie antwortete, die Augen flüchtig niederschlagend: "Zwei Mantovaner,
+begabte junge Leute, aber von bedenklichen Sitten, die das Kloster
+gerne wieder scheiden sah."
+</P>
+
+<P>
+Da Pescara die Zelle öffnete, sah er Victoria auf den Knien liegen.
+Eine Weile schaute er schweigend, als wolle er nicht stören, durch
+ein Fenster des gekuppelten Rundbogens, in dessen Brüstung er sich
+gesetzt hatte, auf Rasenhügel und Grabkreuze, endlich fragte er: "Was
+tust du, Victoria?"
+</P>
+
+<P>
+"Buße", sagte sie.
+</P>
+
+<P>
+"Für wen?"
+</P>
+
+<P>
+Sie erhob sich und antwortete mit noch gefalteten Händen: "Ich tue
+Buße für mich und Euch und Italien. Für dieses seiner stolzen Frevel
+und ungewöhnlichen Sünden wegen, an denen es zugrunde gehen wird, da
+Ihr der einzige waret, der es retten konnte. Für mich, weil ich
+gekommen bin, Euch in Versuchung zu führen. Für Euch, da Ihr diese
+Erde verlassen wollet. Ich habe gebetet für Euer unvergängliches
+Teil, aber der Himmel"&mdash;sie schüttelte traurig das Haupt&mdash;"hat mich
+noch nicht erhört."
+</P>
+
+<P>
+Er zog sie auf die Bank der Fensterbrüstung und nahm sie bei der Hand,
+wie der Bruder die Schwester. Eine Lust, sich hinzugeben, überkam
+ihn, sei es, weil das Geheimnis zwischen ihm und seinem Weibe
+weggenommen war, oder in dem unbewußten Wunsche, das letzte
+Beisammensein zu verlängern.
+</P>
+
+<P>
+"Kleingläubige", begann er heiter, "überlasse mich meinem dunkeln
+Beschützer! Als ein Knabe glaubte ich mit der Mutter, die eine
+Heilige war, an das, was die Kirche verheißt; jetzt sehe ich rings
+das Fluten der Ewigkeit. Der Todesengel war mir nahe, schon in
+meiner ersten Schlacht, da, von ihm bezeichnet, mein
+Zeltgenosse&mdash;dein Bruder, Victoria&mdash;lautlos, eine Kugel im Herzen,
+zusammenbrach. Ich habe ihm manche Hekatombe geschlachtet, und auch
+er hat mich oft, fast auf jeder Walstatt, grüßend berührt; denn es
+scheint, ich bin verwundbarer als andere. Aber Zeit hat es gebraucht,
+bis ich den Schnitter lieben lernte. Noch in den Wochen nach Pavia,
+da ich wußte, daß er mich erwählt hatte, habe ich mich gegen ihn
+gesträubt und aufgebäumt und empört wie ein trotziger Jüngling.
+Allmählich aber ahnte ich, und jetzt bin ich gewiß, daß er die rechte
+Stunde kennt. Der Knoten meines Daseins ist unlösbar, er
+zerschneidet ihn."
+</P>
+
+<P>
+Die bleiche Victoria hing an seinen Lippen und staunte mit starren
+Augen, als sehe sie den herrlichsten Palast brennen und von der
+lodernden Flamme jeden Säulenknauf beleuchtet.
+</P>
+
+<P>
+"Ich sage dir, Weib", fuhr er fort, "mein Pfad versinkt vor mir! Ich
+gehe unter an meinen Siegen und an meinem Ruhme. Wäre ich ohne meine
+Wunde, dennoch könnte ich nicht leben. Drüben in Spanien Neid,
+schleichende Verleumdung, hinfällige und endlich untergrabene
+Hofgunst, Ungnade und Sturz; hier in Italien Haß und Gift für den,
+der es verschmäht hat.
+</P>
+
+<P>
+Wäre ich aber von meinem Kaiser abgefallen, so würde ich an mir
+selbst zugrunde gehen und sterben an meiner gebrochenen Treue, denn
+ich habe zwei Seelen in meiner Brust, eine italienische und eine
+spanische, und sie hätten sich getötet. Auch glaube ich nicht, daß
+ich ein lebendiges Italien hätte schaffen können. Zwar es trägt die
+strahlende Ampel des Geistes, doch es hat sich aufgelehnt in der
+unbändigen Lust eines strotzenden Daseins gegen ewige Gesetze. Es
+büße, du hast es gesagt, Victoria; in Fesseln leidend, lerne es die
+Freiheit. Dieses spanische Weltreich aber, das in blutroten Wolken
+aufsteigt jenseits und diesseits des Meeres, erfüllt mich mit Grauen:
+Sklaven und Henker. Ich spüre die grausame Ader in mir selbst. Und
+das Entsetzlichste: ich weiß nicht, welcher mönchische Wahnsinn!
+Dein verderbtes Italien aber ist wenigstens menschlich."
+</P>
+
+<P>
+Victorias Augen verklärten sich, da sie sah, daß Pescara Italien
+liebte. "Du hättest ihm Freiheit und Freiheit ihm Tugend gegeben!"
+rief sie, doch Pescara fuhr fort, als hätte er nicht gehört: "Nun
+aber bin ich aus der Mitte gehoben, ein Erlöster, und glaube, daß
+mein Befreier es gut mit mir meint und mich sanft von hinnen führen
+wird. Wohin? In die Ruhe. Und jetzt laß uns scheiden, Victoria."
+Er wollte ihr die Tränen vom Auge küssen, fand aber den zärtlichsten
+Mund, der ihm entgegenkam.
+</P>
+
+<P>
+"Noch eines", sagte er, "Laß die Welt über mich urteilen, wie sie
+will. Ich bin jenseits der Kluft. Lebe wohl! Begleite mich nicht!
+Besuche mich in Mailand, aber nicht, bevor ich rufe!"
+</P>
+
+<P>
+Victoria versprach, um nicht Wort zu halten.
+</P>
+
+<P>
+Da Pescara sich bei der Äbtissin verabschiedete, brauchte sie ihr
+Anliegen gar nicht auszusprechen. Der Feldherr gewährte den Nachlaß
+der Kriegssteuer als ein selbstverständliches Gegengeschenk für die
+seinem Weibe gegebene Herberge. Über dieses Ende einer ökonomischen
+Bedrängnis und eines schmalen Tisches ward eine solche Freude im
+Kloster, daß die Schwestern zu Ehren ihres Gastes die Tafel mit den
+ausgesuchtesten Leckerbissen besetzten. Doch Victorias Platz blieb
+leer. Sachte ritt Pescara, von den Segnungen des Klosters begleitet,
+gegen die Thürme der Stadt zurück. Sein feuriger Rappe schien sich
+über den gemessenen Gang zu wundern. Die auf der Ebene gellende
+Feldmusik und die überall marschierenden Truppen verrieten ihm den
+Beginn eines Feldzuges. Er schnoberte, als wittere er schon den
+Pulverdampf, und schritt stolz, als trage er den Sieg.
+</P>
+
+<P>
+Abschied ist schwer, dachte der Feldherr, ich möchte ihn nicht
+wiederholen. Noch einmal hatte sich das Leben an ihn gedrängt und er
+das Beste des Daseins, Schönheit und Herzenskraft, in den Armen
+gehalten. Der Jüngling war in ihm aufgelodert, und wenige
+Augenblicke, nachdem er Viktorien so erbaulich zugeredet, lehnte er
+sich auf gegen die Vernichtung. Das edle Blut, das in den
+sterblichen Adern rinnt, die Thatkraft, empörte sich gegen den ewigen
+Frieden. Ein Zorn blitzte auf in seinen hellen grauen Augen gegen
+seinen Mörder, den er im Bilde wiedererblickt, und er schlug mit der
+gepanzerten Rechten gegen seine Brust, als zerdrücke er darauf die
+Wespe, die ihn gestochen hatte. Jetzt wieherte auch der Rappe und
+setzte sich in kurzen Galopp, von dem Feldherrn unwissentlich mit der
+Ferse berührt oder so verwachsen mit ihm, daß er seinen Unmut
+mitfühlte.
+</P>
+
+<P>
+In dieser Stimmung gewahrte Pescara auf einem nahen Reisfelde die
+wechselnden Stellungen eines tollen Kampfes, welcher dasselbe
+zerstampfte. Ein einzelner wehrte sich verzweifelt gegen eine
+Übermacht. Der zerlumpte kleine Kerl in gelben und schwarzen Fetzen
+focht wütend mit seiner Speerhälfte wider ein Dutzend Spanier. Zweie
+hatte er hingestreckt, wurde jetzt aber von den übrigen überwältigt,
+und schon saß ihm eine Schwertspitze an der Kehle, als der auf ihm
+kniende Spanier von einem andern zurückgerissen wurde, welcher auf
+den heransprengenden Feldherrn deutete.
+</P>
+
+<P>
+Pescara winkte, und der Trupp mit dem Gefangenen folgte ihm unter
+eine mächtige Eiche, die an der Landstraße stand, weitum der einzige
+Baum in der schwülen Ebene. Der Feldherr stieg ab und lehnte sich an
+den bemoosten Riesenstamm. Seine Brust keuchte von dem raschen Ritt,
+und es kam ihm gelegen, sie zu beruhigen, Rast haltend unter dem
+Vorwand eines Verhöres.
+</P>
+
+<P>
+Der spanische Wachtmeister berichtete: sie hätten einen Schweizer
+durch das Getreide laufen sehen, wohl einen Versprengten von Pavia,
+welcher bislang sich irgendwo untergeduckt, und ihn gehascht, da es
+möglicherweise ein mailändischer Spion sei. Seinen Vortrag
+beendigend, blickte der spanische Spitzbart zu einem starken Aste auf,
+welchen die Eiche waagerecht hervorstieß.
+</P>
+
+<P>
+Pescara deutete die Spanier weg, die sich in einiger Entfernung
+wachehaltend verteilten, und musterte dann den Schweizer vom Wirbel
+zur Zehe. So verrostet der Harnisch und so zerlumpt das schwarzgelbe
+Unterkleid war, erkannte er doch gleich die Tracht des Klosterbildes
+und nicht minder die glitzernden Äuglein, und jetzt, wahrhaftig,
+verzog der vor ihm Stehende sein Gesicht zu jenem lächelnden Grinsen,
+sei es aus Angst, sei es, weil auch er sich den Feldherrn ins
+Gedächtnis zurückrief.
+</P>
+
+<P>
+"Heb auf und gib", befahl dieser und zeigte auf den Lanzenstumpf,
+welchen einer der Kriegsknechte zu den Füßen des Gefangenen geworfen
+hatte, als Beweisstück für die Verwundung seiner Kameraden. Es war
+eine vordere Spießhälfte, deren Spitze blutete. Der Schweizer
+gehorchte, und der Feldherr betastete prüfend die Spitze mit dem
+Finger; dann warf er den Stummel weg.
+</P>
+
+<P>
+"Wie heißest du?" fragte er.
+</P>
+
+<P>
+"Bläsi Zgraggen aus Uri", war die Antwort.
+</P>
+
+<P>
+Der Feldherr verzichtete darauf, diesen unmundlichen Geschlechtsnamen
+zu wiederholen, der von dem zerrissenen Kamm eines Schweizergebirges
+zu stammen schien, und bediente sich des Vornamens, welchen er
+italianisierte. "Biagio", sagte er, "du hast mir zwei Leute
+verwundet; ich denke, ich lasse dich hier aufknüpfen."
+</P>
+
+<P>
+Bläsi Zgraggen versetzte trotzig: "Lasset Ihr mich henken, so ist es
+weniger wegen dieses letzten Handels, sondern eher, weil ich&mdash;"
+</P>
+
+<P>
+"Schweig!" gebot der Feldherr. Er konnte sich rächen, indem er dem
+Kriegsrechte freien Lauf ließ, aber eine solche Rache weder sich
+selbst noch seinem Opfer eingestehen. "Wie bist du hier
+zurückgeblieben?" fragte er.
+</P>
+
+<P>
+Zgraggen, der ein geläufiges Lombardisch sprach, begann herzhaft:
+"Auf dem Felde von Pavia wurde ich verwundet und niedergeritten und
+lag, den geknickten Spieß neben mir. Nächtlicherweise schleppte ich
+mich dann den Bergen zu, hungernd und bettelnd. Herr, sehet Ihr
+rechts von den zwei Pappeln das lange, rote Dach? Dort haust die
+Narracivallia mit ihrem Manne. Dieser dingte mich zur
+Feldarbeit&mdash;bis sich der Krieg verzogen hätte, jetzt käme ich doch
+nicht über die Grenze. Hernachmals machte mir die Narracivallia
+Augen. Da erschienen mir im Schlaf der Vater und die beiden
+Großväter, die mir alle noch daheim leben, wenn auch die Ahnen in
+großer Schwachheit. Zuerst kam der Vater, hob den Finger und sagte:
+'Nimm dich in acht, Bläsi!' Dann kam der väterliche Ahn, faltete die
+Hände und sagte: 'Denk an deine Seele, Bläsi!' Zuletzt kam der
+mütterliche Ahn, zeigte die Tür und sagte: 'Lauf, Bläsi!' Da schoß
+ich auf und suchte meine Kleider. Freilich meine seidenen Handschuhe
+und meinen gekettelten Kragen hatte mir die Narracivallia
+abgeschwatzt, um damit in der Kirche Staat zu machen. Ich war nur
+noch meines halben Verstandes mächtig und verlor auch diesen, da ich
+im Morgenlicht bei Heiligenwunden eintrete zum Englischen Gruß
+und&mdash;denket Euch meinen Schrecken&mdash;mich selber erblicke, wie ich
+leibe und lebe und Gott ersteche!"
+</P>
+
+<P>
+"Ei", lächelte Pescara.
+</P>
+
+<P>
+"Ein Schelmstück!" zürnte Zgraggen. "Wisset, Herr, ein paar Pinsler
+hatten sich zeither mit ihrem Zeuge da herumgetrieben und ließen sich
+einmal in der Meierei ein Glas Milch geben. Der eine faßte mich ins
+Auge. 'Da haben wir, den wir brauchen', sagt er und beschaut mein
+Schwarzgelb. 'Mann, holt Euern Spieß und Harnisch.' Ich tue ihm den
+Willen. Jetzt heißt mich der Pinsler die Beine spreiten, spreitet
+sie gleichfalls und reißt mich ab auf ein Stück Leinwand. Dann
+versprachen mir die Spitzbuben, mein Konterfei zu hohen Ehren zu
+bringen, ich aber stehe in Heiligenwunden und steche in den Salvator!"
+</P>
+
+<P>
+Der Feldherr empfand ein gewisses Wohlwollen für den ehrlichen
+Gesellen. "Nimm", rief er in einer seltsamen Laune und streckte dem
+Urner seinen vollen Beutel entgegen. Dieser nahm ihn mit der Rechten
+und ließ die Goldstücke zählend in die Linke gleiten, ernsthaft und
+bedächtig. Dann schob er die Dukaten in die Tasche und wollte den
+Beutel dem Feldherrn zurückstellen.
+</P>
+
+<P>
+"Behalte! Er hat goldene Schleifen!"
+</P>
+
+<P>
+Der Urner schickte den Beutel den Dukaten nach. "Wo stellet Ihr mich
+ein, Herr?" fragte er. Er konnte sich nichts denken, als daß ihn
+Pescara geworben und ihm Handgeld gegeben habe.
+</P>
+
+<P>
+Pescara erwiderte: "Ich habe dich nicht gedingt, und ich meine,
+nachdem dich die dreie so ernst vermahnt haben, kehrst du am besten
+in deine Heimat zurück und nährst dich redlich, wie es im Sprichwort
+heißt."
+</P>
+
+<P>
+"Aber warum denn schenkt Ihr mir so viel Geld, wo ich Euch nichts
+zuliebe gethan habe?" fragte Zgraggen. Sondern viel Leides, setzte er
+in Gedanken hinzu. Diese Vergeltung Pescaras überstieg das
+Fassungsvermögen des Urners und beängstigte seine Rechtlichkeit.
+</P>
+
+<P>
+"Aus Großmut", scherzte der Feldherr.
+</P>
+
+<P>
+Bläsi kannte das Wort nicht. Da fiel ihm ein, es werde Großtun
+bedeuten, und da er im Lager oft gesehen hatte, wie Prahlerei das
+Geld mit vollen Händen wegwirft, beruhigte er sich dabei. "Ja so",
+sagte er. Pescara aber winkte, sein Roß vorzuführen.
+</P>
+
+<P>
+"Und damit du durchkommst", sprach der Feldherr schon im Bügel, "nimm
+noch das." Er warf ihm eine Passiermarke zu, und wenig fehlte,
+Zgraggen hätte gedankt. Wenigstens wollte er noch langes Leben
+wünschen; aber den Feldherrn zum Abschied anschauend, erkannte er das
+Siechtum in diesem Antlitze mit seinen Älpleraugen, welche das alle
+Welt täuschende geistige Leben desselben nicht bestach.
+Unwillkürlich wünschte er: "Gott gebe Euch selige Urständ, Herr!"
+Dann über seine eigene Rede und ihre böse Bedeutung bestürzt, lief er
+querfeldein mit seinem halben Spieße, den er sorglich aufgehoben und
+nun als Reisestab führte. Die Spanier hatten verwundert zugesehen,
+der alte Wachtmeister aber schüttelte bedenklich und abergläubisch
+den Kopf über die seltsame Freigebigkeit seines sparsamen Feldherrn.
+Der Trupp, welcher den Urner gefangen hatte, gehörte zu dem
+Heerhaufen, der jetzt in einer Staubwolke hinter schlagenden Trommeln
+heranrückte. Der Feldherr ritt seinen Tapfern entgegen, von
+brausendem Jubel empfangen, und lenkte das Roß zwischen die Feldmusik
+und die erste Kompanie, deren Hauptmann ehrerbietig Raum gab.
+</P>
+
+<P>
+Eine Weile blieb er allein an der Spitze der Truppen. Da nahte von
+Novara ein Reitender in weißem Mantel und gesellte sich zu ihm.
+Zusammen ritten sie durch das Schloßtor. Schweigend folgte der
+Begleiter dem Gange Pescaras und überschritt hinter ihm die Schwelle
+des Gemaches.
+</P>
+
+<P>
+Pescara wendete sich. "Was wollt Ihr, Moncada?" fragte er, und
+dieser antwortete: "Eine Unterredung ohne Zeugen, die Ihr mir nicht
+zum zweiten Male verweigern werdet."
+</P>
+
+<P>
+"Ich stehe zu Diensten."
+</P>
+
+<P>
+"Erlaucht", begann der Ritter, "ich habe, wie Ihr erlaubtet, den
+Kanzler drüben gesprochen. Er war voller Angst und Blässe und
+beteuerte mit tausend Eiden, er sei gekommen, Aufschub und leichtere
+Bedingungen zu erlangen, nur dieses habe ihn nach Novara geführt.
+Dann schwatzte er wild durcheinander wie das böse Gewissen. Dieser
+Mensch ist ein Abgrund von Lüge, in welchem der Blick sich verliert.
+Ich bin sicher, daß er im Namen der Liga hier ist."
+</P>
+
+<P>
+"Nicht anders", sagte der Feldherr.
+</P>
+
+<P>
+"Und daß er Euch die Führung derselben angeboten hat?"
+</P>
+
+<P>
+"Nicht anders."
+</P>
+
+<P>
+Jetzt entstand Lärm im Vorzimmer. Ippolito beiseite werfend,
+verwildert, mit rasenden Mienen und verrückten Augen stürzte der
+Kanzler herein. Ihm folgten auf dem Fuße, beide schon gepanzert,
+Bourbon und Del Guasto, denen er auf dem Gange begegnet und die ihn
+zurückhalten wollten. In Verzweiflung warf er sich dem Feldherrn zu
+Füßen, während Moncada langsam in den Hintergrund zurückwich.
+</P>
+
+<P>
+"Mein Pescara", schrie der Geängstigte, "alle Geduld nimmt ein Ende!
+Ich kann die Marter nicht länger ertragen. Jede Minute dehnt sich
+mir zur qualvollen Ewigkeit. Ich vergehe. Sei barmherzig und gib
+mir deine Antwort!"
+</P>
+
+<P>
+Pescara erwiderte mit Ruhe: "Vergebet, Kanzler, wenn ich Euch habe
+warten lassen. Meine Zeit war nicht frei, doch eben wollte ich nach
+Euch schicken. Eure gestrige Rede hat mich beschäftigt, denn das Los
+eines Volkes ist keine Kleinigkeit&mdash;aber bitte, setzet Euch, ich kann
+nicht sprechen, wenn Eure Gebärden so heftig dareinreden."
+</P>
+
+<P>
+Der Kanzler packte krampfhaft die Lehne eines Sessels.
+</P>
+
+<P>
+"Ich habe die Sache gewogen... doch, Kanzler, lassen wir zuerst alles
+Persönliche, denket weg von Euch selbst und von mir, es bleibt die
+Frage: Verdient Italien zu dieser Stunde die Freiheit und taugt es,
+so wie es jetzt beschaffen ist, sie zu empfangen und zu bewahren?
+Ich meine nein." Der Feldherr sprach langsam, als prüfe er jedes
+seiner Worte auf der Waage der Gerechtigkeit.
+</P>
+
+<P>
+"Zweimal hat Freiheit in Italien gelebt, zu verschiedenen Zeiten. In
+der beginnenden römischen Republik, da das Staatswohl alles war.
+Dann in jenen herrlichen Gemeinwesen, Mailand, Pisa und den andern.
+Jetzt aber steht es an der Schwelle der Knechtschaft, denn es ist los
+und ledig aller Ehre und jeder Tugend. Da kann niemand helfen und
+retten, weder ein Mensch noch ein Gott. Wie wird verlorene Freiheit
+wiedergewonnen? Durch einen aus der Tiefe des Volkes kommenden Stoß
+und Sturm der sittlichen Kräfte. Ungefähr wie sie jetzt in Germanien
+den Glauben erobern mit den Flammen des Hasses und der Liebe.
+</P>
+
+<P>
+Aber hier! Wo in Italien ist, ich sage nicht Glaube und Gewissen, da
+das für euch veraltete Dinge sind, sondern nur Rechtssinn und
+Überzeugung? Nicht einmal Ehre und Scham ist euch geblieben, nur die
+nackte Selbstsucht. Was vermöget ihr Italiener? Verführung, Verrat
+und Meuchelmord. Worauf zählet ihr? Auf die Gunst der Umstände, auf
+die Würfel des Zufalls, auf das Spiel der Politik. So gründet, so
+erneuert sich keine Nation. Wahrlich, ich sage dir, Kanzler"&mdash;und
+Pescara erhob die Stimme wie zu einem Urteilsspruch&mdash;"dein Italien
+ist willkürlich und phantastisch, wie du selbst es bist und deine
+Verschwörung!"
+</P>
+
+<P>
+"Wahrheit", ließ sich die Stimme Moncadas vernehmen.
+</P>
+
+<P>
+"Auch der Held, Morone, den ihr euch erwählt habet, entbehrt des
+Daseins."
+</P>
+
+<P>
+Doch diese leisen letzten Worte Pescaras wurden überschrien. Morone
+hatte schnell den Kopf gewendet und den Ritter erblickt: wie er
+seinen Anschlag dem Spanier preisgegeben sah, geriet er in Wut, seine
+Züge verzerrten sich, und er tobte wie ein Besessener. "Falsch und
+grausam! Falsch und grausam! O ich mit Blindheit Geschlagener!"
+Dann von sinnloser Rachgier überwältigt, schrie er gegen Moncada:
+"Wisset es, Ritter, dieser"&mdash;er wies auf den Feldherrn&mdash;"ist der
+Schuldige! Seinetwillen die ganze Verschwörung! Ich bin seine
+Kreatur, und nun opfert mich der Unmensch!"
+</P>
+
+<P>
+Jetzt sprang der Herzog dazwischen, der mit Del Guasto hinter Pescara
+stehend den leidenschaftlichen Auftritt genoß. "Saute, Paillasse mon
+ami, saute pour tout le monde!" verhöhnte er Morone. "Ja, wenn wir
+nicht gelauscht hätten, wir zweie, hinter dem roten Vorhang und der
+goldenen Quaste dort! Ich muß dir das mal erzählen, Schatz, es ist
+zum Totlachen. Hörtest du nicht, wie ich dich auspfiff?" Dann
+plötzlich ernst werdend, richtete er den Blick fest auf Moncada,
+legte die Hand auf die Brust und beteuerte: "Bei meinem königlichen
+Blute, der Feldherr hat in jener gestrigen Stunde nicht haarbreit
+geschwankt in seiner Ehre und Treue!"
+</P>
+
+<P>
+Morone war vernichtet. Del Guasto legte Hand an ihn und zog ihn mit
+sich fort. "Herr Kanzler", spottete er, "bedanket Euch, unser
+Lauschen erspart Euch die Folter." Auch der Herzog ging, einer
+bittenden Gebärde Pescaras gehorchend.
+</P>
+
+<P>
+"Erlaucht", begann Moncada, "hier bin ich überzeugt. Mit diesem
+habet Ihr nur Euer Spiel getrieben, vielleicht herablassender, als
+für spanischen Stolz sich geziemte. Mit einem solchen Menschen
+konspiriert kein Pescara. Aber, Erlaucht, in seiner ohnmächtigen Wut
+hat dieser Verlogene Wahrheit gesprochen, wenn er Euch beschuldigte,
+der Urheber der italienischen Verschwörung zu sein. Nicht der
+Urheber, aber der Begünstiger. Sie nicht entmutigend, habet Ihr sie
+genährt und großgezogen. Es war leicht, ein entschiedenes Wort zu
+sprechen und ihr Halt zu gebieten mit einer entrüsteten und weithin
+sichtbaren Gebärde. Das habet Ihr nicht gethan. Ihr stundet als eine
+dunkle und deutbare Gestalt."
+</P>
+
+<P>
+"Ritter", unterbrach ihn Pescara, "nicht Euch habe ich Rechenschaft
+zu geben von meinem Thun und Lassen, sondern allein meinem Kaiser."
+</P>
+
+<P>
+"Eurem Könige", versetzte Moncada. "Ihn so zu nennen, gebietet Euch
+die Ehrfurcht, denn ein König von Spanien ist mehr als der Kaiser.
+Und der Enkel Ferdinands wird ein König von Spanien werden. Karl
+entwickelt sich langsam, unter verschiedenen und streitenden
+Einflüssen, aber sein spanisches Blut wird erstarken und sein
+deutsches aufsaugen bis auf den letzten Tropfen. Er verabscheut die
+Ketzerei, und seine Frömmigkeit wird ihn zum Spanier machen." Er
+sagte das mit einem stillen Lächeln und schwärmerisch erglänzenden
+Augen.
+</P>
+
+<P>
+"Avalos", fuhr er fort, "deine Väter haben für den Glauben gegen die
+maurischen Heiden gekämpft, bis dein Ahn mit jenem Alfons nach Neapel
+schiffte. Kehre zu deinem Ursprung zurück! Das edelste Blut fließt
+in deinen Adern. Wie kannst du, der das Große liebt, zaudern
+zwischen dem spanischen Weltgedanken und den erbärmlichen
+italienischen Machenschaften? Unser ist die Erde, wie sie einst den
+Römern gehorchte. Siehe die wunderbaren Wege Gottes: Kastilien und
+Aragon vermählt, Burgund und Flandern erworben, das gewonnene
+Kaisertum, eine entdeckte und eroberte neue Welt, und, das alles
+beherrschend, ein gestähltes Volk mit, einem gesegneten, zwiefach in
+Heidenblut getauften Schwerte! Was dir jener Elende bot, Spanien
+gibt es dir tausendfältig: Schätze, Länder, Ruhm und&mdash;den Himmel!
+</P>
+
+<P>
+Denn für den Himmel kämpfen wir und für den katholischen Glauben, daß
+eine Kirche herrsche auf Erden. Sonst wäre Gott vergeblich Mensch
+geworden. Voraussehend, wie in diesen Tagen die Hölle den
+Apostolischen Stuhl besudeln und ihre letzte Ketzerei, den
+germanischen Mönch, ausspeien werde, erschuf er den Spanier, jenen zu
+reinigen und diese zu zertreten. Darum gibt er uns die Welt zur
+Beute, denn alles Irdische hat himmlische Zwecke. Ich habe lange
+darüber gesonnen in meinem sizilischen Kloster und wähnte, wohl
+selbst der Auserwählte zu sein zu diesem geistlichen Kriegsdienste.
+Da wurde er mir in einem Gesichte gezeigt, der andere, der Berufene.
+Ich war solcher Ehre unwürdig, meiner Sünde wegen, und trat in die
+Welt zurück." Pescara schwieg und betrachtete den Verzückten.
+</P>
+
+<P>
+"Aber ich wirke, solange es Tag ist. Kein Jahr ist um, ich stand
+hinter Ferdinand Cortez, da ihm auf dem Berge der Dämon die goldenen
+Zinnen Mexikos zeigte, wie er dir, Pescara, jetzt Italien zeigt.
+Diese Hand hielt den Strauchelnden zurück, und nun strecke ich sie
+gegen dich, Pescara, daß du ein Sohn Spaniens bleibest, welches die
+Welt ist und das der in der Glorie schwebende katholische Ferdinand
+beschützt."
+</P>
+
+<P>
+Jetzt brach der Feldherr sein Schweigen und zürnte: "Nenne mir jenen
+nicht, er hat mir den Vater getötet!"
+</P>
+
+<P>
+Moncada seufzte schwer.
+</P>
+
+<P>
+"Du bereust?"
+</P>
+
+<P>
+Der Ritter schlug sich zerknirscht die Brust und murmelte, mit sich
+selbst sprechend: "Meine Sünde... meine Sünde... ungebeichtet und
+ungespeist!"
+</P>
+
+<P>
+Da erriet Pescara, daß dieser Fromme nicht seinen Mord bereue,
+sondern daß er ihn vollbracht an einem geistlich Unvorbereiteten.
+"Weiche von mir!" gebot er.
+</P>
+
+<P>
+Moncada trat zurück bis zur Schwelle, wie aus einem Traum erwachend.
+Dann sammelte er sich und sagte: "Verzeihung, Erlaucht! Ich war
+abwesend. Noch ein nüchternes Wort. Ich kenne Euer Ziel nicht.
+Noch bin ich nicht Euer Feind. So oder so werdet Ihr Mailand nehmen.
+Dieser erste Schritt enthält weder Treue noch Untreue. Ich erwarte
+Euern zweiten, ob Ihr den Herzog absetzet und die Empörung strafet.
+Tut Ihr es nicht, so verratet Ihr Spanien und Euern König!" Und er
+verschwand.
+</P>
+
+<P>
+Pescara zog sich zurück und genoß Speise. Dann empfing er vor seinem
+flackernden Kaminfeuer, das an einem Herbstabende nicht fehlen durfte,
+den Herzog mit Del Guasto und gab ihnen seine letzten Befehle. Den
+Rest der Zeit benützte er, um seine geheimen Papiere zu sichten: was
+sich um einen Mächtigen dreht, eine Welt von Schlechtigkeit. Er
+vernichtete das meiste, es in den Herd werfend: er wollte niemanden
+verderben. Auch das Geheimschreiben des Kaisers sollte verschwinden,
+doch seine Asche nicht mit der übrigen sich vermengen. Er ließ ein
+glimmendes Kohlenbecken bringen, in dessen bläulichen Flämmchen er
+den Brief seines Kaisers verbrannte. Als er zu Ende war, hatten sich
+seine Kerzen schon zur Hälfte verzehrt: es ging auf Mitternacht.
+Pescara kreuzte die Arme über der Brust und verfiel in ein so tiefes
+Sinnen, daß er die Schritte eines Eintretenden nicht vernahm. Da
+sprach es zu ihm: "Was ist dein Ziel, Avalos?" Er erblickte Moncada.
+</P>
+
+<P>
+Der Feldherr griff mit der Hand in das erloschene Kohlenbecken,
+schloß sie und streckte sie gegen Moncada. "Mein Ziel?" sagte er und
+öffnete die Hand: Staub und Asche.
+</P>
+
+<P>
+Jetzt gellten Drommetenrufe durch das Schloß. Trommelwirbel folgten.
+Alles geriet in Bewegung. Der Feldherr ließ sich von seiner
+Dienerschaft waffnen. Als er bei flackerndem Fackellicht, das sich
+auf Speeren und Rüstungen spiegelte, die gepflasterte Halle des
+Erdgeschosses betrat, erblickte er sein schwarzes Tier, welches,
+kostbar geschirrt, mit ungeduldigen Hufen Funken aus dem Boden schlug,
+daneben eine Sänfte mit zwei leichten Trabern. Beide hatte er
+befohlen, die Wahl dem Augenblicke vorbehaltend. Mit einem Seufzer
+bestieg er die Sänfte, seine wiederbeginnenden Schmerzen darin zu
+verbergen, und verschwand durch das Tor, während sein verschmähtes
+Schlachtroß sich zornig gebärdete und den Reitknecht, welcher es
+besteigen wollte, abwarf. Es mußte seinem Herrn ledig nachgeführt
+werden.
+</P>
+
+<P>
+Nun wurde auch der gefangene Kanzler gebracht. Spanische Soldaten
+umringten ihn, beraubten ihn seiner Kette, seiner Ringe, seines
+Beutels und setzten ihn nicht auf sein edles Maultier aus dem
+mailändischen Marstalle, sondern rücklings auf einen armseligen Esel,
+dessen Schwanz sie ihm nach ihrer grausamen Art durch die gefesselten
+Hände zogen. Dann ging es durch das Tor unter einem höllischen
+Gelächter, in welches der Kanzler aus Verzweiflung mit einstimmte.
+</P>
+
+<BR><BR><BR>
+
+<A NAME="chap05"></A>
+<H3 ALIGN="center">
+Letztes Kapitel
+</H3>
+
+<P>
+Inzwischen verlebte in dem aus einer Burg des Glückes zu einer
+Behausung der Angst gewordenen Kastelle von Mailand Franz Sforza
+jammervolle Tage und noch schlimmere Nächte, hilf- und ratlos nach
+seinem Kanzler rufend. Er hatte den Besuch Del Guastos erhalten, der
+ihm zu melden kam, sein Feldherr habe vor ablaufender Frist den
+Kanzler von Mailand empfangen, dieser ihm aber, statt der erwarteten
+Zugeständnisse, im Namen der Hoheit ebenso törichte als
+verbrecherische Eröffnungen gemacht, die den Feldherrn bestimmen,
+ohne Verzug, übrigens ganz im Sinne seiner ersten Drohung, auf
+Mailand zu marschieren und gegen die Hoheit als einen Hochverräter zu
+verfahren. Del Guasto hatte sich an dem Zittern des Herzogs geweidet
+und war aus der Stadt verschwunden. Während sich die kaiserlichen
+Truppen in raschen Märschen näherten, und selbst da sie schon auf den
+Wällen von Mailand in Sicht waren, hatte der Kleinmütige zwischen
+Übergabe und Verteidigung geschwankt, wurde dann aber von ein paar
+tapfern lombardischen Edelleuten auf den Weg der Ehre gerissen und
+endlich selbst von einer kriegerischen Stimmung angewandelt, deren er
+kraft seines großväterlichen Blutes nicht völlig unfähig war. Er
+ließ sich mit einer kunstvoll geschmiedeten Rüstung bekleiden und
+setzte sich einen Helm von herrlicher getriebener Arbeit auf das
+schwache Haupt.
+</P>
+
+<P>
+Es ist Thatsache, daß er in der großen Schanze stand, in dem
+Augenblicke, da Pescara seine Truppen gegen dieselbe zum Sturm führte.
+Mit bebender Stimme befahl der Herzog das Feuer seiner auserlesenen
+Geschütze. Wie sich der Rauch verzog, lag das Feld mit Spaniern
+bedeckt. Zwischen Toten und Verwundeten schritt Pescara, wenige mehr
+neben sich und noch unerreicht von den vielen unter der Führung Del
+Guastos ihm stürmisch Nacheilenden. Er war ohne Harnisch. Der Helm
+war ihm vom Kopfe gerissen, und sein dunkler Mantel flatterte
+zerfetzt. In flammend rotem Kleide, mit gelassenen und gleichmäßigen
+Schritten ging er weit voran, einen blitzenden Zweihänder schwingend.
+Es war, als schritte der Würger Tod in Person gegen die Schanze, und
+da sich dort in demselben Augenblicke die böse Kunde verbreitete, der
+Borbone habe das Südtor genommen und Leyva stürme an der nördlichen
+Pforte, packte der bleiche Schreck die Besatzung. Die wieder
+geladenen Stücke blieben ungelöst, die Hauptleute, die sich den
+Furchtbetörten entgegenwarfen, wurden niedergetreten, und die
+panische Flucht riß den Herzog mit sich fort.
+</P>
+
+<P>
+Wie er, in seinen Palast zurückgekehrt, mit irrenden Schritten den
+Thronsaal betrat, siehe, da stürzte vor seinen Augen die
+goldbrokatene und mit Löwen und Adlern durchwirkte Bekleidung des
+Thronhimmels zusammen. In der allgemeinen Verwirrung hatte sich der
+herzogliche Tapezierer in den Saal geschlichen und das Prachtstück
+gelockert, um es zu entwenden, war dann aber vor dem sich nahenden
+Getöse unverrichteterdinge entwichen. Von dem schlimmen Omen
+erschreckt, warf sich der Herzog verzweifelnd in einen Lehnstuhl und
+bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, sein Los und den Sieger
+erwartend.
+</P>
+
+<P>
+Dieser ließ nicht lange auf sich harren. Ein kurzer Lärm&mdash;die treue
+schweizerische Palastwache wurde niedergestreckt oder entwaffnet&mdash;,
+und Pescara betrat den Saal, barhaupt und ohne Schwert, hinter ihm
+Karl Bourbon, behelmt, in voller Rüstung, den Degen in blutender
+Faust. Er war, der erste auf der Sturmleiter, mit derselben in den
+Stadtgraben zurückgeworfen worden, ohne sich jedoch ernstlich zu
+verletzen.
+</P>
+
+<P>
+Der Marchese verneigte sich vor seinem Besiegten, der sich von seinem
+Sitze aufraffte. "Hoheit beruhige sich", sprach Pescara. "Ich komme
+nicht als Feind, sondern um Hoheit aufs neue in Pflicht zu nehmen für
+Ihren Lehensherrn, den Kaiser."
+</P>
+
+<P>
+Sforza erhob die Augen, und da er in dem überlegenen Antlitz weder
+Hohn noch Strafe las, sondern eher teilnehmende Einsicht und Milde,
+brach der haltlose Knabe in Tränen aus und stammelte: "In meinem
+Herzen bin ich der Majestät immer treu gewesen, sie hat keinen
+ergebeneren Diener und bessern Lehensmann, aber ich Unseliger wurde
+mißleitet, wurde irregeführt... mein höllischer Kanzler... auch den
+bewaffneten Widerstand habe ich nicht befohlen... ich wurde geschoben,
+gestoßen... von dem Valabrega und ein paar andern Edelleuten... bei
+allen Aposteln und Märtyrern, ich bin kein italienischer Patriot,
+sondern der bedrängteste Fürst in der unmöglichsten Lage!"
+</P>
+
+<P>
+Diese völlige Zerknirschung des Enkels und Urenkels zweier Heroen
+schien den Feldherrn peinlich zu berühren. Doch ließ er der Buße
+freien Lauf, weigerte aber, scheinbar aus Ehrerbietung, dem endlich
+Verstummenden seine Hand, welche dieser zu ergreifen suchte. Er
+befürchtete, der gänzlich Vernichtete möchte sie küssen.
+</P>
+
+<P>
+Während dieser Selbsterniedrigung, und sie im Grunde seines
+verbitterten Herzens kostend, schlürfte Karl Bourbon, welcher hinter
+Pescara stehengeblieben war, in langsamen Zügen einen vollen Becher,
+den er sich von einem herbeigewinkten Pagen hatte holen und reichen
+lassen.
+</P>
+
+<P>
+"Hoheit", sagte der Feldherr, "ich habe Vollmacht. Wenn Sie davon
+durchdrungen ist, daß Sie sich in ein falsches und gefährliches Spiel
+eingelassen hat, und wenn sich der feste Wille in Ihr gestalten kann,
+forthin Ihr Heil da zu suchen, wo es ist, bei dem Kaiser, und von der
+Majestät nimmermehr zu weichen, wage ich es, auf meine
+Verantwortlichkeit, Ihr Verzeihung zu gewähren und Ihre Hand darauf
+anzunehmen. Hoheit darf es mir glauben, Sie fährt in jedem Falle
+besser mit dem Kaiser als mit der Liga."
+</P>
+
+<P>
+Jetzt sah er, wie die unverhoffte Milde den Sohn des Mohren plötzlich
+wieder mißtrauisch machte, wie der vom Schicksal zum Argwohn Erzogene
+eine List vermutete und wie seine Hand zögerte und zitterte. "Hoheit
+darf trauen", sprach er kraftvoll. "Der Kaiser und ich halten Wort."
+</P>
+
+<P>
+Sforza gab die Hand, und der Feldherr fügte freundlich hinzu: "Ich
+kenne die schwierige Lage der Hoheit und&mdash;wenn ich es aussprechen
+darf&mdash;Ihre durch eine unglückliche Jugend erkrankte und entkräftete
+Seele. Sie bedarf vor allem der Stetigkeit. In der Bahn des Kaisers
+wandelnd und verharrend, wird Sie von keiner Zeitwelle verschleudert
+werden. Ich persönlich", schloß er, seine Lehrhaftigkeit mildernd,
+in einem fast herzlichen Tone, "war der Hoheit immer zugethan, aus
+Dank für meine Vorbilder, Ihre zwei herrlichen Ahnen, obwohl mir die
+beiden", scherzte er, "in meiner Jugend manchen Schlaf geraubt haben;
+ein solcher Reiz und Stachel liegt in Männlichkeit und Seelengröße."
+</P>
+
+<P>
+Franz Sforza getröstete sich dieser Freundschaft, fragte aber doch
+ängstlich: "Und ich bleibe Herzog? Euer Wort, Pescara?"
+</P>
+
+<P>
+"Unverbrüchlich. Wenn ich etwas über den Kaiser vermag, und wenn Ihr
+es vermöget, Eure Seele zu befestigen."
+</P>
+
+<P>
+"Und meinem Kanzler geschieht nichts?"
+</P>
+
+<P>
+"Ich glaube nein, Hoheit", versprach Pescara.
+</P>
+
+<P>
+"Und er bleibt mein Minister?"
+</P>
+
+<P>
+Der Feldherr konnte ein Lächeln nicht verwinden über die
+Unzertrennlichkeit dieses Paares. "Hoheit vergißt, daß Sie soeben
+Girolamo Morone den verderblichsten aller Ratgeber genannt hat. Ich
+empfehle Hoheit, sich von der Kaiserlichen Majestät für dieses
+schwierige Amt einen andern und weisern Kopf zu erbitten. Es gibt
+deren in Italien, es braucht kein Spanier zu sein."
+</P>
+
+<P>
+"Nichts da, Hoheit! Ihren Kanzler bekommt Sie nicht heraus!" mischte
+sich jetzt der Bourbon ins Gespräch. "Diese Helena ist mein
+Beutestück."
+</P>
+
+<P>
+Franz Sforza starrte Bourbon mit angstvollen Augen an. "Der hier?"
+stöhnte er. "Er will mein Mailand! Er träumt langeher davon. Hilf
+mir, mächtiger Pescara!"
+</P>
+
+<P>
+Da schmetterte Bourbon, als zerstöre er sich selbst, mit einem
+zornigen Wurf sein kristallenes Glas an den Marmorboden, daß es mit
+schrillem Mißton in Scherben zerfuhr. "Hoheit", rief er, "da liegt
+mein Fürstentum Mailand!"
+</P>
+
+<P>
+Während die Scherben flogen, trat Moncada mit Leyva ein, dieser von
+oben bis unten mit Staub und Blut besudelt. "Erlaucht", begann der
+Ritter, "ich beglückwünsche Sie zu Ihrem heutigen schönen Siege, der,
+wieder in voller Kraft erfochten, sich an so viele andere reiht. Ich
+hielt mich geziemend im Vorzimmer. Doch da ich bechern und lachen
+hörte, und als auch Leyva anlangte, der das Nordtor genommen und
+ebenfalls seinen Trunk verdient hat, wagte ich den Eintritt, und ich
+glaube zur rechten Stunde. Denn ich meine: hier wird Gericht
+gehalten werden, und Hoheit Bourbon hat diesem verräterischen Herzog
+in symbolischer Weise seinen verdienten Untergang verkündigt. Aber
+nicht so stürmisch, Hoheit! Ich denke, der Feldherr setzt ein
+Kriegsgericht zusammen, bei dem ich als ein Angehöriger des
+königlichen Hauses Sitz und Stimme beanspruchen darf. Natürlich ein
+vorläufiges Gericht, in Erwartung des Entscheides aus Madrid."
+Pescara blieb kalt. "So tue ich", sagte er. "Ich ernenne zu
+Richtern meine zwei Kollegen, die Hoheit Bourbon und Leyva. Ich
+präsidiere. Euch, Ritter, muß ich ausschließen, weil Ihr keinen Rang
+bekleidet. Hier meine Beglaubigung." Er zog aus seinem Wams die
+kaiserliche Vollmacht.
+</P>
+
+<P>
+Moncada ergriff das Schreiben und las: "Nach seinem Ermessen... gemäß
+den Umständen... hm... Erlaucht erlaube... diese kaiserliche Weisung
+scheint zu sagen, daß Sie bevollmächtigt ist, alle militärischen und
+bürgerlichen Maßregeln in dem genommenen Mailand nach Belieben zu
+treffen, präjudiziert aber in keiner Weise die Rechte und Interessen
+der katholischen Majestät. Ich werde daher bleiben als ein stummer,
+aber aufmerksamer Zuhörer."
+</P>
+
+<P>
+"Sei es", sagte Pescara geduldig.
+</P>
+
+<P>
+Jetzt regte sich auch Leyva und verlangte, daß Girolamo Morone
+vorgeführt werde. "Er ist im Palaste", sagte er. "Ich sah ihn
+gefesselt einbringen unter den Verwünschungen und Kotwürfen des
+mailändischen Volkes, das ihm sein ganzes Elend zurechnet." Pescara
+gab den Befehl.
+</P>
+
+<P>
+Eine peinliche Pause. Stühle wurden gerückt von der verlegenen
+Dienerschaft, welche ihrem verklagten Herrn ehrerbietig den
+herzoglichen Sessel mit Krone und Wappen brachte, und als Morone
+erschien, nicht ohne Spuren von Mißhandlung, sah er die drei
+Feldherrn als Richter sitzen, Pescara in der Mitte, und vor ihnen
+seinen Herzog. "Mut, Fränzchen", flüsterte er ihm zu, neben den er
+sich aus alter Gewohnheit gestellt hatte, "wirf du nur alles auf mich!"
+</P>
+
+<P>
+Pescara nahm das Wort: "Die Hoheit von Mailand beteuert, an der Treue
+gegen ihren Lehensherrn festzuhalten und nur vorübergehend
+fehlgetreten und in den Schein der Felonie gekommen zu sein unter den
+Einflüsterungen dieses Mannes da." Der Herzog nickte mit dem Haupt.
+</P>
+
+<P>
+"So ist es! Ich bekenne, daß ich der allein Schuldige bin!" sprach
+der Kanzler unerschrocken.
+</P>
+
+<P>
+"Auch die Verteidigung von Mailand gegen das kaiserliche Heer
+beteuert die Hoheit nicht befohlen zu haben, sondern sie versichert,
+es sei die eigenmächtige That einiger aufrührerischer Lombarden, und
+ich halte es für glaublich. Wie urteilt Leyva?"
+</P>
+
+<P>
+Leyva verzog das häßliche Gesicht und murrte: "Dieser Franz Sforza
+ist der Felonie schuldig und durch die nackte Thatsache überwiesen.
+Er werde in schärfstem Gewahrsam gehalten. Der Kaiser, wie ich meine,
+wird ihn absetzen und nach Spanien bringen lassen."
+</P>
+
+<P>
+"Und wie urteilt Sie?" Pescara hatte sich gegen Bourbon gewendet.
+</P>
+
+<P>
+Der Konnetabel spielte mit seinem zerrissenen Handschuh und bemerkte
+mit melodischer Stimme: "Die Hoheit wurde betört von dem wunderlichen
+Gaukler da, der auch mich und viele andere bezaubert hat, bis er an
+unserm Feldherrn seinen Meister fand. Aber sie scheint mir wieder
+zur Besinnung gekommen zu sein, und ich meine, daß ihr die Schmach
+des Gefängnisses anzutun weder schicklich wäre noch auch notwendig
+ist, da sich ja die Stadt in unsern Händen befindet. Die Hoheit von
+Mailand bleibe frei."
+</P>
+
+<P>
+"Zwei Stimmen gegen eine, denn so lautet auch meine Meinung",
+entschied Pescara. Moncada schwieg mit verschlungenen Armen, Leyva,
+dessen große Narbe sich mit Blut zu füllen schien, zerrte den
+Schnurrbart, Bourbon aber erhob sich, bot Franz Sforza den Arm und
+geleitete ihn aus dem Saale.
+</P>
+
+<P>
+Draußen stieß er mit Del Guasto zusammen, der ihm zuflüsterte, es sei
+befremdend: die Truppen Leyvas zögen sich gegen den Palast. Bourbon
+runzelte die Stirn. "Beobachtet und berichtet!" gebot er. Del
+Guasto wollte enteilen, rief aber zurück: "Noch eins: ich höre, Donna
+Victoria sei am Tore angelangt und verlange nach dem Feldherrn."
+</P>
+
+<P>
+Da Bourbon in den Saal zurücktrat, forderte eben Leyva den Kerker,
+die Folter und, nach vervollständigtem Bekenntnisse, Block und Beil
+für den erbleichenden Morone.
+</P>
+
+<P>
+"Auf die Folter!" stöhnte dieser. "Wenn ihr mich windet wie ein Tuch,
+so werdet ihr nichts anderes als Blut und Schweiß aus mir
+herauspressen. Ich habe mich vor dem Feldherrn ausgebeichtet. Du
+bist nicht grausam, Pescara!"
+</P>
+
+<P>
+"Pfui, Leyva!" rief Bourbon, sich wieder in den Kreis setzend. "Will
+sich der Herr an den Zuckungen dieses närrischen Gesichtes ergötzen?
+Das leide ich nicht. Ich lasse mir meinen Morone nicht verdrehen.
+Zittre nicht, Girolamo! Dir wird kein Haar gekrümmt: du wirst mein
+Schreiber. Mein gnädiges Urteil lautet: Girolamo sitze in seinem
+Hause, und man bewache ihn, bis ich mir ihn vom Kaiser werde erbeten
+haben."
+</P>
+
+<P>
+"Mir scheint, das genügt", entschied der Feldherr. "Morone hat
+gestanden vor drei glaubwürdigen Zeugen, deren einer ich selber bin.
+Keine unnütze Marter, sondern sichere Haft. Zwei Stimmen gegen eine.
+Nehmet ihn, Hoheit. Mir ahnt, daß Girolamo Morone sich noch einmal
+umwandelt und in kaiserliche Dienste tritt."
+</P>
+
+<P>
+Da schrie Morone unklug vor Freude über das geschenkte Leben und die
+erlassene Folter: "Pescara, ohne dich kein Italien! Das ist vorbei.
+Mach mit mir, was du willst. Ich bin das Geschöpf deiner Großmut und
+Güte... Und wenn noch weiter geredet werden soll, so erfahret,
+Herrschaften, und darin ist alles andere enthalten: die Liga ist dem
+Kopfe der Heiligkeit entsprungen, wie Athene der Stirne des Zeus..."
+Seine Zunge stand plötzlich still, da er neben sich einen
+ansehnlichen Mann im Reisekleid gewahrte, der eben eingetreten war.
+Dann rief er: "Das weiß niemand besser als der da!" Es war
+Guicciardin, dessen Blicke neugierig im Kreise umliefen, endlich aber
+unverwandt auf dem Antlitze des Pescara haften blieben.
+</P>
+
+<P>
+"Ich störe, Erlaucht?" sagte er. "Doch ich werde mich kurz fassen.
+Ich komme mit Eilpost von der Heiligkeit, die diesmal besser einen
+andern geschickt hätte. Die Heiligkeit läßt Erlaucht wissen, sie
+habe auf die erste Kunde der eröffneten Feindseligkeiten einen ihrer
+Vertrautesten nach Madrid gesendet, den Kaiser zu unterrichten, daß
+sie dem Bündnis der italienischen Staaten fremd geblieben ist. Eine
+heilige Liga existiert nicht. Der oberste Hirte schaudert vor dem
+Schwert."
+</P>
+
+<P>
+"Halleluja!" rief der Kanzler, den die Lebensfreude berauscht und
+völlig toll gemacht zu haben schien, der Feldherr aber entgegnete:
+"Wie, Guicciardin? Eben hat Morone an den Tag gebracht, daß die Liga
+das Werk der Heiligkeit ist. Was ist Wahrheit?"
+</P>
+
+<P>
+"Beides", versetzte Guicciardin. "Mein Auftrag ist ausgerichtet und
+damit gut." Er verbeugte sich und verließ den Saal, aber Bourbon, in
+den der Satan fuhr, rief dem Gesandten des Papstes nach: "Florentiner,
+sage deinem Herrn, ich werde nach Rom kommen, seiner Wahrhaftigkeit
+den Pantoffel zu küssen, mit lauter Lutheranern und Marranen, und
+nachts will ich meine brennende Kerze umwerfen, daß der Heiligkeit
+ein Licht aufgehe!" Die Lache, die der Unselige aufschlug, scholl
+gellend wider aus der Kuppelwölbung und aus den Ecken des Saales wie
+aus dem Munde schadenfroher Dämonen, so daß Guicciardin erschreckend
+umblickte. Der Feldherr wies nun auch den Kanzler mit seiner Wache
+weg, sei es, daß er es für unziemlich hielt, das Haupt der
+Christenheit preiszugeben, oder er war der menschlichen Komödie müde.
+</P>
+
+<P>
+Da sich Guicciardin und der Kanzler draußen zusammenfanden, fragte
+jener: "Man führt dich zum Blocke?"
+</P>
+
+<P>
+"Bewahre!"
+</P>
+
+<P>
+"Durchgeschlüpft? Unvergleichlicher! Doch wie begab es sich in
+Novara?"
+</P>
+
+<P>
+"Oh, ich kam auf den Esel zu sitzen... Dieser Pescara ist das Rätsel
+der Sphinx..."
+</P>
+
+<P>
+"Das ich errate, Kanzler, aus seinem Antlitz. Es trägt die
+hippokratischen Züge, und ich werde vielleicht der Heiligkeit eine
+Todesnachricht zu bringen haben. Erinnerst du dich noch, Girolamo,
+was ich dir in den Vatikanischen Gärten sagte, von einem möglichen
+letzten Hindernis in der Brust Pescaras? Wenn ich wörtlich wahr
+geredet? Wenn der Feldherr bei Pavia den Tod empfing und ihn
+verheimlicht hat? Wenn wir einen nicht mehr Versuchbaren in
+Versuchung führten?"
+</P>
+
+<P>
+Der Kanzler schlug sich vor die Stirn: "Du sagst es, Guicciardin!
+Ähnliches, das ich damals nicht verstand, hat mir der Arzt des
+Feldherrn, Messer Numa Dati, in Novara angedeutet."
+</P>
+
+<P>
+"Also die Wahrheit", schloß der Florentiner. "Nicht Pescara trog.
+Wir selbst haben uns betrogen. O Weisheit der Menschen!" Mit dieser
+Betrachtung schieden die beiden.
+</P>
+
+<P>
+In dem Thronsaal herrschte eine unheimliche Luft. Die drei Feldherrn
+und der bei ihnen zurückgebliebene Moncada standen in weiten
+Entfernungen. Pescara, völlig entkräftet, wie es schien, hatte sich
+auf den über den Thron ausgebreiteten Goldbrokat geworfen. Blässe
+bedeckte sein Gesicht, die Brust arbeitete. Bourbon maß den Saal in
+leichtfertigem Tanzschritt, während er Moncada scharf beobachtete.
+Dieser, in einer Fensterbrüstung lehnend, winkte aus einer andern
+Leyva zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: "Es ist Zeit. Er hat sich
+enthüllt. Tot oder lebendig..." Jetzt rief auch Pescara den Herzog.
+"Setze dich neben mich, Karl", keuchte er leise. "Führst du Papier
+und Stift?"
+</P>
+
+<P>
+"Um Gottes willen, Ferdinand, merkst du nichts? Du bist bedroht!
+Die beiden flüstern. Leyva ist verdächtig. Sie wollen dich
+verhaften!"
+</P>
+
+<P>
+"Führst du Papier und Stift?" wiederholte der Feldherr. Der Herzog
+gab sie. Nach ein paar Zügen sagte Pescara: "Meine Hand zittert,
+schreibe du, Karl."
+</P>
+
+<P>
+"Ferdinand, bist du blind? Siehst du nicht, wie Moncada sich regt?"
+</P>
+
+<P>
+"Er wird mich nicht erreichen", sagte der Feldherr und diktierte mit
+gepreßter Stimme: "An die Majestät des Kaisers. Erhabener Herr,
+Mailand ist Euer. Pescara hält Treue bis zum letzten Atemzug.
+Lohnet sie ihm mit drei Erfüllungen..."
+</P>
+
+<P>
+"Ich beschwöre dich, Ferdinand! Er kommt auf dich zu! Ermanne dich!
+Wir fechten... Ich rufe die Wachen..." Bourbon wollte aufspringen.
+Pescara aber hielt ihn fest: "Schreibe! Er erreicht mich nicht,
+sage ich dir. Wo bist du?... mit drei Erfüllungen: Majestät schütze
+Sforza! Majestät begnadige Morone! Majestät gebe mein Kommando dem
+Konnetabel!..."
+</P>
+
+<P>
+"Er steht wenige Schritte vor dir! Zieh! Wo hast du deinen Degen?"
+</P>
+
+<P>
+"Ich vergieße kein Blut mehr..." Pescara unterzeichnete, und der
+Stift entglitt seiner Hand. Mit einem schwachen Schrei und
+erlöschenden Augen sank er in die Arme seines Freundes.
+</P>
+
+<P>
+Moncada, der jetzt ganz nahe getreten war, stand bestürzt. "Was ist
+dem Feldherrn?" fragte er, und ihn betrachtend: "Verschieden?"
+</P>
+
+<P>
+"Geschieden!" weinte der Herzog.
+</P>
+
+<P>
+"Ein Herzschlag. Der Feldzug hat ihn getötet", sagte Moncada und hob
+das Papier auf, das an den Boden gefallen war. Er las, und bei der
+dritten Bitte angelangt, stand er sinnend. Dann übergab er, ohne die
+Miene zu ändern, das Papier dem Herzog mit den Worten: "Wir ehren
+seinen letzten Willen. Hoheit hat das Kommando. Hoheit befehle!"
+</P>
+
+<P>
+Bourbon erschien als ein Heimatloser und Entwerteter dem Sohne
+Ferdinands des Katholischen ungefährlich und war, ohne Pescara, auch
+Leyva minder verhaßt, denn um die Gunst des großen Feldherrn hatte
+dieser den Konnetabel beneidet.
+</P>
+
+<P>
+Karl Bourbon winkte sie weg und bettete Pescara auf den Goldbrokat.
+Der Palast war ganz stille geworden, und selbst die Wachen an den
+Toren schritten leise, in der Meinung, der Feldherr halte zu dieser
+Stunde Siesta, wie seine Gewohnheit war. Auch der Herzog, das
+geliebte Haupt im Schoße haltend, versank in einen Mittagstraum, er
+vergaß das tragische Los des Toten und das eigene aus Ruhm und
+Schmach geflochtene, er empfand nur einen dumpfen Schmerz über den
+Verlust des einzigen Freundes.
+</P>
+
+<P>
+Stimmen erschollen vor der Saalpforte. "Nein, Madonna, er ruht!"
+verbot Del Guasto, und Victoria rief durchdringend: "Weiche, Böser!
+Ich will zu ihm!" Bourbon vernahm nahende Schritte, er wendete nicht
+einmal das Haupt. Er legte den Finger an den Mund und flüsterte:
+"Leise, Madonna! Der Feldherr schlummert."
+</P>
+
+<P>
+Victoria trat zu dem Gatten. Pescara lag ungewaffnet und ungerüstet
+auf dem goldenen Bette des gesunkenen Thronhimmels. Der starke Wille
+in seinen Zügen hatte sich gelöst, und die Haare waren ihm über die
+Stirn gefallen. So glich er einem jungen, magern, von der Ernte
+erschöpften und auf seiner Garbe schlafenden Schnitter.
+</P>
+
+<BR><BR><BR><BR>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Versuchung des Pescara, by
+Conrad Ferdinand Meyer
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE VERSUCHUNG DES PESCARA ***
+
+***** This file should be named 3675-h.htm or 3675-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/6/7/3675/
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+Produced by Michelle Mokowska, Mike Pullen, and Mary Cicora.
+HTML version by Al Haines.
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+electronic works
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+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
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+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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--- /dev/null
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #3675 (https://www.gutenberg.org/ebooks/3675)
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@@ -0,0 +1,5104 @@
+The Project Gutenberg Etext Die Versuchung des Pescara, by Meyer
+#1 in our series by Conrad Ferdinand Meyer
+
+This Etext is provided in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 7-bit version.
+
+Copyright laws are changing all over the world, be sure to check
+the laws for your country before redistributing these files!!!
+
+Please take a look at the important information in this header.
+We encourage you to keep this file on your own disk, keeping an
+electronic path open for the next readers.
+
+Please do not remove this.
+
+This should be the first thing seen when anyone opens the book.
+Do not change or edit it without written permission. The words
+are carefully chosen to provide users with the information they
+need about what they can legally do with the texts.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**Etexts Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These Etexts Are Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+Information on contacting Project Gutenberg to get Etexts, and
+further information is included below, including for donations.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a 501(c)(3)
+organization with EIN [Employee Identification Number] 64-6221541
+
+
+
+Title: Die Versuchung des Pescara
+
+Author: Conrad Ferdinand Meyer
+
+Release Date: January, 2003 [Etext 3675]
+[Yes, we are about one year ahead of schedule]
+[The actual date this file first posted = 07/12/01]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+The Project Gutenberg Etext Die Versuchung des Pescara, by Meyer
+******This file should be named 7vers10.txt or 7vers10.zip******
+
+Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, 7vers11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7vers10a.txt
+
+This etext was prepared by Michelle Mokowska, micaela@poczta.wp.pl
+and Mike Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com, and proofread by Dr.
+Mary Cicora, mcicora@yahoo.com.
+
+Project Gutenberg Etexts are usually created from multiple editions,
+all of which are in the Public Domain in the United States, unless a
+copyright notice is included. Therefore, we usually do NOT keep any
+of these books in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our books one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to send us error messages even years after
+the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our sites at:
+http://gutenberg.net
+http://promo.net/pg
+
+
+Those of you who want to download any Etext before announcement
+can surf to them as follows, and just download by date; this is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03
+or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03
+
+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. This
+projected audience is one hundred million readers. If our value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour this year as we release fifty new Etext
+files per month, or 500 more Etexts in 2000 for a total of 3000+
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+should reach over 300 billion Etexts given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext
+Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion]
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+At our revised rates of production, we will reach only one-third
+of that goal by the end of 2001, or about 4,000 Etexts unless we
+manage to get some real funding.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of June 1, 2001 contributions are only being solicited from people
+in:
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+Iowa, Kansas, Louisiana, Maine, Massachusetts, Minnesota, Missouri,
+Montana, Nebraska, Nevada, New Jersey, New York, Ohio, Oklahoma,
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+Texas, Vermont, Virginia, Washington, West Virginia, and Wyoming.
+
+We have filed in about 45 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met,
+additions to this list will be made and fund raising
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+
+
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+to make them tax-deductible, or
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+even if there are ways.
+
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+
+Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
+
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a 501(c)(3)
+organization with EIN [Employee Identification Number] 64-6221541,
+and has been approved as a 501(c)(3) organization by the US Internal
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+***
+
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+you can always email directly to:
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+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
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+if your mail bounces from archive.org, I will still see it, if
+it bounces from prairienet.org, better resend later on. . . .
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
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+
+***
+
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+
+
+
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+and Mike Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com, and proofread by Dr.
+Mary Cicora, mcicora@yahoo.com.
+
+
+
+
+
+This etext is provided in German.
+
+
+
+
+
+Die Versuchung des Pescara
+
+Conrad Ferdinand Meyer
+
+Novelle
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+
+In einem Saale des mailaendischen Kastelles sass der junge Herzog
+Sforza ueber den Staatsrechnungen. Neben ihn hatte sich sein Kanzler
+gestellt und erklaerte die Zahlen mit gleitendem Finger.
+
+"Eine furchtbare Ziffer!" seufzte der Herzog und entsetzte sich vor
+der Summe, welche die mit Eile betriebenen Festungsarbeiten
+verschlungen hatten. "Wie viele Schweisstropfen meiner armen
+hungernden Lombarden!" Und um dem Anblick der verhaengnisvollen Zahl
+zu entrinnen, liess er die melancholischen Augen ueber die Waende laufen,
+die mit hellfarbigen Fresken bedeckt waren.
+
+Links von der Tuer hielt Bacchus ein Gelag mit seinem mythologischen
+Gesinde, und rechts war als Gegenstueck die Speisung in der Wueste
+behandelt von einer flotten, aber gedankenlosen, den heiligen
+Gegenstand bis an die Grenzen der Ausgelassenheit verweltlichenden
+Hand. Oben auf der Hoehe, klein und kaum sichtbar, sass der goettliche
+Wirt, waehrend sich im Vordergrunde eine lustige Gesellschaft
+ausbreitete, die an Tracht und Miene nicht uebel einer Mittag
+haltenden lombardischen Schnitterbande glich und zum Lachen alle
+Gebaerden eines gesunden Appetites versinnlichte.
+
+Der Blick des Herzogs und der demselben aufmerksam folgende seines
+Kanzlers fielen auf ein schaekerndes Maedchen, das, einen grossen Korb
+am Arme, wohl um die ueberbleibenden Brocken zu sammeln, sich von dem
+neben ihr gelagerten Juengling umfangen und einen geroesteten Fisch
+zwischen das blendend blanke Gebiss schieben liess. "Die da wenigstens
+verhungert noch nicht", scherzte der Kanzler mit mutwilligen Augen.
+
+Ein truebes Laecheln bildete und verfluechtigte sich auf dem feinen
+Munde des Herzogs. "Warum Festungen bauen?" kam er auf den
+Gegenstand seiner Sorge zurueck. "Das ist ein schlechtes Geschaeft!
+Pescara, der grosse Belagerer, wird sie schnell wegnehmen und mir dann
+noch die Kriegskosten aufhalsen. Hoere, Girolamo", und er richtete
+seinen binsenschlanken Koerper in die Hoehe, "lass mich weg aus deinen
+geheimen Buendnissen und Artikeln, du unermuedlicher Zettler! Ich will
+nichts davon wissen. Du richtest mich und meine Lombarden zugrunde,
+du Strafe Gottes! Ich will mich nicht an dem Kaiser versuendigen: er
+ist mein Lehensherr. Und lieber will ich mich von seinen hoellischen
+Spaniern schinden lassen, als dass mich meine neuen Bundesgenossen
+voranschieben und verraten." Wie ein sich Aufgebender liess er sich,
+die spitzen Knie vorgestreckt, in seinen Sessel niedergleiten und
+rief voller Verzweiflung: "Ich will eine Muhme oder eine Schwester
+des Kaisers heiraten! Das sollst du veranstalten, wenn du der grosse
+Staatsmann bist, der zu sein du dir einbildest."
+
+Der Kanzler brach in ein zuegelloses Gelaechter aus.
+
+"Du hast gut lachen, Girolamo. Von den steilsten Daechern
+herabrollend, kommst du wie eine Katze immer wieder auf die Fuesse zu
+stehen! Ich aber gehe in Stuecke! Ich und mein Herzogtum
+verfluechtigen uns in dem Hexenkessel, der in deinem Kopfe brodelt.
+Miserere: eine Liga mit dem heiligen Vater, mit San Marco, mit den
+Lilien! O die boese Klimax! O die unheilige Dreieinigkeit! Dem
+Papste traut man nicht ueber den Weg, weder ich noch irgendeiner. Er
+ist ein Medici! Marcus aber, mein natuerlicher Feind und Nachbar, ist
+der ruchloseste aller Heiligen. Und nun gar Frankreich, das mir den
+Vater in einem Kerkerloche verwesen liess und den armen Bruder Max,
+den du verkauft hast, du Schlimmer, in Paris versorgt!" Die
+beweglichen Zuege des fuerstlichen Knaben entstellten sich, als sehe er
+den Genius seines Hauses die Fackel langsam senken und ausloeschen.
+Eine Traene rann ueber seine magere Wange.
+
+Der Kanzler streichelte sie ihm vaeterlich. "Sei nicht unklug,
+Fraenzchen", troestete er. "Ich haette den Max verraten? Keineswegs.
+Es war die Logik der Dinge, dass er sich gab nach der Zermalmung der
+Schweizer. Ich habe seine Rente mit Koenig Franz vereinbart und noch
+um ein Gutes hinaufgemarktet. Er selbst sah ein, dass ich es redlich
+mit ihm meine, und dankte mir. Er ist ein Philosoph, sage ich dir,
+der die Welt von oben herunter betrachtet, und da er zu Rosse stieg,
+um von hinnen zu ziehen, hat er, schon im Buegel, noch Weisheit
+geredet. 'Ich segne den Himmel', sprach er, 'dass ich in Zukunft
+nichts mehr zu schaffen habe mit den groben Faeusten der Schweizer,
+den langen Fingern des Kaisers'--er meinte die hochselige Majestaet,
+Fraenzchen--'und den spanischen Meuchlerhaenden.' Auch hatte der Max
+gar nicht das Zeug, einen italienischen Fuersten darzustellen, plump
+und unreinlich wie er ist. Da bist du denn doch eine andere
+Erscheinung, Fraenzchen. Du hast etwas Fuerstliches, wenn du dich
+aufrecht haeltst, und dazu die Kunst der Rede, die du von deinem
+unvergleichlichen Vater, dem Mohren, geerbt. Ich sage dir, du wirst
+mit den Jahren noch der kluegste und gluecklichste Fuerst in Italien
+werden."
+
+Der Herzog betrachtete seinen Kanzler zweifelnd. "Wenn du mich nicht
+vorher verkaufst und mein Leibgeding' in die Hoehe marktest", laechelte
+er.
+
+Morone, der jetzt in seinem langen schwarzen Juristenrocke vor ihm
+stand, entgegnete zaertlich: "Mein holdseliges Fraenzchen! Dir tue ich
+nichts zuleide. Du weisst ja, dass du mir ins Herz gewachsen bist. Du
+bleibst der Herzog von Mailand, so wahr ich der Morone bin. Aber du
+musst dich huebsch belehren und ueberzeugen lassen, was zu deinem Besten
+dient."
+
+"Nicht einen einzigen guten Grund hast du mir gegeben fuer deine
+neugebackene Liga! Und ich will mich einmal nicht empoeren gegen
+meinen Lehnsherrn! Das ist suendhaft und gefaehrlich."
+
+Schnellen Geistes waehlte der Kanzler unter den Truggestalten und
+Blendwerken, ueber welche seine Einbildungskraft gebot, eine
+hinreichend wahrscheinliche und wirksame Larve, um sie seinem
+beweglichen Gebieter entgegenzuhalten und ihn damit heilsam zu
+erschrecken.
+
+"Fraenzchen", sagte er, "der Kaiser ist fuer dich eine verschlossene
+Pforte. Hast du ihm nicht die ruehrendsten Briefe geschrieben, und er
+hat niemals geantwortet! Es ist ein in der Ferne verschwindender
+Juengling und, wie man behauptet, die geduldige Wachspuppe in den
+formenden Haenden seiner burgundischen Hoeflinge. Da bist du ihm
+ueberlegen, du beurteilst die Dinge selbstaendig. Das Wetter aber in
+Madrid macht der Borbone, der verschwenderische Konnetabel, der das
+Gold mit vollen Haenden auswirft und dessen Treue ausser allem
+Verdachte steht, da er seinen Koenig Franz verrathen hat und jetzt in
+Ewigkeit zum Dienste des Kaisers verdammt ist. Der Borbone aber will
+Mailand. Dein Lehen ist ihm zugesagt. Er ist ein Gonzaga von der
+Mutter her und strebt nach einem italienischen Throne. Warum kann
+sich der Kaiser nicht entschliessen, dich zu belehnen, nachdem du ihm
+Hunderttausende bezahlt hast? Weil er dein Mailand dem Borbone
+zudenkt, darauf nehme ich Gift. Dieser ist seiner Sache gewiss.
+Unlaengst, da du mich in das kaiserliche Lager sendetest, hat er mich
+mit Liebkosungen fast erdrueckt und mir sogar einen Beutel zugesteckt,
+um mich auf die guenstige Stunde vorzubereiten. Denn freilich sind
+wir alte Bekannte von der franzoesischen Herrschaft her."
+
+Das war Luege und Wahrheit: der Konnetabel hatte in einer tollen
+Weinlaune einen witzigen Einfall seines Gastes fuerstlich belohnt.
+
+"Und du nahmst, Ungeheuer?" entsetzte sich der Herzog.
+
+"Mit dem besten Gewissen von der Welt", erwiderte Morone leichtfertig.
+"Weisst du nicht, Fraenzchen, was die Kasuisten lehren, dass ein Weib
+soviel nehmen darf, als man ihr giebt, wenn sie nur ihre Tugend
+behauptet? Das gilt auch fuer Minister und erlaubt mir, in dieser
+kargen Zeit unter Umstaenden auf mein Gehalt zu verzichten. Dafuer
+kannst du dir zuweilen ein gutes Bild kaufen, Fraenzchen. Du musst
+auch deine ehrbare Ergoetzung haben."
+
+Sforza war erbleicht. Das Schreckbild des Borbone in seiner Burg und
+in seinem Reiche, welche beide dieser schon einmal--vor seinem
+beruehmten Verrat--jahre lang als franzoesischer Statthalter besessen
+hatte, brachte ihn um alle Besinnung. "Ich habe immer geglaubt, und
+es verfolgt mich auf Schritt und Tritt", jammerte der AErmste, "dass
+der Borbone mein Mailand haben will. Rette mich, Girolamo! Schliesse
+die Liga! ohne Verzug! Sonst bin ich verloren." Er sprang auf und
+ergriff den Kanzler am Arm.
+
+Dieser erwiderte gelassen: "Ja, das geht nicht so geschwind,
+Fraenzchen. Doch wird sich vielleicht heute noch etwas dafuer thun
+lassen. Es trifft sich. Gestern ist die Exzellenz Nasi--nicht der
+Horatius, sondern der schoene Laelius--bei unserm Wechsler Lolli
+abgestiegen, und durch einen gluecklichen Zufall auch Guicciardin hier
+angekommen, der trotz seiner Borsten im Vatikan eine angenehme Person
+ist. Mit diesen zwei gescheiten Leuten liesse sich reden, und ich
+habe den Venezianer und den Florentiner an deine Abendtafel geladen,
+da ich weiss, dass du ein harmloses Geplauder und eine unterhaltende
+Gesellschaft liebst."
+
+"O verfluchte, nichtswuerdige Verschwoerung!" klagte der Herzog
+wankelmuetig.
+
+"Und auch noch ein anderer ist eingeritten, im Morgengrauen. Dieser
+hat sich auf die dritte Stunde nachmittags angesagt, er wolle erst
+ausschlafen."
+
+"Ein anderer? Welcher andere?" Der Herzog zitterte.
+
+"Der Borbone."
+
+"Gott verpeste den bleichen Verraeter!" schrie Sforza. "Was will der
+hier?"
+
+"Das wird er selbst dir sagen. Horch! es laeutet Vesper im Dome."
+
+"Empfange du ihn, Kanzler!" flehte der Herzog und wollte durch eine
+Tuer entwischen. Morone aber ergriff ihn am Arm und fuehrte ihn zu
+seinem Sessel zurueck. "Ich bitte, Hoheit! Es geht vorueber. Wenn
+der Konnetabel eintritt, erhebe sich die Hoheit und empfange ihn
+stehend. Das kuerzt ab." Er umkleidete seinen Herrn mit dem am
+Stuhle haengengebliebenen Mantel, und dieser nahm allmaehlich, seine
+Angst bekaempfend, eine fuerstlichere Haltung an, indem er seinen
+huebschen Wuchs geltend machte und den natuerlichen Anstand, den er
+besass.
+
+Inzwischen blickte der Kanzler durch das Fenster, das den Schlossplatz
+und hinter demselben den Umriss eines der neuangelegten Bollwerke des
+Kastelles zeigte. "Koestlich!" sagte er. "Da steht dieser
+treuherzige Konnetabel, zehn Schritte vor seinem Gefolge, und
+zeichnet unbefangen unsere neue Schanze in sein Taschenbuch. Ich
+will nur gehen und ihn einfuehren."
+
+Da er mit Morone eintrat, der beruehmte Verraeter, eine schlanke und
+hohe Gestalt und ein stolzes, farbloses Haupt mit feinen Zuegen und
+auffallend dunkeln Augen, eine unheimliche, aber grosse Erscheinung,
+verbeugte er sich hoeflich vor Franz Sforza, der ihn scheu betrachtete.
+
+"Hoheit", sprach Karl Bourbon, "ich bezeuge meine schuldige
+Ehrerbietung und bitte um Gehoer fuer eine Botschaft der Kaiserlichen
+Majestaet."
+
+Herzog Franz antwortete mit Wuerde, dass er bereit sei, den Willen
+seines erhabenen Lehensherrn ehrfuerchtig zu vernehmen, wankte dann
+aber und glitt in seinen Sessel zurueck.
+
+Als der Konnetabel den Herzog sich setzen sah, blickte auch er sich
+nach einem Stuhl oder wenigstens nach einem Schemel um. Nichts
+dergleichen war vorhanden und auch kein Page gegenwaertig. Da warf er
+seinen kostbaren Mantel dem Herzog gegenueber an den Marmorboden und
+lagerte sich geschmeidig, den linken Arm aufgestuetzt, den rechten in
+die Huefte setzend. "Hoheit erlaube", sagte er.
+
+Karl Bourbon lebte seit seinem Verrate in einer sengenden und
+verzehrenden Atmosphaere des Selbsthasses. Niemand, sogar der
+Vornehmste nicht, haette es gewagt, den stolzen Mann auch nur mit
+einer Miene an seine Tat zu erinnern und ihn das Urteil erraten zu
+lassen, welches die oeffentliche Meinung seines Jahrhunderts
+einstimmig und mit ungewoehnlicher Haerte ueber ihn gefaellt hatte, aber
+er kannte dieses strenge Urteil, und sein Gewissen bestaetigte es.
+Die gruendlichste Menschenverachtung brachte er, bei sich selbst
+anfangend, der ganzen Welt entgegen, doch beherrschte er sich
+vollkommen, und niemand benahm sich tadelfreier und redete farbloser,
+jeden Hohn, jede Ironie, selbst die leiseste Anspielung sich und
+damit auch den andern untersagend. Nur selten verriet, wie eine
+ploetzlich aus dem Boden zuckende Flamme, ein hoellischer Witz oder ein
+zynischer Spass den Zustand seiner Seele.
+
+Nachdem der Konnetabel eine Weile gesonnen, begann er mit angenehmer
+Stimme und einer leichten Wendung des Kopfes: "Ich bitte Hoheit, mich
+nicht entgelten zu lassen, was meine Sendung Unwillkommenes fuer Sie
+haben koennte. Meine Person voellig zurueckstellend, uebermittle ich der
+Hoheit einen Beschluss der Kaiserlichen Majestaet, welchen dieselbe in
+ihrem Ministerrate gefasst hat, allerdings nach Vernehmung ihrer drei
+italienischen Feldherrn, Pescara, Leyva und meiner Untertaenigkeit."
+
+"Wie befindet sich Pescara?" fragte der Kanzler, der in gleicher
+Entfernung von den zwei Hoheiten stand, frech dazwischen. "Ist er
+geheilt von seiner Speerwunde bei Pavia?"
+
+"Freundchen", versetzte der Konnetabel geringschaetzig, "ich bitte
+Euch, nicht zu reden, wo Ihr nicht gefragt werdet."
+
+Da nahm der Herzog die Frage auf. "Herr Konnetabel", sagte er, "wie
+befindet sich der Sieger von Pavia?"
+
+Bourbon verneigte sich verbindlich. "Ich danke der Hoheit fuer die
+huldvolle Nachfrage. Mein erlauchter und geliebter Kollege Ferdinand
+Avalos Marchese von Pescara ist voellig hergestellt. Er reitet ohne
+Beschwerde seine zehn Stunden." Dann fuhr er fort: "Lasset mich
+jetzt zur Sache kommen, Hoheit. Bittere Arznei will schnell gereicht
+sein. Die Kaiserliche Majestaet wuenscht sehr, dass die Hoheit
+zuruecktrete aus der neuen Liga, die Sie mit der Heiligkeit, den
+Kronen von Frankreich und England und der Republik Venedig
+abgeschlossen hat oder abzuschliessen im Begriffe ist."
+
+Jetzt fand der Herr von Mailand den Fluss der Rede und beteuerte mit
+gut gespieltem Erstaunen und herzlicher Entruestung, dass ihm von einer
+solchen Liga nichts bekannt sei und er selbst sicherlich der erste
+waere, nach seiner Lehenspflicht den Kaiser ungesaeumt zu unterrichten,
+wenn seines Wissens in Oberitalien derlei gegen die Majestaet
+gesponnen wuerde. Und er legte die Hand auf das feige Herz.
+
+Mit vorgebogenem Haupte hoeflich lauschend, liess der Konnetabel den
+jungen Heuchler seine Luege in immer neuen Wendungen wiederholen.
+Dann erwiderte er in kuehlem Tone, mit einer unmerklichen Faerbung
+veraechtlichen Mitleids: "Die Worte der Hoheit unangetastet, muss ich
+glauben, dass dieselbe von der Sachlage nicht genau unterrichtet ist.
+Wir denken es besser zu sein. Der Friede zwischen Frankreich und
+England mit einer boesen Absicht gegen den Kaiser ist eine Tatsache,
+die uns mit Sicherheit aus den Niederlanden gemeldet wurde. Ebenso
+gewiss sind wir, dass in Oberitalien gegen uns geruestet wird. Und
+soweit sich der Heilige Vater beurteilen laesst, scheint auch er, den
+wir verwoehnt haben, sich verdeckt gegen uns zu wenden. Zu
+unterscheiden, was gethan und was im Werden ist, kann nicht unsere
+Aufgabe sein: wir bauen vor. Ehe die Liga", fuegte er mit leiserer
+Stimme bedeutsam hinzu, "einen Feldherrn gefunden hat."
+
+Dann stellte er seine Forderung: "Hoheit giebt uns Sicherheit, in
+Monatsfrist, dass Sie Neutralitaet haelt. Das ist die instaendige Bitte
+Kaiserlicher Majestaet. Unter Sicherheit aber versteht sie:
+Verabschiedung der Schweizer, Beurlaubung der lombardischen Waffen
+auf die Haelfte, Einstellung aller und jeder Festungsbauten und
+UEberlassung dieses erfindungsreichen Mannes"--er wies mit dem Haupte
+seitwaerts--"an Kaiserliche Majestaet. Wo nicht"--und er erhob sich
+ungestuem, als wollte er zu Pferde springen--"wo nicht, blasen wir zum
+Aufbruch, den letzten September, um Mitternacht, keine Stunde frueher,
+keine spaeter, und besetzen in wenigen Maerschen das Herzogthum. Hoheit
+ueberlege." Er verbeugte sich und schied.
+
+Da ihm Morone das Geleite geben wollte, verfiel Bourbon in eine
+seiner tollen Launen und wies den Kanzler mit einer possenhaften
+Gebaerde ab. "Adieu, Pantalon mon ami!" rief er ueber die Schulter
+zurueck.
+
+Morone gerieth in Wuth ueber diese Benennung, welche seiner Person allen
+Ernst und Wert abzusprechen schien, und entruestet auf und nieder
+schreitend, verwickelte er sich mit den Fuessen in den
+liegengebliebenen Mantel des Konnetable; der junge Herzog aber hielt
+den Kanzler fest, hing sich ihm an den Arm und weinte: "Girolamo, ich
+habe ihn beobachtet! Er glaubt sich hier schon in dem Seinigen.
+Schliesse ab! Heute noch! Sonst entthront mich dieser Teufel!"
+
+Noch lag der hilflose Knabe in den Armen seines Kanzlers, als ein
+greiser Kaemmerer den Ruecken vor ihm bog und feierlich das Wort sprach:
+"Die Tafel der Hoheit ist gedeckt." Die beiden folgten ihm, der mit
+wichtiger Miene durch eine Reihe von Zimmern voranschritt. Eines
+derselben, ein Kabinett, das keinen eigenen Ausgang hatte, schien mit
+seiner Tapete von moosgruenem Sammet und seinen vier gleichfarbigen
+Schemeln ein fuer trauliche Mitteilungen bestimmter Schlupfwinkel zu
+sein. In seiner Mitte blieb der Herzog verwundert stehen, denn die
+Hinterwand des sonst leeren Raumes fuellte jetzt ein Bild, das er
+nicht als sein Eigenthum kannte. Es war heimlich in den Palast
+gekommen, eine ihm bereitete UEberraschung, das Geschenk des
+Markgrafen von Mantua, wie auf dem Rahmen zu lesen stand. Der Herzog
+ergriff seinen Kanzler an der Hand, und beide Italiener naeherten sich
+mit leisen Tritten und einer stillen, andaechtigen Freude dem
+machtvollen Gemaelde: auf einem weissen Marmortischchen spielten Schach
+ein Mann und ein Weib in Lebensgroesse. Dieses, ein helles und warmes
+Geschoepf in fuerstlichen Gewaendern, beruehrte mit zoegerndem Finger die
+Koenigin und forschte zugleich verstohlenen Blickes in der Miene des
+Mitspielers, der, ein Krieger von ernsten und durchgearbeiteten Zuegen,
+in dem streng gesenkten Mundwinkel ein Laecheln, versteckte.
+
+Beide, Herzog und Kanzler, erkannten ihn sogleich. Es war Pescara.
+Die Frau erriethen sie mit Leichtigkeit. Wer war es, wenn nicht
+Victoria Colonna, das Weib des Pescara und die Perle Italiens? Sie
+konnten sich nicht von dem Bilde trennen. Sie fuehlten, dass sein
+groesster Reiz die hohe und zaertliche Liebe sei, welche die weichen
+Zuege der Dichterin und die harten des Feldherrn in ein warmes Leben
+verschmolz, und nicht minder die Jugend der Beiden, denn auch der
+benarbte und gebraeunte Pescara erschien als ein heldenhafter Juengling.
+
+In der That, achtzehnjaehrig Beide, waren sie miteinander an den Altar
+getreten, und sie hatten sich mit Leib und Seele Treue gehalten, oft
+und lang getrennt, sie bei der keuschen Ampel in Italiens grosse
+Dichter vertieft, er vor einem glimmenden Lagerfeuer ueber der Karte
+bruetend, dann endlich wieder auf Ischia, dem Besitzthum des Marchese,
+wie auf einer seligen Insel sich vereinigend. Solches wusste das
+sittenlose Italien und zweifelte nicht, sondern bewunderte mit einem
+Laecheln.
+
+Auch die zwei vor dem Bilde Stehenden empfanden die Schoenheit dieses
+Bundes der weiblichen Begeisterung mit der maennlichen
+Selbstbeherrschung. Sie empfanden sie nicht mit der Seele, aber mit
+den feinen Fingerspitzen des Kunstgefuehls. So waeren sie noch lange
+gestanden, wenn nicht der Kammerherr unterthaenig gemahnt haette, dass
+zwei Geladene im Vorzimmer des Esssaales warteten. Durch ein paar
+Thueren wurde jenes erreicht und, nach einer kurzen Vorstellung der
+Gaeste, dieser betreten.
+
+Jetzt sassen die Viere an der nicht ueberladenen, aber ausgesuchten
+Tafel. Waehrend des ersten leichten Gespraeches besah sich der Herzog
+insgeheim seine Gaeste. Keine Gesichter konnten unaehnlicher sein als
+diese dreie. Den haesslichen Kopf und die grotesken Zuege seines
+Kanzlers freilich wusste er auswendig, aber es fiel ihm auf, wie
+ruhelos dieser heute die feurigen Augen rollte und wie ueber der
+dreisten Stirn das pechschwarze Kraushaar sich zu straeuben schien.
+Daneben hob sich das Haupt Guicciardins durch maennlichen Bau und
+einen republikanisch stolzen Ausdruck sehr edel ab. Der Venezianer
+endlich war eines schoenen Mannes Bild mit einem vollen weichen Haar,
+leise spottenden Augen und einem liebenswuerdigen verraetherischen
+Laecheln. Auch in der Farbe unterschieden sich die drei Angesichter.
+Die des Kanzlers war olivenbraun, der Venezianer besass die
+durchsichtige Blaesse der Lagunenbewohner, und Guicciardin sah so gelb
+und gallig aus, dass der Herzog sich bewogen fuehlte ihn nach seiner
+Gesundheit zu fragen.
+
+"Hoheit, ich litt an der Gelbsucht", versetzte der Florentiner kurz.
+"Die Galle ist mir ausgetreten, und das ist nicht zum Verwundern,
+wenn man weiss, dass mich die Heiligkeit in ihre Legationen versendet
+hat, um dieselben zu einem ordentlichen Staate einzurichten. Da
+schaffe einer Ordnung, wo die Pfaffen Meister sind! Nichts mehr
+davon, sonst packt mich das Fieber, trotz der gesunden Luft von
+Mailand und den guten deutschen Nachrichten." Er wies eine suesse
+Schuessel zurueck und bereitete sich mit mehr Essig als OEl einen
+Gurkensalat.
+
+"Nachrichten aus Deutschland?" fragte der Kanzler.
+
+"Nun ja, Morone. Ich habe Briefe von kundiger Hand. Die Mordbauern
+sind zu Paaren getrieben und--das Schoenste--Fra Martino selbst ist
+mit Schrift und Wort gewaltig gegen sie aufgetreten. Das freut mich
+und laesst mich an seine Sendung glauben. Denn, Herrschaften, ein
+weltbewegender Mensch hat zwei AEmter: er vollzieht, was die Zeit
+fordert, dann aber--und das ist sein schwereres Amt--steht er wie ein
+Gigant gegen den aufspritzenden Gischt des Jahrhunderts und
+schleudert hinter sich die aufgeregten Narren und boesen Buben, die
+mitthun wollen, das gerechte Werk uebertreibend und schaendend."
+
+Der Herzog war ein wenig enttaeuscht, denn er liebte Krieg und Aufruhr,
+wenn sie jenseits der Berge wuetheten und seine Einbildungskraft
+beschaeftigten, waehrend er selbst ausser Gefahr stand. Der Kanzler
+aber that einen Seufzer und sagte mit einem wahren menschlichen
+Gefuehle: "In Germanien mag nun viel Grausames geschehen."
+
+"Thut mir leid", versetzte der Florentiner, "doch ich behalte das
+Ganze im Auge. Jetzt, nach Baendigung der trotzigen Ritter und der
+rebellischen Bauern, fuehren die Fuersten. Die Reformation, oder wie
+ihr es nennen wollet, ist gerettet."
+
+"Und Ihr seid ein Republikaner?" stichelte der Kanzler.
+
+"Nicht in Deutschland."
+
+Auch der schoene Laelius goennte sich einen Scherz. "Und Ihr dienet dem
+heiligen Vater, Guicciardin?" lispelte er.
+
+Dieser, dem das suessliche Laecheln widerstand und den seine Gelbsucht
+reizbar machte, antwortete freimuethig: "Jawohl, Herrlichkeit, zur
+Strafe meiner Suenden! Der Papst ist ein Medici, und diesem Hause ist
+Florenz verfallen. Ich aber will nicht aus meiner Vaterstadt
+vertrieben werden, denn fluechtig sein ist das schlimmste Los und
+gegen seine Heimat zu Felde liegen das groesste Verbrechen. Der
+Heilige Vater weiss, wer ich bin, und nimmt mich nicht anders, als ich
+bin. Ich diene ihm, und er hat nicht ueber mich zu klagen. Aber ich
+lasse mir nicht das Maul verbinden, und so sei es mit Wonne
+ausgesprochen unter uns Wissenden: Fra Martino hat eine gerechte
+Sache, und sie wird sich behaupten."
+
+Dem Herzog machte es Spass, und er empfand eine Schadenfreude, es zu
+erleben, wie der grosse germanische Ketzer von einem Sachwalter des
+heiligen Vaters verherrlicht wurde. Freilich ueberlief ihn eine
+Gaensehaut, dass solches in seiner Gegenwart und in seinem Palaste
+geschehe. Er winkte die Diener weg, welche eben die Fruechte
+aufgesetzt hatten und der spannenden Unterhaltung ihre stille
+Aufmerksamkeit widmeten.
+
+Jetzt forderte Morone, der sich auf seinem Stuhle hin und her
+geworfen, mit flammenden Augen den Florentiner auf: "Ihr seid ein
+Staatsmann, Guicciardin, und auch ich pfusche ins Handwerk. Wohlan,
+begruendet eure merkwuerdigen Saetze: Bruder Martinus thut ein gerechtes
+Werk, und dieses Werk wird gelingen und dauern."
+
+Guicciardin leerte ruhig seinen Becher, waehrend der schoene Laelius ein
+Zuckerbrot zerbroeckelte, der Herzog nach seiner Art sich im Sessel
+gleiten liess und Morone begeistert von dem seinigen aufsprang.
+
+"Nicht wahr, Herrschaften", begann der Florentiner, "kein Kind, kein
+Thor wuerde es ertragen, wenn ein Ding vorgeben wollte, dasselbe Ding
+geblieben zu sein, nachdem es sich in sein Gegentheil verwandelt haette,
+zum Beispiel das Lamm in den Wolf, oder ein Engel in einen Teufel.
+Wie wir nun in unserm gebildeten Italien von der heiligen Gestalt
+denken moegen, die sich in den Paepsten fortsetzt, eines ist nicht zu
+leugnen: dass sie nur Gutes und Schoenes gewollt hat. Und ihre
+Nachfolger, die das Werk und Amt des Nazareners uebernommen
+haben--sehet nur die viere der Wende des Jahrhunderts! Da ist der
+Verschwoerer, der unsern guetigen Julian gemeuchelt hat! Dann kommt
+der schamlose Verkaeufer der goettlichen Vergebung! Nach ihm der
+Moerder, jener unheimliche zaertliche Familienvater! Keine
+Fabelgestalten, sondern Ungeheuer von Fleisch und Blut, in kolossalen
+Verhaeltnissen vor dem Auge der Gegenwart stehend! Und der vierte,
+den ich von Jenen trenne: unser grosser Julius, ein Heros, der Gott
+Mars, aber ein Gegensatz, noch schreiender als jene Dreie zu dem
+sanftmuethigen Friedestifter! Viermal nacheinander dieser Widerspruch,
+das ist ein Hohn gegen die menschliche Vernunft. Es nimmt ein Ende:
+entweder verschwindet jene erste himmlische Gestalt in dieser
+dampfenden Hoelle und flammenden Waffenschmiede, oder Bruder Martinus
+loest sie mit einem scharfen Schnitt von solchen Nachfolgern und
+Amtsbruedern."
+
+"Das ist lustig", meinte der Herzog, waehrend der Kanzler wie besessen
+in die Haende klatschte.
+
+"Eine Predigt Savonarolas", liess sich der schoene Lelio vernehmen, ein
+Gaehnen verwindend. "Wenn wir Fra Martino in Venedig haetten, so
+koennten wir ihn zuegeln und sachdienlich verwenden. Aber seinem
+germanischen Trotzkopf ueberlassen, wird er, fuercht' ich, ueber kurz
+oder lang dem Andern auf den Scheiterhaufen folgen."
+
+"Nein", versetzte Guicciardin heiter, "seine braven deutschen Fuersten
+werden ihr Schwert vor ihn halten und ihn schuetzen."
+
+"Doch wer schuetzt seine Fuersten?" spottete der Venezianer.
+
+Guicciardin schlug eine froehliche Lache auf. "Der heilige Vater",
+sagte er. "Sehet, Herrschaften, das ist eine jener verdammt feinen
+Zwickmuehlen, wie sie der Zufall oder ein Besserer in der
+Weltgeschichte anlegt. Seit unsere Paepste sich verweltlicht haben
+und einen Staat in Italien besitzen, ist ihnen das kleine Zepter
+theurer als der lange Hirtenstab. Ist nicht, diesem Scepter zuliebe,
+unser Clemens im Begriff, dem frommglaeubigen Kaiser foermlich den
+Krieg zu erklaeren? Einem heiligen Vater aber, der mit Kanonen auf
+ihn schiesst, wird Karl kaum den Gefallen thun, seine tapfern
+germanischen Landsknechte in die Kirche zurueckzuzwingen. Und
+umgekehrt: wenn die ketzerischen deutschen Fuersten gegen die
+Kaiserliche Majestaet sich empoeren und Panier aufwerfen, wird der
+heilige Vater nicht ihre Seele vorlaeufig in Ruhe lassen und sich
+heimlich ihrer Waffen bedienen? Unterdessen aber waechst der Baum und
+streckt seine Wurzeln."
+
+Jetzt wurde der Herzog unruhig. Es kam die angenehme Stunde seines
+Tagewerkes, in welcher er seine Hunde und Falken mit eigenen Haenden
+fuetterte. "Herrschaften", sagte er, "mich wuerde dieser germanische
+Moench nicht verfuehren. Man hat mir sein Bildnis gezeigt: ein plumper
+Bauernkopf, ohne Hals, tief in den Schultern. Und seine Goenner, die
+saxonischen Fuersten--Bierfaesser!"
+
+Guicciardin zerdrueckte den feinen Kelch in der Hand und einen Fluch
+zwischen den Zaehnen. "Es ist schwuel hier im Saale", entschuldigte er
+sich, und gleich hob der Herzog die Tafel auf. "Wir wollen frische
+Luft schoepfen", meinte er. "Auf Wiedersehen, Herrschaften, nach
+Sonnenuntergang, im gruenen Kabinette."
+
+Er verliess das Zimmer, um dem Venezianer, an welchem er ein
+Wohlgefallen fand, seine Gebaeude, Terrassen und Gaerten zu zeigen. Es
+waren noch jene unvergleichlichen Anlagen, welche der letzte Visconte
+gebaut und mit seinem gespenstischen Treiben erfuellt hatte, die
+UEberbleibsel jener "Burg des Glueckes", wo er, wie ein scheuer Daemon
+in seinem Zauberschlosse, Italien mit vollendeter Kunst regierte, und
+aus welcher er seine Guenstlinge, sobald sie erkrankten, wegtragen
+liess, damit niemals der Tod an diese Marmorpforten klopfe.
+
+Ein guter Theil der alten Pracht war verfallen, oder zertreten und
+verschuettet durch den Krieg und die neu aufgeworfenen Bollwerke.
+Immerhin blieb noch genug uebrig fuer die schmeichelnde Bewunderung des
+schoenen Laelius, und Franz Sforza verlebte ein paar huebsche Stunden.
+Nur da sie eine Reitbahn betraten, welche der Bourbon waehrend seiner
+mailaendischen Statthalterschaft errichtet, verschatteten sich die
+fuerstlichen Zuege, um sich dann aber gleich wieder zu erheitern. Er
+hatte das schallende Gelaechter Guicciardins vernommen und darauf
+diesen selbst erblickt, der sich in eine laendliche Veranda hemdaermlig
+mitten unter lombardische Stallknechte gesetzt hatte, mit ihnen
+Karten spielte und einem herben Landweine zusprach. "Die
+Vergnuegungen eines Republikaners", spottete Franz Sforza. "Er erholt
+sich von seinem fuerstlichen Umgange." Der schoene Lelio laechelte
+zweideutig, und sie setzten ihren Lustwandel fort.
+
+Der Erste, welcher sich in dem moosgruenen Kabinette einfand, wenn er
+es nicht etwa gleich nach aufgehobener Tafel betreten und nicht
+wieder verlassen hatte, war Girolamo Morone. Er stand vertieft in
+das Bild. Eine Weile mochte er die entzueckten Augen an dem
+holdseligen Weibe geweidet haben, jetzt aber durchforschte er mit
+angestrengtem Blicke das Antlitz des Pescara, und was er aus den
+starken Zuegen heraus oder in dieselben hinein las, gestaltete sich in
+dem erregten Manne zu heftigen Gebaerden und abgebrochenen Lauten.
+"Wie wirst du spielen, Pescara?" stammelte er, die schalkhafte Frage,
+die in Victorias unschuldigem Auge lag, ingrimmig wiederholend und
+die pechschwarze Braue zusammenziehend.
+
+Da erhielt er einen kraeftigen Schlag auf die Schulter. "Verliebst du
+dich in die goettliche Victoria, du Sumpf?" fragte ihn Guicciardin mit
+einem derben Gelaechter.
+
+"Spass beiseite, Guicciardin, was denkst du von Dem hier mit dem rothen
+Wamse?", und der Kanzler wies auf den Feldherrn.
+
+"Er sieht wie ein Henker."
+
+"Nicht, Guicciardin. Ich meine: was sagst du zu diesen Zuegen? Sind
+es die eines Italieners oder die eines Spaniers?"
+
+"Eine schoene Mischung, Morone. Die Laster von beiden: falsch,
+grausam und geizig! So habe ich ihn erfahren, und du selbst, Kanzler,
+hast mir ihn so gezeichnet. Erinnere dich! in Rom, vor zwei Jahren,
+da der witzige Jakob uns zusammen ueber den Tiber setzte."
+
+"Hab ich? Dann war es der Irrthum eines momentanen Eindrucks.
+Menschen und Dinge wechseln."
+
+"Die Dinge, ja; die Menschen, nein: sie verkleiden und spreizen sich,
+doch sie bleiben, wer sie sind. Nicht wahr, Hoheit?" Guicciardin
+wendete sich gegen den Herzog, welcher eben eintrat und dem der
+Venezianer auf dem Fusse folgte.
+
+Die vier gruenen Schemel besetzten sich und die Tueren wurden verboten.
+Das offene Fenster fuellte ein gluehender Abendhimmel.
+
+"Herrschaften", begann der Herzog mit wuerdiger Miene, "wie weit die
+Vollmachten?"
+
+"Meine Bescheidenheit", sagte der schoene Laelius, "ist beauftragt
+abzuschliessen."
+
+"Die Weisheit des heiligen Vaters", folgte Guicciardin, "wuenscht
+ebenfalls ein Ende. Die Liga war langeher der Liebling ihrer
+Gedanken: sie stellt sich, wie ihr gebuehrt, an die Spitze, mit
+Vorbehalt der schonenden Formen des hoechsten Hirtenamtes."
+
+"Die Liga ist geschlossen!" rief der Herzog muthig. "Kanzler, statte
+Bericht ab!"
+
+"Herrschaften", begann dieser, "in ihren Briefen verspricht die
+franzoesische Regentschaft, im Einverstaendnis mit dem zu Madrid
+gefangen sitzenden Koenige, ein ansehnliches Heer und entsagt zugleich
+endgueltig, in die Haende des heiligen Vaters, den Anspruechen auf
+Neapel und Mailand."
+
+"Optime!" jubelte der Herzog. "Und Schweizer bekaemen wir soviel wir
+wollen, in lichten Haufen, wenn wir nur Ducaten haetten, ihnen damit
+zu klingeln. Nicht wahr, Kanzler?"
+
+"Da ist Rat zu schaffen", versicherten die zwei Andern.
+
+"Aber, Herren", draengte Morone, "es eilt! Der Borbone war hier. Man
+blickt uns in die Karten. Die drei Feldherrn drohen in Monatsfrist
+Mailand zu nehmen, wenn wir nicht abruesten. Wir muessen losschlagen,
+und um loszuschlagen, muessen wir unsern Capitano waehlen, jetzt,
+sogleich!"
+
+"Dazu sind wir gekommen", sprachen die Zweie wiederum einstimmig.
+
+"Der Liga den Feldherrn geben!" wiederholte der Kanzler. "Das ist
+nicht weniger als ueber das Los Italiens entscheiden! Wen stellen wir
+dem Pescara entgegen, dem groessten Feldherrn der Gegenwart? Nennet
+mir den ebenbuertigen Geist! Unsern grossen Kriegsleuten, dem Alviano,
+dem Trivulzio, ist laengst die Grabschrift gemacht, und die uebrigen
+hat Pavia getoedtet. Nennet mir ihn! Zeiget mir die maechtige Gestalt!
+Wo ist die gepanzerte rettende Hand, dass ich sie ergreife?"
+
+Eine truebe Stimmung kam ueber die Gesellschaft, und der Kanzler
+weidete sich an der Niedergeschlagenheit der Verbuendeten.
+
+"Wir haben den Urbinaten oder den Ferraresen", meinte Nasi, doch
+Guicciardin erklaerte buendig, den Herzog von Ferrara schliesse die
+Heiligkeit aus als ihren abtruennigen Lehensmann. "Waehlen wir den
+Herzog von Urbino. Er ist kleinlich und selbstsuechtig, ohne weiten
+Blick, ein ewiger Verschlepper und Zauderer, aber ein versuchter
+Kriegsmann, und es bleibt uns kein Anderer", sprach der Florentiner
+mit gerunzelter Stirn.
+
+"Da waere noch Euer Hans Medici, Guicciardin, und Ihr haettet den
+jungen Waghals, nach dem euer Herz zu begehren scheint", neckte ihn
+der Venezianer.
+
+"Hoehnt Ihr mich, Nasi?" zuernte Guicciardin. "Dass ein junger Frevler
+unsere patriotische Sache entweihe und ein tollkuehner Bube unsern
+letzten Krieg mit den Wuerfeln einer leichtsinnigen Schlacht
+verspiele? Der Urbinate wird uns wenigstens nicht verderben, wenn er
+den Krieg verewigt, die Hilfe eines wuergenden Fiebers oder eines
+Auflaufes der Landsknechte im kaiserlichen Lager abwartend. Waehlen
+wir ihn." Er seufzte, und in demselben Augenblicke fuhr er wuethend
+gegen den Kanzler los, den er das Ende seiner Rede mit einem
+verzweifelnden Gebaerdenspiele begleiten sah. "Lass die Grimassen,
+Narr!" schrie er ihn an, "... ich bitte um Vergebung, Hoheit, wenn ich
+ungeduldig werde, und Hoheit ist auf meiner Seite, wie ich glaube..."
+Der Herzog blickte auf seinen Kanzler.
+
+"Sei es", sagte Morone, "wir stimmen bei, aber es ist ein unfreudiges
+Ja, das die Hoheit zu dem seelenlosen Anfange unsers Buendnisses giebt."
+Der Herzog nickte truebselig. "Nein", rief der Kanzler, "sie giebt
+es nicht, die Hoheit tritt zurueck, sie kann es nicht verantworten,
+die letzten Kraefte dieses Herzogtums zu erschoepfen! Sie zieht nicht
+zu Felde, im voraus entmuthigt und geschlagen! Die Liga ist
+aufgehoben! Oder wir suchen ihr einen siegenden Feldherrn."
+
+Die zwei Andern schwiegen missmuthig.
+
+"Und ich weiss einen!" sagte Morone.
+
+"Du weisst ihn?" schrie Guicciardin. "Bei allen Teufeln, heraus damit!
+Rede! Wen werfen wir in die Wagschale gegen Pescara?"
+
+"Redet, Kanzler!" trieb auch der Venezianer.
+
+Morone, der von seinem Schemel aufgesprungen war, trat einen Schritt
+vorwaerts und sprach mit starker Stimme: "Wen wir gegen Pescara in die
+Wagschale werfen? Welchen Ebenbuertigen? Pescara, ihn selber!"
+
+Ein Schrecken versteinerte die Gesellschaft. Der Herzog starrte
+seinen ausserordentlichen Kanzler mit aufgerissenen Augen an, waehrend
+Guicciardin und der Venezianer langsam die Hand an die Stirn legten
+und zu sinnen begannen. Beide erriethen sie als kluge Leute ohne
+Schwierigkeit, wie Morone es meinte. Sie waren die Soehne eines
+Jahrhunderts, wo jede Art von Verrath und Wortbruch zu den
+alltaeglichen Dingen gehoerte. Haette es sich um einen gewoehnlichen
+Kondottiere gehandelt, einen jener fuerstlichen oder plebejischen
+Abenteurer, welche ihre Banden dem Meistbietenden verkauften, sie
+haetten wohl dem Kanzler sein frevles Wort von den Lippen
+vorweggenommen. Aber den ersten Kaiserlichen Heerfuehrer? aber
+Pescara? Unmoeglich! Doch warum nicht Pescara? Und da Morone
+leidenschaftlich zu sprechen begann, verschlangen sie seine Worte.
+
+"Herrschaften", sagte dieser, "Pescara ist unter uns geboren. Er hat
+Spanien niemals betreten. Die herrlichste Italienerin ist sein Weib.
+Er muss Italien lieben. Er gehoert zu uns, und in dieser
+Schicksalsstunde, da wir mit dem noch ledigen Arm unsern andern schon
+gefesselten befreien wollen, nehmen wir den groessten Sohn der Heimat
+und ihren einzigen Feldherrn in Anspruch. Wir wollen zu ihm gehen,
+ihn umschlingen und ihn anrufen: Rette Italien, Pescara! Ziehe es
+empor! Oder es reisst dich mit in den Abgrund!"
+
+"Genug declamiert!" rief Guicciardin. "Ein Phantast wie du, Kanzler,
+mit den unbaendigen Spruengen deiner Einbildungskraft ist dazu da, das
+Unmoegliche zu erdenken und auszusprechen, das vielleicht, naeher
+betrachtet, nicht voellig unmoeglich ist. Jetzt aber sei stille und
+lass die Vernuenftigen es beschauen und sich zurechtlegen, was du im
+Fieber geweissagt hast. Gebaerde dich nicht wie ein Rasender, sondern
+setze dich und lass mich reden!
+
+Herrschaften, oft, und in verzweifelten Lagen immer, ist Kuehnheit der
+beste und einzige Rath. Der Krieg unter dem Urbinaten starrt uns an
+wie eine Maske mit leeren Augen. Wir alle fuehlen, er wuerde uns
+langsam laehmen und methodisch zu Grunde richten. Lieber ein
+halsbrechendes Wagnis. Also ja! Wenn es nach mir geht, versuchen
+wir den Pescara! Verraeth er uns an den Kaiser, so kann er uns alle
+verderben. Aber wer weiss, ob er nicht seinem Daemon unterliegt?
+Zuerst muessen wir uns fragen: Wer ist Pescara? Ich will es euch
+sagen: ein genialer Rechner, der die Moeglichkeiten scharfsinnig
+scheidet und abwaegt, der die Dinge unter ihrem truegerischen Antlitz
+auf ihren wahren Werth und ihre reale Macht zu untersuchen die
+Gewohnheit hat. Waere er sonst, der er ist, der Sieger von Bicocca
+und Pavia? Wenn wir ihn antreten, wird er zuerst eine grosse
+Entruestung heucheln ueber eine Sache, die er sicherlich selbst schon
+in gewissen Stunden sich besehen und betrachtet hat, wenn auch
+vielleicht nur als UEbung seines immerfort arbeitenden Verstandes.
+Dann wird er langsam und sorgfaeltig abwaegen: den Stoff, den wir ihm
+geben, das heisst unser Italien, ob sich daraus ein Heer und spaeter
+ein Reich bilden liesse, und--seinen Lohn. Und da der Stoff zwar edel,
+aber sproede ist und einer gewaltig bildenden Hand bedarf, muessen wir
+ihm die groesste Belohnung bieten: eine Krone."
+
+"Welche Krone?" stammelte der Herzog angstvoll.
+
+"Eine Krone, Hoheit, sagte ich, keinen Herzogshut, und meinte die
+schoene von Neapel. Sie ist in Feindeshand, also erledigt, und ein
+Lehen der Heiligkeit."
+
+"Wenn wir Kronen austheilen", spottete der Venezianer, "warum bieten
+wir dem Pescara nicht gleich die Fabel- und Traumkrone von Italien?"
+
+"Die Traumkrone!" Das Antlitz des Florentiners zuckte schmerzlich.
+Dann sprach er trotzig, sich und die Umsitzenden vergessend: "Die
+Krone von Italien! Wenn Pescara an der Spitze unserer Heere reitet,
+wird sie ungenannt vor ihm herschweben. Moechte er sie, als der
+Groesste unserer Geschichte, fassen und ergreifen, diese ideale Krone,
+nach welcher schon so manche Haende und die frevelhaftesten sich
+gestreckt haben! Moege sie auf seinem Haupte zur Wahrheit werden!
+Und", sagte er kuehn, "weil wir heute jedes gewoehnliche Mass verlassen
+und unsern Endgedanken und innersten Wuenschen Gestalt geben, so
+wisset, Herrschaften: ist Pescara der Vorausbestimmte, wie es moeglich
+waere, in der Zeit liegen grosse Beguenstigungen und in den Sternen
+glueckliche Verheissungen. Baut er Italien, so wird er es auch
+beherrschen. Aber, Kanzler, ich habe dich einen Phantasten genannt
+und phantasiere groesser als du. Kehren wir zurueck aus dem Reiche des
+Ungebornen in die Wirklichkeit und stellen wir die Frage: wer
+uebernimmt die Rolle des Versuchers?"
+
+"Ich stuerze mich wie Curtius in den Abgrund!" rief der Kanzler aus.
+
+"Recht", billigte Guicciardin. "Du bist die Person dazu. Einem
+Andern wuerde die Stimme versagen, und er wuerde vor Scham versinken,
+wenn er vor Pescara traete, um mit ihm von seinem Verrathe zu reden.
+Du Schamloser aber bist zu allem faehig, und deine Schellenkappe
+bringt dich aus Lagen und Verwicklungen, wo jeder Andere haengen
+bliebe. Will Pescara nicht, so nimmt er dich von deiner naerrischen
+Seite und behandelt dich als Possenreisser; will er, so wird er unter
+deinen tragischen Gebaerden und deinen komischen Runzeln den Ernst und
+die Groesse der Sache schon zu entdecken wissen. Gehe du hin, mein
+Sohn, und versuche den Pescara!"
+
+Der Herzog, der sich gruebelnd auf seinem Schemel zusammengekauert
+hatte, wollte eben nach Licht rufen, denn die Daemmerung wuchs, und er
+fuerchtete das Dunkel. Da sah er die Dinge unvermuthet auf ihre Spitze
+kommen und wurde aengstlich. "Kanzler, du darfst nicht!" verbot er.
+"Ich will mit diesem grossmaechtigen Pescara nichts zu schaffen haben.
+Bekommen wir ihn, so wird er zuerst meine Ebenen nehmen, welche den
+Krieg anlocken, und meine Festungen, welche sie behaupten. Und hat
+er sie, so wird er sie behalten. Verspielt er aber, so buesse ich
+zuerst und verfalle ohne Gnade dem Spruche des Kaisers, meines
+Lehensherrn. Oh, ich durchschaue euch! Ihr Alle, selbst Dieser
+da"--er blickte wehmuethig nach seinem Kanzler--"habet immer nur euer
+Italien im Sinne, und ich gelte euch"--er blies ueber die flache
+Hand--"soviel! Ich aber bin ein Fuerst und will mein Erbe, mein
+Mailand, und nichts als mein Mailand! Und du, Girolamo, gehst nicht
+zu Pescara. Die Geschaefte wuerden darunter leiden. Ich kann dich
+keine Stunde entbehren!"
+
+Jetzt nahm der schoene Laelius das Wort und lispelte: "Wenn Hoheit
+darauf bestuende, so wuerde durch ihren Einspruch unser Plan hinfaellig,
+und ich haette einen andern. Da wir uns einmal, sonderbarerweise,
+nach unserm Capitano unter den kaiserlichen Feldherrn umsehen, waere
+nicht etwa der Versuch zu machen, ob sich der Borbone, gegen ein
+grosses Anerbieten, zu einem zweiten Verrath entschloesse?"
+
+Der Herzog schrak zusammen. "Wann verreisest du, mein Girolamo?"
+fragte er.
+
+"Zuerst, Kanzler", fiel Guicciardin ein, "habe ich Auftrag, dich nach
+Rom mitzunehmen. Der heilige Vater wuenscht dich naeher kennen zu lernen.
+Denn er hat eine grosse Meinung von dir. Er nennt dich den Kanzler
+Proteus und behauptet, du seiest, trotz deiner tollen Augen, einer
+der kluegsten Maenner Italiens."
+
+"Das ist gut", bemerkte der Venezianer, "schon weil es die
+entscheidende Stunde verschiebt, in welcher Girolamo Morone als
+Versucher zu Pescara tritt. Ich wuensche dieser Stunde zuvor einen
+Grund und eine Wurzel in der oeffentlichen Meinung zu geben. Darf ich
+mich darueber verbreiten, Herrschaften?"
+
+Das fade Gesicht des Venezianers nahm, soweit sich in der Daemmerung
+noch unterscheiden liess, einen energischen Ausdruck an und er redete
+mit markiger Stimme: "Der Kanzler, da er sein bedeutendes Wort
+aussprach, hat uns ohne Zweifel erschreckt, aber nicht eigentlich in
+Verwunderung gesetzt. Nachdem der vernichtende Schlag von Pavia dem
+Kaiser unser ganzes Italien wehrlos zu Fuessen geworfen hatte, suchte
+die oeffentliche Meinung von selbst eine Schranke gegen die drohende
+Allmacht und liess aus der Natur der Dinge unsere Liga emporwachsen.
+Zugleich beschaeftigte sich die oeffentliche Meinung mit dem Lohne, der
+Pescara fuer seinen vollkommenen Sieg und die Erbeutung eines Koeniges
+gebuehre. Und da die Kargheit und der Undank des Kaisers weltbekannt
+sind, zog sie den Schluss, dass er seinen Feldherrn nicht
+zufriedenstellen und dieser anderwaerts einen Ersatz suchen werde.
+Jetzt verbindet die oeffentliche Meinung diese beiden Dinge: unsern
+schon durchschimmernden patriotischen Bund und einen moeglichen
+groessern Gewinn des Pescara. So wird sein UEbertritt glaubwuerdig,
+bevor er sich vollzieht. Nur ist es dienlich, dass dieser begruendeten
+allgemeinen Ansicht durch eine geschickte Hand eine ueberzeugende
+Gestalt und durch eine gelaeufige Zunge eine fuer ganz Italien
+verstaendliche Sprache gegeben werde. Nun ist seit kurzem ein
+wanderndes Talent unter uns aufgetaucht, ein vielversprechender
+junger Mann, der sich hoffentlich noch an Venedig fesseln laesst--"
+
+"Einen Fusstritt dem Aretiner! Er hat mich schaendlich verleumdet..."
+"Ein goettlicher Mann! Er hat mich den ersten Fuersten Italiens
+genannt!" riefen Guicciardin und der Herzog miteinander aus.
+
+"Ich sehe", laechelte Nasi, "dass der Mann auch hier nach seinem Werthe
+gekannt ist. Seine Briefe, an wahre oder erfundene Personen, in
+tausend und tausend Blaettern ausgestreut, sind eine Macht und
+beherrschen die Welt. Ich will ihm eine sehr starke Summe senden,
+und ihr werdet euch ueber die Saat von schoenfarbigen Giftpilzen
+verwundern, die ueber Nacht aus dem ganzen Boden Italiens emporschiesst:
+Verse, Abhandlungen, Briefwechsel, ein bacchantisch aufspringender,
+taumelnder Reigen verhuellter und nackter, drohender und verlockender
+Figuren und Wendungen, alle um Pescara sich drehend und um die
+Wahrscheinlichkeit und Schoenheit seines Verrathes. So bildet sich
+eine unueberwindliche allgemeine UEberzeugung, welche den Pescara zu
+uns herueberreisst und ihn zugleich--da liegt es--am kaiserlichen Hofe
+so gruendlich und endgueltig untergraebt, dass er zum Verraether werden muss,
+er wolle oder nicht."
+
+"Nichts da, Exzellenz!" rief der Kanzler aus dem Dunkel. "Ihr
+verderbt mir das Spiel! Der Befreier Italiens soll sich in voller
+Freiheit entscheiden, nicht als das Opfer einer teuflischen Umgarnung..."
+
+"Du bist praechtig, Kanzler, mit deinen moralischen Skrupeln!"
+unterbrach ihn Guicciardin. "Wisse, auch mein Herz empoert sich und
+nimmt Theil fuer den unrettbar UEberlisteten! Aber ich heisse den
+Menschen schweigen und handle als Staatsmann. Das Mittel der
+Exzellenz ist ohne Vergleichung unter alle dem, was heute Abend
+gefunden wurde, das Ruchloseste, aber auch das Kluegste und Wirksamste.
+Erst jetzt wird die Sache wahrhaft gefaehrlich fuer Pescara, und sein
+Verrath wahrscheinlich. Ans Werk."
+
+"Er ist unter uns und lauscht!" schrie der Herzog mit gellender
+Stimme, dass Alle zusammenfuhren. Ihre Blicke folgten seinem
+geaengstigten. Der Mond, der als blendende Silberscheibe ueber den
+Horizont getreten war und seine schraegen Strahlen in das kleine
+Gemach zu werfen begann, spielte wunderlich auf der Schachpartie.
+Victorias hervorquellendes Auge blickte erzuernt, als spraeche es: Hast
+du gehoert, Pescara? Welche Verruchtheit! und jetzt fragte es
+angstvoll: Was wirst du thun, Pescara? Dieser war bleich wie der Tod,
+mit einem Laecheln in den Mundwinkeln.
+
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+
+In der weiten hellen Fensternische jener edeln vatikanischen Kammer,
+an deren Dielen und Waenden Raphael die Triumphe des Menschengeistes
+verherrlicht, sass ein Greis mit grossen Zuegen und von ehrwuerdiger
+Erscheinung. Er sprach bedaechtig zu dem emporgewendeten, mit
+dunkelblonden Flechten umwundenen Haupte eines Weibes, das zu seinen
+Fuessen sass und mit einem warmen menschlichen Blut in den Adern ebenso
+schoen war als die Begriffe des Rechtes und der Theologie, wie sie der
+Urbinate in herrlichen weiblichen Gestalten verkoerpert. Der betagte
+Papst mit seinem langen gebueckten Ruecken und in seinem fliessenden
+weissen Gewande aehnelte einer klugen Matrone, welche lehrhaft mit
+einem jungen Weibe plaudert.
+
+Noch nicht gar lange mochte Victoria auf ihrem Schemel gesessen haben,
+denn der heilige Vater erkundigte sich eben erst nach dem Befinden
+ihres Gatten, des Marchese von Pescara. "Die Seitenwunde von Pavia
+macht sich nicht mehr fuehlbar?" sagte er.
+
+"Der Marchese ist voellig geheilt", erwiderte Victoria unschuldig.
+"Die Seitenwunde ist vernarbt, sowie auch die schlimmere Stirnwunde.
+Er wird Eure Heiligkeit begruessen, wenn er den Urlaub antritt, den ihm
+die Gnade des Kaisers zugesagt hat und der uns Glueckselige"--sie
+sprach es mit jubelnden Augen--"auf unserer Meeresinsel vereinigen
+wird. Aber er selbst verweigert sich denselben fuer einmal noch,
+weniger des politischen Horizontes wegen, der nicht heller noch
+trueber sei als sonst--so schreibt er--, sondern weil er gerade jetzt
+das Heer ungern verlasse. Der Moerder", sagte sie laechelnd,
+"beschaeftigt sich naemlich mit einer vervollkommneten Feuerwaffe und
+einem neuen Manoever. Das braechte er nun gerne erst zu einem Ergebnis.
+So hat er mich, die er anfaenglich hier in Rom ueberraschen wollte,
+in sein Feldlager nach Novara beschieden und ich reise morgen, nicht
+im Schneckenhaus meiner Saenfte, sondern im Sattel meines hitzigen
+tuerkischen Pferdchens. Haette ich Fluegel! mich verlangt nach den
+Narben meines Herrn, dessen Antlitz ich nicht gesehen seit jener
+beruehmten Schlacht, die ihn unsterblich gemacht hat. Und so bin ich
+zu der Heiligkeit geeilt in der Freude meines Herzens, um mich bei
+Ihr zu beurlauben: denn das ist der Zweck meines Besuches." So
+redete Victoria aufwallend und ueberquellend wie ein roemischer Brunnen.
+
+Ihre aufrichtigen Worte belehrten den Heiligen Vater, dass Pescara
+sein Thun und Lassen in dasselbe Zwielicht stelle, welches auch er
+liebte. Nur mit dem Unterschiede, dass der junge Pescara im
+entscheidenden Augenblicke wie ein Blitz aus seiner Wolke
+hervorsprang, waehrend Clemens unentschlossen, ueber sich selbst zornig,
+in der seinigen verborgen blieb, weil er aus greisenhafter
+UEberklugheit den Moment zu ergreifen versaeumte. Er schaerfte, in
+einem andern Bilde gesprochen, den Stift so lange, bis zu seinem
+AErger die allzufeine Spitze abbrach. Jetzt trat er leise und
+tastete.
+
+"Einen Urlaub hat der Marchese verlangt?" verwunderte er sich. "Ich
+daechte, seinen Abschied? Achilles zuernt im Zelte, so hoerte ich."
+
+"Davon weiss ich nichts, und das glaube ich nicht, Heiliger Vater",
+entgegnete Victoria und warf mit einer stolzen Gebaerde das Haupt
+zurueck. "Warum seinen Abschied?"
+
+"Nicht wegen einer rosigen Briseis, Madonna", antwortete Clemens
+aergerlich mit einem frostigen Scherze, "sondern geprellt um einen
+erbeuteten Koenig und um die Thuerme von Sora und Carpi."
+
+Damit spielte der Papst auf zwei bekannte Thatsachen an. Der
+Vicekoenig von Neapel hatte bei Pavia, Pescara zuvorkommend, den Degen
+des franzoesischen Koenigs in Empfang und damit die Ehre vorweggenommen,
+die erlauchte Beute nach Spanien fuehren zu duerfen. Und dann hatte
+der Kaiser Sora und Carpi den begehrlichen Colonnen, den eigenen
+Verwandten der Victoria geschenkt, nicht seinem grossen Feldherrn,
+welcher ebenfalls einen Blick danach geworfen.
+
+Victoria erroethete unwillig. "Heiliger Vater, Ihr denkt gering von
+meinem Gemahl. Ihr stellet Euch einen kleinlichen Pescara vor: gebet
+mir Urlaub, damit ich reise und mich ueberzeuge, dass euer Pescara
+nicht mein Pescara ist. Ich habe Eile, vor den wahren zu treten."
+
+Sie erhob sich und stand gross vor dem Papste, aber schon verbeugte
+sie sich wieder tief mit demuethiger Gebaerde, um seinen Segen flehend.
+Da bat er sie, sich wiederum zu setzen, und sie gehorchte. Clemens
+durfte sich die Gelegenheit nicht entrinnen lassen, Pescara durch den
+geliebten Mund seines Weibes zum Abfalle zu bereden. Dass aber mit
+Anspielungen und Vorbereitungen bei der Colonna, wie er sie vor sich
+sah, nichts gethan waere, begriff er leicht: entweder wuerde sie sich
+gegen das Zweideutige aufbaeumen oder es als etwas Unverstaendliches
+und Nichtiges unbesehen in den Winkel werfen. Er musste dieser wahren
+und auf Wahrheit dringenden Natur die Sache in klaren Umrissen
+vorzeichnen und in ein volles Licht stellen, damit sie dieselbe ihres
+Blickes wuerdige. Das ging ihm gegen seine Art, und er that einen
+schweren Seufzer.
+
+Da fand er eine Auskunft, die nicht ohne Geist und List war. Er
+fragte Victoria mit einer harmlosen Miene, waehrend er die Hand mit
+dem Fischerring auf ein in blauen Sammet gebundenes Buch mit
+vergoldeten Schloessern legte: "Spinnst du wieder etwas Poetisches,
+geliebte Tochter? Wahrlich, ich bin ein Verehrer deiner Muse, weil
+sie sich mit dem Guten und Heiligen beschaeftigt. Und ich liebe sie
+insbesondere, wo sie moralische Fragen stellt und beantwortet. Aber
+das schwerste sittliche Problem hast du noch in keinem deiner Sonette
+behandelt. Weisst du, welches ich meine, Victoria Colonna?"
+
+Diese wunderte sich nicht ueber den ploetzlichen Einfall des Heiligen
+Vaters, weil sie hier auf dem eigenen Boden stand und, bei ihrem
+schon gefeierten Namen, Gelehrte und Laien wohl nicht selten aehnliche
+Fragen an sie richten mochten. Sie fuehlte sich und erhob den
+schlanken Leib kampflustig, waehrend sich ihre Augen mit Licht fuellten.
+"Der groesste sittliche Streit", sagte sie ohne Besinnen, "ist der
+zwischen zwei hoechsten Pflichten."
+
+Jetzt hatte der Heilige Vater Fahrwasser gewonnen. "So ist es",
+bekraeftigte er mit theologischem Ernste. "Das heisst: scheinbar
+hoechsten, denn eine der beiden ist immer die hoehere, sonst gaebe es
+keine sittliche Weltordnung. Ich flehe zu Gott und seinen Heiligen,
+dass sie dir beistehen und dich die hoehere Pflicht erkennen lassen,
+damit du sie der geringem vorziehest, du und dein Gatte, denn siehe,
+dieser grosse und schwere Kampf wird an euch Beide herantreten."
+
+Victoria erblasste, da ihr die akademische Frage ploetzlich in das
+lebendige Fleisch schnitt, der Heilige Vater aber redete feierlich:
+"Hoere mich, meine Tochter! Alles, was ich dir jetzt zu sagen habe,
+ist auch dem Marchese gesagt, den meine Worte durch dich erreichen.
+Vernimm es: der Heilige Stuhl trennt sich zu dieser Stunde von der
+kaiserlichen Majestaet und bietet ihr die Spitze. Ich handle so als
+Fuerst und als Hirte. Als Fuerst: weil heute die Schicksalsstunde
+Italiens ist. Lassen wir sie verrinnen, so verfallen wir
+italienischen Fuersten alle auf Jahrhunderte hinaus dem spanischen
+Joche. Frage, wen du willst: so urtheilen alle Einsichtigen. Aber
+auch als hoechster Hirte. Ersteht in jenem raethselhaften Juengling, der
+Voelker in seinem Blut und auf seinem Haupte Kronen vereinigt, der
+alte Kaisergedanke, so ist die ganze leidenvolle Arbeit meiner
+heiligen Vorgaenger umsonst gewesen, und die Kirche wird durch die
+neue Staatskunst enger gefesselt und tiefer gedemuethigt als von den
+eisernen Faeusten jener fabelhaften germanischen Ungetueme, der Salier
+und der Staufen. So steht es. Blieb dir fremd, was Italien mit
+Furcht und Hoffnung erfuellt?"
+
+"Der Marchese will es nicht glauben", sagte Victoria mit einem
+schnellen Erroethen. Der Heilige Vater laechelte. "Heiligkeit vergesse
+nicht", laechelte sie ebenfalls, "ich bin eine Colonna, das ist eine
+Ghibellinin."
+
+"Du bist eine Roemerin, meine Tochter, und eine Christin", wies sie
+Clemens zurecht.
+
+Es entstand eine Pause. Dann fragte sie: "Und Pescara?"
+
+"Pescara", antwortete der Papst und daempfte die Stimme, "ist eher
+mein Unterthan als derjenige des Kaisers. Denn er ist ein
+Neapolitaner, und ich bin der Lehensherr von Neapel. Glaube nicht,
+Victoria, dass ich leichthin rede. Wie duerfte ich es, da ich das
+Gewissen der Welt bin? Wahrlich, ich sage dir: in schlaflosen
+Naechten und bekuemmerten Fruehstunden habe ich mein Recht auf Pescara
+geprueft. Meiner politischen Vernunft misstrauend, habe ich die zwei
+groessten Rechtsgelehrten Italiens zu Rate gezogen, Accolti und... hm...
+den zweiten."
+
+Der Papst zerdrueckte den Namen klueglich auf der Zunge, da ihm noch
+zur rechten Zeit einfiel, dieser zweite Rechtsgelehrte, der Bischof
+von Cervia, geniesse des Rufes der schamlosesten Kaeuflichkeit.
+"Beide"--Clemens klopfte mit dem Fischerring auf das blaue
+Buch--"stimmen zusammen, dass Pescara, nach strengem Rechte betrachtet,
+viel mehr mein Mann sei als der des Kaisers, und beide erinnern mich
+daran, dass ich ueberdies, kraft meines Schluesselamtes, jetzt, da der
+Kaiser mein Feind wird, die Macht besitze, den Marchese eines Eides
+zu entbinden, den er einem Feinde des Heiliges Stuhles geschworen hat."
+
+Der Papst hatte sich langsam erhoben. "Und so tue ich!" sagte er
+priesterlich. "Ich loese Ferdinand Avalos vom Kaiser und zerbreche
+seine Treue. Ich ernenne den Marchese von Pescara zum Gonfaloniere
+der Kirche und zum Feldherrn der Liga, welche die Heilige heisst, weil
+Christus in der Person seines Nachfolgers an ihrer Spitze steht."
+Der Papst hielt inne.
+
+Jetzt hob er die rechte und die linke Hand in gleicher Hoehe, als
+hielten sie eine Krone ueber dem Haupte der Colonna, die, von Staunen
+ueberwaeltigt, auf die Knie sank, und sprach mit lauter Stimme: "Die
+Verdienste meines Gonfaloniere um mich und die Heilige Kirche voraus
+belohnend, kroene ich Ferdinand Avalos Marchese von Pescara zum Koenige
+von Neapel!" Die junge Koenigin erbebte vor Freude. Sie glaubte eine
+Krone zu verdienen. Sprachlos, mit brennenden Wangen empfing sie den
+Segen. Dann stand sie auf und ging, in gemessenen, aber eiligen
+Schritten, als koenne sie es nicht erwarten, dem erhoehten Gemahl seine
+Krone zu bringen.
+
+Der Heilige Vater, selbst aufgeregt, folgte ihr so hastig, dass er
+beinahe einen Pantoffel verloren haette. An der Schwelle erreichte er
+sie und wollte ihr den Band von blauem Sammet bieten. "Fuer den
+Marchese", sagte er.
+
+Da erblickte er hinter ihr Guicciardin mit Morone, die vielleicht ein
+bisschen an der Tuere gehorcht hatten. Victoria mit strahlenden Augen
+voll gluehender Wonne erschien dem Kanzler als ein solches Wunder, dass
+er fast von Besinnung kam. Rasch gesammelt aber flehte er den Papst
+an: "Die Heiligkeit mache mich Unheiligen bekannt mit der himmlischen
+Victoria!", worauf Clemens ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter
+gab und ihn mit den Worten vorstellte: "Der Kanzler von Mailand, ein
+Weltkind, auf das sich der Heilige Geist herabzulassen beginnt!"
+Dann wisperte er Viktorien ins Ohr: "Morone, Buffone."
+
+Diese verschwand in der Verwirrung ihres Glueckes, waehrend der Papst
+in der seinigen das wichtige blaue Buch zurueckbehielt, denn er war
+noch ganz berauscht von der kuehnen symbolischen That, zu welcher ihn
+der Anblick der schoenen Frau hingerissen hatte. Nun fuehlte er doch,
+dass er das Gleichgewicht verloren; er wies mit einer Handbewegung den
+Besuch des Florentiners und des Lombarden ab und trat in die
+Raffaelische Kammer zurueck.
+
+Die beiden nicht Empfangenen sahen sich einen Augenblick an, dann
+ergriff Guicciardin lachend den Arm des Kanzlers und zog ihn
+sanftgestufte Treppen hinunter in die Vatikanischen Gaerten, deren
+Schattengaenge sie nicht aufzusuchen brauchten, denn der Himmel hatte
+sich mit schwarzen Wolken bedeckt.
+
+"Eigentlich", plauderte Guicciardin, "mag ich den Alten leiden. So
+fein er spinnt und so bedacht er redet, ist er doch innerlich ein
+leidenschaftlicher, ein zorniger Mensch wie ich, und jetzt hoechst
+aufgeregt, weil er der Colonna unsere gefaehrliche Heimlichkeit
+geoffenbart hat. Du in deiner Verzueckung hast es freilich nicht
+gesehen, wie er ihr die Gutachten des Accolti und des Angelo de Cesis
+in die Hand druecken wollte. Zwei kaeufliche Schurken, die den Meineid
+mit Bibelstellen belegen! UEbrigens ist es ein starkes Ding, dass
+Clemens in seinen alten Tagen so Kuehnes und Folgenschweres unternimmt,
+und noch mehr, er unternimmt es mit tiefem Misstrauen gegen sich
+selbst, ohne Glauben an seinen Stern, denn er haelt sich heimlich fuer
+einen Pechvogel. Das ist schlimm. Da war denn doch der Leo ein
+anderer, immer strahlend und triumphierend, und darum immer gluecklich,
+waehrend die gegenwaertige Heiligkeit, wie sie mir neulich im Tone des
+Jeremias prophezeite, die Ewige Stadt schon gepluendert und aus diesen
+Daechern"--er wies auf den Vatikan--"Rauch und Flamme steigen sieht.
+Dennoch beginnt er den Kampf gegen den Kaiser, und das rechne ich ihm
+hoch an, ob es ihm auch zuerst um sein Florenz zu thun ist. Er hat
+noch Blut in den Adern und knirscht die Zaehne, soviel ihm geblieben
+sind, wenn er den hochmuetigen spanischen Adel auf dem Kapitole
+stolzieren sieht wie in Neapel oder Bruessel. Aber wohin traeumst du,
+Kanzler? Von dem Weibe? Natuerlich."
+
+"Ich will zu der Roemerin reden wie ein alter Roemer!" rief der Kanzler.
+
+"Schoen! Nur huete dich, dass du in der Begeisterung nicht deinen
+klassischen Bocksfuss unter der Toga hervorstreckest. Sei zuechtig,
+mache grosse Worte und packe sie fest an ihrer Eitelkeit!"
+
+"An ihrem Herzen will ich sie packen!"
+
+"Das heisst, an ihrer Tintenflasche, denn die Herzen schreibender
+Weiber sind mit Tinte gefuellt", laesterte der schmaehsuechtige
+Florentiner. "Aber weisst du, Kanzler"--und Guicciardin kniff ihn
+kraeftig in den Arm--"dass es nicht der Heilige Vater allein ist, den
+unsere Unternehmung schlaflos macht. Auch ich habe in dieser Woche
+noch kein Auge geschlossen. Immer muss ich mir diesen Pescara
+zurechtdenken. Auf seinen Groll gegen den Kaiser gebe ich nichts:
+sie koennen sich ueber Nacht versoehnen. Ebensowenig auf den Einfluss
+des Weibes. Sie wird ihm die Botschaft des Papstes ausrichten duerfen:
+weiter wird er nicht auf sie hoeren. Aber ich glaube auch nicht an
+seine feudale Treue. Pescara ist kein Cid Campeador, oder wie die
+Spanier ihren loyalen Helden nennen, dafuer ist er zu sehr ein Sohn
+Italiens und des Jahrhunderts. Er glaubt nur an die Macht und an die
+einzige Pflicht der grossen Menschen, ihren vollen Wuchs zu erreichen
+mit den Mitteln und an den Aufgaben der Zeit. So ist er und so passt
+er uns. Unfehlbar, er wird unsere Beute und wir die seinige.
+Dennoch... lache mich aus, Morone... etwas umhaucht mich: ich wittere
+Verborgenes oder Geheimgehaltenes, etwas Wesentliches oder auch etwas
+Zufaelliges, etwas Koerperliches oder einen Zug seiner Seele, kurz, ein
+unbekanntes Hindernis, das uns den Weg vertritt und unsere genaue
+Rechnung faelscht und vereitelt."
+
+"Aber", sagte Morone nachdenklich werdend, "wenn er so ist, wie du
+ihn nimmst, und wenn die Thatsachen liegen, wie wir sie kennen, aus
+welcher Geisterquelle sollte denn jenes Feindselige aufsteigen?"
+
+"Ich weiss es nicht! Nur--von diesem Pescara geht der Ruf, er
+verstehe es, einen stuermenden Feind alle Hoehen erklimmen zu lassen,
+um ihm dann ploetzlich einen letzten mit Feuerschluenden besetzten und
+ihn zerschmetternden Wall entgegenzustellen. Wenn in seinem Innern
+ein solcher Wall gegen uns emporstiege, gerade im Augenblicke, da wir
+glauben, seine Seele bewaeltigt zu haben? Doch weg mit dem Spuk, der
+nichts ist als die Schwuele vor dem Gewitter, die natuerliche Angst und
+Ungewissheit, die jedem grossen und gefaehrlichen Unternehmen vorangeht."
+
+Ein Blitz flammte ueber den Vatikan. Er stand in weissem Feuer und
+zeigte die schoenen Verhaeltnisse der neuen Baukunst. Unter dem Rollen
+des Donners verloren sich die zweie zwischen den Saeulen eines
+Portikus, Guicciardin betroffen und sich fragend, was das Omen
+bedeute, der Kanzler unbekuemmert um den Himmel und seine Zeichen,
+denn er sah sich schon zu den Fuessen der Colonna.
+
+Diese hatte im Taumel ihrer Begeisterung den Vatikan ueber die naechste
+seiner zahlreichen Treppen und durch eines seiner Nebentore verlassen.
+Saenfte und Gefolge, welche sie an der Hauptpforte vergeblich
+erwarteten, hatte sie vergessen und wandelte, mehr von ihrem
+ehrgeizigen Traume getragen als von dem aufziehenden Gewitter gejagt,
+mit bewegten Gewanden nach ihrem Palast am Apostelplatze zurueck. Sie
+schritt mit einer geraubten Krone wie die erste Tullia, nicht ueber
+den Leichnam des Vaters, sondern ueber die gemeuchelte Staatstreue:
+denn die Tochter des Fabricius Colonna und die Gattin Pescaras war
+eine Neapolitanerin und die Unterthanin Karls des Fuenften, des Koenigs
+von Neapel.
+
+Die kroenende Gebaerde des Papstes hatte sie ueberwaeltigt. Gewoehnung
+und Umgebung, der Glaube der Jahrhunderte und die ueberlieferten
+Formen der Froemmigkeit liessen sie in dem Haupte der Kirche, so
+entartet diese sein mochte, immer noch eine Werkstaette des goettlichen
+Willens und ein Gefaess der hoechsten Ratschluesse erblicken--und wie
+haette das eigene Selbstgefuehl und mehr noch der Stolz auf den Wert
+ihres Gatten sie zweifeln lassen an dem paepstlichen Rechte, auf das
+wuerdigste Haupt eine Krone zu setzen? So konnte ihr die anmassende
+Handlung des Mediceers trotz der veraenderten Zeiten als ein Ausspruch
+der Gottheit erscheinen.
+
+Die neue Koenigin ohne Gefolge hatte den Borgo durcheilt, die
+Engelsbruecke ueberschritten und ging nun schon durch die "gerade
+Gasse", wie sie hiess, im Gelaerme der Menge. Diese gab der Colonna
+ehrerbietig Raum, ohne zu erstaunen ueber den unbegleiteten Gang und
+die eilenden Fuesse der erlauchten Frau, welche jetzt der dem Gewitter
+vorangehende Sturm befluegelte. Nach und nach aber verlangsamten sich
+ihre Schritte in dem dichter werdenden Gewuehle der nicht breiten
+Strasse, obwohl der schmale Himmel darueber immer dunkler und drohender
+wurde.
+
+Da erblickte sie ueber die Menge hinweg eine Kavalkade. Herren der
+spanischen Gesandtschaft begleiteten, wohl zu einer Audienz im
+Vatikan, den dritten kaiserlichen Feldherrn in der Lombardei, Leyva.
+Dieser vormalige Stallmeister, der Sohn eines Schenkwirts und einer
+Dirne, den ein knechtischer Ehrgeiz und ein eiserner Wille
+emporgebracht, hatte einen plumpen Koerper und das Gesicht eines
+Bullenbeissers, denn Stirn, Nase und Lippe waren ihm von demselben
+Schwerthiebe gespaltet. Neben ihm auf einem herrlichen andalusischen
+Vollblute ritt, in einen weissen Mantel gehuellt, ein vornehmer Mann
+mit braunem Kopf und energischen Zuegen, welcher jetzt mit einer
+devoten Verbeugung Viktorien zu gruessen schien; aber er hatte sich nur
+vor den steinernen Heiligen einer nahen Kirche verneigt.
+
+War es die grelle Gewitterbeleuchtung oder die gemessen feindselige
+Haltung der Herren in einer Stadt, von deren dreigekroentem Gebieter
+sie ihren Koenig insgeheim verraten wussten, oder war es Victorias
+erregte Einbildungskraft, sie sah und fuehlte in der Grandezza der
+Reiter und Rosse, den in die Huefte gesetzten Armen, den veraechtlich
+halb ueber die Schulter auf die Romulussoehne niedergleitenden Blicken
+und bis in die steifen Bartspitzen den Hohn und die Beleidigung der
+beginnenden spanischen Weltherrschaft, sie empfand Grauen und Ekel,
+und ein toedlicher Hass regte sich in ihrem roemischen Busen gegen diese
+fremden Raeuber und hochfahrenden Abenteurer, welche die neue und die
+alte Erde zusammen erbeuteten. Warum war der junge Kaiser zugleich
+der Koenig dieser ruchlosen Nation, in deren Adern maurisches Blut
+floss und die Italien mit ihren Borjas vergiftet hatte?
+
+Sonst haette sie wohl der uralte Familiengeist ihres gibellinischen
+Geschlechtes, das jahrhundertelang seinen Vorteil darin gefunden
+hatte, der kaiserlichen Sache ohne Gehorsam zu dienen, an Karl
+gefesselt, aber nein, nicht an diesen Kaiser, auch wenn er kein
+Spanier gewesen waere. Sie konnte sich nichts machen aus dem
+undeutlichen Knaben, den sie nie von Angesicht gesehen, weder sie
+noch irgendwer in Italien, das jener zu betreten zoegerte.
+
+Einen Brief freilich hatte er an sie geschrieben nach dem Siege von
+Pavia, um sie zu beglueckwuenschen, dass sie die Gattin Pescaras sei.
+Aber gerade in diesen kargen Zeilen schien sich ein kuemmerliches
+Gemuet zu spiegeln, und was der grossgesinnten Frau am meisten missfiel,
+war die in ihren Augen aengstliche und froemmelnde Demut, mit welcher
+der junge Kaiser Gott und seinen Heiligen die ganze Ehre des Sieges
+gab. Obwohl selbst dem Himmel dankbar, schaetzte Victoria solche
+Demut gering an einem Manne und an einem Herrscher. War hier nicht
+das Gestaendnis, dass der begeisternde Sieg den Fernstehenden kuehl
+gelassen hatte, ja, war hier nicht die kleinliche Absicht, den
+Lorbeer Pescaras zu schmaelern? Darum musste der Himmel alles gethan
+haben. Victoria aber war brennend eifersuechtig auf den Ruhm ihres
+Gatten. Und wie ungrossmuetig hatte sich Karl erwiesen! Er hatte es
+ueber sich gebracht, dem Feldherrn, welchem er Italien verdankte, zwei
+armselige italienische Staedtchen zu verweigern! Nein, einen so
+kleinen Menschen konnte man gar nicht verraten, man konnte hoechstens
+von ihm abfallen und ihn fahrenlassen.
+
+Jetzt blendete sie ein gewaltiger Blitz, derselbe, der den Kanzler
+und Guicciardin unter die Daecher des Vatikans zurueckgetrieben, und
+eben da der Regen zu stuerzen begann, erreichte sie, rechts durch ein
+Seitengaesschen biegend, die dunkeln Stufen des Pantheon und seine
+erhabene Vorhalle. Ohne das Innere des machtvollen Tempels zu
+betreten, lehnte sie, die entstehende Kuehle einatmend, an eine der
+enge zusammengerueckten gewaltigen Saeulen, und unter dem Vordache des
+alten Bauwerkes kehrte ihr Geist in ein noch frueheres Altertum zurueck,
+dessen Tugenden die fluessige Bildkraft des Jahrhunderts
+verherrlichte, ohne sie zu besitzen oder auch nur begreifen zu koennen
+in ihrer eintoenigen Starrheit und strengen Wirklichkeit.
+
+Jene tugendhaften Lucretien und Cornelien traten ihr wie Schwestern
+vor das altertumstrunkene Auge, trug sie doch zwei Namen, die beide
+so roemisch als moeglich klangen, und war ihr doch wie jenen hohen
+Frauen das weiblich Boese unbekannt. Jene schlichten und stolzen
+Geschoepfe hatten die Eroberer der Welt geboren, Virgils grossartiges
+"Tu regere imperio", das sie sich wie oft schon vorgesagt hatte,
+ueberwaeltigte sie jetzt bis zu den Traenen. Sie betrat den Tempel und
+warf sich nieder in der Mitte desselben unter der wetterleuchtenden
+Woelbung und rang die Haende und flehte, dass Rom und Italien nicht
+versinke in das Grab der Knechtschaft. Sie flehte in den
+christlichen Himmel hinauf und nicht minder zu dem Olympier, der ueber
+ihr donnerte, zu alle dem, was da rettet und Macht hat, mit der
+wunderlichen und doch so natuerlichen Goettermischung der
+UEbergangszeiten.
+
+Da sie das Pantheon verliess--wie lange sie auf den Knien gelegen,
+wusste sie nicht--heiterte sich der italienische Himmel eben wieder
+auf, und in ihrem gewoehnlichen Wandel, leicht und gemessen, beendigte
+sie den Weg nach ihrem Palaste.
+
+Jetzt kehrten ihre Gedanken zu Pescara zurueck. Nicht diese ihre
+Frauenhaende konnten den Spanier verjagen, sondern nur er vermochte es,
+welcher in jeder der seinigen einen Sieg hielt, wenn sie und die
+Umstaende ihn dazu ueberredeten. Durfte sie es hoffen? Hatte sie
+solche Gewalt ueber ihn? Und Victoria musste sich sagen, dass sie trotz
+ihrer langen und trauten Ehe den innersten Pescara nicht kenne. Sie
+wusste sein Angesicht, seine Gebaerde, die kleinste seiner Gewohnheiten
+auswendig. Dass der Enthaltsame ihr treu sei, glaubte sie und
+taeuschte sich nicht. Dass er sie anbetete und als sein hoechstes Gut
+mit der aeussersten Liebe und Sorgfalt hegte, zaertlich und
+verehrungsvoll zugleich, darauf war sie stolz. In den seligen
+Stunden ihres kurzen, stets wieder von Feldzug und Lager aufgehobenen
+Zusammenseins warf er Plaene und Karten und seinen Livius weg, um sein
+Weib und gemeinsam mit ihr Meerblaeue und wandernde Segel zu
+betrachten. Er spielte mit ihr Schach, und sie gewann. Er bat sie,
+die Laute zu schlagen, schloss die Augen und lauschte. Er gab ihr fuer
+ihre Sonette spitzfindige Themata auf und verschaerfte zuweilen den
+Umriss ihrer allgemeinen Gedanken und weiten Wendungen, denn er selbst
+hatte frueher, in der unfreiwilligen Musse einer Gefangenschaft--und
+wahrhaftig gar nicht uebel fuer einen Geharnischten--zur Verherrlichung
+Victorias einen "Triumph der Liebe" gedichtet.
+
+Seine Siege aber erzaehlte er, jung wie er war und groesserer gewaertig,
+seinem Weibe niemals, da er sie, wie er sagte, weder langweilen noch
+mit Blut bespritzen wolle, denn ein Feldzug sei eine lange
+Geduldsprobe, die zu der roten Lache einer Schlachtbank fuehre. Von
+Politik sprach er ihr nur gar nicht, weder von Vergangenem noch von
+Schwebendem, obwohl ihm einmal das Wort entschluepfte, Menschen und
+Dinge mit unsichtbaren Haenden zu lenken, sei das Feinste des Lebens,
+und wer das einmal kenne, moege von nichts anderem mehr kosten. Doch
+gewoehnlich meinte er, Politik sei ein schmutziger Markt und sein Weib
+duerfe nicht einmal die helle Spitze ihres Fusses in den ekeln Sumpf
+tauchen.
+
+So gestand sich Victoria, dass ihr der alles untaeuschbar
+durchblickende Pescara undurchdringlich und sein Denken und Glauben
+verschlossen sei.
+
+War das recht? Durfte es fuer sie verbotene Tueren und verschlossene
+Kammern geben in der Seele ihres Mannes? Nach den Plaenen des
+Feldherrn und den Raenken des Staatsmannes war sie nicht begierig,
+aber sie verlangte eingeweiht zu werden in seinen Ehrgeiz und in sein
+Gewissen. Und jetzt, da Pescara vor einer ungeheuren Entscheidung
+stand, nein, jetzt liess sie sich nicht abschuetteln von seinem
+kaempfenden Herzen, nicht abspeisen mit einer Liebkosung oder einem
+Scherze, jetzt wollte sie mitraten und mithandeln. Hatte sie ihm
+nicht eine frische Seele und eine reine Jugend gebracht? War sie
+nicht eine Colonna? Brachte sie nicht heute eine Krone? Ob er diese
+zurueckweise, ob er sie aus ihren Haenden nehme und sie sich aufs Haupt
+setze, hier wollte sie seine Mitschuldige oder seine Mitentsagende
+sein, ein bewusster Teil seiner verschwiegenen Seele. Waere sie schon
+bei Pescara! Herz und Sohlen brannten ihr vor Ungeduld, und schon
+durchschritt sie den Apostelplatz, wo ihr ein geharnischter Juengling
+entgegentrat, der unter dem Tor ihres Palastes auf sie gewartet hatte.
+
+"Ich war um Euch in Sorge, erlauchte Frau", begruesste er sie, "da Eure
+Saenfte und Eure Leute ohne Euch aus dem Vatikan zurueckgekehrt sind.
+Nun, da seid Ihr ja, Patin, wenn ich Euch so nennen darf, wie ich von
+jung an gewohnt war und es auch mein gutes Recht ist." Ohne Antwort
+zu geben, stieg sie mit ihm die Treppen hinan, kaum auf seinen
+dargebotenen Arm sich lehnend.
+
+Diesen gewoehnlichen Dienst von ihm anzunehmen, durfte sie sich nicht
+weigern, was sie auch gegen ihn haben mochte. Denn Del Guasto--so
+hiess der Juengling--war der Neffe Pescaras und wie er ein Avalos. Der
+fuenfzehnjaehrige Pescara und die gleichaltrige Victoria hatten den
+Knaben gemeinsam aus der Taufe gehoben. So hatte es der Vater
+Victorias, der Feldherr Fabricius Colonna, veranstaltet, um seine
+zwei Lieblinge, den jungen Krieger und sein aufgebluehtes Kind,
+zusammen vor einen Taufstein zu stellen und die beiden Gesichter und
+Gestalten sich einander erblicken zu lassen.
+
+Spaeter nahm Victoria den wohlgebildeten und feurigen Knaben, der in
+seinem kostbaren Taufhaeubchen ihre Ehe mit Pescara gestiftet und dem
+die Eltern frueh wegstarben, an Kindes Statt. Waere er nur ein Knabe
+geblieben! Mit der Weichheit seiner Zuege aber verlor er auch die
+Liebenswuerdigkeit seiner Seele. Das schoene Profil bekam einen
+Geierblick und den immer schaerfer sich biegenden Umriss eines
+Raubvogels, und die sich offenbarende Unbarmherzigkeit begann
+Victoria zu befremden und abzustossen. Pescara hatte ihn dann in den
+Krieg entfuehrt, und in der einzigen Schule des von ihm vergoetterten
+Feldherrn war er zu dem verwegenen Soldaten erwachsen, der in der
+Schlacht von Pavia durch Niederlegung der Parkmauer den Sieg begann,
+aber auch zu dem harten, grausamen Menschen, der auf dem vorjaehrigen
+schnellen Rueckzug aus der Provence ein Haus, in dessen Keller ein
+Dutzend seiner Leute sich verspaetet hatten, ohne mit der Wimper zu
+zucken, anzuenden und in Flammen aufgehen liess.
+
+Doch Victoria hatte ihm Schlimmeres vorzuwerfen, einen Frevel, der
+die Frau in ihr empoerte, und davon sollte er nun hoeren, jetzt, da er
+zum ersten Male seit diesem juengsten Verbrechen vor ihr stand. Sie
+erkundigte sich, ob er von Pescara komme und was er bringe. Er
+antwortete, dass er da sei, um die Herrin nach Novara zu geleiten. Er
+glaube zu wissen, dass sein Anblick der Herrin missfalle, habe aber den
+Auftrag des Feldherrn nicht ablehnen duerfen, der die Marchesa nur dem
+sichersten Schwerte anvertrauen wolle. Denn die Strasse werde ebenso
+unsicher wie die Weltlage, und er muesse die Marchesa ersuchen, sich
+morgen in der Fruehe bereitzuhalten, er brenne, ins Lager
+zurueckzukehren, wo jeder naechste Moment den Krieg bringen koenne, und
+da duerfe er nicht fehlen. Der Mailaender, Venedig, die Heiligkeit
+beteuern in die Wette ihre friedlichen Gesinnungen: also stehe der
+Kampf bevor. "Das wissen wir lange schon, es ist nur eine Frage des
+guenstigen Augenblickes. Aber"--er trat einen Schritt zurueck--"etwas
+anderes, etwas Neues, etwas Ungeheures habe ich auf meiner Reise
+durch Mittelitalien gehoert, und ich brauchte nicht einmal zu lauschen.
+In Staedten und Herbergen rauschte es oeffentlich wie die Brunnen auf
+den Plaetzen. Freilich reiste ich unter fremdem Namen und mit nur
+einem Diener." Er hielt inne und blickte mit brennenden Augen, als
+verfolge er die spannende Wendung einer Jagd oder einen in
+Monddaemmerung kriechenden Hinterhalt.
+
+"Redet, Don Juan", fluesterte Victoria.
+
+"Fuer Euch, Madonna, die aus dem Vatikan zurueckkehrt, gibt es kein
+Geheimnis, und es ist nicht einmal eines, sondern, wie ich sagte, ein
+oeffentliches Gefluester, ein schadenfrohes, rachsuechtiges Gekicher,
+ein kaum unterdrueckter, italienischer Jubel, eine allgemeine
+patriotische Rede und Ermunterung, von der ich die groesste Eile habe,
+den Feldherrn zu unterrichten. Denn noch weiss er nichts davon. Wie
+ich meine", fuegte er argwoehnisch bei.
+
+Victoria erbleichte. "Was wird gefluestert", fragte sie beklommen,
+"und ueber wen? doch nicht ueber Pescara?"
+
+"Von ihm. Er ist ueberall. Sie sagen"--er daempfte die Stimme--"der
+Feldherr loese sich vom Kaiser und unterhandle mit der Heiligkeit und
+den italienischen Maechten."
+
+Victoria erschrak ueber den gluehend sinnlichen Ausdruck seines
+Gesichtes. "Und Pescara..." sagte sie undeutlich.
+
+"Wie ich den Feldherrn beneide!" traeumte Don Juan. "Welche
+Aufregungen, welche Genuesse! Italia wirft sich ihm in die Arme... er
+wird sie liebkosen, unterjochen und wegwerfen... oh, er wird mit ihr
+spielen wie die Katze mit der Maus!", und er machte mit der Rechten
+eine haschende Gebaerde.
+
+Ein flammender Zorn uebermochte die Colonna. "Verworfener", rief sie,
+"habe ich dich gefragt, wie Pescara thun wuerde? Bist du der Mensch,
+es zu wissen? Habe ich dir erlaubt, an ihm herumzudeuten?... Wie
+die Katze mit der Maus... abscheulich! So hast du mit Julien
+gespielt, Ehrloser!"
+
+Diese Julia stammte aus einem edeln novaresischen Geschlechte und war
+die Enkelin des gelehrten Arztes Messer Numa Dati, welcher die
+Speerwunde Pescaras geheilt hatte. Del Guasto, der im Hause des
+Arztes Quartier genommen, hatte das Maedchen missleitet und die Wohnung
+gewechselt. Die Preisgegebene war dann, von Scham vernichtet, vor
+dem arglosen Antlitz ihres Grossvaters von Novara weit weg in ein
+roemisches Kloster geflohen und hatte die maechtige Colonna auf den
+Knien angefleht, sich ihrer zu erbarmen und ihre Ehre herzustellen.
+
+Da ihn Victoria einen Ehrlosen hiess, biss sich Don Juan die Lippe.
+"Sachte, Herrin", sagte er, "waeget Eure Worte. Ich bin kein Ehrloser,
+sondern ich waere es, wenn ich Julien nicht verlassen haette. Ich
+rede nicht von dem Unterschiede des Blutes eines Avalos und einer
+Dati, sondern einfach davon, dass mir wie jedem Manne keine Gefallene,
+sondern eine Unschuldige zur Braut geziemt."
+
+Victorias menschliches Herz empoerte sich. "Du bist es, der die
+AErmste mit deinen Liebkosungen und Beteuerungen, ja vielleicht gar
+mit falschen Geluebden und Eiden zu Falle gebracht! Bist du es nicht?
+Kannst du es leugnen?"
+
+Er erwiderte: "Ich leugne es nicht, aber es war mein Kriegsrecht,
+denn Krieg ist zwischen dem maennlichen Willen und der weiblichen
+Unschuld. Ich versuchte sie, ja. Warum widerstand sie nicht? Warum
+gab sie sich? Warum beschuldigt Ihr mich, dass sie schwach war und
+dass ich sie jetzt verachte und verschmaehe?"
+
+Victoria erstarrte vor Entsetzen. "Ruchloser!" stoehnte sie.
+
+"Madonna", kuerzte der Juengling das Gespraech, "das ist eine peinliche
+Unterhaltung, und Ihr tut mir leid dabei. Ich schlage Euch ein
+Tribunal vor. In Novara angelangt, treten wir vor den Feldherrn, und
+Ihr verklaget mich. Ich werde mich rechtfertigen, und der Feldherr,
+der die Welt und ihre Ordnungen kennt, wird mich freisprechen, wie
+ich denke. Jetzt verlasse ich Euch. Ich habe noch Leute zu werben,
+denn ohne eine starke Bedeckung wage ich in diesen unruhigen Zeiten
+nicht fuer Euch zu haften." Er verbeugte sich und verliess sie hohen
+Hauptes.
+
+Victoria wendete sich unwillig und waehlte den entgegengesetzten
+Ausgang. Sie bedurfte Kuehlung und stieg in den Garten hinab. Mit
+dem letzten Tageslichte betrat sie den hinter dem Palaste liegenden
+Raum, welcher, von hohen Mauern eingehuellt, voller Lorbeer und Myrte
+war und den der nachtroepfelnde Regen erfrischte. Ihre Schritte
+suchten das den Garten abschliessende Kasino.
+
+Die Helle genuegte noch, wenn auch mit Muehe die Lettern zu
+unterscheiden in dem Evangelienbuche, welches sie im Vorbeigehen aus
+der Bibliothek genommen und vor das sie sich gesetzt hatte, die heisse
+Stirne in den gefalteten Haenden. Ganz erfuellt von dem Schicksale
+Juliens und dem groessern Pescaras, durchlief sie mit den Augen
+gedankenlos die aufgeschlagene Seite und atmete in vollen Zuegen die
+erfrischte Luft. Nach einer Weile wurde sie sich dessen bewusst, was
+sie las: es war die dreimalige Versuchung des Herrn durch den Daemon
+in der Wueste. Sie las weniger mit dem leiblichen als dem geistigen
+Auge, was sie von Kind an auswendig wusste.
+
+Sie sah den Daemon vor den Heiland treten, welcher das einfache Wort
+der Treue und des Gehorsams den Sophismen des Versuchers
+entgegenhielt. Als der Versucher heftiger draengte, deutete des
+Menschen Sohn auf die Stelle seiner kuenftigen Speerwunde... Da
+wandelte sich das weisse Kleid in einen hellen Harnisch, und die
+friedfertige Rechte bepanzerte sich. Nun war es Pescara, der die
+Hand ueber seine durchschimmernde Wunde legte, waehrend der Daemon jetzt
+einen langen schwarzen Juristenrock trug und sich wie ein Gaukler
+gebaerdete. So sah es die Colonna auf dem vor ihr liegenden
+Bibelblatte. AErgerlich ueber das Spiel ihrer Sinne, that sie sich
+Gewalt an und blickte auf.
+
+"Wer bist du, und was willst du?" rief sie erstaunt, und eine vor ihr
+stehende dunkle Gestalt antwortete: "Ich bin Girolamo Morone und
+komme zu reden mit Victoria Colonna." Victoria erinnerte sich, wen
+ihr heute der Papst gezeigt hatte, und gewahrte jetzt auch den
+einfuehrenden Diener. Dieser entflammte die ueber der Herrin
+schwebende Ampel, rueckte dem Kanzler einen Schemel und entfernte sich,
+waehrend die Marchesa in der entstehenden Helle das haessliche, aber
+maechtige Gesicht ihres naechtlichen Gastes betrachtete, das ihr keinen
+Widerwillen einfloesste.
+
+"Zu spaeter Stunde", sagte sie, "suchet Ihr mich; doch Ihr bringt mir
+wohl einen Auftrag an meinen Herrn, zu welchem ich morgen in der
+Fruehe verreise."
+
+"Vor Pescara denke ich bald selbst zu stehen", erwiderte Morone, "und
+nicht von ihm werde ich Euch reden, sondern allein von Victoria
+Colonna, welche ich mit ganz Italien verehre und anbete wie eine
+Gottheit, der ich aber zuerne und gegen die ich Klage erhebe."
+
+Wer seid Ihr, um so mit mir zu sprechen? lag es auf den Lippen der
+Marchesa, doch sie fragte rasch und warmbluetig: "Wessen klaget Ihr
+mich an? Was ist meine Schuld, Morone?"
+
+"Dass Ihr Euer helles und begeisterndes Antlitz in Rollen und Buecher
+vergrabet und unter Schatten und Fabeln lebet! Dass Ihr den ersten
+Caesar verabscheut und dem neuesten huldigt, dass Ihr Troja beweinet
+und Euer Volk vergesset, dass Euch Prometheus' Bande druecken und die
+Fesseln Italiens nicht schmerzen! Drei Frauen haben sie geschmiedet!"
+
+"Welche dreie?" fragte sie.
+
+"Die erste war Beatrix Este. Wann ihr alternder Gemahl, der Mohr,
+sie auf den schwellenden Mund kuesste, fluesterte sie, dass ihren blonden
+Flechten ein Diadem anstuende, der kluge Mohr verstrickte sich in die
+blonden Flechten und vergiftete seinen Neffen, den Erben von Mailand."
+
+"Die Schaendliche!"
+
+"Der welkende Knabe hatte ein stolzes und feuriges Weib, die
+Aragonesin Isabelle, die Beatrix toedlich hasste, und mit ihren jungen,
+kraeftigen Armen den siechen Knaben, ihren Gemahl, auf den
+vorenthaltenen Thron heben wollte, sie beschwor und bestuermte ihren
+Vater, den Koenig von Neapel, bis dieser den Mohren bedrohte."
+
+"AErmste!"
+
+"Der Mohr war sicher, solange der Gebieter von Florenz, der junge
+Medici, dazwischen stand. Dieser war das Spielzeug seines schoenen
+Weibes, der hochmuetigen Alfonsine Orsini, und das Weib uebermochte ihn,
+dass der Tor dem Mohren Freundschaft und Buendnis kuendigte. Da rief
+der Mohr den Fremden."
+
+"Unselige!"
+
+"Dreie haben Italien gefesselt. Die vierte, die Ihr seid, muss es
+erloesen."
+
+"Kanzler, ich bin nicht das Weib eines Greises, noch eines Knaben,
+noch eines Toren, noch eines andern von denen, die sich vom Weibe
+beruecken lassen, und... ich begehre keine Krone." Sie erroetete und
+wurde wie Purpur.
+
+"Herrin", sagte der Kanzler, "die Krone begehrt Euch. Erbarmt Euch
+Eures Volkes, und vertretet es bei Pescara! Ich sage nicht:
+liebkoset, umgarnet, verleitet ihn! Ich verschwoere mich nicht mit
+Euch, ich verabrede keine Rollenteilung, ich lasse Euch reisen, ich
+laufe mit Euch in die Wette, wer ihn zuerst erreiche. Und seid Ihr
+die erste, so umfanget seine Knie und redet aus der Fuelle Eures
+Herzens und flehet: Pescara! Ich bin Italien und liege zu deinen
+Fuessen: erhebe mich und nimm mich an deine Brust!"
+
+Victoria war geruehrt, und auch der Kanzler vergoss Traenen.
+
+"Erlauchte Frau", sagte er, "wer bin ich, der so zu Euch reden darf!
+Ich bin nicht wert, dass ich den Saum Eures Gewandes kuesse. Ludwig
+der Mohr, mein allerguetigster Herr, hat mich in Mailand von der Gasse
+aufgelesen und wie einen drolligen kleinen Pudel zu seinen Fuessen
+spielen lassen. Da habe ich meine Erziehung genossen und an seinem
+Hofe und spaeter in seinem Dienste das Gesicht und die Gebaerde meiner
+Zeit, den ganzen ausgelassenen Triumphzug des Jahrhunderts betrachtet.
+
+Der arme Mohr! Sein Unstern und die Franzosen entfuehrten ihn nach
+Loches, wo er zehn lange Jahre im Kerker schmachtete. In seinem
+letzten habe ich ihn dort wiedergesehen; denn damals, durch die Macht
+der Umstaende, befand ich mich in franzoesischem Dienste, und mich
+verlangte nach dem Antlitz meines Wohltaeters. Da ich ihn erblickte,
+erschrak ich und hatte Muehe, ihn zu kennen. Er sah wie ein Geist:
+Kerker und Elend hatten seine Miene seltsam veredelt. Erst da er den
+Mund oeffnete, fand ich mich wieder in ihm zurecht. Er laechelte und
+sagte in seiner unvergleichlich feinen Weise: 'Bist du es, Girolamo?
+Es ist huebsch von dir, dass du mich besuchest. Ich verarge dir nicht,
+wenn du in den Dienst meines Feindes getreten bist. Die Umstaende
+zwingen, und wie ich dich kenne, wirst du meinen Soehnen noch ein
+treuer Freund und Berater sein, wenn das Rad der Fortuna sich
+wiederum gedreht haben wird. Du bist nun ein gereifter Diplomat
+geworden und verraetst keine schlechte Schule. Weisst du noch, wie ich
+dir untersagte, dein komisches Gesicht wegzulegen und dein
+Gebaerdenspiel zu maessigen, mit welchen du dir jetzt deine neuen
+Freunde gewonnen hast?'
+
+So scherzte er eine Weile grossmuetig, dann aber redete er ernst und
+sagte: 'Weisst du, Girolamo, was mich hier in meiner Musse beschaeftigt?
+Nicht mein Los, sondern Italien und immer wieder Italien. Ich
+betraure als die Qual meiner Seele, dass ich, vom Weibe verlockt, den
+Fremden gerufen habe, mit dem ihr jetzt rechnen muesst und der ein
+zerstoerender Teil eures Koerpers zu werden droht. Ich aber sinne, wie
+ihr wieder euer werdet. Da war der Valentino, jener Caesar Borgia,
+der versuchte es mit dem reinen Boesen. Aber, Girolamo, mein Soehnchen,
+das Boese darf nur in kleinen Portionen und mit Vorsicht gebraucht
+werden, sonst bringt es um. Da ist jetzt der Rovere, dieser Papst
+Julius, der auf einer Donnerwolke gegen den Fremden faehrt, welchen er
+selbst gerufen hat, nicht minder als ich. Aber der Greis verzehrt
+sich, seine gewalttaetige Seele wird bald in den Hades schweben, und
+nach ihm bleibt der gewoehnliche Hohepriester, der zu schwach ist,
+Italien zu gruenden, doch gerade stark genug, um jeden andern an dem
+Heilswerke zu hindern.
+
+Girolamo, mein Liebling: ich glaube nicht, dass mein Italien untergeht,
+denn es traegt Unsterblichkeit in sich; aber ich moechte ihm das
+Fegefeuer der Knechtschaft ersparen. Gib acht, Soehnchen: ich lese
+zwischen deinen Augen, dass du noch eine Rolle spielen wirst in dem
+rasenden Reigen von Ereignissen, der ueber meinen lombardischen Boden
+hinwegfegt. Tritt eines Tages aus diesen wechselnden Bildungen eine
+Macht und aus diesen fluechtigen Gestalten eine Person, aber weder ein
+Frevler noch ein Priester, sondern ein Feldherr, der den Sieg an
+seine eiserne Sohle fesselt, wer und wessen Stammes er sei, nur kein
+Fremder, dem gib du dich, mit Leib und Seele! Was an List und Luege
+notwendig ist--denn anders gruendet sich kein Reich--, das uebernimm du,
+mein Soehnchen, er aber bleibe makellos!'"
+
+Der Kanzler war aufgesprungen. Seine begeisterte Rede riss ihn, ohne
+dass er es merkte--und auch die ergriffene Victoria merkte es nicht--,
+weit ueber die Grenze der Wahrheit. "Diesem Erkorenen", rief er aus,
+"stehe das schoenste und reinste Weib zur Seite! Italien will die
+Tugend leiblich einherschreiten sehen, um ihr nachzuleben. Unser
+Verderben ist die Entfesselung aus der Sitte, der zerrissene Guertel
+der Zucht. Hier ist ein Sieg davonzutragen, groesser als der auf dem
+Schlachtfelde, und ein Zauberstab zu schwingen, maechtiger als der
+Feldherrnstab. Ich sehe sie vor mir, diese Koenigin der Tugend, die
+Priesterin, die das heilige Feuer huetet, die Erhalterin der
+Herrschaft, und, Hosianna! ganz Italien wandelt hinter ihren
+Schritten, lobpreisend und frohlockend!" Der Kanzler machte Miene,
+Viktorien huldigend zu Fuessen zu stuerzen, doch er trat zurueck und
+fluesterte verschaemt: "So sprach Ludwig der Mohr in seinem Kerker."
+
+Victoria senkte die Augen, denn sie fuehlte, dass sie voller Wonne
+waren und brannten wie zwei Sonnen.
+
+Da sagte der Kanzler: "Ich habe Euch ermuedet, edle Frau, die Augen
+fallen Euch zu. Ihr muesset morgen fruehe auf und seid schwer von
+Schlummer." Und der Listige trat in die Nacht zurueck, die sich
+inzwischen auf die Ewige Stadt gesenkt hatte.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+An einem Fenster, dessen Blick ueber die Thuerme von Novara und eine
+schwuel dampfende Ebene hinweg die noch morgenklaren Schneespitzen des
+Monte Rosa erreichte, sass Pescara und arbeitete an dem Entwurfe des
+Feldplanes, der das Heer des Kaisers nach Mailand fuehren sollte. So
+unablaessig ging er seinem Gedanken nach, dass er die leisen Tritte des
+Kammerdieners nicht vernahm und ihn erst gewahr wurde, als jener die
+Limonade bot. Waehrend er das leichte Getraenk mit dem Loeffel umruehrte,
+bemerkte er: "Ich schelte dich nicht, Battista, dass du heute nacht
+gegen meinen ausdruecklichen Befehl bei mir eingetreten bist. Du
+magst, nebenan schlafend, mich wohl schwerer als gewoehnlich atmen
+gehoert haben--ein Alp, eine Beklemmung... nicht der Rede wert." Er
+nahm einen Schluck aus dem Glase.
+
+Battista, ein schlauer Neapolitaner, verbarg seinen Schrecken unter
+einer devoten Miene. Er log und beteuerte bei der heiligen Jungfrau,
+er habe geglaubt sich bei Namen rufen zu hoeren, nimmer haette er sich
+erdreistet, ohne Befehl das Schlafzimmer der Erlaucht zu betreten,
+waehrend er doch in That und Wahrheit ungerufen und gegen ein strenges
+Verbot seines Herrn aus einer schoenen menschlichen Regung diesem
+beigesprungen war. Er hatte ihn schrecklich stoehnen hoeren und dann
+in seinen Armen auf dem Lager emporgehalten, bis der Feldherr den
+Atem wiederfand.
+
+"Es war nichts", wiederholte dieser, "ich bedurfte keinen Beistand.
+Doch will ich dich, wie gesagt, nicht schelten, jetzt, da wir uns
+trennen muessen. Ich verliere dich ungern, aber Sohnespflicht geht
+vor. Und da deine greisen und siechen Eltern in Tricarico darben,
+darf ich dich nicht halten. Gehe und bereite ihnen ein sorgenloses
+Alter. Als perfekter Barbier und zungenfertiger Schelm, wie ich dich
+kenne, wirst du dir ueberall zu helfen wissen. Gehe mit Gott, mein
+Sohn, du sollst mit mir zufrieden sein." Und er ergriff die Feder.
+
+Battista fiel aus den Wolken. Er verschwor sich mit einer
+verzweifelten Gebaerde, dieses Mal der Wahrheit gemaess, sein Vater sei
+laengst im Himmel und seine Mutter, die Carambaccia, gewerbsam und
+kerngesund und fett wie ein Aal. Der schreibende Feldherr erwiderte:
+"Du hast recht, Battista, in Potenza wohnen deine armen Eltern, nicht
+in Tricarico, doch das liegt nahe beisammen." Er reichte dem
+verabschiedeten Diener eine Kassenanweisung.
+
+So niedergeschmettert Battista sein mochte--er wusste, ein Wort
+Pescaras sei unwiderruflich--, liess er doch blitzeschnell einen
+schraegen Blick ueber die Ziffer der Summe gleiten, welche nur eine
+bescheidene war. Der Feldherr verschwendete weder im grossen noch im
+kleinen, weder das Gut des Kaisers noch das seinige. Auch huetete er
+sich wohl, den Barbier durch eine allzu reiche Spende auf die
+Wichtigkeit des Vorfalles aufmerksam zu machen und in den Schein zu
+kommen, als wolle er sein Schweigen erhandeln, denn er war voellig
+ueberzeugt, dass Battista bei erster Gelegenheit sein Wissen noch
+teurer verkaufen wuerde, dort, wo man ein Interesse hatte, von dem
+leiblichen Befinden des Feldherrn genau unterrichtet zu sein.
+
+Schmerzlich enttaeuscht und seine Geburtsstunde verwuenschend, fiel
+Battista dem gnaedigen Herrn zu Fuessen, umfing ihm das Knie und kuesste
+ihm die Hand. "Lebe wohl", sagte dieser, "und raeume das noch ab."
+Er wies auf das Geschirr und winkte den UEbertreter seines Befehles
+freundlich weg aus seinem Dienste.
+
+Bevor er sich wieder in seinen Plan vertieft hatte, klirrte draussen
+ein fallender Loeffel und ein in Scherben springendes Glas, und der
+Herzog von Bourbon, der den vernichteten Battista unsanft beiseite
+geworfen, zeigte unangemeldet seine hohe schlanke Gestalt, denn er
+hatte zu jeder Stunde freien Eintritt bei dem Feldherrn.
+
+"Hoheit?" wendete sich Pescara gegen ihn und erhob sich vom Sitze.
+
+"Um Vergebung. Ich war im Begriffe, zu meinen Truppen zu verreiten",
+erklaerte der Herzog, "da kam mir in der Vorstadt ein reisender
+Kaufmann unter die Augen, welcher eben vor der Pforte des Arztes Euer
+Erlaucht, des Messer Numa Dati, von seinem Maultier absass. Haette die
+Gestalt nicht ein wuerdiges Antlitz getragen, ich haette darauf
+geschworen, meinen unvergesslichen Freund, den Kanzler von Mailand, zu
+erblicken. Ich liess einen meiner Leute sich nach dem Fremdling
+erkundigen und erfuhr, der Reisende sei ein Gastfreund des Arztes,
+ein Juwelier aus Mailand namens Scipione Osnago. Vielleicht, oder
+auch nicht, sondern eine der zahlreichen Larven des vielgestaltigen
+Kanzlers. Er schiebt den Leib auf eine gewisse Weise, die sich
+schwer verleugnen laesst, und da ich noch nicht durch das Tor war, ritt
+ich leicht wieder zurueck, um Euch den wahrscheinlichen Besuch dieses
+kostbaren Mannes zu melden."
+
+"Ich erwartete ihn laengst mit den Ausfluechten und Beteuerungen des
+Mailaenders", erwiderte der Feldherr. "Da er aber nicht erschien und
+wir aus guten Quellen wussten, sein Herzog fahre fort zu befestigen
+und zu ruesten, begann ich auf den Kanzler zu verzichten. Nun kommt
+er zu spaet. Morgen, um Mitternacht, verlaeuft die dem Herzog gegebene
+Frist. Schlag zwoelf marschieren wir; es waere denn, Morone braechte
+grosse Neuigkeiten."
+
+"Ja, dieser Morone!" plauderte der Bourbon. "Der wird schon etwas
+gebraut haben. Da ich unser Ultimatum nach Mailand brachte, sah ich
+es hinter seiner Stirne wimmeln wie in einem Ameisenhaufen. Ihr
+macht Euch keinen Begriff, Marchese, was das fuer ein frecher Kopf ist.
+Waehrend ich in Mailand regierte und er mein Rat und Schreiber war,
+hat er mich ueber Tisch--denn ich liebte es, mit ihm zu speisen und
+mich an seinen Fabeln und Einfaellen zu ergoetzen--auf alle Throne
+gesetzt und mit allen Fuerstinnen gekuppelt. Und das Tollste: es war
+Verstand in dem Unsinn. Ich bin doch neugierig, was er wieder
+ausgeheckt haben wird, um sich und seinem Herzog aus der Klemme zu
+helfen. Sicherlich etwas ungeheuer Geniales, einen Gipfel, einen
+Abgrund. Wenn er zum Beispiel"--der Herzog lachte herzlich--"uns
+beiden kaiserlichen Feldherrn die Fuehrung der Liga boete und als
+Handgeld zwei verlockende italienische Kronen aus den Falten seiner
+Toga zum Vorschein braechte?"
+
+"Hoheit scherzt!"
+
+"Wie anders, Marchese!" erwiderte der Herzog und wollte sich
+beurlauben. Da ergriff er noch die Hand des Feldherrn und sagte in
+einem weichen Tone, der eine vor der Welt verheimlichte Freundschaft
+enthuellte: "Pescara, ich danke dir, dass du mir Leyva vom Halse haeltst,
+indem du mir den rechten Heerfluegel gibst und ihm den linken. Ich
+mag mit dem Unleidlichen nicht zusammenreiten. Es entstaende Unglueck
+und groesseres als juengst auf dem Markte von Novara. Er koennte sich
+wiederum gegen mich vergessen, und ich muesste ihn niederstossen wie
+einen tollen Hund." Er sagte es leise mit gesenktem Blick.
+
+Pescara behielt die Rechte des Herzogs und warnte und bat. "Welch
+ein Auftritt!" sagte er. "Hier auf offenem Markte, wegen der
+Armseligkeit eines bestrittenen Quartieres! Ich versendete Leyva
+gleich nach Neapel, um vom Vizekoenig Truppen fuer unsern Feldzug zu
+verlangen, obwohl ich weiss, dass er keine abgeben kann, nur um Euch
+die Verlegenheit und den Anblick eines verhassten Gesichtes zu
+ersparen. Wie konntet Ihr das gegen einen Mitfeldherrn! Das war
+nicht gut. Das ist beklagenswert. Das darf sich nicht wiederholen,
+ich bitte Euch darum."
+
+"Der Anlass war nicht der Rede wert, Pescara, aber--"
+
+"Das schlimme Wort, das Leyva gebraucht hat, war, nach Zeugen, er
+lasse sich nichts bieten von einem Vornehmen, und Ihr zoget und Eure
+Leute mussten Euch halten."
+
+"Oh", fluesterte der Herzog, "von einem Vornehmen? Ich habe feine
+Ohren. Es war ein anderes Wort... das ich dem Kaiser und dem Papst
+in die Kehle zurueckstiesse!"
+
+"Ein anderes Wort?" sagte Pescara, um seine Frage sogleich zu bereuen,
+da er den Herzog erbleichen und voellig fahl werden sah. Er erriet,
+dass der alte Leyva gemurrt, er lasse sich nichts bieten von einem
+Verraeter, oder dass das wunde Gewissen des Bourbon so verstanden hatte.
+
+Die unausgesprochene Freundschaft, die den einfachen Adeligen und den
+Mann von koeniglichem Gebluete verband und die das Wunder that, zwischen
+zwei jugendlichen und schon beruehmten Feldherrn mit nicht voellig klar
+geschiedenen Gewalten und Befugnissen die natuerliche Eifersucht zu
+ersticken, beruhte einfach auf dem Bewusstsein des Herzogs, dass seine
+Verbuendung mit dem Feinde Frankreichs der Achtung Pescaras keinen
+Eintrag tue. War es Klugheit, war es Gleichgueltigkeit gegen die
+sittlichen Dinge, war es Freiheit von jedem, auch dem begruendetsten
+Vorurteil, oder war es die hoechste Gerechtigkeit einer vollkommenen
+Menschenkenntnis, was immer--Pescara hatte den in kaiserlichen Dienst
+tretenden fuerstlichen Hochverraeter mit offenen Armen empfangen und
+mit der feinsten Mischung von Kollegialitaet und Ehrerbietung
+behandelt. Vielleicht auch hatte er in diesem Zerruetteten, der sich
+selbst verfluchend sein Vaterland mit fremden Waffen verwuestete, den
+urspruenglichen und unzerstoerbaren Adel erkannt. Dafuer war der Herzog
+Pescara dankbar. Der Feldherr, die Hand des Unseligen in der
+seinigen, redete ihm mit sanfter Stimme zu: "Gespenster, Hoheit! Ihr
+habet gehoert, was nicht gesprochen wurde. Werft hinter Euch!
+Verschuettet den Abgrund mit Lorbeer! Seid Ihr nicht der Liebling des
+Kriegsgottes? und ein Meister der Staatskunst? Sind nicht wir beide
+noch Juenglinge mit unzaehligen Tagen, diesseits der Lebenshoehe, kaum
+in der Haelfte der Dreissig, und im ersten Drittel eines Jahrhunderts,
+das ueberquillt von grossen Moeglichkeiten und weiten Aussichten! Unser
+die Fuelle des Daseins! Karl, lass uns leben!"
+
+Der Bourbon vernahm nicht den verstohlenen Seufzer, welcher sich der
+Brust des Feldherrn entwand. Er drueckte heftig die Hand Pescaras,
+und seine dunkeln Augen blitzten eroberungslustig. Dann, um seine
+innere Bewegung zu verbergen, sprang er nach seiner Weise mit beiden
+Fuessen ins Zynische ueber. Der feurige Ton Pescaras hatte seine
+frechste Jugendlichkeit erweckt. "Und schoene Maenner sind wir!"
+jubelte er. "Du begreifst, Gatte der praechtigen Victoria, dass sich
+mir Herz und Magen umkehrte, da mich diese Porcaccia, die
+Koeniginmutter, um jeden Preis zum Manne haben wollte! Siehst du mich
+als den Vater Koenig Franzens? O das liebe Stiefsoehnchen! 'Madame',
+sagte ich und machte ihr eine tiefe Verbeugung, 'es geht nicht. Ihr
+wuerdet mich mit Eurer Nase vom Bette stossen!'--und ganze Wendung und
+ueber die Grenze!" Waehrend er eine ausgelassene Lache aufschlug, trat
+der vom Staub der Reise bedeckte Del Guasto ein, begruesste den Ohm und
+Feldherrn und verneigte sich vor der lustigen Hoheit.
+
+Dann wendete er sich wieder gegen Pescara, welchen er mit erstaunten
+und bewundernden Augen betrachtete, als haette die von der
+italienischen Verschwoerung dem Feldherrn angesonnene Rolle dessen
+Gestalt vergroessert, und erzaehlte: "Wir verritten von Rom, nicht zur
+Freude der Herrin in zahlreicher Gesellschaft, mit Leyva, der aus
+Neapel zurueck ist, und mit einem Vornehmen, von koeniglichem Gebluete,
+wie sie sagen, der sich Moncada nennt und den Ihr kennen werdet. Er
+bringt Euch eine Botschaft des Vizekoenigs. Ich gewann einen
+Vorsprung, um Donna Victoria anzumelden. Sie strahlt vor Freude,
+Euch wiederzusehen, und schliesst zugleich fest die Lippen, denn sie
+bringt ein politisches Geheimnis, wie ich vermute, und ein
+paepstliches Mysterium, wie ich ahne, und dieselbe Donna Victoria legt
+die Stirn in zornige Falten gegen Euren bei ihr in Ungnade gefallenen
+Neffen, den sie vor Euch in aller Form Rechtens verklagen wird.
+Wegen etwas Menschlichem", laechelte er.
+
+"Oder etwas Unmenschlichem", spottete Pescara. "Meldet Ihr sonst
+etwas, Don Juan?"
+
+"Wenn mich meine Augen nicht getaeuscht haben, die Ankunft des
+Kanzlers von Mailand."
+
+"Ah!" lachte Bourbon.
+
+"Ich bin mit ihm schon in Rom zusammengestossen, unfern des Palastes
+Colonna, da ich naechtlicherweile dahin zurueckkehrte. Laengs der Mauer
+sah ich etwas Diebisches in langer Gewandung schleichen, und da ich
+das Verdaechtige mit der Fackel meines Dieners beleuchtete, war es die
+unverschaemte Stumpfnase und unter einem Juristenbarett das freche
+Kraushaar, das ich von Pavia her kenne, wohin der tolle Kanzler, wie
+sie ihn nennen, nach der Schlacht Euch zu beglueckwuenschen kam. Er
+mag Donna Victoria eine letzte Heimlichkeit des Papstes gebracht
+haben, bei welchem sie sich an jenem Nachmittage verabschiedet hatte."
+Er sagte das mit einer versteckten Bosheit.
+
+Der Feldherr blickte streng. "Don Juan", sagte er, "Ihr habet Euch
+um den Wandel Donna Victorias nicht zu kuemmern und noch weniger ihn
+zu beaufsichtigen. Jeden ihrer Schritte, ihre leiseste Miene und
+Gebaerde billige und lobe ich zum voraus."
+
+Don Juan verneigte sich. "Unterwegs nach Novara", fuhr er fort, "bin
+ich ihm dann noch mehrere Male begegnet, das heisst einem gewissen
+Fruchthaendler Paciaudi aus den Marken mit einer graeulichen Warze auf
+der Nase, welcher mir, da ich ihn anredete, nicht vorenthielt, er sei
+ein zugrunde gerichteter Mann: eine unvermutete paepstliche Massregel
+verbiete die Ausfuhr, und er habe einen strengen Lieferungsvertrag
+mit Euer Erlaucht. Dabei schob und gebaerdete er sich nicht viel
+anders als der Kanzler. Dieser hat gegenwaertig allerhand Geschaefte
+und nimmt die possierlichsten Figuren an. Man findet ihn ueberall auf
+der Halbinsel wie--ohne die fernste Vergleichung--Eure grosse Gestalt."
+
+"Was wollt Ihr sagen, Don Juan?"
+
+Del Guasto, der vor nichts erschrak, zoegerte doch mit der Antwort vor
+der kalten Miene Pescaras, und dann hielt ihn die Anwesenheit des
+Herzogs zurueck.
+
+"Ich habe kein Geheimnis vor der Hoheit", sagte der Feldherr. "Redet,
+Don Juan."
+
+Trotz diesem Befehle kam dem verwegenen Juengling die allgemeine Rede
+an diesem Orte und zu dieser Stunde, mitten im kaiserlichen Lager und
+waehrend er durch das Fenster den taktfesten Schritt eines
+vorbeimarschierenden spanischen Heerhaufens vernahm, so ungeheuerlich
+vor, dass er der schamlosen OEffentlichkeit der italienischen
+Verschwoerung ein leichtes Gewand umwarf.
+
+"Ohm", berichtete er geringschaetzig, "wovon mir noch immer die Ohren
+gellen, das ist ein wuetender Streit, welcher unter allen Staenden, in
+Schenken und Barbierstuben, auf den Ballspielplaetzen und, wie ich
+glaube, bis in die Plauderecke der Sakristeien ausgebrochen ist--ueber
+das wahre und gueltige Vaterland der Avalos: ob wir Neapolitaner sind
+oder Spanier. Und nicht genug an Geschrei und Gebaerde, auch Blaetter
+und Schriften voll von unserm Ursprung flattern durch die Luft."
+
+Der Feldherr zuckte die Achseln. "Das Geschreibsel", sagte er, "fand
+sich auch ueber meine Tische verstreut, ich habe es weggeworfen.
+Muessiges Gezaenke."
+
+Don Juan wurde hartnaeckig. "Zugleich erzaehlte man mir, dass an den
+Universitaeten unter Juristen und Theologen wieder heftig ueber Umfang
+und Grenzen des paepstlichen Lehensrechtes auf Neapel gestritten wird."
+
+"Das ueberlassen wir diesen Gelehrten. Nicht wahr, Hoheit?" scherzte
+Pescara. "Und was das Vaterland der Avalos angeht, Neffe, so rate
+ich dir, Ehre zu halten, spanische oder neapolitanische."
+
+Jetzt meldete der diensttuende Page, ein zarter Knabe mit grossen
+unschuldigen Augen, ein Enkel des Arztes Numa Dati und der Bruder der
+von Del Guasto zerstoerten Julia, den Besuch eines Apothekers namens
+Baldassare Bosi aus Orvieto, welcher mit einem Paket im Vorzimmer
+stehe und sich durchaus nicht abweisen lasse. Er sei bei dem
+Grossvater abgestiegen, der dem Gaste diesen Zettel fuer die Erlaucht
+gegeben habe. Der Knabe ueberreichte das Papier, auf welchem mit
+verzitterten Zuegen "Morone" geschrieben stand.
+
+Pescara besann sich einen Augenblick. "Weiss der Fremde die Gegenwart
+der Herrschaften?" fragte er den Pagen.
+
+"Ich denke nicht, Erlaucht", antwortete dieser.
+
+"So fuehre ihn ein, aber erst, wann ich rufen werde.
+
+Jetzt wendete er sich rasch gegen den Herzog. "Hoheit muss mir einen
+Gefallen thun. Da Sie fuer moeglich haelt, dass der Kanzler von Mailand
+mit mir konspirieren will, wuerde ich gegen die gewoehnlichste Vorsicht
+fehlen, wenn ich den Menschen, der draussen steht, ohne Zeugen mit mir
+reden liesse. Ich muss solche haben, zwei hoechst glaubwuerdige Zeugen,
+wo nicht unserer Gesichter, doch eines jeden unserer Worte, damit
+nicht der Argwohn von Madrid, noch die Eifersucht unsers Leyva,
+noch"--er daempfte die Stimme--"jener Verderbliche, mit welchem Ihr
+geritten seid, Don Juan, und der unter dem Vorwand einer Botschaft
+des Vizekoenigs mich hier umlauern soll, Grund finde, mich, ich sage
+nicht des Verrates, sondern nur eines falschen Schrittes zu
+bezichtigen. Hoeren aber will ich den Kanzler, der mir in seiner
+Torheit und Leidenschaft die Plaene und Mittel des Feindes enthuellen
+wird. Er kann es wie kein anderer. Unter dem Zwang dieser Umstaende
+lasse sich Hoheit herab, den Lauscher zu machen. Und Ihr, Del Guasto,
+leistet der Hoheit Gesellschaft." Er schritt auf einen schweren
+roten Vorhang mit goldenen Quasten zu, dessen breite Falten den
+Eingang in ein Nebenzimmer bis auf die Schwelle nieder verbargen und
+den er jetzt auseinanderschlug. "Hier ist Hoheit aufgehoben", sagte
+er.
+
+So sehr den Herzog das wuerzige Abenteuer lockte, stand er doch einen
+Augenblick unschluessig. "Aber wenn Morone die Decke hebt?" fragte er,
+und der Marchese erwiderte: "Das wird er nicht. Keine Besorgnis.
+Ich stehe dafuer." Del Guasto blaehte die Nuestern vor Wollust. Er
+rueckte einen Schemel fuer den Herzog, hinter dessen Schultern er
+Stellung nahm als der zweite Lauscher. Der rote Vorhang zog sich
+zusammen. Pescara aber fuehlte sich von dem Pagen Ippolito
+umschlungen, der an ihm emporfluesterte, mit Traenen in den Augen: "Es
+ist kein Apotheker mehr, sondern ein Zauberer in langen schwarzen
+Gewaendern mit einem Talisman auf der Brust und einem schrecklichen
+Gesichte!"
+
+"Furchtsamer Junge! Bring ihn!"
+
+"Da ist er schon!" schrie Ippolito und fluechtete sich.
+
+"Ihr, Morone? Und im Staatsgewand? Doch von der Reise erhitzt, wie
+ich sehe. Eure drei Masken haben Euch wohl den Atem benommen."
+
+Morone atmete schwer und hoerbar. Schweisstropfen quollen ihm auf der
+Stirn. Er stand wortlos.
+
+"Was bringt Eure Weisheit?" fragte der Feldherr mit ernsthaften Augen
+und empfing von dem Stammelnden keine deutliche Antwort. Nach einer
+Pause ergriff Pescara mit spielender Hand die Muenze, welche der
+Kanzler an einer schweren goldenen Kette auf der Brust trug. "Ein
+Lionardo, Kanzler? Und wen stellt es dar? Den Mohren? Ein
+geistvoller Kopf!"
+
+Aber selbst an seinen geliebten Herrn vermochte der Kanzler nicht
+anzuknuepfen, so voellig war er ausser Fassung.
+
+Da begann der Feldherr ohne weitere Einleitung: "Euer Herzog, Morone,
+wuenscht guenstigere Bedingungen? Es koennte Rat werden, sobald mich
+die Hoheit von ihren guten Absichten ueberzeugt haben wird. Nehmen
+wir einmal mein Ultimatum Punkt um Punkt miteinander durch." Er trat
+an den Tisch und suchte ein Papier.
+
+Nun empfand er einen heissen Atem an der Wange, und ein Gefluester
+fuellte sein Ohr. "Pescara", keuchte es, "nicht darum handelt es sich,
+sondern Italien gibt dir sein Heer!"
+
+"So ist es gut", erwiderte der Feldherr, ohne den Kopf zu drehen.
+"Es unterwirft sich dem Kaiser?"
+
+Da schrie es hinter ihm: "Nicht dem Kaiser, sondern dir, wenn du von
+ihm abfaellst!"
+
+Jetzt wendete sich Pescara gegen den Tollkuehnen und drohte mit
+feindseliger Gebaerde: "Du rasest! Ich weiss nicht, was mich abhaelt,
+dich zu ergreifen und aus dem Fenster zu werfen!"
+
+Der Kanzler blieb furchtlos und schrie zum andern Male mit flammenden
+Augen: "Diese Stunde bietet dir deine Groesse, Pescara! Lass sie nicht
+vorueber! Du wuerdest es bereuen! Du wuerdest daran sterben!
+
+"St! Wie du schreist! Wenn man lauschte! hinter diesem Vorhang...
+wenn ich selbst... haeltst du mich dessen fuer unfaehig? UEberzeuge dich
+doch und hebe die Decke!"
+
+Morone war wieder voellig im Besitze seiner selbst, nachdem er die
+Scham und den Schreck der ersten Worte ueberwunden hatte. "Pescara",
+sagte er, "ich habe stets gefunden, dass der Schlaueste und am meisten
+Argwoehnische endlich doch an eine Stelle tritt und an einem Abgrunde
+steht, wo er trauen und glauben muss. So der Valentino mit dem Rovere,
+so mein geliebtester Herzog der Mohr mit seinen Hauptleuten und
+Schweizern."
+
+"Beide wurden verraten, Morone!"
+
+"Ja, Pescara, aber der feine Mohr und der ruchlose Borgia, beide
+gingen sie vertrauend unter, und das war ein heller Schimmer von
+Menschlichkeit ueber dem Dunkel ihres verdienten Sturzes. Wenn ich
+das Groesste wage und von dir das Groesste fordere, werde ich in diesem
+heiligen Augenblicke so laecherlich sein, einen Vorhang zu heben, wie
+ein betrogener Ehemann, der den versteckten Buhlen seines Weibes
+sucht? Nein, ich gebe mich preis! Hoere mich an, und dann
+ueberliefere mich dem Blocke, wenn du darfst!"
+
+"Das ist nicht klein", sagte Pescara ohne Spott und fuegte dann
+zweifelnd hinzu: "Ob ich dich hoere? Meine Neugierde ist rege, das
+bekenne ich, und einem so heroischen Menschen darf ich doch nicht
+einfach die Tuere weisen. Zuerst aber saget mir, Kanzler: Habe ich
+Euch oder Eurem Fuersten Grund oder auch nur den geringsten Anlass
+gegeben, meine Feldherrntreue zu beargwoehnen?"
+
+Der Kanzler verneinte.
+
+"Viel Unwahres wird geredet: die Majestaet habe mich schlecht belohnt,
+und ich soll dieses schwer empfunden haben. Fusset Ihr auf diesem
+Undanke des Kaisers und auf diesem Grolle Pescaras, so tut keinen
+Schritt weiter: Ihr wuerdet in den truegerischen Boden versinken."
+
+"Da fusse ich nicht."
+
+"Oder ermutigt Euch jene oeffentliche Rede Italiens, die mir
+schmeichelt und mir droht, mich verherrlicht und verdaechtigt? Diese
+italienische Meinung ist eine heimtueckische Sache. Sie soll mich in
+Madrid entwurzeln und in Italien vergewaltigen. Ich habe vorgebeugt
+und die arglistigen Schriften wie in einen Kaefig eingesperrte
+Schlangen dem Kaiser ueberliefert. Habet Ihr Eure Finger auch in
+dieses Gift getaucht, Morone?"
+
+Der Kanzler erbleichte. "Bei den Goettern der Unterwelt, daran trage
+ich keine Schuld!" rief er aus.
+
+"Du willst mich nicht ueberlisten, Kanzler, so willst du mich
+ueberreden?"
+
+"Nein."
+
+"Was denn?"
+
+"UEberzeugen."
+
+"Das Beste. Aber es wird Zeit kosten. Setzet Euch, Kanzler!" Er
+rueckte mit rascher Bewegung zwei Stuehle, und jetzt sassen sie sich
+gegenueber, Morone mit vorgebogenem Leib und Knie, waehrend der
+Feldherr nachlaessig zuruecklehnte.
+
+"Pescara, welches ist die schoenste deiner Schlachten, das Wunder der
+Kriegskunst?"
+
+Der Feldherr gab keine Antwort, da sich diese von selbst verstand,
+aber er that einen leichten Seufzer.
+
+"Und was hat der Kaiser aus deinem Siege von Pavia gemacht?"
+
+Ein Blitz fuhr aus dem grauen Auge Pescaras. "Er hat ihn
+verstuempert", murmelte er.
+
+"Du gabst ihm einen erbeuteten Koenig, und Karl weiss nichts mit ihm
+anzufangen! Er presst ihn wie ein Wucherer. Er verlangt Vielfaeltiges
+und Unmoegliches statt des Moeglichen und Einfachen. Verzichte auf
+Italien, Bruder, so haette ein grosser Sieger zu Koenig Franz geredet,
+das ist dein natuerliches Loesegeld, und das kannst du, ohne deinem
+Frankreich wehe zu thun. Verzichte und ziehe!"
+
+Pescara laechelte. "Du bist ein gefaehrlicher Mensch, Morone, wenn du
+Gedanken erraetst. Aber nicht ich, du hast ihnen Worte gegeben. Ich
+habe nichts gesprochen."
+
+"Ich danke dem Kaiser!" fuhr der Kanzler sich begeisternd fort. "Er
+hat die Siegesgoettin von Pavia beleidigt, und sie kehrt zu dir, mein
+Pescara, zurueck! Nicht nur fuer, auch gegen den Kaiser hat sie
+gekaempft. Sie hat Italien gegen die Fremdherrschaft vereinigt. Sie
+hat ihm seinen Feldherrn gezeigt.
+
+Mein Pescara, welche Sternstellung ueber dir und fuer dich! Die Sache
+reif und reif du selbst! Eine entscheidende Zeit, ein verzweifeltes
+Ringen, Goetter und Titanen, Freiheit sich aufbaeumend gegen
+Zwingherrschaft, die Welt heute noch Bewegung und Fluss, morgen
+vielleicht zur Lava erstarrend! Und eine That, die fuer dich
+bereitliegt und zu welcher du geboren wurdest! Zuckt dir die
+formende Hand nicht danach? Ein vernuenftiges Werk, eine ewige
+Gruendung! Blick auf die Karte und ueberschaue die Halbinsel zwischen
+zwei Meerfarben und dem Schnee der Gebirge! Befrage die Geschichte:
+ein lebendiges Geflecht, oft gewaltsam zerrissen und immer wieder
+zusammenwachsend, von Republiken und Fuersten, mit zwei alten Feinden,
+zwei falschen Ideen, zwei grausamen Chimaeren, Papst und Kaiser!
+Siehe den ausgestreckten Finger Gottes, daran sich eine neue
+Menschheit emporrichtet: eine sich selbst regierende und vereitelnde
+Menschheit ohne hoechstes Amt, weder weltliches noch geistliches, ein
+Reigen frei entwickelten Genien, ein Konzert gleichberechtigter
+Staaten--"
+
+Pescara ergriff den beschwingten Redner am Arm, als wollte er ihn
+festhalten. "Fliege mir nicht davon, Girolamo!" scherzte er.
+
+Dieser riss sich los und: "Lass dich nicht hindern an diesem goettlichen
+Werke", rief er, "durch aberglaeubische Vorurteile und veraltete
+Begriffe, die weder in deinem Kopfe noch in deinem Herzen, noch in
+der Natur der Dinge sind. Ich kenne dich, Pescara: du bist ein Sohn
+Italiens und wie dieses erhaben ueber Treue und Gewissen!"
+
+"Ihr seid doch ein lasterhaftes Geschlecht, ihr Italiener", laechelte
+Pescara. "Aber du machst dich groesser im Boesen, als du bist: denn
+diese Weisheit kommt nicht von dir, sondern euer Daemon, der
+Florentiner, hat sie dir eingeblasen. Lebt er noch?"
+
+Der Kanzler wusste, wen Pescara meinte. "Er darbt, vergessen und
+verachtet", erwiderte er mit Beschaemung, "unser groesster Geist."
+
+"Verdientermassen. Es gibt politische Saetze, die ihre Bedeutung haben
+fuer kuehle Koepfe und besonnene Haende, die aber verderblich und
+verwerflich werden, sobald sie ein frecher Mund ausspricht oder eine
+strafbare Feder niederschreibt. Doch das sind Allgemeinheiten, und
+alles kaeme auf die Anwendung an. Wie denkst du dir zum Beispiel,
+Kanzler, das Thatsaechliche meines Verrates?" Dieser oeffnete den Mund,
+als haette er unerschoepflich zu reden. Da beruehrte ihn Pescara leise
+mit dem Finger. "Sachte, vorsichtig!" warnte er. "Jetzt betrittst
+du ein schmales und schwankes Brett: es koennte kommen, dass ich dich
+nach deiner Rede als Verschwoerer muesste in Fesseln legen lassen.
+Sprich nicht in deinem eigenen Namen, rate ich dir, sondern lass dir
+eine Maske bieten, wie du sie liebst, und warum nicht die des
+verschollenen florentinischen Sekretaers, ob er nun noch unter uns
+wandle oder schon im Geisterreiche? Rede, Niccolo Machiavelli! Ich
+werde dich schweigend und bewundernd anhoeren und dir dann doch
+vielleicht beweisen, dass du fuer einen Staatsmann immer noch viel zu
+viel Einbildungskraft besitzest. Oh, ich will dich kritisieren, mein
+Niccolo! Aber beginne."
+
+Dieser fortgesetzt scherzende Ton des Feldherrn beleidigte den
+Kanzler, und er empoerte sich dagegen: "Jetzt sei des Spieles ein Ende.
+Erniedrige den nicht zum Schauspieler, welcher sein Leben wagt fuer
+die Rettung seines Vaterlandes! Pescara, ich bitte dich um Ernst!"
+
+"Um Ernst? Es sei!" erwiderte der Feldherr und schloss die Augen, wie
+um besser zu lauschen. Jetzt erschrak der Kanzler einen Augenblick
+vor der Blaesse und Strenge des magern Angesichtes. Doch er war
+entschlossen.
+
+"Es ist kein UEbel, Erlaucht", begann er, "was Ihr dem Kaiser
+berichtet habt; es ist gut, dass Ihr Euch so lange als moeglich sein
+Vertrauen erhaltet und Euch selbst dann noch nicht erklaeret, wann der
+Papst und die Liga ihr Manifest werden erlassen haben. Inzwischen
+befestigt Ihr Eure Stellungen und sichtet Euer Heer." Pescara
+runzelte die Stirn.
+
+"Leyva muss weg", forderte der Kanzler.
+
+Pescara zaehlte an den Fingern.
+
+"Was rechnet Ihr, Pescara?" fragte der Kanzler verwundert.
+
+Dieser erwiderte ruhig: "Muss Leyva draufgehen, so duerfen meine
+deutschen Hauptleute auch nicht leben bleiben, denn sie hangen an
+Kaiser und Reich. Ihre Haeupter muessen fallen. Oder vergifte ich sie
+in einem gastlichen Trunke? Was raetst du, Kanzler?"
+
+Morone erbleichte.
+
+"Und was fange ich mit meinen spanischen Edelleuten an? Lasse ich
+sie auch ermorden?"
+
+"Die Kastilianer", antwortete Morone mit klopfendem Herzen, "fallen
+wohl zum Kaiser zurueck. Die andern verlocket Ihr mit unendlicher
+Beute. Sie widerstehen nicht, am wenigsten die neapolitanischen
+Aragonesen. Ich kenne diese Rasse: sie gleicht den raeuberischen
+Helden der Neuen Welt. Denket nur an Euren Del Guasto, welch ein
+Ungeheuer!"
+
+Pescara widersprach nicht.
+
+"Eure Gemeinen aber, die aus allen Laendern der Erde zusammengeflossen
+sind, beherrschet Ihr durch Eure unerschuetterliche Seele und durch
+Eure eiserne Kriegszucht, nicht zu vergessen einen regelmaessigen Sold,
+wie ihn der Kaiser nie zu geben vermochte, Euch aber gehoeren jetzt
+alle Schaetze Italiens. Und erlittet Ihr eine Einbusse an Leuten, so
+fuellet Ihr das Heer aus den Schweizern, die sich nun ueberallhin
+vermieten, seit sie aus Mangel an Fuehrung und an einem Staatsgedanken
+ihre schon gewonnene Weltstellung und ihre auswaertige Politik
+verscherzt haben."
+
+"Schade", redete Pescara mit sich selber. Er hatte eine Art
+Zaertlichkeit fuer die Schweizer, die er zweimal ueberwunden und von
+welchen er bei Bicocca, mit einer insbesondere gegen deren rasende
+Sturmlaeufe erfundenen Stellung des Geschuetzes, in wenig Minuten ein
+volles tollkuehnes Tausend vernichtet hatte. Er liebte dieses tapfere
+Volk, obwohl er seine Speerwunde von Pavia dem Stoss einer
+Schweizerlanze verdankte. "Ihre Freiheit wird ihnen bleiben, aber
+schade", wiederholte er.
+
+"Eures Heeres sicher", fuhr der Kanzler fort--"Nehme ich Mailand",
+ergaenzte Pescara. "Mein Plan ist entworfen."
+
+"Ihr braucht es nicht zu nehmen, da der Herzog ein Mitglied der Liga
+ist, deren Feldherr Ihr seid."
+
+"Richtig, das hatte ich vergessen. Auf alle Faelle, Mailand ist der
+Zentralpunkt. Und dann?"
+
+"Gebietet Ihr ueber die Truppen der Heiligkeit, Venedigs und Neapels,
+die Kleinern nicht zu nennen."
+
+"Halt, Morone! Neapel ist spanisch."
+
+"Nach Neapel habet Ihr dann Euren Neffen gesendet als Euren Vizekoenig,
+der es durch seine Grausamkeit in wenigen Wochen unterworfen haben
+wird."
+
+"Als meinen Vizekoenig? Ich Koenig von Neapel? Seit wann trage ich
+die Krone?" fragte Pescara gelassen.
+
+"Siehe, die gefluegelten Fuesse, die sie Euch bringen, sind vor Eurer
+Schwelle", sprach der Kanzler erroetend.
+
+Die kalte Miene des Feldherrn erwaermte sich, wie von einem Strahle
+beruehrt, nicht aus einer Krone, sondern aus dem Lichtkreise seines
+nahenden Weibes. "Weiter getraeumt, Morone", sagte er.
+
+"Einmal an der Spitze der vereinigten italienischen Waffen und in
+unnehmbaren Stellungen", fuhr der Kanzler mit erstaunlicher
+Sicherheit fort, "hindert nichts, dass Ihr Euch mit dem Kaiser
+auseinandersetzet, vielleicht sogar ohne Schlacht, denn ich weiss, dass
+Ihr, obschon, nein, weil der erste Feldherr der Zeit, das
+scharfsinnige Schachspiel und die umfassenden Berechnungen der
+Strategie jenen ploetzlichen und immerhin blinden Entscheidungen der
+Wahlstatt vorziehet. Ich sage, vielleicht sogar ohne Blutvergiessen,
+denn der Kaiser wird nicht so leicht einen neuen Feldherrn finden und
+ein zweites Heer in Italien zusammenbringen, nachdem er Euch und das
+Eurige verloren hat, wenigstens wenn ihm Frankreich und England zu
+thun geben, laut des von ihnen mit unserer Liga getroffenen Abkommens."
+
+"Ich kenne Euer Buendnis mit Koenig Franz, sogar seinen Wortlaut", warf
+Pescara hin, "kann aber keinen Wert darauf legen. Der Koenig verquaelt
+sich in seinem spanischen Kerker. Um eine Stunde frueher auf ein
+gesatteltes Pferd zu springen, verraet er Eure Liga hundertmal, wie
+ich ihn zu kennen glaube."
+
+"Noch vor wenigen Tagen", beteuerte der Kanzler mit einem komischen
+Gesichte, "hat mir die Regentin Louise von Paris geschrieben, sie
+halte das Buendnis fest wie ihre Tugend--"
+
+Ein Pfiff durchschnitt das Gemach... der Kanzler horchte verwundert.
+Es mochte ein Vogel am Fenster vorbeigeschwirrt sein.
+
+"Es sind noch andere da, die den Kaiser beschaeftigen", fuhr er fort,
+"der Halbmond und die deutschen Fuersten."
+
+"Der Halbmond, ja", urteilte der Feldherr. "Mit den deutschen
+Fuersten aber und selbst mit ihrer neuen Lehre koennte sich der Kaiser
+allenfalls vertragen. Meinst du nicht, Morone?"
+
+Dieser antwortete denkend: "Es scheint so, aber ist doch nicht, wenn
+ich richtig sehe. Jedenfalls nicht mit der neuen Lehre. Der Kaiser
+bedarf der Kirche fuer sein schweres und dunkles Gemuet, das er von der
+Mutter geerbt hat. Der neue Glaube verlangt kraeftigere Seelen."
+
+"Verstehst du etwas von diesen Dingen, Kanzler?" fragte der Feldherr
+neugierig.
+
+"Wie sollte ich, Pescara? Ich bin wie du und wir alle ein Bewohner
+der Wirklichkeit, ein Kind der Helle, das mit der antiken Weisheit
+ueber das Ende hinaus nichts sieht als Larven und Scheinen und auf
+wogendem Nebel die riesigen Spiegelungen wieder dieses unsers eigenen
+und irdischen Daseins. Unter denen aber, welche mit dem Volke Gut
+und Boese glauben und Leib und Seele und die Fabel eines letzten
+Gerichtes, wird jetzt, wie du weisst, unversoehnlich gestritten ueber
+die beste Ruestung an jenem Tage der blasenden Posaune. Unsere kluge
+Kirche oeffnet ihre Buden und legt verstaendig ihren Vorrat an guten
+Werken zum Verkauf aus. Der deutsche Moench aber zankt und schreit:
+Das ist Plunder! Werft euer Geld nicht weg! Ihr habt es umsonst.
+Eure Schulden sind bezahlt. Glaubet es nur, und sie sind nicht mehr!
+Solches aber zu glauben, braucht es eine grosse Tapferkeit, denn es
+ist unter dem Unglaublichen das Unglaublichste. Doch bringen es
+diese deutschen Koepfe fertig, so brauchen sie gar keine Pfaffheit
+mehr und sind in ihrer trotzigen Sicherheit uns Italienern gewaltig
+ueberlegen, die wir unglaeubig sind oder aberglaeubisch.
+
+Ich rede im groben, Pescara. Aber diese Vorstellungen, nichtig an
+sich, werden im Leben zu den realsten Maechten, die kein Staatsmann
+vernachlaessigen darf. Und du mit deiner grossen Aufgabe am wenigsten,
+Pescara, wenn du auch selbst ein Gottloser bist, wie ich dich kenne."
+Sein Laecheln blieb unerwidert.
+
+"Hier irrst du dich, Kanzler", sagte Pescara ernst. "Ich glaube an
+eine Gottheit, und wahrlich keine eingebildete. Doch in dem andern
+hast du recht. Ich habe es mit Augen gesehen. Am Abende meiner
+Schlacht"--er meinte die von Pavia--"sah ich im Lazarett zwei hoechst
+frevelhafte Menschen sterben, einen Deutschen und einen Spanier,
+diesen unter seinen Reliquien und in den Armen zweier Priester
+zitternd und bebend, jenen allein, doch voller Zuversicht und Freude.
+Ich sprach ihn an, denn ich weiss ein paar deutsche Woerter, und
+erfuhr, dass er traue und trotze auf den reuigen Schaecher. Doch
+lassen wir diese Farben der Seele. Zurueck zu deiner Sache, denn ich
+meine, dass du noch nicht damit zu Ende bist." "Gewiss nicht, Pescara.
+Dann erst, wann du durch das Schwert oder durch ein listiges
+Abkommen den Kaiser ausser Spiel gesetzt haben wirst, dann erst baust
+du deine Groesse und Italiens Freiheit. Die zwoelf Arbeiten des
+Herkules! Doch du rufst alle Seiten und Eigenschaften deines Wesens
+unter die Waffen: Geduld und Entschluss, Begeisterung und Berechnung,
+Arglist und grosse Gesinnung. Kein Teilchen von dir wird muessig gehen.
+Du kennst dich noch gar nicht, Pescara! Dann erst wirst du dich
+zeigen als der, welcher du bist, in deinem ganzen Wuchse: fuer das
+Volk ein furchtbarer und wohltaetiger Daemon, fuer das Heer ein
+unfehlbarer Sieger, fuer den Patrioten der Vollender Italiens, fuer den
+Gelehrten der wiederaufgelebte roemische Ehrgeiz, fuer die Fuersten,
+soviel du ihrer bestehen laessest, der herrschende Bundesgenosse. Du
+beutest alle Moeglichkeiten und Beguenstigungen des Jahrhunderts aus.
+Du wirst der Verteidiger des Papstes und eroberst ihm seine Staedte
+und Provinzen zurueck, die du fuer dich behaeltst; du reitest als
+Schiedsrichter zwischen der verroechelnden Republik und den Mediceern
+in Florenz ein, und sie gehorchen dir beide. Ja sogar die stolze
+Fuerstin der Hadria zwingst du in deinen Machtkreis! Ich sehe dich",
+jubelte Morone, "wie du ihr Doge wirst und dich dem Meere vermaehlst.
+
+So waechsest du, bis dich und dein herrliches Weib auf dem roemischen
+Kapitol tausend frohlockende Arme vergoetternd in die Luefte heben und
+dich ganz Italien als seinen Koenig zeigen, welches du dann, wie dir
+jetzt, ich fuerchte, noch nicht moeglich ist, als deinen Besitz und
+deinen Ruhm ein wenig lieben wirst, damit endend, womit ich
+angefangen habe, denn allein meine Liebe zu Italien, das Beste, das
+einzig Gute an mir, wirft mich dir zu Fuessen, du Kaltherziger!" Und
+er umfing das Knie des Feldherrn mit einer so inbruenstigen Gebaerde,
+dass dieser aufspringend einer solchen Anbetung sich entzog, aber doch
+innerlich ergriffen schien, sei es, dass ihn diese Wahrheit des
+Gefuehls in einem luegnerischen Geiste fesselte, sei es, dass sein
+maechtiger Verstand die angedeuteten Zuege seiner und Italiens
+moeglicher Groesse unwillkuerlich zu einem lebensfaehigen Ganzen
+zusammenschloss.
+
+Er liess den Kanzler und schritt mit ueber der Brust gekreuzten Armen
+mehrere Male langsam durch das Zimmer, zuletzt wie zufaellig wieder
+vor ihm stehenbleibend. "Wie viele meiner Jahre verlangst du von mir,
+Morone?" warf er hin.
+
+"Viele, ohne Zweifel", versetzte der Kanzler. "Je mehrere, desto
+besser! Nur mit jenen langen und fruchtbaren Pausen, welche die
+Dinge still und unaufhaltsam wachsen lassen, unzerstoerlich scheinende
+Hindernisse zernagen, die Gewissen abstumpfen und beruhigen und
+selbst das urspruenglich Frevle entsuehnen und heiligen, nur auf
+solchen breiten und notwendigen Stufen ist Bleibendes im Staate
+erreichbar. Dein bester Verbuendeter, Pescara, ist das Leben. Zehn,
+zwanzig, warum nicht dreissig Jahre, Pescara? Du stehst ja in der
+Fuelle der Kraft und schoepfst nur so mit der Hand aus der
+ueberstroemenden Quelle. Du hast deinen Schatz kaum noch angegriffen,
+und nicht zum wenigsten darum haben dich die unsterblichen Goetter
+Italiens zu diesem deinem herrlichen Werke berufen, weil du, roemisch
+gesprochen, ein Juengling bist und dich noch lange kein Todesschatten
+beruehren darf!"
+
+Ein ploetzlich hervortretender harter und finsterer Zug hatte das
+Antlitz des Feldherrn verwandelt. Er traf den Kanzler mit einem so
+feindseligen Blicke, dass dieser um einen Schritt zurueckwich. "Weisst
+du", drohte er, "dass, wenn mich mein Ehrgeiz ueberwaeltigen sollte, das
+erste Opfer dein Gebieter, der Sforza, waere? Denn ich finge damit an,
+euer Mailand dem Bourbon zu geben, der mein Alterego, meine rechte
+Hand und ein Gonzaga ist. Ich wuerde es ihm goennen! UEberlieferst du
+mir den Sforza?"
+
+"Bei allen Goettern, nein!" schrie der entsetzte Kanzler. "Ich meinen
+Herzog verraten! Niemals! Nimmermehr! Und", rief er empoert, "wie
+darfst du daran denken, Pescara, unsere reine und heilige Sache mit
+dem Borbone zu beflecken!"
+
+"Sehet diesen Menschen!" verhoehnte ihn Pescara. "Gibt es etwas
+Frecheres? Dem armseligsten Fuersten will er Treue halten, und mutet
+mir zu, sie meinem erhabenen Kaiser zu brechen! Sehet diesen
+unzusammenhaengenden Geist! Er verlockt mich zum Verrat und will rein
+bleiben von Verrat!"
+
+"Das ist etwas voellig anderes", wehklagte der Kanzler. "Der
+Konnetabel hat sein Vaterland verraten, und du rettest es, indem du
+von einem Fuersten abfaellst, welcher nicht der deinige ist. Meinen
+Herzog preisgeben, meinen holdseligen Herrn! Der Mohr wird mir im
+Traume erscheinen!"... er that einen erbaermlichen Seufzer... "Doch,
+dennoch, es sei! Aber jetzt, Pescara, widerstehe auch du nicht
+laenger! Erbarmst du dich Italiens? Gib Antwort, Grausamer!", und
+die Traenen brachen ihm aus den Augen.
+
+"Heute nicht, Morone!" troestete ihn Pescara. "Wir sind beide ermuedet
+und beduerfen der Ruhe. Es ist die Stunde der Siesta." Er klingelte.
+"Ippolito", unterwies er den Knaben, "fuehre den Herrn, der ein
+grosser Staatsmann ist, in den Turmfluegel. Der Haushofmeister soll
+ihm die ganze Zimmerreihe des Oberstockes oeffnen und ihn sorgfaeltig
+bedienen und reichlich bewirten lassen. Ihr findet eine gewaehlte
+Bibliothek, Kanzler, und wollet Ihr Luft schoepfen, so steiget in den
+Garten hinab, er ist schattig und reicht bis an die Waelle. Ich lade
+Euch nicht zu Tafel, da ich Donna Victoria erwarte, der mein Abend
+gehoert. Lasset Euch die Zeit nicht lange werden. Morgen sehen wir
+uns wieder."
+
+"Wie wird mir der Tag vergehen?" jammerte der Kanzler.
+
+"Alles geht vorueber. Noch eins: naehert Euch, ich bitte, den
+Wachtposten nicht, Ihr verstuendet denn das Deutsche." Er sah den
+Kanzler erbleichen. "Fuerchtet nichts", schloss er freundlich und
+entliess ihn.
+
+Wie er sich wieder umwendete, naeherten sich ihm der Herzog und Del
+Guasto, die ihr Versteck verlassen hatten, beide in der hoechsten
+Aufregung, der bleiche Bourbon mit fieberhaft geroeteten Wangen, Del
+Guasto mit lodernden Augen. Pescara erriet, dass das belauschte
+Gespraech und der gezeigte Ruhm sie beide verfuehrt und bezaubert hatte.
+Del Guasto lechzte nach Beute und der Herzog nach dem reinigenden
+Lorbeer. Noch schwiegen sie, aber ihre dringende und flehende
+Gebaerde wollte sich in Worte verwandeln. Da schloss ihnen Pescara den
+Mund.
+
+"Herrschaften", sagte er, "hier wurde Theater gespielt. Das Stueck
+dauerte lange. Habt Ihr nicht gegaehnt in Eurer Loge?"
+
+Da schlug der Bourbon in ploetzlich umspringender Stimmung eine gelle
+Lache auf. "Trauerspiel oder Posse?" fragte er.
+
+"Tragoedie, Hoheit."
+
+"Und betitelt sich?"
+
+"Tod und Narr", antwortete Pescara.
+
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+
+Durch seine lange Zimmerreihe schritt der Kanzler von Mailand ruhelos
+auf und nieder. Die Fensterlaeden waren gegen die brennende
+Nachmittagssonne geschlossen, und nur durch eine Spalte schoss hin und
+wieder ein neckischer Strahl in die Daemmerung, einen grellen Streifen
+ueber die Fliesen ziehend, waehrend die Tiefe der Gemaecher im Geheimnis
+blieb. Doch nicht der schmalste Lichtblitz erhellte dem Kanzler die
+Seele Pescaras. Er hatte seinen ganzen Menschen preisgegeben,
+Pescara auch nicht ein Teilchen seiner selbst, und nicht nur ein
+Schuldiger und Gestaendiger war jetzt der Kanzler, sondern auch ein
+Gefangener oder nicht viel anders. Doch weit entfernt, dass seine
+Blossstellung ihn gereut oder sein Halbgefaengnis ihn geaengstigt haette:
+im Gegenteil, er schwelgte in der Grossmut seiner voelligen Hingabe.
+Nicht einmal sein schmaehlich verratener Herzog beunruhigte jetzt sein
+Gewissen, so gaenzlich erfuellte ihn die Leidenschaft, sich Pescaras zu
+bemaechtigen, und der Reiz seines Anschlages auf diesen einzigen
+Menschen, dessen grosse Haltung und ernstes Spiel in der eben
+beendeten Szene er aufrichtig bewunderte. Er setzte diese Szene fort:
+jedes Wort des Zwiegespraeches wiederholte sich in seinem Ohr, und
+selbst jede Miene und Gebaerde desselben bildete sich ab in seinen
+Zuegen und schwang in seinen Muskeln fort--doch ueber Sinn und
+Tragweite des Gesprochenen verstrickte er sich in unloesbare, in
+toedliche Zweifel. Eine Auslegung nach der andern verwarf er, um
+zuletzt zu dem wahrscheinlichen Schlusse zu kommen, noch sei Pescara
+ungewiss, noch liege er im Kampfe mit sich selber.
+
+Da gedachte er sehnsuechtig der Bundesgenossin, die jede Stunde, jede
+Minute ihm bringen konnte, und der Wert Victoria Colonnas deuchte ihm
+unermesslich. Nur eine solche konnte einen solchen besiegen. Nicht
+ein aufstachelndes, herrschsuechtiges Weib, wie damals deren manches
+in Italien sein Wesen trieb, sondern die edelste Frau der Zeit fuehrte
+seine Sache, und in dieser jede Schoenheit und Tugend Italiens
+verkoerpernden und von seinen Freveln und Suenden freien Gestalt
+erschien ihm sein Vaterland so unvergleichlich und der Ruhm, es sich
+selbst wiederzugeben, so einzig, dass hier sogar ein Pescara und
+gerade ein Pescara unmoeglich widerstehen konnte. Ein mit
+unsittlichen Mitteln wirkendes Buendnis verklaerte sich in diesen
+himmlischen Augen zu einer Reinheit, die den Namen einer "heiligen
+Liga" in einem freien und weltlichen Sinne rechtfertigte. Die
+Bewunderung des goettlichen Weibes, welches, wie er glaubte, Italien
+zu retten berufen sei, wurde dem Kanzler zur Anbetung und seligen
+Inbrunst, denn er war der erhabensten und der gemeinsten Gefuehle in
+gleicher Weise und Staerke faehig.
+
+Jetzt, da die gewonnene Zuversicht sein Inneres erhellte, verlangte
+es ihn nach dem Tageslichte, er stiess einen Laden auf und stand, sich
+umblickend, in dem sogenannten Schlangensaale, von welchem sein
+Herzog ihm oft erzaehlt, den er selbst aber noch nie gesehen hatte.
+UEber dem Getaefel lief die vier Waende entlang ein gemaltes Geflechte
+von Schlangen, je zweie sich umwindend, die eine der feuerspeiende
+Drache der Sforza, die andere das entsetzliche Wappenbild der
+Visconti, die Schlange mit dem Kind im Rachen. Legende oder Wahrheit,
+der suesse Lionardo da Vinci galt als der Schoepfer des scheuseligen
+Kranzes: waehrend seines langen Dienstes bei dem Mohren habe er einmal
+im herzoglichen Hause zu Novara sich aufgehalten und in wenigen
+Stunden dieses Spiel einer grausamen Laune begonnen und beendigt
+unter dem Vorwande einer Verherrlichung seines Fuerstenhauses. Keine
+Unmoeglichkeit, denn der Bildner des zaertlichsten Laechelns liebte
+zugleich die Fratze und das Grauen. Zuerst mit ergoetzten, bald mit
+beaengstigten Augen betrachtete der Kanzler den wilden Ring, das Werk
+einer unerschrockenen Einbildungskraft, die sich daran geuebt hatte,
+den Ungetuemen und dem nackten Kinde in dem verschlingenden Rachen
+eine Folge von natuerlichen Bewegungen zu geben. Dann ploetzlich
+erschien es ihm, als lebe und drehe sich das Gewinde. Der Kanzler
+wendete sich schaudernd und trat wieder an das Fenster.
+
+Er erblickte den einsamen Schlossgarten, der sich unter einem weiten
+Gewoelbe von Baeumen in tiefdunkle Schatten verlor. Darueber das
+blendende Lichtmeer, und hin und wieder ein Bruchstueck der gezackten
+Stadtmauer. Nur in einiger Entfernung stieg aus dem ueppigsten Gruen
+auf drei Terrassen eine kleine Villa, im Winkel und von zwei Seiten
+sichtbar, deren jede ein Bild bot, jene mit einem Turmbau endigend,
+diese in einen weinumwundenen Saeulengang verlaufend. Es wollte
+Morone scheinen, das anmutige Landhaus, dessen Teile leicht
+auseinander herauswuchsen, muesse fuer Victoria bestimmt und der
+Gedanke Pescaras sein, der ihr nicht in einem schweren und von dem
+Schritte der Wachen droehnenden Schlosse, sondern an einer gefaelligen
+und friedlichen Staette liebenden Empfang bereite. Auch deutete
+mancherlei drueben hin und her eilende Dienerschaft auf das Kommen
+eines Gastes, und jetzt glaubte er aus der entgegengesetzten Richtung
+den Laerm einer Ankunft zu vernehmen. Da litt es ihn nicht laenger in
+den unbehaglichen Raeumen, er suchte Treppe und Pforte und wandelte
+bald in einem gruenen Schattenreiche.
+
+Seine Schritte fuehrten ihn in ein weites Rondell, wo das lieblichste
+Halbdunkel herrschte und in dessen Mitte ein Brunnen seine
+schimmernde Schale mit einer langsam stroemenden Flut durchsichtig und
+einschlaefernd verschleierte. Vier breite Marmorsitze standen im
+Umkreise. Auf einem derselben, dessen Lehnen zwei Sphinxe bildeten,
+schlummerte der Feldherr, das Haupt ueber die Brust gesenkt.
+
+Nach einem leichten Erstaunen naeherte sich Morone auf vorsichtigen
+Fuessen, um das schlafende Antlitz zu belauschen, ob nicht die jetzt
+willenlose Miene den verschwiegenen Gedanken abbilde und ausdruecke.
+Lange stand er davor. Nein, es traeumte nicht ehrgeizig, dieses Haupt,
+noch sann es Verrat, sondern seine unbeherrschten Zuege trugen, ohne
+die Spur von Triumph und List, einen Ausdruck, der kein anderer sein
+konnte als der des Leidens und der Entsagung. Wie Morone es
+betrachtete, erstarrte seine eigene aufgeregte Miene, denn die des
+stillen Hauptes war so ueberredend, dass auch ihn eine fatalistische
+Stimmung unwiderstehlich erfasste, eine Gewissheit von dem Nichts der
+menschlichen Plaene und der Allgewalt des Schicksals. Nichts anderes
+sagte das maechtige Antlitz als Froemmigkeit und Gehorsam.
+
+Da legte sich unversehens eine Hand auf die Schulter des Kanzlers.
+Nach einem kleinen gespenstischen Schrecken, als ob ihn der Geist des
+vor ihm Schlummernden von hinten beruehre, wandte er sich und
+erblickte einen gelben Schaedel und eine von Alter gebrochene Gestalt.
+Zwei braune kluge, aber unendlich wehmuetige Augen waren ihr einziges
+Leben.
+
+"Numa! Wahrhaftig, du hast mich erschreckt."
+
+"Ich glaube es. Aber komm, Kanzler. Lassen wir ihn schlummern und
+setzen uns dort gegenueber, dass ich ihn von ferne beobachte." Sie
+thaten es, und der Arzt, der wohl achtzig zaehlen mochte, doch sein
+feines Gehoer bewahrt hatte, liess sich mit dem Kanzler in ein
+lispelndes Gespraech ein. "Du glaubst gewonnen zu haben?" fragte er.
+
+"Ich weiss nicht", sagte der Kanzler. "Est in votis."
+
+"Enttaeusche dich, Girolamo! Ich sage dir, auch wenn er wollte, so
+kann er nicht."
+
+"Er koennte nicht? Warum? Das toent geheimnisvoll. Welcher Gott oder
+welche Goettin verbietet es ihm? Kreuzige mich nicht! Rede!"
+
+"Duerfte ich reden, ich haette dir von der Schwelle meines Hauses und
+aus Novara weggewinkt, aber meine Lippen sind gebannt. Doch ich darf
+dich, du AErmster, auch nicht in dein Verderben stuerzen lassen. Du
+verlierst hier deine Worte und vielleicht dein Leben. Er kann nicht,
+beteure ich dir! Es ist ihm versagt. Es ist ihm nicht beschieden.
+Fliehe! Es ist alles umsonst."
+
+"Fliehen? Vor Pescara? Ich denke nicht daran und halte ihn fest
+umschlungen! Bei allen Daemonen, warum ist es ihm nicht beschieden?"
+
+Da hauchte der Arzt, dass ihn Morone kaum verstehen konnte: "Ist nicht
+aller sterbliche Wandel in Zeit und Raum? Beide aber versagen diesem."
+
+Er legte den Finger auf die Lippen, ihnen Schweigen gebietend, und
+dann gleich zum andern Male, um den Kanzler auf nahende Schritte
+aufmerksam zu machen. "Still! Siehe!" fluesterte er. Auf leisen
+Sohlen kam Victoria Colonna in den weiten gruenen Saal, den Gatten an
+seinem Lieblingsplatze suchend. Noch trug ihr Kleid den Staub der
+Strasse; sie mochte kaum vom Pferde geglitten sein. Da sie ihn
+schlummern sah, blieb sie stehen und verlor sich in seinem Anblick.
+Dann zerfloss sie ploetzlich in Traenen, aus einem UEbermass der Freude,
+oder es erschreckte sie der heilige Ernst der geliebten, nun von
+Muehen und Wunden tiefer gegrabenen Zuege. Wenige Augenblicke aber,
+und sie trat zu ihm. Mit unendlicher Liebe legte sie die Hand unter
+das strenge Haupt, und es sachte hebend, weckte sie es mit
+inbruenstigen Kuessen. Pescara oeffnete die Augen. Sanft drueckte er
+sein Weib an die rechte Brust und gab ihr einen Kuss auf die Stirne.
+
+Da sich der Feldherr erhob, hatte sich Morone in einer seltenen
+Regung von Keuschheit weggeschlichen, und Pescara sah nur den Arzt
+vor sich. Die Linke um Victoria schlingend, ergriff er mit der
+Rechten die Hand Numas und sprach zu seinem Weibe: "Das ist mein
+Arzt", und diese, in ihrer feurigen Art, bog das Knie und bedeckte
+die schlaffe Hand mit Kuessen. "Sie hat die Wunde meines Helden
+geschlossen!" jubelte sie voller Dankbarkeit. Dann aber richtete sie
+sich auf und fragte in tiefer Erregung: "Messer Numa Dati?"
+
+Der Alte verneigte sich.
+
+Und Victoria, von ihrem warmen Herzen hingerissen, wendete sich an
+den Gemahl, Mund gegen Mund, und klagte: "Ehe wir uns freuen, musst du
+mir und diesem Recht schaffen! Unser Neffe hat ihm die Enkelin
+verleitet und weigert sich, der Frevler, seine Schuld durch die Ehe
+zu suehnen!"
+
+"Ist es so, Numa?" sagte der Feldherr, und da der Greis traurig
+bejahte: "Warum hast du mir das verheimlicht?"
+
+"Anfangs, Herrlichkeit, war es eine blosse Vermutung, da sie mein Haus
+und Novara heimlich verliess. Und wie durfte ich Euch, der sein
+eigenes grosses Schicksal traegt, mit dem kleinen eines Maedchens
+beschaeftigen? Erst heute erhielt ich Gewissheit, durch ein Schreiben
+aus Rom, von der AEbtissin, in deren Kloster das arme Kind sich
+gefluechtet hatte."
+
+Jetzt draengte sich Victoria flehend an die linke Seite ihres Helden,
+der unter dem Drucke des Frauenleibes einen koerperlichen Schmerz zu
+empfinden schien. Um ihn zu verbergen und zu verwinden, that er ein
+paar Schritte vorwaerts.
+
+Die dreie standen vor den spielenden Lichtern des Brunnens.
+"Schoenste Frau, mich hat herzlich verlangt, Euch wiederzusehen",
+sagte der Feldherr, "und da bist du ja, meine Seele!" Er blickte ihr
+in die strahlenden Augen. "Aber deine edeln Lider sind ja noch ganz
+bestaeubt von der Reise. Dein Tuch!" Sie gab es ihm, der es netzte,
+und schloss die Augen, waehrend er ihr Stirn und Lid und Wange wusch
+und badete.
+
+"Ich erinnere mich deiner Enkelin ganz wohl, Numa, obwohl ich sie
+kaum gesehen habe. Tiefblaue Augen und kastanienbraune Haare, wie
+diese da, nicht wahr, und Julia heisst sie? Was ihre Sache betrifft,
+die duenkt mich schwer und tragisch. Nicht dass ich anstuende, den
+Boesen, den du kennst, Victoria--auch ich kann ihn nicht anders
+nennen--zur Ehe mit ihr zu zwingen, er wuerde sich fuegen, ohne Zweifel,
+denn er ist mein Geschoepf und ich habe Macht ueber ihn. Aber ich
+frage mich, ob es gut sei, die Verschmaehte an einen Herzlosen und
+Grausamen zu fesseln, der freilich durch seine Vermessenheit und
+Begabung in der Welt die hoechsten Stufen erreichen wird. Und sie
+selbst? Wird sie es verlangen? Glaubst du, Victoria? Hat sie es
+verlangt, die sich dir in Rom zu Fuessen geworfen hat, wie ich vermute,
+da du sie kennst?"
+
+"So that sie", sagte Victoria mit flehender Stimme.
+
+"Ertrug sie deinen reinen Anblick? Und im Ernst, du willst sie dem
+Manne geben, der sie verschmaeht? Wenn sie mein Kind waere, ich
+vergruebe sie ins Kloster. Ihr aber seid menschlich und barmherzig,
+Madonna. Und wer weiss, vielleicht liebt sie ihn noch, oder liebt und
+hasst ihn zugleich--ich verstehe das nicht. Doch ich will mich ihrer
+annehmen, sie habe die Wahl."
+
+Jetzt oeffnete der Arzt den welken Mund. "Arme Julia! Welche Wahl!
+Selig, dass sie ihrer ueberhoben ist!"
+
+"Wodurch?" fragte Pescara.
+
+"Durch eine dunkle, aber weise Gottheit."
+
+"Ich verstehe", sagte der Feldherr rasch, "sie lebt nicht mehr."
+
+"Du sagst es, Herrlichkeit."
+
+"Sie hat sich ein Leides gethan?" wehklagte Victoria.
+
+"Da sei ihr Schutzengel davor!"
+
+"Wer weiss es? Als sie in ihr Kloster zurueckkam, nachdem sie sich
+Euch geoffenbart, ist sie gestorben. Ihr Gestaendnis muss sie getoetet
+haben, und der Anblick Eurer Reinheit, Madonna, wie die Herrlichkeit
+es gewollt hat. Vielleicht ein Herzschlag, vielleicht--das willige
+Maedchen ist mir in meiner Apotheke oft mit Verstaendnis und Geschick
+beigestanden."
+
+Jetzt urteilte der Feldherr: "Das bleibe unberedet. Sie ist
+eingegangen in den Frieden und steht jetzt in Dienst und Pflicht
+einer heiligen Macht, die unserer erbaermlichen Gerechtigkeit spottet."
+
+Victoria weinte, und der Greis flehte: "Ich kann nicht mehr! Es sei
+gut!"
+
+"Ja, es ist gut", schloss der Feldherr.
+
+Dann bot er Victoria die Hand und sagte leichthin: "Edle Frau, ich
+habe Euch und mir, solange wir zusammen sein duerfen, ein helleres
+Haus geruestet als dieses alte Schloss mit seinen plumpen Deckenbalken,
+diese Wohnung des Verrates, denn auf seiner Zugbruecke wurde der Mohr
+ausgeliefert. Sehet Ihr dort bei den Pinien die anmutige Baute,
+Madonna? Die habe ich Euch bestimmt: sie ziemt Eurem klaren Wandel."
+
+Sie durchschritten den Park und langten am Fusse der drei Treppen an,
+wo der greise Arzt stehenblieb, Atem schoepfend und den Feldherrn
+zurueckerwartend. Da Victoria die dritte Treppe erstieg, erblickte
+sie zwei Bildwerke, welche rechts und links die hoechste Stufe
+schmueckten. "Das hat der junge Franz Sforza ersonnen, an welchem
+sein guter Geschmack immer noch das Beste ist", plauderte Pescara.
+"Diese Gruppen sind huebsche Gedanken aus seinem fluechtigen Kopfe.
+Die rechts zum Beispiel. Erst konnte ich nicht aus ihr klug werden,
+so sehr sie mir gefiel. Da sagte mir der Gaertner die Inschrift, die
+sie anfangs trug, die aber der feine Herzog verschwinden liess, damit
+der Beschauer fuehle und rate. Sie lautete... doch das bringst du
+heraus, Geliebte?"
+
+Victoria, nachdem sie einen fluechtigen Blick auf die linke Gruppe,
+ein ungebunden kosendes Paar geworfen hatte, betrachtete lange Zeit
+die rechte. Es waren zwei weibliche Gestalten, eine liegend und
+etwas wie eine Blume oder einen Schmetterling leichtsinnig
+zerpflueckend; die andere stand, innig vertieft in sich selbst, oder
+in die Ferne verloren. Alle drei Maedchen aber, das kosende, das
+vergessende, das sich sehnende, hatten unter verschiedenem Ausdrucke
+das gleiche Gesicht. Victoria sann. Da blies ihr der Feldherr
+mutwillig ins Ohr, wie in der Schule ein Knabe einem Maedchen: "Tu die
+Augen auf, ein paar Buchstaben sind noch lesbar." Victoria entdeckte
+links, schwach ausgepraegt: Pres..., rechts aber unterschied sie etwas
+deutlicher: Ass... "Presenza und Assenza", ergaenzte sie beschaemt,
+und der Feldherr sagte: "Die Gegenwart ist frech. Die Abwesenheit
+aber, die vergisst, ist gedankenlos. Ich preise die gegenwaertige
+Abwesenheit: die Sehnsucht."
+
+"Wir werden uns nicht mehr trennen, Ferdinand, wenn du mich lieb hast."
+
+"Nur noch einmal. Fuer einige Tage, hoechstens eine Woche, Madonna,
+bis ich Mailand werde genommen haben. Ihr folget mir, und forthin,
+wenn Ihr wollt, trennen wir uns nicht mehr. Es liegt an dir,
+Victoria", sagte er zaertlich.
+
+"Ob ich will!"
+
+"Erinnerst du dich, Geliebte", scherzte er wiederum, "dass du mir
+einmal in Ischia am plaetschernden Strande gesagt hast, du begreifest
+nicht, wie ein Weib, das geliebt habe, jemals einem Zweiten gehoeren
+koenne? Es widerspricht der Liebe, sagtest du. Freilich, aber es hat
+Erfahrung und menschliche Natur fuer sich. Assenza, Assenza!"
+
+Jetzt erhob sich Victoria zu ihrem ganzen stolzen Wuchs und streckte
+den herrlichen Arm, von welchem der AErmel zurueckfiel, gegen den
+leuchtenden Himmel und schwur: "Nie gehoere ich einem andern, bei den
+reinen Strahlen dieser Sonne!"
+
+Der Feldherr beschwichtigte: "Dort stehen deine Kammerfrauen, Kind,
+und bestaunen dein Geluebde, das sie dir wahrlich nicht nachtun werden."
+Er winkte den in ehrerbietiger Entfernung harrenden Zofen und
+beurlaubte sich bei der Marchesa. "Ihr werdet Euch umkleiden, Herrin,
+und ich selbst habe noch bis zur Abendstunde zu thun. Auf
+Wiedersehen hier, nach Sonnenuntergang, zum Spaetmahle." Er wendete
+sich und ging, ohne nach ihr sich umzublicken. Unten an der Treppe
+nahm er den Arm des greisen Arztes, langsam mit ihm durch einen
+Zypressengang nach dem Schlosse zurueckwandelnd. "Wie war die Nacht
+Eurer Herrlichkeit?" fragte der Alte.
+
+"Wie gewoehnlich", antwortete Pescara. "Du hast gegen deinen
+Gastfreund reinen Mund gehalten, Numa?"
+
+"Ich erinnerte mich Eures Befehles... Aber wie moeget Ihr mit dem
+Kanzler und meinem armen Italien dieses grausame Spiel treiben! Wie
+duerfet Ihr es?"
+
+"Ich spiele mit Italien, sagst du? Im Gegenteil, deine Landsleute,
+Numa, spielen mit mir: sie heucheln Leben und sind tot in ihren
+UEbertretungen und Suenden."
+
+Sie gingen eine Weile schweigend. "Weisst du, Numa", spottete jetzt
+der Feldherr, "dass mich neulich ein Astrologe besucht und mir das
+Horoskop gestellt hat? Er schaetzte mich auf sechzig Jahre, ich fand
+das wenig."
+
+Der Greis seufzte.
+
+Wieder wandelten sie wortlos. Vor der schmalen Pforte der Burg
+beurlaubte Pescara den Alten. "Meine Feldherrn erwarten mich, Numa,
+ich habe sie auf diese Stunde beschieden." Da beschlich ihn noch ein
+Mitleid mit den guten braunen Augen und dem zahnlosen Munde, und er
+sagte freundlich: "Fuerchte nichts, Numa. Ich werde dein Italien
+nicht misshandeln, ich werde gerecht und milde verfahren."
+
+In seinem Vorsaale fand der Feldherr den Herzog von Bourbon und Leyva
+sich gegenueberstehen, zwischen ihnen Del Guasto, als ob er sie
+auseinanderhielte, und dann noch einen vierten, der in einer
+Fensterbruestung lehnte. Dieser war ein vornehmer Mann in Jahren,
+halb Moench, halb Weltmann, mit einem bronzefarbenen Kopfe und tiefen,
+unergruendlichen Zuegen, in einen kuttenaehnlichen weissen Mantel gehuellt.
+Wie Pescara ihn erblickte, schien der Feldherr leicht zu schaudern,
+ging aber auf ihn zu und begruesste ihn.
+
+"Was verschafft mir die Ehre, Moncada?"
+
+Der andere erwiderte: "Erlaucht, ich bin in Sendung und ersuche im
+Namen des Vizekoenigs um eine Unterredung."
+
+"Ich gewaehre sie", versetzte der Feldherr, "aber ich bitte Eure Gnade,
+sich kurz zu fassen am Vorabende des Feldzugs."
+
+"Eine geheime Unterredung."
+
+Pescara besann sich. "Eine geheime? Nicht, Ritter. Geschaeftliches
+wuerde ich diesen zwei Herrschaften, meinen Kollegen, nicht
+vorenthalten. Ersparet mir die Muehe. Mein Neffe hier ist
+verschwiegen. Was ist Euer Auftrag? Sprechet, Ritter!" Er bot
+Moncada keinen Stuhl.
+
+Dieser musterte die anwesenden Gesichter. "Nach Eurem Willen", sagte
+er. "Erlaucht, der Vizekoenig ist in tiefster Besorgnis. Die
+italienische Liga ist eine Thatsache, an welcher Erlaucht nicht
+zweifelt, da Sie durch Leyva den Vizekoenig um Truppen ersuchen liess,
+welche dieser freilich nicht entbehren kann, selbst ihrer beduerftig,
+um im Falle des ausbrechenden Krieges eine ehrfuerchtige, aber
+drohende Bewegung gegen die irregegangene oder missleitete Heiligkeit
+zu machen. Erlaucht gibt zu, dass unsere Heere im Sueden und Norden
+der Halbinsel zusammenwirkend in denselben Plan eingreifen muessen.
+In diesem Sinne sendet mich der Vizekoenig, Euch zu begleiten und ihn
+auf dem laufenden zu halten. Genehmigt Erlaucht?"
+
+Der Feldherr bejahte, seinen Unmut niederkaempfend.
+
+"Ein anderes", fuhr Moncada fort. "Ich bedaure, dass Ihr mich nicht
+geheim empfangen habet, aber ich ergreife den Augenblick. Es wird
+gewuenscht in Madrid, dass Erlaucht, wenn Sie Mailand erobert haben
+wird, dort zum Heile der Monarchie, und um das UEbel mit der Wurzel
+auszurotten, streng und durchgreifend verfahre. Es wird geraten: der
+abtruennige Herzog werde in Ketten gelegt und nach Spanien gesendet;
+der trotzige lombardische Adel verliere seine Gueter und besteige das
+Schafott; starke Besatzung und schwere Kriegssteuer baendige den
+Buerger; der Schrecken herrsche in Mailand!" Er suchte in der Miene
+des Feldherrn zu lesen.
+
+Dieser stand ruhig. "Der Schrecken?" wiederholte er. "Niemals,
+solange ich lebe und meinem Kaiser diene! Mailand ist Reichsgebiet,
+und der Kaiser will nicht, dass das Reich misshandelt werde. Wer
+wuenscht? Wer raet? Verschonet mich mit Raeten und Wuenschen, Moncada,
+ich brauche sie nicht."
+
+"Hat der Herzog um Aufschub gebeten?" fragte Moncada misstrauisch.
+
+"Nein, Ritter."
+
+"Durch seinen Kanzler?"
+
+"Der Kanzler der Hoheit von Mailand bewohnt seit heute diese Burg.
+Eure Gnade kann ihn sprechen und sich bei ihm selbst erkundigen, Sie
+wird ihm damit ein Vergnuegen machen, denn ich fuerchte, dass er sich
+langweilt."
+
+"Erlaucht hat ihn nicht empfangen? Keine Neugierde laesst mich fragen,
+sondern das Interesse der koeniglichen Sache, welcher wir alle hier
+dienen."
+
+"Ich habe den Kanzler gesprochen, heute morgen, zwei Stunden."
+
+Diese Aufrichtigkeit setzte Moncada in Erstaunen, aber sie sagte ihm
+nichts Neues. Er war durch die spaehenden Ohren, welche er unter dem
+Gesinde Pescaras besoldete, von der Ankunft und der Audienz Morones
+genau unterrichtet.
+
+"Eine lange Beredung, da doch allein von der Unterwerfung des Herzogs
+die Rede sein konnte."
+
+Pescara schwieg. Geheimer Abscheu, so schien es, verbot ihm, den vor
+ihm Stehenden nur eines Wortes zu wuerdigen ueber das Noetige hinaus.
+
+"Ich wundere mich", sprach Moncada weiter, "dass Erlaucht nicht kurz
+abgebrochen, und ich erstaune, dass Sie diesen Niedertraechtigen
+ueberhaupt empfangen hat, jetzt, da jene Verleumdungen ueber Erlaucht
+Italien erfuellen."
+
+"Nicht weiter! Jedes Wort waere eine Beleidigung und ein Zeitverlust!
+Ich habe diese Luegen meinem Kaiser berichtet. Das genuegt. Ich
+kenne meine Feinde..."
+
+"Weise. Und ebenso weise, wenn Erlaucht Ihrer Unterredung mit Morone
+unverdaechtige Zeugen gegeben haette."
+
+"Das geschah", erwiderte Pescara veraechtlich. "Diese Herrschaften
+hier." Bourbon und Del Guasto nickten. "Was aber den Inhalt der
+Unterredung betrifft, nach welchem Ihr neugierig zu sein scheinet, so
+werdet Ihr ihn der Antwort entnehmen, welche ich in Eurer Gegenwart,
+wenn Ihr es wuenscht, dem Kanzler morgen zu geben gewillt bin, bevor
+er meinem Heerzug als ein Gefangener folgen wird. Hier in diesem
+Saale. Nun aber lasse ich Euch." Und er entfernte sich in sein
+inneres Gemach, wohin die drei andern ihm folgten.
+
+Moncada stand allein. "Eine Maske", ueberlegte er, "eine durchdachte
+Maske. Welch ein Antlitz verbirgt sie?... Ich werde es wissen...
+Du entrinnst mir nicht, ich umschwebe dich, Pescara!" Er ging
+langsam weg in streitenden Gedanken.
+
+Waehrend die drei Feldherrn drinnen den Krieg vorbereiteten, blieb der
+Vorsaal eine Weile leer und unbehuetet. Der Page Ippolito hatte sich
+zu der Herrin hinuebergeschlichen, deren Ankunft er belauscht hatte
+und deren Schoenheit und Leutseligkeit er kindlich bewunderte. Er
+brannte, sie zu begruessen und ihr seine Dienste zu bieten. Dann aber
+bevoelkerte sich der feierliche Saal mit einer lustigen Gesellschaft.
+Die fuenf silbergrauen Windspiele des Konnetabel, naerrische, noch ganz
+junge Tiere, hatten irgendeinen unbewachten Eingang in das Schloss
+gefunden und beschnoberten jetzt die Spalten der Tuere, hinter welcher
+sie ihren Herrn vermuteten. Diese Rasse war Modesache. Nun kam auch
+der Windhund des Marchese, ein edles Tier und ein unermuedlicher
+Laeufer, zu sehen, was es gebe, und war nicht sehr erbaut von dieser
+leichtsinnigen Sippe, die ihm nicht in diesen ernsten Raum zu gehoeren
+schien und der er knurrend sein Missfallen kundgab.
+
+Siehe, da erschien noch ein zartes, zierliches Windspiel, ein
+schneeweisses Geschoepf von den feinsten Formen, das auf schimmerndem
+Silberhalsband die Inschrift trug: "Ich gehoere der Victoria Colonna."
+Zuerst mit Freude und Bewunderung empfangen, wurde das schmucke
+Spielzeug bald zu einem gejagten und gehetzten Wilde, hinter welchem
+die ganze jugendliche Meute klaeffend im Kreise herumfuhr. Da kam der
+Page hereingesprungen, nahm das Eigentum der Herrin, welche ihn
+danach gesendet haben mochte, in die Arme und fluechtete es aus dem
+Tumulte, die wilde Jagd hinter sich ziehend, den besonnenen Laeufer
+des Pescara ausgenommen. In demselben Augenblicke trat Leyva aus dem
+innern Gemache und beschleunigte die allgemeine Flucht, indem er dem
+hintersten Huendchen des Konnetabel einen Tritt versetzte, dass es
+winselnd durch die Luft flog.
+
+Der ergraute Feldherr hatte einen zornroten Kopf und liess sich von
+Pescara, der ihn geleitete, kaum mehr an der Hand zurueckhalten.
+"Leyva", sagte der Marchese, "ich bitte Euch, bleibt! Beherrschet
+Euch! Ich kann Euch nicht zwingen, gegen den Herzog gerecht zu sein,
+aber beobachtet wenigstens die Formen! Der Herzog benimmt sich
+musterhaft gegen Euch, mit tadelloser Courtoisie, Ihr aber zoget ihm
+die grinsende Miene eines Bauers, und jetzt lauft Ihr weg, ehe unsere
+Beratung geschlossen ist. Das ist kein Betragen, wie es sich fuer
+Eure Stellung und Euer Verdienst geziemt." "Ich konnte den Verraeter
+nicht laenger ertragen, Pescara! Mit jeder Miene, jeder Bewegung hat
+mich der Hochmuetige beleidigt! Nichts als Hohn! Seine Kaelte
+verachtet mich, und seine Verbeugungen spotten meiner. Ich moechte
+wissen, woher er das Recht nimmt, auf mich herabzusehen. Ich stehe
+ueber ihm, trotz seiner hohen Geburt, denn meine Ehre ist rein, und
+ich bin ein treuer Knecht meines Koenigs, den seinigen aber hat er
+verraten! Er ist gezeichnet und sein glattes Gesicht garstiger als
+meine Wunde hier! Doch nicht alle Fuersten verachten mich, es gibt
+deren, die meinen Wert kennen. So dieser verstaendige Moncada, mit
+dem ich gereist bin. Der wenigstens hat mich seines Vertrauens
+gewuerdigt."
+
+Pescara wurde sehr ernst. "Leyva", sagte er, "Ihr gebet mir die
+Genugtuung, dass ich Euch immer fuer voll genommen habe. Ich frage
+nicht nach der Geburt, sondern ich nehme den Menschen, wie ich ihn
+erprobe. Habet Ihr mich je hochmuetig gesehen oder kleindenkend
+erfunden? Du hast nichts gegen mich, Alter", sagte er zutraulich,
+"wir kennen uns." Er suchte mit den hellen grauen Augen die des
+Mitfeldherrn, der sie ihm aber, den Kopf senkend, hartnaeckig entzog.
+"Nichts", murrte Leyva, "ausser dass Ihr Freundschaft haltet mit dem
+andern. Doch ich habe Eile: Erlaucht schickt mir die Instruktionen
+nach. Ich besitze dergleichen gerne schriftlich. Leyva tut seine
+Pflicht. Zaehlt darauf!"
+
+Der Feldherr liess ihn gehen und streichelte nachdenklich den feinen
+Kopf seines Windspieles, das ihm denselben in die Hand zu legen
+gekommen war.
+
+Dann trat er in sein Gemach zurueck, wo er Bourbon und Del Guasto in
+einem aufgeregten Gespraeche fand, wohl ueber den Kanzler, denn sie
+deuteten mit den Blicken in der Richtung der Turmgemaecher. Der
+Feldherr laechelte. "Herrschaften", sagte er, "Ihr habet heute morgen
+eine wunderbare Rede belauscht und--noch wunderbarer--diese Rede hat
+mich nicht verfuehrt, aber Euch, meine Zeugen. Meine Treue blieb fest,
+und die Eurige wurde erschuettert, wie ich glaube: ein Triumph, den
+der Kanzler nicht beabsichtigte, der ihm aber schmeicheln darf."
+
+Jetzt wendete er sich mit veraenderter Miene gegen Del Guasto: "Don
+Juan, ich sah Eure Augen habgierig nach Beute flammen. Danket es mir,
+dass ich Euch nicht zu Worte kommen und Euern Herrn, den Kaiser,
+verraten liess. Denn gerade Ihr, Don Juan, muesset der Majestaet
+unverbruechliche Treue halten, wenn Ihr nicht ein Verbrecher werden
+wollet. Treue am Fuersten ist die einzige Tugend, deren Ihr zur Not
+faehig seid, und der letzte Ehrbegriff, der Euch uebrigbleibt. Sie
+wird Eure Unerbittlichkeit adeln, wenn Ihr dieselbe gegen Abfall und
+Empoerung ausuebet, und Eure grausamen Triebe werden der irdischen
+Gerechtigkeit dienen. Nehmet das als meinen wohlgemeinten Rat, und
+nun gehet und vermeidet heute die Augen Donna Victorias. Euer
+Anblick ist ihnen verhasst, sie koennen einen Moerder nicht ertragen."
+
+"Einen Moerder?" Don Juan lehnte sich auf.
+
+"Einen Moerder. Kennet Ihr Euer Opfer noch nicht? Ich nenne es Euch:
+es ist Julia, die Enkelin meines Numa Dati, gestorben in Rom am
+gebrochenen Herzen, und Ihr seid es, der sie umgebracht hat. Ihr
+geschah wohl, aber das mindert Euren Frevel nicht im geringsten.
+Fuerchtet nicht, dass sie Euch erscheinen werde, sie ist versenkt in
+die Ruhe und ueberlaesst Euch den Furien Eurer Seele, zu frueher oder
+spaeter Reue."
+
+Del Guasto erbleichte, und sein Haar straeubte sich wie ein Gewirr von
+Schlangen. Nicht seine That erschreckte ihn, aber der furchtbare
+Richterernst des Feldherrn, dessen vernichtende Strafgewalt von
+jenseits des Grabes zu kommen schien. Er entwich bestuerzt vor den
+Blitzen dieses Auges.
+
+"Familienangelegenheiten", bemerkte Bourbon. "Aber weisst du,
+Ferdinand, dass der Kanzler mich mehr, als du denkst, begeistert hat?
+Trotz seiner Schmaehungen--er ist der einzige, dem ich nichts
+uebelnehme--war er auf dem Wege, mich voellig zu betoeren, oder vielmehr,
+du hast mich betoert, da du sagtest, ich sei dein Alterego und du
+wuerdest mir Mailand geben. Du hast dich ueber mich lustig gemacht,
+und ich Stumpfsinniger habe den Spass nicht verstanden."
+
+"Vergib, Karl! Ich war neugierig, ob der Kanzler seinem Herzog Treue
+hielte. Aber glaube mir, Karl, auch dir bleibt nichts als die Sache
+des Kaisers. Der Niedergang Italiens ist unaufhaltsam, es unterhoehlt
+sich selbst. Besieh dir doch die Sache: Italien bietet sich mir
+flehend und bedingungslos, mit einem Schein von Wahrheit und Groesse,
+und zugleich zieht es mir mit vollendeter Tuecke den Boden unter den
+Fuessen weg, um mich zum Sprung ueber den Abgrund zu zwingen. Ich
+begreife bei solchen Geruechten und Verleumdungen, dass mir Madrid
+einen Aufseher und Belauscher sendet. Aber warum meinen Feind?
+Warum Moncada? Zwar er wird mir nichts anhaben, und ich werde mein
+Tagewerk zu Ende bringen, und dir, Karl, werde ich geben, was ich
+kann, mein Amt und meine Nachfolge... Nicht wahr, Karl, du bist
+gerecht in Italien? Du quaelst es nicht? Du drueckst es nicht ueber
+das Mass? Das gelobst du mir. Obwohl sie es nicht um mich verdient
+haben. Ich kenne dich: du gehst menschlich mit ihnen um."
+
+"Ausgenommen mit dem Heiligen Vater, der schlecht von mir gesprochen
+hat. Aber, Ferdinand, was redest du? Du erschreckst mich! Wir sind
+gleichen Alters, und eine Kugel kann mich vor dir oder uns beide
+zusammen niederstrecken. Dieser Moncada ist ueber dich gekommen wie
+ein Frost, ich sah dich zusammenschauern. Was liegt zwischen Euch?"
+
+Jetzt ging die Sonne unter, und es klopfte leise an der Tuere. Der
+eintretende Ippolito wendete sich flehend gegen seinen Herrn:
+"Erlaucht lasse Madonna nicht warten. Die Tafel drueben ist gedeckt,
+und Madonna steht harrend auf der Terrasse, wenn sie nicht die Stufen
+herabsteigt."
+
+"Gehe, mein Kind, und sage ihr, ich komme."
+
+"Das tue ich nicht", versetzte Ippolito mit anmutigem Trotze, "sonst
+laesst sich Erlaucht mit Hoheit wieder in ein endloses hochpolitisches
+Gespraech ein, und die suesse Frau wird vergessen."
+
+Der Feldherr litt den Knaben neben sich, und die Unterhaltung mit dem
+Herzog fortsetzend, um dessen Schulter er vertraulich den Arm
+geschlungen hatte, bediente er sich der spanischen Sprache, von
+welcher er wusste, dass sie von dem Pagen nicht verstanden wurde. "Was
+zwischen mir und Moncada liegt, Karl? Etwas Entsetzliches, ein
+Verdacht, der fuer mich eine Wahrheit ist, fuer welchen ich aber keinen
+Beweis habe als meine UEberzeugung. Ich glaube, ja ich bin gewiss:
+dieser Mensch hat meinen Vater umgebracht." Er glaettete die Locken
+des Kindes, das mit unschuldigen Augen zu ihm emporblickte.
+
+"Es war nach der Wende des Jahrhunderts und ich wie dieser hier,
+jedenfalls nicht aelter. Mein Vater, ein guter Feldherr und ein
+besserer Mann als ich, ein treuherziger Mann, ging in Sendung des
+damaligen Vizekoenigs, des grossen Gonsalvo, der spaeter den spanischen
+Undank so grausam erfuhr, nach Barcelona, wo der alte Ferdinand eben
+hofhielt. Dort erblickte er den letzten Sprossen unsers
+neapolitanischen Fuerstenhauses, jenen ungluecklichen Juengling, der
+unter dem argwoehnischen Auge Ferdinands welken musste, mit einem
+unfruchtbaren Weibe verheiratet. Arglos und unklug, wie der Vater
+war--ich sage dir, es gab keinen schlichtern Mann--, liess er sich mit
+dem entthronten Prinzen in ein teilnehmendes Gespraech ein und
+besuchte ihn dann zuweilen im Palaste. Das reichte hin, ihn dem
+Koenige verdaechtig zu machen, und dieser Verdacht genuegte, um ihm das
+Leben abzusprechen.
+
+Ich erzaehle dir die Sache, wie ich sie nachher erforscht und
+zusammengebracht habe, da, bei reiferm Verstande und erlangter
+Menschenkenntnis, die Vergangenheit Sinn und Bedeutung fuer mich
+gewann. Es ist hoechst wahrscheinlich, dass der Koenig selbst sein
+Opfer bezeichnete, wenn auch nur mit einem halben Wort oder einer
+kurzen Gebaerde. Die Ausfuehrung seines geheimen Spruches aber
+uebernahm ein junger Mensch, den er um sich hatte und von dem es hiess,
+dass er sein natuerlicher Sohn sei. Der junge Moncada, kein anderer,
+begegnete meinem Vater, der von dem Prinzen zurueckkam, in einer
+Galerie des Schlosses und stiess ihn nieder. Kein Zweikampf, sondern
+ein Meuchelmord, denn die Rechte des Vaters war durch eine alte
+Verwundung gelaehmt. Und Pescara fiel unschuldig, so wahr ich dich
+umschlungen halte, denn nichts lag dem Redlichen ferner als Intrige
+und Verschwoerung. Ist das nicht verrucht? Und vielleicht glaubte
+der junge Moncada eine Pflicht zu erfuellen und als guter Christ zu
+handeln, da er dem Wink einer Koenigsbraue gehorchte. Ist das nicht
+abscheulich? Waere so etwas bei euch moeglich, Karl?" "In Frankreich?
+Je nachdem. Doch nein, so einfach nicht."
+
+"Nach Jahren, da ich meine ersten Sporen verdient hatte, treffe ich
+den Moncada im Zelte meines Feldherrn und Schwiegervaters, des
+Fabricius Colonna. Er umarmt mich, nennt mich seinen jungen Helden,
+den aufgehenden Stern und die Hoffnung Spaniens, und sein Blick
+gleitet mit ruhiger Beobachtung ueber meine Zuege. Er versichert mir,
+ich gleiche meinem Vater, den er gekannt habe, und das Blut erstarrt
+mir in den Adern, denn ich hatte die Gewissheit, dass mich der Moerder
+Pescaras liebkosend in den Armen halte."
+
+"Du liessest ihn gehen?"
+
+"Am Abende jenes Tages ging ich, ihm das Leben zu nehmen oder ihn das
+meinige nehmen zu lassen. Er war verschwunden. Ich konnte ihn nicht
+verfolgen. Wo haette ich die Zeit dazu genommen, immer im Zelte und
+in der Mitte der Entscheidungen, wie ich lebte? Aber der Geist des
+gemordeten Vaters folgte mir ueberall.
+
+Spaeter erfuhr ich, der Verhasste habe sich in irgendeine Kartause
+geworfen, um eine Suende zu buessen. Dann ist er jenseits des Meeres,
+in Kuba, wieder aufgetaucht, wo ihm Koenig Ferdinand reiche
+Besitzungen verlieh, und hat den kuehnen Cortez nach Mexiko begleitet.
+Ich denke, um den ehrgeizigen Eroberer zu ueberwachen: denn Moncada
+lebt in den Gedanken und Plaenen seines Vaters und ist im
+Zusammenhange mit jener fanatischen spanischen Partei am kaiserlichen
+Hofe, welcher die Burgunder und Niederlaender gluecklicherweise die
+Waage halten. UEber das Meer zurueckgekehrt, hat er sich ein Verdienst
+daraus gemacht, durch sein verborgenes Wirken Neuspanien der Krone
+erhalten zu haben, und steht in halb gefuerchtetem Ansehen, auch bei
+dem Kaiser, seinem Neffen. Jetzt ist er in Italien, um mich zu
+unterjochen oder zu verderben. Das ist Moncada."
+
+"Weisst du, Ferdinand", sagte Bourbon, der aufmerksam gelauscht hatte,
+"ich haette dir laengst gern einen Gefallen gethan. Raeche ich dir den
+Vater und schaffe dir zugleich den Feind vom Halse? Nicht durch
+Meuchelmord, das ist nicht meine Art, sondern in geregeltem Duell, zu
+welchem ich schon einen Anlass finde. Ich gefaehrde mich nicht, denn,
+ohne dir nahezutreten, du gibst zu: wir Franzosen fechten besser als
+ihr Spanier. Du bleibst ausser Spiel, und mich schuetzt meine
+fuerstliche Geburt. Willst du? Ich bin zu deiner Verfuegung."
+
+Da antwortete Pescara mit fast verklaerten, blaeulich schimmernden
+Augen: "Nein. Es ist zu spaet. Ich denke jetzt anders und gebe den
+Moerder der ewigen Gerechtigkeit."
+
+Bourbon blickte erstaunt. Pescara aber nahm Ippolito an der Hand und
+sagte: "Nun duerfen wir Madonna Victoria nicht laenger warten lassen."
+
+Er gab dem Herzog den Vortritt. Auf der Wendeltreppe fragte er den
+Knaben: "Die Herrin ist dir schon so lieb, die du heute zum ersten
+Male gesehen hast?"
+
+"Sie war gleich so guetig", erwiderte Ippolito, "und ihr sah die
+Schwester aehnlich, die ich jetzt nicht mehr sehen soll"--helle Zaehren
+rieselten ihm ueber die Wange--"weil sie, wie mir der Grossvater
+erzaehlte, in einem roemischen Kloster ist und dort die Geluebde
+abgelegt hat. Und sie war sonst so froehlich, die Julia, aber
+freilich, in der letzten Zeit ist sie sehr still geworden. Wie mag
+sich die Schwester so jung begraben!" Er sagte das, waehrend sie ins
+Freie traten.
+
+"Ich flehe, mich der erleuchten Frau vorzustellen", bat der
+Konnetabel. "Juengst fand ich, ein Buch oeffnend, die Natur habe das
+Herrlichste gebildet und dann die Form zerbrochen, damit Victoria
+Colonna einzig bleibe. Ihr goennet mir den Anblick?"
+
+Sie beschritten den langen Zypressengang, und jetzt gewahrten sie in
+einiger Entfernung einen bewegten Auftritt: eine vorwaerts strebende
+weibliche Gestalt riss sich von einem Manne los, der ihr zu Fuessen lag.
+In demselben Augenblicke schrie Ippolito: "Dort ist der boese
+Zauberer, er will der Herrin ein Leides thun!", und eilte
+spornstreichs Donna Victoria zu Hilfe, waehrend der Kanzler von den
+Knien aufsprang und hinter einer Lorbeerhecke verschwand.
+
+Die Befreite eilte dem laechelnden Gemahl mit schnellen Fuessen entgegen
+und mit einem so jungen und kraeftigen Erroeten, dass Pescara sie
+niemals schoener gesehen zu haben glaubte. Waehrend ihr Gewand noch
+flog, sagte die nicht einmal ausser Atem Gekommene. "Ein Flehender
+hat mich ueberfallen und beschworen, seine Sache bei Euer Erlaucht zu
+fuehren: er bittet, ihn nicht allzulange auf Bescheid harren zu lassen,
+da er sich in Zweifel und Erwartung verzehre."
+
+"Er hat seine Fuerbitterin gut gewaehlt, Madonna", versetzte der
+Feldherr, "aber alles zu seiner Zeit. Jetzt gestattet, dass ich Euch
+die Hoheit Bourbon vorstelle."
+
+Victoria, lebhaft wie sie war, verbarg einen Ausdruck frauenhafter
+Teilnahme nicht.
+
+Der Herzog liess nicht im geringsten merken, dass ihn der kniende
+Kanzler belustigt hatte. Er verneigte sich ehrerbietig und hielt
+sich fein und stolz aus Ruecksicht fuer Pescara und im Bewusstsein
+seines schmachvollen Ruhmes, das ihn nie verliess. Er bewunderte die
+Schoenheit Viktoriens, ohne sein dunkles Auge auf ihrem Antlitz oder
+ihrem Wuchse ruhen zu lassen. Er schmeichelte nicht, er streute
+keinen Weihrauch, sondern er sagte einfach: "Ich freue mich, Madonna
+Victoria zu erblicken, die Gattin meines Freundes, des Marchese, und
+huldige ihr nach Gebuehr." Dann verwickelte er sie, zu ihrer Linken
+gehend, in ein leichtes und gefaelliges, aber unbedeutendes Gespraech,
+und da sie ihn zur Tafel bat, bedankte er sich und schied unten an
+der Treppe des Landhauses mit ruhiger Hoeflichkeit. Victoria, so
+bescheiden sie war, hatte mehr erwartet, schon aus Gewoehnung, denn
+ihr pflegte von den Beruehmtheiten der Zeit auf das uebertriebenste
+gehuldigt zu werden. Doch sie verwand leicht und belaechelte ihre
+Enttaeuschung, mit dem Feldherrn die Stufen hinansteigend in der schon
+wachsenden Daemmerung.
+
+Die Mahlzeit war kurz, wie Pescara es liebte. Victoria liess es sich
+nicht nehmen, selbst dem Gemahl die Speisen vorzulegen, er aber
+raechte sich beim Nachtisch. Zwischen Eis, Fruechten und Naschwerk
+erblickte er eine von seinem Zuckerbaecker kunstvoll geformte
+Mandelkrone. "Siehe da", scherzte er, "etwas fuer meine ehrgeizige
+Victoria!" Er bot sie ihr, deren Herz zu pochen begann.
+
+Sie erhoben sich und betraten das Nebenzimmer, das eine schwebende
+Ampel gleichmaessig erhellte und in seinem noch frischen Schmucke
+schimmern liess. An den Waenden liefen Kinder mit Blumenkraenzen,
+waehrend das Lattenwerk der Decke in seinen Feldern grau auf Goldgrund
+gemalte Heroenbuesten zeigte, eine willkuerlich gewaehlte Gesellschaft,
+auf den vier ampelhellen Mittelfeldern: AEneas, Koenig David, Herkules
+und Pescara. Das ganze Geraet war ein Ruhebette, dessen Ruecklehne in
+ihrem Kastanienholze mit ausgebrochenen Lettern die Schrift trug:
+"Hier muss man plaudern."
+
+"Wie kommt es", fragte Victoria, sich neben Pescara niederlassend,
+"dass mir der Konnetabel trotz seiner feinen Art einen unangenehmen
+Eindruck macht, dass er mich--geradeheraus gesagt--abstoesst?"
+
+"Der Arme!" scherzte Pescara. "Mars und Muse, Rauheit und Anmut, der
+garstige Leyva und die schoene Victoria fuehlen sich gleicherweise von
+dem Kapetinger beleidigt, der sich doch gegen beide unstraeflich
+benommen hat, wie ich bezeugen kann. Da muss sich etwas zwischen ihn
+und jeden andern, wer es sei, einschleichen, und ich glaube wohl,
+dieser entstellende Dunst und verhaesslichende Nebel ist sein Verrat
+oder welchen Namen man dem Abfall von seinem Koenige geben will."
+
+Eine leichte Blaesse ueberzog das Antlitz Victorias.
+
+"Verrat..." Pescara dehnte die zwei Silben des Wortes. "Es ist
+begreiflich, dass ein edles Weib diese Suende verabscheut. Ob ich
+meinem Fuersten Treue breche oder meinem Freunde oder meinem
+ahnungslosen Weibe oder selbst meinem Mitschuldigen, alles das sind
+Spielarten derselben Gesinnung... Schon dein finsterer und grosser
+Dichter, aus welchem du deine Seele erneuerst, wertet den Verrat als
+die schwerste Schuld, da ja in seiner Giudecca sein Zerberus oder
+Luzifer in jedem der drei Rachen einen Verraeter zermalmt. Den ersten
+weiss ich: es ist jener, der den Heiland gekuesst hat. Wer aber sind
+die zwei andern: die, welche Luzifer an den Fuessen gepackt haelt und
+die das Haupt nach unten schweben? Das ist mir in diesem Augenblicke
+nicht erinnerlich. Sprich doch die Stelle, du weisst ja die hundert
+Gesaenge auswendig." Victoria rezitierte:
+
+"Degli altri due, ch' hanno il capo di sotto,
+Quel, che pende dal nero ceffo, e Bruto:
+Vedi come si storce, e non fa motto:
+E l'altro e Cassio, che par si membruto*1*)."
+----------------
+Hier windet Brutus sich mit festem Schweigen,
+Und aus dem dritten Maul hangt Cassius nieder,
+An dessen Leib sich alle Muskeln zeigen.
+----------------
+
+
+Behaglich plauderte der Feldherr weiter: "Dieser schweigend sich
+windende Brutus ist gut, doch--mit der schuldigen Ehrfurcht--den
+duerren Cassius, dessen Magerkeit Julius Caesar fuerchtete, wie kann ihn
+Dante muskuloes nennen? UEberhaupt, Victoria, wie gefaellt dir diese
+Speise des Zerberus?"
+
+Da antwortete Victoria tapfer: "Herr, die Moerder Caesars gehoeren nicht
+in die Hoelle. Hier tadle ich meinen Dichter."
+
+"Beileibe nicht!" neckte Pescara. "Und doch, brav, meine Roemerin!
+Treue ist eine Tugend, aber nicht die hoechste. Die hoechste Tugend
+ist die Gerechtigkeit." So schaukelte Pescara sein Weib ueber dem
+Abgrund und dem Geheimnis seiner Seele und hinderte sie, Fuss zu
+fassen, die mit dem ganzen Ungestuem ihres Wesens Boden suchte, den
+Sieg erstrebend, den zu erringen sie nach Novara geeilt war. Auf
+immer neuen Wegen verfolgte sie das Ziel, von welchem Pescara sie
+ferne hielt. Jetzt hatte sie die Eingebung, den groessten lebenden
+Patrioten Italiens zu Hilfe zu nehmen.
+
+"Ich musste mich immer wundern, Pescara", sagte sie, "dass du, wie du
+bist, unter unsern Bildnern und Dichtern die lieblichen den
+gewaltigen vorziehst, den Ariost und Raffael dem erhabenen Dante und
+seinem spaeten, aber ebenbuertigen Bruder, dem Buonarotti--du selbst
+aber bist eine tiefe und verborgene Natur."
+
+"Ebendarum, Victoria, wenn ich es bin. Die Kunst ist eine Ergoetzung.
+Was aber deinen Michelangelo angeht, so mache mich nur nicht
+eifersuechtig auf den Zyklopen mit dem zertruemmerten Nasenbein, da du
+ihn so sehr bewunderst."
+
+Victoria laechelte. "Ich habe sein Angesicht nie gesehen und kenne
+nur seine Sistine."
+
+"Die Propheten und Sibyllen? Diese habe ich vor Jahren auch
+betrachtet und aufmerksam, doch sind sie mir wieder verschwommen, bis
+auf ein paar Einzelheiten. Zum Beispiel der Mensch mit gestraeubtem
+Haar, der vor einem Spiegel zurueckbebt--"
+
+"Worin er die Drohungen der Gegenwart erblickt", ergaenzte sie erregt.
+
+"Und dann die Karyatide, von einer ungeheuren Last zusammengedrueckt,
+das kurze, viereckige, jammervolle Geschoepf! Das haesslichste Weib
+ohne Frage, wie du das schoenste bist--"
+
+"Eine Vergewaltigte, eine Unterjochte, eine Sklavin--"
+
+"Nun tauchen mir auch die Propheten wieder auf: der kahle Sacharja,
+oder wer es sein mag, ein Bein oben, eines unten, der scheltende
+Hesekiel im Turban, Daniel schreibend, schreibend, schreibend. Auch
+die Sibyllen: die gekruemmte Alte mit der Habichtsnase, die glimmenden
+Augen in ein winziges Buechlein vertieft, mit der Nachbarin, die sich
+OEl in die erloeschende Ampel giessen laesst, und, die schoenste von allen,
+die Jugendliche mit dem delphischen Dreifuss. Alles in rasender
+Taetigkeit. Was soll dieser Sturm? Was predigen und weissagen diese?"
+
+Da rief Victoria in flammender Begeisterung, als saesse sie selbst im
+Rate der Prophetinnen: "Sie bejammern die Knechtschaft Italiens und
+verkuendigen den kommenden Retter und Heiland!"
+
+"Nein", urteilte Pescara streng, "die Stunde des Heils ist vorueber.
+Nicht Gnade verkuendigen sie, sondern das Gericht."
+
+Victoria erbebte, aber schon wieder war der strafende Ernst aus den
+Zuegen Pescaras gewichen. "Verlassen wir jene prophetische Kapelle",
+sagte er schmeichelnd, "und eine Kunst, die erschreckt und
+erschuettert. Mich aber darfst du nicht gemeint haben, da du von
+einem Heiland Italiens sprachest, obwohl ich freilich die Seitenwunde
+schon besaesse", schloss er mit einem jener herben Scherze, welche ihm
+eigentuemlich waren.
+
+Die ganze Zaertlichkeit Viktoriens ueberquoll, da Pescara jene Wunde
+nannte, welche ihre Tage und Naechte beschaeftigt hatte, bis er ihr
+schrieb, sie habe sich geschlossen. Das liebende Weib umschlang ihn
+mit der Linken, und mit der Rechten strich sie ihm die roetlichblonden,
+vorne leicht gelockten Haare tief in die Stirn, so dass er im
+Ampellicht und in ihrer wonnigen Naehe ein ganz jugendliches Ansehen
+gewann.
+
+Da ueberkam sie eine Erinnerung an einen zusammen verlebten, nicht
+allzufernen Tag. Es war in der Naehe von Tarent, auf einer ihrer
+Besitzungen. Dort hatten sie, freilich erst nach dem voelligen
+Untergang einer sengenden Erntesonne, unter dem vergluehenden
+Abendhimmel neben ihren noch ruestigen Schnittern zur Sichel gegriffen
+und sich jedes seine Garbe gebunden. Wieder sah sie den Feldherrn
+laessig auf der seinigen liegen, waehrend sie die Schnittermaedchen,
+leicht improvisierend, eine neue Kantilene lehrte nach dem Muster der
+dort im Sueden gebraeuchlichen, die dann das junge Volk bis in die
+Nacht zu wiederholen nicht muede wurde. Jenen Abend brachte sie jetzt
+dem Feldherrn ins Gedaechtnis.
+
+Es freute ihn. "Weisst du jenes Liedchen noch?" fragte er.
+
+"Wie sollte ich?"
+
+"Nun, es gab da einen Reim: Schnitter und Zither. Sonst sagte das
+Liedchen nichts weiter, als dass, wie auf dem Felde, auch im Himmel
+gesungen und die Garbe getragen werde. Das bescheidene Liedchen
+klingt vielleicht noch im Munde des Volkes, wenn ich und spaeter auch
+du laengst verstummt sind, und, aufrichtig, es gefaellt mir besser als
+ein mir neulich uebersendetes Sonett, in welchem du feierlich zu mir
+redest. Ruhig, Victoria! Es ist nicht von dir. Ich weiss, dass es
+nicht von dir ist."
+
+Sie loderte vor Zorn. "Wer erkuehnt sich", rief sie aus, "meine Maske
+zu nehmen und in meinem Namen zu dir zu reden? Wer ist der Freche?
+Wo ist das Machwerk, dass ich es zerreisse!"
+
+"Oh, das waere schade. Es sind Verse, die dir keine Schande machen.
+Hier." Der Feldherr zog ein Blatt aus dem Busen. Sie entriss es ihm
+und trat unter die Ampel. Mit wogender Brust und hastigen Lippen
+begann sie:
+
+"Victoria an Pescara.
+
+Ich heisse Sieg, Pescara, und ich kroene
+Mit Lorbeer deine Schlachten und Gefechte,
+Doch wehe mir, wenn ich die Heimat knechte,
+Missbrauchend meines Namens stolze Toene.
+
+
+Da ich mich dir vermaehlt in Jugendschoene,
+Aus Roemerblut und fuerstlichem Geschlechte,
+Gab ich dir in Italien Buergerrechte
+Und brachte dir die Liebe seiner Soehne.
+
+
+Ich komme, Lohn zu fordern fuer ein Leben,
+Nur dir geweiht in hellem Opferbrande!
+Mein Held, was wirst du deinem Weibe geben?
+
+Ich weiss die Geister, welche dich umschweben!
+Zerschneidend mit dem Schwert Italiens Bande,
+Belohnst du mich mit meinem Vaterlande!"
+
+
+Nie verwandelte sich eine Stimmung seltsamer unter dem Eindruck eines
+Gedichtes: unmutig hatte die Colonna das Blatt ergriffen, bald
+besaenftigte sie sich, dann sprach sie innig, und die letzten Zeilen
+jubelte sie hingerissen. Jetzt bekannte sie offen: "So bin ich und
+solches hoffe ich, wenn ich dieses auch nicht geschrieben habe!"
+
+Pescara blickte spoettisch. "Das Sonett", sagte er, "hat sich auf
+deinen Lippen wunderbar veredelt, aber es ist innerlich hohl und
+stammt aus einer niedrigen Seele. Liebe fordert keinen Lohn, Liebe
+gibt sich umsonst, Liebe rechnet nicht. Solches ist gemein. Nein,
+so kann Victoria nicht denken. Ein Mietling hat diese Verse gemacht,
+und ich weiss seinen Namen. Seine ungeheure Eitelkeit hat ihn
+gezwungen, die Maske frech zu lueften. Sieh her." Pescara wies mit
+dem Finger auf zwei winzige Buchstaben, ein P und ein A, in die
+untere rechte Ecke des Blattes gekritzelt. "Auch ein Goettlicher, wie
+er sich nennt! Ich sehe den Aretiner mit seinem Zeltgenossen, dem
+Giovanni Medici, dem zuegellosesten Juengling Italiens, weintriefend
+und witzereissend zusammensitzen und hoere ihn laestern: 'Glaube mir,
+Hans, es ist kein leichtes, sich in die goettliche Victoria
+hineinzudenken!' Und ein faunischer Jubel. Der Aretiner lacht, dass
+er fast mit dem Stuhl ueberschlaegt, er schuettelt sich, er lacht aus
+vollem Halse--"
+
+"Braeche er ihn, der Schamlose!" schluchzte Victoria; denn Petrus
+Aretinus und sein Wesen waren schon damals weltkundig.
+
+"Brav, meine Roemerin!" beguetigte Pescara. "In einem aber hat er
+recht, Geliebte: dein Vorname hat schon den Braeutigam begeistert. Es
+ist schoen, mit dem Siege vermaehlt zu sein." Aber die Colonna
+verstand keinen Scherz mehr. Sie war in den Tiefen ihrer Seele
+aufgewuehlt, in den Wurzeln ihres Wesens erschuettert, voller Traenen
+und zugleich voller Glut und Leidenschaft. "Doch in dem andern hat
+er unrecht!" redete sie heftig. "Ich weiss nicht, auf welchen Geist
+du lauschest, und muehe mich umsonst, in deinem Herzen zu lesen! Du
+spielst mit deinem Weibe! Du umarmst mich und du drueckst mich weg!
+Hast du Grausamer mich doch nicht einmal meine Botschaft ausrichten
+lassen, die ich dir bringen wollte in dem Jubel meines Herzens!"
+
+"Weil ich sie erriet. Ich tadle den Heiligen Vater, mein edles Weib
+zur Dienerin missbraucht und dir, der Wahrhaften, eine Botschaft
+aufgelistet zu haben, eine Botschaft seiner und deiner unwuerdig,
+voller Luege und Sophismen, welche ich, in den naechsten Tagen schon,
+ihn noetigen werde zu widerrufen und zu verleugnen. Die Heiligkeit
+gibt mir Neapel, wenn ich es erobere, und absolviert mein Gewissen,
+wenn ich es abstumpfe. Ich aber glaube nicht an ein solches Binden
+und Loesen, nicht in weltlichen Dingen, weder ich noch irgendein
+anderer mehr, und", sagte er hoehnisch, "auch in geistlichen nicht.
+Das ist vorbei, seit Savonarola und dem germanischen Moenche."
+
+"Und mein Italien, das du wie ein Magnet anziehst, laessest du es an
+dir scheitern? Achtest du es fuer nichts? Verachtest du es?" schrie
+Victoria verzweifelnd.
+
+Der Feldherr erwiderte sanft: "Wie duerfte ich ein Volk verachten, das
+mir dich gegeben hat? Aber ich will dir nicht verhehlen: Italien
+redet umsonst, es verliert seine Muehe. Ich kannte die Versuchung
+lange, ich sah sie kommen und sich gipfeln wie eine heranrollende
+Woge und habe nicht geschwankt, nicht einen Augenblick, mit dem
+leisesten Gedanken nicht. Denn keine Wahl ist an mich herangetreten,
+ich gehoerte nicht mir, ich stand ausserhalb der Dinge."
+
+Victoria entsetzte sich. "Wie? Bist du kein Mensch? Bist du ein
+Geist ohne Fleisch und Blut? Betrittst du den Boden nicht, ueber den
+du wandelst?"
+
+"Meine Gottheit", antwortete er, "hat den Sturm rings um meine Ruder
+beruhigt."
+
+Da flehte Victoria: "Deine Gottheit?", und sie umschlang ihn mit
+beiden Armen, "ich lasse dich nicht, du nennest mir denn deinen Gott!"
+
+Pescara loeste sich sachte und erwiderte mit schmerzlichen Augen:
+"Wenn du es verlangst, aber komm mit mir in den Garten, ich muss Luft
+schoepfen."
+
+Da sie auf die Terrasse traten, standen alle Sterne ueber ihnen, und
+drueben im alten Schlosse erblickten sie noch ein einsames Licht von
+irdischer Farbe. "Dort", sagte sie mitleidig, "ist der Kanzler
+schlummerlos und verzehrt sich in Angst und Hoffnung."
+
+"Ich glaube nicht", versetzte Pescara, "eher hat er sich mit einem
+Mutwillen oder einer Nichtswuerdigkeit in den Schlaf gelesen, und
+seine niederbrennende Ampel leuchtet den Waenden." Er hatte es
+erraten. Nach qualvollen Stunden hatte sich Morone mit einem Catull
+eingeschlaefert.
+
+Der Feldherr nahm seinen Weg nach dem Boskette mit den weissen
+Marmorbaenken, wo er zu ruhen pflegte. Sie sassen unter dem dunkeln
+Laubdache, Hand auf Hand.
+
+Da fluesterte Victoria: "Nun rede!" Der Feldherr aber schwieg.
+
+Tritte nahten, und eine andere Bank fuellte sich mit Gefluester.
+"Steht es wirklich so mit dem Feldherrn, Moncada? Ich habe Muehe, es
+zu glauben."
+
+"Auch ich glaube es noch nicht, Leyva, aber ich forsche. Erlange ich
+Gewissheit, so trete ich hervor, und wir handeln. Der Koenig darf sein
+Heer in Italien nicht verlieren."
+
+"Ihr meint?"
+
+"Du ziehst deine Truppen zusammen, und wir verhaften ihn."
+
+"Er wird sich zur Wehre setzen."
+
+"Dann faellt er."
+
+"Und die Majestaet?"
+
+"Besorge nichts, die Majestaet bedarf unser, wir beherrschen sie.
+Verweigerst du mir deine Hilfe, so muss ich ihn durch eine gedungene
+Hand toeten lassen. Kann ich auf dich zaehlen?"
+
+"Ihr duerft... eine schwere That..." Da zog ihn der andere fort. "Mir
+ist", sagte er, "ich habe hier atmen hoeren."
+
+Wirklich, die feuchte Nachtluft drueckte den lauschenden Feldherrn und
+benahm ihm den Atem. Er keuchte leise. Jetzt sagte auch er: "Gehen
+wir. Tau faellt, und Verderben bruetet in der Luft." Sie draengte sich
+an ihn.
+
+Drei Hornstoesse ertoenten, vom alten Schlosse her.
+
+"Ein Kurier. Ich werde heute noch zu lesen haben."
+
+"Ferdinand", flehte sie, "du bist umlauert. Du wirst dem Kaiser
+verdaechtig. Du bist verloren! Wirf dich Italien in die Arme! Da
+ist dein Heil und deine einzige Rettung!"
+
+"Ich fuerchte nichts", sagte er. "Der Weg ist dunkel, aber meine
+Zuflucht ist offen."
+
+Jetzt standen sie in der kleinen Halle des Landhauses, und Pescara
+weckte den auf einem Schemel schlummernden Ippolito. "Geh hinueber",
+befahl er, "und bringe, was eben angelangt ist." Dann sagte er zu
+Viktorien: "Ich meine, es ist von Madrid, vielleicht eine Zeile der
+Majestaet selbst, die mir zuweilen schreibt, ohne das Wissen ihrer
+Minister. Ich bin doch begierig."
+
+Jetzt schlug die Turmuhr des alten Schlosses Mitternacht, muede und
+zitternd, mit so weit ausholenden Schlaegen, dass je zwischen zweien
+ein Leben Raum zu haben schien. Der zwoelfte Schlag--unwiderruflich.
+
+Ippolito kratzte an der Tuer und brachte ein Paket, das der Feldherr
+oeffnete. Es enthielt, neben einigen andern Briefschaften, einen
+Kaiserlichen Erlass, welcher den Marsch auf Mailand guthiess und den
+Oberfeldherrn bevollmaechtigte, in der genommenen Stadt durchaus nach
+seinem Ermessen und gemaess den Umstaenden zu verfahren.
+
+"Alles?" fragte Pescara.
+
+Da bog der Knabe ehrfuerchtig das Knie, ueberreichte ein Briefchen,
+welches er dem Kurier mit Not abgerungen hatte, und entfernte sich.
+Es war ueberschrieben: "In die eigenen Haende des Marchese."
+
+"Vom Kaiser", sagte Pescara und oeffnete. "Da, Victoria, lies vor.
+Er schreibt so kritzlig." Sie gehorchte. Es war nicht viel, wenige
+Zeilen, und lautete:
+
+
+"Mein Pescara!
+
+Ich bin es, der diese Vollmacht durchgesetzt hat gegen meine Minister.
+Ihr habet viele Feinde. Huetet Euch vor Moncada. Ich aber bin
+glaeubig an Euch, denn ich habe fuer Euch gebetet und sah einen Engel,
+der Euch an der Hand hielt. Ich traue.
+
+Ich Euer Koenig."
+
+
+Pescara laechelte muehsam. "Karl traut zu leicht", sagte er. "Das
+koennte ihn zu Schaden bringen mit einem andern, als ich bin.
+Aber--seltsam--er hat meinen Genius erblickt."
+
+"Jetzt nenne mir deine Gottheit!" flehte Victoria. "Ich beschwoere
+dich, Pescara, nenne sie mir!"
+
+"Ich glaube, da ist sie selbst", keuchte er heiser. Immer schwerer
+begann er zu atmen, er stoehnte, er aechzte, er roechelte. Ein
+furchtbarer Krampf beklemmte seine Brust. Er sank, mit der Hand nach
+dem gepeinigten Herzen langend, auf die Ottomane und rang nach Atem.
+Da kniete sich Victoria neben ihn nieder, hielt und stuetzte ihn mit
+ihren Armen und litt mit ihm. Sie wollte Ippolito rufen und den
+Knaben nach seinem Grossvater, dem Arzte, schicken, er verbot es mit
+einer Gebaerde. Endlich entschlummerte er, aufs tiefste erschoepft,
+nachdem Victoria geglaubt hatte, er stuerbe ihr. Da sie sich der
+Traenen gesaettigt, entschlummerte auch sie. Dann erlosch die Ampel.
+
+Als Victoria erwachte, lag ihr Haupt auf einem leeren Pfuehle, und
+durch das geoeffnete Fenster stroemte die Morgenluft. Sie sprang auf,
+den Gatten zu suchen, und fand ihn, der die Terrasse auf und nieder
+schritt und den der Schlummer erfrischt und wie neu belebt hatte.
+Sie wurde unglaeubig an den naechtlichen grausamen Kampf in ihren Armen,
+er war ihr wie ein Traum.
+
+Da begann Pescara: "Gestern, liebe Herrin, habet Ihr mich um den
+Namen meines Genius befragt, und mir bangte, ihn vor Euch
+auszusprechen. Endlich haettet Ihr mir mein Geheimnis fast entrissen,
+denn es ist schwer, einem geliebten Weibe etwas vorzuenthalten. Da
+erschien er selbst und beruehrte mich. Ihr kennet ihn nun, und der
+gefuerchtete Name bleibe unausgesprochen. Keine Traenen! Ihr habet
+sie gestern vergossen. Sondern saget mir jetzt, wohin wuenschet Ihr
+Euch zu begeben, waehrend ich das Heer des Kaisers gegen Mailand
+fuehre?"
+
+"Wie konntest du es mir so lange verbergen, Ferdinand?"
+
+"Zuerst--nicht lange--verheimlichte ich es mir selbst... doch nein,
+ich wusste mein Los schon am Schlachtabend von Pavia. Mit jener
+blutigen Wintersonne bin ich untergegangen. Meines Zieles und meiner
+gezaehlten Tage gewiss, wie haette ich die deinigen vorzeitig
+verfinstern duerfen? Du sagtest mir zuweilen, es sei grausam, eine
+suess Schlummernde zu wecken, und littest es nicht. Ich aber bin nicht
+grausam." "Du bist es", erwiderte sie, "sonst haettest du mich nicht
+so bitter getaeuscht, sondern mich gerufen und dich von mir pflegen
+lassen."
+
+"Niemand durfte darum wissen", sagte er.
+
+"Und dein Arzt? Der musste es wissen, und ich zuerne ihm, dass er mich
+belogen hat, da ich an ihn schrieb und ihn beschwor, mir die Wahrheit
+zu sagen!"
+
+"Der arme Numa!" sagte der Feldherr. "Er ist schon ungluecklich genug,
+dass er mich nicht heilen kann. Er riet mir damals eine lange Ruhe
+auf Ischia, ich aber sagte ihm: Es ist umsonst. Doch wozu dies
+alles?... Wohin gedenkst du zu gehen, Victoria?"
+
+"Nein, Ferdinand, sprich! Verheimliche mir nichts mehr!"
+
+"Es ist umsonst, sagte ich ihm, die Lunge ist durchbohrt und das Herz
+leidet. Friste mich, Numa! Ziehe mich hinaus, in den Sommer, in den
+Herbst, bis zu den ersten Flocken! So viel Zeit brauche ich, meinen
+Sieg zu vollenden. Und vor allem, sagte ich, halte reinen Mund!
+Niemand erfahre unser Geheimnis! Es wuerde die Kraefte des Feindes
+verdreifachen und mich und mein Heer verderben. Noch einmal,
+schweige! Ich will es! gebot ich ihm... Und ich habe das Leben
+geheuchelt, so gut, dass mir Italien den Brautring bot!" Er laechelte.
+"Und ich werde noch einmal zu Pferde sitzen! Du aber, Victoria,
+gelobst mir--doch kein Geluebde, du tust es mir zuliebe--, nicht
+ungerufen mir nachzueilen durch die Staubwolke meines Marsches und
+ueber blutgetraenkte Felder. Auch wuerdest du dem Kriegsvolke zu
+spotten geben, nicht ueber dich, gut und schoen wie du bist, sondern
+ueber den verhaetschelten Feldherrn. Also du bleibst. Aber wo? Hier?"
+
+Victoria besann sich, trostloses Leid in den Zuegen. Dann sagte sie:
+"Gestern, wie ich herritt, kam ich, schon im Weichbilde der Stadt, an
+einem kleinen Frauenkloster vorueber. Es heisst, wie ich erfuhr,
+Heiligenwunden. Dort will ich deines Rufes harren, Busse thun und fuer
+deine Genesung beten."
+
+"Fuer meine Genesung?" laechelte er. "Tue das. Auch wirst du dich in
+Heiligenwunden nicht langweilen; das Kloster, hoere ich, hat herrliche
+Stimmen und ist beruehmt wegen seines Chorgesanges. Reiten wir hin,
+bald, jetzt da es frisch und der Staub der Heerstrasse noch nicht
+aufgewuehlt ist." Er ging leichten Schrittes durch den Park nach dem
+alten Schlosse hinueber, um satteln zu lassen.
+
+Victoria folgte mit langsamen Schritten, und da sie Numa den Arzt
+erblickte, der sich nach der Nacht des Feldherrn zu erkundigen kam,
+ging sie auf ihn zu mit schmerzlich bewegter Miene: sie wollte ihm
+vorwerfen, dass er ihr die Wirklichkeit verhehlt, und zugleich ihn
+beschwoeren, mit den letzten Mitteln und Geheimnissen seiner Kunst das
+geliebte Leben zu fristen. Da aber der Arzt die Colonna kommen sah,
+streckte er in dem Gefuehle seiner Ohnmacht die zitternden Haende
+abwehrend gegen sie aus, als flehe er: Schone meiner, ich vermag
+nichts! Sie verstand die Gebaerde und ging ihres Weges, an Ippolito
+vorueber, der das Knie vor ihr bog und den sie nicht gewahr wurde, zum
+grossen Herzeleid des Knaben.
+
+Im Schlosshofe fand sie den schwer und kostbar geschirrten Rappen
+Pescaras und ihren ebenfalls gesattelten falben Berber. Der Feldherr
+hob sie zu Pferde, und sie ritten unter gruessendem Trommelwirbel ueber
+die sich senkende Zugbruecke hinaus in die unabsehbaren Reisfelder der
+lombardischen Ebene. Ihnen folgte in gemessener Entfernung ein
+Reitknecht des Pescara, ein von suedlicher Sonne geschwaerzter
+Kalabrese, und auf einem Maultier die roemische Zofe Victorias.
+
+Hinter den Reisenden verhallten im Schlosshof die ungehoerten Hilfrufe
+des vergessenen Kanzlers. Er war aus schlimmen Traeumen erwacht und
+schon in der Fruehe durch die Gaerten geirrt, immer wieder an Mauern
+und Waelle gelangend, hier von deutschen, dort von spanischen
+Wachtposten beobachtet. Die Schwaben ergoetzten sich weidlich an
+seinem ausschweifenden Gebaerdenspiel, waehrend die Spanier
+einverstandene schadenfrohe Blicke tauschten: sie zweifelten nicht,
+der Feldherr habe den Minister des Feindes in die Falle gelockt, und
+versprachen sich, ihn morgen, wenn er dem Heere nachgeschleppt wuerde,
+nach Herzenslust zu quaelen und gruendlich auszupluendern. Endlich war
+er in das Rondell gekommen und erschoepft auf dieselbe Bank gesunken,
+wo er gestern den schlummernden Pescara gefunden und belauscht hatte.
+Da vernahm er den Salut der Torwache, rannte nach dem Schlosshof und
+wollte ueber die Bruecke nachstuerzen. Von dem Posten mit
+vorgestreckten Hellebarden empfangen, sah er jammernd den Feldherrn
+und Victoria in den Dunst der Ferne entschwinden.
+
+Es war nach einem leuchtenden ein trueber Tag. Kein Windhauch und
+nicht der leiseste Versuch einer Wolkenbildung. Keine Lerche stieg,
+kein Vogel sang, es daemmerte ein stilles Zwielicht wie ueber den
+Wiesen der Unterwelt. Das Frauenkloster wurde sichtbar und
+vergroesserte langsam seine friedlichen Mauern. Freilich ritten die
+beiden fast nur im Schritte, die verwitwende Victoria in tiefem
+Schweigen, waehrend, durch einen wunderbaren Gegensatz, das Gedaechtnis
+des jetzt ausruhenden Feldherrn auf leichten und liebenden und
+inbruenstigen Schwingen in die Jugend zurueckkehrte und die an seiner
+Seite Trauernde wieder in die reizenden und ruehrenden Gestalten des
+knospenden Maedchens und der zaertlichen Braut verwandelte. Er
+enthielt sich nicht, sie an kleine Dinge jener gluecklichen Tage zu
+erinnern, aber er gewann ihrer Kuemmernis kein Laecheln ab. Er war
+seines lastenden Geheimnisses ledig, dessen Bitterkeit sie jetzt auf
+einmal und in vollen Zuegen kostete.
+
+Nun waren sie schon so nahe, dass sie Chorgesang im Kloster vernahmen.
+"Was singen sie dort?" fragte er gleichgueltig. "Ich meine, ein
+Requiem", sagte sie.
+
+Wie sie vor dem Kloster abstiegen, da siehe, trat ihnen aus der
+Pforte die AEbtissin entgegen, hinter sich zwei bescheidene Nonnen.
+Sie mochte irgendein Kind in ein Reisfeld auf die Lauer gelegt haben,
+das nun auf schnellen nackten Fuessen vorausgelaufen war. Die AEbtissin
+hatte die Ankunft Donna Victorias in Novara schon gestern in
+Erfahrung gebracht und sich gleich geschmeichelt, die gottesfuerchtige
+und leutselige Frau werde Heiligenwunden nicht unbesucht lassen, denn
+das Kloster besass neben den geschulten Stimmen seines Chores noch
+eine groessere Auszeichnung: die mystische und taeglich sterbende
+Schwester Beate, welche die blutigen Male an ihrem kranken und
+abgezehrten Leibe trug. Die unternehmende und beherzte AEbtissin
+hatte sich vorgenommen, von der Colonna, der sie Macht ueber den
+Gatten zutraute, den Nachlass einer schweren Kriegssteuer zu erbitten,
+welche der gottlose und habgierige Feldherr--dieses Rufes genoss
+Pescara bei der italienischen Klerisei--zuwider den kanonischen
+Saetzen und gegen alle Billigkeit auf die Gueter des Klosters gelegt
+hatte. Dass aber der Feldherr, der es vermied, eine christliche
+Staette zu betreten, Madonna Victoria begleiten wuerde, war der
+AEbtissin nicht im Traume eingefallen.
+
+Sie begruesste, eine angenehme Frau mit dunkeln, klugen Augen und
+blassen, gefaelligen Zuegen, das hohe Paar in wenigen gewaehlten Worten.
+Dann schwieg sie aufmerksam, die Rede Pescaras erwartend, dessen
+edle Erscheinung ihr Eindruck machte.
+
+"Ehrwuerdige", begann der Feldherr, "Donna Victoria wuenscht waehrend
+des Feldzuges, den ich morgen beginne und dessen Dauer ich auf eine
+Woche berechne, ein paar ruhige und fromme Tage hier in Eurem
+Konvente zu geniessen, bis ich sie nach Mailand rufen werde, nach
+vollendetem Kampfe. Habet Ihr ein schickliches Gemach zu vergeben?"
+
+Rasch erwiderte die AEbtissin, das ihrige stehe zu Gebote.
+
+"Ich verlange eine einfache Zelle wie die der geringsten Schwester,
+mit dem gewoehnlichen Geraete", sagte Victoria, deren Blaesse die
+AEbtissin befremdete. Aber sie schrieb dieselbe der begreiflichen
+Sorge um den zu Felde ziehenden Gatten zu.
+
+"Wenn sich Donna Victoria eingerichtet hat", schloss Pescara, "werde
+es mir gemeldet. Ich habe noch mit ihr zu sprechen und bitte,
+Klausur und Zelle betreten zu duerfen. Ausnahmsweise, da ich dem
+Kloster wohlwill. Ihr findet mich in der Kirche." Er verneigte sich
+und schritt auf diese zu.
+
+Victoria fragte, was die Nonnen gesungen haetten, und erhielt die
+Antwort: "Ein Requiem. Fuer die junge Julia Dati, die Enkelin unsers
+greisen Arztes, welche in Rom gestorben ist." Dann folgte sie der
+AEbtissin, waehrend die beiden Nonnen zugefluesterte Befehle
+auszurichten gingen. Indessen durchmass der Feldherr, ohne das Haupt
+zu entbloessen oder irgendeine der ueblichen Devotionen zu verrichten,
+die Laenge der Kirche mit festem Gange, die Arme ueber dem Panzer
+kreuzend. Er hatte sich, da er auf dem Heimritte seinen in Novara
+feldmaessig einrueckenden Truppen begegnen musste, leicht behelmt und
+beharnischt und schritt wie ein Held und Herrscher auf der Staette des
+Gebetes und der Demut.
+
+"Nein", sprach er zu sich mit geschlossenem Munde, "es sei heute das
+letztemal. Ich will von ihr Abschied nehmen als ein Lebender. Ich
+will es ihr ersparen, mich leiden zu sehen. Sie soll mich
+wiederfinden, wenn ich ruhe."
+
+Sich allein glaubend, wurde er durch das Gitter des Chores belauscht.
+Diesen hatten die Nonnen wieder betreten, auf das Geheiss der
+AEbtissin, denn Pescara sollte die Stimmen ihres Klosters hoeren.
+Selbst die mystische Beate war gekommen und vereinigte ihren
+schwaermerischen Blick mit demjenigen vieler feurig braunen oder
+schwarzen Augen, welche die Heldengestalt verschlangen. Alle
+versammelten Himmelsbraeute priesen die Colonna selig und beneideten
+ihre irdische Lust, waehrend die gluecklich Geglaubte nicht ferne davon
+in einer Zelle mit gerungenen Haenden verzweifelte. Auch Schwester
+Beate erlag der Versuchung, diesen stolzen Herrn der Welt zu
+bewundern, ueberwand sich aber tapfer und flehte den Himmel inbruenstig
+an, der Colonna zum Heil ihrer Seele ihren Abgott zu entreissen. Aber
+diese heftigen Gefuehle wichen dem harmloseren der Eitelkeit. Nach
+dem Gefluester einer kleinen Beratung und einem leisen Raeuspern
+intonierten die Schwestern jubelnd ihr Prachtstueck, ein Tedeum, das
+sich auch fuer den Sieger von Pavia besser eignete als irgendeine
+andere Prosa oder Sequenz.
+
+Und er haette wohl gelauscht, aber er stand regungslos, wie gebannt
+vor dem gekreuzigten und schon entseelten Christus eines grossen
+Altarbildes, dessen helle Farben noch in voller Frische leuchteten.
+Doch es war nicht das goettliche Haupt, das er beschaute, sondern er
+betrachtete den Kriegsknecht, der seine Lanze in den heiligen Leib
+stiess. Dieser war offenbar ein Schweizer; der Maler musste die Tracht
+und Haltung eines solchen mit besonderer Genauigkeit studiert oder
+frisch aus dem Leben gegriffen haben. Der Mann stand mit gespreizten
+Beinen, von denen das linke gelb, das rechte schwarz behost war, und
+stach mit den behandschuhten Faeusten von unten nach oben derb und
+gruendlich zu. Kesselhaube, Harnischkragen, Brustpanzer, Arm- und
+Schenkelschienen, rote Struempfe, breite Schuhe, nichts fehlte. Aber
+nicht diese Tracht, die er zur Genuege kannte, fesselte den Feldherrn,
+sondern der auf einem Stiernacken sitzende Kopf. Kleine blaue,
+kristallhelle Augen, eingezogene Stumpfnase, grinsender Mund, blonder,
+krauser Knebelbart, braune Farbe mit rosigen Wangen, Ohrringe in
+Form einer Milchkelle, und ein aus Redlichkeit und Verschmitztheit
+wunderlich gemischter Ausdruck. Pescara wusste gleich, mit dem
+Gesichtergedaechtnis des Heerfuehrers, dass er diesen kleinen,
+breitschultrigen, behenden Gesellen, dessen schwarzgelbe Hose den
+Urner bedeutete, schon einmal gesehen habe. Aber wann und wo? Da
+schmerzte ihn ploetzlich die Seite, als empfinge er einen Stich, und
+jetzt wusste er auch, wen er da vor sich hatte: es war der Schweizer,
+der ihm bei Pavia die Brust durchbohrt. Kein Zweifel. Den
+Lanzenstoss des neben ihm an die Erde Geduckten empfangend, hatte er
+einen Moment in dieses kristallene Auge geblickt und diesen Mund
+vergnueglich grinsen gesehen. Nach der Erkennung machte das
+unerwartete Wiederfinden auf den Feldherrn weiter keinen Eindruck,
+und mit freundlicher Miene fragte er die AEbtissin, die jetzt neben
+ihm stand, um ihn zu Donna Victoria abzuholen, wer das gemalt haette.
+Sie antwortete, die Augen fluechtig niederschlagend: "Zwei Mantovaner,
+begabte junge Leute, aber von bedenklichen Sitten, die das Kloster
+gerne wieder scheiden sah."
+
+Da Pescara die Zelle oeffnete, sah er Victoria auf den Knien liegen.
+Eine Weile schaute er schweigend, als wolle er nicht stoeren, durch
+ein Fenster des gekuppelten Rundbogens, in dessen Bruestung er sich
+gesetzt hatte, auf Rasenhuegel und Grabkreuze, endlich fragte er: "Was
+tust du, Victoria?"
+
+"Busse", sagte sie.
+
+"Fuer wen?"
+
+Sie erhob sich und antwortete mit noch gefalteten Haenden: "Ich tue
+Busse fuer mich und Euch und Italien. Fuer dieses seiner stolzen Frevel
+und ungewoehnlichen Suenden wegen, an denen es zugrunde gehen wird, da
+Ihr der einzige waret, der es retten konnte. Fuer mich, weil ich
+gekommen bin, Euch in Versuchung zu fuehren. Fuer Euch, da Ihr diese
+Erde verlassen wollet. Ich habe gebetet fuer Euer unvergaengliches
+Teil, aber der Himmel"--sie schuettelte traurig das Haupt--"hat mich
+noch nicht erhoert."
+
+Er zog sie auf die Bank der Fensterbruestung und nahm sie bei der Hand,
+wie der Bruder die Schwester. Eine Lust, sich hinzugeben, ueberkam
+ihn, sei es, weil das Geheimnis zwischen ihm und seinem Weibe
+weggenommen war, oder in dem unbewussten Wunsche, das letzte
+Beisammensein zu verlaengern.
+
+"Kleinglaeubige", begann er heiter, "ueberlasse mich meinem dunkeln
+Beschuetzer! Als ein Knabe glaubte ich mit der Mutter, die eine
+Heilige war, an das, was die Kirche verheisst; jetzt sehe ich rings
+das Fluten der Ewigkeit. Der Todesengel war mir nahe, schon in
+meiner ersten Schlacht, da, von ihm bezeichnet, mein
+Zeltgenosse--dein Bruder, Victoria--lautlos, eine Kugel im Herzen,
+zusammenbrach. Ich habe ihm manche Hekatombe geschlachtet, und auch
+er hat mich oft, fast auf jeder Walstatt, gruessend beruehrt; denn es
+scheint, ich bin verwundbarer als andere. Aber Zeit hat es gebraucht,
+bis ich den Schnitter lieben lernte. Noch in den Wochen nach Pavia,
+da ich wusste, dass er mich erwaehlt hatte, habe ich mich gegen ihn
+gestraeubt und aufgebaeumt und empoert wie ein trotziger Juengling.
+Allmaehlich aber ahnte ich, und jetzt bin ich gewiss, dass er die rechte
+Stunde kennt. Der Knoten meines Daseins ist unloesbar, er
+zerschneidet ihn."
+
+Die bleiche Victoria hing an seinen Lippen und staunte mit starren
+Augen, als sehe sie den herrlichsten Palast brennen und von der
+lodernden Flamme jeden Saeulenknauf beleuchtet.
+
+"Ich sage dir, Weib", fuhr er fort, "mein Pfad versinkt vor mir! Ich
+gehe unter an meinen Siegen und an meinem Ruhme. Waere ich ohne meine
+Wunde, dennoch koennte ich nicht leben. Drueben in Spanien Neid,
+schleichende Verleumdung, hinfaellige und endlich untergrabene
+Hofgunst, Ungnade und Sturz; hier in Italien Hass und Gift fuer den,
+der es verschmaeht hat.
+
+Waere ich aber von meinem Kaiser abgefallen, so wuerde ich an mir
+selbst zugrunde gehen und sterben an meiner gebrochenen Treue, denn
+ich habe zwei Seelen in meiner Brust, eine italienische und eine
+spanische, und sie haetten sich getoetet. Auch glaube ich nicht, dass
+ich ein lebendiges Italien haette schaffen koennen. Zwar es traegt die
+strahlende Ampel des Geistes, doch es hat sich aufgelehnt in der
+unbaendigen Lust eines strotzenden Daseins gegen ewige Gesetze. Es
+buesse, du hast es gesagt, Victoria; in Fesseln leidend, lerne es die
+Freiheit. Dieses spanische Weltreich aber, das in blutroten Wolken
+aufsteigt jenseits und diesseits des Meeres, erfuellt mich mit Grauen:
+Sklaven und Henker. Ich spuere die grausame Ader in mir selbst. Und
+das Entsetzlichste: ich weiss nicht, welcher moenchische Wahnsinn!
+Dein verderbtes Italien aber ist wenigstens menschlich."
+
+Victorias Augen verklaerten sich, da sie sah, dass Pescara Italien
+liebte. "Du haettest ihm Freiheit und Freiheit ihm Tugend gegeben!"
+rief sie, doch Pescara fuhr fort, als haette er nicht gehoert: "Nun
+aber bin ich aus der Mitte gehoben, ein Erloester, und glaube, dass
+mein Befreier es gut mit mir meint und mich sanft von hinnen fuehren
+wird. Wohin? In die Ruhe. Und jetzt lass uns scheiden, Victoria."
+Er wollte ihr die Traenen vom Auge kuessen, fand aber den zaertlichsten
+Mund, der ihm entgegenkam.
+
+"Noch eines", sagte er, "Lass die Welt ueber mich urteilen, wie sie
+will. Ich bin jenseits der Kluft. Lebe wohl! Begleite mich nicht!
+Besuche mich in Mailand, aber nicht, bevor ich rufe!"
+
+Victoria versprach, um nicht Wort zu halten.
+
+Da Pescara sich bei der AEbtissin verabschiedete, brauchte sie ihr
+Anliegen gar nicht auszusprechen. Der Feldherr gewaehrte den Nachlass
+der Kriegssteuer als ein selbstverstaendliches Gegengeschenk fuer die
+seinem Weibe gegebene Herberge. UEber dieses Ende einer oekonomischen
+Bedraengnis und eines schmalen Tisches ward eine solche Freude im
+Kloster, dass die Schwestern zu Ehren ihres Gastes die Tafel mit den
+ausgesuchtesten Leckerbissen besetzten. Doch Victorias Platz blieb
+leer. Sachte ritt Pescara, von den Segnungen des Klosters begleitet,
+gegen die Thuerme der Stadt zurueck. Sein feuriger Rappe schien sich
+ueber den gemessenen Gang zu wundern. Die auf der Ebene gellende
+Feldmusik und die ueberall marschierenden Truppen verrieten ihm den
+Beginn eines Feldzuges. Er schnoberte, als wittere er schon den
+Pulverdampf, und schritt stolz, als trage er den Sieg.
+
+Abschied ist schwer, dachte der Feldherr, ich moechte ihn nicht
+wiederholen. Noch einmal hatte sich das Leben an ihn gedraengt und er
+das Beste des Daseins, Schoenheit und Herzenskraft, in den Armen
+gehalten. Der Juengling war in ihm aufgelodert, und wenige
+Augenblicke, nachdem er Viktorien so erbaulich zugeredet, lehnte er
+sich auf gegen die Vernichtung. Das edle Blut, das in den
+sterblichen Adern rinnt, die Thatkraft, empoerte sich gegen den ewigen
+Frieden. Ein Zorn blitzte auf in seinen hellen grauen Augen gegen
+seinen Moerder, den er im Bilde wiedererblickt, und er schlug mit der
+gepanzerten Rechten gegen seine Brust, als zerdruecke er darauf die
+Wespe, die ihn gestochen hatte. Jetzt wieherte auch der Rappe und
+setzte sich in kurzen Galopp, von dem Feldherrn unwissentlich mit der
+Ferse beruehrt oder so verwachsen mit ihm, dass er seinen Unmut
+mitfuehlte.
+
+In dieser Stimmung gewahrte Pescara auf einem nahen Reisfelde die
+wechselnden Stellungen eines tollen Kampfes, welcher dasselbe
+zerstampfte. Ein einzelner wehrte sich verzweifelt gegen eine
+UEbermacht. Der zerlumpte kleine Kerl in gelben und schwarzen Fetzen
+focht wuetend mit seiner Speerhaelfte wider ein Dutzend Spanier. Zweie
+hatte er hingestreckt, wurde jetzt aber von den uebrigen ueberwaeltigt,
+und schon sass ihm eine Schwertspitze an der Kehle, als der auf ihm
+kniende Spanier von einem andern zurueckgerissen wurde, welcher auf
+den heransprengenden Feldherrn deutete.
+
+Pescara winkte, und der Trupp mit dem Gefangenen folgte ihm unter
+eine maechtige Eiche, die an der Landstrasse stand, weitum der einzige
+Baum in der schwuelen Ebene. Der Feldherr stieg ab und lehnte sich an
+den bemoosten Riesenstamm. Seine Brust keuchte von dem raschen Ritt,
+und es kam ihm gelegen, sie zu beruhigen, Rast haltend unter dem
+Vorwand eines Verhoeres.
+
+Der spanische Wachtmeister berichtete: sie haetten einen Schweizer
+durch das Getreide laufen sehen, wohl einen Versprengten von Pavia,
+welcher bislang sich irgendwo untergeduckt, und ihn gehascht, da es
+moeglicherweise ein mailaendischer Spion sei. Seinen Vortrag
+beendigend, blickte der spanische Spitzbart zu einem starken Aste auf,
+welchen die Eiche waagerecht hervorstiess.
+
+Pescara deutete die Spanier weg, die sich in einiger Entfernung
+wachehaltend verteilten, und musterte dann den Schweizer vom Wirbel
+zur Zehe. So verrostet der Harnisch und so zerlumpt das schwarzgelbe
+Unterkleid war, erkannte er doch gleich die Tracht des Klosterbildes
+und nicht minder die glitzernden AEuglein, und jetzt, wahrhaftig,
+verzog der vor ihm Stehende sein Gesicht zu jenem laechelnden Grinsen,
+sei es aus Angst, sei es, weil auch er sich den Feldherrn ins
+Gedaechtnis zurueckrief.
+
+"Heb auf und gib", befahl dieser und zeigte auf den Lanzenstumpf,
+welchen einer der Kriegsknechte zu den Fuessen des Gefangenen geworfen
+hatte, als Beweisstueck fuer die Verwundung seiner Kameraden. Es war
+eine vordere Spiesshaelfte, deren Spitze blutete. Der Schweizer
+gehorchte, und der Feldherr betastete pruefend die Spitze mit dem
+Finger; dann warf er den Stummel weg.
+
+"Wie heissest du?" fragte er.
+
+"Blaesi Zgraggen aus Uri", war die Antwort.
+
+Der Feldherr verzichtete darauf, diesen unmundlichen Geschlechtsnamen
+zu wiederholen, der von dem zerrissenen Kamm eines Schweizergebirges
+zu stammen schien, und bediente sich des Vornamens, welchen er
+italianisierte. "Biagio", sagte er, "du hast mir zwei Leute
+verwundet; ich denke, ich lasse dich hier aufknuepfen."
+
+Blaesi Zgraggen versetzte trotzig: "Lasset Ihr mich henken, so ist es
+weniger wegen dieses letzten Handels, sondern eher, weil ich--"
+
+"Schweig!" gebot der Feldherr. Er konnte sich raechen, indem er dem
+Kriegsrechte freien Lauf liess, aber eine solche Rache weder sich
+selbst noch seinem Opfer eingestehen. "Wie bist du hier
+zurueckgeblieben?" fragte er.
+
+Zgraggen, der ein gelaeufiges Lombardisch sprach, begann herzhaft:
+"Auf dem Felde von Pavia wurde ich verwundet und niedergeritten und
+lag, den geknickten Spiess neben mir. Naechtlicherweise schleppte ich
+mich dann den Bergen zu, hungernd und bettelnd. Herr, sehet Ihr
+rechts von den zwei Pappeln das lange, rote Dach? Dort haust die
+Narracivallia mit ihrem Manne. Dieser dingte mich zur
+Feldarbeit--bis sich der Krieg verzogen haette, jetzt kaeme ich doch
+nicht ueber die Grenze. Hernachmals machte mir die Narracivallia
+Augen. Da erschienen mir im Schlaf der Vater und die beiden
+Grossvaeter, die mir alle noch daheim leben, wenn auch die Ahnen in
+grosser Schwachheit. Zuerst kam der Vater, hob den Finger und sagte:
+'Nimm dich in acht, Blaesi!' Dann kam der vaeterliche Ahn, faltete die
+Haende und sagte: 'Denk an deine Seele, Blaesi!' Zuletzt kam der
+muetterliche Ahn, zeigte die Tuer und sagte: 'Lauf, Blaesi!' Da schoss
+ich auf und suchte meine Kleider. Freilich meine seidenen Handschuhe
+und meinen gekettelten Kragen hatte mir die Narracivallia
+abgeschwatzt, um damit in der Kirche Staat zu machen. Ich war nur
+noch meines halben Verstandes maechtig und verlor auch diesen, da ich
+im Morgenlicht bei Heiligenwunden eintrete zum Englischen Gruss
+und--denket Euch meinen Schrecken--mich selber erblicke, wie ich
+leibe und lebe und Gott ersteche!"
+
+"Ei", laechelte Pescara.
+
+"Ein Schelmstueck!" zuernte Zgraggen. "Wisset, Herr, ein paar Pinsler
+hatten sich zeither mit ihrem Zeuge da herumgetrieben und liessen sich
+einmal in der Meierei ein Glas Milch geben. Der eine fasste mich ins
+Auge. 'Da haben wir, den wir brauchen', sagt er und beschaut mein
+Schwarzgelb. 'Mann, holt Euern Spiess und Harnisch.' Ich tue ihm den
+Willen. Jetzt heisst mich der Pinsler die Beine spreiten, spreitet
+sie gleichfalls und reisst mich ab auf ein Stueck Leinwand. Dann
+versprachen mir die Spitzbuben, mein Konterfei zu hohen Ehren zu
+bringen, ich aber stehe in Heiligenwunden und steche in den Salvator!"
+
+Der Feldherr empfand ein gewisses Wohlwollen fuer den ehrlichen
+Gesellen. "Nimm", rief er in einer seltsamen Laune und streckte dem
+Urner seinen vollen Beutel entgegen. Dieser nahm ihn mit der Rechten
+und liess die Goldstuecke zaehlend in die Linke gleiten, ernsthaft und
+bedaechtig. Dann schob er die Dukaten in die Tasche und wollte den
+Beutel dem Feldherrn zurueckstellen.
+
+"Behalte! Er hat goldene Schleifen!"
+
+Der Urner schickte den Beutel den Dukaten nach. "Wo stellet Ihr mich
+ein, Herr?" fragte er. Er konnte sich nichts denken, als dass ihn
+Pescara geworben und ihm Handgeld gegeben habe.
+
+Pescara erwiderte: "Ich habe dich nicht gedingt, und ich meine,
+nachdem dich die dreie so ernst vermahnt haben, kehrst du am besten
+in deine Heimat zurueck und naehrst dich redlich, wie es im Sprichwort
+heisst."
+
+"Aber warum denn schenkt Ihr mir so viel Geld, wo ich Euch nichts
+zuliebe gethan habe?" fragte Zgraggen. Sondern viel Leides, setzte er
+in Gedanken hinzu. Diese Vergeltung Pescaras ueberstieg das
+Fassungsvermoegen des Urners und beaengstigte seine Rechtlichkeit.
+
+"Aus Grossmut", scherzte der Feldherr.
+
+Blaesi kannte das Wort nicht. Da fiel ihm ein, es werde Grosstun
+bedeuten, und da er im Lager oft gesehen hatte, wie Prahlerei das
+Geld mit vollen Haenden wegwirft, beruhigte er sich dabei. "Ja so",
+sagte er. Pescara aber winkte, sein Ross vorzufuehren.
+
+"Und damit du durchkommst", sprach der Feldherr schon im Buegel, "nimm
+noch das." Er warf ihm eine Passiermarke zu, und wenig fehlte,
+Zgraggen haette gedankt. Wenigstens wollte er noch langes Leben
+wuenschen; aber den Feldherrn zum Abschied anschauend, erkannte er das
+Siechtum in diesem Antlitze mit seinen AElpleraugen, welche das alle
+Welt taeuschende geistige Leben desselben nicht bestach.
+Unwillkuerlich wuenschte er: "Gott gebe Euch selige Urstaend, Herr!"
+Dann ueber seine eigene Rede und ihre boese Bedeutung bestuerzt, lief er
+querfeldein mit seinem halben Spiesse, den er sorglich aufgehoben und
+nun als Reisestab fuehrte. Die Spanier hatten verwundert zugesehen,
+der alte Wachtmeister aber schuettelte bedenklich und aberglaeubisch
+den Kopf ueber die seltsame Freigebigkeit seines sparsamen Feldherrn.
+Der Trupp, welcher den Urner gefangen hatte, gehoerte zu dem
+Heerhaufen, der jetzt in einer Staubwolke hinter schlagenden Trommeln
+heranrueckte. Der Feldherr ritt seinen Tapfern entgegen, von
+brausendem Jubel empfangen, und lenkte das Ross zwischen die Feldmusik
+und die erste Kompanie, deren Hauptmann ehrerbietig Raum gab.
+
+Eine Weile blieb er allein an der Spitze der Truppen. Da nahte von
+Novara ein Reitender in weissem Mantel und gesellte sich zu ihm.
+Zusammen ritten sie durch das Schlosstor. Schweigend folgte der
+Begleiter dem Gange Pescaras und ueberschritt hinter ihm die Schwelle
+des Gemaches.
+
+Pescara wendete sich. "Was wollt Ihr, Moncada?" fragte er, und
+dieser antwortete: "Eine Unterredung ohne Zeugen, die Ihr mir nicht
+zum zweiten Male verweigern werdet."
+
+"Ich stehe zu Diensten."
+
+"Erlaucht", begann der Ritter, "ich habe, wie Ihr erlaubtet, den
+Kanzler drueben gesprochen. Er war voller Angst und Blaesse und
+beteuerte mit tausend Eiden, er sei gekommen, Aufschub und leichtere
+Bedingungen zu erlangen, nur dieses habe ihn nach Novara gefuehrt.
+Dann schwatzte er wild durcheinander wie das boese Gewissen. Dieser
+Mensch ist ein Abgrund von Luege, in welchem der Blick sich verliert.
+Ich bin sicher, dass er im Namen der Liga hier ist."
+
+"Nicht anders", sagte der Feldherr.
+
+"Und dass er Euch die Fuehrung derselben angeboten hat?"
+
+"Nicht anders."
+
+Jetzt entstand Laerm im Vorzimmer. Ippolito beiseite werfend,
+verwildert, mit rasenden Mienen und verrueckten Augen stuerzte der
+Kanzler herein. Ihm folgten auf dem Fusse, beide schon gepanzert,
+Bourbon und Del Guasto, denen er auf dem Gange begegnet und die ihn
+zurueckhalten wollten. In Verzweiflung warf er sich dem Feldherrn zu
+Fuessen, waehrend Moncada langsam in den Hintergrund zurueckwich.
+
+"Mein Pescara", schrie der Geaengstigte, "alle Geduld nimmt ein Ende!
+Ich kann die Marter nicht laenger ertragen. Jede Minute dehnt sich
+mir zur qualvollen Ewigkeit. Ich vergehe. Sei barmherzig und gib
+mir deine Antwort!"
+
+Pescara erwiderte mit Ruhe: "Vergebet, Kanzler, wenn ich Euch habe
+warten lassen. Meine Zeit war nicht frei, doch eben wollte ich nach
+Euch schicken. Eure gestrige Rede hat mich beschaeftigt, denn das Los
+eines Volkes ist keine Kleinigkeit--aber bitte, setzet Euch, ich kann
+nicht sprechen, wenn Eure Gebaerden so heftig dareinreden."
+
+Der Kanzler packte krampfhaft die Lehne eines Sessels.
+
+"Ich habe die Sache gewogen... doch, Kanzler, lassen wir zuerst alles
+Persoenliche, denket weg von Euch selbst und von mir, es bleibt die
+Frage: Verdient Italien zu dieser Stunde die Freiheit und taugt es,
+so wie es jetzt beschaffen ist, sie zu empfangen und zu bewahren?
+Ich meine nein." Der Feldherr sprach langsam, als pruefe er jedes
+seiner Worte auf der Waage der Gerechtigkeit.
+
+"Zweimal hat Freiheit in Italien gelebt, zu verschiedenen Zeiten. In
+der beginnenden roemischen Republik, da das Staatswohl alles war.
+Dann in jenen herrlichen Gemeinwesen, Mailand, Pisa und den andern.
+Jetzt aber steht es an der Schwelle der Knechtschaft, denn es ist los
+und ledig aller Ehre und jeder Tugend. Da kann niemand helfen und
+retten, weder ein Mensch noch ein Gott. Wie wird verlorene Freiheit
+wiedergewonnen? Durch einen aus der Tiefe des Volkes kommenden Stoss
+und Sturm der sittlichen Kraefte. Ungefaehr wie sie jetzt in Germanien
+den Glauben erobern mit den Flammen des Hasses und der Liebe.
+
+Aber hier! Wo in Italien ist, ich sage nicht Glaube und Gewissen, da
+das fuer euch veraltete Dinge sind, sondern nur Rechtssinn und
+UEberzeugung? Nicht einmal Ehre und Scham ist euch geblieben, nur die
+nackte Selbstsucht. Was vermoeget ihr Italiener? Verfuehrung, Verrat
+und Meuchelmord. Worauf zaehlet ihr? Auf die Gunst der Umstaende, auf
+die Wuerfel des Zufalls, auf das Spiel der Politik. So gruendet, so
+erneuert sich keine Nation. Wahrlich, ich sage dir, Kanzler"--und
+Pescara erhob die Stimme wie zu einem Urteilsspruch--"dein Italien
+ist willkuerlich und phantastisch, wie du selbst es bist und deine
+Verschwoerung!"
+
+"Wahrheit", liess sich die Stimme Moncadas vernehmen.
+
+"Auch der Held, Morone, den ihr euch erwaehlt habet, entbehrt des
+Daseins."
+
+Doch diese leisen letzten Worte Pescaras wurden ueberschrien. Morone
+hatte schnell den Kopf gewendet und den Ritter erblickt: wie er
+seinen Anschlag dem Spanier preisgegeben sah, geriet er in Wut, seine
+Zuege verzerrten sich, und er tobte wie ein Besessener. "Falsch und
+grausam! Falsch und grausam! O ich mit Blindheit Geschlagener!"
+Dann von sinnloser Rachgier ueberwaeltigt, schrie er gegen Moncada:
+"Wisset es, Ritter, dieser"--er wies auf den Feldherrn--"ist der
+Schuldige! Seinetwillen die ganze Verschwoerung! Ich bin seine
+Kreatur, und nun opfert mich der Unmensch!"
+
+Jetzt sprang der Herzog dazwischen, der mit Del Guasto hinter Pescara
+stehend den leidenschaftlichen Auftritt genoss. "Saute, Paillasse mon
+ami, saute pour tout le monde!" verhoehnte er Morone. "Ja, wenn wir
+nicht gelauscht haetten, wir zweie, hinter dem roten Vorhang und der
+goldenen Quaste dort! Ich muss dir das mal erzaehlen, Schatz, es ist
+zum Totlachen. Hoertest du nicht, wie ich dich auspfiff?" Dann
+ploetzlich ernst werdend, richtete er den Blick fest auf Moncada,
+legte die Hand auf die Brust und beteuerte: "Bei meinem koeniglichen
+Blute, der Feldherr hat in jener gestrigen Stunde nicht haarbreit
+geschwankt in seiner Ehre und Treue!"
+
+Morone war vernichtet. Del Guasto legte Hand an ihn und zog ihn mit
+sich fort. "Herr Kanzler", spottete er, "bedanket Euch, unser
+Lauschen erspart Euch die Folter." Auch der Herzog ging, einer
+bittenden Gebaerde Pescaras gehorchend.
+
+"Erlaucht", begann Moncada, "hier bin ich ueberzeugt. Mit diesem
+habet Ihr nur Euer Spiel getrieben, vielleicht herablassender, als
+fuer spanischen Stolz sich geziemte. Mit einem solchen Menschen
+konspiriert kein Pescara. Aber, Erlaucht, in seiner ohnmaechtigen Wut
+hat dieser Verlogene Wahrheit gesprochen, wenn er Euch beschuldigte,
+der Urheber der italienischen Verschwoerung zu sein. Nicht der
+Urheber, aber der Beguenstiger. Sie nicht entmutigend, habet Ihr sie
+genaehrt und grossgezogen. Es war leicht, ein entschiedenes Wort zu
+sprechen und ihr Halt zu gebieten mit einer entruesteten und weithin
+sichtbaren Gebaerde. Das habet Ihr nicht gethan. Ihr stundet als eine
+dunkle und deutbare Gestalt."
+
+"Ritter", unterbrach ihn Pescara, "nicht Euch habe ich Rechenschaft
+zu geben von meinem Thun und Lassen, sondern allein meinem Kaiser."
+
+"Eurem Koenige", versetzte Moncada. "Ihn so zu nennen, gebietet Euch
+die Ehrfurcht, denn ein Koenig von Spanien ist mehr als der Kaiser.
+Und der Enkel Ferdinands wird ein Koenig von Spanien werden. Karl
+entwickelt sich langsam, unter verschiedenen und streitenden
+Einfluessen, aber sein spanisches Blut wird erstarken und sein
+deutsches aufsaugen bis auf den letzten Tropfen. Er verabscheut die
+Ketzerei, und seine Froemmigkeit wird ihn zum Spanier machen." Er
+sagte das mit einem stillen Laecheln und schwaermerisch erglaenzenden
+Augen.
+
+"Avalos", fuhr er fort, "deine Vaeter haben fuer den Glauben gegen die
+maurischen Heiden gekaempft, bis dein Ahn mit jenem Alfons nach Neapel
+schiffte. Kehre zu deinem Ursprung zurueck! Das edelste Blut fliesst
+in deinen Adern. Wie kannst du, der das Grosse liebt, zaudern
+zwischen dem spanischen Weltgedanken und den erbaermlichen
+italienischen Machenschaften? Unser ist die Erde, wie sie einst den
+Roemern gehorchte. Siehe die wunderbaren Wege Gottes: Kastilien und
+Aragon vermaehlt, Burgund und Flandern erworben, das gewonnene
+Kaisertum, eine entdeckte und eroberte neue Welt, und, das alles
+beherrschend, ein gestaehltes Volk mit, einem gesegneten, zwiefach in
+Heidenblut getauften Schwerte! Was dir jener Elende bot, Spanien
+gibt es dir tausendfaeltig: Schaetze, Laender, Ruhm und--den Himmel!
+
+Denn fuer den Himmel kaempfen wir und fuer den katholischen Glauben, dass
+eine Kirche herrsche auf Erden. Sonst waere Gott vergeblich Mensch
+geworden. Voraussehend, wie in diesen Tagen die Hoelle den
+Apostolischen Stuhl besudeln und ihre letzte Ketzerei, den
+germanischen Moench, ausspeien werde, erschuf er den Spanier, jenen zu
+reinigen und diese zu zertreten. Darum gibt er uns die Welt zur
+Beute, denn alles Irdische hat himmlische Zwecke. Ich habe lange
+darueber gesonnen in meinem sizilischen Kloster und waehnte, wohl
+selbst der Auserwaehlte zu sein zu diesem geistlichen Kriegsdienste.
+Da wurde er mir in einem Gesichte gezeigt, der andere, der Berufene.
+Ich war solcher Ehre unwuerdig, meiner Suende wegen, und trat in die
+Welt zurueck." Pescara schwieg und betrachtete den Verzueckten.
+
+"Aber ich wirke, solange es Tag ist. Kein Jahr ist um, ich stand
+hinter Ferdinand Cortez, da ihm auf dem Berge der Daemon die goldenen
+Zinnen Mexikos zeigte, wie er dir, Pescara, jetzt Italien zeigt.
+Diese Hand hielt den Strauchelnden zurueck, und nun strecke ich sie
+gegen dich, Pescara, dass du ein Sohn Spaniens bleibest, welches die
+Welt ist und das der in der Glorie schwebende katholische Ferdinand
+beschuetzt."
+
+Jetzt brach der Feldherr sein Schweigen und zuernte: "Nenne mir jenen
+nicht, er hat mir den Vater getoetet!"
+
+Moncada seufzte schwer.
+
+"Du bereust?"
+
+Der Ritter schlug sich zerknirscht die Brust und murmelte, mit sich
+selbst sprechend: "Meine Suende... meine Suende... ungebeichtet und
+ungespeist!"
+
+Da erriet Pescara, dass dieser Fromme nicht seinen Mord bereue,
+sondern dass er ihn vollbracht an einem geistlich Unvorbereiteten.
+"Weiche von mir!" gebot er.
+
+Moncada trat zurueck bis zur Schwelle, wie aus einem Traum erwachend.
+Dann sammelte er sich und sagte: "Verzeihung, Erlaucht! Ich war
+abwesend. Noch ein nuechternes Wort. Ich kenne Euer Ziel nicht.
+Noch bin ich nicht Euer Feind. So oder so werdet Ihr Mailand nehmen.
+Dieser erste Schritt enthaelt weder Treue noch Untreue. Ich erwarte
+Euern zweiten, ob Ihr den Herzog absetzet und die Empoerung strafet.
+Tut Ihr es nicht, so verratet Ihr Spanien und Euern Koenig!" Und er
+verschwand.
+
+Pescara zog sich zurueck und genoss Speise. Dann empfing er vor seinem
+flackernden Kaminfeuer, das an einem Herbstabende nicht fehlen durfte,
+den Herzog mit Del Guasto und gab ihnen seine letzten Befehle. Den
+Rest der Zeit benuetzte er, um seine geheimen Papiere zu sichten: was
+sich um einen Maechtigen dreht, eine Welt von Schlechtigkeit. Er
+vernichtete das meiste, es in den Herd werfend: er wollte niemanden
+verderben. Auch das Geheimschreiben des Kaisers sollte verschwinden,
+doch seine Asche nicht mit der uebrigen sich vermengen. Er liess ein
+glimmendes Kohlenbecken bringen, in dessen blaeulichen Flaemmchen er
+den Brief seines Kaisers verbrannte. Als er zu Ende war, hatten sich
+seine Kerzen schon zur Haelfte verzehrt: es ging auf Mitternacht.
+Pescara kreuzte die Arme ueber der Brust und verfiel in ein so tiefes
+Sinnen, dass er die Schritte eines Eintretenden nicht vernahm. Da
+sprach es zu ihm: "Was ist dein Ziel, Avalos?" Er erblickte Moncada.
+
+Der Feldherr griff mit der Hand in das erloschene Kohlenbecken,
+schloss sie und streckte sie gegen Moncada. "Mein Ziel?" sagte er und
+oeffnete die Hand: Staub und Asche.
+
+Jetzt gellten Drommetenrufe durch das Schloss. Trommelwirbel folgten.
+Alles geriet in Bewegung. Der Feldherr liess sich von seiner
+Dienerschaft waffnen. Als er bei flackerndem Fackellicht, das sich
+auf Speeren und Ruestungen spiegelte, die gepflasterte Halle des
+Erdgeschosses betrat, erblickte er sein schwarzes Tier, welches,
+kostbar geschirrt, mit ungeduldigen Hufen Funken aus dem Boden schlug,
+daneben eine Saenfte mit zwei leichten Trabern. Beide hatte er
+befohlen, die Wahl dem Augenblicke vorbehaltend. Mit einem Seufzer
+bestieg er die Saenfte, seine wiederbeginnenden Schmerzen darin zu
+verbergen, und verschwand durch das Tor, waehrend sein verschmaehtes
+Schlachtross sich zornig gebaerdete und den Reitknecht, welcher es
+besteigen wollte, abwarf. Es musste seinem Herrn ledig nachgefuehrt
+werden.
+
+Nun wurde auch der gefangene Kanzler gebracht. Spanische Soldaten
+umringten ihn, beraubten ihn seiner Kette, seiner Ringe, seines
+Beutels und setzten ihn nicht auf sein edles Maultier aus dem
+mailaendischen Marstalle, sondern ruecklings auf einen armseligen Esel,
+dessen Schwanz sie ihm nach ihrer grausamen Art durch die gefesselten
+Haende zogen. Dann ging es durch das Tor unter einem hoellischen
+Gelaechter, in welches der Kanzler aus Verzweiflung mit einstimmte.
+
+
+
+
+
+Letztes Kapitel
+
+
+
+Inzwischen verlebte in dem aus einer Burg des Glueckes zu einer
+Behausung der Angst gewordenen Kastelle von Mailand Franz Sforza
+jammervolle Tage und noch schlimmere Naechte, hilf- und ratlos nach
+seinem Kanzler rufend. Er hatte den Besuch Del Guastos erhalten, der
+ihm zu melden kam, sein Feldherr habe vor ablaufender Frist den
+Kanzler von Mailand empfangen, dieser ihm aber, statt der erwarteten
+Zugestaendnisse, im Namen der Hoheit ebenso toerichte als
+verbrecherische Eroeffnungen gemacht, die den Feldherrn bestimmen,
+ohne Verzug, uebrigens ganz im Sinne seiner ersten Drohung, auf
+Mailand zu marschieren und gegen die Hoheit als einen Hochverraeter zu
+verfahren. Del Guasto hatte sich an dem Zittern des Herzogs geweidet
+und war aus der Stadt verschwunden. Waehrend sich die kaiserlichen
+Truppen in raschen Maerschen naeherten, und selbst da sie schon auf den
+Waellen von Mailand in Sicht waren, hatte der Kleinmuetige zwischen
+UEbergabe und Verteidigung geschwankt, wurde dann aber von ein paar
+tapfern lombardischen Edelleuten auf den Weg der Ehre gerissen und
+endlich selbst von einer kriegerischen Stimmung angewandelt, deren er
+kraft seines grossvaeterlichen Blutes nicht voellig unfaehig war. Er
+liess sich mit einer kunstvoll geschmiedeten Ruestung bekleiden und
+setzte sich einen Helm von herrlicher getriebener Arbeit auf das
+schwache Haupt.
+
+Es ist Thatsache, dass er in der grossen Schanze stand, in dem
+Augenblicke, da Pescara seine Truppen gegen dieselbe zum Sturm fuehrte.
+Mit bebender Stimme befahl der Herzog das Feuer seiner auserlesenen
+Geschuetze. Wie sich der Rauch verzog, lag das Feld mit Spaniern
+bedeckt. Zwischen Toten und Verwundeten schritt Pescara, wenige mehr
+neben sich und noch unerreicht von den vielen unter der Fuehrung Del
+Guastos ihm stuermisch Nacheilenden. Er war ohne Harnisch. Der Helm
+war ihm vom Kopfe gerissen, und sein dunkler Mantel flatterte
+zerfetzt. In flammend rotem Kleide, mit gelassenen und gleichmaessigen
+Schritten ging er weit voran, einen blitzenden Zweihaender schwingend.
+Es war, als schritte der Wuerger Tod in Person gegen die Schanze, und
+da sich dort in demselben Augenblicke die boese Kunde verbreitete, der
+Borbone habe das Suedtor genommen und Leyva stuerme an der noerdlichen
+Pforte, packte der bleiche Schreck die Besatzung. Die wieder
+geladenen Stuecke blieben ungeloest, die Hauptleute, die sich den
+Furchtbetoerten entgegenwarfen, wurden niedergetreten, und die
+panische Flucht riss den Herzog mit sich fort.
+
+Wie er, in seinen Palast zurueckgekehrt, mit irrenden Schritten den
+Thronsaal betrat, siehe, da stuerzte vor seinen Augen die
+goldbrokatene und mit Loewen und Adlern durchwirkte Bekleidung des
+Thronhimmels zusammen. In der allgemeinen Verwirrung hatte sich der
+herzogliche Tapezierer in den Saal geschlichen und das Prachtstueck
+gelockert, um es zu entwenden, war dann aber vor dem sich nahenden
+Getoese unverrichteterdinge entwichen. Von dem schlimmen Omen
+erschreckt, warf sich der Herzog verzweifelnd in einen Lehnstuhl und
+bedeckte das Gesicht mit beiden Haenden, sein Los und den Sieger
+erwartend.
+
+Dieser liess nicht lange auf sich harren. Ein kurzer Laerm--die treue
+schweizerische Palastwache wurde niedergestreckt oder entwaffnet--,
+und Pescara betrat den Saal, barhaupt und ohne Schwert, hinter ihm
+Karl Bourbon, behelmt, in voller Ruestung, den Degen in blutender
+Faust. Er war, der erste auf der Sturmleiter, mit derselben in den
+Stadtgraben zurueckgeworfen worden, ohne sich jedoch ernstlich zu
+verletzen.
+
+Der Marchese verneigte sich vor seinem Besiegten, der sich von seinem
+Sitze aufraffte. "Hoheit beruhige sich", sprach Pescara. "Ich komme
+nicht als Feind, sondern um Hoheit aufs neue in Pflicht zu nehmen fuer
+Ihren Lehensherrn, den Kaiser."
+
+Sforza erhob die Augen, und da er in dem ueberlegenen Antlitz weder
+Hohn noch Strafe las, sondern eher teilnehmende Einsicht und Milde,
+brach der haltlose Knabe in Traenen aus und stammelte: "In meinem
+Herzen bin ich der Majestaet immer treu gewesen, sie hat keinen
+ergebeneren Diener und bessern Lehensmann, aber ich Unseliger wurde
+missleitet, wurde irregefuehrt... mein hoellischer Kanzler... auch den
+bewaffneten Widerstand habe ich nicht befohlen... ich wurde geschoben,
+gestossen... von dem Valabrega und ein paar andern Edelleuten... bei
+allen Aposteln und Maertyrern, ich bin kein italienischer Patriot,
+sondern der bedraengteste Fuerst in der unmoeglichsten Lage!"
+
+Diese voellige Zerknirschung des Enkels und Urenkels zweier Heroen
+schien den Feldherrn peinlich zu beruehren. Doch liess er der Busse
+freien Lauf, weigerte aber, scheinbar aus Ehrerbietung, dem endlich
+Verstummenden seine Hand, welche dieser zu ergreifen suchte. Er
+befuerchtete, der gaenzlich Vernichtete moechte sie kuessen.
+
+Waehrend dieser Selbsterniedrigung, und sie im Grunde seines
+verbitterten Herzens kostend, schluerfte Karl Bourbon, welcher hinter
+Pescara stehengeblieben war, in langsamen Zuegen einen vollen Becher,
+den er sich von einem herbeigewinkten Pagen hatte holen und reichen
+lassen.
+
+"Hoheit", sagte der Feldherr, "ich habe Vollmacht. Wenn Sie davon
+durchdrungen ist, dass Sie sich in ein falsches und gefaehrliches Spiel
+eingelassen hat, und wenn sich der feste Wille in Ihr gestalten kann,
+forthin Ihr Heil da zu suchen, wo es ist, bei dem Kaiser, und von der
+Majestaet nimmermehr zu weichen, wage ich es, auf meine
+Verantwortlichkeit, Ihr Verzeihung zu gewaehren und Ihre Hand darauf
+anzunehmen. Hoheit darf es mir glauben, Sie faehrt in jedem Falle
+besser mit dem Kaiser als mit der Liga."
+
+Jetzt sah er, wie die unverhoffte Milde den Sohn des Mohren ploetzlich
+wieder misstrauisch machte, wie der vom Schicksal zum Argwohn Erzogene
+eine List vermutete und wie seine Hand zoegerte und zitterte. "Hoheit
+darf trauen", sprach er kraftvoll. "Der Kaiser und ich halten Wort."
+
+Sforza gab die Hand, und der Feldherr fuegte freundlich hinzu: "Ich
+kenne die schwierige Lage der Hoheit und--wenn ich es aussprechen
+darf--Ihre durch eine unglueckliche Jugend erkrankte und entkraeftete
+Seele. Sie bedarf vor allem der Stetigkeit. In der Bahn des Kaisers
+wandelnd und verharrend, wird Sie von keiner Zeitwelle verschleudert
+werden. Ich persoenlich", schloss er, seine Lehrhaftigkeit mildernd,
+in einem fast herzlichen Tone, "war der Hoheit immer zugethan, aus
+Dank fuer meine Vorbilder, Ihre zwei herrlichen Ahnen, obwohl mir die
+beiden", scherzte er, "in meiner Jugend manchen Schlaf geraubt haben;
+ein solcher Reiz und Stachel liegt in Maennlichkeit und Seelengroesse."
+
+Franz Sforza getroestete sich dieser Freundschaft, fragte aber doch
+aengstlich: "Und ich bleibe Herzog? Euer Wort, Pescara?"
+
+"Unverbruechlich. Wenn ich etwas ueber den Kaiser vermag, und wenn Ihr
+es vermoeget, Eure Seele zu befestigen."
+
+"Und meinem Kanzler geschieht nichts?"
+
+"Ich glaube nein, Hoheit", versprach Pescara.
+
+"Und er bleibt mein Minister?"
+
+Der Feldherr konnte ein Laecheln nicht verwinden ueber die
+Unzertrennlichkeit dieses Paares. "Hoheit vergisst, dass Sie soeben
+Girolamo Morone den verderblichsten aller Ratgeber genannt hat. Ich
+empfehle Hoheit, sich von der Kaiserlichen Majestaet fuer dieses
+schwierige Amt einen andern und weisern Kopf zu erbitten. Es gibt
+deren in Italien, es braucht kein Spanier zu sein."
+
+"Nichts da, Hoheit! Ihren Kanzler bekommt Sie nicht heraus!" mischte
+sich jetzt der Bourbon ins Gespraech. "Diese Helena ist mein
+Beutestueck."
+
+Franz Sforza starrte Bourbon mit angstvollen Augen an. "Der hier?"
+stoehnte er. "Er will mein Mailand! Er traeumt langeher davon. Hilf
+mir, maechtiger Pescara!"
+
+Da schmetterte Bourbon, als zerstoere er sich selbst, mit einem
+zornigen Wurf sein kristallenes Glas an den Marmorboden, dass es mit
+schrillem Misston in Scherben zerfuhr. "Hoheit", rief er, "da liegt
+mein Fuerstentum Mailand!"
+
+Waehrend die Scherben flogen, trat Moncada mit Leyva ein, dieser von
+oben bis unten mit Staub und Blut besudelt. "Erlaucht", begann der
+Ritter, "ich beglueckwuensche Sie zu Ihrem heutigen schoenen Siege, der,
+wieder in voller Kraft erfochten, sich an so viele andere reiht. Ich
+hielt mich geziemend im Vorzimmer. Doch da ich bechern und lachen
+hoerte, und als auch Leyva anlangte, der das Nordtor genommen und
+ebenfalls seinen Trunk verdient hat, wagte ich den Eintritt, und ich
+glaube zur rechten Stunde. Denn ich meine: hier wird Gericht
+gehalten werden, und Hoheit Bourbon hat diesem verraeterischen Herzog
+in symbolischer Weise seinen verdienten Untergang verkuendigt. Aber
+nicht so stuermisch, Hoheit! Ich denke, der Feldherr setzt ein
+Kriegsgericht zusammen, bei dem ich als ein Angehoeriger des
+koeniglichen Hauses Sitz und Stimme beanspruchen darf. Natuerlich ein
+vorlaeufiges Gericht, in Erwartung des Entscheides aus Madrid."
+Pescara blieb kalt. "So tue ich", sagte er. "Ich ernenne zu
+Richtern meine zwei Kollegen, die Hoheit Bourbon und Leyva. Ich
+praesidiere. Euch, Ritter, muss ich ausschliessen, weil Ihr keinen Rang
+bekleidet. Hier meine Beglaubigung." Er zog aus seinem Wams die
+kaiserliche Vollmacht.
+
+Moncada ergriff das Schreiben und las: "Nach seinem Ermessen... gemaess
+den Umstaenden... hm... Erlaucht erlaube... diese kaiserliche Weisung
+scheint zu sagen, dass Sie bevollmaechtigt ist, alle militaerischen und
+buergerlichen Massregeln in dem genommenen Mailand nach Belieben zu
+treffen, praejudiziert aber in keiner Weise die Rechte und Interessen
+der katholischen Majestaet. Ich werde daher bleiben als ein stummer,
+aber aufmerksamer Zuhoerer."
+
+"Sei es", sagte Pescara geduldig.
+
+Jetzt regte sich auch Leyva und verlangte, dass Girolamo Morone
+vorgefuehrt werde. "Er ist im Palaste", sagte er. "Ich sah ihn
+gefesselt einbringen unter den Verwuenschungen und Kotwuerfen des
+mailaendischen Volkes, das ihm sein ganzes Elend zurechnet." Pescara
+gab den Befehl.
+
+Eine peinliche Pause. Stuehle wurden gerueckt von der verlegenen
+Dienerschaft, welche ihrem verklagten Herrn ehrerbietig den
+herzoglichen Sessel mit Krone und Wappen brachte, und als Morone
+erschien, nicht ohne Spuren von Misshandlung, sah er die drei
+Feldherrn als Richter sitzen, Pescara in der Mitte, und vor ihnen
+seinen Herzog. "Mut, Fraenzchen", fluesterte er ihm zu, neben den er
+sich aus alter Gewohnheit gestellt hatte, "wirf du nur alles auf mich!"
+
+Pescara nahm das Wort: "Die Hoheit von Mailand beteuert, an der Treue
+gegen ihren Lehensherrn festzuhalten und nur voruebergehend
+fehlgetreten und in den Schein der Felonie gekommen zu sein unter den
+Einfluesterungen dieses Mannes da." Der Herzog nickte mit dem Haupt.
+
+"So ist es! Ich bekenne, dass ich der allein Schuldige bin!" sprach
+der Kanzler unerschrocken.
+
+"Auch die Verteidigung von Mailand gegen das kaiserliche Heer
+beteuert die Hoheit nicht befohlen zu haben, sondern sie versichert,
+es sei die eigenmaechtige That einiger aufruehrerischer Lombarden, und
+ich halte es fuer glaublich. Wie urteilt Leyva?"
+
+Leyva verzog das haessliche Gesicht und murrte: "Dieser Franz Sforza
+ist der Felonie schuldig und durch die nackte Thatsache ueberwiesen.
+Er werde in schaerfstem Gewahrsam gehalten. Der Kaiser, wie ich meine,
+wird ihn absetzen und nach Spanien bringen lassen."
+
+"Und wie urteilt Sie?" Pescara hatte sich gegen Bourbon gewendet.
+
+Der Konnetabel spielte mit seinem zerrissenen Handschuh und bemerkte
+mit melodischer Stimme: "Die Hoheit wurde betoert von dem wunderlichen
+Gaukler da, der auch mich und viele andere bezaubert hat, bis er an
+unserm Feldherrn seinen Meister fand. Aber sie scheint mir wieder
+zur Besinnung gekommen zu sein, und ich meine, dass ihr die Schmach
+des Gefaengnisses anzutun weder schicklich waere noch auch notwendig
+ist, da sich ja die Stadt in unsern Haenden befindet. Die Hoheit von
+Mailand bleibe frei."
+
+"Zwei Stimmen gegen eine, denn so lautet auch meine Meinung",
+entschied Pescara. Moncada schwieg mit verschlungenen Armen, Leyva,
+dessen grosse Narbe sich mit Blut zu fuellen schien, zerrte den
+Schnurrbart, Bourbon aber erhob sich, bot Franz Sforza den Arm und
+geleitete ihn aus dem Saale.
+
+Draussen stiess er mit Del Guasto zusammen, der ihm zufluesterte, es sei
+befremdend: die Truppen Leyvas zoegen sich gegen den Palast. Bourbon
+runzelte die Stirn. "Beobachtet und berichtet!" gebot er. Del
+Guasto wollte enteilen, rief aber zurueck: "Noch eins: ich hoere, Donna
+Victoria sei am Tore angelangt und verlange nach dem Feldherrn."
+
+Da Bourbon in den Saal zuruecktrat, forderte eben Leyva den Kerker,
+die Folter und, nach vervollstaendigtem Bekenntnisse, Block und Beil
+fuer den erbleichenden Morone.
+
+"Auf die Folter!" stoehnte dieser. "Wenn ihr mich windet wie ein Tuch,
+so werdet ihr nichts anderes als Blut und Schweiss aus mir
+herauspressen. Ich habe mich vor dem Feldherrn ausgebeichtet. Du
+bist nicht grausam, Pescara!"
+
+"Pfui, Leyva!" rief Bourbon, sich wieder in den Kreis setzend. "Will
+sich der Herr an den Zuckungen dieses naerrischen Gesichtes ergoetzen?
+Das leide ich nicht. Ich lasse mir meinen Morone nicht verdrehen.
+Zittre nicht, Girolamo! Dir wird kein Haar gekruemmt: du wirst mein
+Schreiber. Mein gnaediges Urteil lautet: Girolamo sitze in seinem
+Hause, und man bewache ihn, bis ich mir ihn vom Kaiser werde erbeten
+haben."
+
+"Mir scheint, das genuegt", entschied der Feldherr. "Morone hat
+gestanden vor drei glaubwuerdigen Zeugen, deren einer ich selber bin.
+Keine unnuetze Marter, sondern sichere Haft. Zwei Stimmen gegen eine.
+Nehmet ihn, Hoheit. Mir ahnt, dass Girolamo Morone sich noch einmal
+umwandelt und in kaiserliche Dienste tritt."
+
+Da schrie Morone unklug vor Freude ueber das geschenkte Leben und die
+erlassene Folter: "Pescara, ohne dich kein Italien! Das ist vorbei.
+Mach mit mir, was du willst. Ich bin das Geschoepf deiner Grossmut und
+Guete... Und wenn noch weiter geredet werden soll, so erfahret,
+Herrschaften, und darin ist alles andere enthalten: die Liga ist dem
+Kopfe der Heiligkeit entsprungen, wie Athene der Stirne des Zeus..."
+Seine Zunge stand ploetzlich still, da er neben sich einen
+ansehnlichen Mann im Reisekleid gewahrte, der eben eingetreten war.
+Dann rief er: "Das weiss niemand besser als der da!" Es war
+Guicciardin, dessen Blicke neugierig im Kreise umliefen, endlich aber
+unverwandt auf dem Antlitze des Pescara haften blieben.
+
+"Ich stoere, Erlaucht?" sagte er. "Doch ich werde mich kurz fassen.
+Ich komme mit Eilpost von der Heiligkeit, die diesmal besser einen
+andern geschickt haette. Die Heiligkeit laesst Erlaucht wissen, sie
+habe auf die erste Kunde der eroeffneten Feindseligkeiten einen ihrer
+Vertrautesten nach Madrid gesendet, den Kaiser zu unterrichten, dass
+sie dem Buendnis der italienischen Staaten fremd geblieben ist. Eine
+heilige Liga existiert nicht. Der oberste Hirte schaudert vor dem
+Schwert."
+
+"Halleluja!" rief der Kanzler, den die Lebensfreude berauscht und
+voellig toll gemacht zu haben schien, der Feldherr aber entgegnete:
+"Wie, Guicciardin? Eben hat Morone an den Tag gebracht, dass die Liga
+das Werk der Heiligkeit ist. Was ist Wahrheit?"
+
+"Beides", versetzte Guicciardin. "Mein Auftrag ist ausgerichtet und
+damit gut." Er verbeugte sich und verliess den Saal, aber Bourbon, in
+den der Satan fuhr, rief dem Gesandten des Papstes nach: "Florentiner,
+sage deinem Herrn, ich werde nach Rom kommen, seiner Wahrhaftigkeit
+den Pantoffel zu kuessen, mit lauter Lutheranern und Marranen, und
+nachts will ich meine brennende Kerze umwerfen, dass der Heiligkeit
+ein Licht aufgehe!" Die Lache, die der Unselige aufschlug, scholl
+gellend wider aus der Kuppelwoelbung und aus den Ecken des Saales wie
+aus dem Munde schadenfroher Daemonen, so dass Guicciardin erschreckend
+umblickte. Der Feldherr wies nun auch den Kanzler mit seiner Wache
+weg, sei es, dass er es fuer unziemlich hielt, das Haupt der
+Christenheit preiszugeben, oder er war der menschlichen Komoedie muede.
+
+Da sich Guicciardin und der Kanzler draussen zusammenfanden, fragte
+jener: "Man fuehrt dich zum Blocke?"
+
+"Bewahre!"
+
+"Durchgeschluepft? Unvergleichlicher! Doch wie begab es sich in
+Novara?"
+
+"Oh, ich kam auf den Esel zu sitzen... Dieser Pescara ist das Raetsel
+der Sphinx..."
+
+"Das ich errate, Kanzler, aus seinem Antlitz. Es traegt die
+hippokratischen Zuege, und ich werde vielleicht der Heiligkeit eine
+Todesnachricht zu bringen haben. Erinnerst du dich noch, Girolamo,
+was ich dir in den Vatikanischen Gaerten sagte, von einem moeglichen
+letzten Hindernis in der Brust Pescaras? Wenn ich woertlich wahr
+geredet? Wenn der Feldherr bei Pavia den Tod empfing und ihn
+verheimlicht hat? Wenn wir einen nicht mehr Versuchbaren in
+Versuchung fuehrten?"
+
+Der Kanzler schlug sich vor die Stirn: "Du sagst es, Guicciardin!
+AEhnliches, das ich damals nicht verstand, hat mir der Arzt des
+Feldherrn, Messer Numa Dati, in Novara angedeutet."
+
+"Also die Wahrheit", schloss der Florentiner. "Nicht Pescara trog.
+Wir selbst haben uns betrogen. O Weisheit der Menschen!" Mit dieser
+Betrachtung schieden die beiden.
+
+In dem Thronsaal herrschte eine unheimliche Luft. Die drei Feldherrn
+und der bei ihnen zurueckgebliebene Moncada standen in weiten
+Entfernungen. Pescara, voellig entkraeftet, wie es schien, hatte sich
+auf den ueber den Thron ausgebreiteten Goldbrokat geworfen. Blaesse
+bedeckte sein Gesicht, die Brust arbeitete. Bourbon mass den Saal in
+leichtfertigem Tanzschritt, waehrend er Moncada scharf beobachtete.
+Dieser, in einer Fensterbruestung lehnend, winkte aus einer andern
+Leyva zu sich und fluesterte ihm ins Ohr: "Es ist Zeit. Er hat sich
+enthuellt. Tot oder lebendig..." Jetzt rief auch Pescara den Herzog.
+"Setze dich neben mich, Karl", keuchte er leise. "Fuehrst du Papier
+und Stift?"
+
+"Um Gottes willen, Ferdinand, merkst du nichts? Du bist bedroht!
+Die beiden fluestern. Leyva ist verdaechtig. Sie wollen dich
+verhaften!"
+
+"Fuehrst du Papier und Stift?" wiederholte der Feldherr. Der Herzog
+gab sie. Nach ein paar Zuegen sagte Pescara: "Meine Hand zittert,
+schreibe du, Karl."
+
+"Ferdinand, bist du blind? Siehst du nicht, wie Moncada sich regt?"
+
+"Er wird mich nicht erreichen", sagte der Feldherr und diktierte mit
+gepresster Stimme: "An die Majestaet des Kaisers. Erhabener Herr,
+Mailand ist Euer. Pescara haelt Treue bis zum letzten Atemzug.
+Lohnet sie ihm mit drei Erfuellungen..."
+
+"Ich beschwoere dich, Ferdinand! Er kommt auf dich zu! Ermanne dich!
+Wir fechten... Ich rufe die Wachen..." Bourbon wollte aufspringen.
+Pescara aber hielt ihn fest: "Schreibe! Er erreicht mich nicht,
+sage ich dir. Wo bist du?... mit drei Erfuellungen: Majestaet schuetze
+Sforza! Majestaet begnadige Morone! Majestaet gebe mein Kommando dem
+Konnetabel!..."
+
+"Er steht wenige Schritte vor dir! Zieh! Wo hast du deinen Degen?"
+
+"Ich vergiesse kein Blut mehr..." Pescara unterzeichnete, und der
+Stift entglitt seiner Hand. Mit einem schwachen Schrei und
+erloeschenden Augen sank er in die Arme seines Freundes.
+
+Moncada, der jetzt ganz nahe getreten war, stand bestuerzt. "Was ist
+dem Feldherrn?" fragte er, und ihn betrachtend: "Verschieden?"
+
+"Geschieden!" weinte der Herzog.
+
+"Ein Herzschlag. Der Feldzug hat ihn getoetet", sagte Moncada und hob
+das Papier auf, das an den Boden gefallen war. Er las, und bei der
+dritten Bitte angelangt, stand er sinnend. Dann uebergab er, ohne die
+Miene zu aendern, das Papier dem Herzog mit den Worten: "Wir ehren
+seinen letzten Willen. Hoheit hat das Kommando. Hoheit befehle!"
+
+Bourbon erschien als ein Heimatloser und Entwerteter dem Sohne
+Ferdinands des Katholischen ungefaehrlich und war, ohne Pescara, auch
+Leyva minder verhasst, denn um die Gunst des grossen Feldherrn hatte
+dieser den Konnetabel beneidet.
+
+Karl Bourbon winkte sie weg und bettete Pescara auf den Goldbrokat.
+Der Palast war ganz stille geworden, und selbst die Wachen an den
+Toren schritten leise, in der Meinung, der Feldherr halte zu dieser
+Stunde Siesta, wie seine Gewohnheit war. Auch der Herzog, das
+geliebte Haupt im Schosse haltend, versank in einen Mittagstraum, er
+vergass das tragische Los des Toten und das eigene aus Ruhm und
+Schmach geflochtene, er empfand nur einen dumpfen Schmerz ueber den
+Verlust des einzigen Freundes.
+
+Stimmen erschollen vor der Saalpforte. "Nein, Madonna, er ruht!"
+verbot Del Guasto, und Victoria rief durchdringend: "Weiche, Boeser!
+Ich will zu ihm!" Bourbon vernahm nahende Schritte, er wendete nicht
+einmal das Haupt. Er legte den Finger an den Mund und fluesterte:
+"Leise, Madonna! Der Feldherr schlummert."
+
+Victoria trat zu dem Gatten. Pescara lag ungewaffnet und ungeruestet
+auf dem goldenen Bette des gesunkenen Thronhimmels. Der starke Wille
+in seinen Zuegen hatte sich geloest, und die Haare waren ihm ueber die
+Stirn gefallen. So glich er einem jungen, magern, von der Ernte
+erschoepften und auf seiner Garbe schlafenden Schnitter.
+
+
+
+
+
+Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Die Versuchung des Pescara"
+von Conrad Ferdinand Meyer.
+
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+The Project Gutenberg Etext Die Versuchung des Pescara, by Meyer
+#1 in our series by Conrad Ferdinand Meyer
+
+This Etext is provided in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+Copyright laws are changing all over the world, be sure to check
+the laws for your country before redistributing these files!!!
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+Please take a look at the important information in this header.
+We encourage you to keep this file on your own disk, keeping an
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+Please do not remove this.
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+This should be the first thing seen when anyone opens the book.
+Do not change or edit it without written permission. The words
+are carefully chosen to provide users with the information they
+need about what they can legally do with the texts.
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a 501(c)(3)
+organization with EIN [Employee Identification Number] 64-6221541
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+
+
+Title: Die Versuchung des Pescara
+
+Author: Conrad Ferdinand Meyer
+
+Release Date: January, 2003 [Etext 3675]
+[Yes, we are about one year ahead of schedule]
+[The actual date this file first posted = 07/12/01]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+The Project Gutenberg Etext Die Versuchung des Pescara, by Meyer
+******This file should be named 8vers10.txt or 8vers10.zip******
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+This etext was prepared by Michelle Mokowska, micaela@poczta.wp.pl
+and Mike Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com, and proofread by Dr.
+Mary Cicora, mcicora@yahoo.com.
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+Project Gutenberg Etexts are usually created from multiple editions,
+all of which are in the Public Domain in the United States, unless a
+copyright notice is included. Therefore, we usually do NOT keep any
+of these books in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our books one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to send us error messages even years after
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+The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
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+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. This
+projected audience is one hundred million readers. If our value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour this year as we release fifty new Etext
+files per month, or 500 more Etexts in 2000 for a total of 3000+
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+should reach over 300 billion Etexts given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext
+Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion]
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+At our revised rates of production, we will reach only one-third
+of that goal by the end of 2001, or about 4,000 Etexts unless we
+manage to get some real funding.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
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+We need your donations more than ever!
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+As of June 1, 2001 contributions are only being solicited from people
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+Iowa, Kansas, Louisiana, Maine, Massachusetts, Minnesota, Missouri,
+Montana, Nebraska, Nevada, New Jersey, New York, Ohio, Oklahoma,
+Oregon, Rhode Island, South Carolina, South Dakota, Tennessee,
+Texas, Vermont, Virginia, Washington, West Virginia, and Wyoming.
+
+We have filed in about 45 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met,
+additions to this list will be made and fund raising
+will begin in the additional states. Please feel
+free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork
+to legally request donations in all 50 states. If
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+if we have added it since the list you have, just ask.
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+even if there are ways.
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+PMB 113
+1739 University Ave.
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+organization with EIN [Employee Identification Number] 64-6221541,
+and has been approved as a 501(c)(3) organization by the US Internal
+Revenue Service (IRS). Donations are tax-deductible to the maximum
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+Prof. Hart will answer or forward your message.
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+***
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+
+
+
+This etext was prepared by Michelle Mokowska, micaela@poczta.wp.pl
+and Mike Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com, and proofread by Dr.
+Mary Cicora, mcicora@yahoo.com.
+
+
+
+
+
+This etext is provided in German.
+
+
+
+
+
+Die Versuchung des Pescara
+
+Conrad Ferdinand Meyer
+
+Novelle
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+
+In einem Saale des mailändischen Kastelles saß der junge Herzog
+Sforza über den Staatsrechnungen. Neben ihn hatte sich sein Kanzler
+gestellt und erklärte die Zahlen mit gleitendem Finger.
+
+"Eine furchtbare Ziffer!" seufzte der Herzog und entsetzte sich vor
+der Summe, welche die mit Eile betriebenen Festungsarbeiten
+verschlungen hatten. "Wie viele Schweißtropfen meiner armen
+hungernden Lombarden!" Und um dem Anblick der verhängnisvollen Zahl
+zu entrinnen, ließ er die melancholischen Augen über die Wände laufen,
+die mit hellfarbigen Fresken bedeckt waren.
+
+Links von der Tür hielt Bacchus ein Gelag mit seinem mythologischen
+Gesinde, und rechts war als Gegenstück die Speisung in der Wüste
+behandelt von einer flotten, aber gedankenlosen, den heiligen
+Gegenstand bis an die Grenzen der Ausgelassenheit verweltlichenden
+Hand. Oben auf der Höhe, klein und kaum sichtbar, saß der göttliche
+Wirt, während sich im Vordergrunde eine lustige Gesellschaft
+ausbreitete, die an Tracht und Miene nicht übel einer Mittag
+haltenden lombardischen Schnitterbande glich und zum Lachen alle
+Gebärden eines gesunden Appetites versinnlichte.
+
+Der Blick des Herzogs und der demselben aufmerksam folgende seines
+Kanzlers fielen auf ein schäkerndes Mädchen, das, einen großen Korb
+am Arme, wohl um die überbleibenden Brocken zu sammeln, sich von dem
+neben ihr gelagerten Jüngling umfangen und einen gerösteten Fisch
+zwischen das blendend blanke Gebiß schieben ließ. "Die da wenigstens
+verhungert noch nicht", scherzte der Kanzler mit mutwilligen Augen.
+
+Ein trübes Lächeln bildete und verflüchtigte sich auf dem feinen
+Munde des Herzogs. "Warum Festungen bauen?" kam er auf den
+Gegenstand seiner Sorge zurück. "Das ist ein schlechtes Geschäft!
+Pescara, der große Belagerer, wird sie schnell wegnehmen und mir dann
+noch die Kriegskosten aufhalsen. Höre, Girolamo", und er richtete
+seinen binsenschlanken Körper in die Höhe, "laß mich weg aus deinen
+geheimen Bündnissen und Artikeln, du unermüdlicher Zettler! Ich will
+nichts davon wissen. Du richtest mich und meine Lombarden zugrunde,
+du Strafe Gottes! Ich will mich nicht an dem Kaiser versündigen: er
+ist mein Lehensherr. Und lieber will ich mich von seinen höllischen
+Spaniern schinden lassen, als daß mich meine neuen Bundesgenossen
+voranschieben und verraten." Wie ein sich Aufgebender ließ er sich,
+die spitzen Knie vorgestreckt, in seinen Sessel niedergleiten und
+rief voller Verzweiflung: "Ich will eine Muhme oder eine Schwester
+des Kaisers heiraten! Das sollst du veranstalten, wenn du der große
+Staatsmann bist, der zu sein du dir einbildest."
+
+Der Kanzler brach in ein zügelloses Gelächter aus.
+
+"Du hast gut lachen, Girolamo. Von den steilsten Dächern
+herabrollend, kommst du wie eine Katze immer wieder auf die Füße zu
+stehen! Ich aber gehe in Stücke! Ich und mein Herzogtum
+verflüchtigen uns in dem Hexenkessel, der in deinem Kopfe brodelt.
+Miserere: eine Liga mit dem heiligen Vater, mit San Marco, mit den
+Lilien! O die böse Klimax! O die unheilige Dreieinigkeit! Dem
+Papste traut man nicht über den Weg, weder ich noch irgendeiner. Er
+ist ein Medici! Marcus aber, mein natürlicher Feind und Nachbar, ist
+der ruchloseste aller Heiligen. Und nun gar Frankreich, das mir den
+Vater in einem Kerkerloche verwesen ließ und den armen Bruder Max,
+den du verkauft hast, du Schlimmer, in Paris versorgt!" Die
+beweglichen Züge des fürstlichen Knaben entstellten sich, als sehe er
+den Genius seines Hauses die Fackel langsam senken und auslöschen.
+Eine Träne rann über seine magere Wange.
+
+Der Kanzler streichelte sie ihm väterlich. "Sei nicht unklug,
+Fränzchen", tröstete er. "Ich hätte den Max verraten? Keineswegs.
+Es war die Logik der Dinge, daß er sich gab nach der Zermalmung der
+Schweizer. Ich habe seine Rente mit König Franz vereinbart und noch
+um ein Gutes hinaufgemarktet. Er selbst sah ein, daß ich es redlich
+mit ihm meine, und dankte mir. Er ist ein Philosoph, sage ich dir,
+der die Welt von oben herunter betrachtet, und da er zu Rosse stieg,
+um von hinnen zu ziehen, hat er, schon im Bügel, noch Weisheit
+geredet. 'Ich segne den Himmel', sprach er, 'daß ich in Zukunft
+nichts mehr zu schaffen habe mit den groben Fäusten der Schweizer,
+den langen Fingern des Kaisers'--er meinte die hochselige Majestät,
+Fränzchen--'und den spanischen Meuchlerhänden.' Auch hatte der Max
+gar nicht das Zeug, einen italienischen Fürsten darzustellen, plump
+und unreinlich wie er ist. Da bist du denn doch eine andere
+Erscheinung, Fränzchen. Du hast etwas Fürstliches, wenn du dich
+aufrecht hältst, und dazu die Kunst der Rede, die du von deinem
+unvergleichlichen Vater, dem Mohren, geerbt. Ich sage dir, du wirst
+mit den Jahren noch der klügste und glücklichste Fürst in Italien
+werden."
+
+Der Herzog betrachtete seinen Kanzler zweifelnd. "Wenn du mich nicht
+vorher verkaufst und mein Leibgeding' in die Höhe marktest", lächelte
+er.
+
+Morone, der jetzt in seinem langen schwarzen Juristenrocke vor ihm
+stand, entgegnete zärtlich: "Mein holdseliges Fränzchen! Dir tue ich
+nichts zuleide. Du weißt ja, daß du mir ins Herz gewachsen bist. Du
+bleibst der Herzog von Mailand, so wahr ich der Morone bin. Aber du
+mußt dich hübsch belehren und überzeugen lassen, was zu deinem Besten
+dient."
+
+"Nicht einen einzigen guten Grund hast du mir gegeben für deine
+neugebackene Liga! Und ich will mich einmal nicht empören gegen
+meinen Lehnsherrn! Das ist sündhaft und gefährlich."
+
+Schnellen Geistes wählte der Kanzler unter den Truggestalten und
+Blendwerken, über welche seine Einbildungskraft gebot, eine
+hinreichend wahrscheinliche und wirksame Larve, um sie seinem
+beweglichen Gebieter entgegenzuhalten und ihn damit heilsam zu
+erschrecken.
+
+"Fränzchen", sagte er, "der Kaiser ist für dich eine verschlossene
+Pforte. Hast du ihm nicht die rührendsten Briefe geschrieben, und er
+hat niemals geantwortet! Es ist ein in der Ferne verschwindender
+Jüngling und, wie man behauptet, die geduldige Wachspuppe in den
+formenden Händen seiner burgundischen Höflinge. Da bist du ihm
+überlegen, du beurteilst die Dinge selbständig. Das Wetter aber in
+Madrid macht der Borbone, der verschwenderische Konnétabel, der das
+Gold mit vollen Händen auswirft und dessen Treue außer allem
+Verdachte steht, da er seinen König Franz verrathen hat und jetzt in
+Ewigkeit zum Dienste des Kaisers verdammt ist. Der Borbone aber will
+Mailand. Dein Lehen ist ihm zugesagt. Er ist ein Gonzaga von der
+Mutter her und strebt nach einem italienischen Throne. Warum kann
+sich der Kaiser nicht entschließen, dich zu belehnen, nachdem du ihm
+Hunderttausende bezahlt hast? Weil er dein Mailand dem Borbone
+zudenkt, darauf nehme ich Gift. Dieser ist seiner Sache gewiß.
+Unlängst, da du mich in das kaiserliche Lager sendetest, hat er mich
+mit Liebkosungen fast erdrückt und mir sogar einen Beutel zugesteckt,
+um mich auf die günstige Stunde vorzubereiten. Denn freilich sind
+wir alte Bekannte von der französischen Herrschaft her."
+
+Das war Lüge und Wahrheit: der Konnétabel hatte in einer tollen
+Weinlaune einen witzigen Einfall seines Gastes fürstlich belohnt.
+
+"Und du nahmst, Ungeheuer?" entsetzte sich der Herzog.
+
+"Mit dem besten Gewissen von der Welt", erwiderte Morone leichtfertig.
+"Weißt du nicht, Fränzchen, was die Kasuisten lehren, daß ein Weib
+soviel nehmen darf, als man ihr giebt, wenn sie nur ihre Tugend
+behauptet? Das gilt auch für Minister und erlaubt mir, in dieser
+kargen Zeit unter Umständen auf mein Gehalt zu verzichten. Dafür
+kannst du dir zuweilen ein gutes Bild kaufen, Fränzchen. Du mußt
+auch deine ehrbare Ergötzung haben."
+
+Sforza war erbleicht. Das Schreckbild des Borbone in seiner Burg und
+in seinem Reiche, welche beide dieser schon einmal--vor seinem
+berühmten Verrat--jahre lang als französischer Statthalter besessen
+hatte, brachte ihn um alle Besinnung. "Ich habe immer geglaubt, und
+es verfolgt mich auf Schritt und Tritt", jammerte der Ärmste, "daß
+der Borbone mein Mailand haben will. Rette mich, Girolamo! Schließe
+die Liga! ohne Verzug! Sonst bin ich verloren." Er sprang auf und
+ergriff den Kanzler am Arm.
+
+Dieser erwiderte gelassen: "Ja, das geht nicht so geschwind,
+Fränzchen. Doch wird sich vielleicht heute noch etwas dafür thun
+lassen. Es trifft sich. Gestern ist die Exzellenz Nasi--nicht der
+Horatius, sondern der schöne Lälius--bei unserm Wechsler Lolli
+abgestiegen, und durch einen glücklichen Zufall auch Guicciardin hier
+angekommen, der trotz seiner Borsten im Vatikan eine angenehme Person
+ist. Mit diesen zwei gescheiten Leuten ließe sich reden, und ich
+habe den Venezianer und den Florentiner an deine Abendtafel geladen,
+da ich weiß, daß du ein harmloses Geplauder und eine unterhaltende
+Gesellschaft liebst."
+
+"O verfluchte, nichtswürdige Verschwörung!" klagte der Herzog
+wankelmütig.
+
+"Und auch noch ein anderer ist eingeritten, im Morgengrauen. Dieser
+hat sich auf die dritte Stunde nachmittags angesagt, er wolle erst
+ausschlafen."
+
+"Ein anderer? Welcher andere?" Der Herzog zitterte.
+
+"Der Borbone."
+
+"Gott verpeste den bleichen Verräter!" schrie Sforza. "Was will der
+hier?"
+
+"Das wird er selbst dir sagen. Horch! es läutet Vesper im Dome."
+
+"Empfange du ihn, Kanzler!" flehte der Herzog und wollte durch eine
+Tür entwischen. Morone aber ergriff ihn am Arm und führte ihn zu
+seinem Sessel zurück. "Ich bitte, Hoheit! Es geht vorüber. Wenn
+der Konnétabel eintritt, erhebe sich die Hoheit und empfange ihn
+stehend. Das kürzt ab." Er umkleidete seinen Herrn mit dem am
+Stuhle hängengebliebenen Mantel, und dieser nahm allmählich, seine
+Angst bekämpfend, eine fürstlichere Haltung an, indem er seinen
+hübschen Wuchs geltend machte und den natürlichen Anstand, den er
+besaß.
+
+Inzwischen blickte der Kanzler durch das Fenster, das den Schloßplatz
+und hinter demselben den Umriß eines der neuangelegten Bollwerke des
+Kastelles zeigte. "Köstlich!" sagte er. "Da steht dieser
+treuherzige Konnétabel, zehn Schritte vor seinem Gefolge, und
+zeichnet unbefangen unsere neue Schanze in sein Taschenbuch. Ich
+will nur gehen und ihn einführen."
+
+Da er mit Morone eintrat, der berühmte Verräter, eine schlanke und
+hohe Gestalt und ein stolzes, farbloses Haupt mit feinen Zügen und
+auffallend dunkeln Augen, eine unheimliche, aber große Erscheinung,
+verbeugte er sich höflich vor Franz Sforza, der ihn scheu betrachtete.
+
+"Hoheit", sprach Karl Bourbon, "ich bezeuge meine schuldige
+Ehrerbietung und bitte um Gehör für eine Botschaft der Kaiserlichen
+Majestät."
+
+Herzog Franz antwortete mit Würde, daß er bereit sei, den Willen
+seines erhabenen Lehensherrn ehrfürchtig zu vernehmen, wankte dann
+aber und glitt in seinen Sessel zurück.
+
+Als der Konnétabel den Herzog sich setzen sah, blickte auch er sich
+nach einem Stuhl oder wenigstens nach einem Schemel um. Nichts
+dergleichen war vorhanden und auch kein Page gegenwärtig. Da warf er
+seinen kostbaren Mantel dem Herzog gegenüber an den Marmorboden und
+lagerte sich geschmeidig, den linken Arm aufgestützt, den rechten in
+die Hüfte setzend. "Hoheit erlaube", sagte er.
+
+Karl Bourbon lebte seit seinem Verrate in einer sengenden und
+verzehrenden Atmosphäre des Selbsthasses. Niemand, sogar der
+Vornehmste nicht, hätte es gewagt, den stolzen Mann auch nur mit
+einer Miene an seine Tat zu erinnern und ihn das Urteil erraten zu
+lassen, welches die öffentliche Meinung seines Jahrhunderts
+einstimmig und mit ungewöhnlicher Härte über ihn gefällt hatte, aber
+er kannte dieses strenge Urteil, und sein Gewissen bestätigte es.
+Die gründlichste Menschenverachtung brachte er, bei sich selbst
+anfangend, der ganzen Welt entgegen, doch beherrschte er sich
+vollkommen, und niemand benahm sich tadelfreier und redete farbloser,
+jeden Hohn, jede Ironie, selbst die leiseste Anspielung sich und
+damit auch den andern untersagend. Nur selten verriet, wie eine
+plötzlich aus dem Boden zuckende Flamme, ein höllischer Witz oder ein
+zynischer Spaß den Zustand seiner Seele.
+
+Nachdem der Konnétabel eine Weile gesonnen, begann er mit angenehmer
+Stimme und einer leichten Wendung des Kopfes: "Ich bitte Hoheit, mich
+nicht entgelten zu lassen, was meine Sendung Unwillkommenes für Sie
+haben könnte. Meine Person völlig zurückstellend, übermittle ich der
+Hoheit einen Beschluß der Kaiserlichen Majestät, welchen dieselbe in
+ihrem Ministerrate gefaßt hat, allerdings nach Vernehmung ihrer drei
+italienischen Feldherrn, Pescara, Leyva und meiner Untertänigkeit."
+
+"Wie befindet sich Pescara?" fragte der Kanzler, der in gleicher
+Entfernung von den zwei Hoheiten stand, frech dazwischen. "Ist er
+geheilt von seiner Speerwunde bei Pavia?"
+
+"Freundchen", versetzte der Konnétabel geringschätzig, "ich bitte
+Euch, nicht zu reden, wo Ihr nicht gefragt werdet."
+
+Da nahm der Herzog die Frage auf. "Herr Konnétabel", sagte er, "wie
+befindet sich der Sieger von Pavia?"
+
+Bourbon verneigte sich verbindlich. "Ich danke der Hoheit für die
+huldvolle Nachfrage. Mein erlauchter und geliebter Kollege Ferdinand
+Avalos Marchese von Pescara ist völlig hergestellt. Er reitet ohne
+Beschwerde seine zehn Stunden." Dann fuhr er fort: "Lasset mich
+jetzt zur Sache kommen, Hoheit. Bittere Arznei will schnell gereicht
+sein. Die Kaiserliche Majestät wünscht sehr, daß die Hoheit
+zurücktrete aus der neuen Liga, die Sie mit der Heiligkeit, den
+Kronen von Frankreich und England und der Republik Venedig
+abgeschlossen hat oder abzuschließen im Begriffe ist."
+
+Jetzt fand der Herr von Mailand den Fluß der Rede und beteuerte mit
+gut gespieltem Erstaunen und herzlicher Entrüstung, daß ihm von einer
+solchen Liga nichts bekannt sei und er selbst sicherlich der erste
+wäre, nach seiner Lehenspflicht den Kaiser ungesäumt zu unterrichten,
+wenn seines Wissens in Oberitalien derlei gegen die Majestät
+gesponnen würde. Und er legte die Hand auf das feige Herz.
+
+Mit vorgebogenem Haupte höflich lauschend, ließ der Konnétabel den
+jungen Heuchler seine Lüge in immer neuen Wendungen wiederholen.
+Dann erwiderte er in kühlem Tone, mit einer unmerklichen Färbung
+verächtlichen Mitleids: "Die Worte der Hoheit unangetastet, muß ich
+glauben, daß dieselbe von der Sachlage nicht genau unterrichtet ist.
+Wir denken es besser zu sein. Der Friede zwischen Frankreich und
+England mit einer bösen Absicht gegen den Kaiser ist eine Tatsache,
+die uns mit Sicherheit aus den Niederlanden gemeldet wurde. Ebenso
+gewiß sind wir, daß in Oberitalien gegen uns gerüstet wird. Und
+soweit sich der Heilige Vater beurteilen läßt, scheint auch er, den
+wir verwöhnt haben, sich verdeckt gegen uns zu wenden. Zu
+unterscheiden, was gethan und was im Werden ist, kann nicht unsere
+Aufgabe sein: wir bauen vor. Ehe die Liga", fügte er mit leiserer
+Stimme bedeutsam hinzu, "einen Feldherrn gefunden hat."
+
+Dann stellte er seine Forderung: "Hoheit giebt uns Sicherheit, in
+Monatsfrist, daß Sie Neutralität hält. Das ist die inständige Bitte
+Kaiserlicher Majestät. Unter Sicherheit aber versteht sie:
+Verabschiedung der Schweizer, Beurlaubung der lombardischen Waffen
+auf die Hälfte, Einstellung aller und jeder Festungsbauten und
+Überlassung dieses erfindungsreichen Mannes"--er wies mit dem Haupte
+seitwärts--"an Kaiserliche Majestät. Wo nicht"--und er erhob sich
+ungestüm, als wollte er zu Pferde springen--"wo nicht, blasen wir zum
+Aufbruch, den letzten September, um Mitternacht, keine Stunde früher,
+keine später, und besetzen in wenigen Märschen das Herzogthum. Hoheit
+überlege." Er verbeugte sich und schied.
+
+Da ihm Morone das Geleite geben wollte, verfiel Bourbon in eine
+seiner tollen Launen und wies den Kanzler mit einer possenhaften
+Gebärde ab. "Adieu, Pantalon mon ami!" rief er über die Schulter
+zurück.
+
+Morone gerieth in Wuth über diese Benennung, welche seiner Person allen
+Ernst und Wert abzusprechen schien, und entrüstet auf und nieder
+schreitend, verwickelte er sich mit den Füßen in den
+liegengebliebenen Mantel des Konnétable; der junge Herzog aber hielt
+den Kanzler fest, hing sich ihm an den Arm und weinte: "Girolamo, ich
+habe ihn beobachtet! Er glaubt sich hier schon in dem Seinigen.
+Schließe ab! Heute noch! Sonst entthront mich dieser Teufel!"
+
+Noch lag der hilflose Knabe in den Armen seines Kanzlers, als ein
+greiser Kämmerer den Rücken vor ihm bog und feierlich das Wort sprach:
+"Die Tafel der Hoheit ist gedeckt." Die beiden folgten ihm, der mit
+wichtiger Miene durch eine Reihe von Zimmern voranschritt. Eines
+derselben, ein Kabinett, das keinen eigenen Ausgang hatte, schien mit
+seiner Tapete von moosgrünem Sammet und seinen vier gleichfarbigen
+Schemeln ein für trauliche Mitteilungen bestimmter Schlupfwinkel zu
+sein. In seiner Mitte blieb der Herzog verwundert stehen, denn die
+Hinterwand des sonst leeren Raumes füllte jetzt ein Bild, das er
+nicht als sein Eigenthum kannte. Es war heimlich in den Palast
+gekommen, eine ihm bereitete Überraschung, das Geschenk des
+Markgrafen von Mantua, wie auf dem Rahmen zu lesen stand. Der Herzog
+ergriff seinen Kanzler an der Hand, und beide Italiener näherten sich
+mit leisen Tritten und einer stillen, andächtigen Freude dem
+machtvollen Gemälde: auf einem weißen Marmortischchen spielten Schach
+ein Mann und ein Weib in Lebensgröße. Dieses, ein helles und warmes
+Geschöpf in fürstlichen Gewändern, berührte mit zögerndem Finger die
+Königin und forschte zugleich verstohlenen Blickes in der Miene des
+Mitspielers, der, ein Krieger von ernsten und durchgearbeiteten Zügen,
+in dem streng gesenkten Mundwinkel ein Lächeln, versteckte.
+
+Beide, Herzog und Kanzler, erkannten ihn sogleich. Es war Pescara.
+Die Frau erriethen sie mit Leichtigkeit. Wer war es, wenn nicht
+Victoria Colonna, das Weib des Pescara und die Perle Italiens? Sie
+konnten sich nicht von dem Bilde trennen. Sie fühlten, daß sein
+größter Reiz die hohe und zärtliche Liebe sei, welche die weichen
+Züge der Dichterin und die harten des Feldherrn in ein warmes Leben
+verschmolz, und nicht minder die Jugend der Beiden, denn auch der
+benarbte und gebräunte Pescara erschien als ein heldenhafter Jüngling.
+
+In der That, achtzehnjährig Beide, waren sie miteinander an den Altar
+getreten, und sie hatten sich mit Leib und Seele Treue gehalten, oft
+und lang getrennt, sie bei der keuschen Ampel in Italiens große
+Dichter vertieft, er vor einem glimmenden Lagerfeuer über der Karte
+brütend, dann endlich wieder auf Ischia, dem Besitzthum des Marchese,
+wie auf einer seligen Insel sich vereinigend. Solches wußte das
+sittenlose Italien und zweifelte nicht, sondern bewunderte mit einem
+Lächeln.
+
+Auch die zwei vor dem Bilde Stehenden empfanden die Schönheit dieses
+Bundes der weiblichen Begeisterung mit der männlichen
+Selbstbeherrschung. Sie empfanden sie nicht mit der Seele, aber mit
+den feinen Fingerspitzen des Kunstgefühls. So wären sie noch lange
+gestanden, wenn nicht der Kammerherr unterthänig gemahnt hätte, daß
+zwei Geladene im Vorzimmer des Eßsaales warteten. Durch ein paar
+Thüren wurde jenes erreicht und, nach einer kurzen Vorstellung der
+Gäste, dieser betreten.
+
+Jetzt saßen die Viere an der nicht überladenen, aber ausgesuchten
+Tafel. Während des ersten leichten Gespräches besah sich der Herzog
+insgeheim seine Gäste. Keine Gesichter konnten unähnlicher sein als
+diese dreie. Den häßlichen Kopf und die grotesken Züge seines
+Kanzlers freilich wußte er auswendig, aber es fiel ihm auf, wie
+ruhelos dieser heute die feurigen Augen rollte und wie über der
+dreisten Stirn das pechschwarze Kraushaar sich zu sträuben schien.
+Daneben hob sich das Haupt Guicciardins durch männlichen Bau und
+einen republikanisch stolzen Ausdruck sehr edel ab. Der Venezianer
+endlich war eines schönen Mannes Bild mit einem vollen weichen Haar,
+leise spottenden Augen und einem liebenswürdigen verrätherischen
+Lächeln. Auch in der Farbe unterschieden sich die drei Angesichter.
+Die des Kanzlers war olivenbraun, der Venezianer besaß die
+durchsichtige Blässe der Lagunenbewohner, und Guicciardin sah so gelb
+und gallig aus, daß der Herzog sich bewogen fühlte ihn nach seiner
+Gesundheit zu fragen.
+
+"Hoheit, ich litt an der Gelbsucht", versetzte der Florentiner kurz.
+"Die Galle ist mir ausgetreten, und das ist nicht zum Verwundern,
+wenn man weiß, daß mich die Heiligkeit in ihre Legationen versendet
+hat, um dieselben zu einem ordentlichen Staate einzurichten. Da
+schaffe einer Ordnung, wo die Pfaffen Meister sind! Nichts mehr
+davon, sonst packt mich das Fieber, trotz der gesunden Luft von
+Mailand und den guten deutschen Nachrichten." Er wies eine süße
+Schüssel zurück und bereitete sich mit mehr Essig als Öl einen
+Gurkensalat.
+
+"Nachrichten aus Deutschland?" fragte der Kanzler.
+
+"Nun ja, Morone. Ich habe Briefe von kundiger Hand. Die Mordbauern
+sind zu Paaren getrieben und--das Schönste--Fra Martino selbst ist
+mit Schrift und Wort gewaltig gegen sie aufgetreten. Das freut mich
+und läßt mich an seine Sendung glauben. Denn, Herrschaften, ein
+weltbewegender Mensch hat zwei Ämter: er vollzieht, was die Zeit
+fordert, dann aber--und das ist sein schwereres Amt--steht er wie ein
+Gigant gegen den aufspritzenden Gischt des Jahrhunderts und
+schleudert hinter sich die aufgeregten Narren und bösen Buben, die
+mitthun wollen, das gerechte Werk übertreibend und schändend."
+
+Der Herzog war ein wenig enttäuscht, denn er liebte Krieg und Aufruhr,
+wenn sie jenseits der Berge wütheten und seine Einbildungskraft
+beschäftigten, während er selbst außer Gefahr stand. Der Kanzler
+aber that einen Seufzer und sagte mit einem wahren menschlichen
+Gefühle: "In Germanien mag nun viel Grausames geschehen."
+
+"Thut mir leid", versetzte der Florentiner, "doch ich behalte das
+Ganze im Auge. Jetzt, nach Bändigung der trotzigen Ritter und der
+rebellischen Bauern, führen die Fürsten. Die Reformation, oder wie
+ihr es nennen wollet, ist gerettet."
+
+"Und Ihr seid ein Republikaner?" stichelte der Kanzler.
+
+"Nicht in Deutschland."
+
+Auch der schöne Lälius gönnte sich einen Scherz. "Und Ihr dienet dem
+heiligen Vater, Guicciardin?" lispelte er.
+
+Dieser, dem das süßliche Lächeln widerstand und den seine Gelbsucht
+reizbar machte, antwortete freimüthig: "Jawohl, Herrlichkeit, zur
+Strafe meiner Sünden! Der Papst ist ein Medici, und diesem Hause ist
+Florenz verfallen. Ich aber will nicht aus meiner Vaterstadt
+vertrieben werden, denn flüchtig sein ist das schlimmste Los und
+gegen seine Heimat zu Felde liegen das größte Verbrechen. Der
+Heilige Vater weiß, wer ich bin, und nimmt mich nicht anders, als ich
+bin. Ich diene ihm, und er hat nicht über mich zu klagen. Aber ich
+lasse mir nicht das Maul verbinden, und so sei es mit Wonne
+ausgesprochen unter uns Wissenden: Fra Martino hat eine gerechte
+Sache, und sie wird sich behaupten."
+
+Dem Herzog machte es Spaß, und er empfand eine Schadenfreude, es zu
+erleben, wie der große germanische Ketzer von einem Sachwalter des
+heiligen Vaters verherrlicht wurde. Freilich überlief ihn eine
+Gänsehaut, daß solches in seiner Gegenwart und in seinem Palaste
+geschehe. Er winkte die Diener weg, welche eben die Früchte
+aufgesetzt hatten und der spannenden Unterhaltung ihre stille
+Aufmerksamkeit widmeten.
+
+Jetzt forderte Morone, der sich auf seinem Stuhle hin und her
+geworfen, mit flammenden Augen den Florentiner auf: "Ihr seid ein
+Staatsmann, Guicciardin, und auch ich pfusche ins Handwerk. Wohlan,
+begründet eure merkwürdigen Sätze: Bruder Martinus thut ein gerechtes
+Werk, und dieses Werk wird gelingen und dauern."
+
+Guicciardin leerte ruhig seinen Becher, während der schöne Lälius ein
+Zuckerbrot zerbröckelte, der Herzog nach seiner Art sich im Sessel
+gleiten ließ und Morone begeistert von dem seinigen aufsprang.
+
+"Nicht wahr, Herrschaften", begann der Florentiner, "kein Kind, kein
+Thor würde es ertragen, wenn ein Ding vorgeben wollte, dasselbe Ding
+geblieben zu sein, nachdem es sich in sein Gegentheil verwandelt hätte,
+zum Beispiel das Lamm in den Wolf, oder ein Engel in einen Teufel.
+Wie wir nun in unserm gebildeten Italien von der heiligen Gestalt
+denken mögen, die sich in den Päpsten fortsetzt, eines ist nicht zu
+leugnen: daß sie nur Gutes und Schönes gewollt hat. Und ihre
+Nachfolger, die das Werk und Amt des Nazareners übernommen
+haben--sehet nur die viere der Wende des Jahrhunderts! Da ist der
+Verschwörer, der unsern gütigen Julian gemeuchelt hat! Dann kommt
+der schamlose Verkäufer der göttlichen Vergebung! Nach ihm der
+Mörder, jener unheimliche zärtliche Familienvater! Keine
+Fabelgestalten, sondern Ungeheuer von Fleisch und Blut, in kolossalen
+Verhältnissen vor dem Auge der Gegenwart stehend! Und der vierte,
+den ich von Jenen trenne: unser großer Julius, ein Heros, der Gott
+Mars, aber ein Gegensatz, noch schreiender als jene Dreie zu dem
+sanftmüthigen Friedestifter! Viermal nacheinander dieser Widerspruch,
+das ist ein Hohn gegen die menschliche Vernunft. Es nimmt ein Ende:
+entweder verschwindet jene erste himmlische Gestalt in dieser
+dampfenden Hölle und flammenden Waffenschmiede, oder Bruder Martinus
+löst sie mit einem scharfen Schnitt von solchen Nachfolgern und
+Amtsbrüdern."
+
+"Das ist lustig", meinte der Herzog, während der Kanzler wie besessen
+in die Hände klatschte.
+
+"Eine Predigt Savonarolas", ließ sich der schöne Lelio vernehmen, ein
+Gähnen verwindend. "Wenn wir Fra Martino in Venedig hätten, so
+könnten wir ihn zügeln und sachdienlich verwenden. Aber seinem
+germanischen Trotzkopf überlassen, wird er, fürcht' ich, über kurz
+oder lang dem Andern auf den Scheiterhaufen folgen."
+
+"Nein", versetzte Guicciardin heiter, "seine braven deutschen Fürsten
+werden ihr Schwert vor ihn halten und ihn schützen."
+
+"Doch wer schützt seine Fürsten?" spottete der Venezianer.
+
+Guicciardin schlug eine fröhliche Lache auf. "Der heilige Vater",
+sagte er. "Sehet, Herrschaften, das ist eine jener verdammt feinen
+Zwickmühlen, wie sie der Zufall oder ein Besserer in der
+Weltgeschichte anlegt. Seit unsere Päpste sich verweltlicht haben
+und einen Staat in Italien besitzen, ist ihnen das kleine Zepter
+theurer als der lange Hirtenstab. Ist nicht, diesem Scepter zuliebe,
+unser Clemens im Begriff, dem frommgläubigen Kaiser förmlich den
+Krieg zu erklären? Einem heiligen Vater aber, der mit Kanonen auf
+ihn schießt, wird Karl kaum den Gefallen thun, seine tapfern
+germanischen Landsknechte in die Kirche zurückzuzwingen. Und
+umgekehrt: wenn die ketzerischen deutschen Fürsten gegen die
+Kaiserliche Majestät sich empören und Panier aufwerfen, wird der
+heilige Vater nicht ihre Seele vorläufig in Ruhe lassen und sich
+heimlich ihrer Waffen bedienen? Unterdessen aber wächst der Baum und
+streckt seine Wurzeln."
+
+Jetzt wurde der Herzog unruhig. Es kam die angenehme Stunde seines
+Tagewerkes, in welcher er seine Hunde und Falken mit eigenen Händen
+fütterte. "Herrschaften", sagte er, "mich würde dieser germanische
+Mönch nicht verführen. Man hat mir sein Bildnis gezeigt: ein plumper
+Bauernkopf, ohne Hals, tief in den Schultern. Und seine Gönner, die
+saxonischen Fürsten--Bierfässer!"
+
+Guicciardin zerdrückte den feinen Kelch in der Hand und einen Fluch
+zwischen den Zähnen. "Es ist schwül hier im Saale", entschuldigte er
+sich, und gleich hob der Herzog die Tafel auf. "Wir wollen frische
+Luft schöpfen", meinte er. "Auf Wiedersehen, Herrschaften, nach
+Sonnenuntergang, im grünen Kabinette."
+
+Er verließ das Zimmer, um dem Venezianer, an welchem er ein
+Wohlgefallen fand, seine Gebäude, Terrassen und Gärten zu zeigen. Es
+waren noch jene unvergleichlichen Anlagen, welche der letzte Visconte
+gebaut und mit seinem gespenstischen Treiben erfüllt hatte, die
+Überbleibsel jener "Burg des Glückes", wo er, wie ein scheuer Dämon
+in seinem Zauberschlosse, Italien mit vollendeter Kunst regierte, und
+aus welcher er seine Günstlinge, sobald sie erkrankten, wegtragen
+ließ, damit niemals der Tod an diese Marmorpforten klopfe.
+
+Ein guter Theil der alten Pracht war verfallen, oder zertreten und
+verschüttet durch den Krieg und die neu aufgeworfenen Bollwerke.
+Immerhin blieb noch genug übrig für die schmeichelnde Bewunderung des
+schönen Lälius, und Franz Sforza verlebte ein paar hübsche Stunden.
+Nur da sie eine Reitbahn betraten, welche der Bourbon während seiner
+mailändischen Statthalterschaft errichtet, verschatteten sich die
+fürstlichen Züge, um sich dann aber gleich wieder zu erheitern. Er
+hatte das schallende Gelächter Guicciardins vernommen und darauf
+diesen selbst erblickt, der sich in eine ländliche Veranda hemdärmlig
+mitten unter lombardische Stallknechte gesetzt hatte, mit ihnen
+Karten spielte und einem herben Landweine zusprach. "Die
+Vergnügungen eines Republikaners", spottete Franz Sforza. "Er erholt
+sich von seinem fürstlichen Umgange." Der schöne Lelio lächelte
+zweideutig, und sie setzten ihren Lustwandel fort.
+
+Der Erste, welcher sich in dem moosgrünen Kabinette einfand, wenn er
+es nicht etwa gleich nach aufgehobener Tafel betreten und nicht
+wieder verlassen hatte, war Girolamo Morone. Er stand vertieft in
+das Bild. Eine Weile mochte er die entzückten Augen an dem
+holdseligen Weibe geweidet haben, jetzt aber durchforschte er mit
+angestrengtem Blicke das Antlitz des Pescara, und was er aus den
+starken Zügen heraus oder in dieselben hinein las, gestaltete sich in
+dem erregten Manne zu heftigen Gebärden und abgebrochenen Lauten.
+"Wie wirst du spielen, Pescara?" stammelte er, die schalkhafte Frage,
+die in Victorias unschuldigem Auge lag, ingrimmig wiederholend und
+die pechschwarze Braue zusammenziehend.
+
+Da erhielt er einen kräftigen Schlag auf die Schulter. "Verliebst du
+dich in die göttliche Victoria, du Sumpf?" fragte ihn Guicciardin mit
+einem derben Gelächter.
+
+"Spaß beiseite, Guicciardin, was denkst du von Dem hier mit dem rothen
+Wamse?", und der Kanzler wies auf den Feldherrn.
+
+"Er sieht wie ein Henker."
+
+"Nicht, Guicciardin. Ich meine: was sagst du zu diesen Zügen? Sind
+es die eines Italieners oder die eines Spaniers?"
+
+"Eine schöne Mischung, Morone. Die Laster von beiden: falsch,
+grausam und geizig! So habe ich ihn erfahren, und du selbst, Kanzler,
+hast mir ihn so gezeichnet. Erinnere dich! in Rom, vor zwei Jahren,
+da der witzige Jakob uns zusammen über den Tiber setzte."
+
+"Hab ich? Dann war es der Irrthum eines momentanen Eindrucks.
+Menschen und Dinge wechseln."
+
+"Die Dinge, ja; die Menschen, nein: sie verkleiden und spreizen sich,
+doch sie bleiben, wer sie sind. Nicht wahr, Hoheit?" Guicciardin
+wendete sich gegen den Herzog, welcher eben eintrat und dem der
+Venezianer auf dem Fuße folgte.
+
+Die vier grünen Schemel besetzten sich und die Türen wurden verboten.
+Das offene Fenster füllte ein glühender Abendhimmel.
+
+"Herrschaften", begann der Herzog mit würdiger Miene, "wie weit die
+Vollmachten?"
+
+"Meine Bescheidenheit", sagte der schöne Lälius, "ist beauftragt
+abzuschließen."
+
+"Die Weisheit des heiligen Vaters", folgte Guicciardin, "wünscht
+ebenfalls ein Ende. Die Liga war langeher der Liebling ihrer
+Gedanken: sie stellt sich, wie ihr gebührt, an die Spitze, mit
+Vorbehalt der schonenden Formen des höchsten Hirtenamtes."
+
+"Die Liga ist geschlossen!" rief der Herzog muthig. "Kanzler, statte
+Bericht ab!"
+
+"Herrschaften", begann dieser, "in ihren Briefen verspricht die
+französische Regentschaft, im Einverständnis mit dem zu Madrid
+gefangen sitzenden Könige, ein ansehnliches Heer und entsagt zugleich
+endgültig, in die Hände des heiligen Vaters, den Ansprüchen auf
+Neapel und Mailand."
+
+"Optime!" jubelte der Herzog. "Und Schweizer bekämen wir soviel wir
+wollen, in lichten Haufen, wenn wir nur Ducaten hätten, ihnen damit
+zu klingeln. Nicht wahr, Kanzler?"
+
+"Da ist Rat zu schaffen", versicherten die zwei Andern.
+
+"Aber, Herren", drängte Morone, "es eilt! Der Borbone war hier. Man
+blickt uns in die Karten. Die drei Feldherrn drohen in Monatsfrist
+Mailand zu nehmen, wenn wir nicht abrüsten. Wir müssen losschlagen,
+und um loszuschlagen, müssen wir unsern Capitano wählen, jetzt,
+sogleich!"
+
+"Dazu sind wir gekommen", sprachen die Zweie wiederum einstimmig.
+
+"Der Liga den Feldherrn geben!" wiederholte der Kanzler. "Das ist
+nicht weniger als über das Los Italiens entscheiden! Wen stellen wir
+dem Pescara entgegen, dem größten Feldherrn der Gegenwart? Nennet
+mir den ebenbürtigen Geist! Unsern großen Kriegsleuten, dem Alviano,
+dem Trivulzio, ist längst die Grabschrift gemacht, und die übrigen
+hat Pavia getödtet. Nennet mir ihn! Zeiget mir die mächtige Gestalt!
+Wo ist die gepanzerte rettende Hand, daß ich sie ergreife?"
+
+Eine trübe Stimmung kam über die Gesellschaft, und der Kanzler
+weidete sich an der Niedergeschlagenheit der Verbündeten.
+
+"Wir haben den Urbinaten oder den Ferraresen", meinte Nasi, doch
+Guicciardin erklärte bündig, den Herzog von Ferrara schließe die
+Heiligkeit aus als ihren abtrünnigen Lehensmann. "Wählen wir den
+Herzog von Urbino. Er ist kleinlich und selbstsüchtig, ohne weiten
+Blick, ein ewiger Verschlepper und Zauderer, aber ein versuchter
+Kriegsmann, und es bleibt uns kein Anderer", sprach der Florentiner
+mit gerunzelter Stirn.
+
+"Da wäre noch Euer Hans Medici, Guicciardin, und Ihr hättet den
+jungen Waghals, nach dem euer Herz zu begehren scheint", neckte ihn
+der Venezianer.
+
+"Höhnt Ihr mich, Nasi?" zürnte Guicciardin. "Daß ein junger Frevler
+unsere patriotische Sache entweihe und ein tollkühner Bube unsern
+letzten Krieg mit den Würfeln einer leichtsinnigen Schlacht
+verspiele? Der Urbinate wird uns wenigstens nicht verderben, wenn er
+den Krieg verewigt, die Hilfe eines würgenden Fiebers oder eines
+Auflaufes der Landsknechte im kaiserlichen Lager abwartend. Wählen
+wir ihn." Er seufzte, und in demselben Augenblicke fuhr er wüthend
+gegen den Kanzler los, den er das Ende seiner Rede mit einem
+verzweifelnden Gebärdenspiele begleiten sah. "Laß die Grimassen,
+Narr!" schrie er ihn an, "... ich bitte um Vergebung, Hoheit, wenn ich
+ungeduldig werde, und Hoheit ist auf meiner Seite, wie ich glaube..."
+Der Herzog blickte auf seinen Kanzler.
+
+"Sei es", sagte Morone, "wir stimmen bei, aber es ist ein unfreudiges
+Ja, das die Hoheit zu dem seelenlosen Anfange unsers Bündnisses giebt."
+Der Herzog nickte trübselig. "Nein", rief der Kanzler, "sie giebt
+es nicht, die Hoheit tritt zurück, sie kann es nicht verantworten,
+die letzten Kräfte dieses Herzogtums zu erschöpfen! Sie zieht nicht
+zu Felde, im voraus entmuthigt und geschlagen! Die Liga ist
+aufgehoben! Oder wir suchen ihr einen siegenden Feldherrn."
+
+Die zwei Andern schwiegen mißmuthig.
+
+"Und ich weiß einen!" sagte Morone.
+
+"Du weißt ihn?" schrie Guicciardin. "Bei allen Teufeln, heraus damit!
+Rede! Wen werfen wir in die Wagschale gegen Pescara?"
+
+"Redet, Kanzler!" trieb auch der Venezianer.
+
+Morone, der von seinem Schemel aufgesprungen war, trat einen Schritt
+vorwärts und sprach mit starker Stimme: "Wen wir gegen Pescara in die
+Wagschale werfen? Welchen Ebenbürtigen? Pescara, ihn selber!"
+
+Ein Schrecken versteinerte die Gesellschaft. Der Herzog starrte
+seinen außerordentlichen Kanzler mit aufgerissenen Augen an, während
+Guicciardin und der Venezianer langsam die Hand an die Stirn legten
+und zu sinnen begannen. Beide erriethen sie als kluge Leute ohne
+Schwierigkeit, wie Morone es meinte. Sie waren die Söhne eines
+Jahrhunderts, wo jede Art von Verrath und Wortbruch zu den
+alltäglichen Dingen gehörte. Hätte es sich um einen gewöhnlichen
+Kondottiere gehandelt, einen jener fürstlichen oder plebejischen
+Abenteurer, welche ihre Banden dem Meistbietenden verkauften, sie
+hätten wohl dem Kanzler sein frevles Wort von den Lippen
+vorweggenommen. Aber den ersten Kaiserlichen Heerführer? aber
+Pescara? Unmöglich! Doch warum nicht Pescara? Und da Morone
+leidenschaftlich zu sprechen begann, verschlangen sie seine Worte.
+
+"Herrschaften", sagte dieser, "Pescara ist unter uns geboren. Er hat
+Spanien niemals betreten. Die herrlichste Italienerin ist sein Weib.
+Er muß Italien lieben. Er gehört zu uns, und in dieser
+Schicksalsstunde, da wir mit dem noch ledigen Arm unsern andern schon
+gefesselten befreien wollen, nehmen wir den größten Sohn der Heimat
+und ihren einzigen Feldherrn in Anspruch. Wir wollen zu ihm gehen,
+ihn umschlingen und ihn anrufen: Rette Italien, Pescara! Ziehe es
+empor! Oder es reißt dich mit in den Abgrund!"
+
+"Genug declamiert!" rief Guicciardin. "Ein Phantast wie du, Kanzler,
+mit den unbändigen Sprüngen deiner Einbildungskraft ist dazu da, das
+Unmögliche zu erdenken und auszusprechen, das vielleicht, näher
+betrachtet, nicht völlig unmöglich ist. Jetzt aber sei stille und
+laß die Vernünftigen es beschauen und sich zurechtlegen, was du im
+Fieber geweissagt hast. Gebärde dich nicht wie ein Rasender, sondern
+setze dich und laß mich reden!
+
+Herrschaften, oft, und in verzweifelten Lagen immer, ist Kühnheit der
+beste und einzige Rath. Der Krieg unter dem Urbinaten starrt uns an
+wie eine Maske mit leeren Augen. Wir alle fühlen, er würde uns
+langsam lähmen und methodisch zu Grunde richten. Lieber ein
+halsbrechendes Wagnis. Also ja! Wenn es nach mir geht, versuchen
+wir den Pescara! Verräth er uns an den Kaiser, so kann er uns alle
+verderben. Aber wer weiß, ob er nicht seinem Dämon unterliegt?
+Zuerst müssen wir uns fragen: Wer ist Pescara? Ich will es euch
+sagen: ein genialer Rechner, der die Möglichkeiten scharfsinnig
+scheidet und abwägt, der die Dinge unter ihrem trügerischen Antlitz
+auf ihren wahren Werth und ihre reale Macht zu untersuchen die
+Gewohnheit hat. Wäre er sonst, der er ist, der Sieger von Bicocca
+und Pavia? Wenn wir ihn antreten, wird er zuerst eine große
+Entrüstung heucheln über eine Sache, die er sicherlich selbst schon
+in gewissen Stunden sich besehen und betrachtet hat, wenn auch
+vielleicht nur als Übung seines immerfort arbeitenden Verstandes.
+Dann wird er langsam und sorgfältig abwägen: den Stoff, den wir ihm
+geben, das heißt unser Italien, ob sich daraus ein Heer und später
+ein Reich bilden ließe, und--seinen Lohn. Und da der Stoff zwar edel,
+aber spröde ist und einer gewaltig bildenden Hand bedarf, müssen wir
+ihm die größte Belohnung bieten: eine Krone."
+
+"Welche Krone?" stammelte der Herzog angstvoll.
+
+"Eine Krone, Hoheit, sagte ich, keinen Herzogshut, und meinte die
+schöne von Neapel. Sie ist in Feindeshand, also erledigt, und ein
+Lehen der Heiligkeit."
+
+"Wenn wir Kronen austheilen", spottete der Venezianer, "warum bieten
+wir dem Pescara nicht gleich die Fabel- und Traumkrone von Italien?"
+
+"Die Traumkrone!" Das Antlitz des Florentiners zuckte schmerzlich.
+Dann sprach er trotzig, sich und die Umsitzenden vergessend: "Die
+Krone von Italien! Wenn Pescara an der Spitze unserer Heere reitet,
+wird sie ungenannt vor ihm herschweben. Möchte er sie, als der
+Größte unserer Geschichte, fassen und ergreifen, diese ideale Krone,
+nach welcher schon so manche Hände und die frevelhaftesten sich
+gestreckt haben! Möge sie auf seinem Haupte zur Wahrheit werden!
+Und", sagte er kühn, "weil wir heute jedes gewöhnliche Maß verlassen
+und unsern Endgedanken und innersten Wünschen Gestalt geben, so
+wisset, Herrschaften: ist Pescara der Vorausbestimmte, wie es möglich
+wäre, in der Zeit liegen große Begünstigungen und in den Sternen
+glückliche Verheißungen. Baut er Italien, so wird er es auch
+beherrschen. Aber, Kanzler, ich habe dich einen Phantasten genannt
+und phantasiere größer als du. Kehren wir zurück aus dem Reiche des
+Ungebornen in die Wirklichkeit und stellen wir die Frage: wer
+übernimmt die Rolle des Versuchers?"
+
+"Ich stürze mich wie Curtius in den Abgrund!" rief der Kanzler aus.
+
+"Recht", billigte Guicciardin. "Du bist die Person dazu. Einem
+Andern würde die Stimme versagen, und er würde vor Scham versinken,
+wenn er vor Pescara träte, um mit ihm von seinem Verrathe zu reden.
+Du Schamloser aber bist zu allem fähig, und deine Schellenkappe
+bringt dich aus Lagen und Verwicklungen, wo jeder Andere hängen
+bliebe. Will Pescara nicht, so nimmt er dich von deiner närrischen
+Seite und behandelt dich als Possenreißer; will er, so wird er unter
+deinen tragischen Gebärden und deinen komischen Runzeln den Ernst und
+die Größe der Sache schon zu entdecken wissen. Gehe du hin, mein
+Sohn, und versuche den Pescara!"
+
+Der Herzog, der sich grübelnd auf seinem Schemel zusammengekauert
+hatte, wollte eben nach Licht rufen, denn die Dämmerung wuchs, und er
+fürchtete das Dunkel. Da sah er die Dinge unvermuthet auf ihre Spitze
+kommen und wurde ängstlich. "Kanzler, du darfst nicht!" verbot er.
+"Ich will mit diesem großmächtigen Pescara nichts zu schaffen haben.
+Bekommen wir ihn, so wird er zuerst meine Ebenen nehmen, welche den
+Krieg anlocken, und meine Festungen, welche sie behaupten. Und hat
+er sie, so wird er sie behalten. Verspielt er aber, so büße ich
+zuerst und verfalle ohne Gnade dem Spruche des Kaisers, meines
+Lehensherrn. Oh, ich durchschaue euch! Ihr Alle, selbst Dieser
+da"--er blickte wehmüthig nach seinem Kanzler--"habet immer nur euer
+Italien im Sinne, und ich gelte euch"--er blies über die flache
+Hand--"soviel! Ich aber bin ein Fürst und will mein Erbe, mein
+Mailand, und nichts als mein Mailand! Und du, Girolamo, gehst nicht
+zu Pescara. Die Geschäfte würden darunter leiden. Ich kann dich
+keine Stunde entbehren!"
+
+Jetzt nahm der schöne Lälius das Wort und lispelte: "Wenn Hoheit
+darauf bestünde, so würde durch ihren Einspruch unser Plan hinfällig,
+und ich hätte einen andern. Da wir uns einmal, sonderbarerweise,
+nach unserm Capitano unter den kaiserlichen Feldherrn umsehen, wäre
+nicht etwa der Versuch zu machen, ob sich der Borbone, gegen ein
+großes Anerbieten, zu einem zweiten Verrath entschlösse?"
+
+Der Herzog schrak zusammen. "Wann verreisest du, mein Girolamo?"
+fragte er.
+
+"Zuerst, Kanzler", fiel Guicciardin ein, "habe ich Auftrag, dich nach
+Rom mitzunehmen. Der heilige Vater wünscht dich näher kennen zu lernen.
+Denn er hat eine große Meinung von dir. Er nennt dich den Kanzler
+Proteus und behauptet, du seiest, trotz deiner tollen Augen, einer
+der klügsten Männer Italiens."
+
+"Das ist gut", bemerkte der Venezianer, "schon weil es die
+entscheidende Stunde verschiebt, in welcher Girolamo Morone als
+Versucher zu Pescara tritt. Ich wünsche dieser Stunde zuvor einen
+Grund und eine Wurzel in der öffentlichen Meinung zu geben. Darf ich
+mich darüber verbreiten, Herrschaften?"
+
+Das fade Gesicht des Venezianers nahm, soweit sich in der Dämmerung
+noch unterscheiden ließ, einen energischen Ausdruck an und er redete
+mit markiger Stimme: "Der Kanzler, da er sein bedeutendes Wort
+aussprach, hat uns ohne Zweifel erschreckt, aber nicht eigentlich in
+Verwunderung gesetzt. Nachdem der vernichtende Schlag von Pavia dem
+Kaiser unser ganzes Italien wehrlos zu Füßen geworfen hatte, suchte
+die öffentliche Meinung von selbst eine Schranke gegen die drohende
+Allmacht und ließ aus der Natur der Dinge unsere Liga emporwachsen.
+Zugleich beschäftigte sich die öffentliche Meinung mit dem Lohne, der
+Pescara für seinen vollkommenen Sieg und die Erbeutung eines Königes
+gebühre. Und da die Kargheit und der Undank des Kaisers weltbekannt
+sind, zog sie den Schluß, daß er seinen Feldherrn nicht
+zufriedenstellen und dieser anderwärts einen Ersatz suchen werde.
+Jetzt verbindet die öffentliche Meinung diese beiden Dinge: unsern
+schon durchschimmernden patriotischen Bund und einen möglichen
+größern Gewinn des Pescara. So wird sein Übertritt glaubwürdig,
+bevor er sich vollzieht. Nur ist es dienlich, daß dieser begründeten
+allgemeinen Ansicht durch eine geschickte Hand eine überzeugende
+Gestalt und durch eine geläufige Zunge eine für ganz Italien
+verständliche Sprache gegeben werde. Nun ist seit kurzem ein
+wanderndes Talent unter uns aufgetaucht, ein vielversprechender
+junger Mann, der sich hoffentlich noch an Venedig fesseln läßt--"
+
+"Einen Fußtritt dem Aretiner! Er hat mich schändlich verleumdet..."
+"Ein göttlicher Mann! Er hat mich den ersten Fürsten Italiens
+genannt!" riefen Guicciardin und der Herzog miteinander aus.
+
+"Ich sehe", lächelte Nasi, "daß der Mann auch hier nach seinem Werthe
+gekannt ist. Seine Briefe, an wahre oder erfundene Personen, in
+tausend und tausend Blättern ausgestreut, sind eine Macht und
+beherrschen die Welt. Ich will ihm eine sehr starke Summe senden,
+und ihr werdet euch über die Saat von schönfarbigen Giftpilzen
+verwundern, die über Nacht aus dem ganzen Boden Italiens emporschießt:
+Verse, Abhandlungen, Briefwechsel, ein bacchantisch aufspringender,
+taumelnder Reigen verhüllter und nackter, drohender und verlockender
+Figuren und Wendungen, alle um Pescara sich drehend und um die
+Wahrscheinlichkeit und Schönheit seines Verrathes. So bildet sich
+eine unüberwindliche allgemeine Überzeugung, welche den Pescara zu
+uns herüberreißt und ihn zugleich--da liegt es--am kaiserlichen Hofe
+so gründlich und endgültig untergräbt, daß er zum Verräther werden muß,
+er wolle oder nicht."
+
+"Nichts da, Exzellenz!" rief der Kanzler aus dem Dunkel. "Ihr
+verderbt mir das Spiel! Der Befreier Italiens soll sich in voller
+Freiheit entscheiden, nicht als das Opfer einer teuflischen Umgarnung..."
+
+"Du bist prächtig, Kanzler, mit deinen moralischen Skrupeln!"
+unterbrach ihn Guicciardin. "Wisse, auch mein Herz empört sich und
+nimmt Theil für den unrettbar Überlisteten! Aber ich heiße den
+Menschen schweigen und handle als Staatsmann. Das Mittel der
+Exzellenz ist ohne Vergleichung unter alle dem, was heute Abend
+gefunden wurde, das Ruchloseste, aber auch das Klügste und Wirksamste.
+Erst jetzt wird die Sache wahrhaft gefährlich für Pescara, und sein
+Verrath wahrscheinlich. Ans Werk."
+
+"Er ist unter uns und lauscht!" schrie der Herzog mit gellender
+Stimme, daß Alle zusammenfuhren. Ihre Blicke folgten seinem
+geängstigten. Der Mond, der als blendende Silberscheibe über den
+Horizont getreten war und seine schrägen Strahlen in das kleine
+Gemach zu werfen begann, spielte wunderlich auf der Schachpartie.
+Victorias hervorquellendes Auge blickte erzürnt, als spräche es: Hast
+du gehört, Pescara? Welche Verruchtheit! und jetzt fragte es
+angstvoll: Was wirst du thun, Pescara? Dieser war bleich wie der Tod,
+mit einem Lächeln in den Mundwinkeln.
+
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+
+In der weiten hellen Fensternische jener edeln vatikanischen Kammer,
+an deren Dielen und Wänden Raphael die Triumphe des Menschengeistes
+verherrlicht, saß ein Greis mit großen Zügen und von ehrwürdiger
+Erscheinung. Er sprach bedächtig zu dem emporgewendeten, mit
+dunkelblonden Flechten umwundenen Haupte eines Weibes, das zu seinen
+Füßen saß und mit einem warmen menschlichen Blut in den Adern ebenso
+schön war als die Begriffe des Rechtes und der Theologie, wie sie der
+Urbinate in herrlichen weiblichen Gestalten verkörpert. Der betagte
+Papst mit seinem langen gebückten Rücken und in seinem fließenden
+weißen Gewande ähnelte einer klugen Matrone, welche lehrhaft mit
+einem jungen Weibe plaudert.
+
+Noch nicht gar lange mochte Victoria auf ihrem Schemel gesessen haben,
+denn der heilige Vater erkundigte sich eben erst nach dem Befinden
+ihres Gatten, des Marchese von Pescara. "Die Seitenwunde von Pavia
+macht sich nicht mehr fühlbar?" sagte er.
+
+"Der Marchese ist völlig geheilt", erwiderte Victoria unschuldig.
+"Die Seitenwunde ist vernarbt, sowie auch die schlimmere Stirnwunde.
+Er wird Eure Heiligkeit begrüßen, wenn er den Urlaub antritt, den ihm
+die Gnade des Kaisers zugesagt hat und der uns Glückselige"--sie
+sprach es mit jubelnden Augen--"auf unserer Meeresinsel vereinigen
+wird. Aber er selbst verweigert sich denselben für einmal noch,
+weniger des politischen Horizontes wegen, der nicht heller noch
+trüber sei als sonst--so schreibt er--, sondern weil er gerade jetzt
+das Heer ungern verlasse. Der Mörder", sagte sie lächelnd,
+"beschäftigt sich nämlich mit einer vervollkommneten Feuerwaffe und
+einem neuen Manöver. Das brächte er nun gerne erst zu einem Ergebnis.
+So hat er mich, die er anfänglich hier in Rom überraschen wollte,
+in sein Feldlager nach Novara beschieden und ich reise morgen, nicht
+im Schneckenhaus meiner Sänfte, sondern im Sattel meines hitzigen
+türkischen Pferdchens. Hätte ich Flügel! mich verlangt nach den
+Narben meines Herrn, dessen Antlitz ich nicht gesehen seit jener
+berühmten Schlacht, die ihn unsterblich gemacht hat. Und so bin ich
+zu der Heiligkeit geeilt in der Freude meines Herzens, um mich bei
+Ihr zu beurlauben: denn das ist der Zweck meines Besuches." So
+redete Victoria aufwallend und überquellend wie ein römischer Brunnen.
+
+Ihre aufrichtigen Worte belehrten den Heiligen Vater, daß Pescara
+sein Thun und Lassen in dasselbe Zwielicht stelle, welches auch er
+liebte. Nur mit dem Unterschiede, daß der junge Pescara im
+entscheidenden Augenblicke wie ein Blitz aus seiner Wolke
+hervorsprang, während Clemens unentschlossen, über sich selbst zornig,
+in der seinigen verborgen blieb, weil er aus greisenhafter
+Überklugheit den Moment zu ergreifen versäumte. Er schärfte, in
+einem andern Bilde gesprochen, den Stift so lange, bis zu seinem
+Ärger die allzufeine Spitze abbrach. Jetzt trat er leise und
+tastete.
+
+"Einen Urlaub hat der Marchese verlangt?" verwunderte er sich. "Ich
+dächte, seinen Abschied? Achilles zürnt im Zelte, so hörte ich."
+
+"Davon weiß ich nichts, und das glaube ich nicht, Heiliger Vater",
+entgegnete Victoria und warf mit einer stolzen Gebärde das Haupt
+zurück. "Warum seinen Abschied?"
+
+"Nicht wegen einer rosigen Briseis, Madonna", antwortete Clemens
+ärgerlich mit einem frostigen Scherze, "sondern geprellt um einen
+erbeuteten König und um die Thürme von Sora und Carpi."
+
+Damit spielte der Papst auf zwei bekannte Thatsachen an. Der
+Vicekönig von Neapel hatte bei Pavia, Pescara zuvorkommend, den Degen
+des französischen Königs in Empfang und damit die Ehre vorweggenommen,
+die erlauchte Beute nach Spanien führen zu dürfen. Und dann hatte
+der Kaiser Sora und Carpi den begehrlichen Colonnen, den eigenen
+Verwandten der Victoria geschenkt, nicht seinem großen Feldherrn,
+welcher ebenfalls einen Blick danach geworfen.
+
+Victoria erröthete unwillig. "Heiliger Vater, Ihr denkt gering von
+meinem Gemahl. Ihr stellet Euch einen kleinlichen Pescara vor: gebet
+mir Urlaub, damit ich reise und mich überzeuge, daß euer Pescara
+nicht mein Pescara ist. Ich habe Eile, vor den wahren zu treten."
+
+Sie erhob sich und stand groß vor dem Papste, aber schon verbeugte
+sie sich wieder tief mit demüthiger Gebärde, um seinen Segen flehend.
+Da bat er sie, sich wiederum zu setzen, und sie gehorchte. Clemens
+durfte sich die Gelegenheit nicht entrinnen lassen, Pescara durch den
+geliebten Mund seines Weibes zum Abfalle zu bereden. Daß aber mit
+Anspielungen und Vorbereitungen bei der Colonna, wie er sie vor sich
+sah, nichts gethan wäre, begriff er leicht: entweder würde sie sich
+gegen das Zweideutige aufbäumen oder es als etwas Unverständliches
+und Nichtiges unbesehen in den Winkel werfen. Er mußte dieser wahren
+und auf Wahrheit dringenden Natur die Sache in klaren Umrissen
+vorzeichnen und in ein volles Licht stellen, damit sie dieselbe ihres
+Blickes würdige. Das ging ihm gegen seine Art, und er that einen
+schweren Seufzer.
+
+Da fand er eine Auskunft, die nicht ohne Geist und List war. Er
+fragte Victoria mit einer harmlosen Miene, während er die Hand mit
+dem Fischerring auf ein in blauen Sammet gebundenes Buch mit
+vergoldeten Schlössern legte: "Spinnst du wieder etwas Poetisches,
+geliebte Tochter? Wahrlich, ich bin ein Verehrer deiner Muse, weil
+sie sich mit dem Guten und Heiligen beschäftigt. Und ich liebe sie
+insbesondere, wo sie moralische Fragen stellt und beantwortet. Aber
+das schwerste sittliche Problem hast du noch in keinem deiner Sonette
+behandelt. Weißt du, welches ich meine, Victoria Colonna?"
+
+Diese wunderte sich nicht über den plötzlichen Einfall des Heiligen
+Vaters, weil sie hier auf dem eigenen Boden stand und, bei ihrem
+schon gefeierten Namen, Gelehrte und Laien wohl nicht selten ähnliche
+Fragen an sie richten mochten. Sie fühlte sich und erhob den
+schlanken Leib kampflustig, während sich ihre Augen mit Licht füllten.
+"Der größte sittliche Streit", sagte sie ohne Besinnen, "ist der
+zwischen zwei höchsten Pflichten."
+
+Jetzt hatte der Heilige Vater Fahrwasser gewonnen. "So ist es",
+bekräftigte er mit theologischem Ernste. "Das heißt: scheinbar
+höchsten, denn eine der beiden ist immer die höhere, sonst gäbe es
+keine sittliche Weltordnung. Ich flehe zu Gott und seinen Heiligen,
+daß sie dir beistehen und dich die höhere Pflicht erkennen lassen,
+damit du sie der geringem vorziehest, du und dein Gatte, denn siehe,
+dieser große und schwere Kampf wird an euch Beide herantreten."
+
+Victoria erblaßte, da ihr die akademische Frage plötzlich in das
+lebendige Fleisch schnitt, der Heilige Vater aber redete feierlich:
+"Höre mich, meine Tochter! Alles, was ich dir jetzt zu sagen habe,
+ist auch dem Marchese gesagt, den meine Worte durch dich erreichen.
+Vernimm es: der Heilige Stuhl trennt sich zu dieser Stunde von der
+kaiserlichen Majestät und bietet ihr die Spitze. Ich handle so als
+Fürst und als Hirte. Als Fürst: weil heute die Schicksalsstunde
+Italiens ist. Lassen wir sie verrinnen, so verfallen wir
+italienischen Fürsten alle auf Jahrhunderte hinaus dem spanischen
+Joche. Frage, wen du willst: so urtheilen alle Einsichtigen. Aber
+auch als höchster Hirte. Ersteht in jenem räthselhaften Jüngling, der
+Völker in seinem Blut und auf seinem Haupte Kronen vereinigt, der
+alte Kaisergedanke, so ist die ganze leidenvolle Arbeit meiner
+heiligen Vorgänger umsonst gewesen, und die Kirche wird durch die
+neue Staatskunst enger gefesselt und tiefer gedemüthigt als von den
+eisernen Fäusten jener fabelhaften germanischen Ungetüme, der Salier
+und der Staufen. So steht es. Blieb dir fremd, was Italien mit
+Furcht und Hoffnung erfüllt?"
+
+"Der Marchese will es nicht glauben", sagte Victoria mit einem
+schnellen Erröthen. Der Heilige Vater lächelte. "Heiligkeit vergesse
+nicht", lächelte sie ebenfalls, "ich bin eine Colonna, das ist eine
+Ghibellinin."
+
+"Du bist eine Römerin, meine Tochter, und eine Christin", wies sie
+Clemens zurecht.
+
+Es entstand eine Pause. Dann fragte sie: "Und Pescara?"
+
+"Pescara", antwortete der Papst und dämpfte die Stimme, "ist eher
+mein Unterthan als derjenige des Kaisers. Denn er ist ein
+Neapolitaner, und ich bin der Lehensherr von Neapel. Glaube nicht,
+Victoria, daß ich leichthin rede. Wie dürfte ich es, da ich das
+Gewissen der Welt bin? Wahrlich, ich sage dir: in schlaflosen
+Nächten und bekümmerten Frühstunden habe ich mein Recht auf Pescara
+geprüft. Meiner politischen Vernunft mißtrauend, habe ich die zwei
+größten Rechtsgelehrten Italiens zu Rate gezogen, Accolti und... hm...
+den zweiten."
+
+Der Papst zerdrückte den Namen klüglich auf der Zunge, da ihm noch
+zur rechten Zeit einfiel, dieser zweite Rechtsgelehrte, der Bischof
+von Cervia, genieße des Rufes der schamlosesten Käuflichkeit.
+"Beide"--Clemens klopfte mit dem Fischerring auf das blaue
+Buch--"stimmen zusammen, daß Pescara, nach strengem Rechte betrachtet,
+viel mehr mein Mann sei als der des Kaisers, und beide erinnern mich
+daran, daß ich überdies, kraft meines Schlüsselamtes, jetzt, da der
+Kaiser mein Feind wird, die Macht besitze, den Marchese eines Eides
+zu entbinden, den er einem Feinde des Heiliges Stuhles geschworen hat."
+
+Der Papst hatte sich langsam erhoben. "Und so tue ich!" sagte er
+priesterlich. "Ich löse Ferdinand Avalos vom Kaiser und zerbreche
+seine Treue. Ich ernenne den Marchese von Pescara zum Gonfaloniere
+der Kirche und zum Feldherrn der Liga, welche die Heilige heißt, weil
+Christus in der Person seines Nachfolgers an ihrer Spitze steht."
+Der Papst hielt inne.
+
+Jetzt hob er die rechte und die linke Hand in gleicher Höhe, als
+hielten sie eine Krone über dem Haupte der Colonna, die, von Staunen
+überwältigt, auf die Knie sank, und sprach mit lauter Stimme: "Die
+Verdienste meines Gonfaloniere um mich und die Heilige Kirche voraus
+belohnend, kröne ich Ferdinand Avalos Marchese von Pescara zum Könige
+von Neapel!" Die junge Königin erbebte vor Freude. Sie glaubte eine
+Krone zu verdienen. Sprachlos, mit brennenden Wangen empfing sie den
+Segen. Dann stand sie auf und ging, in gemessenen, aber eiligen
+Schritten, als könne sie es nicht erwarten, dem erhöhten Gemahl seine
+Krone zu bringen.
+
+Der Heilige Vater, selbst aufgeregt, folgte ihr so hastig, daß er
+beinahe einen Pantoffel verloren hätte. An der Schwelle erreichte er
+sie und wollte ihr den Band von blauem Sammet bieten. "Für den
+Marchese", sagte er.
+
+Da erblickte er hinter ihr Guicciardin mit Morone, die vielleicht ein
+bißchen an der Türe gehorcht hatten. Victoria mit strahlenden Augen
+voll glühender Wonne erschien dem Kanzler als ein solches Wunder, daß
+er fast von Besinnung kam. Rasch gesammelt aber flehte er den Papst
+an: "Die Heiligkeit mache mich Unheiligen bekannt mit der himmlischen
+Victoria!", worauf Clemens ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter
+gab und ihn mit den Worten vorstellte: "Der Kanzler von Mailand, ein
+Weltkind, auf das sich der Heilige Geist herabzulassen beginnt!"
+Dann wisperte er Viktorien ins Ohr: "Morone, Buffone."
+
+Diese verschwand in der Verwirrung ihres Glückes, während der Papst
+in der seinigen das wichtige blaue Buch zurückbehielt, denn er war
+noch ganz berauscht von der kühnen symbolischen That, zu welcher ihn
+der Anblick der schönen Frau hingerissen hatte. Nun fühlte er doch,
+daß er das Gleichgewicht verloren; er wies mit einer Handbewegung den
+Besuch des Florentiners und des Lombarden ab und trat in die
+Raffaelische Kammer zurück.
+
+Die beiden nicht Empfangenen sahen sich einen Augenblick an, dann
+ergriff Guicciardin lachend den Arm des Kanzlers und zog ihn
+sanftgestufte Treppen hinunter in die Vatikanischen Gärten, deren
+Schattengänge sie nicht aufzusuchen brauchten, denn der Himmel hatte
+sich mit schwarzen Wolken bedeckt.
+
+"Eigentlich", plauderte Guicciardin, "mag ich den Alten leiden. So
+fein er spinnt und so bedacht er redet, ist er doch innerlich ein
+leidenschaftlicher, ein zorniger Mensch wie ich, und jetzt höchst
+aufgeregt, weil er der Colonna unsere gefährliche Heimlichkeit
+geoffenbart hat. Du in deiner Verzückung hast es freilich nicht
+gesehen, wie er ihr die Gutachten des Accolti und des Angelo de Cesis
+in die Hand drücken wollte. Zwei käufliche Schurken, die den Meineid
+mit Bibelstellen belegen! Übrigens ist es ein starkes Ding, daß
+Clemens in seinen alten Tagen so Kühnes und Folgenschweres unternimmt,
+und noch mehr, er unternimmt es mit tiefem Mißtrauen gegen sich
+selbst, ohne Glauben an seinen Stern, denn er hält sich heimlich für
+einen Pechvogel. Das ist schlimm. Da war denn doch der Leo ein
+anderer, immer strahlend und triumphierend, und darum immer glücklich,
+während die gegenwärtige Heiligkeit, wie sie mir neulich im Tone des
+Jeremias prophezeite, die Ewige Stadt schon geplündert und aus diesen
+Dächern"--er wies auf den Vatikan--"Rauch und Flamme steigen sieht.
+Dennoch beginnt er den Kampf gegen den Kaiser, und das rechne ich ihm
+hoch an, ob es ihm auch zuerst um sein Florenz zu thun ist. Er hat
+noch Blut in den Adern und knirscht die Zähne, soviel ihm geblieben
+sind, wenn er den hochmütigen spanischen Adel auf dem Kapitole
+stolzieren sieht wie in Neapel oder Brüssel. Aber wohin träumst du,
+Kanzler? Von dem Weibe? Natürlich."
+
+"Ich will zu der Römerin reden wie ein alter Römer!" rief der Kanzler.
+
+"Schön! Nur hüte dich, daß du in der Begeisterung nicht deinen
+klassischen Bocksfuß unter der Toga hervorstreckest. Sei züchtig,
+mache große Worte und packe sie fest an ihrer Eitelkeit!"
+
+"An ihrem Herzen will ich sie packen!"
+
+"Das heißt, an ihrer Tintenflasche, denn die Herzen schreibender
+Weiber sind mit Tinte gefüllt", lästerte der schmähsüchtige
+Florentiner. "Aber weißt du, Kanzler"--und Guicciardin kniff ihn
+kräftig in den Arm--"daß es nicht der Heilige Vater allein ist, den
+unsere Unternehmung schlaflos macht. Auch ich habe in dieser Woche
+noch kein Auge geschlossen. Immer muß ich mir diesen Pescara
+zurechtdenken. Auf seinen Groll gegen den Kaiser gebe ich nichts:
+sie können sich über Nacht versöhnen. Ebensowenig auf den Einfluß
+des Weibes. Sie wird ihm die Botschaft des Papstes ausrichten dürfen:
+weiter wird er nicht auf sie hören. Aber ich glaube auch nicht an
+seine feudale Treue. Pescara ist kein Cid Campeador, oder wie die
+Spanier ihren loyalen Helden nennen, dafür ist er zu sehr ein Sohn
+Italiens und des Jahrhunderts. Er glaubt nur an die Macht und an die
+einzige Pflicht der großen Menschen, ihren vollen Wuchs zu erreichen
+mit den Mitteln und an den Aufgaben der Zeit. So ist er und so paßt
+er uns. Unfehlbar, er wird unsere Beute und wir die seinige.
+Dennoch... lache mich aus, Morone... etwas umhaucht mich: ich wittere
+Verborgenes oder Geheimgehaltenes, etwas Wesentliches oder auch etwas
+Zufälliges, etwas Körperliches oder einen Zug seiner Seele, kurz, ein
+unbekanntes Hindernis, das uns den Weg vertritt und unsere genaue
+Rechnung fälscht und vereitelt."
+
+"Aber", sagte Morone nachdenklich werdend, "wenn er so ist, wie du
+ihn nimmst, und wenn die Thatsachen liegen, wie wir sie kennen, aus
+welcher Geisterquelle sollte denn jenes Feindselige aufsteigen?"
+
+"Ich weiß es nicht! Nur--von diesem Pescara geht der Ruf, er
+verstehe es, einen stürmenden Feind alle Höhen erklimmen zu lassen,
+um ihm dann plötzlich einen letzten mit Feuerschlünden besetzten und
+ihn zerschmetternden Wall entgegenzustellen. Wenn in seinem Innern
+ein solcher Wall gegen uns emporstiege, gerade im Augenblicke, da wir
+glauben, seine Seele bewältigt zu haben? Doch weg mit dem Spuk, der
+nichts ist als die Schwüle vor dem Gewitter, die natürliche Angst und
+Ungewißheit, die jedem großen und gefährlichen Unternehmen vorangeht."
+
+Ein Blitz flammte über den Vatikan. Er stand in weißem Feuer und
+zeigte die schönen Verhältnisse der neuen Baukunst. Unter dem Rollen
+des Donners verloren sich die zweie zwischen den Säulen eines
+Portikus, Guicciardin betroffen und sich fragend, was das Omen
+bedeute, der Kanzler unbekümmert um den Himmel und seine Zeichen,
+denn er sah sich schon zu den Füßen der Colonna.
+
+Diese hatte im Taumel ihrer Begeisterung den Vatikan über die nächste
+seiner zahlreichen Treppen und durch eines seiner Nebentore verlassen.
+Sänfte und Gefolge, welche sie an der Hauptpforte vergeblich
+erwarteten, hatte sie vergessen und wandelte, mehr von ihrem
+ehrgeizigen Traume getragen als von dem aufziehenden Gewitter gejagt,
+mit bewegten Gewanden nach ihrem Palast am Apostelplatze zurück. Sie
+schritt mit einer geraubten Krone wie die erste Tullia, nicht über
+den Leichnam des Vaters, sondern über die gemeuchelte Staatstreue:
+denn die Tochter des Fabricius Colonna und die Gattin Pescaras war
+eine Neapolitanerin und die Unterthanin Karls des Fünften, des Königs
+von Neapel.
+
+Die krönende Gebärde des Papstes hatte sie überwältigt. Gewöhnung
+und Umgebung, der Glaube der Jahrhunderte und die überlieferten
+Formen der Frömmigkeit ließen sie in dem Haupte der Kirche, so
+entartet diese sein mochte, immer noch eine Werkstätte des göttlichen
+Willens und ein Gefäß der höchsten Ratschlüsse erblicken--und wie
+hätte das eigene Selbstgefühl und mehr noch der Stolz auf den Wert
+ihres Gatten sie zweifeln lassen an dem päpstlichen Rechte, auf das
+würdigste Haupt eine Krone zu setzen? So konnte ihr die anmaßende
+Handlung des Mediceers trotz der veränderten Zeiten als ein Ausspruch
+der Gottheit erscheinen.
+
+Die neue Königin ohne Gefolge hatte den Borgo durcheilt, die
+Engelsbrücke überschritten und ging nun schon durch die "gerade
+Gasse", wie sie hieß, im Gelärme der Menge. Diese gab der Colonna
+ehrerbietig Raum, ohne zu erstaunen über den unbegleiteten Gang und
+die eilenden Füße der erlauchten Frau, welche jetzt der dem Gewitter
+vorangehende Sturm beflügelte. Nach und nach aber verlangsamten sich
+ihre Schritte in dem dichter werdenden Gewühle der nicht breiten
+Straße, obwohl der schmale Himmel darüber immer dunkler und drohender
+wurde.
+
+Da erblickte sie über die Menge hinweg eine Kavalkade. Herren der
+spanischen Gesandtschaft begleiteten, wohl zu einer Audienz im
+Vatikan, den dritten kaiserlichen Feldherrn in der Lombardei, Leyva.
+Dieser vormalige Stallmeister, der Sohn eines Schenkwirts und einer
+Dirne, den ein knechtischer Ehrgeiz und ein eiserner Wille
+emporgebracht, hatte einen plumpen Körper und das Gesicht eines
+Bullenbeißers, denn Stirn, Nase und Lippe waren ihm von demselben
+Schwerthiebe gespaltet. Neben ihm auf einem herrlichen andalusischen
+Vollblute ritt, in einen weißen Mantel gehüllt, ein vornehmer Mann
+mit braunem Kopf und energischen Zügen, welcher jetzt mit einer
+devoten Verbeugung Viktorien zu grüßen schien; aber er hatte sich nur
+vor den steinernen Heiligen einer nahen Kirche verneigt.
+
+War es die grelle Gewitterbeleuchtung oder die gemessen feindselige
+Haltung der Herren in einer Stadt, von deren dreigekröntem Gebieter
+sie ihren König insgeheim verraten wußten, oder war es Victorias
+erregte Einbildungskraft, sie sah und fühlte in der Grandezza der
+Reiter und Rosse, den in die Hüfte gesetzten Armen, den verächtlich
+halb über die Schulter auf die Romulussöhne niedergleitenden Blicken
+und bis in die steifen Bartspitzen den Hohn und die Beleidigung der
+beginnenden spanischen Weltherrschaft, sie empfand Grauen und Ekel,
+und ein tödlicher Haß regte sich in ihrem römischen Busen gegen diese
+fremden Räuber und hochfahrenden Abenteurer, welche die neue und die
+alte Erde zusammen erbeuteten. Warum war der junge Kaiser zugleich
+der König dieser ruchlosen Nation, in deren Adern maurisches Blut
+floß und die Italien mit ihren Borjas vergiftet hatte?
+
+Sonst hätte sie wohl der uralte Familiengeist ihres gibellinischen
+Geschlechtes, das jahrhundertelang seinen Vorteil darin gefunden
+hatte, der kaiserlichen Sache ohne Gehorsam zu dienen, an Karl
+gefesselt, aber nein, nicht an diesen Kaiser, auch wenn er kein
+Spanier gewesen wäre. Sie konnte sich nichts machen aus dem
+undeutlichen Knaben, den sie nie von Angesicht gesehen, weder sie
+noch irgendwer in Italien, das jener zu betreten zögerte.
+
+Einen Brief freilich hatte er an sie geschrieben nach dem Siege von
+Pavia, um sie zu beglückwünschen, daß sie die Gattin Pescaras sei.
+Aber gerade in diesen kargen Zeilen schien sich ein kümmerliches
+Gemüt zu spiegeln, und was der großgesinnten Frau am meisten mißfiel,
+war die in ihren Augen ängstliche und frömmelnde Demut, mit welcher
+der junge Kaiser Gott und seinen Heiligen die ganze Ehre des Sieges
+gab. Obwohl selbst dem Himmel dankbar, schätzte Victoria solche
+Demut gering an einem Manne und an einem Herrscher. War hier nicht
+das Geständnis, daß der begeisternde Sieg den Fernstehenden kühl
+gelassen hatte, ja, war hier nicht die kleinliche Absicht, den
+Lorbeer Pescaras zu schmälern? Darum mußte der Himmel alles gethan
+haben. Victoria aber war brennend eifersüchtig auf den Ruhm ihres
+Gatten. Und wie ungroßmütig hatte sich Karl erwiesen! Er hatte es
+über sich gebracht, dem Feldherrn, welchem er Italien verdankte, zwei
+armselige italienische Städtchen zu verweigern! Nein, einen so
+kleinen Menschen konnte man gar nicht verraten, man konnte höchstens
+von ihm abfallen und ihn fahrenlassen.
+
+Jetzt blendete sie ein gewaltiger Blitz, derselbe, der den Kanzler
+und Guicciardin unter die Dächer des Vatikans zurückgetrieben, und
+eben da der Regen zu stürzen begann, erreichte sie, rechts durch ein
+Seitengäßchen biegend, die dunkeln Stufen des Pantheon und seine
+erhabene Vorhalle. Ohne das Innere des machtvollen Tempels zu
+betreten, lehnte sie, die entstehende Kühle einatmend, an eine der
+enge zusammengerückten gewaltigen Säulen, und unter dem Vordache des
+alten Bauwerkes kehrte ihr Geist in ein noch früheres Altertum zurück,
+dessen Tugenden die flüssige Bildkraft des Jahrhunderts
+verherrlichte, ohne sie zu besitzen oder auch nur begreifen zu können
+in ihrer eintönigen Starrheit und strengen Wirklichkeit.
+
+Jene tugendhaften Lucretien und Cornelien traten ihr wie Schwestern
+vor das altertumstrunkene Auge, trug sie doch zwei Namen, die beide
+so römisch als möglich klangen, und war ihr doch wie jenen hohen
+Frauen das weiblich Böse unbekannt. Jene schlichten und stolzen
+Geschöpfe hatten die Eroberer der Welt geboren, Virgils großartiges
+"Tu regere imperio", das sie sich wie oft schon vorgesagt hatte,
+überwältigte sie jetzt bis zu den Tränen. Sie betrat den Tempel und
+warf sich nieder in der Mitte desselben unter der wetterleuchtenden
+Wölbung und rang die Hände und flehte, daß Rom und Italien nicht
+versinke in das Grab der Knechtschaft. Sie flehte in den
+christlichen Himmel hinauf und nicht minder zu dem Olympier, der über
+ihr donnerte, zu alle dem, was da rettet und Macht hat, mit der
+wunderlichen und doch so natürlichen Göttermischung der
+Übergangszeiten.
+
+Da sie das Pantheon verließ--wie lange sie auf den Knien gelegen,
+wußte sie nicht--heiterte sich der italienische Himmel eben wieder
+auf, und in ihrem gewöhnlichen Wandel, leicht und gemessen, beendigte
+sie den Weg nach ihrem Palaste.
+
+Jetzt kehrten ihre Gedanken zu Pescara zurück. Nicht diese ihre
+Frauenhände konnten den Spanier verjagen, sondern nur er vermochte es,
+welcher in jeder der seinigen einen Sieg hielt, wenn sie und die
+Umstände ihn dazu überredeten. Durfte sie es hoffen? Hatte sie
+solche Gewalt über ihn? Und Victoria mußte sich sagen, daß sie trotz
+ihrer langen und trauten Ehe den innersten Pescara nicht kenne. Sie
+wußte sein Angesicht, seine Gebärde, die kleinste seiner Gewohnheiten
+auswendig. Daß der Enthaltsame ihr treu sei, glaubte sie und
+täuschte sich nicht. Daß er sie anbetete und als sein höchstes Gut
+mit der äußersten Liebe und Sorgfalt hegte, zärtlich und
+verehrungsvoll zugleich, darauf war sie stolz. In den seligen
+Stunden ihres kurzen, stets wieder von Feldzug und Lager aufgehobenen
+Zusammenseins warf er Pläne und Karten und seinen Livius weg, um sein
+Weib und gemeinsam mit ihr Meerbläue und wandernde Segel zu
+betrachten. Er spielte mit ihr Schach, und sie gewann. Er bat sie,
+die Laute zu schlagen, schloß die Augen und lauschte. Er gab ihr für
+ihre Sonette spitzfindige Themata auf und verschärfte zuweilen den
+Umriß ihrer allgemeinen Gedanken und weiten Wendungen, denn er selbst
+hatte früher, in der unfreiwilligen Muße einer Gefangenschaft--und
+wahrhaftig gar nicht übel für einen Geharnischten--zur Verherrlichung
+Victorias einen "Triumph der Liebe" gedichtet.
+
+Seine Siege aber erzählte er, jung wie er war und größerer gewärtig,
+seinem Weibe niemals, da er sie, wie er sagte, weder langweilen noch
+mit Blut bespritzen wolle, denn ein Feldzug sei eine lange
+Geduldsprobe, die zu der roten Lache einer Schlachtbank führe. Von
+Politik sprach er ihr nur gar nicht, weder von Vergangenem noch von
+Schwebendem, obwohl ihm einmal das Wort entschlüpfte, Menschen und
+Dinge mit unsichtbaren Händen zu lenken, sei das Feinste des Lebens,
+und wer das einmal kenne, möge von nichts anderem mehr kosten. Doch
+gewöhnlich meinte er, Politik sei ein schmutziger Markt und sein Weib
+dürfe nicht einmal die helle Spitze ihres Fußes in den ekeln Sumpf
+tauchen.
+
+So gestand sich Victoria, daß ihr der alles untäuschbar
+durchblickende Pescara undurchdringlich und sein Denken und Glauben
+verschlossen sei.
+
+War das recht? Durfte es für sie verbotene Türen und verschlossene
+Kammern geben in der Seele ihres Mannes? Nach den Plänen des
+Feldherrn und den Ränken des Staatsmannes war sie nicht begierig,
+aber sie verlangte eingeweiht zu werden in seinen Ehrgeiz und in sein
+Gewissen. Und jetzt, da Pescara vor einer ungeheuren Entscheidung
+stand, nein, jetzt ließ sie sich nicht abschütteln von seinem
+kämpfenden Herzen, nicht abspeisen mit einer Liebkosung oder einem
+Scherze, jetzt wollte sie mitraten und mithandeln. Hatte sie ihm
+nicht eine frische Seele und eine reine Jugend gebracht? War sie
+nicht eine Colonna? Brachte sie nicht heute eine Krone? Ob er diese
+zurückweise, ob er sie aus ihren Händen nehme und sie sich aufs Haupt
+setze, hier wollte sie seine Mitschuldige oder seine Mitentsagende
+sein, ein bewußter Teil seiner verschwiegenen Seele. Wäre sie schon
+bei Pescara! Herz und Sohlen brannten ihr vor Ungeduld, und schon
+durchschritt sie den Apostelplatz, wo ihr ein geharnischter Jüngling
+entgegentrat, der unter dem Tor ihres Palastes auf sie gewartet hatte.
+
+"Ich war um Euch in Sorge, erlauchte Frau", begrüßte er sie, "da Eure
+Sänfte und Eure Leute ohne Euch aus dem Vatikan zurückgekehrt sind.
+Nun, da seid Ihr ja, Patin, wenn ich Euch so nennen darf, wie ich von
+jung an gewohnt war und es auch mein gutes Recht ist." Ohne Antwort
+zu geben, stieg sie mit ihm die Treppen hinan, kaum auf seinen
+dargebotenen Arm sich lehnend.
+
+Diesen gewöhnlichen Dienst von ihm anzunehmen, durfte sie sich nicht
+weigern, was sie auch gegen ihn haben mochte. Denn Del Guasto--so
+hieß der Jüngling--war der Neffe Pescaras und wie er ein Avalos. Der
+fünfzehnjährige Pescara und die gleichaltrige Victoria hatten den
+Knaben gemeinsam aus der Taufe gehoben. So hatte es der Vater
+Victorias, der Feldherr Fabricius Colonna, veranstaltet, um seine
+zwei Lieblinge, den jungen Krieger und sein aufgeblühtes Kind,
+zusammen vor einen Taufstein zu stellen und die beiden Gesichter und
+Gestalten sich einander erblicken zu lassen.
+
+Später nahm Victoria den wohlgebildeten und feurigen Knaben, der in
+seinem kostbaren Taufhäubchen ihre Ehe mit Pescara gestiftet und dem
+die Eltern früh wegstarben, an Kindes Statt. Wäre er nur ein Knabe
+geblieben! Mit der Weichheit seiner Züge aber verlor er auch die
+Liebenswürdigkeit seiner Seele. Das schöne Profil bekam einen
+Geierblick und den immer schärfer sich biegenden Umriß eines
+Raubvogels, und die sich offenbarende Unbarmherzigkeit begann
+Victoria zu befremden und abzustoßen. Pescara hatte ihn dann in den
+Krieg entführt, und in der einzigen Schule des von ihm vergötterten
+Feldherrn war er zu dem verwegenen Soldaten erwachsen, der in der
+Schlacht von Pavia durch Niederlegung der Parkmauer den Sieg begann,
+aber auch zu dem harten, grausamen Menschen, der auf dem vorjährigen
+schnellen Rückzug aus der Provence ein Haus, in dessen Keller ein
+Dutzend seiner Leute sich verspätet hatten, ohne mit der Wimper zu
+zucken, anzünden und in Flammen aufgehen ließ.
+
+Doch Victoria hatte ihm Schlimmeres vorzuwerfen, einen Frevel, der
+die Frau in ihr empörte, und davon sollte er nun hören, jetzt, da er
+zum ersten Male seit diesem jüngsten Verbrechen vor ihr stand. Sie
+erkundigte sich, ob er von Pescara komme und was er bringe. Er
+antwortete, daß er da sei, um die Herrin nach Novara zu geleiten. Er
+glaube zu wissen, daß sein Anblick der Herrin mißfalle, habe aber den
+Auftrag des Feldherrn nicht ablehnen dürfen, der die Marchesa nur dem
+sichersten Schwerte anvertrauen wolle. Denn die Straße werde ebenso
+unsicher wie die Weltlage, und er müsse die Marchesa ersuchen, sich
+morgen in der Frühe bereitzuhalten, er brenne, ins Lager
+zurückzukehren, wo jeder nächste Moment den Krieg bringen könne, und
+da dürfe er nicht fehlen. Der Mailänder, Venedig, die Heiligkeit
+beteuern in die Wette ihre friedlichen Gesinnungen: also stehe der
+Kampf bevor. "Das wissen wir lange schon, es ist nur eine Frage des
+günstigen Augenblickes. Aber"--er trat einen Schritt zurück--"etwas
+anderes, etwas Neues, etwas Ungeheures habe ich auf meiner Reise
+durch Mittelitalien gehört, und ich brauchte nicht einmal zu lauschen.
+In Städten und Herbergen rauschte es öffentlich wie die Brunnen auf
+den Plätzen. Freilich reiste ich unter fremdem Namen und mit nur
+einem Diener." Er hielt inne und blickte mit brennenden Augen, als
+verfolge er die spannende Wendung einer Jagd oder einen in
+Monddämmerung kriechenden Hinterhalt.
+
+"Redet, Don Juan", flüsterte Victoria.
+
+"Für Euch, Madonna, die aus dem Vatikan zurückkehrt, gibt es kein
+Geheimnis, und es ist nicht einmal eines, sondern, wie ich sagte, ein
+öffentliches Geflüster, ein schadenfrohes, rachsüchtiges Gekicher,
+ein kaum unterdrückter, italienischer Jubel, eine allgemeine
+patriotische Rede und Ermunterung, von der ich die größte Eile habe,
+den Feldherrn zu unterrichten. Denn noch weiß er nichts davon. Wie
+ich meine", fügte er argwöhnisch bei.
+
+Victoria erbleichte. "Was wird geflüstert", fragte sie beklommen,
+"und über wen? doch nicht über Pescara?"
+
+"Von ihm. Er ist überall. Sie sagen"--er dämpfte die Stimme--"der
+Feldherr löse sich vom Kaiser und unterhandle mit der Heiligkeit und
+den italienischen Mächten."
+
+Victoria erschrak über den glühend sinnlichen Ausdruck seines
+Gesichtes. "Und Pescara..." sagte sie undeutlich.
+
+"Wie ich den Feldherrn beneide!" träumte Don Juan. "Welche
+Aufregungen, welche Genüsse! Italia wirft sich ihm in die Arme... er
+wird sie liebkosen, unterjochen und wegwerfen... oh, er wird mit ihr
+spielen wie die Katze mit der Maus!", und er machte mit der Rechten
+eine haschende Gebärde.
+
+Ein flammender Zorn übermochte die Colonna. "Verworfener", rief sie,
+"habe ich dich gefragt, wie Pescara thun würde? Bist du der Mensch,
+es zu wissen? Habe ich dir erlaubt, an ihm herumzudeuten?... Wie
+die Katze mit der Maus... abscheulich! So hast du mit Julien
+gespielt, Ehrloser!"
+
+Diese Julia stammte aus einem edeln novaresischen Geschlechte und war
+die Enkelin des gelehrten Arztes Messer Numa Dati, welcher die
+Speerwunde Pescaras geheilt hatte. Del Guasto, der im Hause des
+Arztes Quartier genommen, hatte das Mädchen mißleitet und die Wohnung
+gewechselt. Die Preisgegebene war dann, von Scham vernichtet, vor
+dem arglosen Antlitz ihres Großvaters von Novara weit weg in ein
+römisches Kloster geflohen und hatte die mächtige Colonna auf den
+Knien angefleht, sich ihrer zu erbarmen und ihre Ehre herzustellen.
+
+Da ihn Victoria einen Ehrlosen hieß, biß sich Don Juan die Lippe.
+"Sachte, Herrin", sagte er, "wäget Eure Worte. Ich bin kein Ehrloser,
+sondern ich wäre es, wenn ich Julien nicht verlassen hätte. Ich
+rede nicht von dem Unterschiede des Blutes eines Avalos und einer
+Dati, sondern einfach davon, daß mir wie jedem Manne keine Gefallene,
+sondern eine Unschuldige zur Braut geziemt."
+
+Victorias menschliches Herz empörte sich. "Du bist es, der die
+Ärmste mit deinen Liebkosungen und Beteuerungen, ja vielleicht gar
+mit falschen Gelübden und Eiden zu Falle gebracht! Bist du es nicht?
+Kannst du es leugnen?"
+
+Er erwiderte: "Ich leugne es nicht, aber es war mein Kriegsrecht,
+denn Krieg ist zwischen dem männlichen Willen und der weiblichen
+Unschuld. Ich versuchte sie, ja. Warum widerstand sie nicht? Warum
+gab sie sich? Warum beschuldigt Ihr mich, daß sie schwach war und
+daß ich sie jetzt verachte und verschmähe?"
+
+Victoria erstarrte vor Entsetzen. "Ruchloser!" stöhnte sie.
+
+"Madonna", kürzte der Jüngling das Gespräch, "das ist eine peinliche
+Unterhaltung, und Ihr tut mir leid dabei. Ich schlage Euch ein
+Tribunal vor. In Novara angelangt, treten wir vor den Feldherrn, und
+Ihr verklaget mich. Ich werde mich rechtfertigen, und der Feldherr,
+der die Welt und ihre Ordnungen kennt, wird mich freisprechen, wie
+ich denke. Jetzt verlasse ich Euch. Ich habe noch Leute zu werben,
+denn ohne eine starke Bedeckung wage ich in diesen unruhigen Zeiten
+nicht für Euch zu haften." Er verbeugte sich und verließ sie hohen
+Hauptes.
+
+Victoria wendete sich unwillig und wählte den entgegengesetzten
+Ausgang. Sie bedurfte Kühlung und stieg in den Garten hinab. Mit
+dem letzten Tageslichte betrat sie den hinter dem Palaste liegenden
+Raum, welcher, von hohen Mauern eingehüllt, voller Lorbeer und Myrte
+war und den der nachtröpfelnde Regen erfrischte. Ihre Schritte
+suchten das den Garten abschließende Kasino.
+
+Die Helle genügte noch, wenn auch mit Mühe die Lettern zu
+unterscheiden in dem Evangelienbuche, welches sie im Vorbeigehen aus
+der Bibliothek genommen und vor das sie sich gesetzt hatte, die heiße
+Stirne in den gefalteten Händen. Ganz erfüllt von dem Schicksale
+Juliens und dem größern Pescaras, durchlief sie mit den Augen
+gedankenlos die aufgeschlagene Seite und atmete in vollen Zügen die
+erfrischte Luft. Nach einer Weile wurde sie sich dessen bewußt, was
+sie las: es war die dreimalige Versuchung des Herrn durch den Dämon
+in der Wüste. Sie las weniger mit dem leiblichen als dem geistigen
+Auge, was sie von Kind an auswendig wußte.
+
+Sie sah den Dämon vor den Heiland treten, welcher das einfache Wort
+der Treue und des Gehorsams den Sophismen des Versuchers
+entgegenhielt. Als der Versucher heftiger drängte, deutete des
+Menschen Sohn auf die Stelle seiner künftigen Speerwunde... Da
+wandelte sich das weiße Kleid in einen hellen Harnisch, und die
+friedfertige Rechte bepanzerte sich. Nun war es Pescara, der die
+Hand über seine durchschimmernde Wunde legte, während der Dämon jetzt
+einen langen schwarzen Juristenrock trug und sich wie ein Gaukler
+gebärdete. So sah es die Colonna auf dem vor ihr liegenden
+Bibelblatte. Ärgerlich über das Spiel ihrer Sinne, that sie sich
+Gewalt an und blickte auf.
+
+"Wer bist du, und was willst du?" rief sie erstaunt, und eine vor ihr
+stehende dunkle Gestalt antwortete: "Ich bin Girolamo Morone und
+komme zu reden mit Victoria Colonna." Victoria erinnerte sich, wen
+ihr heute der Papst gezeigt hatte, und gewahrte jetzt auch den
+einführenden Diener. Dieser entflammte die über der Herrin
+schwebende Ampel, rückte dem Kanzler einen Schemel und entfernte sich,
+während die Marchesa in der entstehenden Helle das häßliche, aber
+mächtige Gesicht ihres nächtlichen Gastes betrachtete, das ihr keinen
+Widerwillen einflößte.
+
+"Zu später Stunde", sagte sie, "suchet Ihr mich; doch Ihr bringt mir
+wohl einen Auftrag an meinen Herrn, zu welchem ich morgen in der
+Frühe verreise."
+
+"Vor Pescara denke ich bald selbst zu stehen", erwiderte Morone, "und
+nicht von ihm werde ich Euch reden, sondern allein von Victoria
+Colonna, welche ich mit ganz Italien verehre und anbete wie eine
+Gottheit, der ich aber zürne und gegen die ich Klage erhebe."
+
+Wer seid Ihr, um so mit mir zu sprechen? lag es auf den Lippen der
+Marchesa, doch sie fragte rasch und warmblütig: "Wessen klaget Ihr
+mich an? Was ist meine Schuld, Morone?"
+
+"Daß Ihr Euer helles und begeisterndes Antlitz in Rollen und Bücher
+vergrabet und unter Schatten und Fabeln lebet! Daß Ihr den ersten
+Cäsar verabscheut und dem neuesten huldigt, daß Ihr Troja beweinet
+und Euer Volk vergesset, daß Euch Prometheus' Bande drücken und die
+Fesseln Italiens nicht schmerzen! Drei Frauen haben sie geschmiedet!"
+
+"Welche dreie?" fragte sie.
+
+"Die erste war Beatrix Este. Wann ihr alternder Gemahl, der Mohr,
+sie auf den schwellenden Mund küßte, flüsterte sie, daß ihren blonden
+Flechten ein Diadem anstünde, der kluge Mohr verstrickte sich in die
+blonden Flechten und vergiftete seinen Neffen, den Erben von Mailand."
+
+"Die Schändliche!"
+
+"Der welkende Knabe hatte ein stolzes und feuriges Weib, die
+Aragonesin Isabelle, die Beatrix tödlich haßte, und mit ihren jungen,
+kräftigen Armen den siechen Knaben, ihren Gemahl, auf den
+vorenthaltenen Thron heben wollte, sie beschwor und bestürmte ihren
+Vater, den König von Neapel, bis dieser den Mohren bedrohte."
+
+"Ärmste!"
+
+"Der Mohr war sicher, solange der Gebieter von Florenz, der junge
+Medici, dazwischen stand. Dieser war das Spielzeug seines schönen
+Weibes, der hochmütigen Alfonsine Orsini, und das Weib übermochte ihn,
+daß der Tor dem Mohren Freundschaft und Bündnis kündigte. Da rief
+der Mohr den Fremden."
+
+"Unselige!"
+
+"Dreie haben Italien gefesselt. Die vierte, die Ihr seid, muß es
+erlösen."
+
+"Kanzler, ich bin nicht das Weib eines Greises, noch eines Knaben,
+noch eines Toren, noch eines andern von denen, die sich vom Weibe
+berücken lassen, und... ich begehre keine Krone." Sie errötete und
+wurde wie Purpur.
+
+"Herrin", sagte der Kanzler, "die Krone begehrt Euch. Erbarmt Euch
+Eures Volkes, und vertretet es bei Pescara! Ich sage nicht:
+liebkoset, umgarnet, verleitet ihn! Ich verschwöre mich nicht mit
+Euch, ich verabrede keine Rollenteilung, ich lasse Euch reisen, ich
+laufe mit Euch in die Wette, wer ihn zuerst erreiche. Und seid Ihr
+die erste, so umfanget seine Knie und redet aus der Fülle Eures
+Herzens und flehet: Pescara! Ich bin Italien und liege zu deinen
+Füßen: erhebe mich und nimm mich an deine Brust!"
+
+Victoria war gerührt, und auch der Kanzler vergoß Tränen.
+
+"Erlauchte Frau", sagte er, "wer bin ich, der so zu Euch reden darf!
+Ich bin nicht wert, daß ich den Saum Eures Gewandes küsse. Ludwig
+der Mohr, mein allergütigster Herr, hat mich in Mailand von der Gasse
+aufgelesen und wie einen drolligen kleinen Pudel zu seinen Füßen
+spielen lassen. Da habe ich meine Erziehung genossen und an seinem
+Hofe und später in seinem Dienste das Gesicht und die Gebärde meiner
+Zeit, den ganzen ausgelassenen Triumphzug des Jahrhunderts betrachtet.
+
+Der arme Mohr! Sein Unstern und die Franzosen entführten ihn nach
+Loches, wo er zehn lange Jahre im Kerker schmachtete. In seinem
+letzten habe ich ihn dort wiedergesehen; denn damals, durch die Macht
+der Umstände, befand ich mich in französischem Dienste, und mich
+verlangte nach dem Antlitz meines Wohltäters. Da ich ihn erblickte,
+erschrak ich und hatte Mühe, ihn zu kennen. Er sah wie ein Geist:
+Kerker und Elend hatten seine Miene seltsam veredelt. Erst da er den
+Mund öffnete, fand ich mich wieder in ihm zurecht. Er lächelte und
+sagte in seiner unvergleichlich feinen Weise: 'Bist du es, Girolamo?
+Es ist hübsch von dir, daß du mich besuchest. Ich verarge dir nicht,
+wenn du in den Dienst meines Feindes getreten bist. Die Umstände
+zwingen, und wie ich dich kenne, wirst du meinen Söhnen noch ein
+treuer Freund und Berater sein, wenn das Rad der Fortuna sich
+wiederum gedreht haben wird. Du bist nun ein gereifter Diplomat
+geworden und verrätst keine schlechte Schule. Weißt du noch, wie ich
+dir untersagte, dein komisches Gesicht wegzulegen und dein
+Gebärdenspiel zu mäßigen, mit welchen du dir jetzt deine neuen
+Freunde gewonnen hast?'
+
+So scherzte er eine Weile großmütig, dann aber redete er ernst und
+sagte: 'Weißt du, Girolamo, was mich hier in meiner Muße beschäftigt?
+Nicht mein Los, sondern Italien und immer wieder Italien. Ich
+betraure als die Qual meiner Seele, daß ich, vom Weibe verlockt, den
+Fremden gerufen habe, mit dem ihr jetzt rechnen müßt und der ein
+zerstörender Teil eures Körpers zu werden droht. Ich aber sinne, wie
+ihr wieder euer werdet. Da war der Valentino, jener Cäsar Borgia,
+der versuchte es mit dem reinen Bösen. Aber, Girolamo, mein Söhnchen,
+das Böse darf nur in kleinen Portionen und mit Vorsicht gebraucht
+werden, sonst bringt es um. Da ist jetzt der Rovere, dieser Papst
+Julius, der auf einer Donnerwolke gegen den Fremden fährt, welchen er
+selbst gerufen hat, nicht minder als ich. Aber der Greis verzehrt
+sich, seine gewalttätige Seele wird bald in den Hades schweben, und
+nach ihm bleibt der gewöhnliche Hohepriester, der zu schwach ist,
+Italien zu gründen, doch gerade stark genug, um jeden andern an dem
+Heilswerke zu hindern.
+
+Girolamo, mein Liebling: ich glaube nicht, daß mein Italien untergeht,
+denn es trägt Unsterblichkeit in sich; aber ich möchte ihm das
+Fegefeuer der Knechtschaft ersparen. Gib acht, Söhnchen: ich lese
+zwischen deinen Augen, daß du noch eine Rolle spielen wirst in dem
+rasenden Reigen von Ereignissen, der über meinen lombardischen Boden
+hinwegfegt. Tritt eines Tages aus diesen wechselnden Bildungen eine
+Macht und aus diesen flüchtigen Gestalten eine Person, aber weder ein
+Frevler noch ein Priester, sondern ein Feldherr, der den Sieg an
+seine eiserne Sohle fesselt, wer und wessen Stammes er sei, nur kein
+Fremder, dem gib du dich, mit Leib und Seele! Was an List und Lüge
+notwendig ist--denn anders gründet sich kein Reich--, das übernimm du,
+mein Söhnchen, er aber bleibe makellos!'"
+
+Der Kanzler war aufgesprungen. Seine begeisterte Rede riß ihn, ohne
+daß er es merkte--und auch die ergriffene Victoria merkte es nicht--,
+weit über die Grenze der Wahrheit. "Diesem Erkorenen", rief er aus,
+"stehe das schönste und reinste Weib zur Seite! Italien will die
+Tugend leiblich einherschreiten sehen, um ihr nachzuleben. Unser
+Verderben ist die Entfesselung aus der Sitte, der zerrissene Gürtel
+der Zucht. Hier ist ein Sieg davonzutragen, größer als der auf dem
+Schlachtfelde, und ein Zauberstab zu schwingen, mächtiger als der
+Feldherrnstab. Ich sehe sie vor mir, diese Königin der Tugend, die
+Priesterin, die das heilige Feuer hütet, die Erhalterin der
+Herrschaft, und, Hosianna! ganz Italien wandelt hinter ihren
+Schritten, lobpreisend und frohlockend!" Der Kanzler machte Miene,
+Viktorien huldigend zu Füßen zu stürzen, doch er trat zurück und
+flüsterte verschämt: "So sprach Ludwig der Mohr in seinem Kerker."
+
+Victoria senkte die Augen, denn sie fühlte, daß sie voller Wonne
+waren und brannten wie zwei Sonnen.
+
+Da sagte der Kanzler: "Ich habe Euch ermüdet, edle Frau, die Augen
+fallen Euch zu. Ihr müsset morgen frühe auf und seid schwer von
+Schlummer." Und der Listige trat in die Nacht zurück, die sich
+inzwischen auf die Ewige Stadt gesenkt hatte.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+An einem Fenster, dessen Blick über die Thürme von Novara und eine
+schwül dampfende Ebene hinweg die noch morgenklaren Schneespitzen des
+Monte Rosa erreichte, saß Pescara und arbeitete an dem Entwurfe des
+Feldplanes, der das Heer des Kaisers nach Mailand führen sollte. So
+unablässig ging er seinem Gedanken nach, daß er die leisen Tritte des
+Kammerdieners nicht vernahm und ihn erst gewahr wurde, als jener die
+Limonade bot. Während er das leichte Getränk mit dem Löffel umrührte,
+bemerkte er: "Ich schelte dich nicht, Battista, daß du heute nacht
+gegen meinen ausdrücklichen Befehl bei mir eingetreten bist. Du
+magst, nebenan schlafend, mich wohl schwerer als gewöhnlich atmen
+gehört haben--ein Alp, eine Beklemmung... nicht der Rede wert." Er
+nahm einen Schluck aus dem Glase.
+
+Battista, ein schlauer Neapolitaner, verbarg seinen Schrecken unter
+einer devoten Miene. Er log und beteuerte bei der heiligen Jungfrau,
+er habe geglaubt sich bei Namen rufen zu hören, nimmer hätte er sich
+erdreistet, ohne Befehl das Schlafzimmer der Erlaucht zu betreten,
+während er doch in That und Wahrheit ungerufen und gegen ein strenges
+Verbot seines Herrn aus einer schönen menschlichen Regung diesem
+beigesprungen war. Er hatte ihn schrecklich stöhnen hören und dann
+in seinen Armen auf dem Lager emporgehalten, bis der Feldherr den
+Atem wiederfand.
+
+"Es war nichts", wiederholte dieser, "ich bedurfte keinen Beistand.
+Doch will ich dich, wie gesagt, nicht schelten, jetzt, da wir uns
+trennen müssen. Ich verliere dich ungern, aber Sohnespflicht geht
+vor. Und da deine greisen und siechen Eltern in Tricarico darben,
+darf ich dich nicht halten. Gehe und bereite ihnen ein sorgenloses
+Alter. Als perfekter Barbier und zungenfertiger Schelm, wie ich dich
+kenne, wirst du dir überall zu helfen wissen. Gehe mit Gott, mein
+Sohn, du sollst mit mir zufrieden sein." Und er ergriff die Feder.
+
+Battista fiel aus den Wolken. Er verschwor sich mit einer
+verzweifelten Gebärde, dieses Mal der Wahrheit gemäß, sein Vater sei
+längst im Himmel und seine Mutter, die Carambaccia, gewerbsam und
+kerngesund und fett wie ein Aal. Der schreibende Feldherr erwiderte:
+"Du hast recht, Battista, in Potenza wohnen deine armen Eltern, nicht
+in Tricarico, doch das liegt nahe beisammen." Er reichte dem
+verabschiedeten Diener eine Kassenanweisung.
+
+So niedergeschmettert Battista sein mochte--er wußte, ein Wort
+Pescaras sei unwiderruflich--, ließ er doch blitzeschnell einen
+schrägen Blick über die Ziffer der Summe gleiten, welche nur eine
+bescheidene war. Der Feldherr verschwendete weder im großen noch im
+kleinen, weder das Gut des Kaisers noch das seinige. Auch hütete er
+sich wohl, den Barbier durch eine allzu reiche Spende auf die
+Wichtigkeit des Vorfalles aufmerksam zu machen und in den Schein zu
+kommen, als wolle er sein Schweigen erhandeln, denn er war völlig
+überzeugt, daß Battista bei erster Gelegenheit sein Wissen noch
+teurer verkaufen würde, dort, wo man ein Interesse hatte, von dem
+leiblichen Befinden des Feldherrn genau unterrichtet zu sein.
+
+Schmerzlich enttäuscht und seine Geburtsstunde verwünschend, fiel
+Battista dem gnädigen Herrn zu Füßen, umfing ihm das Knie und küßte
+ihm die Hand. "Lebe wohl", sagte dieser, "und räume das noch ab."
+Er wies auf das Geschirr und winkte den Übertreter seines Befehles
+freundlich weg aus seinem Dienste.
+
+Bevor er sich wieder in seinen Plan vertieft hatte, klirrte draußen
+ein fallender Löffel und ein in Scherben springendes Glas, und der
+Herzog von Bourbon, der den vernichteten Battista unsanft beiseite
+geworfen, zeigte unangemeldet seine hohe schlanke Gestalt, denn er
+hatte zu jeder Stunde freien Eintritt bei dem Feldherrn.
+
+"Hoheit?" wendete sich Pescara gegen ihn und erhob sich vom Sitze.
+
+"Um Vergebung. Ich war im Begriffe, zu meinen Truppen zu verreiten",
+erklärte der Herzog, "da kam mir in der Vorstadt ein reisender
+Kaufmann unter die Augen, welcher eben vor der Pforte des Arztes Euer
+Erlaucht, des Messer Numa Dati, von seinem Maultier absaß. Hätte die
+Gestalt nicht ein würdiges Antlitz getragen, ich hätte darauf
+geschworen, meinen unvergeßlichen Freund, den Kanzler von Mailand, zu
+erblicken. Ich ließ einen meiner Leute sich nach dem Fremdling
+erkundigen und erfuhr, der Reisende sei ein Gastfreund des Arztes,
+ein Juwelier aus Mailand namens Scipione Osnago. Vielleicht, oder
+auch nicht, sondern eine der zahlreichen Larven des vielgestaltigen
+Kanzlers. Er schiebt den Leib auf eine gewisse Weise, die sich
+schwer verleugnen läßt, und da ich noch nicht durch das Tor war, ritt
+ich leicht wieder zurück, um Euch den wahrscheinlichen Besuch dieses
+kostbaren Mannes zu melden."
+
+"Ich erwartete ihn längst mit den Ausflüchten und Beteuerungen des
+Mailänders", erwiderte der Feldherr. "Da er aber nicht erschien und
+wir aus guten Quellen wußten, sein Herzog fahre fort zu befestigen
+und zu rüsten, begann ich auf den Kanzler zu verzichten. Nun kommt
+er zu spät. Morgen, um Mitternacht, verläuft die dem Herzog gegebene
+Frist. Schlag zwölf marschieren wir; es wäre denn, Morone brächte
+große Neuigkeiten."
+
+"Ja, dieser Morone!" plauderte der Bourbon. "Der wird schon etwas
+gebraut haben. Da ich unser Ultimatum nach Mailand brachte, sah ich
+es hinter seiner Stirne wimmeln wie in einem Ameisenhaufen. Ihr
+macht Euch keinen Begriff, Marchese, was das für ein frecher Kopf ist.
+Während ich in Mailand regierte und er mein Rat und Schreiber war,
+hat er mich über Tisch--denn ich liebte es, mit ihm zu speisen und
+mich an seinen Fabeln und Einfällen zu ergötzen--auf alle Throne
+gesetzt und mit allen Fürstinnen gekuppelt. Und das Tollste: es war
+Verstand in dem Unsinn. Ich bin doch neugierig, was er wieder
+ausgeheckt haben wird, um sich und seinem Herzog aus der Klemme zu
+helfen. Sicherlich etwas ungeheuer Geniales, einen Gipfel, einen
+Abgrund. Wenn er zum Beispiel"--der Herzog lachte herzlich--"uns
+beiden kaiserlichen Feldherrn die Führung der Liga böte und als
+Handgeld zwei verlockende italienische Kronen aus den Falten seiner
+Toga zum Vorschein brächte?"
+
+"Hoheit scherzt!"
+
+"Wie anders, Marchese!" erwiderte der Herzog und wollte sich
+beurlauben. Da ergriff er noch die Hand des Feldherrn und sagte in
+einem weichen Tone, der eine vor der Welt verheimlichte Freundschaft
+enthüllte: "Pescara, ich danke dir, daß du mir Leyva vom Halse hältst,
+indem du mir den rechten Heerflügel gibst und ihm den linken. Ich
+mag mit dem Unleidlichen nicht zusammenreiten. Es entstände Unglück
+und größeres als jüngst auf dem Markte von Novara. Er könnte sich
+wiederum gegen mich vergessen, und ich müßte ihn niederstoßen wie
+einen tollen Hund." Er sagte es leise mit gesenktem Blick.
+
+Pescara behielt die Rechte des Herzogs und warnte und bat. "Welch
+ein Auftritt!" sagte er. "Hier auf offenem Markte, wegen der
+Armseligkeit eines bestrittenen Quartieres! Ich versendete Leyva
+gleich nach Neapel, um vom Vizekönig Truppen für unsern Feldzug zu
+verlangen, obwohl ich weiß, daß er keine abgeben kann, nur um Euch
+die Verlegenheit und den Anblick eines verhaßten Gesichtes zu
+ersparen. Wie konntet Ihr das gegen einen Mitfeldherrn! Das war
+nicht gut. Das ist beklagenswert. Das darf sich nicht wiederholen,
+ich bitte Euch darum."
+
+"Der Anlaß war nicht der Rede wert, Pescara, aber--"
+
+"Das schlimme Wort, das Leyva gebraucht hat, war, nach Zeugen, er
+lasse sich nichts bieten von einem Vornehmen, und Ihr zoget und Eure
+Leute mußten Euch halten."
+
+"Oh", flüsterte der Herzog, "von einem Vornehmen? Ich habe feine
+Ohren. Es war ein anderes Wort... das ich dem Kaiser und dem Papst
+in die Kehle zurückstieße!"
+
+"Ein anderes Wort?" sagte Pescara, um seine Frage sogleich zu bereuen,
+da er den Herzog erbleichen und völlig fahl werden sah. Er erriet,
+daß der alte Leyva gemurrt, er lasse sich nichts bieten von einem
+Verräter, oder daß das wunde Gewissen des Bourbon so verstanden hatte.
+
+Die unausgesprochene Freundschaft, die den einfachen Adeligen und den
+Mann von königlichem Geblüte verband und die das Wunder that, zwischen
+zwei jugendlichen und schon berühmten Feldherrn mit nicht völlig klar
+geschiedenen Gewalten und Befugnissen die natürliche Eifersucht zu
+ersticken, beruhte einfach auf dem Bewußtsein des Herzogs, daß seine
+Verbündung mit dem Feinde Frankreichs der Achtung Pescaras keinen
+Eintrag tue. War es Klugheit, war es Gleichgültigkeit gegen die
+sittlichen Dinge, war es Freiheit von jedem, auch dem begründetsten
+Vorurteil, oder war es die höchste Gerechtigkeit einer vollkommenen
+Menschenkenntnis, was immer--Pescara hatte den in kaiserlichen Dienst
+tretenden fürstlichen Hochverräter mit offenen Armen empfangen und
+mit der feinsten Mischung von Kollegialität und Ehrerbietung
+behandelt. Vielleicht auch hatte er in diesem Zerrütteten, der sich
+selbst verfluchend sein Vaterland mit fremden Waffen verwüstete, den
+ursprünglichen und unzerstörbaren Adel erkannt. Dafür war der Herzog
+Pescara dankbar. Der Feldherr, die Hand des Unseligen in der
+seinigen, redete ihm mit sanfter Stimme zu: "Gespenster, Hoheit! Ihr
+habet gehört, was nicht gesprochen wurde. Werft hinter Euch!
+Verschüttet den Abgrund mit Lorbeer! Seid Ihr nicht der Liebling des
+Kriegsgottes? und ein Meister der Staatskunst? Sind nicht wir beide
+noch Jünglinge mit unzähligen Tagen, diesseits der Lebenshöhe, kaum
+in der Hälfte der Dreißig, und im ersten Drittel eines Jahrhunderts,
+das überquillt von großen Möglichkeiten und weiten Aussichten! Unser
+die Fülle des Daseins! Karl, laß uns leben!"
+
+Der Bourbon vernahm nicht den verstohlenen Seufzer, welcher sich der
+Brust des Feldherrn entwand. Er drückte heftig die Hand Pescaras,
+und seine dunkeln Augen blitzten eroberungslustig. Dann, um seine
+innere Bewegung zu verbergen, sprang er nach seiner Weise mit beiden
+Füßen ins Zynische über. Der feurige Ton Pescaras hatte seine
+frechste Jugendlichkeit erweckt. "Und schöne Männer sind wir!"
+jubelte er. "Du begreifst, Gatte der prächtigen Victoria, daß sich
+mir Herz und Magen umkehrte, da mich diese Porcaccia, die
+Königinmutter, um jeden Preis zum Manne haben wollte! Siehst du mich
+als den Vater König Franzens? O das liebe Stiefsöhnchen! 'Madame',
+sagte ich und machte ihr eine tiefe Verbeugung, 'es geht nicht. Ihr
+würdet mich mit Eurer Nase vom Bette stoßen!'--und ganze Wendung und
+über die Grenze!" Während er eine ausgelassene Lache aufschlug, trat
+der vom Staub der Reise bedeckte Del Guasto ein, begrüßte den Ohm und
+Feldherrn und verneigte sich vor der lustigen Hoheit.
+
+Dann wendete er sich wieder gegen Pescara, welchen er mit erstaunten
+und bewundernden Augen betrachtete, als hätte die von der
+italienischen Verschwörung dem Feldherrn angesonnene Rolle dessen
+Gestalt vergrößert, und erzählte: "Wir verritten von Rom, nicht zur
+Freude der Herrin in zahlreicher Gesellschaft, mit Leyva, der aus
+Neapel zurück ist, und mit einem Vornehmen, von königlichem Geblüte,
+wie sie sagen, der sich Moncada nennt und den Ihr kennen werdet. Er
+bringt Euch eine Botschaft des Vizekönigs. Ich gewann einen
+Vorsprung, um Donna Victoria anzumelden. Sie strahlt vor Freude,
+Euch wiederzusehen, und schließt zugleich fest die Lippen, denn sie
+bringt ein politisches Geheimnis, wie ich vermute, und ein
+päpstliches Mysterium, wie ich ahne, und dieselbe Donna Victoria legt
+die Stirn in zornige Falten gegen Euren bei ihr in Ungnade gefallenen
+Neffen, den sie vor Euch in aller Form Rechtens verklagen wird.
+Wegen etwas Menschlichem", lächelte er.
+
+"Oder etwas Unmenschlichem", spottete Pescara. "Meldet Ihr sonst
+etwas, Don Juan?"
+
+"Wenn mich meine Augen nicht getäuscht haben, die Ankunft des
+Kanzlers von Mailand."
+
+"Ah!" lachte Bourbon.
+
+"Ich bin mit ihm schon in Rom zusammengestoßen, unfern des Palastes
+Colonna, da ich nächtlicherweile dahin zurückkehrte. Längs der Mauer
+sah ich etwas Diebisches in langer Gewandung schleichen, und da ich
+das Verdächtige mit der Fackel meines Dieners beleuchtete, war es die
+unverschämte Stumpfnase und unter einem Juristenbarett das freche
+Kraushaar, das ich von Pavia her kenne, wohin der tolle Kanzler, wie
+sie ihn nennen, nach der Schlacht Euch zu beglückwünschen kam. Er
+mag Donna Victoria eine letzte Heimlichkeit des Papstes gebracht
+haben, bei welchem sie sich an jenem Nachmittage verabschiedet hatte."
+Er sagte das mit einer versteckten Bosheit.
+
+Der Feldherr blickte streng. "Don Juan", sagte er, "Ihr habet Euch
+um den Wandel Donna Victorias nicht zu kümmern und noch weniger ihn
+zu beaufsichtigen. Jeden ihrer Schritte, ihre leiseste Miene und
+Gebärde billige und lobe ich zum voraus."
+
+Don Juan verneigte sich. "Unterwegs nach Novara", fuhr er fort, "bin
+ich ihm dann noch mehrere Male begegnet, das heißt einem gewissen
+Fruchthändler Paciaudi aus den Marken mit einer gräulichen Warze auf
+der Nase, welcher mir, da ich ihn anredete, nicht vorenthielt, er sei
+ein zugrunde gerichteter Mann: eine unvermutete päpstliche Maßregel
+verbiete die Ausfuhr, und er habe einen strengen Lieferungsvertrag
+mit Euer Erlaucht. Dabei schob und gebärdete er sich nicht viel
+anders als der Kanzler. Dieser hat gegenwärtig allerhand Geschäfte
+und nimmt die possierlichsten Figuren an. Man findet ihn überall auf
+der Halbinsel wie--ohne die fernste Vergleichung--Eure große Gestalt."
+
+"Was wollt Ihr sagen, Don Juan?"
+
+Del Guasto, der vor nichts erschrak, zögerte doch mit der Antwort vor
+der kalten Miene Pescaras, und dann hielt ihn die Anwesenheit des
+Herzogs zurück.
+
+"Ich habe kein Geheimnis vor der Hoheit", sagte der Feldherr. "Redet,
+Don Juan."
+
+Trotz diesem Befehle kam dem verwegenen Jüngling die allgemeine Rede
+an diesem Orte und zu dieser Stunde, mitten im kaiserlichen Lager und
+während er durch das Fenster den taktfesten Schritt eines
+vorbeimarschierenden spanischen Heerhaufens vernahm, so ungeheuerlich
+vor, daß er der schamlosen Öffentlichkeit der italienischen
+Verschwörung ein leichtes Gewand umwarf.
+
+"Ohm", berichtete er geringschätzig, "wovon mir noch immer die Ohren
+gellen, das ist ein wütender Streit, welcher unter allen Ständen, in
+Schenken und Barbierstuben, auf den Ballspielplätzen und, wie ich
+glaube, bis in die Plauderecke der Sakristeien ausgebrochen ist--über
+das wahre und gültige Vaterland der Avalos: ob wir Neapolitaner sind
+oder Spanier. Und nicht genug an Geschrei und Gebärde, auch Blätter
+und Schriften voll von unserm Ursprung flattern durch die Luft."
+
+Der Feldherr zuckte die Achseln. "Das Geschreibsel", sagte er, "fand
+sich auch über meine Tische verstreut, ich habe es weggeworfen.
+Müßiges Gezänke."
+
+Don Juan wurde hartnäckig. "Zugleich erzählte man mir, daß an den
+Universitäten unter Juristen und Theologen wieder heftig über Umfang
+und Grenzen des päpstlichen Lehensrechtes auf Neapel gestritten wird."
+
+"Das überlassen wir diesen Gelehrten. Nicht wahr, Hoheit?" scherzte
+Pescara. "Und was das Vaterland der Avalos angeht, Neffe, so rate
+ich dir, Ehre zu halten, spanische oder neapolitanische."
+
+Jetzt meldete der diensttuende Page, ein zarter Knabe mit großen
+unschuldigen Augen, ein Enkel des Arztes Numa Dati und der Bruder der
+von Del Guasto zerstörten Julia, den Besuch eines Apothekers namens
+Baldassare Bosi aus Orvieto, welcher mit einem Paket im Vorzimmer
+stehe und sich durchaus nicht abweisen lasse. Er sei bei dem
+Großvater abgestiegen, der dem Gaste diesen Zettel für die Erlaucht
+gegeben habe. Der Knabe überreichte das Papier, auf welchem mit
+verzitterten Zügen "Morone" geschrieben stand.
+
+Pescara besann sich einen Augenblick. "Weiß der Fremde die Gegenwart
+der Herrschaften?" fragte er den Pagen.
+
+"Ich denke nicht, Erlaucht", antwortete dieser.
+
+"So führe ihn ein, aber erst, wann ich rufen werde.
+
+Jetzt wendete er sich rasch gegen den Herzog. "Hoheit muß mir einen
+Gefallen thun. Da Sie für möglich hält, daß der Kanzler von Mailand
+mit mir konspirieren will, würde ich gegen die gewöhnlichste Vorsicht
+fehlen, wenn ich den Menschen, der draußen steht, ohne Zeugen mit mir
+reden ließe. Ich muß solche haben, zwei höchst glaubwürdige Zeugen,
+wo nicht unserer Gesichter, doch eines jeden unserer Worte, damit
+nicht der Argwohn von Madrid, noch die Eifersucht unsers Leyva,
+noch"--er dämpfte die Stimme--"jener Verderbliche, mit welchem Ihr
+geritten seid, Don Juan, und der unter dem Vorwand einer Botschaft
+des Vizekönigs mich hier umlauern soll, Grund finde, mich, ich sage
+nicht des Verrates, sondern nur eines falschen Schrittes zu
+bezichtigen. Hören aber will ich den Kanzler, der mir in seiner
+Torheit und Leidenschaft die Pläne und Mittel des Feindes enthüllen
+wird. Er kann es wie kein anderer. Unter dem Zwang dieser Umstände
+lasse sich Hoheit herab, den Lauscher zu machen. Und Ihr, Del Guasto,
+leistet der Hoheit Gesellschaft." Er schritt auf einen schweren
+roten Vorhang mit goldenen Quasten zu, dessen breite Falten den
+Eingang in ein Nebenzimmer bis auf die Schwelle nieder verbargen und
+den er jetzt auseinanderschlug. "Hier ist Hoheit aufgehoben", sagte
+er.
+
+So sehr den Herzog das würzige Abenteuer lockte, stand er doch einen
+Augenblick unschlüssig. "Aber wenn Morone die Decke hebt?" fragte er,
+und der Marchese erwiderte: "Das wird er nicht. Keine Besorgnis.
+Ich stehe dafür." Del Guasto blähte die Nüstern vor Wollust. Er
+rückte einen Schemel für den Herzog, hinter dessen Schultern er
+Stellung nahm als der zweite Lauscher. Der rote Vorhang zog sich
+zusammen. Pescara aber fühlte sich von dem Pagen Ippolito
+umschlungen, der an ihm emporflüsterte, mit Tränen in den Augen: "Es
+ist kein Apotheker mehr, sondern ein Zauberer in langen schwarzen
+Gewändern mit einem Talisman auf der Brust und einem schrecklichen
+Gesichte!"
+
+"Furchtsamer Junge! Bring ihn!"
+
+"Da ist er schon!" schrie Ippolito und flüchtete sich.
+
+"Ihr, Morone? Und im Staatsgewand? Doch von der Reise erhitzt, wie
+ich sehe. Eure drei Masken haben Euch wohl den Atem benommen."
+
+Morone atmete schwer und hörbar. Schweißtropfen quollen ihm auf der
+Stirn. Er stand wortlos.
+
+"Was bringt Eure Weisheit?" fragte der Feldherr mit ernsthaften Augen
+und empfing von dem Stammelnden keine deutliche Antwort. Nach einer
+Pause ergriff Pescara mit spielender Hand die Münze, welche der
+Kanzler an einer schweren goldenen Kette auf der Brust trug. "Ein
+Lionardo, Kanzler? Und wen stellt es dar? Den Mohren? Ein
+geistvoller Kopf!"
+
+Aber selbst an seinen geliebten Herrn vermochte der Kanzler nicht
+anzuknüpfen, so völlig war er außer Fassung.
+
+Da begann der Feldherr ohne weitere Einleitung: "Euer Herzog, Morone,
+wünscht günstigere Bedingungen? Es könnte Rat werden, sobald mich
+die Hoheit von ihren guten Absichten überzeugt haben wird. Nehmen
+wir einmal mein Ultimatum Punkt um Punkt miteinander durch." Er trat
+an den Tisch und suchte ein Papier.
+
+Nun empfand er einen heißen Atem an der Wange, und ein Geflüster
+füllte sein Ohr. "Pescara", keuchte es, "nicht darum handelt es sich,
+sondern Italien gibt dir sein Heer!"
+
+"So ist es gut", erwiderte der Feldherr, ohne den Kopf zu drehen.
+"Es unterwirft sich dem Kaiser?"
+
+Da schrie es hinter ihm: "Nicht dem Kaiser, sondern dir, wenn du von
+ihm abfällst!"
+
+Jetzt wendete sich Pescara gegen den Tollkühnen und drohte mit
+feindseliger Gebärde: "Du rasest! Ich weiß nicht, was mich abhält,
+dich zu ergreifen und aus dem Fenster zu werfen!"
+
+Der Kanzler blieb furchtlos und schrie zum andern Male mit flammenden
+Augen: "Diese Stunde bietet dir deine Größe, Pescara! Laß sie nicht
+vorüber! Du würdest es bereuen! Du würdest daran sterben!
+
+"St! Wie du schreist! Wenn man lauschte! hinter diesem Vorhang...
+wenn ich selbst... hältst du mich dessen für unfähig? Überzeuge dich
+doch und hebe die Decke!"
+
+Morone war wieder völlig im Besitze seiner selbst, nachdem er die
+Scham und den Schreck der ersten Worte überwunden hatte. "Pescara",
+sagte er, "ich habe stets gefunden, daß der Schlaueste und am meisten
+Argwöhnische endlich doch an eine Stelle tritt und an einem Abgrunde
+steht, wo er trauen und glauben muß. So der Valentino mit dem Rovere,
+so mein geliebtester Herzog der Mohr mit seinen Hauptleuten und
+Schweizern."
+
+"Beide wurden verraten, Morone!"
+
+"Ja, Pescara, aber der feine Mohr und der ruchlose Borgia, beide
+gingen sie vertrauend unter, und das war ein heller Schimmer von
+Menschlichkeit über dem Dunkel ihres verdienten Sturzes. Wenn ich
+das Größte wage und von dir das Größte fordere, werde ich in diesem
+heiligen Augenblicke so lächerlich sein, einen Vorhang zu heben, wie
+ein betrogener Ehemann, der den versteckten Buhlen seines Weibes
+sucht? Nein, ich gebe mich preis! Höre mich an, und dann
+überliefere mich dem Blocke, wenn du darfst!"
+
+"Das ist nicht klein", sagte Pescara ohne Spott und fügte dann
+zweifelnd hinzu: "Ob ich dich höre? Meine Neugierde ist rege, das
+bekenne ich, und einem so heroischen Menschen darf ich doch nicht
+einfach die Türe weisen. Zuerst aber saget mir, Kanzler: Habe ich
+Euch oder Eurem Fürsten Grund oder auch nur den geringsten Anlaß
+gegeben, meine Feldherrntreue zu beargwöhnen?"
+
+Der Kanzler verneinte.
+
+"Viel Unwahres wird geredet: die Majestät habe mich schlecht belohnt,
+und ich soll dieses schwer empfunden haben. Fußet Ihr auf diesem
+Undanke des Kaisers und auf diesem Grolle Pescaras, so tut keinen
+Schritt weiter: Ihr würdet in den trügerischen Boden versinken."
+
+"Da fuße ich nicht."
+
+"Oder ermutigt Euch jene öffentliche Rede Italiens, die mir
+schmeichelt und mir droht, mich verherrlicht und verdächtigt? Diese
+italienische Meinung ist eine heimtückische Sache. Sie soll mich in
+Madrid entwurzeln und in Italien vergewaltigen. Ich habe vorgebeugt
+und die arglistigen Schriften wie in einen Käfig eingesperrte
+Schlangen dem Kaiser überliefert. Habet Ihr Eure Finger auch in
+dieses Gift getaucht, Morone?"
+
+Der Kanzler erbleichte. "Bei den Göttern der Unterwelt, daran trage
+ich keine Schuld!" rief er aus.
+
+"Du willst mich nicht überlisten, Kanzler, so willst du mich
+überreden?"
+
+"Nein."
+
+"Was denn?"
+
+"Überzeugen."
+
+"Das Beste. Aber es wird Zeit kosten. Setzet Euch, Kanzler!" Er
+rückte mit rascher Bewegung zwei Stühle, und jetzt saßen sie sich
+gegenüber, Morone mit vorgebogenem Leib und Knie, während der
+Feldherr nachlässig zurücklehnte.
+
+"Pescara, welches ist die schönste deiner Schlachten, das Wunder der
+Kriegskunst?"
+
+Der Feldherr gab keine Antwort, da sich diese von selbst verstand,
+aber er that einen leichten Seufzer.
+
+"Und was hat der Kaiser aus deinem Siege von Pavia gemacht?"
+
+Ein Blitz fuhr aus dem grauen Auge Pescaras. "Er hat ihn
+verstümpert", murmelte er.
+
+"Du gabst ihm einen erbeuteten König, und Karl weiß nichts mit ihm
+anzufangen! Er preßt ihn wie ein Wucherer. Er verlangt Vielfältiges
+und Unmögliches statt des Möglichen und Einfachen. Verzichte auf
+Italien, Bruder, so hätte ein großer Sieger zu König Franz geredet,
+das ist dein natürliches Lösegeld, und das kannst du, ohne deinem
+Frankreich wehe zu thun. Verzichte und ziehe!"
+
+Pescara lächelte. "Du bist ein gefährlicher Mensch, Morone, wenn du
+Gedanken errätst. Aber nicht ich, du hast ihnen Worte gegeben. Ich
+habe nichts gesprochen."
+
+"Ich danke dem Kaiser!" fuhr der Kanzler sich begeisternd fort. "Er
+hat die Siegesgöttin von Pavia beleidigt, und sie kehrt zu dir, mein
+Pescara, zurück! Nicht nur für, auch gegen den Kaiser hat sie
+gekämpft. Sie hat Italien gegen die Fremdherrschaft vereinigt. Sie
+hat ihm seinen Feldherrn gezeigt.
+
+Mein Pescara, welche Sternstellung über dir und für dich! Die Sache
+reif und reif du selbst! Eine entscheidende Zeit, ein verzweifeltes
+Ringen, Götter und Titanen, Freiheit sich aufbäumend gegen
+Zwingherrschaft, die Welt heute noch Bewegung und Fluß, morgen
+vielleicht zur Lava erstarrend! Und eine That, die für dich
+bereitliegt und zu welcher du geboren wurdest! Zuckt dir die
+formende Hand nicht danach? Ein vernünftiges Werk, eine ewige
+Gründung! Blick auf die Karte und überschaue die Halbinsel zwischen
+zwei Meerfarben und dem Schnee der Gebirge! Befrage die Geschichte:
+ein lebendiges Geflecht, oft gewaltsam zerrissen und immer wieder
+zusammenwachsend, von Republiken und Fürsten, mit zwei alten Feinden,
+zwei falschen Ideen, zwei grausamen Chimären, Papst und Kaiser!
+Siehe den ausgestreckten Finger Gottes, daran sich eine neue
+Menschheit emporrichtet: eine sich selbst regierende und vereitelnde
+Menschheit ohne höchstes Amt, weder weltliches noch geistliches, ein
+Reigen frei entwickelten Genien, ein Konzert gleichberechtigter
+Staaten--"
+
+Pescara ergriff den beschwingten Redner am Arm, als wollte er ihn
+festhalten. "Fliege mir nicht davon, Girolamo!" scherzte er.
+
+Dieser riß sich los und: "Laß dich nicht hindern an diesem göttlichen
+Werke", rief er, "durch abergläubische Vorurteile und veraltete
+Begriffe, die weder in deinem Kopfe noch in deinem Herzen, noch in
+der Natur der Dinge sind. Ich kenne dich, Pescara: du bist ein Sohn
+Italiens und wie dieses erhaben über Treue und Gewissen!"
+
+"Ihr seid doch ein lasterhaftes Geschlecht, ihr Italiener", lächelte
+Pescara. "Aber du machst dich größer im Bösen, als du bist: denn
+diese Weisheit kommt nicht von dir, sondern euer Dämon, der
+Florentiner, hat sie dir eingeblasen. Lebt er noch?"
+
+Der Kanzler wußte, wen Pescara meinte. "Er darbt, vergessen und
+verachtet", erwiderte er mit Beschämung, "unser größter Geist."
+
+"Verdientermaßen. Es gibt politische Sätze, die ihre Bedeutung haben
+für kühle Köpfe und besonnene Hände, die aber verderblich und
+verwerflich werden, sobald sie ein frecher Mund ausspricht oder eine
+strafbare Feder niederschreibt. Doch das sind Allgemeinheiten, und
+alles käme auf die Anwendung an. Wie denkst du dir zum Beispiel,
+Kanzler, das Thatsächliche meines Verrates?" Dieser öffnete den Mund,
+als hätte er unerschöpflich zu reden. Da berührte ihn Pescara leise
+mit dem Finger. "Sachte, vorsichtig!" warnte er. "Jetzt betrittst
+du ein schmales und schwankes Brett: es könnte kommen, daß ich dich
+nach deiner Rede als Verschwörer müßte in Fesseln legen lassen.
+Sprich nicht in deinem eigenen Namen, rate ich dir, sondern laß dir
+eine Maske bieten, wie du sie liebst, und warum nicht die des
+verschollenen florentinischen Sekretärs, ob er nun noch unter uns
+wandle oder schon im Geisterreiche? Rede, Niccolò Machiavelli! Ich
+werde dich schweigend und bewundernd anhören und dir dann doch
+vielleicht beweisen, daß du für einen Staatsmann immer noch viel zu
+viel Einbildungskraft besitzest. Oh, ich will dich kritisieren, mein
+Niccolò! Aber beginne."
+
+Dieser fortgesetzt scherzende Ton des Feldherrn beleidigte den
+Kanzler, und er empörte sich dagegen: "Jetzt sei des Spieles ein Ende.
+Erniedrige den nicht zum Schauspieler, welcher sein Leben wagt für
+die Rettung seines Vaterlandes! Pescara, ich bitte dich um Ernst!"
+
+"Um Ernst? Es sei!" erwiderte der Feldherr und schloß die Augen, wie
+um besser zu lauschen. Jetzt erschrak der Kanzler einen Augenblick
+vor der Blässe und Strenge des magern Angesichtes. Doch er war
+entschlossen.
+
+"Es ist kein Übel, Erlaucht", begann er, "was Ihr dem Kaiser
+berichtet habt; es ist gut, daß Ihr Euch so lange als möglich sein
+Vertrauen erhaltet und Euch selbst dann noch nicht erkläret, wann der
+Papst und die Liga ihr Manifest werden erlassen haben. Inzwischen
+befestigt Ihr Eure Stellungen und sichtet Euer Heer." Pescara
+runzelte die Stirn.
+
+"Leyva muß weg", forderte der Kanzler.
+
+Pescara zählte an den Fingern.
+
+"Was rechnet Ihr, Pescara?" fragte der Kanzler verwundert.
+
+Dieser erwiderte ruhig: "Muß Leyva draufgehen, so dürfen meine
+deutschen Hauptleute auch nicht leben bleiben, denn sie hangen an
+Kaiser und Reich. Ihre Häupter müssen fallen. Oder vergifte ich sie
+in einem gastlichen Trunke? Was rätst du, Kanzler?"
+
+Morone erbleichte.
+
+"Und was fange ich mit meinen spanischen Edelleuten an? Lasse ich
+sie auch ermorden?"
+
+"Die Kastilianer", antwortete Morone mit klopfendem Herzen, "fallen
+wohl zum Kaiser zurück. Die andern verlocket Ihr mit unendlicher
+Beute. Sie widerstehen nicht, am wenigsten die neapolitanischen
+Aragonesen. Ich kenne diese Rasse: sie gleicht den räuberischen
+Helden der Neuen Welt. Denket nur an Euren Del Guasto, welch ein
+Ungeheuer!"
+
+Pescara widersprach nicht.
+
+"Eure Gemeinen aber, die aus allen Ländern der Erde zusammengeflossen
+sind, beherrschet Ihr durch Eure unerschütterliche Seele und durch
+Eure eiserne Kriegszucht, nicht zu vergessen einen regelmäßigen Sold,
+wie ihn der Kaiser nie zu geben vermochte, Euch aber gehören jetzt
+alle Schätze Italiens. Und erlittet Ihr eine Einbuße an Leuten, so
+füllet Ihr das Heer aus den Schweizern, die sich nun überallhin
+vermieten, seit sie aus Mangel an Führung und an einem Staatsgedanken
+ihre schon gewonnene Weltstellung und ihre auswärtige Politik
+verscherzt haben."
+
+"Schade", redete Pescara mit sich selber. Er hatte eine Art
+Zärtlichkeit für die Schweizer, die er zweimal überwunden und von
+welchen er bei Bicocca, mit einer insbesondere gegen deren rasende
+Sturmläufe erfundenen Stellung des Geschützes, in wenig Minuten ein
+volles tollkühnes Tausend vernichtet hatte. Er liebte dieses tapfere
+Volk, obwohl er seine Speerwunde von Pavia dem Stoß einer
+Schweizerlanze verdankte. "Ihre Freiheit wird ihnen bleiben, aber
+schade", wiederholte er.
+
+"Eures Heeres sicher", fuhr der Kanzler fort--"Nehme ich Mailand",
+ergänzte Pescara. "Mein Plan ist entworfen."
+
+"Ihr braucht es nicht zu nehmen, da der Herzog ein Mitglied der Liga
+ist, deren Feldherr Ihr seid."
+
+"Richtig, das hatte ich vergessen. Auf alle Fälle, Mailand ist der
+Zentralpunkt. Und dann?"
+
+"Gebietet Ihr über die Truppen der Heiligkeit, Venedigs und Neapels,
+die Kleinern nicht zu nennen."
+
+"Halt, Morone! Neapel ist spanisch."
+
+"Nach Neapel habet Ihr dann Euren Neffen gesendet als Euren Vizekönig,
+der es durch seine Grausamkeit in wenigen Wochen unterworfen haben
+wird."
+
+"Als meinen Vizekönig? Ich König von Neapel? Seit wann trage ich
+die Krone?" fragte Pescara gelassen.
+
+"Siehe, die geflügelten Füße, die sie Euch bringen, sind vor Eurer
+Schwelle", sprach der Kanzler errötend.
+
+Die kalte Miene des Feldherrn erwärmte sich, wie von einem Strahle
+berührt, nicht aus einer Krone, sondern aus dem Lichtkreise seines
+nahenden Weibes. "Weiter geträumt, Morone", sagte er.
+
+"Einmal an der Spitze der vereinigten italienischen Waffen und in
+unnehmbaren Stellungen", fuhr der Kanzler mit erstaunlicher
+Sicherheit fort, "hindert nichts, daß Ihr Euch mit dem Kaiser
+auseinandersetzet, vielleicht sogar ohne Schlacht, denn ich weiß, daß
+Ihr, obschon, nein, weil der erste Feldherr der Zeit, das
+scharfsinnige Schachspiel und die umfassenden Berechnungen der
+Strategie jenen plötzlichen und immerhin blinden Entscheidungen der
+Wahlstatt vorziehet. Ich sage, vielleicht sogar ohne Blutvergießen,
+denn der Kaiser wird nicht so leicht einen neuen Feldherrn finden und
+ein zweites Heer in Italien zusammenbringen, nachdem er Euch und das
+Eurige verloren hat, wenigstens wenn ihm Frankreich und England zu
+thun geben, laut des von ihnen mit unserer Liga getroffenen Abkommens."
+
+"Ich kenne Euer Bündnis mit König Franz, sogar seinen Wortlaut", warf
+Pescara hin, "kann aber keinen Wert darauf legen. Der König verquält
+sich in seinem spanischen Kerker. Um eine Stunde früher auf ein
+gesatteltes Pferd zu springen, verrät er Eure Liga hundertmal, wie
+ich ihn zu kennen glaube."
+
+"Noch vor wenigen Tagen", beteuerte der Kanzler mit einem komischen
+Gesichte, "hat mir die Regentin Louise von Paris geschrieben, sie
+halte das Bündnis fest wie ihre Tugend--"
+
+Ein Pfiff durchschnitt das Gemach... der Kanzler horchte verwundert.
+Es mochte ein Vogel am Fenster vorbeigeschwirrt sein.
+
+"Es sind noch andere da, die den Kaiser beschäftigen", fuhr er fort,
+"der Halbmond und die deutschen Fürsten."
+
+"Der Halbmond, ja", urteilte der Feldherr. "Mit den deutschen
+Fürsten aber und selbst mit ihrer neuen Lehre könnte sich der Kaiser
+allenfalls vertragen. Meinst du nicht, Morone?"
+
+Dieser antwortete denkend: "Es scheint so, aber ist doch nicht, wenn
+ich richtig sehe. Jedenfalls nicht mit der neuen Lehre. Der Kaiser
+bedarf der Kirche für sein schweres und dunkles Gemüt, das er von der
+Mutter geerbt hat. Der neue Glaube verlangt kräftigere Seelen."
+
+"Verstehst du etwas von diesen Dingen, Kanzler?" fragte der Feldherr
+neugierig.
+
+"Wie sollte ich, Pescara? Ich bin wie du und wir alle ein Bewohner
+der Wirklichkeit, ein Kind der Helle, das mit der antiken Weisheit
+über das Ende hinaus nichts sieht als Larven und Scheinen und auf
+wogendem Nebel die riesigen Spiegelungen wieder dieses unsers eigenen
+und irdischen Daseins. Unter denen aber, welche mit dem Volke Gut
+und Böse glauben und Leib und Seele und die Fabel eines letzten
+Gerichtes, wird jetzt, wie du weißt, unversöhnlich gestritten über
+die beste Rüstung an jenem Tage der blasenden Posaune. Unsere kluge
+Kirche öffnet ihre Buden und legt verständig ihren Vorrat an guten
+Werken zum Verkauf aus. Der deutsche Mönch aber zankt und schreit:
+Das ist Plunder! Werft euer Geld nicht weg! Ihr habt es umsonst.
+Eure Schulden sind bezahlt. Glaubet es nur, und sie sind nicht mehr!
+Solches aber zu glauben, braucht es eine große Tapferkeit, denn es
+ist unter dem Unglaublichen das Unglaublichste. Doch bringen es
+diese deutschen Köpfe fertig, so brauchen sie gar keine Pfaffheit
+mehr und sind in ihrer trotzigen Sicherheit uns Italienern gewaltig
+überlegen, die wir ungläubig sind oder abergläubisch.
+
+Ich rede im groben, Pescara. Aber diese Vorstellungen, nichtig an
+sich, werden im Leben zu den realsten Mächten, die kein Staatsmann
+vernachlässigen darf. Und du mit deiner großen Aufgabe am wenigsten,
+Pescara, wenn du auch selbst ein Gottloser bist, wie ich dich kenne."
+Sein Lächeln blieb unerwidert.
+
+"Hier irrst du dich, Kanzler", sagte Pescara ernst. "Ich glaube an
+eine Gottheit, und wahrlich keine eingebildete. Doch in dem andern
+hast du recht. Ich habe es mit Augen gesehen. Am Abende meiner
+Schlacht"--er meinte die von Pavia--"sah ich im Lazarett zwei höchst
+frevelhafte Menschen sterben, einen Deutschen und einen Spanier,
+diesen unter seinen Reliquien und in den Armen zweier Priester
+zitternd und bebend, jenen allein, doch voller Zuversicht und Freude.
+Ich sprach ihn an, denn ich weiß ein paar deutsche Wörter, und
+erfuhr, daß er traue und trotze auf den reuigen Schächer. Doch
+lassen wir diese Farben der Seele. Zurück zu deiner Sache, denn ich
+meine, daß du noch nicht damit zu Ende bist." "Gewiß nicht, Pescara.
+Dann erst, wann du durch das Schwert oder durch ein listiges
+Abkommen den Kaiser außer Spiel gesetzt haben wirst, dann erst baust
+du deine Größe und Italiens Freiheit. Die zwölf Arbeiten des
+Herkules! Doch du rufst alle Seiten und Eigenschaften deines Wesens
+unter die Waffen: Geduld und Entschluß, Begeisterung und Berechnung,
+Arglist und große Gesinnung. Kein Teilchen von dir wird müßig gehen.
+Du kennst dich noch gar nicht, Pescara! Dann erst wirst du dich
+zeigen als der, welcher du bist, in deinem ganzen Wuchse: für das
+Volk ein furchtbarer und wohltätiger Dämon, für das Heer ein
+unfehlbarer Sieger, für den Patrioten der Vollender Italiens, für den
+Gelehrten der wiederaufgelebte römische Ehrgeiz, für die Fürsten,
+soviel du ihrer bestehen lässest, der herrschende Bundesgenosse. Du
+beutest alle Möglichkeiten und Begünstigungen des Jahrhunderts aus.
+Du wirst der Verteidiger des Papstes und eroberst ihm seine Städte
+und Provinzen zurück, die du für dich behältst; du reitest als
+Schiedsrichter zwischen der verröchelnden Republik und den Mediceern
+in Florenz ein, und sie gehorchen dir beide. Ja sogar die stolze
+Fürstin der Hadria zwingst du in deinen Machtkreis! Ich sehe dich",
+jubelte Morone, "wie du ihr Doge wirst und dich dem Meere vermählst.
+
+So wächsest du, bis dich und dein herrliches Weib auf dem römischen
+Kapitol tausend frohlockende Arme vergötternd in die Lüfte heben und
+dich ganz Italien als seinen König zeigen, welches du dann, wie dir
+jetzt, ich fürchte, noch nicht möglich ist, als deinen Besitz und
+deinen Ruhm ein wenig lieben wirst, damit endend, womit ich
+angefangen habe, denn allein meine Liebe zu Italien, das Beste, das
+einzig Gute an mir, wirft mich dir zu Füßen, du Kaltherziger!" Und
+er umfing das Knie des Feldherrn mit einer so inbrünstigen Gebärde,
+daß dieser aufspringend einer solchen Anbetung sich entzog, aber doch
+innerlich ergriffen schien, sei es, daß ihn diese Wahrheit des
+Gefühls in einem lügnerischen Geiste fesselte, sei es, daß sein
+mächtiger Verstand die angedeuteten Züge seiner und Italiens
+möglicher Größe unwillkürlich zu einem lebensfähigen Ganzen
+zusammenschloß.
+
+Er ließ den Kanzler und schritt mit über der Brust gekreuzten Armen
+mehrere Male langsam durch das Zimmer, zuletzt wie zufällig wieder
+vor ihm stehenbleibend. "Wie viele meiner Jahre verlangst du von mir,
+Morone?" warf er hin.
+
+"Viele, ohne Zweifel", versetzte der Kanzler. "Je mehrere, desto
+besser! Nur mit jenen langen und fruchtbaren Pausen, welche die
+Dinge still und unaufhaltsam wachsen lassen, unzerstörlich scheinende
+Hindernisse zernagen, die Gewissen abstumpfen und beruhigen und
+selbst das ursprünglich Frevle entsühnen und heiligen, nur auf
+solchen breiten und notwendigen Stufen ist Bleibendes im Staate
+erreichbar. Dein bester Verbündeter, Pescara, ist das Leben. Zehn,
+zwanzig, warum nicht dreißig Jahre, Pescara? Du stehst ja in der
+Fülle der Kraft und schöpfst nur so mit der Hand aus der
+überströmenden Quelle. Du hast deinen Schatz kaum noch angegriffen,
+und nicht zum wenigsten darum haben dich die unsterblichen Götter
+Italiens zu diesem deinem herrlichen Werke berufen, weil du, römisch
+gesprochen, ein Jüngling bist und dich noch lange kein Todesschatten
+berühren darf!"
+
+Ein plötzlich hervortretender harter und finsterer Zug hatte das
+Antlitz des Feldherrn verwandelt. Er traf den Kanzler mit einem so
+feindseligen Blicke, daß dieser um einen Schritt zurückwich. "Weißt
+du", drohte er, "daß, wenn mich mein Ehrgeiz überwältigen sollte, das
+erste Opfer dein Gebieter, der Sforza, wäre? Denn ich finge damit an,
+euer Mailand dem Bourbon zu geben, der mein Alterego, meine rechte
+Hand und ein Gonzaga ist. Ich würde es ihm gönnen! Überlieferst du
+mir den Sforza?"
+
+"Bei allen Göttern, nein!" schrie der entsetzte Kanzler. "Ich meinen
+Herzog verraten! Niemals! Nimmermehr! Und", rief er empört, "wie
+darfst du daran denken, Pescara, unsere reine und heilige Sache mit
+dem Borbone zu beflecken!"
+
+"Sehet diesen Menschen!" verhöhnte ihn Pescara. "Gibt es etwas
+Frecheres? Dem armseligsten Fürsten will er Treue halten, und mutet
+mir zu, sie meinem erhabenen Kaiser zu brechen! Sehet diesen
+unzusammenhängenden Geist! Er verlockt mich zum Verrat und will rein
+bleiben von Verrat!"
+
+"Das ist etwas völlig anderes", wehklagte der Kanzler. "Der
+Konnetabel hat sein Vaterland verraten, und du rettest es, indem du
+von einem Fürsten abfällst, welcher nicht der deinige ist. Meinen
+Herzog preisgeben, meinen holdseligen Herrn! Der Mohr wird mir im
+Traume erscheinen!"... er that einen erbärmlichen Seufzer... "Doch,
+dennoch, es sei! Aber jetzt, Pescara, widerstehe auch du nicht
+länger! Erbarmst du dich Italiens? Gib Antwort, Grausamer!", und
+die Tränen brachen ihm aus den Augen.
+
+"Heute nicht, Morone!" tröstete ihn Pescara. "Wir sind beide ermüdet
+und bedürfen der Ruhe. Es ist die Stunde der Siesta." Er klingelte.
+"Ippolito", unterwies er den Knaben, "führe den Herrn, der ein
+großer Staatsmann ist, in den Turmflügel. Der Haushofmeister soll
+ihm die ganze Zimmerreihe des Oberstockes öffnen und ihn sorgfältig
+bedienen und reichlich bewirten lassen. Ihr findet eine gewählte
+Bibliothek, Kanzler, und wollet Ihr Luft schöpfen, so steiget in den
+Garten hinab, er ist schattig und reicht bis an die Wälle. Ich lade
+Euch nicht zu Tafel, da ich Donna Victoria erwarte, der mein Abend
+gehört. Lasset Euch die Zeit nicht lange werden. Morgen sehen wir
+uns wieder."
+
+"Wie wird mir der Tag vergehen?" jammerte der Kanzler.
+
+"Alles geht vorüber. Noch eins: nähert Euch, ich bitte, den
+Wachtposten nicht, Ihr verstündet denn das Deutsche." Er sah den
+Kanzler erbleichen. "Fürchtet nichts", schloß er freundlich und
+entließ ihn.
+
+Wie er sich wieder umwendete, näherten sich ihm der Herzog und Del
+Guasto, die ihr Versteck verlassen hatten, beide in der höchsten
+Aufregung, der bleiche Bourbon mit fieberhaft geröteten Wangen, Del
+Guasto mit lodernden Augen. Pescara erriet, daß das belauschte
+Gespräch und der gezeigte Ruhm sie beide verführt und bezaubert hatte.
+Del Guasto lechzte nach Beute und der Herzog nach dem reinigenden
+Lorbeer. Noch schwiegen sie, aber ihre dringende und flehende
+Gebärde wollte sich in Worte verwandeln. Da schloß ihnen Pescara den
+Mund.
+
+"Herrschaften", sagte er, "hier wurde Theater gespielt. Das Stück
+dauerte lange. Habt Ihr nicht gegähnt in Eurer Loge?"
+
+Da schlug der Bourbon in plötzlich umspringender Stimmung eine gelle
+Lache auf. "Trauerspiel oder Posse?" fragte er.
+
+"Tragödie, Hoheit."
+
+"Und betitelt sich?"
+
+"Tod und Narr", antwortete Pescara.
+
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+
+Durch seine lange Zimmerreihe schritt der Kanzler von Mailand ruhelos
+auf und nieder. Die Fensterläden waren gegen die brennende
+Nachmittagssonne geschlossen, und nur durch eine Spalte schoß hin und
+wieder ein neckischer Strahl in die Dämmerung, einen grellen Streifen
+über die Fliesen ziehend, während die Tiefe der Gemächer im Geheimnis
+blieb. Doch nicht der schmalste Lichtblitz erhellte dem Kanzler die
+Seele Pescaras. Er hatte seinen ganzen Menschen preisgegeben,
+Pescara auch nicht ein Teilchen seiner selbst, und nicht nur ein
+Schuldiger und Geständiger war jetzt der Kanzler, sondern auch ein
+Gefangener oder nicht viel anders. Doch weit entfernt, daß seine
+Bloßstellung ihn gereut oder sein Halbgefängnis ihn geängstigt hätte:
+im Gegenteil, er schwelgte in der Großmut seiner völligen Hingabe.
+Nicht einmal sein schmählich verratener Herzog beunruhigte jetzt sein
+Gewissen, so gänzlich erfüllte ihn die Leidenschaft, sich Pescaras zu
+bemächtigen, und der Reiz seines Anschlages auf diesen einzigen
+Menschen, dessen große Haltung und ernstes Spiel in der eben
+beendeten Szene er aufrichtig bewunderte. Er setzte diese Szene fort:
+jedes Wort des Zwiegespräches wiederholte sich in seinem Ohr, und
+selbst jede Miene und Gebärde desselben bildete sich ab in seinen
+Zügen und schwang in seinen Muskeln fort--doch über Sinn und
+Tragweite des Gesprochenen verstrickte er sich in unlösbare, in
+tödliche Zweifel. Eine Auslegung nach der andern verwarf er, um
+zuletzt zu dem wahrscheinlichen Schlusse zu kommen, noch sei Pescara
+ungewiß, noch liege er im Kampfe mit sich selber.
+
+Da gedachte er sehnsüchtig der Bundesgenossin, die jede Stunde, jede
+Minute ihm bringen konnte, und der Wert Victoria Colonnas deuchte ihm
+unermeßlich. Nur eine solche konnte einen solchen besiegen. Nicht
+ein aufstachelndes, herrschsüchtiges Weib, wie damals deren manches
+in Italien sein Wesen trieb, sondern die edelste Frau der Zeit führte
+seine Sache, und in dieser jede Schönheit und Tugend Italiens
+verkörpernden und von seinen Freveln und Sünden freien Gestalt
+erschien ihm sein Vaterland so unvergleichlich und der Ruhm, es sich
+selbst wiederzugeben, so einzig, daß hier sogar ein Pescara und
+gerade ein Pescara unmöglich widerstehen konnte. Ein mit
+unsittlichen Mitteln wirkendes Bündnis verklärte sich in diesen
+himmlischen Augen zu einer Reinheit, die den Namen einer "heiligen
+Liga" in einem freien und weltlichen Sinne rechtfertigte. Die
+Bewunderung des göttlichen Weibes, welches, wie er glaubte, Italien
+zu retten berufen sei, wurde dem Kanzler zur Anbetung und seligen
+Inbrunst, denn er war der erhabensten und der gemeinsten Gefühle in
+gleicher Weise und Stärke fähig.
+
+Jetzt, da die gewonnene Zuversicht sein Inneres erhellte, verlangte
+es ihn nach dem Tageslichte, er stieß einen Laden auf und stand, sich
+umblickend, in dem sogenannten Schlangensaale, von welchem sein
+Herzog ihm oft erzählt, den er selbst aber noch nie gesehen hatte.
+Über dem Getäfel lief die vier Wände entlang ein gemaltes Geflechte
+von Schlangen, je zweie sich umwindend, die eine der feuerspeiende
+Drache der Sforza, die andere das entsetzliche Wappenbild der
+Visconti, die Schlange mit dem Kind im Rachen. Legende oder Wahrheit,
+der süße Lionardo da Vinci galt als der Schöpfer des scheuseligen
+Kranzes: während seines langen Dienstes bei dem Mohren habe er einmal
+im herzoglichen Hause zu Novara sich aufgehalten und in wenigen
+Stunden dieses Spiel einer grausamen Laune begonnen und beendigt
+unter dem Vorwande einer Verherrlichung seines Fürstenhauses. Keine
+Unmöglichkeit, denn der Bildner des zärtlichsten Lächelns liebte
+zugleich die Fratze und das Grauen. Zuerst mit ergötzten, bald mit
+beängstigten Augen betrachtete der Kanzler den wilden Ring, das Werk
+einer unerschrockenen Einbildungskraft, die sich daran geübt hatte,
+den Ungetümen und dem nackten Kinde in dem verschlingenden Rachen
+eine Folge von natürlichen Bewegungen zu geben. Dann plötzlich
+erschien es ihm, als lebe und drehe sich das Gewinde. Der Kanzler
+wendete sich schaudernd und trat wieder an das Fenster.
+
+Er erblickte den einsamen Schloßgarten, der sich unter einem weiten
+Gewölbe von Bäumen in tiefdunkle Schatten verlor. Darüber das
+blendende Lichtmeer, und hin und wieder ein Bruchstück der gezackten
+Stadtmauer. Nur in einiger Entfernung stieg aus dem üppigsten Grün
+auf drei Terrassen eine kleine Villa, im Winkel und von zwei Seiten
+sichtbar, deren jede ein Bild bot, jene mit einem Turmbau endigend,
+diese in einen weinumwundenen Säulengang verlaufend. Es wollte
+Morone scheinen, das anmutige Landhaus, dessen Teile leicht
+auseinander herauswuchsen, müsse für Victoria bestimmt und der
+Gedanke Pescaras sein, der ihr nicht in einem schweren und von dem
+Schritte der Wachen dröhnenden Schlosse, sondern an einer gefälligen
+und friedlichen Stätte liebenden Empfang bereite. Auch deutete
+mancherlei drüben hin und her eilende Dienerschaft auf das Kommen
+eines Gastes, und jetzt glaubte er aus der entgegengesetzten Richtung
+den Lärm einer Ankunft zu vernehmen. Da litt es ihn nicht länger in
+den unbehaglichen Räumen, er suchte Treppe und Pforte und wandelte
+bald in einem grünen Schattenreiche.
+
+Seine Schritte führten ihn in ein weites Rondell, wo das lieblichste
+Halbdunkel herrschte und in dessen Mitte ein Brunnen seine
+schimmernde Schale mit einer langsam strömenden Flut durchsichtig und
+einschläfernd verschleierte. Vier breite Marmorsitze standen im
+Umkreise. Auf einem derselben, dessen Lehnen zwei Sphinxe bildeten,
+schlummerte der Feldherr, das Haupt über die Brust gesenkt.
+
+Nach einem leichten Erstaunen näherte sich Morone auf vorsichtigen
+Füßen, um das schlafende Antlitz zu belauschen, ob nicht die jetzt
+willenlose Miene den verschwiegenen Gedanken abbilde und ausdrücke.
+Lange stand er davor. Nein, es träumte nicht ehrgeizig, dieses Haupt,
+noch sann es Verrat, sondern seine unbeherrschten Züge trugen, ohne
+die Spur von Triumph und List, einen Ausdruck, der kein anderer sein
+konnte als der des Leidens und der Entsagung. Wie Morone es
+betrachtete, erstarrte seine eigene aufgeregte Miene, denn die des
+stillen Hauptes war so überredend, daß auch ihn eine fatalistische
+Stimmung unwiderstehlich erfaßte, eine Gewißheit von dem Nichts der
+menschlichen Pläne und der Allgewalt des Schicksals. Nichts anderes
+sagte das mächtige Antlitz als Frömmigkeit und Gehorsam.
+
+Da legte sich unversehens eine Hand auf die Schulter des Kanzlers.
+Nach einem kleinen gespenstischen Schrecken, als ob ihn der Geist des
+vor ihm Schlummernden von hinten berühre, wandte er sich und
+erblickte einen gelben Schädel und eine von Alter gebrochene Gestalt.
+Zwei braune kluge, aber unendlich wehmütige Augen waren ihr einziges
+Leben.
+
+"Numa! Wahrhaftig, du hast mich erschreckt."
+
+"Ich glaube es. Aber komm, Kanzler. Lassen wir ihn schlummern und
+setzen uns dort gegenüber, daß ich ihn von ferne beobachte." Sie
+thaten es, und der Arzt, der wohl achtzig zählen mochte, doch sein
+feines Gehör bewahrt hatte, ließ sich mit dem Kanzler in ein
+lispelndes Gespräch ein. "Du glaubst gewonnen zu haben?" fragte er.
+
+"Ich weiß nicht", sagte der Kanzler. "Est in votis."
+
+"Enttäusche dich, Girolamo! Ich sage dir, auch wenn er wollte, so
+kann er nicht."
+
+"Er könnte nicht? Warum? Das tönt geheimnisvoll. Welcher Gott oder
+welche Göttin verbietet es ihm? Kreuzige mich nicht! Rede!"
+
+"Dürfte ich reden, ich hätte dir von der Schwelle meines Hauses und
+aus Novara weggewinkt, aber meine Lippen sind gebannt. Doch ich darf
+dich, du Ärmster, auch nicht in dein Verderben stürzen lassen. Du
+verlierst hier deine Worte und vielleicht dein Leben. Er kann nicht,
+beteure ich dir! Es ist ihm versagt. Es ist ihm nicht beschieden.
+Fliehe! Es ist alles umsonst."
+
+"Fliehen? Vor Pescara? Ich denke nicht daran und halte ihn fest
+umschlungen! Bei allen Dämonen, warum ist es ihm nicht beschieden?"
+
+Da hauchte der Arzt, daß ihn Morone kaum verstehen konnte: "Ist nicht
+aller sterbliche Wandel in Zeit und Raum? Beide aber versagen diesem."
+
+Er legte den Finger auf die Lippen, ihnen Schweigen gebietend, und
+dann gleich zum andern Male, um den Kanzler auf nahende Schritte
+aufmerksam zu machen. "Still! Siehe!" flüsterte er. Auf leisen
+Sohlen kam Victoria Colonna in den weiten grünen Saal, den Gatten an
+seinem Lieblingsplatze suchend. Noch trug ihr Kleid den Staub der
+Straße; sie mochte kaum vom Pferde geglitten sein. Da sie ihn
+schlummern sah, blieb sie stehen und verlor sich in seinem Anblick.
+Dann zerfloß sie plötzlich in Tränen, aus einem Übermaß der Freude,
+oder es erschreckte sie der heilige Ernst der geliebten, nun von
+Mühen und Wunden tiefer gegrabenen Züge. Wenige Augenblicke aber,
+und sie trat zu ihm. Mit unendlicher Liebe legte sie die Hand unter
+das strenge Haupt, und es sachte hebend, weckte sie es mit
+inbrünstigen Küssen. Pescara öffnete die Augen. Sanft drückte er
+sein Weib an die rechte Brust und gab ihr einen Kuß auf die Stirne.
+
+Da sich der Feldherr erhob, hatte sich Morone in einer seltenen
+Regung von Keuschheit weggeschlichen, und Pescara sah nur den Arzt
+vor sich. Die Linke um Victoria schlingend, ergriff er mit der
+Rechten die Hand Numas und sprach zu seinem Weibe: "Das ist mein
+Arzt", und diese, in ihrer feurigen Art, bog das Knie und bedeckte
+die schlaffe Hand mit Küssen. "Sie hat die Wunde meines Helden
+geschlossen!" jubelte sie voller Dankbarkeit. Dann aber richtete sie
+sich auf und fragte in tiefer Erregung: "Messer Numa Dati?"
+
+Der Alte verneigte sich.
+
+Und Victoria, von ihrem warmen Herzen hingerissen, wendete sich an
+den Gemahl, Mund gegen Mund, und klagte: "Ehe wir uns freuen, mußt du
+mir und diesem Recht schaffen! Unser Neffe hat ihm die Enkelin
+verleitet und weigert sich, der Frevler, seine Schuld durch die Ehe
+zu sühnen!"
+
+"Ist es so, Numa?" sagte der Feldherr, und da der Greis traurig
+bejahte: "Warum hast du mir das verheimlicht?"
+
+"Anfangs, Herrlichkeit, war es eine bloße Vermutung, da sie mein Haus
+und Novara heimlich verließ. Und wie durfte ich Euch, der sein
+eigenes großes Schicksal trägt, mit dem kleinen eines Mädchens
+beschäftigen? Erst heute erhielt ich Gewißheit, durch ein Schreiben
+aus Rom, von der Äbtissin, in deren Kloster das arme Kind sich
+geflüchtet hatte."
+
+Jetzt drängte sich Victoria flehend an die linke Seite ihres Helden,
+der unter dem Drucke des Frauenleibes einen körperlichen Schmerz zu
+empfinden schien. Um ihn zu verbergen und zu verwinden, that er ein
+paar Schritte vorwärts.
+
+Die dreie standen vor den spielenden Lichtern des Brunnens.
+"Schönste Frau, mich hat herzlich verlangt, Euch wiederzusehen",
+sagte der Feldherr, "und da bist du ja, meine Seele!" Er blickte ihr
+in die strahlenden Augen. "Aber deine edeln Lider sind ja noch ganz
+bestäubt von der Reise. Dein Tuch!" Sie gab es ihm, der es netzte,
+und schloß die Augen, während er ihr Stirn und Lid und Wange wusch
+und badete.
+
+"Ich erinnere mich deiner Enkelin ganz wohl, Numa, obwohl ich sie
+kaum gesehen habe. Tiefblaue Augen und kastanienbraune Haare, wie
+diese da, nicht wahr, und Julia heißt sie? Was ihre Sache betrifft,
+die dünkt mich schwer und tragisch. Nicht daß ich anstünde, den
+Bösen, den du kennst, Victoria--auch ich kann ihn nicht anders
+nennen--zur Ehe mit ihr zu zwingen, er würde sich fügen, ohne Zweifel,
+denn er ist mein Geschöpf und ich habe Macht über ihn. Aber ich
+frage mich, ob es gut sei, die Verschmähte an einen Herzlosen und
+Grausamen zu fesseln, der freilich durch seine Vermessenheit und
+Begabung in der Welt die höchsten Stufen erreichen wird. Und sie
+selbst? Wird sie es verlangen? Glaubst du, Victoria? Hat sie es
+verlangt, die sich dir in Rom zu Füßen geworfen hat, wie ich vermute,
+da du sie kennst?"
+
+"So that sie", sagte Victoria mit flehender Stimme.
+
+"Ertrug sie deinen reinen Anblick? Und im Ernst, du willst sie dem
+Manne geben, der sie verschmäht? Wenn sie mein Kind wäre, ich
+vergrübe sie ins Kloster. Ihr aber seid menschlich und barmherzig,
+Madonna. Und wer weiß, vielleicht liebt sie ihn noch, oder liebt und
+haßt ihn zugleich--ich verstehe das nicht. Doch ich will mich ihrer
+annehmen, sie habe die Wahl."
+
+Jetzt öffnete der Arzt den welken Mund. "Arme Julia! Welche Wahl!
+Selig, daß sie ihrer überhoben ist!"
+
+"Wodurch?" fragte Pescara.
+
+"Durch eine dunkle, aber weise Gottheit."
+
+"Ich verstehe", sagte der Feldherr rasch, "sie lebt nicht mehr."
+
+"Du sagst es, Herrlichkeit."
+
+"Sie hat sich ein Leides gethan?" wehklagte Victoria.
+
+"Da sei ihr Schutzengel davor!"
+
+"Wer weiß es? Als sie in ihr Kloster zurückkam, nachdem sie sich
+Euch geoffenbart, ist sie gestorben. Ihr Geständnis muß sie getötet
+haben, und der Anblick Eurer Reinheit, Madonna, wie die Herrlichkeit
+es gewollt hat. Vielleicht ein Herzschlag, vielleicht--das willige
+Mädchen ist mir in meiner Apotheke oft mit Verständnis und Geschick
+beigestanden."
+
+Jetzt urteilte der Feldherr: "Das bleibe unberedet. Sie ist
+eingegangen in den Frieden und steht jetzt in Dienst und Pflicht
+einer heiligen Macht, die unserer erbärmlichen Gerechtigkeit spottet."
+
+Victoria weinte, und der Greis flehte: "Ich kann nicht mehr! Es sei
+gut!"
+
+"Ja, es ist gut", schloß der Feldherr.
+
+Dann bot er Victoria die Hand und sagte leichthin: "Edle Frau, ich
+habe Euch und mir, solange wir zusammen sein dürfen, ein helleres
+Haus gerüstet als dieses alte Schloß mit seinen plumpen Deckenbalken,
+diese Wohnung des Verrates, denn auf seiner Zugbrücke wurde der Mohr
+ausgeliefert. Sehet Ihr dort bei den Pinien die anmutige Baute,
+Madonna? Die habe ich Euch bestimmt: sie ziemt Eurem klaren Wandel."
+
+Sie durchschritten den Park und langten am Fuße der drei Treppen an,
+wo der greise Arzt stehenblieb, Atem schöpfend und den Feldherrn
+zurückerwartend. Da Victoria die dritte Treppe erstieg, erblickte
+sie zwei Bildwerke, welche rechts und links die höchste Stufe
+schmückten. "Das hat der junge Franz Sforza ersonnen, an welchem
+sein guter Geschmack immer noch das Beste ist", plauderte Pescara.
+"Diese Gruppen sind hübsche Gedanken aus seinem flüchtigen Kopfe.
+Die rechts zum Beispiel. Erst konnte ich nicht aus ihr klug werden,
+so sehr sie mir gefiel. Da sagte mir der Gärtner die Inschrift, die
+sie anfangs trug, die aber der feine Herzog verschwinden ließ, damit
+der Beschauer fühle und rate. Sie lautete... doch das bringst du
+heraus, Geliebte?"
+
+Victoria, nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die linke Gruppe,
+ein ungebunden kosendes Paar geworfen hatte, betrachtete lange Zeit
+die rechte. Es waren zwei weibliche Gestalten, eine liegend und
+etwas wie eine Blume oder einen Schmetterling leichtsinnig
+zerpflückend; die andere stand, innig vertieft in sich selbst, oder
+in die Ferne verloren. Alle drei Mädchen aber, das kosende, das
+vergessende, das sich sehnende, hatten unter verschiedenem Ausdrucke
+das gleiche Gesicht. Victoria sann. Da blies ihr der Feldherr
+mutwillig ins Ohr, wie in der Schule ein Knabe einem Mädchen: "Tu die
+Augen auf, ein paar Buchstaben sind noch lesbar." Victoria entdeckte
+links, schwach ausgeprägt: Pres..., rechts aber unterschied sie etwas
+deutlicher: Ass... "Presenza und Assenza", ergänzte sie beschämt,
+und der Feldherr sagte: "Die Gegenwart ist frech. Die Abwesenheit
+aber, die vergißt, ist gedankenlos. Ich preise die gegenwärtige
+Abwesenheit: die Sehnsucht."
+
+"Wir werden uns nicht mehr trennen, Ferdinand, wenn du mich lieb hast."
+
+"Nur noch einmal. Für einige Tage, höchstens eine Woche, Madonna,
+bis ich Mailand werde genommen haben. Ihr folget mir, und forthin,
+wenn Ihr wollt, trennen wir uns nicht mehr. Es liegt an dir,
+Victoria", sagte er zärtlich.
+
+"Ob ich will!"
+
+"Erinnerst du dich, Geliebte", scherzte er wiederum, "daß du mir
+einmal in Ischia am plätschernden Strande gesagt hast, du begreifest
+nicht, wie ein Weib, das geliebt habe, jemals einem Zweiten gehören
+könne? Es widerspricht der Liebe, sagtest du. Freilich, aber es hat
+Erfahrung und menschliche Natur für sich. Assenza, Assenza!"
+
+Jetzt erhob sich Victoria zu ihrem ganzen stolzen Wuchs und streckte
+den herrlichen Arm, von welchem der Ärmel zurückfiel, gegen den
+leuchtenden Himmel und schwur: "Nie gehöre ich einem andern, bei den
+reinen Strahlen dieser Sonne!"
+
+Der Feldherr beschwichtigte: "Dort stehen deine Kammerfrauen, Kind,
+und bestaunen dein Gelübde, das sie dir wahrlich nicht nachtun werden."
+Er winkte den in ehrerbietiger Entfernung harrenden Zofen und
+beurlaubte sich bei der Marchesa. "Ihr werdet Euch umkleiden, Herrin,
+und ich selbst habe noch bis zur Abendstunde zu thun. Auf
+Wiedersehen hier, nach Sonnenuntergang, zum Spätmahle." Er wendete
+sich und ging, ohne nach ihr sich umzublicken. Unten an der Treppe
+nahm er den Arm des greisen Arztes, langsam mit ihm durch einen
+Zypressengang nach dem Schlosse zurückwandelnd. "Wie war die Nacht
+Eurer Herrlichkeit?" fragte der Alte.
+
+"Wie gewöhnlich", antwortete Pescara. "Du hast gegen deinen
+Gastfreund reinen Mund gehalten, Numa?"
+
+"Ich erinnerte mich Eures Befehles... Aber wie möget Ihr mit dem
+Kanzler und meinem armen Italien dieses grausame Spiel treiben! Wie
+dürfet Ihr es?"
+
+"Ich spiele mit Italien, sagst du? Im Gegenteil, deine Landsleute,
+Numa, spielen mit mir: sie heucheln Leben und sind tot in ihren
+Übertretungen und Sünden."
+
+Sie gingen eine Weile schweigend. "Weißt du, Numa", spottete jetzt
+der Feldherr, "daß mich neulich ein Astrologe besucht und mir das
+Horoskop gestellt hat? Er schätzte mich auf sechzig Jahre, ich fand
+das wenig."
+
+Der Greis seufzte.
+
+Wieder wandelten sie wortlos. Vor der schmalen Pforte der Burg
+beurlaubte Pescara den Alten. "Meine Feldherrn erwarten mich, Numa,
+ich habe sie auf diese Stunde beschieden." Da beschlich ihn noch ein
+Mitleid mit den guten braunen Augen und dem zahnlosen Munde, und er
+sagte freundlich: "Fürchte nichts, Numa. Ich werde dein Italien
+nicht mißhandeln, ich werde gerecht und milde verfahren."
+
+In seinem Vorsaale fand der Feldherr den Herzog von Bourbon und Leyva
+sich gegenüberstehen, zwischen ihnen Del Guasto, als ob er sie
+auseinanderhielte, und dann noch einen vierten, der in einer
+Fensterbrüstung lehnte. Dieser war ein vornehmer Mann in Jahren,
+halb Mönch, halb Weltmann, mit einem bronzefarbenen Kopfe und tiefen,
+unergründlichen Zügen, in einen kuttenähnlichen weißen Mantel gehüllt.
+Wie Pescara ihn erblickte, schien der Feldherr leicht zu schaudern,
+ging aber auf ihn zu und begrüßte ihn.
+
+"Was verschafft mir die Ehre, Moncada?"
+
+Der andere erwiderte: "Erlaucht, ich bin in Sendung und ersuche im
+Namen des Vizekönigs um eine Unterredung."
+
+"Ich gewähre sie", versetzte der Feldherr, "aber ich bitte Eure Gnade,
+sich kurz zu fassen am Vorabende des Feldzugs."
+
+"Eine geheime Unterredung."
+
+Pescara besann sich. "Eine geheime? Nicht, Ritter. Geschäftliches
+würde ich diesen zwei Herrschaften, meinen Kollegen, nicht
+vorenthalten. Ersparet mir die Mühe. Mein Neffe hier ist
+verschwiegen. Was ist Euer Auftrag? Sprechet, Ritter!" Er bot
+Moncada keinen Stuhl.
+
+Dieser musterte die anwesenden Gesichter. "Nach Eurem Willen", sagte
+er. "Erlaucht, der Vizekönig ist in tiefster Besorgnis. Die
+italienische Liga ist eine Thatsache, an welcher Erlaucht nicht
+zweifelt, da Sie durch Leyva den Vizekönig um Truppen ersuchen ließ,
+welche dieser freilich nicht entbehren kann, selbst ihrer bedürftig,
+um im Falle des ausbrechenden Krieges eine ehrfürchtige, aber
+drohende Bewegung gegen die irregegangene oder mißleitete Heiligkeit
+zu machen. Erlaucht gibt zu, daß unsere Heere im Süden und Norden
+der Halbinsel zusammenwirkend in denselben Plan eingreifen müssen.
+In diesem Sinne sendet mich der Vizekönig, Euch zu begleiten und ihn
+auf dem laufenden zu halten. Genehmigt Erlaucht?"
+
+Der Feldherr bejahte, seinen Unmut niederkämpfend.
+
+"Ein anderes", fuhr Moncada fort. "Ich bedaure, daß Ihr mich nicht
+geheim empfangen habet, aber ich ergreife den Augenblick. Es wird
+gewünscht in Madrid, daß Erlaucht, wenn Sie Mailand erobert haben
+wird, dort zum Heile der Monarchie, und um das Übel mit der Wurzel
+auszurotten, streng und durchgreifend verfahre. Es wird geraten: der
+abtrünnige Herzog werde in Ketten gelegt und nach Spanien gesendet;
+der trotzige lombardische Adel verliere seine Güter und besteige das
+Schafott; starke Besatzung und schwere Kriegssteuer bändige den
+Bürger; der Schrecken herrsche in Mailand!" Er suchte in der Miene
+des Feldherrn zu lesen.
+
+Dieser stand ruhig. "Der Schrecken?" wiederholte er. "Niemals,
+solange ich lebe und meinem Kaiser diene! Mailand ist Reichsgebiet,
+und der Kaiser will nicht, daß das Reich mißhandelt werde. Wer
+wünscht? Wer rät? Verschonet mich mit Räten und Wünschen, Moncada,
+ich brauche sie nicht."
+
+"Hat der Herzog um Aufschub gebeten?" fragte Moncada mißtrauisch.
+
+"Nein, Ritter."
+
+"Durch seinen Kanzler?"
+
+"Der Kanzler der Hoheit von Mailand bewohnt seit heute diese Burg.
+Eure Gnade kann ihn sprechen und sich bei ihm selbst erkundigen, Sie
+wird ihm damit ein Vergnügen machen, denn ich fürchte, daß er sich
+langweilt."
+
+"Erlaucht hat ihn nicht empfangen? Keine Neugierde läßt mich fragen,
+sondern das Interesse der königlichen Sache, welcher wir alle hier
+dienen."
+
+"Ich habe den Kanzler gesprochen, heute morgen, zwei Stunden."
+
+Diese Aufrichtigkeit setzte Moncada in Erstaunen, aber sie sagte ihm
+nichts Neues. Er war durch die spähenden Ohren, welche er unter dem
+Gesinde Pescaras besoldete, von der Ankunft und der Audienz Morones
+genau unterrichtet.
+
+"Eine lange Beredung, da doch allein von der Unterwerfung des Herzogs
+die Rede sein konnte."
+
+Pescara schwieg. Geheimer Abscheu, so schien es, verbot ihm, den vor
+ihm Stehenden nur eines Wortes zu würdigen über das Nötige hinaus.
+
+"Ich wundere mich", sprach Moncada weiter, "daß Erlaucht nicht kurz
+abgebrochen, und ich erstaune, daß Sie diesen Niederträchtigen
+überhaupt empfangen hat, jetzt, da jene Verleumdungen über Erlaucht
+Italien erfüllen."
+
+"Nicht weiter! Jedes Wort wäre eine Beleidigung und ein Zeitverlust!
+Ich habe diese Lügen meinem Kaiser berichtet. Das genügt. Ich
+kenne meine Feinde..."
+
+"Weise. Und ebenso weise, wenn Erlaucht Ihrer Unterredung mit Morone
+unverdächtige Zeugen gegeben hätte."
+
+"Das geschah", erwiderte Pescara verächtlich. "Diese Herrschaften
+hier." Bourbon und Del Guasto nickten. "Was aber den Inhalt der
+Unterredung betrifft, nach welchem Ihr neugierig zu sein scheinet, so
+werdet Ihr ihn der Antwort entnehmen, welche ich in Eurer Gegenwart,
+wenn Ihr es wünscht, dem Kanzler morgen zu geben gewillt bin, bevor
+er meinem Heerzug als ein Gefangener folgen wird. Hier in diesem
+Saale. Nun aber lasse ich Euch." Und er entfernte sich in sein
+inneres Gemach, wohin die drei andern ihm folgten.
+
+Moncada stand allein. "Eine Maske", überlegte er, "eine durchdachte
+Maske. Welch ein Antlitz verbirgt sie?... Ich werde es wissen...
+Du entrinnst mir nicht, ich umschwebe dich, Pescara!" Er ging
+langsam weg in streitenden Gedanken.
+
+Während die drei Feldherrn drinnen den Krieg vorbereiteten, blieb der
+Vorsaal eine Weile leer und unbehütet. Der Page Ippolito hatte sich
+zu der Herrin hinübergeschlichen, deren Ankunft er belauscht hatte
+und deren Schönheit und Leutseligkeit er kindlich bewunderte. Er
+brannte, sie zu begrüßen und ihr seine Dienste zu bieten. Dann aber
+bevölkerte sich der feierliche Saal mit einer lustigen Gesellschaft.
+Die fünf silbergrauen Windspiele des Konnetabel, närrische, noch ganz
+junge Tiere, hatten irgendeinen unbewachten Eingang in das Schloß
+gefunden und beschnoberten jetzt die Spalten der Türe, hinter welcher
+sie ihren Herrn vermuteten. Diese Rasse war Modesache. Nun kam auch
+der Windhund des Marchese, ein edles Tier und ein unermüdlicher
+Läufer, zu sehen, was es gebe, und war nicht sehr erbaut von dieser
+leichtsinnigen Sippe, die ihm nicht in diesen ernsten Raum zu gehören
+schien und der er knurrend sein Mißfallen kundgab.
+
+Siehe, da erschien noch ein zartes, zierliches Windspiel, ein
+schneeweißes Geschöpf von den feinsten Formen, das auf schimmerndem
+Silberhalsband die Inschrift trug: "Ich gehöre der Victoria Colonna."
+Zuerst mit Freude und Bewunderung empfangen, wurde das schmucke
+Spielzeug bald zu einem gejagten und gehetzten Wilde, hinter welchem
+die ganze jugendliche Meute kläffend im Kreise herumfuhr. Da kam der
+Page hereingesprungen, nahm das Eigentum der Herrin, welche ihn
+danach gesendet haben mochte, in die Arme und flüchtete es aus dem
+Tumulte, die wilde Jagd hinter sich ziehend, den besonnenen Läufer
+des Pescara ausgenommen. In demselben Augenblicke trat Leyva aus dem
+innern Gemache und beschleunigte die allgemeine Flucht, indem er dem
+hintersten Hündchen des Konnetabel einen Tritt versetzte, daß es
+winselnd durch die Luft flog.
+
+Der ergraute Feldherr hatte einen zornroten Kopf und ließ sich von
+Pescara, der ihn geleitete, kaum mehr an der Hand zurückhalten.
+"Leyva", sagte der Marchese, "ich bitte Euch, bleibt! Beherrschet
+Euch! Ich kann Euch nicht zwingen, gegen den Herzog gerecht zu sein,
+aber beobachtet wenigstens die Formen! Der Herzog benimmt sich
+musterhaft gegen Euch, mit tadelloser Courtoisie, Ihr aber zoget ihm
+die grinsende Miene eines Bauers, und jetzt lauft Ihr weg, ehe unsere
+Beratung geschlossen ist. Das ist kein Betragen, wie es sich für
+Eure Stellung und Euer Verdienst geziemt." "Ich konnte den Verräter
+nicht länger ertragen, Pescara! Mit jeder Miene, jeder Bewegung hat
+mich der Hochmütige beleidigt! Nichts als Hohn! Seine Kälte
+verachtet mich, und seine Verbeugungen spotten meiner. Ich möchte
+wissen, woher er das Recht nimmt, auf mich herabzusehen. Ich stehe
+über ihm, trotz seiner hohen Geburt, denn meine Ehre ist rein, und
+ich bin ein treuer Knecht meines Königs, den seinigen aber hat er
+verraten! Er ist gezeichnet und sein glattes Gesicht garstiger als
+meine Wunde hier! Doch nicht alle Fürsten verachten mich, es gibt
+deren, die meinen Wert kennen. So dieser verständige Moncada, mit
+dem ich gereist bin. Der wenigstens hat mich seines Vertrauens
+gewürdigt."
+
+Pescara wurde sehr ernst. "Leyva", sagte er, "Ihr gebet mir die
+Genugtuung, daß ich Euch immer für voll genommen habe. Ich frage
+nicht nach der Geburt, sondern ich nehme den Menschen, wie ich ihn
+erprobe. Habet Ihr mich je hochmütig gesehen oder kleindenkend
+erfunden? Du hast nichts gegen mich, Alter", sagte er zutraulich,
+"wir kennen uns." Er suchte mit den hellen grauen Augen die des
+Mitfeldherrn, der sie ihm aber, den Kopf senkend, hartnäckig entzog.
+"Nichts", murrte Leyva, "außer daß Ihr Freundschaft haltet mit dem
+andern. Doch ich habe Eile: Erlaucht schickt mir die Instruktionen
+nach. Ich besitze dergleichen gerne schriftlich. Leyva tut seine
+Pflicht. Zählt darauf!"
+
+Der Feldherr ließ ihn gehen und streichelte nachdenklich den feinen
+Kopf seines Windspieles, das ihm denselben in die Hand zu legen
+gekommen war.
+
+Dann trat er in sein Gemach zurück, wo er Bourbon und Del Guasto in
+einem aufgeregten Gespräche fand, wohl über den Kanzler, denn sie
+deuteten mit den Blicken in der Richtung der Turmgemächer. Der
+Feldherr lächelte. "Herrschaften", sagte er, "Ihr habet heute morgen
+eine wunderbare Rede belauscht und--noch wunderbarer--diese Rede hat
+mich nicht verführt, aber Euch, meine Zeugen. Meine Treue blieb fest,
+und die Eurige wurde erschüttert, wie ich glaube: ein Triumph, den
+der Kanzler nicht beabsichtigte, der ihm aber schmeicheln darf."
+
+Jetzt wendete er sich mit veränderter Miene gegen Del Guasto: "Don
+Juan, ich sah Eure Augen habgierig nach Beute flammen. Danket es mir,
+daß ich Euch nicht zu Worte kommen und Euern Herrn, den Kaiser,
+verraten ließ. Denn gerade Ihr, Don Juan, müsset der Majestät
+unverbrüchliche Treue halten, wenn Ihr nicht ein Verbrecher werden
+wollet. Treue am Fürsten ist die einzige Tugend, deren Ihr zur Not
+fähig seid, und der letzte Ehrbegriff, der Euch übrigbleibt. Sie
+wird Eure Unerbittlichkeit adeln, wenn Ihr dieselbe gegen Abfall und
+Empörung ausübet, und Eure grausamen Triebe werden der irdischen
+Gerechtigkeit dienen. Nehmet das als meinen wohlgemeinten Rat, und
+nun gehet und vermeidet heute die Augen Donna Victorias. Euer
+Anblick ist ihnen verhaßt, sie können einen Mörder nicht ertragen."
+
+"Einen Mörder?" Don Juan lehnte sich auf.
+
+"Einen Mörder. Kennet Ihr Euer Opfer noch nicht? Ich nenne es Euch:
+es ist Julia, die Enkelin meines Numa Dati, gestorben in Rom am
+gebrochenen Herzen, und Ihr seid es, der sie umgebracht hat. Ihr
+geschah wohl, aber das mindert Euren Frevel nicht im geringsten.
+Fürchtet nicht, daß sie Euch erscheinen werde, sie ist versenkt in
+die Ruhe und überläßt Euch den Furien Eurer Seele, zu früher oder
+später Reue."
+
+Del Guasto erbleichte, und sein Haar sträubte sich wie ein Gewirr von
+Schlangen. Nicht seine That erschreckte ihn, aber der furchtbare
+Richterernst des Feldherrn, dessen vernichtende Strafgewalt von
+jenseits des Grabes zu kommen schien. Er entwich bestürzt vor den
+Blitzen dieses Auges.
+
+"Familienangelegenheiten", bemerkte Bourbon. "Aber weißt du,
+Ferdinand, daß der Kanzler mich mehr, als du denkst, begeistert hat?
+Trotz seiner Schmähungen--er ist der einzige, dem ich nichts
+übelnehme--war er auf dem Wege, mich völlig zu betören, oder vielmehr,
+du hast mich betört, da du sagtest, ich sei dein Alterego und du
+würdest mir Mailand geben. Du hast dich über mich lustig gemacht,
+und ich Stumpfsinniger habe den Spaß nicht verstanden."
+
+"Vergib, Karl! Ich war neugierig, ob der Kanzler seinem Herzog Treue
+hielte. Aber glaube mir, Karl, auch dir bleibt nichts als die Sache
+des Kaisers. Der Niedergang Italiens ist unaufhaltsam, es unterhöhlt
+sich selbst. Besieh dir doch die Sache: Italien bietet sich mir
+flehend und bedingungslos, mit einem Schein von Wahrheit und Größe,
+und zugleich zieht es mir mit vollendeter Tücke den Boden unter den
+Füßen weg, um mich zum Sprung über den Abgrund zu zwingen. Ich
+begreife bei solchen Gerüchten und Verleumdungen, daß mir Madrid
+einen Aufseher und Belauscher sendet. Aber warum meinen Feind?
+Warum Moncada? Zwar er wird mir nichts anhaben, und ich werde mein
+Tagewerk zu Ende bringen, und dir, Karl, werde ich geben, was ich
+kann, mein Amt und meine Nachfolge... Nicht wahr, Karl, du bist
+gerecht in Italien? Du quälst es nicht? Du drückst es nicht über
+das Maß? Das gelobst du mir. Obwohl sie es nicht um mich verdient
+haben. Ich kenne dich: du gehst menschlich mit ihnen um."
+
+"Ausgenommen mit dem Heiligen Vater, der schlecht von mir gesprochen
+hat. Aber, Ferdinand, was redest du? Du erschreckst mich! Wir sind
+gleichen Alters, und eine Kugel kann mich vor dir oder uns beide
+zusammen niederstrecken. Dieser Moncada ist über dich gekommen wie
+ein Frost, ich sah dich zusammenschauern. Was liegt zwischen Euch?"
+
+Jetzt ging die Sonne unter, und es klopfte leise an der Türe. Der
+eintretende Ippolito wendete sich flehend gegen seinen Herrn:
+"Erlaucht lasse Madonna nicht warten. Die Tafel drüben ist gedeckt,
+und Madonna steht harrend auf der Terrasse, wenn sie nicht die Stufen
+herabsteigt."
+
+"Gehe, mein Kind, und sage ihr, ich komme."
+
+"Das tue ich nicht", versetzte Ippolito mit anmutigem Trotze, "sonst
+läßt sich Erlaucht mit Hoheit wieder in ein endloses hochpolitisches
+Gespräch ein, und die süße Frau wird vergessen."
+
+Der Feldherr litt den Knaben neben sich, und die Unterhaltung mit dem
+Herzog fortsetzend, um dessen Schulter er vertraulich den Arm
+geschlungen hatte, bediente er sich der spanischen Sprache, von
+welcher er wußte, daß sie von dem Pagen nicht verstanden wurde. "Was
+zwischen mir und Moncada liegt, Karl? Etwas Entsetzliches, ein
+Verdacht, der für mich eine Wahrheit ist, für welchen ich aber keinen
+Beweis habe als meine Überzeugung. Ich glaube, ja ich bin gewiß:
+dieser Mensch hat meinen Vater umgebracht." Er glättete die Locken
+des Kindes, das mit unschuldigen Augen zu ihm emporblickte.
+
+"Es war nach der Wende des Jahrhunderts und ich wie dieser hier,
+jedenfalls nicht älter. Mein Vater, ein guter Feldherr und ein
+besserer Mann als ich, ein treuherziger Mann, ging in Sendung des
+damaligen Vizekönigs, des großen Gonsalvo, der später den spanischen
+Undank so grausam erfuhr, nach Barcelona, wo der alte Ferdinand eben
+hofhielt. Dort erblickte er den letzten Sprossen unsers
+neapolitanischen Fürstenhauses, jenen unglücklichen Jüngling, der
+unter dem argwöhnischen Auge Ferdinands welken mußte, mit einem
+unfruchtbaren Weibe verheiratet. Arglos und unklug, wie der Vater
+war--ich sage dir, es gab keinen schlichtern Mann--, ließ er sich mit
+dem entthronten Prinzen in ein teilnehmendes Gespräch ein und
+besuchte ihn dann zuweilen im Palaste. Das reichte hin, ihn dem
+Könige verdächtig zu machen, und dieser Verdacht genügte, um ihm das
+Leben abzusprechen.
+
+Ich erzähle dir die Sache, wie ich sie nachher erforscht und
+zusammengebracht habe, da, bei reiferm Verstande und erlangter
+Menschenkenntnis, die Vergangenheit Sinn und Bedeutung für mich
+gewann. Es ist höchst wahrscheinlich, daß der König selbst sein
+Opfer bezeichnete, wenn auch nur mit einem halben Wort oder einer
+kurzen Gebärde. Die Ausführung seines geheimen Spruches aber
+übernahm ein junger Mensch, den er um sich hatte und von dem es hieß,
+daß er sein natürlicher Sohn sei. Der junge Moncada, kein anderer,
+begegnete meinem Vater, der von dem Prinzen zurückkam, in einer
+Galerie des Schlosses und stieß ihn nieder. Kein Zweikampf, sondern
+ein Meuchelmord, denn die Rechte des Vaters war durch eine alte
+Verwundung gelähmt. Und Pescara fiel unschuldig, so wahr ich dich
+umschlungen halte, denn nichts lag dem Redlichen ferner als Intrige
+und Verschwörung. Ist das nicht verrucht? Und vielleicht glaubte
+der junge Moncada eine Pflicht zu erfüllen und als guter Christ zu
+handeln, da er dem Wink einer Königsbraue gehorchte. Ist das nicht
+abscheulich? Wäre so etwas bei euch möglich, Karl?" "In Frankreich?
+Je nachdem. Doch nein, so einfach nicht."
+
+"Nach Jahren, da ich meine ersten Sporen verdient hatte, treffe ich
+den Moncada im Zelte meines Feldherrn und Schwiegervaters, des
+Fabricius Colonna. Er umarmt mich, nennt mich seinen jungen Helden,
+den aufgehenden Stern und die Hoffnung Spaniens, und sein Blick
+gleitet mit ruhiger Beobachtung über meine Züge. Er versichert mir,
+ich gleiche meinem Vater, den er gekannt habe, und das Blut erstarrt
+mir in den Adern, denn ich hatte die Gewißheit, daß mich der Mörder
+Pescaras liebkosend in den Armen halte."
+
+"Du ließest ihn gehen?"
+
+"Am Abende jenes Tages ging ich, ihm das Leben zu nehmen oder ihn das
+meinige nehmen zu lassen. Er war verschwunden. Ich konnte ihn nicht
+verfolgen. Wo hätte ich die Zeit dazu genommen, immer im Zelte und
+in der Mitte der Entscheidungen, wie ich lebte? Aber der Geist des
+gemordeten Vaters folgte mir überall.
+
+Später erfuhr ich, der Verhaßte habe sich in irgendeine Kartause
+geworfen, um eine Sünde zu büßen. Dann ist er jenseits des Meeres,
+in Kuba, wieder aufgetaucht, wo ihm König Ferdinand reiche
+Besitzungen verlieh, und hat den kühnen Cortez nach Mexiko begleitet.
+Ich denke, um den ehrgeizigen Eroberer zu überwachen: denn Moncada
+lebt in den Gedanken und Plänen seines Vaters und ist im
+Zusammenhange mit jener fanatischen spanischen Partei am kaiserlichen
+Hofe, welcher die Burgunder und Niederländer glücklicherweise die
+Waage halten. Über das Meer zurückgekehrt, hat er sich ein Verdienst
+daraus gemacht, durch sein verborgenes Wirken Neuspanien der Krone
+erhalten zu haben, und steht in halb gefürchtetem Ansehen, auch bei
+dem Kaiser, seinem Neffen. Jetzt ist er in Italien, um mich zu
+unterjochen oder zu verderben. Das ist Moncada."
+
+"Weißt du, Ferdinand", sagte Bourbon, der aufmerksam gelauscht hatte,
+"ich hätte dir längst gern einen Gefallen gethan. Räche ich dir den
+Vater und schaffe dir zugleich den Feind vom Halse? Nicht durch
+Meuchelmord, das ist nicht meine Art, sondern in geregeltem Duell, zu
+welchem ich schon einen Anlaß finde. Ich gefährde mich nicht, denn,
+ohne dir nahezutreten, du gibst zu: wir Franzosen fechten besser als
+ihr Spanier. Du bleibst außer Spiel, und mich schützt meine
+fürstliche Geburt. Willst du? Ich bin zu deiner Verfügung."
+
+Da antwortete Pescara mit fast verklärten, bläulich schimmernden
+Augen: "Nein. Es ist zu spät. Ich denke jetzt anders und gebe den
+Mörder der ewigen Gerechtigkeit."
+
+Bourbon blickte erstaunt. Pescara aber nahm Ippolito an der Hand und
+sagte: "Nun dürfen wir Madonna Victoria nicht länger warten lassen."
+
+Er gab dem Herzog den Vortritt. Auf der Wendeltreppe fragte er den
+Knaben: "Die Herrin ist dir schon so lieb, die du heute zum ersten
+Male gesehen hast?"
+
+"Sie war gleich so gütig", erwiderte Ippolito, "und ihr sah die
+Schwester ähnlich, die ich jetzt nicht mehr sehen soll"--helle Zähren
+rieselten ihm über die Wange--"weil sie, wie mir der Großvater
+erzählte, in einem römischen Kloster ist und dort die Gelübde
+abgelegt hat. Und sie war sonst so fröhlich, die Julia, aber
+freilich, in der letzten Zeit ist sie sehr still geworden. Wie mag
+sich die Schwester so jung begraben!" Er sagte das, während sie ins
+Freie traten.
+
+"Ich flehe, mich der erleuchten Frau vorzustellen", bat der
+Konnetabel. "Jüngst fand ich, ein Buch öffnend, die Natur habe das
+Herrlichste gebildet und dann die Form zerbrochen, damit Victoria
+Colonna einzig bleibe. Ihr gönnet mir den Anblick?"
+
+Sie beschritten den langen Zypressengang, und jetzt gewahrten sie in
+einiger Entfernung einen bewegten Auftritt: eine vorwärts strebende
+weibliche Gestalt riß sich von einem Manne los, der ihr zu Füßen lag.
+In demselben Augenblicke schrie Ippolito: "Dort ist der böse
+Zauberer, er will der Herrin ein Leides thun!", und eilte
+spornstreichs Donna Victoria zu Hilfe, während der Kanzler von den
+Knien aufsprang und hinter einer Lorbeerhecke verschwand.
+
+Die Befreite eilte dem lächelnden Gemahl mit schnellen Füßen entgegen
+und mit einem so jungen und kräftigen Erröten, daß Pescara sie
+niemals schöner gesehen zu haben glaubte. Während ihr Gewand noch
+flog, sagte die nicht einmal außer Atem Gekommene. "Ein Flehender
+hat mich überfallen und beschworen, seine Sache bei Euer Erlaucht zu
+führen: er bittet, ihn nicht allzulange auf Bescheid harren zu lassen,
+da er sich in Zweifel und Erwartung verzehre."
+
+"Er hat seine Fürbitterin gut gewählt, Madonna", versetzte der
+Feldherr, "aber alles zu seiner Zeit. Jetzt gestattet, daß ich Euch
+die Hoheit Bourbon vorstelle."
+
+Victoria, lebhaft wie sie war, verbarg einen Ausdruck frauenhafter
+Teilnahme nicht.
+
+Der Herzog ließ nicht im geringsten merken, daß ihn der kniende
+Kanzler belustigt hatte. Er verneigte sich ehrerbietig und hielt
+sich fein und stolz aus Rücksicht für Pescara und im Bewußtsein
+seines schmachvollen Ruhmes, das ihn nie verließ. Er bewunderte die
+Schönheit Viktoriens, ohne sein dunkles Auge auf ihrem Antlitz oder
+ihrem Wuchse ruhen zu lassen. Er schmeichelte nicht, er streute
+keinen Weihrauch, sondern er sagte einfach: "Ich freue mich, Madonna
+Victoria zu erblicken, die Gattin meines Freundes, des Marchese, und
+huldige ihr nach Gebühr." Dann verwickelte er sie, zu ihrer Linken
+gehend, in ein leichtes und gefälliges, aber unbedeutendes Gespräch,
+und da sie ihn zur Tafel bat, bedankte er sich und schied unten an
+der Treppe des Landhauses mit ruhiger Höflichkeit. Victoria, so
+bescheiden sie war, hatte mehr erwartet, schon aus Gewöhnung, denn
+ihr pflegte von den Berühmtheiten der Zeit auf das übertriebenste
+gehuldigt zu werden. Doch sie verwand leicht und belächelte ihre
+Enttäuschung, mit dem Feldherrn die Stufen hinansteigend in der schon
+wachsenden Dämmerung.
+
+Die Mahlzeit war kurz, wie Pescara es liebte. Victoria ließ es sich
+nicht nehmen, selbst dem Gemahl die Speisen vorzulegen, er aber
+rächte sich beim Nachtisch. Zwischen Eis, Früchten und Naschwerk
+erblickte er eine von seinem Zuckerbäcker kunstvoll geformte
+Mandelkrone. "Siehe da", scherzte er, "etwas für meine ehrgeizige
+Victoria!" Er bot sie ihr, deren Herz zu pochen begann.
+
+Sie erhoben sich und betraten das Nebenzimmer, das eine schwebende
+Ampel gleichmäßig erhellte und in seinem noch frischen Schmucke
+schimmern ließ. An den Wänden liefen Kinder mit Blumenkränzen,
+während das Lattenwerk der Decke in seinen Feldern grau auf Goldgrund
+gemalte Heroenbüsten zeigte, eine willkürlich gewählte Gesellschaft,
+auf den vier ampelhellen Mittelfeldern: Äneas, König David, Herkules
+und Pescara. Das ganze Gerät war ein Ruhebette, dessen Rücklehne in
+ihrem Kastanienholze mit ausgebrochenen Lettern die Schrift trug:
+"Hier muß man plaudern."
+
+"Wie kommt es", fragte Victoria, sich neben Pescara niederlassend,
+"daß mir der Konnetabel trotz seiner feinen Art einen unangenehmen
+Eindruck macht, daß er mich--geradeheraus gesagt--abstößt?"
+
+"Der Arme!" scherzte Pescara. "Mars und Muse, Rauheit und Anmut, der
+garstige Leyva und die schöne Victoria fühlen sich gleicherweise von
+dem Kapetinger beleidigt, der sich doch gegen beide unsträflich
+benommen hat, wie ich bezeugen kann. Da muß sich etwas zwischen ihn
+und jeden andern, wer es sei, einschleichen, und ich glaube wohl,
+dieser entstellende Dunst und verhäßlichende Nebel ist sein Verrat
+oder welchen Namen man dem Abfall von seinem Könige geben will."
+
+Eine leichte Blässe überzog das Antlitz Victorias.
+
+"Verrat..." Pescara dehnte die zwei Silben des Wortes. "Es ist
+begreiflich, daß ein edles Weib diese Sünde verabscheut. Ob ich
+meinem Fürsten Treue breche oder meinem Freunde oder meinem
+ahnungslosen Weibe oder selbst meinem Mitschuldigen, alles das sind
+Spielarten derselben Gesinnung... Schon dein finsterer und großer
+Dichter, aus welchem du deine Seele erneuerst, wertet den Verrat als
+die schwerste Schuld, da ja in seiner Giudecca sein Zerberus oder
+Luzifer in jedem der drei Rachen einen Verräter zermalmt. Den ersten
+weiß ich: es ist jener, der den Heiland geküßt hat. Wer aber sind
+die zwei andern: die, welche Luzifer an den Füßen gepackt hält und
+die das Haupt nach unten schweben? Das ist mir in diesem Augenblicke
+nicht erinnerlich. Sprich doch die Stelle, du weißt ja die hundert
+Gesänge auswendig." Victoria rezitierte:
+
+"Degli altri due, ch' hanno il capo di sotto,
+Quel, che pende dal nero ceffo, è Bruto:
+Vedi come si storce, e non fa motto:
+E l'altro è Cassio, che par sì membruto*1*)."
+----------------
+Hier windet Brutus sich mit festem Schweigen,
+Und aus dem dritten Maul hangt Cassius nieder,
+An dessen Leib sich alle Muskeln zeigen.
+----------------
+
+
+Behaglich plauderte der Feldherr weiter: "Dieser schweigend sich
+windende Brutus ist gut, doch--mit der schuldigen Ehrfurcht--den
+dürren Cassius, dessen Magerkeit Julius Cäsar fürchtete, wie kann ihn
+Dante muskulös nennen? Überhaupt, Victoria, wie gefällt dir diese
+Speise des Zerberus?"
+
+Da antwortete Victoria tapfer: "Herr, die Mörder Cäsars gehören nicht
+in die Hölle. Hier tadle ich meinen Dichter."
+
+"Beileibe nicht!" neckte Pescara. "Und doch, brav, meine Römerin!
+Treue ist eine Tugend, aber nicht die höchste. Die höchste Tugend
+ist die Gerechtigkeit." So schaukelte Pescara sein Weib über dem
+Abgrund und dem Geheimnis seiner Seele und hinderte sie, Fuß zu
+fassen, die mit dem ganzen Ungestüm ihres Wesens Boden suchte, den
+Sieg erstrebend, den zu erringen sie nach Novara geeilt war. Auf
+immer neuen Wegen verfolgte sie das Ziel, von welchem Pescara sie
+ferne hielt. Jetzt hatte sie die Eingebung, den größten lebenden
+Patrioten Italiens zu Hilfe zu nehmen.
+
+"Ich mußte mich immer wundern, Pescara", sagte sie, "daß du, wie du
+bist, unter unsern Bildnern und Dichtern die lieblichen den
+gewaltigen vorziehst, den Ariost und Raffael dem erhabenen Dante und
+seinem späten, aber ebenbürtigen Bruder, dem Buonarotti--du selbst
+aber bist eine tiefe und verborgene Natur."
+
+"Ebendarum, Victoria, wenn ich es bin. Die Kunst ist eine Ergötzung.
+Was aber deinen Michelangelo angeht, so mache mich nur nicht
+eifersüchtig auf den Zyklopen mit dem zertrümmerten Nasenbein, da du
+ihn so sehr bewunderst."
+
+Victoria lächelte. "Ich habe sein Angesicht nie gesehen und kenne
+nur seine Sistine."
+
+"Die Propheten und Sibyllen? Diese habe ich vor Jahren auch
+betrachtet und aufmerksam, doch sind sie mir wieder verschwommen, bis
+auf ein paar Einzelheiten. Zum Beispiel der Mensch mit gesträubtem
+Haar, der vor einem Spiegel zurückbebt--"
+
+"Worin er die Drohungen der Gegenwart erblickt", ergänzte sie erregt.
+
+"Und dann die Karyatide, von einer ungeheuren Last zusammengedrückt,
+das kurze, viereckige, jammervolle Geschöpf! Das häßlichste Weib
+ohne Frage, wie du das schönste bist--"
+
+"Eine Vergewaltigte, eine Unterjochte, eine Sklavin--"
+
+"Nun tauchen mir auch die Propheten wieder auf: der kahle Sacharja,
+oder wer es sein mag, ein Bein oben, eines unten, der scheltende
+Hesekiel im Turban, Daniel schreibend, schreibend, schreibend. Auch
+die Sibyllen: die gekrümmte Alte mit der Habichtsnase, die glimmenden
+Augen in ein winziges Büchlein vertieft, mit der Nachbarin, die sich
+Öl in die erlöschende Ampel gießen läßt, und, die schönste von allen,
+die Jugendliche mit dem delphischen Dreifuß. Alles in rasender
+Tätigkeit. Was soll dieser Sturm? Was predigen und weissagen diese?"
+
+Da rief Victoria in flammender Begeisterung, als säße sie selbst im
+Rate der Prophetinnen: "Sie bejammern die Knechtschaft Italiens und
+verkündigen den kommenden Retter und Heiland!"
+
+"Nein", urteilte Pescara streng, "die Stunde des Heils ist vorüber.
+Nicht Gnade verkündigen sie, sondern das Gericht."
+
+Victoria erbebte, aber schon wieder war der strafende Ernst aus den
+Zügen Pescaras gewichen. "Verlassen wir jene prophetische Kapelle",
+sagte er schmeichelnd, "und eine Kunst, die erschreckt und
+erschüttert. Mich aber darfst du nicht gemeint haben, da du von
+einem Heiland Italiens sprachest, obwohl ich freilich die Seitenwunde
+schon besäße", schloß er mit einem jener herben Scherze, welche ihm
+eigentümlich waren.
+
+Die ganze Zärtlichkeit Viktoriens überquoll, da Pescara jene Wunde
+nannte, welche ihre Tage und Nächte beschäftigt hatte, bis er ihr
+schrieb, sie habe sich geschlossen. Das liebende Weib umschlang ihn
+mit der Linken, und mit der Rechten strich sie ihm die rötlichblonden,
+vorne leicht gelockten Haare tief in die Stirn, so daß er im
+Ampellicht und in ihrer wonnigen Nähe ein ganz jugendliches Ansehen
+gewann.
+
+Da überkam sie eine Erinnerung an einen zusammen verlebten, nicht
+allzufernen Tag. Es war in der Nähe von Tarent, auf einer ihrer
+Besitzungen. Dort hatten sie, freilich erst nach dem völligen
+Untergang einer sengenden Erntesonne, unter dem verglühenden
+Abendhimmel neben ihren noch rüstigen Schnittern zur Sichel gegriffen
+und sich jedes seine Garbe gebunden. Wieder sah sie den Feldherrn
+lässig auf der seinigen liegen, während sie die Schnittermädchen,
+leicht improvisierend, eine neue Kantilene lehrte nach dem Muster der
+dort im Süden gebräuchlichen, die dann das junge Volk bis in die
+Nacht zu wiederholen nicht müde wurde. Jenen Abend brachte sie jetzt
+dem Feldherrn ins Gedächtnis.
+
+Es freute ihn. "Weißt du jenes Liedchen noch?" fragte er.
+
+"Wie sollte ich?"
+
+"Nun, es gab da einen Reim: Schnitter und Zither. Sonst sagte das
+Liedchen nichts weiter, als daß, wie auf dem Felde, auch im Himmel
+gesungen und die Garbe getragen werde. Das bescheidene Liedchen
+klingt vielleicht noch im Munde des Volkes, wenn ich und später auch
+du längst verstummt sind, und, aufrichtig, es gefällt mir besser als
+ein mir neulich übersendetes Sonett, in welchem du feierlich zu mir
+redest. Ruhig, Victoria! Es ist nicht von dir. Ich weiß, daß es
+nicht von dir ist."
+
+Sie loderte vor Zorn. "Wer erkühnt sich", rief sie aus, "meine Maske
+zu nehmen und in meinem Namen zu dir zu reden? Wer ist der Freche?
+Wo ist das Machwerk, daß ich es zerreiße!"
+
+"Oh, das wäre schade. Es sind Verse, die dir keine Schande machen.
+Hier." Der Feldherr zog ein Blatt aus dem Busen. Sie entriß es ihm
+und trat unter die Ampel. Mit wogender Brust und hastigen Lippen
+begann sie:
+
+"Victoria an Pescara.
+
+Ich heiße Sieg, Pescara, und ich kröne
+Mit Lorbeer deine Schlachten und Gefechte,
+Doch wehe mir, wenn ich die Heimat knechte,
+Mißbrauchend meines Namens stolze Töne.
+
+
+Da ich mich dir vermählt in Jugendschöne,
+Aus Römerblut und fürstlichem Geschlechte,
+Gab ich dir in Italien Bürgerrechte
+Und brachte dir die Liebe seiner Söhne.
+
+
+Ich komme, Lohn zu fordern für ein Leben,
+Nur dir geweiht in hellem Opferbrande!
+Mein Held, was wirst du deinem Weibe geben?
+
+Ich weiß die Geister, welche dich umschweben!
+Zerschneidend mit dem Schwert Italiens Bande,
+Belohnst du mich mit meinem Vaterlande!"
+
+
+Nie verwandelte sich eine Stimmung seltsamer unter dem Eindruck eines
+Gedichtes: unmutig hatte die Colonna das Blatt ergriffen, bald
+besänftigte sie sich, dann sprach sie innig, und die letzten Zeilen
+jubelte sie hingerissen. Jetzt bekannte sie offen: "So bin ich und
+solches hoffe ich, wenn ich dieses auch nicht geschrieben habe!"
+
+Pescara blickte spöttisch. "Das Sonett", sagte er, "hat sich auf
+deinen Lippen wunderbar veredelt, aber es ist innerlich hohl und
+stammt aus einer niedrigen Seele. Liebe fordert keinen Lohn, Liebe
+gibt sich umsonst, Liebe rechnet nicht. Solches ist gemein. Nein,
+so kann Victoria nicht denken. Ein Mietling hat diese Verse gemacht,
+und ich weiß seinen Namen. Seine ungeheure Eitelkeit hat ihn
+gezwungen, die Maske frech zu lüften. Sieh her." Pescara wies mit
+dem Finger auf zwei winzige Buchstaben, ein P und ein A, in die
+untere rechte Ecke des Blattes gekritzelt. "Auch ein Göttlicher, wie
+er sich nennt! Ich sehe den Aretiner mit seinem Zeltgenossen, dem
+Giovanni Medici, dem zügellosesten Jüngling Italiens, weintriefend
+und witzereißend zusammensitzen und höre ihn lästern: 'Glaube mir,
+Hans, es ist kein leichtes, sich in die göttliche Victoria
+hineinzudenken!' Und ein faunischer Jubel. Der Aretiner lacht, daß
+er fast mit dem Stuhl überschlägt, er schüttelt sich, er lacht aus
+vollem Halse--"
+
+"Bräche er ihn, der Schamlose!" schluchzte Victoria; denn Petrus
+Aretinus und sein Wesen waren schon damals weltkundig.
+
+"Brav, meine Römerin!" begütigte Pescara. "In einem aber hat er
+recht, Geliebte: dein Vorname hat schon den Bräutigam begeistert. Es
+ist schön, mit dem Siege vermählt zu sein." Aber die Colonna
+verstand keinen Scherz mehr. Sie war in den Tiefen ihrer Seele
+aufgewühlt, in den Wurzeln ihres Wesens erschüttert, voller Tränen
+und zugleich voller Glut und Leidenschaft. "Doch in dem andern hat
+er unrecht!" redete sie heftig. "Ich weiß nicht, auf welchen Geist
+du lauschest, und mühe mich umsonst, in deinem Herzen zu lesen! Du
+spielst mit deinem Weibe! Du umarmst mich und du drückst mich weg!
+Hast du Grausamer mich doch nicht einmal meine Botschaft ausrichten
+lassen, die ich dir bringen wollte in dem Jubel meines Herzens!"
+
+"Weil ich sie erriet. Ich tadle den Heiligen Vater, mein edles Weib
+zur Dienerin mißbraucht und dir, der Wahrhaften, eine Botschaft
+aufgelistet zu haben, eine Botschaft seiner und deiner unwürdig,
+voller Lüge und Sophismen, welche ich, in den nächsten Tagen schon,
+ihn nötigen werde zu widerrufen und zu verleugnen. Die Heiligkeit
+gibt mir Neapel, wenn ich es erobere, und absolviert mein Gewissen,
+wenn ich es abstumpfe. Ich aber glaube nicht an ein solches Binden
+und Lösen, nicht in weltlichen Dingen, weder ich noch irgendein
+anderer mehr, und", sagte er höhnisch, "auch in geistlichen nicht.
+Das ist vorbei, seit Savonarola und dem germanischen Mönche."
+
+"Und mein Italien, das du wie ein Magnet anziehst, lässest du es an
+dir scheitern? Achtest du es für nichts? Verachtest du es?" schrie
+Victoria verzweifelnd.
+
+Der Feldherr erwiderte sanft: "Wie dürfte ich ein Volk verachten, das
+mir dich gegeben hat? Aber ich will dir nicht verhehlen: Italien
+redet umsonst, es verliert seine Mühe. Ich kannte die Versuchung
+lange, ich sah sie kommen und sich gipfeln wie eine heranrollende
+Woge und habe nicht geschwankt, nicht einen Augenblick, mit dem
+leisesten Gedanken nicht. Denn keine Wahl ist an mich herangetreten,
+ich gehörte nicht mir, ich stand außerhalb der Dinge."
+
+Victoria entsetzte sich. "Wie? Bist du kein Mensch? Bist du ein
+Geist ohne Fleisch und Blut? Betrittst du den Boden nicht, über den
+du wandelst?"
+
+"Meine Gottheit", antwortete er, "hat den Sturm rings um meine Ruder
+beruhigt."
+
+Da flehte Victoria: "Deine Gottheit?", und sie umschlang ihn mit
+beiden Armen, "ich lasse dich nicht, du nennest mir denn deinen Gott!"
+
+Pescara löste sich sachte und erwiderte mit schmerzlichen Augen:
+"Wenn du es verlangst, aber komm mit mir in den Garten, ich muß Luft
+schöpfen."
+
+Da sie auf die Terrasse traten, standen alle Sterne über ihnen, und
+drüben im alten Schlosse erblickten sie noch ein einsames Licht von
+irdischer Farbe. "Dort", sagte sie mitleidig, "ist der Kanzler
+schlummerlos und verzehrt sich in Angst und Hoffnung."
+
+"Ich glaube nicht", versetzte Pescara, "eher hat er sich mit einem
+Mutwillen oder einer Nichtswürdigkeit in den Schlaf gelesen, und
+seine niederbrennende Ampel leuchtet den Wänden." Er hatte es
+erraten. Nach qualvollen Stunden hatte sich Morone mit einem Catull
+eingeschläfert.
+
+Der Feldherr nahm seinen Weg nach dem Boskette mit den weißen
+Marmorbänken, wo er zu ruhen pflegte. Sie saßen unter dem dunkeln
+Laubdache, Hand auf Hand.
+
+Da flüsterte Victoria: "Nun rede!" Der Feldherr aber schwieg.
+
+Tritte nahten, und eine andere Bank füllte sich mit Geflüster.
+"Steht es wirklich so mit dem Feldherrn, Moncada? Ich habe Mühe, es
+zu glauben."
+
+"Auch ich glaube es noch nicht, Leyva, aber ich forsche. Erlange ich
+Gewißheit, so trete ich hervor, und wir handeln. Der König darf sein
+Heer in Italien nicht verlieren."
+
+"Ihr meint?"
+
+"Du ziehst deine Truppen zusammen, und wir verhaften ihn."
+
+"Er wird sich zur Wehre setzen."
+
+"Dann fällt er."
+
+"Und die Majestät?"
+
+"Besorge nichts, die Majestät bedarf unser, wir beherrschen sie.
+Verweigerst du mir deine Hilfe, so muß ich ihn durch eine gedungene
+Hand töten lassen. Kann ich auf dich zählen?"
+
+"Ihr dürft... eine schwere That..." Da zog ihn der andere fort. "Mir
+ist", sagte er, "ich habe hier atmen hören."
+
+Wirklich, die feuchte Nachtluft drückte den lauschenden Feldherrn und
+benahm ihm den Atem. Er keuchte leise. Jetzt sagte auch er: "Gehen
+wir. Tau fällt, und Verderben brütet in der Luft." Sie drängte sich
+an ihn.
+
+Drei Hornstöße ertönten, vom alten Schlosse her.
+
+"Ein Kurier. Ich werde heute noch zu lesen haben."
+
+"Ferdinand", flehte sie, "du bist umlauert. Du wirst dem Kaiser
+verdächtig. Du bist verloren! Wirf dich Italien in die Arme! Da
+ist dein Heil und deine einzige Rettung!"
+
+"Ich fürchte nichts", sagte er. "Der Weg ist dunkel, aber meine
+Zuflucht ist offen."
+
+Jetzt standen sie in der kleinen Halle des Landhauses, und Pescara
+weckte den auf einem Schemel schlummernden Ippolito. "Geh hinüber",
+befahl er, "und bringe, was eben angelangt ist." Dann sagte er zu
+Viktorien: "Ich meine, es ist von Madrid, vielleicht eine Zeile der
+Majestät selbst, die mir zuweilen schreibt, ohne das Wissen ihrer
+Minister. Ich bin doch begierig."
+
+Jetzt schlug die Turmuhr des alten Schlosses Mitternacht, müde und
+zitternd, mit so weit ausholenden Schlägen, daß je zwischen zweien
+ein Leben Raum zu haben schien. Der zwölfte Schlag--unwiderruflich.
+
+Ippolito kratzte an der Tür und brachte ein Paket, das der Feldherr
+öffnete. Es enthielt, neben einigen andern Briefschaften, einen
+Kaiserlichen Erlaß, welcher den Marsch auf Mailand guthieß und den
+Oberfeldherrn bevollmächtigte, in der genommenen Stadt durchaus nach
+seinem Ermessen und gemäß den Umständen zu verfahren.
+
+"Alles?" fragte Pescara.
+
+Da bog der Knabe ehrfürchtig das Knie, überreichte ein Briefchen,
+welches er dem Kurier mit Not abgerungen hatte, und entfernte sich.
+Es war überschrieben: "In die eigenen Hände des Marchese."
+
+"Vom Kaiser", sagte Pescara und öffnete. "Da, Victoria, lies vor.
+Er schreibt so kritzlig." Sie gehorchte. Es war nicht viel, wenige
+Zeilen, und lautete:
+
+
+"Mein Pescara!
+
+Ich bin es, der diese Vollmacht durchgesetzt hat gegen meine Minister.
+Ihr habet viele Feinde. Hütet Euch vor Moncada. Ich aber bin
+gläubig an Euch, denn ich habe für Euch gebetet und sah einen Engel,
+der Euch an der Hand hielt. Ich traue.
+
+Ich Euer König."
+
+
+Pescara lächelte mühsam. "Karl traut zu leicht", sagte er. "Das
+könnte ihn zu Schaden bringen mit einem andern, als ich bin.
+Aber--seltsam--er hat meinen Genius erblickt."
+
+"Jetzt nenne mir deine Gottheit!" flehte Victoria. "Ich beschwöre
+dich, Pescara, nenne sie mir!"
+
+"Ich glaube, da ist sie selbst", keuchte er heiser. Immer schwerer
+begann er zu atmen, er stöhnte, er ächzte, er röchelte. Ein
+furchtbarer Krampf beklemmte seine Brust. Er sank, mit der Hand nach
+dem gepeinigten Herzen langend, auf die Ottomane und rang nach Atem.
+Da kniete sich Victoria neben ihn nieder, hielt und stützte ihn mit
+ihren Armen und litt mit ihm. Sie wollte Ippolito rufen und den
+Knaben nach seinem Großvater, dem Arzte, schicken, er verbot es mit
+einer Gebärde. Endlich entschlummerte er, aufs tiefste erschöpft,
+nachdem Victoria geglaubt hatte, er stürbe ihr. Da sie sich der
+Tränen gesättigt, entschlummerte auch sie. Dann erlosch die Ampel.
+
+Als Victoria erwachte, lag ihr Haupt auf einem leeren Pfühle, und
+durch das geöffnete Fenster strömte die Morgenluft. Sie sprang auf,
+den Gatten zu suchen, und fand ihn, der die Terrasse auf und nieder
+schritt und den der Schlummer erfrischt und wie neu belebt hatte.
+Sie wurde ungläubig an den nächtlichen grausamen Kampf in ihren Armen,
+er war ihr wie ein Traum.
+
+Da begann Pescara: "Gestern, liebe Herrin, habet Ihr mich um den
+Namen meines Genius befragt, und mir bangte, ihn vor Euch
+auszusprechen. Endlich hättet Ihr mir mein Geheimnis fast entrissen,
+denn es ist schwer, einem geliebten Weibe etwas vorzuenthalten. Da
+erschien er selbst und berührte mich. Ihr kennet ihn nun, und der
+gefürchtete Name bleibe unausgesprochen. Keine Tränen! Ihr habet
+sie gestern vergossen. Sondern saget mir jetzt, wohin wünschet Ihr
+Euch zu begeben, während ich das Heer des Kaisers gegen Mailand
+führe?"
+
+"Wie konntest du es mir so lange verbergen, Ferdinand?"
+
+"Zuerst--nicht lange--verheimlichte ich es mir selbst... doch nein,
+ich wußte mein Los schon am Schlachtabend von Pavia. Mit jener
+blutigen Wintersonne bin ich untergegangen. Meines Zieles und meiner
+gezählten Tage gewiß, wie hätte ich die deinigen vorzeitig
+verfinstern dürfen? Du sagtest mir zuweilen, es sei grausam, eine
+süß Schlummernde zu wecken, und littest es nicht. Ich aber bin nicht
+grausam." "Du bist es", erwiderte sie, "sonst hättest du mich nicht
+so bitter getäuscht, sondern mich gerufen und dich von mir pflegen
+lassen."
+
+"Niemand durfte darum wissen", sagte er.
+
+"Und dein Arzt? Der mußte es wissen, und ich zürne ihm, daß er mich
+belogen hat, da ich an ihn schrieb und ihn beschwor, mir die Wahrheit
+zu sagen!"
+
+"Der arme Numa!" sagte der Feldherr. "Er ist schon unglücklich genug,
+daß er mich nicht heilen kann. Er riet mir damals eine lange Ruhe
+auf Ischia, ich aber sagte ihm: Es ist umsonst. Doch wozu dies
+alles?... Wohin gedenkst du zu gehen, Victoria?"
+
+"Nein, Ferdinand, sprich! Verheimliche mir nichts mehr!"
+
+"Es ist umsonst, sagte ich ihm, die Lunge ist durchbohrt und das Herz
+leidet. Friste mich, Numa! Ziehe mich hinaus, in den Sommer, in den
+Herbst, bis zu den ersten Flocken! So viel Zeit brauche ich, meinen
+Sieg zu vollenden. Und vor allem, sagte ich, halte reinen Mund!
+Niemand erfahre unser Geheimnis! Es würde die Kräfte des Feindes
+verdreifachen und mich und mein Heer verderben. Noch einmal,
+schweige! Ich will es! gebot ich ihm... Und ich habe das Leben
+geheuchelt, so gut, daß mir Italien den Brautring bot!" Er lächelte.
+"Und ich werde noch einmal zu Pferde sitzen! Du aber, Victoria,
+gelobst mir--doch kein Gelübde, du tust es mir zuliebe--, nicht
+ungerufen mir nachzueilen durch die Staubwolke meines Marsches und
+über blutgetränkte Felder. Auch würdest du dem Kriegsvolke zu
+spotten geben, nicht über dich, gut und schön wie du bist, sondern
+über den verhätschelten Feldherrn. Also du bleibst. Aber wo? Hier?"
+
+Victoria besann sich, trostloses Leid in den Zügen. Dann sagte sie:
+"Gestern, wie ich herritt, kam ich, schon im Weichbilde der Stadt, an
+einem kleinen Frauenkloster vorüber. Es heißt, wie ich erfuhr,
+Heiligenwunden. Dort will ich deines Rufes harren, Buße thun und für
+deine Genesung beten."
+
+"Für meine Genesung?" lächelte er. "Tue das. Auch wirst du dich in
+Heiligenwunden nicht langweilen; das Kloster, höre ich, hat herrliche
+Stimmen und ist berühmt wegen seines Chorgesanges. Reiten wir hin,
+bald, jetzt da es frisch und der Staub der Heerstraße noch nicht
+aufgewühlt ist." Er ging leichten Schrittes durch den Park nach dem
+alten Schlosse hinüber, um satteln zu lassen.
+
+Victoria folgte mit langsamen Schritten, und da sie Numa den Arzt
+erblickte, der sich nach der Nacht des Feldherrn zu erkundigen kam,
+ging sie auf ihn zu mit schmerzlich bewegter Miene: sie wollte ihm
+vorwerfen, daß er ihr die Wirklichkeit verhehlt, und zugleich ihn
+beschwören, mit den letzten Mitteln und Geheimnissen seiner Kunst das
+geliebte Leben zu fristen. Da aber der Arzt die Colonna kommen sah,
+streckte er in dem Gefühle seiner Ohnmacht die zitternden Hände
+abwehrend gegen sie aus, als flehe er: Schone meiner, ich vermag
+nichts! Sie verstand die Gebärde und ging ihres Weges, an Ippolito
+vorüber, der das Knie vor ihr bog und den sie nicht gewahr wurde, zum
+großen Herzeleid des Knaben.
+
+Im Schloßhofe fand sie den schwer und kostbar geschirrten Rappen
+Pescaras und ihren ebenfalls gesattelten falben Berber. Der Feldherr
+hob sie zu Pferde, und sie ritten unter grüßendem Trommelwirbel über
+die sich senkende Zugbrücke hinaus in die unabsehbaren Reisfelder der
+lombardischen Ebene. Ihnen folgte in gemessener Entfernung ein
+Reitknecht des Pescara, ein von südlicher Sonne geschwärzter
+Kalabrese, und auf einem Maultier die römische Zofe Victorias.
+
+Hinter den Reisenden verhallten im Schloßhof die ungehörten Hilfrufe
+des vergessenen Kanzlers. Er war aus schlimmen Träumen erwacht und
+schon in der Frühe durch die Gärten geirrt, immer wieder an Mauern
+und Wälle gelangend, hier von deutschen, dort von spanischen
+Wachtposten beobachtet. Die Schwaben ergötzten sich weidlich an
+seinem ausschweifenden Gebärdenspiel, während die Spanier
+einverstandene schadenfrohe Blicke tauschten: sie zweifelten nicht,
+der Feldherr habe den Minister des Feindes in die Falle gelockt, und
+versprachen sich, ihn morgen, wenn er dem Heere nachgeschleppt würde,
+nach Herzenslust zu quälen und gründlich auszuplündern. Endlich war
+er in das Rondell gekommen und erschöpft auf dieselbe Bank gesunken,
+wo er gestern den schlummernden Pescara gefunden und belauscht hatte.
+Da vernahm er den Salut der Torwache, rannte nach dem Schloßhof und
+wollte über die Brücke nachstürzen. Von dem Posten mit
+vorgestreckten Hellebarden empfangen, sah er jammernd den Feldherrn
+und Victoria in den Dunst der Ferne entschwinden.
+
+Es war nach einem leuchtenden ein trüber Tag. Kein Windhauch und
+nicht der leiseste Versuch einer Wolkenbildung. Keine Lerche stieg,
+kein Vogel sang, es dämmerte ein stilles Zwielicht wie über den
+Wiesen der Unterwelt. Das Frauenkloster wurde sichtbar und
+vergrößerte langsam seine friedlichen Mauern. Freilich ritten die
+beiden fast nur im Schritte, die verwitwende Victoria in tiefem
+Schweigen, während, durch einen wunderbaren Gegensatz, das Gedächtnis
+des jetzt ausruhenden Feldherrn auf leichten und liebenden und
+inbrünstigen Schwingen in die Jugend zurückkehrte und die an seiner
+Seite Trauernde wieder in die reizenden und rührenden Gestalten des
+knospenden Mädchens und der zärtlichen Braut verwandelte. Er
+enthielt sich nicht, sie an kleine Dinge jener glücklichen Tage zu
+erinnern, aber er gewann ihrer Kümmernis kein Lächeln ab. Er war
+seines lastenden Geheimnisses ledig, dessen Bitterkeit sie jetzt auf
+einmal und in vollen Zügen kostete.
+
+Nun waren sie schon so nahe, daß sie Chorgesang im Kloster vernahmen.
+"Was singen sie dort?" fragte er gleichgültig. "Ich meine, ein
+Requiem", sagte sie.
+
+Wie sie vor dem Kloster abstiegen, da siehe, trat ihnen aus der
+Pforte die Äbtissin entgegen, hinter sich zwei bescheidene Nonnen.
+Sie mochte irgendein Kind in ein Reisfeld auf die Lauer gelegt haben,
+das nun auf schnellen nackten Füßen vorausgelaufen war. Die Äbtissin
+hatte die Ankunft Donna Victorias in Novara schon gestern in
+Erfahrung gebracht und sich gleich geschmeichelt, die gottesfürchtige
+und leutselige Frau werde Heiligenwunden nicht unbesucht lassen, denn
+das Kloster besaß neben den geschulten Stimmen seines Chores noch
+eine größere Auszeichnung: die mystische und täglich sterbende
+Schwester Beate, welche die blutigen Male an ihrem kranken und
+abgezehrten Leibe trug. Die unternehmende und beherzte Äbtissin
+hatte sich vorgenommen, von der Colonna, der sie Macht über den
+Gatten zutraute, den Nachlaß einer schweren Kriegssteuer zu erbitten,
+welche der gottlose und habgierige Feldherr--dieses Rufes genoß
+Pescara bei der italienischen Klerisei--zuwider den kanonischen
+Sätzen und gegen alle Billigkeit auf die Güter des Klosters gelegt
+hatte. Daß aber der Feldherr, der es vermied, eine christliche
+Stätte zu betreten, Madonna Victoria begleiten würde, war der
+Äbtissin nicht im Traume eingefallen.
+
+Sie begrüßte, eine angenehme Frau mit dunkeln, klugen Augen und
+blassen, gefälligen Zügen, das hohe Paar in wenigen gewählten Worten.
+Dann schwieg sie aufmerksam, die Rede Pescaras erwartend, dessen
+edle Erscheinung ihr Eindruck machte.
+
+"Ehrwürdige", begann der Feldherr, "Donna Victoria wünscht während
+des Feldzuges, den ich morgen beginne und dessen Dauer ich auf eine
+Woche berechne, ein paar ruhige und fromme Tage hier in Eurem
+Konvente zu genießen, bis ich sie nach Mailand rufen werde, nach
+vollendetem Kampfe. Habet Ihr ein schickliches Gemach zu vergeben?"
+
+Rasch erwiderte die Äbtissin, das ihrige stehe zu Gebote.
+
+"Ich verlange eine einfache Zelle wie die der geringsten Schwester,
+mit dem gewöhnlichen Geräte", sagte Victoria, deren Blässe die
+Äbtissin befremdete. Aber sie schrieb dieselbe der begreiflichen
+Sorge um den zu Felde ziehenden Gatten zu.
+
+"Wenn sich Donna Victoria eingerichtet hat", schloß Pescara, "werde
+es mir gemeldet. Ich habe noch mit ihr zu sprechen und bitte,
+Klausur und Zelle betreten zu dürfen. Ausnahmsweise, da ich dem
+Kloster wohlwill. Ihr findet mich in der Kirche." Er verneigte sich
+und schritt auf diese zu.
+
+Victoria fragte, was die Nonnen gesungen hätten, und erhielt die
+Antwort: "Ein Requiem. Für die junge Julia Dati, die Enkelin unsers
+greisen Arztes, welche in Rom gestorben ist." Dann folgte sie der
+Äbtissin, während die beiden Nonnen zugeflüsterte Befehle
+auszurichten gingen. Indessen durchmaß der Feldherr, ohne das Haupt
+zu entblößen oder irgendeine der üblichen Devotionen zu verrichten,
+die Länge der Kirche mit festem Gange, die Arme über dem Panzer
+kreuzend. Er hatte sich, da er auf dem Heimritte seinen in Novara
+feldmäßig einrückenden Truppen begegnen mußte, leicht behelmt und
+beharnischt und schritt wie ein Held und Herrscher auf der Stätte des
+Gebetes und der Demut.
+
+"Nein", sprach er zu sich mit geschlossenem Munde, "es sei heute das
+letztemal. Ich will von ihr Abschied nehmen als ein Lebender. Ich
+will es ihr ersparen, mich leiden zu sehen. Sie soll mich
+wiederfinden, wenn ich ruhe."
+
+Sich allein glaubend, wurde er durch das Gitter des Chores belauscht.
+Diesen hatten die Nonnen wieder betreten, auf das Geheiß der
+Äbtissin, denn Pescara sollte die Stimmen ihres Klosters hören.
+Selbst die mystische Beate war gekommen und vereinigte ihren
+schwärmerischen Blick mit demjenigen vieler feurig braunen oder
+schwarzen Augen, welche die Heldengestalt verschlangen. Alle
+versammelten Himmelsbräute priesen die Colonna selig und beneideten
+ihre irdische Lust, während die glücklich Geglaubte nicht ferne davon
+in einer Zelle mit gerungenen Händen verzweifelte. Auch Schwester
+Beate erlag der Versuchung, diesen stolzen Herrn der Welt zu
+bewundern, überwand sich aber tapfer und flehte den Himmel inbrünstig
+an, der Colonna zum Heil ihrer Seele ihren Abgott zu entreißen. Aber
+diese heftigen Gefühle wichen dem harmloseren der Eitelkeit. Nach
+dem Geflüster einer kleinen Beratung und einem leisen Räuspern
+intonierten die Schwestern jubelnd ihr Prachtstück, ein Tedeum, das
+sich auch für den Sieger von Pavia besser eignete als irgendeine
+andere Prosa oder Sequenz.
+
+Und er hätte wohl gelauscht, aber er stand regungslos, wie gebannt
+vor dem gekreuzigten und schon entseelten Christus eines großen
+Altarbildes, dessen helle Farben noch in voller Frische leuchteten.
+Doch es war nicht das göttliche Haupt, das er beschaute, sondern er
+betrachtete den Kriegsknecht, der seine Lanze in den heiligen Leib
+stieß. Dieser war offenbar ein Schweizer; der Maler mußte die Tracht
+und Haltung eines solchen mit besonderer Genauigkeit studiert oder
+frisch aus dem Leben gegriffen haben. Der Mann stand mit gespreizten
+Beinen, von denen das linke gelb, das rechte schwarz behost war, und
+stach mit den behandschuhten Fäusten von unten nach oben derb und
+gründlich zu. Kesselhaube, Harnischkragen, Brustpanzer, Arm- und
+Schenkelschienen, rote Strümpfe, breite Schuhe, nichts fehlte. Aber
+nicht diese Tracht, die er zur Genüge kannte, fesselte den Feldherrn,
+sondern der auf einem Stiernacken sitzende Kopf. Kleine blaue,
+kristallhelle Augen, eingezogene Stumpfnase, grinsender Mund, blonder,
+krauser Knebelbart, braune Farbe mit rosigen Wangen, Ohrringe in
+Form einer Milchkelle, und ein aus Redlichkeit und Verschmitztheit
+wunderlich gemischter Ausdruck. Pescara wußte gleich, mit dem
+Gesichtergedächtnis des Heerführers, daß er diesen kleinen,
+breitschultrigen, behenden Gesellen, dessen schwarzgelbe Hose den
+Urner bedeutete, schon einmal gesehen habe. Aber wann und wo? Da
+schmerzte ihn plötzlich die Seite, als empfinge er einen Stich, und
+jetzt wußte er auch, wen er da vor sich hatte: es war der Schweizer,
+der ihm bei Pavia die Brust durchbohrt. Kein Zweifel. Den
+Lanzenstoß des neben ihm an die Erde Geduckten empfangend, hatte er
+einen Moment in dieses kristallene Auge geblickt und diesen Mund
+vergnüglich grinsen gesehen. Nach der Erkennung machte das
+unerwartete Wiederfinden auf den Feldherrn weiter keinen Eindruck,
+und mit freundlicher Miene fragte er die Äbtissin, die jetzt neben
+ihm stand, um ihn zu Donna Victoria abzuholen, wer das gemalt hätte.
+Sie antwortete, die Augen flüchtig niederschlagend: "Zwei Mantovaner,
+begabte junge Leute, aber von bedenklichen Sitten, die das Kloster
+gerne wieder scheiden sah."
+
+Da Pescara die Zelle öffnete, sah er Victoria auf den Knien liegen.
+Eine Weile schaute er schweigend, als wolle er nicht stören, durch
+ein Fenster des gekuppelten Rundbogens, in dessen Brüstung er sich
+gesetzt hatte, auf Rasenhügel und Grabkreuze, endlich fragte er: "Was
+tust du, Victoria?"
+
+"Buße", sagte sie.
+
+"Für wen?"
+
+Sie erhob sich und antwortete mit noch gefalteten Händen: "Ich tue
+Buße für mich und Euch und Italien. Für dieses seiner stolzen Frevel
+und ungewöhnlichen Sünden wegen, an denen es zugrunde gehen wird, da
+Ihr der einzige waret, der es retten konnte. Für mich, weil ich
+gekommen bin, Euch in Versuchung zu führen. Für Euch, da Ihr diese
+Erde verlassen wollet. Ich habe gebetet für Euer unvergängliches
+Teil, aber der Himmel"--sie schüttelte traurig das Haupt--"hat mich
+noch nicht erhört."
+
+Er zog sie auf die Bank der Fensterbrüstung und nahm sie bei der Hand,
+wie der Bruder die Schwester. Eine Lust, sich hinzugeben, überkam
+ihn, sei es, weil das Geheimnis zwischen ihm und seinem Weibe
+weggenommen war, oder in dem unbewußten Wunsche, das letzte
+Beisammensein zu verlängern.
+
+"Kleingläubige", begann er heiter, "überlasse mich meinem dunkeln
+Beschützer! Als ein Knabe glaubte ich mit der Mutter, die eine
+Heilige war, an das, was die Kirche verheißt; jetzt sehe ich rings
+das Fluten der Ewigkeit. Der Todesengel war mir nahe, schon in
+meiner ersten Schlacht, da, von ihm bezeichnet, mein
+Zeltgenosse--dein Bruder, Victoria--lautlos, eine Kugel im Herzen,
+zusammenbrach. Ich habe ihm manche Hekatombe geschlachtet, und auch
+er hat mich oft, fast auf jeder Walstatt, grüßend berührt; denn es
+scheint, ich bin verwundbarer als andere. Aber Zeit hat es gebraucht,
+bis ich den Schnitter lieben lernte. Noch in den Wochen nach Pavia,
+da ich wußte, daß er mich erwählt hatte, habe ich mich gegen ihn
+gesträubt und aufgebäumt und empört wie ein trotziger Jüngling.
+Allmählich aber ahnte ich, und jetzt bin ich gewiß, daß er die rechte
+Stunde kennt. Der Knoten meines Daseins ist unlösbar, er
+zerschneidet ihn."
+
+Die bleiche Victoria hing an seinen Lippen und staunte mit starren
+Augen, als sehe sie den herrlichsten Palast brennen und von der
+lodernden Flamme jeden Säulenknauf beleuchtet.
+
+"Ich sage dir, Weib", fuhr er fort, "mein Pfad versinkt vor mir! Ich
+gehe unter an meinen Siegen und an meinem Ruhme. Wäre ich ohne meine
+Wunde, dennoch könnte ich nicht leben. Drüben in Spanien Neid,
+schleichende Verleumdung, hinfällige und endlich untergrabene
+Hofgunst, Ungnade und Sturz; hier in Italien Haß und Gift für den,
+der es verschmäht hat.
+
+Wäre ich aber von meinem Kaiser abgefallen, so würde ich an mir
+selbst zugrunde gehen und sterben an meiner gebrochenen Treue, denn
+ich habe zwei Seelen in meiner Brust, eine italienische und eine
+spanische, und sie hätten sich getötet. Auch glaube ich nicht, daß
+ich ein lebendiges Italien hätte schaffen können. Zwar es trägt die
+strahlende Ampel des Geistes, doch es hat sich aufgelehnt in der
+unbändigen Lust eines strotzenden Daseins gegen ewige Gesetze. Es
+büße, du hast es gesagt, Victoria; in Fesseln leidend, lerne es die
+Freiheit. Dieses spanische Weltreich aber, das in blutroten Wolken
+aufsteigt jenseits und diesseits des Meeres, erfüllt mich mit Grauen:
+Sklaven und Henker. Ich spüre die grausame Ader in mir selbst. Und
+das Entsetzlichste: ich weiß nicht, welcher mönchische Wahnsinn!
+Dein verderbtes Italien aber ist wenigstens menschlich."
+
+Victorias Augen verklärten sich, da sie sah, daß Pescara Italien
+liebte. "Du hättest ihm Freiheit und Freiheit ihm Tugend gegeben!"
+rief sie, doch Pescara fuhr fort, als hätte er nicht gehört: "Nun
+aber bin ich aus der Mitte gehoben, ein Erlöster, und glaube, daß
+mein Befreier es gut mit mir meint und mich sanft von hinnen führen
+wird. Wohin? In die Ruhe. Und jetzt laß uns scheiden, Victoria."
+Er wollte ihr die Tränen vom Auge küssen, fand aber den zärtlichsten
+Mund, der ihm entgegenkam.
+
+"Noch eines", sagte er, "Laß die Welt über mich urteilen, wie sie
+will. Ich bin jenseits der Kluft. Lebe wohl! Begleite mich nicht!
+Besuche mich in Mailand, aber nicht, bevor ich rufe!"
+
+Victoria versprach, um nicht Wort zu halten.
+
+Da Pescara sich bei der Äbtissin verabschiedete, brauchte sie ihr
+Anliegen gar nicht auszusprechen. Der Feldherr gewährte den Nachlaß
+der Kriegssteuer als ein selbstverständliches Gegengeschenk für die
+seinem Weibe gegebene Herberge. Über dieses Ende einer ökonomischen
+Bedrängnis und eines schmalen Tisches ward eine solche Freude im
+Kloster, daß die Schwestern zu Ehren ihres Gastes die Tafel mit den
+ausgesuchtesten Leckerbissen besetzten. Doch Victorias Platz blieb
+leer. Sachte ritt Pescara, von den Segnungen des Klosters begleitet,
+gegen die Thürme der Stadt zurück. Sein feuriger Rappe schien sich
+über den gemessenen Gang zu wundern. Die auf der Ebene gellende
+Feldmusik und die überall marschierenden Truppen verrieten ihm den
+Beginn eines Feldzuges. Er schnoberte, als wittere er schon den
+Pulverdampf, und schritt stolz, als trage er den Sieg.
+
+Abschied ist schwer, dachte der Feldherr, ich möchte ihn nicht
+wiederholen. Noch einmal hatte sich das Leben an ihn gedrängt und er
+das Beste des Daseins, Schönheit und Herzenskraft, in den Armen
+gehalten. Der Jüngling war in ihm aufgelodert, und wenige
+Augenblicke, nachdem er Viktorien so erbaulich zugeredet, lehnte er
+sich auf gegen die Vernichtung. Das edle Blut, das in den
+sterblichen Adern rinnt, die Thatkraft, empörte sich gegen den ewigen
+Frieden. Ein Zorn blitzte auf in seinen hellen grauen Augen gegen
+seinen Mörder, den er im Bilde wiedererblickt, und er schlug mit der
+gepanzerten Rechten gegen seine Brust, als zerdrücke er darauf die
+Wespe, die ihn gestochen hatte. Jetzt wieherte auch der Rappe und
+setzte sich in kurzen Galopp, von dem Feldherrn unwissentlich mit der
+Ferse berührt oder so verwachsen mit ihm, daß er seinen Unmut
+mitfühlte.
+
+In dieser Stimmung gewahrte Pescara auf einem nahen Reisfelde die
+wechselnden Stellungen eines tollen Kampfes, welcher dasselbe
+zerstampfte. Ein einzelner wehrte sich verzweifelt gegen eine
+Übermacht. Der zerlumpte kleine Kerl in gelben und schwarzen Fetzen
+focht wütend mit seiner Speerhälfte wider ein Dutzend Spanier. Zweie
+hatte er hingestreckt, wurde jetzt aber von den übrigen überwältigt,
+und schon saß ihm eine Schwertspitze an der Kehle, als der auf ihm
+kniende Spanier von einem andern zurückgerissen wurde, welcher auf
+den heransprengenden Feldherrn deutete.
+
+Pescara winkte, und der Trupp mit dem Gefangenen folgte ihm unter
+eine mächtige Eiche, die an der Landstraße stand, weitum der einzige
+Baum in der schwülen Ebene. Der Feldherr stieg ab und lehnte sich an
+den bemoosten Riesenstamm. Seine Brust keuchte von dem raschen Ritt,
+und es kam ihm gelegen, sie zu beruhigen, Rast haltend unter dem
+Vorwand eines Verhöres.
+
+Der spanische Wachtmeister berichtete: sie hätten einen Schweizer
+durch das Getreide laufen sehen, wohl einen Versprengten von Pavia,
+welcher bislang sich irgendwo untergeduckt, und ihn gehascht, da es
+möglicherweise ein mailändischer Spion sei. Seinen Vortrag
+beendigend, blickte der spanische Spitzbart zu einem starken Aste auf,
+welchen die Eiche waagerecht hervorstieß.
+
+Pescara deutete die Spanier weg, die sich in einiger Entfernung
+wachehaltend verteilten, und musterte dann den Schweizer vom Wirbel
+zur Zehe. So verrostet der Harnisch und so zerlumpt das schwarzgelbe
+Unterkleid war, erkannte er doch gleich die Tracht des Klosterbildes
+und nicht minder die glitzernden Äuglein, und jetzt, wahrhaftig,
+verzog der vor ihm Stehende sein Gesicht zu jenem lächelnden Grinsen,
+sei es aus Angst, sei es, weil auch er sich den Feldherrn ins
+Gedächtnis zurückrief.
+
+"Heb auf und gib", befahl dieser und zeigte auf den Lanzenstumpf,
+welchen einer der Kriegsknechte zu den Füßen des Gefangenen geworfen
+hatte, als Beweisstück für die Verwundung seiner Kameraden. Es war
+eine vordere Spießhälfte, deren Spitze blutete. Der Schweizer
+gehorchte, und der Feldherr betastete prüfend die Spitze mit dem
+Finger; dann warf er den Stummel weg.
+
+"Wie heißest du?" fragte er.
+
+"Bläsi Zgraggen aus Uri", war die Antwort.
+
+Der Feldherr verzichtete darauf, diesen unmundlichen Geschlechtsnamen
+zu wiederholen, der von dem zerrissenen Kamm eines Schweizergebirges
+zu stammen schien, und bediente sich des Vornamens, welchen er
+italianisierte. "Biagio", sagte er, "du hast mir zwei Leute
+verwundet; ich denke, ich lasse dich hier aufknüpfen."
+
+Bläsi Zgraggen versetzte trotzig: "Lasset Ihr mich henken, so ist es
+weniger wegen dieses letzten Handels, sondern eher, weil ich--"
+
+"Schweig!" gebot der Feldherr. Er konnte sich rächen, indem er dem
+Kriegsrechte freien Lauf ließ, aber eine solche Rache weder sich
+selbst noch seinem Opfer eingestehen. "Wie bist du hier
+zurückgeblieben?" fragte er.
+
+Zgraggen, der ein geläufiges Lombardisch sprach, begann herzhaft:
+"Auf dem Felde von Pavia wurde ich verwundet und niedergeritten und
+lag, den geknickten Spieß neben mir. Nächtlicherweise schleppte ich
+mich dann den Bergen zu, hungernd und bettelnd. Herr, sehet Ihr
+rechts von den zwei Pappeln das lange, rote Dach? Dort haust die
+Narracivallia mit ihrem Manne. Dieser dingte mich zur
+Feldarbeit--bis sich der Krieg verzogen hätte, jetzt käme ich doch
+nicht über die Grenze. Hernachmals machte mir die Narracivallia
+Augen. Da erschienen mir im Schlaf der Vater und die beiden
+Großväter, die mir alle noch daheim leben, wenn auch die Ahnen in
+großer Schwachheit. Zuerst kam der Vater, hob den Finger und sagte:
+'Nimm dich in acht, Bläsi!' Dann kam der väterliche Ahn, faltete die
+Hände und sagte: 'Denk an deine Seele, Bläsi!' Zuletzt kam der
+mütterliche Ahn, zeigte die Tür und sagte: 'Lauf, Bläsi!' Da schoß
+ich auf und suchte meine Kleider. Freilich meine seidenen Handschuhe
+und meinen gekettelten Kragen hatte mir die Narracivallia
+abgeschwatzt, um damit in der Kirche Staat zu machen. Ich war nur
+noch meines halben Verstandes mächtig und verlor auch diesen, da ich
+im Morgenlicht bei Heiligenwunden eintrete zum Englischen Gruß
+und--denket Euch meinen Schrecken--mich selber erblicke, wie ich
+leibe und lebe und Gott ersteche!"
+
+"Ei", lächelte Pescara.
+
+"Ein Schelmstück!" zürnte Zgraggen. "Wisset, Herr, ein paar Pinsler
+hatten sich zeither mit ihrem Zeuge da herumgetrieben und ließen sich
+einmal in der Meierei ein Glas Milch geben. Der eine faßte mich ins
+Auge. 'Da haben wir, den wir brauchen', sagt er und beschaut mein
+Schwarzgelb. 'Mann, holt Euern Spieß und Harnisch.' Ich tue ihm den
+Willen. Jetzt heißt mich der Pinsler die Beine spreiten, spreitet
+sie gleichfalls und reißt mich ab auf ein Stück Leinwand. Dann
+versprachen mir die Spitzbuben, mein Konterfei zu hohen Ehren zu
+bringen, ich aber stehe in Heiligenwunden und steche in den Salvator!"
+
+Der Feldherr empfand ein gewisses Wohlwollen für den ehrlichen
+Gesellen. "Nimm", rief er in einer seltsamen Laune und streckte dem
+Urner seinen vollen Beutel entgegen. Dieser nahm ihn mit der Rechten
+und ließ die Goldstücke zählend in die Linke gleiten, ernsthaft und
+bedächtig. Dann schob er die Dukaten in die Tasche und wollte den
+Beutel dem Feldherrn zurückstellen.
+
+"Behalte! Er hat goldene Schleifen!"
+
+Der Urner schickte den Beutel den Dukaten nach. "Wo stellet Ihr mich
+ein, Herr?" fragte er. Er konnte sich nichts denken, als daß ihn
+Pescara geworben und ihm Handgeld gegeben habe.
+
+Pescara erwiderte: "Ich habe dich nicht gedingt, und ich meine,
+nachdem dich die dreie so ernst vermahnt haben, kehrst du am besten
+in deine Heimat zurück und nährst dich redlich, wie es im Sprichwort
+heißt."
+
+"Aber warum denn schenkt Ihr mir so viel Geld, wo ich Euch nichts
+zuliebe gethan habe?" fragte Zgraggen. Sondern viel Leides, setzte er
+in Gedanken hinzu. Diese Vergeltung Pescaras überstieg das
+Fassungsvermögen des Urners und beängstigte seine Rechtlichkeit.
+
+"Aus Großmut", scherzte der Feldherr.
+
+Bläsi kannte das Wort nicht. Da fiel ihm ein, es werde Großtun
+bedeuten, und da er im Lager oft gesehen hatte, wie Prahlerei das
+Geld mit vollen Händen wegwirft, beruhigte er sich dabei. "Ja so",
+sagte er. Pescara aber winkte, sein Roß vorzuführen.
+
+"Und damit du durchkommst", sprach der Feldherr schon im Bügel, "nimm
+noch das." Er warf ihm eine Passiermarke zu, und wenig fehlte,
+Zgraggen hätte gedankt. Wenigstens wollte er noch langes Leben
+wünschen; aber den Feldherrn zum Abschied anschauend, erkannte er das
+Siechtum in diesem Antlitze mit seinen Älpleraugen, welche das alle
+Welt täuschende geistige Leben desselben nicht bestach.
+Unwillkürlich wünschte er: "Gott gebe Euch selige Urständ, Herr!"
+Dann über seine eigene Rede und ihre böse Bedeutung bestürzt, lief er
+querfeldein mit seinem halben Spieße, den er sorglich aufgehoben und
+nun als Reisestab führte. Die Spanier hatten verwundert zugesehen,
+der alte Wachtmeister aber schüttelte bedenklich und abergläubisch
+den Kopf über die seltsame Freigebigkeit seines sparsamen Feldherrn.
+Der Trupp, welcher den Urner gefangen hatte, gehörte zu dem
+Heerhaufen, der jetzt in einer Staubwolke hinter schlagenden Trommeln
+heranrückte. Der Feldherr ritt seinen Tapfern entgegen, von
+brausendem Jubel empfangen, und lenkte das Roß zwischen die Feldmusik
+und die erste Kompanie, deren Hauptmann ehrerbietig Raum gab.
+
+Eine Weile blieb er allein an der Spitze der Truppen. Da nahte von
+Novara ein Reitender in weißem Mantel und gesellte sich zu ihm.
+Zusammen ritten sie durch das Schloßtor. Schweigend folgte der
+Begleiter dem Gange Pescaras und überschritt hinter ihm die Schwelle
+des Gemaches.
+
+Pescara wendete sich. "Was wollt Ihr, Moncada?" fragte er, und
+dieser antwortete: "Eine Unterredung ohne Zeugen, die Ihr mir nicht
+zum zweiten Male verweigern werdet."
+
+"Ich stehe zu Diensten."
+
+"Erlaucht", begann der Ritter, "ich habe, wie Ihr erlaubtet, den
+Kanzler drüben gesprochen. Er war voller Angst und Blässe und
+beteuerte mit tausend Eiden, er sei gekommen, Aufschub und leichtere
+Bedingungen zu erlangen, nur dieses habe ihn nach Novara geführt.
+Dann schwatzte er wild durcheinander wie das böse Gewissen. Dieser
+Mensch ist ein Abgrund von Lüge, in welchem der Blick sich verliert.
+Ich bin sicher, daß er im Namen der Liga hier ist."
+
+"Nicht anders", sagte der Feldherr.
+
+"Und daß er Euch die Führung derselben angeboten hat?"
+
+"Nicht anders."
+
+Jetzt entstand Lärm im Vorzimmer. Ippolito beiseite werfend,
+verwildert, mit rasenden Mienen und verrückten Augen stürzte der
+Kanzler herein. Ihm folgten auf dem Fuße, beide schon gepanzert,
+Bourbon und Del Guasto, denen er auf dem Gange begegnet und die ihn
+zurückhalten wollten. In Verzweiflung warf er sich dem Feldherrn zu
+Füßen, während Moncada langsam in den Hintergrund zurückwich.
+
+"Mein Pescara", schrie der Geängstigte, "alle Geduld nimmt ein Ende!
+Ich kann die Marter nicht länger ertragen. Jede Minute dehnt sich
+mir zur qualvollen Ewigkeit. Ich vergehe. Sei barmherzig und gib
+mir deine Antwort!"
+
+Pescara erwiderte mit Ruhe: "Vergebet, Kanzler, wenn ich Euch habe
+warten lassen. Meine Zeit war nicht frei, doch eben wollte ich nach
+Euch schicken. Eure gestrige Rede hat mich beschäftigt, denn das Los
+eines Volkes ist keine Kleinigkeit--aber bitte, setzet Euch, ich kann
+nicht sprechen, wenn Eure Gebärden so heftig dareinreden."
+
+Der Kanzler packte krampfhaft die Lehne eines Sessels.
+
+"Ich habe die Sache gewogen... doch, Kanzler, lassen wir zuerst alles
+Persönliche, denket weg von Euch selbst und von mir, es bleibt die
+Frage: Verdient Italien zu dieser Stunde die Freiheit und taugt es,
+so wie es jetzt beschaffen ist, sie zu empfangen und zu bewahren?
+Ich meine nein." Der Feldherr sprach langsam, als prüfe er jedes
+seiner Worte auf der Waage der Gerechtigkeit.
+
+"Zweimal hat Freiheit in Italien gelebt, zu verschiedenen Zeiten. In
+der beginnenden römischen Republik, da das Staatswohl alles war.
+Dann in jenen herrlichen Gemeinwesen, Mailand, Pisa und den andern.
+Jetzt aber steht es an der Schwelle der Knechtschaft, denn es ist los
+und ledig aller Ehre und jeder Tugend. Da kann niemand helfen und
+retten, weder ein Mensch noch ein Gott. Wie wird verlorene Freiheit
+wiedergewonnen? Durch einen aus der Tiefe des Volkes kommenden Stoß
+und Sturm der sittlichen Kräfte. Ungefähr wie sie jetzt in Germanien
+den Glauben erobern mit den Flammen des Hasses und der Liebe.
+
+Aber hier! Wo in Italien ist, ich sage nicht Glaube und Gewissen, da
+das für euch veraltete Dinge sind, sondern nur Rechtssinn und
+Überzeugung? Nicht einmal Ehre und Scham ist euch geblieben, nur die
+nackte Selbstsucht. Was vermöget ihr Italiener? Verführung, Verrat
+und Meuchelmord. Worauf zählet ihr? Auf die Gunst der Umstände, auf
+die Würfel des Zufalls, auf das Spiel der Politik. So gründet, so
+erneuert sich keine Nation. Wahrlich, ich sage dir, Kanzler"--und
+Pescara erhob die Stimme wie zu einem Urteilsspruch--"dein Italien
+ist willkürlich und phantastisch, wie du selbst es bist und deine
+Verschwörung!"
+
+"Wahrheit", ließ sich die Stimme Moncadas vernehmen.
+
+"Auch der Held, Morone, den ihr euch erwählt habet, entbehrt des
+Daseins."
+
+Doch diese leisen letzten Worte Pescaras wurden überschrien. Morone
+hatte schnell den Kopf gewendet und den Ritter erblickt: wie er
+seinen Anschlag dem Spanier preisgegeben sah, geriet er in Wut, seine
+Züge verzerrten sich, und er tobte wie ein Besessener. "Falsch und
+grausam! Falsch und grausam! O ich mit Blindheit Geschlagener!"
+Dann von sinnloser Rachgier überwältigt, schrie er gegen Moncada:
+"Wisset es, Ritter, dieser"--er wies auf den Feldherrn--"ist der
+Schuldige! Seinetwillen die ganze Verschwörung! Ich bin seine
+Kreatur, und nun opfert mich der Unmensch!"
+
+Jetzt sprang der Herzog dazwischen, der mit Del Guasto hinter Pescara
+stehend den leidenschaftlichen Auftritt genoß. "Saute, Paillasse mon
+ami, saute pour tout le monde!" verhöhnte er Morone. "Ja, wenn wir
+nicht gelauscht hätten, wir zweie, hinter dem roten Vorhang und der
+goldenen Quaste dort! Ich muß dir das mal erzählen, Schatz, es ist
+zum Totlachen. Hörtest du nicht, wie ich dich auspfiff?" Dann
+plötzlich ernst werdend, richtete er den Blick fest auf Moncada,
+legte die Hand auf die Brust und beteuerte: "Bei meinem königlichen
+Blute, der Feldherr hat in jener gestrigen Stunde nicht haarbreit
+geschwankt in seiner Ehre und Treue!"
+
+Morone war vernichtet. Del Guasto legte Hand an ihn und zog ihn mit
+sich fort. "Herr Kanzler", spottete er, "bedanket Euch, unser
+Lauschen erspart Euch die Folter." Auch der Herzog ging, einer
+bittenden Gebärde Pescaras gehorchend.
+
+"Erlaucht", begann Moncada, "hier bin ich überzeugt. Mit diesem
+habet Ihr nur Euer Spiel getrieben, vielleicht herablassender, als
+für spanischen Stolz sich geziemte. Mit einem solchen Menschen
+konspiriert kein Pescara. Aber, Erlaucht, in seiner ohnmächtigen Wut
+hat dieser Verlogene Wahrheit gesprochen, wenn er Euch beschuldigte,
+der Urheber der italienischen Verschwörung zu sein. Nicht der
+Urheber, aber der Begünstiger. Sie nicht entmutigend, habet Ihr sie
+genährt und großgezogen. Es war leicht, ein entschiedenes Wort zu
+sprechen und ihr Halt zu gebieten mit einer entrüsteten und weithin
+sichtbaren Gebärde. Das habet Ihr nicht gethan. Ihr stundet als eine
+dunkle und deutbare Gestalt."
+
+"Ritter", unterbrach ihn Pescara, "nicht Euch habe ich Rechenschaft
+zu geben von meinem Thun und Lassen, sondern allein meinem Kaiser."
+
+"Eurem Könige", versetzte Moncada. "Ihn so zu nennen, gebietet Euch
+die Ehrfurcht, denn ein König von Spanien ist mehr als der Kaiser.
+Und der Enkel Ferdinands wird ein König von Spanien werden. Karl
+entwickelt sich langsam, unter verschiedenen und streitenden
+Einflüssen, aber sein spanisches Blut wird erstarken und sein
+deutsches aufsaugen bis auf den letzten Tropfen. Er verabscheut die
+Ketzerei, und seine Frömmigkeit wird ihn zum Spanier machen." Er
+sagte das mit einem stillen Lächeln und schwärmerisch erglänzenden
+Augen.
+
+"Avalos", fuhr er fort, "deine Väter haben für den Glauben gegen die
+maurischen Heiden gekämpft, bis dein Ahn mit jenem Alfons nach Neapel
+schiffte. Kehre zu deinem Ursprung zurück! Das edelste Blut fließt
+in deinen Adern. Wie kannst du, der das Große liebt, zaudern
+zwischen dem spanischen Weltgedanken und den erbärmlichen
+italienischen Machenschaften? Unser ist die Erde, wie sie einst den
+Römern gehorchte. Siehe die wunderbaren Wege Gottes: Kastilien und
+Aragon vermählt, Burgund und Flandern erworben, das gewonnene
+Kaisertum, eine entdeckte und eroberte neue Welt, und, das alles
+beherrschend, ein gestähltes Volk mit, einem gesegneten, zwiefach in
+Heidenblut getauften Schwerte! Was dir jener Elende bot, Spanien
+gibt es dir tausendfältig: Schätze, Länder, Ruhm und--den Himmel!
+
+Denn für den Himmel kämpfen wir und für den katholischen Glauben, daß
+eine Kirche herrsche auf Erden. Sonst wäre Gott vergeblich Mensch
+geworden. Voraussehend, wie in diesen Tagen die Hölle den
+Apostolischen Stuhl besudeln und ihre letzte Ketzerei, den
+germanischen Mönch, ausspeien werde, erschuf er den Spanier, jenen zu
+reinigen und diese zu zertreten. Darum gibt er uns die Welt zur
+Beute, denn alles Irdische hat himmlische Zwecke. Ich habe lange
+darüber gesonnen in meinem sizilischen Kloster und wähnte, wohl
+selbst der Auserwählte zu sein zu diesem geistlichen Kriegsdienste.
+Da wurde er mir in einem Gesichte gezeigt, der andere, der Berufene.
+Ich war solcher Ehre unwürdig, meiner Sünde wegen, und trat in die
+Welt zurück." Pescara schwieg und betrachtete den Verzückten.
+
+"Aber ich wirke, solange es Tag ist. Kein Jahr ist um, ich stand
+hinter Ferdinand Cortez, da ihm auf dem Berge der Dämon die goldenen
+Zinnen Mexikos zeigte, wie er dir, Pescara, jetzt Italien zeigt.
+Diese Hand hielt den Strauchelnden zurück, und nun strecke ich sie
+gegen dich, Pescara, daß du ein Sohn Spaniens bleibest, welches die
+Welt ist und das der in der Glorie schwebende katholische Ferdinand
+beschützt."
+
+Jetzt brach der Feldherr sein Schweigen und zürnte: "Nenne mir jenen
+nicht, er hat mir den Vater getötet!"
+
+Moncada seufzte schwer.
+
+"Du bereust?"
+
+Der Ritter schlug sich zerknirscht die Brust und murmelte, mit sich
+selbst sprechend: "Meine Sünde... meine Sünde... ungebeichtet und
+ungespeist!"
+
+Da erriet Pescara, daß dieser Fromme nicht seinen Mord bereue,
+sondern daß er ihn vollbracht an einem geistlich Unvorbereiteten.
+"Weiche von mir!" gebot er.
+
+Moncada trat zurück bis zur Schwelle, wie aus einem Traum erwachend.
+Dann sammelte er sich und sagte: "Verzeihung, Erlaucht! Ich war
+abwesend. Noch ein nüchternes Wort. Ich kenne Euer Ziel nicht.
+Noch bin ich nicht Euer Feind. So oder so werdet Ihr Mailand nehmen.
+Dieser erste Schritt enthält weder Treue noch Untreue. Ich erwarte
+Euern zweiten, ob Ihr den Herzog absetzet und die Empörung strafet.
+Tut Ihr es nicht, so verratet Ihr Spanien und Euern König!" Und er
+verschwand.
+
+Pescara zog sich zurück und genoß Speise. Dann empfing er vor seinem
+flackernden Kaminfeuer, das an einem Herbstabende nicht fehlen durfte,
+den Herzog mit Del Guasto und gab ihnen seine letzten Befehle. Den
+Rest der Zeit benützte er, um seine geheimen Papiere zu sichten: was
+sich um einen Mächtigen dreht, eine Welt von Schlechtigkeit. Er
+vernichtete das meiste, es in den Herd werfend: er wollte niemanden
+verderben. Auch das Geheimschreiben des Kaisers sollte verschwinden,
+doch seine Asche nicht mit der übrigen sich vermengen. Er ließ ein
+glimmendes Kohlenbecken bringen, in dessen bläulichen Flämmchen er
+den Brief seines Kaisers verbrannte. Als er zu Ende war, hatten sich
+seine Kerzen schon zur Hälfte verzehrt: es ging auf Mitternacht.
+Pescara kreuzte die Arme über der Brust und verfiel in ein so tiefes
+Sinnen, daß er die Schritte eines Eintretenden nicht vernahm. Da
+sprach es zu ihm: "Was ist dein Ziel, Avalos?" Er erblickte Moncada.
+
+Der Feldherr griff mit der Hand in das erloschene Kohlenbecken,
+schloß sie und streckte sie gegen Moncada. "Mein Ziel?" sagte er und
+öffnete die Hand: Staub und Asche.
+
+Jetzt gellten Drommetenrufe durch das Schloß. Trommelwirbel folgten.
+Alles geriet in Bewegung. Der Feldherr ließ sich von seiner
+Dienerschaft waffnen. Als er bei flackerndem Fackellicht, das sich
+auf Speeren und Rüstungen spiegelte, die gepflasterte Halle des
+Erdgeschosses betrat, erblickte er sein schwarzes Tier, welches,
+kostbar geschirrt, mit ungeduldigen Hufen Funken aus dem Boden schlug,
+daneben eine Sänfte mit zwei leichten Trabern. Beide hatte er
+befohlen, die Wahl dem Augenblicke vorbehaltend. Mit einem Seufzer
+bestieg er die Sänfte, seine wiederbeginnenden Schmerzen darin zu
+verbergen, und verschwand durch das Tor, während sein verschmähtes
+Schlachtroß sich zornig gebärdete und den Reitknecht, welcher es
+besteigen wollte, abwarf. Es mußte seinem Herrn ledig nachgeführt
+werden.
+
+Nun wurde auch der gefangene Kanzler gebracht. Spanische Soldaten
+umringten ihn, beraubten ihn seiner Kette, seiner Ringe, seines
+Beutels und setzten ihn nicht auf sein edles Maultier aus dem
+mailändischen Marstalle, sondern rücklings auf einen armseligen Esel,
+dessen Schwanz sie ihm nach ihrer grausamen Art durch die gefesselten
+Hände zogen. Dann ging es durch das Tor unter einem höllischen
+Gelächter, in welches der Kanzler aus Verzweiflung mit einstimmte.
+
+
+
+
+
+Letztes Kapitel
+
+
+
+Inzwischen verlebte in dem aus einer Burg des Glückes zu einer
+Behausung der Angst gewordenen Kastelle von Mailand Franz Sforza
+jammervolle Tage und noch schlimmere Nächte, hilf- und ratlos nach
+seinem Kanzler rufend. Er hatte den Besuch Del Guastos erhalten, der
+ihm zu melden kam, sein Feldherr habe vor ablaufender Frist den
+Kanzler von Mailand empfangen, dieser ihm aber, statt der erwarteten
+Zugeständnisse, im Namen der Hoheit ebenso törichte als
+verbrecherische Eröffnungen gemacht, die den Feldherrn bestimmen,
+ohne Verzug, übrigens ganz im Sinne seiner ersten Drohung, auf
+Mailand zu marschieren und gegen die Hoheit als einen Hochverräter zu
+verfahren. Del Guasto hatte sich an dem Zittern des Herzogs geweidet
+und war aus der Stadt verschwunden. Während sich die kaiserlichen
+Truppen in raschen Märschen näherten, und selbst da sie schon auf den
+Wällen von Mailand in Sicht waren, hatte der Kleinmütige zwischen
+Übergabe und Verteidigung geschwankt, wurde dann aber von ein paar
+tapfern lombardischen Edelleuten auf den Weg der Ehre gerissen und
+endlich selbst von einer kriegerischen Stimmung angewandelt, deren er
+kraft seines großväterlichen Blutes nicht völlig unfähig war. Er
+ließ sich mit einer kunstvoll geschmiedeten Rüstung bekleiden und
+setzte sich einen Helm von herrlicher getriebener Arbeit auf das
+schwache Haupt.
+
+Es ist Thatsache, daß er in der großen Schanze stand, in dem
+Augenblicke, da Pescara seine Truppen gegen dieselbe zum Sturm führte.
+Mit bebender Stimme befahl der Herzog das Feuer seiner auserlesenen
+Geschütze. Wie sich der Rauch verzog, lag das Feld mit Spaniern
+bedeckt. Zwischen Toten und Verwundeten schritt Pescara, wenige mehr
+neben sich und noch unerreicht von den vielen unter der Führung Del
+Guastos ihm stürmisch Nacheilenden. Er war ohne Harnisch. Der Helm
+war ihm vom Kopfe gerissen, und sein dunkler Mantel flatterte
+zerfetzt. In flammend rotem Kleide, mit gelassenen und gleichmäßigen
+Schritten ging er weit voran, einen blitzenden Zweihänder schwingend.
+Es war, als schritte der Würger Tod in Person gegen die Schanze, und
+da sich dort in demselben Augenblicke die böse Kunde verbreitete, der
+Borbone habe das Südtor genommen und Leyva stürme an der nördlichen
+Pforte, packte der bleiche Schreck die Besatzung. Die wieder
+geladenen Stücke blieben ungelöst, die Hauptleute, die sich den
+Furchtbetörten entgegenwarfen, wurden niedergetreten, und die
+panische Flucht riß den Herzog mit sich fort.
+
+Wie er, in seinen Palast zurückgekehrt, mit irrenden Schritten den
+Thronsaal betrat, siehe, da stürzte vor seinen Augen die
+goldbrokatene und mit Löwen und Adlern durchwirkte Bekleidung des
+Thronhimmels zusammen. In der allgemeinen Verwirrung hatte sich der
+herzogliche Tapezierer in den Saal geschlichen und das Prachtstück
+gelockert, um es zu entwenden, war dann aber vor dem sich nahenden
+Getöse unverrichteterdinge entwichen. Von dem schlimmen Omen
+erschreckt, warf sich der Herzog verzweifelnd in einen Lehnstuhl und
+bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, sein Los und den Sieger
+erwartend.
+
+Dieser ließ nicht lange auf sich harren. Ein kurzer Lärm--die treue
+schweizerische Palastwache wurde niedergestreckt oder entwaffnet--,
+und Pescara betrat den Saal, barhaupt und ohne Schwert, hinter ihm
+Karl Bourbon, behelmt, in voller Rüstung, den Degen in blutender
+Faust. Er war, der erste auf der Sturmleiter, mit derselben in den
+Stadtgraben zurückgeworfen worden, ohne sich jedoch ernstlich zu
+verletzen.
+
+Der Marchese verneigte sich vor seinem Besiegten, der sich von seinem
+Sitze aufraffte. "Hoheit beruhige sich", sprach Pescara. "Ich komme
+nicht als Feind, sondern um Hoheit aufs neue in Pflicht zu nehmen für
+Ihren Lehensherrn, den Kaiser."
+
+Sforza erhob die Augen, und da er in dem überlegenen Antlitz weder
+Hohn noch Strafe las, sondern eher teilnehmende Einsicht und Milde,
+brach der haltlose Knabe in Tränen aus und stammelte: "In meinem
+Herzen bin ich der Majestät immer treu gewesen, sie hat keinen
+ergebeneren Diener und bessern Lehensmann, aber ich Unseliger wurde
+mißleitet, wurde irregeführt... mein höllischer Kanzler... auch den
+bewaffneten Widerstand habe ich nicht befohlen... ich wurde geschoben,
+gestoßen... von dem Valabrega und ein paar andern Edelleuten... bei
+allen Aposteln und Märtyrern, ich bin kein italienischer Patriot,
+sondern der bedrängteste Fürst in der unmöglichsten Lage!"
+
+Diese völlige Zerknirschung des Enkels und Urenkels zweier Heroen
+schien den Feldherrn peinlich zu berühren. Doch ließ er der Buße
+freien Lauf, weigerte aber, scheinbar aus Ehrerbietung, dem endlich
+Verstummenden seine Hand, welche dieser zu ergreifen suchte. Er
+befürchtete, der gänzlich Vernichtete möchte sie küssen.
+
+Während dieser Selbsterniedrigung, und sie im Grunde seines
+verbitterten Herzens kostend, schlürfte Karl Bourbon, welcher hinter
+Pescara stehengeblieben war, in langsamen Zügen einen vollen Becher,
+den er sich von einem herbeigewinkten Pagen hatte holen und reichen
+lassen.
+
+"Hoheit", sagte der Feldherr, "ich habe Vollmacht. Wenn Sie davon
+durchdrungen ist, daß Sie sich in ein falsches und gefährliches Spiel
+eingelassen hat, und wenn sich der feste Wille in Ihr gestalten kann,
+forthin Ihr Heil da zu suchen, wo es ist, bei dem Kaiser, und von der
+Majestät nimmermehr zu weichen, wage ich es, auf meine
+Verantwortlichkeit, Ihr Verzeihung zu gewähren und Ihre Hand darauf
+anzunehmen. Hoheit darf es mir glauben, Sie fährt in jedem Falle
+besser mit dem Kaiser als mit der Liga."
+
+Jetzt sah er, wie die unverhoffte Milde den Sohn des Mohren plötzlich
+wieder mißtrauisch machte, wie der vom Schicksal zum Argwohn Erzogene
+eine List vermutete und wie seine Hand zögerte und zitterte. "Hoheit
+darf trauen", sprach er kraftvoll. "Der Kaiser und ich halten Wort."
+
+Sforza gab die Hand, und der Feldherr fügte freundlich hinzu: "Ich
+kenne die schwierige Lage der Hoheit und--wenn ich es aussprechen
+darf--Ihre durch eine unglückliche Jugend erkrankte und entkräftete
+Seele. Sie bedarf vor allem der Stetigkeit. In der Bahn des Kaisers
+wandelnd und verharrend, wird Sie von keiner Zeitwelle verschleudert
+werden. Ich persönlich", schloß er, seine Lehrhaftigkeit mildernd,
+in einem fast herzlichen Tone, "war der Hoheit immer zugethan, aus
+Dank für meine Vorbilder, Ihre zwei herrlichen Ahnen, obwohl mir die
+beiden", scherzte er, "in meiner Jugend manchen Schlaf geraubt haben;
+ein solcher Reiz und Stachel liegt in Männlichkeit und Seelengröße."
+
+Franz Sforza getröstete sich dieser Freundschaft, fragte aber doch
+ängstlich: "Und ich bleibe Herzog? Euer Wort, Pescara?"
+
+"Unverbrüchlich. Wenn ich etwas über den Kaiser vermag, und wenn Ihr
+es vermöget, Eure Seele zu befestigen."
+
+"Und meinem Kanzler geschieht nichts?"
+
+"Ich glaube nein, Hoheit", versprach Pescara.
+
+"Und er bleibt mein Minister?"
+
+Der Feldherr konnte ein Lächeln nicht verwinden über die
+Unzertrennlichkeit dieses Paares. "Hoheit vergißt, daß Sie soeben
+Girolamo Morone den verderblichsten aller Ratgeber genannt hat. Ich
+empfehle Hoheit, sich von der Kaiserlichen Majestät für dieses
+schwierige Amt einen andern und weisern Kopf zu erbitten. Es gibt
+deren in Italien, es braucht kein Spanier zu sein."
+
+"Nichts da, Hoheit! Ihren Kanzler bekommt Sie nicht heraus!" mischte
+sich jetzt der Bourbon ins Gespräch. "Diese Helena ist mein
+Beutestück."
+
+Franz Sforza starrte Bourbon mit angstvollen Augen an. "Der hier?"
+stöhnte er. "Er will mein Mailand! Er träumt langeher davon. Hilf
+mir, mächtiger Pescara!"
+
+Da schmetterte Bourbon, als zerstöre er sich selbst, mit einem
+zornigen Wurf sein kristallenes Glas an den Marmorboden, daß es mit
+schrillem Mißton in Scherben zerfuhr. "Hoheit", rief er, "da liegt
+mein Fürstentum Mailand!"
+
+Während die Scherben flogen, trat Moncada mit Leyva ein, dieser von
+oben bis unten mit Staub und Blut besudelt. "Erlaucht", begann der
+Ritter, "ich beglückwünsche Sie zu Ihrem heutigen schönen Siege, der,
+wieder in voller Kraft erfochten, sich an so viele andere reiht. Ich
+hielt mich geziemend im Vorzimmer. Doch da ich bechern und lachen
+hörte, und als auch Leyva anlangte, der das Nordtor genommen und
+ebenfalls seinen Trunk verdient hat, wagte ich den Eintritt, und ich
+glaube zur rechten Stunde. Denn ich meine: hier wird Gericht
+gehalten werden, und Hoheit Bourbon hat diesem verräterischen Herzog
+in symbolischer Weise seinen verdienten Untergang verkündigt. Aber
+nicht so stürmisch, Hoheit! Ich denke, der Feldherr setzt ein
+Kriegsgericht zusammen, bei dem ich als ein Angehöriger des
+königlichen Hauses Sitz und Stimme beanspruchen darf. Natürlich ein
+vorläufiges Gericht, in Erwartung des Entscheides aus Madrid."
+Pescara blieb kalt. "So tue ich", sagte er. "Ich ernenne zu
+Richtern meine zwei Kollegen, die Hoheit Bourbon und Leyva. Ich
+präsidiere. Euch, Ritter, muß ich ausschließen, weil Ihr keinen Rang
+bekleidet. Hier meine Beglaubigung." Er zog aus seinem Wams die
+kaiserliche Vollmacht.
+
+Moncada ergriff das Schreiben und las: "Nach seinem Ermessen... gemäß
+den Umständen... hm... Erlaucht erlaube... diese kaiserliche Weisung
+scheint zu sagen, daß Sie bevollmächtigt ist, alle militärischen und
+bürgerlichen Maßregeln in dem genommenen Mailand nach Belieben zu
+treffen, präjudiziert aber in keiner Weise die Rechte und Interessen
+der katholischen Majestät. Ich werde daher bleiben als ein stummer,
+aber aufmerksamer Zuhörer."
+
+"Sei es", sagte Pescara geduldig.
+
+Jetzt regte sich auch Leyva und verlangte, daß Girolamo Morone
+vorgeführt werde. "Er ist im Palaste", sagte er. "Ich sah ihn
+gefesselt einbringen unter den Verwünschungen und Kotwürfen des
+mailändischen Volkes, das ihm sein ganzes Elend zurechnet." Pescara
+gab den Befehl.
+
+Eine peinliche Pause. Stühle wurden gerückt von der verlegenen
+Dienerschaft, welche ihrem verklagten Herrn ehrerbietig den
+herzoglichen Sessel mit Krone und Wappen brachte, und als Morone
+erschien, nicht ohne Spuren von Mißhandlung, sah er die drei
+Feldherrn als Richter sitzen, Pescara in der Mitte, und vor ihnen
+seinen Herzog. "Mut, Fränzchen", flüsterte er ihm zu, neben den er
+sich aus alter Gewohnheit gestellt hatte, "wirf du nur alles auf mich!"
+
+Pescara nahm das Wort: "Die Hoheit von Mailand beteuert, an der Treue
+gegen ihren Lehensherrn festzuhalten und nur vorübergehend
+fehlgetreten und in den Schein der Felonie gekommen zu sein unter den
+Einflüsterungen dieses Mannes da." Der Herzog nickte mit dem Haupt.
+
+"So ist es! Ich bekenne, daß ich der allein Schuldige bin!" sprach
+der Kanzler unerschrocken.
+
+"Auch die Verteidigung von Mailand gegen das kaiserliche Heer
+beteuert die Hoheit nicht befohlen zu haben, sondern sie versichert,
+es sei die eigenmächtige That einiger aufrührerischer Lombarden, und
+ich halte es für glaublich. Wie urteilt Leyva?"
+
+Leyva verzog das häßliche Gesicht und murrte: "Dieser Franz Sforza
+ist der Felonie schuldig und durch die nackte Thatsache überwiesen.
+Er werde in schärfstem Gewahrsam gehalten. Der Kaiser, wie ich meine,
+wird ihn absetzen und nach Spanien bringen lassen."
+
+"Und wie urteilt Sie?" Pescara hatte sich gegen Bourbon gewendet.
+
+Der Konnetabel spielte mit seinem zerrissenen Handschuh und bemerkte
+mit melodischer Stimme: "Die Hoheit wurde betört von dem wunderlichen
+Gaukler da, der auch mich und viele andere bezaubert hat, bis er an
+unserm Feldherrn seinen Meister fand. Aber sie scheint mir wieder
+zur Besinnung gekommen zu sein, und ich meine, daß ihr die Schmach
+des Gefängnisses anzutun weder schicklich wäre noch auch notwendig
+ist, da sich ja die Stadt in unsern Händen befindet. Die Hoheit von
+Mailand bleibe frei."
+
+"Zwei Stimmen gegen eine, denn so lautet auch meine Meinung",
+entschied Pescara. Moncada schwieg mit verschlungenen Armen, Leyva,
+dessen große Narbe sich mit Blut zu füllen schien, zerrte den
+Schnurrbart, Bourbon aber erhob sich, bot Franz Sforza den Arm und
+geleitete ihn aus dem Saale.
+
+Draußen stieß er mit Del Guasto zusammen, der ihm zuflüsterte, es sei
+befremdend: die Truppen Leyvas zögen sich gegen den Palast. Bourbon
+runzelte die Stirn. "Beobachtet und berichtet!" gebot er. Del
+Guasto wollte enteilen, rief aber zurück: "Noch eins: ich höre, Donna
+Victoria sei am Tore angelangt und verlange nach dem Feldherrn."
+
+Da Bourbon in den Saal zurücktrat, forderte eben Leyva den Kerker,
+die Folter und, nach vervollständigtem Bekenntnisse, Block und Beil
+für den erbleichenden Morone.
+
+"Auf die Folter!" stöhnte dieser. "Wenn ihr mich windet wie ein Tuch,
+so werdet ihr nichts anderes als Blut und Schweiß aus mir
+herauspressen. Ich habe mich vor dem Feldherrn ausgebeichtet. Du
+bist nicht grausam, Pescara!"
+
+"Pfui, Leyva!" rief Bourbon, sich wieder in den Kreis setzend. "Will
+sich der Herr an den Zuckungen dieses närrischen Gesichtes ergötzen?
+Das leide ich nicht. Ich lasse mir meinen Morone nicht verdrehen.
+Zittre nicht, Girolamo! Dir wird kein Haar gekrümmt: du wirst mein
+Schreiber. Mein gnädiges Urteil lautet: Girolamo sitze in seinem
+Hause, und man bewache ihn, bis ich mir ihn vom Kaiser werde erbeten
+haben."
+
+"Mir scheint, das genügt", entschied der Feldherr. "Morone hat
+gestanden vor drei glaubwürdigen Zeugen, deren einer ich selber bin.
+Keine unnütze Marter, sondern sichere Haft. Zwei Stimmen gegen eine.
+Nehmet ihn, Hoheit. Mir ahnt, daß Girolamo Morone sich noch einmal
+umwandelt und in kaiserliche Dienste tritt."
+
+Da schrie Morone unklug vor Freude über das geschenkte Leben und die
+erlassene Folter: "Pescara, ohne dich kein Italien! Das ist vorbei.
+Mach mit mir, was du willst. Ich bin das Geschöpf deiner Großmut und
+Güte... Und wenn noch weiter geredet werden soll, so erfahret,
+Herrschaften, und darin ist alles andere enthalten: die Liga ist dem
+Kopfe der Heiligkeit entsprungen, wie Athene der Stirne des Zeus..."
+Seine Zunge stand plötzlich still, da er neben sich einen
+ansehnlichen Mann im Reisekleid gewahrte, der eben eingetreten war.
+Dann rief er: "Das weiß niemand besser als der da!" Es war
+Guicciardin, dessen Blicke neugierig im Kreise umliefen, endlich aber
+unverwandt auf dem Antlitze des Pescara haften blieben.
+
+"Ich störe, Erlaucht?" sagte er. "Doch ich werde mich kurz fassen.
+Ich komme mit Eilpost von der Heiligkeit, die diesmal besser einen
+andern geschickt hätte. Die Heiligkeit läßt Erlaucht wissen, sie
+habe auf die erste Kunde der eröffneten Feindseligkeiten einen ihrer
+Vertrautesten nach Madrid gesendet, den Kaiser zu unterrichten, daß
+sie dem Bündnis der italienischen Staaten fremd geblieben ist. Eine
+heilige Liga existiert nicht. Der oberste Hirte schaudert vor dem
+Schwert."
+
+"Halleluja!" rief der Kanzler, den die Lebensfreude berauscht und
+völlig toll gemacht zu haben schien, der Feldherr aber entgegnete:
+"Wie, Guicciardin? Eben hat Morone an den Tag gebracht, daß die Liga
+das Werk der Heiligkeit ist. Was ist Wahrheit?"
+
+"Beides", versetzte Guicciardin. "Mein Auftrag ist ausgerichtet und
+damit gut." Er verbeugte sich und verließ den Saal, aber Bourbon, in
+den der Satan fuhr, rief dem Gesandten des Papstes nach: "Florentiner,
+sage deinem Herrn, ich werde nach Rom kommen, seiner Wahrhaftigkeit
+den Pantoffel zu küssen, mit lauter Lutheranern und Marranen, und
+nachts will ich meine brennende Kerze umwerfen, daß der Heiligkeit
+ein Licht aufgehe!" Die Lache, die der Unselige aufschlug, scholl
+gellend wider aus der Kuppelwölbung und aus den Ecken des Saales wie
+aus dem Munde schadenfroher Dämonen, so daß Guicciardin erschreckend
+umblickte. Der Feldherr wies nun auch den Kanzler mit seiner Wache
+weg, sei es, daß er es für unziemlich hielt, das Haupt der
+Christenheit preiszugeben, oder er war der menschlichen Komödie müde.
+
+Da sich Guicciardin und der Kanzler draußen zusammenfanden, fragte
+jener: "Man führt dich zum Blocke?"
+
+"Bewahre!"
+
+"Durchgeschlüpft? Unvergleichlicher! Doch wie begab es sich in
+Novara?"
+
+"Oh, ich kam auf den Esel zu sitzen... Dieser Pescara ist das Rätsel
+der Sphinx..."
+
+"Das ich errate, Kanzler, aus seinem Antlitz. Es trägt die
+hippokratischen Züge, und ich werde vielleicht der Heiligkeit eine
+Todesnachricht zu bringen haben. Erinnerst du dich noch, Girolamo,
+was ich dir in den Vatikanischen Gärten sagte, von einem möglichen
+letzten Hindernis in der Brust Pescaras? Wenn ich wörtlich wahr
+geredet? Wenn der Feldherr bei Pavia den Tod empfing und ihn
+verheimlicht hat? Wenn wir einen nicht mehr Versuchbaren in
+Versuchung führten?"
+
+Der Kanzler schlug sich vor die Stirn: "Du sagst es, Guicciardin!
+Ähnliches, das ich damals nicht verstand, hat mir der Arzt des
+Feldherrn, Messer Numa Dati, in Novara angedeutet."
+
+"Also die Wahrheit", schloß der Florentiner. "Nicht Pescara trog.
+Wir selbst haben uns betrogen. O Weisheit der Menschen!" Mit dieser
+Betrachtung schieden die beiden.
+
+In dem Thronsaal herrschte eine unheimliche Luft. Die drei Feldherrn
+und der bei ihnen zurückgebliebene Moncada standen in weiten
+Entfernungen. Pescara, völlig entkräftet, wie es schien, hatte sich
+auf den über den Thron ausgebreiteten Goldbrokat geworfen. Blässe
+bedeckte sein Gesicht, die Brust arbeitete. Bourbon maß den Saal in
+leichtfertigem Tanzschritt, während er Moncada scharf beobachtete.
+Dieser, in einer Fensterbrüstung lehnend, winkte aus einer andern
+Leyva zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: "Es ist Zeit. Er hat sich
+enthüllt. Tot oder lebendig..." Jetzt rief auch Pescara den Herzog.
+"Setze dich neben mich, Karl", keuchte er leise. "Führst du Papier
+und Stift?"
+
+"Um Gottes willen, Ferdinand, merkst du nichts? Du bist bedroht!
+Die beiden flüstern. Leyva ist verdächtig. Sie wollen dich
+verhaften!"
+
+"Führst du Papier und Stift?" wiederholte der Feldherr. Der Herzog
+gab sie. Nach ein paar Zügen sagte Pescara: "Meine Hand zittert,
+schreibe du, Karl."
+
+"Ferdinand, bist du blind? Siehst du nicht, wie Moncada sich regt?"
+
+"Er wird mich nicht erreichen", sagte der Feldherr und diktierte mit
+gepreßter Stimme: "An die Majestät des Kaisers. Erhabener Herr,
+Mailand ist Euer. Pescara hält Treue bis zum letzten Atemzug.
+Lohnet sie ihm mit drei Erfüllungen..."
+
+"Ich beschwöre dich, Ferdinand! Er kommt auf dich zu! Ermanne dich!
+Wir fechten... Ich rufe die Wachen..." Bourbon wollte aufspringen.
+Pescara aber hielt ihn fest: "Schreibe! Er erreicht mich nicht,
+sage ich dir. Wo bist du?... mit drei Erfüllungen: Majestät schütze
+Sforza! Majestät begnadige Morone! Majestät gebe mein Kommando dem
+Konnetabel!..."
+
+"Er steht wenige Schritte vor dir! Zieh! Wo hast du deinen Degen?"
+
+"Ich vergieße kein Blut mehr..." Pescara unterzeichnete, und der
+Stift entglitt seiner Hand. Mit einem schwachen Schrei und
+erlöschenden Augen sank er in die Arme seines Freundes.
+
+Moncada, der jetzt ganz nahe getreten war, stand bestürzt. "Was ist
+dem Feldherrn?" fragte er, und ihn betrachtend: "Verschieden?"
+
+"Geschieden!" weinte der Herzog.
+
+"Ein Herzschlag. Der Feldzug hat ihn getötet", sagte Moncada und hob
+das Papier auf, das an den Boden gefallen war. Er las, und bei der
+dritten Bitte angelangt, stand er sinnend. Dann übergab er, ohne die
+Miene zu ändern, das Papier dem Herzog mit den Worten: "Wir ehren
+seinen letzten Willen. Hoheit hat das Kommando. Hoheit befehle!"
+
+Bourbon erschien als ein Heimatloser und Entwerteter dem Sohne
+Ferdinands des Katholischen ungefährlich und war, ohne Pescara, auch
+Leyva minder verhaßt, denn um die Gunst des großen Feldherrn hatte
+dieser den Konnetabel beneidet.
+
+Karl Bourbon winkte sie weg und bettete Pescara auf den Goldbrokat.
+Der Palast war ganz stille geworden, und selbst die Wachen an den
+Toren schritten leise, in der Meinung, der Feldherr halte zu dieser
+Stunde Siesta, wie seine Gewohnheit war. Auch der Herzog, das
+geliebte Haupt im Schoße haltend, versank in einen Mittagstraum, er
+vergaß das tragische Los des Toten und das eigene aus Ruhm und
+Schmach geflochtene, er empfand nur einen dumpfen Schmerz über den
+Verlust des einzigen Freundes.
+
+Stimmen erschollen vor der Saalpforte. "Nein, Madonna, er ruht!"
+verbot Del Guasto, und Victoria rief durchdringend: "Weiche, Böser!
+Ich will zu ihm!" Bourbon vernahm nahende Schritte, er wendete nicht
+einmal das Haupt. Er legte den Finger an den Mund und flüsterte:
+"Leise, Madonna! Der Feldherr schlummert."
+
+Victoria trat zu dem Gatten. Pescara lag ungewaffnet und ungerüstet
+auf dem goldenen Bette des gesunkenen Thronhimmels. Der starke Wille
+in seinen Zügen hatte sich gelöst, und die Haare waren ihm über die
+Stirn gefallen. So glich er einem jungen, magern, von der Ernte
+erschöpften und auf seiner Garbe schlafenden Schnitter.
+
+
+Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Die Versuchung des Pescara"
+von Conrad Ferdinand Meyer.
+
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